Die Nacht legte sich weich über den Wald, ein seltener, gleichmäßiger Atem, der selbst das Rascheln der Blätter zu einem leisen Flüstern dämpfte. In meiner Hütte hing die milde Luft wie ein ruhiges Tuch, genau die richtige Temperatur, um die Tür offenstehen zu lassen. Nicht, dass ich eine Wahl gehabt hätte, bei so vielen Menschen unter einem Dach blieb kein Raum für verschlossene Türen.
Als ich zurückkehrte, den Korb voller frischer Pflanzen in den Händen, die ich noch eine weitere Stunde lang geschnitten hatte, war es bereits still. Jeder schlief. Sogar Yun, der meine Bücher offenbar mit derselben Sorgfalt zurückgestellt hatte, mit der er sie vorhin aus dem Regal gezogen hatte, in genau derselben Reihenfolge, wie ich sie hinterlassen hatte. Es war eine kleine Geste, und doch reichte sie, um ein kaum merkliches Lächeln in meine Mundwinkel zu schleichen.
Ich stellte den Korb tief in die hinterste Ecke, dort, wo niemand versehentlich hineintreten konnte, und begann, mich leise zur Ruhe zu legen. Wie jede Nacht entflechtete ich mein Haar, langsam, geduldig. Das Ziehen der Zöpfe aus meiner Kopfhaut, das sanfte Gleiten meiner Finger durch die blonden Längen, es war eine Bewegung, die ich schon tausendmal getan hatte, so vertraut, dass sie zu einer Form stiller Meditation geworden war.
Das leise Klingen hinter mir kam nicht unerwartet. Shin-ahs Matte lag heute näher an der meinen als gewöhnlich, gezwungenermaßen, weil der Boden kaum noch freien Platz bot. Und doch hatte er dafür gesorgt, dass ich abgeschirmt lag, genügend Abstand zu den Fremden, um meinen eigenen Raum zu wahren.
Seine Bewegungen waren leise, bedacht. Wie jede Nacht ließ ich es zu, dass er mir bei den Haaren half. Aus einem mir unerfindlichen Grund mochte er es, seine Finger durch die Längen gleiten zu lassen, als müsse er jede Strähne spüren, um sie wirklich zu kennen. Einmal, in einer dieser seltenen, fast träumerischen Bemerkungen, hatte er sie mit flüssigem Gold verglichen.
Er arbeitete sich vorsichtig durch das Geflecht, weitaus sanfter, als ich es selbst je tat. Strähne um Strähne löste er die dichten, kunstvoll ineinander verschlungenen Zöpfe.
„Es fällt mir schwer zu vergessen, dass du mir ihr Auftauchen nicht früher erklärt hast.“
Meine Worte kamen leise, beinahe gleichmäßig, doch darunter schwang etwas Schneidendes, das jede Lautstärke überflüssig machte. Ich wandte mich nicht zu ihm um. Die Strähnen glitten weiter durch seine Finger, aber ich spürte das kaum merkliche Zögern darin, ein winziges Innehalten, wie der Augenblick, bevor eine Bogensehne reißt.
„Du hast mich stundenlang in dem Glauben gelassen, dass ich dir morgen Lebwohl sagen muss.“
Mein Blick blieb auf den Boden gerichtet, auf die Matten, auf die dunklen Linien im Holz. Die Ruhe in meiner Stimme war nur Fassade; darunter lag Stahl, hart und unbeugsam. Ich sprach nicht, um Mitleid zu heischen, nicht um ihn zu verletzen. Ich sprach, weil ich nicht die Frau war, die schweigend hinnahm, wenn man sie im Ungewissen ließ. Nicht von ihm.
„Ich gehe nicht automatisch davon aus, dass jemand vor seinem Schicksal davonläuft, nur weil er nicht von mir getrennt werden will.“
Es war eine Feststellung, kein Vorwurf. Doch die Worte standen zwischen uns wie eine Klinge, nicht erhoben, aber scharf genug, um zu schneiden, wenn er sie falsch auffing.
Für einen Augenblick geschah nichts. Nur das Schaben seiner Finger, die eine Strähne hielten, als wäre sie zu zerbrechlich, um sie loszulassen. Dann spürte ich, wie er den Griff veränderte, fester, nicht grob, eher so, als wolle er mit Berührung ausdrücken, was er in Worten nicht konnte.
Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Ich wollte nicht, dass du Lebwohl sagst.“
Die Glocken an seiner Maske gaben ein leises Zittern von sich, fast so, als würden sie die Unsicherheit übersetzen, die er selbst nicht aussprach. Ich hätte mich abwenden können, die Worte überhören wie das Knacken eines Astes im Wind. Aber sie trafen tiefer, als ich wollte.
Ich seufzte schwer und legte den Kopf in den Nacken, als wolle ich die Last meiner Gedanken in die Dunkelheit über mir werfen. „Nun… ich kann nicht behaupten, dass es mein Wunsch wäre, dieses Land zu bereisen. Aber immerhin wird es eine willkommene Abwechslung sein, nicht ständig von kalten Bergen umgeben zu sein.“
Seine Finger glitten so behutsam über meinen Kopf, dass mir die Lider schwer wurden. Ein vertrautes Ziehen regte sich in meiner Brust. Mein Bruder hatte einst genauso mit meinen Haaren gespielt – ein seltenes, stilles Zeichen von Zuneigung in einer Welt, die wenig Platz für Sanftheit ließ. Ich hatte jede dieser Sekunden geliebt, und für einen Augenblick schloss ich die Augen, ließ mich in die Erinnerung fallen, so flüchtig sie auch war.
„Du bist zu vorsichtig,“ murmelte ich, halb im Schlaf, die Lider schwer. „Als würdest du fürchten, mich zu zerbrechen. Genau wie Eirik.“
Seine Finger hielten für den Bruchteil eines Herzschlags inne. Das leise Klingen seiner Glocken verstummte, als er den Atem anhielt – dann fuhr er fort, noch sanfter, als wolle er das Gesagte nicht Lügen strafen.
„Eirik?“ fragte er schließlich, und in dem einen Wort lag mehr Neugier, als er sonst preiszugeben wagte.
Meine Lippen zuckten, ein müdes Lächeln. „Mein Bruder. Ein lästiger Bastard, aber ein guter Mann. Er hat meine Haare immer so behandelt, als wären sie feines Gold. Dabei wollte er nur, dass ich still sitze, wenn er mir Geschichten erzählte.“
„Wo … ist er jetzt?“
Ich öffnete die Augen langsam, als müsste ich mich erst wieder an die Dunkelheit gewöhnen. Das angenehme Gefühl, das eben noch in meinen Gliedern gelegen hatte, löste sich auf, verflog wie Rauch im Wind und hinterließ nur eine kalte Schwere in der Brust.
„Ich weiß es nicht,“ erwiderte ich schließlich, meine Stimme so gleichmäßig wie ich sie halten konnte. „Vielleicht ist er einen guten Tod gestorben. Vielleicht lebt er und hat kleine Gören, die ihm den letzten Nerv rauben.“
Ich entzog mich seinem Berühren ein Stück, kaum merklich, und schob die Decke zurück, um mich niederzulegen. Ein stilles, deutliches Zeichen.
Shin-ah verstand. Ohne ein Wort zog er sich zurück, die Bewegungen kaum hörbar, bis er sich ebenfalls niederlegte. Die Stille, die darauf folgte, war schwerer als zuvor, als hätte mein Satz nicht nur mich, sondern auch ihn ein Stück kälter gemacht.
Er schwieg, bewegte sich aber leise. Aus dem Schatten seiner Decke hob er Ao hoch und setzte das kleine Eichhörnchen vorsichtig neben mein Gesicht, so dicht, dass sein weiches Fell beinahe meine Wange streifte. Ao blinzelte verschlafen, kugelte sich halb an meinem Kissen zusammen und piepste leise, ein stiller, unbeholfener Trost.
Ein Laut entwich mir, leise, belustigt, irgendwo zwischen Schnauben und Lachen.
Ich drehte den Kopf ein Stück, sodass Ao nicht herabfiel, und hob die Hand. Ohne aufzusehen, streckte ich zwei Finger aus und tippte ihm leicht gegen den Handrücken. Kein Schlag, kein Tadel, nur eine kleine, wortlose Anerkennung.
Eine Geste, die sagen sollte: Ich habe es verstanden. Danke.
Der Schlaf kam daraufhin schneller, als ich es erwartet hätte, so tief und schwer, dass ich ihn kaum bewusst betreten hatte. Und genauso schnell wurde er mir wieder entrissen.
Es waren die Geräusche, die mich weckten. Ungewohnte, unruhige Geräusche. Nicht das sanfte Rascheln, mit dem Shin-ah sich bewegte, nicht das gedämpfte Läuten seiner Glocken, das ich seit Jahren kannte. Dies war lauter. Stimmen, Schritte, das leise Klimpern von Schalen.
Langsam öffnete ich die Lider, blinzelte ins fahle Licht des Morgens. Meine Glieder fühlten sich schwer an, der Schlaf klebte noch an meinen Knochen. Ich war es nicht gewohnt, von anderen geweckt zu werden, meistens war ich die Erste auf den Beinen.
Ein leiser Seufzer entwich mir, während ich mich aufsetzte. Ungalant strich ich mir eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht. Shin-ah, der bis eben vor mir gesessen und mich abgeschirmt hatte, wich zur Seite, um mir Platz zu machen, als ich mich erhob.
„Ah, du bist auch wach“, begrüßte mich Yona, ihre Stimme warm und sanft, als hätte sie schon Stunden auf diesen Augenblick gewartet. Ein ehrliches Lächeln lag auf ihren Lippen, und doch glomm in ihren Augen noch die Müdigkeit der Nacht.
„Ah, ein Morgenmuffel,“ fügte Hak hinzu, sein Tonfall irgendwo zwischen lässig und amüsiert. Er streckte sich, als hätte er die halbe Nacht auf den härtesten Brettern geschlafen, was vermutlich nicht weit von der Wahrheit entfernt war.
„Ich bin wach, das reicht“, erwiderte ich trocken, zog mein Fell enger um die Schultern und musterte die beiden. Die Leichtigkeit, mit der sie sprachen, wirkte fast befremdlich. In meiner Heimat wären die Morgenstunden dem Schweigen vorbehalten gewesen, der Kälte, dem Atem der Götter, dem Stahl, der in die Scheiden zurückkehrte, bis der Tag seinen Lauf nahm.
„Guten Morgen werte Heilerin“, mischte sich Kija ein, fast feierlich, als wäre selbst dieser alltägliche Gruß ein Teil einer größeren Pflicht. Seine Haltung war aufrecht, beinahe ehrwürdig, und für einen Augenblick kam es mir vor, als wolle er die Stimmung retten, bevor sie ins allzu Banale glitt.
„Morgen,“ meldete sich Yun schließlich vom Feuer, ohne den Blick von der Schale in seinen Händen zu heben. Der Duft von gekochtem Reis mischte sich mit Kräutern, die ich in meinen Vorräten wiedererkannte. „Das Frühstück ist gleich fertig. Also beeilt euch, bevor es kalt wird.“
Ich zog eine Braue hoch, mehr Belustigung als wirklicher Widerwille und erhob mich. Der Duft von Reis und Gemüse lag zwar nicht unangenehm in der Luft, doch die Vorstellung, meinen Tag mit einem dünnen Brei zu beginnen, sprach mich nicht an.
Meine Schritte führten mich zu einer schweren, gut verschlossenen Kiste in der Ecke. Mit routinierter Bewegung löste ich den Riegel und hob den Deckel, ohne viel Aufhebens. Der vertraute Geruch von Rauch und Salz stieg mir entgegen. Das Fleisch, das ich in den letzten Wochen haltbar gemacht hatte, würde uns noch mindestens zwei weitere Wochen ernähren. Ich war fleißig gewesen, nicht, weil es mir jemand befahl, sondern weil ich wusste, wie sehr Männer nahrhafte Mahlzeiten voller Kraft brauchten.
In Skjoldar war es unvorstellbar, den Tag ohne etwas Herzhaftes, Kräftigendes zu beginnen. Dort hieß es, ein schwaches Frühstück mache auch schwache Krieger. Und schwache Krieger überlebten nicht lange.
Ich spürte die Blicke in meinem Rücken, schwer und unausgesprochen, während ich mit der Selbstverständlichkeit jahrelanger Übung in die Kiste griff. Meine Finger fanden ein der größeren Stücke, fest, gut durchzogen und sorgfältig geräuchert. Mit einer einzigen, flüssigen Bewegung hob ich es heraus.
Als ich mich umdrehte, legte sich eine greifbare Stille über den Raum. Die Augen der anderen hingen an dem Fleisch in meiner Hand, als hätte ich gerade einen Schatz ausgehoben.
Hak war der Erste, der die Sprachlosigkeit durchbrach. Ein langsames, schiefes Grinsen breitete sich über sein Gesicht, während er kaum merklich den Kopf schüttelte. „Du willst mir allen Ernstes erzählen, wir sind seit gestern hier, und das… das hattest du die ganze Zeit in deiner Kiste?“
Ich erwiderte sein Grinsen nicht, sondern hob das Stück Fleisch ein Stück höher an, als wollte ich es ihm geradewegs vor die Nase halten.
„Natürlich. Was dachtest du, wie wir hier oben überleben? Von warmem Reis und gekochten Wurzeln?“ Mein Ton blieb sachlich, aber die Spitze darin war unverkennbar.
Yona schluckte hörbar, unsicher, ob sie lachen oder sich entschuldigen sollte. Ihre Augen huschten zwischen Hak und mir hin und her, als wollte sie die Spannung mit bloßem Willen lösen.
„Also,“ hakte Hak nach, trat mit lässigen Schritten näher und beugte sich über die Kiste, als könnte er hineinspähen. „Wie viel von dem Schatz hortest du noch, hm?“
Sein Grinsen wurde breiter, schelmisch, aber mit der ungeduldigen Neugier eines Kindes, das einen verbotenen Deckel lüften will.
„Mehr als genug,“ entgegnete ich trocken und klappte den Deckel demonstrativ ein Stück zu, sodass seine Finger, die schon verdächtig nah schwebten, keine Chance hatten. „Aber nicht für gierige Hände.“
Shin-ahs Schultern zuckten kaum merklich, während er sich im Hintergrund hielt, doch sein Blick ruhte wachsam auf mir, als müsse er im Notfall eingreifen. Eine charmante Geste, die ich bemerkte.
Hak lachte, kratzte sich am Hinterkopf und richtete sich auf. „Na los, Heilerin aus dem Norden oder was auch immer du bist, zeig uns, ob du teilen kannst. Sonst muss ich glauben, du bist herzlos.“
„Herzlos?“ Ich ließ ein kurzes, spöttisches Lächeln aufblitzen. „In meiner Heimat nennt man es weise Vorratshaltung. Ein Krieger, der nur an heute denkt, liegt morgen verhungert im Dreck.“
Ich trat an ihm vorbei und legte das Fleisch demonstrativ neben Yuns Schalen. „Aber wenn du meinst, ich müsse mich beweisen, dann iss. Und urteile selbst. Vielleicht macht dich ein Bissen weniger lästig.“
Sein Lachen kam sofort, warm und frech, doch ein Anflug von Anerkennung blitzte in seinen Augen auf.
„Tch… deine Zunge ist genauso scharf wie deine Klinge.“
Sein Lachen verklang, und Yun schob bereits die Schalen zurecht. Mit prüfendem Blick musterte er das Fleisch, schnitt eine kleine Probe ab und ließ sie zwischen den Fingern auf das Holzbrett fallen.
„Sauber gearbeitet,“ murmelte er, fast ehrfürchtig, und ein Hauch von Zufriedenheit huschte über sein Gesicht. „Das wird ein gutes Frühstück.“
Ohne ein weiteres Wort machte er sich daran, die Kräuter und Körner zu mischen, die Bewegung routiniert und voller Konzentration, als hinge das Wohl der ganzen Gruppe von einem gelungenen Mahl ab.
Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie Kija sich neben Shin-ah niederließ. Der Weißhaarige beugte sich leicht vor, seine Stimme trug diesen überdeutlichen Stolz, der jede Silbe füllte:
„Du bist einer der Vier Drachen, der Auserwählten, die das Blut des Himmels in sich tragen. Eine Ehre, die größer ist, als Worte es fassen können.“
Seine Hand bewegte sich fast beiläufig, als wolle er Shin-ahs Arm berühren, doch der Blaue Drache wich nicht zurück, blieb still wie eine Statue. Nur die kleinen Glocken an seiner Maske erzitterten leise, verrieten das Unbehagen, das er nicht laut machte.
„Wir sind Brüder in diesem Schwur,“ fuhr Kija fort, und seine Stimme gewann an Wärme, „gebunden durch unser Erbe, geschaffen, um die Prinzessin zu beschützen. Es ist deine Bestimmung, so wie es meine ist.“
Ich sah, wie Shin-ahs Finger sich unmerklich in den Stoff seiner Kleidung krallten, sein Blick jedoch starr in der Ferne ruhte, als würde er die Worte nicht an sich heranlassen.
Ein Ziehen legte sich in meine Brust. Es war nicht an mir, ihre Bande zu deuten, doch ich erkannte den Druck, der in Kijas Worten lag.
Leise wandte ich den Blick ab. Das Knistern des Feuers, Yuns geschäftige Bewegungen und das ferne Lachen, das noch in den Balken hing, wurden zu einem gedämpften Hintergrund, während ich mich zurückzog, hinein in meine eigene Stille.