Die Rüstung
Als ich am Sonntagabend von Jona aus dem Krankenhaus zurückkam und die Haustür aufschließen wollte, wurde sie plötzlich aufgerissen. Es war mein Vater. An seiner Mimik konnte ich sofort erkennen, dass er sauer war und ich wusste sofort, dass er wissen wollte, wo ich gewesen bin. Doch, anstatt dass er los schrie, wie sonst auch immer, schaute er mich von oben bis unten an. „Was zum Teufel trägst du da für eine Jacke, so eine hatten doch auch die anderen Bengel, die mit der Polizei gedroht haben!“, sagte er mit Zorn in der Stimme. „Das geht dich einen Scheißdreck an“, erwiderte ich ebenso zornig zurück und machte einen Schritt auf meinen Vater zu. Dieser wich tatsächlich einen Schritt vor mir zurück. Sein Blick verriet mir, dass er mich am liebsten wieder verprügeln wollte, aber er blieb im Hausflur stehen und rührte sich keinen Millimeter von der Stelle. Nachdem wir uns direkt in die Augen geschaut hatten und keiner von uns es wagte etwas zu sagen, rempelte ich meinen Vater achtlos an und ging an ihm vorbei zur Treppe, um in mein Zimmer zu gehen. Dort angekommen, schloss ich schnell die Tür und sank mit dem Rücken an der Tür lehnend auf den Boden. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich am ganzen Körper zitterte. Dieses zurückhaltende Verhalten kannte ich von meinem Vater nicht, hatte er wirklich Respekt vor mir wegen der Jungs? Sein Verhalten war zwar auch die vergangenen Tage anders, aber so wie heute hatte ich ihn noch nie erlebt. War diese Jacke jetzt etwa auch der Schutz vor meinem Vater?
Jedenfalls hatte er mich, seitdem ich eingesperrt war, nicht geschlagen und noch viel wichtiger, er hatte mich nicht sexuell belästigt. Wie in Trance strich ich mir über den Arm und fühlte das Leder der Jacke auf meiner Haut, dann ergriff ich das Starre-Messer aus meiner Hosentasche und klappte es auf. Mit dem Zeigefinger strich ich über die scharfe Klinge und ein wenig Blut trat aus dem Finger hervor. „Ich bin jetzt nicht mehr der kleine Junge, der sich herumschubsen lässt von dir, Vater, ich werde mich jetzt stärker wehren als je zuvor. Und anfassen wirst du mich auch nie wieder!“, sagte ich laut vor mir her und beobachtete das Blut, das mir auf meine verschlissene Jeans tropfte. Ich ging vor den Spiegel, der an meinem Schlafzimmerschrank befestigt war und betrachtete mich darin. Die Lederjacke war mir zwar noch zu groß, aber ich würde sicher noch hineinwachsen. Mir gefiel, dass die Jacke mich wieder etwas älter wirken ließ. Diese Jacke und das Messer waren wie eine Rüstung, die ich trug. Ich war immer ein Einzelkämpfer gewesen, doch jetzt hatte ich Verbündete, auf die ich mich verlassen konnte.
Ich war mir sicher, dass Ben, Jason, Manuel und Kim mir schon jetzt mehr geholfen hatten als ihnen bewusst war. Nicht nur, dass sie mich aus dem Keller befreit hatten, sie hatten auch meinen Vater verängstigt, der jetzt wusste, dass ich nicht mehr alleine war…
Da ich immer noch von der Schule suspendiert war, beschloss ich am Montagmorgen, direkt nachdem meine Geschwister zur Schule gegangen waren, in den verlassenen Club zu gehen. Ich wollte nicht bei meinem Vater zu Hause sein. Doch als ich den Club betrat, bekam ich einen Schock…