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Das Herz von Illumina

Pokémon-Legenden: Z-A
von

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Das kann ich leider nicht zurückgeben

Es kam Platan so vor, als sei es bereits eine Ewigkeit her, seit er zuletzt im Labor gewesen war, um seine Pokémon zu heilen. Beim letzten Mal war es Nacht, diesmal hatte er tagsüber in Eile das Gebäude betreten und war mit dem Aufzug zu dem Stockwerk hochgefahren, wo die Forschungen stattfanden. Dort war er sofort zu der Gerätschaft gestürmt, die in einer Ecke des Raumes stand, und legte die Pokébälle von Mähikel und Absol hinein.

Nun wartete er angespannt darauf, dass sie vollständig geheilt wurden. Hoffentlich ohne Probleme.

Seine Pokémon hatten sich im letzten Kampf beide schwere Verletzungen zugezogen, weil ihr Gegner durch seine Typen erhebliche Vorteile besaß.

Einer der magentafarbenen Lichtpunkte war plötzlich in Flammen aufgefangen und mit einem erstaunlichen Tempo in ihre Richtung geschossen. Ein Megamanie-Bibor. Offenbar zog die Mega-Essenz in Platan jene Pokémon, die ebenfalls von dieser Energie durchtränkt waren, inzwischen noch stärker auf magnetische Weise an. Diesem aggressiven Bibor hätten sie niemals entkommen können, selbst wenn sie gewollt hätten.

Gnadenlos hatte es sie aus der Luft attackiert, mitten im Cyan-Bezirk 3, wo Platan sich um einige Mega-Kristalle gekümmert hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren auch einige Passanten in der Nähe gewesen, doch das Bibor war zum Glück einzig auf sie konzentriert. Als es zudem die Mega-Entwicklung durchgeführt hatte, waren die meisten geflohen. Verständlich, Bibor konnte in dieser Form beängstigend sein. Und unberechenbar.

Selbst in ihrer Mega-Form kam Mähikel kaum gegen dieses Pokémon an. Bibors Gift setzte ihr viel zu sehr zu und schwächte sie immens, weil es sowohl gegen ihren Pflanzen- als auch den Feen-Typen äußerst effektiv war. Deshalb waren sie auf Absols Hilfe angewiesen, der jedoch ebenso zu kämpfen hatte, jedoch gegen die Käfer-Attacken. Dennoch gab er sein Bestes, Bibor abzulenken und Mähikel somit zu ermöglichen Treffer zu landen.

Dieser Kampf war furchtbar aufreibend gewesen, für sie alle. Für die Pokémon wesentlich mehr als für Platan, auch wenn es ihn zerrissen hatte dabei zuzuschauen, wie Mähikel und Absol leiden mussten. Irgendwie hatten sie aber gewonnen. Allerdings viel zu knapp. Mit einem Schaden, den Platan lieber vermieden hätte.

Da das Bibor blitzschnell geflohen war, kaum dass die gesamte Mega-Essenz seinen Körper verlassen hatte, konnte Platan es nicht mit ins Labor nehmen. Sicher käme es aber zurecht, wenn es noch die Kraft besessen hatte zu fliehen. Also konzentrierte er sich nur auf Mähikel und Absol.

Das leise Surren der Gerätschaft hätte beruhigend sein können, wenn er nicht immer noch zu unruhig wäre.

Eigentlich hätte er damit rechnen müssen, dass so etwas wie vorhin passieren könnte. Bisher hatten sie Glück gehabt, stets auf Typen zu treffen, gegen die Mähikel einen Vorteil besaß. Natürlich mussten sie irgendwann auf eine Herausforderung stoßen, die sie in die Enge zu treiben wusste. Auf Dauer konnte er mit nur zwei Pokémon nicht gegen alle anderen bestehen.

Natürlich hätte er einfach reichlich Mega-Essenz nutzen können, um Mähikel und Absol zu stärken, doch das kam für ihn nicht in Frage. Auf keinen Fall durfte er ihre Körper mit zu viel Energie strapazieren, sonst müssten sie auch Schmerzen durchleiden, wie die Megamanie-Pokémon. Selbst wenn er nur so viel Energie nutzte, um auch Absol zu einer Mega-Entwicklung zu verhelfen, wäre das grauenvoll.

Eine Mega-Entwicklung sollte auf natürliche Weise stattfinden, durch eine enge Bindung zwischen Pokémon und Trainer. Absol und Platan kannten sich noch nicht lange genug dafür. Bei Mähikel war das anders. Aber ...

Ohne die Mega-Essenz könnten auch wir keine Mega-Entwicklung einsetzen.

Bedeutete das nicht, dass er Mähikel im Grunde schon die ganze Zeit auf unnatürliche Weise dazu zwang? Warum kam ihm dieser Gedanke erst jetzt?

Ein Signal der Gerätschaft verriet, dass der Heilungsprozess abgeschlossen war. Erleichtert nahm Platan die beiden Pokébälle wieder an sich und betrachtete sie vorsichtshalber prüfend, auch wenn das nicht nötig war. Die Ausrüstung im Labor war erstklassig. Sicherlich besser als das, was die Pokémon-Center mittlerweile anboten. Seit deren Rückbau traute er diesen Einrichtungen nicht mehr wirklich.

„Na endlich!“, ertönte plötzlich eine genervte Frauenstimme hinter ihm. „Endlich erwische ich Sie! Mit Ihnen habe ich noch ein Jungglut zu rupfen!“

Irritiert drehte Platan sich um und blickte direkt in das gestresste, sichtlich überarbeitete Gesicht von Magnolia. Ihre Augenringe hatten neue Dimensionen erreicht, seit er zuletzt mit ihr gesprochen hatte. Umso beeindruckender war es, dass sie insgesamt noch sehr gepflegt und stilsicher aussah. Ihm war das damals, in seinen intensiven Trauerphasen um Flordelis, eher weniger überzeugend gelungen.

Magnolias türkisfarbenen Augen schleuderten ungehalten Eissplitter in seine Richtung, durch die Schutzbrille hindurch, weshalb er sich rasch räusperte und mit einem freundlichen Lächeln versuchte, die Wogen zu glätten. „Magnolia, meine Liebe~!“

„Ach, sparen Sie sich das!“, gab sie flapsig zurück. „Sie haben vielleicht Nerven, erst jetzt hier aufzutauchen. Ich warte schon die ganze Zeit darauf, dass Sie sich bei mir blicken lassen.“

Unschuldig hielt Platan sein Lächeln aufrecht. „Woher wusstest du überhaupt, dass ich hier bin?“

Darauf hob sie empört eine Augenbraue. „Das fragen Sie mich jetzt nicht ernsthaft, Professor ...“

Platan erwiderte ihren Blick einige Sekunden schweigend, ehe er ihn zu den anderen Angestellten im Raum lenkte, die abseits standen und alles unsicher beobachteten. Er hatte sie vollkommen ausgeblendet, seit er hier war. Wahrscheinlich auch alle im Erdgeschoss, an denen er in seiner Hektik vorbeigerauscht war, ohne irgendjemanden zu grüßen. Jemand musste ihr Bescheid gegeben haben, dass er hier war.

Sicher, er mochte der ehemalige Professor dieses Labors sein und deshalb den Vorteil genießen, hier eher hereingelassen zu werden als andere, aber selbst bei ihm wurde man verständlicherweise misstrauisch, wenn er sich wie ein aufgescheuchtes Flemmli verhielt. Zumal inzwischen die meisten in Illumina City in Erfahrung gebracht haben dürften, dass er derjenige war, der die Mega-Kristalle verschwinden ließ. Man hatte ihn oft genug dabei gesehen.

Und Magnolia ... brannte vermutlich darauf, deswegen mit ihm zu sprechen. Zumindest würde es ihm an ihrer Stelle so gehen.

Langsam steckte Platan sorgsam die Pokébälle wieder ein, räusperte sich anschließend ein zweites Mal und legte die Hände aneinander. „Ich bitte vielmals um Verzeihung. Zwar habe ich einige Male durchaus daran gedacht, dass es sinnvoll wäre, dich zu kontaktieren, aber ... Du hast bereits mehr als genug zu tun. Ich wollte dich nicht zusätzlich belasten.“

„Idiot!“, zischte Magnolia. Stöhnend rieb sie sich die Stirn und schüttelte den Kopf. „Ich meine, sicher, es stimmt, ich bin überlastet, andernfalls hätte ich mich schon längst bei Ihnen gemeldet und Sie hierher beordert. Bestimmt hätte ich es mir aber nicht entgehen lassen, jemanden zu untersuchen, der Mega-Essenz in sich aufnehmen kann. Falls es Ihnen entfallen sein sollte, ist die Erforschung von Energien mein Fachgebiet.“

Falls seine Kollegin Burnett jemals davon erfuhr, wäre sie wahrscheinlich auch enttäuscht darüber, dass er sich nicht bei ihr gemeldet hatte. Vermutlich hätte sie aber mehr Verständnis, immerhin befand sie sich in einer gänzlich anderen Region und hatte bisher niemals etwas mit der Mega-Entwicklung und deren Energie zu tun gehabt. Magnolia dagegen war vor Ort und erforschte sie. Es war nur natürlich, dass sie wütend auf ihn war.

Deshalb konnte er ihr nicht sagen, dass er momentan niemandem Vertrauen schenken konnte. Alles alleine schaffen wollte. Alleine alles in Ordnung bringen musste. Für Illumina, für Flordelis ... und für sich. Damit er wieder in den Spiegel schauen und sich selbst verzeihen konnte. Zu groß war die Angst, er könnte sich zu sehr wieder auf die Hilfe von anderen stützen und untätig werden, sobald er es zuließ.

Das durfte nicht noch einmal passieren – darum hatte er auch Diantha oder irgendwelche anderen Kontakte noch nicht angerufen und sie um Unterstützung gebeten. Dabei kannte Platan mehr als genug Leute, die garantiert nach Kalos eilen und ihm helfen würden. Aber ...

„Nein, das ist mir nicht entfallen ...“, entgegnete Platan gepresst.

Schnaubend stemmte Magnolia die Hände in die Hüfte. „Ist ja jetzt auch egal. Der Schaden ist schon angerichtet. Ihnen sollte bewusst sein, dass die Mega-Essenz Ihren Körper bereits verändert haben dürfte. In welcher Form, bringen wir durch einige Untersuchungen in Erfahrung. Es werden aber sicher keine schönen Ergebnisse dabei herauskommen.“

Platan erhielt überhaupt nicht die Gelegenheit, etwas dagegen einzuwenden, denn sie sprach einfach ungeniert weiter: „Außerdem haben Sie ziemlich viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen.“

Magnolia zog die Augenbrauen zusammen und deutete mit dem Daumen nach oben. „Wie es der Zufall will, wartet einer davon in meinem Büro und weigert sich hartnäckig zu verschwinden, weil er glaubt, ich wüsste sicher ganz genau, wie man Sie am besten dazu bringen kann, noch einmal mit denen zu reden. Zum Schießen, nicht wahr? Sobald die etwas wollen, bin ich plötzlich gut genug für sie.“

Eine dunkle Vorahnung erwachte in Platan, was dafür sorgte, dass er die Stirn runzelte. „Ist es Quazar?“

Statt ihm zu antworten, sprach Magnolia unbeirrt weiter: „Tun Sie mir wenigstens den Gefallen und helfen Sie mir, ihn loszuwerden, wenn Sie schon gerade hier sind.“

Nach diesen Worten wandte sie sich von ihm ab und schritt Richtung Aufzug, wohl in der sicheren Erwartung, dass Platan ihr ohne Widerrede folgen würde. Tatsächlich tat er das, schließlich hatte sie recht. Wer auch immer sie von der Arbeit abhalten mochte, er sollte sich darum kümmern, diese Person loszuwerden. Immerhin war er der Grund für diese Störung.

Auf dem Weg in den Aufzug spürte Platan die Blicke der anderen Angestellten im Nacken, die erst abbrachen, als sich die Tür hinter ihnen schloss und sie ein Stockwerk nach oben fuhren. Genervt murmelte Magnolia dabei unentwegt etwas vor sich hin. Am liebsten hätte Platan sich bei ihr entschuldigt, aber er hatte das Gefühl, es war besser, vorerst zu schweigen.

Am Ziel angekommen stiegen sie wieder aus und Magnolia lief voraus, hinter die Trennwand, wo sie jemandem mitteilte, dass sie den Professor mitgebracht habe. Auch Platan betrat seinen alten Arbeitsbereich und tatsächlich, vor dem Schreibtisch stand eine ihm fremde Person. Ein großer Mann, der ihn auf den ersten Blick an eine Security oder einen Bodyguard denken ließ.

Durch die kräftige Statur und die breiten Schultern kam der schicke Anzug mit den goldenen Knöpfen gut zur Geltung. Schuhwerk sowie Handschuhe waren farblich auf das grüne Hemd abgestimmt. Eine schwarze Sonnenbrille rundete das Gesamtbild ab und unterstrich die männlichen, markanten Gesichtszüge.

Falls Platan das richtig erkannte, trug er das braune Haar zu einem Dutt hochgebunden, der von kleinen, niedlichen Plüschköpfen, einem Pam-Pam und einem Haspiror, dekoriert wurde. Dieses niedliche Detail passte überhaupt nicht zur restlichen Erscheinung des Mannes, war jedoch überaus charmant, wie Platan fand. Leider dämmte ein goldener Anstecker der Quazar Corporation an der Brust die Entzückung und verfluchte sie zu einem Zustand des eisigen Misstrauens.

Quazar. Wie erwartet.

Kaum erblickte der Mann ihn, zeigte sich ein zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen. „Ah, bonjour, Professor Platan. Was für eine glückliche Fügung, dass ich Sie hier treffe.“

Früher hätte er etwas ähnliches gesagt, weshalb Platan für einen kurzen Moment dazu neigte einen Hauch von Sympathie zu empfinden. Vor allem, weil die Stimme des anderen unerwartet warm klang, geradezu sonnig.

Magnolia ließ sich derweil in ihren Bürostuhl sinken und rollte mit den Augen. „Über das glücklich lässt sich streiten.“

Es kam ihm fast so vor, als hätte sie das eigentlich in seinem Namen gesagt. Jedenfalls war es das, was Platan gerne selbst erwidert hätte. Unter anderen Umständen hätte er darüber geschmunzelt, aber er wahrte lieber ein ernstes Gesicht. So wie Flordelis es damals immerzu getan hatte.

Fordernd sah er den Mann an. „Darf ich fragen, wer Sie sind?“

„Selbstverständlich. Bitte verzeihen Sie mein unhöfliches Benehmen.“ Mit einer flüchtigen Bewegung fuhr er mit zwei Fingern über seine langen, seitlich abstehenden Koteletten. „Mein Name ist Vincent. Offiziell bin ich der Sekretär der Präsidentin von der Quazar Corporation, aber im Grunde erledige ich alles, was so anfällt. Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

„Das kann ich leider nicht zurückgeben“, meinte Platan kühl.

Sofort weiteten sich erstaunt Magnolias Augen und auch Vincent wirkte etwas überrumpelt, fand seine stramme Haltung jedoch schnell wieder.

„Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie mit einigen Entscheidungen und Handlungen der Quazar Corporation nicht einverstanden sind“, sagte Vincent, betont ruhig. „Soweit ich weiß, gab es deswegen auch ein Gespräch mit unserer Präsidentin. Sie ist immer sehr beschäftigt, was zur Folge hat, dass sie unter Umständen etwas grob erscheint. Erst recht, wenn man sich gegen Ihre Firma ausspricht. Vielleicht könnte ich einige Ihrer Sorgen und Zweifel zerstreuen.“

„Das bezweifle ich“, wehrte Platan direkt ab. „Ich habe Jette bereits ausführlich geschildert, warum die Wildsektoren schlecht sind. Es wäre mir zu mühselig, das jetzt erneut aufzurollen. Von den Kampfsektoren fange ich besser auch nicht an. Die Ausführung dieses Z-A Royales ist eine Katastrophe, auch wenn ich inzwischen weiß, dass es einem bestimmten Zweck dient, genau wie die Wildsektoren. Dennoch wird an keinem Punkt Rücksicht auf Menschen oder Pokémon genommen und es mangelt an vielen Ecken an Sicherheitspersonal, obwohl Quazar gerne immerzu behauptet, beides läge ihnen so sehr am Herzen.“

Offenbar gefiel Magnolia, was sie gerade sah, denn sie lehnte sich mit einem amüsierten „Oho~“ vor und stützte sich mit den Armen auf dem Schreibtisch ab.

Scheinbar etwas überrollt richtete Vincent seine Sonnenbrille. „Dürfte ich erklären-“

„Nein!“, unterbrach Platan ihn. In diesem Moment war er dankbar, recht groß zu sein, denn so musste er den Kopf nicht zu sehr heben, um Vincent ins Gesicht zu schauen. „Mich interessieren Ihre Erklärungen nicht mehr! Mir ist es auch egal, was Quazar nun von mir will, auch wenn ich es mir denken kann. Es hat mit der Mega-Essenz zu tun, richtig? Erwarten Sie nun etwa von mir, dass ich mit Ihrer Firma kooperiere? Jener Firma, die Bewohner dazu aufgerufen hat, die Mega-Kristalle einfach zu zerstören, ohne darüber nachzudenken, was das für Folgen haben könnte? Oder wussten Sie genau, dass Sie Mega-Essenz dadurch freisetzen und alles nur noch schlimmer machen, aber haben diese Gefahr willentlich in Kauf genommen?“

Beschwichtigend hob Vincent die Hände. „Wir-“

„Falls es Ihnen dabei ernsthaft auch um das Stadtbild von Illumina City ging, ist das an Lächerlichkeit nicht mehr zu überbieten!“, fuhr Platan ihn an und riss einen Arm hoch, Richtung Fenster. „Wissen Sie, was wirklich das Stadtbild ruiniert?! Die unzähligen Baugerüste überall, auf denen sich auch das Logo von Quazar befindet! Sie stehen teilweise an Stellen, wo überhaupt keine Bauarbeiten stattfinden! Unbeaufsichtigt!“

Platan redete sich regelrecht in Rage, angetrieben von einer immensen Hitze in ihm. Wild und unkontrolliert hatte die Mega-Essenz in ihm angefangen zu toben und erzeugte dadurch mehr und mehr Wärme. Erste Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

„Kein Wunder, dass Sie niemanden mehr in Ihr Gebäude lassen können!“, sprach Platan aufgebracht weiter. „Die Menschen sind nicht blind! Sie werden mehr und mehr eingeschränkt und durch ihre brillante Stadtentwicklung belästigt! Pokémon müssen eine Megamanie durchleiden, aufgrund Ihrer Leichtsinnigkeit! Sie kommen mit Ihrer Firma in unsere Region, nutzen einen ihrer schwachen Momente aus und reißen die Kontrolle an sich. Maßen sich an, hier Ihre Macht ausspielen zu können und handeln dabei wie ahnungslose Kinder auf einem Spielplatz ... Ich war viele Jahre vor Ihnen hier! Ich war lange vor Quazar mit Illumina verbunden! ... Und dann soll das nicht mehr meine Stadt sein, nur weil ich zwischendurch eine Weile weg war?! Wenigstens betrachte ich Illumina nicht nur als einen großen Spielplatz!“

„Professor!“, warf Magnolia plötzlich lautstark ein.

Sie war von ihrem Platz hochgefahren und hatte die Hände auf den Schreibtisch geschlagen, was ihn erschrocken zusammenzucken ließ.

„Beruhigen Sie sich!“, forderte sie, mit nervöser Miene. „Die Mega-Essenz strömt schon durch Ihre Augen! Merken Sie das gar nicht?!“

Verwirrt lenkte er den Blick zu ihr. „Wie?“

Erst, als er innehielt, realisierte er, dass tatsächlich etwas mit seinem Sichtfeld nicht stimmte. Regenbogenartige Schlieren tanzten unruhig über Magnolia. Über alles, was er sah. Wie eine ausgelaufene Ölspur, die lebendig geworden war. Magentafarbene Funken blitzten dazwischen als winzige Punkte auf.

Blinzelnd schüttelte Platan den Kopf und rieb sich die Augen.

Plötzlich spürte er eine Hand auf seiner Schulter und hörte Magnolias Stimme neben sich. „Atmen Sie tief durch. Ich weiß, ich bin die Letzte, die so etwas fordern darf, aber Sie müssen sich beruhigen.“

„Ja ...“, stimmte Platan ihr zu und sog etwas Luft ein, um sie langsam wieder auszustoßen.

Konzentriert bemühte er sich, die Mega-Essenz in sich zur Ruhe zu bringen. Sich zu sammeln. Nach einiger Zeit wurde es besser und seine Sicht hatte sich normalisiert, er sah alles wieder klar. Magnolia und Vincent hatten geduldig gewartet und sahen ihn besorgt an – wobei das bei der rechten Hand von Jette nur schwer einzuschätzen war, aufgrund der Sonnenbrille.

„Es tut mir leid“, entschuldigte Platan sich beschämt, während er sich den Kopf hielt. „Ich wollte nicht ... Eigentlich werde ich sonst nicht so laut.“

Er sah Vincent an und senkte dann reumütig den Kopf. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung.“

„Schon in Ordnung“, versicherte er Platan, unerwartet mitfühlend. „Ich dachte mir schon, dass dieser Ausbruch nicht Ihrem wahren Wesen entsprechen kann. Unsere Security hat mir ein gänzlich anderes Bild von Ihnen vermittelt.“

Überrascht hob Platan den Kopf wieder. „Sie haben mit den Dedenne gesprochen?“

„Natürlich. Ich musste ihnen schließlich noch einmal erklären, dass sie wirklich niemanden ins Gebäude lassen dürfen, der keine Erlaubnis dafür besitzt.“ Vincent schmunzelte leicht. „Egal, wie nett die Person erscheinen mag oder wie viele Komplimente sie der Security macht. Die Dedenne fanden Sie überaus zauberhaft.“

Darauf musste Platan leise lachen. „Sie waren auch wahrlich zauberhaft.“

„Deswegen werden sie oft unterschätzt“, merkte Vincent an. „Das macht sie zur perfekten Security.“

In der Tat klang das nach einer klugen Taktik. Viele Menschen und Pokémon unterschätzten die Kleinen. Daher hatte Platan den Dedenne auch gesagt, dass sie einen großartigen Job machten.

Magnolia nickte für sich. „Ihre Augen sind wieder normal. Merken wir uns also, dass es offensichtlich hilft, über niedliche Pokémon zu sprechen.“

Mit diesen Worten kehrte sie an ihren Schreibtisch zurück und nahm seufzend Platz. „Aber ehrlich, Sie müssen besser aufpassen. Ich dachte, Sie hätten die Mega-Essenz halbwegs unter Kontrolle.“

„Für gewöhnlich ist das auch der Fall“, versicherte Platan ihr.

„Was mich zu dem Grund führt, warum ich mit Ihnen reden wollte“, mischte Vincent sich wieder ein. „Die Quazar Corporation versucht die Mega-Essenz zu erforschen, aber bislang erzielen wir nur schleppend brauchbare Ergebnisse.“

Fassungslos warf Magnolia die Hände nach oben. „Tja, warum auch mit dem Labor zusammenarbeiten, das schon seit Jahren die Mega-Entwicklung erforscht?!“

Platan hob eine Hand in ihre Richtung. „Da kann ich ihr nur zustimmen. Ich habe auch Jette nahegelegt, mit dem Labor zusammenzuarbeiten. Ihre Firma mag eine eigene Forschungsabteilung haben, doch wir besitzen wesentlich mehr Erfahrung und Wissen, was die Mega-Entwicklung betrifft.“

„Diesen Standpunkt kann ich nachvollziehen und ich gebe Ihnen sogar recht.“ Seufzend verschränkte Vincent die Arme. „Da wir noch nicht lange in Kalos vertreten sind, konnten wir nicht einschätzen, wer vertrauenswürdig ist und wer nicht. Damit haben wir uns aber das Misstrauen vieler anderer eingebracht.“

Hätte Azett Quazar nicht versichern können, dass sie beruhigt mit dem Labor zusammenarbeiten konnten? Oder trauten sie ihm auch nicht wirklich? Lag es an Magnolias alter Verbindung zu Team Flare, die Jette abgeschreckt hatte? Was es auch war, es verlief ziemlich unglücklich.

Vincent fuhr fort: „Ich kann und werde nicht bestreiten, dass Quazar Fehler gemacht hat. Ich kann Ihnen aber versichern, dass Sie ein falsches Bild von uns haben. Uns liegt viel daran, Illumina City zu neuem Glanz zu verhelfen. Die Stadt zu einer Mega-Entwicklung zu führen, wie die Präsidenten es gerne so schön sagt.“

Nachdenklich sah Platan ihn an. Auf der einen Seite wirkte Vincent ehrlich, aber auf der anderen konnte er sein Misstrauen nicht einfach ablegen. Jedenfalls nicht, solange auch Flordelis und Zygarde nicht wussten, was genau Quazar plante. Vielleicht könnte Platan es nun herausfinden, sofern er zustimmte mit dieser Firma zusammenzuarbeiten. Möglicherweise war Jette inzwischen gewillt, ihn in sämtliche Pläne einzuweihen.

Dennoch blieb das Misstrauen stärker.

Ihre Spitze gegen ihn saß immer noch zu tief.

„Ich habe eine Frage“, begann Platan dann eindringlich. „Dient der Plan zur Koexistenz zwischen Menschen und Pokémon nur dazu, unbemerkt die aktuellen Probleme durch Wildsektoren eindämmen zu können, oder will Quazar ihn auch in Zukunft verfolgen?“

Gefasst antwortete Vincent ihm, ohne darüber nachdenken zu müssen: „Auch in Zukunft sieht unser Plan vor, eine Koexistenz anzustreben.“

Bestimmt schüttelte Platan den Kopf. „Indem Sie Menschen und Pokémon zwingen zusammenzuleben? Das wird so nicht funktionieren. Nur zusammenzuleben wird nämlich niemals reichen, um Menschen und Pokémon zusammenzubringen.“

Vincents Augenbrauen hoben sich merklich. „Genau das Gleiche hat auch Azett gesagt.“

Das überraschte Platan ein wenig, schließlich arbeitete Azett mit der Quazar Corporation zusammen. Obwohl er aufgrund seiner Lebenserfahrung anscheinend auch genau wusste, wie gefährlich und anmaßend dieser Plan zur Koexistenz war. Trieb Azett die verzweifelte Suche nach Hilfe dennoch zu einer Kooperation an oder war er schlicht offener dafür, zu beobachten, was dieser Plan am Ende bewirken könnte?

„Es gibt viele gute Gründe, warum wilde Pokémon nicht in der Stadt leben sollten“, sagte Platan, bedauernd, aber nach wie vor bestimmt. „Viele Arten sind aggressiv und gefährlich, weil manche sich ihrer Stärke nicht bewusst sind – und verstehen sich nicht einmal mit anderen Pokémon, geschweige denn mit Menschen. Selbst die benötigen untereinander oft einen gewissen Abstand. Das ist vollkommen natürlich, deshalb sollte man nicht versuchen, es mit Zwang oder gar Gewalt ändern zu wollen. Menschen und Pokémon werden immer zusammenkommen, sofern sie es wollen. Uns verbindet bereits ein enges Band, das nicht mehr zerreißen wird.“

Ratlosigkeit beherrschte Platans Mimik, als er weitersprach: „Ich verstehe daher nicht, warum Quazar glaubt, wir müssten noch enger zusammenrücken. Oder wie euch nicht bewusst sein kann, was für Gefahren dadurch entstehen, für Menschen und Pokémon gleichermaßen. Erst recht wegen den Elite-Pokémon. Arten wie Brutalanda besitzen Fähigkeiten, die auch der Stadt selbst schaden werden, wenn sie nicht ihrem Verlangen folgen und sich ungestört frei bewegen können – und das sollten sie auch nicht, zumindest nicht hier, weil es sonst nur Verletzte geben wird.“

Während er diesen Vortrag hielt, murmelte Magnolia vor sich hin, dass er das Reden wohl niemals verlernen würde und wirkte gelangweilt – hörte aber die ganze Zeit aufmerksam zu, genau wie Vincent. Aber das hatte Jette auch getan. Es blieb also abzuwarten, ob ihre rechte Hand offener wäre und einsah, dass der Plan geändert werden musste, statt naiv daran festzuhalten.

„Pokémon wie Unratütox, Parfi, Flauschling oder Dartiri sind friedliche, menschenbezogene Arten, die gerne in unserer Mitte leben“, merkte Platan an. „Arten, die uns zweifelsohne verlassen werden, sollte man wirklich versuchen wollen bestimmte wilde Pokémon hier zu integrieren, weil sie sich dann nicht mehr sicher fühlen können. Jeder braucht seinen eigenen, individuellen Lebensraum. Nur so schaffen wir eine friedliche Koexistenz.“

Damit beendete er seinen Vortrag vorerst. Manches davon hatte er auch Jette versucht näherzubringen, war jedoch kläglich gescheitert. Wie würde Vincent reagieren?

Dieser stieß einen langen, nachdenklichen Seufzer aus und tiefe Falten bildeten sich auf seiner Stirn. „... Ich kann Ihnen nicht widersprechen.“

Platan konnte sein Erstaunen darüber nicht zurückhalten, was anscheinend amüsant wirkte, da Vincent darauf ein schnaubendes Lachen ausstieß. Allerdings nahm er nach wenigen Sekunden wieder Haltung an. „Ich werde noch einmal mit der Präsidentin darüber sprechen, dass wir den Plan überdenken sollten.“

„Oh ... gut“, kommentierte Platan, sowohl zufrieden als auch misstrauisch. „Bei der Gelegenheit sollten Sie auch besprechen, das Z-A Royale auf den Tag zu verlegen. Wenn Menschen und Pokémon jede Nacht in ihrem Schlaf gestört werden, wird die Stimmung in Illumina bald ziemlich gereizt sein.“

Auch wenn es dann andere Probleme gäbe, wie blockierte Arbeitswege, aber das hätte man sich von Anfang an überlegen sollen. Außerdem verdienten Menschen auch nachts ihr Geld, aber wenigstens könnten alle anderen wieder ruhig schlafen und mussten nicht befürchten, dass sich ausgerechnet in ihrem Wohnbereich ein Kampfsektor öffnete.

Magnolia mischte sich ungeniert mit einer weiteren Forderung ein: „Vergessen Sie nicht, dass eine Zusammenarbeit mit dem Labor auch langsam mal angebracht und ganz nett wäre, sollte das nicht zu viel verlangt sein. Nur, um das nochmal festzuhalten.“

„Ich werde das alles weitergeben“, entgegnete Vincent verständnisvoll, ehe er sich wieder nur auf Platan konzentrierte. „Ich nehme an, bis diese Dinge geklärt sind, können Sie Quazar weiterhin nicht trauen?“

In seiner letzten Frage lag merklich ein Hauch Hoffnung verborgen, sich zu irren, doch Platan musste ihn enttäuschen.

„Ihre Annahme ist korrekt.“

Vincents Schultern sanken ein wenig nach unten. „Natürlich ...“

Irgendwie tat es Platan leid, ihn so zu sehen. Von dem her, wie er Vincent bisher erlebt hatte, schien er ein netter Mann zu sein. Unter anderen Umständen hätte er ihn sicher zum Kaffee eingeladen, um ihn noch besser kennenzulernen. In dieser Situation war das aber höchst unangebracht.

Im Augenwinkel leuchtete einer der magentafarbenen Lichtpunkte auf, was dafür sorgte, dass Platan zur Seite sah, durch eine Wand hindurch. So musste es zumindest für die anderen aussehen.

Inzwischen gab es kaum noch Mega-Kristalle oder Mega-Essenz in der Stadt. Bevor er überhaupt jemals eine Zusammenarbeit mit Quazar in Betracht ziehen würde, müsste sich die Situation in Illumina vorher beruhigt haben. Dennoch war dieses Gespräch sicher hilfreich gewesen, für die zukünftige Lage. Möglicherweise konnte Vincent eher etwas bei Jette bewirken.

„Pardon, aber ich muss jetzt gehen“, verkündete Platan, womit er sich abwandte und eilig Richtung Aufzug bewegte.

Hinter ihm protestierte Magnolia schrill, was ihn nicht davon abhielt in die Kabine zu steigen und den Knopf für das Erdgeschoss zu drücken. Plötzlich legte sich aber ein großer Schatten über ihn und Vincent stand in der Aufzugtür, wodurch sie sich nicht schließen konnte. Sofort wurde Platan nervös, funkelte ihn aber warnend an.

„Ich habe jetzt keine Zeit mehr!“

„Bitte, nehme Sie das.“ Mit diesen Worten reichte Vincent ihm eine Visitenkarte. „Sollten Sie Hilfe oder einfach nur Unterstützung benötigen, rufen Sie mich an.“

Sprachlos starrte Platan auf die unscheinbare, kleine Karte in der großen Hand – und dabei bemerkte er den Schlüssel-Stein, der in der Handfläche auf dem grünen Leder eingefasst war.

„Ich sage das nicht als Teil der Quazar Corporation“, fügte Vincent hinzu, „sondern als jemand, dem persönlich viel daran liegt, die Stadt und ihre Bewohner zu beschützen.“

Dabei klang er so ehrlich, es war Platan unmöglich abzuwehren und zu betonen, keine Hilfe anzunehmen. Deshalb griff er wortlos nach der Karte und steckte sie ein, nur um Vincent zu beruhigen. Ob er ihn tatsächlich jemals anrufen würde, daran zweifelte er.

„Nehmen Sie das hier auch mit!“, rief Magnolia hinter Vincent.

In der nächsten Sekunde flog etwas Rundes über eine Schulter von Jettes Assistent und irgendwie gelang es Platan den ebenso unscheinbaren, kleinen Gegenstand instinktiv aufzufangen, auch wenn er eigentlich erschrocken zusammenzucken wollte. Als er sich ansah, was Magnolia ihm in den Aufzug geworfen hatte, entglitt ihm ein überraschter Laut. Es war ein Pokéball.

„Sie kann mich eh nicht ausstehen!“, erklärte Magnolia – er sah ihr genervtes Kopfschütteln regelrecht vor sich. „Also nehmen Sie sie mit. Bei dem, was Sie da draußen treiben, brauchen Sie mehr Pokémon. Bestimmt wird sie Sie mögen. Sie hat eine Schwäche für verzweifelte, attraktive Männer, genau wie meine Schwestern.“

Überrumpelt hob Platan den Blick vom Pokéball. „Pardon?!“

Da Vincent bereits einen Schritt zurückgetreten war, schloss sich die Aufzugtür, bevor einer von ihnen noch etwas sagen konnte und die Kabine setzte sich sanft in Bewegung. Stirnrunzelnd warf Platan wieder einen Blick auf den Pokéball in seinen Händen.

... Leider musste er zugeben, dass er tatsächlich mehr Pokémon benötigte.

Aber ob dieses ihn wirklich mögen würde? Eigentlich behagte es ihm nicht, ein Pokémon mitzunehmen, das überhaupt nicht die Chance erhalten hatte, selbst zu entscheiden, was es wollte. Was dachte sich Magnolia nur dabei? Wie könnte sie so sicher sein, dieses Pokémon wäre bei ihm gut aufgehoben?

Seufzend trat er aus dem Aufzug, als dieser unten angekommen war. Beim Verlassen des Gebäudes entschuldigte er sich knapp bei den Angestellten im Eingangsbereich und ließ das Labor wieder hinter sich. Vorerst steckte er den Pokéball ebenfalls ein und lief anschließend zielstrebig los, zu dem Lichtpunkt, dessen Leuchtkraft sich auffallend erhöht hatte.

Platan bemerkte nicht, wie Magnolia ihn oben vom Fenster aus beobachtete, bis er nicht mehr zu sehen war, und schließlich besorgt stöhnte. „Er wird garantiert nicht für eine Untersuchung zurückkommen ... Dieser Mann ist ein sturer Bock. Sturer als alles, was mir je begegnet ist. Hoffentlich bricht ihm das nicht eines Tages das Genick – noch mehr schreckliche Verluste kann diese Welt wirklich nicht gebrauchen.“



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