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Eisschollentanz

von

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Ein Schritt auf Zehnspitzen, ein weiterer kleiner Sprung, eine Drehung aus der Hüfte, landen und in die Knie gehen, um das Tor zu öffnen und den Toten zu gedenken.
 

Sie war an diesem Tag alleine in der eisigen, weitläufigen Höhle oben auf dem Berg, in dem ein Tempel gebaut war. Vor diesem Tempel gab es einen großen See, welcher hell erstrahlte, als würde er von innen leuchten. Mehrere Inseln aus Eis stachen aus diesem See hervor, um den sich nach wie vor Mythen rankten.

Der Winter nahte mit großen Schritten, und die junge Frau mit den rötlich blonden Haaren war einmal mehr ihren Tanzschritt durchgegangen, den sie für eine große Zeremonie einstudiert hatte.
 

Ihr Name war Vika Jewele, und sie war Nachfahrin einer Familie, die seit Generationen schon diesen heiligen Tanz vollführte, jedes Jahr zum Fest der vergangenen Seelen, welche jedes Jahr den Winter einläuteten.
 

In diesem Jahr wurde sie 21 Jahre alt und trat das Erbe an. Doch ihre Schritte waren wackelig und mit den bloßen, nackten Füßen auf dem Eis zu balancieren, brannte unter der Haut. Ihr Körper war von Natur aus resistent gegen die eisige Kälte, aber das viele Umherspringen setzte ihren Gliedmaßen allmählich zu.
 

„Vika, meinst du nicht, es reicht für heute?“
 

Am Höhleneingang trat ihre Mutter Radha hervor. Sie hatte sich den langen Weg hoch zum Höhlentempel hoch gekämpft. Sie war in Decken gehüllt und angestrengt.

Vika hatte sich wieder verausgabt, sodass sie die Zeit beinahe vergessen hätte. Gewissensbisse plagten sie kurzzeitig. Sie wollte aber auf keinen Fall einen Fehler machen und fit sein für das Ritual. Denn in drei Tagen bereits würde der spirituelle Eisschollentanz stattfinden.
 

Radha, die ehemalige Eisschollentänzerin, hatte den ganzen Tag bereits bei den Vorbereitungen geholfen. Viele der Dorfbewohner standen der Familie Jewele sehr nahe, und bewunderten sie für ihre Fähigkeiten. Sie lebten abseits von vielen Großstädten, in denen viel Korruption herrschte, denn sie lebten die Tradition.
 

Im Dorf Manafell lebten viele seit jeher spirituelle Menschen, deren Glaube an die Wiedergeburt, die Reinigung von Seelen, und Ritualen zur Erlösung derer sehr stark erhalten blieb. Die Welt war in einem Wandel, das merkten sie alle, und außerhalb waren die Feste und Rituale eher verpönt und veraltet.

Vor einigen Jahrzehnten gab es mitunter noch sehr viele Bündnisse mit Händlern aus der großen Stadt am Fuße des Berges namens Grimsholt, doch mittlerweile ist ein derartiger Austausch kaum noch vorhanden. Es herrschte Stillschweigen zwischen diesen beiden Fronten, doch den Bewohnern Manafells war dies insgesamt bedeutend lieber als einen noch größeren Zwiespalt hervorzurufen.

Sie hatten noch einiges an Erspartem aus besseren Tagen, sie versorgten sich selbst, und jeder unterstützte sich. Sie waren wie ein kleines Völkchen, welches darauf verzichtete, sich von einem einzelnen Anführer leiten zu lassen. Vielmehr teilten sie ihre Arbeit gerecht untereinander auf.

Familie Jewele selbst nahm ein wenig die Position des Bürgermeisters ein und sorgte für eine gewisse Ordnung, aber ohne sich hierarchisch aufzuspielen.
 

Demnach herrschte eine außerordentlich treue Loyalität in Manafell, etwas, was man wohl nur noch selten zu Gesicht bekam.

Die Stände für das Eisschollenfest standen, die zum Großteil aus eigener Produktion stammende Ware wurde für die Verkaufsstände aufbereitet.
 

Radha und ihr Mann Stean betrieben eine Art Taverne nahe des Aufstiegs. Dieser Platz war umringt von Tannen, mit einem Brunnen in der Mitte, der besonders im Antlitz des nahenden Winters wie ein Portal in ein fremdes Land voller Magie wirkte. Die kleinen Feuerstellen und Laternen ließen den Platz wunderschön und sanft erstrahlen. Mehrere Tische und Bänke luden hier während der Festlichkeiten zum Verweilen ein. Künstlerinnen und Künstler hatten im Vorfeld Skulpturen und Werke gefertigt, welche zwischen den Häusern für ein einzigartiges Bild sorgten. Sie alle zu ehren

Die Menschen genossen diese gemeinsame Nähe immer sehr. Feste an diesem Platz fanden immer mal wieder statt. Doch das Eisschollenfest zur Begrüßung des Winters war etwas besonderes.
 

Es war hier Tradition, sich gegenseitig kleine Geschenke zu machen. Viele Menschen schnitzten oder kreierten kleine Aufmerksamkeiten, manch einer schrieb einen Brief, romantisch veranlagte verschenkten Blumensträuße.
 

Einige Straßenmusiker beglückten die Bewohner mit traditioneller Musik. Es waren Klänge, welche die Natur, den Wind, und die Verbundenheit aller Seelen derer zusammenbrachten, die in Manafell lebten. Sie fühlten die Musik. Sie alle liebten die Melodien, welche seit jeher fortgebracht worden waren.
 

Stean, welcher ein ehemaliger Krieger Grimholts war, genoss diese Zusammenkunft mit jedem Jahr ein bisschen mehr. Er war stolz darüber, dass seine Tochter die Zeremonie in der Berghöhle darbieten würde.

Gestärkt von dem Fest, dem Mahl und vielen, sehr erleichternden Gesprächen, versammelten sich die Menschen um ein Lagerfeuer in der Mitte. Stean nahm die erste Fackel in seinen Besitz, denn nun würde der denkwürdige Aufstieg auf den Berg beginnen.
 

Der Tavernenbesitzer erhob die Fackel, entzündete sie und schloss die Augen. Radha hielt seine Hand und bestärkte ihn. Gedanken an eine längst vergangene Zeit traten in Steans Bewusstsein. Dieses Fest war nicht nur eine Zeremonie, um den Winter zu begrüßen. Es war ebenso eine immer wiederkehrende Reise zu sich selbst und dem tiefsten Innern.

Waren die Gespräche und Gedanken noch locker und seicht, so machten sie sich nun auf, eine Verbindung tief im Innern der eigenen Seele herzustellen.
 

Es war wichtig, um die vielen verlorenen Seelen und Geister der Toten später wahrzunehmen und ihnen den nötigen Respekt zu zollen, und sie auf ihren weiteren Weg zu begleiten.
 

Das Feuer, welches sie mit sich trugen, standen für das Lebenslicht der Menschen, für den Mut und das Aufblicken, auf dass die Verstorbenen einst in Freiheit weiterziehen können, erlöst würden und letztendlich wiedergeboren.
 

Stean merkte, dass es noch immer genug verdrängte Gefühle in ihm gab, über welche er nicht sprach, und das schon seit vielen Jahren. Nicht einmal Radha wusste davon. Die letzten Jahre hatte er immer wieder den ergreifenden Geschichten der Bewohner gehorcht, aber bewusst nie über sein eigenes Leben so sehr nachgedacht.

Er hatte schließlich alles, was er sich im Grunde wünschte. Menschen um ihn herum, die ihn und die Familie ehrten und ihm ein hohes Ansehen entgegenbrachten. Einen Job als Kellner und Unterhaltungskünstler in der Taverne. Einen Wald in der Nähe, in dem er immer wieder Holz hackte für das Lagerfeuer und im Sommer neue Bäume pflanzte. Eine liebevolle Frau und eine ehrgeizige, und emotional starke Tochter. Sie lebten hier frei von jeglichen Lasten und Pflichten, welche ihm in jüngeren Jahren auf dem Schlachtfeld fehlte.
 

Doch die dunklen Tage aus der Zeit als Kind und als junger Erwachsener verfolgten ihn bis heute.
 

Er und Radha nahmen sich an die Hand. Vor wenigen Tagen noch hatten sie sich geschworen, keinerlei Geheimnisse mehr voreinander zu verbergen. Radha vertraute ihm nahezu blind, und er fühlte sich schlecht, dass er noch nicht über alles reden konnte, und nahm sich für diesen neuen Winter vor, etwas daran zu ändern.

Bisher tat er es aus Selbstschutz nicht, und deswegen, weil seine eigenen Erinnerungen ein wenig verschleiert waren. Doch vielleicht half es ihm, an einem Tag wie heute, den Kopf ein wenig frei zu bekommen und die Seele zu beruhigen, so wie es das Ritual von allen erwünschte – von den Verstorbenen wie auch den noch Lebenden, um erlöst zu werden.
 

Vika war bereits in der Nacht zum Berg heraufgestiegen, um sich mental für den Tanz zu erden.

Sie hatten ein inneres Vertrauen in ihre Tochter, dass sie dem Druck standhalten würde. Sie war eine pflichtbewusste junge Frau, der es mehr als nur wichtig war, die Spiritualität fortzuführen und auch der Nachwelt zu präsentieren.
 

Vika hatte durch ihre Meditation erlernt, auf längere Zeit ihre Konzentration zu fokussieren, länger ohne Nahrung auszukommen, und ihren Körper noch mehr auf die Kälte abzustimmen. Neben einer inneren Veranlagung, die Kälte des Bergs abzustreifen, wurde auch immer wieder eine hohe Sensibilität für die Geisterseelen und Gefühle, welche die Wesen ausstrahlen weitervererbt.

Radha hatte ihr bereits in jungen Jahren erklärt, was die eigenartigen Winde, die Stimmungen in ihnen, das Wehen derer welches wie ein Flüstern klang, bedeuteten. Nur einmal im Jahr, zum Eisschollentanz, öffnete sich das Tor, welches das Diesseits mit dem Reich der Toten verband.
 

Bereits vor Jahrhunderten war der Berg ein Ort, um den sich Mysterien, Gruselgeschichten, und Legenden rankten. Vika hatte eines der vielen Schriften wieder beiseite gelegt. In einer hinteren Kammer waren einige Bücher, welche ihre Vorfahren niedergeschrieben haben, wie in einer Bibliothek aufgereiht. Sie war seit jeher fasziniert von der Geschichte und hatte in den letzten Jahren ihrer Mutter immer wieder selbst dabei zugesehen, wie sie tanzte.

Sie tunkte eine Hand in das eisige Wasser. Es war das klarste Wasser, welches man sich vorstellen konnte. Die Eisschollen glitzerten. Auch wenn die Sonne bereits untergegangen war, erstrahlten sie hell. Sie wirkten, als wären sie das Licht, welches die Seelen im Zuge des Ablebens empfing.
 

Ich werde mein Bestes geben, flüsterte Vika sich selbst zu. Eine Melancholie befiel sie. Sie merkte, dass sich hier wirklich viele Gefühle von Trauer, von Verleumdung, und von Angst sammelten.

Es setzte sich einmal mehr in ihr Herz, drückte es nieder und brannte sich ein. Das Gefühl war noch stärker als an all den Tagen zuvor, oder überhaupt jemals.
 

Sie schluckte herunter. Für diesen Moment musste sie bei sich bleiben, und als die Wächterin fungieren, zu der sie auserkoren war.
 

Ich werde euch hören, und den Wunsch erfüllen, Kontakt zu euren liebsten aufzunehmen.
 

Sprach sie leise in die Öffnung, welche zum Sternenhimmel führte. Diese Nacht gab der Anblick der Höhle ein besonders bezauberndes Bild ab.
 

Ich werde eure Botschaft weitergeben.
 

Sie hatte sich in das leichte, erstrahlende Gewand gehüllt und glich damit förmlich einem überirdischen Geisterwesen. Eine Leichtigkeit machte sich in ihr breit, von der sie nicht wusste, woher sie kam. Es war, als würden die vorherigen negativen Gefühle in den Berg eingesogen werden.

Die Nacht strahlte eine besondere Magie aus. Vielleicht war es ein Zusammenspiel aus alledem, vielleicht war es der Beginn, welches andeutete, dass sich nun das Tor öffnen wird.
 

Ein laut aufsteigendes Feuer entzündete sich am Himmel. Vikas Herz sprang erstaunt auf. In ihren Ohren war nun die sanfte Melodie zu hören, welche ihr bereits als Kind immer mal wieder vorgesungen wurde, auf welches der Tanz angepasst wurde.

Ein Gong ertönte.
 

Vika schloss die Augen und fuhr gedanklich in sich. Die vorangegangene Leichtigkeit ließ ihre Füße wie in all den Übungen nahezu über das eisige Gewässer gleiten, wie ein elegantes Wesen aus Schleiern. Sie nahm die Umgebung in dieser Zeit nicht mehr wahr und ließ sich treiben. Vor sich sah sie nun ein Meer, welches ein mystisches Leuchten in sich barg.

Besagte Melodie strömte aus ihr. Ein kleiner Sprung auf den Zehnspitzen, ein Dreher, ein Schwenk zur Seite, bis zur Hingabe. Vika bewegte sich wie von selbst. Was in den Trainingstagen nahezu perfektioniert wurde, brachte ihr Körper nun wie in Trance zustande.
 

Während ihr Körper nahezu astral wirkte, sammelten sich in Vika verschiedenste Gefühle. Nicht nur negative, vieles davon zeugte auch von Liebe und der Sehnsucht nach Nähe. Die Seelen, welche in der Zwischenwelt verharrten, hatten sich im Anklang des Eisschollenfestes geordnet und machten sich bereit für den Übergang.
 

Vika blickte in ihrer Trance über das Meer. Viele kleine Flämmchen, welche aussahen wie Glühwürmchen, stiegen auf und erzeugten ein kunstvolles Bild, welches jedes Herz erwärmen würde. Manche von ihnen strahlten heller als andere, doch sie alle erzählten eine Geschichte eines Menschen von einst.

Als könnte sie in sich blicken, war eine der kleinen Flämmchen direkt mit ihrem eigenen, verschleiernden Körper verbunden. Sie fokussierte sich ganz auf ihren Körper, so wie sie es seit jeher immer tat, und begann, die Lyrik zu summen.
 

Seelen erzählen Geschichten

Geschichten erfüllt von Licht und Dunkelheit

Verlorene Wärme, versteckte Geheimnisse

wachsen heran als Leid

Doch wo jener Leid weitergetragen wird

Wie der Wind herausgetragen

Durch die Weiten irrt

Werfen auf weitere Fragen

Lasst uns darüber reden

Zu jener Dunkelheit stehen

Sie einfangen und erfassen

Um sie dann loszulassen

Denn sind wir von den Lasten befreit

Machen wir Platz für Geborgenheit

Die tiefen warmen Flammen der Liebe

Zu dem wahren Kern unserer Seele

Auf dass ein jeder die erlösende Freiheit findet

Ehret den Eisschollentanz

Das Flämmchen in ihrer eigenen Brust erleuchtete hell. Es stellte ihr eigenes Seelenlicht da, welches sich nun wie alle anderen, gen Himmel erhob und eine Verbindung aufnahm. Die Gefühle, welche sich in ihr gesammelt hatten, setzten sich in den jeweiligen Lichtchen fest, bereit, sich ihren Nahestehenden zu zeigen.

Eine von ihnen – die wohl größte und feurigste – entsandte sie auf den eisigen Boden und aus ihrer Trance.
 

Vika vernahm viele Stimmen in ihrem Ohr, als sie elegant auf ihrem Knie landete und sich vor dem nun angekommenen Publikum verbeugte. Die Bewohner Manafells hatten ihrer Darbietung faszinierend gelauscht, und waren nun wie entfesselt, als sie sahen wie die vielen Seelenlichter an die Oberfläche kamen und herausströmten. Sie waren umzogen von geisterhaften Silhouetten, welche nun von ihnen allen wahrgenommen werden konnten.
 

Auch wenn diese Zeremonie alljährlich abgehalten wird, ist es für manch einen immer noch neu und befremdlich, auf ihre Urahnen und all jene, die noch nicht erlöst waren, wahrzunehmen. Wie das überhaupt möglich war, verstanden viele der Bewohner nicht, so war vieles in den Schriften der Jeweles niedergeschrieben. Vieles der Rituale beruhten auf eine spezielle Sensibilität und Spiritualität, welches im Blut der Familie lag und allen voran den Frauen weitervererbt wurde.

Wie Vika selbst kurze Zeit Teil der Zwischenwelt werden konnte, wurde dort festgehalten. Für das traditionsbewusste Manafell war dies ein Segen.
 

Wie geheißen waren die Fackeln wie Kerzen rundherum platziert und ergaben ein kunstvolles Bild der Erleuchtung.

Vika hüstelte und fiel Radha in die Arme. Der Tanz dauerte insgesamt eine halbe Stunde an, auch wenn es für sie nur wenigen Sekunden glich. Ihr Körper hatte durchgehalten, doch all die innere Last machte ihr zu schaffen.
 

Sie blickte mit Wehmut zu den vielen Seelenlichtern und emotionaler Ergriffenheit der Menschen. Alle sie gaben ihnen Worte der Nähe für sie mit. Auch wenn sie sie nicht verstehen konnten, so verstanden sie die Gefühle ihrer Nahestehensten.

Vikas Tanz auf den Eisschollen hatte tatsächlich das Tor geöffnet und den Weg geebnet, und die Botschaft konnte wie gewünscht überbracht werden.
 

„Du verstehst, was sie sagen“ erläuterte Radha, „das ist einer unserer Fähigkeiten, nachdem wie den Tanz verinnerlicht haben. Vorher hast du vielleicht schon die Stimmungen vernommen, doch aus den Stimmungen wurden Geschichten.“
 

Sie nahm ihre Hand. „Wichtig ist, dass du als verbindendes Wesen nun unseren Brüdern und Schwestern beistehst, auf dass sie endlich von ihren Lasten befreit werden und ihren letzten Wunsch erfüllt bekommen“

Der Wunsch nach dem einen Ort, den man sehen möchte.
 

Der Wunsch nach einer bestimmten Geste.
 

Der Wunsch nach dem letzten gemeinsamen Blick in den Sternenhimmel.
 

Der Wunsch, endlich lange, unausgesprochene Worte, mitteilen zu können.

Das war nur ein Teil dessen, welches Vika den Menschen vermittelte. Wie eine Weise hatte sie sich, nach dem kurzen Verschnaufen, aufgemacht und jedem zugehört, ohne ihre eigene Bedürfnisse zu folgen.

Die Eisschollentänzerin sollte zuhören, und den Weg vermitteln, die letzte Ehre erweisen ohne sich durch eigene Fehler leiten zu lassen. Auch so war es niedergeschrieben in den alten Schriften. Regeln, an die sie sich halten musste.
 

Sie folgte dem. Doch eine Sache störte sie.
 

Wer war dieses besonders lodernde Feuer? Ich hatte das Gefühl, es möchte zu mir sprechen.
 

Dachte sie innerlich. Denkbar war, dass es vielleicht jemand aus ihrer Vergangenheit war. Jemand, der sich wünschte, ein letztes Mal mit Vika zu reden.
 

Vika stellte mit Entsetzen fest, dass Stean nicht mehr zu sehen war. Sie schüttelte sich ein wenig, da sie ihre eigenen Gefühle nicht fehlleiten wollte, um Unsicherheiten zu vermeiden.

Radha stand ruhig am Rand und hatte ein paar Obstgaben auf die Tische gestellt. Sie liebte es, zu kochen und jegliche Form von Nahrung kunstvoll zuzubereiten. Sie schien nicht besorgt zu sein, sondern zu wissen, wohin es ihren Mann verschlagen hatte.
 

Die Flamme, die immer noch zu sehen war, loderte auf und schien ihr einen Weg zeigen zu wollen. Radha nickte Vika ruhig zu.
 

Sie ging auf ihre Mutter zu und legte die Arme um sie. Jetzt merkte Vika, wie ein gewisses Adrenalin ihrem Körper entfloh. Der Tanz, das Eintreten der spirituellen Ebene, das Ordnen der eigenen Gefühle, die Beruhigung der Seelen und Zusammenbringung mit den Liebsten hat sowohl körperliche als auch mentale Kraft gefordert.

Soviele kleine Geschichten, welche sie gesehen hat, und doch waren seit Beginn des Rituals, vielleicht zwei Stunden vergangen.
 

„Du hast das toll gemacht“ sagte Radha ermunternt, „Ich bin damals, bei meinem ersten Mal, beinahe weinend zusammengebrochen, weil ich die vielen Gefühle kaum verkraftet habe. Zu fühlen, was jeder Seele schmerzt und was sie sich wünscht, ist Fluch und Segen zugleich“
 

„Danke.. Weißt du, wo Vater ist?“
 

Vika war wieder einmal uneigennützig wie eh und je. Sie ignorierte die Schmerzen, wollte gar nicht, dass man ihre Erschöpfung so sehr ansah.
 

Radha blickte in Richtung des Waldes. „Du weiß ja, er redet nicht allzu gern über seine Gefühle, er ist mehr der Praktiker. Nachdem er das Feuer angezündet hatte am Bergeingang, ist er kurz danach in Richtung der Bäume gegangen.

Vermutlich lässt ihn die Arbeit nicht ruhen. Aber du weißt ja, es liegt in unserem Blut, dass die Männer nicht die Empathie und Spiritualität besitzen wie wir Frauen. Er möchte sich anderweitig nützlich machen“
 

Der Himmel war klar, doch bereitete es Vika aus unerfindlichen Gründen Unbehagen, dass ihr Vater nicht aufzufinden war.

Erklären konnte sie es nicht. Jedoch hatte sie ein unruhiges Gefühl und dies hatte auch mit dem Seelenlicht, welches nicht von ihr wich, zu tun.

„Im Wald ist es ja schön ruhig, ich denke es ergeht ihm gut und er wird bald zurückkehren. Wenn du nach ihm sehen möchtest.. kann ich das aber gut verstehen. Du hast ein großes Herz und möchtest für uns alle des Beste“
 

Sie nahm das Seelenlicht scheinbar nicht so wahr wie Vika selbst.
 

„Ich kümmere mich nun um die Gaben, mach dir keine Gedanken um mich und um die Menschen hier. Deine Aufgabe ist getan, denn wie ich merke, sind die meisten unserer Mitmenschen befreiter und mehr bei sich. Auch in meinem Alter kann ich das spüren. Die Gaben werden ihren Platz finden. Eine schöne Tradition, den Seelen zu huldigen.“
 

Vika seufzte. „Du.. machst dir keine Sorgen um mich allein im Wald?“
 

Sie fand diesen Gedanken seltsam. Sie wusste um die gewisse Gutgläubigkeit ihrer Mutter, was sich auch oft als richtig herausgestellt hatte, doch wie konnte sie so sehr darauf vertrauen, dass Stean und sie nur einen harmlosen Waldspaziergang bei Nacht machten?

„Seit Generationen ist der Wald friedlich, das weißt du doch. Du bist oft als Kind darin spielen gegangen, hast dich dort mit den anderen Kindern ausgetobt. Sei unbesorgt.“ Nach einer innigen Umarmung ließ Radha ihre Tochter frei.
 

Vika nahm einen Schluck des aufgesetzten Tees und entledigte sich ihrer eleganten Kleidung. Das Seelenlicht folgte ihr auf Schritt und Tritt und es umrang eine sehr dichte, tiefgreifende Emotion. Auch in ihrer gräulich-blauen Tracht, welche sich Vika überzog, sah sie weiterhin erstaunlich edel aus.

Mit einer eigenen Fackel ausgestattet, begab sie sich dann in Richtung des Waldes. Gewissensbisse plagten sie, obwohl sie jedem der Dorfbewohner in Ruhe als Vermittler des Wunsches gedient hatte. Jetzt bei der Huldigung nicht dabei zu sein, fühlte sich verantwortungslos an. Doch.. war es verantwortungsloser, den Wunsch dieser einen Seele, die eine Verbindung mit ihr hatte.. auszuschlagen.
 

Die junge Frau kannte den Weg durch den Wald glücklicherweise sehr gut. Dennoch merkte sie sich durch genaues Hinschauen der Baumstruktur, welchen Weg sie langsam herabgestiegen war. Und sie verstand, wohin er führte.
 

Versteckt im Wald, gab es einen kleinen Schrein, den nur wenige kannten und welcher vorallem durch die Familie Jewele geheim gehalten wurde. Es war ein Ort, an dem sie die Meditationen und den Weg zum inneren Selbst regelmäßig übten und die Nähe zur Natur spüren konnten. Eigentlich kein Ort, an dem sich Stean oft aufhielt, aber der Ort, an dem das Seelenlicht sie führte.

In den Schriften stand geschrieben, dass der Schrein hier erbaut wurde, weil der Urahn der Jeweles hier vergraben war.
 

Während sich im Berg also das Tor zum Jenseits öffnete am Tage des Eisschollentanzes, so führten gerüchteweise die Seelen der Eisschollentänzerinnen vergangener Generationen hierher. Handelte es sich bei dem Feuer um eine ihrer Urahnen?

Vika, die die vielen Schriften studiert hatte, war verunsichert, da der Teil der Geschichte nicht ganz schlüssig war, sollten die Tänzerinnen in erster Linie ihren Tanz und ihre Aufgabe als spirituelle Begleiter erfüllen, und eben nicht ihren eigenen Gefühlen oder Geschichten fröhnen. Oder stimmten diese Worte der Vorfahren nicht? Gab es Informationen, die untergraben wurden? Wo hatte sie es noch gleich aufgeschnappt, dass es manch einen an diesem Tag hierher verschlug? Oder war es eine Warnung?
 

Sie vernahm, wenige Meter vor dem Tempel, ein Schlurfen, und ein Klappern. Das Seelenlicht flackerte. Vika vernahm eine starke Aura, die dem ausging. Wo war Stean und was hatten die Worte der Schriften auf sich, die sich in ihr Gedächtnis irrten? Erinnerte sie sich falsch?

„V..Vater?“ murmelte sie, gezeichnet von Erschöpfung und einer aufkeimenden Angst.
 

Ein kupferartiger Geruch von Blut zog in ihre Nase, und vermischte sich mit dem Nadelduft der Tannen weiter hinten.

Vikas Herz raste. Sie lief etwas um das steinernde, edle Gemäuer herum und fand dort, recht versteckt, Stean, welcher sich grade mit einem Ast in seinen Arm schnitt. Ein Bild, welches nicht nur Verwirrung und Sorge auslöste, sondern nahezu absurd wirkte. Wie kam ein friedlicher Mann wie er auf diese Idee? An ein solches Ritual konnte sie sich nicht erinnern.
 

„Vater!“
 

Das Seelenlicht flackerte stärker und erleuchtete den Weg zu Stean, welcher das Licht nicht wahrnehmen konnte.

Zumindest sah es zunächst nicht mal im Ansatz aus. Als er seine Tochter erblickte, hielt er geschockt inne. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er ausgerechnet hier so schnell von ihr gefunden würde.

Er warf den Ast weg und war sprachlos. Er schüttelte den Kopf als wolle er sich weiter verstecken.
 

„Ist alles in Ordnung, bist du verletzt? Was machst du hier?“ rief sie ein wenig aufgekratzt. Als Stean nicht direkt antwortete, sondern nur mit einem schmerzhaften Blick ansah, vernahm sie von ihrer Schulter eine starke energetische Aura.
 

Ihr Vater, dessen helle Augen begannen, melancholisch zu funkeln, murmelte dann, „es tut.. mir leid“
 

Vika blickte zwischen ihm und der Flamme hin und her. „Wenn dich etwas bedrückt, kannst du es gern sagen. Ich bin für dich da“ sagte sie leicht unbeholfen bis besorgt. Sie war überrumpelt und unkonzentriert und die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz.

Stean sprach nicht zu ihr, sondern zu dem Seelenfeuer. Er, als jemand der nicht die gleiche Spiritualität wie Radha und Vika hatte, bemerkte, dass es eine Seele vergangener Zeiten war, die eine Geschichte zu erzählen hatte.

Nachdem Vika ihrem Vater ihren Umhang umgelegt hatte, um ihm Wärme zu spendieren, und mit einem Tuch die Wunde sanft verschloss, merkte sie, dass sie mit ihrer Aufgabe noch nicht fertig war.
 

Jede Botschaft soll übermittelt werden. Eine der wichtigsten Regeln des heutigen Rituals.
 

Die junge Frau schluckte ihre Sorge herunter, legte ihre Hand auf die Schulter ihres Vaters und nahm eine kniende Position neben ihm ein. Sie fokussierte sich auf ihre innere Mitte, wie sie es mit jedem der anderen Anwesenden getan hatte. Dass es sich hierbei um die eigene Familie handelte, musste sie herunterschlucken.

Mit einer zierlichen Bewegung, welche den großen Tanz repräsentierte, gewährte sie der Seele abermals Zugang in ihr Bewusstsein, um die Geschichte zu erzählen.

Es war ein Trainingstag wie jeder andere. Der junge 14-jährige Stean stand auf einem großen weiten Feld mit einigen der anderen Jungs, ausgestattet mit einem Holzschwert und machte seine Übungen. Einmal mehr bekam er die Peitsche in den Rücken.

Er war kein Kämpfer von Natur aus. Er hasste die Vorstellung, anderen zu schaden oder Konflikte gewaltsam zu lösen, doch das Schicksal hatte ihm diese Lebensausrichtung in die Wiege gelegt.

Neben ihm stand sein Zwillingsbruder Maeron. Er war etwas größer als Stean, hatte die Haare länger und zu einem Zopf geflochten. Er war fokussierter und talentierter im Umgang mit der Waffe, hatte eine kühlere Aura und schien allgemein mehr für das Kämpfen geboren zu sein.
 

„Stramm stehen bleiben, nach vorn schauen!“ schrie ihr Aufseher. Das Training war hart und nicht selten trugen die Jungen Verletzungen davon.
 

Stean und Maeron waren ein paar von mehreren, unehelichen Söhnen des Kriegers Martainn, welcher die rechte Hand des aktuellen Königs Conalls war.

Ihre leibliche Mutter kannten sie nicht, da sie nur eine Affäre mit Martainn hatte. Sie hatte sich ihm einst verkauft, um ein paar romantische Stunden zu haben im Rotlichtviertel der Stadt. Dass sie schwanger wurde und dann auch noch Zwillinge bekam, war nicht geplant, und so war sie sehr schnell aus dem Freudenhaus verbannt worden.

Die Jungen wuchsen in einem Kinderheim auf, ohne richtige Eltern oder elterliche Liebe. Auch waren sie aufgrund ihrer Herkunft sehr schnell Außenseiter.
 

Stean dachte damals sehr oft daran, nach seiner Mutter zu suchen. Nach dem Training hatten sie sich zunächst abgeduscht und sich für die kleine Abendspeise fertig gemacht. An diesem Tag stand keine weitere Arbeit für sie an, weswegen Stean zumindest ein wenig entspannen konnte – sofern man das so betiteln wollte.

Maeron und er teilten sich ein Zimmer, in denen zwei Heubetten nebeneinander standen. Einen hölzernen Schrank für ihre Kleidung war in der hinteren Ecke. Maeron war künstlerisch begabt und hatte sich aus Holz das ein oder andere kleine Figürchen geschnitzt, um sich von dem tristen, angestrengten Leben als angehender Krieger abzulenken.

Stean war weniger handwerklich begabt, doch er schrieb sehr gerne seine Gedanken auf Papier nieder. Wenn sie gerade einen Moment der Ruhe brauchten, verweilten sie hier am Abend in ihren Tätigkeiten. Sie mussten nur aufpassen, dass sie nicht zu laut waren oder ansonsten bei der Nachtwache aufflogen, denn eine der Regeln besagte, dass sie zeitig zu Bett kommen sollten.

Denn am nächsten Morgen könnte wieder Arbeit anstehen, bevor es dann zum Training ging.
 

Stean und Maeron hatten sich zu Bett begeben, nachdem sie das Stockbrot verzerrt hatten. Sie hatten Wind davon bekommen, dass das Gerücht in der Stadt Grimsholt umging, ein reißerisches Monster wütete in der Nacht und dies hatte die Sicherheitsmaßnahmen massiv verstärkt.
 

„Was denkst du, ist es wahr?“ fragte Stean seinen Bruder, während sie müde nebeneinander saßen. Maeron war dabei, das Verband um Steans Knöchel neu umzulegen. Kleine Verstauchungen wie diese waren an der Tagesordnung, doch der junge Mann war froh, dass sich sein Bruder so um ihn kümmerte. Er würde das gleiche für Maeron tun.
 

Maeron sah aus gläsernen Augen auf. „Ich denke nicht, dass es sich dabei um ein Monster handelt. Vielleicht ist es ein Wesen, welches zu uns spricht, und uns eine Nachricht übermitteln möchte“

Er hatte schon öfters davon gesprochen, Stimmen wahrzunehmen, welche Stean nicht hörte. Doch spürte er, dass sein Bruder ihm keinen Unsinn erzählte. Sein Verhalten – und das schon seit er zurückdenken konnte – sprach dafür, dass Maeron verstärkte Sinne besaß. Doch jeder Außenstehende hatte den Jungen dafür belächelt. Nur Stean glaubte ihm das.
 

Seine langen Haare kitzelten auf Steans Hand, nachdem Maeron mit dem Verbinden fertig war. „Denkst du, es ist einem Lebewesen möglich, ein Selbstbestimmtes Leben zu führen?“ fragte Maeron nach einer Ruhepause.

„Und glaubst du, dass in einem Jeden der Wunsch nach Gerechtigkeit existiert?“
 

Sie beide hegten Träume. Stean wünschte sich nichts mehr als ein harmonisches Miteinander, eine Familie, in der alle in Frieden leben könnten. Er wünschte sich, seine Mutter wieder zu finden, und sie mit seinem Vater Martainn zu vereinen.

Gerechtigkeit könnte in einem harmonischen Miteinander existieren, dachte er sich. Und er selbst wünschte sich dies mehr denn je, auch für alle anderen Kinder, die ihrer Familie entrissen wurden. Er nickte Maeron zu. „Ja. Das eine führt zum anderen. Ich habe mir schon die ein oder anderen Gedanken dazu gemacht. Wenn wir als Lebewesen ein Selbstbestimmtes Leben wählen könnten, währen wir frei.. und bereit, es für alle gerecht zu machen“ sinnierte er.

Maeron blickte aus dem Holzgitter in die Ferne, dem gräulichen Regen entgegen.
 

„Das ist zu leicht, denn so ist es nicht. Wir konnten uns unser Schicksal nicht aussuchen. Und es gibt viele Lebewesen, die das nicht können“ erzählte er sentimental.

Stean legte eine Hand auf das freie Knie seines Bruders. „Unsere Mutter konnte es nicht, viele Tiere können es nicht und wir sind verdammt hier ein und aus zu trainieren. Ich habe auch Wünsche und Träume nach Freiheit, aber glaube einfach nicht, dass das erreichbar für uns ist.“ Maeron war Realist, doch konnte er auch seiner inneren Stimme nie ganz nachgeben. Tief in ihm war er noch immer da, der Wunsch nach Gerechtigkeit.
 

Sie hatten das ein oder andere Gespräch, in denen sie darüber sprachen, auszubrechen. Bisherige Versuche sind immer gescheitert, weil sie immer erwischt worden sind. Die Wachposten hatten ihre Augen überall.
 

„Ich möchte stärker werden und für die Freiheit kämpfen.“ sagte Stean dann. „Nur wenn wir gemeinsam stark sind, können wir vielleicht etwas an diesem System ändern und ausbrechen. Nur dann können wir vielleicht unsere Mutter wieder finden“
 

In seinem Kopf schwirrte erneut der Gedanke umher, ihren Vater aus den Fängen des Königs zu befreien, diesen zu stürzen, um anschließend gar kein Leid mehr an unschuldigen Menschen ansehen oder verüben zu müssen. Er wollte, das Martainn sich ihnen zuwand. Jedes Mal, wenn er über die Eltern sprach, wurde Maeron still, als dachte er an etwas anderes, sprach es aber nicht aus.
 

Die beiden legten sich hin. Maeron seufzte traurig, entfaltete seine langen, schwarzen Haare und blickte in die braunen Augen des anderen. „Das möchte ich auch. Freiheit.. ein gerechtes System.. eine Familie..“

„Maeron. Auch wenn du nicht mehr daran glaubst, so dürfen wir nicht aufgeben. Du bist mit der Fähigkeit ausgestattet, die leisen Stimmen der Natur und die Gedanken wahrzunehmen.

Lass es uns noch ein letztes Mal versuchen und an einem Plan feilen, hier abzuhauen.“
 

Er wollte ihm Mut machen. Er legte einen Finger um den Finger Maerons, als Zeichen, dass sie immer noch einander hatten, und füreinander kämpfen wollten.
 

„Wir geben noch einmal alles. Für uns. Schließlich haben wir uns einst versprochen: Wir halten immer zueinander.“
 

Worte, die wie ein warmer Windhauch durch den kühlen Raum zogen. Die Kerze wurde ausgepustet und die beiden kamen endlich zur Ruhe dieser Nacht.
 

Ein Scheppern und ein Schrei. Die Jungen schreckten auf! Panik breitete sich aus. In einer Seitengasse in der Nähe des Kinderheims kam es erneut zu einem Vorfall.
 

Steans Herz raste. Doch er und Maeron hielten an ihrem Plan fest.

Maeron verspürte Schmerz und den Drang, der Quelle zu folgen. Die Brüder blickten sich in die Augen und verstanden nahezu blind, dass sie jetzt ihre eine, letzte Chance nutzen sollten. Sie konnten dieses eine Mal nicht wegsehen.
 

Stean verpackte Resteessen für Maeron, welcher zuerst das Gelände verlassen sollte. Dazu legte er sich ähnlich gegliederte Lumpen an wie das der Soldaten, um sich unter sie zu mischen im Schutze der Nacht und der Ablenkung.

Draußen herrschte bereits Tumult, und bewusst wurden die Kinder in ihren Gemächern gehalten.

Doch sie wussten, sie hatten nicht immer jedes Gebäude im Blick, denn so gut die Sicherheitsvorkehrungen waren, waren sie nicht perfekt – und die Außentüren ließen sich geschickt aufbrechen.
 

Bevor Maeron den nachfolgenden Schrei, den er nahezu kommen zu hören schien, abwartete um genau dann zur Flucht anzusetzen, blickte er noch einmal Stean in die Augen.
 

Ein letzter Austausch der Nähe, bevor sich alles verändern sollte.
 

Der Schrei ertönte, Wolfsgeheul folgte, und während die Wachen gerade ein wildes Tier entdeckten und zur Fortjagd aufriefen, stiel sich Maeron davon.
 

Stean hatte ihm zuvor den geheimen Ausweg verraten, und den geheimen Gang hinter dem Haus, welcher dorthin führe. Im Getümmel, und gekleidet in Lumpen, fiel seine Silhouette im Gegensatz zu all den anderen kaum auf.

Stean selbst wartete noch ein paar Augenblicke, bis einige der Wachposten Richtung offiziellem Ausgang gerannt waren. Einer von ihnen jedoch hatte den Verdächtigen in Lumpen und dessen Versteckspiel im hinteren Gang gesehen und für Auffallend befunden.
 

Durch ein Pfiff durchs Fenster wusste Stean bescheid, dass sie Maeron wohl entdeckt hatte. Es war Teil ihres Plans, dass er eventuellerweise entdeckt würde.
 

Sein Bruder nahm ein Stein vorm Eingang in die Hand, und warf ihn in Richtung eines Pfahls, das Geräusch eines Klapperns und Klirrens ertönte. Sie beide hatten am Abend zuvor vernommen, dass heute Guirmean mit dem Überwachen der Gemächer der beiden dran war und er galt als besonders schreckhaft, kein Geräusch entging ihm. Normalerweise schwer, sich ihm zu entziehen, doch grade jetzt war es ein Glücksfall, dass grade er zuvor Maeran entdeckte.

Das Klappern, was der Steinwurf verursachte, lenkte Guirmean ab. Stean rannte ebenso hinaus, doch in jenem Moment, als er durch den Zaun wollte, packte ihn die Angst.
 

Er wollte sie abschütteln, doch in jenem Moment hatte ihn schon jemand am Haken.
 

„Den Tumult nutzen, um abzuhauen, hmm? Seid ihr schon wieder töricht, alle beide?!“ Guirmean hatte ihn geschnappt.
 

Stean hatte versagt für den Moment. Er wusste, ihn würde eine harte Strafe nach all den Fluchtversuchen folgen. Er würde nun eingekerkert, dass wurde den brüdern bereits angedroht. Doch in jenem Moment wünschte er sich nur die Freiheit für Maeron, der dieses Mal entkommen konnte. „Wo ist dein Bruder?!“
 

„Das Monster hatte ihn letztens bei der Arbeit angegriffen!“ schrie Stean panisch und versuchte sich zu befreien. „Es hat uns gerochen und die ganze Nacht aufgelauert! Wir hatten Angst und haben uns in unserem Heim nicht mehr wohlgefühlt!“
 

Tatsächlich hatte neulich eines der Kinder durch einen ominösen Angriff bei der Feldarbeit sein Leben gelassen und sie beide mussten letzte Tage ebenso ran.
 

Guirmean war kein gutgläubiger Mann, glaubte ihm nicht und wieß an, nach Maeron zu suchen. Stean war in Fesseln und wurde mitgenommen. Er hoffte, dass Mearon weit genug weg war. Vor den Monstern dort draußen fürchtete er sich nahezu weniger als vor den Soldaten und allen Bediensteten Conalls.
 

„Ich werde dir eines Tages folgen, und dich finden. Lebe ein Leben in Freiheit“ sagte sich Stean, im Wissen, nicht mehr in das Gemacht zurückkehren zu können.
 

Stean war von nun an Gefangener.
 

Gefesselt hockte er da und blickte hoch, direkt hoch an der imposanten Gestalt von König Conall. Ein Mann, welcher vom seinem langen Leben auf dem Thron gezeichnet war, und sicher niemals bereit war, sich zu lösen.

Neben ihm stand ein weiterer muskulöser Mann in Gewändern. Sein Gesicht war verdeckt, aber sein spitzer Bart war zu sehen und äußerst markant.

Stean erzitterte innerlich vor Ehrfurcht und einer seltsamen Bewunderung. Er wünschte, er könnte eine Position einnehmen, in der er eine Entscheidungsgwalt hätte. Ein Herrscher, welcher Gerecht handelte, würde viele der Probleme dieser Welt lösen. Wie könnte er mit seinem Vater auf Augenhöhe treten?

In Erwartung, dieser Gedanken niemals erfüllt zu sehen, bereitete er sich auf eine Bestrafung und viele Schmerzen vor. Seltsamerweise kam aber alles anders.
 

Martainn schien erstaunlicherweise etwas in seinem Jungen zu sehen, auch wenn er ihm nie viel väterliche Beachtung geschenkt hatte. Doch er wieß den König an, Stean ein Sondertraining zuzuteilen, um ihn schnell zu einem besonders starken Krieger auszubilden. Gerade er, der nie viel Talent im Kämpfen zeigte, sollte nun eine Art Leibgarde werden.

Was sich sein Vater dabei dachte, erfuhr Stean nie. Denn miteinander reden war ihnen untersagt. Vielmehr war er nun dem bisherigen Anführer der Soldaten, Alasdair, untergeordnet. Und dessen Training ging weit über dem gängigen Schwertschwingen hinaus.
 

Von nun an hatte er nicht einmal mehr eine Minute, in der ihn niemand überwachte. Es wurden echte Waffen statt Holzwaffen verwendet, er musste mehrfach lebensgefährliche Situationen durchleben, welche in den Erinnerungen wie ein schrecklicher Sturm vorbeizogen. Auf Festen war er Teil diverser Showkämpfe, bei denen ein falscher Schritt und ein Fehler schlimme Konsequenzen hatte und gefährlich waren.

Er bekam ausgewogenere Mahlzeiten, musste keine Laienarbeit mehr vollrichten, aber Stean lebte ein Leben im goldenen Käfig, in denen er noch weniger Entscheidungen über sein Leben treffen konnte, als jemals zuvor. Über die nächsten zwei Jahre durchlebte er dieses gnadenlose Training in den Fesseln der Macht des Königs.

Wann immer Stean etwas falsches sagte, sich nicht an den Tagesablauf hielt, oder versuchte, zu flüchten, wurde er für mehrere Tage gepeinigt. Maeron hatte er in all dieser Zeit nie wieder gesehen. Von Vorfällen in der Stadt bekam er kaum noch etwas mit, da er so abgeschirmt wurde von allem.
 

Er vermisste seinen Bruder. Er fragte sich mehrfach, ob er wohl noch lebte. Ob wenigstens er es geschafft hatte, freizukommen.
 

„Eines Tages.. möchte ich dich wieder sehen. Und das Versprechen einlösen“
 

Ein Jahr später wurde er als Teil einer bewachenden Armee auf seine ersten Missionen geschickt. Stean hatte bis zu diesem Zeitpunkt Mitstreiter unabsichtlich verletzt, aber noch nie jemanden getötet und er schwor sich, dies auch niemals zu tun.

Es musste andere Lösungen geben. Auch wenn er durch die schwere Zeit gezeichnet war, würde er an seiner inneren Moral und dem Wunsch, zu gegebener Zeit zu rebellieren um Änderungen zu bewirken, festhalten.
 

Die dritte dieser Aufträge führte sie aufs Land zu den Bauern. Diese Menschen lebten in armen Verhältnissen und konnten nur überleben, in denen sie sich durch ihre eigenen Anbauten selbst versorgten oder Handel betrieben.

Conall wollte sich mit dem Dorfältesten zu neuen Verhandlungen treffen. Doch es kam auf dem Weg dorthin zu Tumulten.
 

Stean wie auch seine Leibwächter-Kameraden sahen sich einer momentanen Angriffswelle von wilden Bären aus dem Wald ausgesetzt.

Es waren nicht einfach wilde Tiere, welche auf der Jagd nach Futter zu sein schienen. Sie wurden durch etwas scheinbar gelenkt, und angetrieben.

Ob es Zusammenhänge mit damaligen nächtlichen Angriffen in Grimsholt gab, war unklar. Zumindest hatte niemand den Kriegern dies erklärt, als gäbe es dahinter eine größere Geschichte. Im Grunde war Stean der einzige, der solche Gedanken überhaupt hegte. Jedoch würde er sicherlich einiges in Erfahrung brignen können, wenn er weiter aufstieg, um sich Martainn anzunähern. Dafür gab er vieles her, und ertrug einfach vieles.
 

Als sie am Abend vor dem hölzernen Eingangstor zum Bauerndorf Wache hielten, loderte das Feuer aus dem Wachturm in der Ferne auf, und kündigte somit Gefahr an.
 

Die beiden Männer neben Stean preschten nach vorn. Der junge Mann selbst blieb im Hintergrund. Das Kämpfen war nach wie vor nicht seine Stärke, und auch Tieren wollte er das Leben nicht nehmen.

Doch die verbliebenen Männer am Eingang schubsten ihn nach vorne.
 

„Unfassbar, dass du der Liebling von dem ehrenwerten Martainn bist, du Weichling!“ verspotteten sie ihn abermals. „Beweg dich und kämpfe!“
 

Schon immer musste er sich solche wütenden Beschimpfungen anhören. Alles mit Gewalt zu lösen konnte aber doch nicht das Richtige sein. Es fühlte sich so falsch für ihn an, und doch war er hier nun hereingeraten, und musste agieren.

Während seine beiden Mitstreiter ohne Angst und in loyaler Treue die Schwerter zückten, hielt Stean vor einem der älteren Landwirte, welcher gerade mit seinen Helfern die letzte Ernte forttragen wollte.
 

„Was passiert hier?“ fragte Stean verwundert. Der Mann war in Unruhe.

„Die Monsterwesen aus dem Wald sind wieder hier. Wir müssen schnell zurück!“ hechelte er. „Welche Monster?“ Stean dachte unweigerlich an die Nacht ihrer versuchten Flucht zurück, als er aus der Ferne einen Schrei vernahm.

„Riesige Tiere, Bären größer als der Durchschnitt, Wölfe mit großen Zähnen.. man erzählt sich soviel, doch dass sie gefährlich sind, wissen wir. Soviele Übergriffe die letzten Tage! Bitte helfen Sie uns!“

Er war in Panik, das war deutlich. Doch die letzten Worte trafen Stean noch einmal direkt ins Herz.
 

„Und passen sie auf den Dämon des waldes auf, der die Wesen unter sich befehligt. Er soll übernatürliche Fähigkeiten haben und mit jenen Monsterwesen sprechen können. Keiner glaubt uns einfachen Bauern, aber vielleicht.. glauben Sie mir das ja!“ unter Tränen, Angst und Schweiß lief er hinauf in Richtung Dorf, begleitet von einigen Arbeitern und weiteren Wächtern. Stean blieb für einen Moment wie angewurzelt stehen.
 

Ein Dämon – wie zumindest der Mann ih nannte – mit der Fähigkeit, mit allen Wesen zu kommunizieren. Unweigerlich dachte Stean an seinen verschollenen Bruder Maeron und dessen sensible Gabe. Doch der angehende Krieger schüttelte sich. Es war doch nicht denkbar, dass Maeron etwas mit der Misere zu tun hatte?
 

Stean lief den Weg entlang und erblickte dann auf dem Feld westlich, wie zwei sehr große, fellige Wesen, nicht nur einen Teil des Getreides überrannten und zerstörten, sondern auch noch eine dreiköpfige Familie attackierten.

Weiter hinten stand noch ein wolfsähnliches Wesen an einem Busch, bereit, die Menschen zu zerfleischen.

Steans Kameraden waren bereits weiter Richtung Wachturm gelaufen. Er war alleine hier an diesem Ort. Er musste diese Menschen beschützen, als jemand, der eine Waffe trug.
 

So sehr Stean dies hasste, es war die Aufgabe, die ihm aufgetragen wurde. Die Aufgabe, die ihn momentan im Leben zustand. Die Aufgabe, die er eledigen musste, um eines Tages von seinem Vater gesehen zu werden!
 

Mit seinem Schwert voran lief er zu den übergriffigen Wesen. Im Schatten der Nacht waren sie nicht richtig zu erkennen und es erforderte allgemein viel Mut und Konzentration, diesen Kampf aufzunehmen. Stean blickte nicht zu den Menschen hinter sich, die kreischend wegliefen. Ihre ängstlichen Blicke oder Erschrecken würde er nicht ertragen.
 

Es waren fellige Wesen, die sofort ein lautes Kampfgebrüll loslassen, wie ein riesiger Bär und ein monströses Wildschwein, und sie warfen sich Stean entgegen.

Mit einer Wucht sprang Stean beiseite. Er spürte das Fauchen des Tieres direkt neben ihm! Sofort hielt er seine Waffe schützend vor sich. „STOP!“ rief er im Affekt. „Lasst die Menschen gehen!!“
 

Wie sehr er sich in diesem Moment wünschte, die Intentionen eines jeden Lebewesens wahrzunehmen, wie Maeron einst.

Getrieben von der Angst, stach er erneut einfach zu, doch wurde von einer Kralle zur Seite geschleudert. In seinem Kopf versuchte Stean, alles aus dem Training wieder abzurufen. Doch das hier waren Bestien, keine Menschen!
 

Als er am Boden lag, sprang ihn das Wolfsähnliche Wesen von der Seite an. Es ging Schlag auf Schlag, Stean versuche sich aus der misslichen Lage zu befreien, doch er bekam die Kralle des wilden Tieres direkt auf die Brust.

Stean fragte sich, warum sie die Menschen als Feinde ansahen. Er verstand es nicht, hatte aber keine Zeit, darüber nachzudenken.

Der Schmerz in seiner Brust stach langsam und gleich folgte sicher der nächste Angriff. Vielleicht waren sie einfach ausgehungert. Maeron hatte ihm das damals mal erzählt, dass die meisten Tiere nach Instinkt handelten und der Überlebenswille sie auf der Suche nach Nahrung vorantrieb.
 

Angetrieben vom Adrenalin sprang Stean auf und holte mit seinem Schwert aus. Er wollte einmal allen Kreaturen klarmachen, dass sie sich zurückziehen sollten. Er ließ einen Schrei ab.

„Aaaaaaah!“
 

Er hatte definitiv jemanden erwischt.
 

Die Tiere um ihn herum waren erstarrt, als hätte sie der Schrei maßlos erschrocken.
 

Eine Fackel erleuchtete neben Stean, der auf die Knie sank und sein Schwert vor sich hielt. Steans Herz sprang panisch auf, als er die Situation vor sich realisierte.
 

Vor ihm tat sich ein Menschenkörper auf. Dieser jemand hatte den kräftigen Schwerthieb abgefangen. Er hielt eine Fackel in der Hand, welches mystisch leuchtete. Seine Schultern waren mit etwas Fellartigem Überzug bedeckt. Die Person sank auf die dreckigen Knie, eine große blutige Wunde tat sich auf.
 

Nein! Stean glaubte kaum, was er sah. Seine Knie wurden weich, sein Körper erzitterte. Er hatte das Gesicht des anderen noch nicht genau erfasst, aber er entdeckte sofort eine kleine Schnittnarbe am Hals – Maeron hatte dort genau so eine gehabt!
 

Das Lodern der Flammen zeigte dann einen Einblick in das Gesicht. Lange, dunkle Haare fielen auf die Schulter herab. Bartstoppeln waren zu sehen, glasige Kastanienbraune Augen, welche Stean nur zu vertraut waren.
 

Er hatte soeben Maeron selbst niedergestreckt – seinen Bruder, den er schon so lange gesucht hatte!

Die Verletzung war fatal, denn viel vermochte Maeron nicht mehr zu sagen.
 

Nicht mehr wo er überhaupt hergekommen war, warum er hier mit den wilden Tieren lebte, oder was er die letzten Jahre so getrieben hatte.
 

Lediglich ein „...Stean… du lebst…“ brachte er über die Lippen, ehe er zusammenbrach und die Fackel gen Erdboden fiel.
 

Scheinbar hatten die Tiere seinem Befehl gefolgt. Das Bärenartige Wesen, das Wildschwein und der Wolf, hielten inne und hatten sich um den zunehmend leblosen Körper Maerons versammelt. Stean stand unter Schock, doch die Realisierung traf ihn wie ein Schlag – und trieb ihn in die Tränen.
 

„Wir geben noch einmal alles. Für uns. Schließlich haben wir uns einst versprochen: Wir halten immer zueinander.“
 

Immer wieder hallten die Worte in seinem Ohr, während Stean den Körper in seinen Armen an sich drückte. Niemals hätte er dies so gewollt oder gar kommen sehen. Er weinte, und die soeben noch monströsen Wesen, hielten ebenso inne. Ein Moment der Gänsehaut, doch Worte erreichten Maeron nicht mehr.
 

Dieser Moment veränderte Steans Leben, seine Sicht und seine Wahrnehmung. Dieser Moment traumatisierte ihn zutiefst, und machte ihm unweigerlich klar, dass er so nicht weitermachen konnte.

Seine müden Füße trieben ihn durch Wälder, Wegesränder, bergiges Geäst. Was das Königshaus von Grimsholt, sein Vater oder seine Kameraden von ihm dachten, zählte nicht mehr. Er war wie eine seelenlose Puppe, die auf ihre Ende hinarbeitete.
 

Doch wo Schatten war, war auch Licht.
 

Wer über all die Jahre gutes tat, bekommt gutes zurück.
 

Sprüche, die die beiden Brüder sich einst sagten, und für einfache Idiotie hielten, sollten sich noch bewahrheiten.
 

Nach Tagen und einer gefühlten Ewigkeit erschien ihm ein Engel. Ein elegantes, wunderschönes, nahezu überirdisches Wesen in hellem Gewand, welches an einem See den wohl schönsten, und berührensten Tanz aufführte.

Wer hätte gedacht, dass ihn hier in aller Hoffnungslosigkeit, das Paradies erwartete?
 

Es war Radha in jungen Jahren, und das Schicksal hatte die beiden zusammengeführt.
 

Von jenem Moment an begann Steans neues Leben in Manafell – ohne Schlachten, ohne Waffen, aber mit neuem Lebensmut. Endlich durfte er das freie und friedliche Leben leben, was er sich immer wünschte.
 

~
 

Vika fiel erschöpft nach hinten, schnaufte und spürte, wie die Tränen ihre Augen bedeckten. Den Schmerz hatte sie zutiefst gespürt.

Sie hatte niemals ahnen können, was ihr Vater einst für Grausamkeiten erlebt hatte, und was wirklich passiert war. Stets hatte er sich über die Vergangenheit in Schweigen gehüllt, dass das alles ja keine Rolle spielte.
 

Sie wusste nichts von alledem. Sie wusste nicht einmal, dass sie einen Onkel hatte.
 

Jener Onkel, Maeron, welcher seit jeher als rastlose Seele im Land umherschwebte, und wohl nun endlich seinen Bruder wieder gefunden hatte.
 

Vika konnte Maeron hier letzten Endes herlocken. Das auflodernde Seelenlicht wirkte zutiefst berührt, und als Vika aufsah, konnte sie schemenhaft den jungen Mann erkennen, der Stean so nahe stand.

Maeron sah traurig aus. Und doch hegte er wohl wie alle anderen auch – einen Wunsch, welcher ihn endlich in die Freiheit entlassen würde.
 

Stean ging in die Knie, zeigte Reue, und weinte weiter um ihn. „Es tut mir leid..! Wir sollten doch einander da sein! Aber.. ich habe alles zerstört!“ Die ganze gesammelte Bürde fiel von ihm ab.
 

Vika raufte einmal mehr ihre spirituellen Kräfte zusammen und verband Maerons Seele mit der ihres Vaters, um sie gedanklich noch einmal zu verbinden und somit die Kommunikation zu erzeugen.
 

Ich habe sie schon immer gehört.
 

Die Stimmen der Tiere. Ihr Wunsch nach Leben, ihr Wunsch nach Zugehörigkeit.
 

Ich konnte die Natur schon immer spüren. Ich habe gemerkt, dass sie leiden, wusste aber nie was nicht stimmte.
 

Und ich habe sie schon immer mehr verstanden als die meisten Menschen.
 

Stean, ich habe mir immer gewünscht, dass du diese Gefühle auch spürst. Ich habe immer gehofft, dass du es auch hörst.
 

Stean spürte die Tränen in seinen Augen sehen. Sein Herz zog sich zusammen.
 

An jenem Abend bin ich auf Tyra gestoßen, jenen Wolf, welcher mich später aufnahm. Das Wesen hatte eine junge Frau vor einem Monster beschützt, welches schließlich weglief.
 

Die Frau lief unter Tränen davon, als ich die Situation vorfand. Das waren die Schreie und das Getöse, was du auch gehört hast.
 

Ich habe die Angst, den Kampf, die Schmerzen Tyras wahrgenommen. Sie wurde ebenso verletzt, sprach aber kurz zu mir, dem rastlosen Jungen mit der seltsamen Fähigkeit. Das Monster verschwand im Gebüsch, offensichtlich war es an uns nicht interessiert oder abgelenkt.
 

Tyra nahm mich mit in die Natur.

Sie sprach zu mir, und ich verstand, welche negativen Gefühle diese Wesen verbargen. Sie waren wie Menschen, aber im Gegensatz zu uns kämpften sie jeden Tag um die Freiheit. Sie waren instinktiv und dachten nicht einmal nach, was es ihnen brachte, ein anderes Lebewesen zu schützen.

Spätestens dieser Moment öffnete mir die Augen. Ich konnte nicht mehr wegsehen. Ich wusste, ich musste etwas tun.
 

Stean spürte den Schmerz bis unter die Brust. Es war als würde sich etwas festgesetztes in ihm lösen.

Ihm wurde klar, dass sein Bruder den selben Wunsch hegte. Mehr als er es je gedacht hat, denn all die Jahre hatte er an seinen Erinnerungen und der Nähe zu Maeron gezweifelt.
 

„Es tut mir.. einfach so leid“ sagte er schmerzhaft. Maerons Seele hörte ihn und er fuhr mit seiner Geschichte fort.

Als ich im Wald zu mir kam und du mir nicht gefolgt warst, wusste ich, dass etwas schlimmes passiert sein musste.
 

Tyra gab mir ein neues Zuhause in der Höhle und ich pflegte sie. Ich spürte, was sie brauchte, und ich war durch unsere Trainigns-Zeit im Heim sehr erfahren, was das anging, Stean. Mir war es wichtig, zu verstehen, wie das Leben außerhalb in der Natur funktionierte.

Es war für mich die prägendste Zeit des Lebens, da ich Seiten sah, die die meisten Menschen mir nicht entgegenbringen konnten.
 

Ich verstand, was zu tun war. Ich verstand, dass ich stärker werden musste. Ich wollte meine Gabe nutzen, um zu zeigen, dass wir als unterschiedliche Spezies gerecht untereinander leben konnten… wenn man sich nur öffnete.
 

Vika war zutiefst berührt, doch sie hielt der Verbindung stand. Es waren die wichtigsten, und wohl auch am meisten befreienden Worte, die sie sich gegenseitig entgegenbrachten. Ihr Vater war schier überwältigt. All die Jahre hatte er auf diesen Moment gehofft – ganz tief im Innern.
 

Stean… du hattest dir eine harmonische Familie gewünscht. Aber weißt du, was eine harmonische Familie in Wahrheit ist?

Sie ist nicht vom vererbten Blut abhängig. Sie ist nicht zwingend einfach ein Stammbaum. Sie ist von der Nähe, der Liebe, dem entgegen seitigen Vertrauen abhängig.
 

Die Seele des noch immer sehr jungen Mannes verblasste allmählich, je mehr der lange gesammelten Worte erzählt wurden. Sein Bruder versuchte sich an einem Lächeln und schien die Botschaft aufzunehmen.
 

Meine Fähigkeit war mir in die Wiege gelegt, um dies zu verstehen. Tyra teilte alles mit mir. Und so wie es eine Mission für mich gab, für die ich weiterlebte – indem ich dich ersuche und den korrupten König stürze – so gab es für die Wölfin und ihr Rudel auch eine Mission. Denn viele der Bergbewohner und Waldtiere litten unter etwas.. was sie mir nicht zu sagen vermochte.

Es gab immer wieder Wutanfälle und Ausbrüche in die Stadt unter den Wesen. Ich habe ihr Leid gespürt, doch sie hatten darüber keine Kontrolle. Aber ich war mir sicher, dass die Missstände in Grimsholt damit zu tun haben müssten.
 

Ich bin mir sicher, viele Dinge sind im Verborgenen, versteckt, in dieser großen weiten Welt. Und ich wusste, dass du diese Wahrheiten genauso wie ich ersuchst, bis heute.

Du wolltest damals die Menschen schützen, wie ich auch.. und auch, wenn meine körperliche Existenz schon längst verstrichen ist, so trage ich es dir nicht nach, denn dein Handeln war von Güte erfüllt.

Es ist die Unreinheit der Welt, und deren Schicksal, was auf das eine zum anderen führte.
 

Stean schüttelte den Kopf, denn er konnte es einfach nicht fassen.

Sein Bruder vergab ihm, was er selbst innerlich niemals konnte..?
 

Ich habe.. einen Wunsch, Stean. An dich, und an die Menschen, die du lieben lernen durftest.
 

Seine Flamme begann zu wabern, wie im Wind hinfort geweht zu werden.
 

Lebt weiter, spendet Wärme, seit eine große Familie. Denn ich bin mir sicher, dass sich dann eines Tages, die Welt zu einem besseren Ort formen wird, ganz natürlich, ganz von selbst. Ihr könnt selbst einstehen und ein jeder kann für jemand anderen kämpfen.

Die Wahrheit.. wird sich vor euch auftun. Da bin ich mir sicher.
 

Seine und Steans Blicke trafen sich ein letztes Mal, die Verbindung entfernte sich allmählich.
 

„Danke, .. ich werde immer an dich denken, Maeron“ brachte Stean hervor, unter der größten emotionalen Ausbrüche, die er je hatte.
 

Stean, ich danke dir ebenso. Endlich konnte ich dir alles sagen, was mir auf der Seele brannte. Endlich komme ich frei.

Bitte stehe für dich und deine Gefühle ein und zeige dich deinen liebsten von der Seite, die ich in jungen Jahren erleben durfte. Vergiss diese Worte nie.
 

Denn du weißt, wir geben füreinander alles, auch wenn das Schicksal alles tut, um uns zu trennen.
 

„Ja.. wir sind immer füreinander da.“ Steans Augen erstrahlten in einem Ton, welcher vom Funkeln her, ins Paradies aufblickte.

„…Im Herzen für immer vereint!“
 

Somit erlosch die Seelenflamme und Maerons Seele konnte befreit werden.
 

Vika lehnte sich erschöpft an die Schulter ihres Vaters, welcher sich zunächst fangen musste. Als jemand, der selten so intensive Gefühle erlebt, hatte dieses Wiedersehen mit seinem geliebten, längst verstorbenen Bruder eine emotionale Wucht eines Jahrhundertsturms.
 

Die beiden umarmten sich und waren für einige Minuten familiär innig, ohne viele Worte zu wechseln, standen sie einander bei. Vika musste ihre Emotionen abschütteln, wie sie es so oft tat. Doch diese Geschichte ging ihr ans Herz. Sie hätte nie gedacht, dass ihr Vater eine solche Vergangenheit erlebt hatte.
 

Und dass sie einen Onkel gehabt hatte, den sie niemals bei lebendigem Leibe kennengelernt hatte.
 

Stean wusste, dass sich vieles ändern musste.

Er wollte Radha, die er so sehr liebte, endlich zeigen, was er wirklich fühlte. Er wollte ihr zeigen, dass sie ihm vertrauen konnte. Und dass er trotz mancher Fehlentscheidung von einst zu ihr stehen würde.
 

Der Eisschollentanz – er war nicht nur das Fest zur Ehrung und Begleitung nicht erlöster Seelen – sondern auch ein Fest, welches die Menschen noch näher bringen sollte und sie daran erinnerte, was sie verband. Nicht umsonst brachten die Bewohner unterschiedlichste Gaben mit – nicht nur zur Befreiung der Seelen, sondern auch, um ihren noch lebenden Liebsten eine Freude zu machen.
 

Langsam traten Stean und Vika durch den Wald, zurück Richtung Manafell, stiegen Arm in Arm den Berg hinauf. Es hatte den Familienvater viel Kraft gekostet, diese Reise in die eigene Vergangenheit zu erleben, und längst unterdrückte Schmerzen neu aufzuwirbeln. Doch auf eine Art fühlte er sich befreit.
 

Das Fest neigte sich dem Ende zu. Es war bereits Nacht geworden. Der Winter kündigte sich nicht nur dadurch an, dass sie jenes Fest feierten, auch zeigte es sich dadurch, dass es bereits recht früh dunkel wurde. Die meisten der Bewohner hatten sich aber mittlerweile in ihre Behausungen zurückgezogen und Radha gedankt.

Als sie oben ankamen, waren somit kaum noch Menschen in der weitläufigen, im Mondlicht glitzernden Höhle.
 

Als Stean Radha sah, wie sie grade ein Paketchen schnürte und mit Tannenzweigen verzierte, entflammte sein sonst so eisiges Herz.
 

Eine letzte Träne entfloh seinem Gesicht. Er ging langsam auf sie zu, und fiel ihr die Arme.

Vika nahm eine emotionale, aber unheimlich reine Stimmung von den beiden wahr. Sie spürte, wie sich das Tor zum Jenseits geschlossen hat.

Erklären konnte sie das nicht. Jedoch fiel von ihr eine Last ab. Viele der Seelen konnten endlich heimkehren.
 

„Danke..“ sagte Stean, ohne seinen inneren, emotionalen Sturm in Worte fassen zu können.

Radha war ganz erstaunt, aber sichtlich erleichtert bis glücklich, ihren Mann gesund, aber auch so unheimlich gerührt wieder zu finden.

Sie reichte ihm das festlich zubereitete Geschenk.
 

Es war ein Pergamentpapier und eine Schreibfeder. Stean liebte das Schreiben sehr. „Ich weiß, dass du so deine Gefühle besser teilen kannst. Denn ich weiß, dir liegt viel auf dem Herzen“ sagte sie lieblich.

Vor ihm zeigte sie eine entzückende Seite, die Vika sehr berührte.
 

Stean wusste, er würde ihr alles berichten wollen, was ihn bewegte. Und das völlig ohne Blatt Papier und Schreibfeder. Seine Fantasie und Erlebnisse würde er dennoch dort niederschreiben.

Stean und Radha näherten sich, legten die Lippen aufeinander. Sie küssten sich, gaben sich ein Geschenk, stärker als alles materielle.
 

Sie schenkten sich Liebe. Dieses war nicht nur die Liebe, die sie gewohnt war. Dies war weitaus mehr. Zum ersten mal seit Jahren fühlten sie sich wirklich verbunden.
 

„Ich liebe dich“ gestand ihr Stean einmal mehr. „Ich lasse dich niemals im Stich“.
 

Radha, die damals in sein Leben trat, als er nur ein verlorener Wanderer in den Bergen war, ohne Bleibe, und ihn auffing in einer Zeit, als er nicht mehr konnte, war für ihn so viel Wert. Und sie sollte erfahren, was ihm einst die Lebensgeister nahezu auslöschte.
 

Vika war so glücklich, ihre Eltern so zu sehen. Es war ein magisches Bild in dieser Nacht, vor dem See der Eisschollen, leuchtend im Mondlicht.
 

Diese Nacht standen die Jeweles sich naher als jemals zuvor. Sie schenkten sich Vertrauen, versprachen einander, immer füreinander da zu sein. Niemals wieder sollte ihnen ein Leid widerfahren, wie dieses, was Stean erlebte.
 

Er erzählte seine Geschichte. Er brachte sie seiner Geliebten noch in derselben Nacht zu Ohren und mitten ins Herz.
 

Seine Botschaft aber würde noch durch Manafell geleiten und sich wie ein Lauffeuer entzünden.
 

Verlernt nie, zu lieben.
 

Vergesst nie, füreinander da zu sein, in den dunkelsten Stunden.
 

Steht für eure Gefühle ein und teilt sie mit denen, die euch wichtig waren.
 

Kämpft für eure Freiheit, aber gebt euch niemals für blutige Rache hin.
 

Diese Lektionen hatte Stean gelernt. Auf eine harte, schmerzhafte Weise, die niemand sonst jemals erleben sollte. Er würde die Botschaften, die Maeron ihm mitgab, weitertragen, auch in die nächsten Generationen.

Denn egal, was sie auch immer stemmen werden müssen in Zukunft, die Menschen in Manafell glaubten daran, dass die Liebe und die Nähe zueinander sie immer am Ende belohnen würde.
 

Vika legte ihre eigene Schreibfeder nieder, als sie diesen Text beendet hatte.
 

Die Geschichte ihres ersten Eisschollentanzes war eine, die sie niemals vergessen würde. Sie hatte sich in ihr Herz eingebrannt, auch Jahre später dachte sie daran.

Die Liebe für das Schreiben hatte sie von Stean geerbt, und jeder Nachfahre sollte von seiner Geschichte erfahren. Der Eisschollentanz sollte für immer fortbestehen.
 

So wie jeder Sonnenaufgang, in den sie auch heute blickte, zwanzig Jahre nach dem schicksalshaften Tag.

Ich danke dir, Vater.

Ich danke dir, Mutter.
 

Ich danke Manafell, dass ich hier leben durfte. Und die wunderschöne Tradition fortführen dürfte.
 

Meine Liebe wird auch immer eure sein.



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Kommentare zu dieser Fanfic (2)

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Von:  Ayaka-Higurashi
2025-12-16T10:32:26+00:00 16.12.2025 11:32
Eine sehr schöne tiefgründige Geschichte. Gefällt mir sehr gut. Konnte mir beim lesen alles gut vorstellen. Nur schade, dass sie schon endet. Würd noch gern wissen was Vatern da gemacht hat.
Antwort von: Crystalwater
16.12.2025 18:40
Danke für deinen Kommentar! Ja, ich möchte mit der Geschichte ein bisschen zum Nachdenken anregen :>
Ist auch noch nicht ganz fertig, da kommen noch 2 Kapitel, ich kam die Tage nicht dazu, die hochzuladen. Folgt aber die Tage ~
Antwort von:  Ayaka-Higurashi
16.12.2025 18:45
Sehr gut dann mus ich mir das vormerken, bei zeiten mal zu schauen.


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