Ein neues, altes Gefühl der Lebendigkeit
Die Glocke über der Tür des Game Shops gab ein helles, vertrautes Pling von sich, als die Gruppe eintrat. Es war ein Geräusch, das Atem tausendfach gehört hatte, während er im Puzzle wohnte, doch heute klang es anders. Es war nicht länger das Signal für einen Besucher von Yugi, sondern das Signal für seine eigene Heimkehr.
Im Laden war es ruhig. Das Licht war gedimmt, und die Regale voller Spiele und Karten warfen lange Schatten auf den Boden. Hinter dem Tresen stand Großvater Solomon und polierte eine alte Sammlervitrine. Als er aufblickte, rutschte ihm die Lesebrille ein Stück tiefer auf die Nase.
„Da seid ihr ja endlich! Ich dachte schon, der Regen hätte euch...“ Er brach mitten im Satz ab. Sein Blick wanderte von Yugi zu der Gestalt, die direkt hinter ihm stand.
Atem blieb im Türrahmen stehen. Er fühlte sich in diesem Moment seltsam nackt. Ohne die schützende Aura der Dunkelheit oder die Unantastbarkeit eines Geistes war er nun dem Urteil des Mannes ausgeliefert, den er jahrelang wie einen eigenen Großvater betrachtet hatte.
„Großvater“, sagte Yugi leise und trat vor.
Solomon Muto legte das Poliertuch langsam beiseite. Er kam hinter dem Tresen hervor, seine Schritte schwer, aber bestimmt. Er blieb vor Atem stehen, der nun fast zwei Köpfe größer war als der alte Herr. Der Großvater sah an ihm herauf, seine Augen kniffen sich zusammen, während er die Züge des Pharaos studierte – die gleiche Entschlossenheit wie bei Yugi, aber gepaart mit einer uralten Tiefe.
„Yami Muto, nehme ich an?“, fragte Solomon mit einer Stimme, die seltsam belegt klang.
Atem neigte den Kopf, eine instinktive Geste königlichen Respekts, die er sofort unterdrückte. „Ja, Großvater. Wenn du mich so nennen möchtest.“
„Komm her, Junge“, brummte Solomon plötzlich und zog Atem in eine kräftige Umarmung.
Atem erstarrte. Er spürte den rauen Stoff von Solomons Weste, den Geruch nach altem Tabak und Kamillentee und die ehrliche, menschliche Wärme. Es war ein überwältigender Moment. In Ägypten war er eine Gottheit gewesen, die man kaum zu berühren wagte; im Puzzle war er ein Schatten. Jetzt war er ein Enkel, der gehalten wurde. Langsam, fast zögerlich, legte er seine Arme um den alten Mann.
„Yugi hat mich vorhin von unterwegs angerufen und mir die... ‚offizielle‘ Geschichte erklärt“, sagte Solomon, während er sich wieder löste, aber seine Hände noch auf Atems Oberarmen liegen ließ. Er sah kurz zu den anderen Freunden hinüber, die betreten schwiegen. „Mein Sohn im Ausland, ein verlorener Bruder... eine gute Geschichte für die Leute da draußen. Aber wir hier drin wissen, wer du bist. Und wir wissen, was es gekostet hat, dich hierzubehalten.“
„Anubis hat uns keine Wahl gelassen, Opa“, warf Joey ein, der die Rührung im Raum wie gewohnt mit Redseligkeit überspielte. „Aber hey, sehen Sie sich ihn an! Er sieht aus, als könnte er das gesamte Blue-Eyes-Team im Alleingang wegtragen.“
„Ruhe, Joey“, schmunzelte Solomon, doch sein Blick blieb ernst, als er Atem wieder ansah. „Du hast vier Jahre, nicht wahr? Vier Jahre, um das zu finden, was fehlt.“
„So ist es“, antwortete Atem. „Ich weiß nicht, wonach ich suche, Großvater. Ich weiß nur, dass ich diese Zeit mit Respekt behandeln muss.“
„Dann fangen wir damit an, dass du dich wie ein Teil dieser Familie fühlst“, entschied Solomon und klatschte in die Hände. „Yugi, hilf deinem Bruder, seine Sachen im oberen Zimmer zu ordnen. Wir haben dort noch das alte Gästebett. Es wird eng werden, aber ein Muto beschwert sich nicht über Platzmangel.“
Später am Abend saßen Yugi und Atem allein im Zimmer. Das Licht der Nachttischlampe warf ein warmes Gelb über die Holzdielen. Yugi hatte Atem einige seiner Kleider geliehen, die zwar etwas zu kurz an den Ärmeln waren, aber für den Moment reichten.
Atem saß auf dem Rand des provisorischen Betts und strich über die Decke. „Es ist seltsam, Yugi. Ich habe in Palästen geschlafen und in der Unendlichkeit des Puzzles existiert. Aber dieses kleine Zimmer... es fühlt sich schwerer an als alles andere. Als würde jeder Gegenstand hier eine Geschichte erzählen, die ich erst noch lernen muss.“
Yugi lächelte und setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl. „Das ist das Leben, Atem. Es besteht aus kleinen Dingen. Morgen fangen wir an, dein Deck zu bauen. Wenn wir dich beim Turnier anmelden, brauchst du Karten, die nur dir gehören. Nicht meine, nicht die des Pharaos... sondern die von Yami Muto.“
Atem sah zu dem leeren Platz an seinem Handgelenk, wo früher die Duel-Disk gesessen hatte. Ein Funke Ehrgeiz entflammte in seinem Inneren. „Eigene Karten. Ein eigener Name. Ein eigener Körper.“ Er sah Yugi direkt an. „Glaubst du, dass wir in diesen vier Jahren die Antwort finden werden?“
Yugi nickte ohne zu zögern. „Wir haben schon schwierigere Rätsel gelöst als das von Anubis. Aber dieses Mal... dieses Mal müssen wir nicht gegen Schatten kämpfen. Wir müssen herausfinden, was es bedeutet, wirklich hier zu sein.“
Der nächste Morgen begann nicht mit dem Ruf eines ägyptischen Herolds, sondern mit dem sanften Klingeln von Yugis Wecker und dem prasselnden Geräusch von frischem Kaffee, der im Erdgeschoss aufgebrüht wurde. Atem saß bereits hellwach auf seinem Bett. Er hatte die halbe Nacht damit verbracht, seine eigenen Hände im fahlen Mondlicht zu beobachten – fasziniert von der Tatsache, dass sie nicht verschwanden, wenn er es wollte.
„Bist du bereit?“, fragte Yugi schlaftrunken, während er sich die Augen rieb.
Atem nickte, ein entschlossenes Funkeln in seinen Augen. „Es ist Zeit, Yugi. Wenn ich als dein Bruder beim Turnier antreten will, kann ich nicht mit deinem Deck spielen. Die Welt muss sehen, dass Yami Muto seinen eigenen Pfad beschreitet.“
Nach einem schnellen Frühstück führte Großvater Solomon sie in das Allerheiligste des Ladens: das Lagerarchiv. Hier stapelten sich tausende von Karten in Holzkisten und Glasvitrinen, sortiert nach Seltenheit, Attributen und Typen. Der Geruch nach Druckerschwärze und alter Pappe lag schwer in der Luft – für Atem war es der Duft einer neuen Ära.
„Hier sind sie“, sagte Solomon und klopfte auf eine schwere Eichenkiste. „Das sind meine persönlichen Reserven. Viele davon sind Raritäten, die ich über Jahrzehnte gesammelt habe. Such dir aus, was zu deiner Seele spricht, Yami.“
Atem trat an die Kiste. Er schloss die Augen und ließ seine Hand über die Oberflächen der Karten gleiten. Er suchte nicht mit der Logik eines Strategen, sondern mit dem Gespür eines Königs für seine Untertanen. Er wartete auf das vertraute Ziehen in seiner Brust, das Anzeichen einer spirituellen Verbindung.
Plötzlich hielt er inne. Er zog eine Karte heraus, die ein tiefes, violettes Leuchten auszustrahlen schien.
„Der Dunkle Magier?“, fragte Yugi überrascht.
Atem betrachtete das Bild seines treuesten Gefährten. „Er ist mehr als eine Karte, Yugi. Er ist die Verbindung zu Mahad, zu meiner Vergangenheit. Aber...“ Er hielt die Karte gegen das Licht. „In diesem Deck wird er nicht meine einzige Stütze sein. Ich spüre, dass ich Krieger brauche, die sowohl die Stärke des alten Ägyptens als auch die Dynamik der Moderne verkörpern.“
Stunden vergingen, in denen die beiden Brüder über Strategien debattierten. Atem entschied sich für ein Deck, das auf „Chaos-Attributen“ basierte – eine Mischung aus Licht und Finsternis. Es symbolisierte perfekt seine aktuelle Existenz: Das Licht des neuen Lebens, das ihm Anubis geschenkt hatte, und die Finsternis seiner 3000-jährigen Gefangenschaft.
„Sieh dir diese hier an“, schlug Yugi vor und reichte ihm eine Karte: „Black Luster Soldier - Envoy of the Beginning“.
Atem nahm die Karte entgegen. Das Bild des legendären Kriegers schien ihn direkt anzusehen. „Ein Krieger, der aus dem Gleichgewicht von Licht und Schatten geboren wurde... Ja, er wird mein General sein.“
Er fügte Karten hinzu, die seine Verbundenheit zum Militär und zum Schutz seines Volkes widerspiegelten: Breaker the Magical Warrior, um gegnerische Zauber zu bannen, und Chaos Sorcerer, um das Feld zu kontrollieren. Doch als er das Deck fast fertiggestellt hatte, zögerte er. Er spürte eine Lücke.
„Etwas fehlt noch“, murmelte Atem. „Ein Anker. Etwas, das nicht aus der Vergangenheit stammt, sondern für meine vier Jahre hier steht.“
Er stöberte weiter, bis sein Blick auf eine unscheinbare Karte fiel, die in einer Ecke der Kiste lag. Es war eine Zauberkarte: „Exchange of the Spirit“.
Atem hielt inne. Das Bild zeigte den Austausch von Lebensenergie. „Diese Karte... sie erinnert mich an den Pakt mit Anubis. An das geliehene Leben. Sie wird mich daran erinnern, dass jeder Spielzug, jedes Duell und jeder Atemzug in diesem Körper ein Geschenk ist, das ich mit Dankbarkeit behandeln muss.“
Yugi beobachtete ihn schweigend. Er sah, wie Atem die Karten fast zärtlich in schwarze Schutzhüllen schob. Das war kein Deck eines rachsüchtigen Pharaos mehr. Es war das Deck eines Mannes, der bereit war, für seine Zukunft zu kämpfen.
„Es ist fertig“, verkündete Atem schließlich. Er fächerte das Deck vor sich auf. 40 Karten, die nun seine Identität bildeten. „Morgen beim Turnier wird die Welt Yami Muto kennenlernen. Und ich werde spüren, ob meine Verbindung zu diesen Karten stark genug ist, um das Schicksal herauszufordern.“
„Und ich werde direkt neben dir stehen“, sagte Yugi und legte seine Hand auf das Deck seines Bruders. „Wir werden zeigen, dass die Muto-Brüder unschlagbar sind.“
Draußen am Himmel verzogen sich die letzten Regenwolken und machten einem klaren, kalten Blau Platz. Doch im Schatten des Ladens, tief unten im Fundament des Gebäudes, glaubte Atem für einen Moment das leise Ticken einer Sanduhr zu hören. Die Zeit lief. Und sein erstes Duell in diesem neuen Leben rückte unaufhaltsam näher.
Das lokale Turnier fand in einer der modernsten Hallen von Domino City statt – ein Gebäude aus Glas und Stahl, das in der Nachmittagssonne glänzte. Überall wimmelte es von Duellanten, das Summen von Duel-Disks und das aufgeregte Gemurmel der Zuschauer erfüllten die Luft. Es war die perfekte Bühne für das offizielle Debüt von „Yami Muto“.
Die Anmeldung am Empfangstresen verlief reibungsloser, als Atem erwartet hatte. Yugi stand an seiner Seite, während der Mitarbeiter hinter dem Computer die Daten abglich.
„Yami Muto... zwei Jahre älter als der amtierende Champion... Herkunft: Ausland“, murmelte der Mann und sah kurz von seinem Bildschirm auf, um Atem zu mustern. Er schluckte sichtlich, als er in die intensiven, violetten Augen des Pharaos blickte, die eine Autorität ausstrahlten, die so gar nicht zu einem einfachen „Rückkehrer“ passen wollte. „Alles klar. Du bist in Block B eingeteilt. Dein erstes Duell beginnt in zehn Minuten auf Plattform 4.“
Als sie durch die Menge zur Plattform gingen, bemerkte Atem das Flüstern, das ihnen folgte wie eine Bugwelle.
„Ist das wirklich Yugis Bruder?“
„Er sieht aus wie er, aber... verdammt, hast du diese Ausstrahlung gesehen?“
„Er wirkt, als würde er den Boden unter seinen Füßen besitzen.“
Joey und Tristan warteten bereits an der Plattform, während Tea nervös an ihrem Schal nestelte. „Bist du bereit, Yami?“, fragte sie leise.
Atem sah auf die Duel-Disk an seinem linken Arm – ein brandneues Modell, das Solomon ihm heute Morgen geschenkt hatte. Das kühle Metall fühlte sich schwer und real an. „Ich bin bereit, Tea. Es ist seltsam... mein Herz schlägt so schnell, dass ich es bis in die Fingerspitzen spüre. Das ist es also, was ihr fühlt, wenn ihr unter Druck steht.“
„Das nennt man Adrenalin, Kumpel!“, grinste Joey und drückte ihm die Daumen. „Zeig ihnen, aus welchem Holz ein Muto geschnitzt ist!“
Sein erster Gegner war ein junger Mann namens Kenji, ein aufstrebender Duellant mit einem mechanischen Deck, der bereits siegessicher auf der Plattform wartete. Als er Atem sah, verzog er das Gesicht zu einem überheblichen Lächeln.
„Also du bist der ‚große Bruder‘?“, spottete Kenji, während er seine Duel-Disk aktivierte. „Nur weil du Yugis Gesicht hast, heißt das nicht, dass du sein Talent geerbt hast. Ich werde dich in drei Zügen von dieser Plattform fegen!“
Atem trat vor. Er sagte nichts. Er nahm seine Startkarten auf und das vertraute Gefühl der Verbundenheit mit seinem Deck durchströmte ihn. Doch diesmal war es anders. Die Karten in seiner Hand waren keine Werkzeuge eines Schicksals, das er erfüllen musste; sie waren die Gefährten seines neuen Lebens.
„Duell!“, riefen beide gleichzeitig.
Kenji begann aggressiv. Er beschwor schnell zwei Cyber-Soldaten und legte eine verdeckte Karte. „Das war’s schon für dich, Anfänger! Greif mich an, wenn du dich traust!“
Atem betrachtete seine Hand. Er spürte die Energie von Licht und Finsternis, die in seinen Karten pulsierte. „Mein Zug“, sagte er, und seine Stimme hallte mit einer tiefen Resonanz über die Plattform, die Kenjis Grinsen augenblicklich einfrieren ließ. „Zuerst aktiviere ich den Effekt meines Chaos-Zauberers, indem ich ein Licht- und ein Finsternis-Monster aus meinem Friedhof verbanne, die ich durch meine Zauberkarte Törichtes Begräbnis dorthin gesendet habe.“
Die Halle schien den Atem anzuhalten. Zwei Lichtsäulen – eine tiefschwarz, die andere strahlend weiß – schossen aus dem Boden und verschmolzen zu einer Gestalt in wirbelnden Roben.
„Was ist das für eine Beschwörung?“, stammelte Kenji.
„Dies ist der Pfad, den ich gewählt habe“, antwortete Atem kühl. „Ich beschwöre den Chaos-Zauberer! Und sein Effekt erlaubt es mir, dein stärkstes Monster sofort aus diesem Duell zu entfernen!“
Mit einer Handbewegung Atems löste sich Kenjis stärkste Maschine in digitale Pixel auf. Der junge Duellant trat einen Schritt zurück, die Überlegenheit in seinen Augen wich purer Verwirrung. Atem bewegte sich mit einer Präzision und Eleganz, die weit über das hinausging, was ein normaler Highschool-Schüler leisten konnte.
„Und nun“, fuhr Atem fort, während er eine weitere Karte in den Schlitz seiner Disk schob, „beende ich dieses Duell mit der Stärke derer, die mir seit Anbeginn der Zeit folgen. Erscheine, Dunkler Magier!“
Das Erscheinen des Magiers löste einen Sturm der Begeisterung unter den Zuschauern aus. Es war Yugis Signatur-Monster, doch in Atems Händen wirkte der Magier fast noch bedrohlicher, noch majestätischer.
„Angriff! Dark Magic Attack!“
Der Lichtstrahl fegte Kenjis verbleibende Lebenspunkte in Sekunden auf Null. Die Hologramme erloschen, und in der Halle wurde es für einen Moment totenstill, bevor donnernder Applaus losbrach.
Atem senkte den Arm. Er atmete tief ein und spürte, wie der Schweiß auf seiner Stirn perlte. Er war erschöpft, aber er fühlte sich so lebendig wie noch nie zuvor. Er sah zu Yugi hinunter, der am Rand der Plattform stand und ihm zunickte. In Yugis Augen lag kein Neid, nur tiefer Stolz.
Doch als Atem von der Plattform steigen wollte, bemerkte er eine Bewegung auf dem Balkon im Obergeschoss. Dort, im Halbschatten, stand eine Gestalt im weißen Mantel. Seto Kaiba beobachtete ihn, die Arme vor der Brust verschränkt. Er klatschte nicht. Er rührte sich nicht. Er starrte Atem nur an, als wollte er die Seele hinter dem Fleisch mit bloßen Augen finden.
Atem erwiderte den Blick für einen Moment, bevor Kaiba sich wortlos umdrehte und im Schatten verschwand.
„Das war erst der Anfang“, flüsterte Atem zu sich selbst. Das Turnier hatte er gewonnen, doch das wahre Duell – das Duell um seine verlorene Erinnerung und sein Recht, in dieser Welt zu existieren – hatte gerade erst begonnen.
Die Nacht über Domino City war ruhig geworden. Im Zimmer der Muto-Brüder brannte kein Licht mehr, nur das ferne blaue Glimmen der Straßenlaternen sickerte durch die Vorhänge. Yugis Atemzüge waren gleichmäßig und tief, doch für Atem gab es keinen traumlosen Schlaf.
Sobald er die Augen schloss, wich die Vertrautheit des Zimmers einer unendlichen Leere. Er stand nicht mehr auf Dielenboden, sondern auf feinem, aschefarbenem Sand. Der Himmel über ihm war nicht schwarz, sondern von einem tiefen, blutigen Violett, in dem keine Sterne leuchteten.
„Du hast dich schnell an das Gewicht deines Fleisches gewöhnt, Pharao.“
Die Stimme war wie das Reiben von trockenem Pergament. Atem wirbelte herum. Aus dem Nebel materialisierte sich Anubis. Seine Gestalt war riesig, sein Schakalskopf thronte unbeweglich auf den massiven Schultern, und der goldene Schmuck an seinem Körper glänzte in einem Licht, das keine Quelle hatte.
Atem spürte, wie sein Herz in der Traumgestalt raste – ein Echo seines neuen Körpers. „Anubis. Du hast mir eine Frist gesetzt, aber du hast mir kein Ziel gegeben. Ich habe meinen Namen, ich habe meine Taten. Was kann eine Seele noch besitzen, das ihr den Weg ins Jenseits ebnet?“
Der Gott trat einen Schritt näher. Der Geruch von Myrrhe und Verwesung schlug Atem entgegen. Anubis lachte nicht, doch in der Tiefe seiner Kehle grollte es wie herannahender Donner.
„Glaubst du, das Jenseits verlangt nach Fakten? Glaubst du, Osiris wiegt die Taten gegen die Wahrheit? Das Herz ist es, das gewogen wird, Atem. Und deines... deines trägt eine Last, die du nicht einmal benennen kannst.“
Atem ballte die Fäuste. „Gib mir einen Hinweis. Wenn meine Zeit begrenzt ist, dann lass mich nicht im Dunkeln wandern!“
Anubis neigte den Kopf. Seine bernsteinfarbenen Augen fixierten den Pharao. „Du suchst nach einem Stein, wo du nach einem Windhauch suchen solltest. Höre wohl zu, denn die Zeit flieht wie Sand durch die Finger eines Skeletts.“
Der Gott erhob seine Hand, und der Nebel um sie herum begann sich zu wirbeln. Anubis sprach nun in Versen, die wie ein Fluch und ein Segen zugleich klangen:
„Dort, wo der Geist im Körper ruht,
verblasst der Glanz von Gold und Mut.
Suche nicht nach dem, was die Krone band,
sondern nach dem, was schwand, als kein Auge es fand.
Ein Garten blüht im tiefsten Frost,
wo die Seele vergaß, was sie einst gekost’.
Ein Hauch, der die Sinne im Sturm bezwingt,
bevor die Stille den Abschied bringt.“
„Ein Garten? Ein Hauch?“, wiederholte Atem verwirrt. „Was meinst du damit? Geht es um ein verlorenes Land? Eine Gabe?“
Anubis Gestalt begann sich aufzulösen, als würde er vom Wind der Wüste davongetragen. „Du bist ein König, der alles wusste, aber nichts begriff. Wenn der Duft dich findet, wird das Herz sich erinnern. Wenn das Herz sich erinnert, wird der Schmerz dich führen. Suche den Ursprung des unsichtbaren Pfades, Pharao... bevor der vierte Winter das Licht für immer löscht.“
„Warte!“, rief Atem und griff nach dem verschwindenden Gott.
Mit einem heftigen Ruck fuhr Atem in seinem Bett hoch. Sein T-Shirt war schweißgeklebt, sein Atem ging stoßweise. Er saß in der Dunkelheit und starrte auf seine zitternden Hände. Das Zimmer roch nach Staub und altem Papier – nach dem Game Shop. Doch in seinem Geist hing noch immer dieses seltsame Rätsel.
Ein Garten im Frost? Ein Hauch, der die Sinne bezwingt?
Er sah zu Yugi hinüber, der sich im Schlaf unruhig bewegte. Atem wusste, dass dieses Rätsel nichts mit Duellkarten oder ägyptischen Kriegen zu tun hatte. Es war etwas Subtileres. Etwas, das mit dem zu tun hatte, was er als Mensch empfand, nicht als Herrscher.
Leise stand er auf und trat ans Fenster. Er öffnete es einen Spalt breit. Die kühle Nachtluft strömte herein. Er schloss die Augen und versuchte, etwas zu riechen – doch da war nur der metallische Geruch der Stadt und der ferne Ozean.
„Wenn der Duft dich findet...“, echote die Stimme in seinem Kopf.
Atem wusste noch nicht, dass er nach einem Gefühl suchte, das er vor dreitausend Jahren tief in sich verschlossen hatte – eine Emotion, die so flüchtig war wie der Duft einer Blume, die nur eine Nacht lang blüht.