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We will not be alone. "WIR werden nicht allein sein"

Neue Wege und neue Ziele
von

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224. Augenkontakt Teil 2 oder Die Einladung

Kapitel 224
 

Augenkontakt Teil 2 oder Die Einladung
 

Als er an der Kasse steht und bezahlen möchte, macht der Verkäufer große Augen.

„Guten Tag, Sie haben aber Glück. Das letzte Spiel erwischen und dann noch Tora-san ergattern. Da werden sich Ihre Kinder aber freuen.“ Er lächelt zu Kojiro auf.

„Tora-san?“, stutzt er und schaut nochmal in die Kugel.

‚Hm, ich verstehe. Das muss diejenige sein, die Frau Matzumoto damals meinte, sie benütze meinen Namen. Aber was sollen dann die Ohren? Mit einem Tiger haben die nichts zu tun. Aber soweit ich weiß, hat Naoko sie mal erwähnt, so nebenbei, dass sie sie mag.‘

„Das Spiel ist schwer zu bekommen, das stimmt. Ich habe schon lange gesucht und war erstaunt, dass es eins gibt. Es kommt doch erst in zwei Monaten raus.“ „Das haben wir unserem Chef zu verdanken, er ist großer Sportfan und hat Beziehungen zum Hersteller. Da bekommt er dann jedes Jahr schon vor normalem Start zehn Exemplare. Die werden unangekündigt in den Laden gelegt. So gibt es dann keinen Streiten. Hat also etwas mit Glück zu tun und jeder, der das weiß, der schaut jeden Tag vorbei und nimmt dann auf Höflichkeit was anderes mit, damit das nicht so auffällt.“, grinst er und gibt den Artikel ein. Dann greift er die Kugel.

„Die ist ja schon bezahlt. Aber ich kann Ihnen von Tora-san den Verkaufsschlager empfehlen. Wenn man schon so viel Glück hat, eine der vier seltensten Figuren zu erwischen.“ Er zeigt auf das Regal neben sich. Es hängen dort gefühlt unendlich viele Schlüsselanhänger und unter anderem auch der Volleyballer mit der Kochmütze, Kens Figur, die er schon am anderen Regal rausgesucht hatte und natürlich die blonde Volleyballerin mit den Öhrchen und natürlich seine eigene Figur.

„Hier stehen die beliebtesten Figuren von allen Serien. Die kleine Figur in der Kugel ist hübsch zum Hinstellen, aber die eben sehr praktisch. Dann hat man sie immer dabei. Vielleicht ist das auch etwas für die Tochter?“

„Oh, äh, Schwester, bitte. Okay, die nehme ich auch mit. Bitte packen Sie mir das Spiel und die Puppe nett ein. Das ist für meinen Bruder zum Geburtstag.“

„Was ist mit dem Anhänger von Wakashimazu?“

„Der ist extra.“

„Okay, sehr gerne.“ Er ordert seine Angestellte herbei und gibt ihr die Sachen zum Einpacken.

Plötzlich ist hinter ihm ein Weinen zu hören. Er dreht sich um und erblickt einen kleinen Jungen, etwa sechs Jahre alt mit seiner Mutter. Sie hockt sich zu ihm runter und nimmt ihn in den Arm.

„Es tut mir leid, Häschen, ich konnte nicht eher Schluss machen.“

„Immer bin ich zu spät…nur weil du arbeiten musst. Vorhin nach der Schule lag das Spiel noch da.“ Er weint bitterliche Tränen.

„Ob er das Spiel meint, das ich eben gekauft habe?“, flüstert er zum Verkäufer.

„Ja, er war vor einer Stunde schon hier, allein und hat es reservieren wollen, aber ich darf das nicht machen, nicht bei Dieser Sonderaktion.“ Kojiro schaut zu seinem Spiel, es wird bereits eingepackt und er braucht es leider selbst schon in ein paar Tagen. Da kommt kein Weg dran vorbei. Er schaut sich im Laden um, es ist erstaunlich leer. Der große Ansturm kommt meist nach der Arbeitszeit und im klassischen Tourismusgebiet liegt der Laden nicht. Der Stürmer geht zu dem Jungen und spricht die Mutter freundlich an.

„Entschuldigen Sie, wollte der Kleine das Videospiel mit den Fußballern?“ Sie ist erstaunt und nickt nur zurückhaltend.

„Nun ist es schon eingepackt und ich brauche es für meinen Bruder. Vielleicht kann ich aber etwas Nettes für ihn tun, was viel wertvoller als das Spiel ist und dann kann er die zwei Monate in Ruhe darauf warten.“, macht er ein Angebot. Der Junge schaut ihn skeptisch an. Er schnieft und wischt sich die Tränen weg. „Sie…wollen sich doch nur über mich lustig machen. Ich will die Fußballer haben und nichts anderes.“, schluchzt er. Kojiro geht in die Hocke und lächelt.

„Niemals würde ich das. Wen magst du denn am liebsten? Jemanden aus dem japanischen Team?“ Plötzlich starrt ihn der Kleine ganz verdutzt an. Was er wirklich in diesem Moment denkt, kann niemand so genau sagen, aber er schnieft erneut und reibt sich die Augen nochmal.

„Tsubasa und Kojiro, die sind die Allerstärksten, aber…ich…“, er schnieft wieder los und schüttelt traurig den Kopf und vergräbt ihn bei Mama im Arm, die noch neben ihm hockt und ihn liebevoll festhält.

„Ja, sie sind vermutlich die stärksten, das stimmt.“

„Ich…ich kann mir ja nie…ihre Spiele ansehen. Sie sind so weit weg.“ Kojiro schaut auf, es ist aktuell so gut wie niemand im Laden und in der Nähe erstrecht nicht. Er blickt den Kleinen an. Dann grinst er und nimmt seine Sonnenbrille ab und hält den Finger vor den Mund.

„Aber nicht verraten, ja? Sonst komme ich hier heute nicht mehr weg.“ Total begeistert starrt er ihn an. Wie kann das denn sein? Zuerst dachte er nur, er sieht seinem Vorbild ähnlich, aber nein, er ist es persönlich.

„Wow…Kojiro? Wirklich? Ich…kann das gar nicht glauben.“, flüstert er, denn er ist klug und weiß genau, wenn er zu laut ist, dann kommen die anderen angerannt und wollen Fotos und Autogramme. Kojiro nickt.

„Folgender Vorschlag, kleiner Mann. Du suchst dir was als Trost aus und ich signiere es dir. Und dann kommst du mit deiner Familie zu unseren Trainingsspielen. Wir treffen uns jedes Jahr im Sommer, wenn wir Urlaub haben und diesmal sind wir hier gleich in der Nähe, bei Jun an der alten Schule. An der Musashi. Aber sag das niemanden weiter, okay? Es dürfen nur geladene Fans zusehen. Dann kannst du das ganze Team sehen und dir Autogramme und Fotos abholen.“ Er setzt seine Sonnenbrille wieder auf und steht auf. Dann kramt er in seiner großen Tasche und holt einen Block und einen eleganten Füller heraus. Er schreibt etwas darauf und reicht es der Mutter rüber.

„Ist das denn für Sie okay? Das wären die Tage und die Uhrzeiten, an denen die drei Spiele stattfinden.“

„Oh, äh. Ja. Da muss ich schauen wer mit ihm geht. Ich…muss arbeiten.“

„Darf ich fragen, was Sie arbeiten?“

„Oh, ich äh, ich arbeite in der Gebäudereinigung und mache Büros sauber.“, sagt sie etwas zurückhaltend.

„Da findet sich doch sicher jemand, der Sie mal einen Tag vertreten kann oder die Schichten tauschen. Versuchen Sie es einfach. Haben Sie eine Karte?“ Sie greift in ihre Handtasche und holt eine Visitenkarte heraus.

„Ich versuche es. Hier, da arbeite ich.“
 

Wenige Minuten später steht Kojiro mit einer Puppe von sich selbst an der Kasse und bezahlt diese. Dann holt er einen Stift aus der Tasche und signiert die Verpackung.

„Wie heißt du?“

„Ken, ich heiße Ken.“, strahlt er ihn an.

„Einer meiner Brüder heißt auch Ken. Ein starker Name.“ Dann gibt er ihm die Puppe.

„Sollte es mit dem Freinehmen nicht gehen, melden Sie sich bitte rechtzeitig unter der Nummer, die ich Ihnen aufgeschrieben habe. Meine Managerin lässt sich was einfallen. Es wäre schade diese seltene Gelegenheit verstreichen zu lassen.“
 

Mit diesen Worten und dem eingepackten Geschenk, verlässt er den Laden und geht wieder in die Richtung seiner Familie. Als er an einem Dekorationsgeschäft vorbeikommt, macht er am Schaufenster Halt.

‚Hm. Eine kleine Deko für Mutter. Für die Kids habe ich was und da habe ich dann nichts für sie in der Hand. Das ist auch doof.‘ Er geht hinein und entdeckt sofort eine kleine niedliche Figur einer schwarzen Katze mit weißen Pfötchen. Seine Mutter liebt Katzenfiguren. Die Figur findet sicher einen Platz in ihrer Sammlung in der Glasvitrine. Kurz darauf verlässt er auch diesen Laden. Die handgroße Figur gut eingewickelt in Papier und gebettet zwischen seinen Sportsachen. Nun ist die Tasche voll, denn die große Puppe von Shingo nimmt viel Platz ein.

Als er sich wieder auf dem Weg macht, klingelt sein Handy. Er bleibt stehen, holt es aus der Hosentasche und geht mit Herzklopfen ran. Es ist die Nummer seiner Managerin.

„Kojiro? Wir haben ein großes Problem. Kannst du reden?“ Er atmet tief durch. „Jetzt nicht. Aber…ich kann mir denken, worum es geht. Kam ein Anruf vom Verein?“

„Oh, du bist schon informiert?“

„Vorgewarnt, ja. Wie schlimm ist es? Brauche ich einen Anwalt?“

„Auf jeden Fall. Es sieht nicht gut aus. Ich habe unseren Rechtsanwalt informiert und er prüft die Aufnahmen. Ich befürchte jedoch, dass wir jemand spezielleres brauchen. Jemand, der sich mit Analytik von Spielen auskennt.“

„Kennen Sie da jemanden?“

„Nein, nicht im Fußball. Ich muss mich erst umhören. Wettbetrug oder Manipulation ist eine heikle Angelegenheit. Sollte irgendjemand oder die Presse schon Fragen stellen und ich bin nicht dabei, kein Kommentar, hast du gehört? Das ist sehr wichtig. Das klären die Anwälte und Fachleute, mehr kannst du nicht sagen. Alles andere kann auch nach hinten losgehen.“

„Ich habe verstanden.“

„Ich melde mich, wenn es Neuigkeiten gibt.“ Sie legt auf und er atmet tief durch. Inzwischen steht er vor einem Comiccorner. Um sich wieder etwas aufzuheitern, sieht er sich im Schaufenster die vielen bunten Bilder und Bücher an. Dann muss er schmunzeln, denn er entdeckt einen alten Manga, total abgegriffen und scheinbar viel gelesen. Er ist in eine Schutzhülle gepackt, vermutlich, um es vor der Sonne und Staub zu schützen. Auf dem Schild daneben steht, dass es die Erstauflage 1986 ist und leider mit einigen Eintragungen versehen wurde. Jedoch ist der Preis sehr hoch, da es trotz der Mängel einen sehr hohen Sammlerwert darstellt.

‚Zu meinem vierten Geburtstag schenkte mir Vater dieses Buch. Es war gerade neu erschienen. Er las es mir immer vor und dann stückweise im Wechsel, bis ich selbst lesen konnte. Ich war so begeistert von diesem fröhlichen Kakeru (Gregor), der hier auf dem Cover ist, dass ich mich endgültig für Fußball entschied. Er schaffte es eine Mannschaft aufzumuntern, die völlig am Boden lag und den Sport aufgeben wollte. Vater sagte immer, man darf niemals aufgeben und muss immer an seine Ziele denken. Egal wie schwer der Weg auch sei, es gibt immer einen Weg nach vorn, wenn er auch manchmal schwer sei.

An seine Regel habe ich mich immer gehalten. Jeden Tag…Vater…bis heute.‘ Kojiro dreht sich vom Schaufenster weg und geht ein paar Schritte, aber dann kommen ihm die Worte seines Vaters erneut in den Sinn.

„Immer gibt es einen Weg, Kojiro. Und wenn der Berg noch so hoch ist, der Vulkan noch so sehr Feuerspuckt oder die Welle noch so groß ist, ein Hyuga gibt niemals auf und hält an seinen Träumen fest.“, kommt es ihm vor, als würde er seine raue, vertraute Stimme von damals hören. Fest entschlossen betritt er den Laden und schaut sich kurz um. Es ist ruhig, kein Kunde da und niemand ist zu sehen. Er geht langsam auf die Kasse zu. In diesem Moment taucht ein Mann nur wenig älter als er hinter der Theke auf. Er hat etwas in der Hocke eingeräumt und begrüßt ihn nun freundlich.

„Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“

„Guten Tag. Ich würde gerne das Sammlerstück aus dem Schaufenster kaufen.“

„Oh, gerne. Welches genau? Es liegen dort drei Stück aus.“

„Ganbare! Kikkāzu Band 1 bitte.“ (Kickers)

„Dass dort von einem ehemaligen Leser Notizen drin sind, haben Sie gelesen? Das schreckt viele vom Kauf ab. Ich habe den Preis schon ständig runtergesetzt.“

„Das stört mich nicht. Es hat eher einen mentalen Wert. Ich habe als Kind alle Bände gelesen und musste sie dann irgendwann schweren Herzens verkaufen. Die haben sicher auch nicht besser ausgesehen. So oft, wie ich die gelesen habe. Und was reingekrakelt habe ich auch ständig. Teilweise ausgemalt, schlimm.“, grinst er den Verkäufer an. Der Verkäufer greift in der Schublade nach einem kleinen Schlüsselbund und geht zum Schaufenster, um die Glasvitrine mit den Sammlerstücken zu öffnen.

„Das höre ich immer wieder. Als Kind hat man nie daran gedacht, dass sowas mal einen Wert darstellen könnte. Man hat mit seinen Sachen eben gespielt oder es so benutzt, dass man Spaß und Freude damit hatte.“ Kojiro folgt ihm ans Fenster und der Mann schließt die Vitrine auf. Als er die Glastür öffnet und der Schlüsselbund daran hängt, stutzt Kojiro.

‚Nanu, da hängt ja so ein Anhänger, den ich eben für Naoko gekauft habe. Wieder diese Volleyballerin mit den spitzen Tierohren.‘

Das Buch wird zur Theke genommen, nachdem die Vitrine wieder zugeschlossen wurde und liegt nun auf der bunten Unterlage.

„So, dann schauen wir doch mal rein.“, spricht der Verkäufer und legt den Schlüsselbund an die Seite der Kasse, sichtbar für Kojiro.

Er nimmt eine feine Schere und öffnet die Folie des Buches, nimmt es heraus und gibt es seinem Kunden rüber. Kojiro hält es in den Händen und lächelt.

‚So abgegrabbelt sah mein erster Band definitiv auch aus.‘ Als er vorsichtig durchblättert, stutzt er.

„Moment mal.“, stößt er verdutzt aus. Mit Erstaunen über die Eintragungen und die ausgemalten Bilder, wirft er sofort einen Blick auf die erste Seite und entdeckt tatsächlich seine eigenen Initialen und die Widmung seines Vaters.

„Alles Gute zum Geburtstag, Großer. Und bleib am Ball. In Liebe, Dein Vater.“

„Hm. Haben Sie die anderen neunzehn Bände auch oder nur den einen hier?“

„Es hat noch nie jemand danach gefragt. Aber ja, ich habe die anderen auch. Sie stammen aus einer Haushaltsauflösung. Die anderen Händler haben sich gesträubt sie wegen der vielen Eintragungen für den angebotenen Preis zu nehmen. Aber ich handhabe das mit Sammlerstücken etwas anders als andere. Solange ich nicht auf den Kosten hängen bleibe, reicht mir das. Meinen nötigen Umsatz mache ich mit den aktuellen Büchern. Es verkaufen sich außerdem solche Raritäten besser im Internet.“

„Meine Aufmerksamkeit für die anderen Bücher, haben Sie.“ Kojiro blättert weiter im Buch herum, solange der Verkäufer hinter sich an den Holzschrank geht und ihn wieder mit dem Schlüssel öffnet und eine Kiste herausnimmt und auf den Tisch stellt.

Dann wird sie geöffnet und die Bücher liegen alle in den Folien liebevoll verpackt.

„Und die sind alle vom selben Verkäufer?“

„Ja, genau. Ein Bekannter, der sich um Haushaltsauflösungen kümmert. Wenn er Mangas und andere Comics oder Ähnliches findet, bin ich sein Ansprechpartner. Er kommt aber nicht aus Tokio. Er bekommt immer Aufträge von der Stadt, wenn ärmere Leute etwas verpfänden müssen oder die Wohnung aufgeben müssen. Auch Umzüge organisiert er mit. Ein fleißiger Typ.“

„Ich verstehe. Bitte geben Sie mir Band 13.“

„Ich kann Ihnen auch alle einmal öffnen, wenn Sie möchten.“

„Das reicht mir.“ Etwas irritiert öffnet der Mann den 13. Band und reicht ihn diesen rüber. Kojiro schaut in die Widmung und tatsächlich.

„Danke für deine Hilfe.“, steht darin.

„Gut. Was sollen alle zusammen kosten?“

„Sie möchten wirklich alle nehmen? Hm. Sie sagten, Sie mussten Ihre Bücher verkaufen?“

„Ja, als Kind. Als mein Vater starb, wurde jeder Yen gebraucht und dann habe ich auch meine Spielsachen verkauft, viel hatte ich nicht, aber als letztes diese Bücher.“

„Oh, das tut mir sehr leid. Was…haben Sie dann dafür gekauft?“

„Windeln für meine jüngeren Geschwister.“

„Windeln? Da gab es doch damals die zum Waschen.“, meint der Verkäufer erstaunt.

„Meine Mutter war schwanger und als das Baby dann da war, ging sie gleich wieder arbeiten und hatte nur wenig Zeit. Da war das eine gute Lösung, weil deutlich weniger Wäsche anfiel, somit also weniger Arbeitszeit zu Hause.“, erklärt er.

„Nun gut, das verstehe ich. Wenn ich mir vorstellen würde, ich müsste das noch alles waschen und aufhängen, da haben Sie Recht. Die Wegwerfdinger sind eine große Arbeitsersparnis. Ich kenne diese Situation. Als meine Tochter geboren wurde, stand ich auch allein da. Und dann hatte ich noch das Studium an der Backe. Das gab ich dann auf und war arbeiten, in einem Buchladen.“

Er atmet tief durch und holt die anderen Bücher langsam aus dem Karton. Er legt sie sorgsam auf den Tisch.

„Also Sie möchten wirklich alle 20 Bücher haben?“

„Ja.“

„Sie kennen den Preis des ersten Bandes, was wäre Ihnen der Rest dazu wert?“

„Sie fragen mich was. Ich habe da keine Ahnung von. Es steht doch überall ein Preis drauf, wenn ich das richtig gesehen habe. Ich denke das ist für solche Sammlerstücke angemessen?“ Kojiro erntet ein Lächeln und der Mann holt eine Liste aus dem Karton und legt ihn neben die Kasse. Natürlich ist er vorbereitet für den Fall der Fälle. Dass er alle auf einmal loswird, hätte er so schnell nicht gedacht.

„Ich danke Ihnen. Meist handeln die Leute noch herum und versuchen den Preis deutlich zu drücken.“

„Sie werden sich bei dem Preis schon etwas gedacht haben.“, meint Kojiro nur. Die einzelnen Preise und Bandnummern werden im Kassensystem eingegeben. Nebenbei spricht er Kojiro weiter an.

„Kleine Hintergrundinformation zu der Geschichte. Der ehemalige Besitzer hat ein interessantes Gerücht über diese Bücher verbreitet. Als man die Wohnung auflöste, standen sie neben den Fanartikeln und Zeitungsausschnitten unseres Fußballhelden dem „Wilden Tiger“. Er behauptete bei der Pfändung, die Bücher haben ihm als Kind gehört. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber bis auf die Initialen weist nichts in den Büchern darauf hin. Ich habe sie sehr genau einzeln durchgesehen. Es ist also reine Spekulation. Auf solche Aussagen lege ich keinen Wert, denn ohne Echtheitszertifikat oder irgendeinen Beweis, ist sie nichts wert. Ich erwähne die Behauptung zwar ab und zu, aber ob dem so ist, muss ich der Fantasie des Kunden überlassen.“

„Ich verstehe. Und wenn es so wäre? Was würden die dann wert sein?“, ist Kojiro einfach zu neugierig. Er schaut auf und betrachtet Kojiro etwas genauer. Dann schaut nachdenklich zur Kasse.

„Keine Ahnung. Vermutlich unverkäuflich.“ Er nennt ihm dann den Gesamtpreis.

Haben Sie noch einen Wunsch?“, fragt er dann.

„Das ist dann alles, danke sehr. Kann ich mit Kreditkarte bezahlen?“

„Das geht, natürlich. Den Mindestbetrag haben wir erreicht.“, kommt etwas angespannt zurück. Er drückt auf den Rechnungsknopf und Kojiro zückt seine Kreditkarte, steckt sie ins Gerät und gibt den Pin ein. Der Kauf ist akzeptiert und der Kassenbon kommt aus dem Drucker. Er reißt ihn ab und überreicht ihn Kojiro.

„Hm, vielen Dank für Ihren Einkauf, Herr Hyuga.“, blickt er ihn lächelnd an.

„Sehr gerne. Es gibt vermutlich einen Beweis dafür, dass sie mir gehörten.“, grinst er zurück.

„Wirklich? Ich habe alles genau angesehen, nichts weist eindeutig darauf hin.“

„Hm, ich weiß nicht mehr welches Buch es genau war, aber in einem haben Ken und ich gemeinsam reingeschrieben. Jetzt wo ich die Bücher sehe, kommt mir die Erinnerung zurück.“

„Oh, und da wäre ein Beweis dabei? Wollen wir nachsehen?“ Inzwischen sind die beiden allein im Laden.

„Gerne. Ich weiß nur noch, dass es um dieses spiel ging, wo das Team gegen die aus der Computerschule gespielt haben. Solche Hochbegabten.“

„Ah, ja. Das sagt mir was. Die Handlung war glaube ich, etwas in der Mitte.“ Sie sehen sich die Bücher an und dann greift der Verkäufer einen Band und öffnet die Folie und reicht es Kojiro rüber.

„Hier, das sollte es sein.“ Kojiro blättert darin rum und entdeckt eine komplett bunt ausgemalte Seite.

„Hier, diese Seite. Das Buch schenkte mir mein Freund Ken, also Ken Wakashimazu, zu Weihnachten. Er beschäftigte sich zu der Zeit noch nur mit seinem Karate und war aktuell beim Lernen der Kalligrafie. Wir konnten beide noch nicht so schönschreiben, aber er wollte mir beweisen, wie gut er ist. Also malten wir wie so oft zusammen jeweils eine Seite aus, da das Wetter extrem schlecht war und wir nicht rausgehen konnten. Als er mit seiner Seite fertig war, gab er mir seine Signatur darunter. Diese hier.“, zeigt er auf eine Signatur.

„Oh, die ist von Herrn Wakashimazu?“

„Ja, das ist der Leitspruch seines Familien-Dojos. Ein sehr alter Spruch, der von Generation zu Generation weitergeführt wird. Er hängt als große Zeichnung im Dojo. Und zwar nur in dem einen. Irgendwann hat sich die Familie den Spruch rechtlich schützen lassen, damit es nie Verwechslungen gibt und sie etwas Eigenes haben. Heute nutzt er die Signatur, wenn er ganz besondere Autogramme gibt. Also bei persönlichen Treffen oder auf dem Ball, wenn genug Zeit dafür ist. Er schreibt seinen Namen und dann diese Signatur darunter. Andere wie ich, malen gerne einen kleinen Fußball dazu. Er nutzt stattdessen die Familiensignatur.“

„Wow, darauf muss erstmal jemand kommen. Aber ein wirklicher Beweis, ist es ja nicht. Eine Wertschätzung hätten sie nicht überstanden.“

„Das ist zu speziell, das kann ich mir vorstellen.“

„Jetzt sind die Bücher wieder dort, wo sie hingehören. Das ist doch auch schön. Nehmen Sie sie mit nach Italien?“, lächelt der Verkäufer ehrlich.

„Nein, ich werde sie meinen Geschwistern schenken. Da wir damals alles verkaufen mussten, blieb nicht ein Stück mehr von unserem Vater übrig. Und jetzt, wo ich gemerkt habe, dass es meine Bücher waren, da kam mir die Idee, so haben sie etwas von ihm. Die meisten Bücher waren Geschenke von ihm. Und seine Schrift ist darin. Die drei haben ihn leider nie wirklich kennenlernen können.“ „Eine schöne Idee.“

Kojiro schielt auf den Schlüsselanhänger.

„Hm, verraten Sie mir, warum diese Figur solche Öhrchen hat? Sie sind scheinbar Fan.“, kann er sich diese Frage nicht mehr verkneifen. Er will vor seiner Schwester ja nicht ganz so dumm dastehen.

„Oh, naja. Das ist „Japans Gelbe Füchsin“ Die deutsche Volleyballerin. Das sind Fuchsohren. Damals als sie mit dem Team die Asienmeisterschaft heimbrachte, da verglich man ihre starken Bälle mit denen von Ihnen. Die Presse machte sich einen Streich daraus sie seitdem also einfach „Die Gelbe Tigerin“ zu nennen, statt Füchsin. Sogar die Bezeichnungen der Bälle wurden einfach umbenannt, dabei hatten die einen Namen. So entstand das Gerücht, sie würde Ihren Namen zum Zwecke ihres Erfolges nutzen und damit es nicht zum Rechtsstreit kommt, gab sie mehrfach bekannt, sich niemals so nennen zu wollen. Der Name gehöre bereits jemanden. Um dem ganzen ein Ende zu setzen, setzte sie sich eine halbe Saison lang, nach dem Asien-Cup diese Ohren als Haarreifen auf und drohte der Presse mit einer Klagewelle, wenn sie den Namen wieder verfälschen. Es sind also Fuchsohren, damit es keinen Zweifel mehr darangibt. So entstand dann dieser Verkaufsklassiker und es verlief alles im Sand. Nur ein paar eingefleischte Fans nennen sie einfach noch so. Teilweise auch ihre eigenen Bekannten. Tora-san, nennen sie sie dann einfach. Und ich muss ehrlich gestehen. Auch ich gehöre dazu, ebenso meine Kinder.“, grinst er und fasst sich dann and en Hinterkopf.

„Oh, so war das. Naja, als man mir das mit den Namen mitteilte, sagte ich nur, solange niemand damit von sich selbst behauptet, so zu heißen, liegt kein Problem meinerseits vor.“

„Eine gute Einstellung. Sie hätte es nicht verdient. Sie ist wirklich ein sehr netter Mensch.“ Kojiro schaut auf seine Uhr.

„Bestimmt. Bitte verpacken Sie mir die Bücher in Ruhe, heute kann ich sie nicht mitnehmen. Ich würde sie morgen um diese Zeit etwa abholen. Geht das?“

„Oh, ja das geht natürlich.“

„Okay, dann komme ich morgen vorbei und hole sie ab.“

Sie verabschieden sich und Kojiro verlässt den Comic-Corner. Kaum hat er den Laden verlassen, klingelt erneut sein Handy. Wieder ein Anruf aus Italien. Die Nummer ist ihm jedoch unbekannt. Er geht natürlich ran. Es kann nur wichtig sein. Um nicht gleich aufzufallen, falls es ein unschöner Anruf wird, geht er etwas in die Seitengasse hinein, die gleich neben dem Laden ist.

„Hallo.“, geht er neutralen Tons ran.

„Hyuga? Ich bin es, Mazzantini.“, kommt die vertraute Stimme seines ehemaligen Fitnesstrainers. Er ist bereits seit gut 4 Monaten nicht mehr für seinen Verein zuständig, weil er sich fachlich fortbilden möchte. Kojiro kennt ihn seit seiner Ankunft in Italien trotz anfänglicher Diskrepanzen, haben sich die beiden etwas angefreundet.

„Herr Mazzantini, wie geht es Ihnen?“

„Mir geht es gut. Die Frage ist eher, wie es Ihnen geht.“

„Naja. Muss ich abwarten. Warum rufen Sie an?“

„Nun gut, ich wollte Ihnen nur etwas Erfreuliches mitteilen. Meiner Tochter geht es wieder besser. Sie ist wohl auf und kann endlich die Klinik mit dem Baby zusammen verlassen. Morgen ist es so weit. Die Operationen haben beide gut überstanden.“ Kojiro atmet tief und erleichtert durch.

„Oh…das ist eine schöne Nachricht. Das tut gut. Danke sehr, dass Sie es mir sofort mitgeteilt haben.“ Schon seit einer Woche gibt es immer wieder Sorgen um die beiden. Die Geburt verlief nicht wie es hätte sein sollen und es kam zu Komplikationen. Dann ein offenes Herz des Babys. Es war bisher für beide ein großes Risiko.

„Wie wird es heißen? Was ist es geworden?“

„Es ist ein Mädchen, sehr niedlich, die Kleine. Ganz wie ihre Mutter. Eine kleine Vittoria. Sicher wird sie mal eine Sportlerin wie ihre Mutter. Das Herz wird verheilen und dann kann sie vielleicht auch Sport machen.“

„Das wäre schön. Aber erstmal muss sie stark bleiben und wachsen. Ein schöner Name. Eine wahre Siegerin ist sie doch jetzt schon. Grüßen Sie mir Romana und ihren Mann von mir.“

„Ja. Das werde ich.

Und Hyuga, ich bin bei Ihnen, das wissen Sie, oder?“

„Ja.“ Somit legt er auf. Kojiro steckt das Handy in die Tasche und schaut erleichtert nach oben in die dicke Regenwolke, aus der in diesem Moment aus den bisher kleinen Tropfen immer größere fallen. Er lächelt und sein Herz schlägt schneller. Das Erfrischende Wasser auf seinem Gesicht ist wie eine kleine Dusche.

„Das…habe ich jetzt gebraucht. Wenigstens die beiden sind wieder Fitt. Nicht auszudenken, wenn es nicht so geendet wäre.“ Plötzlich platschen die Tropfen immer mehr und doller. Wie eine Sintflut kommt es hinunter und seine langen schwarzen Haare sind sofort nass. Zwar fühlt es sich toll an, aber in dem Moment überkommt ihn ein großer Durst.

‚Man habe ich einen riesigen Durst.‘ Er blickt in die Seitenstraße und entdeckt ein Restaurant. Ohne groß nachzudenken, läuft er zum Eingang und stürmt durch die Eingangstür. Er sieht sich halb durchnässt im Lokal um.

‚Hübsch hier. Scheint ein ausländisches Restaurant zu sein. Europäisch denke ich. Hm...niemand hier?‘ Er wischt sich das Wasser aus dem Gesicht, um besser sehen zu können.

„Einen guten Tag, wünsche ich, aber eigentlich haben wir geschlossen.“, vernimmt er eine sanfte und freundliche Frauenstimme. Verdutzt sieht er in ihre Richtung. Dann erblickt er eine junge Blondine, etwa in seinem Alter, welche an einem Tisch Servietten fertigt und ihn anlächelt.

‚Was für ein schönes Lächeln sie hat. Was ist das heute nur für ein seltsamer Tag? Dieses Auf und Ab in meiner Brust. Als wäre ich auf dem Rasen und würde ein aufregendes Spiel haben, bei dem das Ergebnis noch nicht voraussehbar ist.‘, geht ihm durch den Kopf. Neugierig geht er zu ihr und bleibt vor der Schiebetür des Festsaals stehen und schaut ihr in die schönen Augen.

„Ähm...Entschuldigung. Das wusste ich nicht. Warum ist um diese Zeit geschlossen?“

‚Sie ist sehr schön. Dann diese angenehme Stimme und dieses Lächeln. Wer ist sie?‘

„Wir haben dienstags immer Ruhetag. Deswegen ist geschlossen. Was führt dich überhaupt hier her?“

„Ich habe Durst, aber wenn geschlossen ist, kann man wohl nichts machen.“

‚Das ist ja doof. Wie gerne würde ich sie kennenlernen. Aber jetzt nach etwas zu trinken zu fragen, wäre unhöflich und aufdringlich. Am besten ich komme morgen nach dem Training zum Essen hier her. Das würde passen und wäre nicht aufdringlich.

Dass mich der Regen hier her lotst, kann doch kein Zufall sein. So eine schöne Nachricht und dann begegne ich so einer Schönheit? Das muss Schicksal sein.‘ Kojiro bewegt sich langsam und bewusst zur Tür zurück, in der Hoffnung, sie zeige von sich aus auch Interesse daran ihn eventuell kennenzulernen.

„Hey, warte!“, ruft sie deutlich. Ihre Stimme klingt wie eine Aufforderung für ihn, eine freundliche Aufforderung, auf die Herausforderung einzugehen. Die Herausforderung, diese Schönheit kennenzulernen. Verblüfft sieht er zu ihr und lächelt erleichtert.

„Ich habe nicht gesagt, dass du deswegen nichts trinken darfst.“, vernimmt er ihre angenehme Stimme, die aus ihrem Mund in seiner Heimatsprache besonders hübsch klingt. Er beobachtet ihre sportliche Gestalt, wie sie sich aufrichtet und zum Tresen geht.

„Setz dich doch, was kann ich dir bringen?“ Der Fußballer geht zu ihr an den Tresen und setzt sich auf einen der Hochstühlen. Sein Herz klopft schnell, aber er versucht es sich nicht anmerken zu lassen, als er ihr dabei zusieht, wie sie ihm etwas zu trinken macht. Er genießt ihre Anwesenheit, denn es fühlt sich erleichternd an, als wäre jeder Kummer von einer Minute zur anderen weg.

‚Es muss Schicksal sein. War der Anruf von Mazzantini und ist dieser schöne Lichtblick in ihr schönes Lächeln ein Hinweis? Ein Hinweis, dass am Ende doch alles gut wird? Es fühlt sich plötzlich alles an, als wäre nichts passiert.‘



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