Die Erkenntnis
Ich saß gerade mit Ben, Jason, Kim und Manuel im Club. Wir unterhielten uns gerade über die Sila-Gang, als Wladimir den Club betrat. Während er zu uns lief, fiel mir zunächst nur auf, dass er humpelte. Doch als ich ihn gerade fragen wollte, ob er einen Unfall oder so hatte, bemerkte ich sein Gesicht und war sprachlos. Er hatte ein blaues Auge, das ganz schön übel aussah und eine Brandwunde auf seiner Stirn. Ben, dem vor Schock die Zigarette aus dem Mund gefallen war, sprang auf und lief ihm entgegen. „Wladimir, was ist dir zugestoßen?“, fragte er. Und nach den Gesichtern der Anderen zu urteilen, warteten sie genauso gespannt wie ich auf die Antwort. „Ich wollte einen guten Freund … na ja, zumindest dachte ich, er sei ein Freund, mit in die Gang holen. Aber stattdessen wurde ich, wie ihr unschwer erkennen könnt, von ihm und einigen anderen Mitgliedern der Sila-Gang verprügelt.“ Man merkte, dass es ihm sehr schwerfiel, darüber zu reden. Ich fragte mich, was ihn mehr schmerzte, die Erniedrigung, oder der Verlust eines guten Freundes. So oder so tat er mir sehr Leid. Ben legte seinen Arm um Wladimirs Schulter und führte ihn zu uns. Von nahem betrachtet, sah die Brandwunde auf seiner Stirn auch sehr schlimm aus und mir war sofort klar, dass er sein Leben lang eine Narbe davontragen würde. Manuel war, der erste der seine Worte wiederfand und damit das Eis brach: „Scheiße, was stimmt mit denen nicht? Die sind doch nicht ganz dicht!“ Danach ließ auch der Rest ihrer Wut freien Lauf. Wir fluchten so lange über die Sila, dass auch irgendwann Wladimir mit einstimmte und sich so seine Laune ein wenig besserte.
Als wir uns alle abreagiert hatten, sagte Ben in einem ersten Ton, dass das eindeutig zu viel war und wir uns bald an den Sila rächen würden. Dann deutete er auf die Brandwunde und fügte hinzu: „Aber zunächst sollten wir uns darum kümmern. Wir ziehen jetzt los und besorgen dir eine angemessene Kopfbedeckung.“ Wladimir musste bei Bens Worten schmunzeln und nickte uns dankend zu. Wir liefen gemeinsam in verschiedene Sportgeschäfte, um nach einer passenden Cap oder einer Snowboardmütze zu schauen. Und ich musste zu meinem Erstaunen feststellen, dass Wladimir echt Humor besaß. Trotz der schlimmen Lage, in der er sich gerade befand, setzte er sich die verrücktesten Mützen auf, nur um uns zum Lachen zu bringen. Wie zu erwarten, zogen die anderen und natürlich auch ich direkt mit und schon bald ging es nur noch darum, wer die Mütze mit dem größten Lachpotenzial fand. Ben musste so lachen, dass er bereits nach Luft schnappen musste. Ich wusste nicht warum, aber Bens lachendes Gesicht zog mich irgendwie in seinen Bann. Ich war nicht in der Lage, mich von ihm abzuwenden und ein warmes Gefühl durchströmte meinen Körper. Es war kein unangenehmes Gefühl, sondern ganz im Gegenteil. Es fühlte sich nicht wie bei Hitze oder Fieber an, sondern eher wie eine schützende Wärme, die direkt aus meiner Seele zu kommen schien. Ein Gefühl, das ich bis dahin noch nicht kannte. Dann fiel mir auf, dass Ben, wenn er lachte, sehr hübsch aussah.
Ich erschrak vor meinen eigenen Gedanken und dann merkte ich, wie ich rot anlief. Ich drehte mich sofort ruckartig von den anderen weg. Dann ging ich zu einem entfernen Regal, um ein wenig Zeit zu haben, mich wieder zu sammeln. Doch Jason kam mir sofort hinterhergelaufen und fragte, ob alles okay sei. Ich räusperte mich kurz und sagte hastig: „Ich weiß auch nicht, vielleicht brüte ich eine Grippe aus. Ist schon gut…“
Nachdem wir eine passende Snowboardmütze für Wladimir gefunden hatten, machten wir uns alle auf den Weg nach Hause. Ich war immer noch so verwirrt von dem Chaos meiner Gefühle, dass ich auf das Abendessen verzichtete und sofort unter die Dusche sprang. Was war bloß nicht in Ordnung bei mir? Nein, eigentlich wurde es so langsam immer klarer geworden, aber eben in dem Laden war die Antwort unumgänglich. Ich stand auf Ben. Nicht freundschaftlich, sondern richtig. Er hatte mich wieder einmal in seinen Bann gezogen. Sein Lächeln war einfach atemberaubend schön… So langsam musste ich es akzeptieren, ich war nicht Hetero-, sondern Homosexuell. Verdammt noch mal, diese Liebe war doch schon jetzt zum Scheitern verurteilt. Nicht nur, dass Ben mein Gangleader war, sondern er war auch noch älter als ich. Und es war zudem auch höchst unwahrscheinlich, dass er ebenfalls homosexuell war. Wieso war die Welt nur so unfair? Hatte ich nicht bereits genug andere Probleme?