Kapitel 1 - Der Erste von Niemandem
Kapitel 1 – Der Erste von Niemandem
~Juli, 1500 (ca. 22 Jahre bevor Ruffy das Windmühlendorf verließ)~
„Gute Arbeit, Jungs, vielleicht könntet ihr beim nächsten Mal ein bisschen… weniger kaputt machen, dennoch ein rundum erfolgreicher Job. Aber ich mein, was war auch anderes zu erwarten bei unserem Mihawk Junior.“
„Tze, ist mir ziemlich egal, was du denkst, alter Mann.“
„Ach, was soll dieses Verhalten denn? Du weißt, ich persönlich nehm dir das nicht so übel, und ja, du bist für dein Alter schon verdammt stark und verdammt gut die Karriereleiter hochgeklettert. Aber ein paar von diesen anderen Alten mögen deinen Ton ganz und gar nicht und…“
„Und das interessiert mich, weil?“
„Urgh! Mihawk, ernsthaft. Ich versuche hier, dir einen guten Rat zu geben, wenn du es irgendwann mal zum Admiral schaffen möchtest. Dein Vater…“
„Nur um das klarzustellen, ich geb einen Scheiß darauf, was mein alter Herr denkt, und nur, weil du alt bist, brauchst du dich nicht wie er aufzuspielen, Vizeadmiral Monkey.“
…
„Uhh, so hat mich ja noch niemand genannt, seitdem ich aus der Kadettenschule bin. Nicht so schüchtern, du kannst ruhig meinen Vornamen benutzen.“
„Will ich aber nicht.“ Dulacre rollte mit den Augen. „Nun, ich habe Bericht erstattet, wie das Protokoll verlangt, es gibt keinen Grund mehr zu bleiben, daher werde ich jetzt gehen.“
Vizeadmiral Garp atmete aus und als er sprach, klang er ernster: „Und was ist, wenn dein Vorgesetzter dir den Befehl erteilt, zu bleiben?“
Dulacre zuckte mit den Schultern und wandte sich zur Tür: „Erstens, bist du nicht mein Vorgesetzter, alter Mann, wir tragen den gleichen Rang, du hast mir nur an Dienstjahren voraus, weshalb ich dir Berichterstatten muss. Zweitens, gäbe es keinen Grund, einen solchen Befehl zu erteilen, da der Auftrag erfolgreich abgeschlossen ist, ich noch genügend andere Aufgaben zu erledigen habe und du nichts Neues für mich hast. Und Drittens, wenn du mir etwas befehligen willst, dann befehle es und stell keine dummen Fragen. Jiroushin, komm.“
„Oh, verdammt nochmal, was für ein Bengel“, knurrte Vizeadmiral Garp, stand auf und rieb sich das Gesicht.
Einen Moment sah Jiroushin noch zum Dienstälteren, dann schickte er sich an, seinem direkten Vorgesetzten zu folgen.
„Kommandant Cho, bleib doch bitte noch einen Moment.“
Wie vom Schlag getroffen blieb Dulacre stehen.
„Kommandant Cho unterliegt nicht deiner Führung.“
„Und wie du bemerkt haben solltest, du nerviges Gör, habe ich ihm keinen Befehl erteilt, sondern ihn gebeten. Willst du ihm jetzt verbieten, sich mit mir zu unterhalten?“
Beide Vizeadmiräle starrten einander an, eine unangenehme Spannung in der Luft. Kurz sah Jiroushin noch Garp an, dann wandte er sich Dulacre zu und schenkte ihm ein sachtes Lächeln.
„Sofern du keine anderen Befehle hast, würde ich dieses Gespräch gerne wahrnehmen.“
„Was auch immer. Aber ich warte nicht mit dem Abendessen, also beeil dich.“ Geräuschvoll knallte die Tür hinter Dulacre zu.
„Ach, du meine Güte, dieser Junge“, seufzte Garp auf und ging zu einem Sessel an einem kleinen Tisch und ließ sich hineinfallen. „Setz dich“, bot er dann an und deutete auf ein geräumiges Sofa.
„Vielen Dank, aber nein danke.“
„Jetzt entspann dich mal, der offizielle Teil ist vorbei. Das hier ist nur ein freundschaftliches Gespräch zwischen zwei Kollegen. Kann ich dir etwas anbieten? Tee?“
„Nein, danke“, entgegnete Jiroushin erneut und ließ sich gefügig auf dem Sofa nieder. „Was wollten Sie mit mir besprechen, Vizeadmiral Garp?“
Der andere sah ihn mit großen Augen an, schmunzelte dann aber.
„Huh, immer wieder lustig mit euch zweien. Bei Mihawk krieg ich jedes Mal das Bedürfnis, ihn mal mit der liebevollen Strenge eines Vaters so richtig zu erziehen, und dir würde ich gerne öfters wie der liebe Onkel von nebenan raten, dich mal etwas locker zu machen. Du bist immer so extrem förmlich. Naja, was soll’s, wird’s dir später leichter machen.“
Er entgegnete nichts, sich nicht sicher, was Garp von ihm wollte. Dieser Mann gehörte zu den Stärksten der Marine und hatte ohne Zweifel gute Chancen, bald selbst zum Admiral ernannt zu werden. Die eigenen Fähigkeiten von ihm anerkannt zu bekommen, wäre für die meisten das höchste Lob, was sie sich erhoffen konnten. Aber Dulacre gab nichts auf die Meinung anderer. Jiroushin hingegen war wachsam.
Viele der alten Riegen kamen mit seinem direkten Vorgesetzten nicht gut klar. Wie sein Vater, Mihawk Gat, es sich früher wohl gewünscht hatte, war Mihawk Dulacre schon als Teenager der Marine beigetreten, aber gerade die älteren Vertreter verstanden nicht, wie ein Bengel von gerade Mal 19 Jahren, der nicht mal Bitte und Danke sagen konnte, es schon zum Vizeadmiral gebracht hatte. Schon einige von ihnen hatten versucht, über Jiroushin an mehr Wissen zu kommen, manche von ihnen hatten sogar schon versucht, ihn umzudrehen.
„Guck mich nicht so an, meine Güte. Ich will nichts von dir, im Gegenteil, ich bin nur neugierig und möchte dir vielleicht einen kleinen Rat erteilen. Keks?“ Nun hielt Garp ihm eine kleine Schale mit Algencrackern hin, doch Jiroushin schüttelte nur den Kopf, woraufhin Garp die Schultern zuckte und sich selbst einen nahm. „Also das Ding ist, du scheinst mir ein guter Bursche zu sein. Ich hab deine Akte gesehen und eigentlich spricht alles für dich, dass du es weit bringen kannst. Aber…“
„Jetzt wollen Sie mir erklären, dass mein Vorgesetzter, Vizeadmiral Mihawk, keinen guten Ruf hat, und sich dies schlecht auf meinen Ruf auswirken könnte? Machen Sie sich nicht die Mühe, Sie wären nicht der Erste, der mir das sagt. Ich bedanke mich, für die Gedanken, die Sie sich um mich machen, aber ich versichere Ihnen…“
Er unterbrach sich, als Garp laut lachte und kopfschüttelnde abwinkte.
„Ach Gottchen, ich will doch gar nicht deine Loyalität testen, Cho. Ich weiß doch, dass du und Mihawk Junior befreundet seid, steht in deiner Akte. Ihr kommt von derselben Insel und seid auf dieselbe Schule gegangen.“
„Vor allem, ganz vorneweg, sind wir beste Freunde.“
„Mhm“, machte Garp und lehnte sich vor, stützte die Unterarme auf den Oberschenkeln ab, „und jetzt kommen wir der Sache näher. Hör mir zu. Ich will dich nicht gegen Mihawk Junior aufbringen, okay? Ich kenne seinen Vater – schon seltsam, dass beide jetzt Vizeadmiral Mihawk heißen, oder? Gibt es selbst hier nicht so oft – und ich kenne seine Vergangenheit, keine schöne Sache, aber das ist hingegen leider keine Seltenheit in unseren Reihen. Aber lass mich ehrlich mit dir sein: Mihawk Junior wird nicht ewig in der Marine bleiben.“
Jiroushin schluckte. „Wie meinen Sie das?“
„Ach, komm schon. Du weißt, wie es hier funktioniert. Ja, wir haben eine starke Anziehungskraft für seltsame Gestalten, aber dennoch gibt es in der Marine klare Strukturen und Systeme und dazu gehört unsere klare Hierarchie. Dein Kindheitsfreund hat es schon weit gebracht – woran sein Vater nicht unschuldig ist, aber die Wahrheit ist nun mal, dass Erfolg belohnt wird, und auch, wenn ich seine Art nicht immer gutheiße, seine Erfolgsrate liegt bei 100%, da kann man nicht meckern – und er könnte es noch deutlich weiter bringen. Er könnte es mit Leichtigkeit zum Admiral schaffen bei seiner Stärke. Aber, Cho, machen wir uns doch nichts vor. Der Bericht war deine Handschrift – alle Berichte sind deine Handschrift – und…“
„Ist es in einer Hierarchie nicht üblich, dass man den Vorgesetzten durch das Übernehmen unliebsamer Arbeiten entlastet?“
„Aber das ist es ja“, meinte Garp und zeigte nun auf ihn. „Du – also genau du – machst genau das, was man von jemandem in deiner Rolle erwartet, und du machst deine Aufgabe hervorragend. Du könntest beim Kämpfen ruhig noch etwas mutiger werden, aber mein Gott, du bist jung, da kriegen wir dich noch hin. Aber guck dir deinen Vorgesetzten doch mal an. Und ich meine nicht die Beleidigungen, das respektlose Auftreten, das Fernbleiben von wichtigen Veranstaltungen, das andauernde Streiten mit Vorgesetzten und seine generell echt herablassende Art.“
„Worauf wollen Sie hinaus, Vizeadmiral Garp? Sehen Sie es mir nach, dass ich nicht gerne zuhöre, wenn Sie meinen Vorgesetzten schlechtreden.“
„Ach, Cho“, meinte dieser nun und lehnte sich zurück. „Wir beide wissen es doch besser. Man braucht eine Motivation, um diesen Job zu machen, und die hat Mihawk nicht. Um ehrlich zu sein, hab ich keine Ahnung, warum er überhaupt hier ist. Er macht es nicht aus Stolz, nicht aus Pflichtgefühl, erst recht nicht wegen irgendeiner familiären Verpflichtung oder aus irgendwelchen idealistischen Beweggründen. Keine Ahnung, warum er sich den Mantel überzieht und sich alle zwei Tage mit irgendwelchen Vorgesetzten oder Dienstälteren anlegt, nur um dann doch seinen Job zu machen, aber ganz ehrlich, der Junge ist eine tickende Zeitbombe.“
Er entgegnete nichts. Vizeadmiral Garp war bekannt für seine ehrliche und wohlwollende Art. Jiroushin war sich bewusst, dass der erfahrene Soldat es gut meinte und Dinge sagen würde, die andere eben nicht mitteilen würden. Aber ganz gleich, was er sagte, es würde nichts an Jiroushins Entschluss ändern.
Er war sich sehr bewusst, was andere über seinen Vorgesetzten und Freund aus Kindheitstagen sagten. Mihawk Dulacre, Sohn eines Wirtschaftsregimes, Kind einer Familie an Meisterschwertkämpfern. Sein Vater, Mihawk Gat, hatte selbst vor einigen Jahren mal auf der Anwärterliste der nächsten Admiräle gestanden, aber dann kamen dessen Ehefrau und Tochter, Dulacres Mutter und große Schwester, bei einem Piratenüberfall ums Leben und seitdem ging es ihm gesundheitlich wohl alles andere als gut. Mit nicht mal 15 Jahren war Dulacre dann der Marine beigetreten und Jiroushin war ihm ohne das leiseste Zögern gefolgt.
Natürlich war er nicht so stark und mächtig wie Dulacre, Wunderknabe des Schwertkampfs, der schon in seinen jungen Jahren mit den beiden „Monstern“ Sakazuki und Borsalino mithalten konnte, sich aber geweigert hatte, in die Ausbildung beim ehemaligen Admiral Zephyr zu gehen, da dies unter seiner Würde sei, und auch an keinem der vielen Trainingswettkämpfe teilnahm, sodass man nicht mal wusste, wer denn jetzt letzten Endes stärker war. Viele regten sich darüber auf, über die tausend Freifahrtscheine, die Dulacre immer bekam, weil er nur das tat, was er wollte. Sie schoben es auf seine Herkunft, Vater aus der Marine, mütterlicherseits Nachfahre der Weltaristokraten, aber Garp hatte es schon ganz treffend beschrieben. Es stimmte, dass Dulacre niemandem Respekt zollte und nur das tat, was er wollte, gleichzeitig nahm er aber jeden noch so schwierigen und riskanten Auftrag an und war immer erfolgreich.
Das ein oder andere Mal hatte manche daher sogar versucht, Dulacre auf den mächtigsten Piraten der Gegenwart anzusetzen. Offiziell, um seine Fähigkeiten zu testen, inoffiziell wohl aber eher, um ihm eine Lektion zu erteilen – oder sich seiner zu entledigen. Jiroushin wusste, dass Garp selbst es gewesen war, der Großadmiral Kong davon überzeugt hatte, dass dies kein kluger Schritt wäre.
Und Jiroushin erinnerte sich auch gut daran, wie erbost Dulacre über das Einmischen von Garp gewesen war. Kurz war er davor gewesen, die Roger-Piraten auf eigene Faust aufzusuchen, da war plötzlich das Gerücht über die Meere geschwappt, dass diese Piratencrew sich aufgelöst habe.
In seiner Wut und seinem verletzten Stolz hatte Dulacre dann mit Sicherheit überlegt, Whitebeard oder ein ähnliches Kaliber herauszufordern, nur um zu beweisen, wie gut er war, aber glücklicherweise hatte Garp erneut eingegriffen und sie auf diese andere Mission geschickt, die Dulacre zumindest abgelenkt hatte.
Jiroushin gestand, darüber sehr dankbar zu sein. Er zweifelte nicht an dem Können seines Vorgesetzten, aber selbst Dulacre musste einsehen, dass sie nicht wissen konnten, wie stark die Stärksten der Welt sein konnten, und wenn selbst Garp, der Held der Marine, sie davon abbringen wollte…
Immer noch sahen sie einander an, aber Jiroushin weigerte sich, die Stille zu durchbrechen. Irgendwann seufzte Garp auf.
„Versteh es doch, Junge. Es gibt für dich nur drei Möglichkeiten, das unbeschadet zu überstehen. Entweder schaffst du es, die Bombe zu entschärfen und deinen Vorgesetzten dazu zu bringen, sich endlich an die Spielregeln zu halten, wenn er es hier zu etwas bringen will. Oder aber du hältst den nötigen Sicherheitsabstand, um nicht von den umherfliegenden Trümmern erwischt zu werden.“
„War das alles?“, fragte er dann.
„Wie bitte?“
„War dieser Ratschlag alles, was Sie mit mir besprechen wollten? Wenn dem so ist, werde ich mich nun empfehlen. Mein Vorgesetzter wartet.“ Mit harten Bewegungen stand er auf. Doch an der Tür blieb er stehen, als der andere ihn nicht aufhielt.
Langsam wandte er sich um und sah den Vizeadmiral an, der ihn weiterhin beobachtete.
„Sie sprachen von drei Möglichkeiten?“
Nun grinste Garp. „Das tat ich.“ Dann erhob er sich und ging zu seinem Schreibtisch herüber. „Pass auf dich und diesen Rotzbengel auf, Kommandant Cho. Es stehen unruhige Zeiten bevor und es wäre eine Schande, wenn die Marine zwei so vielversprechende junge Männer wie euch schon so früh verlieren würde.“
Es war eine seltsame Form der Verabschiedung. Garp war bekannt für seine klaren Ansagen, seine direkten Worte, aber Jiroushin verstand den Sinn dieses Gesprächs so überhaupt nicht. Er war es gewohnt, dass man ihn wegen Dulacre anging und ihm riet, sich von ihm zu distanzieren. Aber das schien nicht Garps wirkliches Ziel zu sein, wie dieser ihn nun angrinste und da verstand er und eilte zur Tür hinaus.
„Du bist ohne mich abgereist.“
„Hör auf, dich wie ein eingeschnapptes Kleinkind anzuhören. Ich musste sofort los und du warst noch in deinem Gespräch mit diesem alten Wichtigtuer.“
„Deine Abreise hätte keine zehn Minuten warten können?“
„Ich hätte dich auch dann nicht mitgenommen.“
Also doch.
„Das war ein abgekartetes Spiel.“
„Jiroushin, sei nicht so anstrengend. Außerdem hast du noch genug zu tun mit dem ganzen Papierkram und ich will gar nicht wissen, wie viele Briefe du noch schreiben musst.“
Tief holte er Luft. Das stimmte. Er hatte noch einige Briefe, die auf eine Antwort von ihm warteten, aber darum ging es gerade nicht.
„Was hast du vor? Warum hast du dich mit Garp verbündet, um mich abzuhalten, mitzukommen?“
„Tze, was redest du für einen Unsinn. Ich hab mich mit niemandem verbündet und ich brauche auch keiner solchen Taktiken. Wenn ich nicht will, dass du mitkommst, befehle ich dir das. Wenn der Alte dich abhalten wollte, mir zu folgen, ist das seine Sache; ich hab mit ihm nichts besprochen.“
„Aber…“
„Nichts aber und es tut nichts zur Sache. Du und die anderen wäret eh nicht mitgekommen. Kong hat nicht nach Kriegsschiffen und Soldaten verlangt, sondern nur nach mir.“
Tief holte Jiroushin Luft.
„Und worum geht es? Du weißt doch auch, dass es gerade jetzt ein paar in der Marine gibt, die es auf dich…“
„Und es ist mir gleich, Jiroushin. Sollen sie mir so viele Fallen stellen, wie sie wollen, dann wird es immerhin nicht langweilig. Aber wir beide wissen, dass der alte Kong viel zu geradlinig ist, als dass er bei solchen Spielchen mitmachen würde. Irgendwelche Schwächlinge sind mit ein paar Zivilisten überfordert und ich soll das ändern.“
„Zivilisten? Wäre es da nicht besser, einen Diplomaten hinzuschicken?“
„Das dachte ich auch. Aber anscheinend haben die Inselbewohner nun eine Piratencrew angeheuert und plötzlich ist das Geheule groß.“ Die Teleschnecke grinste. „Siehst du, es wird wahrscheinlich ziemlich interessant.“
Aber Jiroushin glaubte ihm nicht, glaubte diesem Frieden nicht, während er seine Briefe schrieb und sein mulmiges Gefühl ausdrückte, darüber, dass Dulacre zu dieser seltsamen Mission aufgebrochen war, und er fragte sich, warum ausgerechnet Vizeadmiral Garp ihn da hatte raushalten wollen.
Wenige Wochen später sollte er herausfinden, dass sein Bauchgefühl sich bewahrheitet hatte, dass Garp unwissentlich – oder vielleicht auch wissentlich – in seinem Sinne gehandelt hatte.
Denn während er auf dem Trainingsplatz die Schwertkunst übte, auf Briefe aus der Heimat wartete, auf einen Anruf aus der Fremde wartete, da kam die Nachricht.
Mihawk Dulacre hat die Marine verraten.
~September, 1500~
Es regnete.
Vor wenigen Stunden hatte noch die Sonne auf die unzähligen Menschen auf dem Marktplatz niedergebrannt.
Nun regnete es.
In einem neuen Zeitalter.
Nach der Hinrichtung waren die Massen an Schaulustigen schnell von den Soldaten verdrängt worden, aber erst der Regen hatte die Straßen und Gassen geleert. Als wären sie alle vor ihm geflüchtet.
„Was willst du hier?“
Er lehnte gegen irgendeine Häuserwand mit verschränkten Armen.
„Wenn ich ganz ehrlich bin, dir eine reinschlagen.“
„Na dann, probiere es, aber denke nicht, dass du mich gefangen nehmen kannst.“
„Wer sagt, dass ich das vorhabe.“
Unbeeindruckt hielt er diesem kalten Blick stand, konnte sehen, wie die grellen Augen ihn musterten, während der Regen das schwarze Haar hinabtropfte.
„Was hast du da überhaupt an? Komplett schwarz und dann auch noch dieser Umhang? Schon ne kleine Modesünde.“
„Die passende Kleidung, wenn man in einer Stadt voll Soldaten nicht auffallen will. Ganz anders als du. Ist es dir so egal, wenn man dich sieht? Du weißt, dass ein Kopfgeld auf dich ausgesetzt wurde?“
Nun grinste Dulacre. „So leicht kommt man heute schon an sein eigenes Kopfgeld? Erbärmlich.“
„Du bist desertiert, Dulacre. Du hast über…“
„Ich bin nicht desertiert, prüf deine Fakten, Jiroushin. Ich habe meinen Auftrag erfolgreich ausgeführt und danach habe ich die Marine verraten und alle getötet.“
„Warum?!“ Nun stand er ebenfalls im Regen, direkt vor dem anderen, mit ausgebreiteten Armen. „Warum hast du das getan? Warum hast du…?“
Sie sahen einander einfach nur an, der Regen prasselte laut auf sie nieder.
„Das System ist verdorben“, sprach Dulacre dann, aber alle Häme, alles Überhebliche war fort. Er klang… müde, als hätte er endlich den Beweis für einen Verrat, von dem er schon lange gewusst hatte. „Wenn du gesehen hättest…“
„Aber das habe ich nicht, weil du mich nicht mitgenommen hast.“
„Und das war besser so.“
„War es das? Dulacre, du wirst gesucht wie ein Verbrecher! Du hast… das waren keine Piraten, keine Kriminellen! Du hast ehrbare Leute umgebracht.“
Mit einem Schmunzeln schüttelte Dulacre den Kopf und sah dann zum Wolkenverhangenen Himmel auf.
„Ehrbare Leute? Oh, werd‘ erwachsen! Was glaubst du, haben die da gemacht? Glaubst du wirklich, es gab nur die Guten und die Bösen? Waren die Zivilisten dann die Bösen? Weil sie sich gegen die Marine erhoben haben? Weil sie mit Piraten gemeinsame Sache gemacht haben? Oder vielleicht waren es doch die Soldaten, die in ihrer Position zu arrogant wurden? Vielleicht waren ja sogar die Piraten die Guten.“
Er starrte Dulacre an.
„Wovon zur Hölle redest du denn?“
Doch Dulacre zuckte nur die Schultern und schritt an ihm vorbei.
„Davon, dass es die absolute Gerechtigkeit nicht gibt, und wenn doch, dann nicht in den Strukturen der Marine. Deshalb bin ich gegangen. Deshalb habe ich mich gegen diese Soldaten gewandt, die im Namen der absoluten Gerechtigkeit doch nichts Besseres waren als die Verbrecher, die wir jagen sollen.“ Er blieb stehen, ohne sich umzudrehen. „Hasst du mich jetzt? Da ich das verraten habe, wofür du stehst? Oder weil ich dich zurückgelassen habe?“
Was sollte er darauf antworten? Was konnte er schon antworten?
Vor wenigen Stunden hatte die Hinrichtung von Gol D. Roger ein neues Zeitalter eingeläutet, indem ein Mensch gestorben war, gleichzeitig schien seine eigene Welt gerade zu zerbrechen. Er würde nicht behaupten, dass seine Kindheit perfekt gewesen war, aber er war schon recht behütet aufgewachsen, Kind von strengen, aber wohlhabenden Eltern. Es stimmte auch, dass die Marine ein Kulturschock gewesen war, so viel Armut, so viel Leid, was er auf seinen Reisen gesehen hatte, so viele tote Menschen und so viele… die er hatte töten müssen. Aber er hatte immer gedacht, im gerechten Sinne zu handeln, das Leid auf sich zu nehmen, um etwas Gutes erschaffen zu können. Einem Freund helfen zu können, auf ihn aufpassen zu können, so wie dieser jahrelang auf ihn aufgepasst hatte. Dulacre war kein einfacher Mensch und sein Verhalten war manchmal alles andere als moralisch, aber das hier… Er sah seinen besten Freund an, der jetzt unzählige gute Menschen umgebracht hatte, ein Monster geworden war. Genau ein solches Monster geworden war, wie die, die Jiroushin geschworen hatte, zu jagen, und er fragte sich nur noch eines. Wieso war er hier? Dabei wusste er die Antwort.
„Es tut mir leid, Jiroushin. Ich habe kein Interesse daran, gegen dich zu kämpfen, also bitte versuche nicht, mich festzunehmen. Das wird dir nicht gelingen.“
„Ich habe nicht vor, dich festzunehmen.“
Oh, da war es ihm doch tatsächlich mal gelungen, Dulacre zu überraschen, der ihn nun mit großen Augen ansah, dann seine Kleidung erneut musterte. Jiroushin hatte das weiße Hemd und die blaue Hose der Marineuniform gegen unscheinbare schwarze Kleidung mit einem ebenso schwarzen Umhang mit Kapuze eingetauscht.
„Nein, du hast doch nicht…?“
„Keine Sorge, ich bin nicht desertiert, ich habe auch niemanden umgebracht, um hier zu sein. Ich… bin einfach gegangen; hättest du auch tun können.“
„Jiroushin, du kannst doch nicht einfach…“
„Gehen? So wie du? Doch natürlich, genau das habe ich ge-“ „Jiroushin!“ Dulacre hatte ihn an den Oberarmen gepackt. „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?!“
„Das könnte ich dich fragen? Was zur Hölle ist in dich gefahren? Hattest du das geplant? Und dann ohne mir Bescheid zu geben? Kein Wunder, dass Garp so einen Mist er…“
„Ich hatte nichts geplant!“ Er glaubte ihm, sofort, ohne Frage. „Und ich… ich konnte nicht bleiben. Aber du… du hättest bleiben müssen. Verdammte Scheiße, Jiroushin! Was tust du denn hier? Du hast es doch geschafft! Kommandant, alle sagen dir eine gute Zukunft voraus. Deine Eltern sind stolz auf dich und geben dir endlich die Anerkennung, die du verdienst. Du hast dieses Mädchen, die dir abertausende Briefe schreibt. Kehr um! Geh nach Hause! Entschuldige dich für dein Fernbleiben. Mein Vater wird es schon richten, dass dir daraus niemand ein Strick dreht – ich meine, ich hab so viel mehr Scheiße gebaut, was sind da ein paar unentschuldigte Fehltage – und wenn du…“
„Glaubst du wirklich, ich würde zurückgehen?“
Immer noch hielt Dulacre ihn fest, aber mittlerweile tat es nicht mehr weh, als er seinen Griff lockerte.
„Du haust ab und verschwindest? Was hast du bitte vor? Hast du überhaupt etwas vor? Hast du überhaupt einen Plan? Nein?! Dachte ich mir! Also nein, ich lass dich nicht im Stich, ich lass dich nicht einfach abhauen und ich lass nicht zu, dass wir uns eines Tages gegenüber stehen und… Feinde sind.“
Dulacre hatte ihn losgelassen.
„Was ist mit deinen Eltern?“
„Denen konnte ich doch eh nie gerecht werden und Vater war noch nicht einmal begeistert davon, dass ich der Marine beitrat.“
„Und was ist mit deinem Job?“
„Was soll damit sein? Im schlimmsten Fall werfen sie mich raus, dann war es das halt. Aber ich hab nichts Verbotenes getan, also können sie mir nicht wirklich was.“
Sie sahen einander an.
„Was ist mit ihr?“
Jiroushin lächelte. „Sie hat mir einen Antrag gemacht.“
„Wa… was?“ Dulacre blinzelte mehrmals.
„Sie sagt, ich soll gut auf mich aufpassen, und auf dich.“
„Sie… sie lässt dich gehen?“
„Lirin ist eine tolle Frau. Ich glaube, ich liebe sie wirklich.“
„Dennoch willst du sie jetzt verlassen und mir ins Nirgendwo folgen?“
„Ich verlasse sie nicht, sie ist immer bei mir.“ Er klopfte auf seine Brusttasche, in der er ihre Briefe verwahrt hatte. „Und wir gehen nicht ins Nirgendwo. Wir gehen in die große weite Welt. So wie…“ Er zögerte.
„So wie Sharak es sich immer gewünscht hat.“ Und für einen Moment war er da, im Regen, für einen Moment war es Hawky, sein bester Freund aus Kindertagen, als seine Schwester noch gelebt hatte. Das Lächeln, das Strahlen, die Neugierde. „Bist du dir sicher?“
„Du kennst mich doch. Ich hab Schiss, aber das heißt nicht, dass es mich aufhalten wird. Ich folge dir überall hin, ins Büro des Rektors, auf fremde Schiffe, in die Marine, na dann, jetzt halt ans Ende der Welt.“
Dulacre grinste und hielt ihm eine Hand hin.
„Na dann, bis ans Ende der Welt, Jirou.“
Jiroushin grinste ebenfalls.
„Bis ans Ende der Welt, Hawky.“