casualties of war
When I opened my eyes I didn‘t see?
Falling from the skies in front of me?
Not quite but close
Nein.
Nein, nein, nein.
Nein.
„Bill … Bill, mein Junge …“
Nein, nein, nein.
„Komm her.“
Arme legen sich fest um seinen Oberkörper, sie ist viel kleiner als er, sie zieht ihn zu sich runter, um ihn besser umarmen zu können.
„Bill, mein Junge! Mein lieber Junge!“
Nein.
Es ist nicht passiert. Es ist einfach nicht passiert.
Sie lässt ihn los, jemand anderes nimmt ihn fest in den Arm.
„Ich war dabei, sie hat alles gegeben. Einfach alles. Es waren zu viele. Ich konnte nichts tun … Ich hab alles getan … Es tut mir so leid, Bill. So leid …“
Sie ist nicht tot. Fleur ist nicht tot. Wer auch immer da vor ihm in der großen Halle auf dem Boden liegt – es ist nicht Fleur. Es kann nicht Fleur sein.
Sie sieht genauso aus wie Fleur.
Immer wieder legen sich Arme um ihn, jemand redet mit ihm, viele reden mit ihm, er setzt sich hin, auf eine der Bänke.
„Madam Pomfrey …“
„Er braucht etwas Zeit, es ist nur der Schock.“
„Was können wir tun?“
„Für ihn da sein.“
Fleur ist nicht tot.
Nein.
Ist sie es doch? Diejenige, die da liegt? Ist es doch seine Fleur?
Sie sieht genauso aus wie Fleur.
Vielleicht …
Sie schläft nur. Sie liegt da, friedlich, die Hände auf der Brust gefaltet, das Gesicht entspannt. Kein Blut, keine offenen Wunden, alles sieht normal aus. Sie schläft nur.
Fleur ist nicht tot.
„Hey.“
Jemand setzt sich neben ihn, aber er sieht nicht auf.
„Es tut mir so wahnsinnig leid, Bill. Fleur war großartig, sie –“
„Fleur ist nicht tot“, murmelt er mit gebrochener Stimme und zieht sich vor ihr zurück.
Tonks. Er sieht sie nicht an, aber er erkennt ihre Stimme.
Sie zieht die Luft leise ein. „Verstehe.“
Tonks bleibt neben ihm sitzen, es ist ihm egal. Fleur sollte neben ihm sitzen.
Wieso steht sie denn nicht auf? Wieso decken die anderen sie zu?
Fleur ist nicht tot.
Nein.
So how are you?
I‘m doing well
I‘m fighting tears, you couldn‘t tell
I‘m not as strong as you thought I was
Der Krieg ist vorbei, Riddle tot. Es herrscht Freude, Jubel – Trauer. Die Erleichterung ist getrübt. Der Zweite Zaubererkrieg hat viele Opfer gefordert.
Eines davon wird heute zur letzten Ruhe gebettet.
Molly legt ihre Hand auf Bills Schulter. Ihre Augen sind rot, ihr Gesicht aufgequollen. Seines ist blass und eingefallen.
„Komm.“
Molly nimmt ihn bei der Hand, sie gehen zum Friedhof bei Ottery St. Catchpole. Es sind alle da, es tragen alle schwarz – weil man das so macht.
Fleurs Familie ist da. Sie haben schon vorher mit Bill gesprochen, die Details ausgemacht, entschieden, wo Fleur beerdigt werden soll.
Gabrielle lehnt sich gegen ihre Mutter, sie sieht unendlich müde aus, und unendlich traurig. Glasig starrt sie vor sich hin, ihre Lippen bewegen sich stumm.
Die Beerdigung ist lang, die Trauerreden ausufernd. Bill atmet tief durch, er hat alle Tränen geweint, die es zu weinen gibt – denkt er. Er hat bei seiner Rede alles gesagt, das es zu sagen gibt – hofft er.
„Fleur hat mein Leben so viel reicher gemacht. Ich werde sie nie vergessen, und nie vergessen, welche Opfer sie für uns alle gebracht hat. Nicht nur bei der Schlacht um Hogwarts. Schon davor. Als sie ihr Heimatland verlassen hat, als sie entschieden hat, an meiner Seite für Harry und den Orden des Phönix zu kämpfen. Sie wusste, was auf dem Spiel stand. Fleur kannte das Risiko.
Ich – wir – werden ihr für immer dankbar sein für das, was sie für uns getan hat, was sie uns gegeben hat.“
Der Leichenschmaus wird abgehalten, im Fuchsbau. Das Wetter ist mild, die Tische wurden nach draußen geräumt, damit alle Platz haben. Molly hat sich Mühe gegeben, französische Gerichte zuzubereiten.
Bill sitzt in seinem alten Zimmer, er weiß gar nicht, welches seiner Geschwister es jetzt gehört – oder gehört hat.
Jemand klopft leise an.
When you fall down do you hear the sound
Of broken dreams
Hitting the ground
Baby, please, the casualties of war
Tonks öffnet die Tür und steckt den Kopf durch den Spalt. Ihr Gesicht ist, wie das so vieler, verquollen, gerötet und von Erschöpfung gezeichnet. Ihre Haare sind mausbraun und hängen schlaff herunter – ihr fehlt die Kraft, ihre Erscheinung zu verändern. Sie will ihre Erscheinung nicht verändern.
„Da steckt du“, sagt sie leise, als sie Bill auf seinem alten Bett sitzen sieht, den Kopf gesenkt, mit hängenden Schultern.
„Darf ich reinkommen?“
Bill nickt, betrachtet die Hände auf seinem Schoß. Er muss bald wieder runtergehen. Er kann nicht einfach hier oben bleiben – das ist unhöflich.
Die Tür ächzt, Schuhe schrappen über den Holzboden, mit einem Klicken wird die Tür wieder geschlossen. Tonks geht vorsichtig zu ihm hinüber und setzt sich, mit etwas Abstand, neben Bill aufs Bett.
„Ich weiß, wie du dich fühlst“, sagt sie sanft mit leicht gesenktem Kopf, ihr Blick ins Nichts gerichtet.
Bill nickt. Ja, Tonks weiß es.
Remus ist tot.
„Ich konnte es auch nicht glauben, als er da so lag … Das konnte nicht mein Remus sein … Wir hatten uns versprochen …“ Sie seufzt tief, zieht die Schultern hoch und schüttelt sich leicht. „Tut mir leid. Es geht heute nicht um mich.“
„Doch“, murmelt Bill. „Tut es. Es geht um uns alle.“ Er richtet sich auf und rutscht zu Tonks ein Stück hinüber, lächelt sie gequält an. „Es tut mir so leid, dass Remus nicht mehr bei dir sein kann. Wir kannten uns nicht so gut, er und ich, aber ich fand immer, dass er ein toller Mensch war.“
Tonks schüttelt kaum merklich den Kopf, wischt sich mit einer Hand über eines ihrer Augen. „Ich hab ja noch Teddy.“
Bill nickt, lächelt. „Wie geht’s dem kleinen Racker?“
„Gut, sehr gut. Er kann jetzt seinen Kopf selbst halten!“ Sie lächelt, ihre Augen gewinnen ein wenig von dem Glanz zurück, den sie am 2. Mai verloren hat. „Er ändert ständig seine Haarfarbe! Das ist alles, was er bis jetzt macht, ich glaube, alles andere begreift er noch nicht“, überlegt sie laut, Bill freut sich, wie Tonks von ihrem Sohn erzählt.
Es ist etwas Normales, etwas Schönes, bei all dem Schrecklichen.
„Wo steckt das Kerlchen denn?“
„Bei meiner Mum. Ich hab ihn bei ihr gelassen, weil … Ich dachte, ich schau mal nach dir“, sagt sie, lächelt traurig.
Sie streckt ihre Hand aus, zieht sie aber sofort wieder zurück.
Bill ist froh darüber.
Bill ist traurig darüber.
Er weiß nicht, was er fühlen soll. Zuhause stapeln sich die Phiolen von Schlaftränken, die ihm traumlose und erholsame Nächte bescheren sollen, aber auch, wenn er nicht träumt oder sich zumindest nicht daran erinnert, fühlt er sich mit Nichten erholt.
Ob Tonks dasselbe tut? Nein, eher nicht. Sie muss aufwachen können, wenn Teddy sie braucht. Sie hat nicht den Luxus, sich in einen alles vergessenden Schlaf zurückziehen zu können. Sie hat viele schlaflose Nächte hinter sich, das kann er sehen. Entweder, weil sie nicht schlafen kann (oder will) oder weil Teddy sie braucht.
Stell dich gefälligst nicht so an, denkt er. Andere haben es schwerer als du! Wie muss es sich für Fleurs Eltern anfühlen? Sie haben ihm vertraut – er hat sie enttäuscht. Er weiß, dass sie das denken und fühlen, selbst, wenn sie es niemals laut sagen würden – vielleicht gar nicht denken wollen.
„Bill?“
„Hm?“ Er blickt zerstreut auf, Tonks sieht ihn besorgt an.
„Denkst du auch manchmal an …“ Sie beißt sich auf ihre Unterlippe. Tonks möchte darüber sprechen, aber sie weiß nicht, ob es okay für ihn ist, wenn sie das tut.
„An das, was hätte sein können?“, beendet er ihren Satz mit rauer Stimme.
Tonks nickt, ihr Mund zuckt verräterisch.
Bill neigt den Kopf. „Ständig.“
„Ich auch.“
Eine Weile sitzen sie stumm nebeneinander, hängen ihren Gedanken nach, starren ins Nichts.
Schließlich steht Tonks auf. „Wir sollten runtergehen.“
„Ja.“
You lost the fight
I heard it was a good fight
The kind where no one wins and no one‘s right
Teddy lernt zu krabbeln, Teddy kann bereits den Accio-Zauber, wenn er etwas unbedingt haben will. Babys, die zaubern können, sind eine Herausforderung für sich.
Tonks war nie gut in bestimmten Zaubern. Ihre Mutter ist gerade beschäftigt.
Bill hat Zeit. Bill hat weiterhin seinen Schreibtisch-Job in Gringotts. Er ist zu zerstreut, um sich mit Flüchen in Ägypten herumzuschlagen. Er würde dabei nur draufgehen.
„Und es wäre großartig, wenn du die Schränke so verzaubern könntest, damit er sie nicht mehr öffnen kann, auch nicht mit Magie. Seit er mit vier Monaten so richtig greifen kann … Man kann ihn keine Sekunde aus den Augen lassen“, erzählt Tonks leise lachend, während Teddy ihr brabbelnd in die Küche folgt.
Bill lächelt. „Kein Problem, Tonks. Mach ich doch gern.“
Während er die Schränke verzaubert, klingelt es an der Tür. Tonks geht, um sie zu öffnen.
„Ich möchte Sie nicht großartig stören –“
„Wer sind Sie?“, hört Bill Tonks den Mann scharf fragen.
„Vom Tagespropheten, ich –“
„Was wollen Sie?!“
„Wir schreiben einen Artikel über die Kriegsveteranen des Zweiten Zaubererkrieges, wir –“
„Verschwinden Sie!“
„Ich weiß, Rita Kimmkorn hat für viel Ärger gesorgt, aber … Hören sie“, er senkt seine Stimme, „ich weiß, Sie sind wütend auf unsere Zeitung, ich weiß, Sie denken, was auch immer Sie sagen, werde ich so verdrehen wie es mir passt, aber Sie können mir glauben, dass –“
„Wieso sollte ich Ihnen irgendwas glauben?!“, faucht Tonks, ihre Stimme bebt.
Bill ist mit den Zaubern durch, er schnappt sich Teddy, der in der Küche sitzt und ihn glucksend ansieht. Mit dem Baby auf dem Arm geht er grimmig zur Tür. Wenn der Journalist nicht freiwillig gehen will, ist Bill gewillt, nachzuhelfen.
„Meine Frau war Muggelgeborene“, sagt der Mann, Bill nimmt ihn genauer in Augenschein.
Dunkelblonde, gewellte Haare. Der Umhang geschäftlich, die Kleidung akkurat. Die Schuhe poliert.
Das Gesicht müde und eingefallen, blass.
„War?“, fragt Tonks leise.
„War. Ich möchte, dass die anderen unsere Geschichte hören.“
Sein Blick fällt auf Bill. „Mr Weasley?“, fragt er mit großen Augen.
Bill runzelt die Stirn. „Ja?“
„Ich habe gehört, Ihre Frau hat bei der Schlacht um Hogwarts gekämpft wie eine Löwin!“
„Hat sie“, antwortet Bill tonlos, Teddy windet sich leicht auf seinem Arm, er will zu seiner Mutter. Seine Haare färben sich feuerrot.
„Bitte, es geht nicht nur um diesen Artikel, den ich schreiben soll …“, sagt der Mann und wringt die Hände.
Tonks seufzt leise. „Wenn es sein muss …“
Er tritt ein, er stellt sich als Dandelion Meadows vor, alle nennen ihn Danny. Er bewundert, was Harry und die Mitglieder des Ordens geleistet haben, sagt er. Er bedauert, dass er sich nur versteckt hat, sich und vor allem seine Frau.
Es hat ihm nichts genutzt. Es hat ihr nichts genutzt.
„Können Sie mir von dem Kampf erzählen, Mr Weasley?“
„Ich kann Ihnen erzählen, was mir mein Bruder Fred erzählt hat.“
„Perce kam zurück, er hat einen Witz gerissen. Kannst du dir das vorstellen, Bill? Perce und Witze machen? Hat mich echt von den Socken gehauen. Dann war da diese Explosion … Fleur hat mich rechtzeitig aus dem Radius gezogen. Ohne sie wäre ich … Jedenfalls, wir sind mit dem Schrecken davon gekommen.
Dann ging alles wieder drunter und drüber, Perce war irgendwo anders, Rauch, Feuer, man hat nichts mehr gesehen. Fleur und ich blieben dicht beieinander. Wir haben die Todesser nur ausgeknockt, nie getötet. Wir hätten sie töten sollen, Bill. Wir hätten sie töten sollen. Es waren viele, wir waren auf einer Treppe, Teile davon waren eingebrochen. Wir konnten nirgendwo hin.
Sie haben uns umzingelt. Ich war mir sicher, das war’s.
Fleur war gut. Sie war so verdammt gut. Ich hab keine Ahnung, was das für ein Zauber war, aber er hat uns Zeit verschafft, wir konnten durchbrechen. Fleur hat sie alle lahmgelegt, keine Ahnung wie. Es war nur für einen Moment. Wir mussten da weg. Wir sind gerannt, sie war genau hinter mir. Sie war die ganze Zeit hinter mir.
Ich hätte mich besser umsehen sollen … Ich hätte zurücksehen sollen, aber Fleur meinte, ich soll nicht zurückschauen … Ich hätte es tun sollen, Bill …
Als ich weiter oben an der Treppe dann doch stehen geblieben bin, war sie nicht mehr hinter mir. Ich hab nach ihr gerufen, ich bin zurück gerannt so schnell ich konnte.
Sie hat gekämpft, sie hat sich nicht zurückgehalten. Da waren ein paar hässliche Flüche dabei, die sie auf die Todesser los gelassen hat. Es waren immer noch so viele, aber sie hat es mit ihnen allen aufgenommen.
Ich werd das nie vergessen. Der grüne Lichtblitz. Wie aus dem Nichts.
Da lag sie, auf einmal lag sie einfach da. Ich kann dir nicht sagen, wie das passiert ist. Ich kann mich nicht erinnern.
Ich weiß nicht mehr, welche Zauber ich benutzt hab. Ich dachte einfach, dass ich sie retten muss. Fleur hatte schon so viele kampfunfähig gemacht. Es waren nicht mehr viele übrig, ich konnte sie in die Flucht schlagen.
Ich bin gleich zu ihr gerannt. Ich dachte, es war nur ein Stupor. Ich weiß nicht mehr, wie viele Rennervate ich gesprochen hab.
In meinen Träumen tue ich das noch. Jede Nacht. Jede Nacht liegt sie da und ich spreche diesen Zauber … Rennervate.
Es war ein grüner Lichtblitz.
Eigentlich wusste ich es da schon.
Aber das konnte nicht wahr sein, oder? Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Nicht so …
Fleur hat so gut gekämpft und ich so schlecht.
Bill …
Es waren zu viele. Ich konnte nichts tun … Ich hab alles getan … Es tut mir so leid. So leid …“
Danny nickt, zeigt offen seine Betroffenheit über Fleurs Schicksal und die Schuldgefühle, die Bills Bruder Fred fortan plagen.
Dann wendet er sich Tonks zu. „Und Mr Lupin?“
„Fenrir Greyback“, sagt Tonks und lacht verbittert auf.
Danny zuckt zusammen. „Greyback hat ihn erwischt?“
„Ja. Sie wollen keine Details. Glauben Sie mir, Danny, das wollen Sie nicht.“
I could‘ve walked away
I should‘ve walked away
Teddy schläft, zumindest für den Moment. Andromeda ist bei ihm, Tonks braucht eine Pause.
Sie sitzt im Wohnzimmer, Bill ist bei ihr. Mit Danny zu reden lief sehr viel besser als gedacht. Dannys Geschichte war traurig und bitter. Und obwohl es sich nicht schlecht angefühlt hat über die Ereignisse zu sprechen, ist Tonks nun erschöpft, ausgelaugt und trauert. Denn Trauer ist ein alter Freund, der immer wieder kehrt. Vor allem dann, wenn man es am wenigsten erwartet.
Bill sitzt dicht neben ihr, einen Arm um ihre Schulter gelegt. Sich schweigend gegenseitig Trost zu spenden hat sich eingeschlichen – ist geblieben.
„Denkst du manchmal … Hm.“ Tonks hält inne, reibt sich mit ihren Händen über ihr tränenverschmiertes Gesicht. „Das sollte man gar nicht denken …“
„Ist schon gut“, sagt Bill leise. Was auch immer durch Tonks Kopf geht, es ist mit Sicherheit nichts, was er nicht schon selbst gedacht hat.
Sie schweigt wieder für eine Weile, sammelt sich.
„Denkst du manchmal … Ich meine … Manchmal wünschte ich, Remus und ich wären nicht dort gewesen. In Hogwarts.“
„Ich denke, fast jeden Tag, dass Fleur nicht hätte sterben müssen, wenn ich nicht angefangen hätte mit ihr auszugehen.“
Tonks sieht ihn mit geröteten Augen an. „Du bist nicht Schuld an dem, was diese kranken Schweine ihr angetan haben!“
„Vielleicht. Aber ohne mich, wäre sie in Frankreich gewesen“, widerspricht Bill müde.
Es ist die Wahrheit. Er hat sie nie dazu aufgefordert, mit ihm für den Orden zu kämpfen, ein Mitglied zu sein, in den Krieg zu ziehen. Fleur hat all dies selbst entschieden, für eine bessere Welt – für ihn. Er hat sie nicht aufgehalten. Das stand ihm nicht zu, es war ihre Entscheidung.
Aber wenn er sie in Gringotts nie kennengelernt hätte, wäre sie jetzt nicht sechs Fuß unter der Erde. Das ist einfach so.
„Es ist schrecklich, aber es gibt Nächte, da wünschte ich, wir wären weggelaufen“, sagt Tonks leise, krümmt sich und weint in ihre Hände. „Das ist so feige!“
Bill zieht sie zu sich und wiegt sie sanft. „Nein. Das ist menschlich. Es ist völlig okay, sich das zu wünschen. Du bist kein schlechter Mensch, du bist nicht feige. Du willst Remus zurück. Ich will Fleur zurück.“
Die Nacht wird lang. Teddy wacht auf, Tonks muss aufstehen, Bill bleibt auf der Couch. Vielleicht kommt sie zurück. Vielleicht kann sie schlafen, das wäre gut. Er kann nicht schlafen, das ist okay.
Not quite but close
As though I‘d seen a ghost
Was it too much to feel the touch
Of someone that you couldn‘t love?
Of someone that comes and goes?
Als Bill abends nach Hause kommt, sich die Drachenlederstiefel von den Füßen tritt und ins Wohnzimmer trottet, ist er nicht überrascht, Tonks auf seiner Couch vorzufinden. Ein Glas Eistee in der Hand, Pfirsich, ein kleines Stieleis in der anderen.
Bill hat beides immer da, weil Tonks das mag. Weil Tonks kommt und geht, wie es zeitlich passt. Und er kommt zu ihr und geht, wie es zeitlich bei ihm passt.
Ein Gentlemen-Agreement, das sich einfach so eingebürgert hat.
Manchmal wollen sie reden, über ihren Tag, über die neuesten Entwicklungen in der Zauberer-Welt. Manchmal haben sie einen schlechten Tag, trauern, fühlen sich einsam, suchen Trost. Manchmal sagen sie gar nichts und sitzen nur nebeneinander da.
Ein Mal hat Bill einen Löffel in ein rundes Glas verwandelt, ein rundes Aquarium. Es mit Wasser gefüllt und einen Goldfisch geschaffen. Den haben sie beide beobachtet. Dann hat Tonks ihn kaugummipink gefärbt.
Heute ist einer von den besseren Tagen. Das kann Bill sehen, daran, wie sie lächelt, sich freut ihn zu sehen. Da ist nicht diese Wolke der Trauer, die ihr Gesicht bedeckt, da ist Freude.
Er freut sich. Wenn Tonks glücklich ist, fühlt Bill sich gleich ein ganzes Stück leichter.
„Hey“, grüßt er sie und lässt sich neben sie auf die Couch fallen.
„Teddy fängt an zu laufen!“, erzählt sie sofort, greift nach einem Foto auf ihrem Tisch und zeigt es ihm.
Ein magisches Bild, auf dem Teddy auf wackligen Beinen wenige Schritte macht, bevor Andromeda ihn auffängt.
Bill lächelt breit. „Das ist großartig! Seit wann?“
„Gestern! Von einem Moment auf den nächsten. Andromeda meinte, ich hätte mich erst wo hochgezogen und wäre erstmal nur gestanden, aber … Teddy hat es direkt versucht. Er kommt noch nicht weit, aber er ist fest entschlossen!“
Tonks strahlt übers ganze Gesicht und nippt an ihrem Eistee.
„Schläft er?“, will Bill wissen.
Sie schüttelt den Kopf. „Noch nicht, ich dachte –“
„Gut, dass ich neues Flohpulver gekauft hab!“
Bill springt wieder auf die Füße, greift nach Tonks Handgelenk und zieht sie hinter sich her zum Kamin. Wenig später stehen sie in Andromedas Haus.
Teddy sitzt auf dem Wohnzimmerteppich und sieht die beiden erwartungsvoll an. Er ist den Kamin gewöhnt, die smaragdgrünen Flammen, dass plötzlich Leute daraus hervortreten. Er findet es interessant, mehr aber auch nicht.
Bill geht auf ihn zu, grüßt ihn und geht vor Teddy in die Hocke. Teddys Haare färben sich flammendrot.
„Macht er immer, wenn er dich sieht. Sogar wenn es nur ein Bild von dir ist“, sagt Tonks und setzt sich neben ihren Sohn und Bill auf den Boden.
„So? Gefallen dir rote Haare, ja?“, fragt Bill grinsend und kitzelt Teddy sanft, Teddy gluckst fröhlich.
„Zeigst du mir wie du läufst?“
Natürlich zeigt Teddy den ganzen Abend über nicht, wie gut er schon laufen kann. Aber das macht nichts, Bill hat einen großartigen Abend. Es gibt selbstgemachte Muffins von Andromeda, selbstgemachten Eistee von Tonks und selbstgemachte volle Windeln von Teddy. Bill ist so nett und wechselt sie, er kennt das. Er hat sechs jüngere Geschwister, das ist nichts Neues für ihn.
Sie spielen mit Teddy, versuchen ihn zum Laufen zu bewegen, bis er gähnt und sich die Äuglein reibt.
„Zeit fürs Bett“, verkündet Tonks, schnappt sich Teddy und trägt ihn ins Bad, um ihn bettfertig zu machen.
Andromeda kommt ins Wohnzimmer, Bill sitzt auf der Couch, sie setzt sich in den Sessel.
„Danke, Bill“, sagt sie lächelnd.
Er sieht sie fragend an. „Wofür?“
„Dafür, dass du für sie da bist.“
Bill runzelt die Stirn. „Sie ist für mich.“
„Ihr seid füreinander da. Das ist sehr gut.“ Andromeda steht nach einigen Minuten wieder auf, drückt sanft Bills Schulter und geht Richtung Schlafzimmer, um Tonks mit Teddy zu helfen.
Als Teddy endlich schläft, kommt Tonks zurück, setzt sich neben Bill auf die Couch und lehnt ihren Kopf gegen seine Schulter.
„Fast ein Jahr“, sagt sie leise und schließt die Augen.
„Ja. Nächste Woche ist es so weit.“ Bill schließt ebenfalls die Augen, lässt seinen Arm um ihre Schultern gleiten.
„Wie geht’s dir damit, Bill?“
Er neigt den Kopf, denkt darüber nach. „Besser als erwartet. Dir?“
„Auch. Ich dachte, es wird schlimm. Aber … Es gibt jetzt so viel Schönes, es ist viel weniger schlimm als erwartet.“
Bill streichelt gedankenverloren Tonks‘ Schulter. Sie hat recht, es gibt so viel Schönes, es ist so viel Schönes passiert und so viel Schönes, das noch passieren wird.
Harry und Ginny haben keine Zeit mit ihrer Hochzeit verloren. Hermine und Ron heiraten nächstes Jahr, Hermine „braucht mehr Zeit zum Planen“, Ron ergibt sich seinem Schicksal. Fred und George sind schon lange mit ihrem Laden beschäftigt, freuen sich immer, wenn Bill vorbei kommt.
Es ist besser geworden, zwischen Bill und Fred. Es ist nicht so, dass Fred sich nicht mehr schuldig fühlt, aber er lernt damit umzugehen.
Sie alle lernen langsam mit ihrem Päckchen umzugehen. Manchmal klappt es besser, manchmal schlechter.
Bill merkt, dass Tonks‘ Hand sich in seine gelegt hat, dass ihre Finger sich fest um seine schließen. Das ist neu.
Es fühlt sich richtig an.
Es fühlt sich falsch an.
Bill zieht seine Hand aus ihrer.
„Tut mir leid“, sagt Tonks erschrocken und zieht sich zurück.
Bill will sie nicht ansehen, er starrt auf seine Hand.
„Ich sollte jetzt lieber gehen“, murmelt er, steht auf und geht zum Kamin. „Gute Nacht, Tonks.“
„Gute Nacht, Bill.“
Sie klingt traurig, er ist traurig. Er will zurückgehen und sich zu ihr setzen. Er will bei ihr sein, er will nach Hause gehen. Er will Fleur zurück, er will allein sein.
Er will nicht mehr allein sein.
Bill kann nicht sagen, was er will. Er braucht Zeit.
So how are you?
I‘m doing well
I‘m fighting tears, you couldn‘t tell
I‘m not as strong as you thought I was
Seit diesem einen Abend ist Tonks nicht mehr zu Bill gekommen und er nicht zu ihr.
Morgen ist der 2. Mai. Bill ist nervös, er kann sich auf der Arbeit nicht konzentrieren, er hat nicht frei genommen, er will nicht alleine zu Hause rumsitzen. Er will auch nicht in den Fuchsbau gehen und dasitzen, während seine Familienmitglieder um ihn herumschleichen und ihn behandeln wie ein rohes Ei.
Seine Augen gleiten immer wieder zum Kamin. Sollte er …? Nein. Oder doch?
Die Flammen lodern smaragdgrün auf.
Tonks tritt aus dem Kamin, sie sieht erschöpft aus, schlaflos, müde.
Bill sitzt auf der Couch, langsam steht er auf.
„Hey“, sagt Tonks, die Arme um ihren Oberkörper geschlungen.
„Hey“, sagt Bill, zögert nur einen kurzen Moment, dann geht er zu ihr hinüber und zieht sie in eine feste Umarmung.
„Es tut mir leid“, murmelt er in ihr mausbraunes Haar.
Sie befreit sich sanft aus seiner Umarmung, streicht sich nervös die Haare aus dem Gesicht, schüttelt leicht den Kopf. „Nein, nein. Mir tut es leid. Ich hätte das nicht tun sollen … ohne zu fragen …“
„Ich war nur … überrumpelt“, versucht Bill sich zu erklären, obwohl er selbst nicht so genau weiß, was in ihm vorgeht.
Seine Gefühle sind ein widersprüchliches Chaos. Tonks‘ Gefühle scheinen ihn in dem nichts nachzustehen.
„Ich hab nicht nachgedacht“, sagt sie, seufzt, tritt von einem Bein aus andere.
Bill zuckt mit den Schultern. „Ich hab nachgedacht, hat nix gebracht.“
Tonks muss leise lachen, Bill lächelt sie sanft an.
„Ich weiß nicht, was ich mir davon versprochen hab“, sagt sie schließlich und sieht Bill unsicher an.
Er nimmt sie wieder in den Arm. Tonks fühlt sich vertraut an. Die kurze Zeit, in der er sie sich nicht gesehen haben, in der er nicht wusste, was genau aus ihrer Beziehung geworden ist, war eine schreckliche Zeit.
Tonks murmelt gegen seine Brust gelehnt. „Es fühlt sich plötzlich falsch an – du und ich. Und richtig. Ich liebe Remus.“
„Ich liebe Fleur.“
„Wann weiß man, dass es okay ist?“
„Ich weiß es nicht.“
Eine Weile stehen sie so da, dann setzen sie sich auf die Couch.
„Teddy schläft?“, fragt Bill.
Tonks nickt. „Ich weiß aber nicht, wie lange …“
„Dann lass uns zu dir gehen.“
Sie treten aus dem Kamin und setzen sich auf Tonks‘ Couch. Andromeda ist bei Teddy, es beruhigt sie, ihn schlafen zu sehen, sagt sie.
Bill nimmt Tonks‘ Hand in seine, schließt seine Finger fest um ihre. Er liebt Fleur. Das heißt nicht, dass er Tonks nicht lieben darf.
Es ist nicht dasselbe. Natürlich ist es das nicht. Es ist immer anders. Trotzdem ist Bill erleichtert.
Sie erwidert seine Geste, den Kopf gegen seine Schulter gelehnt. Bill lehnt seine Stirn gegen ihren Kopf, streicht mit seinem Daumen über ihre Hand. Nach einer Weile blickt sie auf, sieht Bill forschend ins Gesicht. Sie versucht zu erraten, was sie tun darf und was nicht.
Er nimmt ihr die Entscheidung ab, weil er wissen muss, wie es sich anfühlt. Er lehnt sich zu ihr hinunter und küsst sie sanft. Nur kurz, einen Herzschlag lang. Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit.
Es ist anders, das ist gut so. Es fühlt sich nicht falsch an – nur anders.
Bill zieht sich zurück, bevor Tonks den Kuss wirklich erwidern kann. Unsicher sieht sie ihn an, er lächelt.
„Was denkst du?“, flüstert sie leise.
„Wundervoll.“
„Ich auch.“
Dieses Mal übernimmt Tonks die Führung, nimmt sein Gesicht in ihre Hände, streicht mit dem Daumen über seine Wangen, zieht ihn sanft zu sich hinunter und küsst ihn vorsichtig. Bill versucht sich für einen Moment zu erinnern, wann sein Herz das letzte Mal vor Freude höher geschlagen hat, er erinnert sich, aber es war anders, damals.
Er liebt Fleur. Er liebt Tonks.
Sie liebt Remus. Sie liebt Bill.
Sie wissen nicht, wie lange sie auf der Couch sitzen, aber irgendwann wacht Teddy auf, Tonks muss gehen, Bill küsst sie auf die Wange, sie küsst ihn auf die Stirn.
„Bis morgen.“
„Es ist“, er sieht auf die Uhr, „ein Uhr morgens.“
Sie kichert. „Bis später.“
„Bis später.“
Bill hat sich allein gefühlt. Niemand kann Fleur ersetzen – aber das soll auch keiner. Bill war nie wirklich allein, das weiß er auch. Aber jetzt fühlt er sich auch nicht mehr allein.
Er umarmt Tonks ein letztes Mal bevor er zum Kamin geht. Er kann es kaum erwarten, morgen wieder hier zu sein. Vielleicht zeigt Teddy ihm später, wie gut er schon laufen kann.