Zum Inhalt der Seite

Ein letzter Winter

von

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

Das Vertraute und das Ungewisse || Part I


 

Kapitel 02

 

Das Vertraute und das Ungewisse || Part I

 

Kaoru

 
 

Ende April 2025, Sapporo - Japan

Kaoru saß im Schneidersitz auf den Holzdielen gleich neben dem Tatami-Boden, ein Buch in seinem Schoß und vor ihm der beinahe zu Ende gepackte Koffer. Für einen Augenblick schweiften seine Gedanken ab, vergessen war der Koffer und sein Blick wanderte durch sein, nun bald ehemaliges, Kinderzimmer. Viel gab es nicht zu sehen. Hatte es nie zu sehen gegeben. Dafür hätte er wesentlich mehr Zeit in diesem Raum verbringen müssen, als er es jemals getan hat. Er war in der Eishalle, nur wenige hundert Meter die Straße runter, dem Sportstudio einen Block weiter, dem Tanzstudio am anderen Ende der Stadt und den Eisarenen dieser Welt groß geworden. Überall, nur nicht in diesen Vierwänden.

 

Sein Futon jedenfalls war ordentlich im Schrank verstaut. Der Schreibtisch feinsäuberlich leergeräumt. Die Kleidung im großen Schiebetürschrank war aussortiert und auf ein Minimum reduziert worden. Lediglich in einem halbhohen Regal standen noch vereinzelte Bücher. Keines, dass er sonderlich vermissen würde. Es waren Ökotrophologie und Eiskunstlauftechnikbücher, die eigentlich ohnehin nicht ihm, sondern seinen Eltern gehörten. Die eigenen Bücher hatte er in den letzten Wochen an Bekannte der Familie abgegeben, verkauft oder gespendet. Auf den Wunsch seiner Eltern hin. Weil er in Kanada zweifellos besseres zu tun haben würde, als zu lesen. Nicht sein Wortlaut. Mal abgesehen davon, dass einen Koffer voll Bücher um die halbe Welt zu schleppen doch mehr als nur unpraktisch war. Das sah er durchaus ein. Einzig seinen liebsten Gedichtband von Shiki Masaoka behielt er. Behutsam legte er das, in schlichtes rotes Leinen gebundene Buch, in seinen Koffer. Es thronte nun auf einem Stapel akkurat gefalteter Klei-dung. Daneben, in einer eigens dafür angefertigten Tasche, seine Schlittschuhe. Dazu ein Kulturbeutel und ein einzelnes, schmucklos gerahmtes, Familienfoto. Seufzend schloss Kaoru den Koffer. Alles Wichtige war gepackt. Oder?

Sein Blick blieb nun wiederum am einzigen anderen Regal in seinem Zimmer haften. Dort, aufgereiht in Reih und Glied und chronologisch sortiert, standen die Urkunden und lagen die Medaillen seiner vergangenen Wettkämpfe. Die meisten von ihnen Gold, vereinzelt Silber, selten Bronze. An den einen lag ihm nicht mehr als an den anderen. Obwohl es eine Zeit gegeben hat, da das anders gewesen war. Noch vor den olympischen Spielen vor gut sieben Jahren und dem unerwartet großen Erfolg dort. Obschon seine Mutter heute sagen würde, dass eine Bronze Medaille ausbaufähig sei. Zu einer Zeit, als Eislaufen zwar nicht unbeschwert, aber doch irgendwie leichter gewesen war. Als es etwa fraglos schon um Erfolge ging, nicht aber „Gold“ das praktisch vorgeschriebene „Mindestmaß“ war. Kaoru schloss die Augen und rieb sich, mit einem Mal erschöpft, über den Nasenrücken. Die Brille, die er eigentlich nur zuhause trug, obwohl es sich bei dieser weniger um eine Lesehilfe als eine wirkliche Sehhilfe handelte, wurde dabei zurecht geschoben. Als er die Augen blinzelnd wieder öffnete, war sein Blick auf ein Andenken längst vergangener Kindertage geheftet, von dem er sich einfach nicht recht trennen mochte. Nicht trennen konnte.
 

Es war ein abgewetztes, aufgeriebenes Stofftier. Ein Hase. Der ihm aus großen, schwarzen Glasaugen, entgegenblickte. Das eine Ohr deutlich mehr abgeknickt als das andere, vom exzessiven Festhalten ungelenker Kinderhände. Die Füllung längst nicht mehr so fest und prall, wie noch vor 18 Jahren. Der braune Stoff bereits merklich verblasst. Wenngleich der robuste Cord-Stoff der Arme und Beine die Zeit vergleichsweise besser überstanden hatte als der weiche Stoff an Bauch und Kopf. Der war ganz offensichtlich weniger widerstandsfähig gewesen. Davon zeugte ein großer gelber Flicken am Bauch des Stofftieres, den seine Mutter irgendwann, nach großem Flehen seinerseits, aufgenäht hatte, um die Füllwatte zumindest noch ein wenig länger an der rechten Stelle zu halten. Er hing daran, denn es war ein Geschenk seiner mittlerweile verstorbenen Großeltern gewesen. An dem Tag, als sie ihn das erste Mal zu einer der Eisrevuen seiner Mutter mit-nahmen. Eine von jenen, die sie nach ihrem offiziellen Karriereende in den ersten Jahren noch häufig lief. Er erinnerte sich deutlich daran! Es war der Tag, an dem seine Faszination für diesen Sport begann. Noch bevor er jemals etwas von der Rolle, die seine Eltern innerhalb dieses Sports eingenommen hatten und immer noch einnahmen, verstand.

 

 
 

~*~

 

 

Kaoru war gerade vier Jahre alt geworden, ein Alter, in dem die Welt noch voller Geheimnisse und Wunder steckte. Wie so oft, wenn er gerade nicht im Yōchien war, verbrachte er den Tag bei seinen Großeltern. Für den kleinen Jungen war dieser Ort ohnehin mehr Heimat als das Haus seiner Eltern. An diesem Tag, einem Samstag, war er schon früh am Morgen mit seiner Großmutter in den Laden, einem kleinen und traditionellen Dagashiya, um die Ecke gegangen.

Kaoru zog fröhlich die hölzerne Schiebetür des Lädchens für seine Großmutter auf, und ein leises Klingeln kündigte ihr Eintreten an. Der Duft von süßen Bonbons, gemischt mit dem würzigen Aroma von frisch gegrillten Reiscrackern und gedämpften Anman, umhüllte ihn sofort. Der Laden war wirklich winzig, kleiner noch als das Wohnzimmer seiner Großeltern, aber in den schmalen Gängen türmten sich die Waren bis zur Decke.

Die Regale aus dunklem Holz waren alt, ihre Kanten abgenutzt von den unzähligen Händen, die hier schon nach den kleinen Schätzen gegriffen hatten. Eine gläserne Vitrine voller bunter Dekorationen und winziger Spielzeuge spiegelte das schummrige Licht wieder, das durch die Papier-schirme der hängenden Laternen fiel. Jedes Regal, jede Ecke schien mit einer eigenen Geschichte gefüllt, als ob die Zeit hier ein wenig langsamer verging.

Ganz oben, eigentlich außer Reichweite für den kleinen Jungen, saß ein brauner Plüschhase auf einem Regal. Der Hase war leicht verstaubt, doch seine schwarzen Glasaugen schienen bald neugierig zu Kaoru hinabzublicken. Er hatte ihn schon oft gesehen, jedes Mal, wenn er mit seiner Großmutter hierherkam. Doch heute, an diesem gemütlichen Samstagvormittag, schien der Hase besonders lebendig zu wirken, als würde er auf Kaoru warten.

   

»Such dir ruhig etwas Schönes aus, Kaoru-chan«, sagte seine Großmutter mit einem warmen Lächeln, während sie sich an der alten Theke vorbeugte und mit dem mindestens genauso alten Verkäufer ein paar Worte wechselte. Kaoru nickte abwesend, seine Augen blieben auf den Hasen gerichtet, der ihm plötzlich unerreichbar und doch so nah erschien.

Der alte Holzboden knarrte leise unter seinen kleinen Schritten, als er vorsichtig nähertrat. Kaoru zögerte, seine schmalen Finger streckten sich sehnsüchtig in Richtung des Plüschtiers, das ihn förmlich anlächelte. Doch er hielt inne, seine Mutter hatte ihm oft gesagt, dass Stofftiere für die ganz Kleinen seien, und er war doch schon vier Jahre alt. Schnell zog er die Hand wieder zu-rück. Stattdessen kehrte er schnell an die Seite seiner Großmutter zurück und als diese von ihm wissen wollte, was er sich ausgesucht habe, schüttelte der kleine junge nur stumm den Kopf.

Kaoru hatte den Hasen wohl aber doch etwas zu lange angestarrt. Denn während er später seiner Großmutter in der Küche half – er schnitt eifrig Gemüse, auch wenn seine Fingerchen noch nicht besonders geschickt waren – bemerkte er, dass sein Großvater sich plötzlich bereit machte, das Haus zu verlassen. »Ich bin gleich wieder da«, sagte er lächelnd und Kaoru dachte sich nichts dabei.

 

Kurz darauf kehrte der Großvater zurück, und zu Kaorus ungläubiger Überraschung hielt er den braunen Hasen in den Händen. »Für dich, Kaoru-chan« sagte er, seine dunklen Augen funkelten vergnügt. Kaoru konnte kaum glauben, dass der Hase jetzt wirklich ihm gehörte. Seine kleinen Hände griffen nach dem weichen Fell, und er drückte das Stofftier fest an sich.

»Vielen dank, Ojii-chan. Danke, Obaa-chan.« flüsterte er ehrfürchtig und taufte den Hasen in Gedanken sofort „Chairo-chan“.

 

Der Nachmittag versprach ein weiteres Abenteuer, als die Großeltern Kaoru und seinen neuen Kuschelfreund zu einer Eisrevue mitnahmen. Die kalte Luft der Eishalle stach Kaoru in die Nase, doch er merkte es kaum, denn seine Augen waren weit aufgerissen vor Aufregung. Zum ersten Mal sah er seine Mutter über das Eis gleiten. Sie war schön, so wie sie da in ihrem glitzernden Kostüm wirbelte, und für Kaoru schien sie wie eine Märchenfigur, die aus einem anderen Land kam. Er konnte kaum den Blick von ihr abwenden, so sehr faszinierte ihn die Anmut ihrer Bewegungen.

Nach der Revue durfte er, an der Hand seiner Großmutter, ganz nahe an die Eisfläche treten. Seine Mutter kam zu ihnen herüber, das Gesicht noch von der Anstrengung gerötet, aber in bester Laune. Kaoru zeigte ihr stolz seinen neuen Stoffhasen. Obwohl er befürchtet hatte, dass sie schimpfen könnte, weil er doch schon „groß“ war. Doch zu seiner Überraschung lächelte sie nur. »Ein hübscher Hase, Bōya.« sagte sie, und dann band sie dem Tier eine bunte Schleife um den Hals, die sie im Haar getragen hatte und die eigentlich zu ihrem Kostüm gehörte. Kaorus Augen glänzten vor Freude. Der Hase schien nun noch viel schöner, als würde ein Teil des Glanzes seiner Mutter auch auf ihn übergehen.

Am Abend, als seine Mutter ihn bei den Großeltern ins Bett brachte, hielt Kaoru Chairo-chan fest in den Armen.

»Mama«, begann er leise, »ich will auch aufs Eis.«

Seine Mutter, immer noch in guter Stimmung, strich ihm sanft über das Haar. »Das können wir demnächst einmal probieren«, versprach sie ihm und in Kaorus Herz begann ein neuer Traum zu keimen.

 

 
 

~*~

 

 

Wenig später begann er tatsächlich mit dem Eiskunstlauf, und schon bald zeigte sich, dass er ein natürliches Talent dafür hatte. Das Eis unter seinen Füßen fühlte sich an wie eine zweite Heimat, fast so vertraut wie die warmen Arme seiner Großmutter. Doch mit dem Sport änderte sich auch vieles in Kaorus Leben. Er begann professionell zu trainieren, und die Tage bei den Großeltern wurden immer seltener und irgendwann blieben sie dann ganz aus. Stattdessen schlief er nun wieder bei seinen Eltern, die ihm jetzt verstärkt zur Seite standen, insbesondere was seine sportlichen Ambitionen betraf.

Doch eines blieb gleich. Immer, wenn er zu Bett ging, war Chairo-chan an seiner Seite, der stille Zeuge jener ers-ten Begegnung mit dem Eis, die sein Leben für immer verändern sollte und diese unbeschreibliche Faszination in ihm geweckt hatte.

Eine Faszination, von der er wusste, dass sie auch heute noch da war. Er spürte es immer dann wieder, wenn er sich mit einem neuen Programm zum Saisonstart auseinandersetzen durfte. Eine Faszination, die er sich gleichsam immer wieder im laufenden Wettbewerb in Erinnerung rufen musste und die er doch allzu oft zu vergessen schien, obwohl sie sein eigentlicher Antrieb sein sollte. Kurzentschlossen, bevor er es sich vielleicht anders überlegen könnte, griff er nach dem Hasen und schob ihn in die vorderste Tasche des Koffers. Er musste ihn in Montréal ja nicht wieder auspacken, redete er sich selbst gut zu. Aber ihn dabei zu haben würde ihm ein Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit geben. Ein Gefühl von Heimat in einer Fremde, die ihn zugegeben unweigerlich Angst machte.

 

Hier in Sapporo hatte er eng definierte und eingespielte Abläufe. Eine deutliche Struktur. Alles hier war ihm bestens bekannt. Er kannte sein Umfeld so genau, wie seine Routinen auf dem Eis, die er mit verbundenen Augen hätte laufen können. Was ihn in Kanada jedoch erwarten würde, konnte er bestenfalls erahnen. Obwohl er das, dachte er länger darüber nach, gar nicht wollte. Sich damit auseinanderzusetzen, machte ihn unruhig und nervös. Vor allem machte es die Veränderung real. Er versuchte also all die unbekannten Faktoren auszublenden, so gut es eben ging. Es ging nicht. Also versuchte er stattdessen sich dem zu vergegenwärtigen, was er bereits wusste. Was er bereits planen konnte. Sein zittriger Atem wurde merklich ruhiger. Sein Alltag würde sich verändern. Aber das war - nicht nur - schlecht. Er würde sein Literaturwissenschaftsstudium nach fast zwei Jahren Pause endlich wieder aufnehmen. Eine Entscheidung mit der er sich seiner Mutter gegenüber trotz großer Proteste ihrerseits durchgesetzt hatte. Etwas das wirklich selten geschah – eigentlich nie. Und ihn offen gestanden mit Unbehagen erfüllte, weil es nicht ganz mit rechten Dingen zugehen konnte. Nicht, dass er das jemals zugegeben hätte. So, wie er es niemandem gegenüber zugeben würde, dass es ihn beunruhigte, dass ihm seine Trainingszeiten gegenüber seinen Zeiten hier in Japan reduziert vorkamen. Nein, vorkommen war gar kein richtiger Begriff. Er wusste das dem so war. Was war, wenn sein Training in Montréal nicht intensiv genug war? Zwei ganze freie Tage in der Woche und noch dazu die Stunden, die er in Seminaren und Vorlesungen verbringen würde. Kaoru raufte sich die Haare, ohne sich dessen bewusst zu sein und brachte die dunklen Locken – wenn man das Chaos auf seinem Kopf denn so nennen konnte – so reichlich durcheinander. Nein, diese Gedankengänge waren alles andere als beruhigend. Er schob den Koffer im Affekt ein Stück weg, als ob der physische Abstand zu dem Gepäckstück auch seine Abreise in die Ferne rücken würde. Natürlich wusste er, dass dem nicht so war. Aber für einen Moment fühlte er sich erleichtert.

Allerdings nur so lange, bis sein Blick abermals auf Wanderschaft ging und auf die tickende Uhr an der Wand fiel. Gleich war es Zeit für das gemeinsame Abendessen mit seiner Mutter. Zum letzten Mal für eine wohl ziemlich lange Zeit. Morgen um diese Uhrzeit saß er nicht nur bereits im Flugzeug, sondern befand sich schon im Landeanflug auf Montréal. Ein äußerst komisches Gefühl, mit dem er sich noch nicht so ganz anzufreunden wusste. Aber was er sicher wusste, war, dass es ihn bisher vergleichsweise gut getroffen hatte. So viele Sportler verließen für ein effektives Training auf höchstem Niveau früh ihr Zuhause, in der Hoffnung darauf, dass es sich eines Tages in Form von Weltklasse Platzierungen bezahlt machen mochte. Bis-her war er davon verschont geblieben. Hatte sogar den Luxus besessen, direkt in seiner Heimatstadt trainieren zu können. Kaum jemand konnte das wohl auf dem Level, auf dem er seinen Sport betrieb, behaupten. Dementsprechend durfte er sich eigentlich nicht beschweren. Tat er natürlich auch nicht. Aber trotzdem fiel ihm der Abschied irgendwie schwer. Sehr schwer. Fast schämte er sich dafür. Er war 22 Jahre alt. In dem Alter sollte er dem ganzen vermutlich viel gelassener gegenüberstehen, oder? Sich so wegen eines Trainerwechsels und Umzuges anzustellen war vermutlich lächerlich. Doch noch bevor er sich an diesem Gedanken aufhängen konnte, vernahm er das Rufen seiner Mutter. Richtig, Abendessen.

 

 
 

~*~

 

 

Als er das Esszimmer im vorderen Teil des Hauses betrat, war er überrascht. Nicht nur, dass sein Vater offensichtlich früher nach Hause gekommen war, um mit ihm und seiner Mutter zu Abend zu essen, - etwas das er eigentlich nie tat, soweit Kaoru sich zurück erinnern konnte -, sie hatten zudem noch Besuch. Für einen Moment stand er unschlüssig im Türrahmen. Coach Itō zog still eine Augenbraue in die Höhe, während sein Vater ihn dazu aufforderte sich hinzusetzen. Kaoru verbeugte sich zur Begrüßung, wie er es immer tat. Sein, nun mehr ehemaliger, Coach lächelte milde und wies ihm, mit einem Kopfnicken ebenfalls, dass er sich setzen sollte.

 

Kaoru kam gar nicht dazu, irgendetwas zu sagen oder zu fragen, da erhob seine Mutter schon die Stimme:

»Meine Güte, Kaoru. Deine Haare. Wie siehst du aus? Du weißt doch wohl, was ein Kamm ist?«

Sofort spürte er, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Er versuchte mit einer unbedarften Handbewegung die Haare wieder ein wenig zu richten, doch konnte am Blick seiner Mutter direkt sehen, dass ihm das nicht gelang.

»Entschuldige bitte, Okâsan«, murmelte er deshalb nur kleinlaut.

Zur Antwort schüttelte sie lediglich den Kopf. Bevor sie unwirsch nach einer Haarsträhne griff, unsanft daran zog und missbilligend fortfuhr:

»Reicht denn die schreckliche Farbe nicht schon? Du hättest das vor deiner Abreise noch in Ordnung bringen sol-len. Die Nachbarn tuscheln ohnehin schon genug.«

Kaoru verkniff sich das Seufzen. Stattdessen atmete er hörbar tief ein. Aus den Augenwinkeln heraus konnte er selbst Senpai Itō und seinen Vater die Augen verdrehen sehen und zu seiner Überraschung ergriff der alte Trainer das Wort:

»Harumi-san, ich bin mir ziemlich sicher, dass er wegen ein wenig Farbe im Haar in Kanada nicht denunziert wird. Die sind da doch ganz andere Sachen gewohnt.«

Plötzlich räusperte sein Vater sich, als wolle er seinen guten Freund zum Schweigen bewegen. Gleich darauf begriff Kaoru weshalb.

»Ja, eben. Du sagst es ja selbst. Die Kanadier sind so… und dann verlangst du dennoch von mir, meinen Sohn dorthin zu schicken?«

Nun mischte sich auch der Vater ins Gespräch ein.

»Gute Güte, Okâsan. Wir haben doch darüber gesprochen …«

Es schien, als sei dieses Gespräch zwischen den drei Parteien schon einige Male geführt worden. Denn mit einem tiefen seufzen und ohne jeglichen Ärger in der Stimme, sondern mit ganzer Bestimmtheit, so als hätte er das Folgende, schon in aller Ausführlichkeeit mit ihr besprochen, erklärte Hiroshi Sensei:

»Harumi-san, du wirst mir doch wohl zustimmen, dass ich mir nach über 40 Jahren als Trainer meinen Ruhestand redlich verdient habe, oder? Und du wirst mir doch ebenso zustimmen, dass ich immer nur das Beste für deinen Jungen will. In Kanada, bei Kobayashi-san ist er in den besten Händen. Außerdem wird ihm ein wenig Abstand auch guttun.«

Viel mehr noch, als dass es ein merkwürdiges Gefühl in Kaoru auslöste seinen Coach und seine Eltern über ihn reden zu hören, als ob er gar nicht da sei, bekam er es fast mit der Angst zu tun, als er den wilden Blick seiner Mutter sah. Er musste dieses Gespräch irgendwie beenden, bevor es aus dem Ruder lief. In einem etwas verzweifelten Versuch räusperte er sich.

»Du bist heute früh Daheim, Otōsan. War etwas in der Uni?«

Zu seiner und vielleicht auch der allgemeinen Erleichterung, ging sein Vater darauf ein.

 

Die spannungsvolle Diskussion war beendet und der Rest des Abends verlief dann doch recht ereignislos. Was vielleicht auch der Tatsache geschuldet war, dass es ein sehr kurzer Abend war. Kaorus Flug ging um 3:25 Uhr. Dement-sprechend früh zog er sich ins Wohnzimmer zurück – sein Futon war ja bereits verstaut-, um noch ein paar unbequeme Stunden Schlaf auf dem gediegenen Möbel zu erhaschen. Der Abschied von seinem ehemaligen Coach fiel ihm an diesem Abend ungemein schwer. Obwohl sie sich ja „offiziell“ schon nach dem letzten gemeinsamen Training vor gut zwei Wochen verabschiedet hatten. Und auch Hiroshi-Sensei schien ungewöhnlich sentimental, was in einer, der ungewohnten Natur geschuldeten, steifen aber durchaus herzlichen Umarmung gipfelte. In diesem Moment musste er gegen Tränen anblinzeln. Eben solche von denen man selbst nicht genau sagen konnte, woher sie kamen, die aber so tief im Innersten verankert waren, dass schon allein der Gedanke an die vergangene Situation sie zurückbrachte.

 

Der Abschied von seinen Eltern fiel ihm hingegen, ironischerweise und zugegeben überraschend, weniger schwer. Vielleicht lag es daran, dass der gesamte Abschiedsprozess schlichtweg zeitlich weiter gedehnt war. Dass ihn die Eltern noch zum Flughafen brachten, noch mit ihm im Wartebereich blieben, bis der Aufruf für sein Gate kam. Schwer zu sagen. Jedenfalls blieb ihm in der – in Anbetracht der Erbarmungswürdigen Uhrzeit fast beunruhigenden – geschäftigen Hektik des kleinen Chitoser Flughafens gar nicht die Zeit, sich groß mit Abschiedsschmerz oder ähnlichem zu befassen. Die Realisation, dass er seine Eltern für eine ganze Weile erst einmal bestenfalls auf einem kleinen Bildschirm sehen und über blecherne Smartphone Lautsprechen hören würde, kam ihm erst, als er bereits 9000 Fuß hoch in der Luft war. Den Gedanken verdrängte er mit Musik auf den Ohren. Und immerhin, die ersten zwei Stunden des Fluges, von Hokkaido nach Tokyo verliefen ruhig und ereignislos. Ebenso wie der Zwischenstopp dort, doch ab Haneda, also die nächsten 16 Stunden Flug, hatte er deutlich weniger Glück. Trotz seiner Noise Cancelling Kopfhörer und einer Lautstärkenstufe, die jeden Arzt in Alarmbereitschaft versetzen würde, konnte er die Unruhe rund um sich herum, das weinende Kind links von ihm und das streitende ausländische Paar in der Reihe direkt hinter ihm, nicht wirklich ausblenden. Gelinde gesagt, es war unheimlich anstrengend gewesen und obschon er dem Shintōismus zugeneigt war, machte er drei Kreuzzeichen, als das Flugzeug am Flughafen 'Pierre-Elliott-Trudeau de Montréal' landete und er endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte.

 

Jetzt nur noch hoffen, dass es sein Koffer auch hierher geschafft hatte. Denn wenn er eines in den letzten acht Jahren gelernt hatte, dann das es sich dabei um keine Selbstverständlichkeit handelte. Aber er hatte Glück und da der Flughafen nur ein Terminal besaß und er nicht zum ersten Mal hier war, schaffte er es sogar an seinen Koffer zu kommen und den Weg nach draußen zu finden, ohne sich zu verlaufen. 



Fanfic-Anzeigeoptionen

Kommentare zu diesem Kapitel (0)

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.

Noch keine Kommentare



Zurück