April II (Back on course)
„Oh, und noch einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Schulabschluss, Mr. Kaiba!“
Seto erwiderte nichts, sondern gab sich größte Mühe Fujiwara-sans Bemerkung einfach zu ignorieren.
„Darf man fragen, welche Pläne Sie nun verfolgen? Werden Sie studieren? Mein jüngerer Sohn hat dieses Jahr ebenfalls seinen Abschluss gemacht und lernt schon fleißig für die Uni-Aufnahmeprüfungen; mein Ältester macht gerade ein Auslandssemester in Skandinavien. Er sagt, es hat seinen Horizont bereits ungemein erweitert!“
Setos Kiefer verkrampfte sich. Fujiwara-san – Geschäftsführer eines seiner wichtigsten Zulieferer – war ihm mit seinen ungebetenen Ratschlägen und Urteilen von der Seitenlinie schon immer auf die Nerven gegangen und auch der heutige Termin, bei dem es eigentlich nur um eine Nachverhandlung des neuen Vertragsangebotes gehen sollte, bildete da keine Ausnahme.
„Nein, ich werde nicht studieren“, rang er sich schließlich aus bloßer Höflichkeit doch noch zu einer Antwort durch, „Ich bin bereits da, wo ich sein will, und genieße es, mich meiner Aufgabe jetzt erstmals voll und ganz widmen zu können.“
Fujiwara-san musterte ihn skeptisch und Seto war sich durchaus bewusst, dass ein Außenstehender zu dem Ergebnis kommen könnte, dass sein Aussehen, vor allem seine Augenringe, seine Worte Lügen straften. Aber seit wann kümmerte er sich um die Meinung von anderen – allen voran Fujiwara-sans?
„Natürlich, natürlich, das verstehe ich“, lenkte der ältere Mann ein, „aber–“
„Außerdem werde ich demnächst auch selbst reisen“, schnitt Seto ihm das Wort ab, „Alle Standorte der Kaiba Corporation – eine kleine Bestandsaufnahme sozusagen, für die ich bisher nie die Zeit hatte.“
Zum ersten Mal an diesem Nachmittag schien Fujiwara-san ernsthaft beeindruckt. „Das heißt vermutlich, einmal um die halbe Welt?“
„In der Tat“, presste Seto hervor und gab sich dabei wenig Mühe seine Ungeduld zu verstecken.
„Nun, dann halte ich Sie nicht weiter von den Vorbereitungen ab, wir hatten ja bereits alles Wichtige geklärt.“ Fujiwara-san erhob sich, schloss den obersten Knopf seines Jacketts und setzte zu einer Verbeugung an. „Vielen Dank für Ihr erneutes Vertrauen und auf eine weiterhin so gute und fruchtbare Zusammenarbeit!“
Wie es die Höflichkeit gebot, erwiderte Seto die guten Wünsche, die Verbeugung und die Abschiedsformeln und ließ sich, nachdem er den Mann noch zur Tür begleitet hatte, mit einem gedehnten Ausatmen in seinen Bürostuhl fallen. Er schloss die Augen, nur für einen Moment.
„Wow, klingt echt genau wie der Typ, dem der Blumenladen neben dem Black Clown gehört.“ Duke lag neben ihm im Bett, nackt, nur sein Unterkörper wurde von der Decke verdeckt, die Hände hatte er hinter dem Kopf verschränkt. „Will mir auch immer erklären, was ich alles noch nicht weiß, gibt mir direkt oder indirekt zu verstehen, dass ich keine Lebenserfahrung habe und besser andere, mehr meinem Alter entsprechende Dinge tun sollte, als ein Geschäft zu führen.“ An dieser Stelle entließ er ein missbilligendes Schnauben und schüttelte den Kopf. „Idiot!“
Seto beugte sich über ihn, ein verruchtes Grinsen auf den Lippen – seine Gedanken waren schon längst nicht mehr bei Fujiwara-san. „Deinem Alter entsprechende Dinge, ja?“
„Mhm.“ Duke fing seinen Blick auf und in die grünen Augen trat ebenfalls ein anzügliches Funkeln. „Klingt, als hättest du da Ideen …“
„Die eine oder andere.“
Mit diesen Worten beugte er sich hinunter, um Dukes Lippen mit seinen zu verschließen, der sogleich die Arme um ihn schlang, um ihn noch näher heran zu ziehen und den Kuss zu vertiefen.
Ein Klopfen an der Tür ließ Seto auffahren.
„Herein!“, sagte er mit ein wenig Verzögerung und entsperrte seinen Rechner.
Seine Assistentin Ana trat ein, ein Tablet in der Hand. „Kaiba-sama, ich habe soeben die Flüge und Hotels für Ihre Reise fertig gebucht und dachte, wir könnten vielleicht die letzten Minuten vor dem Wochenende nutzen, um den Plan noch einmal gemeinsam durchzugehen.“
Seto nickte nur und bot ihr einen der Sessel vor dem Schreibtisch an.
„Ich habe bereits alle Daten inklusive Wegzeiten in Ihren Kalender eingepflegt, schauen Sie gerne mit, wenn Sie möchten.“
Wie vorgeschlagen öffnete er die Kalender-App und schaltete auf die Wochenansicht.
„In zehn Tagen, also am Montag, den 29.4., werden Sie morgens aufbrechen. Zuerst sind natürlich die drei anderen japanischen Standorte an der Reihe, danach geht es am Samstag, den 4.5., weiter nach Taiwan. In der darauffolgenden Woche folgen Singapur und Australien. Im Anschluss fliegen Sie weiter nach Indien, von dort aus in die Türkei, dann weiter nach Marokko und Spanien. In Woche vier geht es schließlich nach Großbritannien, Kanada und zu guter Letzt noch zwei Tage nach Mexiko, bevor Sie am Dienstag, den 21.5. wieder hier ankommen. An jedem Standort haben Sie abzüglich An-/Abreise etwa anderthalb Tage Zeit, was reichen sollte, um sich einen guten Überblick zu verschaffen. Für die Übernachtungen sind überall mindestens Vier-Sterne-Hotels gebucht, Fünf-Sterne wann immer möglich. In Australien werden Sie auch an einem Kunden-Event teilnehmen können, die Kollegen dort sehen dem bereits sehr entgegen.“
„Vielen Dank, Ana“, gab Seto nur knapp zurück, während er die vielen langen, dicht aneinandergereihten Rechtecke in seinem Kalender begutachtete, von denen jedes einzelne für einen Flug, eine Hotelbuchung oder einen bereits festgelegten Termin stand, eindeutig zu erkennen an der jeweiligen Farbe. Ana hatte wie immer perfekte Arbeit geleistet; größere, weiße Stellen gab es so gut wie keine.
Da hatte es Fujiwara-san: Ja, auch er kam herum und erweiterte seinen Horizont, nur eben durch sinnvolle Arbeit, nicht durch touristische Zeitvergeudung!
Erwartungsgemäß machte es einen riesigen Unterschied, wenn man nicht mehr jeden Tag acht Stunden an die Schule verlor, sondern diese Zeit tatsächlich zum Arbeiten nutzen konnte – durchgängig, was bisher nur in den Ferien möglich gewesen war. In den wenigen Wochen seit Ende der Schule hatten sie bereits enorme Fortschritte bei der Weiterentwicklung der SolidVision-Basis-Technologie gemacht, da Seto zuletzt tatsächlich drei mehr oder weniger ganze Tage mit den Ingenieuren in der Entwicklungsabteilung hatte verbringen können.
Außerdem hatte er sich vorgenommen, sein Unternehmen noch einmal grundlegend neu kennenzulernen – nicht nur über die Reise, sondern auch ganz konkret hier vor Ort: Jede Woche am Mittwochnachmittag machte er einen Rundgang durch eine andere Abteilung, sprach mit einzelnen Mitarbeitern, ließ sich deren aktuelle Arbeitsprozesse und Herausforderungen erklären und gab Feedback – auf diese Weise waren in der kurzen Zeit bereits mehrere ineffiziente Prozesse aufgedeckt und entsprechende Maßnahmen ergriffen worden, von denen Seto sich schon alsbald die ersten positiven Veränderungen erhoffte.
Er könnte also durchaus zufrieden sein, wäre da nicht …
„Achja, und dann wären da immer noch die offenen Themen bezüglich des US-Releases der DDM Duel Disk.“
Seto konnte ein Augenrollen nur knapp unterdrücken. „Ja, das ist mir bewusst. Ich werde versuchen mich vor meiner Abreise noch damit zu beschäftigen, aber ich kann es nicht versprechen.“
„Gut“, erwiderte Ana und erhob sich, „denn ich weiß nicht, wie lange ich die Herrschaften von Industrial Illusions noch hinhalten kann … und wenn Sie ab übernächste Woche für vier Wochen weg sind, dann–“
„Ich habe doch gesagt, ich werde mich darum kümmern!“, gab er energisch zurück und wandte sich demonstrativ wieder dem Computerbildschirm zu.
Ana schaltete das Display des Tablets aus und presste es eng an ihren Körper, bevor sie einmal leicht den Kopf neigte und das Büro verließ. Der angesäuerte Gesichtsausdruck der Südamerikanerin war Seto dabei keineswegs entgangen.
Mit einem leisen Seufzen ließ er sich einmal mehr nach hinten fallen.
Am liebsten wollte er von der ganzen Sache überhaupt nichts mehr hören! Natürlich musste es erledigt werden, das stand außer Frage, aber … ach, egal.
Er rieb sich einmal mit beiden Händen über das Gesicht, dann klappte er den Laptop zu und machte sich auf den Weg nach Hause.
Als er die Küche betrat, wunderte Seto sich kurz, dass er den Raum leer vorfand. Dabei war er doch mittlerweile fast immer pünktlich zum Abendessen zu Hause … noch so eine Sache, die seit dem Ende der Schule neu und besser war, gerade jetzt, so kurz vor seiner gut vierwöchigen Abwesenheit.
Gedankenverloren stellte er seine Arbeitstasche auf einen der Stühle, wusch sich die Hände und setzte sich an den gedeckten Tisch. Die Uhr an der Wand tickte in gleichförmigem Rhythmus, das Mineralwasser im gläsernen Krug prickelte leise, die aufsteigenden Bläschen bewegten sanft die darin schwimmenden Pfefferminzblätter, Orangen- und Zitronenscheiben. Die Köchin wusste, ebenso gut wie Roland und er selbst, dass Mokuba nur so dazu gebracht werden konnte, es zu trinken; andernfalls würde der Junge vermutlich den ganzen Tag nur Limonade – oder, Gott bewahre, Energy Drinks in sich hineinschütten. Letzteres war bisher zum Glück erst ein Mal vorgekommen und einen solchen Abend wollte Seto nicht noch einmal erleben.
Das Geräusch der sich öffnenden Haustür riss ihn aus seiner kurzen Trance und schon kurz darauf kam wie erwartet sein kleiner Bruder in die Küche getapst. „Hey Seto, sorry, wir waren noch im Black Clown.“
Der Name des Ladens bohrte sich schmerzhaft in seine Brust, doch er bekam gar keine Gelegenheit, sich weiter damit auseinanderzusetzen.
„Jemand neues war da“, sprudelte Mokuba einfach weiter, „von einer anderen Schule, voll cool und richtig gut in DDM und auch in Capsule Monsters, da haben wir ein bisschen die Zeit vergessen. Außerdem hab ich noch gar nicht mit dir gerechnet, wäre nicht heute wieder der Konferenz-Call wegen der neuen Fabrik gewesen?“
Ein weiterer empfindlicher Treffer, direkt in die Magengrube.
Da Seto nicht sofort antwortete, dachte Mokuba einfach laut weiter: „Wenn ich es recht bedenke: Was ist eigentlich damit, das ist jetzt schon das …“, der Junge wandte den Blick zur Decke, während er anscheinend im Kopf die Wochen durchzählte, „… dritte Mal in Folge, dass der Call ausfällt.“
Wie die reißenden Wellen einer Sturmflut brachen Erinnerungen an Duke und das, was sie sonst immer an diesen Abenden getan hatten, in Setos Geist hinein – etwas, das leider auch drei Wochen nach ihrem letzten Treffen noch viel zu häufig vorkam.
„Seto?“
Er zuckte leicht zusammen und verbannte die Bilder und Gefühle mit einem kaum merklichen Kopfschütteln wieder zurück hinter ihre unsichtbaren Dämme. „Wir … haben die Genehmigung für den Bau nicht bekommen. Außerdem wären die Kosten aller Wahrscheinlichkeit nach explodiert. Darum habe ich dem Ganzen … ein Ende gesetzt.“
Wieder dieses Ziehen.
„Ah, okay. Schade!“, kommentierte Mokuba betreten, während er sich den Teller mit Reis und Curry vollschlug, nur um gleich darauf abrupt das Thema zu wechseln: „Wollen wir nachher noch was spielen?“
Mit einem gequälten Lächeln erhob sich Seto, wuschelte seinem kleinen Bruder durch die Haare und nickte, bevor er sich ebenfalls einen Löffel Reis aus der Schüssel nahm.
Auch das war in den letzten drei Wochen fast schon zu einer Art Ritual geworden: dass Seto abends noch Zeit mit Mokuba verbrachte. Sie spielten gemeinsam an der Konsole oder Schach, ein oder zwei Mal hatte sich Seto sogar durch eine Partie Capsule Monsters gequält.
„Wie wär’s mit Dungeon Dice Monsters?“, schlug Mokuba vor, während sie ihr Geschirr an die Spüle stellten, „Ich bin noch gut im Training und du musst ja auch wissen, wie es geht, immerhin hast du ja mit Duke zusammen–“
Um ein Haar hätte Seto seinen Teller auf die Arbeitsfläche fallen lassen. „Nein, danke!“
Mokubas Augenbrauen zogen sich zusammen, ob der Schnelligkeit und Entschiedenheit der Antwort, sodass Seto nicht umhin kam, weiter zu erklären: „Ich … habe damit bei der Arbeit schon so viel zu tun im Moment.“
„Verstehe“, sah Mokuba mit einem aufmunternden Lächeln zu ihm auf, nahm ihm den Teller aus der Hand und räumte ihn in die Spülmaschine, „Wenn ich dir irgendwie helfen kann, musst du es nur sagen!“
„Das wird nicht nötig sein!“ Sein Tonfall war schärfer gewesen als beabsichtigt, was er augenblicklich bereute, als er den geknickten Ausdruck im Gesicht seines Bruders erkannte.
„Okay, wie du meinst“, murmelte Mokuba nur hörbar enttäuscht, schloss die Spülmaschine und ließ Seto allein in der Küche zurück.
Die gedrückte Stimmung war jedoch, wie so oft, nur von kurzer Dauer. Statt mit DDM verbrachten sie den Abend an einer der Konsolen in Mokubas Zimmer und spielten gemeinsam den Coop-Soulslike-Plattformer, den Mokuba vor einiger Zeit entdeckt hatte.
„Seto, was ist los?“ Mokuba ließ das Gamepad sinken und musterte Seto von der Seite, nachdem sie mittlerweile bereits zum dritten Mal an der gleichen, eigentlich nicht wirklich komplizierten Passage gescheitert waren. „Du bist überhaupt nicht bei der Sache!“
„Es … war ein anstrengender Arbeitstag, das ist alles“, wich Seto der Frage und dem prüfenden Blick seines kleinen Bruders aus.
„Dann solltest du wohl besser bald schlafen, was?“, kommentierte Mokuba locker und war schon drauf und dran den Pause-Modus des Spiels wieder zu beenden, während Seto tatsächlich einen Blick auf seine Armbanduhr warf.
„Das solltest du auch, und zwar schon seit über einer Stunde. Abmarsch!“
Mokubas Augenrollen war kaum zu übersehen, doch ein weiterer strenger Blick genügte, damit er den Controller beiseite legte und hinüber in sein Badezimmer trottete.
Unterdessen speicherte Seto das Spiel, schaltete Konsole und Fernseher aus und öffnete das Fenster.
Frische Nachtluft strömte kühl und fast schon reinigend in seine Lungen.
Das Spielen, die Zeit mit seinem kleinen Bruder hatte ihm in den letzten Wochen so viel gegeben, ihn neben der Arbeit den Schmerz vergessen lassen, doch heute, nachdem nicht nur Mokuba mehrmals unwissentlich den Finger in die noch immer offene Wunde gelegt hatte, genügte auch das nicht mehr.
Noch einmal atmete Seto tief ein und aus und ließ seinen Blick über die sanft vom Mond beschienenen Bäume und Wiesen im Garten schweifen.
Dabei sollte er es doch mittlerweile wirklich gewohnt sein: Immerhin waren fast alle ihm wichtigen Menschen früher oder später aus seinem Leben verschwunden; die Ausnahmen ließen sich an einer Hand abzählen. Und in diesem speziellen Fall war es ja noch nicht mal überraschend gekommen …
Das Geräusch des Lichtschalters im Bad holte Seto wieder ins Hier und Jetzt; Mokuba kam umgezogen und mit geputzten Zähnen zurück ins Zimmer.
„Gute Nacht, Seto!“
Schnell schloss er das Fenster wieder – er hatte gar nicht registriert, wie kalt es eigentlich war –, dann drückte er Mokuba kurz an sich. „Gute Nacht, kleiner Bruder!“
Aus dem Augenwinkel verfolgte er noch, wie Mokuba sich in sein Bett verkroch und das Licht ausschaltete, dann schloss er sanft die Tür hinter sich und machte sich auf in sein eigenes Schlafzimmer, wohlwissend, dass es wieder eine dieser Nächte werden würde.
~°~
Seto stützte die Ellenbogen auf dem Tisch ab und musste tatsächlich ernsthaft nachdenken, obwohl – oder gerade weil – er gerade nicht am Zug war. Es war Mittwochabend und er und Mokuba saßen über einer unerwartet intensiven Schachpartie, bei der tatsächlich noch völlig unklar war, wer gewinnen würde.
Es herrschte eine angespannte Stille, nur untermalt vom leisen Ticken der Schachuhr und dem gelegentlichen dumpfen Geräusch, wenn eine Figur auf einem anderen Feld abgestellt wurde.
Unter diesen Umständen war das gedämpfte Brummen aus Mokubas Hosentasche – zwei Mal kurz hintereinander – naturgemäß besonders deutlich zu hören.
So wie er auf einmal begann, auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen, hatte Mokuba es definitiv wahrgenommen, doch sein Blick blieb weiterhin fest auf das Brett und die Stellung der Figuren geheftet.
Noch ein Brummen, zwei Mal kurz hintereinander.
Blitzschnell zog Mokuba seinen Läufer – zugegeben ein exzellenter Zug –, und drückte die Schachuhr, nur um anschließend dezent sein Handy aus der Hosentasche zu ziehen. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, während er halb unter dem Tisch eine Antwort tippte und noch ein paar Sekunden länger versonnen auf den Bildschirm sah. Erst, als er Setos vorwurfsvollen Blick bemerkte, steckte er das Smartphone mit hektischen Bewegungen wieder weg.
Beinahe wäre Seto zusammengezuckt, als es nur wenig später erneut vibrierte, genau in der Sekunde, als er einen seiner Bauern von der Grundlinie zwei Felder weiter nach vorne zog.
Reflexhaft schoss Mokubas Hand zu seiner Hosentasche, doch er stoppte sich im letzten Augenblick und klopfte stattdessen nervös mit den Fingern auf die Tischplatte. Seto hatte den Mund schon geöffnet, um etwas zu sagen, da machte Mokuba seinen Zug, ähnlich schnell wie zuvor.
Leider war es diesmal ein schlechter, der ihn, da war sich Seto absolut sicher, das eigentlich so aussichtsreiche Spiel kosten würde. Der Turm hatte seinen neuen Platz, F4, kaum berührt, da hatte Mokuba auch schon das Handy in der Hand und tippte.
Ärger züngelte in Setos Kehle hoch. Es gab wenig, das er mehr liebte, als zu gewinnen, aber in diesem speziellen Fall wartete er beinahe schon auf den Tag, an dem es Mokuba endlich gelingen würde, ihn zu schlagen – und jetzt verschenkte der Junge seine bis dato beste Chance einfach so?!
Wenn er es recht bedachte, war sein Bruder bereits in den letzten Tagen beim Spielen unkonzentrierter gewesen als sonst und hatte des Öfteren vermeintlich unauffällig auf sein Handy gesehen …
Als die grauen Augen wieder von dem kleinen Bildschirm aufsahen und auf Setos kühlen Blick trafen, huschte ein schuldbewusster Schleier hindurch. „Entschuldige!“
„Mit wem schreibst du da eigentlich?“, erkundigte sich Seto ohne Umschweife, „Und ist es wirklich wichtig genug, um dafür deine erste realistische Chance auf einen Sieg zu verspielen?“
Auf Mokubas Wangen trat ein rötlicher Schimmer. Noch einmal warf er einen Blick auf die Stellung, erkannte, was Seto meinte, und entließ ein tiefes Seufzen.
„Ich … hab doch letztens erzählt, dass ich im Black Clown jemanden kennengelernt habe“, begann er gemessen und seine Finger klammerten sich fester um das Smartphone.
Seto nickte.
„Wir haben uns schon zwei Mal wiedergetroffen seitdem und ich mag sie echt gerne.“
„Sie?“
Die einsinkende Erkenntnis betäubte Seto, sein Atem, sein Herzschlag beschleunigten sich, doch Mokuba sprach einfach weiter. Er hörte seinen kleinen Bruder nur noch wie durch Watte, wie er mit leuchtenden Augen vom Aussehen des Mädchens berichtete, ihren Hobbies, ihren Lieblingsfächern und wie viel sie auch darüber hinaus gemeinsam hatten. Dazwischen mischte sich erst leise, dann zunehmend lauter eine andere, vertraute Stimme:
Alt genug wäre er auf jeden Fall. Ich meine, es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis er selbst anfängt sich für–
Seto hatte nicht hören wollen, wie der Satz weiterging, und noch viel weniger wollte er jetzt hören, wie sich die Vorhersage bestätigte.
„Alles in Ordnung, Seto?“, riss ihn Mokubas besorgte Stimme schließlich aus seinem Tunnel.
Er nickte nur mechanisch, noch immer gegen das Gefühl seiner sich immer weiter zuschnürenden Kehle ankämpfend.
~°~
Am späten Nachmittag des nächsten Tages saß Seto in seinem Büro und brütete über einigen Unterlagen. Es dauerte heute länger als gewöhnlich, er musste Sätze, teilweise ganze Abschnitte mehrmals lesen, um ihre Bedeutung wirklich zu verstehen; schon den ganzen Tag über hatte er sich nur mit äußerster Anstrengung konzentrieren können.
In der Nacht zuvor hatte er – wieder einmal – kaum ein Auge zugetan, wenn auch diesmal zusätzlich zu den bisherigen auch noch aus anderen Gründen.
Mokuba …
Ich meine, es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis er selbst anfängt sich für– …
Es klopfte zweimal an der Tür und als hätte Seto ihn kraft seiner Gedanken beschworen, war es tatsächlich sein jüngerer Bruder, der ohne eine explizite Aufforderung eintrat. Roland folgte ihm auf dem Fuße, blieb jedoch nahe der Tür stehen, bereit jede Sekunde wieder aufzubrechen.
„Hey, Seto!“, begrüßte Mokuba ihn strahlend und warf sich, leger wie immer, in den linken der beiden Besuchersessel vor Setos Schreibtisch.
„Was machst du denn hier?“, fragte Seto sichtlich irritiert, war es doch in den letzten Jahren immer seltener geworden, dass Mokuba sich außerhalb von Turnieren und besonderen Events hier aufhielt.
„Roland fährt mich gleich weiter zum Black Clown, aber ich dachte, auf dem Weg schaue ich nochmal bei dir vorbei. Du sahst gestern aus, als ginge es dir nicht gut …“ Erneut mischte sich Sorge in Mokubas Stimme und den Blick, den die großen, grauen, noch immer kindlichen Augen ihm zuwarfen.
„Es ist alles in Ordnung, Mokuba“, antwortete Seto bestimmt, wenngleich ihm nicht entging, wie sich die Brauen seines Bruders daraufhin zweifelnd zusammenzogen.
Es klopfte ein weiteres Mal dezent an der Tür und gleich darauf klackerten Anas hohe, schmale Absätze in schnellem, gleichmäßigem Takt über den Boden. „Kaiba-sama, es tut mir leid, Sie stören zu müssen, aber die Herrschaften von Industrial Illusions haben soeben noch einmal angerufen. Sie müssen mir heute unbedingt noch mitteilen, was nun mit dem US-Release der DDM Duel Disk werden soll! Heute ist schon Donnerstag und ab Montag sind Sie unterwegs …“
Mokuba nahm ihren ernsten Blick in Setos Richtung zum Anlass vom Stuhl aufzuspringen. „Na gut, dann störe ich mal nicht weiter … wir können ja heute Abend sprechen.“
Seto nickte kurz angebunden und sah zu, wie Roland schon sanft den Arm ausstreckte, um seinen Bruder in Empfang zu nehmen und nach draußen zu geleiten …
… weiter zum Black Clown, zu Wie-auch-immer-das-Mädchen-hieß.
Wir haben uns noch zwei Mal getroffen seitdem und ich mag sie echt gerne … mag sie echt gerne … echt gerne …
Wieder und wieder echoten Mokubas Worte durch seinen Kopf und begannen auf einmal, gepaart mit Anas ungeduldigem Trommeln des Pencils auf dem Tabletdisplay, aus der Ziellosigkeit heraus eine Richtung anzunehmen und sich zu etwas Neuem zu verdichten.
Wenn ich dir irgendwie helfen kann, musst du es nur sagen …
„Mokuba, warte!“, hörte Seto schließlich seine eigene Stimme wie aus weiter Entfernung sagen.
Tatsächlich blieb Mokuba stehen und drehte sich noch einmal herum; Ana musterte den Jungen kurz und sah dann wieder erwartungsvoll zu Seto.
Wortlos trat Mokuba zurück an den Tisch; auch in seinem Blick schwammen tausend Fragen.
Seto räusperte sich kurz, bevor er begann: „Hast du mir nicht letztens gesagt, dass du mir gern helfen würdest? Und vor einiger Zeit auch, dass du gerne mehr Verantwortung in deiner Rolle als Vizepräsident übernehmen möchtest?“
Wie erwartet hellte sich Mokubas Miene sofort auf, sodass Seto, die Hände auf dem Schreibtisch gefaltet, geschäftsmäßig fortfuhr.
„Wie du weißt, wird die DDM Duel Disk demnächst auch in den USA erscheinen. Allerdings muss der Release noch organisiert werden, nicht nur im Sinne der Kommunikation und eventueller Events, sondern auch ganz praktisch, im Sinne von Vertrieb und Logistik. Da wir mit unseren bisherigen Partnern in den USA in diesem Bereich in den letzten Monaten zunehmend unzufrieden waren, ist das die ideale Gelegenheit, bessere zu finden und in diesem kleineren Maßstab zu testen, um dann später gegebenenfalls auch die Auslieferung der normalen Duel Disks über sie abzuwickeln. Ich bin in den letzten Wochen nicht dazu gekommen, mich dem zu widmen und ab nächste Woche unterwegs, wie du weißt, aber wie Ana schon richtig bemerkt hat, sollte das Thema nicht weitere vier Wochen brachliegen.“
„Also soll ich das übernehmen?“, fragte Mokuba ungläubig.
„Ganz genau.“
„Stark!“
So, wie die Augen seines kleinen Bruders leuchteten, wusste Seto, dass er ihn schon längst am Haken hatte. Es war eine echte Aufgabe, keine mehrheitlich formelle Rolle, wie er sie vorher oft bei Turnieren oder ähnlichem innegehabt hatte.
Die Ziele waren schnell erklärt: Einen verlässlichen Vertriebspartner finden, der alle Voraussetzungen erfüllte, Konditionen verhandeln und alles für die Unterschrift vorbereiten, dazu in Abstimmung mit Industrial Illusions eventuelle Release-Events und die Kommunikation organisieren. Ana würde ihm helfen und natürlich würden ihm in der Firma sämtliche Ressourcen zur Verfügung stehen.
„Traust du dir das zu?“, fragte Seto noch einmal, nachdem er geendet hatte, obwohl die Antwort natürlich längst feststand.
„Klar doch!“, bestätigte Mokuba mit einem enthusiastischen Nicken. Das selige Grinsen würde wohl mindestens für den heutigen Tag nicht mehr von seinen Lippen verschwinden.
An dieser Stelle war ein demonstratives Räuspern aus Richtung der Tür zu hören, das Mokuba dazu brachte, sich umzudrehen. „Achja, ich muss jetzt trotzdem erstmal los zum Black Clown. Wir sehen uns dann später! Und danke nochmal, dass ich dir helfen darf!“
Mit diesen Worten hopste der Junge aus dem Sessel und schlüpfte durch die Tür, die ihm Roland aufhielt.
Trotz der allgegenwärtigen Sonnenbrille meinte Seto, Rolands stechenden Blick auf sich zu spüren, noch Sekunden, nachdem der Mann die Tür mit einem gewissen Nachdruck hinter sich geschlossen hatte.
Erst Anas vorsichtiges „Kaiba-sama?“ brachte ihn jedoch dazu, den Eindruck abzuschütteln sich wieder ihr zuzuwenden.
„Nun, Sie haben es ja gehört, Ana: Mein Bruder wird sich in meiner Abwesenheit um das Thema kümmern. Teilen Sie das den Herrschaften in Amerika bitte so mit.“
„Wie Sie wünschen.“
Sie machte sich eine kurze Notiz auf ihrem Tablet, dann wandte sie sich ab und schwebte zurück in den Vorraum an ihren Schreibtisch.
~°~
Während Seto am Sonntagabend gefühlte drei Viertel seines Kleiderschranks in einen großen Hartschalenkoffer verfrachtete, kreisten seine Gedanken um die Aufgabe, die er Mokuba vor ein paar Tagen derart spontan übertragen hatte.
Der Junge war ganz aufgeregt deswegen, so sehr, dass er Seto noch vor einer guten Stunde beim Abendessen genau heruntergebetet hatte, welche Schritte er als erstes unternehmen würde: Die Vertriebsabteilung einbeziehen und nach Erfahrungen fragen, vertrauensvolle neue Anbieter recherchieren lassen und auch direkt bei Industrial Illusions anfragen, auf welche Logistik- und Vertriebspartner sie setzten, sich intern mit der Marketing- und Event-Abteilung abstimmen …
Natürlich würde Mokuba das schaffen, das stand völlig außer Zweifel. Er war klug, verantwortungsbewusst und besaß, trotz seines Alters und seiner manchmal noch aufscheinenden, kindlichen Naivität, ein Gespür für Menschen – und damit alle Zutaten, die er brauchen würde, um die ihm gestellte Aufgabe gut erfüllen zu können.
Trotzdem wollte das nagende Gefühl in seiner Magengrube einfach nicht verschwinden … dabei hatte das Arrangement unzweifelhaft und ganz objektiv betrachtet nur Vorteile:
Erstens: Der DDM Duel Disk Release würde trotz seiner Abwesenheit weiter vorangetrieben.
Zweitens: Mokuba würde beschäftigt sein und demzufolge weniger Zeit haben, in Dukes Laden zu gehen und dort irgendwelche dahergelaufenen Mädchen zu treffen. Er war ohnehin noch viel zu jung für so etwas! Außerdem freute er sich über die Verantwortung.
Und schließlich drittens, Stichwort ‚Duke‘: Er selbst war endlich den sprichwörtlichen und äußerst penetranten Stachel in Duel Disk-Form losgeworden, der die viel zu langsam heilende Wunde immer wieder von Neuem aufriss. Vielleicht würde er dann auch endlich wieder zu einem für seine Verhältnisse erholsamen Nachtschlaf zurückfinden …
Die Hände in die Hüften gestemmt warf Seto einen prüfenden Blick auf den Inhalt des geöffneten Koffers auf seinem Bett: Hemden, Krawatten, Unterwäsche, Socken, ein paar T-Shirts, Gürtel, Schuhe … seine Anzüge waren in einer extra Tasche untergebracht, damit sie nicht zu sehr knitterten. Fehlte eigentlich nur noch …
Zielstrebig ging Seto hinüber in sein Badezimmer und öffnete einen der Schränke, doch seine Hand griff ins Leere.
Er zog scharf die Luft ein.
An dem Platz, wo sich eigentlich seine Waschtasche befinden sollte, war nichts.
„Verdammt!“, brach es halblaut aus ihm heraus, während er die Schranktür kraftvoll zuwarf. Am liebsten hätte er noch gegen einen oder zwei andere Gegenstände getreten, hatte sich aber selbstverständlich ausreichend im Griff, um das nicht zu tun.
Leider wusste er nur zu genau, wo sich das gesuchte Objekt befand.
Seine Alternativen kalkulierend tigerte er ruhelos im Badezimmer auf und ab, kam jedoch recht schnell zu dem Ergebnis, dass er schlicht keine Zeit hatte, sämtliche Pflegeprodukte einschließlich Waschtasche neu zu kaufen, immerhin war es bereits nach zwanzig Uhr an einem Sonntagabend und seine Abreise morgen früh um sechs Uhr dreißig.
Ihm blieb keine andere Wahl.
Mit einem leisen Seufzen machte er sich auf in sein Arbeitszimmer, nahm seine Laptoptasche zur Hand und hatte den unauffälligen, kleinen Schlüsselbund schnell gefunden, der sich noch immer an seinem angestammten Platz befand.
Die Tür zu Mokubas Zimmer war angelehnt, sodass Seto lediglich leicht anklopfte, bevor er sie weiter aufdrückte. Mokuba saß an seinem Computer, ein Headset auf dem Kopf, das er nur halb absetzte, als er Seto aus dem Augenwinkel wahrnahm.
„Ich fahre nochmal in die Firma“, informierte Seto seinen jüngeren Bruder, „Ich habe etwas wichtiges vergessen, das ich unbedingt mitnehmen muss. In spätestens einer Stunde bin ich wieder da.“
„Alles klar!“, nickte Mokuba kurz, nur um praktisch noch im selben Atemzug das Headset wieder über die Ohren zu schieben und seine Aufmerksamkeit wieder ganz dem Geschehen auf dem Bildschirm zu widmen.
Die Bewegungsabläufe waren noch immer viel zu gut eingeübt.
Seto musste nicht nachsehen, nutzte ganz automatisch den jeweils richtigen Schlüssel für Haustür und Wohnungstür, zog den Wohnungsschlüssel noch während des Eintretens in den Flur ab und fand mit einem gezielten Handgriff den Lichtschalter, um die ungewohnte Dunkelheit zu vertreiben.
Unwillkürlich begann sein Herz schneller zu schlagen.
Der vertraute Geruch hing noch immer in der Luft – vier Wochen hatten anscheinend nicht gereicht ihn zu vertreiben.
Er hielt kurz inne, stoppte den gewohnten Algorithmus schon nach dem Ausziehen der Schuhe, ohne noch einen Schritt weiter nach rechts zur Garderobe zu gehen. Der Mantel blieb an, immerhin hatte er nicht vor, sich lange hier aufzuhalten. Nur schnell holen, wofür er gekommen war, und dann nichts wie weg!
Mit schnellen, gezielten Schritten durchquerte er das kombinierte Wohn- und Arbeitszimmer, wollte gerade nach rechts ins Badezimmer abbiegen, da fiel sein Blick auf die Schlafzimmertür geradeaus.
Ob in der Kommode noch …?
Es war bereits 09:30 Uhr, aber eher hatte er sich einfach nicht von Duke lösen können. Nach allem, was am gestrigen Abend passiert war – unten am Briefkasten, danach in Dukes Laden und schließlich hier oben –, wäre das wohl auch schlechterdings unmöglich gewesen. Und da Mokuba ohnehin unterwegs war und er Roland aus diesem Grund bis zum Abend freigegeben hatte, spielte es eigentlich auch gar keine große Rolle.
Den Mantel hatte er bereits an, musste sich nur noch die Schuhe anziehen, wobei es ihm ungewohnt schwer fiel, sich auf das Binden der Schnürsenkel zu konzentrieren. Immer wieder wanderten seine Augen hinüber zu Duke, der mit nacktem Oberkörper an das Schuhregal gelehnt stand und ihm zusah.
Als er fertig war, begegneten sich ihre Blicke und das Lächeln, das augenblicklich auf Dukes Lippen trat, löste ein federleichtes Kitzeln oder Flattern in Setos Brust aus, ohne, dass er etwas dagegen hätte tun können. Am liebsten hätte er auf der Stelle alles wieder ausgezogen und kehrt gemacht – zurück ins Bett, wo sie zwar die gesamte Nacht verbracht, aber kaum mehr als eine Stunde geschlafen hatten.
„Wann sehen wir uns wieder?“ Es war klar, dass Duke weder die Schule noch ein Business-Meeting meinte.
Natürlich wusste Seto es besser als auszusprechen, was sein überreiztes und von Hormonen geflutetes Hirn ihm als erstes eingab; so weit reichte seine Selbstkontrolle dann doch noch. Stattdessen zog er sein Handy aus der Manteltasche, auf das er, wie er zu seiner eigenen Überraschung feststellte, seit Pegasus Anruf gestern Abend keinen einzigen Blick mehr geworfen hatte.
Beiläufig und durchaus zufrieden nahm er die völlige Abwesenheit von verpassten Anrufen zur Kenntnis, bevor er die Kalender-App öffnete und nach größeren weißen Stellen in der kommenden Woche Ausschau hielt. „Montagabend? Immerhin sollten wir schnellstmöglich weiter an der DDM Duel Disk arbeiten …“
„Unbedingt!“, nickte Duke eifrig und sein Lächeln, das sich zu einem verschwörerischen Grinsen ausgeweitet hatte, war Bestätigung genug, dass er den zugegeben wenig subtilen Unterton genau verstanden hatte. „Am besten wir treffen uns wieder hier, immerhin könnte es … spät werden.“
Auch Setos Mundwinkel zuckten leicht nach oben. „20:30 Uhr?“
„Perfekt!“ Mit diesen Worten überwand Duke die kurze Distanz zwischen ihnen, schob seine Hand in Setos Nacken und zog ihn in einen ausgedehnten Abschiedskuss, den Seto nur zu bereitwillig erwiderte.
Eine undefinierbare Zeitspanne später lösten sie sich voneinander und Seto wandte sich, noch immer widerstrebend, zum Gehen.
„Oh, warte kurz!“, rief Duke aus, bevor Seto die Türklinke ganz heruntergedrückt hatte, und verschwand noch einmal ins Wohnzimmer.
Als er keine Minute später wiederkam, hielt Duke ihm ein weißes T-Shirt entgegen, hastig zusammengelegt, sodass das hellgraue KC-Logo auf der linken Brustseite gerade noch zu sehen war. „Hier.“
Unwillkürlich wanderten Setos Augenbrauen nach oben.
„Das lag noch im Wohnzimmer auf dem Fußboden“, beantwortete Duke seine unausgesprochene Frage und erst jetzt dämmerte es ihm, dass er das T-Shirt tatsächlich gestern ob der kühlen Temperaturen unter seinem Hemd getragen hatte.
Aktuell verspürte er jedoch weder das Bedürfnis, sich noch einmal auszuziehen (zumindest nicht, wenn er diese Wohnung heute noch verlassen wollte, und das musste er zu seinem Leidwesen nun einmal), noch das Kleidungsstück mehr schlecht als recht in eine seiner Manteltaschen zu stopfen.
„Behalt es erstmal hier“, winkte Seto daher nur mit einem entschiedenen Kopfschütteln ab, „Ich nehme es dann am Montag mit.“
„Geht klar!“, nickte Duke und entließ ihn nach draußen, wobei Seto aus dem Augenwinkel gerade noch erhaschte, wie Duke mit abwesendem Blick das T-Shirt an sein Gesicht führte und einmal tief einatmete.
Er hatte es nie wieder mitgenommen.
Ohne das Licht anzuschalten stahl Seto sich ins Schlafzimmer und gab sich dabei größte Mühe, nicht nach links zu sehen, wo der fahle Schein der Wohnzimmerbeleuchtung einen schmalen Lichtstreifen auf das Bett warf.
Ein winziger Stich durchfuhr ihn, als er das gesuchte Kleidungsstück überraschend schnell in Händen hielt, war es doch bis auf ein paar wenige Überbleibsel das Einzige, was sich noch in der Kommode befand.
Hatte er denn allen Ernstes gedacht – oder schlimmer noch, gehofft –, dass Duke es aus irgendwelchen sentimentalen Gründen mitgenommen hatte?!
Der hohle Knall, den die nun gänzlich leere Schublade beim Schließen von sich gab, hallte viel zu laut durch das trostlose Halbdunkel.
Hastig verließ Seto das Schlafzimmer und wandte sich nach links seinem ursprünglichen Ziel zu.
Ganz wie erwartet befand sich seine Waschtasche in dem kleinen Schränkchen unter dem Waschbecken, wo seit einigen Monaten ihr angestammter Platz war.
Schon seit mindestens fünf Minuten versuchte er, das kompakte Täschchen noch irgendwie in seine Schul- und Arbeitstasche zu pressen, ohne dass eine lächerliche Beule entstand, die dafür sorgte, dass er die Klappe nicht mehr zu bekam.
Gestern hatte es doch noch gepasst! … Allerdings hatte da nicht auch noch ein DDM-Set in der Tasche Platz finden müssen, das er aber leider zwingend brauchte, um in der Firma den Prototypen der DDM Duel Disk zu testen.
Duke verfolgte das Schauspiel lose aus Richtung des Badezimmers; das belustigte Zucken seiner Mundwinkel konnte Seto fast schon körperlich spüren.
Der Eindruck wurde schließlich vom leichten Lufthauch einer nahen Bewegung verdrängt, dann legte sich eine warme Hand auf seine, um dem hektischen Zerren und Stopfen Einhalt zu gebieten.
„Warum lässt du sie nicht einfach hier? Solange du nicht unterwegs bist, brauchst du sie doch sowieso nicht …“
Selbst ungeachtet des warmen Gefühls, das sich in ihm ausbreitete, war Dukes Argument so simpel und logisch, dass Seto ihm ohne Einwände folgte.
Der Knoten in seinen Eingeweiden zog sich immer fester zusammen und gab kaum mehr nach, als er sich mit einem leisen Seufzen wieder aufrichtete. Er wich dem Blick seines Ebenbilds im Spiegel aus; stattdessen suchten seine Augen Halt auf dem Fliesenabsatz über dem Waschbecken.
Eine Zahnpasta-Tube lag da, genau in seinem Blickfeld, offen und in der Mitte zusammengedrückt.
Seine Hände waren schneller als sein bewusster Verstand, sodass die Tube bereits wieder verschlossen an ihrem Platz im Glas neben dem Spiegel stand, bevor er überhaupt beginnen konnte ihren vorherigen Zustand zu hinterfragen.
Gerade noch rechtzeitig vor dem Anspringen der automatischen Lüftung löschte Seto das Licht und kehrte zurück ins Wohnzimmer. Er hatte alles, was er wollte, jetzt nichts wie– …
Sein Blick fiel auf den Schreibtisch.
Mit zwei, drei großen Schritten hatte er den Raum durchquert, räumte ein paar verstreute Stifte zurück in ihren Halter und rückte den Drehstuhl wieder ordentlich zurecht.
Seine Finger verharrten noch einen Moment länger auf der Lehne.
… wie oft sie hier gesessen hatten, vor allem in der Zeit direkt nach der Klassenfahrt, er auf diesem, Duke auf einem Küchenstuhl ganz eng neben ihm, und gemeinsam an der DDM Duel Disk gefeilt hatten, bevor sie früher oder später – zugegeben, meistens eher früher – beschlossen hatten, doch lieber ins Schlafzimmer zu wechseln … von den wenigen denkwürdigen Gelegenheiten mal ganz abgesehen, bei denen sie es nur bis zur Couch geschafft hatten.
Ihm entwich ein leises Schnauben.
Wie die DDM Duel Disk unter diesen Umständen überhaupt jemals hatte fertig werden können …
An der Pinnwand über dem Schreibtisch hingen Konzeptzeichnungen, Zeitungsausschnitte – einschließlich dem über die Präsentation der DDM Duel Disk Ende letzten Jahres – und dazwischen hier und da ein paar Fotos.
Duke, wie er mit einmal jedem seiner Freunde aus einer Samurai-Rüstung in die Kamera grinste … das Klassenfoto, bei dem Seto, obwohl er nach Kräften versucht hatte es zu vermeiden, so nah hinter Duke gestanden hatte, dass er mit jedem Atemzug den Duft des seidig schwarzen Haars eingeatmet und sich darüber fast vergessen hatte …
Kaum zu glauben, dass all das gerade einmal ein halbes Jahr her war …
Rasch wandte Seto sich ab und bemerkte erst jetzt das halb-leere Glas und den offensichtlich benutzten Teller voller Krümel auf dem Couchtisch. Seine Augen verengten sich.
Erst die Zahnpasta und die Stifte, jetzt das hier?! Was sollte das?!
Normalerweise hatte bei Duke alles einen festen Platz, an den es in der Regel mehr oder weniger sofort zurückgeräumt wurde …
‚Ich kann mir Unordnung nicht leisten‘, hatte er gesagt, als Seto ihn einmal durchaus amüsiert darauf angesprochen hatte, ‚Meine Zeit ist mir zu wertvoll, um sie dafür zu verschwenden, Dinge zu suchen.‘
Ein Satz, der Wort für Wort genauso aus seinem eigenen Mund hätte stammen können …
… aber vielleicht war Dukes Aufbruch einfach etwas hektischer gewesen als gedacht.
Er entließ ein leises Seufzen. Was genau ihn dazu brachte, das T-Shirt und die Waschtasche auf dem Sofa abzulegen, den Teller und das Glas in die Küche zu tragen und abzuwaschen, wusste er nicht und wollte es eigentlich auch gar nicht wissen.
Nachdem er die Wohnungstür hinter sich zugezogen und abgeschlossen hatte, ließ Seto den Schlüssel zurück in die Tasche seines Mantels gleiten und atmete einmal tief ein und aus.
Noch ließ die ersehnte Erleichterung auf sich warten, aber vermutlich war das einfach nur eine Frage der Zeit. Seine Finger schlossen sich fester um das T-Shirt und die Waschtasche, dann setzte er sich in Bewegung und stieg die Treppen nach unten.
An den Briefkästen blieb er noch einmal stehen.
Wenn er den Schlüssel jetzt einfach hier hineinwarf, wäre er das alles mit einem Schlag los …
Langsam wanderte seine Hand zurück in die Manteltasche, hatte das kleine Metallobjekt schon zwischen den Fingern und wollte es gerade herausziehen, nur um es im letzten Moment doch wieder loszulassen.
Nein, viel zu unsicher.
Außerdem … sollte er es nicht spätestens seit der Sache mit dem Dino-Block besser wissen?
Keine zehn Minuten später befand sich sein Körper im Auto auf dem Weg nach Hause, seine Gedanken jedoch weigerten sich standhaft jenen Ort zu verlassen, den er eigentlich mit dem heutigen Abend endgültig hinter sich hatte lassen wollen.
Erinnerungen kamen und gingen, ohne dass er ihnen Einhalt gebieten konnte, und brachten seinen ohnehin schon unsteten Geist dazu, die Eindrücke der vergangenen halben Stunde immer weiter zu zerpflücken:
Die Kissen auf dem Sofa hatten definitiv anders gelegen … und war nicht die Decke auch anders gefaltet gewesen als sonst?
Die rote Ampel tauchte auf wie aus dem Nichts und zwang ihn dazu hart abzubremsen, wobei sich der Sicherheitsgurt so fest in seine Brust schnitt, dass er ihm für eine Sekunde den Atem nahm.
Verdammt, warum zum Teufel beschäftigte er sich überhaupt mit solchen unbedeutenden Kleinigkeiten?!
Das war doch alles überhaupt nicht sein Problem! Er hatte vier Wochen intensive Geschäftsreise vor sich, er hatte keine Zeit für offene Zahnpasta-Tuben, dreckiges Geschirr und falsch gefaltete Decken!
In ein paar Monaten würde das alles ohnehin entweder im Müll landen oder in einer von unzähligen Kisten in die USA verschifft werden, wenn Duke sich entschied, dauerhaft dort zu bleiben!
Kaum schaltete die Ampel wieder auf grün, trat Seto das Gaspedal weit nach unten, fester denn je entschlossen, möglichst schnell möglichst viel Abstand zwischen sich, diese verdammte Wohnung und alles, was mit ihr verbunden war, zu bringen.