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Der Zar von Tokio

Hiwatari Legacy Story
von

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Ein ruhiger Abend

Eine Woche war vergangen, seit Zayn wie ein geschlagener Hund aus dem kleinen Park in der Nähe von Hanas Wohnung verschwunden war. Eine Woche, in der sich der Staub über den Trümmern von Hanas altem Leben in Osaka langsam gelegt hatte.

​Nami stand am bodentiefen Fenster von Kais Büro im obersten Stockwerk des Tachiwari-Towers und beobachtete, wie die untergehende Sonne die Glasfassaden der Stadt in ein tiefes Orange tauchte. Hinter ihr saß Kai an seinem massiven Schreibtisch, doch anstatt wie üblich Zahlenkolonnen zu analysieren, ruhte sein Blick auf seiner Frau.

​„Sie haben es diese Woche wieder getan“, sagte Nami leise, ohne sich umzudrehen.

​„Das Museum?“, fragte Kai, wobei ein Hauch von Amüsement in seiner tiefen Stimme mitschwang.

​„Ja. Sie sind drei Stunden lang durch die Galerie für zeitgenössische Kunst spaziert“, antwortete Nami und drehte sich nun zu ihm um. Ein schmales Lächeln umspielte ihre Lippen. „Gestern war es ein kleines Café in Shibuya. Sie haben nur geredet, Kai. Stundenlang. Keine überstürzte Leidenschaft, kein Drama. Nur... Annäherung.“

​Kai lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und verschränkte die Arme. Die rubinrote Intensität seiner Augen wirkte heute entspannt. „Mein Bruder überrascht mich. Ich hatte erwartet, dass er versucht, Hana mit Macht und materiellen Dingen zu überrollen, sobald er merkt, dass er sie wirklich will. Aber er hält sich zurück. Er gibt ihr den Raum, den sie braucht.“

​Nami trat an den Schreibtisch und stützte sich mit den Händen auf die kühle Oberfläche. „Es ist mehr als das. Hast du ihn diese Woche hier im Tower beobachtet?“

​Kai nickte langsam. „Es ist den Angestellten aufgefallen. Die weibliche Belegschaft ist regelrecht irritiert. Er flirtet nicht mehr. Er ist immer noch dieser charmante, gutaussehende Mann mit dem gefährlichen Lächeln, aber da ist eine neue Diskretion. Eine Höflichkeit, die keine Hintergedanken mehr suggeriert. Er wahrt eine Distanz, die fast schon... respektvoll ist.“

​„Er meint es ernst“, schlussfolgerte Nami. „Hana hat mir erzählt, dass er sogar darüber nachdenkt, eine japanische Niederlassung von Severnaya hier in Tokio zu eröffnen. Er will nicht mehr nur für ein paar Wochen bleiben. Er will Wurzeln schlagen, wo sie ist.“

​Die Veränderungen betrafen jedoch nicht nur Vladimir. Hana hatte in den letzten sieben Tagen Nägel mit Köpfen gemacht. Mit der Entschlossenheit einer Frau, die nichts mehr zu verlieren hatte, hatte sie ihre Kanzlei in Osaka an einen langjährigen Geschäftspartner überschrieben. Der endgültige Schnitt. Nun war sie offiziell bei Tachibey Industries eingestellt – dem Familienunternehmen ihres Vaters Hiro. Es war ein Neuanfang unter ihren eigenen Bedingungen, in der Nähe ihrer Schwester und in der Stadt, die sich immer mehr wieder wie ihre wahre Heimat anfühlte.

​Kai erhob sich und trat hinter Nami. Er legte seine großen Hände auf ihre Schultern und zog sie sanft gegen sich. „Es ist seltsam“, murmelte er an ihrem Ohr. „Zuerst dachte ich, sein Hiersein würde alles zerstören, was wir uns aufgebaut haben. Aber stattdessen scheint er gerade zu lernen, was es bedeutet, ein Teil von etwas zu sein, das größer ist als sein eigenes Ego.“

​Nami lehnte ihren Kopf gegen seine Brust und schloss die Augen. „Er lernt es von Hana. Und vielleicht auch ein bisschen von uns.“

​„Vielleicht“, erwiderte Kai, während sein Griff sich festigte. „Aber ich werde ihn trotzdem im Auge behalten. Severnaya in Tokio... das wird den Markt erschüttern. Und mein Bruder bleibt ein Raubtier, auch wenn er gerade lernt, die Krallen einzuziehen.“

​Nami drehte sich in seinen Armen um und sah zu ihm auf. „Glaubst du, er schafft es? Glaubst du, er kann wirklich dieser Mann sein, den Hana in ihm sieht?“

​Kai sah lange in ihre ozeanfarbenen Augen, bevor er antwortete. „Er hat den ersten Schritt getan, indem er sich verletzlich gezeigt hat. Der Rest hängt davon ab, ob er die Geduld aufbringt, die Hana verlangt. Aber wenn ich sehe, wie er sie ansieht... dann habe ich zum ersten Mal seit zwanzig Jahren das Gefühl, dass mein Bruder tatsächlich ein Herz besitzt.“
 

Hana glättete ihren dunkelgrauen Hosenanzug und strich sich eine einzelne, widerspenstige Strähne ihres glatten, weißen Haares hinter das Ohr. Vor ihr ragte das Gebäude von Tachibey Industries auf – das Vermächtnis ihres Vaters, Hiro Tachiba. Es war ein seltsames Gefühl, dieses Foyer heute nicht als Besucherin, sondern als leitende Justiziarin zu betreten.

​Ihr erster Tag. Ein Neuanfang, der sich nach Freiheit anfühlte, auch wenn das Gewicht der Verantwortung auf ihren Schultern lastete.

​In ihrem neuen Büro im 22. Stock duftete es nach frischen Blumen und neuem Leder. Kaum hatte sie ihre Tasche abgestellt, klopfte es. Ihr Vater trat ein, ein stolzes Lächeln auf den Lippen, das seine sonst so strengen Züge abmilderte.

​„Hana. Es erfüllt mich mit großer Freude, dich endlich hier zu haben“, sagte Hiro und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Ich weiß, dass du der Kanzlei in Osaka viel geopfert hast, aber Tachibey braucht deinen Scharfsinn.“

​„Danke, Vater. Ich bin bereit“, antwortete sie ruhig. Doch als er das Zimmer verließ, blieb eine kleine Unsicherheit zurück. Sie war nun die „Tochter des Chefs“ – sie musste doppelt so hart arbeiten, um sich den Respekt der Belegschaft zu verdienen.

​Gegen Mittag vibrierte ihr Handy. Eine Nachricht von Vladimir.

​Von: Vladimir

„Ich hoffe, die Aktenberge bei Tachibey Industries sind nicht allzu hoch. Falls dich jemand ärgert: Denk daran, dass du die Frau bist, die einem Severnaya-CEO die Stirn geboten hat. Ein paar Abteilungsleiter sollten dagegen ein Kinderspiel sein. Ich bin heute Nachmittag in der Nähe deines Büros. Wenn du eine Pause brauchst, schau aus dem Fenster.“
 

​Hana musste unwillkürlich lächeln. Er hielt sich an ihre Abmachung – keine Masken, kein Druck. Doch er fand Wege, seine Präsenz subtil spürbar zu machen. Sie trat ans Fenster und sah hinunter auf den Vorplatz. Dort, am Rande des geschäftigen Treibens, parkte eine schwarze Limousine. Vladimir lehnte nicht lässig dagegen, wie er es früher getan hätte, um Aufmerksamkeit zu erregen. Er saß im Inneren, unsichtbar für die Welt, aber Hana wusste, dass er dort war. Er war einfach da. Er war ihr Rückhalt, ohne sie zu bevormunden.

​Diese neue Art seiner Zuneigung – diskret, fast schon demütig im Hintergrund – war es, die ihre Mauern Stein für Stein abtrug.

​Am späten Nachmittag wurde sie jedoch direkt gefordert.

Ein schwieriger Vertrag mit einem Zulieferer stand an, und die Gegenseite versuchte, sie mit juristischen Taschenspielertricks einzuschüchtern. Hana lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, die amethystfarbenen Augen kühl und präzise.

​„Meine Herren“, unterbrach sie den Wortschwall des gegnerischen Anwalts. „Wir können diese Diskussion abkürzen. Entweder Sie akzeptieren die Klausel zur Qualitätssicherung von Tachibey, oder ich beende dieses Meeting hier und jetzt. Mein Vater schätzt Loyalität, aber ich schätze Fakten. Und die Fakten sprechen gegen Sie.“

​Die Männer am Tisch starrten sie fassungslos an. In diesem Moment war sie nicht mehr die „Tochter“, sondern die messerscharfe Anwältin, die Vladimir im Hotel so fasziniert hatte.

​Als sie das Büro am Abend verließ, fühlte sie sich erschöpft, aber zum ersten Mal seit Jahren wieder im Einklang mit sich selbst. Im Foyer wartete Vladimir. Er hielt keinen protzigen Blumenstrauß, er stand einfach nur dort, den Mantel über den Arm gelegt.

​„Hana“, sagte er und kam ihr entgegen. Er wahrte den nötigen Abstand, doch sein Blick verriet alles. „Du siehst aus, als hättest du heute ein paar Schlachten gewonnen.“

​„Vielleicht“, erwiderte sie und trat mit ihm hinaus in die kühle Abendluft. „Es war ein guter Tag, Vladimir. Ein wirklich guter Tag.“
 

Als Hana an jenem Abend aus dem gläsernen Portal von Tachibey Industries trat, fühlte sie sich leichter als in den vergangenen Jahren in Osaka. Die kühle Abendluft Tokios war erfrischend, und der Anblick von Vladimir, der entspannt neben ihr her lief, gab ihr ein ungewohntes Gefühl von Sicherheit.

​„Bereit für das Familientreffen?“, fragte er leise, während er ihr die Wagentür öffnete.

​„Mehr als das“, antwortete Hana mit einem Lächeln. „Ich habe meine Mädchen heute wirklich vermisst.“

​Die Fahrt zum Ayame-Anwesen verlief in einer angenehmen, fast vertrauten Stille. Das sanfte Licht der Armaturenbeleuchtung warf Schatten auf Vladimirs markantes Profil. Er fuhr konzentriert, doch ab und zu glitt sein Blick zu Hana hinüber. Es war keine Jagd mehr, sondern eine stille Anerkennung ihrer Anwesenheit. Hana genoss es, wie die Stadtlichter an ihnen vorbeizogen, während sie sich mental auf den Trubel im Anwesen vorbereitete.

​Als sie schließlich durch das schwere Tor des 70 Jahre alten Ayame-Anwesens fuhren, wirkte das Gebäude im Mondschein majestätisch und zeitlos. Es strahlte eine Beständigkeit aus, die Hana in diesem Moment sehr willkommen war. Kaum war der Wagen zum Stehen gekommen, hörte man schon das gedämpfte Lachen aus dem Inneren.

​Die große Tafel im Speisesaal war reich gedeckt. Der Duft von frisch zubereitetem japanischem Curry und gedämpftem Fisch erfüllte den Raum. Kai saß am Kopfende, Nami ihm gegenüber, und die Kinder sorgten für eine lebhafte Geräuschkulisse. Claire Beaumont, das französische Kindermädchen, huschte mit ihrem gewohnt trockenen Humor um den Tisch und sorgte mit kurzen, französischen Kommentaren dafür, dass die Gläser gefüllt blieben während Graham diskret ein paar Scheiben Brot verteilte.

​Hana beobachtete ihre Töchter. Akari wirkte bereits viel entspannter als noch vor einer Woche, während die kleine Mirai kaum stillsitzen konnte. Unter der Woche verbrachte Mirai ihre Tage hier im Anwesen zusammen mit der zweijährigen Sayuri. Die beiden Mädchen hatten sich unter Claires Aufsicht bereits angefreundet, während die älteren Geschwister – Gou, Ayumi, Ren und Akari – die Schulbank drückten.

​„Akari“, unterbrach Hana das allgemeine Geplapper und sah ihre Älteste liebevoll an. „Erzähl mir von deiner neuen Schule. Wie war die erste Woche? Du bist ja jetzt in der selben Schule wie Gou.“

​Akari legte ihre Stäbchen beiseite und ihre amethystfarbenen Augen leuchteten auf. „Sie ist ganz anders als in Osaka, Mama. Die Lehrer sind strenger, aber die anderen Schüler sind sehr interessiert. Ich habe schon zwei Mädchen im Mathe-Club kennengelernt. Und Onkel Kai hat recht behalten – das Sportprogramm ist fantastisch.“

​Kai nickte ihr kurz zu, ein seltenes Zeichen seiner Anerkennung.

​Doch die friedliche Atmosphäre wurde plötzlich durchbrochen, als die fünfjährige Mirai mit einer Gabel voller Reis in der Hand inne hielt und Vladimir mit großen Augen anstarrte. Vladimir, der gerade dabei war, sich an das lockere Familiengespräch zu gewöhnen, bemerkte den fixierten Blick des kleinen Mädchens sofort.

​„Vladimir?“, plapperte Mirai unverblümt los. „Bist du jetzt eigentlich unser neuer Papa?“

​Am Tisch wurde es schlagartig still. Hana verschluckte sich fast an ihrem Tee und Nami versuchte mühsam, ein Grinsen zu unterdrücken, während sie zu Kai schielte. Vladimir hielt inne, sein Löffel schwebte kurz in der Luft. Die Weigerung seiner sonst so perfekten Selbstbeherrschung war für einen Sekundenbruchteil in seinen geweiteten Augen zu sehen.

​Doch Mirai war noch nicht fertig. Mit der unschuldigen Logik einer Fünfjährigen setzte sie noch einen drauf: „Und wenn du unser neuer Papa bist... bekomme ich dann auch noch ein kleines Geschwisterchen? So wie Sayuri? Das wäre toll, dann hätte ich jemanden zum Spielen, wenn Sayuri schläft!“

​Hana spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Sie wagte es kaum, Vladimir anzusehen. Kai hingegen lehnte sich mit einem höchst amüsierten Gesichtsausdruck zurück und beobachtete seinen Bruder dabei, wie dieser versuchte, eine Antwort auf die wohl schwierigste Frage seiner bisherigen Karriere zu finden.
 

Es war das erste Mal, dass Nami den mächtigen CEO von Severnaya vollkommen sprachlos sah.

​„Ma foi...“, murmelte Claire im Hintergrund mit ihrem unverwechselbaren französischen Akzent und einem trockenen Grinsen. „Das Kind ist effizient. Sie kommt direkt zum Punkt, nicht wahr?“

​Hana spürte, wie die Hitze ihre Wangen weiter hinaufkletterte, bis sie fast denselben Hautton wie das rote Curry auf ihrem Teller hatte. Sie wollte gerade einschreiten, um Mirai zu erklären, dass man solche Fragen nicht beim Abendessen stellte, doch Vladimir fing sich. Er legte sein Besteck langsam ab und wandte sich ganz dem kleinen Mädchen zu. Die Arroganz, die ihn normalerweise umgab, war einer sanften Ernsthaftigkeit gewichen.

​„Mirai“, begann er, und seine Stimme war tief und ruhig. Er warf Hana einen kurzen, fast entschuldigenden Blick zu, bevor er das Kind wieder ansah. „Ein Papa zu sein, ist eine sehr große Aufgabe. Man wird das nicht von heute auf morgen, nur weil man zusammen Nudeln isst. Das braucht Zeit... und eine Menge Mut. Außerdem...hast du bereits einen Papa und er wäre sicher traurig, wenn er dies nicht mehr sein dürfte.“

​Er machte eine kurze Pause und ein seltenes, verschmitztes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Und was das Geschwisterchen angeht... ich glaube, deine Mutter hat im Moment erst einmal genug damit zu tun, dass du und Akari euch hier in Tokio wohlfühlt. Aber wer weiß? Die Zukunft ist manchmal wie ein Überraschungsei. Man weiß nie genau, was drin ist, bis man es aufmacht.“

​Hanas Herz setzte einen Schlag aus. Es war keine direkte Absage, aber auch kein falsches Versprechen. Es war eine Antwort, die Mirais Neugier stillte, ohne Hana in Bedrängnis zu bringen. Doch Kai konnte es sich nicht verkneifen, die Situation noch ein wenig auszureizen.

​„Hörst du das, Vladimir?“, warf Kai trocken ein und lehnte sich entspannt zurück. „Der große Severnaya-Boss, vor dem ganz Moskau zittert, wird von einer Fünfjährigen in die Enge getrieben. Ich hätte nicht gedacht, dass ich den Tag noch erlebe, an dem du bei einer Verhandlung über Familienplanung so ins Schwitzen gerätst.“

​Ein leises Lachen ging um den Tisch. Sogar Gou und die Zwillinge kicherten, während Sayuri begeistert in die Hände klatschte und mit lachte, einfach nur, weil alle lachten.

​„Halt den Mund, Kai“, entgegnete Vladimir ohne echte Schärfe, während er sich wieder seinem Essen widmete. Doch er wirkte nicht verärgert. Es war ein seltsames Gefühl von Zugehörigkeit, das er so noch nie erlebt hatte.

​Nach dem Essen, als die Kinder von Claire nach oben gebracht wurden, um sich bettfertig zu machen, saßen die Erwachsenen noch bei einem Glas Wein auf der Terasse des Anwesens. Die kühle Nachtluft trug den Duft von Kiefern und altem Holz zu ihnen herüber.

​„Sie liebt dich, weißt du?“, sagte Hana leise zu Vladimir, während sie ihren Wein schwenkte. Sie saßen ein Stück abseits von Kai und Nami. „Mirai fragt solche Dinge nicht jeden. Sie hat dich bereits in ihr Herz geschlossen.“

​Vladimir sah hinaus in den dunklen Garten des Anwesens. „Es ist beängstigend, Hana“, gab er zu, und seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Diese Art von Verantwortung... sie wiegt schwerer als jedes Milliardenprojekt.“

​Er sah sie an, und im fahlen Mondlicht wirkten seine weinroten Augen fast sanft. „Aber ich fange an zu glauben, dass es das Gewicht wert ist.“

​Nami beobachtete die beiden von der anderen Seite aus und drückte Kais Hand. Alles fühlte sich in diesem Moment richtig an. Der Sturm war vorüber, und auch wenn noch viele Fragen offen waren, herrschte zum ersten Mal seit Wochen echter Frieden im Anwesen.
 

Als der Abend sich dem Ende neigte, verabschiedeten sich Hana und ihre Töchter herzlich von der Familie. Akari und Mirai, die bereits sichtlich müde waren, trotteten gemeinsam mit ihrer Mutter zum Wagen, der in der Auffahrt des Anwesens wartete. Das warme Licht der Außenlaternen warf lange Schatten auf den Kiesweg.

​Vladimir blieb jedoch noch einen Moment an der massiven Eingangstür stehen. Er sah Hana nach, die gerade Mirai half, auf den Rücksitz zu klettern, und wandte sich dann Nami und Kai zu. Seine sonst so kühle Maske war in diesem Moment völlig abgelegt.

​„Nami“, sagte er leise, und seine Stimme trug eine Aufrichtigkeit, die für einen Mann seiner Herkunft selten war. „Ich möchte mich bei dir bedanken. Mir ist klar, dass du diejenige bist, die all das hier erst möglich gemacht hat. Ohne dich... ohne das, was du ausstrahlst, würde ich wahrscheinlich immer noch in meinem kalten Turm sitzen und gar nichts fühlen. Du hast mir eine Freiheit gegeben, von der ich nicht einmal wusste, dass sie existiert.“
 

~Er hat es also bemerkt...~
 

​Nami schenkte ihm ein sanftes Lächeln und legte den Kopf schief. „Gern geschehen, Vladimir. Aber die Entscheidung, dein Herz zu öffnen, hast du ganz allein getroffen.“

​Vladimir nickte kaum merklich, dann glitt sein Blick zu Kai. Ein kurzes, wissendes Schmunzeln trat auf seine Lippen. „Und du...“, sagte er zu seinem Bruder. „Es war schlau von dir, mein Büro im Tower direkt neben das von Nami zu legen. Ich habe es am Anfang nicht verstanden. Ich dachte, es sei nur eine geschäftliche Anordnung. Aber vor einigen Tagen ist es mir klar geworden. Der Effekt... er ist subtil, aber gewaltig.“

​Er hielt kurz inne und sah fast schon nachdenklich aus. „Ich bin allerdings überrascht. Ich dachte immer, die Nähe zu Nami müsste physisch viel größer sein, um in den Genuss dieser übernatürlichen Aura zu kommen. Dass ein paar Meter durch eine Wand hindurch ausreichen, um ein ganzes Weltbild ins Wanken zu bringen...“

​Kai, der lässig im Türrahmen lehnte und den Arm um Namis Taille gelegt hatte, sah seinen Bruder mit einem dunklen, beinahe mitleidigen Blick an.

​„Ein paar Meter reichen völlig aus, um den Prozess zu starten, Vladimir“, erklärte Kai ruhig. „Ihre Aura ist wie ein Magnetfeld. Wenn man einmal darin ist, beginnt sie, alles neu auszurichten.“

​Doch dann veränderte sich Kais Gesichtsausdruck. Die Überlegenheit wich einer tiefen, fast schon schmerzhaften Ernsthaftigkeit. „Nur bei mir ist es mittlerweile anders. Ich habe erst letztens mal wieder auf die harte Tour erfahren müssen, dass bei mir ein paar Meter auf Dauer nicht mehr ausreichen. Wenn ich zu lange von ihr getrennt bin, fängt es an, mich innerlich zu zerreißen. Vier Tage sind das Maximum, ehe die Dunkelheit wieder aufkeimt.“

​Er sah kurz zu Nami hinunter und drückte sie ein Stück fester an sich. „Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich seit über zwölf Jahren ununterbrochen unter dieser Aura lebe. Ich bin nicht mehr an weniger gewöhnt. Meine Seele kommt mit der Distanz wohl nicht mehr klar. Ich brauche den direkten Kontakt, um stabil zu bleiben. Je näher, desto intensiver spüre ich den Effekt.“

​Vladimir beobachtete die beiden schweigend. Er sah die Abhängigkeit, die Kai beschrieb, aber er sah auch die unendliche Stärke, die daraus hervorging. „Ein hoher Preis für diesen Frieden“, murmelte er.

​„Ein Preis, den ich jeden Tag wieder zahlen würde“, entgegnete Kai ohne Zögern.

​Vladimir nickte ein letztes Mal, verabschiedete sich und ging mit festen Schritten zum Auto. Als er losfuhr und die Rücklichter in der Dunkelheit verschwanden, blieb Kai noch einen Moment stehen und atmete den Duft von Namis Haar ein, als müsste er seine Reserven sofort wieder auffüllen.
 

Nachdem Vladimirs Wagen in der Dunkelheit verschwunden war, herrschte eine beinahe andächtige Stille auf der Veranda des Anwesens. Das Zirpen der Grillen und das ferne Rauschen der Stadt bildeten die Kulisse für die Gedanken, die nun in Nami arbeiteten. Sie lehnte sich noch ein Stück enger an Kai, spürte die massive Wärme seines Körpers, doch sein Geständnis gegenüber seinem Bruder hallte in ihr nach.

​„Kai?“, begann sie leise, während sie ihren Blick auf seine Hand legte, die immer noch fest an ihrer Taille ruhte.

​„Hm?“, brummte er und vergrub seine Nase für einen Moment erneut an ihrem Hals, als würde er tief einatmen.

​„Deine Worte vorhin... zu Vladimir“, sagte sie und drehte sich in seinem Arm um, damit sie ihm direkt in die rubinroten Augen sehen konnte. „Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich hatte es beinahe vergessen, weil es für uns so normal geworden ist. Aber... fühlst du dich wirklich nicht manchmal seltsam dabei? So abhängig von meiner Aura zu sein? Dass ein paar Meter Distanz auf längere Zeit schon ausreichen, um dich aus dem Gleichgewicht zu bringen?“

​Kai sah sie einen Moment lang schweigend an. Sein Blick war weich, beinahe zärtlich. Ein kurzes, ehrliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen – jenes Lächeln, das er nur für sie reservierte.

​„Niemals“, antwortete er ohne das geringste Zögern. Er legte seine Hand an ihre Wange und strich mit dem Daumen über ihre Haut. „Es ist keine Abhängigkeit, die mich schwächt, Nami. Es ist die Verbindung, die mich erst zu dem Mann gemacht hat, der ich heute bin. Ohne dieses 'Magnetfeld', wie ich es genannt habe, wäre ich nur eine leere Hülle aus Ehrgeiz und Kälte. Ich genieße es, so fest an dich gebunden zu sein.“

​Nami erwiderte das Lächeln, doch ihre Miene wurde kurz darauf ernster. Ein Schatten legte sich über ihre petrolfarbenen Augen. „Aber Kai... was ist, wenn die Welt nicht immer so gnädig ist? Was würde passieren, wenn ich irgendwann... vor dir sterben würde?“

​Kai erstarrte. Der Ausdruck in seinen Augen wandelte sich schlagartig von Zärtlichkeit zu einem tiefen, fast schmerzhaften Entsetzen. Die bloße Vorstellung schien ihm wie ein physischer Schlag in die Magengrube zu versetzen. Er atmete schwer aus und schloss für einen Moment die Augen, als müsste er ein Bild vertreiben, das er nicht ertragen konnte.

​„Nami...“, flüsterte er, und seine Stimme klang plötzlich rau. Er öffnete die Augen wieder und sah sie mit einer Intensität an, die ihr einen kleinen Schubs im Herzen versetzte. Er verstand ihre Sorge vollkommen; es war die Angst einer Frau, die ihren Mann liebte und wusste, wie tief die Wurzeln ihrer Seelen miteinander verflochten waren.

​„Ich hoffe inständig, dass ich das niemals herausfinden muss“, sagte er mit einer Endgültigkeit, die keinen Raum für Zweifel ließ. „Die Welt ohne dein Licht wäre für mich kein Ort, an dem ich existieren möchte. Aber wir werden nicht über den Tod sprechen. Nicht heute. Und nicht in den nächsten fünfzig Jahren.“

​Bevor sie etwas erwidern konnte, bewegte er sich mit jener blitzschnellen Eleganz, die ihn auszeichnete. Mit einem kräftigen Ruck hob er sie im Brautstil hoch. Nami stieß einen kleinen Überraschungsschrei aus und schlang instinktiv ihre Arme um seinen Nacken.

​Er hielt sie mühelos, als würde sie nichts wiegen, und sah ihr tief in die Augen, während er sie langsam über die Schwelle zurück ins Haus trug.

​„Erinnerst du dich an mein Versprechen?“, fragte er mit einem dunklen, herausfordernden Unterton, in dem wieder sein gewohntes Selbstbewusstsein mitschwang. „Ich habe dir gesagt, dass ich dich auch mit achtzig Jahren immer noch genau so durch dieses Haus tragen werde. Und ich habe nicht vor, mein Wort zu brechen. Du wirst mich noch eine sehr, sehr lange Zeit ertragen müssen, mein Schatz.“

​Nami lachte leise, die Sorge aus ihrem Gesicht verschwand und machte einer tiefen Geborgenheit Platz. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter, während er sie die Treppe hinauf trug. „Abgemacht, Kai. Aber beschwer dich dann nicht über deinen Rücken.“

​„Mein Rücken wird das kleinste Problem sein“, entgegnete er trocken, während er die Tür zu ihrem Schlafzimmer mit dem Fuß aufstieß.



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