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Sherlock Holmes - Der Wachhund der Königin

von

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Kapitel 3

Am nächsten Morgen fand ich Holmes in seinem Büro vor, wieder einmal die Times studierend. Er erkundigte sich nach meinem Zustand, doch glücklicherweise waren Kopfschmerzen ausgeblieben.

"Ach ja, ich habe ein Telegramm von Lestrade erhalten. Er wollte heute noch vorbeischauen und sich mit uns beraten." informierte er mich.

Ich nickte beiläufig.

"Tut mir leid, dass ich den Mann nicht aufhalten konnte. Wir hätten von ihm bestimmt eine Menge erfahren, was uns geholfen hätte, diesen wirren Fall zu durchblicken."

Holmes faltete seine Zeitung.

"Erlegen Sie sich nicht zu viel auf, alter Freund. Sie haben Ihr Möglichstes getan. Es wird im Moment nach ihm und seiner Kutsche gefahndet. Mehr können wir erst mal auch nicht tun." besänftigte er mich.

Ich nickte und rieb mich am Hinterkopf.

"Wenn diese verdammte Kutsche mit diesem seltsamen Wappen nicht so schnell verschwunden wäre, hätte ich es aber bestimmt noch geschafft." beharrte ich.

Holmes sah nun streng zu mir herüber.

"Ein Wappen? Sie haben bisher noch kein Wappen erwähnt? Weder gegenüber mir, noch Bradstreet."

Ich verharrte einen Moment und erkannte meinen Fehler.

"Verdammt noch einmal! Das muss wegen meiner Benommenheit gewesen sein."

Ich wusste, dass Holmes mir verbal niemals einen Vorwurf diesbezüglich gemacht hätte. Dennoch war vermutlich wertvolle Zeit verloren gegangen.

Mein Freund konzentrierte sich nun gänzlich auf mich.

"Watson, denken Sie jetzt bitte scharf nach. Wie genau hat dieses Wappen ausgesehen?"

Ich riss mich zusammen und zwang mein Gehirn förmlich dazu, mir die korrekten Bilder wiederzugeben.

Dann hatte ich es endlich wieder vor Augen.

"Es sah aus wie ein Schild. Ein silbernes Schild, an dem links und rechts Köpfe von Adlern prangten. Dazu weiße Flügel, die aus dem Schild sprossen."

Holmes war aufgestanden und zu seinem Schrank spaziert. Er fischte etwas heraus und kehrte dann an seinen Schreibtisch zurück. Er schlug seinen Who is Who auf und blätterte zu dem Bereich, in dem die Wappen der Lords und Ladies Englands abgedruckt waren.

Ein schmatzendes Geräusch verriet mir, dass er fündig geworden war. Er drehte das Buch um und schob es mir zu.

"War es jenes Wappen, das Sie gesehen haben?" fragte er erwartend.

Ich musste nicht lange nachdenken und bestätigte es. Dann las ich den Titel unter dem Wappen.

"Wappen der Familie Phantomhive. Holmes, was ist das für ein ominöser Name?"

Der Detektiv nahm das Buch wieder an sich und studierte es.

"Das kann ich Ihnen auch nicht sagen, auch mir ist dieser Name fremd. Dem Eintrag zufolge soll es sich um ein recht altes Adelsgeschlecht handeln. Wenn Sie noch nie etwas von ihnen gehört haben, dürften sie recht abgeschieden leben."

Ich konnte mir immer noch keinen Reim darauf machen, da kehrte eine weitere Erinnerung vom Vortag zurück.

"Holmes, jetzt wo Sie es sagen... ich bin mir inzwischen sicher, dass der Mann, der mich angriff, die Uniform eines Butlers trug."

Der Detektiv senkte seinen Kopf.

"Hervorragend. Noch weitere wichtige Details, die Ihnen vielleicht noch einfallen?"

Ich hasste es, wenn er mit Sarkasmus reagierte, fürchtete aber, dass dieser in diesem Fall gerechtfertigt war.

"Wie dem auch sei, daran lässt sich nichts mehr ändern. Kleiden Sie sich an, wir werden Lestrade warten lassen müssen. Zuerst muss ich etwas überprüfen."

Ich erhob mich und sah meinen Freund erwartend an.

"Wollen Sie etwa mit dieser Familie Phantomhive sprechen?" hakte ich nach.

Holmes wehrte aber ab.

"Was? Nein... jedenfalls nicht jetzt gleich. Ich möchte zuerst einer anderen Spur nachgehen."

Der Detektiv ließ mir aber keine Zeit nachzuhaken und so saßen wir wenig später in einer Droschke. Erst dort ließ er sich dazu herab, mir zu antworten.

"Ich erwähnte Ihnen gegenüber gestern doch die Einstichstellen an den Männern, richtig?"

Ich nickte, an dieses Detail konnte ich mich noch erinnern.

"Anhand der Größe und Form der Einstichstellen, konnte ich sie einer bestimmten Opiumhöhle zuordnen."

Meine Stirn zog sich in Falten.

"Ist das Ihr Ernst, Holmes? Sie wollen mir sagen, dass es Ihnen möglich ist, Einstiche zu einer bestimmten Opiumhöhle zurückverfolgen zu können?"

Mein Freund schien aber wenig Aufhebens diesbezüglich zu machen.

"Aber ja, mein Freund. Schließlich habe ich selbst bereits in Form verschiedenster Selbstmedikationen dieses Feld studiert. Verschiedene Spritzen und Instrumente hinterlassen verschiedene Einstichspuren."

Ich war wieder fast dabei, Holmes zu kritisieren, da hielt die Droschke an und ließ uns hinaus. Wie angekündigt standen wir vor einer Opiumhöhle, auf welche Holmes ohne Umschweife zuschritt. Ich erinnerte mich an die alten, dunklen Tage, an denen ich Holmes selbst noch aus so einer Spelunke holen musste, wie etwa jener, welche in dem Fall zu dem Mann mit der entstellten Lippe beschrieben wurde. Umso froher war ich, dass sich mein Freund inzwischen behauptsächlich dem etwas weniger gefährlichen Kokain hingab, auch wenn dies immer noch einen Streitpunkt zwischen uns darstellte.

Im Inneren erwartete uns eine raue und kalte Atmosphäre. Eine junge Chinesin erkundigte sich nach unserem Anliegen und Holmes gab zu ihrem Meister, einem gewissen Lau, vorgelassen zu werden.

Wenig später wurden wir in ein Büro gebracht und uns wurden Stühle hingeschoben. Hinter einem Vorhang kam ein Chinese mit breitem Grinsen zum Vorschein, der uns die Hand reichte.

"Mister Holmes! Es ist wirklich lange her! Es tat mir im Herzen weh, als ich feststellte, dass Ihnen mein Opium nicht mehr zusagt."

Holmes legte ein Lächeln auf.

"Aber keineswegs. Ich habe nur Alternativen in Betracht gezogen. Außerdem habe ich heute viel mehr Arbeit als früher."

Lau nickte verstehend.

"Zweifelsfrei, Sie sind heute ein gefragter Mann. Und ich nehme an, der Mann neben Ihnen ist Doktor John Watson. Auch über ihn habe ich schon viel gelesen. Und vor allem von ihm."

Ich versuchte ebenfalls zu lächeln, auch wenn ich an einem Ort wie diesem keine allzu große Lust verspürte.

Als der Chinese seine Angestellte darum bat, etwas für uns zu holen, wollte ich erst ablehnen. Doch es stellte sich zum Glück nur als Tabak heraus.

Holmes, seine Pfeife so gut wie immer dabei, nahm Laus Tabak gerne entgegen. Ich vertraute dem Chinesen weniger, doch Holmes schien sich gut mit ihm zu verstehen.

"Also, wie kann ich Ihnen helfen, meine Herren?" wollte der Inhaber wissen.

Holmes begann von unserem Problem zu erzählen, ließ aber wichtige Details aus. In erster Linie ging es ihm um seine Kunden, die drei Männer, die am Vortag noch Misses Bellhurst als Geisel genommen hatten.

Lau überlegte eine Weile.

"Ja, aber ich habe eine Ahnung, wen Sie meinen. Ich kenne die Namen der anderen beiden nicht, doch der dritte war eindeutig Barnabus Fairchild. Er war Stammkunde, es ist schade ihn zu verlieren. Nach allem, was er durchmachen musste, benötigte er meine Dienste dringend."

Holmes taxierte ihn mit seinem Blick, was reichte, um den Chinesen weiterreden zu lassen.

"Er verlor seine Frau und seine Kinder an einer ansteckenden Krankheit. Ich denke, es war Tuberkulose. Er war danach nur noch ein Schatten seiner selbst. Er steckte all seinen Reichtum in mein Opium. Aber solange er dabei glücklich war, wer würde ihn dafür richten?"

Ich hätte gerne ein paar aufrichtige Worte an den Chinesen gerichtet, wollte Holmes' Ermittlungen dadurch aber nicht stören.

"Ein schlimmes Schicksal. Können Sie uns verraten, wo dieser Mister Fairchild gelebt hat?"

Dies konnte uns der Chinese tatsächlich mitteilen. Fairchild wohnte nicht weit von der Opiumhöhle und wir würden nicht lange bis dorthin brauchen.

Als wir aufbrachen, verabschiedete sich Holmes von seinem alten Bekannten, welcher ihm vorschlug, doch wieder einmal privat vorbeizuschauen. Ich erwiderte nichts darauf.

Draußen konnte ich mein Unbehagen offen aussprechen. Doch der Detektiv versicherte mir, dass diese Tage gezählt waren und er kein Interesse mehr an Opium hatte. Wir beließen es dabei und suchten die Wohnung von Barnabus Fairchild auf. Sie war, wie wir erwartet hatten, in einer heruntergekommenen Gegend.

"Und nun, Holmes? Mister Fairchild ist wie wir wissen, nicht mehr anzutreffen."

Doch mein Freund hatte bereits vorgesorgt. Er griff in seine Tasche und holte ein weiteres Utensil heraus, welches er immer mit sich führte. Nämlich seinen Dietrich, der ihm in vielen Situationen zum Vorteil war.

Nachdem er das Schloss geknackt hatte, traten wir in die Wohnung. Es roch unangenehm und es war unaufgeräumt. Ich musste mir sogar die Nase zuhalten. Wir drangen in den Wohnbereich ein und ich zweifelte, dass selbst bei diesem Chaos viel deduzieren konnte. Dennoch nahm er sich für jeden einzelnen Bereich des Zimmers ausreichend Zeit. Während ich in die Reste von Essen trat, studierte er einen Mantel, der an einem Ständer hing.

"Interessant." sinnierte er und ich erkannte, wie er scheinbar einen Manschettenknopf davon entfernte.

Ich trat näher und warf einen Blick auf ihn. Er war golden und ein Vogel war darauf abgebildet.

"Holmes, das ist nicht der Adler, den ich auf der Kutsche gesehen habe." berichtete ich.

Scheinbar war meine Bemerkung allerdings überflüssig.

"Nein, bei diesem Vogel dürfte es sich um einen Phönix handeln. Doch ich habe nur marginale Kenntnisse für den Hintergrund dieses Fabelwesens. Ich werde mich da genauer einlesen müssen."

Ich staunte.

"Wozu? Denken Sie, dieser Manschettenknopf bringt uns der Lösung des Falls näher?"

Mein Freund wollte sich zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht festlegen. Er ließ noch einmal seinen Blick schweifen, bis er mir ein Zeichen gab, Fairchilds Wohnung zu verlassen. Ich gab zu, zu diesem Zeitpunkt nichts lieber getan zu haben.

Kaum waren wir draußen, schnappte ich gierig nach der frischen Luft. Wir waren einige Schritte gegangen, da streckte Holmes seinen Arm aus und hielt mich zurück.

"Na sieh mal einer an. Watson, sehen Sie das? Die beiden Gentlemen auf der anderen Straßenseite. Standen diese nicht schon bei unserer Ankunft an Ort und Stelle?"

Ich war etwas perplex, folgte aber dem Blick des Detektivs. Jedoch konnte ich ihm keine Antwort liefern, da ich meine Umgebung nicht so detailiert beobachtete, wie Holmes es immer gerne gehabt hätte. Nun setzte er sich in Bewegung und schritt auf die beiden Männer zu. Diese reagierten zuerst nicht und waren unsicher, wie sie sich verhalten sollten. Ich stolperte hinter Holmes her, meine Hand an der Stelle meines Mantels, wo sich mein Revolver befand.

Holmes verbeugte sich leicht, als er vor den beiden zum Stehen gekommen war.

"Guten Tag, meine Herren? Gibt es hier etwas zu sehen? Etwa ob jemand die Wohnung des verstorbenen Mister Fairchild betritt?"

Die Männer zuckten aber nur mit den Schultern.

"Tut mir leid, Sir, keine Ahnung, was Sie von uns wollen."

Holmes legte nun ein Lächeln auf.

"Schon gut, Ihre Aufgabe hier hat sich ohnehin erledigt. Richten Sie meinem Bruder bitte aus, dass Fairchilds Komplizen nicht an diesen Ort zurückkommen werden. Diese Spur ist kalt. Sollte er zu wissen wünschen, welche Richtung ich stattdessen einschlage, wo soll er mich bitte persönlich kontaktieren. Das wäre alles, meine Herren."

Er ließ die beiden verdutzt stehen und zog mich mit sich.

"Wie bitte? Ihr Bruder, Holmes?"

Der Detektiv bestätigte es mir noch einmal.

"Natürlich. Diese beiden rochen geradezu nach Whitehall. Ich gebe zu, keine gängige Art meiner Deduktion, doch bei den Handlangern Mycrofts bin ich inzwischen ziemlich geübt, was das angeht."

Ich musste die Neuigkeit erst sacken lassen.

"Die Regierung beobachtet die Wohnung von Barnabus Fairchild? Einem der Ganoven, der Misses Bellhurst überfallen hat, die Witwe unseres Mordopfers, das so übel zugerichtet wurde. Was sehe ich hier nicht, Holmes? Hat es mit der Familie Phantomhive zu tun?"

Mein Freund nickte.

"Davon können Sie ausgehen, alter Freund. So wenig wir über dieses Adelsgeschlecht wissen, so können Sie davon ausgehen, dass Mycroft uns alles über diesen Namen sagen kann, was es zu wissen gibt. Mit anderen Worten, wir sind im Moment in der Defensive, was wir unbedingt ändern müssen."

Ich schluckte.

"Und verraten Sie mir auch, wie wir das anstellen?"

Der Detektiv verriet es mir diesmal ohne Umschweife.

"Wir suchen jenen Ort auf, an dem man uns unsere Fragen beantworten kann natürlich. Die Rede ist natürlich von Phantomhive-Manor."



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