211. Kapitel Guten Morgen Gruß U18
Kapitel 211
Guten Morgen Gruß
Er nahm sie bald wieder richtig in seine Arme. Seine starken Arme umschlossen ihren Körper und seine Hände hielten sie sicher fest und ließen sie unendliche Geborgenheit und Sicherheit spüren. Sein Blick war weich und wolllustig zugleich.
„Ich…liebe dich auch. Und du bist…so wahnsinnig schön, zu schön für mich. Ich…kann dich jetzt…noch nicht gehen lassen.“, hauchte er
In ihren glasigen Augen erkannte er, dass sie ebenso noch nicht loslassen wollte. Tina brachte kein Wort über die Lippen. Viel zu befangen war sie noch in ihren starken Gefühlen.
Ihre Hand wanderte zu seinem Kopf hinauf, fuhr etwas forsch in seine langen schwarzen Haare, packte ihn verlangend am Hinterkopf und zog ihn sich entgegen. Ihre Lippen berührten sich und ein herausfordernder leidenschaftlicher Kuss folgte.
‚Bettina…du machst mich wahnsinnig. Mit dir zusammen zu sein, ist wie in einem Rausch voller unwirklichen Gefühlen. Du willst mich nochmal spüren? Gut…das will ich auch.‘
‚Kojiro, Ich will nicht an gestern denken…oder an vorgestern…oder an irgendetwas, was mich stresst. Nur noch an jede Sekunde mit dir, mit dir allein. Deine Liebe, Liebster. Nichts anderes mehr, niemals mehr will ich an was anderes denken als an Deine Liebe. Ich will dich jetzt spüren, so besonders und intensiv wie immer.‘ Sie küssten sich innig und verlangend.
Ihre Augen schlossen sich voller Erwartungen und noch immer hing der Morgenmantel irgendwie nur halb an ihr herunter, als würde er nur darauf warten endlich aus der Befestigung des Gürtels zu fallen, sich aus dem Halt der Schulter zu lösen und an ihren rechten Arm herunterzurutschen, um alles von ihr zum Vorschein zu bringen, dieser seidige glatte schwarze Stoff mit zarten roséfarbenen Kirschblüten und sanft gezeichneten Blättern und Zweigen. Er, dieser schöne Morgenmantel, war dem jungen Japaner ein Dorn im Auge, denn einerseits war es irritierend nur die Hälfte seiner Liebsten zu sehen, denn wie sehr liebte er es ihren Körper vor sich zu haben, mit einem verlockenden Blick, ihm signalisierend, dass er sie verwöhnen soll, bis es beiden den Atem raubte und ihnen die Energie ausging. Jedoch war es nun auch eine aufregende unfertige Situation, die ihm eine doppelte Schönheit bot, denn er liebte Kirschblüten und die Farbe Schwarz, die er nur zu gerne trug und auch an seiner Liebsten mochte. Die Verlockung, ihr schönes Antlitz unvollkommen zu sehen und wie eher verboten und frech präsentiert zu bekommen, machte ihn unwahrscheinlich an. In ihm tobte ein Sturm der Wollust und er berührte ihre Schulter und ihren Kopf, beugte sich ihr entgegen und begann sie sanft zu küssen. Aus dem ersten Kuss auf ihre Lippen, folgten unzählige zarte Liebkosungen auf ihrem Gesicht. Es blieb kaum eine Stelle aus. Zwischendurch berührten sich ab und an ihre Lippen und ihre Zungen spielten voller Leidenschaft miteinander.
Sie wusste im Innersten, dass es nur noch schöner würde, denn er war bei ihr, ihr geliebter Kojiro. Dem Mann, dem sie voll vertraute.
Einige schöne Momente später lagen sie auf dem weichen Teppich in der Stube. Zwischen Tisch und Sofa konnten sie sich unendlich nah sein.
Er wusste, genau, dass sie kurz vor ihrem ersehnten Höhepunkt stand.
„Soll…ich aufhören?“, provozierte er sie. Tina riss die Augen auf, grinste ihn pikiert an.
„NEIN…bitte nicht! Nein…du quälst mich!“, kam plötzlich laut aus ihr heraus, es klang fast wie ein ernster Ton, aber das war es nicht. Es gehörte zum kleinen frechen Spielchen. Sie lächelte ihn dann an, so wie sie es öfters mal tut. „Ko…jiro…du…machst mich verrückt.“, flüsterte sie dann wieder benommen. Er grinste, küsste sie sehr verlangend.
„Ich…liebe dich.“, flüsterte sie plötzlich. Beide küssten sich sinnlich. Ihre Körper waren noch immer wärmend aneinandergeschmiegt.
‚Kojiro…du bist so wundervoll…alles ist mit dir so wundervoll…nie könnte ich genug von dir bekommen. Nie.
Es fühlt sich alles immer so schön und intensiv an. Egal was du machst, ich kann dir nie ausweichen oder dir widerstehen. Nein…niemals. Lass mich dich nochmal spüren…ganz nah, ganz fest, so intensiv wie möglich.‘
Plötzlich richtete er sich auf, unterbrach den Kuss und sah ihr verlangendes und verliebtes Lächeln und ihre halboffenen Lippen, wie sie neugierig nach ihm haschten.
Er lächelte sie verliebt an.
„Du bist…so unglaublich…unglaublich schön und…ich…“, begann er herauszubringen.
„Bettina…ich…“, versuchte er wieder etwas zu sagen, was ihm auf den Lippen lag, aber seine Gefühle spielten plötzlich mehr als verrückt und er bekam nur bruchweise Worte heraus.
Plötzlich löste er den Griff aus ihren Händen. Er hielt sie am Rücken fest und küsste sie leidenschaftlich. Bald deutete er an die Position wechseln zu wollen. Kurz darauf lag er auf dem Boden und Tina lag auf ihm, sie küssten sich wieder leidenschaftlich.
Es erschien ihnen alles, als wären sie allein auf der Welt und nichts und Niemand würde sie nun stören können. Viel zu extrem waren die schönen entspannten Gefühle an diesem Morgen, an jenem Morgen ihres ersten offiziellen Urlaubstages.
Wenige Minuten später saß sie noch immer auf ihm und genossen ihre Liebe zueinander.
„Bettina, du bist so…wunderschön. Viel zu schön…für mich.“, kam plötzlich leise und mit dunkler noch wackliger Stimme. Seine rechte Hand fuhr zu ihrem Gesicht hoch, legte sich auf ihre Wange, streichelte sie so sanft, als würde er nur wie gehaucht ihr Gesicht berühren. Tinas Herz pochte so sehr, noch von ihren vielen Höhepunkten, dass sie kaum etwas wahrnehmen konnte. Es war ihr nicht möglich darauf etwas zu sagen, nur ihr Mund stand wie benommen etwas offen, sie sah zu ihm herab, wie er sie noch liegend anschmachtete und dann aber griff sie mit ihrer linken Hand seine Hand im Gesicht und streichelte sie und küsste sie an der Handinnenfläche. Kojiro lächelte glücklich, ein Lächeln, welches sie nur in so einer Situation kannte. Manchmal, wenn sie sich küssten, gab es diesen glücklichen Blick auch.
‚Wie du mich jetzt ansiehst, Bettina, Liebes. Niemals würde ich um alles in der Welt etwas dagegen eintauschen. Dein glückliches Lächeln lässt mich in deiner Nähe wie Butter in der Sonne schmelzen. Ich würde dich am liebsten den ganzen Tag nur um mich haben wollen und dich berühren und fühlen. Dein Lächeln genießen und mit dir so viel Zeit wie möglich verbringen, ja…das will ich…nicht nur das hier, was so unglaublich ist, nein…auch jeden Alltag. Ich…liebe dich so sehr. Alles ist so perfekt mit dir.
Bettina…ich bin so glücklich…und ich bin DER, für den du dich am Ende wirklich entschieden hast. Meine schöne, liebevolle Bettina…ich liebe dich so sehr, dass ich nicht einmal weiß…wie ich es dir jemals ausreichend beweisen könnte.‘ In seinen tiefen Gedanken führte er auch seine zweite Hand nun zu ihrem Kopf und griff an ihren Hinterkopf. Ganz zärtlich strich er durch ihr Haar und lächelte weiter.
„Bettina…ich liebe dich so sehr. Ich…ich freue mich auf unseren Urlaub…und dass du bei mir sein willst, für immer. Ich freue mich auf unsere gemeinsame Zeit.
Ich ersehne den Augenblick, wenn du an deinem geliebten Strand stehst, der Wind in deinen Haaren weht und nur noch wir beide während eines Kusses das angenehme Meeresrauschen deiner geliebten Ostsee hören.“ Kurz darauf richtete er sich auf und küsste sie sinnlich. Sein Herz klopfte noch immer so sehr, dass er sie am liebsten nie wieder loslassen wöllte. Beide versanken genau in dieser romantischen Vorstellung an ihrer bevorstehenden Zukunft.
Genau an diese unglaublichen Momente müssen die beiden nun denken, am Tresen, sich in die Augen blickend, bei Akane in der offenen Küche. Tina und Kojiro verharren plötzlich in dieser erotischen Erinnerung voller Zufriedenheit und starken Gefühlen und sehen sich verliebt in die Augen. Sie legt das Messer zur Seite bevor noch etwas passiert, was nicht passieren dürfte. Denn konzentriert sein, nein, das kann sie jetzt nicht, nicht wenn sie Kojiro so in die Augen sieht. „Tina, hebt euch eure Flirterei für später auf, echt mal.“, kommt plötzlich in Japanisch muffelig von Genzo. Er sitzt am Tisch und spielt gelangweilt mit seinem Handy. Tina richtet sich auf und nimmt das Messer wieder in die Hand. „Du bist ja nur neidisch, weil es mit deiner Flirterei heute zu Ende ist, Genzo. Bitte werde erwachsen.“, haut sie neckend entgegen, ohne ihren Blick von Kojiro zu wenden. Kojiro grinst, richtet sich auf, setzt sich auf den Barhocker und dreht sich etwas von ihm weg. Sein Blick ist auf die Wand gerichtet, die neben Tina ist
„Jo, sehe ich auch so. Wir machen doch gar nichts.“, meint er mit fester Stimme.
„Hier geht es nicht um mich, meine Liebe!“, knurrt er in Deutsch zurück.
„Brumm hier nicht rum.“, kichert sie, wechselt das Messer und beginnt die Kräuter zu hacken.
Plötzlich klingelt Karl-Heinz sein Handy und er geht erleichtert ran. Jede Ablenkung ist ihm genehm, solange es nicht sein Vater ist, der anruft.
„Karl-Heinz? Ich bin es, Mama.“, kommt die zarte besorgte Stimme seiner Mutter.
„Mutter? Warte bitte kurz, bevor du weiterredest.“ Er steht auf und blickt höflich zu Akane.
„Entschuldigung, ist es möglich irgendwo in Ruhe zu telefonieren?“ Sie ist erstaunt.
„Ja, Sie können ins Kinderzimmer gehen, wenn Sie die Unordnung dort nicht stört?“, entgegnet sie freundlich und bewegt sich in den Flurbereich und steht vor der Badtür und zeigt dann mit nachdenklichem Blick wie er auf sie zugeht und sein Handy in der Hand hält. Er grinst sie dankend an, als sie mit der linken Hand auf die letzte Tür im längeren Flur zeigt.
„Dort hinten, wo das Bild drauf ist.“ Karl-Heinz tut unwissend und bedankt sich. Er geht auf das Zimmer zu und betrachtet das Bild, welches wie aufgemalt wirkt. Es ist eine große Manga Figur eines Mädchens mit blauen mittellangen Haaren und blauen Augen, in einem blau-weißem Matrosen-ähnlichem Heldenkostüm. Sie hat ein goldenes Stirnband, Seifenblasen um sich herum und einen kurzen blauen Faltenrock und lange blaue Stiefel an. Über der Figur steht ein Symbol des Planeten Merkurs, das erkennt er. Daneben steht der Name Amy mit drei schlichten Buchstaben geschrieben. Hinter der Figur ist eine naturgetreue Abbildung des Planeten Merkur zu deuten.
‚Dieses Motiv ist mir weder nachts noch heute Früh aufgefallen. Es passt gut zu ihrer Fototapete im Schlafzimmer. Er grinst etwas und öffnet die Tür. Überrascht über die vielen Farben und die ebenso schöne Aussicht, die ihm dort erwarten, dreht er sich zu ihr um.
„Keine Sorge, ich werde nichts anfassen. Ich möchte nur mit meiner Mutter reden. Vielen Dank.“, lächelt er sie an. Sein Herz schlägt deutlich schneller, als er ihr in die schönen Augen sieht. Aber er muss sich tarnen, dass sie sich näher kennen, darf niemand wissen.
‚Schöne Akane, tut mir leid, dass ich dir so einen komischen Tag bescheren muss. Und das ausgerechnet kurz nach unserer aufregenden Nacht. Ich wäre am liebsten einfach nur heute Abend wieder gekommen, aber nun…müssen wir erst sehen.‘ Leise flüstert er zu ihr, da ihm die Situation noch immer unangenehm ist und er sich vorstellen kann, dass es für sie ebenso seltsam ist.
„Sorry, so persönlich sollte es wirklich nicht werden.“ Sie lächelt ihn an und flüstert zurück.
„Alles gut. Mich stört es nicht. Im Gegenteil. So kann ich…mehr vertrauen.“
„Hä? Karl? Wieso redest du in Englisch mit mir? Du bist außerdem zu leise.“, haut seine Mutter plötzlich fraglich durch die Leitung. Kurz darauf stutzt er etwas.
„Oh, sorry, ging nicht an dich.“ Er hält symbolisch den Finger vor den Mund und schließt dann die Tür hinter sich.
‚Mehr vertrauen? Ich verstehe, weil sie sonst keinen Mann mehr vertrauen konnte?‘
„Wie, das ging nicht an mich? Was war denn zu persönlich? Wo bist du denn überhaupt?“, klingt Utes Stimme verwundert.
„Sorry. Wir sind mit den anderen bei einer Freundin von Tina.“
„Oh, das ist doch schön. Ihr lernt also ihre Freunde kennen?“
„Kann man so sagen, ja. Die Freundin wohnt in einer Wohnung ganz oben in einem Wolkenkratzer, 37. Etage. Marie darf hier ein Panorama von der Stadt malen.“, erklärt er neutralen Tons.
„Wow, das klingt ja traumhaft. Quasi über den Wolken Tokios? Wie schön. Ist dann auch der Vulkan zu sehen? Der ist immer so schön auf den Fotos und Malereien.“
„Ja, ist er, sogar jetzt, hier im Kinderzimmer kann ich darauf sehen.“ Er blickt aus dem bodenlangen Fenster auf den Fuji.
„Warum rufst du an, Mutter?“ Es ist still am anderen Ende.
„Ich…ich wollte wissen, wie es euch geht.“
„Uns geht es so weit gut. Um Marie musst du dir keine Sorgen machen. Sie war den Tag mit Genzo unterwegs und war im Museum.“
„Du musst sie nicht freisprechen. Wir haben schon telefoniert. Sie sagte, sie hatte ein Doppeldate. Was meinte sie genau damit? Sie hat sich doch nicht etwa dort so spontan in jemanden verguckt? Ich wollte da nicht weiter nachfragen. Ich war nur froh, ihre fröhliche Stimme zu hören. Ich bin eher erstaunt, dass du da nicht dazwischen bist.“, spricht sie besorgt.
„Erinnere mich bloß nicht daran. Ändern kann ich daran eh nichts. Und ich war gestern eindeutig zu müde und gestresst, dass ich irgendwas bemerkt habe. Naja, als es dann zu spät war und Genzo scheinbar auch jemanden hatte, forderte ich ihn sie zu begleiten, damit sie nicht allein mit ihm unterwegs ist.“
„Was ist das denn für ein Mann? Sie meinte nur, er sei neu in Genzos Nationalteam. Also ein Japaner, ein Fußballer? Mehr weiß ich noch nicht. Aber er soll sehr lieb sein, sagt sie.“
„Ich kenne ihn doch kaum. Viel kann ich dir nicht sagen. Er macht so weit als Person einen netten Eindruck, sonst hätte ich schon was gesagt. Sie ist erwachsen, ich habe da ohnehin keinen Einfluss darauf.
Hat sie dir bereits erzählt, dass sie gleich hierbleiben will? Ihr Auslandsjahr nehmen? Sie will ihre Mappe für die Uni fertig stellen.“
„Ja, das hat sie mir erzählt und was sie alles schon gemalt hat und machen will. Ich mache mir so meine Gedanken dazu. Zuerst wollte sie das Haus nie verlassen und dann will sie gleich so weit weg allein in einem Land bleiben?“
„Du musst dir keine Sorgen machen, ich habe dafür gesorgt, dass sie nie allein unterwegs sein wird. Diese Frau Hopkins, die als Trainerin in dem Fitnessstudio arbeitet, sie ist in Wirklichkeit eine ausgebildete Personenschützerin. Sie ist eine ehemalige US-Marine, verließ die Armee und hat sich speziell ausbilden lassen. Ich habe ihre Referenzen überprüfen lassen und die beiden scheinen sich sehr gut zu verstehen. Sie wird sie auf meine Kosten begleiten. Zumindest dann, wenn sie allein unterwegs sein will.“
„Okay, das beruhigt mich. Genzo hat also eine Freundin, ist doch süß. Er hat jedes Jahr an Marie gedacht und war mit Kaltz zu ihrem Geburtstag da, wenn du es nicht geschafft hast.“ Diesmal kommt von Karls Seite keine direkte Antwort. Die Tatsache, dass er sich eindeutig zu wenig um Marie gekümmert hat, sitzt tief. Es hätte eindeutig mehr sein müssen.
„Wärt ihr einfach nach München gezogen, wäre das alles nie ein Problem gewesen. Für Tante und die Großeltern hätten wir auch hier eine Lösung gefunden.“, kommt vorwurfsvoll. Wieder herrscht eine Spannung zwischen ihnen.
„Karl…es…tut mir leid.“, kommt dann traurig und ihr kommen ein paar Tränen, die er zwar nicht sehen, aber im Herzen spüren kann.
„Entschuldige.“
„Nein, ist schon gut. Du hast ja Recht. Wir hätten mit runterziehen sollen. Wir hätten ja nicht zusammenwohnen müssen, aber eure Nähe, das wäre vielleicht schon genug gewesen.“, schluchzt sie.
„Weinst du jetzt etwa? Tut mir leid. Das waren die falschen Worte.“, kommt er ihr mit einer gefühlvollen Stimme entgegen. Leider kann sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und die ganze Situation steigt ihr über den Kopf.
„Es…es tut mir ja alles so leid. Dieser schreckliche Fehler! Diese blöde Party! Das alles hätte niemals passieren dürfen!“, weint sie verzweifelt und schluchzend los. Karls Puls steigt enorm an. Es kommt auch ein stechender Schmerz in der Brust dazu. So richtig schön klingt das nicht, wenn sie das so sagt. Er weiß zwar, was sie wirklich meint, aber es fühlt sich trotzdem furchtbar an, aus ihrem Mund zu hören, dass er und Tina in ihren Augen ein Fehler sind.
„Mutti, beruhige dich bitte wieder, du weißt schon nicht mal mehr, was du sagst.“ Gedankenversunken stellt er sich direkt ans Fenster, stützt sich mit der linken Hand an einem der Stahlträger ab und schaut hinunter auf die Häuser unter sich. „Karl, nein…es tut mir so leid. Du hast Recht. Du bist…doch mein Junge…bitte…du weißt das doch, oder?“
„Natürlich. Daran wird sich nichts ändern. Mutter…denk niemals wieder so, okay? Nicht die Party war der Fehler…sondern…“ Seine Augen sind geschlossen, er muss diese Worte loswerden, weil sie ihn zu zerdrücken vermögen. Er macht eine Faust und hämmert wütend gegen den Pfeiler.
„…diese Kerle…und…diese Entführung…und dann…diese dumme Polizei! Und…uns jahrelang…anzulügen, ihr alle vier! Das…das war auch ein Fehler! Was habt ihr euch nur dabei gedacht?“ Er bleibt leise, aber seine Faust schlägt immer wieder ein. Sein Puls rast und er hat Mühe sich leise zu verhalten, denn er weiß genau, dass er nicht zu laut sein darf.
„Aber sage niemals wieder…dass diese Party…ein Fehler war, verstanden?“, spricht er dann ruhiger, um ihr die Angst du nehmen, auf sie wütend zu sein. Er ist doch auch nicht wütend auf sie, sondern nur enttäuscht. Plötzlich öffnet er wieder die Augen und blickt auf den Vulkan.
‚Tina…wie würde es dir ergehen, wenn du das jetzt plötzlich alles erfahren würdest? Würdest du das Wagnis trotzdem eingehen zu Hyuga nach Europa zu ziehen? Würdest du noch in der Öffentlichkeit stehen wollen, wenn die Gefahr da wäre, entdeckt zu werden?
Oh man. Das ist alles kaum auszuhalten. Einerseits zerdrückt es mich, wenn ich euch beide so sehe, so glücklich und eindeutig verliebt und dann…sehe ich die Gefahr, die dahintersteht. Ich sehe dich plötzlich immer mehr als irgendeine Form einer Verwandten, aber…irgendwie auch nicht. Irgendetwas dazwischen. Aber was nur? Ich liebe dich und sorge mich, aber wirklich lieben darf ich dich nicht mehr.
Alles totaler Mist.‘ Er blickt hoch zum Himmel.
‚Stephan? Und du? Genzo sagte, du hast es kurz vor deinem Tod sogar gewusst und versucht aufzupassen? Aufzupassen, dass wir uns nicht sehen? Warum hast du es ihr denn nicht einfach erzählt, wenn du es wusstest? Das hätte uns viel Ärger erspart. Ach Manno…‘
„Karl-Heinz? Bist du noch dran? Du bist so ruhig.“, ist die zarte Stimme seiner Mutter zu hören.
„Ja, sorry. Ich war etwas im Gedanken.“
„Spreche ihn aus, diesen Gedanken?“
„Wieso? Ich soll ihn aussprechen?“
„Ja, es hilft bestimmt und kann wie eine Befreiung sein.“
„Meinst du wirklich das hilft mir jetzt? Eine Befreiung, ich weiß nicht.“
„Vertraue mir. Solche Übungen musste ich oft mit Marie machen, damit sie wieder fröhlich sein kann, weißt du?“
„Fröhlich? Und das hat geholfen?“
„Ja, sie hat sich dann entschieden Künstlerin zu werden und hat jeden Tag hart daran gearbeitet das zu erreichen. Die Kunst war immer ihr Zufluchtsort. Du kennst doch ihre Werke.“
„Die waren immer fröhlich, das stimmt.“
„Das waren sie aber nicht immer. Nun rück schon raus. In den Arm nehmen, um dir eine Stütze zu sein, kann ich doch nicht. Aber du kannst es dir doch sicher in etwa vorstellen, wenn ich bei dir wäre und neben dir sitzen würde und mit dir reden würde, oder?“ Ein zartes Lächeln geht über seine Lippen und dann dreht er sich um und schaut zur Tür. Sie ist verschlossen. Also lehnt er sich ans Fenster, denn auf den Fuji will er dabei nicht sehen. Langsam geht er in die Knie und dann setzt er sich einfach auf den weichen weißen Teppich, winkelt das rechte Bein an und stützt seinen rechten Arm darauf in dem er das Handy hält.
„Na gut. Ich versuche es. Wenn es bei Marie geholfen hat ihre Ängste loszuwerden…sollte es doch auch bei mir helfen, den Kopf frei zu kriegen?“
„Genau. Den Kopf frei kriegen. Gut, ich bin bereit, mein Großer.“
„Irgendwie…muss ich dabei schon wieder an Tina denken. Diese Psychonummern hatte sie früher auch immer drauf. Und das hat sie noch immer.“
„Na los. Was hast du für einen Gedanken? Versuche ihn einfach in Worte zu fassen, so wie es kommt.“ Er atmet tief durch und holt dann Luft.
„Ich…habe das Gefühl zu ersticken. Innerhalb von zwei Tagen stürzt mein ganzes Leben zusammen und…jetzt…frage ich mich…was ich überhaupt noch fühlen darf. Was, Mutter?
Zuerst erfahre ich, dass ich sie hätte die ganze Zeit besuchen können und dann…erfahre ich von Stephans schrecklichen Tod und dass…diese Kerle…sie beinahe, nein…ich kann das nicht sagen. Und dann…ist sie ausgerechnet mit Hyuga…zusammen. Es…es schnürt mir die Kehle zu, wenn ich die beiden da so rumturteln sehe und trotzdem freue ich mich für sie, dass sie endlich glücklich ist. Es wird nicht die Sache an sich sein, sondern eher, weil es Hyuga ist.
Ach, ich weiß auch nicht, es sind nicht mal 23 Stunden her und dieser Gedanke, dass ich…vermutlich die ganzen Jahre einem Geist nachgejagt bin, es tut weh. Aber was mich am meiste trifft…ist die Möglichkeit, dass wir in Gefahr sein könnten, dass sie es vor allem sein könnte. Dieses ungewisse jetzt, wer die Typen waren und wo sie jetzt sein könnten…und ob sie noch irgendwelche Aktionen machen werden. Hier konnte es noch gut gehen, aber wenn sie erst in Europa ist und durch den Bekanntheitsgrad mit Hyuga ständig in den Medien auftauchen wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese Typen sie erkennen. Da hilft der neue Name auch nicht viel. Sie sieht…Gesine verdammt ähnlich.
Und ich? Je länger ich darüber nachdenke, je mehr Ähnlichkeiten sehe ich, auch an mir.“
„Das ist wahr, aber mache dir bitte nicht so viele Gedanken darüber. Du bist MEIN Sohn und das wirst du immer sein. Du siehst deinem Vater derart ähnlich, keiner wird je deine Herkunft anzweifeln. Und ja, du bist auch Gesines Sohn, aber…auch meiner.“, kommen warme Worte.
„Mutter? Warum? Warum habt ihr es uns nicht einfach irgendwann gesagt, dass wir Zwillinge sind? Jetzt…ist es zu spät. Ist es euch nie in den Sinn gekommen, dass das schief gehen kann? Vor allem dann, als ihr es zugelassen habt, dass wir uns kennenlernen.“
„Ich…hatte immer Angst…die Männer…waren so stur und…auch Gesine…sie hatten beide zu sehr Sehnsucht nach dir. Die Gefahr…haben sie bei ihrer Freude, dich endlich um sich zu haben, ignoriert. Karl, das haben wir anfangs auch. Bettina und Stephan, sie sind so liebe Kinder gewesen und haben dich glücklich gemacht.“
„Mich glücklich gemacht? Wie meinst du das?“
„Du warst…als Kleinkind extrem in dich gekehrt. Sicher auch, weil wir dich erst mit zwei Jahren bei uns hatten. Du brauchtest dringend Kontakt mit anderen Kindern, aber wir musste dieses eine Jahr überbrücken, dass es nicht auffällt. Deswegen bist du erst mit Eintritt ins Schulalter in Kontakt mit anderen gekommen. So wie Bettina und Stephan eben auch. Du wurdest von Onkel und mir zu Hause beschäftigt, weißt du noch? Du warst doch immer bei ihm in der Werkstatt, wenn ich arbeiten musste.“
„Hm, stimmt. In der Kita war ich nie, erst Marie ging dann später in den Kindergarten.“
„Du warst so verschlossen in der Schule, dass du keine Freunde hattest, die einzigen Kinder, mit denen du gespielt hast, das waren die anderen im Team. Ständig gab es Ärger in der Schule, schlechte Noten, nur weil du dich nicht gemeldet oder mit anderen gearbeitet hast, dabei warst du ein super Schüler. Das änderte sich erst, als du die ersten Erfolge im Sport hattest. Da wuchs dann nach und nach dein Selbstbewusstsein, dein Selbstvertrauen in deine Fähigkeiten und das wurde schnell Stolz daraus. Das warst du, Karl…bis die beiden ins Team kamen und du mehr als nur Spielkameraden hattest. Deine anfängliche kühle Art, blieb zwar bei, aber du hast erkannt, wer dich wirklich mochte. Mit deiner Art hast du dein Team mit einer gewissen Härte, aber auch mit Vertrauen geführt, an die Spitze, Karl-Heinz.
Bis heute. Die Jungs haben immer hinter dir gestanden. Und sie werden auch jetzt noch hinter dir stehen. Noch immer rufen einige hier an und erkundigen sich nach dir, wie es dir wirklich geht und wie es Marie geht. Glaube mir, sie stehen noch heute hinter dir, weil sie dich sehr mögen. Sie kennen dich besser als die Presse oder alle anderen, die nur den starken jungen Kaiser sehen.
Und deswegen hat Tina dich nie kontaktiert. Sie wollte nicht, dass du deinen Stolz verlierst und deine Selbstsicherheit, genau das Richtige zu tun. Sie hatte Angst, die Tatsache, die mit Stephan passierte, die könnte dich schwächen und ablenken von deinem Traum. Sie wollte dir deine Freiheit und Unbeschwertheit lassen. Sie wollte nicht, du wieder der verschlossene Typ wirst, der alles in sich reinfrisst. Denn das bist du doch auch so, nur nicht mehr ganz so schlimm wie damals als Kind.
Du warst immer ein fröhliches Kind, solange wir zusammen waren, aber anderen gegenüber warst du eben sehr verschlossen.“
„Sowas ähnliches sagte sie mir auch, mir meine Freiheit lassen, eine Art Sorglosigkeit.“, murmelt er leise vor sich hin.
„Willst du es ihr sagen?“
„Auf keinen Fall. Das passt jetzt nicht. Es reicht vorerst, dass ich es weiß und gut. Genzo und ich haben uns ebenso bereits ausgetauscht. Er ist nun von mir in Kenntnis gesetzt worden. Er ist derselben Meinung. Sie hat die ganze Zeit und beschützt, damit wir unsere Wege alle gehen konnten, und nun…bin ich dran. Wenn sie jetzt die Wahrheit erfährt, dann…dann wird es sicher alles wieder zunichtemachen, was sie sich so mühsam aufgebaut hat. Du hast keine Ahnung welchen Einfluss sie hier wirklich hat. Welchen Stand sie in der Gesellschaft einnimmt, unter denen, die sie kennen und achten.
Und…das mit Hyuga…wir werden sehen, wie weit das geht, aber es scheint eine sehr ernste Sache zu sein und das würde beide nur durcheinanderbringen. Ihn vermutlich mehr als sie. Ich denke nicht, dass das gut ist. Sie sollen jetzt ihr neues gemeinsames Leben beginnen und dann sehen wir weiter. Ich werde mir Gedanken machen, was ich dazu helfen kann.“
„Das klingt schön. Sie hat jedes Glück verdient und wenn dieser Mann sie glücklich macht, dann ist es gut. Hast du denn den Eindruck, dass es so ist?“ Es ist kurz still. Karl schließt kurz die Augen und vor ihm ist das Bild der Blicke zwischen den beiden von eben zu sehen.
„Ja, das glaube ich.“
„Wie romantisch. Sprich es bitte aus, für mich und um es dir zu verinnerlichen. Bettina…ist glücklich mit ihm. Sag es ruhig. So wie vorhin. Einfach nur aussprechen. Als wenn du ein Gedicht lernst.“ Wieder Ruhe und ein lautes Seufzen.
„Sie ist…“, er unterbricht kurz, schaut zur Decke mit den angemalten Wolken und Sternen. Er löst sein angewinkeltes Bein und lässt es zu Boden gleiten.
„…glücklich…Tina ist…glücklich…mit ihm.“, spricht er dann leise hinterher. Sein Tonfall klingt, als wäre er völlig kraftlos. Diese Worte ausgesprochen zu haben. Plötzlich lächelt er, in seiner Vorstellung sitzt sein alter Freund Stephan oben zwischen den Wolken an der Decke und grinst lobend. Als würde er ihm sagen wollen, dass er stolz auf ihn sei.
„Sei ihr ab heute ein Bruder, ein Bruder, der auf sie aufpasst. Genauso wie bei Marie. Du liebst sie sehr und sie dich. Genauso wird es in Zukunft sein, wenn du ihr ein Bruder bist, oder aus ihrer Sicht, der Freund, der du damals warst, bevor du ihre Weiblichkeit gesehen hast.
Sag dir immer wieder:
Ich bin…ein Freund…und ein Bruder.“
„Puh. Du verlangst zu viel. Das ist…noch zu früh. Aber ich…werde es mir innerlich immer sagen.“
Plötzlich klopft es an der Tür.
„Karl? Ist alles okay bei dir? Geht es deiner Mutter gut?“, kommt Tinas besorgte Stimme durch die Tür. Zuerst kommt keine Antwort. Karl muss sich erst einmal etwas sammeln. Dann klopft es nochmal und die Tür geht langsam einen Spalt auf.
„Karl, muss ich mir Sorgen machen?“, spricht sie sanft, ohne die Tür ganz zu öffnen.
„Nein, meiner Mutter geht es gut.“, gibt er dann von sich, um sie wieder loszuwerden.
„Darf ich reinkommen? Und darf ich auch mal mit ihr reden?“
„Tu, was du nicht lassen kannst. Aber ich weiß nicht, ob sie mit dir reden will.“