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Blizzard

Überleben zwischen Schnee und Eis
von

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Alles unter Kontrolle! (Beta gelesen)

Kai saß da und sah Yuri zu, wie er gierig seinen eigenen Teller voll Suppe in sich hineinschaufelte. Unfassbar, wie schnell er aß… Was war das eigentlich, was man ihnen zum Essen gab? Es schien eine Art von eingelegten Gurken zu sein, die kleingehackt mit kleinen Fleischstücken in einer dünnen, rötlichen Brühe zusammen mit reisähnlichem aufgequollenem Getreide schwammen. Hier und da hatte sich wohl etwas Grünes, wie Petersilie, darin verirrt. Das war ein wirklich seltsam anmutender Eintopf, der zudem sehr nach Essig schmeckte und roch.

Kai rümpfte die Nase. Es zog ihm den Magen zusammen, als würde er sich verknoten wollen. Der Geschmack war zwar ziemlich gewöhnungsbedürftig, aber dass sein Magen so konsequent mit Veto reagierte, kannte er von seinem Körper nicht.

In der japanischen Küche gab es schließlich auch Dinge, die durchaus eigenartig schmeckten. So wie Natto, aber das russische Essen schien irgendwie anders auf den Körper zu wirken. Wieder spürte Kai dieses Drücken und Ziehen in der Magengegend. Und wohl besonders auf seinen Körper. Er unterdrückte einen Rülpser. Er sah sich um. Die anderen schienen keine Probleme damit zu haben. Sie aßen wie die Räuber, als seien sie ausgehungert, ihre Teller in Windeseile leer.

Kai atmete tief ein.

Seit dem Morgen, nach dem breihaltigen Frühstück, hatte er fast sowas, wie Steine im Bauch. Immer wieder schien sein Körper damit zu kämpfen. Nichts, was er unbedingt als schmerzhaft verbuchen würde, aber besonders angenehm war es auch nicht. Und dass obwohl er nur wenige Löffel davon essen konnte. Vielleicht brauchte sein Körper einfach nur Zeit, um sich an die Essensumstellung zu gewöhnen.

Deshalb entschied er, es weiterhin langsam mit dem unbekannten Essen anzugehen und den Rest seiner Eintopfportion zu Yuri rüberzuschieben. Der sah ihn verwundert an, aber schien sich dann doch darüber zu freuen. Er machte sich ohne Umschweife schlürfend auch über Kais Teller her.

Erneut fing Kais Bauch an, Theater zu machen. Langsam nervte es ihn. Das ging nun schon den halben Tag so, …

Maul halten!

Kai grummelte leise vor sich hin, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. In ein paar Tagen würde alles wieder beim Alten sein. So lange würde er einfach rationiert Essen zu sich nehmen. Er musste ja nur so viel essen, dass er über den Tag kam, und es vorerst vermeiden, sich nicht unnötig den Bauch vollzuschlagen.

Das schien ihm eine logische Problemlösung. Seine Augenbrauen zuckten kurz zusammen, als der Magen erneut Meldung gab.

Wag es nicht!

Nach außen saß Kai ruhig da, die Beine betont lässig übereinandergeschlagen, die Arme vor der Brust verschränkt. Er versuchte, sich abzulenken und seinen körperlichen Regungen keine Bühne mehr zu geben. Weder sich selbst gegenüber, geschweige denn vor den anderen, hatte er vor, dem Körper diese Schwäche zu erlauben.

Wäre doch gelacht, wenn er das nicht in den Griff bekäme. Das war schließlich nur alles eine Sache der Disziplin. Innerlich grinste er siegessicher. Davon war Kai zu hundert Prozent überzeugt. Was er nicht beachtete, gab es auch nicht! Das galt auch für diesen Fraß!

Er schloss die Augen. Das Essen zu riechen, reichte ihm völlig; da musste er es nicht auch noch die ganze Zeit sehen. Zudem wollte er damit seinen Magen unter Kontrolle bringen. Deswegen konzentrierte er sich auf das klappernde Geräusch vor ihm, wenn Yuri seinen Löffel durch den metallischen Suppenteller zog. Er fokussierte sich auf dieses Geräusch und konnte die anderen schmatzenden Mäuler in der Halle fast komplett ausblenden. Er hörte nun fast ausschließlich Yuris Schlürfen und konnte so mühelos herauslesen, ob er noch am Essen war oder nicht.

Zudem wusste Kai sich zu benehmen und empfand es als unhöflich, anderen beim Essen zuzusehen, wenn man selbst nichts aß. Somit war für ihn das Augenschließen das Sinnvollste, was er grade tun konnte.

Da er grade nicht viel machen konnte, ließ er seine Gedanken schweifen: Yuri schien mit den anderen etwas wie eine Freundschaft zu pflegen. Nein, … Kai runzelte die Stirn. Nein, … dass stimmte so nicht. Das war der falsche Begriff. Es war eher eine Art Zweckgemeinschaft oder aber auch etwas, wie eine geduldete Koexistenz. Vielleicht auch eine eigennützige Weise von Zusammenhalt, was zwischen den vieren herrschte.

Zum einen war da dieser alberne Vogel: Bryan. Kai schnaubte genervt.

Ständig gab er dieses nervende Kichern von sich und konnte es nicht lassen, alles und jeden zu veralbern. Als würde er nichts ernst nehmen können. Kai konnte sich ein innerliches Augenrollen nicht verkneifen. Wie konnte man nur so kindisch sein? Ob er Stolz besaß? Kai überlegte kurz. Vielleicht ein bisschen, wenn dann aber nur kurzweilig. Ob er ihn ernst nehmen sollte? Diese Frage verwarf Kai schnell wieder, … darüber nachzudenken, war ihm die Mühe nicht wert.

Dann gabs da noch den Kleinen: Ian nannten sie ihn. Kai musste schmunzeln. Der Kerl ging ihm gerade mal bis zu den Schultern, aber er versuchte unentwegt Eindruck zu schinden. Zudem sehr aufbrausend, fast schon cholerischer Natur. Kai schüttelte gedanklich den Kopf. Wirklich kaum zu glauben, dass der kleine Wicht, ohne mit der Wimper zu zucken, sich mit Yuri angelegt hatte. Wirklich mutig, oder aber auch einfach nur töricht, ... Selbstbewusstsein hatte er zumindest – ja, das auf jeden Fall. Aber gefährlich? Kai grinste innerlich. Nein, das absolut nicht.

Und der ganz große? Kais Gedanken stockten kurz. Viel wusste er noch nicht über ihn. Bisher wusste Kai nicht einmal, wie er hieß. Was er wusste: Muskeln prägten sein Erscheinungsbild überall. Er hatte definitiv Präsenz, wenn er den Raum betrat. Das konnte Kai nicht leugnen. Es war wohl besser, wenn man dem Typen nicht in die Quere kam. Und trotzdem … im Kopf schien es bei ihm wohl nicht allzu helle zu sein. Kai hatte Respekt vor der Muskelkraft, ja, aber in Kais Augen wirkte er aber mehr wie ein leicht einfältiger Geselle.

Und der Vierte im Bunde war Yuri. Ein langer, schlaksiger Bursche. Körperlich ein Fliegengewicht, aber im Köpfchen offenbar sehr fit. Er hatte zwar nicht so eine Präsenz, wie der Breitrückengorilla, und war auch um einiges ernsthafter als Bryan und schien auch nicht so furchtlos, wie Ian zu sein, … und doch war er wohl recht zäh und wusste sich durchzubeißen. Gerade das machte ihn gegenüber den anderen irgendwie anders. Auf eine seltsame Art fand Kai ihn interessant, fast ein wenig gefährlich, …wenn man das so nennen konnte. Naja, … zumindest auf seine eigene verschrobene Weise.

Kai lehnte sich zurück, um seinem noch immer rebellierenden Magen etwas mehr Raum zu verschaffen, denn so konnte er seinen Bauch etwas mehr entspannen. Sein Rücken lag nun gegen die kalte Steinwand hinter ihm. Er verschränkte die Arme vor der Brust neu und beobachtete die Szene vor seinem inneren Auge mit einer Mischung aus Spott und pragmatischem Respekt:

Ian war nur Lärm, Bryan nur Theater und der Große nur Muskelmasse, …

Aber keiner von ihnen schätzte er so ein, dass sie ihm im Ernstfall gefährlich werden konnten.

Nur bei Yuri schien er ins Straucheln zukommen. Verdammt, was hatte dieser Kerl nur an sich, dass Kai stehts das Gefühl hatte, ihn nicht unterschätzen zu dürfen?

Kai knurrte vor sich hin, als er sich bei diesem Gedankengang über Yuri erwischte.

So ein Mist! Wieso sollte ihm einer, wie Yuri gefährlich werden können? Was sollte diese Bohnenranke schon gegen ihn ausrichten können?! Noch ehe Kai dem Gedanken zu Leibe rücken konnte, stellte Yuri die Teller aufeinander und Kai öffnete die Augen. Er hatte nicht bemerkt, dass Yuri nicht mehr am Essen war. Zu tief war er in seinen Gedanken abgetaucht gewesen.

Es brauchte einen kurzen Moment, bis sich Kais Augen wieder an die Umgebung und das Licht gewöhnt hatten.

Yuri erhob sich, mit routinierten Handgriffen hatte er Besteck und Teller zusammengerafft und trug sie zu Olga zurück.

Also gut, dann wollen wir mal. Kai erhob sich. Sein Magen legte eine weitere Beschwerde ein, doch das hatte er sich ja vorgenommen zu ignorieren.

Kai sah sich um. Noch schien der ganze Saal in ein freies Pöbeln und Witzeln auf Kosten aller verstrickt zu sein. Es hatte fast etwas von einer Pausenhofatmosphäre. Alles schien ungezwungen vor sich hinzuplätschern. Kais Blick wanderte durch den Saal.

Erst jetzt fiel ihm die ungewöhnliche Bauweise dieser Halle auf. Sie hatte im Gegensatz zum restlichen Zustand der Anlage, sogar Buntglasfenster mit stilvollen Verschnörkelungen an den Rahmen. Allgemein schien hier mehr Wert auf den Allgemeinzustand gelegt worden zu sein. Kai sah sich immer mehr um. Interessanterweise gab es unter den großen bunten Fenstern eine Erhöhung im Saal. Ganze fünf Stufen führten dort hinauf. Sie erstreckten sich über die ganze Breite des Raumes. Beeindruckend war auch die Deckenhöhe, sie war an dieser Stelle ungewöhnlich hoch. Sie war dunkel gehalten mit vergoldeten Elementen. Es gab dort sogar eine richtige Kuppel mit sternförmigen Gebälk, was wohl die ganze Konstruktion stützte.

Von dort hingen zwei mehrarmige Kerzenhalter von der Decke. Wirklich beeindruckend, stellte Kai für sich fest. Denn wenn auch sonst auf der ganzen Anlage eher Mangel herrschte, so hatte man dort wohl eindeutig andere Ansichten einfließen lassen.

Mittig auf dieser Erhöhung stand ein Tisch aus dunklem Holz. Auf dem, im Gegensatz zu den Tischen, an denen die Jungen speisten, sogar eine Tischdecke lag. Sie war samtig rot mit goldenen Fransen und Quasten. Darauf standen Silberkrüge. Und auch die Stühle um den Tisch herum waren samtig rot gepolstert und ihr dunkles Holz glänzte edel im flackernden Licht der Halle.

Kai war erstaunt, so etwas hier zu sehen. Diese Logik erschloss sich Kai nicht im Geringsten. Wie konnte so etwas Edles neben so viel Entbehrung existieren und schien keinem etwas auszumachen. Äußerst seltsam.

Dann fiel ihm eine schmale Messingtreppe auf. Er folgte dem Verlauf der Treppe mit seinem Blick die Wand entlang und sah eine Art kleinen Balkon am oberen Ende der Treppe.

Was war das denn? Und für was gab es diese Vorrichtung?

Welch einen Sinn hatte eine Treppe, die offensichtlich im Nichts endete? Kai versuchte den Nutzen dahinter zu verstehen. Handelte es sich hier etwa um eine Aussichtsplattform? Kai sah in die gegenüberliegende Richtung und sah zwangsläufig zu Olga, die die dreckigen Teller von Yuri entgegennahm. Nein. Wohl eher nicht. Wer wollte so etwas von da oben schon sehen wollen? Dies konnte nicht der Grund für dieses seltsame Bauwerk sein. Oder, ….

Hatte es vielleicht etwas mit Kontrolle zu tun? Natürlich! Kai fiel es wie Schuppen von den Augen. Es ging hier nicht um die Aussicht von dort oben. Es war ein Kontrollturm, wie in einer Militärkaserne. Kai schnappte nach Luft. Von dort konnte man den ganzen Saal überblicken und genau beobachten, was in diesem Wirrwarr an halbstarken Kerlen los war. Kai schluckte. Nun war ihm alles klar. Das war mehr als eindeutig, dies hier war absolut keine Bildungsstätte, sondern ein Mittel zum Zweck.
 

Blitzschnell hatte er nun die Lage erkannt und gescannt. Mit einem hektischen Blick hatte er die Ecken des Saals lokalisiert. Dort standen sie: die Kuttenträger! Jetzt machte alles Sinn!

Deswegen, auch die Reaktionen der anderen, wenn sie ihnen begegneten. Diese Typen waren keine Betreuer, sondern viel mehr die Machtinstrumente für offene Kontrolle über alles und jeden. Kai knurrte und sein Magen krampfte sich wieder zusammen. So was Widerwärtiges! Er ballte seine Fäuste. Was war das hier für ein Saftladen? Dass man mit den Jungen so umging?

Die Hintergründe zu alldem kannte Kai zwar noch nicht, aber es war mehr als naheliegend, dass dieser schmierige Boris seine stinkenden und dreckigen Finger großzügig mit im Spiel hatte. Er biss die Zähne so fest aufeinander, dass sie knirschten.
 

„Kai!“, wurde er angesprochen. Kai schreckte aus seinen Gedanken hoch.

Yuri stand fordernd vor ihm. Er machte eine nickende Kopfbewegung zur großen gusseisernen Tür und ging voraus.

Kai seufzte. Also gut, dann auf ein Neues. Das ewige ‚Hündchen-Spiel‘ kannte er ja schon. Zumindest hatte Yuri mal nicht nach ihm gepfiffen und ihn sogar mit seinem Namen angesprochen. Ein Fortschritt. Wenn auch ein kleiner. Etwas träge erhob Kai sich von seinem Platz und folgte Yuri nach draußen.



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