remember
Das sachte Kratzen eines Bleistifts auf feinem Papier. Schatten waren gewachsen, und Gesichter, Körper, Arme und Beine hatten auf dem weißen Blatt Gestalt angenommen. Nicht mehr Achilles und Patroklos, sondern Zephyrus und Chloris, der Gott des Westwinds und die fliehende Nymphe, Will und Bedelia.
Er spürte ihn, bevor er ihn sah. Er konnte ihn allein an seinen Schritten erkennen, am Geruch, er konnte die Präsenz des anderen schlicht fühlen. Als ob sie zwei Dinge waren, die zueinander gehörten, mit einer Verbindung, die so stark war, dass sie weltliche Regeln missachtete. Nach Monaten der Trennung war die Verknüpfung nur noch empfindlicher geworden. Sicherlich würde es sie beide zerstören, irgendwann.
Hannibals Blick folgte ihm, als er sich neben ihn setzte, nahe genug, dass sich ihre Schultern und Schenkel fast berührten. Seine Augen blieben auf ihn gerichtet, nahmen jedes noch so kleine Detail seiner Züge in sich auf, während sie in der Nähe des jeweils anderen badeten. Will atmete hörbar aus, einem erleichterten Seufzen gleich. Sie waren die einzigen Besucher an diesem Nachmittag in diesem Teil der Uffizien Galerie von Florenz.
„Wenn ich dich jeden Tag sehen würde, in Ewigkeit, Will, würde ich mich an diesen erinnern.“
In einem Raum voll der wunderschönsten und bedeutendsten Kunstwerke der Welt war Will nach wie vor das Einzige, das er sah.
Ein warmes Lächeln erblühte auf Wills Gesicht und ihre Augen begegneten sich. „Merkwürdig, dich hier vor mir zu sehen. Wie oft habe ich Nachbilder von dir angestarrt an Orten, wo du seit Jahren nicht gewesen bist.“ Er löste ihre verhakten Blicke, das Lächeln längst verblasst. „Ich schaute dort zum Nachthimmel hinauf. Orion über dem Horizont und in seiner Nähe Jupiter. Ich habe mich gefragt, ob du es auch sehen konntest. Ich habe mich gefragt, ob unsere Sterne dieselben waren.“
„Ich glaube, einige unserer Sterne werden immer dieselben sein. Du bist in das Foyer meines Geistes eingedrungen und bist die Halle meiner Anfänge hinab gestolpert.“
„Ich habe dich verstehen wollen, ehe ich dich wieder vor Augen habe. Nur so konnte ich mir sicher sein... was ich vor mir sehe.“ Und als er es wagte, sah er.
„Worin liegt der Unterschied zwischen der Vergangenheit und der Zukunft?“
„Meine? Vor dir und nach dir.“ Sich des Gewichtes und der Implikation seiner Worte bewusst, war seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Deine? Ein unscharfes Bild. Es beginnt alles zu verschwimmen. Mischa. Abigail. Chiyoh.“
Diesmal war es Hannibal, der seinen Blick abwandte.
Sie waren nicht mehr dieselben, die sie vorher gewesen waren. Sogar seine Stimme war nicht mehr dieselbe. Eine Stimme, die Will schon so oft gehört hatte, war jetzt eine ganz andere. Sie war ein Griff um sein Herz, ein Sturm in seinen Arterien, ein kalter Schauer, der durch seinen Körper jagte, und ein flüchtiges Stechen in seinem Unterleib. Alles hatte sich verändert. Das, was gewesen war, war nicht länger. Ihre Glut, ihre Hitze, ihr Feuer hatte nichts als einen Haufen Asche hinterlassen. Sie waren keine Freunde mehr, keine Familie. Was würden sie nun sein? Würden sie jemals wieder irgendetwas sein?
„Du und ich haben begonnen zu verschwimmen.“
Einmal benannt und ausgesprochen, war es als könnten sie das Band zwischen ihnen sirren hören. Will war nicht der einzige, dessen Grenzen verwischten. Hannibal wusste es, er fühlte es.
„Hast du mich nicht deshalb gefunden?“
Einen Augenblick lang schauten sie wortlos auf die Gemälde, und verloren sich in der Vorstellung, dass sie niemals aufwachen müssten, dass das hier nie enden würde. Ein Moment, eingefroren inmitten der Zeit. In weiter Ferne besang ein Vogel die letzten Stunden des Tages. Die Bäume auf der anderen Seite von Florenz verloren sich im leichten Nebel, so wie sie einander verloren.
„Jedes deiner Verbrechen… fühlt sich an als wäre ich seiner schuldig. Nicht nur Abigails Ermordung, jeder Mord… rückwärts und vorwärts über die Zeit ausgedehnt.“
Etwas überflutete Hannibals Antlitz, in seinen Augen so etwas wie Traurigkeit. „Der Akt dich von mir zu befreien und... der mich von dir zu befreien, sind ein und derselbe.“
„Wir sind verbunden, zusammengewachsen“, die Silben wogen schwer in seinem Mund; da waren noch mehr, die er nicht sagte. Es hatte eine Zeit gegeben, in der Hannibal und er hätten zusammen frei sein können. „Ich bin neugierig, ob einer von uns die Trennung überleben kann.“
Vielleicht sogar schon weit früher als Will hatte Hannibal sich darüber Gedanken gemacht und war sich der Antwort noch immer nicht sicher. „Jetzt ist die härteste Prüfung, nicht zu erlauben, dass Wut und Frustration... noch Vergebung dich vom Denken abhalten.“
Sie verloren sich in den Augen des anderen. Seine Pupillen weiteten sich, als Will sich dessen gewahr wurde, was Hannibal ihn zu tun einlud, wozu Hannibal ihn aufforderte. Dann schloss dieser sein Skizzenbuch. „Wollen wir?“
Er war im Begriff aufzustehen, doch Will hielt ihn zurück: „Die Galerie schließt erst in zwei Stunden. Wir haben noch Zeit.“
Für eine Weile betrachtete Will das prächtige Gemälde vor ihnen, atemberaubend in seiner Exzellenz und Erhabenheit, durchzogen von Craquelée wie ein feines Netz voranschreitender Zeit; ehe sein Blick zurück zu dem Mann neben ihm wanderte, zu seinem Gesicht, zu den heilenden Wunden. Er streckte eine Hand nach ihm aus, bis seine Fingerspitzen beinahe seine Haut berührten. „Jack hat dir das angetan?“, mehr eine Schlussfolgerung als eine Frage. Hannibal nickte. Ein Blick auf seine Hände und Will wusste: „Du hast dich nicht verteidigt.“
Die Stille zwischen ihnen war nicht leer, sondern voller unausgesprochener Worte und Erinnerungen, Schwermut und Ergriffenheit. Wieder war es Will, der sie brach: „Genauso war ich nicht dort, um gegen dich anzukämpfen. Ich bin nicht zu deinem Haus gekommen, um dich aufzuhalten oder dein Leben zu nehmen.“
„Du hast deine Waffe mitgebracht.“
„Um dich vor Jack zu schützen. Ich hatte mich für dich entschieden, ich wollte mit dir davonlaufen, selbst als ich noch dachte, du hättest Abigail umgebracht… Nur damit du sie mir wieder wegnimmst. Und dieses Mal hast du mich zusehen lassen.“ Ein Meer von Blut, und er konnte nicht einmal ertrinken. „Du warst wütend auf mich und… enttäuscht. Du hättest mich töten sollen, nicht… nicht sie.“
„Was Abigail widerfahren ist, musste geschehen.“ Bindungen hatten durchgeschnitten werden müssen wie eines Mädchens Kehle. Abigail war eine Brücke gewesen, eine Brücke zu Will, die er hatte niederbrennen müssen. Damit Will hatte leben können. „Es gab keinen anderen Weg.“
Er hätte wissen sollen, dass Will keine Brücken brauchte, dass nicht einmal ein Ozean zwischen ihnen weit genug war.
„Es gab einen. Aber heute nicht mehr.“ Will schluckte seine Tränen hinunter. „Ich träume immer noch von Abigail. Ich träume, dass ich… ihr beibringe, wie man fischt.“
„Es tut mir leid… Das habe ich dir genommen.“ Er sah Wills Verlust wie er seine eigenen sah; es waren viele gewesen, vielleicht zu viele. Also schaute er fort, um die Flut an sich zu halten. „Ich wünschte, ich könnte es zurückgeben.“
„Ja, ich auch“, seine Stimme brach wie der Damm, der seine Tränen zurückgehalten hatte. Er hatte nie erwartet, diese Worte von Hannibal zu hören, und dennoch: „Ich will deine Entschuldigung nicht“, Will stockte, „weil es nichts gibt, wofür sie gut sein könnte.“
Es waren wohl Momente wie dieser, die einen für immer veränderten. Hannibal schloss die Augen und fiel. Fiel mit der Hoffnung, an der er sich festgehalten hatte. Will hatte recht, eine Entschuldigung würde nichts ändern, nichts wieder gut machen. Es gab nichts mehr, das er tun konnte, nichts mehr, das er sagen konnte. Es war zu spät. Er hatte alles zerstört, und er würde das auch weiterhin tun. Gedanklich versuchte Hannibal sich von ihm zu verabschieden, aber es ging nicht.
„Wirst du mir vergeben?“
„Das habe ich bereits. Aber wie könnte ich vergessen?“
Hannibal blickte auf den Marmorboden hinab und schwieg. Vielleicht war es noch zu früh, um seine Vergebung annehmen zu können. Oder schon zu spät. Es gab Dinge, die Will laut aussprechen musste, und Hannibal ließ ihn.
„In dem Moment, in dem ich bereit war... in dem ich voll und ganz bereit war, mit dir zusammen zu sein, mit allen Konsequenzen..., hast du mich zerschmettert. Und sie. Es ist mir egal, was du mir angetan hast. Es kümmert mich einfach nicht mehr, was mit mir geschieht. Aber... jedes Mal, wenn ich dich anschaue..., sehe ich sie.“ Wieder streckte er sich nach ihm aus und hielt inne, bevor er die Grenze überschritt, bevor seine Hand Hannibals erreichen konnte. „Wie könnte ich vergessen, dass diese Hände ihr Licht ausgelöscht haben?“
„Ich werde es dich vergessen lassen.“
Achtsam, als könnte bei einer unvorsichtigen Bewegung der jüngere Mann von ihm schwinden, legt er bedacht seine Hand auf Wills. Zu ihrer beider Überraschung zog Will sie nicht fort, wich nicht zurück, entzog sich ihm nicht; stattdessen schloss er die Augen und ließ sich halten von einer einzigen festen Berührung. Sie saßen einfach nur da, neben einander. Fragil. Verletzlich. Empfindsam. Es war viel zu viel und gleichzeitig viel zu wenig. Sie schwiegen. Keiner von ihnen wagte diesen zerbrechlichen Moment zu unterbrechen. Es war kein leeres Schweigen. Der Raum zwischen ihnen war vollgestopft mit Sehnsucht und schmerzlicher Wehmut, Entsetzen und flachem Atmen.
„Abigail verdient es, dass man sich an sie erinnert.“
„Ich werde sie für uns beide in Erinnerung behalten. Ebenso wie ich mich an dich erinnern werde.“
"If I saw you every day, forever, Will, I would remember this time."
Hannibal 3.06
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"I could recognize him by touch alone, by smell; I would know him blind, by the way his breaths came and his feet struck the earth. I would know him in death, at the end of the world."
The Song of Achilles, Madeline Miller
Quellen & Empfehlungen:
Szene 2.11: Will and Hannibal discuss Abigail's death
Szene 3.05: Jack tries to kill Hannibal
Szene 3.06: Will and Hannibal in the Uffizi Gallery
Kapitel 9 "Die Last der Schuld" in meiner Supernatural-Destiel-Fanfic "Cursed or not"