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Eisschollentanz

von

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Ein Schritt auf Zehnspitzen, ein weiterer kleiner Sprung, eine Drehung aus der Hüfte, landen und in die Knie gehen, um das Tor zu öffnen und den Toten zu gedenken.
 

Sie war an diesem Tag alleine in der eisigen, weitläufigen Höhle oben auf dem Berg, in dem ein Tempel gebaut war. Vor diesem Tempel gab es einen großen See, welcher hell erstrahlte, als würde er von innen leuchten. Mehrere Inseln aus Eis stachen aus diesem See hervor, um den sich nach wie vor Mythen rankten.

Der Winter nahte mit großen Schritten, und die junge Frau mit den rötlich blonden Haaren war einmal mehr ihren Tanzschritt durchgegangen, den sie für eine große Zeremonie einstudiert hatte.
 

Ihr Name war Vika Jewele, und sie war Nachfahrin einer Familie, die seit Generationen schon diesen heiligen Tanz vollführte, jedes Jahr zum Fest der vergangenen Seelen, welche jedes Jahr den Winter einläuteten.
 

In diesem Jahr wurde sie 21 Jahre alt und trat das Erbe an. Doch ihre Schritte waren wackelig und mit den bloßen, nackten Füßen auf dem Eis zu balancieren, brannte unter der Haut. Ihr Körper war von Natur aus resistent gegen die eisige Kälte, aber das viele Umherspringen setzte ihren Gliedmaßen allmählich zu.
 

„Vika, meinst du nicht, es reicht für heute?“
 

Am Höhleneingang trat ihre Mutter Radha hervor. Sie hatte sich den langen Weg hoch zum Höhlentempel hoch gekämpft. Sie war in Decken gehüllt und angestrengt.

Vika hatte sich wieder verausgabt, sodass sie die Zeit beinahe vergessen hätte. Gewissensbisse plagten sie kurzzeitig. Sie wollte aber auf keinen Fall einen Fehler machen und fit sein für das Ritual. Denn in drei Tagen bereits würde der spirituelle Eisschollentanz stattfinden.
 

Radha, die ehemalige Eisschollentänzerin, hatte den ganzen Tag bereits bei den Vorbereitungen geholfen. Viele der Dorfbewohner standen der Familie Jewele sehr nahe, und bewunderten sie für ihre Fähigkeiten. Sie lebten abseits von vielen Großstädten, in denen viel Korruption herrschte, denn sie lebten die Tradition.
 

Im Dorf Manafell lebten viele seit jeher spirituelle Menschen, deren Glaube an die Wiedergeburt, die Reinigung von Seelen, und Ritualen zur Erlösung derer sehr stark erhalten blieb. Die Welt war in einem Wandel, das merkten sie alle, und außerhalb waren die Feste und Rituale eher verpönt und veraltet.

Vor einigen Jahrzehnten gab es mitunter noch sehr viele Bündnisse mit Händlern aus der großen Stadt am Fuße des Berges namens Grimsholt, doch mittlerweile ist ein derartiger Austausch kaum noch vorhanden. Es herrschte Stillschweigen zwischen diesen beiden Fronten, doch den Bewohnern Manafells war dies insgesamt bedeutend lieber als einen noch größeren Zwiespalt hervorzurufen.

Sie hatten noch einiges an Erspartem aus besseren Tagen, sie versorgten sich selbst, und jeder unterstützte sich. Sie waren wie ein kleines Völkchen, welches darauf verzichtete, sich von einem einzelnen Anführer leiten zu lassen. Vielmehr teilten sie ihre Arbeit gerecht untereinander auf.

Familie Jewele selbst nahm ein wenig die Position des Bürgermeisters ein und sorgte für eine gewisse Ordnung, aber ohne sich hierarchisch aufzuspielen.
 

Demnach herrschte eine außerordentlich treue Loyalität in Manafell, etwas, was man wohl nur noch selten zu Gesicht bekam.

Die Stände für das Eisschollenfest standen, die zum Großteil aus eigener Produktion stammende Ware wurde für die Verkaufsstände aufbereitet.
 

Radha und ihr Mann Stean betrieben eine Art Taverne nahe des Aufstiegs. Dieser Platz war umringt von Tannen, mit einem Brunnen in der Mitte, der besonders im Antlitz des nahenden Winters wie ein Portal in ein fremdes Land voller Magie wirkte. Die kleinen Feuerstellen und Laternen ließen den Platz wunderschön und sanft erstrahlen. Mehrere Tische und Bänke luden hier während der Festlichkeiten zum Verweilen ein. Künstlerinnen und Künstler hatten im Vorfeld Skulpturen und Werke gefertigt, welche zwischen den Häusern für ein einzigartiges Bild sorgten. Sie alle zu ehren

Die Menschen genossen diese gemeinsame Nähe immer sehr. Feste an diesem Platz fanden immer mal wieder statt. Doch das Eisschollenfest zur Begrüßung des Winters war etwas besonderes.
 

Es war hier Tradition, sich gegenseitig kleine Geschenke zu machen. Viele Menschen schnitzten oder kreierten kleine Aufmerksamkeiten, manch einer schrieb einen Brief, romantisch veranlagte verschenkten Blumensträuße.
 

Einige Straßenmusiker beglückten die Bewohner mit traditioneller Musik. Es waren Klänge, welche die Natur, den Wind, und die Verbundenheit aller Seelen derer zusammenbrachten, die in Manafell lebten. Sie fühlten die Musik. Sie alle liebten die Melodien, welche seit jeher fortgebracht worden waren.
 

Stean, welcher ein ehemaliger Krieger Grimholts war, genoss diese Zusammenkunft mit jedem Jahr ein bisschen mehr. Er war stolz darüber, dass seine Tochter die Zeremonie in der Berghöhle darbieten würde.

Gestärkt von dem Fest, dem Mahl und vielen, sehr erleichternden Gesprächen, versammelten sich die Menschen um ein Lagerfeuer in der Mitte. Stean nahm die erste Fackel in seinen Besitz, denn nun würde der denkwürdige Aufstieg auf den Berg beginnen.
 

Der Tavernenbesitzer erhob die Fackel, entzündete sie und schloss die Augen. Radha hielt seine Hand und bestärkte ihn. Gedanken an eine längst vergangene Zeit traten in Steans Bewusstsein. Dieses Fest war nicht nur eine Zeremonie, um den Winter zu begrüßen. Es war ebenso eine immer wiederkehrende Reise zu sich selbst und dem tiefsten Innern.

Waren die Gespräche und Gedanken noch locker und seicht, so machten sie sich nun auf, eine Verbindung tief im Innern der eigenen Seele herzustellen.
 

Es war wichtig, um die vielen verlorenen Seelen und Geister der Toten später wahrzunehmen und ihnen den nötigen Respekt zu zollen, und sie auf ihren weiteren Weg zu begleiten.
 

Das Feuer, welches sie mit sich trugen, standen für das Lebenslicht der Menschen, für den Mut und das Aufblicken, auf dass die Verstorbenen einst in Freiheit weiterziehen können, erlöst würden und letztendlich wiedergeboren.
 

Stean merkte, dass es noch immer genug verdrängte Gefühle in ihm gab, über welche er nicht sprach, und das schon seit vielen Jahren. Nicht einmal Radha wusste davon. Die letzten Jahre hatte er immer wieder den ergreifenden Geschichten der Bewohner gehorcht, aber bewusst nie über sein eigenes Leben so sehr nachgedacht.

Er hatte schließlich alles, was er sich im Grunde wünschte. Menschen um ihn herum, die ihn und die Familie ehrten und ihm ein hohes Ansehen entgegenbrachten. Einen Job als Kellner und Unterhaltungskünstler in der Taverne. Einen Wald in der Nähe, in dem er immer wieder Holz hackte für das Lagerfeuer und im Sommer neue Bäume pflanzte. Eine liebevolle Frau und eine ehrgeizige, und emotional starke Tochter. Sie lebten hier frei von jeglichen Lasten und Pflichten, welche ihm in jüngeren Jahren auf dem Schlachtfeld fehlte.
 

Doch die dunklen Tage aus der Zeit als Kind und als junger Erwachsener verfolgten ihn bis heute.
 

Er und Radha nahmen sich an die Hand. Vor wenigen Tagen noch hatten sie sich geschworen, keinerlei Geheimnisse mehr voreinander zu verbergen. Radha vertraute ihm nahezu blind, und er fühlte sich schlecht, dass er noch nicht über alles reden konnte, und nahm sich für diesen neuen Winter vor, etwas daran zu ändern.

Bisher tat er es aus Selbstschutz nicht, und deswegen, weil seine eigenen Erinnerungen ein wenig verschleiert waren. Doch vielleicht half es ihm, an einem Tag wie heute, den Kopf ein wenig frei zu bekommen und die Seele zu beruhigen, so wie es das Ritual von allen erwünschte – von den Verstorbenen wie auch den noch Lebenden, um erlöst zu werden.
 

Vika war bereits in der Nacht zum Berg heraufgestiegen, um sich mental für den Tanz zu erden.

Sie hatten ein inneres Vertrauen in ihre Tochter, dass sie dem Druck standhalten würde. Sie war eine pflichtbewusste junge Frau, der es mehr als nur wichtig war, die Spiritualität fortzuführen und auch der Nachwelt zu präsentieren.
 

Vika hatte durch ihre Meditation erlernt, auf längere Zeit ihre Konzentration zu fokussieren, länger ohne Nahrung auszukommen, und ihren Körper noch mehr auf die Kälte abzustimmen. Neben einer inneren Veranlagung, die Kälte des Bergs abzustreifen, wurde auch immer wieder eine hohe Sensibilität für die Geisterseelen und Gefühle, welche die Wesen ausstrahlen weitervererbt.

Radha hatte ihr bereits in jungen Jahren erklärt, was die eigenartigen Winde, die Stimmungen in ihnen, das Wehen derer welches wie ein Flüstern klang, bedeuteten. Nur einmal im Jahr, zum Eisschollentanz, öffnete sich das Tor, welches das Diesseits mit dem Reich der Toten verband.
 

Bereits vor Jahrhunderten war der Berg ein Ort, um den sich Mysterien, Gruselgeschichten, und Legenden rankten. Vika hatte eines der vielen Schriften wieder beiseite gelegt. In einer hinteren Kammer waren einige Bücher, welche ihre Vorfahren niedergeschrieben haben, wie in einer Bibliothek aufgereiht. Sie war seit jeher fasziniert von der Geschichte und hatte in den letzten Jahren ihrer Mutter immer wieder selbst dabei zugesehen, wie sie tanzte.

Sie tunkte eine Hand in das eisige Wasser. Es war das klarste Wasser, welches man sich vorstellen konnte. Die Eisschollen glitzerten. Auch wenn die Sonne bereits untergegangen war, erstrahlten sie hell. Sie wirkten, als wären sie das Licht, welches die Seelen im Zuge des Ablebens empfing.
 

Ich werde mein Bestes geben, flüsterte Vika sich selbst zu. Eine Melancholie befiel sie. Sie merkte, dass sich hier wirklich viele Gefühle von Trauer, von Verleumdung, und von Angst sammelten.

Es setzte sich einmal mehr in ihr Herz, drückte es nieder und brannte sich ein. Das Gefühl war noch stärker als an all den Tagen zuvor, oder überhaupt jemals.
 

Sie schluckte herunter. Für diesen Moment musste sie bei sich bleiben, und als die Wächterin fungieren, zu der sie auserkoren war.
 

Ich werde euch hören, und den Wunsch erfüllen, Kontakt zu euren liebsten aufzunehmen.
 

Sprach sie leise in die Öffnung, welche zum Sternenhimmel führte. Diese Nacht gab der Anblick der Höhle ein besonders bezauberndes Bild ab.
 

Ich werde eure Botschaft weitergeben.
 

Sie hatte sich in das leichte, erstrahlende Gewand gehüllt und glich damit förmlich einem überirdischen Geisterwesen. Eine Leichtigkeit machte sich in ihr breit, von der sie nicht wusste, woher sie kam. Es war, als würden die vorherigen negativen Gefühle in den Berg eingesogen werden.

Die Nacht strahlte eine besondere Magie aus. Vielleicht war es ein Zusammenspiel aus alledem, vielleicht war es der Beginn, welches andeutete, dass sich nun das Tor öffnen wird.
 

Ein laut aufsteigendes Feuer entzündete sich am Himmel. Vikas Herz sprang erstaunt auf. In ihren Ohren war nun die sanfte Melodie zu hören, welche ihr bereits als Kind immer mal wieder vorgesungen wurde, auf welches der Tanz angepasst wurde.

Ein Gong ertönte.
 

Vika schloss die Augen und fuhr gedanklich in sich. Die vorangegangene Leichtigkeit ließ ihre Füße wie in all den Übungen nahezu über das eisige Gewässer gleiten, wie ein elegantes Wesen aus Schleiern. Sie nahm die Umgebung in dieser Zeit nicht mehr wahr und ließ sich treiben. Vor sich sah sie nun ein Meer, welches ein mystisches Leuchten in sich barg.

Besagte Melodie strömte aus ihr. Ein kleiner Sprung auf den Zehnspitzen, ein Dreher, ein Schwenk zur Seite, bis zur Hingabe. Vika bewegte sich wie von selbst. Was in den Trainingstagen nahezu perfektioniert wurde, brachte ihr Körper nun wie in Trance zustande.
 

Während ihr Körper nahezu astral wirkte, sammelten sich in Vika verschiedenste Gefühle. Nicht nur negative, vieles davon zeugte auch von Liebe und der Sehnsucht nach Nähe. Die Seelen, welche in der Zwischenwelt verharrten, hatten sich im Anklang des Eisschollenfestes geordnet und machten sich bereit für den Übergang.
 

Vika blickte in ihrer Trance über das Meer. Viele kleine Flämmchen, welche aussahen wie Glühwürmchen, stiegen auf und erzeugten ein kunstvolles Bild, welches jedes Herz erwärmen würde. Manche von ihnen strahlten heller als andere, doch sie alle erzählten eine Geschichte eines Menschen von einst.

Als könnte sie in sich blicken, war eine der kleinen Flämmchen direkt mit ihrem eigenen, verschleiernden Körper verbunden. Sie fokussierte sich ganz auf ihren Körper, so wie sie es seit jeher immer tat, und begann, die Lyrik zu summen.
 

Seelen erzählen Geschichten

Geschichten erfüllt von Licht und Dunkelheit

Verlorene Wärme, versteckte Geheimnisse

wachsen heran als Leid

Doch wo jener Leid weitergetragen wird

Wie der Wind herausgetragen

Durch die Weiten irrt

Werfen auf weitere Fragen

Lasst uns darüber reden

Zu jener Dunkelheit stehen

Sie einfangen und erfassen

Um sie dann loszulassen

Denn sind wir von den Lasten befreit

Machen wir Platz für Geborgenheit

Die tiefen warmen Flammen der Liebe

Zu dem wahren Kern unserer Seele

Auf dass ein jeder die erlösende Freiheit findet

Ehret den Eisschollentanz

Das Flämmchen in ihrer eigenen Brust erleuchtete hell. Es stellte ihr eigenes Seelenlicht da, welches sich nun wie alle anderen, gen Himmel erhob und eine Verbindung aufnahm. Die Gefühle, welche sich in ihr gesammelt hatten, setzten sich in den jeweiligen Lichtchen fest, bereit, sich ihren Nahestehenden zu zeigen.

Eine von ihnen – die wohl größte und feurigste – entsandte sie auf den eisigen Boden und aus ihrer Trance.
 

Vika vernahm viele Stimmen in ihrem Ohr, als sie elegant auf ihrem Knie landete und sich vor dem nun angekommenen Publikum verbeugte. Die Bewohner Manafells hatten ihrer Darbietung faszinierend gelauscht, und waren nun wie entfesselt, als sie sahen wie die vielen Seelenlichter an die Oberfläche kamen und herausströmten. Sie waren umzogen von geisterhaften Silhouetten, welche nun von ihnen allen wahrgenommen werden konnten.
 

Auch wenn diese Zeremonie alljährlich abgehalten wird, ist es für manch einen immer noch neu und befremdlich, auf ihre Urahnen und all jene, die noch nicht erlöst waren, wahrzunehmen. Wie das überhaupt möglich war, verstanden viele der Bewohner nicht, so war vieles in den Schriften der Jeweles niedergeschrieben. Vieles der Rituale beruhten auf eine spezielle Sensibilität und Spiritualität, welches im Blut der Familie lag und allen voran den Frauen weitervererbt wurde.

Wie Vika selbst kurze Zeit Teil der Zwischenwelt werden konnte, wurde dort festgehalten. Für das traditionsbewusste Manafell war dies ein Segen.
 

Wie geheißen waren die Fackeln wie Kerzen rundherum platziert und ergaben ein kunstvolles Bild der Erleuchtung.

Vika hüstelte und fiel Radha in die Arme. Der Tanz dauerte insgesamt eine halbe Stunde an, auch wenn es für sie nur wenigen Sekunden glich. Ihr Körper hatte durchgehalten, doch all die innere Last machte ihr zu schaffen.
 

Sie blickte mit Wehmut zu den vielen Seelenlichtern und emotionaler Ergriffenheit der Menschen. Alle sie gaben ihnen Worte der Nähe für sie mit. Auch wenn sie sie nicht verstehen konnten, so verstanden sie die Gefühle ihrer Nahestehensten.

Vikas Tanz auf den Eisschollen hatte tatsächlich das Tor geöffnet und den Weg geebnet, und die Botschaft konnte wie gewünscht überbracht werden.
 

„Du verstehst, was sie sagen“ erläuterte Radha, „das ist einer unserer Fähigkeiten, nachdem wie den Tanz verinnerlicht haben. Vorher hast du vielleicht schon die Stimmungen vernommen, doch aus den Stimmungen wurden Geschichten.“
 

Sie nahm ihre Hand. „Wichtig ist, dass du als verbindendes Wesen nun unseren Brüdern und Schwestern beistehst, auf dass sie endlich von ihren Lasten befreit werden und ihren letzten Wunsch erfüllt bekommen“

Der Wunsch nach dem einen Ort, den man sehen möchte.
 

Der Wunsch nach einer bestimmten Geste.
 

Der Wunsch nach dem letzten gemeinsamen Blick in den Sternenhimmel.
 

Der Wunsch, endlich lange, unausgesprochene Worte, mitteilen zu können.

Das war nur ein Teil dessen, welches Vika den Menschen vermittelte. Wie eine Weise hatte sie sich, nach dem kurzen Verschnaufen, aufgemacht und jedem zugehört, ohne ihre eigene Bedürfnisse zu folgen.

Die Eisschollentänzerin sollte zuhören, und den Weg vermitteln, die letzte Ehre erweisen ohne sich durch eigene Fehler leiten zu lassen. Auch so war es niedergeschrieben in den alten Schriften. Regeln, an die sie sich halten musste.
 

Sie folgte dem. Doch eine Sache störte sie.
 

Wer war dieses besonders lodernde Feuer? Ich hatte das Gefühl, es möchte zu mir sprechen.
 

Dachte sie innerlich. Denkbar war, dass es vielleicht jemand aus ihrer Vergangenheit war. Jemand, der sich wünschte, ein letztes Mal mit Vika zu reden.
 

Vika stellte mit Entsetzen fest, dass Stean nicht mehr zu sehen war. Sie schüttelte sich ein wenig, da sie ihre eigenen Gefühle nicht fehlleiten wollte, um Unsicherheiten zu vermeiden.

Radha stand ruhig am Rand und hatte ein paar Obstgaben auf die Tische gestellt. Sie liebte es, zu kochen und jegliche Form von Nahrung kunstvoll zuzubereiten. Sie schien nicht besorgt zu sein, sondern zu wissen, wohin es ihren Mann verschlagen hatte.
 

Die Flamme, die immer noch zu sehen war, loderte auf und schien ihr einen Weg zeigen zu wollen. Radha nickte Vika ruhig zu.
 

Sie ging auf ihre Mutter zu und legte die Arme um sie. Jetzt merkte Vika, wie ein gewisses Adrenalin ihrem Körper entfloh. Der Tanz, das Eintreten der spirituellen Ebene, das Ordnen der eigenen Gefühle, die Beruhigung der Seelen und Zusammenbringung mit den Liebsten hat sowohl körperliche als auch mentale Kraft gefordert.

Soviele kleine Geschichten, welche sie gesehen hat, und doch waren seit Beginn des Rituals, vielleicht zwei Stunden vergangen.
 

„Du hast das toll gemacht“ sagte Radha ermunternt, „Ich bin damals, bei meinem ersten Mal, beinahe weinend zusammengebrochen, weil ich die vielen Gefühle kaum verkraftet habe. Zu fühlen, was jeder Seele schmerzt und was sie sich wünscht, ist Fluch und Segen zugleich“
 

„Danke.. Weißt du, wo Vater ist?“
 

Vika war wieder einmal uneigennützig wie eh und je. Sie ignorierte die Schmerzen, wollte gar nicht, dass man ihre Erschöpfung so sehr ansah.
 

Radha blickte in Richtung des Waldes. „Du weiß ja, er redet nicht allzu gern über seine Gefühle, er ist mehr der Praktiker. Nachdem er das Feuer angezündet hatte am Bergeingang, ist er kurz danach in Richtung der Bäume gegangen.

Vermutlich lässt ihn die Arbeit nicht ruhen. Aber du weißt ja, es liegt in unserem Blut, dass die Männer nicht die Empathie und Spiritualität besitzen wie wir Frauen. Er möchte sich anderweitig nützlich machen“
 

Der Himmel war klar, doch bereitete es Vika aus unerfindlichen Gründen Unbehagen, dass ihr Vater nicht aufzufinden war.

Erklären konnte sie es nicht. Jedoch hatte sie ein unruhiges Gefühl und dies hatte auch mit dem Seelenlicht, welches nicht von ihr wich, zu tun.

„Im Wald ist es ja schön ruhig, ich denke es ergeht ihm gut und er wird bald zurückkehren. Wenn du nach ihm sehen möchtest.. kann ich das aber gut verstehen. Du hast ein großes Herz und möchtest für uns alle des Beste“
 

Sie nahm das Seelenlicht scheinbar nicht so wahr wie Vika selbst.
 

„Ich kümmere mich nun um die Gaben, mach dir keine Gedanken um mich und um die Menschen hier. Deine Aufgabe ist getan, denn wie ich merke, sind die meisten unserer Mitmenschen befreiter und mehr bei sich. Auch in meinem Alter kann ich das spüren. Die Gaben werden ihren Platz finden. Eine schöne Tradition, den Seelen zu huldigen.“
 

Vika seufzte. „Du.. machst dir keine Sorgen um mich allein im Wald?“
 

Sie fand diesen Gedanken seltsam. Sie wusste um die gewisse Gutgläubigkeit ihrer Mutter, was sich auch oft als richtig herausgestellt hatte, doch wie konnte sie so sehr darauf vertrauen, dass Stean und sie nur einen harmlosen Waldspaziergang bei Nacht machten?

„Seit Generationen ist der Wald friedlich, das weißt du doch. Du bist oft als Kind darin spielen gegangen, hast dich dort mit den anderen Kindern ausgetobt. Sei unbesorgt.“ Nach einer innigen Umarmung ließ Radha ihre Tochter frei.
 

Vika nahm einen Schluck des aufgesetzten Tees und entledigte sich ihrer eleganten Kleidung. Das Seelenlicht folgte ihr auf Schritt und Tritt und es umrang eine sehr dichte, tiefgreifende Emotion. Auch in ihrer gräulich-blauen Tracht, welche sich Vika überzog, sah sie weiterhin erstaunlich edel aus.

Mit einer eigenen Fackel ausgestattet, begab sie sich dann in Richtung des Waldes. Gewissensbisse plagten sie, obwohl sie jedem der Dorfbewohner in Ruhe als Vermittler des Wunsches gedient hatte. Jetzt bei der Huldigung nicht dabei zu sein, fühlte sich verantwortungslos an. Doch.. war es verantwortungsloser, den Wunsch dieser einen Seele, die eine Verbindung mit ihr hatte.. auszuschlagen.
 

Die junge Frau kannte den Weg durch den Wald glücklicherweise sehr gut. Dennoch merkte sie sich durch genaues Hinschauen der Baumstruktur, welchen Weg sie langsam herabgestiegen war. Und sie verstand, wohin er führte.
 

Versteckt im Wald, gab es einen kleinen Schrein, den nur wenige kannten und welcher vorallem durch die Familie Jewele geheim gehalten wurde. Es war ein Ort, an dem sie die Meditationen und den Weg zum inneren Selbst regelmäßig übten und die Nähe zur Natur spüren konnten. Eigentlich kein Ort, an dem sich Stean oft aufhielt, aber der Ort, an dem das Seelenlicht sie führte.

In den Schriften stand geschrieben, dass der Schrein hier erbaut wurde, weil der Urahn der Jeweles hier vergraben war.
 

Während sich im Berg also das Tor zum Jenseits öffnete am Tage des Eisschollentanzes, so führten gerüchteweise die Seelen der Eisschollentänzerinnen vergangener Generationen hierher. Handelte es sich bei dem Feuer um eine ihrer Urahnen?

Vika, die die vielen Schriften studiert hatte, war verunsichert, da der Teil der Geschichte nicht ganz schlüssig war, sollten die Tänzerinnen in erster Linie ihren Tanz und ihre Aufgabe als spirituelle Begleiter erfüllen, und eben nicht ihren eigenen Gefühlen oder Geschichten fröhnen. Oder stimmten diese Worte der Vorfahren nicht? Gab es Informationen, die untergraben wurden? Wo hatte sie es noch gleich aufgeschnappt, dass es manch einen an diesem Tag hierher verschlug? Oder war es eine Warnung?
 

Sie vernahm, wenige Meter vor dem Tempel, ein Schlurfen, und ein Klappern. Das Seelenlicht flackerte. Vika vernahm eine starke Aura, die dem ausging. Wo war Stean und was hatten die Worte der Schriften auf sich, die sich in ihr Gedächtnis irrten? Erinnerte sie sich falsch?

„V..Vater?“ murmelte sie, gezeichnet von Erschöpfung und einer aufkeimenden Angst.
 

Ein kupferartiger Geruch von Blut zog in ihre Nase, und vermischte sich mit dem Nadelduft der Tannen weiter hinten.

Vikas Herz raste. Sie lief etwas um das steinernde, edle Gemäuer herum und fand dort, recht versteckt, Stean, welcher sich grade mit einem Ast in seinen Arm schnitt. Ein Bild, welches nicht nur Verwirrung und Sorge auslöste, sondern nahezu absurd wirkte. Wie kam ein friedlicher Mann wie er auf diese Idee? An ein solches Ritual konnte sie sich nicht erinnern.
 

„Vater!“
 

Das Seelenlicht flackerte stärker und erleuchtete den Weg zu Stean, welcher das Licht nicht wahrnehmen konnte.

Zumindest sah es zunächst nicht mal im Ansatz aus. Als er seine Tochter erblickte, hielt er geschockt inne. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er ausgerechnet hier so schnell von ihr gefunden würde.

Er warf den Ast weg und war sprachlos. Er schüttelte den Kopf als wolle er sich weiter verstecken.
 

„Ist alles in Ordnung, bist du verletzt? Was machst du hier?“ rief sie ein wenig aufgekratzt. Als Stean nicht direkt antwortete, sondern nur mit einem schmerzhaften Blick ansah, vernahm sie von ihrer Schulter eine starke energetische Aura.
 

Ihr Vater, dessen helle Augen begannen, melancholisch zu funkeln, murmelte dann, „es tut.. mir leid“
 

Vika blickte zwischen ihm und der Flamme hin und her. „Wenn dich etwas bedrückt, kannst du es gern sagen. Ich bin für dich da“ sagte sie leicht unbeholfen bis besorgt. Sie war überrumpelt und unkonzentriert und die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz.

Stean sprach nicht zu ihr, sondern zu dem Seelenfeuer. Er, als jemand der nicht die gleiche Spiritualität wie Radha und Vika hatte, bemerkte, dass es eine Seele vergangener Zeiten war, die eine Geschichte zu erzählen hatte.

Nachdem Vika ihrem Vater ihren Umhang umgelegt hatte, um ihm Wärme zu spendieren, und mit einem Tuch die Wunde sanft verschloss, merkte sie, dass sie mit ihrer Aufgabe noch nicht fertig war.
 

Jede Botschaft soll übermittelt werden. Eine der wichtigsten Regeln des heutigen Rituals.
 

Die junge Frau schluckte ihre Sorge herunter, legte ihre Hand auf die Schulter ihres Vaters und nahm eine kniende Position neben ihm ein. Sie fokussierte sich auf ihre innere Mitte, wie sie es mit jedem der anderen Anwesenden getan hatte. Dass es sich hierbei um die eigene Familie handelte, musste sie herunterschlucken.

Mit einer zierlichen Bewegung, welche den großen Tanz repräsentierte, gewährte sie der Seele abermals Zugang in ihr Bewusstsein, um die Geschichte zu erzählen.



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von:  Ayaka-Higurashi
2025-12-16T10:32:26+00:00 16.12.2025 11:32
Eine sehr schöne tiefgründige Geschichte. Gefällt mir sehr gut. Konnte mir beim lesen alles gut vorstellen. Nur schade, dass sie schon endet. Würd noch gern wissen was Vatern da gemacht hat.
Antwort von: Crystalwater
16.12.2025 18:40
Danke für deinen Kommentar! Ja, ich möchte mit der Geschichte ein bisschen zum Nachdenken anregen :>
Ist auch noch nicht ganz fertig, da kommen noch 2 Kapitel, ich kam die Tage nicht dazu, die hochzuladen. Folgt aber die Tage ~
Antwort von:  Ayaka-Higurashi
16.12.2025 18:45
Sehr gut dann mus ich mir das vormerken, bei zeiten mal zu schauen.


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