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Feloidea - Das WerkatzenDuett

Kyo / Kaoru
von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Update: Dieses Kapitel wurde überarbeitet, Fehler korrigiert und einige Schönheitskorrekturen vorgenommen. (1.7.2025) Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Es ist Freitag und damit Zeit für das nächste Feloidea Kapitel.

Nachdem ich den armen Kyo letzte Woche ja schon in die Hölle geschickt habe, geht sein Leidensweg nun fröhlich weiter.

Eine kleine Warnung vorab: Hier und auch in den kommenden Kapiteln, wird es immer wieder um seine fiktionale Vergangenheit gehen. Die Warnung im Vorwort, habe ich wirklich nicht umsonst hinterlassen!

Für euch ist es erst Kapitel 2, aber ich habe bereits bis Kapitel 22 vorgeschrieben und mir den Spaß erlaubt, ein wenig zu rechnen. Wenn ich jeden Freitag eines hochlade, dann könnt ihr den aktuellen Stand im Dezember lesen. Irgendwie finde ich diese Zahl einfach nur krass und bin von mir selbst maximal beeindruckt.

Alle Kapitel haben bislang eine Länge von 8 – 15 Seiten. Heute gibt es mal eines der längeren.

Bevor ich weiter Unsinn schreibe, lasse ich euch auf Kapitel 2 los.

Viel Spaß und liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Endlich! Ich bin tatsächlich gehypte darauf, dieses Kapitel hochzuladen.

Wie bereits im Vorwort angekündigt, wird es jetzt eine der alten OCs geben und ich freue mich, dass sie endlich mal wieder auftauchen darf.

Für den Fall, dass sich jemand der alten Leserschaft wundern sollte: Ich habe ihren Nachnamen geändert, aber es ist immer noch die selbe Chrissy von damals.

Und um Fragen vorzubeugen: Nein, sie ist nicht die Love Intrest in der Geschichte! (Es gibt keine Love Intrest)


Wie immer tausend dank an meine liebe Freundin Durah, welche sich diesen Wahnsinn hier Woche für Woche gibt und fleißig kommentiert.
Danke dir :D

Nun aber viel Spaß mit Kapitel 3
Wir sehen uns im Nachwort nochmal wieder.

Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Der Titel verrät es bereits und, wie auch beim letzten Mal, freue ich mich darauf das Kapitel hochzuladen.

Ja, es ist Donnerstag, aber ich habe morgen keine Zeit und musste den Uploadtag vorverlegen. Ich bin sicher, dass euch das nicht stören wird ;)

Dieses Mal wird es um etwas gehen, woran ich in Feloidea 1 bereits wahnsinnig viel Spaß hatte. Surreale Traumsequenzen sind nicht einfach zu schreiben, aber wenn man den Dreh einmal raus hat, dann kann man so richtig eskalieren!

Euch werden zudem kleine Zwischensequenzen auffallen, welche hier mit einfachen Anführungszeichen und Kursivschrift dargestellt werden. Sie stehen also gesondert und ich hoffe sehr, dass ihr erkennen werdet, auf was genau sie abzielen.


Deren Inhalt ist nicht gerade einfache Kost, deswegen an dieser Stelle das erste Mal eine ausführliche Inhaltswarnung:

Depressionen und psychische Erkrankungen werden thematisiert, ebenso Selbstverletzendes Verhalten und Suizid.


Liebe Grüße und wir lesen uns im Nachwort noch einmal

Feenja Wesker


Musikalisches Thema:

Ich will dieses Mal auf Leviathan - Old City aus der Feloidea-Playlist verweisen. Das ist ein richtiger Klassiker in meinem Werkatzenuniversum und hat mir bereits oft gute Dienste beim Schreiben geleistet. Ihr werdet verstehen warum.

https://youtube.com/playlist?list=PLOmykKgEd2dpddp6f9D7nOdIzmpE2pWJR Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Willkommen zu Kapitel 5
Nachdem ihr nun schon das Vergnügen hattet, meine liebe Christine kennenzulernen, taucht heute der zweite und komplett neue OC auf, welcher in dieser Ausgabe von Feloidea extrem wichtig wird!
Bislang mag ich ihn sehr und auch wenn ihr jetzt noch nicht so viel von ihm lesen werdet, so kann ich euch schonmal versprechen, dass es einige Szenen zwischen ihm und Kyo geben wird, die mir persönlich extrem gut gefallen.

Wichtig: Ich spreche hier immer wieder von ‘dissoziativen Phasen’ und will vorab deutlich betonen, dass es hierbei nicht um das geht, was man auf TikTok darüber so zu sehen bekommt. Zwischen den insgesamt vergleichsweise wenigen Menschen, die tatsächlich unter diesem Krankheitsbild leiden, gibt es jede Menge Trittbrettfahrer, die mit Falschwissen nur so um sich werfen.
Eine ‘dissoziative Persönlichkeitsstörung’ hat in vielen Fällen übrigens nichts mit einer ‘gespaltenen Persona’ zu tun, was viele oft denken. Es gibt einige sehr gute Beiträge davon auf den Seiten diverser, offizieller Vereine. Das sind bessere Informationsquellen als TikTok.

Zu meiner Person, ich habe vor vielen Jahren eine Ausbildung zur Ergotherapeutin gemacht und war in dieser Zeit nicht nur an einer medizinischen Fachschule, sondern habe in den langen Praktika unter anderem auch mit psychisch erkrankten Patienten zu tun gehabt. Nach 2,5 Jahren habe ich diese Ausbildung jedoch abgebrochen und bin ins digitale Handwerk gegangen. Meine Erfahrungen damit, habe ich aber beim verlassen der Fachschule nicht an der Garderobe abgegeben.

Ich bin also auf diese Weise damit in Kontakt gekommen, auch wenn ich nicht unter dem leide, was ich dem armen Kyo hier auf den Leib schneider.
Vieles bleibt in der Geschichte nur wage angeschnitten, denn ich versuche falsche Klischees möglichst zu umgehen. Und in Kombination mit seiner Katzennatur, wird sich einiges für ihn ohnehin ändern.
Ich maße mir hier keine Diagnosen ihm gegenüber an! Diese Geschichte ist reine Fiktion!

Danke nochmal an Durah, für den lieben Kommentar.
Ich freue mich über jede Form der Reaktion und winke in Richtung all jener, die das hier mitverfolgen. Hoffe doch, dass es euch genau so viel Spaß macht zu lesen, wie es mir Freude bereitet es zu schreiben. Aktuell ist Kapitel 25 in Arbeit und ich habe Seite 300 erreicht.
Tatsächlich hätte ich nicht erwartet, dass es noch einmal eine so lange Feloidea-Story geben würde! Kyo ist eine großartige Inspirationsquelle.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Zack, da bin ich wieder!
Ich hätte echt niemals gedacht, dass ich es so zu schätzen lerne, eine Story derart weit vorzuschreiben und sie dann Stück für Stück hochzuladen.

Aktuell habe ich beruflich unglaublich viel zu tun und wüsste gar nicht, wo ich die Zeit hernehmen sollte, um jede Woche ein langes und gut durchdachtes Kapitel zu verfassen.
Zusätzlich zu der Tatsache, dass ich bereits mit einer sehr geringen Leserschaft gerechnet und dies auch entsprechend eingeplant habe. Unter normalen Umständen, hätte mich nach Kapitel 3 vielleicht schon die Lust verlassen.

Durah hingegen weiß genau, dass ich momentan echt voll im Game bin! Die Ärmste muss sich hier tagtäglich diverse Spoiler und ewig endlose Vorträge über die Geschichte anhören. Was nicht nur deshalb gemein ist, weil es Spoiler sind, sondern auch, weil ich sie auf Kapitel heiß mache, die ich erst im Januar hochladen werde xD
Sorry dafür.

By the way, ich hoffe euch gefällt die Geschichte bislang.
Die OCs werden einen nicht gerade kleinen Anteil daran tragen. Bislang bin ich ganz glücklich mit meinem Ensemble.
Und wie viele Wörter mit Katze werden mir noch einfallen? Ja! :D Es ist eine alte Feloidea-Tradition, dass die Kapitelnamen immer mit ‘Katze-’ beginnen und dann random ein anderes Wort dran geklatscht wird. Deutsch kann so eine lustig dumme Sprache sein.

Heute gibt es das erste Expositions-Kapitel. Im Gegensatz zu Feloidea 1, werde ich die ganzen Erklärungen auf mehrere Kapitel, über die gesamte Länge der Story aufteilen. Es kommt also nicht mehr alles auf einmal, sondern in praktischen, kleinen Häppchen.

Sollte trotzdem etwas unklar sein, dann fragt ruhig nach :) Ich antworte stets auf Reviews. Durah bekommt meine Kommentare zu ihren Reviews lediglich immer direkt verbal mitgeteilt, da wir fast Nachbarn sind.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Endlich ist Freitag

Man was war das denn für eine grauenhafte Woche! Nicht genug, dass der Sommer einfach nicht aufhören will und man sich hier zu Tode schwitzt, ich war am Montag auch noch so krank, wie schon lange nicht mehr. Geht Feenja deswegen zum Arzt und lässt sich krankschreiben? Natürlich nicht, denn manchmal bin ich einfach eine Idiotin :D
Aber sei es drum, hier ist nun also Kapitel 7 und es ist echt schräg, dass ich das hier schon seit sieben Wochen mache.

Grüße gehen natürlich wieder an Durah, die immer fleißig kommentiert und mir nach wie vor bei all meinen seltsamen, ewig langen Ausführungen zuhören muss.

Liebe Grüße
Feenja Wesker

[Überarbeitet am 24.12.2025] Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo Katzenfreunde

Endlich! Ihr glaubt nicht wie sehr ich mich darauf freue, die folgenden Kapitel zu posten.
Nachdem wir Kyo ja nun, etwas unsanft, in Japan abgeliefert haben, bekommt er nun so langsam einen Eindruck davon, was genau es bedeutet, ein Teil dieser merkwürdigen Katzenwelt zu sein.

Das hier ist in erster Linie ein informatives Kapitel. Also passt gut auf und macht euch Notizen, am Montag schreiben wir darüber eine Klausur ;)
Aber ich will nicht zu lange herum schwafeln und lasse euch erst einmal in Ruhe lesen. Unten im Nachwort, gehe ich nochmal konkret auf alles ein.
Wir lesen uns also in einer halben Stunde.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo Katzenfreunde,
ratet wen es komplett entschärft hat und wer die gesamte Woche krankgeschrieben bei den eigenen Eltern herum gelegen hat? Ja, fängt mit F an und hört mit eenja auf. Meine Freude über diesen Zustand war absolut grenzenlos, wie ihr euch ja sicherlich denken könnt .__.
Wie dem auch sei, hier gibt es ein neues Kapitel.

Schön dass Satoshi so gut bei euch ankam.
Naja gut, eigentlich hat nur Durah geschrieben, dass sie ihn gut findet. Aber da ihr Kommentar der einzige ist, macht das bereits 100% aller Kommentare aus und somit kann ich davon ausgehen, dass er sich großer Beliebtheit erfreut :D

Ich wünsche euch viel Spaß beim neuen Kapitel. Es ist deutlich länger als die letzten und es wird endlich mal wieder ein wenig spannend.
Wir lesen uns in der Nachbesprechung.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde
Jetzt haben wir tatsächlich schon Kapitel 10 erreicht. Aber keine Sorge, so schnell geht uns der Lesestoff nicht aus. Tatsächlich habe ich offline bereits bis Kapitel 29 vorgeschrieben. Sollten mir also spontan alle Ideen ausgehen, dann ist zumindest bis Ende Januar 2025 vorgesorgt.

Okay, ich hoffe ihr habt euch alle von dem Schreck letzte Woche erholt. Kyo zumindest musste ganz schön einstecken. Aber keine Sorge, so einfach geht unser Katzenboy nicht drauf!
Heute wird es wieder ein wenig ruhiger, dafür wird mal wieder viel geredet und Wunden geleckt. Vielleicht sollte sich unser Warumono mal eine Klinikpackung Pflaster zulegen. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass er den ein oder anderen Kratzer abbekommt.

Vielen Dank auch wieder an Durah, für die lieben Kommentare. Dann poste ich zumindest nicht gänzlich in den schweigenden Äther hinein. Zum Glück weiß ich aber, dass es genug Klicks auf die Story gibt und es wohl auch der ein oder andere dabei ist, der hier jede Woche reinschaut.

So, genug gelabert, jetzt geht es weiter mit Gelaber.
Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde.
Ist das zu glauben? Nun lade ich schon seit elf Wochen die Kapitel hoch :D fühlt sich irgendwie immer noch sehr unwirklich an. Schön, dass es immer noch gelegentliche Klicks auf die Fanfiktion gibt.
Ich weiß, aktuell passiert noch nicht viel, aber gebt Kyo ein wenig Zeit. Ich mag es einfach nicht so sehr, wenn Geschichten eine Aneinanderreihung von einer Actionszene nach der anderen sind.
Heute ist der Kapitelname aber irgendwie auch das Thema. Generell versuche ich immer, die Kapitel so zu benennen, dass sie den Inhalt irgendwie spiegeln.

Ach, da fällt mir was ein!
Der Dango-incident! Als ich die Videos auf Twitter gesehen habe, hab ich fast in die Tischkannte gebissen vor lachen. Einfach, weil Kyo sich die ganze Zeit wie eine Katze verhält und ich liebe alles daran! :D

Ich hoffe doch, dass ihr eure Freude hieran haben werdet und wir lesen uns im Nachwort nochmal.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde,

endlich haben wir Oktober, den besten Monat des Jahres - und da gibt es für mich auch keinerlei Diskussionsgrundlage, ihr wisst genau, dass ich recht habe ;)
An dem heutigen Kapitel hatte ich eine Menge Spaß, wie man bestimmt erkennen kann. Ich lasse unseren lieben Kyo mal ein wenig von der Leine, aber der wirkliche Spaß, kommt nächste Woche auf euch zu! Und es macht mich irgendwie happy, dass ausgerechnet diese beiden Kapitel, im Halloweenmonat an den Start gehen.

Und wo wir gerade davon reden. Am gestrigen Feiertag war die gute Feenja sogar mal fleißig und hat das Pendisplay angeschaltet. In meinem Shop ist nun eine süße kleine Katze im Halloween-Design verfügbar, welche unabsichtlich Miyas Vendetta-Frisur bekommen hat.
Das fiel mir aber erst auf, nachdem ich bereits dabei war, alles zu colorieren.
Schaut gern vorbei :)

Ansonsten geht mein Dank wieder an Durah, die wirklich zu jedem einzelnen Kapitel (auf FF.de) einen Kommentar abgibt.

Liebe Grüße und wir lesen uns im Nachwort
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Endlich kommt das Kapitel, auf das ihr vermutlich schon lange wartet.
Ich mag es sehr gern und ja, es hat wirklich dreizehn Kapitel gedauert! Ich denke damit ist nun wirklich klar geworden, dass ich mir sehr viel Zeit mit der Story lasse.
Heute wieder mal Donnerstags, weil ich morgen keine Zeit habe.

An dieser Stelle folgte übrigens ein absurd langes Vorwort (Durah kennt es), aber ich habe mich nun doch entschieden, es zu kürzen.
Um meine viel zu lange Rede kurz zu fassen: Ich habe die letzten Monate damit verbracht, sehr viele Interviews zu lesen und mir meine Gedanken zur Unterhaltungsindustrie und in dem Kontext auch zu Kyo zu machen.
Das Fazit meiner Überlegungen, zeichnet weder ein gutes Bild auf die Musikbranche, noch auf Fan-Communities im allgemeinen und ich glaube, dass das mit dem letzten Kapitel bereits deutlich geworden ist.

Meine Fanfiction ist nur eine Geschichte. Ich schreibe nicht über ihn, sondern betrachte ihn eher als eine Art Schauspieler, der hier eine Rolle einnimmt. Jedes Symptom, welches ich ihm in dieser Story andichte, ist frei erfunden und hat nichts mit ihm als Realperson zu tun.
Warum erzähle ich das?
Weil ich nochmal ganz klar betonen will, dass er weder in der Pflicht ist, uns über seine Diagnosen zu unterrichten, noch wir als Konsumenten irgendein Recht darauf haben, etwas über ihn als Privatperson zu erfahren.
Wir konsumieren seine Arbeit und alles andere, geht uns einfach nichts an.

Wer sich noch an die Zeit um 2007 erinnert, der weiß, dass sich durch damalige Fanfictions sehr viele Gerüchte über ihn verbreitet haben. Gerüchte die nie belegt, bewiesen, oder irgendwas der gleichen wurden.
Fans haben die immer wieder gleichen Themen voneinander abgeschrieben, bis es zum Fancanon wurde und sich irgendwann so sehr mit der Realität vermischte, dass alles ein undurchsichtiger Brei aus Fiktion und Wirklichkeit wurde.
Wenn Künstler, unter anderem deshalb, irgendwann gezielt auf Abstand zu den Fans gehen, ist dies also wenig verwunderlich. Eure Lieblingskünstler sind euch nichts schuldig!
Nehmt das einfach als kleinen Denkanstoß und macht mit dem Gedanken was ihr wollt.

Okay, entschuldigt dieses etwas ernste Vorwort, ich lasse euch dann mal auf dieses viel zu lange Kapitel los. Ich halte mich schon länger aktiv aus Fan-Communities jeder Art heraus, einfach weil sie sich am Ende doch wieder nur als toxischer Pfuhl herausstellen und ich weder die Zeit, noch die Nerven aufbringen will, mich länger mit Menschen zu beschäftigen, die nichts anderes im Sinn haben, als zu hetzen und zu mobben.

Liebe Grüße und wir lesen uns im Nachwort
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde
und herzlich willkommen, zu einem ewig endlosen Kapitel! Es tut mir ja irgendwie fast schon leid, erneut so einen Mehrseiter auf die Welt loszulassen, aber ich werde jetzt ganz sicher nicht anfangen, alles wieder zu kürzen und die Kapitelteilung neu zu vergeben :D

Warum labert die Frau eigentlich immer so viel, in den Vor- und Nachwörtern?
Gute Frage. Vermutlich will ich einfach nur meine Gedanken zu der Geschichte mitteilen und warum ich mich für diese und jene Dinge entschieden habe, oder welchen Hintergrund es dazu gibt.
Ich weiß, dass sich Durah mein Gefasel immer durchliest, aber da ist sie wahrscheinlich die einzige. lol

Ach ja, übrigens, danke für euer Interesse an der Story. Ich sehe es anhand der Klicks und wie mir scheint, schalten hier durchaus jede Woche einige Leute ein, um sich wieder mal durchzulesen, was Frau von und zu Wesker, da schon wieder mit dem armen Kyo anstellt.
Ohne Scheiß, er tut mir langsam selbst leid. Zumindest in den aktuellen Februar-Kapiteln und glaubt mir, unser Lieblingsschreihals wird eine Menge durchmachen müssen, bis es vielleicht mal wieder besser wird.
Fast schon schade, dass ich noch nicht spoilern darf.

Das heutige Kapitel hat einige meiner absoluten Lieblingsszenen dabei, an denen ich sichtlich Spaß hatte. Darum spanne ich euch mal nicht zu lange auf die Folter und lasse euch darauf los.

Liebe Grüße und wir lesen uns im Nachwort
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Huch, schon wieder eine Woche rum? Man, also jetzt rennt das Jahr echt nur so dahin, aber mir soll es, ehrlich gesagt, auch recht sein. 2024 war bislang, in großen Teilen, maximal zum vergessen und ich habe die stille Hoffnung, dass es zumindest 2025 etwas besser wird.

Wie war denn eure Woche bislang? Hattet ihr einen schönen Feiertag und ein schönes Halloween? Schade, dass der Oktober nun wieder vorbei ist.
Passend dazu, geht es heute mal ein wenig unruhiger zu und ich bin gespannt, was ihr dazu sagen werdet.

Falls sich jemand fragt, wieso genau es insgesamt eher seltener KatzenKyo zu lesen gibt:
Zum einen, weil es sonst nicht zur Geschichte passen würde. Die Katzenverwandlung ist schwierig, traumatisch und die Rückverwandlung jedes Mal schmerzhaft. Keiner meiner Katzen will das freiwillig, weswegen sie eben dies auch ständig versuchen zu vermeiden.
Zum anderen liegt es aber auch daran, dass es nicht ganz einfach zu schreiben ist, da es im Grunde immer auf eine Konflikt - / Kampfsituation hinauslaufen würde und ich bin eher die Schreiberin für psychosoziales Gefasel (Merkt man, oder?)

Nun denn, ich hab heute mal nicht viel zu sagen, außer dass ich euch viel Spaß beim neuen Kapitel wünsche.
Liebe Grüße und wir lesen uns im Nachwort.

Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde
Nanu, Upload an einem Donnerstag?
Ja genau, weil wir heute einen etwas schrägen Geburtstag feiern. Denn am 7.11.2014, lud ich das aller erste Mal, ein Kapitel meiner Feloidea-Geschichten hoch. Das heißt, meine Werkatzen sind nun schon ganze 10 Jahre alt.

Irgendwie kann ich es immer noch nicht so richtig glauben, dass sie mich nun schon so lange begleiten. Abgesehen von einigen Versuchen, sie in anderen Fandoms zu etablieren, ist diese Story hier, die mit Abstand beste Version.
Tatsächlich finde ich sogar, dass sie viel besser funktioniert, als damals noch Feloidea 1.
Das kann aber auch einfach nur daran liegen, dass ich seit damals sehr viel gelernt habe und, mit einer Menge Abstand, auch etliche Fehler ausbessern kann, die mir damals unterlaufen sind.

Ich mag das heutige Kapitel sehr gern, weil es wieder einige Szenen beinhaltet, die mir persönlich gut gefallen und gelegentlich darf es auch mal ein Lichtblick, für unseren armen gebeutelten Kyo sein.
Übrigens habe ich soeben nachgezählt und der aktuelle Vorrat an Kapiteln, reicht bis zum 21. März 2025 :D

Ich wünsche euch viel Spaß und wir lesen uns im Nachwort.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Sollte sich jemand gefragt haben, warum letzte Woche kein Kapitel kam:
Ich hatte keine Lust.
Da nur Durah kommentiert, konnte ich auch nur ihr bescheid geben. Dafür gibt es den Upload diese Woche schon am Donnerstag, weil ich keine Zeit habe.

Wenn ihr also ein wenig auf dem aktuellen Stand bleiben, oder wissen wollt, was mir so durch den Kopf geht (mit gelegentlichen Updates zur Story) dann schaut auf Bluesky vorbei.
Seit Twitter für uns alle nicht mehr nutzbar ist, bin ich mittlerweile dort am aktivsten. Ich poste sehr oft irgendwelchen Unsinn :)
https://bsky.app/profile/feenjawesker.bsky.social

So, nach dem heißen Kapitel vom letzten Mal, kommen wir nun wieder zurück und schauen, wie sich unser KatzenKyo so auf dem Konzert macht. Sex soll ja eine recht entspannende Wirkung haben. Aber ob das auch für Feli gilt?

Viel Spaß und wir lesen uns im Nachwort.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde
kann dieses Jahr bitte einfach vorbei sein? Es geht hier echt alles schief, was schief gehen kann und ich hab einfach keinen Bock mehr .__.
Naja egal, ich bin müde und hab heute nicht viel mehr zu sagen als: Viel Spaß mit einem Kyo, der genau so motiviert ist, wie ich. Wobei ich dieses Kapitel irgendwie mag. Es ist mal ein wenig seichtere Unterhaltung.

Liebe Grüße und wir lesen uns im Nachwort
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Da hätte ich ja beinahe drauf verzichtet, diese Woche ein Kapitel hochzuladen. Zum Glück habe ich mich dann aber doch anders entschieden.
Wieder einmal geht mein Dank an Durah, die sich das hier jede Woche gibt, Tag für Tag meine Monologe erträgt und tapfer meinen ewig endlosen Ausführungen una Analysen zuhört. Du musst echt viel mitmachen :D aber da ja, außer dir, sonst niemand antwortet, musst du für alle herhalten.

Okay, das Jahr ist fast rum, meine Motivation ist komplett im Keller und ich bin froh, dass ich nur noch eine Woche durchhalten muss, bis ich endlich in den Urlaub gehen kann. Das ist wirklich dringend nötig und ihr ahnt nicht, wie unfassbar müde ich bin.
Die Vorarbeit, für die Geschichte, erstreckt sich mittlerweile auf Kapitel 40 und damit bis April nächsten Jahres. Ich kann mir also den ein oder anderen Ruhetag erlauben, was mich echt beruhigt.

Ein Nachteil dieser Vorarbeit ist allerdings, dass ihr alle vermutlich nicht wisst, was ihr so in die Kommentare schreiben sollt. Mitwirken könnt ihr ja leider nicht mehr :D ups.

Naja, wie auch immer, ich wünsche euch viel Spaß mit dem nächsten Kapitel und wir lesen uns im Nachwort.
Liebe Grüße
Feenja Wesker

PS: Übrigens ist es mittlerweile sehr nervig geworden, etwas auf animexx hochzuladen. Jedes Mal zerschießt es mir jetzt die Formatierung und ich muss alles händisch neu machen. Ist auch erst seit kurzem so. Wenn das nicht besser wird, stelle ich den Upload hier ein. Lesen könnt ihr die Story dann aber weiterhin auf FF.de und AO3 Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Tja und schon ist fast Weihnachten.
Als ich die Story angefangen habe, war es Anfang Juni und das erste Kapitel ging im Juli an den Start. Es ist schon krass, wie die Zeit vergangen ist. Und auch wenn ich immer noch nur eine einzige Leserin hier habe, mag ich das was ich schreibe sehr.

Natürlich würde ich mir gern etwas mehr Interaktion mit denen wünschen, die hier hin und wieder draufklicken. Allerdings gibt es, außer Durah, sonst niemanden der die Story favorisiert hat. Von daher gehe ich davon aus, dass sie euch nicht wirklich gefällt (außer Durah) Das ist zwar schade, aber nicht zu ändern. Feloidea ist sehr speziell und meine Art, Geschichten zu erzählen, ist um einiges spezieller.
Es ist alles sehr langatmig und für viele vielleicht sogar kaum nachvollziehbar, wieso der Fokus manchmal derart intensiv auf Details liegt, die eigentlich niemanden wirklich interessieren.

Ob es an meinem komischen Gehirn liegt, oder einfach nur daran, dass ich mich nicht anständig ausdrücken kann, weiß ich nicht.
Wer auch immer das hier also gerade liest: Hallo, schön dass du immer noch da bist und das hier liest. Hoffe dir geht es gut.

Wie auch immer, ich will nicht zu sehr rumjammern; egal wie emotional ich im Augenblick bin. Das Jahr hatte es wirklich in sich und ich werde sehr froh sein, wenn ich die Zahl 2024 nie wieder schreiben muss.

Ich hoffe, dass der ein oder andere trotzdem ein wenig Freude hieran findet.
Wir lesen uns nochmal im Nachwort.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Ich hoffe, dass ihr ein schönes Weihnachtsfest hattet und es nicht zu stressig war.
Ich für meinen Teil, werde sehr froh darüber sein, wenn alles endlich durch ist. Eigentlich will ich auch nicht zu viel labern, denn es geht direkt weiter mit einem etwas actionreicheren Kapitel.

Ist euch aufgefallen, dass seit zwei Kapiteln das geplante Shipping für diese Fanfiction in der Kurzbeschreibung steht? Auch wenn es eigentlich sehr schnell klar werden sollte, auf was genau ich hier von Anfang an hinaus will. Kyo/Kaoru sollte für niemanden einen große Überraschung sein.

Außerdem plane ich, dass ich im Januar mal wieder eine kleine Uploadpause einlege, aber das steht noch nicht zu 100% fest. 2024 hat einfach zu stark reingehauen.

Viel Spaß beim heutigen, etwas kürzeren Kapitel und wir lesen uns im Nachwort

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Man, was war denn das für ein selten dämlicher Start ins neue Jahr. Hoffe bei euch war es nicht ganz so doof, wie bei mir.
Leider kann ich euch heute kein besonders erbauliches Kapitel bescheren. Es wird mal wieder ewig lang und vor allem das Ende könnte ziemlich deprimierend werden.

Ursprünglich war es sogar noch länger und der letzte Part von Kapitel 23 (in dem Kyo und Yuuto miteinander sprechen), klebte eigentlich noch hier dran. Aber dann wäre alles so lang geworden, dass ihr das niemals bis zum Ende gelesen hättet.

Hoffe ihr mögt es trotzdem irgendwie und wir lesen uns im Nachwort nochmal.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Das heutige Kapitel kommt mit ein wenig Verspätung. Ich habe derzeit beruflich so viel um die Ohren, dass ich es nicht einmal geschafft habe, das hier Korrektur zu lesen.
Ist der überhaupt jemandem aufgefallen?

By the way habe ich die letzten Uploads mal ein wenig beobachtet. Also wenn meine Berechnungen stimmen, dann schauen hier regelmäßig mindestens fünf Leute rein. Keine Ahnung wer ihr seid, da sich die Favoriteneinträge nach wie vor nur auf Durah beziehen.
Aber ich hoffe, dass euch die Geschichte gefällt, auch wenn sie manchmal überladen, lang und irgendwie schwer greifbar ist.

Okay, heute passiert mal wieder Zeug und wir sehen eine alte Bekannte wieder und da ich nicht viel zu sagen habe, würde ich euch einfach mal auf das Kapitel loslassen.

Übrigens: Wer nicht genug von Katzen-Kyo bekommt, es aber ein wenig humoristischer mag, dem empfehle ich meine neue Storysammlung
https://www.fanfiktion.de/s/677f0c2c00007ed524e79cb5/1/Feloidea-How-to-be-a-Cat
Stand jetzt ist zwar nur eine Story on, aber es sollen definitiv noch weitere folgen.

PS: Falls sich jemand wundert: Ja, ich habe aus Die jetzt überall Dai gemacht. Das vereinfacht das Lesen und mein Text-To-Speech hat damit keine Probleme mehr.

Wir sehen uns im Nachwort

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Die letzten Wochen kam leider kein Kapitel. Der Grund hierfür ist die aktuelle Situation auf der Arbeit. Wir sind extrem unterbesetzt und ich restlos überarbeitet, nachdem ich nun seit Monaten zwei weitere Plätze vertreten muss, zusätzlich zu meinem regulären Job.
Da bleibt am Ende des Tages nicht mehr genug Energie, um sich um dieses Baby hier zu kümmern. Und das obwohl ich offline schon bis Kapitel 44 vorgearbeitet habe. Insgesamt hat die FF damit also einen Umfang von 580 Seiten erreicht. Wenn meine Berechnungen stimmen, dann sollte die Geschichte ungefähr mit Kapitel 53 oder 55 enden.

Heute tauchen wir aber erst einmal tiefer in die Welt der Katzen ein und klären die Fragen:
Was hat Satoshi getan? Und wie gefährlich ist Erik wirklich?
Es tut mir leid euch das sagen zu müssen, aber es wird wieder einmal leidlich kompliziert. Also macht euch nebenbei Notizen.
Ich erwähne es im Text nicht extra, aber die Charaktere unterhalten sich vornehmlich auf Englisch. Ich weiß, dass Kyos Englischkenntnisse eigentlich legendär schlecht sind. Aber ich denke ihr werdet verstehen, dass es hierbei notwendig war, diesen Teil der Realität zu verändern. Andernfalls hätte ständig Satoshi übersetzen müssen und das wäre absolut pain beim lesen und schreiben.

Bei diesem Kapitel hat sich irgendwie der Frostpunk Soundtrack mit eingemischt. Frostpunk ist ein unfassbar gutes Game mit einer großartigen Atmosphäre. Allerdings könnte die Musikauswahl auch daher kommen, dass zum Zeitpunkt der Arbeit an diesem Kapitel, fast durchgehend 30°C herrschten. Ich hasse den Sommer wirklich! Hurensohn-Jahreszeit Nummer Eins.

Zu finden in der Feloidea Playlist (Also der Soundtrack und nicht die Hurensohn-Jahreszeit)
Viel Spaß beim lesen und wir sehen uns im Nachwort nochmal

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Kapitel 27 ¦ Katzenstreit

Hallo liebe Katzenfreunde

Sagt mal, wie viele von euch gibt es eigentlich? Erreicht die Geschichte, bis auf Durah, eigentlich irgendwen? Seid ihr, nach dem letzten Kapitel, überhaupt noch da? Oder habt ihr es jetzt komplett aufgegeben, dieses Wirrwarr an Informationen zu verstehen?
Letzteres würde mich nicht einmal wundern.
Und ja, das Kapitel kommt mitten in der Woche. Eigentlich hatte ich geplant, immer Freitags ein neues zu veröffentlichen. Aber da es ja nun doch ein wenig egal ist, ob ich mich an den Zeitplan halte, oder nicht, mache ich es nun einfach dann wenn ich Zeit habe.

Für alle Interessierten:
Ich arbeite derzeit an der alten Feloidea-Webseite und erneuere die Informationen, rund um mein Werkatzenuniversum. Das meiste findet ihr mittlerweile unter »Alter Canon« und der ist, wie der Name schon sagt, veraltet und überhaupt nicht mehr aktuell. Aber zumindest liefert er noch genug Stoff für sehr viel Cringe :D Schaut gern vorbei.
Ansonsten gibt es dort die ersten Charaktersteckbriefe und auch ein paar Infos zu Stjørdals Firmengeschichte und den etwas verwirrenden Stammbaum der Familie Weilsteiner. Wenn ihr den seht, dann versteht ihr übrigens auch das vorangegangene Kapitel besser.
In den nächsten Wochen werde ich daran weiterarbeiten.

Feloidea Webseite: https://feloidea.jimdofree.com/feloidea/

Okay, wir nähern uns, innerhalb der Story, nun der nächsten großen Eskalation. Allzuviel kann ich dazu heute nicht sagen, denn mit diesem und dem nächsten Kapitel, endet der erste große Arc. Doch dazu später mehr.
Sagt mir gern, was ihr bislang von der Geschichte haltet. Ich würde mich sehr darüber freuen, zu erfahren ob ihr sie mögt oder nicht.

Liebe Grüße und wir lesen uns im Nachwort nochmal.
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde,

Information vorab: Ich würde die Leser auf AO3 darum bitten, mir auf diese Geschichte keine Kudos zu geben. Mehr dazu im Vorwort zu Kapitel 1. Danke.

Nachdem wir nun also den brutalen Mord an Katsuo hinter uns gebracht haben, folgt nun der Teil mit dem bösen Erwachen und einigen etwas ekligen Szenen, die ich an dieser Stelle noch nicht spoilern will.
Dass diese Fanfiktion nicht gerade das ist, was man als aufheiternde Gute-Nacht-Geschichte bezeichnen sollte, ist damit nun hoffentlich komplett klar geworden. Hoffe doch, dass noch ein paar Leser übrig geblieben sind :)

Des weiteren folgendes zur zukünftigen Handlung:
Wir befinden uns nun in Akt 2 der Geschichte und ab jetzt wird es sehr stark in Richtung Psychoanalyse gehen. Es wird viel geredet, viel analysiert und wir tauchen etwas tiefer in Kyos innerliche Zerrissenheit ab.<br />
Es gibt mehrere Gründe dafür, warum er in Konflikten so reagiert, wie er es hier tut. Einige davon werden in den kommenden Kapitel aufgedeckt, zu den meisten sage ich immer mal wieder etwas und den wichtigsten Grund erfahrt ihr erst ganz am Ende der Geschichte.
Also bleibt dran, es kommt eine ganze Menge auf euch zu.

Viel Spaß und wir lesen uns im Nachwort nochmal.
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Willkommen zurück, liebe Katzenfreunde.

Mir war mal so danach ein weiteres Kapitel raus zu hauen.
Offline schreibe ich übrigens immer noch weiter und Kapitel 46 ist zur Hälfte fertig. Aber aufgrund der aktuellen Situation im Büro, komme ich kaum noch dazu abends meine Gedanken zu ordnen und mehr als ein paar Sätze zu tippen. Kommenden Monat habe ich Urlaub und hoffentlich werde ich diese Zeit nutzen können, um mal wieder auf eine normale Betriebstemperatur herunter zu kühlen :D

Es gibt übrigens ein weiteres Artwork meinerseits zu dieser Fanfiction.
Dieses Mal endlich eine Zeichnung von Kyo als Feloidea; in meinem aktuellen Zeichenstil.

Viel Spaß beim heutigen Kapitel und denkt dran: Kudos sind immer noch verboten :)

Liebe Grüße, wir lesen uns im Nachwort
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde,

Nanu? Erst kommen wochenlang keine Kapitel und nun zwei in kurzer Zeit?
Naja, eigentlich gehörte Kapitel 30 und 31 ursprünglich zusammen. Aber das wäre viel zu lang geworden und mindestens genau so langweilig.
Wie angekündigt geht es ab jetzt ein wenig tiefer in Kyos Gedankenwelt und wir fangen damit an, uns mit seinen Beziehungen zu befassen. Ins besondere mit der zu Kaoru.

Ich denke, dass ihr verstehen werdet, dass ich all das unmöglich abkürzen kann. Nicht nachdem Kyo einen anderen Menschen getötet hat. So etwas hinterlässt riesige Narben, mit denen er nicht einfach so weiterleben kann.

Empfehlen kann ich hierbei übrigens die Ambient-Soundtracks von Dark Souls. Allen voran die von Firelink-Shrine (DS1 und DS3) und das großartige und von mir sehr geliebte Majula und Things Betwixt Theme aus DS2 (Ja, DS2 ist mein Lieblingsspiel)
Die depressive Gesamtstimmung der Musik und der Spiele, passen wirklich gut zu diesem Kapitel. Ich mag die Schwermütigkeit daran sehr.
Übrigens kann ich an dieser Stelle wieder auf die Playlist hinweisen. In dieser gibt es mittlerweile eine Menge Musik, die meinerseits als Inspiration genutzt wird.

Wir lesen uns im Nachwort nochmal.
Liebe Grüße
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Nach knapp einem Monat lade ich dann auch mal Kapitel 32 hoch.
Warum erst so spät? Ich hatte irgendwie keine Lust es zu korrigieren. Außerdem bin ich aktuell im Urlaub und ein paar freie Tage sind dringend nötig.

So, heute geht es mal ein wenig seltsam zu. Nachdem in den letzten beiden Kapiteln ja leider sehr klar wurde, dass mit Kyos Psyche irgendwas sehr schief läuft, bestätigt sich das nun leider.
Kein Wunder, nach allem was passiert ist.
Das Nachwort wird wieder etwas länger, ist aber sehr wichtig!

Ich hoffe ihr habt eine schöne Woche und viel Spaß beim lesen.
Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Heute kommt ein sehr langes Kapitel mit vielen einzelnen Abschnitten.
Ich denke ihr werdet beim lesen sehr gut verstehen, warum ich das alles im selben Kapitel lassen musste. Die Parts gehören zusammen und nein, ich blähe die Kapitel nicht künstlich auf.
Tatsächlich schreibe ich alles in einem Stück und, wenn sich wieder ungefähr 100 Seiten Text angesammelt haben, versuche ich diese Blöcke in handliche Kapitel zu zerschneiden. Deswegen werden manche, so wie dieses hier, echt absurd lang.

Wir sind jetzt an einem Punkt der Story angekommen, welcher extrem wichtig für die Zukunft ist, was die Dynamik innerhalb der Band Kyos Charakter angeht. Lasst euch ruhig Zeit hiermit. Ich hoffe doch, dass ihr es trotzdem mögen werdet.

Übrigens habe ich wieder ein bisschen an der Webseite gebastelt und weitere Charakterbeschreibungen hinzugefügt. Schaut gern mal vorbei, es gibt auch die ersten Infos zur Übersicht, was das Virus angeht.

Liebe Grüße und wir lesen uns unten im Nachwort.
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Im Moment komme ich mit der Geschichte wieder ganz gut voran und nähere mich dem Ende vom Werkatzenduett. Für euch gibt es heute aber erst einmal Kapitel 34 zu lesen.

Im übrigen sind, parallel zu dieser Story, die Arbeiten an der Fortsetzung im vollen Gange und ich bin tatsächlich sehr motiviert, diese weiterzuschreiben und ebenfalls (irgendwann einmal) zu beenden.

Wirklich viel gibt es nicht zu sagen. Mit diesem Kapitel endet der zweite große Story-Arc und wir stolpern direkt in den dritten, welcher nochmal ungefähr 10 Kapitel umfassen wird. Anschließend folgt dann das große Finale und mindestens 3 einzelne Epiloge.
Mehr dazu, wenn es soweit ist.

Ein kleiner Spoiler noch zur Fortsetzung, für alle die mir nicht auf Bluesky folgen.
Der aktuelle Arbeitsname lautet »Katzensucht« und es wird mit Kyo, Ruki und noch einem weiteren Musiker, drei Haupthandlungen geben, die alle das gleiche Grundthema haben und über mehrere Arten miteinander verstrickt sind.
Außerdem spielt die Geschichte im Jahre 2019; also kurz vor Beginn der Pandemie.
Ich hoffe, dass ich euch ein wenig neugierig machen kann und nun wünsche ich euch viel Spaß mit Kapitel 34.

Liebe Grüße und wir lesen uns im Nachwort
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Tja nun, was soll ich sagen?
Dem findigen Leser ist vielleicht eine Kleinigkeit aufgefallen. Und zwar lege ich in der FF sehr viel Wert auf Details und mir sind viele Dinge wichtig.
Zum Beispiel die Wetterdaten von 2012, oder die Stadtpläne und die Straßenverläufe um die Veranstaltungsorte, oder die Tourpläne, oder wie genau mein Virus funktioniert, was Etorphin damit zu tun hat und noch so viel mehr, was in den kommenden Kapiteln wichtig wird.
Aber dass die Story am 20. Dezember startet und damit an Dais Geburtstag, das habe ich komplett übersehen!

Gut, zu meiner Verteidigung muss ich aber auch erwähnen, dass mir Geburtstage im Allgemeinen unglaublich egal sind und ich deshalb keinen einzigen Gedanken daran verschwendet habe.
Und sind wir mal ehrlich: Wer würde, in der Situation in welcher die Band hier steckt, denn auch noch seinen eigenen Geburtstag feiern wollen? Die sind froh, wenn mal einen Tag Ruhe herrscht!

Außerdem ist mir, beim nochmaligen Anhören der FanFic, eine Kleinigkeit aufgefallen, die ich etwas ungünstig erklärt habe. Ich werde das nachträglich nochmal etwas anpassen, aber weil ihr ja nicht ständig die alten Kapitel auf Änderungen überprüft, hier die Info:

Satoshi hat nicht durchgehend in Italien gelebt. Er war quasi Pendler und hat abwechselnd einige Monate in Italien und dann wieder in Japan gearbeitet. Zumindest habe ich mir das so gedacht.
Ich muss aber auch zugeben, dass sich diese Stellen in der FF anders lesen.
Das wird nochmal korrigiert :)

Gut, ich denke das wäre alles für das heutige Vorwort, wir lesen uns nachher nochmal.
Liebe Grüße
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde
Tja, und schon ist wieder Sommer. Krass, dass wir das hier schon ein ganzes Jahr machen. Dabei hätte ich wirklich erwartet, dass ich, um die Zeit, die letzten Kapitel hochladen und die Fanfic damit beenden werde.

Aber wie ihr ja merkt gibt es aktuell viele längere Pausen zwischen den Uploads, obwohl ich immer wieder betone, dass ich bereits sehr weit vorgeschrieben habe. (Stand jetzt bin ich mit Kapitel 52 fast fertig)
Dies liegt vorwiegend daran, dass mir die Motivation immer wieder fehlt, die Story weiter hochzuladen. Egal wie sehr ich diese Geschichte auch liebe, aber das konstante Schweigen macht einen irgendwie mürbe.
Zusätzlich zu dem anhaltenden Stress auf der Arbeit. Da wird sich aber demnächst einiges ändern und ich könnte auch endlich entlastet werden. Hoffen wir auf’s beste.

Heute kommt ein Kapitel, was Themen aufgreift, welche wir vor einer ganzen Weile schonmal hatten und es beantwortet auch Fragen aus dem letzten.
Übrigens bin ich aktuelle dabei, die ersten 10 Kapitel zu überarbeiten und Schönheitskorrekturen vorzunehmen. Bei einer Story dieser Länge, schleichen sich leider etliche Textfehler ein und das stört mich sehr. Aktuell habe ich die ersten drei Kapitel bereits fertig. Inhaltlich ändert sich aber nichts. (Betrifft bislang nur AO3 und FFde)

Gute, das war es dann auch wieder und ich wünsche euch viel Spaß beim heutigen Kapitel.
Liebe Grüße
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

»Sag mal, Feenja, was ist denn bei dir los? Ich dachte du hast so viele Kapitel vorgeschrieben und nun kommt hier seit Ende Juni nichts mehr?«

Tatsächlich ist Vorarbeit an der Fanfiction fast abgeschlossen und es fehlen nur noch etwa 2 Kapitel für die Rohfassung. Deswegen steht der Counter jetzt auch auf 58 und nicht mehr 55 Kapitel. Das was jetzt folgt, habe ich letztes Jahr im Dezember geschrieben und wir haben noch einiges vor uns!

Mir mangelt es in letzter Zeit nur leider an der notwendigen Motivation, um hier wieder jede Woche ein neues Kapitel hochzuladen, in der Hoffnung dass es den ein oder anderen interessiert.
Zusätzlich geht es bei mir immer noch drunter und drüber, auch wenn der Urlaub ein bisschen geholfen hat, mein über strapaziertes Nervenkostüm ein wenig zu beruhigen.

Wie vielleicht aufgefallen sein könnte, habe ich wieder einiges an den AO3-Tags verändert und die Kurzbeschreibung ein weiteres Mal angepasst. Da steht zwar jetzt Non-Porn und man könnte sagen »Aber es gab doch bereits ein Sex-Kapitel«. Allerdings beziehe ich mich dabei hauptsächlich auf den Fakt, dass es in dieser Fanfic kein sinnloses Gevögel geben wird. Der Sex mit Alice war wichtig für den Verlauf der Story.

Stand jetzt wird die Fanfiction 58 Kapitel umfassen und 4 kurze Epiloge, welche einzeln hochgeladen werden.
Ich wünsche euch dann mal wieder viel Spaß beim Lesen und wir sehen uns im Nachwort.

Liebe Grüße
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Man, diese verdammte Erkältung macht mich wahnsinnig! Und dass ich ausgerechnet Anfang Oktober krank werde gefällt mir überhaupt nicht. Ich liebe Oktober!
Aber egal, zurück zum Thema.

Im folgenden Kapitel wird immer mal wieder von der ‘Dum Spiro Spero-Zeit’ die Rede sein und damit es dabei nicht zu Verwirrung kommt, wollte ich kurz etwas dazu sagen.
Gemeint ist nicht die Zeit nach der Veröffentlichung, sondern die Zeit während der Arbeit an dem Album. Spero wurde Mitte 2011 veröffentlicht, aber die hauptsächliche Arbeit fand 2009 - 2010 statt. Für die Band war 2010 also die aktive Spero-Zeit.
Bitte behaltet das im Hinterkopf, das ist wichtig für die Timeline. (Die ohnehin niemand hier nachrechnen wird :D)

Okay, mehr habe ich erstmal nicht zu sagen.
Wir lesen uns im Nachwort nochmal.
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde
Dieses Mal habe ich sogar eine sehr gute Ausrede, warum zur Hölle das neue Kapitel wieder sagenhaft spät kommt. Ich wollte absichtlich damit warten, weil ich etwas für euch vorbereitet habe.

Auf der Feloidea Webseite gibt es jetzt endlich alle wichtigen Charaktere (die bislang erwähnt wurden), die komplette Evolution des Virus (ja, 10 Millionen Jahre Evolutionsgeschichte) und auch eine vollständige Beschreibung von Stjørdal. Diese beinhaltet die Firmengeschichte, die Bedeutung für die Feloidea, den Stammbaum der Familie Weilsteiner, sowie eine Aufschlüsselung aller Hauptstandorte. Okay, bei den Standorten fehlen noch ein paar Feinheiten, aber ansonsten ist dieser Part auch endlich mal fertig. Ja, es klingt so umständlich umfangreich, wie es in Wahrheit tatsächlich ist.

Hier könnt ihr nun also den Wikipedia Artikel lesen, den sich Kyo in Kapitel 8 durchgelesen hat. Natürlich mit Ausnahme der Informationen, welche sich auf die Feloidea beziehen. Die standen da selbstverständlich nicht drin.
https://feloidea.jimdofree.com/feloidea/

In den kommenden Kapiteln gehe ich immer wieder auf diese ganzen Texte ein, deswegen wollte ich sie vorab endlich mal neu verfassen und die ganzen dummen Fehler ausbessern, welche sich damals hinein geschlichen haben.
So könnt ihr euch weitere Informationen dazu anschauen, sollte etwas nicht ganz klar sein. Bei Fragen stehe ich natürlich immer zur Verfügung.

Übrigens zählt Feloidea 1 damit, ab heute, nicht mehr zum Canon! Alle Informationen der Webseite (und Feloidea 2) sind jetzt bindend. Sollte es also irgendwann doch nochmal einen neuen Teil geben, so wird sich dieser danach richten.
Außerdem habe ich mir vorgenommen, dass ich euch am Ende von Feloidea 2 eine vollständige Aufschlüsselung der korrigierten Timeline zur Verfügung stelle. Dann könnt ihr nachlesen was danach noch alles passieren wird, ohne euch durch Feloidea 1 quälen zu müssen.
Ich denke mal, dass dies die elegantere Lösung für das alles ist :) Denn mein Hauptproblem ist seit einem Jahr, dass ich zum einen sehr unzufrieden mit der ursprünglichen Story bin, mittlerweile sehr viel geändert habe und ich wirklich keine Lust darauf habe, Feloidea 1 gänzlich neu zu schreiben.

Gut, damit wäre alles wichtige gesagt. Ich würde mich wirklich freuen, wenn ihr mal einen Blick auf die Seite werfen könntet. Es war echt Arbeit das alles neu zu schreiben und auch die ganzen Grafiken komplett zu erneuern.

Liebe Grüße und wir lesen uns im Nachwort
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Okay, Hefte raus und gut aufgepasst, nächste Woche schreiben wir über dieses Kapitel einen Test!

Nein im Ernst, es geht heute mal sehr tief in die Historie der Feloideaerkrankung und da kommt jetzt einiges auf euch zu.
Ich würde euch ja fragen, ob euch so etwas überhaupt interessiert, aber darauf bekomme ich eh keine Antwort und immerhin weiß ich, dass Durah sich seit Dezember auf diesen Part freut. Na ja, zumindest hat sie starkes Interesse bekundet, nachdem ich ihr einige Ausschnitte zum lesen geschickt habe.

Habe ich mich hierfür, mal wieder, stundenlang durch Wikipedia gewühlt? Vielleicht.
Habe ich mir irgendwelche historischen Klimadaten angeschaut und versucht nachzuvollziehen, von welchem Forschungsinstitut das alles kam? Japp.
Habe ich mich, nur für einen Nebensatz, mit alten spanischen Maßeinheiten beschäftigt? Fragt bitte nicht …
Und ist das alles komplett außer Kontrolle geraten, obwohl das hier immer noch nur eine Fanfiction über Dir En Grey ist? Auf jeden Fall!

Ich würde nur um eine Kleinigkeit bitten, die vielleicht noch früheren Lesern bekannt sein sollte:
Ich weiß dass DNA nach wenigen Jahrhundert zerfällt, aber damit diese Geschichte so funktioniert, musste ich diese Zeitspanne ein wenig erweitern. Nicht so extrem wie in Jurassic Park, aber doch schon auf ca. 1500 Jahre.
Im Herzen war Feloidea schon immer eine Hommage an Resident Evil und da geht man mit der Realität ja auch ein wenig 'flexibler' um ;)
Natürlich hätte ich mir als Stammvolk der modernen Feloidea auch etwas anderes aussuchen können, aber ich wollte unbedingt die Etrusker haben. Um phantastische Geschichten zu erzählen, muss man manchmal die Grenzen ein wenig verschieben. Aber keine Sorge, in dieser Sache behalte ich meine eigenen Grenzen bei und weder hier, noch irgendwann später, will ich ein älteres Virus ex machina aus dem Ärmel schütteln.

Alle wichtigen Daten die ich hier erwähne, findet ihr vollständig und noch umfangreicher aufgeschlüsselt auf der Website. Da gibt es zudem einige Bilder und Grafiken, mit denen sich die unten beschriebene Entwicklung nochmal anhand von mehreren Karten genau nachvollziehen lässt.
Bitte schaut da gern vorbei, falls sich zwischendurch irgendwelche Fragen ergeben.

Hier geht es zur Webseite
(Keine Sorge Alex, das ist wieder mal optional.)

Ich hoffe ihr habt trotzdem etwas Freude daran und wir lesen uns im Nachwort.

Liebe Grüße
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Nein, ich habe nichts mehr zu meiner Verteidigung zu sagen. Dieses Mal waren es eine Mischung aus purer Faulheit, wenig Zeit und einer dicken Erkältung, welche dafür gesorgt haben, dass hier mal wieder kein Kapitel kam. Besser gesagt, dass mir irgendwie Zeit und Lust fehlten, um das folgende zu korrigieren.
Ganz untätig war ich dennoch nicht und habe es endlich geschafft, das letzte der Hauptkapitel zu beenden. Aktuell bearbeite ich Epilog 1 und 2 nochmal und füge da neue Informationen hinzu, damit alles am Ende einen runden Abschluss bekommt.

Kommen wir nun aber zunächst zum heutigen Kapitel. Wir reisen ein gutes Stück in die Vergangenheit und beschäftigen uns heute mal mehr mit Kaoru und ein paar anderen Personen. Es geht also weniger um die Katzen, als viel mehr um Kyos vergangene Dramen und deren Auswirkungen auf die Gegenwart.

Ich wünsche euch viel Spaß beim lesen und wir sehen uns im Nachwort.
Liebe Grüße
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde,

willkommen im neuen Jahr, ich hoffe doch, dass ihr gesund hinein gefeiert habt und es auch euren vierbeinigen Freunden gut geht. (Natürlich auch allen anderen Haustieren)

Viel zu sagen habe ich heute nicht. Ich wollte euch lediglich auf meine neue Geschichte zu ‚Daphne‘ hinweisen, in welcher dieses Mal Ruki eine sehr … ähm … interessante Rolle übernimmt. Also wenn ihr Interesse habt, dann schaut da gern vorbei.

Heute geht es mal mehr um Dai und weniger um Kyo, doch ich will nicht zu viel spoilern.
Viel Spaß beim lesen und wir sehen uns im Nachwort nochmal.


Liebe Grüße
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Und schon geht es hier weiter. Ich möchte die Story so schnell wie möglich final hochladen, da ich dieses Jahr eine Menge vor habe, für das ich eine viel Zeit brauchen werde. Zum Glück muss ich mich nur noch darum kümmern, die Rohfassung zu korrigieren.

Also lasst uns einfach mal direkt ins nächste Kapitel starten und falls ihr euch bis hier hin gefragt habt ‚wieso ist die Geschichte zuletzt eigentlich vergleichsweise harmlos verlaufen?‘, dann kann ich euch an der Stelle beruhigen:

Ab jetzt gibt es Probleme. Viele Probleme!
Das Katzentier war die längste Zeit still und brav.

Liebe Grüße
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Nun kommt endlich das Kapitel, auf was ihr vielleicht schon seit den letzten 43 Kapiteln hofft. Natürlich verrate ich nichts, aber ich freue mich trotzdem darauf, euch das hier endlich zu präsentieren. Und ich bin verdammt gespannt auf eure Reaktionen.

Mehr habe ich erst einmal nicht zu sagen.

Also viel Spaß und wir sehen uns im Nachwort.
Liebe Grüße
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde,

dieses Mal lasse ich euch nicht so lange warten und heute kommt ein etwas kleines und kompaktes Zwischenkapitel. Von denen wird es in der nächsten Zeit einige geben, weil ich alles nicht in einem Stück erzählen kann.

Ich hoffe ihr habt trotzdem eure Freude daran und wir lesen uns im Nachwort nochmal.

Liebe Grüße
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

ENDLICH!

Der Titel verrät es schon, aber ja, nach 45 Kapiteln wird er nun endlich seinen ersten richtigen Auftritt haben: Der Kaiser höchstselbst!

Tatsächlich ist dies bislang nur ein einziges Mal innerhalb von Feloidea vorgekommen, nämlich am Ende von Teil 1. (Wir erinnern uns, dass dieser Teil nicht mehr zu 100% zum Canon gehört.)

Aber ich will jetzt natürlich nicht zu viel verraten und lasse euch einfach mal auf das Kapitel los. Doch glaubt mir, dass ich mich extrem freue, dieses endlich hochladen zu können.

Liebe Grüße und wir sehen uns im Nachwort nochmal.
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde

Endlich geht es hier weiter und wir erfahren nun auch endlich, wer der Mistkerl ist, der Dai seit Monaten verfolgt und einfach nicht in Ruhe lassen will. Und selbstverständlich ist die Katze alles andere als begeistert von der Situation. Hoffen wir mal, dass das nicht doch in einem Blutbad endet.

Wie findet ihr eigentlich Erik und Simon, aus dem vorherigen Kapitel? Die beiden gehören zu meinen absoluten Lieblingen und mir tat es damals echt leid, dass ich sie erst so spät in mein Feloidea-Universum integriert habe. Andernfalls hätte ich schon damals sehr viel mehr mit den beiden angestellt.

Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Lasst euch überraschen.

Jetzt wünsche ich euch aber zunächst einmal viel Spaß beim heutigen Kapitel.

Liebe Grüße
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo liebe Katzenfreunde,

Man, was war das denn bitte für eine Woche? Also ich habe ja wirklich nicht mehr viel von diesem Jahr erwartet, aber das Gazette-Theater kam für mich ziemlich überraschend. Das würfelt nun leider einiges durcheinander, was die geplante Fortsetzung dieser Geschichte hier angeht, denn tatsächlich sollte Gazette eine Teilrolle darin übernehmen.

Dementsprechend will ich jetzt erst einmal abwarten und die Lage weiter beobachten. Bis dahin gibt es zumindest hier noch eine ganze Menge an Kapiteln, die ich euch servieren kann.

Nachdem das letzte Kapitel in Chaos endete (wer hätte denn damit rechnen können?), lernen wir heute einen Charakter kennen, der in Zukunft noch einmal wichtiger werden wird. Ich bin gespannt was ihr zu ihm sagen werdet. Aber ich will mal nicht spoilern und lasse eich erstmal in Ruhe lesen.

Wir sehen uns im Nachwort.

Liebe Grüße
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Kapitel 1 ¦ Katzengesang


 

***

 

[Denver, 20.12.2011]

Lärm; unbeschreiblicher Lärm der ihm in den Rücken schlug und ihn fast von den Füßen holte, so als würden ihn die Wellen in der Brandung umwerfen und ins Meer zurückziehen wollen.

Kyo genoss das Tosen der Menschen jenseits des Vorhangs, die sich in den letzten Klängen des Konzerts, fast wie wahnsinnig die Seelen aus den Leibern brüllten. Er fühlte ihre Ektase, fast so als wäre es seine eigene.

Man sah es ihm nicht an, aber in ihm steckte viel Empathie; zu viel wenn es nach Kaoru ging und angeblich nicht genug, wenn man auf die Stimmen der Kritiker hörte. Doch was kümmerten ihn die Worte irgendwelcher gesichtsloser Menschen, die er nie persönlich kennengelernt hatte? Menschen die IHN nie kennengelernt hatten? Er war als Außenseiter geboren und er wusste, dass er als solcher sterben würde. Kyo hatte sich bereits in sehr jungen Jahren dazu entschieden, dass er niemals versuchen würde etwas anderes zu sein, als das was er in Innersten war: Anders .

 

Und jetzt stand er hier, hielt die Augen geschlossen und lauschte einfach nur dem irren Rauschen der Stimmen, die sich in Interferenzen zu einer einzigen vermischten, während die Mitglieder der Crew umher eilten und geschäftig ihren Aufgaben nachgingen. Diejenigen von ihnen, die schon lange genug dabei waren, wussten, dass ihn jetzt niemand ansprechen sollte. Nicht umsonst hielt sich Kaoru, die alte Glucke, bereits seit knapp fünf Minuten an seiner Seite auf und übernahm alle Fragen und Handschläge. Dabei bestand seine eigentliche Hauptaufgabe darin, den Rest der Welt von Kyo fern zu halten.

 

Wer mit ihren Ritualen nicht vertraut war, konnte unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass Kyo ein abgehobener Eigenbrötler war. Nun gut, ganz falsch war das nicht. Ein Eigenbrötler war er schon sein ganzes Leben lang, aber er war definitiv nicht abgehoben! Kyo war es einfach nur leid, sich in irgendwelche Normen pressen zu lassen. Selbst hier in Denver, fühlte er die Ketten der Gesellschaft, die immer wieder versuchten nach ihm zu greifen.

Anpassen. Gewöhnlich sein. Normal sein. Langweilig sein.

Kyo wollte nichts davon wissen!

 

»Bereit?«, fragte eine Stimme nahe an seinem Ohr, die ihn langsam in die Realität zurückholte.

Kyo spürte Kaorus erhitzten Körper rechts hinter sich, welcher ebenfalls nur langsam abkühlte. Er nickte, ohne die Augen zu öffnen. Kurz darauf legte sich eine schwielige Hand auf seine Schulter, drückte zu und er ließ den Kopf etwas sinken, atmete mehrfach tief ein und nickte erneut.

Es war ein eigenartiges Ritual, was viele nicht verstanden und so richtig verstehen tat er es auch nicht. Fakt war aber, dass Kaoru der einzige Mensch, auf diesem ganzen verdammten Planeten war, der ihn in dieser Situation und nur nach Absprache berühren durfte. Nicht einmal Shinya war das erlaubt und Dai und Toshiya erst recht nicht.

 

Aber es war nun einmal Kaoru zu verdanken, dass Kyo immer noch am Leben war. Hätte er damals nicht die Initiative ergriffen und diese eine wichtige Entscheidung getroffen, dann würde es ihn heute nicht mehr geben. Sie hatten als erfolgreiche Visual Kei Band begonnen und sich im gleichen Moment ihr eigenes Grab geschaufelt. Die ständigen Diskussionen darum, ihn als Sänger auszutauschen; der Krieg um die Vorherrschaft gegen andere Bands; Vorgaben über ihre Kleidung, ihr öffentliches Auftreten, was sie zu sagen hatten und was nicht und schlussendlich auch, als sie ihm vorschreiben wollten, wie er seine Songtexte zu verfassen hatte. Jeder weitere Tag, der in dieser schillernden Hölle verging, hatte sie krank gemacht.

Was glaubten die Menschen denn, wieso er sich auf offener Bühne verletzt hatte?

Nur für die Show? Nein!

Kyo hatte einfach nur so sein wollen wie er im Innersten war und die anderen hatten gespürt, dass er unter der anhaltenden Situation litt; wie ein Tier im Zirkus.

 

Irgendwann, nach einer weiteren Tour voll blutiger Eskapaden, saßen sie bis in die frühen Morgenstunden beisammen. Niemand hatte gesprochen und es war mehr eine mentale Diskussion, die jeder für sich im Geist führte. Es bedurfte keiner Worte, denn sie fünf dachten in diesem Moment das gleiche: ‘Veränderung, oder Auflösung?’ Denn es konnte so nicht mehr weitergehen.

Dann war Kaoru einfach aufgestanden, hatte den Raum verlassen und sich erst am späten Vormittag wieder bei ihnen gemeldet, mit den Worten: »Es ist vorbei, Kyo.«

Von diesem Tag an, waren sie keine Visual Kei Band mehr. Zeitungen hatten noch lange versucht sie in irgendeine Richtung zu drücken; absurd wie aussichtslos. Sie waren jetzt nur noch Dir En Grey; die Band auf die kein einziges Etikett zu passen schien und die irgendwie jenseits der Norm und gleichzeitig über allem schwebte.

 

Kyo erinnerte sich nur noch verschwommen an die vielen Artikel, die er gesehen und gelesen hatte. Fachmagazine versuchten einander regelrecht zu überbieten, in dem man ihre baldige Bandauflösung vorhersagte. Überraschenderweise waren die ausländischen Medien wesentlich weniger pessimistisch, was ihre krasse Veränderung anging. Immer häufiger trudelten nun Anfragen für Interviews bei ihnen ein, in denen sie nur noch nach ihrer Musik gefragt wurden und nicht mehr nach ihrem extravaganten Aussehen. Plötzlich ging es um seine Texte, ihren ungewöhnlichen Sound und die Bedeutung dahinter. Endlich wurden sie als Musiker ernst genommen!

Er hatte es so satt gehabt!

 

Mit den Augen verfolgte er Kaoru, wie dieser bedächtig vor ihn trat und ihn einfach nur ansah; schweigend und mit dieser immerzu ruhigen Ausstrahlung, welche Kyo so sehr an ihm schätzte. Es waren nur wenige Zentimeter, die sie unterschieden. Trotzdem musste sich der andere Mann ein Stück zu ihm herunter beugen, um seine ebenfalls erhitzte Stirn gegen die des Sängers zu lehnen.

»Willst du nochmal raus?«, fragte Kaoru, erntete aber nur ein leichtes Kopfschütteln, bis der Kontakt nach einigen Sekunden wieder abbrach.

Sie hatten ihre Zugabe bereits gegeben und die anderen waren soeben damit beschäftigt, ihre Plektren und Drumsticks in die gierige Menge zu werfen. Noch zwei Shows, ehe sie zurück nach Japan fliegen und über den Jahreswechsel eine Pause einlegen würden. Er spürte die Erschöpfung in seinen Gliedern und wie sein Körper regelrecht nach Ruhe schrie.

»Okay, ich komme gleich zurück.«

Kyo hatte sich jetzt so weit beruhigt, dass er erneut nickte und den Weg in Richtung der Umkleideräume einschlug, während Kaoru zur Bühne zurückkehrte, um es seinen Kollegen gleich zu tun.

 

***

 

Ein lautes Rumpeln veranlasste Kyo dazu, einen Blick über die Schulter zu werfen. Trotz des anhaltendem Lichtsmogs, war der abgezäunte Hinterhof, auf dem die Busse parkten, relativ dunkel und er war nur als schemenhafte Gestalt auf einem kleinen Container zu erkennen.

Die Zigarette, die er zwischen den Fingern hielt, glimmte in der schmutzigen Finsternis. Die Luft war zwar eiskalt, aber genau das richtige, um seinen Körper wieder auf eine anständige Betriebstemperatur zu kühlen. Auch wenn Kaoru und Shinya sicherlich streng reagiert und ihn ermahnt hätten, wie er da saß, nur in Jeans, Sneakers und Band-Hoodie gekleidet.

Andererseits war er vorhin knapp zwei Stunden lang, über eine Bühne gesprungen, hatte sich die Kehle fast wund gebrüllt und war von den Scheinwerfern regelrecht gegrillt wurden. Da war also so eine kleine Abkühlung eine willkommene Abwechslung.

Kyo schmunzelte ob dieses Gedankengangs vor sich hin, während er den Mitarbeitern dabei zuschaute, wie sie die umgestürzten Transportboxen wieder aufeinander stapelten. Gott sei Dank waren diese noch leer; andernfalls hätte es sicherlich Ärger gegeben.

 

Plötzlich schob sich ein Schatten zwischen ihn und den verdreckten Sternenhimmel. Kyo wand den Kopf wieder nach vorn und schaute auf.

»Es sind minus sechs Grad!« Von dem Bisschen, was er von Kaorus Gesicht erkennen konnte, war auszumachen, dass dieser die Augenbrauen weit zusammenschob.

»Ach, echt?« Kyo zog an seiner Zigarette, rutschte dann aber, als Kaoru sich neben ihn setzen wollte.

»Ja.« Vom Bandleader kam ein resigniertes Brummen und das übliche. »Aber was erzähle ich? Du machst ja eh immer nur das was du willst.«

»Richtig«, grinste der Sänger. »Das ist mein Lebenssinn.«

Ein erneutes Brummen und dann ein lautes Seufzen des Älteren, der sich mit den Händen hinten abstützte und den Kopf in den Nacken legte. Fast schon enttäuscht musste er erkennen, dass man nur diffus die Sterne über ihnen sah.

»Ich weiß ja, dass du nicht so sehr an deinem Leben hängst. Aber wir sind noch mitten in der Tour, also versuch bitte nicht an einer Bronchitis zu verrecken.«

Man mochte es für einen makabren Scherz zwischen Freunden halten, aber nach all den Jahren, war hier sehr viel Wahrheit in den Sätzen verpackt.

»Wäre nicht das erste Mal«, murmelte Kyo und blies langsam den Rauch nach oben, wo er sich mit dem restlichen Dreck in der Luft vermischte.

»Stimmt, wäre es nicht.«

Schweigen - jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

 

***

 

Er wusste nicht was ihn geweckt hatte. Mit einem heftigen Einatmen wachte er auf, war für einen Moment wie paralysiert und lauschte in die Nacht hinaus. Alles war ruhig im Bus und nicht einmal der Motor lief. Kein Wunder, denn sie würden erst am frühen Vormittag losfahren, damit die Fahrer sich an die vorgeschriebenen Ruhezeiten hielten und eigentlich war ihm das ganz Recht. Kyo hatte immer das berechtigte Gefühl, während der Fahrt nie richtig in die Tiefschlafphase zu kommen; was dann oft dazu führte, dass er wach blieb und dementsprechend übermüdet den Tag verbrachte.

Ein kurzes Aufschnarchen keinen ganzen Meter von ihm entfernt, sagte ihm, dass Dai durchaus tief und fest zu schlummern schien. Doch seit wann wurde er von dessen erstickungsartigen Schnarchern wach?

 

Langsam schob er den Vorhang zur Seite und linste aus seiner Koje. Die der anderen waren nach wie vor verhüllt und nur das gedimmte Nachtlicht, welches von den LED-Leisten am Fußboden herrührte, beleuchtete den beengten Innenraum. Er grinste, als er sah, dass Shinyas Fuß unter einem der Vorhänge herausragte. Ihr schöner Drummer beklagte gelegentlich, dass seine Beine einfach nicht für diese Schlafkojen geeignet waren. Vermutlich war dies hier tatsächlich der einzige Ort, an dem Kyos nicht gerade beachtliche Körpergröße von Vorteil war.

Leise schob er sich heraus, stellte die nackten Füße auf den rauen Teppich und erschauderte. Es war wirklich eiskalt. Also schlüpfte er ohne Socken in seine Sneakers und merkte, dass seine Blase unangenehm drückte.

War er deswegen aufgewacht? Weil er pinkeln musste?

 

Nun gut, jetzt wo er stand, konnte er auch direkt zur Toilette gehen. So leise wie möglich ging er durch den Bus und huschte dann in die viel zu kleine Kabine. Oh, was würde er froh darüber sein, in Japan endlich wieder in seinen eigenen vier Wänden schalten und walten zu können, wie es ihm beliebte. Kyo war bereits jetzt klar, dass er sich zunächst einmal für ein paar Tage in seinem Apartment einschließen und mit niemandem reden würde; außer mit dem Lieferanten vom Bringdienst. Die Aussicht auf eine große Portion Ramen, frisch von seinem Lieblingsrestaurant, brachte ihn dazu breit zu grinsen.

 

Die Spülung und der Wasserhahn schalten unangenehm laut in der nächtlichen Stille. Er warf einen Blick auf die Digitalanzeige über dem Spiegel und runzelte die Stirn. Halb Vier? Nicht mehr lange und sie würden losfahren. Vielleicht war das eine gute Gelegenheit, um noch schnell eine Zigarette zu rauchen.

Im Bus war dies verboten und Shinya hätte ihm, allein bei dem Versuch, vielleicht auch mit seinen Drumsticks ordentlich eine übergebraten.

So leise er konnte ging er zurück zu seiner Koje, schob den Vorhang zur Seite und schnappte sich seinen Hoodie. In der Dunkelheit achtete er allerdings nicht darauf, wie er diesen griff und so rutschte sein Feuerzeug aus der Bauchtasche und landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden.

 

Kyo hielt die Luft an. Er fühlte sich fast schon wie ein Kind, welches versuchte sich heimlich aus dem Haus zu schleichen. Doch gerade als er sich bückte, um das kleine Objekt aufzuheben, wurde neben ihm ein zweiter Vorhang zur Seite geschoben und Kaoru blinzelte ihn müde an.

»Was wird das?«, fragte sein Leader mit leiser und belegter Stimme.

Kyo legte sich einen Finger auf die Lippen; Kaoru hatte wirklich einen viel zu leichten Schlaf.

»Ich geh schnell eine rauchen. Bin gleich wieder da«, flüsterte er, fast übertönt von einem weiteren lauten Schnarcher Dais.

»Wie spät ist es?«, brummte Kaoru und drückte sich seine Bettdecke ins Gesicht. Kyo musste fast lachen bei dem Anblick.

»Halb Vier«, antwortete er und erntete ein leises Stöhnen.

»Wieso bist du wach?!«

»Musste pinkeln. Und jetzt schlaf weiter, Leader-sama.«

Kyo griff nach Kaorus Vorhang und zog ihn einfach wieder zu, dann schnappte er sich sein Feuerzeug und verließ so leise wie möglich den Bus. Das hydraulische Summen des Türöffners, wurde dabei ein weiteres Mal von Dai überdröhnt.

 

Eisige Morgenluft schlug ihm entgegen und er musste feststellen, dass die Welt jenseits des ruhigen Busses, irgendwie erstaunlich laut war. Denver war wie alle Großstädte; schmutzig, hässlich und unfassbar laut. Egal um diese Uhrzeit.

Kyo ließ den Blick umherwandern, sah aber niemanden. Sie standen auf einem eingezäunten und sehr weiträumigen Gelände, aber um diese Uhrzeit schliefen alle tief und fest; dem Ende der Tour entgegen strebend. Sogar die Container mit dem Equipment waren mittlerweile allesamt verstaut und es sah tatsächlich so aus, als müsse nur noch jemand die Motoren starten und sie wären weg; auf dem Weg nach West Hollywood, dem Finale.

Mit einem Klicken und Zischen erwachte eine kleine Flamme zum Leben, in welche er das Ende seiner Zigarette hielt, nur um kurz darauf den giftigen Rauch in seine Lungen zu ziehen. Ein kurzes Stechen machte sich bemerkbar und er wusste, dass er vermutlich mal wieder auf eine Erkältung zusteuerte. Kaoru würde ihn vierteilen. Doch nun blies er den Rauch erst einmal genüsslich in die kalte Dezemberluft.

Verdammte Sucht! Er sollte dringend damit aufhören.

 

»Hm«, entwich es genüsslich seinen Lippen.

Kyo summte lose eine Melodie, welche er keinem speziellen Song zuordnete und die einfach nur spontan in seinem Kopf entstand. Morgen früh würde er sie wohl bereits wieder vergessen haben. Aber das war nicht so wichtig. Nach einer Weile gingen die unbestimmten Laute in Worte über und er murmelte leise vor sich hin; halb wispernd, halb singend. Kyo flüsterte mal die eine und mal die andere Zeile, mischte einen Song mit einem anderen und sog dazwischen immer wieder an seiner Zigarette.

 

Wenn sie nicht gerade tourten, dann gehörte er für gewöhnlich zu der Sorte Menschen, die am liebsten mitten in der Nacht arbeiteten und dann auch ihr stärkstes kreatives Hoch hatten. Vor allem die Zeit zwischen zwei und vier Uhr, war ihm die liebste. Sie hatte ihre ganz eigene Melodie und diesen unvergleichlichen Schimmer von Einsamkeit, der ihn schon sein ganzes Leben lang begleitete.

»Dunkelheit, mein alter Freund«, murmelte er und sah sich nach einem Aschenbecher um. Jedoch erkannte er, dass der Boden schon längst mit Zigarettenstummeln übersät war. Also entschied er sich dazu, den seinen ebenfalls zu den anderen zu gesellen. Und so schnippte er ihn hinunter und trat das rötliche Glimmen aus.

 

Kyo wand sich zum gehen um, als er etwas hörte.

Zuerst hielt er es für das Brummen eines Motors, aber schon im nächsten Moment veränderte es sich und irgendwas daran stellte ihm die Nackenhaare auf. Also drehte er sich wieder um und starrte in die Dunkelheit des riesigen Platzes, auf dem er schemenhaft die schwarzen Aufbauten der Busse und Autos ausmachen konnte, die sich hier zu einer regelrechten Wagenburg zusammengefunden hatten.

 

»Spinn ich jetzt?«, fragte er sich leise und versuchte irgendwas in der Finsternis zu erkennen. Weitsichtigkeit hin oder her, ohne Brille hatte er in der Dunkelheit wirklich Probleme damit etwas zu erkennen.

»Go - .«

Eine Stimme! Er war sicher, dass er eine weibliche Stimme hatte ‘Go’ flüstern hören. Vielleicht jemand von den Mitarbeitern? Oder vom Sicherheitsdienst?

Kyo dachte daran schnell wieder in den Bus zu gehen, aber er entschied sich nach einigen Sekunden doch dazu, wenigstens einen kurzen Blick zu riskieren. Neben seinem chronischen Selbsthass, war er außerdem auch chronisch neugierig; zum Leidwesen seiner Bandkollegen. Nun schlich er also, so leise wie nur möglich, durch den Gang zwischen ihren Bussen und zur Hinterseite des linken. Ob nun halbseitig taub oder nicht, er war sich absolut sicher, die Stimme von dort gehört zu haben!

 

Vorsichtig linste er um die Ecke, musste aber zu seiner Verwunderung (oder Verärgerung) feststellen, dass da niemand war.

‘Also doch Einbildung? Schade.’

Enttäuscht drehte er sich wieder um. Kyo fühlte nun doch eine gewisse Müdigkeit, die sich zurück in seinen Kopf kämpfte und er gönnte sich ein leidenschaftlich langes Gähnen. Mitten in der Bewegung hielt er aber inne. Sein ganzer Körper erstarrte vor Angst.

 

Zwischen den Wolken seiner Atemluft und nur beleuchtet vom diffusen Licht der umliegenden Gebäude, baute sich, in einigen Metern Entfernung, ein gewaltiger Schatten vor Kyo auf. Ein Schatten der zuvor nicht dagewesen war und nun am anderen Ende der Busse stand.

Sein Gehirn brauchte mehrere Sekunden, um das Gesehene auch tatsächlich zu verarbeiten und umgehend verfiel es dabei in einen Zustand aus Angst, Unglaube und Zweifel.

In seinen Ohren rauschte es, begleitet von einem heftigen Pochen, hervorgerufen vom Blut das ihm durch die Adern strömte. Und urplötzlich erstarb der Lärm der Stadt um ihn herum. Als hätte jemand auf einen Schalter gedrückt und die ganze Welt mit einem Schlag verstummen lassen.

 

Zögerlich und unsicher machte er einen Schritt zurück und in diesem Moment richtete sich die Gestalt auf. Was er zunächst nur als einen schemenhaften dunklen Berg gesehen hatte, dessen Gliedmaße irgendwie eigenartig wirkten, erhielt das, was auch immer es war, nun Details, welche er am liebsten nie gesehen hätte. Kyo zuckte zusammen, als ihm ein unangenehmer Lufthauch über den Nacken strich und er zitterte nicht nur von der winterlichen Kälte.

 

Im wenigen Licht sah er ein paar türkisfarbener Augen, die ihm in die Seele starrten. Der Kopf hatte die Form einer Raubkatze, mit aufgerichteten, nervös umher zuckenden Ohren und er sah einen langen Schweif, welcher wild durch die Luft peitschte. Aber damit endeten dann auch alle natürlichen Ähnlichkeiten, die er auszumachen in der Lage war. Denn alles andere an der Kreatur; angefangen von ihrem bulligen, humanoiden Körperbau, den mit langen Krallen bestückten Händen, bis zu den riesigen Hinterläufen; glich nichts auch nur ansatzweise Etwas, was in dieser Welt existieren durfte!

Dieses Wesen war riesig! Kyo schätzte, dass es im voll aufgerichteten Zustand, vermutlich an die zwei Meter groß sein mochte. Nun jedoch hielt es sich immer noch leicht gebückt, was darauf schließen ließ, dass sein Körperschwerpunkt weiter vorn saß und es sich normalerweise auf allen Vieren fortbewegte.

 

Das Katzenmonster stand ganz still da. Selbst sein Schweif war wie erstarrt und die Ohren klappten langsam zurück. Mittlerweile hatten sich auch Kyos Augen wieder ein wenig an die Lichtverhältnisse gewöhnt und er sah wie sich die Lefzen nach oben zogen, fingerlange Fangzähne entblößten und dann hörte er ein durchdringendes Knurren.

Warum er nicht schrie, wusste er selbst nicht. Vielleicht triggerte irgendwas an dieser absurden Situation, einen primitiven Restteil seiner DNA und zwang ihn dazu sich so still wie möglich zu verhalten; im Angesicht des ihm weit überlegenen Feindes.

Sein Gehirn war einfach nicht dazu in der Lage, etwas anderes zu denken als ‘Sei still! Es darf dich nicht hören!’, was natürlich Quatsch war, denn das Wesen hatte ihn ganz offensichtlich gesehen!

Wieso sonst würde es sich jetzt auf ihn zubewegen und ... springen?!

 

Kyo reagierte in der aller letzten Sekunde und hechtete zur Seite weg. Er sprang regelrecht vor den parkenden Bus, während hinter ihm die Pfoten des Wesens auf dem Boden aufschlugen und seine Krallen über den Asphalt kratzten. Dem frustrierten Knurren zu urteilen, war es nicht glücklich darüber, dass ihm seine Beute im letzten Augenblick entwischt war. Kyo keuchte und rappelte sich auf. Seine Handflächen bluteten leicht, da er sie sich aufgekratzt hatte und auch seine Hose hatte aufgeschlagene Knie. Aber darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen.

 

Das Wesen gab ein wütendes Fauchen von sich und stürzte sich wieder auf ihn. Er riss die Arme vors Gesicht, ließ sich instinktiv zur Seite fallen und rollte unter den Bus.

Mit einem lauten Scheppern kollidierte das Ding mit dem Fahrzeug, zertrümmerte dabei sogar einen der Scheinwerfer und hieb mit der Klauenhand gegen die Stoßstange. In Rage versuchte es ihn zu packen, doch Kyo kroch hektisch atmend weiter. Zu seinem Glück war das Wesen viel zu groß, um ihm unter das Gefährt zu folgen, aber er fühlte wie ihn eine der Klauen am Hosenbein erwischte und ihm dabei die Haut aufkratzte.

 

Im Bus über ihm vernahm er nun leise Stimmen. Eindeutig war jemand aufgewacht und zuerst war Kyo erleichtert. Dann aber durchfuhr es seinen Körper wie ein Schauer und ihm wurde schlecht.

‘Oh nein’, dachte er entsetzt. Sobald einer der anderen den Bus verlässt, würde sich das Ding die nächste Beute schnappen, anstatt sich weiter mit Kyo zu befassen, welcher noch immer unter dem Bus lag. Das wäre ein Todesurteil!

Er hielt den Atem an und lauschte, aber alles blieb ruhig. Weder die Stimmen waren zu hören, noch …

 

Seine Augen weiteten sich vor Panik. Er realisierte, dass er das Wesen ebenfalls nicht mehr hören konnte. War es weg? Oder suchte es bereits nach einem anderen Weg, um ihn aus seinem Versteck zu locken? Das war doch eindeutig ein Tier! Welches Tier war intelligent genug, um derart strategisch vorzugehen?

‘Beruhige dich, Kyo’, wiederholte er immer wieder in Gedanken. ‘Du bist hier unten sicher. Es kommt nicht an dich heran!’

 

Aus seiner liegenden Position heraus ließ er den Blick umherwandern und hielt Ausschau nach der Kreatur. Dabei stellte er fest, dass er genau unter einer der Doppelachsen lag, was ihm zwar Schutz bot, dafür aber auch sein Sichtfeld deutlich einschränkte. So leise wie möglich und am ganzen Leib zitternd, kroch er weiter vor und versuchte dabei abzuschätzen, wie hoch seine Chancen waren, sich schnell genug unter dem Bus hervor zurollen, aufzustehen und dann irgendwie zur Tür zu laufen. Kyo war absolut klar wie unvernünftig dies wäre, denn eigentlich war er hier unten sicher. Andererseits wollte er sich in den trügerischen Schutz des Busses retten, selbst wenn es das alles nur noch schlimmer machte.

 

Noch während er überlegte was er tun sollte, vernahm er wieder das finstere Knurren.

Dann, wie aus dem Nichts, wurde er am Bein gepackt und über den rauen Asphalt gezerrt. Sein Kopf knallte gegen irgendeine Metallstange und er sah für einen Augenblick Sterne. In der nächsten Sekunde wurde es hell, als er sich unter einer Laterne wiederfand und nun blickte er tatsächlich in das Antlitz des Todes. Riesige, türkisgrüne Augen, inmitten eines gewaltigen Katzenschädels. Ein aufgerissenes Maul mit gefletschten, todbringenden Zähnen. Ohren mit dunklen Spitzen und ein dunkelbrauner, aufgestellter Nackenkamm. Schwarzbraunes Fell mit einem wirren Muster aus Tupfen und Streifen.

Das Ding hatte eines seiner Beine gepackt und seine Klauenhand war so riesig, dass es Kyos Oberschenkel mit Leichtigkeit umfasste. Generell schien es nur aus Krallen, Zähnen und Muskeln zu bestehen und nun hatte es seine Beute endlich gefangen - bereit ihn zu töten.

 

Kyo packte nach hinten, ergriff irgendeine Stange und versuchte sich daran wieder unter den Bus zu ziehen. Offensichtlich war diese Reaktion das letzte womit das Wesen gerechnet hätte. Sehr wahrscheinlich hatte es erwartet, dass er versuchen könnte sich zu wehren, um die Flucht zu ergreifen. Das Fauchen, welches es erklingen ließ, hatte einen merkwürdig frustrierten Unterton. Kyo war bereits wieder halb unter dem Gefährt verschwunden, als es urplötzlich zubiss.

 

Zentimetertief gruben sich die Zähne in seine Wade, knapp unterhalb des Knies. Es wollte ihn nicht wieder entkommen lassen und nun, ausgelöst durch Panik, Entsetzen und Schmerz, schrie Kyo so laut er konnte.

Auch wenn seine Kehle noch immer kratzig vom Konzert war, konnte er sich nicht daran erinnern, wann er jemals derart gebrüllt hatte. Später erst würde ihm auffallen, dass er in dieser Sekunde nur noch daran dachte ‘Ich will nicht sterben! Gott verdammt nochmal, ich will leben!’ und das obwohl er der festen Überzeugung gewesen war, dass ihm der Tod nichts ausmachen würde.

 

Er schrie noch immer, als plötzlich die Lichter im Bus angeschaltet wurden und aufgeregte Stimmen erklangen. Stimmen von Mitarbeitern die er nicht zuordnen konnte, einige die ihm durchaus vertraut waren und auch - Kaoru.

Er rief seinen Namen! Eindeutig war ihr Leader nicht wieder tief genug im Schlaf versunken und nun hatte er Kyo als erster gehört. Der Sänger hätte heulen können. Er holte Luft, so tief er konnte und schrie aus voller Kehle den Namen seines Gitarristen. Gleichzeitig begann er damit auf das Maul, welches seinen Unterschenkel in seiner Gewalt hielt, einzutreten. Wie von Sinnen drosch er seinen Fuß in das Katzengesicht des Monsters und verfluchte es mit allen Worten, die ihm einfielen.

 

»Lass mich los, du dreckige Missgeburt!«, brüllte er.

Jemand öffnete eine der Türen. Dann trat er dem Biest direkt auf das linke Auge und die Katze ließ mit einem lauten Jaulen tatsächlich von ihm ab. Sie schüttelte ihren Kopf, fasste sich, in einer erschreckend menschlichen Geste, auf das Auge und urplötzlich drehte sie ab und verschwand mit schnellen Sprüngen in der Finsternis der Nacht. Er hörte noch ihr wütendes Knurren, als bereits das Licht einer Handytaschenlampe auf sein Gesicht fiel. Das war ihr Übersetzer, hinter ihm tauchte die Gestalt von Kaoru auf und noch mehr Leute, die Kyo nicht beachtete. Er war einfach nur froh darüber, noch am Leben zu sein.

 

»Kyo!« Sofort kniete der Leader neben ihm, er sah Kyos zerschundenes Gesicht, die Platzwunde am Kopf, zerkratzte Handflächen und - . »Großer Gott!«

Kyo war verwirrt als er nach unten sah und den Kopf etwas zur Seite neigte. Der surreale Anblick von der Bisswunde in seinem Unterschenkel war schlimm und unter ihm breitete sich bereits eine beträchtliche Menge Blut aus. Aber aus irgendwelchen Gründen tat es nicht weh.

Jemand rief etwas vom Notarzt, dann noch mehr hektische Stimmen, Menschen die umher liefen und irgendwer kam mit einem Erste Hilfe Kasten an, um die Wunde provisorisch abzubinden. Kyo konnte den Blick nicht abwenden und erst Kaoru, dessen Hände sich um sein Gesicht legten und dieses zu sich drehte, riss ihn aus der Paralyse.

 

»Kyo! Was ist passiert?!«, verlangte der Gitarrist zu wissen.

»Ich glaub das ist der Schock«, kam die gemurmelte Antwort, wofür er ein atemloses »Was?«, erntete. Kaoru sah ihn eindringlich an.

»Was ist passiert?«, wollte er ein weiteres Mal wissen.

»Katze.« Mehr war aus Kyo nicht rauszubekommen. Der Schock saß zu tief, seine Zunge wollte ihm nicht gehorchen und sein schmerzender Kopf war wie gelähmt. Nun setzte auch ein Zittern ein, welches eindeutig nicht nur von der Kälte kam.

»Hat er Katze gesagt?«, fragte jemand. Kyo glaubte, dass es ihr Übersetzer war.

»Ja«, antwortete Kaoru und wand den Blick zu der Person um, die gesprochen hatte.

»Das könnte ein Puma gewesen sein«, vermutete der Mann. »Auch wenn es ungewöhnlich ist, dass sie so weit bis in die Stadt kommen. Normalerweise verlassen sie die Berge im National Forest nicht.«

»Ach?« Kyo schien aus seiner Trance zu erwachen und deutete wütend auf sein Bein. Mittlerweile hatte er sich mit Kaorus Hilfe aufgesetzt. »Und nach was sieht das da bitte aus?! Verlassen die Berge nicht? So ein Schwachsinn!«

 

Eindeutig gingen die Nerven mit ihm durch und er wollte den Mitarbeiter eigentlich auch nicht so anfahren. Aber er realisierte gerade, dass er soeben fast gestorben wäre und eine unsagbare Übelkeit stieg in ihm auf. Die letzte Mahlzeit war zu lange her, weswegen er nur bittere Galle nach oben würgte, kaum dass er sich von den anderen abgewendet hatte und auf den kalten Beton unter sich spuckte. Kaoru strich ihm über den Rücken.

»Der Notarzt kommt gleich«, versprach dieser mit angespannter Stimme.

Kyo nickte, drehte sich wieder zurück und erkannte nun auch den Rest der Band. Alle starrten ihn entsetzt und sprachlos an. Am liebsten hätte er ihnen von dem erzählt was wirklich passiert war, aber das würde ihm niemand glauben - er glaubte es ja selbst kaum!

 

»Geht zurück in den Bus«, wies ihr Tourmanager die Mitarbeiter an. »Es bringt nichts, wenn ihr alle den Weg blockiert.«

Mit viel Gemurmel wurde den Anweisungen Folge geleistet, bis nur noch Kaoru, der Übersetzer, der Manager, Shinya, Dai und Toshiya und natürlich Kyo selbst da waren.

»Ich hol seine Unterlagen«, meinte ihr Manager und zog sich ebenfalls zurück.

»Okay, und jetzt nochmal in Ruhe. Was genau ist passiert, Kyo?«, verlangte Kaoru zu wissen. Auch er hatte sich jetzt soweit gefasst, dass ihm nicht mehr nur das blanke Entsetzen im Gesicht stand. Zitternd und unendlich erschöpft, ließ sich Kyo einfach gegen ihn sinken. Es war ihm gerade herzlich egal, dass er einen für ihn sehr sonderbaren Anblick bot.

 

»Was wohl?«, murrte er. Allmählich verschwand das Taubheitsgefühl und ein unsägliches Brennen begann von seinem Bein abzustrahlen, was ihm vor Schmerz die Tränen in die Augen trieb. »Ich wollte eine rauchen, hab was gehört, bin um den Bus rum und plötzlich - naja, diese Scheiße hier.« Er vollführte eine fahrige Bewegung zu der Wunde. »Es ging alles so schnell. Ich weiß auch nicht, wo dieses Ding hergekommen ist.«

»Der Puma?«, fragte Shinya, welcher sich zitternd eine Jacke um die Schultern schlang. Nicht einmal Schuhe trug er - so wie fast alle von ihnen.

»Ja, was auch immer das war.« Kyo atmete durch und hustete. Sein Hals tat weh. »Ich hab wie verrückt auf das Vieh eingetreten und irgendwann hat er losgelassen und ist abgehauen.«

»Vielleicht schmeckst du auch einfach nicht«, versuchte Dai irgendwie witzig zu sein, was ihm aber nur einige sehr missbilligende und in Kaorus Fall tadelnde Blicke einbrachte.

»Sehr lustig", brummte Kyo, als nun auch ihr Manager mit einer Mappe zu ihnen zurück kam.

 

Kaum dass er um den Bus trat, bog auch bereits ein Krankenwagen mit Lichtsignal um die Ecke und kam mit knirschenden Reifen vor ihnen zum Stehen. Ein großer, breitschultriger Amerikaner und eine ältere Frau mit kurzen, weißen Haaren, stiegen aus und kamen zu ihnen.

»Guten Morgen«, grüßte die Frau. Ihr Manager und der Übersetzer nahmen sie in empfang und klärten mit raschen, kurzen Sätzen, wer sie waren und was vorgefallen war. Die beiden Sanitäter nickten ernst und kamen dann zu ihrem Patienten.

Während der große sich die Unterlagen ansah und einige Informationen vom Dolmetscher erfragte, kniete sich die Frau zu Kyo und lächelte ihn freundlich an.

Sein Englisch war zwar durchaus gut genug für eine ausführliche Konversation, aber mit dem Schock in den Knochen fiel es ihm gerade sehr schwer, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. [1]

 

»Ah, ich seh schon«, sagte sie ruhig. »Das muss eindeutig genäht werden.«

Ja, das hatte er bereits befürchtet.

Auch besah sie sich seine Kopfplatzwunde, befand aber, dass diese nur oberflächlich war, es aber trotzdem besser wäre, seinen Kopf nochmal im Krankenhaus röntgen zu lassen.

Mit Kaorus Hilfe, der nicht von seiner Seite wich, stand Kyo vorsichtig auf und keuchte, kaum dass er das verletzte Bein belastete. Ihm war zudem schwindlig und etwas übel; wobei er nicht sicher war, ob das von der Verletzung am Kopf, oder vom Schock kam.

 

Langsam gingen Sie auf die beleuchtete Seitentür des Rettungswagens zu und er war froh, als er sich endlich auf die Transportliege niederlassen konnte. Im kaltweißen Licht sah das alles noch viel schlimmer aus. Kyo legte sich einen Arm über die Augen, weil die Welt einfach nicht damit aufhören wollte sich zu drehen. Am anderen machte sich die Sanitäterin soeben zu schaffen und checkte dabei seinen Blutdruck. Sie redete beruhigend mit ihm, was sein überforderter Verstand aber nur zur Hälfte übersetzte. Trotzdem brummte er immer wieder zustimmend und war froh, dass Kaoru nach wie vor bei ihm war.

 

»Wehe ihr sagt West Hollywood ab«, knurrte Kyo wie aus dem Nichts, schob den Arm etwas hoch und blinzelte aus einem Auge zu seinem Leader. Dieser sah ihn überrascht an und schüttelte ungläubig den Kopf.

»Bist du verrückt?«, wollte er wissen. »Die Show ist doch jetzt überhaupt nicht wichtig.«

»Doch ist sie!«, beharrte der sture Sänger auf seiner Aussage. »Für mich ist sie das und ich lass mir das nicht von so einer blöden Katze kaputt machen!«

Kurz kehrte Stille ein. Die Sanitäterin, da sie kein Japanisch konnte, hatte bereits verstanden, dass sie dieses Gespräch nichts anging und vielleicht war sie auch froh darüber, denn so war ihr Patient abgelenkt und sie konnte sich in Ruhe um die Sichtung der Verletzungen kümmern.

 

»Zwei Shows noch, Kaoru! Danach fliegen wir doch ohnehin wieder zurück.«

»Das können wir nicht verantworten, Kyo.«

»Wieso denn nicht?«

»Schau dir dein Bein doch mal an! Du kannst damit kaum stehen.«

»Ich lass mir etwas einfallen. So lange ich singe, ist es den Fans egal ob ich wie ein Karnickel über die Bühne springe, oder nicht.«

»Wie willst du zwei Shows durchhalten?!«

Sie sahen einander an und ein Ausdruck trat in Kaorus Augen, den Kyo seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Es erinnerte ihn an die dunkelste Zeit, die er bei Dir En Grey durchgemacht hatte und aus der die anderem ihn regelrecht hatten herauszerren müssen.

Kaoru fürchtete sich davor, Kyo durch dessen Mangel an Selbstliebe zu verlieren.

»Lass uns die Shows absagen.«

»Niemals.«

 

Der Streit wurde jedoch von ihrem Manager unterbrochen, welcher zur Tür trat und ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.

»Kaoru-san? Kommst du bitte?«

Kurz drückte der Leader Kyos Unterarm, dann verließ er den Krankenwagen und entfernte sich ein Stück. Aufgrund von Schwindel und dem durchdringenden Rauschen in seinen Ohren, war es Kyo unmöglich dem Gespräch zu folgen.

Somit wartete er ab und beobachtete die Ärztin bei ihrem Tun. Aber wirklich hinsehen tat er nicht, denn seine Gedanken wurden bestimmt von Fell, Klauen und Zähnen. Er schloss die Augen, versuchte sich die Details ins Gedächtnis zu rufen und atmete unwillkürlich ein, als er in ein paar türkisfarbene Irden starrte, mit weit geöffneten Pupillen. Rasch schlug er die Lider wieder auf, genau in dem Augenblick, als ihr Übersetzer in den Wagen stieg.

 

»Ich begleite Sie ins Krankenhaus, Kyo-san.« meinte dieser und erntete dafür ein Nicken.

Gegenüber anderen Menschen, die nicht die Band waren, war Kyo immer distanziert, kurz angebunden, oder komplett schweigsam. Somit entschied er sich, einfach an die Decke des Rettungswagens zu starren und sich aus allem herauszuhalten, was nicht direkt mit ihm zu tun hatte. Denn jetzt gerade, wurden seine Gedanken nur von einer Sache beherrscht und das war die Katze - die eindeutig kein Puma gewesen ist!

 

***
 

Kapitel 2 ¦ Katzenlied


 

***

 

Das Knacken des Röntgengeräts dröhnte unangenehm in seinem Kopf. Kyo kniff die Augen zusammen; was allerdings nur dafür sorgte, dass sich eklige Lichtpunkte an den Innenseiten seiner Lider bildeten, während er versuchte ruhig zu atmen.

Nachdem sie vor einer Stunde im Krankenhaus angekommen waren, hatte man zunächst einmal sein Bein versorgt. Mittlerweile hatte er sich gut genug gefangen, um selbständig den Worten des Arztes folgen zu können. Trotzdem nutzte Kyo die Anwesenheit ihres Dolmetschers aus, um die wenigen Fragen, die er hatte, von diesem formulieren zu lassen. Das Denken fiel ihm noch immer schwer.

 

»Wir werden die Wunden ausschneiden und vernähen müssen«, hatte der Arzt ihm erklärt, wofür er zunächst ein Nicken und dann die Bitte erhalten hatte, dabei zusehen zu dürfen. Kyo wollte es so! Jahrelang hatte er sich selbst ins eigene Fleisch geschnitten und es störte ihn nicht im geringsten, derartige Wunden zu sehen.

Tatsächlich fand er den Anblick faszinierend. Nur bei der örtlichen Betäubung, ließ der Mediziner nicht mit sich verhandeln und dem musste dann sogar der exzentrische Künstler nachgeben.

Also hatte er letzten Endes ganz ruhig dort gesessen und interessiert dabei zugesehen, wie man die zerfransten Wundränder sauber ausschnitt, desinfizierte und dann vernähte. Anschließend erhielt er diverse Spritzen; Tetanus, Tollwut, etwas um einer Sepsis vorzubeugen und ein starkes Schmerzmittel. Bevor man ihm einen straffen Verband anlegte, betrachtete Kyo die frischen Nähte und war überrascht davon, wie klein diese plötzlich wirkten. Sie hinter einem reinweißen Verband verschwinden zu sehen, war ein Anblick, der ihm noch immer sehr vertraut war.

 

Mittlerweile saß er wieder auf der Behandlungsliege, neben ihm stand der Übersetzer, welcher sich sichtlich unwohl zu fühlen schien, und wartete darauf, dass der Arzt mit den Bildern der Röntgenuntersuchung zurück kam.

Mit einem metallischen Klicken wurde die Tür geöffnet und eben dieser trat ein.

»Gute Nachrichten, Mister Nishimura«, verkündete der Arzt, als hätte Kyo einen Preis in irgendwas gewonnen. »Sie haben eindeutig keine Gehirnerschütterung.«

Nun, das war tatsächlich eine gute Nachricht. Denn wäre dies nicht der Fall, dann hätte Kaoru wohl Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um die letzten beiden Shows abzublasen und ihn zur Bettruhe zu zwingen. Ihr Leader konnte eine verdammte Glucke sein, wenn man ihn nicht aufhielt.

 

»Das ganze Blut kam von der Platzwunde, diese ist aber nur oberflächlich. Es reichte aus sie zu reinigen und zu kleben.«

Kyo nickte leicht, sein Kopf tat trotzdem weh, was nach so einer Aktion wohl normal war.

»Ich verschreibe Ihnen ein Schmerzmittel. Allerdings muss ich Sie ausdrücklich darum bitten, es in den nächsten Tagen ruhig angehen zu lassen. Wann werden Sie nach Japan zurückkehren?«

Noch ehe der Dolmetscher fertig war, die Worte des Arztes zu übersetzen, brummte Kyo.

»In vier Tagen.«

Sofort verstummte der Mann zu seiner rechten und der Arzt machte sich nickend ein paar Notizen.

»Also gut. Bitte lassen Sie sich vor Ihrem Flug, noch einmal von einem Arzt untersuchen. Wir konnten die Wunde an Ihrem Bein zwar problemlos behandeln, aber wäre sie nur wenige Millimeter tiefer gewesen, dann hätte es eine Operation benötigt.«

Dies wiederum waren keine besonders guten Neuigkeiten. Kyo hatte eigentlich damit gerechnet, direkt nach dem letzten Konzert zurückfliegen zu können. Dass er sich um den Kontrolltermin herumschleichen konnte, bezweifelte er stark. Kaoru würde auch dies zu verhindern wissen, soviel stand schon mal fest.

 

»Ich werde Ihnen einen Bericht mitgeben, den Sie bitte bei der nächsten ärztlichen Untersuchung vorlegen. Sollten Sie diesen zusätzlich in japanischer Sprache benötigen, dann sagen Sie uns bitte rechtzeitig Bescheid.«

»Das wird nicht nötig sein.« Kyos Blick wurde durchbohrend und ein wenig freute es ihn, als er sah, dass die Augen des Arztes schnell durch den Raum glitten und sich schließlich auf die Mappe in seinen Händen fixierten.

»Okay, das wäre dann alles.« Er überreichte ihnen die besagten Unterlagen und ergriff dann mit einer knappen Verabschiedung die Flucht.

 

***

 

»Auf keinen Fall!«

»Kaoru, verdammt nochmal, ich bin okay!«

Seit einer geschlagenen halben Stunde und während sie in Richtung West Hollywood fuhren, diskutierten Bandleader und Bandmonster nun schon miteinander. Sie einander gegenüber und starten sich dabei an wie zwei Kontrahenten in einer Schlacht. Diese Schlacht trug dabei den Titel Wer gibt zuerst auf?’ und wurde dabei von drei schweigenden Bandmitgliedern, inklusive Manager, neugierig und besorgt beobachtet.

»Du hattest eine Platzwunde am Kopf und dein Bein ist zerfleischt! Kyo, du musst im Bett bleiben und dich ausruhen!«

»Muss ich nicht. Der Arzt meinte, dass es meinem Kopf gut geht und mein Bein ist nicht zerfleischt. Die scheiß Katze hat mich nur gebissen und mir nicht direkt den Unterschenkel amputiert!«

 

Da die Wunde unangenehm pochte, jedoch nicht allzu stark schmerzte, hatte er das Hosenbein seiner Jeans hochgekrempelt und so sah man den nicht mehr ganz so strahlend weißen Verband. Ein paar einzelne kleine Blutflecken waren zu erkennen, die aber schon längst eingetrocknet waren. Insgesamt fühlte sich Kyo erstaunlich gut. Sogar sein Kopf tat ihm nicht mehr weh.

 

»Ich sage trotzdem nein! Du kannst in diesem Zustand, unmöglich deine Show auf der Bühne abziehen.«

»Gut, dann werde ich eben einfach nur brav herum stehen und singen. Zufrieden?«, fauchte der sture Sänger, dem das Ganze tierisch gegen den Strich ging.

Was war denn Kaorus verdammtes Problem? Er konnte wieder stehen und gehen und da der Auftritt erst morgen Abend war, hatte er noch genug Zeit, um sich brav auszuruhen und vor Langeweile zu sterben.

 

»Wir sind nicht durch ganz Amerika gereist, um jetzt kurz vorm Ende abzubrechen.«

Bevor Kaoru auf seine Argumente eingehen konnte, setzte sich plötzlich Shinya neben den Leader und sah ihn mit seinen sanften Augen an.

»Wie wäre es, wenn wir einen Kompromiss schließen?«, fragte der Drummer, dessen Stimme wie immer etwas fast schon einlullendes hatte. »Wir machen die erste Show, Kyo wird sich zurückhalten und wenn es ihm danach immer noch gut geht, dann versuchen wir auch die zweite.«

Als beide Streithähne etwas erwidern wollten, hob Shinya eine seiner zierlichen schlanken Hände und brachte sie somit zum schweigen.

»Und du lässt dich in den Pausen durchchecken, Kyo«, setzte er eine weitere Bedingung auf. »Sobald irgendwas nicht stimmt, werden wir die Show umgehend abbrechen. Verstanden?«

 

Wusste Shinya eigentlich, wie unheimlich er manchmal sein konnte? Kyo schluckte, bei dem Blick, mit dem ihm der andere Mann regelrecht in die Seele zu starren schien. Dann wand er sich rasch ab und tat so, als würde er bockig aus dem Fenster schauen. Wirklich sehen tat er die Landschaft jedoch nicht.

»Na schön«, murrte er resigniert und wusste, dass sie sich auf nichts anderes würden einigen können. Auch Kaoru war sichtlich unzufrieden, nickte dann allerdings und durch den Bus ging ein erleichtertes Aufatmen.

 

***

 

»Kaoru! Hilf mir!«

Er riss die Augen auf, versuchte sich aufzurichten und spürte ein heftiges Stechen in seiner linken Schulter. Kaorus Stirn tat weh; er hatte sie in einer plötzlichen Bewegung gegen die Seitenscheibe des Busses gehauen und gab nun ein mitleidiges leises Jammern von sich. Ein Schauer ging ihm durch den Körper und veranlasste ihn dazu, sich tiefer in seinen Hoodie zu vergraben.

 

Noch immer im Delirium seines Traumes gefangen, versuchte er sich zu orientieren und blickte zunächst auf die Dokumente, welche vor ihm auf dem Tisch lagen. Anschließend ließ die Augen langsam umherwandern, sah den Rest der Band, die weiter vorn zusammen saßen und im Flüsterton miteinander sprachen. Offensichtlich hatten sie ihn nicht wecken wollen. Kein Wunder, denn nach der letzten und sehr schlaflosen Nacht, hatte Dir En Greys Ältester diesen Schlaf eigentlich auch bitter nötig. Und es war nicht einmal so, dass er es nicht versucht hätte. Aber jedes Mal, wenn er in den Schlaf abglitt, erklangen wieder und wieder Kyos panische Schreie.

In all den Jahren, hatte er ihren Sänger in den unterschiedlichsten Variationen und Stimmlagen brüllen, winseln, jammern und schreien hören. Aber noch nie hatte Kaoru gehört, dass er dabei so panisch klang. Vermutlich würde ihn dieser Schrei noch lange verfolgen.

 

Müde fuhr er sich mit den Fingern über das Gesicht, massierte seine Augenlider und versuchte sich erneut zu sammeln.

Gott verdammt, Kyo fand wirklich immer wieder neue Wege, um ihm den Schlaf zu rauben. Dabei hatte er eigentlich gehofft, dass nächtliche Panikattacken, oder dissoziative Wahnvorstellungen, nicht mehr dazu gehörten. Und von denen hatte es in der Vergangenheit mehr als genug gegeben!

 

Kaoru ergriff den Becher mit dem Kaffee, öffnete den auslaufsicheren Verschluss und nahm einen Schluck. Er war noch immer warm, also konnte er nicht all zulange geschlafen haben. Müde lehnte er den Kopf wieder an die Scheibe und beobachtete seine Band, hinter dem Vorhang seiner zotteligen Haare. Ein leichtes Lächeln schlich sich dabei auf seine Lippen.

Ja, in gewisser Weise war er oft genug der Erziehungsberechtigte dieser vier Wahnsinnigen. Jeder von ihnen war so ein starker und eigensinniger Charakter. Sie ähnelten einander so gut wie gar nicht und außenstehende Menschen nahmen sie nicht selten so wahr, als würden sie nicht miteinander harmonieren. Aber das taten sie, auf ihre völlig verdrehte Weise.

 

Da war Shinya, der sanftmütige, stille Mann, mit dem unnatürlich schönen Gesicht. Er gab nie zu viel von sich selbst preis. Aber wenn man ihn lange genug kannte, dann wusste man irgendwann genau wie er tickte. Er stand lieber am Rand, hatte seine Augen und Ohren aber trotzdem immer mitten im Geschehen. Und es gab fast nichts, was seiner Aufmerksamkeit entging.

 

Toshiya hingegen war die klassische Rampensau. Er hatte einen wirklich albernen Humor, ein viel zu großes Herz und war zeitgleich ein absolut schräger Vogel. Kaoru hatte überhaupt keine Ahnung, wo ihr Bassist manchmal seine kreativen und doch irgendwie absurden Ideen hernahm.

 

Dai war eine ganz eigene Nummer. Es war Kaoru ein absolutes Rätsel, wie ein solcher Macho eine derart feminine Seite haben konnte. Dai war schön, keine Frage, aber er definierte Androgynität auf eine wirklich undefinierbare Weise, hatte von ihnen allen den schlimmsten Humor und trotzdem diese zutiefst melancholische Seite in sich. Er wurde aus ihrem zweiten Gitarristen irgendwie nicht schlau und das obwohl sie eng miteinander befreundet waren.

 

Und zu guter Letzt war da Kyo; das Herzstück der Band und der Grund für Kaorus knapp 15 Jahre andauerndes Kopfzerbrechen.

Als sie sich kennenlernten, hätte er niemals gedacht, dass in diesen 1,59 m Körpergröße, eine solch selbstzerstörerische Kraft steckte. Und einmal vollständig entfesselt, wurde Kyo auf der Bühne zu einer wahren Naturgewalt.

Kaoru erinnerte sich noch zu gut an die ersten Studioaufnahmen für Withering to Death, nach ihrem Stilbruch mit der Visual Kei Szene. In dem Augenblick, als Kyo wirklich bewusst geworden war, dass er endlich damit aufhören durfte sich zu verbiegen, hatten sie zum ersten Mal seinewahre’ Stimme gehört. Und in Kaoru war in dieser Sekunde irgendetwas grundlegendes für immer zerbrochen. Noch Tage später war es ihm nicht möglich gewesen, das Gefühl der Ohnmacht vollständig abzuschütteln und so wie die anderen ausgesehen hatten, war es ihnen genau so ergangen.

 

Sie hatten damals bereits viel mit ihrem Sänger durchlebt; Dinge an denen andere Bands längst zerbrochen wären. Doch der Moment, als Kyo wirklich keine Rücksicht mehr auf irgendwas oder irgendwen nahm, hatte ihnen nochmal deutlich vor Augen geführt, dass in ihm etwas beinahe monströses steckte.

Die ersten Jahre hatte er sich oft gefragt, was im Leben und der Kindheit des Sängers alles hatte schief gehen müssen, um aus ihm ein solches emotionales und psychisches Wrack werden zu lassen. Aber Kaoru hatte keine Ahnung, wie man ein derartiges Gespräch anfing und irgendwie hatte Kyo ihnen immer nonverbal vermittelt, dass sie auf diese Frage auch nie eine Antwort erhalten würden. [1]

 

Und dann war da noch diese Sache von vor 12 Stunden.

 

Kaoru beobachtete Kyo, wie er mit den anderen redete und sein breites Grinsen mit den schiefen Zähnen, für die er sich mittlerweile auch nicht mehr schämte. Natürlich tat es gut, ihn nun endlich ernsthaft und herzlich lachen zu sehen; nicht dieses aufgesetzte Lächeln, welches er ihnen früher immer präsentiert hatte. Aber irgendwie wurde der Leader das Gefühl nicht los, dass ein Puzzleteil nicht an der richtigen Stelle saß. Irgendwas passte einfach nicht, doch er sah nicht was es war. Und das wurmte ihn extrem.

 

Kaoru war ein Kontrollfreak; war es immer gewesen und würde es auch immer sein. Hier und jetzt auf ein Problem zu stoßen, welches er nicht zu lösen in der Lage war, machte ihn verrückt.

Er suchte den Fehler im Lachen seines Sängers, befand aber, dass daran nichts anormal war.

Irrte er sich vielleicht und da war nichts?

Waren es doch nur die Nerven und der Stress, die ihm so zusetzten?

Sein Blick wanderte nach unten, zum hochgekrempelten Hosenbein und dem Verband an der Wade des Jüngeren. Auch hier war nichts ungewöhnliches zu sehen und trotzdem störte ihn etwas.

Aber was? Wo war das Puzzlestück, was nicht am richtigen Platz saß?

 

***

 

Die Schreie der Fans waren heute irgendwie lauter als sonst. Zumindest war das Kyos Eindruck, als er die Bühne hinter sich ließ und von einem unangenehmen Schwindel erfasst wurde. Dabei dachte er sich noch, dass es wohl wirklich keine gute Idee gewesen war, mit immer noch leichten Kopfschmerzen aufzutreten. Andererseits hatte er die Show erstaunlich gut gemeistert, obgleich er weniger aktiv über die Bühne stolziert war, als er es für gewöhnlich zu tun pflegte.

Kaoru hatte ihm kurz vor der Show sogar damit gedroht, ihn, wenn nötig, an seinem Mikrofonständer anzuketten, sollte Kyo auch nur daran denken, wie ein Gummiball umher zu springen.

 

Tatsächlich hatten Kopfschmerzen und das unangenehme Pochen in seinem Bein, schon von ganz alleine dafür gesorgt, dass seine Hauptaufgabe am heutigen Abend darin bestanden hatte, einfach nur herum zu stehen und seine Songs von sich zu geben. Die Fans hatten getobt, die Halle gekocht und er selbst hatte recht bald das Gefühl gehabt, innerlich wie äußerlich gegrillt zu werden.

Schon nach zwei Songs hatte er sich wieder seines Oberteils entledigt, dies aber recht bald ein wenig bereut. Denn nicht nur erschien ihm heute die Musik lauter und das Licht heller. Irgendwie war ihm auch heißer als sonst und die Scheinwerfer gaben ihm das Gefühl, als versuchten sie ihm die Haut vom Körper zu brennen.

Ja, das alles waren tatsächlich Anzeichen dafür, dass er ins Bett und nicht auf die Bühne gehörte. Aber dies hier war ihr vorletzter Auftritt, morgen wäre dann der letzte und er würde den Teufel tun und dafür sorgen, dass dieser abgesagt würde!

 

Keuchend blieb er stehen, stützte sich auf den Knien ab und schloss die Augen. Als ihm jemand eine Flasche Wasser reichte, ergriff er diese blind, richtete sich auf und trank sie so gierig, dass er zum Schluss das Plastik in der Hand zerdrückte.

Gott, mir ist so schrecklich heiß!’

»Alles okay?« Dass Kaoru ihn direkt nach der Show ansprach, anstatt ihm seine Zeit zum mentalen Abkühlen zu geben, zeugte sehr von dessen Sorge. Kyo knurrte nur ein zustimmendes Geräusch und verschwand dann humpelnd in Richtung Umkleide.

Ich brauche Wasser … viel Wasser!’

 

Zwei Minuten später musste er sich auf dem Rand des Waschbeckens abstützen, als ihn wieder ein schrecklicher Schwindel übermannte. Die Übelkeit wurde immer stärker und stärker. Dann konnte er es nicht mehr zurückhalten und erbrach alles, was er kurz zuvor getrunken hatte, laut würgend in die weiße Keramikschüssel.

Das ist nicht gut. Das ist ganz und gar nicht gut!’

»Fuck!«, keuchte er Kyo wusch sich zitternd das Gesicht, ließ Wasser zwischen seine Finger rinnen, sammelte es in seinen Handflächen und kippte es sich hastig auf Kopf und Nacken. Endlich kühlte er etwas runter, aber während er im Innersten das Gefühl hatte zu kochen, sorgte der Schweißfilm auf seiner Haut nun dafür, dass er anfing zu zittern.

Es sind nur die Nerven; es müssen die Nerven sein!’

 

»Kyo?«

Kaoru klopfte gegen die verschlossene Tür, die Sorge in seiner Stimme war nun unermesslich stark und irgendwie konnte der Sänger es auch absolut verstehen. Aber er hasste es, wenn Menschen ihn die ganze Zeit über wie ein rohes Ei behandelten und das wusste Kaoru auch ganz genau. Natürlich war es unfair, seinem Leader und Freund gegenüber so zu denken. Er an seiner Stelle, hätte sich ja genau so große Sorgen gemacht. Doch Kyo war gerade nicht in der besten Verfassung, um auch nur im Ansatz so etwas wie Verständnis aufzubringen.

»Mir geht’s gut!«, fauchte er deswegen, was Kaoru dazu veranlasste einen Schritt von der Tür zurück zu weichen und nicht erneut zu klopfen. »Lasst mich einfach in Ruhe!«

Irgendwie hoffte er, dass Kaoru nicht ging und ihn nicht in Ruhe ließ. Dass er ihm sagte was mit ihm los war. Aber seine Hoffnung wurde zerstört und daran war er selbst schuld. Jahrelang hatte er seine Band, seine Familie, darauf trainiert ihn in Ruhe zu lassen, wenn er so drauf war. Woher sollten sie denn wissen, dass er genau jetzt ihre Nähe brauchte?

Kyo war ein Mensch der Extreme, das war ihm selbst am besten klar.

 

Er hörte wie die Tür zur Umkleide geschlossen wurde und eine fast schon dröhnende Stille einkehrte. Kaoru hatte sich wieder zur Bühne begeben, um sich von den Fans zu verabschieden.

Kyo hingegen sank auf die Knie, die Hände auf die Ohren gepresst, die Stirn gegen den kalten Rand des Waschbeckens gelehnt. Aus seinen Haaren tropfte Wasser, rann seinen nackten Rücken hinunter und hinterließ unangenehme Spuren auf seiner glühenden Haut.

Die meisten der Tropfen trockneten bereits auf dem Weg nach unten. Doch ein paar wenige schafften es bis zum Bund seiner Hose, wo sich im kalten Licht der Leuchtstoffröhre, ein merkwürdiges blasses Muster abzeichnete. Ein Muster, welches vor zwei Tagen noch nicht da gewesen war.

 

***

 

Er schlief unruhig, wälzte sich umher und keuchte.

Dir en Greys Sänger hatte lediglich Schuhe und Socken ausgezogen und war dann, verschwitzt und zu Tode erschöpft, aufs Bett gefallen. Nur um Sekunden später in einen unruhigen Dämmerschlaf abzugleiten, kaum dass sein Rücken in die viel zu weiche Matratze einsank.

Dabei träumte er nichts konkretes. Alles war ein wirres Durcheinander von den Eindrücken des Konzerts, der Tour, Themen seiner Vergangenheit, Dingen die nie passiert waren und einem paar türkisfarbener Augen. Er schlug immer wieder schwach um sich, murmelte unverständliche Worte, krallte sich in die Bettdecke und hatte das Gefühl zu schreien, obwohl kein einziger Laut seine Kehle verließ.

 

»Ah!«, keuchte er gequält.

Kyo lag auf dem Rücken, drückte eben diesen durch und rammte seine Fingernägel in den dicken Stoff. Hinter den zusammengepressten Lidern, spielte sich soeben immer wieder der Moment ab, in welchem ihn diese Kreatur unter dem Bus hervor zerrte. Aber jetzt konnte er ihr nicht mehr entkommen. Sie biss ihn, schlitzte seinen Körper mit ihren Krallen auf, zerfetzte sein Fleisch, ließ ihm keine Chance sich zur Wehr zu setzen und egal wie sehr Kyo auch versuchte nach ihr zu greifen, er fasste einfach durch sie hindurch.

Erst als er, wild um sich schlagend, vom Bett fiel und mit einem dumpfen Geräusch auf dem Teppich aufschlug, landete er sprichwörtlich zurück in der Realität und blieb zunächst einfach liegen.

 

Seine Augen waren vor Panik geweitet. Er zitterte, konnte sich nicht bewegen und starrte in die Dunkelheit unter dem Bett, die Wange tief in den weichen und etwas muffig riechenden Teppich gepresst. Rasselnd kam die Luft aus seinen Lungen und wirbelte Staub auf. Es war unmöglich für ihn zu sagen, wie lange er dort wie gelähmt lag. Doch irgendwann gelang es ihm, sich wieder nach oben zu drücken und zumindest aufzusetzen.

Alles tat ihm weh, als hätte er den schlimmsten Muskelkater seines Lebens. Zudem stank er nach Schweiß und war klitschnass. Der Sturz aus dem Bett hatte nicht gerade dafür gesorgt seine Kopfschmerzen zu lindern und es würde ihn nicht wundern, wenn er morgen grün und blau beim Frühstück auftauchte.

 

Ächzend versuchte er aufzustehen, schaffte es nur mit Mühe und Not und wankte auf die Tür des Badezimmers zu.

Wieso ist es in diesen verdammten Großstädten eigentlich immer derart hell?’

Und kaum dass er den angrenzenden Raum betrat, aktivierte sich der Bewegungsmelder und seine ohnehin nur aus Schmerz zu bestehende Welt, wurde von grellem Licht geflutet. Kyo kniff die Augen zusammen, tastete blind nach der Dusche und streifte sich seine restlichen Klamotten ab. Als er das Wasser aktivierte und den heißen Strahl auf seiner Haut spürte, brach er wieder in sich zusammen und ging mit einem Wimmern zu Boden.

 

»Scheiße«, würgte er hervor, spuckte etwas metallisch-bitteres aus und krümmte sich zusammen. »Eine Show … nur noch eine einzige Show.«

Er wollte nicht krank werden. Nicht jetzt! Nicht kurz vorm Ziel!

Dass das Wasser so heiß auf seinen Rücken prasselte, half zwar nicht gerade dabei seine Schmerzen und die innere Hitze zu lindern, die ihn bereits seit Stunden quälte, aber zumindest lockerte es seine Muskeln und er hörte auf so erbärmlich zu zittern.

Erst als er sich wieder soweit gefangen hatte, dass er den Arm heben und mit dem Regler die Temperatur etwas reduzieren konnte, seufzte er erleichtert auf. Dabei merkte er nicht einmal, dass er die Mischbatterie bis zum Anschlag in den blauen Bereich drehte. Für ihn selbst war es in diesem Moment in erster Linie angenehm und es klärte seinen Geist. Kyo setzte sich hin, streckte das Gesicht mit geschlossenen Augen direkt in den Wasserstrahl und versuchte sich auf nichts anderes zu konzentrieren, als die Tropfen die gewaltsam auf ihn einprasselten.

 

Langsam lösten sich Angst, Anspannung und Stress und er beruhigte sich weit genug, um wieder klar denken zu können. Als er die Augen öffnete und sich nach dem bereitstehenden Duschbad umsah, fiel sein Blick auf den Verband an seinem Bein. Dieser war nun vollgesogen mit Wasser und hatte sich abgelöst. Dazwischen erkannte er die Nähte der Bisswunde. Kam es ihm nur so vor, oder sah die Haut extrem rot aus?

Er hatte genug Erfahrungen im Leben gesammelt, wenn es um vernähte Schnittwunden ging; doch das hier war ihm neu. Also verlagerte er seine Position, wickelte den Verband vollständig ab und betrachtete das Elend darunter. Zum ersten Mal sah er sich die Verletzung aus direkter Nähe an und fasziniert strich er mit dem Finger ganz leicht darüber. Die Eintrittsstellen der Zähne waren recht weit auseinander und als er vorsichtig drauf drückte, konnte er spüren, wie tief sie sich in sein Fleisch gegraben hatten.

 

Er legte seine Hände zwischen die Bissspuren und versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, wie groß der Kopf dieses Monsters gewesen war. Kyo hatte das Wesen doch mit eigenen Augen gesehen und er musste kein Biologe sein, um zu wissen, dass es sich dabei nicht um einen Berglöwen gehandelt haben konnte! Die Art wie es ihn angesehen, sich bewegt und auf ihn reagiert hatte, hatte nichts mit einem normalen Tier gemeinsam. Vor allem deshalb nicht, weil seine Körperform viel mehr einem Humanoiden geähnelt hatte und keiner gewöhnlichen Raubkatze! Pumas bewegten sich nicht wie Primaten, oder Raptoren und sie gingen auch nicht auf den Hinterläufen. Kyo schüttelte zweifelnd den Kopf.

Nein, das hatte er sich nicht eingebildet!

Gleichzeitig wusste er, dass ihm diese Geschichte auch niemand glauben würde. Dafür war das alles viel zu abgefahren.

 

»Fuck man.« Todmüde lehnte er den Kopf nach hinten und presste seinen Oberkörper erschöpft gegen die kalten Fliesen in seinem Rücken. »Wieso muss so ein Dreck immer mir passieren?«, murmelte er und schaute hoch zum Duschkopf, aus dem noch immer eiskaltes Wasser strömte.

 

***

 

Band und Crew waren bereits unten beim Frühstück versammelt, als er aus dem Fahrstuhl trat und die meisten tummelten sich vor dem üppigen Buffet, welches man im Konferenzraum des Hotels für sie aufgebaut hatte. Hier hatten sie ihre Ruhe; sofern man bei dem Krach, den ihre Unterhaltungen verursachten, überhaupt von Ruhe sprechen konnte.

Kyo trat durch die halboffene Flügeltür und sah sich um. Hunger verspürte er nicht, aber dafür wahnsinnigen Durst. Gern wäre er weiter im Bett geblieben; eingerollt auf der Bettdecke und bei voll eingeschalteter Klimaanlage, da ihm noch immer wahnsinnig heiß war. Aber dann hätte sich spätestens in einer halben Stunde, Kaoru Zugang zu seinem Zimmer verschafft und das war das Letzte was Kyo jetzt gebrauchen konnte.

Unschlüssig stand er vor der Auslage und betrachtete das bunte Sammelsurium an Speisen und Getränken. Dabei war er von der Fülle fast schon angewidert. Die langen Tische bogen sich beinahe unter den vielen Tellern und ein Teil seines Verstandes fragte sich dabei, wie viel davon in wenigen Stunden im Müll landen würde.

Er verstand die Menschen einfach nicht.

Sein Blick glitt über die Töpfe, in denen sich gebratenes Fleisch stapelte und noch während er sich fragte, wer so etwas denn zum Frühstück herunter bekam, wurde sein Mund seltsam wässrig und er schluckte hart.

 

»Versuchst du das Essen zu hypnotisieren?«, fragte plötzlich eine vertraute Stimme rechts von ihm und er brauchte den Kopf nicht zu drehen, um zu wissen, dass es Toshiya war.

Kyo riss den Blick von dem Fleisch los, schnappte sich eine der Kaffeetassen und wand sich den beiden Vollautomaten zu, die ein Mitarbeiter des Hotels kürzlich mit frischen Bohnen aufgefüllt hatte.

»Seit wann trinkst du denn um diese Uhrzeit Kaffee?« Toshiya war ihm gefolgt, widmete sich der anderen Maschine und ließ gütig Cappuccino in ein hübsches, hochwandiges Glas laufen.

»Ich hab keinen Hunger«, murrte Kyo, dem nicht nach reden zu Mute war. Toshiya war eine verdammte Labertasche, egal um welche Uhrzeit!

 

Der Sänger hatte bis in die frühen Morgenstunden unter der Dusche verbracht, ehe er sich einen frischen Verband um das Bein gewickelt hatte und zurück ins Bett gekrochen war. Schon nach wenigen Minuten kam jedoch die Hitze zurück, weswegen er die Klimaanlage voll aufgedreht und sich dann direkt daruntergelegt hatte. Auf diese Weise war er schlussendlich in einen seltsamen Halbschlaf verfallen, bis ihn der Sound seines Handys schwerfällig aufweckte.

Das Resultat all dessen war nun ein schlecht gelaunter Kyo, der heute mal eine Hose mit weit ausgestellten Beinen trug, um die Nähte an seinem Bein zu entlasten. Ein Kyo der bleicher als sonst und restlos übermüdet war und sich jetzt, nur mit einem Kaffee in den Händen, zu seinen Bandkollegen setzte.

 

»Na, da sieht aber jemand aus wie das blühende Leben«, witzelte Dai, der dafür einen sehr giftigen Blick erhielt.

Kyo versuchte sich seinem Kaffee zu widmen und stellte fest, dass er diesen zwar immer noch nicht mochte, der bittere Geschmack aber zumindest den Heißhunger auf die Fleischplatte hinter ihm eindämmte. Kaoru sah ihn an, sagte nichts und schien zu überlegen wie er Kyos Laune einzuschätzen hatte. Vielleicht war er aber auch noch vom gestrigen Abend gekränkt und wartete nun auf eine anständige Entschuldigung, seitens des Sängers. Da diesem aber nicht nach reden zu Mute war, würde er darauf wohl noch lange warten müssen.

Shinya schwieg ebenfalls, neigte den schönen Kopf nachdenklich zur Seite und kniff die Augen ganz leicht zusammen. Dies tat er immer dann, wenn er über irgendwas grübelte. Schließlich streckte er die Hand aus und strich dem neben ihm sitzenden Kyo sanft eine Strähne aus dem Gesicht. Erschrocken atmete er ein.

»Was ist denn mit dir passiert?«

 

Auf Kyos Wange prangte ein frisches Hämatom, welches am Vorabend noch nicht da gewesen war. Energisch wedelte er die Hand weg und strich sich die Haare wieder vor den Bluterguss.

»Aus’m Bett gefallen«, murmelte er in seine Tasse und rümpfte die Nase. Der Kaffee schmeckte wirklich scheußlich.

Shinya war, bei seiner kurzen Berührung, aber noch etwas anderes aufgefallen. Er wollte soeben nach Kyos Stirn greifen, als der Sänger ihm die Hand zur Seite schlug und das erste Mal, in ihrer gesamten Laufbahn, einen vernichtenden Blick in Richtung ihres Drummers feuerte.

»Lass das!«, fauchte er und am Tisch kehrte umgehend Stille ein.

Shinya sah ihn bestürzt an, wusste nicht was er sagen oder tun sollte und stammelte schließlich eine hastige Entschuldigung. Kyos Körper war angespannt wie die Sehne eines Bogens. Er ertrug die Blicke seiner Freunde, bis er es nicht mehr aushielt und aufsprang. Den Kaffee zurück lassend, eilte er schnellen Schrittes hinaus und war froh, als er im Fahrstuhl niemanden antraf.

 

»Kao?«

Shinyas Augen wanden sich langsam ihrem Leader zu, welcher nicht einen Ton gesagt hatte, seit Kyos Ankunft und überhasteter Flucht. Dai und Toshiya guckten noch immer in die Richtung, in welche ihr Freund verschwunden war; fassungs- wie ratlos.

»Kao!«, kam es erneut und dieses Mal mit wesentlich mehr Nachdruck. Endlich schien er die volle Aufmerksamkeit des Gitarristen zu haben, denn Kaoru hob den Blick und nickte.

»Ich weiß, etwas stimmt nicht«, raunte er mit nachdenklicher Mine.

»Wenn es wieder anfängt,« Shinyas Stimme hatte einen merkwürdigen Unterton angenommen, der eine Mischung aus Angst und Resignation beinhaltete, »Ich kann das nicht mehr, Kaoru. Du weißt, dass ihr ein Teil meiner Familie seid. Aber wenn Kyo wieder so wie damals wird, dann werde ich nicht mehr weitermachen.« Nun brach seine Stimme endgültig und er senkte den Kopf, damit sie nicht sehen konnten, wie sehr ihn das alles traf

»Ich will nicht mehr dabei zuschauen müssen, wie er sich weiter zerstört. Du erträgst es doch auch nicht mehr. Das hast du selbst gesagt!«

 

Toto und Dai hatten sich ihnen ebenfalls wieder zugewandt und ihre Blicke sprachen Bände. Kaoru war klar, dass sie genau so dachten wie Shinya und es brach ihm regelrecht das Herz.

»Vielleicht ist es nur wegen dieser Sache mit dem Puma. Niemand steckt das einfach so weg.«, setzte er an. »Es ist viel besser geworden.«

»Aber er ist und bleibt labil«, warf Dai seine Bedenken in die Runde.

Sie sprachen leise, damit die umliegenden Tische nichts davon mitbekamen. Kyos psychischer Zustand war etwas, was nur sie etwas anging. Das hatten sie sich vor 10 Jahren geschworen und dabei blieben sie auch.

»Das hat sein Psychiater doch damals auch gesagt«, ergänzte er noch, als niemand etwas erwiderte.

 

Als das Wort auf Kyos Psychiater fiel, wurde die Stimmung immer bedrückter und Kaoru senkte den Kopf. Vor seinem geistigen Auge sah er sie Vier wieder in diesem verdammten Zimmer sitzen. Kyo hatte sie als seine nächsten Angehörigen angegeben und es gestattet, dass die Band über seinen Zustand vollumfänglich informiert wurde. Aber obgleich sie den psychischen Zerfall und schlussendlichen Zusammenbruch ihres Freundes, mit eigenen Augen gesehen hatten, war die komplette Diagnose trotzdem ein Schock.

 

'Er ist stabil, aber es besteht bei ihm eine sehr große Gefahr, erneut in diesen Zustand zurückzufallen. Welche Ereignisse seine dissoziative Störung begünstigen oder triggern könnten, ist zu individuell und nicht vorhersehbar.

Zwar schlägt er bislang gut auf die Therapie an, aber er erzählt uns kaum etwas von seiner Vergangenheit. Wir wissen nicht, was seine Krankheit ursprünglich ausgelöst hat, oder ob vielleicht eine familiäre, genetische Disposition vorliegt und es somit vererbt wurde.

Fakt ist aber, dass eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass wir ihn hier wiedersehen werden, sollte er erneut eine Krise erleiden.' [2]

 

»Ich schaff das nicht noch einmal«, sagte Shinya mit leiser Stimme und war kaum zu verstehen.

Kyos autoaggressive und teilweise lebensgefährliche Gewaltausbrüche, waren eine Achterbahn der Albträume gewesen und so wie Shinya, ging es auch den anderen. Kaoru nickte wieder und nippte nachdenklich an seinem Kaffee.

»Ich rede mit ihm, versprochen.« Schließlich sah er sie nacheinander an, versuchte sich mit einem vorsichtigen Lächeln und scheiterte kläglich. »Es wird nicht mehr so wie damals, das verspreche ich euch!«

Dabei wussten er, Toshiya, Dai und Shinya, dass das eigentlich eine Lüge war. Würde sich der Albtraum von damals wiederholen? Konnten sie dann immer noch weitermachen?

 

***

 

Es klopfte.

Kyo ahnte bereits wer es war und brummte nur ein frustriertes und genervtes »Ja?«, ehe er sich wieder auf den Block konzentrierte, der vor ihm auf dem Bett lag. Dieser war so über und über mit Textzeilen, Gedanken und Ideen vollgeschrieben, dass er teilweise bereits zusätzliche Blätter hatte einkleben und antackern müssen, um seinem Kopfchaos irgendwie Luft zu verschaffen.

Die Tür ging auf, er vernahm Schritte auf dem Teppich und dann hielt Kaoru vor dem Bett an. Noch immer sah der Sänger nicht auf, kritzelte weiter zusammenhanglos Kanji und Kana in seinen Block und wartete auf das Donnerwetter. Aber es kam nicht.

Statt dessen ließ sich Kaoru auf dem Bett nieder, mit ihm zugewandtem Rücken und stieß ein sehr langes Seufzen aus.

 

»Ist es wieder soweit?«, fragte sein Bandleader und endlich hörte Kyo auf, legte den Stift beiseite und sah ihn an. Täuschte er sich, oder wirkte Kaoru seltsam kraftlos.

»Nein«, meinte er monoton, klappte seinen Block zu, spannte das Gummi drum und klemmte den Kugelschreiber am Deckel fest. Es war selbst den anderen unter Strafe verboten, auch nur einen Blick in Kyos Textbücher zu werfen. Diese waren ihm nicht einfach nur heilig, sondern beinhalteten seine tiefsten und intimsten Gedanken, von denen er nur eine kleine Auswahl mit der Welt teilen wollte.

»Was ist es dann?« Immer noch sah Kaoru ihn nicht an. »Du hast Shinya angefaucht. Das hast du noch nie gemacht!«

Als ob er das nicht selbst wüsste. Kyo fühlte sich scheiße deswegen!

»Ich weiß.«

»Aber warum?«

»Keine Ahnung.«

 

Sie kamen nicht weiter, diese Konversation führte ins Nichts und das war ihnen beiden klar. Schließlich ließ sich Kaoru nach hinten fallen, lag nun mit dem Rücken auf dem Bett und sah zu Kyo hoch, der seinen Blick fragend und doch irgendwie unergründlich erwiderte. Niemand verstand was sich im Kopf ihres Sängers wirklich abspielte und Kaoru hatte sich bereits sehr oft gefragt, ob Kyo seinen eigenen Gedankengängen überhaupt folgen konnte.

»Du hast Albträume.«

Keine Frage, sondern eine Feststellung und endlich schien etwas in Kyo in Bewegung zu kommen. Dieser riss den Blickkontakt ab, drehte sich um und ließ sich einfach nach hinten fallen.

Kaoru gab ein kurzes und leises Schnaufen von sich, als der Hinterkopf seines Freundes auf seinem Bauch landete. Kyo hielt den Blick zur Decke gerichtet und stellte die Beine am Kopfende des Bettes hoch, was nicht gerade bequem aussah. Solche seltenen Momente waren mit die einzigen, in denen sich Kyo auf so etwas wie Körperkontakt aktiv einließ. Kaoru hielt die Hände hinter dem Kopf verschränkt, da er genau wusste, dass er ihn jetzt nicht anfassen durfte.

 

»Du doch auch«, kam die Antwort, nach einigen Minuten des Schweigens.

»Stimmt«, gab Kaoru nüchtern zu. »Deine Schreie reißen mich immer wieder aus dem Schlaf. Du hättest draufgehen können!«

»Bin ich aber nicht.« Kyo drehte den Kopf und sah ihn von unten her an. »Ich kann die Show heute machen, so wie gestern auch.« Seine Stimme war fest, obwohl er sich absolut elend fühlte. »Und ich werde mich bei Shinya entschuldigen. Das hätte ich nicht tun dürfen.« Kurze Stille, dann sprach er weiter. »Aber ich hab echt beschissen geschlafen. Sind wohl einfach nur die Nerven.«

Es war Kaoru nicht anzusehen, ob er sich mit dieser Erklärung zufrieden gab, oder nicht. Der Gitarrist starrte einfach nur an die Decke und blinzelte hin und wieder. Kyo runzelte die Stirn.

»Hast du gehört was ich gesagt habe? Ich sag ihm, dass es mir leid tut. Okay? Es geht mir gut!«

»Also wird es nicht wieder so wie damals?«

»Nein!« Jetzt schrie er beinahe. Sie sollten endlich damit aufhören, ihn ständig bemuttern zu wollen. Dir En Grey war Kyos Familie und er wollte nicht, dass sie sich je wieder solche Sorgen um ihn machten, wie damals.

»Shin will die Band verlassen, wenn du wieder - .«

»Denkst du das weiß ich nicht?!« Kyo richtete sich nun auf, seine Beine rutschten nach unten und er musste sich auf einem Ellenbogen abstützen. »Ich will für euch gesund sein, Kaoru. Ihr seid meine Familie und wenn die Band wegen mir zerbricht, dann habe ich nichts mehr!«

Kaoru musterte ihn, ein trauriger Ausdruck trat in seine Augen, welcher Kyo Angst machte.

Was lief hier eigentlich gerade schief?

 

»Wieso kannst du nicht für dich selbst gesund sein? Wieso nur für uns?«

Der eben noch angespannte Körper des Jüngeren, sackte leicht in sich zusammen. Kyo schüttelte den Kopf und begab sich wieder zurück in seine vorherige Position.

»Ich kann es einfach nicht. Dafür bin ich mir oft genug selbst zuwider. Aber es ist besser geworden, glaub mir.«

Das meinte er wirklich ehrlich. Er konnte noch lange nicht sagen, dass er sich selbst auch tatsächlich mochte. Aber er war zumindest soweit, dass er sich die meiste Zeit ganz gut ertrug.

»Trotzdem geht irgendwas in deinem Kopf vor sich.«

»Das tut es doch immer.«

Endlich schlich sich so etwas wie ein Lächeln auf Kaorus Lippen, auch wenn der traurige Schimmer nicht so recht verschwinden wollte.

»Stimmt, deswegen schreibst ja auch DU unsere Texte.«

 

***

 

Ich muss aus diesen verdammten Klamotten raus!’, dachte er sich, während er ins Mikro brüllte und die Fans seine Schreie in seinem Wirbel aus Euphorie erwiderten.

Wenn er sie ansah und mit seinen Rufen und Gesten dazu aufforderte, mit ihm zu schreien und zu eskalieren, dann empfand er ein unbeschreibliches Hochgefühl. Gleichzeitig war ihm jedoch auch schon wieder so wahnsinnig heiß, dass er glaubte jeden Moment einfach in Flammen aufzugehen und zu verbrennen.

Kyo zerrte sich das Shirt vom Leib, schrie erneut und kratzte sich unbewusst über den Oberkörper. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Kaoru ihm einen raschen Blick zuwarf, ehe er sich wieder auf sein Spiel konzentrierte. Ihm war es nicht einmal wirklich bewusst, was er da eigentlich tat. Seine Haut juckte schrecklich, sein Blut kochte, in seinen Ohren rauschte es unentwegt und ihm war wahnsinnig schwindlig. Dabei hatte er sich bis zur Pause noch gut genug gefühlt, um sich auch die zweite Hälfte zuzutrauen. Aber seit einigen Minuten, wurde es mit jedem Atemzug den er tat, schlechter und schlechter.

 

Nur noch zwei Songs’, dachte er sich, in dem Augenblick als Dai sein kurzes und leidenschaftliches Solo hatte. Kyo atmete durch, war froh darüber, dass die Scheinwerfer mal für ein paar Sekunden nicht auf ihn gerichtet waren und verpasste seinen Einsatz beinahe, kaum dass das Licht wieder anging und ihn in den Fokus nahm.

Das war eine beschissene Idee, die Show doch zu spielen.’

Er versang sich mehrmals, was von den amerikanischen Fans zum Glück unbemerkt blieb und schalt sich in Gedanken für diesen dummen Fehler. Sein Bein pochte jetzt so stark, dass sein nächster Schrei nur dazu diente, seinen Schmerzen irgendwie Raum zu geben. Dies blieb auch den anderen nicht verborgen. Als Toshiya und Dai die Plätze tauschten, warfen sie einander besorgte Blicke zu. Ohne sich abzusprechen, hielt sich der Bassist von da an näher bei ihrem Sänger auf, aus Angst dieser könnte zusammenbrechen.

 

Tatsächlich hatte Kyo das Gefühl, am Rande der Besinnungslosigkeit zu stehen. Ihm ging es hundeelend.

Der letzte Song.’

Erneut gingen die Lichter aus, er musste sich auf seinem Mikrofonständer abstützen, um nicht in Ohnmacht zu fallen

Keine Zugabe … bitte keine Zugabe. Das schaff ich nicht mehr.’

Sein verletztes Bein zitterte jetzt so stark, dass er es nicht mehr unter Kontrolle bekam und im Kopf bereits die Sekunden zählte, bis er endlich von der Bühne gehen konnte.

 

»Kyo?«, rief ihm jemand von der Seite zu. Er hatte gar nicht bemerkt, dass Toshiya nach wie vor neben ihm stand.

Nicht schon wieder’, dachte er sich, Hört doch bitte endlich auf mich zu bemuttern!’

Dass diese Gedanken dumm waren und er wirklich Hilfe brauchte, wusste Kyo dabei selbst. Aber er konnte einfach nicht über seinen eigenen Schatten springen. Es war doch nur noch ein einziger Song!

»Ich bin okay«, sagte er, nachdem er sich ein Stück vom Mikrofon abgewandt hatte. »Kopfschmerzen«, versuchte er seinen Kollegen zu beschwichtigen.

In der Dunkelheit der Bühne, war es schwer irgendwas zu erkennen. Aber das was er sah reichte aus, um ihm klar zu machen, dass Toshiya ihm nicht wirklich glaubte.

 

Das Licht ging wieder an, die ersten Sounds vom finalen Song erklangen. Sofort verfielen sie beide wieder in ihre professionelle Rolle und versuchten ihr Bestes zu geben. Im Nachhinein würde sich Kyo immer wieder fragen, wie um alles in der Welt er es geschafft hatte, in diesem Zustand überhaupt einen sinnvollen Satz über die Lippen zu bringen. Denn mittlerweile war er fast blind, sein Schädel fühlte sich an, als würde er jeden Moment explodieren und sein Körper war vor Hitze und Schmerzen beinahe taub.

Irgendwann griff er nach rechts, spürte wie er Toshiyas Schulter packte und war froh darüber, dass er sich an dem Bassisten ein wenig abstützen konnte. Als ihn sein Atem verließ, streckte er das Mikro in Richtung Zuschauer, die sich sofort angespornt fühlten und den Refrain übernahmen. Natürlich schrecklich falsch und in einem Japanisch, dass es ihm die Nackenhaare aufstellte. Trotzdem war er dankbar für diese winzige Pause, die ihm dadurch geschenkt wurde.

 

Noch zwei Zeilen.

Dann noch eine.

Dann war es vorbei.

 

Kyo brüllte irgendwas unverständliches zum Dank, ließ das Mikrofon mit einem Rumpeln auf das Pult fallen und humpelte zum Ausgang der Bühne. Jemand ergriff seine Schulter, er hörte Kaorus Stimme und wies ihn kraftlos ab. Die drei Stufen stolperte er fast nach unten und konnte sich nur mit Mühe und Not an einer der Equipmentkisten abstützen. Der Sänger schüttelte hilflos den Kopf, um diesen verdammten Schwindel loszuwerden, doch das führte nur dazu, dass die Welt immer mehr ins wanken geriet. Er streckte die Hand aus, um irgendwo Halt zu finden und erkannte dann, zu seinem Entsetzen, dass er jetzt wirklich gar nichts mehr sah!

 

Kyos gesamte Wahrnehmung verengte sich zu einem schwarzen Tunnel, sein Herzschlag ging immer schneller und schneller, alles drehte sich und dann -

 

Schreie.

Und Stille.

 

***
 

Kapitel 3 ¦ Katzenblut


 

 ***

 

Die ganze Zeit über, hatte sich das miese Gefühl aus Kaorus Brust nicht abschütteln lassen. Schon als die erste Pause vorbei war und er Kyo in Richtung Bühne hatte gehen sehen, war ihm klar gewesen, dass es diesem nicht gut ging. Die letzten zwei Songs, waren die Bestätigung seiner Annahme und führten nun dazu, dass er seine heißgeliebte Gitarre fast schon in den Ständer pfefferte, kaum dass es vorbei war, um dem Sänger zu folgen.

Er sprang soeben die Treppe zur Stage hinunter, als er einen erschreckten Schrei hörte und dann mit ansah, wie Kyo mitten im dunklen Gang zusammenbrach.

Kaoru rannte die letzten Meter, konnte nicht verhindern, dass sein Kollege mit dem Kopf aufschlug und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, begann dieser urplötzlich damit heftig zu krampfen.

»Kyo!«, schrie er, warf sich neben ihn auf die Knie, wusste nicht was er tun sollte und packte ihn an den Schultern. Kaoru wollte verhindern, dass er sich weiter verletzte, aber es fühlte sich an, als versuche er eine wütende Schlange festzuhalten.

 

Der Anblick war surreal und albtraumhaft gleichermaßen. Von Kyos Augen sah man nur noch das Weiß, so weit hatte er sie nach innen verdreht. Seine Kiefer waren brutal zusammengepresst und seine Glieder zuckten wild umher. Kaorus Finger krallten sich in die nackten Schultern seines Freundes und erst jetzt merkte er, wie sehr dieser eigentlich glühte.

Er bekam Panik, schrie irgendwen an, doch endlich den Notarzt zu rufen; was natürlich längst geschehen war und rief dann immer wieder Kyos Namen.

Dieser jedoch reagierte nicht. Er krampfte noch immer und wurde gefühlt immer heißer und heißer. Hinter ihm trafen nun auch die anderen ein. Sie riefen etwas, auf was er nicht wieder achtete und als Dai versuchte Kaoru zu helfen, zog er erschrocken die Finger zurück, kaum dass er Kyos Haut berührte:

»Er verbrennt!«, schrie er, seine Stimme überschlug sich beinahe vor Entsetzen.

 

Und obwohl sie nicht gedacht hätten, dass es noch schlimmer werden könnte, wurde es das. Mit einem Schlag verkrampfte sich Kyos Körper so stark, dass er sich selbst regelrecht deformierte. Sein Rücken wurde derart unnatürlich durchgestreckt, dass Kaoru befürchtete, ihn jeden Moment durchbrechen zu sehen. Seine Muskeln waren so stark angespannt und trotzdem zitterte er, als stünde er unter Strom. Sie hatten bereits viele Zusammenbrüche ihres Sängers miterlebt, aber das hier war eine komplett andere Liga.

Dann setzte das rhythmische Krampfen erneut ein. Kaoru betete, dass Kyo längst bewusstlos war und nicht merkte, was gerade mit ihm passierte. Seine Füße trommelten auf den Boden, seine Arme schlugen immer wieder auf den schmutzigen Beton auf, Speichel tropfte ihm aus dem Mund und ein feiner Streifen Blut lief aus seiner Nase und über die Wange nach unten.

Überfordert versuchte Kaoru und Dai ihn festzuhalten, aber sie schaffte es einfach nicht. Mit vereinten Kräften, drückten sie den krampfenden Körper so gut es ging zu Boden, bis endlich eine Stimme hinter ihnen auf Englisch rief, dass der Notarzt eingetroffen war. Kaoru wich widerwillig zurück, machte den Männern in der roten Uniform Platz und spürte wie er von Händen gepackt und weiter nach hinten gezogen wurde. Dabei war er unfähig die Augen von Kyo zu nehmen.

 

***

 

Christine Jansen sah von dem Buch in ihrer Hand auf, als das Diensttelefon auf ihrem Schreibtisch anfing zu klingeln. Genervt legte sie erst Buch und dann Sandwich aus der Hand, wischte sich die etwas fettigen Finger an einer Serviette ab und griff schließlich nach dem Gerät.

 

»Ja?«, fragte die etwa 1,85m große Frau, mit den langen, rotbraunen Haaren, welche sie zu einem Zopf gebunden und am Hinterkopf hochgesteckt hatte. Ihre kalten, schmutzigblauen Augen glitten unbestimmt durchs Büro und widmeten sich keinem besonderen Ziel, außer dass sie registrierte, dass es bereits nach 11 Uhr am Abend war. Nachtschichten zählten nicht gerade zu ihren favorisierten Arbeitszeiten im Krankenhaus und daran würde sich auch niemals etwas ändern.

»Doktor Jansen, wir benötigen Sie in der Notaufnahme«, erklang die Stimme ihres Assistenzarztes. Für eine Frau, die eigentlich bereits 58 Jahre alt war, wirkte sie wie gerade einmal Mitte 40 und als solche gab sie sich auch für gewöhnlich aus. Die Wahrheit ging ohnehin niemanden etwas an - nicht einmal hier in den Staaten, wo sie seit nun mehr 10 Jahren lebte.

»Ich komme«, brummte sie und legte dann wieder auf.

 

Die deutsche Ärztin wusch ihre Hände und warf sich dann den weißen Kittel über. Die eingestickten Buchstaben auf ihrer Brust, wiesen sie als leitende Ärztin der Notfallambulanz aus.

 

Doktor Jansen war von ungewöhnlicher Statur. Sie war ausgesprochen muskulös, hatte ein recht breites Kreuz, ein sehr kantiges Gesicht und eine Körpersprache die mit jeder Faser ‘Bleib mir gefälligst fern!’ schrie - wofür sie nur bedingt etwas konnte.

Mit den Jahren hatte sie damit angefangen, die Anwesenheit und soziale Nähe anderer Menschen zu meiden und als ausgesprochen lästig zu empfinden. Eine Eigenschaft, die den meisten ihrer Art zu Eigen war und sie nicht selten vereinsamen ließ.

 

Trotz der bereits fortschreitend späten Stunde, war dieser Flügel der Klinik gut besucht. Während sie über den Flur schritt, der Körper angespannt, die Augen finster nach vorn gerichtet, wichen die anderen Mitarbeiter ihr entweder aus, oder entschieden sich sogar spontan zurück ins Zimmer, oder einen anderen Gang zu treten.

Auch wenn diese Menschen keine Ahnung davon hatten, was sie eigentlich war, spürten sie es instinktiv und ergriffen unbewusst die Flucht.

Gut so’, dachte sie sich: ‘Alles andere wäre sehr dumm.’

Sie öffnete eine der Flügeltüren zur Notaufnahme und direkt schlug ihr der unverkennbare Geruch von Blut, Erbrochenem, Urin, Desinfektionsmittel und medizinischem Reiniger entgegen.

Egal wie gründlich die Mitarbeiter auch arbeiteten, für ihre Sinne würde dieser Gestank niemals gänzlich verschwinden. Aber ihr war das nur recht, denn es erinnerte sie stets daran wo sie war und worin ihre Aufgaben an diesem Ort bestanden!

Ja, der Irrsinn hielt sie tatsächlich bei Verstand!

 

Sie war noch nicht ganz angekommen, schnellte bereits ihr Assistent aus einem der Räume und eilte auf sie zu.

»Doktor!«, rief er.

»Ist der Patient schon da, Steve?«

Auch wenn er ihr seit bald 2 Jahren zugeteilt war, hielt er ihrem bohrenden Blick nach wie vor nicht lange stand. Er schüttelte hastig den Kopf.

»Nein, aber der Rettungswagen sollte jede Minute hier eintreffen.«

»Wissen wir schon genaueres?«

Steve nickte jetzt und warf einen Blick auf sein Klemmbrett - sie mussten dringend ihre Systeme modernisieren!

»Ein Krampfanfall. Sie kommen von Blue Sunset Strip«, erklärte er rasch, aber nicht hektisch. »Laut dem leitenden Sanitäter, muss es wohl sehr schlimm sein. Der Patient spricht nicht auf die Medikamente an.«

 

Christine hob eine Augenbraue, sah ihn einerseits überrascht, andererseits auch ein wenig besorgt an. Ein anhaltender Krampfanfall, trotz Medikamentierung?

Für gewöhnlich, erlitten 20% aller Erwachsenen einmal im Leben einen Krampfanfall. Aber derart schlimme Fälle, waren ausgesprochen selten und hingen nicht selten mit auslösenden Erkrankungen oder Drogenmissbrauch zusammen. Das Blue Sunset Strip galt zwar nicht gerade als Umschlagplatz für illegale Substanzen, aber das bedeutete nicht, dass es dort nicht auch den ein oder anderen Dealer gab.

 

Plötzlich wurde es hinter ihr lauter und als sie sich umwand, sah sie bereits zwei Sanitäter in ihre Richtung eilen, zwischen sich eine Transportliege, auf welcher eine Person geschnallt war, die sich unter starken Zuckungen krümmte und immer wieder in die Gurte warf, die sie festhielten.

»35 Jähriger Patient, männlich, Krampfanfall seit 15 Minuten, konstant in dieser Stärke«, ratterte der Sanitäter seinen Bericht herunter und folgte der Krankenschwester, welche ihnen einen Behandlungsraum zuwies. Christine und Steve folgten ihnen.

 

Während der junge Arzt umgehend den anderen zur Hand ging, ergriff Christine das Brett mit den bislang noch spärlichen Informationen. Als ihr ein Umschlag in die Hand fiel, in welchem sich diverse Dokumente, ein Ausweis, sowie eine Versicherungskarte befanden, stutzte sie.

»Er ist Japaner?«, fragte sie überrascht. Da sie im Moment mehr als genug helfende Hände hatten, löste sich der leitende Sanitäter und trat zu ihr.

»Ja, er ist Sänger irgendeiner Band. Sie hatten heute einen Auftritt im Blue Sunset Stripe und er ist direkt nach Ende der Show, hinter der Bühne zusammengebrochen. Seitdem krampft er«, erhielt sie den Bericht: »Sein Manager hat uns das hier gegeben.« Er tippte auf den Umschlag mit den Dokumenten. »Es scheint wohl vor zwei Tagen einen Vorfall gegeben zu haben, bei dem er sich am Bein verletzt hat. Ich konnte es durch den Akzent nicht so gut verstehen.«

 

Christine zog ein Blatt Papier hervor und erkannte sofort das Logo der behandelnden Klinik in Denver. Offenbar war dieser kleine Mensch viel herumgekommen. Eine schnelle Analyse des Dokuments offenbarte ihr, dass sich ihr Patient vor zwei Tagen aufgrund eines unschönen Zusammenpralls mit einer unbekannten Raubkatze, eine Bisswunde am Bein zugezogen hatte.

Der Arzt hatte hier ‘Puma?’ vermerkt. Man hatte ihm, den Vorschriften entsprechend, alle notwendigen Impfungen verpasst und die Wunde ordnungsgemäß versorgt. Zudem hatte der Patient über Kopfschmerzen geklagt, jedoch war die Röntgenuntersuchung unauffällig geblieben.

Einen Aufenthalt über Nacht, hatte der Patient abgewiesen, aufgrund des straffen Zeitplans der Tour - sie nahm sich vor, diese Truppe bei nächster Gelegenheit mal zu googlen - und ihn dann wieder entlassen. Jedoch mit der dringlichen Bitte, sich vor dem Rückflug nach Japan, noch einmal genauer untersuchen zu lassen.

 

»Tja. das mit der Untersuchung kann er sich dann jetzt wohl sparen«, murmelte sie und schaute wieder auf.

Ihr Patient war recht klein, knapp 1,60m, hatte wirres, blondes Haar, wirkte ansonsten aber ungemein muskulös und war zudem tätowiert, was eigentlich auch unüblich war, für jemanden seiner Nationalität. Andererseits war er Musiker und nahm damit im Allgemeinen eher eine Sonderstellung ein.

»Was habt ihr ihm bereits gegeben, um die Krämpfe zu stoppen?«, fragte sie und erhielt eine Reihe von Antworten. Dabei spürte sie, wie ihr das Herz immer schwerer und ihre Miene immer finsterer wurde.

Das ist nicht gut - überhaupt nicht gut!’

Der angebliche Puma-Biss, der Zusammenbruch kurz darauf, die Krämpfe und, laut Protokoll, eine extrem erhöhte Körpertemperatur. Christine legte das Klemmbrett weg, schob ihren Assistenzarzt zur Seite und streifte sich ein paar Handschuhe über. Jede ihrer Bewegungen war routiniert, ruhig und dennoch sehr kraftvoll.

«Thermometer«, forderte sie.

Steve eilte sofort zu einem der Schränke und brachte ihr den gewünschten Gegenstand, ohne zu fragen. Er hatte längst gelernt, einfach nur das zu tun, was seine Chefin von ihm verlangte.

 

Christine richtete den Laser direkt auf die Stirn des Patienten, wartete einen Moment und fühlte sich fast sofort in ihren Befürchtungen bestätigt.

»42°C«, las sie laut vor: »Wie hoch war es bei der Messung vor Ort?«

»Knapp über vierzig«, antwortete der Sanitäter erstaunt: »Wie kann es denn so schnell ansteigen? Wir haben kaum 7 Minuten zurück zur Klinik gebraucht.«

Und es wird noch schlimmer, wenn wir das nicht in den Griff bekommen’, dachte sie: ‘Lange her, dass ich einen wie ihn hier hatte.’

 

»Wir müssen ihn runterkühlen. Ich benötige hier so viele Kühlakkus wie wir entbehren können«, gab sie ihre Anweisungen und ließ dabei den krampfenden Mann nicht aus den Augen. Die Sanitäter nahmen ihre Transportliege mit, dafür rannten nun Steve und die Schwestern los. Für einen kurzen Moment, war sie mit Kyo alleine, beugte sich zu ihm herunter und zischte:

»Normalerweise lasse ich solche wie dich einfach verrecken. Also versuch bitte nicht zu sterben, wenn ich mir schon die Mühe mache, dein Leben zu retten.«

Sie richtete sich wieder auf, als Steve herein kam, in beiden Händen hielt er eiskalte Gelpacks, welche sie entgegen nahm und diese an gezielten Stellen auf dem Körper ihres Patienten verteilte.

Hoffen wir, dass es nicht bereits zu spät dafür ist.’

 

***

 

Kaoru und ihr Tourmanager saßen im Mietwagen und fuhren mit überhöhter Geschwindigkeit dem Rettungswagen hinterher. Als sie immer weiter zurückfielen, fluchte der Gitarrist und schlug mit der Hand auf das Armaturenbrett ein:

»Scheiße!«

Das durfte doch alles nicht wahr sein! War er wirklich so blind gewesen und hatte nicht registriert, wie krank Kyo tatsächlich war? So einen Krampfanfall erlitt niemand einfach so ohne Vorwarnung. Er machte sich Vorwürfe und fragte sich, ob er als Leader vielleicht sogar versagt hatte.

»Wir hätten die Show absagen sollen!«, fluchte er lautstark: »Er hätte in Denver im Krankenhaus bleiben müssen. Wir - .«

»Kaoru-San!«, rief sein Manager, dem der Angstschweiß ebenso auf der Stirn stand, wie Kaoru: »Bitte versuch dich zu beruhigen.«

»Hör auf mich beruhigen zu wollen!«, fauchte Kaoru ihn an, richtete den Blick dann aber wieder zu den sich rasch entfernenden Rücklichtern des Rettungswagens. Seine Finger trommelten dabei unruhig auf seinen Oberschenkeln herum.

 

Der Rest der Band war noch am Veranstaltungsort und eigentlich hatte ihr Manager alleine zum Krankenhaus fahren wollen. Aber Kaoru war kurzerhand mit in den Wagen gestiegen und hatte darauf beharrt mitzukommen. Seine Schuldgefühle erdrückten ihn regelrecht.

»Dieser verdammte Idiot«, murmelte er angespannt: »Wieso hat er denn nichts gesagt?«

Aber die Antwort darauf kannte er schon lange. Kyo war der letzte, der es irgendwem sagen würde, sollte er sich nicht besonders gut fühlen.

 

Viel zu schnell kamen sie auf dem Parkplatz vor der Klinik zum stehen und Kaoru wurde in den Gurt gedrückt. Im nächsten Augenblick jedoch löste er diesen und sprang fast vor einen vorbeifahrenden Wagen, als er die Tür aufriss und ausstieg. Er stolperte zurück, sah sich hektisch um und schlug die Autotür unnötig stark wieder zu.

Gemeinsam eilten sie zum Eingang der Notaufnahme, welche recht voll besetzt war. Eine Schwester, die das Pech hatte genau jetzt neben der Eingangstür zu stehen, erschreckte sich bei ihrem Eintreffen fast zu Tode.

Als der Manager sie ansprach und in stark akzentuiertem Englisch nach Kyo fragte, bedeutete die junge Frau ihnen, ihr zu folgen. Kaoru sah sich um, musste aber erkennen, dass sich Kyo wohl in einem der Behandlungsräume befand.

 

Sie kamen zum stehen und die Dame bedeutete ihnen, einen Augenblick zu warten. Anschließend wand sie sich ab, klopfte und schlüpfte so schnell in den Raum, dass Kaoru nicht erkennen konnte, was drin vor sich ging.

Erst jetzt, als er dazu gezwungen war zu warten, merkte er wie sehr seine Beine zitterten. Doch er wollte sich nicht hinsetzen, aus Angst dann vielleicht nicht wieder aufstehen zu können. Also begann er damit unruhig auf und abzulaufen, die ganze Zeit über die Tür im Blick behaltend. Er vernahm Stimmen, verstand aber nicht was sie sagten und hatte das Gefühl gleich durchdrehen zu müssen.

 

Nach einer schieren Unendlichkeit, wurde die Tür wieder geöffnet und eine Frau in einem weißen Kittel trat heraus. Kaoru hatte das Gefühl in sich zusammenzuschrumpfen.

Er selbst galt eigentlich als normal groß und war es gewohnt mit Bohnenstangen wie Dai und Toshiya zu arbeiten. Doch was war denn das bitte für eine Riesin?

Sie überragte ihn um eine knappe Kopflänge, hatte eine intensive, strenge Ausstrahlung und sah ihn mit einem Blick an, der ihn unwillkürlich zurückweichen lies.

Der Gitarrist hätte niemals gedacht, einen Menschen zu treffen der den gleichen, durchdringenden und gnadenlosen Blick hatte, wie Kyo. Ja, diese Frau machte ihm von der ersten Sekunde an eine wahnsinnige Angst!

 

»Gehören Sie beide zur Band?« Sogar ihre Stimme war hart und streng.

Kaoru nickte, war froh darüber mittlerweile besser Englisch zu verstehen und zu sprechen. Aber er überließ letzteres dann doch lieber den Manager. Eben dieser stellte sie knapp vor und deutete eine Verbeugung an. Zu ihrer beider Überraschung, wurde diese von der Ärztin erwidert, welche sich ihnen als Doktor Jansen vorstellte.

»Ich will ehrlich zu Ihnen sein, aber Nishimura-san befindet sich in keiner guten Verfassung« Dass sie zudem die japanische Höflichkeitsform nutzte, sorgte ebenfalls für nicht gerade wenig Verwunderung. Seine Sorge um Kyo, ließ die Frage nach dem Warum jedoch recht schnell im Hintergrund verschwinden.

 

»Was ist mit ihm?«, fragte er, mehr oder weniger grammatikalisch korrekt.

Die Ärztin sah ihn an und zögerte.

»Er krampft nicht mehr, ist aber auch noch nicht zu sich gekommen. Aktuell versuchen wir, seine extrem hohe Körpertemperatur zu senken.«

»Kyo wurde gebissen!«, rief Kaoru.

»Ich weiß«, erwiderte sie etwas sanfter: »Ob er sich dabei eine Infektion zugezogen hat, können wir jedoch ebenfalls noch nicht sagen. Der Patient ist in einem allgemein sehr schlechten Zustand.«

 

»Doktor!«, rief plötzlich ein junger Mann, ebenfalls ein Arzt.

Christine wand sich ihm zu, als plötzlich ein erstickter Schrei durch die offene Tür hallte. Hätte der Manager ihn nicht festgehalten, dann wäre Kaoru schon im nächsten Moment losgestürmt. Auch wenn ihm völlig klar war, dass er nichts würde ausrichten können.

Die Ärztin hatte sich von ihnen abgewandt und war zu ihrem Assistenten geeilt. Kaum war sie im Behandlungsraum verschwunden, da wurde die Tür auch schon geschlossen und die Stimmen dahinter, wurden lauter und hektischer.

 

Christine stand für zwei Sekunden still da und betrachtete einfach die Szenerie vor sich.

Der Patient hatte die Augen aufgerissen und es war offensichtlich, dass er desorientiert war und sie alle auch nicht richtig wahrnahm. Ein junger Pfleger, der das Pech hatte genau jetzt am Kopfende zu stehen, wurde von einer Faust getroffen und ging mit einem erschrockenen Laut zu Boden. Steve war sofort bei ihm, während ein anderer Pfleger versuchte die Arme des Musikers irgendwie festzuhalten, damit er nicht auch noch auf die Idee kam aufzuspringen und sich auf irgendwen zu stürzen.

Jetzt rührte sich auch Christine. Sie trat auf die Liege zu, packte die Schultern des Patienten und drückte sie mit einer Kraft nach unten, die durchaus dazu in der Lage war, einem Menschen spielend leicht die Knochen zu brechen.

 

»Beruhige dich!« Ihr Japanisch war auch schonmal besser gewesen, aber immerhin verfehlte es seine Wirkung nicht. Der junge Mann starrte sie an, die Augen weit aufgerissen, schwarz umrandet, blutunterlaufen. Sein Gesicht war kalkweiß und in ihm stand nichts als blanke Panik.

»Nishimura-san, bitte versuchen Sie sich zu beruhigen.«

Eigentlich war es sinnlos, das wusste sie aus eigener Erfahrung. Doch es brachte auch nichts, wenn sie zuließ, dass Kyo sich auf ihre Mitarbeiter stürzte und einen von ihnen vielleicht sogar verletzte.

Kyo seinerseits griff nun hoch, packte sie am Ärmel ihres Kittels und zog so fest daran, dass die Nähte ein ungesundes Reißen von sich gaben.

»Das - war - kein - «, zischte er angestrengt. Sein Blick war glasig und es war extrem schwer ihn überhaupt zu verstehen: » - Puma.«

 

Sie hatte es gewusst.

Natürlich ist das kein Gott verdammter Puma gewesen!

»Kein Mensch -.« Es kostete ihm hörbar Kraft, seine Worte zu formulieren. Kyos Körper war noch immer so verkrampft, dass ihm auch das Atmen schwer fiel. »Etwas - etwas dazwischen! Katze- Mensch - mein Bein - ARG

Er ließ sie los, kratzte sich wie verrückt über die nackte und verschwitzte Brust. Seine Haut juckte unerträglich und glühte so heiß, dass er sie selbst kaum berühren konnte. Er wollte nicht sterben! Nicht mehr!

»Bitte!«, flehte er, den Blick auf die Gestalt neben sich gerichtet. Er konnte noch immer nichts erkennen, alles war in einen grauen Nebel gehüllt und er nahm seine Umgebung nur als finsteres Zerrbild der Wirklichkeit war.

»Hilf mir!«

 

Zuerst wirkte es so, als erleide er jede Sekunde einen erneuten Krampfanfall, doch dann schien etwas anderes zu passieren. Kyo krallte sich in die Unterlage, erzeugte dabei ein unangenehmes Geräusch, als er das Kunstleder so sehr überstrapazierte, dass es an einigen Stellen stark überdehnt wurde.

Sein Körper war jetzt nur noch ein einziges Bündel aus puren, unermesslichen Schmerzen. Jeder Knochen in seinem Leib schien in Flammen aufzugehen, seine Haut zu zerreißen, seine Sehnen und Muskeln zu verdrehen. Und in seinem Kopf brüllten die Qualen. Er konnte nicht mehr, er wollte doch nur noch dass es aufhörte.

Verzweifelt und schon lange nicht mehr Herr seiner Sinne, atmete er so tief ein wie er konnte und schrie! Er schrie und schrie und schrie, mit all der Kapazität, die so einzigartig für seinen Gesang war und sich nun in pures Grauen verwandelte.

Christine erstarrte. Obwohl sie schon so viel erlebt hatte - unter anderem auch dies hier - hatte sie noch nie gehört, das ein Mensch derart brüllen konnte.

Wie um alles in der Welt, ist das möglich?’

 

Diese Frage stellte Kaoru sich schon lange nicht mehr, denn der war kurz davor ihrem Manager den Kopf abzureißen, weil er ihn einfach nicht loslassen wollte. Kyos Schrei war in der gesamten Notaufnahme zu hören und ausnahmslos jeder hielt für einen kurzen Moment in seinem Tun inne und starrte zu der geschlossenen Tür, hinter der sich soeben ein Drama abspielte.

 

***

 

Ihre Schuhe knallten auf dem Boden auf; eilig und mit großen Schritten.

Kaum dass sie ihr Büro betrat, schlug sie die Tür zu und drückte sich ihre Handtasche ins Gesicht, um irgendwie den wütenden Schrei im Kunstleder zu ersticken. Mit aufgerissenen Augen, die Pupillen zu nadelfeinen Schlitzen verengt, fokussierte sie ihr Spiegelbild in der gegenüberliegenden Fensterfront.

Christine sah aus, als würde sie jeden Moment einen Anfall erleiden, so schnell ging ihr Atem und ihre Schultern hoben und senkten sich in einem schnellen, aggressiven Takt.

»Scheiße«, fauchte sie auf Deutsch, pfefferte ihre Tasche zur Seite und kralltes ich in die Rückenlehne des Schreibtischstuhls.

»FUCK!«

 

Auf ihrem Kittel war Blut - sehr viel Blut! Dies war unvermeidbar gewesen, aber trotzdem hatte es sie überwältigt und nun witterte sie den metallischen Gestank, welcher ihr direkt in die Nase stieg und knurrte unterdrückt.

Rasch entledigte sie sich der befleckten Kleidung, knüllte sie zusammen und warf sie ins angrenzende Zimmer. Allmählich beruhigte sich ihr Atem ein wenig und sie strich sich über Gesicht und Haare.

»Doktor?«, erklang die unsichere Stimme ihres Assistenten, jenseits der geschlossenen Tür und sie konnte nicht verhindern, ihm ein sehr wütendes: »Jetzt nicht!«, entgegen zu brüllen.

Christine musste sich unbedingt beruhigen! Es brachte nichts, wenn sie hier im Krankenhaus herum tobte und ihre Emotionen nicht mehr in den Griff bekam. Dabei wusste sie gut genug, dass es dadurch viel schlimmer werden könnte.

 

Der Geruch dieses Mannes, der Gestank seines infizierten Blutes - der Gestank dessen, was ihn gebissen hatte - machte sie unfassbar wütend. Ihre Instinkte glaubten, einen fremden Kater in ihrem Revier wahrzunehmen und das war ein großes Problem. Dabei hatte sie geglaubt, nach über 30 Jahren, ausreichend Kontrolle über ihr inneres Monster zu besitzen. Offenbar hatte sie sich darin ziemlich geirrt.

Um ihre überspannten Sinne in einen normal funktionierenden Modus zurückzuholen, ging sie zu dem Waschbecken in der Ecke und begann damit ihre Hände, Unterarme, Hals, Dekoltee und ihr Gesicht zu waschen. Erst als sie sich gründlich desinfiziert und vertrautes Deo aufgetragen hatte, wurde es wieder besser. Sie richtete sich auf, legte den Kopf in den Nacken und atmete langsam durch - einmal, zweimal, dreimal.

 

Okay’, dachte sie sich, auch wenn ihre geballten Fäuste noch immer schrecklich zitterten. ‘Der Kleine liegt erstmal im Koma, dann ist er wenigstens außer Gefecht.’

Sie sah an sich herunter; das schwarze T-Shirt spannte über ihre Brüste und die straffen Muskeln und wieder stieg der Geruch seines Blutes hoch.

»Na toll. Er hat mir auf die Schuhe gekotzt.«

 

Bevor der Patient in einen halbtoten Zustand gefallen und damit endlich still gewesen war, hatte er wahnsinnig viel Blut auf ihren Kittel erbrochen. Obwohl sie eigentlich gewusst hatte, dass dies früher oder später passierte, hatte sie nicht verhindern können, dass es ausgerechnet sie traf.

Am liebsten wäre sie nach Hause gefahren, um sich ausgiebig zu waschen und umzuziehen. Doch leider gab es für sie als Oberärztin auch Pflichten, denen sie nachzugehen hatte und dazu gehörte es, mit den Angehörigen der Patienten zu sprechen.

Sie konnte es sich einfach nicht erlauben, sich in ihrem Zimmer einzuschließen und alle anderen zu ignorieren, nur weil ihre Katzennatur der Meinung war, ihr ins Handwerk zu pfuschen.

 

Unten warteten noch diese zwei Japaner, die zu dem Schreihals gehörten und hatten mit Sicherheit sehr viele Fragen, die sie ihnen auch nur zum Teil beantworten konnte.

»Was soll ich denen denn auch erzählen?«, murmelte sie vor sich hin und nahm sich einen ihrer Ersatzkittel aus dem Kleiderschrank.

»Hallo, ihr Freund wird sich bald in eine mordende Bestie verwandeln, suchen Sie sich schonmal einen neuen Sänger und lassen Sie ihn einschläfern?« Christine schnaubte verächtlich. »Wäre der Witz des Jahres.«

 

Erneut klopfte es und wieder war es Steve, der vorsichtig nach ihr fragte. Als sie keine Antwort gab und er erneut die Fingerknöchel gegen das Holz schlagen wollte, riss sie die Tür auf und sah auf den etwas kleineren Arzt herunter.

»D - die Herren von - von dem Patienten«, stammelte er, eingeschüchtert von ihren kalten Augen, welche glücklicherweise wieder ihre menschliche Form angenommen hatten. »Ich weiß nicht genau, was ich ihnen sagen soll.«

Christine nickte und schob sich an Steve vorbei.

»Du kannst gehen«, sagte sie, ohne ihn anzusehen: »Ich brauche dich heute nicht mehr.«

Es war ihr egal, ob sie ihn damit verletzte. Menschen mochten solche wie sie nicht und daran würde sich auch niemals etwas ändern. Christine redete sich tagtäglich ein, dass es ihr nichts ausmachte.

 

***

 

Kaoru fühlte seinen eigenen Körper nicht mehr. Er war wie gelähmt und konnte nichts anderes tun, als Kyo anzustarren, welcher in dem viel zu großen Bett lag, eine Atemmaske vorm Gesicht. Seine Haut derart bleich und wirkte so wächsern, wie die einer leblosen Puppe.

Die Geräte um ihn herum registrierten seinen Herzschlag, unregelmäßig und trotzdem wahnsinnig kraftvoll. Der junge Arzt hatte ihnen erklärt, dass der Sänger im Koma lag. Kaoru hatte die Worte zwar verstanden, aber immer noch nicht realisiert, was das bedeutete und wie das alles überhaupt hatte passieren können. Noch vor einer Stunde, hatte Kyo auf der Bühne gestanden und nun lag er hier, in diesem Krankenhaus und sah aus wie tot.

 

Es war nicht das erste Mal, dass Kaoru den Anblick von Kyo in so einem Zimmer ertragen musste. Aber das hier gehörte definitiv zu den schlimmeren!

Endlich kam Bewegung in ihn, denn er schüttelte leicht den Kopf, um nicht darüber nachzudenken. Er wollte nicht darüber nachdenken!

»Wir haben so viel Scheiß durchgemacht, nur damit du jetzt doch hier liegst?«, murmelte er leise und mehr zu sich selbst.

»Wie bitte?«, fragte ihr Manager, der ihn gehört aber nicht verstanden hatte. Der andere Mann saß auf dem einzigen Besucherstuhl im Raum, nach vorn gebeugt und ebenfalls ziemlich fertig mit den Nerven.

»Nichts.« Kaoru seufzte: »Hab nur laut gedacht.«

 

Erst als die Tür aufging und die große Ärztin eintrat, wand Kaoru den Blick für einen Moment von Kyo ab. Nicht einmal der Band hatte er bislang Bescheid sagen können, so durcheinander war er.

»Guten Abend«, grüßte die Dame sie. »Ich hoffe sie beide verstehen mich, denn mein Japanisch ist nicht mehr das beste.«

Kaoru nickte, ebenso wie der Manager. Ganz offensichtlich war die Frau darüber sehr froh. Sie ging zu den Geräten, schaute sich zuerst die Werte an, beugte sich dann über Kyo und hob eines seiner Augenlider. Als wäre sie mit irgendeiner Reaktion - oder in seinem Fall nicht vorhandenen Reaktion - zufrieden, nickte sie knapp, notierte sich etwas auf ihren Dokumenten und widmete dann ihre Aufmerksamkeit Kaoru und dem Manager.

 

»Er liegt im Koma«, erklärte sie ihnen. »Es sieht vielleicht nicht so aus, aber er hat gute Chancen, das zu überleben.«

Das war eine gute Nachricht, aber Kaoru interessierte eine andere Frage viel mehr.

»Was ist mit ihm passiert? Er wurde doch gegen alles mögliche geimpft!«

Doktor Jansen nickte langsam und bedächtig, was in ihm ein komisches Gefühl erzeugte, welches er nicht so richtig zu benennen wusste.

»Ja, aber sein Krampfanfall hatte nicht direkt mit dem Biss zu tun.«

»Wie meinen Sie das?« Auch der Manager trat nun zu ihnen. Er war ziemlich blass und sichtlich nervös.

»Es ist wahrscheinlich, dass er schon länger eine Infektion mit sich herum schleppt, die er nicht hat behandeln lassen. Der Stress durch den Biss und die Arbeit, waren am Ende zu viel für ihn.«

So wie die beiden nickten, schienen sie ihre Lüge tatsächlich zu schlucken.

»Das kann sein«, murmelte Kaoru und rieb sich über den Bart, den Blick wieder auf Kyo gerichtet. »Er ruiniert lieber seine Gesundheit, als auch nur auf eine einzige Show zu verzichten. Dieser dumme Idiot!«

 

Christine beobachtete ihn, schaute zwischen dem Gitarristen und dem Sänger hin und her und empfand so etwas wie Verständnis für den Kleinen.

»Ich denke, dass er in einigen Tagen wieder zu sich kommen wird. Das Fieber haben wir bis dahin auch im Griff. Aktuell - ,« sie schlug die Bettdecke an den Beinen zurück und zeigte, dass auf Kyos Haut mehrere blaue Packungen mit Kühlgel lagen: » - wird er durchgehend gekühlt und aus Erfahrung wissen wir, dass diese Behandlung sehr gut anschlägt.«

»Kommt so etwas häufiger vor?«, fragte der Manager nervös. Sie mochte diesen Mann nicht, er stank nach Angst. Allerdings versuchte sie auch jetzt in ihrer Rolle zu bleiben, obwohl ihre Stimme ihm gegenüber sehr viel schneidender war, als bei Kaoru.

»Etwa ein Fünftel aller Menschen, erleidet einmal im Leben einen Krampfanfall. Je nachdem ob er durch Stress, oder eine Krankheit ausgelöst wird, kann er mal schwächer oder stärker ausfallen.« Dann deutete sie auf Kyo, nachdem sie die Bettdecke wieder über dessen Beine geschlagen hatte.

»In seinem Fall, war es ausgesprochen stark. Tatsächlich ist diese extreme Form äußerst selten. Aber wenn er weiterhin gut auf die Behandlung anspricht, dann kommt er wieder auf die Beine.«

 

Kurz kehrte Stille ein, die beiden mussten diese Information erst einmal verarbeiten. Christine notierte sich wieder irgendwas unwichtiges, um beschäftigt auszusehen, dann sagte sie:

»Sie erhalten von mir einen vollständigen Bericht, denn er sollte sich in den kommenden Monaten auch in Japan regelmäßig untersuchen lassen.«

Als sie durch die Unterlagen blätterte, blieb ihr Blick am genauen Wohnort ihres Patienten hängen und aus ihrem Mund kam ein kurzes, überraschtes Geräusch, was die Aufmerksamkeit der beiden Herren auf sich zog.

»Stimmt diese Adresse hier noch?«, fragte sie und tippte auf die besagte Stelle. Der Manager reckte den Hals, las und nickte dann.

»Ja«, fragte er verwundert: »Warum?«

 

Ihr Blick wanderte zu Kyo, dann schimmerte auf ihren Lippen ein ganz leichtes Lächeln, welches sie selbst gar nicht wirklich bemerkte.

»Zufälligerweise kenne ich jemanden in seiner Nähe, der sich auf Fälle wie ihn spezialisiert hat.«

»Oh«, war die verblüffte Reaktion: »Ein Arzt?«

Nein, der Weihnachtsmann!’, knurrte sie gedanklich. Je länger sie hier war, umso weniger mochte sie diesen Typen dort.

»Ja«, sagte sie: »Nishimura-san sollte sich umgehend bei ihm melden, sobald Sie zurück sind. Ich werde meinen Kollegen fragen, ob er noch freie Kapazität hat und Ihnen eine Überweisung schreiben. Gibt es weitere Angehörige, die wir kontaktieren sollen?«

In dem ganzen Chaos, hatte daran vermutlich bislang niemand gedacht. Aber Kaoru antwortete mit belegter Stimme.

»Nein. Kyo hat niemanden außer uns.« Er hob den Blick, sah ihr fest in die Augen und sie war überrascht darüber, dass er dem ihren scheinbar problemlos standhalten konnte.

»Dir En Grey ist seine Familie.«

 

***
 

Kapitel 4 ¦ Katzenkoma


 

***

 

Es herrschte Grabesstimmung.

Sie hatten sich in Kaorus Hotelzimmer versammelt, damit er ihnen erzählen konnte, was genau passiert war. Shinya war kreideweiß, Dai hatte mitfühlend den Arm um ihn gelegt und Toshiya sah aus, als wäre er gedanklich in eine komplett andere Welt abgedriftet.

»Aber was machen wir denn jetzt?«, fragte Dai, restlos überfordert mit der Situation.

»Keine Ahnung«, gestand Kaoru, den Oberkörper nach vorn gebeugt, die Ellenbogen auf den Knien und das Gesicht in den Handflächen vergraben.

«Angeblich wird er wieder gesund, aber es fällt mir schwer daran zu glauben. Er sah so … so … tot aus!« Ihm fiel kein besseres Wort ein, als das.

Shinya zuckte allein bei dessen Nennung zusammen und Kaoru hatte den Eindruck, dass dieser noch ein bisschen bleicher wurde. Von Toshiya kam hingegen ein beinahe abfälliges Schnauben. Dass der Bassist nicht wusste, wohin mit seinem Gefühlen, sah man ihm deutlich an.

 

»Da versucht man jahrelang zu verhindern, dass Kyo sich auf der Bühne die Pulsadern aufschneidet und dann passiert so etwas.« Er zischte auf und schüttelte ungläubig den Kopf. »Es ist doch nicht zu fassen.«

»Ach sei still!« Shinya beugte sich an Dai vorbei und warf Toshiya einen sehr giftigen und wütenden Blick zu. »Wie kannst du so über ihn reden? Kyo wollte doch nicht, dass das passiert!«

»Wer von uns wollte heute morgen nochmal alles hinschmeißen, Shin-chan?«

»Hey!«, rief Kaoru dazwischen. »Hört auf euch zu streiten. Shinya hat recht. Dieses Mal kann Kyo nichts dafür. Er hat es sich nicht ausgesucht, von einem verdammten Puma angefallen zu werden.«

»Trotzdem hätte er uns darüber informieren sollen, dass es ihm nicht gut geht«, brachte Dai seinen Einwand. »Wenn es stimmt, was diese Ärztin sagt, und er hat den Anfall nur deshalb gehabt, weil er krank ist und der Auftritt zu viel für ihn war - .«

»Du kennst Kyo doch, Dai!« Kaoru fragte sich in dieser Sekunde ernsthaft, auf wessen Seite seine beiden Kollegen eigentlich standen. »Er merkt nie wie schlecht es ihm wirklich geht. Wahrscheinlich dachte er, dass er nur wieder eine kleine Erkältung bekommt.«

 

Ja, Kyo war psychisch nicht dazu in der Lage, den gesundheitlichen Zustand seines eigenen Körpers richtig wahrzunehmen und einzuschätzen. Woran das lag, ob es ein Symptom seiner psychischen Probleme, oder vielleicht sogar einer der Auslöser dafür war, konnte mittlerweile niemand mehr klar beantworten. Die Diagnose hatten sie erst vor einigen Jahren erhalten und sie war einerseits natürlich ein erheblicher Schock gewesen. Andererseits hatte sie auch eine Menge Licht ins Dunkel gebracht und sehr viele Fragen beantwortet.

 

»Trotzdem.« Der zweite Gitarrist sah fast schon bockig zu Boden. »Und was machen wir jetzt?«

Kaoru lehnte sich zurück und schaute nach oben zur Zimmerdecke.

»Wir werden die nächsten Tage abwarten, bis er wieder aufwacht und dann sehen wir weiter. Der Rest der Crew organisiert bereits den Rückflug vom Equipment, aber ich werde in keinen Flieger steigen, ehe ich nicht genau weiß, was mit Kyo ist!«

Er blickte sich in ihrer kleinen Runde um und erkannte, dass es den anderen drein genau so ging. Natürlich trieb sie Kyo gern in den Wahnsinn, mit all seinen seltsamen Ideen und Problemen.

Aber sie blieben eine Band und irgendwie auch eine Familie. Niemand konnte seine eigene Familie vierundzwanzig Stunden am Tag um sich herum ertragen. Aber trotzdem waren sie immer füreinander da, selbst wenn jeder von ihnen mal eine Zeitlang Abstand brauchte.

 

»Also bleiben wir?«, fragte Toshiya und erntete ein gemeinschaftliches Nicken.

»Natürlich!«, Dai versuchte es mit einem Grinsen, scheiterte dabei aber kläglich. »Wir können Amerika doch nicht mit dem Warumono alleine lassen. Das hält dieses arme Land nicht aus.«

»Du bist gemein!« Auch wenn er versuchte streng zu wirken, so konnte Shinya das leichte Schmunzeln nicht verbergen, welches sich auf seinen Lippen abzeichnete.

»Ich meine ja nur«, erwiderte Dai, der in Stresssituationen stets dazu neigte, entweder den Macho, oder den Komiker raus hängen zu lassen.

»Kyo würde es vermutlich im Alleingang schaffen, mehrere diplomatische Krisen auszulösen, Blumenkohl den Krieg zu erklären und Präsident zu werden. Und all das in nur einer einzigen Woche!«

Nun musste auch Toshiya lachen und selbst Kaoru, vor dessen innerem Auge sich das Bild von Kyo im Krankenzimmer eingebrannt hatte, konnte nicht verhindern, dass er leicht auflachte.

 

»Wann dürfen wir ihn besuchen?« Shinya schien sich wieder etwas beruhigt zu haben, denn er setzte sich aufrecht hin, mit seiner typisch eleganten Art und musterte ihren Leader aufmerksam. Kaoru neigte den Kopf ein wenig nachdenklich zur Seite.

»Ich würde euch diesen Anblick eigentlich gern ersparen«, meinte er nach einer Weile. »Es ist wirklich nicht schön.«

»Wir haben Kyo schon blutüberströmt vom Boden eines Badezimmers aufgesammelt«, argumentierte Dai. »Das war genau so unschön.«

»Ich weiß, aber das hier ist etwas ganz anderes!«

Er würde darüber nachdenken müssen. Aber irgendwie erfüllte es Kaoru auch mit einer irren Wärme, zu wissen, dass die Jungs immer noch hier waren und das mit ihnen zusammen durch standen.

 

Womit haben wir diese unglaubliche Band eigentlich verdient, Kyo?’, fragte er sich gedanklich und drehte dabei sein Feuerzeug zwischen den Fingern.

‘Du weißt, dass ich dich niemals im Stich lassen könnte. Das habe ich dir damals versprochen. Aber ahnst du eigentlich, wie sehr auch die anderen bei dir sind und dich immer unterstützen, egal was passiert? Also bitte - ich flehe dich an - kämpfe und wach wieder auf. Wir brauchen dich.’

 

***

 

»wach auf.«

Kyo schlug die Augen auf und blinzelte gegen das fahle Licht. Etwas hatte ihn geweckt und er rieb sich träge über das Gesicht.

Waren sie schon da? Oder war der Bus noch gar nicht abgefahren?

Langsam setzte er sich auf, schwang die Beine von der Wartebank und streckte sich, bis sein Rücken erleichternd knackte.

Wie lange hatte er denn dieses mal wieder geschlafen?

Mit vornüber gebeugtem Körper, kramte er in der Seite seiner Gitarrentasche nach den Zigaretten und fand schließlich die zerdrückte Packung und das fast leere Feuerzeug.

Eigentlich war es dumm von ihm gewesen, von seinen letzten Yen ausgerechnet Zigaretten und nicht vielleicht etwas zu essen zu kaufen. Aber er kam von dieser bescheuerten Sucht einfach nicht los und das obwohl er gerade einmal sechzehn Jahre alt war.

 

Rasch schob er sich die Zigarette zwischen die Lippen, zündete sie an und inhalierte den giftigen Rauch. Eine Weile genoss er die Schmerzen, die er in seiner Brust erzeugte, dann blies er ihn in die kalte Luft hinaus.

An der eingebrochenen Hausfassade in seinem Rücken, raschelte der Wind unangenehm laut zwischen den angeklebten Flugblättern. Ihm fröstelte, denn seine zerrissene Jeans und das kurze Shirt irgendeiner Punkband, die er nicht kannte aber deren Logo ihm gefiel, waren für diese Jahreszeit eindeutig nicht geeignet.

 

Mit der Zigarette im Mundwinkel, stand er auf, schulterte seine Gitarre und trat dann wieder vor die Tafel mit den Abfahrtszeiten. Eine Weile starrte er nachdenklich auf das schwarze Blatt Papier, ehe es abgerissen und vom Wind weggetragen wurde.

»Hm«, machte er beinahe gelangweilt und beobachtete den Zettel, welcher vom Wind erst in tausend Einzelteile zerlegt wurde und anschließend wie schwarzer Schnee zur Erde rieselte.

»Hab den letzten wohl verpasst.«

Das bedeutete, er würde zu Fuß zu der billigen Absteige gehen müssen, die er sich von seinen Nebenjobs leisten konnte.

Wieder zog er an der Zigarette und wieder tat es in seinen Lungen weh. Kein Gutes Zeichen, in seinem jungen Alter.

 

Als der Gurt seiner Tasche von seiner hageren Schulter rutschte und er diese genervt wieder nach oben zerrte, gab er ein frustriertes Stöhnen von sich.

Warum genau tat er sich das eigentlich immer noch an?

Egal wie sehr er es auch versuchte, immer wieder scheiterte er und selbst wenn er es bis zu einem Vorspiel schaffte, so war die Antwort immer die gleiche.

‘Tut mir leid, aber dir scheint das notwendige Feingefühl für die Musik zu fehlen.’

Klasse, was sollte er denn sonst machen? Wieder zurück zu seinen Eltern gehen? Ganz bestimmt nicht!

 

Frustriert davon, dass er sich seit zwei Monaten nur noch im Kreis drehte und seine Miete von würdelosen Nebenjobs bezahlte, kickte er einen herumliegenden Stein weg und sah zufrieden dabei zu, wie dieser in den klaffenden Abgrund zwischen den Straßenseiten krachte.

Neugierig trat er ein Stück näher und beugte sich vor. Es ging steil hinab.

Kyo sah die ausgefransten, metallischen Mäuler abgerissener Wasserleitungen, die schon lange ausgetrocknet waren und ins Nichts führen. Kabel, deren spröde Isolationsschicht beständig abblätterte, baumelten träge umher und wenn er sich nicht irrte, dann erkannte er, in einiger Entfernung, sogar die Reste einer U-bahn.

Es faszinierte ihn die unterschiedlichen Schichten seiner namenlosen Stadt zu sehen, die langsam von der Moderne, aus Asphalt und Beton, zu ihrer urtümlichen Form aus Erde und schwarzem Lehm übergingen. Bis sie irgendwann in einem finsteren Nebel verschwanden, der sich niemals lichtete und aus dem hin und wieder tiefe Rufe erklangen, die ihn dazu aufforderten, endlich zu ihnen zu kommen.

 

Über ihm wogte der graue Himmel in schäumenden Wellen, die stetig miteinander kollidierten und ihre karmesinrote Gischt in Richtung Erdboden schickten. Wo sie auftraf, begann sie sich in Gestein und Metall zu fressen, wie alles vernichtender Krebs. Fand sie unbefleckten Erdboden, so kroch sie in gierigen Fäden hinein und nahm sich was sie kriegen konnte. Millimeter um Millimeter, verleibte sie sich seine Welt ein, bis nichts mehr übrig blieb, außer Asche, Staub und Rost.

 

Er trat zurück und setzte seinen Weg fort. Durch die Stadt, die im Takt seiner Schritte immer mehr zu vermodern schien.

Plötzlich ertönte hinter ihm ein lautes Krachen. Er drehte den Kopf zurück und beobachtete, wie eines der Hochhäuser in sich zusammenstürzte, für einen Moment verharrte und dann zur Seite kippte. Dabei krachte es in den Abgrund, riss verwitterte Laternen und die Bushaltestelle weg und schickte eine gewaltige Welle aus Staub, Glas und Splittern los.

Kyo riss die Arme hoch, um sein Gesicht vor der Flut zu schützen. Er spürte wie ihn immer wieder scharfkantige Trümmer trafen, ihm ins Fleisch schnitten und ihm die Luft zum atmen nahmen. Dann wurde er von der Woge umgerissen und landete hart auf dem mit Staub bedeckten Asphalt. Unter ihm knirschte es, die Tasche lag neben ihm. So gut er konnte rollte er sich zusammen, um sich irgendwie zu schützen.

 

Gefühlte Stunden dauerte dieser Sturm, welcher ihn langsam unter sich begrub. Der Teenager kniff noch immer die Augen zusammen, als der Lärm langsam nachließ und auch der Trümmerberg über ihm nicht mehr schwerer wurde. So vorsichtig wie er nur konnte, kämpfte er sich frei und hustete, spuckte Staub, Dreck und Blut aus und blinzelte gegen das was er sah; oder eben nicht sah.

»Scheiße«, keuchte er, immer wieder von krampfartigen Hustenanfällen geplagt.

Wie schlimm konnte dieser Tag denn noch werden?

Halbblind stolperte er vorwärts, ließ seine Gitarre einfach wo sie war (er würde es ja eh niemals schaffen sie richtig zu spielen) und tastete sich irgendwie vorwärts, in der Hoffnung etwas zu finden, an dem er sich festhalten und orientieren konnte.

Aus dem Abgrund brüllten die Stimmen, die er zu ignorieren versuchte. Sollten sie doch da unten verrecken!

 

Als seine Finger den rostigen Stahl einer Laterne ertasteten, schlang er erleichtert die Arme um diese und begann, mit geschlossenen Lidern, den Kopf und damit auch seine Haare zu schütteln. Er fühlte sich, als wäre er soeben aus einer Aschewolke gekrochen und mindestens genau so viel Dreck rieselte auch aus seinen wirren dunkelblonden Haaren. Vor nicht allzu langer Zeit, hatte er sie in einem Selbstversuch gebleicht und damit ein ziemliches Chaos aus blonden Strähnen und hässlichen Flecken erzeugt. Nun war davon nicht mehr viel zu erkennen, da sie so voller Staub waren.

 

»Geht weg!«, fauchte er die Schatten aus den Gassen an, die in seine Richtung krochen und ihn aus ihren ekelhaft gelben Augen an starrten, als wäre er eine Attraktion im Zirkus.

Konnten die ihn nicht endlich alle in Frieden lassen?

»Na los!«, schrie er die formlosen Gestalten an. »Verpisst euch gefälligst!«

Erst als aus seinem Mund ein tiefes, unmenschliches Knurren erklang, wichen die Schatten zurück und kauerten sich verängstigt in den vielen dunklen Winkeln zusammen, die es hier überall gab.

 

Erneut spuckte er aus, es knirschte unangenehm zwischen seinen schiefen Zähnen. Als er sich umwand, fühlte er plötzlich einen scharfen Schmerz, der ihm den Arm hochzog und ihn dazu veranlasste keuchend stehen zu bleiben. Kyo sah an sich herab und blinzelte erstaunt.

»Oh«, murmelte er, verwundert darüber, dass ihm der große Eisensplitter in der Außenseite seines Oberarmes erst jetzt auffiel. Kurzerhand griff er danach, zog ihn heraus und betrachtete ihn. Sein Blut tropfte langsam und zähflüssig von der Spitze und hinunter in den grauen Staub. Der Splitter folgte nur wenige Sekunden später; er hatte ihn einfach fallengelassen.

 

Die offene Wunde an seinem Arm ignorierend, stapfte er weiter durch die Asche.

In weiter Ferne brach erneut ein Gebäude in sich zusammen, doch es kümmerte ihn nicht. Dafür wurden die Schatten wieder mutiger, angelockt vom Geruch seines Blutes. Egal wie oft er sie dieses mal auch anging, sie sollten ihm gefälligst fern bleiben, krochen sie einfach weiter. Zwar wahrten sie immer noch einen gewissen Sicherheitsabstand, aber dies könnte sich jederzeit ändern und Kyo war nicht besonders scharf darauf, seine Albträume noch näher an sich zu wissen, als sie es ohnehin schon waren.

Stur, ohne sie eines Blickes zu würdigen, kam er an den Überresten einer Fabrik vorbei. Der Lärm der herrenlosen Maschinen, die von niemandem betrieben wurden, drang an seine Ohren und er zuckte bei dem lauten Jammern zusammen, welches das überstrapazierte Material dort drin von sich gab.

 

Aber urplötzlich war da auf einmal noch ein anderes Geräusch;

ein fremdes Geräusch;

eines was nicht hier her gehörte.

 

Kyo blieb stehen und mit ihm auch die Schatten. Er hörte sie flüstern und tuscheln, ganz aufgeregt und fast schon panisch.

»Was ist?«, fragte er, drehte sich um und sie wichen erneut vor ihm zurück. Offenbar waren sie doch nicht so mutig geworden, wie er zunächst geglaubt hatte. Er sah wie ihre Augen umher huschten, wie sie immer mal wieder teilweise miteinander verschmolzen, seltsame Formen bildeten und sich dann wieder teilten.

»Wenn ihr mir etwas zu sagen habt, dann raus damit.«

Doch die Schatten machten keine Anstalten ihm irgendwas mitzuteilen. Sie tuschelten wieder, redeten miteinander in einer Sprache die er nicht verstand und von der er doch wusste, dass es wieder einmal um ihn ging. Wie er es hasste, dass immer alle über ihn redeten, als wäre er gar nicht im Raum.

»HAUT AB!«, brüllte er, so laut er konnte und dieses Mal ergriffen sie tatsächlich die Flucht. Sie stolperten fast übereinander, als sie kreischend vor seiner Wut Reißaus nahmen und endlich aus seinem Blickfeld verschwanden.

Aber das fremde Geräusch blieb.

 

Was war das? Es kam ihm bekannt vor, aber er wusste nicht woher. Ein Flüstern, Wispern, Zischen? So richtig konnte er es nicht benennen und es schien aus allen Richtungen zugleich zu kommen und sogar die Schreie aus dem Abgrund zu übertönen. Aber was es auch war, es gehörte nicht hier her.

Etwas war eingedrungen und dieses etwas war ihm nicht wohlgesonnen.

Kyo drehte sich rasch in die Richtung zurück, die er vorher angestrebt hatte und lief so schnell es der unebene Boden zuließ. Dabei schlug ihm sein eigenes Herz so hart in den Ohren, dass es sich fast schon wie Trommelschläge anhörte.

Wieso nur wurde er das Gefühl nicht los, dass etwas hinter ihm her war?

 

Lautstark verfluchend, umschlangen seine Finger das Eisengeländer einer Treppe, er zog sich gewaltsam daran hoch und nahm dadurch die ersten drei Stufen auf einmal. Noch in der Bewegung, wand er den Blick zurück und nun glaubte er tatsächlich etwas sehen zu können. In der grauen Wand aus Staub, weit am Ende der Straße, starrten ihn zwei türkisfarbene Flecken an. Kyo hielt die Luft an. Er war wie eingefroren in seiner Bewegung und konnte den Blick nicht von den Augen nehmen; und die Augen taten es ihm gleich. Sekunden verstrichen, in denen sie einander einfach nur anstarrten.

Dann preschte die Gestalt im Staubsturm los, war nur als schwarzer, sich schnell vorwärts bewegender Fleck zu erkennen und Kyo rannte!

 

Seinen eigenen, viel zu kleinen Körper und seine fehlende Ausdauer verfluchend, rannte er die Treppe hinauf, stolperte fast über die letzte Stufe, rappelte sich hoch und sah sich um. Kurz musste er sich orientieren, ehe er den Weg nach rechts einschlug und zwischen zwei Häusern verschwand. Das Wesen hatte offenbar ebenfalls die Treppe erreicht, denn er vernahm wie sein Körper gegen das Eisengeländer krachte und es ein finsteres Fauchen erklingen ließ. Dieses Mal versuchte er gar nicht erst stehen zu bleiben und sich seinen Verfolger genauer anzuschauen. Kyo rannte um sein Leben!

Wahllos riss er eine Tür auf, stürzte fast in den dahinter befindlichen Abgrund, der irgendwann mal ein Küche gewesen war und musste sich an den Resten einer gesplitterten Säule festhalten. Seine abgewetzten Sneaker schlitterten quietschend über die dicke Staubschicht auf den alten Fliesen und in seiner Phantasie sah er sich bereits über die Kante rutschen. Dann fing er sich wieder, balancierte vorsichtig am Abgrund entlang und erreichte eine weitere Tür, hinter der sich ein langer fensterloser Flur befand.

 

Uralte Leuchtstoffröhren flackerten und knallten lautstark über seinem Kopf und schmerzten ihm in Augen und Ohren. Kyo schlug die Tür hinter sich zu und lauschte. Die Kreatur knurrte. Sie hatte offenbar, aufgrund ihrer beachtlichen Größe, Schwierigkeiten damit ihm zu folgen. Aber das bedeutete nicht, dass sie ihn nicht trotzdem würde einholen können. Also eilte er weiter. Sein Herz schmerzte ihm bereits vor Anstrengung in der Brust und in das Geschrei der Kreatur, mischten sich die Stimmen des Abgrunds, die ihn immer penetranter zu sich riefen.

Kyos ganze kranke Welt, hatte sich in ein brüllendes Chaos des Grauens verwandelt, aus dem er einfach nicht entkommen konnte.

 

»Wo bin ich?«, keuchte er orientierungslos, riss wieder eine Tür auf, landete wieder an einem anderen Ort.

Dieses Mal gelang es ihm nicht sich irgendwo festzuhalten. Auf dem abschüssigen Fliesenboden rutschte er weg, schlug schmerzhaft mit dem Ellenbogen und der Schulter auf und schrie. Dann gab es ein lautes Platschen und seine Wahrnehmung verwandelte sich in eiskaltes, nach Chlor schmeckendes Wasser. Zuerst nicht wissend, wo oben und wo unten war, schlug er um sich, wählte dann aber zum Glück die korrekte Richtung und stieß nach oben durch die Wasseroberfläche. Keuchend und hustend sah er sich um. Er war in einer Art Schwimmbad gelandet. Vor ihm erstreckte sich ein scheinbar endloser Pool, aus dem unregelmäßig verteilt Betonsäulen wuchsen. Hier und da sah er kleine Aushöhlungen, in denen er die Gitter von Zu- und Ablaufrohren ausmachen konnte. [1]

Kyos Blick suchte nach einer Möglichkeit aus dem Wasser zu gelangen, fand schließlich eine Leiter in der Nähe und er war bereits dabei zu dieser zu schwimmen, als aus dem Gang, jenseits der Tür, Schreie erklangen. Panisch tauchte er ab, peilte eine der Säulen an, schwamm Unterwasser darauf zu und glitt so lautlos wie möglich wieder an die Oberfläche. Seine Lunge brannte höllisch und er wollte so tief wie möglich einatmen, aber Kyo wagte es nicht.

 

Zitternd drückte er sich gegen die große Säule und konnte nun zwar nichts mehr erkennen, dafür aber sehr gut hören, wie das Wesen den Raum betrat. Er vernahm sein tiefes grollendes Schnaufen und etwas das wie Krallen klang, welche über die Fliesen gezogen wurden und sich am Beckenrand entlang, in seine Richtung bewegten. Langsam, möglichst ohne das Wasser aufzuscheuchen, rutschte er seitlich an der Säule entlang, bedacht darauf aus dem Blickfeld der Kreatur zu bleiben. Er hatte keine Ahnung ob sie ihn womöglich wittern konnte und betete, dass der penetrante Chlorgestank intensiv genug war, um seinen eigenen Geruch zu überdecken.

Das Wesen schnüffelte, fauchte und schien sehr unglücklich darüber zu sein, dass er ihm entwischt war. Da es sich nicht zu bewegen schien, stand auch Kyo ganz still im Wasser, krampfhaft darum bemüht sein Zittern zu unterdrücken. Ihm war so schrecklich kalt.

 

Endlich kam wieder Bewegung in das Ding. Schwere Schritte setzten ihren Weg fort und entfernten sich langsam von ihm; er hätte am liebsten vor Erleichterung aufgeatmet. Vorsichtig rutschte er zurück, linste um die Säule herum und sah nur noch einen schwarzen Schweif in einem anderen Gang verschwinden. Obwohl ihm jeder seiner Instinkte dazu riet, umgehend aus dem Wasser zu klettern und wegzulaufen, verharrte er auf seiner Position, bis er glaubte die Knurrlaute des Wesens nicht mehr hören zu können. Erst dann schwamm er zur Leiter und zuckte bei jedem Tritt auf dem nassen Metall zusammen. Alles erschien ihm gerade so unendlich laut; sogar sein eigener Herzschlag.

 

Kyo lief auf der anderen Seite des unendlichen Pools entlang, suchte nach einer Tür oder einem Durchgang und fand am Ende nur eine Leiter, die hoch in eine Art Abflussrohr führte. In Ermangelung einer anderen passenden Fluchtmöglichkeit, stieg er die Leiter nach oben und schlüpfte in das Rohr hinein. Sofort schlug ihm zwar warme, aber dafür auch widerlich stinkende Luft entgegen. Es roch muffig und irgendwie metallisch.

Das Rohr erstreckte sich in einer geraden Linie vorwärts, bis es einen Knick nach rechts machte. Über ihm waren kleine weiße Lämpchen angebracht, die aber kaum ausreichend Licht spendeten, damit er wirklich etwas erkennen konnte.

Kyo war gezwungen sich auf allen Vieren vorwärts zu bewegen, während ihm Chlorwasser aus Kleidung und Haaren lief und ihm in den Augen brannte. Immer wieder hielt er inne und lauschte, da er ständig glaubte, die Kreatur direkt hinter sich hören zu können. Aber jedes Mal wurde ihm klar, dass er sich die Laute nur einbildete.

Minutenlang kroch er weiter und weiter, bis zum Knick. Tatsächlich, und er konnte nicht glauben was er da sah, befand sich dahinter eine kreisrunde Tür aus Holz. Unsicher, als ob sie ihn jeden Moment einfach anfallen könnte, streckte er die Hand nach der Klinke aus und schob sie auf. Ein unfassbar lautes Quietschen war die Folge, was ihn heftig zusammenzucken ließ.

Und das entfernte Brüllen bestätigte ihm, dass auch sein Verfolger es gehört hatte.

 

»Fuck!«

Natürlich hatte es diese verdammte Tür gehört! Kyo stieß sie auf, kroch hindurch und schlug sie hinter sich wieder zu. Dass das Holz dieses Monster würde aufhalten können, bezweifelte er stark.

Zitternd und mehr stolpernd als laufend, kam er wieder auf die Füße. Nur am Rande registrierte Kyo, dass er sich in einer Fabrikhalle von gewaltigen Ausmaßen befand, in welcher gigantische Dieselmotoren von ebenfalls riesigen Kolben angetrieben wurden und einen höllischen Lärm verursachten.

Im Augenwinkel sah er die Schatten, die ihn nervös musterten, als er sich panisch einen Weg durch die Halle bahnte. Sie trauten sich nicht an ihn heran, wohl auch aus Angst vor seinem Verfolger, der sich nun gut hörbar durch das Rohr bewegte und dabei immer wieder undeutlich kreischende Laute von sich gab.

 

Kyo keuchte, sein gesamter Brustraum schien mittlerweile vor Schmerz zu brennen, was zum einen an der Anstrengung und zum anderen an der widerlich heißen Luft in der Fabrik lag.

Krachend wurde die Holztür hinter ihm in Stücke gerissen, aber er wagte es nicht zurückzuschauen und ins Angesicht seines Jägers zu blicken. Laut scheppernd knallte er gegen die Feuerleiter, die hinauf zum Rundlauf und den Wartungsgängen führte. Er hielt sich irgendwie am Geländer fest und zog sich daran hoch. Er rannte die Metalltreppe so schnell hinauf, wie es seine überanstrengten Muskeln zuließen. Dabei hatten seine klitschnassen Schuhe deutliche Schwierigkeiten damit, ihn auf dem rutschigen Untergrund nicht stürzen zu lassen.

 

Er rannte, als wäre die Hölle selbst hinter ihm aufgebrochen und war nun darauf bedacht sich seine Seele endgültig zu holen.

‘Aber genau so ist es doch!’, glaubte er eine Stimme in seinen Gedanken zu vernehmen. ‘Sie kriegt dich. Jetzt kannst du nicht mehr weglaufen!’

Nein, das war nicht in seinem Kopf. Es war das Monster, was ihm diese Worte entgegenschleuderte!

»Ich krieg dich, Kyo! Ich krieg dich und werde alles was du bist und was du liebst verschlingen!«

Es kam immer näher, er glaubte spüren zu können, wie es seine Klauen nach ihm ausstreckte und ihn zu packen versuchte. Kyo war am Ende seiner Kräfte. Mit jedem Schritt wurden seine Beine schwerer, seine Lunge fühlte sich an, als ob sie mit kochendem Öl gefüllt wäre und ein heftiger Schwindel überkam ihn.

 

»Nein, ich will das nicht!«, keuchte er erstickt.

Endlich sah er sie! Eine weitere Tür, ganz am Ende und doch bereits in greifbarer Nähe.

‘Nicht aufgeben, Kyo! Lauf, lauf, lauf, lauf, lauf!’

Wieder eine Stimme, aber dieses Mal nicht von dem Monstrum hinter ihm.

‘Lauf weiter! Einfach nur weiterlaufen, du kannst das!’

Und plötzlich war die Tür direkt vor ihm, fast als hätte er nur einmal geblinzelt und dann knallte er auch schon mit der Schulter gegen den Türrahmen, blieb mit seinen müden Füßen an der Schwelle hängen und stürzte. Durch seine eigene Geschwindigkeit, flog er regelrecht in den Raum hinein und krachte gegen die Badewanne, bei der sich scheppernd ein paar Fliesen von der Umrandung lösten. Aber er hatte keine Zeit, um dem Schaden mehr als nur einen Wimpernschlag zu widmen.

 

Kyo sah auf, in den Gang dahinter und erblickte das erste Mal die Kreatur in ihrer vollen Schrecklichkeit. Noch während das schwarze Schattenmonster sein geiferndes Maul aufriss und ihm erneut zubrüllte, dass er keine Chance hatte, stürzte er vor, packte die schwere Eisentür und warf sich mit all seiner Kraft und seinem ganzen Körpergewicht dagegen. Keine Sekunde zu spät, fiel sie ins Schloss, denn schon im nächsten Augenblick gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Kyo spürte die Wucht des Angreifers auf der anderen Seite, welcher sich immer und immer wieder gegen die zentimeterdicke Tür warf, Klauen und Zähne hineinschlug und in wilder Wut tobte. Der Teenager griff mit zitternden Fingern nach dem großen Riegel und warf auch diesen zu. Dann, als er sicher war die Kreatur gänzlich ausgesperrt zu haben, sank er auf die Knie und umschlang seinen vor Angst zitternden Körper mit den Armen. Vor der Tür tobte die Kreatur.

 

»Ich krieg dich, Kyo! Ich krieg dich! Ich krieg dich! Du wirst mir nicht entkommen! Hörst du mich?!«, kreischte das Wesen und lachte irre. »Du gehörst nur MIR!«

Kyo hielt sich die Ohren zu, um das Geschrei nicht mehr hören zu müssen. Aber es waren nicht allein die Laute des Wesens, die ihm so zusetzten, sondern auch die Gefühle, die es in ihm auslöste. Verzweiflung, Einsamkeit und Panik; er wollte nur noch weg hier. Das hier war doch seine Welt! Seine eigene, kaputte Welt; aber hier hatte nur er allein die Kontrolle.

Wieso wurde ihm das weggenommen?

Wieso nahm man ihm immer alles weg?!

 

»Wach auf.«

Erschrocken fuhr er hoch und sah sich in dem kleinen Badezimmer um. Jemand hatte zu ihm gesprochen; sanfter und mitfühlender. Es waren weder das Kreischen vor der Tür, noch die Stimmen aus dem Abgrund. Jemand, oder etwas, war bei ihm. Jemand der ihm vertraut vorkam.

»Du musst aufwachen, Kyo. Bitte.«

»Wer bist du?« Immer noch zitternd und zu Tode erschöpft, zog er sich am Rand der Wanne hoch. Unter seinen Schuhsohlen knirschten die zerbrochenen Fliesen.

Wieso nur war ihm dieser Raum so vertraut?

»Kyo«, flüsterte der Spiegel über dem Waschbecken.

Langsam trat er näher heran, betrachtete sein Spiegelbild und runzelte die Stirn. Das dort war eindeutig er selbst, aber irgendwie anders, ernster und auch - älter?

 

Der Kyo im Spiegel hatte wirres, blondes Haar wie er selbst, aber die feinen Falten in den Augenwinkeln und die eingefallenen Wangen zeugten davon, dass er harte Jahre hinter sich hatte.

»Kyo?«, fragte der Teenager, streckte die Hand aus und legte sie auf den Spiegel. Der andere kopierte seine Bewegungen und für einen kurzen Augenblick hatte er den Eindruck, an den Spitzen seiner Finger eine Berührung wahrnehmen zu können.

»Ja«, antwortete der Spiegel und sie ließen die Hände wieder sinken.

»Wo bin ich? Was ist hier los?«

Kyos Aufmerksamkeit wurde auf das gespiegelte Badezimmer des Älteren gelenkt und er wich erschrocken zurück. Was er zuerst für schmutzige, rotbraune Fliesen gehalten hatte, war Blut - wahnsinnig viel Blut! Um sich selbst zu bestätigen, warf er einen Blick über die Schulter, fand seinen eigenen Raum allerdings unbefleckt vor.

 

»Du musst aufwachen, Kyo«, wiederholte sein Spiegelbild die vorherigen Worte und zog seine Aufmerksamkeit wieder auf sich.

»Warum?« Kyo schüttelte energisch den Kopf. »Ich will nicht.«

»Du musst! Wir sind hier nicht mehr sicher.« Der ältere Kyo sah sich um und betrachtete seine eigene, blutige Welt. »Kaoru und die anderen haben so viel für uns geopfert. Wir können sie nicht im Stich lassen!«

»Wer ist Kaoru?«

Einen Moment erschien so etwas wie Verblüffung im Gesicht seines Gesprächspartners, dann seufzte dieser tief und schwer.

»Richtig, wir waren jetzt noch nicht soweit, andere in unsere Welt zu lassen«, murmelte er vor sich hin.

»Wir lassen andere hier herein?« Kyo fiel es schwer diesen Worten Glauben zu schenken, aber irgendwas sagte ihm, dass der andere, dass ihn sein zukünftiges Ich, in dieser Sache nicht anlügen würde.

»Ja, aber es wird uns viel Kraft kosten und wir werden damit sehr viel Schaden anrichten.«

 

Wieder schaute sich der ältere Kyo um, sein Blick blieb an der Badewanne hängen und der Teenager tat es ihm gleich. Sein eigenes Zimmer hatte sich verändert. Denn jetzt war die schmutzige Badewanne nicht mehr leer, sondern gefüllt mit blutigem Wasser, welches über den Rand schwappte, als säße eine Person darin. Urplötzlich trafen ihn wirre Erinnerungen und fremde Stimmen, die er irgendwann einmal kennen würde, drangen wie ein Echo in seinen Geist ein.

 

‘Kyo! Um Gottes Willen!’

‘Shinya, ruf sofort einen Krankenwagen!’

‘Wir müssen die Schnitte abbinden!’

‘Er muss aus dem Wasser raus, halt ihn fest.’

‘Toshiya, steh da nicht so rum, hilf uns!’

 

Er taumelte gegen das Waschbecken und fühlte sagenhafte Schmerzen an seinen Handgelenken. Aber als er einen Blick darauf warf, erkannte er nichts, außer die vorher zugezogenen Schürfwunden.

»Wir werden - «, murmelte er, ohne den Satz zu Ende zu führen.

»Nicht nur einmal«, bestätigte der Spiegel mit bitterer Stimme. »Aber obwohl es so schlimm wird, sind sie da, Kyo.«

Wieder trafen sich ihre Blicke und da schimmerte plötzlich etwas in den Augen des Älteren durch, was er selbst schon seit einer gefühlten Unendlichkeit nicht mehr empfunden hatte.

Hoffnung!

»Wo sind sie? Du sagtest, dass wir sie hereinlassen. Aber ich sehe sie nicht! Wo sind diese Freunde, von denen du da redest?!«

»Nein, sie sind nicht unsere Freunde«, korrigierte ihn der Spiegel. »Sie sind unsere Familie. Sie lieben uns und wir lieben sie, Kyo.«

 

»Warum sind sie dann nicht hier?!«, schrie er aufgebracht. »Wenn sie unsere Familie sind, warum sind wir dann immer noch alleine?«

»Weil du alleine sein willst, Kyo«, folgte die ehrliche Antwort. »Du hast immer alle aus deiner Welt ausgeschlossen. Aus deinem Leben ausgeschlossen! Du willst nicht geliebt werden und beißt immer um dich, sobald du das Gefühl hast, dass es zu eng wird. Lieber verletzt du andere, als selbst verletzt zu werden.«

Kyo sah weg und wich dem Blick seines zukünftigen Ichs aus. Obwohl und vor allem weil er wusste, dass der andere Recht hatte, wollte er diese Worte nicht hören.

»Was hat es uns denn gebracht, eine Familie zu haben?«, wollte er statt dessen wissen. »Was hat unsere Familie jemals für uns getan? Außer uns emotional auszuhungern und uns zu verstoßen, als wir nicht gut genug für sie waren?«

Der Blick des anderen wurde milder. Er hob erneut die Hand, legte sie auf das Glas des Spiegels und sein jüngeres Selbst tat es ihm gleich - wenn auch mit einer Spur Widerwillen und kindlichem Trotz.

»Dennoch wollen wir jemanden in unserem Leben haben«, sagte er sanft. »Du hast recht, wir sind anders; verletzlicher, emotional vernarbt. Für uns gibt es nur das Leben zwischen den Extremen, denn wir sind selbst ein Extrem. Trotzdem wollen wir nicht alleine sein und wir werden nicht alleine sein.«

 

‘Wir sind für dich da, Kyo.’

Das Gefühl von Fingern auf seiner Schulter.

‘Tu lieber uns weh, wir können das aushalten.’

‘Wenn du es nicht alleine packst, dann teilen wir es eben durch fünf. Die ein oder andere Narbe stört mich nicht.’

‘Dai, das ist bescheuert!’

‘Immer noch besser als ein weiterer Suizidversuch, oder?’

 

Kyo ballte die Hände zu Fäusten, als ein Stich durch sein Herz ging. Konnte das wirklich sein? Waren das seine Erinnerungen, die er da hörte? Erinnerungen aus der Zukunft?

»Das können sie nicht ernst meinen. Niemand erträgt mich!«, schrie er den Spiegel an, aber der Spiegel blickte ihm auf eine fast schon warme und väterliche Weise entgegen.

»Doch, sie tun es. Sie werden es tun.«

 

‘Fuck man! Das tut echt weh.’

‘Was soll das?! Hast du sie noch alle, Kaoru?!’

‘Willst du es immer noch selbst tun?’

‘Bist du verrückt geworden? Hier, drück das drauf, du dummer Idiot!’

Er packte einen fremden Arm und sofort begann heißes Blut zwischen seinen Fingern hervor zu quellen.

‘Ich hatte dir doch gesagt, dass wir immer bei dir sind, Kyo.’

Eine Hand in seinem Nacken, eine warme Stirn an seiner eigenen.

‘Ich lass dich nicht fallen!’ [2]

 

Kyo musste sich am Waschbeckenrand abstützen. Die Fragmente strömten derart schnell und intensiv auf ihn ein, dass seine ohnehin zittrigen Beine sein Gewicht kaum noch tragen konnten. Er hatte das Gefühl, jeden Moment einfach zusammen zu brechen.

»Nein«, keuchte er kraftlos. »Ich kann ihnen das nicht antun.«

»Doch du kannst. Du wirst es können!«

Konnte es wirklich sein? Würde er tatsächlich eines Tages so weit gehen und diese Menschen, die er jetzt noch nicht einmal kannte, in seine Welt lassen?

»Wenn du es nicht tust«, die Stimme des anderen Kyo wurde nun drängender und ernster. »Dann werden wir das nicht überleben.«

 

Es gab diesen nicht gerade kleinen Anteil in ihm, der schon vor langer Zeit mit seinem Leben abgeschlossen hatte. Er bewegte sich, seit frühester Jugend, an einem Abgrund entlang, auf dem er mit verbundenen Augen tanzte; hin und her gerissen zwischen dem Wunsch zu fallen und der Sehnsucht nach dem nächsten sicheren Tritt. Doch wollte er das wirklich? Wenn er so große Todessehnsucht hatte, wieso war er vor dem Monster weggelaufen, anstatt sich umbringen zu lassen?

»Warum ist ES hier?«, fragte er und sah auf. »Wieso ist dieses Ding in unserer Welt, aber nicht unsere Familie?«

»Weil etwas schlimmes passiert ist.«

 

Etwas veränderte sich. Kyo hatte den Eindruck, dass das Gesicht seines älteren Ichs langsam an Schärfe verlor und auch der Hintergrund dunkler und verschwommener wurde.

»Was schlimmes?«

Nein, er bildete es sich nicht ein. Seine Sicht nahm tatsächlich Stück für Stück ab und dazu setzte nun auch noch ein fast schon unerträglicher Kopfschmerz ein.

»Ich versteh das nicht.«

Gepeinigt von dem beständigen Hämmern in seinem Schädel, presste er die Hände an seine Schläfen und keuchte.

»Etwas wird gewaltsam eindringen. Du hast es gesehen«

Irrte er sich, oder wurde der erwachsene Kyo nun drängender?

»Die Kreatur?«

»Deine Welt! Sie beginnt zu zerfallen. Es verleibt sich alles ein, was wir uns hier erschaffen haben. Es verschlingt sie und zermahlt sie zu Staub.«

»Aber wenn es diese Welt frisst«, er sah auf, starrte in einen Wirbel aus Farben und undeutlichen Formen. »Was wird dann von uns bleiben? Wer sind wir, wenn das alles nicht mehr da ist?«

Angst überkam ihn. Nackte Furcht kroch ihm immer tiefer ins Herz und in seine Seele.

»Wer sind wir?«, schrie er, als der Spiegel nicht antwortete.

»Sag mir wer wir sind!«

 

Doch der Spiegel war schon lange nicht mehr da. An seiner statt klaffte ein Loch in der Wand und vor ihm baute sich die Kreatur auf. Ein gewaltiger schwarzer Schatten, bestehend aus nichts als Zähnen und Klauen und diesen unheilvollen, türkisfarbenen Augen, die ihn mit geschlitzten Pupillen entgegen starrten.

»Sprich mit mir!«, schrie der erwachsene Kyo, direkt ins Gesicht des Monsters, welches sich zu ihm herunter beugte und das Maul weit öffnete. Tief und bösartig klang das knurrende Lachen aus dem roten Schlund.

»Sag es mir!«

Er packte zu, krallte die Finger in die schwarze Masse links und rechts des Kopfes und schrie dem Wesen ins Gesicht.

Und sein Spiegelbild tat es ihm gleich.

 

***
 

Kapitel 5 ¦ Katzenmorgen


 

***

 

Der Kaffee in der Tasse hatte mittlerweile Zimmertemperatur erreicht und trotzdem drehte Christine nachdenklich ihren Löffel; immer im Uhrzeigersinn, beständig und langsam.

Seit einigen Sekunden schon hielt sie sich das Handy ans Ohr und lauschte dem gemächlichen Rufton.

Zunächst dachte sie, dass er vielleicht seine Nummer gewechselt hatte, immerhin hatten sie sich seit fast zehn Jahren nicht mehr gesprochen. Dann aber fiel ihr die Zeitverschiebung ein und ein Blick auf ihren Laptop sagte ihr, dass es, sollte sie sich nicht verrechnet haben, in Japan gerade einmal 4 Uhr in der Nacht war!

Kein Wunder also, dass er nicht ans Telefon ging. Sie selbst hätte sich wohl auch gefragt, welcher Wahnsinnige es wagte, sie derart früh am Morgen aus dem Bett zu klingeln.

 

Christine war im Begriff die Hand vom Ohr zu bewegen und aufzulegen, als ein leises Klicken erklang und sie eine männliche, tiefe Stimme mit unverkennbarem Akzent vernahm. Irgendwie fand sie es unterhaltsam, dass er es nie geschafft hatte, diesen gänzlich abzulegen.

»Zehn Jahre meldest du dich nicht und dann rufst du um diese unchristliche Uhrzeit an?«

Christine grinste wölfisch und erwiderte:

»Ein alter Mann sollte stets in Bewegung bleiben.«

»Und alte Männer brauchen ihren Schönheitsschlaf«

Sie hörte ein unterdrücktes Gähnen und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. Nur einen Augenblick später bereute sie es jedoch wieder und verzog das Gesicht. Bäh! Kalter Krankenhauskaffee schmeckte widerlich!

 

»Ich hab jemanden für dich, Satoshi.«

»Und wie immer kommst du sofort zur Sache? Du hast dich wirklich nicht verändert, Chrissy. Hektisch wie eh und jäh, ohne nach links und rechts zu schauen und direkt mit dem Kopf durch die Wand.«

Der alte Witz, sie konnte es aus der Art erkennen, wie er ein Lachen unterdrückte. Schon damals hatte er sie immer wieder als unverbesserlich dickköpfig und überhastet betitelt.

»Manche Dinge ändern sich nicht.« Kurze Stille. »Wie geht es dir?«

Es gab nicht viele Menschen in ihrem Leben, um die sie sich wirklich ernsthaft Gedanken machte. Genau genommen gab es nur zwei und Satoshi war einer davon.

»Wie soll es einem alternden Kater schon gehen? Ich versuche mein Bestes, aber so langsam macht sich das Alter bemerkbar.«

Das Geräusch von Bettzeug welches zur Seite geschlagen wurde und das Knacken eines Bettgestells, war aus dem Lautsprecher zu hören.

»Ich bin Witwer.«

»Oh.«

‘Großartig Chrissy, noch taktvoller hättest du es nicht formulieren können! Du dumme Gans!’

»Das tut mir leid.«

»Schon gut.« Sie hörte wie er sich durch das Haus bewegte und einen Lichtschalter aktivierte. »Tomoe ist vor fünf Jahren gestorben. Sie ist jetzt bei unserem Jungen.«

 

Nun setzte das undeutliche Gluckern einer Kaffeemaschine ein. Sie selbst stand auf und kippte den ihren ins Waschbecken. Während dessen redete Satoshi weiter.

»Ich würde ihnen gern folgen, aber wenn du sagst, dass du Arbeit für mich hast, bin ich natürlich neugierig dich anzuhören, Christine.«

Sie setzte sich wieder hinter den Schreibtisch und zog die Akte ihres Patienten zu sich heran.

»Sag mal, praktizierst du noch als Arzt?«

»Natürlich!« Ihr alter Mentor lachte und sie war erleichtert, dass sie darin nach wie vor die selbe Stärke hörte, wie damals als sie noch seine Studentin war. »Es müsste schon ein Wunder geschehen, um mich dazu zu bringen die Praxis zu schließen. Ich bin alt, aber nicht senil.«

»Freut mich zu hören.« Christine schlug die Akte auf und begann darin zu blättern, bis sie die gewünschte Seite vor sich hatte. »Denn ich habe einen Patienten aus deinem Revier bei mir. Aktuell liegt er auf meiner Station, hier in den Staaten. Doch sobald er wieder zurück in Japan ist, braucht er jemanden der ihn anleitet und der seine Sprache spricht.«

Satoshi gab einen zustimmenden Laut von sich und bedeutete ihr fortzufahren.

 

»Sagt dir die Band ‘Dir En Grey’ etwas? Scheint bei euch da drüben wohl eine recht große Nummer zu sein.«

Sie selbst hatte noch keine Zeit und Lust gefunden, sich ausgiebig mit ihnen zu befassen, abgesehen von einer schnellen Googlesuche. Da es sich dabei aber um Metal handelte, hatte sie sehr schnell wieder die Finger davon gelassen. Diese Art der Musik machte die ohnehin permanent angespannte Ärztin, nur unnötig aggressiv.

»Jetzt sag mir nicht, dass du Japans Nummer Eins Grusel-Sänger bei dir liegen hast!«

Ganz offensichtlich konnte Satoshi durchaus etwas damit anfangen und dieser Fakt überraschte sie sehr.

»Ich wusste ja gar nicht, dass du dich für Metal interessierst?«, fragte sie amüsiert und kritzelte nebenbei irgendwelche sinnlosen Linien und Kreise auf einen Post-It.

»Das tue ich auch nicht, aber diese Truppe ist hier berühmt und berüchtigt. Du weißt, dass ich immer offen bin für Neues. Aber die meisten Menschen aus meinem Jahrgang, halten nichts von derartiger Kunst.«

‘Aha? Wer hätte gedacht, dass dieser kleine Gartenzwerg so eine interessante Persönlichkeit ist.’

»Wie auch immer«, setzte sie fort. »Um deine Frage zu beantworten, ja er ist hier und ja er wurde infiziert. Laut der Band hat ihn, vor einer knappen Woche in Denver, ein Puma angefallen. Er hat sich mehrere Tage mit den Symptomen durch die Gegend geschleppt und ist nach der letzten Show zusammengebrochen.«

»Haben sie den Feloidea gesehen, der das getan hat?«

»Angeblich war der Kleine alleine draußen, um eine zu rauchen. Sie haben nur noch seine Schreie gehört, sind zu ihm gelaufen und dann war es auch schon zu spät und die Katze über alle Berge.«

 

Ein merkwürdiger Laut klang aus dem Handy, den sie erst nicht wirklich zuzuordnen wusste. Dann aber wurde ihr klar, dass sich Satoshi entweder am Kopf, oder am Bart kratzte und dies wiederum warf die Frage auf: ‘Seit wann trug der Alte denn einen Bart?’

»Eine Woche also«, murmelte er nachdenklich. »Er liegt jetzt im Koma?«

»Ja, seit genau sechs Tagen.«

»Hm«, machte er bestätigend. »Dann sollte er also bald wieder zu sich kommen.«

»Mein Plan war es, ihn kommenden Freitag in den Flieger zurück nach Japan zu setzen.«

»Und wie immer gehst du kein Risiko ein, alte Freundin« Keine Frage, sondern eine Feststellung, die sie mit einem leisen Knurren bestätigte.

»Ich mag es nicht, wenn andere in meinem Revier herumlungern«, murrte sie. »Ich dulde ihn vorerst. Aber nur so lange er nicht wieder auf den Beinen ist. Danach stelle ich ihm eine Bescheinigung aus und überweise ihn an dich.«

»Und sobald das geschehen ist, ist er nicht mehr dein Problem?«

»Ganz genau!«

Wieder dieses fast schon heitere Lachen, auch wenn sie jetzt ein wenig Resignation vernehmen konnte.

»Du wirst dich niemals ändern«, sagte er, während im Hintergrund Geschirr klapperte und sie das dumpfe Geräusch der Kühlschranktür hören konnte, welche sich öffnete und dann wieder schloss. »Also gut, ich übernehme diesen Fall. Schick mir bitte alle notwendigen Unterlagen und sieh zu, dass du ihn reisetauglich bekommst. Um den Rest werde ich mich kümmern.«

 

***

 

Wie immer wenn sie hier waren, hielt Shinya die schlaffe und nach wie vor heiße Hand ihres Sängers in der seinen. Dai tigerte im Hintergrund nervös auf und ab, den Blick nicht von Kyo nehmend.

Da sie ständig zeitgleich zu viert am Krankenbett sitzen und Kyos im Koma liegende Gestalt anstarren konnten, hatten sie sich aufgeteilt. Heute waren Shinya und Dai dran, doch wie auch die Tage zuvor, änderte sich nichts. Kyo lag still und bleich im Bett, bewacht von unzähligen Maschinen und angeschlossen an eine sperrige Sauerstoffmaske. Alle paar Stunden kam ein Pfleger herein, um die Pads mit dem Kühlgel zu erneuern. Aber abseits dessen blieb der Zustand ihres Sängers so, wie er es bereits seit sechs Tagen war.

Offiziell lag Kyo aufgrund seiner anhaltenden Stimmbandprobleme und einer akuten Bronchitis im Krankenhaus und da dies nicht das erste Mal war, hatte die Presse diese Erklärung auch erst einmal geschluckt.

 

Shinya war in Gedanken versunken und fuhr sich selbst mit den Fingern über die Narbe, ein gutes Stück oberhalb seines Handgelenkes. Sie war etwa 5 cm lang und fühlte sich sogar nach all den Jahren noch leicht wulstig an.

»Musst du auch manchmal daran denken?«, fragte er unerwartet und brachte Dai, der immer noch auf und ab ging, dazu stehen zu bleiben und ihn mit leicht geneigtem Kopf anzusehen.

»Was meinst du?«, fragte der Gitarrist und stellte sich nun auf die andere Seite des Bettes. Kyo lag wie tot zwischen ihnen.

»Deine Idee von damals.« Shin riss den Blick los und sah zu ihrer Banddiva hoch. Dai hatte sich sehr verändert, aber irgendwie gefiel es dem Drummer ihn jetzt so zu sehen, denn er schien langsam bei sich selbst anzukommen.

 

»Meinst du unseren Pakt?« Als hätten sie sich stumm abgesprochen, schaute auch Dai auf seinen rechten Arm. Im Gegensatz zu Shinya, wies er fünf unterschiedlich große Narben auf. Toshiya besaß drei und Kaoru, mit acht, von ihnen die meisten.

»Manchmal«, gab er zu. »Aber es ist nicht mehr so schlimm wie damals. Marrow hat ihn verändert. Etwas in ihm scheint zu heilen.«

Endlich nahm Dai ebenfalls Platz und während er Kyo ansah, schaute Shinya zu ihm herüber.

»Ja, ich bin sehr froh, dass wir diesen Schritt gegangen sind. Vulgar war ein Albtraum«, stimme ihm der schöne Drummer zu, war er normalerweise doch der wesentlich schweigsamere von ihnen.

Die Erinnerungen an Kyos absoluten Tiefpunkt, taten ihm sogar nach so langer Zeit immer noch weh und das obwohl fast acht Jahre seit damals ins Land gezogen waren. Shinya fragte sich ins geheim oft, ob das Gefühl der Hilflosigkeit und Angst jemals ganz verschwinden würde.

 

»Ich hab gestern wieder davon geträumt«, platzte es plötzlich aus dem sonst so heiteren Gitarristen heraus. »Ihn hier liegen zu sehen, hat irgendwas in mir ausgelöst. Ich hab wieder vom Badezimmer geträumt.«

Es war kein wirkliches Codewort, trotzdem wusste jeder von ihnen sofort, was damit gemeint war und ihnen allen ging es dabei überhaupt nicht gut. Allen voran Dai nicht, der Kyo damals gefunden hatte.

»Du hast ihm das Leben gerettet.« Shinya legte ihm eine Hand auf den vernarbten Unterarm, strich sanft mit dem Daumen über die kleinen, blassen Erhebungen und versuchte es mit einem Lächeln; was ihm aber eher schlecht als recht gelang.

»Du hast Kyo gerettet, Dai.«

»Ich weiß.« Schwer seufzend nickte Dai und legte seine freie Hand auf die von Shinya. »Trotzdem dachte ich mir damals ganz oft, wenn es wieder schlimmer mit ihm wurde, ob wir ihn nicht vielleicht doch hätten sterben lassen sollen. Egal was wir auch versucht haben, es wurde von Tag zu Tag immer schlimmer mit ihm. Er schien gar keinen Lebenswillen mehr gehabt zu haben!«

»Den hatte er nie.« Auch wenn sie weh taten, so waren Shinyas Worte leider sehr ehrlich. »Keine Ahnung was ihn dazu antreibt nicht aufzugeben. Aber Kyo kann so ein verdammter Sturkopf sein. Er will nicht leben, er will nicht sterben; er tanzt ständig zwischen dem einen und dem anderen Extrem hin und her.«

»Deswegen hat Toto ihm damals ja auch eine reingehauen.«

Plötzlich kam ein leises Glucksen aus Shinyas Mund. Obwohl nichts daran komisch war, musste er sich zusammenreißen, um nicht zu lachen. Einfach weil die damalige Situation so absurd erschienen war und sie alle richtig geschockt zurückgelassen hatte.

 

‘Oh mein Gott, Toshiya! Hör auf damit!’

‘Lass mich los, Kao! Ich kann es nicht mehr mit ansehen, wie du dir für ihn jedes Mal die Arme aufschneidest!’

‘Willst du ihn totprügeln?!’

‘Anders kapiert er es doch nicht!’

 

»Ausgerechnet Toshiya.« Shinya schüttelte den Kopf, selbst jetzt noch ungläubig darüber, dass sich ihr Bassist eines Tages wie aus dem Nichts auf Kyo gestürzt und auf ihn eingeprügelt hatte. Er hatte es schlichtweg nicht mehr ertragen, sich wieder tagtäglich dessen leblosem Blick auszusetzen.

Es war an einem Montag gewesen, das wusste Shinya noch ganz genau, als ihr Sänger den Proberaum öffnete, eintrat und ihnen allen sofort klar war, dass er erneut kurz davor war, in eine dissoziative Phase abzugleiten. Sie mussten Toshiya von Kyo herunter zerren. Aber Schmerz und Schock sei dank, war von dem Todesschleier in dessen Blick, daraufhin nichts mehr zusehen gewesen.

»Wir alle wussten uns nicht mehr anders zu helfen.« Dai stützte sich seitlich auf dem Bett ab und musterte Kyo nachdenklich. »Kommt nur mir das so vor, oder hat er wieder ein wenig Farbe bekommen?«

 

Auch Shins Blick wurde zurück auf den Sänger gelenkt, der noch immer reglos dalag. Lediglich seine Augen huschten hinter den Lidern hin und her.

»Was man wohl träumt, wenn man im Koma liegt?«, fragte er sich.

»So wie ich ihn kenne, ist es bestimmt wieder einmal irgendwas komplett abgefucktes, was sich kein normaler Mensch jemals ausdenken könnte.« Dai lachte leise auf. »Du wirst dich wohl schon drauf einstellen dürfen, dass es in unserem nächsten Album genau darum gehen wird.«

Gespielt bestürzt griff Shinya sich an die Brust.

»Da schwindet er dahin, mein Traum vom melodischen Balladenalbum.«

 

Es kehrte wieder Stille zwischen ihnen ein, nur unterbrochen von den Maschinen, Kyos rhythmischem Atmen und den undeutlichen Stimmen jenseits der Tür. Dai sah mit leicht leerem Blick auf das Gesicht ihres Sängers, ohne es wirklich zu erfassen. Zu sehr war er in seiner eigenen Gedankenwelt verschwunden und dachte nach.

Nicht nur Shinya hatte bereits damit gedroht die Band zu verlassen. Auch zwischen ihm und Kaoru hatte es dieses Gespräch schon häufiger gegeben und es war einzig dem Bandleader zu verdanken, dass Dai nicht längst die Reißleine gezogen und das Weite gesucht hatte.

Noch am Anfang ihrer Karriere, hätte er sich niemals träumen lassen, dass es so schnell mit Kyos psychischer Gesundheit bergab gehen würde. Aber wenn es eines gab, was dieser noch viel besser konnte als singen, dann war es sein Talent, ihnen unangenehme Überraschungen zu bescheren.

 

Wenn er sich an damals zurück erinnerte, als es das erste Mal zu Kyos extremen, autoaggressiven Anfällen gekommen war, verspürte Dai nach wie vor diese schreckliche Ohnmacht und Angst. Die tiefen Schnitte in Kyos Haut, die aufgekratzte Brust, sein leerer Blick und das viele Blut.

Dai war noch zu jung gewesen, um zu verstehen wie krank Kyo wirklich war! Und bis heute macht er sich riesige Vorwürfe, nicht schon viel früher verhindert zu haben, dass sich der andere derart tief in seinen Selbsthass hinein steigerte.

Vielleicht waren es ja auch genau diese Vorwürfe, die später dazu führten, dass von ihm der Vorschlag für diesen dummen Pakt kam? Er hatte einfach das Gefühl als Freund versagt zu haben. Auch wenn er es im Nachhinein, und nach vielen Gesprächen mit seiner Therapeutin, besser wusste.

 

Ein Schnitt ins eigene Fleisch, jedes Mal wenn sie merkten, dass Kyo zu sehr abrutschte und die Anzahl dieser Schnitte zeugte davon, dass es noch eine ganze Weile so weiter gegangen war. Aber auf diese sehr makabrere Art, hatten sie Kyo damit den Spiegel vorgehalten, den er brauchte um zu erkennen, was er sich da eigentlich immer antat.

Zu dem Zeitpunkt hörten sie auch endgültig damit auf, albernen Fanservice zu geben und dem Welt die Rolle als lustige Visual Kei Band vorzuspielen. Sie wollten Künstler sein und auch als solche wahrgenommen werden. Was brachte es dann also, sich genau so zu verhalten wie alle anderen Bands und damit ständig Gefahr zu laufen, in der Masse unterzugehen?

Eine Erkenntnis die ihnen fünf sehr früh gekommen war und gegen die sich Management und Label hingegen massiv zur Wehr gesetzt hatte. Es waren andere Zeiten. Japan wurde immer stärker als Musiknation wahrgenommen und die großen Studios versuchten den westlichen Markt zu erobern, indem sie ihre Künstler auf eben diesen nach westlichen Standards anpassten.

 

‘Wir werden die Platte nicht produzieren, wenn die Vorgaben des Labels nicht zu einhundert Prozent erfüllt sind. Die Songs sind zu hart und diese Themen gehen überhaupt nicht, Kyo-san!’

‘Es sind aber genau diese Songs, für die Dir En Grey steht.’

‘Das mag sein, allerdings verkaufen sich derartige Krach-Alben nicht gut auf dem Visual Kei Markt. Allein Ihre Idee mit diesem Video und den Outfits ... Damit würden Sie allenfalls in eine Geisterbahn passen, aber nicht auf die Bühne!’

‘Wir werden nicht mitten im Prozess das Konzept ändern! Ich müsste alle Texte neu schreiben!’

‘Dann schreiben Sie zwei Songs die ein wenig melodramatischer sind. Ein bisschen Herzschmerz, um die Teenager wieder für sich zu gewinnen. Emo-Core ist derzeit im Westen sehr angesagt. Wir sollten dies als Marketingkonzept weiter beibehalten.’

‘Unsere Musik ist Kunst und kein Marketingkonzept!’

‘Es tut mir sehr leid, mein Junge, aber Sie werden lernen müssen zu begreifen, dass die Unterhaltungsindustrie genau so funktioniert. Natürlich sind Sie talentiert, keine Frage. Allerdings ist es wirklich schwierig, Sie als Frontmann und Gesicht der Band zu halten. Nicht genug wohlwollende Presse. Wenn Sie doch wenigstens etwas mit Ihren Zähnen machen lassen würden.’

 

Dai schloss mit einem stummen Seufzen die Augen.

Sie waren damals fassungslos darüber gewesen, wie das Management so mit ihnen, und allen voran mit Kyo, umgesprungen war. Doch es war vorrangig das Gesicht des Sängers gewesen, das sich ihm am stärksten ins Gedächtnis gebrannt hatte. Diese grausame Mischung aus Wut, Enttäuschung und Verzweiflung, hatte ein tiefes Gefühl der Angst zurückgelassen.

Irgendwie war schon lange klar gewesen, dass früher oder später etwas passieren würde. Und dass sie die schlimmste Form der Eskalation, unter allen Umständen verhindern mussten.

Und dann kam Kyo ihnen mal wieder zuvor.

 

Sie waren zu dieser Zeit zwar schon sehr bekannt in der Szene und insgesamt dabei zu einer sehr großen Nummer zu werden. Doch wohnten er, Kyo und Kaoru, zum damaligen Zeitpunkt immer noch in ihrer alten, verschlissenen Absteige, mit dem Schimmel an den Wänden, der Bahnstrecke direkt vorm Fenster und dem Gemeinschaftsbad auf dem Flur.

Nachdem sie zu fünft lange schweigend und zutiefst niedergeschlagen in der kleinen Wohnung ihres Bandleaders gesessen und den Kummer gemeinsam im Alkohol ertrunken hatten, war Kyo irgendwann aufgestanden und mit einem undeutlichen Gemurmel aus dem winzigen Appartement verschwunden.

 

Dai hatte bis heute keine Ahnung, welchem Impuls er selbst eine kurze Zeit danach gefolgt und ihm hinterher gegangen war. Als er Kyo nicht in dessen Wohnung hatte finden können, war er regelrecht zur verschlossenen Badezimmertür gestürzt, hatte sich mit seinem viel zu schlanken Körper dagegen geworfen und dabei das morsche Schloss zerbrochen.

Es hatte den Gitarristen durch den Schwung in den kleinen, schmuddeligen Raum stolpern und auf dem rutschig nassen Boden stürzten lassen. Sogar heute noch konnte er den heißen Schmerz spüren, der ihm den Arm hochgeschossen war, als sein Ellenbogen mit den Fliesen kollidiert war.

Er war in einer Lache aus Wasser und Blut gelandet, hatte fluchend aufgesehen und dann Sekundenlang in Kyos regloses, blasses und wie tot aussehendes Gesicht gestarrt. Dieser lag vollständig eingekleidet im heißen Wasser. Ein Arm ruhte in der Wanne, der andere hing über den Rand und aus beiden Handgelenken strömte, in einem beständigen Rhythmus, Blut. Dai hatte geschrien, so laut wie er nur konnte und dann verschwammen sämtliche Erinnerungen.

 

Heute war ihm klar, dass er Kyo das Leben gerettet hatte und trotzdem verschwand das Gefühl des Versagens einfach nicht. Kurz dachte er an Kaoru und schüttelte mental den Kopf. Ihr Leader hatte von Anfang an einen Narren an dem kleinen, jungen Mann gefressen, der sich längst zu einem der besten Sänger der Metal Szene entwickelt hatte und Reihenweise Vocal-Coaches sprachlos zurückließ, sobald seine Stimme einmal ihr volles Potential entfesselte.

Aber es war nicht allein die Bewunderung vor dem monströsen Talent Kyos. Kaoru war ein Beschützer und bei Kyo hatte er instinktiv gespürt, dass er diesen in erster Linie vor sich selbst schützen musste. Er war wirklich zu gut für diese verdammte Welt!

 

‘Ihr habt sie doch nicht mehr alle!’

Kyo hatte sie angeschrien, beim Anblick der frischen Narben auf ihren Armen.

‘Vielleicht.’

‘Kaoru das ist nicht lustig! Spinnt ihr jetzt komplett?! Reicht es denn nicht, dass ich mir so etwas antue? Müsst ihr jetzt auch noch damit anfangen?’

‘Das ist der Sinn eines Pakts. Willkommen zurück in der Wirklichkeit, Kyo.’

 

»Dai!«

Er zuckte zusammen, als Shinya plötzlich die Stimme erhob und vom Bett aufsprang. Im ersten Moment völlig desorientiert von der Reaktion des Drummers, begriff er nicht so recht was er dort vor sich sah. Shinya hatte sich über Kyos Gesicht gebeugt, schien irgendwas zu flüstern und wirkte dabei unendlich erleichtert.

Erst dann erkannte er, dass die Augen des Sängers nicht mehr geschlossen waren. Er blinzelte schwerfällig, bewegte die Lippen hinter der transparenten Sauerstoffmaske und auch sein Körper schien sich bewegen zu wollen. Nach Tagen der Immobilität  war er allerdings steif und schwerfällig und auch sein Gehirn war noch nicht wieder ganz auf der Höhe.

Dai erhob sich ebenfalls so schnell er konnte und trat ans Kopfende.

»Kyo!«

 

Gesichter über ihm; Alles verschwommen.

Licht; Viel zu hell.

Stimmen ganz leise; Viel zu laut.

 

Wo war er?

 

Kyos Augen huschten unruhig und ziellos suchend umher. Er nahm eine weiße Zimmerdecke wahr, hörte Stimmen, sah verschwommene Gestalten und spürte etwas auf seinem Gesicht. Die Luft welche er atmete, schmeckte irgendwie eigenartig und er versuchte den Arm zu heben, um das störende Ding von Mund und Nase zu ziehen. Doch jeder Muskeln in ihm protestierte, kaum dass er auch nur versuchte die Hand zu heben.

Hitze und Kälte, Licht und Lärm; alle Eindrücke strömten gleichzeitig auf ihn ein und er wollte schreien, um seiner Angst und Anspannung irgendwie Herr zu werden.

Aber kein Laut kam aus seiner Kehle.

 

»Shhh, alles wird gut.«

Jemand umschloss sanft seine Wangen, doch schon diese vorsichtigen und zaghaften Berührungen, jagten ihm unangenehme Schauer und das Gefühl von Nadeln auf seiner Haut, durch den Leib.

»Kyo, ich bin es, Shinya, und Dai ist auch hier.«

Ja … ja diese Namen kannte er!

Und auch die Stimme war ihm mehr als nur vertraut.

Endlich kroch ein wenig Zuversicht in seinen Verstand und so langsam klärte sich auch seine Sicht. Zwar waren sämtliche Formen um ihn herum verschwommen und unscharf, aber er glaubte ein vertrautes Gesicht und ein ihm bekanntes Paar Augen ausmachen zu können.

»Sh ... Shi ...«, mehr brachte er nicht heraus. Seine Kehle fühlte sich an wie mit Sandpapier malträtiert und seine Lunge schmerzte bei jedem Atemzug.

 

»Ja man. Hey Bruder, willkommen zurück!«

Kyo schloss erneut gequält die Augen. Die Stimme der zweiten Person an seinem Krankenbett, war unangenehm laut und schrillte in seinem Kopf wieder.

»Hol eine Schwester«, wies Shinya den Gitarristen an, welcher der Bitte sofort Folge leistete.

Kaum dass sich die Tür hinter ihm schloss, wand Shinya das Gesicht wieder Kyo zu, immer noch die Hand auf dessen Wange, wo sie ihn sanft streichelte.

»Wir hatten so eine Angst um dich«, flüsterte Shinya, der eindeutig begriffen hatte, dass Kyo gerade auf alle Sinneseindrücke extrem empfindlich reagierte. »Ich bin so froh, dass du endlich wieder wach bist.«

Kyo hob vorsichtig die Lider und sah sich, so gut es ging, ein zweites Mal um.

»W … o«, kam es tonlos über seine Lippen, da er es nicht wagte seine schmerzenden Stimmbänder zu benutzen.

»Im Krankenhaus, immer noch in Amerika. Du bist nach unserem letzten Konzert zusammengebrochen und lagst eine Woche lang im Koma.«

 

Koma? Hatte er das gerade richtig verstanden?

Kyo dachte nach und versuchte in seinem lahmen Gehirn nach den letzten Erinnerungen zu fahnden, was sich als ausgesprochen schwierig herausstellte. Alles wirkte durcheinander und es mischten sich auch Erinnerungen an Zeiten dazwischen, die schon lange der Vergangenheit angehörten. Aber immer wieder blitzte etwas auf, was zu Shinyas Worten passte.

Die Bühne, die kreischenden Fans, Kaorus besorgter Blick, der steinerne Boden hinter der Bühne und Schreie.

 

Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, ging die Tür auf und er stöhnte heißer auf. Wieso konnten die alle nicht einfach etwas leiser sein?!

»Nishimura-san? Wieder zurück in der Realität, wie ich sehe«, erklang eine weibliche, aber ungemein kräftige Stimme, mit einem sehr starken Akzent. Wer auch immer diese Person war, aber sie hatte ihre Japanisch Kenntnisse schon lange nicht mehr benutzt.

Kyo kniff die Augen zusammen, sein Kopf pochte schrecklich und ihm war unfassbar heiß.

Eine weitere Person trat in sein Sichtfeld. Sie war groß, besaß breite Schultern, braune Haare und er blickte in das Gesicht einer Frau, der man ihr Alter zwar nicht ansah, wohl aber, dass von ihr eine ganz seltsame Form der Gefahr ausging.

Und plötzlich passierte etwas, wofür Kyo noch sehr lange keine Erklärung würde finden können. Ein seltsamer Impuls übernahm seinen Körper, kaum dass sie einander in die Augen sahen. Panik überkam ihn. Panik vor dieser Frau!

 

Sein Atem wurde schlagartig schneller, er verkrampfte sich, riss die Augen auf und gab Laute von sich, die er bestenfalls einem Tier zugeordnet hätte.

»Wow!«, die Ärztin sah ihn erstaunt an und wich ein paar Zentimeter zurück. »Das kommt unerwartet.«

»Kyo!« Sofort war Shinya wieder bei ihm und versuchte den Sänger zu beruhigen. »Es ist alles okay, sie ist deine Ärztin.«

Dass sie Ärztin war, hatte er bereits erkannt. Aber er konnte sich dennoch nicht erklären, wieso sie dieses seltsame Gefühl der Panik in ihm auslöste.

»Schon gut, Terachi-san.« Die Frau blieb erst einmal auf Abstand und beobachtete ihn. Scheinbar versuchte sie sich ihm doch lieber etwas langsamer anzunähern. »Das ist normal, nach so einem Aufwachen. Er braucht Zeit.«

Mittlerweile war sie dazu übergegangen Englisch zu sprechen, was Kyos Gehirn einiges an Kraft kostete, um es in ein verständliches Japanisch zu übersetzen.

 

Er wand den Blick von ihr ab und zu Shinya. Kyo hatte schrecklich brennenden Durst und formte die Lippen immer wieder lautlos zu ‘Wasser’. Natürlich verstand ihn der Drummer zuerst nicht und erst als er die Bewegungen von Kyos Lippen nachahmte, begriff er.

»Ja, natürlich«, sagte er und wand sich der Ärztin zu. »Darf er etwas trinken?«

Ihr Nicken war fast schon eine Erlösung für Kyo!

Shinya schob ihm die Atemmaske herunter, wofür er ebenfalls sehr dankbar war und legte ihm dann vorsichtig einen Trinkhalm an die Lippen. Schwach sog er daran und verschluckte sich fast, kaum dass die ersten Tropfen seine Kehle hinab rannen und seufzte erleichtert auf. Nach einer Weile schienen sich auch seine Muskeln wieder ihrer Funktionsweise bewusst zu werden, denn es dauerte nicht lange und das Glas war leer. Jetzt wesentlich entspannter, sank er zurück auf das viel zu harte Kissen und atmete durch.

Dai war wieder aus dem Raum verschwunden, um Kaoru und Toshiya darüber zu informieren, dass ihr Goldkehlchen erwacht war.

 

»So, können wir es auf einen zweiten Versuch ankommen lassen, Nishimura-san?«, fragte die Ärztin, welche einfach still dort stand und alles mit verschränkten Armen beobachtet hatte.

Kyo bemerkte, dass sich der Kittel an ihrem Oberkörper spannte. Offenbar war sie ausgesprochen muskulös. Kurz nickte er und sie trat wieder näher. Erneut setzte das vorherige Gefühl ein, doch dieses Mal hatte er sich besser im Griff und ließ sie an sich heran.

»Ich bin Doktor Jansen, ihre behandelnde Ärztin«, stellte sie sich vor. »Sie haben einen sehr starken Krampfanfall erlitten und lagen deswegen eine knappe Woche im Koma.«

Dass sie die Decke zurückschlug, seine Brust abtastete und danach abhörte, störte ihn nicht. Auch nicht, dass er derart unbedeckt vor Shinya lag. Der Drummer hatte ihn schon in weitaus schlimmeren Situationen erlebt und Kyo war zu müde und zu erschöpft, um sich zu beklagen. Plötzlich spürte er die sanften, aber starken Finger seines Bandkollegen auf seiner Hand und packte diese so gut er konnte.

»Ihre Körpertemperatur ist immer noch erhöht, aber nicht mehr so sehr wie bei Ihrer Einlieferung.«

»Warum«, flüsterte er. Immer wieder wollten ihm die Augenlider zufallen, aber er hielt sie schon fast gewaltsam offen.

»Warum Sie gekrampft haben?«, fragte die Ärztin und er deutete ein müdes Nicken an.

»Haben Sie bereits vorher mit körperlichen Problemen zu tun gehabt? Eine verschleppte Erkältung vielleicht? Von Ihrem unglücklichen Zusammenstoß mit dem Puma, haben wir bereits erfahren. Der Bericht der Denver Klinik liegt mir vor.«

Kyo überlegte, nickte dann aber erneut ganz schwach.

»Ja«, wisperte er mit kratziger Stimme. »Erkältung.«

 

Von Shinya kam ein Seufzen.

»Kyo«, murmelte er kopfschüttelnd. »Du musst uns das vorher sagen. Wieso sagst du uns denn nie, wenn du dich krank fühlst?«

Eine wirkliche Antwort erwartete er darauf nicht. Dafür kannte er ihren Sänger einfach zu gut.

»Nach einer sehr langen und anstrengenden Tour, den vielen Auftritten, wahrscheinlich auch relativ wenig Schlaf, dem Stress durch den Pumaangriff und einer verschleppten Erkältung, kann es durchaus vorkommen, dass Ihr Körper zum Schluss einfach aufgegeben hat«, versuchte die Ärztin zu erklären. Doch irgendwie wurde Kyo den Eindruck nicht los, dass diese simple Erklärung der Umstände, viel mehr dazu dienen sollte um Shinya zu beruhigen. Etwas an ihrem Blick sagte ihm, dass sie ihm etwas verschwieg.

 

»Shin«, er wand den Blick zu seinem Drummer. »Wo ist Dai?«

Irritiert hob der andere die Augenbrauen, verwundert vom plötzlichen Themenwechsel.

»Naja, draußen vermutlich. Ich glaub er will Kaoru anrufen.«

»Terachi-san«, sagte die Ärztin. »Ich würde kurz mit Nishimura-san unter vier Augen reden. Bitte.«

Es war Shinya anzusehen, dass er eigentlich nicht von Kyos Seite weichen wollte, doch schließlich tat er es mit ausgesprochen viel Widerwillen. Sie wartete geduldig, bis der Drummer den Raum verließ und die Tür hinter sich zuzog, dann richtete sie ihre volle Aufmerksamkeit auf Kyo, der mittlerweile die Augen geschlossen hatte und langsam, aber deutlich schwerfällig, atmete.

 

Christine ließ den Anblick eine Weile auf sich wirken. Während er im Koma gelegen hatte, hatte sie ihn mehrfach untersucht und durchaus die vielen Narben unter den Tätowierungen bemerkt. Ihr Patient neigte also zu autoaggressiven Verhaltensweisen und dem zufolge, was der Bandleader Kaoru ihr vorsichtig unter vier Augen mitgeteilt hatte, litt er zudem an einer psychisch bedingten Hyposensibilitätsstörung. Was bedeutete, dass er Schmerzen und Krankheitssymptome nur bedingt wahrnahm.

Geduldig nahm sie die Decke von ihm herunter, legte sie auf das Gestell am Bettende und sammelte die mittlerweile warmen Gelpads ein, ehe sie sich auf die Bettkante setzte. Kyo hatte ein Auge geöffnet und musterte sie.

»Danke«, flüsterte er, was sie mit einem Nicken kommentierte.

»Ich weiß wie sich das anfühlt.«

Dann schwiegen beide für einen Moment.

 

»Also«, begann sie schließlich. »Wir wissen beide, dass das kein Puma war. Richtig?«

Sie hätte erwartet, dass er überrascht von ihrer Aussage war, oder sie hastig verneinte und abstritt. Aber dass er einfach wieder das Auge schloss und dann schwach mit dem Kopf nickte, kam auch für sie irgendwie überraschend.

»Nein, das war es nicht«, murmelte Kyo, der froh darüber war, seinen Körper etwas an der Luft abkühlen zu lassen.

»Körperhaltung wie ein Primat? Etwa zwei Meter groß?«, riet sie. Natürlich hatte sie innerhalb der letzten Tage sein Blut untersucht und dort die Marker für das Virus gefunden. Diese Befragung diente lediglich dazu ihm zu zeigen, dass sie ihm seine Geschichte glauben würde.

»Woher wissen Sie das?«, wisperte er, sah sie wieder an. Für einen so kleinen Menschen, hatte er wirklich eine Wahnsinns Ausstrahlung; selbst in seiner jetzigen Verfassung.

»Ich sagte bereits, dass ich weiß, wie sich das hier anfühlt«, und sie machte eine ausladende Bewegung mit der Hand, das Krankenzimmer samt Bett einfassend.

»Ist bei mir nur sehr viel länger her.«

Da er diese Worte erst einmal verarbeiten musste, widmete Christine sich der Bisswunde an seinem Bein, wickelte den Verband ab, tastete vorsichtig über den Bereich, wo sich gestern noch Fäden befunden hatten und deckte dann alles mit einer sterilen Kompresse zu. Eigentlich war diese Maßnahme in seinem Fall völlig unnötig, doch sie musste sich ausnahmsweise mal ans Krankenhausprotokoll halten.

 

»Was sind Sie?«

Christine war soeben in begriff sich aufzurichten und sah nun überrascht zu ihm hoch. Kyo erwiderte ihren Blick.

Wie konnte das eigentlich sein? Was hatte dieser Mensch im Leben durchgemacht, um derart abgebrüht eine solche Frage zu stellen? Ober hatte sie etwas falsch verstanden? Gedanklich wiederholte sie die knappe Frage, suchte in ihren Erinnerungen nach einer alternativen Übersetzung und landete doch wieder beim gleichen Ergebnis.

Sie hatte sich weder verhört, noch falsch übersetzt.

Doch war er überhaupt schon soweit, um mit der Wahrheit konfrontiert zu werden? Eigentlich hatte sie vorgehabt, Satoshi diese Aufgabe zu übertragen.

Schließlich wand sie den Blick ab und schüttelte den Kopf.

»Noch nicht«, antwortete Christine, mehr zu sich selbst. »Ich gebe dir Zeit bis nächsten Freitag. Danach will ich, dass du diese Stadt umgehend verlässt. In Japan wirst du von einem meiner Kollegen erwartet. Ich stelle dir eine Überweisung aus und du tust gut daran, dieser auch nachzukommen. Andernfalls wird er derjenige sein, der dich aufsucht.«

 

Kyo ließ sie nicht aus den Augen. Sein durchdringender Blick war sogar für die sonst so kühle Ärztin nur schwer zu ertragen.

Wieso erinnert er mich so sehr an dich, Johann.’ [1]

Unwillkürlich bildete sich eine heftige Gänsehaut auf ihren Armen und sie musste den Schauer unterdrücken, der sich in ihrem Innersten ausbreitete. Die Gedanken an das Monstrum, vor dem sie aus Deutschland und in die Staaten geflohen war, jagte ihr eine schreckliche Angst ein. Und so wie ihr, erging es vielen ihrer Art.

 

Dass sie und ihr Patient einander immer noch anstarrten, nahm sie nur am Rande wahr. Erst als jemand klopfte und die Tür sich öffnete, wand sie sich um und erblickte Steve. In den letzten Tagen war er ihr möglichst aus dem Weg gegangen und hatte sie furchtsam gemieden. Es war ihr nur recht so.

»Ein Anruf für sie, Doktor«, stammelte er und sie nickte.

»Ich bin sofort da.«

Steve flüchtete und Christine drehte sich wieder zu Kyo um.

»Du hast fünf Tage. Danach verlässt du mein Revier, sonst werde ich ungemütlich.«

Auch wenn sie darum bemüht war einen würdevollen Abgang hinzulegen, war die Anspannung trotzdem um sie geschlagen wie eine Blase.

‘Er ist ungewöhnlich präsent, trotz seines jetzigen Zustands und obwohl die Infektion erst eine Woche zurück liegt. Satoshi, ich hoffe du wirst mit diesem Kater klarkommen.’

 

***

 

Shinya und Dai waren wieder bei ihm. Mittlerweile saß Kyo aufrecht im Bett. Auch die Decke hatte man erneut über seine Beine gelegt, obwohl ihm eigentlich viel zu warm war, aber das versuchte er auszublenden.

»Bist du sicher, dass du dich nicht hinlegen willst?«, fragte Shinya besorgt.

Kyo sah ihn nicht an. Er ließ die Tür nicht aus den Augen und starrte fast schon Löcher hinein.

»Nein, im liegen wird mir schwindlig«, antwortete er wahrheitsgemäß. Sein Kreislauf musste wieder in Schwung kommen und in den vergangenen zwei Stunden, hatte er sich fast schon gewaltsam in einen halbwegs wachen Zustand gekämpft. Sitzen half dabei sehr.

»Du bist vorhin erst aus dem Koma erwacht. Kyo, du musst deine Kräfte schonen!«

»Shin«, warf Dai beschwichtigend ein. »Er hat die letzten sechs Tage gelegen. Ich bin sehr sicher, dass ihm das vorerst ausreicht. Stimmt’s?«

Kyo nickte knapp und ignorierte dann die anhaltende Diskussion der beiden, denn gedanklich war er nur zur Hälfte anwesend. Ihm ging das seltsame Gespräch mit der Ärztin einfach nicht aus dem Kopf. Sie hatte sich so merkwürdig aggressiv ihm gegenüber verhalten und irgendwie empfand er in ihrer Nähe etwas, was er nicht so recht einordnen konnte.

Es war eine grundlegende Ablehnung gegenüber ihrer Anwesenheit, obwohl sie einander doch überhaupt nicht kannten.

 

Noch ehe er sich weiter mit all diesen Fragen beschäftigen konnte, wurde die Tür aufgerissen und es passierte genau das, worauf er bereits seit mehr als einer Stunde, mehr oder weniger geduldig, wartete.

»Kyo!«, Kaoru kam herein, dicht gefolgt von Toshiya.

»Ja, bitte?«

Geschockt verharrten die beiden in der Tür, starrten ihn an und wussten offenbar weder mit seiner trockenen Antwort, noch mit dem Anblick etwas anzufangen.

»Was - aber - «, stammelte ihr Bassist und schob sich an dem erstarrten Kaoru vorbei, weiter in den Raum und zum Bett. Kyo warf ihm einen kurzen Blick zu und schaute dann wieder zu ihrem Leader, der sich noch immer nicht rührte.

»Komm rein, oder bleib draußen. Aber mach die Tür zu.«

Endlich kam Bewegung in ihren Ältesten, welcher der ersten Forderung nachkam und tatsächlich Toshiya beiseite schob, ehe er sich nach unten beugte und, zur Überraschung alle, die Arme fest um den Sänger schlang.

»Wenn ich könnte«, knurrte er, eine Hand in das Krankenhaushemd gekrallt, die andere in Kyos Haaren vergraben, »Würde ich dir eine verpassen, du dummer Vollidiot!«

»Au, Kaoru nicht so doll, mir tut alles weh.«

»Mir doch egal!«

 

Kaoru lockerte seinen Griff trotzdem ein wenig, stand aber immer noch gebeugt da, das Gesicht gegen Kyos Haare gedrückt. Der Sänger war total überfordert mit der Situation und wusste sich nicht anders zu helfen, als seinem Leader über den Rücken zu streichen. Der Rest der Band grinste, oder war regelrecht zu Tränen gerührt, in Shinyas Fall.

»Hast du eine Ahnung, was für eine scheiß Angst wir um dich hatten. Ich dachte du musst sterben, verdammt!«

»Kaoru war als Erster bei dir, als du diesen Krampfanfall hattest«, erklärte Dai. »Wir haben versucht dich festzuhalten, aber du hast viel zu heftig gezittert und gezuckt. Ich dachte wirklich, du brichst jede Sekunde einfach durch.«

Irgendwie gelang es Kyo, den Älteren ein paar Zentimeter auf Abstand zu schieben. Er musterte Kaorus Gesicht, die tiefen Augenringe und den unordentlich rasierte Bart; er schien um Jahre gealtert zu sein. Da half es auch nicht, dass Kaoru und Toshiya, auf dem Weg ins Krankenhaus, fast eine ganze Stunde im Berufsverkehr festgesteckt hatten.

»Sag mir jetzt nicht, dass du in diesem Zustand Auto gefahren bist!«

»Der Wagen läuft über meinen Namen«, kam direkt die trotzige Erwiderung. »Und Toto ist ein schrecklicher Autofahrer.«

Empörter Protest aus dem Hintergrund, der aber ignoriert wurde.

Kyo seufzte, legte eine Hand in Kaorus Nacken und zog dessen Kopf wieder zu sich. Seine erhitzte Stirn, an der seines Leaders, eine Hand an seinem Hinterkopf, Finger in seinen Haaren, der herbe Geruch von Kaorus Parfüm. Das durfte niemand sonst auf dieser Welt!

»Du bist so ein Vollidiot. Du verdammter Vollidiot!« [2]

 

***
 

Kapitel 6 ¦ Katzenschwur


 

***

 

Es war bereits tiefste Nacht, aber Kyo bekam einfach kein Auge zu.

Vielleicht lag es daran, dass er die letzten Tage nichts anders getan hatte, außer zu schlafen und unbeweglich herum zu liegen. Oder aber es waren seine rastlosen Gedanken, die ihn durchgängig quälten.

Langsam strichen seine Finger über den dunklen Einband des Notizbuchs. Es war mittlerweile so abgegriffen, dass die Ränder ganz zerschunden und spröde waren. Toshiya hatte es ihm direkt mitgebracht, fast als wäre ihr Bassist einem inneren Instinkt gefolgt.

Nachdem man seine Band, weit nach den offiziellen Besuchszeiten, schließlich höflich rausgeworfen hatte und er nun wieder mit sich und seinen Gedanken alleine war, versuchte Kyo seine Erinnerungen zu ordnen.

Doch anders als sonst, war es schwierig für ihn, sich zurück in seinen Komatraum zu denken. Kein Wunder, nach allem was passiert war und eigentlich war ihm kaum etwas geblieben, bis auf ein paar vereinzelte, undeutliche Fragmente.

Aber er konnte diese Chance nicht sinnlos verstreichen lassen. Kyo musste das aufschreiben, was ihm passiert war.

 

Zum hundertsten Male schlug er das kleine Buche auf, blätterte darin herum und suchte nach einer freien Seite. Dieses Vorhaben gestaltete sich als ausgesprochen schwierig und ihm war klar, dass er Kaoru und die anderen würde bitten müssen, ihm etwas zum schreiben zu organisieren.

Das Ende seines Kugelschreibers war mittlerweile ebenfalls ziemlich zerkaut, da er beim Nachdenken dazu neigte, auf seinen Stiften herum zu beißen, seit er versuchte weniger zu rauchen.

 

Es gab ein lautes Klicken und die Spitze fuhr aus. Anschließend schrieb er in die Mitte des Blattes ein einzelnes Wort: ‘Koma’. Dann schloss er die Augen und rief sich das in Erinnerung, was er noch irgendwie gespeichert hatte. Allzu viel war es nicht und je länger er wartete, umso mehr verblassten die Bilder und Eindrücke.

»Monster«, murmelte er nachdenklich, schrieb es mit dazu und zog einen Kreis um das erste Wort. Er wollte es als Ausgangspunkt seiner Mindmap nutzen.

Stimmt, es hatte ein Monster in seinem Traum gegeben. Groß und … und was? Kyo verfluchte seinen Verstand dafür, dass er sich nicht mehr daran erinnerte, wie das Monster ausgesehen hatte.

 

Hatte es Zähne gehabt? Sehr wahrscheinlich.

Fell oder Schuppen?

Materiell oder formlos?

War es humanoid gewesen, oder doch eher animalisch?

 

Je länger er darüber nachdachte, umso unsicherer wurde er, schrieb aber fleißig weiter. Jedes Wort und jede Frage, die ihm in den Sinn kamen, notierte er und tauchte dabei wieder einmal immer tiefer in seine völlig undurchsichtige Gedankenwelt ab.

Bereits nach kurzer Zeit, war die Hälfte der Seite vollgeschrieben. Ein paar Begriffe hatte er wieder durchgestrichen und durch andere ersetzt. Nur zwei der Wörter unterstrich er irgendwann mit sehr viel Nachdruck, da er sich ihrer mehr als nur sicher war.

'Türkisfarbene Augen'

Sie stammten nicht allein aus seinem Traum. Das Wesen von Denver hatte ebenfalls derart eiskalte Augen gehabt und Kyo verspürte Übelkeit, wenn er nur daran dachte. Auch glaubte er ein unangenehmes Ziehen in seinem Unterschenkel zu spüren, weswegen er unbewusst eine Hand auf die Stelle legte und leicht Druck auf die Nähte ausübte.

 

Was wusste die Ärztin?

Auch diese Frage beschäftigte ihn seit mehreren Stunden. Sie hatte sich wirklich seltsam verhalten und die Andeutungen ihrerseits zeigten ihm, dass er sich all das nicht eingebildet hatte.

Natürlich hatte ihn kein scheiß Puma gebissen!

Pumas gingen nicht auf den Hinterläufen und sie hatten auch keine humanoiden Hände, mit denen sie ihre Beute festhalten konnten. Kyo hatte es mit eigenen Augen gesehen und doch ergab diese Kreatur keinen Sinn.

Nichts an seiner Situation ergab irgendeinen Sinn!

»Scheiße«, murmelte er, wütend darüber, dass er mit seinen Überlegungen einfach nicht weiter kam.

Und wieso er bereits wieder so fit war, obwohl er erst vor 7 Stunden aus dem Koma erwacht war, machte ihm regelrecht Angst. Kyos Gesundheit war schon lange ein wiederkehrendes Problem in ihrer Band und jedes Mal, wenn er dann doch dem Druck von Kaoru, oder dem Versagen seines Körpers nachgeben und ins Krankenhaus gegangen war, hatte es ewig gedauert, bis er wieder auf die Beine kam.

 

Noch während er ziellos weiter schrieb, wurde die Klinke zu seinem Zimmer vorsichtig nach unten gedrückt und ebenso langsam öffnete sich die Tür. Die Person hatte definitiv erwartet ihn schlafend vorzufinden und hielt überrascht inne, als sie erkannte, dass er bei eingeschaltetem Nachtlicht im Schneidersitz auf dem Bett saß und in seine Arbeit vertieft war.

»Wer hätte das gedacht?«

 

Kyo sah auf; erschrocken von der Stimme, die urplötzlich zu reden begann. Der Flur vor seinem Zimmer war dunkel, ebenso die Gestalt, die mit verschränkten Armen im Türrahmen lehnte und ihn ansah.

Es dauerte eine Weile, bis er realisierte, dass ihn zwei blaue Augen in der Dunkelheit anblitzen. Erschrocken ließ er den Kugelschreiber fallen und wollte zurückweichen, doch die Gestalt hob beschwichtigend eine Hand.

»Ruhig, Kleiner. Ich bin nicht hier um dich anzugreifen.«

Sie trat in den Schein der Lampe und nun erkannte er die Ärztin. Doktor Jansen hatte ihren Kittel abgelegt und er sah, dass sie darunter tatsächlich sehr muskulös war. Die hochgekrempelten Ärmel ihres enganliegenden Shirts spannten sich auf den Oberarmen und er konnte erkennen, dass sie sichtbar an Bauchmuskeln besaß.

Noch nie war Kyo eine so starke und unheimliche Frau begegnet!

Sie stand neben dem Bett und sah auf ihn runter. Er fühlte sich, als würde er bei ihrem durchdringenden Starren in sich zusammensinken und je länger sie in seiner Nähe blieb, umso unwohler fühlte er sich.

 

»Also«, sagte die Ärztin, zog sich den Besucherstuhl ran und setzte sich gelassen.

»Was wollen Sie?«, knurrte Kyo misstrauisch. Sie lächelte geheimnisvoll.

»Nur mit dir reden, über die Katze von Denver.«

»Der Puma?«

»Bitte,« wiegelte sie seinen halbherzigen Versuch ab. »Wir wissen doch beide, dass das kein Puma war.«

»Und was dann?!«

Kyo hatte keine Geduld für derartige Spielchen. Erst versuchte sie ihn in Panik zu versetzen und nun machte sie ein Mysterium aus allem. Was kam als nächstes?

Sie schien über ihre nächsten Worte nachzudenken und blickte ihm ein wenig abwesend in die Augen. Irgendwas an den ihren erschien ihm seltsam unnatürlich.

»Ein Mensch«, kam schließlich die Antwort, mit einem leichten Zögern. »Zumindest war es das mal.«

 

Stille.

 

Kyo musste das Gesagte erst einmal verarbeiten. Dann aber reagierte er so, wie es vermutlich jeder andere in diesem Moment auch getan hätte.

»Blödsinn!«, platzte es aus ihm heraus. »Ein Mensch? Verarschen kann ich mich alleine!«

»Du willst die Wahrheit.«

»Ich will keine schwachsinnigen Geschichten!«

Wütend klappte er sein Notizbuch zu und spannte das Gummi so energisch darum, dass es dabei ein lautes Klatschen erzeugte

»Als nächstes tischen Sie mir noch irgendwas über Werwölfe und Vampire auf«, lachte Kyo gehässig. »Und da behaupten die Leute, dass ich ein wahnsinniger Psychopath bin.«

»Als psychisch gesund würde ich dich definitiv nicht bezeichnen«, meinte sie trocken und zeigte auf seine Arme: «Selbstverletzendes Verhalten deutet eher selten auf einen gesunden Geist hin.«

 

Kyo war es unangenehm, dass sie ihn so direkt darauf ansprach. Natürlich wusste er, dass die Leute über ihn tuschelten und es etliche Theorien über seinen geistigen Zustand gab. Doch in Japan wurde er nie direkt damit konfrontiert; schon alleine weil man dort Dinge lieber ausschwieg, als sie offen anzusprechen.

»Psychosomatische Hyposensibilität ist auch ziemlich selten. Bislang kenne ich das nur von schwer traumatisierten Menschen und da du diese Symptome bereits vor dem Zwischenfall in Denver hattest - .«

»Wer hat Ihnen davon erzählt?!«

Kyo musste sich zusammenreißen, um die Frau nicht laut anzuschreien. Doch er war genau so wenig scharf darauf, jemanden vom Personal anzulocken, wie sie. Dass sie ihren Kittel nicht trug, zeigte ihm eindeutig, dass sie nicht beruflich bei ihm war.

»Hm, wie heißt er noch gleich?«, überlegte sie laut. »Kai?«

»Kaoru!«, fauchte der Sänger frustriert. »Hätte ich mir ja denken können. Er kann einfach die Klappe nicht halten.«

Natürlich war es seinem Leader gegenüber unfair, sich derart aufzuregen. Kaoru hatte Angst um ihn gehabt und der Ärztin alles gesagt, was vielleicht wichtig wäre, um ihm das Leben zu retten.

 

»Ja, richtig«, sie nickte, ohne auf seinen Wutausbruch einzugehen. »Kaoru.« Kurz dachte sie nach. »Wie stabil bist du, auf psychischer Basis?«

»Wieso sollte ich mit Ihnen darüber reden?«

Er hatte keine Lust mehr auf dieses Gespräch. Sie hatte ihm doch klar zu verstehen gewesen, dass er hier nicht erwünscht war und sie ihn so bald wie möglich wieder los sein wollte. Und trotzdem fragte sie nun nach seiner mentalen Verfassung? Die einzige Person, mit der er über so etwas offen sprach, war sein Psychiater und dieser war vertraglich dazu verpflichtet die Klappe zu halten. Auch wenn er sich dort schon lange nicht mehr hatte blicken lassen.

 

»Weil es darüber entscheidet, ob ich dafür sorge dich verschwinden zu lassen, oder nicht.«

Die Worte waren derart kalt, dass er fröstelte und sich seine Hände automatisch im Stoff seiner Hosenbeine verkrallten.

»Was?«, fragte Kyo. Er zweifelte sogar daran, dass er die Worte korrekt übersetzt hatte.

Sie hingegen knurrte tief und kehlig.

»Meine Natur verlangt von mir dich anzufallen und dir die Kehle durchzubeißen, ehe du mir und meinem Status gefährlich werden kannst. Aber ich reiße mich zusammen!«

Sein Herz schlug wie wild. Dieser Laut, den sie ausgestoßen hatte, löste irgendwas in ihm aus und er hatte keine Ahnung, was das war!

 

Plötzlich stand sie auf, beugte sich über ihn und stützte sich mit den Händen links und rechts von ihm am Bettgestell ab. Dabei war sie ihm so nahe, dass er zurückwich, aber er kam nicht weit. Sie ließ nicht zu, dass er ihr entwischte.

»Du bist infiziert, Kleiner. Ich habe dein Blut untersucht, der Biss war eindeutig ansteckend und wenn ich merke, dass du psychisch zu labil bist, das Ding in dir zu beherrschen, dann werde ich zu dir kommen und dich in Stücke reißen! Ein Feloidea ohne Selbstkontrolle ist eine Gefahr und wir lassen nicht zu, dass so einer da draußen frei herumläuft.«

Als wäre die Situation nicht schon schlimm genug, verengten sich ihre Pupillen zu nadelfeinen, vertikalen Schlitzen und sie stieß ein weiteres Mal dieses unnatürlich tiefe Knurren aus, welches die Luft zwischen ihnen finster erzittern ließ.

 

»Ich weiß nicht wovon Sie da - .«

»Du weißt sehr wohl, wovon ich rede!«

Es war der Ärztin anzumerken, dass sie sich dazu zwingen musste nicht zu schreien. Er konnte ihre Anspannung am eigenen Leib fühlen.

In der nächsten Sekunde griff sie in die Tasche ihrer Jeans, zog ein Handy hervor und begann darauf etwas zu suchen. Noch bevor er über eine Chance zur Flucht nachdenken konnte, drehte sie das Smartphone zu ihm um und er hätte vor Panik gebrüllt, hätte sie ihm die andere Hand nicht auf den Mund gepresst. Kyo spürte, wie sie die kräftigen Finger hart gegen seine Wange presste. Sein Atem ging schnell und unregelmäßig, die Augen hatte er aufgerissen und trotzdem gelang es ihm nicht, den Blick vom Display abzuwenden.

 

Darauf zu sehen war eine Bildmontage? Nein, das war kein Fake. Das war ein echtes Foto!

Es zeigte gut sichtbar ein Wesen, welches einer Raubkatze ähnelte. Mit dunklem Fell, hellem Bauch und wilden Streifen. Kyo sah einen langen Schweif, das weit aufgerissene Maul voller rasiermesserscharfer Zähne. Es stand auf den Hinterläufen, dabei ruhte sein volles Gewicht auf zwei gewaltigen, dunkel gemusterten Pfoten. Die vorderen Gliedmaße erinnerten entfernt an humanoide Arme und Hände, dicht mit Fell bedeckt und todbringenden Klauen, statt Fingernägeln.

Die Kreatur schien nur aus Krallen, Fell und Muskeln zu bestehen und obwohl sie direkt einem Horrorfilm zu entspringen schien, war sie ihm doch unheimlich vertraut.

»Sieh dir das hier genau an!«, fauchte die Ärztin, immer noch ganz nahe bei ihm. »Und sei froh, wenn ich dir mein anderes Ich nur als Foto zeige!«

 

‘Lass mich gehen. Bitte lass mich los!’

Er konnte kaum denken vor Angst. Was sagte sie da? Ihr anderes Ich? Bedeutete das etwa, dass diese Kreatur auf dem Foto, die fast genau so aussah wie das Monster, welches ihn in Denver überfallen und fast umgebracht hatte - ?

»Präg dir das hier genau ein, Kleiner. Wir sind fleischgewordene Mordmaschinen mit einem zweiten Gesicht. Wenn wir uns nicht im Griff haben, dann bringen wir alle um, die uns zu nahe kommen. Dann ist es uns egal, ob wir den Menschen vor uns lieben, oder nicht. Wir beißen zu!«

 

Ihr Daumen wischte über das Display und es begann sich ein Video abzuspielen. Der Ton war deaktiviert, aber Kyo brauchte ihn nicht, denn das was er sah, war bereits schrecklich genug.

Wieder erblickte er die Kreatur, dieses Mal aus der Perspektive einer Überwachungskamera. Sie bewegte sich schnell, mit eleganten und kräftigen Sprüngen, auf ein ihr erschreckend ähnliches Wesen zu. Das zweite Katzenmonster wirkte ungezähmter und aggressiver.

Beide verbissen sich binnen Sekunden ineinander, schlugen mit ihren Klauen aufeinander ein und recht schnell wurde klar, wer die Oberhand gewinnen würde. Bereits nach kurzer Zeit, trieb die dunkle Katze der anderen die Fangzähne ins Genickt. Ihr Kontrahent schrie auf, vor Wut und Schmerz, konnte aber nicht verhindern, dass er zu Boden gedrückt und brutal festgehalten wurde.

 

Das Video stoppte und das Standbild zeigte ihm die beiden ineinander verkeilten Ungeheuer, von dem die Ärztin behauptete, das dominantere Tier zu sein.

»Glaubst du mir jetzt?«, fauchte sie aggressiv. »Sieh dir diesen Kater genau an! Seine Leiche verwest draußen in den Bergen und wenn du diese Scheiße hier nicht in den Griff kriegst, dann passiert mit dir genau das gleiche!« Dabei steckte sie das Handy zurück in ihre Tasche und bohrte ihre Finger in eine der präsenteren Narben auf seinen Armen.

»Wir sind Monster, Kleiner. Merk dir das gut!«

 

Da er keine Anstalten machte zu schreien, ließ sie endlich von ihm ab und trat zurück. Ihr Gesicht war eine Maske aus ungezügeltem Zorn.

»Und verabschiede dich von deiner Karriere. Keiner von steht auf der großen Bühne. Menschen sind unsere Beute. Wenn wir uns nicht unter Kontrolle haben, dann sehen wir in ihnen nur Fleisch, in welches wir Zähne und Klauen schlagen wollen. Für dich werden sie wie ein gedecktes Buffet aussehen und nicht mehr wie Fans die dich verehren, für das was du als Kunst bezeichnest.«

 

Kyo zitterte, ihre Worte drangen nur langsam in seinen Verstand ein und je länger er über sie nachdachte, umso mehr versuchte er sich dagegen zu wehren.

In welchem Albtraum war er hier eigentlich aufgewacht? Und wer ließ so eine Wahnsinnige als Ärztin praktizieren?

»Sie sind irre«, fauchte er sie an, verfluchte sich selbst dafür, dass seine Stimme so sehr bebte. Seine Angst schien sie zu freuen, denn einer ihrer Mundwinkel zog sich langsam hoch. Die muskulösen Arme verschränkte sie erneut vor der Brust und spannte die Oberarme dabei demonstrativ an. Er glaubte ihr durchaus, dass sie dazu in der Lage sein würde, ihn bei Bedarf einfach zu erwürgen.

»Ich bin seit 35 Jahren ein Ungeheuer.« Christine setzte sich, schlug die Beine lässig übereinander und lehnte sich entspannt zurück. Nun, wo sie die Rangordnung geklärt hatte, wirkte sie deutlich gelassener, als zuvor. »So wie du nun auch.«

»Ich bin kein - .«

Monster?

 

‘Du bist ein Monster, Kyo! Ein verdammtes Ungeheuer!’

‘Ich hab dir von Anfang an gesagt, dass du von dieser Beziehung nichts zu erwarten hast.’

‘Aber da war mir noch nicht klar, wie krank du wirklich bist!’

Ein Klatschen, Schmerz auf seiner Wange - er hatte das verdient.

‘Ich bete, dass niemals wieder jemand auf deine schönen Augen reinfallen und sich auf dich einlassen wird! Du hast es nicht verdient, dass man dich liebt. Alles was du kannst, ist die Liebe die man dir entgegenbringt zu nehmen und sie in Fetzen zu reißen. Ich bin fertig mit dir, Kyo! Kaoru und die anderen tun mir leid, dass sie von dir so ausgenutzt werden, du emotionaler Vampir!’

 

Er sah hinab auf seine Arme, auf die Narben unter den Tattoos.

»Kann man das rückgängig machen?«, wollte er wissen, auch wenn ihm die Antwort eigentlich klar war. Er musste sie nicht ansehen, um zu wissen, dass sie den Kopf schüttelte.

»Nein, nie wieder. Gewöhne dich daran.«

»Aber - .«

»Es gibt keine Heilung! Das Virus verändert deine DNA, deswegen der Krampfanfall. Die meisten überleben die Infektionsphase nicht einmal und verrecken elendig. Übrigens ist unser Blut auch im menschlichen Zustand hochgradig ansteckend. Vermeide also bitte, dass andere in Kontakt damit kommen. Ich kann dir gern eine gefälschte HIV-Diagnose ausstellen, das erleichtert im Alltag vieles und verhindert dumme Fragen. Ich spreche aus Erfahrung.«

»Wie bitte?!« Kyo starrte sie an. »Aids vortäuschen? Wie verrückt sind Sie bitte, Lady?« Endlich hatte er nicht nur seine Sprache wiedergefunden, sondern auch seine freche Klappe.

»Hast du Angst, dass dich alle für eine Schwuchtel halten werden?«

»Das ist ganz sicher nicht mein Problem daran!«

»Schwul?«

»Nein!« [1]

 

Für einen Moment hatte er vergessen, dass sie sich immer noch spätnachts in einem Krankenhaus befanden. Christine hingegen legte einen Finger auf ihre Lippen und machte »Sh!« Kurz lauschten sie, aber da alles still blieb, entspannten sie sich wieder.

»Ich glaube du unterschätzt deine Situation.«

»Liege ich immer noch im Koma und das alles hier ist eine Wahnvorstellung meines verrückten Gehirns?«

»Dass du verrückt bist, glaube ich dir sofort«, lachte sie trocken. »Aber nein, ist es nicht.«

 

Stille kehrte zwischen ihnen ein, in der sie wartete und er sich erneut in seinen eigenen Gedanken verlor. Kyos Kopf fühlte sich an wie im Nebel. Da er nicht sicher war, wie er das Gespräch wieder aufnehmen sollte und Smalltalk eigentlich nicht so sein Ding war, fragte er zögernd:

»Wann ist - also - was ist Ihnen passiert?«

Ohne den Kopf anzuheben, schaute er zwischen seinen zotteligen Haaren zu der Frau, die dort auf dem Stuhl saß und ihn mit ihrer undurchsichtigen Art betrachtete. Sie erinnerte ihn an eine gruselige Version von Shinya.

»Ich war 1980 als Studentin, mit meinem Dozenten für Ärzte ohne Grenzen, im Sudan. Dumm und naiv wie wir idiotischen Weltverbesserer waren, wollten wir humanitäre Hilfe leisten.« Sie stieß ein abfälliges Lachen, ob dieser Erinnerungen, aus.

1980? Wie alt war diese Person? Er schätzte sie auf maximal 45 Jahre. Doch wenn er richtig rechnete, dann konnte das absolut nicht stimmen. Als Medizinstudentin hätte sie damals Anfang 20 sein müssen!

 

»Mitten in der Nacht gab es einen Anschlag auf das Lager, in dem wir uns um die Flüchtlinge gekümmert haben. Ich bin aus meinem Zelt gerannt und habe nach den anderen geschrien. Es herrschte pures Chaos und dann werde ich plötzlich von hinten gepackt und in die Dunkelheit gezerrt.«

Man merkte, dass sie diesen Teil ihrer Vergangenheit nicht freiwillig wiedergeben wollte.

»Der Feloidea nutzte das Durcheinander und verschleppte mich in die Trümmer der Stadt. Er wollte mit mir spielen und biss mich überall, aber ohne mich gezielt zu töten.«

Unbewusst strich sie sich über den Nacken. Plötzlich wurden ihre Gesichtszüge für einen Augenblick weicher, durchscheinender und er erhaschte für eine Sekunde einen Eindruck von der Frau, die sie hinter der Fassade war; oder die sie als Mensch gewesen sein mochte.

 

Dann aber war der Moment vorbei und vor ihm saß wieder das Monster mit der Maske.

»Ich bin erst in einem Krankenhaus, in Osaka, wieder zu mir gekommen.«

Christine erhob sich, ein wenig zu schnell und zu hastig. Ihre Stimme schnitt regelrecht durch die Dunkelheit.

»Denk an meine Warnungen, Kleiner. Beim nächsten Mal werde ich nicht so nett sein.«

Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, wand sie sich ab und verließ den Raum. Kyo fühlte sich, als hätte ihn der Albtraum der letzten Woche noch immer im Griff; nun jedoch um ein Vielfaches stärker, als zuvor.

 

***

 

Sie sahen sich nicht wieder.

Kyo verbrachte die nächsten vier Tage in seinem Zimmer, nur untersucht von dem netten Assistenzarzt, der ihm am Ende seines Krankenhausaufenthaltes einen Umschlag mit Unterlagen überreichte.

»Doktor Jansen sagte, dass Sie das alles in Japan brauchen werden«, erklärte der Mann namens Steve; wie Kyo mittlerweile erfahren hatte. Er mochte den jungen Arzt, auch wenn dieser ihm ein wenig zu geschwätzig war. Aber jeder war ihm lieber, als diese irre Ärztin.

Neugierig, was sich alles in dem gut gefüllten Umschlag befand, öffnete er die Lasche und zog einen dicken Stapel Zettel heraus. Zu seiner eigenen Verwunderung, war ein nicht gerade kleiner Teil in japanischer Sprache verfasst. Unter anderem ging es um seine Überweisung, an einen Arzt mit dem Namen ‘Professor Doktor Satoshi Furukawa, Fachspezialist für Innere Medizin und Onkologie’.

Onkologie? Kyo war doch nicht krebskrank. Wieso verwies ihn diese verrückte Frau denn an einen Arzt für Tumorpatienten?

 

»Doktor Jansen hat sich darum bemüht, Ihnen so viel wie möglich in ihrer Landessprache mitzugeben, Sir«, plauderte Steve einfach weiter. Kyo hörte ihm nur mit einem Ohr zu. Er saß auf dem Rand seines Bettes, vollständig eingekleidet und wartete darauf, dass Kaoru ihn abholte. Sie würden direkt zum Flughafen fahren.

Dann plötzlich wurde ihm klar, was genau er in den Händen hielt! Sie hatte ihm einen gefälschten Diagnosebericht ausgestellt. Angeblich, zumindest las er dies aus den Dokumenten, hatte man in seiner Lunge entartete Gewebezellen gefunden und als wäre dies nicht genug, hielt Steve ihm plötzlich eine Packung entgegen.

 

»Was ist das?«, fragte Kyo verwundert.

»Ihre Medikamente. Doktor Jansen bat mich darum, sie Ihnen auszuhändigen. Derzeit ist sie zu beschäftigt. Sie sollen morgens und abends je eine Tablette nehmen. Nebenwirkungen könnten Übelkeit und Schlaflosigkeit sein. Trinken Sie bitte ausreichend Wasser dazu«, erklärte er, während Kyo zögernd die Schachtel an sich nahm. Sie war englisch, doch auf der Rückseite hatte jemand auf Japanisch ‘Beipackzettel!’ geschrieben.

 

»Bitte kontaktieren Sie umgehend Ihren behandelnden Arzt in Japan, sollte es zu anderweitigen Problemen damit kommen.«

»Danke«, murmelte er und schob die Schachtel rasch in die Innenseite seiner Jacke.

»Ich wünsche Ihnen alles Gute, Mister Nishimura. Ich hoffe, dass Sie die Krankheit besiegen können. Zum Glück haben wir den Tumor rechtzeitig entdeckt. Es sollte sich sehr gut behandeln lassen«

Aufmunternd lächelte Steve ihn an. Kyo versuchte es zwar zu erwidern, war aber bereits zu tief wieder in seiner eigenen Gedankenwelt abgetaucht. Er wollte wissen, was die irre Ärztin ihm als Nachricht hinterlassen hatte!

 

Zum Glück klopfte es, was Steves beständigen Redefluss eindämmte und nach einer kurzen Aufforderung, ging die Tür auf und Kaoru stand vor ihnen. Er sah mittlerweile wieder wesentlich fitter aus, als noch an dem Tag, an welchem Kyo aus dem Koma erwacht war. Seine Augenringe waren nicht ganz verschwunden, aber schon deutlich abgemildert. Sogar rasiert hatte er sich, was von den Sorgenfalten auf seiner Stirn trotzdem nicht ablenken konnte.

»Hallo«, grüßte er beide und war bereits dabei einen Fuß in das Zimmer zu setzen, aber Kyo sprang auf und schnappte sich seine Tasche. Kurz war er versucht einfach aus dem Raum zu gehen, besann sich dann aber und wand sich nochmal Steve zu. Er streckte ihm die Hand entgegen, welche sein Gegenüber nach zwei Sekunden der Überraschung ergriff.

»Danke«, sagte Kyo lediglich, ließ los und ging an Kaoru vorbei, einfach aus dem Zimmer.

»Komm«, murmelte er. »Lass uns endlich nach Hause fliegen.«

 

***

 

»Was ist das?«, fragte sein Leader und warf einen raschen Blick zu der Schachtel, die Kyo aus seiner Jacke zog. Der Sänger saß auf dem Beifahrersitz, sog an einem Shake, den er sich bei einem Drive In noch schnell geholt hatte und schob ein paar Pommes hinterher. Mit der freien Hand fummelte er an der Seitenlasche der Verpackung herum, was sich als ausgesprochen schwierig gestaltete. Der Becher klemmte dabei zwischen seinen Beinen. Kaorus Augenbraue wanderte bei dem Anblick zweifelnd nach oben, doch er versuchte sich auf den Verkehr zu konzentrieren.

»Das gilt es herauszufinden«, nuschelte Kyo, mit drei Pommes im Mundwinkel und innerlich jubelnd, als es ihm endlich gelang, die störrische Medikamentenschachtel zu öffnen. Mit leicht fettigen Fingerspitzen, zog er den Beipackzettel heraus und begann ihn irgendwie aufzufalten. Den englischen Teil gezielt ignorierend, drehte er ihn um und tatsächlich stand dort etwas mit rotem Fineliner.

 

‘Das sind starke Beruhigungsmittel. Vor dem Flug solltest du zwei davon nehmen, wenn du nicht willst, dass das Monster in dir durchdreht. Vertrau Satoshi. Er ist deine einzige Chance. CJ’

 

»Ein Liebesbrief?«, grinste Kaoru, der von seiner Position aus nicht mitlesen konnte, wohl aber die rote Schrift sah und seine eigenen Schlussfolgerungen daraus zog.

»So was in der Richtung«, antwortete Kyo nachdenklich, stopfte den Zettel in seine Jackentasche und zerrte eine der Blister heraus. In der Tat war die Aufschrift eine ganz andere, als die auf der Umverpackung.

Sollte er das hier wirklich wagen? Diese Verrückte hatte ihm eindeutig zu verstehen gegeben, dass sie ihn am liebsten loswerden wollte. Doch warum dann der Aufwand mit der gefälschten Diagnose und die Überweisung zu dem Spezialisten? Irgendwie ergab nichts hiervon einen Sinn.

Unschlüssig was er tun sollte, klaubte er die letzten Pommes zusammen, schob sie sich in den Mund und spülte mit seinem Shake nach. Viel zu süß und viel zu salzig, aber er brauchte das jetzt, nach dem widerlichen Krankenhausessen.

 

»Wenn du nicht willst, dass das Monster in dir durchdreht«, wiederholte er gedanklich und kratzte mit dem Fingernagel auf der Oberfolie herum. »So wie in dem Video?«

Er hatte in den letzten Tagen immer wieder daran gedacht und ihm wurde übel bei der Vorstellung, irgendwann selbst ein solches Ungeheuer zu sein. Sogar in seine Träume verfolgte es ihn! Nur dass er sich darin nicht auf eine zweite Katze, sondern auf seine Freunde stürzte. Auf Kaoru, Shinya, Toshiya und Dai und jedes Mal endete es in einem schrecklichen Blutbad, was ihn dazu zwang aufzuwachen und ins Kissen zu schreien.

»Ich will das nicht.« Kyo schloss die Augen und lehnte den Kopf gegen die kühle Seitenscheibe. »Das ist alles nur ein Traum. Menschen die zu Killerkatzen werden? So etwas gibt es nicht! So etwas darf es nicht geben!«

»Alles klar?« Kaoru war die Besorgnis um ihn anzuhören. Der Bandleader machte sich ständig Sorgen um sie vier, allen voran um Kyo, der ihnen die mit Abstand meisten Probleme einbrachte.

»Ja«, antwortete der Jüngere und öffnete träge die Augen. »Nur müde.«

»Versteh ich.« Kaoru grinste aufmunternd, was aber seine Wirkung verfehlte. »Ich kann im Krankenhaus auch nie schlafen.«

»Wenn es doch nur das wäre, Kao.«

Kyo seufzte stumm, schaute seinen Freund und Kollegen von der Seite an und dann wieder auf die Tabletten, die er mittlerweile ohne hinzusehen aus dem Blister gekratzt hatte.

»Sie sagte, dass ich mein Karriere vergessen kann. Aber was bin ich denn, ohne die Band? Ich habe nichts, außer das.«

 

Er hatte nichts mehr zu verlieren, das war ihm klar. Also warf er sich die kleinen, gepressten Dinger in den Mund, trank den Rest seines Shakes und schluckte. Denn inneren Drang, alles direkt wieder zu erbrechen, unterdrückte er gewaltsam und verkrampfte die Hand, die noch immer die Packung mit den Medikamenten umklammerte.

Zum Flughafen, dann nach Japan und dann?

»Was kommt dann, Kao?«, stellte er die lautlose Frage. »Was wird dann aus uns? Aus mir? Du weißt selbst, dass ich schon immer ein Monster war. Ein emotionaler Vampir, der die Liebe anderer einfach nicht verdient hat. Wieso also bist du immer an meiner Seite? Ist es Mitleid, oder willst du einfach nur nicht, dass die Band zerbricht, wenn ich verschwinde?«

Natürlich erhielt er keine Antwort, denn Kaoru wusste nichts von den düsteren Gedanken, die seinen Sänger quälten.

 

»Ihr seid meine Familie, das weißt du. Doch wenn es stimmt und aus mir wirklich dieses Ungeheuer wird, dann werde ich euch verlassen müssen. Lieber sterbe ich, als euch jemals wieder Schaden zuzufügen.«

Fast als wolle er dem anderen ein stummes Versprechen geben, streckte Kyo die Hand aus und legte sie auf Kaorus rechten Unterarm, welcher auf der Bedienung für die Automatikschaltung ruhte. Sein Leader wand kurz den Blick von der roten Ampel, zu ihm, lächelte und sah dann wieder nach vorn.

»Keine weiteren Narben auf deiner Haut. Das schwöre ich dir!« [2]

 

***
 

Kapitel 7 ¦ Katzennacht


 

***

 

»Kyo!«

Natürlich fiel die Begrüßung auf dem Flughafen wie erwartet herzlich aus. Die anderen drei waren direkt vom Hotel zum Airport gefahren, während Kaoru ihn vom Krankenhaus abgeholt hatte und nun wurde der Sänger von der Knochen brechenden Umarmung Toshiyas regelrecht in die Mangel genommen. Ihr Bassist war manchmal wirklich noch immer der quirlige Idiot, den sie damals in die Band aufgenommen hatten. Manche Sachen änderten sich offenbar nie, egal wie viel Zeit auch verging.

 

»Toto, nun lass ihn doch bitte los. Ich habe ihn eben erst aus dem Krankenhaus abgeholt und nicht vor, ihn direkt wieder zurück zu bringen«, versuchte es Kaoru beschwichtigend, erntete dafür aber nur einen empörten Blick seitens Toshiya.

»Nun sei nicht so, ich freue mich doch einfach nur, ihn noch lebendig zu sehen.«

Kyo konnte das Schmunzeln nicht mehr unterdrücken und klopfte ihm auf die Schulter.

»Was ich auch sehr zu schätzen weiß, danke. Lässt du mich trotzdem wieder los?«

Ob es an den Medikamenten lag, oder an dem Stress der letzten Tage, aber Kyo fühlte eine unangenehme Müdigkeit und Schwere, die auf ihm lastete. Das Gähnen konnte er jedenfalls nicht mehr unterdrücken und so presste er sich die Hand an den Mund und wandte das Gesicht von den anderen ab.

»Wann geht der Flieger?«, fragte er, mit Schlaftränen in Richtung Kaoru blinzelnd.

»Boarding ist in einer Stunde«, antwortete ihr Leader, mit einem kurzen Blick auf die Uhr. Tatsächlich waren sie schneller durch den Verkehr gekommen, als von ihm geplant.

»Ich hol Kaffee!«, meldete sich Toshiya ungefragt zu Wort.

»Nicht für mich.« Wieder ein Gähnen, Kyo wollte einfach nur noch schlafen.

 

Während ihr Bassist den Weg zu den örtlichen Snacklokalen einschlug, suchten sich die anderen ein paar freie Plätze bei der großen Fensterfront im Wartebereich. Von hier aus konnten sie verfolgen, wie die Flugzeuge minütlich starteten und landeten.

Überall plappern die Menschen in den verschiedensten Sprachen. Vorwiegend natürlich Englisch, aber wenn Kyo sich nicht irrte, hörte man dazwischen auch Französisch, Spanisch und einmal sogar Deutsch.

Kaum dass sie sich auf den unbequemen Stühlen niedergelassen hatten, zog der Sänger seine Jacke enger um sich, schlug die Kapuze hoch und versuchte regelrecht darin zu verschwinden. Seine Körpersprache war eindeutig auf ‘Lasst mich in Ruhe’ eingestellt, und seine Kollegen folgten dieser stummen Anweisung. Kaoru, der links von ihm saß, unterhielt sich leise mit Shinya, zu Kyos rechter Seite. Es ging um ihre Tour, mögliche Songs, die schon ewig in ihrem Ideenfundus herum lagen, potentielle neue Projekte und, als sie offenbar sicher waren, dass Kyo schlief, redeten sie leise über ihn.

 

Kyo hatte die Augen geschlossen, den Kopf gesenkt und atmete langsam und tief. Er döste, lauschte jedoch dem geflüsterten Gespräch, welches sie direkt über seinen Kopf hinweg führten.

»Was hat der Arzt gesagt? Wissen sie endlich was den Anfall ausgelöst hat?«

»Nein, leider nicht. Als ich ihn abgeholt habe, hatte Kyo nur einen dicken Umschlag in der Hand. Ich weiß aber nicht was drin ist.«

»Der Abschlussbericht?«

»Wahrscheinlich« Etwas raschelte, scheinbar nickte Kaoru zustimmend. »Beim letzten Mal hieß es noch, dass es der Stress der Tour gewesen wäre. Aber ich hab irgendwie ein komisches Gefühl, Shin.«

»Was wenn es etwas ernstes ist?« Man konnte dem Drummer die tiefgehende Sorge anhören.

Natürlich machten die anderen sich (wieder einmal) große Sorgen, um den gesundheitlichen Zustand ihres Sängers. Doch Kyo konnte ihnen unmöglich erzählen, was mit ihm los war. Er verstand es ja selbst nicht einmal und würde er versuchen ihnen erklären, dass ihn eine riesige Monsterkatze angefallen und mit einem abgefahrenen Virus infiziert hatte, dann würden sie ihn direkt wieder in die Psychiatrie fahren.

 

»Was ernstes?«, fragte Kaoru neben ihm nach, während der Sänger noch immer darum bemüht war, den Schlafenden zu spielen.

»Ja, vielleicht eine Krankheit?«

»Shinya.« Das war Dai, der ihnen gegenüber saß. »Ich bin sicher, dass sich Kyo einfach nur wieder übernommen hat. Es wäre ja nicht das erste Mal.«

»Trotzdem. Ihr wart doch selbst dabei! Ihr habt gesehen, was passiert ist. Das war kein normaler Zusammenbruch.«

»Ihm ging es bereits auf der Bühne nicht gut«, murmelte Kaoru bitter. »Ich könnte mich dafür ohrfeigen, dass ich die Show nicht abgebrochen habe.«

»Es ist nicht deine Schuld.« Jemand strich Kyo sanft über den Stoff der Kapuze und er ahnte, dass es Shinya sein musste. »Wir wissen doch, wie Kyo tickt.«

»Ach?«, Toshiya war zurück, wie seiner Stimme und dem Duft von Kaffee zu ermitteln war, »Wissen wir das wirklich?« Er reichte die Becher herum und setzte sich dann neben Dai. »Manchmal glaube ich, dass nicht einmal Kyo selbst weiß, wie Kyo tickt. Kyo ist wie eine unendlich tiefe Kiste voller Chaos.«

Ohne sich bemerkbar zu machen, stimmte ihm der Sänger dabei in jedem Punkt zu.

‘Toto, du hast keine Ahnung, wie recht du damit hast. Ich weiß schon lange nicht mehr wer ich bin und jetzt … jetzt weiß ich nicht einmal mehr was ich eigentlich bin.’

»Jetzt wirst du aber unfair.«, klagte Shinya seinen Kollegen an. »Kyo ist doch kein Verrückter!«

»Normal ist er aber auch nicht.«

»Schluss jetzt«, wurde Toshiya von Kaoru unterbrochen. »Er ist nicht freiwillig so.«

»Das weiß ich doch auch.« Man hörte deutlich, dass Toshiya sich selbst zusammenriss, um nicht zu laut zu werden. »Aber ich will damit doch nur sagen, dass er, seit Denver, schräger drauf ist als sonst.«

 

Als das Gespräch auf die Stadt fiel, wurde es urplötzlich still und die Stimmung erreichte einen unangenehmen Tiefpunkt. Kyo wartete, gespannt auf das was als nächstes gesagt wurde.

»Schläft er?«, fragte Dai. Offenbar hatten Kaoru oder Shinya genickt, denn der Gitarrist setzte leise fort. »Er ist verschlossener als sonst auch. Keine Ahnung was genau es ist, aber etwas beschäftigt ihn.«

»Du hast Angst, dass er wieder abrutschen könnte?«, fragte Kaoru und erhielt eine gebrummte Bestätigung.

»Ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass er dabei ist wieder in eine Krise zu rutschen. Und deswegen, Kaoru - !«, wurde der Name ihres Leaders überraschend streng ausgesprochen, was diesen spürbar zusammenzucken ließ. »Überlass es dieses Mal bitte Toshiya und mir.«

»Ich verstehe nicht - .«

»Doch das tust du sehr wohl!«, unterbrach ihn der Bassist. »Dai und ich haben lange darüber geredet.«

‘Aha? Also werden bereits Schlachtpläne erstellt, wie man das nächste Mal mit mir umzugehen hat, sollte es wieder eskalieren?’

»Im Vergleich zu uns, trägst du viel zu viele seiner Narben, Kaoru. Du willst uns beschützen, aber wir sind den Pakt damals alle gemeinsam eingegangen. Wir, Kaoru, nicht allein Du

Kyo hörte wie Stoff raschelte und er ahnte, dass Dai demonstrativ den Ärmel seines Hoodies hochgezogen haben musste.

»Toshiya und ich übernehmen das ab jetzt. Keine Widerrede!«

 

Kyo fühlte plötzlich, wie die Hand an seinem Nacken etwas mehr Druck ausübte und er unterdrückte ein Schmunzeln. Natürlich hatte Shinya längst gemerkt, dass er gar nicht wirklich schlief, sondern dem Gespräch sehr aufmerksam folgte.

‘Sie wollen wirklich weitermachen?’, dachte er sich. ‘Egal was noch kommt, sie wollen es weiter auf sich nehmen? Wie absurd kann diese Freundschaft noch werden?’

Irgendwann, im Verlauf seiner Therapie, hatte er seiner Psychiaterin von dem Pakt erzählt. Ihre Reaktion war eine Mischung aus Überraschung und Entsetzen gewesen und er erinnerte sich daran, einen gewissen Stolz darüber gefühlt zu haben, dass er sie aus dem Konzept gebracht hatte.

 

Das ist interessant’, hatte sie ihm nach einigen Minuten gestanden. ‘Natürlich heiße ich dies absolut nicht gut und ich empfehle ihnen Fünf dringend eine Gruppentherapie. Aber, auch wenn es natürlich sehr unvernünftig und gefährlich ist, was Sie da tun, scheint es dennoch eine gewisse Wirkung auf Sie zu haben, Nishimura-san.’

Sie hatte sich in ihrem Stuhl zurück gelehnt, mit der Spitze ihres Kugelschreibers auf ihrem Notizblock herum getippt und nachgedacht.

‘Wenn ich das richtig sehe, dann funktionieren ihre Freunde nicht nur als Katalysator für Ihre Emotionen. Sie scheinen auch eine Art Spiegel zu sein. Wie wir ja bereits eingehend in Erfahrung bringen konnten, ist Ihre Hyposensibilität psychosomatischer Natur. Sie fühlen ihre eigenen Schmerzen nicht vollständig, doch ihre Spiegelneuronen sind nach wie vor extrem stark ausgeprägt. Den Schmerz der anderen übertragen Sie unbewusst auf sich selbst und erleiden ihn auf diese Weise gedanklich mit. Zusätzlich triggert es Ihre soziale Seite, mit der Sie Ihre Freunde eigentlich vor Schaden beschützen wollen.’

 

Ihm war erst durch ihre Analyse wirklich bewusst geworden, wie sehr ihm Kaoru und die anderen, mit diesem dummen Pakt halfen, um endlich aus seinem bereits Jahre andauernden Albtraum aufzuwachen. Natürlich wollte er nicht, dass sie sich verletzten und jede einzelne ihrer Narben, war auch eine Narbe auf seinem Gewissen. Andererseits erinnerte es ihn immer wieder daran, was für großartige Menschen er bei sich hatte.

 

***

 

Es war mitten in der Nacht, irgendwo über dem Pazifik.

Kyo schlief tief und fest, die Medikamente zeigten jetzt ihre volle Wirkung. Kaoru saß neben ihm und Shinya hatte es sich zum schlafen auf einem der freien Plätze etwas weiter vorne gemütlich gemacht, da das Flugzeug nicht voll belegt war. Toshiya war mit seinem neuen Smartphone beschäftigt und Dai kniete auf dem Sitz in der Reihe vor ihnen. Er hatte sich zu Kaoru umgedreht und die Arme auf der Kopfstütze abgelegt.

Im Flüsterton unterhielten sie sich, nur beleuchtet von dem kleinen Leselicht, über dem Kopf des Leaders, was seine Augenringe und die ersten, deutlichen Falten, ungesund vertiefte.

 

»Shinya meinte, dass er das wirklich gern machen würde.«

»Dai, ihr wisst alle genau, dass unser Vertrag das nicht zulässt. So leid es mir tut.« Kaoru schüttelte bedauernd den Kopf. Sie führten dieses Gespräch nicht zum ersten Mal.

»Dann müssen wir den Vertrag eben ändern lassen.«

»Sei nicht albern. So einfach geht das nicht.«

Dai gab ein genervtes Schnauben von sich.

»Aber Shinya wünscht es sich so sehr, endlich mal andere Musik machen zu können. Und Kyo will es ebenfalls.«

»Das weiß ich doch alles. Wenn es nach mir ginge, dann könntet ihr so viele Zweit- und Drittbands gründen, bis die Welt vor Panik ‘stopp’ schreit. Aber es geht leider nicht.«

Wieder erklang ein schweres Seufzen. Kaoru war die Anstrengung der letzten Tage deutlich anzusehen.

»Es war damals bereits schwer genug, jemanden zu finden, der uns freiwillig unter Vertrag nimmt.«

Beide warfen synchron einen Blick zu Kyo, der sich unter Hoodie und Kopfhörern regelrecht zusammengefaltet hatte und tief und fest schlummerte.

 

»Ich kann es immer noch nicht glauben - «, flüsterte Dai, »Dass die uns damals echt vor die Wahl gestellt haben, entweder einen anderen Sänger zu suchen, oder die Musik an den Nagel zu hängen.«

»Zum Glück bist du eisern geblieben, Kao«, kam es leise von Toshiya, der ihnen schon die ganze Zeit über schweigend zuhörte.

»Das bin ich auch. Trotzdem stecken wir jetzt in diesem verdammten Vertrag fest«, frustriert fuhr sich der Ältere durch die Haare. »Lasst mich ein paar Nächte darüber schlafen, okay? Ich überlege mir was.«

Plötzlich kroch ein herzhaftes Gähnen in ihm hoch, welches er erfolglos zu unterdrücken versuchte. Kaoru war todmüde.

»Schlaf, Leader-sama«, Dai streckte einen Arm aus und klopfte ihm auf die Schulter, »Bist nicht mehr der Jüngste.«

Dem gespielten Schlag wich der Gitarrist gackernd aus und setzte sich dann wieder richtig hin. Kaoru lachte leise und kippte dann seinen eigenen Sitz etwas nach hinten.

Schlaf zu finden, war in Kyos Nähe immer eine problematische Angelegenheit. [1]

 

***

 

»Regen. Toll.«

Kyo schlug die Kapuze seiner Jacke hoch und kniff die Augen etwas zusammen, als es draußen einen grellen Blitz gab, dicht gefolgt von einem Ohren betäubenden Donnern.

»Gewitter. Toll«, ergänzte Toshiya seine Aussage und schulterte seine Reisetasche.

Der Großteil ihres Gepäcks war bereits vor zwei Wochen eingetroffen und stand im Studio herum.

»Okay, Jungs.« Kaoru trat zu ihnen und verstaute sein Smartphone wieder in der Innenseite seines Mantels. »Ihr könnt euch Taxis rufen und direkt nach Hause fahren. Man wird uns das Gepäck morgen früh vorbei bringen.«

»Gott sei dank«, seufzte Shinya erleichtert. Ihr Drummer hatte sich bereits eine halbe Weltreise durch die Stadt vornehmen sehen. Distanziert, wie es häufig seine Art war, winkte er ihnen kurz zum Abschied, zog sich dann die Maske über das hübsche Gesicht und verließ als Erster das Flughafengebäude. Toshiya und Dai folgten, bis nur noch Kyo und Kaoru blieben.

 

»Kommst du zurecht?«, fragte der Ältere und erntete ein leicht genervtes Schnauben.

»Ich bin schon erwachsen.« Kyo grinste hinter seinem Mund-Nasen-Schutz, den er bereits im Flugzeug übergestreift hatte. Aufdringliche Fans, die ihn stundenlang für Autogramme belagerten, konnte er nun wirklich nicht gebrauchen.

»Ich meine es ernst, Kyo« Tatsächlich war der Ausdruck in Kaorus Augen alles andere als scherzhaft. »Kommst du alleine klar?«

Dass er damit nicht nur auf Kyos gesundheitlichen Zustand anspielte, war diesem dabei nur allzu bewusst. Er kannte diese Art der Gespräche bereits zur genüge.

»Ja, hört bitte auf damit, euch wieder wie damals zu verhalten. Ich stecke in keiner Krise!«

‘Zumindest in keiner, die ihr erwarten würdet.’

»Also schön«, man sah dem Leader deutlich an, dass es ihm überhaupt nicht recht war, Kyo alleine gehen zu lassen. Doch er konnte nicht ständig auf ihn aufpassen, wie eine übervorsichtige Mutter.

»Sobald etwas ist, rufst du mich, oder deine Therapeutin an. Ist das klar?«

»Ja, Mama.«

»Ob das klar ist!« Es kam nicht oft vor, dass der Ältere mit so viel Nachdruck zu ihm sprach. Um Stress und Streit zu vermeiden, nickte Kyo jedoch artig.

»Ja, ist es. Es geht mir gut und ich werde auch brav auf der Couch sitzen, nichts tun und mich zu Tode langweilen. Versprochen.«

 

Zufrieden mit der Tatsache, dass seine Botschaft offenbar angekommen war, trat Kaoru auf ihn zu und umarmte ihn fest. »Okay«, sagte er müde und kraftlos.

»Jetzt fahr endlich nach Hause, Kaoru!«, bat Kyo und sah ihn nun seinerseits streng an. »Du gehörst ins Bett.«

Er sah deutlich, dass es seinem Freund widerstrebte ihn jetzt alleine zu lassen, aber Kyo beharrte weiter auf seiner Forderung, bis Kaoru schließlich nachgab und sich mit einer letzten Umarmung verabschiedete.

Er sah ihm nach, bis er den Gitarristen zwischen den unzähligen anderen Menschen nicht mehr ausmachen konnte und seufzte schwer.

»Diese Idioten«, murmelte er zu sich selbst und doch erfüllte es ihn irgendwie auch mit ein bisschen Wärme, zu wissen, dass seine ihm Freunde immer noch bereitwillig in die Hölle folgten.

'Hör auf ihn zu verbrennen!'

»Ach, halt's Maul, Kisaki.«

 

Er nahm seine Tasche und trat durch einen der verglasten Eingänge in den strömenden Regen. Eigentlich war er versucht ebenfalls nach einem Taxi zu rufen, entschied sich dann jedoch dagegen. Kyo wollte ein wenig mit sich alleine sein, Gewitter hin oder her. Als er die Hände in die Taschen seiner Jacke steckte, konnte er den zerknüllten Beipackzettel spüren, den er noch immer mit sich herum trug.

»Das Monster in mir …«, sagte er leise, gedämpft durch den Mundschutz. Binnen kürzester Zeit war er durchgeweicht, ging aber stur weiter, die spätabendliche Stadt durch einen Vorhang aus tropfnassen Strähnen betrachtend.

 

Irgendwie fühlte er sich in der Dunkelheit am wohlsten. Dann nahm die Welt eine Atmosphäre an die ihm gut tat und seine Kreativität beflügelte. Was auch der Grund dafür war, weshalb er sich, im Gegensatz zu den anderen, gegen ein Haus und für ein Apartment im zehnten Stock entschieden hatte. Es war wirklich nicht billig gewesen, sein kleines Büro absolut schalldicht zu bekommen und er hatte die Handwerker vor einige fiese Herausforderungen gestellt. Aber da sich noch keiner seiner Nachbarn über den nächtlichen Gesang beschwert hatte, schien sich die Investition gelohnt zu haben. Er liebte es, dann zu arbeiten, wenn der Rest der Stadt bereits tief und fest im Land der Träume verweilte.

 

Kyo war nicht nur per Berufswegen ein Pessimist, sondern sah die Welt tatsächlich als hoffnungslos verloren an. Ebenfalls einer der vielen Gründe, für seinen jahrelangen Selbsthass. Erneut packte er den Zettel in seiner Tasche fester, spürte wie das Papier langsam aufweichte und löchrig wurde, dann zog er es heraus und betrachtete die verwaschene rote Schrift.

»Ich war bereits ein Monster«, redete er mit sich selbst, die wenigen Menschen ignorierten ihn, während sie durch Regen und Dunkelheit an ihm vorbei hetzten und verzweifelt ihre Regenschirme umklammerten. Der aufkommende Wind wurde immer erbarmungsloser.

»Wie kann aus einem Monster, ein anderes Monster werden?«

Weder der Zettel, noch er selbst, wussten darauf eine Antwort.

Aber es gab jemanden, der ihm vielleicht all seine Fragen beantworten konnte!

Doktor Furukawa.

Die durchgeknallte Ärztin hatte diesen beim Vornamen genannt, also schienen sie ein engeres Verhältnis zu haben, als nur auf beruflicher Basis. Kyo vertraute ihr nicht, sie machte ihm Angst. War es dann also wirklich eine gute Idee, diesem Satoshi Furukawa zu vertrauen?

Da ihm aber keine andere Option blieb, würde er es auf einen Versuch ankommen lassen - ob er nun wollte, oder nicht.

 

Im Schein eines Konbinis blieb er stehen und betrachtete die bunten Schilder und die blinkende Reklame. Kaum etwas anderes schrie so sehr nach ‘endlich zu Hause’ wie diese 24 Stunden Stores.

Nach drei gefühlt unendlich langen Monaten auf Tour, gähnte in seinem Kühlschrank natürlich eine ausgesprochen traurige Leere und da er nicht vor hatte, nach dem langen Flug und angesichts seiner sonstigen Gewohnheiten, direkt ins Bett zu gehen, entschied er sich den gut gefüllten Laden zu betreten.

Die Musik eines Werbejingles, aus dem Fernsehgerät an der Kasse, der vertraute Duft von Kaffee, grünem Tee, Reinigungsmitteln und das laute Brummen der Kühlgeräte, begrüßten ihn.

Die junge Verkäuferin, wahrscheinlich eine Studentin, rief ihm eine höfliche Begrüßung zu und er nickte wortlos in ihre Richtung. Selbst wenn sie ihn erkannte, so würde sie es ihm nicht zeigen, das gebot einfach die Etikette und er war ausgesprochen froh darüber.

 

Die durchweichte Maske klebte ihm unangenehm im Gesicht, aber er behielt sie auf, während er die langen Reihen entlang ging. Vorbei an überfüllten Aufstellern mit knallbunten Zeitschriften, die ihm ihre angeblich spannenden Neuigkeiten fast schon gewaltsam entgegen brüllten. Regale voller Ramen in allen möglichen und unmöglichen Geschmacksrichtungen. Verrückte Süßigkeiten, direkt neben fast schon langweiligen Keksverpackungen. Gekühlte Bentoboxen, Getränken und Bier.

Seltsamerweise war das hier genau das Japan, was er am schmerzlichsten vermisst hatte.

 

In Ermangelung seines inneren Antriebs, griff er sich einfach ein paar Cup-Noodles, Milchtee und ein Onigiri mit gebratenem Hühnchen und ging zur Kasse.

Aber in dem Moment, als er seine Karte an das Lesegerät hielt, erklang ein hoher und unangenehmer Pfeifton und die junge Frau blickte verwundert zu ihrer Kasse, die in roten Lettern ein großes ‘Error’ präsentierte.

»Nicht schon wieder«, seufzte sie und sah ihn entschuldigend an. »Verzeihung, das passiert schon den ganzen Tag. Ein Systemfehler.« Rasch verbeugte sie sich und eilte dann zur Tür, die in die Personalräume führte. Er hörte wie sie nach dem Manager rief und wartete ab.

‘Wie viel Pech kann man eigentlich in einem einzigen Monat haben?’, schoss es ihm dabei durch den Kopf. Kyo stützte sich am Tresen ab und trommelte dabei mit den Fingerspitzen auf der Kante herum.

 

Plötzlich ertönte hinter ihm ein leises, aber durchaus vertrautes Geräusch und Kyo wäre vor Schreck fast hinter die Kasse gesprungen. Ihm stellten sich die Nackenhaare auf und daran war nicht allein die Kälte seiner durchweichten Kleidung schuld.

Dieser Laut - dieses Knurren!

Bilder blitzten in rascher Abfolge vor seinem inneren Auge auf und er sah für einen kurzen Moment Schwärze, gesträubtes Fell und türkisfarbene Lichter, inmitten der Dunkelheit. Kyo wirbelte herum und starrte den Mann an, der direkt hinter ihm stand und ihn seinerseits intensiv musterte.

»Was?«, fauchte der Sänger, unwillkürlich heftig. Auch der Mann hinter ihm trug eine Maske, aber die Art wie sich seine Augen verengten, zeigte ihm, dass er grinste.

»Hast du dich verlaufen, kleiner Kater?«, schnurrte er, mit einer irren Aggression in der Stimme. Kyos Herz begann zu rasen.

»Rücken Sie mir gefälligst nicht so nahe auf die Pelle«

Er wich zurück, der Mann folgte ihm mit geschmeidigen Bewegungen. Dieser überragte ihn um eine ganze Kopflänge, hatte ein sehr breites Kreuz und seine Augen schimmerten unnatürlich blau; erst recht für einen Japaner.

 

»Falsches Revier, Kleiner.«

Jetzt begriff Kyo was da vor ihm stand und ihm wurde übel. Der Kerl erzeugte in ihm die selbe Panik, die er auch in der Nähe der verrückten Ärztin empfunden hatte. Seine Hand krallte sich regelrecht in den Tresen.

»Verpiss dich!«, knurrte er zurück.

»Entschuldigen Sie, dass Sie warten mussten.«

Die Stimme der jungen Verkäuferin durchbrach die angespannte Stimmung und Kyo sah noch eine Sekunde in die blauen Augen seines Gegenübers, eher er sich von ihm abwandte und versuchte seine Aufmerksamkeit der Frau zu widmen.

Rasch bezahlte er seine spärlichen Einkäufe, warf alles in seine Reisetasche und eilte aus dem Laden. Das konnte doch kein Zufall sein. Wurde Kyo jetzt verrückt und er bildete sich das alles nur ein?

Nein - unmöglich! Dieser Typ in dem Konbini ... dieses Knurren, die Augen, seine ganze Körpersprache.

»Scheiße.«

 

Entgegen seiner eigentlichen Pläne, einen längeren Spaziergang durch die verregnete Nacht zu unternehmen, rannte er die Stufen der nächsten U-Bahnstation runter. Kyo rutschte mit seinen Schuhen über den glatten Boden und musste sich am Geländer festhalten, um nicht zu stürzen. Sein Herz schlug ihm in der Brust und egal wie sehr er sich auch darum bemühte, seine Gedanken irgendwie zu beruhigen, er geriet mehr und mehr in Panik!

So sehr zitterte er, dass es drei Versuche brauchte, bis er die Karte ruhig genug gegen das Lesegerät am Eingang halten konnte, um den Gleisbereich überhaupt betreten zu können. Immerhin schien ihm doch irgendeine Gottheit gnädig gestimmt zu sein, denn just in der Sekunde, in welcher er durch das Drehkreuz hastete, fuhr seine Bahn ein. Kyo betrat sie, kaum dass sich die Türen öffneten und umschlang mit den Fingern die erstbeste Haltestange, die sich ihm anbot.

 

Außer Atem und mit glühenden Wangen, stand er da und starrte die Spiegelung in der Seitenscheibe an. Kein Wunder, dass ihn jeder für völlig gestört hielt. Wenn er seine weit aufgerissenen Augen und den gehetzten Blick so betrachtete, dann glaubte er dies sogar selbst!

»Ich glaub ich werd irre.«

Immer noch vor Angst zitternd, nun aber in Sicherheit, lehnte er die Stirn gegen das kalte Glas.

‘Nein,’ antwortete die gehässige Stimme in seinem Kopf. ‘Das bist du bereits, warst es schon immer. Aber jetzt wirst du nicht nur innerlich zum Monster.’

Es kostete ihn alle Kraft, den Schädel nicht gegen das Fenster zu schlagen. Unter ihm vibrierte die Bahn, als sie träge anfuhr und dann rasch beschleunigte.

 

»Nächste Haltestelle - .«

Es war doch alles gut gewesen, die letzten Jahre. Sie hatten die Musik gemacht, die sie wollten, er hatte eine tolle Therapeutin gefunden, die ihm wirklich half und fühlte sich mental so gesund wie schon lange nicht mehr, in seinem verdammten Leben.

Warum brach jetzt alles wieder in sich zusammen?! Kyo verstand es nicht.

 

»Nächste Haltestelle - .«

Komisch dass er gar nicht fror, obwohl es mitten im Winter und er klitschnass war. Generell hatte Kyo den Eindruck, dass sein ganzer Körper schon seit seinem Erwachen extrem überhitzt war. Ihm war ständig viel zu warm, fast als hätte er konstant Fieber.

 

»Nächste Haltestelle - .«

Warum nur hatte er das Gefühl beobachtet zu werden? Es kribbelte ihm im Nacken und er umfasste mit der einen Hand die Stange, mit der anderen den Tragegurt seiner Tasche so fest, dass sich seine Nägel unangenehm in seine Haut bohrten und tiefe Abdrücke hinterließen.

 

»Nächste Haltestelle - .«

Bildete er sich das alles nur ein? Sah er bereits Dinge, die gar nicht da waren? Womöglich stand er lediglich so sehr unter Spannung und Strom, dass er nun tatsächlich damit anfing lebende Gespenster zu sehen. Wäre nicht das erste Mal, dass er in einer Phase halluzinierte, aber er fühlte sich erstaunlich klar und überhaupt nicht so benebelt, wie er es normalerweise in einem Schub war.

 

»Nächste Haltestelle - .«

Fast hätte er die automatische Ansage überhört. Beinahe gewaltsam riss er sich selbst aus seiner Trance und blinzelte. Irgendwie erschien ihm das künstliche Licht auf einmal hundert mal greller und kälter, als sonst.

‘Du bist bloß gestresst, du dummer Idiot’, schalt er sich selbst und trat aus der Bahn. Nur wenige Menschen waren um diese Zeit unterwegs und er gehörte mit dazu.

 

Unendlich angespannt eilte er die Treppen hinauf. In dem Teil der Stadt, in dem er wohnte, blies der Wind mit einer Heftigkeit, die ihn überraschte. Mit einer Hand seine Kapuze festhaltend, auch wenn es eigentlich nicht viel brachte, überquerte er eine fast verwaiste Straße, tauchte unter den tiefhängenden Ästen eines Baumes durch und blieb trotzdem daran hängen.

Fluchend wand er sich um, zerrte an Stoff seiner Jacke und brach letzten Endes die dünnen Zweige einfach ab.

Erst jetzt wurde er sich der Gestalt bewusst, die dort auf der anderen Seite stand und in seine Richtung starrte. Kyo hielt den Atem an.

Es war der Kerl aus dem Konbini!

 

»Fuck!«

War er ihm nur aus Zufall bis hier her gefolgt? Wohl kaum!

So wie er da stand und in seine Richtung blickte, war klar, dass er ihn verfolgte. Der Regen wurde immer stärker, aber nun war ihm seine Kapuze wirklich egal. Er rannte los, der Mann auf dem gegenüber liegenden Fußweg tat es ihm gleich. Behindert durch seine Reisetasche und seine fehlende Kondition, wurde allerdings sehr schnell klar, dass er diesen Wettlauf nicht würde gewinnen können!

Noch im Sprint zerrte er den Reißverschluss seiner Tasche auf und begann darin zu wühlen.

»Scheiße«, keuchte er panisch, »Scheiße, scheiße scheiße!«

Laut klirrend schlugen die Schlüssel gegeneinander, als er den Bund herauszog und um eine Häuserecke bog. Dabei glaubte er hinter sich knurrende Laute und das Geräusch von Pfoten auf dem Gehweg zu hören. Es dröhnte in seinen Ohren, jemand griff nach ihm, Klauen kratzten über Kyos Nacken, er sah Zähne die sich in sein Fleisch gruben und erbarmungslos Stücke aus ihm herausgerissen -

 

Pling

Mit einem metallischen Geräusch, glitten die Türen des Fahrstuhls zu. Kyo stützte sich auf seinen Knien ab, würgte und schmeckte auf seiner Zunge etwas, das ihn an Blut erinnerte.

Zitternd hob er den Kopf, sah sich selbst im Spiegel und glaubte einen Geist zu sehen.

Kreideweiß, völlig durchweicht, zitternd - aber körperlich komplett unversehrt.

Irgendwie hatte er es in das große Appartementgebäude geschafft, nur um jetzt zitternd im Fahrstuhl zu stehen und sich die Seele aus dem Leib zu keuchen. Das Blut rauschte ihm in den Ohren, sein Herzschlag hämmerte brutal in seinen Gehörgängen und ihm war so schwindlig, dass ihm Lichtpunkte über die Netzhaut tanzten. Nur langsam ließ die Panik nach. Ohne Schlüsselkarte kam man nicht in das Gebäude, der Typ konnte ihm also nicht mehr folgen; er war sicher!

 

‘Es sei denn, der Kerl will dich holen!’

»Schwachsinn!«, schrie er sein Spiegelbild an und wusste, dass er wie ein Irrer aussah. »Warum sollte er das tun? Wer ist das überhaupt? Ich kenn den doch gar nicht!«

Der Fahrstuhl hielt mit einem Klingeln, was ihn ein weiteres Mal schrecklich zusammenzucken ließ.

Als sich die Türen zum zehnten Stockwerk öffneten, spähte er vorsichtig in den Hausflur, fast in Erwartung jeden Moment angefallen zu werden. Zeitgleich schalt er sich einen Vollidioten. Selbstverständlich war hier niemand, außer ihm! Wie hätte dieser Typ denn auch so schnell hier hochkommen können, ohne Zugangskarte?

Und obwohl ihm das absolut klar war, eilte er die letzten Meter zu seiner Wohnung, während die nassen Sohlen seiner Schuhe bei jedem Schritt laut quietschten.

 

Beinahe rutschten ihm die Schlüssel aus der Hand und er brauchte mehrere Versuche, um die Tür überhaupt aufzusperren. Kaum stand sie weit genug offen, dass er hätte hindurchschlüpfen können, tat er dies auch und warf sie umgehend wieder zu.

Kyo war kein paranoider Mensch, doch jetzt ließ er es sich nicht nehmen alles zu verriegeln und zum Test mehrmals von innen am Knauf zu rütteln.

Sicher - er war endlich in Sicherheit!

In seiner eigenen Wohnung, wo nur er selbst war und sonst niemand. Keine Monsterkatzen, keine gruselige Ärztin, kein unheimlicher Stalker. Nur er allein, sein kaputter Verstand und die Dunkelheit der Nacht.

 

Zitternd und erschöpft, rutschte er an der Wand im Eingangsbereich runter, hinterließ hässliche, nasse Spuren an der mattgrauen Tapete und mit einem lauten Klirren, landete der Schlüsselbund auf den Fliesen, auf denen sich mittlerweile eine kleine Pfütze aus Regenwasser gebildet hatte.

Das war ein Albtraum. Ein Gott verdammter Albtraum!

Normalerweise liebte er die Nacht, doch jetzt glaubte er, hinter jeder Ecke und in jedem Schatten, Dinge zu sehen die nicht da waren. Augen die ihn anstarrten, ein dunkles Knurren aus der Finsternis, Zähne, Klauen, Nackte Angst -

 

»Kyo?«

Kaorus müde Stimme drang leicht blechern aus den Lautsprechern seines Handys, welches er sich wie einen rettenden Anker ans Ohr presste. Wann hatte er seinen Leader angerufen?

»Hallo?« Etwas quietschte und er erkannte in dem Geräusch die altersschwache Couch seines Kollegen, welche dieser einfach nicht entsorgen wollte.

»Bist du okay?«

‘Sag etwas, Kyo.’

Seine Zunge schien ihm am Gaumen zu kleben und erst jetzt merkte er, dass ihm ein fast unerträglicher Durst in den Eingeweiden brannte. Kyo atmete mehrmals durch, bemüht seine Stimme nicht schrill und panisch klingen zu lassen. Erst dann öffnete er den Mund und wisperte nur: »Bin zu Hause.«

 

Natürlich konnte Kaoru mit dieser Information nicht viel anfangen.

»Okay?«, fragte dieser mit einem Gähnen.

»Ja« Eigentlich hatte er nur irgend jemandes Stimme hören wollen, um sich von den Schatten abzulenken und dabei sehr wahrscheinlich auf die Rückruffunktion seines letzten Telefonats getippt. »Bin - also - gut angekommen.«

Es kostete ihn alle Kraft, sich aufzurichten und die klitschnassen Schuhe abzustreifen. Seine Hand tastete nach dem Lichtschalter und mit einem elektrischen Summen ging die Beleuchtung über ihm an. Hell, warm, einladend. Es gab keine Monster in den Schatten. Es hatte nie welche gegeben!

 

»Bist du sicher, dass mit dir alles in Ordnung ist?«

Natürlich hatten Kaoru die kurzen Worte des Sängers nur noch mehr alarmiert und Kyo fluchte innerlich. Wenn er sich nicht zusammenriss, dann saß sein Bandkollege schneller im Wagen und war auf dem Weg zu ihm, als er blinzeln konnte!

»Ja, ich wollte dir nur Bescheid sagen,«

Endlich hatte seine Stimme wieder an Festigkeit gewonnen. Trotzdem fuhr er damit fort seine Wohnung zu beleuchten und in jedes Zimmer zu schauen, nur um seinen Kopf zu beruhigen.

»Ihr habt euch die letzten Tage immer solche Sorgen um mich gemacht und - mh - ja.«

»Und da dachtest du dir, dass du mir um 0:25 Uhr ein Lebenszeichen gibst?« Der Vorwurf, ihn aus dem Schlaf gerissen zu haben, war eindeutig. Kyo konnte nicht anders und lachte leicht auf.

»Du kennst mich doch.«

»Ja, darum bin ich überraschend wenig überrascht!« Es hörte sich so an, als würde sich Kaoru wieder in die Kissen fallen lassen, denn die Couch quietschte ein weiteres Mal.

 

»Gewohnheiten sollte man beibehalten.«

»Ach leck mich, Kyo!«

Freundschaftliches Gekabbel; irgendwie hatte er es vermisst.

»Tut mir leid fürs Wecken. Ich lass dich dann mal weiter schlafen, Big-Leader-sama.«

Von Kaoru kam ein zustimmendes Grunzen.

»Danke für deine Güte, Warumono-san«, erwiderte der Ältere, schien schon auflegen zu wollen, warf dann aber noch hinterher: »Ach, und Kyo.«

»Ja?«

»Bau keinen Scheiß.«

Nun lachte er tatsächlich.

»Ich werde dafür sorgen, dass du nichts davon erfährst.«

»Danke. Gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

 

***
 

Kapitel 8 ¦ Katzenwelt


 

***

 

Natürlich hatte er kein Auge zu bekommen.

Seit Stunden saß Kyo auf seinem Balkon, rauchte eine nach der anderen und genoss die kalte Luft, auf seiner überhitzten Haut. Hatten seine Zigaretten schon immer so furchtbar geschmeckt? Er hatte Geschmack und Geruch irgendwie anders in Erinnerung. Aber vielleicht täuschte er sich ja.

In der Ferne, über den anmutig in den Himmel ragenden Dächern der Hochhäuser, zeichnete sich der Beginn eines neuen Tages an. So wie es aussah, würde dieser genau so lausig werden, wie der vorangegangene, denn die Sonne schaffte es kaum durch die dichte Wolkendecke zu dringen.

 

Für den heutigen Tag stand nichts an. Sie hatten sich frei genommen, um nach drei Monaten im Ausland daheim die Felle zu sichten und ihre Familien zu besuchen. Bis auf Kyo. Es gab für ihn niemanden, den er hätte besuchen können. Zumindest niemanden, zu dem er gehen wollte. Also blieb er in seinen eigenen vier Wänden, wie der Einsiedler der er gern war und grübelte über sein Leben, die Welt und all die Dinge, die tagtäglich in seinem Kopf stattfanden.

 

Er drückte den Stummel seiner Zigarette im Aschenbecher aus, erhob sich und streckte die starren Glieder. Kaoru würde einen Herzinfarkt erleiden, wenn er sehen könnte, dass Kyo nur in Shirt, Jeans und ohne Socken, bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, hier gesessen hatte.

Als er zurück in die Wohnung ging, war diese ebenfalls stark abgekühlt und er zog die Balkontür hinter sich zu, um den wenigen halbtoten Pflanzen die er besaß, zumindest eine kleine Chance zum überleben zu geben.

Dabei fiel sein Blick auf die Reisetasche, die er achtlos im Flur zurückgelassen hatte und die immer noch nass war. Er trat näher, zog sie auf und kramte das gekaufte Essen heraus. Sein Onigiri hatte ziemlich gelitten und war stark deformiert, aber das war im Grunde ja egal. Als er die Cupnoodles in die Hand nahm, sah er den Umschlag, welcher unscheinbar zwischen seinen Klamotten lag.

 

Mit dem Essen in der einen und dem Umschlag in der anderen Hand, betrat er seine Küche und stellte alles ab. Während die Nudeln im heißen Wasser aufquollen, zog er die Dokumente aus der hässlich braunen Papierverpackung und breitete sie auf dem Tisch aus.

Das Diagnoseschreiben kannte er bereits. Zusätzlich gab es einen Laborbericht, der fälschlich auf seinen Namen angemeldet war und ein Röntgenbild. Kyo runzelte nachdenklich die Stirn und betrachtete die Aufnahme. Zu sehen war ein Brustkorb und am Rand war ebenfalls sein Name vermerkt. Doch schon auf den ersten Blick erkannte er, dass dieses Röntgenbild nicht ihn zeigen konnte!

Als Teenager hatte er mal einen ziemlich heftigen Unfall gehabt und sich dabei drei Rippen gebrochen. Doch auch nach so vielen Jahren, hätte man die Stellen erkennen müssen, an denen die Frakturen wieder zusammengewachsen waren; oder? In diesem Fall jedoch, war nichts dergleichen zu erkennen und den vermeintlichen Tumor hatte jemand mit rot markiert und irgendetwas in einer wirklich grauenvollen Handschrift daneben gekritzelt.

 

»Keine Ahnung zu wem du gehörst, aber ich hoffe der armen Sau geht's bald wieder besser«, murmelte er und legte die Aufnahme zurück zu den anderen Papieren.

Dann griff er nach dem Überweisungsschreiben und überflog es grob.

Doktor Jansen hatte ihm einen Tumor diagnostiziert und ihn dringlich an Doktor Furukawa überwiesen. Unter dem Anschreiben waren die Kontaktdaten samt Telefon hinterlegt und Kyo war wirklich überrascht, als er sah, dass sich die Praxis offenbar nur einige Straßen weiter befand.

‘Vertrau Satoshi, er ist deine einzige Chance’, hatte sie ihm mit auf den Weg gegeben.

 

Fünf Minuten später, saß er mit seinem Laptop auf der Couch, stopfte Nudeln und Onigiri in sich rein und spülte alles mit dem gekauften Milchtee nach. Tatsächlich brachte seine Googlesuche sehr schnell erste Ergebnisse. Zum einen die Praxis selbst, aber auch ein paar Beiträge aus Fachmagazinen, die unter anderem Doktor Furukawas Lebenslauf zusammenfassten.

Offensichtlich war dieser eine Koryphäe auf seinem Gebiet und im Laufe seiner Berufszeit viel herum gekommen.

 

Nach dem Krieg hatte er sein Medizinstudium in Osaka abgeschlossen und seine Facharztausbildung in Deutschland vollzogen, da Westdeutschland und Japan zum damaligen Zeitpunkt bildungskulturellen Austausch betrieben hatten.

Danach nahm er an mehreren Einsätzen von Ärzte ohne Grenzen teil.

Der sudanesische Bürgerkrieg 1979, die Hungerkrise in Somalia 1991 und der Kosovokonflikt 1993, wurden dabei als besonders relevante Stationen, innerhalb einer sehr langen Liste, hervorgehoben.

Hatte die verrückte Ärztin nicht ebenfalls den Bürgerkrieg im Sudan erwähnt?

Anschließend folgten diverse Erwähnungen und vermerke bei Forschungspapieren, an denen er mitgewirkt hatte und schließlich wurde seine ruhige und herzliche Art von den Patienten gelobt.

Für einen Arzt von seiner Expertise, also insgesamt ein sehr guter, wenn auch reichlich normaler Lebenslauf.

 

Aber ein spezieller Eintrag ließ Kyo dann doch stutzen.

Von 1980 bis 2003 hatte Furukawa als Abteilungsleiter in einer Firma namens ‘Stjørdal Italy’ gearbeitet. Kyo war vielleicht kein Arzt, aber für ihn hörte sich das nicht gerade nach etwas an, was auch nur ansatzweise mit Medizin zu tun hatte. Was hatte ein gefeierter Onkologe denn bitteschön dort zu suchen?

Da ihm diese Frage keine Ruhe ließ, suchte er im Netz nach der besagten Firma mit dem recht ungewöhnlichen Namen und fand sich schon bald auf deren Webseite wieder. Und nun wurde alles immer mysteriöser.

 

»Einer der weltweit führenden Hersteller der Stahlindustrie?«, las er laut vor, drehte die leere Flasche zwischen den Fingern und friemelte nachdenklich am Etikett herum. »Was hat ein japanischer Onkologe, bei einem italienischen Stahlhersteller verloren?«

Da die Webseite nur spärliche Informationen hergab, begab er sich auf Spurensuche bei der Wissensquelle seines Vertrauens: Wikipedia.

Und Kyo wurde fast erschlagen!

 

Zwei Stunden später, mit frischem Tee bewaffnet und einer Portion Ramennudeln auf dem Schoß, zeichnete sich so langsam ein Bild ab und das gefiel ihm überhaupt nicht.

Die Firma wurde 1882 nahe Trondheim, unter dem Namen Thorbjørn-Metall’, von dem norwegischen Unternehmer Anders Thorbjørn gegründet.

Noch vor dem ersten Weltkrieg, knüpfte man Beziehungen zu der, im damaligen Deutschen Kaiserreich ansässigen, Familie zu Marberg-Weilsteiner. Aus denen, nach einer Hochzeit und diversen halblegalen Wirtschaftskontakten, der Konzern Stjørdal hervorging.

 

Stjørdal wuchs schnell zu einem internationalen Riesen heran und zog rasch Kontakte in alle möglichen Bereiche auf. Angefangen von Luxusgütern, bis hin zu Motoren- und Schiffsbau. Fast war es, als verleibe man sich jeden noch so lukrativ erscheinenden Konzern ein, ohne auf irgendeine Form der Gegenwehr zu stoßen.

Nur der Ausbruch des zweiten Weltkriegs stoppte dieses rasante Wachstum und, da sich der Hauptsitz noch immer in Deutschland befand, entging man der Enteignung nach der Niederlage nur deshalb, weil die Familie freiwillig auf ihren Adelstitel verzichtete. Dass dabei auch größere Beträge an Schmiergeldern, auf die Konten von einflussreichen Mitgliedern der Alliierten wechselten, gilt als offenes Geheimnis.

 

Nach dem späten Tod von Anders Thorbjørn (1959), übernahm dessen Enkel Erik Bogdanow-Weilsteiner die Leitung.

Tatsächlich war an dieser Stelle in der Zeitleiste, eine Fotografie eingefügt. Kyo konnte wirklich nicht sagen was genau es war, aber irgendwie jagte ihm der Anblick des riesigen Mannes, mit den breiten Schultern und dem kantigen Gesicht, einen heftigen Schauer über den Rücken.

Neben ihm stand eine anmutige junge Frau, die einen Säugling im Arm trug.

Unter der Fotografie war ein kurzer Text eingefügt:

Erik Bogdanow-Weilsteiner (*1932)

seine Frau Ekaterina Bogdanow-Weilsteiner (*1935 - †1963)

und Agnieszka (*1962 - †1963).

 

Laut der Familienchronik, hatte Erik die Tochter eines russischen Adeligen geheiratet und ihren Namen angenommen. Die kleine Agnieszka und ihre Mutter, waren kurz nach der Geburt des Kindes ums Leben gekommen. Angeblich war Ekaterina mit ihr von einer Brücke gesprungen, die genauen Umstände wurden jedoch nie vollständig geklärt. Wohl auch deshalb nicht, weil sich Erik Bogdanow-Weilsteiner seitdem aus der Öffentlichkeit stark zurückgezogen hat und die Presse weitestgehend meidet. 

»Armes Kind«, murmelte Kyo und zerbiss geräuschvoll ein Stück Kohl.

 

Erik hatte Stjørdal nur bis Ende der Achtziger geleitet, danach den Sitz in Italien übernommen und die Geschäftsleitung des deutschen Hauptsitzes an seinen Neffen Johann übertragen. So langsam verlor Kyo den Überblick, wobei auch der komplizierte Stammbaum der Familie nicht wirklich half.

Johann Weilsteiner war das einzige Kind von Eriks jüngerem Bruder Sigur und leitete die Gruppe bis zum heutigen Tage. Er besitzt verschiedenste Abschlüsse in Betriebswirtschaftslehre, beherrscht angeblich mehrere Sprachen fließend, ist nicht verheiratet und hat keine Kinder.

 

Vornüber gebeugt, da die Schüssel immer noch mit den Oberschenkeln balancierend, tippte er mit dem Finger auf dem Touchpad herum und öffnete eines der Fotos, die unter dem Artikel angepinnt waren, um es zu vergrößern. Prompt verschluckte er sich und begann heftig zu husten.

‘Firmenvorstand Stjørdal Germany, 2008’

Er sah ein dutzend Personen, Männer und Frauen, scheinbar sympathisch in die Kamera lächelnd. Aber irgendwas an dem Bild stimmte nicht. Für Kyo war das Gefühl, welches ihn nun schon ein zweites Mal überwältigte, nicht wirklich greifbar und ließ sich nur grob als ‘Furcht’ definieren.

Wie sie dort beisammen standen, in ihren teuren Anzügen und adretten Businesskleidern, aufrecht und fast schon arrogant, strahlten sie eine seltsame Gefahr aus, die ihn auf einer instinktiven Ebene traf.

 

In ihrer Mitte, groß, schlank, edel und durchaus adelig im Auftreten, stand ein Mann von vielleicht 40 Jahren. Es war unmöglich sein genaues Alter zu schätzen. Die kurzen, rotblonden Haare hatte er locker nach hinten gekämmt, der Nadelstreifenanzug saß absolut perfekt auf seiner athletischen Figur und seine tiefblauen Augen vermittelten dem Betrachter den Eindruck, dass er ihn direkt durch die Fotografie hindurch anstarrte.

Dann wurde Kyo klar, was in ihm dieses merkwürdige Gefühl auslöste. Es war der Blick des Mannes! Er war ein menschgewordenes Raubtier!

 

Erst nach einigen Sekunden fiel ihm der Mann rechts von dem CEO auf und erneut überfiel ihn das gleiche Schaudern, nur in etwas abgeschwächter Form. Wobei man bei ‘mehr oder weniger Todesangst’ kaum von Abschwächung sprechen konnte.

Auch er war groß, blond - warum waren diese verdammten Europäer eigentlich alle blond? - und dieser hier versuchte nicht einmal zu lächeln. Er sah einfach nur kalt und genervt in Richtung Kamera.

 

Als Bildunterschrift gab es eine lange Auflistung von Namen und der jeweiligen Position die sie im Unternehmensvorstand hatten. Nachdem er nachgezählt und sich versichert hatte, dass er richtig lag, erkannte er, dass es sich bei dem Mann in der Mitte tatsächlich um Johann Weilsteiner handelte. Der Mann neben ihm war ein gewisser Albert Wegener; Leiter der Forschungsabteilung.

Wegener?

Ach richtig, den Namen hatte er in der Familienhistorie ebenfalls gelesen. Die beiden waren miteinander verwand - Cousins so und so vielten Grades. Allmählich schwirrte ihm der Kopf, von den ganzen fremdsprachigen Namen. [1]

 

Und für so einen Konzern hatte also dieser Doktor Furukawa gearbeitet?

Kyo scrollte mit dem Finger nach unten, suchte nach dem Namen des Arztes, wurde aber leider nicht fündig. Nachdenklich stellte er die mittlerweile nur noch lauwarmen und verquollenen Nudeln zur Seite und lehnte sich zurück, den Kopf in den Nacken gelegt, die Zimmerdecke anstarrend.

War das alles nur Zufall und der ehemalige Arbeitgeber dieses Onkologen hatte überhaupt nichts mit Kyo selbst zu tun?

Mit dem was er nun angeblich war?

Und was wenn ihn diese Ärztin angelogen hatte und all das nur ein dummer Scherz war?

»Wieso sollte irgendjemand Witze darüber machen?«, fragte er in die Stille. »Wer macht sich denn so einen Aufwand, nur für einen Prank?«

 

Überfordert mit der Frage, was er nun am besten tun sollte, griff er nach seinem Handy und entsperrte es. Wie er die Situation auch betrachtete, er würde nicht umhin kommen, Doktor Furukawa aufzusuchen und ihn zu fragen, ob seine ehemalige Studentin einen Dachschaden hatte, oder ob an all dem wirklich etwas dran war.

Er war bereits dabei die Nummer zu wählen, als er das Telefon wieder sinken ließ.

‘Aber was wenn - ?’

 

Was wenn das alles doch nur ein Traum, eine Wahnvorstellung, oder ein Witz war? Es wäre nicht das erste Mal, dass er den Bezug zur Realität für Monate komplett verlor und Dinge tat und dachte, die er sich im Anschluss nicht mehr erklären konnte.

Da er immer unruhiger wurde, stand er auf und begann im Wohnzimmer auf- und abzugehen. Hatte er eine andere Option? Zumindest nicht, wenn er sich endlich Klarheit verschaffen wollte. Aber wie genau sollte er so ein Gespräch beginnen?

‘Hallo, sind sie ein Monster?’, war vielleicht nicht das Mittel der Wahl.

 

»Ach verdammt nochmal!«, fauchte er, tippte den letzten Teil der Nummer ein und wartete was passierte. Nach einigen Sekunden hob jemand ab und eine glockenhelle Stimme, mit angenehmem Kansai-Dialekt, begann zu sprechen.

»Facharztpraxis Doktor Furukawa, wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Dame am anderen Ende. Kyo räusperte sich, erwiderte eine Begrüßung und nannte seinen Namen. Noch ehe er ein Anliegen formulieren konnte, gab die Dame ein »Oh« von sich. Er stutzte über diese Reaktion.

»Nishimura-san, schön dass Sie zurückrufen. Der Herr Doktor hat bereits angekündigt, dass Sie sich melden wollen.«

‘Ach? Wollte ich das?’

Kyo hatte eine gewisse Ärztin mit schrecklichem Akzent im Kopf, die hierfür Vorarbeit geleistet haben musste.

»Nun, ja«, sagte er, etwas verloren: »Es geht um einen Termin.«

»Natürlich.« Sie lächelte und er hörte wie sie etwas auf einer Tastatur eintippte. »Doktor Furukawa hat Ihnen bereits ein paar freie Zeiten eingeräumt, da Sie als Notfallpatient angemeldet wurden.«

‘Na hoppla? Das ist interessant’

»Ist das so?«, fragte er und starrte etwas abwesend aus dem Fenster. »Welche Zeiten haben Sie denn für mich im Angebot?« So langsam fand er seine fast schon spielerische Art wieder, die er manchmal nutzte, um die Menschen um den Finger zu wickeln.

Die Frau blieb professionell, aber ihm entging trotzdem der amüsierte Unterton in ihrer Stimme nicht.

»Zufälligerweise wäre der erste freie Termin heute Abend, 17 Uhr«, las sie vor und er gab ein zustimmendes ‘Mh’ von sich.

»Das wäre mir recht.«

Da er ohnehin keine weiteren Pläne hatte, konnte es ja nicht schaden, für einen kurzen Besuch bei dieser Praxis vorbei zu schauen. Er verabredete den Termin und legte auf. Das könnte vielleicht interessant werden - oder ein kompletter Reinfall.

 

***

 

Als er am späten Nachmittag das Haus verließ, bemerkte er zwei Dinge.

Zum einen, dass ihn die Menschen auf den Straßen massiv störten und er sich, trotz der Enge im Tourbus, wohl niemals daran gewöhnen würde, in Gesellschaft zu sein.

Zum anderen, dass er die ganze Zeit über das Gefühl hatte, jemand würde ihn beobachten und verfolgen. Seine unheimliche Begegnung von letzter Nacht, steckte ihm noch immer sehr tief in den Knochen.

Den innerlichen Drang unterdrückend, einfach loszurennen, ging er zügigen Schrittes die Straße entlang, rief sich gedanklich den Wegeplan auf und suchte nach den entsprechenden Schildern. Wenigstens ging er in der Masse der Menschen unter - einer der wenigen Vorteile seiner Körpergröße.

 

Die Praxis war in der Tat nur eine Viertelstunde Fußmarsch von seinem Appartementhaus entfernt. Das Gebäude war nicht neu, schien aber vor nicht allzu langer Zeit renoviert wurden zu sein. Neben dem Eingang hatte man ein Metallschild angebracht, was unter anderem eine Werbeagentur, einen Zahnarzt, einen Friseur und Doktor Furukawas Praxis auswies.

Kyo trat durch die automatische Schiebetür und wurde von einem lichtdurchfluteten Treppenhaus begrüßt. Kaum dass sich die Tür wieder schloss, kehrte eine seltsame Stille ein, was seine Schritte sehr viel lauter erscheinen ließ, kaum dass er den Weg zu den Fahrstühlen antrat.

»Hm ... .« Mit dem Finger strich er über die Liste mit Namen, blieb dann bei dem gesuchten Stockwerk hängen und drückte die 9. Die Türen schlossen sich, der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung. Die ganze Zeit über, presste er bereits den etwas lädierten Umschlag an sich.

 

Auf dem Gang zur Praxis begegnete ihm niemand. Den offiziellen Öffnungszeiten zufolge, hatte diese bereits seit einer Stunde geschlossen. Dass er nun trotzdem für seinen Termin hier war, machte alles noch viel eigenartiger. Er klingelte und sah leicht nervös den Flur auf und ab. Irgendwie kam er sich vor, als würde er etwas illegales tun. Dann öffnete sich die Tür jedoch und eine hübsche junge Frau lächelte ihn herzlich an.

 

»Nishimura-san, wie ich annehme?«, fragte sie und er erkannte ihre Stimme vom Telefonat wieder. Kyo nickte.

»Ja.« Was sollte er auch anderes sagen? Und warum zur Hölle war er so wahnsinnig nervös?

»Kommen Sie, der Herr Doktor ist gleich für Sie da.«

Kyo verwunderte es, dass sie weder seine Personalien aufnahm, noch irgendetwas anderes über ihn wissen wollte. Statt dessen führte sie ihn in ein Sprechzimmer und ließ ihn mit der Bitte zurück, sich einen Moment zu gedulden.

Reichlich verloren stand Dir En Greys Sänger nun da, wusste nicht so recht wie ihm geschah und sah sich um. Alles hier wirkte wie eine ganz normale Praxis, die sie ja offenbar auch war. Trotzdem wurde er das unterschwellige Gefühl nicht los, dass hier irgendwas nicht mit rechten Dingen vor sich ging.

Irgendwo hörte er Stimmen, die aber so leise waren, dass er nicht verstehen konnte was sie sagten. Vielleicht hätte er nicht so viele Horrorfilme schauen dürfen, denn gedanklich verabschiedete er sich bereits von einer Niere.

‘Unsinn!’ Er schüttelte diese dumme Idee ab und trat ans Fenster. Unter ihm erstreckte sich der weitläufige Straßenzug und das Gewusel der Stadt. Über ihm der verhangene Himmel und dessen graue Wolken, welche sich bereits wieder absenkten, um ihren Regen zur Erde zu schicken.

‘Komisch’, dachte er sich, ‘Wieso beruhigen mich Abgründe, im gleichen Maße wie sie mir Angst machen?’

 

»Ich stehe auch gern dort und schau den Menschen zu.«

Kyo wirbelte herum, umklammerte den Umschlag fester und unterdrückte ein Knurren. Für einige Sekunden stand er in angespannter Abwehrhaltung da, ehe er den Mann in der Tür überhaupt richtig wahrnahm.

Für einen Japaner auffallend groß, schlank aber nicht drahtig gebaut und mit dunklen, an einigen Stellen bereits grau melierten Haaren. Satoshi Furukawa war, trotz seines optisch geschätzten Alters von etwa 65 Jahren, ein wirklich schöner Mann und Kyo erwischte sich dabei, wie er diesen beinahe entsetzt anstarrte. Er selbst hatte den Lebenslauf des Arztes gelesen! Niemals war dieser Mensch schon 78 Jahre alt!

 

Er schenkte Kyo ein sanftes Lächeln, schloss langsam die Tür hinter sich und kam mit geschmeidigen Schritten näher. Satoshi trug einen leichten Bart, welcher ihn aber nicht älter aussehen ließ. Statt dessen betonte er seine hohen Wangenknochen erstaunlich gut. Doch am bemerkenswertesten waren die Augen. Sie waren von einem faszinierenden Meerschaumgrün, was Kyo noch nie zuvor gesehen hatte. Es fiel ihm sehr schwer den Blick abzuwenden.

Furukawa setzte sich und bedeutete Kyo es ihm gleich zu tun. Nur widerwillig kam er der Aufforderung nach, ließ den Arzt dabei keine Sekunde aus den Augen und setzte sich vorsichtig hin - jederzeit bereit aufzuspringen und zu flüchten.

Was war das für eine merkwürdige Aura, die seinen Gegenüber umgab? Er strahlte eine wahnsinnige Sicherheit aus, doch dahinter schimmerte gleichzeitig Gefahr, die ihn zur Vorsicht gemahnte.

 

»Sie sind also der berühmte Kyo Nishimura.« Satoshi lächelte immer noch und streckte die Hand aus. »Lassen Sie mich das mal sehen.« Womit er den Umschlag meinte.

Langsam schob Kyo ihm diesen rüber und beobachtete, wie der Arzt durch die Papiere blätterte, einige davon direkt in den Mülleimer warf und sich dann offenbar gezielt ein paar der Informationen genauer zu Gemüte zog.

»Hm, verstehe«, murmelte er und strich sich mit zwei Fingern über den Bart. »Vorab möchte ich mich für die Art entschuldigen, wie Christine mit Ihnen umgegangen ist.«

Er hatte ja mit allem gerechnet, aber nicht damit.

»Woher - «, fragte Kyo ganz perplex und Doktor Furukawa ließ ein kurzes Lachen erklingen. In seiner Stimme schwang ein ungewöhnliches Schnurren mit.

»Das ist nicht schwer zu erraten. Dafür kenne ich Chrissy schon viel zu lange. Ich weiß wie sie drauf ist, wenn sie andere Feloidea trifft. Ins besondere, wenn es sich dabei um einen Jungkater mit starkem Willen handelt.«

Seine Verwirrung erreichte nun gänzlich neue Horizonte und er konnte nicht anders, als ein irritiertes »Ich verstehe nicht«, von sich zu geben. Der ältere Mann winkte ab.

»Natürlich, ich bin bereits wieder viel zu voreilig.«

Er wand sich seinem Computer zu, begann auf der Tastatur herum zu tippen und drehte den Bildschirm schließlich so, dass auch Kyo etwas erkennen konnte.

 

«Feloidea Virales etruski, Typ C2«, sagte er und öffnete ein Foto.

Kyo fühlte wie ihm das Herz erneut in die Hose sackte. Das gleiche Foto, welches ihm auch die Irre aus Amerika gezeigt hatte, erschien auf dem Monitor.

»Der Einfachheit halber, nennen wir uns aber Feloidea; die Katzenartigen.« [2]

Es war ihm fast unmöglich, den Blick von dem Monster zu nehmen, welches ihn aus gierigen Augen anstarrte.

»So was hat mich in Denver angefallen«, keuchte er und riss sich von dem Wesen los. Er sah Satoshi an, Panik im Blick. »Das war kein Tier!«

»Richtig«, stimmte ihm der Mann zu, »War es nicht und doch irgendwie schon.«

Es wurde klar, dass er dieses Gespräch nicht zum ersten Mal führte. Das erklärte dann auch, warum die Arzthelferin nichts von Kyo haben wollten. Was zur Hölle war das hier für ein Ort?!

 

»Ich habe viele Jahre damit verbracht unsere Art zu erforschen und kann Ihnen sagen, dass wir bereits sehr lange mit den Menschen koexistieren. Aber; und das haben Sie sicherlich bereits selbst festgestellt; haben wir ein großes Problem mit unserer jeweiligen Gegenwart.«

Kyo dachte nach, versuchte diese absurden Worte irgendwie zu verarbeiten und nickte nur zögerlich.

»Ich habe Angst«, gestand er: »Angst vor Ihnen und dieser Frau.«

»Dass Sie vor Chrissy Angst haben, ist nur natürlich. Selbst normale Menschen fürchten ihre Anwesenheit, was ihrer sehr dominanten Natur geschuldet ist«, bestätigte ihm Furukawa. »Und vor mir, weil sie instinktiv spüren, dass ich nicht nur stärker als Sie bin, sondern in diesem Revier auch das Sagen habe.«

»Sie sind einer von … von … diesen Dingern?« Kyo deutete auf das Foto und seine Eingeweide schienen sich vor Panik fast zu verformen. Er wollte hier nur noch weg! Zurück in sein altes, kaputtes Leben! Alles war besser als dieser Wahnsinn, in den er hier unfreiwillig geraten war.

»Seit meiner Kindheit, ja.« Die grünen Augen des Arztes hatten einen beinahe traurigen Ausdruck angenommen. »Der Krieg hat viele Opfer gefordert, in jeder Hinsicht.«

 

Die Panik ließ nach, wurde nun jedoch zu so etwas wie Mitgefühl. Ein Kind? Kyo erinnerte sich an die Todesangst, die er selbst im Angesicht des Monsters empfunden hatte. Wenn er sich vorstellte, dass ein kleiner Junge etwas derartiges durchmachen musste, dann wurde ihm ganz übel.

»Ich verstehe nichts mehr«, rief er aufgebracht. »Was ist das hier alles? Ein schlechter Scherz?!«

»Ich wünschte ich könnte Ihnen diese Frage mit Ja beantworten, Nishimura-san«, sagte der andere. »Aber leider kann ich das nicht. Wir werden niemals herausfinden können, wer der Feloidea war, der Sie angefallen und infiziert hat. Allerdings kann ich Ihnen so gut wie möglich helfen, sich mit ihrem neuen Leben bestmöglich zu arrangieren.«

Furukawa betrachtete ihn einige Zeit, dann schien er sich selbst zustimmend zu zunicken.

»Also gut. Wie trinken Sie ihren Kaffee am liebsten?«

 

***

 

Knapp zwei Stunden später rauchte ihm, zum zweiten mal an diesem Tag, der Kopf. Kyo nippte an seinem dritten Kaffee, der tatsächlich sehr gut schmeckte und lauschte den Ausführungen des Arztes aufmerksam. Sie wurden von einem sanften Klopfen unterbrochen und nach kurzer Aufforderung, streckte die junge Arzthelferin den Kopf herein.

»Doktor? Ich würde dann jetzt gern Feierabend machen und Yuuto seine Medikamente bringen«, teilte sie ihnen mit und der Angesprochene nickte.

»Kein Problem, komm gut nach Hause.«

Sie wünschte ihnen beiden einen schönen Abend und schloss die Tür wieder.

»Naomi ist keine von uns«, erklärte er, ohne dass Kyo die offensichtliche Frage hatte stellen müssen. »Im Gegensatz zu ihrem Bruder. Es gibt nicht viele Menschen die von uns wissen und oft sind es die Angehörigen der Betroffenen, die mit diesem Schicksalsschlag ebenfalls lernen müssen zu leben.«

 

In den letzten 120 Minuten, hatte sich Kyo eine komplett neue, vorher unbekannte und im allgemeinen auch absolut unsichtbare Welt eröffnet, die sich nicht mal sein gestörter Verstand hätte ausdenken können.

Die Feloidea-Erkrankung, so Doktor Furukawa, basierte auf einer stark mutierten und uralten Form des Tollwutvirus, welches sich in den Vorfahren der heutigen Großkatzen entwickelt hatte. Den genauen Evolutionsverlauf hatte Kyo nur bedingt verstanden, aber laut Satoshi, hatte es in den letzten 10 Millionen Jahren mindestens drei große Entwicklungsstufen der Erkrankung gegeben. Aber wieso aus einer eher einfachen Virusinfektion, ein so komplexer Mutationsprozess hatte werden können, war lange Zeit ein Rätsel geblieben.

 

Ein Puzzlestück in der Forschung fehlte, bis man Mitte der 80er Jahre, bei den Ausgrabungen einer antiken etruskischen Siedlung, das Skelett eines Feloidea fand. Laut radio-Carbon Datierung, musste diese Person um 400 vor Christus gelebt haben und somit galt dieser Fund als Patient X - dem nachweisbar ersten Menschen, der nicht nur eine Feloideainfektion überlebt, sondern auch eine reversibel Transmutation als solcher vollzogen hatte.

Das war der Grund, warum die Forscher mittlerweile vom Feloidea Virales etruski Typ C2 sprachen. Dem etruskischen Evolutionsstamm der Infektion.

Und Typ C2, weil der heutige Virus, mit dem damaligen, aufgrund verschiedener Entwicklungen und Vermischungen, nicht mehr ganz deckungsgleich war.

 

Tatsächlich war es sehr interessant gewesen, diese Berichte anzuhören und auch die Fotos zu sehen. Die Aufnahme des etruskischen Skeletts hatte etwas faszinierend gruseliges an sich und es war ihm sehr schwer gefallen, es nicht noch weitere fünf Stunden anzustarren. Diese Person hatte vor tausenden von Jahren gelebt und war genau so gewesen, wie Kyo jetzt.

Furukawa erklärte ihm, dass ein Mensch, der sich mit dem Feloideavirus infizierte, in den allermeisten Fällen starb. Der Mutationsprozess, welcher bereits kurz nach dem Biss im Körper stattfand, war brutal, da er die DNA direkt angriff und in rasender Geschwindigkeit verschiedenste Änderungen vornahm.

 

»Dass Sie in diesem Zustand überhaupt auf die Bühne gegangen sind, um eine komplette Show zu spielen, hat mich wirklich erstaunt«, gestand ihm der Arzt und spielte Kyo dabei ein Video vor.

Es zeigte ihn und die Band, bei ihrem letzten Auftritt in den Staaten. Erst jetzt wurde Kyo klar, wie schlecht es ihm gegangen sein musste. Irgendwie waren die Erinnerungen an den Tag seltsam verschwommen und verdreht. Sogar in der wirren Bühnenbeleuchtung sah er krank und bleich aus, er hörte wie er sich immer wieder versang und sah, dass er sich schwer auf Toshiyas Schulter abstützte.

»Mir war so wahnsinnig heiß«, fiel ihm ein, während er sich selbst beobachtete.

»Das ist eines der gefährlichsten Symptome«, erklärte ihm der Ältere, »Extremes Fieber, welches vom Körper nicht ohne Hilfe bewältigt werden kann. Hätte Sie Christine nicht betreut, welche genau wusste was zu tun ist, dann wären Sie gestorben, Kyo. Der Krampfanfall war eine Reaktion auf das Fieber, ausgelöst vom Angriff auf Ihre genetische Struktur.«

Zumindest ergab das alles langsam einen Sinn. Seine Zeit im Koma war ebenfalls auf die Infektionsphase zurückzuführen, einfach weil sein Gehirn sprichwörtlich überhitzt hatte und sich nicht mehr anders zu helfen wusste. Und wenn er sich das alles hier so anhörte, dann war er ganz froh, dass er keinerlei Erinnerungen mehr an das hatte, was zwischen der Show und seinem Erwachen im Krankenhaus passiert war.

 

Feloidea waren Einzelgänger mit einem starken Bedürfnis ihre Reviere zu verteidigen. Trafen sie auf einen dominanten Revierführer ihrer Art, reagierten sie instinktiv mit Gegenwehr, oder Unterwerfung.

Christine gehörte das Viertel um das Krankenhaus in West Hollywood, weswegen sie einander auch einfach nicht hatten ausstehen können. Satoshi, als deutlich ruhigerer Charakter, war von seinem ganzen Wesen her anders und deswegen hatte Kyo auch nicht die ganze Zeit über das Bedürfnis, ihm an die Kehle zu gehen.

»Ich beherrsche dieses Revier zwar schon sehr lange, aber das hält junge und naive Katzen nicht davon ab, sich hin und wieder an irgendwelchen Ansprüchen zu versuchen«, schmunzelte der alte Kater. »Ich mag nicht mehr der Jüngste sein, doch bislang konnte ich sie alle erfolgreich davon überzeugen, auf diese Ansprüche zu verzichten.«

Kyo nickte. Er hatte den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden und verspürte im Grunde auch keinerlei Bedürfnis, dem anderen sein Revier streitig zu machen.

 

»Ich habe ihren Lebenslauf gelesen«, wechselte er das Thema. Satoshi gab ein ‘Mh’ von sich und trank einen Schluck seines Kaffees. »Der Einsatz im Sudan 1979. Die durchgeknallte Irre, hat ihn ebenfalls erwähnt.«

Auch wenn er ihren Namen nicht nannte, so schien der Arzt durchaus zu verstehen, wen er meinte. Er seufzte und ließ die Tasse sinken.

»Christine ist ein spezieller Fall«, sagte er. »Eine fleißige Studentin, wahnsinnig intelligent und ehrgeizig. Bei dem Anschlag, mitten in der Nacht, wurde sie von einem Kater gepackt und verschleppt. In dem Chaos fiel es mir schwer den beiden zu folgen und als ich sie einholte, hatte er sie bereits schwer verwundet. Ihr Rücken war völlig zerfleischt und ich habe bis heute keine Ahnung, wie sie diese Nacht überleben konnte.«

 

Kyo schluckte, seine Kehle fühlte sich ganz trocken an. Kein Wunder, dass sie nicht hatte darüber reden wollen. Wenn er das mit seinem eigenen Vorfall verglich, dann war das noch viel schlimmer als bei ihm.

 

»Ich hab den Kater getötet und versucht sie irgendwie zu retten. Auf diese Weise wurde ich zu ihrem Mentor, Vaterersatz, Freund.« Ein leichtes Lächeln schlich sich auf seine Lippen und Kyo gewann wirklich den Eindruck, dass dieser beeindruckende Mann und die seltsame Deutsche, ein außergewöhnliches, familiäres Verhältnis zueinander hatten.

»Das Virus hat an Christines Körper starke Spuren hinterlassen.« Er öffnete ein Foto und obwohl er sich selbst für recht abgehärtet gehalten hatte, wurde Kyo ein wenig rot.

Zu sehen waren zwei Aufnahmen. Die eine war schon sehr alt, die Qualität entsprechend schlecht. Sie zeigte Christine, vermutlich einige Wochen nach dem Angriff. Tatsächlich hatte sie eine sehr schlanke Figur besessen, denn er sah sie hier nur in Unterwäsche. Überall waren Narben und bei der Fotografie ihres Rückens erkannte er die schrecklichen Spuren, welche der Kater hinterlassen hatte. Fast jeder Zentimeter war genäht, vernarbt und mit riesigen Hämatomen versehen.

 

Das zweite Foto hatte den Datumstempel 1983.

»Das war nur wenige Jahre später«, erläuterte Satoshi das Bild. Christines Körper hatte überhaupt nichts mehr mit dem vorherigen zu tun! Sie war viel größer, ihre Schultern breiter, unter der vernarbten Haut spannten sich beeindruckende Muskeln und auf ihrem Rücken hatten sich seltsame dunkle Streifen zwischen die alten Narben gemischt. Auch ihr Gesicht hatte die ihm bekannte Härte angenommen.

Dass er ‘Angst’ vor ihr hatte, war dabei noch eine eher wohlwollende Untertreibung.

»Ich hab schon viele Feloidea begleitet, aber ihr Fall ist einer der extremsten, der mir je untergekommen ist. Was auch immer sie gebissen hat, war vermutlich eine lokale Mutation, anders kann ich mir die starken körperlichen Veränderungen, bezogen auf Muskelwachstum und Skelett, einfach nicht erklären.«

 

»Die Krankheit weist also regionale Unterschiede auf?«, fragte Kyo erstaunt und irgendwas an seiner Aussage, schien Satoshi zu erfreuen. Vielleicht weil es den Eindruck vermittelte, dass er wirklich aufmerksames Interesse zeigte.

»Richtig. In den meisten Fällen entwickeln die Infizierten nur ein etwas gesteigertes Muskelwachstum und charakterliche Veränderungen. Und bisher habe ich nur in Ausnahmefällen derart starke Mutationen finden können. Entweder durch umweltbedingte Evolutionen, in eher abgeschiedenen Gebieten, oder durch inzestuöse Vererbung, innerhalb von Familien.«

Inzest? Verwirrt runzelte Kyo die Stirn.

»Es gibt Familien?«

Zunächst etwas irritiert durch die Aussage, nickte der Arzt schließlich.

»Ja, seit den großen europäischen Hexenjagden leben sie versteckt und zeigen das Monster hinter der Maske nicht mehr öffentlich. Trotzdem gibt es noch immer, vorwiegend alt adelige Familienhäuser, die nur aus Katzen bestehen. Sie sind ein schwieriger Haufen, wenn ich das mal so offen sagen darf.«

 

Einer plötzlichen Eingebung folgend, ausgelöst durch eine Frage die ihm schon seit Stunden keine Ruhe ließ, platzte es aus Kyo heraus.

»Stjørdal?«, fragte er.

Plötzlich veränderte sich der gütige Gesichtsausdruck Satoshis und er wurde sehr ernst.

»Stjørdal ist ein Thema für sich.« Sogar seine Stimme hatte etwas unterkühltes angenommen, was eindeutig darauf hindeutete, dass man über diese Firma lieber nicht zu offen sprach. »Egal was Sie auch tun, Kyo-san, gehen Sie diesen Leuten aus dem Weg! Man lebt ruhiger, wenn man niemals die Aufmerksamkeit von Erik und Johann Weilsteiner auf sich zieht.«

Seine Nackenhaare stellten sich unangenehm auf und er hatte das Gefühl zu frösteln, obwohl seine Haut noch immer fiebrig heiß war.

»Ich - «, er schluckte, um seine kratzige Kehle zu benetzen, »Hatte es nur in Ihrem Lebenslauf gesehen.«

»Manche Dinge würde ich dort am liebsten löschen.« Satoshi wand den Blick ab und lenkte ihn kurz auf die Fotografie von Christine. »Und sprechen Sie SIE bitte niemals darauf an. Viele von uns werden von Dämonen verfolgt, die wir einst beschworen haben. Und Christine Jansens Ungeheuer, sind nach wie vor sehr lebendig.«

 

***

 

(Wichtige Infos im Nachwort)
 

Kapitel 9 ¦ Katzenjagd


 

***

 

Er lag auf dem Rücken, starrte gedankenverloren die Decke an und ließ die Finger abwesend über den weichen Teppich seines Wohnzimmers wandern. Im Fernsehen lief irgendein hirnloser Splatterfilm, den er schon seit einer halben Stunde nicht mehr aktiv beachtete. Kyo war zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Besser gesagt mit den vielen Fragen in seinem Kopf.

Eigentlich war er todmüde, doch der Besuch bei Satoshi ließ ihm einfach keine Ruhe.

 

‘Ich will ehrlich mit Ihnen sein, Kyo-san’, hatte der Arzt kurz vorm Ende zu ihm gesagt. ‘Ich sehe keine Chance, wie Sie unter diesen Umständen Ihre Karriere fortsetzen können. Ein Feloidea zu sein bedeutet nicht nur, dass man sich körperlich verändert. Es hat auch große Auswirkungen auf Ihren Geist und wenn ich mir Ihre lange Liste an Therapien und Klinikaufenthalten so ansehe, dann besteht bei Ihnen ein sehr großes Risiko, dass Sie dieser Herausforderung nicht gewachsen sind.’

 

Er knurrte und ballte die Hände zu Fäusten, drückte dabei die Nägel gegen die Innenseite seiner Handflächen und schloss die Augen.

 

‘Früher oder später werden Sie selbst merken, dass die Katze ihren Verstand übernehmen will. So zu sein bedeutet leider auch, ein Leben im ständigen Kampf um die Vorherrschaft zu führen. Und Ihre Shows bewegen sich stets im Extremen. Wie viel Selbstkontrolle besitzen Sie auf der Bühne tatsächlich?’

 

Ja, diese Frage war nicht leicht zu beantworten. Tatsächlich wusste Kyo nicht, was von ihm selbst gesteuert wurde und was nur eine Reaktion seiner mentalen Probleme war.

Aber die Musik aufgeben? Sein Lebenswerk aufgeben? Die Band verlassen? Seine Familie verlassen?

Niemals!

 

‘Selbst für einen geistig gesunden Menschen, stellt es eine gewaltige Herausforderung dar, im Rausch des Auftritts die Kontrolle über das Monster zu behalten. Ich kann unmöglich zulassen, dass Sie sich im schlimmsten Fall auf ihre Fans und den Rest der Band stürzen.’

 

Er wollte es ihm verbieten.

Schon wieder wollte man Kyo das wegnehmen, was ihm das wichtigste im Leben war; was ihm überhaupt einen Grund gab weiterzumachen und nicht einfach dem inneren Drang nachzugeben und sich vom Balkon zu stürzen!

 

‘Es wäre sogar möglich, dass sich die anderen im Laufe der Jahre instinktiv von Ihnen entfernen, Kyo.’ Der Arzt hatte ihn in diesem Moment voller Mitgefühl angeschaut. ‘Menschen wissen nicht warum, aber sie empfinden in unserer Gegenwart oft Unwohlsein und Angst. Selbst enge Familienangehörige könnten beginnen Sie zu meiden.’

 

Allein die Vorstellung, wie Kaoru und die anderen aufhörten mit ihm zu reden, ihn mit Furcht im Blick ansahen … Furcht, die nicht daher rührte, dass sie Angst um sein Leben, sondern Angst VOR ihm hatten. Er ertrug den alleinigen Gedanken daran kaum.

 

‘Sollten Sie sich verwandeln und einer Ihrer Freunde befindet sich in der Nähe, dann ist es leider sehr wahrscheinlich, dass Sie ihn als Beute ansehen und töten werden.’ Der Arzt versuchte nicht einmal, diese Information mit Vorsicht an ihn heranzuführen.

‘Ich kann es nicht schönreden, so leid es mir auch tut, Kyo-san. Sie wären nicht der Erste, der seine ganze Familie im Wahn umbringt.’

 

Er presste sich die Handballen gegen die geschlossenen Lider. Kyo wollte nicht, dass sein verdammter Kopf weiter Bilder produzierten, die ihn quälten. Visionen von Kaoru, Dai, Toshiya und Shinya, die ausgeweidet und verblutet vor ihm lagen. Er selbst, über und über mit ihrem Blut beschmiert, mal als Mensch und mal als Monster.

»FUCK!«, schrie er und schlug mit einer Faust auf den Boden.

 

Rasch setzte er sich auf, betrachtete die vielen Narben an seinen Armen und strich schließlich zärtlich darüber. Sie hatten seinen Wahnsinn auf sich genommen und es für ihn ertragen. Kyo wollte seine Freunde (seine Familie!) um jeden Preis beschützen und wenn es sein musste, dann auch vor sich selbst.

‘Das wird nicht passieren. Niemals werde ich einem von ihnen etwas antun!’

»Ich lass nicht zu, dass du sie verletzt«, sprach er zu sich selbst und richtete diese Worte dabei gezielt an das Monster, das sich in seinen Eingeweiden breit machte.

»Hast du mich gehört? Du kannst gern alles von mir haben. Meinen Körper, die verkrüppelten Überreste meiner Seele und meinen Verstand. Aber niemals werde ich dich in ihre Nähe lassen! Sie sind unsere Familie und wir müssen sie um jeden Preis beschützen!«

 

‘Außerdem werden Sie ihre Band zur Zielscheibe machen. Sie sind ein starker Kater, Kyo. Ihr Wesen strahlt sehr viel Kraft aus, was von anderen als Herausforderung interpretiert werden könnte. Das heißt, allein in ihrer Nähe zu sein, birgt ständig die Gefahr in Revierkämpfe verwickelt zu werden.’

 

»Ach fick dich!«, er stand auf, lief unruhig herum und redete mit sich selbst. Dabei wirkte er, als hätte er nun komplett den Verstand verloren. »Ich lass mir das nicht kaputt machen! Niemals! Lieber sterbe ich!«

Ein Klingeln unterbrach seine Selbstgespräche und er hielt mitten in der Bewegung inne. War er schon wieder zu laut und die Nachbarn beschwerten sich über sein Geschrei? Wäre ja nicht der erste Mal, dass das passierte.

Genervt und angespannt, ging er zur Wohnungstür und riss sie auf, bereit dem Störenfried gehörig die Meinung zu sagen. Doch gerade als er den Mund öffnete, um seinen Gegenüber anzufauchen, hielt er inne.

»Toshiya?«, sagte er erstaunt, »Waren wir verabredet?«

Der Bassist schüttelte grinsend den Kopf und hob eine Flasche.

»Wenn du mich reinlässt, geb' ich dir auch was hiervon ab.«

Natürlich befand sich darin irgendwas alkoholisches. Kyo war kein Trinker, aber er wusste, dass sein Bandkollege einen guten Tropfen sehr zu schätzen wusste und die meiste Zeit war Kyo dessen liebstes Opfer, wenn es darum ging neue Sorten oder neue Lokale auszutesten.

 

Da er ihn natürlich nicht sinnlos im Hausflur stehen lassen wollte, trat er beiseite und bedeutete dem anderen einzutreten. Toshiya streifte die Schuhe ab und folgte seinem, mehr oder weniger freiwilligen, Gastgeber hinein.

»Irgendwie konnte ich nicht alleine sein. Wir haben drei Monate aufeinander gehockt, da fällt es mir schwer mich wieder umzugewöhnen«, erklärte er ohne Aufforderung und setzt sich auf die große Couch.

»Wo ist deine Freundin?«

»Dienstreise.«

Kyo brummte verstehend und ging nochmal zur Küche, um zwei Gläser zu holen. Als er zurückkam bemerkte er, dass der sich andere interessiert in der Wohnung umschaute. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich bei Kyo trafen. Doch Toshiya hatte eine fast schon obsessive Neugierde in sich, die er permanent gestillt wissen wollte.

 

»Du siehst müde aus«, stellte ihr Bassist schließlich fest, als sie nebeneinander saßen, jeder ein Glas in der Hand.

»Hab nicht gut geschlafen.«

Eigentlich hatte Kyo überhaupt nicht geschlafen, doch das wollte er ihm jetzt ganz sicher nicht unter die Nase reiben. Denn andernfalls landete diese Information schneller bei Kaoru, als ihm lieb war und nach all dem Chaos wollte er nicht auch noch Stress mit seinem Leader haben.

»Jetlag?«

»Hm, ja auch.« Er nippte an dem Getränk, es brannte ungewohnt intensiv in seiner Kehle. »Uff, starkes Zeug. Hast du das aus Amerika?«

»Chile.«

Sie redeten nie viel wenn sie ausgingen, oder in diesem Fall einfach nur zusammen tranken. Zum einen weil Toshiya oft Probleme damit hatte, Kyos oft komplexen und sprunghaften Gedankengängen zu folgen. Zum anderen Weil der Sänger diese stillen Momente genoss, in denen sogar sein Kopf mal Ruhe gab und das ständige Hintergrundrauschen verstummte.

 

Toshiya betrachtete ihren Sänger aus dem Augenwinkel. Kyo wirkte abgekämpft und erschöpft. Was natürlich kein Wunder war, nach den Ereignissen in den Staaten und seinem Krankenhausaufenthalt. Aber irgendwie schien da noch was anderes zu sein, was ihn beschäftigte. Egal wie verschlossen Kyo auch die meiste Zeit über auch war, die Band wusste dessen Körpersprache mittlerweile sehr genau zu deuten.

»Willst du drüber reden?«, fragte er, ohne zu konkret zu werden. Der andere zögerte, seufzte dann und lächelte leicht, als er das Glas an die Lippen hob.

»Ich stelle mir momentan einfach viel zu viele Fragen«, gab er schließlich zu und erntete ein amüsiertes Kichern.

»Du stellst dir zu viele Fragen? Wow, also wenn es sogar dir über den Kopf wächst, dann muss es wirklich schlimm sein.« Als Reaktion auf seinen freundschaftlichen Spott, erntete er einen Klaps gegen den Oberschenkel.

»Hast du schon mit Kaoru deswegen gesprochen?«

Ein Kopfschütteln. 

»Nein. Ich weiß nicht, wie genau ich das erklären soll.«

»Aha?«

 

Wieder kehrte Stille ein, in der sie einfach nur tranken und auf den stummgeschalteten Fernseher starrten, auf dem irgendeine Werbung lief.

»Sind es wieder die alten Dämonen?«, fragte Toshiya und drehte den Kopf zu Kyo, »Wir machen uns Sorgen.«

»Das weiß ich!« Eigentlich hatte er nicht vorgehabt so gemein zu klingen. Kyo wusste es sehr zu schätzen, was die anderen für ihn taten. Doch das bedeutete nicht, dass er es guthieß. »Aber es ist nicht das was ihr denkt.«

»Du rutschst also nicht wieder in eine Phase?«

»Nein! Herr Gott, nein verdammt! Ich bin stabil!«

‘So stabil man eben sein kann, wenn man seit ein paar Tagen mit der Gewissheit lebt, dass in einem ein gefährliches Monster heranwächst.’

 

Toshiyas Blick wurde betrübter und er nickte knapp.

»Wir sind so weit gekommen«, sprach er. »Wir haben dir so oft das Leben gerettet, Kyo. Bitte rede mit uns, wenn dich irgendwas belastet. Dafür sind wir da!«

Kyo beugte sich vor, stützte sich mit den Unterarmen auf seinen Oberschenkeln ab, das leere Glas stand auf dem Tisch vor ihm. Toshiya konnte sein Gesicht nicht sehen, da es hinter einem Vorhang aus wirren Haaren verschwand und am liebsten hätte er seinen Freund und Kollegen einfach mal in den Arm genommen. Aber er wusste, dass er das nicht durfte. Er war nicht Kaoru.

 

»Ich - «, murmelte Kyo nach einer ganzen Weile, in der er nur auf den Boden gestarrt hatte. »Eventuell - .« Es fiel ihm sichtlich schwer darüber zu sprechen. Der Bassist wollte ihm Zeit geben, verspürte aber auch eine ungute Vorahnung, dass ihm die Worte des anderen nicht gefallen würden.

»Ich war beim Arzt.«

Toshiya rutschte das Herz in die Hose. Also stimmte es? Kyo war schwer krank? Wieso sonst sollte er so herumdrucksen und sich derart schwer damit tun, ihm die Wahrheit zu erzählen?

»Wie schlimm ist es?«, fragte er mit heiserer, aufgeregter Stimme, stellte sein eigenes Glas weg und versuchte einen Blick auf das Gesicht des Sängers zu erhaschen.

»Chronisch«, war das einzige, was dieser sagte und Toshiya gewann sofort den Eindruck, dass er nicht viel mehr aus ihm herausbekommen würde. Trotzdem konnte er nicht anders und fragte weiter.

 

»Krebs? Ist es Krebs?« Natürlich musste es etwas schlimmes sein, immerhin war sein Freund nicht einfach grundlos in Hollywood hinter der Bühne zusammengebrochen.

Doch anstatt ihm eine Antwort zu geben, sprang Kyo auf, ging zur Balkontür, trat raus und zog sie mit einem Knall wieder hinter sich zu.

‘Er will nicht reden … Scheiße.’

Toshiya schaute Kyo noch eine Weile nach, betrachtete dessen Rückseite und beobachtete, wie er eine nach der anderen rauchte. Ihn an die Brüstung des Balkons gelehnt zu sehen, verursachte jedes Mal ein angsterfülltes Ziehen in seiner Magengegend und er sah sich selbst, wie er sich mit einer Hand am Geländer festhielt, die andere beinahe brutal um Kyos Oberarm geschlungen.

 

‘Mir doch egal ob du springen willst. Ich lass dich nicht los!’

‘Du hast doch keine Ahnung!’

‘Fick dich, Kyo!’

Er hatte dem Sänger fast den Arm gebrochen, als er ihn das schräge Dach hochgezogen und ihn mit aller Gewalt an sich gedrückt hatte.

‘Ich lass nicht zu, dass du springst.’

 

Aber was sollte er nun machen? Ihn in so einer Krise einfach alleine lassen? Riskieren, dass Kyos verdrehter Kopf ihn zu etwas trieb, was sie seit mehr als einem Jahrzehnt um jeden Preis zu verhindern versuchten?

Da er nicht wusste, was er nun tun sollte, blieb er sitzen, ohne den Blick von dem Sänger zu nehmen.
 

Als sie sich damals kennengelernt hatten, hatte Toshiya keine Ahnung gehabt, was hinter der Maske eigentlich alles vor sich ging. Kyo war zwei Jahre lang intensiv darum bemüht gewesen, keinen von ihnen zu nahe an sich heran zu lassen.

Sie hatten das Spielchen mitgespielt, welches ihnen vom Management vorgegeben wurde. Die fröhliche Visual Kei Band, mit den ungewöhnlichen Texten, die jeden Fanservice und jeden Spaß mitmachten und die auf all das eigentlich gar keine Lust hatten. Toshiya genoss es nach wie vor im Mittelpunkt zu stehen und extravagante Outfits zu tragen, genau so wie Dai immer noch Spaß am Spiel mit den Geschlechtern hatte.

Doch Kyo wollte das nicht. Kyo hatte all das nie gewollt!

Er war ein genialer, aber oft stiller Poet und jemand den Toshiya bewunderte, für seine Art mit Worten umzugehen und der ihn doch auch bedauerte. Irgendwann mussten schlimme Dinge geschehen sein. Denn normale und gesunde Menschen, hatten keinen derart düsteren Blick auf die Welt. Und ihr Sänger erweckte immer den Eindruck, dass er die Realität durch einen anderen Filter wahrnahm und Dinge sah, die andere nicht sehen konnten.

 

Plötzlich vibrierte sein Handy und er schreckte auf. Wie tief war er in seinen Gedanken und Erinnerungen versunken gewesen? Verwirrt blinzelnd, kramte er es heraus und erkannte, dass Kyo ihm eine SMS geschrieben hatte. Noch immer stand dieser draußen am Balkon und erst jetzt erkannte Toshiya, dass er tatsächlich sein Smartphone in der freien Hand hielt.

‘Tut mir leid. Ich brauch Zeit. Und hör auf so zu gucken, ich hab nicht vor zu springen!’

Kurz passierte nichts, dann tippte Kyo eine zweite Nachricht.

‘Danke für den Drink. Wir sehen uns, Toto.’

»Oh man«, Toshiya fuhr sich durch die Haare und seufzte schwer. Die Aufforderung zu gehen war eindeutig. Der andere wollte alleine sein und doch fiel es ihm sehr schwer aufzustehen und die halbleere Flasche an sich zu nehmen.

 

Mit einem letzten Blick auf Kyo, trat er zur Küche und öffnete den Kühlschrank, um den chilenischen Pisco hinein zu stellen. Als er die Gläser in die Spülmaschine räumte und diese wieder schloss, fiel sein Blick auf den Küchentisch. In Kyos Wohnung lagen ständig irgendwelche Zettel und Notizen herum, doch das hier sah nicht so aus, als würde es zu irgendwelchen Songtexten gehören.

Toshiya starrte den Umschlag an, welcher achtlos auf den wenigen Dokumenten lag, die sich darunter stapelten. Eigentlich ging es ihn nichts an, denn Kyo hatte ihn eindeutig rausgeworfen. Aber andererseits waren Sorge und Neugier zu groß, um nicht zumindest einen kurzen Blick zu wagen.

 

Langsam und immer wieder über die Schulter schauend, ob er vielleicht erwischt werden könnte, trat er näher und hob den Umschlag ein paar Zentimeter an. Ihm stockte der Atem und er wich fast schon entsetzt zurück.

‘Überweisung an die onkologische Praxis von …’

Den Namen des Arztes hatte er nicht mehr gelesen, denn bereits die Fachrichtung versetzte ihn in Angst und Schrecken. Onkologie? Also doch Krebs?!

»Oh nein, bitte nicht«, flüsterte er und versuchte alles wieder so hinzulegen, als wäre nie etwas gewesen. Was sollte er denn jetzt machen? Mit Kaoru reden? Kyo würde ihn häuten, wenn er mitbekam, dass Toshiya ihm hinterher spionierte. Aber das hier war keine Kleinigkeit! Hier ging es nicht um eine verschleppte Erkältung, oder die üblichen Spielchen, die sie schon mit Kyo durchgemacht hatten. Das hier war verdammt ernst!

Als Toshiya die Wohnungstür hinter sich zuzog, blieb das unangenehme Gefühl zurück, dass irgendwas sehr schlimmes passieren würde.

 

***

 

Zeitgleich mit dem Lärm seines Weckers, erhellte ein greller Blitz den Himmel. Der Donner folgte nur Sekunden später und Kyo zog jammernd die Bettdecke über seinen Kopf. Obwohl er die letzten Tage nichts anderes getan hatte, als zu schlafen und hin und wieder etwas zu essen, fühlte er sich wie erschlagen.

Doch es half alles nichts, er musste aufstehen, denn die Nachbesprechung der letzten Tour und die Planung für die kommenden Alben, waren für heute angesetzt. Kyo hatte überhaupt keine Lust darauf. Ihm war es eigentlich immer lieber, wenn sich Kaoru um die Organisation kümmerte und er selbst kreativ sein durfte. Doch das Leben war kein Wunschkonzert, wie er in den letzten Wochen schmerzlich hatte feststellen dürfen.

 

Vier Tage waren seit seinem Besuch bei Doktor Furukawa vergangen und die Aussicht heute das Haus verlassen zu müssen, regte nicht gerade dazu an seine Laune zu verbessern. Trotzdem quälte er sich aus dem Bett, unter die Dusche und schon als er wieder im Wohnzimmer stand und die Nachrichten ihm mitteilten, dass den ganzen Tag über mit schweren Unwettern zu rechnen sei, stöhnte er leidend auf.

 

Eine Stunde später zog er sich mit sehr viel fluchen die Kapuze vom Kopf und warf seine Jacke zum trocknen über einen Stuhl. Kaoru sah ihn mit einem Schmunzeln an, als er ihn begrüßte.

»Seit wann so wasserscheu, Neko-san?«, fragte er und diese harmlosen Worte brachte ihm umgehend einen so erschrockenen Blick ein, dass er verwundert eine Augenbraue hochzog. »Sorry, wollte dich nicht erschrecken«, entschuldigte er sich.

Kyo entspannte sich wieder und schüttelte den Kopf, mit den feuchten Strähnen.

»Alles gut«, murmelte er, genau in dem Moment als die Tür aufging und ein ebenfalls fluchender Dai eintrat.

»Ich bin in eine Pfütze getreten!«, klagte dieser und hob demonstrativ den betroffenen Schuh ein wenig an.

»Oh nein«, lachte Kyo. »Die Diva bekommt kalte Füße.«

»Ach halt die Klappe!«, jammerte Dai und befreite sich ebenfalls von seinem Mantel.

Eine ähnliche Szene spielte sich kurz darauf auch mit Toshiya ab, dem Wind und Regen die Frisur versaut hatten, was bei dem ebenfalls zum divenhaften Verhalten neigenden Bassisten, fast schon Ketzerei glich.

Nur Shinya erschien ruhig und elegant wie immer. Der schöne Drummer schüttelte nur ein paar verirrte Regentropfen aus seinen Haaren und wirkte wie immer so, als könne man ihn umgehend in ein edles Restaurant setzen. Shinya war und blieb sein eigenes Rätsel.

 

Natürlich lief der Vormittag genau so ab, wie Kyo es befürchtet hatte.

Stundenlang ging es um den ewig endlosen Quartalsbericht, die kommende Organisationsplanung, eine Auflistungen der aktuellen Finanzen, die Profitabilität der Tour und all die vielen Dinge, die Kyo zu Tode langweilten. Ihr Manager hatte den Sänger vorab voller gespielter oder echter Sorge, mit unzähligen Fragen zu seinem Gesundheitszustand gelöchert und dafür nur sehr kurze Antworten erhalten.

Kyo hatte keine Lust darauf, zu viel mit diesem Mann zu reden. Natürlich verdankten sie ihm so einiges, aber Kyo wurde schon lange den Eindruck nicht los, dass er sie in diesem bescheuerten Knebelvertrag mit dem Label festhielt.

Bereits vor der großen Tour durch Amerika, hatte es innerhalb der Band Streit darüber gegeben, dass sie alle eigene Soloprojekte planten. Aber ihr Vertrag ließ es nicht zu, dass sie sich anderweitig mit derartigen Dingen beschäftigen durften. Man hatte nicht alleine die Exklusivrechte an ihrer Musik gekauft; man hatte sie damals als Künstler im gesamten gekauft! Oder wie Kyo es bevorzugt nannte: Zur modernen Leibeigenschaft gezwungen. 

Es war zum kotzen!

Schon seit ein paar Monaten trafen immer wieder Anfragen ein, die Kyo das ein oder andere interessante Angebot unterbreiteten. Japans Metal- und Rockindustrie prügelte sich hinter den Kulissen um sein Talent und er selbst war rechtlich in Ketten gelegt. Es war also kein Wunder, dass er sich ihrem Manager gegenüber so unterkühlt verhielt, was ihm von Seiten Kaoru den ein oder anderen mahnenden Blick einbrachte.

 

»Ja ich weiß, dir geht das alles gehörig gegen den Strich«, sprach ihr Leader, als sie bei einem verspäteten Mittagessen, in der hauseigenen Kantine beisammen saßen. Dai klaute sich soeben ein paar Karottenstreifen von Toshiyas Teller, was von diesem mit leisem Protest kommentiert wurde. Kinder!

»Aber könntest du dich bitte auf das Wesentliche konzentrieren? Ich soll dem Label bis Ende Januar eine Planung für die nächsten zwölf Monate vorlegen und kann das alles nicht alleine entscheiden.«

»Es ist doch ohnehin egal, Kaoru!«, platzte es frustriert aus Kyo heraus. »Die wollen Dir En Grey für sich alleine haben, das weißt du ganz genau. Ich hab einfach keine Lust mehr, mir schon wieder von irgendwelchen Sesselfurzern anhören zu müssen, was ich darf und was nicht. Wir sind verdammt nochmal Künstler und nicht deren Leibeigene! Ich weiß, dass das alles meine Schuld ist. Aber könnt ihr bitte damit aufhören, euch damit abzufinden?!«

 

Die anderen drei verstummten, oder hielten mitten in der Bewegung inne und sahen gebannt zwischen Leader und Sänger hin und her. Kyo war extrem angespannt und unruhig. Schon den ganzen Tag über hatte er kaum stillhalten können. Es wurde immer offensichtlicher, dass ihn etwas beschäftigte.

»Gib mir bitte Zeit, okay?«, bat Kaoru eindringlich. »Du weißt genau, dass wir nicht so einfach aus dem Vertrag rauskommen. Ich weiß ja, dass ihr alle genervt von der Situation seid, aber ich kann es jetzt gerade nicht ändern.«

»Dann finde einen Weg es zu ändern!«, fauchte Kyo mit einem ungewöhnlichen Knurren in der Stimme.

Kaoru zuckte zusammen, starrte ihn an und glaubte für einen Moment, dass sich die Augen des anderen veränderten. Hatte er jetzt schon Halluzinationen?

»Wir wollen alle kein zweites Vulgar«, redete Kyo weiter, als die anderen nicht reagierten. Auch wenn sie leise miteinander sprachen, damit die restlichen Gäste nichts mitbekamen, so waren seine Worte trotzdem schneidend.

»Und ich hab’s satt! Ich will das so nicht mehr! Finde einen Weg, um aus dem Vertrag zu kommen, oder ich such mir selbst einen!« [1]

 

Ihm war der Hunger gründlich vergangen, also stand er auf und ging einfach. Diese verdammte Unruhe in seinen Gliedern, machte ihn fast verrückt. Es war als ob seine Muskeln jucken würden. Kyo brauchte Bewegung! Jetzt sofort!

Ohne seine Jacke aus dem Proberaum zu holen, verließ er das Gebäude und fand sich im strömenden Regen wieder. Seine Haut glühte und endlich seufzte er auf, spürte wie die Kälte ihm endlich Linderung verschaffte und genoss die Wirkung, welche dieser Effekt auf seinen rastlosen Verstand ausübte.

Keine Sekunde länger hielt er es im selben Raum mit den Menschen aus, die ihnen all diese dummen Regeln aufgezwungen hatten. Andererseits fühlte Kyo auch Schuld. Wäre er psychisch nicht derart kaputt, dann hätte sie jedes andere Label sofort mit Kusshand genommen.

Doch in der Szene, hinter den Kulissen, war sein Name negativ belastet. Die Geschichten seiner Zusammenbrüche und psychotischen Episoden, hatten in den Führungsetagen von Japans Musikindustrie schon längst die Runde gemacht und auch wenn ihr Bandname eigentlich ein Garant für starke Einnahmen und überfüllte Konzerthallen war, hatte man sie überall abgelehnt. Oft genug mit fadenscheinigen Ausreden, aber Kyo wusste genau, dass er selbst das Problem war, wieso niemand das Risiko hatte eingehen wollen, mit ihnen zu arbeiten.

 

Zu krank

Zu extrem

Zu ehrlich

Zu blutig

Zu verstörend

 

Ohne ein klares Ziel, ging er einfach in irgendeine Richtung los. Über ihm tobte das Unwetter, aber er ignorierte es, bis ihn seine Füße irgendwann in eine Nebenstraße einbiegen ließen und er die weitläufige Enge der Großstadt hinter sich ließ. Mit einem Schlag wurde es ruhiger und sogar der Wind ließ nach, auch wenn er immer noch ohrenbetäubend heulte, während er sich in den Häuserschluchten verfing und verwirbelte.

Einen anderen Weg suchen? Das hatte er so leicht daher gesagt, aber im Grunde verstand Kyo nicht genug von Vertragsrecht, um tatsächlich einen Weg zu finden, aus diesem Wahnsinn heraus zu kommen. Sie brauchten Hilfe! Aber welcher Anwalt wäre verrückt genug, um sich mit derart mächtigen Leuten anzulegen? Sich für einen Irren wie ihm mit ihnen anzulegen?

Vor allem jetzt, wo seine eigenen Probleme wortwörtlich monströse Züge angenommen hatten.

»Scheiße«, fluchte er, grub die Hände in die Taschen und ließ die Schultern ein wenig kreisen, um diese hartnäckige Anspannung zu lösen.

 

Er würde sich bei Kaoru entschuldigen müssen, sobald er wieder zurück war. Natürlich tat dieser sein Möglichstes, um ihnen die aktuelle Lage irgendwie zu erleichtern. Kaoru arbeitete Tag und Nacht und nahm sich nie Zeit für sich selbst, um mal ein wenig zur Ruhe zu kommen.

Tatsächlich war sich Kyo absolut sicher, dass der Leader auch in den letzten vier Tagen durchgehend am Schreibtisch gesessen, Mails beantwortet, Pläne erstellt und Dokumente durchwühlt hatte. Urlaub war ihm ein Fremdwort! Und sich dann auch noch mit einem impulsiven Idioten herum zuschlagen, der ihm sinnlose Vorwürfe an den Kopf knallte, musste wirklich nicht sein.

Kyo blieb stehen und seufzte schwer.

»Dieser Trottel«, murrte er und strich sich genervt die klitschnassen Haare aus dem Gesicht. »Immer das gleiche mit ihm.«

Er schaute an sich runter und stellte fest, dass es keinen Zentimeter mehr an seinem Körper gab, der noch trocken war. Und er musste zurück. Das würde Ärger geben.

 

Er drehte sich um und stieß mit einer Mauer zusammen.

»Uff«, entwich es seinen Lungen erschrocken und er taumelte zurück. Die Mauer sah zu ihm runter und plötzlich fühlte sich der Regen gar nicht mehr so angenehm an.

‘Oh nein’, keuchte er gedanklich. ‘Nicht der schon wieder!’

Vor ihm hatte sich ein Mann aufgebaut und obwohl er dieses Mal seinen Mundschutz nicht trug, erkannte Kyo ihn innerhalb eines Augenblicks wieder. Das war der Typ aus dem Konbini! Hatte er ihn etwa verfolgt? Es konnte unmöglich ein Zufall sein, dass sie einander hier, in irgendeiner Nebenstraße, in einem anderen Teil der Stadt, erneut begegneten.

Die Art wie der andere grinste, zeigte nur zu deutlich, dass er nicht hier war um Kyo nach einem Autogramm zu fragen.

»Hallo«, schnurrte sein Gegenüber fast schon freundlich, doch der Blick in seinen hellblauen Augen, sprach etwas ganz anderes. »Was für ein Zufall.«

»Ja.« Seine Stimme war nicht mal ansatzweise so fest und ruhig, wie er gehofft hatte. Vorsichtig ging er zwei Schritte auf Abstand. »Und zufälligerweise, will ich nicht mit Ihnen reden.«

Katze!’, schrie sein Hirn unentwegt. Der Kerl ist eine verfickte Katze!’

 

Er musste hier sofort weg! Am liebsten hätte er sich umgedreht und wäre abgehauen, aber keine Sekunde wollte er diesem Typen seinen Rücken zukehren. Dieser hingegen kam näher, mit spielerischen Schritten und einem beinahe hungrigen Ausdruck in den Augen.

»Du hast einen interessanten Geruch, Kleiner«, schnurrte der andere Kater. »Das gefällt mir.«

Irgendwas veränderte sich. Kyo hatte den Eindruck, dass sich sein Sichtfeld verengte und hätte er einen Spiegel gehabt, wäre ihm sicherlich nicht entgangen, dass der erhöhte Stresspegel in seinem Blut dafür sorgte, dass sich seine Pupillen zu Schlitzen verengten.

»Verpiss dich!«, schrie er aufgebracht, obwohl sein Gegenüber nichts anderes tat, als im Regen zu stehen und ihn anzusehen.

Wieso hatte er in diese Nebenstraße gehen müssen? Der Weg war nicht breit genug, um einfach an dem anderen vorbei zu gehen und er wusste nicht wie lang die Straße hinter ihm war. Im schlimmsten Fall endete sie in einer Sackgasse und dann … was dann?

 

Der Mann öffnete wieder den Mund und zunächst nur leise, doch nach und nach immer lauter und im erbarmungslosen Trommeln des Regens verständlicher, erkannte Kyo, dass er eine Art Kinderlied aufsagte.

»Kätzchen klein, streichel fein«, sang er und grinste dabei wie ein Wahnsinniger, »Möcht so gern ein Kätzchen sein.« [2]

Zum Schluss drang aus der Kehle des blauäugigen Ungeheuers ein so tiefes, unmenschliches Knurren, dass Kyo instinktiv zurück wich. Ihm war eiskalt vor Angst und der andere genoss es!

»Lauf!«, fauchte er und Kyo rannte!

So schnell er nur konnte wirbelte der Sänger herum und stürzte fast, als er sich in Bewegung setzte. Hinter ihm brüllte der Mann ein weiteres Mal, dass er gefälligst abhauen sollte und er musste nicht noch einmal zurückblicken um zu wissen, dass er ihm folgte.

Die Jagt hatte begonnen!

 

Mit der vom Regen vollgesogenen Kleidung am Körper, die schwer an ihm herunterhing, war es schwierig überhaupt zu rennen. Doch Kyo blieb nichts anderes übrig. So schnell er nur konnte, eilte er die schier unendliche kleine Straße entlang, kollidierte fast mit einer Mülltonne und sah sich hektisch um. Das hier war nur eine Hintergasse, ohne Geschäfte und Lokale. Ab und an lief er an den geschlossenen Rolltoren von Lagerräumen oder Garagen vorbei, sah Feuerleitern die nach oben führten, aber keinen Ausgang.

»Scheiße!«, schrie er panisch, überlegte sogar über eine der Mauern auf der rechten Seite zu klettern. Aber diese waren gut und gern drei Meter hoch, weshalb er die Idee recht schnell wieder verwarf. Sein Verfolger würde ihn einholen, noch eher er die Chance dazu bekam, irgendetwas als provisorische Leiter zu benutzen.

 

Er stolperte auf eine enge Kreuzung, schlug blind den Weg nach rechts ein und seine Schulter kollidierte dabei mit der Betonsäule einer oberirdischen Telefonleitung. Er fluchte vor Schmerz laut auf, hoffte das nichts kaputt gegangen war und hielt den Arm eng an seinen Körper gepresst. Die Haut hatte er sich spürbar aufgekratzt und nun brannte das Regenwasser unangenehm in der Schürfwunde.

Kyo hielt nicht an. Er rannte weiter, weiter - weiter! Anzuhalten oder zu stürzen, würde seinen sicheren Tod bedeuten, denn der Kater mochte jetzt noch mit ihm spielen, aber es war offensichtlich, dass er ihn töten wollte. Als er einen weiteren Mülleimer passierte, streckte er die Hand aus und zog an der überfüllten Blechtonne. Mit einem lauten Scheppern fiel sie hinter ihm um. Hoffentlich gab ihm das eine kleine Sekunde mehr Zeit. Er hörte das tiefe Schnaufen des Katers, dessen riesige Pranken die auf den Betonboden schlugen und geräuschvoll Regenwasser umher spritzten. Dieses Mal war es definitiv keine Einbildung.

 

‘Wir jagen niemals tagsüber, um vor den Menschen verborgen zu bleiben’, hatte Satoshi gesagt.

 

»Ach ja, und was ist das hier?!«, schrie er keuchend, sah das Ende der Straße und rannte dann erneut nach rechts.

Wo um alles in der Welt war er?! Kyo hatte mittlerweile vollständig die Orientierung verloren. Seine Lunge brannte und er bekam das Gefühl nicht los, das hier schon einmal erlebt zu haben. Im Traum?

‘Das Koma!’, schoss es ihm durch den Kopf, auch wenn ihm nicht klar war, wie sein Verstand in so einer Situation überhaupt an etwas anderes als die Flucht denken konnte. Aber urplötzlich erinnerte er sich an seinen Komatraum zurück und nun wurde ihm auch klar, wieso er ein Deja Vu hatte.

Gleiche Situation, andere Katze.

 

Seine Flucht endete an einer Absperrung. Vor ihm erstreckte sich der baufällige Komplex eines alten Einkaufscenters mit verriegelten Türen und von großen Holzplatten verblendeten Fenstern. Der Boden war überall rissig und an einigen Stellen waren derart große Löcher im Gemäuer, dass er nicht glaubte, dieser Koloss würde je wieder aus seinem Winterschlaf erwachen.

Da ihm keine andere Möglichkeit blieb, tauchte er unter Absperrung durch und warf nun das erste Mal einen Blick zurück. Er hielt inne und betrachtete das Wesen, das keine zehn Meter von ihm entfernt im Regen stand und ihn gierig anstarrte.

Sein Fell war grau, teilweise gestreift und triefend nass. Sogar der dichte Nackenkamm hing schwer zu beiden Seiten herunter. Die spitzen Ohren hatte es aufgerichtet und in seine Richtung gedreht. Kyo schauderte, beim Anblick der gewaltigen Fangzähne, die ihm aus dem Maul ragten und den Klauen an den fünffingrigen Händen. Geschmeidig bewegte es sich langsam hin und her, wartete darauf dass er weiterlief und schnurrte dabei laut. Die Monsterkatze hatte sichtlich Spaß an dieser Jagd und er glaubte schon fast die stumme Aufforderung in deren Körpersprache lesen zu können.

‘Na los, kleiner Kater. Lauf! Ich will dich jagen!’

Der Schweif peitschte aufgeregt durch die Luft und dann mischte sich das laute Knurren mit dem Donnergrollen. Kyo wand sich ab und rannte, auch wenn seine Arme und Beine mittlerweile schrecklich schwer waren und er einfach nicht mehr konnte. Trotzdem wurde sein Körper derart mit Adrenalin geflutet, dass er sich keine weitere Pause gönnte.

 

DA! Dort fehlte eine Holzplatte! Vermutlich hatten Teenager oder irgendwelche Gangs sie herausgerissen, um das Center im Innersten zu plündern. Kyo hätte am liebsten gejubelt. Er schlug den direkten Weg ein, vernahm wieder die Geräusche der Katze in seinem Rücken, aber dieses Mal entwischte er ihm!

Obwohl Kyo wirklich nicht groß war, musste er sich etwas bücken, um durch das Loch zu schlüpfen. Die Katze hingegen krachte erfolglos dagegen und er sah, wie das Wesen seine Klauenhand nach ihm ausstreckte; ohne Erfolg.

Der Sänger hielt nicht an, sondern verschwand in dem dahinterliegenden, muffigen Raum, dann in einen langen Gang und erst jetzt hielt er für ein paar Sekunden inne, um zumindest durchzuatmen. Die Luft schmeckte nach Staub und Schimmel, aber es war trocken und versprach für einen Moment so etwas wie Sicherheit.

 

Sein Verfolger hingegen war alles andere als glücklich mit dieser Änderung der Umstände und ließ seine Wut an der nassen OSB Platte aus, indem er geräuschvoll Zähne und Krallen hinein hieb und irgendwie versuchte das Loch zu vergrößern.

»Fuck.«

Vor Erschöpfung zitternd, ging er schnell weiter, trat hier und da auf Unrat und Schutt und musste an einer Stelle sogar unter heruntergefallenen Trümmern hindurchkriechen, um seinen Weg fortzusetzen. Mittlerweile war seine Kleidung verdreckt und seine rechte Schulter pochte unangenehm. Wenigstens konnte er den Arm noch bewegen.

 

Der Gang endete und er schob eine alte Brandschutztür auf. Dahinter befand sich das Herzstück des alten Einkaufscenters.

Die verglaste Decke war irgendwann in den letzten Jahren runtergekommen und nun war der Boden übersät mit teils riesigen Scherben. Unkraut, Birken und Klimmer hatten die Herrschaft über das Gebäude angetreten und wuchsen aus den möglichsten und unmöglichsten Stellen. Unter normalen Umständen, hätte Kyo den Anblick dieser stummen Gewalt, in der sich die Natur die Monumente aus Stahl und Beton einverleibte, sicherlich genossen. Doch das war jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt dafür!

Er sah sich um, erkannte aber auch hier nur vernagelte Türen und Fenster. Zudem war er nicht bereit dazu, über das Trümmerfeld aus Glasscherben zu gehen, die so groß waren wie er selbst. Zumal in luftiger Höhe immer noch riesige Bruchstücke hingen, bei denen es nur einen einzigen, ungünstigen Windstoß brauchte, um sie abstürzen zu lassen.

 

»Feuerleiter … Fluchtwege …«, murmelte er und suchte nach den entsprechenden Notfallschildern.

Öffentliche Gebäude waren alle, per Gesetz, auf jeder einzelnen Etage mit einer Reihe von Evakuierungsmaßnahmen auszustatten. Selbst wenn die Katze es schaffte ins Gebäude zu gelangen, hatte er jetzt die Chance ihr auch tatsächlich zu entkommen. Vorsichtig bewegte er sich am Rand des Trümmerberges entlang, hoffte dass er sich nichts eintrat und seine altersschwachen Sneaker durchhielten.

Nach einigen Metern erreichte er einen der seitlichen Aufgänge und stieg die stillstehende Rolltreppe hinauf. Hier oben war der Boden bereits ganz grün, von den Moosen und Algen, die sich darauf breitgemacht hatten. Regen tropfte unentwegt von oben herab und plätscherte laut auf die gebrochenen Fliesenplatten.

Wie lange dieses Gebäude wohl schon verlassen war? Möglicherweise ein Opfer der letzten großen Wirtschaftskrise und es erweckte zudem den Anschein, dass es sich die meisten Schäden bei einem der stärkeren Erdbeben zugezogen hatte. Wahrscheinlich noch vor Tōhoku.

 

‘Wenn ich das überlebe’, dachte er sich, dann muss ich unbedingt hier her zurück kommen.’ 

Lost Places faszinierten ihn schon sein Leben lang. Der sichtbare Untergang der modernen Zivilisation. Es hatte diese wunderschöne Endlichkeit, die er stets in den winzigsten Bauteilen der Existenz sah und über die er in seinen Texten so gern schrieb. Aber zunächst musste er den Ausgang finden und bis auf Regen und Sturm, war auch alles ruhig. Ob der Kater die Verfolgung aufgeben hatte?

Die Geschäfte waren allesamt leer, teilweise vernagelt, teilweise offen, oder aufgebrochen. Dahinter sah er gähnende, dunkle Leere, oder die deutlichen Spuren von Vandalismus. Hier und da hatte jemand Kabelschächte aufgebrochen und sehr wahrscheinlich die Kupferdrähte darin entwendet. Japan mochte ein sehr sicheres Land sein, aber das hieß nicht, dass es nicht auch eine gewalttätige Unterwelt gab.

 

Der erste Notausgang den er fand, war natürlich verriegelt. Kyo rüttelte an der Tür, aber sie bewegte sich kein Stück und es gab auch keine Möglichkeit, um sie aufzubrechen.

»Fuck«, murrte er, drehte sich wieder um und ging zurück in die Haupthalle. Gerade als er auf den oberen Rundgang trat, blieb er wie angewurzelt stehen und huschte im nächsten Moment hinter eine rissige Säule. Mit rasendem Herzen hielt er die Luft an, während unter ihm die Katze an den Überresten eines Brunnens vorbei schlich.

Wann war sie herein gekommen? Ob sie ihn witterte?

Kyo hoffte, dass die abgestandene Luft dick genug und der Regen zu laut waren, um seine Anwesenheit irgendwie zu verbergen und so lange sie dort unten blieb, bestand immer noch die Chance für ihn, ihr zu entkommen.

Vorsichtig, um möglichst keine Geräusche zu verursachen, duckte er sich und drückte sich gegen die Wand. Sollte er es bis zu den Rolltreppen schaffen und in das nächste Stockwerk gelangen, dann brachte er so viel Abstand wie möglich zwischen sie beide.

 

Langsam einen Fuß vor den anderen setzend, ging er zurück, immer darauf bedacht die tiefen Pfützen zu meiden und unterdrückt atmend, lauschte er. Leider war es für ihn unmöglich, die genaue Position seines Jägers zu orten.

Kyo kauerte sich hinter einem Pflanzkübel aus Beton zusammen, welcher gefüllt war mit Regenwasser und einen fauligen Gestank verbreitete. Er hob den Kopf ein wenig und versuchte zwischen den Ästen der abgestorbenen Büsche etwas zu erkennen. Dabei glaubte er tatsächlich, am anderen Ende der Haupthalle unter ihm, die Spitze eines Schweifs um eine Ecke biegen zu sehen. Gut so, dann hatte er tatsächlich auch mal Glück an diesem Tag!

So schnell er konnte, huschte er zu den Rolltreppen und erklomm sie fast auf allen Vieren, um sich irgendwie zwischen den hohen Handläufen verstecken zu können.

Oben angekommen, unterdrückte er den Versuch erleichtert auszuatmen und schlich einfach weiter der Spur aus Notausgangsschildern hinterher, die teilweise kaum noch zu erkennen waren, aufgrund der fortgeschrittenen Verwitterung.

 

Dass man an dem Gebäude nicht ohne Grund Vorsicht, Einsturzgefahr!’ Hinweise angebracht hatte, erkannte er leider zu spät. Ein falscher Schritt und plötzlich gab es unter seinen Füßen das hässliche Kreischen überstrapazierten Materials. Der Stahlbeton war an dieser Stelle derart kaputt, dass er nicht einmal mehr ein Fliegengewicht wie ihn aushielt. Dementsprechend laut hallte das Jaulen der Eisenstangen durch das Center und ihm gefror das Blut in den Adern.

Denn der Ruf des Gebäudes, wurde von etwas anderem beantwortet.

Kyo wich an den Rand des Ganges zurück, da ihm dieser Bereich am stabilsten erschien und rannte los. Das Monster wusste jetzt ohnehin genau wo er war, also konnte er sich die Vorsicht auch sparen.

 

Der Wettlauf begann von vorn und er fluchte, als er die verdammten Schilder nicht mehr fand. An dieser Stelle musste derart viel Wasser ins Gebäude eingedrungen sein, dass alles überwuchert war mit Unkraut und Rost. Der abgebrochene Putz tat sein übriges dazu.

Also rannte er einfach blind in irgendeinen Gang, sah sich um, erblickte wieder nur vernagelte Fenster und schrie frustriert auf.

Das konnte doch nicht wahr sein! Wenn das so weiter ging, dann würde er irgendwie wieder den Weg ins Erdgeschoss suchen und das aufgebrochene Fenster nehmen müssen. Aber schaffte er das? Sehr wahrscheinlich war der Kater die Verfolgung mittlerweile leid und er würde ihn einfach -

 

Kyo wurde von den Füßen gerissen, als ihm etwas, mit der Wucht eines Kleinwagens, in die Seite sprang. Er kreischte laut, landete hart auf dem brüchigen Boden und ihm wurde für einen Moment schwarz vor Augen. Er spürte wie seine Stirn aufplatzte und wie Blut sich mit dem Regen mischte.

Über ihm ragte die Katze auf, groß und grau, das Gesicht zu einer mordlüsternen Fratze verzogen.

‘Das bin ich’, dachte er sich. ‘Genau so werde ich sein und … und meine Freunde jagen!’

Das Monster leckte sich über die Schnauze, seine Ohren zuckten voller Vorfreudedarauf, die fingerlangen Zähne in seine Beute schlagen zu dürfen. Es knurrte tief und grollend.

 

Kyo wand sich unter ihm, aber es hatte die Vorderpranken auf seine Schultern gestützt und drückte sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihn. Scharfkantiger Schutt schnitt ihm ins Kreuz, er schrie vor Schmerz auf und sein rechtes Auge war mittlerweile so voller Blut, dass er nichts mehr erkennen konnte, außer schwarze und rote Schlieren.

Aber da waren die Zähne, in dem riesigen Maul, das sich öffnete … und das immer näher kam!

Plötzlich verwandelte sich seine Welt in ein Gewirr aus Fell, Krallen und Gebrüll. Er wusste zuerst gar nicht was los war und sah nur einen schwarzen Schatten, der sich von hinten näherte und im nächsten Moment verschwand das Gewicht von seinem Oberkörper und gab ihn frei.

 

Er hatte keine Ahnung was los war, alles war voller Schmerzen, Blut und Wasser und sein Kopf hämmerte schrecklich. In das Geschrei seines Verfolgers, mischte sich auch eine andere Stimme, tiefer und dunkler. Dann wurde er wieder gepackt, doch dieses Mal von einem paar kräftiger Hände, die ihn aufrichten und zur Seite zogen.

Kyo wurde an eine Wand gesetzt und die andere Person klopfte ihm energisch auf die Wange. Panisch und desorientiert schlug er um sich, erkannte dann aber langsam wer vor ihm kniete und sein Gesicht sanft, aber bestimmend umfasste.

»Kyo! Beruhige dich bitte.«

Zwei Augen, so tief wie die schäumende, grüne See, sahen ihn an und er wäre Satoshi am liebsten heulend um den Hals gefallen. Der Arzt sah ihn besorgt, aber auch erleichtert an und wischte ihm mit dem Ärmel seines Kittels vorsichtig das Blut vom Auge. Anschließend zog er etwas aus seiner Manteltasche und drückte es ihm auf die Platzwunde.

 

»Doktor Furukawa?«, krächzte er, fassungslos über seine plötzliche Rettung. Eben hatte er noch ins Maul des Todes gestarrt und nun - ?

Rasch wand er den Blick zur Seite, in Richtung des Lärms und er glaubte seinen Augen kaum. Ein gutes Stück von ihnen entfernt, hatten sich der Graue und ein nachtschwarzer, ihm unbekannter Kater ineinander verkeilt und verbissen. Sie schenkten sich nichts, fauchten, kratzen und bissen immer wieder zu. Der Boden um sie herum, war bespritzt mit ihrem Blut und überall lagen ausgerissenen Fellbüscheln.

»Wer - ?«, fragte er heißer und mit schmerzendem Brustkorb.

»Naomis Bruder«, erklärte Satoshi knapp. »Er sah diesen Kater in der Ruine verschwinden und rief mich an. Gott sei Dank waren wir noch rechtzeitig da!«

 

Naomi? Wer war -? Ach richtig! Die Arzthelferin.

Kyo war total durcheinander. Er starrte die Katzen an, wie sie immer wieder aufeinander losgingen und sich gegenseitig tiefe Wunden zufügten. Plötzlich drückte sich der graue Kater auf den Boden, legte die Ohren an den Kopf, sträubte das Fell und fletschte die Lefzen. Er wirkte immer noch unheimlich und todbringend, aber seine ganze Körperhaltung sprach von trotziger  Unterwerfung.

Dann wich er immer weiter zurück, während sich das schwarze Monstrum über ihm aufbaute und bedrohlich die Vorderpranke hob. Im nächsten Moment wand sich der Verlierer ab und eilte davon, wobei er mit dem linken Hinterbein sichtlich hinkte.

Satoshi erhob sich, während der siegreiche Streiter langsam das Haupt zu den beiden Männern umwandte. Er betrachtete Kyo eingehend, welchem diese Musterung überhaupt nicht gefiel. Er hatte den Eindruck, als wäre ihm der andere zwar nicht direkt feindselig gegenüber eingestellt, allerdings auch nicht gerade wohlgesonnen. Ob er ihn nur deshalb duldete, weil Satoshi hier war?

  

»Yuuto!«, sprach Doktor Furukawa plötzlich mit strenger Stimme.

Der Kater wand nur schwer den Blick von dem immer noch auf dem Boden sitzenden Kyo ab und richtete seine gelben Augen auf den Arzt, welcher einen Schritt nach vorn trat und sich zwischen sie stellte.

»Yuuto!«, wiederholte er bestimmend und erst als er sicher gehen konnte, die volle Aufmerksamkeit des anderen zu haben, sprach er weiter. »Geh zu deiner Schwester!«

Als die Kreatur keine Anzeichen macht, dass sie dem Befehl folge leisten wollte, ließ Satoshi ein sehr tiefes, kehliges Knurren ertönen und richtete sich ein Stück auf. Sogar Kyo bekam in dieser Sekunde einen ersten Eindruck davon, wieso Satoshi in diesem Revier immer noch das Sagen hatte.

»Geh zu Naomi!«

 

Nur mit sehr viel Widerwillen, drehte sich das monströse Wesen um und verschwand in einem anderen Gang. Als sie nichts mehr hören konnten, widmete sich der Arzt umgehend wieder seinem Patienten und half Kyo dabei aufzustehen, einen Arm stützend um seine Schulter gelegt.

»Bis zur Praxis ist es zu weit, aber ich wohne hier in der Nähe.«

»Okay.«

Zu mehr war Kyo einfach nicht in der Lage. In seinem Kopf drehte sich alles und ihm war schlecht. Warum nur hatte er das verdammte Meeting verlassen und war in diese dumme Nebenstraße gegangen? Kaoru hatte wirklich alles Recht dazu, ihn hin und wieder als weltgrößten Vollidioten zu betiteln.

 

***
 

Kapitel 10 ¦ Katzenangst


 

***

 

»Arg! Das brennt wie Feuer!« Er kniff die Augen zusammen, als Satoshi die Platzwunde an seinem Kopf desinfizierte und reinigte.

»Tut mir leid«, murmelte der Arzt.

Sie saßen in dessen Wintergarten. Das Haus war recht groß, hatte zwei Stockwerke und war in einem eher westlichen Baustil gehalten, der den Sänger an Bauhaus erinnerte - was er tatsächlich sehr mochte. Clean, viel Beton, Kunstwerke und Pflanzen überall und mit überraschend viel optischer Wärme. Wer auch immer der Architekt war, musste sein Handwerk wirklich beherrschen. Doch weder für die ungewöhnliche Architektur, noch die hübsche Inneneinrichtung, hatte Kyo in diesem Moment mehr als nur einen flüchtigen Blick übrig.

Er krallte sich in die Armlehnen des korbgeflochtenen Sessels und ließ das Material dabei lautstark knarzen. Auf seinen Schultern lag ein Handtuch, auch wenn seine restliche Kleidung so nass und schmutzig war, dass es eigentlich nicht viel brachte. Kyo sehnte sich nach einer Dusche, schon alleine um den muffigen Gestank und den intensiven Geruch seines eigenen Blutes loszuwerden. Aber er hatte nicht vor, Furukawa um einen solchen Gefallen zu bitten.

 

»Du hattest Glück im Unglück, ich muss nicht nähen«, verkündete dieser und drehte sich zu dem Koffer, der neben ihnen auf dem Esstisch ausgebreitet war. Das Gewitter hatte in der Zwischenzeit an Stärke zugelegt und tobte hinter den verglasten Wänden des Gartens, mit unbarmherziger Kraft.

»Wie lange ist Yuuto schon so?« Eigentlich interessierte es Kyo nicht wirklich, doch er mochte die Stille zwischen ihm und seinem Retter nicht. Irgendwie fühlte sich die Gegenwart des Arztes nach wie vor seltsam an, wenn auch nicht so schlimm wie die von Christine.

»Er ist seit drei Jahren mein Patient«, erklärte ihm sein Gegenüber und begann damit die Wunde zu kleben. »Bei einer Wanderung in den Bergen, hat er versucht seine Schwester zu beschützen und wurde dabei schwer verletzt. Die menschlichen Ärzte in Nara, haben es irgendwie geschafft ihn am Leben zu halten und beide sind schließlich, über einige unschöne Umwege, bei mir gelandet.«

»Aha.« Kyo wusste nicht, was er darauf auch anderes antworten sollte. Satoshi hatte in der Zwischenzeit seinen Kopf versorgt und deutete jetzt auf seine Schulter.

»Was ist damit?« Natürlich war ihm nicht entgangen, dass er Sänger diese schon die ganze Zeit über still hielt und den betroffenen Arm an den Körper drückte.

»Gestoßen«, war die knappe Antwort.

»Lass mich das ansehen.«

»Ich denke nicht, dass - .«

»Doch, das denke ich schon!«, meinte sein Gegenüber, wesentlich strenger und mit einem sehr genervten Murren, entledigte Kyo sich seines Oberteils.

 

Dass er nach wie vor nicht fror, obwohl es Winter und er komplett durchgeweicht war, glich für ihn einem Wunder.

»Sagen Sie«, begann er, als der Arzt seine Schulter genauer in Augenschein nahm und auch hier die Wunden desinfizierte. »Wieso ist mir eigentlich die ganze Zeit so extrem heiß? Geht das irgendwann auch wieder weg?«

Zunächst erhielt er keine Antwort. Irgendwann aber entfernten sich die geschickten Finger von ihm und Satoshi zog ein Laserthermometer aus seinem Koffer. Er hob seinen Pullover an, richtete es auf seinen eigenen Bauch und Kyo sah, wie die Zahl sehr schnell auf über 38°C sprang.

»Nein«, unterstrich der Ältere seine kleine Demonstration und legte das Gerät wieder weg. »Unsere Körper befinden sich in einer ständigen Stresssituation und produzieren sehr große Mengen an Wärme. Ich befürchte, du wirst dich daran gewöhnen müssen.«

Anschließend widmete er sich erneut der Schulter des Sängers. Er bewegte den Arm und erntete dafür ein schmerzerfülltes Fauchen.

»Na, die hast du dir aber ordentlich geprellt«, kommentierte er trocken.

»Was Sie nicht sagen.« Kyo knurrte missmutig.

 

 

»Hast du über die Situation mit deiner Band nachgedacht?«

Mittlerweile hielt er eine Tasse Tee in der Hand, der erstaunlich gut schmeckte und beobachtete Satoshi dabei, wie dieser die Geräte reinigte und alles zurück in den Koffer packte.

»Ja.« Kyo wollte sich eigentlich nicht mit diesem Thema befassen, aber er wusste, dass ihm nichts anderes übrig blieb. »Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich tun soll.«

»Mal angenommen du würdest die Band verlassen«, begann Satoshi, »Könnten sie ohne dich und mit einem anderen Sänger weitermachen?«

»Das ist nicht das Problem!« Kyo strich sich frustriert die Haare zurück. »Ohne sie kann ich nicht existieren.«

Der Arzt hielt in seinem Tun inne und sah ihn an, die Augenbrauen fragend und zweifelnd zusammengeschoben.

»Ist das nicht ein wenig theatralisch?«

Als er den Blick des Jüngeren sah, wurde ihm aber sehr schnell bewusst, dass es hier um mehr als nur die Musik ging.

»Sie sind meine Lebensversicherung«, erklärte Kyo mit gesenkter Stimme. »Ich weiß genau, dass Sie meine Patientenakte gelesen haben, Doktor. Ich muss Ihnen die unschönen Diagnosedetails also nicht extra erklären.«

Kurze Stille, dann nickte der Arzt langsam und klappte den Koffer zu.

 

»Chronischer Selbsthass, seit frühester Jugend, mit ausgeprägten, autoaggressiven Verhaltensweisen und einem starken Hang zur Suizidalität.«

Natürlich hatte er sich die Akte durchgelesen, als er ihn übernommen hatte. Satoshi verfügte über ausreichend Kontakte, um an derart sensible Daten zu gelangen. Aber wenn er einen jungen Feli als Patient übernahm, musste er vor allem auch dessen psychotherapeutische Vergangenheit kennen. Erschwerend kam hinzu, dass Kyo für seine psychischen Probleme regelrecht berühmt war!

»Ja«, antwortete dieser und nippte an seinem Tee. »Die anderen haben einen Teil meiner Symptome auf sich genommen, um mich zu schützen. Für sie ist es irgendein bescheuerter Pakt.« Man sah ihm an, dass er nicht glücklich mit dem war, was seine Freunde für ihn taten, egal wie dankbar er ihnen auch dafür sein mochte.

»In wie fern?«, wollte Furukawa neugierig wissen und nahm ebenfalls wieder Platz.

»Ach, Die hatte damals diese Idee. Wenn ich einen psychotischen Schub habe und die anderen bemerken dass, dann schneidet sich einer von ihnen vor meinen Augen. Hat wohl irgendwas mit Neuronen zu tun, laut meiner Psychiaterin.« Wieso erzählte er das denn jetzt überhaupt? Es ging diesen merkwürdigen Arzt im Grunde einen Scheiß an.

 

Satoshi seinerseits sah aus dem Fenster und schien nachzudenken.

»Hm«, machte er nach einer Weile, »Verstehe. Dass ihr innerhalb der Band, eine derart verstrickte Struktur besitzt, macht das Ganze natürlich weitaus komplizierter. Deine Psyche ist auf die anderen Vier angewiesen, damit du nicht instabil wirst.« Mit verschränkten Armen lehnte er sich zurück. »Das ist schlecht, Kyo. Wirklich schlecht! Wann war deine letzte, dissoziative Phase?«

Wieder wurde es still zwischen ihnen, als der Sänger grübelnd die Tasse zwischen den Fingern drehte.

»Die letzte schlimme? Das muss gegen 2006 oder 2007 gewesen sein. Es gab, mh, berufliche Probleme.«

»Welcher Art?«

Warum musste er das alles jetzt und hier besprechen? Mit einem Onkologen, der obendrein auch noch eine Monsterkatze war?! Kyo kam sich allmählich vor, wie in einem schlechten Film.

»Es ging um interne Differenzen, über unser damaliges Album. Das Ergebnis war nicht zufriedenstellend und irgendwie sind wir uns alle ständig gegenseitig auf die Nerven gegangen.«

»Und du hattest Angst, dass die Band zerbricht?«, schlussfolgerte Satoshi, der darauf aber keine Antwort erhielt. Natürlich hatte er recht, aber Kyo würde den Teufel tun und ihm das auch noch unter die Nase reiben. Es ging ihn nichts an!

 

»Wir müssen also einen Weg finden, um dich und die Band weiter am Leben zu erhalten. Andernfalls besteht die Gefahr, dass du mental derart instabil wirst, dass du zur Bedrohung für Unschuldige wirst.«

Müde, erschöpft und körperlich am Ende, nickte Kyo einfach nur. Er wollte endlich nach Hause, unter die Dusche und danach in sein Bett. All das wuchs ihm mittlerweile über den Kopf und darüber hinaus musste er sich auch noch bei Kaoru, für sein dummes Verhalten vom Mittag, entschuldigen.

»Wieso muss diese Scheiße eigentlich immer mir passieren?«, platzte es frustriert aus ihm heraus. »Von allen Menschen, auf diesem verfickten Planeten, bin ich der letzte, der zu einem blutrünstigen Monster mutieren sollte. Die Medien bezeichnen mich seit fast fünfzehn Jahren als eine Gefahr für die Allgemeinheit, aufgrund der Musik die wir machen. Und jetzt haben sie sogar mal Recht damit!«

Satoshi hörte ihm zu und nickte dann mit einem schweren Seufzen.

»Es ist möglich, dass wir die Kontrolle über das Monster in unserer Brust behalten, Kyo«, sagte er schließlich mit seiner ruhigen, tiefen Stimme. »Aber das erfordert Zeit und Übung. Wenn ich ehrlich bin, dann hatte ich schon lange nicht mehr einen so komplizierten Fall, wie den deinen«

»Und was soll ich jetzt machen?« Ratlos wie er war, griff Kyo nach jedem sich bietenden Strohhalm.

»Nicht aufgeben, wäre schon mal ein guter Anfang.«

 

***

 

Nach der Behandlung und ihrem Gespräch, brachte Satoshi ihn zurück nach Hause. Kyo merkte, dass es ihm selbst sehr unangenehm war, mit seiner nassen und verdreckten Kleidung auf dem teuren Leder zu sitzen und das obwohl ihm der Arzt mehrfach beteuert hatte, dass dies nicht so schlimm wäre.

Als sie am Straßenrand zum stehen kamen und der Sänger, mit einer knappen Verabschiedung, bereits in begriff war auszusteigen, hielt ihn der Ältere Mann zurück.

»Hier«, sagte dieser und reichte ihm eine Visitenkarte. Sie war sehr schlicht gehalten, mit serifenloser Schrift auf hellgrauem Papier. »Die erste Nummer gehört zur Praxis«, erläuterte Furukawa ihm. »Die andere ist meine private.«

‘Andere?’ Erst als er das kleine Stück Papier umdrehte, erkannte Kyo die Nummer auf der Rückseite.

»Bitte ruf mich jederzeit an. Von mir aus auch Nachts, wenn es sein muss.«

Nur zögerlich nickte Kyo. Sein eigenes Smartphone hatte leider den Nachmittag nicht überlebt. Das Display war gesplittert und das Case komplett verbogen. Sehr wahrscheinlich aufgrund seines Zusammenstoß, mit dem grauen Kater.

»Danke, Doktor«, murmelte er und ließ die Visitenkarte in seiner Hose verschwinden. Er wollte nur noch in sein Bett, auch wenn er wusste, dass Kaoru und die anderen vermutlich schon durchdrehten vor Sorge.

 

Ohne ein weiteres Wort stieg er aus, stand nun ein weiteres Mal im Regen und gab der Autotür einen Stoß, um sie zuzuwerfen. Satoshi fuhr nicht los, wollte offenbar warten, bis der Sänger im Haus verschwunden war.

Dieser huschte nun über den Gehweg, fummelte seinen Schlüsselbund aus den tiefen Taschen seiner Hose und trat ein. Wieder einmal traf er im Fahrstuhl niemanden an, war alleine bis er nach oben kam und hätte beinahe die Jacke übersehen, welche am Türknauf seiner Wohnungstür hing.

Kyo blieb stehen, starrte das Kleidungsstück an und streckte die Finger danach aus; vorsichtig, als würde sie ihn beiße, sollte er sie anfassen. Nur langsam nahm er sie an sich, fühlte den rauen Stoff und drückte sie dann an sich. Heulend brach er zusammen, krümmte sich und drückte die Jacke fest in sein Gesicht, ehe er verzweifelt versuchte einen Schrei damit zu unterdrücken.

 

Irgendwo in seinem verdrehten Hirn, nahm er den Geruch von Kaorus Männerparfüm wahr. Es war ein schwerer Duft, den Kyo eigentlich nicht besonders mochte, weil er ihm zu intensiv war; selbst ohne Katzensinne. Nun jedoch hatte es eine derart beruhigende und heilsame Wirkung auf ihn, dass er sich an seiner eigenen Jacke festkralle, wie ein ängstliches Kind an der Mutter.

Natürlich war Kaoru derjenige gewesen, welcher ihm die Jacke vorbeigebracht und vermutlich auch Stunden vor seiner Tür gewartet hatte. Ob er sich Sorgen um ihn machte, zumal Kyo nicht ans Handy ging?

»Natürlich tut er das!«, schrie er sich selbst an. »Natürlich macht der Idiot sich Sorgen!«

Ständig machten sich alle Sorgen um ihn, weil er sich immer wieder in dumme oder tödliche Schwierigkeiten brachte und jetzt ... ?

Heute hatte er das erste Mal, seit dem Vorfall in Denver, verstanden, was es wirklich bedeutete ein Teil dieser absurden Katzenwelt zu sein. Und dieser kurze Einblick, war ein Albtraum!

»Ich kann nicht mehr«, keuchte er, atemlos vom weinen. »Ich kann einfach nicht mehr!«

Sein ganzer Körper bebte, er sah genau so elend aus, wie er sich fühlte und trotzdem war da Kaorus Geruch, der ihn daran erinnerte, dass er nicht alleine war.

  

Er hörte das Geräusch zwar, sah aber nicht auf. Jemand näherte sich der am Boden kauernden Gestalt, blieb stehen und beugte sich zu ihm herunter. Zarte Finger mit einer unglaublichen Kraft, packten Kyo unter den Armen und zogen ihn hoch. Erschrocken zuckte er zusammen, sah über die Jacke hinweg zu der Person, die neben ihm stand und einfach kommentarlos den Schlüsselbund aus seinen Fingern klaubte.

»Shinya.« Seine Stimme war ganz heißer und erstickt. Hatte der andere gehört, was er gesagt hatte? Aber aus dessen Gesicht war nichts abzulesen. Es war undurchsichtig wie immer, fast wie das einer Puppe.

Schweigend schloss er auf, noch immer einen Arm um den Vocal gelegt und mit sanfter Gewalt zog er Kyo regelrecht in das Appartement hinein. Dieser wiederum war nun völlig verunsichert, wurde in Richtung Badezimmer geführt und auf den Rand seiner Wanne gesetzt.

»Shinya?«

 

Der wunderschöne und immerzu schweigsame Mann, beugte sich herunter, nahm sein Gesicht sanft in die Hände und begutachtete die versorgte Platzwunde, die mit Blut verklebten Haare, den Dreck und die ganzen Schrammen. Dann richtete er sich einige Zentimeter auf, küsste ihn sanft auf die Stirn und ließ die Hände ruhig auf Kyos Schultern liegen.

»Ramen, oder lieber Udon?«, fragte er und erntete dafür ein verwundertes Blinzeln.

»Ähm - .« Kyo dachte zuerst, dass er sich verhört hatte, doch Shinya wiederholte seine Frage, mit einem kaum merklichen, mysteriösen Lächeln auf den leicht schiefen Lippen.

»Ramen.« Eigentlich hatte er keinen Appetit und sehnte sich nur noch danach ins Bett zu kommen. Aber auch wenn man meine könnte, dass Shinya ein sanftes Lamm war, so hatte ihr Drummer seine ganz eigene Art, andere zu etwas zu zwingen.

»Gut.«

 

Mehr sagte er nicht, sondern verschwand einfach aus dem Badezimmer. Kyo sackte für einen Moment wieder in sich zusammen, hielt immer noch die Jacke fest an sich gedrückt und atmete zittrig aus. In seiner eigenen Wohnung, ließ die Anspannung der letzten Stunden langsam nach und als er sich entkleidete und mit schwerfälligen, müden Bewegungen unter die Dusche stieg, verklang auch das Flattern seiner Nerven.

Einige Zeit lehnte er nur an der Wand, sah nach unten und beobachtete das Wasser, wie es Dreck und Blut mit sich riss und alles im Abfluss verschwand. Erst dann griff er nach der Seife, rubbelte beinahe grob über seine teils geschundene Haut und brauchte eine gefühlte Unendlichkeit, um die blutverkrusteten Haare wieder sauber zu bekommen.

Irgendwo am Rande seiner Wahrnehmung, hörte er wie die Tür kurz aufging, Shinya etwas sagte und wie er ihn anschließend wieder alleine ließ. Erst als Kyo aus der Dusche stieg und das Bündel sauberer Kleidung auf dem Boden sah, realisierte er, dass sein Drummer ihm diese gebracht haben musste.

 

Als er, mit noch immer nassen Haaren, aber nun sauberen Klamotten am Körper, in die Küche trat, fühlte er sich erstaunlicherweise besser. Shinya saß am Tisch, beobachtete ihn und deutete mit einem Nicken zu der abgedeckten Schüssel, am gegenüberliegenden Sitzplatz.

Vorsichtig, als befürchte er Ärger zu bekommen, ließ Kyo sich auf dem Stuhl nieder, nahm den Deckel von der Schüssel und mit einem Schlag lief ihm das Wasser im Munde zusammen. Hatte er vor einigen Minuten noch geglaubt, dass er keinen Hunger hätte, so stürzte er sich nun regelrecht auf das Essen.

»Wer hat dich so zugerichtet?«, sagte Shinya endlich und stellte damit fast genau die Frage, mit welcher der Sänger gerechnet hatte. Dieser sah auf, sog Nudeln in seinen Mund und schluckte ohne zu kauen. Doch eine Antwort blieb er Shinya trotzdem schuldig.

»Wer war der Mann in dem Auto?«

Aha, also musste der Drummer kurz nach ihnen am Haus eingetroffen sein und ihm war auch Satoshi nicht entgangen. Was sollte Kyo denn jetzt darauf antworten?

 

»Ein Freund«, murmelte er und widmete sich wieder der Schüssel. Dass er den Blick senkte und krampfhaft vermied ins Gesicht seines Bandkollegen zu sehen, zeigte nur zu deutlich, dass er nicht die komplette Wahrheit sprach.

»Ein Freund? Was für ein Freund?«, wurde nachgefragt.

»Er hat mir geholfen, okay!«, es war doch immer das Gleiche. Sobald man ein wenig zu sehr nachbohrte, wurde er ungehalten und ging sogar die Menschen an, die ihm am nächsten standen.

»Wurdest du zusammengeschlagen?« Und wie immer bewies Shinya eine fast schon absurde Geduld mit ihm. Aus welchem Himmel war dieser Mensch eigentlich gefallen? Niemand war so gutherzig, wie Shinya.

»Ja.« Im Grunde war das nicht einmal gelogen. Wenn man mal die Fakten ausließ, dass er von einer monströsen Riesenkatze erst quer durchs Viertel, in ein halb verfallenes Einkaufscenter gejagt und schließlich fast zerfleischt wurden wäre, hätten ihn sein neuer Hausarzt und dessen Patient nicht gerettet.

»Weißt du wer das war?«

»Nein!« Kyo tastete vorsichtig nach der Wunde an seiner Stirn. Sie pochte immer noch unangenehm, aber immerhin war ihm nicht mehr so schwindlig, wie noch einige Stunden zuvor. »War nur ein Zufallsopfer.«

»Also kein durchgeknallter Fan?«, löcherte Shinya weiter, erntete aber nur ein Kopfschütteln.

»Ich bin mir sehr sicher, dass das kein Fan war. Er wollte mein Geld«, baute Kyo die Lüge weiter auf. »Aber meine Jacke war ja noch im Proberaum - oh!«

 

Erst jetzt fiel ihm sein Portemonnaie ein und als hätte sein Freund und Kollege nur darauf gewartet, dass ihm diese Erkenntnis kam, griff er in die Tasche seines Zippers und zog ein kleines, schwarzes Täschchen heraus.

»Deswegen war ich eigentlich hier«, sagte er mit seiner gewohnt sanften Stimme. »Kaoru war vor einer Stunde da und hat versucht dich zu finden, weil du nicht ans Handy gegangen bist und deine Brieftasche noch im Proberaum lag. Sie ist wohl aus deiner Jacke gefallen, als unser Leader-sama damit raus gestürmt ist.« Er legte den Gegenstand der Unterhaltung zwischen ihnen auf den Tisch.

»Mein Smartphone ist kaputt«, erklärte Kyo knapp. »Ist bei der Schlägerei runter gefallen.«

»Keine Sorge, ich habe den anderen bereits Bescheid gegeben, dass ich dich gefunden habe.«

»Dann kann ich also damit rechnen, dass Kaoru alsbald hier aufschlagen wird?«

»Sehr wahrscheinlich ja, auch wenn ich ihm gesagt habe, dass du okay bist und wahrscheinlich deine Ruhe haben willst.«

Wie bitte? Shinya hatte ihrem überbesorgten Ältesten tatsächlich erzählt, Kyo sei okay? Obwohl er ihn vor nicht einmal einer halben Stunde, verzweifelt weinend vom Boden seines Hausflures aufgesammelt hatte? Obwohl absolut jedem mittlerweile klar war, dass Kyo alles andere als okay war?

 

»Ich werde mich morgen bei ihm melden«, versprach er mit müder Stimme und legte seine Stäbchen neben die mittlerweile leere Schüssel. »Und danke für das Essen.«

»Dafür sind Freunde da, Kyo.« Shinya lächelte wieder und streckte die Hand aus. Als der Vocal seine nicht wegzog, berührte er dessen Handrücken mit seinen schlanken Fingern, die zu zierlich für einen Drummer waren. »Wir wissen nicht was mit dir im Augenblick los ist. Aber du kannst immer auf uns zählen.«

Kyo sah auf die Hand seines Freundes, ergriff sie und drehte sie so, dass er die Narbe an Shinyas Arm sehen konnte, die er zu verantworten hatte.

»Ich lebe mit der Gewissheit, dass ich deinen perfekten Körper beschädigt habe«, sagte er leise und strich mit dem Finger über den alten Schnitt. »Und ich weiß, dass ich es euch schuldig bin, offen über meine Probleme zu reden.«

»Kyo - »

»Nur weiß ich momentan nicht, wie ich das machen soll. Bitte«, der Kleinere schaute auf, sah Shinya direkt in die schönen, aber seltsam tief blickenden Augen und atmete zittrig durch, »Gebt mir einfach noch etwas Zeit. Im Moment, muss ich selbst erst einmal mit all dem klarkommen. Wenn ich könnte, dann würde ich euch so gern von dem erzählen was passiert ist und was das alles für meine Zukunft zu bedeuten hat. Aber es geht noch nicht. Es ist zu - .« gefährlich. Das letzte Wort dachte er sich nur, verstummte einfach wieder und senkte den Blick erneut. Auch Shinyas Hand ließ er los und lehnte sich zurück, die Arme vor der Brust verschränkt.

 

Schweigen senkte sich über sie, in dem Kyo einfach nur vor sich hin starrte und Shinya über das Gesagte nachdachte. Schließlich erhob sich der Drummer, nahm die leere Schüssel und die Stäbchen und stellte sie in die Geschirrspülmaschine.

»Sagst du Kaoru bitte, dass er nicht vorbeikommen soll? Ich rede morgen mit ihm«, fragte Kyo, ohne zu dem anderen zu sehen, welcher fast schon mechanisch den Tisch abwischte.

»Natürlich«, antwortete er mit gesenkter Stimme.

»Ich muss mich ohnehin bei ihm entschuldigen. War nicht fair, heute Mittag so mit ihm zu reden.« Man hörte deutlich, wie sehr Kyo seine eigenen Worte wurmten.

»Er ist dir nicht böse«, versicherte Shinya milde milde.

»Aber ich bin es! Kaoru arbeitet so viel für diese Band und ich Vollidiot habe nichts besseres zu tun, als ihn so anzufauchen.«

»Du hast nur das ausgesprochen, was wir uns alle denken.« Elegant lehnte Shinya sich an einen der Küchenschränke. »Das Thema beschäftigt nicht nur dich und Kaoru weiß das genau.«

Mit einem Seufzen nickte Kyo.

 

»Richtest du ihm trotzdem aus, dass ich morgen zu ihm komme?«

»Ja und du gehst jetzt sofort ins Bett, verstanden? Du siehst wirklich furchtbar aus.«

Nun musste Kyo ein wenig schmunzeln. Diese fast schon mütterliche Seite ihres Drummers, sahen sie in den letzten Jahren viel zu selten.

Auch Shinya hatte sich emotional aus vielem herausgenommen, was bei Dir En Grey ablief. Als sie für Withering und Marrow von ihm verlangt hatten, eher einfache Drum-Rhythmen zu spielen, hatte ihm das sehr zugesetzt; zusätzlich zu der Entscheidung, vollständig auf Make-Up zu verzichten.

Mittlerweile tat es Kyo leid, den sensiblen Mann, mit seinen Forderungen, so sehr in die Enge getrieben zu haben. Doch damals erschien es ihm als das Richtige, um endlich wieder unabhängiger zu werden.

 

 

In seinem Schlafzimmer war es dunkel, seine Haare waren nur noch klamm und Shinya war schon längst gegangen. Kyo beobachtete das Lichtspiel an der Zimmerdecke über sich und dachte über die Geschehnisse nach. Seit Stunden lag er hier, wälzte sich müde von der einen auf die andere Seite und konnte doch nicht einschlafen.

»Das kann also aus mir werden?«, fragte er sich laut, streckte einen Arm nach oben und betrachtete seine gespreizten Finger. Er dachte an die Klauenhand der Kreatur und verkrampfte testweise seine Hand, so dass sie im diffusen Licht ähnlich wirkte.

»Sie haben unterschiedliches Fell«, fiel ihm plötzlich auf. »Der eine war grau, der andere schwarz und dieses Ding auf dem Foto braun. Also sind nicht alle identisch.«

Wohin ihn diese Erkenntnis führen sollte, wusste er aber auch nicht. Es half nicht einmal im Ansatz dabei, das Chaos in seinem Kopf zu ordnen, sondern machte alles noch viel schlimmer.

 

Er nahm den Arm wieder runter, drehte sich auf die Seite und schob ihn unter das Kopfkissen. Obwohl er so müde war, kam er einfach nicht zur Ruhe. Die Sache mit der Katze und die Probleme mit Kaoru, gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Er drehte sich auf die andere Seite, starrte nun die Fensterfront und den dahinterliegenden Balkon an. Tatsächlich hatte sich der Regen innerhalb der letzten Stunde verzogen und nun schimmerte an einigen Stellen der Mond durch die erschöpfte Wolkendecke. Für Sterne war der Lichtsmog der Stadt zu stark, aber Kyo sah eh nicht wirklich hin. Schließlich setzte er sich genervt auf, schwang die Beine aus dem Bett und stand auf.

 

 

»Das darf doch nicht wahr sein. Was tue ich hier eigentlich?!«, fragte er sich, während er schnellen Schrittes die Treppen der U-Bahnstation hinauf eilte. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht und Socken angezogen, sondern war einfach barfuß in seine altersschwachen Sneakers geschlüpft. Auch seine Jacke trug er nur, um sich die Kapuze tief über das Gesicht ziehen zu können. Selbst zu so einer späten Stunde, war das Risiko erkannt und angesprochen zu werden, alles andere als gering; wie er schon oft hatte feststellen dürfen.

 

Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, erreichte er schließlich die Straße und wand sich gezielt nach links um. In der Gegend mit den hübschen Familienhäuser, gepflegten Vorgärten und teuren Autos, in der Kamera gesicherten Einfahrt, fühlte er sich direkt wie ein Verbrecher, der auf der Suche nach einem Opfer, oder einem verwaisten Haus war, in welches er einsteigen konnte.

Aber tatsächlich war sein Ziel harmloser, wenn auch nicht weniger eigenartig.

Hier draußen war von der Hektik der Stadt kaum noch etwas zu spüren und obwohl er nur einige Haltestellen gefahren war, hatte er das Gefühl in einer komplett anderen Welt gelandet zu sein. Immerhin regnete es nicht mehr, aber die Uhr bei der Haltestelle hatte ihm kurz nach Zehn angezeigt.

 

Kyo blieb stehen und betrachtete das große, gusseiserne Tor und die hohe Mauer. Den Bau dahinter konnte er nur als einen exzentrischen Mix außer traditioneller und moderner Architektur bezeichnen, mit dem er nicht viel anzufangen wusste. Aber Kaoru war in einigen Dingen manchmal fast schon konservativer eingestellt, als der Vocal.

Er drückte die Klingel und wartete ab.

Nichts passierte, aber im ersten Stockwerk sah er Licht brennen.

Erneut drückte er die Klingel und warf einen Blick auf die Gegensprechanlage. Immer noch blieb alles still. War Kaoru vielleicht in seinem hauseigenen Studio im Keller? Aber soweit Kyo wusste, hatte er auch dort die Elektronik der Klingel hin verlegen lassen.

Als er ein drittes Mal klingelte, wurde urplötzlich die Eingangstür jenseits des Tores aufgerissen und ein sichtlich aufgebrachter Kaoru erschien darin.

 

»Shinya, ich muss auflegen«, hörte Kyo ihn sagen. »Ja er ist hier - Ja - Ja bis morgen.«

Und schon verschwand das Telefon vom Ohr des Älteren und in dessen Hosentasche. Kyo schluckte, als der Summer des Tores aktiviert wurde und er es langsam aufschob. Kaoru wartete, scheinbar geduldig, aber sie beide kannten einander schon zu lange und der Sänger sah genau, dass es jeden Augenblick ein Donnerwetter geben würde.

Unter den wachsamen Blicken seines Leaders, trat er ins Haus, zog sich die Schuhe aus, schlüpfte in die Gästeschlappen und sah dann zu diesem hoch.

Natürlich waren Kaoru die nackten Füße nicht entgangen, aber er schien entschieden zu haben, dass das nicht sein Hauptproblem war. Statt dessen schloss er die Haustür, ging vor und dann durch eine Tür auf der rechten Seite, hinab in den Keller.

»Komm!«, rief er mit beinahe schneidender Stimme.

Kyo folgte zögernd, straffte jedoch die Schultern. Er würde es über sich ergehen lassen und sich entschuldigen, sobald Kaoru mit seiner Wutrede fertig war.

 

Das Homestudio des Leaders war wirklich schön. Kyo hatte es noch nicht so oft gesehen, aber er fühlte sich hier unten für gewöhnlich sehr wohl. Schon alleine, weil sie von niemandem gestört wurden und einfach nur ihr Ding machen konnten.

Nun jedoch stand er seit geschlagenen zehn Minuten in der Mitte des Raumes, ein weicher Teppich unter ihm, wunderschöne Gitarren an den Wänden, ein modernes Mischpult und ein kleiner Aufnahmeraum im hinteren Teil. Selbst eine Sitzecke hatte der Leader einbauen lassen. Eigentlich sollten sie viel häufiger hier sein und proben.

» - eine Ahnung, wie viele Sorgen wir uns ständig um dich machen?!«, donnerte der Ältere und fuchtelte dabei wild gestikulierend mit den Händen herum.

»Tut mir leid«, murmelte Kyo, immer noch auf den Boden starrend, wie ein kleines Kind.

»Ach, es tut dir leid?«, fauchte Kaoru. »Du haust einfach ab, lässt alles stehen und liegen und verschwindest für sieben Stunden von der Bildfläche!«

»Entschuldige.«

»Ich war kurz davor die Polizei anzurufen! Hätte Shinya mir nicht gesagt, dass du wieder zu Hause bist, dann wäre ich auch sämtliche Krankenhäuser abgefahren. Verdammt nochmal, Kyo! Wir dachten, dass du vielleicht von einer Brücke gesprungen bist!«

»Es tut mir doch leid!«, schrie der Sänger aufgebracht. »Wie oft soll ich es dir noch sagen, Kaoru?!«

 

»Und was ist mit deinem Gesicht passiert? Shin sagte etwas davon, dass du in eine Schlägerei geraten bist« Der andere streckte die Hand nach den langsam aufblühenden Hämatomen auf der Wange des Jüngeren aus, aber Kyo wich zurück.

»Shinya lügt nicht. Ich wurde wirklich zusammengeschlagen«, verteidigte er sich und den Drummer. Kaorus Miene wurde ernster.

»Weißt du wer das war?«

»Nein. Irgendein Typ. Wahrscheinlich von einer Gang, oder so etwas.« Es fiel ihm sehr schwer den Blick aufrecht zu halten, um in Kaoru nicht den Verdacht zu erwecken, dass das eine glatte Lüge war.

»Dann sollten wir Anzeige erstatten.« So wie der andere die Arme verschränkte, wurde sehr deutlich, dass er das auch absolut ernst meinte.

»Ich weiß nicht wer das war und mit so einem Mundschutz, sehen alle Menschen gleich aus. Schwarze Haare und dunkle Augen, trifft auf die allermeisten Japaner zu.«

Kyo wollte nicht, dass Kao zu tief in diesem Thema bohrte. Je weniger Berührung die Band mit dieser irren Welt hatten, umso besser. Es genügte bereits, dass Kyo bis zum Hals drin steckte.

 

Kaoru hingegen schwieg nun, musterte ihn eingehend und schien über seine Worte nachzudenken. Der Sänger fühlte sich, unter den forschenden Blicken seines Leaders, ausgesprochen unwohl und sah sich etwas verloren im Raum um.

»Es ist deine Entscheidung. Ich würde es aber begrüßen, wenn du das ganze an die Polizei vermittelst.« Offenbar hatte Kaoru sich tatsächlich ein wenig beruhigt, denn seine Stimme war nicht mehr so angespannt wie vorher.

»Ich denk drüber nach.«

Natürlich war ihnen beiden klar, dass Kyo dies nur sagte, um das Thema damit zu begraben. Vielleicht war es der Ältere aber einfach nur auch leid, denn er fragte:

»Dein Handy ist kaputt?«

Um sein Nicken zu untermauern, zog Kyo die Handvoll Altmetall aus seiner Jacke und hielt ihm das arme, kaputte Ding vor die Nase.

»Ich kauf mir morgen ein neues.«

 

»Wer war der Mann, den Shinya bei dir gesehen hat?«

Aha! So zurückhaltend wie ihr Drummer sich immer gab, war er die meiste Zeit über doch eine ziemliche Tratschtante! Natürlich hatte er Kaoru auch von dieser Beobachtung erzählen müssen.

»Das war ein Freund«, gab Kyo seine knappe Antwort und erntete dafür eine zweifelnd hochgezogene Augenbraue. »Bitte frag einfach nicht weiter nach, okay! Er hat mir geholfen, mehr müsst ihr nicht über ihn wissen.«

»Kyo - .«

»Ich meine es ernst, Kaoru. Er ist Arzt, er hilft mir und das ist alles was ich dir sagen werde. Du kannst mir alle möglichen Fragen stellen, aber nicht zu ihm.«

»Gut, dann will ich wissen, was mit dir lost ist. Seit Denver bist du uns gegenüber zurückhaltender und noch verschlossener als sonst. Letztens dieser seltsame Anruf von dir, mitten in der Nacht. Gut, es ist nicht das erste Mal, dass du mich um vier Uhr morgens anrufst, um mir eine neue Songidee in den Hörer zu brüllen, aber du hast völlig durch den Wind geklungen.

Heute Mittag fährst du mich wegen einer Sache an, von der du genau weißt, dass ich daran nichts ändern kann und nun das hier«, dabei machte Kaoru eine umfassende Bewegung, die sich auf Kyos Schrammen, Hämatome und Wunden bezog.

»Ich frag dich jetzt ganz direkt und du wirst mir auch ehrlich antworten und keine Ausflüchte!«

Da er nichts anderes darauf zu erwidern wusste, nickte der Sänger.

»Kyo, nimmst du Drogen?«

 

Gut, damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet und dementsprechend überrascht starrte er seinen Gegenüber für mehrere Sekunden an; fassungslos.

»Nein!«, platzte es schließlich aus ihm heraus. »Kaoru das weißt du genau!«

»Ach? Weiß ich das?« Dieser verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung mehr, was ich noch glauben soll, Kyo. Du sagst, dass du in keiner neuen Krise steckst, benimmst dich aber alles andere als psychisch stabil. Sag uns wie wir mit der Situation umgehen sollen. Ich kann mich für dich schneiden, Kyo, aber so etwas geht zu weit!«

»Ich will aber nicht, dass ihr euch für mich verletzt!«, rief er aufgebracht und packte den vernarbten Arm seines Gitarristen. »Kaoru ich nehme keine Substanzen, das ist die Wahrheit!«

»Was ist es dann?«

Kyo konnte nun deutlich spüren, wie angespannt der Ältere war und er fühlte sich absolut beschissen deswegen.

‘Und schon wieder dreht sich alles nur um mich. Kann das bitte endlich aufhören?!’

 

»Es - «, was sollte er denn jetzt nur sagen? Wie um Himmels Willen, sollte er irgendwas davon erklären? »Ich hab wohl etwas chronisches und es wird dauern, bis ich damit zurecht komme.«

Als Kaoru bereits zu einer Frage oder Vermutung ansetzte, fuhr Kyo ihm etwas ruppig dazwischen.

»Nein es ist kein Krebs! Das habe ich Toshiya auch schon gesagt.« Krampfhaft suchte er nach einer glaubwürdigen Notlösung, die weder den Angriff in Denver, noch den heutigen Vorfall beinhaltete.

»Es ist meine Stimme«, fiel ihm schlussendlich ein und da seine Hand noch immer auf Kaorus Unterarm ruhte, merkte er, wie dieser dezent zusammenzuckte.

Das Thema Stimmbanderkrankungen, war bei ihnen schon seit Jahren ein immer wiederkehrendes Problem und erst vor wenigen Wochen hatte es bei einer anderen, jahrelang erfolgreichen Band eine Auflösung genau deswegen gegeben. [1]

Kyo sah deutlich die Panik in Kaorus Augen aufsteigen.

»Ich hab da was an den Stimmbändern. Es ist nicht bösartig, aber ich kann damit nicht richtig singen.«

Scheinbar ratterte es hinter der Stirn des Leaders, denn langsam schien dieser zu verstehen.

»Deswegen der Arzt?«

Innerlich aufatmend, stimmte Kyo ihm zu. »Ja. Es macht mir zu schaffen.«

 

Endlich ließ Kaoru die verschränkten Arme sinken und er seufzte schwer und mitfühlend.

»Oh man, Kyo. Und wie immer behältst du es erst einmal für dich, anstatt mit uns darüber zu sprechen.«

»Ich musste das alles selbst erst einmal verarbeiten und brauchte eine zweite ärztliche Meinung.«

»War das schon vor deinem Zusammenbruch da?«

Auf diese Frage erhielt Kaoru ein Schulterzucken, was er auch vorerst akzeptierte. Diesen Schock würde er erst verdauen müssen.

»Und wie ist die Prognose? Du sagtest, dass es wohl chronisch sei.«

»Das muss noch untersucht werden. Der Arzt, bei dem ich in Behandlung bin, soll aber sehr gut sein. Ich vertraue ihm.«

»Seit wann vertraust du denn Ärzten?«, fragte Kaoru erstaunt. Nach allem was er in der Vergangenheit hatte durchmachen müssen, war Kyo für gewöhnlich der letzte Mensch auf diesen Planeten, der einen Arzt freiwillig an sich heranließ, wenn es nicht absolut notwendig war.

»Ich habe meine Gründe.« Und schon wieder war es mit der Offenheit vorbei.

 

Kaoru seufzte wieder, dieses mal aber sehr resigniert und schien es damit für heute gut sein zu lassen. Er sah wahnsinnig müde aus und rieb sich über die Augenlider.

»Du kannst das Gästezimmer haben.«

»Es sind doch nur drei Stationen - .«

»Gästezimmer, Kyo!«, rief der andere, als er bereits an ihm vorbei ging.

Da eindeutig nicht mit dem Gitarristen zu diskutieren war, folgte Kyo ihm aus dem Studio und hoch in das erleuchtete Wohnhaus. Er war sich bis heute nicht sicher, ob er Kaorus Haus nun mochte, oder nicht. Da er gelegentlich andere Künstler zu Besuch hatte, gab es auch ein geräumiges Gästezimmer mit eigenem Bad. Er trat ein, während sein Gastgeber in der Tür stehen blieb.

»Brauchst du noch irgendwas?«, fragte Kaoru, erntete dafür ein Kopfschütteln.

Mit einem Schlag kehrte die Müdigkeit zurück in Kyos Körper und er ließ sich kurzerhand quer auf das große Bett fallen, sank einige Zentimeter in die Matratze, atmete den etwas herben Duft von zu viel Weichspüler ein, fühlte den Stoff an seiner Wange - und schlief nur Sekunden später einfach ein.

 

»Oh«, damit hatte Kaoru nicht gerechnet. Er wusste, dass Kyo jederzeit und überall einfach schlafen konnte, wie es ihm beliebte. Aber das hier war sogar für ihn neu, trotz fünfzehn Jahre Lebenserfahrung, mit seinem ganz persönlichen Wahnsinnigen.

Leise trat er zum Bett, packte kurzerhand die Knöchel des Sängers und drehte diesen so, dass er nicht mehr zum Teil über den Rand der Matratze hinaus ragte. Von Kyo gab es ein leises Brummen, doch er machte keine Anstalten aufzuwachen.

Nachdem er ihn zugedeckt und das Licht gelöscht hatte, schloss Kaoru die Tür und beschloss in den ummauerten Garten zu gehen.

 

***
 

Kapitel 11 ¦ Katzenzorn


 

***

 

Als Kyo am nächsten Morgen zu sich kam, sah er zuerst die ungewohnte Umgebung, die sich hinter den Strähnen seiner Haare offenbarte. Er musste dringend das Chaos auf seinem Kopf in den Griff bekommen.

Erst nur langsam, dann immer geordneter, krochen die Erinnerungen an den vorangegangenen Abend in seinen Kopf und er drückte das Gesicht mit einem tiefen Brummen wieder ins Kissen.

Gleichzeitig merkte er jedoch auch, dass er sich so erholt fühlte wie schon lange nicht mehr. Gähnend drehte er sich auf den Rücken, streckte die Glieder und stieß ein zutiefst entspanntes Schnurren aus. Nur um im nächsten Augenblick zu erstarren und angestrengt in die Stille des Hauses zu lauschen. Fast als ob er befürchtete, Kaoru habe ihn gehört.

Und überhaupt, seit wann konnte er derartige Laute von sich geben?

 

Dass er in seiner Kleidung vom Vorabend geschlafen hatte, wurde ihm erst bewusst, als er aufstand und den Rücken so lange durchdrückte, bis dieser knackste. Kaorus Bett war einfach viel zu weich für seinen Geschmack.

Leise öffnete er die Tür zum Gästezimmer und spähte hinaus. Vor ihm lag das große Wohnzimmer, mit der offenen Küche, verwaist vor und auch aus dem Rest des Hauses war kein einziger Laut zu vernehmen. Kyo runzelte die Stirn, trat in den Raum und sah sich um. Beim Blick auf die Digitalanzeige von Kaorus TV-Receiver, blinzelte er einmal, zweimal, kniff die Augen zusammen und hob dann zweifelnd eine Augenbraue.

Es war kurz nach halb Drei am Nachmittag. Hatte er fast fünfzehn Stunden am Stück geschlafen?

 

Bevor er den Gedanken weiter vertiefen konnte, wurde er von Stimmen unterbrochen.

Nein, nicht Stimmen. Eine Stimme! Aus dem Stockwerk über ihm.

»Kaoru?«, murmelte er ziellos. Es klang als würde sich dieser mit jemandem unterhalten und da er keine zweite Person hörte, entschied Kyo, dass sein Kollege wohl einfach nur telefonierte. Unentschlossen stand er da, wusste nicht so recht, was er nun tun sollte und schob schließlich die große Glastür zum Garten auf.

Eisige Winterluft blies ihm entgegen. Es regnete nicht mehr, der Himmel war klar. Aber die Temperaturen mussten seit letzter Nacht gefallen sein, denn vor seinem Mund bildeten sich weiße Wolken und nun fröstelte es sogar seinem sonst so überhitztem Körper.

Barfuß trat er trotzdem hinaus auf die Terrasse, die Arme nur leicht um den Körper geschlungen und die Kälte genießend.

Am liebsten hätte er sich eine Zigarette angesteckt. Seit dem Vorfall rauchte er wieder verstärkt aus Stress. Allerdings hatte er die Schachtel zu Hause liegen lassen, da eine Übernachtung nicht teil seiner gestrigen Pläne war. Nun stand er also hier und ließ das Gefühl auf sich wirken, wie seine Füße und Hände allmählich taub wurden vor Kälte.

 

Plötzlich wurde über ihm ein Fenster geöffnet. Kyo legte den Kopf in den Nacken, sah aber nichts, bis auf die Unterseite des Vordaches. Wahrscheinlich hatte Kaoru es nur zum lüften aufgeschoben, denn er vernahm wieder die Stimme des Leaders, nun jedoch aufgebracht.

» - Ich weiß was in dem verdammten Vertrag drin steht!«, donnerte er wütend. Es wurde schnell klar, um was es ging. Kyo verhielt sich still und lauschte.

»Wir müssen das endlich ändern. Andernfalls kann ich nicht dafür garantieren, dass die Band das noch lange mitmacht.«

Eine Pause entstand, in welcher sein Gesprächspartner etwas antwortete.

»Ja, das darfst du von mir aus gern als Drohung auffassen!«

Kyo schauderte und schlang die Arme fester um sich. Er wäre am liebsten zurück ins Haus gegangen, wusste dass er nicht lauschen sollte, aber es ging ja auch indirekt um ihn.

»Wage es nicht, mir zu drohen! Er ist schon lange nicht mehr so wie damals. Wir können jederzeit jemand neues suchen, der mit uns arbeiten - Ich diskutiere darüber jetzt nicht! Setz mir einen Änderungsvertrag auf und ich werde davon absehen, dass wir uns nach einem anderen Manager umschauen!«

 

Kaoru schien aufgelegt zu haben, denn nun hörte Kyo ihn mit zusammengepressten Zähnen vor sich hin schimpfen und im Zimmer auf und ab gehen.

»So eine verdammte Scheiße. Manchmal wünschte ich wirklich, Kyo wäre nicht so - .« Der Gitarrist unterbrach sich selbst und seufzte schwer. Nun wurde es Kyo auch kalt und schwer ums Herz.

‘Es tut mir leid, Kaoru’, entschuldigte er sich stumm und senkte betreten den Kopf. ‘Es tut mir unendlich leid, dass ich euch das alles zumute.’

 

Noch einige Minuten blieb er auf der überdachten Terrasse, dann wand er sich um und ging zurück ins Haus. In dem Moment, als er die Glastür hinter sich zuzog, kam Kaoru die Treppe herunter. Überrascht sah er den vom Schlaf zerzausten Sänger an und lächelte dann milde.

»Von den Toten auferstanden, wie ich sehe?«, scherzte er und erntete ein Nicken. Auch Kyo rang sich zu einem Lächeln durch. »Ich weiß ja, dass du morgens keinen Kaffee trinkst. Aber es ist bereits kurz nach drei, also … .«

Nun musste Kyo tatsächlich ein wenig lachen.

»Dann koch Kaffee und hör auf mich als Ausrede für deine Koffeinsucht zu benutzen, Leader-sama.«

 

***

 

Er blieb noch bis in die Abendstunden bei Kaoru, hörte sich ein paar von dessen neusten Kompositionen und Vorschlägen an und brachte selbst ein paar Ideen mit ein, ehe er sich schließlich auf den Heimweg machte, mit Zwischenstopp beim nächsten Elektronikmarkt.

Irgendwie wurde Kyo den Eindruck nicht los, eine grundlegende Spannung zwischen ihnen beiden damit vorerst beiseite geschafft und wieder Platz für weniger erdrückende Dinge geschaffen zu haben.

Aber sein Hauptproblem blieb nach wie vor seine aktuelle Situation. Es tat gut sich für einige Stunden davon ablenken zu können. Doch als er wieder in die Stille seiner Wohnung trat, kehrten auch die Erinnerungen und Gedanken zurück.

Die vielen ungeklärten Fragen waren noch immer da, aber zumindest hatte er einen Entschluss gefasst und von dem würde ihn niemand abbringen! Auch nicht Satoshi.

 

‘Dir En Grey bleibt bestehen. Ich lass nicht zu, dass mir das irgendwer kaputt macht!’

 

Als er nackt in seinem Badezimmer stand und neben ihm die Wanne mit dem heißen Wasser volllief, betrachtete er seinen eigenen Körper eingehend. Er hatte abgenommen, sah sehr bleich und zerschunden aus, überall an seinen Armen waren große und kleine Narben - die Zeugnisse seiner Vergangenheit. Einen Teil davon hatte er bereits tätowieren lassen, doch es gab noch sehr viel mehr davon.

Auch seine Brust erzählte ihre ganz eigene Geschichte und als er nach unten sah und auf die vernarbte Bisswunde an seiner Wade blickte, verfinsterte sich seine Miene.

»Ich krieg dich unter meine Kontrolle«, sagte er mit fester Stimme zu seinem Spiegelbild, welches langsam hinter einem Nebel aus Kondenswasser verschwand. »Und wenn es das Letzte ist, was ich tue! Wir beide werden miteinander auskommen müssen und ich werde verdammt nochmal auf der Bühne stehen und singen. Kapiert!«

 

Fast als würde das Monster in seinem Innersten seine Ansage wirklich hören, entwich ihm ein Knurren.

»Die Bühne ist unser Revier und die Band ist unser Rudel. Hast du das verstanden?!«

Irgendwie kam er sich auch albern vor, wie er hier alleine stand und sich selbst eine Ansage hielt. Doch was sollte er denn anderes tun? Kyo gingen die Optionen aus und er wollte endlich sein komplettes Leben wieder in seiner eigenen Hand haben.

»Sie haben uns so viel weggenommen. Dieser scheiß Vertrag schreibt uns vor, was wir zu tun und zu lassen haben und das muss endlich aufhören.«

Er wand sich um, stieg in die Wanne und sank mit einem Fauchen ein. Das heiße Wasser brannte auf den Schürfwunden und blauen Flecken, entspannte aber auch gleichzeitig seine Muskeln.

»Ich hol mir meine Musik zurück. Koste es was es wolle!«

 

Nach dem Bad, als er zum Abkühlen und nur in Shorts auf seinem Balkon stand, immer noch bei Minusgraden, tippte er die Nummer von der Visitenkarte auf seinem neuen Handy ein und wartete.

 

»Furukawa am Apparat, wer spricht da bitte?«, meldete sich die mittlerweile vertraute Stimme. Kyo sog an seiner Zigarette und antwortete, während er den Dunst ausstieß.

»Nishimura.«

»Ah, guten Abend« In der Stimme des alten Mannes war ein Lächeln zu hören. Irgendwo im Hintergrund vernahm er leise Musik; irgendwas modernes, was aber nicht aufdringlich klang. »Was kann ich für Sie tun, Kyo?«

 

Der Sänger überlegte kurz, wie er sein Anliegen am besten formulieren sollte.

»Hm, ich bräuchte ein Diagnoseschreiben von Ihnen«, erklärte er, drückte den Stummel aus und überlegte, sich eine neue Zigarette anzuzünden, unterließ es dann aber.

»Welcher Art?«

»Kaoru, mein Bandleader, hat ein paar Fragen zuviel gestellt und ich habe ihm erzählt, dass ich aktuell Stimmbandprobleme habe und nicht richtig singen kann.« Er wand sich um und lehnte sich mit dem nackten Rücken gegen das kalte Geländer.

»Ich verstehe.« Satoshi schien kurz nachzudenken. »Ich könnte ihnen eine Diagnose für auffälliges Gewebe an den Stimmbändern geben, wenn Ihnen das hilft.«

»Es müsste etwas sein, womit ich ein wenig auf Zeit spielen kann.«

»Sie wollen also Ihre Karriere fortführen?« Dass der Arzt davon nicht zu begeistert war, hörte man deutlich heraus, doch Kyo ließ sich nicht davon beirren.

»Ohne meine Musik, würde ich den Verstand verlieren, Doktor«, erklärte er. »Ich werde das in den Griff bekommen, was auch immer aus mir wird.« Kurz dachte er an seinen Plan und musste ein wenig grinsen. »Sie sagten, dass ich ein ‘Kater’ mit einer starken Präsenz wäre.« Irgendwie fühlte es sich völlig absurd an, dieses Wort auf sich selbst bezogen anzuwenden.

»Jemand mit Ihrer Ausstrahlung, neigt für gewöhnlich dazu, sich eines Tages ein eigenes Revier zu erstreiten.«

»Das habe ich auch vor.«

 

Furukawa räusperte sich, bei Kyos Aussage und gab ein etwas vorsichtiges: »Wie bitte?«, von sich.

»Die Bühne«, erwiderte Kyo, den Blick in den verhangenen Himmel gerichtet. »Das wird mein Revier sein. Die Bühne, die Band und meine Musik. Ich lasse mir das nicht wegnehmen! Egal was Sie, oder die Verrückte, auch dagegen sagen werden.«

Für einige Sekunden kehrte Stille zwischen ihnen ein. Offenbar hatte er den eigentlich so erfahrenen Mediziner, mit seiner Ansage, sprachlos gemacht und ein wenig feierte er sich selbst für diesen Erfolg.

»Okay«, kam es schließlich langsam aus dem Hörer. »Und wie wollen Sie das anstellen?«

Kyo tat, als müsse er darüber kurz nachdenken.

 

»Ich werde dafür einige Dinge erst einmal in die Wege leiten müssen. Aber dafür brauche ich dieses Diagnoseschreiben, damit uns das Label für eine Weile in Ruhe lässt. Sie haben ja keine Ahnung, wie anstrengend solche Knebelverträge sein können.«

»Trotz Ihres beachtlichen Erfolges?«, fragte Satoshi, hörbar erstaunt.

»Gerade deswegen! Wenn Plattenfirmen merken, dass man aus einer Band viel Geld quetschen kann, dann setzen die alles daran, um einen auch mit unfairen Mitteln zu binden.«

»Aha.« Furukawa verstand. »Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung von der Musikbranche. Aber wenn es so ist, wie Sie es mir schildern, dann müssen Sie wirklich aus diesem Vertrag raus. Sollte Ihre Katzennatur spüren, dass Sie von irgendwas, oder irgendjemandem, in einem Käfig gehalten werden, wird sie das nicht akzeptieren und aktiv dagegen vorgehen.«

Seine eigene Theorie und sein Plan, wurden damit bestätigt und Kyo nickte sich selbst stumm zu.

 

Der Arzt redete weiter; »Also gut, ich werde Ihnen eine Krankschreibung ausstellen, für die nächsten drei Monate. Sollte Ihr Management es einfordern, kann ich Ihnen das auch noch einmal von einem HNO-Arzt bestätigen lassen.«

»Drei Monate sollten ausreichen.« Kyo stieß sich vom Geländer ab und trat wieder in seine Wohnung. »Können Sie mir das Schreiben so schnell wie möglich schicken?«

»Natürlich, wenn Sie mir Ihre Email Adresse geben, dann sende ich es Ihnen noch heute.«

»Haben Sie überhaupt ein Privatleben, Doktor?«

Satoshi begann laut zu lachen.

»Genau das hat mich meine Frau auch immer gefragt.«

Verwundert von dieser Aussage, blinzelte Kyo.

»Sie sind verheiratet?«

»Verwitwet«, es schwang keine Trauer in Satoshis Stimme, aber doch ein gewisses Bedauern. »Sie hat mich als das kennengelernt, was ich bin und Tomoe hat viel mit mir durchgestanden. Sie war großartig, liebevoll, streng. Ich weiß, dass Ihnen unsere Welt sehr distanziert und und isoliert erscheint, aber wir sind nicht nur Monster, sondern auch Menschen.«

Der Sänger ließ sich auf seiner Couch nieder und dachte darüber nach.

»Für Sie war Ihre Frau, der Mensch den Sie am meisten beschützen wollten?«, fragte er.

»Sie und mein Sohn. Wir verloren Nao, als er noch ein Kind war. Das hat uns als Paar damals sehr eng zusammengeschweißt.«

 

Kyo hätte nie gedacht, dass der ältere Kater bereits derart viele, schreckliche Schicksalsschläge im Leben hatte erleiden müssen. Kein Wunder also, dass er und die Irre ein so enges Verhältnis zueinander hatten. Andererseits machte ihm diese Erzählung auch Hoffnung.

»Meine Band ist meine Familie«, sagte er. »Sie waren in der schlimmsten Zeit meines Lebens für mich da, ich verdanke ihnen alles, ich will sie unbedingt beschützen. Aber - .«

»Sie haben Angst, dass die Katze das nicht will?«

»Ja.« Kyos Stimme war belegt und leise. »Seit ich von all diesen Dingen weiß, träume ich davon ihnen etwas anzutun.«

Satoshi gab ein zustimmendes Brummen von sich und sprach dann sanft, beinahe väterlich.

»Dann muss Ihr inneres Wesen lernen, dass Ihre Band ein Teil von Ihnen ist. Wir können lebenslange Partnerschaften eingehen, aber es ist gefährlich und wir werden auch immer ein Risiko für die anderen Menschen in unserer Umgebung sein. Erinnern Sie sich daran, wie ich mit Yuuto gesprochen habe?«

Kyo überlegte, war nicht sicher was Furukawa meinte. Er war dem Patienten des Arztes nur einmal in dem alten Einkaufscenter begegnet, also rief er sich diesen Moment gedanklich hervor, so gut er konnte.

 

»Er schien nicht ganz bei der Sache zu sein«, murmelte er, mehr zu sich selbst. »Ich hatte den Eindruck, dass er Sie herausfordern wollte.«

»Richtig«, stimmte Satoshi zu. »Yuuto muss erst noch lernen, mit seiner animalischen Seite richtig umzugehen. Er war nach dem Kampf noch im Angriffsmodus und indem ich ihn zu Naomi geschickt habe, habe ich ihm eine neue Aufgabe gegeben, auf die er sich konzentrieren konnte. Seine kleine Schwester ist ihm absolut heilig. Indem ich den Fokus auf sie lege, kann er sich von dem Drang ablenken, nach neuen Rivalen Ausschau zu halten.«

»Man kann es also lernen?«

»Ja, das ist zwar bei jedem Feloidea unterschiedlich und manche haben stärker mit ihrem inneren Monster zu kämpfen, als andere. Aber in der Theorie kann man verschiedene Strategien erlernen, um damit umzugehen.«

Hatte er sich nach ihrem letzten Gespräch noch überfordert und absolut elend gefühlt, so keimte nun endlich wieder Zuversicht in Kyo auf.

 

***

 

Der Schock der anderen saß tief, das sah er ihnen an und Kyo musste sehr mit sich kämpfen, um die Zettel, die zwischen ihnen und dem Manager lagen, nicht wieder an sich zu nehmen und zu sagen ‘War nur ein Witz’.

»Das - das können Sie nicht ernst meinen!«, platzte es aus dem Mann zu seiner rechten heraus und seine Fassungslosigkeit bereitete ihm eine gewisse Freude.

‘Du wirst noch dein blaues Wunder erleben, mein Freund.’, dachte er sich, innerlich hämisch grinsend.

»Es ist mein voller Ernst. Mindestens drei Monate, laut meinem Arzt und eventuell wird man die Krankschreibung verlängern müssen.«

Satoshi hatte sein Versprechen gehalten und ihm mehrere Dokumente ausgestellt, die ihm eine gutartige Wucherung an den Stimmbändern attestierten. Allerdings mit starken Einschränkungen für seinen Gesang, was ihn vorerst arbeitsunfähig machte. Er musste auf Zeit spielen.

 

Bereits jetzt hatte Kyo an sich selbst erste Veränderungen registriert, die ihm Sorgen bereiteten. Zum einen seine veränderten Sinne. Er nahm Gerüche viel intensiver wahr als früher und hatte in der letzten Nacht seine gesamte Wohnung auf den Kopf gestellt, weil ihn ständig irgendetwas störte.

Mal war es die Deoflasche aus dem Badezimmer, dann der alte Aschenbecher auf dem Balkon, das abgestandene Wasser im Übertopf seiner Yuccapalme und sogar an der uralten, verstaubten Duftkerze auf seinem Schrank, die er mal dort abgestellt und dann vergessen hatte, fand er nun etwas auszusetzen. Kyo hatte den Eindruck, dass die Welt sich in einen wahnsinnig stinkenden Ort verwandelte.

Doch nicht nur die Gerüche wurden für ihn unerträglich, sondern auch Licht und Lärm. Selbst jetzt saß er mit seiner großen Sonnenbrille da, weil es ihm in den Augen stach. Drauf angesprochen meinte er zu Kaoru, dass ihn die Medikamente, die er angeblich nahm, sehr lichtempfindlich machten. Da der Leader gelegentlich an Migräne litt, brachte er ihm hierbei sogar Verständnis entgegen.

 

»Wie stellen Sie sich das vor, Kyo-san? Es gibt sehr viel zu tun und … und …«, stammelte ihr Manager, dem der Angstschweiß richtig auf der Stirn stand. Der Sänger hingegen genoss diesen Anblick sehr.

‘Ganz genau, jetzt werde ich derjenige sein, der am längeren Hebel sitzt’, schnurrte er in Gedanken.

»Wie sieht denn die Prognose aus?«, fragte Dai, nachdem er den ersten Schock verdaut und das Diagnoseschreiben überflogen hatte.

»Es ist behandelbar und Doktor Furukawa sagt, dass er Erfahrung hiermit hat. Allerdings dauert es lange, um es richtig ausheilen zu lasse. Sollte ich zu früh wieder mit dem Singen anfangen, ist es möglich, dass ich mir meine Stimme für immer ruiniere.«

Bei diesen Worten, zuckte der Manager heftig zusammen. Kyo glaubte in dessen Augen echte Sorge zu erkennen. Aber nicht Sorge um die Gesundheit des Sängers, sondern darum, ihn als Goldesel zu verlieren.

 

»Dann wirst du alles tun, was dieser Arzt dir sagt!«, warf Kaoru mit fester Stimme ein.

»Das habe ich auch vor.« Kyo tippte auf die Krankschreibung. »Mir wurde zwar das Singen verboten, aber das heißt nicht, dass ich nicht texten kann.«

Plötzlich musste Toshiya lachen.

»Damit du aufhörst zu schreiben, müssten schon wesentlich schlimmere Dinge passieren.«

»Aber Ihre Stimme klingt doch ganz normal, wenn sie sprechen, Kyo-san.«, unterbrach der Manager die Unterhaltung.

»Das mag sein.« Hinter seiner Sonnenbrille, warf Kyo dem nervösen Mann neben sich, einen vernichtenden Blick zu, »Aber das Singen bereitet mit starke Schmerzen. Ich kann die Töne kaum halten und alles klingt schrecklich schief.«

Er hatte nicht vor dies zu demonstrieren, also wand er sich ab und zeigte somit klar und deutlich, dass er nicht weiter auf seine angeblichen Symptome eingehen wollte.

 

»Wie werden wir nun weiter machen?«, fragte Shinya ruhig, auch wenn in seinem Gesicht sehr viel Besorgnis stand. »Drei Monate sind eine lange Zeit.«

»Durch die Tour hatten wir die Arbeiten an dem Remaster von Uroboros unterbrochen.« Kaoru öffnete seinen Planer; ein bereits sehr mitgenommenes Büchlein, welches voller Notizen, Post-its und Markern war. »Aber hierbei muss hauptsächlich neu abgemischt werden. Vor ein paar Tagen, bin ich mit Kyo ein paar Ideen für einige neue Songs durchgegangen.«

Kyo nickte zustimmend.

»Es sind gute Parts dabei. Daraus können wir sicherlich eine Menge machen.«

Die Stimmung im Raum lockerte sich spürbar und Kyo schmunzelte geheimnisvoll vor sich hin. Scheinbar beruhige es auch ihren Manager, welcher sich nervös, aber zumindest nicht mehr kurz vor einer Panikattacke stehend, mit einem Taschentuch über die Stirn tupfte.

»Das sind positive Neuigkeiten«, räusperte er sich. »Dann werde ich das auch so vermitteln und eine offizielle Bekanntmachung, zu Ihrem aktuellen Ausfall, über die Pressestelle rausgeben.« Der Mann erhob sich, verneigte sich kurz und verließ dann den Raum.

 

»Kommt nur mir das so vor», fragte Toshiya, »Oder ist der zittriger als sonst?«

»Er sieht wirklich etwas blass aus«, stimmte Dai zu.

‘Wer hätte gedacht, dass das tatsächlich funktioniert.’

Sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis seines kleinen Versuchs, lehnte Kyo sich in seinem Stuhl zurück.

»Sag mal, was ist denn heute los mit dir?« Kaoru sah zu ihm rüber. »Dafür, dass du uns so eine Hiobsbotschaft überbracht hast, bist du erstaunlich gut gelaunt.«

»Oho!«, grinste Toshiya, ehe der Sänger die Chance bekam etwas darauf zu antworten. »Hat uns da etwa jemand etwas zu sagen?«

Es war klar, in welche Richtung die Frage und das begleitende Grinsen gehen sollten. Langsam nippte Kyo an seinem Kaffee und hob eine Augenbraue.

»Darf ich nicht auch mal gut gelaunt sein?«, fragte er, gespielt empört.

»Ich bin nur überrascht. So hat man dich die letzten Wochen nicht erlebt.«

»Es haben sich ein paar interessante Möglichkeiten für mich eröffnet, Toto.« Kyo gab sich weiterhin geheimnisvoll. »Aber mehr verrate ich noch nicht,« Dann stand auch er auf. »Lasst mich mal machen.«

Seine verwirrten Kollegen alleine lassend, ging er mitsamt seiner Papiere aus dem Meetingraum und verließ einige Zeit später das Gebäude.

 

***

 

An einem anderen Ort der Stadt, leckte ein grauer Kater noch immer seine Wunden.

»Verflucht!«, knurrte der Mann mit den eisblauen Augen und klebte eine neue Kompresse auf die Bisswunde in seiner Seite.

Dieser verdammte Furukawa und sein Schoßtier, hatten ihm die Suppe gehörig versalzen. Er wusste, dass er an den Revierführer nicht einfach so heran kam. Dafür war der Alte zu stark und der Kater hatte bereits einmal mit eigenen Augen gesehen, wie der betagte alte Tiger, einen wesentlich jüngeren und starken Rivalen, sprichwörtlich auseinandergenommen hatte.

Und nun war auch noch dieser kleine Kerl aufgetaucht, der sich seit kurzem in diesem Revier herumtrieb. Er hatte keine Ahnung, wo der auf einmal herkam, aber er schien noch nicht all zulange ein Feloidea zu sein. Aber trotzdem umgab ihn bereits eine ausgesprochen starke Ausstrahlung, die darauf hindeutete, dass er gute Chancen hatte, Satoshi Furukawa früher oder später beerben zu können.

Das musste er unbedingt verhindern!

Er war nicht der einzige, welcher den Tod des Alten schon seit Jahren ungeduldig herbei sehnte. Immerhin war es bereits ärgerlich genug, dass sich dieser verdammte Yuuto ständig an dessen Seite befand. Der kleine Pisser war stark, das hatte der Graue ja nun am eigenen Leib erfahren, aber er hatte nicht das Zeug zum Revierführer. Ganz im Gegensatz zu dem blonden Zwerg.

 

‘So lange er sich selbst nicht im Griff hat, habe ich die besten Chancen, um ihn zu beseitigen, ehe die Sache noch komplizierter wird.’, knurrte er innerlich. ‘Um Yuuto kann sich von mir aus einer der anderen kümmern. Aber meine Beute ist der Kleine!’

 

Seit er ihn das erste Mal in dem Konbini gesehen hatte, war er regelrecht besessen davon, ihn zu jagen. Jungkatzen hatten diesen interessanten, verlockenden Duft und er genoss es immer, sie so lange zu verfolgen und zu hetzen, bis sie irgendwann vor Erschöpfung zusammenbrachen. Anschließend tötete er sie; langsam und genüsslich.

 

‘Irgendwie kommt mir sein Gesicht bekannt vor. Aber ich weiß nicht, wo ich ihn schon einmal gesehen habe.’

Der graue Kater arbeitete bei der Zulassungsstelle und vermutete, dass sie dort wohl über den Weg gelaufen waren. Aber irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass da noch mehr war.

Mit einem Knurren wickelte er den Verband von seinem Unterarm und besah sich die Kratzer. Im Gegensatz zu der Bisswunde, hatten diese bereits eine dicke Schicht Schorf gebildet und so entschied er, dass er den Verband weglassen konnte. Auf die Frage zu dem Veilchen, hatte er seinen Kollegen nur knapp erklärt, er wäre seine Kellertreppe hinab gestürzt.

 

»Liebling?«

Rasch zog er sich sein Shirt runter und wand sich um. Den besorgen Blick seiner Ehefrau, versuchte er dabei mit einem Lächeln zu beruhigen.

»Es verheilt sehr gut, mein Engel« Dabei versuchte er, die Bisswunde aus ihrem Sichtfeld zu halten. Sie war ein Mensch und er liebte sie zu sehr, um das Risiko einzugehen, sie an die Infektion zu verlieren.

Mit einem Feloidea zusammen zu sein, war schlimmer als mit einem HIV-Infizierten Menschen. Denn Kinder wären für sie absolut unmöglich, da auch sein Sperma hochgradig ansteckend war. Sollte er sie schwängern, würde es sie binnen kürzester Zeit töten, da die genetischen Veränderungen, für einen weiblichen Körper, in so einer Situation, nicht aushaltbar waren. Ohnehin lagen die Überlebenschancen nach einem Biss, durch einen Feloidea, nur bei knapp unter zehn Prozent.

Dass seine Frau, auch nachdem sie von der Wahrheit hinter seiner menschlichen Maske erfahren hatte, trotzdem an seiner Seite blieb, grenzte an ein Wunder.

Sie würden niemals gemeinsame Kinder haben. Sie würde tagtäglich mit der Gewissheit leben müssen, dass ihr Mann ein Monster war und dass jeder seiner ‘Ausflüge’ potentiell tödlich für ihn enden konnte.

 

Sie trat näher, legte ihm ihre zierliche Hand auf die breite Schulter und nahm dann den feuchten Lappen, um vorsichtig seine Wange abzutupfen. Er fauchte leise, da es ein wenig weh tat.

»Verzeih«, flüsterte sie, streckte sich und küsste ihn auf die unverletzte Seite. Sie wusste, dass sie nicht mit seinem Blut in Berührung kommen durfte.

»Schon gut.« Er legte seine Stirn an die ihre und seufzte dann lange.

»Katsuo.« Sie sah zu ihrem Mann hoch. »Ich mache mir Sorgen um dich. Du bist in letzter Zeit so angespannt und eigenartig. Hat es mit diesem Kampf zu tun?«

Wie seltsam es doch war, den letzten Satz aus ihrem wunderschönen Mund zu hören. Katsuo musterte sie eine Weile, strich ihr dabei eine ihrer langen, schwarzen Strähnen aus dem Gesicht und bemerkte nicht zum ersten mal die Falten um ihre Augen.

Sie war immer noch so sagenhaft schön wie damals, als sie sich kennengelernt hatten. Doch das war über zwanzig Jahre her. Selbst wenn sie jetzt noch Kinder wollte, war sie fast schon zu alt für eine Schwangerschaft und manchmal verfluchte er sich selbst dafür, ihr diesen Traum geraubt zu haben. Auch über eine Adoption hatten sie nachgedacht, aber letzten Endes doch entschieden, ein Leben ohne Kinder zu führen - aufgrund seiner gefährlichen Natur. [1]

 

»Es lässt mir keine Ruhe«, gab er schließlich zu, versank in ihren dunklen Augen, hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn und schnurrte dabei tief. »Dieser verdammte Satoshi. Ich kann es kaum abwarten, dass der Alte endlich das Zeitliche segnet.«

Seine Frau sah ihn an, neigte den Kopf etwas zur Seite und seufzte schwer.

»Ich werde nie verstehen, wieso dir dieses Revier so wichtig ist. Aber ich habe jedes Mal so große Angst um dich, wenn ich weiß, dass du wegen dieser Sache das Haus verlässt.«

»Das verstehe ich, mein Engel.« Katsuo nahm sie zärtlich in den Arm. »Aber ich kann es nicht steuern. Es ist einfach meine Natur, die mich dort hinaus zieht. Das weißt du doch.«

»Ja«, murmelte sie, das Gesicht an seine Schulter gelegt.

»Ich weiß es, doch kann ich es nicht verstehen und nachvollziehen.«

 

Selbstverständlich hatte sie Angst um ihn. Wäre es umgekehrt, dann würde es ihm genau so gehen. Aber es war so wie er sagte, er hatte keine andere Wahl. Satoshi musste weg. Damals, vor acht Jahren, hätte er dieses Revier für sich beanspruchen können. Doch dann war Furukawa plötzlich, wie aus dem Nichts, wieder aufgetaucht und hatte alles an sich gerissen. Und jetzt wo er alt wurde, versammelte er seine eigene, kleine Leibgarde um sich. Erst der dumme Yuuto und nun dieser seltsame Zwerg.

Katsuo hätte kotzen können!

Als er unwillkürlich knurrte, zuckte seine Frau zusammen und es kostete ihn einiges an Kraft, um sich wieder zu entspannen.

»Schon gut.« Er legte seine Hand an ihren Hinterkopf und streichelte sie liebevoll. »Alles wird gut.«

 

***

 

»Krass.«

Kyo sah an sich runter, drückte mit dem Finger gegen seinen Bauch und spannte diesen nochmal an. Mehr als ein Monat war nun vergangen, seit er aus dem Krankenhaus entlassen und nach Japan zurück geflogen war. Und neben seinen veränderten Sinnen, die ihn aktuell allesamt in den Wahnsinn trieben, fiel ihm mittlerweile noch etwas anderes an sich selbst auf.

Sein Muskelwachstum nahm rasant zu. Hatte er früher zwar nicht wie eine halbverhungerte Fahrradspeiche, sondern eigentlich immer recht gut gebaut gewirkt, so hatte er sich nun binnen kürzester Zeit ein sichtliches Six-Pack antrainiert. Etwas was früher undenkbar gewesen wäre.

Satoshi hatte ihn zwar darauf vorbereitet, dass das passieren würde, doch erst jetzt, wo er die Resultate auch wirklich vor sich sah, glaubte er ihm.

»Steinhart«, murmelte er und zog das Shirt wieder nach unten. Der Februar fiel recht mild aus und während alle anderen zumindest Pullover trugen, sah man Kyo nun tagtäglich nur im T-Shirt durch die Gegend laufen. Noch immer war seine Körpertemperatur nicht unten 39°C, was ihn in der Nacht fast irre machte.

 

Auch das Problem mit seinem übersteigerten Geruchssinn, bekam er nach wie vor nicht in den Griff.

Erst vor zwei Wochen, hatte er einen ganzen Tag lang damit verbracht, sämtliche Dinge aus seiner Wohnung zu werfen, die auch nur einen dezenten Eigengeruch besaßen. Sprich sämtliche Shampoo- und Duschgelflaschen, Deos, Parfüms, Raumsprays, die kleine Duftgeranie vom Fensterbrett, Spülmittel, Reiniger und Trocknertücher. Sie alle waren in einem Müllsack gelandet und in der Tonne verschwunden. Nun gut, die kleine Pflanze hatte er einen Tag später in Shinyas Arme gedrückt und sich fast würgend übergeben, kaum dass Dai den Proberaum betrat.

Seine Bandkollegen hatten ihn besorgt und verwirrt angesehen und Kyo hatte etwas von ‘Nebenwirkungen’ und ‘Medikamenten’ gefaselt. In Wahrheit jedoch, war es der Geruch von Dais Deodorant gewesen, der zu dieser spontanen Übelkeit geführt hatte.

Auch wenn Satoshi meinte, er würde sich irgendwann daran gewöhnen, so war es für Kyo im Moment die absolute Hölle, alles derart intensiv wahrzunehmen.

 

Eine Angelegenheit warf für ihn aber immer noch große Fragen auf, weswegen er gestern Abend auch bei Satoshi aufgetaucht und den armen Mann nicht in Ruhe gelassen hatte.

Es ging um die Transformation in einen Feloidea.

Der Sänger hatte diese noch nicht mit eigenen Augen gesehen, wollte aber trotzdem wissen, wie genau diese ablief und auf was er sich alles vorzubereiten hatte.

»Es gibt keinen genauen Zeitpunkt, ab dem Sie damit rechnen können«, hatte Satoshi ihm recht müde erklärt.

Er war auf einem Ärztekongress im Ausland gewesen und erst wenige Stunden zuvor wieder in Japan gelandet.

»Die erste richtige Verwandlung, wird oft unbewusst durchgeführt und nicht selten unter starkem Stresseinfluss.«

»Stress welcher Art?« Kyo war im Wohnzimmer des Arztes auf und ab gegangen. Irgendwie war er in letzter Zeit angespannter und nervöser als sonst.

»Zum Beispiel wenn Sie, oder einer Ihrer Freunde in Gefahr geraten. Oder aber wenn man Sie angreift.« Der Ältere hatte sich in einen Sessel fallen lassen und sich müde über die Augen gerieben, währen Kyo immer noch hin und her lief.

»Es kommt also jede, normale Alltagssituation in Frage. Ich kann Ihnen aber versprechen, dass das kein Spaß wird.«

»Wie fühlt es sich an?«, fragte der Sänger und blieb endlich stehen, die Arme vor der Brust verschränkt und den Arzt nicht aus den Augen lassend.

»Schmerzhaft.« Satoshi seufzte lange. »Es geht schnell, tut aber wahnsinnig weh und vor allem die erste die Rückverwandlung, ist fast immer ein Schock für Körper und Psyche. Es ist, als erwache man aus einem Albtraum, in dem man nicht man selbst ist. Die Katzeninstinkte haben in dieser Zeit die Kontrolle über alles was man denkt und tut, und der menschliche, rationale Verstand, rückt sehr weit in den Hintergrund. Es ist als wäre man nur ein Zuschauer seines eigenen Körpers.«

Kyo hatte langsam genickt und über diese Worte nachgedacht. Ihm kam das auf eine erschreckende Weise sehr vertraut vor und er fuhr sich unwillkürlich über den Unterarm, auf dem sich die meisten seiner Narben befanden.

»Das ist mir nicht neu«, hatte er schließlich gesagt und den Blick des anderen gesucht. Satoshi schwieg zunächst, beobachtete ihn bei seinem Tun und seine Augen wurden sehr ernst.

»Ja, vielleicht kann man es gut mit einer ihrer dissoziativen Phasen vergleichen«, sagte er zustimmend. »Jedoch sind Sie dann nicht nur eine Gefahr für sich selbst, Kyo, sondern auch eine Gefahr für Ihre unmittelbare Umgebung.«

»Ich habe Angst«, gestand er ihm. »Angst auf der Bühne zu einem Monster zu werden. Zu einem echten Monster!«

 

Das war auch der Grund, weswegen Kyo fast täglich hier im Fitnessstudio war; überempfindlicher Geruchssinn hin oder her. Er hoffte einfach, dass die körperliche Ertüchtigung dabei half, so etwas wie Kontrolle über das zu erlangen, was da in ihm wuchs. Satoshi hatte ihm leider nur sagen können, dass die Angst vor einer unkontrollierten Transformation sehr berechtigt war, er aber an einer möglichen Lösung arbeitete. Kyo müsse sich lediglich ein wenig gedulden. Also genau das, was nicht zu den Stärken des eigenwilligen Künstlers zählte.

 

Es war bereits später am Abend, als er das vierundzwanzig-Stunden-Studio verließ und sich auf den Heimweg begab. Sein Handy zeigte ihm kurz nach Neun an und er genoss die angenehm kühle Abendluft auf seiner erhitzten Haut. Obwohl er nach dem Training vor Ort kalt geduscht hatte, war ihm schon wieder warm.

Irgendwo, hinter dem Nebel aus Lichtsmog, erkannte er die dünne Sichel des abnehmenden Mondes, den er kaum beachtete, da plötzlich sein Smartphone anfing zu klingeln.

Warum rief ihn Kaoru denn um diese Uhrzeit an?

 

»Was gibt es?« Kyo hielt sich nie mit unnötigem Smalltalk auf, weil er das einfach nicht konnte und Kaoru war das vermutlich sogar ganz recht. Der Leader war die meiste Zeit im Stress und froh darüber, bei Kyo direkt zur Sache kommen zu können.

»Es klappt nicht«, drang eine frustrierte Stimme aus dem Lautsprecher. Der Sänger blieb stehen und runzelte die Stirn.

»Was klappt nicht?«

»Das Management weigert sich, die Vertragsänderung vorzunehmen.« Kaoru hörte sich unendlich müde an. »Erst halten die uns einen Monat lang hin und jetzt teilen sie mir mit, dass sie von den Vertragsinhalten nicht abweichen wollen.«

»Scheiße«, entfuhr es Kyo.

Wie konnte das eigentlich sein? Was erlaubten sich diese Arschlöcher, so mit ihnen umzugehen?! Weder er, noch die anderen, waren die Zirkusäffchen dieser Kerle und trotzdem wurden sie so behandelt!

Wut stieg in ihm auf, die sich sehr schnell weiter verbreitete und er konnte das laute Knurren einfach nicht verhindern, welches ihm aus der Kehle kroch. Rasch hielt er das Handy weg und wand den Kopf zur Seite, damit Kaoru es nicht hörte. Kyo fletschte die Zähne, kniff die Augen zusammen und drückte sich mit der freien Hand die Fingernägel in die Handinnenflächen.

 

‘Beruhige dich!’, mahnte er gedanklich. ‘Wir kriegen das hin, also komm wieder runter!’

»Kyo? Bist du noch dran?«, vernahm er Kaorus Stimme aus dem Telefon und erst nachdem er einige Male tief durchgeatmet hatte, hob er es wieder ans Ohr.

»Ja«, kam es verstimmt. »Was ist deren verficktes Problem?!«

‘Ich bring sie um! Ich bring sie um! Ich bring sie um!’

»Angeblich sind das die Standardverträge und von denen wollen sie einfach nicht abweichen, weil alle anderen Bands genau den selben Regeln zu folgen haben und - .«

»Nur für Dir En Grey, wollen die keine Ausnahme machen?« Kyo schnaubte wütend. »So ein Schwachsinn! Kaoru die verarschen uns!«

»Ich weiß, Kyo, das musst du mir nicht extra sagen.« Selbst der sonst so ruhige Bandleader, den so schnell nichts aus der Bahn warf, war hörbar wütend.

‘Das ist mein Revier! Ich mache die Regeln und sonst niemand!’

»Dann suchen wir uns eben jemand anderes.«

»So einfach ist das nicht!«, widersprach Kaoru dem Sänger. »Wir haben damals einen nicht gerade kleinen Anteil unserer Arbeit, an diese Haie übertragen, weil uns nichts anderes übrig blieb.«

»Weil ich uns damals keine andere Wahl gelassen habe!«, sprach er das aus, was Kaoru niemals laut vor ihm zugeben würde. »Ich habe uns in diese Situation gebracht.«

»Kyo, so etwas darfst du nicht denken. Das ist nicht wahr.«

»Hör auf uns beiden etwas vorzumachen, Kaoru«, fauchte er seinen Leader an. »Niemand wollte mehr mit uns arbeiten, weil ich nicht mehr aushaltbar war. Deswegen stecken wir jetzt in diesen Verträgen fest. Du weißt das, ich weiß es und die anderen wissen das auch.«

»Kyo!«, rief Kaoru alarmiert. Dieser setzte seinen Weg einfach nur fort und war froh, dass er nicht mehr an der Hauptstraße entlang ging, sondern durch eines der Wohnviertel. »Mach keinen Scheiß!«

‘Er denkt wir würden uns etwas antun wollen. Er hält uns immer noch für schwach.’

»Meine Fresse, Kaoru.« Kyo musste sich mit aller Kraft zurückhalten, um nicht zu schreien. Auch wenn alles in ihm darum rang, den anderen mit seinen Worten zu attackieren. »Ich bin kein selbstmordgefährdeter Idiot mehr. Hört endlich auf damit, mich ständig bemuttern zu wollen. Ich kann diese Scheiße nicht mehr - .«

 

WAMM!

 

Mit einem unfassbar lauten Poltern, sprang plötzlich ein bellender und Zähne fletschender Hund, dicht neben ihm, gegen einen hohen Metallzaun. Das Tier war rasend, schnappte durch die Gitterstäbe nach Kyo, die Augen weit aufgerissen und Geifer tropfte ihm aus dem Maul.

»Kyo!«, rief Kaoru erschrocken, da er nur den Lärm hörte, nicht aber wusste was los war.

‘Er sieht was ich bin.’

Kyo stand einfach nur da und starrte das Tier an, welches mit den Pfoten am Gitter scharrte, sich immer wieder dagegen warf und ihn nicht aus den Augen ließ.

‘Er kann es sehen.’

Kaoru ignorierend, rührte er sich nicht, beobachtete das Tun des Hundes und blendete seine Umgebung mehr und mehr aus. Schließlich trat er näher an das Tor, während sich das Tier auf die Hinterbeine stellte, die Vorderpfoten gegen das Gitter gedrückt und somit fast auf Augenhöhe mit ihm war.

‘Dir gefällt es nicht, dass ich hier bin. Stimmt’s? Du würdest mich am liebsten sofort töten, weil ich eine Gefahr für dich bin.’

 

Ein Lächeln teilte Kyos Lippen, seine Pupillen wurden, trotz der Finsternis, zu Schlitzen und er senkte ein weiteres Mal das Handy, aus dem immer noch Kaorus Rufe drangen. Dann begann er langanhaltend und kehlig zu knurren.

Der Hund wich zurück, ging auf alle Viere, zog die Rute zwischen die Beine und legte die Ohren an. Seine Lefzen ließ er dabei gefletscht und mittlerweile hatte er vor rasender Wut fast schon Schaum vorm Maul.

Kyo spannte die Schultern und den Nacken an, hielt den Blickkontakt ohne zu blinzeln aufrecht und fauchte dann zutiefst animalisch.

»Verpiss dich!«

Dabei hatten die Worte, die aus seinem Mund drangen, nichts menschliches mehr an sich.

Der Hund bellte, winselte dann aber und wich immer weiter zurück, während Kyo noch einen Schritt auf das Tor zu tat und erneut sein durchdringendes Knurren ertönen ließ. Nun wand das Tier sich um und rannte panisch über den Hof und verschwand zwischen den Büschen des Vorgartens.

 

»Kyo! Herr Gott nochmal, jetzt sag endlich etwas!«

Fast als würde er aus einer Trance erwachen, blinzelte Kyo und rieb sich über die Augenlider. Ihm war seltsam schwindlig und seine Sicht wirkte irgendwie verzerrt. Was um alles in der Welt, war gerade passiert?

»Kyo!«

»Oh.« Verwundert von dem Geschrei aus dem Lautsprecher, sah er hinab auf seine Hand, die immer noch das Telefon umklammert hielt. Er hob es ans Ohr und musste sich kurz räuspern, ehe er Kaoru endlich antwortete.

»Entschuldige, da war nur ein Hund.«

»Was?!«, keuchte der Leader, fassungs- wie verständnislos. »Ein Hund? Was denn für ein Hund? Wo bist du?!«

Kyo schüttelte den Kopf, wollte erst einmal dieses seltsame Gefühl loswerden.

»Nur so ein dummer Wachhund. Ich hab mich erschreckt«, versuchte er Kaoru zu beschwichtigen, auch wenn dieser immer noch aufgebracht zu sein schien. »Lass uns später reden, okay?«

Ohne eine Antwort seines Gitarristen abzuwarten, legte er auf, schaltete das Smartphone stumm und steckte es ein. Noch einmal sah er zu der Stelle, an welcher der Hund verschwunden war und sein Blick wurde finster.

‘Ich habe das alles zu verantworten, Kaoru.’, führte er das Gespräch in Gedanken zu Ende. ‘Und genau deshalb, werde ich das auch wieder in Ordnung bringen!’

Dann schulterte er seine Tasche, wand sich um und ging in eine andere Richtung davon.

 

***
 

Kapitel 12 ¦ Katzenwut


 

***

 

Der Manager Dir En Greys schob zufrieden die Papiere auf seinem Tisch zusammen, stapelte sie und verstaute dann alles in dem abschließbaren Aktenschrank, hinter sich. Selbstverständlich war Kaoru wütend auf ihn, das konnte er durchaus verstehen. Aber hier ging es nun einmal nicht nur um die Interessen der Band, sondern auch um die der Plattenfirma.

Die Jungs waren damals an sie herangetreten; restlos verzweifelt, da keine andere Firma sie noch hatte aufnehmen wollen. Die psychischen Extremausfälle des Sängers, waren in der Branche, zum damaligen Zeitpunkt, ein offenes Geheimnis und keiner hatte das Risiko eingehen und mit ihnen arbeiten wollen. Folglich waren sie am Ende dazu bereit gewesen, jeden Vertrag zu unterschreiben, egal ob sie dabei ihre Seelen verkaufen, oder nicht.

Kaoru drohte ihm zwar damit, dass sie wechseln würden, aber er wusste, so wie der Manager, ganz genau, dass sie, mit dem aktuellen Vertrag, die Rechte an ihren bisher veröffentlichten Werken, vollständig der Plattenfirma zugeschrieben hatten.

Und er würde den Teufel tun und dabei helfen, seine fünf Goldesel einfach gehen zu lassen.

 

Zufrieden grinsend schloss er den Aktenschrank und wand sich seiner Tasche zu. Es war an der Zeit Feierabend zu machen und seinen Erfolg bei einem schnellen Bier zu genießen.

»Tja, so lange ihr Kyo in der Band habt, kommt ihr hier nicht weg«, murmelte er vor sich hin.

In der Tat war Kyo nach wie vor Fluch und Segen zugleich - besonders ersteres. Dieser Mann war komplett gestört und das wusste in Japans Musikindustrie jeder! Auch wenn er sich nicht mehr auf der Bühne die Arme aufschnitt, so waren seine Auftritte nach wie vor verstörend genug, um potentielle Plattenfirmen abzuschrecken.

Kunstfreiheit hin oder her, aber je avantgardistischer sie wurden, umso weiter schrumpfte auch der Pool an Käufern und Interessenten, was wiederum das Risiko steigerte, die Produktions- oder Konzertkosten, am Ende nicht einspielen zu können.

 

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er hörte, wie jemand die Tür zum Vorraum öffnete. Verwirrt sah der Manager auf. Seine Sekretärin war doch bereits gegangen und um diese Uhrzeit war eigentlich niemand mehr hier, bis auf das Wachpersonal und die wussten, dass er immer erst später am Abend nach Hause ging.

‘Also wer …?’

Energische Schritte auf dem hübschen Parkett vor der Tür, waren zu hören, dann drückte die Person die Klinke zum Büro herunter und der rechte Flügel schwang auf. Der Manager blinzelte verwundert.

»Kyo-san?«, fragte er überrascht. »Was kann ich für Sie tun?«

Kyos Gesicht war etwas gerötet, er wirkte als wäre er in Eile und als er eintrat, ließ er die Sporttasche die er trug, einfach achtlos auf den Boden fallen. Trotz seiner eher geringen Körpergröße, umgab diesen Mann stets eine seltsame, nicht greifbare und zutiefst unheimliche Aura. Der Manager hasste es, mit ihm alleine zu sein, weswegen er es vorzog nur mit Kaoru, oder der gesamten Band zu sprechen.

 

Kyo antwortete nicht, er trat zum Schreibtisch und erst jetzt blieb er stehen, sah dem anderen in die Augen und dieser schluckte hart, während er von einem paar eisblauer Kontaktlinsen angestarrt wurde.

Kann dieser Kerl bitte blinzeln? Das macht einem ja Angst!’, dachte er sich.

»Sie - ähm - ich wollte gerade Feierabend machen.«

Wieso nur wurde er das Gefühl nicht los, dass es um das ging, was er vor einer halben Stunde mit Kaoru besprochen hatte. Schickte der Bandleader jetzt etwa schon ihr kleines Monster vor? Unwillkürlich wich der Manager zurück und stieß mit den Kniekehlen gegen seinen Schreibtischstuhl.

Kyo sagte immer noch kein Wort, er starrte ihn einfach an, eine Hand auf der Tischplatte ruhend. Die Stille zwischen ihnen war gespenstig und fast hatte er das Gefühl, dass sich ihm der Magen umdrehen wollte. Der Manager hatte keine Ahnung, wieso er plötzlich eine solche Angst vor dem exzentrischen kleinen Künstler verspürte.

Lag es an der Uhrzeit?

An Kyos allgemein unheimlichen Erscheinen?

Nein. Irgendetwas war anders als sonst. Irgendwas stimmte hier nicht!

‘Ist der Kerl auf Drogen?’, fragte er sich, als er zittrig einatmete.

»B … Bitte«, stammelte er, schluckte um seiner Stimme wieder ein wenig Festigkeit zu verleihen, »Was möchten Sie?«

 

Plötzlich richtete Kyo sich auf, was den Manager dazu veranlasste zusammenzuzucken und seelenruhig zog er sich den Stuhl näher heran, ehe er sich langsam setzte.

»Also«, sagte Kyo mit gesenkter, aber bedrohlich schneidender Stimme, »Der Vertrag.«

Er streckte die Hand aus und bedeutete ihm sich ebenfalls wieder zu setzen. Nur zögerlich folgte der Manager diesem Befehl; denn als etwas anderes konnte er die Geste nicht deuten.

»Ich - ich habe bereits mit Kaoru-san darüber gesprochen«, sagte er nervös und kratzte sich am Hals. Das Bedürfnis aus seinem eigenen Büro zu flüchten, wurde immer stärker. Dabei tat Kyo nichts anderes, als ihn anzusehen. »Er lässt sich leider nicht ändern. Das sind die Standardregeln.«

»So mögen Sie vielleicht mit Kaoru umgehen«, warf Kyo ein und in seiner Stimme schwang ein so unwirklicher Unterton mit, dass es dem anderen Mann die Nackenhaare aufstellte, »Aber nicht mit mir.«

Mit geschmeidigen Bewegungen, beugte Kyo sich ein wenig vor und als sein Gesicht den Schein der Deckenleuchte verließ, glaubte der Manager kaum, was er da sah.

‘Ist das ein Trick? Eine optische Täuschung?!’

 

»Sie werden dafür Sorgen, dass die Bedingungen des Vertrages geändert werden. Haben Sie mich verstanden?« Kyo knurrte jetzt auf eine unnatürliche Weise und der Mann zuckte angsterfüllt zusammen. Seine Beine waren wie gelähmt, seine Finger zitterten unkontrolliert und er schnappte nach Luft.

Nein, das war keine optische Täuschung!

Die Pupillen seines Gegenübers, waren jetzt nur noch nadelfeine vertikale Schlitze!

»Ich kann nicht.«

»Dann sorgen Sie dafür, dass sie es können!«

Er sprach keine einzige Drohung aus und trotzdem empfand der Manager mittlerweile nur noch pure Todesangst vor dem kleineren Sänger, welcher sich wieder aufrichtete und anschließend aufstand. Voller Hass sah er zu ihm herab und starrte ihn regelrecht zu einem kleinen Häuflein Elend zusammen.

 

»Rufen Sie Kaoru an und sagen Sie ihm, dass Sie ihm morgen Mittag, einen neuen Vertrag nach unseren Wünschen vorlegen werden.«

»M - morgen Mittag?!«, wimmerte der Manager panisch, konnte nicht verhindern, dass er beinahe quiekte. »Das ist viel zu kurzfristig! Nicht ohne dass die Rechtsabteilung der Firma das abgesegnet hat.«

»Das ist mir egal!«, donnerte Kyo urplötzlich und spannte die Schultern an. Nun sah er noch mehr aus wie ein Raubtier, welches kurz davor war sich auf ihn zu stürzen. »Sie werden den Vertrag ändern und es ist mir scheißegal, welche Mittel dazu notwendig sind. Wenn Sie dafür eine Ihrer Nieren verkaufen müssen, dann soll es mir recht sein.«

‘Der Kerl ist ein Monster!’, dachte sich der verängstigte Mann, den die Panik voll im Griff hatte und welcher keinen einzigen Finger rühren konnte. ‘Er ist absolut irre!’

»Also los.« Wieder hatte der Sänger die Stimme gesenkt und sprach mit diesem seltsamen Lauern darin. »Rufen Sie Kaoru an. Sofort!«

Natürlich hätte er genau so gut den Sicherheitsdienst anrufen und um Hilfe bitten können. Aber auf diese Idee kam er überhaupt nicht, da Kyos ganze, unheimliche Präsenz all seine Konzentration vereinnahmte. Also nahm er zitternd das Handy in die Hand und wählte die Nummer von Dir En Greys Bandleader.

 

»Was wollen Sie denn noch?«

Selbst der sonst so freundliche Kaoru, war immer noch reichlich sauer, das hörte man deutlich. Der Manager schaffte es auch jetzt nicht, den Blick von Kyo abzuwenden, welcher ihn immer noch durchdringend anstarrte und aufmerksam jedes Wort mithörte.

»E - es geht um den Vertrag, Kaoru-san«, stammelte er nervös und gespielt freundlich. Seine Stirn war ganz schwitzig und er fummelte zittrig ein Taschentuch aus dem Anzugs, um sie sich abzutupfen.

»Und was soll damit sein?«, fauchte Kaoru zornig.

»Ich - nun - ich werde versuchen ein paar Ihrer Änderungswünsche vorzu - «, Kyo gab ein bedrohliches Knurren von sich, was allerdings nicht laut genug war, damit Kaoru dies durch das Handy hören konnte. »Ich meine natürlich, all Ihre Änderungswünsche vorzunehmen.«

Stille.

Dann gab der Bandleader ein zutiefst überraschtes »Oh.« von sich.

»Ja, ich versuche es so schnell wie möglich umzusetzen.«

Immer noch sagte der andere nichts und der Manager war schon versucht nachzuschauen, ob er vielleicht aufgelegt hatte. Plötzlich redete Kaoru weiter.

 

»Sie werden all unseren Forderungen nachkommen?«, fragte er misstrauisch.

»Ja!«, rief er ein wenig zu enthusiastisch. »Vor - vor allem der Teil mit der Erlaubnis für Soloprojekte.«

Kyo nickte zustimmend. Obwohl der Kerl keine Waffe auf ihn richtete, wurde er den Eindruck nicht los, dass es ihm nicht gut bekommen würde, seinen Worten nicht auch Taten folgen zu lassen.

»Und wir erhalten die alleinigen Rechte an unseren Werken zurück?«

»Ich werde versuchen, dies in die Wege zu l - leiten.« Noch immer verschwand das Stottern nicht vollständig aus seiner Stimme und auch sein Körper bebte vor Angst.

»Versuchen Sie mich schon wieder zu verarschen und hinzuhalten?« Natürlich traute Kaoru ihm nicht mehr über den Weg.

»Es ist mein Ernst.«

»Bis wann bekommen wir den Änderungsvertrag?«

»So schnell wie - «, und schon wieder dieses Knurren, dieses Mal allerdings lauter und er hatte das Gefühl, dass die Luft zwischen ihnen unangenehm vibrierte. » - morgen Mittag?«

»Morgen - ?«, wiederholte Kaoru verblüfft. »Nun, wenn es so schnell geht, dann okay.«

Erneut versprach der Manager, dass er sich bemühen würde, die Änderungen bis zum Mittag des kommenden Tages aufsetzen zu lassen. Wie genau er das anstellen und vor die Rechtsabteilung davon überzeugen würde, wusste er selbst nicht.

 

Zufrieden mit seinem Werk, lächelte Kyo ein wenig, auch wenn seine Augen immer noch eine ganz andere, bedrohliche Sprache trugen. Mittlerweile waren sie wieder natürlich braun und auch seine Pupillen hatten ihre normale Form zurückgewonnen. Aber der Ausdruck der in ihnen lag, vermittelte in erster Linie eines: Gefahr!

Ohne ein weiteres Wort, wand er sich von dem zitternden und erbärmlichen Mann ab, ging zurück zum Eingang, hob seine Sporttasche auf und verließ den Raum, ohne die Tür zu schließen.

‘Gut so, er soll ruhig Angst vor mir haben’, dachte sich der Sänger und schnurrte genüsslich. ‘Das hier ist mein Revier! Diese Band, meine Texte, unsere Musik. Und niemand beansprucht mein Revier für sich!’

 

***

 

‘Wie ist das alles nur möglich?’, stellte sich Kaoru die stumme Frage und ließ die Augen dabei über die Sätze des neuen Vertrages gleiten.

‘Erst wollen sie keinen Millimeter von den alten Bedingungen abweichen, dann bekomme ich plötzlich einen seltsamen Anruf und nun - .’

Ihm wollte es einfach nicht in den Kopf, wieso das Management jetzt doch eingelenkt und ihre Forderungen erfüllt hatte. In der Tat war alles genau so, wie er es zuvor verlangt hatte.

Sie durften eigene Soloprojekte starten, die alleinigen Rechte an ihren Songs wurden wieder an sie zurück gegeben, die unsichtbaren Fußfesseln verschwanden.

Erneut las er sich alles durch, suchte nach einer Lücke und fand nichts.

‘Das ist ein Trick.’, dachte er sich. ‘Es muss einfach einer sein. Das ergibt doch keinen Sinn!’

Die anderen wussten noch nichts von der Neuigkeit und Kyo hatte ihm bereits mitgeteilt, dass er heute ein wenig später dazustoßen würde. Laut der Nachricht, die er heute morgen von ihrem Sänger erhalten hatte, war dieser bei einem Kontrolltermin.

 

‘Kyo. Wieso nur werde ich das Gefühl nicht los, dass du etwas mit all dem zu tun hast?’

Der Leader dachte an das merkwürdige Telefonat vom Vorabend zurück und er lehnte sich auf seinem Sessel nach hinten, den Kugelschreiber nachdenklich zwischen den Fingern drehend.

»Stimmt etwas damit nicht?«, fragte ihr Manager, ungewöhnlich nervös.

‘Ja, genau so hat er gestern Abend auch gestammelt.’, erinnerte er sich. ‘Hat ihn jemand an den Eiern? Wird er erpresst? Aber wieso sollte jemand so etwas tun? Es ergibt einfach keinen Sinn. Andererseits, was ergibt seit Denver überhaupt noch einen Sinn?’

 

Und schon wieder wanderten seine Gedanken zu dem bandeigenen Ungeheuer, das jetzt gerade wohl gelangweilt in einem Wartezimmer hockte und sich mit seinen ganz eigenen, undurchsichtigen Problemen befasste.

»Nein«, antwortete er schneidend und musste fast lächeln, als sein Gegenüber heftig zusammenzuckte. »Nein, ich denke, dass alles in Ordnung ist.«

Dann zog er die Papiere wieder näher heran und setzte seinen Namen darunter.

‘Kyo, keine Ahnung was du getan hast und wahrscheinlich will ich es auch gar nicht so genau wissen’, seufzte er wieder gedanklich. ‘Aber ich hoffe du weißt, dass du hier mit dem Feuer spielst.’

 

***

 

Mit einem Murren rieb er sich über Armbeuge. Da schnitt er sich jahrelang die Arme auf, nur um trotzdem beim Blutziehen fast umzukippen. Der Einstich juckte unangenehm.

Kyo schloss die Tür der Praxis und wand sich dem beleuchteten Gang zu.

Es war fast Mittag und heute hatte er nur kurz mit Satoshi reden können. Der alte Kater wollte Kyos körperliche Veränderung im Blick behalten, weswegen er nun brav jeden Mittwoch hier auftauchen und sich einige Milliliter Blut ziehen lassen durfte. Bislang machte das Virus angeblich genau das, wozu es da war. Es veränderte seinen Körper und machte es sich schön darin gemütlich, wie ein ungewollter Untermieter.

‘Ich bin mal gespannt, ob sich das Arschloch wirklich an meine Worte gehalten und den scheiß Vertrag geändert hat’, fragte er sich. Er zog das Cappy über seine immer noch unordentlichen, blonden Haare, als eine Person aus den Fahrstühlen am anderen Ende des Flures trat und in seine Richtung steuerte. Er wollte nicht erkannt werden und senkte den Kopf.

 

Plötzlich blieb der andere einige Meter vor ihm stehen und Kyo war bereits versucht stur an ihm vorbei zu laufen, als ihn eine männliche, junge Stimme direkt ansprach.

»Yo, lange nicht gesehen.«

Kyo sah verwirrt auf, schaute unter dem Schirm der schwarzen Mütze hoch zu dem Fremden und runzelte die Stirn. Er war einen Kopf größer als er, vielleicht Mitte zwanzig, hatte schwarze, punkig geschnittene Haare, trug eine enge Jeans, eine schwarze und teilweise zerrissene Jacke und darunter ein Shirt mit einem ihm unbekannten Logo. Seine Füße steckten in Springerstiefeln und am rechten Handgelenk konnte Kyo den Anfang einer Tätowierung erkennen.

»Ich glaub wir kennen uns nicht«, brummte der Sänger, der bereits ahnte, dass der Kerl einfach nur ein dreister Fan war, auf den er jetzt wirklich keine Lust hatte.

»Doch, ich hab dir den Arsch gerettet«, widersprach sein Gegenüber und grinste frech. Nun noch verwirrter als zuvor, hob er eine Augenbraue und neigte den Kopf fragend zur Seite. Seine offensichtliche Ratlosigkeit, schien den anderen zu amüsieren, denn dieser begann zu lachen.

»Verarsch mich nicht, hast du es vergessen?«

»Sprich Klartext, oder verpiss dich.«

 

Plötzlich traf Kyo die Erkenntnis wie ein Schlag und seine Augen weiteten sich überrascht. Warum hatte er das nicht direkt gemerkt? Der junge Kerl war ein Kater, so wie er. Aber seine Präsenz war weniger stark, als die von Satoshi oder Christine.

»Ah«, grinste der Jüngere, »Erinnerst du dich jetzt?« er deutete auf sich selbst. »Ich bin Yuuto. Freut mich, dass wir uns auch mal als Menschen gegenüberstehen dürfen. Bislang hast du ja nur meinen pelzigen schwarzen Arsch bewundern dürfen.«

Überfordert mit der Situation, suchte Kyo nach den richtigen Worten.

»Ehm, ja«, kam es nach einigen Sekunden und er hätte sich am liebsten selbst dafür verhauen, weil er sich wie ein Trottel aufführte. »Danke.«

»Nur Danke?« Yuuto lachte. »Hab vom Alten schon gehört, dass du nicht besonders sozial sein sollst«, quatschte er weiter. »Aber trotzdem gern geschehen. Das hätte damals wirklich übel ausgehen können, wären wir nicht rechtzeitig da gewesen.«

 

»Stimmt«, nickte Kyo, dem eigentlich nicht nach Reden zumute war. Er kannte Yuuto nicht und war auch nicht besonders scharf drauf, ihn näher kennenzulernen. Plötzlich veränderte sich das heitere Gesicht des anderen und er wurde sehr ernst.

»Bist du Katsuo schon einmal begegnet?«, fragte er und erntete dafür erneut einen verwirrten Blick.

»Wem?«

»Der Graue«, erklärte Yuuto knapp. »Der versucht hat dich umzubringen.«

»Ach.« Der Ausdruck von Kyos Gesicht wurde nun deutlich finsterer. »Also hat das Arschloch auch einen Namen, was mich erst stalkt und dann durch die halbe Stadt jagt?«

Yuutos Antwort war ein kurzes Nickten.

»Dann seid ihr beide euch vorher schon begegnet? Das wundert mich nicht. Katsuo ist dafür berüchtigt, dass er Jungkatzen immer erst einige Tage beobachtet und verfolgt, ehe er seine Hetzjagd beginnt.«

 

»Und hat Katsuo auch einen Nachnamen?«, fragte Kyo weiter, den die Erinnerungen an den Tag in der Ruine wieder einholten, was dazu führte, dass er ein sehr finsteres Knurren ausstieß. Yuuto wich zurück, als er sah, wie sich die Augen des anderen veränderten.

»Wow!«, rief er und hob abwehrend die Hände. »Beruhig dich, ich bin kein dominanter Kater«, warf er schnell ein, kam dann aber wieder auf das eigentliche Thema zurück.

»Er heißt Matsuda; Katsuo Matsuda und jetzt komm bloß nicht auf die Idee, nach ihm zu suchen!«

Kyo hörte kaum zu, er prägte sich den Namen genau ein.

»Ich habe mit dem Kerl aber noch eine Rechnung offen.«

»Das mag sein«, Yuuto schüttelte den Kopf, »Aber er ist eine Nummer zu groß für dich. Ich weiß, dass du sehr dominant sein sollst - meint Satoshi. Trotzdem ist Katsuo schon sehr viel länger wie wir und du wärst nicht der erste, der von ihm in Stücke gerissen wird.«

»Wieso redet Furukawa mit dir über mich?!« Dass sein Arzt offenbar derart offenherzig mit seinen Informationen umging, schmeckte ihm überhaupt nicht.

Yuuto wich wieder ein wenig vor ihm zurück, hatte offensichtlich Angst und Respekt vor dem wesentlich kleineren Mann.

»Weil ich wissen wollte, ob er dich, für dieses Revier, als seinen Erben einplant.«

 

Diese Information, hätte Kyo am allerwenigsten erwartet und so starrte er ihn mehrere Sekunden absolut verblüfft an.

»Er will was?«, fragte er erstaunt. Wollte Yuuto ihn etwa verarschen? Doch so wie der andere nickte, schien er es, mit seinen Worten, durchaus ernst zu meinen.

»Satoshi ist schon sehr alt und er weiß, dass Kater wie Katsuo es auf ihn abgesehen haben. Er sucht schon lange nach einem Nachfolger und ich weiß selbst, dass ich dies unmöglich werden kann.«

»Du hast dieses Arschloch damals aber ziemlich verprügelt«, warf Kyo ein, dem diese Sache mit der Dominanz-Hierarchie immer noch nicht so richtig einleuchtete. Immerhin hatte er doch selbst gesehen, wie wild sich dieser junge Mann damals auf den grauen Kater gestürzt und ihm ordentlich zugesetzt hatte. Nun aber seufzte Yuuto bitter.

»Das war nur teilweise mein Verdienst«, antwortete er und kratzte sich im Genick. Kyo sah, dass ihm ein Finger an der linken Hand fehlte und die Narbe sah auch schon etwas älter aus. »Wäre ich alleine gewesen, hätte er mich definitiv fertig gemacht. Er hat sich nur zurückgezogen, weil Satoshi da war.«

»Verstehe«, murmelte Kyo, welcher nachdenklich den Kopf senkte und an die Begegnung vor einem Monat zurückdachte. »Ich werde trotzdem keines dieser Reviere hier übernehmen.«

 

»Hä?« Yuuto starrte ihn ungläubig an, was Kyo mit seinem typisch trotzigen Blick erwiderte.

»Du weißt doch genau wer ich bin, Yuuto«, knurrte er, bekam dafür nur ein fast schon genervtes Nicken.

»Ja und ich finde eure Musik echt scheiße«, maulte der Jüngere, was Kyo nun doch ein wenig grinsen ließ. Solche Ehrlichkeit mochte er irgendwie.

»Und ich finde deine Frisur scheiße«, erwiderte er scherzhaft, was die angespannte Stimmung wieder ein wenig lockerte. »Trotzdem bin ich viel zu oft unterwegs und nur selten für mehr als ein paar Wochen zuhause. Wie genau stellt ihr euch das vor? Ich habe Satoshi bereits mehrfach gesagt, dass mein Revier meine Musik und die Bühne sein werden und nicht das hier.« Dabei ließ er die Hand eine ausladende Geste vollführen, wodurch er die Umgebung einschließen wollte.

»Die Bühne?«, fragte Yuuto verwirrt, was Kyo sogar irgendwie verstehen konnte.

»Ja.« Eigentlich hatte er nicht vor, seine Idee vor diesem Kerl auszubreiten, der locker zehn Jahre jünger war als er. »Die Katze will ein festes Revier und das gebe ich ihr auch.«

»Wie soll das funktionieren? Du bist nicht alleine da oben und die Band - .«

»Das lass mal meine Sorge sein«, unterbrach er ihn etwas ruppig. Diese Dinge gingen den anderen Kater nichts an und dabei wollte Kyo es auch belassen.

 

»Danke nochmal für deine Hilfe, Yuuto.« Sagte er schließlich und setzte seinen Weg fort. Als sie gleichauf waren, hielt er nochmal inne und warf ihm einen Seitenblick zu.

»Und nur weil du gut mit dem Alten auskommst, heißt das nicht, dass wir beide jetzt Freunde werden.«

Als er schon einige Meter entfernt war, hörte er den Jüngeren ein leises und frustriertes »Arschloch« murmeln, gefolgt von einem »Weiß der Teufel, wieso Satoshi sich so für den einsetzt.«

 

Kyo verließ das Gebäude, ohne zu bemerken, dass er von einer Person aus dem neunten Stockwerk beobachtet wurde. Yuuto verschränkte die Arme vor der Brust und murrte.

»Der Kerl ist doch ein Idiot«, als seine jüngere Schwester neben ihn trat und ihm einen Becher Wasser und eine Tablette reichte.

»Ich finde ihn sehr nett.«

»Was? Den Kerl? Blödsinn!«, fauchte der Kater angefressen. So wie Satoshi immer von Kyo sprach, hatte er sich eigentlich mehr von ihrem Gespräch erhofft. Nun jedoch war er ziemlich enttäuscht, schluckte die Tablette und das Wasser und ließ den leeren Pappbecher dann in den Mülleimer fallen.

»Der ist doch nur ein selbstverliebter Künstler, dem die Welt zu viel Geld in den Hintern bläst, für das was er Musik nennt!«

Naomi seufzte und schüttelte den Kopf.

»Nun wirst du aber unfair. Ich bin sicher, dass er erst einmal mit seinem neuen Leben klarkommen muss.«

»Sie hat recht.«

Die beiden Geschwister drehten sich synchron um und sahen zu Doktor Furukawa, der sich ihnen näherte und die Tür hinter sich schloss.

»Du nimmst den Kerl viel zu sehr in Schutz!«, maulte Yuuto genervt. Satoshi hatte sie beide damals, mehr oder weniger, als Pflegekinder aufgenommen, auch wenn sie bereits erwachsen waren. Der junge Punk fragte sich manchmal, ob sie so etwas wie ein Familienersatz für ihn waren; für seine verstorbene Frau und den ebenfalls verstorbenen Sohn aus erster Ehe.

»Ach?« Der ältere Mann hob fragend eine Augenbraue. »Findest du?«

»Ja, durchaus!« Yuuto wand sich wieder dem Fenster zu und sah Kyo in der Ferne in einer anderen Straße verschwinden. »Der will nichts von all diesen Dingen wissen, das merkt ein Blinder.«

 

Furukawa trat hinter ihn und legte ihm die Hände in einer väterlichen Geste auf die Schultern.

»Für ihn ist es schwerer, als für dich damals. Denk an die Verantwortung die er trägt. Er ist sich der Tragweite seiner Erkrankung absolut bewusst, Yuuto und er kämpft mit sich, genau so wie du damals auch hast kämpfen müssen.«

Trotzig wie ein Kind, spannte er die Schultern an und brummte.

»Ich kann ihn nicht ausstehen. Er ist ein abgehobener Wichtigtuer.«

Naomi konnte sich das amüsierte Kichern schließlich nicht mehr verkneifen.

»Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, großer Bruder«, lächelte sie und knuffte ihn in die Seite. Dabei fiel ihr Blick auf seine lädierte Hand und sie ergriff diese, strich mit den Fingerspitzen über die Narbe, an der sich eins sein Ringfinger befunden hatte.

»Gib ihm doch einfach noch ein bisschen Zeit«, versuchte sie ihn zu beschwichtigen. »Kyo-san ist bestimmt ganz nett, wenn man ihn mal näher kennenlernt.«

Er hingegen knurrte, unzufrieden mit der Tatsache, dass er mit seiner Meinung offenbar alleine stand.

»Ich verzichte darauf, ihn näher kennenzulernen. Mir behagt seine Gegenwart einfach nicht.«

»Er macht dich aggressiv?«, fragte Satoshi, der immer noch hinter ihm stand.

»Und wie! Ich kann es auch nicht erklären, aber es fühlt sich nicht gut an, wenn er sich in meiner Nähe befindet. Auch wenn ich versucht habe freundlich zu bleiben.« Yuuto unterdrückte ein Fauchen. »Es ist anders als bei dir.«

 

»Ja«, stimmte ihm der alte Kater zu und gab etwas Druck auf seine Hände, um ihn zu beruhigen, »Er ist in der Tat anders, als die meisten von uns. Ich weiß nicht ob es nur an der Infektion liegt, oder an seiner psychischen Vorbelastung. Kyo geht mit seiner Katzennatur anders um, als du oder ich. Er scheint mit ihr zu kommunizieren.«

»Dann ist er also genau so irre, wie man es über ihn lesen kann?« Yuuto drehte sich um und blickte die wenigen Zentimeter hoch, die Satoshi ihn überragte. »Ich habe mich über ihn erkundigt. Angeblich ist er ziemlich krank und es gibt Videos, in denen er sich auf der Bühne Wunden zufügt.« Sein ohnehin ernster Blick, wurde nun steinhart. »So einen Kater, kannst du nicht ruhigen Gewissens da draußen herumlaufen lassen!«

Auch Naomi wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Furukawa sah auf sie beide, legte jedem von ihnen eine Hand auf die Schulter.

»Deswegen versuche ich ihn im Blick zu haben und seine Entwicklung so gut wie möglich zu steuern. Er ist nicht die erste außergewöhnliche Katze, die ich begleite«, versuchte er seine Beweggründe zu erklären. »In ihm steckt sehr viel Potential, aber auch eine große Gefahr, das gebe ich zu.«

 

»Und was passiert, wenn er wieder auf Katsuo trifft?«, fragte der jüngere Mann vor ihm. »Er hat es auf ihn abgesehen, das wissen wir beide!«

»Kyo ist noch nicht bereit, ihm selbständig entgegen zu treten und ich weiß, dass Katsuo diese Schwäche ausnutzen wird, bevor er ihm ebenbürtig ist«, stimmte Satoshi zu. »Allerdings hat unser alter Freund selbst ebenfalls eine Schwäche, auch wenn er sich dieser nicht bewusst zu sein scheint.«

Fragend legte Yuuto den Kopf auf die Seite.

»Ach? Hat der graue Penner das?«

»In der Tat.« Furukawa nahm die Hände weg und tippte sich fast schon schelmisch gegen das Kinn. »Er liebt es zu spielen und diese Stalkingspiele so lange wie möglich hinaus zu zögern. Und genau deswegen musst du dich noch ein wenig länger an Kyos Ferse heften, Yuuto.«

Da sein Schützling darüber nicht besonders erfreut wirkte, lächelte Satoshi ihm entschuldigend entgegen.

»Ich brauche dich in seiner Nähe, bevor Katsuo ihn wieder alleine abfangen und angreifen kann. Früher oder später wird es darauf hinauslaufen, dass sie einander herausfordern und bis dahin, muss Kyo zu seiner vollen Stärke finden.«

»Und wenn ich das nicht schaffe?« Yuuto sah sehr unglücklich mit dieser Aufgabe aus. »Wenn er mir zuvorkommt und den Zwerg umbringt?«

»Das darf auf keinen Fall passieren!«

 

***

 

»Das glaub ich jetzt nicht!«

Kyo hob fragend eine Augenbraue, als er bereits die Hand nach der Türklinke ausstreckte und von drinnen der laute Ruf Toshiyas erklang. Er hörte sich dabei alles andere als wütend, oder aufgebracht an und bei den nächsten Worten, die er vernahm, musste Kyo breit grinsen.

»Die haben endlich nachgegeben? Ist das dein Ernst, Kaoru?!«, jubelte der Bassist lautstark und vermutlich fiel er ihrem Leader soeben um den Hals.

»Ja, es ist mein Ernst«, bestätigte eben dieser. »Sämtliche unserer Forderungen wurden erfüllt. Ich habe bereits unterschrieben, ehe sie es sich doch wieder anders überlegen konnten.«

»Wir bekommen also auch die Rechte zurück?«, fragte Dai erstaunt, erntete offenbar ein Nicken, denn plötzlich ließ auch er ein lautstarkes Jubeln verlauten.

»Du hast es also wirklich geschafft?«, fragte Shinya. »Nach all den Monaten?«

Kyo zögerte, lauschte und wagte es aus irgendwelchen Gründen nicht, ebenfalls den Raum zu betreten.

»Nun«, kam es jetzt etwas zögerlich von ihrem Gitarristen. »So genau weiß ich nicht, wieso sie ihre Meinung doch geändert haben«, gestand er. »Irgendwie habe ich den Eindruck, dass das nicht allein mein Verdienst ist.«

»Ist doch jetzt egal«, platzte es wieder aus Toshiya heraus und Kyo konnte sich lebhaft vorstellen, wie dieser vor Freude umher sprang und vermutlich früher oder später mit der Deckenlampe kollidierte, wenn man ihn nicht aufhielt.

 

»Weiß Kyo es schon?«

»Woher soll er das denn wissen?«, lenkte Dai ein.

»Weil Kyo immer alles als Erster erfährt«, erklärte Toshiya seinen Gedankengang. »Er und Kaoru haben dieses Ding.«

»Wir sind doch kein Paar!«, platzte es beinahe empört aus dem Leader und Kyo musste sich die Hand vor den Mund halten, um nicht zu lachen. Es stimmte, er und Kaoru hatten wirklich diese ganz merkwürdige Beziehung zueinander, welche Außenstehende gern missinterpretierten, doch das war ihnen normalerweise herzlich egal.

»Aber um deine Frage zu beantworten. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass Kyo durchaus bereits Bescheid weiß.«

Seine Hand zuckte zurück, die Augen aufgerissen, der Atem stockte ihm.

‘Kaoru ahnt etwas?’

»Was willst du damit sagen?«, wollte Shinya verwundert wissen.

»Ach, ich weiß auch nicht so recht«, erwiderte der Leader, »Seit Denver halte ich nichts mehr für unmöglich. Kyo benimmt sich eigenartig, wird plötzlich in Schlägereien verwickelt, ist angeblich chronisch krank und jetzt ändert unser Manager, aus heiterem Himmel, diesen Vertrag. Und das nachdem er mir, nur eine Stunde vorher, noch gesagt hat, sie würden keinen Schritt von den alten Bedingungen abweichen. Das ist doch merkwürdig.«

Kurz kehrte Stille ein, dann fragte Dai vorsichtig.

»Du denkst also, dass Kyo irgendwas angestellt hat?« Er ließ ein gespielt belustigtes Schnauben erklingen. »Kaoru, unser Giftzwerg ist vielleicht verrückt, aber er ist kein irrer Erpresser!«

»Ich verstehe aber was du meinst, Kao«, warf Shinya nachdenklich seine eigenen Bedenken ein. »Irgendwas ist seltsam. Als ich ihn vor einem Monat vor seiner Wohnungstür fand war er, nun ja, sehr aufgewühlt.«

 

Kyo wurde es eiskalt, als er sich daran zurück erinnerte. Sein Moment der Schwäche, in welchem er hemmungslos geheult und von Shinya auf dem Boden kauernd aufgefunden wurden war. Der Drummer hatte dies bislang für sich behalten und nun wollte er das einfach ausplaudern? Obwohl er doch wusste, wie überbesorgt Kaoru ständig um Kyo war?

»Was meinst du damit?«, verlangte eben dieser nun zu erfahren, was den jüngeren Mann in eine etwas unangenehme Situation brachte. Denn Shinya druckste etwas unbeholfen herum, ehe er knapp sagte: »Es ging ihm nicht so gut.«

»In wie fern?«, bohrte der Leader nach, erhielt aber keine weitere Antwort. Dafür mischte sich nun wieder Toshiya ein.

»Mittlerweile macht er aber einen sehr guten Eindruck, oder?«, fragte ihr Bassist in die Runde. »Ich weiß nicht, wann ich Kyo das letzte Mal so gesund und klar erlebt habe.«

»Trotz seiner Krankheit«, ergänzte Dai, jedoch mit wesentlich weniger Zuversicht in der Stimme. »Was wenn er uns wieder nur etwas vorspielt? Hat einer von euch Kyo jemals nicht psychotisch oder depressiv erlebt?«

Schweigen, in der vermutlich alle die Köpfe schüttelten.

»Willst du damit andeuten,« fragte Shinya vorsichtig, »Dass er nur versucht zu überspielen, dass es ihm schlecht geht?«

 

Nun wurde es ihm zu viel! Kyo packte die Klinke beinahe grob, riss sie nach unten und stieß die Tür auf.

»Guten Morgen«, pfefferte er in die Runde und sah zwischen ihnen hin und her. Seine Band wirkte fast so, als hätte er sie bei einer verbotenen Aktivität erwischt und er konnte sich das Grinsen einfach nicht verkneifen.

»Was ist? Habe ich beim lästern gestört?«, fragte er, warf seine Tasche auf die Couch und die schwarze Cappy direkt hinterher.

»Äh«, erklang es etwas überfordert von Dai, »Nein.«

»Sehr glaubwürdig«, scherzte der Sänger und trat näher. »Also, was habe ich verpasst?«

Seine Kollegen warfen einander Blicke zu, was ihn dazu verleitete eine Augenbraue anzuheben.

»Ich kann auch wieder rausgehen, wenn ihr nicht wollt, dass ich mit euch im Baumhaus spiele?«, mimte er weiter den Ahnungslosen und suchte gezielt den Blick Kaorus, welcher nun endlich die Sprache wiederfand und ihm die tolle Neuigkeit eröffnete.

»Ach?«, fragte Kyo mit gespielter Überraschung: »Wow, das hätte ich nicht erwartet.«

‘Eigentlich habe ich nicht erwartet, dass es dieser schwitzende Vollidiot tatsächlich schaffen würde, meiner Forderung nachzukommen und es bis Mittag ändern zu lassen.’

»Ja, es war wirklich fast schon ein Schock«, sein Leader sah ihm tief in die Augen, als ob er etwas darin suchte. »Und der Anruf kam gestern Abend wirklich unerwartet.«

Dass Kyo, für den Bruchteil einer Sekunde, wissend lächelte, schien den Verdacht, den der Ältere hegte, tatsächlich zu bestätigen. Sein Blick wurde nun sehr ernst.

»Ich habe mir alles fünf mal durchgelesen und der Änderungsvertrag scheint absolut sicher zu sein. Keine versteckten Paragraphen, keine Fallstricke, nichts Auffälliges. Ihr Vier müsst ebenfalls noch unterschreiben.«

 

Als sie nickten, deutete er auf die Tür zu seinem kleinen Büro. Die anderen Drei wanden sich ab und als Kyo ihnen folgen wollte, packte Kaoru ihn plötzlich am Handgelenk und zischte, kaum dass Toshiya, Shinya und Dai außer Hörweite waren.

»Was hast du getan?!« In seiner Stimme steckte etwas, was Kyo nicht so recht zu deuten wusste. Aber ganz offensichtlich, war Kaoru mit der spontanen Änderung weniger zufrieden, als er es hätte sein sollen.

»Was meinst du?«

»Tu nicht so, Kyo!«, fauchte der Bandleader. »Halte mich nicht für einen Idioten. Ich weiß genau, dass du irgendwas gemacht hast. Das Management weigert sich seit Monaten den Vertrag zu ändern und jetzt das? Verarsch mich nicht und sag mir die Wahrheit.«

Der etwas Kleinere drehte sich zu ihm um, sah ihm in die Augen und sagte erst einmal nichts. Kaoru erwiderte den Blick, aber recht schnell schien er sich deutlich unwohl zu fühlen und es fiel ihm schwer, dem beständigen Starren ihres Sängers stand zu halten.

 

»Was hast du getan?«, wiederholte er schließlich die Frage, mit leiser und belegter Stimme. Kyo tat einen Schritt auf ihn zu, die Augen immer noch nicht abwendend.

»Meinen Fehler korrigiert«, sagte er schließlich, ging auf Abstand und wand sich dem Büro zu. Als er mit dem Rücken zu Kaoru stand und dieser immer noch nichts sagte, ergänzte er: »Ich habe nur mit ihm geredet, sonst nichts.«

Er wand den Kopf um und für einen kurzen Moment glaubte Kaoru, dass die Augen des anderen nicht mehr dunkelbraun, sondern blau waren. Hatte er schlichtweg übersehen, dass Kyo Kontaktlinsen trug?

»Das ist die Wahrheit.«

Wie vom Donner gerührt stand er noch da, als Kyo längst im Büro bei den anderen saß, um sich den neuen Vertrag durchzulesen.

‘Werde ich jetzt verrückt?’

 

***
 

Kapitel 13 ¦ Katzenspiegel


 

***

 

‘Das darf doch nicht wahr sein!’

Katsuo knurrte frustriert, während er die Hände um das Lenkrad verkrampfte. Nun verfolgte er den kleinen Kater seit zwei Monaten und immer noch klebte diese Schlampe Yuuto an ihm, wie ein bescheuerter Groupie!

Er fauchte und krallte die Nägel ins Kunstleder, bis es ein hässliches Geräusch gab. Eindeutig steckte Satoshi dahinter!

Die Augen des Grauen folgten dem Objekt seiner Begierde, während dieser, versteckt hinter Mundschutz und Kapuze, in einen Konbini trat und dabei seine Kopfhörer ein wenig zurechtrückte. Er war kräftiger geworden, das erkannte er deutlich. Die Oberarme hatten sichtlich an Muskelmasse zugelegt, auch wenn er immer noch recht klein war.

Yuuto hingegen wartete in einer Seitengasse, den Blick nicht von Katsuos Wagen nehmend.

»Du kleiner Pisser«, fauchte er und startete genervt den Motor. So langsam wurde er ungeduldig und die Jägerinstinkte schrien immer mehr danach, sich das zu holen was sie seit so vielen Wochen wollten.

 

Kyo war sich allerdings durchaus im klaren darüber, dass er einen Aufpasser hatte, welcher ihm auf Schritt und Tritt folgte. Allerdings nahm er an, dass Yuuto ihm nur nachlief, weil Satoshi ihn im Blick behalten wollte. Davon, dass Yuutos Hauptaufgabe darin bestand Katsuo fern zu halten, ahnte er nichts. Generell war die Bedrohung durch den grauen Kater, längst irgendwo in den Hintergrund gerückt und er hatte im Moment wirklich besseres zu tun, als auch nur einen einzigen Gedanken an ihn zu verschwenden.

Er stopfte seine Einkäufe in eine Tüte, verließ den Laden, wand sich nach rechts und ging in die Richtung, aus welcher er gekommen war. Am Durchgang zu der kleinen Seitenstraße, blieb er stehen und warf Yuuto etwas zu.

»Hier«, rief er, als der andere das kleine, schwarze Päckchen fing, »Hoffe Edamame ist okay«, womit er die Sorte des Onigiris meinte.

Verwundert blinzelte der Punk.

»Oh«, meinte er, sah auf seine Hand, das in Plastik eingeschlagene Essen und dann wieder zu Kyo, welcher ihn etwas schief angrinste; verborgen hinter der Maske. »Danke.«

Der Sänger nickte.

»Traut Satoshi mir nicht zu, dass ich alleine zurecht komme?«, fragte er dann frei heraus, da er dieses Versteckspiel langsam leid war. »Und musst du dich wirklich vierundzwanzig Stunden am Tag, an meinen Arsch heften?«

»Du hast es also gemerkt?«, fragte Yuuto, welcher aus der Gasse trat. Kyo nickte wieder und setzte seinen Weg fort.

 

»Du bist nicht gerade unauffällig«, meinte er. »Also, was genau soll das alles? Es nervt!«

Der Jüngere verstaute das Päckchen in der Tasche seiner Jacke, ehe er antwortete.

»Ich soll dir nur die anderen Katzen vom Leib halten«, erklärte er. »Du bist zu präsent und sie könnten dich herausfordern.«

»Aha?«, Kyo warf ihm einen fragenden Blick zu. »Ich bin kein Schwächling.«

»Sag das Satoshi und nicht mir«, brummte Yuuto, dem das alles ebenfalls ziemlich gegen den Strich ging. »Es war seine Idee und er ist in Sorge, wegen Katsuo.«

»Ist der immer noch hinter mir her?«, Kyo wand sich nach links und der Jüngere folgte ihm.

»Wie konnte dir das entgehen?«, kam die erstaunte Frage. »Wäre ich nicht hier, dann hätte er dich schon längst abgefangen. Also hör bitte damit auf, dich nachts in irgendwelchen Straßen herumzutreiben.«

»Das tue ich doch gar nicht«, maulte der Kleinere. »Und es sind nicht irgendwelche Straßen, kapiert? Zufällig wohnt mein Bandleader dort und irgendwie muss ich ja abends wieder nach Hause kommen.«

»Es ist zu gefährlich, in deiner jetzigen Situation.«

 

Plötzlich blieb Kyo stehen, sah ihn durchdringend an und aus seiner Kehle kam ein finsteres, gut hörbares Knurren.

»Meine Situation geht dich einen Scheiß an, Yuuto! Und Satoshi geht es auch nichts an. Ich werde dieses Revier nicht übernehmen und du wirst gefälligst damit aufhören, mir ständig hinterher zu laufen. Hast du mich verstanden?!«

Zufrieden sah er, wie der Punk vor ihm zurück wich und wie sich seine Augen allarmiert weiteten. Yuuto mochte jetzt zwar größer als er sein, doch Kyo wusste, dass er ihm körperlich dennoch weit unterlegen war. Zumindest laut den Untersuchungsberichten, vom vergangenen Mittwoch.

»Hey, klär das mit Satoshi und lass mich da raus«, verteidigte sich der jüngere Mann. »Ich bin nur wegen Katsuo hier. Verschont mich mit eurem Zank.«

»Lass Katsuo mal meine Sorge sein.« Kyo wand sich wieder ab und setzte seinen Weg fort. »Und hör auf damit, mich mitten am Tag zu verfolgen. Er wird mich sicherlich nicht um diese Uhrzeit, mitten in der Stadt, angreifen.«

 

»Gib mir zumindest deine Nummer!«, rief der andere, als er wieder zu ihm aufholte, erntete dafür aber nur ein fast schon gehässiges Lachen.

»Das hättest du wohl gern! Vergiss es, oder stell dich hinten an. Es gibt mehr als genug Fans, die das seit Jahren verzweifelt versuchen.«

»Ach leck mich, Kyo!«, fauchte Yuuto genervt. »Selbst wenn du der Premierminister persönlich wärst, würde ich einen Fick darauf geben, wie berühmt du bist! Satoshi hat mir nun einmal diese Aufgabe - .«

»Es interessiert mich nicht«, unterbrach Kyo ihn wütend und funkelte ihn an, »was dein Sugardaddy von dir verlangt. Lasst mich damit einfach in Ruhe!«

 

»Kyo?«, wurde der Streit urplötzlich, von einer dritten Stimme unterbrochen. Überrascht sah er nach rechts und erblickte Shinya, der vor der Eingangstür zu seinem Appartementhaus stand und offenbar auf ihn wartete. Der Sänger warf Yuuto nochmal einen kurzen Blick zu und fauchte dann.

»Bleib mir vom Leib!«, ehe er sich seinem Drummer zuwandte und zu ihm ging. »Hey, Shin.«

Dieser sah irritiert zwischen Kyo und dem für ihn fremden Mann, hin und her.

»Wer ist das?«, fragte er neugierig, doch sein Kollege und Freund winkte ab.

»Ein Bekannter.«

»Hattet ihr Streit?«

»Ja, aber es ist nicht so wichtig.« Er schaute auf sein Handy. »Bin ich zu spät?«, fragte er, erntete dafür aber ein amüsiertes Kichern.

»Nein, aber ich zu früh«, erklärte ihm Shinya und folgte ihm ins Haus und zu den Fahrstühlen. Sie wollten sich später noch bei Kaoru treffen, um auf ihren neuen Vertrag und die Fertigstellung des Remastered von Uroboros anzustoßen.

 

Yuuto stand noch einige Zeit auf dem Gehweg, die Augen auf die Eingangstür gerichtet, selbst als die zwei Musiker längst verschwunden waren. Irgendwann steckte er murrend die Hände in die Taschen seiner Jeans und wand sich zum gehen. Dabei grummelte er durchgehend vor sich hin und verfluchte Kyo gedanklich so sehr, dass es seiner verstorbenen Mutter vermutlich die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte.

 

***

 

Es vergingen Stunden, in denen Katsuo einfach nur in seinem Auto verharrte und den Eingang des großen Appartementgebäudes nicht aus den Augen ließ. Yuuto hatte sich nicht mehr blicken lassen und das war ihm nur recht. Scheinbar war der kleine Kater nicht besonders glücklich darüber, dass ihm sein Aufpasser rund um die Uhr am Hintern klebte und ihm auf Schritt und Tritt folgte.

Er warf kurz einen Blick auf sein Handy und wischte langsam mit dem Daumen über das Display. Endlich wusste er, wer der Mann war, den er die letzten Monate so intensiv beobachtet und verfolgt hatte und eine Welle der Erregung durchlief seinen Körper, was ihn laut schnurren ließ.

Oh, er wollte ihn unbedingt töten! So einen guten Fang, konnte er sich nicht durch die Finger gehen lassen und wenn er dafür jedes Mal warten musste, bis sich Satoshis Schoßtier endlich verpisste, dann war das halt so.

»Kyo«, grinste er finster, scrollte durch die Bildersuche und verharrte dann bei einem der aktuelleren Fotos. Es zeigte den Sänger ohne Make-Up und Kontaktlinsen und er war regelrecht gefesselt von den dunklen, tiefgründigen Augen, welche trotzig in die Kamera starrten.

Dieser fast schon arrogante Blick, der abweisende Ausdruck im Gesicht des jungen Katers und diese unbeschreibliche Wildheit, hatten es ihm wirklich angetan. Katsuo hatte keine Ahnung, wie lange Kyo schon ein Feloidea war und es war ihm im Grunde auch herzlich egal.

Er wollte ihn einfach nur jagen und töten!

»Es wird mir ein Hochgenuss sein, dich in Stücke zu reißen!«

 

Plötzlich wurde sein Blick auf die Eingangstür gelenkt, denn eben diese glitt auf und die beiden Männer traten heraus; auch wenn er den größeren zuerst für eine Frau gehalten hatte.

Sie traten auf den Gehweg, schienen also nicht das Auto nehmen zu wollen und Katsuo stieg langsam und leise aus, um ihre Aufmerksamkeit nicht auf sich zu lenken. Die beiden unterhielten sich und der Wind trug einzelne Worte und Gesprächsfetzen zu ihm herüber, bei denen es scheinbar um Belanglosigkeiten ging, die er nicht einzuordnen wusste.

Sich über die Lippen leckend, drückte er die Wagentür zu und schloss ab, ehe er ihnen langsam und mit genügend Abstand folgte.

Tatsächlich steuerte das ungleiche Duo, schon bald die nächste U-Bahnstation an und er ging ihnen nach, verschmolz aufgrund seines Anzugs problemlos mit der Masse an Arbeitern und Pendlern, welche um diese späte Uhrzeit noch unterwegs waren und zog sich den Mundschutz etwas höher.

Als er einmal das Gefühl hatte, dass sein Objekt der Begierde etwas zu lange in seine Richtung schaute, tat er schnell geschäftig auf seinem Smartphone und wand sich der Ausgangstür zu.

 

‘Der Hübsche dort sieht auch lecker aus’, schoss es ihm durch den Kopf und er warf einen raschen Blick auf die Informationen der Band, welche er sich in den letzten Tagen angesehen hatte und deren Musik er absolut scheußlich fand.

Shinya.’ Hinter dem Mundschutz begann er zu grinsen. ‘Vielleicht sollte ich ihn ebenfalls jagen und töten. Dieses perfekte Gesicht sieht wahnsinnig verlockend aus.’

Und er musste an sich halten, um nicht erneut laut zu schnurren. Möglichst unauffällig sah er sich um, doch von Yuuto war immer noch keine Spur zu sehen.

‘Seltsam. Erst verdirbt mir diese kleine Pest wochenlang die Jagt und jetzt ist er wie vom Erdboden verschluckt?’

So richtig traute er dem Braten nicht und Katsuo war derart in Gedanken versunken, dass er beinahe den Moment verpasste, als seine Opfer die Bahn verließen. Rasch folgte er ihnen, rempelte dabei hier und da versehentlich Leute an und murmelte nebenbei eine Entschuldigung.

‘Mist! Nun reiß dich doch mal zusammen, du Idiot.’, schimpfte er gedanklich, sah sich um und entdeckte die zwei zwischen den anderen Fahrgästen, auf eine der Rolltreppen zugehend. Zum Glück waren sie immer noch in ihr Gespräch vertieft und achteten nicht auf ihn, oder die Menschen in ihrer Umgebung. Dass der Kleine ihn nicht witterte, war für Katsuo dabei ein deutliches Zeichen dafür, dass sich seine Katzensinne noch nicht ausreichend genug entwickelt hatten.

 

So vertieft war er in diese Verfolgung, dass er am oberen Ende der Treppe überrascht feststellte, dass sie sich am Rande eines der neueren Wohngebiete befanden.

Hier und da sah er unbebautes Land, teilweise neue und nur halb bezogene Apartmentgebäude und dazwischen immer mal wieder sehr teuer aussehende Wohnhäuser mit ausladenden Gärten und hohen Mauern.

Wer auch immer hier wohnte, hatte es finanziell und sozial weit gebracht. Katsuo spürte einen gewissen Neid in sich aufkeimen. Wie gern hätte er seiner Frau ein solches Leben ermöglicht, anstatt in sein altes Elternhaus zu ziehen, nachdem seine Eltern verstorben waren. Manchmal spielte das Leben wirklich unfair!

 

Sie waren zwar nur drei Stationen gefahren, befanden sich aber trotzdem weit genug außerhalb der Stadt, damit der Lichtsmog nicht mehr derart stark war, dass er alle Sterne verhüllte. Hier und da blitzten einige der helleren Gasriesen am Firmament auf, was er aber nur am Rande registrierte.

Der graue Kater ließ sich weiter zurückfallen, mied den Schein der Straßenlaternen, indem er in eine Nebengasse einbog und schaute vorsichtig um die Ecke. Tatsächlich hatten Kyo und Shinya gestoppt und standen nun vor einem einzelnen Haus. Es hatte nur ein zusätzliches Stockwerk, eine überraschend hohe Ummauerung samt schwerem Eisenzaun und auf den Nachbargrundstücken wurde noch immer gebaut. Irgendwie wirkte es beinahe verloren, wie es zwischen den beiden halbfertigen Häusern stand und er war sich unsicher, ob es nun modern oder traditionell sein sollte.

 

In der Stille der Nachbarschaft vernahm er, wie einer der beiden mit der Gegensprechanlage kommunizierte, dann ertönte ein mechanisches Summen und das Tor wurde aufgeschoben.

Durch die Bepflanzung des Vorgartens, war für ihn nicht ersichtlich, wer genau sie an der Eingangstür in Empfang nahm und somit wartete er in seinem Versteck, ehe er sich weiter in die Schatten zurück zog.

»Nun gut«, murmelte er und knöpfte die Jacke seines Anzugs auf. »Lass die Jagt beginnen. Ich hoffe, du bist das lange Warten wert, mein süßer Kyo«, schnurrte er unmenschlich.

 

Wenige Minuten später sprang ein gewaltiger, dunkelgrauer Schatten über das metallene Eingangstor und verschwand mit einem Rascheln im Gebüsch.

 

***

 

Kyo kratzte sich im Genick. Wieso nur wurde er das Gefühl nicht los, dass ihm schon die ganze Zeit über jemand folgte. Da er jedoch Yuuto im Verdacht hatte, versuchte er das Kribbeln irgendwie zu ignorieren und sich auf Shinya zu konzentrieren.

Mittlerweile entledigte er sich seiner Schuhe und folgte Kaoru in dessen großes Wohnzimmer, von welchem man einen wunderbaren Blick in den großzügigen, ummauerten Garten hatte, welcher nun von unzähligen Solarleuchten erhellt wurde. Sogar einen Teich hatte ihr Leader anlegen lassen, wenn auch ohne Fische, da ihm für diese einfach die Zeit fehlte.

»Hey!«, rief ihnen Dai von der Couch aus zu und winkte. Ihr Gitarrist hielt bereits ein gut gefülltes Bierglas in der Hand, während Toshiya draußen auf der Terrasse stand und sich den Garten ansah. Bei ihrem Eintreten jedoch wand er sich um und grinste.

»Okay, was wollt ihr trinken?«, fragte Kaoru und brachte ihnen dann das gewünschte, kaum dass sich Sänger und Drummer zu Dai auf die Couch gesellten. Auch Toshiya kam nun wieder herein, sie stießen auf den erfolgreichen Abschluss ihres Projektes an und schwiegen dann erst einmal eine Weile.

  

»Stimmt es?«, fragte Dai und nippte an seinem Bierglas.

»Stimmt was?«

Da er in seine Richtung blickte, ging Kyo davon aus, dass er ihn meinte. Er wartete ab und warf in der Zwischenzeit sein Smartphone auf den Tisch, da es ihn beim Sitzen störte.

»Dass du eine neue Band planst?«

»Sag nicht, dass Takumi es bereits ausgeplaudert hat.«

Innerlich die Augen verdrehend, nahm auch Kyo einen Schluck und versuchte dabei nicht die Nase zu rümpfen. Mittlerweile schmeckte Alkohol für ihn einfach nur noch schrecklich. Es stank, brannte ihm auf der Zunge und er wurde den Eindruck nicht los, dass seine innere Katze an der betäubenden Wirkung, die das Teufelszeug auf seinen Geist besaß, etwas auszusetzen hatte.

»Er hat so etwas angedeutet«, meinte Dai. »Also stimmt es wirklich?«

Kyo seufzte und stellte sein Glas weg.

»Wir hatten darüber geredet«, meinte er schließlich. »Er hatte ein paar Ideen, die er gern mit mir umsetzen würde, aber da bislang der alte Vertrag im Weg stand, haben wir das nie konkretisieren können.«

»Das hat sich ja nun geändert«, warf Kaoru fast schon mürrisch ein, welcher ihn wieder mit diesem seltsamen Blick betrachtete. Kyo erwiderte, sagte erst einmal nichts und nickte nur leicht. Der Rest von ihnen schaute zwischen Leader und Sänger hin und her, nicht wissend, wie sie das einzuordnen hatten.

Auch wenn er versucht hatte es nicht zu offen zu zeigen, waren Kyo die vielen Andeutungen und die misstrauischen Blicke, seitens Kaoru, in den letzten Tagen nicht entgangen. Der Leader hegte einen Verdacht, aber Kyo war nicht gewillt, irgendwie darauf einzugehen; zumindest jetzt noch nicht.

 

»Ja«, kam es schließlich mit beinahe tonloser Stimme von Kyo. »Zum Glück, hat das Management seine Meinung geändert.«

»Oh ja!« Der sonst so gefasste Kaoru machte nicht den Eindruck, als würde ihn dies auch tatsächlich erfreuen. Seine Stimme triefte nur so vor Sarkasmus. »Was für ein verdammtes Glück! Und es kam ja so überraschend

»Freu dich doch.«

»Das tue ich auch!« Etwas zu laut und zu heftig, stellte Kaoru sein Glas auf den Tisch und funkelte zornig Kyo an. Nun wurde es Dai zu viel.

»Sagt mal, was soll das jetzt?«, verlangte er zu wissen. »Ihr springt euch ja gleich gegenseitig an die Gurgel.«

»Gibt es da etwas, was wir wissen sollten?«, warf auch Toshiya ein, dem der Schlagabtausch zwischen den anderen nicht behagte.

»Ja, Kyo?«, Kaoru fauchte ihn an und wirkte plötzlich sehr wütend. »Sag uns doch mal, ob wir etwas über den neuen Vertrag wissen sollten.«

Immer noch rührte Kyo sich nicht, blieb äußerlich ruhig, ließ seinen Leader aber nicht eine Sekunde aus den Augen. Ihm war einfach nicht klar, was hier gerade passierte und wo genau Kaorus Problem lag.

Wieso war er darüber denn so aufgebracht? War es nicht im Grunde egal, wie genau Kyo es geschafft hatte, sie aus dem verdammten Vertrag zu hauen? Müsste sich der Gitarrist darüber nicht eigentlich genau so sehr freuen, wie die anderen?

 

»Was gibt es noch darüber zu wissen?«, fragte er schließlich, war versucht nach dem Glas zu greifen, unterließ es dann aber. »Er wurde geändert und alles ist gut.«

»Nichts ist gut!« Kaoru schlug so sehr mit der Hand auf den Tisch, dass es einen lauten Knall gab und Shinya, der neben Kyo saß, heftig zusammenzuckte. »Was hast du getan?!«

»Kaoru.« Ihr Drummer stand auf, ging zu ihm herüber und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. »Was hast du denn nur?«

»Was ich habe?«, fragte dieser und schnaubte abfällig. »Frag lieber Kyo, was er getan hat. Oder wieso unser Manager, seit neustem, fast eine Panikattacke bekommt, sobald man Kyos Namen auch nur in den Mund nimmt?«

Nun wanden alle drei die Köpfe um und starrten überrascht ihren Sänger an, welcher sich fühlte, als hätte er einen ganzen Eimer Eiswasser mit einem mal ausgetrunken. Ihm fröstelte und die feinen Härchen, auf seinen nackten Unterarmen, stellten sich unangenehm auf.

»Kyo?«, hauchte Shinya, dem das Entsetzen regelrecht ins Gesicht geschrieben stand. »Stimmt das?«

 

Ohne eine Antwort zu geben, sprang er auf und wand sich ab.

»Wage es nicht, jetzt abzuhauen!«, donnerte Kaoru. »Bist du von allen guten Geistern verlassen? Natürlich wollten wir aus dem Vertrag raus. Aber doch nicht, indem du wer-weiß-was mit unserem Manager anstellst!«

Kyo hingegen dachte nicht daran, sich diese Vorwürfe auch nur eine Sekunde länger anzuhören, er ging um die Couch und schob etwas ruppig die Glastür zur Terrasse auf, ehe er hinaus trat und sie einfach wieder hinter sich schloss.

Dabei vernahm er noch, wie Kaoru ihm nachgehen wollte, wohl aber von Shinya und den anderen aufgehalten wurde. Natürlich war er wütend, das konnte Kyo ja auch verstehen. Allerdings war er auch der Meinung, dass ihr Leader viele Dinge immer noch nicht ernst genug nahm. Man hatte sie verarscht, weil Kyo nun einmal psychisch krank war. Was also war so schlimm daran, dass er seinen eigenen Fehler korrigiert hatte? Wieso machte Kaoru jetzt so ein Drama daraus?

 

Als er versucht war seine Zigaretten aus den Tiefen seiner Hosentaschen zu kramen, wurde hinter ihm die Tür wieder aufgeschoben und die wütende Stimme Kaorus, welcher offenbar mit Dai und Toshiya diskutierte, drang an sein Ohr:

» - ist vorhin total bleich geworden, als ich meinte, dass er das mit Kyo besprechen soll. Was glaubt ihr denn, was das zu bedeuten hat?!«

»Dafür gibt es bestimmt eine logische Erklärung.«

»Dai! Es gibt dafür nur eine logische Erklärung! Er geht damit zu weit. Kyo geht viel zu weit!«

Die Tür schloss sich wieder, die Stimmen verstummten zu einem undeutlichen und dumpfen Gemurmel und Kyo nahm erleichtert den Geruch von Shinya wahr, welcher zu ihm trat und ihm sanft über den Rücken streichelte.

»Stimmt es denn, was Kaoru sagt?«, fragte der schöne Drummer, erhielt jedoch keine Antwort. »Hast du ihm weh getan?«, wollte er vorsichtig wissen. Nun jedoch sah Kyo ihn an, beinahe entsetzt über diese Frage.

»Natürlich nicht!«, sagte er hastig. »Shin, du weißt, dass ich so etwas niemals tun würde!«

‘Zumindest nicht, so lange ich noch eine menschliche Hülle besitze.’

In den Augen des anderen Mannes, spiegelten sich viele verschiedene und schwer zu deutende Emotionen wieder.

»Dann sag uns die Wahrheit, Kyo. Was ist nur los mit dir?«

Er schwieg wieder, suchte selbst Rat in diesen unergründlichen Irden, die ihn noch immer fragend musterten und senkte dann schwer seufzend den Kopf.

»Es geht nicht, Shinya«, antwortete er mit belegter Stimme. »Es geht einfach nicht. Wieso könnt ihr mir nicht einfach vertrauen. Wieso glaubt ihr mir nicht, wenn ich euch sage, dass ich nichts illegales gemacht habe?«

 

»Weil dich etwas belastet.« Eine zarte Hand mit schlanken Fingern legte sich auf seine Wange und er konnte nicht anders, als sich ein wenig an sie zu schmiegen und die Lider leicht zu senken. »Weil wir nicht mehr wissen, was wir noch denken oder glauben sollen, Kyo.« Vorsichtig strich ihm der andere über die Wangenknochen, erntete einen langen, durchdringenden Blick und schließlich legte Kyo seine Hand auf die von Shin, drehte den Kopf etwas und küsste ihn entschuldigend auf die Narbe über dem Handgelenk.

»Ich beschütze euch«, antwortete er schließlich leise.

»Und vor was?« Shinya hielt still, ließ ihn einfach machen und empfand dabei eine unendliche Traurigkeit. Wieso nur wurde er das Gefühl nicht los, dass ihr Sänger ihnen langsam entglitt?

»Vor diesen Haien vom Label, vor den anderen … vor mir«, antwortete er mit einem Wispern, was sich in der Stille der Dunkelheit unendlich laut anhörte.

»Dir?«

»Ja.« Er ließ die Hand los, sah zu ihm hoch und der Jüngere glaubte, einen merkwürdigen Schimmer in den geweiteten Pupillen seines langjährigen Freundes zu erkennen, der ihn verwirrte. »Vor allem, vor mir und den anderen.«

»Wen meinst du?«, verlangte Shinya mit deutlich Nachdruck zu erfahren. »Welchen anderen?«

‘Natürlich glaubt er, dass ich wieder in eine Phase rutsche.’, dachte er sich: Ich würde es ja selbst glauben. Aber so ist es besser. Sollen sie mich doch für irre halten. So lange sie sicher sind, ist es mir nur recht.’

 

Kyo wand sich ab und wieder der Tür zu. Drinnen sah er, wie Kaoru wild in seine Richtung gestikulierte und als sich ihre Blicke trafen, war es für Kyo, als hätte man ihm direkt ins Herz geschossen. Noch nie in seinem Leben, hatte er seinen Leader derart wütend erlebt.

‘Ich habe mich immer gefragt, wieso du mir nie von der Seite weichst, Kao’, schoss es ihm durch den Kopf. Ob du eigentlich dazu in der Lage bist, mich zu hassen. Aber ganz offensichtlich, kannst du es tatsächlich.’

Er wusste zwar nicht, ob ihn sein Freund tatsächlich hasste. Aber Kaoru besaß einen unfassbar stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und zu wissen, dass Kyo etwas getan hatte, was gegen eines seiner Grundprinzipien verstieß, musste in dem sonst so ruhigen Mann, irgendein Fass zum überlaufen gebracht haben.

Er schob die verglaste Tür auf und trat ein. Sofort verstummte das zornige Wettern und Kaoru riss sich von Dai los, um sich vor dem Sänger aufzubauen, welcher nun vor ihm in der Mitte des Wohnzimmers stand und ihn abwartend ansah.

 

»Sag es, Kyo!« Kaoru war ganz außer Atem. »Sag mir was du gemacht hast!«

»Nicht das was du denkst.«

»Ach, und was denke ich?!« Kyos immer noch ruhige Stimme, schien den anderen immer wütender zu machen. Auch wenn Kyo eigentlich gehofft hatte, das Gegenteil zu erzielen.

»Du denkst, dass ich ihm etwas schlimmes angetan habe. Aber das habe ich nicht!«

Sie standen sich gegenüber wie Rivalen, obwohl sie für einander eigentlich ein tiefes Vertrauen empfanden. Zumindest bis jetzt.

»Du weißt, dass ich niemandem etwas antun würde.«

»Ich glaube dir nicht«, knurrte Kaoru. »Ich kann dir nicht mehr vertrauen, Kyo!«

‘Was genau ist am Nachmittag passiert, nachdem wir bereits weg waren?’, fragte sich Kyo stumm. Kaoru hatte noch einmal mit dem Manager über die Veröffentlichung reden wollen und nun entglitt ihnen dieser Streit immer mehr. Was war in dessen Büro vorgefallen?

 

»Am liebsten -«, presste Kaoru zwischen den Zähnen hervor, die Hände zu Fäusten geballt, »Würde ich dir eine reinhauen!«

»Na, dann tu es doch endlich!«, platzte es aus Kyo heraus. »Ich weiß, dass du es schon lange willst, also tu-es-doch-einfach

»Schluss damit!«, mischte sich Toshiya ein und kam zu ihnen. »Niemand schlägt hier irgendwen. Das bringt nichts.«

»Doch, das tut es.« Kyo ließ Kaoru immer noch nicht aus den Augen.

»Ich weiß, dass du mich ebenso sehr hasst, wie du mich liebst, Kaoru«, fauchte er. »Ich habe so viel kaputt gemacht, weil ich ein gestörter Psycho bin. Wegen mir, mussten wir so viel Scheiß ertragen und ihr habt euch für mich verletzt und in Lebensgefahr gebracht.« Rasch warf er einen Seitenblick zu Toshiya, der wegen ihm auf ein windiges Dach geklettert war, um ihn vom springen abzuhalten.

»Mir ist klar, dass ich euch nicht verdient habe und trotzdem seid ihr immer noch hier und versucht mich zu beschützen.« Wieder sah er zu seinem Leader. »Also los, tu es endlich, Kao. Schlag zu!«

»Kaoru nein!«, schrien Dai, Toshiya und auch Shinya, als ihr Leader tatsächlich die Hand hob, die Finger zur Faust ballte und zum Schlag ausholte. Kyo hielt noch immer den Blickkontakt zu Kaoru, wartete den Schlag und den Schmerz ab, wollte ihn ertragen und dann - passierte nichts.

 

Statt dessen durchdrang ein lautes Poltern die Nacht, begleitet von einem panischen Schrei und er sah, wie sich die Augen Kaorus vor Schock weiteten. Er hatte den Blick gehoben, starrte auf etwas, was sich in Kyos Rücken befand und wurde kreideweiß.

»Shinya!«, rief er, die Hand noch immer mitten in der Bewegung erhoben und dann ließ ein lautes Grollen die Luft um sie herum erzittern.

»Heilige Scheiße!«, kreischte Dai und wich zurück. Ebenso wie Toshiya, der mit der Rückenlehne der Couch kollidierte und so aussah, als hätte er Gott-weiß-was gesehen.

Kyos Nackenhaare stellten sich auf, sein Blut schien mit einem Male zu kochen und in seinen Ohren zu rauschen. Er wirbelte herum und fand sich urplötzlich mitten in einem Albtraum wieder.

 

Shinya lag auf den Holzdielen der Terrasse, zitternd und schreiend. In seinem Genick lag eine riesige, fünffingrige und mit tödlichen Klauen bestückte Pranke, die dazu gemacht war ihm problemlos den Hals zu brechen.

Der Drummer kauerte zwischen den riesigen Hinterpfoten einer Kreatur, deren Körperbau irgendwo zwischen dem eines Primaten und einer Großkatze zu stecken schien. Dichtes, graues Fell bedeckte ihn und hier und da sah Kyo ein paar dunkle und helle Streifen. Dazu einen langen Schweif, der bedrohlich durch die Luft peitschte.

Das Wesen hatte einen starken, breiten Nacken, seine Taille hingegen wirkte erstaunlich schlank, während sich die Hinterläufe kaum von denen eines Löwen unterschieden. Sein ganzes Gewicht ruhte auf riesigen Pfoten und dabei war das schlimmste an dem Ding nicht einmal, dass es die Größe und Statur eines ausgewachsenen Kaltbluts besaß.

Es waren der Kopf, das schreckliche Maul und die langen, elfenbeinfarbenen Zähne, welche ihnen deutlich zeigten, dass es sie damit ganz leicht würde töten können. Seine spitzen Ohren zuckten angriffslustig.

 

»Oh mein Gott«, keuchte Kaoru, der sichtlich um Fassung rang und im Angesicht der Gefahr wie erstarrt wirkte. »P - Polizei«, stammelte er. »Wir müssen die Polizei rufen!«

Als hätte es sie verstanden, ließ das Wesen ein lautes Knurren ertönen, richtete seine eisblauen Augen auf Kyo und grollte bedrohlich. Sekundenlang stand er einfach nur da und rührte sich nicht, auch wenn er den Blick erwiderte und die Oberarme unwillkürlich an spannte.

»Er fordert mich heraus«, murmelte er, mehr zu sich selbst, aber laut genug, dass Kaoru, der immer noch hinter ihm stand, seine Worte hören konnte.

»Was?! Er?«, schrie dieser panisch und endlich trat Kyo einen Schritt auf den grauen Kater zu, welcher seine Klauen in Shinyas Haaren vergrub und den schönen Mann daran in eine mehr oder weniger kniende Position zog. Shinya wimmerte und versuchte sich loszureißen, aber er kam gegen diese unnatürliche Kraft einfach nicht an.

»Katsuo!«, rief Kyo, als sich Kaorus Hand um seinen Oberarm schloss und ihn wieder zurück zog. Der Graue knurrte erneut und machte keine Anstalten, von seinem Opfer abzulassen.

 

»Kaoru lass mich los!«

»Den Teufel werd ich tun. Wir müssen Shinya retten!«, schrie ihn der Leader an, während Dai bereits drauf und dran war, sein Handy aus der Tasche zu ziehen und den Notruf zu wählen. Als Katsuo dies sah, stieß er ein Fauchen aus und schnappte zu.

»Nein!«, schrie Kyo entsetzt und rief dann ihrem Gitarristen zu. »Dai, leg das Handy weg! Er versteht alles was wir sagen!«

»Aber - .«

»Das ist kein Tier, verdammt!« Er hatte keine Zeit sich zu erklären. Shinyas Leben hing davon ab, dass er sich ihm stellte.

»Das ist ein Mensch!«

 

Katsuo hielt Shinyas Arm mit dem Maul fest, jedoch ohne diesen zu verletzen. Es war eine Warnung, das erkannte Kyo sofort und er wollte nicht riskieren, dass der irre Kater ihren Drummer tatsächlich biss und damit infizierte.

»Katsuo, lass ihn gehen. Du willst mich und nicht ihn!« Er riss sich los, stieß Kaoru grob von sich, als dieser wieder versuchte nach ihm zu greifen und überwand die letzten Meter zur Terrassentür.

»Du willst mich!«, wiederholte er und starrte in die Augen seines Gegners, welcher immer noch nicht von Shinya abließ. Die Tatsache, dass dem wunderschönen Mann Tränen über die Wangen liefen und er vor Todesangst zitterte, machte Kyo unsagbar wütend. In ihm brodelte das Blut, bis er schließlich das tiefe, animalische Knurren nicht mehr zurückhalten konnte, was sich in seiner Brust aufstaute.

 

»Lass ihn gehen!«, brüllte er und hieb mit der flachen Hand gegen die halb geöffnete Glastür zu seiner rechten. Es gab ein lautes Knacken. Kyos Atem beschleunigte sich, seine Pupillen verengten sich zu Schlitzen, die Pigmente verschwanden aus seiner Iris und als Shinya dies sah, schrie er erneut panisch auf.

»Kaoru!«, fauchte er animalisch und wartete nicht auf eine Antwort. »Nimm mein Handy und ruf Doktor Furukawa an.«

»Ich soll - .«

»Tu was ich sage!«, in der Spiegelung der Fensterscheibe sah er, wie der Ältere sich in Richtung Couchtisch bewegte und auch Katsuo sah es, hörte Kyos Worte und knurrte wütend. Um dessen Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen, holte Kyo aus und hieb ein weiteres Mal mit der Hand gegen die Tür.

 

Dieses Mal zersplitterte das Glas in tausend Teile. Die Wut in seiner Brust schien zu explodieren, ihm wurde schrecklich heiß, seine Muskeln brannten wie Feuer und Kyo fühlte im nächsten Moment nichts anderes, als unendliche Schmerzen. Er schrie auf, aber es war kein menschlicher Schrei, der aus seiner Kehle drang, sondern ein Kreischen, welches in ein katzenhaftes Brüllen überging.

‘Es wird weh tun.’, schossen ihm die Erinnerungen an Satoshis Worte durch den Kopf, bevor er kaum noch dazu in der Lage war, auch nur einen einzigen, klaren Gedanken zu fassen.

‘Es fühlt sich an, als ob sich Körper und Geist vollständig auflösen und in etwas grauenvolles und groteskes verwandelt werden.’

Selbst im Nachhinein würde er die Schmerzen nicht einmal ansatzweise in Worte fassen können. Denn es fühlte sich so an, als würde es ihm die Haut vom Fleisch reißen, die Knochen zermalmen, seine inneren Organe zerfetzen und sein Blut noch in den Adern verkochen. Kyo sah und hörte nichts mehr, schrie einfach nur noch und verlor schlussendlich den mentalen Kampf um die Vorherrschaft, der seit zwei Monaten in ihm tobte.

 

Kaoru konnte nicht begreifen, was er da sah. Nicht genug, dass mitten in seinem Garten dieses monströse Katzenwesen aufgetaucht war und Shinya in seiner Gewalt hielt. Oder dass Kyo ihnen unverständliche Befehle erteilte, die in seinen Ohren absolut verrückt klangen.

Nein, jetzt musste er auch noch mit ansehen, wie ihr Sänger binnen Sekunden verschwand und statt seiner schüttelte sich nun eine zweite Kreatur die Überreste von Kyos Kleidung von den Schultern. Sie sah dem Monstrum, welches nach wie vor auf den Brettern der Terrasse stand, erschreckend ähnlich.

Nur dass es nicht graues, sondern goldbraunes besaß, mit kreisförmig angeordneten, dunklen Flecken, einem aufgerichteten Nackenkamm, abgerundeten Ohren und einem ebenfalls goldbraunen Schweif, der zuckend durch die Luft glitt.

Obwohl er mit eigenen Augen gesehen hatte, dass noch vor wenigen Sekunden, an genau dieser Stelle, Kyo gestanden hatte, erinnerte daran nichts mehr an einen Menschen.

Das konnte doch unmöglich sein.

Das durfte einfach nicht sein!

»Kyo«, keuchte er fassungslos und immer noch mit dem Handy ihres Sängers in der Hand. Die Kreatur beachtete ihn nicht, richtete sich auf den Hinterbeinen auf und brüllte einfach nur in Richtung des Grauen, der Shinyas Arm aus seinem Maul entließ und irgendwie zufrieden wirkte. Erst der panische Schrei ihres Drummers, welcher, noch immer gelähmt vor Angst, auf dem Holzboden lag, riss ihn aus seiner Starre.

 

Als wäre dies eine Art Signal, kam in die Katze, die eben noch Kyo gewesen war, Bewegung. Kaum dass sein Kontrahent endlich von Shinya abließ, stürzte er sich auf ihn und beide verschwanden in einem wilden Durcheinander aus Klauen, Zähnen und Fell, verbissen sich für einige Sekunden und gingen dann ebenso schnell wieder auf Abstand.

Ihre Hinterpfoten trommelten über die Terrasse und hinterließen tiefe Kratzspuren, während sich Kyo schützend vor Shinya aufbaute, der einfach nicht dazu im Stande war sich von selbst zu bewegen.

»Shin!,« rief Toshiya, der zu der zersplitterten Tür hastete und ohne groß drüber nachzudenken nach dem Drummer griff. Trotz dass der andere Mann so schlank war, hatte er sichtlich damit zu kämpfen ihn ins Haus zu ziehen und möglichst viel Abstand zwischen sie und die beiden Monster zu bringen, die einander immer noch lauernd umrundeten und lautstark knurrten.

 

»Kao, was geht hier ab?!«, rief Dai ungewohnt schrill, erntete aber nur ein verständnisloses Kopfschütteln.

»Ich - ich hab keine Ahnung!« Erst dann erinnerte er sich an den Befehl, welchen Kyo ihm vor seiner Verwandlung (oder was auch immer das hier war) gegeben hatte. Er sollte einen Doktor Furukawa anrufen. Warum genau, das wusste Kaoru nicht, doch sein Sänger hätte ihm das nicht in so einer Situation gesagt, wenn es nicht absolut dringlich gewesen wäre.

Dann ertönte erneut ein lautes Brüllen und sie alle zuckten mit einem synchronen Schrei zurück, als die jaguarartige Katze gegen die Außenseite der Terrassentür krachte, welche nun gänzlich zu Bruch ging und in den Raum kippte.

 

Der graue Kater hatte sich auf Kyo gestürzt und verbiss sich in seinem Hals. Augenblicklich verwandelte sich sein Fell in ein wirres Durcheinander aus braun und rot und er schrie vor Schmerz und Wut auf, hieb mit den Klauen nach seinem Rivalen und trat ihm mit einem seiner Hinterbeine in den Bauch. Katsuo ließ los, brüllte, als Kyo ihm mit den Krallen eine tiefe Wunde in die Seite hieb und wich zurück.

Glas und blutige Fellbüschel fielen zu Boden, kaum dass der Jaguar sich aufrichtete und nur am Rande registrierte er, dass die anderen Vier immer noch da waren und ihren Kampf verängstigt beobachteten. Seine ganze Aufmerksamkeit ruhte auf seinem Gegner.

Dieser war zwar etwas größer als Kyo, doch das bedeutete nicht, dass er ihm damit auch überlegen war.

 

Wild und mit einem animalischen Brüllen, warf Kyo sich auf ihn, versuchte nach Katsuos Kehle zu schnappen, wurde jedoch abgewehrt und erneut begannen sie einander zu umkreisen. Es war klar, dass dieser Kampf nur mit dem Tod enden würde und Kyo hatte ganz sicher nicht vor sich töten zu lassen!

Wieder schnellte er vor und dieses Mal war der Graue zu langsam. Er verbiss sich in dessen Oberarm, riss daran und spürte, wie sich seine Zähne immer tiefer ins Muskelgewebe des anderen gruben. Bis er plötzlich im Nacken gepackt und auf Abstand gezerrt wurde. Katsuo hielt ihn im Genick fest, die beiden Katzen waren jetzt nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt. Brüllend und mit weit aufgerissenen, blutigen Mäulern. Kyo sah in die zornigen Augen seines Kontrahenten und eine unermessliche Blutlust überkam ihn.

 

Dann schlug er mit einer seiner Vorderpranken zu und verpasste ihm einen blutigen Kratzer, direkt unterhalb des rechten Auges. Katsuo schrie zornig auf, schnappte nach ihm, aber Kyo riss sich los, hieb wieder in seine Richtung und biss erneut zu.

Dieses Mal zeigte es deutlich weniger Wirkung und er konnte nicht verhindern, dass auch der größere Kater, seine Zähne in ihn grub. Er bäumte sich auf, verlor den Halt und sie beide kippten von der etwa einen Meter hohen Terrasse in den Garten und begruben dabei mehrere Solarlampen unter sich.

Als er sich losriss, büßte Kyo einige Fellbüschel ein und die heißen Schmerzen in seiner Schulter zeigten deutlich, dass er sich die ein oder andere üble Fleischwunde zugezogen hatte. Blut tropfte zu Boden und versickerte zwischen den ersten grünen Grashalmen, die sich aus dem Winterschlaf heraus kämpften. Er versuchte die Schmerzen irgendwie abzuschütteln, während sein Schweif wild durch die Luft zuckte und er die Ohren an den Kopf legte. Sein Maul war geöffnet, seine Lefzen gefletscht, Blut und Speichel tropfte von seinen Zähnen. Katsuo tat es ihm gleich und wieder umkreisten sich die beiden gewaltigen Wesen, wieder gingen sie aufeinander los und verwüsteten dabei den hübschen Garten in ihrem irren Kampfrausch.

 

Als sich die Krallen links und rechts in seine Seiten bohrten, warf Kyo den Kopf zurück und schrie, nur um im nächsten Moment die Zähne in Katsuos Schulter zu vergraben und diesen weiter zurück zu drängen.

Je mehr Blut floss und je mehr Schmerzen sie einander zufügten, umso rasender wurde er auch. Scheinbar hatte sein Gegner nicht damit gerechnet, dass er sich mit solcher, ungezügelter Kraft zur Wehr setzte und der Jaguar genoss dessen Verwunderung und auch Wut darüber sehr. Er war vielleicht unerfahrener als der Graue, aber ganz sicherlich keine leichte Beute!

 

Kaoru versuchte indes tatsächlich diesen Doktor Furukawa zu erreichen. Dabei schickte er ein inneres Stoßgebet gen Himmel, dass Kyo seit fast zwei Jahrzehnten immer die selbe Zahlenkombination als Sperrcode verwendete: 1-9-9-7. Er drückte sich das Handy ans Ohr, stand an der noch verbliebenen Fensterscheibe zu seiner Terrasse und konnte den Blick einfach nicht abwenden. Es war nicht abzusehen, welche der beiden Monster die Oberhand gewinnen würde, doch jedes Mal, wenn die Kreatur, die er Kyo nannte, verletzt wurde, zuckte er heftig zusammen.

Nach einer gefühlten Unendlichkeit, gab es ein leises Klicken in der Leitung und eine tiefe, männliche Stimme meldete sich.

»Kyo-san, entschuldigen Sie bitte, aber ich habe gerade keine - .«

»Hier ist nicht Kyo!« Kaorus Stimme überschlug sich fast vor Panik und der Arzt verstummte augenblicklich, während der Leader fassungslos stammelte. »Ich - ich bin sein Kollege; Kaoru. Sie - ich - keine Ahnung, er sagte ich soll Sie anrufen!«

»Ruhig, junger Mann. Sagen Sie mir bitte, was genau passiert ist«, bat ihn der Fremde angespannt.

»Er - er - Katze - ich weiß nicht was das ist aber - aber - kommen Sie gefälligst hier her. Er ist eine -.«

 

Weiter kam er nicht, als seine Stimme, von einem Krachen, regelrecht übertönt wurde. Er schrie den Namen seines Sängers, kaum dass dieser gegen einen der großen Terrakottakübel geschleudert wurde, welcher lautstark zu Bruch ging. Kyos animalisches Brüllen zeugte davon, dass er starke Schmerzen hatte und als sich Katsuo auf ihn stürzte, erkannte Kaoru, dass sich eine große Tonscherbe in die Seite des goldbraunen Katers gebohrt hatte.

»Geben Sie mir die Adresse. Sofort!«, verlangte Furukawa umgehend zu wissen. Kaoru wusste nicht, welcher Teil in seinem Gehirn genau jetzt schaltete, aber irgendwie brachte er es fertig seine Wohnadresse durch das Handy zu geben, ehe er es fallen ließ und zur Tür hastete.

»Kyo!«

 

Hände packten ihn und zerrten ihn zurück.

»Kaoru nicht!« Dai hielt ihn eisern fest, zog ihn in die vermeintliche Sicherheit des Hauses und zu Toshiya, welcher den zitternden und panischen Shinya beschützend im Arm hielt. »Die bringen dich um!«

»Aber er tötet Kyo!«, rief der Leader aufgebracht und sah hilflos zu, wie der graue Kater immer wieder auf Kyo ein biss und ihn brutal in den Scherbenhaufen drückte.

»Wir müssen etwas tun!«

Kaoru stieß Dai von sich, welcher gegen den Tisch stolperte und dann zu Boden ging. Der Älteste zögerte nicht, schnappte sich einfach den erstbesten Stuhl vom Esstisch und rannte raus. Wann genau er seinen linken Hausschuh verloren hatte, wusste er nicht und dass er sich einige Scherben der zerbrochenen Tür eintrat, war ihm jetzt herzlich egal.

Mit aller Kraft, die er aufzubringen in der Lage war, holte er aus und ließ den Stuhl auf den muskelbepackten Rücken des Monsters krachen.

 

Katsuo brüllte auf, allerdings nicht aus Schmerz, sondern aus Wut. Seine eiskalten Augen richteten sich auf Kaoru und dieser erstarrte im Angesicht der Gefahr, die sich nun vor ihm aufbäumte und sich gierig über das blutverschmierte Maul leckte. Dabei hielt er den Stuhl immer noch wie ein Dompteure vor sich, auch wenn ihm klar war, wie lächerlich es wäre, diesen als Schild zu benutzen.

»Oh scheiße«, keuchte er, wich zurück, den scharfen Schmerz in seiner Fußsohle fast ausblendend. Der Kater folgte ihm geschmeidig. Auch er war voller Bisswunden und sein eigentlich schönes, graues Fell, war an vielen Stellen tiefrot getränkt.

Das Wesen richtete sich zu seiner vollen Größe auf, und maß nun gut und gern an die zwei Meter! Es öffnete das Maul, ließ ein finsteres und gieriges Fauchen ertönen und holte mit einer seiner Pfoten aus, um nach ihm zu greifen - als es plötzlich weg gezerrt wurde.

 

Kaoru stolperte, der Stuhl entglitt ihm und er selbst fiel nach hinten auf den kalten Holzboden. Zeitgleich beobachtete er angstvoll, wie sich die Augen des grauen Katers beinahe panisch weiteten. Er schlug nach hinten, schaffte es aber nicht Kyo zu erreichen. Dieser hatte sich in seinem Nacken verbissen, hielt ihn mit seinen Vorderpfoten fest und zerrte ihn mit aller Kraft weg von Kaoru.

Tatsächlich hatte es der Jaguar irgendwie geschafft, sich so günstig in seinem Rivalen zu verbeißen, dass es diesem unmöglich war, ihn einfach so wieder abzuschütteln. Kyo zog ihn tiefer in den Garten, die Augen nicht von dem am Boden liegenden Kaoru nehmend, unter dessen linkem Fuß sich eine kleine Blutpfütze ausbreitete und die der Gitarrist offenbar nicht einmal bemerkte.

‘Kaoru ist verletzt.’, war das einzige, an was die Katze in diesem Moment denken konnte. Er hat Kaoru verletzt. Kaoru blutet. Wir müssen Kaoru beschützen. Wir müssen Katsuo töten!’

 

Eines seiner Hinterbeine trat in eiskaltes Wasser, aber er hörte nicht auf, egal wie sehr der Graue auch versuchte sich zur Wehr zu setzen. Kyo zog ihn mit sich, bis sie beide in dem kleinen Teich standen und erst dann packte er Katsuo an den Schultern und drückte ihn mit aller Gewalt und seinem ganzen Körpergewicht nach unten.

Voller Hass presste er ihn unter die Wasseroberfläche und ignorierte dabei, dass auch sein eigenes Maul voller Wasser lief. Er selbst konnte noch durch die Nase atmen, Katsuo hingegen nicht.

Dieser zappelte, schlug um sich und versuchte sich immer wieder seinem Griff zu entwinden, aber Kyo ließ es einfach nicht zu. Er hielt den Blickkontakt zu Kaoru und dieser starrte entsetzt zurück.

Ob er wirklich begriff, dass Kyo dabei war zu töten?

Ob er verstand, was in diesem Moment passierte?

 

Katsuo war panisch. Er wollte nicht so ehrenlos sterben! Ertränkt in einem verdammten Gartenteich, von einem Jungkater, der noch nicht einmal der ersten Phase ganz entwachsen war.

Ob er ihn unterschätzt hatte? Natürlich hatte er das!

Andernfalls würde er jetzt nicht in so einer demütigenden Position stecken.

‘Nein. Das lasse ich nicht zu!’

Der graue Feloidea schlug blind um sich, hieb seine Pfoten in die dicke Folie unter ihnen, riss hier und da Pflanzen heraus und trat Steine vom Rand. Aber egal was er auch versuchte, es nützte nichts. Kyos unfassbar starker Kiefer, hielt ihn im Genick fest und drückte ihn erbarmungslos unter Wasser, welches mittlerweile voller Blut war und schäumend umher spritzte.

‘Luft - Luft - Luft! Ich brauch Luft!’

Scheiße, seine Lungen liefen langsam voller Wasser, er versuchte zu husten, doch das machte alles nur noch schlimmer. Ein wahnsinniger Schwindel überkam ihn, vernebelte ihm langsam die Sinne und ein roter Schleier begann sich über seine Augen zu legen, als einige Gefäße darin vor Anstrengung platzten.

 

‘Nein. Nein. Nein. Nein! Ich sterbe nicht. Nicht so! Nicht so, verdammt nochmal!’

Wieder schlug er um sich und dieses Mal hatte er irgendwas getroffen, denn mit einem mal verschwanden die Zähne aus seinem Nacken und er vernahm ein schmerzerfülltes Schreien. Dass er Kyo genau auf die Stelle geschlagen hatte, in welche sich nur Minuten zuvor die Tonscherbe gegraben hatte, wusste er nicht.

Als sein Kopf die Wasseroberfläche durchstieß, war atmen das einzige, an was er denken konnte. Flüssigkeit erbrechend, bei der auch Blut dabei war, kroch Katsuo aus dem Teich. Ihm war schwindlig und er wusste, dass er so nicht weitermachen konnte; denn auch die Bisswunden machten sich jetzt sehr deutlich bemerkbar.

Mit einem letzten Blick auf Kyo, welcher noch zum Teil im Wasser kauerte und sich vor Schmerzen krümmte, sprang er auf die hohe Gartenmauer, zog sich die letzten Zentimeter hinauf und verschwand humpelnd in der Finsternis der Nacht.

‘Satoshi, dein kleines Haustier ist wirklich zäher, als ich erwartet hätte.’

 

Kyo fauchte und winselte, krümmte sich zusammen und hielt mit der Pfote die Scherbe umklammert, die ihm immer noch in der Seite steckte.

Als Katsuo dabei gewesen war sich auf Kaoru zu stürzen, hatte er es noch gut ausblenden können. Doch nun, wo der andere Kater weg war, kehrten die Schmerzen mit all ihrer Brutalität zurück und mit letzter Kraft zog er sich auf den völlig verwüsteten Rasen. Überall lagen zertrümmerte Blumentöpfe herum, flackernde oder zerstörte Solarleuchten, ausgerissene Pflanzen und alles war getränkt in wahnsinnig viel Blut.

Aber für all das hatte der Jaguar im Augenblick keinen Sinn. Die Scherbe musste raus! Er zog daran, schrie gepeinigt, machte aber weiter und endlich fühlte er, wie sie sich aus seinem Fleisch befreite, in welches Katsuo sie getrieben hatte.

Mit einem dumpfen Geräusch ging sie zu Boden und sofort presste er seine Finger auf das Loch, aus welchem Blut floss und sich mit dem Wasser des Gartenteichs mischte, das ihm aus seinem dichten Fell sickerte.

Einen würgenden Laut von sich gebend, kippte der goldbraune Kater zur Seite und rollte sich auf dem kalten Erdboden zusammen. Sein ganzer gewaltiger Leib bebte vor Schmerz und Kälte und trotzdem ging ihm nur ein einziger Gedanke durch den Kopf.

‘Kaoru ist sicher. Er hat ihm nichts getan. Kaoru geht es gut.’

 

***
 

Kapitel 14 ¦ Katzenfreund

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Kapitel 15 ¦ Katzenlicht


 

***

 

[Mai, 2012]

 

Kyo zog sich den Mundschutz vom Gesicht und atmete durch, als er in das klimatisierte Gebäude trat. Zwei Monate waren seit dem schicksalhaften Abend in Kaorus Haus vergangen und sie hatten einander kaum gesprochen, denn er wollte den anderen Zeit geben, um über die Situation nachzudenken und jeder von ihnen sollte für sich selbst eine Entscheidung treffen.

 

»Wenn ihr nicht mehr weitermachen wollt,« hatte er ihnen damals deutlich zu verstehen gegeben, »dann verstehe ich das und werde es auch so akzeptieren.«

Kaoru hatte zwar direkt gesagt, er würde nicht vor dieser Sache weglaufen, aber Kyo war eisern geblieben.

»Es geht hier nicht mehr um den alten Pakt, sondern darum, dass ich ein Monster bin.« Dabei sah er ihnen nacheinander tief in die Augen. »Ich bin dazu im Stande euch allen sehr weh zu tun, oder noch schlimmer, euch zu infizieren.«

Wenn er ehrlich war, dann wusste er selbst nicht, ob er wirklich noch weitermachen konnte. Dass er es wollte, stand für ihn außer Frage. Aber da waren so viele Probleme und Gefahren, die er mit einzukalkulieren hatte und die ihm eine große Angst einjagten.

 

»Wenn ich mich auf der Bühne verwandle, dann wird das in einem Blutbad enden«, zählte er auf. »Wenn ich mich während einer Probe verwandle, werdet ihr sehr wahrscheinlich sterben und wenn ihr mit meinem Blut in Berührung kommt, dann werdet ihr das vielleicht auch nicht überleben. Ist euch wirklich klar, worauf ihr euch hier einlasst?«

Niemand hatte etwas gesagt.

»Satoshi und ich arbeiten an einer Lösung für dieses Problem und ich will, dass ihr euch entscheidet.« Kyo hatte sich erhoben und Kaoru die Hand auf die Schulter gelegt. Dass sein Leader bei ihm bleiben und das Alles mit ihm durchstehen wollte, war ihm klar.

»Ich gebe euch zwei Monate Zeit. Bitte denkt an euch selbst und nicht an mich. Ich komm sicherlich irgendwie alleine zurecht, aber euer Leben sollte nicht mehr über dem meinen stehen. Das hat es jahrelang getan und das will ich nicht mehr.«

 

Anschließend hatte er sich zwei Monate nicht mehr bei den anderen blicken lassen. Hin und wieder gab er ein Lebenszeichen von sich, um seine Freunde zu beruhigen. Aber die meiste Zeit verbrachte er alleine in seiner Wohnung, schrieb Texte, korrespondierte via Mail mit anderen Künstlern und versuchte sich irgendwie abzulenken.

Kyo hatte keine Ahnung, wann er sich das letzte Mal derart alleine gefühlt hatte. Und das obwohl er die Einsamkeit durchaus bevorzugte. Aber über jeder Sekunde, in diesen sieben Wochen, schwebte die große Ungewissheit, wie ein tödliches Damoklesschwert.

Was würde er tun, wenn auch nur einer der anderen aufgab und die Band verließ?

Was wurde aus Dir En Grey?

Was wurde aus ihm, wenn sie sich auflösten?

Kyo fand keine Ruhe und das wirkte sich auch negativ auf das Monster in seiner Brust aus. Er spürte deutlich, wie es ihn immer wieder hinaus trieb und er verlor sich in stundenlangen Spaziergängen durch die Nacht, nur um irgendwie diese schreckliche Rastlosigkeit zu vertreiben.

 

Und heute, als er den Gang zu ihrem Proberaum entlang schritt, war er so in Gedanken versunken, dass er die Mitarbeiter gar nicht registrierte, die ihm entgegen kamen und ihn grüßten. Er bemerkte nicht einmal Fujieda, einen ihrer Assistenten und guter Freund Shinyas. Nur am Rand nahm Kyo war, wie jemand seinen Namen rief, er ging aber nicht darauf ein und ließ den armen Kenji etwas ratlos zurück.

Vor der Tür hielt er inne und starrte einfach nur gebannt auf das nummerierte Metallschild, beinahe als hätte er Mühe, es richtig zu lesen.

Was würde ihn erwarten?

Wer würde da drin sein und wer nicht?

Wer hatte sich für die Band entschieden und wer würde gehen?

Kyos Magen verkrampfte sich, allein bei dem Gedanken, dass auch nur ein einziger von ihnen, jeden Moment seinen Austritt verkünden könnte.

Mit schweißnasser Hand, drückte er die Klinke herunter, die sich in diesem Augenblick seltsam schwer anfühlte und schob langsam die Tür auf.

 

»Du bist zu spät«, war das erste was er hörte. Vorwurfsvoll, aber nicht ohne die Spur eines leichten Lächelns darin.

Wie immer saß Kaoru in der Ecke, vor seinem Laptop und in einer Körperhaltung, die jeden Orthopäden sofort hätte in Tränen ausbrechen lassen. Als er nichts sagte, schaute der Leader auf und schob sich mit dem Finger die Brille weiter auf die Nase.

»Komm rein, oder bleib draußen, aber mach die Tür zu.« [1]

»Was?«, hauchte Kyo, dessen Hand immer noch auf der Klinke ruhte und der nicht begreifen konnte, was er da eigentlich vor sich sah. Der Knoten in seiner Brust zog sich immer enger zusammen, ihm wurde schrecklich übel und sein Körper begann zu zittern.

 

»Das - », sogar seine Stimme bebte auf eine Weise, die er nicht für möglich gehalten hatte. »Das kann doch nicht euer verdammter Ernst sein!«

Endlich trat er ein, aufgebracht und vom einen zum anderen blickend, während hinter ihm die Tür ganz langsam von selbst wieder zu glitt.

»Habt ihr nicht kapiert, was ich euch gesagt habe?!«

»Doch«, meinte Dai, der an seiner Gitarre herum schraubte und eine neue Saite aufzog. »Dein Vortrag war ja lang genug.«

»Das ist nicht witzig!«, mokierte sich der Sänger, erntete aber nur ein belustigtes:

»Stimmt, es ist eher pelzig.«

Toshiya, der neben Dai saß und irgendwelche Zettel sortierte, grinste daraufhin amüsiert und schaute Kyo mit einem derart warmen Blick an, dass dieser nun völlig aus der Fassung geriet,

 

»Aber ihr«, sagte er nur, sah zu Shinya, der augenscheinlich mit seinen Drums beschäftigt schien und dann wieder zu Kaoru. »Ihr meint das wirklich ernst?«

»Natürlich«, kam es sofort von diesem, welcher sich mit einem Ächzen erhob und die Hände kurz ins Kreuz stemmte. »Wir haben lange darüber nachgedacht, Kyo. Aber wie wir es auch drehen und wenden, für uns kommt eine Trennung einfach nicht in Frage.«

Er kam um den niedrigen Tisch herum und trat zu dem perplexen, kleineren Mann.

»Und was wenn ich gehe? Was macht ihr dann?«, erwiderte er beinahe trotzig, erhielt dafür aber nur ein Schmunzeln von Kaoru.

»Willst du denn gehen?«

»Wenn es verhindert, dass ihr in Gefahr geratet, dann ja!«

»Kyo«, erklang Shinyas sanfte Stimme und er sah zu diesem. »Du hast mich damals beschützt und auch Kaoru das Leben gerettet. Denkst du nicht, dass wir dir vertrauen?«

»Ich bin ein Monster! Wie könnt ihr - wie - wie könnt ihr einfach - ?«

Es ergab keinen Sinn. Es ergab für ihn einfach keinen Sinn. Wie um Himmels Willen, konnten diese vier Verrückten glauben, dass ein Leben an seiner Seite eine gute Idee wäre?!

Natürlich war er einerseits sehr froh darüber, dass sie dazu bereit waren, sich für ihn zu entscheiden. Aber andererseits wusste er, wozu er im schlimmsten Fall im Stande war und das machte ihm eine noch viel größere Angst, als die potentielle Einsamkeit.

 

»Wir bleiben«, rief Toshiya durch den Raum, was auch Dai nicken ließ. »Und dein kleines pelziges Problem, kriegen wir auch irgendwie in den Griff.«

»Das ist kein - .«

»Kyo.« Kaoru trat näher und sah ihn durchdringend an. »Ich vertraue dir. Dieser Katsuo hätte mich töten können, hättest du ihn damals nicht aufgehalten.«

Er zuckte leicht zusammen, als sein Freund eine Hand in seinen Nacken legte, so wie es sonst kein anderer bei ihm tun durfte. Doch die Berührung war derart ungewohnt, dass sich seine Muskeln unwillkürlich anspannten. Kaoru schien dies ebenfalls zu merken und gerade als er dazu ansetzte die Hand wieder weg zu ziehen, packte Kyo seinen Unterarm und ließ ihn in der Bewegung innehalten.

Sie sagten nichts und sahen ihn einfach nur an, während er zu Boden starrte und irgendwie versuchte seine Gedanken und Gefühle zu ordnen.

»Ich brauch euch!«, gestand er schließlich, mit beinahe brüchiger Stimme und sah auf, schaute sie einen nach dem anderen an und blickte dann wieder in Kaorus gütige Augen. »Ich brauche euch!«, wiederholte er, nun deutlich fester. »Ihr seid die einzigen die das Ungeheuer in meinem Innersten, seit über zehn Jahren im Griff haben und vielleicht könnt auch nur ihr, dieses andere Monster stoppen.«

 

Erneut bewegte sich Kaorus Arm, doch nur um die Hand wieder in Kyos Nacken zu legen und ihn ein Stück zu sich zu ziehen.

»Wir kriegen das hin«, versprach er und berührte mit seiner Stirn für einige Sekunden die des Jüngeren. Kyo schloss die Augen, nickte leicht und allmählich entspannte sich sein unruhiger Geist ein wenig.

Die anderen waren da. Kaoru war da. Es würde schon irgendwie gehen.

»Und wenn nicht?«, fragte er trotzdem.

»Das überlegen wir uns, wenn es soweit ist.« Die Berührung verschwand und Kaoru ging wieder auf Abstand. »Und nun lasst uns endlich arbeiten. So wie ich dich kenne, hast du in den letzten zwei Monaten bestimmt mehr Texte verfasst, als wir jemals in unserem Leben verarbeiten können.«

Die Antwort darauf, war ein bestätigendes Grinsen.

 

***

 

»Was soll das sein?«

Kyo drehte den länglichen, zylindrischen Gegenstand in den Händen und betrachtete ihn von allen Seiten. Dieser ähnelte einem etwas klobigen Kugelschreiber, mit Druckknopf und abziehbarer Kappe. Doch als er diese herunterzog, befand sich darunter keine Mine, so wie er erwartet hätte. Es kam ihm bekannt vor, aber er wusste nichts damit anzufangen.

»Das sind Insulinspritzen«, Satoshi schob ihm ein Etui mit insgesamt fünf dieser Dinger entgegen, wobei Kyo bereits eine davon zwischen den Fingern drehte und seinen Arzt dann überrascht anschaute.

»Was will ich denn damit? Ich bin kein Diabetiker.«

»Das weiß ich doch.« Furukawa schmunzelte väterlich. Seit dem Vorfall in Kaorus Garten, verstanden sie sich wesentlich besser und Kyo sah in dem anderen mittlerweile einen Vertrauten, mit dem er über seine Sorgen sprechen konnte. »Da ist kein Insulin drin.«

»Aha.« Kyo betrachtete das Etikett, welches jedoch das Gegenteil versprach und auch auf dem Deckel der Schachtel stand 'Insulin' drauf.

 

»Es enthält eine spezielle Mischung, deren Basis Etorphin bildet.«

Da ihm dieses Wort nichts sagte, hob er fragend eine Augenbraue. Satoshi fuhr fort, während er einige Zettel aus der Schublade seines Schreibtisches zog.

»Etorphin wird normalerweise benutzt, um große Wildtiere zu betäuben. Wir haben während unserer Forschung festgestellt, dass es auf uns eine spezielle Wirkung hat. Einerseits kann man einem Feloidea dabei helfen, zurück in seine humanoide Form zu morphen. Zum anderen verhindert es eine ungewollte Transformation, zum Beispiel wenn der eigene Stresspegel zu hoch wird, um dies noch eigenständig zu steuern.«

Kyo nickte langsam.

»Mit anderen Worten, es ist eine Notfallspritze?«, fragte er neugierig und schaute wieder auf seine Hände, die immer noch das vermeintliche Wundermittel festhielten.

»Richtig«, stimmte Furukawa zu. »Nach frühestens sechs Monaten, verschreibe ich es all meinen Patienten. Dies war auch einer der Gründe, weshalb ich dir wöchentlich Blut abgenommen habe. Die Dosis ist speziell auf deinen Organismus ausgelegt.«

 

Er dachte über die Worte des Älteren nach, neigte den Kopf etwas auf die Seite und runzelte die Stirn.

»Wollen Sie mir damit sagen, dass ich hiermit vielleicht wieder auftreten könnte?« Hoffnungsvoll sah er auf, erntete von Satoshi allerdings ein sehr unsicheres Nicken.

»Es ist kein Freifahrtschein für dich«, gestand er nach einigen Sekunden. »Die Dosis ist in deinem Fall sehr stark, da deine Viruslast erstaunlich hoch ist und ich nur schwer einschätzen kann, wie du auf die verschiedenen Licht- und Lärmsituationen während eurer Shows reagierst.«

»Aber es könnte klappen?«, bohrte Kyo nach, eine fast schon euphorische Freude erfasste ihn und die Aussicht, bald schon wieder auf der Bühne stehen und singen zu dürfen, erfüllte ihn mit wahnsinnig viel Hoffnung.

»Theoretisch ja.« Furukawa lehnte sich zurück und tippte mit dem Zeigefinger nachdenklich auf dem Tisch herum. »Ich müsste deine Vitalwerte während eines Auftritts messen, um wirklich sichergehen zu können, dass die Mischung perfekt auf dich eingestimmt ist.«

»Dann tun Sie das!«, platzte es aus ihm heraus. »Ich muss auf die Bühne. Ich muss singen! Koste es was es wolle!«

 

»Kyo«, Satoshi versuchte ihn aus seiner Hochstimmung zu holen. »Du weißt was passieren kann, wenn es schief geht? Willst du deine Kollegen in Gefahr bringen?«

Dieser Satz reichte aus, um die Gesichtszüge des jüngeren Katers, für einen Augenblick gefrieren zu lassen. Schließlich schüttelte dieser den Kopf.

»Nein, aber Sie müssen verstehen, dass das hier - », und er hielt die Spritze hoch. »Vielleicht meine einzige Chance ist! Was auch immer Sie brauchen, um dieses Zeug für mich zu perfektionieren, ich werde es für Sie in die Wege leiten. Versprochen.«

Wieder sahen sie einander an, wieder sprach keiner ein Wort und dann seufzte Satoshi.

»Also schön, ich werde dich ja doch nicht davon abbringen können«, meinte er, nahm Kyo die Spritze ab und legte sie zu den anderen, ehe er das Case schloss.

 

»Wann habt ihr euren ersten Auftritt?«

»Anfang Juli, also in etwas mehr als einem Monat.«

»Gut.« Der Ältere trug sich das genaue Datum in seinen Terminkalender ein und überlegte dann. »Ich stelle dir ein Schreiben aus, was dich dazu berechtigt diese Medikamente, bei Flugreisen ins Ausland, mit dir zu führen. Für mich wäre es gut, wenn ich eine eurer größeren Proben beobachten könnte, vor dem eigentlichen Auftritt.«

»Das sollte kein Problem sein«, Kyo zuckte fast schon lässig mit den Schultern. »Sie sind mein Arzt, also werde ich dem Management mitteilen, dass Sie da sind, um meinen Gesundheitszustand einzuschätzen und ihr medizinisches Go zu geben. Die sind alle extrem nervös, wegen der Stimmband-Sache.«

 

Wieder notierte sich Furukawa etwas.

»Okay, ich denke es wäre gut, wenn ich auch der Band zeige, wie diese Spritzen funktionieren. Solltest du selbst im schlimmsten Fall nicht mehr dazu in der Lage sein, sie dir selbst zu setzen, dann muss es einer der anderen tun.«

Dies leuchtete Kyo ein, auch wenn es ihm nicht behagte sich vorzustellen, dass Kaoru ihm so ein Ding in die Haut jagte und ihn vielleicht sogar während einer Show ausschaltete. Doch alles war besser, als eine ungewollte Verwandlung.

»Ich werde das mit meinem Leader besprechen«, teilte er ihm dennoch mit. »Er wird Ihnen einen Ausweis organisieren, damit Sie bei der Generalprobe anwesend sein können.«

 

***

 

»Ich kann das nicht!«

Toshiya war drauf und dran die Spritze mit der Kochsalzlösung von sich zu werfen, was ihm jedoch ein sehr genervtes Schnauben von Kyo einbrachte.

»Kaoru und Dai haben es auch geschafft, Toto. Nun stell dich nicht so an, das hier ist wichtig!«

»Mit Kaoru bist du aber auch quasi verheiratet, Kyo!«, wetterte der Bassist und ließ den Gegenstand seines Ekels auf den Tisch fallen. »Ich hasse Spritzen!«

»Du sollst die ja auch mir verpassen und nicht dir selbst.«

 

Satoshi, der etwas abseits stand und das ganze Spektakel beobachtete, musste sich die Hand vor den Mund halten, um nicht zu lachen. Er mochte die Jungs und genoss deren fast schon unbeschwerten Umgang mit seinem Patienten.

Kyo war ihm ans Herz gewachsen, auch wenn er oftmals den eher mürrischen Einzelgänger mimte, so besaß er trotzdem einen guten Charakter; ganz gleich was die Presse über ihn und seine etwas fragwürdige Kunst auch berichtete.

 

»Und wir sind nicht verheiratet.«

»Nun sei nicht so, Schatz«, stieg Kaoru in den Witz mit ein und grinste. »Willst du unsere Liebe vor der ganzen Welt geheim halten?«

»Ach leck mich doch.« Kyo schnappte sich die Spritze, welche Furukawa für ihn erneut desinfiziert und mit neuer Lösung gefüllt hatte. »Das ist wirklich nicht schwer, Toshiya. Einfach ansetzen und oben drauf drücken. Mir tut das nicht weh.«

»Aber es ist eklig.«

Dass ihr Bassist wirklich eine Phobie vor Spritzen hatte, war ihm neu und das nach all den Jahren. Trotzdem kam er nicht drum herum. Die anderen mussten wissen, wie sie mit den Medikamenten im schlimmsten Fall richtig umzugehen hatten; Ekel hin oder her.

 

Als er sich immer noch weigerte, stöhnte plötzlich Shinya auf, nahm ihm die Spritze weg, packte Kyos Arm und stach schnell zu.

»So«, meinte er nur, drückte auf den Knopf und der Sänger spürte zum dritten Mal an diesem Tag, wie sich die Flüssigkeit in seinen Körper ergoss. Er mochte das Gefühl nicht, schwieg aber und murrte lediglich ein wenig. »Siehst du, Toshiya, sogar ich kann das.«

Der sonst so stille Drummer, reichte die benutzte Spritze wieder an Furukawa, welcher sie reinigte, die Nadel desinfizierte und dann eine neue Ampulle einlegte.

 

Mit unbeschreiblicher Abneigung im Gesicht, stand ihr Bassist nun erneut mit der Spritze in der Hand da, starrte auf das stiftähnliche Ding, so als könnte es ihn jeden Moment anfallen und schluckte hart.

»Was wenn ich die Nadel abbreche?«

»Das ist unmöglich«, versicherte Satoshi und lächelte ihm aufmunternd zu. »Nur Mut, ich bin sicher, dass Sie das schaffen können.«

Mit zitternden Fingern umfasste Toshiya Kyos Oberarm und verharrte dann in der Bewegung. Schließlich wurde es dem Sänger zu dumm und er maulte etwas zu laut.

»Meine Fresse, jetzt jag’ mir das Scheißding endlich rein!«

Da sich sein Kollege immer noch nicht rührte, packte er dessen Hand, drückte die Spritze mit dem flachen Ende auf seine Haut und ertrug es ohne das Gesicht zu verziehen, als die feine Nadel seine tätowierte Haut durchstieß.

Toshiya starrte auf die Stelle und betätigte verunsichert den Knopf. Ein viertes und letztes Mal strömte die klare Lösung in ihn, dann war es endlich vorbei und Kyo entließ Toshiya seinem Griff. Satoshi nahm die benutzte Spritze an sich und packte sie weg.

»Ich mach das nie wieder!«, tönte sein Freund, welcher sich heftig schüttelte.

»Ja.« Kyo rollte mit den Augen. »Bevor du überhaupt dazu kommst, mir dieses Teufelszeug in den Körper zu jagen, hab ich bereits den halben Saal gefressen und dich direkt mit!«

 

Dai lachte daraufhin und klopfte seinem immer noch blassen Kollegen, aufmunternd auf die Schulter.

»Überlass das lieber Kaoru und mir, wir sind nicht solche Mädchen wie du.« Dem empörten Schlag wich er gackernd aus, tänzelte um den Tisch herum und versteckte sich dann hinter Kyo.

»Ihr seid solche Kinder.« Kaoru räusperte sich und wand sich zu Furukawa um. »Gibt es noch etwas, was wir über das Mittel wissen sollten?«

Satoshi nickte.

»Ja, es wird Kyo bereits kurz nach der Injektion umhauen. Allerdings bin ich nicht ganz sicher, nach welchen Kriterien wir bei ihm darüber urteilen können, ob er kurz vor einer Transformation steht, oder nicht.« Er rieb sich kurz über den Bart. »Deswegen will ich ihn heute und am ersten Konzerttag genau beobachten und seine Vitalwerte aufzeichnen. Es wäre gut, wenn ich mit einem von Ihnen dabei durchgehend in Kontakt stehen könnte. Für den Fall, dass ich Auffälligkeiten messe.«

Da er der Bandleader war, meldete sich Kaoru.

»Das übernehme ich«, sagte er. »Ich bekomme während der Shows, über ein Funkgerät, stets Rückmeldung von unseren Technikern.«

»Das ist gut. Wenn es möglich wäre, würde ich mich dort gern mit einklinken können.«

»Ich werde das in die Wege leiten.«

»Vielen dank, Kaoru-san.« Furukawa wand sich wieder Kyo zu. »Für diesen Test muss ich dich ausführlich verkabeln und deine Herzfrequenz, Blutdruck und deinen Stresslevel überprüfen. Außerdem musst du das hier tragen.«

Er zog einen kleinen Kasten aus seiner Tasche, welcher etwa die Größe einer Visitenkarte besaß, ungefähr einen Zentimeter stark war und an dem eine Art verstellbare Schlaufe hing.

 

»Was ist das?«, wollte Kyo neugierig wissen.

»Da ich weiß, dass eure Shows oft sehr mitreißend sind, will ich mich nicht alleine auf die äußerlichen Messungen verlassen«, erklärte Satoshi. «Erhöhter Blutdruck und gesteigerte Schweißabsonderung, sind in dieser Situation nicht ungewöhnlich. Aber einer der wichtigsten Indikatoren bei einer Transformation in einen Feloidea, ist eine bestimmte Kombination aus Stresshormonen, die kurz vorher in großer Menge ausgeschüttet werden.«

»Und das kann dieses Ding messen?«, schlussfolgerte Kyo.

»Ja«, stimmte Satoshi zu und drehte es um. Zu sehen waren zwei Nadeln, die jedoch stärker waren, als die der Insulinspritzen. »Und zwar mit diesen Sensoren.«

Beim Anblick der Nadeln, wurde Toshiya ganz blass und setzte sich schnell auf einen Stuhl, damit er nicht einfach umkippte.

»Lassen Sie mich raten«, Kyo warf einen Blick zu seinem Bandkollegen und dann wieder auf das Gerät, »es wird mir nicht gefallen, wo Sie mir das hin stechen werden?«, fragte er und erntete dabei ein Kopfschütteln.

»Ich muss es so nahe wie möglich, an deinen Nebennieren anbringen«, erklärte der Arzt, kam zu ihm, drehte Kyo um und tippte dann auf eine Stelle mittig des Rückens. »Ungefähr hier.«

Der Sänger schluckte, nun doch sichtlich unruhig.

»Und wie soll das halten?, fragte er, da ihm die Vorstellung, sich dieses Ding während des Auftritts versehentlich abzureißen, nicht unbedingt behagte.

»Mit Hautkleber und dem Fixierband. Es ist elastisch und sollte dich beim singen und atmen nicht behindern.« Satoshi ging auf Abstand und Kyo drehte sich wieder zu ihm um. »Aber nur so kann ich absolut sicher gehen, ob sich deine Stresshormone im normalen Bereich befinden, oder ob du kurz davor stehst dich unwillentlich zu verändern.«

 

»Was machen wir, wenn es zum Äußersten kommt?«, fragte Dai, der ebenfalls aufmerksam zuhörte.

»Sollte ich absolut sicher sein, dass er in einen gefährlichen Bereich abrutscht, dann werde ich Kaoru-san ein Signal geben. Da Terachi-san hinter den Drums etwas eingeschränkt ist, sollte es reichen, wenn ich Ihnen und Kaoru-san die Notfallmedikamente aushändige.«

Kurz warf er einen mitfühlenden Blick zu Toshiya.

»Toshiya-san sieht mir nicht so aus, als ob er dazu in der Lage wäre.«

»Doch er braucht auch eine!«, beharrte Kyo plötzlich und sie alle sahen ihn etwas überrascht an. Allen voran Toshiya.

»Du stehst auf der Bühne immer direkt neben mir«, erklärte der Sänger. »Kaoru ist oft am weitesten weg und Dai und er sind viel zu weit auseinander, um sich schnell absprechen zu können.«

 

Man sah deutlich, dass Toshiya genau jetzt seine Bühnenposition hinterfragte, welche er bereits seit Jahren inne hatte und auf die er auch ein bisschen stolz war; direkt zur rechten ihres Frontmanns!

»Kyo, das ist keine gute Idee«, wehrte er etwas kraftlos ab, erntete aber nur einen festen Blick des anderen.

»Toshiya, du weißt, dass es nicht anders geht. Ihr braucht alle so ein Ding und wenn ich die Kontrolle verliere, dann bist du vielleicht der Einzige der schnell genug bei mir ist, um eine Eskalation zu verhindern!« Um seinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen, legte er seine Hand auf die des Bassisten und drückte leicht zu. »Ich brauch dich an meiner Seite.«

Als der Jüngere noch immer unsicher war und zu Boden schaute, probierte Kyo es mit einem aufmunternden Lächeln.

 

»Hey, da oben ist es so dunkel, da erkennst du doch gar nicht, dass das eine Spritze ist. Stell dir vor, es wäre ein Stift.«

»Bitte versuch nicht, ihm damit ein Autogramm in die Haut zu ritzen.«

»Dai!«, protestierte Toshiya, immer noch bleich um die Nase, aber nun mit ein wenig mehr Zuversicht im Blick. »Das ist nicht witzig!«

»Dann würdest du aber offiziell zu Kyos Stecher werden«, grinste Dai und sogar Kyo musste über diesen unfassbar schlechten Witz lachen, auch wenn er auf seine Kosten ging.

»Also?«, fragte er und sah wieder zu dem neben ihm stehenden Toshiya hoch. »Was sagst du?«

Nach einigem Zögern, stöhnte dieser frustriert auf und schüttelte sich ein weiteres Mal.

»Na schön, ich mach’s. Aber nur, wenn Dai mit diesen beschissenen Witzen aufhört.«

»Dafür kann ich nicht garantieren«, antwortete eben dieser und bekam dafür ein genervtes Augenrollen als Antwort. »Spielverderber.«

 

»Kinder.« Kaoru versuchte die Situation wieder ein wenig zu professionalisieren. »Wir sollten weitermachen. Die Probe beginnt in einer Stunde.«

Satoshi dankte ihm mit einem kurzen Nicken.

»Kyo, es wäre gut, wenn du dich flach auf den Tisch legst, damit ich das Messgerät richtig anbringen kann.«

Der andere Kater reckte einen Daumen in die Höhe und begann damit sich aus seinem Oberteil zu schälen. Toshiya nutzte den Moment und ergriff schon mal die Flucht, da er dies nicht mit ansehen wollte. Dai folgte ihm, ebenso Shinya, welcher noch mit dem Drumtechniker einige Kleinigkeiten zu besprechen hatte.

 

»Kao, du hast noch was zu tun«, erinnerte Kyo diesen, welcher sich nicht von der Stelle gerührt hatte und auch jetzt kein Anzeichen dafür machte, dass er seinen eigentlichen Verpflichtungen nachkommen wollte.

»Ich warte«, meinte dieser und sah ihn wie immer viel zu besorgt an. »Es hörte sich so an, als würde es weh tun.«

»Du kennst mich doch.« Kyo versuchte es mit einem frechen Grinsen, was jedoch ein wenig schief wurde. »Ich bin nicht so empfindlich wie andere.«

»Trotzdem«, widersprach der Gitarrist. »Ich warte bis ihr fertig seid.«

»Niikura, du machst mich fertig!«, maulte Kyo und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Innerlich war er aber froh darüber, dass Kaoru vor hatte bei ihm zu bleiben, bis es vorbei war. »Du wirst dich nie ändern, oder?«

»Genau so wenig wie du«, schmunzelte der andere.

Satoshi hatte sich während dessen um die Desinfektion des Messgeräts und der Instrumente gekümmert und den beiden den kurzen Moment gegeben, um miteinander zu sprechen. Auch wenn er selbst noch nicht oft die Chance gehabt hatte, sich mit Kaoru zu unterhalten, so war auch ihm klar, warum Kyo diesem Mann derart vertraute. Er selbst hätte es ebenfalls getan, wenn er in der Haut des Sängers stecken würde.

Und vielleicht war es auch ganz gut, dass Kaoru hier blieb, denn diese Prozedur würde auch für den Mann mit der Hyposensibilität nicht so einfach wegzustecken sein.

 

Sie räumten den Tisch frei, er sprühte rasch die Oberfläche mit Desinfektionsmittel ein und bedeutete Kyo dann, sich flach auf den Bauch zu legen.

»Du darfst dich auf keinen Fall bewegen«, ermahnte er ihn und begann den stark tätowierten Rücken ausgiebig zu reinigen. Kyo brummte, da das Mittel stank und ihm unangenehm in der Nase brannte.

»Kaoru-san, wenn möglich, dann versuchen Sie ihn ruhig zu halten«, bat er und verrieb das Gel auf seinen Händen und Unterarmen, ehe er Latexhandschuhe überstreifte. »Hätten wir mehr Zeit, dann würde ich die Stelle örtlich betäuben. Allerdings bräuchte dein Körper mindestens vierundzwanzig Stunden, um das Mittel auszuleiten, da es sonst die Messergebnisse verfälschen würde.«

»Das ist jetzt nicht dein Ernst!«, Kyo drehte den Kopf auf die Seite und sah ihn von unten her an. »Willst du mir das einfach so in den Rücken stechen?«

Der Arzt erwiderte den Blick auf eine Weise, die dem Sänger nicht behagte.

»Ich muss die Haut erst ein wenig einschneiden.«

»Oh scheiße.«

Irgendwie war das hier etwas ganz anderes, als während seiner früheren, selbstverletzenden Phasen. Natürlich war es nicht das erste Mal, dass sich ein Messer in sein Fleisch bohrte. Aber zum einen hatte er dies immer selbst getan. Zum anderen war es in den Momenten geschehen, wenn er sich selbst wieder hatte spüren wollen. Ihm wurde übel.

»Dann mach schnell! Ehe ich es mir anders überlege.«

Kaoru, der alles mit Entsetzen angehört hatte, trat an Kyos Kopf und legte ihm die Hände auf die verschränkten Unterarme. Dabei spürte er, wie sein langjähriger Freund zitterte und er war froh, dass er sich dazu entschieden hatte zu bleiben. [2]

 

Während Satoshi seinen Rücken abtastete und nach der richtigen Stelle suchte, versuchte der Leader mit ihm zu reden und Kyo zu beruhigen, doch dieser packte einfach nur seine Hände und umklammerte sie regelrecht. Die Anspannung und das Warten auf den Schmerz, waren beinahe noch schlimmer als der Eingriff selbst.

Schließlich schien Furukawa das gefunden zu haben, was er suchte, denn er nahm einen medizinischen Marker und setzte zwei Punkte, die fast im Gewirr der Tattoos untergingen.

Als er sein Skalpell ergriff und innehielt, hatte Kyo das Gefühl innerlich vor Angst zu sterben.

»Jetzt mach!«, rief er; wollte nicht länger warten.

 

Der Arzt seufzte leise, setzte die Spitze an und drückte ihm das Skalpell in die Haut.

Zunächst blieb der Schmerz nur dumpf und er konnte es für einige Sekunden gut ausblenden, aber als die Klinge tiefer eindrang, spannte Kyo die Schultern an und gab ein gequältes Knurren von sich. Sofort verstärkte sich der Griff von Kaoru und er hörte dessen Stimme in der Ferne.

Furukawa ging routiniert und schnell vor, aber trotzdem fühlte es sich an wie eine Unendlichkeit, bis der erste und schließlich auch der zweite Schnitt vollzogen wurden.

Kyo spürte, wie ihm heißes Blut über den Rücken lief und mit irgendwas aufgetupft wurde. Erneut wurde desinfiziert und es brannte höllisch in den Wunden.

»Ich setze nun das Gerät ein«, sprach Satoshi mit ihm. »Tief einatmen.«

Er folgte dem Befehl, sog so viel Luft in seine Lungen, wie er nur konnte und hielt dann den Atem an, kaum dass er die feinen Spitzen an seinem Rücken spürte, welche sich in die Löcher bohrten.

Kyo riss den Mund auf, unterdrückte den Schrei so gut es ging, gab aber trotzdem Laute des Schmerzes von sich und nun musste Kaoru ihn loslassen, damit er ihn an den Schultern packen und ruhig halten konnte. Der Sänger wand sich, krallte die Finger in die Kante des Tisches und er hatte das Gefühl jeden Moment ohnmächtig zu werden, je tiefer sich das Gerät in seinen Rücken bohrte.

 

»Okay, du hast es geschafft.« Satoshi drückte den kleinen schwarzen Kasten auf seine Haut, damit der Kleber reagieren und sich verfestigen konnte. »Bleib liegen.« Eigentlich war diese Bitte überflüssig, denn Kyo machte ihm nicht den Eindruck, als wäre er so schnell wieder dazu in der Lage, aufzuspringen und loszurennen.

Kaoru war dazu übergegangen ihm über die schweißnassen Schultern zu streicheln und ihm beruhigend zuzureden. Er ließ ihnen diesen Moment, säuberte den Rücken des Jüngeren vom restlichen Blut und kümmerte sich dann um seine Instrumente.

 

Minutenlang lag Kyo zitternd auf dem Tisch, rang mit sich und den Schmerzen und fühlte sich schrecklich elend. Der Gedanke, dass dieses Ding auch irgendwann wieder aus ihm heraus musste, ließ ihn bereits jetzt beinahe würgen und er versuchte sich auf Kaorus Berührungen und Worte zu konzentrieren.

Erst als sie wirklich sicher waren, dass er nicht direkt umkippte, half er ihm sich aufzusetzen und reichte ihm eine Flasche Wasser. Kyo nahm sie und trank sie mit gierigen Schlucken aus. Er fühlte sich, als hätte er seit Tagen nichts mehr zu sich genommen.

»Danke«, keuchte er und verzog beim Einatmen das Gesicht. »Scheiße tut das weh.«

»Der Schmerz sollte in einigen Minuten verklingen«, erklärte Satoshi ihm. »Für irgendwas muss das Virus in uns ja gut sein.« Und er versuchte es mit einem Lächeln, während er um den Sänger herum griff, dann das flexible Band packte und es ihm um die Brust spannte. Dabei verzog Kyo das Gesicht.

 

»Kannst du atmen?«, fragte Furukawa, woraufhin er erst einmal vorsichtig einatmete und mit aller Kraft gegen die Schmerzen arbeitete.

»Ja«, gab er als Antwort. Satoshi wickelte anschließend noch einen Verband um seinen Brustkorb, damit das Gerät auch wirklich dort blieb, wo es hingehörte.

»Okay, das sollte genügen.« Zufrieden mit seiner Arbeit nickte er, bedeutete Kyo jedoch noch nicht aufzustehen. Statt dessen zog er ein Tablet aus der Seitentasche seines Koffers und aktivierte es. Als ein leises Piepen vom Gerät an seinem Rücken erklang, hätte er fast aufgelacht, so absurd erschien ihm die gesamte Situation. Satoshi tippte auf dem Tablet herum, öffnete einige Fenster und nickte nach einer Weile.

»Das sieht sehr gut aus. Der Stress, den der Eingriff verursacht hat, sinkt wieder und deine Hormone pegeln sich auf ein normales Level ein.« Er sah auf und Kyo in die Augen. »Hm«, machte er. »Wunder dich nicht, wenn dich jemand fragt, wieso du Kontaktlinsen trägst. Es war zu erwarten, dass das passiert.«

Womit er das intensive Blau meinte, welches ihn nun fragend anstarrte.

 

***

 

Kyo hatte sich eines der Bandshirts übergeworfen und dabei lieber eine Nummer größer gegriffen, damit ihn nicht jeder auf die komische Beule in seinem Rücken ansprach. Nun gut, für gewöhnlich sprachen ihn die wenigsten Menschen noch auf sein äußeres Erscheinungsbild an, aber irgendwie hatte er das Gefühl von allen angestarrt zu werden. Zusätzlich zu dem Messgerät in seinem Rücken, war sein ganzer Oberkörper mit Sensoren vollgeklebt und er trug eine Art Funkgerät am Gürtel, in welches die vielen einzelnen Kabel liefen. Wozu genau das alles diente, verstand er nur zur Hälfte, denn es hatte wohl irgendwas mit seinen Vitalwerten zu tun.

 

Jetzt stand er vor der Bühne, auf welcher sie morgen spielen würden und fühlte dass er nun doch ein wenig nervöser wurde als sonst. Es würde das erste Mal seit Hollywood sein und obwohl sie alle möglichen Sicherheitsmaßnahmen vorgenommen und jedes Szenario mehrfach durchgesprochen hatten, war er unsicher.

 

Was, wenn es nicht ausreichte?

Was, wenn die anderen nicht schnell genug waren?

Was, wenn es schief ging?

Was, wenn - ?

 

So viele Fragen und auf keine hatte er eine gute Antwort.

Kaoru war mit Satoshi und ihrem Manager bei den Technikern. Sie klärten die Anwesenheit des Arztes und er sah im Augenwinkel, dass sie immer wieder zu ihm herüber schauten. Es gefiel ihm nicht, derart gemustert zu werden.

Dai und Toshiya standen bereits oben und begutachteten die Aufbauten ihrer Instrumente, ebenso Shinya. Es waren nur Einzelproben für Sound und Licht und trotzdem war er aufgeregt, so wie damals vor ihrer allerersten großen Show.

Kyo schloss die Augen, rief sich diese Erinnerungen ins Gedächtnis und lächelte leicht.

Es war der Beginn seiner unfassbaren Karriere gewesen, die ihm die schönsten und auch schrecklichsten Jahre seines Lebens beschert hatte. Er wollte das alles nicht aufgeben.

‘Das da ist unser Revier.’, richtete er die Worte an das Monster in seiner Seele. Das dort gehört nur uns allein und sonst niemandem!’

 

»Kyo?«, er zuckte leicht zusammen, als ihn Kaoru aus seinen Gedanken riss und drehte sich zu dem Leader um. Tatsächlich nahm er die Wunde an seinem Rücken mittlerweile nur noch dumpf wahr, so wie Satoshi es ihm versprochen hatte.

»Bist du so weit?«, fragte sein Gegenüber und musterte ihn besorgt.

»Ja«, kam die knappe Antwort. »Es ist doch nur eine Probe.«

Für die meisten hier war es tatsächlich nur ein Soundcheck. Doch für ihn, die Band und auch Satoshi, war es so vieles mehr. Sie würden tatsächlich testen, wie Kyos innere Katze auf die Bühne reagierte.

»Trotzdem«, erwiderte der andere. »Ich würde mich besser fühlen, wenn der Auftritt morgen bereits vorbei wäre.«

»Bist du etwa nervöser als ich, Leader-sama?«, fragte Kyo, leicht belustigt und erntete ein etwas verunglücktes Grinsen.

»Schon möglich.«

 

Schließlich sahen sie beide synchron hoch zu den anderen und ein leises Seufzen erklang rechts von Kyo.

»Denkst du sie kriegen das hin?« Womit er ins besondere ihren Bassisten meinte.

»Ja, ich vertraue Toshiya. Er wird es schaffen, mich im schlimmsten Fall aufzuhalten. Und außerdem bist du ja auch noch da und Dai ebenfalls.«

»Ich weiß, aber wenn ich an unseren letzten Versuch denke - .«

Kaoru sprach nicht zu Ende, aber das reichte aus, damit Kyos Blick sich verfinsterte.

»Deswegen brauchen wir auch diese Spritzen.«

Diese Probe war nicht das erste Mal, dass er sich, seit seiner Infektion, lautem Licht und Lärm aussetzte, um zu prüfen, wie gut er damit zurecht kam. Vor einer Woche hatten sie dies in Kaorus Keller getestet und es war nur Satoshis schneller Reaktion zu verdanken gewesen, dass ihr Versuch nicht in einer Katastrophe geendet hatte.

Dai, Toshiya und Shinya wussten davon nichts und Kyo hatte nicht vor, daran etwas zu ändern. Sie mussten nicht erfahren, dass er mittlerweile jeden Tag zu Hause saß und sich mit lauter Musik aus seinen Kopfhörern beschallen ließ, um seine Sinne irgendwie an das alles zu gewöhnen.

 

Zuerst wurden die einzelnen Instrumente getestet; mal einzeln, mal in Kombination miteinander. Dieser Part dauerte immer am längsten und während die Techniker immer wieder auf die Bühne gingen, um hier und da an irgendwelchen Knöpfen zu drehen und sich gegenseitig Informationen zuzurufen, gesellte sich Furukawa zu ihm.

»Irgendwie erinnert es mich ein wenig an einen Operationssaal«, sagte er, während er interessiert den Männern und Frauen dabei zusah, wie sie routiniert ihrer Arbeit nachgingen.

»Jeder Handgriff sitzt, alle wissen was sie zu tun haben.« Der Arzt schmunzelte und schaute dann zu Kyo runter. »Hast du noch Schmerzen?«, fragte er.

»Hm«, brummte der Sänger. »Es zieht unangenehm, ist aber aushaltbar.«

»Es ist nur eine temporäre Lösung, keine Sorge.«

»Schon gut«, Kyo hatte das unstillbare Bedürfnis, sich am Rücken zu kratzen, unterließ es jedoch. Der Verband juckte unangenehm.

Toshiya stand soeben auf der Bühne, testete seinen Bass und besprach dann einiges mit den Mitarbeitern. Einige Versuche später nickte er zufrieden.

 

»Ihr fünf seid ein gutes Team«, meinte Satoshi. »Ich sehe wie sie mit dir umgehen und das macht mich sehr stolz auf euch. Wahrscheinlich können sie unterbewusst spüren, dass von dir Gefahr ausgeht. Aber du bist ihnen wichtiger und darum bleiben sie an deiner Seite.«

»Ich weiß«, Kyo nickte. »Diese vier Verrückten würden sehr viel tun, nur um mir zu helfen. Sogar ihr Leben in Gefahr bringen!«

»Ist das schon einmal vorgekommen?«

Immer noch Toshiya anschauend, nickte Kyo langsam. Sie sprachen mit gesenkten Stimmen, doch es war in der Halle ohnehin zu hektisch und jeder war mit der eigenen Arbeit beschäftigt, weshalb man kaum auf sie achtete.

 

»Ich habe mehrere Selbstmordversuche hinter mir«, gestand er leise. »Toshiya hat mich von einem Dach gezogen und wäre dabei selbst beinahe abgestürzt.« Es schauderte ihn, nur daran zu denken und er schloss die Augen für einige Sekunden. »Er hätte sterben können, nur um mir zu helfen; einem wahnsinnigen psychischen Wrack.«

»Hast du schon immer so schlecht von dir selbst gedacht?« In der Stimme des Älteren lag kein Mitleid, sondern vorwiegend Neugierde und ein Hauch von Bedauern. Er kannte zwar die medizinische Vorgeschichte Kyos, nicht aber seine Gedankenwelt.

Nach einer Pause, in welcher er schwieg, antwortete der Sänger.

»Als Kind war ich sehr fröhlich - zumindest wurde das später immer behauptet. Ich weiß nicht mehr wann genau es begonnen hat, aber als Teenager wurde es mit einem Schlag immer schlechter«, erklärte er und sah nun etwas abwesend zur Bühne rauf, auf der Dai an der Reihe war.

»Mit vierzehn wurde es so schlimm, dass ich damit anfing mich selbst zu verletzen, weil ich mit mir und meinen Gefühlen überhaupt nicht mehr zurecht kam.« Warum erzählte er das? Wieso hier und wieso ausgerechnet Satoshi? Kyo wusste es nicht, aber er konnte nicht aufhören.

»Es war dein Ventil?«

»Ja.« Der Jüngere seufzte und sah hinunter auf seine verschränkten Unterarme. Man konnte immer noch die vielen Narben sehen. »Jeden Tag und mit fünfzehn da - es wurde immer schlimmer. Meine Eltern verzweifelten mit mir, ständig gab es Streit und Geschrei. Sie waren überfordert und zeigten mir, dass ich die größte Enttäuschung ihres Lebens bin.«

Ein bitteres Lächeln bildete sich auf seinen Lippen.

»Und als ich es nicht mehr aushielt, bin ich einfach abgehauen. Mit meiner scheiß Gitarre, einer Sporttasche voller Klamotten und einigen wenigen Yen.«

»Du spielst Gitarre?«

»Nicht besonders gut. Eigentlich bin ich sogar richtig lausig damit und trotzdem dachte ich mir, dass es eine gute Idee wäre, nach einer Band zu suchen, die mich aufnimmt.« Er lachte ein wenig und sah hoch. Kyos Haare waren immer noch schwarz, da er sie seit seiner letzten Verwandlung nicht wieder gefärbt hatte und Satoshi musste zugeben, dass ihm dies sogar besser stand, als dieses schmutzige Blond.

 

»Tja und Jahre später«, setzte Kyo die Erzählung fort, »war ich plötzlich Sänger und mein Leben geriet komplett außer Kontrolle.«

Sein Arzt gab ein erstauntes Geräusch von sich, da er eigentlich erwartet hatte, dass es seinem Patienten, durch die Lebensänderung und dem Abstand zu seiner Familie, besser gegangen wäre.

»Wurde es schlimmer?«, fragte er und erntete ein freudloses Auflachen.

»Ich fand mich in der schlimmsten Hölle wieder, die man sich vorstellen kann!«, sagte Kyo und schnaubte abfällig. »Wir wollten Künstler sein und statt dessen zwang man uns dazu, alberne Shows zu spielen und uns auf eine Weise darzustellen, für die wir nicht standen.

Wir waren mittellos und die Produzenten nutzten das gnadenlos aus. Derart aufwändige Kostüme sind sagenhaft teuer in der Herstellung, deswegen wurden sie zwar für uns finanziert; aber in Wahrheit sind wir, blind und gutgläubig, einen Deal mit gierigen Dämonen eingegangen. Junge Musiker merken oft erst viel zu spät, dass sie die Marionetten der großen Firmen sind und hochverschuldet nur noch nach deren Pfeife tanzen.

Mit meiner Psyche ging es deswegen immer weiter bergab und ich habe dabei alle anderen mit mir in den Abgrund gerissen. Obwohl ich das nicht wollte! Aber ich hatte keine Kraft mehr, um noch eigenständig gegen die Teufel in meinem Kopf anzukämpfen.« [3]

 

Kaoru betrat die Bühne, sprach mit Dai und den Technikern und begann ebenfalls damit seine Gitarren zu testen.

»Er hat mich so oft in die Psychiatrie gebracht.« Kyos Blick ruhte auf seinem Leader. »Manchmal denke ich, dass es besser gewesen wäre, wenn er sich damals auch einfach mit eingewiesen hätte. Kaoru hat so viel für mich geopfert und mehr gelitten, als jeder andere und dafür bin ich ihm bis heute dankbar. Gleichzeitig schäme ich mich dafür, dass er meinetwegen leiden musste.«

Auch Satoshi beobachtete den Gitarristen nachdenklich. Es war unglaublich zu hören, was diese jungen Männer bereits alles hatten durchmachen müssen.

»In den Jahren zwischen 2002 und 2004 hatte ich meine stärksten und am längsten andauernden, dissoziativen Phasen. In dieser Zeit arbeiteten wir an unserem Album ‘Vulgar’ und es spiegelt bis heute meinen damaligen Zustand. Es war unser absoluter Tiefpunkt und in meinem Gedächtnis klaffen einige, teils wochenlange Lücken. Ich kenne das alles nur aus den Erzählungen der anderen.«

Wieder kam ein langes, schweres Seufzen aus seinem Mund. Furukawa hörte ihm einfach nur zu, zutiefst ergriffen von dem was er erfuhr.

»Mitte 2004 waren wir auf Tour und ich habe überhaupt keine Erinnerungen mehr daran. Kaoru weigert sich bis heute, mir von dem zu erzählen, was damals vorgefallen ist. Ich weiß nur, dass ich erst in der geschlossenen Psychiatrie wieder zu mir kam, ungefähr zwei Wochen danach. Tja«, er kratzte sich unbewusst über eine der älteren Narben. »Und dann konnte mir endlich jemand sagen, was mit mir nicht stimmt.«

 

Satoshi rief sich den Bericht ins Gedächtnis, welchen er am Anfang des Jahres in die Finger bekommen und studiert hatte. So langsam ergab sich tatsächlich ein Bild für ihn und das Mitgefühl, für diesen unglaublichen Künstler, wurde immer größer.

»Die anderen wissen es. Ich habe sie damals als meine nächsten Angehörigen angegeben, damit sie genau erfahren, auf was sie sich hier eigentlich mit mir einlassen.« Plötzlich erklang erneut ein leises Lachen. »Wie eigenartig, genau das gleiche ist nun wieder passiert. Ich wurde krank und habe sie vor die Wahl gestellt, mit mir weiter zu machen, oder zu gehen und schon wieder bleiben sie alle hier.«

»Du nennst sie deine Familie.«

»Weil sie die einzigen Menschen in meinem Leben sind, die mir so nahe stehen! Ich liebe sie und will nicht, dass ihnen etwas passiert. Gleichzeitig habe ich ihnen die schlimmsten Dinge angetan und sie emotional missbraucht.«

Man hörte die Schuldgefühle deutlich aus Kyos Stimme heraus und Satoshi legte ihm nun doch eine Hand auf die Schulter. Er fühlte das leichte Beben.

»Sie sind meine Familie, egal was ich nun bin!«

 

***
 

Kapitel 16 ¦ Katzengeist


 

***

Furukawa stand bei den Technikern und wartete; die Arme hielt er vor der Brust verschränkt und sein Blick ruhte beständig auf seinem Schützling. Gleich wäre Kyo an der Reihe und Satoshi spürte die Anspannung in seinem Innersten ansteigen. Dass auch der Rest der Band nervös war, war nicht schwer zu erkennen und ihm entgingen die vielen Blicke nicht, welche die anderen Musiker immer wieder in Richtung Kyo warfen.

Der Sänger fummelte noch am Mikro herum, hüpfte dann auf und ab und ließ die Schultern kreisen, während der Arzt noch immer an ihr Gespräch dachte.

Er tat ihm leid und gleichzeitig verspürte er einen gewissen Stolz auf ihn. Kyo hatte es irgendwie geschafft, aus seinem unglaublichen Tief heraus zu kommen und weiter zu machen. Was für eine irre Kraftanstrengung dahinter steckte, konnte er sich dabei leider sehr gut vorstellen. Auch ihm war ähnliches ergangen, Jahre zuvor, aber unter anderen Bedingungen.

 

Nun rief einer der Tontechniker etwas, woraufhin Kyo nickte und sich räusperte, ehe er langsam die Tonleiter auf und ab sang und den Mann nicht aus den Augen ließ. Eben dieser tippte auf seinem Computer herum, gab dann ein Signal und die Prozedur wiederholte sich ein zweites und schließlich auch ein drittes Mal.

Erst dann nickten sowohl der Sänger, als auch der Techniker zufrieden und als sich ihre Blicke trafen, wusste Satoshi, dass die Soundprobe nun begann.

Das alles diente zur finalen Abstimmung von Musik, Bühnenbeleuchtung und Gesang, aber vor allem die Kombination aus Lärm und Licht, konnten für einen Feloidea, in einer frühen Phase, eine große Herausforderung sein. Furukawa wäre es lieber gewesen, wenn sie hierfür noch mindestens ein Jahr Zeit gehabt hätten. Doch da hatte er die Rechnung leider ohne Kyo gemacht.

Ein Blick auf sein Tablet sagte ihm, dass auch Kyo nervös zu sein schien, denn die Herzfrequenz stieg deutlich an, kaum dass aus den Lautsprechern die ersten Töne von dem Musikstück erklangen, welches Satoshi, mit viel gutem Willen, maximal als ‘kreativen Krach’ bezeichnet hätte.

 

»Ich bin wirklich zu alt für diese Art von Musik«, murmelte er vor sich hin, als er neben ihm ein leises Kichern vernahm. Er hatte den jungen Mann gar nicht wirklich registriert, welcher links von ihm stand und seine Worte gehört hatte.

»Selbst unter Metalfans ist die Band ein spezieller Fall«, grinste dieser. Furukawa musterte ihn nur kurz und schenkte seine volle Aufmerksamkeit dann wieder Kyos Daten. Bislang sah es sehr gut aus. Offenbar war das Lärm-Training, welchem sich der Sänger die letzte Zeit ausgesetzt hatte, erfolgreich gewesen. Aber würde die Katze ein ganzes Konzert durchhalten können?

»Sie überwachen Kyo-san?«, fragte der Mann neugierig und erntete dafür ein Nicken.

»Ja.« Mehr sagte er nicht, denn er war zu sehr mit seiner Arbeit beschäftigt.

 

Plötzlich gab es einen kurzen Ausschlag auf der Skala, welche ihn über die Hormone im Blut seines Patienten informierte und er sah rasch auf. Kyos Stimme verstummte im selben Moment. Er hatte die Augen zusammengekniffen und schien leicht zu wanken. Dann jedoch schüttelte er kurz den Kopf und machte weiter, brach nach kurzer Zeit allerdings wieder ab, ließ das Mikrofon fallen und beugte sich vor, die Hände auf den Knien abstützend.

Nun verstummten auch die Lautsprecher. Satoshi verließ den Platz bei den Technikern und ging schnellen Schrittes zu dem Sänger, der keuchend ein und aus atmete.

 

»Kyo?«, fragte er und sah zu ihm hoch. Dieser schüttelte wieder den Kopf und blinzelte ihn an. Seine Augen waren eisblau und sein Stresslevel deutlich erhöht.

»Wir brechen nicht ab«, sagte er mit gepresster Stimme, den Blick nicht von Satoshi nehmend.

»Dein Puls ist erhöht«, erklärte der Arzt und besah sich die aktuellen Werte. »Ebenso Atemfrequenz, Herzschlag, Adrenalin-.«

»Ja, weil mir der Rücken weh tut!«, fauchte Kyo plötzlich und richtete sich mit einem schmerzverzerrten Gesichtsausdruck auf. »Ihr scheiß Messgerät, Doktor!«

Mittlerweile stand auch Kaoru bei ihnen und hatte die letzten Worte seines Kollegen gehört.

»Können Sie ihm nicht etwas gegen die Schmerzen geben?«, fragte er, aber Satoshi schüttelte nur mit dem Kopf.

»Das würde die Messergebnisse verfälschen. So gern ich das würde, aber es geht nicht.«

»Gott verdammt!« Kyo legte frustriert den Kopf in den Nacken und atmete wieder tief durch, auch wenn es ihm dadurch noch mehr im Rücken stach. »Das darf doch nicht wahr sein.«

 

Kurz dachte er nach, wog ihre Optionen ab und fahndete in seinem Hirn nach irgendeiner Lösung. Schließlich drehte er sich um und begab sich kommentarlos in Richtung Treppe.

»Kyo?«, rief ihm Kaoru verwirrt hinterher, doch der Sänger erwiderte nur, dass er gleich zurück wäre.

»Ich schau nach ihm«, versprach Satoshi dem Leader und eilte seinem Patienten nach, verfolgt von den verwirrten Blicken der anderen Menschen, die natürlich nicht verstanden hatten, was hier eigentlich los war. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann verstand er es genau so wenig.

Da er erst um die gesamte Bühne samt Absperrung herum gehen musste, fiel er zurück und verlor Kyo zunächst aus den Augen. Seinem Geruchssinn und feinem Gehör folgend, führten ihn seine Schritte aber zurück zum Umkleideraum, in welchem sie vorhin noch alle sechs gestanden und wo er dem Jüngeren den Rücken aufgeschnitten hatte.

Der Arzt blieb vor der verschlossenen Tür stehen und lauschte kurz. Von drinnen vernahm er Geraschel und eine fluchende Stimme, deren Worte er nicht verstand.

Immer noch verwirrt von dem Verhalten Kyos, klopfte er an und trat dann ein.

 

»Kyo?«, fragte er, den Blick auf den Rücken des anderen gerichtet, welcher vor einer etwas abgewetzten Tasche kniete und darin herum wühlte.

»Was?«, fauchte er, nicht von seiner Tätigkeit ablassend.

»Ich wollte mich nur erkundigen, was genau du vor hast.«

Immer noch nicht aufschauend, bekam er lediglich ein »Warte«, entgegen gepfeffert und dann fluchte sein Schützling lautstark.

»Verdammt nochmal, wo ist es! Kaoru du Arsch, wehe du hast es weggeworfen.«

Da er keine Ahnung hatte, nach was genau Kyo suchte, trat er nun gänzlich ein und schloss die Tür hinter sich.

»Kann ich dir helfen?«

Das Tablet, welches er nach wie vor in der Hand hielt, zeigte immer noch einen erhöhten Stresspegel an und so wie Kyo schimpfte, war es nur offensichtlich, dass er kurz davor war sprichwörtlich aus der Haut zu fahren.

»Scheiße verdammt! Kaoru hat es wirklich geklaut!«

Plötzlich sprang Kyo auf die Beine und verpasste der alten Sporttasche einen saftigen Tritt. Nun wurde es auch Satoshi zu viel. Er ging zu ihm und packte ihn bestimmend an der Schulter.

»Kyo! Nun beruhige dich doch endlich. Was genau ist passiert? Was hat Kaoru-san dir weggenommen?«

Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass der Leader absichtlich seinen guten Freund bestehlen würde und außerdem verstand er nicht, was genau dies mit der aktuellen Situation zu tun hatte.

Kyo sah endlich auf und starrte ihm direkt in die Augen. Irgendwas schien dabei im Kopf des kleineren Mannes vor sich zu gehen, da er ihn derart eindringlich musterte, dass es sogar dem erfahrenen Arzt leicht mulmig wurde.

 

Dann riss der Blickkontakt wieder ab und Kyo begann sich umzusehen, erblickte dann etwas links hinter ihnen und ging einfach darauf zu.

»Was zum - ?«, begann Furukawa, hielt aber inne, als er sah, wie der Sänger nun seine Arzttasche unter dem Tisch hervor zerrte und sie darauf stellte. Bevor er den Reißverschluss auch nur zur Hälfte aufgezogen hatte, packte Satoshi seine Hand und hielt ihn fest.

»Du sagst mir jetzt auf der Stelle, was hier los ist!«, verlangte er, erntete ein Fauchen und wieder diesen wilden, forschenden Blick, der in ihm große Sorge auslöste.

»Ich brauche eines deiner Messer.«

Kurz trat Stille zwischen ihnen ein, dann platzte es aus ihm heraus.

»Wie bitte? Vergiss es!«

Ihm war nicht klar, wozu genau Kyo ausgerechnet jetzt ein Messer benötigte und irgendwie wollte er es auch gar nicht so genau wissen.

»Ich brauche es aber!«, widersprach der andere. »Ansonsten können wir die Probe abbrechen.«

»Und was hast du damit vor?«, verlangte er aufgebracht zu erfahren.

»Na, was glaubst du wohl, was ich damit machen will?«

Kyos Blick wurde eisig und plötzlich kam ihm das Gespräch in den Sinn, welches sie vorhin leise miteinander geführt hatten und nun verstand er auch, was es mit Kaorus angeblichen Diebstahl auf sich hatte. Der Leader hatte offenbar Kyos eigene Messer gestohlen, mit denen dieser sich jahrelang selbst verletzt hatte.

 

»Nein, das kann ich nicht verantworten!«, keuchte er. »Was soll das überhaupt bringen? Du kannst nicht singen, weil du Schmerzen hast und willst dir jetzt noch mehr davon zufügen?« Ungläubig starrte er in die blauen Augen des anderen, welcher aber einfach nur nickte.

»Vergiss es!«

»Satoshi!«, warf Kyo voller Ungeduld ein. »Mir die Arme aufzuschneiden, oder mir Nadeln in den Rücken stechen zu lassen, sind zwei völlig verschiedene Arten von Schmerz. Das eine ist mir vertraut und das andere ist für mich unerträglich!«

»Es wird nicht helfen.«

»Doch, wird es!« Mittlerweile fauchten sie einander regelrecht an. »Das hier,« und Kyo hielt ihm einen seiner Unterarme hin, auf denen man die alten Narben sehr deutlich erkannte. »hat mich nicht völlig irre werden lassen! Es hat mir damals geholfen und das wird es auch jetzt!«

 

Ihm fehlten die Worte, als er dies hörte. Kyo konnte das unmöglich ernst meinen!

»Das kann ich nicht verantworten. Ich lass nicht zu, dass du dir einfach so - .«

»Du musst aber!« Die Forderung war so eindringlich, dass dem Arzt das Blut in den Adern gefror. »Satoshi, wenn das nicht hilft, dann wird mir nichts anderes helfen können!«

Er schüttelte den Kopf, begriff nicht, dass Kyo ihm wirklich diese Worte entgegen warf.

»Wie kannst du dir so sicher sein?«, fragte er, kurz davor aufzugeben. Gegen diesen unbeugsamen Willen, kam man fast nicht an.

»Ich lebe seit zwanzig Jahren mit meinem kranken Kopf«, antwortete Kyo wahrheitsgemäß. »Und ich brauche das jetzt, um mich davon abzulenken, dass mir zwei verdammte Nadeln im Rücken stecken.«

»Du willst wirklich Feuer mit Feuer bekämpfen?«

»Gib mir einfach deine Messer und geh raus.«

 

Wieder Stille, wieder starrten sie einander an und wieder war es dieser stumme Kampf darum, wer am Ende seinen Willen durchsetzen würde. Doch nach fast einer Minute, seufzte Satoshi lange und bedauernd.

»Also schön.«

So sehr es ihm auch widerstrebte dies zu tun, zog er den Reißverschluss der Tasche gänzlich auf, griff hinein und holte einen länglichen Kasten heraus. Er klappte ihn auf und offenbarte den silbernen Griff seines Skalpells, inklusive verschiedener Schneidaufsätze. Dabei entging ihm der fast schon gierige Blick Kyos nicht, dem es sichtlich in den Fingern juckte, danach zu greifen. Satoshi aber hielt ihn zurück und knurrte warnend, als sich die Hand des anderen in seine Richtung bewegte.

»Warte«, meinte er, baute das Messer zusammen und griff nach dem Desinfektionsspray.

»Das brauche ich ni - «, wollte Kyo einwerfen, erntete aber einen so giftigen Blick, dass er sofort verstummte. Offenbar erkannte er nun selbst, dass er mit dieser Aktion viel zu weit ging.

»Halt still.« Satoshi sprühte etwas von dem Mittel auf den ausgestreckten Arm seines Patienten, verstrich alles mit einem sterilen Tuch und reichte ihm schließlich das Skalpell.

»Das hier ist das erste und einzige Mal, dass ich dir das hier erlaube!«, sagte er leise.

 

Obwohl er sich eben kaum hatte zurückhalten können, nahm Kyo das dargebotene Messer nun deutlich zögernder in die Hand und betrachtete die polierte, schlanke und wie Chrom glänzende Klinge, in welcher sich das Licht der Deckenlampe spiegelte.

Obwohl es auf das selbe hinauslief, war es doch anders, als mit seinen alten Cuttermessern. Auch empfand er nun Schuld, noch ehe er es überhaupt an der kaputten Haut seines rechten Unterarms ansetzte.

Schuld gegenüber Satoshi, weil er ihn dazu gebracht hatte ihm hierbei zu helfen.

Schuld gegenüber Kaoru, dem er versprochen hatte es nicht mehr zu tun.

Und Schuld gegenüber den drei anderen, weil sie ständig in Sorge um ihn lebten.

Andererseits war da auch dieses beständige Brennen und Pochen in seinem Rücken, was ihm vom Singen abhielt und ihn regelrecht wahnsinnig machte.

 

Er ballte die Hand zur Faust, legte die Schneide auf seinen Arm und sah zu Satoshi hoch. Der Arzt erwiderte seinen Blick streng und wartete ab was er tun würde.

Kyo erwartete den Schmerz und zischte dann doch überrascht auf, als sich das Skalpell spielend leicht seinen Weg durch die oberen Hautschichten bahnte und dabei eine der alten Narben durchbrach. Die Schuldgefühle wurden nun beinahe zu einem erstickenden Band um seinen Hals, doch er konnte nicht aufhören.

Ohne den Blickkontakt zu brechen, zog er das Messer weiter, hinterließ einen blutigen Graben, schnitt sich durch seine Tätowierungen und fühlte wie die heiße, rote Flüssigkeit über seinen Unterarm lief und hinab zu seinen Fingern rann.

Es brannte und schmerzte.

Schließlich zog er die Klinge aus seiner Haut, stand einfach nur da und senkte die Lider, um das vertraute Gefühl willkommen zu heißen. Die alte Sucht, welche er nie ganz hatte überwinden können.

 

Finger nahmen ihm das Messer sanft ab, legten es beiseite und etwas weiches schloss sich um die Wunde.

»Nicht«, sagte er, mit seltsam belegter Stimme und schaute auf die weiße Kompresse, die sich mit seinem Blut vollsog.

»Du ruinierst den Teppich«, brummte der Arzt und übte mit seinen Händen weiter Druck aus. Kyo keuchte, denn dadurch wurde der Schmerz noch stärker. In seinem Gehirn liefen alle möglichen Gedanken und Gefühle gleichzeitig ab und ein seltsamer Nebel legte sich um seinen Geist, der ihn seufzen ließ.

»Danke«, murmelte er schließlich.

»Die Ohrfeige kannst du dir nachher von Kaoru-san abholen.«

Ein leichtes, beinahe abwesendes Lächeln legte sich auf seine Lippen und er nickte ein wenig.

»Das habe ich dann wohl verdient.«

 

Wie eine Puppe ließ er sich mitziehen, wurde auf einem der Stühle abgesetzt und schaute dabei zu, wie Satoshi seinen Unterarm erst einmal genauer in Augenschein nahm. Ein wenig erstaunte es ihn, dass er tiefer geschnitten hatte, als erwartet. Andererseits hatte er dieses Mal auch ein medizinisches Skalpell benutzt und keine Utensilien aus dem Baumarkt.

»Eigentlich müsste ich das nähen«, meinte sein Arzt grimmig, erntete dafür aber nur einen hastigen Widerspruch.

»Nein! Es muss offen bleiben.«

Da er eigentlich mit Gegenwehr rechnete, war er umso überraschter, als Furukawa einfach nur nach einer weiteren Kompresse griff, diese auf den Schnitt legte und dann einen frischen Verband drum herum wickelte.

Er zog ihn fester als notwendig, aber Kyo war das nur recht. Je deutlicher er den Schnitt spürte, umso besser. Schon jetzt fühlte er sich viel ruhiger und entspannter, aber dass das Ärger geben würde, war ihm absolut klar.

Schließlich lehnte sich Satoshi zurück, sah ihn kopfschüttelnd an, sagte aber nichts. Statt dessen klopfte es kurz an der Tür und ehe sie beide überhaupt reagieren konnten, wurde diese geöffnet und ein besorgter Kaoru trat ein.

 

»Kyo, was ist denn?«, begann er, brach aber ab, als er den Ausdruck in den Augen des Sängers sah und dann den frischen Verband an dessen Unterarm erblickte. Seine Gesichtszüge schienen sich binnen Sekunden zu versteinern und nun rollten die Schuldgefühle wie ein Zug über Kyo hinweg.

Es war klar, wie die Situation auf seinen Leader wirkte. In dessen Augen steckten derart viele Emotionen - Wut, Trauer, Unverständnis und Angst - dass Kyo ihren Anblick einfach nicht ertrug und den Kopf senkte. Er würde das später erklären müssen, aber ohne Satoshi.

»Wir können jetzt proben«, antwortete er mit ungewollt harter Stimme und stand rasch auf. Bevor Kaoru auch nur irgendwas tun oder sagen konnte, eilte er an ihm vorbei und verschwand in Richtung Bühne.

»Kyo!«, hörte er dessen Worte, die er krampfhaft versuchte auszublenden.

‘Es tut mir leid’

 

 

Für Satoshi war es absolut unbegreiflich, dass sich die Werte auf seinem Tablet immer noch im grünen und gelben Bereich bewegten, trotz des Lärms. Nachdem Kyo sich selbst geschnitten hatte, waren Stress- und Adrenalinpegel tatsächlich gesunken und eigentlich hätte er sich über dieses Ergebnis durchaus freuen können.

Wenn da nur nicht der Auslöser gewesen wäre.

Er sah auf und betrachtete den Sänger, welcher sich mit einem der Techniker absprach und dann in Richtung der Beleuchtung fuchtelte.

‘Fast so, als wäre nie etwas gewesen’, schoss es Furukawa durch den Kopf, als die Musik erneut einsetzte. Er selbst trug Kopfhörer, da dieser Krach einfach zu viel für ihn war, im Gegensatz zu Kyo. Der war wie ausgewechselt, schrie dann und wann ins Mikro und zuckte nicht einmal, als es extrem übersteuerte und aus dem Boxen ein widerliches Quietschen ertönte.

‘Ach richtig, er ist auf einem Ohr fast taub.’, erinnerte er sich. ‘Dann ist dies wenigstens zu irgendwas gut. Trotzdem mache ich mir große Sorgen um ihn.’

Noch immer waren die Werte normal. Selbst als Kyo den Testsong komplett durchspielte und die Lichttechniker ihr ganzes Können demonstrierten, blieb alles in Ordnung.

‘Kann das wirklich sein? Ist das der einzige Weg, damit er unter Kontrolle bleibt?’

Satoshi seufzte und konnte nicht anders, als die unbestimmte Zukunft des Jüngeren mit großer Sorge zu betrachten.

 

***

 

Ja, die Ohrfeige hatte er absolut verdient.

Kyo rieb sich die Wange ein wenig und schaute ihren Leader nicht an, welcher kurz davor schien zu explodieren. Kaoru war unfassbar wütend und das spürten sie alle. Dai, Toshiya und Shinya hielten sich schweigend im Hintergrund. Auch sie hatten den Verband am Arm ihres Sängers gesehen und es war sofort klar gewesen, was passiert sein musste.

 

»Und Sie haben das einfach zugelassen?«, verlangte Kaoru nun von Satoshi zu wissen, der dabei war seine Tasche zu schließen.

»Es war seine Entscheidung.«

»Und wenn er sich entscheidet vom Dach zu springen, dann lassen Sie ihn das auch einfach machen?!«

»Kaoru!«, rief Kyo, nun selbst aufgebracht. »Hör auf damit! Ich habe ihn dazu gedrängt, okay!«

»Das ist keine Entschuldigung dafür!«, donnerte sein Gitarrist wütend. »Ich dachte, dass wir damit endlich fertig sind und jetzt fängst du wieder damit an!«

»Es war eine Notlösung.«

»Notlösung?!«, wiederholte der Leader und schnaubte abfällig. »Eine Notlösung für was denn bitte?«

»Können wir das bitte nicht hier klären?«

Kyo war eigentlich nicht besonders versessen darauf, dass jeder in dem Gebäude mithören und sich über seine Probleme informieren konnte. Die Wände waren einfach zu dünn.

»Ich will das jetzt klären!«, widersprach Kaoru zornig, packte seinen Unterarm und übte dabei, absichtlich oder unabsichtlich, Druck auf die Wunde aus. »Wir hatten einen Deal, Kyo!«

»Das war bevor ich zum Monster wurde!«, schrie der Jüngere, ebenfalls aufgebracht und versuchte sich dem Griff seines Leaders zu entreißen. »Hast du auch nur die leiseste Ahnung davon, was ich durchmache?!«

 

Für einen Augenblick zuckte Kaoru zurück und lockerte seinen Griff. Kyo nutzte dies aus und entzog sich ihm rasch.

»Das rechtfertigt nicht, dass du gegen unsere Abmachung verstößt.«

»Das soll es auch nicht!«, fauchte er und schnappte sich seine Tasche. »Und im Übrigen warst du an meinen Sachen! Wieso hast du es gestohlen?«

Er sah so etwas wie Schuld in den Augen seines Gegenübers, was sich jedoch schnell in Trotz wandelte.

»Dein Messer? Ja ich habe es weggeworfen, damit du es nicht mehr benutzen kannst und wenn du mich fragst, dann brauche ich mich dafür auch nicht zu entschuldigen. Du hättest es genau so gut selbst tun können, wenn dir wirklich etwas an unserem Deal gelegen hätte.«

Kyo wollte etwas sagen, verstummte dann aber. Diese Aussage hatte ihn mehr getroffen, als er erwartet hätte.

 

»Mir liegt ja auch etwas daran.«

Irgendwie klangen seine Worte weniger sicher, als er gehofft hatte und um dem bohrenden Blick des Leaders auszuweichen, zog er sich seinen Mundschutz über und setzte seine Cappy auf. Kyo wollte nur noch zurück ins Hotel, um sich zu verkriechen.

»Und das soll ich dir, nach so einer Aktion, noch glauben?« Kaoru verschränkte die Arme vor der Brust und demonstrierte ihm dadurch die Narben, die er selbst auf seiner Haut trug. Kyo wurde übel bei dem Anblick.

»Mir doch egal ob du es tust!«, pfefferte er ihm entgegen und stieß ihn zur Seite, als er den Raum verließ und Kaoru versuchte sich ihm in den Weg zu stellen. »Ich brauche euren beschissenen Pakt nicht mehr! Bei dem was ich jetzt bin, könnt ihr mir nicht helfen!«

»Kyo«, rief Shinya, bekam aber nur die kalte Schulter gezeigt, als Kyo die Tür aufriss, den Raum verließ und sie mit aller Gewalt hinter sich zuknallte.

Er kochte vor Wut, achtete nicht auf die Leute die ihn anstarrten und die den Streit definitiv gehört hatten. Sollten sie doch von ihm halten was sie wollten und sollten sie den Streit doch interpretieren wie es ihnen beliebte. Er hatte für heute die Schnauze gestrichen voll.

 

Als er auf den Parkplatz trat, vernahm er schnelle Schritte hinter sich und dachte bereits, dass es Kaoru war, der ihm nachging. Plötzlich ergriff jemand seinen Oberarm mit fester Hand und zog ihn kurzerhand zu einem der parkenden Autos.

»Mitkommen«, fauchte Satoshi, der ihn regelrecht auf den Beifahrersitz zwang und als Kyo versuchte zu protestieren, ein derart dunkles Fauchen ertönen ließ, dass der Sänger verschreckt zusammen zuckte.

Der Arzt schloss die Tür, ging um das Auto herum und stieg dann ein, seine und Kyos Tasche auf den Rücksitz werfend.

»Satoshi, was wird das?«

Er wäre am liebsten ausgestiegen, doch den Revierführer umgab eine derart greifbare Anspannung, dass er es kaum wagte zu atmen.

»Schnall dich an«, knurrte dieser nur, als er den Zündschlüssel ruppig umdrehte und nur kurz wartete, dass Kyo dem Befehl nachkam.

»Wohin - ?«, begann er, verstummte aber, als er erkannte, dass er darauf vorerst keine Antwort erhalten würde.

Furukawa lenkte das Auto auf die Hauptstraße und fuhr los. Weder schaltete er sein Navi ein, noch nahm er eine der Abfahrten in Richtung ihrer Unterkunft. Kyo saß neben ihm, wusste nicht was er tun oder sagen sollte und empfand die bleierne Stille zwischen ihnen als pure Bestrafung. Nie hätte er gedacht, den eigentlich so friedfertigen Arzt derart sauer zu erleben.

 

Nach einer halben Stunde änderte sich die Umgebung, wurde immer offener und die städtische Bebauung wich langsam Feldern, Agrarbetrieben und Fabrikhallen. Obwohl sie Juli hatten, war die Sonne bereits untergegangen und alles wurde vom bronzefarbenen Restlicht und der Straßenbeleuchtung erhellt und immer noch sagte Satoshi kein einziges Wort.

Er sah stur geradeaus und erst kurz vor Mitternacht, setzte er den Blinker und fuhr auf den Ausläufer eines Forstweges, hinein in einen lichten Wald. Unter den Reifen knirschte Schotter und knackten kleinere Zweige, während sie weiter rollten und das Licht der Scheinwerfer von den hellen Stämmen der Bäume reflektiert wurde.

Kyo hatte die Orientierung verloren, warf einen Blick über die Schulter, sah aber nichts anderes, als den in gespenstisches Rot getauchten Wald und wand sich wieder vor.

Nun erst, gut fünfhundert Meter von der Straße entfernt, bremste Satoshi ab und stellte den Motor aus. Sofort wurden sie in absolute Finsternis gehüllt und immer noch herrschte bedrücktes Schweigen zwischen ihnen, selbst als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und er nun alles in einem seltsamen Grau wahrnahm.

 

»Oh Kyo«, seufzte Furukawa nach einer gefühlten Ewigkeit schwer und lehnte sich zurück. »Es hätte nicht viel gefehlt und du hättest dich auf Kaoru gestürzt.«

Diese Worte ließen den Sänger zusammenzucken und den Kopf schütteln.

»Nein!«, rief er abwehrend. »Ich war doch nur wütend auf ihn! Das passiert doch mal.«

»Und ich bin erfahren genug, um deine Körpersprache zu deuten«, kam die müde Antwort. »Los, steig aus.«

Als Kyo sich nicht rührte, öffnete Satoshi seine eigene Tür und verließ den Wagen. Erst dann und mit sehr viel Zögern, tat Kyo es ihm gleich.

»Was wollen wir hier?«, verlangte er zu wissen. »Wo zur Hölle sind wir?!«

Immer noch sagte der andere nichts, zog sich lediglich seine Jacke aus und warf sie in den Wagen. Nur beleuchtet von den Lampen im Innenraum, sah er über das Dach hinweg zu Kyo, welcher den Blick verunsichert erwiderte.

 

»Hier sind 250 Quadratkilometer Wald und Berge«, kam die Antwort nach mehreren Sekunden. »Um diese Uhrzeit sind nur wir beide hier.«

Der Sänger verstand nicht, starrte ihn immer noch an und schüttelte schließlich den Kopf.

»Was soll das heißen?«, verlangte er, als Satoshi dabei war auch sein Hemd aufzuknöpfen. Als er es abstreifte, erblickte Kyo Muskeln, aber auch wahnsinnig viele Narben. Ins besondere die rechte Brustkorbseite sah extrem mitgenommen aus und dort schien es kaum einen Zentimeter zu geben, der nicht aus dem feinen Netz großer und kleiner, längst verheilter Wunden bestand. Es war ihm unmöglich den Blick abzuwenden, auch wenn er wusste, dass er den älteren Mann soeben wie ein Idiot anstarrte.

Satoshi entging dies nicht und er lachte leicht.

 

»Was? Denkst du ich wurde Revierführer, weil ich immer so vielen alten Damen über die Straße geholfen habe?«, fragte er und deutete auf eine uralte Bisswunde an seinem Oberarm. Sie wirkte riesig und das obwohl der Körperbau des Arztes, trotz seines Alters, muskulös und groß war.

»Christine war am Anfang noch schwieriger zu bändigen, als du. Und es gibt so einiges, was wir nicht als Menschen lernen können.«

Mehr sagte er nicht dazu und Kyo konnte sich seinen Teil denken. So langsam begriff er, auf was genau Furukawa hinaus wollte und er blickte sich unsicher um. Fast so, als befürchtete er, dass man sie hier entdecken könnte.

»Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?«, fragte der Sänger, bekam als Antwort aber ein knappes Kopfnicken.

»Ja.« Plötzlich schien dem Arzt etwas einzufallen, denn er trat um den Wagen und schaute zu Kyo runter. »Ich weiß es war sehr schmerzhaft für dich, aber hierfür muss ich dir zuerst das Messgerät abnehmen.«

»Spinnst du?!« Er schüttelte hastig den Kopf. »Ich lass mir das morgen kein zweites Mal in den Rücken stechen!«

 

»Genau deswegen sind wir jetzt hier.« Satoshis Stimme war wieder so ruhig, wie Kyo sie kannte, aber es reichte nicht aus, um seine Anspannung zu lindern. »Es tut mir leid, dass ich dich nicht an dieser Dummheit vorhin gehindert habe. Dass du Streit mit Kaoru hast, wollte ich beim besten Willen nicht. Ich weiß, dass du deine Band um jeden Preis brauchst und so kurz vor der Show, ist ein offener Konflikt zwischen euch viel zu gefährlich. Deine Katze könnte dies missinterpretieren und sie, im schlimmsten Fall, morgen nicht auf der Bühne dulden.«

Kyos Augen weiteten sich bei diesem Satz und er fühlte sich, als würde ihm Eiswasser den Rücken hinunter rinnen.

»Nein«, keuchte er. »Das will ich nicht.« Dabei konnte er nicht verhindern, dass sein Kopf schreckliche Horrorszenarien erstellte, voller Gewalt, Blut und Tod.

»Und damit das nicht passiert«, erklärte Satoshi weiter. »Geben wir deiner Katzennatur jetzt genau das, was sie braucht.« Auf den unsicheren Blick, antwortete er mit einem sanften Lächeln. »Na komm, entfernen wir dieses Ding.«

 

Fünf Minuten später, als er sich vor Schmerz krümmend in den Unterarm biss, verfluchte Kyo sein Leben und all die dummen Entscheidungen, die ihn genau an diesen Ort und in diese beschissene Situation geführt hatten.

Als die Nadeln aus seinem Fleisch gezogen wurden und er den intensiven Gestank von Blut wahrnahm, konnte er den Aufschrei kaum zurückhalten. Er wusste, dass sie hier niemand sehen und hören konnte und trotzdem unterdrückte er die Laute mit all seiner Kraft. Über ihm wehte mittlerweile ein kräftiger Wind durch die Bäume, ließ die umstehenden Stämme lautstark knarzen und die Blätter rascheln.

Hätte sie jemand gesehen; er mit den Händen an der immer noch warmen Motorhaube des Wagens abgestützt, Satoshi schräg hinter ihm, mit missverständlichen Geräuschen - man hätte das alles auch sehr falsch interpretieren können. Aber das war ihm egal, denn er sackte nach vorn und sank zitternd und vor Schmerz keuchend auf die Unterarme, während ihm kalter Schweiß über den Rücken rann.

 

»Vergiss es«, sogar seine Stimme war ganz kratzig vor Anstrengung. »Das mache ich nie wieder!«

Furukawa wickelte das Gerät in den benutzten Verband und warf es auf den Rücksitz seines Autos. Er würde sich später darum kümmern. Beim desinfizieren der Wunde, verursachte er nun tatsächlich einen schmerzerfüllten Aufschrei.

»Ich denke, dass wir darauf auch erst einmal verzichten können«, stimmte der Arzt zu und drückte eine sterile Kompresse auf die tiefen Stiche. »Geht es?«

Kyo nickte und richtete sich langsam auf, das Gesicht verziehend.

»Ja, ich denke schon.« Dabei fuhr er sich durch die schweißnassen Haare und atmete zittrig ein und aus. »Und jetzt?«, fragte er, die blauen Augen auf den Älteren gerichtet.

Satoshi schmunzelte wieder.

»Lass uns jagen gehen.«

 

***

 

Er drückte sich tiefer in die Lücke zwischen den Brombeeren, grub die Klauen in den weichen, moosigen Boden und bewegte sich lautlos unter den tiefhängenden Ästen der Bäume hindurch. Seine Ohren zuckten, vernahmen ein leises Rascheln von links, wo sich der schwarz-grau getigerte Kater befand und seine Nase reckte sich leicht in den Wind.

Ja, er konnte es wittern! Hier irgendwo musste es sein.

Geschmeidig erhob er sich, sah sich um und drehte die Ohren mal in die eine und dann in die andere Richtung, während sich sein Schweif zuckend hinter ihm bewegte.

Plötzlich erschien der andere direkt neben ihm und sie beide knurrten einander in kurzen Lauten an, bevor sich sein Begleiter von ihm ab wand und gezielt in eine Richtung davon schlich. Er folgte ihm, den Blick auf die breite Rückseite gerichtet.

Sie bewegten sich mal auf den Hinterbeinen und mal auf allen Vieren, wenn es das Dickicht nicht anders zuließ.

Der Kater, der Kyo war, sah sich immer wieder um, wich schließlich von der Spur Satoshis ab, bis er wieder parallel zu ihm lief. Dann urplötzlich stoppten sie beide und drückten sich wieder tiefer zwischen die Bäume und Sprösslinge.

Rasch verschwand der Jaguar im grünen Laub, leckte sich über das Maul und erschauderte vor Jagdlust.

 

Auf der Lichtung vor ihnen standen sie dicht beieinander, mit den Schnauzen lautstark in der Erde wühlend und grunzend. Der Wind trug ihren strengen Geruch direkt zu ihnen und Kyo wäre am liebsten direkt losgestürmt, um sich das kleinere zu schnappen. Doch mit dem anderen Kater an seiner Seite, würden sie es vielleicht sogar schaffen, den großen, fetten Keiler zu reißen! Die gefährlichen Hauer schimmerten im fahlen Mondlicht und es war dem Feloidea durchaus klar, dass er ihn damit würde schlimm verletzen können, sollte es auf einen Kampf hinauslaufen. Aber die Verlockung war einfach zu groß!

 

Er wand den Kopf zur Seite, sah Satoshi in die Augen und wie auf einen stummen Befehl hin, wanden sie sich voneinander ab und er selbst schwenkte nach rechts aus, während sich der andere nach links begab. Die Wildschweine hatten sie noch nicht bemerkt, doch es war nur eine Frage der Zeit und bis es so weit war, wollten sie sich so nahe wie möglich an sie heranschleichen.

Mit fließenden Bewegungen glitt er zwischen den dicken Stämmen entlang, suchte mit den Händen nach Halt und blieb schließlich stehen. Nun war er nur noch knapp zehn Meter von den sich suhlenden Tieren entfernt und sein Körper spannte sich wie die Sehne eines Bogens. Selbst sein rastloser Schweif verharrte mitten in der Luft, die Ohren legte er an, seine Hinterbeine waren bereit zum Sprung.

 

Plötzlich ging ein Ruck durch die Rotte. Der Keiler gab ein warnendes Geräusch von sich und die anderen stoppten sofort und richteten sich auf. Offenbar hatte er bemerkt, dass sie nicht mehr alleine waren und das riesige, schwarze Tier quiekte und grunzte laut, unsicher aus welcher Richtung der Feind kam.

Für einige Sekunden schien die ganze Welt einfach stillzustehen. Weder der Keiler, noch Kyo, rührte auch nur einen einzigen Muskel. Selbst die Bäume verstummten in ihrem beständigen Rascheln. So als hätte sogar der Wind vor Angst das Weite gesucht.

 

Im nächsten Moment brach die Hölle los.

Satoshi war der erste, welcher aus dem Dickicht heraus sprang, schnell, lautlos und tödlich. Doch er war zu weit entfernt und seine ausgestreckten Klauen und Zähne verfehlten das Wildschwein um mehrere Zentimeter. Nur den Bruchteil einer Sekunde später, preschte die Meute davon und verschwand im dichten Unterholz des Waldes.

Als sie Kyos Position erreichten, sprang er ebenfalls vorwärts und warf sich seitlich auf den Keiler, aber sein Winkel stimmte nicht und schaffte es nicht, seine Krallen in dem muskulösen Leib zu versenken. Kurz hielt er sich fest, rutschte dann aber ab und ging zu Boden, während das Tier weiter flüchtete und dabei abgebrochene Äste und aufgewühlte Erde zurück ließ.

Der Jaguar fauchte frustriert auf und kam rasch wieder auf die Beine, während Satoshi bereits dabei war die Verfolgung aufzunehmen. Der goldbraune Kater folgte ihm nur kurz danach. Der ganze Wald schien plötzlich in helle Aufregung verfallen zu sein. Überall war das Quieken der Wildschweine zu hören, Vögel wurden aus ihrem Schlaf aufgeschreckt und flatterten in die Nacht hinaus, während die Katzen laut knurrend und fauchend dem Pfad ihrer Beute folgten.

 

Kyos Pfoten trommelten über den Boden, er war wie im Rausch und hätte sich am liebsten auf alles gestürzt, was in Reichweite seiner Krallen lief. Aber jetzt hatte er nur ein Ziel und das war der riesige, schwarze Keiler, der, wie ein Rammbock, mit einer unfassbaren Geschwindigkeit durch den Wald donnerte.

Der vor ihm laufende Satoshi brüllte und versuchte der Rotte irgendwie den Weg abzuschneiden, aber wieder verfehlte er ihr auserwähltes Opfer und tat seinen Frust lautstark kund. Dafür begünstigte der ungewollte Richtungswechsel Kyo, welcher sich jetzt parallel zu den Schweinen bewegte, von denen einige zurückfielen. Diese beachtete er jedoch nicht.

Sie waren nicht das Ziel.

 

Wieder war er nahe genug und wieder warf er sich dem Keiler entgegen und dieses Mal rutschte er nicht ab. Die Klauen seiner Pranken gruben sich in die dicke Fettschicht und reflexartig biss er zu. Seine Zähne durchbrachen die borstige Haut, er schmeckte Schlamm und Blut und es berauschte seine Sinne so sehr, dass er vor Mordlust laut knurrte.

Das Tier gab ein panisches, wie wütendes Quieken von sich und begann nun damit zu bocken und nach hinten auszutreten. Mehrfach wurde er von den kräftigen Beinen getroffen, aber Kyo biss immer weiter zu, riss mit seinen Krallen tiefe Wunden in die dicken Hautschichten und besprengte den Boden unter ihnen mit immer mehr Blut.

 

Dann wehrte sich der Keiler so sehr, dass er es tatsächlich schaffte ihn irgendwie abzuschütteln. Der Kater landete im Dreck, fauchte frustriert und ließ ein wütendes Brüllen ertönen. Halb liegend schlug er mit der Pranke aus, erwischte seinen Kontrahenten in der Seite und knurrte.

Das Wildschwein wand sich ihm zu, trat zornig mit den Vorderbeinen auf die zerwühlte Erde und senkte den Kopf mit den gefährlichen Hauern in seine Richtung. Es wollte auf keinen Fall kampflos aufgeben und der Feloidea leckte sich erneut über die nun blutige Schnauze. Der Drang, die Zähne erneut in diesen Berg aus Muskeln und Fleisch zu schlagen, war fast unerträglich stark und er konnte nicht anders als lüstern zu schnurren.

 

Kyo kam auf die Beine, die Muskeln spielten bedrohlich unter seinem gefleckten Fell, während die blauen Augen durchgehend auf seine Beute gerichtet waren. Sein Schweif peitschte durch die Luft und er zog die Lefzen hoch, als er ein weiteres schauerliches Knurren ertönen ließ.

Der Keiler schwenkte mit dem Kopf hin und her, buckelte und schnaufte laut, seinen Angriff abwartend. Er war bereit - und der Jaguar war es ebenfalls!

Er stürzte sich wieder auf ihn und entging den Hauern nur um Haaresbreite. Andernfalls hätte ihn das Tier damit sehr wahrscheinlich aufgespießt. Aber irgendwie schaffte er es, an ihnen vorbei zu huschen.

Nun hing er fast wie in einer Umarmung am Hals des Wildschweins und biss erneut hinein. Kyo schlug die Hände in die Schultern des Keilers, spannte die Muskeln an und presste die Oberarme instinktiv auf die Luftröhre seines Opfers. Wieder trafen ihn die Tritte des über einhundertfünfzig Kilogramm schweren Wildschweins, das nun in blinde Todesangst verfiel und sich mit seinem ganzen Körpergewicht gegen Kyo warf.

Da er sich zwar nach wie vor, mit seiner todbringenden Umarmung, an das Tier klammerte, nun aber auch selbst zu einem leichten Ziel wurde. konnte er nicht verhindern, dass er umgeworfen wurde. Sein Rücken rutschte über Gestein und Äste und er spürte, wie diese ihm in die Haut schnitten. Aber selbst jetzt ließ er einfach nicht los.

Er wollte nicht loslassen!

 

Urplötzlich sah er aus dem Augenwinkel einen schwarzen Schatten, der sich brüllend auf sie warf und sich in die Stelle verbiss, an welcher Kyo selbst noch vor wenigen Minuten gehangen hatte.

Der Keiler quiekte schrill auf, aber gegen die geballte Kraft von zwei derart riesigen Katzen, kam er einfach nicht an. Das stattliche Tier kippte zur Seite, umklammert von seinen Henkern, die einander in wilder Blutgier anstarrten, während ihr Opfer qualvoll unter ihnen erstickte.

Kyos Fell war ebenfalls an vielen Stellen dunkelrot gefärbt, aber dieses Mal war es zum Großteil nicht sein eigenes Blut. Der Duft machte ihn fast verrückt.

Dann, mit einem Schlag, erbebten die Muskeln des Keilers ein allerletztes Mal, ehe er einen letzten, verzweifelten Versuch startete zu atmen. Und nach Minuten des Kampfes, rollten die Augen nach innen, der kräftige Leib erschlaffte und dann war das einzige, was die Stille des Todes durchbrach, das angestrengte Schnaufen der Katzen.

 

Kyo ließ von seinem Opfer ab, leckte sich das Blut von den Pfoten und sah zu Satoshi. Der ältere Kater erwiderte den Blick, knurrte laut und kam auf ihn zu. Ihre Rangordnung war klar und daran würde auch die gemeinsame Jagd nichts ändern.

Der Jaguar fauchte zwar, ging aber auf Abstand und erntete ein tiefes Grollen, ehe sich der andere zum Hals des Keilers hinab beugte und seine langen Fangzähne tief darin vergrub. Satoshi stützte die Vorderpranken auf Schulter und Kopf ab und riss mit aller Kraft an der widerstandsfähigen Oberhaut. Schließlich gab sie nach und offenbarte das dunkle, blutige Fleisch, welches im wenigen Licht verlockend glänzte.

Kaum dass die Hülle erst einmal gebrochen war, gab es für den schwarzen Kater kein Halten mehr. Er fetzte den Kadaver mehr und mehr auf, riss so viel Haut herunter wie er konnte und versenkte dann die Zähne in dem festen Muskelgewebe. Gierig schlang er alles herunter, knurrte wieder und beobachtete trotzdem Kyo, welcher unruhig vor ihm auf und ab ging.

 

Dieser wartete auf die stumme Erlaubnis, sich ebenfalls an der Beute zu laben und es kostete ihn alle Kraft, sich nicht schon vorher darauf zuzubewegen und Satoshi diese streitig zu machen.

Dann verlagerte der dunkle Kater seine Position, brach den Blickkontakt und entspannte sich.

Endlich!

Gierig stürzte er vor, suchte mit der Schnauze nach einer guten Stelle und begann dann seinerseits das Wildschwein aufzureißen. Der erste Biss in die kräftigen Muskeln und der erste Brocken Fleisch, den er herunter schlang, stillten einen Hunger, von dem er nicht einmal gewusst hatte, dass er überhaupt da war.

Kyo riss immer mehr Stücke aus dem Keiler, verteilte die Organe im Moos und schon nach kurzer Zeit, war er über und über mit Blut beschmiert. Aber seine tierischen Instinkte hatten ihn komplett unter Kontrolle. Er fraß einfach nur und genoss es seine erkämpfte Beute auseinander zu nehmen, während ihn Satoshi wieder nicht aus den Augen ließ.

Der ältere Kater hatte sich einige Meter zurück gezogen und wartete ab. Er ließ ihn toben und gestattete es ihm, sich seiner Natur einfach nur hinzugeben.

 

Eine Stunde, nachdem sie vom Wagen aus aufgebrochen waren, hatte sich das offene Dickicht, in welchem sie letzten Endes den Keiler erlegt hatten, in ein wahres Blutbad verwandelt.

Der Wald schwieg, kein Zweig bewegte sich, kein Lufthauch raschelte in den Blättern.

Einzig das Reißen von Haut und Fleisch und das laute Knacken zerbrechender Knochen, hallte durch die Dunkelheit der Nacht.

 

***
 

Kapitel 17 ¦ Katzenlied


 

(Info: siehe Vor- und Nachwort)

 

***

 

Die Sonne stand bereits hoch am Horizont und ihr Licht blendete ihn, so dass Satoshi eine Sonnenbrille trug, während er den Wagen zwischen den weitläufigen Feldern entlang lenkte.

Kyo schlief auf dem Beifahrersitz, er war völlig erledigt und das war auch gut so. Immer wieder warf der Arzt ihm einen raschen Seitenblick zu, nur um sich zu vergewissern, dass er nicht aufwachte. Aber bislang schien sein Schützling keinerlei Anstalten zu machen, aus seinen Träumen aufzutauchen.

 

Sie hatten sich erst vor fast zwei Stunden wieder zurück am Auto eingefunden und es hatte ihn einiges an Kraft und Zeit gekostet, um den Sänger dazu zu bringen, ebenfalls wieder eine menschliche Gestalt anzunehmen. Aber das war in einem solchen Frühstadium der Erkrankung nicht anders zu erwarten.

Ebenso war die Reaktion Kyos, auf das was sie getan hatten, nichts neues für Furukawa. Nachdem Fell und Krallen verschwunden und der andere sich zitternd an den Vorderreifen des Wagens gelehnt wiedergefunden hatte, war er sich der Erinnerungen der Nacht und der Jagd wieder bewusst geworden.

 

Satoshi hatte ihn nur schweigend beobachtet. Kyos Augen hingegen waren derart vom Schock getränkt, dass er kurz in Sorge war, dieser könne zurück in seine animalische Gestalt fallen. Dann allerdings war der junge Mann schwankend aufgestanden, hatte sich, immer noch nackt, vom Auto wegbewegt und sich panisch einen Finger in den Hals gesteckt.

Das was nach knapp sieben Stunden noch in seinem Magen war, landete kurz darauf, unter lautem Keuchen und Würgen, im Brombeergestrüpp. Furukawa hatte ihm den Moment gegeben und Kyos Kleidung aus dem Kofferraum geholt, bevor er zu ihm trat und sie ihm reichte.

Verschwitzt, voller Kratzer und mit vielen Blut- und Fellresten, die ihm am Körper klebten, zog Kyo sich an und ergriff auch sehr dankbar die angebotene Wasserflasche.

 

»Wie lange waren wir so?«, hatte er mit kratziger Stimme gefragt, die Augen irritiert zum erhellten Himmel gerichtet und offenbar zeitlich und örtlich sehr desorientiert.

»Es ist jetzt kurz nach 8 Uhr«, war die Antwort, was Kyo erstaunt und zweifelnd den Kopf hatte schütteln lassen. Die ersten, derart langen Feloideaverwandlungen waren immer anstrengend und es kostete viel Kraft, um den Verstand irgendwie wieder rational menschlich zu bekommen.

»Wie fühlst du dich?«

Kyo hatte gewankt und sich dann bereitwillig auf den Beifahrersitz helfen lassen.

»Müde«, murmelte er. »Erschöpft und irgendwie komisch benebelt.«

»Das ist gut.« Satoshi stieg auf der Fahrerseite ein, wartete aber noch ein wenig, um seinen Begleiter nicht zu überfordern. »Die innere Anspannung sollte erst einmal weg sein.«

Da ihm dies wohl erst in diesem Moment bewusst geworden war, hatte Kyo überrascht aufgesehen und geblinzelt.

 

»Ja«, kam es schließlich erstaunt. »Ja, ich fühle mich tatsächlich ruhiger. Aber irgendwie ist alles so - so - .« Dem Mann mit der poetischen Ader, fehlten die Worte.

»Das vergeht«, versprach Furukawa freundlich. »Und mach dir keine Vorwürfe wegen der Jagd. In solchen Situationen sind wir Raubtiere und wir müssen unserer Natur nachgehen. Andernfalls würden wir sehr viel schlimmeren Schaden anrichten, als nur ein getötetes Wildschwein.«

Darauf hatte Kyo nichts erwidert und war, kurz nachdem Satoshi endlich losfuhr, dann auch direkt eingeschlafen. Die Show war erst am Abend und auch wenn sie schon gegen 16 Uhr bei der Halle sein mussten, konnten sie trotzdem die verbliebenen Stunden nutzen, um zu schlafen. Auch er selbst war wahnsinnig müde und sehnte sich nach dem Bett im Hotel und zudem brauchten sie dringend eine ausgiebige Dusche, oder ein Bad.

 

Die Sonne stieg immer höher und er reihte sich in den beständigen Verkehrsfluss der Stadt ein, während die Klimaanlage auf voller Kraft lief. Ihm war wahnsinnig heiß und auch wenn Kyo noch immer schlief, so ging es ihm eindeutig genau so.

Kurz nach neun rollte er auf den Parkplatz des Hotels, stellte den Wagen nahe am Eingang ab und schaltete anschließend den Motor aus. Kaorus Gestalt, die am Seiteneingang stand und mit verschränkten Armen wartete, war ihm nicht entgangen.

Kurz überlegte Satoshi, ob er Kyo direkt wecken sollte, entschied sich dann aber dagegen. Er aktivierte Handbremse und Wegfahrsperre, stieg leise aus und schloss ebenso lautlos die Tür, bevor er seine Tasche vom Rücksitz holte und auf den Leader zuging. Kaoru kam ihm entgegen, der Blick ernst und irgendwie auch vorwurfsvoll.

 

»Er schläft«, war das erste, was Satoshi zu ihm sagte. Der Arzt nahm die Sonnenbrille ab und sah ihm in die Augen. »Du solltest ihn selbst wecken. Erschreck dich nicht vor dem Geruch.«

»Wo wart ihr?«, fragte Kaoru, ohne auf das Gesagte einzugehen. Wahrscheinlich hatte er in der vergangenen Nacht genau so wenig geschlafen, wie die beiden Feloidea.

»Ich habe dafür gesorgt, dass er das bekommt was er braucht. Der Kater sollte die Show heute Abend gut durchstehen.«

Satoshi stand nicht wirklich der Sinn nach diesem Gespräch, er sehnte sich nach einigen Stunden Einsamkeit und Ruhe. Aber obwohl er wusste, dass er noch immer die Ausstrahlung des Raubtiers an sich kleben hatte und vermutlich auch genau wie eines stank, trat Kaoru noch ein paar Zentimeter näher auf ihn zu und sie standen jetzt so nahe beieinander, dass er das Knurren nur schwer unterdrücken konnte.

 

»Keine Ahnung, was das zwischen ihnen beiden ist,» zischte der kleinere Mann, »ob Sie sein Mentor sind, oder sein Lover. Aber ich bin sein Leader und Sie können ihn nicht einfach so, kurz vor unserer Show und nach dem was er sich geleistet hat, irgendwohin verschleppen!«

Satoshi stutzte verwundert. Kyos Lover? Ganz sicher nicht! Er war viel zu alt für derartige Geschichten. Allerdings war es auch nicht seine Aufgabe, ihr Verhältnis zueinander, vor Kaoru zu rechtfertigen. Dafür war Kyo selbst zuständig.

»Wir waren jagen«, sagte er lediglich und drückte dem immer noch zornigen und nun auch verwirrten Gitarristen, die Autoschlüssel in die Hand. »Seine Tasche liegt im Fußraum«, erklärte er knapp, trat dann einen Schritt zurück und ging an Kaoru vorbei zum Hoteleingang.

 

Dieser sah ihm nach, nicht sicher was er von all dem eigentlich halten sollte. Eigentlich mochte er den Arzt und schätzte seine Hilfe sehr. Aber nach den gestrigen Ereignissen, Kyos anscheinendem Rückfall und dem plötzlichen Verschwinden der beiden, fühlte er sich, in erster Linie, nur noch überfordert. Kaoru hatte keine Ahnung, wie er mit der Gesamtsituation weiter umgehen sollte und ob es für ihn, Kyo und die Band, unter diesen Umständen, überhaupt noch eine Zukunft gab.

Als Satoshi längst verschwunden war, wand er sich mit einem schweren und resignierten Seufzen um und ging auf den parkenden Wagen zu. Tatsächlich erblickte er Kyo schlafend auf dem Beifahrersitz, ehe er die Tür öffnete und sich langsam zu ihm runter beugte.

 

»Kyo?«, fragte er und berührte die Schulter des Sängers. Erst jetzt fiel ihm der intensive Geruch von Schweiß, Erde und etwas metallischem auf und ihm war direkt klar, dass es sich dabei um Blut handeln musste. Er schauderte und rüttelte den Jüngeren ein wenig.

»Hey, aufwachen«, sagte er etwas lauter und tatsächlich gab der Sänger ein leises Murren von sich und rutschte etwas weiter zusammen, so als wolle er sich unter einer unsichtbaren Bettdecke verkriechen. Diese Reaktion brachte den Leader nun doch dazu, ein wenig zu schmunzeln.

»Du kannst im Zimmer weiter schlafen«, versuchte er es erneut und nun öffneten sich langsam und schwerfällig die Augen des anderen Mannes. Er gähnte hinter vorgehaltener Hand und sah sich desorientiert um.

»Kaoru?«, murmelte er, sich langsam und schwerfällig aufsetzend. »Wo ist Satoshi?«, fragte er und warf einen Blick nach rechts, aber nur um den Fahrersitz leer vorzufinden.

»Schon oben. Er sagte, ich soll dich wecken.«

 

Kaoru wollte ihm ein paar Sekunden geben und holte während dessen die Tasche seines Freundes aus dem hinteren Teil des Autos. Kyo schnallte sich indes ab, schwang die Beine langsam heraus und stand auf. Dabei keuchte er leise und murrte ein weiteres Mal.

»Mir tut alles weh.« Tatsächlich bewegte er sich nur langsam und verzog das Gesicht, als er versuchte sich zu strecken. Kaoru beobachtete dies mit deutlichem Missfallen. »Und stinken tue ich auch.«

Da er dem nur zustimmen konnte, nickte der Leader.

»Was habt ihr denn bitte gemacht?«, fragte er. Kyo schien bereits antworten zu wollen, überlegte es sich dann allerdings anders und nickte zum Hotel.

»Erkläre ich dir oben.«

 

***

 

Irgendwie war die Situation seltsam. Kaoru saß auf dem etwas rauen Teppich, an die Wand neben der offen stehenden Badezimmertür gelehnt, während er von drinnen immer wieder ein leises Plätschern hörte. Kyo saß im heißen Badewasser, die Augen entspannt geschlossen und redete mit träger Stimme.

»Wir waren jagen«, begann er. »Satoshi meinte, dass es der einzige Weg wäre, um meine Katzennatur erst einmal wieder ruhig zu bekommen.«

»Ich weiß, dass ich diese Frage bereuen werde, aber was genau habt ihr gejagt?«, fragte Kaoru, den Blick unbestimmt auf die gegenüberliegende Wand gerichtet, während er sein Smartphone ziellos in den Händen drehte.

»Wildschweine.« Kurz tauchte Kyo unter, um den Dreck zu lösen, der ihm immer noch in den Haaren klebte und kam dann wieder hoch. »Es war ein krasses Gefühl. Einerseits war ich überhaupt nicht ich selbst und andererseits irgendwie schon. Verstehst du?«

»Nicht wirklich«, gestand ihm der Ältere. »War es wie bei einer deiner Phasen?«

Einen Moment dachte Kyo nach, dann antwortete er mit einem Nicken.

»Ja. Es ist nicht so, als würde ich durch eine andere Person fremdgesteuert, sondern viel mehr so, als wäre ein anderer Teil meines Verstandes aktiv.« Er legte die Unterarme auf den Rand der Wanne und bettete das Kinn drauf. Kaoru seinerseits, beugte sich vor und musterte ihn, durch die offene Tür. Irrte er sich, oder wirkte Kyo tatsächlich so entspannt, wie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr?

 

»Ich habe getötet, Kao«, murmelte sein Sänger, sah ihn zwischen den langen, schwarzen Strähnen an und schien wieder etwas abwesend zu sein. »Ich habe dieses Tier getötet und es genossen.« Die mittlerweile dunklen Augen schlossen sich und ein heftiger Schauer ging durch den muskulösen Körper. »Es ist unter mir gestorben und dann - .«

Er brach ab, atmete tief durch und schüttelte sich. Kaoru wusste nicht was er sagen sollte, also schwieg er und beobachtete Kyo einfach nur stumm.

»Wir haben dieses arme Vieh gefressen«, flüsterte dieser schließlich genau das, was sein Freund nicht hatte hören wollen und was er doch irgendwie befürchtete. »Keine Ahnung wie viel wir übrig gelassen haben. Ich war so im Rausch und konnte nicht aufhören. Alles war voller Blut und Fleisch. Gott verdammt!«

Zitternd presste Kyo sich eine Hand gegen die Augen und unterdrückte etwas, was sich wie ein Schluchzen anhörte. Kaoru rutschte näher, ohne aufzustehen und es war ihm auch egal, dass Knie und Schienbeine seiner Jeans nass wurden.

 

»Du machst dir Vorwürfe?«, fragte er, wusste dass er damit recht hatte und Kyo nickte bestätigend.

»Ich will so etwas nicht tun müssen, nur damit ich unter Kontrolle bleibe.« Seine Stimme war ein leises, fast schon gebrochenes Wispern. »Aber Satoshi hat recht. Ich war gestern kurz davor mich auf dich zu stürzen und das darf nie wieder passieren!«

Er nahm die Hand weg, sah zu seinem Leader und nun erkannte dieser mehr als deutlich, dass sich sein Kollege wirklich schrecklich fühlte. Der Ausdruck in seinen Augen, war purer Schmerz.

 

»Allein daran zu denken, wie ich das ganze Fleisch runter geschlungen habe und der Gestank seines Blutes … . Kao, ich will das nicht! Ich will das nicht!«

Kyo brach fast zusammen, wiederholte immer und immer wieder seine Worte und flehte ihn an, ihm zu helfen.

Kaoru hingegen war derart erschüttert von dem was er sah und hörte, dass er nicht anders konnte, als sich vorzubeugen und ihn irgendwie in den Arm zu nehmen, obwohl der geflieste Rand der Wanne immer noch zwischen ihnen stand.

Seine Hand schob sich zwischen die nassen Strähnen und er strich über Kyos Hinterkopf, als er ihn gegen seine Schulter drückte. Die freie Hand umschloss dessen bebenden, feuchten Oberkörper.

Leise Worte murmelnd, wiegte er ihn langsam hin und her, während sich Kyo an ihm fest krallte und nicht dazu im Stande war, sich auch nur ansatzweise zu beruhigen. Statt dessen zitterte er so heftig, dass es Kaoru unwillkürlich an den schicksalhaften Abend im Blue Sunset Stripe erinnerte, als Kyo hinter der Bühne zuckend zusammengebrochen war.

Unbewusst drückte er ihn nun noch fester an sich, presste seinerseits das Gesicht in die nassen, immer noch leicht nach Erde riechenden Haare und kämpfte gegen die Bilder vor seinem inneren Auge an.

 

Es dauerte mehrere Minuten, bis das Zittern endlich nachließ und Kyo sich von ihm löse. Auch wenn er mittlerweile nicht mehr derart angespannt war, so wie die letzten Tage, sah er trotzdem absolut elend und schrecklich müde aus.

»Du solltest etwas schlafen«, meinte Kaoru und versuchte es mit einem aufmunternden Lächeln. »Und etwas anständiges essen.«

Darauf erhielt er zunächst ein etwas schiefes Grinsen als Antwort.

»Ich weiß nicht, ob ich überhaupt irgendwas runter bekomme«, murmelte Kyo und schnappte sich ein weiteres Mal das Shampoo. Auch für ihn war der Geruch des Waldes, immer noch viel zu präsent.

»Ich bring dir nachher trotzdem etwas hoch«, versprach der Leader. »Und es tut mir leid, dass ich gestern so giftig zu dir war. Ich hätte dich nicht schlagen dürfen.«

»Du hattest alles Recht dazu.« Erneut tauchte Kyo unter, um den Schaum aus seinen Haaren zu spülen. Kaum kam er wieder hoch, begann er sich schwerfällig aufzuraffen und Kaoru drehte sich rasch um.

»Es war trotzdem nicht richtig«, meinte er. »Ich hätte dir erst einmal zuhören sollen.«

Hinter ihm stieg der Sänger aus der Wanne und griff an ihm vorbei nach dem Duschtuch, um sich abzutrocknen.

»Schon okay«, sagte er und rubbelte sich die Haare trocken. Wieder griff eine Hand an ihm vorbei, dieses Mal jedoch nach dem Stapel frischer Kleidung und erst als das Rascheln hinter ihm verstummte, wand Kaoru sich um.

 

Als sie zurück ins Zimmer gingen und Kyo mit einem müden Gähnen auf den Rand des Bettes sank, blieb der Leader noch eine Weile einfach nur vor ihm stehen und sah zu ihm runter. Sein Freund wiederum erwiderte den Blick und wie immer war überhaupt nicht ersichtlich, was genau in diesem Moment in seinem Kopf so vor sich ging.

Kyo würde ihm ein ewiges Rätsel bleiben.

»Ist der Alte dein Lover?«, fragte der Gitarrist schließlich frei heraus und erntete dafür ein einerseits entsetztes, andererseits belustigtes Auflachen.

»Wie bitte?«, keuchte Kyo und schüttelte ungläubig den Kopf. »Jetzt wirst du aber albern. Ich steh ganz sicher nicht auf verrückte, alte Männer mit Helfersyndrom.«

Nun musste Kaoru ebenfalls grinsen. Diese Art der Konversation hatten sie schon viel zu lange nicht mehr geführt und irgendwie fehlte es ihm sehr. Kyo war ein wahnsinniges Genie. Niemand verstand was genau in ihm vorging und manchmal meldete er sich wochenlang nicht bei ihnen, wehrte sich gegen jede Form der Annäherung, nur um wie aus dem Nichts bei einem von ihnen aufzutauchen und mehrere Tage Wohnzimmer und Couch zu belagern, weil er nicht allein sein wollte.

 

»Immerhin sieht er gut aus.«

»Dann schnapp ihn dir doch, wenn er dir so gut gefällt«, schnaubte Kyo, gespielt empört.

»Und lass dich alleine zurück?« Kaoru legte ihm eine Hand locker in den Nacken und lächelte verschmitzt. »Das kann ich der Welt doch nicht antun. Sie würde zu Grunde gehen.«

»Idiot«, maulte der Jüngere und erntete dafür nun tatsächlich ein amüsiertes Lachen. Kaoru beugte sich zu ihm runter und lehnte seine Stirn an ihn.

»Ja, wahrscheinlich bin ich das wirklich«, sagte er ruhig und verharrte einige Sekunden in dieser Haltung. Auch Kyo lehnte sich ihm minimal entgegen und schloss mit einem langen Seufzen die Augen.

»Du bist ein Trottel, Niikura«, murrte er.

»Ich weiß.« Kaoru ließ ihn los und richtete sich wieder auf. »Und jetzt schlaf. Ich wecke dich nachher und wehe du isst vor der Show nicht anständig!«

Kyo rollte daraufhin mit den Augen. »Willst du mich auch noch daran erinnern vorher aufs Klo zu gehen und mir die Schnürsenkel zu binden?«

»Leg’s nicht drauf an, oder ich tue das wirklich!«

Lachend eilte er aus dem Zimmer und schloss die Tür rasch hinter sich, ehe von innen das Kopfkissen, mit einem dumpfen Schlag, dagegen flog.

 

***

 

Mit jedem Trommelschlag der Musik, draußen in der Halle, ging ein Schauer durch Kyos Körper. Er stand still da, während einer der Techniker an seiner Kleidung zu Gange war und ihn verkabelte. Seine Lider waren geschlossen, er lauschte den vertrauten Klängen und versuchte sich seiner eigenen Emotionen klar zu werden.

Freude und Furcht waren gleichermaßen präsent, aber diese, seit Monaten anhaltende, Anspannung, suchte er vergeblich. War es wirklich möglich, dass die Jagd sie vorerst eingedämmt hatte?

Irgendwie erschien es ihm fast wie ein Traum und doch stand er jetzt hier, hinter der Bühne, kurz vor ihrem ersten Auftritt seit Hollywood und wartete darauf, dass man ihm das Signal gab.

Leicht öffnete er die Augen und sah zu Kaoru, der rechts von ihm stand und ein letztes Mal mit Satoshi testete, ob das Funkgerät auch wirklich funktionierte. Die beiden waren sichtlich nervös und nicht nur sie. Toshiya hüpfte durchgehend auf und ab. Seit sie ihm noch einmal deutlich eingeimpft hatten, dass er Kyo die Spritze im schlimmsten Fall würde verpassen müssen, war die Anspannung des Bassisten mehr als greifbar.

Wieder lauschte er in sich hinein, versuchte den animalischen Teil in sich zu ergründen und fand ihn bemerkenswert ruhig vor. Trotz Lärm, Enge, den unzähligen Rufen und der allumfassenden Nervosität.

 

Langsam einatmend, strich er sich durch die Haare und grinste leicht, als seine Fingerspitzen die abrasierten Seiten streiften. Kaoru hatte ihn tatsächlich kurz nach Mittag geweckt und ihn anschließend mit nach unten in den separaten Speisesaal geführt.

Die Blicke seiner Kollegen und der Crew gekonnt ausblendend, hatte er sich gütig am Buffet bedient und sich anschließend kommentarlos zum Rest der Band an den Tisch gesellt.

Die anderen hatten ihn angestarrt, minutenlang, bis Shinya und Toshiya nicht mehr hatten an sich halten können. Es war regelrecht aus ihnen heraus geplatzt, woraufhin sich Kyo heftig an seinem Essen verschluckte.

»Deine Haare sehen schrecklich aus«, kam es wie aus einem Munde. Kaoru, der ihrem Sänger lebensrettend auf den Rücken schlug, hatte gleichzeitig ebenfalls lachen müssen.

»Hä?«, keuchte Kyo schließlich und musste dabei so dumm aus der Wäsche geguckt haben, dass Kaoru nun Tränen lachte.

»Die kommen ab!«, meinte Toshiya umgehend und mit einer so ernsten Miene, als wolle er ihm zugleich auch noch Hausarrest erteilen. »Du siehst aus wie ein aufgeplatztes Sofakissen.«

»Na danke«, murrte Dir En Greys Sänger und versuchte sich wieder auf sein Essen zu konzentrieren und dabei möglichst nicht an sein nächtliches Mal zu denken.

Laut Kaoru, hatte der Leader die Band bereits von dieser Sache unterrichtet. Aber er wusste, dass er diesbezüglich, früher oder später, noch einmal mit ihnen würde reden müssen. Schon alleine, weil die anderen drei schrecklich neugierig waren.

 

»Ich habe meinen Rasierer dabei«, verkündete Dai in diesem Moment, was ihm von Bassisten und Drummer ein paar strahlende Blicke einbrachte und Kyo gespielt leidend seufzen ließ.

»Gnade«, hatte er in seinen Tee gemurmelt, woraufhin Kaoru ihm aufmunternd auf die Schulter klopfte.

»Trage es mit Fassung.« Den Tritt unter dem Tisch kassierte der Leader tapfer.

»Wenn die beiden meine Haare versauen, dann schiebe ich das alles dir in die Schuhe, Kao!«, erwiderte Kyo darauf hin nur.

»Tu das, aber dann werd trotzdem nicht ich derjenige sein, der lächerlich aussieht.«

»Soll ich wieder Reis in eure Gitarren kippen?«

So ging es noch einige Minuten weiter, was nicht nur ihre restlichen Bandmitglieder belustigte, sondern auch die umstehenden Tische, an denen ebenfalls ein sehr müde aussehender Satoshi saß. Er steckte diese langen Jagden nicht mehr so gut weg, wie es bei Kyo der Fall war. Aber die freundschaftlichen Kappeleien zwischen Sänger und Leader, betrachtete er mit viel Wohlwollen.

 

Und nun standen sie hier, jeden Moment würde die Show starten und er auf die Bühne gehen. Die Fans in der Halle brüllten bereits ihre Namen, er konnte ihre Freunde in den Worten hören, ihre Anspannung und ihre Euphorie. Er wollte es mit ihnen teilen. Er wollte da raus! Auf die Bühne. In sein eigenes Revier!

Wie geplant ging Shinya zuerst und sie hörten wie der Lärm anschwoll, kaum dass der schöne Mann die Treppe erklomm und vor die tobende Menge trat. Er ging zu seinen Drums, setzte sich und dann erhielt Dai sein Signal.

Gleiches wiederholte sich auch bei Toshiya und kurz bevor Kaoru ihm folgte, berührte der Leader noch einmal kurz Kyos Schulter, ehe auch er ging. Satoshi stand neben Kyo, ebenso angespannt wie er selbst. Der Arzt hatte ihn wieder verkabelt, um seine Vitalwerte zu messen, allerdings ohne ihm ein erneut dieses kleine Teufelsgerät in den Körper zu stechen. Sie hofften einfach darauf, dass die Nachwirkungen der Jagd lange genug anhielten und sie es tatsächlich auf die Klebepads an Kyos Oberkörper beschränken konnten.

 

Ohne ein Wort mit dem älteren Kater zu wechseln, ging auch er und alle Emotionen strömten gleichzeitig auf ihn ein, als er den Fuß auf die erste Stufe setzte. Fast wurde ihm schwindlig, doch er ging weiter, trat aus der Dunkelheit heraus in ein irres Durcheinander aus Farben, Licht, Lärm, Stimmen, Rufen, Gerüchen und so viel mehr.

Fast schon automatisch fand er seinen Platz auf der Bühne und besah sich das Schauspiel für mehrere Sekunden schweigend.

Der Saal war brechend voll. Überall blickte er in die erwartungsvollen Augen hunderter Menschen, die ihre Namen brüllten, die klatschten und vorfreudig pfiffen. Zusätzlich zu dem was er sah, konnte er all das auch riechen und die vielen Sinneseindrücke machten ihn beinahe trunken. Ja, er konnte ihr Emotionen wittern! Es war einfach unbeschreiblich heftig, was sich kurzzeitig in seinem Kopf alles abspielte und er genoss es.

 

Dann jedoch mischte sich auch ein seltsamer Unterton in den Duft. Zunächst wusste er ihn nicht zuzuordnen und runzelte die Stirn. Schließlich aber verstand er,was es war und Kyos Blick glitt suchend durch die Menge.

Irrte er sich? Nein, ganz sicher nicht!

Vereinzelt reflektierte das Licht der Bühnenbeleuchtung in den Augen der Zuschauer. Es waren vielleicht drei oder vier, die er auf Anhieb sah und doch erkannte er sofort, was er da vor sich hatte.

‘Natürlich’, dachte er sich. ‘Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie hier sind.’

Ob sie Fans waren? Sehr wahrscheinlich, denn immerhin war das hier Kyos erster, öffentlicher Auftritt, seit seiner Infektion und sie konnten es unmöglich vorher gewusst haben. Bestimmt war es für sie eine ebenso große Überraschung, wie für ihn; ferner sie erkannten seine Natur.

 

Nun endlich griff er nach dem Mikro, hielt es an den Mund, holte tief Luft und brüllte seine Begrüßung in Richtung der Fans und die Menge explodierte förmlich. Kyo grinste, ließ sich von ihren Schreien und all dem mitreißen, was er wahrnahm.

Er war sich dabei durchaus der anderen vier gewahr, die neben und hinter ihm standen, beziehungsweise saßen. Sie durften hier sein, denn er akzeptierte sie auf seiner Bühne und er würde den anderen Katzen, die da unten vor ihm standen und ihn teilweise begeistert, entsetzt, oder erstaunt anstarrten, zeigen, dass das hier ihm allein gehörte.

‘Meine Bühne!’, schleuderte er ihnen gedanklich entgegen. ‘Und mein Revier!’

Wieder heizte er die Menschen vor sich an, peitschte sie höher und höher, bis zum äußersten und erst dann schlug der erste in die Saiten und erst dann begann Shinya auf seine Drums einzuprügeln.

 

Als Kyo die ersten Worte ihrer Songs ins Mikro schrie, tat er es mit so einer Inbrunst, dass Kaoru ihn kurz verwundert anschaute, sich dann aber sofort wieder auf sein Spiel konzentrierte und das zufriedene Lächeln nicht einmal versuchte zu unterdrücken. Er war zwar kein Feloidea, aber er verstand durchaus, was genau Kyo soeben tat.

Es war das Brüllen eines Raubtieres, welches ganz klar zeigte, wer heute und hier das Sagen hatte. Komischerweise fühlte sich der Gitarrist dabei überhaupt nicht bedroht, sondern vielmehr wie ein Teil dieses Irrsinns.

Kyo leitete sie an, mit seinen Worten und Schreien. Er bewegte sich in einer Art über die Bühne, welche sogar ihm neu war und es war ein absoluter Hochgenuss, ihm endlich wieder dabei zusehen zu können, wie er hunderte Menschen mit nur einer einzigen Handbewegung dirigierte.

‘Nein, er ist schon lange nicht mehr der gebrochene Mann von damals.’, schoss es ihm durch den Kopf, während er mit den Fingern über die Saiten seiner Gitarre fuhr. ‘Keine Ahnung was alles in ihm vorgeht, aber er verändert sich.’

Kaoru fragte sich aber auch, ob dies langfristig zu ihrem Guten, oder Schlechten sein würde. Es war nun mehr als ein halbes Jahr vergangen, seit dem Vorfall in Denver und schon in dieser kurzen Zeit, war ihr Sänger kaum noch mit dem Kyo zu vergleichen, der er damals gewesen war. Er hatte eine merkwürdige Stärke entwickelt, die ihnen irgendwie auch Angst machte.

 

‘Kann das gut gehen?’, fragte er sich, während Toshiya sein Solo spielte und er kurz inne hielt, bevor er wieder einsetzte. Sein eigener Blick glitt dabei über die Menge und er nutzte die wenigen Sekunden, um sich an Satoshi zu wenden.

»Irgendwelche Auffälligkeiten, Doktor?«, fragte er in das Mikrofon an seinem Kragen. Satoshis Stimme ertönte etwas blechern aus dem Funkgerät in seinem rechten Ohr.

»Er scheint in Ordnung zu sein. Alles ist im normalen Bereich, auch wenn er gerade sehr euphorisch zu sein scheint.«

Kaoru sah zu Kyo rüber und nickte dann leicht zustimmend, obwohl Satoshi ihn nicht sehen konnte.

»Ja, er lässt sich heute ziemlich stark mitreißen. Hoffen wir, dass es so bleibt.«

»Kein Wunder, er will ihnen deutlich machen, dass ihm heute Nacht diese Halle gehört.«

Furukawas Aussage war so eigenartig, dass Kaoru stutzte, dann aber wieder mit seinen Parts einsetzten musste und demnach nicht dazu kam, weiter darauf einzugehen.

So lange Satoshi sagte, dass es Kyo gut ging, versuchte der Leader den Gedanken möglichst beiseite zu schieben, dass sie alle nur wenige Millimeter Haut vor der Bestie in dessen Inneren trennte.

 

Ja! Ja verdammt, das alles gehörte ihm!

Kyo schritt über die Bühne, glich dabei fast einer Raubkatze die auf und ab ging und sang dabei seine Songs. Als ob selbst die normalen Menschen es irgendwie spürten, waren sie völlig gefesselt von seiner Ausstrahlung und seiner Körpersprache. Er tat dies dabei gänzlich unbewusst und überließ es dem animalischen Teil seines Verstandes.

Irgendwann sprang er leichtfüßig und trittsicher auf sein Podest, packte das Mikro mit beiden Händen und growlte derart tief und aus voller Lunge, dass es kaum noch vom Brüllen eines Jaguars zu unterscheiden war.

Er fühlte das Vibrieren tief in seinem Brustkorb, sah die Menge durch die leicht schwitzigen Strähnen seiner Haare an und richtete sich dann langsam auf. Trotz seiner Körpergröße, strahlte er dabei eine wahnsinns Gefahr und Eleganz aus und als er das Mikro vom Mund nahm, konnte er das Schnurren einfach nicht unterdrücken. [1]

 

Als sie nach einer Dreiviertelstunde von der Bühne mussten, um eine Pause einzulegen, spürte Kyo, wie sehr es ihm widerstrebte, sein temporäres Revier zu verlassen. Doch er zwang sich dazu und ging die Stufen hinab, in den warmweiß erleuchteten Backstagebereich.

Es war eigenartig und seine Sinne mussten sich erst einmal wieder umgewöhnen. Er nahm das Handtuch dankend an, welches man ihm reichte und drückte es sich ins Gesicht. Tief atmete er ein, nahm viel zu viel Weichspüler wahr und schüttelte den Kopf.

Wieso nur war ihm so seltsam schwummrig?

 

»Heilige Scheiße!«, rief Dai ihm zu und schlug ihm derart plötzlich und hart auf den Rücken, dass Kyo ein paar Schritte vorwärts stolperte.

»Was zum - «, stieß er aus und wirbelte herum, sofort wich der Gitarrist zurück und hob abwehrend die Hände.

»Hey, sorry«, stammelte er und sah ihm in die geschlitzten Pupillen. Erst jetzt erkannte Kyo, dass seine Sicht ganz verzerrt war und sofort verstand er auch, woran das lag.

»Was ist denn?«, wollte er wissen und murrte, da er den Schlag auf den Rücken noch immer spüren konnte. »Wieso haust du mich?«

»Eh - », kam es wenig intelligent, ehe sich sein Kollege wieder sammelte. »Das war grad einfach nur krass. Ich weiß ja, dass du viel mit deiner Stimme machen kannst. Aber so tief bist du noch nie gekommen!«

»Das klingt schmutzig«, meinte Kyo trocken, schnappte sich eine der Wasserflaschen aus der bereitstehenden Kühlbox, schraubte sie auf und begann gierig zu trinken.

 

»Ich gebe Dai recht«, Kaoru trat zu ihnen, ziemlich verschwitzt vom Licht der Scheinwerfer. Auch Kyos Körper war wahnsinnig erhitzt, aber heute konnte er es sich leider nicht erlauben, sein Oberteil auszuziehen, immerhin klebten überall Satoshis Sensoren. »Das war echt intensiv.«

»Ich weiß.« Der Sänger streckte sich und zog sich dann doch das Shirt aus. Wenigstens für ein paar Minuten, um wieder etwas abzukühlen. »Das war Absicht.«

»Also hast du sie auch bemerkt?«, fragte plötzlich die angenehm dunkle Stimme Satoshis, der zu ihnen kam und irgendwie amüsiert schmunzelte. Kyo nickte, leerte die Flasche und stellte sie zurück auf den Tisch, ehe er nach der nächsten griff.

»Ja, drei oder vier. Wobei ich mir beim letzten nicht ganz sicher bin.«

»Es sind vier«, bestätigte der Arzt und sie beide erhielten dafür einige sehr fragende Blicke, der restlichen Bandmitglieder.

»Vier was?«, fragte Toshiya. »Wovon redet ihr da?«

»Katzen«, sagte Kyo frei heraus. Außenstehende Menschen würden, ganz ohne Kontext, ohnehin nicht verstehen von was sie da redeten. »Sie stehen schon die ganze Zeit im Publikum. Ich konnte sie bereits wittern, als wir auf die Bühne gekommen sind.«

Kaoru starrte ihn nahezu geschockt an.

 

»Was? Wieso sind die hier?!«

»Nur die Ruhe, Kaoru-san.« Furukawa versuchte ihn zu beschwichtigen. »Sie wussten vermutlich noch nicht, dass Kyo mittlerweile ebenfalls ein Feloidea ist.«

»Trotzdem macht mir das Sorge«, stellte der Leader klar.

»Das verstehe ich auch. Aber vergessen Sie bitte nicht, dass wir die meiste Zeit über einem ganz normalen Leben nachgehen, so wie jeder andere Mensch auch. Sie haben nicht damit gerechnet, Kyo nun in dieser Form hier anzutreffen.« Er wand sich nun seinerseits dem Sänger zu. »Das vorhin war wirklich ein vorbildliches Brüllen. Besser hätte ich es nicht machen können«, schmunzelte er und erntete dafür ein breites Grinsen.

»Danke.« Tatsächlich war er sehr stolz darauf und ein derartiges Lob, schmeichelte ihm ein wenig und das obwohl er sich häufig nicht viel aus der Kritik, oder der Bewertung anderer machte.

»Versuch aber bitte, dich nicht zu sehr mitreißen zu lassen. Ein paar Mal waren mir die Ausschläge deiner Vitalwerte ein bisschen zu hoch. Die Bühne gehört eindeutig dir, das war nicht zu übersehen.«

 

Wieder nickte Kyo. Es ging hier immerhin nicht darum, sein gesangliches Talent zu bewerten, sondern um viel mehr - um gefährlich viel mehr!

»Es ist nicht leicht. Alles ist so wahnsinnig intensiv. Ich kann die Emotionen der Menschen riechen und das vernebelt mir die Sinne.«

»Das hier ist das erste mal, dass du so intensiv mit all dem konfrontiert wirst. Keine Sorge, du wirst dich daran gewöhnen und lernen es zu steuern.«

»Also habe ich Ihre Erlaubnis weiter zu machen, Doktor?«, fragte der Sänger und stellte auch die zweite Flasche geleert auf den Tisch.

»Ja, wir werden weiter trainieren müssen, aber meiner professionellen Einschätzung zu folge, darfst du weiter machen.«

Da ihnen nicht mehr viel Zeit blieb, zogen die zwei sich noch kurz zurück, damit der Arzt die Sensoren wieder festkleben konnte, welche sich im Rausch der Show etwas gelöst hatten.

 

Kaoru und die anderen standen abseits und betrachteten Sänger und Arzt.

»Was läuft zwischen den beiden?«, fragte Dai mit gesenkter Stimme und sah zu ihrem Leader, welcher alles mit verschränkten Armen und einem undeutlichen Ausdruck in den Augen, schweigend beobachtete.

»Keine Ahnung«, murmelte er, denn diese Frage stellte er sich ebenfalls schon seit mehreren Wochen. Ins besondere seit der vergangenen Nacht.

»Steht Kyo auf ältere Männer?«

Dafür kassierte Dai nun einen sanften, aber nicht weniger mahnenden Schlag in die Seite.

»Unsinn.« Kaoru schüttelte den Kopf, um seine Worte zu untermauern. »Ich glaub irgendwie, dass unser Goldkehlchen in ihm eine Art Vater sieht.«

 

Nun warfen ihm die anderen drei überraschte Blicke zu. Kyo sprach nie über seine Familie und die einzigen wenigen Male, in denen es doch passiert war, hatte er kein einziges, gutes Wort an seinen Eltern gelassen. Was wohl auch einer der Gründe war, wieso ihr Sänger häufig dazu neigte, sich in die Einsamkeit zurück zu ziehen und Probleme nur mit sich selbst auszuhandeln. Er hatte nie gelernt zu vertrauen.

»Das ist ja fast noch unwahrscheinlicher, als dass der Typ sein Lover ist«, platzte es aus dem zweiten Gitarristen heraus.

»Ich bin froh darüber, dass sich Doktor Furukawa so um ihn kümmert«, sprach Shinya mit seiner immer sanften und ruhigen Stimme. »Ohne ihn, hätte er sich vermutlich komplett von uns zurückgezogen.«

Dem konnte Kaoru nur zustimmen, auch wenn er es nicht laut aussprach.

 

Die zweite Konzerthälfte war nicht weniger intensiv als die erste. Als er zurück auf die Bühne kam, tobte die Menge und er atmete den Geruch ihrer verschwitzten und hormongesteuerten Leiber tief ein. Direkt sprang er auf das Podest, nahm sein Mikrofon und begann erneut sie anzuheizen und forderte sie dazu auf mitzumachen.

Sie gehorchten ihm und er führte sie wie ein Puppenspieler an unsichtbaren Fäden.

Das Licht war nun ein anderes und er konnte ihre Gesichter deutlich vor sich sehen, die Freude und Aufregung und auch - Kyo stutzte, starrte ein wenig zu lange in ein bestimmtes Gesicht und konnte sich nur schwer davon losreißen.

 

Hatte sie vorhin auch schon so nahe an der Bühne gestanden und er hatte sie, aufgrund der Dunkelheit, einfach nicht bemerkt? Doch das Licht, welches von der Retina hinter den weit geöffneten Pupillen abstrahlte, hatte sie eindeutig als das enttarnt, was sie in Wirklichkeit war.

Der Sänger versuchte nicht in ihrer Richtung zu schauen, aber ihr Duft hinterließ trotzdem einen gewissen Eindruck bei ihm. Natürlich war er Profi genug, um sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Doch immer wieder glitten seine Augen über die vordere Reihe und verharrten dann für ein paar Sekunden bei der Frau, die dort stand und ihn einfach nur mit einem verzückten Lächeln ansah.

Kyo hatte keine Ahnung, wieso ihr Geruch ihn derart ablenkte und er war froh, als er für einen Moment eine Pause machen und Shinya das Drumsolo überlassen konnte.

 

»Was ist denn los?«, hörte er Toshiyas Stimme dicht bei sich, schüttelte aber nur den Kopf. Er wusste es ja selbst nicht und als dann endlich das Licht für den nächsten Song gedimmt wurde, war er froh darüber, dass die Gesichter der Zuschauer in den Schatten verschwanden.

Für gewöhnlich liebte er die schnellen und brutalen Songs. Dieses Mal war er allerdings ganz froh darüber, dass er auf Shinyas Wunsch eingegangen und eine ihrer Balladen auf die Liste hatte setzen lassen.

Es brachte ihn wieder runter und sorgte dafür, dass er sich besser auf das konzentrierte, was er tat. Der Duft war verschwunden und als er kurz die vordere Zuschauerreihe betrachtete, sah er keine leuchtenden Augen zwischen ihnen stehen.

War sie gegangen? Oder hatte er sich geirrt und sie ist nie da gewesen?

Kyo schloss die Augen, sang mit tiefer Stimme die emotionalen Worte, deren Bedeutung nur er selbst wirklich verstand und versank wieder in der Trance der Show.

 

***
 

Kapitel 18 ¦ Katzenlust

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Kapitel 19 ¦ Katzengift


 

***

 

Nachdem sie gegangen war und ihn mit seinen rastlosen Gedanken zurückgelassen hatte, fand Kyo bis weit nach Mitternacht, einfach keinen Schlaf. Zu viel ging ihm durch den Kopf. Nicht nur die Erinnerungen an den leidenschaftlichen und wirklich guten Sex. Es waren vor allem die Worte danach, die sich in seinem Verstand festgesetzt hatten.

Ihre Andeutungen zu Satoshi und Stjørdal, brachte er nur schwer in Einklang mit dem Mann, den er nun schon seit etlichen Monaten kannte und, auch wenn er es niemals laut aussprechen würde, irgendwie sogar mochte. Kyo konnte sich nicht vorstellen, dass ausgerechnet der alte, hilfsbereite Kater, ein skrupelloses Monster sein sollte.

‘Die rechte Hand von Erik Bogdanow-Weilsteiner’, hatte Alice ihn genannt und dieser Titel machte ihm mehr Angst, als er bereit war zuzugeben.

 

Dementsprechend müde, tauchte er am nächsten Morgen beim Frühstück auf. Sie würden in einer Stunde losfahren und ehrlich gesagt, war seine Laune immer noch auf dem absoluten Tiefpunkt.

Kyo war gerade dabei den Speisesaal zu betreten, als er plötzlich von hinten gepackt und wieder zurück gezerrt wurde. Ehe er auch nur blinzeln konnte, fand er sich hinter einer Säule an die Wand gedrückt wieder und starrte Furukawa an, welcher sichtlich aufgewühlt zu sein schien.

»Bist du verrückt geworden?!«, fauchte der ältere Kater und Kyo glaubte beinahe, so etwas wie Panik in seinen Worten zu vernehmen.

»Satoshi, was wird das?«, verlangte er zu wissen und schob den anderen von sich weg. Dieser jedoch ging überhaupt nicht auf ihn ein, sondern redete einfach weiter.

»Was habe ich dir darüber gesagt, dass wir hochgradig ansteckend sind?«

Nun endlich fiel der Groschen. Kyos Augen weiteten sich etwas und er war für eine Sekunde so perplex, dass er zunächst nicht antwortete. Erst als er seine Stimme wiedergefunden hatte, sagte er beschwichtigend,

»Sie ist bereits eine Katze.« Um schlimmerem vorzubeugen, setzte er noch nach, »Und wir haben verhütet. Also reg dich bitte nicht auf.« Denn ihm war wirklich nicht danach zu Mute, sich mit seinem Arzt zu streiten; dafür war er einfach viel zu übermüdet. Zumindest schien letztere Aussage, seinen Gegenüber ein wenig milde zu stimmen.

»Wer war sie?«

»Keine Ahnung.« Denn am Ende hatte sie sich ihm, wenn auch widerwillig, unter einem falschen Namen vorgestellt. »Sie stand beim Konzert vor der Bühne und ich weiß wirklich nicht, warum ich mein Sexleben vor dir rechtfertigen muss. Es geht dich nichts an.«

Furukawa schnaubte, sah jedoch ein wenig betreten zur Seite. Offenbar war ihm seine überhastete Reaktion, nun doch unangenehm.

»Es geht mich so lange nichts an, bis du eine Frau schwängerst, oder infizierst! Ich habe dir lang und breit erklärt, wie gefährlich das ist, Kyo!«

»Ich habe sie aber nicht - «, begann er, brach dann jedoch schnell ab, als ihm klar wurde dass er lauter wurde als beabsichtigt und senkte rasch die Stimme. »Ich habe sie aber nicht geschwängert. Du bist nicht mein Vater, also hör endlich auf damit, dich so zu benehmen.«

 

Für einen kurzen Moment sah es so aus, als hätten seine Worte irgendwas in Satoshi getroffen, denn die Augen des Arztes nahmen einen eigenartigen Unterton an, welchen Kyo nicht so recht zuzuordnen wusste.

»Fein.« Mit einem resignierten Seufzen, trat Furukawa einen Schritt zurück und brachte wieder etwas Abstand zwischen sie beide. »Du hast Recht, ich kann mich nicht in alles einmischen, was du tust, Kyo.« Auch wenn er sich gefasst gab, so hatte der Sänger trotzdem den Eindruck, erneut eine Kluft zwischen ihnen aufgerissen zu haben. »Trotzdem bitte ich dich inständig darum, in dieser Sache mehr Vorsicht walten zu lassen. Katzen jagen einander und Katzen töten einander, das gilt für alle Geschlechter. Sie hätte dich ebenso gut auch umbringen können und du wärst nicht der erste Kater, dem es so ergeht, nur weil sie ihre weiblichen Reize ausspielt.«

Er wollte es nicht zugeben, doch ein Teil seines sturen Verstandes, musste dem Älteren in dieser Hinsicht wohl oder übel Recht geben.

»Es ist nichts passiert. Wir hatten Sex und uns dann ein wenig unterhalten.« Nun doch trotzig wie ein Kind, verschränkte er die Arme vor der Brust. »Sie sagte, dass sie als Feloidea geboren wurde. Ich war einfach neugierig.«

 

Furukawa gab ein erstauntes ‘Oh’ von sich.

»Eine geborene Katze? Das ist ausgesprochen selten.« Nachdenklich strich er sich mit Daumen und Zeigefinger über den Bart. Eine Angewohnheit, welche Kyo schon manches Mal bei ihm bemerkt hatte. »Bis auf die großen Familien, gibt es kaum noch solche wie sie. Unser soziales Verhältnis zueinander, lässt tiefere Bindungen nicht zu.«

Kyo nickte. »Sie deutete so etwas an, ja.«

»Hat sie dir auch einen Namen genannt?« Furukawa musterte ihn forschend, neugierig und irgendwie auch besorgt. Es wurde nicht ganz ersichtlich, was in dem Arzt soeben alles vor sich ging. Aber Kyo verneinte und brachte ihn so dazu, leise und frustriert zu knurren. »Verdammt.«

‘Was macht ihn so nervös?’, fragte sich der Sänger in Gedanken. ‘Ich kann seine Anspannung förmlich riechen.’

»Sie nannte sich selbst Alice, aber das war nicht ihr richtiger Name.«

Plötzlich fiel ihm das Foto ein, welches er von ihr aus der Distanz geschossen hatte und er zog sein Smartphone heraus, suchte das Bild und hielt es Satoshi direkt vor die Nase. Der Arzt brauchte einige Sekunden, um zu realisieren, was genau er vor sich hatte. Dann erst sah er genauer hin und runzelte die Stirn.

»Ist sie das?«, fragte er, was Kyo dazu veranlasste mit den Augen zu rollen.

»Nein, die Putzfrau«, murrte er. »Natürlich ist sie das.«

 

Satoshi ging nicht weiter darauf ein. Er studierte die verpixelte Fotografie und schien dabei sehr tief in seine Gedanken abzudriften. Kyo sah ihm die tiefe Sorge an und so langsam begann auch er sich zu fragen, mit wem genau er da gestern Abend eigentlich Sex gehabt hatte. Wie viel von dem, was sie ihm erzählt hatte, stimmte wirklich?

»Ihr Gesicht ist ungewöhnlich«, sagte sein Gegenüber nach einiger Zeit, mehr zu sich selbst. Kyo drehte das Foto wieder zu sich und versuchte zu erkennen, was genau Satoshi meinte.

»Sie sagte, dass sie angeblich aus Sendai kommt. Aber vermutlich war das auch eine Lüge.«

»Ja«, stimmte ihm der andere Mann zu. »Sehr wahrscheinlich sogar.«

Nun trat er neben ihn und sie sahen sich das Gesicht der Katze gemeinsam an.

»Die Augen«, platzte es aus Kyo heraus. »Ihre Form ist irgendwie nicht ganz japanisch.«

Erst etwas skeptisch, erkannte es schließlich auch Furukawa.

»Ja, ich sehe was du meinst.«

Ein plötzliches, scharfes Einatmen, ließ Kyo zusammenzucken und als er auf sah, glaubte er kaum was er da sah. Im sonst so ruhigen und entspannten Gesicht Satoshis, stand das blanke Entsetzen! Seine Augen waren geweitet, die Lippen zusammengepresst und er trug einen Ausdruck, welchen Kyo nur als ‘pure Panik’ identifizieren konnte.

»Satoshi?«, fragte er vorsichtig, erhielt als Antwort allerdings ein sehr heißeres:

»Schick mir das Foto bitte per Mail.«

Ein Ruck ging durch den alten Kater, was Kyo dazu veranlasste etwas vor ihm zurück zu weichen.

»Sagst du mir bitte auch, was jetzt schon wieder los ist?«

»Schick es mir einfach.«

Und schon ging Furukawa an ihm vorbei und verschwand in einem der Aufzüge. Kyo stand immer noch hinter der Säule, starrte ihm nach und dann, als er seinen Arzt nicht mehr sah, wieder runter auf das Foto von Alice.

»Fuck«, murmelte er. ‘Ich glaub, das war ein großer Fehler.’

 

***

 

Er sah Satoshi bis kurz vor Beginn des nächsten Konzerts nicht mehr. Der Arzt schien wie vom Erdboden verschluckt und sowohl er, als auch die Band, hatten bereits Sorge, dass Kyo ohne genaue Untersuchung würde auf die Bühne gehen müssen. Wobei sich Kyo sehr sicher war, dass Kaoru ihn einfach nicht gelassen hätte; egal wie sehr der Sänger auch versuchen würde, gegen diese Entscheidung zu protestieren.

Zum Glück war Furukawa irgendwann wieder aufgetaucht, aber selbst während er seinen ausführlichen Check-Up durchführte, wirkte Satoshi schweigsam, in sich gekehrt und irgendwie nicht so richtig bei der Sache. Kyo hatte versucht ein Gespräch aufzubauen und es noch einmal auf das Foto zu lenken. Allerdings wich ihm sein Arzt aus und dies half nicht gerade dabei, seine berechtigten Sorgen zu lindern.

Leider wirkten sich diese Umstände, in Kombination mit all den vielen Fragen, die ihn seit dem Morgen plagten, auch auf seine Katzennatur äußerst negativ aus. Kyo war unruhig, ging hibbelig vor der Treppe zur Bühne auf und ab, knibbelte am Saum seines Shirts herum und murmelte immer wieder einzelne Songzeilen vor sich hin. Er wusste, dass er sich dringend unter Kontrolle bringen musste; doch je länger sein Zustand anhielt, umso unmöglicher wurde es ihm, seine aufkochenden Gefühle in den Griff zu bekommen.

 

»Meine Fresse«, maulte ihn Dai schließlich von der Seite her an, nachdem Kyo zum wiederholten Mal fast in ihn rein gerannt wäre. »Was ist denn mit dir los?«

Auch den anderen war sein Verhalten längst aufgefallen und Kaorus Blick ruhte schon seit einer Minute besorgt auf ihm. Man konnte es dem Leader nur zu gut ansehen, dass die Zahnräder hinter seiner Stirn lautstark ratterten und er über einen Abbruch nachdachte, bevor die Show überhaupt begann.

»Bin nur aufgekratzt«, murmelte der Sänger, den Blick in Richtung Treppe gerichtet.

»War der Sex so schlecht?«, verlangte der Gitarrist, deutlich genervt, zu wissen und erhielt dafür einen überraschten Blick. »Was? Glaubst du wir wüssten nicht, dass du letzte Nacht jemanden abgeschleppt hast? Ihr wart echt laut.«

»Oh«, erwiderte er perplex. »Nein, eigentlich war es gut.«

»Und warum rennst du dann hier herum, wie ein aufgescheuchtes Huhn? War sie plötzlich ein Kerl?«

»Nein.«

»Minderjährig?«

»Nein!«

»Ist das Gummi gerissen?«

»Fängst du jetzt auch damit an?« Nun wandelte sich Kyos Nervosität in Ärger und er konnte nicht anders, als seinen Freund und Kollegen aggressiv anzufauchen. »Satoshi hat mir bereits einen langen Vortrag darüber gehalten, als wäre ich vierzehn! Lass es bitte!«

»Was ist dann dein verdammtes Problem?« Nun war es an Dai, gereizt zu reagieren, was absolut untypisch für den sonst so gut gelaunten Mann war. Dass er instinktiv mit Gegenwehr auf Kyos unterschwellig bedrohliche Ausstrahlung einging, war ihnen beiden überhaupt nicht bewusst. Ihrem Umfeld allerdings schon.

 

»Hey!« Kaoru trat zu ihnen, legte jedem bestimmend eine Hand auf die Schulter und schob sie ein Stück auseinander. »Nicht vor der Show. Schlagt euch bitte die Köpfe ein, wenn wir hier fertig sind.«

Das Letzte was sie jetzt gebrauchen konnten, war eine Prügelei zwischen diesen beiden Sturköpfen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie aneinander gerieten. Kyo und Dai waren von Natur aus zu starke Persönlichkeiten mit teilweise sehr gegensätzlichen Ansichten.

Bevor auch nur einer von ihnen weiter darauf eingehen, oder sogar widersprechen konnte, erklang ein Signal und rief den ersten von ihnen auf die Bühne. Und wie immer ging zuerst Shinya, dann folgte Dai und schließlich Toshiya. Weder Bassist, noch Drummer, hatten in den letzten Minuten auch nur ein einziges Wort von sich gegeben.

 

Als er mit Kyo für einige Sekunden alleine war, sah Kaoru ihn nochmal eindringlich an.

»Beruhig dich, okay! Konzentrier dich auf die Songs. Vergiss was Dai gesagt hat.«

»Aber - .«

»Vergiss es! Er ist manchmal ein Idiot.«

Kaoru streckte die Hand nach ihm aus, wollte ihn berühren und ihr übliches Ritual durchführen. Doch er kam nicht dazu und wurde statt dessen von einem vierten Signalton unterbrochen.

Kaoru zögerte, drückte ihm dann nur widerwillig und kurz die Schulter und folgte ihren Kollegen eiligen Schrittes zur Bühne. Es fühlte sich für sie beide nicht richtig an und wahnsinnig unvollständig an.

Noch immer nervös und mit klopfendem Herzen, blieb Kyo zurück und versuchte das Brennen in seinem Bauch zu ignorieren, die angestaute Wut, das Bedürfnis zu schreien. Er wusste, dass es eine dumme Idee wäre, in diesem Zustand die Show zu spielen.

Aber er musste seine Emotionen herauslassen. Andernfalls, so glaubte er, würde er jeden Moment explodieren!

 

Ein fünftes und letztes Signal,

er ging zur Treppe,

trat auf die Bühne

und seine Welt verwandelte sich in Chaos.

 

Es lief nicht gut. Das spürte er selbst, das spürte die Band und Satoshi sah es an seinen Werten. Die Fans dachten vermutlich, es gehöre zur Show, dass er sich gesanglich und emotional derart intensiv und brutal verausgabte.

Doch dieses Mal war es anders, wilder, animalischer, ungezügelter.

Kyo hatte das, was er tat, nicht mehr im Griff. Mehrfach schlug er sich so heftig gegen seine Brust, dass er glaubte, sich jeden Moment die ein oder andere Rippe zu brechen. Dann schlang er einen Arm um seinen Leib, hieb sich selbst die Fingernägel in die Haut in der Seite, kratzte darüber, spürte wie feine Linien aus Blut an ihm herab liefen und sofort vom Stoff seines Shirts aufgesogen wurde.

Die Katze in seinem Inneren tobte, sein Blut kochte, ihm war schon wieder so schrecklich heiß und jeder Schrei, den er ausstieß, kam einem wilden Brüllen gleich. Mittlerweile blickte er nur noch in einen dunklen Tunnel, welcher sich immer enger zusammenzog und wieder schlug er sich das Mikrofon brutal auf die Brust.

 

Die Fans feuerten ihn weiter an, aber ihre Rufe klangen in seinen Ohren nicht belohnend, sondern bedrohlich. Der andere Teil seines Verstandes, der nicht mehr rational funktionierte, sondern auf die primitiven Instinkte reduziert war, sah sie als Feinde, als Reviergegner, teilweise auch als Beute und Kyo fletschte die Zähne.

Aber nicht nur die Menschen vor der Bühne wurden ein Problem, je länger die Show andauerte. Auch der Rest der Band verschwamm mehr und mehr in seiner Wahrnehmung. Sein animalisches Selbst wollte sie nicht dabei haben und sah sie immer stärker als Bedrohung an, egal wie sehr er auch versuchte, sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Kyo wusste, dass er sofort abbrechen musste, dass er das Mikrofon fallenlassen und die Bühne verlassen sollte.

Aber er konnte es nicht mehr.

Es war zu spät, seine Worte verstummten und sein Verstand setzte aus. Der Mensch in ihm, war nicht mehr dazu in der Lage, auch nur einen Muskel zu steuern.

 

Als Toshiya sich ihm von der Seite näherte, so wie er es normalerweise zu tun pflegte, wand Kyo ihm derart schnell den Kopf zu, dass es dem Bassisten einen höllischen Schreck einjagte. Seine schlanken Finger verfehlten die Saiten und er schrammte so heftig und unregelmäßig darüber, dass das Instrument eine lautes Jammern erschallen ließ. Er vergaß zu spielen, was in dem allgemeinen Lärm etwas unterging und er blickte ihren Sänger, mit vor Schock geweiteten Augen an.

Kyo starrte ihm entgegen. Durch die düstere Beleuchtung war sein Gesicht fast vollständig in Dunkelheit gehüllt und, um die Bedrohlichkeit der Situation noch weiter zu unterstreichen, sah er nun direkt in ein paar eisblaue Augen; deren Pupillen sich zu Schlitzen verengten, als einer der Scheinwerfer für wenige Sekunden direkt hinein strahlte. Der Ausdruck der in ihnen lag, war unverkennbar und Toshiya war so erstarrt vor Angst, dass er nicht einmal mehr vor ihm zurückweichen konnte!

Das da war nicht mehr Kyo, obwohl er die menschliche Hülle noch immer aufrecht erhielt und wäre es nicht derart laut, dann hätte Toshiya sicherlich auch das tiefe, grollende Knurren gehört. Obwohl er das Mikrofon schon lange wieder gesenkt und den Song mitten im Refrain abgebrochen hatte, bebte die Brust des Sängers zittrig vor Anspannung.

‘Er will mich von der Bühne haben’, schlussfolgerte Toshiya verängstigt. ‘Er will uns umbringen!’ Er begriff, dass vor ihm kein Mensch mehr stand, sondern die Katze.

 

»Kaoru-san!«, ertönte in dieser Sekunde Satoshis aufgeregte Stimme im Headset. Der Leader war so in sein Spiel vertieft gewesen, dass er die Szene, welche sich seit wenigen Sekunden rechts von ihm abspielte, zunächst überhaupt nicht registrierte. Erst jetzt sah er auf, etwas desorientiert.

»Kyo verliert die Kontrolle!«

Es waren genau diese wenigen Worte, welche er nicht hatte hören wollen und vor denen er sich, seit Monaten, am meisten fürchtete. Ihn plagten Albträume, in denen zwei monströse Raubkatzen eine unschöne Hauptrolle spielten.

Er riss den Kopf regelrecht zur Seite, suchte mit den Augen nach Kyo und erblickte ihn, scheinbar ruhig, vor Toshiya stehend. Aber mit einer derart intensiven Anspannung, dass es dem Leader die Nackenhaare aufstellte.

Kyo sang nicht mehr; wobei man das Gebrüll der letzten halben Stunde, beim besten Willen nicht mehr als ‘Gesang’ bezeichnen konnte. Es war klar gewesen, dass irgendwas nicht stimmte. Wieso nur hatte er ihn weitermachen lassen? Vielleicht aus der naiven Hoffnung heraus, dass sich ihr Sänger nur etwas austoben musste, um wieder runter zu kommen? Kaoru schalt sich innerlich selbst einen riesigen Idioten!

 

»Verpassen Sie ihm das Etorphin. Sofort!«, schrie Satoshi ins Funkgerät.

Kaorus Hände hatten nun ebenfalls aufgehört zu spielen. Ohne seine Gitarre abzulegen, überbrückte er die wenigen Meter Distanz zu Kyo und Toshiya, welche sich noch immer nicht rührten und nun erkannte er auch, wieso ihr Bassist derart erstarrt zu sein schien.

»Toshiya, zurück!«, rief er, drückte dem Jüngeren eine Hand gegen die Schulter, als dieser keine Anstalten machte, seinem Befehl auch folge zu leisten und schob sich zwischen ihn und Kyo.

»Kaoru!«, keuchte Toshiya erschrocken und komplett verängstigt, was im Angesicht der Gefahr, die von dem Sänger ausging, völlig berechtigt war. Und nun, wo Kaoru Kyo derart nahe war, hörte er das lange, durchdringende und laute Knurren. Er sah ihn an. Pure Mordlust blitzte in den eisblauen Augen auf und dass ihnen jetzt allenfalls Sekunden blieben, bevor das alles hier in einer Katastrophe endete, war Kaoru klar.

Toshiya und auch Satoshi, welcher ihn immer noch bedrängte, ignorierend, packte Kaoru mit einer Hand Kyos Schulter und mit der anderen die Spritze, die er in der großen Tasche seines Mantels einstecken hatte.

»Kyo, beruhige dich!«, versuchte er vergeblich und wusste doch eigentlich, dass es keinen Zweck hatte. Er wollte seinem Freund nicht weh tun, aber blieb ihm keine Wahl. Mit einer verzweifelten Entschuldigung auf den Lippen, rammte er ihm die Spritze in die Seite, stach durch Kyos vernarbte und tätowierte Haut, presste den Finger unnötig fest auf den Auslöser und entließ die betäubende Mischung in den Körper seines Sängers.

 

Kaoru sah beinahe in Zeitlupe, wie sich Kyos Augen weiteten, wie er ihn anstarrte, den Mund zu einem stummen Schrei verzog und eine Mischung aus Erkenntnis, Wut und Angst auf sein Gesicht trat. Dann begannen die Lider zu flackern, seine Pupillen unruhig herum zu huschen, ehe sie sich nach oben drehten und sämtliche Körperspannung aus ihm wich. Kyo erschlaffte er so schnell, dass der Leader keine Chance hatte, um ihn richtig festzuhalten. Immer noch durch die Gitarre behindert, die ihm vor der Brust hing, versuchte er den Oberkörper seines Freundes zu stützen, schaffte es aber nicht. Kyo sank auf die Knie, verharrte für den Bruchteil einer Sekunde und kippte dann einfach zur Seite.

Die Musik verstummte, vereinzelte, geschockte Schreie setzten ein, doch dem schenkte Kaoru keine Beachtung. Er riss sich den Gurt seiner geliebten Gitarre herunter und legte sie achtlos neben sich, als er sich zu dem Jüngeren kniete und rasch die Spritze aus dessen Seite zog.

 

»Kyo.« Natürlich wusste er, dass ihn dieser nicht hören konnte. Laut Satoshi war diese Mischung derart stark, dass sie ihn für mehrere Stunden in Narkose versetzte. Trotzdem konnte Kaoru nicht verhindern, dass er immer wieder Kyos Namen rief; aus Sorge, aus Angst und auch aus einem nicht gerade kleinen Anteil an Schuld. Der Gitarrist blendete alles um sie herum völlig aus, während er immer noch in Kyos scheinbar schlafendes Gesicht starrte. Dass er selbst am ganzen Leib zitterte, merkte er gar nicht.

Auch nicht als zwei Mitglieder der Crew zu ihnen kamen und Kyo von der Bühne trugen, oder als Satoshi sich zu ihm kniete, ihn an der Schulter rüttelte und seinen Namen rief. Kaoru stand unter Schock.

 

»Kao

Langsam sah er hoch, war ganz verwirrt davon, dass sich Kyos Gesicht in das von Shinya verwandelt hatte und urplötzlich setzte ein brennender Schmerz ein, der sich auf seiner Wange ausbreiten und ihm fast die Tränen in die Augen trieb.

»Reiß dich zusammen!«

Ihr Drummer hatte ihm eine verpasst.

Ausgerechnet Shinya hatte die Hand gegen ihn erhoben?

Tatsächlich kniete der Jüngere vor ihm, Dai, Toshiya und Satoshi schirmten sie von der immer noch entsetzen Menge ab, die überhaupt nicht begreifen konnte, was soeben passiert war. Kaoru ging es nicht anders. Sein Verstand war immer noch wie betäubt.

»Los, hoch mit dir.«

Als Shinya ihn packen und auf die Beine ziehen wollte, wies er den schönen Mann ab, obwohl er die Hilfe durchaus zu schätzen gewusst hätte. Seine Knie zitterten heftig, er wollte sich abwenden und die Bühne verlassen, doch Dai und Toshiya hielten ihn zurück.

»Du musst etwas sagen«, wand der Bassist ein, welcher immer noch sehr blass wirkte. Als Kaoru ihm widersprechen wollte, mischte sich auch Satoshi ein.

»Ich geh zu ihm. Ihr solltet erst einmal eure Fans beruhigen.«

»Was sollen wir denen denn sagen?!«, zische Kaoru, der Angst hatte, dass man sie vielleicht hören konnte. Aber das Durcheinander aus den hunderten aufgeregter Stimmen, in der Halle, war derart laut, dass man ihn kaum verstand.

»Ein Zusammenbruch.« Auch Furukawa suchte nach den richtigen Worten. Dass er lieber zu seinem Patienten wollte, stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Der Kreislauf aufgrund der Medikamente.« Kurz klopfte er dem Leader auf die Schulter und eilte dann seinerseits von der Bühne.

 

Mechanisch ergriff er das Mikrofon, welches immer noch auf dem Boden der Bühne lag. Er war unsicher was er tun, denken, oder sagen sollte. Kaoru sah in die verunsicherten Gesichter der Fans, hörte ihre Rufe und wie sie immer wieder nach dem Sänger riefen. Sie hatten Angst, genauso wie er. Ihre Gründe hätten jedoch unterschiedlicher kaum sein können.

»Ehm«, sagte er zögerlich und mit belegter Stimme. »Es tut uns sehr leid, aber wir müssen das Konzert nun abbrechen. Kyo-san geht es nicht gut, aber - .« Sofort wurden die Rufe lauter und er hörte beinahe seine eigene Stimme nicht mehr. »Er ist bereits in Behandlung. Sein Arzt ist vor Ort und kümmert sich in diesem Moment um Kyo-sans Wohlergehen.«

Kaoru senkte das Mikrofon und verbeugte sich entschuldigend vor der aufgebrachten Menge. Ihm war bewusst, dass es nichts gab, was er sagen könnte, um ihnen ihre Sorge zu nehmen.

Und was sollte er ihnen denn auch sagen? Die Wahrheit? Dass er sie alle davor bewahrt hatte, in Stücke gerissen zu werden?

Dem eigentlich abgehärteten Leader Dir En Greys, was speiübel.

 

***

 

Satoshi hatte dem immer noch bewusstlosen Kyo, die Binde des Blutdruckmessgeräts um den Arm gebunden und pumpte es nun mit gleichmäßigen Stößen auf. Der Sänger lag vor ihm auf einer Couch, bleich, blass und glühend heiß.

Langsam entwich die Luft und er beobachtete die Digitalanzeige.

»Das war wirklich knapp«, murmelte er, als sich seine Befürchtungen bestätigten. Hätte Kaoru nur eine Sekunde länger gezögert, wäre es zu spät gewesen. Das ‘Was wäre wenn’-Szenario, welches sich dabei vor dem inneren Auge des Arztes abspielte, ließ ihn schaudern. Wie viel Zeit wäre ihm geblieben, um den blutdürstigen Amoklauf seines Schützlings aufzuhalten? Kyo war als Katze wahnsinnig stark und Satoshi war völlig klar, dass er den psychisch angeschlagenen Zustand des jungen Katers, gnadenlos unterschätzt hatte.

»Es tut mir leid«, seufzte er leise. »Das hätte nicht passieren dürfen.« Satoshi hatte ihn im Stich gelassen und dieses Schuldeingeständnis nagte hart an ihm.

 

Als er das Gerät wieder weg packte und dabei war sich aufzurichten, erklang jenseits der Tür Gepolter und mehrere Stimmen, die laut und hastig miteinander sprachen. Furukawa sah auf und zur Tür, hinter der er Kaoru und Dai miteinander sprechen hörte und das in einem sehr aufgebrachten Tonfall.

»Kaoru jetzt komm endlich runter. Das bringt nichts«, rief Dai, woraufhin Kaoru irgendwas undeutliches zu erwiderte, was der ältere Kater nicht verstand. Aber er hörte, dass es mit Kyo zu tun hatte - was auch sonst.

 

Im nächsten Moment wurde die Tür mit solcher Wucht aufgerissen, dass sie gegen die Wand knallte und Satoshi rasch aufsprang. Kaoru hielt nicht an, er stürmte einfach auf ihn zu, packte ihn am Kragen und starrte zu ihm hoch. Obwohl ihn der Arzt um fast eine Kopflänge überragte, wirkte der Leader weder von ihm, noch von seiner Natur, eingeschüchtert. Kaoru tobte!

»Wozu sind Sie eigentlich hier?!«, schrie er. »Wieso haben Sie zugelassen, dass er in diesem Zustand auf die Bühne geht?«

Furukawa sah ihn an, so ruhig und reserviert wie immer, aber allein diese Ruhe war es, die Kaoru nur noch mehr aufzuregen schien.

»Jetzt sagen Sie gefälligst etwas! Wie konnten Sie das zulassen?! Was bringen Ihre ganzen, tollen Geräte? Sie hätten das vorher sehen müssen!«

»Das stimmt«, sagte Satoshi, mit ruhiger, aber auch recht monotoner Stimme. »Ich habe nicht aufgepasst und das hier geht auf mein Konto.«

»Ist das alles?!«, fauchte der Leader und ein Ausdruck lag in seinen Augen, welcher jedem Feloidea Konkurrenz gemacht hätte.

‘Er liebt ihn’, erinnerte er sich an die Worte Toshiyas, ‘Ja, er liebt ihn auf die einzige Weise, mit der man Kyo überhaupt lieben könnte. Nicht romantisch oder intim, sondern beschützend.’

»Es tut mir leid, Kaoru-san.« Furukawa meinte dies wirklich aufrichtig, ganz gleich ob der andere Mann ihm glaubte, oder nicht. Er sah zur Seite und auf Kyos bewusstlose Gestalt, welcher so aussah, als würde er einfach nur tief und fest schlafen.

 

Obwohl seine Finger immer noch zitterten, ließ ihn Kaoru endlich los. Man konnte ihm die Wut nach wie vor ansehen, doch zumindest schien er sich langsam wieder in den Griff zu bekommen. Sekundenlang sahen sie einander an, dann wand Kaoru sich ab, setzte sich auf den Rand der Couch und zeigte Furukawa damit nonverbal, dass er ihm fern bleiben sollte.

»Wie lange hält dieser Zustand?«, fragte der Leader mit angespannter Stimme.

»Einige Stunden.« Satoshi widmete sich seiner Tasche und packte alles zusammen. »Das Etorphin wird einige Zeit in seinem Körper bleiben, bis er es vollständig abgebaut und ausgeleitet hat. Bis dahin wird er sich nicht verwandeln können. Allerdings wird er auch die meiste Zeit über schlafen, immerhin ist es ein starkes Narkosemittel.« Lauter als beabsichtigt, zog er den Reißverschluss zu. »In einigen Tagen wird er wieder ganz der Alte sein. Bitte sagen Sie ihm, dass er dann umgehend zu mir in die Praxis kommen und sich untersuchen lassen muss.«

 

Nun blickte Kaoru zu ihm, eine Augenbraue fragend und zweifelnd erhoben.

»Hauen Sie ab?«

»Ja«, nickte der Ältere. »Ich kann jetzt nichts für ihn tun und meine Anwesenheit vereinfacht die Situation im Augenblick nicht besonders. Wie gesagt, wird er die nächsten Tage fast nur schlafen und Sie sind besser dafür geeignet, sich um ihn zu kümmern.« Bereits mit einem Schritt in Richtung Tür, hielt er inne und dachte über seine nächsten Worte nach.

»Das was Sie vorhin gesehen haben, ist der Grund, warum er Sie braucht, Kaoru. Kyo vertraut Ihnen und der animalisch agierende Teil seines Verstandes, wird dies ebenfalls noch lernen müssen. Ich bin absolut sicher, dass Sie der einzige sind, der ihn wirklich unter Kontrolle halten kann.«

»Und wie soll ich das machen?!«, schnaubte der Gitarrist angespannt und zweifelnd. »Niemand hatte jemals so etwas wie Kontrolle über Kyo. Er hat die ja nicht einmal selbst! Und nun soll ich ihn, in diesem Zustand, in den Griff bekommen?!«

»Von all den Menschen, die Kyo um sich hat, stehen Sie ihm am nächsten«, erklärte Satoshi. »Ich habe Sie alle nun eine Weile beobachtet und bin mir mittlerweile sehr sicher, dass er nur Ihnen wirklich vertraut. Ihre Beziehung zueinander ist einzigartig, Kaoru. Und, wenn ich ehrlich bin, sind unsere Optionen wirklich arg eingeschränkt.«

 

»Ja, wie Sie richtig erkannt haben, bin ich ein Mensch!«, erwiderte der überforderte Leader, dem nicht so recht klar war, auf was Furukawa eigentlich hinaus wollte. »Ein Biss von ihm, kann mich töten, oder infizieren.«

»Das weiß ich.« Satoshi wirkte immer unruhiger und nervöser, so als wolle er schnellstmöglich den Raum verlassen. »Leider kann ich nicht ständig bei ihm sein. Weder zeitlich, noch instinktiv. Wir Katzen sind nicht dafür gemacht, um permanent zusammen zu sein. Früher oder später, wollen wir den jeweils anderen verdrängen, gehen auf Abstand, oder aufeinander los. Ihn jetzt, derart hilflos, dort liegen zu sehen ist - », er suchte nach den richtigen Worten und schaffte es nicht, Kaoru in die Augen zu sehen. »Es ist schwierig für mich.«

Ob Kaoru wirklich begriff, was er ihm damit sagen wollte, oder nicht, war für ihn nicht erkennbar. Da er nun immer stärker die innere Anspannung verspürte, packte er den Gurt seiner Tasche fester und überwand die wenigen Meter zur Tür.

»Bis dann«, verabschiedete er sich knapp und floh regelrecht vor der bewusstlosen Verlockung.

‘Beruhige dich, Satoshi’, ermahnte er sich selbst, als er hinaus eilte. ‘Kyo ist nicht deine Beute.’

 

Kaoru hingegen starrte, immer noch verwirrt und fassungslos, auf die geschlossene Tür, in der Hoffnung, dass der Arzt doch noch einmal zu ihnen zurück kam. Neben ihm, auf dem Sofa, lag Kyo, welcher ruhig und tief atmete, sich aber ansonsten nicht bewegte.

Der Leader schaute zu ihm, strich ein paar der kaltschweißigen Strähnen aus dem Gesicht seines Kollegen und musterte ihn nachdenklich. Selbst jetzt wirkte er ernst und als würde alles Elend der Welt auf seinen Schultern ruhen.

»Wie stellt er sich das nur vor?«, murmelte Kaoru, die anderen drei kaum beachtend, welche sich gegenseitig mit Fragen löcherten. »Wie soll ich dich unter Kontrolle halten?«

Keiner von ihnen hatte es in all der Zeit geschafft, den menschlichen Kyo zu kontrollieren. Wie also sollten sie es mit dieser Bestie tun, die heute das erste Mal gezeigt hatte, dass sie wirklich permanent da war; verborgen hinter einer dünnen Maske aus Haut und Muskeln. [1]

 

***

 

»Du hast ihn dort zurück gelassen? Bist du verrückt geworden, Satoshi?!«

Christine war zurecht aufgebracht und bellte nicht ohne Grund ins Telefon. Furukawa verzog leicht das Gesicht, als die Lautsprecher seines Handys übersteuerten, welches in der Freisprechhalterung am Armaturenbrett klemmte.

»Kaoru hat ihm die komplette Ladung verpasst. Es würde mich wundern, wenn Kyo innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden wieder zu sich kommt.« Auch wenn er versuchte ruhig zu klingen, so war er alles andere als das.

Der Arzt befand sich auf dem Rückweg, alleine in seinem Auto und in der nächtlichen Dunkelheit über die Fernstraße rasend. Die innere Anspannung war noch immer da und spürbar präsent, trotz der Entfernung, welche er seitdem zurückgelegt hatte.

 

»Und wer ist jetzt schon wieder Kaoru?«, verlangte die Deutsche zu wissen. Wie immer war ihr Tonfall dabei unmissverständlich aggressiv.

»Der Bandleader«, erwiderte er knapp und erntete dafür einen Ausruf des Verstehens.

»Oh, richtig, lange Haare? Lustiger Akzent? Bart? Schlafzimmerblick?«, fragte Sie und er hob eine Augenbraue.

»Ja, wenn du das so sagst. Schlafzimmerblick?«

Als sie anfing zu lachen, grinste auch er ein wenig und stieß kopfschüttelnd ein Seufzen aus, bevor er den Fuß ein wenig vom Gas nahm und die Geschwindigkeit reduzierte.

»Ja, aber egal. Du hättest den Zwerg überhaupt nicht auf die Bühne lassen dürfen, Satoshi!«, zerrte Christine das vorherige Thema zurück. »Das war wirklich dumm von euch beiden.«

»Ich weiß und ich mache mir selbst bereits die schlimmsten Vorwürfe.«

 

Als er zwischen den Baumwipfeln das erleuchtete Schild einer Tankstelle erblickte, blinkte er und fuhr auf den großen, verlassenen Parkplatz. Auch wenn sein Tank noch gut gefüllt war, so wollte er diese Gelegenheit nutzen, um sich ein wenig zu beruhigen. Jetzt, wo er genügend Abstand zwischen sich und die Stadt gebracht hatte, merkte er, wie sich eine gewisse Erschöpfung in ihm breit machte.

Er holte das Handy aus der Halterung, schaltete den Freisprechmodus ab und stieg aus.

»Wieso denn Vorwürfe?«

Er konnte hören, wie sie mit irgendwelchen Zetteln raschelte und dann auf einer Tastatur herum tippte.

»Irgendwie habe ich den Eindruck, dass er nur meinetwegen die Kontrolle verloren hat.« Mit einer Hand öffnete er die Klappe des Tankdeckels und begann damit, das leere Drittel aufzufüllen, auch wenn es unnötig war. »Heute Morgen, hatten wir eine etwas unangenehme Diskussion. Es ging dabei um eine Frau.«

»Aha?«, man hörte deutlich, dass Christine nicht so recht verstand, was genau Furukawas Problem war. »Wegen seiner Freundin?«

»Nein.«

 

Er beendete sein Tun und ging hinüber zu dem erhellten Häuschen, in welchem ein übermüdeter Mitarbeiter saß und ihn nur beiläufig beachtete. Wahrscheinlich ging er von Satoshis gepflegtem Erscheinungsbild davon aus, dass er nur ein harmloser Kunde war. Weiter leise mit seiner alten Freundin sprechend, schritt der Arzt an den Kühlregalen vorbei und betrachtete nur nebenbei die Auslage.

»Er hatte Sex, mit einer von uns«, raunte er in sein Smartphone und bekam genau die Worte, mit welchen er bereits gerechnet hatte.

»Bitte sag mir, dass sie ein Kondom benutzt haben!«

Bevor er antwortete, ging er zu einer der bereitstehenden Kaffeemaschinen, stellte einen Becher darunter und wählte den Knopf für Cappuccino.

»Ja und das glaube ich ihm auch.«

»Aber?«, bohrte sie weiter, nun allerdings energischer. »Satoshi, hör auf um den heißen Brei zu schleichen, wie eine verdammte Hauskatze. Ich kenne dich lange genug, um zu wissen, dass das nicht dein Problem ist. Wenn der Zwerg Sex hatte und nichts passiert ist, dann hab ich nichts dagegen.«

 

Erneut schwieg er, stellte den Becher auf den Tresen und wartete auf die Rechnung. Rasch bezahlte er und verließ, mit dem dampfenden Heißgetränk in der Hand, das Gebäude. Da um diese Uhrzeit kaum Verkehr herrschte und er zudem der einzige war, der sich auf dem Gelände aufhielt, lehnte er sich an die geschlossene Fahrertür seines Wagens und nahm einen Schluck.

»Hallo?«, vernahm er ihre Stimme. »Bist du noch dran?«

Bedächtig senkte der Ältere den Becher und seufzte schwer.

»Mein Problem ist die Frau«, erklärte er zögerlich. »Kyo hat sie fotografiert.«

Plötzlich entwich ihm ein fast schon gequälter Laut, was auch Christine nicht entging und sie alarmiert aufhorchen ließ.

»Was ist mit ihr?«

»Es ist ihre Ähnlichkeit zu - Moment, ich schick dir das Foto.«

Er senkte das Handy und suchte nach dem Bild, welches Kyo ihm tatsächlich weitergeleitet hatte. Als er es schließlich fand und zu seiner Kollegin schickte, hob er das Telefon wieder ans Ohr und wartete auf ihre Reaktion.

 

Einige Sekunden herrschte Stille, dann vernahm er zuerst ein verwirrtes und schließlich ein erschrockenes Geräusch.

»Oh mein Gott!«, rief sie, mit dem gleichen Entsetzen in der Stimme, welches auch ihn, am Morgen, derart unerwartet überrollt hatte.

»Ja, sie sieht Johanns verdammten Schoßhund wahnsinnig ähnlich«, stimmte er ihrer stummen Erkenntnis zu. »Zwar hat sie Kyo erzählt, sie wäre eine gebürtige Feloidea aus Sendai, aber das war eine Lüge. Die Ähnlichkeit zu Sun Yáo ist einfach zu gravierend.«

»Satoshi?«, fragte Christine, angespannt und mit einem unverkennbaren Knurren in der Stimme. »Was willst du mir gerade sagen?«

Seine Augen waren auf die stille Fernstraße gerichtet, auf der immer mal wieder einzelne Scheinwerfer vorbei huschten, nur um dann in der Nacht zu verschwinden. [2]

 

»Ich befürchte, dass nicht nur deine Dämonen immer noch Jagd auf dich machen.«, murmelte er schließlich, was ihm von ihr ein lautes Einatmen einbrachte.

»Du sagtest doch, dass er es nicht zu dir zurückverfolgen kann!«, rief sie, regelrecht aufgebracht.

»Das dachte ich auch«, stimmte Satoshi ihr zu. »Aber so ist das nun einmal, wenn man einen Deal mit dem Teufel eingeht.«

»So sehr wir ihn auch verabscheuen,« Christines Worte waren schneidend und eisig. Wie immer, wenn man mit ihr über dieses ganz bestimmte Thema sprach. Die alten Wunden waren noch immer nicht verheilt und würden es vielleicht auch niemals werden. »Aber Johann würde dich nicht an ihn verraten! Dafür hasst er Erik viel zu sehr.«

»Ach, denkst du das wirklich?« Furukawa lachte freudlos und müde auf. Ja, er war unendlich erschöpft. »Wenn es für ihn profitabel ist, dann würde er alles zugeben und mich ans Messer liefern! Er hat damals das bekommen was er wollte und ob wir beide nun sterben, oder nicht, ist für ihn nicht mehr von Bedeutung. Dafür tötet er zu gern, aus reinem Vergnügen.«

»Wieso sollte er das tun?«

»Christine, Johann ist unberechenbar. Das weißt du besser als ich!« Fast schon wütend ballte er die Hand und zerdrückte den leeren Pappbecher. Warmer Schaum und die Reste seines Getränks, liefen ihm dabei über die Finger und tropften zu Boden.

»Und ich war derjenige, der Erik betrogen hat!«, fuhr er fort. »Wenn er herausfindet, dass ich ihm damals einen Unschuldigen ans Messer geliefert habe, wird er kommen und mich umbringen. An den alten Spielregeln, hat sich nichts geändert!«

 

***
 

Kapitel 20 ¦ Katzenschlaf


 

***

 

Kyo kniete auf dem Boden, umklammerte den Rand der Toilette und erbrach sich unter lautem Würgen und Keuchen. Immer wieder wurde sein Körper von einem krampfartigen Schauer geschüttelt und wieder landete ein großer Schwall Magensäure in der Schüssel.

Shinya, der neben ihm saß, strich ihm unentwegt über den klatschnassen Rücken. Der Sänger war derart überhitzt, dass er nur seine Unterhose trug. aber es war ihm gleichgültig, dass die anderen ihn so nackt sehen konnten.

Toshiya war nach unten gegangen, um Tee zu holen, während Dai und Kaoru in der Tür zum Badezimmer standen und sichtlich überfordert dreinblickten.

 

Ihr Sänger war erst nach mehr als vierundzwanzig Stunden wieder zu sich gekommen, hatte dabei über schreckliche Übelkeit und Kopfschmerzen geklagt und sich nur mit ihrer Hilfe überhaupt aufsetzen können. Kaoru hatte Satoshi angerufen und um Rat und Hilfe gebeten, doch dieser musste ihm leider mitteilen, dass er nicht zu ihnen kommen konnte. Statt dessen erklärte er, dass derartige Nebenwirkungen normal waren. Kyos Körper durchlief eine Art Entgiftung und da half nichts, außer viel Wasser und Schlaf.

Das mit dem Wasser hatten sie versucht und das Ergebniss dessen, kniete nun vor ihnen und erbrach sich zum dritten Mal.

 

»Bist du sicher, dass er gesagt hat, das wäre normal?«, wollte Dai wissen und deutete mit einer Handbewegung auf Kyo. Kaoru raufte sich die Haare und zuckte dann ratlos mit den Schultern.

»Ja, er meinte, dass Kyo viel trinken soll, um die Wirkstoffe auszuschwemmen.«

»Schön und gut«, warf auch Shinya seine Bedenken ein, welcher mit einem feuchten Lappen über den zitternden, heißen Rücken des Sängers strich, »Aber wie soll er etwas trinken, wenn er es nicht bei sich behält?«

Fix und fertig mit der Welt, legte Kyo die Unterarme auf den Toilettensitz und lehnte dann seine Stirn drauf. Ihm war schwindlig und er war wahnsinnig erschöpft. Das hier war noch viel schlimmer, als die Rückverwandlung aus seiner Feloideaform.

 

»Wasser«, keuchte er heißer und sah zu Shinya, welcher den Blick unsicher erwiderte und dann zu ihrem Bandleader schaute.

»Bitte«, setzte Kyo leise nach, stützte sich ab und atmete erst einmal langsam durch. Der widerlich saure Geschmack brannte in seinem Mund, was die Übelkeit nicht gerade abmilderte.

»Haben wir noch etwas zu trinken da?«, fragte Shinya und wand sich hilfesuchend an Dai und Kaoru, die einander ansahen und schließlich verschwand der jüngere Gitarrist von der Tür und ging ins Innere des Hotelzimmers zurück.

Während Kyos anhaltender Bewusstlosigkeit, hatten sie zu viert in dessen Zimmer gesessen und ihn nicht aus den Augen gelassen. Auch wenn man Toshiya den Schreck, welchen das Verhalten des Sängers beim Auftritt hinterlassen hatte, noch immer ansah. Aber die Sorge um eben diesen, war stärker gewesen und ein wenig fühlte sich Kaoru auch an die Zeit zurück erinnert, welche sie alle eigentlich hatten vergessen wollen.

 

»Eine Flasche«, rief Dai nach kurzer Zeit und kam zurück.

»Gib schon her.«

Immer noch auf dem Boden sitzend, streckte Kyo fordernd die Hand nach dem Wasser aus und er war richtig erschrocken darüber, dass er kaum dazu in der Lage war, diese zu halten. Seine Muskeln protestierten bei jeder einzelnen Bewegung. Es war für ihn regelrecht schockierend, dass er nicht einmal mehr die Kraft hatte, den störrischen Schraubverschluss zu öffnen und schließlich musste ihm sogar Shinya zur Hand gehen. Dass sie immer noch zu zweit auf dem Boden saßen, er fast nackt und ihr schöner Drummer sichtlich übermüdet, war ihm nur am Rande bewusst.

Endlich war das typische Knacken zu hören und mit einem Zischen wurde die Flasche geöffnet.

»Bist du sicher, dass du das trinken solltest?«, fragte Shinya besorgt, als Kyo das Wasser bereits an die Lippen setzte. »Wenn dir so übel ist, dann ist Kohlensäure bestimmt keine gute Idee.«

Aber der Sänger ignorierte den Einwand, hob die Flasche und begann gierig das Wasser herunter zu schlingen. Sofort begann sein Magen zu rebellieren, doch er unterdrückte den Reflex so gut er konnte und hörte erst auf, als er auch den letzten Tropfen geschluckt hatte.

Kyo schloss die Augen und atmete gequält ein und aus, während er die leere Flasche beiseite stellte und abwartete.

 

»Kyo?«, fragte Kaoru, ebenfalls unsicher.

Plötzlich ging ein heftiger Ruck durch den Sänger, er schaffte es gerade noch rechtzeitig, sich zur Toilette zu drehen und ein weiteres mal würgte er alles hoch, was er noch eine Minute zuvor, in sich hinein geschüttet hatte. Shinya seufzte schwer.

»Ich hab doch gesagt, dass es eine dumme Idee ist«, meinte er resigniert, stand auf, benetzte den mittlerweile warmen Lappen und kniete sich dann wieder neben Kyo, um dessen Fieber irgendwie ein wenig zu lindern.

Auch Kaoru blieb nichts anderes übrig, als seufzend den Kopf zu schütteln. Das Klicken der Zimmertür ließ ihn sich kurz umschauen, aber es war nur Toshiya, welcher mit einer Thermoskanne und einer Tasse herein kam und die Tür wieder hinter sich schloss.

»Wie geht’s ihm?«, fragte er, genau in dem Moment als aus dem Badezimmer ein weiteres, lautes Würgen ertönte. Der Bassist verzog das Gesicht. »Verstehe.«, murmelte er und stellte seine Mitbringsel auf dem Tisch ab.

 

Sie hatten zwei Hotelzimmer auf eigene Kosten verlängert, da das Team bereits am Vorabend abgereist war und glücklicherweise war ihnen das Personal sogar entgegen gekommen. Wohl auch aus Mitleid um den kranken Kyo, der von all dem nichts mitbekommen hatte.

Toshiya und Dai hatten all ihren Charme spielen lassen und die verzückte Hotelmanagerin regelrecht um den kleinen Finger gewickelt. Zum ersten Mal in ihrer Karriere, war Kaoru wirklich dankbar dafür, dass die beiden nicht nur auf der Bühne eine so gute Figur machen konnten.

 

»Mehr Wasser.«, keuchte Kyo und brachte den Leader dazu, einen zweifelnden Laut auszustoßen.

»Nein! Du dehydrierst nur noch mehr, wenn du so weiter machst.«

»Aber ich hab Durst!«, rief der andere, was Kaoru ja auch verstehen konnte. Allerdings machte Kyo es, mit dem ständigen Kotzen, immer schlimmer.

»Toshiya hat Tee mitgebracht. Versuchen wir es erst einmal damit.«

Völlig entkräftet, sackte Kyo wieder zusammen und wehrte sich nicht einmal, als Shinya ihn in den Arm nahm.

»Willst du erst einmal duschen?«, fragte der Jüngere und erhielt dafür ein schwaches Nicken. Wie auf Kommando wanden Kaoru und Dai sich ab und zogen die Tür zu, um ihrem Sänger zumindest das bisschen Privatsphäre zu geben, welches ihnen hier blieb.

 

Als die beiden zehn Minuten später zurück kamen, Kyo immer noch nur seine Shorts tragend und sich mit einer Hand bei Shinya abstützend, fiel es Kaoru wirklich schwer, daran zu glauben, dass dies dort ihr Bandmonster war. Nichts erinnerte an die brutale und starke Werkatze, welche sich, in seinem Garten, mit ihrem Artgenossen geprügelt hatte.

»Danke«, murmelte ihr Sänger und ließ sich auf Bett fallen.

»Wie fühlst du dich?«, fragte Toshiya, der ihm eine Tasse einschenkte.

»Beschissen währe noch geprahlt«, war die patzige Antwort, als Kyo den Tee mit einem gemurmelten Dank entgegen nahm.

»Kannst du dich überhaupt an das erinnern, was passiert ist?«

Kaoru hatte ihm gegenüber auf dem Rand des zweiten Bettes Platz genommen und suchte seinen Blick. Kyo schüttelte jedoch nur den Kopf und nippte leicht an dem immer noch heißen Tee. Dieses Mal blieb sein Magen vorerst ruhig, aber er traute ihm nicht über den Weg.

 

»In meinem Kopf klafft ein Loch, in der Größe der Tokyo Bay!«

Tatsächlich hatte er sich die Ereignisse zwar schildern lassen, brachte aber nichts davon in irgendeinen Kontext. Ihm war es unbegreiflich, dass er beinahe Toshiya angegriffen hatte und das auf offener Bühne!

»Du warst beängstigend«, kam es von dem Bassisten, als hätte er seine Gedanken gelesen.

»Tut mir leid«, murmelte Kyo und sah auf die Tasse in seinen Händen. »Ich weiß nicht einmal, was der Auslöser dafür war. Ich erinnere mich noch daran, dass wir vor der Show auf Satoshi gewartet haben und ab dann verschwimmt alles. Und vom Auftritt selbst, weiß ich überhaupt nichts mehr.«

»Hätte Kaoru nicht so schnell reagiert«, Toshiyas Stimme war belegt und er kratzte sich nervös am Oberarm. »Dann hättest du dich verwandelt. Ich war wie erstarrt.«

Mit einiger Überraschung erkannte Kyo, dass den Jüngeren offenbar Schuldgefühle plagten und er sah erst zu diesem und dann zu seinem Leader, welcher nachdenklich und etwas abwesend wirkte und die Arme vor der Brust verschränkt hielt.

»Du hast - ?«, fragte er, ohne den Satz zu beenden und erntete ein Nicken.

»Ja.« Kaoru seufzte schließlich lange und beugte sich vor, die Unterarme auf den Oberschenkeln abstützend. Er sah müde aus, so wie sie alle. »Wir brauchen eine andere Lösung. Das mit den Spritzen wird auf Dauer nicht funktionieren. Hätte ich nur eine Sekunde länger gebraucht, um bis zu dir zu kommen, dann wäre es zu spät gewesen.«

 

Dass er leider recht hatte, war ihnen klar, auch wenn sie es sich nur ungern eingestehen wollten. Kyo beobachtete die anderen, wie sie über das Gesagte nachdachten und auch er machte sich seine Gedanken.

»Wir brauchen also etwas, was mich sofort abschaltet?«, fragte er in die Runde und verschlimmerte damit die Ratlosigkeit seiner Kollegen nur noch mehr. Dai knurrte frustriert und begann damit auf und ab zu gehen, obwohl der überfüllte Raum kaum Platz dafür bot.

»Denkt ihr, sie werden die Tour im Oktober absagen?«, warf Shinya ein und sprach damit das zweite Problem an.

»Es wäre wohl die vernünftigste Entscheidung.« Toshiya war von diesem Gedankengang sichtlich wenig begeistert, äußerte ihn aber dennoch. »Kyo ist bereits am zweiten Konzerttag kollabiert. Das Management wird sich damit bestätigt sehen, dass er noch nicht bereit für eine ganze Tour ist.«

 

Der Sänger knurrte daraufhin und brachte seinen Kollegen augenblicklich zum verstummen.

»Ich wollte damit doch nur sagen -«, redete Toshiya hastig weiter, Kyo jedoch winkte ab und sah ihn entschuldigend an. Er hatte ihn nicht erschrecken wollen.

»Schon gut, ich weiß was du damit sagen willst und ich verstehe es ja«, sagte er und zwang sich zur Ruhe. »Aber ich sage nichts ab, ehe ich nicht mit Satoshi darüber gesprochen habe. Kaoru hat recht, wir brauchen eine andere Lösung für dieses Problem. Die Spritzen sind nicht geeignet für die Bühne, vor allem nicht für die großen! Je weiter wir auseinander stehen, umso größer ist auch die Gefahr, dass ihr nicht rechtzeitig bei mir seid, wenn es wieder eskaliert.«

»Wo wir gerade von Satoshi reden«, sagte Toshiya. »Wo ist der eigentlich? Warum ist er einfach abgehauen und hat uns hier zurück gelassen?« Dem Bassisten wollte nicht in den Kopf, wie der bislang so zuverlässige Furukawa, einfach hatte gehen können.

 

»Keine Ahnung.« Kyo zuckte mit den Schultern. »Ich erinnere mich, dass wir uns gestritten haben. Er war nicht begeistert von meinem One Night Stand.«

»Ist der eifersüchtig?«, murrte Dai, der immer noch nicht wieder damit aufgehört hatte, umher zu laufen.

»Quatsch«, erwiderte Kyo und rollte mit den Augen. »Ich glaub es hatte mit der Frau zu tun. Sie ist eine Katze, meinte jedoch, dass sie so bereits zur Welt kam und als ich Satoshi ein Foto von ihr zeigte, ist er plötzlich wahnsinnig nervös geworden.«

Seine eigene Verwirrung, spiegelte sich jetzt auch in den Gesichtern der anderen.

»Also kennt er sie?«, vermutete Shinya, welcher neben Kyo saß und dafür ein weiteres Schulterzucken erntete.

»Möglich. Aber ich hatte eher den Eindruck, dass sie ihn an jemanden erinnert hat.« Wieder nahm er einen vorsichtigen Schluck Tee. »Ich glaub, es hat mit seiner Vergangenheit zu tun. Sie jedenfalls schien bestens über ihn und Stjørdal bescheid zu wissen.«

 

Dai stoppte, sah ihn verwirrt an und auch den anderen Drein war deutlich anzusehen, dass sie mit diesem Namen nichts anzufangen wussten.

»Was soll das sein?«, fragte der Gitarrist und veranlasste Kyo dazu, sich müde über die Augen zu reiben. Sein sonst so rastloses Gehirn, fühlte sich wahnsinnig träge und erschöpft an.

»Das ist eine Firma«, murmelte er, mit einem unterdrückten Gähnen. »Satoshi hat mal für die gearbeitet und wenn ich das richtig verstehe, dann wird sie von Katzen geführt.« Die Reste des Etorphins und das viele Erbrechen, hatten ihn angestrengt und ausgelaugt.

»Soll das ein Witz sein?« Toshiya lachte kurz auf, aber ohne eine einzige Spur von Amüsement in der Stimme.

»Nein.« Nun konnte er nicht anders und gähnte tatsächlich, ehe er den letzten Schluck Tee nahm, die leere Tasse kommentarlos in Shinyas Hand drückte und sich einfach nach hinten, auf das ohnehin zerwühlte und verschwitzte Bett, fallen ließ. Die Augen drifteten dabei ganz von selbst zu. »Die Familie, denen die Firma gehört, scheint ziemlich gefährlich zu sein und, wenn ich Alice richtig verstanden habe, dann hatte Satoshi mal mit denen zu tun.« Dass es sich bei Alice um seine nächtliche Eroberung handelte, brauchte er nicht extra zu erklären, das verstanden die anderen auch so.

 

»Soll das heißen, dass Satoshi gefährlich ist?«, fragte Toshiya, der allein bei der Vorstellung schauderte, was wirklich in dem Arzt stecken mochte.

»Keine Ahnung«, kam es leise von Kyo. Je länger er lag, umso mehr glitt sein Verstand bereits wieder in den Schlaf ab. Er war einfach zu erschöpft, um sich noch länger wach zu halten. »Wenn ich ihn sehe, dann hau ich ihm auf’s Maul«, nuschelte er, beobachtet von seinen Bandkollegen.

»Wieso?« Kaoru betrachtete die erschlaffende Gestalt seines guten Freundes, aber er bekam auf seine Frage keine Antwort mehr. Binnen weniger Sekunden, war Kyo tatsächlich wieder eingeschlafen, was den Leader dazu veranlasste lange und tief zu seufzen.

»Was haltet ihr davon?«, fragte er statt dessen den Rest und sah auf. Dai zuckte ratlos mit den Schultern, ebenso wie Toshiya. Shinya hingegen packte Kyos Beine und zog diesen richtig aufs Bett drauf. Auf die Bettdecke verzichtete er, da eben dieser zuvor noch darüber geklagt hatte, ihm wäre viel zu heiß.

 

»Ganz ehrlich, Kaoru?«, erwiderte der Drummer und drehte sich zu ihm um. »Ich bezweifle, dass wir überhaupt eine Lösung für unser Problem finden werden.«

»Denkst du übers Aufgeben nach?«

»Ich denke im Augenblick über vieles nach, Kaoru. Also ja, auch darüber. Allerdings sehe ich wie Kyo leidet und wie er monatelang gelitten hat, ohne uns etwas von all dem sagen zu können. Gerade uns!« Shinya atmete gequält aus. »Und nun erzählt er uns, dass Satoshi vielleicht gefährlich ist. Das alles macht mir eine wahnsinns Angst.«

»Nicht nur dir«, warf Toshiya seinerseits ein, trat zu ihm und legte ihm mitfühlend eine Hand auf die Schulter. »Allerdings sehe ich wie er kämpft und das macht mir Mut. Es ist nicht mehr so wie damals, als er von sich aus nach Selbstzerstörung gesucht hat. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass er das alles nicht einfach so hinnehmen will.«

 

Kaoru und Dai nickten zustimmend.

»Ja«, stimmte der Älteste zu. »Den Eindruck habe ich auch. Vielleicht hat sich unser Kampf um ihn tatsächlich ausgezahlt und Kyo hat so etwas wie Lebenswillen zurückgewonnen.« Noch einmal sah er sie nacheinander an, war insgeheim froh, sie als seine Freunde zählen zu können. »Ich kann ihn nicht aufgeben.«

Dai begann breit zu grinsen, bei diesen Worten.

»Das wissen wir, Kaoru. Aber bitte vergiss nicht, dass du dein eigenes Leben nicht ständig für ihn aufopfern kannst. Ganz egal wie wichtig dir unser Monsterchen auch ist!«

 

***

 

Sie einigten sich darauf, dass Shinya und Toshiya das zweite Zimmer beziehen würden und Dai, sowie Kaoru, bei Kyo bleiben würde.

Mittlerweile war es dunkel, Drummer und Bassist hatten sich schon vor Stunden zurückgezogen und Kaoru war schließlich nichts anderes übrig geblieben, als sich mit Dai in das freie Bett zu quetschen. Zum Glück war der jüngere Gitarrist mehr lang als breit, trotzdem hätte Kaoru dankend darauf verzichten können. Natürlich hätte er auch auf dem Fußboden nächtigen können, aber er war ja keine zwanzig mehr und auf die nachfolgenden Rückenschmerzen hatte er nun wirklich keine Lust.

 

Kaoru schlief unruhig, verfolgt von einem mehr als lebhaften Albtraum, in dem ein riesiges, tödliches Katzenwesen eine unrühmliche Rolle spielte. Er selbst befand sich dabei in seinem Haus wieder, welches jedoch ungewöhnlich groß war und wahnsinnig viele Türen aufwies. Er suchte verzweifelt den Ausgang, aber egal wie viele Türen er auch aufschlug, dahinter befand sich immer wieder der gleiche, schier endlose und fensterlose Flur. Hinter ihm schlugen die Pfoten der Kreatur auf den Boden, er hörte ihr schweres Atmen und Knurren und fühlte wie es immer wieder nach ihm schnappte.

Er rannte und rannte, warf sich wieder und wieder gegen Türen, doch es half alles nichts. Die Kreatur kam immer näher, packte und kratzte ihn und dann, als er ihre Hände an seiner Kehle spürte, schrie er im Traum auf und -

 

Kaoru riss die Augen auf, kein Laut kam über seine Lippen und zeitgleich atmete er hektisch ein und aus, verschwitzt und am ganzen Leib zitternd. Im Zimmer war es stockdunkel und sein Gehirn war noch so von den Erinnerungen an seinen Traum gefesselt, dass er einige Sekunden brauchte, um das was er sah, auch tatsächlich zu begreifen.

Neben ihm schnarchte Dai, dessen Schulter sich etwas unangenehm gegen ihn drückte. Aber Kaoru war nicht dazu in der Lage, von ihm wegzurutschen, oder sich überhaupt von der Stelle zu bewegen. Er lag erstarrt auf dem Rücken, den Blick gerade nach oben gerichtet und blinzelte verwirrt.

 

»Kyo?«, fragte er, mit kratziger, leiser Stimme. Sein Sänger kauerte über ihm, mit den Beinen links und rechts von Kaorus Hüfte knieend, die Hände seitlich seines Kopfes abstützend und er erwiderte den irritierten, wie verunsicherten Blick des Leaders. Kyo atmete langsam und tief, gab immer mal wieder ein wisperndes Knurren von sich und blieb ihm die Antwort trotzdem schuldig.

»Hey, was ist denn los?« Kaoru konnte seine Anspannung nicht verbergen. Nicht nur, dass Kyo ihm auf eine wirklich unangenehme Weise nahe war; was zeitgleich auch absolut untypisch für den sonst eher distanzierten Mann war. Er machte auch keinerlei Anstalten, auf die Worte des Älteren zu reagieren.

 

»Dai!«, zischte Kaoru, immer noch still im Bett liegend, wobei er den Blick nicht von Kyo abwandte.

»Dai, wach verdammt nochmal auf!« Aber es war unmöglich, das laute Schnarchen des zweiten Gitarristen zu übertönen und da ihm nun tatsächlich die Optionen ausgingen, begann Kaoru damit, seinen linken Fuß gegen den seines Kollegen zu treten. Durch das Geruckel, was dabei entstand, wurde nun aber auch Kyo unruhig, welcher ein langes und nun deutlich lauteres Knurren ertönen ließ.

»Dai!«

Endlich verstummte das Schnarchen, in einem halb erstickten Röcheln und ging schließlich in ein Brummen über. Dai murrte und begann damit, sich zu bewegen.

»Was ist denn?«, fragte er schlaftrunken und um zu verhindern, dass der Jüngere sofort wieder einschlief, trat Kaoru ein weiteres mal nach ihm.

»Aufwachen!«, fauchte er und nahm von der anderen Bettseite eine Bewegung wahr.

 

Endlich wurde das Licht angeschaltet und er kniff die Augen zusammen, da es ihn blendete.

Auch Dai rieb sich über die Lider, um das unangenehme Brennen los zu werden. Aber in dem Moment, als er sich wieder zu Kaoru umdrehte und erkannte, warum eben dieser ihn überhaupt geweckt hatte, war er mit einem schlag hellwach.

»Was zum Teufel?«, keuchte er.

Kaorus ganze Aufmerksamkeit war auf Kyo gerichtet, welcher ihm mit geweiteten Augen ins Gesicht starrte und immer noch tief und bedrohlich knurrte.

»Kyo, was hast du?«, versuchte er erneut zu ihm durchzudringen, als Dai ihren Sänger an den Schultern packte, was diesem eindeutig nicht gefiel. Denn er fauchte nun lauter und spannte die Muskeln an.

»Nein, warte!«, stoppte Kaoru den Jüngeren, welcher sofort die Hände zurück zog.

»Wieso?«, fragte Dai, angespannt und ratlos.

»Du machst ihn damit nur wütend.«

 

Plötzlich passierte etwas eigenartiges. Kyos Pupillen, welche bislang starr auf Kaoru gerichtet waren und sich, bei dem plötzlichen Lichteinfall zu feinen Schlitzen zusammengezogen hatten, begannen auf einmal hektisch von links nach rechts zu huschen. Nach einigen Sekunden, war der Spuk vorbei und er fixierte wieder einen Punkt direkt vor sich. Nun erst fiel dem Leader auf, dass Kyo irgendwie durch ihn durchzugucken schien.

»Ich glaub er - », begann er und hob langsam eine Hand, darauf bedacht nicht zu hastig zu agieren. Als er sie auf der Höhe von dessen Gesicht hielt, wedelte er davor auf und ab. Kyos Augen bewegten sich keinen einzigen Millimeter. »Er schlafwandelt.«

»Hä?!«, erklang die wenig intelligente Antwort Dais, der zwischen ihnen hin und her sah, sich dann wieder neben Kaoru legte und Kyo ebenfalls musterte.

»Du hast recht«, stimmte er ihm verblüfft zu. »Und was machen wir jetzt mit ihm?«

»Gute Frage.« Tatsächlich war Kaoru ausgesprochen überfordert mit der Situation.

 

Kyos Körper war angespannt und bis auf die erneuten Bewegungen seiner Augen, rührte er keinen einzigen Muskel. Abgesehen von dem immer mal wieder ertönenden Knurren.

»Sollen wir ihn wecken? Verwandeln kann er sich doch angeblich nicht«, schlug Dai vor, was bei Kaoru jedoch auf wenig Sympathie traf.

»Was wenn er sich wehrt? Ich will nicht, dass wir ihn verletzen.«

Wie um seine Worte zu unterstreichen, legte er eine Hand gegen Kyos nackte Brust und übte ein wenig Druck aus, doch der Kater begann nun sehr tief und kehlig zu knurren und spannte die Nacken- und Schultermuskeln demonstrativ an. Sofort senkte Kaoru die Hand wieder.

»Also warten wir einfach ab, oder was?«, zischte Dai, müde und gereizt.

»Sieht so au -.«

 

Aber noch ehe er den Satz zu Ende führen konnte, veränderte sich die Körperhaltung ihres Sängers wieder. Er entspannte sich ein wenig, beugte sich langsam nach unten und fing damit an, an Kaorus Hals und Haaren zu schnuppern. Dem Leader rutschte beinahe das Herz in die Hose, weil er keine Ahnung hatte, was das nun wieder sollte.

Unsicher und völlig verkrampft, lag er da, hörte das laute Knurren nahe an seinem linken Ohr, spürte die erhitzten Unterarme an seinen Schultern und den heißen Atem auf seiner eiskalten Haut.

Egal wie oft er sich auch daran erinnerte, dass Satoshi ihnen versichert hatte, Kyo könne sich unter Etorphineinfluss vorerst nicht verwandeln, so hatte er trotzdem Panik!

»Was tut er?«, fragte auch Dai, mit deutlicher Sorge in der Stimme.

»Keine Ahnung.« Kaoru zitterte, widerstand dem Drang aber immer noch, Kyo einfach einen saftigen Tritt zu verpassen und von sich zu stoßen.

 

Mehr als eine Minute später, schien der animalische Verstand, der ganz offensichtlich aktuell die Kontrolle über ihren Sänger hatte, mit dem was er da tat fertig zu sein.

Zuerst atmete Kaoru erleichtert auf, als er sich wieder ein wenig aufrichtete, doch dann passierte genau das Gegenteil von dem, was er sich erhofft hatte. Kyo, oder das Monster in dessen Inneren, legte sich einfach auf ihn, den Kopf an Kaorus Hals gedrückt, die Arme um ihn geschlungen und das lange, laute Atmen zeugte davon, dass er wieder in den normalen Schlaf gesunken war.

Kaoru für seinen Teil, war nun hin und her gerissen zwischen einer ausgewachsenen Panikattacke und einem erleichterten Aufatmen. Er entschied sich dann aber für Letzteres. Unsicher sah er zu Dai, der ziemlich verdattert auf ihn und Kyo starrte und eindeutig nicht sicher zu sein schien, was er davon halten sollte.

 

»Wow«, murmelte der Jüngere schließlich. »Offenbar steht er wirklich auf alte Männer.«

Der Spruch war derart unpassend, dass Kaoru nicht anders konnte, als seinen Fuß ein weiteres Mal zur Seite und gegen den von Dai zu stoßen.

»Ach halt die Klappe!«, fauchte der Leader, peinlich berührt. Kyo machte keine Anstalten seinen Griff um ihn zu lockern und er hatte keine Ahnung, wie er den Sänger dazu bringen sollte, wieder in sein eigenes Bett zu gehen; oder wie er selbst, unter diesen Umständen, wieder einschlafen sollte.

»Wir könnten versuchen, ihn wieder in sein Bett zu tragen«, kam passend dazu Dais Vorschlag, aber Kaoru schüttelte nur den Kopf.

»Keine Chance, er krallt sich an mir fest.« Er sah auf Kyos Haarschopf, dann wieder zu dem anderen Gitarristen, welcher plötzlich damit anfing breit zu grinsen und die Hand in Richtung Nachttisch streckte.

 

»Wehe du machst davon ein Foto!«, fauchte der Leader, nun tatsächlich mit geröteten Wangen. Aber von seinem Protest ließ Dai sich nicht aufhalten.

»Dai, ich warne dich!«

»Was denn? Dann habe ich etwas gegen ihn in der Hand, wenn er wieder damit anfängt, mir auf die Nerven zu gehen«, meinte dieser und klappte den Deckel der Schutzhülle zur Seite. Kaoru war alles andere als begeistert davon, aber als er versuchte sich zu bewegen und Dai das Smartphone aus der Hand zu reißen, spannten sich die Arme des Sängers an. Der Älteste fühlte sich an eine Würgeschlange erinnert.

Leise lachend, drückte Dai auf den Auslöser der Kamera-App, was ein leises Klicken mit sich brachte. Kaoru angepisstes Knurren kam dem der Katze, die in Menschengestalt auf ihm lag, erstaunlich nahe.

»Sollte er je wieder versuchen, Reis in deine Gitarre zu kippen, dann werde ich einen Scheiß tun und ihn aufhalten!«

 

***

 

Kaoru bekam den Rest der Nacht kein Auge zu. Dai war in das nun freie Bett Kyos umgezogen und binnen kürzester Zeit und nach einem Lachanfall, den er versuchte im Kopfkissen zu ersticken, wieder eingeschlafen.

Wohingegen Kaoru bei jeder noch so kleinen Bewegung des Sängers, aus seinem Dämmerschlaf gerissen wurde und danach erneut Minutenlang wach lag und zur Decke starrte.

Kyo hasste körperliche Nähe und wäre er noch normal; oder das was auch immer Normalität bei ihm bedeutete; dann wäre er ihm nie derart nahe gekommen. Sehr wahrscheinlich hatte also der animalische Teil in ihm die Kontrolle übernommen. Ein Umstand, der Kaoru überhaupt nicht gefiel!

 

Das laute Klingeln des Handyweckers, am nächsten Morgen, hatte sich für ihn noch nie so sehr nach einer Befreiung angefühlt! Der Leader war schrecklich müde, ihm tat der Rücken weh und zu allem übel war er furchtbar verschwitzt. Kyos Körper war viel zu heiß und da er sich noch immer eng an ihn drückte, hatte auch die angeschaltete Klimaanlage kaum Linderung verschaffen können.

Nun allerdings begann der Jüngere unruhig zu atmen, er brummte leise und bewegte sich schwerfällig. So unangenehm die Situation noch immer war, musste Kaoru trotzdem zugeben, dass er die Morgenmuffeligkeit Kyos ausgesprochen unterhaltsam fand.

Weniger unterhaltsam war hingegen der immer noch nervige Klingelton des Handys, was sich außer Reichweite befand und von Dai gnadenlos ignoriert wurde.

»Dai!«, rief der Leader schließlich, was ihm von seinem Kollegen ein lautes Murren und von Kyo ein Zucken einbrachte.

 

Der Sänger war noch nicht wirklich wieder ganz bei sich. Er hing zur Hälfte im Traum der vergangenen Nacht fest und der Rest war irgendwie damit beschäftigt, sich in die Realität zu kämpfen. Nur am Rande registrierte er, dass sich sein Körper dabei an einen zweiten, erhitzten Leib schmiegte und er grub eher unwillkürlich die Finger tiefer in den zerknitterten Stoff des fremden Shirts.

»Au!«, erklang es und die Person, auf welcher er lag, bewegte sich. »Kyo, lass los, das tut echt weh!«

Kyo blinzelte, schlug nur träge die Lider hoch und starrte auf wirre Haare, gerötete Haut und unordentliche Bartstoppeln. Der Geruch, welcher ihm dabei in die Nase stieg, war ihm durchaus vertraut; trotzdem brauchte er mehrere Sekunden, bis er auch tatsächlich begriff, was er soeben tat. Mit einem erschrockenen Laut schnellte er hoch, in eine halb kniende, halb sitzende Körperhaltung und starrte auf den arg mitgenommenen Kaoru runter.

 

»Was machst du in meinem Bett?!«, krächzte der Sänger und kniff die Augen zusammen, als ein kurzer Schwindel und leichter Kopfschmerz von ihm Besitz ergriffen. Auch der Muskelkater vom Vortag, war immer noch da und machte sich deutlich bemerkbar.

»Das ist mein Bett«, antwortete der Leder, welcher ebenfalls auf Abstand ging und den Rücken dabei laut knacken ließ. Er sah unfassbar müde aus. »Du bist geschlafwandelt und - ähm, ja.«

Verlegen kratzte Kaoru sich im Nacken und griff dann nach Dais Smartphone, um es endlich zum verstummen zu bringen. Nur gestörte Psychopathen ließen sich freiwillig von ‘Party Rock Anthem’ wecken, wenn es nach ihm ginge.

»Ich erinnere mich nicht«, murmelte Kyo, welcher ihn fassungslos ansah und ihm ganz offensichtlich nicht glauben wollte.

»Hast du aber.«

Da er nun ohnehin das Handy ihres zweiten Gitarristen in den Händen hielt, nutzte er die Chance und öffnete die Kamera-App, ehe er das Foto heraus suchte, welches Dai in der Nacht von ihnen geschossen hatte. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, warf er Kyo das kleine Gerät zu und stand dann auf. Er fühlte sich wie ein alter Mann mit Hexenschuss, nachdem er die letzten Stunden, in ein und der selben Position hatte verharren müssen.

Kyo fing es auf und während Kaoru im Badezimmer verschwand, um sich endlich zu erleichtern, starrte der Sänger auf das Bild und wusste nicht so recht, ob er es einfach nur löschen, oder sich selbst direkt vom Balkon stürzen sollte.

Vor allem weil er erkannte, dass Dai es bereits vor Stunden in ihrer Bandgruppe gepostet und die anderen beiden längst mit lachenden Emotes darauf reagiert hatten.

 

»Ich hasse mein Leben.«

 

***
 

Kapitel 21 ¦ Katzenbruder


 

***

 

Kyo brauchte eine ganze Woche, um sich von den Auswirkungen des Etorphins zu erholen, ohne ständig im sitzen oder stehen einzuschlafen. Es war als hätte er die schlimmste Grippe seines Lebens. Jeder Muskel in seinem Körper tat weh, die Gelenke schmerzten, er hatte keinen Hunger und die ganze Zeit über einen unstillbar brennenden Durst.

Kaoru versuchte zwar das Management von ihm fern zu halten, so gut es ihm möglich war, aber das verhinderte trotzdem nicht, dass Kyo mitbekam, was über ihn und die Tour hinter verschlossenen Türen besprochen wurde. Er war ein finanzielles Risiko - schon wieder. Der Sänger hätte kotzen können!

Warum musste er ihrer Band, ständig sämtliche gute Chancen versauen?

Wieso konnte nicht endlich mal etwas klappen?

 

Mittlerweile war wieder Dienstag und er betrat das Foyer des Hochhauses, in welchem sich die Praxis seines neuen Hausarztes befand. Satoshi und er hatten sich, seit dem Konzertabend, nicht mehr gesehen und nur kurz miteinander telefoniert, ehe ihn der ältere Kater abgewimmelt hatte. Dementsprechend genervt und schlecht gelaunt, betrat er, einige Minuten später, die Praxis und nickte Naomi zu, welche wie üblich hinter dem Empfangstresen stand und ihn herzlich begrüßte.

»Yuuto ist gerade bei ihm«, erklärte sie, mit ihrer immerzu sanften Stimme. Für ihn war unbegreiflich, wie sie und dieser Trottel Yuuto miteinander verwand sein konnten. Irgendwie wurden er und der Punk einfach nicht miteinander warm. »Wenn Sie kurz warten würden.«

 

Kyo jedoch wand sich bereits von der jungen Frau ab und lauschte in die fast verwaiste Praxis. Furukawa zog es vor, seine ‘anderen’ Patienten erst nach Feierabend zu empfangen und für gewöhnlich auch so, dass nie zwei von ihnen gleichzeitig anwesend waren. Es war einfach zu riskant.

Praktischerweise vernahm er leise Stimmen am Ende des Ganges, von der Tür auf der rechten Seite. Es war der gleiche Raum, in welchem er und Satoshi das erste Mal miteinander gesprochen hatten und Kyo erinnerte sich noch lebhaft an diesen Moment, als ihm die ganze Tragweite seiner Erkrankung offenbart wurde.

 

Da er nicht vor hatte darauf zu warten, bis die beiden fertig waren, ging er einfach los, begleitet vom erschrockenen Ausruf der Arzthelferin.

»Nishimura-san! Bitte, warten Sie.«

Aber er achtete nicht auf sie. Kyo tobte innerlich vor Wut und das sah man ihm sehr deutlich an. Er überwand die letzten Meter, packte dann die Klinke und stieß die Tür so heftig auf, dass sie mit einem lauten Knall gegen die Wand krachte und die Gläser in den Schränken geräuschvoll gegeneinander schlugen.

Furukawa und Yuuto standen mitten im Raum, letzterer zunächst noch mit dem Rücken zu Kyo. Jedoch wand er sich bei dessen Eintreten erschrocken um und starrte ihn einfach nur an.

 

»Kyo?«, kam es, als der Punk auch schon grob zur Seite geschoben wurde. Die Augen des Sängers waren auf Satoshi gerichtet, der offensichtlich erkannte, dass ihn jetzt ein ordentliches Donnerwetter erwartete.

»Guten Abend«, war jedoch das einzige was er sagte und nun reichte es Kyo wirklich.

»Guten Abend?!«, fauchte er und packte den ordentlich gebügelten Kragen von Satoshis Hemd. »Willst du mich eigentlich verarschen? Was sollte das? Warum hast du uns einfach zurück gelassen, du verdammter Arsch?!«

Als Yuuto versuchte ihn zu greifen und von dem Ältesten wegzuziehen, wand Kyo sich ihm kurz zu und fauchte so bösartig und aggressiv, dass der Jüngere instinktiv vor ihm zurückwich. Kyo beachtete ihn nicht weiter und drehte sich wieder zu Satoshi, dessen Hemd er immer noch nicht losließ.

»Na los! Jetzt rede endlich!«

 

Doch Furukawa schwieg beharrlich, sah ihn einfach nur an und seufzte irgendwann schweren Herzens.

»Ich konnte nicht bleiben«, versuchte er zu erklären.

»Und warum nicht?! Du hast Kaoru und die anderen einfach mit mir alleine gelassen. Du hättest das verhindern können!«

»Ja«, stimmte ihm sein Arzt zu und senkte den Blick. Ein Umstand, der ins besondere Yuuto bestürzte, welcher den älteren Kater bewunderte und ihn noch nie derart demütig erlebt hatte. »Es stimmt, ich hätte verhindern sollen, dass ihr die Show spielt. Dass es so enden musste, war meine Schuld«, gestand er, was Kyo ein Knurren entlockte.

»Immerhin gibst du es zu!« Nach wie vor kochte sein Blut und in seiner Stimme schwang wahnsinnig viel Zorn mit. »Und warum bist du danach einfach abgehauen, du verdammter Feigling?!«

Für ihn sah es so aus, als hätte Satoshi sein eigenes Fehlverhalten nicht ertragen können und sie deshalb so plötzlich verlassen. Zu allem übel geisterten immer noch die Worte von Alice durch Kyos Verstand, was dem Bild, welches er von dem Arzt besaß, einen nachhaltigen Schaden verpasst hatte.

 

»Es war mir einfach nicht möglich, bei euch zu bleiben.« Weder sah Satoshi ihn an, noch wehrte er sich gegen die Hand, welche ihn festhielt.

»Ach? Wieso denn nicht?«, giftete Kyo ihn an.

»Aus Angst«, kam es zögerlich, was ihn dazu brachte bitter aufzulachen.

»Angst? Angst vor was? Vor den Konsequenzen deines Handelns?«

»Nein.«

Es war müßig, denn man merkte deutlich, dass Satoshi nicht darüber reden wollte. Aber wenn Kyo eines konnte, dann stur und energisch sein. Er wollte Antworten haben und diese würde er auch bekommen!

»Jetzt spuck es endlich aus, verdammt nochmal!«, schrie er und schüttelte Furukawa grob. Yuuto packte ihn, aus Mut oder Dummheit, am Arm, was aber nur wieder bewirkte, dass Kyo ihn laut an fauchte. »Verpiss dich, Yuuto! Das hier geht dich nichts an!«

»Fick dich Kyo!« Offenbar hatte den Jüngeren eine gute Portion Mut ergriffen. »Lass Satoshi los.«

»Erst wenn er mir sagt, was er sich dabei gedacht hat!«

 

Ehe der Streit weiter eskalieren konnte, umschloss urplötzlich eine starke Hand Kyos Unterarm und als er den Blick wieder zurück zu dem anderen Kater wand, musste er gegen den Drang ankämpfen, knurrend vor ihm zurück zu weichen.

Es war das erste Mal, dass Satoshi sich ihm gegenüber nicht mehr als gütiger Arzt, sondern als Revierführer präsentierte. Die Ausstrahlung, die ihn dabei umschloss wie eine Aura, war derart beängstigend, dass es sogar Kyo eiskalt erwischte.

Wie auf Kommando lockerte er den Griff und wollte sich auch der Hand des anderen entziehen, aber Furukawa ließ ihn nicht los. Statt dessen sah er ihn eindringlich an, mit geweiteten, grünen Augen und einem tiefen Grollen, welches langsam aus seinem Mund erklang. Auch Yuuto war verstummt und wich nun langsam vor seinem Mentor zurück.

 

»Wäre ich geblieben«, flüsterte Satoshi schließlich leise und doch mit einer wahnsinns Bedrohlichkeit. »Dann hätte ich mich früher oder später auf dich gestürzt, Kyo.«

Dem Sänger wurde eiskalt bei diesen Worten und die Art, wie Furukawa ihn dabei ansah, zeigte nur zu deutlich, dass er es auch absolut ernst meinte. Niemals hätte er erwartet, eine solche Kälte in dessen Augen zu sehen und nun wurde ihm auch klar, dass er nicht umsonst seit so vielen Jahren dieses Revier unter seiner Kontrolle hatte.

Weder Kyo, noch Yuuto, wagten es auch nur einen Ton von sich zu geben.

»Du warst in diesem Moment so wehrlos, dass dir mein inneres Monster am liebsten den Kopf abgerissen hätte! Sei froh, dass ich nicht geblieben bin, um dies auch in die Tat umzusetzen!«

 

Mit einem lauten Keuchen, riss Kyo sich los und wich zurück, Satoshi dabei nicht aus den Augen lassend.

»Ich glaub dir ist immer noch nicht ganz klar, wie gefährlich wir tatsächlich füreinander sind, Kyo.«

Gemächlich richtete Furukawa seinen Kragen, registrierte, mit einem wenig begeisterten Murren, dass der obere Knopf seines Hemdes nur noch an einem Faden herunter hing und schließlich riss er ihn einfach gänzlich ab.

»Du hast recht, wenn du sagst, dass ich die Show hätte verhindern sollen. Allerdings kannst du mir meine Instinkte nicht zum Vorwurf machen. Obwohl ich mein Leben lang bereits ein Feloidea bin, habe ich sie nicht ständig unter meiner Kontrolle. Du müsstest selbst wissen, wie schwierig es manchmal ist.«

Furukawa schloss die Augen, atmete durch und versuchte sich irgendwie zu sammeln. Erst als er zu seinem Schreibtisch ging und sich setzte, entspannten sich auch die beiden jüngeren Kater ein wenig. Nicht jedoch, ohne sich dabei fragende Blicke zuzuwerfen.

 

»Setzt euch«, wies Satoshi sie an und deutete auf die beiden freien Stühle, auf der anderen Seite des Schreibtischs. »Ja Yuuto, du auch. Ich muss mit euch beiden reden.«

Anschließend schaute er zwischen ihnen hindurch, zur Tür und lächelte Naomi entschuldigend an, welche dort stand und das Schauspiel voller Besorgnis beobachtete.

»Bringst du uns Kaffee, meine Liebe?«, fragte er, was sie eingeschüchtert nicken ließ.

Nur zögerlich folgten Kyo und Yuuto dem Befehl des Älteren und setzten sich, mit deutlichem Abstand zueinander. Manche Dinge, würden sich niemals ändern.

 

»Mir ist klar,« begann Satoshi nach einer Weile des Schweigens, in denen er die beiden anderen Männer einfach nur beobachtet hatte. Dass sie einander mit derart viel Ablehnung behandelten, bereitete ihm Sorge. »Dass wir das Problem, allein mit den Etorphinspritzen, nicht in den Griff bekommen werden. Gibt es Videoaufnahmen von dem Konzert?«

Immer noch deutlich angepisst, schüttelte Kyo den Kopf.

»Nein, das Management hat direkt alle eingezogen und gelöscht. Mein Zusammenbruch war zu krass, aber wir können nicht sicher sein, ob es nicht vielleicht doch Fans gibt, die alles mit ihren Smartphones gefilmt haben. Bislang ist davon aber noch nichts im Netz aufgetaucht. Vielleicht hatten wir Glück.«

Es wäre zwar nicht das erste Mal, dass man einen seiner Zusammenbrüche festhielt, aber ausgerechnet diesen einen, wollte Kyo nicht verbreitet sehen.

»Gut«, stimmte Furukawa zu und sah zur Tür, als Naomi mit einem Tablett herein kam, die Tassen mit dem Kaffee servierte und dann rasch wieder verschwand.

 

»Ich habe mit Christine über das Problem gesprochen.«

»Na großartig!«, platzte es aus dem Sänger heraus. »Genau DIE hat mir auch noch gefehlt.«

Yuuto, welcher mit einer derartigen Reaktion nicht gerechnet hatte, sah ihn verwundert an.

»Du kannst ihr in dieser Hinsicht absolut vertrauen, Kyo«, versuchte Satoshi den aufgebrachten Mann zu besänftigen, was aber nicht funktioniert.

»Vertrauen? Der? Ganz sicher nicht! Das letzte was ich brauche ist, dass diese durchgeknallte Irre auch noch mitmischt. Wie soll uns das bei diesem ganzen Chaos helfen?!«

Satoshi versuchte wirklich ruhig zu bleiben, obwohl es ihm sichtlich schwer fiel.

»Weil sie eine ausgezeichnete Ärztin ist und sich mit einigen Dingen sehr viel besser auskennt als ich. Mein Fachgebiet ist ein anderes, als das ihre.«

In diesem Moment war er froh darüber, dass es ihm nicht gelungen war, seine Kollegin und Freundin dazu zu bewegen, eine Reise nach Japan zu unternehmen. Kyo und sie hätten einander in Stücke gerissen, soviel stand fest.

 

»Und?« Kyo lehnte sich zurück, die Arme vor der Brust verschränkt und ihn mit einem derart ablehnenden Blick traktierend, dass es Satoshi schwer fiel, diesem standzuhalten. »Was genau, hat die ach so tolle Christine denn zu sagen?«

Furukawa zog es vor an seiner Tasse zu nippen, ehe er antwortete.

»Sie hat mir von einer ihrer … ehm … Arbeiten berichtet«, setzte er an. »Es geht dabei um einer Art Etorphininjektor, welcher direkt im Körper angebracht wird.«

Er zog eine seiner Schubladen auf und holte etwas heraus und legte es auf den Tisch.

»So ähnlich wie dieses Gerät hier.«

Das Ding war weiß, rund und ungefähr fünf Zentimeter im Durchmesser. Kyo nahm es in die Hand und begann es neugierig, aber auch fragend, zu drehen.

»Das ist eine Insulinpumpe«, klärte Satoshi ihn auf. »Wie der Name schon sagt, wird es bei Diabetikern genutzt. Aber in deinem Fall könne es unser Zeitproblem während der Shows lösen. Christine hat etwas ähnliches bereits an Feloidea testen können und sie meinte, dass es durchaus Erfolg hatte.«

Die Details und wieso genau es derartige Testversuche überhaupt gegeben hatte, wollte er den beiden jüngeren Kater jedoch verschweigen. Andernfalls wären sie definitiv sofort aus der Praxis gestürmt und nie wieder zurück gekommen.

 

»Aha«, kam es von dem Sänger, der damit beschäftigt war, sich vorzustellen, ein derartiges Ding am oder im Körper zu tragen. »Und wie wollen wir das in der Show einsetzen? Reagiert es automatisch?«

»Das wäre zu riskant.« Furukawa schüttelte den Kopf. »Wir brauchen sowohl einen Sensor an deinen Nebennieren, als auch die Pumpe direkt in deinem Körper. Sie kann immer nur eine Ladung Etorphin fassen und nachdem sie eingesetzt wurde, muss sie in einer Operation entfernt und neu befüllt werden. Sie also von selbst, auf die Messwerte des Sensors reagieren zu lassen, könnte dazu führen, dass sie dich unnötig ausschaltet.«

»Verstehe.« Diese Erklärung leuchtete ihm tatsächlich ein und er verstand auch, wieso Satoshi es zunächst nur über die Spritzen versucht hatte.

»Und hierbei kommt jetzt Yuuto ins Spiel.«

Der Punk, welcher bislang geschwiegen und zugehört hatte, sah von einer Kaffeetasse auf und zwischen ihnen hin und her.

»Ach echt?«, fragte er verwundert, was Satoshi leicht schmunzeln ließ.

»Ich brauche deine Informatikkenntnisse.«

 

Nun war es an Kyo, erstaunt zu sein. Er sah zu dem Mann neben sich und musterte ihn.

»Hätte dich nicht für einen Nerd gehalten«, gab er zu, was ihm ein schiefes Grinsen einbrachte. Sie würden niemals Freunde werden, soviel stand fest.

»Und du siehst nicht aus, als ob du auch nur einen Ton triffst!«

»Jungs.« Langsam wurde Satoshi das kindische Gezänk leid. »Yuuto studiert an der technischen Hochschule.«

»Stimmt«, nickte eben dieser. »Bevor ich infiziert wurde, hatte ich bereits angefangen an meiner Masterarbeit, im Bereich Software Engineering, zu arbeiten. Leider kam mir ein kleiner Unfall dazwischen.« Dabei löste er eine Hand von der Tasse und hielt sie hoch, so dass Kyo die Überreste des fehlenden Ringfingers begutachten konnte. Der Sänger nickte leicht und nun doch etwas mitfühlender, dem Jüngeren gegenüber.

»Yuuto, ich habe von Christine die Aufzeichnungen und Baupläne des ursprünglichen Prototyps erhalten«, setzte Satoshi die Unterhaltung fort.

»Und wer soll später den Fernauslöser bekommen und seine Werte überwachen?«, fragte der Punk. »Du kannst unmöglich bei jeder Show anwesend sein, Satoshi.«

Furukawa schwieg daraufhin und sah sie beide wieder mit diesem langen und durchdringenden Blick an. Kyos Augen weiteten sich, als er Sekunden später endlich begriff, auf was genau der Arzt hinaus wollte.

»Was? Mit dem?!«, rief er und deutete auf den Jüngeren, der neben ihm saß und dem es so langsam dämmerte.

»Satoshi, das kann nicht dein Ernst sein!«, erwiderte auch Yuuto, wenig begeistert.

»Wie du bereits selbst gesagt hast«, sprach der alte Kater ruhig, aber hörbar streng, »Kann ich nicht ständig bei ihm sein und während der Konzerte erst recht nicht. Yuuto, du bist Programmierer und kennst dich hiermit bestens aus.« Demonstrativ schob er ihm die alte Insulinpumpe entgegen.

 

»Und Kyo, du hast selbst erlebt, wie schnell es beim letzten Mal aus dem Ruder gelaufen ist. Dir ist durchaus bewusst, dass uns keine anderen Optionen bleiben, als diese.«

Immer noch starrten ihn die beiden fassungslos an.

»Yuuto muss das Gerät bauen und die Software dafür programmieren. Sollte irgendwas damit nicht stimmen, dann ist er der einzige, der helfen kann. Außerdem kann er, als Kater, deine Körpersprache und Warnsignale besser lesen, als Kaoru-san und die anderen.«

So ungern er es auch zugeben wollte, aber Kyo wusste, dass Satoshi leider recht hatte. Dies hielt ihn jedoch nicht davon ab, sich widerwillig zu sträuben und ein leises Knurren auszustoßen. Dass es Yuuto ähnlich erging, hörte er deutlich.

 

***

 

Es brachte ja doch nichts, egal wie sehr sie auch mit Satoshi über das Thema diskutierten. Ihnen drein war klar, dass es die einzige Möglichkeit war, die ihnen blieb; zumindest wenn Dir En Grey eine Chance zum Überleben haben wollte.

Das hielt den Sänger aber nicht davon ab, sich die meiste Zeit über aufzuregen und Furukawa, in allen nur erdenklichen und blumigen Worten, zu verfluchen, während er sich, mit Yuuto an seiner Seite, auf den Weg zur Firma machte.

Der Punk ließ ihn wettern, grummelte aber ebenfalls gelegentlich vor sich hin, was Kyo jedoch ignorierte. Zumindest in der Bahn hielt er kurzzeitig den Mund, machte danach aber fröhlich weiter.

 

»Sag mal«, begann der Jüngere, als Kyo sich wieder zu sehr in Rage redete und blieb einfach stehen. Auch der Musiker stoppte, wand sich um und sah ihn fragend und missbilligend an. »Was genau ist dein Problem? Ich bin auch nicht besonders begeistert davon, schon wieder meine ganze Zeit mit dir zu verschwenden, um irgendwie deinen Hintern zu retten. Aber ich denke du übertreibst gerade ein wenig.«

»Ich hasse es einfach, dass Satoshi über irgendwas entscheidet, was ihn im Grunde nichts angeht.«

»Doch, das tut es sehr wohl und das weißt du genau.«

Yuuto war genervt von der Engstirnigkeit und dem kleinkindhaften Verhalten, welches Kyo soeben an den Tag legte. Es bestärkte ihn nur in der Ansicht, dass dieser ein abgehobener Idiot war.

»Es geht uns alle etwas an, wenn du dich mitten auf der Bühne einfach verwandelst und damit anfängst, deine Fans und die Band zu fressen.«

Offenbar hatte er damit einen Nerv getroffen, denn Kyos Blick wurde eisig, aber auch ein wenig unsicher. Dass er genau davor Angst hatte, wusste Yuuto und er verstand es auch.

»Glaubst du, dass du der einzige Feli bist, dem es so geht?« Er hatte die Stimme ein wenig gesenkt. Aber die vorbei eilenden Menschen, beachteten die beiden Männer kaum. In ihren Augen waren sie ein Punk und, Kyos Tattoos zu folge, vermutlich ein Gangmitglied.

»Ich denke nicht, dass du dich in meine Lage versetzen kannst.«

»Ach? Weil ich kein abgehobener Superstar bin?«, fauchte Yuuto genervt. »Stimmt, bin ich nicht. Aber ich habe eine kleine Schwester, der ich sehr nahe stehe. Also komm mir jetzt nicht damit, dass ich nicht verstehen würde, wie sich das für dich anfühlt!«

 

Kyo wollte etwas erwidern, merkte dann aber noch rechtzeitig, dass es schwachsinnig wäre dagegen zu argumentieren. Der Punk kam näher und hielt ihm die verstümmelte Hand hin.

»Denkst du allen Ernstes, dass ich nicht wüsste, wie es ist ein Monster zu werden?«, knurrte er. Kyo sah auf die hässliche Narbe, erkannte aus der Nähe nun auch weitere, welche von der ursprünglichen Bisswunde stammten und er konnte nicht anders, als den Blick abzuwenden.

»Sorry«, murmelte er und meinte es tatsächlich ernst. Er war der Ältere und benahm sich wie ein kleines, bockiges Kind. Yuuto vorzuwerfen er hätte keine Ahnung, war Unsinn.

Kurz schwiegen sie, dann steckte sein Gegenüber sich die Hand wieder in die Taschen seiner abgewetzten Lederjacke. Kyo verstand nicht, wie er diese, bei diesen Temperaturen, überhaupt tragen konnte.

»Wir hatten keinen guten Start miteinander, das gebe ich zu«, seufzte der Punk und sah auf. Erst jetzt bemerkte Kyo, dass seine Augen gelb waren. »Also lass uns irgendwie das Beste aus der Situation machen.«

Da sie immer noch sinnlos auf dem Gehweg standen und Kyo nicht gewillt war, ihr Gespräch vor den Ohren unfreiwilliger Dritter weiterzuführen, nickte er ohne etwas zu sagen und setzte dann seinen Weg fort. Yuuto lief ihm nach und kam sich dabei vermutlich selbst mittlerweile wie ein Dackel vor.

 

Sie seufzen synchron auf, als sie in das klimatisierte Foyer traten und die sommerliche Hitze vor ihnen ausgesperrt wurde, kaum dass sich die großen Schiebetüren hinter ihnen schlossen.

»Scheiß Klimaerwärmung«, nuschelte Yuuto, dem der Schweiß im Nacken klebte.

»Zieh doch einfach die dumme Jacke aus«, murrte der kleinere Mann neben ihm, was ihn zum Grinsen ermutigte.

»Nicht mein Style.«

Zuerst dachte er, wieder einmal, ein verächtliches Schnauben dafür zu kassieren. Aber nach einigen Sekunden wurde Yuuto klar, dass Kyo leise lachte. Vielleicht hatten sie ja doch eine Chance miteinander.

»Komm mit, so wie ich Kaoru kenne, ist der schon seit heute morgen in seinem Büro und arbeitet.« Denn das war der eigentliche Grund ihres Hierseins. Shinya und Die waren bei einem Interview, Toshiya hatte irgendwas familiäres zu erledigen und Kyo seinen Termin bei Furukawa. Die Neuigkeiten wollte er zunächst einmal nur unter vier, beziehungsweise sechs, Augen mit dem Leader besprechen.

 

Die beiden Damen am Empfang grüßten sie freundlich und Kyo erwiderte knapp, aber nicht unhöflich, ebenso wie Yuuto. Der jüngere ging ihm nach, nun doch ein wenig eingeschüchtert und sich neugierig umgehend. Sein Verhalten erinnerte den Sänger dabei an sich selbst, wie er damals, unendlich aufgeregt, die heiligen Hallen ihres ersten Studios betreten hatte.

Er führte Yuuto gezielt die Gänge entlang, grüßte nur hier und da die wenigen Menschen, die ihnen entgegen kamen und betrat schließlich den Bereich, an dessen Ende sich ihre eigenen Räume befanden. Erst nach einigen Metern merkte er, dass die Schritte hinter ihm verstummt waren und Kyo wand sich zu Yuuto um.

Der Punk stand neben der Tür, den Blick auf eines der eingerahmten Bilder gerichtet und irgendwie ein wenig abwesend. Dir En Greys Sänger hob fragend eine Augenbraue und kam zu ihm, um zu sehen, was genau die Aufmerksamkeit des anderen auf sich gezogen hatte.

Zu seiner Überraschung, war es einer der ersten Artikel, welcher kurz nach ihrem Stilbruch geschrieben wurde. Kyo hatte wirklich keine Ahnung, wer den eigentlich hier aufgehängt hatte. Er fand das dazugehörige Foto, einfach nur grässlich.

 

»Ihr wart damals wahnsinnig erfolgreich«, begann Yuuto nach einer Weile, in welcher er schweigend den Artikel betrachtet hatte. »Warum seid ihr das Risiko eingegangen und habt all das über Nacht aufgegeben?« Er wandte den Blick ab und sah zu ihm, die gelben Augen fragend und gleichzeitig unergründlich. Kyo überlegte und antwortete, nach einigen schweigenden Sekunden.

»Das Problem mit den meisten Bands ist, dass sie die Musik nur für andere machen.«

Der Punk gab ein fragendes Geräusch von sich.

»Versteh ich nicht.«

Kyo murrte ein wenig, entschied sich dann aber doch dazu, seine Gedankengänge zu erklären; etwas, was er nicht häufig und auch nicht unbedingt gern tat.

 

»Wenn man Erfolg hat, dann bekommt man Druck von oben. Es geht dann nur noch darum, Gewinn zu erwirtschaften, die Erfolge zu feiern und die Musik so zu planen, dass sie von möglichst vielen Leuten gekauft wird.

Versteh mich nicht falsch, ich mag unsere Fans, so wie sie mittlerweile sind. Aber damals wurde es, bereits nach unserem ersten Album, unerträglich. Dir En Grey steht für Musik, die sich im Extremen bewegt. Wir wollen über die Themen sprechen, bei denen andere lieber schweigen.«

»Wurde es euch verboten?«, schlussfolgerte Yuuto vorsichtig.

»Sie haben es versucht und wollten aus uns eine dieser albernen Emo-Core Bands machen, weil sich das im Westen so gut verkaufte. Aber ich wollte das nicht.«

Er verschränkte die Arme vor der Brust und nahm nur am Rande wahr, dass der Jüngere einen Blick auf seine Narben warf. Kyo war es mittlerweile so gewohnt angestarrt zu werden, dass er es kaum noch registrierte.

 

»Wenn man seine Kunst nur noch für andere macht und nicht mehr für sich selbst, dann versucht man irgendwann nicht mehr über das zu sprechen, was einen selbst bewegt, sondern erfüllt nur noch Erwartungen und Bedürfnisse. Ich war nicht bereit dazu, mich für die Lust anderer zu verhuren, Yuuto.«

In dessen Augen erkannte er deutlich, dass die Botschaft angekommen war.

»Bist du authentisch punk, oder ziehst du dich nur wie einer an?«, fragte er offensiv und erhielt dafür einen beinahe empörten Blick, welcher ihn grinsen ließ. »Na, dann ist ja alles klar.« [1]

Kyo wand sich zum gehen und endlich folgte auch Yuuto.

Vielleicht waren sie einander ähnlicher, als er bislang gedacht hätte. Zumindest war er kein Idiot, welcher nur Satoshi hinterher lief. Kyo hasste Menschen, welche sich immer nur nach dem Willen anderer richteten. Aber der jüngere Kater schien einiges im Kopf zu haben.

 

Er öffnete die Tür zum Proberaum und trat ein. Das Licht war ausgeschaltet, immerhin war es mitten am Tag. Kyo inhalierte die Luft, sie roch etwas abgestanden und staubig, aber dazwischen witterte er den vertrauten und schweren Duft von Kaorus Männerparfüm. Also war ihr Leader tatsächlich hier. Zielstrebig ging er zu der Tür auf der anderen Seite, klopfte und trat ein, ohne auf die Antwort zu warten.

»Kyo?«

Kaoru sah von seinem Laptop auf, die Brille war ihm ein Stück von der Nase gerutscht und das leise Schnorcheln der Kaffeemaschine, wurde begleitet vom Summen der Klimaanlage.

»Hi.« Kyo warf einen Blick über die Schulter und bedeutete Yuuto, mit einem Kopfnicken, ebenfalls einzutreten. Der Punk schien noch immer unsicher und überwältigt zu sein, kam der Aufforderung allerdings nach.

»Wer - ?«, begann Kaoru, nun deutlich verwirrt.

»Das ist Yuuto. Yuuto, ich denke ich muss dir Kaoru nicht extra vorstellen.«

 

Den überforderten Jüngeren stehen lassend, ging Kyo zur Kaffeemaschine, nahm sich eine der Tassen und füllte sie gelassen.

»Äh«, machte Kaoru und riss, den ihm fremden jungen Mann, aus seiner überforderten Starre. Eben dieser verbeugte sich nun höflich und etwas steif.

»Takeda Yuuto. Es freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte er hastig, während Kyo im Hintergrund beklagte, der Zucker wäre alle.

»Dann kauf neuen«, brummte Kaoru, welcher sich seinerseits erhob und Yuutos Begrüßung gesittet erwiderte, auch wenn dieser ihn natürlich kannte.

»Erfahre ich nun auch, was dieser Überfall soll?«, fragte er und bot dem Jüngsten einen Stuhl an. Dieser war sichtlich froh darüber, nicht mehr sinnlos im Raum stehen zu müssen. Auch Kyo ließ sich auf einen der Stühle fallen.

»Wir haben einen Anschlag auf dich vor, im Namen Satoshis.«

 

Nun wurde Kaorus verwirrte Mine streng und fast schon eisig. Auch er hatte den Abgang des Arztes, nach der letzten Show, nicht gut verkraftet. Plötzlich schien ihm etwas zu dämmern und er sah wieder zu Yuuto, die Augen geweitet.

»Warte mal. Yuuto? Du bist der schwarze Kater!«, rief er und erinnerte sich an den Morgen, nachdem Kyo und Katsuo seinen Garten verwüstet hatten. Kyo hatte den Feloidea, der kurz auf der Mauer aufgetaucht war, ebenfalls Yuuto genannt.

Der Punk nickte und damit war auch klar, dass er keine Kontaktlinsen trug. Kaoru war zugegebenermaßen, ein wenig von den gelben Augen fasziniert, die ihn unsicher ansahen.

»Ja und es tut mir leid, dass ich damals nicht rechtzeitig da war, um schlimmeres zu verhindern.« Man hörte, dass es ihm tatsächlich leid tat und er senkte etwas betreten den Blick. »Aber ich dachte, dass Kyo-san sicher sei, wenn seine Freunde anwesend sind.«

»Schon gut.« Kaoru war nicht nachtragend und wusste eine ehrliche Entschuldigung auch zu schätzen. Denn so wie Yuuto ihn ansah, meinte er es genau so, wie er es sagte.

»Was genau wollt ihr zwei denn nun von mir?«

 

Kyo erklärte was sie entschieden hatten und wie der aktuelle Plan aussah; immer wieder ergänzt durch Yuuto. Kaoru hörte zunächst nur zu und dachte über das nach, was die beiden ihm berichteten. Tatsächlich sprachen sie damit ein Thema an, welches ihn seit Tagen umtrieb und ihm große Kopfschmerzen bereitete. Kyos unkontrollierter Anfall, vor einer Woche, war das mit Abstand beängstigendste gewesen, was ihm jemals mit dem Sänger passiert war.

»Verstehe«, murmelte er, die Ellenbogen auf dem Schreibtisch abstützend, die Finger miteinander verschränkt. Kaoru starrte nachdenklich auf den Bildschirmschoner seines Laptops, ohne wirklich hinzusehen. »Das könnte tatsächlich funktionieren.«

»Wenn das nicht klappt«, sagte Kyo streng. »Dann war es das. Ich brauche einen unsichtbaren Maulkorb, um die Shows zu spielen. Alles andere wäre viel zu gefährlich. Dir En Grey ist am Ende, sollte es wieder schief gehen.«

 

»Du bist nicht der erste Feloidea, der eine öffentliche Karriere führt«, warf Yuuto plötzlich ein und erntete dafür zwei überraschte Blicke. »Einige der besten Athleten der Welt, sind Katzen. Aber das funktioniert nur im Solosport.« Er seufzte. »Stell dir vor was passiert, wenn zwei Feloidea auf dem Fußballplatz aufeinandertreffen würden. Das endet im Blutbad!«

Kyo schauderte bei der Vorstellung und er verstand was Yuuto damit sagen wollte.

»Mit anderen Worten, da ich kein Solokünstler bin und ständig die Band um mich habe, sind wir ein Sonderfall?« Der Punk nickte. »Klasse!«

»Aber das mit dem Sensor und dem Etorphininjektor, kann wirklich funktionieren. Satoshi hat mir die Pläne bereits gemailt. Ich werde sie mir anschauen und vielleicht kann uns seine Freundin, eines der älteren Modelle schicken.«

»Schön und gut.« Kaoru lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Du wirst dich damit aber beeilen müssen, Yuuto.«

»Wie viel Zeit bleibt mir?«

»Im Oktober startet unsere Tour. Spätestens Mitte September, muss ich Management mitteilen, ob wir sie auch wirklich machen können, oder nicht. Wenn euer Wunderding bis dahin nicht funktioniert, werde ich mein Go nicht geben.« Als er sah, dass Kyo empört seinen Einspruch in den Raum werfen wollte, brachte ihn der Leader, mit einem einzigen Blick, zum verstummen.

»Hier geht es nicht um dein Ego, Kyo. Ich bin für euch, für diese Tour und damit auch für die Menschenleben verantwortlich, welche du potentiell gefährdest!«

Er hatte keinen Grund den Sänger mit der Wahrheit zu verschonen.

 

»Oh man.« Yuuto hatte den Rest überhört und war damit beschäftigt über den knappen Terminplan nachzudenken. »Das ist echt kurzfristig.«

Die beiden Musiker sahen ihn an und Kyo musste mit Erstaunen erkennen, dass sich irgendwas am Blick des Studenten verändert hatte.

‘Ich kenne diesen Ausdruck’, schoss es ihm durch den Kopf und er sah im Augenwinkel zu Kaoru. ‘Genau so guckt er auch, wenn er an unseren Songs arbeitet.’

Die Leute hielten Kyo oft für das Genie der Band, weil er ihre Texte schrieb, doch das war nur die halbe Wahrheit. Ja, sie alle waren unglaubliche Talente, auf ihrem jeweiligen Gebiet. Shinyas Fähigkeiten an den Drums suchten ihresgleichen, Dais Rhytmusgefühl war atemberaubend und Toshiyas natürliche Begabung mit dem Bass, durch niemanden zu ersetzen.

‘Aber unser eigentliches Genie, ist und bleibt Kaoru. Er hat das perfekte Gehör und kann ganze Songs allein in seinem Kopf komponieren, wenn er eine Idee hat.’

Wieder sah er zu Yuuto, der in sich gekehrt zu sein schien und dabei über etwas nachdachte, was nur er selbst wirklich verstand.

‘Berechnet er es gerade alles in seinem Kopf?’, fragte Kyo sich schweigend. ‘Kann das wirklich sein? Er sieht zwar aus wie ein ungebildeter Idiot, aber er hat den Blick eines Analysten. Obwohl seine Präsenz als Feloidea derart gering ist, dass ich sie kaum wahrnehme, hat er es geschafft Katsuo aufzuhalten und mir das Leben zu retten. Vielleicht ist er ja doch nicht so nutzlos, wie ich dachte.’

»Es könnte klappen«, murmelte Yuuto nun und tippte sich leicht gegen das Kinn.

 

»Ich werde dem Management mitteilen, dass wir dich als technischen Assistenten bei uns einstellen«, gab Kaoru bekannt. Auch ihm war die Veränderung, seitens Yuuto, nicht entgangen und zufrieden sah Kyo, dass sein Leader das gleiche dachte, wie er selbst. Er hatte es auch erkannt.

»Zur Tarnung?«, fragte der Punk, ein wenig überrascht von dieser Entscheidung.

»Sozusagen ja. Wenn ich das alles richtig verstanden habe, musst du in unserer Nähe bleiben und vor allem in der von Kyo. Und du wirst mit uns auf Tour kommen. Dies geht nur, wenn du Teil des Teams bist.«

»Ich soll mit euch auf Tour gehen?« Yuuto stand die Ungläubigkeit ins Gesicht geschrieben, dann aber lachte er und versuchte damit seine Unsicherheit irgendwie zu überspielen. »Na großartig, dabei mag ich eure Musik doch nicht einmal.«

 

***
 

Kapitel 22 ¦ Katzenzeit


 

***

 

»Ich kapier das nicht.«

Yuuto zupfte an dem Kragen des Hemdes herum, welches Naomi ihm liebevoll aufgezwungen hatte. Es war schlicht, weiß und stand ihm eigentlich ganz gut, trotz seiner, in alle Himmelsrichtungen abstehenden, Haare.

Kyo warf einen Blick zu ihm hoch, der Punk sah erstaunlich gut aus, jetzt wo er die alberne Jacke mal nicht dabei hatte. Mit den Lederarmbändern und den Tattoos am Hals, hätte man ihn sicherlich auch in eine dieser modernen Visual Kei Bands stecken können. Aber er vermutete, dass Yuuto mit derartiger Musik nicht viel anzufangen wusste.

Sie gingen nebeneinander die Treppe der U-Bahn hoch und in die recht belebte Fußgängerzone, im Zentrum der City.

»Warum genau treffen wir uns, mit deiner Band, in einem Ramen-Restaurant?«

Der Sänger hatte ihm nur eine kurze Nachricht hinterlassen, mit der Anweisung sich etwas ordentliches anzuziehen, inklusive einer Adresse. Dass sie nun gemeinsam hier auftauchten, war eher dem Zufall zu verschulden, da sie zeitgleich in die selbe Bahn eingestiegen waren.

 

»Kaoru war der Ansicht, dass es gut wäre, wenn du dich mit uns in einer lockeren Atmosphäre vertraut machst. Es ist entspannter, als bei ihm im Büro.«

»Aha«, murmelte der größere Mann und pustete sich, leicht genervt, eine seiner schwarzen Strähnen aus dem Gesicht. Sie waren länger als noch vor zwei Tagen und Kyo hegte den berechtigten Verdacht, dass Yuuto seit dem mindestens einmal eine Katze gewesen sein musste.

»Aber wieso ausgerechnet Ramen und noch dazu in so einer belebten Gegend?«

Plötzlich erklang hinter dem Mundschutz, den Kyo trug, ein leises Auflachen, was ihm von seiner Begleitung einen verwirrten Blick einbrachte.

»Das ist wahrscheinlich auf Toshiyas Mist gewachsen. Er könnte dir einen kompletten Guide, über die besten Ramen-Lokale der Stadt, schreiben, wenn du ihn darum bittest.«

 

Kyo sah auf sein Handy, orientierte sich kurz und schlug dann den Weg nach rechts ein, Yuuto folgte ihm artig. Eigentlich war der Sänger nicht gern an derart belebten Orten. Sie strengten ihn an und wenn er die Chance hatte, dann bevorzugte Kyo die ruhigen Nebenstraßen.

Glücklicherweise war es nicht weit und als sie um die nächste Ecke bogen, sah er auch schon den Rest der Band vor einem erleuchteten Lokal stehen. Kaoru rauchte, wie immer, während Toshiya und Dai in eine sehr angeregte Unterhaltung vertieft zu sein schienen. Zumindest grinste der Gitarrist breit und erntete immer wieder ein heiteres Auflachen.

Shinya zog es vor ruhig im Hintergrund zu bleiben, aber auch er lächelte hin und wieder und hielt sich dabei rasch eine Hand vor den Mund. Wie jemand, der so schön war, sich selbst als unattraktiv empfinden konnte, würde Kyo wohl auf ewig ein Rätsel bleiben.

 

Als sie sich der kleinen Versammlung näherten und er ihnen kurz zuwinkte, sahen sie in ihre Richtung und Kyo bemerkte durchaus, die neugierigen Blicke zu Yuuto.

»Sind wir zu spät?«, fragte Kyo, verwundert dass vor allem Toshiya bereits hier war. Es kam nicht gerade selten vor, dass der Bassist sich sagenhaft verspätete und das teilweise mit den abenteuerlichsten Ausreden. Aber Kaoru schüttelte den Kopf.

»Ich hab Toto mitgebracht. Der Rest ist auch erst vor zwei Minuten eingetroffen.« Er drückte seine Zigarette im Aschenbecher neben dem Lokal aus und trat dann zu ihnen.

»Also, Mädels, darf ich euch unseren neuen Techniker vorstellen?«, verkündete er beinahe feierlich, was den hypernervös Punk dazu veranlasste, sich zu versteifen. Trotzdem versuchte er es mit einem unsicheren Lächeln und verbeugte sich ein wenig.

 

»Takeda Yuuto«, stellte er sich vor. »Es freut mich sehr.«

»Nicht so steif.«, brummte Kyo, grinste jedoch. »Die beiden da sind zwar verrückt, beißen aber nicht.« Wobei er auf Toshiya und Dai deutete, welche etwas empört dreinblickten.

»Und was ist mit Shinya?«, wollte Letzterer wissen.

»Der ist nicht verrückt. Shinya ist ein Engel.«

Verschämt lächelte ihr schöner Drummer und strich sich dabei unsicher einige längere Strähnen vor die Augen.

»Schön Sie kennenzulernen, Takeda-san«, sprach er, mit seiner ruhigen und leisen Stimme.

»Ganz meinerseits.«

Kyo konnte die Nervosität des jungen Katers regelrecht riechen.

 

»Lasst uns reingehen«, unterbrach sie Kaoru und deutete auf den Eingang. »Yuuto-san, Sie sind übrigens eingeladen. Das hier ist ein Geschäftsessen, also machen Sie sich keine Sorgen, wegen der Kosten«, erklärte er noch, auf die Unsicherheit des Jüngeren eingehend.

»Oh, wenn das für Sie in Ordnung geht«, stammelte dieser überrascht.

»Du bist Student«, warf Kyo ein, der vor ihm ging. »Das heißt, du bist chronisch pleite.«

»Und du eine kleine Nervensäge«, kommentierte Dai, welcher ihnen die Tür aufhielt und dafür nur ein freches Kichern erntete. Kaoru beobachtete dies mit einer hochgezogenen Augenbraue, sagte aber nichts. Statt dessen erklang Shinyas leise Stimme direkt hinter ihm.

»Kyo ist heute gut drauf.«

»Ja«, stimmte der Leader ihm zu. »Keine Ahnung warum, aber hoffentlich hält das an.«

Yuuto hingegen sagte nichts dazu. Er kannte Kyo zwar schon seit ein paar Monaten und hatte ihn, während seiner Überwachung, auch eingehend studiert. Allerdings war ihm dieser heitere, fast schon überdrehte Kyo, gänzlich unbekannt. Kaorus und Shinyas Reaktion zu Folge, gehörte dies eindeutig nicht zur Norm.

 

Kaoru hatte für sie reserviert und einige Minuten später, saßen sie an einem großen runden Tisch, im hinteren Teil des Lokals und stießen mit ihren Getränken an. Yuuto, welcher zwischen Shinya und Kyo saß, spielte immer wieder nervös mit einem seiner Lederarmbänder herum und wusste nicht so recht, wie er sich in Gegenwart der Musiker zu verhalten hatte.

Dabei war es so, wie er es noch vor zwei Tagen gesagt hatte. Weder mochte, noch hörte er deren Kunst. Andererseits saß er hier mit fünf Stars und er hätte nie gedacht, dass es ihn so sehr aus der Fassung bringen könnte.

Shinya lächelte ihn wieder freundlich an und fragte schließlich, beinahe beiläufig.

»Was genau studieren Sie denn, Takeda-san?«

»Oh.« Yuuto erwiderte den Blick scheu und ergriff lieber sein Glas mit beiden Händen, um seine Finger zu beschäftigen. »Ich arbeite derzeit an meiner Masterarbeit, im Bereich Software Engineering. Also Informatik, Computer und solches langweiliges Zeug.«

 

»Ich finde das gar nicht so langweilig.«

Offenbar versuchte Shinya, ihn mit einem lockeren Gespräch etwas zu beruhigen. Der Drummer hatte eine nahezu einlullen Stimme und Yuuto konnte nicht glauben, dass eine derart sanfte und schöne Person, in einer solchen Band spielte. Wobei, wenn er sich Toshiya und Dai so ansah, dann fühlte er sich von deren Attraktivität mindestens genau so eingeschüchtert, wie von Kyos starker Präsenz.

»Und worum geht es in Ihrer Masterarbeit?«, bohrte Shinya weiter. Der Student war nicht ganz sicher, ob dieser tatsächlich Interesse daran hatte, oder einfach nur versuchte nett zu sein.

»Bevor ich - ehm - wie Kyo-san wurde, hatte ich angefangen mich mit Anwendungsprogrammierung im Bereich Gaming und Augmented Reality zu beschäftigen. Aber nachdem ich infiziert wurde und Satoshi - ich meine Doktor Furukawa, kennenlernte, habe ich alle Pläne über den Haufen geworfen. Mit seiner Unterstützung will ich mich auf softwaregestützte Implantationstechnik und medizinische Robotik spezialisieren.«

»Sie meinen Prothetik?«, fragte Kaoru über den Tisch, was die restliche Band etwas lachen und grinsen ließ.

»Kaoru ist ein Nerd«, erklärte Toshiya, welcher zwischen Sänger und Leader saß und einen etwas leidlich empörten Blick von ihrem Ältesten erhielt. »Du solltest mal seine Gundam-Sammlung sehen.«

»Oh.« Yuuto blinzelte, überrascht von dieser Erklärung. »Ja, genau solche Dinge würde ich gern in Zukunft entwickeln und erforschen. Allerdings ist es sehr schwer, weil ich dafür den Studiengang habe anpassen müssen. Doktor Furukawa hat mir einige Türen geöffnet, damit ich in die richtigen Kurse komme.«

 

»Ich hoffe du siehst mich jetzt nicht als Studienprojekt«, meinte Kyo und nahm einen Schluck aus seinem Glas. Yuuto schaute überrascht zu ihm runter und schüttelte beinahe energisch den Kopf.

»Nein! Auch wenn ich zugeben muss, dass diese Unterlagen, die ich von Satoshis Freundin erhalten habe, wirklich interessant sind.«

Was genau Kyo daraufhin, wenig begeistert, in sein Glas grummelte, verstand er allerdings nicht. Der Punk fragte sich, was genau zwischen ihm und Doktor Jansen vorgefallen sein mochte, dass er so auf die Erwähnung dieser Frau reagierte.

»Kaoru hat uns bereits erklärt, was genau euer Plan ist«, kam Dai auf ihr eigentliches Thema zu sprechen. »Kann das tatsächlich funktionieren?«

Kurz warfen die zwei Werkatzen einander Blicke zu, dann nickte Yuuto bestätigend.

»Ja und wenn ich diese Forschungsunterlagen richtig verstehe, dann hat es damals bereits funktioniert.«

 

»Warum gab es diese Forschung überhaupt?«, wollte Kyo wissen und bekam als Antwort ein Schulterzucken.

»Vermutlich aus dem selben Grund, wie wir ihn hier haben. Du bist nicht der einzige Feloidea, der von so einem Gerät profitieren könnte. Ich habe nur die Baupläne und einige Randinformationen dazu erhalten. Was genau die Deutschen und die Italiener damit wollten, kann ich dir aber auch nicht so genau sagen.«

Mitten in der Bewegung hielt Kyo inne und senkte sein Glas wieder auf den Tisch.

»Die Deutschen?«

»Ja?« Yuuto wirkte etwas verwundert von dieser Frage. »Doktor Jansen hat diese Forschungen durchgeführt, bevor sie in die Staaten ausgewandert ist.«

 

Die eben noch überdrehte Stimmung des Sängers, schlug mit einem Mal ins Gegenteil um. Er dachte über irgendwas nach und als Yuuto einen Blick zu den anderen warf, sah er, dass auch ihnen der plötzliche Wechsel Kyos aufgefallen war.

»Im Auftrag welches Institutes, wurde diese Arbeit durchgeführt?«, harkte er nach und Yuutos Verwirrung erreichte ungeahnte Höhen.

»Ich bin nicht sicher.«

Tatsächlich hatte er überhaupt nicht darauf geachtet, als er die Pläne und Dokumente durchgegangen war. Da ihn der ältere Kater aber nun regelrecht mit seinen Blicken zu durchlöchern schien, kramte er sein Smartphone aus der Hosentasche und rief die Email auf, in deren Anhang sich die geforderten PDFs befanden.

Er öffnete sie und hielt Kyo das Display hin.

 

Als der ungefragt das Handy ergriff und anfing wie verrückt in den Daten zu scrollen, platzte es schließlich aus dem Studenten heraus.

»Nach was genau suchst du eigentlich?«

»Warte«, brummte Kyo, zoomte in eine der Fußzeilen und kniff die Augen schließlich ein wenig zusammen. Er sah nicht glücklich aus.

»Was ist?«, fragte Kaoru, dem das Verhalten ihres Sängers irgendwie unheimlich war. Der jedoch reichte Yuuto das Smartphone zurück und sah mit einem merkwürdigen Blick zu ihm hoch.

»Die hat für Stjørdal gearbeitet?«, fragte er und Yuuto hatte keine Ahnung, wie genau er darauf nun reagieren sollte.

»Sieht so aus?«, murmelte er, warf einen Blick auf den Text und zuckte ratlos mit den Schultern. »Und?« Ihm war wirklich nicht klar, auf was Kyo eigentlich hinaus wollte.

 

»Als ich Satoshi kennenlernte und auf Stjørdal ansprach«, begann er, »ist er fast schon sauer geworden und meinte, dass ich mich aus all dem raus halten soll. Und nach unserem ersten Konzert im Juli, hatte ich eine ‘interessante’ Begegnung mit einer Katzendame, die mir ein paar merkwürdige Dinge über ihn erzählt hat.«

»Was für Dinge?«, fragte Shinya, leise, neugierig, aber auch hörbar misstrauisch.

»Sie nannte ihn die ‘rechte Hand von Erik Bogdanow-Weilsteiner’

»Wer soll das sein?« Toshiya verstand die Welt nicht mehr.

Yuuto hingegen wurde kreideweiß. Als Kyo das sah, fühlte er sich in seiner Annahme bestätigt.

»Du weißt es, stimmt’s?«, fragte er, was dem Punk ein steifes Nicken entlockte.

 

»Erik ist - ehm - ,« er suchte nach den richtigen Worten. »Hm, wie soll ich das erklären?« Kurz schwieg er und dachte nach.

»Die Firma Stjørdal wurde von Feloidea gegründet und ist eine eigene, quasi unantastbare Wirtschaftsmacht. Ihr Spezialgebiet ist die Herstellung und der Handel von Stahl und Großmaschinen, weswegen sie der breiten Öffentlichkeit kein Begriff sind. Im Gegensatz zu Medienkonzernen wie Google oder Apple.«

Kurz legte er eine Pause ein und sah sie an. Ihr Nicken zeigte ihm, dass sie seinen Worten folgen konnten, also sprach er weiter.

 

»Der Vorstand von Stjørdal besteht aus den Vertretern der mächtigsten und ältesten Katzenfamilien des Planeten. Finanzielle Macht und politischer Einfluss, locken wirklich die verkommensten und gierigsten Subjekte an, egal ob Feloidea oder Menschen.«

Ein freudloses Lachen trat auf seine Lippen.

»Aber das eigentliche Problem sind die beiden Männer, welche die zwei Hauptstandorte der Firma leiten. Einer davon ist Johann Weilsteiner. Ihm gehört Stjørdal Germany. Johann ist ein Teufel unter Monstern. Ich habe Satoshi nur ein einziges Mal nach ihm gefragt und seine Reaktion war - er war nicht glücklich.«

Was genau passiert war, wollte er vor allem Kyo nicht erzählen. Yuuto dachte ungern an diesen Tag zurück.

 

»In den Achtzigern hat sich ein Teil von Stjørdal abgesondert und einen eigenen Standort in Italien gegründet. Angeblich sind sie spezialisiert auf Materialforschung, aber das ist nur eine Scheinidentität.«

Yuuto drehte nervös das leere Glas in seinen Händen. Die Stille am Tisch hatte längst eine unangenehme Spannung erreicht.

 

»Erik Bogdanow-Weilsteiner ist Johanns Onkel. Aber irgendwas muss zwischen ihnen, vor einer Ewigkeit, vorgefallen sein. Er übertrug seinem Neffen die Leitung über den Hauptsitz und zog sich selbst nach Italien zurück. Seitdem herrscht angeblich Funkstille.

Ich weiß nicht viel über ihn. Aber angeblich hat es noch nie ein Feloidea körperlich mit ihm aufnehmen können, obwohl er bereits über achtzig Jahre alt ist. Die alten Katzenfamilien sind dafür berüchtigt, viele Gendefekte zu besitzen, die sich unterschiedlich auf ihre körperliche Gesundheit auswirken. Erik hingegen ist vollkommen gesund.«

 

Mahnend sah er zu Kyo runter, der seinen Blick ernst erwiderte.

»Tu dir selbst einen Gefallen und frag Satoshi niemals nach Erik und Johann. Wenn es stimmt und er war wirklich dessen rechte Hand, dann muss etwas sehr schlimmes zwischen den beiden passiert sein. Du kennst Satoshi mittlerweile und weißt, dass er eigentlich herzensgut ist.«

Auch wenn sie zuletzt ein eher angespanntes Verhältnis pflegten, musste Kyo ihm in dieser Hinsicht zustimmen und nickte etwas. Trotz der Probleme, hatte Furukawa ihm bislang stets versucht zu helfen.

»Kannst du dir vorstellen, wie er, außer sich vor Zorn, schreit und Dinge gegen die Wand wirft?«

 

Keiner sagte etwas und nicht einmal Kyo wusste, was er darauf nun antworten sollte. Yuutos Worte hallten noch in seinem Kopf nach und das Gefühl, was sie erzeugten, gefiel ihm überhaupt nicht.

Hatte er sich so sehr in dem Arzt geirrt?

Stimmte das, was der andere Kater ihm gerade erzählt hatte?

 

»Aber«, fuhr Yuuto nach einer knappen Minute schließlich fort, »trotzdem ist Satoshi unfassbar gutherzig. Ohne ihn, würde ich nicht mehr leben.«

Obwohl er ihnen soeben eröffnet hatte, dass diese absurde Welt der Katzen einige wahnsinnig düstere Geheimnisse beinhaltete, lächelte der Jüngere ein wenig, als er dies sagte. Kyo sah zu ihm, verwirrt und misstrauisch.

»Ach wirklich?«, murmelte er, angespannt und vorsichtig, wofür er ein deutliches Nicken erhielt.

 

»Ich wurde infiziert, weil ich mich dem Feloidea in den Weg gestellt habe, welcher versucht hat meine Schwester anzufallen. Dabei wurde ich sehr schwer verletzt.« Er hielt die versehrte Hand zwar unter dem Tisch versteckt, aber Kyo wusste genau, was Yuuto damit meinte und worauf er anspielte.

»Nach einigen Tagen im Krankenhaus, erging es mir so wie dir. Erst kam das extreme Fieber, dann die Krämpfe und dann landete ich im Koma.

Obwohl die Ärzte in Nara keine Ahnung hatten, was mit mir los ist, haben sie es irgendwie geschafft mich zu retten. Ich wurde wieder gesund, konnte nach Hause gehen, aber irgendwie hatte ich trotzdem das Gefühl, das etwas nicht stimmte.«

»Heilige Scheiße«, kam es plötzlich von Dai. Auch der Rest der Band hing wie gebannt an den Lippen des Punks, was dieser mit einem scheuen Lächeln leicht erwiderte.

Auch Kyo stieß einen Laut des Unglaubens aus. Er selbst hatte ja recht früh, dank Christine, erfahren, was genau mit ihm nicht stimmte und trotzdem zählten die letzten Monate, zu den schlimmsten Erfahrungen seines Lebens. Die Unsicherheit und Angst, die er dabei ständig empfunden hatte, war sogar für ihn beinahe zu viel gewesen.

 

»Naomi bekam dies alles natürlich die ganze Zeit mit. Sie hatte große Angst um mich und merkte, wie sehr ich mich veränderte. Ich wurde wahnsinnig aggressiv, prügelte mich ständig, ging grundlos auf andere los und hatte mich überhaupt nicht mehr unter Kontrolle.«

»Ich weiß was du meinst«, stimmte Kyo ihm zu. »Am Anfang hatte ich ständig das Gefühl, dass ich jeden Moment einfach explodieren könnte. Aber immerhin wusste ich, was los ist. Du hingegen - «, er beendete den Satz nicht, denn Yuuto wusste genau, was er ihm sagen wollte.

»Es war schrecklich. Und wenn ich ehrlich bin, dann habe ich in dieser Zeit ständig daran gedacht, es einfach zu beenden. Sogar an der Universität hatte ich Hausverbot, weil ich mich immer wieder mit den anderen Studenten geprügelt habe und einmal sogar auf einen Dozenten losgehen wollte.«

 

»Was ist mit euren Eltern?«, fragte Shinya vorsichtig. Yuutos Augen wurden traurig.

»Tot«, antwortete er betrübt. »Sie starben als Naomi und ich noch Kinder waren. Wir wuchsen bei unserem Onkel auf. Aber nach meinem Schulabschluss, entschied er, dass ich mich jetzt alleine um meine Schwester kümmern könnte. Er zog weg und ließ uns in Nara zurück.«

»Wie schrecklich.«

Shinyas Blick war voller Mitgefühl und sogar Kyo empfand in diesem Moment wahnsinnig viel Verständnis für den jungen Kater.

»Ich hielt uns mit den Jobs über Wasser, welche ich neben meinem Studium hatte. Aber nach der Infektion mit dem Virus, wurde ich überall entlassen, weil ich nicht mehr zu ertragen war.« Er seufzte lange und man sah ihm an, dass er ungern an all das zurück dachte.

 

»Im Grunde habe ich es meiner kleinen Schwester zu verdanken, dass wir Satoshi fanden. Sie hat damals ihre Ausbildung an der Medizinischen Fachschule absolviert und eines Tages wurde sie von einer Dozentin angesprochen. Sie hat Naomi oft weinen sehen und dachte wohl zuerst, dass sie einfach mit dem Schulstoff überfordert wäre. Aber nachdem all der Stress bereits monatelang andauerte, war meine Schwester so verzweifelt, dass sie ihrer Lehrerin schließlich alles erzählt hat.«

»Hat sie ihr geglaubt?«, fragte nun Kaoru erstaunt.

»Ja«, nickte Yuuto. »Und ehe ich mich versah, klingelte auf einmal mein Handy und Satoshi bestellte mich in seine Praxis. Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie überrascht ich von seinem Anruf war. Wir kratzten also das bisschen Geld, was wir noch hatten, zusammen und fuhren hier her.«

Nun sah er direkt zu Kyo, welcher den Blick abwartend erwiderte.

»Du wirst vermutlich am besten verstehen, wie sich der erste Abend in seiner Praxis angefühlt hat.«

Langsam und zustimmend nickte der Sänger.

»Ja, es war als würde ich in einem Film sitzen. Das was er da erzählt hat klang total verrückt und unwirklich.«

Yuuto stimmte dem mit einem Kopfnicken zu.

 

»Ich war die ganze Zeit hin und her gerissen zwischen ‘Ist der verrückt?’ und ‘Endlich glaubt mir jemand!’. Als er hörte, dass ich Vollwaise bin und eine jüngere Schwester habe, setzte er sofort alle Hebel in Bewegung, gab Naomi einen Job in seiner Praxis und sorgte dafür, dass ich mein Studium fortsetzen konnte.« Ein dankbares Lächeln trat in sein Gesicht. »Ich verdanke ihm mein Leben. Satoshi ist viel zu gutherzig und ehrlich. Er will uns wirklich helfen, Kyo. Aber ich weiß auch, dass es Themen in seiner Vergangenheit gibt, die er am liebsten vergessen würde.«

Nachdenklich lehnte Kyo sich zurück und spielte mit den Fingern an der Serviette herum, welche um die Stäbchen gewickelt war.

»Das mag schon sein«, sagte er nach einer Weile. »Trotzdem fällt es mir schwer, ihm wieder richtig zu vertrauen. Je mehr ich über ihn und seine Vergangenheit erfahre, umso mehr frage ich mich, wer er früher war.«

»Aber er ist nicht mehr der Satoshi von damals.«

»Woher willst du das wissen?« Kyo sah ihn an, streng und doch irgendwie unergründlich. »Was wissen wir denn wirklich über das, was die bei Stjørdal alles getrieben haben?« [1]

 

 

Die Stimmung war nach diesem Gespräch natürlich auf dem Nullpunkt. Sie hatten einander einige Minuten angeschwiegen, bis es Toshiya dann schließlich doch gelungen war, eine lockere Diskussion anzuregen.

Als das Essen serviert wurde, unterhielten sie sich über Gott und die Welt und die vorherigen Themen rückten in den Hintergrund. Auch wenn es Kyo trotzdem irgendwie beschäftigte. Er versuchte sich die Grübelei nicht anmerken zu lassen, was bei Kaorus wissenden Blicken jedoch scheinbar unmöglich war.

Kurz vor Mitternacht verließen sie schließlich das Lokal; satt, zufrieden und, in Dais und Toshiyas Fall, gut angeheitert. Die sommerliche Nachtluft half ein wenig dabei, wieder einen klaren Kopf zu bekommen und so standen sie zunächst ein wenig unschlüssig herum, während sich Kaoru eine Zigarette anzündete.

 

»Ihr zwei habt ziemlich gut geladen.«

Kyo betrachtete seine beiden Kollegen amüsiert grinsend und ließ sich von Kaoru ebenfalls eines dieser kleinen, teuflischen Suchtmittel aushändigen. Seine eigenen hatte er zu Hause vergessen.

»Beschwer dich bei Toto und nicht bei mir!«, verteidigte sich Dai, welcher ihrem Bassisten gegen den Oberarm boxte, was diesen leicht zur Seite taumeln ließ.

»Grundgütiger«, vernahm der Sänger Kaorus Murmeln.

»Wieso bin ich denn jetzt wieder schuld?«, maulte Toshiya und rieb sich über die getroffene Stelle.

»Ich hab genau das bestellt, was du mir empfohlen hast, Toto. Wieso kennst du die halbe Karte überhaupt auswendig?«

»Das ist mir auch aufgefallen.« Shinya, der sich wie immer im Hintergrund hielt, lachte ein wenig.

 

»Ach«, Toshiya zuckte beiläufig mit den Schultern. »Ich hab einige meiner Dates schon hier hin ausgeführt. Die Mädels treffen sich lieber in belebten Gegenden und die Bahnstation ist hier gleich um die Ecke.«

»Aha, das erklärt so einiges.« Kyo zündete sich die Zigarette an, zog daran und rümpfte die Nase. »Kaoru mal im ernst, diese Sorte schmeckt, als hätte sie, eine Woche lang, in der dunkelsten Ecke des Tokioter Hauptbahnhofes gelegen!«

Sein Leader sah ihn an und hob fragend eine Augenbraue.

»Ich habe nie eine andere Sorte geraucht«, meinte er. »Und es ist nicht das erste Mal, dass du dir eine bei mir schnorrst.«

Verwundert blickte er auf die glimmende Zigarette zwischen seinen Fingern und runzelte die Stirn.

»Die sind wirklich scheußlich.« Aber anstatt sie auszudrücken und wegzuwerfen, hielt er sie sich einfach wieder an die Lippen und nahm einen zweiten Zug. Was ihn erneut zum Nase rümpfen und Dai zum lachen brachte.

»Die Sucht ist stark in dir, junger Padawan.«

»Ach halt die Klappe.«

 

Während Sänger und Gitarrist miteinander kabbelten, wand sich nun Toshiya wieder dem Rest zu und fragte, angeheitert durch die gute Stimmung und zu viel Alkohol.

»Dort geht es zur Flusspromenade«, woraufhin er mit der Hand in die entgegen gesetzte Richtung deutete. »Der Blick auf die Brücken lohnt sich von dort aus.«

»Hast du deine Dates, in der Dunkelheit der Nacht, auch mit zum Fluss genommen?«

»Wenn du das so formulierst, Kao, dann hört sich das viel zu gruselig an.«

Der Älteste grinste, nickte dann aber.

»Von mir aus können wir uns das ansehen. Ein bisschen Bewegung tut sicherlich gut.« Natürlich hatte er wieder den ganzen Tag nur im Büro und am Schreibtisch gesessen und zudem gefiel ihm die fröhliche Stimmung zwischen ihnen gerade zu gut, um jetzt schon nach Hause zu gehen. Es war viel zu lange her, dass sie das letzte Mal so beisammen gewesen waren.

 

»Yuuto!« Dai ließ sich plötzlich zurück fallen, während sie Toshiya folgten und legte brüderlich einen Arm um die Schultern des jungen Mannes. »Sag mal, kannst du als Katze eigentlich auch so eine Bitch sein, wie unser Kyo-chan?«

Oh ja, er war wirklich betrunken!

»Dai, ich fress deine Gitarre, wenn du mich noch mal so nennst!«, rief der Sänger von vorn, wurde aber komplett ignoriert.

Yuuto sah etwas unsicher zwischen beiden hin und her, war nicht sicher was genau er antworten sollte.

»Naja«, sagte er schließlich vorsichtig. »Er ist wesentlich dominanter als ich und viel stärker.«

»Ach?«, überrascht sah der Ältere ihn an und Yuuto nahm die deutliche Alkoholfahne wahr, versuchte aber nicht darauf zu reagieren. »Obwohl er so klein ist?«

»Dai!«, protestierte Kyo ein weiteres Mal und erneut achtete Dai nicht auf ihn.

»Unsere menschliche Größe hat nicht viel mit unsere Feloideaform zu tun. Ich bin als Katze zwar größer, aber dafür weniger muskulös und im Zweikampf würde ich ihm, sehr wahrscheinlich, schnell unterliegen.«

 

»Du hast mich, als Feloidea, doch noch nie gesehen.«

Kyo wand sich kurz zu ihnen um, musste dann aber wieder nach vorn schauen, damit er nicht versehentlich gegen eine Laterne lief.

»Das stimmt, aber ich habe von Satoshi erfahren, dass ihr zwei jagen wart.«

Als er erwähnte, dass er diese Informationen von Furukawa hatte, vernahm er von Kyo ein genervtes Knurren. Natürlich passte es dem Sänger nicht, dass sein Arzt diese Informationen einfach so weiter gab.

»Und was erzählt er so über mich? Wenn er schon hinter meinem Rücken, Dinge über mich ausplaudert, dann kannst du es mir ja ruhig sagen.«

Nun doch peinlich berührt, schüttelte Yuuto die Hand von seiner Schulter und ging ein weig auf Abstand. Es war ihm unangenehm, dass Dai ihm derart nahe war.

»Dass du zwar etwas kleiner als der Durchschnitt bist - ,« erneut ein unwirsches Murren seitens Kyo, »Aber dass deine Beißkraft außerordentlich stark sein muss. Es hat wohl mit deiner Nacken- und Schultermuskulatur zu tun.«

Daraufhin kam nichts mehr. Yuuto fragte sich, ob der andere Kater eine solche Aussage als Kompliment auffassen würde.

 

»Er meinte, dass du wirklich interessant bist. Sowohl als Mensch, als auch in der Art, wie du versuchst mit deiner Situation umzugehen und ehrlich gesagt, geht es mir da genau so.«

Die anderen hörten einfach nur zu und selbst ihre zwei betrunkenen Begleiter, hielten vorerst die Klappe. Yuuto sah auf Kyos Rücken, welcher immer noch vor ihm lief und schwieg.

»Ich weiß nicht viel über dich, aber ich habe bereits selbst herausgefunden, dass du viel Scheiße durchmachen musstest. Darum habe ich auch nicht daran geglaubt, dass du es so weit schaffen könntest. Das ist auch der Grund, weshalb ich dir helfen will, Kyo.«

Zunächst erhielt er keine Reaktion auf seine Worte. Kyo hob lediglich die Hand mit der Zigarette zum Mund, sog daran und entließ dann den stinkenden Rauch in die Nachtluft, ehe er sie am Aschenbecher einer Bushaltestelle ausdrückte und für ein paar Sekunden stehen blieb.

 

»Du hast recht, wenn du sagst, dass ich viel Scheiße durchmachen musste«, antwortete er nach einer ganzen Weile. Der Rest von ihnen war weiter gegangen, um ihnen etwas Raum zu geben. Das hier war ein Gespräch zwischen den beiden Katzen.

»Selbst ohne all das hier - «, und er deutete kurz zwischen ihnen hin und her, »Habe ich genug Probleme, die meinen Alltag vollständig ausfüllen. Eine Katze zu werden, war eigentlich nur die Kirsche auf einem Berg aus Drama.«

»Und trotzdem bist du noch immer da.«

»Du doch auch.« Endlich sah Kyo ihn an und seine Augen waren durchdringend, wie immer. »Ich besitze selbst mehr als genug Tattoos, die meine alten Wunden überdecken. Glaubst du, mir ist es nicht aufgefallen?«

Plötzlich streckte er ihm den rechten Arm entgegen, das Handgelenk nach oben gedreht und Yuutos Augen weiteten sich erstaunt, als er, kaum noch sichtbar durch jede Menge schwarzer Tinte, die dicke Narbe erblickte, welche einmal quer darüber lief.

 

»Du sagtest, dass du mehrfach kurz davor standest, es einfach zu beenden. Lügen gehört wirklich nicht zu deinen Stärken, Kleiner. Du bist weiter gegangen.«

Obwohl sie beide fast fünfzehn Zentimeter trennten, hob Kyo den Arm und schnippte ihm gegen die Stirn. Yuuto murrte und rieb sich die getroffene Stelle.

»Au, was sollte das denn jetzt?«

Vielleicht war es der wenige Alkohol, den Kyo getrunken hatte. Vielleicht aber auch nur die anhaltend gute Stimmung, welche sie, nach dem schwierigen Gespräch vor zwei Stunden, wieder aufgebaut hatten. Aber der Sänger grinste breit und offenbarte ihm einige recht willkürlich stehende Zähne.

»Eine kleine Ermahnung.« Damit wand er sich um und ging zum Rest der Band. »Dass du deine Schwester nicht alleine lassen solltest, du Vollidiot. Egal was aus dir geworden ist. Wenn ein irres Wrack wie ich das schafft, dann wirst du es erst recht schaffen!«

 

 

Es war genau so, wie Toshiya ihnen versprochen hatte. Der Ausblick auf den Fluss, die Skyline und die beleuchteten Brücken, war einfach wahnsinnig schön! Seltsamerweise waren sie alleine und, obwohl diese Stelle gut ausgebaut und mit vielen Laternen gesäumt war, war keine Menschenseele weit und breit zu sehen.

»Wow«, kam es von Shinya, der den Blick kaum abwenden konnte.

Kyo musterte ihren Drummer und grinste leicht. Es war nicht schwer, ihn zu beeindrucken. Shinya liebte Romantik und sanfte Ästhetik. Was genau er eigentlich immer noch in ihrer Band zu suchen hatte, fragte sich der Sänger in regelmäßigen Abständen. Eigentlich passte ihre Musik überhaupt nicht zu Shinyas Interessen. Aber vielleicht war es genau das, was der sensible Mann so sehr an der Arbeit mit ihnen liebte. Die Abwechslung und der Kontrast zum Privatleben.

 

»Jetzt verstehe ich, wieso du mit deinen Dates immer hier runter kommst.«, lachte Dai und wollte Toshiya ein weiteres mal gegen den Oberarm boxen, aber der Bassist wich ihm aus.

»Ja, weil man hier unten ungestört rumknutschen kann!«

»Rumknutschen?«, fragte Kyo und sah zweifelnd zu Toshiya hoch. »Wie alt bist du?«

»Ich bin halt ein Romantiker, im Gegensatz zu dir. Du schleppst die heißen Katzen ja direkt ab und legst sie flach.«

»Das eine Mal«, murmelte Kyo, der immer noch den Geschmack von Kaorus Zigaretten im Mund hatte und es wirklich bereute, der Sucht am Ende doch nachgegeben zu haben. Verdammte Automatismen!

 

»Sagt mal, Neko-san Eins und Neko-san Zwei?«, rief Dai über ihre Köpfe hinweg und bekam dafür einen zweifelnden und von Yuuto einen verwirrt fragenden Blick zugeworfen.

»Was war in euren Drinks?«, fragte Kyo, ohne eine ernsthafte Antwort dafür zu erhalten.

»Wir haben Vollmond«, redete sein Kollege einfach weiter und deutete in den Himmel, wo sich tatsächlich die runde, leuchtende Scheibe zwischen den Wolken hervor schob. »Müssen wir jetzt Angst haben, dass ihr euch spontan verwandelt?«

 

Kyo sah, wie Yuuto daraufhin die Augen verdrehte. Er selbst fing an zu lachen und grinste wölfisch.

»Nein, aber wir werden dann jedes Mal ungemein rattig und machen vor nichts und niemandem Halt! Vor allem nicht vor unverschämten, betrunkenen Gitarristen!«

Dai jaulte gespielt verängstigt auf und wich zurück.

»Kaoru hilf mir! Die wollen mich bespringen!«

»Wieso sollte ich?« Dir En Greys Bandleader steckte lässig die Hände in die Taschen und schmunzelte amüsiert. »Du bist doch derjenige, der dumme Fragen stellt.«

 

Ohne Absprache gingen sie weiter und spazierten unter den recht jungen Ahornbäumen am Fluss entlang. Auch die Bänke, die alle paar Meter am Wegesrand standen, wirkten sehr neuwertig, was darauf hindeutete, dass diese Promenade erst kürzlich angelegt wurden war. Vielleicht sogar nach dem großen Erdbeben im vergangenen Jahr.

 

»Es war eine ernst gemeinte Frage.«

»Wenn ich anfange zu bellen und den unstillbaren Drang verspüre, dir zur Begrüßung am Hintern zu schnuppern, dann schläfert mich bitte ein«, gab Kyo derart trocken zu Protokoll, dass Toshiya in einen heftigen Lachanfall verfiel. Scheinbar half die frische Nachtluft nicht gerade dabei, die Betrunkenheit von Bassist und Gitarrist zu lindern.

 

»Hey«, drang auf einmal Shinyas sanfte Stimme zu ihnen durch. Sie hatte einen Unterton, welcher Kyo stutzen ließ und er sah nach hinten, zu ihrem Drummer. »Was ist eigentlich aus diesem grauen Monster geworden?«

Augenblicklich blieb der Sänger stehen und legte leicht fragend den Kopf schräg.

»Wie kommst du denn jetzt auf diesen Wichser?«

»Naja«, Shinya rieb sich etwas nervös über die Unterarme, »Satoshi sagte doch, dass er hinter dir her ist. Darum frage ich mich gerade, ob es so eine gute Idee ist, wenn wir nachts hier herum laufen.«

Da er die Bedenken seines Gegenübers zwar verstehen konnte, aber die Stimmung nicht wieder derart drücken wollte, lächelte Kyo ihn an und versuchte dabei möglichst locker zu wirken.

»Wir sind hier weit genug von Satoshis Revier entfernt und außerdem wird er uns wohl kaum in einer so großen Gruppe angreifen. Zumal,« und er deutete auf Yuuto, »bin ich nicht alleine hier. Es wird nichts passieren, Shin. Und sollte Katsuo doch dumm genug sein und es versuchen, dann werden wir ihm seinen verdammten, getigerten Arsch aufreißen!«

 

Yuuto war in der Hinsicht weniger optimistisch, versuchte es sich aber nicht anmerken zu lassen. Als Kyo bereits wieder zu den anderen aufschloss, ließ er sich zu Shinya zurück fallen und erwiderte den sanften Blick des unfassbar schönen Mannes, mit einem freundlichen Lächeln.

»Er hat Recht«, sagte er, auch wenn es nicht ganz ehrlich war. »In einer solch großen Gruppe, sind wir sicher. Katsuo ist verrückt, aber nicht lebensmüde.«

»Trotzdem.« Shinya seufzte schwer. »Wenn ich an das zurück denke, was damals passiert ist, wird mir jedes mal ganz übel. Er hätte mich fast gebissen!«

»Kyo?«

»Nein, dieser Katsuo.« Ein heftiger Schauer ging durch den schlanken Körper des anderen. »Er wollte Kyo herausfordern und hatte mich in seiner Gewalt und wenn ich ehrlich bin, dann habe ich noch immer Albträume davon.«

»Oh.« Yuuto suchte nach den passenden Worten. »Das wusste ich nicht.«

 

Sie schwiegen und gingen einfach nebeneinander her, während Kyo von Dai und Toshiya in die Mitte genommen und mit allerlei sehr dummen Fragen gelöchert wurde. Nicht gerade wenige davon, hatten mit Werwölfen und Vampiren zu tun und der andere Kater wirkte bereits ausgesprochen genervt von all dem; ertrug es aber tapfer.

»Manche von uns sind wirklich verrückt«, sagte er irgendwann mit gesenkter Stimme. »Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass sie mit ihrer Katzennatur nicht klar kommen, oder ob das Virus irgendwelche Schäden am Gehirn hinterlässt. Katsuo gehört leider zu denen, die sich zu gern der Blutlust hingeben.«

 

»Und Sie, Yuuto-san?« Im Gegensatz zu dem, teilweise betrunkenen, Part der Band, blieb Shinya sogar jetzt höflich.

»Ich?« Yuuto schaute ihn an, überrascht von dieser Frage. »Als Feloidea denken wir anders, als wir es als Menschen tun. Wir werden zu den Marionetten unserer Instinkte und es ist sehr schwer, in diesem Zustand rational zu bleiben. Allerdings habe ich es so weit im Griff, dass ich sogar als Katze meine Schwester um jeden Preis beschützen will.«

Wieder ging sein Blick zu Kyo, der nun Dai von sich weg schob, welcher versuchte seine Schulter als Stütze zu benutzen.

Auch Shinyas Augen waren auf den Sänger gerichtet und er dachte ein paar Momente nach.

»Ich glaube, dass es Kyo genau so geht. Als Katsuo auf Kaoru und mich losgegangen ist, hat Kyo ihn, unter Einsatz seines Lebens, angegriffen und von uns fern gehalten.« Bei den Erinnerungen an den Abend, wurde der Ausdruck in seinen Augen traurig.

»Es war schrecklich, ihn so verletzt zu sehen. Wäre Doktor Furukawa nicht so schnell bei uns gewesen, dann wäre er vielleicht sogar verblutet.«

 

»Terachi-san«, der Punk sah ihn wieder an. »Ich bin sicher, dass Sie recht haben. Kyo ist wirklich speziell und, auch wenn er und ich nicht besonders gut miteinander auskommen, glaube ich, dass er Sie vier jederzeit beschützen würde.«

»Nicht gut auskommen?«, wiederholte Shinya seine Worte verblüfft. »Also bislang macht es nicht den Eindruck, als hätte Kyo ein Problem mit ihnen, Yuuto. Er ist sogar erstaunlich offen, Ihnen gegenüber.«

Der Jüngere lächelte ein wenig verunglückt.

»Trotzdem ist es schwierig. Wir wollen einander instinktiv meiden. Seine Dominanz ist für mich ein Problem. Ich kann meine Gefühle gut unterdrücken und den Willen meiner Katze besser kontrollieren, als es bei ihm noch der Fall ist. Aber trotzdem empfinden wir die Anwesenheit, des jeweils anderen, als schwierig. Ein paar Stunden mag es gehen. Aber ich weiß nicht, wie wir mehrere Tage aushalten sollen, ohne aufeinander loszugehen.«

 

Shinya antwortete ihm etwas, doch Yuuto achtete nicht darauf. Denn genau in diesem Moment ging ein Schauer durch seinen Körper. Seine Nackenhaare stellten sich auf und seine Muskeln waren mit einem Mal so angespannt, als würde es sie jede Sekunde zerreißen.

Ein vertrauter Geruch stieg ihm in die Nase und so wie sich auch Kyo versteifte und stehen blieb, hatte er es ebenfalls bemerkt. Die anderen brauchten ein wenig, um zu registrieren, dass sich irgendwas an der Atmosphäre geändert hatte. Aber dann blieben auch sie stehen und sahen sie beide fragend an.

»Was ist?« Kaoru trat neben ihn und beobachtete wie Kyo sich fast schon nervös umsah.

»Yuuto?«, wand sich der Leader nun an den zweiten Kater, welcher ebenfalls den Blick unruhig umher huschen ließ und dabei versuchte, die Quelle des unangenehmen Geruchs ausfindig zu machen.

»Siehst du ihn?«, fragte er an Kyo gewandt, welcher jedoch den Kopf leicht schüttelte, sich dann aber urplötzlich umdrehte und auf eine Stelle zwischen den Bäumen starrte, die zwischen ihnen und einer Ummauerung standen und sich dabei leise im Wind wiegten.

Für die anderen war dort nichts zu sehen, außer harte, pechschwarze Schatten. Er hingegen glaubte eine Bewegung zu erkennen und so etwas wie einen struppigen Nackenkamm. Mit einem lauten Rascheln verschwand die Gestalt, aber das Gefühl beobachtet zu werden, blieb.

 

»Wie lange folgt er uns schon?«, fragte er mit gesenkter Stimme, nach wie vor angespannt an seiner Position verharrend.

»Keine Ahnung«, flüsterte Yuuto, welcher etwas dichter zu Shinya rückte. »Möglicherweise seit wir das Lokal verlassen haben. Der Wind hat gedreht.«

Tatsächlich wäre er ihnen vermutlich noch eine ganze Weile unbemerkt hinterher gelaufen, hätte der plötzliche Richtungswechsel den unverkennbaren Geruch nicht zu ihnen getragen.

Kaoru musste nicht extra nachfragen, was denn los sei. Er verstand es auch so.

»Lasst uns zurück gehen«, riet er und wollte sich bewegen, aber Kyos Hand schnellte vor und krachte ihm unangenehm gegen die Brust.

»Nein, warte«, knurrte der Sänger, behielt die Hand wo sie war und lauschte in die nächtliche Stille. Ihr Verfolger war nicht mehr zu sehen, oder zu hören.

»Ist er das?«, fragte nun Shinya, deutlich verängstigt.

»Ich bin nicht sicher.« Kyo versuchte sich seine letzte Begegnung mit Katsuo in Erinnerung zu rufen, scheiterte jedoch und seufzte frustriert. »Und eigentlich will ich es auch gar nicht wissen.«

‘Wenn es wirklich Katsuo ist, dann ist er vorsichtiger geworden’, ging es ihm durch den Kopf. ‘Oder liegt es daran, dass wir zu zweit sind? Verdammt, wir müssen hier sofort weg.’

Endlich senkte er die Hand, die immer noch an Kaorus Brust lag und nickte in die Richtung, aus welcher sie gekommen waren, ohne den Blick von den Bäumen zu nehmen.

»Lasst uns gehen.«

Ein erleichtertes Aufatmen ging durch ihre kleine Gruppe.

Kyo selbst ging mit Kaoru vor, dann folgten Dai und Shinya, dann Toshiya und Yuuto zum Schluss. Ohne eine konkrete Absprache, sicherte er sie im Rücken.

 

»Tut mir leid«, entschuldigte sich plötzlich der große Bassist. »Ich dachte es wäre eine gute Idee, hier her zu kommen.«

»Schon gut.« Yuuto versuchte es mit einem aufbauenden Lächeln, als der andere Mann ihn kurz ansah. »Mit unsereins etwas zu unternehmen, kann leider sehr oft - ehm - unvorhersehbar sein. Vor allem nachts.«

Innerlich schalt er sich einen Trottel, weil er sich der Unbeschwertheit des Abends so unbedarft hingegeben hatte.

»Trotzdem hätte ich - Yuuto

 

Beinahe in Zeitlupe sah er, wie der Musiker stehen blieb, wie sich seine Augen weiteten, wie sich sein Gesicht in pures Entsetzen verwandelte. Yuuto fragte sich dabei, absurder weise, wieso um alles in der Welt Toshiya auf einmal seinen Namen schrie - oder wieso er hinter sich, wie aus dem Nichts, ein lautes Schnaufen vernahm, gepaart mit dem Geräusch von Pfoten, die über den asphaltierten Weg trommelten.

Dann packten ihn zwei, mit riesigen Klauen bestückte, Hände an den Oberarmen und ein kräftiger, heißer Kiefer schloss sich um seine rechte Schulter.

 

***
 

Kapitel 23 ¦ Katzenschutz


 

***

 

Toshiya folgte einem merkwürdigen Instinkt. Obwohl nicht er es war, der angegriffen wurde, riss er die Arme vors Gesicht, als versuche er sich selbst zu schützen. Schon im nächsten Moment traf heißes Blut seine Haut und er wich mit einem entsetzen Schrei zurück.

Jemand griff nach ihm, zerrte ihn nach hinten und als er zwischen seinen, immer noch erhobenen, Unterarmen durch blickte, schrie er erneut auf. Dieses Mal jedoch aus Angst und Panik.

Der Feloidea hatte es irgendwie geschafft, sich ihnen unbemerkt so sehr zu nähern, dass er den armen Yuuto von hinten überrascht hatte. Nun hielt er den jungen Punk mit seinem kräftigen, riesigen Klauen fest und hatte sich in dessen Schulter verbissen. Das eben noch schöne weiße Hemd, war binnen weniger Sekunden blutdurchtränkt und aus dem Mund des jungen Mannes erklang ein ersticktes Gurgeln, als sich seine Lunge mit Blut füllte.

 

»Oh mein Gott!«, schrie Shinya neben ihm auf, die Hände an den Mund gepresst und am ganzen Leib zitternd. Toshiya hingegen starrte auf seine Arme, auf das Blut daran, wie es an ihm herunter lief und sich dabei brennend heiß anfühlte. Er stand sichtlich unter Schock.

Yuuto seinerseits schrie vor Schmerz, wand sich im Griff der Katze, aber je mehr er sich wehrte, umso stärker verbiss sie sich in ihm. Sie musste den oberen Teil seines rechten Lungenflügels perforiert haben, das spürte er deutlich.

Ihm wurde schwindlig, als sein Körper nicht mehr dazu in der Lage war, ihn mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen und jeder Atemzug bereitete ihm sagenhafte Schmerzen. Die Kombination aus all diesen Dingen, führte nun leider auch dazu, dass ihm die Transformation seinerseits verwehrt bliebt, um seinem Gegner von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu treten.

 

Im Gegensatz zu dem goldbraunen Schatten, der plötzlich zwischen den geschockten Männern hervor schoss und sich auf das Monstrum stürzte, welches ihn eisern festhielt.

Mit einem lauten Brüllen verbiss sich Kyo in dem aufgerichteten Nacken des Feloidea und umschlang dessen Hals mit seinem kräftigen Armen. Dabei war der Schwung, durch seine eigene Geschwindigkeit, derart stark, dass er beinahe auf den Rücken der fremden Katze sprang.

Yuuto spürte, wie sich die Zähne für einen Augenblick tiefer in sein Fleisch gruben, dann verschwanden sie, so schnell wie sie gekommen waren und er brach mit einem lauten Röcheln zusammen. Hinter ihm tobten die monströsen Wesen, wie wahnsinnig ineinander verkeilt und verbissen und die vormals stille Nacht, verwandelte sich in ein irrsinniges Gemisch aus Fauchen und Brüllen.

Dann gab es einen lauten Knall, untermalt von einem zornigen Fauchen. Der Lichtkegel der Laterne, links von ihnen, begann hektisch zu schwanken. Kurz darauf wurde der Weg um sie herum flackernd in Dunkelheit gehüllt.

 

Jemand war bei ihm, er sah Hände und Gesichter, aber alles war so schrecklich undeutlich und rückte, mit rasender Geschwindigkeit, in weite Ferne.

»Yuuto-kun, bleib bei uns!«, vernahm er Shinyas angsterfüllte Stimme. »Kaoru! Ruf einen Krankenwagen!«

»Nein!«, Yuutos Worte hörten sich an, als müssten sie sich zuerst aus morastigem Sumpf heraus kämpfen. Er verlor viel zu viel Blut. »Satoshi.« mehr brachte er nicht zu Stande. Statt dessen sah er, wie sich Shinya sein eigenes Hemd auszog und es ihm mit ganzer Kraft auf die riesige Bisswunde presste. Wieder umfing ihn dieser irre Schwindel und kurz war er verwirrt davon, dass der Horizont auf einmal nach links stürzte. Kurz bevor er aufschlagen konnte, wurde ihm klar, dass er selbst es war der kippte.

 

Halb in Shinyas Armen liegend, den provisorischen Druckverband gegen die Wunde gepresst, atmete er rasselnd ein und aus und irgendwo am Rande seiner Wahrnehmung hörte er auch Kaoru, der aufgeregt mit jemandem redete.

»Naomi«, wisperte Yuuto leise und schwach. Durch den Schleier, der sich über seine Augen legte, nahm er verschwommen die beiden Katzen wahr, die einander gegenüber standen, beide bereits mit tiefen Biss- und Kratzwunden.

Kyos Gegenspieler war riesig! Er überragte den Jaguarfarbenen Kater um mehr als eine Kopflänge, war allerdings deutlich schlanker und und sein Fell wirkte, in der Dunkelheit, beinahe schwarz. Die Vorder- sowie Hinterpfoten hingegen, wirkten wesentlich heller als der Rest.

 

Kyo ging unruhig vor der Gruppe auf und ab, seinen Gegner nicht aus den Augen lassend. Er wusste zwar nicht wieso er das tat, aber dem Kater war absolut klar, dass er dieses dunkle Ungetüm auf keinen Fall näher an diese Menschen heranlassen wollte.

Schnaubend atmete er durch die Nase aus, da ihn der Gestank vom Blut des jüngeren Feloidea, den Verstand zu vernebeln schien. Es heizte seine Mordlust an und eben diese wollte er unbedingt an ihrem Angreifer stillen, seine Zähne in dessen Fleisch schlagen, ihm die Haut mit den Klauen aufschlitzen und ihm verdammt nochmal die Kehle rausreißen! Er hatte es gewagt sein Rudel anzugreifen und das würde er bereuen.

Dabei ignorierte er die Schmerzen, welche von den Bisswunden in seinem Oberarm und der linken Körperseite ausgingen. Alles in ihm kochte über vor Adrenalin, während er immer noch hin und her lief. Sein Schweif peitschte aggressiv durch die Luft, unter seinen riesigen Pfoten knirschten kleine Steinchen, während sein lautes und wütendes Schnaufen durch die Nacht hallte.

‘Na komm doch!’, schien er sagen zu wollen. ‘Versuch es doch und stirb dabei!’

Kyo riss das Maul auf und zog die Lefzen nach oben. Von seinen langen Fangzähnen tropfte blutiger Speichel und aus seinem Rachen erklang ein dunkles und fauchendes Brüllen.

Der andere erwiderte es; nicht einmal ansatzweise so laut wie er selbst, aber nicht minder aggressiv.

 

Plötzlich blieb Kyo stehen, die Schultern angespannt, der Nackenkamm aufgerichtet, die Ohren leicht angelegt und jeder Muskel angespannt und bereit zum Angriff. Sie sahen einander direkt in die Augen, jeder auf seiner Seite verharrend, wütende Laute ausstoßend.

Im nächsten Moment sprang sein Rivale auf ihn zu und schnappte nach Kyos Kehle. Doch der goldbraune Kater wich ihm aus, biss ebenfalls zu und grub seine Zähne erneut in die Schulter des Feloidea.

Dieser brüllte zornig auf, versuchte ihn abzuschütteln und scheiterte daran. Gegen diese unfassbar starke Beißkraft, hatte er keine Chance. Also blieben ihm nur noch seine eigenen Krallen, welche er Sekunden später in die ungeschützte Seite Kyos hieb.

Dieser richtete sich auf, zog ihn dabei mit sich und begann sein ganzes Körpergewicht gegen das seines Gegners zu drücken.

 

Kaoru konnte kaum fassen, was er da sah. Aus der Nähe und im direkten Vergleich, sah er was Yuuto gemeint hatte. Kyo war tatsächlich kleiner als der andere Feloidea. Aber er war viel kompakter und unter dem dichten Fell, arbeiteten beeindruckende Muskelberge!

Mittlerweile standen beide Katzen beinahe aufrecht wie Menschen, obwohl dies von ihrer natürlichen Anatomie eigentlich nicht so vorgesehen war. Erst auf den zweiten Blick wurde ersichtlich, dass es ganz allein Kyos Kraft war, welche sie so nach oben stemmte. Denn auch die Hinterbeine des Katers, welcher eine Fellfarbe eines Jaguars besaß, waren zwar kürzer, dafür aber offensichtlich stärker.

Der Leader verstand nicht genau, was ihr Kollege da soeben versuchte. Dann aber wurde es ihm mit einem Schlag klar und er riss die Augen vor Erstaunen und Entsetzen auf. Entsetzen deshalb, weil ihm bewusst wurde, dass diese vermeintlichen Tiere tatsächlich rational dachten und planten!

 

Kyos Kiefer hatte sich noch immer in der Schulter des Größeren verbissen, während er ihn zunächst nach oben und dann langsam nach hinten drückte. Er spielte die schlanke und wendige Statur des anderen Kater, gegen ihn aus, indem er ihn über dessen Körperachse hinaus drückte und im Versuch ihn somit zu Fall zu bringen.

Dies schien nun auch seinem Rivalen klar zu werden, zumindest glaubte Kaoru, dies im panischen Blick der Werkatze zu deuten. Ohne dass er es wollte, tauchten die Erinnerungen an den Abend in seinem Garten auf und der Anblick seines Sängers, wie er versucht hatte Katsuo im Teich zu ertränken. Würde es wieder tun? Nur dieses Mal direkt im Fluss und nicht -

 

KRACH!

 

Mit einem lauten Poltern, kippte das größere der zwei monströsen Wesen schließlich nach hinten und landete, untermalt von einem schmerzerfüllten und wütenden Brüllen, auf dem Rücken. Kyos Vorderpranken droschen dabei gewaltvoll auf dessen Brust und drückten ihn runter, während sich der andere wand und ihm immer wieder die Klauen blindlings ins Fleisch schlug.

Aber er ließ ihn nicht los! Statt dessen schaffte er es irgendwie, nun auch eines seiner Hinterbeine auf den Bauch des fremden Katers zu stellen und ihn irgendwie in dieser Position zu halten.

Erneut ineinander verkeilt und sich nichts schenkend, löste er eine der Krallenhände und lies sie hoch zum Maul des Angreifers schnellen. Er presste sie ihm gegen die Unterseite des Kiefers, grub die Klauen in Fell und Haut und drückte ihm den Kopf brutal in den Nacken. Es kostete Kyo all seine Kraft, der heftigen Gegenwehr stand zu halten. Schließlich jedoch hatte er ihn so weit, dass er es wagte seine Zähne aus der Schulter des dunklen Katers zu ziehen und sie statt dessen in dessen nun ungeschützter Kehle zu versenken.

 

Dass es gar nicht mal so leicht war, jemandem, und erst recht keinem Feloidea, die Kehle durchzubeißen, verstand er spätestens jetzt. Der harte Knorpel war ausgesprochen widerstandsfähig. Noch dazu spürte er, wie ihn sein Gegner erneut im Nacken packte und an ihm zog und zerrte, je mehr sich Kyos Kiefer um seinen Hals schlossen.

Er hatte nicht vor, ihn tot zu beißen. Tatsächlich waren seine animalischen Instinkte darauf aus, den anderen einfach zu ersticken. Seine erbarmungslose Ausdauer, gegen die Wendigkeit des dunkelbraunen Katers. Der Boden um sie herum, war längst blutgetränkt und bedeckt mit ausgerissenen Fellbüscheln.

 

Und sicherlich hätte Kyo, noch minutenlang damit weitermachen können, hätte sich in seinem Gegner nicht das letzte bisschen Selbsterhaltung eingeschaltet und ihn dazu veranlasst, seine Krallen einmal quer über das Gesicht des Jaguars zu ziehen. Vielleicht waren es Zufall und Glück zu verschulden, vielleicht aber auch das Resultat einer logischen Entscheidung.

Was es auch war, es veranlasste Kyo dazu, seinen Kontrahenten loszulassen und mit einem wütenden Fauchen zurück zu weichen. Blut lief ihm in die Augen, seine Sicht verschwamm zu einem dunklen Durcheinander und das machte ihn nur noch zorniger. Denn jetzt konnte er seinen Gegner kaum noch sehen, welcher immer noch als schemenhafte, in sich zusammen gekauerte Gestalt am Boden lag.

 

Er war noch nicht erledigt; wie es den erschöpften, aber ebenfalls zornigen Lauten zu vernehmen war. Andererseits schien er ihn aber auch nicht mehr angreifen zu wollen. Kyo begann, erneut auf und ab zu gehen, dabei schüttelte er immer wieder den Kopf und griff sich mit einer seiner Vorderpfoten ins Gesicht. Der tiefe Schnitt verlief über seine Stirn, den Nasenrücken nach unten, zu seiner Schnauze und hatte ihm schließlich sogar die Lefzen aufgekratzt. Zum Glück waren seine Augen verschont geblieben, aber das hinderte das Blut nicht daran, beständig in eben diese zu laufen und ihn fast blind zu machen. Es rann an ihm herunter, tropfte zu Boden und mischte sich in der großen Lache zwischen ihnen.

 

Der Atmen des anderen ging langsam und schwer, dann aber richtete er sich mit einem Mal auf, was Kyo dazu veranlasste wieder stehen zu bleiben und zu buckeln.

Sollte er doch kommen und es noch einmal versuchen!

Hinter dem dunklen Schleier aus Schwarz und Rot, erkannte er die Umrisse des Katers. Aber anstatt sich ihm zu nähern, wich er auf allen Vieren zurück, humpelnd und zornig knurrend, der Schwanz zwischen die Beine gezogen.

Er gab tatsächlich auf?

Um seinen Sieg zu unterstreichen, verlagerte Kyo sein eigenes Gewicht wieder auf seine Hinterbeine, richtete sich auf und zog die Lefzen nach oben, auch wenn ihm dabei immer mehr seines eigenen Blutes ins Maul lief. Schnaufend sog er Luft in seine Lungen und entließ sie dann für ein letztes, tiefes und schauriges Brüllen.

 

Kaoru traute sich kaum zu atmen, geschweige denn auch nur einen Finger zu bewegen. Der Anblick des goldenen Tieres, welches über und über mit Blut beschmiert war, jagte ihm eine schreckliche Angst ein. Hatte er sie beschützt? Oder basierte dieser Kampf nur auf einer reinen Revierrangelei und Kyo würde sich jeden Moment zu ihnen umdrehen und sie ebenfalls anfallen?

Was sollte er tun?

Wie sollte er die anderen vor Kyos Blutrausch beschützen?

Und noch dazu mit dem verwundeten Yuuto, welcher in Shinyas Armen lag und sich nicht mehr rührte. Nur das leise, rasselnde Atmen zeugte davon, dass er noch am Leben war. 

Aber wie viel Zeit blieb ihnen noch übrig?

Würde Satoshi es rechtzeitig zu ihnen schaffen?

 

»Yuuto!«, durchdrang ein lauter und panischer Schrei die Nacht.

Kaoru zuckte heftig zusammen, ebenso die anderen und auch der verbliebene Feloidea wand sich dem Ursprung des Geräuschs zu, welches sich rennend auf sie zu bewegte. Die Stimme war weiblich und dann erkannte er eine zierliche, junge Frau, mit dunklen Haaren und gekleidet in Jeans und T-Shirt, welche in ihre Richtung gerannt kam. Ihr stand die pure Panik ins Gesicht geschrieben und trotz dessen, musste Kaoru zugehen, dass sie dem Punk wirklich zum verwechseln ähnlich sah. Dass sie seine kleine Schwester sein musste, stand also außer Frage.

Offenbar war sie derart in Sorge um ihren Bruder, dass sie die Gefahr, die von Kyo ausging, überhaupt nicht registrierte. Dieser für seinen Teil wurde zu sehr von seinen animalischen Instinkten gesteuert, gemischt mit dem nachklingenden Rausch des Kampfes, was ihn dazu veranlasste warnend zu knurren und einen Schritt auf sie zu zugehen.

 

»Nein!«

Es war eher ein Automatismus, der Kaoru dazu brachte sich zwischen Kyo und die junge Frau zu stellen, die Arme zur Seite gestreckt, wie ein Tiertrainer. Er hoffte einfach, die Aufmerksamkeit des Katers auf sich zu ziehen und war überrascht, als dies tatsächlich funktionierte. Nun jedoch musste er sich zwangsläufig die Frage stellen, ob das wirklich klug war und was er nun tun sollte.

»Nein, Kyo! Lass sie in Ruhe!«

Verstand er ihn überhaupt? Kaoru schlug das Herz bis zum Hals und er konnte nicht verhindern, dass seine Glieder vor Angst zitterten. Immer wieder huschten die hellblauen Augen zu Naomi, welche neben dem bewusstlosen Yuuto kniete, der noch immer von Shinya festgehalten wurde und Kaoru, der vor ihm stand, hin und her.

 

‘Er ist ein Spielball seiner Natur’, schoss es dem Leader unwillkürlich durch den Kopf, kurz bevor er eine weitere Stimme hörte. Da er den Blick nicht von Kyo lassen wollte, wagte er es nicht sich umzudrehen. Aber auch wenn er irgendwie immer noch sauer auf ihn war, war er froh darüber, Satoshi bei ihnen zu wissen.

»Mein Wagen steht dort hinten! Da sind Betonabsperrungen, ich komm nicht weiter heran.«, rief der ältere Mann angespannt und seine Schritte stoppten abrupt, als plötzlich ein erneuter Ruck durch den goldenen Kater ging, dessen Blick einen Punkt, über Kaorus Schulter hinweg fixierte.

Kyo begann tief und bedrohlich zu knurren und kam näher. Kaoru, völlig überfordert mit der Situation, versuchte sich irgendwie in die Blickrichtung des Feloidea zu stellen und ihn irgendwie von Furukawa abzulenken.

»Nein! Sieh mich an, Kyo!« Natürlich verstand er ihn, das war klar. Aber die eigentliche Herausforderung jetzt bestand darin, ihn davon zu überzeugen, ihm auch tatsächlich zuzuhören!

 

»Dai, Toshiya!«, bellte Kaoru regelrecht, was seine Bandkollegen heftig zusammenzucken ließ. Sie standen alle unter Schock. »Ihr tragt Yuuto und bringt ihn hier weg.«

»Aber du - .«

»Tut was ich sage, Dai!«

Hätte Kaoru sich umgedreht, dann wäre ihm aufgefallen, dass Satoshi wieder auf Abstand gegangen war. Der Arzt hatte längst erkannt, dass sein Auftauchen für nicht gerade wenig Spannung gesorgt hatte und dass Kyo nur seinetwegen derart finster grollte.

Endlich kam Bewegung in die anderen und im Augenwinkel sah Kaoru, wie ihre Schatten umher huschten, bis Yuuto zwischen ihrem Gitarristen und Bassisten hing, wie eine leblose Puppe. Von Naomi erklang immer wieder ein heftiges Schluchzen, Shinya hingegen sagte kein einziges Wort. Er drückte das blutverschmierte Hemd an sich, um irgendwie nach so etwas wie Halt zu suchen. [1]

 

»Kaoru?«, wisperte der Drummer zitternd. Die schnellen Schritte, die sich von ihnen entfernten und das Schleifen von Yuutos reglosen Schuhen über den Asphalt, zeugten davon, dass die anderen zu Satoshis Auto eilten.

Auch Kyo sah es und wollte bereits vorpreschen und die Verfolgung aufnehmen, aber wieder stellte sich ihm Kaoru mitten in den Weg, die Arme immer noch zur Seite gestreckt - allmählich wurden sie wirklich schwer.

»Kaoru komm, bitte«, flehte Shinya, der nur einen raschen Seitenblick erntete, ehe sich die Augen des Gitarristen wieder auf Kyo einschossen.

»Kyo.« Er versuchte seine Stimme so fest wir möglich klingen zu lassen, auch wenn es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit war. Die Luft war geschwängert vom Gestank des Blutes und die Schreie der Monster hallten noch immer in seinen Ohren nach. Kaoru war sich sehr sicher, dass es ihn bis in seine Träume verfolgen würde.

 

Es passte dem Kater ganz und gar nicht, dass er sich ihm immer wieder in den Weg stellte, was sich deutlich in der Unruhe zeigte und darin, dass er buckelte und ein aggressives Fauchen ausstieß. Aber aus irgendwelchen Gründen, griff er ihn trotzdem nicht an und bewegte sich statt dessen nervös hin und her.

Kaorus Augen huschten immer wieder zu den riesigen Blutflecken auf dessen Fell und blieben dann für mehrere Sekunden an den Wunden hängen. Würde Kyo sich jetzt zurück verwandeln, wäre das sehr schlecht. Satoshi hatte sicherlich gerade alle Hände voll zu tun, Yuuto zu retten. Da konnte er sich nicht auch noch um Kyo kümmern.

»Ganz ruhig, Kyo«, schlug der Leader nun sanftere Töne an und näherte sich dem riesigen Tier langsam. Kyos Augen blickten in die seinen und er wäre am liebsten auf dem Absatz umgekehrt und abgehauen. Aber es waren nicht allein Kampfesrausch und Blutlust, die er in ihnen erkannte. Da war auch etwas anderes, flehendes und zutiefst verunsichertes.

»Alles ist gut.«

 

Er wusste nicht, wo er den Mut hernahm, vorsichtig und zitternd die Hände auszustrecken und sie ihm entgegen zu halten. Kaoru hatte doch deutlich gesehen, was der Sänger mit diesem gewaltigen Kiefer alles anstellen konnte und es brauchte nur einen einzigen Biss, um ihn wirklich schlimm zu verletzen.

Die blauen Augen richteten sich auf die Hände des Gitarristen, dann sah er ihm wieder direkt ins Gesicht und beugte sich langsam vor. Dabei kippte der Körperschwerpunkt des Katers und er ließ sich geschmeidig auf alle Viere nieder, die großen Vorderpranken dabei auf den blutigen Boden drückend.

Und plötzlich waren sie beinahe auf Augenhöhe, was in Kaoru eine seltsame Mischung aus Erleichterung und Angst auslöste. Hinter dieser Katzenmaske sollte sich wirklich Kyo verbergen? Sein persönlicher Quälgeist, stimmgewaltiger Dämon, Nerd und poetisches Genie?

Heißer Atem traf auf seine Finger und die Haare an seinen Unterarmen stellten sich auf. Kyos Maul war nun nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt, aber er machte keine Anstalten nach ihm zu schnappen. Statt dessen zog er langsam und geräuschvoll die Luft ein, schnupperte an Kaorus Händen und drückte schließlich sogar seine Nase dagegen.

 

Der Gitarrist hatte das Gefühl, jeden Moment vor Angst umzukippen, aber er traute sich nicht, einen Rückzieher zu machen. Also ließ er die Hände wo sie waren und erschreckte sich heftig, als nur zwei Sekunden später eine große, raue Zunge über seine Handflächen leckte. Heißer Speichel und Blut verteilten sich darauf, denn noch immer lief letzteres über Kyos Gesicht und Schnauze. Der Schnitt sah aus der Nähe noch viel schlimmer aus und Kaoru fragte sich, ob der Kater starke Schmerzen hatte. Aber die Kreatur blieb absolut ruhig und widmete sich weiter der Aufgabe, ihm über die Hände zu lecken.

Er hatte wirklich keine Ahnung was das sollte, oder was er selbst von seiner eigenen Aktion eigentlich erwartet hatte. Dann verschwand die Schnauze und Kyo drückte laut schnurrend den gewaltigen Schädel gegen seine Hände, rieb sich daran und gab Laute von sich, die Kaoru allenfalls bei einer Hauskatze erwartet hätte, aber nicht bei dieser monströsen Variante einer Mischung aus Jaguar und Mensch!

 

Nicht sicher, ob das was er tat richtig war, bewegte er nun seinerseits die Hände und widmete sich den Stellen an Kyos Kopf, die nicht zerkratzt waren. Erst zögerlich, dann aber mit wesentlich mehr Druck, strich er über die Wangenknochen, die Unterseite des Kiefers und schließlich über den Bereich zwischen den Ohren. Eigentlich war das Wesen auf seine Weise schön - wäre da nicht der Fakt, dass es eigentlich ein Mensch und genau jetzt über und über mit Blut beschmiert war.

Kaoru hatte ein einziges Mal einen Jaguar im Zoo gesehen und selbst die normalen Tiere waren beeindruckend schön. Dies hier toppte trotzdem alles, was er sich je hätte erträumen können. Mal ganz abgesehen davon, dass er seit Monaten knietief in einem Albtraum steckte.

»Alles ist gut«, hauchte er, mehr zu sich selbst und blendete mittlerweile sogar Shinya aus, welcher immer noch schräg hinter ihm stand und all das fassungslos beobachtete.

 

Dann trat Kyo einen weiteren Schritt auf ihn zu, das Blut platschte geräuschvoll unter seiner Pfote und spritze nach oben in sein Fell. Kaoru hatte kaum die Zeit zu reagieren. Seine Hände rutschen vom Kopf des Katers, auf dessen Hals und im nächsten Moment sah er sich so nahe mit dessen Gesicht konfrontiert, dass er seinen Atem nun direkt auf sich spürte. Kaoru hielt die Luft an, dachte sein letztes Stündlein hätte geschlagen. Dann aber drückte sich die breite Stirn des Monstrums gegen seine und Kyos Augen drifteten ganz von alleine zu.

Es war tatsächlich die vertraute Geste - ihr Ritual!

Tat er das automatisch, oder bewusst?

Kaoru war so überfordert, dass er zunächst nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Dann jedoch hob er vorsichtig eine Hand, presste sie in den dichten Nackenkamm, spürte wie die Muskeln unter dem etwas rauen Fell arbeiteten, die Hitze, die von dem Kater ausging und versuchte dabei den Gestank des Blutes irgendwie auszublenden.

»Alles ist gut«, sagte er immer wieder, auch wenn ihm eigentlich zum schreien zu Mute war.

 

***

 

Es war seltsam, er fühlte sich gleichzeitig wie in Watte gepackt und erschlagen. Sein Körper war seltsam schwerelos, trotzdem konnte Yuuto die harte Matratze unter sich spüren, die ihm unangenehm in die Muskeln drückte. Irgendwas piepste laut und er runzelte angestrengt die Stirn, da ihm das Geräusch wie Nadeln in den Ohren stach.

Er versuchte tiefer einzuatmen, aber ein heftiges Stechen brachte ihn dazu, einen gequälten Laut auszustoßen.

Was um alles in der Welt war hier los?

Wieso fiel es ihm so schwer, auch nur einen Finger zu bewegen?

Und da war es schon wieder! Dieses schrille Piepsen rechts von ihm und immer noch konnte er es einfach nicht zuordnen.

War das sein Wecker?

Seit wann machte dieser solche Geräusche?

 

‘Vielleicht der Feueralarm?’, schoss es ihm durch sein ermüdetes Gehirn. ‘Ich sollte die Batterie wechseln.’

»Hm«, machte er angestrengt und öffnete ein Auge, das andere fühlte sich an wie zugeklebt.

‘Großer Gott, wie viel habe ich denn gestern getrunken?’

Schwammig konnte er sich daran erinnern, mit jemandem ausgegangen zu sein. Aber ihm fiel nicht ein, wer dies gewesen sein könnte, oder wohin genau sie gegangen waren.

‘Hoffentlich habe ich niemanden abgeschleppt. Das fehlte mir jetzt auch noch.’

 

Das Zimmer jenseits seines Augenlides war in gleißendes Licht gehüllt, was ihn dazu veranlasste es rasch wieder zusammen zu kneifen und erneut schmerzerfüllt zu stöhnen.

»Shit«, murrte er und versuchte erneut zu atmen. Aber wieder breitete sich ein brennender Schmerz von seiner rechten Schulter aus und er hatte das Gefühl, nur mit einer Seite atmen zu können.

»Yuuto!«

Naomis Stimme hallte in seinem Verstand nach und so sehr er seine kleine Schwester auch liebte, aber jetzt gerade konnte er sie nicht gebrauchen.

‘Wieso ist sie so … so … erschrocken?’ Ihm fiel kein passendes Wort für die Gefühlslage ein, welche er von ihr vernahm. War etwas passiert?

»Yuuto? Ich bin es.«

 

Sein Bett wackelte, als sie sich zu ihm setzte und er merkte, dass sie seine Hand ergriff.

Natürlich war sie es, wer denn auch sonst?

»Na - 

«

, versuchte er ihren Namen zu sagen, aber bereits nach der ersten Silbe versagte ihm der Atem und er hustete ungewollt auf, was nur dazu führte, dass ihm erneut alles zu schmerzen begann.

»Ich hol Satoshi.«

Sie sprang wieder auf, ließ ihn los und mit all seiner Verwirrung zurück.

‘Satoshi? Was hat der denn damit zu tun?’

Schon jetzt restlos erschöpft, sank er wieder tiefer in die Kissen und versuchte erneut zu sich zu kommen. Wenigstens hielt ihn das nervige Piepsen bei Bewusstsein, denn ein Teil seines Gehirns sehnte sich danach, einfach wieder einzuschlafen.

 

Yuuto hatte keine Ahnung, ob nur Sekunden, oder mehrere Minuten vergingen. Aber er hörte wie sich eine Tür öffnete und dieses Mal mehr als nur eine Person zurück kam. Er glaubte Naomis Geruch zu wittern und auch das After Shave seines quasi Ziehvaters. Als etwas anderes, konnte er Satoshi schon längst nicht mehr bezeichnen.

»Yuuto? Bist du wach?«, fragte seine Schwester und wieder wackelte das Bett, als sie sich darauf nieder ließ.

»Mh - hm«, murmelte er und schaffte es nun beide Augen ein wenig zu öffnen. Über sich sah er sowohl Naomi, als auch Furukawa, welche ihn unendlich erleichtert anlächelten.

‘Wieso erleichtert? Was ist denn passiert?’

Aber als er sich bewegen wollte, zischte er schmerzerfüllt auf und stoppte sofort in der Bewegung.

»Nicht.« Satoshi setzte sich auf die andere Bettseite und sah ihn väterlich und ernst an.

»Sa - shi,« Yuutos Stimme war, als hätte sie jemand mit Sandpapier misshandelt. »Wo?«

»Im Krankenhaus«, kam die rasche Antwort, mit der er einerseits gerechnet, sie aber dann doch nicht erwartet hatte. »Ich kenne den Chefarzt; oder besser gesagt, der Chefarzt kennt mich. Es war wirklich sehr knapp, Yuuto!«

 

Vielleicht lag es daran, dass er ihn derart verwirrt ansah, aber Satoshi runzelte die Stirn und fragte dann. »Kannst du dich überhaupt an das erinnern, was passiert ist?«

Eine Antwort erhielt er zunächst nicht, nur ein nachdenkliches Schweigen und schließlich den Ansatz eines Kopfschüttelns, welches der Punk allerdings umgehend bleiben ließ, da auch dies schmerzte.

Furukawa seufzte schwer.

»Du warst mit Kyo und den anderen unterwegs. Ihr wurdet von einem Feloidea angegriffen, der sich von euch beiden wohl in seinem Revier bedroht gefühlt hat.«

Was? Daran erinnerte er sich überhaupt nicht, egal wie sehr Yuuto es auch versuchte. Aber dass er sich mit Kyos und der Band verabredet hatte, war irgendwo verschwommen in seinem Kopf begraben.

»Der Feli hat deine Schulter wirklich übel zugerichtet und deine Lunge erwischt. Glücklicherweise ist es Kyo gelungen, ihn in Schach zu halten. Andernfalls wäre das alles sehr schlimm ausgegangen.«

»Du sahst aus wie tot«, schluchzte Naomi plötzlich. Ihr liefen die Tränen übers Gesicht und, so wie Yuuto sie kannte, war es nicht das erste Mal, dass sie an seinem Bett saß und weinte.

»Da war so viel Blut. Terachi-san hat dich festgehalten und ich dachte, dass du nicht mehr lebst.«

 

Als sie dies erwähnte, blitzten ganz kurz Bilder vor seinem inneren Auge auf, die sich jedoch sehr schnell wieder in undeutlichen Nebel auflösten.

»Terachi-san?«, wiederholte er erst verwirrt, dann jedoch fiel es ihm wieder ein und er atmete heftig ein, was ihm ein brutales Stechen durch den Leib jagte. »Das Blut.« Diese wenigen Worte reichten aus, um ihn sofort wieder verstummen zu lassen. Yuuto stöhnte vor Schmerz und kniff die Augen zusammen. Ihm war so schrecklich schwindlig und übel.

»Ich habe sie getestet«, Satoshi sah ihn verstehend an. »Es geht allen gut, mach dir keine Sorgen. Du hast sie nicht infiziert.«

‘Was?’ Er war immer noch nicht dazu im Stande, wirklich viel zu sprechen, aber immerhin nahm sein Gehirn seine Funktionen langsam wieder auf. ‘Obwohl alles voller Blut war, ist keiner von ihnen infiziert?’

»Hätte Terachi-san, oder einer der anderen, auch nur eine kleine Wunde an der Hand gehabt, dann sähe die Sache anders aus. Aber sie sind alle noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen.«

 

Yuuto deutete ein verstehendes Nicken an und schloss die Augen, um irgendwie dem Schwindelgefühl entgegen zu wirken.

»Kyo?«, murmelte er. Diese Konversation strengte ihn schrecklich an, aber er wollte wissen, was passiert war.

»Mach dir um den mal keine Sorgen, Yuuto.« Aus Satoshis Stimme hörte er eine leichte Spur von Amüsement heraus, die ihn verwirrte. Was genau hatte sich denn zugetragen, nachdem er das Bewusstsein verloren hatte?

»Das wichtigste ist, dass du wieder gesund wirst. Wie ich schon sagte, ist der Chefarzt hier ein alter Freund von mir. Er weiß was du bist. Allerdings mussten wir dem Rest des Pflegepersonals sagen, du wärst HIV-positiv, damit sie aufpassen und nicht mit deinen Körperflüssigkeiten in Kontakt kommen. Entschuldige bitte.«

 

Yuuto murrte leicht. Natürlich war es ihm sehr unangenehm, dass sie auf diese Lüge zurückgreifen mussten. Aber er hörte deutlich, dass es Satoshi wirklich ernst mit seiner Entschuldigung war und nach allem, was der alte Mann für ihn und Naomi getan hatte, wollte er ihm nicht unnötige Vorwürfe machen.

»Müde«, murmelte er schließlich und hob die Augenlider ein wenig. Selbst diese minimale Bewegung strengte ihn bereits an.

»Ruh dich aus.« Satoshi legte ihm eine Hand auf den Unterarm und drückte leicht zu. Auch Naomi versuchte es jetzt mit einem Lächeln, aber ihre tränennassen Wangen besaßen eine ganz andere Sprache.

 

»Oh.« Furukawa war bereits aufgestanden, als ihm offenbar noch etwas wichtiges einfiel und er mitten in der Bewegung verharrte. »Wegen der Sache mit Dir En Grey und unserem Plan, solltest du dir keine Sorgen machen.«

Yuuto konnte die Augen nur schwer offen halten, schaffte es aber dennoch verwundert zu dem anderen Kater hochzuschauen. Für einen Moment wusste er nicht, was genau Satoshi eigentlich meinte. Dann aber erinnerte er sich, weswegen er sich eigentlich mit der Band getroffen hatte.

»Ich weiß, dass die Zeit knapp ist, deswegen habe ich mir eine Notlösung einfallen lassen. Sobald du wieder gesund bist, musst du anfangen an der Programmierung zu arbeiten. Den Bau unseres Prototypen, werde ich aber jemand anderem überlassen.«

Ein merkwürdiges Grinsen trat auf die Lippen des Arztes, welches Yuuto verblüffte. Noch nie hatte er einen so verschlagenen Ausdruck in dessen Gesicht gesehen.

»Begeistert ist sie allerdings nicht gerade, soviel kann ich schon mal sagen.«

 

*** 

 

Yuuto hatte keinerlei Zeitgefühl mehr, als er das nächste Mal aufwachte. Er sah sich in seinem Krankenzimmer um, fand aber keine Uhr und sein Handy lag vermutlich in der Tasche, welche jemand am Fußende seines Bettes abgestellt hatte - er ahnte, dass Naomi sie ihm gebracht haben musste.

Weder Satoshi, noch seine kleine Schwester, waren weit und breit zu sehen. Er wand den Blick zum Fenster, erkannte aber nur, dass momentan helllicher Tag war und seufzte schwer. Von seiner Schulter ging mittlerweile nur noch ein dumpfes Pochen aus, was wohl an den starken Medikamenten lag, die man ihm verabreichte. Er kannte das alles bereits von seinem Aufenthalt in Naara, einige Jahre zuvor.

 

Warum war er eigentlich aufgewacht?

Hunger verspürte er keinen und wenn er das alles richtig interpretierte, war er an einen Katheter angeschlossen; ebenfalls ein vertrautes Gefühl von damals.

Lag es am Geräusch der Geräte?

Sie piepsten nicht mehr, jemand hatte den Herzmonitor ausgeschaltet, während er geschlafen hatte und so war nur das undeutliche Hintergrundmurmeln zu hören, welches Kliniken nun einmal zu eigen war.

 

Obwohl er es besser wusste, drückte er die Handflächen gegen die Matratze und unternahm einen Versuch, sich aufzusetzen, scheiterte aber kläglich daran und sackte erschöpft in die Kissen zurück. Schon diese wenigen Zentimeter hatten ausgereicht, um ihn all seiner Kraft zu berauben.

»Satoshi, du Drecksack«, keuchte er und warf einen vernichtenden Blick zu dem Tropf, welcher rechts von ihm stand und beständig Flüssigkeit in ihn laufen ließ. Sein Ziehvater hatte ihn sprichwörtlich lahm gelegt. Sehr wahrscheinlich um zu verhindern, dass er sich unwillentlich verwandelte, oder dergleichen. Denn dort waren sicherlich nicht nur Kochsalzlösung und normale Medikamente drin.

 

Mit ausreichend Etorphin, konnte man eine Feloideaverwandlung stoppen und sogar rückgängig machen. Wenn man es allerdings niedrig dosierte und dieses Level konstant hielt, war es möglich, sie für diese Zeit vollständig zu blockieren. Die Nebenwirkungen waren jedoch krasser, als Yuuto erwartet hätte. Er fühlte sich wie gelähmt.

»Scheiße.« Seine Stimme war müde und belegt. Egal wie sehr er Satoshi auch verehrte. Jetzt gerade hasste er den Alten mit jeder Faser seines Körpers.

 

Während er noch dabei war, Furukawa mit allen möglichen und unmöglichen Schimpfworten gedanklich zu verfluchen und zu beleidigen, durchbrach ein anderes Geräusch die unangenehme Stille im Raum.

Jemand näherte sich. Er vernahm langsame Schritte, welche sich in seine Richtung bewegten und vermutete, dass es einfach nur das Personal war. Dann jedoch verstummten die Schritte, kurz herrschte wieder Stille, ehe er das Klicken der Türklinke hörte und schwerfällig drehte er den Kopf nach rechts, um zu sehen wer eintrat.

Yuuto erwartete einen der Ärzte, Pfleger, oder vielleicht sogar seine Schwester und Satoshi.

Aber mit diesem Besucher, hatte er ganz sicher nicht gerechnet!

 

»Kyo?«, fragte er heißer, nicht sicher ob es wirklich der Sänger war, der nun die Tür hinter sich schloss und beinahe schon gemütlich zu ihm herüber schlenderte.

»Hi«, war alles, was dieser sagte, die Hände steckten in den Taschen seiner Jeans, über sein Gesicht war ein Mundschutz gespannt und er trug ein recht unscheinbares Shirt mit hellgrauem Print.

Sekundenlang konnte Yuuto nichts anderes tun, als die Person anzustarren, die ans Fußendes seines Bettes getreten war und ebenfalls nichts sagte.

‘Etwas ist anders an ihm’, schoss es dem Punk durch den Kopf. ‘Seine Ausstrahlung hat sich verändert.’

Rein äußerlich war an Kyo nichts ungewöhnliches zu erkennen; mal abgesehen von seinem allgemein ungewöhnlichem Aussehen. Er trug die schwarzen Haare erstaunlich kurz. Sie waren nun auf wenige Zentimeter abgeschnitten und gaben den Blick auf seine hellblauen Augen preis.

 

‘Die Augen!’ Yuuto schluckte hart, als ihm der Ausdruck darin auffiel. ‘Heilige Scheiße, das glaub ich jetzt nicht.’

Das waren keine Kontaktlinsen und dass es Kyo scheinbar egal war, dass er der ganzen Welt diese verräterischen Marker präsentierte, zeugte davon, wie sonderbar sein Erscheinen für gewöhnlich wahrgenommen wurde.

»Was ist?«, fragte der Vocal, nahm endlich den Mundschutz ab und grinste ein wenig schief. »Bekomme ich kein Danke, nachdem dieses Mal ich derjenige war, der dir den Arsch gerettet hat?«

Innerlich zitternd und zu Tode verängstigt, nickte Yuuto leicht und murmelte.

»Danke«, ehe er durchatmete und sich gedanklich zur Ruhe ermahnte.

‘Er hat einen Teil seiner Ausstrahlung nach der Verwandlung behalten. Das ist unglaublich.’

 

Noch nie zuvor, hatte er so etwas gesehen. Allerdings war er auch noch nicht derart erfahren wie Satoshi. Trotzdem hätte Yuuto nie gedacht, dass es Kyo derart schnell gelingen würde, einen Teil seiner Katzennatur mit in seine menschliche Form zu transferieren. Vielleicht war er das Spiel mit den Masken auch einfach nur zu sehr gewöhnt und hatte nun keinerlei Problem damit, Yuuto ungeschönt die Wahrheit zu präsentieren.

‘Ich spüre instinktiv, dass in ihm ein echtes Monster lebt. Im Zweikampf hätte ich gegen ihn keine Chance, obwohl ich größer bin als er. Kyos Präsenz ist sogar jetzt deutlich spürbar und das obwohl er erst seit acht Monaten so ist.’

Seine Augen folgten den Bewegungen des Älteren, welcher neben das Bett trat und sich lässig auf die Kante setzte.

‘Satoshi, hast du geahnt, was für ein Ungeheuer aus ihm werden könnte? Und was passiert, wenn er ein weiteres Mal auf Katsuo trifft? Großer Gott, es würde in einem Blutbad enden!’

 

»Sag mal, hörst du mir eigentlich zu?«

»Oh.« Als müsste er sich aus einer tiefen Trance kämpfen, blinzelte Yuuto und sah zu Kyo hoch, welcher ihn nun etwas irritiert ansah.

»Ich hab gefragt, wie es dir geht.«

Gewaltsam riss er sich von der Starre los, welche Kyos Augen in ihm auslösten und atmete langsam ein und aus, ehe er zu einer Antwort ansetzte.

»Es ging mir schonmal besser«, gestand er und versuchte es nun seinerseits mit einem Lächeln. Kyo erwiderte mit einem Grinsen.

»Du hast ganz schön was abbekommen. Dafür habe ich diesem Arschloch gezeigt, was passiert, wenn man uns ans Bein pisst.« Ausgerechnet von einem solchen Poeten, derartig vulgäre Worte zu hören, war nicht das was Yuuto in so einem Moment erwartet hätte. Allerdings wusste er momentan im allgemeinen nicht, was er von der Gesamtsituation zu erwarten hatte.

 

»Tat echt weh«, keuchte er. »Kannst du mir helfen?« Als Kyo ihn fragend ansah, fuhr er fort. »Ich kann nicht mehr liegen. Aber da ist - arg - Etorphin drin.« Mit einer Bewegung seiner Augen, deutete er auf den Tropf und versuchte sich erneut nach oben zu stemmen, was ihm jedoch ein weiteres Mal misslang.

Kyo nickte, stand auf und schob eine Hand unter Yuutos Brustkorb. Dabei achtete er darauf, nicht dessen vernähte und verbundene Schulter zu berühren.

Mit vereinten Kräften, auch wenn der Sänger die meiste Arbeit leistete, schafften sie es tatsächlich den Jüngeren in eine aufrechte Position zu setzen. Was dazu führte, dass ihm für einige Sekunden schwarz vor Augen wurde.

 

»Fuck man«, murrte er und kniff die Lider zusammen, damit die Welt damit aufhörte sich zu drehen.

»Geht es?«, fragte Kyo, immer noch ruhte seine Hand zwischen den Schulterblättern des Jüngeren.

»Ja, schon gut. Danke.«

Ihm wurde das Kissen in den Rücken gestopft und nun, da er saß, nahmen Schwindel und Müdigkeit langsam ab und sein Kreislauf begann, sich wieder in die korrekte Richtung zu drehen.

»Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was passiert ist.« Yuuto war froh, als der andere kurz aufstand, um eines der Fenster zu öffnen. Die warme, aber frische Sommerluft, belebte seinen Geist und tat gut.

»Aber ein bisschen weißt du noch?«

»Ja«, er nickte. »Wir waren essen und dann - hm - ich weiß, dass wir irgendwo hingehen wollten, als wir angegriffen wurden. Ab da verschwimmt alles. Aber ich glaube, mich an dich als Katze erinnern zu können.«

 

Daraufhin brummte Kyo irgendwas undeutliches und setzte sich wieder.

»Wir waren alle etwas angetrunken und sind auf die dumme Idee gekommen, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen … »

Es folgte ein knapper Bericht über die Ereignisse, bis zu dem Moment als Satoshi ihnen zur Hilfe geeilt war. Einen Teil davon hatte Kyo auch nur nacherzählt, von dem was ihm Kaoru und die anderen berichtet hatten. Wie die meisten ihrer Art, litt auch sein Gedächtnis, was seine Handlungen als Feloidea anging und er konnte sich im nachhinein nur bruchstückhaft erinnern.

 

Durch die Erzählungen kehrten einige weitere Puzzleteile zurück, auch wenn es nicht besonders viele waren.

»Ja, stimmt.«, murmelte Yuuto ein wenig zu sich selbst und nickte leicht. »Wie konnte sich dieser Kerl nur so sehr an uns heran schleichen, ohne dass wir es merken?«

Kyo zuckte mit den Schultern.

»Wahrscheinlich hat er die Windrichtung ausgenutzt. Mein Geruchssinn ist leider noch zu überempfindlich und ich nehme nach wie vor alles extrem intensiv war. Der Geruch der Stadt, der Fluss, unsere eigenen Körpergerüche, das hat alles andere überlagert.«

»Es ist also meine Schuld?«

»Yuuto.« Kyo gab einen Laut von sich, der leicht genervt oder ungeduldig klang. »Hör auf dir deswegen Gedanken zu machen. Dieser Mistkerl hat uns angegriffen und wir sind irgendwie noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen. Stell dir vor, was alles hätte passieren können. Du bist fast gestorben und vielleicht wäre sogar einer der anderen infiziert wurden.«

Natürlich hatte Kyo in dieser Hinsicht recht. Trotzdem machte sich der Punk Vorwürfe, auch wenn er derjenige war, der das meiste abbekommen hatte.

 

»Wie konntest du dich ohne Etorphin zurück verwandeln?«, versuchte er das Thema zu wechseln und schaute auf. Aus eigener Erfahrung wusste er, wie schwierig dies im Anfangsstadium der Erkrankung war. Zu seiner eigenen Überraschung, begann der andere zu lachen und wirkte irgendwie etwas - unruhig.

»Kaoru hat es geschafft, mich zu beruhigen. Ich weiß nicht genau wie, aber irgendwann bin ich einfach von selbst wieder zum Menschen geworden«, erklärte Kyo und schaute zum Fenster hinaus, so als gäbe es draußen etwas sehr spannendes zu sehen. Aber da war nur blauer Himmel und die Spitzen der Baumkronen des Klinikparks.

 

»Und?«, fragte der Jüngere, nachdem sie ein paar Sekunden geschwiegen hatten. »Das wird doch nicht alles gewesen sein. Was ist dann passiert?«

Ausgerechnet Kyo mal herumdrucksen zu sehen, hätte er nun wirklich niemals für möglich gehalten. Yuuto fragte sich ernsthaft, was noch alles geschehen würde.

»Satoshi war mit dir in der Klinik und die anderen hatten kein Auto dabei, um zurück zu fahren. Also stand ich dort mit Kaoru und Shinya.« Kurze Stille, dann ergänzte er zögerlich. »Nackt.«

»Oh.« Yuuto wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Aber als er anfing zu lachen, bereute er es sofort, denn nun machte sich seine Schulter schmerzhaft bemerkbar.

»Lass das«, brummte Kyo, konnte aber nichts tun, um das Kichern des anderen aufzuhalten. »Das ist nicht witzig.«

Noch immer lachend, wischte Yuuto sich eine Träne aus dem Augenwinkel und atmete mehr oder weniger durch.

»Leider doch«, grinste er und bekam dafür einen leichten Schlag gegen den Oberschenkel.

»Zum Glück hatte Shinya dein blödes Hemd noch«, brummte Kyo erklärend. »Da stand ich also, nackt, mit einem blutgetränkten Hemd, mitten in der Nacht am Fluss und dann fing es auch noch an zu regnen! Ich glaub, ich habe mich noch nie so erbärmlich gefühlt.«

Der Regen war eigentlich ein Glück für sie gewesen, denn er hielt nicht nur mögliche Fußgänger fern, sondern wusch auch das Blut und Fell vom Boden.

 

»Verstehe.« Yuuto tat nun wirklich alles weh und er spielte mit dem Gedanken, nach den Pflegern zu klingeln und um weitere Medikamente zu bitten, aber er wollte ihr recht friedliches Gespräch nicht unterbrechen.

»Wir sind dann also, zu Fuß und bei strömendem Regen, bis zu Kaoru nach Hause gelaufen«, fuhr Kyo fort, dem die Begeisterung regelrecht im Gesicht klebte. »Zum Glück wohnt der Idiot in einer relativ ruhigen Gegend, an die man auch vom Fluss aus ran kommt. Jedoch nicht ohne Umweg. Immerhin konnte ich, in diesem Aufzug, nicht einfach durch die Stadt laufen.«

Yuuto dachte nach und rief sich gedanklich den Flussverlauf und die grobe Stadtplanung auf.

 

»Wie viele Kilometer sind das? Drei?«

»Fünf!«, kam es gequält. »Fünf Kilometer und das ohne Schuhe. Und jedes Mal, wenn wir doch jemandem über den Weg gelaufen sind, musste ich mich im Gebüsch verstecken, wie ein Drogendealer. Es hätte vermutlich nicht mehr viel gefehlt und Kaoru hätte mich einfach vor Frust in den Fluss geworfen.«

Erneut musste Yuuto lachen, nun allerdings etwas vorsichtiger.

»Du hast wirklich ein irres Glück, mit deiner Band«, grinste er aufrichtig und erhielt ein Nicken als Antwort.

»Das stimmt. Die Jungs sind großartig. Sie machen so viel Scheiß mit und trotzdem sind sie immer noch da.« Ein ehrliches Lächeln tauchte im sonst eher ernsten Gesicht des Sängers auf. »Sie sind für mich das, was Naomi für dich ist. Kaoru und die anderen sind meine Familie.«

 

***


 

Kapitel 24 ¦ Katzenfamilie


 

***

 

[32 Stunden zuvor]

 

Kaoru konnte den Blick nicht abwenden. Seine Augen waren ununterbrochen auf das Wesen gerichtet, welches vor ihm kauerte. Eine Hand presste es sich gegen die Schläfe, mit der anderen kratzte es sich, wie irre, über die eigene Brust. Dabei stieß der Jaguar immer wieder gequälte Laute aus und krümmte sich mehr und mehr zusammen.

Kyo hatte hör- und sichtbare Schmerzen und der Leader wusste nicht, was er tun konnte, um ihm zu helfen. Shinya erging es, ganz offensichtlich, genau so wie ihm, auch wenn im Gesicht des schönen Drummers vornehmlich Schock und Angst geschrieben standen.

Als es ein lautes Knirschen gab, wichen sie zeitgleich zurück und Kaoru schluckte hart, um irgendwie seinen unangenehm trockenen Hals zu benetzen. Die Gänsehaut an seinen Armen, die Übelkeit und das beständige Zittern seiner Glieder, zeugten davon, dass es ihm wirklich nicht gut ging. Er hatte nicht nur Angst um und auch vor Kyo! Immerhin hatten sie nun schon zum zweiten Mal mit ansehen müssen, zu was ihr Sänger alles in der Lage war.

 

Der Feloidea rollte sich immer mehr zusammen. Dabei wurde sein Stöhnen und Wimmern, durch ein beständiges Knirschen und Knacken untermalt, welches ihnen durch Mark und Bein ging. Es dauerte einige Sekunden, bis Kaoru klar wurde, was genau der Ursprung dieser Geräusche war und er hätte sich am liebsten übergeben.

Sie konnten beinahe von Glück reden, dass die zwei Katzen, in ihrem blinden Kampfrausch, die Straßenlaternen so stark demoliert hatten. Denn so  war er nicht gezwungen, sich alle Details genau anzusehen, als sich das Knochengerüst des Sängers wieder in eine menschliche Form zurück zwang. Das Fell fiel ihm aus, machte Platz für blutverschmierte Haut und schwarze Haare. Der Schweif verschwand, die Beine erhielten ihre natürliche Form zurück kurz gesagt, es war ein grauenhafter Anblick!

Die gesamte Rückverwandlung dauerte viel länger, als die ihr vorangegangene Transformation, welche binnen weniger Sekunden abgeschlossen gewesen war. Und als es schließlich endete, verharrte Kyo noch kurz in seiner Position, dann kippte er erschöpft und nackt zur Seite, blieb reglos und schwer atmend liegen und gab immer wieder ein schmerzerfülltes Stöhnen von sich.

 

»Kyo?«

Kaoru kniete sich vorsichtig und langsam neben ihn. Ein Teil des Fells wurde bereits vom Wind in Richtung Fluss geweht, fast als wolle eine unsichtbare Macht die Spuren verwischen wollen.Der Gitarrist streckte langsam die Hand aus und legte sie auf die bebende Schulter seines Freundes, welcher unter der plötzlichen Berührung zusammen zuckte.

»Shinya.« Kaoru sah zu dem Drummer hoch, der sich nach wie vor nicht rührte und neben ihm stand wie versteinert. »Gib mir das Hemd.«

Dabei streckte er die Hand nach dem blutigen Bündel in den Armen des Jüngeren aus, der ihn geistesabwesend ansah, als wäre Kaoru überhaupt nicht wirklich da.

»Komm schon«, kam es nun drängender. Er erhob sich ein Stück aus seiner knieenden Haltung und packte den Ärmel des Hemdes, um daran zu ziehen. Aber Shinya klammerte sich daran fest, wie an einem rettenden Anker.

»Shin, bitte.«

 

Es brauchte fast eine Minute, bis sich die verkrampften Finger Shinyas endlich lockerten und er das Hemd Kaoru überließ. Eben dieser breitete es über den blut- und schweiß bedeckten Körper ihres Sängers aus.

Dass sie weit genug von den bewohnten Häusern der Stadt entfernt waren, war eindeutig ihr Glück. Andernfalls hätte sicherlich bereits irgendwer die Polizei gerufen, bei dem Lärm, den die beiden Raubtiere, vor einer halben Stunde, hier veranstaltet hatten.

»Kyo?«, versuchte er es ein weiteres Mal. Kaoru hatte keine Ahnung, was sie nun tun sollten. Satoshi war mit den anderen im Krankenhaus und sie alle waren ohne Auto hier und wenn er sich Shinya so ansah, wollte er auch nicht, dass Dai oder Toshiya im Schockzustand durch den nächtlichen Verkehr fuhren.

 

Als er ihn erneut berührte, ging wieder ein Ruck durch Kyos Körper, aber irgendwas daran fühlte sich anders an. Tatsächlich hob er den Kopf, sah durch die Strähnen seiner Haare zu dem Gitarristen hoch und Kaoru erwiderte den Blick. Trotz der Dunkelheit, erkannt er, wie sich das Restlicht der etwas weiter entfernten Laternen, in der hellen Iris spiegelte. Sie waren also noch immer blau.

»Hey«, lächelte er, erleichtert darüber, dass Kyo ihn zwar überfordert, aber doch irgendwie menschlich anschaute. »Bist du wieder bei uns?«

Kyo nickte leicht und begann damit sich aufzusetzen. Dabei erklang seinerseits erneut ein lautes, schmerzerfülltes Stöhnen und er packte den Stoff des Hemdes, welches ihm zum Glück ein gutes Stück zu groß und zu lang war.

 

Kaoru wusste selbst nicht, welchem Instinkt er gerade folgte, aber er streckte eine Hand nach dessen Gesicht aus und strich die nun wieder längeren Haare aus eben diesem. Kyo zischte auf und zuerst war der Leader erschrocken von dem ganzen Blut, welches an ihm klebte. Dann aber sah er, dass sich der Kratzer wohl bei der Rückverwandlung wieder geschlossen hatte. Jetzt war er deutlich kleiner und das Blut weitestgehend geronnen.

Leider erzeugte dieser Anblick aber auch Bilder und Erinnerungen, welche Kaoru am liebsten für immer verdrängt hätte.

Kyo auf der Bühne - sein Gesicht voller Blut - schreiend und singend.

 

»Sieht übel aus«, murmelte er, aber Kyo schüttelte seine Hand ab und murmelte krächzend.

»Geht schon. Zieht nur ein wenig.«

Mit der Hilfe seines Gitarristen, stand er mehr oder weniger auf, musste sich allerdings an dem älteren Mann festhalten, um nicht direkt wieder umzukippen. Ihm war schwindlig und seine Muskeln und Knochen fühlten sich an, als hätte er einen Marathon hinter sich.

»Heilige Scheiße. Ich hatte vergessen, wie schlimm sich das anfühlt.«

Plötzlich gab sein Magen einen unangenehmen Ruck von sich und Kyo drehte sich noch rechtzeitig von Kaoru weg. In der nächsten Sekunde spuckte er auch schon ein widerliches Gemisch aus Blut, Magensäure und den Resten seines Abendessens aus.

»Urgs und das hatte ich auch vergessen«, keuchte er und wankte.

Kaorus starke Hände packten ihn an den Schultern und zogen ihn näher und obwohl Kyo körperliche Nähe auf den Tod nicht ausstehen konnte, so war er dieses Mal sehr froh darüber, sich an ihn lehnen und durchatmen zu können. Andernfalls hätten seine zitternden Knie sicherlich einfach nachgegeben.

»Scheiße man.«

Todmüde schloss er die Augen, redete mehr oder weniger mit der Schulter seines Freundes und kämpfte gegen den Schwindel an, der ihn einfach nicht loslassen wollte.

»Ich glaub ich hab sein Fell in der Fresse.«

 

Er wusste nicht wie lange sie einfach nur so dastanden. Irgendwann ließ das Drehen in seinem Kopf nach und das Zittern seiner Glieder hörte auf, dafür wurde ihm so langsam bewusst, wo sie waren und dass er nichts am Leib trug, bis auf Shinyas Hemd.

»Meine Sachen?«, murrte er, entfernte sich einige Zentimeter von Kaoru und sah sich danach um. Tatsächlich lagen die Fetzen seiner Kleidung ein paar Meter hinter ihnen, über die Breite des Weges verteilt.

Barfuß wankte er darauf zu und hockte sich hin. Kyo wühlte in dem, was mal seine Jeans gewesen war und fand schließlich sein Smartphone, zusammen mit Geldbörse und Schlüsselbund. Als er den Deckel der Schutzhülle zur Seite klappte, erkannte er erleichtert, dass es unversehrt war. Der Rest war nicht mehr zu retten.

 

»Wir können das nicht hier liegen lassen.« Sich langsam aufrichtend, sah er über die Schulter zu den anderen beiden. Auch Shinya hatte sich mittlerweile aus seiner Trance gerissen, wirkte aber nach wie vor neben der Spur.

»Du willst sie mitnehmen?«, fragte Kaoru zweifelnd, der nun ebenfalls dazu kam und eines der größeren Teile seines T Shirts hochhob. »Da ist nichts mehr zu machen.«

Wie aus dem Nichts teilten sich auf einmal seine Lippen zu einem Grinsen und er funkelte den Sänger schelmisch an.

»Du bist als Katze einfach zu fett.«

Kyo starrte ihn an, kniff dann die Augen zu feinen Schlitzen zusammen und brummte empört.

»Sei froh, dass mir alles weh tut, Niikura. Andernfalls würde ich mich jetzt übel rächen - au.«

Verdammt, er sehnte sich nach einem heißen Bad und einem weichen Bett. Hatte sich das nach dem letzten Mal auch schon so schrecklich angefühlt? Er wusste es nicht mehr.

 

Gemeinsam, auch wenn Kyo selbst nur wenig dazu bei trug, sammelten sie seine Kleidungsstücke zusammen, verknoteten alles irgendwie und Kaoru klemmte sich das eingepackte Bündel schließlich unter den Arm.

Kyo für seinen Teil, hatte die Zeit genutzt und das Hemd zugeknöpft. Es reichte ihm zwar über den Hintern, ließ aber nicht mehr viel Spielraum und bei jedem Windstoß musste er es an Ort und Stelle halten, damit es nicht zu weit nach oben wehte.

»Wenn wir dem Weg folgen, kommen wir bis zum Wohngebiet, in dem mein Haus steht.«

Kaoru hatte Maps auf seinem Handy geöffnet und betrachtete den Stadtplan eingehend. Kyo lehnte sich an ihn und warf ebenfalls einen Blick auf das Display. Als er mit dem Finger etwas heraus zoomte, atmete er jedoch erschrocken ein.

»Weißt du wie weit das ist?!«

Das waren mindestens fünf Kilometer.

»Uns bleibt nichts anderes übrig. Du kannst in diesem Aufzug weder Bahn fahren, noch in ein Taxi steigen und wenn dich jemand erkennt, dann ist spätestens morgen früh die Hölle los!«

Womit der Leader leider Recht hatte. Und egal wie exzentrisch Kyo auch war, aber so wie er jetzt aussah, wollte er sich in keiner Zeitung abgelichtet sehen.

 

Es half also nichts und während Shinya nach wie vor kaum ein Wort sagte, gingen sie den Weg am Fluss entlang. Irgendwann taten ihm jedoch die Fußsohlen weh, weswegen er es vorzog, auf dem Grünstreifen nehmen dem Weg zu laufen und allmählich ließen auch die schlimmeren Muskel- und Gelenkschmerzen ein wenig nach.

Kyo war unfassbar müde, warf trotzdem immer wieder Blicke zurück und zu den Bäumen rechts und links von ihnen, aus Sorge, dass man sie wieder angreifen könnte.

Er traute dem Frieden nicht.

Die Uhr zeigte mittlerweile kurz vor zwei, als ihn der erste Regentropfen im Nacken traf. Überrascht sah Kyo hoch, nur um festzustellen, dass sich der Nachthimmel längst zugezogen hatte. Auch der Wind war aufgefrischt, wogegen er normalerweise, in der sommerlichen Hitze der Großstadt, nichts einzuwenden hatte. Nun jedoch war es das Letzte was sie brauchten.

 

Fünf Minuten später öffneten sich sämtliche Schleusen und ein schwerer, prasselnder Regen ging auf sie hernieder.

 

»Ich hasse einfach alles!«, fluchte der Sänger leidenschaftlich. Das Hemd klebte an ihm, war mittlerweile halbtransparent und verschlimmerte damit alles um ein Vielfaches. Ihn selbst störte die Kälte weniger, wobei Shinya und Kaoru nicht minder durchgeweicht aussahen, zudem zitterte ihr Drummer nun sichtlich und schlang die Arme um seinen dürren Oberkörper. Das Tanktop, welches er unter dem Hemd getragen hatte, hing schwer an ihm herunter und ließ ihn dabei wirklich elend aussehen.

»Vielleicht sollten wir uns unterstellen und warten, bis der Regen vorbei ist?«, rief Kaoru ihm durch das laute Rauschen zu, erntete aber von beiden Bandkollegen ein Kopfschütteln.

»Das ist doch jetzt egal, wir sind eh nass!«, erwiderte Kyo mit erhobener Stimme. Er hatte keine Ahnung, wie weit sie mittlerweile gekommen waren, aber sie mussten sich beeilen, ehe die ersten Städter, mit Anbruch des Tages, ihre Häuser verlassen und ihnen vielleicht begegnen würden.

 

Der Platzregen hatte zumindest den positiven Nebeneffekt, dass er das Blut von Kyos Körper wusch und die Anwohner fern hielt. Irgendwann hörte es zwar wieder auf; durchweicht waren sie trotzdem. Auch Kyos Füße hatten mittlerweile sichtbare Spuren seiner ungewollten Wanderung vorzuweisen. Er glaubte sogar, sich irgendwas eingetreten zu haben, ging aber stur weiter geradeaus.

So konzentriert war er auf den Weg vor sich, dass er kaum noch auf seine Umgebung achtete. Als er aber urplötzlich am Arm gepackt und zur Seite gestoßen wurde, gab er ein überraschtes und erschrockenes Fauchen von sich und starrte Kaoru an.

»Was - ?«

»Versteck dich! Da kommt jemand!«, zischte sein Leder und drängte ihn in Richtung eines unschuldigen Ginsterbusches, der nichtsahnend am Rand stand. [1]

Kyo sah in Richtung Weg und tatsächlich erkannte er den Schatten einer Person, welche sich auf sie zubewegte. Mit etwas Glück hatte sie ihn noch nicht gesehen, doch das wäre nur eine Frage der Zeit und darauf konnte er wirklich verzichten. Also nickte er und huschte, so leise wie möglich, hinter das unschuldige Gewächs.

 

Kaoru stand zuerst unsicher herum und wusste nicht nicht so recht, was er tun sollte. Immerhin standen sie zu zweit hier, noch vor Sonnenaufgang, irgendwo im Nirgendwo und wirken dabei bestimmt ziemlich verdächtig.

»Hoffentlich hat der Kerl keinen Hund«, murmelte er und schaute immer wieder vorsichtig in Richtung der Person, die sie nun ebenfalls bemerkt hatte.

Dann, wie aus dem Nichts, schlangen sich auf einmal zwei Arme um seinen Hals und er spürte wie sich Shinya an ihn schmiegte.

»Shin!«, japste er verwundert und peinlich berührt, immerhin war er ihrem Drummer noch nie derart nahe gekommen.

»Spiel einfach mit«, flüsterte der sonst so schüchterne Mann und drückte das Gesicht gegen Kaorus Hals. Endlich machte es klick und zögerlich legte er einen Arm um die schmale Taille des anderen. Warum war Shinya nur so unfassbar schlank?! Und im Halbdunkel sah er zudem wirklich aus wie eine Frau. Man würde sie hoffentlich für ein Pärchen halten.

 

Die Schritte kamen näher und zu seiner Erleichterung erkannte er, dass es sich bei dem jungen Mann, wohl um einen Konbini Mitarbeiter handelte, welcher von der Nachtschicht nach Hause ging.

Er sah sie neugierig an, nickte nur kurz und eilte dann schnell an ihnen vorbei. Trotzdem sah er immer wieder vorsichtig über die Schulter, zu dem vermeintlichen Paar, was dort stand und augenscheinlich verliebt schmuste.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis der Fremde um die nächste Biegung trat und damit aus ihrem Blickfeld verschwand. Kaoru atmete erleichtert auf und ließ Shinya langsam los. Er spürte deutlich, dass seine Wangen glühten und so wie der Drummer seinem Blick auswich, ging es ihm genau so.

 

»Ihr fangt jetzt aber nicht an zu knutschen, oder?«, brummte Kyo, welcher wieder zu ihnen trat und sich genervt eine Spinne vom Oberschenkel schnippte.

»Eifersüchtig?«, versuchte es Kaoru mit einem Scherz, auch wenn er nicht einmal annähernd so selbstsicher klang, wie es ihm lieb wäre.

»Hättest du wohl gern.«

Noch schlechter gelaunt als vorher; auch wenn er nicht gedacht hätte, dass es davon noch eine Steigerung gab; überholte Kyo sie und setzte den Weg fort. Es war nicht mehr weit, aber am Horizont zeichneten sich die ersten hellen Streifen ab und ihnen war absolut klar, dass ihnen nicht mehr viel Zeit blieb.

 

Diese Situation wiederholte sich noch ganze zwei Mal. Wobei es beim letzten Zwischenfall tatsächlich knapper wurde, als ihnen lieb war. Denn die ältere Frau, die ihnen entgegen kam, hatte einen Hund dabei. Zwar nur ein kleiner Spitz, der kaum größer war als ein Meerschweinchen. Allerdings witterte dieser den mittlerweile wahnsinnig mies gelaunten und totmüden Kater und hatte nichts besseres zu tun, als wie verrückt den unscheinbaren Rhododendron anzubellen und sich wie tollwütig zu verhalten, während seine Besitzerin verzweifelt versuchte, ihn mit sich zu ziehen.

Dabei entschuldige sie sich immer wieder bei Shinya und Kaoru, die einfach nur verdattert dort standen und das Spektakel überfordert beobachteten.

»Es tut mir so leid«, stammelte die arme Frau. »Das macht er normalerweise nie. Momo was ist denn los mit dir?«

Als ihr nichts anderes übrig blieb, hob sie das tobende Tier hoch und trug Momo auf den Armen davon. Sein schrilles Kläffen folgte ihr noch knapp hundert Meter, dann endlich schien er aufzugeben.

 

Zu diesem Zeitpunkt hatte auch Kaorus Nervenkostüm das Maximum an Stress und Genervtheit erreicht. Als Kyo aus seinem Versteck trat, die Haare in alle Himmelsrichtungen abstehen und blutige Schrammen an den Unterschenkeln, sah der Leader so aus, als würde er ihn jeden Moment aus Frust packen und einfach in den Fluss werfen wollen. Aber wie immer riss sich Kaoru zusammen und schluckte den Ärger herunter.

»Weiter«, knurrte er lediglich und stapfte vorwärts. Obwohl seine Füße schrecklich schmerzen und seine Beine nahe dran waren, einfach unter ihm nachzugeben, versuchte Kyo Schritt zu halten.

 

Immer wieder von Schatten zu Schatten huschend und sich teilweise hinter Mülltonnen versteckend, erreichten sie endlich, kurz vor halb fünf am Morgen, den Weg, welcher in Kaorus Wohngebiet einbog.

Erschöpft betraten sie, nach einer gefühlten Unendlichkeit, das Grundstück ihres Gitarristen und Kyo hätte sich vor Freude beinahe auf den Gehweg geworfen und eben diesen geküsst - würde ihm nicht immer noch jeder Muskel im Leib weh tun.

Kaoru schloss auf und öffnete die Tür, kaum dass er sich seiner Schuhe entledigt und das Bündel Kleiderfetzen achtlos im Eingang auf den Boden geworfen hatte, packte er Kyos Handgelenk und zog ihn mit sich.

»Au, nicht so doll«, jammerte dieser, bekam jedoch nur ein ‘Badezimmer’ als Antwort entgegen gebrummt.

»Shinya, mach es dir gemütlich!«, rief Kaoru, ehe er mit Kyo durch die Tür, zum mittlerweile recht vertrauten Gästebereich, verschwand und ihn ins angrenzende Bad schob.

»Kaoru, geht es dir gut?«, fragte der Jüngere, den das Verhalten seines Leaders irgendwie verwirrte. Dieser sah ihn an, eindringlich und streng. Aber irgendwie hatte er den Eindruck, dass da noch etwas anderes war, was er einfach nicht deuten konnte.

 

Noch ehe Kyo weiter darüber nachdenken konnte, wurde er urplötzlich in eine feste Umarmung gezogen und gegen Kaorus klamme und leicht muffige Kleidung gedrückt.

»Kaoru, du machst mir Sorgen.«

»Ach, ich mache dir Sorgen?«, fauchte der andere, ohne ihn loszulassen. Erst jetzt begriff Kyo, dass Kaoru ihn nicht einfach nur festhielt. Vielmehr schien es so, als klammere sich der Ältere an ihn. Vorsichtig legte er die Arme um Kaoru, versuchte ihm den Halt zu geben, den er jetzt scheinbar dringender brauchte, als er selbst.

»Ständig bin ich es, der sich um dich Sorgen macht, Kyo. Immer baust du irgendwelchen Scheiß. Ich hatte gehofft, dass die Zeiten endlich vorbei sind, in denen du versuchst dich umzubringen!«

 

Es war eigenartig. Seine Worte waren zwar von Sorge geprägt, aber Kaorus Stimme war nahezu in unterschwellige Aggression getränkt, die nicht zu dem passte, was er ihm sagte.

»Ich versuche nicht mich umzubringen.« Kyo wusste nicht, was er sonst sagen wollte. Er war zwar alles andere als psychisch stabil, oder ansatzweise normal. Trotzdem war er schon lange nicht mehr suizidal. Etwas zu spät wurde ihm bewusst, dass Kaoru etwas ganz anderes meinte.

»Es ist egal, ob du selbst versuchst dich umzubringen, oder ob andere es tun!«, knurrte der Gitarrist und sein Griff wurde nun so fest, dass es weh tat. »Ich will nicht, dass man dich umbringt, du verdammter Idiot! Und nun ab unter die Dusche mit dir, du stinkst nach nasser Katze!«

 

***

 

Shinya war auf der Couch einfach im Sitzen eingeschlafen. Kaoru hatte versucht ihn zu wecken, aber mehr als ihren Drummer dazu zu bringen, zumindest die feuchte Jeans auszuziehen, war ihm nicht gelungen.

Bevor er sich selbst in sein Schlafzimmer im ersten Stock zurückzog, hatte er noch eine Decke über Shinya gelegt und auch Kyo zur Bettruhe verdonnert.

Der Sänger hingegen war, trotz und wegen der Ereignisse der vergangenen Nacht, alles andere als müde. Bereits nach einer Stunde, in welcher er sich nur sinnlos im Gästebett von einer Seite auf die andere gerollt und die viel zu weiche Matratze verflucht hatte, war er einfach wieder aufgestanden.

Sein Körper war erschöpft und auch wenn die heiße Dusche ein wenig geholfen hatte, so spürte er die schmerzenden Muskeln noch immer, als hätte er einen Triathlon hinter sich. Dafür glänzte nun sein Geist mit einer beinahe beeindruckenden Rastlosigkeit.

 

Auf leisen Sohlen verließ er das Gästezimmer, sah zu Shinya, von dem er aber kaum etwas erkennen konnte, bis auf ein paar verirrte Haarsträhnen, welche unter der Decke hervor guckten.

Mal wieder hatte sich Kyo eine zu große Hose und ein zu weites Shirt von Kaoru leihen müssen. Obwohl der Körperbau des Leaders wesentlich schlaksiger war, als sein eigener, hing die Kleidung an ihm herunter, wie ein Sack Kartoffeln. Vielleicht lag es auch einfach nur daran, dass Kaoru jeglicher Sinn für modische Ästhetik fehlte und er nicht selten Klamotten in Übergröße kaufte.

 

Kyo schlich in die Küche, warf einen raschen Blick in den Kühlschrank und bediente sich dann einfach am Joghurt. Wie immer hatte Kaoru fast nichts im Haus. Der Ältere hatte schon oft erwähnt, dass ihm einerseits die Zeit zum kochen fehlte und er andererseits auch zu einhundert Prozent talentfrei auf diesen Gebiet sei. Er war ein Genie beim komponieren und abmischen ihrer Songs und hörte die noch so kleine Nuance zwischen den Melodien heraus. Aber wenn es um geschmackliche Raffinesse und das richtige Kombinieren von Gewürzen ging, war er hoffnungslos verloren.

Bewaffnet mit Diebesgut und Smartphone, schob er die mittlerweile reparierte Tür zur Terrasse auf und hinter sich wieder zu. Bis auf die Hintergrundgeräusche der Stadt, war es still und er gönnte sich ein paar Sekunden, in denen er einfach nur auf dem immer noch kühlen Holz stand und der morgendlichen Normalität lauschte.

 

Dabei wanderten seine Augen über die tiefen Kratzer, welche Kaoru nicht hatte entfernen lassen und verschwommene Erinnerungen an sich selbst als Katze, huschten durch seinen Geist. Fast war es ihm, als könnte er die Gewalt und Kraft noch einmal spüren, die er dabei empfunden hatte und es jagte ihm eine grässliche Angst ein.

Kyo schüttelte den Kopf und atmete durch. Nein, er wollte jetzt nicht daran denken!

Das hier war viel wichtiger. Also brachte er etwas Abstand zwischen sich und die Tür und ließ sich auf den Stufen nieder. Dann zog er zuerst die Folie vom Joghurtbecher runter, ehe er mit der freien Hand Satoshis Nummer wählte und sich schließlich das Handy ans Ohr hielt.

 

»Kyo?« Es war ungewohnt für ihn, die Stimme seines mittlerweile vertrauten Mentors derart abgekämpft und müde zu hören und für einen Moment hatte er Angst vor dem, was er gleich fragen würde, auch wenn Furukawa es vermutlich bereits ahnte.

»Wie geht es ihm?« Er versuchte leise zu sprechen, während er den Becher irgendwie zwischen den Knien festklemmte und dann anfing den Löffel sinnlos in der Masse kreisen zu lassen, die penetrant nach chemischer Erdbeere stank.

»Er kämpft.« Etwas klapperte und er glaubte, dass zu hören wie Stuhlbeine über den Boden scharrten. »Ich habe ihn in eine Privatklinik bringen lassen. Der Chefarzt hier ist ein alter Freund von mir und weiß was ich bin. Sie operieren ihn immer noch.«

Kyo konnte sich richtig vorstellen, wie sich der ältere Mann müde über die Augen fuhr und dabei schrecklich rastlos wirkte.

»Kann er es überleben?« Noch während er diese Frage stellte, fühlte er sich schäbig und unsensibel. Furukawa seufzte erneut.

»Er kann es und ich bete dafür, dass er es wird. Yuuto ist - ,» Kurz kehrte Stille ein, in derer Satoshi hörbar um Worte rang. » Vielleicht bin ich egoistisch und sehe in ihm insgeheim doch einen Ersatz für meinen kleinen Nao. Aber Yuuto und Naomi sind für mich wie meine eigenen Kinder.«

 

Es kam wenig überraschend. Auch Kyo hatte längst bemerkt, dass der Arzt und die Geschwister einander sehr nahe standen und nun wo er wusste, dass sie Waisen waren, konnte er es sogar verstehen.

»Ich denke nicht, dass es egoistisch ist, so zu fühlen«, flüsterte er und schob sich einen Löffel künstliche Erdbeere in den Mund. Es war nicht besonders lecker, stillte aber zumindest den gröbsten Hunger.

»Ach Kyo.« Satoshi atmete schwer. »Ich bin am Ende nur ein alter, einsamer Kater, der sich nach der Familie sehnt, die er viel zu früh verloren hat.«

»Vermisst du deine Frau?«

Kurz erklang ein freudloses Lachen aus dem Hörer.

»Ich vermisse Tomoe jeden Tag, wenn ich aufstehe und ihre Bilder an den Wänden meines Hauses sehe.«

 

Die Augen des Sängers weiteten sich vor Verblüffung, als er an einen seiner wenigen Besuche, im Heim des alten Katers, zurück dachte.

»Die hat sie gemalt?«, platzte es aus ihm heraus und er warf einen schnellen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass die Terrassentür auch wirklich geschlossen war.

»Oh ja!«, bestätigte Satoshi mit einer hörbaren Portion Stolz in der Stimme. »Sie war eine großartige Künstlerin und ich bringe es einfach nicht übers Herz, ihre Gemälde abzuhängen, egal wie sehr mir ihr Anblick auch weh tut.«

»Und euer Junge?« Er war nicht sicher, wie weit er in der Vergangenheit des anderen herumwühlen durfte; ins besondere in der aktuellen Situation, in welcher das Leben Yuutos am seidenen Faden hing. »Wie war er?«

‘Kyo du Idiot! Was machst du denn?’, schalt ihn sein eigener Verstand für diese dumme Frage.

Satoshi hingegen überraschte ihn ein weiteres Mal.

 

»Nao war nicht Tomoes Kind«, erklärte er. »Sie war ein Mensch und ich hätte sie infiziert, hätten wir versucht eine Familie zu gründen.«

»Oh.« Irgendwie hatte er diesen Teil ganz vergessen.

»Nao stammte aus meiner ersten Ehe, mit einer Feloidea.« Die Trauer war nun unüberhörbar. Kyo war der Appetit gänzlich vergangen und er stellte den angefangenen Jogurt neben sich ab.

»Er war bereits bei seiner Geburt sehr schwach und krank, deswegen wollte ihn meine Exfrau auch nicht behalten. Es kommt nicht oft vor, dass Feloidea derartige Partnerschaften eingehen, oder gar Kinder großziehen. Häufig geht man bereits nach der Zeugung getrennte Wege und der Nachwuchs bleibt bei der Mutter.«

Irgendwie erinnerte ihn das stark an die Tierdokumentationen, welche er hin und wieder aus lauter Langeweile schaute, wenn er mal wieder nichts mit sich anzufangen wusste.

 

»Sie hat ihr Kind verstoßen?«, fragte er vorsichtig nach.

»Ja«, bestätigte Satoshi. »Wir trennten uns und Nao blieb bei mir. Als Arzt konnte ich mich besser um ihn kümmern, aber es waren sehr schwere Jahre. Eine Feloidea-Schwangerschaft verläuft sehr kompliziert und es ist extrem selten, dass sie nicht vorzeitig abbricht oder in einer Totgeburt endet. Und selbst wenn es klappt, sind die Kinder häufig kränklich und sterben noch im Babyalter.«

»Wie schrecklich«, murmelte Kyo, dem das Schicksal diese Kinder tatsächlich näher ging, als er erwartet hätte.

»Mir war damals klar, dass Nao vermutlich nicht lange leben würde. Aber er war ein kleiner Kämpfer und wollte nicht aufgeben.« Auch wenn er noch immer unendlich traurig klang, hörte Kyo auch so etwas wie ein Lächeln aus Satoshis Worten heraus.

 

»Und plötzlich war Tomoe da. Sie studierte Kunst und Design auf Lehramt und stand eines Tages mit ihrer Staffelei neben dem Spielplatz im Park. Obwohl Nao zu schwach war, um mit den anderen Kindern spielen zu können, war ich jeden Tag mit ihm dort. Selbst wenn wir einfach nur den übrigen Familien zuschauen konnten; aber irgendwie hat es ein wenig gegen die Einsamkeit geholfen.«

Erst als Furukawa dies sagte, wurde Kyo wirklich klar, was für ein isoliertes Leben Vater und Sohn geführt haben mussten und irgendetwas daran fühlte sich für ihn sehr vertraut an.

»Ich hab nicht gemerkt, dass sie uns gemalt hat. Irgendwann sprach sie mich einfach an. Tomoe konnte so wahnsinnig sturr und neugierig sein.«

Wieder dieses traurige Lachen, in der Stimme des Älteren.

»Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie sie so lange durchgehalten hat, aber irgendwann war sie plötzlich ein Teil unseres Lebens. Nao hat sie vom ersten Tag an geliebt. Sie war eine großartige Mutter für ihn, auch wenn er nicht ihr leiblicher Sohn war.«

Plötzlich brachen die Worte ab und Kyo hörte, dass Furukawa ein Schluchzen kaum unterdrücken konnte.

 

»Er starb, kurz bevor sie ihr Staatsexamen ablegte. Der Feloideavirus hatte seinem kleinen Körper noch im Mutterleib extrem viel Schaden zugefügt und sein Immunsystem stark geschwächt. Die Grippe - », erneut stoppte er, doch Kyo konnte sich denken, was passiert war. Auch wenn er Nao nie persönlich kennengelernt hatte, so tat es ihm leid, das alles zu hören. Gleichzeitig empfand er Satoshi gegenüber aber auch gleichermaßen Mitgefühl und Respekt. Andere wären an dem zerbrochen, was dieser Mann alles durchgemacht hatte.

»Tomoe war in dieser Zeit für mich da und hat mir die Kraft gegeben, die ich selbst einfach nicht mehr hatte. Sie beendete ihr Studium und wir entschieden, dass wir Japan für eine Weile verlassen würden. Ich hielt es in Osaka einfach nicht mehr aus und irgendwie suchte ich nach so etwas wie Ablenkung, um nicht ständig mit diesem unerträglichen Schmerz konfrontiert zu werden.« Zittrig atmete er ein, während Kyo schwieg und einfach nur zuhörte.

»Vielleicht habe ich auch einfach nur versucht, vor der Vergangenheit wegzulaufen und meine Gefühle in mir selbst einzuschließen. Wer weiß das schon.«

 

Erneut schwieg der Arzt und dachte über seine eigenen Worte nach, während Kyo dabei zusah, wie die Sonne immer höher stieg. Der Himmel war überraschend wolkenfrei.

»Hätte mich Tomoe nicht darum gebeten, wäre ich vielleicht nie wieder zurück gekommen. Aber sie vermisste ihre Heimatstadt Tokyo und ihre Eltern.«

»Sie kam nicht aus Osaka?«

»Nein.« Satoshi gab ein leises Glucksen von sich. »Warum genau es ausgerechnet die Universität in Osaka hatte sein müssen, hat sie mir nie gesagt. Sie war schon immer eigensinnig genug, um ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Bis heute bereue ich es, dass diese großartige, warmherzige und sture Frau, nie eigene Kinder haben durfte und ich ihr diese Chance geraubt habe. Oft genug, wenn ich sie angesehen habe, dachte ich mir, dass sie ein Ungeheuer wie mich, einfach nicht verdient hat.«

Es war eine schmerzhafte Wahrheit, die er da hörte. Aber es war nun einmal die Wirklichkeit, das war Kyo absolut klar.

 

»Tomoe liebte Kinder. Sie hat mich auf meinen Reisen bei ‘Ärzte ohne Grenzen’ begleitet und Flüchtlingskinder in den Krisengebieten unterrichtet. Ich weiß, dass sie sich immer eine große Familie gewünscht hat, doch das konnte ich ihr niemals geben.«

Die nächste Pause die folgte, ließ ihn frösteln. Irgendwas in ihm sagte Kyo, dass ihm das, was als nächstes kam, nicht gefallen würde.

»Und als sie krank wurde, konnte ich sie nicht retten.«

»Was ist passiert?«, hauchte er, heißer vor nervöser Anspannung.

»Krebs.« Furukawa atmete wieder lange und seufzend ein. »Sehr aggressiver Brustkrebs. Obwohl ich selbst Onkologe bin, konnte ich nichts anderes tun, als mich um sie zu kümmern und dabei zusehen, wie meine wunderschöne und geliebte Tomoe, langsam unter meinen Händen stirbt.«

 

Der Sänger schloss für einen Moment die Augen, als sich seine eigenen Befürchtungen damit bestätigten. Irgendwie hatte er es geahnt.

»Im Vergleich zu Nao, ging es relativ schnell. Aber trotzdem waren es fünf unendlich qualvolle Monate. Ich hielt ihre Hand, als sie ihren letzten Atemzug tat, mich das letzte Mal ansah, mir ein letztes Mal sagte, dass sie mich liebt.« Nun war deutlich zu hören, dass Satoshi weinte.

»Und dann war sie einfach weg. Nach ihrer Beerdigung fuhr ich hoch nach Honshu. Wir haben nördlich von Nayoro ein kleines Haus, weil sie diese Gegend immer so geliebt hat. Ich habe ihre Urne neben der von Nao begraben und die nächsten Wochen fast ausschließlich als Katze in den Wäldern gelebt. Anders hätte ich weder Schmerz noch Trauer ausgehalten.«

 

»Ist es denn möglich, so lange ein Feloidea zu sein?« Kyo hatte irgendwie den Eindruck, dass jedes seiner Worte stören würde. Von Satoshi hingegen kam ein bestätigendes Brummen.

»Ja, aber je länger man so bleibt, umso schwerer ist es, zurück zu kommen. Ich wollte damals einfach nur noch weglaufen und am liebsten nie wieder etwas fühlen müssen. Als Katze empfinde ich keine Trauer im menschlichen Sinne. Aber dennoch wusste ich die ganze Zeit über, dass ich meine Gefährtin, ebenso wie mein Kind, verloren hatte. Es ist schwierig diese seltsamen Emotionen zu beschreiben. Mir fehlt leider dein poetisches Talent.«

 

Kyo wusste nicht, wie er darauf am besten antworten sollte. Alles erschien ihm plötzlich so überflüssig und falsch. Kein Wunder, dass sich Satoshi so sehr um ihn und die Geschwister kümmerte. Er konnte es ihm nicht verübeln, egal wie sehr es auch manchmal nervte.

Furukawa atmete langsam und schwerfällig durch und das leise Quietschen verriet, dass er sich erhoben hatte. Plötzlich war das Klicken einer Türklinke zu hören und eine zweite, ebenfalls männliche Stimme, drang etwas undeutlich aus dem Hörer.

»Ah, hier bist du.«

»Wataru, wie geht es ihm?« Der vormals noch schwerfällige Ton, war mit einem Mal gänzlich aus der Stimme des Arztes verschwunden. Kyo lauschte, da er bereits ahnte, dass der andere Mann eben jener Freund sein musste, den Satoshi erwähnt hatte.

»Er wird es überstehen. Die Operation war ein voller Erfolg.«

Sein eigenes, erleichtertes Aufatmen, mischte sich mit dem des alten Katers.

»Oh, dem Himmel sei dank.«

»Es war allerdings sehr knapp, wie du sicherlich selbst gesehen hast. Der Biss hat nicht nur seinen linken Lungenflügel perforiert, sondern auch einige der größeren Blutgefäße. Zusätzlich hat er sich eine Fraktur der Clavicula zugezogen, gleiches gilt für Costa eins bis vier. Ich kann dir gern die Röntgenbilder zur Verfügung stellen, wenn du dir alles im Detail anschauen willst.« [2]

 

Natürlich verstand er nur die Hälfte von dem, was die beiden Ärzte miteinander besprachen, aber es klang ernst genug, dass Kyo klar wurde, wie schlimm es um Yuuto gestanden hatte.

»Den Blutverlust konnten wir mit unseren vorhandenen Reserven kompensieren. Gibt es noch etwas, was ich wegen seiner Erkrankung wissen sollte?«

Irgendwie war es seltsam, den anderen Arzt so locker über diese Dinge sprechen zu hören.

»Du musst deinen Leuten mitteilen, dass sie auf keinen Fall mit seinem Blut in Berührung kommen dürfen. Es ist hochgradig ansteckend!«

»Also greifen wir auf die HIV-Lüge zurück?«

Satoshi seufzte schwer. Es gefiel ihm nicht, war aber leider notwendig.

»Es geht nicht anders. Yuuto wird es sicherlich verstehen, wenn ich es ihm erkläre.«

»Nur keine Sorge, er ist bei uns in guten Händen.«

»Ich weiß, danke Wataru.« Der ältere Mann räusperte sich. »Es ist wichtig, dass wir ihn konstant auf einem niedrigen Etorphin-Level halten. Der Stress nach der Operation, könnte andernfalls seine Katzennatur triggern und wir dürfen absolut kein Risiko eingehen. Ich werde dir alles zur Verfügung stellen.«

 

»Satoshi!«, unterbrach sein Freund ihn mahnend. »Geh nach Hause und ruh dich aus. Du siehst furchtbar aus! Yuuto wird von jetzt an Stunden brauchen, bis er wieder aufwacht. Nutz diese Zeit und versuch wenigstens zu schlafen.«

Irgendwie musste Kyo, welcher immer noch zuhörte, ein wenig schmunzeln. Die Besorgnis Watarus’ erinnerte ihn sehr an die seiner Bandkollegen. Nicht nur ihm gegenüber.

Offenbar gab Furukawa nach, denn er murmelte: »Also schön.«

Die beiden Männer tauschten noch einige Worte aus, dann hörte er, wie sich eine Tür schloss und schwerfällige Schritte von den Wänden eines Ganges widerhallten.

»Du hast alles gehört?«, fragte Satoshi, so plötzlich direkt an ihn gerichtet, dass Kyo zusammenzuckte.

»Ja«, bestätigte er. »Er kommt durch?«

»Sobald er aufwacht, gebe ich dir bescheid.« Der Sänger hörte nur zu deutlich, wie müde Furukawa war. »Ich muss noch einige Dinge erledigen.«

»Du musst dich hinlegen!«, widersprach Kyo sofort. »Du bist doch auch Arzt, also hör gefälligst auf das, was dein Kollege dir sagt.«

Die Antwort darauf, war ein belustigtes und leises Lachen.

»Als ob du dir irgendwas von deinen Kollegen sagen lassen würdest.«

 

***
 

Kapitel 25 ¦ Katzenbild


 

***

 

Leise und auf deutsch vor sich hin fluchend, zog Doktor Jansen ihren großen Rucksack vom Förderband und warf ihn sich über die breiten Schultern. Die Haare hatte sie liederlich nach oben gebunden, die muskulösen Beine steckten in eng anliegenden Sportleggins und genervt stellte sie fest, dass sich das schwarze T-Shirt an ihrem Rücken etwas nach oben gerollt hatte und nun einige unangenehme Falten bildete.

Brummend zerrte sie es wieder nach unten, sah sich um und peilte dann den Ausgang an.

Eigentlich passte ihr all das überhaupt nicht in den Kram. Aber nachdem Satoshi sie nahezu angefleht hatte, war sie letzten Endes doch weich geworden und hatte den nächsten Flug nach Japan gebucht.

Der Bügel ihrer Kopfhörer, die sie sich um den Hals gelegt hatte, drückte in ihren Nacken, während sie darauf wartete den zollfreien Ausgang passieren zu dürfen. Dabei sah sie immer wieder auf die Uhr, wippte unruhig mit den Füßen vor und zurück und versuchte die vielen lauten Geräusche um sie herum auszublenden. Hunderte Gerüche strömten auf sie ein, mischten sich miteinander und erzeugten dabei ein olfaktorisches Chaos, welches ihr aufsteigendes Knurren nur noch mehr befeuerte.

Christines Katzennatur hasste derartige Orte!

 

Endlich konnte sie weitergehen und ließ sich von der Menge führen. Dabei huschten ihre Augen, hinter der grau gerahmten eckigen Brille, suchend von links nach rechts. Da sie die meisten hier überragte, fiel es ihr nicht besonders schwer die Gesichter der wartenden Menschen zu mustern.

Schließlich tauchte die gesuchte Person auf und im selben Moment, als sie ihn sah, erkannte auch Satoshi sie und hob kurz die Hand, um sie zu sich zu winken.

Etwas ruppig schob sie sich an einer Gruppe schnatternder Studentinnen vorbei, welche dazu ansetzten sich über ihr Verhalten zu beklagen, jedoch umgehend bei Christines Anblick verstummten.

 

»Willkommen in Tokyo«, lächelte er sie an und sie erwiderte es mit einem Brummen.

»Deine gute Laune ist wie immer zum kotzen«, murrte sie und ließ den Kopf etwas kreisen, um ihren steifen Nacken ein wenig zu lockern.

»Und du bist wie immer ein echter Sonnenschein.«

Furukawa machte sich schon lange nichts mehr aus Christines Eigenheiten. Sie beide waren bereits zu lange miteinander befreundet, um deswegen ernsthaft in Streit zu verfallen. Er betrachtete sie ein wenig, während sie sich streckte und dankbar den Becher Kaffee annahm, welchen er ihr reichte. Das Getränk in dem einwandigen Pappgefäß war noch warm, also konnte Satoshi nicht allzulange gewartet haben.

»Möglichst stark, mit Sojamilch, ohne Zucker«, kommentierte er, ehe sie dran nippte und ein langes, genüssliches Seufzen ausstieß.

»Du bist mein Lebensretter!«

Der herbe Geschmack, die leichte Süße der pflanzlichen Milch und das Koffein, kurbelten umgehend ihren Geist an und halfen tatsächlich dabei, dass sie sich ein wenig entspannte.

»Besser?«

»Ja«, murmelte sie, was ihn schmunzeln ließ. »Ich habe gerade einen elf stündigen Flug hinter mir und fühle mich wie überfahren.«

Satoshi wusste, dass sie in Amerika etwas genommen haben musste, um der inneren Anspannung während der langen Reise, etwas Einhalt zu gebieten. Ihm selbst ging es jedes Mal genau so und er wusste wie lange es dauerte, bis die Wirkung endlich wieder nachließ.

 

»Kann ich davon ausgehen, dass du nicht besonders erpicht darauf bist ein Hotel zu beziehen?«, fragte er und ging neben ihr in Richtung Parkhaus.

»Du kennst mich zu gut, mein Freund.«

Immer wieder nippte die schroffe Ärztin an ihrem Kaffee und sah sich dabei ein wenig um. Seit ihrem letzten Besuch war wirklich einige Zeit vergangen. Vieles schien sich seit damals verändert zu haben.

»Das dachte ich mir«, sprach er weiter. »Es ist schon eine Weile her, dass ich einen Gast bei mir zu Hause hatte. Aber du bist herzlich willkommen.«

Sie nickte, warf den leeren Becher weg und zog sich den Rucksack ab, während Satoshi das Auto entriegelte und den Kofferraum für sie öffnete. Sie wusste noch nicht wie lange sie bleiben würde. Dementsprechend gut gefüllt war ihr Gepäck, was ihn dazu brachte die Stirn ein wenig zu runzeln.

 

»Du hast mir immer noch nicht gesagt wie viel Zeit du entbehren kannst«, erwähnte er beinahe beiläufig, kaum dass sie beide einstiegen. Satoshi wartete, die Hand am Zündschlüssel ruhend. Seine gute Freundin gähnte hinter vorgehaltener Hand und schob die Brille etwas nach oben, um sich über die Augenlider zu reiben.

»So viel wie es braucht«, murmelte sie und rutschte dann tiefer in den Sitz. Furukawa wohnte ein gutes Stück vom Flughafen entfernt, was sie mindestens eine Stunde im Berufsverkehr kosten würde.

»Darfst du einfach so lange weg bleiben, wie du willst?«, fragte er erstaunt und erntete ein amüsiertes Schnauben.

»Hab gekündigt«, grinste sie und sah ihn von der Seite her an. Er blinzelte verwundert.

»Warum?«

Christine war eigentlich keine Frau die für ihre Spontanität bekannt war. Eigentlich hasste sie derartiges sogar aus ganzem Herzen.

 

Urplötzlich wurde ihr Blick ernst und sie schien über ihre nächsten Worte nachzudenken. Furukawa zögerte, startete dann aber den Motor und lenkte aus dem Parkhaus und auf die belebte Straße.

»Wenn ich hier fertig bin, gehe ich zurück nach Deutschland.«

Satoshi war froh, dass sie im Augenblick an einer Ampel standen. Andernfalls hätte er sein Auto sicherlich gegen das seines Vordermannes gesetzt.

»Was?!«, rief er und überraschte sich selbst am meisten mit dieser Reaktion. Christine schien damit gerechnet zu haben, denn sie blieb ruhig. »Das kann nicht dein Ernst sein! Ich weiß du bist willensstark, aber das ist viel zu gefährlich.«

»Satoshi!« Ihre Stimme war fest, genau so wie der Blick, mit dem sie ihn bedachte. »Es muss endlich aufhören. Ich kann nicht ewig vor all dem davon laufen. Johann denkt dass er mich gebrochen hat und ich ertrage es nicht, dass er mich immer noch für diese einfältige Idiotin von damals hält.«

»Also geht es dir nur um dein Ego?« Furukawa konnte nicht begreifen, dass sie all das, was er für sie damals aufs Spiel gesetzt hatte, einfach so weg warf.

»Nicht nur. Aber ich kann nicht abstreiten, dass es nicht auf darum geht«, gestand sie als sie sich wieder im Verkehrsfluss vorwärts bewegten.

 

Einige Minuten wurde es still zwischen ihnen, dann sprach Christine weiter:

»Als du mir dieses Foto von der Feloidea geschickt und Sun Yao erwähnt hast, habe ich angefangen ein wenig zu forschen.«

»Aha?«, murmelte er angespannt. Ihm gefiel es nicht was er da hörte.

»Wusstest du, dass Tahir immer noch für Stjørdal arbeitet?«

Dieses Mal musste er sich wirklich zusammenreißen, um nicht versehentlich eine Vollbremsung hinzulegen und damit einen Unfall zu provozieren.

 

Tahir war Christines Ex-Mann, ein gebürtiger Syrer und ebenso wie sie beide ein Feloidea. Er hatte in den Achtzigern als Soldat bei den UN-Friedenstruppen im Libanon gedient und war den beiden Ärzten eben dort das erste Mal begegnet.

Tahir, welcher knapp zwei Meter groß und sehr muskulös, aber auch ungemein gutherzig war, hatte mit seiner warmen Art und seinem Humor, sofort das Interesse der damals noch jungen Christine auf sich gezogen.

Und Satoshi, als ihr Mentor und Freund, hatte allem zunächst skeptisch gegenüber gestanden. Christine war zum damaligen Zeitpunkt noch nicht lange eine Feloidea und er war in Sorge, ob es der andere Kater auch tatsächlich gut mit ihr meinte.

 

Aber tatsächlich hatte Tahir ihn mehr als nur einmal überrascht. Was zunächst nur wie eine leidenschaftliche Affäre aussah, die sich nach dem Einsatz sicherlich in Nichts auflöste, wurde später zu einer ernsthaften Beziehung und schlussendlich sogar zur Ehe; deren Ende jedoch sehr plötzlich und schmerzhaft kam.

Auch wenn sie nie über diese Zeit sprach, so wusste Satoshi, dass es in Christine tiefe Wunden hinterlassen hatte. Tahir und sie hatten einander wirklich geliebt. Was den Verrat an ihr umso schwerer wiegen ließ. Er hatte sich für Stjørdal und somit gegen sie entschieden und das konnte sie ihm, nach allem was passiert war, niemals verzeihen. [1]

 

»Wieso?«, fragte er mit belegter Stimme.

»Das kann ich dir auch nicht beantworten.« Christine seufzte schwer, das Thema nagte sichtlich an ihr. »Entweder liegt es am Geld, was für ihn sehr untypisch wäre. Oder aber Johann hat ihn an den Eiern.« Sie knurrte. »Wenn du mich fragst, dann ist es letzteres. Ich weiß dass Tahir schon damals große Angst vor diesem Mistkerl hatte und mich nur deswegen gehen ließ. Aber verglichen mit dem Johann von heute, ist der damalige ein braves Kätzchen.«

»Was genau willst du damit sagen?« Furukawa bog ab und endlich wurde die Straße breiter und besser befahrbar.

»Na was glaubst du wohl?«, fauchte sie ihn an. »DU warst doch derjenige, der ihm damals dieses verdammte Urvirus überlassen hat, Satoshi! Denkst du allen ernstes, dass er sich das dumme Skelett nur zu Hause in eine Vitrine gestellt hat, wie eine verdammte Actionfigur?«

»Machst du mir jetzt Vorwürfe, weil ich dir das Leben gerettet habe?«

Es war unfair, das wusste er im gleichen Atemzug, wie er seine Frage stellte und sofort gemahnte er sich selbst zur Ruhe und murmelte eine Entschuldigung. Christine nickte nur, sie sah immer noch wahnsinnig müde aus, trotz des kleinen Koffeinboosts, von vor zwanzig Minuten.

 

»Ich habe Dinge über ihn gehört«, griff sie das eigentliche Thema wieder auf. »Sein irrer Chefwissenschaftler scheint endlich einen Weg gefunden zu haben, um ihn zu verändern.«

»Du meinst Mutationen?« Er beschleunigte den Wagen bis zum Tempolimit und ließ sich dann einfach geradeaus über die Stadtautobahn leiten.

»Ja.« Ihre Bestätigung ließ ihm das Herz schwer werden. »Er und Wegener, dieses verfluchte Arschloch, sind dabei ihn zu modifizieren und die Fehler in seinem Erbgut auszubessern.«

»Woher weißt du das alles?« Ihm war nicht ganz klar, wie Christine an derartige Informationen hatte gelangen können.

»Es gibt immer noch das ein oder andere Kätzchen bei Stjørdal, welches mir einen Gefallen schuldet«, lachte sie freudlos und schloss die Augen, während sie den Kopf gegen die Seitenscheibe lehnte.

»Deine Quellen sind also vertrauenswürdig?«

»Satoshi.« Christine seufzte müde, als sie seinen Namen aussprach. »Wir wussten doch beide, warum er dir diesen Deal angeboten hat. Und uns beiden war klar, warum Erik damals um jeden Preis verhindern wollte, dass Johann das Skelett in die Finger bekommt.«

 

Schuldbewusst fauchte er leise und verkrampfte die Finger um den Lederbezug seines Lenkrades. Ja, er hatte gewusst dass Johann derartige Dinge versuchen würde. Aber in seiner dummen Naivität hatte er gehofft, dass dieses Projekt zum Scheitern verurteilt war, so wie er es immer prophezeit hatte. Selbst jetzt wollte er immernoch daran glauben, dass es unmöglich wäre, die inzestbedingten Schäden am Erbgut der alten Katzenfamilien zu reparieren.

»Deswegen muss ich zurück nach Deutschland«, sagte sie, ohne seine Antwort abzuwarten.

»Ich muss versuchen herauszufinden, wie schlimm die Lage wirklich steht. Hier geht es nicht mehr nur um die alte Fehde zwischen Johann und seinem Onkel. Unsere Spezies, in ihrer jetzigen Form, ist bereits schlimm genug, da braucht es nicht auch noch einen weiteren Superlativ.«

Wieder schwieg sie und er sah, dass sie kurz davor war einzuschlafen.

»Ich muss es zumindest versuchen«, nuschelte sie und zog sich die Kopfhörer mit der freien Hand auf die Ohren. »Und in der Zwischenzeit sorge ich dafür, dass wir dein Problemkind wieder zum singen bekommen. Oder was auch immer das für ein Krach sein soll, den er da als Musik bezeichnet.«

 

***

 

»Kyo, willst du auch etwas davon haben?«

»Nimm’s weg!«

»Aber das ist doch nur - .«

»Mir egal, rück mir damit nicht so auf die Pelle!«

»Nun hab dich nicht so. Das ist gesund und davon wirst du vielleicht sogar noch ein bisschen wachsen.«

»Nimm das endlich weg, verdammt! Das stinkt wie die Hölle!«

 

Kaoru beobachtete kopfschüttelnd, wie Dai immer wieder sein Mittagessen in Richtung Kyo hielt, welcher nun zum wiederholten Male aufsprang und fast einen Hechtsprung über Toshiya hinlegte, nur um außer Reichweite zu gelangen.

Dass der zweite Gitarrist mit dieser Aktion den Spaß seines Lebens hatte, sah man ihm deutlich an. Er grinste vom einen Ohr zum anderen, klaubte sich dann ein paar sauer eingelegte Blumenkohlstücke aus der Lunchbox und schob sie sich in den Mund.

Bei diesem Anblick ließ Kyo ein Würgen vernehmen und hielt sich die Hand vor die Nase.

Er hatte dieses Gemüse ja schon vorher gehasst, aber seit er ein Feloidea war und seine Sinne sich um ein vielfaches verfeinert hatten, wurde ihm beim Geruch von Blumenkohl nun jedes Mal ganz übel.

 

»Kinder, nun reicht es wirklich. Esst auf und dann lasst uns weitermachen«, ermahnte Kaoru die zwei, auch wenn ihm dies einen beinahe beleidigten Blick seitens Kyo einbrachte.

Sein Sänger stieg kurzerhand über Toshiya und setzte sich dann einfach mit seiner eigenen Box auf den Fußboden, am anderen Ende des Raumes. Von seinem Bandleader handelte er sich dafür eine hochgezogene Augenbraue ein, was er lediglich mit einem »Dai hat angefangen!« kommentierte. Manchmal benahmen sie sich immer noch wie spätpubertäre Zwanzigjährige und ob sich daran jemals etwas ändern würde, bezweifelte Kaoru sehr.

»Ich kann heute ohnehin nicht zu lange bleiben«, eröffnete Kyo ihnen.

»Wieso?« Kaoru runzelte fragend die Stirn. Davon hatte der andere bislang noch nichts erzählt. Zwischen gegrilltem Huhn und irgendwas was nach Brokkoli aussah, antwortete sein Sänger.

»Satoshi hat mich zu sich bestellt. Es geht wohl um dieses Etorphin-Dings.«

 

»Also«, fragte Toshiya verwundert. »Baut Yuuto es doch? Ich dachte der liegt immer noch im Krankenhaus?«

Nach den dramatischen Ereignissen vor einer Woche, hatten sie einstimmig entschieden, den Punk trotzdem als Techniker zu behalten und mit auf die Tour zu nehmen. Nicht nur aufgrund seiner Skills, sondern auch, weil er ihnen sympathisch war.

»Sieht so aus.«

Kyo zuckte mit den Schultern, stopfte sich die letzten Happen in den Mund und stand dann wieder auf. Dabei warf er einen finsteren Blick in Richtung Dai, welcher nur grinsend mit einem Stück Blumenkohl zwischen den Stäbchen herum wedelte und bedrohlich auf ihn deutete.

»Uns läuft langsam die Zeit davon und ohne das Gerät können wir die Tour absagen.« Kyo klappte den Deckel der gekauften Lunchbox zu und warf die Kunststoffverpackung in den Müll. »Wäre dieser beschissene Kater nicht gewesen, dann hätten wir diese Probleme jetzt nicht! So eine Scheiße.«

 

Es ärgerte ihn immer noch maßlos, dass sie so unvorsichtig gewesen und diesem Mistkerl voll in die Klauen gelaufen waren. Er knurrte ungeniert und strich sich durch die kurzen Haare, während er auf und ab ging. So lange sie unter sich waren, versuchte er die Reaktionen seiner inneren Natur nicht mehr zu unterdrücken. Kyo hatte längst festgestellt, dass er dadurch andernfalls unnötig aggressiv wurde und das würde für sie langfristig zu einem Problem werden.

Auch Satoshi war dieser Ansicht. Die Feloideainstinkte Kyos mussten verstehen, dass die Band so etwas wie sein Rudel waren. Das bedeutete dass er sich ihnen gegenüber genau so verhalten musste, wie es die Katze in ihm wollte.

 

»Habt ihr denn mittlerweile herausgefunden, wer dieses Arschloch war?« Dai hatte endlich den ganzen Blumenkohl vernichtet und kaute nun auf dem letzten Bissen Reis herum.

»Nein.« Kyo schüttelte zerknirscht den Kopf. »Angeblich wurde der Revierführer dieses Bezirks vor einem Monat getötet und seitdem gibt es dort anhaltende Rangeleien darum, wer seinen Platz einnehmen kann. Wahrscheinlich dachte der Kater, der uns überfallen hat, dass Yuuto und ich ebenfalls scharf auf diesen Posten sind.«

»Dann war es also eine Art Missverständnis?«, fragte Kaoru ungläubig.

»Ja, vielleicht.« Wieder gab Kyo ein langes, durchdringendes Knurren von sich.

 

Auch er hatte sich nach der letzten Verwandlung sicht- und spürbar verändert. Kaoru war dies bereits am Tag danach aufgefallen. Die Bewegungen ihres Sängers hatten etwas geschmeidiges und lauerndes angenommen. Wirkte er früher oft ein wenig ungelenk und grob, war nun alles viel flüssiger und beinahe schon elegant. Selbst seine Augen waren nach wie vor blau, wenn auch nicht mehr so intensiv wie noch kurz nach der Verwandlung.

Und wenn sie unter sich waren, dann begleitete Kyos Stimme stets dieser schnurrende Unterton, der kaum hörbar, aber irgendwie immer da war. Kaoru wusste nicht wie genau er es in Worte fassen sollte.

Kyos Erscheinung, seine Handlungen, sogar seine komplette Ausstrahlung, hatten etwas durchdringendes und raubtierhaftes angenommen. Es war faszinierend und jagte ihm zugleich eine spürbare Angst ein.

 

»Ich kann ihn das nicht durchgehen lassen.« Endlich blieb er stehen, verschränkte die Arme vor der Brust und überlegte.

»Wie meinst du das?« Kaorus Augen verengten sich ein wenig, während er ihn beobachtete und über das Gesagte nachdachte. »Bau keinen Scheiß, Kyo!«

»Was ich damit sagen wollte«, wehrte dieser ab, »Ist, dass ich nicht dulden kann, dass man euch angreift! Hoffen wir, dass dieser Typ seine Lektion aus der Tracht Prügel gelernt hat und es sich in Zukunft zweimal überlegt, ob er uns einfach so überfällt.«

Plötzlich stand Kaoru auf, trat auf ihn zu und blieb direkt vor Kyo stehen.

Eindringlich und intensiv sah der Sänger die wenigen Zentimeter zu ihm hoch. Obwohl sie einander schon so lange kannten und Kaoru weitaus schlimmeres mit ihm durchgemacht hatte, fiel es ihm jedes Mal wahnsinnig schwer, dem Starren aus diesen forschenden Augen standzuhalten. Kyo konnte auch ohne Feloideavirus eine beängstigende Person sein.

»Bau keinen Scheiß«, wiederholte er mit deutlich mehr Nachdruck. »Du wirst den Kerl nicht suchen, nicht jagen, oder irgendwas anderes. Hast du mich verstanden?«

 

In diesem Moment war es ihm egal, dass Kyos Katzennatur stets die Oberhand wollte und es hasste Regeln oder Ketten angelegt zu bekommen. Hier und jetzt war er der Bandleader und jetzt hatte Kaoru das Sagen und nicht das Jaguarmonster, welches sich hinter der menschlichen Maske versteckte.

»Ob du mich verstanden hast?«, verlangte er zu wissen und erhielt dafür ein sehr finsteres, zähnefletschendes Knurren. Wer sie beide unwissend beobachtete, könnte glauben, dass Kyo nun endgültig den Verstand verloren hatte.

Wieder wurden dessen Pupillen zu nadelfeinen Schlitzen, wieder wurde die Iris eisblau, wieder knurrte er unmenschlich.

Kaoru legte ihm grob und mit viel Druck eine Hand in den Nacken und presste dabei den Daumen gegen Kyos tätowierten Hals. Er wusste, dass er jetzt keine Sekunde nachgeben durfte. Der Feloidea würde ihn nicht angreifen. Er testete mit seinem Drohgebaren lediglich seine Dominanz aus.

 

Sekundenlang verharrten sie in dieser Position. Kyo hielt noch immer die Arme vor der Brust verschränkt und knurrte tief und ausdauernd. Kaorus Hand ruhte hingegen immer noch in dessen Nacken und hielt ihn dort eisern fest.

Schließlich verschwand die Anspannung des Sängers minimal und seine verkrampften Schultern senkten sich allmählich. Der Kater gab tatsächlich nach, was nicht nur Kaoru dazu brachte innerlich erleichtert aufzuatmen. Auch die anderen drei hatten schweigend auf ihren Plätzen gewartet und das alles mit sehr viel Sorge beobachtet.

»Also gut, ich bau keinen Scheiß«, murrte Kyo und ließ sich bereitwillig ein Stück näher ziehen. Kurz wurde er gegen Kaorus dürre, aber irgendwie auch erstaunlich starke Schulter gedrückt, ehe der andere ihn los ließ. Er selbst verharrte einen Moment in dieser Haltung, dann ging auch er auf Abstand und fuhr sich unruhig durch die kurzen Haare.

»Geht es?«, fragte Kaoru besorgt und erhielt dafür ein Nicken.

»Ja, entschuldige.«

Es tat ihm wirklich leid, wenn er sich seinen engsten Vertrauten gegenüber so verhielt wie ein tollwütiges Tier. Ob er sich jemals wirklich daran gewöhnen würde, dass er nun kein normaler Mensch mehr war?

Oder was auch immer es in seinem Fall jemals bedeutet hatte, normal zu sein.

 

»Ich wollte noch etwas mit euch besprechen.«

Er sah auf und von seinem Leader zu den anderen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass sein gesamtes Sichtfeld wieder einmal ungewohnt verzerrt war. Zusätzlich hatte sich ein seltsamer blau-grüner Schleier über alles gelegt, was die Gesichter seiner Freunde irgendwie schal wirken ließ.

Satoshi hatte ihn bereits bei ihrem ersten Gespräch darauf vorbereitet, dass es in stressigen Situationen nicht ungewöhnlich war, dass sein Körper einige der Feloidea-Marker annahm. Die eigentliche Verwandlung in eine Katze setzte ein, bevor er es überhaupt aktiv bemerkte. Mit Konzentration und sehr viel Selbstdisziplin, ließ sich eine finale Eskalation zum Glück in den meisten Fällen noch verhindern. Nun musste er sich setzen und zog sich dafür einfach einen der Stühle heran, auf dem er sich rittlings fallen ließ, die Arme auf der Lehne verschränkt.

»Und was?«, fragte Dai ein wenig unsicher.

»Es geht um das nächste Album.«

Im Moment arbeiteten sie an einer EP, die vorwiegend einige der alten Songs beinhalten sollte. Es sollte ein Best-Of werden. Zusätzlich gab es noch viele Vorbereitungen für ihre nächste Tour zu erledigen. Obwohl immer noch nicht sicher war, ob sie diese überhaupt antreten würden. Alles hing davon ab, wie schnell Satoshi und Yuuto den Etorphininjektor fertig bekamen.

 

»Nun lass dir nicht alles aus der Nase ziehen!«, rief Toshiya, der nach der Wasserflasche auf dem Tisch angelte. Endlich war die Anspannung der letzten fünf Minuten wieder verflogen. Irgendwie stimmte es Kyo beinahe glücklich, dass die anderen so cool mit ihm und seiner ungewöhnlichen Erkrankung umgingen.

»Ich weiß, dass wir das Albumthema immer erst im laufenden Prozess wirklich festlegen«, setzte er an und suchte nach den richtigen Worten. Es war für Kyo nicht einfach über all das zu sprechen. Tatsächlich zog er es stets vor, die Texte ganz alleine zu verfassen, unabhängig von den anderen. Es passierte in dieser Phase des Schaffensprozesses dabei häufig, dass er sich zu Hause einschloss, wochenlang mit keiner Menschenseele sprach und sehr tief in seiner eigenen Gedankenwelt abtauchte.

»Aber in diesem Fall will ich das aufarbeiten, was mir passiert ist.«

Er sah hoch, blickte zwischen den anderen Männern hin und her und beobachtete ihre Reaktionen. Dai blinzelte überrascht, Toshiya gab einen seltsamen Laut von sich, den er nicht einzuordnen wusste und aus Shinyas Miene war wie immer schwer herauszulesen was der Drummer dachte. Kaoru war der erste, welcher das Wort ergriff.

 

»Du willst, dass sich das Album mit deiner Krankheit befasst?«, fragte er.

»Ja.« Kyo nickte zustimmend. »Unter anderem. Der Angriff in Denver, das Krankenhaus und diese komplett kranke Welt, in der ich hier seit acht Monaten stecke. Wenn wir nichts damit machen, explodiert irgendwann mein Kopf!«

Dass es ihm mental keine Ruhe ließ, kam für keinen von ihnen überraschend.

»Außerdem ist da noch etwas anderes.« Er seufzte und bettete das Kinn auf seine verschränkten Unterarme. Dabei starrte er ziellos auf den Tisch, auch wenn er ihn nicht wirklich ansah. »Satoshi hat mir von seiner Familie erzählt und ich weiß es klingt seltsam, aber ich würde ihm gern einen Song widmen.«

 

Nun war ihnen das Erstaunen deutlich anzusehen.

Keiner von ihnen hatte mit diesem Wunsch gerechnet. Normalerweise war es Kyos Art seine Texte mehrfach zu verschlüsseln und mit so vielen kryptischen und schwer zu deutenden Aussagen zu spicken, dass nicht einmal die Band selbst wusste, um was genau es in den Stücken wirklich ging. Kyos Poesie war so verwirrend und verzerrt, dass sie den meisten Menschen als unwirklich, oder fast schon außerirdisch erschien. Dass er nun einen Song für eine bestimmte Person schreiben wollte, war also sehr untypisch.

 

»Wieso ausgerechnet für ihn?«, fragte Shinya mit seiner ruhigen Stimme und neigte den Kopf leicht auf die Seite. »Ihr hattet doch Streit, oder irre ich mich?«

Dass Kyo und der alte Kater bereits mehrfach aneinander geraten waren, war kein Geheimniss. Wieder seufzte der Sänger schwer und schloss die blauen Augen, da ihm das grelle Deckenlicht darin stach.

»Genau genommen, will ich es für seine Frau und sein Kind schreiben.«, erklärte er schwermütig.

»Er ist verheiratet?«

»War«, korrigierte er Dai, welcher kurz nachdachte und dann verstand, weswegen sich Bedrückung in dessen Gesicht breit machte. Zögerlich begann Kyo von dem zu berichten, was Satoshi ihm erzählt hatte und was ihn seit einer knappen Woche immer wieder gedanklich heimsuchte.

 

»Ich verstehe.« Kaoru hatte die Arme verschränkt und tippte sich nachdenklich mit den Fingern seiner rechten Hand gegen das Kinn. »Das ist natürlich schwere Kost. Ich kann verstehen wieso du das tun willst.«

»Also ich bin dabei!«, tönte es urplötzlich von Toshiya, der sich beinahe wie bei einem Schwur gegen die Brust schlug und Kyo zu einem Lächeln verleitete. Die aufgedrehte Art ihres Bassisten war immer eine willkommene Erfrischung in ihrem sonst so ernsten Bandalltag und es half dem Sänger dabei, nicht zu tief in seine düstere Gedankenwelt abzugleiten.

»Danke Toto.« Er sah zu den anderen beiden, welche zustimmend nickten, auch wenn man Dai deutlich ansah, dass ihm diese Geschichte sehr zugesetzt hatte. Seit Kyos Selbstmordversuch, bei dem ihm der Gitarrist das Leben gerettet hatte, reagierte dieser extrem empfindlich auf das Thema ‘Tod’. Ein Umstand, welcher in Kyo, selbst heute noch, tiefe Schuldgefühle erzeugte.

 

»Wir stecken da ebenfalls mit drin.« Shinya strich sich eine Strähne hinters Ohr und sah zwischen ihnen hin und her. »Ich hatte auch schon darüber nachgedacht, die Ereignisse der letzten Monate in irgendeiner Form musikalisch umzusetzen. Ins besondere nach dem was in deinem Haus passiert ist, Kaoru.«

Zum Schluss wurde er ganz leise, bis seine Stimme fast zu einem Wispern verklang. Auch wenn er es den anderen nicht sagte, so litt er nach wie vor unter Albträumen. Shinya wachte in manchen Nächten immer wieder schreiend auf und glaubte dabei die scharfen Zähne Katsuos an seinem Arm zu spüren, den kräftigen fellbedeckten Körper, heißen Atem und brennenden Speichel auf seiner nackten Haut.

Als er auf den Abend anspielte, verfinsterte sich Kyos Miene und er knurrte leise. Er versuchte sich umgehend wieder zu beruhigen, auch wenn er sich die Nägel in die eigenen Unterarme presste.

»Also sind wir uns einig?«, fragte Kaoru in die Runde und erhielt dafür ein vierfaches Kopfnicken, was ihn leicht lächeln ließ.

»Ich glaub, das ist das erste Mal, dass wir uns so schnell auf ein konkretes Albumthema festlegen konnten. Dieses Jahr steckt wirklich voller Überraschungen.« [2]

 

***

 

Etwas war anders als sonst. Kyo wusste nicht was das unbestimmte Gefühl der Nervosität in ihm erzeugte, als er den Finger ein zweites Mal gegen die Klingel drückte und abwartete. Er zupfte sich am oberen Teil seines Mundschutzes herum und sah die Straße auf und ab.

Auch wenn die Tage nun wieder kürzer wurden, so stand die Sonne immer noch hoch genug, obwohl es kurz nach sieben war. Trotzdem war er immer in Sorge, dass man ihn erkannte, heimlich fotografierte und diese verdammten Bilder wieder im Internet landeten.

Dir En Greys Sänger hasste es wie die Pest!

Warum konnten ihn die Leute nicht einfach offen ansprechen und um ein gemeinsames Foto bitten?

Wieso machten sie es heimlich und waren dann auch noch so dreist und posteten überall, dass sie ihn hier und dort gesehen hätten?

Dass Satoshi ihn zu sich nach Hause und nicht in die Praxis bestellt hatte, empfand er ebenfalls als ungewöhnlich. Aber noch ehe er länger darüber grübeln konnte, riss ihn ein lautes Summen aus seinen Gedanken. Sofort drückte er sich gegen die schwere Eisentür und schob sie auf.

Kaum dass er das Grundstück betrat, öffnete der Hausbesitzer die Tür und begrüßte ihn mit einem warmen Lächeln. Der Angriff auf Yuuto hatte die unangenehme Spannung zwischen ihnen beiden wieder abgekühlt und Kyo war darüber eigentlich sogar sehr froh, auch wenn er es nicht offen aussprach.

 

»Schön dich zu sehen«, begrüßte ihn der ältere Mann und ließ ihn eintreten. »Tee?«

Dass Kyo eben erwähntes Getränk vor Kaffee bevorzugte, schien er entweder von selbst erkannt zu haben, oder er hatte es gegoogelt. Neben all dem Schwachsinn, den man über ihn im Netz fand, gab es tatsächlich die ein oder andere Wahrheit.

»Ja, bitte.«

Er streifte die Schuhe im Eingang ab und folgte Furukawa ins Innere des Hauses. Wieder stutzte er, dieses Mal jedoch aufgrund der Bilder, welchen er bislang nur wenig Beachtung geschenkt hatte. Jetzt allerdings und vor allem nachdem er die Geschichte des Arztes gehört hatte, änderte sich dies.

Während Satoshi in der Küche hantierte und Tee in zwei Tassen füllte, wartete Kyo in dem riesigen Wohnzimmer und betrachtete nachdenklich das Gemälde an der Längsseite, hinter dem Esstisch. Es maß mindestens zwei Meter und schien auf den ersten Blick aus nichts anderem, als wirr verteilter Ölfarbe zu bestehen. In der unteren Ecke erkannte er ein Datum und den Namen der Künstlerin, was ihn in seiner traurigen Annahme bestätigte.

 

Tomoe hatte den Hintergrund mit diversen Rot und Gelbtönen als Aquarell eingefärbt. Alles lief wild ineinander, wie bei einem stürmischen Sonnenuntergang. An einigen Stellen strahlten große, rote Flecken, so als wäre die Farbe aus großer Höhe auf die Leinwand getropft. Anschließend hatte Satoshis Frau dicke schwarze und graue Farbe aufgetragen, die sich an einigen Stellen zu regelrechten Bergen auftürmen.

Was zunächst noch wie Willkür wirkte, wurde erst auf den zweiten Blick verständlicher. Kyo ging einen Schritt zurück; dann noch einen; und noch einen. Als die Rückseiten seiner Oberschenkel gegen die Couch stießen, hielt er inne und nun verstand er was dort abgebildet war. Seine Augen weiteten sich vor Erstaunen.

Es waren die verzerrten Silhouetten zweier Katzen, die sich wie tollwütig ineinander verbissen hatten. Klar konnte er die Andeutungen der menschlichen Anatomie erkennen, welche mit denen der Raubtiere verschmolz. Die unglaublich intensive Dynamik des Gemäldes, erzeugte beinahe den Eindruck, dass sich die Monster auch tatsächlich bewegten und ihren ewigen, blutigen Tanz vollführten.

 

»Beeindruckend, nicht wahr?«

Satoshi trat neben ihn und reichte ihm die Tasse, welche Kyo mit einem gemurmelten Dank annahm. Der Duft von grünem Senchatee stieg ihm in die Nase und er seufzte genüsslich auf. Von all den Dingen die er mittlerweile hypersensibel wahrnehmen konnte, war ihm dies hier am liebsten.

»Wie konnte sie es so perfekt malen?«, fragte er, während seine Augen langsam die undeutlichen Konturen der Wesen entlang fuhren.

»Sie hat mich in Somalia sehr gut beobachtet. Tomoe hatte schon immer einen guten Blick für Details.«

Somalia? Nun verstand er, dass der Hintergrund nicht einfach nur einen Sonnenuntergang abbildete, sondern die Wüste zeigen musste.

Afrika; die Wiege der Menschheit und Lebensraum einiger der größten und eindrucksvollsten Raubkatzen des Planeten. Irgendwie verlieh dieser Kontext dem Gemälde einen beinahe archaischen Charakter, dem er sich nur schwer entziehen konnte.

 

»Wer war dein Gegner?«, fragte er und nippte an seinem Tee.

»Eine einheimische Kätzin.« Satoshi zuckte mit den Schultern. »Mehr weiß ich nicht über sie und ich kann dir leider auch nicht sagen, ob sie die Wunden, die ich ihr damals zugefügt habe, überlebt hat. Die Hungersnot hat viele Menschen in den Wahnsinn getrieben; unter anderem auch unsereins.«

Natürlich erinnerte Kyo sich an die somalische Krise, auch wenn er 1992 noch recht jung gewesen war. Aber dieses Thema war eine so lange Zeit über in den Nachrichten gewesen, dass man einfach nicht daran vorbei gekommen war; selbst in Japan. Die Bilder der verhungernden Kinder, hatten sich ins kollektive Gedächtnis der Neunzigerjahre gebrannt.

»Wir waren mit Ärzte ohne Grenzen in so vielen Ländern, aber Somalia hat mir am meisten zugesetzt.« Satoshi lehnte neben ihm an der Rückseite des Sofas und immer noch betrachteten sie das Gemälde.

 

»Was war anders?«, fragte Kyo und schaute zu ihm hoch.

»Es war schrecklich mit anzusehen, wie ein ganzes Land dem Hunger und Wahnsinn verfällt. Irgendwann wurde es so schlimm, dass die wenigen Feloidea die dort leben, ihre Katzenform nicht mehr verlassen haben. Entweder aus purem Hunger und weil ihnen die Kraft ausging, oder weil sie ihren Verstand vollständig verloren hatten. Manche gingen in die Wüste und kehrten nie mehr zurück. Andere begannen damit Menschen zu jagen, obwohl an denen ebenfalls kaum noch etwas dran war.«

Der Sänger schauderte bei diesen Worten und der Vorstellung von dem was Furukawa erzählte. Dies erklärte auch, wieso von der schwarzen Katze auf dem Gemälde, die demnach nicht Satoshi darstellte, so eine seltsame Wirkung ausging. Tatsächlich schien sie schlanker und beinahe dürr und in dem was er als ihre Augen erkannte, lag ein irrer Blick. Sie war verrückt vor Hunger.

 

»Wie lange wart ihr - «, begann er, als urplötzlich ein Geräusch aus dem Stockwerk über ihnen erklang und er zusammen zuckte. Der Tee in der Tasse schwappte hin und her. Satoshi legte ihm rasch eine Hand auf die Schulter und schüttelte den Kopf.

»Keine Sorge, ich habe Besuch«, erklärte er und etwas veränderte sich. »Entschuldige, vielleicht hätte ich dich vorwarnen sollen. Bitte versuch nicht auszuflippen, okay?«

Kyo sah ihn verwirrt an und wusste überhaupt nicht was der andere damit meinte, als auf einmal Schritte aus Richtung der Treppe erklangen und er einen Schatten sah, der auf die Wand im Flur geworfen wurde.

»Wer?«, fragte er und sah zwischen seinem Gastgeber und der offenen Tür hin und her, als die Person auch schon eintrat. Sofort verstärkte sich der Druck auf seiner Schulter und er spürte deutlich, wie Furukawa darum bemüht war ihn an Ort und Stelle zu halten.

 

»Guten Morgen.«

Christine gähnte hinter vorgehaltener Hand und streckte sich, was ihre Schultern laut knacken ließ. Dann verschränkte sie die Arme vor der Brust und lehnte sich beinahe lässig gegen den Türrahmen, die Augen starr auf Kyo gerichtet. Eben dieser erwiderte den Blick und konnte nicht verhindern, dass er anfing zu knurren. Sie selbst grinste kurz, dann fletschte sie die Zähne und stieß ein provokatives Fauchen aus.

»Was macht Die denn hier?!«, verlangte Kyo umgehend von Satoshi zu erfahren und deutete dabei mit einer Hand auf die Frau, die dort stand und nur gekleidet war in ein etwas zu großes, rotes Shirt und eine schwarze Leggins. Sie gab sich betont gelassen, aber die angespannten Schultern erzählten etwas ganz anderes.

 

»Hey kleiner Gatekeeper, das ist nicht dein Haus«, warf sie ein, ehe Furukawa antworten konnte, was ihr von diesem einen strengen Blick einbrachte.

»Schon gut, sorry, du bist der Boss«, entschuldigte sie sich rasch und beobachtete die beiden Männer.

Kyo wartete immer noch darauf, dass Satoshi ihm erklärte was hier los war.

»Wäre es zu viel verlangt, wenn ihr zwei vorerst eure Hormone unter Kontrolle behalten könntet?«, fragte der Ältere von ihnen, mit einer hörbaren Portion Ärger in der Stimme.

Christine winkte kurz mit der Hand, zum Zeichen, dass sie dem zustimmte.

Also schaute er zu Kyo runter, welcher deutlich angepisst, aber ebenfalls bemüht ruhig nickte. Er konnte diese Frau einfach nicht leiden, aber es musste einen Grund für ihr Hiersein geben und da dies Satoshis Haus und er hier nur zu Gast war, wollte er versuchen sich ein wenig zusammenzureißen. »Gut.«

 

Furukawa schaute wieder zu Christine und deutete dann in Richtung seines Wintergartens. Sie rollte mit den Augen, stieß sich von der Tür ab und ging vor. Allerdings nicht ohne Kyo ein freches Grinsen zuzuwerfen, kaum dass sie an ihm vorbei ging.

Dies wiederum veranlasste ihn dazu die Zähne zu fletschen und angespannt zu fauchen. Immer noch lag Satoshis Hand auf seiner Schulter und von dem sonst so ruhigen Arzt, war ein gemurmeltes »Großer Gott« zu hören.

»Kyo«, versuchte er die Aufmerksamkeit des Sängers auf sich zu ziehen, was aber erst nach einigen Sekunden klappte. »Versuch dich bitte zu beruhigen. Ich weiß, für dich ist ihre Anwesenheit schwer zu ertragen, aber wir brauchen sie.«

»Wieso ist sie hier?!«, wiederholte er seine eigenen Worte und sah seinen Arzt streng an. Wieder einmal waren Kyos Augen eisblau.

»Sie wird uns helfen.«

»Wobei?!«

 

»Hey, Kleiner!«, wurden sie von Christines Stimme unterbrochen, welche sich auf einen der Sessel im verglasten Wintergarten gesetzt hatte und nun auf die beiden Japaner wartete. Hinter ihr, jenseits der Fenster, färbte sich der Himmel allmählich rötlich. »Ich verstehe was ihr redet!«

Ihr Japanisch war zwar bei weitem nicht mehr gut genug für eine ausführliche Konversation, aber es reichte um zumindest die einfachsten Sätze zu verstehen.

Kyo versuchte das Knurren, welches sich in seiner Brust formierte, irgendwie zu unterdrücken. Satoshi presste ein letztes Mal die Hand auf seine Schulter und schob ihn dann regelrecht vor sich her.

Mit möglichst viel Abstand setzte er sich und ließ die Feloidea dabei keine Sekunde aus den Augen. Kyo vertraute ihr nicht! Ins besondere nach der Aktion, welche sie sich in Hollywood geleistet hatte.

 

»Yuuto wird noch mindestens eine Woche im Krankenhaus bleiben müssen«, verkündete ihnen Satoshi, welcher auf dem Stuhl zwischen ihnen sah und dabei sehr ernst wirkte.

»Wie geht es ihm?«

Kyo hätte niemals erwartet, dass er sich tatsächlich eines Tages Sorgen um diesen Spinner machen würde. Kaoru hatte recht, dieses Jahr war wirklich seltsam.

»Er kommt wieder auf die Beine. Aber er hat sich leider das Schlüsselbein gebrochen und kann seinen rechten Arm deswegen nicht bewegen.« Satoshi schaute von Kyo zu seiner Kollegin.

»Deswegen habe ich dich hier her gebeten, Christine. Du hast den Prototypen entwickelt und kennst dieses Gerät am besten.«

Die Ärztin nickte streng und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Hast du mein Paket erhalten?«, fragte sie. Als sie vor drei Stunden vom Flughafen hier eingetroffen waren, hatte sie sich erst einmal hingelegt, um sich von den Nachwirkungen des Beruhigungsmittels zu erholen.

»Ja.« Satoshi nickte. »Es liegt in meinem Arbeitszimmer.«

»Wieso können wir nicht einfach diesen Prototypen nutzen?«, fragte Kyo unruhig. »Die Tour ist in wenigen Wochen und uns läuft die Zeit davon!«

 

Als Antwort erhielt er von Doktor Jansen ein beinahe schon mitleidiges Schnauben.

»Ich werde dir dieses Teufelsding ganz sicher nicht einsetzen! Außerdem wurde es nie für deine Bedürfnisse konstruiert, sondern für die - .«

»Christine!«, unterbrach Satoshi harsch, was sie aber mit einem derart kalten Blick abstrafte, dass Kyo, welcher die Szene erstaunt beobachtete, fragend die Stirn runzelte.

»Was willst du ihm vormachen?«, fragte sie und deutete auf Kyo.

»Hey, Zwerg.« Sie suchte nun gezielt seinen Blick. Etwas an ihr erinnerte ihn an die Darstellung einer keltischen Fürstin, wie man sie aus diesen ganzen Mittelalterfilmen der Achtzigerjahre kannte. Nicht allein aufgrund ihrer rotbraunen Haare. Christines gesamte Erscheinung hatte etwas herrisches an sich.

»Was denkst du, wieso wir damals bei Stjørdal dieses Ding entwickelt haben?«

 

Misstrauisch sah er zwischen den beiden hin und her. Dass es Furukawa gar nicht passte sie über solche Dinge sprechen zu hören, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ob es am Thema Stjørdal lag, oder an etwas anderem, konnte Kyo nicht mit Bestimmtheit sagen.

»Sag du es mir«, antwortete er schließlich auf ihre Frage, während seine Augen die ihren fixierten.

Dabei erinnerte er sich daran, dass Furukawa ihm mal gesagt hatte, Christine sei von einer lokalen Mutation infiziert wurden und dementsprechend auch sehr stark. Jetzt begriff er was genau sein Arzt und Freund damit gemeint hatte. Kyos Instinkte nahmen es wahr, auch wenn er es nicht direkt sehen konnte. Sie strahlte eine wahnsinns Kraft aus, die sogar ihm Angst machte.

»Er hat dir also von Stjørdal erzählt?« Sie lehnte sich zurück und nickte kurz in Richtung ihres alten Mentors. Kyo schüttelte den Kopf.

»Nein, aber als ich nach Informationen über ihn gesucht habe, bin ich über diese Firma gestolpert und hab im Nachhinein noch einige Dinge erfahren.«

Sie grinste, aber ein merkwürdig bedrückter Unterton schwang darin mit, der ihn verwirrte.

»Also weißt du im Grunde nichts.«

 

Wieder sah sie zu Satoshi, der ihrem Blick dieses Mal auswich und irgendeinen Punkt an der gegenüberliegenden Wand fixierte.

»Du Idiot!«, fauchte sie ihn an. »Von all den Dingen, die er über das hier wissen sollte, hast du ihm ausgerechnet das verschwiegen?! Das ist fahrlässig!«

»Es gibt nichts was er darüber wissen sollte«, widersprach Furukawa unruhig und tippte nervös mit einem Finger auf der Armlehne seines Sessels herum. Kyo hingegen beobachtete gespannt das Hin und Her zwischen den beiden.

»Man kann kein Feloidea sein, ohne über Stjørdal bescheid zu wissen!«

Mit einem Ruck erhob sich Christine von ihrem Sessel und baute sich vor ihrem alten Freund auf, die Arme in die Seiten gestemmt.

»Er ist Musiker und hat damit nichts zu tun!«

»Sein Beruf ist doch jetzt völlig egal!« Als wäre er nur ein Möbelstück, deutete sie in seine Richtung. »Er ist eine verdammte Katze wie wir, ob er nun will, oder nicht und wir müssen es ihm sagen. Andernfalls spielst du mit seinem Leben!«

 

***

 

Kapitel 26 ¦ Katzenschuld


 

***

 

»Andernfalls spielst du mit seinem Leben!«

 

Stille legte sich über den hübschen Wintergarten als Christine dies sagte und den Angesprochenen dabei regelrecht mit ihrem Blick durchbohrte. Kyo wurde es eiskalt, da er instinktiv spürte, dass ihm die Wahrheit definitiv nicht gefallen würde.

»Ein wenig weiß ich schon«, versuchte er die angespannte Situation zu lösen und kam sich dabei irgendwie albern vor. Fast als müsse er sich vor seinen Eltern dafür rechtfertigen, dass man ihn bereits in der Schule aufgeklärt hatte und sie das nicht mehr selbst übernehmen müssten.

»Aha?« Sie sah ihn an, blieb aber immer noch stehen und blickte auf ihn herab, was ihm nicht gefiel. Doch er wollte es nicht weiter eskalieren lassen. Also berichtete er knapp davon, dass er den Wikipediaartikel kannte und auch von dem was Yuuto über die Familie erzählt hatte, die hinter dem Konzern stand.

 

Doktor Jansen war dazu übergegangen auf und ab zu laufen, was ihr noch mehr die Ausstrahlung eines Tigers im Zoo gab.

»Besser als nichts«, murrte sie, ließ es sich aber nicht nehmen einen weiteren giftigen Blick in Satoshis Richtung zu feuern. »Warum hat er das von deinem Ziehsohn erfahren und nicht von dir?«, fragte sie wütend, bekam dafür aber keine Antwort. Sein Schweigen ließ sie knurren. Schließlich blieb Christine stehen und suchte erneut den Blickkontakt zu Kyo.

»Wir haben damals Scheiße gebaut«, begann sie ohne Umschweife.

»Christine!«, versuchte Furukawa sie zu stoppen, aber sie ignorierte ihn einfach.

»Ich war die stellvertretende Chefwissenschaftlerin bei Stjørdal-Germany und unterstand damit direkt Johann Weilsteiners rechter Hand.« Ein schmerzerfülltes Lachen glitt über ihre Lippen. »Die rechte Hand des Teufels.«

Unwillkürlich erinnerte er sich an das Foto von Johann und ein Schauer ging ihm durch die Glieder. Der Anblick dieses großen Mannes mit der raubtierhaften Ausstrahlung, hatte damals ein anhaltendes Gefühl der Furcht in ihm ausgelöst. Und dass Christine mal für diesen Kerl gearbeitet hatte, gefiel ihm genau so wenig!

 

»Warum bist du es nicht mehr?«, stellte er die einzig logische Frage, was sie bitter lachen ließ.

»Weil er ein wahnsinniges Arschloch ist!«, fauchte sie, auch wenn es nicht direkt Kyo galt. Erneut begann Christine damit auf und ab zu gehen.

»Johann ist - nein - die komplette Familie Weilsteiner besteht aus Psychopathen. Sie sind genetisch degenerierte Monster, denen das Wohl anderer am Arsch vorbei geht.« Man hörte dass sie sich richtig anstrengen musste, nicht zu laut zu werden. »Feloidea-Familien unterscheiden sich nicht von normalen Adelshäusern. Sie leiden alle an den Auswirkungen von Jahrhunderten der Inzucht, nur um den vermeintlich stärksten Nachkommen zu zeugen! Erik kann froh sein, dass er genetisch stabil ist. Sein Bruder und sein Neffe hingegen, sind genau so wie alle anderen aus der Sippschaft. Erik weiß das und trotzdem hat Satoshi - .«

 

»Christine, das reicht!« Furukawa sprang auf und hielt sie am Arm fest. »Hör auf! Das hat nichts hiermit zu tun!«

»Und ob es das hat! Es hat alles damit zu tun!« Sie riss sich los und trat so nahe, dass sich ihre Gesichter beinahe berührten. Dabei fauchte sie zornig und ballte die Hände zu Fäusten.

»Wenn Erik kommt um dich umzubringen, dann wird er nicht vor deiner Familie Halt machen.«

»Meine Familie ist tot«, erwiderte er knurrend, was sie nur dazu brachte die Lippen zu einem traurigen Grinsen zu verziehen.

»Belüg dich doch nicht selbst.« Kurz verweilte sie, dann wich sie einige Zentimeter zurück und brachte einen gewissen Sicherheitsabstand zwischen sie beide.

Kyo beobachtete all das immer noch schweigend, auch wenn seine eigenen Muskeln nervös angespannt waren. Er verstand die Welt nicht mehr.

»Er wird wissen wie nahe Yuuto und Naomi dir stehen und auch wie nahe er dir steht.« Ohne ihn anzusehen, deutete sie wieder auf Kyo, der dabei ein wenig zusammenzuckte.

»Ich musste nicht mal hier sein um zu bemerken, dass sie für dich wie deine eigenen Kinder geworden sind, Satoshi.« Christine seufzte und schüttelte den Kopf. »Du bist viel zu einfach zu lesen. Das warst du schon immer.«

 

Sie wand sich ab und ging zurück ins Innere des Hauses. Kyo betrachtete ihr breites Kreuz einige Sekunden, dann sah er zu Satoshi hoch, welcher wie angewurzelt verharrte und in dessen Gesicht unendlich viel Trauer stand.

»Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass Erik die Wahrheit herausgefunden hat!«, rief er ihr plötzlich nach, während sie in der Küche an der Kaffeemaschine hantierte, woraufhin zuerst das Aufjaulen des Mahlwerkes und dann das charakteristische Schnorcheln zu hören waren.

»Also war es nur Zufall, dass der Kleine mit einer aus dem Sun Yáo Clan gevögelt hat?« Christine kam zurück, während sie sprach und hielt eine Tasse in den Händen. Dabei bewegten sich ihre Füße elegant über das dunkelbraune Parkett. Jede ihrer Bewegungen war wohlüberlegt und geschmeidig, aber zeitgleich auch wahnsinnig kraftvoll. Obwohl er sie wirklich nicht leiden konnte, musste Kyo sich eingestehen, dass ihn die Ausstrahlung dieser Frau in ihren Bann zog.

 

»Redet sie von Alice?«, fragte er an Satoshi gewandt, welcher knapp nickte und sich dann schwerfällig auf seinen Sessel zurücksinken ließ. Noch nie hatte er den alten Kater so kraftlos und müde erlebt. Christine setzte sich ebenfalls, zog die Füße hoch und hielt ihre Tasse mit beiden Händen fest.

»Alice?«, fragte die Ärztin und nippte an dem Getränk.

»So hat sie sich mir vorgestellt. Ich weiß, dass es nicht ihr echter Name ist.« Kyo war es unangenehm über seine sexuellen Aktivitäten zu sprechen.

»Und nun macht endlich den Mund auf!«, verlangte er unwirsch. »Was ist hier los? Was hat das alles mit mir zu tun?!«

Doktor Jansen sah ihren Kollegen an, aber als klar wurde, dass Satoshi auch weiterhin schweigen würde, knurrte sie resigniert und begann zu erzählen.

 

»Satoshi hatte bereits für Stjørdal gearbeitet, als ich ihn kennenlernte. Das war bevor ich zur Katze wurde und ehe sich der Konzern in zwei Lager aufteilte.«

Auch wenn sie ruhig sprach, so wirkte sie dabei sehr angespannt.

»Nach den Ereignissen im Sudan, stieg ich ebenfalls mit ein. Wir forschten an unserer Spezies, an dem Virus und versuchten herauszufinden wie sich diese Erkrankung überhaupt entwickeln konnte.«

»Damals war es noch ganz harmlos«, warf Satoshi ein, als versuche er sich zu rechtfertigen, dabei war noch kein einziger Vorwurf gefallen. Christine sah ihn an und plötzlich streckte sie die Hand aus, um ihm kurz den Unterarm zu drücken, was ihn dazu verleitete ein wenig zu lächeln.

»Ja, das stimmt. Wir haben versucht Antworten zu finden und anderen Feloidea eine Möglichkeit zu geben, so etwas wie einer ganz normalen Arbeit nachzugehen.« Christine suchte Kyos Blick. »Du weißt ja selbst wie schwierig der Alltag ist, wenn man diese ständige Anspannung in sich fühlt.«

Der Sänger nickte stumm. Ja, er wusste genau was sie meinte!

 

»Ende der Achtziger passierte jedoch etwas, mit dem wir damals sicherlich nicht gerechnet hätten«, setzte sie die Erzählung fort. »Eines unserer archäologischen Teams fand das Skelett eines Feloidea; bei der Ausgrabung einer etruskischen Siedlung, mitten in den Sümpfen von Fucecchio, in Italien.«

Als sie dies sagte, nickte Kyo kurz.

»Ja, Satoshi hatte mir ein Foto davon, bei unserem ersten Gepräch gezeigt.«

Christine wirkte kurz verblüfft, dann schmunzelte sie und trank genüsslich einen weiteren Schluck des herb duftenden Getränks.

»Zum damaligen Zeitpunkt steckte die DNA-Forschung noch in ihren Kinderschuhen. Aber wir konnten das Alter der Knochen datieren und auch Proben entnehmen. Natürlich haben wir nicht damit gerechnet, nach so langer Zeit irgendwas brauchbares darin zu finden. Du kannst dir also vorstellen, wie überrascht wir waren, als wir einige wenige, aktive Viren extrahieren konnten.«

Er war vielleicht kein Mediziner, aber sogar Kyo hatte schon mal davon gehört, dass genetisches Material sehr schnell verfallen konnte. Jurassic Park sei dank.

»Die spezielle Zusammensetzung des Bodens, hat das Skelett konserviert, was für uns einerseits Glück war«, erklärte sie. »Andererseits wünschte ich, dass dieses verdammte Ding für alle Zeiten dort geblieben und irgendwann einfach vermodert wäre!«

 

Kurz entstand eine Pause zwischen ihnen, in der Kyo zu Furukawa schaute, welcher jedoch abwesend drein blickte. Das Verhalten seines Mentors bereitete ihm so langsam wirklich große Sorgen.

»Zunächst half es uns dabei zu verstehen, wo genau das Feloideavirus herkommt und warum wir so aussehen, wie wir nun einmal aussehen.«

Da sie davon ausging, dass er bereits von Satoshi über die wichtigsten Eckdaten der Evolution ihrer ‘Spezies’ unterrichtet wurden war, übersprang sie diesen Part einfach.

»Johann genügte das allerdings nicht.« Als sie diesen Namen aussprach, wurde ihre Stimme eisig. »Wie ich schon sagte, leidet seine Familie an diversen Erbkrankheiten, so wie die meisten von uns. Trotzdem ist er ein Monster unter Monstern! Johann ist unfassbar stark, brutal und gewissenlos. Seine Kraft wird nur von seinem Onkel Erik übertroffen, welcher zum damaligen Zeitpunkt noch unser direkter Vorgesetzter war.«

Als sie Erik erwähnte, zuckte Furukawa kaum merklich zusammen. Das alles wurde immer mysteriöser und Kyo fragte sich mit jeder Sekunde mehr, was um Himmels Willen passiert war, um so eine Reaktion in dem sonst so souveränen Mann zu erzeugen!

 

»Erik hatte selbst eine Tochter.« Christine schwenkte die mittlerweile leere Tasse nachdenklich hin und her. »Er heiratete in eine alte russische Familie ein. Sie bekamen ein Kind und dann sprang Ekaterina eines Tages einfach von einer Brücke.«

»Ja«, murmelte Kyo nachdenklich. »Das habe ich auf Wikipedia gelesen. Weiß man warum sie es getan hat?«

Die Ärztin seufzte schwer.

»Die ganze Familie ist im Kern krank und das betrifft nicht nur körperliche Gebrechen, wie Autoimmunerkrankungen. So leiden beispielsweise 90 Prozent der Mitglieder des italienischen Valpecca-Clans an Albinismus.« Der Sessel knarrte, als sie ihre Sitzhaltung änderte. »Auch seelische und neurologische Erkrankungen können erblich bedingt sein. Ekaterinas Bruder litt an Schizophrenie und hörte Stimmen, bevor er sich das Leben nahm. Sehr wahrscheinlich hat die extrem anstrengende Schwangerschaft, oder die Wochenbettzeit danach, bei ihr ebenfalls eine Psychose ausgelöst.«

Etwas an ihren Worten ließ ihn innerlich heftig zusammenfahren. Kyo erinnerte sich an die Zeit, in welcher er sich selbst in einem extremen psychischen Ausnahmezustand befunden und dringend Hilfe gebraucht hatte. Vielleicht sah sie es an seinem Gesicht, aber sie nickte leicht und deutete auf seine Arme.

»Genau deswegen habe ich dir damals die Frage gestellt, wie mental stabil du bist.«

Zumindest ergab dies nun endlich einen Sinn.

 

»Johann nutzte die Geschichte von Ekatarinas erweitertem Suizid, um Erik zu bearbeiten. Er versuchte seinen Onkel zu überreden, mit Hilfe des Urvirus an einer Heilung für die Erbkrankheiten der Katzenfamilien zu forschen.«

»Und das war ein Problem?«, fragte Kyo, etwas verwirrt von all den Informationen. Angesichts dieser heftigen Geschichte, konnte er ja sogar nachvollziehen, dass Johann alles versuchte um sich selbst und seine Familie zu heilen.

»Es war ein Vorwand!« Christine sah zu Satoshi, welcher sich immer noch nicht rührte. Seine Lethargie ließ sie knurren, dann aber wand sie sich wieder dem Musiker zu.

»Johann weiß genau, dass er gegen Erik niemals eine Chance hätte. Im Gegensatz zu ihm selbst, hat sein Onkel keinerlei genetische Defekte. Niemand weiß warum Erik von den Erkrankungen seiner Familie verschont blieb und sein jüngerer Bruder, ohne Asthmaspray, kaum drei Schritte gehen kann.«

Dies hörte sich sogar für einen medizinischen Laien wie ihn ausgesprochen sonderbar an.

»Es gab angeblich sogar Gerüchte, dass Erik gar kein Weilsteiner ist. Aber wenn man sich die Familienfotos anschaut, dann sieht man deutlich, dass er seinem Großvater wie aus dem Gesicht geschnitten ist.«

So spannend diese Geschichte auch war, er verstand nicht wann genau der Punkt kommen sollte, an dem es etwas mit ihm direkt zu tun hatte. Aber Kyo entschied vorerst zuzuhören und abzuwarten.

 

»So lange Erik lebt, wird es Johann niemals möglich sein Stjørdal komplett an sich zu reißen und damit eine unglaublich mächtige wirtschaftspolitische Waffe in den Händen zu halten! Das ist der wahre Grund, warum er unter allen Umständen das Virus haben wollte.«

Plötzlich lachte sie, aber es war ein finsteres, freudloses Lachen.

»Dieser Idiot hat tatsächlich geglaubt, dass er seinen Onkel nur lange genug bequatschen muss, bis dieser das Skelett einfach rausrückt. Aber Erik wusste schon lange über Johanns wahre Pläne bestens Bescheid.« Sie seufzte. »Zu der Zeit ahnten weder Satoshi, noch ich, oder mein Ehemann, etwas von all dem.«

Kyo blinzelte erstaunt, da er mit dieser Information nicht gerechnet hätte.

»Du bist verheiratet?«, fragte er verblüfft und sah automatisch auf ihre Hände, an welchen er jedoch keinen Ring erblicken konnte.

»Geschieden«, knurrte sie und auch wenn er wirklich versuchte dem Drang zu widerstehen, so konnte er nicht verhindern, dass ihm ein »Ein Glück, der arme Mann« heraus rutschte.

Sie stutzte, sagte etwas auf Deutsch, starrte ihn an und fauchte dann.

»Was war das, du verdammter kleiner Gartenzwerg?!«

 

Christine war bereits in begriff aufzuspringen, da erwachte Satoshi wieder aus seiner Starre und packte sie grob am Arm.

»Lasst das.« Selbst seine Stimme schien sämtliche Energie verloren zu haben. »Könnt ihr zwei euch nicht endlich zusammenreißen?«

Seine Freundin riss sich los, ließ sich aber wieder zurücksinken und sah so aus als ob sie schmollte.

»Er hat doch damit angefangen und nicht ich«, brummte sie und brachte nun sogar den älteren Mann dazu, ein wenig zu lächeln; auch wenn ihm die Schwermut immer noch in den Augen stand.

»Du bist und bleibst genau so hitzköpfig wie damals.«

Plötzlich stand er auf und verkündete mit einem langen Seufzen, dass er neuen Tee kochen würde. Die beiden jüngeren Katzen schauten ihm nach und schwiegen zunächst.

»Was hat er?«, fragte Kyo und schaute zu der Frau, die knapp zwei Meter von ihm entfernt saß. Christine hatte es sich wieder im Schneidersitz gemütlich gemacht und strich sich eine Strähne hinters Ohr.

 

»Satoshi macht sich Vorwürfe, wegen dem was damals passiert ist.«

»Und was ist passiert?« wollte er wissen. »Was genau habt ihr getan?«

Sie suchte nach den richtigen Worten und dachte nach. Er gab ihr die Zeit, versuchte seine innere Anspannung auszublenden und wartete ab. Dann endlich erzählte sie weiter.

»Johann begann irgendwann immer mehr Zeit mit Tahir und mir zu verbringen.« Als sie seinen irritierten Blick sah, ergänzte sie rasch. »Tahir ist mein Exmann.«

»Verstehe.«

»Damals dachte ich mir nichts weiter dabei. Wir drei sind im selben Alter und ich glaubte, dass Johann einfach nur unsere gute Arbeit zu schätzen weiß. Tahir ist gebürtiger Syrer und hat für den Konzern einige gute Kontakte in den Nahen Osten geknüpft. Wir hielten es also für eine freundschaftliche Geste, als er uns dazu einlud, ihn nach Deutschland zu begleiten. Dabei ahnten wir nicht, dass man dieser Schlange kein einziges Wort glauben sollte!«

Aus der Küche hörten sie das Klappern von Tassen und das Rauschen des Wasserkochers.

 

»Ich war unsicher, ob ich Satoshi einfach in Italien zurücklassen kann. Aber er meinte, dass ich auch an meine eigene Karriere denken sollte. Also motivierte er mich dazu diesen Schritt zu gehen.« Kurz schloss sie die Augen und ihre Hände ballten sich zu Fäusten.

»Hätte ich doch nur nicht auf ihn gehört. Anfangs war alles gut. Ich arbeitete mich ein, bekam den Posten der stellvertretenden Leiterin der Forschungsabteilung und machte einen guten Job. Doch nur ein halbes Jahr später passierte das absolut Undenkbare!

Erik trat von seinem Posten zurück und übertrug Johann die Führung über Stjørdal. Er selbst veranlasste eine vollständige Trennung der italienischen Niederlassung vom Hauptkonzern und bis heute weiß niemand, was genau der Auslöser für diese krasse Entscheidung war.«

 

Die Geräusche in der Küche verstummten, aber Satoshi schien noch nicht wieder bereit zu sein, zurück zu ihnen zu kommen. Offenbar brauchte der ältere Kater ein wenig Zeit.

»Von dem Moment an, als Erik keine Kontrolle mehr über Stjørdal Germany hatte, begann sich alles zu verändern. Unser Chefwissenschaftler, ein eiskalter Wichser namens Albert Wegener, stellte vom einen Tag auf den anderen, sämtliche Forschungen ein. Angeblich auf Anweisungen Johanns hin. Plötzlich ging es nur noch um Genetik, Verhaltenskontrolle, Mutationen und Optimierung.

Ich sprach mit Tahir darüber und fragte ihn, ob der Vorstand eigentlich den Verstand verloren hätte. Aber mein Mann sagte, Johann habe alle Vorstandsmitglieder, welche vorher noch von Erik ernannt wurden waren, einfach degradieren lassen.«

»Er hat also versucht sich der letzten Kontrolle seines Onkels vollständig zu entziehen?«, fragte Kyo, dem das Verhalten Johanns wirklich unheimlich war. Christines Worten zu lauschen, fühlte sich so an als ob sie ihm von einem Politthriller erzählte, den sie im Kino gesehen hatte. Es fiel ihm schwer zu glauben, dass dies die Realität sein sollte!

 

»Ja, und dann wurden sie gegen hochrangige Mitglieder sehr einflussreicher Katzenfamilien ausgetauscht!« Sie grinste, auch wenn es mehr einem Zähnefletschen glich. »Wenn es einen Ort gibt, an dem sich das Böse in seiner puren Form versammelt, dann ist es der oberste Vorstand der Stjørdal-Group. Ich denke du wirst kaum eine andere Gruppe von Leuten finden, die so eiskalt und grausam sind, wie diese Monster!«

»Erik muss doch geahnt haben, dass das passiert, wenn er sich einfach so zurück zieht und Johann die volle Kontrolle überlässt.« Ihm wollte nicht in den Kopf, dass der angeblich so mächtige Kater, all das einfach zugelassen hatte.

»Glaub nicht, dass Erik ein guter Mensch sei«, antwortete sie streng. »Er ist zwar kein Psychopath, so wie sein Neffe, aber das bedeutet noch lange nicht, dass er so etwas wie ein Herz besitzt. Sein moralischer Kompass ist lediglich etwas strenger, als der von Johann.«

Auch Christine sah in Richtung Küche und lauschte. Ihr Mentor blieb immer noch auf Abstand, was sie als Zeichen sah, die Geschichte aus ihrer Perspektive zuende zu erzählen.

 

»Und dass er genau wusste, welche Pläne Johann in Wahrheit verfolgt, steht für mich mittlerweile außer Frage. Die Rekonstruktion und Optimierung der defekten Gene, um irgendwie den Fortbestand der Familie zu sichern. In Deutschland forschten und experimentierten wir jahrelang daran und scheiterten jedes Mal kläglich.

Nach einer Weile wurde uns klar, dass unsere Forschungen, ohne das Urvirus, immer wieder in einer Sackgasse enden würden. Aber dafür brauchten wir das Skelett und das befand sich tief unten in Eriks eigenem Labor, in Italien.«

Erstaunt atmete Kyo ein, als er verstand.

»Deswegen all der Aufwand und die Trennung der Firmen? Um Johanns Pläne vorzeitig zu vereiteln?«

Christine zuckte mit den Schultern.

»Möglich, aber was auch immer die wahren Gründe waren, es war zumindest ein netter Nebeneffekt davon.« Zum wiederholten Mal an diesem Abend, stand sie auf und begann unruhig auf und ab zu gehen.

»Da unsere Forschungen also erst einmal auf Eis lagen, beschäftigten wir uns mit etwas ... anderem.« Kurz huschte ihr Blick zu ihm. »Abrichtung und Verhaltenskontrolle.«

 

Es war als hätte man ihn mit Eiswasser übergossen, so sehr schauderte es ihm. Kyo konnte kaum glauben, was er da hörte.

Abrichtung?

Er begriff, auf was sie hinaus wollte und in seinem Magen machte sich eine schreckliche Übelkeit bemerkbar.

»Ganz genau.« Sie sah, dass er begriff auf was sie anspielte. »Das kleine Scheißding was oben in Satoshis Büro liegt, war eigentlich dafür gedacht, andere Feloidea gefügig und somit zu willenlosen Werkzeugen zu machen! Die Pläne stammen noch aus einer Zeit vor der Firmenteilung, unter Satoshis Leitung.«

Erneut setzte sie ihre Bewegung fort und ging hin und her, während Dir En Greys Sänger der Kopf dröhnte.

Er hatte also recht gehabt?

Das schlechte Gefühl, welches er vor einem halben Jahr beim lesen dieses verdammten Wikipediaartikels gehabt hatte, war absolut begründet gewesen?

Wollte Satoshi ihn kontrollieren?

 

»Eigentlich hatte ich schon damals gehen wollen«, sprach Christine weiter. »Aber Tahir und ich hatten schreckliche Angst. Wir sahen tagtäglich mit welchen Monstern wir zusammenarbeiteten und wie Johanns Laune beständig schlechter wurde. Er war unzufrieden mit der Tatsache, dass wir mit der Forschung nicht voran kamen und da das Ur-Virus für ihn nicht erreichbar war, versuchten sie etwas anderes.«

Unwillkürlich legte sie eine Hand auf ihren Unterleib und krallte die Finger in den Stoff des langen, roten Shirts. Kyo runzelte nachdenklich die Stirn bei dem Anblick. Etwas an der Art wie sie nun dort vor ihm stand und abwesend hinaus blickte, sagte ihm deutlich, dass es ihr schwer fiel darüber zu sprechen.

»Keine Ahnung wessen Idee es war, denn eigentlich traue ich es sowohl Johann, als auch seinem irren Cousin zu. Aber eines Tages begannen sie damit, mich davon überzeugen zu wollen - .«

Sie unterbrach sich selbst und knurrte zornig. Sogar ihre hellen Augen wurden noch kälter, während sich die Pupillen zu Schlitzen zusammenzogen. Kyo spürte zwar, dass diese Wut nicht ihm galt, aber er hatte trotzdem das Bedürfnis mit einem Fauchen darauf zu reagieren.

 

»Johann wollte mich als Mutter seiner Kinder.« Sie biss die Zähne zusammen, so dass ihre Worte nur schwer zu verstehen waren. »Das Virus mit dem ich infiziert wurde, ist sehr stark und stabil. Sie dachten, dass es ausreichen würde um Nachkommen ohne Erbschäden zu zeugen. Welpen die so wie Erik sind! Natürlich weigerte ich mich und sagte ihnen, dass ich mir eher den Uterus mit einer Nagelschere heraus schneide, als bei so etwas mitzumachen! Außerdem war ich verheiratet und liebte Tahir.«

Stumm stellte sich Kyo die Frage, ob man sie zu etwas gezwungen hatte, aber ihre Andeutungen blieben nur sehr wage. Statt dessen strich sie sich nervös durch die Haare, wand sich um und setzte sich hin, wobei sie unruhig mit den Füßen wippte. [1]

 

»Ich flehte Tahir an mit mir wegzugehen, weil ich wirklich Angst um mein Leben hatte! Eine Feloideaschwangerschaft ist nicht nur sehr schwierig zu halten, sondern für die Mutter auch mit einem extrem großen Risiko verbunden. Deswegen wollte ich niemals eigene Kinder haben.«

Die Bitterkeit, die aus ihr sprach, war nur schwer zu ertragen. In diesem Moment empfand Kyo unglaublich viel Mitgefühl für diese eigentlich sehr starke Frau.

»Leider war die Angst meines Mannes vor Johann, noch größer als die Angst um mich. Und als mir klar wurde, dass Tahir sich für Stjørdal und gegen mich entscheidet, wand ich mich an Satoshi.«

Als wäre es abgesprochen, schauten sie zwei synchron ins Innere des Hauses und zur Küche. Irgendwie ahnte Kyo, dass Furukawa jedes Wort mithörte.

»Wir hatten uns zu dem Zeitpunkt bereits seit einigen Jahren nicht mehr gesprochen, aufgrund der Funkstille zwischen den beiden Firmensitzen. Es gab das begründete Gerücht, dass Johann jeden umbringt, der versucht mit Erik zu kooperieren. Ich setzte also mein eigenes Leben aufs Spiel und flehte Satoshi darum an, mich aus dieser Hölle zu befreien.«

 

Etwas veränderte sich und als der Sänger zu ihr sah, erkannte er das verräterische Glänzen in ihren sonst so kühlen Augen.

»Dieser Idiot kam direkt zu uns nach Deutschland und suchte Johann auf. Hätte ich gewusst, auf welchen Deal er sich mit diesem Ungeheuer einlässt, dann hätte ich ihn niemals um seine Hilfe gebeten.« Bevor die erste Träne über ihre Wange rollte, wand sie den Kopf rasch zur Seite.

»Johann bot Satoshi an, dass er mich freikaufen könnte. Aber im Gegenzug musste er ihm das bringen, was Erik niemals freiwillig hergeben würde.«

So langsam setzten sich nun auch die letzten Puzzlestücke an ihren richtigen Platz und die Übelkeit in Kyo, wich einer unerträglichen Eiseskälte.

»Das Skelett von Etrusk?«, fragte er heißer vor Anspannung, was sie langsam nicken ließ.

»Ja.«

»Scheiße.« Auch wenn es zu erwarten gewesen war, so wollte er es trotzdem nicht glauben. »Wie hat er es stehlen können?!«

 

»Ich ließ einen anderen ins Messer laufen.«

Kyos ganze Aufmerksamkeit war so auf Christine fixiert gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, wie Satoshi zurück kam. Er zuckte zusammen, als der Ältere das Tablett mit den Tassen und der Teekanne auf dem kleinen Tisch abstellte, jedoch keine Anstalten machte ihnen einzuschenken. Statt dessen stand er einfach nur da; die Augen trüb und traurig.

»Es war sehr schwierig, das Skelett aus der Forschungsanlage in Italien zu schmuggeln und nach Deutschland zu bringen. Und mir war klar, dass es nicht ohne Opfer gehen würde. Also ließ ich zu, dass Erik glaubte, mein Assistent wäre dafür verantwortlich.« Trauer und Schuld übermannten ihn und er schloss die Augen, um einige Male durchzuatmen. »Bis heute erdrückt es mich, zu wissen, dass Erik wegen mir einen Unschuldigen in Stücke gerissen hat.«

 

Es gab nichts was Kyo hätte sagen oder tun können, um diese Aussage irgendwie zu entkräften. Nach allem, was er in der letzten halben Stunde erfahren hatte und nach Satoshis Geständnis, konnte er dessen Schuldgefühle komplett verstehen. Sie waren leider absolut berechtigt. Und irgendwas in Kyo sagte ihm, dass die Aussage ‘in Stücke gerissen’ leider durchaus wörtlich zu nehmen war.

»Hat Erik nicht versucht das Skelett zurück zu bekommen?«, fragte er statt dessen, denn er wusste nicht was er sonst tun oder sagen sollte.

»Erik ist nicht lebensmüde«, erwiderte Christine bitter. »Im Zweikampf würde er Johann sicherlich umbringen können, auch wenn es sogar für ihn schwer wäre. Allerdings handhabt es sein Neffe genau so wie er selbst. Sie beide haben Leibwächter, an denen man nicht so einfach vorbei kommt.«

Satoshi nickte zustimmend und so blass wie dieser mittlerweile war, machte Kyo sich ernsthafte Sorgen um ihn!

»Und nicht nur die Leibwächter sind ein Problem«, ergänzte der Arzt und ließ sich schwerfällig nieder. »Ihr jeweiliger Hofstaat ist ebenfalls im Weg.« Plötzlich beugte er sich vor und vergrub das Gesicht in den Händen. »Es ist meine Schuld. Was auch immer sie mit Johann nun alles tun werden, es ist meine verdammte Schuld!«

 

»Satoshi!« Christines Stimme war schneidend und streng. Sie sah ihn an, er jedoch machte keine Anstalten aufzuschauen. »Wie ich schon sagte, haben wir beide damals Scheiße gebaut. Er hätte das Skelett niemals in die Finger bekommen dürfen. Aber es ist passiert und er wurde bereits verändert. Deswegen muss ich zurück nach Deutschland und einen Weg finden um ihn aufzuhalten!«

»Nein!« Ihr Kollege schnellte hoch, Panik im Blick. »Johann wird dich umbringen, wenn du zurück gehst!«

»Wird er nicht.« Sie knurrte finster. »So wie ich ihn kenne, wird er sich die Chance mit mir zu spielen, nicht entgehen lassen. Du weißt doch wie er tickt. Johann ist ein Selbstdarsteller. Deswegen wird er erst einmal versuchen meine volle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, nur um mich zu beeindrucken.«

»Du spielst mit deinem Leben!«

Selbst Kyo musste seinem Mentor in diesem Punkt recht geben. Er hatte zwar nun einen groben Überblick über die Ereignisse, aber obwohl ihm die tieferen Details noch immer fehlten, so wusste er trotzdem, dass das eine sehr dumme Idee war.

 

»Irgendwer muss etwas unternehmen. Im Gegensatz zu dir, will ich mich nicht den Rest meines Lebens verkriechen und vor meiner Schuld davonlaufen!«

Dass ihre Worte den älteren Mann verletzten, sah sie einen Moment zu spät. Dann aber wurde ihr Blick wieder weicher und sie seufzte entschuldigend.

»Tut mir leid, das war unfair.«

Satoshi zuckte mit den Schultern.

»Leider hast du recht. Ich bin vor dem weggelaufen, was ich angerichtet habe. Damals wollte ich dich retten und habe damit unermesslich großen Schaden angerichtet.«

Schweigen legte sich über sie, welches nur zögerlich von Kyo unterbrochen wurde, welcher sich komplett deplatziert fühlte.

»Also, was genau machen wir denn jetzt? Was ist der Plan?«

 

Dankbar über den Themenwechsel, lockerte sich die angespannte Körperhaltung der Deutschen und sie tippte sich nachdenklich ans Kinn.

»Wie schon gesagt, werde ich dir diesen Prototypen nicht einsetzen. Da uns aber die Zeit davon läuft, nutze ich den alten Bauplan und versuche ihn zu modifizieren. Damals hat sich einer meiner Kollegen um die Programmierung gekümmert und zum Glück haben wir jetzt Satoshis Wunderkind.« Kurz lächelte sie. »Ferner er ist wirklich so gut in seinem Fachgebiet, wie er behauptet!«

»Er ist gut!«, kam der Einwand. »Yuuto ist perfekt für diesen Job geeignet. Bitte sei so gut und mach ihn nicht zur Schnecke, wenn du mit ihm arbeitest.«

Ein Lächeln schlich sich auf Christines Lippen.

»Kommt drauf an, ob er sich zu benehmen weiß. Aber gut, ich tue dir diesen Gefallen, um unserer alten Freundschaft willen und bis dahin - ,« plötzlich schnellten Ihre Augen zu Kyo und der beinahe gierige Blick, mit dem sie ihn bedachte, ließ ihn ein abwehrendes Knurren ausstoßen. »will ich mir dein neues Spielzeug mal genauer anschauen. Na los, kleiner Kater, raus aus den Klamotten!«

 

***

 

Als Kyo knapp zwei Stunden später in den Fahrstuhl seines Wohnhauses trat, war er immer noch am fluchen. Er hatte sie zwar davon abhalten können ihm auch noch die Hose vom Leib zu reißen, aber trotzdem war er sich, während ihrer Untersuchung, so vorgekommen als befinde er sich direkt auf dem Seziertisch.

Großer Gott, er konnte diese Irre wirklich nicht ausstehen!

Christine hatte ihn ausführlich untersucht, das Aussehen seiner Tattoos unnötigerweise kommentiert und sich auf ihrem Laptop immer wieder diverse Notizen gemacht. Ins besondere an seiner Muskulatur schien die verrückte Ärztin ein seltsam intensives Interesse zu haben. Auch wenn ihre Handlungen nicht erotischer Natur waren, so war es ihm die ganze Zeit über extrem peinlich gewesen, derart oft von ihr angefasst zu werden.

Warum mussten die Menschen aus dem Westen nur immer so distanzlos sein?

Er selbst war nicht gerade das was man einen Musterjapaner nannte, doch auch er besaß so etwas wie einen Personal-Space!

 

»Man, geht dir mir auf die Eier«, murmelte er und drückte mit dem Finger auf den Knopf für das obere Stockwerk. Kyo wollte einfach nur noch unter die Dusche und dann ab ins Bett. Die wenigen Stunden in Gegenwart der beiden dominanten Katzen, hatte ihn seiner gesamten, mentalen Kraft beraubt. Die ganze Zeit über hatte er aktiv darum ringen müssen, nicht die Kontrolle zu verlieren und nun fühlte er sich als stünde er kurz vor einer Migräne.

Noch während er sich der Vorstellung von einer Packung Cup Noodles im Bett vorm Fernseher hingab, gab es vor dem Fahrstuhl plötzlich eine Bewegung. Ein Schatten huschte an der gegenüberliegenden Wand vorbei und wie aus dem Nichts schnellte eine Hand auf die sich schließenden Türen zu und knallte lautstark dagegen.

 

Der Sänger wich erschrocken zurück. Er dachte zuerst, dass es einer der anderen Hausbewohner wäre. Doch im nächsten Augenblick schob sich ein Mann dazwischen, verhinderte mit beiden Armen dass sich die Türen vollständig schlossen und in Kyos Kopf begannen sich die Gedanken zu überschlagen.

Wer war das?

Ein Verbrecher?

Jemand der ihm etwas antun wollte?

Ein Stalker vielleicht?

Katsuo?

Der Kerl war vielleicht ein paar Jahre jünger als er und wirkte irgendwie abgewetzt und verwahrlost. Seine blutunterlaufenen Augen waren weit aufgerissen, die fettigen Haare standen in alle Richtungen ab, seine Kleidung war schmutzig und an vielen Stellen zerrissen und zu allem Übel ging ein unangenehmer Geruch von ihm aus.

 

»Das warst du!«, keuchte er; sogar seine Stimme schien arg mitgenommen zu sein und ähnelte eher einer kaputten Säge.

Völlig überfordert mit der Situation, wusste Kyo nicht was er tun sollte. Also stand er einfach nur da, gegen die Wand des Fahrstuhls gedrückt und ließ den obdachlosen Mann nicht aus den Augen.

»Das warst du!«, schrie dieser nun lauthals. »Du! Das ist alles deine Schuld! Wegen dir kommt er uns holen! Wir haben nichts getan!«

Der Mann war verrückt! Es konnte nichts anderes sein!

Ängstlich und verstört, suchte Kyo nach einem Ausweg und erkannte sehr schnell, dass seine Möglichkeiten in der engen Kabine leider arg eingeschränkt waren.

 

»Es ist deine Schuld!«, keifte der Kerl erneut und nun wurde es ihm endgültig zuviel.

»Verpiss dich! Ich ruf die Polizei, verdammt!«, schrie er ihn an, nahm allen Mut zusammen und warf sich nach vorn.

Der Typ schien mit dieser Reaktion nicht gerechnet zu haben und wehrte sich nicht, als ihn die Handflächen des kleineren Mannes, voll gegen die Brust trafen. Er taumelte zurück und seine Hände rutschten von den Kanten der Türen ab, welche sich die ganze Zeit über schließen wollten. Dann stolperte er über seine eigenen Füße und fiel unsanft auf den Hintern.

 

Kurz bevor sich die Fahrstuhltüren endlich schlossen, schrie der Fremde wie von Sinnen auf und wiederholte seine Worte ein letztes Mal. Dann verschwand er hinter einer Wand aus reflektierendem Metall. Der Mann mit den blutunterlaufenen, gelben Augen, verwandelte sich in Kyos eigenes, blauäugiges selbst, dem der Schock ins Gesicht geschrieben stand.

Und während in seinen Ohren immer wieder ‘Du bist Schuld! Er wird uns holen!’ wiederklang, wich er vor sich selbst zurück und kollidierte erneut mit der Rückwand, ehe seine Knie zitternd nachgaben und er kraftlos hinab sank.

Seine Hände bebten, der Atem ging schnell, das Blut in seinen Ohren rauschte und auf seiner Zunge lag ein unangenehm saurer Geschmack. Ein Teil seines Verstandes ermahnte ihn, umgehend die Polizei zu verständigen, sobald er seine Wohnung erreichte. Aber der weitaus dominantere Part blockierte diesen Gedankengang und war vorwiegend damit beschäftigt, das letzte Bild permanent zu wiederholen, wie eine beschädigte Videodatei.

 

Kurz bevor sich die Türen geschlossen hatten, hatte er zum ersten Mal gezielt auf die Augen des Mannes geachtet und das was er für blutunterlaufen gehalten hatte, war etwas ganz anderes.

Sie waren tatsächlich rot gewesen.

Zwei rote Irden, deren Mitten von tiefschwarzen Schlitzen geteilt wurden.

 

***
 

Kapitel 27 ¦ Katzenstreit


 

***

 

Als die Polizei eintraf, um sich seine Schilderung der Ereignisse anzuhören, war der obdachlose Feloidea bereits verschwunden. Natürlich hatten sie die Videos der Überwachungskamera im Hauseingang gesichtet und waren zu dem Schluss gekommen, dass der Mann wohl mit einer gestohlenen Schlüsselkarte ins Gebäude gelangt sein musste.

Kyo hatte darauf verzichtet Anzeige zu erstatten und lediglich die Entschuldigung der Hausverwaltung entgegen genommen; die allerdings nur reine Formsache war.

Was ihn seit diesem Abend am meisten beschäftigte und ihn auch bei den Proben unkonzentrierter werden ließ, waren die Worte des Mannes.

Er hatte Kyo als Feloidea erkannt, soviel stand fest. Aber was meinte er damit, dass er ‘Schuld wäre’ und dass ‘Er’ nun kommen würde, um sie zu holen?

Wer war ‘Er’?

Oder war nichts an der Sache dran und der Typ war zwar eine Werkatze, aber zugleich auch komplett verrückt?

Yuuto hatte ihm ja erklärt, dass mache Feloidea den Verstand verloren, weil das Virus irgendwas in ihren Gehirnen beschädigte. Aber so sehr er auch versuchte, sich mit dieser Erklärung abzufinden; beschäftigte es ihn trotzdem weiterhin.

Und so lange diese verrückte Deutsche es sich bei Satoshi gemütlich gemacht hatte, war er auch nicht gewillt, mit seinem Mentor darüber zu sprechen. Ihre Anwesenheit war ihm maximal unangenehm!

 

Eine Woche später, rückten die Erinnerungen langsam in den Hintergrund und mischten sich mit dem beständigen Rauschen aus Gedanken, welches für ihn mittlerweile ohnehin zu einem vertrauten Gefühl geworden war. Kyo konnte einfach nicht ‘nicht-denken’. Ständig ging ihm irgendwas im Kopf herum, beschäftigten ihn irgendwelche Dinge und wenn es ganz schlimm wurde, dann vermischte sich alles zu einem beinahe ohrenbetäubenden Geschrei.

 

»Hm.«

Yuuto tippte auf Kaorus Handy herum und suchte in den Systeminformationen nach irgendwas. Auf seinen Wunsch hin, hatte ihn der Leader Dir En Greys vom Krankenhaus abgeholt und jetzt saß er in dessen Büro, ganz vertieft in sein Tun. Der rechte Arm steckte immer noch in einer speziellen Schulter-Arm-Orthese und war direkt an seinem Oberkörper fixiert.

Laut Satoshi, hatte ihm der Feloidea sowohl Schlüsselbein, als auch einige Rippen gebrochen und durch die wochenlange Gabe von Etorphin, waren seine virusbedingten Selbstheilungskräfte stärker eingeschränkt, weshalb es länger dauern würde, um zu heilen.

 

»Ja, das sollte klappen«, murmelte der Punk und notierte sich dann etwas, auf seinem eigenen Smartphone.

»Sagst du uns auch, was genau klappt, oder wird das jetzt ein Quiz?«, fragte Kyo, der am offenen Fenster lehnte und an einer Tasse Tee nippte. Kaoru behielt den Jüngsten dabei durchgehend im Blick. Ihm war nicht wohl dabei, dass ein Fremder einfach so an seinem Telefon herum spielte. Dieses Teil war ihm heilig!

Yuuto schaute auf und zu Kyo, der auf den leicht genervten Blick mit einem Grinsen antwortete.

»Willst du die komplizierte Antwort, oder gibst du dich damit zufrieden, wenn ich sage, dass wir unseren Notfallplan hiermit umsetzen können?«

Der Sänger lachte amüsiert.

»Nun sei nicht so, ich glaub es dir ja«, meinte er, überlegte sich eine Zigarette anzuzünden, unterließ es dann aber. Seit kurzem schmeckten ihm diese Dinger einfach nicht mehr.

 

»Okay, um es kurz zu fassen«, begann Yuuto. »Kaoru-san, ihr Smartphone ist recht neu, deswegen werde ich es benutzen, um dafür eine App zu programmieren.«

»Aha.« Skeptisch wie eh und je, sah ihn der Leader an, die Arme vor der Brust verschränkt. Kyo kannte dieses Verhalten nur zu gut, sagte aber nichts und trank schweigend seinen Tee.

»Hätten wir mehr Zeit, würde ich das Programm eigentlich gern von Grund auf neu schreiben. Aber da es nur noch wenige Wochen bis zur Tour sind, nutze ich die Basis einer bestehenden Applikation. Sie wird normalerweise dazu verwendet, um moderne Insulinpumpen zu regulieren.«

Sänger und Gitarrist nickten, zum Zeichen dass sie ihm folgen konnten.

»Des weiteren wird sich Satoshis Kollegin darum kümmern, den Injektor zu bauen und auf Kyo-san einzustellen.«

 

»Hast du die Bekloppte schon kennenlernen dürfen?«, warf Kyo ein und erhielt ein weiteres Mal einen etwas merkwürdigen Blick.

»Ja«, meinte Yuuto, leicht verwirrt. »Und ich verstehe wirklich nicht, warum du so über sie redest. ich finde sie sehr nett.«

Prompt verschluckte er sich an seinem Tee. Hustend spie er regelrecht aus.

»Nett? Nett?! Die ist ja vieles, aber nett ist wirklich das falsche Adjektiv, um diese Irre zu beschreiben!« Redeten sie hier wirklich von der selben Christine Jansen?

Der Punk zuckte mit der nicht fixierten Schulter und schob Kaoru dann das Handy über den Tisch, welches dieser umgehend einsteckte.

»Sie ist etwas grob, ja, aber ich finde sie alles andere als verrückt.«

 

»Anderes Thema«, unterbrach Kaoru das Gespräch, bevor es wieder eskalieren konnte. »Schafft ihr es, dieses Gerät bis zur Tour fertig zu bekommen?«

Der Jüngere hielt noch zwei Sekunden den Blickkontakt zu Kyo, dann wand er sich wieder dem Leader zu und nickte nachdenklich.

»Doktor Jansen arbeitet so schnell sie kann. Ich beginne heute noch mit der Umprogrammierung der App. Natürlich müssen wir alles ausführlich testen. Aber ja, meiner Prognose zufolge, müssten wir eine Woche vor der Tour soweit sein, um Kyo-san den Etorphininjektor einzusetzen.«

Zwei Wochen war ein wirklich mutiger Zeitplan, das war ihnen allen klar. Kyo schauerte hingegen bei dem Gedanken, dass man ihm einen nicht ausreichend erprobten Prototypen einsetzen würde. Sollte dieses Ding nicht funktionieren, oder im falschen Moment einen Aussetzer haben - er wollte gar nicht daran denken, was dann passierte!

 

»Was machen wir, wenn es nicht funktioniert?«, fragte er, hörbar angespannt. »Wenn ich die Kontrolle verliere und die Pumpe nicht das tut, was sie soll?«

Selbst Kaoru nickte, um zu zeigen, dass auch ihn diese Frage beschäftigte.

»Dafür haben wir immer noch die Spritzen«, erklärte Yuuto. »Ich weiß, ihr hattet eigentlich entschieden, dass die nicht ideal sind, um dich im Notfall aufzuhalten. Aber wir müssen uns diese Option frei halten, bis ich das Gerät und die Software optimiert habe.«

»Wie lange wirst du dafür brauchen?«

»Ich weiß es nicht, Kyo.« Yuutos Blick wurde streng. »Da es hier um etwas geht, was dazu da ist, um Leben zu retten, werde ich alle Zeit der Welt brauchen! Also versuch gar nicht erst, mich zu hetzen. Während der Shows, werde ich dich überwachen und all deine Werte konstant aufzeichnen. Die Software wird auf diese Weise lernen, dich detailliert lesen zu können und einen möglichen Anfall schon dann zu erkennen, bevor du ihn überhaupt selbst registrierst! Aber auch das braucht Zeit und vor allem Daten!«

 

Die Aussicht, innerhalb der nächsten Monate durchgehend gescannt zu werden, als wäre er ein verdammtes Buch, gefiel dem eigenwilligen Sänger überhaupt nicht. Ganz gleich ob es wichtig war, oder nicht. Er brummte und hob schnell die Tasse an die Lippen, um seinen Protest zu ersticken.

»Kaoru-san und ich werden uns dabei die ganze Zeit in Kontakt befinden. Sobald mir etwas an den Werten nicht gefällt, werde ich Sie darüber informieren.« Yuuto wand sich dem Älteren zu, der mit ernster Miene zuhörte. »Sie kennen Kyos am besten und können seine Körpersprache viel besser lesen, als ich. Ich werde also Ihre Einschätzung der Lage benötigen. Sobald Sie merken, dass irgendwas nicht stimmt, können Sie ihn mit ihrem Smartphone ausschalten.«

 

»Hey!«, rief Kyo plötzlich dazwischen. »Ausschalten? Willst du mich verarschen? Ich bin doch kein verdammter Computer!«

»Kyo!«, donnerte Kaoru wie aus dem Nichts und schlug mit einer Hand auf den Tisch. Da er mit einer so heftigen Reaktion nicht gerechnet hatte, zuckte der Sänger zusammen und stieß ein erschrockenes Fauchen aus.

»Das reicht jetzt! Reiß dich zusammen. Vielleicht hast du es noch nicht begriffen, aber hier geht es nicht um dein Ego, sondern darum unsere Leben zu schützen - und zwar vor dir

 

Kaum dass er dies sagte, senkte sich eine unangenehme Anspannung und Stille über den Raum. Es war die gottverdammte Wahrheit, ja, aber sie tat weh.

»Ich - ,« begann Kyo, leckte sich unsicher über die Lippen und schluckte. »Das weiß ich doch!« knurrte er resigniert und senkte den Blick.

»Dann lass Yuuto-kun gefälligst seine Arbeit erledigen. Ich weiß, dass du dich nicht mehr daran erinnern kannst, aber bei deinem letzten Anfall, auf der Bühne, hast du uns allen eine scheiß Angst eingejagt! Toshiya dachte, dass du ihn jeden Moment anfällst und umbringst.« Auch wenn Kaorus Stimme hart wie Granit war, so schwang doch ein unverkennbarer Unterton von Angst in ihr.

»Ich will dich nie wieder so erleben müssen. Ist das klar?!«

 

Yuuto beobachtete das Gespräch der beiden interessiert, dabei lag sein Augenmerk vor allem auf der Körpersprache der beiden Musiker. So langsam verstand er, was genau Satoshi damit meinte, dass Kaoru vielleicht der einzige war, der langfristig ausreichend Kontrolle über Kyo haben konnte.

Kyo war unruhig, seine Schultern angespannt, die Muskeln an seinem Hals traten deutlicher hervor als sonst und auch sein Blick sprach Bände. Seltsamerweise ordnete er sich dennoch dem Befehl des Leaders unter und das obwohl Kaoru nicht viel mehr tat, als streng mit ihm zu sprechen, ohne zu schreien.

War es einzig der langen Erfahrung, im Umgang mit Kyo zu schulden, oder steckte da vielleicht mehr dahinter?

 

***

 

»Du hattest recht.«

Christine sah vom Elektronenmikroskop auf und drehte sich mitsamt ihrem Stuhl um. Satoshi befand ich im Nebenraum, sie erkannte lediglich seine undeutliche Spiegelung in den weißen Fließen, jenseits der offenstehenden Tür und hörte das Rascheln seiner Kleidung.

»Er ist eine lokale Mutation, allerdings eine von der Sorte, wie ich sie bislang auch noch nicht gesehen habe.« Sie zog ihre Brille ab und versuchte sie an dem Laborkittel zu reinigen, was allerdings nicht klappte. Also griff sie mit einem Brummen nach dem Spender für die Papierhandtücher.

»Das muss unter uns bleiben«, erklang die Stimme ihres ehemaligen Professors.

»Selbstverständlich.« Christine schnaubte freudlos. »Wem sollte ich es denn auch erzählen?« Als sie halbwegs zufrieden mit dem Ergebnis war, setzte sie sich die Brille wieder auf und schlug die Beine locker übereinander.

»Was mich viel mehr interessiert,« sprach sie weiter. »Was werden wir dem Kleinen erzählen?«

»Nichts.«

 

Endlich kam Satoshi zurück, er trug nur seine Hose und versuchte erfolglos den Verband um seinen Oberkörper straffer zu ziehen. Die Deutsche beobachtete dies so lange, bis sie mit den Augen rollte, auf stand und ihn mit sanfter Gewalt auf den Stuhl runter drückte.

»Lass mich das machen«, brummte sie und wickelte den vormals weißen Stoff ab, um sich das anzusehen, was Furukawa eigenhändig vernäht hatte. »Trottel, das ist alles total schief geworden. Ich hab dir doch gesagt, dass du mich das machen lassen sollst!«

Seinen aufkeimenden Protest ignorierend, klaubte sie alles zusammen was sie brauchte, zog sich den zweiten Stuhl heran und begann dann damit, die schiefen Nähte an der Brust ihres Mentors zu öffnen und alles zu erneuern.

»Du willst ihm also nicht sagen, dass er nicht so ist, wie du?«, fragte sie, während sie die tiefen Bisswunden genauer in Augenschein nahm. Satoshi verzog dabei keine Miene, auch wenn sie hin und wieder sah, wie es ihm leicht im Mundwinkel zuckte.

 

»Warum sollte es für ihn wichtig sein? Ob er nun eine Mutation ist, oder ein regulärer Feloidea ist, läuft auf das selbe hinaus. Kyo ist dominant, stark und selbst als Mensch ein Monster.« Der alte Japaner seufzte schwer und stieß dann doch ein unterdrücktes Fauchen aus, als sie die Nadel in ihn stieß, um die Wundränder zu vernähen.

»In gewisser Weise hast du recht«, stimmte sie zu. »Trotzdem hat er ein Anrecht darauf, zu wissen, dass er selbst unter Unseresgleichen, ein Außenseiter ist.«

Furukawa sah sie an und hinter dem schmerzhaften Ausdruck in seinem Blick, tauchte so etwas wie Mitgefühl auf, welches sie verwirrte.

»Sprichst du dabei aus eigener Erfahrung, Chrissy?«, fragte er sanft, was sie für ein paar Sekunden innehalten ließ, ehe sie sich erneut seiner Brust widmete. Ohne auf seine Worte einzugehen, brummte sie dabei nur.

»Du Idiot bist viel zu alt für das hier«, und durchstach ein weiteres mal seine Haut.

»Aua - Ich weiß, aber es gibt Regeln, nach denen sogar solche Ungeheuer wie wir zu spielen haben. Das weißt du ganz genau.«

Natürlich hatte sie Recht. Er war zu alt für Revierkämpfe und auch für derartige ‘Ausflüge’ in die Gebiete, die ihn eigentlich nichts angingen. Satoshi war ein großes Risiko eingegangen, das wusste er sehr gut. Aber er hatte diese Angelegenheit einfach nicht auf sich beruhen lassen können.

Nicht wenn es um seine Familie ging!

 

»Ja, ich kenne die Regeln«, antwortete sie, inspizierte ein paar der kleineren Schnitte und entschied, dass hier Desinfektionsmittel und Tapes ausreichen würden. Den Rest erledigte die virusbedingte Regeneration. »Aber ich hatte mehr von dir erwartet. Du bist nicht unbedingt dafür bekannt, einfach loszuziehen und Katzen in Gulasch zu verwandeln.«

Seine nackte Brust erbebte, als er leise lachte und sie dazu brachte in ihrem Tun inne zu halten. Dabei schaute sie auf und ihn über den Rand ihrer Brille fragend an.

»Ich war nicht immer der ruhige Kater, der ich heute bin, Christine«, erinnerte er sie und wirkte dabei wieder wie der strenge Lehrer, den sie einst kennenlernte und der sie damals so fasziniert hatte.

Christine war nie in ihn verliebt gewesen, aber sie hatte ihn stets bewundert und dies tat sie auch heute noch; obgleich sie dies nicht mehr so offen zeigte.

»Natürlich«, murmelte sie und setzte ihre Arbeit fort. »Ich habe den Kosovo nicht vergessen.«

»Und ich nicht, wozu du im stande bist, meine alte Freundin.« Er neigte den Kopf etwas zur Seite und betrachtete ihr strenges Gesicht. »Wie könnte ich auch unsere erste, gemeinsame Jagd vergessen können?«

 

Kaum, als er dies sagte, huschten ihre Augen zu der großflächigen Vernarbung, seitlich seines Brustkorbs und sie schluckte hart. Auch wenn ihre Erinnerungen nur noch fragmentiert und verschwommen waren, so konnte sie den Rausch nach wie vor in ihrem Kopf fühlen und Satoshis heißes, metallisches Blut auf ihrer Zunge schmecken. Der Moment, als sie urplötzlich von ihrem Ziel abgelassen und sich auf den Kater neben ihr gestürzt hatte, war ein Gefühl welches sie ihr Lebtag nicht vergessen würde.

»Sie war nur so lange gemeinsam, bis ich versuchte dich umzubringen«, murrte sie, legte das blutige Besteck beiseite und griff erneut nach dem Desinfektionsspray.

»Es war ein Revierkampf, nichts weiter und nur weil es dir damals gelungen ist, mich zu überraschen, bedeutet das nicht, dass du auch eine reale Chance gehabt hättest.«

Ein beinahe schelmisches Grinsen erschien auf Furukawas Lippen, was sie dazu veranlasste mit den Augen zu rollen und ohne Vorwarnung direkt auf die Wunde zu sprühen. Seine Reaktion war ein schmerzhaftes Einatmen.

 

»Zurück zum Thema«, brummte sie und drückte die sterile Kompresse auf die nun ordentlich vernähten Bisswunden. »Wir sagen dem Zwerg also erst einmal nichts davon, dass er nicht den normalen Virus in sich trägt und bereiten ihn statt dessen für seine Tour vor? Obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass diese ganze Idee fahrlässig und komplett hirnrissig ist!«

»Ja, das hast du schon ungefähr einhundert Mal erwähnt, in den letzten fünf Tagen«, kam es gepresst von dem Älteren, welcher sich etwas nach vorn beugte und die Arme anhob, damit sie mit dem Verband um seinen Brustkorb kam.

»Du weißt, dass er psychisch krank ist?« Christine zog sich die Handschuhe aus und verschränkte die Arme vor den Brüsten. Eine ihrer rotbraunen Strähnen hatte sich aus dem Zopf gelöst und hing nun seitlich an ihrem Gesicht herunter.

»Ich habe sowohl mit Kyo, als auch mit den anderen aus der Band über dieses Thema gesprochen und im Gegensatz zu dir, sehe ich darin sogar eine Chance.«

»Chance?«, stieß sie ungläubig aus. »Er ist mental instabil und du denkst, dass es ihm dabei helfen kann? Bist du jetzt ebenfalls verrückt geworden?«

 

Furukawa winkte ab und zog sich endlich sein Hemd über. Dabei verzog er bei jeder Bewegung das Gesicht, unterdrückte aber jeglichen Laut.

»Zwischen ihm und Kaoru-san besteht eine so einzigartige Dynamik, wie ich sie bisher noch nie gesehen habe. Mit dem richtigen Training und Konditionierung, könnte es tatsächlich gelingen, dass Kyo sogar als Feloidea auf ihn hört.«

Als sie dies hörte, öffnete sich ihr Mund vor Erstaunen, Unglaube und Ärger. Letzteres, weil sie diese Worte an eine Zeit erinnerten, welche sie zu Recht vergessen wollte.

»Tu das nicht!«, fauchte sie ihn an und erhob sich etwas zu schnell. »Wage es nicht, eine dieser Methoden bei ihm anzuwenden! Ich kann diesen kleinen Wicht nicht ausstehen, aber kein Feloidea hat es verdient, abgerichtet zu werden und auf irgendwelche Kommandos zu hören!«

»Christine, ich meinte doch - .«

»Nein!«, donnerte sie und gab dem Schreibtischstuhl neben ihr einen groben Stoß, der ihn gegen den Tisch knallen ließ. »Wir haben beide mit Stjørdal abgeschlossen, also komm nicht auf die Idee, die alten Experimente von damals aus der Schublade zu zerren!«

 

Jetzt stand Satoshi auf, wenn auch langsamer als sie und mit leicht schiefer Körperhaltung. Die Schrammen und Hämatome bereiteten ihm sichtliche Schmerzen und Probleme.

»Es geht nicht darum, aus ihm ein treudoofes Haustier zu machen!«, verteidigte er seine Worte, aber sie war so in Rage, dass sie ihm gar keine Chance gab.

»Ich warne dich, Satoshi. Wenn du irgendeine Scheiße mit ihm abziehst, dann werde ich ihm die Wahrheit sagen!«

Sie trat näher, die Augen erfüllt von purem Zorn und bohrte dabei ihren Zeigefinger grob gegen seine Brust. Dass sie dabei auch eine der Wunden traf, war Zufall, verfehlte aber seine Wirkung nicht.

»Tu das nicht«, zischte er und widerstand dem Drang zurückzuweichen.

»Und ob ich das tue! Dir zuliebe habe ich letztens den Mund gehalten. Aber wenn du doch versuchen solltest, ihn zu Kaorus Schoßtier zu machen, dann erfährt er von mir alles von den kranken Sachen, die ihr in Italien getrieben habt!«

 

Sie musste es nicht einmal beim Namen nennen, um aus dem Gesicht ihres Gegenübers sämtliche Farbe weichen zu lassen.

»Du hast mir versprochen, dass du die Vergangenheit ruhen lässt!«, keuchte er, Panik im Blick, als die Erinnerungen in sein Gehirn zurück krochen. »Vergiss nicht, mit wessen Blut DU selbst dich damals besudelt hast!«

»Nur im Gegensatz zu dir, kann er mich nicht leiden.«

Endlich ging sie wieder auf Abstand, wand sich ab und ließ die Schultern kreisen, um ihre angespannten Muskeln zu lockern. In dem kleinen Labor stank es unangenehm nach Adrenalin und aufgestauten Aggressionen.

»Dein kleiner Kater kann mich nicht ausstehen, Satoshi«, knurrte sie, mit dem Rücken zu ihm stehend. »Aber dich sieht er als Freund, das erkennt sogar ein sozial inkompetentes Miststück wie ich. Also überlege dir gut, ob eure brüchige Freundschaft tatsächlich dazu in der Lage ist, die Wahrheit zu verkraften.«

 

***

 

Die Sonne war bereits untergegangen, als sie zu dritt mit dem Wagen durch die Stadt fuhren. Kaoru hatte darauf bestanden Yuuto persönlich nach Hause zu bringen und da es sich gut verbinden ließ, saß auch Kyo mit im Wagen des Leaders.

Sie schwiegen, hingen jeder den eigenen Gedanken nach und sahen einfach hinaus auf die erleuchtete Stadt vor dunkler werdendem Hintergrund. Kyo war das nur recht, dem es am heutigen Tag überhaupt nicht gepasst hatte, von Kaoru derart angefahren zu werden.

Normalerweise dauerte es viel länger, bis sein Leader auch tatsächlich aus der Haut fuhr und laut wurde. Aber wahrscheinlich war Kaoru, so wie sie alle, mittlerweile einfach nur noch fertig mit den Nerven und er konnte es durchaus verstehen.

Auf ihrem Ältesten lastete sehr viel Verantwortung, ins besondere was die Planungssicherheit der anstehenden Tour anging.

 

»Kaoru?«, fragte er trotzdem, obwohl Kyo die angespannte Stille im Auto nicht unbedingt hatte unterbrechen wollen.

»Hm?«, brummte sein guter Freund, ohne zu ihm zu sehen. Yuuto, auf dem Rücksitz, versuchte so zu tun, als ob er vom Gespräch der beiden nichts mitbekam. Natürlich war das Gegenteil der Fall.

»Tut mir leid.«

»Was denn?«

Irgendwie verlief diese Konversation seltsam gezwungen, kurz angebunden und beinahe desinteressiert. Es fühlte sich nicht gut an.

»Du hattest recht, ich muss mich mehr zusammenreißen«, gestand der Sänger bitter und suchte nach einer Regung im Gesicht des anderen. Aber nach wie vor behielt Kaoru seinen immer gleichen, stoischen Ausdruck, der ihn nervös machte. Es fiel ihm auch so schon schwer genug, die Emotionen und Gedanken anderer richtig zu lesen und wenn sein Leader sich so verhielt, dann wurde es für Kyo nahezu unmöglich überhaupt etwas zu erkennen.

»Hast du wirklich verstanden, warum ich vorhin laut geworden bin?«, fragte der Gitarrist beinahe tonlos, oder vielleicht sogar resigniert?

 

»Ja, sicher.«

Kyo war verwirrt von dieser Frage. Natürlich hatte er es verstanden. Kaoru war wütend auf ihn weil … weil …? Ja, warum eigentlich?

»Ich glaub eher nicht.« Kaoru seufzte und sprach mehr zu sich selbst. So als hätte sich eine Vermutung mit Kyos kurzer Antwort bestätigt.

»Bitte, hör auf um den heißen Brei herum zu reden!« Nun war es an dem Sänger lauter zu werden. Ihn machten derartige Gespräche unnötig nervös und wütend. »Wir kennen uns schon so lange, also gib mir einfach mal eine klare Aussage! Was habe ich falsch gemacht?«

Yuuto hatten sie beide mittlerweile völlig ausgeblendet. Der Punk tat nicht mal mehr so, als würde er nicht lauschen. Er schaute zwischen ihnen hin und her, sagte aber nichts.

»Es geht nicht um etwas, was du falsch gemacht hast.«

»Sondern?«

 

Endlich sah Kaoru ihn an, wenn auch nur kurz, um sich danach wieder auf die Straße zu konzentrieren. Sein Blick war merkwürdig ernst und traurig.

»Du versucht schon wieder alles nur mit dir selbst auszumachen, Kyo. Dabei stecken wir da alle fünf mit drin; sechs, wenn du Yuuto mit einbeziehst. Es geht hier nicht allein um dich!«

»Aber ich bin derjenige, der ein Monster ist!«, widersprach der Sänger scharf.

»Und wir sind diejenigen, die da mit drin hängen, nicht nur um dir zu helfen!« Ein weiterer kurzer Blick seines Leaders. »Wir wollen für dich da sein, um dich dabei zu unterstützen, deine menschliche Seite zu behalten!«

»Welche menschliche Seite, Gott verdammt nochmal?!«, blaffte Kyo. »Du hast es selbst gesehen. Was daran ist denn bitte noch menschlich? Ich bin ein Ungeheuer, Kaoru! Seit ich euch kenne, quäle ich euch. Denkst du, dass ich das gut finde?«

 

Endlich sprach er das Thema an, um was es eigentlich ging. Die Feloideaerkrankung war im Grunde nur die Steigerung eines Problems, welches sich seit über zehn Jahren konstant aufbaute.

»Und seit wir dich kennen, sind wir bei dir, um dich zu - .«

»Retten?«, warf er ein. »Worum geht es euch eigentlich, Kaoru? Was genau soll das alles bringen? Immer wieder und wieder rettet ihr mir das Leben, zieht mich vom Abgrund zurück, obwohl ich ständig von neuem darauf zulaufe, bereit zu springen. Wieso riskiert ihr eure eigene Gesundheit, nur um das Offensichtliche zu verhindern?!«

Sekundenlange Stille trat ein, nur unterbrochen vom Klicken des Blinkers, ehe Kaoru nach rechts abbog und eine der Brücken ansteuerte, welche über den Fluss führte.

 

»Meine Gründe?«, begann er langsam und mit gesenkter Stimme. »Meine Gründe haben sich seit damals nicht verändert.«

»Damals?« Eigentlich wollte er nicht so aufgebracht klingen, aber Kyo hatte seine eigene Stimme nicht mehr unter Kontrolle. Seine Emotionen drehten langsam durch und das war in seinem Fall schon immer extrem gefährlich. »Was meinst du damit? Welches ‘damals’

Irrte er sich, oder verwandelte sich Kaorus Blick zuerst in Verwirrung und dann in so etwas wie Trauer? In den ungünstigen Lichtverhältnissen, ließ sich das nur schwer erkennen.

»Unsere Fahrt in die Klinik, nach der Vulgar Tour«, murmelte er schließlich, die Hände regelrecht ums Lenkrad gepresst. Der Nacken des Gitarristen war auffällig angespannt und er schluckte hart. Kyo hingegen stieß ein gequältes Seufzen aus.

»Ich erinnere mich aber nicht daran.« Um seine Worte zu unterstreichen, schüttelte er den Kopf. »Keine Ahnung was zwischen Album Release und Ende der Tour passiert ist. Das weißt du doch!«

Jeder in der Band wusste von Kyos teils monatelangen Aussetzern, durch die er keinerlei Erinnerungen mehr an die Geschehnisse hatte.

 

»Es ist also nichts zurück gekommen?«

Kaoru schien wirklich Hoffnung gehabt zu haben, so wie er sich anhörte. Aber wieder musste Kyo ihm diese nehmen, indem er mit dem Kopf schüttelte und verneinte.

»Nichts. Keine einzige Minute und vielleicht ist es auch besser so.« Es musste ja schließlich einen Grund dafür geben, warum sich sein Kopf dazu entschieden hatte, diesen Teil seiner Vergangenheit einfach wegzuschließen.

Andererseits schien es Kaoru wichtig zu sein, also fragte er nun etwas vorsichtiger. »Was ist damals passiert, Kao? Worüber haben wir gesprochen, bei der Fahrt in die Klinik?« Und warum nahm es seinen Leader so sehr mit?

»Ich - », murmelte dieser, als würde er mit sich selbst sprechen. Dann jedoch ging ein Ruck durch den verhältnismäßig hageren Körper des Älteren und er räusperte sich.

»Es ist zu lange her. Ich weiß nicht mehr genau, worüber wir gesprochen haben.«

 

‘Lüge, Lüge, Lüge!’ schrie es in Kyos Kopf, doch er sprach es nicht aus.

»Aber es war wichtig?«, fragte er statt dessen nach. »Wichtig genug, dass wir uns heute deswegen gestritten haben?« Es ergab doch alles keinen Sinn.

»Ich versuche doch nur dir zu sagen, dass wir für dich da sind und du nicht immer alles mit dir selbst ausmachen sollst!« Kam die schnelle und etwas zu ruppige Antwort. »Ins besondere nicht dann, wenn anderer Leute Leben davon abhängt. Haben wir uns verstanden?«

»Ja«, sagte der Sänger beinahe automatisch, aber innerlich quoll sein Kopf fast über vor Fragen. Kaoru wusste etwas, also wieso sagte er ihm nicht einfach die Wahrheit?

Es war nicht das erste Mal, dass Kyo versuchte etwas über die Zeit von vor acht Jahren herauszufinden. Aber egal wen er auch ausquetschte, die anderen drei hielten wasserdicht. Es war beinahe so, als hätten sie einander abgesprochen und dass sie sich auch jetzt noch so sehr ausschwiegen, machte ihm eine ungeheure Angst.

‘Was habe ich getan? Kaoru, wieso könnt ihr mir nicht einfach sagen, was passiert ist?’

 

Er wollte noch etwas sagen und irgendwie die angespannte Situation ein wenig auflockern. Aber in der Sekunde, als Kyo den Mund öffnete, gab es einen ohrenbetäubenden Knall.

Der Wagen erbebte heftig, begann zu schlingern und nur Kaorus raschem Handeln war es zu verdanken, dass sie irgendwie in Spur blieben. Mittlerweile befanden sie sich auf einer der kleineren Autobrücken, die über den Arakawa führten und die um diese Zeit kaum befahren war, da sich der Großteil des Berufsverkehrs über die Hauptbrücken quetschte.

Kyo hörte seinen Kollegen lautstark fluchen und klammerte sich mit einer Hand so sehr am Griff seiner Tür fest, dass er das Gefühl hatte diesen jeden Moment einfach abzureißen. Auch von Yuuto kamen einige unschöne Schimpfworte.

Erst jetzt fiel ihm das seltsam kratzende Geräusch auf, welches immer lauter und lauter wurde.

»Da ist was auf dem Dach!«, rief Kaoru, lenkte den Wagen irgendwie an den Rand und stieg dann voll in die Eisen.

 

Das Auto stoppte so schnell, dass Kyo mit einer unbeschreiblichen Wucht in den Gurt geworfen wurde und es ihm die Haut am Hals aufscheuerte. Hinter sich spürte er einen Ruck gegen die Lehne seines Sitzes und er vermutete, dass Yuuto unwillkürlich die Beine dagegen gestemmt hatte, um sich irgendwie abzufangen; denn mit seinem verletzten Arm konnte er dies im Augenblick ja nicht tun.

Zeitgleich mit dem Wechsel aus der Beschleunigung zum vollständigen Stillstand, rutschte irgendwas großes über das Blechdach, knallte zuerst auf die Windschutzscheibe und wurde dann nach vorn geschleudert. Es prallte auf die Straße und rutschte aus dem Lichtkegel der abgeblendeten Scheinwerfer und blieb als undeutliches, großes Bündel am Boden liegen.

 

Kaum dass sie hielten, warf es den Sänger zurück gegen den Sitz und er brauchte ein paar Momente, um sich in der Situation zu orientieren. Erst dann schaute er auf und tatsächlich sah er die tiefen Dellen, die irgendwas oder irgendwer, im Dach des Autos hinterlassen hatte. Immer noch unter Schock stehend, richtete er die Augen nach vorn, doch er sah in erster Linie nichts, bis auf das feine, Spinnennetzartige Gewebe, in welches sich die Frontscheibe verwandelt hatte.

»Heilige Scheiße«, keuchte er, sah zu Kaoru, welcher kreideweiß war und die Finger noch immer um das Lenkrad krallte - doch abgesehen davon, war er offenbar unverletzt. Auch von Yuuto gab es in erster Linie ein Fluchen, aber auf Nachfrage bestätigte er, dass er okay sei.

 

»Was ist passiert?«, fragte Kyo, während er mit der Mechanik seines Gurtes kämpfte, um diesen zu lösen. Immer noch schnitt er ihm unangenehm in die Halsbeuge und zu allem Überfluss spürte er, dass sein Adrenalinlevel gefährlich hoch sein musste. Eine ungewollte Verwandlung, war das letzte was er in diesem Moment gebrauchte!

»Tier.«, erwiderte Kaoru mit heißerer Stimme. Er stand sichtlich unter Schock und rührte sich nicht. »Wildwechsel.«

»Wir sind auf einer scheiß Brücke! Wo hast du hier bitte Wildwechsel?!« Die Nerven gingen mit Kyo durch, als sich endlich der Verschluss öffnete und er erleichtert durchatmen konnte, kaum dass der Druck von seiner Brust verschwand. »Und seit wann springen scheiß Rehe auf Autodächer?!«

Unüberlegt packte er den Griff der Tür, riss sie auf und stolperte auf die Fahrbahn. Kyo konnte vom Glück reden, dass sie in dieser Minute die einzigen auf der kleinen Brücke waren. Andernfalls hätte dies sehr unschön enden können.

Keuchend und am ganzen Leib zitternd, sog er die kühle und schmutzig schmeckende Luft in die Lungen, atmete durch und schlang dann die Arme um sich. Er wollte das beständige Beben wieder unter Kontrolle bekommen, scheiterte aber daran.

 

Wohl auch deshalb, weil er nun endlich den dunklen Schatten jenseits der Scheinwerfer bemerkte, welcher sich allmählich erhob und den Blick in seine Richtung lenkte.

»Was, …?«, murmelte er, die eisblauen Augen aufgerissen, der Nacken völlig verkrampft und mitten in der Bewegung innehaltend.

Katsuo schüttelte den Kopf, als wolle er einfach nur ein lästiges Insekt vertreiben, ehe sich der große, graue Kater aufrichtete und über eine Schramme an seiner Hand leckte. Zwischen ihnen lagen ungefähr fünfzig Meter, aber trotzdem wurde Kyo den Eindruck nicht los, dass sie nur eine Armlänge voneinander trennte.

Er glaubte den Geruch des anderen wittern zu können, seine Mordlust und Gier. Und ihm war klar, dass er sich das herausfordernde Knurren nicht nur einbildete.

»Hast dir ja ganz schön Zeit gelassen.«

Er hatte Katsuo zwar nicht vergessen, aber da andere Dinge in den letzten Monaten seine Aufmerksamkeit stärker beansprucht und der Graue sich nicht wieder hatte blicken lassen, war er nun umso überraschter ihn hier zu sehen.

 

Katsuo fletschte die Zähne und das Knurren wurde nun laut genug, dass er sich sicher war, es auch tatsächlich zu hören.

»Kyo, geh hinter die Leitplanke, ich ruf die Polizei.«

Kaoru stieg aus. Er hatte noch gar nicht mitbekommen, was soeben vor sich ging, da sein Blick auf sein Smartphone gerichtet war. Dem Sänger gefror das Blut in den Adern, als urplötzlich die Augen seines Rivalen, zu seinem Leader huschten und er die Lefzen nach oben zog.

»Kaoru! Sofort zurück ins Auto!«, schrie er, obwohl ihm völlig klar war, dass die vergleichsweise dünne Hülle des Wagens, gegen einen ausgewachsenen Feloidea von Katsuos Ausmaßen, nur wenig standhalten konnte. Trotzdem war es dort drin für den einzig anwesenden Menschen sicherer, als mitten auf der Straße zu stehen; ungeschützt und schwach.

»Was?« Erschrocken sah der Ältere auf und zu ihm. Kyo fragte sich dabei, ob er den anderen Kater noch gar nicht bemerkt hatte, aber dann fiel ihm der Sprung in dessen Brille auf und nun verstand er, wieso Kaoru ihn derart irritiert ansah.

»Zurück ins Auto, habe ich gesagt! Los!«

 

Endlich sah auch Kaoru in die Richtung, in welche sein Kollege immer wieder schaute und mit einem Mal wich auch der letzte Rest Farbe aus dessen Gesicht. Kyo glaubte bereits, ihn jeden Moment einfach in Ohnmacht fallen zu sehen, aber da packte Kaoru den Rahmen der Tür und wich unsicher einige Zentimeter zurück.

Noch während er versuchte, seinen Leader davon zu überzeugen wieder in den Wagen zu steigen, ließ Kyo seinen Gegner nicht aus den Augen. Der graue Kater bewegte sich mit geschmeidigen Bewegungen in Kaorus Richtung und knurrte dabei immer wieder lüstern. Es war klar, dass er ihn reißen wollte!

»Scheiße!«, fluchte Kyo, der einfach nicht verstand, wieso Kaoru immer noch wie angewurzelt da stand und sich keinen Zentimeter bewegte!

»Jetzt beweg dich, verdammt nochmal! Kaoru!«, brüllte er, ignorierte Yuuto, welcher nun ebenfalls ausstieg und irgendwas sagte, was ihm in dieser Sekunde aber komplett egal war.

 

Der Sänger ging die wenigen Schritte um den Wagen herum, trat zwischen Kaoru und das Monstrum und versuchte irgendwie, den Blickkontakt der beiden zu unterbrechen und seinen Leader somit wieder wach zu rütteln.

Dass dies ein grober Fehler war und sein Gegner so ein Verhalten vielleicht sogar einkalkuliert und darauf spekuliert hatte, wurde ihm einen Atemzug zu spät klar.

Noch während er auf Kaoru einredete und mit einer Hand gegen die Wagentür schlug, spürte er es mehr, als das er es hörte.

Mit schnellen Sprüngen kam Katsuo näher, überwand die letzten Meter zwischen ihnen und während Kyo noch darüber nachdachte, sich umzudrehen und seinem Gegner von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu treten, wurde er um die Hüfte gepackt und in die einsetzende Dunkelheit gezerrt.

Kyo schlug der Länge nach hin, streckte reflexartig die Arme nach vorn, um sich abzufangen, aber seine Handflächen und Unterarme schrammten über den rauen Asphalt. Die Scheinwerfer des Autos blendeten ihn, er kniff die Augen zusammen und stieß erschrockene, wie zornige Laute aus.

 

Die Klauenhände, die sich gegen seinen Bauch drückten griffen in seine Kleidung und kratzen über seine Haut. Kyo schrie wieder auf, trat nach hinten und versuchte sich loszureißen. Dabei fragte er sich, wieso Katsuo es nicht einfach direkt beendete? Der Graue konnte ihm spielend leicht den Hals durch- und den Kopf abbeißen. Also warum das alles? Wieso brachte er ihn nicht um?

‘Er will spielen!’, schoss es Kyo durch den Kopf, als er mit voller Wucht gegen die äußere Leitplanke geschleudert wurde und es ihm jegliche Restluft aus der Lunge drückte. Über sein Gesicht lief Blut und das scharfe Pochen an seiner Stirn sagte ihm, dass er sich wohl eine Platzwunde zugezogen hatte. Sein Shirt hing mittlerweile in Fetzen von seinem Oberkörper und der Sänger fühlte deutlich die teils tiefen Kratzwunden.

 

Katsuo war wieder auf Abstand gegangen, ging vor ihm hin und her, ohne ihn aus den Augen zu lassen und knurrte herausfordernd.

»Shit.«

Die Ansage an ihn war eindeutig, das verstand Kyo, als er sich an der Leitplanke hochzog, den Schwindel irgendwie abschüttelte und dabei den Blick nicht von Katsuo abwandte. Yuuto war nicht dazu in der Lage, ihm zu helfen. Satoshi war weit weg und wenn Kaoru sich nicht endlich in Bewegung setzte und abhaute, blieb er ein verwundbares Ziel!

»Also gut.«, knurrte er, spuckte auf den Boden und musste nicht einmal hinsehen, um zu wissen, dass Blut dabei war. »Dieses Mal nehme ich keine Rücksicht auf dich, du verdammtes Arschloch!«

Als hätte er seine Worte verstanden, fauchte sein Gegner, blieb stehen und richtete sich auf. Die mächtigen Hinterpfoten kratzen über den dunklen Boden und ein Windstoß ließ den fast schwarzen Nackenkamm des Monsters vibrieren. Aber trotz aller Drohgebärden, blieben die Ohren des Grauen aufmerksam und seine Muskeln angespannt. Nach ihrem letzten Aufeinandertreffen war ihm eindeutig klar geworden, dass er Kyo nicht unterschätzen sollte.

 

‘Du bist ein Monster, Kyo!’, erinnerte er sich an die letzten Worte, ehe seine ehemalige Verlobte aus ihrer gemeinsamen Wohnung gestürmt war und ihn mit gebrochenem Herzen zurück gelassen hatte.

Wieso musste er ausgerechnet jetzt an diesen unfassbar schmerzhaften Moment denken?

Vielleicht, weil sein Verstand irgendwie versuchte, sich von den Qualen der Verwandlung abzulenken?

 

‘Du hast es nicht verdient, dass man dich liebt.’

Ihn lieben? Wer sollte so ein Ungeheuer wie ihn denn auch lieben?

Es war genau so, wie er es vor nicht einmal fünf Minuten zu Kaoru gesagt hatte. Seit er seine Band kannte, quälte er sie; emotional wie physisch.

Vielleicht hatte er es ja verdient, so zu leiden.

 

Als seine Haut zu zerreißen schien, seine Muskeln sich anfühlten, als stünden sie in Flammen und ihn das Knacken seiner eigenen Knochen schier in den Wahnsinn trieb, war dies das einzige, an was er denken konnte.

 

‘Alles was du kannst, ist die Liebe die man dir entgegenbringt zu nehmen und sie in Fetzen zu reißen.’

Wenn er so über all das nachdachte, dann war es fast so, als hätte sie ihm bereits Jahre vor diesem Albtraum vorhergesagt, was irgendwann einmal aus ihn werden sollte. Ein echtes Monster mit Zähnen und Klauen, was dazu gemacht war andere zu verletzen.

 

‘Kaoru und die anderen tun mir leid, dass sie von dir so ausgenutzt werden, du emotionaler Vampir!’

Nein, er war kein Vampir.

Jeder Schritt den er getan hatte, jede Handlung, ja vielleicht sogar jeder Gedanke den Kyo jemals gedacht hatte, hatte ihn letzten Endes zu genau diesem Ort, dieser Situation und diesem Zustand geführt.

 

‘Ich bin kein Mensch.’

 

***
 

Kapitel 28 ¦ Katzenmord

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Kapitel 29 ¦ Katzenseele

Kapitel 29 ¦ Katzenseele

 

***
 

Kaoru stand kurz vor einem Herzinfarkt, zumindest hatte Satoshi den Eindruck, dies auf dem EKG sehen zu können. Andererseits sprang sein Patient auch ständig auf, wollte sich die Sensoren vom Körper reißen und kopflos aus dem Raum stürmen, egal wie oft ihn der Arzt auch wieder zurück auf die Couch drückte.
 

»Kaoru-san, bitte bleiben Sie endlich liegen! Yuuto und Christine suchen bereits nach ihm.«

»Ich muss helfen!«, rief der Leader aufgebracht. Er stand immer noch unter Schock und wären sie in der Praxis, dann hätte er ihm schon längst ein Beruhigungsmittel verpasst. Seine Frau hatte ihn zwar gern einen Messie geschimpft, doch dieses Mal war der Arzt froh, das altersschwache, transportable EKG-Gerät nicht entsorgt, sondern in seinem Keller verstaut zu haben.

»Sie können helfen, sobald Ihr Puls nicht mehr Tango tanzt«, brummte der alte Kater und beobachtete die Werte.

»Meinem Puls geht es gut!«

»Ja, das sehe ich«, schnaubte Satoshi sarkastisch und schüttelte den Kopf. »Bleiben Sie bitte liegen. Ich will nicht, dass Sie nochmal zusammenklappen.«

Denn genau das war passiert, kurz nachdem er, mit Christine im Schlepptau, auf der Brücke eingetroffen war. Er hatte Kaoru mit Yuuto rangeln und diesen anschreien sehen, nur um ihn Sekunden später auf dem dreckigen Asphalt liegend vorzufinden. Die Panik hatte ihn so sehr überrollt, dass Kaorus Kreislauf verabschiedet hatte.

Satoshis Diagnose lautete in erster Linie Schock, ein geprelltes Handgelenk, Schürfwunden und ein Kreislaufzusammenbruch wie aus dem Lehrbuch. Das hielt den über engagierten Musiker aber nicht davon ab, sich an der Suche nach Kyo beteiligen zu wollen.
 

»Sie können wirklich von Glück reden, dass Katsuo Sie nicht gebissen hat«, murmelte er und desinfizierte die aufgeschürften Handflächen des jüngeren Mannes. Endlich hielt Kaoru still, da ihn die Erschöpfung fest im Griff hatte.

»Es ging alles so schnell«, murmelte dieser und legte sich einen Arm über die Augen. Ihm war heiß und kalt gleichzeitig und in seinem Kopf schien sich alles zu drehen. Satoshi hatte recht, er war nicht dazu in der Lage irgendwas zu unternehmen, geschweige denn aufzustehen. Egal wie sehr ihn die Sorge um Kyo auch antrieb. »Wo kam dieses Arschloch plötzlich her? Er ist mitten in der Fahrt aufs Autodach gesprungen.«

»Katsuo liebt es seine Beute monatelang zu stalken und zu beobachten. Sehr wahrscheinlich hat er euch schon länger aufgelauert und entweder die Geduld verloren, oder genau auf diesen Moment gewartet.«

Satoshi legte sein Stethoskop an und hörte ein weiteres Mal die Brust seines Patienten ab. Zum einen um sich zu vergewissern, dass mit dem Herzen auch tatsächlich alles in Ordnung war. Und zum anderen, um seine Finger zu beschäftigen. Er wollte es Kaoru nicht zeigen, aber auch er sorgte sich um Kyo.

»Woher kennen Sie diesen Mistkerl so genau?«, fragte der Gitarrist und blinzelte ihm entgegen. Er war kreideweiß und verschwitzt.
 

Langsam und mit einem schweren Seufzen, lehnte sich Satoshi zurück.

»Katsuo lebte schon immer hier. Als ich zurück nach Tokyo kam, hörte ich davon, dass er es sich zum Hobby gemacht hatte Jungkatzen zu jagen. Es würde mich nicht wundern, wenn das Virus an seinem Gehirn Schäden hinterlassen hat, die in ihm psychopathische Tendenzen hervorrufen. In dem Moment, als ich dieses Revier übernahm, machte ich ihn mir auf ewig zum Feind.«

»Wieso?«, wollte Kaoru wissen, der nun endlich eingesehen hatte, dass er jetzt niemandem eine Hilfe war.

»Weil er der Meinung ist, dass es ihm zugestanden hätte die Führung über den Bezirk zu übernehmen. Aber so funktioniert das bei uns nicht. Allerdings ist er clever genug, um zu wissen, dass er mir unterlegen ist. Zumindest war das mal so.«

»War?«
 

Furukawa bedachte ihn mit einem traurigen Lächeln.

»Ich bin alt, Kaoru-san. Das Virus ermöglicht es mir zwar, den meisten meiner Art körperlich überlegen zu sein. Trotzdem merke ich, dass sich das Altern, seit dem Tod meiner Frau, mehr und mehr zu erkennen gibt. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mich schon lange nicht mehr in Revierstreitigkeiten verwickeln lasse. Sollten die anderen merken, dass ich schon lange nicht mehr der Tiger von damals bin, wird es hier sehr schnell ungemütlich und das können wir uns aktuell nicht leisten.«

Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück und schien für einige Sekunden durch Kaoru hindurch zu blicken. Dieser sah zu ihm rauf, verblüfft von seinem Geständnis und tatsächlich war es ihm, als könnte er für einen Moment durch die starke Maske hindurchblicken.
 

»Wissen Kyo und Yuuto davon?«, fragte er vorsichtig und erntete ein Kopfschütteln.

»Nein. Beide brauchen mich noch immer als ihren Mentor. Kyo noch viel mehr als Yuuto. Wir altern zwar anders als normale Menschen. Aber das bedeutet nicht, dass wir nicht auch gebrechlich werden können.«

»Sind die beiden ihre Lebensversicherung?«

Auf diese Frage musste der Arzt ein wenig schmunzeln und lachte leicht auf.

»Ist das so offensichtlich?«, murmelte er und rieb sich müde über die Augenlider. »Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Kaoru-san. Ich mag die beiden sehr und es ist mir wirklich ein Anliegen, für sie da zu sein. Aber es stimmt; ins besondere Kyo zieht aktuell die meisten Blicke auf sich und indem er sich mir gegenüber als Verbündeter zeigt, verhindert er unwissentlich, dass andere auf dumme Ideen kommen.«
 

»Was passiert, sollten Sie sterben?« Kaoru war sich nicht sicher, ob er die Antwort darauf wirklich wissen wollte.

»Das kommt ganz drauf an, wann das passiert«, erwiderte Furukawa. »Mir persönlich wäre es eigentlich lieb, wenn ich meine Revieransprüche noch zu meinen Lebzeiten an Kyo abtreten kann. Aber es gibt da zwei Probleme. Zum einen bringt ihn das in große Gefahr und er ist noch lange nicht soweit, sich derartigen Herausforderungen zu stellen. Und zum anderen - .«

»Will er nicht«, unterbrach Kaoru ihn, der dies bereits geahnt hatte. Satoshi zögerte kurz und nickte dann zustimmend.

»Das ist richtig. Wie er oft genug selbst gesagt hat, ist die Bühne sein Revier. Kyo-san ist wie ein Nomade; nicht nur, weil Sie beruflich viel unterwegs sind. Unter derartigen Umständen kann er diesen Bezirk nicht problemlos halten. Jede längere Abwesenheit könnte dazu führen, dass er bei seiner Rückkehr in Kämpfe verwickelt wird.«
 

»Scheiße.« Kaoru seufzte und setzte sich langsam auf. Dieses mal hielt der Arzt ihn nicht zurück, da er keine Anstalten machte aufzustehen. Er war es lediglich leid auf der Couch zu liegen. »Und was ist mit Yuuto?«

»Yuuto ist nicht stark genug. Er ist kein dominanter Kater und würde wohl kaum das erste Jahr überleben. Allerdings,« nun zögerte Satoshi und schien über etwas nachzudenken. Kaoru wartete und zog sich während dessen sein Shirt wieder richtig an.

»Zwischen ihm und Kyo scheint es langsam etwas besser zu laufen.« Furukawa suchte den Blick des anderen, der ein wenig irritiert die Stirn runzelte.

»Die Stimmung ist zwar immer noch angespannt, aber sie giften einander nicht mehr an und scheinen sich damit abgefunden zu haben, dass sie nun quasi Kollegen sind.«

»Das ist gut.« Satoshi stand auf, bedeutete ihm sitzen zu bleiben und ging in die Küche, um Teewasser aufzusetzen. Als er zurück kam, sprach er das aus, über was er offenbar schon länger nachdachte.
 

»Wenn wir die zwei dazu bringen können, sich auch in Zukunft zusammen zu raufen, dann könnten sie diesen Bezirk auch gemeinsam halten. Kyo als Revierführer und Yuuto als sein Verwalter.«

Kaoru war von dieser Idee wirklich verblüfft.

»Kann so etwas funktionieren?«

Irgendwie fiel es ihm ausgesprochen schwer, sich Kyo und Yuuto als Team vorzustellen..

»Es wäre die einzige Option, die ich derzeit sehe. Christine will nach Deutschland zurück und ich kann nicht zulassen, dass sie und Kyo sich dauerhaft im selben Revier aufhalten. Das würde wortwörtlich in Blut und Morden enden.«
 

Kaoru schauderte. Er dachte daran, wie er der Ärztin, vor einer knappen Stunde, auf der Brücke begegnet war. Sie hatte dieses Mal gar kein Geheimnis aus dem gemacht, was in ihr lebte und nun war ihm auch absolut klar, warum Kyo nicht gut auf diese Frau zu sprechen war. Sie machte ihm Angst!

»Ja, das wäre wirklich nicht gut.«, murmelte er zustimmend und vergrub das Gesicht in den Händen. »Scheiße. Kyo, in was hast du dich da nur wieder reingeritten.«

Satoshi musterte ihn mitfühlend.

»Sie haben wirklich viel mit Kyo-san durchmachen müssen, stimmt's?«

Kaoru nickte und seufzte schwer.
 

»Das kann man so sagen«, antwortete er traurig. »Seit ich ihn kenne, muss ich auf ihn aufpassen. Er war sich selbst immer sein größter Feind und ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft ich ihm schon das Leben gerettet habe. Es ist besser geworden mit ihm, aber Kyo ist noch lange nicht soweit, dass ich ihn sich selbst überlassen könnte.«

»Halten Sie ihn für so schwach?«

»Nein, aber ich weiß, dass er seine eigenen Grenzen einfach nicht sieht.« Kaoru senkte die Hände und betrachtete den Verband an der einen. »Nicht nur, dass er Probleme damit hat Schmerzen richtig wahrzunehmen. Er traut sich selbst nicht und überanstrengt sich permanent. Nicht nur körperlich, sondern auch mental.«
 

Kurz musste Satoshi darüber nachdenken, dann verstand er.

»Deswegen sind Sie nach den Shows immer an seiner Seite? Weil er sich nicht alleine erden kann?«

Kaoru lächelte matt. »War klar, dass Ihnen das auffällt. Aber ja, genau deswegen tue ich all das seit fünfzehn Jahren! Sie waren selbst bei unseren Shows dabei. Was da oben auf der Bühne steht, ist der vollständig entfesselte Kyo. Er zeigt der ganzen Welt, wie verletzt und vernarbt er im Innersten ist und was für eine ungeheure Wut in ihm tobt. Wenn ich nach den Shows nicht bei ihm bin, dann kann er diesen tobenden Zustand nicht eigenständig verlassen. Ich bin sein Anker in der Realität.«
 

Endlich verstand Satoshi, wieso diese beiden Männer ein so seltsames Band hatten und auch warum sie nach jedem Konzert dieses merkwürdige Ritual durchführten. Kyo hatte zwar eine Hyposensibilität was seine Schmerzen anging. Aber dies war nur das Resultat seiner umfassenden Überempfindlichkeit. Ohne Kaorus Fürsorge, wäre er permanent mit sich selbst überfordert.

»Wissen Sie was genau der Grund für all das ist?«, fragte er vorsichtig nach, erhielt aber ein Kopfschütteln.

»Nein, ich habe ihn auch nie danach gefragt. Kyo würde mit niemandem über seine Vergangenheit sprechen. Über seine echte Vergangenheit! In Interviews erzählt er ständig neue Geschichten, niemand weiß wer er wirklich war, bevor es die Band gab. Und wenn er es sich nicht einmal uns anvertrauen will, dann zeigt es doch, dass er in dieser Sache eine Grenze zieht.« Der Leader suchte den Blick des älteren Mannes. »Er weiß, dass er jederzeit zu mir kommen und mit mir über alles sprechen kann.«
 

»Lieben Sie ihn?«

Furukawa wusste selbst nicht einmal, wo genau diese Frage plötzlich herkam. Aber er stellte sie, ehe er darüber nachdenken konnte. Möglicherweise hatte Kaoru jedoch damit gerechnet, denn er blieb absolut ruhig.

»Ja«, sagte er leise, ohne den Blick zu senken. »Aber nicht körperlich oder romantisch. Es ist irgendwie anders zwischen ihm und mir. Kyo ist distanziert und hat Probleme damit andere Menschen richtig zu lesen. Er zieht sich manchmal für Wochen zurück, taucht dann mitten in der Nacht wieder auf und nistet sich für Tage im Gästezimmer ein, ohne mit mir zu reden.

Er ist der komplizierteste und oft auch nervigste Mensch, den ich kenne. Aber trotzdem will ich für ihn da sein und ihm Halt geben, wenn er sich selbst mal wieder zu viel wird.«

»Sie wollen ihn beschützen?«

»Man kann Kyo nicht beschützen. Das lässt er nicht zu.« Kaoru lachte freudlos auf. »Wie soll man jemanden vor sich selbst beschützen? Wie soll man einen Menschen vor seinen eigenen Gedanken beschützen?

Kyo ist das Chaos, er verliert sich oft selbst in seinem eigenen Kopf, deswegen braucht er einen Anker. Dass eine normale Beziehung mit ihm unmöglich ist, können Sie sich ja vorstellen.«

Letzteres glaube Satoshi ihm sofort. Auch ihm war schon der Gedanke gekommen, dass für Kyo eine normale Liebesbeziehung ein Ding der Unmöglichkeit war. Vor allem nach dem, was er soeben von Kaoru erfahren hatte.
 

»Leidet er immer noch an dissoziativen Phasen?«

Ganz eindeutig war das ein Thema, was in Kaoru eine Menge negative Gefühle auslöste, so schmerzerfüllt wie ein Blick plötzlich wurde.

»Die letzte ist bereits Jahre her«, gestand er ihm. »Er ist stabiler geworden. Aber das bedeutet nicht, dass es nicht doch jederzeit wieder passieren kann. Ein einziger Overload reicht aus und alles kippt.

Wenn Sie mich fragen, dann warte ich darauf, seit diese Sache in meinem Haus passiert ist. Mir ist es unbegreiflich, wie er es bisher verhindern konnte und ich habe große Angst davor, ihn in so einem Zustand als Katze zu erleben.«
 

Satoshi hörte zu und dachte über Kaorus Worte nach. Er wusste nicht, was genau er zum Trost darauf antworten sollte und schwieg, bis er eine Bewegung im Augenwinkel registrierte, die seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Da es bereits dunkel war, konnte er die Gestalt nur aufgrund seiner besonderen Physis ausmachen. Trotzdem war sie für ihn lediglich ein dunkler großer Schatten.

Furukawa blickte in Richtung seines Wintergartens, auf den großen Bereich jenseits der Glasfenster und er runzelte verwundert die Stirn. Das war eindeutig ein Feloidea, aber seine Bewegungen waren schwankend und es wurde sehr schnell klar, dass irgendwas nicht stimmte.
 

»Doktor?«, fragte Kaoru, dem das Verhalten seines Gastgebers nicht entgangen war. Er folgte dessen Blick, sah aber nichts als Schwärze.

»Da ist jemand«, antwortete der ältere Mann und erhob sich langsam aus seinem Sessel. Kaoru hingegen wurde nun sichtlich nervös, während er dabei zusah, wie der andere mit geschmeidigen und fast lautlosen Bewegungen in Richtung Wintergarten ging. Neben der Tür blieb er stehen und betätigte den Lichtschalter für den Außenbereich.

Mit einem Mal wurde der großzügige Garten in warmes, helles Licht gehüllt und zuerst waren sie beide nicht sicher, was genau sie da eigentlich sahen. Dann aber erkannten sie den fleckigen Hügel, welcher vor der granitfarbenen Mauer kauerte. Er hatte die Arme um den muskulösen Leib geschlungen und wurde immer wieder von krampfartigen Anfällen geschüttelt.
 

»Kyo!«, schrie Kaoru und sprang auf. Sofort wurde ihm schwindlig und er spürte wie seine Knie leicht nachgaben, aber er umklammerte eisern die Lehne der Couch, während ihm alle Farbe aus dem Gesicht wich. Sein Kreislauf war kurz davor, ein weiteres Mal schlapp zu machen.

»Verdammt«, entkam es auch Satoshi, der zu der Tür stürzte, die in den Garten führte und sie aufriss. Kaoru, der wesentlich langsamer war, folgte ihm mit einigem Abstand, wurde aber, kaum dass er den Beton der Terrasse betrat, am Arm gepackt und festgehalten.

»Nicht!«, ermahnte ihn Furukawa, den Blick immer noch auf Kyo geheftet, welcher sich krümmte und seltsam quälende Laute ausstieß.

»Er ist verletzt!«, schrie Kaoru aufgebracht und versuchte sich gegen den Griff zu wehren, schaffte es aber einfach nicht. Satoshi dachte nicht daran ihn loszulassen.

»Für dich ist es in seiner Nähe viel zu gefährlich!«

Natürlich waren dem Arzt die Wunden und das viele Blut nicht entgangen, doch so lange Kyo in dieser Gestalt blieb, durfte Kaoru ihm nicht noch näher kommen. Satoshi hatte einen schrecklichen Verdacht.

»Sollen wir ihn etwa leiden lassen?!«

»Ich kümmere mich um ihn.«

»Aber er - .«

»Kaoru-san!« Die sonst so sanfte Stimme des alten Katers, wurde schneidend und hart. »Ich weiß, dass es ernst ist. Aber du bist mir gerade keine Hilfe. Geh ins Haus!«

Gefühle hin oder her und es tat ihm irgendwie auch leid, so ruppig mit dem Jüngeren umzugehen. Doch Satoshi war derjenige mit den siebzig Jahren Lebenserfahrungen, wenn es um ihre Spezies ging.
 

Dies schien auch Kaoru langsam klar zu werden, denn er wich widerwillig zurück, blieb jedoch direkt wieder stehen, als ein unangenehmes Knirschen zu hören war. Sofort wanden beide die Köpfe wieder um und sahen, zum wiederholten Male dabei zu, wie der Jaguar langsam in sich zusammen schrumpfte. Und wieder einmal dauerte dieser Prozess unendlich lange und sah genau so schmerzhaft aus, wie er sich wohl auch anfühlte.

Ein erstickter Schrei kam aus Kyos mittlerweile menschlicher Kehle und er presste sich zitternd und schluchzend eine Hand auf die rechte Gesichtshälfte. Kaoru wurde ganz schlecht, als er sah, dass wahnsinnig viel Blut zwischen den Fingern hindurch rann und zu Boden tropfte.

Dass sein Vocal in diesem Moment komplett nackt war, blendete er gänzlich aus. Zu sehr lenkte ihn der allgemein schreckliche Zustand ab. Das ausgefallene blutige Fell klebte auf Kyos Haut und in den nun wieder schulterlangen, schwarzen Haaren.
 

Endlich kam Bewegung in Satoshi, welcher ins Haus eilte und dort die Decke vom Sofa holte. Aber als er zurück auf die Terrasse trat, riss Kaoru sie ihm aus der Hand und ging, entgegen aller Warnungen, zu Kyo. Als Furukawa Anstalten machte, ihn zurück zu halten, verpasste er dem Arzt einen Stoß und ignorierte ihn anschließend einfach.

Kyo war wichtiger!

Dieser kniete immer noch im Gras; zitternd, vor Schmerz wimmern und schaukelte durchgehend vor und zurück. Was auch immer nach dem Sturz von der Brücke passiert war, es musste wirklich schlimm gewesen sein. Aber immerhin lebte er, das war für Kaoru im Augenblick das Wichtigste.

Da er wusste wie ansteckend das Blut seines Freundes war, warf er zunächst die Couchdecke über den bebenden Körper, was diesen dazu brachte heftig zusammen zu zucken und den Kopf zu heben. Die Art, wie Kyo sich immer noch die Hand aufs Auge presste, erzeugte in Kaoru dabei ein angsterfülltes Schaudern und ließ ihn das schlimmste vermuten.

Vorsichtig und langsam, sank er auf die zitternden Knie und ignorierte dabei, dass der Stoff seiner Jeans sich mit Blut und Feuchtigkeit vollzogen. Seine ganze Aufmerksamkeit, wurde von seinem Sänger eingenommen.
 

»Kyo?«, fragte er leise, wusste nicht was er sonst sagen sollte und erwiderte lediglich den Blick, der ihm aus einem einzelnen, blauen Auge zugeworfen wurde. So viel war darin zu lesen; Angst, Wut, Panik, Schmerz, Schock.

»Was ist passiert?«

Zeitgleich schalt er sich selbst dafür, so etwas dummes zu fragen. Er war doch selbst dabei gewesen, als sich Katsuo mit Kyo in den Kampf gestürzt hatte. Kyo hatte überlebt; er war wieder hier. Aber die unzähligen Verletzungen zeigten deutlich, dass es schlimm gewesen sein musste. Ins besondere da Kaoru nach wie vor nicht abschätzen konnte, wie es um Kyos Auge stand.
 

Eine Antwort blieb ihm dieser zunächst schuldig, denn mit einem Schlag schien etwas in dem sonst so verschlossenen Mann vorzugehen. Die Panik in dessen Blick, verwandelte sich in etwas, was Kaoru im Nachhinein nur als entsetzte Erkenntnis beschreiben würde; während Kyo die Decke fester um seinen stark erhitzten Körper zog.

»Kyo?«, fragte Kaoru erneut, wurde dann aber plötzlich mit beiden Händen weggestoßen und erblickte einen tiefen blutigen Kratzer, der über die rechte Gesichtshälfte des Jüngeren verlief.

Schon im nächsten Moment beobachtete er überfordert, wie Kyo sich von ihm abwendet und sich selbst den Finger in den Hals steckte. Kaoru hörte ihn mehrfach laut würgen, bis er schließlich eine dunkle, zähe und vor allem blutige Masse ins Gras erbrach.

Der Gitarrist war derart entsetzt, dass er einfach geschockt dabei zusehen konnte, wie sich dieser Vorgang ein zweites, drittes und dann viertes Mal wiederholte. Bis Kyo offenbar nichts mehr im Magen hatte und am Ende nur noch saure Galle und Magensäure nach oben würgte.
 

Nun wirklich am Ende seiner Kräfte, sank Kyo in sich zusammen Er zitterte und wurde immer wieder von schmerzhaften Krämpfen geschüttelt.

Auch wenn er es nicht wollte, so konnte Kaoru die Augen nicht von dem nehmen, was halbverdaut im Gras lag und von dem er genau wusste, was es war; beziehungsweise von wem.

Ein lautes, gequältes Schluchzen riss ihn aus seiner Starre und sein Blick ging wieder zu Kyo, welcher sich nicht von der Stelle bewegte, dafür aber unkontrolliert weinte und immer wieder unverständliche Laute von sich gab.

»Kyo«, murmelte Kaoru mit tonloser Stimme, hörte wie sich ihnen Schritte näherten und nahm im Augenwinkel Satoshi wahr, welcher neben ihm stehen blieb. Für einige Sekunden passierte nichts, dann hockte sich der Arzt zu ihnen und legte vorsichtig eine Hand auf Kyos Rücken.

Die Reaktion war ebenso überraschend wie heftig. Mit einem lauten Fauchen verkrampfte sich der Jüngere, schlug mit einer Hand aus und sah voller Hass zu dem anderen Kater hoch, welcher direkt auf Abstand ging.

»Schon gut«, sagte dieser mit gesenkter Stimme und wich einige Schritte zurück. Sein forschender Blick glitt über die offensichtlichen Verletzungen und auch ihn sorgte vor allem die Wunde am Auge. Durch das viele Blut wurde nicht direkt klar, wie schlimm es darum stand.

»Wir müssen ihn irgendwie ins Haus bringen«, sprach er an Kaoru gewandt, der den gleichen Gedankengang hatte und der immer wieder zu den Fleischbrocken im Gras schaute.

»Ist es das, was ich denke?«, fragte er, was mit einem tiefen Seufzen beantwortet wurde.

»Ich befürchte ja.«

Wieder schauten sie zu Kyo, der sich erneut zusammengekrümmt hatte und die Decke wieder fest um sich schlang.

»Der erste Mord, ist immer der schlimmste.«

Kaum dass Satoshi dies sagte, stieß der Sänger einen derart leidenden und erstickten Schrei aus, dass Kaoru zusammen zuckten.
 

Mord … Mord … Mord …’

Seine Gedanken kreisten nur noch um dieses eine Wort und nun begriff er zum ersten Mal, das ganze Ausmaß ihrer Situation. Er verstand nun, was es für Kyo tatsächlich bedeutete ein solches Monster zu sein und ihm wurde klar welchen Preis sein Sänger für all das hatte zahlen müssen.

Er wusste, dass er ihn eigentlich dafür hätte verurteilen müssen. Andererseits war ihm klar, dass der echte Kyo, so etwas niemals getan hätte. Katsuo hatte ihn herausgefordert, er hatte sie angegriffen, er war das Risiko bewusst eingegangen und die Krankheit hatte ihren Tribut gefordert.

Kyo ist krank. Er will das alles nicht’, versuchte er die Tat gedanklich zu rechtfertigen.

‘Er hat einen Menschen umgebracht. Er ist ein Mörder. Er - ‘
 

Sein Gedankenkarussell wurde von einem erneuten Schrei der Verzweiflung unterbrochen. Dabei kostete es ihm ein paar Sekunden, bis sein Gehirn das Gehörte auch tatsächlich korrekt verarbeitete.

Kyo rief seinen Namen. Er schrie ihn regelrecht, die Hände gegen den Kopf gepresst und wieder wippte er, wie von Sinnen, vor und zurück.

Da er sich nicht anders zu helfen wusste, rutschte Kaoru etwas näher, legte die Finger sacht auf die Schultern des Vocals und begann damit ruhig zu ihm zu sprechen. Obwohl alles in ihm danach schrie aufzustehen und das Weite zu suchen.

Aber im Gegensatz zu Satoshi, ließ Kyo diese Berührungen sogar zu. Er wehrte sich nicht, was den Leader dazu veranlasste, den Griff etwas zu verstärken und seinen langjährigen Freund näher zu sich zu ziehen.

Keine Minute später drückte er ihn an sich. Kyos Muskeln zuckten und zitterten unter seinen Händen, was sich auch auf ihn übertrug.

»Alles wird gut«, log er. »Alles wird wieder gut. Wir kriegen das hin.«
 

Die eklig rote Masse links von ihnen, erzählte dabei etwas ganz anderes und da er es einfach nicht mehr ertrug, wand Kaoru den Blick rasch ab.

Er wollte diese schreckliche Wahrheit nicht sehen.
 

»Kannst du aufstehen?«, fragte er, erhielt aber keine Antwort und da er nicht wusste, was er tun sollte, stand er selbst auf, zog den Vocal auf die Füße und ignorierte den Schwindel, der ihn ein weiteres Mal überrollte.

Kyo schien sich indes in seine ganz eigene Welt zurückgezogen zu haben. Weder antwortete er, noch bekam er wirklich etwas von seiner Umgebung mit. Er war völlig apathisch.

Kaoru stützte ihn so gut er konnte und kostete es ihn alle Kraft, seinen Freund und Kollegen ins Haus zu bringen. Satoshi blieb etwas auf Abstand und führte sie die Treppe hinab, in einen geräumigen Keller, der sich überraschenderweise als kleines Labor herausstellte.
 

Mit einem Flackern gingen die Leuchtstoffröhren über ihnen an und tauchten alles in ein grelles, weißes Licht. Nachdem sie Kyo auf den Schreibtischstuhl gesetzt hatten, ließ sich Kaoru schwer atmend auf der Kante des Tisches nieder und schloss für einige Sekunden die Augen. Alles drehte sich und ihm war furchtbar schlecht.

Satoshi verschwand während dessen im Nebenraum und kehrte kurz darauf mit einer Schüssel und einer Packung Papiertücher zurück. Dabei fragte sich Kaoru die ganze Zeit über, wieso sich unter dem Haus des Arztes, ein vollständig eingerichtetes Labor befand. Er behielt seine Gedanken aber vorerst für sich. Kyo war jetzt wichtiger!
 

Dieses Mal reagierte dieser nicht mit Gegenwehr, als Furukawa ihn berührte und damit begann das Blut von ihm herunter zu waschen. Dessen Aufmerksamkeit ruhte dabei auf der Wunde an Kyos Auge und irgendwann stieß er ein besorgtes Murren aus.

»Das ist nicht gut.«

Er richtete sich auf, griff nach einer Kompresse und Desinfektionsmittel und drückte diese auf das geschlossene Lid seines Patienten. Kyo knurrte vor Schmerz, war aber nicht dazu im Stande sich zu bewegen. Schock und Metamorphose hatten seinem Körper jegliche Kraft geraubt. Satoshi klebte den sterilen, weißen Stoff fest und wand sich an Kaoru.

»Seine Hornhaut wurde verletzt. Ich kann leider nicht genau einschätzen, wie tief der Schnitt geht und ob er das Augenlicht behalten wird. Aber er muss so schnell wie möglich von einem Experten behandelt werden.«

Kaoru antwortete mit einem herzhaften Fluchen und vergrub das Gesicht in den Händen. Er bemerkte nur am Rande, dass er sich selbst mit Blut beschmierte.
 

»Wie soll er in diesem Zustand zu einem Augenarzt gehen?!«, verlangte er zu wissen und deutete auf Kyo, der mit leerem Blick vor sich hin starrte. Im kalten Licht der Deckenbeleuchtung, sah das alles noch viel schlimmer aus. Die Couchdecke war blutgetränkt. Kyo war über und über mit Blut und Fell beklebt und als Kaoru den Blick nach unten wandern ließ, sah er, dass sich das Jaguarmuster deutlich noch auf den Unterschenkeln abzeichnete.

»Ich spreche mit Christine darüber.«

»Wozu? Wie soll uns das helfen?!«

Am Ende gingen dann doch die Nerven mit ihm durch und obwohl ihm eigentlich nicht kalt war, zitterte Kaoru am ganzen Körper. Er konnte es nicht abstellen und das fiel auch dem Arzt auf. Er kam zu ihm und packte das Handgelenk des Musikers, um dessen Puls zu messen.

»Du solltest dich hinlegen.«

»Ich will mich aber nicht hinlegen! Kyo ist wichtiger! Er vertraut Ihnen, also kümmern Sie sich gefälligst um ihn!«

Wieder wurde ihm schwarz vor Augen und als er das nächste mal blinzelte, fand er sich in einer festen Umarmung wieder. Das Zimmer schien sich zu drehen und war schrecklich übel.

»Ich werde mich um ihn kümmern, sobald du dich hingelegt hast. Verstanden?«
 

Wirklich widersprechen konnte Kaoru nicht, denn dafür war er viel zu erschöpft. Also ließ er zu, dass ihn Satoshi zur Behandlungsliege brachte. Der alte Kater half ihm dabei sich darauf niederzulassen und nachdem er sich vergewissert hatte, das er Kyo für ein paar Minuten alleine lassen konnte, verließ er den Raum, um im Treppenhaus zu telefonieren. Durch die offen stehende Tür, hörte der Leader, wie Furukawa offenbar mit Christine sprach, aber seine Aufmerksamkeit wurde zu sehr von Kyo eingenommen, als das er wirklich zuhörte.

»Kyo?«, fragte er mit gesenkter Stimme und drehte sich schwerfällig auf die Seite. Sein Kollege reagierte nicht, wirkte völlig abwesend und hatte die Arme fest um den eigenen Körper geschlungen.

»Kyo?«, versuchte er es ein zweites Mal und plötzlich bewegte sich das Auge des Jüngeren und drehte sich langsam in seine Richtung. Ob er ihn wirklich ansah, oder durch ihn hindurch blickte, war dabei nicht wirklich ersichtlich.

»Alles wird wieder gut. Okay?«

Ohne eine Antwort zu geben, riss der Blickkontakt einfach ab und Kyo starrte erneut geradeaus. Er schwieg und zuckte nur hin und wieder unwillkürlich zusammen.
 

***
 

»Ich könnte dir eine vollständige Auflistung von den Organen geben, die nicht mehr da sind, wo sie eigentlich hingehören.«

Christines Stimme triefte nur so vor Sarkasmus, während sie mit einem Stock in den Überresten auf der Wiese herum stocherte. Im Hintergrund standen Yuuto und eine ihr unbekannte Frau. Sie waren zeitgleich unter der Brücke eingetroffen, hatten einander kurz angegiftet und erst Yuutos Eingreifen war es zu verdanken gewesen, dass sie nicht auch noch aufeinander losgegangen waren.

Christine hatte die beiden Japaner letzten Endes einfach stehen lassen und sich zu dem Kadaver begeben; besser gesagt zu dem, was davon noch übrig war.

»Ich lehne dankend ab«, erwiderte Satoshi auf ihr Angebot. »Ihr müsst unbedingt die Leiche loswerden und dann wieder zurückkommen. Ich brauche dich hier, Chrissy.«

»Als Putzkraft?«

»Als Ärztin.« Er schien von ihrer üblich schnippischen Art heute nicht mehr besonders angetan zu sein. Auch ihm setzte die Situation hörbar zu, was sie verstehen konnte.
 

»Wie schlimm ist der Zwerg verletzt?«, fragte sie und erhob sich aus ihrer hockenden Position. Als Furukawa ihr einen kurzen Bericht durchgab, verdüsterte sich ihre Miene. »Das klingt übel. Wenn du ihn ruhig stellst, dann schaue ich mir sein Auge an. Aber du weißt selbst am besten, wie wenig er mit meiner Anwesenheit klarkommt.«

»Ja.« Satoshi seufzte schwer. »Ich rufe Naomi an und bitte sie darum, mir Beruhigungsmittel aus der Praxis zu bringen.«

»Okay.« Kurz herrschte Stille, dann fuhr sie fort. »Du sag mal, kennst du die Feloidea von der anderen Flussseite?«

»Ich führe kein Anwohnerregister, wenn es das ist was du wissen willst.«

Sie lachte freudlos und ging einige Schritte runter zum Ufer. Irgendwo im Hintergrund vernahm sie die leisen Stimmen der beiden anderen, die sich miteinander unterhielten.

»Als wir hier eintrafen, war sie bereits da und wollte die Leiche mitnehmen.« Ich Blick fiel auf den Transporter, mit dem großen Aufkleber an der Seitentür. »Etwa meine Größe, unfreundlich und sieht aus wie eine Lesbe.«
 

Aus dem Handy erklang ein merkwürdiger Laut, aber scheinbar verstand Satoshi tatsächlich, wen sie meinte.

»Ah, du hast Veronique getroffen?«

»Klingt wenig japanisch«, meinte sie erstaunt und sah nun über die Schulter, zu der besagten Person.

»Soweit ich weiß wurde sie in Frankreich geboren und kam als Kind zurück nach Japan. Ihre Mutter war Dolmetscherin.«

»Das erklärt's.« Ihr fiel auf, dass Veronique ebenfalls zu ihr sah und jede ihrer Bewegungen misstrauisch beobachtete. Christine konnte sie instinktiv nicht ausstehen und diese Abneigung beruhte wohl auch auf Gegenseitigkeit.

»Überlass ihr die Leiche.«

»Warum?« Dass Furukawa dies derart emotionslos, ja fast schon kühl forderte, erstaunte sie. So kannte sie ihren alten Mentor überhaupt nicht. »Gehört sie zur Mafia? Ist sie Tatortreinigerin?«

»Sie führt einen Hausmeisterservice.«

Irgendwie erschien ihr Satoshi ungeduldiger als sonst. Das war aber, in Anbetracht der derzeitigen Lage, kaum verwunderlich.

»Ah, ich verstehe.« Ein wölfisches Grinsen legte sich auf ihre Lippen und sie schob die freie Hand in die Tasche ihrer Jeans. »Niemand würde einen Handwerker im Dienst verdächtigen.«
 

Sie atmete tief durch und begann langsam auf und ab zu gehen.

»Na schön, ich überlasse ihr das Spielfeld und wir kommen zurück. Aber wenn ich mir das hier so anschaue, dann muss der Kampf wirklich heftig gewesen sein. Er hat kaum etwas übrig gelassen und Katsuo auf einer Fläche von mehreren Quadratmetern verteilt. Kein Wunder, dass er dir in den Garten gekotzt hat. Ein menschlicher Magen könnte diese Menge niemals fassen.«

»Habe ich dir schonmal gesagt, dass du einen wirklich geschmacklosen Humor hast?«

»Ich bin Deutsche«, lachte sie leise. »Wir haben keinen Humor.«

Er ging nicht weiter darauf ein und meinte lediglich.

»Du weißt selbst, wie es sich beim ersten Mal anfühlt. Er wollte es nicht in sich behalten.«

Natürlich wusste sie es, aber Christine war schon vor Jahrzehnten abgestumpft und ließ derartiges nicht mehr an sich heran, das wusste Satoshi ganz genau.

»Sorg dafür, dass er mir nicht an die Gurgel geht, wenn ich ihn untersuche.«
 

Sie verabschiedete sich knapp, wand sich um und ging dann zu den anderen beiden zurück. Als sie das Handy in ihrer Tasche verschwinden ließ, suchte sie den Blick Veroniques. Auch wenn sie einander nicht leiden konnten, so versuchte sie trotzdem den Anschein von Professionalität zu wahren.

»Der Katzengulasch gehört dir«, meinte Christine knapp und verschränkte die Arme vor der Brust. Die andere Frau stemmte dagegen die Hände in die Seiten und nickte leicht. Ihre Konversation fand in einer seltsamen Mischung aus einfachem Japanisch und akzentuiertem Englisch statt, was sich auch für sie beide mehr als eigenartig anhörte. [1]

»Dass Satoshi ihn nicht für sich behalten will, war mir bereits klar.« Plötzlich teilte ein freches Grinsen die Lippen der Japanerin. »Solltest du den kleinen Kater sehen, dann richte ihm, im Namen meines Reviers, meinen Dank aus. Katsuo war eine Nervensäge und niemand hier ist traurig darüber, dass er tot ist. Naja, mit Ausnahme seiner Ehefrau vielleicht.«

Christine ignorierte das unangenehme Stechen in der Magengegend und brummte lediglich.

»Soll ihr jemand die Nachricht überbringen?«

Veronique hingegen zuckte mit den Schultern.

»Wenn es nach mir geht, dann nein. Soweit ich weiß waren die beiden zwanzig Jahre lang verheiratet und sie wusste, dass die Gefahr bestand, dass er nicht zurück kommt. Ich denke, dass sie von selbst darauf kommen wird, was passiert ist.«
 

Dem musste Christine insgeheim leider zustimmen, auch wenn die Worte natürlich hart waren. Aber Veronique hatte recht, mit dem was sie sagte. So war die Welt der Katzen nun einmal. Wenn du nicht aufpasst, dann verschwindest du für immer und niemand wird dich jemals finden. In den vielen Jahren ihres unnatürlich langen Lebens, hatte Christine ebenfalls den ein oder anderen Feloidea verschwinden lassen.

Yuuto hielt sich schweigend im Hintergrund auf, immer wieder blickte er in Richtung des Kadavers und so wie er sich verhielt, ahnte sie, dass er noch nicht in den zweifelhaften Genuss gekommen war, einen anderen ihrer Art umzubringen. Vielleicht war er auch von der kalten Art geschockt, mit der die zwei Frauen darüber sprachen.

»Ich glaube nicht,« murmelte er betreten, »Dass Kyo-san glücklich über ein solches Kompliment wäre.«

Die zwei Feli wanden sich ihm zu und er schrumpfte regelrecht unter den Blicken der beiden Revierführerinnen zusammen. Ihre Ausstrahlung war ihm extrem unangenehm.

»Bedanken kann man sich ja trotzdem«, antwortete Veronique trocken.

Als wäre das Thema damit für sie erledigt, ging Christine in Richtung von Satoshis Auto und zog die Schlüssel aus ihrer Hosentasche.

»Satoshi schuldet mir einen Gefallen dafür, dass ich euren Müll wegräume«, rief Veronique ihr nach und erhielt dafür ein belustigtes Schnauben.

»Ich werde es ihm ausrichten.«

Yuuto indes verneigte sich höflich vor der Katze, ehe er seiner Begleiterin eiligen Schrittes folgte. So langsam verstand er, wieso Kyo ein solches Problem mit Christine hatte.
 


 

Als sie nach einer halben Stunde; und einer Menge fluchen darüber, wie sehr sie doch den Linksverkehr in Japan hasste; beim Haus des alten Arztes eintrafen und ausstiegen, vernahm Yuuto plötzlich eine Stimme, die seinen Namen rief. Er wand sich um und erblickte Naomi, welche keuchend die Einfahrt hinauf und ihre Handtasche dabei an sich drückte.

»Naomi«, sagte er erstaunt, während auch Christine ausstieg und die Fahrertür etwas grob zuschlug. Seine Schwester zuckte zusammen und starrte zu der großen Deutschen hoch, welche den Blick schweigend erwiderte und einfach nur den Ersatzschlüssel zückte, um damit zur Haustür zu gehen.

»Ist sie das?«, flüsterte die junge Arzthelferin ängstlich und rutschte ein Stück näher zu ihrem großen Bruder. Yuuto nickte und antwortete ebenfalls mit gesenkter Stimme.

»Ja. Keine Angst, sie wird dir nichts tun. Satoshi vertraut ihr.«

Beide beobachteten sie, wie Christine im Haus verschwand und nach Furukawa rief.

»Wie gruselig. Ich bin nicht wie du und trotzdem fürchte ich sie.«

»Dann bleib einfach in meiner Nähe.« Yuuto versuchte es mit einem Lächeln und bedeutete Naomi, ihm zu folgen.
 

Gemeinsam betraten sie das große Wohnhaus und erblickten Satoshi, welcher vor der Tür zum Treppenhaus stand und sich ernst mit seiner Kollegin unterhielt. Bei ihrem Eintreten, warf er ihnen einen Blick zu und seine Mine hellte sich sofort auf.

»Ein Glück.«, murmelte Furukawa und kam zu ihnen. »Hast du das Mittel?«

Sofort begann die Jüngste in ihrer Handtasche zu kramen und zog schließlich eine Packung hervor.

»Hier, ich hoffe, es ist das richtige Medikament.« Sie reichte es ihm und erhielt ein Nicken.

»Danke, meine Liebe. Und auch dir, Yuuto. Ich schulde euch beiden einen großen Gefallen, für eure Hilfe.«

»Ach was.« Yuuto winkte ab und setzte sein schelmisches Grinsen auf. »Das war ein Notfall und wir helfen gern.« In Anwesenheit seiner kleinen Schwester, wollte er nicht über das reden, was Christine und er unter der Brücke vorgefunden hatten. Tatsächlich war dem Punk im Augenblick mehr danach, all diese Bilder in sehr viel Alkohol zu ertränken und sich danach heulend im Bett zu verkriechen. Er wusste ja zu was ihre Spezies in der Lage war. Aber das hier war auch sein erstes Mal gewesen und er fühlte sich komplett damit überfordert.
 

»Na los, Satoshi!« Christine wirkte ungeduldig. »Schick die Kinder endlich ins Bett, damit wir arbeiten können.«

Auf diesen Spruch erntete sie von Satoshi einen vorwurfsvollen, von Yuuto einen empörten und von Naomi einen unangenehm berührten Blick. Sie war wirklich nicht gut im Umgang mit anderen Menschen. Andererseits hatte sie recht, die Zeit drängte und Yuuto nahm ihr Verhalten sogar dankbar als Vorwand, um sich mit seiner Schwester zu verabschieden.

Als Furukawa die Tür hinter den Geschwistern schloss, seufzte er und schüttelte den Kopf.

»Du kannst es einfach nicht lassen«, sagte er, ohne Christine anzusehen, welche mit verschränkten Armen auf ihn wartete.

»Ich bin nur ehrlich.«

Da er nicht vor hatte irgendwas darauf zu erwidern, ging er an ihr vorbei und wieder nach unten. Kyo hatte sich nicht von der Stelle bewegt und starrte nach wie vor apathisch vor sich hin. Kaoru ließ ihn dabei nicht aus den Augen und schaute nur für den Bruchteil einer Sekunde in Richtung Tür, als der Arzt eintrat.

»Warte oben!«, rief dieser seiner Kollegin zu, welche mit einem Brummen antwortete und sich dann dazu entschied, in die Küche zu gehen, um sich einen Kaffee zu kochen. Ihr Biorhytmus war, aufgrund der vielen Nachtschichten, ohnehin völlig außer Kontrolle.
 

»Was ist das?« Kaoru setzte sich langsam auf, blieb aber trotzdem auf der Behandlungsliege, da er seinen eigenen Beinen nicht mehr vertraute. Dabei beobachtete er Satoshi, wie dieser eine Ampulle aus einer kleinen Box fischte und sich anschließend eine der abgepackten, sterilen Einwegspritzen schnappte.

»Etwas um ihn ruhig zu halten«, erklärte er und hörte sich dabei unendlich müde an. »Ich will nicht riskieren, dass Christines Anwesenheit etwas in ihm triggert. Sie muss sich sein Auge ansehen.«

»Warum ausgerechnet sie?«

Wirklich verstehen, tat Kaoru dies nämlich immer noch nicht. Während er die Spritze aufzog, erklärte der Arzt:

»Sie ist ausgebildete Unfallfallchirurgin und ich nur Onkologe.«

»Aber Sie sind doch trotzdem Arzt.«

»Natürlich, aber auf einem ganz anderen Fachgebiet. Du würdest dir von einem Neurologen doch auch keine Herzklappe einsetzen lassen.«

Für einen Moment erschien ein mildes Lächeln auf Satoshis Gesicht, dann wurde er wieder ernst, nahm etwas zur Hand um Kyos Oberarm zu desinfizieren, ehe der die Spritze schnell und präzise durch die Haut stach und das Beruhigungsmittel injizierte.

»In seinem Zustand, sollte es sehr schnell wirken.«

Da er trotzdem kurz warten musste, bis das Mittel seine vollständige Wirkung entfaltete, half Satoshi seinem zweiten Patienten dabei, auf einen Stuhl umzuziehen und überprüfte dann die Werte Kyos.
 

Irgendwann nickte er zufrieden und rief nach Christine. Eben diese erschien kurz darauf, mit einer Tasse frischen Kaffees, an welchem sie gelassen nippte.

»Darf ich anfangen?«, fragte sie.

»Ich bitte darum.«

Sie stellte ihr Getränk ab und nahm sich ein paar Handschuhe aus dem Spender. Satoshi trat indes zur Seite um ihr Platz zu machen. Christine beugte sich vor und zog die Kompresse von Kyos Auge. Er reagierte nicht einmal, auch wenn es wahnsinnig schmerzen musste.

»Hm«, murmelte sie, hielt sein Gesicht mit einer Hand fest und tastete mit der anderen an der Wunde entlang. »Das Augenlid wurde verletzt und er hat sich einen ordentlichen Kratzer auf der Hornhaut zugezogen.« Mittels einer kleinen Lampe, besah sie sich die Verletzungen genauer, zog beide Lider auseinander und besah sich das Auge.
 

»Es sieht nicht tief aus, seine Bindehaut müsste also noch intakt sein. Gib mir mal die Lupe.«

Satoshi folgte dem Befehl und reichte ihr die Instrumente. Leise auf Deutsch vor sich hin murmelnd, begutachtete sie die Wunde, nickte sich irgendwann selbst zu und richtete sich auf.

»Seine Selbstheilungskräfte sollten das alleine schaffen. Ich würde trotzdem empfehlen, dass er vorerst antientzündliche Augensalben verwendet. Sollte es nicht besser werden, muss er aber zum Facharzt.«

»Und die Operation nächste Woche?«

Tatsächlich hatten sie das Einsetzen des Etorphininjektors, Ende der kommenden Woche angesetzt. Dieser Vorfall warf jedoch alles durcheinander.

»Das kommt ganz darauf an, wie er den Schock übersteht.« Gemeinsam lagerten sie Kyo auf die Liege um. Sie mussten sich um die übrigen Wunden kümmern und sie wahrscheinlich auch vernähen.
 

»Ich habe dir dieses Ding zwar gebaut, aber ich bin nicht dafür verantwortlich, wenn sich dein Schützling in den nächsten Tagen in eine irre Bestie verwandelt und Amok läuft.«

Kurz sahen sich die beiden Ärzte an, ernst und in Satoshis Fall ausgesprochen bedrückt.

»Du weißt doch selbst, wie das hier ist«, sprach sie weiter. »Bei mir waren es drei Monate. Wie lange hast du damals gebraucht, um dich davon zu erholen?«

Er wusste, dass sie recht hatte. Andererseits war ihm auch klar, dass die Musik für Kyo sein alleiniger Lebensinhalt war. Ihm die Tour zu verbieten, ja sogar den Umgang mit der Band, käme vermutlich einem Todesurteil gleich.

»Warten wir ab, bis er wieder zu sich kommt« entschied er und zog den Wagen mit dem Besteck heran. »Und jetzt lass uns anfangen.«
 

***

Kapitel 30 ¦ Katzenleid

Kapitel 30 ¦ Katzenleid
 

***
 

Satoshis Finger ruhten auf dem Handgelenk seines Patienten. Er zählte die Herzschläge und beobachtete Kyos erstarrte Gesichtszüge. Selbst jetzt lag in ihnen eine bestürzende Ernsthaftigkeit.

Hinter ihm ging Kaoru nervös auf und ab. Der Leader kaute auf dem Nagel seines Daumens herum und ließ sie beide dabei nicht aus den Augen.

Kyo lag schlafend auf dem Bett im Gästezimmer des Arztes. Er schien entspannt zu sein und atmete ruhig ein und aus, sein Puls hingegen raste immer noch. Wenigstens schlugen die Beruhigungsmittel langsam an. Furukawa hatte ihm die doppelte Menge der üblichen Dosis spritzen müssen, was sowohl dem erhöhten Stresslevel, als auch dem damit einhergehenden extrem aktiven Virus zu schulden war.
 

»Und?«, fragte der Mann in seinem Rücken und Satoshi hörte wie Kaorus Schritte auf dem Teppich verstummten, als er stehen blieb.

»Er braucht Zeit«, lautete die gemurmelte Antwort und endlich ließ er den Arm seines Schützlings los.
 

Kyo war wahnsinnig bleich, er schwitzte stark und überall auf seinem nackten Oberkörper, blühten große Hämatome auf und gesellten sich zu den unzähligen genähten und geklebten Schnitt- und Bisswunden.

Die schwarzen Haare waren immer noch ein wenig feucht. Sie hatten es mit vereinten Kräften irgendwie geschafft, Kyos blutverschmierten und verwundeten Körper zu waschen. Dabei hatte Kaoru die meiste Arbeit geleistet, indem er auf seinen Vocal einredete und versuchte ihn irgendwie von den brennenden Schmerzen abzulenken. Einem tobenden Tiger die Zähne zu putzen, wäre vermutlich sogar einfacher gewesen.

Nun jedoch hatte sich der Jüngere restlos verausgabt. Sein Blutdruck war ins Bodenlose gefallen und sein Puls war völlig außer Kontrolle, was Satoshi große Sorge bereitete.

Christine hatte sich ins Labor zurück gezogen. Für sie war die Anwesenheit des geschwächten Jungkaters nur schwer zu ertragen, da es ihre Jagdinstinkte triggern und er konnte es verstehen. Die Verlockung, die Zähne in den halb bewusstlosen Körper zu schlagen und ihn zu töten, kochte immer wieder hoch, aber Satoshi kämpfte dagegen an.
 

»Zeit?«, wiederholte Kaoru und trat auf die andere Seite des Bettes.

Auch um ihn machte Satoshi sich Sorgen. Der Gitarrist sah blass und elend aus. Die Angst um Kyo, die Panik und das Entsetzen über das was passiert war, hatte ihn ausgelaugt.

»Das Virus in ihm hat ein Eigeninteresse daran, den Wirt am Leben zu erhalten. Es hilft aktiv dabei seine Wunden zu heilen. Allerdings bedeutete eine aktivere Viruslast auch, dass sein animalischer Anteil stärker wird.« Satoshi seufzte. »Es ist ein Drahtseilakt den Feloidea unter Kontrolle zu halten. Was seinen psychischen Zustand angeht, kann ich absolut keine Prognose stellen.«

Um seine Finger zu beschäftigen, widmete er sich den Nähten und Verbänden und kontrollierte sie ein weiteres Mal. Kaoru seinerseits, sank schwer auf der Bettkante nieder und fuhr sich durch die dunklen Haare.

»Ich weiß nicht was ich den anderen erzählen soll«, murmelte er müde. »Kyo hat einen Menschen getötet und - .« Kurz unterbrach er sich. Er konnte nicht aussprechen, was sich im Garten ereignet hatte. »Jahrelang sagte er, dass er ein verdammtes Monster wäre und jetzt hat sich das sogar bewahrheitet.«
 

Furukawa betrachtete ihn voller Mitgefühl. Er hatte in seinem Leben schon viele Feloidea und deren Angehörige begleitet. Und es war mehr als nur einmal vorgekommen, dass sich Freunde und Familienmitglieder irgendwann von den Infizierten abgewandt hatten, weil sie mit der Erkrankung und deren Auswirkungen nicht mehr klar kamen. Er konnte es sogar verstehen, auch wenn es schmerzte.

»Früher oder später,« begann er nach einigen Sekunden des Schweigens, »Werden Sie nicht umhin kommen, ihnen davon zu erzählen.«

»Wie?!«, forderte Kaoru zu wissen. »Wie soll ich es ihnen sagen?!«

»Sie sind nicht Kyos Stimme.« Satoshi fand es wichtig, dies zu betonen. »Ich verstehe ja, dass sie viel für ihn tun und ihm auch vieles abnehmen wollen. Aber sie können nicht jeden Aspekt seines Lebens tragen. Manche Dinge, kann nur er selbst tun.«
 

Stille senkte sich über sie, in der Kaoru hoffentlich über seine Worte nachdachte. Sie wurde lediglich vom schweren Atmen Kyos unterbrochen, der in einen unruhigen, Medikamenten bedingten Schlaf gefallen war. Satoshi konnte ihn zwar mit Beruhigungsmitteln vollpumpen, aber gegen die schrecklichen Albträume, war auch der erfahrene Arzt machtlos.
 

»Ich weiß, dass er sich selbst nicht so sehen kann«, begann er, nachdem sie minutenlang nichts gesagt hatten. »Aber ich finde, dass Kyo ein großartiger Mensch ist. Egal was in seiner Vergangenheit auch passiert ist und mit wie vielen Problemen er zu kämpfen hat. Er gibt nicht auf.«

»Weil er ein sturer Idiot ist.« Kaoru lachte leise und betrübt.

»Sturheit ist keine negative Eigenschaft.« Er schaute zu dem Bandleader und lächelte ihn an. »Ich denke, in dieser Hinsicht, sind Sie beide einander sehr ähnlich, Kaoru-san. Er wäre nicht mehr hier, wären Sie selbst nicht mindestens genau so stur wir er.«

Auch wenn er es nicht wollte, so bildete sich ein leichtes, aber auch trauriges Lächeln auf Kaorus Lippen.

»Die meisten Fans sagen, dass sie ihn bewundern. Aber ich glaube ihnen ist gar nicht klar, dass es in Kyos Leben nicht viel gibt, was man wirklich bewundern kann.«

»Er ist extrem begabt.«

»Natürlich, ich habe schon mit so vielen Künstlern zusammengearbeitet,« erwiderte Kaoru, »Und wirklich niemand kommt an sein poetisches Talent heran. Die Fähigkeiten seiner Stimme, sind mit nichts anderem vergleichbar und er kann sich vor Anfragen nach Kooperationen kaum retten. Aber was bringt einem all das, wenn er trotzdem immer wieder Phasen hat, in denen er in ein dunkles und gefährliches Loch fällt?«
 

»Man vergisst oft, wie sehr die Angehörigen ebenfalls leiden, wenn eine nahestehende Person seelisch krank ist.«

Kaoru nickte zustimmend.

»Ich weiß nicht, warum er mit seiner leiblichen Familie gebrochen hat. Kyo hat keine Freunde, er hat nur uns und selbst wir können nicht immer für ihn da sein.«

»Er hat keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern?«, fragte Satoshi und erhielt als Antwort ein energisches Kopfschütteln.

»Es gab wohl Versuche ihrerseits ihn zu erreichen, aber Kyo blockt jegliche Annäherung ab, seit er mit sechzehn von zu Hause abgehauen ist.«

»Und deswegen sind Sie für ihn sein Familienersatz geworden?«

»Ja.« Man sah ihm deutlich an, dass Kaoru dringend ins Bett gehörte. »Und jetzt stecken Sie da auch noch mit drin, Doktor.« Er sah ihn an und lächelte beinahe mitfühlend. »Tut mir leid.«

»Ich?« Überrascht von dieser Aussage, blinzelte Furukawa. »Ich bin sein Arzt.«

»Haben Sie es nicht gemerkt?« Kaoru lachte leise auf. »Er vertraut ihnen, andernfalls wäre er nicht direkt hierher gekommen, oder?«

»Nun ja, stimmt schon«, gestand er, etwas überrumpelt.

»Kyo vertraut niemandem! Mit Ausnahme von mir und selbst mir gegenüber verschweigt er die meisten Dinge. Und wenn ich sage, dass Kyo keine Freunde hat, dann meine ich das auch genau so. Er hat berufliche Kontakte, aber darüber hinaus ist er anderen gegenüber verschlossen. Sie hingegen haben es irgendwie geschafft, diese harte Schale zumindest ein bisschen zu durchbrechen.«
 

Plötzlich wurden Kaorus Augen ernster.

»Ich hoffe aber, dass er für sie nicht einfach nur ein Ersatz für ihr verstorbenes Kind ist.«

Die Eiseskälte, die von ihm Besitz ergriff, ließ Satoshi heftig erschaudern.

»Er hat Ihnen davon erzählt?«, fragte er, mit gesenkter und belegter Stimme.

»Ja. Also, Doktor, ist er es, oder nicht?«

»Nein!« Die Antwort kam etwas zu schnell und zu heftig, das wurde ihm selbst erst bewusst, als es bereits zu spät war.

»Nein,« wiederholte er etwas ruhiger. »Kyo und Nao sind sich überhaupt nicht ähnlich. Aber ich muss gestehen, dass ich vom ersten Moment an fasziniert von ihm und seiner Art war. Sie haben recht, er ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich und das sage ich, obwohl ich Menschen wie Christine kenne.« Denn die Deutsche war auch nicht gerade das, was er als ‘normal’ bezeichnen würde.

Kaoru nickte verstehend.

»Das stimmt, er zieht andere in seinen Bann. Was wohl auch einer der Gründe ist, wieso er immerzu auf Abstand geht, sobald es ein wenig zu eng wird.«
 

Das Gespräch wurde je von einem Geräusch unterbrochen, welches Satoshi als die Haustürklingel erkannte. Verwundert von der späten Stunde, denn es war weit nach Mitternacht, stand er auf und wand sich zum gehen.

»Ich bin gleich zurück.«

Da er davon ausging, Kaoru und Kyo für einen Moment alleine lassen zu können, verließ er das Gästezimmer, ließ die Tür aber angelehnt und ging dann nach unten ins Erdgeschoss.

Als er einen Blick durch das dicke Sicherheitsglas neben dem Eingang warf, erhellt sich seine Miene und er konnte das erleichterte Ausatmen nicht unterdrücken.

Rasch öffnete er und ließ seinen Besucher herein.
 

»Masahiro, es tut gut dich zu sehen.«

Der Mann in Zivil verbeugte sich höflich und erwiderte die Begrüßung seines alten Freundes.

»Ich habe mich bereits um alles gekümmert«, sagte er knapp, was Furukawa dazu veranlasste, ihn entschuldigend anzulächeln.

»Tut mir leid, dass ich dich um so eine Uhrzeit damit behelligen musste. Aber es eilte leider etwas.«

»Schon gut«, winkte sein Gegenüber ab und folgte ihm ins Innere des Hauses. »Mittlerweile bin ich das bei dir ja gewohnt.«

Satoshi nickte und fragte dann ob sein Besucher etwas trinken wollte, dieser jedoch winkte ab.

»Mein Patient steht leider im Augenblick unter Beruhigungsmitteln und ist nicht ansprechbar. Aber der Fahrzeughalter ist hier. Wenn du willst, kannst du zuerst mit ihm reden.«

Masahiro nickte und zog ein Notizheft samt Stift aus der Innentasche seiner Jacke.

»Je schneller ich diese Angelegenheit zu den Akten legen kann, umso besser.«
 

Satoshi bedeutete ihm, im Wohnzimmer zu warten und kehrte dann zum Gästezimmer zurück.

»Kaoru-san?«, fragte er, in der Tür stehend. »Hättest du ein paar Minuten? Da ist jemand, der mit dir sprechen möchte.«

Nun sichtlich verwirrt, folgte Kaoru ihm, wenn auch ein wenig widerwillig. Man sah es ihm an, dass er lieber an Kyos Seite bleiben wollte. Trotzdem folgte er dem Älteren und war nun noch irritierter, als er im Wohnzimmer einen ihm unbekannten Mann antraf.

Dieser stand vor einem großen Gemälde und betrachtete es, mit mäßigem Interesse. Bei ihrem Eintreten jedoch, wand er sich um und der Gitarrist blickte in ein Paar intelligente, forschende Augen.

Der Fremde war ein Stück kleiner als Satoshi; welcher jedoch für einen Japaner im Allgemeinen sehr groß war. Er besaß eine athletisch muskulöse Figur, hatte dunkle, kurze Haare und war gekleidet in Bluejeans, Shirt und eine schwarze Jacke; welche er offen trug.
 

»Guten Abend«, grüßte Kaoru den Fremden, ungeachtet der Uhrzeit. Der Mann vor ihm erwiderte die Begrüßung.

»Suzuki Masahiro«, stellte er sich schließlich vor und Kaorus Erstaunen wurde immer größer, als er hörte, dass Suzuki-san als Kommissar bei der Tokioter Polizei arbeitete. Seine Gedanken schweiften zu Kyo und ihm wurde schlecht.

War der Kerl etwa hier, um Kyo zu verhaften?
 

»Bevor ich Sie zu lange auf die Folter spanne,« begann der Polizist und setzte sich mit Kaoru an den großen Esstisch. »Um den Abtransport Ihres Wagens, habe ich mich bereits gekümmert. Satoshi bat mich in Ihrem Namen darum.«

Der Arzt nickte, kaum dass auch er sich auf einem freien Stuhl niederließ. Kaoru sah zwischen den zwei Männern hin und her. Was ging hier ab?

»Nun … danke«, antwortete er schließlich mit einigem Zögern.

»Ich befürchte, dass das Auto ein wirtschaftlicher Totalschaden ist. Aber das ist im Moment wohl Ihre geringere Sorge.« Auf dem strengen Gesicht des anderen, tauchte ein ganz leichtes Lächeln auf. Jetzt erkannte Kaoru auch die große Narbe an dessen Hals. Sie schien alt zu sein.

»Liege ich richtig, dass Sie kein Feloidea sind, Niikura-san?«, fragte Suzuki nun so direkt, dass es Kaoru erstaunte.

»Nein«, erwiderte er verblüfft und nun grinste der andere tatsächlich, was ihn irgendwie an einen frechen Schuljungen erinnern ließ.

»Da haben wir etwas gemeinsam.« Meinte er und plötzlich verschwand die unangenehme Spannung im Raum. Diese simple Frage, hatte mit einem Schlag sehr vieles zwischen ihnen geklärt.
 

»Ich kenne Satoshi bereits seit zwanzig Jahren und räume regelmäßig hinter ihm auf«, scherzte er, was in Kombination mit der Ernsthaftigkeit in dessen Gesichtszügen, irgendwie merkwürdig schien.

»Und dafür bin ich dir auch sehr dankbar«, erklang die müde Stimme des Arztes.

»Was genau wollen Sie von mir, Suzuki-san?« So richtig klar war Kaoru nicht, weswegen der Polizist um diese späte Stunde, mit ihm hatte sprechen wollen.

»Nun,« begann dieser, »wie ich bereits sagte, kümmere ich mich darum, dass diese ganze Angelegenheit geregelt wird. Der Vorfall wird als Unfall aufgrund von Wildwechsel zu den Akten gelegt und ihrer Versicherung weitergeleitet.

Was die eigentliche Sache angeht, so wird es Nishimura-sans Akte keinen weiteren Eintrag einbringen.«

Kaoru stutzte, als er dies hörte. Es gab eine polizeiliche Akte über Kyo? Das hatte er gar nicht gewusst.

»Können Sie das einfach so entscheiden?«, fragte er unsicher, was Masahiro bejahte.

»Ich verfüge über einige Privilegien, die es mir erlauben ein wenig kreativer in den Ermittlungsakten zu sein. Sie sind nicht der erste Fall, bei dem ich aktiv dabei helfen muss, die Sache unter den Teppich zu kehren.«
 

»Also machen Sie das hier häufiger?«

»Nicht unbedingt tagtäglich«, gestand der Kommissar. »Aber oft genug, um zu wissen, dass derartige Dinge nicht gerade selten vorkommen.«

Das Gefühl, mitten in einem wirklich seltsamen Traum zu stecken, riss einfach nicht ab und wurde mit jedem Wort immer schlimmer.

»Sie verschleiern sogar einen … Mord?« Es kostete Kaoru viel Kraft, das zu sagen. Die Wahrheit war einfach zu schmerzhaft.

»Hören Sie, Niikura-san.« Masahiro beugte sich vor und verschränkte dabei die Unterarme auf dem Tisch. »Es gibt viele Leute, die ein Eigeninteresse daran haben, derartige Angelegenheiten in einer Schublade verschwinden zu lassen.

Die Alternative würde beinhalten, dass unwissende Menschen in etwas hineingezogen werden, was potentiell tödlich enden kann. Sie wissen ja selbst, wie gefährlich die Gesellschaft der Feloidea ist.«

Letzterem musste er leider zustimmen. Aber das bedeutete noch lange nicht, dass Kaoru damit auch seinen moralischen Kompass einfach so begrub!

»Und die Familien?«, fragte Kaoru aufgebracht. »Was ist mit den Partnern und Kindern? Diejenigen die nicht wissen, was aus ihren Liebsten geworden ist! Sagt ihnen irgendjemand die Wahrheit?!«
 

Dass er dieses Gespräch nicht das erste Mal führte, konnte er in Kommissar Suzukis Blick erkennen und es erschreckte ihn zutiefst.

»Die Untersuchungen laufen in solchen Fällen immer gleich ab. Sie enden in Befragungen die es nie gab, mit Zeugen die nicht existieren, einem etwas einsamen Abend in einer Bar und enden dann betrunken, mit einem Sturz von einer Brücke«, zählte er emotionslos auf.

»Denken Sie bitte nicht, dass ich das tue, weil es mir Freude bereitet«, sprach Masahiro weiter. »Ich versuche lediglich zu verhindern, dass einer meiner Kollegen seine Nase in die Angelegenheiten der Feloidea steckt.«

»Wollen Sie mir hier etwa weis machen, dass Sie das nur tun, um ihre Kollegen zu schützen?« Die Empörung in seiner Stimme, war kaum zu überhören. Kaoru war so aufgewühlt und sein Nervenkostüm nach dem heutigen Tag so dünn, dass er sich kaum noch im Griff hatte.
 

Masahiro und Satoshi warfen einander Blicke zu. Sie schienen sich stumm zu unterhalten und schließlich seufzte der Polizist schwer.

»Ganz genau. Weil ich damals eben diesen Fehler begangen und es mit dem Leben einer Kollegin und guten Freundin bezahlt habe.«

Kaoru wusste nicht, was er daraufhin antworten sollte. Die Trauer war aus jeder Silbe zu hören und wieder dachte er an Kyo, an den Abend, an das Blut an das was Christine im Garten vergraben hatte.

»Wir sprechen hier von einer Parallelgesellschaft, die sich direkt in unserer Mitte befindet, Niikura-san. Und von Personen, die in den höchsten Kreisen der Politik sitzen und kein Problem damit hätten, Sie oder mich verschwinden zu lassen. Personen denen viel daran gelegen ist, dass möglichst niemand etwas von den Katzen weiß.

Ich kann nicht verlangen, dass Sie meine Entscheidung verstehen oder nachvollziehen können. Aber Sie werden sich damit abfinden müssen, dass ich meine Gründe dafür habe, diese Angelegenheit bereinigen zu wollen.« Kurz schwieg Masahiro und setzte dann nach.

»Glauben Sie mir, dass Sie froh darüber sein können, dass ich derjenige bin, der jetzt hier sitzt und keiner von denen.«
 

In Kaorus Hirn tauchten Erinnerungen auf, von Dingen die Kyo erzählt und angedeutet hatte. Über die Feloidea, über diese seltsame Firma mit dem merkwürdigen Namen und der Verdacht erhärtete sich, dass es hier um sehr viel mehr ging, als um Menschen die zu Monstern wurden.

»Und was werden Sie nun tun?«, fragte er resigniert. Der Leader war zu müde und erschöpft, um weiter über etwas zu diskutieren, von dem er nur bedingt eine Ahnung hatte.

»Was Matsuda-sans Ableben angeht, so brauchen Sie sich keine weiteren Sorgen machen. Es stürzen jedes Jahr genug Menschen im betrunkenen Zustand von den Brücken in die beiden Flüsse. Die wenigsten Leichen werden überhaupt geborgen. Im Übrigen ist mir der Name, Katsuo Matsuda, durchaus ein Begriff. Dass ich mich eines Tages hierum würde kümmern müssen, war mir schon lange klar. Der Mann war ein Killer.«

»Und dann lassen Sie ihn einfach so frei herum laufen?!« Kaoru konnte nicht mehr an sich halten, aber vielleicht hatte sein Gegenüber auch mit so einem Vorwurf gerechnet, denn er verzog keine Miene.

»Sie missverstehen meine Aufgabe in dem Spiel.« Kommissar Suzuki blieb erschreckend ruhig. »Wie ich schon sagte, räume ich hinter den Feloidea auf, aber ich mische mich nicht in deren Angelegenheiten ein.

Und, sind wir mal ehrlich, für wie intelligent würden Sie es halten, jemanden in ein Gefängnis zu sperren, der sich in ein zwei Meter großes, blutrünstiges Monster verwandeln kann?«
 

»Das Spiel?«, wiederholte Kaoru bitter.

Natürlich verstand er die Aussage und irgendwie konnte er es sogar nachvollziehen. Kyo war manchmal selbst ohne Zelle schwer zu ertragen und unruhig. Einen wie ihn ins Gefängnis zu sperren, würde zwangsläufig in einem Blutbad enden. »Denken Sie wirklich so darüber, Suzuki-san? Dass all das ein Spiel ist?«

»Kaoru«, mischte sich Satoshi ein und suchte seinen Blick. »Masahiro ist ein sehr guter Polizist, ich vertraue ihm.«

»Das bedeutet aber nicht, dass ich ihm ebenfalls vertrauen muss. Nicht wenn es um Kyos Sicherheit geht.«

»Gut.« Furukawa nickte verstehend. »Sie wissen, dass auch mir viel daran gelegen ist, dass es Kyo gut geht. Darum bin ich bereit, mich für Masahiro zu verbürgen.«

Dass es ihm damit absolut ernst war, war offensichtlich. Was diese beiden ungleichen Männer wohl miteinander verband? Ob es mit dem zu tun hatte, was der Kollegin des Kommissars zugestoßen war?
 

»Was Nishimura-san angeht,« wechselte Masahiro das Thema, »Wird es für ihn keine Konsequenzen haben, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Er taucht nur als Beifahrer in ihrem Unfall mit auf und bleibt ansonsten unbehelligt.«

Kaoru wusste, dass er erleichtert darüber sein sollte; aber er schaffte es einfach nicht.

Der Kommissar wand sich wieder Satoshi zu.

»Das wäre dann alles. Bitte gib mir Bescheid, wenn dein Patient wieder ansprechbar ist.«

»Natürlich.« Furukawa nickte und beendete damit das Gespräch. Kaoru fühlte sich wie erschlagen.

»Könnte ich dich um einen Gefallen bitten?«, fragte der Arzt, als sich er und Masahiro vom Tisch erhoben. »Wäre es möglich, dass du Kaoru-san nach Hause fährst?«
 

Bei diesen Worten, schnellte der Kopf des Gitarristen hoch und er erwachte regelrecht aus seiner Starre.

»Aber -«, wollte er widersprechen, erhielt jedoch einen strengen wie gütigen Blick.

»Kyo ist hier sicher und du brauchst dringend Ruhe und Schlaf! Ich kann hier nicht weg und du hast kein Auto. Außerdem will ich dich in diesem Zustand in keine Bahn einsteigen sehen.«

Es war eigenartig, wie vertraut sie mittlerweile miteinander sprachen. Kaoru verstand allmählich, wieso es Kyo immer wieder zu diesem seltsamen alten Mann zog.

Da er darauf weder etwas zu erwidern, noch zu widersprechen wusste, musste Dir En Greys Bandleader sich wohl oder übel geschlagen geben.

»Na schön«, brummte er. »Aber lassen Sie diese Verrückte nicht zu sehr an ihn heran!«

Als Satoshi daraufhin lachte, fragte Masahiro verwirrt nach.

»Verrückte? Hast du etwa Damenbesuch?«

Furukawa grinst und kratzte sich etwas verlegen am Kopf.

»Ja und nein. Christine ist hier.«
 

Die Miene des Polizisten wechselte von Überraschung, zu Verwunderung und endete schließlich bei einer Mischung aus Freude und Besorgnis.

»Oh je«, seufzte er schließlich. »Bitte sei so gut und richte der werten Doktor Jansen aus, dass ich dieses mal nicht dabei helfen werde, hinter ihr aufzuräumen, sollte sie etwas anstellen. Ich mag dich, Satoshi, aber auch meine Befugnisse haben ihre Grenzen.«

Nun doch neugierig geworden, lausche Kaoru der Unterhaltung aufmerksam.

»Ich werde es ihr, in deinem Namen, sagen«, versprach der Arzt, nicht ohne ein Schmunzeln. »Und nun bring bitte Kaoru-san nach Hause, ehe er es sich wieder anders überlegt.«

Da dies offenbar sein Stichwort war, erhob sich der Gitarrist, nicht ohne ein leidliches Murren. Er hatte den Muskelkater seines Lebens, was vorwiegend der Anspannung der letzten Stunden zu verschulden war.
 

Nachdem er sich versichert hatte, dass Kyo nach wie vor schlief, verließ er Furukawas Haus, gemeinsam mit dem Kriminalbeamten. Er war ein wenig verwundert und vielleicht sogar enttäuscht darüber, dass kein Streifenwagen in der Einfahrt parkte. Andererseits war Masahiro auch ein Beamter im gehobenen Dienst und fuhr deswegen vermutlich ein eher unauffälliges Model.

Langsam stieg er ein, zischte auf, als er mit seinem geprellten Handgelenk Schwierigkeiten hatte den Gurt zu schließen und wartete dann, dass der andere Mann losfuhr.

Einige Zeit herrschte Stille zwischen ihnen und dann, als würde er sich mit ihm über das Wetter unterhalten wollen, fragte Kommissar Suzuki.

»Seit wann ist ausgerechnet der Sänger von Dir En Grey ein Feloidea?«

Natürlich hatte er ihn erkannt - oder gegoogelt. Irgendwie hatte Kaoru ja damit gerechnet und konnte das innerliche Aufseufzen trotzdem nur schwer unterdrücken.
 

»Er wurde letztes Jahr im Dezember gebissen«, erklärte er kurz angebunden und sah dann aus dem Seitenfenster. Irgendwie mochte er den seltsamen Polizisten nicht besonders.

»Ich kann gut verstehen, was Sie durchmachen müssen«, sagte dieser wie aus dem Nichts, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.

»Und ich bin nicht sicher, ob Sie das tatsächlich können.« Kurz schaute Kaoru zu ihm, doch noch immer war ihm das Gesicht seines Gesprächspartners verschlossen. Wieso nur erinnerte Masahiro ihn in diesem Moment so sehr an Kyo? »Sie sind keiner von denen.«

»Aber ich bin jemand, der einen wichtigen Menschen an die Krankheit verloren hat.«

Kaoru schluckte hart, war sich nicht sicher, was er darauf erwidern sollte.

»Ihre Kollegin?«, fragte er nach einer Weile und Masahiro nickte rasch.
 

»Neun Prozent«, antwortete er, was ihm von dem Leader ein fragendes Brummen einbrachte. »Das sagte Satoshi damals zu mir, als er endlich mit der Sprache herausrückte. Die Überlebenschance nach einem Biss, beträgt gerade einmal neun Prozent.«

Nun veränderte sich etwas. Die Augen Masahiros wurden trauriger und trüber.

»Was ist passiert?« Kaoru fröstelte es.

Neun Prozent?

In diesem Moment wurde ihm bewusst, wie viel Glück sie hatten, dass Kyo überhaupt noch am Leben war!

Kommissar Suzuki bog ab und schien über seine Worte nachzudenken.

»Wie ich schon sagte, gibt es Gründe dafür, dass wir uns in die Angelegenheiten der Feloidea nicht einmischen sollen.«

Er setzte den Blinker und lenkte in die Straße ein, in welcher Kaoru wohnte. Erst als sie vor dessen Haus hielten und er den Motor ausschalten, redete er weiter.

»Ich Idiot habe, trotz intensiver Warnungen meines Vorgesetzten, gegen diese eine Regel verstoßen und trotzdem zu sehr nachgebohrt. Am Ende fanden wir zwar den Täter den wir jagten, aber leider biss er meine Kollegin.« Seine Stimme wurde schwer und belegt.

»Riko gehörte leider nicht zu den neun Prozent.«
 

Die beiden Männer sahen einander an; wussten beide nicht, wie sie diese Unterhaltung weiterführen sollten. Schließlich wand Kaoru den Blick ab und entsicherte seinen Gurt.

»Danke, dass Sie mich gefahren haben, Suzuki-san.« Irgendwie war seine Stimme ganz belegt und rau. Der Gitarrist wusste nicht einmal woran das lag. Am Stress? Dem Schock? Dem was der Kommissar ihm gerade erzählt hatte?

»Wenn Satoshi sagt, dass ihm viel an Ihrem Kollegen liegt,« warf Suzuki noch schnell ein, »dann meint er es auch genau so. Die meisten Katzen, die ich kenne, sind Arschlöcher. Er gehört zu den wenigen Ausnahmen, denen man vertrauen kann.«

Kaoru hielt mitten in der Bewegung inne, die Hand bereits am Türöffner.

»Ich bin froh, dass er da ist,« erklärte er, »denn ohne ihn und seine Hilfe, wären wir echt aufgeschmissen. Aber das heißt nicht, dass ich das was passiert ist, auch gutheißen muss. Tatsächlich kann und will ich das nicht! Wir reden hier von einem Mord, Kommissar Suzuki! Wie soll ich das einfach so verdrängen?«
 

Ohne eine Antwort abzuwarten, stieg er aus und schloss rasch die Tür hinter sich. Obwohl ihm klar war, dass der andere ihn beobachtete, bis er im Haus verschwunden war, schaut er nicht zurück zu dem immer noch parkenden Auto.

Seine Finger zitterten, als er die Haustür aufschloss und ihm die Schlüssel beinahe aus der Hand glitten. Sein schlanker Körper bebte, geplagt von innerlicher Eiseskälte und aufsteigender Panik.

Kaoru trat in den Eingangsbereich, ließ die Tür zufallen und stand einfach nur da. Irgendwann gaben die Knie einfach nach und er sank zu Boden, die Arme um sich selbst geschlungen.
 

***
 

Jenseits seines Wintergarten dämmerte es bereits, als Satoshi feststellte, dass er einerseits viel zu alt war um auf der Couch zu übernachten und dass seine Couch außerdem absolut nicht dazu geeignet war, um darauf zu nächtigen! Sein Rücken tat ihm weh, die langen Beine hingen über die Lehne und die Kissen waren viel zu hart für seinen Geschmack.

Da Kyo in seinem Gästezimmer lag, hatte er Christine sein eigenes Schlafzimmer überlassen. Auch wenn sich die eigensinnige Deutsche energisch dagegen ausgesprochen hatte. Aber was solche Sachen anging, blieb er Gentleman durch und durch.

Diese Entscheidung bereite er in diesem Moment allerdings und leider halfen seine rasenden Gedanken nicht dabei, ihn zur Ruhe kommen zu lassen.

Satoshi machte sich in erster Linie große Sorgen um den jungen Kater, welcher unter Medikamenteneinfluss im Stockwerk über ihm schlief.

Wie würde Kyo reagieren, wenn er wieder zu sich kam?

Was passierte, sobald er seine eigene Tat realisierte?

Würde er stabil bleiben?
 

Tatsächlich schlief er über diesen Fragen irgendwann ein und wurde erst wach, als sich ein geräuschvolles Klappern und der Geruch von Kaffee in seine Wahrnehmung schoben. Er schreckte hoch, sah sich desorientiert um und brauchte mehrere Sekunden, um die strenge Miene seiner Kollegin zu erkennen, welche im Sessel neben ihm saß. Christine hatte die halbnackten Beine übereinander geschlagen und hielt in den Händen eine weitere Tasse.

Sie hatte sich die Haare unordentlich nach oben gebunden und trug das viel zu große Shirt, welches sie zum schlafen nutzte - und von der er sich insgeheim fragte, ob es irgendwann einmal Tahir gehört hatte.

Schwerfällig setzte er sich auf und fuhr sich mit den Fingern über sein Gesicht. Er sah so müde und fertig aus, wie er sich fühlte. Dementsprechend dankbar war er für den heißen Kaffee, der vor ihm auf dem Tisch stand.
 

»Danke«, murmelte er und konnte das lange Gähnen nicht unterdrücken.

»Er schläft noch«, antwortete sie auf die ungestellte Frage und erhielt ein schwaches Nicken. »Wahrscheinlich wird er erst in ein paar Stunden wieder aufwachen.«

Sie nippte an ihrem Kaffee und ließ ihn immer noch nicht aus den Augen, so als wartete sie eine bestimmte Reaktion seinerseits.

»Was ist?«, fragte er müde.

Sie schwieg einige Sekunden, dann senkte sie die Tasse von den Lippen.

»Hier in der Nähe gibt es Ferienwohnungen zu mieten. Es wird das beste sein, wenn ich so lange dort unterkomme, bis du ihn wieder nach Hause schicken kannst.«

Eigentlich wollte er ihr widersprechen, aber er musste sich eingestehen, dass sie wohl oder übel Recht hatte.
 

»Es wäre mir lieber, wenn er bis zur Operation hier unter Beobachtung bleibt«, stimmte er ihr mehr oder weniger zu.

»Du hast also immer noch vor, ihm das Gerät einzusetzen?«

Satoshi war nicht ganz sicher, ob sie verwirrt oder verärgert war. Wirklich schlau, wurde selbst er aus Christine Jansen nicht und das obwohl sie einander schon so lange kannten.

»Welche Wahl bleibt uns denn? Selbst wenn er es niemals benutzen muss; was ich nicht glaube; so könnte alleine der psychologische Effekt ausreichen, um ihn unter Kontrolle zu halten.«

Der Ärger, der nun aus ihren Augen sprach, war ihm eigentlich Antwort genug.

»Das kannst du nicht ernst meinen. Wir haben doch über diese Sache gesprochen!«

»Chrissy,« versuchte er es milde, »Ich will ihm nur den Etorphininjektor einsetzen und ihn nicht mit dem Neurochip re-konditionieren!«
 

Als er letzteres Erwähnte, wurde ihr Körper von einem angewiderten Schütteln gepackt.

»Dass du damals deine Finger in dieser Sache hattest, macht mich immer noch ganz krank.«

»Ich hab dir schon hundert Mal gesagt, dass wir das alles nicht auf ‘diese’ Weise nutzen wollten! Du weißt genau, dass ich mich immer gegen die Ideen von Johann und Albert ausgesprochen habe!«

»Aber es beruht auf deinen Plänen!«

»Pläne, die ich so niemals umsetzen wollte!«
 

Ihr Streitgespräch wurde von einem Geräusch im Stockwerk über ihnen unterbrochen. Synchron sahen sie erst nach oben und dann wieder einander an.

»Wacht in ein paar Stunden auf?«, wiederholte er und hob zweifelnd eine Augenbraue. »Deine Prognosen waren auch schon mal passender, verehrte Freundin.« Schmunzelte er ein wenig schnippisch, was sie dazu veranlasste, mit den Augen zu rollen.

»Genau deshalb bin ich mittlerweile auch Unfallchirurgin. Da muss ich mich nicht um solche unwichtigen Sachen, wie Langzeitprognosen kümmern.« Sie zog die Beine auf den Sessel und nippte wieder an ihrem Kaffee. »Du solltest lieber mal nach deinem neuen Ziehsohn schauen. Bevor der noch irgendwas dummes anstellt.«
 

Sie selbst hatte nicht vor, jetzt in diesen sprichwörtlichen Löwenkäfig zu gehen und vielleicht sogar angegriffen zu werden. Das war das letzte, was sie am Morgen brauchte. Denn dafür war sie viel zu müde und gereizt.

Satoshi erhob sich nur schwerfällig von der Couch. Sein Rücken fühlte sich wahnsinnig steif und seine Gelenke unangenehm unterkühlt an. Dementsprechend langsam stieg er die Treppe in die erste Etage hoch; unsicher was ihn dort erwarten würde.

Es hatte sich so angehört, als wäre jemand langsam im Zimmer hin und her gelaufen und da es nur Kyo sein konnte, war er alarmiert und zutiefst besorgt. Bei dieser hohen Dosis, hätte sein Patient noch bis zum Mittag schlafen müssen!
 

Als er eines der Gemälde seiner Frau passierte, wurden seine Schritte langsamer und er hatte den Eindruck, dass ihn sein jüngeres Ich beinahe strafend anschaute. Seit dem vergangenen Abend, fragte er sich, ob er hierbei nicht vielleicht doch einen schlimmen Fehler beging. Aber er wollte Kyo um jeden Preis dabei helfen, wieder in sein gewohntes Leben zurück zu finden und das machen zu können was er so sehr liebte.

‘Ist das denn wirklich falsch, Tomoe?’, stellte er die gedankliche Frage, an seine verstorbene Frau, ohne eine Antwort zu erhalten.

‘Er ist nicht Nao.’
 

Die Tür zum Gästezimmer war nur angelehnt und er sah einen Schatten durch den schmalen Spalt, der sich vor der aufgehenden Sonne abzeichnete und sich schwankend hin und her bewegte. Furukawa schluckte hart, legte die Finger an die Tür und schob sie langsam weiter auf. Der Arzt war angespannt und darauf vorbereitet jeden Moment angegriffen zu werden.

Aber nichts geschah.

Statt dessen hielt die Person inne, starrte in seine Richtung und Satoshi wusste nicht so recht, wie er mit diesem Anblick richtig umzugehen hatte.

Kyo stand leicht gekrümmt auf der anderen Seite des Bettes. Er zitterte am ganzen Leib vor Schmerzen. Eine Hand krallte sich in die zerwühlte Bettdecke, die andere hatte er sich auf den Bauch gepresst. Er war blass und sichtlich kaltschweißig, weswegen seine ohnehin bleiche Haut extrem wächsern wirkte. Dabei murmelte er immer wieder etwas vor sich hin, was aber zu leise und undeutlich war, um es zu verstehen.

Dies alleine war es aber nicht, was den Arzt derart überraschte und ihn beinahe alle Fassung verlieren ließ.
 

Der Verband an Kyos verletzten Auge, schien sich im Schlaf gelöst zu haben, denn er hing ihm von der Wange. Beide Irden waren nach wie vor so blau wie Topas, wobei das eine blutunterlaufen und der Augapfel dunkelrot verfärbt war.

Sicherlich hätte er es zwischen all den Tätowierungen gar nicht bemerkt. Aber das Jaguarmuster war derart großflächig und intensiv, dass Furukawa nicht anders konnte, als es anzustarren. In ihm schrillten sämtliche Alarmglocken.

‘Wieso ist seine Fellzeichnung zurück?’

Gestern Nacht, als er ihn mit Kaoru zusammen gewaschen und ins Bett gesteckt hatte, waren die Flecken eindeutig noch nicht da gewesen. Nun jedoch strahlten sie ihm regelrecht entgegen, untermalt vom eisigen Starren und dem feindseligen, lauten Knurren.

‘Oh nein.’ Endlich verstand er, was hier soeben passierte und Satoshi hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, ‘Kaoru-san hatte recht. Dieser Overload, war zu viel für ihn.’
 

***

Kapitel 31 ¦ Katzenwahn

Kapitel 31 ¦ Katzenwahn
 

***
 

Als er die Augen aufschlug, gab es zwei Dinge, welche sich sofort in seine Wahrnehmung schoben.

Erstens, war die Sonne das letzte was er jetzt gebrauchen konnte. Denn ihr Licht schien sein Gehirn mit einer solch unbarmherziger Gewalt zu malträtieren, dass er glaubte, sie versuche seinen Sehnerv in Stücke zu reißen.

Und Zweitens, war es die grausame Intensität, mit der seine Umgebung auf ihn einprasselte. Kyo sah das wilde Muster der Tapete an der Wand, hörte das kreischende Gezwitscher der Vögel jenseits des Fensters und witterte das Waschmittel der Bettwäsche, auf der er lag.

Ja, er glaubte sogar den feinen Staub der Luft auf seinen nackten Armen spüren zu können!

Und zu allem Übel, schien irgendwas mit seinem Sichtfeld nicht zu stimmen.

Das ihm unbekannte Zimmer schwankte hin und her. Die geraden Linien der Wände verformten sich, als wäre alles aus einer lebendigen und zähen Substanz. Zusätzlich wirkte alles merkwürdig distanzlos und verfärbt, so als läge ein Filter darüber.
 

Etwas klebte ihm auf der Wange. Er tastete danach, zuckte jedoch zusammen, als er dabei sein geschwollenes Jochbein und den Schorf einer Wunde berührte.

Kyo versuchte sich aufzurichten, nur um mitten in der Bewegung inne zu halten. Brennende Schmerzen strahlten über seinen gesamten Bauchraum und nahmen ihm die Luft zum atmen.

»Arg, was - «, keuchte er würgend.

Er ließ sich langsam auf die Seite kippen und zog die Beine etwas an den Körper. Mit dem Ergebniss, dass sich nun auch noch ein heftiges Stechen in seinem Rücken bemerkbar machte und ihm ein lautes Wimmern entlockte.
 

Da der Drehschwindel im Liegen nicht besser wurde und er die Schmerzen in dieser Position kaum aushielt, drückte er sich kraftlos nach oben, schob irgendwie die nackten Unterschenkel über den Rand des Bettes und zuckte wieder zusammen, als seine Fußsohlen den rauen Teppich berührten.

Wieso nur nahm er die Welt derart intensiv wahr?

Wieso fühlten sich selbst die feinen weichen Teppichfasern an wie Nadelstiche?

Gekrümmt auf der Bettkante sitzend, und dabei so flach wie möglich atmend, sah er an sich herunter und erblickte eine große Kompresse, welche direkt auf seinem Bauch klebte.

Um seinen rechten Oberarm war ein straffer Verband gewickelt und als er seinen Rücken betastete und mit den Fingerspitzen auch dort eine Kompresse berührte, zischte er auf.

Was um alles in der Welt, war passiert?
 

Er kannte dieses Zimmer nicht. Die Bettwäsche war ihm fremd und wo zur Hölle war seine Kleidung? Die zu großen Shorts, die er im Moment trug, kannte er genau so wenig, wie den ihn umgebenden Raum.

Zu allem Überfluss, war ihm wahnsinnig schlecht und der intensive Blutgeschmack auf seiner Zunge, konnte nur darauf hindeuten, dass er auch innerlich einiges abbekommen haben musste.

Jemand hatte seine Verletzungen scheinbar professionell versorgt und Kyo konnte sich bereits denken, wer genau dieser Jemand gewesen sein musste.

Also befand er sich in Satoshis Haus? Sehr wahrscheinlich.

Von dem Arzt war weit und breit nichts zu sehen. Andererseits hatte Kyo keine Ahnung, wie lange er geschlafen hatte und Satoshi konnte ja nicht die ganze Zeit über an seinem Bett sitzen.
 

Und das warf erneut die Frage nach dem Warum auf.

Warum war er hier?

Warum war er verletzt?

Was war passiert?
 

Da ihm die Übelkeit mehr und mehr zu schaffen machte und er hinter einer angelehnten Tür die Fliesen eines Badezimmers erkannte, versuchte er aufzustehen. Doch schon die kleinste Bewegung endete wieder darin, dass er mit den Unterarmen seinen Bauch umschlang und sich krümmte. Aus seinem Mund kamen Schmerzenslaute und ein leises, gezischtes Fluchen.

Nur langsam ebbte die Welle wieder ab, was ihn dazu veranlasste den Zustand seines Körpers etwas genauer in Augenschein zu nehmen.

Neben den ganzen Verbänden, sah er auch jede Menge große Kratzer, über die sich mittlerweile eine dicke Schorfschicht gebildet hatte.

Kratzer? Das konnte nur eines bedeuten.

Aber wann hatte er sich denn mit einem anderen Feloidea geprügelt?

Kyo suchte nach einer passenden Erinnerung; doch alles was es ihm brachte, waren Kopfschmerzen und eine weitere Welle der Übelkeit.

Er hatte doch zuletzt mit Kaoru und Yuuto im Büro gesessen und sich mit ihnen über dieses dumme Gerät unterhalten. Danach verschwamm alles und nun saß er hier und fühlte sich so schrecklich, wie noch nie in seinem ganzen Leben!
 

»Kaoru«, entwich es ihm plötzlich und er sah sich um, so als hoffe er, seinen Leader in irgendeiner Ecke zu sehen. Aber er war immer noch alleine und die Stille im Haus erschien ihm nahezu gespenstisch.

War er deswegen hier? Weil er seinem Freund etwas angetan hatte?

Aber woher kamen dann diese ganzen Verletzungen, die nach Zähnen und Klauen aussahen?

»Kaoru«, flüsterte er wieder und presste sich eine Hand auf die halbwegs unverletzte Seite seines Gesichts. Als er dabei sein eines Augenlid berührte, schoss ihm ein scharfer Schmerz so schnell und brutal ins Hirn, dass Kyo leicht schwankte und kurzzeitig das Gefühl hatte, einfach das Bewusstsein zu verlieren.

Was auch immer mit seinem Auge passiert war, aber es tat ihm unbeschreiblich weh!

»Oh Gott.«
 

Sein Auge …?
 

Als hätte er irgendwas dadurch getriggert, blitzten Bilder am Rande seiner Wahrnehmung auf. Sie waren zunächst nur undeutlich und verschwommen; gewannen dann aber langsam an Klarheit und im Nachhinein würde er sich wünschen, sich niemals an sie erinnert zu haben.

Das Bild eines anderen Katers.

Graues Fell.

Blut.

Kaorus Auto.

Der Fluss.

Eine Brücke.
 

Wieder keuchte er, spürte das heftige Ziehen in seinem Bauch und musste sich eine Hand auf den Mund pressen, um irgendwie gegen die Aufsteigende Übelkeit anzukämpfen.

Wie bei einem Stein der ins Tal polterte und aus dem eine ganze Lawine wurde, reihten sich weitere Bilder ein und wurden neue Erinnerungen losgetreten, bis schließlich alles mit einem Schlag auf ihn einprasselte.
 

Katsuo, der sich auf ihn stürzte.

Katsuo, der Kaoru bedrohte.

Katsuo, der ihn biss.

Katsuo, der sich ihm unter der Brücke stellte.

Katsuos panischer Blick, als Kyo sich in seiner Kehle verbiss.

Katsuo, der vor ihm im Gras kauerte.

Katsuo, der versuchte vor ihm zu flüchten.

Katsuo, dem er das Genick brach.

Katsuos hasserfüllter Blick.

Katsuos Innerein, die vor ihm ausgebreitet lagen.

Katsuo, dessen Fleisch er fraß.

Katsuo, den er -.
 

Kyo wollte schreien, bei dem was er sah, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Die aufgerissenen Augen starrten ins Nichts, fokussierten den inneren Film, der sich in seinem Gehirn abspielte und einfach nicht stoppen wollte.

Sobald die Erinnerungen endeten, begannen sie von vorn; wieder und wieder und wieder.

Sie zeigte den Mord, den er begangen hatte. - Den Mord, den er genossen hatte!

Je mehr Kyo versuchte die Bilder zu verdrängen, umso deutlicher wurden sie und die ganze Zeit über wisperte er leise und erstickt:

»Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es tut mir leid … .«
 

Kyo wollte, dass es aufhörte! Er wollte, dass alles nur ein böser Traum wäre und dass er nur aufwachen müsste und die Welt wäre wieder in Ordnung. Dann gäbe es keine Katzen und er selbst wäre kein Mörder.

Aber das passierte nicht.

Er konnte nicht aufwachen.

Er würde niemals aus diesem Albtraum erwachen können!

Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, setzte plötzlich ein ohrenbetäubendes Dröhnen ein und wieder wurde ihm schlecht. Angefeuert durch die Erinnerungen, glaubte er sogar, das feuchte, weiche und blutige Fleisch auf seiner Zunge schmecken zu können.

Kyo versuchte aufzustehen und ging fast zu Boden, als seine zitternden Knie unter ihm nachgaben. Die irren Schmerzen seines Körpers nahm er nur noch dumpf wahr; zu sehr hielt ihn sein überforderter Verstand in seinem Griff und schob alles andere in den Hintergrund.
 

»Es tut mir leid«, keuchte er, packte den Rand der Matratze und zog sich irgendwie in eine gekrümmte Position hoch. Einen Arm hatte er sich um den Bauch geschlungen, während sich sein Leib so anfühlte, als würde er jeden Moment einfach verbrennen.

Der Grauschleier, der ihm auf den Augen lag, wurde immer intensiver, das Licht immer greller und das pochende Dröhnen übertönte irgendwann sogar seine eigenen Gedanken.

Bis dieses Gemisch aus Sinneseindrücken miteinander verschmolz und seinen Verstand mit sich, in diesen Strudel des Wahnsinn riss.

Er war kurz davor gegen das Kreischen in seinem Kopf anzuschreien; Aber dann urplötzlich, war alles wieder klar, das Geschrei verstummte und in ihn selbst kehrte eine ganz eigenartige Ruhe ein.

Eine gefährliche Ruhe.
 

»Kyo?«, vernahm er die vertraute Stimme Furukawas und er sah auf. Der Arzt stand dort in der Tür und sah ihn geschockt an.

Warum war Satoshi so erschrocken von seinem Anblick?

»Doktor?«, erwiderte er und konnte das intensive Knurren nicht unterdrücken. Am liebsten hätte er sich auf den Älteren gestürzt und mit ihm genau das gleiche angestellt, wie noch am Vorabend mit Katsuo. Doch das wäre, in seinem jetzigen Zustand, keine besonders gute Idee.

»Du solltest dich wieder hinlegen.«

Irrte er sich, oder war Satoshi nervöser und angespannter als sonst?

»Warum?«, kam die aggressive Antwort, aber kaum dass er sich bewegte, stöhnte Kyo erneut vor Schmerz auf und er presste sich den Unterarm stärker auf seinen Bauch.

»Weil du verletzt bist.«

Es war eigentlich unnötig, ihm dies zu sagen. Kyo schüttelte energisch den Kopf, bereute es aber sofort, als ihm dabei schwindelig wurde.

»Ich glaub ich muss kotzen«, murrte er und wand den Blick von Furukawa, zu der angelehnten Badezimmertür. Sich mit einer Hand auf dem Bett abstützend, wankte er darauf zu und fauchte dann wütend in Satoshis Richtung, als dieser dazu ansetzten, einen Schritt in seine Richtung zu wagen.

»Komm mir nicht zu nahe!«, knurrte er den älteren Kater an, stieß sich vom Bett ab und krallte sich zitternd am Türrahmen fest. Wieder wollte Satoshi ihm helfen und wieder lief es auf das gleiche hinaus.

Kyo schob die Tür auf, stolperte in den Raum und ging mit einem unterdrückten Schrei zu Boden, kaum dass ihm seine Beine den Dienst versagten.

»Gott verdammt, Katsuo«, knurrte er, schwer atmend, »du verdammtes Stück Scheiße.«

Der Mistkerl konnte wirklich froh darüber sein, dass er tot war!
 

Eine Bewegung im Augenwinkel ließ ihn erahnen, dass sich Furukawa nicht an seine Warnungen gehalten hatte und trotzdem ins Zimmer getreten war. Nun stand eben dieser in der Tür und sah ihn voller Mitleid an. Kyo hasste es, wenn Menschen ihn so anschauten! Er wollte nicht bemitleidet werden!

»Das ist deine Schuld!«, keifte er ihn an. Seine Worte mischten sich mit unmenschlichen Knurrlauten, was Furukawa stumm über sich ergehen ließ. »Was hast du mit mir gemacht?!«

Immer noch sah er ihn nur an, dann jedoch seufzte der ältere Mann schwer.

»Ich musste dir ein wenig Etorphin geben«, erklärte er mit beinahe brüchiger Stimme, »Eine Transformation, in deinem Zustand, könnte dich um - .«

»Du verdammtes Arschloch!«, schrie Kyo ihn wie von Sinnen an. Am liebsten wäre er aufgesprungen und hätte sich auf ihn gestürzt. Es juckte ihm regelrecht in den Fingern, diesem selbstgefälligen Mann die Augen auskratzen und ihm die Kehle auszureißen. Aber alles, was er jetzt zu Stande brachte, war erneut zu würgen und sich nur Sekunden später in die Toilette zu erbrechen.
 

Natürlich kam nichts festes mehr hoch, dafür hatte er seinen Magen am Vorabend zu sehr entleert. Tatsächlich erbrach er hauptsächlich Blut und Magensäure, wobei ersteres definitv sein eigenes war. Die Medikamente bremsten das Virus zu sehr aus und drosselten dessen regenerative Fähigkeiten - was nicht gerade dabei half, den Hass auf Satoshi zu mildern.

Er spürte etwas nasses über seinen Rücken laufen und ahnte, dass eine der Nähte wieder aufgegangen sein musste. Furukawa sagte irgendwas, was Kyo ignorierte. Zu sehr kämpfte er mit den Schmerzen, dem verdammten Schwindel und der unerträglichen Übelkeit. Das viele Erbrechen hatte seinen Magen eindeutig überfordert.

»Ich will nach Hause.«, keuchte er zu sich selbst und sackte ein Stück zur Seite. Schwach lehnte er an der Außenwand der Duschkabine neben sich und wischte sich über den blutverschmierten Mund.

»Das kann ich nicht verantworten.«

Furukawa rang sichtlich darum, nicht einfach zu ihm zu eilen und ihm zu helfen. Kyo wand den Kopf in seine Richtung und knurrte erneut.

»Mir egal.«

»Aber mir nicht! Du bist wirklich schwer verletzt!«

»Mir egal!«, schrie er heißer. »Ich bin nicht Nao, also hör damit auf, mich wie deinen Sohn zu behandeln!«

Vielleicht tat er ihm Unrecht, aber Kyo hatte schon lange den Eindruck, für Satoshi nichts anderes zu sein, als ein makaberer Familienersatz.
 

»Kyo.«

Dass seine Worte Satoshi verletzt hatten, war deutlich zu hören und da es genau das war, was er beabsichtigt hatte, konnte Kyo nicht anders, als sich darüber zu freuen. Wenn er ihn schon nicht körperlich zum bluten brachte, dann zumindest seelisch!

»Sei bitte vernünftig. Du siehst doch selbst, wie Katsuo dich zugerichtet hat. Ich kann unmöglich zulassen, dass du zu Hause vielleicht verblutest!«

Nun, ganz unrecht hatte er nicht, das musste sich auch Kyo eingestehen. Aber er hielt es einfach nicht aus, noch länger hier zu sein. Seine Instinkte wollten nichts anderes, als sich in seiner Wohnung zu verkriechen und seine eigenen Wunden zu lecken, bis sie verheilten.

»Tu was du tun musst,« knurrte er finster, »Aber danach rufst du mir ein Taxi und bringst mich nach Hause!«

»Nein.«

Offenbar hatte Furukawa sein Rückgrad wieder gefunden, denn plötzlich strafften sich seine Schulter und sein vormals noch sanfter Blick, wurde streng. Irgendwas an seiner Ausstrahlung veränderte sich und veranlasste Kyo dazu, die Zähne zu blecken und wieder laut zu knurren. Seine eigene Dominanz schrumpfte dabei in sich zusammen, bis er nicht anders konnte, als auf dem gefliesten Boden zu kauern und zornig zu fauchen.

»Nein«, wiederholte Satoshi fest. »Du wirst dich von mir verarzten lassen und hier bleiben. Keine Widerrede!«
 

»Willst du, dass ich das gleiche mit dir mache, wie mit Katsuo?!« Es waren verzweifelte Worte, weil ihm klar war, dass sie nichts als leere Drohungen waren.

»Du willst mich töten?«, fragte Satoshi ruhig. Er beobachtete und analysierte Kyos Verhalten und Körpersprache ganz genau.

»Ja!«, zischte dieser, zog sich schwach an der Inneneinrichtung hoch, bis er zitternd am Waschbecken lehnte. »Ich habe ihn gefressen.« Er grinste als er dies sagte und sich schwer auf der Keramik abstützte. »Ich hab sein Innerstes auf dieser scheiß Wiese verteilt und es war so ein verdammt geiles Gefühl!«

Sie hielten den Blickkontakt, bis Kyo nach Wasserhahn griff, ihn aufdrehte und kaltes Wasser über seine Hände laufen ließ. Zum ersten Mal, seit seinem Erwachen, achtete er dabei auf seine Arme und er stutzte bei dem was er sah.

In den wenigen Lücken, die seine Tattoos noch ließen, erkannte er die blassen, Blumenförmig angeordenten Flecken seines Fellmusters. Interessiert musterte er es, während die Kälte ihm ein wenig Linderung verschaffte und seinen Geist sprichwörtlich abkühlte. Dass Satoshi ihn dabei voller Sorge beobachtete, bekam er überhaupt nicht mit.
 

»Geh bitte zurück ins Bett. Ich muss mich um deinen Rücken kümmern.« Es war keine Bitte, trotzdem schnaubte Kyo verächtlich und wollte sie ablehnen. Furukawa war jedoch zu müde und zu überreizt, also ignorierte er die verbale Gegenwehr, kam näher, packte Kyo an den Schultern und drehte ihn so, dass er nun mit dem Rücken zum Spiegel stand.

»Schau es dir selbst an!«, sagte er streng.

Der Sänger sah zunächst feindselig zu ihm hoch, wand dann aber den Kopf nach hinten und schaute in den Spiegel. Was er sah, überraschte ihn.

Sein Rücken sah wirklich schlimm aus. Die getapten und genähten Kratzer und Wunden, reichten von oben bis unten, so als habe Katsuo versucht ihm die Haut vom Körper zu reißen.

Auf Höhe seiner Lendenwirbel, war eine große Kompresse festgeklebt; aber diese war mittlerweile rot vor Blut, welches ihm in etlichen Rinnsalen über den Rücken floss. Selbst über seine Beine lief es ihm bereits und hier und da hatte er blutige Fußabdrücke auf dem Badezimmerboden hinterlassen.
 

»Oh«, war alles, was er dazu zu sagen hatte. Eine der Nähte unter seinem rechten Schulterblatt, war wieder aufgegangen.

»Kannst du alleine stehen?«, verlangte Satoshi zu wissen. Kyo passte es nicht, dass der andere Kater ihm derart nahe auf die Pelle rückte und er konnte nicht anders, als ein weiteres mal zu knurren.

»Ja, ich denke schon.« Wie gern hätte er ihm genau jetzt die Krallen durchs Gesicht gezogen. Aber die waren im Moment leider nicht da.

»Ich muss die Verbände erneuern. Versuch dich zu waschen. Ich hole alles, was ich brauche.« Bevor Kyo auch nur einen Laut von sich geben konnte, zischte er: »Und wehe du fängst jetzt wieder an zu diskutieren.«
 

Endlich ging der Arzt wieder auf Abstand und verließ den Raum, nach einem kurzen Hinweis darüber, dass Kyo die Badetücher im Waschbeckenschrank finden würde. Satoshi ließ die Tür auf und kaum, dass er außer Sichtweite war, konnte sich der jüngere Kater wieder ein wenig entspannen. Oder was auch immer ‘Entspannung’ in seinem Fall zu bedeuten hatte.

Nun, da er wieder alleine war, stützte er sich für einige Sekunden auf dem Waschbecken ab und schloss die Augen, um irgendwie gegen die Schmerzen anzukämpfen.

Ihm war immer noch schlecht, doch er wusste, dass es lediglich der Überforderung seines Magens und seiner Muskeln geschuldet war. Rasch entledigte er sich der mittlerweile blutigen Shorts, ließ sie achtlos liegen und stieg dann mit wackeligen Beinen in die Duschkabine. Kyo musste sich mit beiden Händen an der Aufhängung des Duschkopfes festhalten und als das heiße Wasser seine Wunden traf, musste er das Gesicht gegen seinen Oberarm pressen, um irgendwie den Schrei zu ersticken.
 


 

»Das ist eine wirklich dumme Idee.«

Christine lehnte im Türrahmen, hielt eine Schüssel Cornflakes in den Händen und sprach, während sie auf dem nächsten Bissen herum kaute. Satoshi war dabei die Utensilien in seinem Labor zusammen zu suchen und beachtete sie nur am Rande.

»Danke für die Blumen«, murmelte er etwas abwesend und griff nach dem Desinfektionsspray.

»Es ist mein voller Ernst!«

»Das ist es immer.« Endlich wand er sich ihr zu, seine Tasche unter den Arm geklemmt. »Und wie immer haben wir keine andere Wahl.«

»Wir haben durchaus eine andere Wahl.«

»Aber im Gegensatz zu dir, töte ich einen Feloidea nicht, nur weil mir etwas an ihm nicht passt.«

In dieser Sache, waren er und Christine noch nie einer Meinung gewesen und das würde sich wohl auch niemals ändern.

Schweigend schob sie sich einen weiteren Löffel in den Mund, kaute und ließ ihn dabei keine Sekunde aus den Augen.

»Du tust ja fast so, als würde ich das willkürlich machen«, meinte sie, nachdem sie geschluckt hatte und seine Miene verriet ihr, dass genau dies auch sein Gedanke dahinter war.

»Hör mal zu, Satochi.« Endlich stellte sie die nun leere Schüssel beiseite und verschränkte die Arme vor der Brust. »Du siehst doch selbst, was passieren kann, wenn man einen psychisch instabilen Feloidea einfach so frei herumlaufen lässt. So was geht nie lange gut!«

»Würde es nach dieser Logik gehen, dann würdest auch DU jetzt nicht mehr leben!«, widersprach er ihr, woraufhin sie bedeutungsschwanger mit den Augen rollte.

»Du weißt, dass ich dir für dein Engagement immer noch dankbar bin, aber ich hinterfrage deine Entscheidung in dieser Sache trotzdem.«

Christine löste die Arme und zeigte dann in Richtung Zimmerdecke.

»Und du bist wirklich sicher, dass er dissoziiert?«, wollte sie wissen, was er nickend bestätigte. »Fuck.«
 

Satoshi seufzte und rieb sich müde über die Augenlider. Ein Teil von ihm wünschte sich, Kyos Forderung einfach nachzugeben und ihn einfach nach Hause gehen zu lassen. Aber das konnte er unmöglich verantworten!

»Ich bin kein Psychiater und hatte auch noch nie das zweifelhafte Vergnügen, mit einem Menschen zu tun zu haben, der an diesem Krankheitsbild leidet. Aber das ist nicht der Kyo, den ich kennengelernt habe! So viel Wut und Kälte … ich hätte niemals erwartet, dass etwas derartiges in ihm steckt.«

Kurz dachte er an das Gespräch mit Toshiya und dass Kyo vor Jahren sogar gewalttätig gegenüber den restlichen Bandmitgliedern geworden war. Er hatte es sich beim besten Willen nicht vorstellen können, immerhin kannte er Kyo zwar als eigenartig und einzelgängerisch. Aber er war niemand, der andere einfach so verletzte!

Nun jedoch bekam dieses Bild, was er von dem seltsamen Künstler hatte, einige sehr unschöne und tiefe Risse.
 

»Kaoru wüsste sicherlich, was man tun könnte, um Kyo aus diesem Zustand zu holen«, vermutete er. »Aber ich kann ihn nicht weiter damit belasten. Er ist nur ein Mensch und es wäre viel zu gefährlich für ihn!«

»Da hast du allerdings recht.« Christines Stimme war schneidend und beinahe vorwurfsvoll. »Was wirst du nun tun?«

Ratlos zuckte Furukawa mit den Schultern.

»Ihn irgendwie hier behalten und dafür sorgen, dass er so schnell wie möglich fit wird, für die Operation.«

Scheinbar hatte sie nicht mehr damit gerechnet, dass er diese Operation überhaupt noch in Betracht zog. Denn sie starrte ihn ungläubig an.

»Hast du sie noch alle? Selbst wenn seine Wunden bis dahin verheilen, ist er nicht in der psychischen Verfassung, für einen solchen Eingriff!«

»Doch, ich glaube dass es jetzt dringender ist, denn je, dass er den Injektor erhält.« Eigentlich wollte er jetzt nicht mit ihr darüber diskutieren, aber Chrissy stand nach wie vor in der Tür und machte keine Anstalten, ihn gehen zu lassen.
 

»Wenn deine Theorie stimmt, dann ist er jetzt gerade kein Mensch, Satoshi!«, rief sie aufgebracht.

»Es ist nur eine Theorie.«

»Aber eine, die wir ernst nehmen sollten! Er denkt, handelt und fühlt wie ein Feloidea. Das ist extrem gefährlich! Sollte das schief gehen, dann könnte er auf ewig in diesem Zustand stecken bleiben!«

»Und was schlägst du vor, was ich nun tun soll?«, wollte er wissen. Ihre Aggressivität übertrug sich nun auch auf ihn, weswegen seine Stimme bissiger wurde, als er eigentlich beabsichtigte. »Ihn einschläfern und beseitigen, so wie du es bevorzugst?«

»Ja, das wäre langfristig wirklich das Beste für alle!«, beharrte sie energisch, was er aber mit einem Kopfschütteln ablehnte.

»Vergiss es, Christine. Der Feloidea in ihm muss wieder zurück an die Leine, egal was dafür auch nötig ist.«

Dass sie von seinen Worten nahezu angewidert war, stand ihr ins Gesicht geschrieben. Er wusste, dass Chrissy lieber sterben würde, als den Gedanken zu ertragen, mental in Ketten gelegt zu werden.
 

»Das könnte ihn zerstören.«

»Oder retten.« Wieder sahen sie einander fest in die Augen, jeder auf seiner Position verharrend. »Es bleibt dabei. Er bekommt den Etorphininjektor eingesetzt und wenn die Katze in ihm, erstmal verstanden hat, dass wir sie jederzeit damit ausschalten könnten, dann - .«

»Hörst du dir eigentlich selbst zu?!«, schrie sie ihn an. Frustriert, enttäuscht und wütend schlug sie mit der flachen Hand gegen den Türrahmen.

»Du willst ihn abrichten, wie ein verdammtes Haustier! Lass ihm doch gleich auch noch den Neurochip einsetzen, wenn wir ihn schonmal aufschneiden!«

»Er wird kein willenloser Sklave.«, widersprach er, aber sie war zu sehr in Rage, um ihm überhaupt noch zuzuhören.

»Du willst ihn psychisch in Ketten legen, damit er besser kontrolliert werden kann!«, fauchte sie angeekelt. »Erik wäre so stolz auf dich!« [1]
 


 

Satoshi schloss seufzend die Tür seines Kleiderschranks und besah sich sein eigenes Spiegelbild für einige Sekunden. Auf seiner Wange prangte ein roter Abdruck, ebenso wie zwei kleine Kratzer. Beides hatten Christines Hand und ihre grün lackierten Fingernägel dort hinterlassen und stumm musste er sich eingestehen, dass er die Ohrfeige vielleicht auch verdiente.

Sie hatte ihn angeschrien und er verfluchte sich selbst für seine dummen Worte. Im Augenblick befand sich seine Kollegin noch immer unten im Labor und er wollte ihr die Zeit geben, sich wieder zu beruhigen. Es würde das beste sein, wenn sie vorerst in eine der Ferienwohnungen in der Umgebung zog. Denn es wurde immer schwerer für sie beide, ihre jeweiligen Katzen aus den Interaktionen heraus zu halten. Christine war ihm sehr wichtig, trotzdem spürte er, dass sein inneres Monster, ihre Anwesenheit immer stärker ablehnte.
 

Mit der Kleidung unter dem einen Arm und der Tasche in der anderen Hand, verließ er sein Schlafzimmer und begab sich den Flur entlang, ehe er vor einer Tür stehen blieb und leicht an eben diese klopfte. Der Arzt erhielt keine Antwort und schob sie nach einigen Sekunden vorsichtig auf.

Seine Sorge, dass sein unfreiwilliger Gast vielleicht abgehauen sein könnte, bestätigte sich nicht. Statt dessen saß Kyo auf der anderen Seite des Bettes, eines der Duschtücher um die Hüfte gebunden und ihm den Rücken zugekehrt.

Die kühle Morgensonne verlieh dem Raum einen seltsam kalten Schimmer und unterstrich den bedrückenden Anblick nur noch mehr.

Das Jaguarmuster hatte sich ausgebreitet und nahm mittlerweile den gesamten Rücken, die rechte Schulter und den rechten Arm vollständig ein. Auch am Nacken waren die Flecken zu erkennen, verblassten hier allerdings und wurden unscharf. Kyo saß vornüber gebeugt da und schaute aus dem Fenster. Er reagierte nicht, als der ältere Mann eintrat, hatte lediglich die Unterarme auf den Oberschenkeln abgestützt und starrte ins Nichts.
 

»Ich hab dir Kleidung mitgebracht.« Satoshis Stimme war belegt.

Er wusste in etwa, was im Moment in Kyo vor sich ging. Die meisten von ihnen, die schon lange mit dieser Erkrankung lebten, konnten es nachvollziehen.

»Hm«, war alles, was der Sänger sagte und immer noch bewegte er sich nicht. Satoshi trat näher, schloss die Tür und legte die Sachen auf dem Bett ab.

»Es ist alles zu groß, aber besser als nichts.« Gern hätte er Kaoru angerufen und ihn gebeten, irgendwas für Kyo aus dessen Wohnung zu holen. Aber er konnte den Leader nicht damit belasten. Nicht nach allem was passiert war!
 

Er ließ Kyo nicht aus den Augen und betrachtete immer noch die vielen, teilweise wieder offenen Wunden an dessen Rücken. Der Saum des Duschtuchs was mittlerweile getränkt von Blut und Satoshi musste innerlich seufzen, als er sah, dass auch die Bettwäsche rot befleckt war.

Kyos schwarze Haare hingen in nassen Strähnen herunter und klebten ihm am Hals. Einzelne Wassertropfen rannen ihm über den nackten Oberkörper und vermischten sich mit dem Blut, ehe auch sie im Stoff verschwanden.

Langsam ließ er sich auf der freien Bettseite nieder und rechnete bereits damit, dass sein Patient wieder aggressiv auf ihn reagierte - aber nichts geschah.

»Mit wem spreche ich jetzt?«, fragte er irgendwann, als ihm die bedrückende Stille zu viel wurde. Endlich kam Bewegung in den anderen Mann, er straffte die Schultern und drehte den Kopf leicht nach hinten, ohne ihn anzusehen.

»Mit mir«, antwortete Kyo leise. Die Stimme war die gleiche, aber Körperhaltung und Unterton passten nicht zu dem Mann, den Satoshi vor einem halben Jahr kennengelernt hatte.

»Dem Feloidea, oder dem Menschen?«
 

Wieder folgte Stille, dann aber gab es ein sehr tiefes Grollen und Kyos ganzer Oberkörper begann unter der Vibration leicht zu beben.

»Verstehe.« Satoshi stellte die kleine Tasche mit dem Equipment ebenfalls auf die Bettdecke und zog den Reißverschluss auf. »Dann ist es also genau so, wie ich es befürchtet hatte? Der Teil seiner Persönlichkeit, der immer nur dann aktiv wird, wenn er sich in einer dissoziierenden Phase befindet, wurde vollständig von der Katze annektiert.«

Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Der andere Kater antwortete darauf nichts und zuckte lediglich mit den Schultern.

»Ich werde jetzt deine Wunden versorgen. Bitte versuch mich nicht anzugreifen.«

»Dann gib mir einfach keinen Grund dazu«, knurrte das Wesen, welches sie Kyo nannten und was jetzt nichts mehr mit ihm gemeinsam hatte.

»Halt still, das wird jetzt weh tun.« Mit diesen Worten zog Satoshi die Kappe des Desinfektionssprays ab und begann mit seiner Arbeit.
 

***
 

Tropf - platsch - tropf - platsch -
 

Kaoru sank tiefer ins Wasser. Seine Augen waren geschlossen, einer seiner Arme ruhte auf dem Rand der Wanne und den Kopf hatte er müde darauf abgelegt. Er zählte die Tropfen, die immer wieder aus dem Wasserhahn fielen und geräuschvoll auf der Oberfläche des heißen Bades zerschellten. Es hallte von den Wänden wider und ließ ihn gelegentlich leicht zusammenzucken.

Sein Kopf schmerzte höllisch, die Augen brannten vor Müdigkeit und sein Körper schrie nach Ruhe. Trotzdem fand er einfach keinen Schlaf; zumindest keinen erholsamen.

Nachdem Kommissar Suzuki ihn nach Hause gebracht hatte, war er zitternd in seinem eigenen Flur zusammengebrochen. Fast eine halbe Stunde hatte er dort gekauert, die Arme um den Körper geschlungen und war nicht im stande dazu gewesen, die Angst wieder unter Kontrolle zu bringen.
 

Kaoru war sich unfassbar erbärmlich und schwach dabei vorgekommen und im Nachhinein schämte er sich dafür. Denn im Grunde ging es ihm gut. Er hatte lediglich ein paar Kratzer, sein Handgelenk war ein bisschen verstaucht und sein Auto war Schrott.

Ganz im Gegensatz zu Kyo.

Kyo hatte einen anderen Menschen getötet, war beinahe im Fluss ertrunken und hatte den Kampf gegen Katsuo nur verletzt überlebt!

Immer wieder sah er, vor seinem inneren Auge, wie sein Freund das Fleisch erbrach, was er kurz zuvor noch gefressen hatte und Kaoru wurde übel. Er erinnerte sich an den Anblick, an den Geruch, fühlte den heißen, zitternden Körper des anderen Mannes in seinen Armen, hörte dessen verzweifelte Schreie …
 

»Gott verdammte Scheiße.«

Er rieb sich mit der nassen Hand über das Gesicht und schluckte hart. Sein Hals fühlte sich widerlich trocken und rau an und jede noch so kleine Bewegung schmerzte ihm in den Knochen.

Irgendwann hatte er es dann doch in sein Schlafzimmer geschafft, aber Kaoru hatte es keine zehn Minuten darin ausgehalten. Die Stille und Dunkelheit zermürbten ihn, also war er wieder nach unten und in sein kleines Studio gegangen, um sich den Rest der Nacht mit Aufräumen, Putzen und Sortieren zu vertreiben.

Es beschäftigte ihn, half aber nur bedingt dabei, ihn von den schrecklichen Erinnerungen und Gedanken abzulenken, die ihn plagten. Und so wie er nicht schlafen konnte, war auch an essen nicht zu denken. Er hatte es mit einer Packung Cup-Noodles versucht und gerade einmal einen Bissen herunter gewürgt.

Und nun war es nach neun Uhr am Morgen und er saß seit etlichen Minuten hier, ließ immer mal wieder heißes Wasser nachlaufen und suchte nach so etwas wie Entspannung, um sein überreiztes Nervenkostüm wieder zu beruhigen.
 

Wie sollte er das alles der Band sagen?

Durfte er es ihnen überhaupt sagen?

Im Prinzip hatte Satoshi ja recht, wenn er sagte, dass Kaoru nicht Kyos Stimme war. Aber andererseits war er es mittlerweile so sehr gewohnt, Kyos alles abzunehmen, was diesen verletzten könnte. Es war beinahe so etwas, wie ein natürlicher Reflex für ihn geworden.

Und selbst wenn er es ihnen nicht sagte und es Kyo überließ, würde dieser ihnen davon erzählen? Wahrscheinlich nicht.

Doch dann wäre auch Kaoru dazu gezwungen, es vor ihnen geheim zu halten und der Leader wusste nicht, ob er das konnte. Denn auch Shinya, Dai und Toshiya hatten so viel für Kyo gelitten. Sie verdienten die Wahrheit!

Aber konnten sie diese Wahrheit überhaupt ertragen?

Die Wahrheit darüber, dass Kyo ein Mörder war.
 

»Du bist kein schlechter Mensch«, flüsterte er die Worte, welche er damals auch zu Kyo gesagt hatte - damals nach der Vulgar Tour.

»Du kannst nichts dafür.«

Im Nachhinein fragte Kaoru sich, ob er dies nicht vielleicht mehr zu sich selbst sagte, um sein eigenes Gewissen zu beruhigen.

»Du bist kein Monster.«

Selbst vor diesem Wahnsinn hier, hatte er in ihrem Sänger nie das Ungeheuer gesehen, was dieser in sich selbst sah. Kyo war einfach nur ein gebrochener Mensch, der jemanden brauchte, der ihm Halt gab.

»Ich will dich nicht verlieren.«

Seine Stimme wurde ganz leise und verlor sich irgendwo in der Einsamkeit des Badezimmers. So langsam ergriff die Erschöpfung tatsächlich Besitz von ihm und sog auch das letzte bisschen Kraft aus seinen Gliedern, die ihm noch geblieben war.

Er würde bald aus der Wanne steigen und es vielleicht noch einmal mit Schlafen versuchen müssen. Dass er Albträume haben würde, war ihm absolut klar.

Aber trotzdem … trotzdem …
 

Ein Geräusch brachte ihn dazu die Augen zu öffnen und den Kopf von seinem Arm zu heben.

Was war das?

Es klang fast wie das Klappern einer Tür. Oder irrte er sich? Kaoru runzelte die Stirn und sah zu der Tür mit der Milchglasscheibe. Alles blieb still. Also doch nur Einbildung?

»Mist.« Er legte den Kopf nach hinten, zurück auf den Wannenrand und ließ die Finger durch seine feuchten langen Haare gleiten.

Ja, er brauchte wirklich dringend Schlaf! Mit etwas Glück, hatte er in seiner Hausapotheke vielleicht noch eine Packung Baldrian. Sicherlich war die mittlerweile abgelaufen, aber das war ihm im Moment herzlich egal.
 

Dass sich die Tür zum Badezimmer lautlos öffnete, bemerkte er überhaupt nicht. Erst als er die Augen aufschlug und eine Bewegung im äußersten Winkel seines Blickfeldes registrierte, zuckte er heftig zusammen und die Müdigkeit, die ihn eben noch brutal in ihrem Griff hatte, war wie weggeblasen.

»Kyo!«, rief er, starrte den Jüngeren entsetzt an und setzte sich so schnell auf, dass das Wasser über den Rand der Wanne schwappte und sich in einer Pfütze auf den Fliesen ausbreitete.

»Was tust du hier? Wie bist du hier rein gekommen?!«

Also hatte er sich doch nicht verhört! Durch seine Eingangstür kam man nur mit dem Schlüssen; aber vielleicht hatte er ja vergessen, die Schiebetür seiner Terrasse wieder zu verriegeln? Da er nie im Haus rauchte, war er manchmal ein bisschen zu faul und schob diese nur zu. Ob Kyo davon wusste?

Dieser aber sagte immer noch nichts. Er stand einfach nur da und sah zu ihm runter; aus diesen seltsamen, unnatürlich blauen Augen, welche Kaoru einen unangenehmen Schauer durch den Leib jagten. Sie waren der Beweis für das, was in Kyo lebte. Was ihn zu dieser schrecklichen Tat getrieben hatte. Was aus ihm ein Monster - .
 

»Kyo?«

Kaoru wollte am liebsten aufstehen, ungeachtet seiner eigenen Nacktheit. Aber sein Körper war vor Angst wie erstarrt. War das wirklich Kyo, mit dem er hier versuchte zu reden?

Er zuckte zusammen, als sein Kollege sich mit einem Mal zu bewegen begann und die Verwirrung über dessen plötzliches Auftauchen, wurde noch viel größer, als dieser, vollständig eingekleidet, einfach in die Wanne stieg.

Sofort sogen sich Jeans, Shirt und Schuhe mit Wasser voll und hingen schwer an ihm herunter. Ein Anblick, der wahrscheinlich so manches Fanherz direkt zum schmelzen gebracht hätte.

»Was tust du denn da?!«

Erneut wollte Kaoru zurückweichen, konnte es aber nicht. Und immer noch sprach sein Vocal kein einziges Wort. Auch nicht, als er sich zwischen seine Beine kniete, ihn ansah und kein einziges Mal blinzelte.

»Kyo lass das, deine Sachen werden nass. Die Tür - .«
 

Endlich schienen sich seine Beine ihrer Funktion wieder zu erinnern. Kaoru wollte gerade dazu ansetzen aufzustehen, als eine erstaunlich kraftvolle Hand nach vorn schnellte und sich auf seine Brust presste. Er verharrte mitten in der Bewegung, wusste nicht was er tun sollte und war nun wirklich komplett mit der Situation überfordert. Dass der andere ihm Angst machte, war noch untertrieben! Kaoru wusste schließlich genau, wozu dieser in der Lage war.

Aber Kyo griff ihn nicht an und machte auch keinerlei Anstalten, ihm irgend etwas anzutun. Sie waren sich nun so nahe, dass Kaoru die schwere, nasse Kleidung des Sängers an den Innenseiten seiner Beine spürte. Er fühlte die Hitze, die von dessen Hand ausging, die Kraft mit der er ihn fixierte und er hörte dieses seltsame und irgendwie auch beruhigende Schnurren.

»Kyo.« Seine Stimme war nur ein angespanntes Wispern und er schreckte zurück, kaum dass sich Kyo weiter zu ihm beugte und, wie damals im Hotelzimmer, anfing an seinem Hals zu schnüffeln.

Der heiße Atem glitt über seine nasse Haut. Kaoru spürte den muskulösen, starken Körper auf eine Weise an sich, die er niemals für möglich gehalten hätte und er war hin und her gerissen, zwischen dem Drang ihn wegzustoßen und dem Wunsch es einfach zuzulassen.
 

Kyos Hände lagen auf seinen Schultern. Sein Sänger schnurrte dieses mal lauter und die Vibration übertrug sich auf ihn, was Kaoru eine Gänsehaut bescherte.

Nervös atmend schloss er die Augen und versuchte sich auf das zu konzentrieren, was Kyo tat. Er fühlte deutlich, wie dessen Atemzüge über seinen Hals glitten, dann langsam nach oben wanderten, seinen Kiefer entlang strichen und wie er schließlich vor seinen Lippen stoppte.

Kaoru sah ihn an, erwiderte den Blick und musste sich eingestehen, dass er dieses eisige Blau zwar gruselig fand, es ihn aber auch gleichzeitig mit seiner intensiven Schönheit fesselte.
 

Das letzte Bisschen Gegenwehr zerbrach, als sich Kyos Körper gegen ihn presste und er Kaorus Lippen für sich beanspruchte. Es schmeckte nach erstaunlich wenig und die Hitze, die von ihm ausging, schien ihm beinahe den Mund zu verbrennen.

Er schloss die Augen, als die Welt einfach nicht damit aufhören wollte sich zu drehen und konnte nicht anders, als Kyos Oberarme mit seinen eigenen Händen zu packen, um sich irgendwie festzuhalten.

Diese wahnsinns Hitze, die er unter seinen Fingern spürte, der starke Körper, der sich fordernd zwischen seine Schenkel drängte und sich gegen ihn presste. Der raue Stoff der Jeans auf seiner nackten Haut. Kyos schwerer Atem, gepaart mit diesem tiefen Grollen und Schnurren. Ja, dessen Dominanz und Ausstrahlung jagten Kaoru eine wahnsinns Angst ein. Aber trotzdem wollte er mehr.

Trotzdem wollte er nicht, dass es aufhörte.

Kaoru war sich, am Rande seiner Wahrnehmung, absolut bewusst darüber, dass er hier nackt in seiner Wanne saß, dass Kyo in sein Haus eingebrochen war, dass dieser vermutlich nicht er selbst war und dass dies hier eine wirklich beschissene Idee war.

Aber es war zu gut, zu viel, zu intensiv, zu - .
 

Er schreckte auf, das Wasser schwappte hin und her, über den Rand der Wanne und verlief sich in einer Pfütze auf dem feuchten Badezimmerboden. Kaoru sah sich hektisch um, spürte das Zittern seines Körpers, das mittlerweile nur noch lauwarme Badewasser und suchte mit den Augen den Raum ab.

Niemand war hier, außer ihm selbst.

Kyo war nicht da … war nie da gewesen.

Es war nur ein Traum, ausgelöst vom Stress und seinem labilen Nervenkostüm.

»Nur ein Traum«, keuchte er, spritzte sich einen Schwall kühles Wasser ins Gesicht, ehe er endlich aufstand und die Wanne ausließ.

»Nur einer von vielen.«
 

***

Kapitel 32 ¦ Katzenworte

Kapitel 32 ¦ Katzenworte
 

***
 

Mit einem lauten Krachen knallte der Bilderrahmen, mit dem hübschen Strandfoto, von der Wand und das Glas bekam einen hässlichen Sprung. Die Dekovase von der danebenstehenden Kommode, gesellte sich nur Sekunden später dazu. Das Geräusch der zerspringenden Keramik, ging in dem lautstarken Gebrüll unter, welches seit annähernd fünf Minuten durch das sonst so ruhige Haus hallte.

»Kyo, verdammt!«, fluchte Satoshi und packte die Handgelenke des tobenden Mannes. Dieser starrte ihn voller Hass an, wurde grob gegen die Wand gedrückt und schnappte nach ihm.

Selbst als wesentlich kleinerer Mensch, hatte er eine ungeheure Kraft und Furukawa kam ziemlich ins Schwitzen bei dem Versuch, ihn irgendwie ruhig zu halten.

»Fick dich!«, fauchte der Jüngere und trat um sich. Sein Knie landete in Satoshis Magen, was diesen dazu veranlasste, ein ersticktes Würgen von sich zu geben.

Loslassen tat er ihn aber immer noch nicht.

»Halt endlich still!«

»Nein!«

Wieder und wieder trat und schnappte er nach ihm, bis er Satoshi schließlich von sich stieß und ihm einen saftigen Tritt verpasste. Der Arzt taumelte zurück und gegen die Wand in seinem Rücken.
 

Sich die Hand auf den Bauch pressend, sah er auf und erkannte noch, wie Kyo die Treppe nach oben rannte, fast als wäre der Teufel selbst hinter ihm her.

»Scheiße«, fluchte Satoshi und setzte ihm nach.

Die linke Seite seines Brustkorbes schmerzte, sehr wahrscheinlich hatte er sich, bei der Rangelei, eine seiner Rippen angeknackst. Aber das war jetzt nicht wichtig. Er musste Kyo unbedingt die Spritze verpassen und ihn wieder zur Vernunft bekommen. Andernfalls konnte das hier sehr schnell sehr hässlich werden.

Vielleicht war es einfach der Tatsache geschuldet, dass er sehr viel größer war, als Kyo. Oder aber es lag daran, dass eben dieser immer noch reichlich lädiert und damit langsamer war. Aber im Hausflur und nur noch wenige Meter vom Eingang entfernt, schaffte er es schließlich, das Shirt seines Patienten zu packen und ihn an der Flucht zu hindern. Und wieder begann der Kampf von vorn.

Kyo wirbelte herum, schlug nach ihm, verfehlte ihn jedoch und wurde wieder von einem Paar kräftiger Hände gepackt, gegen die er sich heftig zur Wehr setzte.

Schreiend und nach ihm kratzend, wand er sich in der unnachgiebigen Umarmung, trat seinem Gastgeber auf den Fuß, was dieser ignorierte und verpasste ihm schließlich doch noch eine saftige Ohrfeige.
 

All das ging schließlich nicht ohne Folgen einher und in dem Moment, als Kyo sich ein weiteres Mal seinem Griff entwand und sich der Tür entgegen streckte, verloren sie beide das Gleichgewicht und gingen mit einem lauten Poltern zu Boden; Satoshi zu oberst.

Mit den Füßen und Unterschenkeln fixierte er die Beine des jüngeren Katers, er drückte die Hand zwischen dessen Schulterblätter und verlagerte sein eigenes Körpergewicht so, dass er ihn auf diese Weise zumindest halbwegs unter Kontrolle hielt. Mit der nun freien Hand, griff er sich in die rechte Gesäßtasche seiner Hose.

»So, jetzt ist Schluss!«, keuchte Satoshi schweratmig. Ja, seine Rippen hatten definitiv etwas abbekommen! Der Kater zappelte und versuchte ihn abzuwerfen, doch so langsam realisierte er, dass er in dieser Position nichts ausrichten konnte.

»Geh runter von mir, du verdammtes Arschloch!«, brüllte das Wesen unter ihm und langte mit den Händen blind in seine Richtung, ohne Erfolg. »Ich schwöre dir, dass ich dir die Augen ausreißt, wenn du mir dieses Teufelszeug verpasst!«

»Darüber reden wir, wenn es soweit ist.«

Satoshi hustete und endlich schaffte er es, die zylindrische Etorphinspritze aus seiner Tasche zu ziehen. Dass Kyo immer wieder nach oben bockte und er sich mittlerweile wie beim Rodeo vorkam, machte es nicht wirklich besser.
 

»Soll ich wieder gehen?«

Er sah auf, als er gerade im Begriff war die Kappe der Spritze mit den Zähnen abzuziehen, irritiert von der weiblichen Stimme.

In dem Geschrei Kyos, hatte er überhaupt nicht mitbekommen, dass Christine die Haustür aufgeschlossen und geöffnet hatte. Die große Ärztin stand wie eine Erscheinung in der Tür, eine ihrer Augenbrauen verschwand hinter den Strähnen ihrer Haare, die nur lose im Nacken zusammengebunden waren und sie betrachtete die Szene die sich ihr bot, teilweise interessiert, teilweise belustigt.

»Also dafür, dass ihr Deutschen ach so pünktlich seid,« keuchte der Älteste und sein Moment der Unaufmerksamkeit sorgte fast dafür, dass Kyo es tatsächlich schaffte, ihn abzuwerfen, »- ist dein Timing wirklich schlecht.«
 

Sie lachte trocken, als eine weitere Person hinter ihr auftauchte und diese sah alles andere als erfreut aus.

»Kyo!«, rief Kaoru den Namen seines Sängers, wurde aber von einer Hand, die sich grob um seinen Oberarm schlang, davon abgehalten ins Haus zu treten.

»Warte!«, rief ihm auch Satoshi zu, welcher irgendwie versuchte die richtige Stelle zu erwischen, um Kyo die Spritze zu verpassen.

Dieser mobilisierte nun alle Kraft, die ihm im Augenblick zu Verfügung stand und fing erneut damit an, wild um sich zu schlagen und dies alles durch lautes Fauchen und Knurren zu unterstreichen.

»Ich bring dich um, alter Sack!«, schrie er außer sich und jaulte laut auf, als sein Arzt ihm die Nadel in seinen Oberarm rammte und ihm die vorbereitete Dosis des Medikamentencocktails verpasste.

Zunächst änderte sich nichts; außer, dass Kyo mit Beleidigungen um sich warf, immer wieder mit den Händen in seine Richtung griff und mit den Füßen frustriert auf dem Boden herum trommelte.

Dann aber erschlafften dessen Glieder nach und nach, er wurde ruhiger und das Schreien verstummte allmählich, bis es in ein langes, erschöpftes Knurren überging. Unter der Hand, die immer noch auf seinem Rücken lag, konnte Satoshi das vibrierende Beben spüren und wie es immer schwächer wurde.

Erleichtert atmete er durch, richtete sich auf und stieg endlich von Kyo runter, welcher kraftlos versuchte auf alle Viere zu kommen - dabei aber kläglich scheiterte.
 

»Gott verdammt, ich bin viel zu alt dafür.«

Der ältere Mann presste sich eine Hand auf den geschundenen Brustkorb und spürte deutlich das Stechen, wenn er versuchte tiefer einzuatmen.

»Was geht hier vor? Was machen Sie da mit ihm?«

Kaoru sah man an, dass auch er die letzten zwei Tage nur wenig, oder so gut wie gar nicht geschlafen hatte. Seine Augenringe, der etwas unordentlich geschnittene Bart und das generell eher übermüdete Aussehen, sprachen Bände. Christine machte noch immer keine Anstalten ihn loszulassen, egal wie sehr er auch an ihrem Griff zerrte.

Ihre Augen ruhten auf Kyo, welcher es vor Anstrengung zitternd schaffte, sich zumindest aufrecht hinzusetzen; auch wenn er dabei leicht wankte. Das Etorphin hatte zwar nicht ausgereicht, um ihn ins Land der Träume zu schicken, aber es dämmte seine Natur soweit ein, dass er sich nicht mehr einfach so auf sie stürzen konnte.

Chrissy wollte es nicht offen zeigen, aber der Anblick, wie der Kater derart hilflos mit den Auswirkungen des Medikaments kämpfte, setzte ihr extrem zu.
 

»Kommt rein«, wies Satoshi sie an, »Aber langsam.«

Dann schaute er direkt zu Kaoru, welcher den strengen Blick verwirrt und besorgt erwiderte.

»Bitte bleib auf Abstand. Ich weiß es sieht gerade alles etwas chaotisch aus, aber er ist körperlich okay.«

Dass seine Worte auf Kaoru keinesfalls eine beruhigende Wirkung hatten, sah man diesem deutlich an. Trotzdem nickte er, war sich mittlerweile der Tragweite der Krankheit vollständig bewusst und trat ein. Christine schloss die Haustür und ließ ihn endlich los.

Als Furukawa sich nach unten beugen wollte, um Kyo auf die Füße zu helfen, stöhnte er gequält auf und verzog das Gesicht.

»Lass mich das mache.«

Seine Kollegin schlüpfte aus den Laufschuhen und schob ihn einfach von dem immer noch am Boden kauernden Sänger weg. Wieder gab Satoshi ein schmerzhaftes Aufatmen von sich, musste sich aber eingestehen, dass es um seine körperliche Verfassung leider nicht gut bestellt war. Er hatte heute und in den letzten Tagen, leider mehr als genug Schläge und Tritte kassiert, weswegen ihm nun alles weh tat.
 

»Fass mich nicht an!«, fauchte Kyo, als Christine sich nach unten beugte, ihn an den Armen packte und auf die Beine zog.

»Ach halt die Klappe«, kommentierte sie ungerührt, legte sich einen seiner Arme um die breiten Schultern und packte ihn mit einer Hand um den Brustkorb. Er zappelte, wurde von ihr aber erbarmungslos ins Wohnzimmer gezogen. Kaoru blieb verwirrt zurück und sah dem ungleichen Duo nach, deren Abgang von Kyos lautstarken Flüchen untermalt wurde.

»Entschuldige«, keuchte Satoshi, der immer noch schief dastand und sich die verletzte Seite hielt.

Erst jetzt fielen Kaoru die ganzen Kratzer und blauen Flecke, an den Armen und im Gesicht des Arztes auf und er fragte sich, ob es unter der Kleidung genau so aussah. Sehr wahrscheinlich ja.

»Hat Kyo Sie so zugerichtet?«, fragte er erstaunt und besorgt, was Furukawa nickend bestätigte. Aus dem Wohnzimmer erklang während dessen eine lautstarke Diskussion.
 

»Ich konnte dir das alles am Telefon einfach nicht erklären. Du musst es selbst sehen.« Tatsächlich hatte Satoshi sich nur sehr wage und eher kryptisch ausgedrückt, als er ihn vor etwas mehr als einer Stunde angerufen und darum gebeten hatte, Kyo Kleidung zu bringen und vorbei zu kommen. Da der Leader vorerst keinen Wagen hatte, hatte er Christine zu diesem geschickt. Eine Bitte, der sie wieder mal nur widerwillig nachgekommen war.

Kaoru stellte die Sporttasche, die er bei sich trug, im Flur ab und folgte dem älteren Mann in Richtung des Geschreis. Der Anblick, der sich ihnen bot, war irgendwie seltsam und erinnerte ihn tatsächlich an zwei Hauskatzen, die sich mit deutlichem Abstand gegenüber standen und einander lautstark anfauchten.

»Ruhe!«, donnerte Furukawa, dem all das langsam zu viel wurde. Die beiden verstummten, sahen trotzig in seine Richtung und nun erst gelang es Kaoru, seinen Sänger das erste Mal richtig zu mustern.
 

Kyo saß auf der Couch, blass, noch immer mit verbundenen und geklebten Wunden, in viel zu großer Kleidung und mit einer Körpersprache, die nur danach schrie, dass man ihm gefälligst fern bleiben sollte.

Das alleine war es aber gar nicht, was Kaoru so sehr erschreckte und verunsicherte.

Kyos rechte Gesichtshälfte war übersät mit dunklen Flecken und er brauchte einige Sekunden um zu realisieren, dass es dem Fellmuster ähnelte, welches Kyo als Feloidea besaß. Eben diese Flecken zeichneten sich auch auf dem rechten Arm und seinem Hals ab, ehe es unter der Kleidung verschwand. Die Augen hatten noch immer dieses intensive strahlende Blau, was ihn dazu veranlasste hart zu schlucken. Sein Traum schlich sich in sein Bewusstsein und er musste sich gedanklich schütteln.

Der Blick seines Sängers war lauernd, zornig und irgendwie auch sehr abweisend. Er erzeugte in Kaoru einen Verdacht, der ihm das Herz schwer werden ließ.
 

»Wie geht es dir?«, fragte er trotzdem vorsichtig.

Als einziger Mensch hier zu stehen, nur in Gesellschaft dreier Katzen, war extrem unangenehm. Er fühlte sich nackt und verletzlich; versuchte es aber nicht zu offen zu zeigen.

Kyo schnaubte, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich beinahe trotzig zurück.

»Scheiße«, knurrte er und schickte einen vernichtenden Blick zu Satoshi. Dieser versuchte es zu ignorieren und wand sich statt dessen Christine zu, welche ihn knapp dazu anwies das Oberteil auszuziehen.

»Und setz dich gefälligst hin, alter Mann!«, maulte sie ihn an und drückte ihn schließlich ungeduldig auf einen der Stühle am Esstisch.

Kaoru konnte nicht anders als hinzusehen. Es war das erste Mal, dass er den alten Kater ohne Hemd sah und er war einerseits überrascht von dessen Statur. Andererseits aber auch geschockt davon, da es kaum noch einen Zentimeter gab, der nicht verschont war von alten und neuen Narben, frischen Kratzern und großen Hämatomen. Wer für letzteres verantwortlich war, brauchte der Leader nicht zu hinterfragen.

»Trottel«, kommentierte Christine und begann mit der Sichtung der Verletzungen.
 

Da er ihnen hierbei nicht helfen konnte, entschied Kaoru sich, den Sessel gegenüber von Kyo zu beziehen und dessen Aufmerksamkeit zu suchen.

»Erinnerst du dich an das, was passiert ist?«, fragte er, unsicher wie er das Gespräch beginnen sollte. Von Kyo selbst erntete er ein Schnauben.

»Natürlich!«, murrte dieser mit fester, beinahe aggressiver Stimme. »Ich hab dieses Stück Scheiße schließlich eigenhändig beseitigt!«

Kaoru wurde leicht übel und das nicht nur aufgrund der Erinnerungen an den verhängnisvollen Abend. Die Art wie Kyo sprach und ihn ansah, bestätigte den düsteren Verdacht immer mehr.

Seine nächsten Worte genau überdenkend, schwieg er eine Minute lang. Irgendwann beugte er sich leicht vor, stützte sich mit den Unterarmen auf seinen Oberschenkeln ab, die Hände ineinander verschränkt.
 

»Wie viel fühlst du gerade?«

Das Lächeln, welches sich leicht auf den Lippen seines Gegenübers abzeichnete, hatte nichts positives an sich.

»Nichts«, lautete die Antwort und der Kater entspannte sich, seine Haltung nahm eine gewisse Dominanz an, als er sich zurück lehnte und ihn offensiv ansah. »Du hast es also bemerkt?«

»Wir kennen uns schon zu lange, Kyo.« Kaoru versuchte seine Besorgnis und Trauer, ob des Zustands seines Freundes, nicht zu offen zu zeigen. »Es war wohl doch ein Overload zu viel.«

Kyo gab ein genervtes ‘Tss’ von sich und murrte wieder nur.

»Das hier,« und er deutete auf sich selbst, »Existiert nicht umsonst, Kaoru. Das habe ich dir damals gesagt und das sage ich dir auch heute.«

»Ich weiß, dass es ein Selbstschutz ist. Trotzdem hasse ich es, dich so zu sehen.«

»Du meinst, dass du es hasst mich stärker als sonst zu sehen?«

»Emotionslosigkeit ist keine Stärke.« Am Ende hielt er dem beständigen Starren einfach nicht mehr stand und schaute nach unten auf den Teppich. »Dich so gefühllos und kalt zu erleben, obwohl ich genau weiß, dass du eigentlich nicht so bist, tut mir jedes Mal sehr weh, Kyo.«
 

»Ich zwinge dich nicht, hier zu sein«, erwiderte der Jüngere beinahe schon monoton. Er ließ nichts von all dem an sich heran; konnte es in diesem Zustand nicht und Kaoru wusste, dass sich Kyo später wohl nicht mehr an ihr Gespräch erinnern würde.

Dessen Psychiater hatte es für sie als eine Art ‘Überlebensmodus’ erklärt.

Was auch immer der Auslöser für das ursprüngliche Trauma gewesen sein mochte, führte dazu, dass sich in Kyos Gehirn, im Falle einer extremen emotionalen Stresssituation, diverse Mechanismen deaktivierten und ihre Funktion von anderen übernommen wurden. In seinem Fall betraf dies vor allem seine Emotionen, einige Teile seiner Persönlichkeit und sein Gedächtnis.

In den meisten Fällen, in denen er dissoziierte, verhielt er sich wie fremdgesteuert, nahm aber trotzdem noch alles als er selbst wahr, was häufig in autoaggressivem Verhalten endete. Der verzweifelte Versuch, sich selbst aus der emotionalen Isolation zu befreien.

Seltener hingegen, waren diese Phasen, wie Kaoru sie jetzt live mit ansehen musste. Phasen, in denen vor ihm ein Kyo saß, der überhaupt nichts mehr fühlen wollte und dessen einziges Ziel darin bestand, seinen wenigen nahestehenden Freunden, verbal weh zu tun. Dass es einmal auch über das verbale hinaus gegangen war, hatten sie dem ‘richtigen Kyo’ allerdings bis heute verschwiegen.
 

»Wo ich schonmal aktiv bin,« begann dieser wie aus dem Nichts und erneut erschien das selbstgefällige kühle Lächeln auf Kyos perfekten Lippen, untermalt von einem lauten Schnurren. »Um deine Frage von damals zu beantworten; du bist ein Idiot.«

Kaoru sah auf, starrte ihn überrascht an.

»Du erinnerst dich also doch noch daran?«

»Ich war nicht so ausgeschaltet, wie ihr es gern gehabt hättet.« Kyo kratzte sich an dem Verband an seinem Oberarm, das Jucken nervte ihn. »Du liebst jemanden, der im Kern so kaputt ist, dass er zu diesem Ding wurde.«

Wieder deutete er mit einer Handbewegung auf sich selbst. Wobei nicht ganz klar wurde, ob Kyo dabei seinen psychischen Zustand, oder die Feloideaerkrankung meinte.

»Du stellst dein eigenes Wohl seit Jahren zurück, tust alles, nur damit dieses Wrack irgendwie am Leben bleibt und nimmst jeden Schmerz in Kauf, obwohl du genau weißt, dass ich die denkbar schlechteste Wahl wäre.«

»Hör auf.« Kaoru kannte doch die Wahrheit, er musste es nicht auch noch aus Kyos Mund erfahren. »Ich werde nicht mit dir über meine Gefühle diskutieren. Also lass es bleiben.«

Satoshi und Christine hielten sich zurück und beobachteten sie einfach nur, jederzeit bereit einzugreifen.
 

»Kaoru, wir beide wissen genau, dass du dich damit selbst zerstörst. Da draußen gibt es tausende Männer und Frauen, die dich sofort mit Kusshand nehmen würden und für die du eine wirklich gute Partie bist.«

Mit dem immer noch gleichen, monotonen Gesicht, neigte Kyo den Kopf leicht auf die Seite.

»Es ergibt für mich einfach absolut keinen Sinn, wieso du so sehr an mir festhältst. Ins besondere jetzt, wo ich mich jederzeit auf dich stürzen und dir wortwörtlich den Kopf abreißen könnte.«

»Würdest du denn?« Er wollte diese bissigen, verletzenden Worte nicht an sich heran lassen, aber es gelang ihm nur bedingt. Kyo wusste genau, in welche Wunden er seine Klauen zu schlagen hatte, damit es wirklich weh tat!

»Vielleicht.« Der Feloidea zuckte beinahe gelangweilt mit den Schultern und schaute dann einfach zur Seite und desinteressiert aus dem Wintergarten.
 

»Ich bin keine zweite Persönlichkeit, das weißt du«, wechselte er das Thema. »Ich bin lediglich der Teil, der in uns allen schlummert. Der primitive, welcher sich einen Scheiß um die Gefühle anderer schert. Der mit Gewalt auf Gewalt antwortet, der sich verteidigt und dem es nur darum geht, seine instinktiven Bedürfnissen zu stillen.« [1]

»Du bist der Teil in ihm, der von der Erkrankung korrumpiert wurde.«

»Welcher genau?« Ein beinahe freches Grinsen untermalte die gefauchten Worte. »Die, die vorher schon da war, oder die Katze?«

Der Leader antwortete nicht darauf, beobachtete ihn einfach nur und spürte dass ihn die Angst und Sorge wieder mehr packte und er nur schwer gegen das Gefühl ankämpfen konnte, einfach aufzuspringen und dieses verfluchte Haus zu verlassen.

»Du hast recht«, gab Kyo nach einer Weile zu, in der keiner etwas sagte, nicht einmal die beiden Ärzte. »Jetzt im Moment bin ich die Katze. Zu realisieren, dass durch diese Hände ein Mensch gestorben ist, war zu viel. Der Mensch in mir, erträgt das nicht.«

»Du weißt, dass du ihn wieder freigeben musst.« Kaoru fröstelte, obwohl ihm nicht kalt war.

»Ach, muss ich das?«, erwiderte der Kater schnurrend. »Und was wenn ‘dein’ Kyo das nicht will? Was wenn er mir freiwillig das Spielfeld überlassen hat?«

»Du hast mir damals selbst gesagt, dass du nicht mehr so sein willst«, widersprach der Gitarrist energisch. »Es waren deine eigenen Worte!«

»Das war bevor sich alles geändert hat.«
 

Wie aus dem Nichts richtete sich Kyo plötzlich auf, kam irgendwie auf die Füße und ließ sich dann mehr oder weniger nach vorn fallen. Seine Hände landeten mit einem dumpfen Geräusch rechts und links von Kaorus Kopf, auf der Rückenlehne des Sessels. Instinktiv wollte er zurückweichen.

Sie waren einander nun so nahe, dass er den Atem seines Sängers riechen konnte, den leichten Duft des Duschgels und er blickte nun direkt in das paar eisblauer Augen, von denen eines immer noch gerötet war.

Im Hintergrund war Satoshi aufgesprungen und auch Christine tat einen Schritt auf sie zu, verharrte dann aber, als Kyo keine Anstalten machte, seinen verschreckten Leader anzugreifen.

»Das was du willst, ist ein mordendes Monster, Kaoru,« flüsterte der Kater, nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt.

»Ich habe dir damals bereits gesagt, dass du kein Monster bist.«

»Hör auf dich selbst zu belügen.«

Kyos Stimme war leise und schneidend. Es genügte nur ein einziger Biss, und alles wäre vorbei.
 

‘Neun Prozent’, hallte es in Kaorus Kopf wider. Die Chance, dass er so viel Glück hatte und dazu gehörte, war schwindend gering, so viel war ihm klar.

»Ich weiß, dass du niemals freiwillig so sein wolltest.« Ganz von selbst, hatte er ebenfalls die Stimme gesenkt, auch aus Angst vor seinem Freund und Kollegen.

»Du hast nie um dieses Trauma gebeten, das dich so gebrochen hat. Du wolltest nicht gebissen und zu diesem Ding werden. Ich kenne dich, Kyo. Ich weiß, dass du eigentlich ein sehr sensibler Mensch bist, der uns immer nur beschützen wollte.«

Das was er sagte, schien der Katze überhaupt nicht zu gefallen, denn das Wesen knurrte und fletschte mahnend die Zähne. Dem Leader war klar, dass er sich im Augenblick auf einer echten Gratwanderung bewegte.

»Kein Monster, hm? Frag doch mal Katsuo, was der dazu zu sagen hat.«

»Und hätte er uns nicht angegriffen, wäre es niemals so weit gekommen!« Obwohl ihm sein Herz vor Angst in der Brust raste, hielt er dem Starren stand. »Du hast einen Grund, warum du mich und die anderen beschützen wolltest.«
 

Wieder verharrten sie, wieder hing diese schrecklich angespannte Stille zwischen ihnen. Dann auf einmal begann Kyos Blick zu flackern. Er schwankte leicht und kniff die Augen schlussendlich mit einem Fluchen zusammen.

»Scheiße«, knurrte er und wie aus einem Reflex heraus, packte Kaoru ihn an den Schultern und schob ihn mit sanfter Gewalt zurück aufs Sofa. Offenbar hatte Kyo die Wirkung des Etorphins reichlich unterschätzt.

»Pfoten weg!«, obwohl ihm schwindlig war und er ihn nicht richtig erkannte, schlug Kyo die Hand seines Freundes weg, was eben diesen rasch auf Abstand gehen ließ.

Für einen Moment stehen bleibend, setzte er sich schließlich wieder und schaute unsicher zu den beiden Ärzten. Da er und Kyo nur auf Japanisch miteinander gesprochen hatten, war es Christine unmöglich gewesen, der gesamten Unterhaltung zu folgen; ganz im Gegenteil zu Satoshi.
 

»Kyo«, begann Kaoru, nachdem er fast eine Minute lang geschwiegen hatte und kam damit zu dem eigentlichen Grund seines Hierseins zu sprechen. Ihr Telefonat war nur kurz gewesen, aber Furukawa hatte ihm einige Anweisungen gegeben. »Du wirst dir dieses Gerät einsetzen lasse.«

Die Reaktion, welche auf diesen simplen Satz folgte, war zu erwarten und hätte kaum heftiger ausfallen können. Der Kopf des Feloideas schnellte hoch und seine Augen fixierten Kaoru mit einem derart hasserfüllten Blick, dass es ihm einen Stich versetzte.

»Niemals!«, fauchte er, machte Anstalten erneut aufzuspringen, musste es aber direkt wieder unterlassen. »Ich lasse mich von euch nicht kontrollieren!«

Er wusste, dass er hart bleiben musste, auch wenn es ihm wirklich schwer fiel.

»Dann wirst du nie wieder auf die Bühne gehen können.« Kaoru tat es im Herzen weh, dies zu sagen, egal wie wahr seine Worte auch waren. »Du bist eine Gefahr für uns und für das Publikum.«
 

»Ich habe mich im Griff!«, schrie der Sänger aufgebracht, was ihn direkt Lügen strafte. »Ich bin der einzige, der das hier kontrollieren darf!«

»Nein, hast du nicht.« Eine unendliche Müdigkeit nahm ihn in Besitz. Auch wenn er Kyo nicht fallen lassen wollte, so fühlte Kaoru immer deutlicher, die unfassbare Schwere und wie sehr ihm dieses ganze Gespräch seine letzte Kraft raubte. »Du hast dich nicht im Griff und weder ich, noch die anderen, werden mit dir auftreten.«

»Wage es nicht«, fauchte der Feloidea, dem nun so etwas wie Panik im Blick stand. »Droh mir nicht damit, Kaoru!«

»Du lässt uns keine andere Wahl, Kyo. Lass dir dieses Ding einsetzen. Andernfalls war es das mit der Band. Dann ist Dir En Grey Geschichte!«
 

Ein Schlag mitten ins Gesicht, hätte nicht weniger dramatische Folgen gehabt.

Kyo sah ihn an, die eisblauen Augen geweitet, die Pupillen zu Schlitzen verzogen, er knurrte tief und wütend; aber dieses Mal wollte Kaoru nicht nachgeben. Es stand zu viel auf dem Spiel, allem voran die Gesundheit und das Leben der Bandmitglieder.

»Weißt du was du da verlangst?«, war das erste, was Kyo wütend flüsterte, als er sich wieder so weit gefangen hatte, dass er sich artikulieren konnte. »Hast du auch nur die leiseste Ahnung, was genau dieses Ding mit mir machen wird?«

»Es rettet uns das Leben«, kam die knappe Antwort, was den Vocal dazu brachte leicht zusammenzuzucken. Das alles ließ ihn nicht kalt und Kaoru hatte die Hoffnung, hiermit vielleicht den echten Kyo wieder wach zu rütteln.

»Willst du uns verletzten?«, fragte Kaoru weiter, als sein Gegenüber nicht darauf antwortete. »Ist es das was du willst?«

Immer noch zeigte Kyo keine Reaktion und sah ihn statt dessen scheinbar ungerührt an. Aber Kaoru kannte ihn bereits zu lange, um zu bemerken, dass irgendwas hinter diesen seltsamen Augen vor sich ging.
 

Seine letzte Trumpfkarte ausspielen, rutschte er mit dem Sessel näher heran, richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die Körpersprache des Jüngeren und bemerkte die winzigen Bewegungen, mit denen dieser sich ihm zu entziehen versuchte.

Als Kyo jedoch keine Anstalten machte ihn anzugreifen, streckte der Leader die Hand aus und ergriff die von Kyo. Verwirrt darüber, was das nun wieder sollte, schaute dieser nach unten auf die Finger, welche sich um seinen Handrücken schlossen und ihn dazu zwangen die Handfläche nach oben zu drehen.

Dann griff sich Kaoru mit der freien Hand in die Innentasche seiner Jacke und zog ein arg mitgenommenes und altes Cuttermesser heraus. Mit dem Daumen schob er die Klinge heraus und in der Art, wie die Muskeln in Kyos Gesicht zuckten, verrieten ihm, dass er das Messer erkannt hatte. Kaoru hatte es nie weggeworfen.
 

Kaoru schwieg auch dann noch, als Kyo versuche sich ihm zu entziehen. Er legte das Messer, Griff voran, in Kyos Handfläche und schloss dann dessen Finger darum.

»Kaoru, was wird - «, begann dieser, verstummte aber fassungslos, als sein Freund ihm seinen Arm entgegen streckte und Kyos Hand führte, bis diese die abgenutzte und immer noch scharfe Klinge, an sein Handgelenk hielt.

»Wir haben das hier jahrelang für dich getan, Kyo.«

Kaoru spürte, dass Kyo sich immer wieder gegen seinen Griff wehrte und drückte das Messer einfach noch stärker gegen sein eigenes Handgelenk. Eine falsche Bewegung, und es würde Blut fließen; was nun auch der Sänger verstand und augenblicklich still hielt.

»Wir haben das für dich getan«, wiederholte er, »Nicht für uns selbst, nicht für die Fans, nicht für das Label. Nur-für-Dich!« Zuletzt betonte er jedes einzelne Wort mit so viel Nachdruck, wie er nur konnte.

»Ich habe nie darum gebeten!«

»Und trotzdem haben wir uns dafür entschieden, weil uns am Ende keine andere Wahl blieb. Wir haben dir das Leben gerettet, Kyo!« Er musste es ihm so deutlich sagen, denn anders kam er hier offenbar nicht weiter.

»Du schuldest es uns!«
 

War es unfair so etwas zu sagen und zu verlangen?

Kaoru fühlte sich irgendwo schuldig, aber er schob das Stechen im Herzen beiseite und versuchte sich auf den Moment zu konzentrieren. Immer noch drückte die Klinge gegen seine Haut und er ballte die Hand zur Faust, was die Adern deutlicher hervortreten ließ.

Eine nonverbale Warnung.

»Du willst mich verletzen?«, fragte Kaoru. »Na dann los. Was hält dich davon ab? Es fehlt nicht mehr viel. Das ist doch genau das, was du die ganze Zeit über willst.«

Er konnte den inneren Kampf in Kyos Augen sehen. Der animalische Anteil rang mit dem menschlichen und egal was der Jüngere in der letzten Viertelstunde auch alles gesagt hatte, Kaoru wusste, dass der Mensch in ihm nicht so taub war, wie er es gern hätte.

»Tu es.« Es war reine Provokation.

»Lass mich los.« Sogar Kyos Stimme hatte ihre Monotonie verloren und wirkte unsicherer und verletzlicher.

»Ich habe es dir jahrelang abgenommen. Jetzt tu es endlich selbst!«

»Nein verdammt!«

Irgendwas brach, ein Teil gab hörbar nach und er spürte das angestrengte Zittern, welches immer stärker wurde.
 

»Sieh mich an!«

Tatsächlich schaute der Sänger auf, die Pupillen seiner Augen waren noch immer Schlitze, aber der Ausdruck der in ihnen lag, war geprägt von Verunsicherung und einem Anflug von Panik.

»Ich trage deine Narben auf meiner eigenen Haut, Kyo. Ich habe mich so oft für dich verletzt und als du selbst keine Kraft mehr hattest um weiterzumachen, wurde ich zu deiner Kraft. Aber ich kann nicht mehr!

Wenn du nicht endlich damit anfängst das Richtige zu tun, dann ist es egal, ob du mich hier und jetzt schneidest, oder mich beim nächsten Auftritt auf der Bühne in Stücke reißt. Es läuft auf das gleiche hinaus!«

Die Luft schien zwischen ihnen zu vibrieren, als er dies derart offen aussprach und tatsächlich war es ihm, als ob etwas in Kyo flackerte; so als ob ein Windhauch versuche, eine Flamme auszublasen.

Kaoru wusste, dass er langsam zu ihm durchdrang und das gab ihm einerseits Hoffnung. Andererseits hatte er auch große Angst davor, Kyos Emotionen zurück zu holen und ihn in eine noch schlimmere Krise zu stürzen.
 

»Ich wollte nie, dass du meine Kraft bist.« Die Härte in den Augen kam zurück, aber in ihr steckte eine Unsicherheit, die ganz untypisch für ihn war. »Ihr habt das damals einfach so entschieden, ohne mir irgendein Mitspracherecht in dieser Sache zu geben.«

»Das mag schon sein«, verteidigte Kaoru ihre Handlungen, »Allerdings hast du uns irgendwann keine andere Wahl mehr gelassen. Wir konnten dich nicht sterben lassen und ehrlich gesagt, warst du auch nicht mehr zurechnungsfähig, Kyo. Wie hätten wir so weiter machen sollen? Als Freunde? Als Band?«

Wieder verstärkte sich der Druck seiner Finger und er sah runter auf ihre Hände und das Messer.

»Wir wussten bereits, dass irgendwas mit dir nicht stimmt, als du dich das erste Mal auf der Bühne verletzt hast. Bis heute mache ich mir Vorwürfe, dass ich es so lange zugelassen habe.« Aus seiner Stimme erklang echte Reue.

»Der Abend, als Dai dich im Badezimmer fand, war der schlimmste in meinem ganzen Leben, Kyo. Ich hatte eine gute Kindheit, hatte tolle Eltern, egal wie streng sie auch waren. Meine Schulzeit war gut, ich hatte viele Freunde, wusste was ich wollte und liebte das was ich tat. Und dann bist du aufgetaucht und hast alles auf den Kopf gestellt.«

»Willst du mir jetzt auch sagen, dass ich dir das Leben versaut und dir deine Zeit gestohlen habe?«

Es wäre ja nicht das erste Mal, dass Kyo derartige Worte hören musste. Die meisten seiner Beziehungen, waren genau daran zerbrochen.
 

Kaoru aber schüttelte den Kopf.

»Nein, was ich sagen will ist, dass du mich erschreckt hast«, gestand er ihm, »Weil ich es niemals für möglich gehalten hätte, dass jemand so viel Leid und Schmerz in sich selbst vereinen kann.

Ich hab dich ebenso sehr bewundert, wie ich Angst um dich hatte und dass du die Dinge, über die du schreibst und singst, wirklich so empfindest, war an all dem das Allerschlimmste.«

Kyo wusste, ob dieser Diagnose seines Freundes, nichts darauf zu antworten und wartete schweigend ab.

»Du bist wie eine Herausforderung. Jedes Mal, wenn ich einen deiner neuen Songs und eines deiner Gedichte lese, dann ist es, als erhasche ich einen kurzen Eindruck darauf, wie verloren und hilflos du die Welt um dich herum wahrnimmst. Und gleichzeitig will ich dir den Gegenbeweis liefern und dir zeigen, dass nicht alles da draußen schlecht ist.«
 

»Das brauchst du nicht.« Wieder dieses Flackern, dieses Mal deutlicher und Kaoru musste den Drang unterdrücken, erleichtert aufzuatmen. Noch war sein Freund längst nicht über den Berg. Eventuell würde es Tage dauern, ihn wirklich aus seiner jetzigen Phase heraus zu holen. Ins besondere wenn der Auslöser derart schlimm war. Aber es gab Hoffnung.

»Du hast Recht, meine Texte sind die lyrische Aufarbeitung dessen, was ich sehe und wahrnehme. Sie sind nicht umsonst dystopisch und dunkel. Aber sie beschreiben nicht mein komplettes Leben.«

Kaoru nickte. Er hatte verstanden, was Kyo ihm damit sagen wollte und das erleichterte ihn sehr. Natürlich war ihr Sänger ein Pessimist auf Lebenszeit. Aber ihm kryptisch zu sagen, dass es durchaus gute Dinge in seinem Leben gab, war ein sehr großer Fortschritt; im Vergleich zu dem Zustand von vor einigen Jahren.
 

»Ich wünschte es hätte mich getroffen.« Kaoru seufzte schwer. »Jede deiner Verwandlungen tut mir weh. Zu sehen wie sehr du darunter leidest und den ständigen Kampf, den du mit dir selbst ausfechten musst zu ertragen, ohne dir helfen zu können, ist grausam. Wenn ich könnte, dann würde ich es dir abnehmen, Kyo.« Er meinte das absolut ernst. Der Jüngere hatte bereits genug gelitten. Das alles hier, war einfach zu viel.

»Aber das geht leider nicht«, seufzte Kaoru. »Und wenn die einzige Hilfe, die ich dir geben kann, darin besteht, dich davon abzuhalten zu diesem Monster zu werden, dann sei es so! Auch wenn du mich dein Leben lang dafür hassen wirst, Kyo. Du hast recht, ich liebe dich und deswegen kann ich nicht anders, als dich dazu zu zwingen.«
 

Das Flackern verschwand, verwandelte sich erneut in Wut, doch Kaoru blieb eisern und nickte nach unten, zu ihren Händen.

»Das hier wolltest du damals auch nicht und trotzdem haben wir es getan. Wir haben dich schon einmal dazu gezwungen, deine Menschlichkeit zu retten und wir werden es wieder tun.«

Kyo sagte nichts, er starrte ihn einfach nur an; während er mit sich selbst einen inneren Kampf ausfocht.

Kaoru wartete ab, welchen Schachzug der Sänger als nächstes tat. Dann, wie aus dem Nichts, senkte dieser plötzlich den Kopf und seine Muskeln begannen zu erschlaffen. Ein resignierter Laut drang aus Kyos Mund und die Hand mit dem Messer lockerte sich ein wenig.

»Du altruistisches, manipulatives Arschloch«, knurrte sein Gegenüber und nun war deutlich hörbar, dass er aufgab. »Am Ende lasst ihr mir ja doch keine Wahl.«
 

Kaoru zögerte und ließ Kyo nicht aus den Augen.

Aber als klar wurde, dass dieser sich geschlagen gab, ließ er ihn endlich los und zog die Hände zurück. Tatsächlich zeichnete sich eine rote Linie auf seinem linken Unterarm ab, wo die Klinge die Haut leicht angekratzt hatte.

»Dir En Grey, oder die Freiheit, hm?«, fragte der Jüngere und hob den Kopf leicht an. Unter den Strähnen seiner schwarzen Haare, blitzten zwei eisblaue Augen in Kaorus Richtung, was diesem ein ungutes Gefühl bescherte. »Aber beides zusammen geht nicht.«

Laut und frustriert seufzend, setzte er sich gerade hin, lehnte sich wieder gegen die Rückenlehne des Sofas und starrte einige Sekunden nachdenklich ins Nichts.

»Habe ich dir schon mal gesagt, dass ich deine Art, mich zu lieben, zum kotzen finde?«

Nun musste der Leader leicht schmunzeln und nickte traurig.

»Hast du, aber anders kapierst du es ja nicht.«
 

Sie schwiegen, Kaoru wusste, dass er diese Runde für sich entschieden hatte.

Aber warum fühlte es sich dann nicht wie ein Sieg an?

Warum hatte er tatsächlich das Gefühl, diesen beeindruckenden Mann, der ihm derart wichtig war, in Ketten gelegt zu haben?

»Lass dir eines gesagt sein, Kaoru«, Kyos Augen wurden wieder ernster und kälter. »Das alles hier, werde ich dir niemals verzeihen! Egal wie stark deine Gefühle für mich auch sind, egal ob du das aus Liebe tust, oder nicht; aber mich in Ketten zu legen, war ein großer Fehler! Und in Zukunft - ,«

Urplötzlich winkelte Kyo den Arm an, setzte sein altes Cuttermesser auf die tätowierte Haut und ehe Kaoru auch nur irgendwas tun konnte, drückte er sich die Schneide ins eigene Fleisch und zog sie quer über die schwarzen Linien.

Sofort begann Blut an ihm herunter zu laufen, hinterließ hässliche Flecken auf seiner Kleidung und dem Teppich und veranlasste Kaoru dazu zurück zu weichen.

» - trage ich meine Narben wieder selbst!«
 

***

Kapitel 33 ¦ Katzenherz

***
 

Das leise Ticken des Sekundenzeigers der Uhr, die über der Tür hing, machte ihn aggressiv. Kyo ging durchgehend in dem teuer aussehenden Büro hin und her, während Satoshi ihn nicht aus den Augen ließ. Der Arzt lehnte neben dem offen stehenden Fenster, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und schwieg einfach nur.

Seit der letzten Eskalation in dessen Haus, waren zwei Tage vergangen und sie hatten einander möglichst gemieden. Nur zum gelegentlichen Verbandswechsel, oder um etwas zu essen, hatte Kyo das Gästezimmer verlassen und es ansonsten tunlichst vermieden, auch nur ein Wort mit Furukawa zu wechseln.

Dass Kaoru ihm die Pistole auf die Brust setzte, nagte an dem Sänger und er wäre am heutigen Tag sicherlich auch nicht hier, wenn man ihm nicht mit der Auflösung der Band gedroht hätte.
 

Er sah erneut zurUhr, ließ den Blick anschließend zum wiederholten Male durch den Raum gleiten und betrachtete mäßig interessiert die Einrichtung. Die Möbel wirkten sehr neu und modern, auf dem Tisch stand einer dieser neuen iMacs, von denen sich Kaoru ebenfalls einen gekauft hatte und seit Monaten davon schwärmte.

Hinter dem Schreibtisch hing ein teuer aussehendes Gemälde, wobei ihm die Signatur in der Ecke nichts sagte und die große Schrankwand an der Längsseite, war vollgestopft mit medizinischen Fachbüchern.

Dieser Doktor Ito hatte es weit gebracht. Aber wenn man als Chefarzt in einer teuren Privatklinik arbeitete, dann konnte man sich einen derartigen Luxus wohl leisten.

Kyo hasste es jetzt schon und dass Satoshis alter Freund sie warten ließ, machte es nicht gerade besser. Laut dessen Sekretärin, hatte Doktor Ito einen Notfall, um den er sich kümmern musste und würde danach zu ihnen kommen.

Er selbst war dem Mediziner bislang noch nicht persönlich begegnet, wusste aber, dass eben dieser Yuuto operiert und dem jungen Kater damit das Leben gerettet hatte.
 

Der Sänger blieb stehen, als er eine Stimme jenseits der Tür vernahm und ehe er weiter darüber nachdenken konnte, wurde eben diese geöffnet und ein kleiner untersetzter Mann, schätzungsweise Ende Fünfzig, trat ins Büro.

Professor Doktor Ito Wataru war nur ein Stück größer als Kyo, hatte ein rundliches Gesicht, schütteres kurzes Haar, aber wache und freundliche Augen. Als er sie begrüßte und sich für seine Verspätung entschuldigte, klang seine Stimme überraschend fest.

Da er sich, trotz seiner aktuellen Lage, durchaus zu benehmen wusste, erwiderte Kyo knapp; auch wenn es überflüssig war, sich ihm vorzustellen.
 

»Sehr erfreut, Nishimura-san.«, lächelte Ito und wand sich an Satoshi, welcher zu ihnen trat. »Schön dich wiederzusehen.«

»Ich wünschte, dass unser Wiedersehen unter anderen Umständen und in einer Bar wäre.« Die drei Männer setzten sich und Doktor Ito zog eine Brille aus der Brusttasche seines Kittels, ehe er seinen Computer aus dem Standby holte und ein Passwort eintippte.

»Also gut«, räusperte er sich. »Satoshi hat mir Ihre aktuellen Blutwerte bereits heute morgen gemailt und, so wie ich das sehe, können wir die Operation problemlos durchführen.«

Kyo war sich nicht wirklich sicher, ob das tatsächlich ein Grund zur Freude war.

Eigentlich war ihm all das überhaupt nicht recht, aber er musste mitspielen, ob er nun wollte, oder nicht. Also nickte er einfach nur stumm.

»Ein wenig Sorge bereitet mir ihre momentane Viruslast.« Ito öffnete ein Dokument und schien irgendwelche Zahlen darauf zu studieren. »Die ist aktuell sehr hoch, wie mir scheint.«

Fragend schaute er in Furukawas Richtung, welcher bestätigend nickte.

»Weiß der Anästhesist bescheid?«, fragte eben dieser, was Ito bejahte.

»Sie ist mit der Erkrankung vertraut und wird die Medikation entsprechend einrichten.«

Der ältere Arzt wirkte ausgesprochen erleichtert, was auch Kyo nicht entging. Dies schien dann wohl zumindest zu bedeuten, dass er während der Operation nicht einfach so aufwachen, oder Schlimmeres.
 

»Wurden Sie bereits darüber unterrichtet, wie genau der Injektor funktioniert?«, wand sich Ito nun direkt an Kyo, der mürrisch mit dem Kopf schüttelte.

Dass sich der Mediziner von seinem Auftreten nicht verunsichern ließ, empfand er zwar als ungewöhnlich. Aber da Wataru mit Satoshi miteinander befreundet waren, kannte der sich möglicherweise mit schlecht gelaunten Katzen aus.

»Also gut.«

Ito zog eine Schachtel zu sich und schlug deren Deckel auf. Dann griff er in eine Pappschachtel und zog ein paar Handschuhe heraus, die er sich überstreifte, ehe er das kleine Gerät aus der Schachtel hob.

Es war nicht besonders groß, besaß eine annähernd runde Form und bestand aus Metall. Sehr wahrscheinlich medizinischem Stahl, oder etwas ähnlichem.
 

Man erklärte ihm, dass der Injektor mit einer einzelnen, starken Ladung Etorphin ausgestattet war. Die Mischung war, wie bei den Notfallspritzen, gezielt auf Kyos Körper ausgelegt und würde ihn, nach vollständiger Vergabe, für mehr als einen Tag komplett ausschalten. Nach der einmaligen Verwendung, wäre allerdings eine weitere Operation notwendig, um das Gerät aufzufüllen.

»Wir müssen es direkt in Ihren Körper einsetzen; ganz im Gegensatz zu einer Insulinpumpe, welche sich unter der Haut befindet«, meinte Ito und Satoshi nickte zustimmend. »Laut Doktor Jansen, war es bei den früheren Testversuchen andernfalls leider nicht möglich, die Position des Injektors beizubehalten, sollte es zu einer Transmutation kommen.«

Kyo knurrte, ihm behagte das alles überhaupt nicht und er musste dem Drang widerstehen, einfach aufzuspringen und aus dem Raum zu laufen.

Professor Ito verstummte bei seiner Reaktion und suchte fragend Satoshis Blick, welcher leicht nickte und sich dann direkt an Kyo wandte. Dass der Sänger innerlich vor Wut kochte, sah er ihm deutlich an.
 

»Zusätzlich wird ein Sensor in der Nähe deiner Nebennieren angebracht«, sprach er. »Er ist mit dem Injektor verbunden und sendet deine hormonellen Werte in regelmäßigen Abständen an Kaoru-sans Handy und meinen Computer.«

»Läuft eure scheiß Fußfessel eigentlich mit Batterie?«, fauchte Kyo finster.

Satoshi schien unbeeindruckt vom Verhalten seines Patienten, oder zumindest gab er sich so.

»Ja, aber diese muss nur einmal im Jahr ausgetauscht werden. Im Gegensatz zum eigentlichen Injektor, kann man das auch mittels lokaler Betäubung machen. Allerdings ist das da nur ein Prototyp.« Und er deutete auf das Gerät, was vor ihnen auf dem Tisch lag.

Wie gern hätte Kyo es einfach gegriffen und aus dem Fenster geworfen.

»Klasse«, murrte er und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Sie sind bei uns in besten Händen«, versuchte Ito ihn zu beruhigen, da er scheinbar dachte, Kyo wäre lediglich nervös oder hatte Angst vor der Operation.

Da er nicht gewillt war, all zu viele private Dinge mit diesem viel zu freundlichen Arzt auszutauschen, sagte er nichts dazu und betrachtete voller Abscheu den kleinen Injektor.
 

»Wataru ist einer der besten Ärzte, die ich kenne«, mischte sich Furukawa ein. Dabei stelle Kyo die fachliche Qualität der beiden, überhaupt nicht in Frage und das wusste Satoshi ganz genau.

Aber gut, er würde dieses Schmierentheater über sich ergehen lassen und dann?

Ja, was dann?

‘Kaoru, am liebsten würde ich dir dafür den Hals umdrehen!’
 

***
 

»Ich habe das Programm mehrfach getestet,«

Yuuto hielt Kaoru das Smartphone hin und lächelte ein wenig schief. Er versuchte es zu verstecken, aber auch der junge Kater war extrem nervös.

»Wenn bei der Operation nichts schief geht, dann wird es funktionieren.«

»Wenn nichts schief geht?«, wiederholte Kaoru hörbar angespannt und musterte ihn eingehend. Yuutos Arm lag noch immer in einer Schlinge und die Narbe an seinem Hals war noch stark gerötet; aber abgesehen davon, schien es ihm gut zu gehen.

»Doktor Jansen wird bei dem Eingriff dabei sein und darauf achten, dass das Gerät beim Einsetzen nicht beschädigt wird.«

Yuuto wich seinem Blick aus, wirkte nun immer nervöser und kratzte sich über den Stützverband.

»Wir haben es ausgiebig getestet und der Sensor reagiert auf eine Entfernung von bis zu zehn Metern, ohne Probleme. Trotzdem - mh - .«
 

Kaoru dämmerte langsam, weswegen sein Gegenüber so herum druckste und konnte nicht anders, als ihn aufmunternd anzulächeln.

»Yuuto-kun, Doktor Furukawa hält sehr viel von dir und deinen Fähigkeiten. Und ich glaube ebenfalls daran, dass es funktionieren wird.«

Irgendwie mochte er den jungen Punk. Yuuto war ehrlich, ungewöhnlich offenherzig und Kaoru ahnte, dass er dennoch eine sehr sensible Seite an sich hatte. Er und Kyo schienen auf den ersten Blick nichts gemein zu haben, aber wenn man beide näher kennenlernte, dann sah man die vielen Gemeinsamkeiten. Wahrscheinlich waren sie sich dessen selbst nicht einmal bewusst.
 

»Sie haben ja recht, Kaoru-san«, murmelte er und schaute auf das Telefon, welches sein Gegenüber immer noch in den Händen hielt. »Das hier ist auch für mich das erste Mal und nach allem, was letzte Woche passiert ist, - .«

Er sprach es nicht aus, aber Kaoru wusste genau, was Yuuto meinte. Seufzend ging er zu seinem Schreibtisch und ließ sich beinahe kraftlos auf den Stuhl fallen. Mit einer Geste wies er dem Jüngeren an, es sich ebenfalls bequem zu machen.

»Es bringt alles durcheinander«, stimmte er schließlich zu, kaum dass auch sein Gast saß. Yuuto betrachtete ihn fragend und wusste nicht so recht, wie er das Gespräch fortführen sollte.

»Wie geht es Kyo?«, begann er vorsichtig. »Ich habe ihn seit diesem Abend nicht mehr gesehen. Satoshi meinte, dass es für mich zu gefährlich wäre, Kyo näher zu kommen.«

Yuuto sah ihn abwartend an, erhoffte sich ganz offensichtlich Antwort und Aufklärung von Kaoru; welche dieser ihm nur zu gern geben wollte, aber nicht durfte.
 

»Es ist schwierig für ihn, mit all dem umzugehen«, sagte er zögerlich.

Natürlich konnte er Yuuto nicht die komplette Wahrheits sagen! Nichts von Kyos momentanem Zustand, dessen dissoziativer Störung, dem eiskalten Verhalten des Sängers und all den verletzenden Worten. Obwohl Kaoru damit seit so vielen Jahren vertraut war, tat es ihm immer noch im Herzen weh, Kyo so zu erleben.

»Der Mord an diesem Katsuo, nimmt ihn sehr mit.«

Er wusste zwar, dass sich im Augenblick niemand, außer ihnen, in der Nähe aufhielt; trotzdem senkte Dir En Greys Leader die Stimme.

»Weiß die Band davon?«

Er schüttelte mit sehr viel Nachdruck den Kopf, wand das Gesicht dann zur Seite und sah nachdenklich aus dem Fenster, ohne wirklich auf etwas zu achten.

»Wie soll man ihnen das auch sagen? Sie wissen zwar zu was er werden kann, aber dass er auch tatsächlich einen anderen Menschen, - .« Kaoru konnte es einfach nicht aussprechen. Zu schmerzhaft und unwirklich waren diese verdammten Worte.
 

»Die meisten von uns fürchten den Tag, an dem wir das erste mal die Kontrolle verlieren und so weit gehen.« Yuuto sah nach unten zu Boden. Seine Stimme war belegt und es war deutlich zu hören, dass auch ihn dieses Thema seit Tagen beschäftigte. »Mir ist all das bislang erspart geblieben und, im Gegensatz zu Kyo, bin ich zum Glück nicht so extrem dominant. Aber das heißt nicht, dass es nicht doch irgendwann passieren kann.«

Kaoru musterte ihn eingehend und schwieg zunächst.

»Kannst du dieses Ding immer in dir spüren?«, fragte er und erntete ein nachdenkliches Brummen.

»Es ist nicht so, als ob da tatsächlich eine zweite Persönlichkeit in uns lebt. Trotzdem habe ich immer das Gefühl, dass da noch etwas anderes in mir steckt. Es ist als hätte man noch zu viel Energie in den Muskeln und egal was man tut, man kommt einfach nicht zur Ruhe.« Wieder suchte er nach den richtigen Worten.

»Die eigenen Emotionen scheinen immer kurz vorm Überlaufen zu sein und es kostet an manchen Tagen unendlich viel Kraft, sie unter Kontrolle zu halten. Eigentlich will man ständig explodieren und sich auf alles stürzen, was sich bewegt. Gleichzeitig ist man aber immer noch Mensch genug, um das Biest an der kurze Leine zu halten.«
 

‘Klingt wie die Hölle selbst’, schoss es Kaoru durch den Kopf, welcher sich nachdenklich zurück lehnte und einen Punkt auf seinem Schreibtisch fixierte. ‘Der Superlativ von dem, was Kyo seit seiner Jugend quält. Es gleicht eigentlich einem Wunder, dass es erst jetzt eskaliert ist.’

Yuutos Sicht der Dinge zu hören, war erschreckend und brachte seine Gedanken immer wieder zu dem Kyo, welchen er vor zwei Tagen in Satoshis Haus vorgefunden hatte. Ihnen lief die Zeit davon!

»Alles hängt von dem Gerät ab«, sagte er, mehr zu sich selbst. »Wenn es nicht funktioniert, dann weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie wir Kyo langfristig kontrollieren sollen. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch in seinem normalen Alltag.«

»Dass er überhaupt auf die Bühne will, hielt ich am Anfang für eine völlig wahnsinnige Idee«, gab Yuuto zu. »Und daran hat sich nichts geändert. Aber nachdem ich Kyo ein wenig kennengelernt habe, glaube ich, dass er tatsächlich stur genug ist, um das alles hier durchzuziehen.«
 

Nachdenkliche Stille kehrte zwischen ihnen ein, in der Kaoru mit dem Finger über die Lederhülle seines Smartphones fuhr und Yuuto nicht so recht wusste, ob er ihn alleine lassen sollte, oder nicht.

Schließlich ging ein Ruck durch den Leader und er richtete sich in seinem Stuhl etwas auf.

»Ja, das stimmt. Er ist wirklich stur und vermutlich auch verrückt genug.«

Seine Stimme hatte an Festigkeit gewonnen und endlich verschwand auch der betrübte Ausdruck ein wenig, welcher seine Augen schon seit Tagen heimsuchte.

»Also, wie genau funktioniert dieses Programm denn nun?
 

***
 

Das leise Summen der Leuchtstoffröhre über ihm, nervte tierisch.

Kyo schloss die Augen, versuchte sich auf etwas anderes zu konzentrieren und scheiterte erbärmlich daran. Murrend wand er den Blick zur Seite, beobachtete eine der Schwestern dabei wie sie mit irgendwelchen Instrumenten herum werkelte und ihn dabei professionell ignorierte.

Er hatte keine Lust darauf, sich mit dieser Frau zu unterhalten, aber irgendwie störte es ihn sehr, dass sie nicht einmal einen einzigen Blick in seine Richtung warf.

Zum wiederholten male, wanderten seine Augen über die Geräte, die Lampen, die Wände und Leuchtkästen, nur um irgendwann wieder an der Raumdecke zu landen.

Seit annähernd zehn Minuten lag er hier -  vielleicht auch schon länger. Bis auf seine Unterhose war er nackt, über seinen Beinen lag eine dünne Operationsdecke, die ihm aber keine Wärme spendete und ihn lediglich ein wenig verhüllen sollte. Da ihm ohnehin ständig zu heiß war, störte er sich nicht daran.

Wohl aber an dem Gefühl, in Kürze narkotisiert zu werden und irgendwelchen wildfremden Ärzten ausgeliefert zu sein.

Ja, er hasste Krankenhäuser wirklich aus vollem Herzen und das nicht erst seit Denver!
 

Bevor er sich weiter in diesen Gedanken vertiefen konnte, hörte er wie die Tür geöffnet wurden und jemand den Raum betrat. Er legte den Kopf ein wenig in den Nacken, sah nun alles verkehrt herum und war wenig erstaunt darüber, Satoshi zu sehen.

Erst auf den Zweiten Blick fiel ihm auf, dass dieser nur einen sterilen Kittel über seiner regulären Kleidung trug; ganz im Gegensatz zu Professor Ito und dieser Umstand ließ Kyo verwundert die Stirn runzeln.

Furukawa trat neben ihn und sah zu ihm herunter, das Gesicht zum Teil hinter einem Mundschutz verborgen.
 

»Du wirst nicht dabei sein?«, stellte Kyo die offensichtliche Frage, was Satoshi mit einem entschuldigenden Geräusch kommentierte.

»Es tut mir sehr leid. Eigentlich wollte ich Wataru zur Hand gehen, aber ich hab leider auch noch andere Patienten in meiner Praxis.«

»Aha?« Kyo machte kein Geheimnis daraus, dass ihn die Änderung der Umstände wenig erfreute. »Und die sind wichtiger, als eine potentielle Killermaschine?«

»Kyo.« Satoshi seufzte müde. »Ich bin Onkologe, vergiss das bitte nicht und wenn mich eine Langzeitpatientin ins Hospiz ruft, dann kann ich nicht anders, als ihr diesen letzten Wunsch zu erfüllen.«

Wäre die aktuelle Lage eine andere, dann hätte Kyo sicherlich so etwas wie Verständnis oder Mitgefühl aufgebracht. So jedoch ließ er nur ein widerwilliges Schnauben verlauten und schaute trotzig nach oben zur Decke.
 

»Kyo«, versuchte es der Arzt noch einmal, »Ich weiß, diese Sache hier ist beängstigend, aber - .«

»Sehe ich aus, als hätte ich Angst?«, knurrte der Sänger, hörbar angepisst. War ja klar, dass auf den Alten kein Verlass war!

»Es tut mir leid. Sobald ich kann, werde ich zurück kommen. Versprochen.«

Kyo jedoch knurrte einfach nur und sah ihn nicht weiter an, was Furukawa als Anlass nahm, sich mit einer letzten Entschuldigung abzuwenden und zurück zu Ito zu gehen, welcher an der Tür auf ihn wartete.

»Pass bitte gut auf ihn auf«, hörte Kyo den Älteren Mann flüstern und ignorierte das leichte Stechen, im hintersten Teil seiner Brust. Wieso musste er sich immer wie ein Vollidiot aufführen?!

»Wie du selbst sagtest, ist er hier in den besten Händen, Satoshi. Wir schaffen das und Doktor Jansen wird uns tatkräftig dabei unterstützen.«
 

Kaum, dass dieser Name fiel, erstarrte Kyo und sein Atem stockte für einen Moment.

Jansen? Hieß das etwa …?

Noch ehe überhaupt jemand reagieren konnte, fuhr er hoch und wand sich den beiden Ärzten zu.

»Was?!«, donnerte er zornig, die blauen Augen fixierten Satoshi, welcher etwas unangenehm berührt wirkte. »Wird diese durchgeknallte Verrückte etwa in mir herum wühlen?!«, verlangte er zu wissen, was mit einem energischen Kopfschütteln beantwortet wurde.

»Natürlich nicht!«, wehrte Furukawa ab, der scheinbar gehofft hatte, dass Kyo nichts von all dem erfahren würde. »Sie ist nur in beratender Funktion hier, weil sie sich damit am besten auskennt.«

Wataru seinerseits, stand die Verwirrung ins Gesicht geschrieben und er sah von seinem Freund, zu seinem Patienten und wieder zurück.
 

»Gibt es ein Problem?«, fragte er, was Satoshi dazu veranlasste mit dem Kopf zu schütteln. Kyo hingegen donnerte sofort.

»Ja, das gibt es!«, ehe er den Blick wieder auf Furukawa richtete. »Ich habe dir gesagt, dass sie mir nie wieder zu nahe kommen soll und jetzt willst du, dass sie bei der Operation dabei ist? Erschieß mich doch direkt, dann haben wir es hinter uns!«

»Sie wird dir nichts tun!« Der ältere Arzt wirkte mehr als nur überfordert und sein Kollege immer ratloser. »Christine ist professionell und denkst du allen ernstes, dass sie dich während der Operation einfach anfällt?«

»Der Frau traue ich alles zu!«

Unterbewusst war ihm klar, dass er im Augenblick überreagierte. Andererseits befand Kyo sich Momentan auch in einem Zustand, der nicht dazu gemacht war, ruhig und gelassen zu sein.
 

»Stopp«, rief Professor Ito dazwischen und stellte sich fast schon todesmutig zwischen sie. Da er deutlich kleiner war als Satoshi, war die Wirkung jedoch eher eingeschränkt. »Könnte mich bitte jemand aufklären? Was ist hier los?«

Kyo hatte mittlerweile die Beine über die Kante der Operationsliege geschwungen und saß nun wieder aufrecht. Satoshi seinerseits, hielt die Arme vor der Brust verschränkt und machte immer mehr den Eindruck, als wolle er gerade überall sein, nur nicht hier.

»Doktor Jansen und er hatten einen etwas - mh - schwierigen Start.«

»Pah!«, erwiderte Kyo. »So kann man es auch formulieren.«

»Aha?« Ito wirkte nach wie vor nicht besonders überzeugt und runzelte fragend die Stirn. »Und deswegen so ein Theater?« Dafür, dass sich soeben zwei Feloidea stritten, blieb er erstaunlich gelassen. Kyo kam nicht umhin, sich mehr und mehr über diesen merkwürdigen Menschen zu wundern.

»Was damals war, geht Sie nichts an«, meinte er bissig. »Ich kann sie nicht leiden und sie kann mich nicht leiden, das ist alles.«

»Ihr übertreibt beide maßlos!«, warf Satoshi ein. »Und dafür, dass ihr zwei euch so wenig mögt, seid ihr euch erstaunlich ähnlich!«

»Ich bin ganz sicher nicht wie diese dumme - .«
 

»Schluss jetzt!«

Und schon wirkte der kleine Professor gar nicht mehr so harmlos und nett. Tatsächlich nahm er eine Strenge an, die Kyo nicht an ihm erwartet hätte.

»Ihr zwei zankt euch, wie meine Enkel! Aber, im Gegensatz zu euch beiden, sind die erst fünf!«

Verblüfft von der Reaktion und diesen Worten, verstummten die beiden Kater; was in Kyos Fall darin endete, dass er nun ebenfalls die Arme verschränkte und trotzig den Blick zu Boden richtete. Ito rollte mit den Augen und murmelte etwas von ‘Kindergarten’ und ‘Es wird Zeit, dass ich in Rente gehe.’

Schließlich wand er sich wieder Satoshi zu, dem all das sehr unangenehm war.

»Kann ich mich darauf verlassen, dass Doktor Jansen professionell bleibt und Nishimura-sans Sorgen unbegründet sind?«

Fast als hätte er ihm eine verpasst, starrte Furukawa zu ihm runter und nickte dann hastig.

»Natürlich! Sie weiß was sie tut und auch wenn sie etwas grob in ihrer Art ist, so würde ich Christine mein Leben anvertrauen!«

Zufrieden und ganz als wäre dieses Thema damit für ihn erledigt, klatschte der untersetzte Mediziner in die Hände und sah dann zwischen den beiden anderen Männern hin und her. Fast als hätten sie ein wichtiges Geschäft, zu seiner vollen Zufriedenheit, abgeschlossen.

»Also gut, dann können wir ja gleich anfangen.«
 

Bevor er noch etwas sagen konnte, erklang ein leises Klopfen und die Tür wurde aufgeschoben.

»Verzeihen Sie, ich wollte nicht stören.«

Satoshi und auch Ito wanden sich der Frau zu, welche gesprochen hatte und Kyo konnte nicht anders, als sich neugierig etwas nach vorn zu beugen und an seinem Hausarzt vorbei zu schielen.

Dieser hingegen gab ein erstauntes ‘Oh’ von sich.

»Sasako?«, sagte er verwundert und betrachtete die Angesprochene. Auch sie trug Operationskleidung und eine Haube; die Schwarzen Haare hatte sie zu einem langen Zopf geflochten.

Kyo schätzte sie auf Kaorus Größe, ihre frauliche Figur und das leicht rundliche Gesicht, ließen sie attraktiv und doch irgendwie mütterlich wirken. Das sanfte Lächeln erstreckte sich auch zu den dezent geschminkten Augen, als sie sich leicht vor Furukawa verbeugte.
 

»Es freut mich sehr. Lange nicht gesehen, Doktor.«

Endlich schien dieser sich wieder zu fangen und er erwiderte die Begrüßung seinerseits.

»Dann bist du die Anästhesistin?«

Sasako nickte.

»Professor Ito bat mich darum und als ich hörte, dass es um einen Feloidea geht, konnte ich nicht einfach ablehnen.«

Fragend runzelte Kyo die Stirn, doch dann erinnerte er sich daran, dass der Arzt gemeint hatte, sie würde sich mit dieser Erkrankung auskennen.

War sie vielleicht selbst eine Katze?

Endlich trat Sasako ein und richtete ihre Aufmerksamkeit nun auf Kyo, welcher nach wie vor halbnackt vor ihnen saß und nicht so recht wusste, wie er mit der Situation umgehen sollte.
 

»Doktor Suzuki Sasako, es freut mich sehr, Nishimura-san. Ich werde heute Ihre Anästhesistin sein«, stellte sie sich ihm vor, was er nur zögerlich erwiderte.

Immerhin schien sie kompetent zu sein, andernfalls hätte Satoshi nicht derart erleichtert reagiert. Aus der Nähe schätzte er, dass sie ein bisschen älter war, als er selbst.

»Sie wissen also, was ich bin?«, fragte er direkt heraus und es kümmerte ihn nicht, dass seine schneidende Stimme sie vielleicht verunsicherte, oder kränkte. Doktor Suzuki behielt ihr freundliches, kompetentes Lächeln bei und nickte wieder.

»Ja, ich habe sehr viel Erfahrung damit und weiß genau, worauf ich in Ihrem Fall achten muss.«

»Aber sie sind ein Mensch?«

Es irritierte ihn, dass er ihr gegenüber nichts anderes wahrnehmen konnte. Für gewöhnlich reagierte seine Natur bereits auf andere Katzen, ehe er es selbst aktiv registrierte.

»In der Tat. Ich kam anderweitig mit ihrer Welt in Kontakt.«
 

Kyo schwieg, musterte sie eingehend und nickte dann, als würde er ihr damit gestatten, ihrer Arbeit nachzugehen. Anschließend wand er sich ein letztes Mal an Satoshi, welcher noch immer etwas verloren an der Tür stand.

»Wenn die Jansen irgendeinen Mist baut, dann mache ich dich dafür verantwortlich. Nur damit wir uns richtig verstehen, Satoshi. Ich vertraue ihr nicht. Entweder du bürgst für sie, oder ich gehe.«

Dass seine letzten Worte im Grunde eine leere Drohung waren, war ihnen beiden klar. Ohne die Operation, wäre alles vorbei. Trotzdem zögerte Furukawa nicht und nickte rasch.

»Ich würde meine Hand für sie ins Feuer legen!«

Der Sänger murrte nur, hielt den Blickkontakt noch einige Sekunden, ehe er sich von ihm wegdrehte und seine ursprünglich liegende Position wieder einnahm.

»Dann verbrenn dich nicht«, war alles, was er noch bereit war zu sagen.
 

Satoshis bedrücktes Gesicht bemerkte er nicht mehr.

Der ältere Mann tat sich sehr schwer mit Kyos kalter, absichtlich verletzender Art. Ihm lag viel an seinem eigensinnigen Patienten und auch wenn er versuchte sich einzureden, dass es nicht so war, konnte er nicht anders, als in ihm eine Art zweiten Nao zu sehen. Ein Sohn, den er viel zu früh verloren hatte.

Stumm seufzend, sah er zu Ito, welcher aufmunternd zu ihm hoch lächelte.

»Na geh schon, wir kümmern uns um ihn.«

Wataru und er kannten sich schon ewig und eben dieser wusste genau, dass sein ehemaliger Dozent einfach zu gutherzig und hilfsbereit war. Ins besondere wenn es um junge Katzen und Kater ging.

»Bitte achtete darauf, dass Christine erst kommt, wenn er unter Narkose steht«, stellte er die überflüssige Bitte, was von seinem Gegenüber mit einem Augenrollen kommentiert wurde.

»Ja, Herr Professor Doktor Furukawa«, kam es ironisch, gefolgt von einem breiten Lächeln. »Geh endlich! Deinem anderen Ziehsohn haben wir schließlich auch schon geholfen.«
 

Natürlich bekam Kyo diese Worte mit, sagte aber nichts dazu.

Irgendwann, wenn er wieder ‘normal’ wäre, würde ihm sein Verhalten sicherlich leid tun. Jetzt allerdings war er nicht dazu in der Lage, so etwas wie Reue oder Zuneigung zu empfinden. Satoshi war für ihn im Augenblick nichts anderes, als eine störende Komponente in seinem Alltag. So wie alle anderen.

Sie nervten ihn im gleichen Maße, wie der Sänger sich selbst nervte und dies wiederum war, über einen längeren Zeitraum hinweg, keine gute Mischung.

Vom einen Overload zum nächsten.

Kaoru hätte sicherlich genau gewusst, wie man ihm helfen könnte. Aber Kaoru war nicht hier und Kyo wollte ihn, im Moment, auch überhaupt nicht sehen. Dafür war er nach wie vor viel zu wütend auf seinen Leader; ganz gleich wie gerechtfertigt dessen Verhalten auch war!
 


 

Sie betrachtete das Gewirr aus feinen Linien und bunten Flächen, welches sich vor ihr ausbreitete, wie eine Leinwand die es zu restaurieren galt.

Christines Blick wanderte langsam über den Rücken des kleinen Schreihalses und sie musste sich eingestehen, dass dessen Tattoos zwar, für ihren Geschmack, maximal scheußlich warnen; seine Körperkunst auf sie aber gleichzeitig eine gewisse Faszination ausübte. Irgendwie verleitete es fast schon dazu, sie zu berühren; was sie natürlich unterließ.
 

Professor Ito, welcher auf der anderen Seite des Operationstisches stand und auf Japanisch mit seinen Assistenten sprach, machte auf sie einen sehr kompetenten Eindruck. Sie war ihm zuvor nie begegnet, kannte ihn allerdings aus Satoshis Erzählungen und verstand durchaus, warum ihr alter Mentor immer nur in den höchsten Tönen von ihm sprach.

»Doktor Jansen?«, richtete er seine Aufmerksamkeit nun auf die große Deutsche.

»Wir können anfangen.«

Weil sie keine offizielle Arbeitserlaubnis in Japan hatte, war sie nur beratend vor Ort und würde maximal im Notfall eingreifen. Da Kyo allerdings tief und fest schlief, glaubte sie kaum, dass ein solcher Notfall überhaupt eintreten würde. Ferner Doktor Suzuki wusste auch wirklich, was sie ihm da in die Infusion mischte.
 

Interessiert beobachtete sie, wie sich der ältere Mediziner das Skalpell aushändigen ließ, es ansetzte und die Klinge auf die rötlich glänzenden Haut senkte. Spielend leicht durchstieß sie Schicht um Schicht, ließ Blut heraus strömen und bahnte sich schließlich ihren Weg entlang der vorgezeichneten Markierungen.

Für Christine war dieser Anblick zwar vertraut, aber selbst nach all der Zeit hatte er nichts von seiner morbiden Schönheit verloren. Fettgewebe und Muskeln wurden freigelegt, Haut zur seite geklappt, Blutgefäße vorsichtig verschoben und irgendwie musste sie hinter dem Mundschutz ein wenig schmunzeln.
 

‘Im Innersten sind wir wohl doch alle gleich’, schoss es ihr durch den Kopf, während sie dem Arzt scheinbar interessiert bei seiner Arbeit zusah. In Wahrheit achtete sie jedoch nicht auf ihn; zumindest jetzt noch nicht.

‘Menschen und Katzen; wir vergessen zu oft, von wem wir abstammen’, sprach sie gedanklich mit sich selbst. ‘Vielleicht sollte sich der Kleine auch mal wieder daran erinnern.’
 

***
 

Entweder lag es am Alter, oder an dem schweren Weg, der heute noch vor ihm lag.

Satoshi war sich nicht sicher, was genau alles dafür verantwortlich war, dass er sich derart elend und erschöpft fühlte.

Die Sache mit Kyo belastete ihn mehr, als er ursprünglich erwartet hätte.

Neun Monate waren seit dem Tag vergangen, als der sture Sänger in seiner Praxis aufgetaucht war und in denen er sich mit Dingen hatte auseinandersetzen müssen, die sogar für einen erfahrenen Kater wie ihn Neuland waren.

Und dass sich sogar Christine mittlerweile bei ihm dafür entschuldigte, Kyo vermittelt zu haben, hatte dem ganzen gestern Abend wirklich die Krone aufgesetzt! Seine sonst so mürrische und distanzierte Freundin, hatte ihn mitten in der Nacht angerufen, nur um ihm dies zu sagen.

Dabei machte er ihr gar keinen Vorwurf.

Sie hatte ja unmöglich ahnen können, was alles in Kyo steckte. Dabei war ihm der Sänger, die meiste Zeit über, erstaunlich umgänglich erschienen.
 

Er parkte den Wagen auf dem für ihn reservierten Stellplatz, stieg aus und schloss ab. Die Müdigkeit nahm immer mehr zu und auch die Schwere seiner Beine steigerte sich, mit jedem Schritt.

Kurz überlegte er, die anstehende Fahrt auf den morgigen Tag zu verschieben und statt dessen die freie Zeit zu nutzen, und endlich mal wieder ausgiebig zu schlafen.

Aber er hatte seiner Patientin am Telefon versprochen, sich so schnell wie möglich auf den Weg zu machen. Die Werte sprachen leider dafür, dass ihr nur noch wenig Zeit blieb und, nachdem er sie so viele Jahre auf diesem schweren Weg begleitet hatte, wollte er ihr diesen letzten Wunsch erfüllen und sie im Hospiz besuchen.

Natürlich freute er sich nicht gerade darauf, aber das gehörte nun einmal dazu. Manchmal hasste er sich selbst dafür, seinen Facharzt ausgerechnet in Onkologie gemacht zu haben.
 

Er würde nur rasch die Akte und ein paar Sachen aus der Praxis holen, kurz einen Zwischenstopp zu Hause einlegen, um zu duschen und seine Kleidung zu wechseln und sich dann sofort auf den Weg nach Iwaki machen; was immerhin eine Fahrtstrecke von drei Stunden bedeutete. Vor Ort würde er sich dann ein Hotelzimmer nehmen und, wenn es die Zeit erlaubte, etwas essen.

Im Fahrstuhl lehnte er sich gegen die verspiegelte Wand und schloss für einen Moment die Augen. Der Großteil seiner Gedanken wurde dabei, wie schon seit einer Woche, von einem gewissen Sänger eingenommen, der sein schön sortiertes Leben mittlerweile unrettbar durcheinander gewürfelt hatte.

Furukawa mochte ihn und die Band; sie waren so erfrischend anders und ehrlich. Dennoch merkte er, dass er im Grunde wirklich zu alt für all das wurde.

Zu alt und zu müde. So schrecklich müde.
 

Der Fahrstuhl stoppte und die Tür glitt auf. Satoshi stieß sich ab und trat auf den verwaisten Flur. Während er in der Hosentasche nach dem Schlüssel kramte, hielt er mit der anderen Hand sein Smartphone fest, welches er auf eventuelle Nachrichten überprüfte.

Aber zu seiner Erleichterung, oder Besorgnis, gab es nichts interessantes zu erfahren. Andererseits befand sich Kyo seit nicht einmal einer Stunde im OP und diese würde noch mindestens eine weitere dauern.

Wieder einmal schwer seufzend, steckte er das Handy zurück und sah auf. Der Schlüssel, den er mittlerweile aus der Tasche gezogen hatte, entglitt ihm beinahe, als er die Frau sah, welche vor der Tür zur Praxis stand und scheinbar auf ihn wartete.
 

Satoshi musterte sie fragend. Er kannte sie nicht und um diese Uhrzeit konnte sie auch unmöglich einen Termin haben. Dafür war es zum einen der falsche Tag und zum anderen viel zu spät.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er trotzdem und trat näher.

Sie war recht zierlich, fast schon dürr. Ihre Wangen wirkten eingefallen, die Augen matt und der verräterische Schleier darin sagte ihm, dass sie erst kürzlich geweint haben musste. Dass sie keine Katze war, sah er ihr an. Aber trotzdem hing an ihr ein Duft, der ihm irgendwie seltsam vertraut vorkam.

Sie schwieg, sah ihn einfach nur an und urplötzlich entwich ein ersticktes Schluchzen ihren Lippen.

Etwas überfordert, aber trotzdem Gentleman der er war, schloss er auf und bat sie einzutreten. Vielleicht eine neue Patientin? Es wäre nicht das erste Mal, dass er, weit außerhalb der Öffnungszeiten, von verzweifelten Menschen kontaktiert und um Hilfe angefleht wurde.

Die Fremde hatte beschämt das Gesicht weggedreht und die Haare fielen ihr vor die Augen, beinahe wie ein Trauerschleier. Satoshi wollte sie nicht auf dem Flur stehen lassen und so führte er sie erst einmal ins Sprechzimmer, bot ihr einen Stuhl an, sie jedoch blieb stehen und rang sichtlich um Worte und Fassung.

Er gab ihr die Zeit, legte derweil seine Jacke ab und verstaute die mitgebrachten Unterlagen im Aktenschrank.
 

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte er erneut, blieb seinerseits stehen und betrachtete sie.

Endlich sah sie ihn wieder an, aber dieses Mal hatte sich der Ausdruck in ihren Augen deutlich verändert. Statt reiner Trauer, schwang nun ein deutlicher Schimmer von Wut darin, die er nicht verstand.

»Geben sie ihn mir zurück«, flüsterte sie mit heiserer und belegter Stimme. Nicht wissend wen sie meinte, fragte er vorsichtig.

»Wen soll ich ihnen zurück geben?«

Seine Worte schienen sie zu verletzen. Beinahe aufbrausend atmete sie ein und rief dann laut.

»Wieso musste mein Katsuo sterben?!«
 

Eiseskälte ergriff ihn, hielt ihn fest und kroch ihm in Muskeln und Innereien.

Katsuo …

Er hatte gehofft, diesen verdammten Namen nie wieder hören zu müssen und nun verstand er auch, wer genau die Frau war, die jetzt vor ihm stand.

»Sie sind seine Witwe«, raunte er, was in der Stille des Zimmers. Erneut sammelten sich Tränen in ihren Augen, sie schluchzte und vergrub das Gesicht in den Händen.

»Seine Ehefrau!«, widersprach sie, während er in seinen Erinnerungen nach ihrem Namen suchte. Veronique hatte ihm diesen irgendwann einmal verraten, doch das war etliche Jahre her.

Hana vielleicht? Nein, das war es nicht.
 

»Es tut mir sehr leid, für ihren Verlust.«

Natürlich gab es nichts, was er ihr hätte sagen können, um ihr den Schmerz zu nehmen. Niemand konnte das und es führte ihm nochmal deutlich vor Augen, wie grausam ihre Welt im Kern war. Am Ende blieben immer die Unschuldigen zurück, die lernen mussten, mit all dem Leid umzugehen.

»Waren Sie es?«, sie schaute auf, sah ihm direkt in die Augen und er war sich sicher, dass sie in einem anderen Leben bestimmt eine gute Katze abgegeben hätte.

Aber Satoshi war lange genug ein Feloidea, um zu wissen, dass er diese Erkrankung nicht einmal seinem schlimmsten Feind wünschte.

»Nein«, antwortete er wahrheitsgemäß. »Er hat sich mit einem Jungkater angelegt und das nicht zum ersten Mal.«
 

‘Haruko!’, fiel es ihm urplötzlich ein und ihm war schleierhaft, wo sein Gehirn diese Erinnerung auf einmal raus gekramt hatte. Ausgerechnet in einer solchen Situation!

»Dann sagen Sie mir, wer der Mörder meines Mannes ist!«, forderte die zierliche Frau zitternd. Er fragte sich dabei, wie viele Nächte sie schon nicht mehr geschlafen hatte.

»Das werde ich nicht.« Egal was er jetzt auch sagte, es wäre ohnehin verkehrt. Aber für ihn stand absolut fest, dass er Kyo niemals verraten würde. Erst recht nicht an die Ehefrau des Mannes, den Kyo umgebracht hatte. »Sie wissen genau, dass ich das nicht tun kann, Haruko-san.«
 

Dass er sie beim Vornamen nannte, irritierte sie kurzzeitig und sicherlich fragte sie sich dabei auch, woher er eben diesen kannte. Dann aber fing sie sich wieder und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, der neben ihr stand.

»Ich verlange doch nur, dass Sie mir seine Überreste aushändigen!«, schrie sie aufgebracht und starrte voller Hass und Trauer zu dem großen alten Kater hoch.

Satoshi erwiderte den Blick schwermütig und schüttelte langsam den Kopf.

»Es gibt nichts mehr, was ich Ihnen aushändigen könnte«, gestand er ihr die schmerzliche Wahrheit, was sie heftig zusammenzucken ließ.

Ein gequälter Laut drang aus ihrer Kehle, als sie sich erneut die Hände vors Gesicht schlug und bitterlich anfing zu weinen. Als die Knie unter ihr nachzugeben drohten, packte er sie, trotz der Gegenwehr und setzte sie sanft auf den nebenstehenden Stuhl.
 

»Geben Sie mir meinen Mann zurück!«, rief sie außer sich. »Geben Sie mir meinen Katsuo zurück! Wieso haben Sie das zugelassen? Wieso haben Sie zugelassen, dass er abgeschlachtet wird, wie ein Tier?!«

Langsam ging er wieder auf Abstand, überlegte ihr ein Glas Wasser anzubieten, entschied sich dann aber dagegen und blieb einfach stehen. Dass er sich innerlich genau so hilflos fühlte wie sie, versuchte er ihr nicht zu zeigen.

»Katsuo wusste, dass das eines Tages passieren würde. Er war in all dem der Aggressor, so leid es mir auch tut. Hätte er uns nicht angegriffen, dann - .«

»Das ist mir egal!«, platzte es tränen-erstickt aus ihr heraus. »Mein Mann ist tot und sie wollen mir allen ernstes erzählen, es wäre seine eigene Schuld?!« Wütend sah sie auf und starrte ihn an. »Ich werde zur Polizei gehen! Ich sag denen alles was ich weiß. Die finden heraus, wer das getan hat und wen sie decken, und dann sind Sie dran!«
 

Plötzlich veränderte sich etwas in Satoshis Gesicht. Es wurde ernster und härter.

»Glauben Sie, dass wir die einzigen Katzen in dieser Stadt sind? Ich bin Arzt, meine Patienten sind teilweise sehr bekannt und sogar ihr Mann arbeitete in einer Behörde. Aber im Gegensatz zu manch anderen unserer Spezies, sind wir nur kleine Lichter.«

»Was wollen Sie damit sagen?« Ihre Stimme war vom vielen Weinen mittlerweile ganz rau.

»Ich will damit sagen, dass es auch bei der Polizei Leute gibt, die ihre Anzeige gezielt in einer Schublade verschwinden lassen.«

Ohne es direkt zu auszusprechen, gab er ihr damit zu verstehen, dass es auch im nationalen Sicherheitsapparat mehr als genug Feloidea-Vertreter gab; die ein starkes Interesse daran hatten, derartige Vorfälle zu verschleiern.

Als sie nichts zu erwidern wusste und ihn nur geschockt anstarrte, sprach er weiter; ruhig zwar, aber mit einer deutlichen Mahnung in der Stimme.
 

»Haruko, ich verstehe ihren Schmerz und ich weiß wie sich Verlust anfühlt. Glauben Sie mir. Nicht ich war derjenige, der Katsuos Leben genommen hat. Letzten Endes hat ihn seine eigene Überheblichkeit umgebracht. Aber wenn Sie glauben, dass ich zulassen, dass Sie einen meiner Schützlinge ans Messer liefern, aufgrund der Fehler Ihres Mannes, dann werde ich dies zu verhindern wissen.«

Kurz schwieg er, ließ seine Worte wirken und ergänzte abschließend.

»Schlafende Katzen weckt man nicht.«
 

***
 

Aufstehen - umhergehen - hinsetzen.
 

Aufstehen - umhergehen - hinsetzen.
 

Aufstehen - umhergehen …
 

Kaoru sah auf sein Handy. Die schmalen Lippen hatte er zu einem dünnen Strich zusammengepresst. Unter den Augen waren deutliche Schatten zu sehen und seine Haare standen in alle Richtungen ab.

Warum rief denn keiner an?

Es waren doch bereits mehr als drei Stunden vergangen, seit Satoshi ihm geschrieben hatte, dass die Operation nun beginnen würde.

War vielleicht etwas schief gelaufen?

Wieder setzte er sich hin, nur um kurz darauf ein weiteres Mal aufzuspringen.

Nun jedoch ergriff Toshiya seinen Unterarm; welcher eigentlich wegen etwas anderes hatte mit ihm sprechen wollen. Statt dessen hatte er aber nur einen Kaoru in dessen Haus angetroffen, welcher vollkommen durch den Wind war.
 

Ihr Bassist sah ihn an, die Augen ernst und zutiefst besorgt.

»Setz dich sofort wieder hin. Von deinem herum Gerenne wird es auch nicht besser!«, forderte er ihn auf und zog dann am vergleichsweise dürren Arm seines Kollegen.

Nur widerwillig kam Kaoru der Bitte (oder dem Befehl) nach und ließ sich wieder auf sein Sofa fallen. Nur um kurz darauf das Gesicht in den Händen zu vergraben und einen schrecklichen tiefen Seufzer auszustoßen.

»Es wird alles gut gehen.«

Er spürte Toshiyas kräftige Finger, die über seinen Rücken strichen und konnte dessen Ratlosigkeit aus jeder einzelnen Silbe hören.
 

Natürlich hatte er ihm nichts von dem erzählt, was sich in der vergangenen Woche abgespielt hatte. Toshiya und die anderen wussten nicht, dass sich Kyo aktuell in einem wirklich gefährlichen psychischen Zustand befand und, wenn es nach dem Leader ging, dann wollte er das am liebsten einfach vergessen.

Er wollte nicht mehr über Kyo nachdenken. Nicht über die Feloidea, die mentale Verfassung seines Freundes und all diese furchtbaren Dinge, die damit in Verbindung standen. Kaoru wollte nur noch schlafen und beten, dass all das ein schlimmer Traum war.

Lediglich dass die Ärzte ihrem Sänger heute den Injektor einsetzen würden, hatte er ihnen mitgeteilt und irgendwie ahnte Kaoru, dass Toshiya auch aus diesem Grund hier bei ihm zu Hause war und sie sich nicht im Proberaum trafen.
 

»Sie rufen einfach nicht an«, murmelte er erschöpft.

Das Handy hatte er zwischen ihnen auf die Couch gelegt und schaute an seinen Fingern vorbei zum Display, welches jedoch schwarz blieb.

»So eine Operation braucht sicherlich ihre Zeit.«

Die tröstenden Worte des Jüngeren, erreichten Kaoru nur bedingt. Seine Gedanken kreisten wie ein Schwarm Vögel, um Kyo.

»Was wenn es schief geht?«

Toshiya gab ein leises Murren von sich.

»Es bringt nichts, sich jetzt die schlimmstmöglichen Szenarios auszumalen, Kao. Ich weiß, dass du ihn liebst. Aber hör auf damit! Du ruinierst dich selbst, wenn du nicht endlich einsiehst, dass sich dein Leben nicht nur um Kyo dreht!«

Es war nicht das erste Mal, dass sie so ein Gespräch führten. Wohl aber das erste, mit so viel Nachdruck.

»Und ich denke nicht, dass du dir vorstellen kannst, was wirklich in mir vorgeht!«
 

Entgegen seiner Erwartungen, war es damals Toshiya gewesen, welcher ihn zuerst darauf angesprochen und die richtigen Schlussfolgerungen gezogen hatte; in Bezug auf Kaorus Gefühle. Eigentlich hätte er dies von Shinya erwartet und vielleicht auch von Dai.

Dann aber, eines Abends, war Toshiya, so wie heute, bei ihm in der alten Wohnung aufgeschlagen, hatte ihm ein Bier in die Hand gedrückt und ihm gesagt, dass sie nun endlich mal darüber reden müssten.

Kaoru war zunächst verwirrt gewesen und hatte es für einen exzentrischen Anfall gehalten, ihn aber trotzdem herein gelassen. Nur um zwei Minuten später, direkt ins Gesicht gesagt zu bekommen, dass er ein Trottel sei.

Derartige Gefühlsausbrüche waren ungewöhnlich; nicht nur für einen Japaner, sondern vor allem für Toshiya. Er war sensibel, ja, aber außerhalb der Bühne eigentlich eher zurückhaltend und wenig offensiv. Was aber nur bewies, dass ihn dieses Thema schon eine ganze Weile umtrieb.

Nach ewigem hin und her und nachdem er es mehrfach geleugnet hatte, war Kaoru letztlich doch eingeknickt. Und ein weiteres Bier später, gab er endlich zu, dass er wirklich etwas für ihren Sänger empfand und dass ihm absolut klar war, wie dumm diese Gefühle waren.
 

»Ich habe es dir damals gesagt und ich sage es dir auch heute,« sprach Toshiya weiter, während er etwas Druck auf Kaorus Rücken ausübte. »Kyo ist uns allen wichtig, aber du machst dich damit immer weiter kaputt.

Kaoru, du bist bereit dazu, deine eigene Gesundheit für ihn zu ruinieren und dabei wissen wir alle, dass er deine Gefühle nicht erwidern wird!«

»Kyo kann nichts dafür!«, warf er direkt verteidigend ein und sah auf. Der Mann neben ihm erwiderte den Blick ernst und streng. »Er hat nicht darum gebeten, so zu sein!«

»Du kannst ihn nicht retten, egal was du auch versuchst. Wir halten ihn am Leben, aber alles andere dürfen wir nicht mehr an uns heran lassen. Vergiss nicht, dass dieser ganze Scheiß sogar Dais Beziehung zerstört hat!«
 

Kaoru zuckte bei diesen Worten heftig zusammen und ließ resigniert und traurig den Kopf hängen.

Er war am Ende seiner Kräfte und leider stimmte es. Diese Sache war zwar viele Jahre her und hatte während Vulgar stattgefunden. Aber tatsächlich war all der Stress und Nerventerror, am Ende ausschlaggebend dafür gewesen, dass sich Dais langjährige Freundin von ihm getrennt hatte. Ihr zweiter Gitarrist war monatelang am Boden zerstört gewesen und dass sich Kyo dafür auch nie entschuldigt hatte, nagte unterschwellig immer noch an der vormals guten Freundschaft der beiden.

Der Stress, Kyos psychische Störung und schließlich die Trennung, hatten während der Vulgartour zu einem heftigen Streit zwischen ihnen geführt, an dessen Ende sie Kyo von Dai hatten herunter ziehen müssen, damit dieser ihn nicht umbrachte.

Es waren die schlimmsten Monate, in Kaorus Leben … zumindest hatte er das bisher gedacht. Denn das, was sich im Moment bei ihnen abspielte, war um einiges schlimmer!
 

»Ich habe es ihm damals versprochen.«

»Nein!«, widersprach Toshiya hart. »Das was du versprochen hast, hat für ihn keinerlei Bedeutung! Zumindest nicht in dem Maße, welches du dir wünschst. Wir haben alle gesehen, was aus ihm werden kann.«

Plötzlich stieß der jüngere Musiker ein langes, schwermütiges Seufzen aus und seine tröstende Hand verschwand von Kaorus Rücken.

»Weißt du, Kaoru, manchmal habe ich den Eindruck, dass er es sich all die Jahre fast schon gewünscht hat so zu werden.«

»Was?«, hauchte er und starrte ihn fassungslos an. »Hast du eine Ahnung, was er durchmachen muss? Wie kannst du so etwas sagen?!«

»Seit ich ihn kenne, redet er davon, dass er ein Monster ist und nun, nach all der Scheiße, ist er genau das!«
 

Kaoru wollte etwas sagen, aber seine Kehle fühlte sich an wie zugeklebt. Er räusperte sich, griff nach seinem erkalteten Tee und nahm einen hastigen Schluck.

»Kao, ich mag ihn ja auch, aber erwarte nicht von uns, dass wir daneben stehen und mit ansehen, wie du immer weiter zerbrichst. Natürlich hoffe ich, dass die Operation gelingt und er endlich wieder ein halbwegs normales Leben führen kann. Aber du weißt ja selbst, was es bei ihm bedeutet ‘normal’ zu sein.«

Was sollte er denn jetzt darauf erwidern?

Ja, natürlich hatte Toshiya recht, mit dem was er sagte. Aber dennoch tat es weh und, so sehr er es auch versuchte, aber Kaoru konnte und wollte Kyo nicht einfach gehen lassen.
 

Eine Weile schwiegen sie. Er hielt deine Tasse in beiden Händen, obwohl sie keinerlei wärmenden Effekt mehr hatte und Toshiya betrachtete ihn einfach nur; einen Arm auf der Rückenlehne abgestützt, den Kopf in seine Hand gebettet.

Irgendwann seufzte der Bassist wieder und fuhr sich durch die kurzen Haare.

»Man, Kaoru. Was machst du da nur schon wieder?«, fragte er, ohne eine Antwort zu erwarten. Kaoru zuckte lediglich mit den Schultern.

»Ich kann einfach nicht anders, Toto«, sagte er mit gesenkter Stimme und schwenkte die Tasse mit dem Tee ein wenig im Kreis. »Er hat mir damals gesagt, dass er nicht mehr so sein will.«

»Wann war das denn?«, fragte Toshiya etwas verwundert, da er dies zum ersten Mal hörte.

»Nach der Klinik, als ich ihn wieder abholte. Er wollte, dass ich mit ihm zur Bay fahre. Wir haben ewig einfach nur dort gesessen und geschwiegen.«
 

Vor seinem inneren Auge, waren sie wieder dreißig; saßen zusammen auf dieser Bank, rauchten schweigend eine nach der anderen und er hatte immer wieder einen Blick auf Kyos Unterarme geworfen.

Die Narben der letzten Eskalation, waren noch geschwollen und rot.

Es war ein schöner Tag, nur vereinzelt standen ein paar Wolken am Himmel und sie hatten den Möwen dabei zugesehen, wie sie sich auf den angeschwemmten Müll stürzten. Während im Hintergrund wie immer wieder Schiffe aus- und einliefen.

Der kräftige Wind hatte ihm die Haare ins Gesicht geblasen, aber Kaorus Augen waren vornehmlich auf Kyo gerichtet. Sein Sänger hatte müde ausgesehen, erschöpft und irgendwie auch sehr nachdenklich und traurig.

Irgendwann hatte dieser die Beine auf die Bank gezogen, die Arme um seine Knie geschlungen und leicht den Kopf geschüttelt.
 

‘Ich will nicht mehr so sein’, war zunächst alles, was er sagte.

Kaoru hatte den Drang unterdrückt, ihn in den Arm zu nehmen. Kyo hatte es damals noch viel weniger zugelassen, als heute.

‘Dann lass mich dir endlich helfen.’

Seine Stimme war fast im Geschrei der Möwen untergegangen, aber dass Kyo ihn gehört hatte, zeigte sich, als dieser den Kopf in seine Richtung drehte und Kaoru mit seinen unendlich traurigen Augen ansah.

‘Wie?’, kam die ebenfalls leise Frage, obwohl weit und breit keine Menschenseele zu sehen war.

‘Willst du denn wirklich gesund werden?’

Kyos Blick senkte sich nachdenklich und ruhte irgendwo an einem unbestimmten Punkt zwischen ihnen.

‘Ich will einfach nicht mehr, dass sich meine Seele immer weiter selbst zerfleischt.’

Dann hatte er den Kopf zurück nach vorn und in Richtung Wasser gedreht und minutenlang nichts gesagt. Irgendwann jedoch vernahm Kaoru ein leises Schluchzen, ehe Kyo das Gesicht gegen seine Knie presste und beinahe atemlos flehte.

‘Hilf mir. Bitte Kaoru. Hilf mir.’
 

»Ich habe es ihm damals versprochen.«

Er hatte Toshiya nicht alles erzählt, denn er wollte nicht, dass der Bassist vielleicht zu viel in seine Worte interpretierte. Außerdem hatte er Kyo damals schwören müssen, manches für sich zu behalten.

»Denkst du denn, dass Kyo wollen würde, dass du dich für ihn so kaputt machst?«

»Ich weiß nicht, was er will, oder denkt.« Ein trauriges Lächeln, schlich sich auf seine Lippen. »Wer weiß denn schon, was genau in seinem Kopf alles so vor sich geht?«

Als er kurz zu ihrem Bassisten schaute, sah er, dass auch dieser darüber ein wenig schmunzeln musste.

»Das stimmt leider«, seufzte Toshiya und schenkte ihnen noch etwas kalten Tee ein. »Keine Ahnung was aktuell bei euch beiden abgeht, aber ich bleibe bei dem, was ich dir letztens gesagt habe. Ich unterstütze euch auf der Tour und bei der Arbeit, aber abgesehen davon, bin ich raus.«
 

Diese Worte waren wie ein Stich ins Herz, egal wie sehr Kaoru sie auch verstehen konnte.

»Hatte befürchtet, dass du deine Meinung nicht nochmal änderst«, antwortete er.

»Mein Privatleben hat im Moment einfach oberste Priorität und ich will nicht, dass mir das wieder entgeht, nur wegen ihm.«

Bei Toshiya lief es aktuell wirklich super und Kaoru freute sich ja auch ehrlich für ihn. Sie wurden alle nicht jünger und er wusste, dass vor allem ihr Bassist eigentlich ein warmherziger Familienmensch war.

Nach all den Jahren diesen Schritt zu gehen und das Berufliche komplett vom Privaten zu trennen, war die logische Entscheidung. Immerhin ging es hier nicht mehr nur um Kyos autoaggressive Phasen, sondern darum, dass er ihnen nun tatsächlich gefährlich werden konnte.
 

»Es reicht, dass ich mein Leben für Kyo aufopfere«, antwortete er und seine Mundwinkel zuckten traurig nach oben. In den letzten Tagen hatte er sich oft gefragt, wie lange er noch so weitermachen konnte.

»Gott verdammt nochmal, Kaoru!«, stieß sein Kollege aus und raufte sich die Haare. »Jeder Mann und jede Frau, die dich zum Partner hätte, könnte sich wirklich glücklich schätzen. Aber du Vollidiot hast nur Augen für unsere durchgeknallte Killerkatze!«

Leicht belustigt über den Spitznamen, lachte der Angesprochene leise.

»Komisch, so etwas ähnliches, hat mir Kyo kürzlich auch gesagt.«

Dass dies in einer von Kyos Phasen gewesen war, musste Toshiya nicht wissen. Eben dieser sah ihn überrascht an.

»Ach wirklich? Ich hätte nicht gedacht, dass der überhaupt bemerken würde, dass du so sehr an ihm hängst.«
 

»Oh glaub mir!« Mit einem lauten Ächzen stand Kaoru auf und streckte sich. Er konnte nicht mehr ruhig herum sitzen. »Kyo weiß mehr über all das, als uns lieb wäre.«

»Was willst du damit sagen?«

Toshiya saß immer noch auf der Couch und sah dabei zu, wie Kaoru zur längst reparierten Terrassentür ging, diese aufschob und hinaustrat. Im Eingang stehend, zündete er sich eine Zigarette an und inhalierte den giftigen Rauch.

»Ich habe den Eindruck, dass seine Dissoziation löchrig wird«, versuchte er es zu erklären und erntete ein Stirnrunzeln.

»Du meinst, er fängt an sich zu erinnern?«

Kaoru zuckte mit den Schultern.

»Vielleicht. Wahrscheinlich nur in Bruchstücken. Aber ja, er weiß noch genau, was ich damals, auf dem Weg in die Klinik, mit ihm besprochen habe.«
 

Urplötzlich weiteten sich Toshiyas Augen. Er erhob sich, folgte seinem Leader und blieb unweit von ihm stehen.

»Weiß er von der Sache mit Dai?«

Der Angriff auf ihren Gitarristen, war die größte Sorge der Band. Wenn sich Kyo wirklich an diesen Moment erinnerte, wie sehr konnte er das ertragen?

»Es machte mir nicht den Eindruck.«

Natürlich fühlte er sich schlecht dabei, dass er seinem Kollegen so ins Gesicht log. Aber was blieb Kaoru denn anderes übrig?

»Hoffen wir, dass du damit recht hast.«

Während er rauchte, begann nun der andere damit auf und ab zu gehen. Bis schließlich beide nachdenklich in den Garten blickten. Es hatte Kaoru eine Woche gekostet, diesen wieder anständig herzurichten und das Blut verschwinden zu lassen. Sogar den großen Blumenkübel hatte er ersetzt. An seiner statt, stand nun ein wirklich hässlicher Oleander.
 

»Kaoru, bitte versprich mir, dass du aufhörst, wenn es zu viel wird.«

Toshiya wand sich zu ihm um und sah ihn nun so flehend an, dass Kaoru kalt ums Herz wurde.

»Du weißt, dass ich das nicht kann.«

»Versprich es!« Sein Gegenüber meinte es so ernst, dass er nun sogar die Stimme erhob. »Nur weil wir ihn nicht mehr in seinem Irrsinn unterstützen wollen, heißt das nicht, dass wir uns nicht um dich sorgen. Also bitte, versprich es uns, dass du deine eigenen Grenzen endlich ernst nimmst.«

Stumm starrten sie einander an, jeder auf seiner Seite der Terrasse stehend. Die tiefen Kratzer im Holz unter ihnen, waren dabei eine stumme Mahnung für das, was passiert war und was, sehr wahrscheinlich, wieder passieren würde.

Es war alles nur eine Frage der Zeit.
 

Er blieb Toshiya die Antwort schuldig, als aus dem inneren des Hauses ein vertrautes Geräusch erklang. Es war sein Handy und auch wenn er dies normalerweise hasste, so ließ der Leader seine Zigarette einfach fallen, trat sie halbherzig aus und eilte wieder hinein. Rasch klaubte er sich das Telefon von der Couch und nahm den Anruf entgegen.

Noch ehe er irgendwas sagen konnte, schnarrte Doktor Jansens unfreundliche Stimme, »Wir sind fertig, er wacht bald auf.« Ehe sie einfach wieder auflegte.

Kaoru spürte, wie ihm die Knie nachgaben und er vor Erleichterung und kompletter Erschöpfung, auf den weichen Teppich sank.
 

Kyo lebte.

Die Katze wachte auf.

Das Spiel ging in die nächste Runde.
 

***

Kapitel 34 ¦ Katzenproblem

Kapitel 34 ¦ Katzenproblem
 

***
 

»Wie geht es ihm?«

Christine lachte leise, denn die besorgte Stimme ihres Freundes amüsierte sie ein wenig. Satoshi war wirklich ein verdammter Samariter!

»Er liegt im Aufwachraum und brabbelt vor sich hin«, grinste sie, an die Wand neben der Tür gelehnt und beobachtete interessiert, wie der junge Kater schwerfällig blinzelte und sich komplett desorientiert umschaute. Würde sie nicht telefonieren, dann hätte sie diesen Anblick sicherlich für die Nachwelt festgehalten; oder zumindest, um es der kleinen Nervensäge später schön unter die Nase reiben zu können.

»Also hat er es gut überstanden?«

»Wir haben ihm den Rücken aufgeschnitten! Aber ja, den Umständen entsprechend, geht es ihm gut.« Geräuschvoll ließ sie ein Koffeinbonbon im Mund hin und her wandern. »Du hättest mir übrigens ruhig sagen können, dass Masahiros Frau mit im OP ist.«
 

»Ups. Hab ich ganz vergessen.« Der belustigte Unterton und das angedeutete Grinsen in seiner Stimme, straften ihn Lügen.

»Sie musste ihm wirklich viel Etorphin untermischen, bis er bereit für den Eingriff war. Es wäre besser gewesen, wenn wir noch eine Woche gewartet hätten.«

»Ja, das habe ich geahnt.« Kurz vernahm sie, wie sich Satoshi mit jemandem auf Japanisch unterhielt, dann schenkte er ihr wieder seine volle Aufmerksamkeit. Offenbar hatte er soeben im Hotel eingecheckt. »Kannst du mir seine Blutwerte mailen?«

Nun verdrehte sie die Augen, auch wenn er es natürlich nicht sehen konnte.

»Nein, das werde ich nicht tun! Du musst dich jetzt auf deine Patientin konzentrieren, das ist wichtiger. Der Gnom ist bei mir in sicheren Händen.«

»Ich würde dir das sogar glauben, wenn du aufhören würdest, ihn als Zwerg oder Gnom zu bezeichnen.«

»Nur wenn er damit aufhört, mich eine durchgeknallte Irre zu nennen.« Wieder musste sie lachen und zerbiss dann ihr Bonbon.

»Ihr beide seid schlimmer als zwei streitende Teenager.«

Sie hörte, wie er eine Tür öffnete, dann das dumpfe Geräusch der Reisetasche, die er irgendwo abstellte und schließlich ein langes und tiefes Durchatmen.
 

»Alles okay bei dir?«

Nun kehrte ihre Besorgnis wieder zurück und sie stieß sich von der Wand ab, um in Richtung ihres Patienten zu schlendern. Draußen war es bereits dunkel und die Uhr an der Wand, zeigte, dass es nach zehn war.

Kyo war, nachdem er kurzzeitig aufgewacht und etwas vor sich hin gemurmelt hatte, zurück in einen medikamentösen Dämmerschlaf gefallen. Nun stand sie an dessen Fußende und betrachtete sein blasses Gesicht. Selbst jetzt wirkte er ernst und missbilligend. Konnte dieser Mann eigentlich auch lachen?

»Die Reise war lang und anstrengend.« Satoshi unterdrückte ein Gähnen, das hörte sie deutlich.

»Aber es ist nicht nur die Reise, die dir zu schaffen macht?«

Kurz schwieg er, dachte wohl über etwas nach und entschied sich dann dazu, offen zu sprechen.

»Ich mache mir Vorwürfe, dass es überhaupt erst hat so weit kommen müssen.« Etwas quietschte und sie vermutete, dass er sich aufs Bett gesetzt hatte. »Es wäre besser gewesen, hätte ich mich um die Katsuo Problematik damals selbst gekümmert, anstatt das Risiko einzugehen, dass es so endet.«
 

»Du bist zu alt«, kam der ermahnende Widerspruch und Satoshi wusste genau, dass Christine recht damit hatte. Trotzdem nagte diese Angelegenheit sehr an ihm.

»Das mag sein, aber ich hatte trotzdem gehofft, Katsuo würde nicht so weit gehen, sollte sich Kyo dauerhaft in meiner Nähe aufhalten.«

»Du bist echt ein Narr!«, platzte es laut aus ihr heraus und nun regte sich sogar Kyo, dessen Gesichtszüge leicht zuckten. »Ich weiß du gefällst dir in deiner Rolle als Märtyrer, aber kannst du endlich damit aufhören, dein eigenes Wohl ständig hinter das aller anderer zu stellen? Was hätte es dir denn gebracht, von diesem Irren in Stücke gerissen zu werden?«

»Chrissy - .«

»Nein, du hörst mir jetzt mal zu, Satoshi!«, unterbrach sie ihn unwirsch. »Katsuo hat das bekommen, was er vermutlich auch verdient hat. Wenn du richtig liegst, und du täuschst dich in dieser Sache eigentlich nie, dann gehörte er zu jenen Feloidea, bei denen das Virus vor allem das Hirn befallen hat. Es hat ihn zum Psychopathen gemacht und weder bringt es etwas, dass du dir die nächsten fünfzig Jahre Vorwürfe machst, noch ändert es etwas an der Vergangenheit.«

Sie begann unruhig auf und ab zu gehen, während Satoshi schwieg; überfordert von ihrem Ausbruch.
 

»Wir alle sind Monster und die wenigstens von uns werden alt, ohne einen von unserer Art zu töten. Der Kleine ist wie ich; dominant, unberechenbar und leidlich stark. Sehr wahrscheinlich, wird das nicht das letzte Mal gewesen sein, dass er so weit geht und das weißt du genau!«

Am Fenster blieb sie stehen, sah nach unten auf den Parkplatz der Klinik, welcher fast verwaist war, bis auf einige der Mitarbeiterfahrzeuge.

»Wie viele hast du in deinem Leben getötet? Zehn?« Natürlich wusste sie es, aber sie wollte ihm noch einmal verdeutlichen, um was es hier wirklich ging.

»So ungefähr«, kam es leise von Satoshi und irgendwas in ihr war fassungslos darüber, wie schwach und gebrochen sich seine Stimme anhörte.
 

»Du Idiot hast dich emotional viel zu sehr in das alles hineinziehen lassen.« Auch wenn es aus ihrem Mund wie ein Vorwurf klang, so war sie in erster Linie besorgt um ihren Mentor. »Ist es immer noch wegen Nao?« Natürlich kannte sie die Antwort, trotzdem stellte sie die offensichtliche Frage.

Satoshi sagte nichts, sie vernahm nur sein leises Atmen. Nach einiger Zeit erklang seine tiefe und zeitgleich schrecklich gebrochene Stimme.

»Sie sind sich nicht ähnlich.« Hatte sie ihn jemals so erlebt? Christine konnte sich nicht daran erinnern und es brach ihr das Herz. »Nao war so zart, sensibel und immer fröhlich, obwohl er so schwer krank war und Kyo ist das komplette Gegenteil von ihm. Trotzdem kann ich nicht damit aufhören, in ihm einen Sohn zu sehen.«
 

»Ich glaube,« sprach sie, ohne den üblichen Spot und Hohn, den sie normalerweise an den Tag legte, um sich hinter ihrer abweisenden Maske zu verstecken, »Dass euch die Einsamkeit verbindet.«

Christine schloss die Augen, seufzte lange und blickte dann wieder hinaus in die Nacht. Der zunehmende Mond war fast voll und trotzdem halb verborgen, zwischen den riesigen Wolkenkratzer, die wie Bäume in den Himmel ragten.

»Es ist nicht Nao, dem er ähnelt«, während sie sprach, bekam ihre Stimme eine Weichheit, die Furukawa schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr gehört hatte. »Er ähnelt dir!«

Fast als müsse sie über einen Witz lachen, gluckste sie plötzlich und flüsterte:

»Vergiss es, ich seh nur wieder Gespenster.«
 

»Nein.« Satoshi schluckte hart. Ihre Worte hatten ihn so sehr getroffen, dass er sich rasch mit der Hand über sie Augen fuhr. »Vielleicht hast du recht und ich will nur verhindern, dass er die gleichen dummen Fehler begeht, wie ich.«

»Du kannst die Vergangenheit nicht ändern.«

»Das stimmt, es wird mir weder Tomoe, noch Nao zurückbringen; deine Ehe nicht retten und mich nicht wieder zu einem Menschen machen. Aber trotzdem will ich ihm helfen, sein zerbrochenes Ich irgendwie zusammenzusetzen. Kyo ist ein großartiger Mann, selbst wenn er sich dessen nicht bewusst sein kann. Wenn ich ihn nur retten könnte - .«

»Kannst du nicht«, unterbrach sie ihn, nun wieder streng. »Niemand kann gerettet werden, Satoshi. Wir zwei wissen doch ganz genau, dass er das aus eigener Kraft schaffen muss, oder er wird komplett daran zu Grunde gehen.«
 

Sie wand sich vom kühlen Anblick des Mondes ab, der auf sie schon immer diese unangenehme und beinahe bedrohliche Wirkung gehabt hatte und war dabei zurück in die Mitte des Raumes zu treten, als sie mitten in der Bewegung innehielt.

Christine sah zum Bett, in Erwartung ihren Patienten schlafend vorzufinden. Und ein paar blauer müder Augen, erwiderte ihren Blick. Irgendwie konnte sie nicht anders und verzog das Gesicht zu einem etwas schiefen Grinsen.

»Wo wir gerade von deinem Ziehsohn sprechen«, begann sie und stemmte die freie Hand in die Seite, »Er ist wach.«
 

Der ältere Arzt schien wie ausgewechselt, als sie dies sagte und die Kraftlosigkeit, welche ihn bis vor drei Sekunden noch fest im Griff hatte, war komplett verschwunden.

»Ist er ansprechbar?«

Christine rollte mit den Augen.

»Lass ihn mich bitte erst einmal untersuchen. Ich ruf dich später zurück. Ruh dich aus, geh von mir aus etwas trinken, aber lass mich meine Arbeit machen!« Sie wusste ja, dass Satoshi eigentlich direkt zu seiner Patientin hatte fahren wollen. Aber irgendwas musste ihn aufgehalten und seine Ankunft in Iwaki verzögert haben. Christine machte sich keine weiteren Gedanken deswegen.
 

Mit einer knappen Verabschiedung legte sie auf, steckte das Telefon weg und trat neben das Bett, in welchem der junge Kater lag und sie musterte. Er war sichtlich irritiert, was nach der Narkose kein Wunder war und sein Blick glitt immer wieder unfokussiert zur Seite weg.

Sie hatte zwar keine offizielle Arbeitserlaubnis in Japan, aber das war ihr jetzt egal. Wer würde sie hier schon verpfeifen? Doktor Ito wäre sicherlich froh, die Untersuchung des Feloidea von einer Artgenossin übernehmen zu lassen.

Also schnappte sie sich die kleine Stablampe von der Brusttasche ihres Kittels und verlangte von Kyo, dass er dem Licht mit den Augen folgen sollte, was er auch artig tat. Dass es ihm zunächst in den Augen schmerzte, tat er mit einem kurzen schwachen Fauchen kund, wurde aber ignoriert.

»Na geht doch. Weißt du wo du bist und was passiert ist?«, wollte sie wissen und packte die Lampe wieder ein.
 

Kyo kniff die Augen zusammen und knurrte laut, aber jetzt wesentlich kräftiger.

»Krankenhaus«, kam es kratzig aus seiner Kehle. »Operation.«

Als würde sie sich Notizen machen, kommentierte sie trocken:

»Patient hat vergessen, wie man ganze Sätze bildet.« Was ihr natürlich einen genervten Blick einbrachte, der sie amüsierte.

»Dumme Kuh.«

Nun musste sie tatsächlich lachen und zog sich den Gästestuhl heran, auf welchen sie sich fallen ließ, die Augen nicht von ihrem Patienten nehmend.

»Alles klar, du bist wieder unter den Lebenden.« Sie streckte sich und drehte ein wenig am Zufluss des Infusionsbeutels, der neben ihnen hing. »Das benebelte Gefühl sollte bald wieder verschwinden. Ito wollte dich auf Etorphin halten, damit du hier niemanden anfällst. Aber ich hasse dieses Zeug! Die halbe Menge reicht aus.«
 

Kyos Gehirn war noch zu langsam, um ihre Worte vollumfänglich aufzunehmen und zu verarbeiten. Nach einiger Zeit begriff er aber was sie ihm sagte und er stieß ein verwirrtes Murren aus, welches in seinen Ohren sträflich schwach klang.

»Wieso dann - der Injektor - wenn du’s hasst?«, fragte er. Seine Zunge schien wie aus Blei zu sein, so schwer fiel es ihm zu sprechen.

Doktor Jansen schlug lässig die Beine übereinander und verschränkte, in ihrer üblichen Art, die Arme vor der Brust.

»Nur weil ich es hasse, heißt das nicht, dass ich nicht auch seine Notwendigkeit anerkenne. Und in deinem Fall, ist es mehr als nötig!«

Irrte sie sich, oder war etwas an ihm anders, als noch die Tage zuvor? Möglicherweise lag es ja an den Nachwirkungen der Narkose, aber sie wurde den Eindruck nicht los, dass er sich schon wieder verändert hatte. Und der Wunsch danach, diese potentielle Zeitbombe hier und jetzt unschädlich zu machen, wuchs immer mehr an.

Sie hätte ihn damals in West Hollywood schon beseitigen sollen!
 

»Die Operation verlief gut. Wir haben dir das Gerät eingesetzt und, weil dein Rücken grad so schön offen war, eine deiner Nieren in die Kleiderspende gegeben.« Sie lachte, als er eine Augenbraue hob und sie ansah, als zweifle er stark an ihrem Verstand.

»Dein Humor - ist - scheiße.« Es kostete ihm hörbar Kraft, mehr als nur ein paar Wörter zu sagen. Noch verspürte Kyo keine Schmerzen, war zu sehr mit Medikamenten vollgepumpt. Aber er wusste genau, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde.

»Danke, das höre ich häufiger.«

»Frag - dich mal - warum.« Er versuchte tief einzuatmen und scheiterte daran, als sich ein unangenehmes Ziehen im Rücken bemerkbar machte. Kyo verzog das Gesicht. »Wehe ihr - habt wirklich - eine Niere geklaut«, knurrte er angestrengt.

»Ito hat gute Arbeit geleistet. Zu schade, dass wir nicht noch einmal testen können, ob der Injektor auch wirklich funktioniert.«

Wieso nur wurde er den Eindruck nicht los, dass es der irren Ärztin nahezu in den Fingern juckte, aufs Knöpfchen zu drücken und tatsächlich die komplette Dosis in seinen Organismus zu jagen?
 

»Wie lange - muss ich - hier bleiben.« Irgendwie nervte es ihn schon jetzt, dass er nach jedem zweiten Wort Luft holen musste.

»Den früheren Testpersonen ging es schon nach drei Tagen wieder blendend.«

Es schauderte ihm, dass sie derart locker von ‘Testpersonen’ sprach. Immerhin wusste er ja mittlerweile, welche grausame Wahrheit sich hinter Christines Vergangenheit verbarg und dass er selbst nun einen Teil davon in sich trug.

»Die Tour?«, keuchte er, um das Thema zu wechseln.

»Mir persönlich wäre es egal, ob du sie spielst, oder nicht. Aber da du ja sonst keine Ruhe gibst, kann ich dir versprechen, dass du deine albernen Shows spielen kannst, sollte alles gut verheilt.«

Dass ihm diese dumme Tour derart wichtig war, verstand sie nicht. Genau so wenig wie sie das Konzept des Krachs verstand, den Kyo als ‘Musik’ betitelte.
 

»Gut.« Mehr sagte er nicht, war einfach immer noch viel zu erschöpft, was neben den Nachwirkungen der Operation, auch am Etorphin lag, welches sein Körper erst einmal verarbeiten musste.

Christine erhob sich, streckte die Glieder und schaute dann gelassen zu ihm runter.

»Satoshi ist ein Idiot, dass er sich so sehr auf dich eingelassen hat.«

Ihm behagte es nicht, so von oben herab gemustert zu werden.

»Sag das ihm - und nicht - mir«, keuchte er und versuchte sich zu bewegen, was ihm jedoch wahnsinnig schwer fiel.

Hatte man ihn ans Bett gekettet, oder was war hier los?

Kurz schossen ihm die Erinnerungen an Yuuto durch den Kopf und wie auch dieser vor einigen Wochen in dieser Klinik gelegen hatte.

»Mach ihm einfach das Leben nicht noch schwerer, als es bereits ist.«

Etwas an ihr war urplötzlich anders. Der Sarkasmus aus ihrer Stimme war verschwunden und auch in ihrem Blick lag eine seltsame Entschlossenheit, die er nicht zuzuordnen wusste.

»Du warst - diejenige - die mich - zu ihm überwiesen - hat.«

»Ich weiß! Aber ich konnte unmöglich ahnen, dass er dich direkt adoptiert.« Christine gab ein missbilligendes Schnauben von sich. »Und ich habe dir damals schon gesagt, dass du ihm vertrauen sollst und daran hat sich nichts geändert! Ohne Satoshi wären du und ich ebenso mordende Monster geworden, wie Katsuo. Wir alle haben das Potential dazu in uns und es ist einzig ihm zu verdanken, dass mir vieles davon erspart blieb. Du und ich, wir sind uns ähnlicher, als dir lieb ist, kleiner Kater.«
 

Er sah sie an, suchte nach den richtigen Worten und dachte angestrengt nach. Sein Gehirn tat sich im Augenblick so wahnsinnig schwer mit allem und allein die richtige Übersetzung zu finden, kam bereits Hochleitungssport gleich.

»Du hast - auch - getötet.« Erinnerte er sich und dachte dabei an das Gespräch, welches er vor fünf Minuten in Bruchteilen mit angehört hatte.

»Eben so wie Satoshi, ja«, gestand sie ihm frei heraus. »Glaub aber nicht, dass mir irgendwas davon Freude bereitet hat. Du durchlebst das hier seit einem dreiviertel Jahr. Satoshi und ich, sind seit seit mehreren Jahrzehnten Katzen und wir wissen genau, wie sich das alles hier anfühlt.«

Sie vollführte eine Geste mit der Hand und schloss damit ihn und sich selbst ein.

»Ich bin – nicht wie – du.« Er kämpfte gegen die Müdigkeit an, versuchte Christine zu fokussieren, aber sein Körper war noch viel zu geschwächt, weswegen ihm immer wieder die Lider zufielen. Auch ihr entging sein momentaner Zustand nicht, weswegen sie einen eigenartigen Laut ausstieß und sich erhob.
 

»Schlaf. Das ist das Beste, was du jetzt tun kannst.« Während sich die Deutsche bereits in Richtung Tür bewegte, schien ihr noch etwas anderes in den Sinn zu kommen, denn sie hielt inne und wand den Blick erneut ihrem Patienten zu. »Deinen Freund habe ich bereits informiert.«

Mit dieser Information ließ sie ihn alleine. Kurz darauf verlor Kyo den Kampf gegen die Erschöpfung und er wurde zurück in seinen medikamentösen Traum gezerrt.
 

***
 

[Oktober 2012]
 

Nach seinem letzten Krankenhausaufenthalt, war Toshiya ihm auf dem Flughafen in West Hollywood freudestrahlend um den Hals gefallen. Heute, auf dem Gelände vor der Veranstaltungshalle, war alles anders, obwohl er die Band seit Wochen nicht mehr gesehen hatte. Zwischen Ihnen herrschte eine Spannung, die er nicht zu deuten wusste und die ihn auch verunsicherte.

Aus der Ferne hatte er gesehen, wie sie sich unterhielten, aber kaum dass er in Sichtweite kam, verstummten sie und jeder tat plötzlich geschäftig auf dem Smartphone oder, wie im Fall ihres Bassisten, knibbelte am Tragegurt seiner Tasche herum. Kyo runzelte die Stirn, grüßte und selbst die Erwiderung der anderen war irgendwie angespannter und verschlossener als üblich.

Sofort wanderte sein Blick zu Kaoru und er fragte sich, ob dieser den anderen etwas von dem erzählt hatte, was passiert war. Sein Leader räusperte sich, hob kurz die Hand zum Gruß und lächelte ein wenig.

Irgendwas stimmte hier ganz und gar nicht!
 

»Alles okay?«, fragte der Sänger, schaute sie nacheinander an und suchte in ihren Gesichtern nach einer Erklärung für ihr merkwürdiges Verhalten.

»Ja, sicher«, kam es etwas zu hastig von Dai und nun reichte es Kyo endgültig. Er packte Kaoru am Ärmel und fauchte angespannt.

»Ich muss mit dir reden.« Dabei ließ er dem Älteren nicht einmal die Chance dazu, überhaupt etwas zu sagen. Beinahe widerstandslos wurde Kaoru einige Meter vom Rest weggezogen, ehe Kyo stehen blieb, seinen Arm losließ und ihn forschend anschaute.

»Was hast du ihnen erzählt?!«, platzte es aus ihm heraus, allerdings mit gesenkter Stimme.

Kaoru riss die Augen auf, fast als hätte Kyo ihm einen schweren Vorwurf gemacht, dann aber fing er sich wieder und schüttelte heftig den Kopf.

»Sie wissen nichts von – der Sache«, flüsterte er. Ihnen beiden war klar, dass sie dabei durchgehend beobachtet wurden. »Toshiya denkt sich seinen Teil.«

»Was willst du mir damit sagen?«
 

Kyo war noch immer nicht wieder ganz stabil. Die Operation hatte ihm sehr viel abverlangt, auch wenn die Wunde an seinem Rücken, wie versprochen, bereits gut verheilt war; und er sowohl von Ito, als auch von der Jansen die Erlaubnis erhalten hatte, die Tour machen zu dürfen.

Aber die körperlichen Schmerzen waren noch das kleinere Übel an dem ganzen. Was der Eingriff für mentale Folgen auf seine Natur hatte, das hätte er sich beim besten Willen niemals ausmalen können.

In der ersten Zeit, nachdem er nach Hause entlassen wurden war, hatte er getobt und sein Wohnzimmer verwüstet. Die Katze in ihm, ertrug den Gedanken nicht, dass man ihn so sehr um seinen freien Willen betrogen hatte. Das viele Etorphin in seinem Kreislauf, verhinderte zwar immer noch jegliche Transformation, aber das Monster steckte ja nicht nur in seinen Genen, sondern vor allem in seinem Kopf.
 

Kyo hatte es irgendwann nicht mehr ausgehalten, die Wohnung für zwei Tage verlassen und war, wie die sprichwörtliche Straßenkatze, ziellos durch die Stadt gewandert. Er hatte nicht geschlafen, nichts gegessen und sich irgendwann an der Brücke wiedergefunden.

Kyo wusste zwar, dass er von Katsuos Leiche nichts mehr finden würde. Aber dass es nicht einmal einen einzigen Blutfleck gab, hatte ihn irgendwie verstört. Denn es verlieh den Ereignissen die Illusion, als hätten sie nie stattgefunden. Andererseits war er auch froh darüber.
 

Er war den Brückenpfeiler hochgeklettert, hatte die Warnschilder ignoriert und sich auf einen der Stahlträger gesetzt, während tief unter ihm der Arakawa vor sich hin rauschte. Als Katze wäre er darin beinahe ertrunken und er wusste, dass er sterben würde, sollte er abstürzen und von der Strömung mitgerissen werden.

Er würde ertrinken, vielleicht irgendwo angeschwemmt, oder hinaus in die Bay gespült werden; wo Fische und Möwen dafür sorgten, dass von seiner Leiche nicht mehr übrig bleibt, außer Knochen am Meeresgrund. Und Kyo würde sich nur selbst belügen, wenn er behauptete, dass er nicht darüber nachgedacht hätte, sich einfach fallen zu lassen.

Aber er hatte es Kaoru versprochen; damals am Hafen. Er hatte ihm versprochen zu leben, ganz egal was ihm sein verdrehter Verstand auch einflüsterte.

Es war der Deal. Ihr verdammter Deal!
 

»Kaoru, rede mit mir!«, verlangte er angespannt, als sein Leader weiter schwieg und seinen Blicken auswich. »Was ist mit Toshiya?«

»Er war da.« Es klang beinahe wie ein Geständnis, auch wenn Kyo mit diesen Worten nicht viel anzufangen wusste. »An dem Abend, als du operiert wurdest, war er bei mir. Ich habe ihm nichts erzählt, aber ich glaub er ahnt, dass irgendwas passiert ist.«

»Du meinst, dass er herausfinden könnte, was ich getan habe?«

Kaoru zuckte mit den Schultern und sein Sänger gab ein genervtes Fauchen von sich.

»Lass dir gefälligst ein Rückgrat wachsen und hör auf damit, dich wie ein scheues Schulmädchen zu verhalten. Du bist unser Leader!«

»Was erwartest du denn?« Kaoru lachte bitter. »Wie soll ich mit all dem einfach so umgehen, Kyo? Mit dem was - du - .« Kurz schwieg er, dann holte der ältere Mann tief Luft und versuchte sich zu sammeln.

»Außerdem ist noch etwas anderes passiert. Dai wird erpresst.«
 

Als wäre ihm ein eiskalter Windhauch durch den Nacken gestrichen, stellten sich die kurzen Härchen an seinen Unterarmen auf und ein inneres Schaudern schoss ihm durch die Glieder. Kyo starrte ihn an; ungläubig und auch überfordert mit dem was er da hörte.

»Das ist jetzt ein Scherz«, gab er ungläubig von sich, gepaart mit einem heißeren Auflachen. »Warum sollte jemand Dai erpressen? Und womit denn bitte?!«

Es erschien ihm nahezu absurd; aber so wie Kaoru ihn ansah, war dies tatsächlich sein Ernst. Der Sänger wand den Blick zu den anderen, welche sie die ganze Zeit über beobachtet hatten und jetzt sehr auffällig zur Seite weg schauten.

»Wie lange geht das schon?«, fragte er und widmete seine Aufmerksamkeit wieder Kaoru.

»Er hat es uns letzte Woche gesagt. Wir wollten dich nicht damit belasten und ich war mir nicht sicher, ob du bereits wieder aus deinem Zustand raus bist, bevor die Tour anfängt.« Nun kamen sie also auch endlich mal auf das Thema, welches bereits seit Kyos Ankunft zwischen ihnen schwebte. »Bist du es denn wieder du
 

Die Antwort war ein knappes Schulterzucken.

»Den Umständen entsprechend. Ich bin zumindest wieder mehr ich, als letzte Woche. Aber das tut jetzt nichts zur Sache!« Wieder sah er zu Dai und er wusste nicht ob es vielleicht Einbildung war, aber irgendwie wirkte ihr zweiter Gitarrist nervös und gar nicht so cool wie sonst auch. »Was ist denn jetzt mit ihm?«

Da das Geheimnis nun raus war, gelangte auch Kaoru zu seiner sonstigen sicheren Ausstrahlung zurück. Der Leader strich sich über den Nacken und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, lag in ihnen ein Ausdruck, mit dem Kyo nichts anzufangen wusste.

»Jemand hat sehr intime Fotos von ihm; keine Ahnung woher. Und noch einige andere ‘delikate Dinge’. Aber Dai will nicht damit rausrücken, was genau damit gemeint ist.«

»Sind die Fotos echt?«

Immerhin könnte es sich ja auch um Fälschungen handeln. Kaoru aber nickte.

»Laut Dai sind sie es.«

»Hast du sie gesehen?«

»Nein! Er ist ihm peinlich und wenn er sagt, dass uns das große Probleme einhandeln könnte, dann glaube ich ihm auch.«

»Verstehe.«

Dass es hierbei um Fotos mit sexuellem Inhalt ging, stand außer Frage. Kyo interessierten die Vorlieben seiner Freunde und Kollegen nicht und dass irgendwelche Stalker nun auf die Idee kamen, diese in die Öffentlichkeit zu zerren, machte ihn wütend.

»Was will dieses Arschloch von ihm? Geld?«
 

»Das ist ja das Seltsame daran,« antwortete sein Gegenüber zerknirscht und endlich gewann sein Blick etwas zurück, was Kyo sehr vertraut war. Kaoru war frustriert darüber, dass er mit einem Problem konfrontiert war, welches er nicht lösen konnte.

»Er oder sie will kein Geld. Eigentlich gab es noch keine einzige Forderung. Lediglich Briefe in denen steht, dass es diese Fotos gibt und die Person bereit wäre, alles damit anzustellen, was sie will.«

Kaorus Ratlosigkeit, sprang damit auch auf Kyo über, was diesen die Stirn runzeln ließ.

»Also vorerst nur reine Machtdemonstration?«

»Sieht so aus«, stimmte der Gitarrist zu und verschränkte die Arme vor der Brust. Er sah sehr müde aus und hatte sich wahrscheinlich die letzten Nächte mit diesem Thema vom schlafen abgehalten. »Das hat uns gerade noch gefehlt.«

Dem musste Kyo leider zustimmen und nun verstand er auch die seltsame Anspannung der anderen; welche wohl zusätzlich darauf warteten, dass er sie beruhigte und ihnen mitteilte, dass er okay und die Operation erfolgreich verlaufen war.
 

»Kyo.« Kaorus Stimme war nun wieder leiser und unsicher. Der plötzliche Stimmungswechsel veranlasste ihn dazu, den Kopf etwas auf die Seite zu neigen. »Wegen der Sache mit dem Injektor. Ich weiß, dass es viel von dir verlangt ist und dass du zu Recht wütend auf mich bist. Aber es ging nicht anders. Du bist - .«

»Ich bin eine Gefahr für dich, die Band, das Team und die Fans.«

Er sprach damit genau das aus, was Kaoru dachte und trotzdem sah er, dass es diesem unangenehm war.

»Ja. Ich hätte dich nicht dazu gezwungen, wenn es nicht absolut notwendig wäre.«

»Das weiß ich.« Kyo schob die Hände in die Taschen seines Hoodies. »Der Mensch, der ich jetzt gerade bin, ist froh darüber, dass dieses Ding nun in mir ist. Aber der andere Teil hasst dich dafür,« versuchte er zu erklären. »Und ich kann nicht versprechen, dass sich die Katze, dir gegenüber, auch in Zukunft noch so zutraulich verhalten wird.«
 

Nicht nur Satoshi war aufgefallen, dass Kyos Monster, in Kaorus Nähe, erstaunlich zahm blieb. Auch Kyo selbst; obgleich die Erinnerungen während der Transformation verschwommen blieben; wusste davon und es hatte ihn irgendwie auch nicht besonders überrascht. Kaoru war immer sein seelischer Anker gewesen, egal in welchem Zustand.

Nun allerdings, nach der Sache mit dem Gerät, hatte sich etwas zwischen ihnen verändert, was vor allem für den Leader gefährlich war.

»Ich verstehe.« Auch wenn er es zu verstecken versuchte, so entging Kyo der verletzte Unterton in der Stimme des anderen nicht.

»Es tut mir leid.« Was genau er damit sagen wollte, wusste er selbst nicht. Kyo streckte eine Hand aus, drückte kurz Kaorus Schulter und wand sich dann ab, um zum Rest der Band zu gehen. Dabei suchte er gezielt Dais Blick, welcher unsicher zwischen ihm und dem Fußboden hin und her schaute.

»Lass uns später darüber reden, okay?«, war alles was Kyo dazu sagte und zumindest schien der andere erleichtert darüber zu sein, dass er die unangenehmen Details nicht hier besprechen musste.

Zumal ihr Manager soeben aus dem Gebäude trat und mit einem Mann zu seiner Rechten sprach. Dass es um die Planung für das Konzert in zwei Tagen ging, war offensichtlich. Heute wollten sie sich den Raum und die Bühne anschauen.
 

Kyo hielt sich im Hintergrund, während Kaoru sofort in seine Rolle als Leader verfiel und sich an dem Begrüßungs-Tamtam beteiligte. Traditionen hin oder her, mittlerweile war der Sänger all das einfach nur noch leid.

Das repetitive Verbeugen, das einander Vorstellen, die immer gleichen Phrasen; dies alles vermittelte ihm schon lange ein Gefühl der Überflüssigkeit. Dass sich die meisten Menschen mit seiner direkten und leider oft auch verletzenden Art schwer taten, war ihm klar und er hatte gelernt dies weitestgehend zu ignorieren.

Ihr Manager hingegen mied den Blick in seine Richtung und er konnte nicht anders, als innerlich zu grinsen.
 


 

»Und, was denkst du?«

»Es ist eine Bühne wie jede andere auch.«

»Deine Begeisterung war auch schon mal größer.«

»Was erwartest du denn, was ich sage, Dai?«

Kyo schaute zu dem Gitarristen hoch, welcher sich, seit sie das Gebäude betreten hatten, auffällig häufig in seiner Nähe aufhielt.

Kaoru war längst irgendwo hinter der Bühne verschwunden, um Leaderdinge zu tun, von denen Kyo nur bedingt eine Ahnung haben wollte.

Shinya stand mit Kenji auf der Bühne und sie besprachen offensichtlich etwas, was für den Aufbau des komplizierten Drumsets wichtig war.

Und Toshiya hatte sich ans hintere Ende der Zuschauersitze verzogen und machte Fotos mit seinem Smartphone - welche er hoffentlich nicht posten würde.
 

»Du könntest ja mal lächeln.«

Nun rollte er mit den Augen und stieß dem Mann neben sich, mit den Ellenbogen leicht in die Seite.

»Ich bin doch nicht die Grinsekatze aus dem Wunderland.«

Ein leises Lachen kam aus Dais Mund.

»Wundersam bist du schon immer gewesen, Gnom. Auch ohne Katzengene.«

»Katzengene?« Nun hob er zweifelnd eine Augenbraue. »Ja bin ich denn Spiderman?«

»Wer weiß, vielleicht wirst du demnächst auch noch von einer Spinne gebissen und dann wachsen dir acht kuschelige Beine.«

Nun konnte er nicht anders und fing tatsächlich an leise zu lachen.

»Du weißt, dass Shinya völlig ausflippen würde?«

»Natürlich. Deine Pfötchen wären nicht mehr vor ihm sicher.«

Irgendwie konnte er sich dies sogar lebhaft vorstellen.

»Stimmt.«
 

Zwischen ihnen kehrte Stille ein und eine merkwürdige Stimmung, in der so viele Worte steckten, die ausgesprochen werden wollten. Aber keiner war versucht den Anfang zu machen. Schließlich überwand Kyo sich als erster und fragte leise.

»Was genau sind das für Fotos?« Dabei ließ er den Blick nicht von ihrem Drummer, welcher auf dem Boden hockte, hier und da auf etwas zeigte und mit Kenji sprach, der sich eifrig Notizen machte. Manchmal wirkten die zwei wie Lehrmeister und Schüler.

»Ich war unvorsichtig und betrunken.« Die Antwort war so leise, dass er sie vielleicht überhört hätte. Trotzdem brummte Kyo verstehend.

»Warst du im Club?«

Dai knurrte frustriert und als Kyo den Kopf zu ihm drehte, sah er, wie dieser sich nervös durch die Haare fuhr. Sie waren wieder deutlich länger geworden.

»Das ist fast zwei Jahre her.«
 

Es war wirklich anstrengend, jede einzelne Information aus Dai heraus zu ziehen. Aber Kyo konnte ihm nicht helfen, wenn er nicht wusste, um was genau es hier ging.

»Wann und wo?«, fragte er, hörbar ungeduldig. Dabei wusste Dai doch, dass sein Sänger durchaus ein Geheimnis für sich behalten konnte. Kyo war zwar sozial inkompetent, aber keine Labertasche.

»Unser letzter Auftritt in Osaka, 2010. Du bist nach der Show ins Hotel gefahren, Shinya ist nach dem Konzert einfach despawnt und Kaoru - na ja, du kennst ihn doch, der Kerl ist mit seinem Laptop verheiratet. Also bin ich mit Toshiya und ein paar anderen vom Team, in einen der großen Clubs gegangen.«

Unruhig kratzte sich Dai sich den Handrücken und spielte dann nervös an seinem Ringfinger herum.
 

»Hast du jemanden abgeschleppt?« Auch wenn er oft den Eindruck vermittelte, aber eigentlich war Dai kein Aufreißer. Aber nach einer längeren Tour und mit zu vielen überschäumenden Hormonen, samt Alkohol im Blut, war es kaum verwunderlich, dass sogar Dai mal über seinen Schatten sprang und sich einen One-Night-Stand gönnte.

»Das kann man so sagen.«

Und schon wieder eine halbe Information, was Kyo ein weiteres Mal dazu veranlasste, mit den Augen zu rollen und genervt zu brummen.

»Was ist passiert?«

Dass Musiker auch mal Fans ins Hotelzimmer mitnahmen und dort Sex hatten, war nun wirklich nichts neues. So lange alles einvernehmlich war, würde niemand - .

Er zuckte zusammen, als ihm ein schrecklicher Verdacht kam und Kyos Blick schnellte regelrecht nach oben.

»Dai. Ihr wolltet das beide, oder?«, fragte er, mit so viel Nachdruck, dass ihn sein Freund nun so erschrocken anstarrte, als hätte Kyo ihm gegen’s Schienbein getreten; oder seine Katze aus dem Fenster geworfen.

»Was?!«, keuchte er fassungslos. »Natürlich! Darum geht es nicht!«

»Um was geht es dann?!« Sein Geduldsfaden riss hörbar und er musste sich zusammenreißen, um nicht so laut zu werden, dass jeder andere im Gebäude, an ihrem Gespräch teilnahm. »Was ist so schlimm an diesen Fotos, dass du so um den heißen Brei herum schleichen musst?«

Dais Lippen öffneten sich mehrmals, als versuche er etwas zu sagen, aber die Worte steckten ihm im Hals fest. Kyo sah ihn schlucken, wieder fuhr er sich zittrig durch die Haare, schließlich aber flüsterte er heißer.

»Es war ein Mann.«
 

Sekundenlang wusste er nicht, was er dazu sagen sollte. Er empfand in erster Linie eigentlich nur Erstaunen und Verwirrung.

»Und?«

Vielleicht hatte sein Freund damit gerechnet, dass Kyo ihm nun einen langen Vortrag darüber hielt, wie ekelhaft er es fand, dass Dai mit einem Kerl im Bett gelandet war. Oder dass er ihm direkt Freundschaft und Arbeitsverhältnis kündigte. Aber diese simple Antwort kam so überraschend, dass dem Gitarristen die Gesichtszüge entgleisten.

»Und?«, echote er. »Ich hatte Sex mit einem Typen!«

»Ja, das habe ich schon verstanden«, sprach Kyo mit etwas mehr Nachdruck. »Und wo genau ist nun das Problem? Seit die Band besteht, wird darüber diskutiert ob wir schwul oder hetero sind.

Mir könnte es nicht egaler sein, was andere über uns denken und es ist mir auch egal, mit wem ihr ins Bett steigt, so lange es nicht illegal ist!«
 

Offensichtlich hatte er Dai überfordert, denn dem hatte es nun wirklich die Sprache verschlagen; weshalb er scharf ein- und anschließend schwerfällig wieder ausatmete.

»Danke, das bedeutet mir viel.«

»Außerdem,« ergänzte Kyo, »wissen wir beide, dass Kaoru nicht nur deshalb so sehr an mir klebt, weil er ein verdammter Gutmensch ist.«

Das leichte Lächeln auf Dais Lippen, kam beinahe einer Erleichterung gleich und Kyo stieß ihm brüderlich in die Seite.

»Ich bin nicht schwul«, murmelte der größere Mann.

»Und habe ich dich darum gebeten, dich vor mir zu rechtfertigen?«

»Es … ich … du sollst das einfach nur nicht missverstehen.«

»Dai!« Irgendwie schien heute völlig verkehrte Welt zu herrschen. Erst stammelte Kaoru herum und jetzt verwandelte sich auch noch Dai, vor seinen Augen, in ein unsicheres Häuflein Elend. »Es ist okay und es geht mich nichts an, ob du nun Männer oder Frauen datest. Denkst du allen ernstes, dass ausgerechnet ICH ein Problem damit habe, wenn jemand mal aus der Reihe tanzt?«

»Nein, das denke ich nicht.«

»Na also. Wir sind Freunde und wenn du an dem Abend einen Typen abgeschleppt hast, dann hattest du einfach Bock auf den Kerl. Mach dich deswegen nicht verrückt und warum erzählst du Kaoru, dass es unsere Kariere gefährden könnte?«
 

Dieser Part leuchtete Kyo nicht so wirklich ein. Wie schlimm konnten die Fotos denn sein? Lag es nur daran, dass auf den Bildern ein anderer Mann zu sehen war?

»Es ist alles sehr … ähm … spicy.« So rot wie Dai nun wurde, musste der Abend damals ja wirklich sehr heiß abgelaufen sein.

»Verstehe.« Kyo wollte keine Details. »Du hast also Angst davor, dass jemand die Fotos von Klein-Dai demnächst im Netz veröffentlichen könnte?«

Ein zustimmendes Nicken war die Antwort und dies konnte Kyo nun tatsächlich nachvollziehen. Er selbst würde auch nicht wollen, dass man Bilder seines Intimbereichs in irgendwelche Onlineforen stellte; auch wenn er sich, für gewöhnlich, durchaus gern etwas freizügiger gab.

»Kannst du dich noch an den Kerl erinnern?« Vielleicht war es ja möglich, den Erpresser ausfindig zu machen. Als Dai jedoch den Kopf schüttelte, wurde diese Hoffnung direkt wieder zerstört.

»Es ist zu lange her und ich war damals wirklich ziemlich besoffen, wenn ich ehrlich bin. Ich habe nicht einmal gemerkt, dass er die ganze Zeit über Fotos gemacht hat! Und auf den Bildern ist sein Gesicht nicht zu sehen.«
 

Das war schlecht.

Nachdenklich kratzte sich Kyo am Kinn und richtete die Augen wieder auf die Bühne, ohne einen konkreten Punkt zu fixieren.

»Da schickt dir jemand diese Fotos, erpresst dich und stellt nicht einmal Forderungen?« Zweifelnd schüttelte er den Kopf. »Welcher Erpresser würde so handeln?«

Dai zuckte ratlos mit den Schultern.

»Ich glaub, er versucht erst einmal nur die Muskeln spielen zu lassen. Früher oder später kommt sicherlich etwas und davor habe ich wirklich Angst, Kyo. Ich weiß kaum noch, was an diesem Abend passiert ist. Was wenn diese Fotos nur der Anfang waren?«

»Du meinst, was wenn es noch schlimmeres gibt, was er aber vorerst zurück hält?«

Er konnte das unangenehme Schaudern nicht unterdrücken, als sein Kollege betrübt nickte. Und in die Sorge um Dai, mischte sich zusätzlich eine ihm sehr vertraute Wut.

Schon wieder versuchte jemand, seiner Familie zu schaden und dieses Mal wollte Kyo sicherlich nicht so lange warten, wie er es bei Katsuo getan hatte!

Sie mussten handeln und das Arschloch finden!
 

***

Kapitel 35 ¦ Katzenwächter


 

***

 

Das Treffen zog sich in die Unendlichkeit; zumindest fühlte es sich für Kyo so an. Dabei hatte er, in seiner Rolle als Sänger, deutlich weniger mit all dem zu tun, als der Rest seiner Kollegen. Außerdem war dies nicht ihr erster Auftritt in der Shibuya-AX und so war es auch nicht weiter verwunderlich, als er sich entschied, nicht mit Kaoru und den anderen essen zu gehen.

Sein Leader hatte ihn zwar enttäuscht angeschaut, Kyo war aber noch immer nicht dazu im Stande, sich seine übliche Maskerade überzustreifen, um den anderen einen schönen Abend vorzuspielen. Also rief er sich ein Taxi und ließ sich zurück zu seiner Wohnung fahren.

Die ganze Zeit über hing er seinen Gedanken nach. Einerseits war der Tag erstaunlich entspannt verlaufen und sein inneres Monster war, gegenüber Kaoru, ruhig geblieben. Allerdings bereitete ihm nun die Sache mit Dai starkes Kopfzerbrechen.

Wer steckte dahinter? Und wieso sollte diese Person fast zwei Jahre warten, ehe sie mit dieser Erpresserscheiße anfing? Das ergab doch keinen Sinn!

 

Das Taxi hielt, er zahlte und stieg dann aus.

Mittlerweile war der Himmel verhangen, es sah nach Regen aus und auch von der Sonne war nur noch ein hässliches Streulicht über dem Horizont zu erkennen. Die Tage wurden immer kürzer, was ihn aber am wenigsten störte. Schon vor seiner Erkrankung hatte er die dunklen Jahreszeiten immer der Hitze vorgezogen und nun tat er dies erst recht!

 

Rasch eilte er über den Fußweg, ging über den Parkplatz vorm Gebäude und kramte derweil nach dem Schlüsselbund in seiner Jacke, als ihm ein Mann auffiel, welcher dabei war die Klingelschilder zu studieren.

Kyo hatte ihn noch nie gesehen, aber andererseits interessierte er sich weder für seine Nachbarn, noch für deren Besucher, weswegen er dem Kerl keine große Beachtung schenkte. Er hoffte nur, dass dieser nicht auf die Idee käme, ihn um Einlass ins Haus anzubetteln.

In der Hoffnung sich schnell an dem großen Mann vorbei zu schleichen, versuchte er möglichst leise zu gehen. Aber entweder hatten ihn seine Schritte verraten, oder aber der Fremde hatte ihn im Augenwinkel bemerkt. Denn jetzt sah er auf und wand ihm den Blick zu. Kyo war versucht so zu tun, als hätte er ihn überhaupt nicht bemerkt, aber als ihn der Mann nun direkt ansprach, konnte er nicht anders, als ein frustriertes Seufzen von sich zu geben.

 

»Nishimura-san, wie ich annehme?«

Seine Stimme war tief, hatte einen lokalen Dialekt und besaß ein Brummen, welches er nicht wirklich zuzuordnen wusste. Kyo betrachtete ihn nun doch etwas genauer. Er war recht groß, athletisch, älter als er selbst, aber im Allgemeinen war nichts an ihm wirklich auffällig.

»Melden Sie sich bei meinem Management, wenn Sie ein Interview wollen. In meiner Freizeit rede ich nicht mit Reportern.« Denn was sollte der Typ denn auch anderes sein?

Es wäre ja doch nicht das erste Mal, dass man ihm zu Hause auflauerte, nur um ihm dreist eine Visitenkarte, oder sogar ein Diktiergerät unter die Nase zu halten. Japanische Höflichkeit hin oder her, aber auch in ihrem Land gab es massenhaft angehende Journalisten, die es mit der Karriereleiter etwas zu genau nahmen.

 

»Oh, ich arbeite ganz sicher nicht für eine Zeitung«, erwiderte der Fremde leicht belustigt und griff nun in die Innenseite seiner Jacke. Kurz darauf hielt er ihm eine Dienstmarke vor die Nase und Kyo wich ein paar Zentimeter zurück, die Stirn vor Überraschung und Verwirrung gerunzelt.

»Kommissar Suzuki Masahiro. Ich muss mit Ihnen über jemanden sprechen, den wir beide sehr gut kennen. Oder besser gesagt, den wir kannten.«

 

Eiseskälte packte ihn, griff nach seinem Herzen und drückte dann erbarmungslos zu. Kyo konnte nicht anders, als den Kommissar voller Entsetzen und auch Angst, anzustarren. Seine Gedanken rasten um sämtliche, potentielle Szenarien und blieben dann doch immer wieder an zwei Namen hängen. Nur dass er Katsuo am liebsten vergessen wollte und Satoshi ihm mittlerweile viel zu nahe stand!

Ist etwas mit dem Alten?’, fragte er sich, nicht in der Lage etwas zu sagen. Kommissar Suzuki wartete geduldig und beobachtete seine Reaktionen.

»Vielleicht möchten wir das oben besprechen?«, fragte dieser und blieb dabei durchgehend ruhig und professionell. Der Mann war ein Jäger, das sah man ihm deutlich an und Kyos inneres Monster registrierte die schwer definierbare Ausstrahlung Suzukis mit nervöser Unruhe.

»Sicher«, sagte er schließlich, öffnete die Eingangstür und sie begaben sich zu den Fahrstühlen. Erst als sich die schweren Metalltüren hinter ihnen schlossen, wurde Kyo sich seines potentiellen Fehlers bewusst. Er brachte so viel Raum wie möglich zwischen sie, obwohl der Polizist keine Anstalten machte, ihn anzugreifen.

Er war definitiv keine Katze. Also wieso verspürte er in dessen Nähe eine solche Nervosität?

 

Dass er die ganze Zeit über die Luft angehalten hatte, wurde ihm erst bewusst, als sie den Fahrstuhl verließen und in den Flur traten, an dessen Ende sich Kyos Appartement befand. Gern wäre er einfach losgelaufen, hätte sich in seiner Wohnung eingeschlossen und kein einziges Wort mit dem Mann zu seiner Linken gewechselt. Aber er hielt sich zurück, schloss auf und trat ein.

»Passen Sie auf, wo Sie hintreten«, sagte er, aktivierte das Licht und vor ihnen offenbarte sich das pure Chaos. Beim Anblick der vielen Glasscherben und zertrümmerten Bilderrahmen am Boden, stieß Kyo ein langes Seufzen aus und ergänzte: »Und behalten Sie die Schuhe an.« Das letzte was er jetzt gebrauchen konnte, war ein Polizist mit aufgeschnittenen Füßen.

 

Mit einem metallischen Klicken zog er die Tür zu und warf einen musternden Blick auf Suzuki, welcher zwar keine Miene verzog, aber dafür mit beruflicher Professionalität das Durcheinander begutachtete.

Die dunklen Flecken an der Tapete zeigten deutlich, wo sich vor kurzer Zeit noch eben jene Bilder befunden hatten, die nun am Fußboden lagen. Die Ecke des Schuhschranks war abgesplittert, einer der Griffe abgebrochen. Zu den wenigen Dekoartikeln, die Kyo tatsächlich besaß, zählten ein paar kleine Statuen, von denen einige zerbrochen in einer Ecke langen und in alles mischten sich die Fetzen irgendwelcher Zettel und Notizen.

Das Wohnzimmer sah noch schlimmer aus, als der Flur. Selbst seinen Fernseher würde er entsorgen müssen, da seine schwere Teekanne im Bildschirm gelandet war.

Zum Glück war seine Konsole verschont geblieben, aber das war nur ein kleiner Trost.

Er hatte nicht mit Besuch gerechnet und dementsprechend auch noch keine große Lust verspürt, für Ordnung zu sorgen. Nicht so lange das unterschwellige Gefühl von Wut weiter anhielt. Allerdings musste er sich auch eingestehen, dass es ihm nun doch unangenehm war.

 

»Also?«, fragte er. »Was wollen Sie von mir?«

Kommissar Suzuki musterte das Durcheinander, wirkte aber nicht überrascht, sondern schien sich irgendwie in etwas bestätigt zu sehen. Hatte dieser Kerl ihn etwa bereits vorverurteilt, so wie alle anderen, die Kyo für einen gemeingefährlichen Spinner hielten?

»Bevor es zu Missverständnissen kommt, will ich vorab anmerken, dass ich keine Katze bin.«

Seine eigentlich gespielt coole Maske, verrutschte bei diesen Worten ein wenig. Also mit einer solchen Direktheit, hatte er jetzt wirklich nicht gerechnet!

Da er nichts darauf zu erwidern wusste, schwieg er. Der Polizist wartete, ehe er weiter sprach.

»Satoshi sagte mir, dass Sie nun endlich wieder ansprechbar sind, Nishimura-san und ich kenne Ihn und ihre ‘Spezies’ nun schon lange genug, um auf sein Urteil zu vertrauen.«

Ein Freund von Satoshi also?

Kyo blieb dennoch misstrauisch und brummte:

»Aber Sie sind trotzdem keiner von ‘uns’?«

»Ja, ich bin dafür da, um hinter euch aufzuräumen.«

Irrte er sich, oder war die Haltung des anderen, ihm gegenüber, irgendwie ablehnend?

Kyo war es ja gewohnt, dass die Leute sich über ihn ein Urteil bildeten, noch bevor sie auch nur ein Wort miteinander gewechselt hatten. Und normalerweise war es ihm auch herzlich egal. In diesem Fall jedoch, gefiel es ihm überhaupt nicht, immerhin besaß dieser Mann deutlich mehr rechtliche Kompetenzen, als er.

 

»Wie darf ich das verstehen?« Kyo verschränkte die Arme und ließ es sich nicht nehmen, einiges an Abstand zwischen sie zu bringen. Dass er dem Kommissar keinen Sitzplatz anbot, war kein Zufall.

Dieser ließ nicht erkennen, ob ihn das Verhalten des Sängers beleidigte, er blieb auch jetzt professionell und endlich wurde Kyo klar, wieso genau er sich ihm gegenüber so seltsam fühlte. Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen, gab sich Suzuki komplett unbeeindruckt von der natürlichen Ausstrahlung des Katers.

»Wenn ihr Feloidea euch gegenseitig umbringt, dann muss sich jemand mit den Hinterbliebenen auseinandersetzen und die ganzen Lügengeschichten, glaubhaft in irgendwelchen Akten vermerken. Haben Sie eigentlich eine Ahnung, was für ein riesen Aufwand das alles ist?«

In seiner Kehle bildete sich ein widerlicher Klumpen, da nun endlich klar wurde, um was genau es hier eigentlich ging. Kyo hatte gebetet, sich nie wieder mit dieser Angelegenheit befassen zu müssen. Es reichte schon aus, dass es ihm immer noch den Schlaf der meisten Nächte raubte!

 

»Ich habe Sie sicherlich nicht darum gebeten, sich um meine Angelegenheiten zu kümmern.«

»Sie nicht, aber Satoshi und das aus gutem Grund! Die Angelegenheit der Feloidea, gehen mich nichts an und wieso Sie für Matsuda-sans Ableben gesorgt haben, interessiert mich auch nicht.

Aber die Anzahl an Leuten, im öffentlichen Rechtsapparat, die in dieser Sache bewandert sind, ist schwindend gering. Ich für meinen Teil, will nicht, dass einer meiner Kollegen in die Fronten Ihrer kleinen Grabenkriege gerät!«

Aha, also ging es hier um etwas persönliches. Was auch immer diesen seltsamen Polizisten und die Feloidea verband, aber es musste etwas vorgefallen sein. Andernfalls würde Suzuki nicht so reagieren.

»Katsuo hat uns zuerst angegriffen und nicht umgekehrt! Es war reine Notwehr!«

»Natürlich, es ist immer Notwehr!«, kam es sarkastisch. »Ich habe bereits mit Takeda Yuuto gesprochen und weiß von dem Unfall. Allerdings konnte er mir nur sagen, dass Sie sich mit Matsuda-san geprügelt haben, bis sie gemeinsam von der Brücke stürzten.«

 

Plötzlich wurden die Gesichtszüge des anderen weicher und der harte Ausdruck in dessen Augen verschwand ein wenig. Dennoch schien Kommissar Suzuki ein allgemein sehr ernster Mann zu sein.

»Der Arakawa führt um diese Jahreszeit sehr viel Wasser. Es gleicht einem Wunder, dass sie beide nicht ertrunken sind.«

»Mein Kater ist ein guter Schwimmer.«

Wie seltsam sich diese Worte in seinen eigenen Ohren anhörten. Sie waren einfach so aus ihm herausgeplatzt und nun entwich seinem Gesprächspartner tatsächlich ein leises Auflachen.

»Ihr Biester erstaunt mich immer wieder«, sagte er, auch wenn er mehr zu sich selbst zu sprechen schien. Allmählich wurde es Kyo leid, wie ein Idiot in seinem eigenen Wohnzimmer zu stehen. Er bedeutete dem anderen, ihm zu folgen, betrat die Küche und deutete auf einen der Stühle. Etwas zu trinken, wollte er ihm aber trotzdem nicht anbieten.

 

»Also weiß die Polizei von Tokyo, über die Feloidea Bescheid?«, stellte er die offensichtliche Frage und erhielt ein Nicken.

»Das Justizministerium, ist sich über die Erkrankung durchaus im Bilde, hält aber artig die Füße still. Natürlich wissen es nur einige wenige Eingeweihte und, wäre ich damals nicht unfreiwillig in alles hinein gestolpert, würde ich definitiv nicht dazu gehören.«

Nun doch neugierig geworden, runzelte Kyo die Stirn und erst jetzt bemerkte er die Narbe, am Hals des Polizisten. Kurz deutete er darauf.

»Deswegen?«

Wieder nickte Suzuki.

»Ja, vor einundzwanzig Jahren. Ich verlor dabei meine Kollegin und beinahe auch mein eigenes Leben.«

 

Kyo ließ die Worte auf sich wirken und seufzte dann leise.

»Man muss sich offenbar nicht einmal aktiv infizieren, damit dieses scheiß Virus einem das Leben versaut.«

Wieder schmunzelte der andere, wesentlich versöhnlicher, als noch am Anfang des Gesprächs.

»Satoshi hat mich bereits vorgewarnt, dass Sie ein ziemlicher Pessimist sind und, wenn ich ehrlich bin, dann habe ich auch nichts anderes erwartet.«

Nun musste Kyo mit den Augen rollen und er stöhnte leicht genervt.

»War der Alte eigentlich schon immer so eine verdammte Labertasche?«, verlangte er zu wissen, was Suzuki ein weiteres Mal mit einem Lachen kommentierte.

»Das Alter hat ihn redselig werden lassen. Damals jedenfalls, hat es sehr lange gedauert, bis er endlich mit der Wahrheit raus gerückt ist.«

»Und Ihre Vorgesetzten waren darüber nicht besonders glücklich«, schlussfolgerte Kyo, was die Mundwinkel des anderen Mannes leicht zucken ließ.

 

»Ganz genau, Sie können sich den Stress nicht vorstellen, den dieser ganze Fall im Ministerium ausgelöst hat. Ihr löst eure Streitigkeiten normalerweise unter euch und wir werden nur dann gerufen, wenn jemand die Akten bereinigen muss.«

‘Die rechtliche Müllabfuhr also.’

Kyo dachte sich dies nur, um den Polizisten nicht zu beleidigen. Aber irgendwie war es auch gruselig, dass sogar der nationale Rechtsapparat eine solche Angst vor den Feloidea hatte, dass sie sich nicht einmal in Morde einmischten. Satoshi und Christine hatten ihm zwar erzählt, dass es gewisse Leute gab, welche einen immensen Einfluss auf die Politik besaßen. Aber das hier überstieg selbst seine Vorstellungskraft.

»Muss ich mir jetzt Sorgen machen, dass ich Ärger mit Stjørdal bekomme?«, fragte er frei heraus und nun erzeugte er tatsächlich eine echte Gefühlsregung in den Augen seines Gegenübers. Masahiro zuckte leicht zusammen und er zögerte eine Sekunde zu lange, eher er antwortete.

»Dann wurden Sie über dieses Thema bereits informiert?«, wollte er wissen, was Kyo dazu veranlasste zu nicken.

»Zumindest so weit, wie Satoshi bereit war, mir zu erzählen. Also?«

 

Der Kommissar fing sich wieder und setzte seine professionelle Maske auf.

»Nein, das hier gehört tatsächlich zu meinen üblichen Aufgaben. Ich sorge dafür, dass mögliche Beweise verschwinden und Ihre Akte nicht weiter belastet wird.«

Bei der letzten Bemerkung, konnte er das leichte Augenrollen nicht unterdrücken.

»Jetzt sagen Sie mir bitte nicht, dass diese Geschichte von damals, immer noch da drin steht! Ich dachte so etwas verjährt irgendwann.«

»Sie meinen ihre Jugendstrafe?« Eigentlich war die Frage überflüssig. »Wir löschen alte Einträge nicht, aber man kann Ihnen ein solches Vergehen heute auch nicht mehr zu Lasten legen. Sie waren noch minderjährig.«

Nicht wirklich beruhigt davon, meinte Kyo brummend.

»Es war eine einmalige Sache.«

»Das hätten Sie sich vorher überlegen sollen. Hätte der Besitzer keine Kameras aufgehängt, wäre der Ladendiebstahl nicht einmal aufgefallen.« Natürlich hatte sich Masahiro seine Akte angeschaut und er kannte die Einzelheiten. »Allerdings muss ich auch sagen, dass der Richter damals ein wenig überreagiert hat; zumindest ist das meine Einschätzung.«

»Na, da sind wir ja mal einer Meinung.« Der Sänger verschränkte die Arme vor der Brust, aus seinem Blick sprach purer Trotz. »Ein riesen Theater, nur wegen ein paar Onigiri.«

 

Nicht einmal Kaoru und die anderen kannten diesen Teil seiner Vergangenheit, weil es ihm einfach nur peinlich war. Nicht nur deshalb, weil man ihn damals erwischt hatte. Es war in dem ersten Jahr passiert, nachdem er von zu Hause weggelaufen war.

Irgendwann waren seine letzten Geldreserven aufgebraucht; die paar Yen, die er durch seine Aushilfsjobs bekam, gingen für die Miete drauf und schließlich hatte der damals siebzehnjährige Kyo, den stechenden Hunger nicht mehr ausgehalten.

Zum Sozialamt zu gehen und um finanzielle Hilfe zu betteln, war für ihn nicht in Frage gekommen, denn die hätten sofort seine Eltern informiert; und genau vor denen und den ständigen Konflikten, war er ja schließlich abgehauen!

»Eine Verwarnung hätte auch gereicht, anstatt Ihnen direkt Sozialstunden aufzubrummen.«

Das waren alles Erinnerungen, die Kyo ganz tief in seinem Kopf vergraben hatte und der Polizist erspielte sich soeben keine Sympathiepunkte, indem er diese wieder hervor kramte.

»Stimmt«, murrte er nur angefressen. »Was genau wollen Sie denn jetzt von mir? Sie sind ja wohl kaum zu mir gekommen, um mir zu sagen, ich soll ihnen gefälligst keinen Ärger machen.«

 

Ob es nur an seiner Aussage lag, wurde nicht ganz klar. Aber irgendwas schien Kommissar Suzuki zu amüsieren, denn er fing an zu lachen.

»So habe ich das sicherlich nicht gemeint. Aber Sie werden verstehen, dass es mir lieber wäre, wenn ihr Revierzank nicht auf meinem Schreibtisch landen muss.

Verprügeln Sie sich ruhig gegenseitig, aber vermeiden Sie es bitte, einander umzubringen. Satoshi und ich mögen Freunde sein, aber das heißt nicht, dass ich besonders viel mit den Angelegenheiten der Feloidea zu tun haben will.« Plötzlich verschwand das Lächeln und er wurde wieder ernster. »Und in erster Linie will ich keine Besuche in meinem Büro, die etwas mit Stjørdal zu tun haben.«

Aha, also doch wieder Stjørdal?

Kyo konnte nicht anders, als ein gewisses Maß an Angst zu verspüren. Dieser verdammte Name schien ständig über allem zu schweben, was mit der Gesellschaft der Katzen zu tun hatte.

 

»Hatten Sie schon einmal das Vergnügen?«, wollte er neugierig wissen und bekam als Antwort ein Nicken, gepaart mit einem zerknirschten Ja.

»Unglücklicherweise ja. Bei einer Angelegenheit die es zu bereinigen galt, grub ich ein wenig zu tief und eines Tages stand ein Mann namens Sun Yáo in meinem Büro.«

Kyo glaubte, so etwas wie Furcht in Kommissar Suzukis Augen schimmern zu sehen.

»Klingt nicht gerade japanisch.«

»Dieser halbblinde Teufel ist der Leiter von Stjørdal Asia.«

Urplötzlich erinnerte er sich an den Wikipedia Artikel über den Konzern und kaum dass sein Gegenüber den letzten Satz beendete, kramte Kyo nach seinem Handy und rief die Seite auf.

Verwirrt von seinem Verhalten, beobachtete ihn der Kommissar schweigend und wartete ab.

Es dauerte nicht lange, da fand er was er suchte. Er öffnete das Foto, drehte sein Smartphone quer und zoomte an die Gesichter heran.

 

»Ist er das?«, fragte er und hielt das Display so, dass auch der Polizist etwas erkennen konnte. Dabei tippte er mit dem Finger auf das Gesicht eines Mannes und die Art, wie Suzuki seine Augenbrauen zusammenschob, war ihm Antwort genug.

»Ganz genau«, knurrte er giftig.

Endlich wurde auch klar, was dieser mit ‘halbblind’ gemeint hatte. Yáos komplette, linke Gesichtshälfte, war ein Chaos aus Narben und Kyo konnte sich nur zu gut denken, woher diese stammten; ihm selbst wäre es ja beinahe ähnlich ergangen.

»Sympathisch«, meinte er trocken und der Kommissar stieß ein abfälliges Schnauben aus.

»Eitel und viel zu sehr von sich selbst überzeugt, wie fast alle von denen.« Masahiro war nun schon die dritte Person, welche gegenüber Kyo derart abfällig über Stjørdals Firmenleitung sprach. Und, nach allem was er bislang darüber gehört hatte, durchaus auch zurecht.

 

»Was genau wollte er denn von Ihnen?«

Hätte er ihn noch vor einer Viertelstunde am liebsten gar nicht erst ins Haus gelassen, war Kyos Neugierde nun geweckt. Denn er hatte noch lange nicht den Eindruck, wirklich alles über die Welt der Katzen zu wissen, was vielleicht potentiell wichtig für ihn wäre.

»Yáo kam einfach in mein Büro marschiert. Bevor ich auch nur einen Ton sagen konnte, befahl er mir, ich solle all meine bisherigen Unterlagen, zu dem Fall, umgehend löschen. Stojørdal habe sich schon darum gekümmert und wenn mir etwas an meinem Leben liegt, wäre es für mich das beste, die Angelegenheit ruhen zu lassen.«

»Um was ging es bei diesem Fall?« Zu seiner eigenen Verärgerung registrierte Kyo, dass ihn all das viel zu sehr interessierte. Kurz warf er einen Blick auf die Fotografie und das Gesicht Yáos und er wurde den Eindruck nicht los, dass ihm irgendwas daran unangenehm vertraut war.

 

»Im Grunde waren es die üblichen Geschichten, um einen eskalierten Streit unter Katzen, sehr viele Leichenteile und eine ziemliche Sauerei. Ich tat das, was ich sonst auch immer tue und sorgte dafür, dass alles schnellstmöglich bei den Akten landete.

Die wissenden Angehörigen wurden informiert, für den Rest gab es gefälschte Beweise, die einen tragischen Unfalltod bescheinigten.« Masahiro schüttelte den Kopf. »Leider wurde irgendwann klar, dass es hierbei nicht um die normalen Revierstreitigkeiten ging. Das Opfer war ein hoher Angestellter von Stjørdal und die sehen es gar nicht gern, wenn jemand ihre Abteilungsleiter um die Ecke bringt.«

Endlich legte er das Handy beiseite, stützte den Kopf nachdenklich in die Hand und den Ellenbogen auf dem Tisch ab.

»Deswegen also der Besuch in ihrem Büro?«

»Genau«, stimmte Kommissar Suzuki zähneknirschend zu. »Es ist doch immer das gleiche, mit diesen Megakonzernen. Kaum, dass sie ausreichend finanzielle Macht haben, sind sie der Meinung, sich um ihre Angelegenheiten komplett selbst kümmern zu dürfen; auch um die rechtlichen.

Ich bin nicht unbedingt glücklich mit meiner Aufgabe im System, aber wir haben diesen Deal mit den Feloidea und dass Stjørdal einfach tut was sie wollen, gefällt mir nicht. Sun Yáo hat mir eine vorgefertigte Akte auf den Tisch geknallt und mir befohlen diese abzuheften, ohne sie zu öffnen.«

 

Kyo schmunzelte, da er ahnte, was nun kam.

»Sie haben natürlich einen Fick auf diesen Befehl gegeben?«, fragte er, auch wenn er die Antwort längst wusste. Masahiro lächelte grimmig.

»Wenn dieser arrogante Vogel wirklich dachte, dass er mich einfach so einschüchtern kann, dann ist er genau so blauäugig, wie eingebildet.«

»Was stand drin?«

Hatte ihn seine eigene, verdammte Neugierde, nicht schon einmal fast ins Grab gebracht? Wollte es Kyo tatsächlich darauf anlegen? Und obendrein wurde ihm sein Gegenüber nun doch dezent sympathisch. Irgendwie lief am heutigen Tag nichts wie geplant!

»Die hatten sich wirklich Mühe dabei gegeben, alles so normal wie möglich aussehen zu lassen. Ein Autounfall bei überhöhter Geschwindigkeit, die Kollision mit einem Baum und ein komplett verbranntes Wrack.«

Kyo runzelte die Stirn.

»Klingt nach etwas, was Sie ebenfalls geschrieben hätten.«

»Im Grunde war es mein Bericht, ja!«, stimmte ihm der andere Mann zu. »Allerdings war der von Stjørdal, im Gegensatz zu meinem, in einem perfekt geschliffenen Juristenjapanisch verfasst.«

 

Da er selbst erst einmal darüber nachdenken wollte, stand Kyo auf und befüllte den Wasserkocher, um Tee aufzusetzen. Schließlich lehnte er sich an die Arbeitsplatte und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Es war zu perfekt, richtig?«, wollte er wissen, was Suzuki nickend bestätigte.

»Anwälte sind Arschlöcher.« Als der Kommissar dies sagte, kommentierte Kyo mit einem Schmunzeln. Mist, er fing wirklich an diesen Typen zu mögen! »Die verbauen in ihren Texten überall kleine Stolperfallen, welche einem Laien nicht auffallen mögen, aber andere, die vom Fach sind, verstehen sofort was wirklich zwischen den Zeilen steht.«

Kyo lachte freudlos und finster auf.

Oh ja, dieses Vorgehen war ihm leidlich bekannt und wäre er kein Monster, würden sie immer noch in ihrem alten Vertrag drin stecken.

»Und Sie können zwischen den Zeilen lesen?«, fragte er, ohne auf seine eigene Reaktion einzugehen.

»Ich nicht, mein Schwager dagegen schon. Je länger man in diesem Job arbeitet, umso mehr lernt man, dass man Juristen nur dann trauen darf, wenn man mit ihnen auf der gleichen Seite steht, oder sie in der eigenen Familie hat.«

 

Mit einem leisen Klicken, sprang der Schalter des Wasserkochers nach oben und Kyo begann die vorbereitete Kanne zu füllen. Heißer Dampf stieg auf und seine Nase nahm den frischen Duft von Sencha wahr, den er so sehr mochte.

Das schelmische Lächeln auf seinen Lippen, konnte er nun wirklich nicht mehr unterdrücken.

»Mit den eigenen Waffen geschlagen, hm?«, fragte er und setzte sich wieder. »Wen wollte Stjørdal mit dem Bericht ans Messer zu liefern?«

Irgendwie war es seltsam. Kommissar Suzuki war doch eigentlich hier her gekommen, um ihn zu verhören und nun war Kyo selbst es, der die Fragen stellte.

»Soweit ich weiß, haben Sie Doktor Jansen schon kennen gelernt, Nishimura-san.«

Der forschende Blick des anderen ruhte durchgehend auf ihm und nun verschwand das Lächeln und Kyos Gesicht erstarrte.

»Oh ja, das habe ich«, murrte er und ein komisches Gefühl, nahm ihn in Besitz. Einerseits aus reiner Ablehnung, dieser schrägen Frau gegenüber. Andererseits aber auch, weil es, im Kontext zum Rest des Gesprächs, irgendwie unheimlich war. »Und ich kann nicht behaupten, dass wir beide Freunde sind.«

 

Kommissar Suzuki nickte leicht.

»Verständlich, sie ist schwierig. Die genauen Umstände des Falls, sind mir unbekannt und es gehört nicht zu meinen Aufgaben, diese in Erfahrung zu bringen. Da müssten Sie schon Satoshi oder Doktor Jansen persönlich fragen. Aber sie war, letzten Endes, für den Besuch von Sun Yáo verantwortlich und dafür bin ich ihr nicht gerade dankbar.«

Leichenteile - eine ziemliche Sauerei - Verschleierung - juristischer Mord.

In Kyos Kopf setzte sich ein Szenario zusammen, welches ihm einen eiskalten Schauer bescherte. Unweigerlich erinnerte er sich an die Dinge, welche er von den beiden Ärzten, vor einem Monat, erfahren hatte.

»Sie ist vor Stjørdal weggelaufen«, murmelte er, ohne zu bemerken, dass er seine Überlegungen offen kund tat.

»Wenn sie auf der Flucht war,« erwiderte der Kommissar, was Kyo aufschauen ließ, »Dann würde das die besondere Brutalität der Tat erklären.«

Sein Blick wanderte kurz an dem Sänger vorbei, so als ob er über etwas nachdachte.

»Ich hatte damals bereits den Eindruck, dass es um etwas sehr persönliches gegangen sein musste. Aber Satoshi hielt schützend die Hand über sie, so wie er es bei all seinen Patienten tut«

Plötzlich huschten die intelligenten Augen zurück und fokussierten ihn erneut.

»Und wie mir scheint, ruht auf Ihnen aktuell, seine komplette Aufmerksamkeit. Daran, dass Sie berühmt sind, kann es allerdings nicht liegen.«

 

Grimmig nickte Kyo. Dann stand er mit dieser Beobachtung, wenigstens nicht komplett alleine da.

»Ich kann nicht von mir behaupten, besonders glücklich mit diesem Umstand zu sein«, gestand er. »Außerdem habe ich ihn nie darum gebeten. Er tut das von sich aus! Warum auch immer.«

»Beschützerinstinkt.« Masahiro nippte an dem Tee, den Kyo ihnen ungefragt ausgeschenkt hatte. »Deswegen habe ich mich auch längst um den Matsuda-Fall gekümmert und Ihren Namen aus allem heraus gehalten, Nishimura-san.« Wieder kamen Sie zum eigentlichen Thema zurück. Kyo murrte bei der Nennung von Katsuos Familiennamen.

»Danke«, sagte er, was unfreundlicher klang, als beabsichtigt. »Sind Sie nur hier, um mich darüber in Kenntnis zu setzen?«

Dass der ganze Part mit Stjørdal, seitens Suzuki, nicht geplant gewesen war, brauchte er nicht zu hinterfragen.

»Unter anderem ja, aber auch, weil ich Sie ausdrücklich warnen will, weitere Tötungen dieser Art vorzunehmen. Ich versuche zwar mein bestes, aber ich kann euch Viechern nicht immer helfen.«

 

»Was würde denn im schlimmsten Fall passieren?«, fragte Kyo, nicht sicher, ob er die Antwort darauf wirklich wissen wollte. »Wie viele von uns, sitzen wegen Mordes im Knast?«

Sekundenlang herrschte Stille zwischen ihnen, nur unterbrochen vom leisen Brummen des Kühlschranks, rechts hinter Kyo und dieses Schweigen gefiel ihm überhaupt nicht.

»Kein Einziger«, sagte sein Gegenüber schließlich, was das unangenehme Gefühl bestätigte.

»Unmöglich!«

Er konnte sich das einfach nicht vorstellen! Nach allem, was er bislang von sich und den anderen gesehen und erlebt hatte, hätte er wetten können, dass die Gefängnisse voll von ihnen waren!

»Es passiert nicht oft, dass wir nichts für euch tun können. Aber sollte ein Feloidea tatsächlich verhaftet werden und es gibt keine Möglichkeit, sie oder ihn einfach wieder frei zu lassen, dann kümmern sich andere Instanzen darum.«

Suzuki trank wieder einen Schluck und ließ seine Worte erst einmal wirken. Der Sänger hielt fast den Atem an, vor innerer Anspannung.

»Stjørdal hat ein sehr starkes Eigeninteresse daran, eure Existenz geheim zu halten. Darum lassen sie euch, in solchen Fällen, auch einfach verschwinden.«

 

Noch während sein Gehirn all das verarbeitete, weiteten sich Kyos Augen vor Entsetzen.

»Wie bitte?«, keuchte er und schüttelte ungläubig den Kopf. »Sie töten uns? Warum?! Wieso ist es ihnen so wichtig, dass die Erkrankung geheim bleibt?«

»Weil ihr mehr als nur eine Krankheit seid!«, erwiderte der andere Mann streng. »Ihr seid eine Gesellschaft, innerhalb einer Gesellschaft, mit euren ganz eigenen Regeln.«

»Ja, Regeln die von Stjørdal vorgeschrieben werden!« Er war zurecht aufgebracht und regelrecht angewidert, von dieser Erkenntnis. »Eine Hand voll Irrer bestimmt, wer leben darf und wer nicht. Was für eine Gesellschaft soll das bitte sein?«

»Eine der mächtigsten der Welt.« Kommissar Suzuki zuckte mit den Schultern. »Ich mache mir darüber Gedanken, seit ich von euch weiß. Und die Wahrheit ist, dass Stjørdal deshalb so viel Wert auf eure Geheimhaltung legt, weil es die Grundlage ihrer Macht bildet.

Die einflussreichsten Konzerne der Welt, operieren vorwiegend im Hintergrund; versteckt vor den Augen der Öffentlichkeit. Auf diese Weise kann Stjørdal der Regierung auch die Pistole auf die Brust setzen und sie dazu zwingen, nach ihrer Pfeife zu tanzen.

Was denken Sie, was passieren würde, wenn diese Krankheit global bekannt wird? Denken Sie an eine Pandemie, bei der sich tausende Menschen plötzlich unbemerkt anstecken und sich das Virus, binnen kürzester Zeit, rasend schnell verbreitet.«

 

Die Tasse in den Händen leicht hin und her schwenkend, versuchte er sich dieses Szenario vorzustellen.

»Es würde ein ziemliches Chaos ausbrechen«, sagte er, nach einer Weile und erhielt dafür ein Nicken.

»Die Menschen würden in Panik verfallen, mit all den unschönen Nebeneffekten, die das so mit sich bringt und für viele instabile Länder, käme dies einem Todesurteil gleich.

Darüber hinaus könnte es, selbst in den starken Wirtschaftsnationen, zu ernsthaften Destabilisierungen führen und das kann sich keine Regierung der Welt leisten.

Stjørdal weiß genau, in welche Wunden sie argumentatives Salz streuen müssen, um das zu bekommen, was sie wollen.« [1]

 

***

 

»Yuuto ich warne dich, wenn du mir noch mal an den Hintern gehst, dann trete ich aus!«

»Ich geh dir nicht an den Hintern, ich versuche dieses dumme Gerät zu befestigen. Also halt gefälligst still!«

Kaoru, der neben ihnen stand, schüttelte nur den Kopf.

»Ihr zwei könnt auch nichts machen, ohne euch gegenseitig an die Gurgel zu gehen, oder?«, fragte er und erhielt dafür ein doppeltes Fauchen, woraufhin er die Arme resigniert in die Luft warf und sich abwandte. »Also schön, ich sag nichts mehr dazu.«

Anschließend wand er sich von Sänger und Techniker ab und ging hinüber zu Dai, der neben der offen stehenden Kühlbox stand und sich etwas zu trinken gönnte.

Auch wenn er jetzt amüsiert grinste, so sah man ihm an, dass er äußerst übermüdet war. Die Augenringe hatte Shinya zwar sorgfältig überschminkt (denn bei so etwas kannte ihr Drummer keine Gnade) allerdings wusste Kaoru genau, dass sie da waren.

»Katzen?«, fragte der Jüngere leicht lachend, weshalb der Leader nickte und nun seinerseits nach einem gekühlten Milchtee griff.

»Katzen.«

»Wir könnten sie ins Tierheim bringen und gegen zwei Hunde austauschen«, kam der Vorschlag, was die zwei Angesprochenen dazu veranlasste, laut zu protestieren und Kaorus angeknackste Laune dezent anzuheben.

 

Auch wenn sie es zu überspielen versuchten, so wusste er, dass seine Kollegen, so wie er auch, angespannter waren, als üblich.

Das hier wäre ihr erstes Konzert mit dem neuen Injektor und obwohl Kaoru alles immer wieder mit Yuuto durchgegangen war und sie zusätzlich die Etorphinspritzen dabei hatten, so verschwand das starke Angstgefühl einfach nicht aus seiner Brust.

Es wäre schon einmal fast schief gegangen.

Was wenn es wieder passierte und der Sender nicht reagierte?

Was wenn sie nicht schnell genug wären?

Er hatte sich die komplette letzte Nacht darüber den Kopf zerbrochen und sich ein Horrorszenario nach dem nächsten ausgemalt. Was natürlich nur zur Folge hatte, dass er sicherlich im stehen hätte einschlafen können, wäre er nicht derart aufgeregt.

 

»Kyo?«, fragte er und unterbrach damit das anhaltende Streitgespräch der beiden Kater. Auch wenn der Injektor einen eigenen Sensor hatte, so wollte Yuuto nach wie vor auf Nummer sicher gehen und Kyos körperliche Reaktion, während des Konzerts, aufzeichnen.

»Ja?«, fragte dieser, während er mit erhobenen Armen da stand und der Punk ihm Pads an den richtigen Stellen aufklebte.

»Hat sich Doktor Furukawa nochmal bei dir gemeldet?«

»Nein.« Zusätzlich schüttelte der Sänger den Kopf. »Keine Ahnung, wo der sich rum treibt.«

Nun richteten sich alle Augen auf Yuuto, der bemüht war sich nichts anmerken zu lassen, aber ihm gefiel diese Musterung nicht.

»Also?«, wollte Kaoru nun von ihm wissen. »Kommt er, oder nicht?«

 

Noch während er schwieg nahm Yuuto das medizinische Klebeband und fixierte die Kabel, direkt auf Kyos Haut. Heute würde ihr entkleidungsfreudiger Vocal wohl leider darauf verzichten müssen, ohne Shirt über die Bühne zu springen.

»Ich habe ihn gestern Abend angerufen«, erklärte er und räusperte sich nervös. »Satoshi ist immer noch in Iwaki und er ist sich leider nicht sicher, wann genau er zurück kommen kann.«

Kaoru hob daraufhin eine Augenbraue.

»Iwaki? Was macht er denn dort?«

Eigentlich ging es sie ja nichts an, was genau Furukawa in seiner Freizeit so trieb. Aber in Anbetracht ihrer Situation und deren Ernsthaftigkeit, gefiel ihm dessen Abwesenheit einfach nicht.

»Soweit ich weiß, besucht er eine Patientin im Hospiz. Mehr wollte er nicht sagen.« Und mehr stand es Yuuto auch nicht zu, über Satoshis Angelegenheiten zu verraten.

Kaoru raufte sich die Haare und stieß ein angespanntes Seufzen aus.

»Mist. Es wäre mir wirklich lieber, wenn er bei der ersten Show dabei wäre.«

 

»Kaoru nun versuch dich mal zu entspannen!« Da Yuuto mit allem fertig war, zog sich Kyo sein Oberteil an und suchte den Blick seines Leaders. »Wir sind viel besser vorbereitet, als beim letzten Mal und ich bin wieder fit.«

Natürlich würde Kyo ihm nicht auf die Nase binden, dass er ebenfalls ziemlich nervös wegen allem war. Andererseits vertraute er darauf, dass sein Gitarrist im Notfall das richtige tun würde. Er musste das richtige tun!

»Du weißt doch,« sprach er weiter und versuchte es mit einem zuversichtlichen Lächeln; was ihm aber nur zum Teil gelang, »So lange ich ein Mensch bin, vertraue ich dir.«

Der unbeabsichtigte Seitenhieb war schmerzhaft, das konnte er in Kaorus Gesicht nur zu gut erkennen. Ob sie dieses verlorene Vertrauen jemals wieder würden flicken können?

»Ich weiß«, kam es schließlich vom Leader, der rasch die Flasche an die Lippen setzte und den letzten Schluck trank. Auch der Rest von ihnen merkte, dass irgendwas zwischen den beiden anders war, als sonst, aber keiner sagte etwas.

 

Schließlich räusperte sich Yuuto.

»Ich geh schon mal vor. Haben Sie noch irgendwelche Fragen, Kaoru-san?«

Man sah ihm an, dass er am liebsten aus dem Raum flüchten wollte. Diese Band-internen Angelegenheiten, gingen ihn nichts an und die seltsame Beziehung, zwischen Sänger und Leader, verwirrte ihn bereits ohnehin.

»Danke, aber ich denke, dass wir alles wichtige besprochen haben.«

Kaoru lächelte zwar, aber irgendwie blieb der bedrückte Unterton in seinen Augen erhalten. Yuuto nickte rasch und verschwand dann, seinen Laptop unter den Arm geklemmt.

 

Kyo stand immer noch dort, suchte Kaorus Blick und schien wieder über irgendwas nachzudenken, was dieser nicht nachvollziehen konnte. Dass sie dabei vom Rest der Band beobachtet wurden, blendeten sie beide irgendwie aus.

»Wie geht es deinem Auge?«, fragte er, nicht wissend, was er sonst sagen sollte.

Den anderen hatten sie erzählt, Kyo hätte beim Autounfall eine Scherbe abbekommen. Vom Katsuo-Vorfall, wussten sie nach wie vor nichts.

»Mit den Tropfen geht es.« Tatsächlich war Kyo noch immer gezwungen, täglich antibiotische Augentropfen zu nehmen, was seiner miesen Laune nicht gerade half. »Tut noch weh, aber es heilt langsam ab.«

»Das ist gut.«

 

Wieder kam diese unangenehme Stille zurück, bis es Toshiya zu viel wurde und er verkündete, dass er schon mal vor ging und sie sich beeilen sollten. Auch Dai folgte, ebenso Shinya und Kaoru war nicht sicher, ob er ihnen dafür nun dankbar sein sollte, oder nicht. Er hätte zwar gern unter vier Augen mit Kyo gesprochen, aber nun wusste er nicht, was er sagen sollte.

Die Tür schloss sich und die Stille wurde zu einem unangenehmen Dröhnen.

»Wie geht es dir?«

Dass er die Frage nicht auf Kyos körperliche Gesundheit bezog, war sogar dem sonst so komplizierten Vocal klar. Dieser zuckte mit den Schultern und lehnte sich gegen den Tisch, auf dem sie ihre Stylingprodukte abgelegt hatten. Dabei steckte er die Hände in die Hosentaschen und versuchte möglichst locker auszusehen.

»Ich bin okay und bevor du fragst, nein ich habe nicht vor mich zu verwandeln! Meine Katze ist ruhig, auch wenn sie dich immer noch scheiße findet.« Er hatte es als Witz verpacken wollen, scheiterte aber daran.

 

»Gott verdammt nochmal, Kaoru.« Kyo stieß ein lautes Knurren aus, richtete sich auf und kam zu ihm herüber. »Jetzt hör auf, dir deswegen so sehr den Kopf zu zerbrechen. Vergiss alles, was ich zu dir gesagt habe. Es war die richtige Entscheidung und ohne das Ding, könnten wir das alles hier für immer vergessen!«

Wie üblich, waren seine Erinnerungen, an dissoziativen Tage, äußerst verschwommen und lückenhaft. Kyo wusste nicht mehr genau, was er zu Kaoru gesagt hatte. Aber so wie er sich und seine Erkrankung kannte, hatte es nur darauf abgezielt, jeden zu verletzen der ihm nahe stand.

»Es fällt mir, ehrlich gesagt, schwer.« Kaoru sah zu Boden und fummelte mit den Fingern am Etikett der Flasche herum. »Du warst anders als sonst. Anders als die früheren Male. Verstehst du?«

Kyo beobachtete ihn, dachte über diese Worte nach und schüttelte dann den Kopf, ehe er sich abstieß und auf seinen Leader zutrat. Forschend sah er ihn an und suchte seinen direkten Blick.

 

»Nein, tue ich nicht. Erklär es mir, bitte.«

Ausgerechnet Kaoru derart müde und erschöpft zu erleben, war für ihn kaum aushaltbar. Es verunsicherte Kyo zutiefst, denn auch wenn er nicht mehr derart krank war wie damals, so blieb dieser Mann nach wie vor sein Anker!

»Was genau willst du denn hören?« Immer wieder huschte Kaorus Blick zur Seite, oder nach unten. Er fühlte sich sichtlich unwohl. Doch ehe sie das hier nicht geklärt hatten, wollte Kyo nicht auf die Bühne. »Die Katze hat diesen Teil in dir vollständig annektiert. Ich habe nicht mit dir oder deiner Krankheit gesprochen, sondern mit diesem Monster.«

Kyo konnte nicht anders, als überrascht einzuatmen. Das war also der Grund dafür, dass sich sein Leader seit Wochen so unsicher ihm gegenüber verhielt?

Weil er zurecht Angst vor ihm hatte?

»Ich habe es verärgert«, fuhr der Ältere fort, »Dabei wollte ich doch nur - .«

»Danke.«

Verblüfft von dieser knappen, aber kraftvollen Unterbrechung, starrte er den Sänger an, nicht wissend was er dazu sagen sollte.

»Danke, dass du nicht nachgegeben hast, Kaoru.« Von Schuldgefühlen geplagt, streckte Kyo die Hand aus, überlegte es sich dann aber anders und steckte sie rasch wieder in die Hosentasche. »Ich mute dir viel zu; zu viel! Das weiß ich selbst und es tut mir leid, dass dieser Albtraum mit mir, einfach nicht aufhört.

Glaub mir, am liebsten hätte ich dir schon tausend Mal gesagt, dass du mich gehen lassen sollst. Aber die Wahrheit ist, dass ich Angst davor habe, ohne dich auch den letzten Rest meiner Menschlichkeit zu verlieren. Und das nicht erst, seit ich ein Feloidea bin.«

 

Sie waren einander nun so nahe, wie schon lange nicht mehr. Doch als Kaoru nach dem vertrauten Ausdruck in Kyos dunklen Augen suchte, fand er ihn nicht und egal wie sehr es auch schmerzte, so konnte er nicht anders, als es vorerst zu akzeptieren.

»Ich bin bei dir, egal was passiert. Das weißt du.«

»Ja.« Kyo nickte und auch er fühlte deutlich, die seltsame Distanz, die zwischen ihnen schwebte, obwohl sich sein Leader in greifbarer Nähe befand. »Und ich weiß auch, dass Toshiya auf Abstand geht.«

»Was? Woher weißt du davon?«, fragte Kaoru verwundert und irgendwie auch erschrocken. Diese Information, hätte er Kyo am liebsten erst nach der Tour gegeben, um ihn nicht aufzuwühlen.

Kyo aber schmunzelte, ein wenig traurig.

»Shinya hat mit Kenji darüber gesprochen und ich habe es zufällig mitbekommen.« Kurz schwieg er. »Es ist okay, denke ich. Ihr habt für mich jahrelang die Hölle mitgemacht und ich kann euch nicht auch noch dazu zwingen, das hier mit mir durchzustehen.

Natürlich kann ich nicht behaupten, dass es nicht weh tut, allerdings will ich, dass es euch allen gut geht und darum akzeptiere ich seine Entscheidung. Dir En Grey sollte nur noch unser Job sein und nicht mehr unser komplettes Leben bestimmen.«

 

Für drei Sekunden verharrte er, dann trat er einen Schritt zurück und zeigte Kaoru damit nur noch deutlicher, dass er vorerst keine körperliche Nähe zu ihm wollte.

»Wir müssen anfangen das alles zu trennen. Andernfalls wird die Katze in mir, früher oder später, alles zerstören.« Mit einem letzten Blick auf Kaoru, ging er zur Tür und öffnete sie. »Lass uns die Tour machen und danach - keine Ahnung.«

 

***
 

Kapitel 36 ¦ Katzenmutter


 

Kapitel 36 ¦ Katzenmutter

***

 

Der Moment, als er auf die Bühne und ins Licht der Scheinwerfer trat, war wie immer atemberaubend.

Die unzähligen Gesichter der Fans, die zu einer einzigen wogenden und dunklen Masse verschmolzen. Die betäubenden Gerüche ihrer Körper und Emotionen. Die Wellen ihrer Extase, gepaart mit ihren lauten Rufen.

Kyo schloss die Augen und ließ zu, dass alles von ihm Besitz ergriff und er sich ganz im Augenblick verlor, so wie er es immer zu tun pflegte. Nur hier oben konnte er die Schutzschilde ablegen, die er seit so vielen Jahren wie einen Panzer um sich schlang und ganz er selbst sein.

Sie drangen in ihn ein und riefen die Gefühle wach, die er für gewöhnlich in sich wegschloss, wie eine giftige Substanz. Gefühle die er hier oben brauchte, um genau das tun zu können was er tat und was schon lange der einzige Sinn in seinem abnormalen Leben war.

 

Langsam hob er die Hand, dirigierte sie, ließ sie Dinge tun und rufen, die ihm beliebten und betrachtete sie aus seinen hellblauen Augen. Dabei schlich sich ein wissendes Lächeln auf seine Lippen und nacheinander fixierte er diejenigen im Publikum, die so waren wie er. Ihnen allen schenkte er eine volle Sekunde seiner Aufmerksamkeit und genüsslich schnurrte er, was im allgemeinen Geschrei unterging.

Hätte er sich selbst aus ihren Augen gesehen, wäre er wohl ebenfalls vor Angst und Ehrfurcht erstarrt. Kyo wusste nichts von seiner eigenen Ausstrahlung, aber er sah ihre Reaktionen und das war alles was jetzt zählte.

‘Meine Bühne, mein Reich. Ich dulde euch hier nur, aber ich gestatte es nicht, dass ihr dieses Revier für euch beansprucht!’, schien er ihnen wortlos entgegen zu schreien.

 

Yuuto schluckte hart, als er dies beobachtete. Er saß auf einem Klappstuhl, hinter den beiden Technikern, welche Licht und Sound überwachten und trug, zu seinem eigenen Schutz, Kopfhörer. Satoshi hatte ihn zwar vorgewarnt, aber das alles mit eigenen Augen sehen zu können, war der absolute Wahnsinn!

‘So ist es also, wenn ein dominanter Feloidea auf der Bühne steht?’, fragte er sich gedanklich. ‘Er lenkt hunderte Menschen, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen. Das ist kompletter Irrsinn!’

Er selbst war schon auf vielen Konzerten gewesen. Aber keiner seiner Lieblingskünstler hatte jemals eine derartige Ausstrahlung besessen! Geschweige denn eine solche Show abgezogen.

 

Urplötzlich schnellten Kyos Augen nach oben und Yuuto entwich ein lautes Fauchen, als sich diese strahlenden Eiskristalle direkt auf ihn richteten. Der Kontakt hielt nicht lange, war aber intensiv genug, um ihm mehreres mitzuteilen.

Erstens, gehörte Kyo heute Abend nicht einfach nur die Bühne, sondern dieses ganze verdammte Gebäude!

Zweitens, sollte er es wagen, sich ihm hier und jetzt zu nähern, würde er sterben.

Und Drittens, wurde er geduldet, aber das konnte sich sehr schnell ändern.

Dann riss der Kontakt wieder ab, doch das bittere und ungute Gefühl in Yuutos Magen, blieb dort wo es aufgetaucht war.

 

‘Scheiße, das habe ich nicht erwartet. Was zum Teufel war das?!’

Sie kannten einander nun schon mehrere Monate, aber trotzdem glich die Person dort nicht im Ansatz dem Kyo, mit dem er bislang gearbeitet hatte.

Ihm kam der Abend auf der Brücke in den Sinn und tatsächlich war es mit diesem schrecklichen Tag vergleichbar. Kyo in seiner Feloideaform zu erleben, die Kraft zu sehen, mit der er sich Katsuo entgegengestellt hatte und was dem grauen Mistkerl schlussendlich zum Verhängnis geworden war, zog ihn in seinen Bann. Gleichzeitig hinterließ es in ihm jedoch auch eine unverkennbare Todesangst und es war genau die gleiche Angst, die Yuuto vor drei Jahren, in den Wäldern von Naara durchlebt hatte.

 

Unwillkürlich berührte er mit dem Daumen die Stelle, an welcher von seinem Ringfinger nur noch eine hässliche Narbe geblieben war. Bilder blitzten in seinem Geist auf; von Naomi, dem Feloidea der sie angegriffen hatte und er fühlte die Erinnerungen den Biss in seine Hand. Yuuto sah das Monster wieder über sich kauern und spürte Klauen, welche sich in seinen Oberschenkel bohrten. Bis es mit einem Mal von ihm abließ.

Seine Schwester hatte dem Mistvieh einen Ast mitten in die hässliche Visage gedonnert und ihm, dem Gebrüll zu folgen, wohl auch ziemlich übel zugesetzt.

Trotz der Schmerzen, des Blutverlustes und dem damit einhergehenden ansteigenden Schwindel, waren sie irgendwie zum Parkplatz zurück und dort zwei anderen Wanderern in die Arme gestolpert.

Diese zufällige Begegnung hatte ihm zwar das Leben gerettet, doch in den Monate danach und nach der Diagnose durch Satoshi, war in Yuuto oft genug der Wunsch aufgekommen, dass er am liebsten einfach im Wald verblutet wäre.

Naomi wusste nichts von seinen damals sehr düsteren Gedanken, die ihn sogar heute noch heimsuchten. Wenn ihm alles zuviel wurde und er spürte, dass er nur noch schwer gegen sein animalisches Selbst ankämpfen konnte, dann träumte er sich zurück in den Wald.

Dann sah er die Blätter an den Ästen, hörte das friedliche Rascheln und stellte sich vor, wie es wohl gewesen wäre, einfach einzuschlafen und nie wieder aufzuwachen.

 

‘ … lass deine Schwester nicht alleine, du Idiot!’

Vielleicht lag es am Gesang, oder Geschrei, seitens des anderen Katers. Oder es war der emotionalen Überforderung geschuldet, die dessen Blick in ihm ausgelöst hatte. Aber ausgerechnet jetzt schossen ihm Kyos Worte durch den Kopf und wurde ihm eiskalt.

Natürlich konnte und wollte er Naomi, in dieser verrückten Welt, nicht alleine lassen. Er hatte doch geschworen sie zu beschützen, immerhin war er ihr großer Bruder.

Aber die Angst davor, eines Tages die Kontrolle über das Ungeheuer in seinem Blut zu verlieren und seine kleine Schwester zu verletzen, war überwältigend groß.

 

Nur mit viel Mühe schüttelte er diesen Gedanken ab und konzentrierte sich auf seinen Computer, welcher Kyos Vitalwerte ständig aktualisierte und ihm mitteilte, dass es dem kleinen Schreihals vorerst gut ging.

Er mochte dessen Musik nach wie vor nicht, da konnte sich der Sänger noch so viel Mühe geben und eine (zugegebenermaßen) beeindruckende Show hinlegen, deren Rausch man sich wirklich nur sehr schwer entziehen konnte.

 

***

 

»Und du bist sicher, dass du nicht zu ihm gehen willst, Kao?«

Shinya schaute nach oben und betrachtete das Profil ihres Ältesten besorgt. Aber dieser schüttelte nur den Kopf, ehe er sich eine weitere Zigarette anzündete, was ihren Drummer dazu veranlasste die Nase etwas zu rümpfen. Er mochte diese Dinger einfach nicht.

»Die Frage ist nicht, ob ich nicht will«, erwiderte Kaoru leise und das Hochgefühl nach der Show, die für alle überraschend gut gewesen war, verschwand binnen Sekunden. »Er will es im Moment nicht.«

»Wie bitte?« Shinya glaubte sich verhört zu haben und mehrere Sekunden starrte er einfach nur in Kaorus müdes Gesicht, ehe er den Blick abwandte und Kyo fixierte. Dieser stand in einigen Metern Entfernung da und hatte ihnen den Rücken zugekehrt. Ihr Sänger trug einen der Bandhoodies und hatte sich dessen Kapuze über den Kopf gezogen; ein klares Zeichen dafür, dass er nicht angesprochen werden wollte.

 

Aber für gewöhnlich waren es eben diese Momente, in denen sich Kaoru ganz nahe an Kyos Seite befand, um stumm seiner wohl wichtigsten Aufgabe nachzugehen und ihm der Anker zu sein, der ihn zurück ins Hier und Jetzt führte.

»Sollte ich mir Sorgen machen?«, fragte Shinya, hörbar angespannt und schaute erneut hoch, zu dem Mann der neben der Kiste stand, auf welcher er saß. Irgendwo in der Ferne war noch immer der Lärm der Fans zu hören, welche auf Busse und Taxis warteten und sich aufgeregt miteinander unterhielten.

»Ich wünschte ich könnte dir sagen, dass alles okay ist«, seufzte Kaoru und sog an seiner Zigarette. »Aber das kann ich nicht.«

Alarmiert von diesen Worten stand er auf und suchte nun gezielt den Blick seines Leaders. Der Ausdruck, den er darin erkannte, ließ ihn frösteln.

»Was ist passiert? Ich dachte, die Operation war ein Erfolg!« Zumindest war es das gewesen, was man ihnen mitgeteilt hatte. Und wenn er an die letzten zwei Stunden zurück dachte, war er tatsächlich davon überzeugt gewesen, nun endlich ein Licht am Ende dieses albtraumhaften Tunnels zu sehen.

 

Als Kaoru jedoch immer noch keine Anstalten machte etwas zu sagen, packte er ihn am Arm und hielt ihn davon ab, weiter an der Zigarette zu ziehen. Shinya konnte, wenn er wollte, durchaus direkt sein. Ins besondere wenn es um das Wohl anderer ging.

»Kaoru, Klartext bitte. Was geht hier vor sich?«

Nicht genug, dass sich Toshiya entschieden hatte, vorerst auf Abstand zu gehen. Jetzt schien es auch noch ernsthafte Probleme zwischen Kyo und Kaoru zu geben; ausgerechnet diese beiden!

Selbstverständlich wusste er von der Aufopferungsbereitschaft ihres Ältesten, wenn es um Kyo ging. Aber Shinya beschlich der unangenehme Verdacht, dass Kaoru seine psychische Grenze nun endgültig überschritten hatte.

Warum sonst würde in dessen Augen, diese unendlich tiefe Müdigkeit stecken?

 

»Ich musste ihn dazu zwingen.«

Das Geständnis war so leise, dass der schöne Drummer es beinahe überhört hätte. Aber als es so langsam in seinem Verstand ankam und dort verarbeitet wurde, atmete er zischend ein. Die Ungläubigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben.

»Was? ich dachte er wollte dieses Ding unbedingt haben!«

»Das wollte er auch, aber es - es gab ein paar Ereignisse, die seine Meinung geändert haben.«

»Ereignisse welcher Art?«

Natürlich war Kaoru eigen, wenn es um das Thema Kyo ging. Doch das hier betraf auch den Rest der Band und dass er so verschlossen blieb, war durchaus ungewöhnlich.

»Mir ist das einfach alles zu viel, okay!«, platzte es urplötzlich aus Kaoru heraus, welcher die Zigarette etwas zu ruppig in den Sand des Aschenbechers presse und schnellen Schrittes zurück ins Gebäude ging. »Lass mich damit bitte in Ruhe!«

 

Völlig überrumpelt von diesem Ausbruch, stand er da, starrte Kaoru nach, bis dieser um eine Ecke verschwand und Shinya schüttelte leicht den Kopf, um irgendwie das merkwürdige Gefühl der Taubheit los zu werden. Etwas verloren sah er sich um, wusste nicht was er nun tun sollte und sein Blick blieb ein weiteres Mal an Kyo kleben.

Nur dass ihn dieser seinerseits anschaute; neugierig und auch besorgt. Kaoru war laut genug gewesen, damit der Vocal ihn hatte hören können. Kurz überlegte Shinya zu ihm zu gehen, entschied sich dann allerdings dagegen und zog den Zipper seines eigenen Hoddies ein wenig höher. Ob er aufgrund der beginnenden Nacht fröstelte, oder weil ihm diese Situation Angst einjagte, konnte er nicht genau sagen.

 

‘Kyo, hast du Kaoru gebrochen?’

Er musste es nicht aussprechen, denn so wie der andere ihn immer noch ansah, schien auch er sich diese Frage zu stellen.

‘Er war so viele Jahre deine Kraft und er liebt dich bedingungslos. Bitte, hör endlich damit auf ihn zu zerstören. Das hat er nicht verdient.’

Als ob Shinya auf etwas antworten wollte, was sein Kollege auf der anderen Seite des Hofes gesagt hatte, schüttelte er den Kopf und wand sich seinerseits zum gehen.

‘Toshiya hat recht. So lange du uns emotional für deinen Selbsthass versklavst, wirst du nicht damit aufhören, auch uns weh zu tun. Wir haben jahrelang versucht dich davor zu bewahren, dich immer weiter in den Abgrund zu stürzen.

Aber wenn du die Seile, die wir dir hinunter reichen, jedes Mal eigenhändig durchschneidest, dann lässt du ins einfach keine Wahl mehr. Wir können dich da unten nicht erreichen und ich will nicht, dass dir Kaoru weiterhin folgt. Sein Herz gehört dir bereits, also bitte friss nicht auch noch seine Seele!’

 

***

 

Kyo rannte so schnell wie er nur konnte. Die Sohlen seiner Schuhe trommelten geräuschvoll über die Oberfläche des Laufbandes. Er konnte es unter sich spüren, rollte die Fußsohle ab und rannte einfach weiter.

Vor zehn Minuten war die Digitalanzeige auf Zwölf km/h geklettert und seitdem hielt er das Tempo. Sein Atem ging kräftig und schnell, aber nicht hektisch und ein rascher Blick auf den Fitness Tracker an seinem Handgelenk verriet ihm, dass sich auch sein Herzschlag auf einem guten Level befand. Würde er es darauf anlegen, dann könnte er diesen Sprint noch eine ganze Weile so weiterführen.

 

Der gestrige Abend hatte ihm zugesetzt; mental wie körperlich und er hatte sich, nach einer Show, schon lange nicht mehr so erschöpft gefühlt. Natürlich war es überwältigend und großartig gewesen und er hatte es wirklich genossen, sich dem Rausch vollkommen hinzugeben und zum Medium der Emotionen ihrer Zuschauer zu werden.

Andererseits hatte über allem dieser merkwürdige Schleier gehangen, der ihn rastlos machte und ihn vom schlafen abhielt. Eine bedrückende Grundstimmung, die sich nicht offen zu erkennen gab und wie ein feines, unsichtbares Netz zwischen ihnen klebte.

Etwas war nicht in Ordnung, zwischen ihm und der Band und dies machte ihm Angst. Große Angst!

 

Zu allem Übel lehnte seine Katze Kaorus direkte Anwesenheit nach wie vor ab und dieser Fakt alleine reichte aus, um Kyo durchgehend nervös zu machen. Denn so etwas war, in ihrer kompletten Bandgeschichte, noch kein einziges Mal vorgekommen!

Kaoru war immer an seiner Seite gewesen, egal wie schlimm die Situation auch war. Sein Leader hatte jede noch so schmerzhafte Sekunde stumm ertragen und nun hielt er sich von ihm fern. Oder war vielleicht sogar Kyo derjenige, der ihm nonverbal vermittelte, sich fern zu halten?

Irgendwie verstand er sich nicht mehr.

 

‘Wir müssen das unbedingt klären.’

Er dachte darüber nach die Geschwindigkeit weiter zu erhöhen; entschied sich dann aber dagegen, als der Tracker ein mahnendes Vibrieren von sich gab und ihm mitteilte, dass er eine Pause brauchte.

Dai hatte ihn vor einer Weile darauf gebracht, als Kyo darüber geklagt hatte, dass er seinen Körper immer wieder versehentlich über sein Limit trainierte. Dabei tat er das nicht einmal mit Absicht. Es war ein Teil seiner Hypo-Sensibilitätsstörung, was ihn zu oft taub für seine eigenen Grenzen machte.

Unter ihm surrte der Motor und vermischte sich dabei mit dem leisen Knurren, das aus seiner Kehle entwich und von der antreibenden Musik aus den Lautsprechern, verschluckt wurde.

 

Es war früh am Morgen, im Fitnessstudio waren nur wenige Besucher und diejenigen die hier waren, beachteten ihn nicht. Genau so wie er sie ebenfalls nicht beachtete.

Wieder einmal hatte er kein Auge zubekommen. Sein Körper war zu aufgewühlt und sein Kopf so voller Gedanken, dass es ihm beinahe schwindelig wurde, sobald er die Augen schloss.

Wenigstens war die Wunde an seinem Rücken gut genug verheilt, so dass er wieder Sport machen konnte. Doktor Ito hatte ihm zwar nicht ausdrücklich grünes Licht erteilt, aber da Kyo nicht einmal wirklich auf Satoshi hörte, würde er den Teufel tun und dessen Freund um Erlaubnis bitten.

 

‘Wie sollen wir diese Tour durchstehen, wenn wir uns voneinander entfernen?’

Seine Erinnerungen schweiften ab und blieben bei Shinyas Blicken hängen. Obwohl sie einander nun schon so lange kannten, war es ihm immer noch fast unmöglich, die Mimik und die Körpersprache ihres Drummers zu lesen.

Toshiya und Dai waren für ihn fast schon offene Bücher und seine Verbindung zu Kaoru war derart einzigartig, dass er manchmal beinahe glaubte, dessen Gefühle am eigenen Leib spüren zu können.

Shinya hingegen glich fast immer einer mysteriösen Puppe, die er nicht verstand und zu der er sich doch irgendwie hingezogen fühlte.

 

»Shit!«, fauchte er, drosselte die Geschwindigkeit, bis er zu einem schnellen Marsch überging, woraufhin sich sein Herzschlag für wenige Sekunden beschleunigte, ehe auch dieser langsamer wurde und sich wieder seiner Atmung anpasste.

Das durfte doch alles nicht wahr sein. Er war ihrem Willen nachgekommen, hatte sich dieses Ding einsetzen lassen und hielt seine Natur unter Kontrolle, so gut er konnte.

Warum wurde es dann trotzdem nicht besser, sondern immer schlimmer?

Mit einem Piepsen drückte er auf den Knopf für die Cooldown-Phase, bis er normale Schrittgeschwindigkeit erreichte und schließlich das Lauftraining vollständig beendete. Wirklich entspannt fühlte er sich leider immer noch nicht; doch zumindest war aus der körperlichen Unruhe, ein angenehmes Brennen in seinen Muskeln geworden. Alles war besser als diese verdammte innere Anspannung, welche ihn in manchen Augenblicken fast schon frustriert schreien ließ.

 

Kyo trat vom Band, trocknete sich Stirn und Nacken ab und legte sich sein Handtuch schließlich um den Hals, ehe er nach dem Desinfektionsmittel griff, um das Laufband ordnungsgemäß zu reinigen.

Langsam kühlte ihn der Schweiß auf seiner Haut ab und er sah aus der großen Fensterfront, hinaus auf die Stadt, welche sich immer noch in die nächtliche Dunkelheit hüllte. Allerdings deutete das Glimmen am Horizont den anbrechenden Tag an.

Immer wieder tiefe Schlucke aus seiner Wasserflasche nehmend, betrachtete er die Welt dort draußen und fragte sich dabei, wer wohl in diesen Häusern wohnte.

Waren darunter vielleicht sogar die Feloidea, die er gestern Abend auf dem Konzert gesehen hatte?

Würden sie zurück kommen?

Was dachten sie, wenn sie ihn dort oben auf der Bühne stehen sahen?

Waren sie genau so wie er?

Wie viele hatten sie bereits umgebracht?

 

Mit einem Knistern zerdrückte er die Plastikflasche ein wenig und wand sich schließlich ab, den Weg in Richtung der Umkleideräume nehmend. Sie würden über einen Monat auf Tour durch das gesamte Land sein und ihm war klar wie anstrengend dies werden würde; ins besondere so kurz nach der Operation.

Satoshi wäre vermutlich ziemlich sauer, wenn er ihn hier beim Sport vorfinden würde, anstatt zu Hause schlafend im Bett.

»Mit dem muss ich mich auch noch aussprechen«, murmelte Dir En Greys Sänger nachdenklich und rieb sich mit dem einen Ende seines Handtuchs, ein weiteres Mal über das Gesicht.

Dabei war er so sehr in Gedanken versunken, dass er beinahe in die Person rannte, welche soeben aus der Tür zu seiner Linken trat.

»Oh! Entschuldigen Sie«, sagte er rasch und wich ihr aus. Kyo verharrte dann jedoch in der Bewegung, als er zunächst nur auf einen muskulösen Oberkörper, samt schwarzem Sport-BH starrte. Nach einigen Sekunden wurde er sich seines dummen Verhaltens bewusst und hob schließlich den Blick, um der Frau direkt ins Gesicht zu sehen.

 

Vermutlich gaben sie beide ein reichlich absurdes Bild ab, so wie sie einander anglotzten; denn auch Christine hatte nicht mit seiner Anwesenheit gerechnet. Zumindest entnahm er dies ihren geweiteten Augen.

Dann aber fing sie sich wieder und strich sich, beinahe lässig, eine verirrte rotbraune Strähne hinters Ohr. Die Haare trug sie zu einem sportlichen Zopf und als er kurz an ihr vorbei schielte, erkannte er, dass sie wohl im Kraftsportbereich trainiert haben musste.

Einer der Gründe, wieso er sich speziell für dieses Studio entschieden hatte, war, dass dieses hier vorwiegend von Ausländern und Touristen besucht wurde. Dies bedeutete, dass er hier, die meiste Zeit über, Ruhe vor den einheimischen Fans hatte.

Seit dem verstärkten Aufkommen von Smartphones, wurde er sowohl in der Öffentlichkeit, als auch beim Training, immer häufiger heimlich fotografiert und irgendwann war ihm einfach der Kragen geplatzt.

 

»Na, was für ein Zufall«, grinste Christine, gespielt überheblich.

Die Deutsche war nicht nur von ihrer Ausstrahlung her beeindruckend, sondern auch von ihrem Körperbau, das musste er zugeben. Kyo kannte zwar das Foto, welches Satoshi ihm damals in der Praxis gezeigt hatte, aber sie in der Realität so zu sehen, machte ihm klar, dass sie wirklich speziell war; genau so wie Kyo selbst.

»Vor dir habe ich auch nirgendwo meine Ruhe, oder?«, brummte er und ertrug knurrend ihr Mustern, mit dem sie ihn scannte.

Kurz fragte er sich, ob sie vielleicht sogar sein Typ wäre, aber beinahe sofort meldete sich sein animalisches Selbst und beantwortete diese Frage mit einem sehr deutlichen Nein!

»Man darf ja wohl noch trainieren dürfen«, erwiderte sie schnippisch. »Oder ist dieses Studio jetzt auch schon dein Eigentum, kleiner Gatekeeper?«

 

Ohne darauf einzugehen, rollte er mit den Augen und wand sich einfach kommentarlos ab. Er war nicht in der Stimmung, sich mit ihr zu streiten, egal ob er dabei gelegentlich sogar so etwas wie Spaß empfand, oder nicht. Sein Kopf war immer noch zu durcheinander.

Zwar wollte Kyo sie nicht weiter beachten, aber dann sah er etwas, was seinen Blick kurz fesselte und er konnte nicht anders, als inne zu halten und es eine Sekunde länger anzustarren, als gut für ihn gewesen wäre.

Christine schien von seiner Reaktion irritiert, dann aber bemerkte sie, was ihn so ablenkte und sie stieß ein langes Seufzen aus.

»Hör mal zu, Kleiner«, sagte sie und brachte ihn dazu, wieder zu ihr aufzusehen. »Ich muss mit dir reden. Also können wir hier irgendwo einen Kaffee trinken gehen, der nicht wie abgestandenes Regenwasser schmeckt?«

 

Immer noch schwieg er, musterte sie und suchte nach irgendwelchen Anzeichen dafür, dass sie ihn verarschte. Aber sie wirkte so ernst, dass er schließlich leicht nickte.

»Von mir aus.«

Bislang waren sie einander immer lieber aus dem Weg gegangen, da ihre inneren Monster nicht gut miteinander klar kamen. Dass sie ihn nun so offensiv um ein Gespräch bat, verwunderte ihn sehr.

Bei den Umkleideräumen trennte sie kurzzeitig ihr Weg und während er unter der Dusche stand, dachte er an das was er gesehen hatte. Dabei erinnerte er sich an die Dinge, welche Christine und Satoshi ihm, damals in dessen Wintergarten, alles erzählt hatten. Der Albtraum bei Stjørdal und der finstere Verdacht, der ihm gekommen war.

 

Seine Haare waren immer noch klamm, kaum dass er durch die Eingangstür und hinaus in die kalte Morgenluft trat. Tatsächlich schimmerte der Himmel mittlerweile in einem dunklen Blau, was beständig heller wurde und der Stadt immer mehr Leben einhauchte.

Christine lehnte an einer Laterne und beobachtete ihn, die Tasche mit der Sportkleidung, hing ihr über die Schulter und wie sie dort stand, in dem eng anliegenden Longshirt, Jeans und Laufschuhen, erinnerte sie ihn tatsächlich an eine Athletin.

Wäre sie nicht ein solches Biest, dann hätte sie bestimmt viele Verehrer. Aber irgendwas an der Art, wie die Leute ihr unsichere Blicke zu warfen, sagte ihm, dass sie nicht viel Wert auf Gesellschaft legte.

»Komm«, sagte Kyo und nickte nach links, woraufhin sie sich von der Laterne abstieß und neben ihm her ging.

Würde sie jetzt ein Fan sehen und die falschen Schlussfolgerungen ziehen, dann hätten ihn die heimlichen Fotos dieses Mal vielleicht sogar amüsiert. Leider gab es nur wenige Leute, denen sie um diese Uhrzeit begegneten. Und diese hatten weitaus besseres im Kopf, als sich zu fragen, was denn ein berühmter Sänger und eine große Ausländerin gemeinsam auf Tokios Straßen zu suchen hatten.

 

Sie betraten ein Café. Er war zwar nicht oft hier, aber zumindest wusste er, dass der Kaffee gut war und man ein wenig seine Ruhe hatte. Er setzte sich mit Christine in den hinteren Bereich, direkt ans Fenster und dass sie ihre Bestellung, zwar mit deutlichen Akzent aber grammatikalisch korrekt, auf Japanisch tätigte, überraschte ihn ein wenig, da sie beide sich bislang nur auf Englisch unterhalten hatten.

»Was?«, fragte sie, als sie seinen Blick bemerkte, während die nette wieder Bedienung verschwand. »Ja, ich verstehe deine Sprache noch gut genug, um mich hier zurecht zu finden und nicht zu verhungern.«

»Ich hab doch gar nichts gesagt!«

»Dann starr mich nicht so an, als wäre ich ein Gaul im Zirkus.«

Sie verstummten als ihr Kaffee serviert wurde und schwiegen erneut, bis sie sich wieder unterhalten konnten, ohne belauscht zu werden.

»Ich starre dich nicht an.«

»Und was war das vorhin?« Christine hob die Tasse zum Mund und schmunzelte ein wenig, dabei blitze etwas in ihren Augen auf, was ihn verwirrte. »Nun frag endlich!«

 

Kyo war nicht sicher ob er sie richtig verstand und sagte zunächst einmal nichts. Dies wiederum veranlasste die Ärztin dazu, leise zu seufzen und ein genervtes Murren von sich zu geben.

»Dass ihr Japaner immer so reserviert sein müsst.« Mit einem dezenten Klappern, stellte sie die Tasse ab und betrachtete ihn. »Das war ein Abschiedsgeschenk.«

Da die Mitarbeiterin im Augenblick damit beschäftigt war, die wenige Laufkundschaft zu bedienen und die zwei Feloidea halb hinter ein paar größeren Pflanzen verborgen waren, hob sie den Saum ihres Shirts ein wenig an und Kyo konnte nicht anders, als ein weiteres mal hinzuschauen.

Wieder sah er die riesigen verschlungenen Narben. Sie mussten viele Jahre alt sein und erstreckten sich über Christines gesamten Unterleib, bis sie am Bund der Jeans verschwanden und er konnte das Ausmaß des Schadens nur maximal erahnen.

 

»Abschiedsgeschenk?«, wiederholte er, wobei sich Kyo ein wenig wie ein Trottel vorkam. Christine zog das Shirt wieder nach unten, doch das bittere Gefühl blieb erhalten. Wer hatte ihr das angetan? »Von wem und warum?«

Doktor Jansen hob ein weiteres Mal ihre Tasse an, bevor sie leise antwortete.

»Johann.« Wut und Trauer mischten sich mit den gezischten Worten. »Zumindest indirekt. Er ist damals zwar auf den Deal eingegangen, aber das hat ihn nicht davon abgehalten, uns einen seiner Henker auf den Hals zu hetzen.«

Nun endlich begriff er auch Christines heftige Reaktion, als sie im Wintergarten von dem erzählt hatte, was ihr beinahe in dieser verdammten Firma passiert war. Er ahnte etwas und zögerte, bevor er weiter nachfragte.

»Was haben sie dir angetan?«

Ja, sie mochten einander nicht; aber in diesem Fall gehörte sein Mitgefühl ganz klar Christine.

 

»Wie ich schon sagte,« aus der Wut wurde Trauer und ohne es selbst zu bemerken, legte sie sich eine Hand auf den Bauch, direkt dort wo sich die schlimmsten Narben befanden. »Er wollte nicht, dass ich ungestraft davon komme. Keine Ahnung ob sein Schoßhund mir nur einen Denkzettel verpassen, oder mich direkt umbringen sollte.«

»Hast du ihn getötet?«

Sie grinste, wenn auch mit sehr viel weniger Spott, als er es bei ihr mittlerweile gewohnt war.

»Nein, aber ich habe dafür gesorgt, dass er sich für immer daran erinnern wird, dass ich nicht so einfach zu töten bin! Andernfalls hätte er mich umgebracht und ich hänge ein bisschen zu sehr an meinem eigenen Leben.«

Christine starrte einige Sekunden ins Nichts, nippte an ihrem Getränk und leckte sich leicht über die Lippe. Erst dann ergänzte sie weiter, nun wieder sehr viel ernster.

 

»Es war das zweite Mal, dass Satoshi mich danach hat zusammenflicken müssen.«

»Er war dabei?«

Die Deutsche schüttelte den Kopf.

»Zu dem Zeitpunkt wurde ich schon wochenlang von diesem Mistkerl verfolgt und er passte einen Moment ab, in dem mich Satoshi kurzzeitig alleine lassen musste. Wäre er nur eine Minute zu spät gewesen, dann könnten wir zwei dieses Gespräch heute nicht führen und du hättest Hollywood wohl auch nicht überlebt.«

Dem musste er wohl oder übel zustimmen. Christine hatte ihm das Leben gerettet, egal wie sehr sie sich seitdem auch stritten und anfauchten. In dieser Angelegenheit, schuldete er ihr wirklich etwas.

 

»Ich kann keine Kinder mehr bekommen«, platzte es plötzlich aus ihr heraus. »Dafür waren die Verletzungen an meinem Uterus einfach zu schwerwiegend und ich glaube nicht an einen Zufall. Johann musste ihm den Befehl dazu gegeben haben; dieser kranke Bastard!«

Sie sprach das offensichtliche aus und auch wenn er die Narben bereits im Studio gesehen und sich mental darauf vorbereitet hatte, war er trotzdem geschockt von dem was sie sagte. Christines eigenen Worten zu folge, wollte sie zwar, aufgrund der Erkrankung, niemals schwanger werden. Allerdings musste all das trotzdem schwere seelische Folgen nach sich gezogen haben. Niemand verkraftete so etwas leichtfertig!

 

»Warum? Wieso ausgerechnet … dort?«

Kyo musste schlucken, da sich sein Hals unangenehm trocken anfühlte. Sie hingegen wand den Blick ab und schaute mehrere Sekunden schweigend aus dem Fenster. Mittlerweile füllten sich die Straßen mit Menschen, alles wurde in ein sanftes Tintenblau getaucht und die ersten Sonnenstrahlen reflektierten sich in den Fensterscheiben der Hochhäuser.

Seltsamerweise war dies genau die Zeit des Tages, die er am wenigsten mochte.

 

»Johann wollte, dass ich seine Welpen gebäre«, antwortete sie irgendwann mit gesenkter Stimme und er nickte leicht.

»Ja, ich erinnere mich.«

Christine hatte dies bereits einmal erzählt, war aber nicht wirklich näher darauf eingegangen.

»Er hat sich starke und gesunde Nachkommen erhofft, aber ich wollte nicht. Und als er immer aufdringlicher wurde und von mir verlangte Tahir zu verlassen, wollte ich nur noch weg!«

Kyo rief sich das ins Gedächtnis, was er vor Wochen durch sie und Furukawa erfahren hatte. Dabei schauderte er innerlich vor Ekel! Wie konnte jemand nur so unendlich böse und grausam sein?

»Was wäre passiert, hätte Satoshi dir nicht zur Flucht verholfen?«

Irgendwie ahnte er, in welche Richtung das alles ging und die Art, wie sich plötzlich ihr Gesicht verzog und sie kurzzeitig gequält die Augen schloss, war ihm eigentlich bereits Bestätigung genug.

 

»Johann kennt keine Zurückweisung. Wenn er etwas will, dann kriegt er es auch und wenn man sich weigert, dann holt er es sich. Notfalls auch mit Gewalt.« Ihre Stimme hatte sich in ein zorniges Flüstern verwandelt und selbst Kyo konnte nicht anders, als einen unbeschreiblich starken Hass auf diesen Mistkerl zu verspüren. Es gab Themen, bei denen selbst er absolut keinen Spaß kannte!

»Aber es ist nicht soweit gekommen, oder?«, wollte er wissen und bemühte sich darum, nicht zu offensiv zu sein. Rasch schüttelte sie den Kopf.

»Nein, Satoshi sei dank!« Innerlich atmete er erleichtert auf. »Wie du ja weißt, ging er mit Johann diesen Deal ein und rettete mich aus der Hölle. Ganz im Gegensatz zu meinem feigen Ehemann. Tahir arbeitet bis heute, für diesen Dreckskerl!«

»Ich verstehe, warum du dich von ihm hast scheiden lassen.«

Das entsprach tatsächlich der Wahrheit und das obwohl er diesen Tahir überhaupt nicht kannte. Kyo verstand nicht, wie ihr Exmann sie so hatte im Stich lassen können! Egal was er auch über Stjørdal und Johann erfuhr, nichts davon war es wert verteidigt zu werden.

Nun gut, andererseits konnte Angst auch ein sehr starker Herrscher sein. Trotzdem fragte er sich, mit was für einem Waschlappen, sie da eigentlich verheiratet gewesen war! [2]

 

Christine zuckte ratlos mit den Schultern.

»Ja, ich auch. Mein Herz hat es mir trotzdem gebrochen.« Rasch trank sie den Rest ihres Kaffees, um das unangenehme Kratzen in ihrer Kehle loszuwerden.

»Ich floh mit Satoshi regelrecht nach Japan. Seine Frau hatte keine Ahnung von den wahren Hintergründen und er erzählte ihr, dass er einfach Sehnsucht nach der Heimat hätte.«

»War sie nicht misstrauisch, wegen dir?«, fragte er verwundert, erntete dafür jedoch ein mildes Schmunzeln.

»Ich war frisch getrennt und Tomoe hat in mir immer eine kleine Schwester gesehen. Sie dachte, dass ich einfach Abstand von Tahir brauche und kümmerte sich um mich.«

Das kam nun doch etwas überraschend, weshalb er ein ‘Oh’ von sich gab, was Christine dazu veranlasste leise zu lachen.

 

»Was? Dachtest du, dass sie denken könnte, ich wäre Satoshis Affäre?«

»Ähm«, kam es wenig intelligent von Kyo und er kam sich dabei ziemlich albern vor. Leider hatte sie damit auch ins Schwarze getroffen, was man ihm deutlich ansah.

»Ich mag ihn sehr, aber wir hatten nie romantische Gefühle füreinander.« Kurz zögerte die Deutsche, dann setzte sie noch rasch nach: »Und auch keine sexuellen!« Ehe sie nach der Bedienung winkte und einen zweiten Kaffee bestellte.

»Das wollte ich gar nicht wissen«, brummte der Sänger und knibbelte dabei an der Verpackung des Biskuits herum, welches man ihnen zu ihren Getränken serviert hatte.

»Ich will nur Klarheiten schaffen.« Etwas entspannter lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück. »Aber zurück zum Thema. Johann war nicht glücklich darüber, dass ich nun außerhalb seiner Kontrolle war. Also beauftragte er einen seiner Schoßhunde damit, mir zu folgen und mir eine Botschaft zu übermitteln.«

»Botschaft?«, fragte Kyo und schaute kurz zu ihrem nun wieder verhüllten Bauch. Christines Blick wurde eiskalt und hart.

»Diene mir, oder diene niemandem mehr.«

Es klang irgendwie nach einem Zitat und etwas daran ließ ihn heftig schaudern.

»Wie bitte?« Er starrte sie an, ungläubig von dem was er hörte.

»Johann ließ mir das von einem seiner treusten Speichellecker ausrichten.« Ebenfalls angewidert, knurrte sie. »Natürlich habe ich diese Unverschämtheit nicht einfach so hingenommen und Sun Yáo, diesem Wichser, ziemlich den Arsch aufgerissen.«

 

Kyo erstarrte mitten in der Bewegung, als er soeben dabei war nach seiner Tasse zu greifen.

Dieser Name …

»Sun Yáo?«, fragte er erstaunt, dass sie ihn verwundert musterte. Es war zwar nicht das erste Mal, dass sie Yao erwähnte; aber mit einer derartigen Reaktion hatte Christine dennoch nicht gerechnet.

»Ja, warum?«

Kyo zögerte kurz, dachte über seine nächsten Worte nach und meinte dann schließlich:

»Vor ein paar Tagen stand jemand von der Polizei vor meiner Haustür und wollte mit mir über die Sache mit Katsuo sprechen.«

Er hatte ja mit vielem gerechnet, aber sicherlich nicht mit einem derart wissenden Grinsen.

»Aha,« sagte Chrissy und bedankte sich höflich, als die zweite Tasse serviert wurde, »Dann hast du also den guten Masahiro kennengelernt?«

Er war sich unsicher, ob sie diesen merkwürdigen Mann nur aus mangelndem Respekt beim Vornamen nannte, oder weil sie ihn näher kannte. Aber etwas an der Art wie sie sprach, vermittelte ihm letzteres.

»Ja«, gestand er. »Er hat Sun Yáo ebenfalls erwähnt.«

»Das ist auch kein Zufall.« Sie zog das Päckchen mit dem Zucker auf, kippte es in ihren Cappuchino und rührte dann langsam um. Der Milchschaum in dem dekorierten Glas, wurde in wirbelnden Wolken in die Tiefe gezogen.

 

»Sun Yáo ist ein ausdauernder Jäger. Er schaffte es mich zu überwältigen, als ich nicht aufpasste. Mir ging es damals nicht gut. Der Stress und das ständige Stalking, ließen mich kaum schlafen und meine Konzentration war völlig im Keller. Yáo wusste, dass er mir, unter normalen Umständen, niemals gewachsen wäre. Also zermürbte er mich und wartete auf den richtigen Augenblick.«

Automatisch wanderte ihre Hand zu ihrem Bauch und blieb dort liegen. Es war eine Geste, mit vielen schmerzhaften Bedeutungen.

»Also war er es?«, fragte Kyo und sie nickte kurz.

»Yao führte Johanns Befehl aus, wie der treue Hund, der er ist.« Man hörte deutlich, wie groß ihr Hass auf beide Männer war und Kyo konnte es wirklich verstehen. »Als Satoshi mich fand, war ich mehr tot als lebendig. Professor Ito und er retteten mir das Leben, aber mein Uterus ist derart stark vernarbt, dass ich keine Schwangerschaft mehr halten könnte, selbst wenn ich es wollte.«

Es wunderte ihn längst nicht mehr, dass sie immer so kühl und aggressiv auftrat und verbal um sich biss. Würde er in ihrer Haut stecken, dann würde es ihm wohl ähnlich ergehen.

 

»Vielleicht dachte Johann, dass er mich gebrochen hat.« Ihr Blick hatte eine Härte angenommen, die ihn unterdrückt knurren ließ. »Aber das einzige an was ich damals denken konnte, war Rache!«

»An Johann, oder an Yao?«

»An beiden!«, fauchte sie und schloss die Finger fest um die leere Packung Zucker. »Leider war keiner von ihnen im Land. Also versuchte ich herauszufinden, wer, hier in Japan, für die Stjørdal-Niederlassung zuständig ist.«

»Verstehe.«

Tatsächlich wurde ihm klar, in welche Richtung das alles ging und was genau Kommissar Suzuki damit zu tun hatte.

»Wenn ich mich richtig erinnere, dann war es ein Kerl namens Ōno.« Überlegte Christine laut und trank einen Schluck. »Ich beobachtete ihn einige Tage lang, studierte seine üblichen Wege und passte den perfekten Zeitpunkt ab.«

»Obwohl er nichts mit dem zu tun hatte, was dir passiert ist?«

»Damals war es mir egal. In meinen Augen vertrat er die Interessen Stjørdals und wurde damit für mich, zu meinem direkten Feind.«

»Darum hast du ihn getötet?« Er wusste ja bereits, dass dies passiert war, trotzdem stellte er die Frage und wieder nickte sie.

»Wenn ich schon nicht an Sun Yáo ran kam, dann schnappte ich mir einfach seinen Stellvertreter.« Sogar ihre Stimme war jetzt so kalt wie Eis. »Komischerweise war Ōno wirklich schwach. Ich hab ihn auseinander genommen und eine ziemliche Schweinerei veranstaltet. Satoshi war wirklich wütend auf mich.«

Es war absurd. Sie sprach davon, einen Menschen getötet zu haben und alles was sie kümmerte, war die Reaktion ihres alten Mentors. Dies wiederum zeigte nur, wie groß ihr Hass auf alles war, was mit Stjørdal in Verbindung stand.

»Also hat sich Kommissar Suzuki darum gekümmert, die Leiche und die Beweise verschwinden zu lassen«, schlussfolgerte er, was Christine bejahte.

»Er und Satoshi kennen sich, seit einer etwas schrägen Geschichte, mit einem Serienmörder. Ich habe dem armen Masahiro, an diesem Tag, echt viel Ärger eingebracht und ich glaube, dass er mir das bis heute übel nimmt.

Andererseits gibt es nichts, was ich bereue. Wer für Stjørdal arbeitet, der ist in meinen Augen ein Arschloch und hat nichts besseres als den Tod verdient!«

 

Dass sie zuweilen sehr direkt und grob sein konnte, wusste er ja bereits. Allerdings waren derartige Worte, sogar für Christines Verhältnisse ein bisschen zu krass. Egal ob Kyo ihre Handlungen nachvollziehen konnte, oder nicht.

Nach dieser harten Ansage kehrte erst einmal wieder Stille zwischen ihnen ein. Das Café füllte sich mit Gästen, der Geräuschpegel stieg und auch die Hektik auf der Straße nahm immer weiter zu.

»Aber eigentlich wollte ich mit dir über eine andere Sache reden«, setzte sie plötzlich fort, was ihn dazu veranlasste, den Blick wieder in ihre Richtung zu drehen. Mittlerweile stand die Morgensonne günstig genug, um von ihren rotbraunen Haaren reflektiert zu werden und Kyo musste sich eingestehen, dass sie eine Ausstrahlung hatte, der man sich nur schwer entziehen konnte.

»Worum geht es?«

Die Ernsthaftigkeit in ihrem Gesicht änderte sich geringfügig und er wurde den Eindruck nicht los, dass sie mit dem, was sie ihm sagen wollte, ebenfalls nicht besonders glücklich war.

»Satoshi ist immer noch in Iwaki.«

»Hast du mit ihm gesprochen?«, unterbrach er sie, ein wenig zu schnell. Eigentlich hatte er vorgehabt, seinen Arzt selbst anzurufen; dann aber nie die richtige Zeit dafür gefunden.

»Ja.« Christine sah nachdenklich hinaus. »Diese Sache zieht sich wohl noch etwas länger hin und er sagte, dass er bleiben muss.«

»Was ist mit seinen anderen Patienten?«, fragte Kyo, dem das Verhalten Furukawas irgendwie merkwürdig vorkam.

»Er hat jemanden der in vertreten kann. Und normalerweise hätte er sich auch nie so lange aus dem Praxisbetrieb rausgehalten. Aber in diesem speziellen Fall, wiegt die Sache ein wenig anders.«

Seine Verwirrung wurde nun so stark, dass er ein unwirsches Murren ausstieß.

»Wieso könnt ihr nicht einfach mal Klartext reden?«, verlangte Kyo zu wissen und tippte dabei unruhig mit dem Finger auf dem Tisch herum. »Ist es wegen mir?«

»Wie meinst du das? Was soll mit dir sein?«

Er schnaubte zornig.

»Ich weiß genau, dass ich ihm zu anstrengend bin und ja, natürlich bin ich ihm dafür dankbar, dass er mir hilft. Aber trotzdem behandle ich ihn oft genug wie Scheiße und das tut mir durchaus leid. Aber - .«

 

»Das ist es nicht.« Ein langes tiefes Seufzen schnitt ihm das Wort ab, noch ehe er sich wieder in Rage reden konnte. Kyos Augen bohrten sich nun regelrecht in die ihren.

»Was ist es dann? Ich brauche Satoshi bei der Tour!«

Auch wenn Yuuto sein Bestes gab, war er trotzdem Informatiker und kein Arzt und sie würden sich beide wohler fühlen, wenn Satoshi anwesend wäre, um ihn im Blick zu haben.

»Die Patientin in Iwaki ist vermutlich das letzte, was von seiner Vergangenheit noch übrig ist.«

Man sah Christine deutlich an, dass ihr dieses Thema schwer fiel und sie nicht ganz wusste, wie viel sie aus Satoshis Privatleben mit ihm teilen durfte.

»Du machst mich fertig.« Genervt stöhnend, ließ er sich gegen die Stuhllehne sinken und starrte einige Sekunden auf den Tisch, ohne diesen wirklich zu sehen.

 

»Wer ist sie?«, fragte Kyo frei heraus, dabei spürte er, wie sehr ihm dieses Gespräch mittlerweile zusetzte. Soziale Interaktionen waren einfach nicht sein Ding.

Christine dachte nach, kaute dabei auf ihrer Unterlippe herum und fuhr mit einem Finger die Form der Tasse nach, ehe sie langsam antwortete.

»Seine erste Ehefrau.«

Damit hatte er am aller wenigsten gerechnet; wobei Kyo sich nicht sicher war, mit was er überhaupt gerechnet hätte. Vielleicht eine Geliebte? Ein Familienmitglied? Schwester, Freundin, vielleicht sogar eine bislang unbekannte Tochter?

Von den Erzählungen, die Satoshi mit ihm geteilt hatte, war dieser doch eigentlich nicht besonders gut auf seine Exfrau zu sprechen. Warum also sollte er sie auf ihrem letzten Weg begleiten?

Urplötzlich fiel ihm jedoch etwas ein und er sah suchend in Christines Augen, in denen ein trauriger Schimmer lag.

»Naos Mutter?«, wollte er wissen, auch wenn er die Antwort darauf schon kannte. Dass sie nickte, bestätigte die Frage.

 

»Sie liegt im Sterben und ist, so wie die meisten von uns, alleine. Vielleicht wollte sie sich nochmal mit Satoshi aussprechen und ihn um Vergebung bitten.«

»Sie hat ihr Kind einfach zurückgelassen, weil es nicht gut genug war«, fauchte er verbittert. Diese Tatsache war etwas, was Kyo durchaus persönlich nahm und das aus gutem Grund! »So etwas kann man nicht vergeben!«

»Du kennst ihn doch!« Christine seufzte lange und tief. »Satoshi ist viel zu gutherzig und vergibt jedem, egal um was es geht; außer wenn es in selbst betrifft. Und im übrigen würde es ihm bestimmt auch gut tun, unter diese Sache endlich einen Schlussstrich ziehen zu können.«

»Und ich dachte, dass Ärzte ihre Angehörigen nicht selbst behandeln dürfen.« Ihm fehlte wirklich jegliches Verständnis dafür, was sehr wahrscheinlich auch an seiner eigenen Vergangenheit und seinem schwierigen Verhältnis zu seinen Eltern lag.

»Es ist seine Praxis, er darf darüber selbst entscheiden, wen er betreut und wen nicht.« Plötzlich tauchte ein leichtes Lächeln auf ihren Lippen auf. »Und glaub nicht immer alles, was das Fernsehen dir erzählt. Die meisten Arztsendungen sind echt großer Mist. Auch wenn ich zugeben muss, ein ziemlicher Doktor House Fan zu sein.«

Zu seiner eigenen Verärgerung, musste er sich eingestehen, dass sie hierbei wohl etwas gemeinsam hatten. Aber Kyo würde den Teufel tun und das laut aussprechen.

 

»Feloidea können also auch Krebs bekommen?«

»Natürlich! Wir sind von Tumorerkrankungen sogar noch häufiger betroffen, als normale Menschen.«

Überrascht blinzelte Kyo.

»Wieso denn das? Ich dachte, dass wir relativ gut regenerieren können.«

Christine verzog das Gesicht, als hätte er sie beleidigt und knurrte leicht.

»Sicher, aber das macht uns ja nicht zu Überwesen und außerdem ist daran sogar das Virus schuld.«

Als er sie nur irritiert anschaute, räusperte sie sich ein wenig, als wäre sie seine Lehrerin und er schwer von Begriff.

»Unsere Transmutation beruht auf Zellteilung, Zellverfall und vollständiger Zellregeneration. Deswegen heilen unsere Wunden auch etwas schneller, als bei normalen Menschen und wir sind in dieser Sache ein wenig widerstandsfähiger.«

»Aha? Und das ist ein Problem?«

Vielleicht hätte er bei Doktor House doch ein bisschen besser aufpassen sollen. Zumindest entnahm er diesen Vorwurf, ihrem genervten Blick.

 

»Was weißt du über Tumore?«

»Ähm«, gab er von sich und versuchte dann tatsächlich darüber nachzudenken, während sie immer ungeduldiger mit ihm wurde. Wieso nur hatte er die ganze Zeit das Gefühl, dass das hier ein Test wäre? »Entartete Zellen, oder so? Was weiß denn ich! Du bist hier die Ärztin!«

Daraufhin murmelte sie irgendetwas auf Deutsch und rollte mit den Augen.

»Ganz genau. Bei jeder Transformation besteht das Risiko, dass einige unserer Zellen, wie du so schön sagtest, entarten. Das heißt, sie beginnen damit sich selbst zu verändern. In der Regel stören sie nicht und ihre Anwesenheit erledigt sich, mit der Zeit, von selbst. Allerdings kommt es oft genug vor, dass sie irgendwann damit anfangen zu mutieren und sich zu Tumoren zu entwickeln.«

Kyo wurde eiskalt bei diesen Worten und auf seinen Armen bildete sich eine unangenehme Gänsehaut.

»Wir bekommen Krebs, wenn wir zu diesen Monstern werden?«, keuchte er, sichtlich um Fassung ringend.

 

Christine jedoch winkte ab.

»Nein, ein Tumor bedeutet nicht direkt, dass du Krebs hast. Aber da wir ein erhöhtes Risiko dazu haben, steigt damit auch die Chance, dass sie maligne werden. Bösartig.«

Das ergab zwar Sinn, half aber nur bedingt ihn zu beruhigen. In seinem Magen hatte sich ein unangenehmer Klumpen aus Übelkeit und Angst gebildet.

»Warum hat mir das Satoshi bislang nicht gesagt?!«

»Das musst du ihn selbst fragen«, lautete ihre Antwort. »Aber genau deswegen ist er jetzt in Iwaki, bei seiner Exfrau, die mit Krebs im Endstadium im Hospiz liegt und vielleicht schon tot ist.«

Dass sie so ungerührt über derartige Dinge sprach, zeigte zu deutlich, was auch Christine von Furukawas Ex hielt.

»Sterben wir oft daran?«

Im Grunde wollte er die Antwort darauf nicht wissen. Aber andererseits musste er es von ihr hören.

»Es kommt drauf an, ob du ein infizierter, oder ein gebürtiger Feloidea bist.« Christine trank den letzten Schluck aus ihrer Tasse, behielt diese dann aber in den Händen, um ihre Finger zu beschäftigen. »Diejenigen die damit geboren wurden, sterben häufiger daran.«

»Aufgrund der genetischen Defekte?«

Christine grinste leicht, bei seinen Worten.

 

»Na sieh an, du hast ja doch aufgepasst, kleiner Kater«, kicherte sie. »Ja, das ist richtig. Auch wenn Johann es sich gern schönredet, so sind wir immer noch eine Erkrankung und keine Superhelden. Na ja, oder Superschurken, in seinem Fall.

Und das Virus tut mit uns, was es will. Es erhält uns am Leben, weil es nur in uns überleben kann. Aber ansonsten manipuliert es unsere DNA, macht aus uns mordlüsterne Ungeheuer und verändert unsere Persönlichkeit, bis nichts mehr von dem übrig ist, was wir einst waren.«

»Ich habe ganz sicher nicht vor, so zu werden!«, platzte es unbedacht aus Kyo heraus, was Christine dazu veranlasste, eine Augenbraue zu heben.

»Bist du das nicht schon längst? Vielleicht ist es dir noch nicht aufgefallen, aber du bist nicht mehr der selbe, den ich damals in den Staaten kennengelernt habe. Kleiner, du hast dich bereits verändert; ob du es nun willst, oder nicht.«

 

Wieder schwiegen sie, wussten offenbar beide nicht, wie sie das Gespräch fortsetzen sollten. Bis die Ärztin ein weiteres Mal frustriert knurrte.

»Jetzt bin ich schon wieder vom Thema abgekommen. Eigentlich wollte ich dir nur sagen, dass Satoshi euch nicht auf der Tour begleiten kann. Deswegen haben wir entschieden, dass ich ihn vertrete und eure nächsten Konzerte überwache.«

Ein Schlag ins Gesicht, hätte nicht effektiver sein können. Denn Kyo starrte sie an, als hätte sie ihm tatsächlich eine verpasst.

»Wie bitte?!«, keuchte er, »Das ist doch nicht euer Ernst! Warum?!«

»Weil ich das Gerät gebaut habe, es besser kenne als Yuuto und verdammt nochmal ausgebildete Ärztin bin; du kleiner Egomane!«

Und schon stritten sie sich wieder. Allmählich fragte Kyo sich, warum sie beide andauernd aufeinander verbal losgingen, ohne Rücksicht auf Verluste.

»Was wenn ich etwas dagegen habe?«

»Und was wenn mir das egal ist?«, fauchte sie ihn an. »Yuuto ist nicht erfahren genug und wenn du mal für eine Sekunde die Klappe halten und darüber nachdenken würdest, dann wäre dir klar, dass uns keine andere Wahl bleibt.«

 

Er wollte nicht zugeben, dass sie recht hatte.

»Fuck«, presste Kyo zwischen den Zähnen heraus und gab sich damit widerwillig geschlagen. »Das macht alles noch viel komplizierter. Du sprichst nicht einmal richtig Japanisch!«

»Das lass mal meine Sorge sein.«

Vielleicht kränkte er sie mit diesem sinnlosen Vorwurf, dies wurde nicht unbedingt ersichtlich. Kyo für seinen Teil, war alles andere als begeistert von dieser Planänderung und das durfte Christine durchaus wissen.

»Na schön. Aber nur damit das klar ist! Meine Band ist nicht dein Abendessen und du lässt die Finger von mir und meinen Tattoos!«

 

***
 

Kapitel 37 ¦ Katzenmasken


 

***

 

Es gab in den letzten Monaten nicht viele Situationen, welche Kyo ein Lächeln entlockt hätten. Und das dies ausgerechnet die Gesichtsentgleisungen ihres Managers verursachen würden, überraschte Kaoru dabei nicht wirklich.

Okay, ‘Lächeln’ war vielleicht ein bisschen viel gesagt. Aber er kannte ihren Sänger gut genug, um das verräterische Zucken in dessen Mundwinkeln zu bemerken. Auch wenn Kyo wirklich darum bemüht war, das dezente Grinsen hinter dem Kragen seines Hoodies zu verstecken.

 

»Sie?!«, platzte es aus dem geschockten Manager heraus, welcher zu Christine hinauf starrte, die ernst drein blickte und aus deren Reaktionen Kaoru nicht wirklich schlau wurde.

»Ich?«, erwiderte sie kühl und streng.

Selbst wenn man nicht wusste, dass in ihr die selbe Krankheit lauerte, wie in Kyo, konnte man trotzdem spüren, dass sie irgendwie anders und furchteinflößend war. Dem Manager stand der Angstschweiß gut sichtbar auf der Stirn.

»Sie sind die Ärztin aus Hollywood?«, stammelte er und der Leader hegte den berechtigten Verdacht, dass die Anwesenheit von zwei ihm feindlich gesinnten Katzen, einfach zu viel auf einmal war.

»Ganz genau. Ich werde Doktor Furukawa vertreten.«

»Was?!« Und schon war es mit der Professionalität vollständig dahin.

»Ist Furukawa-san immer noch nicht wieder zurück?«, spielte Kaoru ihre kleine Scharade mit und Christine nickte knapp.

»Ja und das wird sich wohl auch nicht vor Ende der Tour ändern. Ich bin mit allem vertraut und wir haben es miteinander abgesprochen.«

 

»Das können Sie doch nicht einfach so entscheiden!« Die Stimme des Managers überschlug sich ungewollt und er wurde nun so blass, dass er beinahe grün erschien.

»Haben wir aber.« Kyo hatte sich wieder gefangen und seine übliche Maske aufgesetzt.

»Aber … aber es ist alles schon geplant und auf Doktor Furukawas Namen gebucht! Ich weiß nicht, ob wir das einfach so ändern können.«

»Ja, können Sie.« Der Blick des Sängers huschte überrascht zu Kaoru, als dieser ungewohnt harsch in das Gestammel einfiel. »Doktor Jansen ist tatsächlich die Einzige, die mit dem Fall gut genug vertraut ist und uns bleibt keine Zeit, um jetzt noch nach einem Ersatz zu suchen. Stimmt doch Doktor?«

»Richtig.« Christine zwinkerte Kaoru heimlich zu, als Zeichen, dass sie ihm für seine Worte dankte und ging dann wieder dazu über, den halb panischen Manager in den Wahnsinn zu treiben. »Außerdem war ich diejenige, welche Kyo-san damals an Satoshi überwiesen hat. Ich kenne seine Krankenakte und weiß auf was wir hier achten müssen.«

 

Vielleicht fehlte nicht mehr viel und der arme Kerl würde einfach einen Herzinfarkt erleiden; was jedoch den beiden Katzen und Kaoru erstaunlich egal war.

»Haben Sie überhaupt eine Arbeitserlaubnis in Japan?«, versuchte es ihr Manager und bekam dafür ein Augenrollen ihrerseits.

»Ich werde nur in beratender Position tätig sein und wenn es zu einem Notfall kommt, dann bin ich in der Nähe um Erste Hilfe zu leisten. So lange ich ihm nichts verschreibe, oder an ihm herum schnippel, ist alles in Ordnung.«

»Dann werden Sie sicherlich verstehen, dass ich das alles trotzdem überprüfen lassen muss!«, die Stimme des Managers erreichte gänzlich neue Höhen und Kyo bekam allmählich das Gefühl, sich innerlich schon drei Rippen gebrochen zu haben, vor unterdrücktem Lachen.

»Tun Sie sich keinen Zwang an.« Christine griff in ihre Handtasche und zog eine Mappe mit Unterlagen heraus. »Satoshi meinte, dass Sie das brauchen werden.«

 

Mit zitternden Fingern ergriff der kleinere Mann die Mappe, schlug sie auf und betrachtete die Kopien ihrer Zulassung und einiger anderer Dokumente. Es stand ihm ins Gesicht geschrieben, dass er darüber nicht gerade glücklich war.

Das gemurmelte »Danke« ging dabei fast schon unter und wurde von Christine komplett ignoriert. Für sie war die Angelegenheit damit beschlossene Sache und erledigt. Also wand sie sich den beiden Musikern zu, die neben ihr standen und fragte trocken.

»Gehen wir?«

Kyo nickte, Kaoru ebenfalls und so ließen sie den Manager in seinem Elend zurück. Sie bemühten sich noch darum, möglichst professionell an dessen Sekretärin durch den Vorraum des Büros zu marschieren. Aber kaum dass die Tür ins Schloss fiel, prusteten sie synchron auf.

 

»Fuck«, keuchte Kyo lachend, der sich tatsächlich die schmerzende Seite hielt. »Ich hätte wetten können, dass du ihn dazu bringst sich in die Hose zu machen.«

»Das war der Plan.« Beinahe als hätte sie einen bedeutenden Erfolg erzielt, stemmte die Deutsche die Hände in die Seiten und schnaufte. »Den krieg ich noch weich, keine Sorge.«

»Viel Glück, das versuche ich seit Jahren.«

Irritiert über die gute Stimmung zwischen den beiden chronischen Streithähnen, runzelte Kaoru die Stirn. Bislang hatten Kyo und Christine einander immer nur angegiftet und sie so harmonisch zu erleben, bereitete ihm irgendwie Sorgen.

»Habe ich irgendwas verpasst?«, fragte er und schaute vom einen zum anderen. »Normalerweise könnt ihr zwei doch keine fünf Minuten im selben Raum sein, ohne dass die Fetzen fliegen?«

Von seinem Sänger erhielt er zunächst ein dunkles Lachen, welches normalerweise immer darauf hindeutete, dass Kyo sich an irgendwelchen dummen Aktionen beteiligte. Vorzugsweise mit Dai in der Nebenrolle.

 

»Wir haben ein gemeinsames Ziel.«

»Und das wäre?« Dem Leader behagte das alles nicht wirklich, immerhin kannte er von Kyo auch eine alberne Seite, die sich, wenn sie mal aktiv war, in dummen Streichen zeigte.

»Euer Manager ist eine Pfeife!«, antwortete Christine, während sie neben den beiden Musikern zu den Aufzügen ging.

Kaoru stieß ein Schnauben aus.

»Dem muss ich zustimmen.«

»Und warum sucht ihr euch dann keinen anderen?«

»Weil das nicht so einfach ist.« Er war sich nicht sicher woran es lag, aber Kaoru verspürte einen unangenehmen Kopfschmerz. Wahrscheinlich waren der Stress der letzten Monate und der Beginn der Tour, am Ende doch zu viel gewesen für ihn. Zusätzlich zu den allgemeinen Sorgen, die er sich ständig um Kyo machte.

 

Als sie wenige Minuten später in den Proberaum tragen, waren nicht nur Shinya, Dai und Toshiya anwesend, sondern, zu ihrer Überraschung, auch Takumi. Kaoru stutzte kurz und blinzelte verwundert.

»Hallo, was machst du denn hier?« Sie kannten einander nun schon seit einer Ewigkeit und wenn es eine Person, auf diesem Planeten gab, welche ihre Musik am besten einzuschätzen wusste, dann war es Takumi! Kaoru schätzte ihn sehr für seine Fähigkeiten und so mancher ihrer Songs wäre, ohne die Hilfe des anderen Komponisten, wohl nie zu dem geworden, was er nun war.

Takumi lächelte bei Kaorus Worten und begrüßte Kyo mit einem Nicken, welches dieser knapp erwiderte.

»Ich wollte nur ein paar Dinge mit dir besprechen, bevor ihr abreist und mir dein Go abholen.«

Als er das sagte, rollte Kaoru leicht mit den Augen.

»Jedes Mal! Wirklich jedes Mal fragst du mich um Erlaubnis und immer wieder sage ich dir, dass ich deinen Fähigkeiten voll und ganz vertraue!« Es war nicht vorwurfsvoll gemeint, trotzdem schmunzelte ihr Teilzeit-Keyboarder etwas verschämt.

»Tut mir leid, ich will dir keine Umstände machen.«

»Kaoru, du weißt doch wie er tickt«, warf Kyo ein, der sich während dessen an der Kekspackung bediente, welche wohl Shinya mitgebracht hatte.

»Ja, das stimmt.« Kaoru seufzte, fast als würde er sich seinem Schicksal ergeben. Aber als er den Mund aufmachte, um etwas zu sagen, bemerkte er, dass die Aufmerksamkeit der anderen plötzlich abgelenkt wurde. Und zwar von etwas, was sich direkt hinter ihm befand.

 

»Guten Tag.« Christines Japanisch besaß einen hörbaren Akzent und, so blass wie vor allem Toshiya wurde, zeigte ihre ungewöhnliche Ausstrahlung sofort ihre Wirkung.

»Sind Sie nicht - ?«, begann Dai, etwas verloren, als Kyo ihm fast augenblicklich das Wort abschnitt.

»Ich kürz’ das mal ab.« Lässig klaute er sich einen weiteren Keks und trat dann näher zu der Ärztin, welche wie immer streng in die Runde blickte. »Darf ich vorstellen? Doktor Christine Jansen. Sie hat mich in Hollywood behandelt.«

Mehrere Sekunden herrschte Stille, dann fand Shinya als erster seine Fassung wieder, trat ein Stück vor und verneigte sich höflich.

»Vielen Dank, dass sie Kyo-kun das Leben gerettet haben, Doktor Jansen.«

Sein Englisch war deutlich akzentuierter, als das von Kyo und Dai. Doch soweit dieser wusste, verstand Shinya es eigentlich sehr gut, benutzte es aber ungern aktiv.

 

Christine hatte dennoch ihn verstanden, denn sie erwiderte die Verbeugung und antwortete:

»Ich habe mein bestes versucht. Vielen Dank, Terachi-san.«

»Sie sprechen Japanisch?«, fragte Dai neugierig. Es kam nicht oft vor, dass ihn jemand überragte und eine Frau die einige Zentimeter größer war als er, war ihm praktisch fremd.

»Nicht besonders gut.« Christine hatte sich wieder aufgerichtet und suchte seinen Blick. »Als ich einige Zeit hier gelebt habe, war es besser. Ich hoffe es ist für Sie in Ordnung, wenn wir beim Englisch bleiben?«

Kyo, der mit Smalltalk nichts anzufangen wusste, wand sich zwischendurch ab und ging zu Takumi, den er bereits eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatte. Aber selbst ihr Kollege war zu neugierig und schaffte es kaum, dem Sänger seine volle Aufmerksamkeit zu widmen.

 

»Warum genau sind Sie hier, Doktor Jansen?«, fragte Shinya, dem man wieder einmal nicht ansah, was er von der Situation hielt.

»Leider kann euch Satoshi nicht auf der Tour begleiten und, so kurz nach der Operation, sollte der Gartenzwerg - ähm - ich meine Kyo-san, nicht komplett ohne ärztliche Aufsicht sein.«

Natürlich hatte sie sich nicht einfach nur ‘versehentlich’ versprochen! Kyo knurrte angesäuert und erhielt dafür ihrerseits einen amüsierten und frechen Seitenblick.

»War das jetzt nötig?«, murrte er, was sie leicht lachen ließ.

»Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Also«, wurden sie von Dai unterbrochen, welcher bereits ahnte, dass dieses Streitgespräch dauerhaft zu nichts führte, »werden Sie für Doktor Furukawa einspringen und uns begleiten?«

Auf diese Schlussfolgerung antwortete Christine mit einem Nicken.

 

»Operation?«, fragte Takumi verwirrt und schaute zwischen der deutschen Ärztin und Kyo, welcher immer noch neben ihm stand, hin und her. »Was für eine Operation?«

Verdammt, sie hatten ganz vergessen, dass ihr Keyboarder ja keine Ahnung von all dem hatte und es dabei eigentlich auch bleiben sollte. Je weniger Leute hiervon wussten, umso besser!

»Ähm«, beinahe panisch dachte er nach und suchte nach einer sinnvollen Erklärung, die sich nicht so anhörte, als hätte er sie sich innerhalb von drei Sekunden aus den Fingern gesaugt. »Ich bin … ähm … Diabetiker.«

Das war dann auch das Zeichen für Christine, nicht zu viel zu verraten. Kyo betete, dass sie die Klappe hielt!

»Seit wann denn das?« Takumi staunte nicht schlecht über diese Eröffnung und starrte Kyo verwundert an. »Davon hast du mir nie etwas erzählt.«

»Ich wusste es nicht.« Der Sänger kratzte sich am Hals, was er eigentlich immer nur dann tat, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlte. In Wahrheit jedoch, sponn er sich schnell irgendeine Geschichte zurecht. »Es kam bei der Untersuchung in den Staaten raus.«

»Bist du deswegen zusammengebrochen?«

Natürlich hatte der Buschfunk nicht stillgestanden und diese Sache einmal quer durch die Branche getratscht.

»Ja.« Kyo nickte und suchte unauffällig Christines Blick; die ihm mit einem Auge zu zwinkerte, was er als Aufforderung interpretierte, weiter zu reden. »Ich war massiv unterzuckert, ohne es zu wissen; zusätzlich zu meiner Erkältung. Hätte Doktor Jansen die Ursache nicht so schnell gefunden und mich sofort richtig behandelt, dann wäre ich nicht mehr am Leben.«

Wenigstens der letzte Satz stimmte; wenn auch in einem anderen Kontext.

 

»Sie sind Diabetologin?«, forschte Takumi neugierig nach und schien dabei Gott sei Dank nicht zu bemerken, wie sehr der Sänger ins Schwitzen geriet. Christine behielt ihr kühles Pokerface bei und wiegte den Kopf leicht hin und her.

»Nicht direkt. Ich bin Allgemeinmedizinerin und habe eine Weiterbildung in Unfallchirurgie. Aber wenn man zehn Jahre in der Notaufnahme arbeitet, dann hat man es sehr oft mit Patienten zu tun, die an Diabetes leiden, oder mit Unterzuckerung eingeliefert werden.« Und auch das war nicht gelogen.

»Wow, du hattest wirklich großes Glück, Kyo-san.«

Sein Grinsen fühlte sich irgendwie unangenehm schief an.

»Danke«, murmelte er dabei und wappnete sich für die Frage, die unweigerlich kommen musste.

»Und um was für eine Operation geht es?«

 

Egal wie reserviert Japaner für gewöhnlich in der Öffentlichkeit auch waren. Aber im Privaten konnten sie trotzdem schrecklich neugierig sein! Und Kyo musste es wissen, immerhin war er genau so.

»Eine Insulinpumpe«, log er fleißig weiter. »Wir haben zwar auch Spritzen, die ich alternativ nutzen kann, aber mit diesem Gerät fühle ich mich sicherer. Vor allem während der stressigen Tour.«

»Wir haben ihm diesen Injektor erst kürzlich eingesetzt«, übernahm Christine nun das Wort und der Sänger war ihr sehr dankbar dafür. Kaum dass Takumi den Blick von ihm abwandte, atmete er stumm durch. »Ich war an der Operation beteiligt, deswegen übernehme ich die kurzfristige Vertretung für Kyos Hausarzt. Es ist einfach sicherer, wenn er vorerst unter medizinischer Überwachung steht.«

 

»Verstehe.« Takumi sah mitfühlend zu Dir En Greys Sänger runter, dem das Herz bis zum Hals schlug. »Tut mir leid, dass zu hören. Ich hoffe, dass auf eurer Tour alles gut geht.«

»Danke.« Kyo glaubte, dass sich selbst seine Stimme irgendwie komisch anhörte. Zumindest seine Kehle war wie zugeklebt. »Kaoru und die anderen sind nervöser als ich, wegen dieser Sache.«

»Aus gutem Grund!«, warf der Leader ein, welcher sich bislang im Hintergrund aufgehalten und dem Gespräch schweigend gelauscht hatte. »Kaum passt man mal nicht auf, schon passiert wieder irgendwas.«

»Was nicht zwingend meine Schuld ist. Naja, zumindest nicht immer.«

Ohne weiter darauf einzugehen, richtete sich der Blick ihres Ältesten auf Takumi, was Kyo die Stirn runzeln ließ. War Kaoru immer noch wütend auf ihn?

»Lass uns in mein Büro gehen.«

Ihr Komponist nickte und verabschiedete sich, ehe er Kaoru folgte und die anderen in einer seltsamen Stimmung zurück ließ.

 

»Was war das denn?«, sprach Toshiya genau das laut aus, was sie sich alle dachten und sogar Christine schien verwundert vom ungewöhnlichen Verhalten des Leaders. Immerhin hatte sie Kaoru ganz anders kennengelernt. Dass er sich Kyo gegenüber derart kurz angebunden gab, war mehr als seltsam.

»Gute Frage. Hast du was ausgefressen, Kyo?«, wollte Dai wissen und schaute von der Tür, durch welche seine Kollegen verschwunden waren, zu ihrem Sänger.

Dieser reagierte zwar hörbar empört, aber tief im Innersten kochte wieder die Schuld hoch, welche er seit Wochen zu unterdrücken versuchte.

»Natürlich nicht! Ich bin nicht immer an allem Schuld, klar!«, fauchte er.

»Hey, nur die Ruhe.« Abwehrend hob Dai die Hände, »Ich mache dir doch keine Vorwürfe. Es ist nur, na ja, du klebst ja ständig an ihm und deswegen dachte ich, mh - .« Verlegen von seinen eigenen Gedanken, strich er sich eine Strähne hinters Ohr. »Ach, vergiss es einfach.«

 

Da er selbst nicht in der Stimmung für solche Gespräche war, ging Kyo einfach nicht weiter darauf ein.

»Takumi hat keine Ahnung und ich will, dass das so bleibt!«

»Aber, hattet ihr nicht ein gemeinsames Projekt geplant?«, fragte Shinya deutlich besorgt.

»Es war nur eine Idee.« Der Sänger seufzte schwer. »Allerdings werde ich wohl nicht umhin kommen, ihm abzusagen.« Kyo schob sich einen Cracker zwischen die Lippen und zerbiss diesen geräuschvoll. »Wenn ich mich nicht einmal bei euch wirklich im Griff habe, wie soll ich dann noch eine zweite Band gründen; mit Menschen, die nicht wissen was ich bin?«

Es setzte ihm tatsächlich sehr zu, da er sich eigentlich darauf gefreut hatte, nach all der Zeit endlich diesen Schritt gehen zu können. Christine hörte zu, war nun jedoch ein wenig verwundert.

»Wozu denn eine zweite Band?«, fragte sie neugierig.

Der Sänger knurrte leise, ehe er ihr antwortete.

 

»Das ist in der japanischen Musikindustrie nichts ungewöhnliches. Ich liebe Dir En Grey und die Songs, die ich für uns schreibe. Allerdings haben wir mittlerweile einen ganz bestimmten Stil, der unsere Musik ausmacht und dies wiederum schränkt mich in gewisser Weise ein.« Es fiel ihm nicht leicht das zu erklären. Christines Nicken zeigte ihm aber, dass sie verstand.

»Wir sind Musiker. Das hier ist unser Beruf und weder die Jungs, noch ich, können unser Leben lang ein und das selbe machen. Würde man von mir verlangen, repetitiv immer wieder die gleichen Songs zu schreiben, nur um die Bedürfnisse unserer Fans zu befriedigen, dann würde ich mich irgendwann vom Dach stürzen.«

»Kyo hasst unsere Fans«, kam es staubtrocken von Toshiya, mit einem leichten Grinsen, zum Zeichen, dass er es nicht ernst meinte.

»Quatsch, ich hasse sie nicht!«, wehrte dieser ab. »Aber ich will mein Leben von dem ihren trennen. Sie kaufen unsere Musik, besuchen unsere Konzerte und konsumieren unsere Produkte. Wir sind Produzenten und keine Dienstleister und, ehrlich gesagt, bin ich es schon lange leid, aktiv die parasozialen Beziehungen fremder Menschen zu füttern, nur damit der Umsatz stimmt. Ich weiß nicht wer diese Leute sind und es interessiert mich auch nicht.«

 

»Ich finde, du könntest trotzdem ein bisschen netter sein.«, argumentierte Dai, obwohl klar war, dass er genau so gut auch mit einer Wand hätte reden können. »Fanservice ist nun einmal ein Teil unseres Jobs.«

»Ich verhure mich nicht mehr!«

»Das hat nichts mit verhuren zu tun, Kyo!«, widersprach der schöne Gitarrist. »Sie erwarten von uns nicht nur Qualität, sondern auch - .«

»Was? Dass du Kaoru auf der Bühne die Zunge in den Hals schiebst? Oder dass mich Toshiya, vor hunderten Fans, fast flachlegt?«, fauchte Kyo, nun hörbar zornig. »Sollte es dir noch nicht aufgefallen sein, Dai, aber ich singe über Tod, Depressionen, Verzweiflung und Mord. Von mir aus können andere Bands gern damit weiter machen, ihre Fans sexuell zu befriedigen. Aber ich bin durch damit und wenn es nach mir ginge, dann würde ich auch kein einziges Interview mehr geben!«

 

Auf diesen Ausbruch hin sagte keiner mehr etwas. Die drei anderen standen betreten da, wussten nicht was sie antworten sollten und man sah ihnen an, dass es ihnen mit Kyos Worten nicht gut ging.

»Ich kann dich verstehen.« Christine hatte eigentlich nicht vorgehabt sich einzumischen, allerdings tat es ihr nun doch ein wenig leid, die Freunde so vor sich zu sehen. Sie selbst redete sich zwar seit Jahren ein, dass ihr die Einsamkeit nichts ausmachte und sie viel lieber alleine war. Doch wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann vermisste sie durchaus die alten Freunde von damals, von denen sie sich irgendwann entfremdet hatte.

»Du willst Musik machen und das tun was du am besten kannst. Zugegeben, ich habe keine Ahnung von eurer Branche; aber wenn du es als übergriffig empfindest, solche Dinge tun zu müssen, nur damit eure Fans zufrieden sind, dann solltest du dich dagegen wehren.«

Sie sah dem jungen Kater in die Augen und erkannte darin einerseits Überraschung, aufgrund der unerwarteten Rückendeckung. Zum anderen aber auch Dankbarkeit.

»Es war ja nicht immer schlecht«, versuchte Kyo die Situation zu entschärfen. »Wenn es von uns ausging, dann konnte das alles wirklich lustig sein. Aber wenn Fans von uns erwarten auf der Bühne einen kleinen Softporno abzuziehen, nur um danach sagen zu können ‘das Konzert war super!’ dann fühlt sich das, für mich, einfach scheiße an! Ich bin Musiker und kein Stripper!«

 

Wieder schwiegen sie, Dai kratzte sich unbehaglich am Oberarm, während Shinya unsicher zu Boden starrte und nicht wusste, was er tun sollte.

Der Erste, der reagierte, war schließlich Toshiya. Ihr Bassist trat unsicher auf Kyo zu, musterte ihn einige Sekunden und nahm ihn dann völlig überraschend einfach in den Arm. Es war zwar nicht ganz ungewöhnlich, dass der Jüngere auch mal Körperkontakt suchte. Jedoch hätte der Sänger jetzt absolut nicht damit gerechnet.

»Tut mir leid.« In Toshiyas Stimme schwangen Bedauern und ein Unterton mit, den Kyo nicht interpretieren konnte. »Ich wusste nicht, dass du damit ein Problem hast. Für mich war das alles immer nur Spaß.«

Langsam ebbte die Welle aus Wut ab und er konnte nicht anders, als die Nase für einen Moment gegen den Hals des anderen zu drücken, dessen Geruch einzuatmen und die Umarmung kurz zu erwidern.

»Schon gut, das weiß ich doch.« Tatsächlich hatte Kyo seinen Kollegen nie Vorwürfe deswegen gemacht. Sein Zorn galt, in dieser Angelegenheit, voll und ganz der Branche und dem Management. »Ich bin dir nicht böse.«

 

Sie ließen einander wieder los, gingen auf Abstand und er nahm sich vor, später noch einmal in Ruhe unter vier Augen, mit seinem Bassisten zu sprechen.

»Schickt dich Kaoru, aus diesem Grund, nicht mehr auf Interviews?«, fragte Dai vorsichtig nach, was Kyo nickend bestätigte.

»Unter anderem, ja. Wir haben vor einer Weile schon mal darüber gesprochen, dass Interviews für mich extrem anstrengend sind. Smalltalk ist … schwierig.«

Diese Bemerkung ließ die Ärztin aufhorchen und sie musterte ihn wieder so eingehend, wie er es von ihr zwar gewohnt war, dies aber trotzdem hasste.

»Du machst mir nicht den Eindruck, als wärst du jemand der lieber die Klappe hält.«

»Unser Kyo hat es gemeistert, in jeder Lebenssituation absolut schräg zu sein!«, antwortete Dai, noch ehe Kyo dazu kam etwas zu sagen. »Wenn er unter Menschen ist, die er kennt, dann hört er einfach nicht auf zu reden und hält stundenlange Monologe, über alles was ihn interessiert.«

Toshiya lachte zustimmend auf.

»Oh, erinnere mich bitte nicht an unseren ersten Flug nach Europa! Drei Stunden lang musste ich mir einen Vortrag über Ginster anhören.«

 

»Und in Interviews ist das nicht so?« Die Art wie sie fragte implizierte, dass Christine auf irgendwas hinaus wollte. Aber sie behielt es vorerst für sich.

»Nein.« antwortete der Sänger, noch ehe Dai etwas sagen konnte. »Wenn sie nicht geplant sind und keiner klaren Linie folgen, dann erwartet man von uns, dass wir Smalltalk führen, Witze reißen, vielleicht auch Anekdoten aus unserer Bandgeschichte erzählen. Ich muss dann durchgehend eine Rolle spielen, vor Menschen die ich weder kenne, noch deren Körpersprache ich vollständig lesen und entschlüsseln kann.«

»Klingt fürchterlich.«

»Es ist fürchterlich!«, stimmte er ihr energisch zu. »Und immer wieder stellt man uns Fragen, die wir, in den letzten zwanzig Jahren, bereits mehrfach beantwortet haben. Das alles nervt mich. Ich will einfach nur meine Arbeit machen, schreiben, singen und mich ansonsten in meiner Wohnung einschließen.« Kyo vollführte eine Handbewegung, als wolle er die Welt, außerhalb des Raumes, damit einfassen. »Die Menschen sind für mich, in erster Linie, einfach nur laut, anstrengend und unlogisch.«

 

»Deine Musik ist dein Weg, mit der Welt zu interagieren, weil du anders nicht mit ihr kommunizieren kannst?«

Vermutlich war es das erste Mal, dass er Christine derart sanft und verständnisvoll erlebte und auch das freundliche Lächeln, welches sie ihm entgegen brachte, war ihm neu. Als Kyo über ihre Worte nachdachte, wurde ihm bewusst, wie recht sie damit hatte und das erschreckte ihn irgendwie.

»Ja«, murmelte er, mehr zu sich selbst und stand nun seinerseits verloren im Raum. »Irgendwie schon.«

»Und es ist dir egal, ob du eure Fans damit kränkst, dass du ihnen nicht mehr das gibst, was sie von anderen Bands bekommen. Weil du kein Interesse daran hast, mit anderen Menschen engere soziale Interaktionen einzugehen.«

»Verdammt, auf was willst du hinaus?«, rief er, da ihre Analyse allmählich wirklich unheimlich präzise wurde. Noch nie hatte ihn jemand derart schnell und intensiv verstanden. Zumindest hatte es ihm noch nie jemand so offen gesagt.

 

»Ich habe einen Verdacht«, war alles, was sie dazu sagte. »Und wenn du mich lieb bittest, dann verrate ich ihn dir sogar.« [1]

»Den Teufel werde ich tun!«, fauchte er sofort abwehrend, was ihr amüsiertes Grinsen nur noch weiter verstärkte. »Von mir aus kannst du mit auf die Tour kommen, aber wehe du machst mich zu deinem Forschungsprojekt.«

»Ist ja gut, kleiner Kater.« Christine steckte lässig die Hände die Jackentaschen und blickte neugierig in die Runde. »Wo genau geht es eigentlich hin?« fragte sie gelassen und suchte die Blicke der restlichen Bandmitglieder.

»Zuerst einmal nach Sendai«, antwortete Toshiya. »Und danach weiter nach Sapporo.«

»Cool«, meinte die Ärztin. »Da war ich noch nie«, woraufhin sie von Kyo ein angesäuertes,

»Das wird keine Urlaubsreise!« erhielt.

 

***

 

Das Licht in dem hübschen Zimmer, war bereits ganz in Gelb und Rot gefärbt, während die Sonne hinter den Vorhängen langsam in den Horizont eintauchte und der Tag zu ende ging.

Satoshi betrachtete das Stickmuster am Saum der Gardine, ohne es wirklich zu beachten und strich leicht mit der Spitze seines Zeigefingers darüber.

Hinter ihm war immer wieder das angestrengte Schnaufen der Beatmungsmaschine zu hören und das unregelmäßige Piepsen des Herzmonitors. Er musste nicht hinsehen, um zu wissen wie elend seine Exfrau mittlerweile aussah.

Der Krebs und die Therapie, hatten sie gezeichnet und von der früher so starken beeindruckenden Schönheit, nichts mehr übrig gelassen. Ihre Organe waren voller Tumore, auf einem Auge war sie blind und ihre Atmung hatte sich schon vor Monaten in ein konstantes Röcheln verwandelt. Selbst wenn sie rechtzeitig zu ihm gekommen wäre, hätte er sie unmöglich retten können. Nicht mit der genetischen Vorbelastung, die sie zu einem solchen Schicksal verdammte.

»Satoshi«, hörte er ihre kratzige, geschundene Stimme und endlich drehte er sich zu ihr um, erwiderte den einseitigen Blick und musste feststellen, dass sich der Tod immer mehr von ihr einverleibte. Bald wäre es vorbei und er erwischte sich bei dem Gedanken, dass er sich wünschte, dieser Moment würde endlich kommen.

 

»Habe ich dich geweckt?«, fragte er, trat näher und setzte sich in den Sessel neben dem Bett. Die letzten Tage hatte er kaum geschlafen und sich in Gedanken viel mit seiner Vergangenheit beschäftigt. Die Erinnerungen an ihre gescheiterte Ehe, an Nao, Tomoe, Christine und irgendwie auch an Kyo.

»Nein, ich wusste dass du kommst.« Sie lächelte und ihre dünne Haut spannte sich um ihre blassen Lippen. »So wie jeden Tag.«

»Ja.« Er wollte ihre Hand ergreifen, konnte sich aber einfach nicht überwinden und saß einfach nur da; so wie er es die meiste Zeit über tat.

Sie sprachen nie viel miteinander, waren sich praktisch fremd geworden und doch verband sie so viel miteinander, dass es ihm in der Seele weh tat, sie hier liegen zu sehen.

»Sayaka, es tut mir leid.« Satoshi hatte keine Ahnung, wofür genau er sich entschuldigte, aber er verspürte das Bedürfnis dazu.

»Was genau?«, fragte sie müde und schloss kurz die Augen.

»Dass ich Nao einfach nicht beschützen konnte. Dass ich seinen Tod nicht verhindern konnte. Dass - .«

»Dass du ihm das gegeben hast, was ich ihm nie geben konnte?« Sie war so leise, dass er sie nur dank seines verbesserten Gehörs verstand. »Du gibst dir die Schuld an etwas, woran du keine Schuld trägst.«

»Du hast unser Kind in meiner Obhut gelassen und trotzdem ist er gestorben. Als Vater habe ich genau so sehr versagt, wie als Arzt.«

Er wusste ja selbst, wie absurd seine Worte waren. Trotzdem hatte er diese Gedanken Tag für Tag; Jahr um Jahr und er konnte sie einfach nicht abschalten.

 

Plötzlich glitt ihre Hand langsam über die Bettdecke in seine Richtung und verharrte dann an der Kante. Sayaka fehlte die Kraft, um die seine zu ergreifen und er war nicht dazu im Stande etwas anderes zu tun, als sie wie ein Idiot anzustarren.

»Du hast nicht versagt. Ich war diejenige, die gegangen ist. Diejenige die sich Vorwürfe machen muss.«

»Tust du es denn?« Dies war tatsächlich etwas, was er sich in all den Jahren immer wieder gefragt hatte. »Hast du es bereut, ihn wie Müll weggeworfen zu haben, nur weil er krank war?«

»Ja.« Sie keuchte schmerzerfüllt. Obwohl sie bereits die maximale Dosis Morphium erhielt, half es kaum noch. Dafür hatte die Krankheit zu viel in ihr kaputt gemacht. »Nicht sofort, aber Jahre später wurde mir klar, was ich angerichtet hatte und ich hasse mich dafür, unserem kleinen Nao so etwas schreckliches angetan zu haben.« Eine Träne rollte ihr über die Wange und Satoshi fragte sich, ob sie durch die Schuld, oder durch die Schmerzen verursacht wurde. »Ich bete, dass er trotzdem glücklich war. Dass Tomoe ihm eine gute Mutter war.«

 

Satoshi verschränkte die Finger seiner Hände miteinander und lehnte sich im Sessel zurück. Am liebsten wäre er aufgesprungen, aus dem Raum gelaufen und zu seiner Familie gefahren.

‘Familie?’, schoss es ihm nachdenklich durch den Kopf. ‘Habe ich denn überhaupt noch so etwas, wie eine Familie?’

Seine Gedanken wanderten zu Yuuto und Naomie, die es eines Tages durch Zufall in sein Leben gespült hatte. Zu Christine, der mürrischen, bissigen Deutschen, die ein Herz aus Stein, aber eine Seele aus Gold besaß und in der er fast so etwas wie eine kleine Schwester sah.

Und dann war da natürlich noch Kyo.

Satoshi hatte wirklich keine Ahnung, was sich das Schicksal bei ihnen beiden eigentlich für einen seltsamen Scherz erlaubt hatte. Ob Katze oder Mensch, aber noch nie zuvor war ihm jemand wie Kyo begegnet. Der Sänger vereinte so viele Gegensätze in sich, dass es ihn ständig von neuem überraschte und egal wie anstrengend der junge Kater auch sein konnte, Satoshi mochte ihn wirklich sehr gern.

 

»Tomoe war ein Engel.« Traurig lächelte er, beim Gedanken an seine verstorbene Frau. »Sie hatte eine unendliche Geduld mit ihm, war liebevoll und hilfsbereit und er hat in ihr tatsächlich eine Mutter gesehen.«

Natürlich war ihm klar, dass es Sayaka verletzte, wenn er dies so offen sagte. Aber andererseits war es die Wahrheit und er wusste nicht, warum er es sollte.

»Sie war alles, was ich nie hätte sein können«, keuchte die sterbenskranke Feloidea und wurde, wie aus dem Nichts, von einem schrecklichen Hustenanfall geschüttelt.

Sofort schaltete Satoshi in den Arztmodus um und ging ihr zur Hand. Vorsichtig schob er einen Arm unter ihren abgemagerten Oberkörper, half ihr dabei sich etwas aufzusetzen und das Blut in eine Schale zu spucken. Erst als sie sich wieder etwas beruhigt hatte, legte er sie zurück aufs Kissen und zog die Bettdecke hoch. Nun war er schon so lange Onkologe und trotzdem schockte es ihn jedes Mal mit anzusehen, was aus den Menschen wurde.

 

»Nao war zu krank, das wissen wir beide, Satoshi.« Das Sprechen fiel ihr nun noch schwerer, aber sie hielt sich mit aller Kraft wach. »Und ihr zwei habt ihm ein wunderschönes und viel zu kurzes Leben geschenkt. Wusste er, dass Tomoe nicht seine leibliche Mutter war?«

Furukawa zuckte mit den Schultern.

»Er war noch zu klein, als sie in unser Leben trat. Wir haben es ihm nie gesagt, weil wir nicht wollten, dass er traurig wird. Nao hat sie geliebt und sie hat ihn geliebt. Das war die Hauptsache.«

»Und trotzdem hasst du mich immer noch?« Ein wissendes Lächeln schlich sich auf ihre spröden Lippen. »Obwohl du weißt, dass es die bessere Entscheidung gewesen wäre. Ich hätte ihm nie die Mutter sein können, die er braucht. Sein Leben war viel zu kurz, aber immerhin wurde er von euch geliebt.«

Als sie dies sagte spürte er, wie sich ein verräterisches Brennen in seinem Hals breit machte und er musste mehrfach schlucken, um es irgendwie herunter zu würgen.

»Du kannst mir meine Gefühle kaum übel nehmen.«, murmelte er, emotional zutiefst erschöpft von ihrem Gespräch.

»Das stimmt.«

 

Stille kehrte ein, in der sie ihn aus halb geschlossenen Lidern musterte und alles wieder vom Lärm der Maschinen untermalt wurde. Wie gern würde er all das endlich abstellen. Er wollte, dass es vorbei war. Er wollte abschließen können!

»Erzähl mir von deinem Leben«, flüsterte sie, nach mehreren Minuten des Schweigens und brachte ihn dazu, etwas verwundert zu brummen.

»Mein Leben?«, wiederholte er. »Was soll damit sein? Ich bin immer noch Arzt, wie du siehst.«

»Aber abgesehen davon?«, Sayaka hustete kurz, blieb dann aber ruhig liegen. »Mit wem umgibst du dich, wenn du nicht gerade in einem Hospiz sitzt, um deiner Exfrau beim sterben zuzusehen?«

 

Den letzten Satz meinte sie zwar auf eine makabere Art als Scherz, aber es fühlte sich für ihn trotzdem nicht gut an. Trotzdem dachte er nach, was er darauf antworten sollte und sein Blick wanderte wieder zum Fenster. Die Sonne war mittlerweile verschwunden und die Welt, außerhalb des Zimmers, nur noch als dunkle Schatten zu erkennen.

»Ich habe vor einem halben Jahr einen jungen Kater kennengelernt. Christine hat ihn an mich überwiesen.« Natürlich war Sayaka mit dem Namen ‘Christine Jansen’ sehr gut vertraut und wusste, dass die Deutsche und Satoshi ein sehr enges Verhältnis zueinander pflegten. Unter den meisten Feloidea, besaß sie einen fragwürdigen Ruf.

»Erzähl mir von ihm«, forderte sie ihn auf.

»Warum?« So kannte er sie eigentlich nicht, da sich Sayaka früher auch kaum für andere interessiert hatte.

»Weil ich deine Stimme sehr vermisst habe. Ich mag es dir zuzuhören.«

‘Seltsam, das hat Tomoe auch immer gesagt.’

 

»Er ist noch nicht so lange wie wir«, begann er schließlich. »Auf den ersten Blick sieht er nicht stark aus, aber er besitzt erstaunliche Kräfte und ein so stabiles Virus, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe - .«

»Satoshi.« In Sayakas Stimme schwang ein Unterton mit, der ihn innehalten ließ. Aber als er sich ihr zuwandte, erkannte er, dass sie lächelte. »Du sollst mir keinen medizinischen Vortrag über ihn halten. Erzähl mir von seinem Charakter. Wie ist er so?«

Darauf wusste er nicht so schnell zu antworten, da er sich selbst nicht ganz sicher war.

»Er ist … kompliziert«, sprach er schließlich nachdenklich. »Ich glaube, dass ich noch nie einen so komplizierten Menschen, wie ihn erlebt habe.«

»Wow, dann muss er ja wirklich etwas besonderes sein, wenn er sogar dich beeindruckt.«

Ihr Lachen ging in einem weiteren Husten unter, was ihn besorgt dreinblicken ließ.

»Schon möglich. Kyo-san hat diese spezielle Ausstrahlung, welche die Leute in ihren Bann zieht, selbst wenn er kein einziges Wort sagt. Soweit ich weiß war das schon so, bevor er zu einem von uns wurde.«

Er dachte an das erste Konzert der Band zurück und die Beobachtungen, die er vor Ort getätigt hatte. Die Art wie Kyo das Publikum dirigierte, wie er mit seiner Präsenz den ganzen Raum einzunehmen schien und wie sich alle Blicke nur auf ihn konzentrierten, hatte den erfahrenen Arzt wirklich beeindruckt.

 

»Er ist unendlich stur und wenn er sich etwas in den Kopf setzt, dann verfolgt er sein Ziel so lange, bis er bekommt was er will.«

»Du hast das Talent, dir immer wieder solche Menschen in dein Leben zu ziehen«, kicherte Sayaka leise. Kraftlos rollte sie sich auf die Seite, ohne den Blick von ihm zu nehmen.

»Stimmt«, gab er zu und dachte an Christine und Tomoe, die genau so waren wie Kyo. Sogar Yuuto hatte diese Art an sich, wenn auch in etwas abgeschwächter Form. »Dabei ist mein Leben bereits kompliziert genug.«

»Du kannst auch sehr stur sein, wenn du willst.«

»Vielleicht. Aber Kyo potenziert das alles mal Zehn, glaub mir.« Er konnte nicht anders, als zu lächeln und als auch ihr dies auffiel, blinzelte sie verwundert.

»Du hast ihn wirklich sehr gern.«

»Ja, irgendwie schon.« Satoshi seufzte. »Er beeindruckt mich und gleichzeitig tut er mir wahnsinnig leid. Sein Leben ist ein großes Chaos, er musste viel ertragen und trotzdem gibt er einfach nicht auf.«

»Ebenfalls so wie du.«

 

Erst jetzt wurde ihm so richtig bewusst, dass sie tatsächlich recht damit hatte. Waren er und Kyo einander etwa so ähnlich? Bislang hatte er geglaubt, dass sie unterschiedlicher kaum sein könnten.

»Ich mache mir Sorgen um ihn und um seine Zukunft.«, gestand er, was von seiner Exfrau mit einem leichten Nicken beantwortet wurde. Das Gespräch kostete sie zu viel Kraft und er wusste, dass sich sein Besuch nun sehr schnell dem Ende neigte.

»Du befürchtest, dass sich die Krankheit zu viel von ihm holt und er vergessen könnte, wer er ist?«, es war mehr eine Schlussfolgerung, denn eine Frage. Sayaka stellte sie so geschickt, dass er selbst einmal darüber nachdenken musste.

»Er kämpft schon so lange gegen seine inneren Dämonen an und ich weiß nicht, wie ich ihm noch helfen kann, sollte es schlimmer werden.«

Sie hörte ihm zu, dachte nach und suchte dabei schweigend seinen Blick. Schließlich fragte sie, mit dünner und schwacher Stimme.

 

»Hat er jemanden, der ihm etwas bedeutet? Jemanden, den er liebt?«

»Ja.« Überrascht von sich selbst und seiner schnellen Antwort, stutzte er. »Also, ich weiß, dass es jemanden gibt, der ihn liebt und ich glaube, dass er es ebenfalls tut. Allerdings nicht auf die Weise, die man normalerweise als Liebe bezeichnen würde«, ruderte Satoshi zurück und dachte dabei an die Momente zwischen Kyo und Kaoru.

Vor und nach den Konzerten, in denen sie einander so nahe waren, dass sie alles um sich herum ausblendeten. Der Moment in seinem Garten. Der Abend, als Kaoru dem jungen Kater verbal die Pistole auf die Brust gesetzt und ihm ein Ultimatum gestellt hatte.

Kaoru liebte Kyo bis zur totalen Aufopferung.

Aber wie sah es bei Kyo selbst aus?

»Kaoru würde sein Leben für ihn geben, wenn es nötig wäre. Er erträgt alles, selbst wenn es ihm schadet, nur damit Kyo nicht zu tief fällt«, murmelte er nachdenklich und starrte vor sich hin. »Aber genau das ist das Problem daran. Kyos Selbsthass nimmt ihm alles und lässt nichts übrig, was er für Kaoru opfern könnte.

Die beiden sind in einer seltsamen Dynamik gefangen, die ich nicht so richtig verstehe. Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Sie voneinander zu trennen, wäre eigentlich das vernünftigste, damit sie einander keinen Schaden mehr zufügen können. Andererseits braucht Kyo ihn, um nicht völlig zu Grunde zu gehen. Aber Kaoru ist ein herzensguter Mensch und hat es nicht verdient, für derartige Zwecke benutzt zu werden. Egal wie ich dieses Dilemma auch betrachte, ich finde keine Lösung.«

 

Er wand den Blick wieder zu Sayaka, als diese, selbst nach mehreren Sekunden, nicht antwortete. Nur um zu erkennen, dass sie vor Erschöpfung eingeschlafen war.

Satoshi seufzte leise, stand auf und deckte sie wieder richtig zu.

»Bis morgen«, flüsterte er, beugte sich zu ihr herunter und küsste sie auf die eingefallene Wange, ehe er das Zimmer verließ und die Tür hinter sich schloss.

Morgen würde er wiederkommen und seiner Exfrau beim sterben zusehen.

 

***
 

Kapitel 38 ¦ Katzenwege


 

***

 

Es war nicht ihr erstes Konzert, seit der großen Katastrophe im vergangenen Jahr. Aber irgendwie erfüllte es Kyo immer noch mit einem eigenartigen Gefühl, wieder in Sendai zu sein. Die tiefen Narben, welche der Tsunami im Stadtbild hinterlassen hatte, waren mittlerweile dabei zu verblassen. Jedoch blieben die Erinnerungen in den Köpfen der Menschen bestehen, egal wie viel Zeit auch ins Land strich.

Selbst jetzt waren die Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten noch lange nicht abgeschlossen. Vom renovierten Flughafengebäude aus, hatte er die großen Kräne sehen können, welche Tag und Nacht Trümmer beiseite hoben; nur um darunter noch mehr Trümmer vorzufinden. Über ein Jahr später prägte das Desaster immer noch Japans östliche Küstengebiete und erinnerten die Anwohner ständig daran, dass sie alle nur ein Spielball der Natur waren.

 

Jetzt im Augenblick beschäftigte ihn allerdings etwas ganz anders. Nämlich sein Gitarrist, der ziemlich verzweifelt vor ihm auf dem freien Bett saß und das Gesicht in den Händen vergraben hatte.

»Es ist schon wieder eine Mail gekommen, mit einem Foto, aber ohne Forderung.« Dai hörte sich unendlich müde an und sehr wahrscheinlich hatte er die letzten Nächte nur wenig schlaf gefunden.

»Wieder ein Foto von der Nacht?« Natürlich war die Frage fast unnötig, trotzdem stelle Kyo sie, aus reiner Gewohnheit.

»Ja!« Dai sah auf. »Und ich habe wirklich keine Ahnung, wieso es so viele sind! Warum ist mir damals nicht aufgefallen, dass dieser Mistkerl Fotos von mir macht?!«

Das war allerdings eine wirklich gute Frage.

»Ist die Qualität denn gut genug, dass man dich darauf erkennen kann?«

»Wie meinst du das?« Dai verstand nicht ganz, auf was Kyo hinauswollte.

»Wenn du damals nicht gemerkt hast, dass man dich fotografiert, dann war die Kamera klein und unauffällig und hatte vielleicht keine hohe Auflösung.«

Er kannte sich eigentlich nicht gut genug damit aus. Shinya war in solchen Dingen der bessere Ansprechpartner. Außerdem verstand Kyo nicht, warum Dai ausgerechnet zu ihm gekommen war und nicht zu Kaoru.

Von Dai kam zunächst nur ein sehr langes und schwerfälliges Seufzen.

»Leider ja. Man sieht mein Gesicht sehr deutlich.«

Na toll. Das hatte ihnen gerade noch gefehlt!

 

Kyo lehnte sich zurück, legte den Kopf in den Nacken und starrte hoch zur Hotelzimmerdecke. Jenseits der Tür hörte er Stimmen von Menschen, die ihm unbekannt waren. Es duftete leicht nach Weichspüler und dem Geruch der Kunstblumen in der Ecke zu folgen, hatte man diese kürzlich mit einem Raumspray behandelt. Ein Hauch von chemischer Vanille hing in der Luft und Kyo hasste es zutiefst!

»Zeig mir die Fotos«, platzte es aus ihm heraus und mit einem Ruck setzte er sich wieder gerade hin. Dai starrte ihn so entsetzt an, als hätte der Sänger ihm direkt ins Gesicht getreten.

»Bitte was?!«, fragte er, als er sich wieder halbwegs gefangen hatte. »Vergiss es!«

»Dai, komm schon.« Er lehnte sich vor, stützte sich mit den Unterarmen auf seinen Oberschenkeln ab und suchte den Blick seines Kollegen, welcher rot anlief. »Wenn wir herausfinden wollen welches Arschloch dich erpresst, dann müssen wir uns diese Fotos genauer anschauen. Vielleicht finden wir einen Hinweis, der ihn verrät.«

»Und was soll das für ein Hinweis sein? Der Kerl wird sicherlich nicht aus versehen seinen Ausweis fotografiert haben.«

Dai behagte es gar nicht, dass noch andere Leute diese expliziten Bilder anschauten. Andererseits war Kyo auch sein Freund und er wusste, dass er nicht befürchten musste, dieser würde ihn auslachen. Trotzdem war es ihm peinlich.

»Möglicherweise ein Tattoo, oder eine Narbe«, schlug der andere nachdenklich vor. »Es könnte ein winziges Detail sein und je eher wir es finden, umso schneller hört dieser Terror auf.«

 

Kyo wollte es ihm nicht zu offen zeigen, aber seine eigene Zuversicht war nicht gerade groß, in dieser Angelegenheit. Kaoru konnte solche motivierenden Reden viel besser halten.

»Na schön«, gab Dai sich schließlich geschlagen. »Aber wenn du lachst, oder dumm guckst, hau ich dir eine rein! Nur damit das klar ist!«

Ein wenig schief, aber durchaus ehrlich, musste Kyo daraufhin grinsen, stand auf und setzte sich neben seinen Kollegen aufs Bett.

»Versprochen und jetzt zeig schon her.«

»Du bist mir etwas zu neugierig, mein Freund«, brummte Dai, während er sein Smartphone aus der Jeans fummelte und den Pin eingab.

»Ich hab im Leben schon mehr als genug Pornos gesehen. Mich schockt nichts mehr.« Der Sänger zuckte gespielt lässig mit den Schultern, was ihm einen fragenden Seitenblick einbrachte. »Nein, Gayporn war nicht dabei!«, setzte er schnell nach und verleitete Dai dazu, eine seiner Augenbrauen zu heben.

»Das wollte ich auch gar nicht wissen, du kleiner Giftzwerg.« Völlig unbeabsichtigt, hatten Kyos unnötige Kommentare tatsächlich dazu beigetragen, die Stimmung etwas zu lockern. Trotzdem fiel es Dai sichtlich schwer, die aktuellste Mail zu öffnen.

 

Sein Daumen zitterte, als er ihn auf das kleine Thumbnail presste, um die angehängte Datei zu öffnen. Der Sänger rutschte nähe, schaute neugierig und forschend auf die dunkle Fotografie und runzelte die Stirn.

»Die Qualität ist wirklich nicht die Beste. Aber du hast recht, man kann dich echt gut erkennen.« Er sah auf und zu Dai, dem Überraschung und Entsetzen regelrecht ins Gesicht standen. »Was hast du?«, fragte er und neigte den Kopf leicht zur Seite.

»Du - dich - dich stört das nicht?«, keuchte dieser fast schon atemlos.

»Was genau? Dass du von einem Kerl flachgelegt wurdest? Nein, das stört mich nicht. Euer Sexleben geht mich nichts an, das habe ich dir schon mal gesagt.« Gelassen zuckte er mit den Schultern. »Aber was mich wirklich stört, ist, dass diese Fotos ohne dein Wissen entstanden sind und wenn wir diesen Typen finden, dann werde ich ihm sehr deutlich zeigen, was ich von ihm und dieser bescheuerten Aktion halte!«

 

Dais Gefühl, dass Kyos Worte maßgeblich durch die Katze in dessen Inneren beeinflusst wurden, war durchaus berechtigt. Er versuchte es zwar zu verbergen, um seinen Kumpel nicht unnötig aufzuwühlen, aber in Wahrheit kochte der Sänger vor Wut.

Und da Dai das alles wohl erst einmal verarbeiten musste, pflückte er diesem das Handy aus der Hand und konzentrierte sich auf die leicht unscharfe Fotografie. Dabei versuchte er das eigentliche Motiv möglichst auszublenden und zu ignorieren, dass es Dai war, welcher erregt in die Kamera schaute und in einer eindeutigen Pose auf dem Bett lag.

Mit den Fingern zoomte er ran und betrachtete den ausgestreckten Arm des Fremden, welcher sich neben Dais Kopf abstützte.

»Das ist seltsam«, murmelte Kyo irgendwann. »Du hättest eigentlich sehen müssen, dass man Fotos von dir macht. Die Kamera war vielleicht einen Meter von dir entfernt. Wie konnte dir das entgehen?«

Ein weiteres Mal vergrub der andere Mann das Gesicht in den Händen und gab einen gequälten Laut von sich. Diese Reaktion gab Kyo den Eindruck, dass Dai ihm bislang etwas sehr wichtiges verschwiegen hatte.

»Was hast du?«, wollte er deswegen wissen und wartete ab.

Sein Kollege atmete tief durch, rang sichtlich mit sich selbst und murmelte etwas in seine Handinnenflächen, was er nicht verstand.

»Dai, rede mit mir!«, verlangte er, nun etwas forscher.

 

»Gekifft«, kam es irgendwann leise und nur schwer verständlich und Kyo glaube zuerst, er hätte sich verhört. Dann aber gab er ein zutiefst erschrockenes Geräusch von sich und konnte nicht anders, als zu fauchen:

»Bist du verrückt geworden?!« Das konnte doch nicht wahr sein. Erst die Sache mit den Fotos und jetzt auch noch das? »Das hätte deine Karriere beenden können, du Vollidiot! Was hast du dir dabei gedacht?!«

Denn, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, waren die Gesetze in Japan, was den Besitz und Konsum von Drogen anging, ziemlich streng und ein einziger Joint hatte schon so manchen Superstar in den Ruin getrieben.

»Es war ein sehr wilder Abend, okay!«, rechtfertigte sich sein Kollege, nicht minder heftig. »Und ich war verdammt nochmal einsam! Die Tour war beschissen, mein Privatleben lag in Scherben und ich wollte mich an dem Tag nur noch abschießen.«

Von all dem was Dai sagte, traf ihn die Bemerkung mit der Tour am härtesten.

Es war keine gute Zeit gewesen und es hatte nicht nur Dai zugesetzt. Kyo erinnerte sich an den vielen Streit untereinander, die Unzufriedenheit mit ihrer Musik, die Kritiken, die aufdringlichen Fans und auch an die vorherige Tour in Übersee, auf die er keine Lust gehabt hatte. Er mochte Amerika einfach nicht und daran würde sich, nach dem was in Denver passiert war, wohl auch nichts mehr ändern.

 

»Und zu kiffen war für dich die beste Lösung, oder was?«, fragte er patzig.

Wenn das schief gegangen wäre, hätte es die ganze Band ruinieren können! Kyo wollte sich nicht ausmalen, wie es wäre, von heute auf morgen alleine zu sein. Dieser Gedanke jagte ihm eine schreckliche Angst ein!

»Ich kann es nicht mehr ändern.« Dai sank regelrecht in sich zusammen und seufzte schwer. »Und dass es eine scheiß Idee war, weiß ich selbst, wie du siehst.« Dabei deutete er in Richtung Smartphone, auf dem noch immer das Foto zu sehen war. »Deswegen erinnere ich mich auch nicht mehr daran, wie der Kerl ausgesehen hat. Ich war bekifft und besoffen.«

»Wie hast du in dem Zustand überhaupt einen hoch bekommen?«

»Keine Ahnung.« Wieder dieses ratlose Schulterzucken. »Vermutlich habe ich das gar nicht. Als ich am nächsten Morgen aufgewacht bin, war ich alleine und … naja … ich hätte bestimmt auch gedacht, alles war nur ein Traum, hätte nicht - na, du weißt schon.«

Kyo zwang ihn nicht weiterzusprechen, denn er konnte sich denken, was genau Dai damit meinte.

 

»Hast du dich testen lassen?«, fragte er vorsichtig und hörbar besorgt. Er selbst wusste ja immerhin wie es war, mit einer hochansteckenden Krankheit zu leben, die jeden in seiner Nähe umbringen konnte und er wollte sicherlich nicht, dass es seinen Freunden genau so erging.

»Ja, das waren die drei schlimmsten Tage meines Lebens!«

»Und?«, drängte er und veranlasste Dai dazu, endlich wieder den Kopf zu heben und ihn beruhigend anzulächeln. Aus der Nähe fielen ihm die Schatten unter dessen Augen noch deutlicher auf.

»Negativ. Ich wäre trotzdem am liebsten vor Scham gestorben. Und ich hatte Angst, dass die Ärzte es an die Behörden weiterleiten würden, dass ich an dem Abend nicht nur Alkohol getrunken habe.«

»Und du Idiot hast uns nichts gesagt?!« Natürlich war dieser Vorwurf bescheuert, das wusste Kyo selbst und er verpasste sich innerlich auch direkt eine Ohrfeige, für sein dummes Verhalten.

»Wie denn? Du weißt doch selbst, dass wir damals kaum noch miteinander geredet haben. Dum Spiro Spero war echt eine Scheißzeit und ich hab mich jeden Morgen gefragt, ob ich nicht einfach bei Kaoru anrufen und ihm sagen soll, dass ihr mich mal am Arsch lecken könnt.«

 

Kyo schwieg, hörte sich alles an und schaute dann betreten auf das Smartphone seines Kollegen, welches er immer noch in der Hand hielt. Mittlerweile war das Display wieder schwarz.

»Es ging uns allen so«, meinte er nach einer Weile. »Ich wollte meinen eigenen Kopf durchsetzen und den Stil, den wir in Spero hatten, weiterverfolgen. Irgendwie konnte ich nicht verstehen, wieso ihr euch so dagegen gewehrt habt.«

»Weil es DEIN Stil war und nicht unserer.« Dais Stimme wurde wieder ruhiger, aber nicht weniger streng. »Während wir Spero gemacht haben, habe ich sehr viel mit Kaoru darüber gesprochen. Ich mochte zwar die Herausforderung an den Songs, aber es gefiel mir nicht, weil ich nicht verstanden habe, was das Ziel des Albums ist. Du warst ja schon immer ein bisschen seltsam, aber zu diesem Zeitpunkt wurde es so schlimm, dass wir nichts mehr mit dir anzufangen wussten.«

Kyo sah ihn überrascht an. Das hörte er zum ersten Mal und es erschreckte ihn, dass Dai solche Dinge sagte.

»Ich hatte keine Ahnung, dass es eine Belastung für euch war«, gestand er, was sein Kollege mit einem traurigen Lächeln beantwortete.

»Bedank dich bei Kaoru. Er war die ganze Zeit über dein Schild«, erklärte Dai. »Er sagte, dass wir uns gedulden müssen, weil es wirklich wichtig wäre, dass du dieses Album bekommst. Ganz ehrlich, Kyo? Ich verstehe deine Texte, speziell in Spero, überhaupt nicht. Was auch immer du damit erzählen musstest, ich hoffe das Thema ist damit endlich durch für dich. Nochmal mache ich das nicht mit.«

 

Dass es ihn so sehr ins Herz treffen könnte diese Worte zu hören, überraschte Kyo und er fühlte ein innerliches Schwanken.

Ganz Unrecht hatte Dai nicht, denn Dum Spiro Spero war rätselhaft, schwer greifbar, hart, ehrlich und gleichzeitig wahnsinnig verschlossen. Er hatte sich damals bewusst so entschieden, um sich selbst besser verstehen zu können. Leider auf Kosten der anderen.

»Es ist vorbei«, sprach er, nach einigen Sekunden der Stille. »Spero war ein Abschluss. Ihr und die Fans sollt das Album nicht verstehen und ich will auch nicht, dass man die Songs zu sehr interpretiert. In den Songs habe ich meine eigene Seele vor mir selbst in ihre Bestandteile zerlegt, um mich besser verstehen zu lernen.

Ich steckte damals in meiner Therapie fest und kam einfach nicht weiter. Mir war zwar klar, dass ich es aus eigener Kraft schaffen muss, aber irgendwie wusste ich nicht, wie ich das anstellen soll. Das Album war meine einzige Möglichkeit, damit dieser Wahnsinn endlich aufhört.«

Dai sagte nichts und hörte ihm einfach nur zu.

 

»In meiner Wohnung gibt es drei Notizbücher, aus der Zeit nach Uroboros. Die meisten Texte darin werde ich niemals veröffentlichen, weil sie viel zu extrem sind. Aber mit dem Rest bin ich irgendwann zu Kaoru gegangen, hab die ihm auf den Tisch geknallt und gesagt, dass wir die verarbeiten müssen, koste es was es wolle.« Bei der Erinnerung an den besagten Tag, musste Kyo leicht auflachen. Rückblickend erschien ihm sein eigenes Verhalten so absurd.

»Er hat sie sich angeschaut und mich dann gefragt, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe.«

»Hat er sie verstanden?«

»Nein, deswegen wollte er sie nicht umsetzen. Er meinte, dass er zwar oft keine Ahnung hat, von was genau ich eigentlich singe, aber zumindest hat man bei den meisten Songs eine grobe Idee. Im Fall der Songtexte für Spero allerdings, ging es ihm genau so wie dir.

Mir war es aber so wichtig diesen Texten meine Stimme zu geben, dass ich mich über ihn und euch einfach hinweggesetzt habe. Und das tut mir leid, Dai. Ihr seid meine Freund und ich Idiot habe euch als meine Instrumente benutzt, ohne auf eure Gefühle zu achten.« Denn nicht nur Dai hatte sein Verhalten verletzt, sondern auch Toshiya und Shinya.

 

»Du hast dich seit Denver wirklich verändert.«

Dais Worte kamen so überraschend für ihn, dass Kyo erst einmal sprachlos war, ehe er antwortete.

»Naja, das stimmt schon«, meinte er zögerlich; nicht sicher was Dai mit seiner Aussage meinte. »Man wird ja nicht jeden Tag einfach so zur Katze.«

»Das meine ich nicht.« Sein Gitarrist sah ihn offen und irgendwie auch mitfühlend an. Kyo war sich wieder einmal nicht sicher, ob er das alles richtig deutete. »Weißt du, nach Spero dachte ich wirklich, dass es das jetzt war und die Band zerbricht. Du warst uns so fremd geworden und Kaorus Besessenheit von dir, hat alles nur noch schlimmer gemacht.«

Der Part mit Kaoru überraschte ihn nicht wirklich, aber für gewöhnlich schwieg sich die Band über dieses Thema aus. Sie beide wussten ja selbst, wie ungesund ihr Verhältnis zueinander war.

»Kaoru wollte mich immer nur beschützen, obwohl ich ihn niemals darum gebeten habe!«

»Du musst dich dafür nicht rechtfertigen, das weiß ich. Wir alle wissen es. Aber genau das war auch unser Problem. Er hat sich irgendwann so sehr zwischen unsere Bedürfnisse und deine Wünsche gestellt, dass wir nicht mehr an dich heran kamen.«

»Deswegen auch der Streit mit Toshiya?«

Dai stutzte und bestätigte Kyo damit, dass er mit seiner Vermutung richtig lag.

»Du wusstest davon?«

»Jemand hat es mir gezwitschert.« Der Sänger stieß ein leises Knurren aus, was an niemanden speziell gerichtet war. »Was genau die beiden besprochen haben, weiß ich allerdings nicht.«

So dünn die Wände beim Studio manchmal waren und so gut der Buschfunk auch funktionierte, aber hellsehen konnte nicht einmal er.

»Es ging um dich«, sagte Dai frei heraus. »Es ging bei jedem Streit immer nur um dich. Deine Alleingänge, deine Texte, dass wir nicht wussten, was genau du eigentlich willst und deine vielen - Versuche.« Letzteres konnte er einfach nicht aussprechen, dafür war das was sie hinter sich gelassen hatten, immer noch zu schmerzhaft.

»Verstehe.« Kyo biss sich selbst auf die Unterlippe und dachte nach, ehe er zu einer Antwort ansetzte. »Aber der Letzte ist Jahre her und es wird auch keine weiteren geben!«

 

Als versuche er einen unbelehrbaren Schüler zu tadeln, stieß Dai zunächst nur ein langes und resigniertes Seufzen aus.

»Du weißt genau, dass es dafür keine Versicherung gibt.« Urplötzlich ließ sich der schöne Gitarrist einfach nach hinten aufs Bett fallen und lag nun quer auf der blütenweißen Bettdecke. »Diese Krankheit ist tückisch. Was macht dich so sicher, dass du es nie wieder versuchen wirst. Vor allem nachdem du jetzt … nun ja, kein Mensch mehr bist?«

Dai war nicht sicher, wie genau er es formulieren sollte, aber Kyo verstand.

Nach einigen Sekunden, ließ er sich ebenfalls nach hinten sinken, bis sie beide nebeneinander lagen und zur Zimmerdecke starrten, auf welcher die Sonne ein hübsches Spiel aus Licht und Schatten zauberte.

»Es gibt einen Deal«, sagte er schließlich mit gesenkter Stimme und spürte dass sein Kollege den Kopf zu ihm drehte. Dais Atem strich dabei über seine Wange.

 

»Der alte Pakt?«, fragte er, erntete aber nur ein Kopfschütteln.

»Nein, es ist etwas, was nur mich und Kaoru etwas angeht. Wir wollten euch nicht mit hineinziehen.«

»Warum nicht?«

»Weil ich gesehen habe, was es mit euch gemacht hat.« Ohne hinzuschauen, griff Kyo zur Seite und packte mit einer Hand Dais Unterarm. Unter seinen Fingerspitzen konnte er deutlich die Narben ertasten, fuhr sie sanft entlang und spürte ihre Unregelmäßigkeit. »Weil ich euch das hier nicht mehr antun wollte. Ihr habt gelitten und geblutet, um mir das Leben zu retten und trotzdem hat es meine Affäre mit dem Tod nicht beenden können.«

Denn etwas anderes war das damals nicht. Kyo hatte jeden Tag mit dem Tod persönlich getanzt; ständig dazu bereit, sich für immer einer letzten Umarmung hinzugeben.

»Und was genau ist das für ein Deal?« Dais Arm entwand sich ihm leicht und Kyo dachte, dass er sich ihm ganz entziehen wollte. Dann fühlte er jedoch Finger, die sich zwischen die seinen schoben und seine Hand einfach festhielten. Er konnte selbst nicht beantworten woran es lag, aber irgendwie ließ er es zu und verstärkte den Griff seinerseits sogar ein wenig.

»Das kann ich nicht sagen«, murmelte er entschuldigend. »Vielleicht erzählen wir euch irgendwann mal davon. Aber es hat mir das Leben gerettet und das ist doch die Hauptsache, oder?« Kyo drehte den Kopf auf die Seite und schaute in Dais Augen. Im Gegensatz zu ihm selbst, war dieser immer so offen und herzlich. »Warum liebt er mich?«

 

»Weil du es nicht kannst.«

Die Antwort war derart kryptisch, dass Kyo leicht lachen musste. Dai war normalerweise jemand, der die Dinge sehr frei aussprach und alles nicht so manisch verkompliziert sah.

»Wozu dieser Aufwand? Wer will denn jemanden, der nicht lieben kann?«

Nun war Dai derjenige, der anfing zu lachen.

»Ganz ehrlich? Ich habe ihn das so oft gefragt und jedes Mal war die Antwort ‘ich weiß es nicht’.« Er ließ ihn los, drehte sich auf die Seite und stützte sich mit dem Ellenbogen ab, so dass er nun auf Kyo hinunter schauen konnte, welcher ihn stumm beobachtete. »Er erwartet keine Beziehung von dir. Kaoru weiß, dass du das einfach nicht kannst und ich glaube, nach allem was wir mit dir schon durchgemacht haben, ist ihm deine Sicherheit am wichtigsten.«

»Er muss damit aufhören!«, platzte es aus Kyo heraus. »Kaoru verschwendet sich selbst an jemanden, der nicht gemacht ist für Beziehungen. Wir wissen alle was für ein toller Mensch er ist und dass er eine echte Partnerschaft verdient, mit Liebe und Leidenschaft und dem ganzen Scheiß, der dazu gehört. Was will er denn mit jemandem wie mir?«

Ja, es brachte ihn zurecht auf, denn er war sich all seiner schädlichen Fehler mehr als bewusst.

 

»Vergessen wir mal, für eine Minute, dass ich eine Krankheit in mir spazieren trage, die euch auf diverse Arten umbringen könnte. Ich bin absolut unromantisch, verstehe Beziehungen nicht, halte Zweisamkeit nicht aus, bin unendlich verkopft und eine unerträgliche Nervensäge, die stundenlange Monologe halten kann und sich für die Belange anderer nur wenig interessiert. Normale Partnerschaften sind mit mir völlig unmöglich. Das ist so seit wir uns kennen und trotzdem macht er einfach damit weiter und hört nicht auf!«

»Weil er es nicht will.« Dais Stimme wurde etwas lauter und auch strenger. »Du hast recht, du bist so seit wir uns kennen und trotzdem liebt er dich. Kaoru ist kein verblendeter Idiot! Er kennt all diese Eigenschaften und weiß genau, dass du dich nicht ändern kannst, weil du nun einmal so bist.

Wenn du mich fragst, dann sehe ich es ähnlich wie du und ich würde mir wünschen, dass er endlich einen Partner findet, der perfekt zu ihm passt. Aber das will er nicht und als Freund muss ich das leider akzeptieren; egal wie sehr ich es hasse, dass er sich so für dich verschwendet.«

Als sich Kyos Augen fast schon panisch weiteten, erinnerte Dai sich daran wie sehr dieser dazu neigte alles zu direkt zu nehmen und zügelte seinen Zorn ein wenig.

»Kyo, ich mag dich. Du kannst nichts dafür, dass du anders tickst. Aber Kaoru und ich sind sehr gute Freunde und ich mag es nicht ihn derart einsam zu sehen.«

 

Der Gitarrist setzte sich auf und wand ihm nun den Rücken zu. Kyo musterte ihn, blieb aber liegen.

»Ist er einsam?«, fragte er bedrückt. »Ich dachte, er hat so viele Freunde?«

Tatsächlich bekam Kaoru oft Besuch und kannte Japans halbe Musikbranche. Dai zuckte mit den Schultern, was den Sänger nun komplett verwirrte.

»Arbeit und Freunde hat er mehr als genug«, meinte er, »Aber sein Privatleben ist ein ausgedürrtes Brachland und das verstehe ich einfach nicht. Kaoru ist so ein lieber Kerl, hilfsbereit, kreativ und der ultimative Nerd. Trotzdem will er niemanden in sein Leben lassen; mit Ausnahme von dir.«

Frustriert knurrend vergrub Kyo das Gesicht in den Händen und schüttelte den Kopf.

»Das kann doch alles nicht wahr sein. Er soll endlich damit aufhören!«

»Willst du das denn wirklich?«

Dais Worte ließen ihn innerlich zusammenzucken. Kyo zögerte, senkte die Arme und starrte seinen Kollegen an. Die Verunsicherung stand ihm offenbar ins Gesicht geschrieben, denn Dai begann zu grinsen.

»Weißt du was, Kyo? Manchmal denke ich, dass ihr zwei eigentlich bereits ein Paar seid, nur irgendwie habt ihr vergessen den letzten Schritt zu gehen.«

»Was?« Er hatte absolut keine Ahnung, was genau Dai damit sagen wollte. »Wir sind kein Paar!«

 

»Wie du schon sagtest, du kannst keine normalen Partnerschaften eingehen, weil du das Konzept von Beziehungen nicht verstehst.« Das Grinsen wurde zu einem sanften und mitfühlenden Lächeln. »Aber vielleicht ist das was ihr beide habt, genau das was du brauchst, weil es das einzige ist was du geben kannst. Und wenn wir mal ehrlich sind, dann kennt dich niemand so gut wie Kaoru. Jede deiner komischen Eigenarten, Ideen und Aktionen, tut er gelassen mit einem Schulterzucken ab. Er lässt dich einfach machen, weil er dir vertraut und bremst dich nur dann wenn es zu gefährlich wird.«

»Ja, er macht alles mit«, stimmte Kyo zu. »Aber Kaoru muss doch langsam auch selbst kapiert haben, dass seine Bemühungen sinnlos sind. Er macht das nur weil er mich will! Wieso gibt er nicht endlich auf?«

»Weil es nur eine Sache gibt, die ihn wirklich dazu bringen kann endgültig aufzuhören.«

»Und was soll das sein?« Der Sänger setzte sich etwas zu schnell und zu energisch auf. So langsam verlor er die Geduld.

»Du bist es, du dummer Idiot!« Nach wie vor lächelte Dai, so als ob ihn Kyos Verhalten amüsiere. »Du müsstest nur hier und jetzt zu ihm gehen und ihm sagen, dass du seine Liebe wirklich nicht mehr willst. Aber du würdest das niemals tun.«

Kyo öffnete den Mund, wollte widersprechen und brachte doch keinen einzigen Laut über die Lippen. Was Dai zu ihm sagte, erschreckte ihn zutiefst, denn irgendwo in seiner Brust spürte er, dass sein Kumpel recht damit hatte. Allein die Vorstellung, Kaoru könnte ihn verlassen und sich tatsächlich einer neuen und echten Beziehung zuwenden, machte ihm Angst. Zeitgleich ergab das alles einfach keinerlei Sinn.

Sie waren kein Paar und trotzdem …

Wo kam diese Angst her?

 

»Siehst du?« Dai stand auf und klaubte sein Smartphone aus Kyos Fingern. »Wie ich schon sagte. Die einzigen die es noch nicht kapiert haben, seid ihr zwei Trottel. Er wird nicht aufhören dich zu lieben, so lange du ihn nicht loslässt. Und dass du es nicht kannst, ist doch im Grunde alles was du wissen musst.«

Kurz zögerte der Gitarrist, dann hob er die Hand und wuschelte seinem geschockten Kollegen durch die schwarzen Haare, ehe er zur Tür ging.

»Denk einfach mal darüber nach, Kitty.«

 

***

 

Dai verließ das Hotelzimmer und nahm sich vor, Kyo mal ein wenig grübeln zu lassen. Dabei konnte er nicht anders, als in sich hinein zu lächeln. Wenn die zwei es schon nicht von selbst schafften, musste die Band eben ein wenig nachhelfen.

Er suchte nach seiner Schlüsselkarte, als ein Stück weiter eine Tür aufging und er dumpfe Schritte auf dem etwas abgenutzten Hotelteppich vernahm.

»Ach, hier bist du.«

Der Gitarrist sah auf und erblicke Toshiya, welcher nun seinerseits zu ihm herüber kam.

»Suchst du mich?«, fragte er, da sie nicht verabredet waren und er nicht wusste was sein Kollege von ihm wollte. Dieser grinste ihn beinahe herausfordernd an.

»Die haben hier ein eigenes Sportstudio, unten in der ersten Etage«, klärte er ihn auf und deutete mit dem Daumen über seine eigene Schulter, in Richtung Fahrstuhl. »Hast du Lust?«

 

In letzter Zeit waren sie kaum dazu gekommen gemeinsam zu trainieren. Das lag zum einen an dem Stress vor der Tour und andererseits an Toshiyas Privatleben. Dai gönnte es ihm, auch wenn er eine gewisse Form der Eifersucht einfach nicht leugnen konnte. Seine letzte Beziehung war, mal wieder, sehr unschön in die Brüche gegangen und er erwischte sich dabei, Toshiya um dessen Lebensgefährtin zu beneiden. Sie war geduldig, verständnisvoll, gelegentlich auch mal streng und war glücklicherweise kein Teil ihrer Fans!

Ganz im Gegensatz zu Dais Ex-Flamme. Es war eine ständige On- und Off-Beziehung, die nun schon zum dritten und damit hoffentlich auch letzten Mal, mit fliegenden Tellern und knallenden Türen geendet war. Sicherlich würde sie sich wieder bei ihm, oder er sich bei ihr melden und er sah sich bereits vor ihr zu Kreuze kriechen und um Vergebung betteln.

Sie zwei konnten nicht ohne einander und erst recht nicht miteinander. Dass dann ausgerechnet er es war, der auf die Idee kam Kyo Beziehungstipps zu geben, war an Absurdität kaum zu überbieten.

 

»Klingt gut«, antwortete er auf Toshiyas Frage und fand nun auch endlich seine Schlüsselkarte. Er öffnete die Tür zu seinem Hotelzimmer und trat ein, der Bassist folgte ihm und schloss die Tür.

»Ich war vorhin bei Kyo.« Dai hockte sich vor seinen Koffer und begann darin zu wühlen. Wieso nur schaffte er es nie, so etwas wie Ordnung in diesen Dingern zu halten?

»Ach?« Toshiya lehnte mit der Schulter an der Wand und hielt die Arme locker vor der Brust verschränkt. »Hat das Katzentier wieder was angestellt?«

Irgendwie wirkte er in letzter Zeit auffällig distanziert, wenn es um das Thema Kyo ging. Dai verstand zwar nicht warum, aber er wollte auch nicht weiter nachbohren. Sie alle gingen mit dieser Situation auf ihre eigene Weise um und wenn Toshiya Zeit brauchte, dann wollte er sie ihm geben.

»Hoffentlich nicht«, erwiderte er und fand zumindest seine Sporthose. »Ich hielt es für angebracht, ihm einen Schubs in die richtige Richtung zu geben.«

»Was meinst du damit?«

»Ich meine ihn und Kaoru. Das kann so doch nicht weiter gehen.« Als er aufsah erkannte Dai, dass sein Kollege eine seiner Augenbrauen äußert zweifeln angehoben hatte und ihn anstarrte, als hätte er etwas sehr dummes gesagt.

»Dai.« Sogar seine Stimme wurde nun so ernst, wie sein Gesichtsausdruck. »Es ist nicht unsere Aufgabe, Kyo seine Gefühle zu erklären!«

Nun auch mit dem T-Shirt in der Hand, erhob er sich und befand sich nun wieder mit Toshiya auf gleicher Augenhöhe.

 

»Wir warten seit fünfzehn Jahren darauf, dass er es endlich kapiert. Kaoru leidet und ich will, dass Kyo endlich eine finale Entscheidung fällt«, erklärte er sein Handeln. »Wenn er mit ihm ‘Schluss’ macht, dann kann Kaoru wenigstens damit abschließen und ihn endlich loslassen.«

»Du glaubst doch selbst nicht daran, dass das noch passieren wird!« Sein Gegenüber schnaubte fast schon abfällig. »Und was wenn er sich, warum auch immer, dafür entscheidet sich doch auf Kaoru einzulassen? Was machen wir dann?!«

»Uns nicht in die Beziehung der beiden einmischen?«, kam der Vorschlag, was aber offenbar genau das Falsche war. Toshiya stieß sich von der Wand ab und warf aufgebracht die Arme in die Luft.

»Im Gegensatz zu früher, ist Kyo jetzt wirklich gefährlich für ihn und uns. Die beiden sollten gar keine Beziehung miteinander führen. Früher nicht und heute erst recht nicht! Ist dir klar, wie das im schlimmsten Fall enden kann, Dai?!«, donnerte er zornig.

»Kaoru ist der einzige, der ihn irgendwie im Griff hat.«

 

»Was soll das für eine Grundlage sein?«, schrie Toshiya nun, was den Gitarristen dazu veranlasste zusammenzuzucken. Noch nie hatte er ihn so erlebt! »Kaoru hat es nicht verdient, dass er sich an eine Beziehung verschwendet, in der er emotional ausgebeutet wird und sich permanent in Lebensgefahr befindet! Mit Kyo zusammen zu sein würde für ihn bedeuten, jeden Tag mit dem Gedanken aufwachen zu müssen, dass seine Liebe für immer einseitig bleibt. Wer würde so etwas freiwillig wollen?!«

Nach diesem Ausbruch wurde es still und Dai fühlte sich, als hätte ihn sein Freund mit eiskaltem Wasser übergossen. Hatte ihm Kyo nicht etwas ähnliches gesagt?

»Und warum hat es Kyo verdient, für immer alleine zu sein?«

Toshiya stieß zur Antwort ein äußerst frustriertes Seufzen aus und fuhr sich durch die Haare.

»Meine Fresse, Dai. Du kannst deine eigenen Beziehungsprobleme nicht dadurch lösen, dass du ihm hilfst!« Dai hatte sich oft genug bei ihm (gern auch unter Alkoholeinfluss) ausgeheult und von den heimischen Problemen geklagt. Toshiya kannte ihn gut genug, um die Parallelen in dieser Angelegenheit zu sehen. »Ich sag ja nicht, dass Kyo das hier verdient hätte. Niemand hat das! Aber diese Sache mit Kaoru muss endlich aufhören. Ich mag beide, aber was das angeht, stehe ich auf Kaorus Seite.«

 

Nachdenklich starrte Dai auf seine Hände, die immer noch seine Sportsachen umklammert hielten und kaute sich dabei unruhig auf der Lippe herum. Er wollte es nicht zugeben, aber ein Teil von ihm musste seinem Kollegen wohl oder übel recht geben.

»Wusstest du, dass die beiden einen Deal miteinander haben?«, fragte er, als wolle er die Argumente seines Gegenübers damit entkräften. »Einen der nichts mit unserem Pakt zu tun hat.«

Offenbar wusste Toshiya das nicht, denn sein Gesichtsausdruck wechselte von Wut zu Erstaunen.

»Nein, was soll das für ein Deal sein?«

»Keine Ahnung, Kyo wollte es mir nicht genauer verraten. Aber scheinbar läuft da etwas, von dem wir nichts mitbekommen sollten.«

Der Bassist gab ein nachdenkliches Brummen von sich und strich sich dabei über das Kinn. Um nicht länger dumm herum zu stehen, verschwand Dai im angrenzenden Badezimmer, ließ aber die Tür ein Stück geöffnet, damit sie sich weiter unterhalten konnten, während er sich umzog.

»Hat er sonst noch etwas darüber gesagt?«, hörte er irgendwann Toshiyas Stimme, als er dabei war seine Jeans auszuziehen.

»Wenn ich das richtig verstanden habe, dann bewahrt es ihn vor einem weiteren Selbstmordversuch«, erklärte er und versuchte nicht umzukippen, bei dem Versuch seinen Fuß ins Hosenbein zu schieben. »Kaoru muss ihn also mit irgendwas an der kurzen Leine halten.«

 

»Oh«, kam es urplötzlich von Toshiya, als diesem etwas einfiel. »Erinnerst du dich an Kyos Klinikaufenthalt nach Vulgar?«

Bei der Nennung dieser Tour verharrte Dai in der Bewegung und konnte nicht verhindern, dass sich sein Mund mit einem Schlag unangenehm trocken anfühlte. Wie konnte er das denn auch vergessen?

»Was ist damit?«, fragte er mit belegter Stimme. Es kostete ihn extrem viel Kraft, die verstörenden Bilder zurück in die hinterste Ecke seiner Erinnerungen zu schieben, wo sie keinen Schaden anrichten konnten.

»Ich habe mit Kaoru vor ein paar Wochen darüber gesprochen. Er hat ihn damals wieder abgeholt und die beiden sind danach wohl zur Bay gefahren. Irgendwas muss dann vorgefallen sein, denn seit dem gab es keinen weiteren Suizidversuch mehr.«

Nun wurde auch Dai bewusst, dass sich Kyo seitdem tatsächlich irgendwie stabilisiert haben musste. Das ohnehin verstörende Verhalten ihres Sängers war zwar insgesamt erhalten geblieben, doch die starke Selbstverletzung auf der Bühne und auch die Suizidalität, waren deutlich zurück gegangen.

 

»Du denkst also, dass Kaoru einen Weg gefunden hat ihn zu kontrollieren?«

»Wenn man das so nennen kann, dann ja«, stimmte Toshiya zu, der ihn kurz musterte, kaum dass Dai aus dem Badezimmer trat und in seine Sportschuhe schlüpfte. »Kyo nennt es einen Deal. Aber wenn es ihn davon abhält, sich das Leben zu nehmen, dann würde ich vermuten, dass Kaoru ihn mit irgendwas erpresst.«

Dai wurde nun tatsächlich blass, als ihm ein schrecklicher Verdacht kam und sein Magen zog sich heftig zusammen.

»Großer Gott. Könnte es vielleicht sein, dass Kaoru sich ebenfalls etwas antun würde, wenn Kyo es nochmal versucht?« Und so ernst wie Toshiya seinen Blick erwiderte, dachte er offenbar genau das gleiche.

»Schon möglich. Wenn die zwei so einen ‘mein Leben für dein Leben’ - Deal haben, dann schwöre ich dir, verprügel ich Kao für diese Dummheit! Wir wollen ja auch nicht, dass Kyo einfach so vom nächsten Balkon springt. Aber das geht viel zu weit!«

»Bevor du ihn vermöbelst, lass mich bitte mit ihm reden.« Schließlich bezeichnete Dai sich, mehr oder weniger, als Kaorus besten Freund. Auch wenn dieser das hin und wieder zu vergessen schien. »Eventuell liegen wir ja beide falsch«

Etwas unentschlossen standen sie nun im Raum und schwiegen sich für mehrere Sekunden an.

 

»Diese Sache mit Takumi macht mir ebenfalls Sorgen«, meinte Toshiya, der sich wieder ein wenig beruhigt hatte. »Kyo weiß doch genau, wie dumm diese Idee ist! Was denkt er sich dabei? Er hätte ihm direkt absagen sollen!«

»Was schlägst du vor, sollen wir dagegen unternehmen?«, Dai musste zugeben, dass ihm diese Angelegenheit ebenfalls Bauchschmerzen bereitete, seit sie von Kyos ‘Geheimnis’ wussten. »Uns einmischen und mit Takumi reden?«

»Und was willst du ihm sagen? ‘Hey, Takumi, bist du sicher, dass du mit einem irren Werkätzchen eine Band gründen willst?’ Ist vielleicht nicht unbedingt die beste Idee. Kyo würde uns dafür vermutlich fressen.«

»Dein Zynismus hilft uns nicht weiter, Toto.« Tatsächlich fühlte sich Dai nicht unbedingt ernst genommen.

»Entschuldige bitte, dass ich mittlerweile keine Ahnung mehr habe, wie wir dieses Chaos irgendwie lösen können, ohne dass es die Band zerstört!«, platzte es aus dem hübschen Bassisten derart laut und harsch heraus, dass Dai sogar ein Stück zurück wich. »Wenn wir nichts tun, bringen wir Takumi in Gefahr. Wenn wir etwas unternehmen, wird Kyo das möglicherweise als Verrat ansehen und dann? Dai, ich will meine Lebensentscheidungen nicht mehr danach richten, was dem verehrten Kyo Nishimura nun besser gefällt und was nicht! Er ist nicht das Zentrum des Seins!«

 

Seine Worte taten weh und so wie ihn Dai anstarrte, hatten sie genau dort getroffen, wo es am meisten schmerzte.

»Denk an das was er dir angetan hat«, fuhr Toshiya fort, als sein Kollege keine Anstalten machte auf ihn zu reagieren. »Du bist wegen ihm in Therapie und kriegst, abgesehen von der Musik, nichts mehr hin. Shinya ist so verstört, dass er kaum noch mit uns redet und von Kaoru will ich gar nicht erst anfangen. Seinen Zerfall erleben wir seit zehn Jahren live mit und können nichts tun, um ihm zu helfen.«

Überfordert, ratlos, verletzt und auch wütend, starrte Dai ihn immer noch an, der Mund leicht geöffnet, die Worte steckten ihm regelrecht im Hals fest.

»Wie kannst du so was nur sagen?«, krächzte er schließlich, hatte seine Stimme einfach nicht mehr im Griff und konnte nicht anders, als Toshiya am Shirt zu packen und ihn zu schütteln. »Hast du sie noch alle?!«

»Ob ich sie noch alle habe?«, giftete sein eigentlich guter Freund in an, »Die Frage solltet ihr euch selbst stellen.« Er packte Dais Hände und riss sie von sich los. »Stell dir vor, was passiert, wenn er auf Takumis Angebot eingeht! Wir haben beide gesehen was in Kaorus Garten passiert ist und ja, vielleicht hilft dieses Gerät in Kyos Körper dabei, ihn im schlimmsten Fall aufzuhalten. Aber je mehr Leute in all das involviert werden, umso mehr gerät es außer Kontrolle.«

 

»Wir können ihm nicht die Wahrheit sagen, das weißt du genau.«

»Dann erzählen wir ihm irgendwas anderes.« Toshiya verschränkte die Arme erneut und erwiderte dabei Dais bohrenden Blick. »Takumi ist schon lange genug dabei. Er weiß, dass Kyo eine ganze Reihe psychischer Probleme hat.«

»Du willst das als Ausrede vorschieben?«

»Hast du eine bessere Idee?«

Tatsächlich fühlte Dai sich so ratlos, wie noch nie zuvor in seinem Leben und er musste leider gestehen, dass er auch nicht mehr weiter wusste.

»Also schön«, seufzte er resigniert und ließ den Kopf hängen. »Aber nur damit das klar ist, wir sprechen das vorher mit Kaoru ab und wir verschieben das, bis wir mit der Tour durch sind. Es sei denn du bist scharf drauf, dich mit einem tobenden Kätzchen anzulegen. Denn genau das wird passieren, wenn Kyo realisiert, dass wir ihm in den Rücken fallen, Toto.«

 

***

 

»Ich könnte dir eine ganze Reihe von Gründen nennen, warum das wirklich hässlich ist.«

»Ich weiß«, brummte Kyo und rollte mit den Augen. Yuuto, der vor ihm stand, grinste schweigend vor sich hin, während Christine die Klebepads am Rücken des Sängers befestigte und dabei dessen Tätowierungen unaufgefordert bewertete. »Und keines deiner Argumente, interessiert mich auch nur ein Stück. Was genau soll das hier eigentlich? Ich dachte, euer dummes Spielzeug sendet alle Daten die ihr braucht.«

»Ja, schon«, gestand der Punk, ein wenig verlegen. Yuuto hielt ein Tablet in den Händen und tippte darauf herum. »Ich bin mit der Programmierung der App aber leider nicht ganz fertig geworden. Deswegen brauchen wir aktuell noch die Sensoren auf deiner Haut.«

Kyos Blick wanderte zur Schulter ihres Technikers.

»Wie geht es deinem Arm?«, fragte er, was den jüngeren Mann zu einem Grinsen veranlasste.

»Es ist besser geworden«, antwortete er, als er auch schon die betroffene Hand ein wenig anhob und die Finger zur Faust schloss. »Das Taubheitsgefühl ist noch nicht wieder ganz verschwunden, aber zumindest kann ich wieder mit Stäbchen essen und sehe dabei nicht aus wie der letzte Vollidiot.«

 

Die Orthese hatte man Yuuto kurz nach Kyos Operation abgenommen und dabei leider festgestellt, dass der Angriff auch einige Schäden an den Nerven verursacht hatte. Yuuto klagte seitdem darüber, dass einige Teile seines Armes entweder extrem sensibel, oder fast taub waren. Dies beinhaltete zusätzlich eine aktuell eingeschränkte Funktionsweise seiner Feinmotorik.

»Wenigstens kannst du alles noch bewegen«, versuchte es der Sänger, was ihm ein knappes Schulterzucken einbrachte.

»Das sagt Naomi auch immer. Ich weiß, dass ihr mich damit nur aufmuntern wollt, aber es suckt trotzdem wahnsinnig!« Trotz der harschen Worte, grinste der Punk und wand sich dann Christine zu. »Ich empfange die Daten. Es sieht gut aus, Doktor.«

Die Ärztin antwortete etwas, was Kyo nur am Rande registrierte. Sein Blick fiel auf Kaoru, welcher genau jetzt den Raum betrat und in der Tür stehen blieb, um das seltsame Schauspiel zu begutachten.

 

»Soll ich wieder gehen?«, fragte er trocken, was Kyo einen fast schon klagenden Laut ausstoßen ließ.

»Bitte nicht! Rette mich, ich werde von einer alten Perversen befummelt!«, jammerte er und auch wenn sie immer wieder behauptete, ihr Japanisch wäre nicht mehr das beste, schien sie diesen Teil zumindest verstanden zu haben. Denn Christine verpasste ihm daraufhin einen mahnenden Stoß in die Seite.

»Ich bin vielleicht alt, aber ganz sicher nicht pervers, du zu klein geratener Gartenzwerg!«

»Ihr beide liebt euch wirklich heiß und innig.«

»Ach halt die Klappe, Yuuto!«, maulte Kyo und schaute erneut hilfesuchend zu Kaoru. »Mama, bitte hol mich ab.«

Das erste Mal seit Tagen erschien ein Lächeln auf den Gesichtszügen seines Leaders, was ihn dazu verleitete innerlich vor Erleichterung aufzuatmen. Scheinbar war doch nicht alles verloren und Kyo musste unwillkürlich an das Gespräch denken, welches er gestern Abend mit Dai geführt hatte.

‘Die einzigen, die es noch nicht kapiert haben, seid ihr zwei Trottel!’, echote es in seinem Kopf, was ihn diesen Gedanken schnell beiseite zu schieben ließ. Er konnte das jetzt auf keinen Fall gebrauchen!

 

»Die Show beginnt in einer halben Stunde. Doktor? Werden Sie bis dahin damit fertig sein, meinen Sänger sexuell zu belästigen?«, stieg er in den Witz mit ein, was Kyo wieder sehr leidenschaftlich die Augen rollen ließ.

»Wenn er endlich still hält und mich meine Arbeit machen lässt, dann können Sie ihn in zwei Minuten mitnehmen, Kaoru-san.«

Seltsamerweise war sie allen anderen gegenüber, viel freundlicher. Nun gut, das konnte aber auch daran liegen, dass Kyo seinerseits ständig Streit anfing.

Sein Leader nickte knapp und wand sich dann wieder ihm zu.

»Wie fühlst du dich?«, fragte er und es war klar, dass er damit auf seine Bühnentauglichkeit anspielte.

»Unruhig«, brummte Kyo, als auch Yuuto um ihn herum ging und er hörte, wie die beiden hinter ihm über irgendwas technisches sprachen, was er nicht verstand. »Meine Muskeln jucken richtig. Ich will auf meine Bühne!«

Nachdem Dai gegangen war, hatte Kyo irgendwann mit dem Gedanken gespielt in den Fitnessbereich zu gehen, um irgendwie diese verdammte innere Anspannung los zu werden. Als er dort jedoch seine beiden Kollegen erblickt hatte, war ihm die Lust wieder vergangen und er hatte sich damit begnügt stundenlang durch den nahen Park zu gehen; Runde um Runde um Runde. Leider hatte ihm auch das nur bedingt Linderung verschafft.

 

»Alles klar, du kannst gehen.« Durchbrach die ruppige Stimme der Ärztin sein Grübeln und beinahe erleichtert zog er sich sein T-Shirt über und floh regelrecht aus dem Raum; Kaoru direkt neben sich.

Sie gingen zum Rest der Band zurück. Dai half Toshiya soeben bei den letzten Aufwärm- und Dehnübungen, während Shinya sich mal wieder in die hinterste Ecke verzogen hatte, um sich um seine eigenen Rituale zu kümmern. All zu viel Zeit blieb nicht mehr, trotzdem blieb er neben dem Tisch stehen, auf dem seine Tasche stand und wand sich Kaoru zu.

»Kao?«, fragte er und suchte dessen Blick.

Irrte er sich, oder wich dieser ihm immer noch aus?

»Ja?«

Was genau wollte er eigentlich sagen? Wollte er überhaupt irgendwas sagen? Kyo wusste es selbst nicht und so stand er einfach nur da und suchte nach einer vertrauten Emotion in den Augen des Älteren. Aber irgendwie war alles ganz anders als sonst.

‘Warum kann ich ihn nicht mehr lesen?’, fragte er sich und konnte die Angst in seiner Brust, nun wirklich nicht mehr ignorieren. ‘Entfremdest du dich von mir, oder bin ich derjenige, der sich von euch entfernt?’

Kaoru konnte ihm auf seine stumme Frage keine Antwort geben und wartete immer noch darauf, dass Kyo etwas sagte. Dieser stieß ein langes Seufzen aus, senkte den Blick und schloss die Augen.

‘Es tut weh. Ich will das so nicht.’

»Tut mir leid«, flüsterte er schließlich, so leise, dass ihn die anderen nicht hörten, aber laut genug damit Kaoru ihn verstand.

»Was denn?«, fragte dieser, seinerseits mit gesenkter Stimme.

»Alles. Einfach alles.«

 

Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich eine Hand auf. Kyo war so überrascht, dass er sich leicht erschrak. Aber die kühlen Finger schoben sich lediglich in seinen Nacken, strichen dort über die schwarzen kurzen Haare und veranlassten ihn dazu, den Kopf ein wenig zu heben.

Da war es!

Das warme, leichte Lächeln und der Hauch von etwas, was ihm durchaus vertraut war.  

»Schon gut.« Kaoru beugte sich zu ihm herunter und das erste Mal, seit einer gefühlten Ewigkeit, berührte dessen Stirn wieder die von Kyo. Ganz automatisch schlossen sich seine Augen. Er lehnte sich der Berührung entgegen, fühlte die Wärme auf seiner Haut, nahm Kaorus Atem wahr, roch dessen leichtes und wenig aufdringliches Männerparfüm und spürte wie die rauen Fingerspitzen über seinen Nacken strichen. »Es wird alles gut.«

‘Ich bete dafür, Kaoru. Bitte, hör nicht auf mich zu lieben. Denn andernfalls kann ich nicht dafür garantieren, dass dieses Monster in meinem Kopf, noch lange still bleiben wird.’

 

***
 

Kapitel 39¦ Katzenträume


 

(Bitte den wichtigen Hinweis im Vorwort beachten)

  

 

***

 
 

 

Der Bass hämmerte ihm im Körper und Kyo konnte nicht anders als sich in ihn fallen zu lassen und zu spüren wie die harten Schläge der Gitarren seine Adern zum vibrieren brachten. Der Rausch riss ihn mit sich und sein eigener Gesang hallte in seinen Ohren wider, untermalt vom Geschrei der begeisterten Fans. Kyo riss sich das Mikrofon vom Mund, sah sie mit seinen wilden, gierigen Augen an und schrie dann so laut er konnte. Sein Schrei verwandelte sich in ein tiefes Brüllen, was sich direkt aus dem innersten Seiner Seele an die Oberfläche kämpfte und all seine Gewalt in die gesichtslose Menge entließ.

 

Jemand näherte sich ihm von der Seite und er registrierte Dai nur am Rande. Er durfte hier sein, denn er wurde von der Katze geduldet und Kyo wusste, dass er ihm nicht gefährlich werden konnte.

Die Drums wurden immer brutaler, hämmerten ihm regelrecht in den Knochen, fast als wolle Shinya ihn für irgendwas bestrafen. Nur dass es genau das war, was Kyo wollte. Er schnurrte lautstark, schloss die Augen und genoss das konstante Trommeln.

Welche Worte er mittlerweile sang, wusste er selbst nicht. Er schrie und jammerte, winselte und brüllte, ganz wie es ihm beliebte. Dabei ging er auf und ab, ließ das Kabel seines Mikrofons peitschend durch die Luft fliegen und ergab sich dann wieder all der Wut die ihm im Herzen steckte.

 

Während einer kurzen Pause, in welcher Dai seiner Akustikgitarre irgendwelche überirdischen Klänge entlockte, blieb Kyo stehen und sah sich nach Kaoru um. Sein Leader stand im Halbschatten der Bühnenbeleuchtung und hatte seinerseits den Blick gehoben. Durch die Finsternis musterten sie einander und unterhielten sich stumm in einer Sprache, die niemand außer ihnen verstand.

Sekundenlang hielten sie den Kontakt, ehe er sich wieder dem Publikum zugewandt, das Mikro an den Mund hob und Laute ausstieß, die keinem Menschen zuzuordnen waren. Er sah der Menge ihre Verwirrung und auch Begeisterung an, hörte wie sie ihn schreiend aufforderten weiter zu machen und verlangten nach immer mehr und mehr.

Und Kyo gab ihnen das, was sie wollten.

 

Er schrie. Seine Stimme verzerrte sich, nahm eine ganz neue Klangfarbe an und wurde tiefer, bis sie ins Brüllen des Jaguars überging. Er hob die Finger an die nackte Brust, kratzte sich über die Haut und spürte, dass seine Nägel viel schneller und leichter als sonst in sein Fleisch eindrangen. Er stockte mitten im Gesang und sah an sich herunter.

Die Kratzer waren unglaublich tief und so viel Blut lief aus ihnen heraus, dass es seine Brust und seinen Bauch tiefrot färbte. Seltsamerweise spürte er keinerlei Schmerzen und als er die Hand hob, um sie zu betrachten, brauchte sein Gehirn einige Sekunden, um das zu begreifen was er da sah.

 

Wie unter Schock stehend, musterte er seine Hand von allen Seiten, drehte sie hin und her und bewegte die langen schlanken und mit todbringenden Klauen bestückten Finger, wie ein Pianist. Das feine Spiel der Muskeln und Sehnen, war unter dem kurzen glatten Fell und dem dunklen Fleckenmuster deutlich zu erkennen.

Kyos Augen wanderten über den Arm des Monsters, zurück zu seiner eigenen Brust und er berührte neugierig die Kratzer, welche er sich selbst zugefügt hatte. Nach wie vor lief Blut aus ihnen heraus, sickerte in seine Hose und benetzte den Jeansstoff, der immer schwerer und nasser wurde. Der unverkennbar metallische Duft vernebelte ihm regelrecht die Sinne, was ihn erneut laut schnurren ließ. Das Licht und die Augen aller Menschen im Saal war auf ihn gerichtet, als er die Klauen erneut in sein Fleisch hieb und damit begann an der Hülle, die ihn in sich selbst einsperrte, mit aller Gewalt zu ziehen und zu reißen.

 

Verdammt, er wollte endlich ausbrechen!

Zum Teufel mit seiner verfluchten Menschlichkeit!

Die Spitzen seiner Finger strichen über nasses und blutiges Fell, welches anstelle von nackten Muskeln zum Vorschein kam. Dunkle Flecken auf einer goldgelben Leinwand.

Er schrie wieder und wieder, aber nicht aus Schmerz, sondern aus purer und ungezügelter Erleichterung. Viel zu lange hatte er die Fesseln seiner Geburt ertragen. Viel zu lange hatte man ihn dazu gezwungen sich hinter einer Maske zu verstecken, die ihn einsperrte wie ein Tier im Käfig!

Er wollte raus! Die Katze in ihm ertrug es keine weitere Sekunde in diesem Gefängnis!

Jemand rief seinen Namen, forderte dass er aufhörte, ehe es zu spät war. Aber Kyo beachtete die Stimme nicht, die ihn entfernt an Toshiya erinnerte.

Es war ihm egal. Alles war ihm egal!

 

»Verreckt doch in der Hölle!«

Seine Worte waren kaum noch zu verstehen. So sehr wurden sie durch den animalischen Anteil seiner selbst verschluckt und verdreht. Aber auch das war ihm egal.

Je mehr er an seiner Haut zog, umso mehr riss sie ein, wurde trocken und spröde und ähnelte schließlich nur noch zartem Pergament, welches seiner ungezügelten Wut nicht mehr standhalten konnte.

Ein letztes Mal schrie er Worte in die Menge, die ihn voller Verzückung, ob seines blutigen Schauspiels, anstarrten. Bis aus ihm das Monster wurde, was er im Innersten seines Herzens schon seit Jahrzehnten war. Das Ding was die Herzen der Menschen um sich herum fraß und ihre Seelen verschlang, bis nichts mehr von ihnen übrig war.

Kyo zerstörte jeden, der ihn liebte, koste es was es wolle.

 

Mit einem energischen Schütteln befreite sich der Jaguar von den letzten Fetzen Haut, die an seinem muskulösen Körper herunter rieselte, wie makabrer Schnee. Sie fielen auf die Bühne und in sein eigenes Blut. Kyo knurrte laut, trat mit den Hinterpfoten auf sein Podest und legte die Ohren an den Kopf. Seine Lefzen zogen sich nach oben, Speichel tropfte von den gewaltigen Zähnen und wieder vollführten die Finger seiner Hände ein ungeduldiges Spiel. Sie sehnten sich nach Beute und er würde ihnen das geben, was sie von ihm verlangten!

 

Mit einem markerschütternden Brüllen, sprang er über die Absperrung vor der Bühne und hinein in die Menge. Der Angriff kam so plötzlich, dass sein auserwähltes Opfer nicht schnell genug reagieren konnte. Denn schon im nächsten Moment begrub er den gesichtslosen Mann unter sich und schlug die Zähne direkt in dessen Kopf.

Aus der Kehle des Monsters drang ein hungriges Knurren, während er die Kiefer immer weiter zusammen presste, mit den Fangzähnen den Schädel des Fremden aufbrach und spürte wie ihm Blut und Hirnmasse ins Maul quollen.

Das Geschrei des Toten verstummte im gleichen Augenblick. Kyo packte ihn an den Schultern, stemmte eines seiner Hinterbeine auf den erschlafften Unterleib und richtete sich auf. Dabei übte er so viel Zugkraft aus, dass er den Kopf seines Opfers irgendwann einfach abriss. Ohne sich weiter um ihn zu kümmern, entließ er ihn vollständig seinem Griff und der Umklammerung seines Kiefers und richtete sich zu seiner vollen Größe auf.

 

Die Menschen, die um ihn herum standen, starrten ihn aus augenlosen Gesichtern an. Über dem Saal lag eine so bleierne Stille, dass es ihm in den Ohren dröhnte. Dabei glaubte er, aus weiter Ferne so etwas wie ein Wispern zu vernehmen. Eine Stimme die ihn an jemanden erinnerte, der ihm einmal sehr nahe gestanden hatte. Eine Stimme die ihn anflehte, doch endlich damit aufzuhören.

Aber er würde nicht aufhören!

Er wollte nicht aufhören!

Der Jaguar riss das Maul auf, brüllte so laut er konnte und stürzte sich mit Klauen und Zähnen auf die schweigende Menge, die wie reglose Puppen um ihn herum standen, ohne sich zur Wehr zu setzen. Erst wenn er sie biss, verstümmelte und zerfetzte, schrien sie und flehten um Gnade, oder riefen um Hilfe. Doch er ignorierte ihre Worte und machte weiter. Stück für Stück verwandelte sich der Saal in ein schauriges Blutbad, in dem überall die Leichen derjenigen über und untereinander lagen, welche sich selbst als seine Fans betitelten. Nicht wenige davon in Einzelteilen.

Kyo war im Rausch seiner Instinkte, während sich sein Fell immer weiter mit Blut vollsog, bis es aus ihm heraus tropfte und sich das schöne Goldgelb, in ein hässliches Rostrot verwandelte.

 

»Verreckt in der Hölle!«, schrie  das, was irgendwann einmal sein Verstand gewesen sein mochte. »Verreckt in der Hölle! Verreckt in der Hölle! Ich habe gesagt, dass ihr alle endlich verrecken sollt!«

 

Seine eigene Wut kannte überhaupt keine Grenzen mehr. Er tobte wie ein Wirbelwind aus Klauen und Zähnen durch die Menge, zerbiss Arme wie dünne Äste, schnappte nach Beinen, riss Köpfe ab und verteilte Innereien. Bis er wortwörtlich in ihnen stehen konnte.

Er verlor sich in seiner Gier, wusste nicht mehr ob es Minuten, oder vielleicht sogar Stunden andauerte. Aber irgendwann, als wieder ein Mensch vor ihm zusammenbrach und er den Blick von ihm abwandte, erkannte er, dass niemand mehr übrig war.

Niemand, außer die Band.

Sie standen dort wo er sie zurückgelassen hatte und beobachteten ihn stumm und vorwurfsvoll.

»Was hast du getan, Kyo?«, rief Kaoru ihm zu, der sich nicht von der Stelle bewegt hatte und nach wie vor seine Gitarre um die Schultern trug. »Was hast du getan?«

 

Der Jaguar knurrte zur Antwort und schlug den Weg in Richtung Bühne ein. Dabei musste er durch das Meer aus Blut waten, welches er zu verantworten hatte. Leichen trieben darin, blockierten ihm den Weg und er glaubte sogar, dass der Pegel immer weiter anstieg, je weiter er voran schritt.

»Was hast du getan, Kyo?«, wiederholte Dai nun die Worte ihres Leaders.

»Du bist ein Monster.« Toshiya wand sich von ihm ab. »Ich verachte dich.«

»Wir wollen dich nicht mehr, Kyo.« Selbst Shinya hatte sich mittlerweile erhoben und tat es Toshiya gleich.

Das Blutmeer war nun so hoch, dass es ihm bis zur Brust reichte und er gezwungen wurde, in ein Paddeln überzugehen. Selbst der Wald aus Leichen wurde immer dichter und dichter. Die Toten versuchten ihn zu packen und zurück zu halten. Wütend schlug der Feloidea nach ihnen und kämpfte sich weiter vorwärts. Doch er blinzelte und die Kante der Bühne entrückte sich ihm wie von Zauberhand, an welche nun seine vier Freunde traten und mit einer Mischung aus Ablehnung, Mitleid und Hass zu ihm herunter starrten.

 

»Es wäre das beste für uns alle, wenn du endlich verschwindest.« Kaorus Stimme war ruhig, aber auch so abweisend, dass es ihn in Panik versetzte. Um Kyo herum sanken die Leichen unter die Oberfläche, verschwanden im Dunkelrot und immer wieder konnte er fühlen, wie ihre Finger in sein Fell packten.

Jammernd und winselnd hieb er die Krallen in den Betonsockel der Bühne. Er wollte sich daran hoch ziehen und mit aller Kraft, die Kyo aufzubringen in der Lage war, wuchtete er sich aus nach oben.

Aber je weiter er es versuchte, umso mehr entfernte sich die rettende Kante. Er fiel zurück, versank für einen Moment fast vollständig unter der Oberfläche und sah nun auch die Hände der Toten, wie sie von allen Seiten nach seinem Maul griffen. Sie strichen über sein Gesicht, hielten ihn fest und zogen ihn mit sich in die Tiefe.

 

»Nein! Helft mir! Rettet mich!«, schrie der menschliche Kyo in seinem Verstand, während aus seinem Maul ein ersticktes Gurgeln drang, weil immer mehr Blut hinein schwappte.

»Wir haben so oft versucht dich zu retten,« antwortete Toshiya, auch wenn er ihn eigentlich nicht hätte hören können.

»Aber du wolltest unsere Hilfe nie.« Shinya seufzte schwer und wischte sich eine Träne von der Wange. Es hatte fast den Eindruck als stünden sie an seinem Grab und würden ihm die letzte Ehre erweisen.

»Du hast uns immer abgewiesen, egal was wir auch versucht haben und unsere Hände weggeschlagen, mit denen wir dich aus deinem Elend ziehen wollten.« Während er dies sagte, legte Dai eine Hand mitfühlend auf Kaorus Schulter. »Nicht einmal ihm, hast du es erlaubt.«

Der Leader ließ von außen nicht erkennen was er fühlte. Sein Gesicht war eine Maske, mit Augen so hart wie Stahl und einem eiskalten Blick, der Kyo auch den letzten Rest Lebenswillen heraus riss.

Kaoru hasste ihn.

»Ich habe dir alles gegeben, was ich konnte«, sprach dieser. »Du hast mein Herz all die Jahre in deinen Händen gehalten und immer wieder Nadeln hinein gestochen, nur um mich zu quälen.«

 

»Nein!«, widersprach Kyo stumm und schaffte es irgendwie das herunterhängende Kabel seines Mikrofons zu packen, auch wenn er dem Griff der Toten nicht entkommen konnte. »Ich wollte dir niemals weh tun! Nicht dir

»Du liebst es Spielchen zu spielen und zu beobachten wie weit du die Menschen in deiner Umgebung treiben kannst, Kyo.« Kaoru ging gar nicht erst auf seine Worte ein. Hatte er ihn überhaupt gehört? »Du kannst mich nicht lieben, weil es in dir nichts mehr gibt, was dazu in der Lage wäre. Du bist im Herzen so tot, wie du es in Wirklichkeit gern wärst. Es wäre besser gewesen, dich einfach sterben zu lassen.«

»Nein, das stimmt nicht!« Seine nassen Pfoten rutschten immer wieder am Isolationsgummi des Kabels ab. Unzählige Leichen hingen mittlerweile an ihm und ihr Gewicht war so schwer, dass er ihnen kaum noch Stand halten konnte. »Ich will nicht mehr sterben! Ich will leben! Für euch. Mit euch!«

 

»Aber wir wollen nicht mehr mit dir leben«, übernahm Toshiya die Wortführung und Kyo hatte die sonst so lieben Augen ihres Bassisten, noch nie derart hasserfüllt gesehen, wie in diesem Moment.

»Es gibt für uns nur einen Weg, um wieder frei zu sein«, sprach Dai weiter. »Deswegen musst du endlich verschwinden, Kyo. Du machst uns krank!«

»Vergib uns«, Shinya schluchzte laut und hielt sich rasch die Hände vors Gesicht. »Aber du lässt uns einfach keine Wahl.«

Fassungslos über das was er da hörte, starrte er die Band an, suchte mit den Augen nach denen von Kaoru und ging sogar so weit, eine seiner Pfoten vom Kabel zu lösen und sie nach dem Leader auszustrecken.

»Bitte, hilf mir!«, schrie er mental. »Zieh mich hoch! Kaoru, du liebst mich doch! Das hast du immer getan. Also zieh mich hoch!«

 

Aber dieser antwortete ihm nicht. Statt dessen sah er einfach nur schweigend zu ihm herunter, während das Kabel mehr und mehr nachgab und ihn seine Opfer Zentimeter um Zentimeter hinab zogen.

»Ich liebe dich nicht mehr.« Mit diesen Worten, wand Kaoru sich ab und verschwand aus seiner Sicht. Kyo hörte Schritte, die sich entfernten, umklammerte nun wieder mit beiden Händen das Kabel und sah flehend zu den anderen. Aber diese sagten kein einziges Wort mehr.

Irgendwas klapperte und es gab einen seltsamen Ruck am Kabel, welcher ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Dann durchbrach wieder Kaorus Stimme das beständige Dröhnen, welches sich auf seine Ohren gelegt hatte.

»Bitte Kyo. Stirb endlich.«

 

Wieder ein metallisches Geräusch, dann gab es einen Ruck und im nächsten Moment befand er sich mitten im freien Fall. Kyo sah das Ende des Kabels über die Kante fliegen, starrte in die bleiernen Gesichter seiner Freunde und fühlte wie tote Finger nach seinem Kopf packten. Er ruderte mit den Armen und suchte verzweifelt nach etwas, woran er sich festhalten konnte. Aber da war nichts, bis auf nackter Beton und Blut - wahnsinnig viel Blut.

Mit einem lauten Platschen schlug er auf, rote Gischt schoss in die Höhe, während er binnen Sekunden versank. Dann brach sie über seinem Kopf zusammen und seine Welt wurde schwarz. Das letzte was er sah, war ein Meer aus augenlosen Gestalten, toten Fingern und dazwischen grinste das zertrümmerte Gesicht von Katsuo.

 

 

Kyo riss die Augen auf.

Er hatte das Gefühl zu ersticken und war derart angespannt, dass er zunächst nicht dazu in der Lage war, auch nur einen Finger zu bewegen. Er lag auf dem Bauch, der Kopf halb eingedreht, Mund und Nase wurden vom weichen Stoff seines Kissens bedeckt und sein ganzer Körper war von einem eiskalten Schweißfilm überzogen. Er zitterte, allerdings nicht aus Kälte, sondern aus Angst und Anspannung und eine ungeheure Übelkeit hämmerte ihm gegen den Brustkorb.

Es kostete ihn extrem viel Kraft, um seine Muskeln aus ihrer Starre zu reißen und sich zumindest so weit auf die Seite zu drehen, dass er nicht mehr das Gefühl hatte, er versuche sich selbst mit seinem eigenen Kissen zu ersticken.

Kyo schnappte nach Luft und gab dabei Geräusche von sich, als wäre er stundenlang gerannt und nun völlig außer Atem. Seine Lunge brannte und er fühlte das unangenehme Kribbeln von kleinen Fasern auf seinen Lippen und der Zungenspitze. Ganz offensichtlich hatte er sein Gesicht mit so einer Gewalt in den Stoff gepresst, dass er diese dabei eingeatmet haben musste.

 

Die Übelkeit wurde immer stärker, als er es schaffte sich mit zitternden Armen nach oben zu stemmen und irgendwie die Beine über die Bettkante zu schieben. Er schauderte, kaum dass seine nackten Füße den kalten Boden berührten und seine Welt begann für einen kurzen Moment heftig zu schwanken.

Kyo wurde schwarz vor Augen, seine Ohren fühlten sich an wie zugesetzt und der unangenehme Schweißfilm auf seiner Haut, ließ ihn immer stärker zittern.

Sein Magen gab plötzlich einen Ruck von sich, was ihn dazu veranlasste sich die Hand vor den Mund zu halten. Der widerliche Geschmack von Magensäure und dem was er am Vorabend gegessen hatte, breitete sich aus. Nur mit Mühe schaffte er es aufzustehen. Halb benommen tastete der Sänger mit den Händen umher, berührte die Wand mit den Fingerspitzen und suchte verzweifelt den Weg ins Badezimmer.

 

Ohne den Lichtschalter überhaupt zu beachten, schob er die Tür auf und stolperte in den überschaubar kleinen Raum, direkt zur Toilette. Fluchend und ein weiteres mal würgend, ließ er sich auf die Knie sinken, packte den Deckel mit einer Hand und riss ihn nach oben.

Noch mitten in der Bewegung, beugte Kyo sich bereits über die Schüssel und erbrach den halbverdauten Inhalt seines Magens.

Dein Bauch verkrampfte sich und jeder Muskeln in seinem Körper schien vor Anstrengung zu vibrieren. Es brannte ihm im Mundraum und auf den Lippen, welche er sich vor Stress völlig zerbissen hatte. Er war mittlerweile so klitschnass geschwitzt, dass es ihm regelrecht den Rücken herunter floss. Seit er ein Feloidea war schlief er halbnackt, um der konstanten Überhitzung entgegen zu wirken. Doch das hier war auch für ihn neu.

 

Als er sicher war, dass sein Magen jetzt definitiv leer war und nichts mehr außer Magensäure und Flüssigkeit hoch kam, sank er zurück und schloss die Augen, weil der Schwindel einfach nicht nachlassen wollte. Seine ganze Welt war ein einziges Durcheinander und genau so fühlte er sich schon seit Monaten. Erschöpft und unendlich überfordert.

Normalerweise hatte er das Glück, sich an die meisten seiner Träume nach dem Aufwachen nicht mehr zu erinnern. Dieses Mal war es jedoch anders. Es hatte sich derart real angefühlt und war so intensiv gewesen, dass Kyos Verstand immer noch nicht ganz im Hier und Jetzt zurück war. Mit den Händen strich er sich über die Oberschenkel, krallte die Fingernägeln in seine eigene Haut und versuchte sich, mittels Schmerz, aus dieser Taubheit zu befreien.

 

Kyo war sich nicht sicher, was ihn an seinem Traum am meisten verstörte. Die Tatsache, dass er als Katze einen kompletten Saal abgeschlachtet und es auch noch genossen hatte? Oder die Reaktionen seiner Freunde? Ihre Abscheu, ihre Ablehnung und wie sie ihn darum angefleht hatten, doch endlich zu sterben!

Ins besondere Kaorus Kälte setzte ihm zu. Kyo wusste, dass es nicht real gewesen war und er alles nur geträumt hatte. Aber andererseits steckte darin mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit. Eine Wahrheit, die er jahrelang nicht hatte sehen wollen.

Kaoru konnte nicht mehr. Kyo hatte ihn ausgebrannt, indem er sich wie eine verdammte Krankheit in seiner Seele ausgebreitet hatte. Er hatte ihn ausgesaugt wie ein Vampir und jetzt, wo er Kaoru wirklich brauchte und seine Hilfe, zum ersten Mal in seinem Leben, wirklich wollte, wand dieser sich von ihm ab.

 

Und diese vernichtende Erkenntnis tat sagenhaft weh und es brannte ihm im Herzen, sich dessen bewusst zu werden. Dabei wollte er überhaupt nicht darüber nachdenken, was genau er letzten Endes für seinen Leader empfand.

Fakt war, dass ihm Kaoru am nächsten stand, dass er seine Anwesenheit sehr schätzte und ihm mehr vertraute, als jedem anderen Menschen auf diesem Planeten. Es gab niemanden der ihm so wichtig war. Und dennoch …

»Ich brauche dich. Wer außer dir versteht mich? Wer außer dir würde sich all das freiwillig antun«, wisperte er in die Stille der Morgendämmerung; allein, erschöpft und unendlich einsam.

»Es tut mir leid, Kaoru. Es tut mir so leid!«

 

***

 

Als Christine kurz nach Sechs Uhr nach unten zum Frühstücksraum ging, hoffte sie, dass außer ihr noch keiner der anderen wach war. Sie war nicht besonders scharf darauf, sich in irgendwelchen belanglosen Gesprächen zu ergeben, auch wenn sie die Höflichkeit der Japaner durchaus zu schätzen wusste.

Satoshi hatte sie zwar vorgewarnt, aber mit dem was dieses Konzert am Vorabend letztlich wurde, hatte nicht einmal die sonst so abgebrühte Ärztin gerechnet. Nun verstand sie auch, was Yuuto mit ‘er kann sehr intensiv sein’ meinte und dass diese Musik mehr war, als nur purer Krach.

Na gut, Krach war es trotzdem, aber zumindest gab es da noch eine künstlerische Komponente, die sie den Jungs eindeutig nicht abstreiten konnte. Und obwohl sie erst spät zurück ins Hotel gekommen waren, trieb es sie bereits nach wenigen Stunden wieder aus dem Bett. Eine Eigenschaft, die sie ihrem stressigen Beruf zu verdanken hatte. Außerdem schätzte sie die Stille und Einsamkeit um diese Uhrzeit sehr. Je weniger Menschen da waren, umso besser für ihre empfindlichen Sinne.

 

Chrissy betrat den Speisesaal, in dem das Buffet noch aufgebaut wurde; Frühaufsteher wie sie jedoch schon Kaffee und kleinere Snacks bestellen durften. Sie sah sich nach einem Platz um, der auch in einer Stunde noch so etwas wie Ruhe versprach, als ihr Blick an einer Gestalt hängen blieb, die in der Ecke am Fenster saß und abwesend hinaus in die Parkanlage starrte.

Zunächst überlegte sie, Kyo seiner Einsamkeit zu überlassen. Aber ein unerklärlicher Drang trieb sie dann doch dazu, die bestellte Tasse Kaffee zu ergreifen und zu ihm zu gehen. Er bemerkte sie erst, als sie das Geschirr mit einem leisen Klappern auf dem Tisch abstellte und er heftig zusammen zuckte.

 

»Sieht so aus als ob ich nicht die einzige wäre, die unter Bettflucht leidet?«, fragte sie scherzhaft und setzte sich ihm gegenüber. Kyo starrte sie an, als wäre sie eine Erscheinung und brauchte mehrere Sekunden, bis er sich wieder einigermaßen gefangen hatte.

»Scheint so«, murmelte er bestätigend und lehnte sich leicht angespannt zurück.

Sie konnte es an seinem Blick erkennen, dass er sich fragte, warum genau sie sich nicht an einen der anderen zwanzig Tische setzte, sondern ausgerechnet zu ihm.

»Das war eine ziemlich krasse Show, die du gestern Abend abgeliefert hast. Das muss ich wirklich zugeben.«

Warum konnte sie nicht einfach aufstehen und gehen? Christine wusste es selbst nicht. Irgendwie machte es sie einfach neugierig, die Gedanken dieses merkwürdigen Mannes zu erforschen.

Während der Arbeit an dem Injektor, hatte Yuuto ihr ein wenig über das erzählt, was die Band so trieb und wofür sie in Japan bekannt und irgendwie auch berüchtigt waren. Sie konnte den Sound der Songs zwar nach wie vor nicht ertragen, verstand allerdings auch, wieso vor allem Kyo derart angesehen war. Seine Texte erzeugten eine interessante und morbide Faszination.

 

»Was willst du?«, fragte er, ohne auf ihr Kompliment einzugehen.

‘Aha, da hat jemand echt schlechte Laune’, dachte sie sich und hob zunächst schweigend die Tasse Kaffee an ihre Lippen. Sie ließ sich Zeit, weil sie wusste, dass es ihm an Geduld mangelte. Dabei vernahm sie Satoshis Stimme in ihrem Kopf, welcher sie immer wieder ermahnt hatte, es mit den Streitigkeiten endlich gut sein zu lassen.

»Hab dich hier sitzen sehen und mir gedacht, dass du bestimmt ein wenig Gesellschaft gebrauchen kannst.«

»Kann ich nicht!«, unterbrach er sie bissig und wand den Blick wieder demonstrativ aus dem Fenster. Die aufgehende Sonne tauchte bereits alles in ein kühles Licht. Noch ging kaum ein Windhauch und der Himmel war stellenweise von Wolken bedeckt. Trotzdem versprach es ein schöner Tag zu werden.

Da er wohl wirklich nicht zum quatschen aufgelegt war, ließ sie ihm erst mal ein wenig Ruhe, um sich an ihre Anwesenheit zu gewöhnen. Und da er keine Anstalten dazu machte, aufzuspringen und selbständig den Platz zu wechseln, blieb auch sie wo sie war.

 

Nach einer Viertelstunde, in der sie beide kein einziges Wort gesagt und sie nur schweigend ihren Kaffee getrunken hatte, stieß Kyo ein genervtes Murren aus und wand ihr den Blick durch die Spiegelung der Fensterscheibe zu.

»Gibt es irgendwas neues von Satoshi?«, fragte er, was sie leicht schmunzeln ließ. Irgendwie hatte sie mit dieser Frage gerechnet.

»Nein, ich hatte noch keine Zeit mit ihm zu telefonieren und in dieser Situation will ich ihn auch nicht unnötig stören«, erklärte sie mit gesenkter Stimme, woraufhin er knapp nickte.

»Was machen wir, wenn euer Gerät nicht funktioniert?«, wollte Kyo wissen, auch wenn er die Antwort eigentlich kannte. Wie zu erwarten war, war Smalltalk wirklich nicht seine Stärke.

»Dann habt ihr die Spritzen«, sagte sie und hielt die nun leere Tassen in den Händen, um ihre Finger zu beschäftigen.

»Trotzdem kann es schief gehen«, brummte Kyo, wand den Blick vom Fenster ab und schaute nun direkt in ihre Richtung. »Es könnte alles zu schnell gehen.«

»Ja«, stimmte Christine ihm zu. »Kein Plan ist perfekt und alles hat seine Schwachstellen. Wir können nicht jede Möglichkeit komplett ausschließen. Aber die Kombination aus Injektor und Spritzen, ist deine beste Chance.«

»Meine beste Chance mich nicht spontan in ein Monster zu verwandeln und einen ganzen Saal in ein Blutmeer zu verwandeln?«

 

Die Art wie er diese Frage stellte, verwunderte sie. Kyo schien irgendwie aufgewühlt und unruhiger als sonst. Irgendwas musste ihn beschäftigen, denn auch wenn sie einander noch nicht so lange kannten, war ihr dieses Verhalten komplett neu!

»Wenn du das so sagen willst«, meinte sie und musterte ihn fragend. »Was ist los?«

Eigentlich rechnete sie nicht damit, dass er sich ihr öffnete, denn zum einen hatte sie längst verstanden, dass Kyo ein sehr verschlossener Mensch war. Zum anderen konnte er sie nicht ausstehen. Andererseits war sie ihm als Katze ähnlicher, als er es sich freiwillig eingestehen würde. Wer, außer ihr, konnte also besser verstehen was in ihm vorging?

Vielleicht war er selbst zu dieser Erkenntnis gekommen, denn nach einigen weiteren Sekunden des Schweigens fragte er zögerlich:

»Werden wir alle irgendwann zu Mördern?«

 

Die Anmerkung, dass er dies längst war, verkniff sie sich und neigte statt dessen den Kopf dezent auf die Seite.

»Nicht zwingend alle. Aber die Chancen stehen bei uns leider nicht gut, dass unsere Pfoten unbefleckt bleiben.« Diplomatischer konnte sie es einfach nicht formulieren, ohne zu direkt zu werden. »Es liegt in unserer Natur und du kannst froh sein, dass du nur einen von uns um die Ecke gebracht hast.« Feingefühl war nicht ihre Stärke.

»Hast du schon mal einen Menschen getötet?«, wollte er wissen, aber sie schüttelte nur den Kopf.

»Zum Glück nicht. Wie gesagt, es macht einen Unterschied, ob es nur eine Katze trifft, oder einen Menschen. Aber ich kenne Feloidea die einen nahen Angehörigen gerissen und sich nie wieder davon erholt haben.«

 

»Einen Unterschied?«, wiederholte Kyo mit einem unwirschen Schnauben. »Wo soll darin bitte ein Unterschied liegen, ob Katsuo nun ein Mensch war, oder ein Feloidea?«

Sie betrachtete ihn eingehend, während er ihren Blick nur kurz erwiderte und ihn dann, wie zu erwarten war, abwandte.

»Weil es dann leichter ist zu vergessen, dass derjenige den wir umbringen, irgendwann mal menschlich war. Das Fell kann es sehr gut verschleiern. Ich will damit keinesfalls sagen, dass es mir leicht fallen würde, oder dass ich es gern tue. Aber es hilft mir dabei, diese Lüge aufrecht zu erhalten.«

Christine erwartete eine weitere patzige Antwort, aber Kyo schwieg. Dabei wurde nicht ganz ersichtlich, ob er über ihre Worte nachdachte, oder wieder nur versuchte sie zu ignorieren. Vielleicht war beides der Fall.

 

Als er nach einer Minute noch immer keine Anstalten machte etwas zu sagen, fuhr sie einfach fort. Sollte sie ihn nerven, dann konnte er immerhin auch einfach aufstehen und gehen.

»Ich weiß, dass du Teile von ihm damals gefressen hast, Kleiner.«

Kaum dass sie dies sagte, zuckte Kyo heftig zusammen und sie sah wie seine Augen kurz in ihre Richtung huschten, ehe sie sich auf irgendeinen Punkt im Raum fixierten.

»Und ich kenne diese Schuldgefühle, die dich deswegen plagen. Fast jeder, der schon mal in dieser Situation war, kennt sie! Selbst Satoshi.«

Was brachte es ihr denn, dies zu verschweigen. Kyo war nicht dumm, er war bestimmt schon von ganz alleine zu dieser Erkenntnis gelangt.

»Übrigens war ich an dem Abend dort unter der Brücke und habe mir das angeschaut, was du von diesem Arschloch übrig gelassen hast.«

Wieder sagte er nichts, aber dieses Mal erkannte sie deutlich, dass sie seine volle Aufmerksamkeit hatte.

 

»Was ich gefunden habe war nur der Kadaver eines Tieres, welches du gerissen hast.«

Kyo fauchte leise, sah sie nun wieder direkt an und knurrte anschließend mit gesenkter Stimme.

»Soll mich das jetzt etwa trösten, oder was?«

»Ich will, dass du dir im klaren darüber bist, dass er dich als Tier angegriffen hat und nicht als Mensch. Er hat dich verfolgt, gejagt und wollte dich töten. Katsuos ganze Intention war es dich in diese Situation zu zwingen. Nur beim Ausgang des Kampfes, hat er sich verkalkuliert.«

»Das entschuldigt nichts von dem was ich getan habe!«

»Das soll es auch nicht!«, widersprach sie ihm forsch. Irgendwie lief dieses Gespräch nicht so gut wie sie sich erhofft hatte. »Wenn du lernen willst mit dieser Tat zu leben, dann bleibt dir nichts anderes übrig, als den Gedanken anzunehmen, dass du ein Tier getötet hast und keinen Menschen.«

Urplötzlich senkte er den Kopf und sackte ein Stück in sich zusammen. Die Deutsche überkam für einen Moment so etwas wie Sorge, dass sie ihn vielleicht überfordert hattet. Aber als ihr Gegenüber wieder zu sprechen begann, machte er ihr einen beinahe resignierten Eindruck.

 

»Ich weiß wie er als Mensch ausgesehen hat«, sprach Kyo ungewohnt zittrig. »Wie sich seine Stimme anhört und ich erinnere mich sogar an den Geruch seines beschissenen Deos. Er war ein Mensch und kein Tier!«

»Gibt es denn überhaupt einen so großen Unterschied?«, fragte sie herausfordernd. »Ich hielt dich eigentlich für jemanden, der mit der Menschheit nicht allzu viel anzufangen weiß. Also, wo genau besteht für dich der Unterschied zwischen Menschen und Tieren?« Ein Lächeln bildete sich auf ihren strengen Lippen, während sie die Beine übereinander schlug und den Oberkörper dabei ein wenig aufrichtete. »Wenn du mich fragst, dann gibt es keinen und wir zwei haben lediglich die Spezies gewechselt. Aber im Grunde sind wir alle Tiere, egal wie sehr sich diese sieben Milliarden Affen auch versuchen einzureden, sie wären die Krone der Schöpfung.«

 

»Und ich dachte immer ich wäre der König der Pessimisten«, brummte ihr Gesprächspartner, was sie zu einem leichten Auflachen verleitete.

»Bild dir nicht zu viel auf dein poetisches Talent ein, Zwerg«, kommentierte sie und wurde dann wieder ernster. »Katsuo wusste wie so ein Kampf ausgehen kann. Er hat ihn von sich aus gesucht und diese Entscheidung selbständig getroffen. Was wäre passiert, hättest du dich anders entschieden? Als Mensch wärst du ihm hoffnungslos unterlegen gewesen und vor einem Feloidea wegzulaufen, ist normalerweise keine gute Idee. Was wäre dann aus Kaoru geworden? Aus Yuuto?«

Kyo rang mit sich und seinem Gewissen und natürlich verstand sie ihn ja auch, immerhin hatte sie sich ebenfalls schon in so einer Situation befunden und Christine wusste aus eigener Erfahrung, dass diese mentale Selbstzerfleischung zu nichts führte.

»Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Denn wenn er erst einmal in die Welt geworfen ist, dann ist er für alles verantwortlich, was er tut.« zitierte sie, um Kyo aus seinem offensichtlichen Gedankenkarussell zu reißen und tatsächlich sah er sie so verblüfft an, dass sie ein weiteres Mal grinste. »Hätte mich sehr gewundert, wenn du das nicht kennen würdest.«

 

In der Tat kam dieser Satz so überraschend, dass Kyo nicht anders konnte, als sie mehrere Sekunden anzustarren und dann fast schon verschämt zu nicken. Er sah bestimmt gerade aus wie der totale Vollidiot.

»Natürlich kenne ich Satre«, brummte der Sänger ertappt. Wieso nur lag sie in ihrer Einschätzung, ihm gegenüber, in letzter Zeit so oft richtig? Dieses verdammte Weib war ihm unheimlich. »Ich bin kein ungebildeter Trottel.«

»Das habe ich auch nie behauptet.«

»Außerdem gehen dich meine ethischen und philosophischen Präferenzen einen Scheiß an.«

Christine winkte ab und wollte sich offenbar auf keinen Streit einlassen; zumal sich der Speiseraum allmählich mit weiteren Gästen füllte.

»Wann geht unser Flug?«, fragte sie, auch wenn ihr der Tourplan eigentlich klar war. Kyo zuckte mit den Schultern und spielte an der Tüte mit dem Zucker herum, die ungeöffnet vor ihm lag.

 

»Ich denke mal, dass wir kurz nach Zehn zum Flughafen fahren«, brummte er und beobachtete die restlichen Besucher, ohne sie wirklich anzusehen.

Die Ärztin gab einen knappen Laut von sich, zum Zeichen, dass sie ihn verstanden hatte. Woraufhin sich eine merkwürdige, aber nicht unangenehme Stille zwischen ihnen ausbreitete. Dann und ohne in seine Richtung zu schauen, sagte sie leise.

»Es bleibt also genug Zeit, für eine kleine Geschichtsstunde.«

Kyo sah sie an, musterte ihr sonderbar ernst geschnittenes Profil und fragte sich dabei, was das jetzt schon wieder sollte.

»Eine Geschichtsstunde?«, wiederholte er fragend. »Und worüber?«

»Über Masken und Monster«, sagte sie kryptisch und Christine wand sich ihm wieder zu, ehe sie mit den Händen auf ihre Oberschenkel klopfte, fast als hätte sie eine wichtige Entscheidung gefällt. »Aber nicht ohne Frühstück.«

 

 

Kyo hatte darauf verzichtet sich etwas zu essen zu holen. Statt dessen saß er mit einer weiteren Tasse Kaffee in den Händen da und betrachtete das was Christine als ‘Frühstück’ bezeichnete.

»Eure Obsession mit Brot kann ich wirklich nicht nachvollziehen«, meinte er mit hochgezogener Augenbraue und warf dem besagten Lebensmittel einen beinahe vernichtenden Blick zu.

Die Ärztin war in begriff die Scheibe mit etwas zu beschmieren, was vielleicht einmal die Form einer Erdbeere besessen haben könnte. Kyo ahnte jedoch, dass die Herkunft dieser glibberigen Masse, wohl vielmehr einem Labor, denn einem Feld entsprang. Christine ließ sich nicht durch ihn beirren und fuhr damit fort, falsche Erdbeerpampe auf ihr Weißbrot zu matschen.

 

»Wenn es eines gibt was ich, seit meiner Flucht aus Deutschland, wirklich vermisse, dann ist es richtig gutes Brot!«, erklärte sie ihm und legte das Messer beiseite, die beschmierte Schneide auf dem Tellerrand ruhend. »Die Amerikaner haben keine Ahnung von gutem Essen.«

Bei diesem Kommentar konnte Kyo das Grinsen nicht unterdrücken.

»Deswegen bin ich auch nicht gern dort«, meinte er. »Meine Geschmackssinne sind jedes Mal beleidigt, wenn sie das ertragen müssen, was die dort drüben als ‘Essen’ bezeichnen.«

Sie fing an ein wenig zu lachen, biss anschließend herzhaft in ihr viel zu überladenes Brot und brummte genüsslich.

»Stimmt«, fuhr Christine fort, nachdem sie geschluckt und mit etwas Kaffee nachgespült hatte. »Was das angeht, bin ich sehr froh darüber, wieder in Japan zu sein.«

Kyo erwischte sich bei dem Gedanken, dass sie ihm ein wenig sympathisch wurde, mit dieser Aussage.

 

Er wollte zu einer Antwort ansetzen, als er etwas im Augenwinkel bemerkte, was ihn den Mund rasch wieder schließen ließ. Nach dem anstrengenden Abend hätte er eigentlich nicht damit gerechnet, Kaoru derart früh auf den Beinen zu sehen und so wie dieser in seine Richtung starrte, ging es ihm genau so.

Schweigend sahen sie einander an und ohne dass er es wollte, musste der Sänger wieder an seinen Albtraum denken. Es hatte sich so furchtbar echt angefühlt und das obwohl er das Gefühl hatte, sich seinem Freund langsam wieder anzunähern.

Dann brach Kaoru den Blickkontakt und wand sich dem ausladenden Buffet zu. Kyo betrachtete die Rückseite des Älteren nachdenklich. Er fuhr mit den Augen dessen Körperform nach, beobachtete die schlanken geschickten Finger, wie sie nach der Reiskelle griffen und eine Schüssel befüllten. Jede von Kaorus Bewegungen war beherrscht und sicher, so wie auch der Gitarrist immerzu beherrscht und sicher war. Es waren genau diese Eigenschaften, für die Kyo so sehr an ihm schätzte.

 

»Übrigens«, riss ihn Christines Stimme aus seinen Gedanken und er musste sich vom Anblick seines Kollegen regelrecht losreißen, um ihr wieder seine volle Aufmerksamkeit zu schenken. »Die Sensoren funktionieren genau so, wie wir es uns erhofft haben. Während der Show haben sie durchgehend gesendet und die Werte stimmen mit denen der Pads überein. Yuuto hat gute Arbeit geleistet.«

Nun gut, er hatte ja selbst gemerkt, dass die Show gut gelaufen war. Allerdings beruhigte es ihn tatsächlich, zu wissen, dass die Operation nicht umsonst gewesen war.

»Gut«, murmelte er, halb in seinen Kaffee.

»Der Kerl ist wirklich nicht übel. Kein Wunder, dass Satoshi ihn aufgenommen hat. Er hat sich schon damals immer um die besten seiner Studenten gekümmert. Es ist wirklich eine Schande, dass er keine weiteren Kinder mehr hat. Er war ein großartiger Vater.«

Kyo zögerte, dachte an das was Furukawa ihm über seine Familie erzählt hatte und irgendwo versetzte es ihm einen leichten Stich.

 

»Hast du Nao kennengelernt?«, fragte er, erhielt aber nur ein leichtes Kopfschütteln.

»Nein, leider nicht. Aber Tomoe hat mir sehr viel über diese Zeit erzählt und ich habe Satoshi während meines Studiums erleben dürfen. Er kümmert sich immer erst um alle anderen und vergisst dabei sein eigenes Wohl. So war er schon immer.«

Wieder biss sie in ihr Brot, während Kyo über das nachdachte, was sie ihm erzählte. Dabei erinnerte er sich an den Tag im Krankenhaus, vor seiner Operation und wie er den alten Mann derart ekelhaft angegangen war. Im Nachhinein tat es Kyo leid und er nahm sich fest vor, sobald wie möglich mit Satoshi darüber zu sprechen und sich zu entschuldigen.

 

Ein Klappern riss ihn aus seinen Gedanken, als wie aus dem Nichts eine Schüssel Reis vor ihm abgestellt wurde, gefolgt von einem Paar Stäbchen, Misosuppe und einem kleinen Schälchen mit Furikake. Kyo blinzelte verwundert, sah nach rechts und hoch in das Gesicht seines Leaders, dessen verschlossener Blick ihn mehr verwirrte, als das Essen vor ihm auf dem Tisch.

»Iss«, sagte Kaoru knapp und deutete auf die Schale. »Und wehe es bleibt etwas übrig.«

Immer noch regungslos, schaute Kyo auf das Essen, zu seinem Freund und wieder zurück, während Kaoru sein eigenes Frühstück auf den Tisch stellte und sich dann kommentarlos zu ihnen setzte.

»Kyo, iss. Ich weiß genau, dass du noch nichts gegessen hast und du steigst in keinen Flieger, ohne ein anständiges Frühstück!« Da war er wieder, der strenge, ernste und viel zu gutherzige Kaoru.

Vorsichtig, als könnten sie ihn beißen, wenn er sich zu schnell bewegte, griff Kyo nach den Stäbchen und er konnte das leichte Lächeln einfach nicht verbergen, welches sich auf seine Lippen schlich.

»Okay.« Kaoru würde sich wirklich niemals ändern, ganz gleich was Kyo auch anstellte. »Danke.«

 

***
 

Kapitel 40 ¦ Katzenforschung


 

(Bitte das Vorwort beachten)

 

***

 

Die Stimmung am Tisch war irgendwie merkwürdig und angespannt, egal wie sehr sie auch versuchten sich möglichst locker auf ihr Essen zu konzentrieren. Kyo fühlte sich unwohl und wäre am liebsten aufgesprungen und weggelaufen. Dabei hatte er, bis vor nicht allzu langer Zeit, noch alleine hier gesessen und sich in seinen düsteren Gedanken gewälzt. Da half es auch nicht, dass sich der Raum langsam mit weiteren Gästen füllte und der Geräuschpegel immer mehr anschwoll. Der Drang wegzulaufen wurde immer stärker.

 

»Und, Doktor?«, versuchte Kaoru ein entspanntes Gespräch auf die Beine zu stellen, wofür ihm der Sänger sehr dankbar war. »Wie ist Ihr Eindruck von uns und der Tour bislang?«

Seltsamerweise wechselte die sonst eher schnippische Frau ihr Verhalten, lächelte freundlich und zuvorkommend und gab sich ganz anders, als sie es gegenüber Kyo zu tun pflegte.

»Es ist eine recht ungewöhnliche Erfahrung«, gab sie zu. »Ihre Musik ist sehr anstrengend.«

»Für Sie als Katze?«

»Ja.« Christine nickte und tippte sich demonstrativ ans Ohr. »Es ist zu laut und trifft nicht unbedingt meinen Geschmack.«

Ein wenig beleidigt war er ja schon, dass sie ihn wie ein kleines Kind behandelte und Kaoru gegenüber derart seriös auftrat. Kyo rollte mit den Augen und widmete sich wieder seinem Reis. Die zwei anderen unterhielten sich und die komische Atmosphäre wurde tatsächlich lockerer.

 

Im Saal wurde es zunehmend belebter, überall klapperte Geschirr, unterhielten sich Menschen in den unterschiedlichsten Sprachen und Dialekten miteinander und ein schwere Mix aus diversen Gerüchen hing im Raum wie Nebel.

Kyo fiel es schwer das alles auszublenden und sich nicht überfordert die Hände auf die Ohren zu schlagen. Früher hatte er dies oft getan, denn er war mit den vielen Reizen einfach nicht klar gekommen, bis er gelernt hatte die Reaktionen seines Körpers zu unterdrücken; egal wie sehr er es auch hasste.

Für die anderen war es keine große Sache, sich in ein Café zu setzen, einen Kaffee zu trinken und stundenlang über Gott und die Welt zu plaudern. Er hingegen fühlte schon nach einer halben Stunde, wie sich die mentale Erschöpfung in seinen Verstand schlich und es ihm zunehmend schwerer fiel dem Gesprächspartner seine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Denn je mehr er es versuchte, umso mehr strengte es ihn an und umso anstrengender es wurde, desto mehr erschöpfte und frustrierte es ihn. Ein Teufelskreis!

 

»Worüber wolltest du eigentlich mit mir reden?«, brummte er schlecht gelaunt in Richtung der Ärztin, die bisher belanglosen Smalltalk mit Kaoru geführt und Kyo nicht weiter beachtet hatte. Für einen Moment wirkte sie irritiert, erinnerte sich dann jedoch und nickte knapp.

»Ach ja, richtig«, meinte sie dann.

Kaoru sah zwischen ihnen hin und her.

»Habe ich euch bei etwas gestört?«, fragte er unsicher, erntete von den beiden Katzen aber nur ein Kopfschütteln.

»Nicht direkt«, antwortete Kyo, der ja nicht wirklich vorgehabt hatte mit Christine seinen kompletten Morgen zu verbringen; geschweige denn mit ihr zu frühstücken.

»Sie können gern bleiben, Kaoru-san«, antwortete auch die Deutsche, ungewöhnlich freundlich. »Ich bin sicher, dass es Sie ebenfalls interessieren könnte.«

 

Anschließend lehnte sie sich entspannt zurück und richtete ihre Aufmerksamkeit auf Kyo, welcher die Arme vor der Brust verschränkt hielt und den Blick erwiderte.

»Wir hatten bei Stjørdal eine eigene Abteilung von Archäologen, die sich nur mit der Historie der Feloidea beschäftigten. Also, im Gegensatz zu uns Genetikern, gehörte es zu ihren Aufgaben, das Wirken unserer ‘Art’ innerhalb der Geschichte zu erforschen«, erklärte sie, woraufhin er kurz und knapp nickte. Kyo war tatsächlich neugierig, das musste er insgeheim zugeben.

»Es ist nicht ganz einfach unsere Spuren in den Geschichtsbüchern zu finden und eindeutig nachzuweisen wie viel Wahrheit drin steckt. Zu viel religiöse Verblendung. Fakt ist aber, dass es eine ganze Menge gut dokumentierter Fälle gibt, von denen einige sogar ziemlich berühmt sind.«

Okay, das kam jetzt wenig überraschend. Wie sollten sie denn auch Jahrtausende im Verborgenen existieren, ohne dass es irgendwem auffiel?

 

»Weltweit?«, fragte seiner statt Kaoru, was Kyo zum schmunzeln verleitete. Ihr sonst so strenger Leader, war im Grunde seines Herzens ein schrecklicher Nerd! Und je abgefahrener ein Thema war, umso mehr konnte er sich darin verbeißen.

»In der Tat, ja«, stimmte Christine ihm zu. »Der Ursprung der Erkrankung liegt im heutigen Afrika, weshalb wir auch von einem hypothetischen Urvirus ausgehen. Es entwickelte sich in einer Frühform der Säbelzahnkatzen und besetzte immer wieder Menschenaffen als Zwischenwirte. Ohne diese wiederholten Überschneidungen, wäre es nicht erklärbar, warum das Virus in uns zu solchen Transmutationen führt.«

»Überschneidungen?« Kaoru nippte an seinem Kaffee und ließ die Ärztin dabei nicht aus den Augen. »Sie meinen, dass das Virus immer wieder zwischen Affe und Katze hin und her wechselte?«

»Genau«, bestätigte sie seine Schlussfolgerung, was Kyo durchaus staunen ließ. Seit wann interessierte sich Kaoru denn für Genetik? »Wir vermuten, dass dies aufgrund von wechselndem Fleischverzehr passiert ist. Eine infizierte Urkatze wurde von Menschenaffen gefressen und umgekehrt. Das Virus wechselte ständig den Träger und entwickelte sich somit mal in dem einen und mal in dem anderen. Natürlich über eine Dauer von Jahrhunderten und viele Generationen hinweg.

Auf diese Weise passte es sich der DNA beider Spezies an und ist auch mit beiden kompatibel. Im Gegensatz zu heute, war es zur damaligen Zeit jedoch fast ausschließlich tödlich. Die vollständige Feloidea-Verwandlung, kam erst sehr viel später.«

 

Kyo kannte die Entstehungsgeschichte ihrer Erkrankung bereits und nickte einfach nur. Kaoru hingegen fragte immer wieder neugierig nach und kam richtig ins Staunen, als Christine in ihrer Erzählung bei den Etruskern ankam. Irgendwie waren diese Faszination und nerdige Begeisterung ja schon fast niedlich, wie er insgeheim zugeben musste.

»Warum genau sich am Ende der etruskische Stamm durchgesetzt hat und keiner der anderen, habe ich während meiner Zeit bei Stjørdal, leider nicht mehr herausfinden können.« Tatsächlich wirkte sie etwas zerknirscht, als sie dies sagte und ihr Blick verfinsterte sich ein wenig. Wer konnte es ihr verübeln, nach allem was war.

 

»Wie viele andere gab es?«, fragte Kyo, jetzt seinerseits neugierig, welcher bisher nur die Kurzform der Geschichte kannte. Er war in der Zwischenzeit kurz aufgestanden, um sich Tee zu holen und hatte es sich nun wieder in seiner Ecke gemütlich gemacht.

»Abgesehen von Feloidea africana, unserem Urtyp, gingen wir zu meiner Zeit bei Stjørdal, von fünf Entwicklungsvarianten aus. Sie alle beruhen zwar auf der selben Grundlage, unterscheiden sich untereinander aber teilweise gravierend.«

Die zwei Japaner nickten artig, zum Zeichen dass sie ihr folgen konnten.

 

»In Dänemark fanden Satoshis Leute die Überreste einer Siedlung, irgendwann aus der Zeit des 15. oder 16. Jahrhunderts. Spätere Funde im gesamten Nord- und Ostseeraum, waren teilweise noch sehr viel älter. DNA konnte man zwar nicht mehr extrahieren, allerdings deuteten die Überreste und die rekonstruierten Skelette darauf hin, dass es in Nordeuropa eine eigene Gattung von Feloidea gegeben haben musste. Sehr wahrscheinlich hatten diese mit unserer heutigen Form, jedoch nicht viel zu tun.

Wir nehmen an, dass der Virusstamm von Feloidea mare balticae, die Körper der Menschen deformiert hat und sehr wahrscheinlich sind die meisten Infizierten daran auch gestorben.

 

An einigen Schädeln konnten wir die gleichen Charakteristika finden, wie sie auch bei einer in Europa heimischen Säbelzahnkatze typisch waren. Und unsere Historiker gehen davon aus, dass sich aus diesen Kreaturen später auch die Legenden der norwegischen Trolle entwickelt haben könnten.

Wieso genau der europäische Virusstamm irgendwann einfach verschwunden ist, können wir nur mutmaßen. Ein paar spätere Funde stützen die Theorie, dass es wohl mit der Klimakatastrophe im Spätmittelalter und den daraus resultierenden, extrem schlechten Lebensbedingungen zu tun hatte.«

 

»Das heißt, diese skandinavischen Feloidea sind einfach verhungert?«, fragte Kaoru und in seiner Stimme schwang eine Bestürzung mit, die Kyo überraschte. Hatte er etwa Mitleid mit diesen Monstern?

»Sehr wahrscheinlich.« Christine nippte kurz an ihrem Kaffee, um ihre Kehle zu benetzen, nickte dann aber zustimmend. »Es gab durchgehend sehr kalte und nasse Sommer, die Menschen hatten fast nichts zu essen und auf dem ganzen Kontinent wüteten Krankheiten und Kriege.

Laut der Kollegen vom Max-Planck-Instituts, wurden ganze Landstriche regelrecht ausgelöscht. Die hohe Mortalitätsrate nach der Infektion und die ohnehin furchtbaren Lebensbedingungen, waren das Todesurteil für diese Feloidea. Unter diesen Umständen, hatten die allermeisten Infizierten einfach keine Chance. Und die wenigen die es doch überstanden haben, sind verhungert oder wurden umgebracht.

Wenn wir mit unserer Theorie richtig liegen, dann war die Mutation nicht reversibel und sie blieben für den Rest ihres Lebens, in einer halb Mensch- halb Tiergestalt gefangen. Und das in einem Land, in dem Hunger und Seuchen einen religiösen Wahn verursachten. Sie wurden als Hexer gejagt und getötet, bis keiner mehr übrig war.«

 

Kyo schauderte, als er dies hörte. Er wusste nicht besonders viel über die europäische Geschichte. Aber die Legenden der Hexenverfolgung waren, seit jeher, ein beliebtes Thema in sämtlichen Medien und natürlich kannte er die meisten davon.

»Der Mythos vom Werwolf, muss ja irgendwo herkommen«, murmelte er, eher zu sich selbst, aber laut genug, damit die anderen beiden ihn hören konnten. Christine wand ihm den Blick zu und schmunzelte leicht.

»Ganz genau, das denken wir auch. Es gibt weltweit Sagen von Menschen, die sich in Tiere verwandeln können und, wenn man sich die Knochenfunde so anschaut, kann man durchaus verstehen, dass die Leute den Feloidea mare balticae für einen Wolf gehalten haben.

Im Gegensatz zu uns, war dieser viel gedrungener und kompakter gebaut und ging die meiste Zeit auf allen Vieren. Aufgrund seiner direkten, genetischen Verwandtschaft zu den Säbelzahnkatzen, war auch sein Schweif sehr viel kürzer. Das war für die damaligen Menschen also die einzig logische Schlussfolgerung, dass es sich bei ihm um ein Wolfswesen handeln musste.«

Das erklärte wirklich so einiges.

 

»Was ist mit den anderen?«, fragte Kaoru. »Sie sagten vorhin etwas von fünf Typen, Doktor.«

Wieder nickte die Deutsche bestätigend und fuhr fort, wobei Kyo sich allmählich wieder in seine Schulzeit zurückversetzt fühlte. Mit der Ausnahme, dass ihn dies hier auch tatsächlich interessierte.

»Richtig. Eigentlich ging die Forschung lange Zeit davon aus, dass sich die Feloidea linear entwickelt haben. Also aus Feloidea africana, zu Feloidea mare balticae und schließlich zu der heutigen Form. Dann aber fanden Stjørdals Geologen im sibirischen Permafrost etwas wirklich seltsames.«

»Wie meinst du das?«, fragte Kyo. Verdammt, wieso nur war er so schrecklich neugierig?

Christine stieß ihrerseits ein Seufzen aus und dachte einen Moment nach, bis sie die richtigen Worte fand.

 

»Was auch immer das für Feloidea waren, aber ihre mumifizierten Überreste sind uralt! Weshalb es für uns auch nur logisch ist, dass sie kein Nachkomme des baltischen Typs sind, sondern sich als deren Schwesterntyp aus Feloidea africana recht früh abgespalten und dann parallel zu ihm entwickelt haben. Ebenfalls auf Grundlage der selben Urkatze, so wie beim nordeuropäischen Typ«, versuchte sie die Sachlage für Laien verständlich zu erklären, was ihr hörbar schwer fiel.

»Was war an denen so besonders?«, bohrte der Sänger weiter nach, was ihm ein Brummen einbrachte.

»Das versuche ich doch gerade zu erklären!«, maulte sie ihn an, verfiel dann aber wieder in ihre ursprüngliche Rolle. »Die sibirischen Feloidea hatten einen aufrechten Gang und waren riesig! Ob sie die Transmutation rückgängig machen konnten, bezweifeln wir, aber das größte Exemplar, was die Archäologen aus dem Eis gezogen haben, maß mehr als zwei Meter zehn.«

 

Kyo, der nun wirklich nicht gerade ein Riese war, musste hart schlucken. Das klang in der Tat sonderbar und fast schon unheimlich.

»Sie besaßen sehr dichtes Fell, waren extrem muskulös, hatten keinen Schweif und nur kurze Ohren«, beschrieb Christine die rätselhaften Wesen. »Ich glaub ich habe meine Kollegen noch nie derart ratlos erlebt, wie in dem Moment, als man uns die Überreste auf den Seziertisch packte.« Plötzlich stieß sie ein kurzes Lachen aus und schüttelte den Kopf, so als versuche sie einen albernen Gedanken los zu werden. »Intern haben wir diese Dinger damals einfach nur ‘die Sasquatch-Feloidea’ genannt und ehrlich gesagt bin ich mir sogar sicher, dass darin ein kleines Fünkchen Wahrheit steckt.«

»Ich dachte, dass der Sasquatch eigentlich eine amerikanische Legende ist.« Kaoru schien verwirrt und Kyo ging es ähnlich. Christine hingegen nickte leicht.

»Ist sie auch. Aber ihr müsst bedenken, dass es früher eine dünne Verbindung zwischen Asien und Nordamerika gab und der Mythos des Schneemenschen, findet sich auf beiden Kontinenten, unter jeweils anderen Namen. Am bekanntesten sind Sasquatch in Amerika und der Yeti im Gebiet um den Himalaya.«

 

Als Kyo kurz zu Kaoru schaute, erkannte er, dass dieser regelrecht an den Lippen der seltsamen Ärztin klebte. Man sah es ihrem sonst so ernsten Leader zwar nicht unbedingt an, aber er hatte eine Schwäche für solche Geschichten.

»Die Mongolen nennen sie Almas, die Russen Abnauayu und in Pakistan heißen sie Barmanou«, folgte die kleine Aufzählung. »Das alles war bevor wir das Skelett von Etrusk fanden und zum damaligen Zeitpunkt suchten wir immer noch fieberhaft nach verwertbaren Überresten und intakter Virus-DNA. Ich selbst hatte mein Medizinstudium damals gerade erst abgeschlossen und begann meine Facharztausbildung zur Genetikerin, über Stjørdals internes Förderprogramm für Infizierte. Und weil dieser Fund unsere beste Spur war, reisten Satoshi, mein Kollege Albert Wegener und ich, nach Sibirien, um uns den Arsch abzufrieren.«

»Tja«, meinte Kyo, halb spöttisch, »Was tut man nicht alles für die Wissenschaft.« Woraufhin er grinste und das leise Fauchen tapfer über sich ergehen ließ. »Habt ihr denn wenigstens irgendwas brauchbares finden können?«

 

Christine neigte den Kopf erst auf die eine, dann auf die andere Seite und gab dabei ein nachdenkliches Brummen von sich.

»Mehr oder weniger«, meinte sie dann. »Es war zumindest nicht das was wir uns erhofft hatten. Aber irgendwie schaffte es einer der Archäologen, Kontakt zur ortsansässigen Bevölkerung herzustellen. Unter anderem auch zu einem alten, indigenen Volksstamm. Die Mansen leben sehr zurückgezogen und bleiben lieber unter sich.«

»Nie von denen gehört.« Kyo ignorierte ihre Blicke einfach.

»Wie ich schon sagte, legen sie nicht besonders viel Wert darauf, Kontakt zum Rest der Welt zu haben«, kam die schnippische Antwort. »Wie auch immer. Da wir in der Nähe ihrer heiligen Ritualstätten gruben, verlangten sie von uns zu erfahren, was genau wir da im Eis suchten. In der Hoffnung, dass sie uns vielleicht zu weiteren Überresten führen könnten, zeigten wir ihnen unsere Fotos und daraufhin ist der Stammesälteste fast in Ohnmacht gefallen.«

»Oh«, kam es verblüfft von Kyo. »War sicherlich kein schöner Anblick.«

»Das auch«, stimmte Christine ihm zu. »Sie erzählten uns, dass sie durchaus schon mehrerer dieser Kreaturen im Eis gefunden hatten, aber sie würden sie niemals einfach so ausgraben. In der Folklore der Mansen, werden diese Dinger als ‘Menk’ bezeichnet und bilden deren Äquivalent zum Yeti. Laut den Legenden leben die Menk im Wald und beschützen die Mansen vor Unheil und Feinden.«

 

»Aber«, warf Kaoru ein, »Würde das dann bedeuten, dass die Mansen und diese Yeti-Feloidea, so etwas wie eine Art Co-Existenz miteinander haben könnten?«

»Wenn man der Folklore glaubt, dann könnte es so gewesen sein. Wir können leider nicht mehr nachvollziehen wie ‘menschlich’ die sibirischen Feloidea denken konnten und ob sie die Bevölkerung auch tatsächlich aktiv beschützt haben. Eventuell duldeten sie die Mansen einfach in ihrem Revier und griffen nur Fremde an.«

»Warum sind sie dann ausgestorben?«, fragte Kyo, der sich über den Tisch beugte und mit den Stäbchen die Umeboshi von Kaorus Teller klaute. Er versenkte die rote, salzig saure Frucht in seinem Reis und schob sich dann alles in den Mund. »Sind sie auch verhungert?«

»Hm.« Christine zuckte unsicher mit den Schultern. »Das dachten wir auch, aber sie waren auf das kalte Klima perfekt angepasst und hatten keinerlei Feinde, außer einander. Wild gibt es trotz der schwierigen Bedingungen in dieser Region reichlich und es existieren keine Aufzeichnungen darüber, dass sie aktiv bejagt wurden.« Plötzlich musste sie leicht lächeln. »Am Ende hat Satoshi das Rätsel gelöst, als er das Blut der Mansen untersuchte. Sie sind das einzige uns bekannte Volk, welches eine natürliche Immunität gegen das Virus besitzt.«

 

Kyo blieb beinahe der Bissen im Hals stecken und er musste kurz husten, was Kaoru dazu veranlasste ihm auf den Rücken zu klopfen.

»Bitte was?«, krächzte er und starrte die ältere Frau ungläubig an. »Du sagtest doch, dass es keine Heilung gibt!«

»Gibt es auch nicht«, widersprach sie ihm. »Dieses Volk scheint eine genetische Besonderheit aufzuweisen, was sie resistent gegen die Erkrankung macht. Allerdings kann man aus ihnen weder ein Heilmittel, noch eine Impfung entwickeln.«

»Fuck.« Kyo hatte wirklich gehofft, dass es für ihn doch noch eine Chance gab, irgendwie in sein altes, wenn auch sehr kaputtes Leben zurück zu kehren. Er wollte nicht so sein!

»Dann sind diese Feloidea ausgestorben, weil sie das Virus nicht mehr weitergeben konnten?«, fragte Kaoru, der von seinem Sänger abgelassen und über ihre Worte nachgedacht hatte.

»So unsere Theorie. Diese Region ist selbst heute noch sehr dünn besiedelt und zu dem Zeitpunkt als der letzte sibirische Feloidea starb, lebten in diesem Gebiet nur die Mansen. Und leider sind die Viren gegen derlei extreme Umwelteinflüsse, nicht resistent genug. Das was wir aus dem Eis zogen, war wortwörtlich tot.«

 

Eine Weile schwiegen sie alle drei und lauschten den Geräuschen der anderen Gäste. Irgendwann fuhr Christine fort, auch wenn sie dabei irgendwie unzufrieden wirkte.

»In Nordamerika gab es ebenfalls Knochenfunde, die unserem Feloidea altaica ähnelten. Bei genauerer Untersuchung fiel allerdings auf, dass er sich aus diesem irgendwann im Laufe der Zeit weiterentwickelt haben musste. Wahrscheinlich aufgrund der Umsiedelung und der neuen klimatischen Bedingungen. Aber ob man den Feloidea mongolica tatsächlich auch als eigenen Typ aufzählen sollte, darüber streiten sich die Forscher bis heute.

Es gibt ein paar schwammige Überlieferungen, durch die nordamerikanischen Ureinwohner. Aber vieles ist wohl in der Zeit der gewaltsamen Kolonialisierung verloren gegangen. Wir wissen nicht warum diese Feloidea einfach verschwunden sind. Vielleicht traf sie das gleiche Schicksal, wie ihre sibirischen Verwandten.«

Christine seufzte lange und man konnte deutlich hörten, dass es sie bis heute frustrierte, keine geeignete genetische Probe aus diesen uralten Überresten extrahiert zu haben. Obwohl sie nicht mehr für Stjørdal arbeitete, war sie im Herzen noch immer die neugierige Genetikerin von damals.

 

»In den Fünfzigern gab es einen Vorfall im Uralgebirge und wir dachten kurzzeitig, dass es vielleicht doch noch Überlebende dieser alten Spezies gibt.«

»Was für einen Vorfall?«, wollte Kyo wissen, der nun endlich seine Stäbchen beiseite legte und nach der Teetasse griff.

»Einen Mord«, antwortete sie bedeutungsvoll und suchte wieder seinen Blick. »Dank Eriks Kontakte nach Russland, kamen wir an die Akten, welche die Sowjets während der Zeit des kalten Krieges, in den Schränken weggeschlossen hatten.

Darin ging es um einige Studenten, die bei einer Wanderung ums Leben kamen. Mehrere Wochen nach ihrem Verschwinden, fand man ihre übel zugerichteten Leichen. Natürlich standen die Ermittler vor einem Rätsel, denn die Verletzungen passten zu keinem bekannten Tier und es erschien auch so, als habe irgendwas über mehrere Tage hinweg, Jagd auf diese jungen Menschen gemacht. Alles wurde untersucht, genau dokumentiert und dann sorgfältig versiegelt.« Ein eigenartig spöttischer Ausdruck trat auf ihre Lippen. »So sehr ich Stjørdal auch verachte, aber ich kann nicht bestreiten, dass es auch Vorteile hatte für diese Monster zu arbeiten. Wir sichteten die Akten und sprachen mit einigen Mitgliedern der damaligen Rettungsteams und uns wurde sehr schnell klar, dass dafür weder ein Mensch, noch ein Tier verantwortlich sein konnte.«

»Ein Feloidea«, schlussfolgerte Kyo, noch ehe sie ihren Satz beendete. »Aber doch keines dieser Ur-Viecher, oder?«

Christine gab ein verneinendes Brummen von sich.

»Wir hatten wirklich die Hoffnung, wenigstens einen dieser Art zu finden. Aber am Ende stellte er sich nur als einer von uns heraus.«

Ihr Frust über diese Tatsache, war sogar für Kyo nachvollziehbar; er behielt es jedoch für sich und widmete sich seinem Tee.

 

»Also habt ihr ihn doch noch gefunden?«, fragte Kaoru, was sie wieder dazu veranlasste, nachdenklich den Kopf hin und her wippen zu lassen.

»Indirekt«, antwortete sie ihm. »Er fand wohl eher uns und war überhaupt nicht begeistert davon, dass wir in dieser alten Geschichte herum stocherten.« Dann seufzte sie lange und schwer. »Irgendwie hatte ich es bereits in dem Moment geahnt, als ich ihn das erste Mal sah. Die Krankheit hatte ihn zu dieser schrecklichen Tat getrieben und ihn am Ende gebrochen zurück gelassen. Den meisten Feloidea, die in so eine Situation geraten, ergeht es so. Wir suchten einen Mörder und fanden einen verwahrlosten und verzweifelten Alkoholiker, der uns im Wahn verfluchte.«

Sie wand sich Kyo zu, welcher den Blick stumm erwiderte und dabei sehr nachdenklich wirkte.

»Was am Kholat Syakhl passiert ist, war eine schreckliche Tragödie. Er hat sich nie von dem erholt was er getan hat und ob er jemals seinen Frieden damit schließen konnte, wage ich zu bezweifeln.«

Die Botschaft war klar, auch wenn Kyo sie noch nicht annehmen konnte. Aber vielleicht half es dennoch; auf welche Weise auch immer. [1]

 

»Der vierte Entwicklungstyp lebte in Mittelamerika und über diesen haben wir die wenigsten Informationen. Von dem bisschen was die alten Aufzeichnungen hergeben, lässt sich nicht viel direkt auf die Feloidea ableiten. Falls er existiert hat, dann entwickelte er sich, dank der langen Isolation, aus den Genen einer völlig anderen Säbelzahnkatze.«

Der Geräuschpegel im Raum war mittlerweile so hoch, dass es Kyo zunehmend schwerer fiel sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Das dumpfe Wummern, ausgelöst durch die mentale Anstrengung, rückte immer weiter in den Vordergrund und ließ sich kaum noch zurück drängen. Entsprechend seiner stetig sinkenden Laune brummte er in seine Tasse, zum Zeichen dass er zuhörte.

»Die Jaguarkrieger der aztekischen Armee waren ein Mysterium in sich. Selbst die Historiker sind sich uneins darüber, ob es sich hierbei wirklich um Feloidea handelte, oder doch nur um historische Übertreibungen.«

»Jaguarkrieger?«, fragte Kaoru neugierig. »Das hört sich sehr nach Werkatze an.«

Bei der Nennung dieses Begriffs, verzog Christine leicht die Mundwinkel. Kyo hatte sie ein einziges Mal erst darüber schimpfen hören, dass sie diese Bezeichnung nicht wirklich mochte, weil sie die Erkrankung unnötig mystifizierte. Jetzt allerdings verkniff sie sich jeden Kommentar diesbezüglich.

 

»Die spanischen Eroberer unter Hernán Cortés, wurden von einigen Gelehrten begleitet, deren Aufzeichnungen unsere Archäologen eingehend studiert haben. Das meiste davon ist zwar christlich verblendeter Unsinn und bezieht sich lediglich darauf wie unzivilisiert die Azteken, in den Augen der Spanier, angeblich gewesen waren. Allerdings gab es unter ihnen auch Ausnahmen.

Einer von Cortés Navigatoren, Javier Sánchez, war ganz fasziniert von ihnen und notierte, dass er deren Riten, entgegen der Anweisungen, intensiv beobachtet hatte. Er schrieb, dass es nur den erfahrensten Kriegern gestattet wurde, das Fell von Jaguaren zu tragen; um ihre Kraft zu demonstrieren und Gegner einzuschüchtern. Angeführt wurden sie von einem Mann der über zwei einhalb Vara groß war; umgerechnet etwa zwei Meter. Der Navigator beschrieb ihn als Berg aus Muskeln und nur bedeckt von seinem eigenen, dichten Fell.«

Christine legte eine kurze Kunstpause ein, in welcher sie die Tasse an die Lippen setzte und langsam daraus trank, während sie die Reaktionen der anderen beiden beobachtete.

 

»Und er war wirklich ein Feloidea?«, fragte Kyo nach, der die Zweifel der Historiker durchaus verstehen konnte. »Was wenn er sich auch nur das Fell eines Tieres angelegt hatte?«

Neben ihm nickte Kaoru zustimmend, aber wahrscheinlich hatte Christine mit diesem Einwand gerechnet, denn sie lächelte leicht.

»In einem späteren Tagebucheintrag wird von einer schrecklichen Schlacht berichtet, in welcher die Jaguarkrieger bis auf den letzten Mann von den Spaniern erschossen wurden. Gegen die weiterentwickelten Waffen der Eroberer, hatten sie keinerlei Chancen.

Sánchez beschrieb, dass Cortés anordnete die Krieger vollständig zu entkleiden und ihre Felle und Waffen zu verbrennen, um so die Moral der Azteken zu zerschlagen. Seine Männer gehorchten natürlich. Aber als sie versuchten den Jaguarschädel vom Kopf des aztekischen Generals herunter zu reißen, stellten sie fest, dass dies überhaupt keine Maske war.«

 

Da ihn seine eigene Neugierde nun wieder packte, griff Kyo nach seinem Smartphone und suchte im Netz nach diesen mysteriösen, antiken Kriegern und tatsächlich spuckte Google nach wenigen Sekunden ein passendes Bild aus. Er betrachtete die Darstellung eingehend und versuchte sich vorzustellen, was für eine Wirkung diese Krieger auf die religiös geprägten Europäer gehabt haben mussten. Vor allem wenn es stimmte und der Anführer tatsächlich so ähnlich wie er selbst gewesen war.

»Wenn wir davon ausgehen, dass die Aufzeichnungen von Cortés der Wahrheit entsprechen, dann durchlief ein Feloidea der Azteken nur teilweise eine körperliche Veränderung und sein Verstand blieb weitestgehend normal«, erklärte Christine die Theorie. »Unter welchen Voraussetzungen sie sich infizierten und welche Wirkung die Erkrankung sonst noch auf sie hatte, können wir nur mutmaßen. Ähnlich wie die Kelten, besaßen die Azteken keine Schriftsprache und uns bleiben nur die zweifelhaften Aufzeichnungen der Spanier. Selbst von den Kriegern blieb nichts als Asche, nachdem man ihre Leichen verbrannte.« [2]

 

Kyos Blick ruhte immer noch auf der Zeichnung. Sicherlich wurden diese Krieger wie Helden verehrt, ganz egal ob sie nun Monster waren oder nicht. Die Menschen hatten keine Ahnung von Krankheiten und Viren und dachten wohl, dass es die Auserwählten ihrer Götter wären, deren Aufgabe es war sie vor dem Unheil zu schützen, was in Gestalt der Spanier über das weite Meer zu ihnen kam. Genau so wie die Menk von den Mansen verehrt wurden.

Er schloss die Augen, dachte darüber nach und langsam rückte die Welt in den Hintergrund. Nur sein Kopf arbeitete schneller und schneller und Kyo verlor sich in seinen kruden Phantastereien.

Feloidea in der Eiswüste Sibiriens, größer als Eisbären und um ein vielfaches tödlicher. Wolfsartige Katzenwesen, die in den Urwäldern Europas umher zogen und Jagd auf arglose Wanderer machten. Bis sie irgendwann verhungerten, oder ihr trauriges Ende auf dem Scheiterhaufen fanden. Und nicht zuletzt die prunkvoll geschmückten Krieger der Azteken. Heilige, Monster und Helden in einem.

 

»Kyo?«

Er schreckte auf, als sich eine Hand auf seine Schulter legte und ihn mit brutaler Geschwindigkeit und Härte, zurück in die Realität riss. Mit einem zischenden Einatmen schlug er Kaorus Hand zur Seite und sah seinen Freund und Kollegen mit weit aufgerissenen Augen an.

»Hey, tut mir leid«, entschuldigte dieser sich und wich umgehend zurück. »Ich wollte dir nur sagen, dass es langsam Zeit wird. Wir fahren in einer Stunde los.«

Tatsächlich war der Vormittag nun schon so weit fortgeschritten, dass sich der Speisesaal des Hotels langsam leerte und als Kyo sich umschaute, blieben seine Augen an Toshiya hängen. Ihr Bassist hatte den Tisch am anderen Ende des Raumes bezogen und war soeben dabei aufzustehen und zu gehen. Und genau in dieser Sekunde schaute er auf und erwiderte den Blick ihres Sängers.

Toshiya verharrte mitten in der Bewegung, eine Hand noch auf der Tischplatte ruhend. Kyo rechnete damit, dass er ihm sein berühmtes, herzliches Lächeln schenkte, oder wenigstens ein kurzes Kopfnicken. Aber diese Eiseskälte, die in dessen sonst so warmen Augen lag, hätte er nie im Leben erwartet. Es bestürzte ihn in solchem Maße, dass Kyo richtig schlecht wurde.

 

Da er ihm offenbar überhaupt nicht zuhörte, wand Kaoru den Kopf ebenfalls in die Richtung in welche sein Freund schaute; konnte aber nur noch Toshiyas Rückseite sehen, als dieser den Saal verließ.

»Was ist los?«, fragte er und drehte sich wieder zu seinem Kollegen, dessen Augen nach wie vor die offene Tür fixierten. Christine beobachtete die beiden Männer schweigend.

»Seit wann hasst er mich?«, fragte Kyo mit gesenkter Stimme.

»Das tut er nicht«, erwiderte Kaoru sofort, erhielt dafür aber nur ein Kopfschütteln, gefolgt von einem schweren Seufzen.

»Doch, das tut er. Und ich verstehe es nicht, Kaoru.« Hilfesuchend wand er sich seinem Leader zu, in der Hoffnung bei ihm eine Antwort zu finden; ohne Erfolg. »Wieso verstehe ich die Menschen einfach nicht?«

 

***

 

»Sapporo!«

Sein Mikrofon übersteuerte fast, als er mit aller Gewalt hinein schrie und die Menge vor der Bühne, in ein kochendes Meer aus Stimmen und Gebrüll verwandelte. Kyo schloss für einen Moment die Augen und ließ die Vibrationen in seinen Körper eindringen, während er sie seinerseits schnurrend erwiderte und den Kopf leicht in den Nacken legte.

Er gab sich ihnen hin, hatte das Gefühl sich in ihnen aufzulösen und eins mit ihnen zu werden, ehe ihn ein harter Gitarrenriff von rechts zurück in die Realität holte. Seine Lunge füllte sich mit Luft. Kyo hielt den Atem an, bis sich ein Brennen in seinem Brustkorb breit machte, bevor er das Mikrofon gegen seine Lippen presste und einen lauten und animalischen Schrei ausstieß.

 

Christine zuckte zusammen, begleitet von einem unwilligen Murren.

»Man, ich hasse es wenn er das tut!«, brummte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Auch wenn sie sich in einem abgesperrten und verglasten Teil oberhalb der Zuschauerplätze befanden, war es ihr nicht möglich dem Lärm der Musik vollständig zu entkommen. Yuuto saß neben ihr vor seinem Laptop und schaute nur kurz vom Display auf und in Richtung Kyo.

»Du gewöhnst dich dran«, meinte er, was sie abfällig schnauben ließ.

»Ganz sicher nicht!« Kurz schwieg sie, dann ergänzte sie noch. »Er scheint heute gut drauf zu sein.« Die Ärztin wand den Blick von der Bühne und zu dem Studenten neben sich. »Oder?«

Yuuto tippte einhändig auf seiner Tastatur herum und biss sich dann nachdenklich auf die Unterlippe. Eine Marotte welche ihr selbst zu eigen war.

»Sein Adrenalin scheint mir sehr hoch zu sein«, erwiderte er unsicher, was sie zum Anlass nahm um hinter ihn zu treten und ihm über die Schulter zu schauen.

»Du hast recht. Die Werte sind höher als sonst.« Sie erinnerte sich an das Gespräch, welches sie am gestrigen Tag mit Kyo und Kaoru geführt hatte und die Finger ihrer rechten Hand, mit welcher sie sich auf dem Tisch abstützte, tippten nachdenklich auf der Holzplatte herum. »Das gefällt mir nicht.«

 

Nun war es an Yuuto einen Blick zur Bühne zu werfen und das Schauspiel zu beobachten.

»Kyo-san verausgabt sich ziemlich, dabei haben sie gerade einmal angefangen.«

»Hm«, gab sie ihr zustimmendes Brummen von sich und ging wieder ein wenig auf Abstand, um direkt an das große Fenster zu treten. Sich vorzustellen jetzt dort unten in diesem Hexenkessel zu stehen, in all dem Lärm und drangsaliert vom Licht, kam für sie einem Albtraum gleich.

»Aber er macht nicht den Eindruck, als wolle er sich jeden Moment auf die anderen stürzen.« Tatsächlich erschien Kyo erstaunlich entspannt; auch wenn ‘Entspannung’ wohl kaum das richtige Wort war, um diese Show anständig zu beschreiben. Er tobte, schrie, kreischte und ließ all seinen negativen Emotionen freien Lauf.

Plötzlich begriff Christine, was genau da unten auf der Bühne soeben passierte und ein breites Grinsen teilte ihre Lippen.

 

»Ach so«, stieß sie amüsiert aus und lachte leicht. »So ist das also. Dieser kleine clevere Giftzwerg hat tatsächlich einen Weg gefunden, um sich selbst unter Kontrolle zu behalten.«

»Wie bitte?«, Yuuto starrte sie zweifelnd an. »Er eskaliert. Was genau soll er denn da unter Kontrolle haben?«

»Genau das ist ja Sinn und Zweck der Aktion.« Überflüssigerweise tippte die Deutsche gegen das Glas und deutete damit auf Kyo, dessen Körper sich in einer unnatürlich anmutenden Weise verkrampfte, ehe er sich völlig der Wut und Gewalt seines Songs ergab. »Er gibt der Katze das was sie will, ohne seine menschliche Hülle abzuwerfen. Sein Körper wird im Moment völlig überflutet mit Stresshormonen und er lässt sie einfach so raus wie es ihm beliebt, damit sie sich nicht aufstauen können. Sehr wahrscheinlich tut er das nicht einmal bewusst.«

 

Wie richtig sie mit ihrer Einschätzung lag, konnte Christine nur erahnen. Kyo hingegen gab sich völlig seiner Show hin und säuselte ins Mikro, nur um in der nächsten Sekunde schreiend nach vorn zu stürzen und sich wimmernd zusammen zu krümmen. Er spürte jedes einzelne Wort, welches er irgendwann einmal aufgeschrieben hatte, über seine Zunge rollen.

Der gesungene Schmerz vibrierte in seinen Gliedern und bescherte ihm eine Gänsehaut aus Qual und Lust. Dass er auf viele seiner Fans pure Erotik ausstrahlte, war für ihn ein Teil des Spiels; auch wenn sie ihm herzlich egal waren. Er wollte sie nicht, würde sie nie wollen und kannte keinen einzigen ihrer Namen. Selbst der von Alice wäre ihn gleichgültig gewesen, hätte es sich nicht aus der Situation so ergeben.

 

Langsam glitt seine Hand über seinen Oberkörper, strich den Saum das Shirts entlang, welches er trug und in dem ihm wieder einmal schrecklich heiß war. Hinunter zum Bund seiner Hose, die ihm fast wie aus versehen ein Stück zu tief auf den Hüften lag und Kyo begann damit sich im Rhythmus von Shinyas harten Schlägen zu bewegen.

Er wiegte hin und her, mit geschmeidigen, fließenden Bewegungen, hob den Arm wieder über den Kopf und beugte seinen Oberkörper weiter nach hinten. Sein Oberteil rutschte dabei nach oben und gab den Blick auf seinen durchtrainierten Bauch frei.

Kyo konnte vor seinem inneren Auge sehen, wie ihn die Fans gierig anstarrten und beinahe durchdrehten bei seinem Anblick. Er hatte genau das schon oft genug erlebt und konnte ein wissendes Grinsen einfach nicht unterdrücken.

 

Ein weiteres Mal ließ er die Finger über seine Brust nach unten wandern, säuselte den Text ins Mikrofon, ganz nahe an seinen vollen Lippen und schnurrte sinnlich lustvoll. Dass es noch mindestens zwei andere Katzen im Raum gab, war ihm seit Beginn der Show klar, doch dieses Mal interessierten sie ihn nicht weiter. Statt dessen galt seine Aufmerksamkeit jemand anderes, unweit seiner Position.

Kyos Finger glitten hoch, zu seiner Brust und zogen dabei den Stoff des Shirts mit sich, so dass immer mehr Haut freigelegt wurde. Die andere Hand mit dem Mikrofon schwebte über ihm, so dass er den Kopf in den Nacken legen musste. Für einige Sekunden verharrte er in dieser Körperhaltung, genoss es seine eigenen Muskeln zu überstrecken und das leichte Brennen, was sie dabei erzeugten. Dann drehte er das Gesicht leicht zur Seite, suchte in der Dunkelheit nach seinem Bandleader und nur einen Augenblick später fühlte er sich in seinem Verdacht bestätigt.

 

Kaorus Augen, obgleich sie hinter den Strähnen seiner Haare vor den Fans verborgen waren, ruhten auf ihm und taten dies vermutlich schon eine ganze Weile. Kyo erwiderte den intensiven Blick, fesselte ihn und genoss die Wirkung die er auf seinen Gitarristen hatte, während Dai die Menge mit seinem Solo verzauberte.

Der Sänger leckte sich über die Lippen, biss anschließend fest hinein und ballte die Finger ein wenig, bis sich die Nägel in seine Brust gruben und rote Spuren hinterließen, kaum dass er sie mit ausreichend Druck über seine Haut nach unten kratzen ließ.

Kyo reizte diesen Moment bis zur letzten Sekunde aus und erst dann wand er sich wieder den Fans zu. Er schrie, als hinge sein Leben davon ab. Er brüllte jede Emotion heraus die sich in ihm angestaut hatte, genoss die Erregung die er in sich selbst auslöste und versuchte sich einzureden, dass er all das nur aus reiner Selbstsucht tat.

Dass ihm die anderen, wie immer, eigentlich egal waren.

 

Dass er nichts für Kaoru empfand …

 

***
 

Kapitel 41 ¦ Katzenfeind


 

***

»Heiliger …« Kaoru lehnte den Kopf gegen die kalten Fliesen und tauchte etwas tiefer ins heiße Badewasser ein. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, einen der Privaträume des nahegelegenen Onsen zu buchen und sich nach der Show zurück zu ziehen. Die anderen hatte es in die Hotelbar gelockt; er hingegen zog es vor, sich, entgegen seiner üblichen Gewohnheiten, eine kleine Auszeit von der Band zu gönnen.

Und das nicht ohne Grund!

 

»So habe ich ihn ja noch nie erlebt«, murmelte er nachdenklich und starrte in den aufsteigenden Dampf, der elegant vor den kleinen Laternen tanzte, welche den Raum in ein warmweißes Licht hüllten. Aber wirklich hinsehen tat er nicht. Statt dessen rief er sich die Bilder von Kyos heutigem Auftritt in den Sinn.

Und, wie zu erwarten war, regte sich in ihm etwas, was er sich unter normalen Umständen eigentlich mit aller Gewalt untersagte. Kaoru zog zischend die Luft ein.

Dieser verdammte kleine Mistkerl.

Was sollte das ganze Theater? Hatte er das nur abgezogen, um zu sehen, wie weit er mit ihm gehen konnte? Wie lange es dauerte, bis Kaorus Geduldsfaden riss? Wo genau seine Grenzen lagen?

Und was dann? Er würde ihn ganz sicher nicht auf offener Bühne flachlegen!

War das wieder nur eines von Kyos ewigen Spielchen; ausgelöst durch das, was seit Jahrzehnten in seinem Kopf schief lief und ihn manchmal zu Dingen trieb, die eindeutig zu weit gingen?

Oder war da vielleicht doch mehr?

 

»Quatscht!«

Kaoru spritzte sich das heiße Wasser ins Gesicht und atmete dann tief durch. Ganz egal ob die Hitze in seinen, vom ständigen Rauchen geschundenen Lungen brannte und schmerzte.

»Du kämpfst auf verlorenem Posten, du elender Idiot«, schalt er sich selbst, ehe er sich zurück lehnte und verzweifelt nach Entspannung suchte. Sein Brummen hallte von den Wänden wider und er schloss die müden Augen, den Kopf auf dem Rand des Beckens abgelegt. »Kyo weiß, dass er nur zerstören kann. Das hast du doch all die Jahre am eigenen Leib zu spüren bekommen.«

Sein linker Arm hing aus dem Wasser und Kaorus Fingerspitzen tanzten dabei über die Fliesen, als versuchten sie eine stumme Melodie zu spielen.

 

‘Wenn du bei ihm bleibst, dann zerstört er dich.’

 

Wieso musste er sich ausgerechnet jetzt an die letzten Worte erinnern, welche er mit Kisaki gewechselt hatte? Das war Jahre her, kurz nach der Vulgar-Tour und irgendwann während eines Events, zu welchem man Kaoru eingeladen hatte.

Da er nicht nur Dir En Greys Bandleader war, sondern auch hauptberuflich als Komponist arbeitete, kam es nicht selten vor, dass er zu irgendwelchen Veranstaltungen innerhalb der Musikbranche musste.

Und auf einer davon, hatte er Kisaki wiedergetroffen.

Es gab kein böses Blut mehr zwischen ihnen und Kaoru war alles andere als nachtragend; ganz im Gegensatz zu einem gewissen Sänger. Trotzdem hatte es sich irgendwie seltsam angefühlt, denn so ganz konnte er das Drama der Vergangenheit nicht aus seinem Gedächtnis löschen.

 

Sie hatte es zunächst rein geschäftlich gehalten, sich gegenseitig für ihre tolle Arbeit gelobt und es durchaus auch ernst gemeint. Kisaki hatte noch während ihrer Zusammenarbeit ein sehr gutes Gespür bewiesen, was das Finden frischer und junger Talente anging.

Ins besondere der damalige Neuzugang, Gazette, schien vielversprechend zu sein und Kaoru musste im Nachhinein zugeben, dass er diese Jungs wirklich gravierend unterschätzt hatte. Auch eines der vielen Themen, auf die man Kyo lieber nicht ansprach; allerdings aus ganz anderen, egoistischen Gründen. Er konnte eine verdammte Drama-Queen sein, wenn er es drauf anlegte.

 

»Ruki hat wirklich Talent«, hatte Kisaki erzählt und dabei sein Glas, mit dem viel zu trockenen Sekt, ein wenig im Kreis geschwenkt. Kaoru wusste, dass ihr ehemaliger Bassist eigentlich liebliche Weine bevorzugte.

»Aber?« Kaoru musterte ihn fragend. »Wieso nur habe ich das Gefühl, dass da ein ‘Aber« in deinem Satz mitschwingt?«

»Weil da eines ist!« Der andere hatte schwer geseufzt und das Glas dann kurzerhand zur Seite gestellt. Sie standen etwas abseits, um sich in Ruhe unterhalten zu können. »Du kennst dieses ‘Aber’ besser, als jeder andere hier, Kaoru.«

 

Wieder einmal musste man es nicht einmal direkt aussprechen, um sofort zu wissen, um wen genau es in Wirklichkeit ging.

»Wenn du auf Kyo anspielen willst, dann - .«

»Ja, genau das will ich!« Kisakis sonst so sanft säuselnde Stimme, hatte eine Härte angenommen, welche man von seinem zarten Aussehen nicht wirklich erwartete. »Ich weiß selbst dass er ein Ausnahmetalent ist und glaub mir, vor niemandem in dieser Branche habe ich beruflich so einen Respekt, wie vor Kyo Nishimura. Aber du kennst meine Ansichten über ihn als Privatperson.«

»Kisaki,« Kaoru versuchte versöhnlich zu klingen, merkte aber recht schnell, dass er dabei kläglich scheiterte. »Das ist acht Jahre her. Er ist nicht mehr der Kyo von damals. Wir werden alle erwachsen.«

 

»Das hat nichts mit ‘erwachsen werden’ zu tun und das weißt du.« Sein Gesprächspartner zischte ihm diese Worte entgegen und es wurde deutlich, dass manche Konflikte wohl niemals ein Ende finden würden. Ins besondere nicht in dieser Angelegenheit. »Er ist ein Vorbild für eine ganze Generation an Musikern, die ihm technisch und lyrisch nacheifern und so sein wollen wie er.«

»Und?« Kaoru hatte ihn nur voller Unverständnis angestarrt und nicht begriffen, was genau daran so schlimm sein sollte. »Er inspiriert die Leute. Seit wann ist das ein Verbrechen?«

»Das habe ich nie behauptet.« Sie hatten eigentlich nicht vorgehabt sich zu streiten und trotzdem taten sie es, ganz unbewusst. »Mein Problem besteht darin, dass es ihm einfach egal ist, was er mit seinem Verhalten anrichtet.«

»Du meinst seine Shows?«

Irgendwie hatte Kaoru geahnt, dass es früher oder später um dieses konkrete Thema gehen würde. Kyos blutige Eskapaden, waren längst nicht mehr nur ein viel diskutiertes Thema innerhalb Japans, sondern zog immer mehr Interessierte weltweit an.

 

»Shows?«, Kisaki hatte abfällig gelacht und dann einen der Kellner zu sich gewinkt, um sich einen Rotwein vom Tablett zu nehmen. »Ihr nennt es Shows und der Rest der Branche bezeichnet es als demonstrativen Selbstmord. Was denkt ihr euch dabei? Was denkst DU dir dabei, ihn das durchgehen zu lassen? Ausgerechnet Du!«

Plötzlich wurden die schönen Züge des Bassisten sanfter und mitfühlender. Kisaki war ein Mann mit tausend Gesichtern und auch wenn Kaoru dies niemals laut aussprechen würde, so ähnelten er und Kyo einander auf beinahe gruselige Weise. Das war der wahre Grund, weshalb die beiden ehemaligen Freunde, heute verbitterte Todfeinde waren.

»Du warst für ihn schon damals Schwert und Schild. Vom ersten Tag an, hast du dich vor ihn gestellt, um ihn zu beschützen. Also wieso beschützt du ihn nicht auch vor sich selbst? Er bringt sich vor den Augen aller um und du stehst nur daneben und tust nichts?«

»Was weißt du denn schon?!« Auch wenn er versuchte, so leise wie möglich zu sein, konnte Kaoru nicht anders, als Kisaki an zu fauchen. »Du bist damals einfach abgehauen, weil das für dich der leichtere Weg war!«

Dass diese Vorwürfe haltlos waren, war ihnen beiden klar, denn das war ganz sicher nicht der Grund für ihr Zerwürfnis gewesen. Trotzdem konnte er, an der Art wie die Muskeln in Kisakis Gesicht zuckten, deutlich erkennen, dass er einen Nerv getroffen haben musste.

»Unsinn«, hatte dieser gekeucht und leicht mit dem Kopf geschüttelt. »Das er extrem ist wusste ich, aber hätte ich damals bereits geahnt, was für ein Monster in ihm steckt, dann hätte ich euch bestimmt nicht mit ihm alleine gelassen.«

 

Jetzt, sieben Jahre später, musste Kaoru leicht darüber schmunzeln. Wie richtig Kisaki mit seinen Worten im Nachhinein doch lag. Kyo war ein Monster, in vielerlei Hinsicht.

»Wärst du geblieben, dann hätten wir wohl kaum noch ein Jahr gemeinsam durchgehalten, Kisaki.« Er hatte den anderen Mann angesehen und sich innerlich darüber amüsiert, dass er den selben Trotz in dessen Augen fand, wie er es für gewöhnlich nur von Kyo kannte. »Und im Übrigen hat er nie darum gebeten, dass andere versuchen ihm auf diese Weise nachzueifern.«

»Weil er immer vor Allem davon läuft!« Kisaki strich sich, mit seinen aufwendig manikürten Nägeln, eine Strähne aus dem Gesicht und sprang zurück in die Rolle des Unnahbaren, so wie Kaoru es von ihm gewohnt war. »Er wollte ein Star sein und rennt vor der Verantwortung davon, die das mit sich bringt.« Als Dir En Greys Leader den Mund öffnete, um etwas zu erwidern, fiel er ihm kurzerhand ins Wort. »Versuch gar nicht erst mir zu widersprechen. Euch war doch klar, dass ihr nicht einfach nur eine bedeutungslose Indie-Band bleibt, sobald ihr damit beginnt, auf den großen Bühnen zu spielen. Ruki und die anderen eifern ihm nach und genau das ist es auch, was mir so eine Angst macht. Sie sollen nicht so wie er werden!«

 

Ein Teil von Kaoru hatte ihm zugestimmt und tat dies immer noch, egal wie schmerzhaft es auch war.

»Das mag schon sein«, hatte er gemurmelt. »Aber behaupte nicht, dass wir nur daneben stehen und ihm bei seiner Selbstzerstörung zusehen. Ganz im Gegenteil.« Unwillkürlich hatte er die Hand auf den Ärmel seines anderen Armes gelegt und mit dem Daumen leichten Druck auf die verheilten Wunde ausgeübt. »Manchmal muss man sein eigenes Wohl zurückstellen, wenn man jemandem helfen will, der sich selbst nicht mehr helfen kann.«

Kisaki gab zunächst nur ein halb verstehendes und halb fragendes Geräusch von sich, während er Kaoru eingehend musterte und über dessen Worte nachdachte.

»Es macht den Eindruck, als ob euer Erfolg maßgeblich von seiner Selbstzerstörung abhängig ist«, folgte irgendwann die Analyse. »Vulgar ist - , ähm,« Er unterbrach sich selbst, um nach den richtigen Worten zu suchen. »Verstörend. Und ehrlich gesagt frage ich mich mittlerweile, ob man ihn überhaupt noch retten kann

 

Ein leichtes Zucken hatte Kaoru erfasst und ein eisiger Schauer war ihm durch Mark und Bein geschossen, bei der Nennung ihres damals aktuellsten Albums. Die Tour lag noch nicht lange zurück und Kyo befand sich momentan in der Klinik.

Kaoru hatte ihn, nach dem Ausraster und Angriff auf Dai, persönlich hingefahren und war sich wie der schlimmste Verräter der Welt vorgekommen, als er seinen Sänger zurückgelassen hatte. Der leere Ausdruck in dessen Augen, der völlig entkräftete Körper, das ausgemergelte Gesicht und am liebsten hätte er ihn fest an sich gedrückt und nie wieder losgelassen. Doch es ging nicht mehr. Sie hatten alles versucht und die Grenzen ihrer Belastbarkeit schon vor Monaten überschritten.

‘Ich komm zurück’, hatte er Kyo geschworen, ohne eine Reaktion zu erhalten. ‘Und dann fahren wir ans Meer, okay?’

Aber dieser hatte nur auf diesem beschissenen Stuhl im Aufnahmebereich gesessen, die gegenüberliegende Wand angestarrt und nicht einmal gezuckt. Ihn so zurück zu lassen, war der schwerste Moment in Kaorus Leben gewesen. Und nun stand er hier, bei dieser albernen Weihnachtsgala, trank Wein und unterhielt sich mit der einen Person, die Kyo auf dieser Welt wohl am meisten hasste; abgesehen von sich selbst.

Was für eine Farce …

 

»Ich denke nicht, dass DU das beurteilen kannst.« Kaoru sah auf und mit festen Blick in die Augen des anderen Mannes. »Unsere Musik ist wenigstens ehrlich und keine Kopie.« Der Vorwurf saß, das sah er ihm an, auch wenn Kisaki es zu verstecken versuchte. »Kyo ist und bleibt das Original und mit seinen Texten versucht er niemandem nachzueifern, oder krampfhaft eine Konkurrenz für jemanden zu sein.«

Ihr ehemaliger Bassist sog zischend Luft ein, was Kaorus Verdacht bestätigte.

Er hatte ins Schwarze getroffen!

»Was willst du mir damit sagen?«, fragte sein Gegenüber herausfordernd, obwohl er die Antwort eigentlich kannte.

»Nur weil ich mich die meiste Zeit mit meiner eigenen Arbeit beschäftige, bedeutet das nicht, dass ich nicht bemerkt hätte, was du seit Jahren versuchst, Kisaki. Du willst dir das zurückholen, was du damals weggeworfen hast, weil wir nicht so funktioniert haben, wie du es gern wolltest.« Eigentlich hatte er nicht vorgehabt, diese alte Geschichte auszugraben. Andererseits war Kaoru auch nicht gewillt, in diesem Streit nur einzustecken. Er konnte auch austeilen! »Du willst aus Ruki und den anderen ein neues La’Sadies machen, aber ohne dass aus deinem Sänger ein seelisches Wrack wird.«

 

»Das stimmt nicht!«, kam der Protest, welcher umgehend mit einem vernichtenden Blick kommentiert wurde.

»Ach ja? Also ist es nur purer Zufall, dass sie alle so klingen, wie wir in unserer Anfangszeit? Oder dass sie sich genau so kleiden, wie es zufälligerweise deinen Geschmack trifft? Genau diese manipulative Art war der Grund dafür, dass wir uns damals von dir abgewandt haben, Kisaki.«

Sie konnten vom Glück reden, dass die Musik im Raum laut genug war, um ungewollte Zuhörer zu vermeiden. Denn mittlerweile konnte Kaoru nicht mehr an sich halten und wurde lauter.

»Wenn du dein Verhalten nicht endlich in den Griff bekommst, dann wirst du von Gazette nicht mehr lange etwas haben; oder von den anderen. Die merken schon noch früh genug, was du mit dem ganzen Make-Up und dem süßen Getue verstecken willst.«

Er hatte zu diesem Zeitpunkt schon länger den begründeten Verdacht gehegt, dass Kisaki im Hintergrund einige Fäden zog und Gerüchte streute, nur um jede Kooperation zwischen seinen neuen Schützlingen und Dir En Grey zu verhindern. Kaoru hätte sicherlich niemandem die Tür vor der Nase zugeschlagen, so viel stand fest.

 

»Du nennst mich manipulativ?«, hatte ihn der andere angefaucht und von seiner sonst so zarten Maske, war nicht mehr viel übrig. Es war nicht das erste Mal, dass Kaoru den wahren Kisaki sah; jenseits von Eyeliner, Mascara und Extensions. »Du machst mir all diese Vorwürfe und dein ach so heiliger Kyo, darf tun und lassen was er will?«

»Mit ihm kann man wenigstens reden.«

»Reden?!« Sein Gesprächspartner hatte freudlos gelacht und zweifelnd den Kopf geschüttelt. »Man kann mit Kyo nicht reden! Du müsstest das am besten wissen, Kaoru. Es geht ihm nur um sich selbst und ich wette mit dir, dass er euch sogar eine Klippe hinunter schubsen würde, sollte sich für ihn daraus irgendein Vorteil ergeben!«

»So wie du?« Eine Eiseskälte hatte von Kaorus Stimme Besitz ergriffen, die sogar ihm selbst neu war. So kannte er sich gar nicht.

 

»In dieser Branche muss man ein gesundes Maß an Egozentrismus besitzen. Andernfalls geht man unter, das wissen wir doch beide, Kaoru.« Die liebliche Maske wurde zu dem, was Kisaki im Innersten wirklich war: hochnäsig, egoistisch und verbittert. »Aber im Gegensatz zu ihm, ist es nicht mein Ziel, eine ganze Generation mit mir in die wahnsinnige Hölle zu reißen, die ich mir selbst erschaffen habe.«

Als Kaoru nichts darauf erwiderte und ihn lediglich voller Verachtung anstarrte, lächelte Kisaki leicht überheblich, ehe er weiter sprach.

»Du kannst es einfach nicht sein lassen, oder? Egal was auch passiert, lieber würdest du deine Band aufgeben, als zuzulassen, dass er sich den Konsequenzen seines Handelns stellen muss. Schild und Schwert, egal was kommt und das nur damit sein Talent nicht sinnlos verschwendet wird. Was würde Dir En Grey denn schon erreichen, wenn er kein wahnsinniger Psycho wäre? Niemand würde sich für euch interessieren und ihr wärt ebenso austauschbar, wie all die anderen Bands da draußen. Wer von uns beiden ist hier der wahre Egoist, Kaoru?«

Immer noch erwiderte der Bandleader nichts und starrte Kisaki nur voller Abscheu an. Er hatte doch keine Ahnung, von was er da redete!

 

Irritiert vom Schweigen seines ehemaligen Kollegen, hob sich eine von Kisakis schön gezupften Augenbrauen und er musterte ihn einige Sekunden lang wortlos, bis er mit einem mal ganz blass wurde. Das Glas mit dem Wein entglitt ihm beinahe, hätte er es nicht rasch zur Seite gestellt.

»Nein«, war es ihm keuchend entwichen. »Kaoru sag mir, dass das nicht wahr ist!«

Er schien regelrecht aufgelöst zu sein und packte urplötzlich das Handgelenk seines Gegenübers, was diesen dazu veranlasste ein Stück zurück zu weichen.

»Ich habe keinen Grund, irgendwas vor dir zu rechtfertigen. Wir sind fertig miteinander!«

»Kaoru!« Kisaki war näher getreten und hatte die Stimme gesenkt, so dass man ihn kaum verstand. »Also stimmt es? Großer Gott! Bist du jetzt völlig verrückt geworden? Die Ägis des Teufels zu sein, ist eine Sache. Aber dieses Monster zu lieben, geht viel zu weit!«

Woher wusste er davon? Kaoru versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, aber innerlich geriet er nun wirklich in Panik. Kisaki war der letzte Mensch, der von seinen Gefühlen für Kyo wissen durfte!

 

»Wen ich liebe und wen nicht, geht dich überhaupt nichts an!«, fauchte er zornig und entriss sich dem Griff des anderen. »Und das Thema ‘Kyo Nishimura’ geht dich nichts mehr an, haben wir uns verstanden, Kisaki?«

Hatte er noch am Anfang der Gala gehofft, dass sich sein früherer Wegbegleiter geändert hatte, so wurde er nun eines besseren belehrt. Wahrscheinlich lag es an dem Schock, den ihr Gespräch mit verursacht hatte, aber von der sonstigen Contenance Kisakis, war nichts mehr übrig. Die Erkenntnis darüber, warum Kaoru wirklich so sehr an dem Sänger hing, hatte ihm den Rest gegeben.

»Großer Gott.« Kisaki hatte sein Glas wieder an sich genommen und es einfach in einem Zug gelehrt. »Ich fasse es einfach nicht. Wissen die anderen davon? Weiß ER davon?«

»Nein. Und du wirst den Teufel tun und ihnen etwas davon erzählen. Hast du mich verstanden?!« Bei der alleinigen Vorstellung daran, wurde Kaoru ganz übel.

 

Kisaki seinerseits lachte nur bitter.

»Du weißt doch selbst, dass ich ihnen vom drohenden Untergang der Welt erzählen könnte und sie würden mir kein einziges Wort glauben. Und außerdem würde Kyo mich in Stücke reißen, wenn ich auch nur einen Fuß in die Nähe seiner kostbaren Band setze.«

Dem musste Kaoru zustimmen; wenngleich er sich das innerliche Grinsen kaum verkneifen konnte. Denn wenn es um Dir En Grey ging, war Kyo schlimmer als jeder Bluthund.

»Das stimmt, dafür hasst er dich viel zu sehr.«

»Endlich sind wir mal einer Meinung.«

Wo eben noch Zorn geherrscht hatte, kehrte nun eine unangenehme Stille ein, in der niemand so recht wusste, wie sie das Gespräch fortsetzen, oder es richtig beenden sollten.

 

Kisaki nutzte diese Minuten, um seine übliche Maske wieder anzulegen und in seine unnahbare, süßliche Rolle zurück zu schlüpfen.

»Er wird dich mit sich reißen, Kaoru«, sagte er schließlich. »Und du wirst es erst merken, wenn es zu spät ist.«

»Nicht so lange ich ihn zu mir hoch ziehe«, widersprach der Leader, welcher seinerseits versuchte ruhig zu bleiben. Dieses Gespräch hatte ihn erschöpft und er sehnte sich danach, in seine kleine Wohnung zu fahren und ins Bett zu kriechen.

»Und wie lange soll dieses Tauziehen andauern? Er wird sich nicht ändern, weil er sich nicht ändern will. Wahrscheinlich würde es dir eher gelingen den Fuji zu verschieben, als dass du Kyo dazu bringst gesund zu werden.«

Es wurde nicht ganz klar, ob Kisaki ernsthaft besorgt um ihn war, oder ob all das hier auch nur zu seiner üblichen Scharade gehörte. Vielleicht war es eine Mischung aus beidem.

»Wenn du bei ihm bleibst, dann zerstört er dich.« [1]

 

 

Obgleich er wusste, dass in diesem Satz sehr viel Wahrheit steckte, war Kaoru geblieben. Er war geblieben und hatte sich von Kyos selbstzerstörerischer Wut verbrennen lassen. Und nun saß er hier und war kaum noch dazu in der Lage, auch nur einen einzigen Muskel zu bewegen.

Natürlich war die Show anstrengend gewesen. Aber das was von Kaoru besitz ergriffen hatte, war in erster Linie eine lähmende, mentale Erschöpfung. Toshiya hatte recht damit, wenn er ihm einen beginnenden Burnout diagnostizierte.

Andererseits hatte sich so vieles in den letzten Monaten verändert und auch Kyo war nicht mehr der selbe wie damals. Vielleicht lag es an der Erkrankung, vielleicht war es nur ein Resultat all der Dinge, die sich seitdem ereignet hatten.

Und dann war da noch dessen ungewöhnliches Verhalten, von vor zwei Stunden. Dieser durchdringende Blick, die ungezügelte, animalische Erotik und jeder Millimeter seiner Gott verdammten, perfekten Haut!

 

Egal wie sehr Kaoru auch immer wieder dagegen ankämpfte, so obsiegte seine Phantasie oft genug in den einsamen Stunden. Dann gab er sich den verbotenen Gedanken und Träumen hin; welcher sich in seinem Schlafzimmer, einer Abstellkammer oder dem verwaisten Tourbus abspielten.

Nur dass er das heute nicht geträumt hatte. Dieses Mal waren all die Blicke echt!

»Hör auf daran zu denken, du Trottel!«, knurrte er, in die Einsamkeit des Bades.

War er möglicherweise auch sexuell ausgebrannt? Gab es so etwas überhaupt? Burnout, aufgrund eines unerwiderten Verlangens, von dem er genau wusste, dass es niemals gestillt werden würde?

Natürlich wäre es sinnlos, sich einzureden, dass er nicht daran denken wollte. Denn das Gegenteil war der Fall und sein innerlicher Widerstand wurde immer schwacher und halbherziger, bis die Verlockungen seiner Phantasie zu groß wurden. Kaoru schloss die Augen, legte den Kopf wieder in den Nacken und gab den inneren Kampf schließlich auf.

 

In seinen Gedanken sah er wieder einmal Kyo, mitten in der einsamen Dunkelheit und im Zentrum eines einzigen Lichtkegels. Er stand dort und sang, obwohl niemand außer ihnen beiden da war. Dabei strahlte er die gleiche Erotik aus, welche Kaoru sämtliche Selbstkontrolle kostete und in der Realität biss er sich hart auf die Unterlippe.  

Kyos eisblaue Katzenaugen suchten seinen Blick und es war ihm unmöglich ihnen zu widerstehen. Kaoru träumte davon, wie er zu ihm ging und ihn einfach nur schweigend ansah, ehe er voller Ehrfurcht niederkniete.

Er streckte die Hände aus, ließ sie über die weiche Haut und die harten Bauchmuskeln gleiten. Spürte die Hitze und den Schweiß und fuhr mit den Fingern über die alten Narben und die dunklen Linien des Tattoos. Die Ironie, dass Kyo sich vor Ewigkeiten diesen Tiger hatte stechen lassen, brachte ihn zum schmunzeln.

 

Mit einem leisen Seufzen sank er weiter ins Wasser und widerstand dem Drang, die Hand tiefer gleiten zu lassen. Also genoss er einfach nur die Gedanken, welche er sich für gewöhnlich verbot.

 

In eben diesen ruhten seine Hände noch immer auf dem Bauch seines Sängers, wanderten nach oben und schoben das Shirt hoch, bis Kyo es sich seinerseits über den Kopf zog und seine Finger in Kaorus Haaren vergrub.

Oh Gott, was würde er geben, nur um all das eines Tages wirklich spüren zu können?

Er ließ sich näher heran ziehen, bis er seine Lippen auf Kyos heiße Haut pressen und eben diese küssen konnte. Er wollte sich jeder der vielen großen und kleinen Narben einzeln widmen, Lippen und Zunge sanft darüber gleiten lassen, in der Hoffnung dass die alten Schmerzen somit endlich in Vergessenheit gerieten.

Kaoru träumte davon, wie seine Finger langsam auf und ab glitten, den Körper des anderen Zentimeter um Zentimeter erforschten und sich vorwitzig an der Jeans zu schaffen machten.

 

Anschließend stand er langsam auf, die Küsse auf der ebenfalls muskulösen Brust platzierend und sich auch hierbei alle Zeit der Welt lassend. Fast konnte er die Hitze auf seinem Gesicht spüren, welche von Kyo abstrahlte. Er hörte dessen starken Atem und fühlte das Herz, welches kraftvoll und trotzig im Brustkorb seines Freundes schlug.

Kaorus Hände wanderten zum Rücken des Sängers, pressten sich auf die Haut an dessen Wirbelsäule und zogen ihn näher, bis er ihn fest umschlungen hielt und sich zum wiederholten Male in den immer noch blauen Augen verlor.

So viel unbändiger Lebenswille schimmerte darin, so viel Wut und Energie. Kaoru liebte Kyo, ganz gleich was Kisaki und die anderen auch sagen oder tun würden.

 

Plötzlich veränderte sich sein Tagtraum, als der Gesang des anderen verstummte und eine merkwürdige Stille einkehrte, die ihm nicht behagte. Aber er wollte sich auf den Mann in seinen Armen konzentrieren und nicht auf die Dinge, die sich in der Dunkelheit um sie herum versteckten.

Er wollte die Gefahr einfach nicht sehen!

Die Wahrheit nicht akzeptieren!

»Fahr zur Hölle, Kaoru«, flüsterte der Traumkyo, erhielt dafür aber nichts, außer einem milden Lächeln, während der Gitarrist seine Fingerspitzen über die heiße und tätowierte Haut gleiten ließ.

»Da bin ich doch schon längst«, antwortete er leise in der Realität, ohne die Augen zu öffnen. Irgendwo, am Rande seiner Wahrnehmung, hörte er das Klingeln seines Handyweckers, welches ihn daran erinnerte, dass seine Zeit bald um war.

»Ich habe dem Teufel mein Herz geschenkt.«

 

***

 

Mist, nun hatte er sich doch dazu breitschlagen lassen, mit den anderen etwas in der Hotelbar trinken zu gehen. Trotz der Tatsache, dass er derartige Etablissements mittlerweile vor allem deswegen mied, da er Alkohol nicht mehr gut vertrug. Kyo rieb sich über die Augen, obwohl ihm klar war, dass es das unangenehme Gefühl nicht vertreiben würde, welches von ihm Besitz ergriffen hatte.

»Was ist denn los, Neko-chan?«, fragte Dai, mehr als nur angeheitert, während sie im Fahrstuhl standen und nach oben zu ihren Zimmern fuhren.

Toshiya war bereits vor einer Stunde ins Bett gegangen und Shinya verhielt sich so, als ob er überhaupt nicht dazu gehörte.

»Lass das«, brummte Kyo und wich schwankend der Hand aus, welche sich gefährlich in Richtung seiner Haare bewegte. Er hasste es, wenn man ihn wuschelte.

»Nun hab dich doch nicht so.« Sein Kollege grinste breit. »Wir sind doch unter uns, mein Neko-chan.«

 

»Ich bin nicht dein Neko-chan, sondern ein sehr gefährliches Raubtier!« Dass seine Zunge hörbar schwer war und er obendrein auch noch lallte, half nicht gerade dabei, seine Argumente anständig zu bekräftigen. Das Gegenteil war der Fall und er hörte sich, in seinen eigenen Ohren, komplett lächerlich an.

»Na okay.« Dais Grinsen wurde immer breiter, auch wenn Kyo es nicht für möglich gehalten hätte, dass es hiervon noch eine Steigerung geben könnte. »Du bist Kaorus Neko-chan.«

Kaorus offensichtliches Interesse an Kyo, war für gewöhnlich etwas, was sie innerhalb der Band niemals offen ansprachen. Es war eine Tatsache, mit der sie sich nicht zu beschäftigen hatten, um des lieben Friedens willen.

Demnach schob er es also auf den Überfluss an Bier, welches Dai in den letzten Stunden zu sich genommen hatte und wollte es auch dabei belassen. Dai hatte jedoch andere Pläne und kam ihm nun wieder unangenehm nahe, indem er einen Arm um Kyos Schultern legte.

 

»Nun sag schon«, säuselte der andere Mann und der starke Geruch von Alkohol wehte ihm entgegen, so dass Kyo die Nase rümpfte. »Wie ist das mit dir und unserem verehrten Leader-sama?«

»Was soll mit ihm sein?« Er wusste nicht so recht, was genau er auf diese Frage auch sonst antworten sollte.

»Na, magst du ihn?«

"Natürlich mag ich ihn! Ihr seid meine Freunde.« Selbstverständlich war ihm genau klar, auf was Dai eigentlich hinaus wollte, aber Kyo verspürte keine große Lust, sein nicht vorhandenes Liebesleben vor ihrem betrunkenen Gitarristen auszubreiten. Zumal er selbst nicht sicher war, wie das mit ihm und Kaoru weitergehen sollte.

»Man, Kyo!« Endlich glitten die Türen des Fahrstuhls zur Seite und sie traten auf den verwaisten Flur. »Du weißt genau was ich meine.«

»Ja und die Antwort lautet ‘es geht dich einen Scheiß an’.« Der Sänger brummte und versuchte den Arm von seiner Schulter zu schieben. Shinya folgte ihnen, immer noch schweigend.

 

»Ich bin Kaorus bester Freund, also geht es mich sehr wohl etwas an. Und nun raus mit der Sprache.«

»Nein und jetzt Finger weg! Ich steh nicht auf Männer.«

»Was hat das denn damit zu tun?« Endlich ließ Dai von ihm ab, um in seinem Hemd nach der Zimmerkarte zu kramen. »Seit wann kannst du es dir leisten, auch noch zwischen den Geschlechtern zu differenzieren?«

Es war wirklich erstaunlich, dass er, trotz deutlicher Alkoholisierung, zu solch komplizierten Worten in der Lage war.

»Wie meinst du das?« Sein Gehirn war zu langsam geworden, um den wirren Gedankengängen seines Kollegen zu folgen.

»Na hör mal zu, Neko-sama.« Für diesen Spitznamen erhielt Dai ein angepisstes Fauchen, welches er aber gekonnt ignorierte. »Du bist kompliziert, eigensinnig und obendrein ein Fel - Felodi - ne, warte, ich hab’s gleich.« Kurz hielt er inne, rieb sich über die Stirn und stöhnte dann resigniert.

»Eine Killerkatze!« Zufrieden mit dem Ergebnis seiner geistigen Anstrengungen, nickte Dai und fuhr daraufhin mit seinen Ausführungen fort. Dass sie immer noch auf dem Hotelflur standen und man jedes ihrer Worte hören konnte, hatte er komplett ausgeblendet. »Kein vernünftiger Mensch würde freiwillig eine Beziehung mit dir eingehen wollen, Kyo!«

 

Autsch, das hatte gesessen.

Kyo wusste genau, dass Dai in dieser Angelegenheit recht hatte, trotzdem hatte er das niemals so genau wissen wollen. Er brummte wieder und verschränkte schmollend die Arme vor der Brust.

»Du tust ja fast so, als wäre ich der unerträglichste Mensch der Welt.«

»Zumindest bist du der anstrengendste, den ich kenne«, antwortete Dai, der endlich fündig wurde, aber keine Anstalten machte weiter zu laufen. »Kaoru ist total vernarrt in dich und ich habe wirklich mein bestes Versucht, um ihm diese ganze Scheiße auszureden. Aber der Idiot will einfach nicht auf mich hören.«

»Aha?« Eine der Augenbrauen des Sängers, wanderte nach oben, während er fragend zu seinem Kollegen schaute. »Und nun versuchst du das Gegenteil und denkst dir, dass du uns einfach verkuppeln könntest?« Als er dies so direkt aussprach, hörte es sich noch viel lächerlicher an.

Dai zuckte mit den Schultern.

»Alternativ könnte ich dir auch eine reinhauen und dich bei unserer nächsten Europatour, an irgendeiner Autobahn aussetzen und hoffen, dass dich irgendwer ins Tierheim bringt«, meinte er lapidar. »Aber dann müssten wir uns einen neuen Sänger suchen und das würde Kaorus Nervenkostüm nicht mehr aushalten.«

Da er nichts darauf zu erwidern wusste, zog Kyo es vor zu schweigen.

 

»Sind wir mal ehrlich, Kleiner.« Dai nutzte die Chance und plapperte munter weiter. Man hätte ihm den Alkohol schon vor einer Stunde wegnehmen sollen! »Niemand hat so eine Engelsgeduld mit dir, wie Kaoru. Niemand würde dich so viel durchgehen lassen, wie er und niemand liebt dich auf die selbe Weise, wie er es tut.«

»Wie ich schon sagte«, antwortete Kyo, »habe ich kein sexuelles Interesse an Männern. Ich kann ihm nicht das geben, was er sich wünscht.«

»Denkst du etwa, das ist ihm nicht klar?« Wie eine strenge Mutter, die ihren Zögling rügte, stemmte der größere Mann die Arme in die Seiten und schnaufte dabei. »Ich will damit doch nur sagen, dass er deine beste Option ist.«

»Aber ich bin nicht die seine!«, warf Kyo ein. »Keine Ahnung ob Kaoru bisexuell ist, oder schwul; das ist mir übrigens herzlich egal. Aber Fakt ist doch, dass er, sehr wahrscheinlich, explizite Phantasien und Wünsche in diese Richtung hat. Wünsche, die ich ihm niemals erfüllen kann. So eine Beziehung würde doch nur darauf beruhen, dass er für mich da ist, ohne dass ich ihm etwas zurückgeben kann.«

 

»Leute?« Shinya trat zu ihnen und legte ihnen seine schlanken Hände auf die Schultern. Erst jetzt registrierten sie, wo sie nochmal waren und dass sie immer lauter wurden. Sofort ging Kyo auf Abstand und wich Dais forschendem Blick aus.

»Ich kann ihm nichts geben.«

»Bist du sicher?« Ihr Gitarrist nickte Shinya kurz zu, so dass dieser die Hand wieder weg zog und besorgt zwischen ihnen hin und her schaute. »Angenommen ihr wärt ein Paar, würde sich denn überhaupt etwas gravierend zwischen euch ändern?«

»Hörst du mir eigentlich zu?«, verlangte Kyo zu wissen, erhielt aber keine Antwort auf seinen Einwurf.

»Außerdem habe ich mir sagen lassen, dass Kaoru ganz gut küssen kann.«

»Das will ich gar nicht wissen!«

 

Nun reichte es ihm wirklich! Was bildete Dai sich eigentlich ein? Nur weil sie betrunken waren, hatte er noch lange nicht das Recht dazu, ihm so einen Schwachsinn zu erzählen. Kyo drückte sich einfach an ihm vorbei und marschierte in Richtung seines Zimmers davon, nun seinerseits nach der Schlüsselkarte kramend. Hoffentlich hatte er sie nicht in der Bar vergessen, denn er hatte keine Lust darauf, nochmal nach unten zu fahren.

Dai rief ihm irgendwas zu, was er jedoch ignorierte. Dieses Thema ging niemanden etwas an und erst recht keinen neunmalklugen Dai, der sich ständig in alles ungefragt einmischte.

Endlich packten seine Finger die Kunststoffkarte und zogen sie aus den Untiefen seiner Hosentasche. Dabei hatte er ein wenig zu viel Schwung drauf, die Karte entglitt ihm und landete geräuschlos auf dem abgenutzten Teppich.

 

Fluchend bückte er sich und wieder machte sich dieser verdammte Schwindel in seinem Kopf breit. Kyo knurrte säuerlich und in dem Moment, als er sich wieder aufrichtete, fiel ihm etwas ins Auge, was er zunächst nicht so recht zuzuordnen wusste.

Er starrte die Person am anderen Ende des Flures an, welche im Halbdunkeln vor einer der Zimmertüren kauerte. Er konnte auf die Entfernung nicht erkennen, was genau sie tat, doch offenbar hatte sie erkannt, dass er sie bemerkt hatte, denn plötzlich sprang sie auf und rannte davon.

Kyo schüttelte den Kopf und blinzelte verwundert. Was war denn das?

 

»Seltsam«, murmelte er zu sich selbst, als er sich aufrichtete und im Augenwinkel registrierte, dass Dai und Shinya neben ihn traten. »Habt ihr das auch gesehen?«, fragte er, sah zu ihnen und erhielt ein einstimmiges Nicken.

»Merkwürdig«, murmelte der Gitarrist und Kyo glaubte, dass er plötzlich ernster und besorgter wirkte, als es für ihn normal war.

Sie gingen schweigend weiter, wobei sich in Kyos Magen ein ungutes Gefühl breit machte und der düstere Verdacht bestätigte sich, kaum dass sie vor dem Raum stehen blieben, in welchem Dai heute nächtigen würde. Nun wich sämtliche Farbe aus dessen Gesicht und seine Finger zitterten richtig, als er die Hand ausstreckte und die Karte in den Schlitz des Lesegeräts steckte.

 

Selbst Kyo hielt den Atem an, während die Tür langsam aufschwang und den Blick auf das unbeleuchtete Hotelzimmer preisgab. Nichts war zu sehen und alles blieb ruhig. Er bemerkte den Umschlag auf dem Fußboden erst, als sich Shinya danach bückte und diesen hochhob. Es stand kein Name darauf, doch so wie Dai auf das blütenweiße Papier starrte, war klar, an wen er adressiert war.

 

»Gib her!«, ging er ihren Drummer harsch an, riss ihm den Umschlag aus den Händen und öffnete die Lasche. Kyo mied es auf das Foto zu schauen, da er sich denken konnte, das es sich wieder nur um einen ausgedruckten Screenshot handelte.

»Das war er!«, rief er und wand sich so rasch ab, dass die Welt erneut für einige Sekunden schwankte. Verdammtes Bier!

Während seine Kollegen nicht wussten, wie sie zu reagieren hatten, setzte er sich auch schon in Bewegung und rannte in die gleiche Richtung, in welcher die Gestalt verschwunden war. Dabei schalt er sich selbst einen Idioten.

Warum hatte er nicht eher daran gedacht?!

»Kyo, du dummer Trottel!«, zischte er leise.

Am Ende des Ganges bog er nach rechts, sah aber auch hier nur eine Reihe von Fenstern und Räumen und ganz am Ende eine Metalltür mit der Aufschrift ‘Personal’. Nicht ganz geradlinig, lief er darauf zu, hieb mit der flachen Hand dagegen und zu seiner Überraschung schwang sie auf. Dahinter offenbarte sich ein unbeleuchtetes, eiskaltes Treppenhaus.

 

»Fuck«, knurrte er, trat ans Geländer und ließ den Blick erst nach oben und dann nach unten gleiten, wodurch ihm kurzzeitig schwindlig und übel wurde.

Doch von dem Fremden war nichts zu sehen. Selbst als er testweise nach einem Geruch schnupperte, musste er leider feststellen, dass dies als Mensch ein reichlich sinnloses Unterfangen war.

Frustriert trat Kyo gegen das Metall und erzeugte dabei einen dumpfen, vibrierenden Ton, welcher seinem angetrunkenen Kopf nicht unbedingt gut tat. Kurz verharrte er, dann beschloss er zu den anderen beiden zurück zu kehren. Auf halber Strecke kam ihm Shinya entgegen, in dessen Blick sehr viel Sorge lag.

 

»Und?«, fragte er, auch wenn man Kyos Gesicht bereits ansehen konnte, dass die kurze Jagd nicht von Erfolg gekrönt war.

»Nichts. Der ist weg«, lautete die unwirsche Antwort, woraufhin sich der Sänger durch die kurzen Haare fuhr und ein langes Knurren ausstieß. »So ein Mist. Ich war zu langsam.«

»Mach dir keine Vorwürfe.« Shinya lächelte ihn an, obwohl man ihm sehr deutlich ansah, dass auch ihm nicht wohl bei dieser ganzen Sache war. »Das nächste Mal entwischt er uns nicht, versprochen.«

Es war unglaublich, dass ihr Drummer in jeder Situation so ruhig bleiben konnte; nun gut, in fast jeder. Kyo seinerseits nickte nur, wenn auch widerwillig.

»Das nächste Mal bin ich schneller und dann will ich wissen, was dieser Scheiß soll!«

 

Die Tür zu Dais Zimmer war nur angelehnt, als sie eintraten. Ihr Gitarrist saß auf dem Bett, wie ein Häuflein Elend. Der Umschlag mit dem Foto, lag zusammengeknüllt vor ihm. Von ihrem sonst so lebenslustigen, aufgedrehten Freund, war in diesem Moment nichts mehr zu sehen.

»Dai?«, fragte Kyo und erntete als Antwort ein schwermütiges Seufzen. »Wieder der selbe Scheiß?«, wollte er wissen, setzte sich zur Linken seines Freundes und versuchte in dessen Gesicht zu blicken, was die langen Haare jedoch verhinderten. Sie rahmten seinen Kopf ein, wie ein Vorhang. Also ließ er den Blick nach unten gleiten und streckte die Hand nach dem Zettel aus.

»Nicht!«, wollte sein Freund protestieren, aber Kyo ließ sich nicht beirren, hob das Papier auf und entfaltete es.

»Dieser Mistkerl!«

Wie zu erwarten war, handelte es sich dabei um einen Ausschnitt aus dem Video und wieder einmal lag Dai, in einer fast schon unterwürfigen Pose, auf dem Bett und starrte mit abwesendem Blick in Richtung Kamera. Aber im Gegensatz zu den vorherigen Fotos, erzeugte der Ausdruck in den Augen seines Kollegen dabei einen Verdacht in Kyo, der ihn sehr finster knurren ließ.

 

»Kyo«, hörte er ein Keuchen von rechts und spürte, wie Dai vor ihm zurück wich. Das Bett wackelte, aber er achtete nicht weiter drauf. Seine Augen waren geweitet und die Pigmente wichen aus der Iris zurück, bis sie die geschlitzten Pupillen mit einem eiskalten Blau umrahmten. Der Sänger kochte innerlich vor unterdrückter Wut, die sich immer wieder in einem dunklen und bedrohlichen Knurren entlud.

»Kyo, was hast du denn?« Hinter ihm bewegte sich die Matratze und er fühlte ein Paar kräftiger, schlanker Finger auf seinen Schultern, welche ihm beruhigend über den Stoff seines Shirts strichen.

 

»Wieso hast du uns angelogen?«, fauchte er, an Dai gewandt, konnte den Blick aber immer noch nicht von dem Foto in seinen Händen losreißen.

»Was?«, fragte sein Freund, offensichtlich verwirrt. »Wie meinst du das?«

»Du hast gesagt, dass ihr es beide gewollt habt, Dai!«

Endlich schaute er auf und fixierte den anderen, dem nun auch der letzte Rest Farbe aus dem Gesicht wich. Die tiefen Augenringe zeugten davon, dass er die letzten Nächte nur wenig Schlaf abbekommen hatte.

»Sieht das hier danach aus, als hättest du das gewollt?!« Eigentlich wollte er ihn nicht so anschreien, immerhin war Dai in dieser Sache das Opfer. Aber Kyo war so zornig und zeitgleich besorgt, dass er nicht mehr an sich halten konnte. Er hielt ihm das Foto direkt vor die Nase, so dass Dai noch weiter zurückweichen musste.

 

»Ich wollte es, das habe ich dir doch gesagt!«

»Bullshit!« Da er immer lauter wurde, versuchte Shinya ihren Sänger zu beruhigen, was aber nur mäßig funktionierte. »Ab wann hattest du keinen Spaß mehr dran?« Wollte er wissen. »Als er dich gevögelt hat, oder schon vorher? Hat dich dieses Arschloch vergewaltigt?!«

»Kyo!«, unterbrach ihn der Drummer, welcher nun die Arme von hinten um ihn schlang und ihn zart, aber mit Nachdruck, an sich drückte. »Das reicht jetzt. Du siehst doch, wie sehr es ihn mitnimmt. Mach’s bitte nicht noch schlimmer.«

»Ich will doch nur, dass er mir die Wahrheit sagt!«, widersprach Kyo, dessen Gegenwehr so langsam versiegte, bis er einfach nur noch auf dem Bett saß und sich von Shinya festhalten ließ. »Damit ich dem Dreckskerl den Kopf abreißen kann!«

»Das wissen wir doch.« Shinya fuhr damit fort, ihn leicht hin und her zu wiegen, so wie es früher schon einige Male getan hatte, um Kyos erhitztes Gemüt wieder abzukühlen. »Aber das hilft uns jetzt nicht weiter. So etwas ist Sache der Polizei, Kätzchen. Wenn Dai ihnen von dem erzählt was passiert ist, dann werden sie uns sicherlich helfen und - .«

 

»Shin, bist du verrückt geworden?«, platzte es krächzend aus Dai heraus, welcher ihren Drummer so entsetzt anstarrte, als hätte dieser ihm eine Ohrfeige verpasst. »Ich erzähle bestimmt nicht irgendwelchen Polizisten von … von dieser Sache!«

»Also habe ich doch recht?«, beharrte Kyo.

»Nein!« Dai raufte sich die Haare und sprang schließlich auf. Man merkte ihm deutlich an, wie sehr er mit sich selbst rang. »Nein, ich glaube, dass ich es damals einfach nicht richtig kommuniziert habe.«

»Nicht richtig kommuniziert?!«, echote der Sänger aufgebracht und Kyo wäre am liebsten selbst aufgesprungen, hätte Shinya ihn nicht immer noch festgehalten. »Was gibt es da nicht richtig zu kommunizieren? Du wolltest das hier nicht, habe ich recht?«

»Kyo, das ist nicht - .«

»Ob ich recht habe?!«

 

Das Schweigen, welches folgte, war ihm eigentlich Antwort genug. Kyo hatte das Gefühl, jeden Moment in die Luft zu gehen, ihm war schrecklich heiß und er konnte nicht verhindern, dass in jeder Silbe ein lautes, verräterisches Knurren mitschwang.

»Also gut.« Da er wusste, dass es nur noch schlimmer werden würde, sollte er die Kontrolle gänzlich verlieren, atmete er langsam ein und aus und lehnte sich schließlich zurück, gegen Shinya. »Also gut.« Ihm war klar, dass Dai nicht darüber reden wollte und auch nicht darüber reden würde.

»Es ist nicht das, was du denkst.« Sein Kollege stand vor ihm, strich sich fahrig über die Arme, als würde er frieren und vermied es, in seine Richtung zu schauen. »Ich kann damit nicht zur Polizei gehen. Die würden mir nicht glauben. Außerdem ist es viel zu lange her.«

Ganz Unrecht hatte er nicht, das wussten sie alle drei. Den Opfern wurde sehr oft nicht geglaubt und so modern Japan auch in den meisten Dingen war, so konservativ war es doch in vielen anderen. Homosexualität wurde geduldet, aber nicht wirklich akzeptiert.

 

Plötzlich fing Dai an zu lachen, auch wenn es sich sehr freudlos und verbittert anhörte.

»Da könnte ich denen genau so gut erzählen, dass du in Wahrheit eine Katze bist. Die würden mich direkt ins Irrenhaus stecken und den Schlüssel wegwerfen.«

Kyo, der indes die Augen geschlossen und den Kopf in den Nacken gelegt hatte, so dass eben dieser auf Shinyas Schulter ruhte, runzelte die Stirn. Dais Worte erinnerten ihn an etwas.

»Das ist keine so schlechte Idee«, murmelte er nachdenklich, was ihm einige fragende Blicke einhandelte.

»Bist du jetzt auch verrückt geworden?«, wollte ihr Gitarrist zweifelnd wissen, was ihm allerdings ein leichtes Kopfschütteln einbrachte.

»Nein, das meine ich nicht. Aber ich glaube ich kenne jemanden, mit dem du reden könntest.«

 

***
 

Kapitel 42 ¦ Katzenhilfe

***
 

 

Kyo knibbelte an seiner Unterlippe herum, während er sich das Handy ans Ohr presste und dem gleichmäßigen Sound des Freizeichens lauschte. 

Er war unfassbar nervös, auch wenn er eigentlich keinen triftigen Grund dazu hatte. Seine Zunge fühlte sich wahnsinnig trocken und klebrig an und ein widerlich säuerlicher Geschmack, hatte sich darauf breit gemacht.

Andererseits hatten er und Satoshi, seit dem Tag der Operation,  nicht mehr miteinander gesprochen und mittlerweile tat ihm sein unangebrachtes Verhalten sehr leid. Ein Teil von ihm wünschte sich sogar, dass sein Arzt gar nicht erst ans Telefon ging und ihm dieses Gespräch somit erspart blieb. Doch entgegen all seiner Hoffnungen, ertönte nach wenigen Sekunden ein Knacken, gefolgt von einem sehr müden »Furukawa am Apparat.« 

Kyo räusperte sich, ehe er zögerlich antwortete:

»Nishimura hier, guten Morgen.«

»Kyo!« Offenbar hatte Satoshi nicht aufs Display geschaut, als er das Gespräch entgegen genommen hatte, denn vom einen Moment auf den anderen, wirkte er überhaupt nicht mehr müde. »Wie geht es dir?«

 

»Okay, denke ich«, antwortete er nichtssagend und strich sich über den Nacken, während er in seinem Zimmer auf und ab ging. »Habe ich dich geweckt?«

»Ja, aber das ist schon okay. Ich bin’s gewohnt.« Satoshi lachte, was die Anspannung nicht wirklich lockerte. »Kommst du mit Christine zurecht? Ich weiß, dass ich eigentlich versprochen hatte, dich auf dieser Tour zu begleiten. Aber das hier konnte leider nicht mehr warten.«

»Ist okay, wirklich«, versuchte Kyo es so diplomatisch wie möglich. »Das hatte Vorrang und Doktor Jansen und ich kommen irgendwie miteinander zurecht. Zumindest hat sie noch nicht versucht, mich aus einem fahrenden Auto zu werfen.« Kurz schwieg er, dann setzte er die offensichtliche Frage hinterher, »Und du? Wie geht’s dir?«

 

Etwas raschelte und Kyo ging davon aus, dass Satoshi aufgestanden sein musste. 

»Ich gehe davon aus, dass Chrissy dir erzählt hat wo ich bin und warum ich euch nicht begleiten kann?« Der Sänger antwortete mit einem zustimmenden Brummen. 

Der ältere Kater ächzte, als er sich ein wenig streckte und dann seinerseits im Zimmer herum ging. Die Sonne war inbegriff aufzugehen und ihre Strahlen schimmerten durch die Lücken in den Vorhängen. 

»Es ist noch nicht vorbei, auch wenn ich es mir wünschen würde.«

»Bist du jeden Tag bei ihr?«

»Ja, von morgens bis abends. Die meiste Zeit schläft Sayaka, da lange Gespräche immer anstrengender für sie werden. Außerdem gibt es nicht viele Themen, über die wir reden könnten.«

»Wie lange wart ihr verheiratet?«

»Fünf Jahre.« Plötzlich musste der Arzt leise lachen. »Aber ich glaube nicht, dass das der Grund ist, weswegen du mich um diese Uhrzeit anrufst, oder Kyo?«

 

Er lächelte ertappt und schmunzelte, während er antwortete.

»Schuldig im Sinne der Anklage, Euer Ehren.« 

Wie seltsam es doch war. Vor nicht all zu langer Zeit hätte er Satoshi fast an die Gurgel gehen können und nun vermisste er den alten Mann sogar ein wenig. Sie kannten sich seit nicht einmal einem Jahr und trotzdem war er ihm so sehr ans Herz gewachsen.

»Na komm schon, sag mir was los ist«, erwiderte Furukawa, leicht amüsiert. Dass er erst wenige Stunden geschlafen hatte, verschwieg er Kyo lieber. Eben dieser druckste unsicher herum, bevor er zu einer Antwort ansetzte.

»Also, es geht um einen meiner Kollegen. Nein ich habe ihn nicht gebissen, wenn du das fragen willst!«, setzte er dabei rasch nach, noch ehe Satoshi auch nur ein Wort sagen konnte. »Er bräuchte polizeilichen Rat, der absolut vertrauenswürdig ist und nichts hiervon an die Öffentlichkeit ausplaudert.«

 

»Kann ich davon ausgehen, dass du auf Masahiro anspielst?« 

Wie immer war Satoshis Analyse genau so präzise, wie er es von einem erfahrenen Mediziner mit seiner Expertise zu erwarten hatte.

»Ja«, gestand Kyo wahrheitsgemäß. »Ich bräuchte seine Kontaktdaten. Die Sache ist recht dringlich und er weiß was ich bin, weswegen ich glaube, dass er auch in diesem Fall die Klappe halten würde.«

»Wird er«, schwor Satoshi umgehend. »Ich kenne ihn seit einer Ewigkeit und würde meine Hand für ihn ins Feuer legen. Masahiro kann recht forsch sein, aber er ist ein ausgezeichneter Polizist und weiß genau was Verschwiegenheit bedeutet.« Wieder musste er leicht lachen. »Selbst Christine würde sich für ihn verbürgen; wenn es denn notwendig wäre.«

Dass der Kommissar und die gruselige Deutsche eine gemeinsame, wenn auch seltsame, Vergangenheit hatten, wusste er ja bereits. Und Satoshis Aussage bekräftigte ihn nochmal in seiner Entscheidung.

»Ich wäre dir wirklich dankbar, wenn du mir seine Nummer schicken könntest«, bat er.

 

Sein Arzt dachte kurz darüber nach und gab dann ein zustimmendes Geräusch von sich.

»Ich rufe ihn an und bitte ihn darum, sich bei dir zu melden, okay?«, kam irgendwann der Gegenvorschlag und Kyo musste zugeben, dass ihm dieser sogar wesentlich besser gefiel.

»Gut. Danke Satoshi, ich bin dir echt etwas schuldig.«

»Ach, nicht dafür, Kyo. Komm einfach nur gesund von der Tour zurück. Alles andere klären wir, wenn wir uns sehen. Okay?«

Er konnte sich das Grinsen nun wirklich nicht mehr verkneifen. Selbst als er noch zu Hause bei seinen Eltern gelebt hatte, war ihm eine solche Wärme und Herzlichkeit fremd gewesen. Kyo wollte es sich nicht eingestehen, aber Satoshi war für ihn mittlerweile ein echter Vaterersatz geworden. Dabei hatte er sich doch so daran gewöhnt, immer alles nur mit sich selbst auszumachen.

 

---

 

»Dai! Um Himmels Willen, wie siehst du denn aus?!« 

Kaoru starrte seinen besten Freund nicht einfach nur besorgt, sondern fast schon entsetzt an. Eben dieser hatte die ganze Nacht nicht geschlafen und das sah man ihm auch deutlich an. Seine Augen wurden von derart tiefen Ringen geschmückt, dass man hätte meinen können, er hätte nach dem letzten Konzert vergessen sich abzuschminken.

»Hab nicht gut geschlafen«, murrte Dai und ließ sich kraftlos an den großen runden Tisch fallen. Sofort schob ihm Toshiya seine eigene Tasse Kaffee rüber, welche dankbar ergriffen wurde.

»Du siehst eher so aus, als wärst du heute Nacht nicht einmal in der Nähe deines Bettes gewesen!«, widersprach ihr Bassist, streckte dann die Hand aus und zupfte an etwas im Nacken seines Kollegen herum. »Und deinen Pullover hast du auch verkehrt herum an.« Tatsächlich hing das Schild zwischen Dais langen Haaren hervor, die er nur liederlich zu so etwas wie einem Dutt gebündelt hatte.

Kyo seinerseits sagte nichts. Er hielt sich schweigend seinen Tee an die Lippen und nippte immer wieder daran, ebenso wie Shinya, welcher zu seiner Rechten saß.

 

»Wie viel habt ihr denn gestern bitte getrunken?«, wollte Kaoru wissen, der verständnislos den Kopf schüttelte. »Du weißt doch genau, dass ich dich heute für dieses Interview brauche.«

So wie Dai daraufhin das Gesicht verzog und murrte, schien er genau das komplett vergessen zu haben. 

»Ich bin krank«, jammerte er, was ihm von seinem Leader ein vorwurfsvolles Augenrollen einbrachte. 

»Und wen soll ich statt dessen mitnehmen?«, fragte er, woraufhin Shinya und Kyo synchron die Hände hoben und dafür von Kaoru ein dankbares Lächeln erhielten. »Tut mir leid, ich würde euch gern dafür einspannen. Aber das Interview findet exklusiv für die Jubiläumsausgabe einer Fachzeitschrift für Gitarrenhersteller statt. Und so sehr ich dein musikalisches Talent auch schätze, Kyo, aber das was du mit deiner alten Gitarre angestellt hast, kam einer Misshandlung schon sehr nahe.«

 

Sein Sänger verzog daraufhin die Lippen zu einem Schmollen und grummelte in seine Tasse: »Ich bin besser geworden, denke ich.«

»Denkst du?«, echote Dai und hob zweifelnd eine Augenbraue. »Bei aller Liebe, aber das letzte Mal, als du mein Baby angefasst hast, sind direkt zwei Saiten gerissen!«

»Das war nicht meine Schuld!« 

Toshiya hatte sich mittlerweile erhoben, um am Buffett ein kleines Frühstück für ihren übernächtigten Gitarristen zusammen zu stellen, während die anderen dazu übergingen Kyo liebevoll zu mobben.

»Die Saiten waren aber ganz neu.«

»Du hattest die einfach nur zu fest gespannt und so schlimm sind meine Fähigkeiten auch nicht, wie Kaoru immer behauptet.«

»Na ja«, grinste eben dieser und widmete sich seinem Tamagoyaki. »Sie sind allemal besser, als mein Gesang.«

 

Kurz kehrte Stille ein, in welcher auch Toshiya zurück kam.

»Denkst du, du kriegst das mit dem Interview trotzdem hin, Dai?«, fragte Kaoru und musterte seinen besten Freund besorgt. Eben dieser hatte Toshiyas Kaffee mittlerweile gelehrt und nickte.

»Lass mich etwas Essen und duschen und dann sehe ich bestimmt nicht mehr aus wie eine lebende Leiche.« Er versuchte zu lächeln, doch die Besorgnis konnte er damit nicht aus Kaorus Gesicht vertreiben. 

»Kein Alkohol mehr für dich während der Tour. Klar?«, wies er ihn an und verleitete Dai nun doch zu einem Grinsen.

»Versprochen, Papa.«

 

Bevor einer von ihnen noch etwas erwidern konnte, begann urplötzlich Kyos Smartphone zu vibrieren und lautstark über den Tisch zu rattern. Ehe sie zu viel Aufmerksamkeit der umliegenden Tische auf sich ziehen konnten, nahm er es an sich und entschuldigte sich rasch. Und noch während er sich erhob und in Richtung Lobby ging, nahm er das Gespräch entgegen.

»Nishimura am Apparat?«

Wie zu erwarten war, vernahm er Kommissar Suzukis tiefe, strenge Stimme.

»Suzuki hier. Sie wollten mich sprechen, Nishimura-san?«

Der Sänger zog sich an eines der großen Panoramafenster zurück, damit man ihn möglichst nicht belauschen konnte. 

»Ja, ich brauche wahrscheinlich Ihre Hilfe, Suzuki-san.«

»Geht es um eine Feloidea-Angelegenheit?« Es war so eigenartig, einen anderen Menschen derart offen über derartige Dinge sprechen zu hören. Kyo ließ den Blick wie nebenbei durch den Raum wandern, doch bis auf das Personal, in einiger Entfernung, war er allein.

 

»Nein, nicht in diesem Fall. Hoffe ich zumindest.«

»Wie meinen Sie das?«

Kyo gab einen nachdenklichen Laut von sich und dachte darüber nach, wie er diese Sache möglichst kurz erklären konnte.

»Einer meiner Bandkollegen wird erpresst und die Angelegenheit ist recht speziell.«

»Bei Erpressungen können Sie sich auch an meine Kollegen vom regulären Dienst wenden. Ich bin sicher, dass diese Ihnen genau so gut helfen können.«

»Ich weiß.« Er knurrte leise, aber nicht aus Wut. »Ich denke Sie müssten mit Dai persönlich darüber sprechen. Wir benötigen ihrerseits wirklich absolute Verschwiegenheit.«

Kommissar Suzuki zögerte und sagte zunächst nichts. Er schien über Kyos Worte nachzudenken. Eben dieser wippte unruhig vor und zurück und wartete ab.

 

»Wo genau sind Sie im Moment?«, fragte Masahiro nach einigen Sekunden der Stille und raschelte dabei mit irgendwelchen Zetteln.

»Sapporo«, kam es, woraufhin er einen unbestimmten Laut erhielt.

»Das ist ein bisschen zu weit weg.«

»Wir sind auf Tour und spielen am 23. und 24. Oktober in Kyoto.« Nun begann er damit hin und her zu laufen und sich dabei unruhig auf der Unterlippe herum zu beißen. Shinya würde sicherlich wieder mit ihm schimpfen.

»Das wäre normalerweise außerhalb meines Zuständigkeitsbereichs.«

»Können Sie nicht ihre Feloidea-Spezialkarte ausspielen?« Noch während er dies sagte, merkte Kyo, wie bescheuert sich das anhörte. Aber zumindest veranlasste er den Polizisten dazu ein wenig zu lachen.

»Ich bin doch kein Geheimagent«, meinte dieser, wobei man ihm das Grinsen in der Stimme sehr deutlich anhören konnte. »Allerdings könnte ich meinen Vorgesetzten darum bitten, mir eine Ausnahmegenehmigung auszustellen. Wenn ich Sie als Vorwand vorschiebe, Nishimura-san, dann dürfte das kein Problem sein.«

»Würde mir das irgendwelche Schwierigkeiten einhandeln?«, fragte Kyo vorsichtig.

»Nein, machen Sie sich diesbezüglich keine Sorgen. Ich werde in den Akten vermerken, dass ich Sie im Rahmen einer anderen Ermittlung befragen musste und da Sie im Augenblick durchs Land touren, ist es notwendig Sie direkt in Kyoto anzutreffen.«

»Dann werde ich das so an Kaoru weitergeben. Er ist hier für die Organisation mit dem Management zuständig und soll sich darum kümmern, Ihnen eine Zutrittsgenehmigung zu organisieren. Ich lass mir irgendeine Ausrede einfallen.«

Von Kommissar Suzuki folgte ein zustimmendes Brummen und Kyo hörte ihn auf einer Tastatur herumtippen.

»Also gut, dann werden wir uns in vier Tagen in Kyoto treffen.«

Sie vereinbarten ein Treffen samt Uhrzeit und Kyo legte auf. Erleichtert durchatmend schloss er für einige Sekunden die Augen und musste dann sogar leicht lächeln. 

Wer hätte gedacht, dass diese ganze Feloidea-Problematik auch positive Nebeneffekte haben konnte?

 

***

 

»Dai-san sieht wirklich nicht gut aus.«

Kyo warf Kenji einen schnellen Seitenblick zu, während eben dieser neben Shinya stand und sie gemeinsam irgendwelche Unterlagen durchgingen, die für den Transport und Aufbau des Drumsets wichtig waren. In solchen Momenten war er wirklich froh darüber, dass er nur der Sänger war.

»Wir werden alle nicht jünger«, lächelte Shinya sanft. »Und er hat es gestern mit dem Bier ein bisschen zu sehr übertrieben.«

»Typisch für ihn.« Kenji schüttelte den Kopf. »Schade, dass die Crew und ich es gestern nicht mehr rechtzeitig von der Halle zurück geschafft haben. Andernfalls wäre ich eurer Einladung sehr gern nachgekommen, um mit euch anzustoßen. Zum Glück sind wir trotzdem noch fertig geworden, trotz einiger Probleme. Die Instrumente befinden sich bereits auf dem Weg nach Kyoto.«

 

Kyo stieß ein leises Lachen aus.

»Ich finde ja, dass du wirklich darüber nachdenken solltest, den Posten als Manager zu übernehmen, Fujieda-san.« Und das meinte er durchaus ernst. Sogar Kaoru hatte diese Überlegung, in den letzten Monaten, immer mal wieder geäußert.

»Ich?« Kenji starrte ihn überrascht an. »Wieso denn ausgerechnet ich?«

»Weil du hervorragende Arbeit leistest und immer einen kühlen Kopf bewahrst, egal was auch passiert.« 

Shinya nickte ebenfalls zustimmend, Kenji hingegen wurde vor Verlegenheit richtig rot.

»Danke, dass Sie meine Arbeit so zu schätzen wissen, Kyo-san.« Er verbeugte sich höflich und ihm war anzusehen, dass ihm dieses Lob wirklich nahe ging. »Ich verspreche, dass ich auch weiterhin mein Bestes geben werde. Aber zu den Arbeiten eines Managers gehört sehr viel mehr und ich bin nicht sicher, ob ich die notwendigen Qualifikationen - .«

 

»Kenji.« Es kam nicht oft vor, dass sie einander mit dem Vornamen ansprachen und sofort als Shinya dies tat, verstummte sein Assistent. »Es ist nur ein Wunsch unsererseits. Wir wollen dich nicht dazu drängen, wenn du nicht willst. Aber du sollst einfach wissen, dass du die Unterstützung der Band hast, solltest du dich auf diesen Posten bewerben.« [1]

Artig nickte der Jüngere und nahm dann wieder den Stapel Zettel entgegen, auf welchen Shinya nebenbei unterschrieben hatte.

»Ich werde darüber nachdenken, Shinya-san«, versprach er hastig und entschuldigte sich dann, mit der Begründung, dass er sich noch um einige Dinge kümmern müsse.

Kyo sah ihm nach, bis Kenji in einem Fahrstuhl verschwand und trat dann direkt neben seinen Drummer.

»Er ist ein guter Kerl«, meinte er und schaute zu dem anderen Mann hoch, welcher ihm nickend zustimmte.

»Ja, ich mag ihn sehr und denke ebenfalls, dass er das Zeug dazu hätte.«

 

Kyo brummte und sie standen zunächst schweigend nebeneinander, bis er den Elefanten im Raum ansprach.

»Wenn er sich darauf einlässt, dann muss er erfahren, was ich bin.«

»Uns wird keine andere Wahl bleiben. Du wirst es ihm zeigen müssen, damit er es glaubt«, seufzte Shinya und wendete sich zum gehen; der Sänger folgte ihm. »Es wird bestimmt ein Schock für ihn sein.«

»Das war es für mich auch, vor allem nach der ersten Verwandlung.« 

Während sie sich unterhielten, schlenderten sie recht ziellos durch die Flure des Hotels und ignorierten die Fahrstühle dabei bewusst. Kaoru und Dai befanden sich im Augenblick bei dem besagten Interview und Toshiya hatte sich in sein Zimmer zurück gezogen, um mit seiner Lebensgefährtin zu telefonieren.

 

»Wie fühlt es sich an, eine Katze zu sein?«

Kyo zuckte mit den Schultern, die Hände tief in den weiten Hosentaschen vergraben.

»Es lässt sich nur schwer beschreiben. Kennst du dieses komische Gefühl, kurz nachdem du aus einem Albtraum erwachst, der sich total real angefühlt hat?« Er schaute auf und sah Shinya nicken. »Ich nehme zwar alles wahr, aber es wirkt trotzdem nicht ganz echt. So als würde sich die Welt hinter einem Filter verstecken.«

Der Ausdruck in den Augen seines langjährigen Freundes, veränderte sich und bekam etwas trauriges, was sich nur schwer deuten ließ.

»Ich hatte eher den Eindruck, dass du es wärst, der hinter dem Filter verschwindet«, murmelte Shinya, was Kyo dazu veranlasste stehen zu bleiben. Der Jüngere tat es ihm gleich.

»Wie meinst du das?«, fragte er, aber ihr Drummer winkte ab und versuchte es mit einem Lächeln.

»Ach, es ist nicht so wichtig. Entschuldige, ich wollte nicht so direkt sein.«

»Shinya.« Kyo schüttelte verständnislos den Kopf. »Das war gerade das genaue Gegenteil von Direktheit. Ich habe nämlich absolut keine Ahnung, was genau du mir damit sagen willst.

 

Wie immer, wenn ihn etwas verunsicherte, rieb sich Shinya über die Handrücken und wich seinem Blick aus. Und wie immer, in derartigen Situationen, fragte sich Kyo zum wiederholten Male, was dieser zarte Engel in ihrer Band verloren hatte.

»Ich erkenne dich nicht wieder, wenn du zu diesem Ding wirst«, kam schließlich die unsichere Antwort. »Kyo verschwindet und vor uns steht die Katze. Andererseits habe ich gesehen, wie du sogar in dieser Form mit Kaoru umgehst. Also scheint irgendwo hinter dem Fell, noch immer der wahre Kyo zu stecken.«

»Der wahre Kyo?«, wiederholte er verwundert. »Ich weiß doch selbst nicht einmal, wer ich wirklich bin. Mein altes Ich und mein gewolltes Ich, sind in den letzten Monaten hinter einem Ich verschwunden, welches mir völlig fremd ist. Es ist einfach aus dem Nichts aufgetaucht und seitdem passt kein Puzzleteil mehr in das andere.«

 

»Vielleicht bist du ja all diese Kyos?« Shinya trat auf ihn zu und lächelte ihn an. 

Es war ein Lächeln, welches sanft und mitfühlend war, und zeitgleich irgendwie verschlossen und distanziert blieb. Die Leute hielten Kyo für undurchsichtig und mysteriös, dabei war Shinya das wahre Mysterium. 

»Möglicherweise bist du der Kyo der du früher einmal warst, der Kyo der du sein wolltest und die Katze, die du zeitweise ebenfalls sein kannst. Du musst nur noch einen Weg finden, all diese Seiten miteinander zu kombinieren.«

Während er den Blick des anderen erwiderte, dachte er über dessen Worte nach, wiegte den Kopf dabei leicht hin und her und biss sich geistesabwesend auf die Unterlippe.

»Nicht.« Shinya hob die Hand und legte sie ihm unters Kinn, wobei er den Daumen sanft gegen Kyos Lippen presste. »Du machst sie nur wieder kaputt. Das wäre doch schade.«

Der Sänger konnte nicht anders und musste leicht grinsen, ehe er ihm einen kleinen Kuss auf den Finger setzte, bevor Shinya eben diesen wieder zurückziehen konnte.

 

»Sag mal, Shin«, begann er, um das Thema zu wechseln. »Warum ist Toshiya sauer auf mich? Und wehe du sagst mir jetzt auch, dass er es nicht wäre. Ich sehe doch, dass hier irgendwas los ist.«

Zunächst schwieg der hübsche Drummer und wusste wohl nicht so recht, was er darauf antworten sollte. Dann räusperte sich und sie setzten ihren Weg fort, bis sie an Kyos Zimmer ankamen. Sie traten ein und er schloss die Tür hinter sich.

»Also? Was ist denn jetzt?«, drängte Kyo weiter, bis Shinya endlich seufzend klein bei gab.

»Er ist nicht glücklich darüber, dass sich zwischen dir und Kaoru nun doch etwas zu entwickeln scheint.«

Okay, damit hatte er nicht gerechnet und Kyo stieß ein verwundertes Geräusch aus.

»Bitte was? Das kann nicht dein Ernst sein. Wieso seid ihr alle plötzlich so besessen von Kaoru und mir? Erst Dai und jetzt fangen du und Toshiya auch noch mit diesem Quatsch an?«

»Ich bin ganz sicher nicht von irgendwas besessen«, rechtfertigte sich Shinya und wirkte sogar ein kleines bisschen empört. So sah man ihn nur selten. »Toto macht sich einfach nur Sorgen, dass ihr zwei euch da vielleicht in etwas verrennt. Das ist alles.«

 

»Und Dai ist dafür?«, harkte Kyo nach, ging zum Fenster und schob es auf. Er wusste, dass Shinya es hasste, wenn der Zigarettenqualm ins Zimmer zog. Eigentlich hatte er vorgehabt damit aufzuhören, doch nach so einer Eröffnung, brauchte er das jetzt.

»Sieht so aus.« Shinya seufzte. »Und Toshiya gefällt das nicht. Er ist der Meinung, dass Dai unbedingt Kaoru ins Gewissen reden sollte, immerhin sind die beiden beste Freunde.«

»Findet ihr nicht, dass Kaoru alt genug ist, um das selbst entscheiden zu können?«, fragte Kyo, mit der Zigarette im Mundwinkel, gegen den Fenstersims gelehnt. »Und ich habe Dai bereits erklärt, dass ich kein Interesse an Männern habe.«

»Kaoru ist für dich also überhaupt keine Option?«

Am liebsten hätte er sofort ‘nein’ gesagt, aber irgendein undefinierbares Gefühl hielt ihn ab und Kyo wusste einfach nicht so richtig, was das war. 

»Sagen wir doch einfach, dass ich mir sehr sicher bin, dass ich nicht seine beste Option bin.« Er lächelte traurig, als er dies sagte. »Kaoru ist ein toller Mensch und verdient jemanden, der ihm die Liebe gibt die er verdient. Und keinen zerstörten Schreihals der zur Katze wird, wenn man ihm zu sehr auf den Sack geht.«

 

»Kyo«, begann Shinya milde, wurde aber umgehend unterbrochen.

»Versuch nicht dagegen zu argumentieren, wenn wir beide genau wissen, dass ich Recht habe.« Er zog an seiner Zigarette und beugte den Oberkörper ein wenig nach hinten, um den Rauch in den Himmel zu pusten. »Ich bin gefährlich für ihn.«

»Kaoru liebt dich.«

»Ich weiß.« Ein langes Seufzten folgte, während er die Augen schloss. »Ich weiß und es tut mir wirklich leid. Niemand hat mich kaputten Idioten verdient und er am allerwenigsten.«

 

***

 

Kommissar Suzuki fuhr auf den Parkplatz vor der großen Halle und schaltete den Motor ab. 

Es war eine Menge los und er kramte den Zettel aus dem Handschuhfach, welchen er gestern Abend noch rasch ausgedruckt hatte. Nishimura-san hatte sein Versprechen gehalten und dafür gesorgt, dass er eine Zugangserlaubnis zum Personalbereich für die Konzerthalle in Kyoto erhielt. Und nun saß er hier und beobachtete einige Sekunden das rege Treiben, welches sich vor ihm abspielte.

Mitarbeiter luden große Metallkisten auf Rollbretter und schoben diese nacheinander durch eines der offen stehenden Tore. Nur um bald darauf zurück zu kehren und den Vorgang zu wiederholen. Dabei riefen sie sich immer mal wieder kurze Informationen zu, ohne mit der Arbeit inne zu halten.

Irgendwann löste sich jedoch ein junger Mann aus dem Trubel, welcher mit einem Klemmbrett neben einem parkenden Bus gewartet hatte. Ihm war der Neuankömmling nicht entgangen und fast als wäre dies eine Art Signal, schnallte Masahiro sich ab und stieg aus. 

 

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte der Mitarbeiter, während er von dem Polizisten kurz und präzise gemustert wurde. Er wirkte recht unscheinbar und machte den Eindruck, dass er lediglich zur Crew gehörte und nicht zur Band.

»Suzuki mein Name. Ich würde gern mit Andō-san sprechen«, antwortete er knapp und zeigte dem jungen Mann, welcher sich ihm als Fujieda Kenji vorstellte, sowohl Dienstmarke als auch Ausdruck vor. 

»Oh.« Kenji nahm das Papier entgegen und studierte es kurz, dabei erinnerte er sich an etwas, was Kyo-san ihm, vor zwei Tagen, im vorbeigehen mitgeteilt hatte. »Natürlich, Sie werden bereits erwartet.« 

Er hatte absolut keine Ahnung, was nun schon wieder los war, oder warum ausgerechnet ein Polizist mit Dai-san sprechen wollte. Aber Kenji war ja auch nur einer der Assistenten, egal wie nahe er Shinya-san und den anderen stand. 

Trotzdem war im nicht entgangen, dass seit einigen Monaten eine seltsame Stimmung innerhalb der Band herrschte. Ganz zu schweigen von den merkwürdigen Zusammenbrüchen Kyo-sans, welche bei den restlichen Mitarbeitern sowohl Ratlosigkeit, als auch Besorgnis verursachten. Hier und da gab es sogar schon Getuschel darüber, dass sie sich womöglich sogar trennen könnten. 

Doch Kenji glaubte nicht daran; er wollte nicht daran glauben! Dir En Grey war für ihn etwas ganz besonderes und die fünf Musiker seine absoluten Vorbilder!

 

»Bitte, folgen Sie mir.« 

Er reichte Suzuki das Genehmigungsschreiben zurück, ehe er voran ins Innere des Gebäudes ging. Wie immer eilten hier und da Menschen umher und für den ungeübten Beobachter musste es so aussehen, als herrsche hier das totale Chaos. Aber das Gegenteil war der Fall.

»Ein ziemliches Durcheinander«, erklang in diesem Moment die Stimme des Polizisten, was Kenji leicht schmunzeln ließ.

»Eigentlich nicht«, meinte er und warf ihm einen kurzen Blick zu, bevor er sich wieder auf das Labyrinth konzentrierte, welches sich jenseits der Bühne erstreckte. »Alles hier hat seinen vorgeschriebenen Platz und jeder Handgriff folgt einem genauen Protokoll.«

»Verstehe.« 

Masahiro war kein Mann großer Worte. Er zog es vor zu beobachten und genau das tat er nun auch. Dabei musste er innerlich zugeben, dass ihn all das irgendwie beeindruckte und ein wenig an seine eigene Arbeit erinnerte. 

 

Irgendwann bogen sie wieder ab und urplötzlich wurde es ruhiger, kaum dass sie den Gang hinter sich ließen. Offenbar befanden sie sich nun in dem Bereich, in welchem die Künstler vor der Show untergebracht wurden. 

Fujieda-san ging zielstrebig an mehreren geschlossenen Türen vorbei, bis er vor einer stehen blieb, an welcher ein Zettel mit der Aufschrift ‘Dir En Grey’ hing und hinter der lautstarkes Stimmengewirr zu hören war.

Kenji hob bereits die Hand um zu klopfen, hielt dann jedoch inne.

»Vielleicht sollten wir kurz warten?«, sagte er unsicher und mehr zu sich selbst. 

Ganz offensichtlich wollte er die Band nicht stören. Suzuki wollte etwas erwidern, kam aber gar nicht dazu, als er von einer donnernden Stimme unterbrochen wurde, die ihm sehr vertraut war; ebenso wie die Stimme die antwortete.

»Ich habe gesagt, dass du die Finger von mir lassen sollst, du notgeiles Weib!«

»Nun hab dich nicht so, das hier ist für einen guten Zweck.«

»Finger weg von meinem Hintern!«

 

Als sich Kenji immer noch nicht bewegte und er es langsam leid wurde im Gang zu stehen und zu warten, klopfte Masahiro kurz an, ehe er die Tür einfach ohne weiteres öffnete.

»Suzuki-san!«, rief Fujieda noch, doch da offenbarte sich ihnen bereits ein sehr seltsames Bild, welches er so sicherlich nicht erwartet hatte.

Kyo stand in der Mitte des Raumes, mit entblößtem Oberkörper und direkt hinter ihm, die Hände an dessen Hosenbund, befand sich die seltsame Frau aus Deutschland. Man hatte sie ihnen als Doktor Jansen vorgestellt und Kenji fand sie einfach nur unheimlich. Sie besaß eine gruselige Ausstrahlung, die dem fröhlichen Japaner irgendwie nicht behagte.

Auch der Rest der Band war anwesend, mit Ausnahme von Shinya, welcher sich im Augenblick bei der Bühne aufhielt, um den Aufbau seines Drumsets persönlich zu überwachen. Sein großes Idol war ein Perfektionist, bis in die akkurat gestylten Haarspitzen.

 

»Ähm«, kam es von Kyo, welcher in der Bewegung verharrte und zur Tür starrte. Nur um sich Sekunden später von Christine loszureißen und sich zu Kaoru zu retten, welcher gemütlich auf einem Stuhl saß und so wirkte, als ginge ihn das alles nichts an. Das Amüsement in seinem Blick jedoch sprach Bände. 

Kenji bemerkte dabei die medizinischen Pads, welche am Oberkörper des Sängers klebten. Shinya-san hatte ihm zwar erklärt, dass Kyo-san im Moment medizinisch überwacht werden musste, doch genaue Details über dessen Gesundheitszustand, behielt die Band für sich.

»Masahiro!«, platzte es urplötzlich aus Christine heraus, welche die Arme in die Seiten stemmte und den Polizisten erfreut angrinste. »Na, das ist ja mal eine Überraschung.«

Höflich, wie er nun einmal war, verbeugte sich der Angesprochene knapp und erwiderte die Begrüßung vergleichsweise steif.

»Der Besuch ist sehr kurzfristig entstanden, deswegen konnte ich dich nicht vorwarnen.«

»Und ich nehme an, dass dieses Mal nicht ich diejenige bin, wegen der du hier bist?«

 

Neugierig, was jetzt schon wieder los war, schauten Kaoru, Dai und Toshiya zwischen den beiden hin und her. Nur Kyo wunderte sich nicht und zog sich rasch sein Shirt wieder an, während der Neuankömmling eintrat und die Tür hinter sich schloss. Kenji hatte sich längst wieder aus dem Staub gemacht.

»Vielen Dank, dass Sie hier sind, Kommissar Suzuki«, brummte Kyo, der nach wie vor seine Deckung hinter Kaorus Stuhl beibehielt. »Bitte nehmen Sie diese verrückte Perverse fest!« Wobei er auf Christine deutete und dem Polizisten damit ein kleines Lächeln entlockte.

»Nein danke, ich bin bereits verheiratet«, erwiderte er zum Spaß und ließ kurz den Blick über die Gesichter der anwesenden Bandmitglieder schweifen. »Nishimura-san bat mich herzukommen und mit Ihnen zu sprechen, Andō-san.« 

 

Selbstverständlich hatte er seine Hausaufgaben gemacht und, mit den wenigen Informationen, die Kyo ihm zur Verfügung gestellt und Google ihm ausgespuckt hatte, näheres über die vier anderen Musiker in Erfahrung gebracht.

Dai zuckte richtig zusammen, als er so direkt angesprochen wurde und seine Augen huschten kurz zu Kyo, welcher nur zustimmend einen Daumen in die Luft reckte und lächelte.

»Ich erklär dir das später«, meinte der Sänger knapp, »Aber du kannst ihm vertrauen.«

Nun nickte sogar Kaoru und Dais Verwirrung erreichte komplett neue Horizonte.

»Okay?«, murmelte er, legte den kleinen Koffer mit den Ersatzsaiten auf den Tisch neben sich und erhob sich. Er ahnte so langsam um was genau es ging und sein Magen zog sich dabei unangenehm zusammen. Trotzdem versuchte er ruhig zu bleiben und bedeutete Kommissar Suzuki, ihm zu folgen.

 

Dai kam sich fast schon wie ein Verbrecher vor, als er den Gang erst rauf und dann runter schaute, ehe er rasch einen der unbenutzten Räume betrat. Da im Augenblick nur Aufbau und Soundcheck waren, beschränkte sich die Zahl der Anwesenden auf die Crew und die Band.

»Wie kann ich Ihnen helfen, Kommissar Suzuki?«, fragte er höflich und knibbelte nervös an den Ärmeln seines Hemdes herum. 

Dai hatte in seiner Jugend, die ein oder andere Begegnung mit der Polizei gehabt. Dementsprechend unruhig machte ihn nun die Anwesenheit des Beamten; noch dazu, da Suzuki-san einen recht hohen Posten begleitete.

»Ich bin hier um Ihnen zu helfen, Andō-san«, erwiderte sein Gegenüber und lächelte wieder ein wenig. Es half leider nicht wirklich, um seine Anspannung zu lindern. »Und ich denke, dass Sie genau wissen, worum Nishimura-san mich darum gebeten hat, oder?«

Dai druckste herum, strich sich über die Handrücken und räusperte sich schließlich.

»Natürlich.« Dai atmete tief durch, versuchte das Zittern auszublenden und schaffte es trotzdem nicht, in die Augen seines Gegenübers zu schauen. »Es geht um die Erpressung?«

 

Oh je’, schoss es Masahiro durch den Kopf, während er das unsichere Verhalten des Musikers beobachtete. 

Er wusste nicht viel über die Band und hatte sich lediglich das angesehen, was Google ihm in der kurzen Zeit ausgespuckt hatte. Aber der Mann, der nun vor ihm wie ein Häuflein Elend stand, hatte auf ihn eigentlich einen ganz anderen Eindruck gemacht. Ihn jetzt so schüchtern zu erleben, bestärkte ihn nur noch mehr in dem Verdacht, den er hegte. Die Angelegenheit musste sehr ernst sein.

»Okay, kommen Sie, setzen wir uns.« Er deutete auf einen Tisch und setzte sich mit seinem Klienten an eben diesen, ehe er einen Notizblock aus seiner Jacke fischte und auf den Knopf seines Kugelschreibers tippte. »Ich würde mir zuerst einmal ihre Personalien notieren, wenn das okay für Sie ist.« Suzuki hatte längst verstanden, dass er in diesem Fall behutsamer als sonst vorgehen musste. »Daisuke oder nur Dai?«, fragte er, obwohl er das längst wusste. Aber einfach zu beantwortende Fragen, waren häufig der beste Weg, um das Eis zu brechen.

»Nur Dai«, sagte der andere Mann, welcher nur scheu seinen Blick erwiderte. 

 

Sie klärten rasch Familienstand und Geburtsdatum und der Kommissar entschied sich dazu, ein paar persönliche Informationen preis zu geben, um die Stimmung zu lockern.

»Ich bin an Nishimura-san, aufgrund seiner Erkrankung, heran getreten.«

»Oh.« Dai blinzelte erstaunt, da er mit so viel Offenheit nicht gerechnet hatte. Das erklärte zumindest, woher Kyo ausgerechnet einen Polizisten kannte. »Sie wissen davon?«, fragte er neugierig. »Sind Sie auch eine … ähm?«

»Eine Katze?« Der Kommissar schüttelte den Kopf. »Nein, bin ich nicht. Aber ich wollte, Ihnen gegenüber, lieber mit offenen Karten spielen und Ihnen meine absolute Verschwiegenheit zusichern. Ebenso wie ich Nishimura-sans Geheimnis für mich behalte, werde ich auch mit dem umgeben, was Sie mir sagen. Nichts wird diesen Raum verlassen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«

 

Dai überlegte und knibbelte wieder an seinen Fingernägeln herum. Er tat dies immer dann, wenn er sehr angespannt war und wusste genau, dass er es schon bald wieder bereuen würde. Dabei dachte er über das nach, was der andere ihm erzählte und wog dabei seine Chancen ab. 

Vielleicht war das ja tatsächlich die Lösung für sein Problem. Aber was wenn es schief ging und der Erpresser diese ganzen Fotos und Screenshots doch veröffentlichte? Seine Karriere wäre damit sofort beendet und vielleicht wäre Dir En Grey dann ebenfalls Geschichte. Konnte er das riskieren?

»Und was wenn ich ebenfalls etwas Illegales getan habe?«, fragte er und schaute nun endlich von seinen Händen auf. Seine Augen suchten flehend nach denen des Kommissars, welcher ihn wieder einmal schweigend musterte, dann aber kurz nickte.

»Auch dann werde ich alles für mich behalten. Wenn ich Ihnen helfen soll, Andō-san, dann muss ich wirklich alles wissen. Selbst die Sachen, die Sie nicht einmal Ihren Freunden anvertrauen würden.«

 

Erneut schwiegen sie und Dai dachte nach, beobachtet von dem seltsamen Polizisten, dessen Gesichtsausdruck er genau so wenig lesen konnte, wie den von Kyo.

»Also schön«, seufzte er schließlich und sackte regelrecht in sich zusammen. Die Last, welche er seit Monaten mit sich herum schleppte, erschien ihm nun so unendlich erdrückend, dass er das Gefühl hatte jeden Augenblick einfach zu zersplittern, wie eine filigrane Figur aus Glas. »Und sie schwören, dass Sie niemandem etwas davon erzählen?«, wollte er wissen und suchte Suzukis Blick. 

Dieser nickte ernst.

»Natürlich. Sie sind in dieser Angelegenheit das Opfer und ich bin auf Ihrer Seite«, bestätigte er, was Dai traurig lächeln ließ.

»Ja, das stimmt«, murmelte er. »Ich bin das Opfer, weil ich so ein verdammter Vollidiot gewesen bin.«

 

Dai atmete tief durch, legte sich seine Worte genau zurecht und dachte kurz darüber nach, einfach aufzustehen und den Raum zu verlassen. Aber seine Beine fühlten sich an, als wären sie unendlich schwer.

Dann begann er von dem zu berichten, was sich vor zwei Jahren zugetragen hatte und was er niemals jemandem hatte erzählen wollen. Er berichtete von der ‘Unwavering’-Tour, die nicht so lief, wie er es sich gewünscht hätte. Erzählte von den Problemen in der Band und sogar davon, wie schwierig es geworden war mit Kyo zu arbeiten. 

Dai war unglücklich gewesen. Sowohl in seinem Beruf, den er über alles liebte; als auch in der Beziehung zu seiner Ex-Freundin, die er eigentlich von ganzem Herzen verachtete und von der er trotzdem nicht los kam. 

Dabei wusste er gar nicht, wo seine Worte plötzlich alle herkamen. Aber es sprudelte irgendwann einfach so sehr aus ihm heraus, dass er hin und wieder sogar ins Stolpern geriet und sich selbst zur Ruhe gemahnen musste.

Kommissar Suzuki hörte ihm einfach nur zu, nickte immer mal wieder und stellte ein paar wenige, gezielte Fragen. Aber die meiste Zeit über ließ er ihn reden und reden und reden.

 

Zwischendurch klopfte es einmal und Kaoru kam kurz herein, um sich zu erkundigen ob alles in Ordnung war und ihnen Kaffee zu bringen. Dai war seinem Leader zwar dankbar, verspürte allerdings auch eine unanständige Ungeduld darüber, so aus seinem Redefluss gerissen zu werden. Und kaum dass er einen Schluck des heißen, etwas zu süßen Getränks nahm, bemerkte er wie trocken sich seine Kehle mittlerweile anfühlte.

»Ich war froh, als das letzte Konzert vorbei war«, erzählte er, kaum dass Kaoru wieder weg und sie erneut alleine waren. »Dabei liebe ich das was wir tun. Unsere Musik und die Arbeit mit unseren Fans, macht mich unendlich glücklich. Aber nach der Tour wollte ich nur noch weg von all dem. Für mich fühlte sich das alles wie ein Abschied an.«

»Haben Sie darüber nachgedacht aufzuhören?«, fragte Masahiro. 

Irgendwie hatte er eine angenehme Stimme, wie der Gitarrist fand. Er mochte den Kommissar, obgleich ihm dieser auch ein wenig unheimlich war.

 

»Wir alle haben das, aber niemand hat es laut ausgesprochen«, bestätigte er die Frage. »Wir waren müde und ausgebrannt, von unserer Situation.«

»Das war bevor Nishimura-san zur Katze wurde?«

»Ja.« Dai schaute zur Seite und starrte blicklos in den Raum. »Machen wir uns doch nichts vor. Sie haben sich über uns, und vor allem Kyo-san, sehr ausführlich informiert, stimmt's?«

»Selbstverständlich. Das gehört zu meinem Job. Ich kenne seine komplette Akte, auch wenn es ihm nicht gefällt.«

Dai behielt seine Überraschung für sich, als er dies hörte. Eine Akte? Hatte Kyo irgendetwas angestellt? Im Grunde war es ja kaum verwunderlich. Aber da war auch wieder diese verfluchte Neugierde, die ihn hellhörig machte.

»Er ist krank«, antwortete er schließlich tonlos. »Also damit meine ich, dass er seelisch krank ist. Er war schon so, als wir ihn kennenlernten und mit den Jahren wurde es immer schlimmer. So lange er das was in ihm tobt, über seine Texte und seine Musik kanalisieren kann, kommt er einigermaßen klar. Aber wir waren irgendwann an einem Punkt angelangt, wo das nicht mehr ausreichte.«

 

Wieder schaute er zu seinem Gesprächspartner und wieder erhielt er ein Nicken, was ihm nonverbal vermittelte, einfach weiter zu reden. Das Pokerface des Kommissars, war nach wie vor undurchdringlich.

»Wir sind eine Band und eine Familie. Aber keine Familie hält so eine Belastung dauerhaft aus. Es hat unser aller Privatleben belastet und … und mich meine Beziehung gekostet.«

»Was ist nach dem Konzert passiert?«

Dai gab ein leises Knurren von sich, was aber mehr an ihn selbst gerichtet war.

»Wäre ich doch einfach nach Hause gefahren«, murmelte er und sank noch ein Stück in sich zusammen, bis seine Haare nach vorn fielen und sein Gesicht zum Teil verdeckten. »Im Nachhinein hätte ich mich lieber stundenlang mit meiner Freundin gefetzt, anstatt in diesen Gott verdammten Club zu fahren.«

»Welcher Club?«

»Keine Ahnung wie der hieß«, Dai zuckte mit den Schultern. »Einer von den ganz großen. Ich bin mit einem Teil der Crew hin, die nicht mehr beim Abbau des Sets helfen mussten. Da es die letzte Show war, musste unser Equipment nur noch verpackt und zurück geschickt werden. Um den Rest kümmerte sich das Management und wir hatten erst einmal frei.

Kyo wollte nicht mitkommen, Shinya wurde von seiner Freundin abgeholt und Kaoru, … .« Er wusste nicht, wie er es richtig formulieren sollte und schwieg einige Sekunden. »Kaoru hat vermutlich genau das gemacht, was er immer tut, wenn wir nicht arbeiten. Kyo ist für ihn ein Fulltime-Job.«

 

Er wollte auf dieses Thema nicht weiter eingehen. Immerhin schienen ihr Sänger und der Kommissar einander zu kennen und auch Kaoru hatte auf Dai den Eindruck erweckt, dass Suzuki ihm nicht unbekannt war.

»Ich habe Toshiya irgendwann aus den Augen verloren. Er wollte in einen anderen Bereich und ich blieb mit dem Rest zurück. Wir tranken echt viel an dem Abend und irgendwann da - ähm - .« 

Er zögerte, knetete unruhig seine schlanken, kräftigen Finger und knibbelte sich wieder an der Nagelhaut herum. Mittlerweile war sie schon ganz rot und gereizt, aber das hielt ihn nicht davon ab weiter zu machen.

»Ich - wir - .« Er konnte es nicht sagen. Das war viel zu gefährlich! 

Doch vielleicht lag es an seinem Rumgedruckse, oder aber der andere Mann hatte einfach eine extrem gute Intuition. Aber nach einer Weile fragte Suzuki wie aus dem Nichts:

»Waren Drogen im Spiel?« Und das Zusammenzucken des Musikers, war ihm dabei Antwort genug.

»Ja«, gestand Dai schamhaft und verkrampfte sich. »Wenn das herauskommt, dann verlieren wir alles! Bitte, Suzuki-san,« Er sah hoch, der Blick voller Panik. »Bitte behalten Sie das für sich. Die anderen haben schon so viel durchgemacht und ich will nicht, dass die Band zerstört wird, nur weil ich so ein verfluchter Schwachkopf bin!«

 

Dai war so angespannt, dass er zu zittern begann. Dann aber wurden die Gesichtszüge seines Gegenübers weicher und er lächelte sogar ein wenig.

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass Sie in dieser Sache das Opfer sind und ich Sie nicht ans Messer liefern werde, Andō-san«, wiederholte er sein Versprechen. »Sie haben mein Wort.« 

Es würde ihnen nicht helfen, wenn er seinem Klienten jetzt das Gesetzbuch rezitierte und ihm all die Dinge an den Kopf warf, die dieser ohnehin schon wusste. Masahiro benötigte so viele Informationen wie möglich! Und für die Sache mit den Drogen, würde er sich noch irgendeine Ausrede einfallen lassen. Naoki schuldete ihm ohnehin einen Gefallen. [2]

 

Als Dai keine Anstalten machte mit der Geschichte fortzufahren, fragte er freundlich. »Was genau waren das für Drogen?« 

»Wir - ähm - .« Dai schnappte sich seinen fast leeren Becher. Der Kaffee schmeckte furchtbar, aber er war froh darüber seinen Mund etwas benetzen zu können, Seine Zunge fühlte sich irgendwie klebrig an. »Jemand hat einen Joint rausgeholt.«

»Haben Sie vorher schon einmal mit Drogen jedweder Art zu tun gehabt?« So wie er ihn fragte, erweckte es beinahe den Eindruck, als spreche Suzuki lediglich über einen Strafzettel.

»Nein.« Dai schüttelte den Kopf. »Noch nie! Naja, bis auf Alkohol, versteht sich. Und ich wollte damit auch nie etwas zu tun haben. Aber an diesem Abend war ich wohl bereits besoffen genug, um nicht nein zu sagen.«

»Unterschätzen Sie bitte nicht den Druck der Gruppendynamik.« Der Kommissar notierte sich kurz etwas. »Sie waren in einer sozio-emotionalen Krise, standen unter Alkoholeinfluss und unter großem Stress. In einer solchen Situation, hätte wohl jeder andere ebenfalls einfach nachgegeben.«

 

»Es war nur ein Joint.« Dai konnte es selbst kaum fassen, als er dies sagte. »Nur ein verdammter, kleiner Joint. Wie konnte das nur so schief gehen?«

Völlige Verzweiflung übermannte den Musiker und Dai vergrub das Gesicht in den Händen, als er diesen Satz mit einem gequälten Laut ausstieß.

»Was passierte danach?«, fragte Masahiro und versuchte dabei möglichst ruhig und Souverän zu bleiben. Er hatte eine böse Vorahnung.

»Wir reichten den Joint vom einen zum anderen. Jeder zog mal dran und ich trank dabei ein Bier nach dem nächsten. Dabei mag ich japanisches Bier gar nicht so gern.« Dai lachte bitter und blieb in seiner gebeugten Haltung. »Irgendwann war ich so betrunken und zugedröhnt, dass mir irgendwie ganz komisch wurde. Ich wollte nach Hause, oder ins Hotel.«

»Hat einer der anderen Sie mitgenommen?«, fragte Suzuki, aber das ratlose Schulterzucken, was er als Antwort erhielt, verursachte in ihm ihm ein eiskaltes Schaudern.

»Ich erinnere mich kaum noch daran, was danach passierte. Alles ist irgendwie verschwommen und fühlt sich nicht richtig an. Verdammt, ich weiß nicht einmal, ob sich das alles überhaupt so zugetragen hat!«

Wieder folgte ein gequälter Laut, den der Polizist nur zu gut verstehen konnte. Wer würde sich nicht so fühlen, in einer solchen Situation?

»Dann erzählen Sie mir bitte trotzdem davon. Jedes Bruchstückchen könnte sich später als wichtig erweisen.« 

Natürlich wollte er seinen Klienten nicht zu sehr unter Druck setzen. Aber je eher sie den Erpresser fanden, umso besser. 

 

Endlich richtete Dai sich wieder auf und strich sich die langen Strähnen zurück. Dabei fiel Masahiro auf, wie wahnsinnig androgyn dieser Mann mit einem Mal wirkte.

»Wir gingen zu einem Hotel.« Dai schloss die Augen, als er versuchte, sich die verstreuten Puzzleteile ins Gedächtnis zu rufen. »All zu weit kann es nicht gewesen sein, denn ich konnte kaum noch laufen.«

»Wissen Sie wie er aussah?«

»Nein.« Verneinend schüttelte er den Kopf. »Ich weiß nicht einmal mit Sicherheit, ob er Teil der Crew war, oder nur ein anderer Gast aus dem Club. Aber wir waren irgendwann in einem Zimmer und - .«

Plötzlich krochen Bilder in seinen Verstand, die ihn beschämt erröten ließen. Dabei schüttelte er sich, beinahe angewidert von sich selbst.

 

»Was ist?«, fragte Suzuki, welcher seine Reaktion genau beobachtet hatte.

»Nichts«, murmelte Dai und wieder begann er damit, an seinen Fingern zu knibbeln. »Es war - wir sind - uhm -  Wir sind ziemlich übereinander her gefallen«, antwortete er stammelnd. »Ich glaube, dass es am Anfang sogar noch ganz gut war. Aber ich habe keine Erfahrungen mit Männern und ich denke nicht, dass ich überhaupt ein sexuelles Interesse in diese Richtung besitze.«

»Sie müssen sich vor mir deswegen nicht rechtfertigen«, unterbrach ihn der Polizist, was Dai zu einem Schmunzeln veranlasste.

»Das hat Kyo mir auch gesagt«, meinte er und atmete tief durch. »Wie schon gesagt, machten wir einfach nur miteinander rum.«

»Wollten Sie weiter gehen?« 

»Ich wollte vermutlich einfach nur ein wenig Zuneigung.« Dai brummte leicht frustriert. »Was auch immer damals mit mir los war, aber ich bin sehr sicher, dass ich keinen Sex mit ihm wollte! Zumindest nicht auf diese Weise.«

 

»Erinnern Sie sich daran, ob Sie dies an ihn kommuniziert haben?«

Wieder dieses ratlose Schulterzucken, wieder ein schweres Seufzen.

»Das weiß ich leider nicht mehr. In meinem Gedächtnis sind zu viele Aussetzer. Ich weiß nur, dass ich irgendwann wieder ein wenig klarer wurde. Aber mein Körper fühlte sich so schrecklich schwer an. Ich hatte nicht die Kraft dazu, auch nur einen Muskel zu bewegen und begriff auch nicht so richtig, was da gerade passierte.«

»Sie konnten sich nicht wehren?«

»Ich war nicht gefesselt, oder so«, erklärte Dai. »Es war, als wäre mein Verstand wie abgeschaltet. Das was er da mit mir tat, mochte ich nicht und trotzdem war ich nicht dazu in der Lage ihm zu sagen, dass er aufhören soll!«

 

Das eiskalte Gefühl, welches sich seit einigen Minuten in Masahiros Brust festgesetzt hatte, wurde nun immer stärker und ließ ihn erneut schaudern. Er ahnte schreckliches und fast als hätte er seine Gedanken gelesen, wand Dai sich verzweifelt an ihn und fragte:

»Kann so etwas nur von einem Joint kommen?«, wollte er wissen. »Ist das normal?«

Sein Kopfschütteln wirkte dabei fast wie ein Urteil.

»Nein«, antwortete er schweren Herzens. »Nach all der Zeit ist es schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, herauszufinden, ob sie noch andere Substanzen konsumiert haben. Vor allem wenn dies unfreiwillig passiert ist. Dies kann uns nur der Täter sagen.«

Als er das Wort ‘Täter’ aussprach, wurde Dai kreideweiß. Denn damit wurde aus dem, was passiert war, genau das was es tatsächlich auch war: Eine Vergewaltigung.

»Was auch immer man Ihnen in dieser Nacht gegeben hat, hat Sie gefügig und hilflos werden lassen. Und so wie Sie mir den Tathergang schildern, kann ich darin auch nichts anderes sehen, als sexuelle Nötigung.«

 

»Nein«, keuchte sein Gegenüber abwehrend. »Nein, das kann nicht sein. Ich bin sicher, dass ich es nur richtig hätte kommunizieren müssen. Es war sicherlich nur ein Missverständnis!«

Und auch diese Reaktion war ihm nur allzu vertraut. Opfer, ins besondere Männer, verfielen sehr oft in ein Verhalten, in dem sie die Tat leugneten. Sie wollten nicht als schwaches Ziel angesehen werden.

»Andō-san«, begann er deshalb sanft, aber direkt. »Der Täter hat Sie gezielt unter Drogen gesetzt und Ihre körperliche Hilflosigkeit ausgenutzt, um Sie zu missbrauchen. Darüber hinaus hat er sein eigenes Verbrechen gefilmt und will Sie jetzt mit diesen Aufnahmen erpressen.« Er suchte Dais Blick, welcher ihn unsicher ansah. »Dieser Mistkerl kommt seit zwei Jahren mit dem durch, was er getan hat. Sie haben allen Grund wütend auf ihn zu sein. Leugnen Sie nicht was passiert ist, sondern helfen Sie mir dabei, ihn hinter Gitter zu bringen!«

 

Normalerweise hätte er Dai mehr Zeit gegeben, um das alles erst einmal angemessen zu verarbeiten. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass eben dieser seit Wochen erpresst wurde, musste er leider einsehen, dass diese Angelegenheit viel zu dringlich war.

»Sie wollen doch auch, dass es endlich aufhört, oder?«, fragte er, auch wenn er die Antwort kannte. 

Dai nickte, wirkte dabei irgendwie gelähmt und murmelte kaum verständlich »Ja«. Suzuki seinerseits nickte zufrieden.

»Ich verspreche Ihnen, dass wir den Kerl finden werden!«

 

***
 

Kapitel 43 ¦ Katzendrama


 

***

 

Kommissar Suzuki blieb auf eigene Kosten für zwei Tage im Hotel, gemeinsam mit der Band. Während diese ihrer Arbeit nachgingen, kümmerte er sich um seine eigene und sichtete die wenigen Fotos, welche Dai ihm zur Verfügung stellte. Leider war das nicht viel, da der Gitarrist die meisten Ausdrucke in Panik weggeworfen hatte. 

Und während der Polizist also die verpixelten Ausdrucke, Millimeter um Millimeter untersuchte, durfte Kyo sich mit seinen ganz eigenen Problemen herumschlagen. Dieses Mal in Gestalt des fragwürdigen Humors seiner Kollegen.

 

»Ihr habt doch einen Knall!«, schimpfte er und kam sich reichlich albern vor, mit der Geschenktüte in der einen und der kleinen Dose in der anderen Hand.

»Wieso? Gefällt dir die Schleife etwa nicht?«, kicherte Dai und klatschte dann mit Toshiya ab, welcher neben ihm stand und seinerseits dumm grinste. Was auch immer mit ihrem Bassisten in letzter Zeit los war, verhinderte leider nicht, dass er sich an Dais kindischen Scherzen beteiligte.

»Die blöde Schleife ist nicht das Problem«, maulte Kyo, der ein wenig rot um die Nase war und streckte den Gegenstand seines Ärgers, mit reichlich Schwung, in Dais Richtung. »Tunfisch? Ist das dein Ernst?!«

»Nun hab dich doch nicht so, Neko-chan«, lachte Dai und wich dem halbherzigen Schlag aus.

»Mein Kater liebt diese Sorte und außerdem ist es gut für Haut und Fell.«

»Du hast doch wohl einen Schaden!« 

Auch wenn er sich über die Dose Katzenfutter aufregte, so musste sich Kyo durchaus eingestehen, dass es auch ihn ein wenig belustigte; was er vor Dai natürlich niemals offen zugeben würde!

 

Kenji, welcher mit Kaoru am anderen Endes des Raumes stand, musterte die Situation fragend und schaute zwischen Band und Leader hin und her.

»Ignorier das«, lächelte eben dieser freundlich. »Nur ein alberner Witz, sonst nichts.«

Gedanklich verfluchte er Dai und Toshiya jedoch für ihre Unvernunft. Hätten diese Trottel damit nicht warten können, bis sie unter sich waren? 

Ja, Kenji gehörte für sie schon lange zum Team dazu, aber das hieß nicht, dass sie derart unvorsichtig in seiner Nähe sein sollten, was dieses spezielle Thema anging!

Andererseits war es auch schön, Dai mal wieder herzlich lachen zu sehen. Sie alle machten sich große Sorgen und die tiefen Augenringe seines besten Freundes, sprachen Bände!

 

»Wie kommst du mit Yuuto-kun zurecht?«, versuchte Kaoru das Thema zu wechseln, ohne auf die anderen zu achten, welche soeben von Kyo um einen Tisch gejagt wurden.

»Er ist sehr nett«, meinte Kenji. »Im Gegensatz zu Doktor Jansen. Die ist mir irgendwie unheimlich.«

»Ach, du weißt doch was man über die Deutschen so sagt«, grinste Kaoru. »Sie haben keinen Humor, aber wenigstens können sie Bier brauen. Und es ist ja nur für ein paar Tage, bis Doktor Furukawa zurück ist. Kinder! Nun ist aber Schluss!«, donnerte er im nächsten Moment, was seine Kollegen dazu veranlasste inne zu halten und ihn trotzig anzuschauen. Diese drei Spinner würden sich niemals ändern!

»Dai hat angefangen!«, wehrte Kyo ab, noch ehe Kaoru irgendwas sagen konnte und erinnerte ihn jetzt an ein bockiges Kind. 

»Du würdigst mein Geschenk nicht«, verteidigte sich der Beschuldigte und erntete dafür eine unhöfliche Geste.

»Das ist Katzenfutter!«

»Und wenn ihr nicht sofort mit dem Geschrei aufhört«, unterbrach der Leader streng, obwohl er sich das Grinsen nur mit Mühe verkneifen konnte, »dann gibt es gleich Hausarrest und ich nehme euch eure Smartphones weg. Verstanden? Ja Toto, dich meine ich ebenfalls!« 

Dem Bassisten warf er einen strengen Blick zu, was diesen unschuldig pfeifen ließ, so als hätte er überhaupt nichts damit zu tun.

 

Glücklicherweise tauchte nun auch Shinya wieder auf und winkte Kenji zu sich. In wenigen Tagen würden sie in der Saitama Arena spielen und wie immer überließ ihr Drummer nichts dem Zufall, was sein geliebtes Baby anging.

Kenji verabschiedete sich höflich und folgte seinem Mentor, wie ein artiger Schüler.

Als sich die Tür hinter ihm schloss, atmete Kaoru hörbar durch und stemmte die Arme in die Seiten.

»Jungs, das geht so nicht«, ermahnte er die anderen drei. »Versucht doch wenigstens ein bisschen vorsichtiger zu sein, okay? Ich mag Kenji ja auch, aber das heißt noch lange nicht, dass wir ihn zu sehr in das alles mit einbeziehen dürfen. Ins besondere nicht, wenn es um Katzen geht!« Dabei warf er einen bedeutungsschwangeren Blick auf die Dose.

»Es war doch nur ein dummer Scherz«, verteidige Dai seine Handlungen. »Denkst du etwa, Kenji kommt von ganz alleine dahinter? Es ist doch nicht das erste Mal, dass wir Kyo verarschen.«

»Ich will nur nicht, dass das nach hinten losgeht!« Kaoru war, wie immer, viel zu vorsichtig in den Augen seiner Freunde und Kollegen.

 

»Kao?« Kyo sah ihn an und lächelte plötzlich derart sanft, dass dem armen Gitarristen beinahe das Herz stehen blieb. Er kam eigentlich viel besser damit zurecht, wenn Kyo sich,  ihnen gegenüber, eher distanziert verhielt. Dann konnte er seine eigenen Gefühle viel besser ausblenden.

»Ja?«, fragte er und glaubte, dass seine Stimme irgendwie angespannter klang, als sie sollte.

»Reg dich bitte nicht auf. Dai hat recht, Kenji kennt das hier doch.« Kyo wedelte mit der Dose, auch wenn er sie nur indirekt meinte. »Denk an dein armes altes Herz.«

»Lass mein Herz mal mein Problem sein!« 

Kaoru hatte nicht so gemein klingen wollen und, so wie Kyo ihn ansah, schien es diesen nun doch zu verunsichern. Er schob es auf den Stress der Tour, auch wenn ihm klar war, dass sein eigentliches Problem ganz wo anders lag. 

Und da ihn die anderen nun durchaus besorgt anstarrten, entschied er sich zur Flucht. Hier und heute wollte er das alles definitiv nicht besprechen. Ins besondere, da Kaoru nicht wollte, dass sich irgendjemand ungefragt in sein Gefühlschaos einmischte.

»Ich muss mit dem Manager sprechen«, sagte er patzig, schob sich an seinen Kollegen vorbei und verließ fluchtartig den Raum.

 

Zurück blieb ein verwirrter Kyo, welcher immer noch diese Dose in der Hand hielt und ratlos die sich schließende Tür ansah.

»Was war das denn?«, fragte er und schaute zu den übrigen beiden, von denen Dai mit den Schultern zuckte und Toshiya genervt mit den Augen rollte. Letzteres ließ den Sänger die Stirn runzeln. »Was?«, fragte er und fixierte ihren Bassisten.

Eben dieser schüttelte verständnislos den Kopf.

»Du verstehst es einfach nicht, oder?«, wollte er wissen, von der guten Stimmung war längst nichts mehr übrig.

»Was verstehen?«, wiederholte Kyo. »Was genau ist hier eigentlich los?« Ihm gefiel es nicht, wenn er den Eindruck bekam, dass hinter seinem Rücken irgendwelche Dinge abliefen, die ihn zwar betrafen, in die man ihn aber nicht mit einbezog.

»Er liebt dich!«, fauchte Toshiya, derart wütend, dass es Kyo und auch Dai sichtlich überraschte.

»Das weiß ich«, antwortete er, nach einigen Sekunden.

»Dann entscheide dich endlich!« Toshiya schüttelte Dais Hand ab, welche dieser auf seine Schulter gelegt hatte, um ihn zu beruhigen. Aber er wollte sich nicht beruhigen! »Hör mir mal genau zu, Kyo. Du verbrennst Kaoru mit dieser Scheiße und nur wegen dir stellt er sein Privatleben, seit Jahren, komplett in den Hintergrund. Wegen dir wird er irgendwann als einsamer alter Mann sterben!«

»Toto, du übertreibst.«

»Ich übertreibe überhaupt nicht, Dai!« 

Es kam wirklich nur sehr selten vor, dass Toshiya derart aus der Haut fuhr. Diese ganze Sache musste schon sehr lange an ihm nagen, das erkannte sogar Kyo.

 

»Dann sag du mir doch, was du von mir verlangst«, forderte er, nun ebenfalls hörbar angefressen. »Was soll ich deiner Meinung nach denn tun?«

Der Blick, den er dafür kassierte, hätte missbilligender nicht sein können.

»Ich will, dass du ihn endlich gehen lässt! Sag ihm, dass aus dir und ihm niemals etwas wird und gib ihn frei.«

»Freigeben? Wovon redest du da, Toto? Ihr tut immer so, als würde ich Kaoru gefangen halten. Aber er hat das alles selbst entschieden. Ich habe ihn nie darum gebeten!« Kyo war es leid, dass an ihm alle Schuld zuschob. 

»Rede dir das ruhig ein«, knurrte Toshiya. »Aber du weißt genau, dass das nicht stimmt, Kyo. Er war für dich da, als du so sehr am Boden warst, dass du sterben wolltest. Er hat dich von Anfang an geliebt und weil er wusste, dass er dich nicht haben kann, hat er sich auf dieses kranke Spielchen mit dir eingelassen. Du wusstest das genau und hast nichts unternommen, um ihn aufzuhalten! Weil es viel bequemer ist, dass Kaoru sich um deine Probleme kümmert! Weil es bequemer ist und du es dann nicht selbst machen musst! Du bist ein Parasit

 

Toshiya wusste, dass er viel zu weit ging, mit dem was er sagte. Aber konnte nicht verhindern, dass diese bissigen Worte aus ihm heraus sprudelten. Denn es waren all die Dinge, die er seit Monaten mit sich herum schleppte und in sich hinein fraß. Doch nun konnte er einfach nicht mehr anders. Es wurde Zeit, dass Kyo die Wahrheit erfuhr.

Aber je weiter er sprach und je zorniger er wurde, umso mehr wich die Farbe aus dem Gesicht des Sängers. Bis dieser kreideweiß war und die schönen, vollen Lippen, zu dünnen Strichen verkrampfte. 

Und dass das letzte Wort, der letzte Vorwurf, ein Fehler war, wurde Toshiya im gleichen Moment klar, kaum dass er es aussprach. 

Mit einem erstickten Schrei wurde er von den Füßen gerissen und lag nun mit dem Rücken auf dem harten Fußboden. Kyo kniete auf ihm, hatte die kräftigen Finger um seine Kehle geschlossen, die eisblauen Augen aufgerissen und zitterte am ganzen Leib vor Wut.

»Halt dein Maul!«, schrie er und drückte gnadenlos zu. 

Toshiya schlug nach ihm, gab ein Röcheln von sich und fühlte wie sein Hals immer stärker zusammengepresst wurde. Panisch riss er die Augen auf, packte Kyos Handgelenke und zerrte an ihnen. Dabei spürte er die wahnsinnige Hitze, welche dieser durchgehend abstrahlte. 

 

»Halt endlich dein Maul! Ich bin kein Parasit!«

»Kyo, hör auf!«

Toshiya sah Dai, welcher plötzlich hinter Kyo auftauchte, diesen mit beiden Armen umschlang und an dem sich wehrenden Mann zog. Dabei rief er immer wieder Kaorus Namen.

Aber es war gar nicht so einfach, sich gegen den leidlich gut trainierten Kyo zu wehren. Mittlerweile bildeten sich dunkle Sprenkel und Lichtblitze in Toshiyas Sichtfeld und Panik ergriff von ihm Besitz, je länger dieser Zustand anhielt. 

Er bekam keine Luft mehr, gab lediglich würgende Laute von sich und strampelte mit den Beinen ziellos umher. Mehrfach trat er auf irgendwas ein und er ahnte, dass es sich dabei um den armen Dai handelte. Denn eben dieser gab einen Schmerz erfüllten Laut von sich.

 

Schließlich schafften sie es, mit vereinten Kräften, den tobenden Kyo von ihm herunter zu ziehen. Als sich die Finger von seinem Hals lösten, schrammten deren Nägel über Toshiyas Haut und hinterließen dabei rote Kratzer. Sofort rollte sich der Bassist auf die Seite und nahm instinktiv eine schützende Haltung ein, während er hektisch nach Luft schnappte.

In unmittelbarer Entfernung rangelten Dai und Kyo miteinander. Immer noch schrie der Sänger wie von Sinnen und versuchte nun seinerseits auf seinen anderen Kollegen loszugehen. Aber er verharrte mitten in der Bewegung, kaum dass er sich aus dessen Griff befreite. Seine Augen fixierten die Person, welche in der Tür stand und auf ihn, Dai und Toshiya hinunter starrte.

 

»Noch eine Bewegung,« flüsterte Kaoru angespannt, »und ich schalte dich aus.«

Sein Blick war von so viel Traurigkeit, Enttäuschung und Wut gezeichnet, dass Kyo mit einem Schlag das Gefühl hatte, jemand hätte ihm einen Peitschenhieb verpasst. Er konnte spüren, wie sich sein Herzschlag beschleunigte und wie aus seinem Zorn urplötzlich Angst wurde.

Kaoru hielt sein Smartphone hoch. Der Daumen schwebte, in einer bedrohlichen Geste, über dem knallroten Button von Yuutos App. Sollte er sie aktivieren, würde sich zwangsläufig eine große Menge an Etorphin in Kyos Organismus ergießen und das wollte dieser auf gar keinen Fall. Zu gut erinnerte er sich noch an das, was beim letzten Mal passiert war.

»Runter von ihm!«

Ihr Bandleader kam näher und mit jedem seiner Schritt, wich Kyo immer weiter zurück, bis er gegen einen Stuhl stieß und ein frustriertes Fauchen von sich gab. Sein Blick huschte zwischen Kaoru und dem Smartphone hin und her. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, zog der Gitarrist die Tür hinter sich zu und fragte die anderen beiden, ob alles okay wäre.

 

»Ja«, krächzte Toshiya, der sich langsam wieder aufrappelte und mit den Fingern seinen eigenen Hals abtastete. Es tat weh und er hatte immer noch das Gefühl, Kyos Hände an sich zu spüren.

»Was war hier los?«, folgte die unweigerliche Frage. »Wieso hast du die beiden angegriffen, Kyo?« Es war für Kaoru absolut unbegreiflich. Er war doch nur fünf Minuten weg und schon brach die Hölle los; wieder einmal mit Kyo in der Hauptrolle.

»Toshiya«, knurrte der Sänger, dessen Verhalten in diesem Moment mehr einem Tier glich, denn einem Menschen. »Er sagte ich wäre … .« Er zögerte und sah zu Boden. »Ich bin kein Parasit«, murmelte er schließlich und ballte die Hände zu Fäusten.

»Parasit?«, fragte Kaoru, welcher das Smartphone noch immer in der Hand hielt und nun einen Blick zu Toshiya warf, welcher jedoch trotzig schnaubte und mit Dais Hilfe wackelig auf die Beine kam. Ihm war immer noch schwindelig. »Wieso sagst du so etwas zu ihm? Habt ihr jetzt beide den Verstand verloren?!« 

 

Natürlich verurteilte er Kyos Handeln aufs schärfte. Aber Kaoru begriff nicht, wieso ihr Bassist so unvernünftig gewesen war, um diese Situation absichtlich zu verursachen. Sie alle wussten doch, dass das verdammt gefährlich war!

»Du kannst ihn nicht immer in Watte packen!«, antwortete Toshiya heißer.

»Und deswegen musst du ihn beleidigen?«

»Kaoru, merkst du es eigentlich noch?« Ihr Bassist war zu Recht wütend. »Er hat vor einer Minute versucht mich umzubringen und du nimmst ihn trotzdem in Schutz? Dir ist doch nicht mehr zu helfen!«

»Ich nehme ihn nicht in Schutz!«

»Doch, genau das tust du immer! Egal was Kyo anstellt, für dich sind immer nur alle anderen Schuld. Das ist krank, Kaoru! Ihr seid beide absolut krank!« Als der Ältere etwas einwerfen wollte, vollführte Toshiya eine unwirsche Geste mit der Hand. »Nein, halt die Klappe! Sieh endlich ein, dass du ihn niemals haben wirst. Er nutzt dich immer nur aus und du kannst nur unglücklich werden, wenn du weiter an ihm hängst.«

 

»Das reicht jetzt!«

Tatsächlich verstummten Toshiyas zornige Worte, als Kaoru lauter wurde. Natürlich konnte ihr Leader streng sein, aber so wütend hatten sie ihn, in all den Jahren, nur selten erlebt.

»Dai!«, bellte er, in Richtung des anderen Gitarristen. »Geh mit Toshiya zu Doktor Jansen. Ich will, dass sie sich seinen Hals anschaut.« Als weder der eine, noch der andere, Anstalten machte sich zu bewegen, setzte er ein harsches »Los jetzt!« hinterher.

Erst dann nickte Dai, packte Toshiya am Handgelenk und zog ihn einfach mit sich, aus dem Raum. Es behagte ihm zwar nicht, seinen besten Freund mit Kyo alleine zu lassen; andererseits war er aber auch froh, vor dessen Zorn fliehen zu können.

Kaoru sah ihnen nicht nach, sondern wartete, bis die Tür ein weiteres Mal hinter ihm ins Schloss fiel. Mit den Augen fixierte er dabei Kyo, der immer noch am Boden kauerte und seinen Blick erwiderte. Dabei wirkte er tatsächlich wie ein in die Ecke getriebenes Tier. 

 

»Kyo«, durchbrach seine gesenkte Stimme die angespannte Stille zwischen ihnen, was diesen dazu brachte die Zähne zu blecken und aggressiv zu fauchen. »Lass das!«, erwiderte er und zwang sich dazu keine Angst zu zeigen. 

Ob es allein an seiner Körpersprache lag, oder an der Tatsache, dass er immer noch das Smartphone in den Händen hielt, war nicht ganz klar. Aber es war auch für Kaoru ungewohnt, den sonst so streitlustigen Kater, derart kleinlaut und unterwürfig zu erleben.

»Wenn du es nochmal wagen solltest, auch nur darüber nachzudenken, einen aus der Band anzugreifen, dann werde ich ohne Vorwarnung abdrücken! Haben wir uns verstanden!?«, verlangte er und erhielt wieder nur ein Fauchen. »Na los! Ich will es hören, Kyo. Hast du das kapiert?!«

Die Situation war ganz anders, als beim letzten Mal in Satoshis Haus. Damals hatte er zwar auch mit dem animalischen Anteil im Kopf seines Freundes gesprochen, aber dieser hatte sich zumindest noch halbwegs menschlich verhalten. Hier und jetzt war von dieser Menschlichkeit kaum noch etwas zu sehen, bis auf die dünne Hülle, hinter der es spürbar brodelte.

»Kyo!«, forderte er ein weiteres Mal und nun schien sich eben dieser soweit gesammelt zu haben, dass er den Mund öffnen und Worte formulieren konnte.

»Ja, kommt nicht wieder vor«, knurrte Kyo, auch wenn seine verkrampfte Haltung etwas ganz anderes ausstrahlte. Man sah ihm deutlich an, dass er sich am liebsten auf Kaoru gestürzt hätte. 

 

Dieser wartete ab, beobachtete jede noch so kleine Bewegung im Körper seines langjährigen Freundes und senkte dann ganz langsam die Hand mit dem Smartphone. Auch wenn er immer noch dazu bereit war, jederzeit den Auslöser zu aktivieren.

»Komm her«, verlangte er, was den Kater dazu verleitete, fragend die Stirn zu runzeln. »Komm zu mir«, wiederholte er daraufhin und streckte die freie Hand ein wenig aus.

Kyo zögerte immer noch, stand dann aber langsam auf und kam zu ihm. Schultern und Nacken blieben angespannt und in deutlicher Hab-Acht Haltung.

»Schon gut«

Es war wirklich als versuche man eine verstörte Katze zu beruhigen. Kaoru legte die Finger in den Nacken des anderen und ließ sie erst einmal dort ruhen. Deutlich spürte er die angespannten Muskeln und strich langsam mit dem Daumen über die verhärteten Stellen, bis sie sich allmählich lockerten. Und dass Kyo von sich aus einen weiteren Schritt in seine Richtung tat, überraschte ihn dann doch so sehr, dass er kurz erstaunt einatmete.

 

»Bin ich ein Parasit?«

Kyo sah auf und musterte ihn fragend, aus diesen faszinierenden blauen Augen, die Kaoru genau so sehr liebte, wie er sich vor ihnen fürchtete. Er schüttelte den Kopf, ohne etwas zu antworten.

»Du liebst mich.«

Er nickte, obwohl es keine Frage war. Immer noch riss der Blickkontakt zwischen ihnen nicht ab und immer noch lag Kaorus Hand am Hals seines Sängers. Sie waren sich so nahe, aber er wusste, dass er diesen Abstand nicht überbrücken und ihn küssen durfte. Egal wie stark die Sehnsucht auch in seinem Herzen wütete.

»Wieso tust du das? Wieso liebst du mich? Was kann man, an einem kaputten Monster wie mir, denn schon lieben?« Kyos wunderschöne, samtige Stimme, kam einem Wispern gleich und irgendwie wurde er den Eindruck nicht los, dass sich hin und wieder ein leises Schnurren hineinmischte.

»Ich weiß es nicht.« Um seine Worte zu unterstreichen, zuckte Kaoru mit den Schultern. »Weil du mich fasziniert? Weil ich gesehen habe, wie zerbrechlich du in Wahrheit bist? Weil ich ein Idiot bin?« Er hatte sich die gleiche Frage immer und immer wieder gestellt, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. »Und für mich bist du kein Monster. Du bist einfach nur -.«

»Kaputt?«

»Einfach nur Kyo.«

 

So wie der andere Mann stutzte und überrascht blinzelte, hatte er mit einer solch simplen Antwort eindeutig nicht gerechnet. 

»Das ist alles?«

»Ja.« Nun musste der Leader tatsächlich schmunzeln und tat etwas, was er sich bislang immer verboten hatte. Er hob den Kopf, beugte sich vor und küsste Kyo sanft auf die Stirn. »Das ist alles«, flüsterte er und verharrt noch einige Sekunden in dieser Position. Und kaum dass er sich wieder zurück zog, stellte er erleichtert fest, dass der unmenschliche Ausdruck aus Kyos Augen verschwunden war. »Du bist einfach nur du selbst, mit all deinen vielen Facetten, die ich schon an dir kennenlernen durfte. Und ständig entdecke ich neue, obwohl ich dachte, dass du mich nicht mehr überraschen kannst.«

Kyo wusste ganz offensichtlich nicht, was er dazu sagen sollte. So viele Emotionen standen ihm ins Gesicht geschrieben, dass Kaoru es beinahe bereute, derart offen über seine Gefühle gesprochen zu haben.

»Hör mal zu, Kyo«, begann er. »Du weißt, dass ich in dieser Sache nichts von dir erwarte. Ich liebe dich, daran kann und will ich nichts ändern. Aber ich weiß auch wie schwer es dir fällt, mit diesen zwischenmenschlichen Dingen richtig umzugehen. Du vertraust mir und ich will und werde dieses Vertrauen nicht ausnutzen. Okay?«

Er hoffte, dass Kyo verstand, was genau er ihm damit sagen wollte.

Zuerst passierte nichts, dann aber nickte dieser knapp.

»Das stimmt, ich vertraue dir«, murmelte er bestätigend, senkte den Blick und fixierte irgendeinen Punkt zwischen ihnen. »Du hast mich damals in Ketten gelegt und du bist der einzige, der die anderen vor mir beschützen kann. Also bitte, ich flehe dich an, lass die Kette niemals los. Ich habe Angst vor dem, was sonst passieren könnte.«

 

***

 

Sehr wahrscheinlich waren es die Nachwirkungen von dem, was beinahe passiert wäre. Aber Kyo empfand die Abreise, von Kyoto nach Tokio, dieses Mal irgendwie anstrengender als sonst. 

Toshiya hatte nicht mehr mit ihm gesprochen und im Allgemeinen herrschte eine nahezu beängstigende Stimmung zwischen ihnen, die auch dem Rest der Crew nicht entging. Sie waren angespannt und er hatte das Gefühl, als liege ein unsichtbares Gewicht auf seinem Verstand.

Wie sollten sie, in so einem Zustand, diese verdammte Tour spielen? 

Er mochte Toshiya doch eigentlich. Also wieso konnte er nicht einfach zu ihm gehen und sich anständig entschuldigen?!

 

»Ihr seid beide sture Hunde!«, platzte es aus Dai heraus, während sie nebeneinander standen und auf den Fahrer warteten, welcher sie in die Hauptstadt zurückbringen würde.

Vor seiner Infektion mit dem Virus, hatte Kyo eigentlich mit dem Gedanken gespielt, wieder in seine Heimatstadt zu ziehen. Aber zum einen würde es ihre Arbeit erschweren und zum anderen brauchte er Satoshi zwingend in seiner Nähe. Und dass ihm die Entfernung zu seinem Mentor mittlerweile deutliche Probleme bereitete, hatten sie am gestrigen Tag ja erlebt.

»Er ist hier der Hund«, murrte er, mit verschränkten Armen und stieß mit der Fußspitze leicht gegen seinen Koffer. Er brauchte alsbald einen neuen. Die Nähte waren schon ziemlich zerschlissen und einer der seitlichen Griffe löste sich langsam in Wohlgefallen auf.

»Und du bist eine Katze. Ist doch kein Wunder, dass es so gekracht hat!« Dai schüttelte verständnislos den Kopf. »Man Kyo, geh einfach zu ihm und entschuldige dich.«

»Nur, wenn er es auch tut.« Ja, ihm war ja auch klar, dass es kindisch und bescheuert war, sich so zu verhalten. »Ich sehe nicht ein, dass ich hier der einzige sein soll, der einen Fehler gemacht hat.«

»Das habe ich auch nie behauptet!«, wehrte Dai ab. »Aber du hast einen gemacht und für den musst du dich entschuldigen, du Idiot.«

»Ja, ich weiß«, gestand er zähneknirschend und schielte zur Seite. Toshiya tat so, als wäre er ganz in das Gespräch mit Shinya und Kenji vertieft. Dabei glaubte Kyo, dessen Blicke in seinem Rücken gespürt zu haben. »Nachher.«

 

Der Gitarrist rollte mit den Augen und schnaufte leicht genervt.

»Wie kann man nur so kompliziert sein. Ich werde nie verstehen, warum Kaoru derart besessen von dir ist.«

»Na, da sind wir ja schon zwei.« Kyo verstand es genau so wenig. »Hast du eigentlich wieder Post bekommen?«, versuchte er das Thema zu wechseln, auch wenn es nicht gerade taktvoll war. 

Tatsächlich verzog Dai das Gesicht und schob sich die Sonnenbrille rasch ein wenig höher.

»Ja.«

»Und?«

»Nichts ‘und’!«, brummte dieser. »Ich habe es direkt Kommissar Suzuki gegeben.« Sie senkten beide die Stimmen und Dai raunte ihm zu: »Danke nochmal. Du hast mir wirklich einen riesigen Gefallen getan, Kyo. Ich schulde dir was.«

Irgendwie freute er sich darüber, auch wenn es die Schuldgefühle nicht unbedingt dezimierte. Trotzdem konnte Kyo sich das leise Lächeln einfach nicht verkneifen.

 

»Ach was, nicht dafür. Du warst in Not und wir sind Freunde, ganz egal was ich jetzt bin. Suzuki-san machte mir damals einfach einen sehr kompetenten Eindruck und da dachte ich mir - .«

»Woher kennt ihr euch eigentlich?«, fragte Dai, wie aus dem Nichts heraus und brachte ihn damit ein wenig aus der Fassung. 

»Ähm«, murmelte Kyo und kramte gedanklich nach einer guten Antwort. Immerhin konnte er ja nicht einfach so sagen ‘Er hat einen Mord vertuscht, den ich begangen habe.’

»Ich, ähm, er hat mich als Zeuge befragt und mit mir über alles mögliche gesprochen.« Sogar in seinen eigenen Ohren, klang das wenig glaubhaft. »Es ging um Katzendinge«, setzte er noch nach, um irgendwie die Situation zu retten; erzielte damit aber nur das Gegenteil. 

Dai hob fragend eine Augenbraue und verschränkte die Arme vor der Brust. Dabei wirkte er wie eine strenge Mutter, die ihren Sohn für irgendwas zur Rede stellen wollte.

 

»Ach ja?«, fragte er überflüssigerweise. »Was sind denn das für Katzendinge, die du mit der Polizei besprechen musstest?«

»Ich habe das nicht mit der Polizei besprochen!«, erwiderte Kyo patzig. »Nur mit ihm und ich darf nicht darüber reden. Das ist geheim!«

»Aha? Und wenn man kein Mitglied im Katzenclub ist, darf man nicht wissen um was es geht?«

»Er ist auch keine Katze!« Na großartig, das Ganze nahm einen Verlauf an, der ihm nicht gefiel. »Ich darf nicht darüber reden, okay?«

»Schon gut.« Dai wirkte nun ebenfalls ein wenig genervt, weil er nicht die Information bekam, die er wollte. »Es wundert mich nur, dass Kaoru ihn ganz offensichtlich auch kennt.«

»Na, dann frag doch Kaoru, wenn du es so dringend wissen musst!«, fauchte der Sänger, schnappte sich seine Tasche und ging auf Abstand. 

Großartig! Es wurde wirklich immer schlimmer. Nun würde er sich nicht nur bei Toshiya entschuldigen müssen, sondern auch bei Dai.

 

Als der erste Van vor ihm hielt, warf er lediglich seine Tasche in den Kofferraum und bezog dann kurzerhand den Platz auf dem Beifahrersitz. Auf diese Weise wollte er vermeiden, dass ihn einer der anderen in ein Gespräch verwickelte und, so sehr er Shinya auch mochte, aber in diesem Moment hatte er wirklich keine Lust darauf, sich von ihrem sanftmütigen Drummer bequatschen zu lassen. 

Gott verdammt, er war so schrecklich müde von all dem. Kyo wollte nur noch schlafen, nachdem er davon, in der vergangenen Nacht, viel zu wenig gehabt hatte. 

Denn wieder einmal, hatte es ihn bereits nach wenigen Stunden aus seinen Albträumen gerissen. 

 

Wieder hatten ihn die selben Bilder geplagt. 

Wieder hatte er sich in die Toilette erbrochen, bis sein ganzer Körper zitterte und von kaltem Schweiß bedeckt war. 

 

»Katsuo, du Gott verdammtes Stück scheiße«, hatte er gekeucht, als die Krämpfe endlich nachließen und er sich den Mund mit dem Handrücken abwischte. 

Dabei sah er, dass ihm nicht nur Erbrochenes daran klebte, sondern auch ein wenig Blut. Nur dumpf spürte er ein leichtes Brennen, an der Innenseite seiner Wange. Also hatte er sich wohl mal wieder im Schlaf auf eben jene gebissen. 

Zu schwach um aufzustehen, sank er lediglich gegen den Unterschrank des Waschbeckens und strich sich die klatschnassen Haare aus dem Gesicht. Sie waren viel zu lang und er nahm sich vor, sich in Tokyo seinen Rasierer zu schnappen und einfach kurzen Prozess mit ihnen zu machen. 

Kyo war zwar ein Freund von ausgefallenen Frisuren. Aber er hasste es zum Friseure zu gehen, sich von anderen anfassen zu lassen und stundenlang in einem Salon zu sitzen, nur um von den vielen Geräuschen und Gerüchen malträtiert zu werden.

 

Immer noch betrachtete er das Blut und zuckte zusammen, kaum dass der Anblick Bilder in seinem Kopf projizierte, die er einfach nur noch vergessen wollte. 

Blut, Gedärme, Fleisch, Fell, Tod - Katsuo. Immer wieder Katsuo!

»Scheiße.«

Mit voller Wucht schlug sein Kopf gegen die hölzerne Tür des Unterschranks. 

»Scheiße! Scheiße! Scheiße! … « 

Wieder und wieder stieß er ihn dagegen, nahm den dumpfen Schmerz billigend in Kauf und sehnte sich danach, dass das albtraumhafte Gedankenkarussell endlich zum Stillstand kam. Er wollte nicht mehr an das erinnert werden, was er getan hatte. Er wollte endlich vergessen!

Aber Katsuos zerrissener Körper vermischte sich irgendwann mit anderen Bildern und reihte sich in eine ganze Galerie von Toten, deren Gesichter miteinander verschmolzen. Bis ihm ganz schwindlig wurde und er die Finger in seine Haare krallte. Kyo zog an ihnen, kratzte sich über die eigene Kopfhaut und erstickte seinen Schrei letzten Endes nur dadurch, dass er sich in seinen Unterarm biss.

 

Er hatte keine Ahnung, wie lange er im Badezimmer gekauert hatte. Vielleicht nur wenige Minuten; oder vielleicht doch eine ganze Stunde? 

Es war ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen. Irgendwann hatte er sich in die Dusche geschleppt, um die Spuren seines Albtraums von sich zu waschen. Die restliche Nacht hatte Kyo vor seinem Laptop verbracht, Videos geschaut, ohne wirklich hinzusehen und immer mal wieder lose Gedankengänge in sein überfülltes Notizheft geschrieben.

Und nun saß er hier, hatte sich die Kapuze seines Hoodies über den Kopf gezogen und starrte einfach nur aus dem Seitenfenster des Vans. 

Irgendwo am Rande seiner Wahrnehmung hörte er, dass sich die anderen vier leise miteinander unterhielten, doch er blendete es soweit wie möglich aus und versank einfach nur in seinen düsteren Gedanken.

 

Wieso nur hatte er Toshiya angegriffen? 

Er war doch sein Freund und Teil ihrer kleinen, abgedrehten Familie. Kyo hatte sich geschworen, seine Familie zu beschützen. Also warum zum Teufel griff er ihn an? Lag es nur daran, dass Toshiya ihn als ‘Parasiten’ bezeichnet hatte, oder war da mehr? 

Kaoru sei dank, war es nicht noch weiter eskaliert. Aber irgendwas an der ganzen Situation, hatte sich vertraut angefühlt, wie ein Déjà-Vu. Doch wenn er versuchte, dieses Gefühl mit einer konkreten Erinnerung zu verbinden, entglitt es ihm und verschwand in dem diffusen Nebel, der auf einem Teil seines Gedächtnisses lag.

War das vielleicht schon einmal passiert? 

Nein, das war unmöglich. Denn so etwas hätte er ganz sicher nicht vergessen!

Und was ist mit Vulgar?’, flüsterte eine kleine, gemeine Stimme, irgendwo in seinem Kopf.

Stimmt, diese Tour hatte er in ihrer Gesamtheit vergessen und grundlos hatte Kaoru ihn damals nicht in die Klinik gefahren. 

Konnte es also sein, dass - ?

»Unsinn«, murmelte er nachdenklich. »Das kann nicht sein.«

 

»Hast du was gesagt?«

Kyo zuckte zusammen, als Kaoru ihn so direkt ansprach. Ihr Leader saß schräg hinter ihm und sah fragend von dem Laptop auf, welchen er auf seinem Schoß liegen hatte. 

Verwirrt sah Kyo sich um und stellte fest, dass sie Kyoto schon lange verlassen haben mussten. Hatten sich die anderen nicht eben noch unterhalten? Warum schlief Dai denn plötzlich und wieso zeigte die Uhr am Armaturenbrett an, dass es kurz nach Eins am Mittag war?

»Wo sind wir?«, fragte er, ohne auf Kaorus Worte einzugehen. 

Kyo fühlte sich ganz erschlagen, so als hätte man ihn aus einem etwas zu tiefen Schlaf gerissen. Statt seinem Kollegen, antwortete nun jedoch der Fahrer:

»Noch ungefähr fünf Minuten von Gotemba entfernt.«

Gotemba? 

Also waren sie seit ungefähr drei Stunden unterwegs. 

Drei Stunden? Wie konnte das sein? 

»Bin wohl eingeschlafen«, sagte er schwerfällig, mehr zu sich selbst und rieb sich über die Augen.

»Also dafür, dass du geschlafen hast, warst du vorhin ganz schön gesprächig.« Toshiya sah von seinem Handy auf und zu ihm. Irrte er sich, oder lag da eine unangenehme Feindseligkeit in dessen Blick? 

Okay, in Anbetracht dessen, was am gestrigen Tag passiert war, wunderte es ihn nicht. Sie mussten dringend miteinander reden und diese Sache aus der Welt schaffen!

 

»Ach, echt?«, fragte er und schaute zu Kaoru, welcher nickte und den Kopf leicht auf die Seite neigte. Man sah ihm an, dass er einige besorgniserregende Schlüsse aus Kyos Verhalten zog.

»Ja. Was hast du?«

Das konnte doch unmöglich sein! 

Er konnte sich nicht daran erinnern, dass er seit Kyoto auch nur ein einziges Wort mit seiner Band gewechselt hatte. Was um alle in der Welt, hatte er ihnen denn gesagt?

»Ich bin okay«, antwortete er hastig und wand schnell den Blick wieder nach vorn, als wäre die ewige Autokolonne wahnsinnig interessant.

Shit, das ist nicht gut’, schoss es ihm dabei durch den Kopf. 

Kyo hatte gehofft, dass diese verdammten Blackouts endlich der Vergangenheit angehörten und nun ging das alles wieder los?

Beruhige dich!’ Er atmete durch und lehnte sich zurück, obwohl jede Faser seines Körpers extrem angespannt war. ‘Du bist übermüdet und gestresst. Da kann das mal passieren. Kein Grund deswegen in Panik zu geraten.’

Nervös knibbelte er mit den Fingern an ein paar losen Fasern seiner Jeans herum, während er an das dachte, was ihm sein ehemaliger Psychiater gesagt hatte. Bei seinem Krankheitsbild war es durchaus möglich, dass es in gewissen Ausnahmesituationen zu dissoziativen Blackouts kommen konnte. Ausgelöst durch körperlichen oder psychischen Stress. Aber alleine die Tatsache dass es passierte, reichte vollkommen aus, um ihn unruhiger werden zu lassen.

 

Die restliche Zeit, bis sie zurück in Tokio waren, schwieg Kyo und achtete penibel darauf, nicht wieder einzuschlafen. Innerlich zählte er die Kilometer runter, weil er endlich aus diesem verdammten Auto raus wollte.

Dementsprechend knapp fiel auch seine Verabschiedung aus, als sie in einer Nebenstraße, nahe seines Apartmenthauses hielten und er rasch ausstieg, um seine Tasche aus dem Kofferraum zu holen. 

Dabei glaubte er sogar, die Blicke der anderen hinter den getönten Scheiben auf sich spüren zu können. Eine Gänsehaut bildete sich auf seinen Armen und die feinen Härchen in seinem Nacken stellten sich auf. 

Kyo warf die Klappe des Kofferraums unnötig kraftvoll zu und war bereits dabei sich abzuwenden und zu gehen, als er hörte, wie sich eine Autotür öffnete. Er musste nicht einmal hinschauen, um zu wissen wer ausstieg und zu ihm kam.

 

»Ich will jetzt nicht reden«, maulte er Kaoru an.

»Kyo«, sprach sein Leader trotzdem und blieb hinter ihm stehen. »Wegen dem, was du vorhin gesagt hast - .«

»Nicht jetzt, okay?«, fauchte er und schulterte seine Tasche. 

Da packte ihn der andere Mann plötzlich am Handgelenk und hielt ihn fest. Kyos innere Anspannung wurde nun so stark, dass er sich zu Kaoru umwandte und so finster und animalisch  knurrte, dass dieser ihn augenblicklich wieder losließ und erschrocken zurück wich.

»Ich sagte, nicht jetzt! Sag Toshiya, dass es mir leid tut, aber lasst mich in Ruhe, verstanden!« 

In die deutliche Angst, die in Kaorus Augen stand, mischte sich nun so etwas wie Verwirrung und er schüttelte verständnislos den Kopf.

»Bitte was? Oh nein, vergiss es! Für den Scheiß, den du ihm vorhin an den Kopf geknallt hast, kannst du dich selbst bei ihm entschuldigen!«, rief der Gitarrist, als er sich wieder ein wenig gefangen hatte.

 

»Von was redest du da?« 

An den Kopf geknallt? Was zur Hölle war während der Fahrt passiert?

»Davon, dass du dabei bist einen Freund zu verlieren! Toshiya wollte sich bei dir entschuldigen und du Vollidiot hast nichts besseres zu tun, als ihm die Pistole an die Brust zu setzen!« Kaoru schüttelte den Kopf. »Ich schwöre dir, dass ich unseren nächsten Auftritt absage, wenn du dich in zwei Tagen nicht anständig bei Toshiya entschuldigst. Hast du mich verstanden?!«

Da ihm nichts anderes übrig blieb, nickte Kyo, denn er wusste, dass Kaoru diese Drohung durchaus wahr machen würde. Leider war ihm nach wie vor nicht klar, für was genau er sich zu entschuldigen hatte.

»Wir sehen uns«, meinte er wieder nur abweisend und entzog sich so schnell der Reichweite des anderen, dass dieser keine Chance hatte, ihn ein weiteres Mal aufzuhalten. Statt dessen eilte Kyo regelrecht davon, zog sich wieder nur die Kapuze über den Kopf und sah kein einziges Mal zurück.

 

Seine Schritte wurden immer schneller und schneller, während er mit der freien Hand in seiner Tasche nach seinem Schlüsselbund kramte. 

Selbst auf den Fahrstuhl wartete er nicht. Er stieß die Tür zum Treppenhaus auf, übersprang immer wieder mehrere Stufen auf einmal, während sich in seinen Ohren ein widerliches Rauschen und Pfeifen bemerkbar machte, welches mit jeder Sekunde an Heftigkeit gewann.

Er wollte am liebsten laut schreien und presste sich eine Hand gegen die Schläfe, als sich heftige Kopfschmerzen zu dem Lärm gesellten und sich sein Blickfeld immer weiter zusammenzog. 

Schließlich war es ihm, als blicke er in eine schwarze, immer enger werdende Röhre, deren helles Ende ihm in den Augen brannte. Kyo taumelte zur Seite, versuchte sich abzufangen und spürte, wie seine Handinnenfläche vom rauen Putz der Wand aufgescheuert wurde.

 

Dann endlich sah er sie! Die Tür zu seiner Wohnung. 

Sie war nur noch wenige Schritte von ihm entfernt, aber es erschien ihm wie die Unendlichkeit höchstselbst, bis seine geschundene Hand gegen den Türrahmen hieb und er sich daran festkrallte. Es kostete ihn mehrere Sekunden, doch dann stieß Kyo den Schlüssel ins Schlüsselloch, drehte ihn gewaltsam um, packte die Klinke und - .

 

▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬

 

Das Gefühl war irgendwie eigenartig. 

Es war kein echter Schwindel, sondern vielmehr eine Art unangenehmes Pulsieren und Hämmern. Kyo versuchte dagegen anzukämpfen, indem er die Augenlider fest aufeinander presste. Leider bewirkte er damit nur das Gegenteil und unterließ es recht schnell wieder. Statt dessen öffnete er die Augen einen Spalt breit und versuchte irgendwas von dem zu verstehen, was er vor sich sah.

 

Wieso lag er auf dem Fußboden?

Woher kamen diese silbrig glänzenden Drähte, die sich, wie Spinnenseide, in einem Berg aus schwarzen Holz verfangen hatten?

Was waren das für dunkle Flecken, auf seinem Teppich?

Wieso pochte seine Hand so unangenehm?

 

Kyo blinzelte, fasste sich an die Stirn und spürte, dass er dabei etwas Nasses auf seinem Gesicht verteilte. Verwirrt senkte er die Hand und starrte auf die tiefen Kratzer, die sich vom kleinen Finger bis zum Daumenballen zogen und aus denen dunkelrotes Blut quoll.

Sekundenlang betrachtete er die Wunde, bis seine Aufmerksamkeit von dem in Beschlag genommen wurde, was sich um ihn herum verteilte und in dessen Trümmern er kauerte.

 

»Was um alles in der Welt … ?«, murmelte Kyo geschockt und streckte die Finger nach einem der größeren Splitter aus. Er berührte ihn ganz vorsichtig, fast als konnte er nicht glauben, dass er wirklich da war.

Selbst jetzt glänzte der schöne, schwarze Lack und reflektierte das wenige Licht, welches durch die etwas schmutzigen Fenster in die Wohnung schien. Aber mehr als das war von seiner alten Gitarre nicht geblieben. Zertrümmerte Holzsplitter und abgefetzte Saiten, auf welche immer noch Blut tropfte und den Teppich darunter besudelte. 

Nun wusste er zwar, woher die Kratzer an seiner Hand stammten, aber er verstand nicht, wie es soweit hatte kommen können. Denn dass er selbst dafür verantwortlich sein musste, stand eindeutig außer Frage.

 

»Wieso habe ich das getan«, hauchte er fassungslos, als er den abgebrochenen Hals des Instruments ergriff und ihn an sich presste. 

Natürlich hatte er es längst aufgegeben, sie eines Tages auf dem selben Niveau wie Dai und Kaoru spielen zu können. Trotzdem hing er irgendwie auch an der Gitarre und an dem was sie für ihn symbolisierte.

»Das wollte ich nicht. Gott verdammt, das wollte ich doch nicht.«

Wieso? 

Wieso konnte er nur zerstören?

Wieso brachte er immer nur Kummer über sich und alle anderen?

Wieso machte er sogar das kaputt, was ihm eigentlich das wichtigste auf der Welt war?

»Es tut mir leid. Scheiße es tut mir doch leid, ich - .«

 

Ein lautes Geräusch riss ihn erschrocken aus seinen Gedanken und seinen überforderten Selbstgesprächen. Kyo sah auf, starrte in Richtung seines dunklen Flures und brauchte einige Sekunden, bis ihm klar wurde, dass jemand an seiner Tür geklingelt hatte.

Erst jetzt registrierte er, wie dunkel es mittlerweile war und ihm wurde eiskalt. Als er die anderen in der Seitenstraße zurückgelassen hatte, war es irgendwann am Nachmittag gewesen. Beim Blick zur Fensterfront erkannte er jedoch, dass es längst dunkel war und dass er mehr als nur seine Gitarre zertrümmert hatte.

Wie um seine Befürchtung zu bestätigen, klingelte es erneut und eine männliche Stimme erklang jenseits der Tür.

»Nishimura-san? Würden Sie bitte aufmachen?« 

An der Art wie die Person sprach, wurde ihm klar, dass seine Nachbarn offenbar die Polizei gerufen hatten. Kein Wunder, nach einem solchen Wutanfall und dem damit verbundenen Krach.

 

Vorsichtig, als wären sie aus Glas, legte er die Überreste seiner Gitarre beiseite, wischte sich die Hand an der Jeans ab und stand mit zittrigen Knien auf. Sein Mund fühlte sich schrecklich trocken an und das Shirt klebte ihm am Oberkörper, so verschwitzt war er.

Dass er Blut an Wand und Lichtschalter verteilte, registrierte er nur am Rande und ignorierte es einfach. Kyo zuckte schmerzerfüllt zusammen, als die Klingel ein drittes Mal läutete und stieß dabei ein Fauchen aus. 

Er wollte nicht aufmachen, tat es dann aber trotzdem.

 

***
 

Kapitel 44 ¦ Katzensinne


 

***

 

Eigentlich konnte Kyo froh darüber sein, dass ihn die Polizisten nicht direkt mit auf die Wache nahmen, denn eigentlich hätte er es verdient. Dem Chaos in seiner Wohnung zu folgen und dem was er alles zerstört hatte, musste der Lärm einerseits ohrenbetäubend gewesen sein und andererseits Stunden angedauert haben.

Zwar versuchte er die beiden Beamten davon abzuhalten, sich Zugang zum Appartement zu verschaffen; doch recht schnell wurde ihm klar, dass ihm wohl nichts anderes übrig blieb. Also ertrug er es tapfer, während der eine bei ihm im Flur blieb, um ihm Fragen zu stellen, während der andere die Räume ablief, um nach weiteren Personen zu suchen. 

Natürlich war Kyo einerseits genervt; konnte es andererseits aber auch verstehen. In einer Millionenstadt wie Tokio, erhielt die Polizei sicherlich nicht gerade selten Hilferufe, von Nachbarn oder verprügelten Ehefrauen. Häusliche Gewalt war in jedem Land der Welt ein Problem, egal wie zivilisiert es sich auch nach außen hin gab.

Aber Kyo war kein Frauenschläger! 

Wenn überhaupt, dann richtete er seine Wut und Gewalt gegen sich selbst; abgesehen von dem was seine Katze in den letzten Monaten veranstaltet hatte.

 

Als der Beamte zurück in den Flur trat und seinen Kollegen darüber informierte, dass außer ihnen niemand hier war, nickte dieser und wand sich wieder dem Sänger zu.

»Also gut, natürlich können wir Ihnen nicht vorschreiben, wie Sie sich in Ihrer eigenen Wohnung zu verhalten haben. Das müssen Sie mit der Hausverwaltung klären.«

Obwohl sich alles in ihm dagegen sträubte, nickte Kyo, scheinbar einsichtig.

»Des weiteren muss ich Ihnen hiermit eine Verwarnung ausstellen, da Ihre Nachbarn Sie, aufgrund von Lärmbelästigung, gemeldet haben.«

Erneut ein braves Nicken und ein gemurmeltes »kommt nicht wieder vor.«

Er versprach den Polizisten, sich in Zukunft etwas zu zügeln und hörte ihnen kaum zu. Das Rauschen und Fauchen in seinem Kopf wurde von Sekunde zu Sekunde lauter und unerträglicher. Kyos Hände steckten in der Tasche seines Hoodies und krallten sich dabei in seinen eigenen Bauch, um irgendwie der Anspannung Herr zu werden.

 

Und als sich die Tür hinter den beiden Polizisten schloss, stand er einfach nur da, starrte das weiß lackierte Holz an und zählte gedanklich von fünfzig rückwärts, bis er sicher sein konnte, dass ihre Schritte endlich in der Ferne verklangen. 

Dann stürzte er regelrecht in das winzige, schallisolierte Studio, welches kaum drei Quadratmeter maß und von ihm nur für spontane Aufnahmen genutzt wurde. Er verriegelte es und begann dann wie von Sinnen einfach nur zu schreien. Er schrie und schrie, bis sich seine Stimme in ein Fauchen und Knurren verwandelte und seine Fäuste immer wieder wahllos die schwarzen Dämmmatten an den Wänden trafen.

»Fuck!«, brüllte er, bis ihn irgendwann die Kraft verließ, er gegen die nächste Wand sank und langsam daran zu Boden rutschte. Keuchend saß er da und fühlte sich dabei noch ausgelaugter und erschöpfter, als nach einem seiner berüchtigten Auftritte.

Wären die Polizisten nur ein paar Minuten eher aufgetaucht, dann war er sich nicht sicher, ob es nicht vielleicht eskaliert wäre. Ob er sich nicht verwandelt und sich auf sie gestürzt hätte. Kyos Kopf tat weh vor Anspannung, sein ganzer Körper schien komplett verkrampft zu sein und die Hände pochten unangenehm.

 

Er wusste nicht, ob er mehrere Minuten, oder vielleicht sogar eine halbe Stunde einfach nur auf dem Boden saß und das Mikrofon mit abwesendem Blick anstarrte. Irgendwann rappelte er sich jedoch langsam auf, öffnete die Tür und wankte in sein Wohnzimmer, welches stumm die Spuren seines letzten Ausrasters demonstrierte. 

Er stand einfach nur da und betrachtete die Szene. Schließlich zog er sein Handy aus einer der tiefen Taschen seiner Jeans und wählte eine Nummer, ohne wirklich hinzuschauen. Kyo hielt es sich ans Ohr, tippte dabei immer wieder mit den Fingern der anderen Hand aneinander und schloss die Augen. 

 

»Furukawa am Apparat. Wer spricht da bitte?«

Kam es ihm nur so vor, oder war Satoshis Stimmte lauter als sonst, als sie die dröhnende Stille durchbrach und das stetige Tuten verstummen ließ.

»Warum schaust du nie auf dein Handy, wenn dich jemand anruft?«, murrte Kyo angespannt. Vielleicht lag es an seiner ungewohnt harschen Stimme, aber sein Arzt fragte sofort:

»Was ist los?«

Gut, andererseits rief Kyo immer nur dann an, wenn er Hilfe brauchte. Er war niemand der einfach mal nur zum quatschen durch klingelte und das wusste Satoshi genau so gut wie Kaoru und die Band.

»Du musst zurück kommen.« 

Er wusste dass er zu direkt war, aber das war ihm jetzt egal. Kyo hatte keine Kapazität mehr, um dieses lästige Hin und Her zwischenmenschlicher Kommunikation zu schauspielern.

»Das geht nicht, ich bin hier noch nicht fertig.«

 

»Verdammt nochmal, ich brauche dich!« 

Noch während er dies in sein Telefon schrie, ging er zurück in seinen Aufnahmeraum und schloss rasch die Tür. Einen weiteren Polizeibesuch, wollte er heute Abend ganz sicher nicht haben.

»Dann sag mir bitte, was genau los ist«, verlangte Satoshi zu wissen.

»Komm zurück!«

»Aber warum? Sayaka ist noch nicht - .«

Kyo schnaubte nur abfällig.

»Darf ich dich daran erinnern, dass dich diese Frau einfach mit eurem Jungen alleine gelassen hat! Sie hat sich Jahrzehntelang einen Scheiß für dich interessiert und jetzt willst du an ihrer Seite sein und ihre Hand halten, während sie verreckt?!«

Natürlich ging er zu weit, das wusste er selbst! 

Aber er konnte nicht mehr!

 

»Jeder hat einen würdigen Abschied verdient.«

»Und was ist mit uns?«, fauchte Kyo, der nicht mehr an sich halten konnte. Alles wurde zu viel, selbst seine eigenen Emotionen überforderten ihn in solchem Maße, dass er das Bedürfnis verspürte ein weiteres Mal zu schreien; er unterdrückte den Instinkt jedoch. »Was ist mit Yuuto, Naomi und mir? Willst du die nächsten Wochen immer noch am Bett einer Frau verbringen, die eigentlich schon tot ist? Oder steigst du jetzt endlich in den scheiß Wagen und fährst zurück nach Tokio?«

Er hielt es nicht aus, schlang einen seiner Arme um sich und kratzte sich über die Seite, während er auf die Knie ging und das Handy immer noch ans Ohr presste.

»Wir brauchen dich; Satoshi. Ich … «, er atmete tief durch und sogar seine Stimme zitterte nun unkontrolliert. »Ich brauche dich hier. Bitte.«

Es war paradox. Das letzte was er in seinem Leben haben wollte, war ein Ersatz für die Eltern die ihn damals mit dem alleine ließen, was ihn so zerbrochen hatte. Und nun hockte er hier und flehte einen Mann an, welchen er seit nicht einmal einem Jahr kannte und der ihm doch zu einer Art Vater geworden war.

Einen Mann den er angeschrien, angegriffen und verletzt hatte! Kyo wollte Satoshi nicht in seinem Leben brauchen. Aber die Wahrheit war, dass er ihn brauchte und dass er seine Anwesenheit irgendwie auch wollte

 

Hilf mir’, wimmerten seine Gedanken, wie die eines panischen Kindes. ‘Bitte hilf mir. Halt einfach die Fresse und komm zurück! Ich brauche dich.’

»Kyo«, vernahm er die sanfte wie auch irritierte Stimme, leise an seinem Ohr. »Was ist los?«

Kein Wunder, dass sich der andere Mann Sorgen um ihn machte. Ihm selbst wäre es an Satoshis Stelle genau so ergangen. »Rede mit mir!«

Aber Kyo konnte nichts sagen. Er befürchtete, dann wirklich nicht mehr Herr seiner Stimme zu sein und vielleicht wieder irgendwas dummes zu sagen und alles zu ruinieren. Statt dessen gab er nur ein heiseres Krächzen von sich.

»Bist du alleine? Ist jemand bei dir?«

Zumindest brachte er eine Art ‘Nein’ zustande, was sich jedoch schrecklich gequält anhörte und nicht gerade zur Entschärfung der Situation beitrug.

»Soll ich Kaoru-san anrufen?«, bohrte sein Arzt weiter. »Komm schon, ich mache mir Sorgen um dich. Sag mir bitte was los ist, damit ich dir helfen kann.« Als wieder keine Antwort kam, ergänzte er noch. »Wo bist du jetzt gerade?«

 

Kyo atmete mehrfach ein und aus, immer noch kratzte er sich wie von Sinnen über seine linke Seite. Die Haut war bereits ganz gerötet.

»Zu Hause«, kam es schließlich angestrengt, während er immer wieder vor und zurück wippte. Das Tosen in seinen Ohren war unerträglich!

»Okay, das ist gut.« Man hörte es Satoshi an, dass er gedanklich soeben alle Optionen durchging, die ihm zur Verfügung standen. »Bleib dort und bitte versuch dich irgendwie zu beruhigen. Ich regel hier schnell ein paar Dinge und bin in ein paar Stunden zurück in Tokio. Hältst du das so lange durch?«

Ein Teil seines Verstandes schämte sich zutiefst dafür, Furukawa derart unter Druck zu setzen und der Vernunft orientierte Teil davon, schalt ihn einen verdammten Idioten.

Das hier ist Satoshis letzte Chance, um endlich Abschied nehmen zu können und du selbstgerechtes Arschloch nimmst ihm das weg. Dir ist doch echt nicht mehr zu helfen!’

Er musste sich beruhigen und Satoshi sagen, dass er in Iwaki bleiben sollte. Aber er konnte es nicht.

»Ja«, sagte er statt dessen gequält. »Okay.«

 

Immer noch alarmiert von den kurzen Antworten seines Patienten, drängte Satoshis sanfte, tiefe Stimme weiter auf ihn ein. Dabei umklammerte Kyo das Handy wie einen rettenden Anker, während er in der Mitte des kleinen Raumes kniete und am ganzen Körper vor Anspannung zitterte.

»Du solltest jetzt nicht alleine sein, Kyo. Ist es okay, wenn ich Kaoru-san anrufe?«, fragte er, während Kyo im Hintergrund das Geraschel von Kleidung vernahm und das Ratschen eines Reißverschlusses.

»Nein«, murmelte er. »Ich mache das selbst.«

Irgendwie hatte er Angst davor, dass Satoshi etwas von dem Streit mitbekam und die Lage deswegen nur noch weiter eskalierte. Furukawa hatte recht, er musste sich dringend beruhigen.

»Bist du sicher, dass du das schaffst?« Die Frage war durchaus berechtigt, aber der Sänger erwiderte sie mit einem kurzen und zustimmenden Brummen.

»Ja.«

»Also schön.« Ein schweres Seufzen drang aus dem Handy. »Ich versuche mich zu beeilen.« Man hörte es dem Arzt deutlich an, dass es ihm sehr schwer fiel das Gespräch zu beenden und seinen Patienten mit sich und der kreischenden Stille alleine zu lassen. 

Normalerweise machte ihm die Einsamkeit nichts aus. Aber jetzt fühlte es sich für Kyo so an, als erdrücke sie ihn, Stück für Stück.

 

Kaoru’, hallte der Name in seinem Verstand wieder. ‘Du musst Kaoru anrufen, Kyo.’

Sollte er wirklich? Nach allem was er ihm heute an den Kopf geknallt hatte? 

Obwohl er doch klar und deutlich gesagt hatte, dass Kaoru ihn in Ruhe lassen sollte?

Hatte er überhaupt eine andere Wahl?

Tu was Satoshi dir gesagt hat. Nimm das scheiß Handy und ruf Kaoru an!’

Ihm war so schrecklich schwindlig und vor seinen Augen schien sich die Welt immer wieder in einem widerlichen Flackern aufzulösen. Selbst das Licht des Displays verursachte ihm ungeheure Schmerzen und er musste die Lider fast vollständig schließen, während er durch die überschaubare Liste mit Kontakten scrollte.

Das Flackern wurde zu einem Stechen und er hätte beinahe vor Schmerz geschrien; unterdrückte es aber und presste den Daumen auf das kleine Kanji, hinter welches er irgendwann einmal ein finster dreinblickendes Emoji gesetzt hatte, weil es ihn so sehr an Kaoru erinnerte.

Zum wiederholten Male an diesem Abend, hob er das Smartphone ans Ohr und im nächsten Moment - 

 

▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬

 

»Satoshi?«

Er hätte es nicht für möglich gehalten, dass es noch eine Steigerung von Sayakas Zustand geben könnte. Aber sie hatte in der Tat weiter abgebaut. Er wusste ja, dass das Virus dafür verantwortlich war und ihren Körper so lange wie möglich am Leben erhielt. Trotzdem schockierte es ihn jeden Tag aufs neue, dies mit eigenen Augen sehen zu müssen.

Seine Exfrau war nicht mehr dazu in der Lage, sich eigenständig zu bewegen und auch das Atmen und Schlucken fiel ihr zunehmend schwerer, weshalb sie in halb aufrecht sitzender Position gelagert werden musste.

Ihre früher so starke Stimme, war nun kratzig und dünn wie Seidenpapier.

»Wie spät ist es?«, fragte sie schwach und ihre Augen huschten umher, obwohl sie die Zeiger an der Uhr schon lange nicht mehr sehen konnte. Ihn selbst hatte sie auch nur aufgrund seiner Statur und seines Geruchs erkannt.

»Kurz nach Zehn«, erklärte er und trat zu ihr ans Bett. 

Sie erwiderte seinen Blick und er hatte das Gefühl, ins Angesicht des Todes persönlich zu starren. Jeden Tag kämpfte er mit sich selbst, hier her zurück zu kehren und an ihrer Seite zu sitzen, während sie auf das Ende warteten. Einerseits war Kyos verzweifelter Hilferuf also auch für ihn eine Arz Erlösung, obwohl er sich fühlte wie der schlimmste Verräter auf Erden.

 

»Wieso bist du hier?«, flüsterte Sayaka und atmete ein, was einem Todesröcheln viel zu ähnlich war.

»Ich muss gehen.« 

Verräter!’, schrie sein Gewissen, ‘Du Gott verdammter Feigling! Immer läufst du weg! Bring das zu Ende, was du angefangen hast!’

»Wohin?« Ihre Augenlider drifteten zu, doch sie zwang sich dazu wach zu bleiben. »Wo willst du hin?«

»Nach Hause.« Ihm wurde übel. »Ich muss zurück. Kyo-san, er - .« Er unterbrach sich selbst und schüttelte den Kopf. »Ich muss zu ihm.«

»Warum?«

Er konnte die Enttäuschung und Fassungslosigkeit in ihren Augen sehen und sie trafen ihn wie Messerstiche. Sayaka hatte ihn damals um Hilfe gebeten, als alle anderen Ärzte sie längst aufgegeben hatten. Und als klar war, dass es keine Heilung geben würde, musste er ihr das Versprechen geben, an ihrer Seite zu sein, wenn sie starb. 

Und nun war er dabei dieses Versprechen zu brechen. Denn wenn er jetzt ging und dieses Zimmer verließ, würde er sie nie wieder sehen; das wusste er genau so gut wie sie.

 

»Du kannst nicht gehen!« Sie wollte schreien, das sah er ihr an. Aber kaum dass sie die Stimme erhob, verfiel sie in einen heftigen Hustenanfall. »Du kannst mich nicht alleine lassen. Nicht jetzt!«

Er stand da, ballte die Hände zu Fäusten und ließ es über sich ergehen.

»Du hast es versprochen, Satoshi. Du hast es mir versprochen!« Tränen sammelten sich in ihren Augen und die Wut, die sie ihm entgegen schleuderte, schien ihn innerlich in tausend Einzelteile zu zerreißen.

»Ich kann die Toten nicht begleiten«, antwortete er mit gebrochener Stimme, »wenn mich die Lebenden dringender brauchen.«

»Ich bin die Mutter deines Sohnes!« Sayaka atmete heftig ein und wieder hustete sie, wobei ihr Nachthemd mit Blut bespritzt wurde. Sein Instinkt als Arzt befahl ihm etwas zu tun, doch als er die Hände hob stellte er fest, dass es nichts gab was er hätte tun können, um ihr zu helfen.

Es ist sinnlos’, erinnerte ihn die Stimme in seinem Kopf. ‘Der Krebs bringt sie um und das Virus lässt sie nicht sterben. Du kannst ihr nicht helfen. Du kannst niemandem helfen.’

Nein, das ist nicht wahr! Es gab jemanden, dem er helfen konnte. Aber dieser jemand war nicht hier. Kyo war in Tokio und Kyo brauchte ihn dringender!

 

»Sayaka«, sprach er mit fester Stimme. »Du hast recht, du warst die Mutter meines Kindes. Aber Nao starb in meinen Armen, genau so wie Tomoe, die ihm mehr Mutter war, als du es jemals hättest sein können. Und bald stirbst auch du. Ich habe dich geliebt, aber du bist ein Teil meines Lebens, mit dem ich schon vor langer Zeit abgeschlossen habe.«

Sie schwieg, starrte ihn fassungslos und wütend an; was er durchaus verstand. Allerdings wollte er jetzt keinen Rückzieher machen. Er würde mit den Konsequenzen leben müssen. Doch wenn er auf diese Weise Kyo helfen konnte, dann sollte es eben so sein.

Schluss mit den Fehlern! Schluss mit dem Bereuen! Schluss mit dem Weglaufen!’

»In Tokio wartet jemand auf mich, der mir sehr wichtig ist.«

»Ja, weil dir die Streuner immer wichtiger waren, als deine Familie!«, fauchte sie, gefolgt von einem erstickten Husten. »Stimmt es eigentlich?«

»Stimmt was?« Satoshi hob fragend eine Augenbraue und musterte seine Exfrau. Genau das war die Sayaka, die er vor vielen Jahren verlassen hatte. Das aufbrausende, strenge Biest, mit dem raubtierhaften Blick einer Geschäftsfrau.

»Wenn du mich hier schon zum verrecken zurück lässt, dann sag mir wenigstens die Wahrheit. Stimmen die Gerüchte? Hast du Erik damals verraten?«

 

Mit so einer Frage hatte er überhaupt nicht gerechnet und im Nachhinein verfluchte er sich selbst für seine unvorsichtige Reaktion. Aber als er ihre Worte verarbeitet hatte und realisierte, was sie ihm da gerade sagte, weiteten sich seine Augen und er erstarrte vor Panik.

Obwohl sie halbseitig erblindet war und mittlerweile auch auf dem verbliebenen Auge immer schlechter sah, beobachtete sie jede seiner Regungen genau.

»Also doch«, flüsterte Sayaka, deren Wut langsam abebbte und sie erschöpft tiefer in die Kissen sank. »Du warst der Einzige, der ihm jemals so etwas wie ein Freund war und trotzdem verrätst du ihn, für dieses deutsche Miststück? Wie um alles in der Welt konntest du das überleben?«

Satoshi wusste nicht was er sagen sollte. Ihm war eiskalt und er hatte das Gefühl, als verkrampften sich seine Eingeweide vor Angst. 

Woher wusste sie das? Hatte er sich in den letzten Tagen verraten und etwas erzählt, was er nicht hätte erzählen dürfen?

»Ich habe - ,« hauchte er und schluckte hart, um sich irgendwie wieder zu sammeln. »Er dachte, dass mein Assistent - Verdammt, woher weißt du davon?!« 

 

Aus der Kälte wurde ein Gefühl, welches Satoshi seit über 10 Jahren nicht mehr empfunden hatte. Es fühlte sich an, als rammten sich Messer direkt in seinen Bauch und sein Herz und er konnte nicht anders, als Sayaka anzustarren, deren rissige Lippen sich zu einem Lächeln verzogen.

Ein Lächeln, welches herzloser kaum hätte sein können!

»Was glaubst du denn, von wem Sun Yáo das alles gelernt hat?«

Dieser Name. 

Dieser Gott verdammte Name! 

Die Übelkeit wurde stärker und er verspürte den Wunsch sich zu setzen; unterdrückte ihn jedoch.

»Christine hat ihm sehr deutlich gemacht, dass er sich von ihr und mir fernzuhalten hat!«, erwiderte er, hörbar verunsichert, wie er zu seiner Verärgerung feststellen musste.

»Vergiss nicht mit wem du sprichst, Satoshi.« Etwas veränderte sich zwischen ihnen und aus dem Verständnis und dem was sich die letzten Wochen wie ‘Vergebung’ angefühlt hatte, wurde das was sie damals entzweit hatte. Sayaka war noch immer das selbe, berechnende und hinterlistige Miststück, von dem er sich hatte scheiden lassen.

 

»Du hast deinen kleinen Schoßhund also wieder auf uns angesetzt?«, wollte er wissen. »Wieso?«

»Das habe ich nicht.« Wieder wurde sie von einem dieser grässlichen Hustenanfälle geschüttelt. Am liebsten hätte er ihr Kissen genommen und sie damit ein für alle Male zum schweigen gebracht. »Ich bin schon lange im Ruhestand.«

»Seit wann kann man bei Stjørdal einfach so in Rente gehen?« Er verschränkte die Arme vor der Brust, um das nervöse Zittern seiner Hände unter Kontrolle zu halten. »War das der wahre Grund, wieso du zu mir gekommen bist, als du wusstest, dass dich der Krebs umbringt?«

Sie wurde wieder ernster, als sie leicht mit dem Kopf schüttelte. Dass sie all das zu viel Kraft kostete, sah er ihr an. Aber er musste Antworten auf seine Fragen haben!

»Nein und das meine ich auch absolut ernst. Und was die Sache mit Yáo angeht, damit habe ich nichts zu tun. Ich habe ihn damals ausgebildet, ja, aber seine Herrin bin ich ganz sicher nicht mehr.«

Herrin’ war in der Tat das passende Wort dafür. Sayaka war nicht nur die Leiterin von Stjørdal Asia gewesen, sondern obendrein auch noch Sun Yáos Mentorin. Alles was man über Manipulation und Betriebsspionage wissen musste, hatte dieser arrogante Wichser von ihr gelernt. Satoshi hatte ihn, während seiner Zeit in Italien, einige Male persönlich getroffen und er konnte ihn wirklich nicht ausstehen.

Nach der Trennung der Firmen, war die asiatische Niederlassung Johanns Kontrolle zugefallen und sowohl Sayaka, als auch ihr nerviger Anhang, waren vollständig aus Furukawas Leben verschwunden! Zumindest bis zu der einen Nacht vor 10 Jahren, die Christine beinahe das Leben gekostet hatte.

 

»Wenn er nicht an deiner Leine hängt,« begann er und machte sich nicht mal mehr die Mühe, seinen Zorn zu verstecken. »Auf wessen Kommandos hört er dann jetzt? Und vor allem, wieso spioniert er MIR hinterher? Ich habe mit Stjørdal nichts mehr am Hut.«

Anstatt einer Antwort, keuchte seine Exfrau auf und verzog das Gesicht vor Schmerz. Ungeduldig wartete er ab, bis der Anfall wieder ein wenig abklang und sie weitersprach.

»Wie du schon sagtest, kann man bei Stjørdal nicht einfach so in Rente gehen. Du gehörst der Firma. Jeder Feloidea gehört der Firma!« Sie seufzte. »Die genauen Gründe kann ich dir auch nicht sagen, Satoshi. Yáo schweigt sich aus und wenn er nicht einmal vor mir darüber reden will, kann es dafür nur einen Grund geben, oder?« Sie keuchte und schloss die Augen, vor Anstrengung und Schmerz.

»Er hat Angst?«, fragte er alarmiert.

»Richtig, genau das denke ich ebenfalls.« Sayakas Augenlider hoben sich ein wenig. Sie war zu erschöpft und würde wohl bald wieder einschlafen. »Er hat Angst vor dem Mann, der ihm den Auftrag erteilt hat, in deiner schmutzigen Wäsche zu wühlen. Ganz gleich welche Mittel dafür auch notwendig sind.«

»Schwachsinn!« Furukawa schüttelte abwehrend den Kopf. »Das ergibt keinen Sinn. Ich bin zu lange aus dem Geschäft raus und warum sollte sich Johann ganz plötzlich dafür interessieren, was ich die letzten Jahre gemacht habe?«

 

Ihr fiebriger Blick ruhte auf ihm und die Art, mit der sie ihn musterte, gefiel ihm überhaupt nicht.

»Wer redet denn davon, dass er für Johann spioniert?«, fragte sie leise. »Sun Yáo hat von Anfang an für Erik gearbeitet. Selbst als er noch mein Assistent war. Und er weiß alles über dich! Von dir und deinen Streunern, von deiner Affäre und dem was du Kassandros angetan hast!« [1]

 

***

 

Warum Toshiya unbedingt in einen Club in Ginza gewollt hatte, erschloss sich Kaoru nicht wirklich, als er zurück in den abgesperrten VIP-Bereich kam und die Packung mit den Zigaretten in seiner Jackentasche verschwinden ließ.

Nun gut, immerhin war er froh darüber, dass die anderen ihn nicht in einen dieser riesigen neuen Schuppen geschleppt hatten, in denen man sich bereits auf dem Weg zur Toilette hoffnungslos verlief und danach den restlichen Abend damit verbrachte, den Ausgang zu finden. Vielleicht war er mittlerweile aber auch einfach zu alt für derartige Clubs.

»Hast du deine komplette Schachtel aufgeraucht, oder was hat so lange gedauert?«, rief Dai ihm gut angeheitert entgegen, welcher neben Toshiya auf dem gemütlichen Sofa saß und einen knallroten Drink in der Hand hielt. Kaoru war sich absolut sicher, dass dieser, vor seiner ausgedehnten Raucherpause, noch blau gewesen war.

»Sei so gut und schieß dich nicht wieder ab«, meinte er nur, ohne auf die Worte seines besten Freundes einzugehen und ließ sich neben diesen fallen. »War telefonieren«, antwortete er dann doch. 

Eigentlich wäre er jetzt lieber zu Hause, in seinem schönen ruhigen Haus und würde sich, in seinem Keller, vielleicht das ein oder andere Demo von Takumi anhören. Aber nein, er hatte sich ja unbedingt von Dai und Toshiya bequatschen lassen müssen.

 

»Ach ja?«, fragte ihr zweiter Gitarrist neugierig und nahm einen gütigen Schluck. »Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass wir heute Abend Spaß haben werden und uns nicht um die Arbeit kümmern?«

Kaoru rollte mit den Augen.

»Es hatte nichts mit der Arbeit zu tun«, brummte er und griff nach seiner Bierflasche, welche er endlich öffnete und den Inhalt in das bereitstehende Glas goss.

»Was? Keine Arbeit?« Ja, Dai hatte eindeutig genug getrunken, das konnte er riechen. Im nächsten Moment schnellte eine Hand vor und klatschte Kaoru etwas unsanft gegen die Stirn. »Bist du krank? Also Fieber hast du keins.«

Wenn er alkoholisiert war, dann konnte Dai wirklich sagenhaft dumme Dinge tun und das hier zählte eindeutig dazu.

»Mein Leben besteht nicht nur zu einhundert Prozent aus Arbeit«, wehrte er ab und schob die Hand des anderen von sich weg. »Das war Kyo«, ergänzte er und Kaoru war sich nicht ganz sicher, ob er es sich nur einbildete, oder ob sich die Stimmung im Raum mit einem Schlag deutlich abkühlte.

»Also doch Arbeit«, murrte Toshiya in sein Glas, ehe er es sich an die Lippen hielt und an dem Getränk nippte, was Kaoru nicht klar identifizieren konnte.

»Er wollte nur wissen wo ich bin.«

 

Hätte er doch bloß nichts gesagt und vor allem nicht Kyos Namen erwähnt. Kaoru schalt sich innerlich einen Idioten, dass er so unbedacht daher geredet hatte. Die Rückfahrt kam ihm wieder in den Sinn und das was Kyo zu ihrem Bassisten gesagt hatte.

»Aha?« Totos urteilender Blick ruhte auf dem Leader, welchem es eiskalt den Rücken hinunter lief. Auch wenn sie es nicht aussprachen, so war dennoch klar, dass die Band kurz davor stand zu kippen. »Und da wir alle wissen, dass Kyo niemals einfach nur zum quatschen anruft, kann ich davon ausgehen, dass es wieder einmal Probleme gibt, richtig?«

Der Drang Kyo zu verteidigen und Toshiya zu widersprechen war groß. Leider fielen Kaoru überhaupt keine schlüssigen Argumente ein, da ein Teil in ihm ganz genau wusste, dass sein Kollege leider sehr richtig lag, mit seiner Analyse.

»Ich habe ihm gesagt wo wir sind und dann hat er einfach wieder aufgelegt«, sagte er und versuchte dabei möglichst locker zu klingen. »Mehr nicht.«

»Vielleicht kommt er ja auch her. Sind ja nur ein paar Straßen.« Dai grinste. »Ich finde, ihr zwei solltet euren Streit bei einem ordentlichen Drink begraben, Toto. So wie früher!«

 

Dieser jedoch schnaubte nur und winkte ab.

»Sei nicht albern. Eher bekommst du Shinya dazu, sich ans Mikro zu stellen und ‘Saku’ zu singen. Kyo würde sich niemals dazu herablassen, auch nur einen Fuß in einen Club setzen. Dafür hasst er die Menschen viel zu sehr.« 

Es tat weh, ihren sonst so gutherzigen Bassisten derart abfällig und gekränkt sprechen zu hören. Kaoru konnte es ja verstehen, aber es schmerzte trotzdem.

»Ich glaube nicht, dass er die Menschen hasst«, warf er ein, während im Hintergrund immer wieder die wummernden Bässe der Musik zu hören waren.

»Oh doch. Kyo ist ein arroganter Wichtigtuer, der sich für niemanden interessiert, außer sich selbst.«

»Das stimmt nicht!« Kaoru stellte das Bierglas so heftig auf dem Tisch ab, dass es dabei einen dumpfen Knall erzeugte. »Er ist schräg und ein Eigenbrötler, ja, aber sag nie wieder, dass er sich nicht für uns interessiert!« 

Gitarrist und Bassist starrten einander an und es wurde sehr schnell klar, dass keiner von beiden von seiner jeweiligen Meinung abrücken würde, egal was sie sagten.

 

»Hey, was soll denn das?« Dai legte Kaoru vorsichtig eine Hand auf die Schulter. »Entspannt euch, okay?«

Der Leader verharrte noch einige Sekunden in seiner angespannten Körperhaltung, dann lehnte er sich ein wenig zurück und atmete mit einem Nicken durch.

»Du hast doch keine Ahnung, Toshiya«, meinte er dann, mit erschreckend kraftloser Stimme. »Du hast keine Ahnung, was er alles durchgemacht hat.«

»Willst du mich verarschen?«, fragte der andere empört. »Du wirfst mir vor, dass ich keine Ahnung hätte? Ausgerechnet ich? Kaoru, ich bin für ihn auf ein beschissenes Dach geklettert und hätte mir beinahe den Hals gebrochen.«

»Das meine ich nicht!« Er raufte sich die Haare und vergrub das Gesicht in den Händen, in einer Körperhaltung, die seine ganze mentale Erschöpfung untermalte.

 

Toshiya und Dai sahen einander an und dann zu ihrem Freund. Beide wussten nicht, was genau sie darauf nun antworten sollten und da er direkt neben ihm saß, strich Dai vorsichtig eine Hand über Kaorus Rücken.

»Kao?«, fragte er. »Was ist los?« Irgendwas schien ihren Ältesten zu quälen und er hatte den Eindruck, dass Kyo wieder einmal eine unrühmliche Rolle dabei spielte. Kaoru schüttelt allerdings den Kopf, ohne aufzusehen.

»Ich darf nicht darüber reden.«

Nun deutlich alarmiert, versteifte sich Dais Körperhaltung und er sah wieder zu Toshiya, welcher den Blick seinerseits erwiderte und wohl genau das gleiche dachte, wie er.

Irgendwas schlimmes muss passiert sein.’

»Nicht einmal mit uns?«, bohrte er weiter, aber wieder schüttelte Kaoru den Kopf.

»Ich bin nicht sein verdammter Herold. Er muss es euch selbst sagen.«

»Kaoru, es belastet dich!«, widersprach Toshiya besorgt. »Hat Kyo dir irgendwas getan?« Am liebsten hätte er noch einen dummen Spruch über Kaorus gebrochenes Herz hinterher geschoben. Aber er unterdrückte es.

 

»Nein!« Kaoru fuhr hoch, die Augenbrauen verärgert zusammen geschoben. »Ganz im Gegenteil. Aber - aber es ist etwas passiert.«

Er leckte sich über die Lippen, welche sich trockener anfühlten als üblich. Das Bedürfnis ihnen von dem Mord zu erzählen und den Gewissensbissen, die ihn und ihren Sänger seitdem plagten, war unermesslich stark. Aber Kaoru konnte es einfach nicht. Er wollte seine Freunde nicht damit belasten.

»Es geht nicht!« 

Er sprang auf, schüttelte dabei Dais Hand ab und verließ den VIP-Bereich mit eiligen Schritten. Kaoru wusste nicht einmal, wo genau er eigentlich hin wollte. Aber er hielt die forschenden Blicke seiner beiden Freunde nicht mehr aus und überließ sich selbst einfach nur der tanzenden Menge und der wummernden Musik. Der DJ hatte eine Art Neuinterpretation eines Klassikers aufgelegt, welcher ihm bekannt vorkam, aber den sein aufgebrachter Verstand jetzt nicht klar identifizieren konnte.

 

Die Beats fühlten sich an wie Trommelschläge und gingen ihm wie elektrische Schockwellen durch Muskeln und Knochen. Er tanzte nicht, sondern versank einfach nur im Rhythmus der fremden Körper um ihn herum. 

Männer und Frauen, welche sich für den Bruchteil von Sekunden gegen und mit ihm bewegten und dann wieder für immer verschwanden. 

Hitze und Gerüche …

Hände auf seiner Hüfte, seinen Armen und seinem Rücken. …

Verzerrte Stimmen, irgendwo am Rande der Wahrnehmung, …

in Sprachen die er nicht erkannte und die ihn auf ihre Weise auffingen.

 

Kaoru genoss die Nähe, obwohl er sie nicht suchte. Denn es war eine Nähe, die keine Erwartungen stellte und die einfach nur da war. Eine Nähe, in welcher er einfach nur existieren durfte, so wie er war. 

Kaoru legte den Kopf leicht in den Nacken und schloss die Augen. Hinter den Lidern blitzten die Lichter der Scheinwerfer auf - Rot, Grün, Blau, Violett. 

Die Beats wurden etwas ruhiger, die Wellen prallten nicht mehr in ihrer vollen Heftigkeit gegen ihn. Kaoru fühlte Hände, die ihn kurz an Rücken und Hüfte berührten. Er lehnte sich ihnen entgegen, bis der Fremde von ihm abließ.

Er wollte nicht mehr denken, sondern einfach nur fühlen.

- Wenigstens für ein paar Minuten - für Stunden - für immer.

 

Wieder wechselte der Song und wurde schneller und härter. In das elektronische Wummern mischten sich harte Gitarrenriffs und eine Art verzerrtes Trommeln. Aber obwohl es genau die Musik war, die Kaoru normalerweise so sehr liebte, war es in diesem Moment das, was er einfach nicht ertragen konnte.

Sie riss ihn aus seiner Trance und mit einem Schlag fühlte sich die Nähe der anderen gar nicht mehr so wohltuend an. Es war als erdrücke sie ihn und schloss sich wie eine Zwangsjacke, die ihm die Luft abschnürte.

Kaoru konnte nicht atmen, Panik setzte ein und ihm wurde schrecklich übel. Keuchend wand er sich von links nach rechts, schob sich in die Lücken zwischen den Tanzenden und ignorierte die Proteste, welche ihm entgegen gebrüllt wurden.

Er musste hier raus! 

Raus aus der Menge! 

Raus aus dem verdammten Club!

 

Er stolperte fast über seine eigenen Füße, als er den Rand der Tanzfläche erreichte und sich nur mit Mühe an der Lehne eines unbesetzten Barhockers festklammerte, um nicht zu stürzen.

Seine Beine zitterten unkontrolliert und auf seiner Haut kribbelte es, so als ob tausend Ameisen darüber krabbelten. Kalter Schweiß klebte ihm im Genick, aber zumindest bekam er wieder Luft. Gierig sog er sie in seine Lungen. Sie schmeckte muffig und abgestanden, aber es half dabei, dass der Schwindel ein wenig nachließ.

Eine Panikattacke?’, schoss es ihm durch den Kopf, in dem sich ein unangenehmes Pochen breit machte und sein Denkvermögen beanspruchte. ‘Der Stress. Es muss am Stress liegen.’

Kaoru nahm sich vor noch ein Wasser oder eine Cola zu trinken und dann nach Hause zu gehen. Toshiya und Dai konnten auch gut ohne ihn abfeiern. Ihm wurde das alles zu viel und das letzte was er jetzt gebrauchen konnte, war ein weiterer Zusammenbruch.

 

Noch immer umklammerte seine Hand den Barhocker, weil er seinen wackeligen Knien nicht über den Weg traute und er sah sich nach der Barbedienung um, welche jedoch am anderen Ende des langen Tresens mit einem Gast beschäftigt war.

Nun gut, er konnte sich ja so lange setzen und sein Nervenkostüm etwas zur Ruhe kommen lassen. Kaoru richtete sich auf, als er etwas im Augenwinkel registrierte, was ihn mitten in der Bewegung erstarren ließ.

Konnte das sein? Hatte er Halluzinationen?

Langsam, so als hätte er Angst, dass Kyo sich einfach wieder in Luft auflöste, wenn er sich zu schnell bewegte, drehte er sich ganz zu ihm herum.

 

»Kyo?«, kam es tonlos, wobei seine eigenen Worte von der lauten Musik verschluckt wurden.

Dort stand er, in der selben Kleidung, die er bei ihrem Abschied am Nachmittag getragen hatte. Kyo stand einfach nur da und starrte Kaoru an, während das wirre Licht der Scheinwerfer, ein wunderschönes Farbenspiel in dessen eisig blauen Augen erzeugte, dem man sich nur schwer entziehen konnte.

Irgendwas an seiner ganzen Art, hatte etwas so erhabenes und wunderschönes, dass Kaoru die Knie weich wurden; dieses Mal jedoch aus einem ganz anderen Grund.

»Was tust du hier?«

Kyo geht niemals in Clubs!’, rief eine Stimme in seinem Kopf. ‘Er ist nicht echt! Er kann nicht echt sein!’

Sekunden verstrichen, in welchen sie einander einfach nur ansahen und Kaoru nicht wusste, was er tun oder sagen sollte. Dann aber bewegte sich Kyos Mund, ohne dass die Worte eine Chance hatten, ihn durch die laute Musik zu erreichen.

»Was?«, rief Kaoru ihm zu, der seine Position an der Bar nicht verlassen hatte. »Die Musik ist zu laut!«

Erneut schien Kyo etwas zu sagen, aber wieder wurden seine Worte vom Dröhnen der Boxen verschluckt und Kaoru schüttelte einfach nur ratlos den Kopf. Er wollte zu ihm gehen, aber seine Beine fühlten sich an, als ob sie eine Tonne wiegen würden.

 

Dann endlich kam Bewegung in seinen Sänger. Eben noch hatte er still auf seiner Position verharrt, wie eine Statue, so dass Kaoru richtig zusammenzuckte, als er regelrecht auf ihn zu eilte. Er wusste nicht, was zur Hölle in Kyo gefahren war und konnte nicht anders, als ihm in die blauen Augen zu starren, welche schnell auf ihn zukamen. 

Plötzlich packten Hände seine Schultern und Kyo stieß ihn nach hinten. Der Gitarrist war derart überfordert, dass er stolperte und hart mit dem Rücken gegen die Oberkante der Bar stieß. Ein scharfer Schmerz schoss ihm durch die Glieder und einem Instinkt folgend versuchte er seinerseits Kyo von sich weg zu stoßen und Abstand zwischen sie zu bringen. Da packte dieser jedoch den Überstand der Bar und kam ihm nun derart nahe, dass Kaoru in keine Richtung mehr ausweichen konnte. Egal wie sehr er die Hände auch gegen Kyos Brust stemmte, sein Freund und Kollege rührte sich keinen Millimeter.

 

»Was soll denn das?«, schimpfte er und lehnte sich ein wenig nach hinten, damit er ihm ins Gesicht sehen konnte. Kaoru war gefangen zwischen Panik, Fluchtinstinkt und kompletter Ohnmacht. Von dem anderen ging eine seltsame Gefahr aus und obwohl Kaoru wusste, was sich hinter der Maske aus Haut und Fleisch befand, so hatte Kyo noch nie derart erotisch und verführerisch auf ihn gewirkt.

Langsam ebbte seine Gegenwehr ab und wich erschöpfter Resignation.

»Kyo, hör sofort auf damit!«

»Tanzt du mit anderen?«, waren die ersten Worte, welche er vernahm und die ihm angespannt entgegen geknurrt wurden. 

Ist das wirklich Kyo?’, meldete sich wieder die verdammte Stimme in Kaorus Kopf und dieses Mal war er sich nicht sicher, ob er seiner eigenen Vernunft wirklich widersprechen konnte. ‘Es ist die Katze!’ Das Streitgespräch mit Toshiya kam ihm in den Sinn und die Art und Weise, wie Kyo dabei gesprochen hatte. ‘Es war die ganze Zeit über die Katze. Kein Wunder, dass er sich nicht mehr daran erinnert hat.’

»Nein, ich habe alleine getanzt«, widersprach er hastig und schluckte hart. Diese intensive Nähe wirkte sich mittlerweile auch körperlich auf ihn aus. »Und wenn überhaupt, dann geht dich das nichts an! Ich habe es dir erklärt, Kyo. Meine Gefühle für dich sind echt, aber erwarte nicht, dass ich für dich enthaltsam lebe, wenn ich genau weiß, dass du mir das hier niemals geben - .«

 

Seine Worte wurden verschluckt, noch ehe sie seine Lippen verließen. Verschluckt von einem zweiten Paar Lippen, welche sich auf seinen Mund pressten und Kaorus Verstand von einer Sekunde auf die andere, in den Wahnsinn stürzten. Er konnte die vielen Eindrücke, die urplötzlich auf ihn einprasselten, überhaupt nicht verarbeiten. 

Eine Hand packte seinen Hinterkopf und kräftige Finger schoben sich in seine Haare. Der herbe Duft von Schweiß und Citrus-Deo stieg ihm in die Nase und eine unbeschreibliche Hitze nahm ihn in Beschlag. Kaoru wusste nicht mehr wo oben oder unten war, links oder rechts, ob er stand oder sich im freien Fall befand.

Aber eines war ihm absolut klar: nämlich dass es Kyo war, der ihn küsste.

Dass es Kyo war, der seinen heißen Körper an den seinen drückte.

Dass es Kyo war, der ihn festhielt.

Dass es Kyo war, den er riechen und schmecken konnte.

Dass es Kyo war, der in seinen Lenden dieses grauenhafte Verlangen befeuerte.

Und dass es Kyo war, welcher ihm den Himmel auf Erden bereitete und ihn zeitgleich in die schlimmste Hölle stürzte! 

Aber er wollte es! 

Er wollte mehr davon! 

Er wollte, dass es niemals aufhörte!

 

Es dauerte fast zehn Sekunden, bis sich Kaoru aus seiner Starre befreite und als sein Freund bereits drauf und dran war, sich von ihm zurück zu ziehen, packte er dessen Shirt und zog ihn wieder näher. 

Oh nein, vergiss es!’, schrie er gedanklich. ‘Du hast damit angefangen, also bringen wir das jetzt auch zu Ende!’

Die Jahre der Enthaltsamkeit und stillen Sehnsucht, entluden sich in einem fast schon brutal intensiven Kuss. Kaoru nahm diese vollen, sündigen Lippen ein und beanspruchte sie regelrecht für sich. So als wollte er Kyo damit zeigen, dass nur er ein Anrecht darauf hatte, ihn zu küssen. 

 

Er hielt die Augen geschlossen, dabei strömte eine wahre Flut aus Bildern auf ihn ein. Bilder von Kyo in verboten aufreizender Kleidung. Oder wie er sich halbnackt auf der Bühne räkelte und dabei ins Mikrofon säuselte. Verführerisch gefährliche Fotoshootings, mit eindeutigem Inhalt. Jeder Blick, jeder zweideutige Scherz und jede erotische Bewegung, welche Kaoru ständig an seiner eigenen Selbstbeherrschung hatte verzweifeln lassen.

Er stellte sich vor, wie es wäre Kyo aufs Bett zu drücken, ihn unter sich zu haben, jeden Muskel und jedes Tattoo mit Händen und Lippen zu erkunden und wie es wäre, ihn vor Ekstase stöhnen zu hören.

Natürlich wusste er genau, dass das niemals passieren würde. Aber er konnte sich hier und jetzt nicht gegen seine Phantasie wehren. Er wollte sich auch nicht dagegen wehren!

 

Kyo keuchte in den Kuss, als er Kaorus Lippen mit den seinen teilte und mit der Zunge eindrang. Er schmeckte so viele Dinge auf einmal: Zigaretten, Bier, das Paprikagewürz irgendwelcher Snacks, Speichel und etwas was Kaorus ganz eigener Geschmack sein musste. 

Die Verzweiflung, mit welcher sich sein Kollege in sein Shirt krallte, war unverkennbar. Es erweckte den Eindruck, als wollte dieser verhindern, dass Kyo einfach davon rannte. Aber er wollte nicht weglaufen. Nicht bevor er nicht klar gemacht hatte, dass Kaoru ihm gehörte!

Dem Kater hatte es überhaupt nicht gefallen, mit anzusehen, wie dieser unbekannte Typ sich von hinten an seinen Gitarristen ran gemacht und ihn angepackt hatte. Er hatte ihn verjagt und seine Revieransprüche damit geltend gemacht. Ob es falsch oder richtig war, interessierte ihn nicht. Dass zwischenmenschliche Beziehungen so nicht funktionierten, war ihm egal. Und Kaoru zu küssen, war irgendwie nicht übel. Tatsächlich mochte er es, was nicht nur an dem vertrauten Geruch lag, oder der Tatsache, dass er Kaoru vertraute.

 

Kyos freie Hand packte die schmale Hüfte des anderen und er drängte sich näher an ihn. Dabei spürte er deutlich, was sein Handeln bei seinem Leader auslöste. 

Er unterbrach den Kuss, zog die Zunge zurück und verharrte in seiner Position. Sein eigener Atem ging schneller und die Stimme verwandelte sich in ein gefährliches, leises Knurren, als er sprach.

»So sehr willst du mich also?« Dabei streiften seine Lippen über die des anderen und er konnte spüren, wie sie unter diesen sanften Berührungen vor Verlangen zuckten. »Armer Kaoru. Immer hältst du dich zurück. Dabei kann ich genau riechen, dass du dir nichts sehnlicher wünschst, als mir die Klamotten vom Leib zu reißen und mich hier und jetzt gegen diese versiffte Bar zu ficken. Habe ich recht?«

Seine Pupillen verengten sich zu feinen Schlitzen, als das Licht eines Scheinwerfers für wenige Sekunden hinein leuchtete. Kaoru erwiderte den forschenden Blick und schaute dann beschämt zur Seite. Kyo lächelte leicht.

 

»Natürlich habe ich recht«, knurrte er und überbrückte die wenigen Millimeter, um den Mund des anderen kurz und heftig in Beschlag zu nehmen. »Du willst mich so sehr! Glaubst du ich sehe es nicht? Die Blicke mit denen du mich ausziehst? Wie oft hast du dir schon vorgestellt, wie es wäre mich zu vögeln und all die versauten Dinge mit mir zu tun, an die du denkst, wenn du dir nachts einen runterholst?«

»Hör auf.« Kaorus sonst so sichere Stimme war kraftlos und mit einem ungewöhnlichen, ängstlichen Unterton.

»Aufhören?«, Kyo lachte leicht. »Womit? Es ist doch das was du willst. Du willst meine Küsse, meinen Körper, Sex.«

»Es geht mir nicht nur um Sex!« Auf den Protest folgte ein Keuchen, als Kyos Hand von Kaorus Hüfte verschwand und sich blitzschnell zwischen sie beide schob. Finger legten sich auf die deutliche Erhebung seiner Jeans und übten Druck darauf aus.

»Vielleicht, aber das bedeutet nicht, dass du es nicht willst!«, schnurrte er verführerisch und verhinderte dann jeden Widerspruch, indem er ihn ein weiteres Mal küsste. Dieses Mal sehr viel langsamer, während Kyos Finger gezielt Druck ausübten und er mit den Spitzen kreisende Bewegungen vollführte. Wohl wissend, was für ein Gefühlschaos er in seinem sonst so gefassten Freund damit anrichtete.

Und seine Behandlung zeigte Wirkung. Er spürte wie sich ihm der andere Mann entgegen streckte und ausgehungert seine Nähe suchte. 

»Du bist abhängig von mir, wie eine heroinsüchtige Nutte«, säuselte Kyo, gepaart mit einem lauten Schnurren. »Ich bin deine Droge. Egal wie oft du mich auch berührst, du wirst nicht satt und deine Sehnsucht nach mir wird schlimmer, je länger du dich in meiner Nähe aufhältst.«

 

Noch ehe Kaoru dazu ansetzen konnte, etwas zu erwidern oder ihn von sich zu stoßen, durchdrang eine laute und empörte Stimme die aufgeheizte Stimmung. Kyo hätte ihr wohl kaum Beachtung geschenkt, würde sie ihm nicht derart vertraut sein.

»Habt ihr sie noch alle?!«, bellte Toshiya und der Sänger musste sich nicht einmal zu diesem umdrehen, um zu wissen, dass er kurz davor stand vor Wut zu explodieren.

»Du störst«, war alles, was er sagte. Aber als er seine Aufmerksamkeit wieder voll und ganz Kaoru zuwandte, musste der Kater feststellen, dass dieser sich ihm zu entziehen versuchte. Verdammter Toshiya!

»Ich bin noch lange nicht fertig mit dir«, schnurrte er gegen die Lippen des Älteren und ließ es sich nicht nehmen, sie ein letztes Mal für sich zu beanspruchen. Erst dann zog er sich komplett von Kaoru zurück. Dieser musste sich regelrecht an der Bar festhalten, um nicht einfach zusammen zu klappen.

Kurz darauf wurde Kyo am Oberarm gepackt und ein Stück herum gedreht, gefolgt von einer schallenden Ohrfeige. Diejenigen die das Schauspiel beobachteten, mussten zu dem Schluss kommen, dass es hierbei um ein albernes Beziehungsdrama ging und Toshiya ihm eine klebte, weil Kyo sich an einen vergebenen Mann ran gemacht hatte. 

»Wieso kannst du ihn nicht endlich in Ruhe lassen?!«, schrie ihr Bassist gegen den Lärm der Musik an und irgendwie war Kyo auch erstaunt, dass dieser zu so viel Wut überhaupt in der Lage sein konnte. »Er ist nicht dein Eigentum, also lass ihm endlich seinen Frieden!«

 

Der Kater neigte den Kopf leicht auf die Seite und betrachtete das schöne und wutverzerrte Gesicht des anderen mit Interesse.

»Kaoru hat sich selbst dazu entschieden, mein Eigentum zu sein. Also hör auf so zu tun, als hätte ich ihn zu irgendwas gezwungen.« Dann lächelte er, aber in seinen Augen steckte die Jagdlust des Raubtieres, welches in Wahrheit in ihm steckte. »Und denk an das, was ich dir heute Mittag gesagt habe, Toshiya. Wenn du zu schwach bist, um mit dem hier klar zu kommen, dann steht es dir jederzeit frei die Band zu verlassen. Vergiss was damals war und vergiss wer ich einst war. Das hat keinerlei Bedeutung mehr für uns!« 

Kurz huschte sein Blick zu Kaoru, welcher sich auf einen der Barhocker gesetzt hatte und ziemlich blass wirkte. Durch die Entfernung und die Lautstärke im Club, war es für ihren Ältesten unmöglich das zu verstehen, was Sänger und Bassist miteinander besprachen.

»Du warst doch derjenige, der Privates und Berufliches voneinander trennen wollte. Stimmt doch, Toshiya?«, fragte er lauernd und fixierte wieder die Augen seines Gesprächspartners. »Also wieso fängst du dann nicht endlich damit an und hörst auf damit, dich in meine Angelegenheiten einzumischen?!«

 

In dem Moment, als sich der Mund des anderen zu einer empörten Erwiderung öffnete, trat Kyo einen Schritt zurück und die Worte verklangen zu einem undeutlichen Brei, der sich mit den Sounds um sie herum vermischte. 

Der Kater hatte genug davon. Sollte Toshiya doch schreien und wettern, so viel er wollte. Das alles war ihm egal! Kaoru gehörte ihm und ihr Leader hatte sich ihm ganz bereitwillig von selbst ergeben.

Ein letztes Mal trafen sich ihre Blicke und Kyos eisblaue Augen bohrten sich in das fiebrige Dunkelbraun seines Gitarristen. Kaoru war am Ende und der Teil in Kyo, welcher noch irgendwie menschlich war, schämte sich zutiefst für die Art, wie die Katze mit ihm umging.

Dann war der Moment vorbei und Kyo verschmolz mit der tanzenden, wogenden Menge, die ihn verschluckte und einen weiteren Keil zwischen ihn und seine Familie trieb.

 

***
 

Kapitel 45 ¦ Katzengeduld


 

***

 

»Guten Morgen Tokyo! Na, wer von euch ist bereits auf den Beinen und bereit für den Tag?«, dröhnte die unangenehm fröhliche Stimme, des Sprechers vom Tokyo-FM Morgenmagazin, aus dem Radio und Satoshi verzog das Gesicht. 

»Ich ganz sicherlich nicht«, antwortete er übermüdet und unterdrückte das herzhafte Gähnen mit aller Gewalt, um sich auf den abartig lebhaften Verkehr zu konzentrieren. 

Dass die Digitalanzeige seines Armaturenbretts kurz nach Vier am Morgen anzeigte, passte ihm überhaupt nicht. Wie gern hätte er sich in seinem Hotelzimmer in seine Decke eingerollt und einfach nur tief und fest geschlummert?

Nach dem was vor seiner Abreise passiert war, hatte er ohnehin nicht vorgehabt jetzt wieder zurück zu kommen und er verfluchte sich selbst dafür, dass er Kyos Flehen letzten Endes doch nachgegeben hatte. 

 

Kyo …

Was war nur los mit ihm? 

Er hatte sich wirklich eigenartig angehört. Noch eigenartiger als sonst, wohlgemerkt! Und allein dieser Umstand bereitete dem erfahrenen Mediziner große Sorge. 

Du hast ihn viel zu gern!’, erinnerte er sich an Christines Worte, von vor einigen Wochen. Und leider musste er sich eingestehen, dass seine alte Freundin recht hatte.

 

Als das Radioprogramm wieder wechselte und ihm nun irgendwelche heitere Popmusik um die Ohren gepfeffert wurde, schaltete er es kurzerhand ab und spürte sofort wie die Müdigkeit schneller von ihm Besitz ergriff, als ihm lieb wäre.

Glücklicherweise lenkte er genau jetzt in die Straße ein, in welcher er wohnte und eine Mischung aus Sehnsucht und Sorge ergriff ihn, kaum dass er in der Ferne das dunkle Dach seines Hauses erblickte. Es fühlte sich an, als wäre es Jahre her, dass er sich auf den Weg zu Sayaka begeben hatte.

Ob sie schon tot war?

Satoshi schämte sich zutiefst für diesen Gedanken und versuchte sich auf die verwaiste Straße zu konzentrieren. Hier und dort brannte bereits Licht in der Nachbarschaft und es würde wohl auch nicht mehr all zu lange dauern, bis der erste Bewohner das Haus verließ, um zur Arbeit oder Schule zu gehen.

 

Beinahe hätte er die Gestalt übersehen, die auf dem Boden kauerte und mit dem Rücken am Eingangstor seines Grundstücks lehnte. Furukawas Augen weiteten sich bei dem Anblick und er konnte nicht anders, als noch einige Sekunden sitzen zu bleiben und die Person anzustarren; selbst als er den Wagen am Straßenrand parkte und den Motor ausschaltete.

Und sein Erstaunen wurde auch nicht kleiner, als er erkannte wer dort saß und sich in einem viel zu großen Hoodie vergraben hatte.

»Kyo!«, rief er und schnallte sich rasch ab. 

Satoshi sprang regelrecht aus seinem Auto und eilte auf den jüngeren Mann zu, welcher keine Anstalten machte sich zu erheben, oder auf ihn zu reagieren.

»Kyo?«

Vergessen waren Sayaka und seine eigenen Probleme. Das hier war wichtiger!

»Kyo?«, wiederholte er erneut und hockte sich hin. 

Endlich kam Bewegung in den Musiker und als dieser den Blick hob, da wurde Satoshi klar, dass irgendwas passiert sein musste.

Natürlich ist etwas passiert, du Idiot!’, schalt er sich selbst. ‘Warum sonst sollte er dich anrufen und verlangen, dass du zurück nach Hause kommst.’

»Hast du etwa die ganze Nacht hier gesessen und auf mich gewartet?«, fragte er vorsichtig und berührte sanft die Schulter des anderen Mannes. Kyos Lethargie machte ihm wirklich Angst!

 

Da sie unmöglich weiter hier draußen bleiben konnten, nickte Satoshi zum Haus.

»Na komm, lass uns hinein gehen. Ich koche uns Tee und du erzählst mir was passiert ist. Okay?«

Wieder erhielt er keine Antwort, aber zumindest ließ Kyo zu, dass er ihn auf die Füße zog. Zum Schluss folgte er ihm bereitwillig, wenn auch untypisch still. Satoshi bildete sich ein, die neugierigen Blicke der Nachbarn auf sich zu spüren und er ahnte bereits, dass das hier wieder sehr viel Gerede geben würde. 

Er schloss auf und trat dann zur Seite, um seinem Gast den Vortritt zu lassen. Kyos Bewegungen hatten etwas mechanisches und fast schon lebloses an sich. Das änderte sich auch einige Minuten später nicht, als sie sich auf der Couch wiederfanden. Der Tee in den zwei Tassen dampfte stumm vor sich hin.

Satoshis Blick wanderte über seinen Patienten, aber er konnte keine äußeren Verletzungen feststellen. Das war schon mal gut; hoffte er zumindest.

 

»Kyo?«, fragte er noch einmal und kam sich so langsam selbst lächerlich dabei vor. Und da er wieder einmal keine Reaktion erhielt, seufzte er resigniert. »Also gut, ich würde sagen, dass wir beide uns erst einmal hinlegen. Ich bin todmüde und du siehst ebenfalls nicht gerade wie das blühende Leben aus.«

Eigentlich rechnete er nicht mehr damit, so etwas wie eine Antwort darauf zu bekommen. Umso größer fiel Furukawas Erstaunen aus, als dann doch leise Worte aus dem Mund des anderen Mannes kamen.

»Es zerstört alles.«

Zunächst glaubte er, sich verhört zu haben. Doch dann verarbeitete er das Gesagte und gab einen fragenden Laut von sich.

»Wie bitte? Was meinst du damit?«

Kyo schien noch ein Stück in sich zusammen zu sinken, während er zögerlich fortfuhr:

»Es zerstört alles, was mir wichtig ist.«

»Es?«, fragte der Arzt vorsichtig nach. »Meinst du den Feloidea in dir?«

Kyo nickte und beugte sich ein wenig vor, um die Finger in seinen schwarzen Haaren zu vergraben.

»Es will Toshiya loswerden. Ausgerechnet Toshiya.«

 

Satoshi saß da wie versteinert und war nicht einmal dazu in der Lage zu blinzeln. Zu groß war der Schock, während sein Verstand Kyos Worte wiederholte.

»Hast du Toshiya-san etwas angetan?«, fragte er, als er seine Stimme wiederfand. Aber zu seiner Erleichterung schüttelte Kyo den Kopf.

»Nicht körperlich. Ich… Es… wir haben Scheiße gebaut und es wird immer schlimmer!«, sprudelte es nun aus dem Sänger heraus. »Ich weiß nicht wie ich diese Tour überleben, oder überhaupt ein weiteres Konzert mit der Band spielen soll. Sie sind alles was ich habe und trotzdem … obwohl ich Kaoru mag … wieso verschlingt es alles was mir etwas bedeutet?«

Da ihm nichts einfiel was er tun konnte und Satoshi sich genau so hilflos fühlte wie Kyo, tat er etwas, was er sich wohl sonst niemals gewagt hätte. Er legte einen Arm um den völlig verzweifelten Mann und zog ihn an sich. 

Aufgrund ihres nicht gerade geringen Größenunterschieds, drückte er Kyos Kopf damit gegen seine Brust und rechnete mit Gegenwehr; aber nichts passierte. Statt dessen schien der jüngere Kater regelrecht zu erschlaffen und das rhythmische Zittern zeigte nur zu deutlich, was dieser mit aller Macht zu unterdrücken versuchte. Aber egal wie nahe sie sich mittlerweile standen, gewisse Gefühle würde dieser seltsame Mann wohl niemals offen vor ihm zeigen. 

Ja, vielleicht nicht einmal vor Kaoru.

 

***

 

Schlafmangel und ordentlich Restalkohol im Blut, waren wirklich keine Kombination, die weit oben auf Kaorus Wunschliste stand. Ganz im Gegenteil sogar! 

Er war todmüde und anstatt sich in sein Bett zu legen und zu schlafen, saß er in seinem Heimstudio und hämmerte wie ein Verrückter auf seine Tastatur ein. Fast als könnte sie persönlich etwas für das Gefühlschaos, welches seit gestern Abend in ihm tobte. Er versuchte sich mit Arbeit abzulenken, was leider nur bedingt klappte. Denn je mehr er sich dazu zwang nicht an Kyo und den Kuss zu denken, umso schlimmer wurde es.

Dabei konnte man das nun wirklich nicht mehr als Kuss bezeichnen. Sein Sänger hatte ihm regelrecht die Zunge in den Hals gerammt und er war so ein verdammter Schwächling gewesen und hatte mitgemacht.

 

Du bist süchtig nach mir, wie eine Nutte!’

 

Kaoru stöhnte auf und vergrub das Gesicht in den Händen.

Hatte Kyo damit recht? Natürlich! Gott verdammt nochmal, ja! 

Er war süchtig nach diesem Dämon und sehnte sich nach ihm, mit jeder Zelle seines Körpers. Kaoru wollte ihn berühren, sich ihm hingeben und ihn erneut küssen. Aber ohne, dass Toshiya sie dabei unterbrach.

Der Leader knurrte genervt, beim Gedanken an ihren Jüngsten. Im Augenblick war er weder auf Kyo, noch auf Toshiya gut zu sprechen. Einerseits weil er sauer war, dass ihn der eine so schamlos verführt hatte und andererseits weil er wütend darüber war, dass ihn der andere aus diesem giftig süßen Traum gerissen hatte.

Die sollten ihn heute alle gefälligst in Ruhe lassen. Er würde am Nachmittag zur Halle fahren und sich alleine um das Organisatorische kümmern. Dazu brauchte er die Band nicht.

 

Ein schrilles Geräusch ließ ihn gequält stöhnen. Kaoru hatte das Gefühl, als ob ihm jeden Moment einfach der Kopf platzen würde. Er verfluchte sich dafür, damals auf die grandiose Idee gekommen zu sein, in den schallisolierten Keller eine Weiterleitung für die Türklingel verlegen zu lassen. 

In 99 Prozent der Fälle, war das auch durchaus praktisch. Aber heute, wo er von einem Kater und seiner sexuellen Frustration geplagt wurde, hasste er sein vergangenes Ich mit sehr viel Leidenschaft dafür.

Kurz verharrte er und lauschte in die Stille. Aber als das Geräusch ein zweites Mal durch den Raum hallte und das grässliche Pochen in seinen Schläfen verstärkte, stand er gequält auf und ging zur Gegensprechanlage, direkt neben der Tür.

Sein Daumen presste sich auf den kleinen Knopf, so als wäre dieser Schuld an seinem Leid und brummte mit belegter, kratziger Stimme.

»Ja?«

Vielleicht war es ja der Postbote, oder einer der Nachbarn. Er hoffte einfach, den Störenfried so schnell wie möglich abwimmeln zu können, um sich dann wieder seinem Elend zu ergeben. 

 

Die sanfte Stimme Shinyas machte ihm dann jedoch einen sehr dicken und Pastellrosa farbenen Strich durch die Rechnung.

»Lässt du mich rein? Ich habe auch Kaffee und Aspirin dabei.«

Kaoru seufzte schwerfällig und lehnte die Stirn an die kalte Wand. Es linderte das Pochen ein wenig, half aber kaum gegen die aufsteigende Übelkeit und die Erschöpfung.

»Shinya«, murrte er. »Was willst du hier?«

Kaffee und Aspirin? Dieser verdammte Engel!’, schoss es ihm zeitgleich durch den wummernden Kopf und er konnte nicht anders, als leicht zu lächeln. 

»Mich um dich kümmern und mit dir reden, du sturer Hund. Also lass mich bitte rein, es ist kalt.«

So viel zu seinem Plan, heute alles und jeden aus seinem Leben auszusperren und den mies gelaunten Einsiedler zu mimen. Aber was sollte Kaoru denn tun? Er konnte ihren zierlichen Drummer nicht einfach vor der Tür in der Kälte stehen lassen; Ende Oktober.

»Na schön«, murrte er und betätigte den Summer, welcher das Eingangstor öffnete. Anschließend verließ er seinen Keller und begab sich schwerfällig ins Erdgeschoss, um seinen Gast herein zu lassen.

 

Shinya schüttelte den Regenschirm aus, ehe er ins Haus trat und aus seinen Schuhen schlüpfte. Den Becher, den er in der freien Hand hielt, streckte er kommentarlos Kaoru entgegen, welchen dieser dankbar annahm und tatsächlich schien sich sein eigener Verstand ein wenig zu beruhigen, kaum dass ihm der herbe Duft in die Nase stieg.

Sie sagten beide kein Wort, bis sie sich in Kaorus Wohnzimmer wiederfanden und zunächst einmal schweigend den Regen jenseits der großen Glasfenster beobachteten.

»Also?«, begann Kaoru schließlich, auch wenn er wusste, auf was das hier hinauslaufen würde. »Was genau willst du denn mit mir besprechen?«

Er schaute zu Shinya hinüber, welcher steif auf seinem Sofa saß und die Beine elegant übereinander geschlagen hatte. Sie beide ähnelten sich so gut wie gar nicht und schienen derart gegensätzlich, dass Kaoru es oft selbst nicht glauben konnte, dass Shinya tatsächlich ihr Drummer war!

»Über Toshiyas blaues Auge«, lautete die überraschend trockene Antwort und endlich wand sich der Jüngere ihm zu und betrachtete Kaoru, fast als ob er ihn analysierte. »Er wollte mir nicht sagen was passiert ist. Nur, dass du ihm eine reingehauen hast und dann abgehauen bist. Also?«

 

Kaoru zögerte, nur das Rauschen und das Trommeln des Regens gegen das Glas, durchbrachen die Stille zwischen ihnen, während er nach den richtigen Worten suchte. 

»Woher weißt du davon?«, wollte er schließlich vorsichtig wissen. »Du warst doch gar nicht mit im Club.«

»Dai hat mich gestern Nacht angerufen und irgendwas ins Handy gebrüllt.« Shinya schüttelte verständnislos den Kopf. »Ich habe kaum ein Wort verstanden und dachte zuerst, dass ihr euch mal wieder abgeschossen habt und zu besoffen seid, um ein Taxi zu rufen. Aber als ich beim Club ankam, waren nur er und Toshiya da.«

Der Leader nickte, auch wenn er nicht genau wusste, welcher dieser Aussagen er zustimmen wollte. 

»Wir hatten Streit.«

»Das dachte ich mir schon.« Shinya gab ein freudloses Lachen von sich. »Warum sonst solltet ihr zwei euch prügeln.« Wieder musterte er Kaoru eingehend, schien dann aber zu dem finalen Schluss zu kommen, dass dieser unverletzt war. »Also, wieso hast du ihn geschlagen?«

 

Eigentlich wollte Kaoru nicht darüber reden. Aber da er Shinya gut genug kannte, um zu wissen, dass sich dieser nicht eher von seiner Couch bewegen würde, ehe sie das nicht geklärt hatten, knurrte er widerwillig.

»Es ging um Kyo.«

»Ich weiß«, erwiderte Shinya, was dem schönen Drummer einen fragenden Blick einbrachte. »Toshiya hat mir irgendwas erzählt, dass es um dich und Kyo geht und du deswegen ausgetickt bist.«

»Was zur Hölle willst du denn von mir hören?!«, platzte es aus Kaoru heraus, der den mittlerweile leeren Becher mit den Fingern eindrückte.

»Die Wahrheit«, lautete die schlichte Antwort, aber sie war derart entwaffnend, dass die Wut des Leaders fast augenblicklich verrauchte und er kraftlos in sich zusammen sackte.

 

»Die Wahrheit?«, echote er und schnaubte bitter. »Die Wahrheit ist, dass ich es nicht ertrage ohne ihn zu sein und dass mich seine Nähe in den Wahnsinn treibt. Dass ich süchtig nach ihm bin und er sich in eine tödliche Droge verwandelt hat, die ich unter allen Umständen will.«

Kaoru schüttelte den Kopf, ob seiner eigenen Dummheit und Verzweiflung.

»Wir haben uns geküsst.« Plötzlich musste er lachen, aber es klang traurig und verbittert. »Ein richtiger Kuss war das eigentlich nicht, sondern mehr ein irres Herumgebeiße und dieser verdammte kleine Teufel hat damit auch noch angefangen!«

Er wagte es nicht zu Shinya zu schauen und bildete sich ein, dessen Blicke auf seiner Haut spüren zu können. Ob er ihn verurteilte?

 

»Der Kuss ging von ihm aus?«, fragte der Drummer ungläubig nach, als Kaoru nicht mehr weitersprach und erneut nickte.

»Einfach so, wie aus dem Nichts und es war wirklich nicht unschuldig. Keine Ahnung, was ich davon halten soll, Shinya.« Erneut seufzte er schwer; was er in den letzten Tagen viel zu oft tat. »Was sind das für kranke Spielchen, die er da mit mir treibt? Jahrelang hält er mich auf Abstand und nun das? Warum das alles?«

»Du liebst ihn schon so lange, Kaoru. Vielleicht wollte er dir irgendeine Art Gefallen tun?«

»Gefallen?« Er sah auf und starrte Shinya ungläubig an. »Womit denn? Unsere Beziehung war stabil und so perfekt, wie sie es unter diesen Umständen nur sein kann. Ich wollte nicht noch weiter gehen und das wusste er genau.« Kurz schwieg er, um die Worte sacken zu lassen. »Alles hat sich seit Denver verändert. Die Katze in ihm übernimmt die Kontrolle und ich frage mich, ob er es nicht vielleicht sogar bereitwillig zulässt.«

»Wie meinst du das?«

Kaoru zuckte hilflos mit den Schultern.

»Seine Anfälle sind zurück. Aber es ist anders als damals. Selbst Doktor Furukawa ist der Meinung, dass sich die Krankheit in seiner Dissoziation breit macht und Kyo immer weiter auffrisst. Ich habe Angst davor, dass er irgendwann nur noch dieses Ding ist und nicht mehr er selbst.«

 

Shinya wurde eiskalt und in seinem Kopf begann es zu rattern. Obwohl er für gewöhnlich der Stille unter ihnen war, war sein Verstand messerscharf und er wurde von Kaoru nicht grundlos häufiger in die organisatorischen Angelegenheiten mit einbezogen.

»Sein Psychiater meinte doch, dass er nicht multibel wäre!«, sagte er rasch.

»Ich befürchte, dass er es mittlerweile ist. Wenn er dissoziiert, dann übernimmt der animalische Teil in ihm und der ist so… so anders. Brutal, kalt, gewalttätig. Er nimmt sich alles was er will und schert sich nicht darum, ob er uns dabei weh tut. Denk an die Fahrt nach Tokyo!« Der Ausdruck in den Augen seines Gegenübers bestürzte ihn und Shinya verspürte das Bedürfnis ihn fest in den Arm zu nehmen. Noch nie hatte er ihren sonst so starken und widerstandsfähigen Kaoru, derart kraft- und hilflos erlebt. »Die Art wie er mit Toshiya gesprochen und was er zu ihm gesagt hat. Das war nicht Kyo, sondern das Monster in ihm.« [1]

 

»Außerdem,« fuhr Kaoru fort, bevor Shinya überhaupt etwas erwidern konnte. »Ist noch etwas anderes passiert.«

»Was?«, kam die leise Gegenfrage und obwohl er keine Ahnung hatte auf was Kaoru anspielte, wurde dem Drummer Angst und Bange.

»Er hat etwas getan. Etwas… etwas schreckliches.«

Sollte er es wirklich wagen und Shinya sagen was passiert war? Eigentlich hatte er sich geschworen, die anderen nicht noch weiter in das Drama mit hinein zu ziehen. Aber Kaoru musste mit irgendwem darüber sprechen, der keine Katze war!

»Mein Autounfall im Sommer, war keiner.«

Vermutlich spürte Shinya, dass Kaoru nicht sicher war, wie er es formulieren sollte, denn er wartete ab und beobachtete ihn einfach nur schweigend.

»An dem Abend wurden wir während der Fahrt von Katsuo angegriffen.«

Das Zusammenzucken des zierlichen Mannes war nicht zu übersehen und der Gitarrist sah zu eben diesem. Aus Shinyas ohnehin blassem Gesicht, war nun wirklich jede Farbe gewichen und er saß dort wie zur Salzsäule erstarrt. Die einmalige Begegnung mit diesem Ungeheuer, hatte in ihm nachhaltige Spuren hinterlassen.

»Warum?« Selbst Shinyas sonst so sanfte Stimme, war ganz kratzig und angespannt und als ihm das Zittern auffiel, ergriff Kaoru die Hand seines Kollegen.

»Ich bin nicht sicher. Vielleicht wollte er es gezielt zu Ende bringen. Oder aber er wollte einfach nur wieder mit uns spielen. Aber was auch immer sein Plan war, es hat nicht geklappt.« Er umschloss die Hand seines Freundes fester. »Kyo hat ihn getötet.«

 

***

 

Mit dem Wäschekorb unterm Arm, kam Satoshi die Treppen des Kellers hoch und stellte ihn dann neben der Tür ab. Er schaute durch den großen Durchgang ins Wohnzimmer und runzelte die Stirn als er sah, dass sein Gast scheinbar wahllos durchs TV-Programm zappte. Kyo war kaum zu sehen, so sehr hatte er sich in der Couchdecke eingewickelt. Man sah ihm deutlich an, dass er alleine sein wollte und Furukawa akzeptierte es. 

Er hatte es dem eigenwilligen Sänger erlaubt über Nacht zu bleiben. Hier war er unter Aufsicht und Satoshi musste sich keine Sorgen machen, dass Kyo vielleicht durch die Stadt streunte und ihm womöglich noch etwas zustieß. 

»Du solltest dich langsam fertig machen«, rief er dem jüngeren Kater zu. 

Er würde ihn persönlich zur Konzerthalle fahren und dieses Mal dabei sein, das hatte er Kyo versprochen. Christine hatte ihren Job zwar bislang gut gemacht und sie und der Sänger hatten einander nicht zerfleischt. Aber so wie Kyo im Moment drauf war, wäre es besser, wenn Satoshi diese Aufgabe erst einmal wieder übernahm. 

 

»Hm«, kam die gebrummte Antwort und eine Hand kämpfte sich aus der Decke heraus, um ihm ein Zeichen zu geben. »Ist nur Soundcheck.«

»Trotzdem solltest du dort nicht in Unterwäsche auftauchen.« Er lächelte milde, da er ihm so eine Aktion irgendwie sogar zutraute. »Also los, aufstehen und ab ins Bad, wenn du willst, dass wir einen Zwischenstop bei dir einlegen.«

Endlich kam der kleine Berg in Bewegung. Kyo zog die Decke fast gänzlich weg und funkelte ihn trotzig an.

»Du bist nicht mein Vater.«

»Dann benimm dich nicht wie ein kleines Kind.« Satoshi hob den Wäschekorb wieder hoch und wand sich zur Treppe in den ersten Stock. »Du hast zwanzig Minuten«, rief er und konnte das breite Grinsen einfach nicht unterdrücken, als er hinter sich wieder nur ein unwilliges Murren und Knurren vernahm.

 

 

Trotz all der Widerworte, saß Kyo zwanzig Minuten später tatsächlich im Wagen und brummte wieder vor sich hin. Alles in ihm schrie danach sich zu verkriechen und die Welt für die nächsten Wochen aus seinem Leben zu verbannen. 

Aber zum einen hatten sie diese verdammte Tour zu Ende zu spielen. Zum anderen würde ihn Kaoru an den Ohren zur Konzerthalle zerren, sollte er es wagen den Soundcheck zu schwänzen; Kuss hin oder her!

Dieser verfluchte Kuss’, dachte er sich und lehnte die Stirn gegen die kühle Fensterscheibe der Beifahrerseite. Was hatte sich sein inneres Monster nur dabei gedacht? Wenn es wenigstens nur bei einem einfachen, unschuldigen Kuss geblieben wäre. Aber das was sie da im Club veranstaltet hatten, kam einem lustvollen Vorspiel erschreckend nahe und Kyo gefiel es nicht, dass er es, auf eine verdrehte Weise, irgendwie gemocht hatte.

Kaoru würde ihn ganz sicher danach ausfragen und er hatte absolut keine Ahnung, wie um Himmels Willen er das erklären sollte!

Kein Wunder, dass Toshiya so wütend auf mich ist. Ich bin es ja ebenfalls!’

 

Kyo hatte Furukawa nichts von dem erzählt, was passiert war. Es war ihm peinlich und er war nicht gerade der Typ Mensch, der sich anderen einfach so anvertraute. Der Sänger hatte ihm lediglich mitgeteilt, dass er niemanden gebissen, oder getötet hatte. Und so sehr er Satoshi auch mochte, so wenig wollte er ihn an seinem Liebesleben teilhaben lassen;  wenn man das denn so nennen konnte.

»Soll ich mit hoch kommen?«

Kyo schreckte auf. Er war so in Gedanken versunken gewesen, dass er die Fahrt nur am Rande mitbekommen hatte. Dementsprechend irritiert starrte er aus dem Fenster und zur Eingangstür des Appartementhauses.

»Wie?«, fragte er irritiert und rieb sich über die Augenlider.

»Hast du geschlafen?« Furukawa lächelte sanft und warf dann einen bedeutungsvollen Blick zum Hauseingang. »Ich warte hier unten, okay?«

Ohne zu antworten, nickte Kyo und schnallte sich ab. Er hatte keine große Lust darauf, in seine völlig verwüstete Wohnung zu gehen, aus der er ja eigentlich geflüchtet war. Aber ihm blieb nichts anderes übrig und er war sogar froh darum, dass Satoshi nicht weiter nachfragte. 

 

Die Wohnung sah noch schlimmer aus, als in seinen nebulösen Erinnerungen. Was aber auch daran lag, dass er sie nun das erste Mal bei Tageslicht sah und Kyo konnte nicht anders, als frustriert zu stöhnen. Wahrscheinlich würde es ihn eine halbe Ewigkeit kosten, um das alles wieder in Ordnung zu bringen. Er wagte es nicht einmal die Schuhe auszuziehen, weil überall Trümmer und Glasscherben herum lagen. Am schlimmsten hatte es sein Wohnzimmer getroffen.

»Vielen Dank auch!«, maulte er, als er über die Reste seiner Gitarre stieg und sich irgendwie seinen Weg ins Schlafzimmer bahnte. Er hatte zwar bei Satoshi geduscht, seine Kleidung war aber mittlerweile alles andere als frisch, was er rasch änderte.

Dabei fiel sein Blick in den großen Spiegel, dessen obere Ecke seit Jahren einen Sprung hatte und den er einzig aus Faulheit nicht entsorgte. Er betrachtete sich selbst, wie er dort nur in Unterwäsche stand und drehte sich leicht seitlich, bis er das gefleckte Muster sehen konnte, welches sich vom rechten Oberschenkel, über sein Gesäß, bis zum Rücken erstreckte.

Kyos Blick huschte hoch und direkt zu seinem eigenen, immerzu ernsten Gesicht. Als Kind hatte er sich ständig anhören müssen, er solle nicht so böse gucken. Oder dass er eine wirklich finstere Ausstrahlung hätte. Und er hatte nie verstanden, was die Erwachsenen damit meinten, wenn sie ihm sagten, dass er wirklich unfreundlich wäre. Er war ehrlich und das gefiel den anderen Menschen nicht.

 

»Wenn du das nächste Mal ausrastest, dann sei so gut und räum danach wieder auf, okay?«, maulte er sich selbst an (oder das Wesen in seinem Kopf) und wie um sich selbst zu antworten, knurrte er und fletschte die Zähne. In seinen eisblauen Augen blitzte purer Trotz auf, fast als versuche er sich selbst zu verspotten.

»Du mich auch«, murrte er, zog sich frische Kleidung und Schuhe an und verließ die Wohnung dann so schnell er nur konnte. Kyo wollte sich jetzt nicht damit befassen und wieder einmal das tun, was er am besten konnte: die Konflikte so lange wie möglich verdrängen.

 

***

 

Irgendwas stimmte nicht.

Zuerst hatte er es nur für einen Zufall gehalten, aber nachdem er zum fünften Mal Shinya dabei erwischt hatte, wie dieser ihn eindringlich musterte, wurde Kyo misstrauisch. 

Außerdem war ihm das Veilchen im Gesicht ihres Bassisten nicht entgangen, ganz gleich wie sehr Toshiya auch bemüht gewesen war, dieses zu überschminken. 

War ich das?’

Kyo war sich so langsam nicht mehr sicher, wie vielen seiner Erinnerungen er noch trauen konnte. Aber da der Jüngere ihm schon den ganzen Tag übe energisch aus dem Weg ging, war das definitiv kein gutes Zeichen.

Und dann war da noch Kaoru. Dieser tat zwar so, als wäre alles in bester Ordnung und hatte dabei seine ultimative Profi-Maske aufgesetzt. Aber ihnen beiden war klar, dass sie diese ganze Angelegenheit recht bald aus der Welt schaffen mussten. So konnte das doch nicht weiter gehen. 

 

»Du liebe Güte.« Satoshi stand neben ihm und sie beide sahen den Gitarristen dabei zu, wie sie ihre Instrumente aufeinander abstimmten. »Zwischen euch brennt ja ziemlich die Luft, wenn ich das mal so sagen darf.«

»Hm«, brummte Kyo nur und zog sich einfach die Kapuze seiner Jacke über den Kopf. Ihm war nicht kalt, aber er war es einfach leid, die Blicke der Crew im Augenwinkel zu sehen. »Ich weiß. Hab doch gesagt, dass der Kater nur noch Probleme macht.«

»Du brauchst sie.« Furukawa sah zu ihm runter, auch wenn er von Kyos Gesicht nur noch das Kinn sehen konnte. »Also regel das so schnell wie möglich.«

»Wie stellst du dir das vor?« Kyo hob den Kopf ein Stück und seine blauen Augen blitzten den Arzt zornig an. »Sie sind zu recht sauer auf mich. Aber ich weiß, dass sie es niemals wirklich verstehen können, weil sie nicht wissen, wie sich das hier anfühlt!«

 

Satoshi hielt den Blickkontakt einige Sekunden, dann seufzte er schwer und lächelte väterlich.

»Kyo, wenn du es nicht schaffst, das alles in den richtigen Worten zu beschreiben, dann schafft es niemand.« 

Als der Sänger nur ratlos (oder bockig) mit den Schultern zuckte, musste er dem Drang wirklich widerstehen, ihm über den Kopf zu streicheln. Kyo war nicht Nao!

»Als Katzen haben wir Krallen und Zähne, mit denen wir sehr viel Schaden anrichten können. Aber abgesehen davon, sind wir genau so menschlich, wie alle anderen in dieser Halle.«

»Was willst du mir damit sagen?« Der jüngere Kater verschränkte die Arme vor der Brust und tat so, als interessiere ihn die Arbeit auf der Bühne brennend. In Wahrheit sah er aber gar nicht wirklich hin.

»Deine stärkste Waffe ist deine Stimme, Kyo. Du hast mir mal gesagt, dass du nicht willst, dass man deine Worte interpretieren kann. Aber deine Texte vermitteln deine Gefühle, selbst wenn man sie nicht versteht.« Satoshis Blick wanderte zur Bühne und zu Kaoru, welcher bei Dai stand und mit diesem über irgendwas sprach. »Niemand versteht dich so gut wie sie.«

 

Daraufhin erhielt er zunächst keine Antwort. Kyo schien wieder in seine Gedankenwelt abzudriften und Satoshi wollte ihn nicht weiter bedrängen. Längst hatte er verstanden, dass dies zu nichts führte und der Jüngere andernfalls nur die Schutzschilde hochzog.

Minutenlang schwiegen sie einander an, bis er plötzlich ein leises Einatmen vernahm, gefolgt von einem Seufzen.

»Ich kann meine Gefühle aktuell nicht in Worte fassen, weil ich sie selbst nicht verstehe«, gestand Kyo bitter. »Bislang war alles klar geregelt. Ich weiß dass Kaoru mich liebt und er weiß dass ich nicht lieben kann. Es gab klare Regeln, nach denen wir gespielt haben. Jeder kannte seine Aufgaben und alles griff perfekt ineinander, wie eine Gott verdammte Maschine! Und jetzt ist alles anders.«

»Was genau hat sich verändert?«

»Abgesehen von der Katze?« Kyo schnaubte frustriert und überfordert. »Einfach alles! Das was vorher klar war, wird löchrig und überall wo es kann, macht sich das Monster breit und verändert die Spielregeln. ich will nicht, dass sich etwas ändert.« Kyos Stimme wurde immer leiser, bis Furukawa sie kaum noch verstehen konnte. »Alles soll so bleiben wie es war. Warum können wir das Gute im Leben nicht wenigstens für einen kurzen Augenblick genießen? Warum muss immer alles kaputt gehen?«

 

Satoshi wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er verstand Kyo besser als dieser vielleicht glaubte und vermutlich war genau das auch der Grund, warum er den jungen Künstler so sehr mochte. Sie waren sich in manchen Dingen wahnsinnig ähnlich.

»Das habe ich mich damals auch gefragt, als ich Nao verloren habe«, sagte er ruhig und mitfühlend. »Die Welt wurde an diesem Tag grau und leblos. Ich habe mich selbst leblos gefühlt und wenn ich ehrlich bin, dann habe ich seitdem auch nie wieder echtes Glück empfunden.«

Kyo schwieg und sah unsicher zu dem größeren Mann hoch, der neben ihm stand wie ein altes, weises und trotzdem kraftvolles Monument. 

»Dann ist es wohl doch Schwachsinn, dass die Zeit alle Wunden heilt, hm?«, fragte er, ohne eine konkrete Antwort zu erwarten. Statt dessen lächelte Satoshi traurig und schüttelte den Kopf.

»Nein, aber wir können lernen, mit den Narben die wir tragen, zu leben und weiter zu machen, so gut wir eben können.« Der alte Kater wand sich ihm nun direkt zu. »Wenn ich dir einen guten Rat geben darf, Kyo, dann dass man immer einen Grund findet weiter zu machen. Egal was du tust, das Leben wird dir jedes Mal Steine in den Weg legen. Aber wenn du stur bleibst und deine Ziele weiter verfolgst, dann wird es dich irgendwann auch dafür belohnen. Und ich habe noch nie einen so sturen und zielstrebigen Menschen wie dich getroffen.«

 

 

»Kaum dass du da bist, spielen seine Vitalwerte nicht mehr verrückt. Satoshi? Gibt es da etwas, was wir wissen sollten?« 

Christine hielt, in gewohnter Manier, die Arme vor der Brust verschränkt und musterte ihn mit einem sehr frechen Grinsen. Ihr alter Freund rollte nur mit den Augen und schob sich die Lesebrille auf der Nase zurück, ehe er sich ein Stück nach vorn beugte, um die Daten auf Yuutos Laptop näher zu begutachten.

»Ich weiß nicht auf was du hinaus willst«, meinte er, woraufhin sie auflachte.

»Hey, nun sei nicht so. Dir würde eine neue Liebschaft sicherlich ganz gut tun.«

Da er wusste, dass es zu nichts führen würde, ging er einfach nicht darauf ein.

»Du solltest auf ihn und die anderen aufpassen und kaum bin ich mal nicht da, schon zerstreitet sich die Band und ich finde Kyo völlig aufgelöst vor meinem Haus wieder.«

»Na hör mal!«, schnaubte sie empört. »Ich bin ganz sicher nicht dafür verantwortlich, die Mutter dieser fünf Wahnsinnigen zu spielen! Das kannst du schön selbst übernehmen, Satoshi.«

»Geht es Kyo-kun gut?«, fragte Yuuto, welcher vorerst nur stumm auf seinem Platz gesessen und dem Streitgespräch der beiden älteren Katzen schweigend gelauscht hatte.

Die Band hatte derzeit Soundprobe und sie nutzten die Chance, um gleichzeitig den Sensor in Kyos Körper auf seine Funktionalität zu überprüfen. Bislang gab es keinerlei Auffälligkeiten.

»Er war etwas aufgewühlt«, gestand Satoshi besorgt. »Weißt du was bei ihnen los war?«

Yuuto zuckte nur mit den Schultern.

»Ich habe ein wenig mit den anderen aus der Crew gesprochen und, so wie ich hörte, bleibt die Band die meiste Zeit lieber für sich. Selbst Fujieda-san bekommt wenig von den Band internen Angelegenheiten mit. Sie sind ein sehr verschworener Haufen.«

»Fujieda?« Satoshi glaubte zwar, diesen Namen schon einmal gehört zu haben, konnte ihn aber nicht zuordnen.

»Er ist so etwas wie der persönliche Assistent von Shinya-san und er steht der Band wohl am nächsten… Was auch immer das in dem Fall zu bedeuten hat.«

 

Satoshi rieb sich nachdenklich übers Kinn und nickte leicht.

»Die Dynamik zwischen Kyo und den anderen, macht mir immer noch große Sorgen. Einerseits stabilisiert es ihn. Andererseits kann das aber auch nach hinten losgehen.«

Selbst von Christine kam ein zustimmender Laut.

»Diese Dissoziation, die wir bei ihm nach dem Mord gesehen haben, kann wirklich zum Problem werden, Satoshi.« 

Während sie sprach, wand er sich seiner Kollegin zu und nickte.

»Der Feloidea in ihm könnte dadurch im Stande sein, eigenständig darüber zu entscheiden, wen er zum Feind erklärt und wen nicht. Unabhängig von dem was Kyo will«, stimmte er zu. »Das bedeutet, dass die anderen sich bei jedem Streit in Todesgefahr begeben.«

»Ist das der wahre Grund dafür, dass Masahiro hier ist?«, erkundigte sich Christine nach dem Polizisten. »Um den Zwerg im Notfall einfach abzuknallen?«

»Unsinn!« Satoshi starrte sie an. »Kyo bat mich um seine Nummer, aber was genau passiert ist, wollte er mir nicht verraten.«

 

Ein Klopfen an der Tür unterbrach das aufkeimende Streitgespräch und sowohl die beiden Ärzte, als auch Yuuto, wanden sich um.

»Doktor Furukawa?« 

Kaoru wirkte etwas unsicher darüber, ob er sie bei etwas wichtigem störte. Satoshi versuchte es mit einem freundlichen Lächeln und nickte.

»Ja, schön Sie wieder zu sehen, Kaoru-san.«

Der Gitarrist trat ein.

»Sie sind zurück in der Stadt?« Er ließ dabei nicht durchblicken, ob er den Grund von Satoshis Abwesenheit kannte, oder nicht. 

»Seit gestern Morgen. Kyo rief mich an und ich war, ehrlich gesagt, in großer Sorge um ihn. Darum bin ich so schnell wie möglich zurück gefahren.«

Kaoru spürte wie ein unangenehmes Kribbeln durch seine Glieder fuhr und er leicht schauderte. Als er nichts sagte und nur einen nervösen Blick in Richtung Christine und Yuuto warf, welche wieder mit dem Laptop beschäftigt waren, nickte er zu der nur angelehnten Tür.

»Unter vier Augen?«, fragte er, was Furukawa bestätigte. 

 

Im Gang vor dem kleinen Raum, herrschte reger Betrieb. Allerdings waren die Mitarbeiter zu beschäftigt, um ihrem Gespräch ernsthaft lauschen zu können. Kaoru hielt die Arme vor der Brust verschränkt und musterte den älteren Mann forschend.

»Sie wissen also was passiert ist?«, verlangte er zu erfahren und der Ausdruck in Satoshis Augen, war ihm eigentlich Antwort genug.

»Kyo hat es mir teilweise erzählt, ja«, bestätigte er dennoch. »Die genauen Details kenne ich aber nicht.«

Wieder machte sich die Scham in Kaoru breit und er senkte den Blick, um irgendeinen Punkt auf dem Fußboden zwischen ihnen zu fixieren. 

»Und ich weiß auch von der Sache mit Toshiya-san«, sprach Satoshi weiter. »Das war auch der Grund, warum er mich angerufen hat. Kyo macht sich Sorgen um die Beziehung zu Ihnen und der Band. Er hat Angst vor sich selbst, darum hielt ich es für das Beste, zurück zu kommen und ihn vorerst bei mir aufzunehmen. Es ist sicherer für alle, wenn ich ein Auge auf ihn habe.«

 

Zu seinen ohnehin aufgewühlten Gefühlen, gesellte sich nun etwas anderes, was Kaoru kalt erwischte. Eigentlich hätte er erwartet, dass er erleichtert darüber wäre, Kyo bei Satoshi in Sicherheit zu wissen. Oder dass er dem Arzt gegenüber Dankbarkeit empfand, für dessen anhaltender Aufopferungsbereitschaft. 

Aber das genaue Gegenteil war der Fall und es bestürzte Kaoru, als sich in ihm eine nahezu brennende Eifersucht breit machte.

Dabei wusste er, wie lächerlich und unsinnig das war. Kyo war nicht schwul; ja, vermutlich nicht einmal bisexuell. Selbst die wenigen Beziehungen, die ihr Sänger geführt hatte, erschienen ihm im Nachhinein erstaunlich kalt und distanziert; was die berechtigte Frage aufkommen ließ, ob dieser sich überhaupt für Zwischenmenschlichkeiten interessierte. 

Und trotzdem war es Kaoru absolut unmöglich, sein Gehirn davon abzuhalten Bilder zu produzieren, die er eindeutig nicht haben wollte!

Denn zugegebener Maßen war Satoshi, trotz seines hohen Alters, ein durchaus attraktiver Mann, der obendrein genau so fürsorglich wie intelligent und gebildet war. Sicherlich hatte er unter seinen Patienten nicht gerade wenige Verehrerinnen und während Kaoru ihn anstarrte, rotierte das Gedankenkarussell immer schneller und schneller. Und als es schließlich zu den wirklich intimen Ideen überging, musste er sich dazu zwingen nicht rot anzulaufen.

 

Das ist Schwachsinn!’, ermahnte er sich zornig. ‘Du eifersüchtiger Esel bildest dir das nur ein! Satoshi will Kyo nur helfen und ihn nicht flachlegen!’

Kaoru hasste sich selbst dafür, dass er so dachte und fühlte. Aber er war machtlos und konnte nicht verhindern, dass sich in seine Stimme eine verräterische Bitterkeit mischte.

»Also wohnt er aktuell wieder bei Ihnen?«, fragte er und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Selbst Satoshi entging der seltsame Unterton nicht, denn er hob fragend eine Augenbraue.

»Ja, zeitweise. Ist das ein Problem?«, fragte er und Kaoru wurde es allmählich leid, zu ihm hoch zu schauen. Wieso war dieser verdammte Arzt so ein Riese? 

Ob Kyo ihn deswegen mag?’

Gott verdammt, das durfte doch nicht wahr sein! Er sollte froh darüber sein, dass Kyo endlich jemanden gefunden hatte, dem er vertraute und der ein wenig auf ihn aufpasste, damit Kaoru dies nicht ständig selbst tun musste. Wieso störte es ihn jetzt auf einmal so extrem?

Aber je länger er in diese sanften, grünen Augen starrte, umso eifersüchtiger wurde er.

»Sorgen Sie einfach dafür, dass er morgen rechtzeitig hier ist. Die Tour ist anstrengend genug für uns alle und ich habe keine Lust, mich wegen ihm wieder mit dem Management zu streiten!« 

Kaoru wand sich um und ließ einen verwirrten und zutiefst besorgen Satoshi zurück, der nicht so recht verstand, was er falsch gemacht hatte. 

 

Wütend auf sich selbst, stapfte der Leader zurück zur Bühne, auf der Kyo soeben dem Tontechniker etwas zurief. Seine Stimme war Fluch und Segen in einem und es kam nicht selten vor, dass er es mit den hohen Stimmlagen schaffte, das Mikrofon zu übersteuern.

Besonders bei den kleineren Hallen wurde das gut und gern zum Problem und das war weder für die Besucher, noch für die Band angenehm.

Kaoru verharrte mitten in der Bewegung und beobachtete ihren Sänger, wie er unruhig auf und ab ging und mehrfach den selben Ton wiederholte, bis sie mit der Qualität zufrieden waren.

»Wie ein Tier im Käfig, findest du nicht?«

Er zuckte heftig zusammen und wandte den Kopf so schnell nach rechts um, dass es ihm unangenehm im Nacken zog.

»Shinya!«, keuchte er erschrocken und starrte den schönen Drummer dabei an, als wäre dieser eine Erscheinung.

»Entschuldige«, lächelte Shinya sanft und schaute dann seinerseits wieder zu Kyo. »Er will nicht hier sein«, lautete die kurze Analyse.

»Nein, will er nicht.« Kaorus Augen huschten immer wieder zwischen Bühne und Drummer hin und her. »Ohne Furukawa, wäre er heute nicht einmal hier.«

 

Sie schwiegen. Shinya, weil er ohnehin wortkarg war und Kaoru, weil er nicht mehr weiter wusste. Dabei beobachteten sie Kyo bei seinem Tun und je länger es dauerte, umso unruhiger wurde der Sänger.

»Wie gehst du damit um?«

»Hm?«, fragend schaute er zu Shinya, weil er nicht verstand, auf was dieser hinaus wollte.

»Mit dem was er getan hat, meine ich.«

Kaoru zuckte mit den Schultern.

»Ehrlich gesagt macht es mir Angst. Bis zu diesem Abend wusste ich zwar, dass ihn diese Krankheit zum Mörder machen könnte. Aber es erschien mir nicht wirklich real. Wie ein böser Traum.«

»Geht mir genau so. Es ist ein Unterschied, ob ein Ereignis stattfinden könnte, oder ob es auch tatsächlich passiert.«

 

Kaoru nickte zunächst nur und als er noch etwas sagen wollte, wurde er jäh von einem wahnsinnig lauten Knallen und Quietschen unterbrochen. Fassungslos sahen er, Shinya und der Rest der Crew dabei zu, wie Kyo sein Mikrofon auf den Boden feuerte und dann laut fluchend von der Bühne sprang.

»Nishimura-san!«, erklang die laute Stimme des Managers, welcher sich im hinteren Teil aufgehalten und alles mit aufmerksamem Blick verfolgt hatte. 

Kaoru fluchte unterdrückt und wollte nun seinerseits auf Kyo zugehen, als Shinya ihn grob am Arm packte und zurück hielt.

»Warte!«, hörte er ihn zischen und man mochte es auf den ersten Blick kaum glauben, doch Shinyas Griff war so stark, dass sich Kaoru diesem einfach nicht entziehen konnte.

»Aber er - .«

»Warte!«

 

Kyos innere Wut schien jeden Moment einfach überkochen zu wollen. Er fühlte sich wie ein brodelnder Vulkan, dessen Feuer, hier und jetzt, nur eine einzige Person löschen konnte.

Wie alle anderen Anwesenden auch, stand Toshiya fassungs- wie ratlos da und jede Farbe wich ihm aus dem Gesicht, je näher Kyo ihm kam. Kurz bevor er ihn erreichte, zuckte der Bassist zurück; nichts als Panik im Blick.

»Mitkommen!«, fauchte Kyo nahezu animalisch. In der riesigen Halle herrschte eine ohrenbetäubende Stille, die von Kyos unheimlicher Präsenz ausgefüllt wurde, während alle Blicke auf ihm und Toshiya lagen.

Als jener keine Anstalten machte sich zu bewegen, packte er ihn einfach am Oberarm und riss ihn regelrecht mit sich, zu einem der offen stehenden Seitenausgänge.

»Wir klären das jetzt!« 

Kyo wollte Toshiya sicherlich keine Angst einjagen, aber Satoshi hatte recht. Sie mussten diese Sache endlich aus der Welt schaffen, andernfalls hätten sie spätestens morgen Abend ein riesiges, schwarz geflecktes und knapp zwei Meter großes Problem!

 

»Nishimura-san!«

Kurz bevor sie den Ausgang erreichten, holte sie nun auch ihr Manager ein, dessen Gesicht rot glühte vor Ärger und Kyo musste sich eingestehen, dass er doch ein wenig erstaunt war. Offenbar hatte dieser Idiot seinen letzten Besuch vergessen oder überwunden. Denn er wirkte mutiger als noch vor ein paar Wochen.

»Wir sind gleich zurück«, brummte er, Toshiya im Schlepptau.

»Verschieben Sie bitte ihren persönlichen Disput! Wir sind mitten in den Vorbereitungen und  Sie könnten hier nicht einfach schalten und walten, wie es ihnen be - .«

Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden. Kyo, der bereits seit einer Viertelstunde Stück für Stück die Geduld verlor und spürte, dass sein inneres Monster die Krallen nach der Kontrolle ausstreckte, wand sich dem faselnden Mann zu und knurrte so tief und unmenschlich, dass seine Worte kaum zu verstehen waren.

»Machen Sie ihren Job und hören Sie auf damit, mir auf die Nerven zu gehen. Wir sind nicht Ihr Eigentum!«

 

***
 

Kapitel 46 ¦ Katzenkaiser


 

***

 

Seine Augen blitzten unter dem Rand seiner Kapuze hervor, eisblau wie polierter Topas und der Manager schnappte erschrocken nach Luft, als sich Kyos Pupillen zu feinen Schlitzen verzogen. Erinnerungen an den Abend in seinem Büro kochten wieder hoch und er spürte die gleiche, lähmende Angst von damals.

Mit einem tiefen, dunklen Grollen, wand Kyo sich von ihm ab und zog den geschockten und sprachlosen Toshiya mit sich. Erst als sie durch den Lieferanteneingang ins Freie traten, wurde er losgelassen und Kyo entfernte sich einige Schritte von ihm, ließ die Schultern kreisen und zog sich die Kapuze vom Kopf. 

»Gott verdammt, das war knapp«, sagte er angespannt, fuhr sich mit den Fingern übers Gesicht und stieß ein langes, frustriertes Knurren aus.

Zu verängstigt um irgendwas zu sagen, beobachtete Toshiya ihn dabei, wie er hin und her lief, immer wieder die Arme schüttelte und dabei wahnsinnig angespannt wirkte.

Er kämpft mit sich’, schoss es dem Bassisten durch den Kopf und das erste Mal seit Monaten, bekam er eine Ahnung davon, wie anstrengend das alles für Kyo sein musste.

Er will nicht so sein’, hatte Kaoru gesagt und damit offensichtlich recht behalten.

 

»Sorry.« Endlich blieb Kyo stehen und musterte ihn forschend. »Ich wollte euch keine Angst machen.«

»Hast du aber«, gestand Toshiya und rieb sich über den Oberarm. Vermutlich würde er morgen einen wunderschönen Bluterguss darauf haben. »Du bist ein Monster.«

Er wollte ihn nicht verletzen, sondern lediglich die Wahrheit sagen. Aber anstatt Gegenwehr oder Widerspruch zu erhalten, teilten sich die vollen Lippen des Sängers und sein Mund verwandelte sich in ein freudloses Grinsen.

»Na, endlich sagt es mir mal einer ins Gesicht!«, lachte er, auch wenn es verbittert klang. »Kaoru, dieser verdammte Samariter, erzählt mir ständig etwas von Menschlichkeit und das ich kein Ungeheuer wäre. Er redet sich diese ganze Scheiße schön und das kotzt mich so an!«

Toshiya blinzelte verwundert. Die Beziehung zwischen Kyo und Kaoru, konnte man sicherlich nicht als ‘unkompliziert’ bezeichnen. Aber das hier war sogar ihm neu.

»Er will dich nicht verletzen und du weißt genau warum.«

»Ja, das weiß ich! Verflucht nochmal, niemand weiß das so gut wie ich, Toshiya!« Kyo machte eine wegwerfende Handbewegung und wirkte dabei irgendwie ratlos und überfordert. »Ich erwarte nichts von euch, Toto. Außer, dass ihr ehrlich zu mir sein sollt. Eure Gedanken und Gefühle sind für mich nicht lesbar. Also bitte, seid einfach ehrlich zu mir.«

 

Als Toshiya dies hörte, erinnerte er sich an ein Gespräch, welches er vor zwei Jahren mit Shinya geführt hatte. In einer Phase, in der sie das erste Mal wirklich ernsthaft darüber nachgedacht hatten, die Band zu begraben.

Zwischenmenschliche Interaktionen muss er sein Leben lang mühsam erlernen. Er hat ein Handbuch, nach dem sein Sozialleben funktioniert. Aber er wird niemals dazu im Stande sein uns korrekt zu lesen, so wie du oder ich es können.’

In diesem Moment wurde Toshiya das volle Ausmaß dieser Aussage klar. Er hatte die ganze Zeit über gedacht, dass Kyo einfach nur keinen Wert auf zwischenmenschliche Beziehungen legte. Aber auf die Idee, dass dessen Probleme nicht nur psychischer, sondern auch neurologischer Natur waren, war er nie gekommen.

Toshiya, ich befürchte, dass er nicht einmal weiß, dass sein Verhalten nicht normal ist.’

 

Seine Kehle fühlte sich ganz trocken an, als er seine Stimme wiederfand.

»Du willst also die Wahrheit wissen?«, fragte er, während er immer noch wie versteinert neben dem offenen Eingang stand und Kyo dabei zusah, wie dieser den Zipper seines Hoodies aufzog und ihn regelrecht von sich herunter zerrte. Ihm war wahnsinnig heiß!

»Ja! So direkt wie möglich! Ich will keinen Streit mit euch. Ihr seid mir zu wichtig!«

»Wichtig?«, fragte er misstrauisch nach. »Was soll das in deinem Fall bedeuten? Was empfindest du, wenn du mit uns zusammen bist?«

Okay, wenn Toshiya ehrlich war, dann wäre es sogar ihm selbst schwer gefallen, diese Frage zu beantworten. Insofern war es nicht verwunderlich, dass Kyo ihn verwirrt ansah.

»Bist du glücklich in unserer Gegenwart?«, bohrte er weiter und erhielt prompt ein Nicken.

»Ja, natürlich! Was denkst du denn?!«

»Aber fühlst du dich dabei auch glücklich, oder weißt du lediglich, dass du es bist?«

»Auf was zur Hölle willst du hinaus? Ich habe dich darum gebeten ehrlich zu mir zu sein und was tust du?«, fauchte Kyo und wirkte dabei irgendwie nervös, was Toshiya in seinem Verdacht bestätigte.

 

»Shinya hat recht. Du wirst einem anderen Menschen gegenüber niemals Liebe empfinden können. Und genau deshalb will ich nicht, dass du dieses kranke Spiel mit Kaoru treibst.« Es kostete den Bassisten alle Kraft, nicht lauter zu werden »Er verdient einen Menschen, der ihn liebt, in den Arm nimmt und ihm nicht jeden Tag Nadeln ins Herz rammt.«

»Das tue ich nicht.«

»Du Idiot merkst es ja nicht einmal! Für dich war doch immer alles in bester Ordnung. Kaoru ist an deiner Seite und kümmert sich tagtäglich um all die Kleinigkeiten, auf die du keinen Bock hast, oder die dir zu anstrengend sind. Er ist immer für dich da, erträgt alles was du tust und du bringst ihm nichts als Kälte entgegen!«

 

Kyo konnte nicht verhindern, dass ihn diese Worte trafen. Dass er von anderen als kalt und unnahbar wahrgenommen wurde, war für ihn sicherlich nichts neues. Aber dies von einem seiner engsten Vertrauten zu hören, tat weh.

»Denken die anderen auch so wie du?« wollte er wissen, was Toshiya einerseits nicken ließ, andererseits zuckte er mit den Schultern. Dieses widersprüchliche Verhalten ärgerte Kyo maßlos.

»Was denn nun?«, fauchte er. 

»Kyo, ich habe keine Ahnung! Dai und Shinya vielleicht, aber Kaoru ist so besessen von dir, dass er sich dein Verhalten immer noch schön redet.« Toshiya seufzte frustriert. »Sie wollen dich schonen und dir nicht weh tun. Aber ich bin der Meinung, dass man in deinem Fall nur noch mit der Wahrheit weiterkommt. Alles andere ist sinnlos.«

»Und weil die anderen sich nicht trauen, übernimmst du das jetzt?« Kyo war sich unsicher darüber, was er von Toshiyas ungewohnt direkter Art halten sollte.

»Eigentlich wollte ich dir nur sagen, dass du die Finger von Kaoru lassen sollst.«

 

»Wegen der Sache im Club?« Kyo wippte unruhig vom einen Fuß auf den anderen. Die Katze in ihm mochte es nicht, derart in die Schranken gewiesen zu werden. Sein Kollege nickte auf die Frage und ließ ihn nicht aus den Augen.

»Was sollte das? Wolltest du nur mal testen, wie es so ist den Mann zu küssen, der dir seit fünfzehn Jahren hinterher rennt, wie ein treudoofer Hund? Ausprobieren wie weit du Kaoru bringen kannst, bis er komplett zerbricht, dank dir?«

»Nein!« Kyo war entsetzt von diesem Vorwurf. Man konnte ihm ja vieles in Rechnung stellen, aber das hier stimmte auf keinen Fall. »Ich weiß nicht was der Kater sich dabei gedacht hat. Er - .«

»Lass das!«, fuhr Toshiya ihn an und schnitt ihm das Wort ab. »Spar dir die Ausreden. Du kannst dich in ein Monster verwandeln, okay. Aber dieses Vieh führt kein Eigenleben! Also hör auf damit und sei endlich auch ehrlich zu dir selbst! Hör auf, deine Krankheiten als Ausrede zu benutzen und steh, das erste Mal in deinem Leben, für das gerade, was du getan hast!«

 

Nach dieser Ansage fehlten Kyo die Worte. Er starrte Toshiya an, öffnete den Mund und schloss ihn dann rasch wieder, als ihm nichts einfiel, was er hätte erwidern können.

»Du weißt genau, dass ich recht habe«, sprach der andere weiter. Er wirkte immer noch aufgebracht, hatte die Stimme allerdings wieder ein wenig gesenkt. »Keine Ahnung was vorgestern Abend in dich gefahren ist, oder was mit dir während der Fahrt los war. Aber ich kann so nicht mehr weiter machen. Wir waren all die Jahre ein Team und ich verstehe ja, dass dich dein eigener Zustand belastet. Aber das bedeutet nicht, dass ich dich einfach über alle Grenzen hinausgehen lasse, so wie es dir beliebt. Ins besondere nicht, wenn es um Kaorus psychische Gesundheit geht. Er leidet!«

 

»Ich wollte einfach nicht, dass er mit anderen tanzt«, platzte es aus Kyo heraus. Es hörte sich dabei überraschend kraftlos und unsicher an. »Wenn er mich so sehr liebt, wie er immer behauptet, wieso tut er das dann?«

»Weil er weiß, dass du ihm das alles niemals geben wirst. Er sehnt sich nach Liebe und Zuwendung und du gibst ihm weder das eine, noch das andere. Statt dessen nimmst du dir alles und lässt ihn verdursten.« Toshiya schüttelte den Kopf. »Nur weil dir die Liebe nichts bedeutet, heißt das nicht, dass es ihm genau so geht.«

»Sie bedeutet mir etwas.«

»Aber nicht in der Form, wie es nötig wäre, damit das zwischen dir und Kaoru funktioniert«, widersprach der Jüngere sofort scharf. »Am Ende ist es eine Sache zwischen euch beiden und da ich bei ihm auf taube Ohren stoße, flehe ich dich an es zu beenden, bevor es noch schlimmer werden kann.«

 

Daraufhin sagte keiner mehr etwas. Sie standen einfach nur da und starrten einander an. Von dem früher so sprunghaften und kindischen Toshiya, war in diesem Moment nichts mehr übrig. Das was Kyo sah, war ein erwachsener Mann mit einer sehr klaren Haltung, von der ihn nichts und niemand abbringen würde. 

»Was ist aus uns geworden, Toto?«, fragte er, erschüttert von dem was ihm erst jetzt so richtig bewusst wurde. »Wir wollten nur Musik machen und jetzt?«

Die angespannten Schultern seines Freundes lockerten sich ein wenig und er stieß ein trauriges und resigniertes Seufzen aus.

»Ich weiß, Kyo. In letzter Zeit wünsche ich mir so sehr, wir könnten als Band nochmal ganz von vorn anfangen. Dass ich morgen aufwache und wir sind alle wieder jung, unbekannt und voller Tatendrang.« 

Plötzlich streckte er die Hand aus und legte sie auf Kyos Schulter. Und mit einem Mal war er wieder da, der warmherzige und sanfte Toshiya, den er in den letzten Monaten so vermisst hatte.

»Aber am meisten wünsche ich mir, die Zeit zurück zu drehen und dir helfen zu können, bevor der Schaden zu groß wird.«

»Ich wollte keine Hilfe und hätte sie sicherlich auch niemals angenommen.«

»Und wir wollten die Wahrheit viel zu lange nicht sehen. Wir haben uns eingeredet, dass du einfach nur schräg bist und wir uns keine Sorgen machen müssen. Aber wenn ich ehrlich bin, dann gebe ich mir eine Teilschuld an allem, was damals passiert ist.«

 

Die Melancholie, welche in jeder Silbe mitschwang, schockierte Kyo auf eine Weise, mit der er niemals gerechnet hätte. Ja, sie bestürzte ihn regelrecht!

»Kannst du mir etwas versprechen?«, fragte der Bassist leise und nahm endlich die Hand von der Schulter seines Bandkollegen. Kyo war so überfordert, dass er einfach nur nickte und zu ihm hoch sah. Von der Anspannung, welche ihn bis vor wenigen Minuten noch voll im Griff gehabt hatte, war nichts mehr übrig.

»Ich weiß dass du niemals mit jemandem darüber geredet hast. Aber Kaoru hat für dich die letzten fünfzehn Jahre so viel ertragen, dass er es verdient hat die Wahrheit zu erfahren. Bevor wir also das nächste Album veröffentlichen, sag ihm bitte wieso du so bist, wie du bist und triff endlich eine Entscheidung!« [1]

 

***

 

»Er ist nicht besonders gut drauf heute.«

»Erik ist in letzter Zeit selten gut drauf«, erwiderte der große, dunkelhaarige Mann im teuren Designer Anzug und warf seinem Kollegen einen strengen Blick zu, während sie aus der großen Tür traten und nebeneinander die Treppen des stattlichen Herrenhauses hinunter gingen. Ihre jeweiligen Fahrer warteten bereits auf sie, aber sie ließen sich Zeit.

»Was denkst du, woran das liegt?«, fragte der etwas kleinere, deutlich jüngere Italiener und blieb auf der letzten Stufe stehen. Sein Kollege trat indes auf den geschotterten Weg und wande sich ihm zu. »Wird er abdanken?«

»Abdanken?«, echote der größere Kater und schnaubte verächtlich. »Mach dich doch nicht lächerlich! Wir reden hier von Erik. Wenn das so weiter geht, dann wird der uns alle noch überleben.«

 

Er erwartete eine bissige Antwort. musste dann aber verwundert feststellen, dass sich der Blick seines Kollegen von ihm abgewandt hatte und statt dessen an ihm vorbei wanderte.

»Was hat dieser kanadische Bastard hier zu suchen? Ich dachte er wurde nach Deutschland geschickt.«

Nun drehte sich auch der größere der beiden Vorstandsmitglieder um und sofort überkam ihn eine unangenehme Aggressivität, welche er jedoch professionell herunter schluckte. Seine Augen blieben allerdings an dem Mann kleben, welcher mit militärisch festem Schritt die Einfahrt des Grundstücks hinauf kam und sich gezielt dem Eingang näherte, ohne die übrigen Besucher eines Blickes zu würdigen. Ein Gesicht wie aus Granit gefertigt, aschblondes Haar, welches im Sonnenlicht beinahe dunkelgrau schimmerte und der Körperbau eines Mannes, dem man das jahrelange Soldatenleben deutlich ansah.

»Keine Ahnung, aber von mir aus kann er auch einfach tot umfallen«, knurrte der größere der beiden Feloidea. gut hörbar für alle Anwesenden.

 

Simon Lagarde ignorierte das Getuschel. Natürlich hörte er sie und natürlich wusste er genau was sie von ihm hielten. Er hatte keinerlei Lust darauf, sich mit diesen kindischen Eifersüchtelein und ihrem ständigen Kampf um Eriks Gunst zu beschäftigen. Sollten sie einander doch zerfleischen, wenn es ihnen so viel Freude bereitete. Er selbst hatte andere Aufgaben, die seine volle Aufmerksamkeit forderten.

»Ist er zu sprechen?«, fragte er ohne Umschweife, als er vor der Eingangstür stehen blieb und den stoischen Blick des Butlers suchte, welcher sich weder von ihm, noch den anderen beeindrucken ließ.

»Ja, er hält sich in der Kapelle auf. Soll ich Ihren Besuch ankündigen, Mister Lagarde?«, erwiderte der athletisch gebaute Südeuropäer, was Simon dazu veranlasste mit dem Kopf zu schütteln.

»Nein, schon gut. Ich finde alleine zu ihm.«

Kaum dass er seinen Satz beendet hatte, schob er sich an dem Mann im perfekt sitzenden Anzug vorbei und konnte sich das leise Grinsen nicht verkneifen, als er hinter sich eine ganze Reihe von gezischten Beleidigungen vernahm.

 

Simon war nicht wie sie, ein Teil der gehobenen Elite. Er war in der tiefsten Provinz französisch Kanadas, nördlich Quebecs, zur Welt gekommen. Als Sohn einer Kanadierin und eines erzkonservativen US-Amerikaners. Oder, wie Simon es nannte: das Erzeugnis einer vorprogrammierten Katastrophe.

Sein Vater schlug ihn und seine Mutter, bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Bis es dem damals 16 jährigen Simon gereicht und er seinerseits seinen Erzeuger aus dem Haus geprügelt hatte. 

Nach der Scheidung seiner Eltern, hatte er den Namen seiner Mutter angenommen und sich geschworen, nie wieder auch nur ein einziges Wort, mit diesem verfluchten Alkoholiker zu wechseln. Und daran hatte er sich, bis zu dessen Tod vor einigen Jahren, auch gehalten.

Er kam aus niederen Verhältnissen, wofür ihn der Rest der Gefolgschaft verachtete. Aber das war okay, denn Simon verachtete sie seinerseits. Sie gierten um die Gunst seines Herren und dieses Schauspiel ekelte ihn im gleichen Maße an, wie es ihn belustigte. Und dass er hier ein- und ausgehen konnte, wie es ihm beliebte, machte sie rasend vor Eifersucht.

 

Er kannte die ausladenden Ländereien und das alte Herrenhaus, im Baustil einer römischen Villa, mittlerweile so gut, dass er sich hier auch blind orientieren konnte und ihn die wertvolle Einrichtung absolut kalt ließ. Simon ging vorbei an teuren Gemälden, Kunstfiguren und perfekt drapierten Pflanzen und wirkte dabei in seiner Jeans, Lederjacke und den etwas abgewetzten Laufschuhen, reichlich deplatziert. 

Der Name ‘die Kapelle’ entstammte ursprünglich einem Witz, denn Erik war weder getauft, noch religiös. Statt dessen handelte es sich dabei um den Gebäudeteil, in dem seine wertvollsten Besitztümer aufbewahrt wurden.

Der gesamte Flügel war mattweiß gestrichen und der dicke teure Teppich schluckte jedes Geräusch, was eine merkwürdig andächtige Stille erzeugte und ihn dazu brachte innezuhalten und die Atmosphäre für einige Sekunden auf sich wirken zu lassen.

Es gab keine Türen, nur Gänge und offene Räume, die ineinander über gingen und einem das Gefühl gaben an einem Ort zu verweilen, welcher der Zeit entrückt war. 

 

Simon blieb stehen, schloss die Augen und atmete tief ein. Er inhalierte die trockene Luft, die erfüllt war vom Duft alter Leinen, Ölfarbe und dem spröden Lack der Bilderrahmen. Jedes einzelne dieser uralten Kunstwerke, war so einzigartig wie unbezahlbar.

Aber unter dem Geruch der Jahrhunderte, witterte er noch etwas anderes: Der schwere und vertraute Duft nach Zedernholz auf dessen Spur er sich begab; unbeeindruckt von Rembrandt, Monet und ihren legendären Kollegen.

 

»Du bist spät.«

Simon blieb stehen, als er durch den offenen Türbogen trat und betrachtete die Person, die sich links von ihm befand und mit dem Rücken zu ihm stand.

Eriks früher dunkles und nun vorwiegend graues Haar, war locker nach hinten frisiert. Die Jacke seines anthrazitfarbenen Anzugs ruhte auf der Lehne des Stuhls, welcher direkt neben ihm stand. Die Arme hielt er vor der Brust verschränkt und obwohl dieser Mann dort bereits achtzig Jahre alt war, konnte Simon die Muskeln deutlich erkennen, über die sich das teure, hellgraue Designerhemd spannte. 

Auch wenn er selbst nicht gerade klein war, überragte ihn der alte Kater um mehrere Zentimeter und seine alleinige Anwesenheit reichte aus, um den ganzen Raum auszufüllen.

Erik war nicht einfach nur ein Monster. Er war die Perfektion ihrer Spezies, vereint in einer einzigen Person. Es gab nicht viele, die ihn je als Feloidea zu Gesicht bekommen hatten und noch weniger konnten von diesem Anblick berichten.

 

»Der Verkehr um Rom ist wie immer eine Katastrophe«, antwortete Simon und wartete ab.

Endlich wand sich ihm der andere Mann zu und Eriks Lippen umspielte dabei ein amüsiertes Lächeln, was sich aber kaum bis zu den kalten, grauen Augen erstreckte.

»Du musstest ja unbedingt einen Linienflug nehmen«, scherzte er. Trotzdem war der stumme Vorwurf, aufgrund der daraus resultierenden Verspätung, nicht zu überhören.

»Das ist unauffälliger als dein Privatjet und ich lege bei der Arbeit viel Wert darauf, nicht ständig über die Spione deiner Speichellecker zu stolpern.«

Da sich Eriks Schultern leicht entspannten, nahm Simon dies zum Zeichen und kam langsam näher, bis er direkt vor ihm stand.

»Und der Auftrag?«

Nun war Simon derjenige, welcher leise auflachte.

»Wäre ich hier, wenn ich ihn noch nicht erfüllt hätte?«, fragte er und griff in die Tasche seiner Lederjacke. »Du kennst mich doch. Ich mache niemals Fehler.«

 

Erik antwortete nichts darauf, sondern nahm den Umschlag entgegen, öffnete ihn und warf einen raschen Blick auf den Brief, ehe er zufrieden nickte und beides einsteckte.

»Du hast recht, das machst du nie.« Wieder ruhten die grauen Augen auf Simon, der dem Blick stand hielt und sich jede Form der Angst mit eiserner Disziplin untersagte. »Deswegen bist ja auch du mein Adjutant und nicht einer der anderen.«

Dass er mehr als das war, war im Grunde ein offenes Geheimnis. Simon Lagarde war Eriks Leibwächter, Spion, Henker und der einzige Feloidea, welcher genetisch von Erik Bogdanow-Weilsteiner abstammte. Das verschaffte ihm zwar eine Menge Privilegien, bedeutete aber nicht, dass er auch vor dessen alles vernichtendem Zorn sicher wäre, sollte dieser einmal über ihn hereinbrechen.

 

Plötzlich streckte Erik die Hand aus, legte sie auf Simons Kopf, wie ein Vater der seinen Sohn lobte und strich mit dem Daumen über die Narbe, an der Stirn des jüngeren Katers. Da er damit nicht gerechnet hatte, zuckte Simon zurück, verharrte dann jedoch angespannt und wartete ab. 

»Sie werden gieriger«, sprach der Ältere mit seiner bedrohlich tiefen Stimme, welche an das Grollen eines Raubtieres erinnerte. »Sie glauben, dass ich zu alt bin, um die Firma zu leiten.«

»Soll ich mich um sie kümmern?« Es wäre ja nicht das erste Mal, dass Simon einen Teil, oder den gesamten Vorstand ‘ihres Amtes enthob’. Erik mochte nicht so ein wahnsinniger Bastard wie sein Neffe sein, trotzdem leitete er seinen Teil von Stjørdal mit harter Hand und; wenn es sein musste; auch mit der notwendigen Gewalt.

»Ich lass dir die üblichen Befehle zukommen, sobald es an der Zeit ist.«

Immer noch strich ihm sein genetischer Vater über die Narbe und wirkte dabei seltsam nachdenklich. Simon fragte sich, was in Erik vorging, denn so erlebte er ihn nur sehr selten.

 

Ihr besonderes Verhältnis zueinander war es, was dem Rest des Hofstaats Angst machte. Denn das was Erik am meisten an Simon schätzte, war dass dieser nicht ständig versuchte sich zu beweisen. Seine Arbeit war immer perfekt!

Er wusste um die Gerüchte, innerhalb der Firma. Dass man ihn für Eriks Adoptivsohn und damit einzigen Erben hielt. Oder, was noch absurder war, für den Geliebten des alten Katers. Aber weder das eine, noch das andere traf zu. 

Denn würde Erik irgendwann sterben, dann gab es einen allerletzten Befehl an ihn, in einem versiegelten Umschlag tief unten im Safe. Doch den genauen Inhalt dieses Befehls, oder den Code dazu, kannte nicht einmal Simon.

 

»Mein Treffen mit dem Premiere Minister findet erst heute Abend statt. Also bleib und iss zu Mittag mit mir.« 

Es war weder eine Einladung, noch eine Bitte. Simon wusste dass er nicht ablehnen durfte und nickte einfach nur, um dem Befehl umgehend folge zu leisten. Trotzdem wurde er den Eindruck einfach nicht los, dass den anderen Mann etwas beschäftigte.

»Was hast du?«, fragte er mit gesenkter Stimme, als Erik endlich damit aufhörte, die Narbe zu liebkosen, an deren Stelle sich einst eine Kugel in seinen Kopf gebohrt hatte. Es war der Beweis dafür, dass Simon Lagarde nicht so leicht zu töten war.

»Ich habe einen Auftrag für dich«, antwortete sein Gönner ruhig.

»Welcher Art?«

Der Ältere schmunzelte, aufgrund der Selbstverständlichkeit, mit der er reagierte.

»Gestern Abend erhielt ich einen Anruf von Yáo«, begann er. »Ich weiß, dass du dieses selbstgerechte kleine Arschloch nicht ausstehen kannst. Aber er hatte ein paar durchaus interessante Informationen und ich will, dass du dieser Angelegenheit nachgehst.«

 

Simon konnte das dezente Knurren einfach nicht unterdrücken und fluchte leise in seiner Muttersprache. Ja, er und Sun Yáo hassten einander wirklich leidenschaftlich. In seinen Augen, war dieser halbblinde Bastard eine Schlange mit gespaltener Zunge. Er traute ihm nicht über den Weg; was vor allem an der Tatsache lag, dass Yao durchgehend auf zwei Hochzeiten tanzte.

»Er ist keine loyale Informationsquelle«, murrte er angefressen, was Erik sichtlich amüsierte.

»Und genau aus diesem Grund will ich ja auch, dass du dich darum kümmerst und nicht er.« Dann wurde er wieder ernster. »Seine Informationen bereiten mir große Sorgen.«

»Soll ich jemanden töten?« 

Manchmal fragte er sich, was aus dem Simon von damals geworden war. Der junge, idealistische Soldat und angehende Minentaucher, welcher niemals jemandem absichtlich Schaden zugefügt hätte.

Aber von diesem Simon war nichts mehr übrig. Die Infektion hatte ihn verändert und aus ihm, in vielerlei Hinsicht, ein mordendes Monster werden lassen. 

 

»Nein«, meinte sein Gegenüber und wirkte dabei seltsam nachdenklich. Eriks Blick wanderte durch den Raum und er betrachtete die Gemälde, ohne sie wirklich anzusehen. »Zumindest jetzt noch nicht. Ich muss erst ganz sicher gehen, dass Yáo recht hat, aber bis dahin wirst du das Ziel nur beobachten. Hast du mich verstanden?«

»Natürlich«, kam es ohne Zögern. »Wo schickst du mich hin?«

»Tokio.«

Es belustigte Erik sehr, zu sehen wie sich Simons Gesichtszüge verzogen. Er war nicht glücklich mit dieser Offenbarung.

»Japan ist ein schönes Land«, grinste er, was seinem quasi Ziehsohn ein leidliches Stöhnen entweichen ließ.

»Aber ich werde überall auffallen wie ein bunter Hund!«, klagte er und nun musste Erik tatsächlich lachen. Er wusste ja selbst, wie es für jemanden mit ihrer Körpergröße und Statur war, sich in einem Land wie Japan aufzuhalten.

»Du wirst es überleben.«

»Ich spreche nicht einmal Japanisch. Wie soll ich dann irgendwas über das Ziel herausfinden?« Diese Sorge war natürlich berechtigt, aber Erik blieb ruhig und reagierte auch nicht ungeduldig auf Simons Frage. 

»Das musst du nicht. Wenn die Informationen stimmen, die ich von Yáo erhalten habe, dann hält sich auch Doktor Jansen bei Satoshi auf.«

 

Diese Eröffnung verfehlte ihre Wirkung nicht. Er sah wie die sonst so ernste Mine des jüngeren Mannes verrutschte und einer Mischung aus Unglaube und Erstaunen Platz machte.

»Furukawa?«, fragte Simon verwundert nach. Sie waren einander nie direkt begegnet, aber er wusste, dass der Arzt für Erik so etwas wie ein Freund gewesen war.

»Warum ausgerechnet er?« Dass Erik einfach nur Sehnsucht nach der alten Freundschaft hatte, wagte er zu bezweifeln. 

Und tatsächlich änderte sich die Körperhaltung des Kaisers und schon im nächsten Moment erschien er wieder so kalt und hart wie Granit.

»Weil ich damals möglicherweise den Falschen getötet habe.« [2]

 

***

 

Selbstverständlich waren sie Profis genug, um sich nichts anmerken zu lassen. Ganz egal wie sehr es zwischen ihnen auch brodelte, sie zogen die Show durch und lieferten ihren Fans genau das, wofür sie gekommen waren.

Für einige wenige Stunden, genoss Kyo die Masken hinter der sie sich versteckten und mit denen sie der Welt eine Lüge vorspielten. Er genoss es seine Rolle als ungreifbare und mysteriöse Entität einzunehmen, welche in den Menschen vor der Bühne alle möglichen Gefühle erzeugte. Er schrie, wimmerte, jammerte, kreischte, sang und säuselte seine Texte und verlor sich in seiner hypnotischen Darstellung. 

Trotzdem spürte er, dass er nicht so tief in seine Trance abtauchen konnte, wie er es sonst tat. Irgendwas hielt ihn zu nahe an der Oberfläche, was ihn nervös machte und immer wieder ablenkte.

In der Pause zog er es deshalb vor, sich zurück zu ziehen und Satoshis routinierte Untersuchung nur schweigend über sich ergehen zu lassen. Der Arzt stellte ihm zwar Fragen, die er mit kurzen Lauten beantwortete. Aber abgesehen davon, blieb Kyo in sich gekehrt und nachdenklich.

 

Die zweite Konzerthälfte zogen sie genau so durch wie die voran gegangene, aber wieder war dort dieses merkwürdige Gefühl der Unruhe, was seinen Verstand unangenehm kitzelte. Kyo ließ die daraus resultierende Anspannung mit Geschrei heraus und feuerte die Fans in gewohnter Manier an. Er konzentrierte sich auf ihre Rufe, aber es half alles nichts. Dementsprechend knapp fiel schließlich seine Verabschiedung aus und er überließ es den anderen, den Hunger der tobenden Menge, mit abgewetzten Plektren und Drumsticks zu füttern. Er hingegen begab sich zur Umkleidekabine, packte Jacke und Rucksack und trat dann kurzerhand die Flucht einem der Hinterausgänge an.

Da der Oktober sehr mild ausfiel und es selbst um diese späte Stunde kaum über zehn Grad waren, blieb er einfach nur im Shirt draußen stehen und genoss den leichten Wind auf seiner verschwitzten Haut. Es half ein wenig dabei, auch seinen Geist abzukühlen, der immer noch rotierte wie ein überdrehtes Uhrwerk.

 

»Verflucht nochmal«, murmelte Kyo, lehnte sich gegen die hüfthohe Absperrung zur angrenzenden Fahrbahn und schaute hinauf in den bewölkten Nachthimmel. Tokios Lichtdom reflektierte sich in dem Wolkenschleier und verbarg wie immer den Blick auf die Sterne.

Toshiya verlangte von ihm, Kaoru endlich zu sagen warum Kyo derart kaputt war und das machte ihm Angst. Denn es war klar, dass es hier nicht um die Katze ging, sondern um den Teil aus seiner Vergangenheit, über den er nicht einmal mit seinen Therapeuten hatte reden wollen.

Kaoru hat für dich mehr ertragen, als jeder andere Mensch auf dieser Welt. Wenn du ihm etwas schuldest, dann ist es die Wahrheit!’

»Ich kann ihn nicht lieben«, antwortete er leise, auf das imaginäre Gespräch.

Aber vielleicht musst du das auch nicht,’ meinte der rationale Anteil in ihm.

 

Kyo dachte an die Beziehungen, welche er geführt und allesamt eigenhändig gegen die Wand gefahren hatte. Die Frauen, für die er versucht hatte normal zu sein und sich zu verbiegen. Denen er den Hof gemacht hatte, so wie man es von einem normalen Menschen erwartete.

Er hatte sich so sehr bemüht und war am Ende doch gescheitert.

Du bist kalt wie ein Eisblock.’

Du lässt mich emotional verhungern.’

Du kannst niemanden glücklich machen!’

Du bist ein Monster! Genau so kaputt, wie deine verdammten Texte!’

 

Sie hatten sich von ihm ungeliebt gefühlt. Aber wieso eigentlich? Er wäre doch niemals mit ihnen zusammen gewesen, hätte er sich nicht zu ihnen hingezogen gefühlt. 

Aber Liebe?

Er verstand weder das Konzept von Liebe, noch hatte er den Eindruck sie auch tatsächlich empfinden zu können. Demnach war es also durchaus klar, dass seine Partnerinnen in ihm etwas gesucht hatten, was er ihnen niemals würde geben können. 

Kaoru weiß, dass du nicht so fühlen kannst.’

»Ich will ihn nicht ausnutzen«, seufzte er schwermütig. 

Kaoru war bereits am Ende und jemand der so gutherzig war, sollte sich nicht an ein derart kaputtes Ungeheuer wie ihn verschwenden. Andererseits war für Kyo der Gedanke kaum ertragbar, dass sich sein Leader für einen anderen interessieren und sich einen richtigen Partner suchen könnte. Nicht mehr dessen volle Aufmerksamkeit zu haben, sondern Kaoru teilen zu müssen, machte ihn nervös.

»Du scheiß Egoist!«

 

Als er den Träger seines Rucksacks fester packte und ihn sich höher auf die Schulter zog, unterbrach ein merkwürdig dumpfes Klappern seine Selbstgespräche und er runzelte kurz die Stirn.

Kyo sah sich um, realisierte dann allerdings, woher das Geräusch gekommen war und stellte seine Tasche auf dem Geländer ab. Er griff hinein und stockte, kaum dass seine Fingerspitzen auf Metall und ein halb zerfetztes Etikett stießen. Sein Herz schien für einen Moment auszusetzen und er hielt den Atem an, während er langsam die kleine Dose aus den Untiefen seines Rucksacks zog und sie anstarrte.

Premium Futter mit Tunfisch, für schönes und gesundes Fell’ versprach der Text auf dem Deckel und er hätte niemals gedacht, dass ihn eines Tages eine verdammte Dose Katzenfutter, emotional so aus der Bahn werfen würde.

Es war das, was sie für ihn in diesem Moment symbolisierte und vor allem war es eine Erinnerung an das, was ihn all die Jahre am Leben gehalten hatte.

Sie nehmen dich wie du bist, du dämlicher Trottel!’, schimpfte die Stimme der Vernunft in ihm. ‘Sie haben versucht, sich der Verantwortung mit dir und deinen Krankheiten zu stellen und sind nicht weggelaufen. Also reiß dich endlich zusammen und hör auf vor ihnen davon zu laufen.’

 

»Ich verspreche es, Toshiya«, keuchte Kyo leise und packte die kleine Dose fester; ganz gleich ob er dabei aussah wie ein Idiot. »Okay? Ich verspreche es. Nach der Tour, rede ich mit ihm darüber und dann - .«

Dann was? 

Er wusste nicht was dann passieren sollte. Aber Toshiya hatte recht. Es durfte nicht mehr so weitergehen. Er zerstörte nicht nur Kaoru, sondern auch den Rest der Band und Kyo wollte sie auf keinen Fall verlieren. Schon alleine aus Angst davor, dann nichts mehr zu haben, was seine animalische Natur würde zügeln können.

All die Jahre hatte er sich erfolgreich eingeredet, dass er niemanden brauchte, um glücklich zu sein. Aber die Wahrheit war, dass er sich selbst belog. Zu wissen dass sie für ihn da waren und sie selbst jetzt noch zu ihm hielten, wo er zu einem Monster wurde, bedeutete Kyo alles!

»Ihr scheiß Idioten«, schimpfte er leise, ließ die Dose zurück in seinen Rucksack fallen und schloss die Augen, um zittrig durchzuatmen. »Ihr habt doch echt einen Schaden.«

Schwerfällig stützte er sich dabei auf dem Geländer ab und lauschte dem Rauschen der Autoreifen, die nur wenige Meter vor ihm über die Fahrbahn rollten. Eine unendliche Müdigkeit und Schwere ergriff von ihm Besitz. Aber dieses Mal fühlte sie sich nicht unangenehm an, sondern merkwürdig vertraut und sicher.

 

Kyo wusste nicht, wie lange er einfach nur dort stand und sich auf nichts anderes fokussierte, als die Geräusche um ihn herum. Erst als ein ungewöhnlich lautes Klicken ertönte und das Quietschen der schweren Metalltür durch die Nacht hallte, schreckte er auf.

Jemand trat hinter ihm durch den Seitenausgang und schien nicht minder überrascht zu sein.

»Dai?«, fragte er verwundert, als er sich zu dem Neuankömmling umdrehte und ihn anstarrte. Ihr Gitarrist erwiderte den Blick und lächelte schief. Irgendwas daran störte Kyo gewaltig, er konnte aber nicht genau benennen, was das war.

»Hey, ich wusste nicht, dass du noch da bist«, grüßte ihn dieser und trat näher. »Wir dachten, dass du schon weg bist. Ich glaube, dass Furukawa dich sucht.«

»Ach echt?«, fragte er nach und hatte den Eindruck, dass das Lächeln seines Gegenübers ein wenig wackelte. »Willst du nach Hause?«

Es war reichlich ungewöhnlich für Dai, sich so kurz nach dem Ende eines Konzerts davon zu schleichen. Für gewöhnlich waren er und Toshiya diejenigen, die noch Ewigkeiten bei den Fans blieben, um für gemeinsame Fotos und tränenreiche Bewunderung herzuhalten. Was hatte der Gitarrist also hier verloren?

 

»Ja, ich hab Migräne«, kam die etwas zu schnelle Antwort, welche Kyo dazu veranlasste fragend eine Augenbraue zu heben. 

»So plötzlich?«

»Ja, so plötzlich!« Jetzt verschwand das aufgesetzte Lächeln und machte echter Ungeduld platz. »Tut mir leid, lass uns morgen quatschen, in Ordnung?«

Noch ehe Kyo etwas erwidern konnte, wand Dai sich nach Links und eilte davon. Während er noch über das merkwürdige Verhalten seines Kollegen nachdachte, beobachtete er, wie dieser in einiger Entfernung sein Handy zückte. Zunächst kam ihm die Vermutung, dass Dai einfach nur ein Taxi rufen wollte. Dann jedoch schien es so, als scrolle er eine Ewigkeit durch irgendwelche Nachrichten, bis er es schließlich wieder zurück in die Tasche steckte, fluchte und sich umsah.

 

Nun immer verwirrter, runzelte Kyo die Stirn und es wurde auch nicht besser, als Dai im nächsten Moment über die Straße eilte, obwohl sich auf der anderen Seite kein Gehweg befand.

»Was macht er denn da?«

Kyo war bereits drauf und dran seinerseits Kaoru anzurufen und ihren Leader um Rat und Hilfe zu bitten. Aber aus irgendwelchen Gründen entschied er sich dagegen und beobachtete Dai weiter bei seinem Tun. 

Genau in diesem Moment, drang ein lautes Rauschen und Zischen an seine Ohren und als er den Kopf hob, sah er die Lichter eines vorbei rasenden Shinkansens, welcher in vielen Metern Höhe die Saitama-Arena passierte und dann in der Nacht verschwand.

Unterhalb der Bahnlinie hatte man den Bereich um die Stützpfeiler, für Wartungsarbeiten großräumig abgesperrt und vor eben dieser Absperrung lief Dai nun auf und ab, so als suche er einen Eingang.

»Spinnt der?«

Es ergab doch einfach keinen Sinn! Was hatte sein Freund dort zu suchen?

Erst sein seltsames Verhalten und nun das. Kyo verstand die Welt nicht mehr und wusste seinerseits nicht, was er nun tun sollte. 

 

Plötzlich vernahm er wieder das Klicken der Tür hinter sich, aber dieses Mal war es niemand aus der Band, sondern ein junger Mann, welcher ihm irgendwie bekannt vorkam. Das Schild am Hemd des Fremden, wies ihn zumindest als Teil der Crew aus. Dieser verharrte mitten in der Bewegung, als er den Sänger erkannte und grüßte ihn dann rasch. 

Kyo nickte knapp und er war ganz froh darüber, dass der Typ nicht versuchte ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Statt dessen wand dieser sich ab und ging in Richtung Hauptstraße davon. Kyo beachtete ihn nicht weiter. Aber als er wieder zu seinem Kollegen sah, musste er feststellen, dass dieser verschwunden war.

»Fuck.« Er sah sich um, aber von Dai war weit und breit nichts zu sehen. Er war doch nur ein paar Sekunden abgelenkt gewesen und nun war sein Freund wie vom Erdboden verschluckt!

»Das darf doch nicht wahr sein«, fluchte er, stieß sich mit einem Ruck von der Absperrung ab und war in begriff Dai nachzulaufen, als er jäh innehielt.

 

Das fremde Crewmitglied hatte sich bereits ein gutes Stück von ihm entfernt und scherte nun seinerseits aus. Als der Verkehr es zuließ, eilte er über die Straße und auf den hohen, verblendeten Bauzaun zu.

Dies passierte derart zielgerichtet, dass Kyo unmöglich von einem Zufall ausgehen konnte und noch weniger, als er sah, wie der Typ sich durch eine kleine Lücke quetschte. Das erklärte dann wohl, wohin Dai so plötzlich verschwunden war. Diese ganze Situation war so seltsam und absurd, dass Kyo sich ernsthaft fragte, ob er das alles nur träumte. Und ein schlimmer Verdacht begann sich in ihm breit zu machen.

»Dai, das ist jetzt nicht dein verdammter Ernst!«, schimpfte er vor sich hin und eilte los, um den beiden zu folgen. 

Kyo wollte nur einen kurzen Blick riskieren und dann Kommissar Suzuki rufen. Wenn sein Verdacht stimmte, dann war soeben der Erpresser an ihm vorbei spaziert. Jener Mann, welcher Dai vor zwei Jahren unter Drogen gesetzt, vergewaltigt und davon ein Video gedreht hatte, mit dem er ihren Gitarristen nun erpresste.

Die Katze in ihm grollte, beim alleinigen Gedanken daran und Kyo machte keine Anstalten, ihre Wut zu unterdrücken.

 

»Ich bring dich um, du verdammter Scheißkerl!«

 

***
 

Kapitel 47 ¦ Katzenmaske


 

***

 

Der Taxifahrer hupte zornig und Kyo sah ihn hinter der Windschutzscheibe wütend in seine Richtung gestikulieren. Beinahe wäre er ihm vor die Karre gelaufen!

Er winkte nur kurz, zum Zeichen dass er sich entschuldigte und zwang sich mit aller Kraft dazu ruhig zu bleiben. Denn es würde Dai wohl kaum helfen, wenn man Kyo einfach über den Haufen fuhr.

Der Weg neben dem abgesperrten Bereich war sehr schmal und er konnte den Fahrtwind der Autos spüren, die einen knappen Meter neben ihm vorbei fuhren; während er in Richtung der schmalen Lücke schlich, die sich vor ihm im Zaun auftat.

Aus der Nähe betrachtet war sie nicht einmal einen ganzen Meter breit, aber es reichte aus, damit sich ein schlanker Mensch hindurch zwängen konnte. Kyo duckte sich und spähte in den Spalt, konnte dahinter aber nicht viel erkennen. Er sah lediglich ein paar Stapel Eisenstangen, einen abgestellten Bagger und Behälter mit Bauschutt. Von Dai und dem Fremden war nichts zu sehen.

 

Kurz warf er einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass man ihn nicht beobachtete. Dann schob er sich seitlich durch die Lücke, wobei er sich die Wange an irgendwas aufkratzte und das leise Fluchen nicht unterdrücken konnte.

Dai schuldet mir etwas dafür!’, murrte er stumm und schlich in geduckter Haltung über die verwaiste Baustelle und auf den Bagger zu. Er sah sich um und hielt Ausschau nach seinem Kollegen und etwaigen Kameras, fand aber weder das eine noch das andere. Bis plötzlich leise Stimmen an sein Ohr drangen, auf die er sich so lautlos wie möglich zubewegte.

 

»Hast du sie noch alle?«, schrie Dai genau in dem Moment aufgebracht, als Kyo hinter einem der Bauschuttcontainer in die Hocke ging und vorsichtig um die Ecke linste. »Was soll diese Scheiße?!«

Die beiden Männer standen seitlich zu ihm und wurden nur spärlich von den Lichtern der Bahnlinie über ihnen beleuchtet. Sein Freund war hörbar wütend. Der Mann, der ihm gegenüber stand, hätte unscheinbarer nicht sein können. Er sah völlig normal aus und wäre in jeder Menschenmenge genau so bedeutungslos untergegangen, wie ein Sandkorn im Wasser.

 

»Du warst für mich nicht einfach nur eine schnelle Nummer, Dai-san.« 

Sogar seine Stimme war derart langweilig und vergessenswert, dass es Kyo richtig bestürzte. Alles an dem Mann war so normal und hatte überhaupt nichts mit dem gemein, wie er sich einen Stalker und Erpresser vorgestellt hätte.

»Mir hat die Nacht mit dir sehr viel bedeutet.«

»Bedeutet?!« Dais Stimme überschlug sich vor Anspannung und Ekel. »Mich gefügig zu machen, hat dir etwas bedeutet, Kaji-san?!«

Der Angesprochene schüttelte den Kopf und nun wurde seine Stimme flehender; ja beinahe schon winselnd, in Kyos Ohren.

»Ich habe dich von deiner Freundin sprechen hören und davon wie unglücklich du bist. Es war der einzige Weg, um dir zu zeigen wie viel du mir bedeutest. Ich bin nicht wie sie.«

»Du bist krank!«, donnerte Dai und in Kyo musste ihm gedanklich zustimmen.

 

Zumindest wusste er nun endlich wer der Mann war, welcher dort stand und die Hände zu Fäusten geballt hielt. Er gehörte zu den Assistenten und Soundtechnikern, die für die Abmischung der Instrumente während der Shows verantwortlich waren und schon seit Jahren zum Team gehörten. Deswegen kannten er und Dai sich auch, aber da Kyo nie viel mit der Crew sprach, hatte er nicht einmal gewusst, dass dieser Idiot Kaji hieß.

Und während Dai ihn weiterhin wütend anschrie, wich Kyo in die Schatten zurück, zückte sein Handy und tippte eine kurze Nachricht an Kommissar Suzuki. Es wäre Sache des Polizisten sich um dieses Stück Scheiße zu kümmern und ihn dort hin zu bringen, wo ein Stalker und Vergewaltiger hingehörte. Kyo wollte lediglich auf Dai aufpassen und darauf achten, dass Kaji nicht abhauen konnte.

 

»Warum schickst du mir diese ganzen Fotos? Willst du Geld? Aufmerksamkeit? Findest du das witzig? Was willst du von mir?!« In Dai entluden sich der Frust und die Angst der vergangenen Wochen.

»Ich will nicht, dass du vergisst was wir an jenem Abend hatten, Dai-san. An die Lust und Leidenschaft. Ich wollte, dass du dich daran erinnerst, wie sehr du von mir geliebt wirst.«

Kyo hätte kotzen können, bei dem was der Kerl da säuselte. War er wirklich so liebeskrank, dass er nicht verstehen wollte, dass er Dai missbraucht hatte? Dass er ihn damit erpresste?

»Ach ja?«, fauchte eben dieser. »Was hatten wir denn? Was hatte ich davon von dir vergewaltigt zu werden, du verdammtes Arschloch?!«

»Nein!«, warf Kaji ein. »Nein, du verstehst das falsch. Ich wusste genau, dass du es wolltest. Ich habe es in deinem Blick gesehen. Jedes Mal wenn ich mir das Video anschaue, dann sehe ich es in deinen Augen! Aber du hättest dich niemals getraut diesen Schritt zu wagen, hätte ich dir nicht dabei geholfen, deine Vorurteile zu überwinden. Du wärst weiter bei deiner Freundin geblieben und für immer unglücklich gewesen. Dabei bin ich doch der Einzige der dich glücklich machen kann. Ich bin der Einzige, der genau weiß wie du dich fühlst! Ich liebe dich!«

 

»Das reicht jetzt!«

Der Monolog des verrückten Crewmitglieds verstummte abrupt. Kyo hatte eigentlich nicht vorgehabt sich einzumischen, aber diesen Wurm so in seinem Wahn winseln zu hören, machte ihn rasend. 

Er erhob sich und kam um den Container ins diffuse kalte Licht. Dai starrte ihn verunsichert an und in Kajis Gesicht stand eine merkwürdige Mischung aus Angst, Trotz und Abscheu.

War er etwa eifersüchtig?

»Was glaubst du eigentlich wer du bist?«, knurrte der Kater und trat mit langsamen, geschmeidigen Bewegungen neben seinen Freund. 

Dais Anspannung war beinahe greifbar und dessen Angst und Verunsicherung zu sehen, machte den Feloidea noch wütender als er es ohnehin schon war.

»Verzeihen Sie, Kyo-san, aber das hier geht sie nichts an«, wehrte Kaji trotzig ab, was ihm von dem Sänger ein animalisches Fauchen einbrachte. 

Kyo spürte deutlich, wie es unter der Oberfläche seiner Maske brodelte und dass sich das Monster in seiner Brust zu regen begann. Er fühlte das elektrische Kribbeln unter der Haut und glaube beinahe das Kratzen der Klauen zu hören, wie sie nach der Vorherrschaft griffen.

 

»Kyo«, hörte er Dais besorgte, leise Stimme neben sich. »Ich regel das hier. Bitte tu ihm nichts.« 

Natürlich hatte sein Freund die Gefährlichkeit der Situation längst erkannt und irgendwie war sich auch Kyo dessen bewusst. Aber er hatte nicht vor sich zu zügeln. Die Katze ließ es nicht zu und er fühlte deren Blutgier so intensiv, als wäre es seine eigene.

»Vorurteile überwinden?«, wiederholte er Kajis Worte. Dabei grollte er mehr, als dass er sprach. »Du hast ihn gefügig gemacht, weil du ein beschissenes, kleines, unbedeutendes Arschloch bist! Und weil du deine eigenen Triebe nicht unter Kontrolle hast, du mieser Vergewaltiger!«

Zufrieden beobachtete Kyo, wie die Gesichtszüge des Mannes wackeliger wurden und er von diesem Vorwurf sichtlich getroffen wirkte. Er wollte die Realität nicht wahrhaben und hatte sich so sehr in seine krankhafte Zuneigung zu Dai hineingesteigert, dass er sich tatsächlich im Recht sah!

»Ich habe ihn nicht vergewaltigt!«, wehrte Kaji ab.

 

Kyo knurrte laut, was den Techniker verunsicherte, da es überhaupt nicht menschlich klang. Und das obwohl er durchaus mit der annähernd unmenschlichen Stimme des Sängers vertraut war.

»Ach, wie würdest du das denn nennen, was du getan hast?«, fauchte Kyo und trat einen Schritt auf ihn zu, bis ihn Dai urplötzlich am Arm packte und zurück hielt.

»Kyo, bitte hör auf. Ich klär das mit ihm. Okay?« Etwas leiser setzte er noch nach: »Die Katze hat nichts hiermit zu tun. Er ist ein Mensch. Bitte.« 

Es war Dai anzusehen, dass er keine weitere Eskalation heraufbeschwören wollte. Kaoru war nicht hier und der Auslöser für den Injektor somit außer Reichweite. Und so wie Kyo im Moment drauf war, fehlte nicht mehr viel und die papierdünne Grenze, die sie noch vor einer Katastrophe schützte, würde zerreißen.

 

»Er gehört hinter Gitter. Also lass uns Kommissar Suzuki rufen, damit er - .«

»Ich geh nicht ins Gefängnis!«, schrie Kaji aufgebracht und schnitt Dai das Wort ab. »Ich hab nichts Unrechtes getan! Du wolltest es, genau so sehr wie ich! Ich liebe dich!«

Nun war klar wie verschoben die Wahrnehmung dieses Mannes war und Kyos Körper durchfuhr ein unangenehmes Beben, als er mit aller Macht versuchte seine Wut zu unterdrücken. Es kochte regelrecht in ihm.

Wo bleibt Suzuki, verdammt nochmal?!’, schoss es ihm durch den Kopf, als er bereits die Zähne bleckte und ein weiteres Mal knurrte.

»Hör mal,« versuchte es Dai beschwichtigend, ohne Kyo loszulassen. »Ich verstehe ja, dass du mich toll findest. Aber ich bin nicht an Männern interessiert und diese Sache damals, hätte einfach nicht passieren dürfen. Ich war nicht ich selbst.«

»Aber du wolltest es! Mit oder ohne Drogen, ich weiß genau, dass du es gewollt hast!« 

Die Stimme Kajis überschlug sich vor Panik. In was für einer schrecklichen Traumwelt, musste dieser Kerl denn feststecken, dass er die Auswirkungen seiner Tat einfach nicht realisierte? 

 

Kyo hatte die Grenzen seiner Selbstbeherrschung nun endgültig erreicht. 

 

»Du wolltest mich!«, schrie Dais Stalker wieder, während ein weiterer Shinkansen über ihnen die Bahnstrecke passierte und dabei einen höllischen Lärm verursachte. »Hättest du es nicht gewollt, dann hättest du dich gewehrt. Aber das hast du nicht!« 

Er gestikulierte wild mit den Armen, so als wollte er damit seinen wirren Standpunkt untermauern. 

»Ich bin der einzige, der dir wirklich das geben kann, was du dir wünschst, Dai-san. Und ich würde alles für dich tun, was nötig ist! Du musst nur endlich verstehen, dass ich der einzige bin, den du brauchst!«

Als der Kerl dies aussprach, wurde Dai kreideweiß. Dieser Mann war zu allem fähig und er war völlig wahnsinnig, vor fanatischer Hingabe.

»Bitte, Dai-san. Lass es mich dir beweisen. Nur ich bin - .«

 

Im nächsten Moment und ehe Kaji noch einen weiteren, irren Gedanken aussprechen konnte, passierte alles gleichzeitig. Unter Dais Hand, welche noch immer Kyos Oberarm umklammerte, wurde aus nackter Haut, binnen weniger Sekunden, dichtes weiches Fell. Dann entwand sich ihm dieser mit Gewalt und er hörte das Zerreißen von Kleidung, untermalt von einem unendlich zornigen Fauchen.

Dai wich instinktiv zur Seite, stolperte fast über seine eigenen Füße und kollidierte unangenehm mit einem Baucontainer. Seine Augen waren auf Kyo gerichtet; oder besser gesagt, auf das Wesen, vor dem er sich seit Monaten fürchtete. 

Denn, obwohl wenn er es niemals laut vor seinem Sänger aussprechen würde, so hatte Dai große Angst vor ihm. Auch ihn plagten Albträume, seit der Sache in Kaorus Haus und dem Abend auf der Flusspromenade. Albträume, in denen Kyo eine unschöne Hauptrolle spielte.

»Ach du Scheiße.« Kajis Stimme überschlug sich vor Panik. 

Der Techniker war starr vor Angst und konnte das Grauen was er sah, weder begreifen noch verarbeiten. Dai konnte es sogar verstehen, angesichts der Tatsache, dass sich Kyo soeben in ein gewaltiges, fellbedecktes Ungeheuer verwandelte, dem die Mordlust in den Augen stand.

 

Es wollte um jeden Preis töten.

 

Kyos Jaguar fletschte die Zähne, schüttelte sich beiläufig die Reste seiner Kleidung vom Kreuz und buckelte dabei, wodurch seine muskulösen Schultern umso deutlicher zum Vorschein kamen. Dabei stellte sich das Fell seines Nackenkamms weiter auf und seine Ohren legten sich bedrohlich an. 

Die Zeit schien still zu stehen, in der sich die Klauen der Katze in den Schotter gruben und ihr Körper vor Anspannung wie erstarrt wirkte. Kaji rührte sich noch immer nicht und Dai war so überfordert, dass er nicht wusste wie er reagieren sollte.

Erkannte ihn das Monster überhaupt?

Würde es vor ihm Halt machen, wenn es mit Kaji fertig war?

Eine Sache stand aber auf jeden Fall fest: Für Kyo war Kaji in diesem Augenblick der Feind und Feinde galt es zu vernichten. Koste es was es wolle!

 

»Kaji lauf weg!«, schrie Dai, in der gleichen Sekunde, in der sich die Spannung in Kyos Muskeln mit einem Schlag entlud. 

Der Kater sprang regelrecht auf den Techniker zu, welcher lediglich einen hilflosen Schritt zurück tat, nur um von einem Berg aus Muskeln und Krallen umgeworfen zu werden und hart mit dem Rücken auf dem Boden aufzuschlagen.

»Kyo, Nein!« Dai wollte ihn aufhalten, aber es war zu spät. 

Das Monster ging wie von Sinnen auf Kaji los und dieser versuchte es abzuwehren, indem er sich die Arme vors Gesicht hielt. Dabei bohrten sich Zähne in den Stoff seines Hoodies und verbissen sich gewaltsam darin. 

Der Jaguar sah mittlerweile nur noch rot und dachte gar nicht daran, von seinem Opfer abzulassen. Er schüttelte den Kopf, schmeckte Dreck und Fasern auf seiner rauen Zunge und schleifte den wehrlosen Menschen dabei hin und her. Kajis Kleidung verrutschte, bis die scharfkantigen Steine ihm den Rücken aufschnitten und der Blutgeruch die Sinne des Feloidea weiter anfeuerten.

Noch hatte er ihn nicht gebissen, aber das wäre nur noch eine Frage der Zeit, bis er ihn entweder infizierte, oder in Stücke riss.

 

»Kyo, stopp! Hör auf!«, brüllte Dai und sah sich nach irgendwas um, was er als Waffe umfunktionieren konnte. So wütend er auch auf Kaji war, für das was er abgezogen hatte, aber das hier hatte er nicht gewollt! Sein Stalker gehörte ins Gefängnis und sollte nicht von einem tobenden Kyo umgebracht werden.

»Scheiße. Verfickte Scheiße!« Da er nichts anderes fand, packte er eine der schweren Eisenstangen, die sich rechts von ihm auftürmten. Natürlich brachte er sein eigenes Leben damit in Gefahr, aber er musste es versuchen!

Dai packte die Stange mit beiden Händen und näherte sich Kyo. Dieser hatte die Ärmel des Hoodies mittlerweile abgerissen und während er noch damit beschäftigt war, die zerfaserten Überreste auszuspucken, gelang es Kaji sich auf den Bauch zu drehen. Er versuchte in blinder Panik davon zu krabbeln, was ihm aber nicht viel brachte. Denn wieder wurde er an seinem Oberteil gepackt und herum geschleudert. 

Dieses Mal hatte Kyo die Kapuze erwischt, was nun aber dazu führte, dass Kaji immer wieder gewürgt wurde und die Panik nur noch weiter anwuchs. Der junge Mann versuchte zu schreien, was in einem Röcheln endete und er wild um sich schlug. 

 

Vielleicht war da noch irgendwo ein kleiner Funken Menschlichkeit in Kyo, der ihn dazu brachte sein Opfer nicht auf der Stelle zu töten. Denn hätte es der Jaguar darauf angelegt, dann hätte er ihm wohl einfach den Kopf abgerissen.

Aber statt dessen spielte er mit seiner Beute, packte Kaji mit den Klauen und stieß ihn von sich, nur um den am Boden liegenden Techniker mit lauernden Schritten langsam zu umrunden und ihn nicht aus den Augen zu lassen.

Dais Näherkommen bemerkte er nur beiläufig und er brachte ihn mit einem zornigen Fauchen dazu, auf Abstand zu bleiben. Niemand sollte sich zwischen ihn und seine Beute stellen!

 

»Nein, bitte nicht. Hilfe!«, kreischte Kaji und versuchte erneut auf die Füße zu kommen. 

Aber Kyo packte zu, schloss die Finger um seinen Unterschenkel und vergrub die Krallen dabei tief im Muskelgewebe. Ein Schmerzensschrei hallte durch die Nacht und der intensive Geruch von Blut benebelte dem Kater die Sinne. 

Das bisschen, was von seinem menschlichen Anteil noch übrig war, verschwand von Sekunde zu Sekunde immer tiefer im Nebel seines Verstandes. Mit einem lüsternen Fauchen stürzte er sich auf Kaji, zerfetzte den Hoodie nun endgültig und öffnete das Maul, um seine Zähne in den verlockenden, zerkratzten Rücken zu schlagen.

»Hör auf!«, schrie Dai, welcher vorwärts stürzte und mit der Eisenstange zum Schlag ausholte.

 

Lichtblitz und Knall folgten so knapp aufeinander, dass sie quasi zeitgleich stattfanden und den Gitaristen so sehr erschreckten, dass er ins stolpern geriet. Er konnte die Kugel nicht sehen, wohl aber die Wunde, welche sie in Kyos Schulter schnitt und dabei Haut und Fell mit sich riss.

Ebenso verwirrt wie der Feloidea, sah Dai sich um, die Stange so fest mit beiden Händen umklammernd, dass seine Arme richtig zitterten. Kaji schrie immer noch vor Angst. Er war so panisch, dass er nicht einmal mitbekam, dass Kyo von ihm abgelassen hatte. Blind für alles was um ihn herum passierte, krabbelte er auf allen Vieren über die Baustelle und weg von dem Monster, welches nun Kommissar Suzuki fixierte und ihm ein wütendes Brüllen entgegen schmetterte.

 

Masahiro stand zwischen den Brückenpfeilern und richtete seine Dienstwaffe mit professioneller Ruhe auf den tobenden Kater, dem es gar nicht passte, so von seiner Beute vertrieben zu werden.

»Weg von ihm, Andō-san«, lautete der Befehl, dem Dai nur zögerlich nachkam. 

Er war hin und her gerissen, entschied sich dann aber dazu auf Suzuki zu hören. Langsam wich er zurück, die Augen nicht von Kyo nehmend, der frustriert fauchte und knurrte, während Blut aus der Wunde und über seinen Arm floss.

»Helfen Sie mir. Bitte, helfen Sie mir!«, heulte Kaji, der es noch immer nicht schaffte aufzustehen. Seine Beine waren vor Angst regelrecht gelähmt.

Plötzlich richtete sich ein Paar eisblauer Augen auf ihn und man sah deutlich, dass Kyo die Waffe in Suzukis Händen komplett egal wurde. Seine Beute war ihm wichtiger und er würde Kaji bekommen; unter allen Umständen!

 

»Shit«, hörte Dai den Polizisten fluchen, dem der Ernst der Lage sehr wohl bewusst war. »Kaji, stehen Sie gefälligst auf und kommen Sie her!«

Masahiro war gar nicht glücklich damit, wie sich das hier entwickelte. Satoshi hatte recht gehabt. Einmal transformiert, war Kyo unberechenbar und derartig ausgeprägte Kiefer, waren auch dem erfahrenen Kommissar noch nie untergekommen. Klein und kompakt, aber stark genug um selbst die härtesten Knochen zu zermalmen.

Dass es sich bei dem Stalker ausgerechnet um Kaji handelte, überraschte ihn ein wenig, da er ein paar andere Männer im Verdacht gehabt hatte. Masahiro hatte sich in den letzten Tagen ein wenig unter die Techniker und Assistenten gemischt und sich ein wenig umgehört. Dem Team hatten sie erzählt, er wäre Reporter und würde einen Bericht für ein Fachmagazin schreiben wollen; auf die Idee war Yuuto gekommen. Und Kaji hatte sich in der ganzen Zeit überhaupt nicht auffällig verhalten. Aber so sehr er ihn für seine Taten auch verurteilte, so musste er ihm jetzt trotzdem das Leben retten.

Kyos Vorsicht vor der Pistole nahm mit jedem Atemzug immer mehr ab, während er sich lauernd in ihre Richtung bewegte und sich dabei gierig über das Maul leckte. 

»Mist«, fluchte der Kommissar wieder. »Kaji nun beeilen Sie sich gefälligst!«

Aber der Techniker hörte ihm gar nicht zu. Der Schock hatte ihn viel zu sehr unter Kontrolle, was dem Feloidea zu gute kam.

 

Kyo ging ein Stück in die Hocke, spannte die Muskeln an und stieß sich dann ab. Er sprang so schnell auf sie zu, dass es selbst Suzuki überraschte. Er war kurz davor den Finger fester um den Abzug zu schließen, als ein lautes Fauchen ertönte und ein gewaltiger, dunkler Schatten von Links in sein Blickfeld sprang. Etwas stürzte sich auf Kyo, riss ihn um und begrub ihn gewaltsam unter sich.

»Christine!«, stieß er erschrocken aus; man konnte ihm die Erleichterung über das plötzliche Auftauchen der Ärztin, aber durchaus ansehen. 

Dai hingegen hatte das Gefühl, jeden Moment einfach in Ohnmacht zu fallen. Er war so auf seinen Sänger fixiert gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, wie sich ihnen eine weitere Person näherte.

Und nun rang ein riesiges, dunkles Monster mit gestreiftem Fell seinen Freund nieder und die beiden Wesen verfehlten Kaji dabei nur um Haaresbreite. Ihr Mitarbeiter war zu nichts anderem mehr im Stande, als die Hände kreischend um seinen Kopf zu schlingen und wie von Sinnen um Hilfe zu rufen. Wer konnte es ihm verübeln?

 

Kyo brüllte wütend und schlug mit den Klauen nach dem Feloidea, der ihn immer noch auf den Schotter drückte und riss diesem dabei büschelweise Fell aus. Irgendwo am Rande seiner Wahrnehmung, erkannten seine Instinkte, dass es sich dabei um ein Weibchen handeln musste. Aber im Moment war ihm das herzlich egal. Für ihn war sie nur eine Rivalin, die ihm seine Beute streitig machen wollte und das konnte er nicht tolerieren.

Sie blieb ebenfalls nicht untätig und biss ihm in den Oberarm, woraufhin er fauchte und mit den Krallen über ihren Hals fuhr. Dabei schnitt er durch Haut und festes Muskelgewebe, bis Blut aus der Wunde quoll und sie beide befleckte. Die Katze ignorierte die Schmerzen, konnte aber nicht verhindern, dass er sich losriss, mit den Hinterbeinen nach ihr austrat und sie ein Stück von sich herunter warf.

Christine landete hart auf dem Untergrund, rappelte sich aber umgehend wieder auf und stürzte sich ein weiteres Mal auf Kyo. Dieser war so in seinem Blut- und Fressrausch gefangen, dass er wieder nur Augen für Kaji hatte und dann ein weiteres Mal von seiner Artgenossin zu Boden gerungen wurde.

 

Kaji indes krabbelte weiter auf den Mann mit der Pistole zu. Wo das zweite Monster hergekommen war, war dem panischen Techniker egal. Und wieso sich Kyo in ein solches Ungeheuer verwandelt hatte, verstand er genau so wenig. Für ihn zählte nur, dass er unbedingt weg musste!

»Wieso schießen Sie nicht?!«, schrie er, als er Suzuki erreichte, dessen wachsamer Blick auf den beiden kämpfenden Monstern lag. Die Waffe hielt er immer noch schussbereit in den Händen, machte aber keine Anstalten sie zu benutzen.

»Erschießen Sie diese beiden Viecher!« Kaji versuchte auf die Beine zu kommen, packte dann aber Suzukis Hosenbein und zog somit die Aufmerksamkeit des Polizisten auf sich. Und der Blick, den er dafür kassierte, hätte vernichtender nicht sein können!

Masahiro entwand sich seinem Griff und im nächsten Moment blickte Kaji direkt in den Lauf der Pistole. Er wich instinktiv zurück, landete dabei rücklings auf dem Schotter und hielt die Hände abwehrend vor sich.

»Nein!«, schrie er verängstigt. Wollte ihn der Kerl etwa erschießen?! »Was tun Sie denn da?!«

»Halt’s Maul!«, donnerte Kommissar Suzuki. »Und bleib gefälligst liegen! Ich will keinen Ton mehr von dir hören, ist das klar?!«

 

Natürlich musste er professionell bleiben, das war Masahiro klar. Aber es gab einfach Themen, bei denen kannte er als Polizist wirklich keinen Spaß und sexuelle Nötigung mit Erpressung, gehörte definitiv ganz oben auf die Liste.

Er würde nicht schießen, so viel stand fest. Trotzdem hinderte ihn dies nicht daran, Kaji ein wenig Angst einzujagen; als ob das noch notwendig wäre. Selbst wenn der Techniker es irgendwie schaffen sollte, in den nächsten Sekunden aufzustehen und wegzulaufen, so wäre es doch nur eine Frage der Zeit, bis er ihn wieder einholte. Es gab kein Entkommen. 

Masahiros Augen wanderten wieder zu den beiden Feloidea, die sich ineinander verbissen hatten und dabei einen höllischen Lärm veranstalteten. Immer wieder gelang es Kyo, sich ein Stück Freiheit zu erkämpfen. Aber nur um kurz darauf wieder von Christine fixiert zu werden und das Spiel von vorn zu beginnen, nur um bei dieser ganzen Aktion Dreck und Schottersteine umher zu treten und einander unzählige Wunden zuzufügen.

Dai war während dessen ein Stück zurück gewichen und tippte irgendwas auf seinem Handy ein. Schließlich hob er es ans Ohr und durch das Brüllen der Katzen, welches von den Wänden der Brücke hin und her geworfen wurde, vernahm Suzuki dessen aufgeregte Stimme.

»Kaoru! Du musst Kyo ausschalten! - Ja sofort!«

»Nein!«, rief der Polizist dazwischen, was ihm von Dai einen erschrockenen Blick einhandelte. »Wenn Kyo-san jetzt wieder zum Menschen wird, dann bringt Christine ihn um!«

 

Selbst auf die Entfernung erkannte er, dass dem hübschen Gitarristen nun auch der letzte Rest Farbe aus dem Gesicht wich. Masahiro fühlte sich an seine eigenen Erlebnisse zurück erinnert und an den Tag als er Riko verloren hatte. Seine beste Freundin.

Katzen können nur zerstören.’

Plötzlich bemerkte er eine Bewegung im Augenwinkel und sofort senkte er den Arm mit der Waffe und richtete sie ein weiteres Mal auf Kaji.

»Ich hab gesagt, dass du liegen bleiben sollst!«, fauchte er und wirkte dabei so bedrohlich, dass sich Kaji schützend die Arme um den Kopf schlang und verängstigt aufschrie.

»Nein! Sie sind einer von denen! Sie sind auch einer von denen!«

Unter anderen Umständen hätte Masahiro dies sicherlich verneint. Aber so lange es half Kaji an einer Flucht zu hindern, würde er ihn einfach in diesem Irrglauben lassen. Suzuki sagte nichts dazu und beobachtete weiter Christine und Kyo. 

Letzteres lag mittlerweile flach am Boden, während er von seiner Gegnerin auf eben diesen gedrückt wurde. Zusätzlich fixierte sie ihn mit einem gezielten Nackenbiss, welcher fast ihn zur Handlungsunfähigkeit zwang.

Kyo gefiel das gar nicht, so wie er fauchte und brüllte. Aber das dunkelbraun getigerte Monster über ihm, ließ sich davon überhaupt nicht beeindrucken. Im Gegensatz zu ihr, war er fast noch ein Jungkater. Suzuki betete gedanklich, dass Christine sich immer noch gut genug im Griff hatte, um Kyo nicht umzubringen. Denn das würde sie, sollte er sich ihr nicht langsam ergeben.

 

»Andō-san, kommen Sie zu mir. Aber langsam!«, befahl er dem Musiker, der überfordert an seiner Stelle verharrte und die ganze Zeit über irgendwas in sein Handy faselte. 

»Andō-san!«, rief er lauter, als ihn das Brüllen des Jaguars fast übertönte. Kyo hatte wieder damit begonnen sich stärker zur Wehr zu setzen und sich lautstark unter Christine zu gebärden.

Endlich kam Bewegung in Dai, dem die Beine nur schwerfällig gehorchen wollten. Langsam und mit ausreichend Abstand zu den beiden Biestern, umrundete er die Katzen und hoffte, dass sie zu sehr miteinander beschäftigt waren, um ihn zu beachten.

»Dai!«, vernahm er dabei Kaorus Stimme aus dem Smartphone, ohne auf seinen Leader zu reagieren. »Wo bist du?!«

Weil er selbst nicht dazu in der Lage war, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu formulieren, nahm ihm Masahiro das Telefon mit sanfter Gewalt ab und drückte es sich selbst ans Ohr.

»Niikura-san? Hier ist Kommissar Suzuki.«

Die Waffe hielt er immer noch in Kajis Richtung, um den Mistkerl an der Flucht zu hindern. 

»Wo sind Sie? Wo sind Kyo und Dai?!«, bellte der sonst so souveräne Bandleader, ins andere Ende der Leitung.

»Unter der Shinkansen-Linie vor der Halle.«

»Was?!« Natürlich sorgte eine solche Ortsbeschreibung nicht unbedingt dafür Kaoru zu beruhigen.

»Wir haben den Erpresser, er ist hier und wird verhaftet. Allerdings hat Kyo-san versucht ihm den Kopf abzureißen.« Suzuki gab Kaoru eine kurze Zusammenfassung der Situation, woraufhin er einige unschöne Flüche seitens des Gitarristen erhielt.

»Bleiben Sie wo sie sind, Suzuki-san. Wir sind gleich bei Ihnen.«

Weil er damit rechnete, dass Kaoru mit ‘Wir’ auch Satoshi meinte, bestätigte er und legte dann auf. Anschließend reichte er Dai das Smartphone zurück.

 

»Heilige Scheiße«, winselte Kaji, immer und immer wieder, der den Blick einfach nicht von den beiden Feloidea nehmen konnte. 

Masahiro war zwar ein harter Hund, aber auch er konnte sich noch gut an seine erste Begegnung mit diesen Kreaturen erinnern. Und in solchen Momenten wünschte er sich, dass ihm all das damals erspart geblieben wäre. Wenn es nach ihm ginge, dann hätte er am liebsten niemals von dieser ganzen Angelegenheit erfahren!

»Kaoru!«, rief Dai urplötzlich, so dass der Polizist leicht zusammenfuhr und sich reflexartig herum drehte, um die beiden Neuankömmlinge auf sie zueilen zu sehen. Wie erwartet wurde Kaoru von Satoshi begleitet, dessen ganze Aufmerksamkeit schon jetzt auf Kyo und Christine ruhte. Das Gesicht des Arztes war dabei von sehr viel Anspannung und Ärger gezeichnet.

»Gut das du hier bist,« wand er sich nach einigen Sekunden dann endlich Suzuki zu. »Wie lange sind sie bereits transformiert?«

»Etwa fünf Minuten«, antwortete dieser. »Und du hattest recht. Er ist wirklich beeindruckend.«

Ein grimmiges Brummen war die Antwort, während der Arzt in seiner mitgebrachten Tasche nach etwas kramte. 

»Wir müssen versuchen die beiden voneinander zu trennen. Andernfalls könnte es passieren, dass Christine zu weit geht und ihn vielleicht sogar umbringt.«

 

Als Satoshi das sagte, hatte Kaoru das Gefühl, dass ihm der Boden einfach unter den Füßen wegbrach.

»Wie bitte?!«, keuchte er und packte Furukawa am Oberarm. Dass Kaji jedes ihrer Worte mithören konnte, war ihnen im Augenblick herzlich egal. »Das dürfen Sie nicht zulassen, Doktor!«

»Kaoru-san.« Der Arzt löste beschwichtigend die Finger, welche sich in den Stoff seiner Jacke gekrallt hatten. »Ich versuche alles was ich kann, um zu verhindern dass Kyo verletzt wird. Auch mir liegt viel an ihm.«

Letzteres stellte Kaoru auch nicht in frage, trotzdem halfen weder der Anblick, noch die Geräuschkulisse, um ihn zu beruhigen. Und Kajis Gejammer machte es nicht gerade besser.

»Ihr wusstet das?!«, schrie dieser und deutete erst auf die Musiker und dann auf die beiden Katzen. 

Kyo bäumte sich just in diesem Moment auf und stieß Christine, begleitet von einem lauten Fauchen, zum Teil von sich runter. Das getigerte Ungeheuer ließ aber nicht von ihm ab, sondern sprang ihm auf den Rücken, so dass der Kater wieder unter ihr begraben wurde und sich ihre Zähne in seinen Nacken bohrten.

 

»Er ist ein scheiß Monster und ihr wusstet es die ganze Zeit über?!« Kaji war nun so außer sich, dass er nichts anderes mehr tun konnte, als zu schreien und panisch um sich zu schlagen. »Er gehört abgeknallt! Dieses Monster gehört abgeknallt!«

Dass er mit seinen Worten viel zu weit ging, wurde ihm erst klar, als sich wie aus dem Nichts eine Faust in sein Gesicht rammte und er nur noch Sterne sah. Ein hässliches Knacken mischte sich mit dem Fauchen der Katzen.

Dai hatte ihm die Nase gebrochen. Jetzt kniete der Gitarrist über ihm und war dabei auf Kaji einzuprügeln, bis Kaoru und Suzuki ihn an den Armen packten und von seinem Erpresser herunter zerrten.

 

Kaji hielt sich das schmerzende und nun auch stark blutende Gesicht, und winselte erbärmlich. Dabei rollte er auf die Seite und versuchte sich instinktiv mit seinen Armen zu schützen.

»Du gott verdammter Wichser!«, brüllte Dai aufgebracht und zu recht wütend. »Erst fickst du mich und jetzt willst du auch noch, dass wir Kyo umbringen?! Am liebsten würde ich dich abknallen! Du Dreckskerl hast es doch nicht anders verdient. Kaoru lass mich endlich los! Ich bin noch nicht fertig mit ihm!«

»Doch, das bist du!«, warf dieser ein, der seinen tobenden besten Freund mit erstaunlicher Kraft festhielt. »Mach’s bitte nicht noch schlimmer, Dai!«

In dessen Gezeter mischte sich nun auch der Kommissar ein, welcher Kaoru dabei half Dai im Zaum zu halten.

»Kaoru-san hat recht. Ich werde dafür sorgen, dass dieser Mistkerl seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Das verspreche ich Ihnen. Aber Sie müssen mir etwas von ihm übrig lassen, okay?«

 

Langsam ebbte die Gegenwehr des Musikers zwar ab, doch die Wut stand ihm nach wie vor ins Gesicht geschrieben.

»Schwören Sie es!«, forderte er zornig und suchte Masahiros Blick, was diesen zu einem ernsten Nicken verleitete.

»Natürlich. Sie haben mein Wort, Andō-san.«

Für einige Sekunden herrschte Stille zwischen ihnen, nur unterbrochen vom Knurren der beiden Feloidea. Dann nickte Dai mit einem resignierten Brummen und entwand sich Suzukis Griff.

»Also schön. Von mir aus. Aber ich schwören ihnen, dass ich ihn umbringe, sollte er einfach so auf freien Fuß gesetzt werden!«

Um die Situation nicht wieder eskalieren zu lassen, nahm er Dais bittere Worte hin, ohne ihnen zu widersprechen.

 

»Masahiro?«

Er wand sich Satoshi zu.

»Ja?«

»Bring Dai-san und Kaji-san hier weg. Kyo wird sich andernfalls wohl kaum beruhigen lassen.«

»Und du?«, fragte Suzuki, welcher in die Innentasche seiner Jacke griff und mit einem Klappern ein paar Handschellen heraus zog.

»Ich bleibe hier und versuche irgendwie, die beiden dazu zu bringen wieder zu Menschen zu werden.«

Während Furukawa sprach, zog Masahiro den immer noch winselnden Kaji auf die Beine, drehte ihm die Arme auf den Rücken und legte die Handschellen an.

»Und wie?«, fragte er und versuchte nicht zu sehr daran zu denken, dass wenige Meter von ihnen entfernt, zwei riesige Raubtiere miteinander rangelten.

»Hoffen wir, dass Christine noch klar genug denken kann, um auf mich zu hören und jetzt bring den da von hier weg!« 

Satoshi wusste zwar nicht, was genau vorgefallen war. Aber aus den wenigen Sätzen und der Tatsache, dass Kaji von Dai verprügelt wurden war, schlussfolgerte er das schlimmste.

Diese Musiker waren ihm wirklich ans Herz gewachsen und das hier nagte sehr an seiner Selbstbeherrschung, was sich darin zeigte, dass der Ausdruck in seinen Augen eiskalt wurde, während er Kaji ansah. Dem jungen Mann drehte es fast den Magen um vor Angst, denn Satoshis Ausstrahlung traf ihn auf einer primitiven und nicht ganz greifbaren Ebene. Als ob weniger sein Verstand und vielmehr sein Körper auf die Gefahr reagierte, die von dem anderen ausging.

 

»Was ist mit mir?«

Kaoru stand hilf- und planlos neben Kyos Arzt und schaute immer wieder zwischen diesem und seinem Sänger hin und her. Satoshi atmete durch und löste dann endlich den Blick von Kaji, welcher von Suzuki in Richtung Absperrung geschleift wurde; Dai im Schlepptau.

»Du hilfst mir dabei, Kyo zu beruhigen.«

»Wie soll ich das machen?!« Kaoru konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass das klappte. »Was wenn es schief geht?«

»Dann aktivierst du den Injektor. Aber tu das bitte nur auf mein Kommando.« 

Christines unmittelbare Nähe, war ein nur schwer zu kalkulierendes Risiko.

 

Kaoru nickte und umschloss sein eigenes Smartphone ein wenig stärker. Ihm war nicht wohl bei all dem, aber er versuchte Furukawa zu vertrauen. Kyo so zu sehen, tat extrem weh. Die ungezügelte Wut in dessen Blick, die vielen Wunden und wie er versuchte sich aus dem Griff der zweiten Feloidea zu kämpfen … 

Erst jetzt kam der Leader überhaupt dazu, die andere Kreatur etwas aufmerksamer zu mustern und er war überraschend wenig erstaunt von ihrer Statur.

Selbst als Mensch war Christine ungewöhnlich muskulös gebaut und als Katze potenzierte sich dies, wie er nun sah. Ihr Körper war von dunklem, getigerten Fell bedeckt. Der Nackenkamm war weniger stark ausgeprägt, als bei den männlichen Vertretern ihrer Spezies. Der Rest unterschied sich aber kaum von ihnen. Alles in allem war sie ein Stück größer als Kyo und um einiges stärker, wie sie eindrucksvoll unter Beweis stellte.

Ob es auch ihre Beißkraft mit der des Jaguars aufnehmen konnte?

Kaoru hoffte, dass es hier und jetzt nicht zu einem solchen Direktvergleich kommen würde.

 

Satoshi stellte seine Tasche endlich ab. In der einen Hand hielt er eine der falschen Insulinspritzen und mit langsamen Schritten, ging er auf die anderen beiden Feloidea zu. Ihrer beider Augen ruhten auf ihm, wobei sich Kyo immer nervöser gebärdete, je näher ihm sein Arzt kam.

Als Satoshi fast in Reichweite war, schien der Jaguar seine letzten Energiereserven zusammen zu suchen. Er bäumte sich immer stärker gegen Christine auf, welche deutliche Schwierigkeiten damit hatte, ihm stand zu halten und Kaoru war nicht wohl bei dem Anblick. 

Eine falsche Bewegung, und Satoshi könnte verletzt werden.

Kaoru war so angespannt, dass er sogar die Luft anhielt. Dann, mit einem Schlag, wuchtete sich Kyo so schnell nach oben, dass Christine ihn nicht mehr festhalten konnte. Sein Ellenbogen landete in ihrer Magengegend und sie riss reflexartig den Kopf nach oben, um ein wütendes Fauchen von sich zu geben.

Satoshi seinerseits stürzte nach vorn und holte mit der Spritze aus, aber Kyo war zu schnell und schlug sie ihm aus der Hand. Mit einem Klappern landete sie im Dreck und gerade als Kaoru dachte, Kyo würde sich auf Furukawa stürzen, wand sich der Jaguar ab und verschwand mit einigen schnellen Sprüngen zwischen den Baucontainern.

 

»Kaoru-san!«, rief Satoshi, welcher sich den blutenden Unterarm hielt. »Schalte ihn aus - Sofort!«

Kaoru war so perplex und erschrocken, dass er einige Sekunden brauchte, um das gehörte auch wirklich zu verarbeiten. Der Jaguar war längst außer Sichtweite und nur sein Schnaufen war noch zu hören.

»Kaoru!«, erklang ein weiteres Mal der Ruf des Arztes und nun erst erwachte er aus seiner Starre und deaktivierte mit zitternden Fingern, den Sperrbildschirm seines Smartphones. Groß und rot strahlte ihm der Button in der Dunkelheit der Nacht entgegen und er fühlte sich wie der schlimmste Verräter, als er den Daumen darauf presste. 

 

Plötzlich hatte er das Gefühl, dass sich die Zeit verlangsamte und das Rauschen in seinen Ohren immer stärker wurde. Kaoru spürte, wie ihm sein eigenes Herz in der Brust raste und ihm wurde unfassbar übel. 

Hatte es funktioniert? 

Oder war Kyo längst außer Reichweite?

Würde das Monster in die Dunkelheit der Nacht flüchten und vielleicht noch schlimmeren Schaden anrichten? Nur weil Kaoru zu langsam gewesen war? 

Weil er zu schwach gewesen war?

 

Sekunden verstrichen und dann kam die Antwort auf all seine Fragen. 

Ein erstickter Schrei hallte aus der Finsternis. 

Der schmerzerfüllte Schrei eines Tieres, in dessen Körper soeben eine kleine Kapsel mit einem hochkonzentrierten Narkosemittel platzte und deren Inhalt sich binnen weniger Augenblicke in seinem gesamten Organismus ausbreitete.

Kaoru schmeckte etwas bitteres auf seiner Zunge, als sich die Übelkeit in Panik wandelte.

»Kyo!«, rief er und rannte los. 

Er ignorierte Christine, welche ihm mit einem Knurren hinterher schaute und Satoshi, der sich mutig vor die Feloidea stellte und deren Aufmerksamkeit von Kaoru ablenkte. Ihm kam es überhaupt nicht in den Sinn, dass er sich mit seiner unbedachten Handlung wie ein flüchtendes Beutetier verhielt. Für Kaoru zählte nur Kyo!

Du hast ihm weh getan!’, dröhnte die tadelnde Stimme in seinem Kopf. ‘Du hast ihn verletzt! Was wenn das Mittel ihn umbringt?! Du bringst ihn um!’

 

Kaoru stolperte in der Dunkelheit fast über seine eigenen Füße, während er zwischen den abgestellten Baugeräten hindurch navigierte und es irgendwann so dunkel wurde, dass er sich vorwärts tasten musste.

Und dann sah er Kyo. 

Der Feloidea lag am Rande eines Lichtkegels, unweit des hoch aufragenden Bauzauns. Sein gewaltiger Leib zitterte und bebte wie unter Krämpfen, dabei streckte er eine seiner Klauenhände aus, hinein ins kalte Licht der Laterne, die auf die surreale Szene hinunter schien. Unter lautem Keuchen und ersticktem Fauchen, schob er sich kraftlos vorwärts, rammte die Krallen dann in den Schotter und zog sich noch ein paar Zentimeter weiter, ehe er mit einem letzten Krampfen erschlaffte und schließlich verstummte.

 

Ein leichter Windhauch ging durch das Fell seines Nackenkamms und ließ diesen leicht zittern. Aber abgesehen davon, rührte sich Kyo nicht mehr. Er sah aus wie tot und dieser Anblick brannte sich regelrecht in Kaorus Gehirn ein.

»Kyo?«, flüsterte er so leise, dass er sich selbst kaum verstand. »Kyo?«, wiederholte er umso lauter, erhielt aber weder eine Antwort, noch eine Regung.

»Nein.« Entsetzt stolperte er vorwärts, ging neben dem Kater auf die Knie und ignorierte den scharfen Schmerz, als sich der grobe Schotter durch den Stoff seiner Jeans und in seine Haut bohrte. »Nein, nein, nein, … bitte nicht.«

 

***
 

Kapitel 48 ¦ Katzenurteil


 

***

 

Dai hielt die Arme vor der Brust verschränkt und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass er innerlich gar nicht so entspannt war, wie er es nach außen darstellte. Denn in Wahrheit fühlte er sich nahe an einem ausgewachsenen Nervenzusammenbruch, während er die Person jenseits der Spiegelwand betrachtete.

Wie dieser dort zusammengesunken am Tisch saß, bleich, zitternd und fertig mit den Nerven, tat ihm Kaji sogar ein bisschen leid. Andererseits musste Dai auch an das denken, was der Techniker ihm angetan hatte und vor Wut wurde ihm ganz übel. 

»Erbärmlich«, murmelte er, ohne den Blick von dem anderen Mann zu nehmen.

»Wie bitte?«

Kommissar Suzuki hatte ihm nur beiläufig zugehört und schaute von seinem Klemmbrett hoch. Er hatte Kajis Bein kurz nach ihrer Ankunft provisorisch versorgt, um sicher zu gehen, dass Kyo ihn nicht vielleicht doch gebissen hatte. Glücklicherweise war dies nicht der Fall.

Dai sollte während dessen im angrenzenden Observationsraum warten; worauf genau wusste er allerdings nicht.

»Schon gut, hab nur laut gedacht«, antwortete er und warf dem Polizisten einen Blick über die Spiegelung zu. »Was wird jetzt aus ihm?«, fragte er mit gesenkter Stimme. 

Suzuki zuckte mit den Schultern.

»Das entscheiden höhere Instanzen. Meine Aufgabe war es den Täter zu finden und ihn zu verhaften. Alles andere liegt nicht in meiner Macht.«

 

Dai gab ein verstehendes Brummen von sich und schaute wieder zu Kaji.

»Ist Kyo jetzt in Schwierigkeiten?«, wollte er nach einigen Sekunden des Schweigens wissen, woraufhin der Polizist endlich das Klemmbrett mit den Formularen beiseite legte und neben ihn trat.

»Hoffentlich nicht. Aber eine solche Entscheidung liegt nicht bei mir«, antwortete er.

»Was meinen Sie damit?«

Ihm gefiel es nicht, wie Masahiro seine Worte wählte. Dieser zögerte wieder und schien nachzudenken.

»Es macht für uns einen deutlichen Unterschied, ob sich Feloidea nur untereinander prügeln, oder ob sie auf einen Menschen losgehen. In diesem Fall hat er Kaji-san angegriffen und verletzt, was ein Problem fürs Protokoll ist. Ich bin gezwungen das zu melden.«

»Wie bitte?!«, rief der Musiker daraufhin lauter als beabsichtigt, was wohl auch im Nachbarzimmer zu hören war, denn Kaji schaute auf. Er sah wirklich schrecklich aus! Eines seiner Augen war bereits ganz geschwollen und auf seinem Gesicht blühten allmählich große Hämatome auf. Dies und der gehetzte, panische Blick, welchen er durch das kleine Vernehmungszimmer schickte, zeugten sehr deutlich davon, dass er eine wirklich beschissene Nacht hinter sich hatte.

 

»Er hat ihn nicht gebissen, das haben Sie doch selbst gesehen, Suzuki-san!«, verteidigte Dai Kyos Handlungen. »Außerdem hat er das auch nur getan, um mich zu beschützen!«

»Hat Kaji-san Sie angegriffen?« Suzuki war ein Profi, das merkte man ihm an. Selbst als Dai lauter wurde, blieb er ruhig und gefasst.

»Er - ähm.« Der Gitarrist zögerte und schaute immer wieder zwischen seinem Gesprächspartner und Kaji hin und her. »Nicht direkt.«

»Dann war es keine Notwehr.«

»Kaji hat ihn wütend gemacht!« Dai bekam es so langsam mit der Angst zu tun. Er wollte nicht, dass sein Freund für etwas bestraft wurde, was er selbst verbockt hatte. »Kyo wollte mich nur beschützen.«

Daraufhin sagte der Polizist nichts weiter. Er schwieg, die Augen auf Dai geheftet, dem diese intensive Musterung gar nicht gefiel und der irgendwann den Blick rasch abwandte. 

 

»Er will uns alle nur beschützen«, murmelte er verteidigend und krallte sich mit den Fingern in die Ärmel seines Hoodies. »Sie kennen ihn nicht, Suzuki-san. Für Sie ist er nur ein Feloidea, dem Sie vermutlich am liebsten eine Kugel in den Kopf jagen würden.«

»Das will ich nicht.«

»Ach ja?« Dai sah ihn wieder an und lächelte traurig. »Sie wissen wozu seine Art fähig ist und dass Kaji heute wirklich großes Glück gehabt hat. Wenn es verhindern kann, dass ein weiterer Mensch stirbt, oder infiziert wird, dann würden Sie Kyo erschießen. Stimmt’s?« Dai schwieg einen Moment und war wenig verwundert darüber, dass er auf seine Frage keine Antwort bekam. »Aber für uns ist er nicht einfach nur jemand der sich in ein Monster verwandeln kann. Wir hätten ihm nicht so oft das Leben gerettet, wenn er uns nicht wichtig wäre.«

Er konnte in Masahiros Augen die offensichtliche Frage erkennen, zog es aber vor zu schweigen und nicht mehr näher auf dieses Thema einzugehen.

 

Die Stille die sich zwischen sie legte, wurde erst unterbrochen, als vom Flur her plötzlich laute Schritte zu hören waren, welche rasch näher kamen. Dann wurde die Tür aufgerissen und sie beide wanden sich der Person zu, welche dort stand und wenig erfreut wirkte.

»Wieso müssen Sie diese Kerle immer mitten in der Nacht verhaften, Suzuki?«, brummte der Mann in Zivil. Er sah so aus, als hätte er sich nur rasch ein paar Klamotten übergeworfen und war dann zum Präsidium geeilt.

Dai schätzte ihn auf Ende Vierzig. Seine Haare waren an einigen Stellen bereits ergraut, sein Gesicht war von Falten gezeichnet, aber sein Blick verriet, dass dieser Mann dort hart wie Granit war und schon viel erlebt hatte.

»Verzeihen Sie, Doktor Nakajima, es ließ sich leider nicht auf morgen verschieben. Die Angelegenheit ist dringlich.«

»Das ist sie immer«, brummte der große Mann, bei dem Dai nicht umhin kam dunkle Schatten unter den Augen zu registrieren. Irgendwie erinnerte er ihn an Kaoru. 

 

Der Fremde trat ein und schloss die Tür hinter sich, ehe er sich den beiden Männern näherte.

»Andō-san, darf ich ihnen Nakajima-san vorstellen? Er ist der für uns zuständige Staatsanwalt.« Das erklärte zumindest den Doktortitel und seine Anwesenheit hier.

Dai verbeugte sich höflich und versuchte gar nicht erst, seine eigene innere Anspannung zu verbergen.

»Staatsanwalt?«, fragte er vorsichtig nach. 

Wie tief steckte Kyo in der Scheiße? 

War Nakajima hier, um kurzerhand das Todesurteil für seinen Freund zu verkünden?

Möglicherweise stand ihm die Angst viel zu sehr ins Gesicht geschrieben, denn plötzlich wurde der grimmige Blick des Anwalts etwas milder.

»Suzuki meinte, dass Sie das Opfer in dieser Angelegenheit sind«, erklärte er. »Auch wenn ich immer noch nicht weiß, um was genau es eigentlich geht. Masahiro, wieso musst du dich immer so kryptisch ausdrücken?«, wandte er sich wieder dem Polizisten zu, welcher nur mit den Schultern zuckte und sich ansonsten unbeeindruckt gab. Dass Nakajima ihn mit dem Vornamen ansprach, zeigte dass die beiden sich offenbar näher kannten. 

»Ich hatte noch nicht genug Zeit, um einen kompletten Bericht zu verfassen.«

»Eine anständige Zusammenfassung hätte gereicht.«

Leicht amüsiert verfolgte Dai den verbalen Schlagabtausch der beiden. Ob sie wohl miteinander verwand waren? Brüder vielleicht? Cousins?

 

Endlich begann Masahiro von den Ereignissen der letzten Tage zu erzählen und was es mit Kaji auf sich hatte, welcher mittlerweile die Beine an den Körper gezogen und sich auf seinem Stuhl zusammengekauert hatte.

Als der Bericht endete, war der steinharte Ausdruck in das Gesicht des Anwalts zurück gekehrt und Nakajima trat näher an das einseitig verspiegelte Glas.

»Da hatten Sie wirklich großes Glück, Andō-san«, meinte er schließlich, ohne in Dais Richtung zu schauen. »Die meisten Fälle von Stalking bleiben ungelöst, oder gehen richtig hässlich aus. Also seien Sie unbesorgt, ich kümmere mich darum, dass ihnen dieser Mistkerl dort nie wieder zu nahe kommt!«

Dai nickte einfach nur. Er war furchtbar müde und wusste nicht was er zu all dem sagen sollte.

 

»Was ist mit dem Feloidea?«, wollte Nakajima von Suzuki wissen.

»Er befindet sich im Augenblick in der Obhut von Doktor Furukawa.«

Plötzlich rümpfte der ältere Mann die Nase und es war zu erkennen, dass er über diese Information alles andere als glücklich war.

»Furukawa schon wieder? Es gefällt mir nicht, dass der sich ständig in alles einmischt.«

»Kaji-san wurde nicht infiziert«, versuchte Suzuki ihn zu beschwichtigen.

»Das mag schon sein,« erwiderte Nakajima hart. »Trotzdem kennst du die Spielregeln, Masahiro. Nishimura-san ist ein Wiederholungstäter und in dieser Angelegenheit war sein Opfer ein Mensch und keines dieser Viecher.«

 

Es wurde nun deutlich klar, dass der Herr Staatsanwalt keine besonders gute Meinung von den Feloidea hatte. 

Wiederholungstäter?’ schoss es Dai durch den Kopf. ‘Was meint er damit?’

Er musste an die Situation mit Katsuo, in Kaorus Garten denken und an die Sache bei der Flusspromenade. In beiden Fällen hatte Kyo sie beschützen wollen und beide Male hatte es nie irgendwelche rechtlichen Konsequenzen gegeben. 

Oder vielleicht doch?

»Beim letzten Mal war er derjenige, der angegriffen wurde. Das habe ich dir doch gesagt«, meinte Suzuki ernster, was an den Ansichten Nakajimas allerdings nicht viel änderte. »Es war Notwehr.«

»Eine Leiche ist eine Leiche«, brummte der Anwalt streng. »Und ob Todschlag oder Mord, das Ergebnis ist das gleiche.«

 

Dai war es, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggerissen. Sein Kopf fühlte sich mit einem Schlag ganz leer und benebelt an und er glaubte sich im freien Fall zu befinden.

Was war das? Totschlag? Leiche? Mord?

Nein, das konnte unmöglich sein! Er musste sich verhört haben!

Kyo … hat er wirklich jemanden … auf keinen Fall!’

Das ergab alles keinen Sinn, ganz egal was Nakajima da auch behauptete!

Kyo war kein Mörder!

 

»Das ist nicht wahr.«

Die beiden Männer verstummten und wanden sich Dai zu. Der Musiker hatte nicht einmal mitbekommen, dass er den Satz laut ausgesprochen hatte. Er stand da; zittrig, kreideweiß und fühlte sich wie zur Stein erstarrt.

»Das ist gelogen«, sprach er, mit vor Anspannung heißerer Stimme. »Sie lügen! Kyo ist kein Mörder!«

Das Herz wurde ihm schwerer, als er sah, wie sich der Gesichtsausdruck des Polizisten veränderte. Der bislang stoische Blick verschwand und machte Überraschung und echter Sorge platz.

»Sie wussten es nicht?«, fragte Nakajima nach kurzem Zögern. 

»Was wusste ich nicht?« 

Dai konnte kaum noch atmen. Ihm wurde schlecht und schwindlig. Das alles war einfach zu viel für ihn. Erst die Sache mit Kaji und jetzt auch noch das? Er musste in einem Albtraum feststecken.

 

Suzuki und Nakajima warfen einander kurze Blicke zu, ehe sich der Jüngere von beiden räusperte und kurz überlegte, wie er das Folgende möglichst vorsichtig formulieren sollte.

»Kyo-san ist kein Mörder«, sagte er bedächtig. »Juristisch zählt das was passiert ist, unter Totschlag aus Notwehr, gemäß der Sonderbestimmungen zum Umgang mit Feloidea.«

Es ist nicht die ganze Wahrheit. Er verschweigt dir etwas!’, meldete sich eine unangenehm gehässige Stimme in Dais Kopf. 

»Er hat jemanden getötet?«, fragte er. »Wen?«

Mittlerweile war seine Stimme kaum noch von einem heißeren Krächzen zu unterscheiden. Sein Hals war wie zugeschnürt.

Dieses Mal antwortete der Staatsanwalt.

»Ein Mistkerl namens Katsuo Matsuda«, brummte er. »Unangenehmer Typ und um ihn ist es wirklich nicht schade.«

Es kam für Dai einem Wunder gleich, dass er nicht einfach umkippte.

 

»Der graue Kater«, hauchte er leise und mit vor Schock geweitetem Blick.

»Ah, Sie kannten ihn?«, fragte Nakajima frei heraus, was Dai dazu veranlasste ein wenig zu nicken.

»Er hat uns angegriffen.« Die Worte die aus seinem Mund kamen, fühlten sich merkwürdig fremd an. Generell war es ihm, als steckte er nicht einmal mehr in seinem eigenen Körper. Alles war verschwommen und wirr. »An dem Abend hat Kyo uns beschützt und - und wir haben erfahren, was er wirklich ist. Dieser Katsuo hat uns aufgelauert und dann unseren Drummer angegriffen, als sich ihm die Chance dazu bot. Er wollte Kyo zum Kampf zwingen.«

»Ja, das klingt ganz nach Matsuda«, meinte Nakajima streng. »Dieser überhebliche Dreckskerl wusste immer ganz genau wie weit er gehen darf, damit wir nicht aktiv gegen ihn vorgehen können. Hören Sie, Andō-san«, wand er sich mit strengerer Stimme direkt an Dai, welcher daraufhin zusammenzuckte. »Es gibt ein paar unschöne Spielregeln, an die wir ‘gesunden Menschen’ uns halten müssen. Halten Sie sich aus den Angelegenheiten der Feloidea heraus, wenn Ihnen ihr Leben lieb ist. 

So lange diese Biester nur einander umbringen, mischen wir uns nicht ein. Aber sollten Menschen dabei zu Schaden kommen, dann schicke ich schneller jemanden mit scharfer Munition vorbei, als ihr Freund ‘Katzenminze’ sagen kann. Verstanden?«

 

Dai starrte ihn an, unfähig etwas darauf zu erwidern. Also nickte er nur und konnte spüren, wie seine verkrampften Muskeln dagegen protestierten. 

Die Ansage war unmissverständlich: ‘Wenn Kyo einen normalen Menschen beißt oder umbringt, dann wird Nakajima nicht zögern und ihn einfach erschießen lassen.’

Seine Augen huschten zu Suzuki und er war überrascht, dass der Polizist seinem Blick auswich.

Ob er so einen Befehl schon einmal ausgeführt hat?’, fragte er sich unsicher.

»Wissen alle Polizisten von den Feloidea?« Dai wusste nicht was er sagen sollte. Die dichte Stille zwischen ihnen war beunruhigend.

»Natürlich nicht«, antwortete Nakajima sofort. »Die Auswahl an Leuten, die hierüber Bescheid wissen dürfen, ist überschaubar klein und so soll es auch bleiben. Weder wollen wir die Kollegen in sinnlose Gefahr bringen, noch bin ich scharf darauf das Chaos zu sortieren, was zwangsläufig entstehen würde, sollte die breite Öffentlichkeit von dieser Krankheit erfahren.«

Er hatte das Bedürfnis ‘Kyo ist keine Krankheit!’ zu sagen; unterdrückte es aber.

 

»Wieso haben Sie diesen Katsuo nicht schon viel früher beseitigen lassen?«, verlangte er zu wissen. »Wenn er Kyo nie über den Weg gelaufen wäre, dann wäre es doch nie soweit gekommen!«

Er verstand es einfach nicht. Wieso ließ man diese Kreaturen da draußen ihrem ganz normalen Alltag nachgehen und riskierte dabei derartige Eskalationen? 

Nachdem er ihn einige Sekunden eingehend gemustert hatte, wand sich Nakajima an Suzuki, ohne ein weiteres Wort mit Dai zu wechseln.

»Bring ihn nach Hause. Ich kümmere mich darum, dass dieses Arschloch«, und er deutete auf Kaji, »Nicht mehr so schnell auf freien Fuß kommt.«

Dai wusste, dass er von dem seltsamen Anwalt keine Antwort auf seine Frage mehr bekommen würde. Also ergab er sich dem Befehl und folgte Masahiro aus dem Observationsraum und in den verwaisten Flur.

 

Sie sprachen kein Wort miteinander, bis sie in der Tiefgarage ins Auto des Kommissars stiegen, dieser aber zunächst keine Anstalten machte den Wagen zu starten. Dai sah ihn von der Seite her an und musste zugeben, dass der Andere wahnsinnig müde aussah.

»Was haben Sie?«, fragte er, nachdem etwas mehr als eine Minute vergangen war und sie sich immer noch nicht von der Stelle bewegten.

Suzuki atmete ein und stieß dann ein sehr langes und schwerfälliges Seufzen aus.

»Entschuldigen Sie bitte das Verhalten meines Schwagers.«

Da er damit sicherlich nicht gerechnet hatte, blinzelte Dai erstaunt und räusperte sich.

»Oh, ähm - schon gut. In so einem Job ist es wohl normal, dass man irgendwann ein wenig strenger wird.« 

Sein Schwager? Also der Bruder von Masahiros Ehefrau. Dass der Kommissar verheiratet war, wusste Dai aus einem früheren Gespräch.

»Er ist nicht besonders gut auf die Feloidea zu sprechen«, erklärte Suzuki weiter. »Und auf das Thema Katsuo Matsuda erst recht nicht.«

Wieder dieser Gott verdammte Name!

 

»Stimmt es denn wirklich? Hat Kyo ihn tatsächlich … umgebracht?« 

Es fühlte sich immer noch so wahnsinnig falsch an, diese Worte laut auszusprechen.

»Ja und, so wie ich Naoki kenne, würde er Kyo-san dafür vermutlich gern eine Ehrenmedaille verleihen.« Dass es sich bei Naoki um Staatsanwalt Nakajima handelte, war klar.

»Warum?«, fragte Dai unruhig. »Also, mal abgesehen davon, dass Matsuda ein gestörtes Arschloch war; warum hatte ihr Schwager so ein Problem mit ihm?«

Dai machte sich innerlich bereits auf eine schlaflose Nacht gefasst.

Endlich startete Suzuki den Wagen und lenkte ihn langsam aus der Tiefgarage, hinaus in den nächtlichen Verkehr der Großstadt.

»Matsuda hatte einen etwas unangenehmen Gönner«, erklärte er schließlich. »Jemanden der ihn aus so ziemlich jeder schwierigen Situation herausgeholt hat und leider gibt es da draußen Leute, die sehr viel mehr Einfluss und Macht haben, als der Herr Staatsanwalt.«

»Ein Gönner?«, wiederholte Dai fragend, dem nun eiskalt wurde, obwohl die Heizung des Autos lief. »Wie meinen Sie das, Suzuki-san? Ist Kyo in Gefahr?«

»Sie werden verstehen, dass ich, zu ihrer eigenen Sicherheit, nicht zu tief ins Detail gehen darf, Andō-san.« Der Polizist blieb an einer Ampel stehen. »Aber Matsudas Kumpel arbeitet immer noch für Stjørdal und mit diesen Dreckskerlen sollte man sich nicht anlegen, wenn man am Leben bleiben will!«

 

***

 

Irgendwie roch seine Bettwäsche anders als sonst und seit wann fühlte sich seine Matratze so unangenehm hart an? Obendrein war ihm auch noch schrecklich heiß unter der Bettdecke.

Kyo versuchte sie von sich herunter zu ziehen, schaffte es aber kaum einen einzigen Muskel zu bewegen. Alles tat ihm weh und er hatte keine Ahnung warum.

Mit geschlossenen Augen lag er weiter auf dem Rücken und versuchte irgendwie so etwas wie einen klaren Gedanken zu fassen. Er erinnerte sich an das Konzert und an die merkwürdige Stimmung innerhalb der Band. 

Und sonst?

Was war sonst noch passiert?

Was war nach dem Konzert passiert?

 

»Hm - «, kam es schwerfällig und erschöpft aus seiner Kehle, welche sich grauenhaft trocken anfühlte.

Erst jetzt, wo er so langsam etwas wacher wurde, merkte er, dass ihn ein wahnsinniger Durst quälte. Obendrein schmeckte er etwas, was ihn an Blut erinnerte und dazu veranlasste besorgt die Stirn zu runzeln.

Die Augenlider auch nur einen Millimeter zu öffnen, kam beinahe einem Gewaltakt gleich und als das grelle Umgebungslicht auf seine Netzhaut traf, schaffte er es kaum das schmerzerfüllte Stöhnen zu unterdrücken. Rasch schloss er die Augen wieder und atmete zischend ein.

Großer Gott, was war hier los?

Warum erinnerte er sich nicht daran, wie er nach Hause gekommen war?

War er überhaupt zu Hause?

 

Ein weiteres Mal versuchte er die Augen zu öffnen, mit mäßigem Erfolg. Das Licht blendete ihn noch immer und erzeugte dabei unangenehme Blitze, welche direkt in sein Gehirn schossen. Von dem bisschen was Kyo über sich erkennen konnte, wusste er aber, dass ihm sowohl die Raumdecke, als auch die Lampen unbekannt waren.

Das hier war auf keinen Fall sein Schlafzimmer!

»Ah... fuck«, murmelte er wieder gequält und endlich gelang es ihm eine Hand unter der Bettdecke hervor zu schieben, diese blind zu packen und ein paar Zentimeter nach unten zu ziehen. Es war nicht viel, reichte aber aus um die Hitze ein wenig zu lindern. Kyo hatte das Gefühl innerlich zu verbrennen!

»Scheiße.«

 

Und dann, wie aus dem Nichts, verschwand die Decke von seinem Oberkörper und angenehm kühle Luft traf auf seine Haut.

»Bleib liegen«, vernahm er eine sanfte, leise Stimme neben sich, die ihm durchaus vertraut war. Kyo öffnete die Augen noch ein Stück weiter und drehte den Kopf zu der Person, die gesprochen hatte.

»Shin?«, fragte er leise und starrte den Drummer verwundert an. »Was ist passiert? Was machst du hier?«

Es kostete ihn fast alle Kraft, diese wenigen Worte auszusprechen und er verspürte den Drang einfach wieder einzuschlafen; kämpfte aber dagegen an.

Sein Freund ließ sich wieder auf dem Stuhl nieder, auf dem er wohl die ganze Zeit über gesessen hatte und betrachtete ihn, mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen.

»Du bist im Krankenhaus«, erklärte er ruhig. »Kannst du dich an das erinnern, was passiert ist?«

 

Krankenhaus?

Kyo schüttelte leicht den Kopf und suchte hilflos in Shinyas Augen nach irgendeiner Antwort auf die Fragen, die ihn mit einem Schlag überrollten. In dem klaffenden Loch seiner Erinnerungen, machte sich Chaos breit.

»Warum?«, war alles was er fragen konnte. 

Wieso zur Hölle tat ihm wirklich jeder Muskel im Leib weh?

»Du… mh«, druckste der schöne Drummer und knetete dabei nervös die Hände, welche er in den Schoß gebettet hatte. »Kaoru war gezwungen dich auszuschalten.«

Ausschalten?’ Wiederholte er gedanklich und starrte den anderen Mann dabei entgeistert an. Das konnte nur eines bedeuten!

»Habe ich euch angegriffen?«

Wenn Kaoru wirklich den Injektor aktiviert und Kyo damit wortwörtlich ausgeschaltet hatte, dann würde das zumindest die gewaltigen Gedächtnislücken erklären. Denn er konnte sich, beim besten Willen, nicht daran erinnern, dass er zur Katze geworden war.

»Nein«, antwortete Shinya nach kurzem Zögern. »Zumindest keinen von uns.«

 

Keinen von ihnen? Bedeutet das etwa - ?’

Ihm wurde übel und sein Herz schien mit einem Schlag auszusetzen, nur um kurz darauf so sehr zu rasen, dass ihn ein irrer Schwindel überkam.

»Wen?«, keuchte er. »Habe ich jemanden gebissen?«

Nicht schon wieder. Bitte nicht noch ein Toter. Ich halte das nicht aus!’

»Nein, hast du nicht.«

Irgendwas war seltsam. Obwohl Shinya sichtlich darum bemüht war, sich nichts anmerken zu lassen, war er steifer als sonst und wich Kyos fragendem Blick aus.

»Wo ist Kaoru?«

Dass er sich in keinem normalen Krankenhaus, sondern wohl wieder in der Privatklinik von Doktor Ito befand, ahnte er bereits.

Dieses Mal sah Shinya endlich auf und musterte ihn auf eine Weise, die Kyo nicht gefiel.

»Was ist?«, fragte er, versuchte sich aufzurichten und konnte sich immer noch kaum bewegen. ‘Verdammt.’

 

»Kaoru hat es mir gesagt.«

 

Zunächst wusste er nicht, was genau Shinya damit meinte. Dann aber sickerte die Erkenntnis in Kyos erlahmten Verstand und zu seinen schmerzenden Muskeln, gesellte sich eine furchtbare Übelkeit.

»Er hat mir gesagt, was du getan hast.« Erneut senkte Shinya den Kopf und schaute dabei auf seine langen, schlanken Finger runter.

»Und?« Kyo wusste nicht, was er darauf anderes sagen sollte. Seine Kehle fühlte sich an, als hätte jemand ein viel zu enges Halsband drum geschnürt. Aber auf seine gekrächzte Frage, erntete er nur ein Schulterzucken.

»Ich weiß nicht wie ich damit umgehen soll, Kyo«, sagte er leise. »Du hast einen Menschen getötet und Kaji-san angegriffen. Zum Glück hast du ihn nicht auch noch gebissen.«

Kaji?’

Er war immer noch so durcheinander, dass er viel zu lange brauchte, um diesem Namen eine greifbare Erinnerung zuzuordnen. Und als er diese dann hatte, konnte er nicht anders, als unterdrückt zu knurren.

»Dieser Dreckskerl.«

 

Plötzlich wurde er von einem schrecklichen Hustenanfall übermannt, was nur dazu führte, dass sich in seinem Körper ein brennender Schmerz breit machte. Kyo gab wimmernde Laute von sich und versuchte sich irgendwie auf die Seite zu drehen, als ihm klar wurde, dass die Schmerzen vorwiegend von seinem Rücken ausstrahlten.

Starke, schlanke Finger kamen ihm zur Hilfe und obwohl er niemals damit gerechnet hatte, spürte er wie Shinya ihm sanft und beruhigend über die Schultern strich.

»Soll ich eine Schwester rufen?«, fragte der Drummer, was Kyo aber gequält verneinte.

»Es - geht - schon«, keuchte er, was ihn Lügen strafte.

»Bist du sicher?«

»Ja.« Er wollte mit seinem Freund noch ein paar Minuten alleine sein. »Es geht. Gib mir einfach eine Minute.« Das Stechen ließ nur langsam nach, trotzdem tränten ihm die Augen und sein Kopf hämmerte vor Schmerz. »Muss mich aufsetzen.«

 

Nach einigen Protesten, half Shinya ihm auch dabei und als der Schwindel in seinem Kopf endlich ein wenig abklang, seufzte Kyo erleichtert auf. 

»Danke«, sagte er und lächelte seinen Freund an. Dieser war wieder auf Abstand gegangen und fuhr damit fort schweigend Kyo anzusehen.

Ohne sich anzulehnen, saß er nun da, auch wenn ihm die Augenlider mit jeder Sekunde schwerer wurden und es dem Sänger wirklich viel Kraft abverlangte um wach zu bleiben.

»Warum hat Kaoru es dir gesagt?«, fragte er nach einer Weile, mit leicht vornüber gebeugtem Oberkörper. Shinya schwieg noch immer und Kyo befürchtete bereits, keine Antwort mehr zu erhalten, als sein Kollege schließlich doch den Mund aufmachte.

»Weil er es nicht mehr ausgehalten hat«, sagte er. »Es hat ihn fertig gemacht und ich kann’s verstehen.«

 

»Bist du deswegen hier? Und nicht er?« Warum hatte er dieses schreckliche Gefühl enttäuscht darüber zu sein, dass Shinya neben seinem Bett saß und nicht Kaoru? »Plagt ihn das schlechte Gewissen so sehr?« Seine Worte waren härter, als er es beabsichtigt hatte und Kyo taten sie bereits in dem Moment leid, als er sie aussprach. 

Shinya seinerseits war weniger erfreut, was seinem Blick zu entnehmen war.

»Was ihn plagt, ist alles was mit dir zu tun hat. Er fühlt sich schlecht, weil er das alles die ganze Zeit über geheimgehalten hat. Weil er sich uns nicht anvertrauen konnte, um dich zu schützen und weil ihn der Schlafmangel sicherlich bald umbringen wird!«

Kyo starrte ihn fassungslos an. So hatte Shinya noch nie mit ihm geredet; geschweige denn mit einem der anderen. Aber es zeigte deutlich, dass auch ihr sonst so sanftmütiger Shinya eine maximale Belastungsgrenze hatte.

»Das war nie meine Absicht«, verteidigte er sich unsicher. 

Er hatte schon häufiger Meinungsverschiedenheiten mit Kaoru und Dai gehabt und zuletzt auch mit Toshiya. Dass sich Shinya ihm gegenüber jetzt so verhielt, war neu und machte ihm Angst.

 

So schnell wie der Zornesausbruch gekommen war, verschwand er wieder. Aber der traurige Ausdruck in Shinyas Augen blieb.

»Doktor Furukawa hat ihm etwas gegeben, damit er endlich mal wieder schlafen kann. Ich habe Kaoru gesagt, dass ich so lange bei dir bin und ein Auge auf dich habe, bis es ihm wieder besser geht.«

Wie unter Schock stehend, starrt Kyo auf die weiße Bettdecke und auf seine eigenen Hände. Sie zitterten unkontrolliert, während sich die Gedanken in seinem Kopf überschlugen.

»Ich wollte nie, dass es ihm wegen mir schlecht geht«, murmelte er schließlich und sackte ein Stück in sich zusammen. »Gott, Shinya.« Kyo vergrub das Gesicht in den Händen und verkrallte die Finger in seinen eigenen, schwarzen Haaren. »Ich will nicht, dass er wegen mir so leiden muss.«

 

*** 

 

Shinya blieb noch bis zum Ende der Besuchszeit bei ihm. Auch wenn sie nicht viel redeten und die meiste Zeit über schweigend in Kyos Zimmer saßen und sich irgendwelchen Unsinn im Fernsehen ansahen.

Eine Schwester ließ sie zwischendurch wissen, dass sich Doktor Ito derzeit nicht im Haus befände, aber Furukawa sein baldiges Kommen wohl angekündigt hatte und alles weitere übernehmen wollte. Und da auch die Schmerzen mittlerweile aushaltbarer waren, entschied Kyo dass er auf Satoshi warten würde.

Shinya war nicht die schlechteste Gesellschaft und, im Gegensatz zu Dai, versuchte dieser ihm kein Gespräch aufzuzwingen. Der Drummer respektierte die Stille und Kyo rechnete ihm dies hoch an.

 

Als man ihm das Abendessen brachte, war sein Kollege bereits weg. Er verspürte keinen Hunger und ein Blick unter die Abdeckung regte nicht gerade seinen Appetit an. Nach ein paar Bissen Reis, hatte er bereits genug und legte die Stäbchen zurück aufs Tablett. Genau in dem Moment, als ein Klopfen an der Tür erklang.

»Ja?«, antwortete er und als sein Besuch eintrat, bestätigte sich Kyos Verdacht.

»Guten Abend«, lächelte Satoshi, in dessen Haaren einige Regentropfen glänzten. »Wie fühlst du dich?«

Zunächst bekam er darauf nur ein Schulterzucken als Antwort. Schließlich rang sich der Sänger ein »geht so« ab und schob den Beistelltisch mit dem Essen zur Seite. Furukawas Blick ruhte auf dem fast vollen Tablett.

»Habe ich dich gestört?«

»Keinen Hunger.«

Endlich nahm der Arzt auf dem Stuhl platz, auf dem zuvor Shinya gesessen hatte. Noch ehe er etwas sagen konnte, fragte Kyo:

»Wie geht es Kaoru? Shinya meinte, dass du ihm etwas gegeben hast, damit er schlafen kann?« Diese Sache bereitete ihm die allergrößte Sorge. Die Tatsache, dass Kaoru wegen ihm Medikamente nehmen musste, ließ ihm keine Ruhe.

Satoshi zögerte, da er mit dieser Frage nicht gerechnet hatte, dann aber nickte er.

»Ja, es ist nur ein leichtes Mittel, damit er durchschlafen kann. Er ist natürlich ziemlich durcheinander, nach allem was passiert ist.«

 

»Habe ich ihm etwas getan?« Diese Frage kreiste seit Stunden in Kyos Kopf herum und machte ihn nahezu verrückt. Shinya hätte ihn bestimmt nur angelogen, um ihn zu beruhigen und das letzte was er wollte, waren Bandkollegen die versuchten ihn zu schonen!

Satoshi schüttelte mit dem Kopf.

»Nein, keine Sorge. Bevor es dazu kommen konnte, bist du abgehauen. Zum Glück warst du noch in Reichweite des Sensors.«

Der jüngere Kater brummte, als das verdammte Gerät erwähnt wurde.

»Warum tut mir alles weh? Ich dachte dieses Teil sollte mich einfach nur schlafen schicken. Statt dessen fühle ich mich, als wäre ein Shinkansen mehrfach über mich drüber gefahren!« Er versuchte die steifen Muskeln minimal zu strecken, doch allein das reichte aus, um ihn schmerzerfüllt stöhnen zu lassen.

Satoshi beobachtete ihn bei seinem Tun aufmerksam, ehe er zu einer Antwort ansetzte.

»Ich habe dir immer wieder gesagt, dass die Spritzen und der Injektor, nur ein Mittel für den absoluten Notfall sind, um andere vor dir zu schützen.«

»Aber bei den Spritzen ist es auch nicht so heftig!«, protestierte Kyo, welcher nun einfach aufgab und sich schwer atmend nach hinten gegen das Kopfende des Bettes sinken ließ. Er war völlig erledigt.

»Die Wirkung der Spritzen ist weniger stark, als die der Kapseln in dir. Sie sollen eine Transformation verhindern. Der Injektor hingegen soll dann wirken, wenn es bereits zu spät und du kein Mensch mehr bist.«

»Das hättest du mir ruhig eher sagen können!«

 

Beide verstummten, wobei Kyo zur Decke und Satoshi weiterhin ihn anstarrte. 

»Habt ihr mich aufgeschnitten?«, fragte der Jüngere und drehte den Kopf leicht in Richtung seines Arztes. Denn warum sonst sollte er im Krankenhaus liegen?

Das Nicken bestätigte die Vermutung.

»Wir haben die Überreste der Kapsel entfernt und eine neue eingesetzt. Wie schon gesagt, muss der Injektor nach jeder Aktivierung neu befüllt werden.«

Es war absurd; so schrecklich absurd! 

Kein Wunder, dass er derartige Schmerzen im Rücken hatte und es sich so anfühlte, als ob er innerlich verbrannte.

»Bekomme ich keine Schmerzmittel?«, fragte er und sah im Augenwinkel zu der Infusion, welche gemächlich aus dem Beutel, durch den Schlauch und in seinen Arm tropfte.

»Es wäre fast wirkungslos.« Satoshi stieß ein resigniertes Seufzen aus. »Dein Körper ist jetzt nicht dazu in der Lage, um weitere Medikamente aufzunehmen.«

»Und was gebt ihr mir da?« Wieder sah er zu der Infusion, aus Angst, dass sich darin Etorphin befinden könnte. Kein Wunder dass Christine es so hasste.

»Nur Kochsalzlösung, um deinen Organismus mit Flüssigkeit zu versorgen und deine Nieren zu unterstützen. Die haben in den letzten Stunden echte Schwerstarbeit geleistet.«

 

Also doch kein Etorphin? Gut, von dem Teufelszeug hatte Kyo vorerst wirklich die Schnauze voll!

»Die Tour«, stieß er knurrend aus. »Was ist damit?«

Satoshi starrte ihn verwundert und auch besorgt an.

»Willst du etwa wieder zurück auf die Bühne?«, fragte er. »Kyo, das ist im Moment wirklich keine gute Idee. Dein Körper braucht Zeit, um sich zu erholen! Das kann ich auf gar keinen Fall verantworten. Weder als Arzt, noch als Freund.«

»Ich brauche deine Erlaubnis nicht!« Kyo war wütend. Und das nicht nur auf Satoshi, oder auf Kaoru. In erster Linie war er wütend auf sich selbst. Wieder einmal hatte er es vermasselt und dabei allen anderen nur Probleme bereitet.

»Wenn ich nicht wieder auf die Bühne gehe, dann müssen wir die Tour absagen. Das kann ich Kaoru nicht auch noch antun!« Seine Finger krallten sich schwach in den rauen Stoff der weißen Bettdecke. »Die Katze hat bekommen, was sie verdient hat und ich Vollidiot bin derjenige, der jetzt mit den Konsequenzen leben muss. Und wenn es bedeutet, mit Schmerzen die Show zu spielen, dann soll es so sein. Aber ich lass nicht mehr zu, dass meine beschissenen Krankheiten dafür Sorgen, dass meine Band weiter unter mit leiden muss!«

 

***

 

ENDE

 
 


Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] In dieser Geschichte habe ich mich dazu entschieden, Kyo und Co. ein brauchbares Englisch zu spendieren. Andernfalls wäre es notwendig ständig einen Dolmetscher ex machina aus dem Hut zu zaubern und das wäre für euch albern zu lesen und für mich nervig zu schreiben.

Ende des ersten Kapitels und Auftakt des Dramas. Wie bereits erwähnt geht es direkt ins Geschehen, aber ihr könnt euch bereits darauf einstellen, dass der gute Kyo in den kommenden Kapiteln sehr viel wird durchmachen müssen.
Ich freue mich über jeden, der sich hier her verirrt.

Liebe Grüße
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Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Reminder, in dieser Geschichte steht es um Kyos Vergangenheit nicht gut.
[2] Der Vertrag: Dies wird hier schonmal angedeutet und in den kommenden Kapiteln gehe ich hierauf noch einmal konkreter ein. Bitte denkt daran, dass es sich hierbei um reine Fiktion handelt!

Vielen Dank fürs Lesen, ich hoffe euch gefällt die Geschichte bislang, auch wenn sie (für euch) erst zwei Kapitel lang ist.
Also dann, bis nächsten Freitag und schönes Wochenende an alle.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Und das war es dann wieder mit dem Kapitel.

Zugegeben, es ist wesentlich kürzer als das letzte, aber so wie ich Kyo hier quäle, ist es vielleicht gut, wenn ich das alles nicht zu sehr in die Länge ziehe :D

Das ist dann also meine liebe Christine, bzw. Chrissy.
Sie hatte in Feloidea 1 eine sehr große Rolle und wurde recht schnell zu einem Leserliebling.
Ihre Hintergrundgeschichte ist recht komplex und bildet die Grundlage einiger Ereignisse, die sehr wichtig für das gesamte Konzept sind. Da Feloidea 2 nun aber ein Prequel ist, tritt sie hier noch sehr kalt, kratzbürstig und teilweise brutal auf.

Ich liebe es sie zu schreiben und hoffentlich mögt ihr sie ebenfalls, auch wenn sie keine liebe Hauskatze ist.

Bis es Kyo dann auch körperlich wieder besser geht, müsst ihr euch aber noch ein wenig gedulden. Nächste Woche gibt es dann ein wenig abgefuckten Schwachsinn, an dem ich auch viel Spaß hatte, als ich ihn geschrieben habe.

By the way: Ich bin schon lange über Seite 270 hinaus. Es wird also noch eine ganze Weile so weiter gehen. Freut euch also auf die kommenden 6 Monate.


Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Möglicherweise hatte ich einen kleinen, inspirierenden Moment, durch das SCP-Game »Pools«. Außerdem haben Durah und ich den Insider, dass Kyo seine eigene SCP ist.

[2] Behaltet das im Kopf, das wird noch sehr wichtig. Näheres dazu im nächsten Kapitel.

Ihr glaubt nicht wie viel Spaß ich an diesem Kapitel hatte. Ich mag die Konversation zwischen dem 16-jährigen und dem 35-jährigen Kyo. Ist euch ganz am Ende der kleine Alterswechsel aufgefallen? ;)


Ich liebe es so etwas zu schreiben. Von diesen kleinen Erinnerungssequenzen wird es in Zukunft mehrere geben. Anstatt seine Vergangenheit zu direkt zu beleuchten, wollte ich es ein wenig diskreter verpacken. Ich hoffe ihr hattet trotzdem Freude daran, auch wenn es schwere Kost ist.

Bis nächsten Freitag

Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Wer ist Johann? Ebenfalls ein OC aus Feloidea 1. Ich werde später auf dieses Thema eingehen. Hab ja gesagt, dass ihr ein wenig Geduld mitbringen müsst.

[2] Dieses Stirn-an-Stirn-Ding ist im Laufe der Geschichte entstanden und wird ebenfalls noch einmal sehr wichtig werden. Man kann es schnell missinterpretieren, aber das ist kein Kuss, sondern einfach nur ein vertrautes aneinander anlehnen.

Okay, das war es dann wieder für diese Woche.
In meinen Feloidea Geschichten gibt es oft ganze Kapitel, in denen nicht viel passiert und die Charaktere einfach nur miteinander sprechen. Dies wird sich auch hier nicht ändern. :D
Ich hoffe es hat euch trotzdem ein wenig gefallen.

Bis nächsten Freitag
Liebe Grüße

Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Denkt daran, diese Geschichte spielt 2011, also vor 13 Jahren. Leider ist HIV bis heute ein Stigma und wird immer noch mit Homosexualität gleich gesetzt. Ich distanziere mich selbstverständlich von diesem Klischee. Es existiert hier nur im Rahmen der Story.

[2] Im vorherigen Kapitel wurde der Pakt bereits erwähnt und es wird auch noch eine genaue Erklärung zu dem ganzen Thema geben. Es mag vielleicht noch etwas seltsam drüber wirken, aber vertraut mir, im späteren Verlauf der Story, wird das alles noch sehr wichtig werden.

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Ja, es gibt auch kürzere Kapitel, neben all den viel zu langen und viel zu überladenen.
Im Grunde passiert nicht viel, aber es reicht vorerst, um euch einen ersten Eindruck davon zu verschaffen, was genau hinter meinen Feloidea steckt.
Christine ist kein böser Charakter, sie ist lediglich ein Spielball ihrer eigenen Natur, so wie alle Kätzchen, in diesem Universum, welches ich mir vor bald zehn Jahren ausgedacht habe.

Wenn ihr nun Sorge habt, dass es so langatmig weitergeht, dann muss ich euch leider sagen, dass diese Sorge nicht unbegründet ist :D
Das bedeutet aber nicht, dass es langweilig werden wird. Die Action kommt noch früh genug und es wird auch noch blutig und fies. Gönnen wir dem armen Kyo trotzdem die ein oder andere Verschnaufpause.

Bis nächsten Freitag

Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Das Thema ‘Vertrag’ wird nochmal einen ganzen Part in der Handlung einnehmen. Wenn es soweit ist, sage ich dazu ein paar Worte, aber vorerst lasse ich das so stehen.

Ein weiteres, kurzes Kapitel.
Ich denke ihr versteht, dass ich dieses vom vorherigen trennen wollte. Zum einen wäre es in Kombination zu lang geworden und zum anderen unterscheiden sich beide inhaltlich zu sehr voneinander.
Von derartigen Zwischenkapiteln wird es immer mal wieder welche geben. Dafür kommt nächste Woche eines, auf das ich mich freue, da es zu meinen Favoriten zählt. Ich hoffe ihr bleibt dabei :)
Und das war dann mal eine nette "Willkommen zurück in Japan" Begrüßung für Kyo. Dann weiß er immerhin schonmal, auf was er sich in den nächsten Wochen und Monaten einzustellen hat.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Nachtrag: Den ganzen Artikel, den Kyo hier am Anfang des Kapitels liest, könnt ihr mittlerweile auf der Feloidea eigenen Webseite nachlesen. Dort gibt es noch viele weitere Informationen, rund um die Firmengründung, die Familienhistorie, die Standorte und so weiter. Schaut da gern vorbei, wenn ihr euch mehr für Stjørdal interessiert. Es könnte aber zu Spoilern für die nachfolgenden Kapitel kommen.

[1] Anmerkung zu Stjørdal
Im Ur-Feloidea, welches zeitlich nach dieser Geschichte spielt, sind Johann und die deutsche Niederlassung der große Antagonist.
Als ich die Fanfiktion damals schrieb, eskalierte das Worldbuilding ein wenig und ich habe irgendwann, auf der Feloidea eigenen Webseite, eine komplette Abhandlung über die Gründung, die Firmenstruktur, die einzelnen Abteilungen, Namen der Vorstandsmitglieder und den Stammbaum der Familie Thorbjørn/Weilsteiner/Bogdanow verfasst.
Leider hatten sich dabei diverse Logiklücken und Fehler eingeschlichen und vor allem die Familienchronik ist nicht mehr deckungsgleich mit der jetzigen.
Sollte also Bedarf bestehen, dann wäre ich sehr gern dazu bereit, hier eine aktualisierte Variante des Stjørdal-Wikieintrags zur Verfügung zu stellen, da ich innerhalb der Geschichte nicht wieder so intensiv auf den Konzern eingehen möchte. Der Fokus wird wo anders liegen.

[2] Anmerkung zum Virus
Auch dieser ganze Hintergrund baut auf Feloidea 1 auf. Ihr ahnt nicht, was ich damals für eine absurde Arbeit in all das reingesteckt habe! Es gab eine komplette Zeitleiste damit, wo und wann genau sich das Virus entwickelt hat und wieso genau es nun so ist, wie es ist.
Also ernsthaft, wenn ihr meine alten Unterlagen sehen könntet, dann würdet ihr euch vermutlich das gleiche fragen, wie ich: »Feenja, geht’s dir gut?« :D
Dieses Mal habe ich es aber etwas vereinfacht erklärt und ich hoffe, dass es verständlich rübergebracht wurde.
Für den Fall dass sich jemand fragt, warum genau ich ausgerechnet auf die Etrusker kam?
Ich hab vor 9 Jahren eine Doku über dieses Volk gesehen und fand einfach, dass der Name einen schönen Klang hat. That’s it. Und ja, solche Erklärungen gibt es bei mir oft.

Okay, bitte sagt mir, dass ihr alles verstanden habt xD
Es wird auf jeden Fall noch viel mehr Hintergrundinfos in späteren Kapiteln geben, aber ich denke, damit haben wir zumindest einen ganz guten Fahrplan.
Wenn trotzdem noch irgendwas unklar ist, dann lasst es mich wissen. Ich bin jederzeit dazu bereit, euch alles zu erklären, wenn es nicht spoilert.
Übrigens mag ich Satoshi extrem gern! Einer meiner besten (neuen) OCs in Feloidea.

Bis nächsten Freitag und liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Okay, nun zu der Sache mit dem Vertrag. Auf die Idee hat mich Shinya, unfreiwillig, durch ein Interview gebracht. In der Übersetzung hieß es »Da wir aber seit ungefähr 2013 auch eigene Projekte beginnen dürfen … « und diese Formulierung fand ich so ungewöhnlich, dass mir eine Idee kam, welche gut in die Story passt. Was, wenn sie in einem Knebelvertrag steckten, der ihnen keine musikalischen Zweitprojekte erlaubte? Was würde das für Auswirkungen auf Kyos Katzennatur haben? Ohne zu viel zu spoilern, aber es gefällt der Katze absolut nicht!

[2] »Kätzchen klein, streichel fein … » Diesen Kinderreim habe ich damals im Netz gefunden, als ich für Feloidea 1 nach Katzengedichten gesucht habe. Irgendwie fand ich, dass es einen leicht gruseligen Charakter hat, weswegen ich es damals wie heute gern eingebaut habe.

Okay, das war dann mal wieder ein längeres Kapitel und wie versprochen, gibt es endlich mal ein wenig Action :) Ich hoffe doch, dass ihr genau so viel Spaß beim lesen hattet, wie ich beim schreiben.
Und für alle die enttäuscht waren, weil wir noch keinen Katzenkyo bekommen haben: Keine Sorge, den kriegt ihr noch! Aber gebt ihm Zeit, das Kätzchen ist noch ein wenig schüchtern.

Bis nächsten Freitag und liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Die Rede ist hier von D’espairsRay

Wie im Vorwort erwähnt, passiert heute nicht viel und eigentlich wird nur geredet. Aber ich mag dieses Kapitel irgendwie. Die Dynamik zwischen den einzelnen Charakteren, Kyo und dessen momentaner Situation, hat mir sehr viel Spaß beim schreiben bereitet.

Generell neige ich in meinen Stories dazu, die Beziehungen der Figuren untereinander bis ins Detail auseinander zu nehmen und mich in endlosen Dialogen zu verlieren.

Hoffentlich mochtet ihr dieses ruhige Kapitel trotzdem. Es wird auch wieder Action und Blut geben, aber dazwischen kommt hauptsächlich das hier.

Bis nächsten Freitag und liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Beziehungen zwischen Feloidea und Menschen, sind in erster Linie von Problemen geprägt. Wie hier in diesem Beispiel, ist vor allem die Familienplanung fast unmöglich. Die Sicherheit des menschlichen Partners, wird dabei nicht alleine durch die reine Anwesenheit des Infizierten gefährdet.

Ich mag das Telefonat zwischen Kyo und Kaoru am Ende. Irgendwie hat es so eine Dynamik, die mir gefällt und ich finde, dass es nochmal deutlich den Konflikt unterstreicht, der innerhalb der Band, aufgrund des Vertrages, vorherrscht.

Wir haben nun also herausgefunden, dass der Stalker einen Namen hat. Tatsächlich ist der gute Katsuo, die meiste Zeit des Tages, ein ganz normaler Beamter und Ehemann. Dass er jetzt allerdings einen Narren an Kyo gefressen hat, ist für keine der beiden Seiten langfristig besonders gesund.
Ihr lest von ihm also nicht zum letzten Mal :)

Ich hoffe euch hat dieses Kapitel gefallen und wir lesen uns kommenden Freitag wieder.

Bis dahin liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Heute ist alles mal etwas kürzer und kompakter. Dafür passiert aber auch wieder sehr viel auf einmal.

Zum einen Kyos kurze, aber heftige Interaktion mit dem Manager, was mir beim Schreiben einen diebischen Spaß bereitet hat. Dass ich den Namen des Managers kein einziges Mal nutze, hat übrigens seine Gründe. Diese ganze Vertrags-Sache habe ich mir nur ausgedacht und irgendwie würde es sich nicht gut anfühlen, hier eine reale Person zu benutzen, die nichts damit zu tun hat. Er bleibt auch namenlos.

Zum anderen bekam der gute Yuuto nun auch mal eine Sprechrolle. Ich mag ihn und es wird nicht das letzte Mal sein, dass wir ihn treffen. Hoffentlich mögt ihr ihn auch und wenn nicht, dann habt ihr eben Pech :D

Nächste Woche kommt übrigens ein sehr langes Kapitel. Also kocht euch vorher einen Kaffee und bringt ein bisschen Zeit mit.

Bis nächsten Freitag

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Okay seid ehrlich, wer von euch hatte erwartet, dass ich ihn wie einen Tiger aussehen lasse? :D Tatsächlich habe ich drüber nachgedacht, das dann aber wieder fallen lassen, nachdem ich mir nochmals das 2016er Live von »Hageshisa to …« angeschaut habe. Vergleich Kyo dort mal mit einem Jaguar. Es ist großartig passend!
In dieser Ausgabe von Feloidea, gibt es keine festen Katzenrassen mehr. Sein Fellmuster und seine Statur ähneln einem Jaguar, aber er ist in eigentlichen Sinne keiner. Ich bediene mich beim schreiben der Bezeichnung, da ich sonst etwas zu eingeschränkt mit den Worten wäre.

Kyos Worte an Kaoru »Ich weiß, dass du mich ebenso sehr hasst, wie du mich liebst«, mag ich in dem Kapitel und vielleicht sogar in der ganzen Fanfiction, irgendwie am meisten. Dieser eine Satz beschreibt jetzt und auch in den Kapiteln, die ich aktuell schreibe (30 bis 33) die komplette Dynamik zwischen den beiden.

Liebe Grüße und bis nächsten Freitag
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] »Komm rein, oder bleib draußen, aber mach die Tür zu.« Na, kennt ihr den Satz noch? :D ich fand es irgendwie passend, dass er nun von Kaoru kommt und die Rollen damit vertauscht sind. Damit gemeint ist die Szene nach dem Koma.

[2] Warum setzt Satoshi ihm ausgerechnet JETZT das Messgerät ein und hat das nicht schon vorher in der Praxis gemacht? Zum einen, weil ich diese Szene mit Kaoru unbedingt schreiben wollte und zum anderen, weil Kyo damit nicht hätte schlafen können.

[3] Zum Thema ‘Ich habe mir so meine Gedanken über die Unterhaltungsindustrie gemacht’: Eine ehemalige Kollegin von mir, war mehrere Jahre Fetischmodel für Latex und Bondage-Kleidung und hat mir mal gesagt, wie teuer diese hochwertigen und maßgeschneiderten Sachen sind.
Und als ich mich kürzlich an dieses Gespräch erinnerte, dachte ich mir ‘Wie konnten die sich das so ohne weiteres leisten?’ Denn viele der Kostüme sahen am Anfang echt maßgeschneidert aus. Und da wuchs diese Idee hier in mir heran, was auch nicht ganz unbegründet ist.
Es braucht nicht lange, bis man global fündig wird, wenn es um die Ausbeutung junger, aufstrebender Künstler geht. Diese werden von Produzenten in halblegale Verträge gelockt, die ihnen dann Geld ‘leihen’ was aber im Grunde nur in sehr viel Verschuldung endet, die es dann abzuarbeiten gilt. Wirklich viel Mitspracherecht an den Werken und Shows, haben die Musiker vorerst nicht mehr und um aus den Verträgen dann wieder rauszukommen, braucht es Anwälte, die aber teuer sind - ein Teufelskreis.
K-Pop ist das aktuell prominenteste Beispiel, was solche Berichte angeht.

Dass sich das alles also auf Kyos (hier fiktionale) Psyche negativ auswirkt, ist also nicht verwunderlich. Und bevor wir uns missverstehen, ich mag Vulgar! Klar, mittlerweile haben sie sich selbst künstlerisch und technisch überholt, aber es war damals von Klang und Stil her so anders zu dem, was sie vorher gemacht haben. Und die komplette Optik ist es, die mir am Ende zu dieser ganzen Idee verholfen hat.
Ja, ich neige wirklich dazu, Dinge zu zerdenken und alles sinnlos zu verkomplizieren.

Gut, ich hoffe ich habe euch nicht zu sehr gelangweilt, auch wenn das Kapitel schon wieder viel zu lang war :D
Die Stelle mit Toshiya und der Spritze, mag ich im übrigen sehr, weil es, nach all den ernsten Themen, mal wieder ein wenig Auflockerung ist.
Übrigens kann ich nicht versprechen, dass die kommenden Kapitel weniger weird werden. Es wird, ehrlich gesagt, noch ein bisschen schlimmer, aber das könnt ihr ja dann nächste Woche lesen.

Bis dahin liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Na war ja klar, dass es Probleme geben wird :)
Entschuldigt, dass ich im Vorwort nicht noch einmal explizit darauf hingewiesen habe, dass es in diesem Kapitel zu einer genaueren Darstellung von Selbstverletzung kommt. Einerseits wollte ich euch nicht spoilern. Andererseits habe ich es in einem sehr langen Vorwort, am Anfang der Geschichte erwähnt. Außerdem ist all das schon in den letzten 15 Kapiteln immer wieder ein Thema gewesen und das hier ist ein Horror-Drama.
Ergibt nur wenig Sinn, so eine Story permanent mit Triggerwarnungen zu versehen.

Okay, hier hätten wir nun also den wirklich rein animalischen Feloidea.
Wenn es mal zu einer Feloidea-Transformation kommt, dann wird es immer direkt blutig und brutal und genau das meinte ich damit, dass ich es aus gutem Grund nicht zu häufig schreibe.
Einerseits kann ich hier keine Dialoge unterbringen, alles passiert über Körpersprache und andererseits kann ich sie auch nicht wie Menschen handeln lassen. Sie sind quasi hochintelligente Tiere, die durchaus rational handeln und planen und zeitgleich trotzdem von ihrem animalischen Verstand gesteuert werden.
Das ist eine echte Gradwanderung, kann ich euch sagen.

Ich hoffe es hat euch trotzdem gefallen und wir lesen uns nächsten Freitag wieder
Bis dahin, liebe Grüße

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Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Wie schon einmal erwähnt, gibt es keine festen Rassen mehr, das war im alten Canon noch anders. Ich will an dieser Stelle aber ganz gern auf die drei Videos hinweisen, die mich auf die Jaguar-Idee gebracht haben.
Zum einen natürlich Der Auftritt von ‘Hageshisa …’ von 2016. Ihr ahnt nicht, wie sehr ich seine Körpersprache in dieser Aufnahme studiert habe. Achtet mal darauf, wie er sich bewegt. Es ist als wäre er der Prototyp für einen meiner Feloidea und ich liebe alles daran!
https://youtu.be/Xb3WwNIIzwM?t=93

Passend dazu das Bewegungsmuster eines Jaguars:
https://youtu.be/E7bvEvFujbc?t=36

Und dann dieses Video, in dem man das Grollen und Fauchen eines Jaguars hören kann. Wer sich jetzt denkt: Hä? Also in Film/Spiel XY, klingt das irgendwie anders, den muss ich ein wenig enttäuschen. Dort wird für Sounds immer lieber auf Tiger und Pumas zurückgegriffen, da diese die für uns vertrauten Geräusche machen. Aber eigentlich hat jede Katzenrasse ihre ganz eigenen Rufe.
Kyo jedenfalls gibt mir diese spannenden Jaguar-Vibes.
https://youtu.be/M7tW9iyge_s

So, das Kapitel war etwas kürzer, im Vergleich zum vorherigen, aber ich ich mag es trotzdem sehr gern. Der Part mit Kaoru war mir beim schreiben ausgesprochen wichtig und was es mit der Dame am Ende auf sich hat?
Tja, das seht ihr nächste Woche. Ich bin wirklich auf eure Reaktionen gespannt.

Liebe Grüße und bis nächsten Freitag
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Na, das war doch klar, dass das schief gehen muss! Und ja, es reichen auch solche kleinen Auslöser, um eine Katastrophe zu verursachen. Die Feloidea-Erkrankung ist unberechenbar, wie Kyo und der Rest, nun deutlich sehen durfte.

[2] Sun Yáo ist ebenfalls ein Name, der seit Feloidea 1 existiert. Wie hier hoffentlich deutlich klar wird, steht er in Verbindung zu Stjørdal und dass dieser Konzern eine Menge Blut an den Pfötchen kleben hat, sollte eigentlich klar geworden sein.
Yáo und Christine haben ein Problem miteinander, was ich hier noch nicht auflösen, aber zumindest schonmal erklären will. Einiges von dem, was in Feloidea 2 passiert, wird in direktem Kontakt mit ihren Handlungen in Feloidea 1 stehen. Wisst ihr eigentlich, wie viel Spaß es mir macht, diese vielen losen Fäden endlich nehmen und richtig verbinden zu können? Hihihi

Lasst euch bitte nicht zu sehr von mir verwirren :D bei Zeiten werde ich hier ganz viele Erklärungen mit einstreuen, damit sich am Ende ein genaues Bild ergibt. Satoshis Vergangenheit mit Erik, wird dabei eine sehr zentrale Rolle spielen.

Für den armen Kyo, wird es ein sehr unangenehmes Erwachen geben, das kann ich euch versprechen. Das kommende Kapitel, wird teilweise sogar recht amüsant.
Ich hoffe ihr hattet Spaß und wir sehen uns kommenden Freitag wieder.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Ich konnte mir diese kleine, seichtere Szene einfach nicht verkneifen. Sie ging mir zu lange im Kopf herum und wenn ich aus Kyo schonmal ein Katzenmonster mache, dann kann ich ihm auch direkt das ein oder andere Katzenverhalten andichten.
Es wird noch ernst und blutig genug, keine Sorge.

Ja, das Kapitel war dieses Mal wieder etwas kürzer. Aber da ich heute leider auf die Betriebsweihnachtsfeier muss, eigentlich restlos überarbeitet bin und keine Energie dafür habe, ist mir das ganz recht.

Auch wenn die Frage überflüssig ist, aber wie findet ihr die Story denn bislang?
Ist es das was ihr erwartet habt?
Habt ihr überhaupt etwas erwartet?
Oder fragt ihr euch die ganze Zeit über, zu recht, ob es irgendwann noch spannend wird?
Lasst es mich wissen - oder nicht. What ever.

Liebe (sehr müde) Grüße und bis nächsten Freitag.
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Tja, was wissen wir schon von dem, was die bei Stjørdal alles so getrieben haben? Wer Feloidea 1 kennt, der weiß genau was ich meine und es ist nicht schön :) Kyo kann froh sein, dass er keine Ahnung hat. Was natürlich nicht bedeutet, dass er, früher oder später, nicht vielleicht doch eingeweiht wird.

Ich mag das Kapitel und die Gespräche und wie versprochen, wird es nun erst mal wieder ein wenig blutige Action geben. Nichts desto trotz, wird sich Feloidea, auch weiterhin, vor allem um die Gespräche und die Interaktionen drehen. Das war schon immer so und, sehr wahrscheinlich, wird es bei mir auch niemals anders werden.

Im übrigen habe ich mir fest vorgenommen, im Laufe der nächsten Monate an der Webseite zu schrauben und den aktuellen Canon, Stück für Stück, dort einzutragen. Die schlimmsten Logikfehler des Originals, habe ich mittlerweile ausgebessert und außerdem habe ich auch echt Bock drauf, mal den optimierten Stammbaum der Familie Weilsteiner online zu stellen.
Jetzt muss ich nur noch genug Zeit finden, damit ich das alles auch umsetzen kann.
Im Moment komme ich ja kaum dazu, an den Kapiteln zu arbeiten.

Ich wünsche euch allen ein schönes und erholsames Weihnachtsfest. Genießt die freien Tage und, wenn wir uns nicht nochmal lesen, wünsche ich euch einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Für alle, die Silvester nicht so mögen (wie ich) habe ich auch einen kleinen Tipp: Schaut mal nach, ob irgendwelche Kinos in eurer Nähe an Silvester geöffnet haben. Unser Kino veranstaltet am 31.12. einen richtigen kleinen Empfang mit Sekt, Saft und Snacks und es ist jedes Mal so ausgebucht, dass wir die Karten zwei Tage vorher reservieren müssen.
Es lohnt sich :D

Liebe Grüße und bis nächsten Freitag
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Der reine Kontakt mit dem Blut reicht nicht aus, es muss wirklich, über eine Eintrittswunde, in den Körper gelangen. Ich habe, in dieser Story, noch keine Möglichkeit gefunden, um die Erklärung mit dem Biss richtig zu erklären, aber auch dazu gibt es bereits eine recht ausführliche Beschreibung.

Die Kurzform lautet: Wenn ein Feloidea zubeißt, platzen kleine Äderchen in den Schleimhäuten an seinen Zähnen, vor Stress. Auf diese Weise kann sein infiziertes Blut, in die Wunde seines Opfers gelangen. Es ist auch möglich, dass dies nicht passiert, allerdings äußerst unwahrscheinlich. (Nur für den Fall, dass ich es im Laufe der Story wirklich gar nicht mehr erklären werde)

Okay, es ist mal wieder nicht viel passiert, dafür hat der gute Yuuto überlebt und vermutlich wisst ihr alle, was genau jetzt auf den armen Kyo zukommt - beziehungsweise Wer!
Das nächste Kapitel wird wieder etwas länger und ein kleiner Flashback, mit der ein oder anderen süßen Szene.

Ich wünsche euch allen ein paar angenehme letzte Tage, in diesem chaotischen Jahr und ich hoffe doch, dass wir uns im nächsten wieder lesen werden.

Viele Grüße und bis nächsten Freitag
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Ginsterbusch, o Ginsterbusch. Das ist in meinen Stories ein wiederkehrender Running-Gag, der ursprünglich nicht einmal von mir stammt. An dieser Stelle empfehle ich euch, die auf animexx zu findende Fanfiktion »Tourbus, Crash in der Pampa«. Lest sie, kichert darüber und am Ende versteht ihr sicherlich was ich meine.

[2] Clavicula ist das Schlüsselbein und Costa die Rippe. Ein bisschen was ist aus der Medizinschule noch in meinem Kopf kleben geblieben ;)

So, das wäre nun also ein Teil von Satoshis Geschichte. Der arme alte Kater hat sehr viel durchmachen müssen und irgendwie tut er mir sogar selbst leid. Ich mag Satoshi sehr.
Nun wird auch klar, warum er so sehr an Kyo und den anderen hängt und wieso er jedes Risiko eingehen würde, nur um ihnen zu helfen.
Das Kapitel ist bei weitem nicht das beste, das gebe ich zu und ich hab mich, mit der ersten Hälfte, damals wirklich abgekämpft. Trotzdem ist sie doch recht passabel geworden und hat die ein oder andere, witzige kleine Szene.

Warum der Spitz Momo heißt, hat übrigens keine Bedeutung. Ich fand einfach nur den Namen passend.

Bis nächsten Freitag und liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Tahir; Oh je, na da habe ich mir ja was eingebrockt. Tahir al’Shaar ist ebenfalls ein Charakter aus Feloidea 1. Neben Christine, war er einer der Leserlieblinge und ich mochte ihn ebenfalls sehr gern. Da diese Geschichte hier in der Vergangenheit spielt, hat sich Christine mit ihm noch nicht versöhnt. Ich habe in der ursprünglichen Geschichte nie konkret erzählt, wieso genau sich die beiden scheiden ließen und jahrelang nicht mehr miteinander sprachen. Dies wird sich in Feloidea 2 nun ändern.

[2] Blumenkohl; ich mag Blumenkohl einfach nicht und habe Kyo diese Abneigung hier einfach mal angedichtet. Genaueres kann man in meinem OneShot
https://www.fanfiktion.de/s/662abd5f00007ed52e2e8671/7/How-to-be-Kyo

Bevor es zu Missverständnissen kommt: Christine wird NICHT Kyos Love Intrest sein! In Feloidea 1 versöhnt sie sich mit ihrem Exmann und ich deute Interesse ihrerseits an meinem OC Lukasz an.
Sie und Kyo mögen einander nicht und auch wenn sich die Unterhaltungsindustrie gern an diesem konzept bedient und daraus Beziehungen schustert, so werde ich dies auf keinen Fall tun!
Wenn zwei Menschen einander von Anfang an nicht grün sind, dann ergibt es absolut keinen Sinn, daraus eine Beziehung konstruieren zu wollen. In der Realität wäre das in den meisten Fällen sehr toxisch.
Und mittlerweile habe ich ja auch gespoilert, dass die Geschichte am Ende auf Kyo und Kaoru hinauslaufen soll. Aber in dieser Sache müsst ihr euch noch eine ganze Weile gedulden. Die zwei sind nicht gerade die schnellsten.

Okay, Christine ist zurück und ihr solltet euch beim nächsten Kapitel am besten etwas zum Schreiben schnappen, denn es kommen sehr viele Hintergrundinformationen. In denen tauchen wir in die gemeinsame Vergangenheit von Satoshi und Christine ab und klären (teilweise) die Frage, wieso die meisten Katzen so eine Angst vor Stjørdal haben.

Ich hoffe ihr hattet ein wenig Spaß mit dem Kapitel und wir lesen uns nächste Woche wieder.
Bis nächsten Freitag und liebe Grüße

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Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Christines Reaktion; keine voreiligen Schlüsse. Es ist noch viel schlimmer, als ihr glaubt. Und sollte es hier jemanden geben, der mit der Story von Feloidea 1 vertraut ist, dem kann ich sagen: Hier habe ich etwas grundlegendes verändert!

Okay, damit habt ihr den schlimmsten Teil der Erklärungen überstanden.
Es ist für mich nicht einfach, euch die Handlung über und um Stjørdal zu erläutern. Das hier sind Zusammenfassungen von Dingen, die sich außerhalb der Handlung von Feloidea 1 bewegen und eine Art Bindeglied darstellen.
Wenn ihr irgendwas nicht verstanden habt und es noch Unklarheiten gibt, dann bitte stellt mir all eure Fragen und ich werde versuchen sie zu beantworten. Das ganze Stjørdal-Thema ist leider ausgesprochen komplex, wie man hier vielleicht erahnen kann.
Ich hoffe ihr seid jetzt nicht so verwirrt, dass ihr davon lauft, das wäre sehr schade.
Eventuell sollte ich mich wirklich mal um eine komplette Überarbeitung des Stammbaums und der wichtigsten Informationen auf der Webseite kümmern.

Erik ist nicht wirklich der Antagonist in dieser Geschichte, aber seine und Satoshis Vergangenheit, sind für vieles ein wichtiger Ausgangspunkt und nun wurde hoffentlich auch klar, warum der alte Kater so eine Angst vor Erik hat.
Dem armen kyo schwirrt jetzt vermutlich der Kopf, von all den vielen Informationen.

Wann es ein neues Kapitel gibt, weiß ich noch nicht. Die kommenden Wochen werden ziemlich hart, also will ich euch lieber nichts versprechen.
Über Kommentare freue ich mich sehr, vor allem würde ich gern wissen, ob ihr das da oben überhaupt verstanden habt.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Ihr wisst doch alle, auf das das nächste Kapitel hinauslaufen wird.
Um mal vorab eine andere Sache zu ‘spoilern’: Ja, Kyo ist eine lokale Mutation. Aber er ist deswegen kein auserwählter Feloidea und bitte denkt nicht, dass er deswegen irgendwelche Superkräfte hat. Die Aussage »Er ist selbst unter Unseresgleichen ein Außenseiter«, ist im Grunde Erklärung genug.

Tja, so lange war Ruhe und nun taucht Katsuo wieder auf?
Kyo ist davon alles andere als begeistert, was man sicherlich auch verstehen kann. Im kommenden Kapitel geht es dann richtig zur Sache und danach müsst ihr viel Geduld und Nerven mitbringen.

Ich persönlich freue mich darauf und Durah sagt ebenfalls immer wieder, dass sie sich über jedes neue Kapitel freut. Also müsst ihr da jetzt durch.
Schaut auf der Webseite vorbei, oder hinterlasst hier einen Kommentar. Ich freue mich über eure Reaktionen und wünsche euch was.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Katzengulasch ist Christines Lieblingswort. Es ist nicht das erste Mal, dass sie das sagt und ich kicher jedes Mal, wenn ich es schreiben darf.

Das Kapitel ist im September letzten Jahres entstanden. Kurz nachdem ich selbst einen heftigen Kreislaufzusammenbruch hatte und es mir ähnlich ging, wie Kaoru.

Und damit wäre endlich auch mal geklärt, dass es nichts erstrebenswertes ist, ein Feloidea zu sein. Ich hoffe doch, dass ich niemanden verstört habe; aber so läuft das leider.
Wie ich im vorherigen Kapitel erwähnt habe, behält man, trotz der Transformation, sein Ich-Bewusstsein und ist sich nach so einer Tat, leider auch im Klaren darüber, was man getan hat. Selbst wenn einige Erinnerungen verschwinden und verschwimmen.
Und wie soll man auch anders reagieren, wenn man plötzlich ‘aufwacht’ und feststellt, dass man im Wahn nicht nur einen anderen Menschen getötet, sondern auch gefressen hat? Dass das eine Menge Folgen mit sich zieht, ist leider sehr logisch. Ich hätte es also gar nicht anders schreiben können.

Die ‘Gartenszene’ gehört übrigens ebenfalls zu denen, die ich schon Monate zuvor im Kopf hatte und auf die hier aktiv hingearbeitet wurde.
Hoffentlich hattet ihr, trotz all der ekligen Details, etwas Lesefreude an diesem und dem vorherigen Kapitel. Es war nicht einfach zu schreiben und sicherlich auch nicht einfach zu lesen.

Was den Teil mit Kaorus ‘Liebe’ zu Kyo angeht:
Toshiya hat bereits viele Kapitel zuvor erwähnt, dass Kyo beziehungsgestört ist und auch Kaoru hat uns nun seine Ansichten dazu mitgeteilt. Diese Geschichte wird auf keine klassische Liebesbeziehung zwischen den beiden hinauslaufen.

Diese Art der Liebe kann nicht über ‘ich bin dein Anker’ hinauslaufen. Was aber nicht bedeutet, dass seine Zuneigung nicht erwidert wird. Lasst euch überraschen.

Liebe Grüße, bis nächsten Freitag und denkt dran: Keine Kudos! :)
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Nachwort zu diesem Kapitel:
Kommissar Masahiro Suzuki; und schon wieder ein neuer Charakter. Keine Sorge, ich versuche es hier wirklich nicht zu sehr zu übertreiben und er hat auch tatsächlich eine wichtige Rolle - zu der später mehr. Ich hab ja gesagt, dass meine Feloidea Geschichten von den OCs leben.

Es ist wieder mal ein Kapitel für Zwischendurch, in dem es eigentlich nicht wirklich weitergeht, was aber voller wichtiger Informationen steckt.
Zum einen natürlich, dass der Rechtsapparat Japans durchaus von der Existenz der Feloidea weiß. Aber auch, dass die echt Angst vor denen haben und es Kommissar Suzukis Aufgabe ist, hinter ihnen aufzuräumen und alles zu verschleiern. (Dazu in einem kommenden Kapitel mehr)

Kaoru zerbricht langsam an der Aufgabe, die er sich selbst auferlegt hat. Er ist viel zu oft über seine eigenen Grenzen hinaus gegangen und das hier ist nun das Ergebnis.
Tja und was unseren Kyo angeht, so geht es jetzt erst einmal richtig bergab. Ist ja auch kein Wunder.
Generell ist das hier nicht unbedingt eines meiner Lieblingskapitel, aber ich verspreche euch, dass es auch wieder bessere geben wird.

Wann der nächste Upload erfolgt, kann ich noch nicht genau sagen. Deswegen wünsche ich euch schon mal frohe Ostern und bis zum nächsten Mal.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Neurochip? Ja, ihr habt richtig gelesen. Stjørdal hat eine Menge abgefahrenen Scheiß zu verantworten; unter anderem auch solche Dinge. Kam alles in Feloidea 1 vor und hat sehr viel Schaden angerichtet.

Ähm, ja :D was genau soll ich dazu sagen?
Die Story war anfangs nicht dafür gedacht, um überhaupt etwas zwischen den beiden aufzubauen und es hat sich auch tatsächlich von selbst ergeben.
Im Grunde war es aber irgendwann logisch, dass es dazu kommt. Kaorus intensive Sorge um Kyo, die psychische und auch körperliche Nähe zwischen den beiden, die vielen Anspielungen und der Fakt, dass nur Kaoru so etwas wie ‘Kontrolle’ über das Monster in Kyos Brust hat.
Das alles waren schon deutliche Indikatoren darauf, dass da mehr ist; zumindest von Kaorus Seite. ‘Nur einer von vielen’ sagt ja quasi alles, was man wissen muss. Bis die zwei ein richtiges Paar werden, fließt noch viel Wasser die Elbe runter.
Jetzt gerade arbeite ich an Kapitel 47 und das Thema ist immer noch nicht durch.

Frage an alle:
Okay, ich hatte mir vorgenommen, dieses Thema erst ganz am Ende der FF anzusprechen. Aber da das noch ewig dauern würde, spreche ich es einfach jetzt an.
Wenn man die Geschichte weiterlaufen lassen würde, dann hätte Kyo, innerhalb seiner drei Bands, einen weiteren Katzenkollegen.
Da sich daraus eine Menge dummer Ideen ergeben würden, würde ich das ganze gern in der Sammlung mit den Kurzgeschichten aufgreifen. Dies würde aber bedeuten, dass ich die Identität des anderen Katers leaken müsste.
Wäre das für euch okay?
Durah weiß bereits wer es ist, das heißt sie darf nicht mit entscheiden.
Generell würde es mich interessieren, wen ihr als Katze sehen würdet?
Wer käme für euch in Frage und warum?
Teilt mir gern eure Gedanken mit.

Das nächste Kapitel wird wieder einige Zeit auf sich warten lassen.

Bis dahin liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Kyos dissoziative Persönlichkeitsstörung.
Ich will nach wie vor nicht mit festen Diagnosen um mich werfen, deswegen bringe ich hier in erster Linie nur die Symptome von dem mit rein, was ihn in dieser Geschichte so plagt.
Wie vor vielen Kapiteln im Vorwort erwähnt, bediene ich mich am Dissoziativen Störungsbild, will hier aber bewusst nicht auf die dissoziative Persönlichkeit zurückgreifen. (Auch bekannt als multiple Persönlichkeitsstörung, oder multiple Identitätsstörung)
In Kyos Fall klinkt sich in einer Phase, sozusagen, sein emotionaler Teil komplett aus und dies hat dann natürlich auch Auswirkungen auf seine Persönlichkeit; ohne dass es sich dabei um eine gänzlich andere handelt.
Er ist also eine andere Version seiner selbst und keine neue Identität!
Da so etwas massiven, neuropsychologischen Stress erzeugt, entstehen dadurch auch größere Gedächtnislücken, was dann dazu führt, dass er sich an Dinge wie die Vulgar-Tour 2004, einfach nicht mehr erinnern kann.
Ich hoffe ihr könnt dem irgendwie folgen :D

Oh man, dieses Kapitel hatte es wirklich in sich. Irgendwie hatte ich wahnsinnig viele Dinge und Themen, die ich hier mit einbringen wollte und es war irre schwierig, das alles so zu schreiben, dass am Ende doch noch ein funktionierendes Gespräch bei raus kommt.

Warum ist das Ende so seltsam und wieso gibt Kyo schließlich auf?
Zum einen natürlich, weil wir in der Story weiterkommen müssen.
Aber in erster Linie, weil er realisiert, dass er die Fesseln akzeptieren muss. Dir En Grey kann nicht bestehen bleiben, so lange er den Injektor nicht erhält und ohne Dir En Grey kann er selbst nicht existieren.
Kyo weiß, dass er in dieser Sache Schachmatt gesetzt wurde.

Seine Reaktion darauf ist aber, dass er diesen Kontrollverlust zwar akzeptiert, sich zeitgleich aber auch Kontrolle an anderer Stelle zurück erzwingt.
Die anderen sind damals, gegen seinen Willen, den Pakt eingegangen und nun bricht er eben diesen, was eine sehr deutliche Botschaft an den Rest der Band aussendet.
»Ihr zwingt mich zu etwas, dann werde ich euch auch zu etwas zwingen!«
Wie klug es ist, Kyo an die Leine zu nehmen und Kaoru die Kontrolle über die Kette zu überreichen, werden wir noch sehen. Glaubt mir, es wird anstrengend!

Liebe Grüße und bis nächsten Freitag
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Okay, was genau sollte das denn jetzt? Frau Wesker, bitte erklären Sie sich!
Erinnert ihr euch daran, was ich im Vorwort der Fanfiktion geschrieben habe? Ich nehme reale Ereignisse, deute sie um und verbiege alles so, dass es in die Geschichte passt.
Genau das passiert hier auch.
Ungefähr um 2012 herum, machte sich die Band sehr rar, was ihre Interaktionen mit den Fans anging. Von außen schien auch das Verhältnis untereinander abzukühlen - aber natürlich weiß man als Konsument nicht genau, was sich Intern alles abspielt.
Auch hier mein Grundsatz: es geht uns nichts an und da sie immer noch zusammenarbeiten, braucht man sich da wohl keine großen Sorgen mehr zu machen.

Wir haben fünf Individuen und, wie immer bei einschneidenden Ereignissen, geht jeder anders mit der Situation um.
Kaoru geht den Weg der totalen Aufopferung. Er tut alles für Kyo, obwohl ihm selbst klar ist, dass er eigentlich weit über sein Limit hinaus ist und keine Kraft mehr hat.
Toshiya hingegen gibt in so fern auf, dass er sagt, die Beziehung zur Band nur noch rein beruflich zu halten und den privaten Kontakt vorerst einzuschränken, um sich selbst zu schützen.
Mitte / Ende dreißig ist ein Alter, bei dem sich viele stärker Gedanken über Partnerschaften und Familienplanung machen und genau an diesem Punkt ist er nun angekommen.
Sich weiter dem Wahnsinn auszusetzen, den Kyo als sein Leben bezeichnet, kann er nicht mehr mit seinem eigenen vereinbaren - und das nicht nur aufgrund der Feloidea-Erkrankung.
Toshiya denkt schon länger über all das nach und die jüngsten Ereignisse haben das Fass zum überlaufen gebracht. Er weiß nichts von dem Mord; es ist einfach von allem zu viel.

Wie es um Shinya und Dai steht, wird sich noch zeigen.
Ich hoffe ihr seid nicht sauer, dass Toto so handelt.
Stellt euch mal selbst die Frage, wie ihr in seiner Situation entschieden hättet. Ins besondere, da das alles ja, bis jetzt, schon mindestens 15 Jahre so geht!
Ich selbst stand ebenfalls schon einmal vor einer solchen Entscheidung und habe am Ende eine sehr innige Freundschaft abgebrochen, weil es für meine eigene Psyche zu gefährlich wurde. Egal wie sehr ich diese Person auch geliebt habe.
Glaubt mir, das war unendlich schmerzhaft.

Wie ihr seit einigen Kapiteln seht, dreht sich dieser Part in der Geschichte sehr um Kyos Psyche, seine Beziehungen zur Band und es wird vorerst auch nicht unbedingt besser und einfacher. Tatsächlich werden Dinge passieren, die ihnen so einiges abverlangen werden.

Das Kapitel war ein bisschen trocken, das gebe ich zu. Inhaltlich ist das alles aber notwendig, um die Story voran zu bringen.
Schaut mal auf Bluesky vorbei, da habe ich einige Infos zur Fortsetzung stehen, an welcher ich parallel arbeite.

Liebe Grüße und bis zum nächsten Kapitel
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Wir befinden uns nun also in der Oktober-Tour 2012. Ich versuche mich übrigens an der echten Timeline der Band zu orientieren. Aber natürlich ist es nicht immer möglich, diese auch 1 zu 1 zu verfolgen.
Der Feloidea-Aspekt der Geschichte ist manchmal einfach zu raumfordernd und da auch noch einen engen Terminplan einzubauen, wäre nicht umsetzbar.
Ich denke jedoch, dass ich einen ganz guten Mittelweg gefunden habe, um es für euch spannend zu gestalten.

Dai hat nun also einen Stalker und das was ab jetzt passiert, wird eine Mischung aus Krimi und Psychoanalyse, in der es irgendwie um Kyos Gedankenwelt und Kaorus Beziehung zu ihm geht. Lasst euch überraschen.

Bis dahin wünsche ich euch ein schönes Pfingstwochenende und allen Besuchern des WGT eine tolle Zeit, auch wenn das Wetter nicht so schön wird.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Stjørdal und seine wirtschafts-politische Macht. Ich liebe es so sehr, immer mehr solcher Sachen hier mit ins Spiel zu bringen. Auch wenn es sich, im Rahmen dieser Fanfic, nur andeutet, aber das gesamte Konstrukt um diese Firma, hat die Ausmaße eines Polit-Thrillers!
Alleine die Kontrolle, welche sie über die Regierungen anderer Länder haben, ist wahnsinnig spaßig und spannend zu schreiben. In Feloidea 1 ging es dabei intensiver um die Ränkespiele innerhalb von Stjørdal Germany, was am Ende zu Johanns Fall führte.
Und obwohl Japan so weit weg liegt, wird deutlich, dass der Konzern auch hier seine Finger überall im Spiel hat, sollte es notwendig sein.
Mehr dazu könnt ihr auf der Feloidea Webseite nachlesen. Da wird bald auch nochmal einiges zum Thema Stjørdal folgen.

Okay, das Kapitel ist irgendwie deprimierender geworden, als zuerst geplant.
Allerdings muss man auch den Kontext zum Rest der Story und die letzten Ereignisse mit in die Rechnung einbeziehen. Kyo ist sich mittlerweile im klaren darüber, was für einen unglaublichen Schaden er anrichten kann und er ist hin und her gerissen.
Einerseits will er seine Familie nicht im Stich lassen, denn die Musik ist sein Leben. Andererseits weiß er, dass seine alleinige Anwesenheit, für alle eine permanente Lebensgefahr bedeutet.

Toshiyas Entscheidung, die Band nur noch beruflich zu behandeln und sein Privatleben vollständig zu entkoppeln, hat ihm nochmal deutlich vor Augen geführt, dass sie an einem wichtigen Wendepunkt angekommen sind. Im schlimmsten Fall, könnte es das Ende der Band bedeuten und das will er natürlich nicht.
Zusätzlich ist ihm das Verhältnis zu Kaoru extrem wichtig. Andererseits will er nicht, dass dieser ebenfalls immer wieder in seine Probleme hineingezogen wird.
Armer Kyo, arme Band.

Ich hoffe ihr konntet wieder meinen Ausführungen folgen.
Wie immer gilt: Wenn ihr Fragen habt, dann stellt sie mir alle! Ich werde antworten, so lange ich nicht spoiler.

Liebe Grüße und bis zum nächsten Kapitel
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Ja, es ist in der Geschichte ein ständig wiederkehrendes Thema. Die Feloidea besitzen das unangenehme Talent, die Beziehungen zu ihren Mitmenschen, immer weiter zu zerstören, bis ihnen entweder nur noch wenige Freunde, oder niemand mehr bleibt. Viele von ihnen vereinsamen in ihrer Krankheit und an Kyo sieht man, was passiert, wenn man vorher schon psychisch krank war.
Kaorus Gefühle für ihn sind extrem stark und er hat so große Angst um ihn, dass er ihn unbedingt beschützen, wenn nicht sogar retten will. Aber mittlerweile merkt er selbst, dass er im Grunde machtlos ist, so lange Kyo es nicht endlich aus eigener Kraft versucht.
Das Ergebniss dieses jahrelangen Kampfes, ist nun also, dass Kaoru absolut keine Kraft mehr hat, um weiter zu machen. Er ist ausgebrannt.

[2] Das Thema Tahir: Also wenn man das hier liest und Feloidea 1 nicht kennt, dann könnte man echt auf die Idee kommen, dass er wirklich ein Waschlappen ist. Aber die Sache ist weitaus komplizierter und glaubt mir einfach, wenn ich sage, dass Tahir allen Grund dazu hatte, Johann zu fürchten.

Man kann die Feloidea durchaus als Metapher auf psychische Erkrankungen sehen. Wer selbst an Depressionen leidet, der weiß, dass sich vor allem die seelischen Leiden, häufig wie ein Monster im eigenen Körper verhalten.
Sie machen auch vor den Beziehungen zu den Menschen die wir lieben, nicht halt und schlagen ihre Klauen und Zähne in alles, was uns früher einmal Kraft gab.

Sollte euch dieses Gefühl bekannt vorkommen, dann bitte versucht professionelle Hilfe zu suchen. Ein guter Therapeut wird euch dabei helfen, eure eigene Kraft wieder zu finden und aus diesem Albtraum zu kommen. Es gibt einen Ausweg! Glaubt mir bitte.
Es ist nie zu spät für eine Beratung und eine Therapie. Ihr seid nicht alleine.

Ich hoffe ihr hattet trotzdem Freude an dem Kapitel und wir lesen uns im nächsten wieder. Dann geht es auch endlich mal ein wenig in der Story voran.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Wer sich wundert, was es mit Christines Analyse auf sich hat und nicht so recht weiß, auf was ich hier anspiele:
Ich bin spät-diagnostizierte Autistin. ‘Diagnostiziert’ bedeutet übrigens auch, dass ich sehr viel Geld dafür ausgegeben, was die Kasse mir nie zurück zahlen wird. Und da diese Fanfic immer noch im Jahre 2012 spielt und man von dieser Störung damals nur ein sehr klischeehaftes Bild hatte, ist es klar dass Kyo hier keine Ahnung hat, warum er so ist, wie er ist.

Die Probleme die er hat und die hier angesprochen werden, entsprechen dabei meinen eigenen Symptomen. Wir sind beide hochfunktional, was bedeutet, dass man uns die Störung nur in bestimmten Situationen wirklich anmerkt. Wir haben uns perfekt auf soziale Interaktionen angepasst, auch wenn sie für uns nichts bedeuten und uns in Wahrheit extrem schwer fallen. Man bezeichnet das auch als ‘Masking’.
Leider wird es die Szene, in welcher er seine Diagnose bekommt, nicht mehr in die Fanfic schaffen. Sie existiert bereits, passt aber nirgendwo mehr rein und vielleicht werde ich sie als ‘Nicht verwendete Szene’ irgendwann nochmal nachliefern.

Aber abgesehen davon, hier nochmal der Hinweis:
Ich will den REALEN Kyo nicht diagnostizieren und er nimmt hier nur eine Rolle als Schauspieler ein! Im Studium für diese Geschichte, habe ich viele Verhaltensweisen und Wesenszüge an ihm gefunden, die ich selbst habe und die, in meinem Fall, zum Krankheitsbild gehören. Deswegen wollte ich es zumindest mal andeuten und konnte nicht anders, als es auf diese Weise einzubauen.
Denkt daran: Was wir von ihm sehen, ist nur das was er uns zeigen will und ob der Kyo, den wir in den Interviews erleben, wirklich der selbe Mann ist, der er auch privat ist, wissen wir nicht!

Zum Thema ‘parasoziale Beziehungen’
Damals und vor allem heute, sind konstruierte Beziehungen von Künstlern und Fans, etwas was mir Bauchschmerzen bereitet. Das heißt also, alles was Kyo in diesem Kapitel darüber sagt, sind eigentlich meine eigenen Gedanken. Je länger man sich damit beschäftigt, umso mehr wird einem klar, wie gruselig das alles ist und ich habe mir die Freiheit genommen, dies in die Fanfiction zu integrieren.

Okay, ich denke damit hätte ich alles wichtige gesagt. Was denkt ihr von der Story? Kommt ihr noch mit? Seid ihr neu hier? Interessiert euch die Geschichte?
Lasst es mich bitte wissen, ich freue mich über jede Reaktion.

Liebe Grüße und bis zum nächsten Mal
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Ja ich weiß was ihr denkt: Warum labern die ständig so viel? Kommt doch mal zum Punkt!
Das hier ist keine klassische Werviecher-Geschichte. Tatsächlich mag ich es viel lieber, solche psychoanalytischen Gespräche zu schreiben, anstelle von irgendwelchen Actionszenen.
Und ja, die Story befasst sich vorwiegend mit solchen Themen: Beziehungen, Familie, Verlust, Tod, psychische Leiden, Einsamkeit.
Wenn ich sage, dass die Feloidea-Erkrankung eine Metapher auf diese Dinge ist, dann meine ich das auch wirklich so.

In der Geschichte durchläuft die Band mehrere Phasen.
Die erste Phase fand in der Vergangenheit statt. In dieser waren alle fünf noch sehr eng miteinander, haben durch Kyos seelische Leiden sehr viel durchmachen müssen und sind dadurch auch zusammengewachsen.

Die zweite Phase wurde durch den letzten großen Klinikaufenthalt eingeläutet und zog sich, in der Story, bis nach Dum Spiro Spero.
Es fand ein Bruch innerhalb der Band statt. Kyo distanzierte sich von allen, wollte nur noch sein eigenes Ding machen und Kaoru ging dazu über, sich schützend vor ihn zu stellen. Aber leider schirmte er dadurch auch die anderen drei von Kyo ab, was den Bruch zwischen ihnen immer weiter vergrößerte.
Dum Spiro Spero bildet eine besondere Kluft zwischen ihnen. Zumindest in der Geschichte. Diese Idee beruht auf losen Aussagen, die ich hierbei gezielt anders interpretiere, wie ihr anhand von Dais Aussagen lesen konntet.
Kyo war so sehr mit sich selbst und seinen Problemen beschäftigt, dass er einen finalen Abschluss brauchte. Er hat das ursprüngliche Trauma damit nur in so weit verarbeitet, dass es ihm endlich möglich wurde, wieder auf die anderen zuzugehen. Es ist noch lange nicht abgeschlossen. Mehr verrate ich dazu aber noch nicht.

Wir befinden uns nun in der dritten Phase. Die Band nähert sich wieder an, ausgelöst durch das was in Denver passiert ist. Aber Annäherung ist immer auch mit sehr viel Vorsicht verbunden. Es ist ein langsames Herantasten an die alten Beziehungen und sie reflektieren, wie genau sie zueinander stehen. Sie entscheiden was sie wirklich wollen, wie weit sie bereits sind zu gehen und wo sie ihr Weg in Zukunft hinführen wird.

Die letzte Phase wird übrigens die ‘Jetzt-Zeit’ sein. Also das was Dir En Grey heute ist. Eine Band die ihre Krisen hatte und auch immer wieder haben wird, denn genau so sind zwischenmenschliche Beziehungen nun einmal. Es läuft nie alles rund und es gibt immer auch Konflikte.
Die Frage ist: In welcher Form werden wir diese Krisen überwinden und wie machen wir danach weiter?
Dazu aber mehr am Ende der Geschichte.

Die Beziehung zwischen Kaoru und Kyo wird von jetzt an direkt in Angriff genommen. Aber es geht natürlich nicht schnell und erst recht nicht problemlos. Da kommt noch eine Menge auf uns zu. Nach bald 40 Kapiteln dachte ich mir, dass es so langsam an der Zeit ist, her mal Nägel mit Köpfen zu machen :)

Okay, hat euch das Kapitel gefallen?
Liebe Grüße und bis zum nächsten Mal

Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Na, wen von euch habe ich am Anfang des Kapitels erst mal verwirrt? :)
Ich konnte mir diesen kleinen Spaß beim schreiben nicht verkneifen. Zwischen Kaoru und Kyo geht es nun also immer wieder hin und her. Distanz, Annäherung, Distanz, Annäherung … leider wird es noch eine ganze Weile dauern, bis es zwischen den beiden wieder besser wird. Ab jetzt noch genau 20 Kapitel.

Bitte denkt an die Webseite. Ich würde mich wirklich darüber freuen, wenn ihr da mal einen kleinen Blick drauf werfen könntet. Im kommenden Kapitel wird es ein wenig kniffelig und ich habe die Evolution des Virus nicht grundlos nochmal auf der Webseite so detailliert aufgeschlüsselt.

Wir lesen uns dann (vielleicht) kommende Woche.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Dass es der Djadlow Pass in diese Geschichte geschafft hat, hat sich vor 10 Jahren so ergeben. Damals, in der Anfangszeit von Feloidea, spielte Gronkh das Game ‘Kholat’ (großartiges Game!) und damals war dieser Fall nur sehr wenigen bekannt. Mit dem bisschen, was man darüber finden konnte, habe ich mich dann ein bisschen hinein gelesen und fand, dass es großartig zu meinen Feloidea passt.

Mittlerweile ist das Djadlow-Mysterium ja, dank Creepy Pastas, ein sehr beliebtes Medium, auch wenn leider oft vergessen wird, dass es dabei um ein echtes Unglück mit mehreren Toten geht.
Der Kholat Syakhl ist also auch hier schon sehr lange dabei.

[2] Die Jaguar-Krieger finden sich dagegen nur in meinen ganzen alten Offline-Notizen, die es damals nicht mehr in die Story geschafft haben. Dementsprechend froh bin ich auch darüber, dass sie nun endlich ihren Platz in meinem Kosmos gefunden haben.

Ich möchte nochmal betonen, dass ihr dies alles, was Christine in diesem Kapitel erzählt hat, ausführlicher auf der Webseite nachlesen könnt. Ich musste die ganzen Informationen hier etwas zusammen fassen, da es sonst echt den Rahmen gesprengt hätte.
Scrollt da gern durch, ich würde mich freuen.

Kyo und Kaoru, das ganze nimmt immer mehr Fahrt auf und nun ist auch noch Toshiya sauer? Wenn ihr wüsstet, was alles noch auf die Truppe zu kommt. Aber ich verrate natürlich nichts.
Nur so viel: Toshiya hat einen verdammt guten Grund, warum er sich so verhält. Und ich wette mit euch, dass ihr ihn sehr gut verstehen werdet.
Dazu aber mehr in Kapitel 52.

Liebe Grüße und ich hoffe wir lesen voneinander.
Bis zum nächsten Mal

Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Ein paar Worte zum Thema Kisaki.
Das Treffen, um welches es hier geht, spielt um 2005 herum. Also weit vor den (berechtigten) Anschuldigungen, die mittlerweile gegen Kisaki bestehen. Zu diesem Zeitpunkt wusste Kaoru nichts davon, weswegen er damals noch »cool« mit ihm war. Mittlerweile sieht die Sache sicherlich ganz anders aus, also behaltet diesbezüglich einfach nur die Zeitlinie im Hinterkopf. Ich will so einem Menschen wie ihm, hier nicht allzu viel Raum geben.
Allerdings kann ich eine solche Dir En Grey Story, bei der ich immer wieder direkt und indirekt in der Vergangenheit wühlte, nicht gänzlich ohne ihn schreiben.

Das hier ist eines meiner Lieblingskapitel, weil in dem Part zwischen Kaoru und Kisaki sehr viele Dinge angesprochen werden, die wichtig für das Gesamtbild sind. Es gibt der Story und Kyos Charakter eine andere Tiefe, zumindest hoffe ich, dass man es so versteht.
Und wenn nicht, dann wisst ihr nun zumindest, was genau der Plan war.

Und wo wir schonmal bei Plänen sind:
Wenn alles klappt, dann kommt dieses Jahr noch ein Weihnachtsspecial heraus. Allerdings nicht zu den Katzen, sondern eine Fortsetzung zu meinem Oneshot »Daphne«, den ihr auf meinem Profil finden könnt.
Irgendwie hatte ich Lust darauf, mich nochmal mit Kyo und seiner kleinen frechen Ente zu befassen.
Und für alle die nicht wissen, von was zur Hölle ich rede: Lest Daphne!

Okay, ich hoffe doch, dass euch das Kapitel gefallen hat. Ja, das mit Dai wird immer schlimmer und vielleicht wisst ihr ja schon, an wen Kyo hier denken muss. Wir werden einen alten Bekannten demnächst wiedersehen.

Liebe Grüße und, falls wir uns hier nicht nochmal lesen, ein frohes Weihnachtsfest an euch alle. Bis zum nächsten Mal.
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Die Problematik mit den bürgerlichen Namen der Bandmitglieder. Ich hab das jetzt kurzerhand so gelöst und belasse es auch dabei. Eigentlich wollte ich es vermeiden, diese zu nutzen, wenn diejenigen eigentlich lieber nur bei ihren Künstlernamen gerufen werden wollen. Aber in diesem Fall hätte es wirklich keinerlei Sinn ergeben, wenn Kommissar Suzuki Dai bei eben diesem genannt hätte.
Für Kyo habe ich mir später noch eine ganz andere Lösung überlegt. Aber das wird ab Kapitel 50 relevant.

[2] Naoki? Nein ihr habt nichts verpasst, dazu in einem späteren Kapitel mehr.

Gut, das wäre nun also das erste Kapitel im Jahre 2026.
Ich hoffe doch, dass ihr alle gut reingekommen seid und ihr auch ein wenig Freude mit dem Kapitel hattet, obwohl der Inhalt nicht gerade erheiternd ist. So langsam wächst das Ensemble an Charakteren weiter an und es fehlt auch nicht mehr viel, um es zu vervollständigen. Nun ist also auch der gute Masahiro von der Partie.

Sagt mir gern wie euch die Geschichte gefällt, ich würde mich über Feedback wie immer sehr freuen.

Liebe Grüße und bis zum nächsten Mal
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Wie angekündigt, beginnt sich das Katzentier nun wieder ein wenig selbständiger zu machen. Vor ungefähr 10 Kapiteln kam ja bereits einmal zur Sprache, dass die Krankheit jeden Moment der Schwäche ausnutzt, um die Kontrolle zu übernehmen.

Hier sieht man nun also, was genau damit gemeint ist. Ein Streit unter Freunden und ein bisschen zu viel Schlafmangel, können da bereits völlig ausreichen.

Und wieso ist Toshiya sauer? Das verrate ich an der Stelle natürlich noch nicht. Kyo hat jetzt gerade auch ganz andere Probleme!

Wenn es klappt, dann werde ich jetzt wieder jede Woche ein Kapitel hochladen, damit wir uns hier so langsam mal in Richtung Ende bewegen. Also freut euch, denn in Kapitel 44 wird so einiges passieren!

Bis dahin liebe Grüße und sagt mir gern eure Meinung zur Geschichte.

Ich freue mich über jeden Kommentar.
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Satoshis Exfrau Sayaka.

Da ich befürchte, dass ich es mal wieder zu verwirrend gestaltet habe, hier also nochmal die Zusammenfassung.

1. Sayaka war Satoshis Ehefrau, von der er sich, wie bereits erzählt, hat scheiden lassen, als sie ihn und Nao verließ.
2. Sie arbeitete von Anfang an bei Stjørdal, als Leiterin der asiatischen Niederlassung, als sie schon mit Satoshi verheiratet war und er noch Arzt war. Er stieg erst viel später mit ins Unternehmen ein.
3. Sun Yáo wurde Sayakas Assistent.
4. Als sich Stjørdal Italy von dem Rest abspaltete, verlor sich auch der berufliche Kontakt zwischen Satoshi und Sayaka.
5. Als Sayaka in den Ruhestand ging, gab sie ihren Posten an ihren Assistenten und Stellvertreter Sun Yáo ab, welcher diesen bis heute begleitet. Sie selbst war Expertin für Betriebsspionage und hat Sun Yáo entsprechend ausgebildet.
6. Genaueres über den Aufbau der Firma, die Niederlassungen und weiteres, findet ihr auf der Webseite.

»Du gehörst der Firma. Jeder Feloidea gehört der Firma!«

Ich weiß, dass ich Stjørdal hier nur eine etwas zurückgestellte Rolle gebe, weil der Fokus der Geschichte auf Kyo und seinem Sozialleben liegt. Aber dieser Satz beschreibt komplett, warum meine Feloidea Welt nicht ohne Stjørdal auskommt. Als Feloidea ist es unmöglich ‘nichts mit Stjørdal zu tun zu haben’, denn aus deren Sicht, wirst du ihr Eigentum, sobald du dich infiziert.

Und wer ist Kassandros? Ein neuer Name, der bislang noch nicht aufgetaucht ist und auf den es auch noch keinen Hinweis in den vorherigen Kapiteln gab. Merkt ihn euch einfach, das wird irgendwann in ferner Zukunft (Kapitel 50+) nochmal wichtig.

Kyo und Kaoru: Hier konnte man jetzt sehr gut sehen, wie sehr Kyo mittlerweile von dem Feloidea dominiert wird. Für diesen ist Kaoru ein Teil seines Reviers und das verteidigt er mit allen Mitteln gegen Eindringlinge.
Und mit Toshiya hat der Kater, wie man sieht, im Augenblick ein verdammt großes Problem und das lässt er diesen auch spüren!

Okay, ich muss sagen, dass ich mich auch irgendwie freue, dass dieses Kapitel nun online ist und es endlich auch mal ein wenig körperliche Annäherung zwischen Kyo und Kaoru gab. Nur eben anders, als ihr vielleicht erwartet hättet.

Ich hoffe euch hat das Kapitel dennoch gefallen und ihr lasst mir vielleicht auch einen kleinen Kommentar hier. Ich würde mich sehr freuen.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
[1] Kyo ist multibel? Jein. Das hier war ein Gespräch zwischen Freunden, die in großer Sorge um ihn sind. Weder Kaoru noch Shinya sind ausgebildete Therapeuten und stellen hier Vermutungen auf, weil sie nicht mehr weiter wissen.

Das was mit Kyo in der Geschichte passiert, funktioniert zwar nach dem selben Prinzip einer multiblen Persönlichkeit, ist allerdings etwas anderes.

Als Mensch denkt er rational und emotional, als Feloidea wird er von seinen Instinkten gesteuert und wird zum hochintelligenten Raubtier. Da seine Psyche, im Falle eines dissoziativen Anfalls, in den Überlebensmodus wechselt, übernimmt sozusagen der Feloidea sein Verhalten. Kyo wechselt also weniger seine eigene Persönlichkeit, sondern vielmehr seinen sozio-moralischen Kompass.

Ich hoffe dass ihr meinen Gedankengängen folgen könnt :D

Gut, das wäre also ein kleines Zwischenkapitel, um die folgenden Ereignisse ein wenig gestaffelt auf euch loszulassen. Auf das nächste Kapitel freue ich mich schon ein wenig, aber dazu dann mehr, wenn ich es hochlade.

Bis dahin liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Ja, es gibt blauen Topas und der sieht sehr schön aus.

[1] Kyos Trauma: Natürlich verrate ich jetzt nicht, was ihm zugestoßen ist. Aber so viel kann ich sagen, es hat keinen sexuellen Hintergrund! Ihr dürft gern ein wenig rätseln und es wäre wirklich interessant zu sehen, ob ihr vielleicht richtig ratet. :)


[2] Wer ist denn jetzt schon wieder Simon Lagarde?

Simon hatte eine kurze, aber sehr wichtige Rolle in Feloidea 1. Dort übernimmt er die Rolle als Eriks Spion, welcher sich in Johanns unterirdischer Anlage einschleusen lässt. Er hilft letzten Endes aktiv dabei mit, Johann endlich zur Strecke zu bringen und rettet Christine und einigen anderen das Leben.

Simon ist, wie man hier sieht, so etwas wie Eriks Adoptivsohn und er ist der einzige, welcher jemals von diesem gebissen und infiziert wurde. Deswegen wird er hier auch als sein einziger genetischer Erbe genannt. Als Feloidea ist Erik sein genetischer Vater.

Simon ist dabei kein hirnloser Killer, sondern sehr intelligent, technisch erfahren, spricht mehrere Sprachen (Englisch, Französisch, Italienisch, Deutsch) und ist obendrein nur sehr schwer zu töten. Generell gibt Erik ihm nur im Ausnahmefall einen Tötungsbefehl. Meistens ist es Simons Aufgabe, Informationen zu beschaffen und diese an Erik weiterzuleiten.

Good to know: Eigentlich war er in Feloidea 1 nur ein kurzer Gastauftritt von Ghost aus COD, aber dann hat er sich so gut gemacht, dass ich ihn einfach behalten und ihm eine neue Identität gegeben habe.

Alles klar, damit hat Erik dann auch endlich seinen ersten richtigen Auftritt!

Na, war er nicht das, was ihr erwartet habt? Ich will ihn genau so haben. Er soll nicht verrückt auftreten, oder bösartig, sondern insgesamt eigentlich normal. Was ihn wirklich gefährlich macht, ist seine Stärke, seine Intelligenz und der wirtschaftliche wie politische Einfluss, den er hat.

Erik muss sich anderen gegenüber nicht ständig überlegen aufspielen, weil er genau weiß, dass er allen überlegen ist! Glaubt aber bloß nicht, dass er ein lieber alter Kater ist.

Ich hoffe doch, dass ihr Freude an dem Kapitel hattet und dass wir uns im nächsten wieder lesen werden.

Bis dahin liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Es wurde mal wieder Zeit für ein bisschen Action.

Und damit wissen wir nun endlich, wer Dai das Leben in den letzten Wochen zur Hölle gemacht hat! Kyo hat ihm zwar geholfen, aber zu welchem Preis?

Und natürlich werden derartige Heldentaten, nicht ohne Konsequenzen bleiben. Ihr dachtet doch nicht allen ernstes, dass es so langsam wieder bergauf gehen wird, mit all dem Chaos. Wir befinden uns immer noch mitten im freien Fall und es wird auch noch eine ganze Weile so weiter gehen.

Ich hoffe, dass euch das Kapitel trotzdem gefallen hat, auch wenn das Thema mal wieder etwas härter war. Dennoch würde ich mich freuen, wenn ihr weiter dran bleibt.

Es wird noch spannend.

Liebe Grüße
Feenja Wesker Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Es war nur ein eher kurzes Kapitel, aber nach der ganzen Aufregung, ist es vielleicht sogar ganz gut, wenn wir Kyo ein bisschen Erholung spendieren.

Wie findet ihr Naoki? Er hatte jetzt noch nicht so viel zu sagen, aber es wird nicht das letzte Mal, dass wir ihn zu Gesicht bekommen. Der Herr Staatsanwalt kann die Katzen wirklich nicht ausstehen! Na ja, vielleicht ist er auch mehr ein Hundemensch ;) wer weiß das schon.

Im Übrigen arbeite ich im Augenblick an einer Kurzgeschichtensammlung, welche sich ‘Die Stjørdal Chroniken’ nennen wird und die sich nur mit den Charakteren in und um meine kleine irre Firma drehen soll. Also ein reines OC-Gelage.

Es gibt nämlich eine ganze Menge, was ich da zu erzählen habe. Beispielsweise über Doktor Albert Wegener, Stjørdals gnadenloser Chefwissenschaftler. Und wer sich den Wiki genauer durchliest, dem wird Sofian Rosseau und der Vatermord nicht entgehen. Nicht zu vergessen natürlich Johann Weilsteiner himself, sein Kleinkrieg gegen Erik, dessen merkwürdige Verstrickung mit Simon Lagard und noch vieles mehr.

Ich hatte ja schließlich 11 Jahre Zeit, um mir all diesen Quatsch auszudenken. Die Sammlung soll dann eine ausführliche Ergänzung zu einzelnen Einträgen aus dem Wiki sein. Schaut da gern schon mal rein, wenn euch das interessiert.

Aktuell ist die Sammlung aber noch in Arbeit.

Hoffentlich lesen wir uns hier im nächsten Kapitel wieder, ich würde mich sehr freuen.

Liebe Grüße
Feenja Wesker

NACHTRAG April 2026:
Es wird KEINE neuen Kapitel mehr zu Feloidea gaben (eventuell nur für einige Zeit, wahrscheinlich für immer). Das heißt konkret, dass mir mittlerweile und nach allem was dieses Jahr passiert ist, jegliche Kraft fehlt, um die letzten 150 Seiten bis Kapitel 59 fertig zu korrigieren.

Manchmal spielt das Leben einfach gegen einen und falls noch Fragen bestehen oder es Interesse daran gibt zu erfahren wie die Story ausgehen wird, dann fragt gern nach. Ich würde vielleicht eine Zusammenfassung schreiben.
Lediglich Durah wird die komplette Geschichte zu lesen bekommen, da ich nur ihr vertraue / vertrauen kann.
Tut mir leid an alle stillen Leser.

Eventuell werde ich die restliche Geschichte eines Tages nachreichen.
Doch bis dahin gilt: Sorry, ich bin am Ende. Komplett anzeigen

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Kommentare zu dieser Fanfic (16)
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Von:  DonnerklangErin
2026-05-03T10:49:11+00:00 03.05.2026 12:49
Hi!

Ich stelle jetzt mal ein bisschen mein Kommentarverhalten um und schreibe ab jetzt zu jedem einzelnen Kapitel was, anstatt mir meine Gedanken bis zu jedem vierten Kapitel aufzusparen. Das hilft dir vllt auch bei der Nachvollziehbarkeit.
Persönliches Highlight war hier die bereits angekündigte Satoshi-Sayaka-Szene. Die hast du gut umgesetzt, ich glaube bei solchen Szenen kann man leicht in die Falle laufen übermäßig melodramatisch zu werden. Du hast eine schöne Balance gefunden, zwischen dem gemeinsamen In-der-Vergangenheit-Schwelgen und der Distanz, die zwischen Satoshi und Naos unwilliger Mutter liegt. Deswegen fand ich es auch clever, dass Sayaka ihn einfach aufgefordert hat, irgendetwas zu erzählen. Die beiden hatten in den letzten Tagen schon viel geredet und ich interpretiere das so, dass aus Sayakas Sicht der Gesprächsstoff ausgegangen ist, weil sie trotz dem gemeinsamen Kind eigentlich nahezu Fremde sind. Top! Christine und der Manager: Das hast du unterhaltsam geschrieben. Ich mag den Callback zum früheren Kapi, wo Kyo den Kerl eingeschüchtert hatte und dass die Band danach einen gemeinsamen Anlass zum Lachen hat, ist auch schön.
Kleines Manko: Ich empfand die Reaktionen vom Manager als etwas überzogen. Dafür, dass Christine wirklich gar nichts Azßergewöhnliches gemacht hat, außer ihr muskelbepacktes Selbst zu sein, wars mir zu viel. Es war schon lustig, daher fände ich es schöner, wenn man Christine hier bedrohlicher machen könnte, anstatt den Manager ruhiger zu schreiben. Kyo über sein Verhältnis zu den Fans sprechen zu lassen, ist per se nicht schlecht, das Gemecker kam für mich so ein bisschen aus dem Nichts. Toshiya hat zwar das Thema als Witz eingebracht, aber warum dann Dai darais ne Diskussion macht, verstehe ich nicht so richtig. Dass Kyo keinen Bock auf Fanwork hat, kann ja für die Anderen nichts Neues sein und Dai sah das ja genauso, wenn er "genauso gut mit ner Wand reden könnte". Also wiedo überhaupt damit anfangen? Ich glaube, die Diskussion würde natütlicher wirken, wenn Christine hier statt Dai nachgehakt hätte. Was Takumi angeht: Seine Inklusion finde ich unnötig. Der war jetzt ziemlich transparent nur dafür da, um dich beschwindeln zu lassen und Kaoru abzulenken. Das hätte man auch anders lösen können und die Diabetes-Ausrede hat sich für mich auch etwas gezogen. Als Keyboarder/Komponist hätte er ja schon mitbekommen haben, dass in Denver was schief gelaufen war. Ich hätte hier nen kleinen Satz a la "Kaoru hatte mir schon von deiner Unterzuckerung in Denver erzählt. Wie kommst du mit der Diagnose zurecht?" geschickter gefunden.
Aber mal sehen, vllt wird der Dude später doch noch relevant :D

Liebe Grüße!
Antwort von: FeenjaWesker
04.05.2026 13:57
Keine Ahnung was genau ich hier noch sagen oder erklären soll.
Wie schon gesagt, wird die Story online nicht mehr weiter hochgeladen, darum hier meine komplette Erklärung zu den Dingen, die zu diesem Zeitpunkt noch bewusst offen geblieben sind:

Jeder einzelne Charakter übernimmt eine wichtige Rolle in der Geschichte. Und ja, Takumi ist für das alles von verdammt großer Bedeutung. Er ist in der Realität einer der ältesten und engsten Freunde der Band und betreibt gemeinsam mit Kyo das Musikprojekt "Sukekiyo".
Darüber hinaus (und ehrlich gesagt ist es mir jetzt egal dass ich das spoilern werde) wird er zu Kaorus Anker in der Story, nachdem dieser mit aller Macht versucht, sich aus seiner und Kyos toxischer Beziehung zu lösen.

Die ganze Geschichte dreht sich darum, dass Kyos komplettes Sozialleben zerbricht, alles scheitert was er sich mühsam aufgebaut hat und er diejenigen verliert, die für ihn das sind, was einer Familie am nächsten kommt. All seine Freundschaften sind schon von Beginn an extrem schwer belastet und nein, er hat überhaupt keinen Grund, sich vor seine Band zu stellen und ihnen zu sagen "Ach ja, ich hab übrigens einen Menschen ermordet und gefressen."

Später wirst du sagen, dass für dich Toshiyas Verhalten keinen Sinn ergibt und sobald ich das Kapitel poste, indem klar wird, dass er sich abwendet weil er Vater wird und verdammt nochmal Angst vor Kyos innerem Monster hat, kommt bestimmt so etwas wie "Oh, na das ist ja jetzt ein großer Zufall und das ist viel zu gestellt."
Ach ja und Kyo wird später noch heftige Eifersuchtsanfälle auf Takumi schieben, was für diesen nicht gerade gut ausgehen wird. Denn der Katze gefällt es überhaupt nicht, dass sich jemand ungefragt in ihrem Revier breit macht. Kaoru wird darüber nicht gerade glücklich sein.

Dass die Story darauf hinaus läuft, dass wir es mit Satoshis altem Freund Erik zu tun bekommen, ist eigentlich offensichtlich. Ich lasse Satoshi nicht sterben, weil ich keine Lust auf das "der Mentor stirbt" Klischee hatte und ihn eigentlich für eine eventuelle Fortsetzung brauchte, die ich wohl nie schreiben werde.

Und warum ist Kyo so ein psychisches Wrack?
Weil er an PTDS leidet, seit er als Teenager ein Zugunglück überlebte, bei dem über Vierzig Menschen starben. Zu der damaligen Zeit, ließ man das Trauma aber unbehandelt, was dann dazu führte, dass Kyo gänzlich daran zerbrach und weglief. Es gibt in der Story immer wieder kleine Hinweise darauf, wenn man weiß worauf man achten muss. (Das Schnaufen der Maschinen in seinem Komatraum beispielsweise)

Das Shigaraki Unglück kann man übrigens googeln, weil es das wirklich gab. Kyo war zwar in der Realität kein Teil davon, aber ich habe jeden einzelnen Moment innerhalb dieser Geschichte an die Timeline der Band und realer Ereignisse angepasst und bin so sehr ins Detail gegangen, dass man die Schauplätze mit Google Streetview abfahren könnte und auch die Wetterdaten aufs Datum genau passen.

Das wars.
Von:  DonnerklangErin
2026-04-04T15:55:45+00:00 04.04.2026 17:55
Heyo ^^

Zeit meinen unqualifizierten Senf abzulassen.
Eins vorweg: Mehr zu Satoshis Privatleben ist immer sehr willkomen. Ich mochte die Szene mit dem plötzlichen Besuch von Katsuos Witwe sehr gerne, weil hier beide sehr menschlich reagiert haben. Bei Haruko ist es nach dem plötzlichen und unerwarteten Tod des Ehepartners klar, dass die im Moment nicht ganz empfänglich für rationale Gegenargumente a la "Er wusste, worauf er sich einlässt" ist und Satoshi auf der anderen Seite zeigt charaktergetreu zwar Mitgefühl, macht aber auch klar, dass er ihr niemanden ausliefern wird. Jetzt wäre es nach Christines Erklärung cool, wenn man in den nächsten Kapis Satoshis gemeinsamen letzten Momente mit Iwaki mitlesen dürfte...Es schweift vllt etwas zu sehr vom Fokus der Geschichte ab, aber ich glaube, du könntest so eine Szene sehr bewegend gestalten. :)
Der Infodump von Masahiro und von Christine empfand ich in den aufeinanderfolgenden Kapiteln als etwas zu viel. Auch wenn die inhaltlich interessant waren und es ein cooles Gimmick war, zunächst auf Masahiros Display den entstellten Sun Yao zu zeigen um im Folgekapitel aufzuklären, wer genau ihm das halbe Gesicht abgenommen hat: Ich finds schreiberisch weniger geschickt, einfach nur den Chara seine/ihre Vergangenheit erzählen zu lassen, anstatt nen Flashback zu schreiben. Msnchmal mag das angemessen sein, wenn es z.B. insbesobdere um die Reaktion des zuhörenden Charakters geht, aber dann wäre zumindest mehr Abstand zwischen den Dumps schöner gewesen.
Jetzt stellt sich bei Johann, Sun Yao oder Stjørdal allgemein mal die Frage, wann und wie sie nach dem ganzen Build-Up mal in der Gegenwart aktiv werden. Ich bleibe neugierig...
Die Bandinteraktionen (plus inzwischen Yuuto, mochte seinen kleinen Streit mit Kyo bezüglich des Injektors plus das folgende Erstaunen beim Auftritt) waren in den letzten Kapiteln in Ordnung. Dais Rumgedruckse und anschließende Semi-Outing waren cute und es las sich für mich sehr natürlich, wie locker Kyo mit Dais Bineugierde umging. Zum Einen sind sie als Bandkollegen zu eng miteinander vertraut, als dass sie sich wegen sowas voreinander rechtfertigen müssten und zum Anderen interpretiere ich Kyos Coolness mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mal als subtiles Foreshadowing was seinen eigenen Beziehungsstatus angeht, hust, hust.
Der Erpressungs-Subplot gerät gerade ein wenig in den Hintergrund, ich denke mal, dass da jetzt soäter mehr dazu kommt. Was mich aber ziemlich nervt, ist, dass weder Kyo noch Kaoru den Anderen offen sagen, dass Kyo Katsuo bekämpft und getötet hat. Warum die Geheimniskrämerei? Ich meine, das war schon im letzten Review etwas, was mich leicht gestört hatte und inzwischen fehlt mir hier jedes Verständnis. Mal ganz davon abgesehen, dass offene Kommunikationeh wegen der schwierigen Vergangenheitcextrem wichtig wäre, sehe ich nicht das Problem in der Tötung von Katsuo. Gerade Shinya, der ja auch mal von Katsuo angefallen worden ist, sollte jetzt ja iwo erleichtert sein, wenn er weiß, dass der Übeltäter inzwischen ausgeschaltet worden ist und alle sicher vor Katsu sind. Zumindest darauf hätten die Anderen ein Recht: Zu wissen, dass sie nicht mehr länger Angst vor dem angreifenden, grauen Feli haben müssen. Ich hoffe weiterhin, dass Dir En Grey sich mal komplett ausspricht, auch was die alte Attacke von Kyo auf Dai in seiner dissoziativen Phase angeht. Aber das kommt sicher noch, eventuell könnte da eine sehr direkte Deutsche, die offenkundig nun häufiher dabei sein wird, den Jungs mal die Köpfd waschen. :D

Liebe Grüße!
Antwort von: FeenjaWesker
17.04.2026 00:02
Hey,
Nach wie vor finde ich es wirklich erstaunlich, dass du die so eine Mühe machst und dir wirklich die Zeit nimmst dich durch dieses (mittlerweile tote) Projekt zu wühlen.
Allerdings muss ich ehrlich sagen, dass ich mit deiner inhaltlichen Kritik einfach nicht auf einer Linie bin. Das meiste verstehe ich nicht und kann es überhaupt nicht nachvollziehen.
Viele Themen klären sich erst im Laufe der Geschichte auf und ich habe von Anfang an gesagt, dass alles sehr informativ wird.
(Tippfehler und Co sind hier mal außen vor gelassen)

Leider werde ich für deine Geschichten die kommenden Monate keine Zeit finden, da das Leben manchmal ein H-Sohn ist und mein Tag auch nur 24 Stunden hat.
Tut mir leid.

Dieses Review 4 Review stand wohl leider von Anfang an unter keinem guten Stern.
Ich würde deine Story zumindest irgendwann mal noch abschließen wollen, aber das wird dauern.

Hier geht es nicht mehr weiter (zumindest nicht mehr in absehbarer Zeit)

Grüße
Feenja
Von:  DonnerklangErin
2026-03-26T15:34:11+00:00 26.03.2026 16:34
Hi!

Das waren mal vier spannende, wenn auch weniger actionreiche Kapitel.
Es wird langsam von der Erzählgeschwindigkeit etwas grenzwertig für mich vier aufeinanderfolgende Kapitel zur Verarbeitung eines Ereignisses aus einem einzigen Kapitel zu widmen, aber so wie ich das Ende von Kapi 32 gelesen habe, hat sich Kyos Kater vorerst geschlagen gegeben und wir können die Katsuo-Sache erstmal abhaken.
Und was auf jeden Fall geholfen hat, war das Worldbuilding über die beiden neuen Allies Veronique und Masahiro. Dass Katzen zwangsläugig kämpfen und Kämpfe natürlich ihre Beweisspuren hinterlassen, ist unvermeidlich, daher ist es nur logisch, dass sich Leute darum kümmern müssen Beweise verschwinden zu lassen. Sehr cool von dir, dass du dieses Problem mit den beiden OCs ansprichst und löst und Bonuspunkte dafür, dass du bei Masahiro gleich eine Erklärung dafür einbaust, warum Menschen die Existenz von Feloidea geheim halten wollen. Worldbuilding ist deine größte Stärke und man merkt wieviel Zeit und Fürsorge du in dein kohärentes Universum investiert hast. Großes Kompliment!
Ich mag Christine und ich mag die Spielereien mitdeuteschen Klischees, auch wenn die Frau meiner Meinung nach DEFINITIV Humor hat. Das Thema "deutsche Pünktlichkeit" seitens eines Japaners anzusprechen, ist aber gewagt, japanische Termine gehen meines Wissrns ebenfalls gerne 5-10 Minuten vor der verabredeten Uhrzeit und im Gegensatz zu uns haben die Nasen funktionierende Züge.
Zu Kaorus wortwörtlich feuchtem Traum: Ich finds interessant als Konzept und dass du es so ein bisschen als Fake-Out geschrieben hast, auch wenn sich dafür Kyo spontan hätte gesund zaubern und von Satoshi zu Kaorus Haus hätte teleportieren müssen, damit diese Szene in echt hätte stattfinden können. Ich hoffe jedenfalls, dass jede Person, die das liest sofort den Bullshit riecht. Aber irgendwo finde ich deine erzählerische Entscheidung hier auch wieder gut, weil die praktische Unwahrscheinlichkeit die emotionale Unwahrscheinlichkeit dieser Liebe nochmal unterstreicht. Kaoru sollte sich definitiv nicht zu Kyos edgy Fursona hingezogen fühlen, wenn man bedenkt wie viel Leid ihm und der restlichen Band Kyos mentale Krankheiten eingebracht haben, doch gerade die verbotenen Früchte sollen ja die Süßesten sein... Und es stimmt irgendwo, dass er die Opfer nicht gebracht hätte, wenn er Kyo nicht schon vor der Transformation geliebt hätte, also wärs irgendwo logisch, wenn sich diese Gefühle auf Kyos Kater übertragen, der irgendwo nun auch Teil von ihm ist, so habe ich zu mindest die Erklärung mit der Verschmelzung der Katzenpersönlichkeit mit der dissoziativen Persönlichkeit verstanden. Aber korrigiere mich da gerne. ^^'
Zwei kleine Schwachpunkte: Der "Mord" wird mir insgesamt etwas zu sehr für Drama ausgeschlachtet. Mir ist klar, dass Kyo und Kaoru das nicht unbefangen sehen und da etwas überreagieren. Aber mir hat irgendwo die Stelle gefehlt, wo Christine/Satoshi oder auch Masahiro auf die Bremse treten und klarstellen, dass das im Grunde Selbstverteidigung und Notwehr war. Zumindest die ersteren Beiden sollten inzwischen so abgebrüht sein, dass sie hier rational bleiben können, um zu verdeutlichen, dass es keine Alternative zur Tötung Katsuos gab. Er hatte schon vorher Kämpfe verloren und hat trotzdem immer wieder zugeschlagen. Das wäre keine Option gewesen. Also...was sonst? Ihm alle Gliedmaßen abnehmen und als vierfach Amputierten weiterleben lassen? Oder ihm nach den Kampf an Satoshi übergeben, der ihm dann den besagten Neurochip einpflanzt? Wäre das ethisch wirklich besser als Katsuo den Tod zu geben, den er zu einem gewissen Risiko mit jeder Attacke in Kauf genommen hat? Immerhin ist es so seine eigene Entscheidung gewesen, wie es endete. Hier wurde Material für spannende philosophische Wortgefechte etwas unnötig verschwendet, auch wenn mir klar ist, dass das nicht dein Fokus ist.
Zweitens, wo wir bei Wortgefechten sind: Die Idee Kaoru Kyos Kater unter professioneller Aufsicht verbal überwätigen zu lassen war super. Hat mir sehr gefallen und der Dialog, der fast das ganze letzte Kapitel eingenommen hatte, war flüssig genug geschrieben, dass es sich nicht zu lang angefühlt hat. Was mich stört ist, dass Kaoru immer wieder von der Band spricht, wie sich alle für Kyo geritzt haben, wie Dai ihn annähernd leblos im Bad gefunden hat, dass sie alle seine Freunde sind usw, während Dai, Toshiya und Shinya scheinbar im Offscreenbereich ein entspanntes Nickerchen machen. Wieso waren nicht alle gemeinsam im Raum? Klar geht es vordergründig um Kaorus Beziehung zu Kyo, aber der Dialog und das ständige Beschwören des Zusammenhalts der Band hätte noch viel besser geklappt, wenn die Band tazsächlich dabei gewesen und zumindest hin und wieder beipflichtend genickt hätten. Und es ist weird für mich, dass ich mich jetzt plötzlich über sowas beschweren muss, weil du bisher sehr gut darin warst die anderen Mitglieder einzubinden. Aber irgendwie hatten die in den letzten vier Kapis wohl alle Besseres zu tun, nachdem Kyo, Kaoru und der neue Bühnentechniker beinahe getötet worden waren. Ich hoffe mal, dass die Anderen zumindest nachträglich Katsuos Angriff mal in Kapi 33 kommentieren, wenn es um den Einbau des Injektors geht. Es wäre schade, wenn du jetzt bei der bisher guten Gruppendynamik plötzlich nachlassen würdest :)

Liebe Grüße ^^
Antwort von: FeenjaWesker
26.03.2026 19:08
Also erstmal danke für den Kommentar.
Äh ... ja ... also das wird auf jeden Fall das letzte Laberkapitel gewesen sein 😅 (wird es nicht #Sarkasmus) und es geht ab jetzt richtig actionreich weiter! (Wird es nicht 😐) Und ich werde mich bestimmt nicht in winzigen, öden Details verzetteln, bei denen ich wieder auf die Webseite verweisen werde, um alles nochmal bildlich zu erklären. (Oh doch, werde ich!)

Oh Gott, so langsam bekomme ich wirklich richtig große Angst vor den folgenden Kommentaren!
Du bist gerade mal ein Stück über die Hälfte der Geschichte und es wird nicht besser, sondern immer schlimmer.

Ich konnte natürlich nicht spoilern, aber Katsuos Tod war tatsächlich der Punkt, auf den erst einmal alles hinaus läuft, damit es mit Kyo komplett bergab gehen kann.
Es wird sich zwar nicht ständig um den Mord drehen, aber er ist der direkte und indirekte Auslöser für diverse Konflikte. Ins besondere was alte Konflikte angeht, bei denen sich immer eingeredet wurde, man hätte sie längst überwunden. (Nein, habt ihr nicht!)
Das Kätzchen wird von nun an also immer wieder die Kralle in die Wunde bohren, selbst wenn sie nicht "wach" ist.
Sei also gewarnt, es könnte in den kommenden 10 Kapitel echt langweilig werden. 😅 Da ich weiß was auf dich zukommen wird, bin ich diesbezüglich jetzt wirklich in großer Sorge.

Die Bandmitglieder werden nicht die ganze Zeit passiv sein, sondern jetzt auch immer mal wieder ihre Auftritte haben. Aber dazu später mehr, wenn es Thema wird. Nur so viel: Es gibt sehr viel Ungesagtes zwischen ihnen und es gibt Gründe für die viele Distanz untereinander. Und Kyo ist die letzten Jahre einfach ein Arsch von einem Freund gewesen, der vieles einfach nicht kapiert und gesehen hat. (Man kennt es.)

Tja, ich hoffe doch, dass dein Urlaub weiterhin gut verläuft und ihr auch wieder unbeschadet zurück kommt.
Bis dahin Liebe Grüße
Feenja
Von:  Durah
2026-03-16T21:41:58+00:00 16.03.2026 22:41
Halli Hallo, ich mal wieder XD

Klein aber fein dieses mal, mag ich^^

ja Die brauchen Alle mal ein kleines bisschen ruhe...Armer Dai, Armes Kyo, Armes Kaoru... DX
Ich mag den Herrn Anwalt^^ Naja und dass er Katsuo nicht leiden kann....wer mag den schon...außer seiner Frau, die Arme =(

Es geht ordentlich drunter und drüber bei den Katzen und Menschen aber zumindest Kaji ist raus und Dai kann, was das angeht, endlich mal aufatmen. Ein kleiner Triumph... immerhin etwas...

OH ich kann die Kurzgeschichten sammlung kaum noch erwarten OwO
ich bin Echt gespannt!!!! XD XD

LG
Durah
Von:  DonnerklangErin
2026-03-07T19:13:45+00:00 07.03.2026 20:13
Heyhey :)

Die Blumenkohlfütterung mit Dai war ja sweet *.*
Ich mags, dass Dai und Toshiya immer mal wieder ihre kleinen lustigen Momente bekommen.
Der Kyo soll sich mal nicht beschweren, das ist auf jeden Fall gesünder als sich rohes Feloideafleisch reinzupfeifen.
Aber andererseits schmecken ihm ja die Zigaretten nicht mehr, vielleicht gleicht sich das ja gesundheitlich aus.
Die Stjørdal-Lore und die Backstory zwischen Christine und Satoshi war unerwartet spannend.
Es half vielleicht, dass es nicht nur von einem Charakter stumpf herunter erzählt worden ist, sondern das alles mit ein bisschen Smalltalk zwischen Christine, Satoshi und irgendwo Kyo verbunden wurde.
Deinen Verweis auf dein Wiki ignoriere ich mal gekonnt und verweise stattdessen auf ein, zugegeben sehr harsches, Mantra, welches ich mal aus einem Videospielreview aufgeschnappt habe:
Wenn man supplementäres Material benötigt, um die Handlung zu verstehen, dann hat man als Schreiber versagt.
Aber da vertraue ich dir, dass alles nötige Wissen aus dem großen Infodump-Kapitel nochmal kurz aufbereitet und wiederholt wird, sobald es relevant wird.
Ich handhabe das ganz gerne so, das Informationen, die im Grunde zum Verständnis eines späteren Ereignisses nicht unbedingt nötig, sondern reines Foreshadowing sind oftmals nur einmal erwähne und nicht besonders hervorhebe.
Man muss nicht unbedingt alles sofort wissen und sich merken, aber es macht in dem Moment, in dem darüber gesprochen wird, die Welt größer und glaubwürdiger.
Was wirklich wichtig ist, wird dann mehrfach wiederholt, die Namen Johann und Erik Weilsteiner lese ich ja nicht zum ersten Mal.
Das Wichtigste habe ich hoffentlich im Kopf, Christine hat nach der Aufspaltung Stjørdals in Deutschland für Johann und Satoshi in Italien für Erik gearbeitet. Christine hatte iwann keinen Bock mehr auf Johann, weil er sie plötzlich als Mutter seiner Kinder wollte, Satoshi hat sie gerettet, indem er einen Kollegen geopfert und Johann Zugang zu einem besonderen Skelett mit einem besonderen Virus gegeben hatte.
Johann will Erik töten, aber beide sind eigentlich ziemlich uncool.
Und es gab noch keinen Hinweis darauf, dass Christine nicht doch die Tochter von Erik und Ekatarina ist, sie hat ja auch diese besonders guten Feloidea-Gene :D
Weiß nicht, wie beabsichtigt das Ganze deinerseits ist, aber ich bekomme bei der Handlung so leichte Nazi-Vibes.
Solche Großindustriellen mit Kartoffelnamen (+WeilSTEINER), die ihre Genetik verbessern, sprich eine Herrenrasse kreieren wollen... und dann noch ausgerechnet Deutschland, Italien, Japan (wäre nach dem Fahrstuhlvorfall jetzt überraschend für mich, wenn da Stjørdal nicht auch was mit zu tun hätte), da fehlt ja nur noch Österreich und die Achsenmächte wären komplett.
Bin da mal auf deine Antwort gespannt, ob diese NS-Anspielungen gewollt sind, oder ob ich mir grad was zusammenspinne.
Was die Bandhandllung angeht: Da bin ich jetzt mal neugierig auf Kyos Song für Satoshis Frau und Sohn und... wie das Touren eigentlich überhaupt funktionieren wird.
Nach dem Kampf und anschließendem Aufessen von Katsuo wirds Kyo voraussichtlich nicht sooo geil gehen, Etorphininjektor hin oder her.
Di Kampfszene war schön, ich fands gut, dass du den Kampf mit dem Sturz in den Fluss so ein bisschen aufgespalten hast und ich möchte vor allem mal das Intro in den Kampf loben: War auf jeden Fall ne coole Idee, Katsuo ein fahrendes Auto angreifen zu lassen, das unterstreicht nochmal wie gefährlich feindlich gesinnte Feloidea sind und dass man eigentlich nirgends wirklich Sicherheit hat.
Im Nachhinein...Das ist Meckern auf hohem Niveau, aber es wäre mal schön gewesen, wenn man gesehen hätte, wie Katsuo erfolgreich einen anderen Feloidea erlegt, anstatt es ihn einfach denken zu lassen, wie oft er schon andere getötet hatte.
Die goldene Regel des Storytelling, show, dont tell.
So wie es jetzt ist, hat Katsuo von Anfang an nur auf die Fresse bekommen, einmal von Yuuto, einmal vom erstmals transformierten Kyo und ja, jetzt endgültig.
Ich glaube, es wäre für mich wirkungsvoller, wenn du die Rollen des unbekannten Feloidea, der im Hinterhalt Yuuto beinahe getötet hätte und dem Feloidea, der sich über Shinya hermachen wollte, getauscht hättest.
Dann hätte Katsuo ein bisschen was erreicht und Kyo hätte nicht den selben Typen zweimal vermöbelt.
Nur sone Idee, ist aber wie gesagt Meckern auf hohem Niveau und unterm Streich fand ich den Kampf gut.

Libe Grüße <3
Antwort von: FeenjaWesker
07.03.2026 23:59
Okay, Feenja du schaffst das...

Also erst einmal danke für den Kommentar, wir hatten ja darüber geschrieben, ich denke mal dass ich dieses ganze Fass hier nicht noch einmal aufmachen muss.
Und so richtig weiss ich jetzt auch nicht, was ich hier so richtig schreiben soll. Katsuo sollte tatsächlich nur eine Art Strohpuppe sein und ja, er sollte jetzt schon sterben. Sein Tod ist wichtig für einige Dinge, die passieren werden (kein Spoiler, das kann man sich ja irgendwie denken ... Denke ich)

Die Blumenkohlszene mag ich auch, das müsste mit rein, einfach weil es ein kleiner Running Gag ist. (Tod allem Blumenkohl!)

Was die Stjørdal-Sache angeht, ja es ist viel und dass es verständlich vermittelt wurde beruhigt mich. Durah wurde von mir zu sehr damit zugelabert, die kennt bereits viel zu viele Hintergrundinformationen und ist deswegen kein guter Indikator.

Auf das Thema NS-Vergangenheit werde ich zumindest innerhalb dieser Story nicht eingehen, da muss ich dich enttäuschen, denn dafür wird hier kein Platz sein. Aber, wie angekündigt, arbeite ich an einer Kurzgeschichtensammlung, die sich nur mit Stjørdal und den dazugehörigen Charakteren befasst. Denn zu dieser Firma gibt es verdammt viel zu erzählen! Mit 30 teils komplett ausgearbeiteten Standorten, zwei rücksichtslosen Geschaftsführern, unterirdischen Laboren, brutalen Experimenten, Familienfehden, Vatermorden und noch vielem mehr. Deswegen ja auch der Wiki.
Alles was für die Geschichte relevant ist, bringe ich hier auch unter. Aber alles weitere gibt es zusammengefasst und ausführlicher behandelt dort. Das würde sich hier sonst wirklich niemand durchlesen wollen.
Man muss dort nicht reinschauen, um die Story zu verstehen. Ich kann hier nur leider keine Grafiken von Zeitlinien, Stammbäumen und Weltkarten hochladen 😅

Dass du die Geschichte lobst wundert mich jedes Mal aufs neue. Ich bin mit einigen Parts mittlerweile nicht mehr wirklich zufrieden, kanns aber nicht mehr umschreiben, aufgrund diverser Zusammenhänge der nachfolgenden Kapitel.
Ab jetzt wird es sehr verkopft und (eventuell) anstrengend zu lesen, nur als kleine Vorwarnung.
Oh und weil es mir gerade einfällt: kleine Info zur Bandgeschichte. Das wird aber erst ab Kapitel 40 wichtig. Fans wissen das, aber in deinem Fall muss ich da Erklärungsarbeit leisten.

Vor Dir En Grey hießen sie La'Sadies und hatten aber einen anderen Bassisten, namens Kisaki. Es gab internen Streit, Kisaki ging und es folgte die Neugründung mit Toshiya.
Vielleicht denkst du daran, wenn es soweit ist. Kisakis Name wird ein paar Mal fallen. Nur damit du weißt wer damit gemeint ist.

Mehr fällt mir gerade irgendwie nicht ein 😅
Liebe Grüße
Antwort von: FeenjaWesker
20.03.2026 09:15
Ach und was das mit den Weilsteiners angeht: Der Name hat keine direkte Bedeutung. Da die Familie früher zum Adel gehörte (zu Marberg-Weilsteiner) brauchte es einen passenden Namen. Da ich aber keinen bestehenden nutzen wollte, habe ich mir selbst einen ausgedacht und mich an den Namen diverser Burgen orientiert. Das "Steiner" kommt also von Burgnamen wie "Burg Mildenstein" (mein Vater stammt aus der Gegend). Und Marberg von Marburg, wo meine Großtante viele Jahre als Biochemikerin an der Universität gearbeitet hat.
Ist also eher eine persönliche Referenz.
Von:  Durah
2026-03-03T13:00:54+00:00 03.03.2026 14:00
Halli Hallo, ich bin wieder da XD

Das war ja mal richtig spannend! Richtig krass; aber der Reihe nach.

So nun wissen wir wer Dai so quält. ein 0815 Tontechniker-Dude, der zu der Art von "Verehrern" gehört, die wirklich niemand haben will....
Man kann Dais und auch Kyos Wut auf den Penner sehr gut nachvollziehen und ich bin überrascht wie lange Kyo sich da tatsächlich beherrschen konnte, ehe er zur Katze wurde.
ich fand es schon fast witzig, wie die Katze mit Kaji gespielt hat. Immer hin und her, nie großen Schaden machen, ihn wirklich erst mal nur bis an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringend. Dass Kaji sich vor Panik nicht eingepisst hat ist fast schon bemerkenswert.
Nun hat Christine auch mal einen Auftritt als Kitty und ich mag ihr Design. Klingt wirklich nach einem Hübschen Tier, wenn man mal davon absieht, dass sie einem vermutlich schneller den Kopf abbeißen kann als man gucken kann.
Oh Dai, mehr Alpträume für dich würde ich da mal sagen, von dem Schreck wird er sich sicher nicht so schnell erholen, aber gute Idee Kaoru anzurufen. Wenn was passiert, immer direkt dem Band-Papa bescheid geben XD

Die Kampfszene war wirklich gut geschrieben, man kann dem Geschehen wirklich extrem gut folgen.
Auch wenn es in meinem Kopf irgendwie fast lustig wirkte, da reden Satoshi und die Anderen miteinander und im Hintergrund, am besten schön unscharf gehalten raufen sich die Katzen XD Ich weiß es ist ernst, aber sich das Bildlich vorzustellen war ungewollt witzig.
Schade dass Suzuki Dai so früh aufgehalten hat, ich hätte gerne mehr davon gelesen/Gehört, wie er Kaji das Gesicht ummodeliert. Der Wichser hat es wirklich nicht anders verdient. Und ich glaube, die Erkenntnis dass Dai ihn verabscheut und hasst wird ihn vermutlich schwerer Treffen als die Aufkommende Gefängnisstrafe.

Satoshi muss ja wirklich eine beeindruckend starke Aura um sich haben, wenn Kyo so panisch die Flucht ergreift, ich hab zumindest nicht das Gefühl dass dieser Fluchtinstinkt der Spritze galt, sondern dem Arzt selber...
Und wieder mehr Angst und Sorge für Kaoru...am ende deiner Story hat der Mann weißes Haar vor lauter Sorgen-machen...
Das muss für ihn ja wirklich schrecklich sein, kyo so zu sehen, nachdem er den Inhibitor aktiviert hat. Ich meine, ICH weiß dass Kyo nicht tot ist, DU weißt das kyo nicht tot ist, aber Kaoru weiß das ja in dem Moment noch nicht... =(
Der Mann braucht eine Umarmung und ganz ganz viel Urlaub...und nen Therapeuten....

Naja ich hatte schon ein bisschen gehofft dass es zumindest nicht mehr in einem 90grad winkel nach unten geht...Naja zumindest haben sie den Stalker geschnappt, damit ist da zumindest schonmal das Thema vom Tisch (größtenteils) aber ich denke, Kyo und Kitty werden es als Verrat sehen, so von Kaoru ausgeknockt worden zu sein....
Jetzt wird das Kyo richtig angy sein...

Ich bin sehr Sehr SEHR Gespannt wie das weitergehen wird und was aus Kaji wird, nun da er weiß, dass es Felis gibt.
Freue mich auf mehr XD

LG
Durah
Von:  DonnerklangErin
2026-03-01T20:31:24+00:00 01.03.2026 21:31
Hi!

Das waren in der Tat ein paar Yuuto-zentrische Kapitel. :D
Ich hätte es anfangs nicht erwartet, wieviel Tiefgang du dem Punk verpassen willst, aber ich mags, dass du deinen Cast recht klein hältst, aber dafür jedem Charakter mehr Präsenz gibst, entweder eben durch kleine Arks, wie das sehr befriedigende Aufwärmen der Beziehung zwischen Yuuto und Kyo, oder dass wir seine geekige Seite, der ursprünglich im Gamingsektor arbeiten wollte, kennenlernen.
Richtig gut finde ich, wie das enge Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Satoshi und Yuuto in den letzten Kapiteln von beiden Seiten aus beleuchtet wird. Einmal von Yuutos Perspektive, der ja keine richtigen Eltern hatte und im Alleingang auf seine Schwester aufpassen musste und somit auch indirekt von Satoshi entlastet wurde, als er wegen seiner Infektion in sein Leben geraten ist und einmal von Satoshis Seite, der ja mal einen Feliodea-Sohn hatte und mit der Unterstützung von (rein zufällig?) männlichen Infizierten quasi dieses Loch füllt. Das wirft irgendwo auch ein neues Licht auf den holprigen Start zwischen Yuuto und Kyo, wenn man Yuutos anfängliche Ablehnung als Angst davor interpretiert, dass Kyo ihm Satoshi wegnehmen könnte.
Ein bisschen enttäuscht hat mich der im Nachwort von Kapitel 23 angeküdigte Flashback, ich dachte, jetzt sieht man tatsächlich mal was vom jungen Satoshi, oder die tatsächliche Kennenlernszene zwischen Yuuto und Satoshi. Ich hätte das tatsächlich irgendwo interessanter zu lesen gefunden, als wenn Satoshi einfach nur von Nao und Tomoe erzählt. Es war jetzt auch nicht unbedingt schlecht, den Heimweg von Shinya, Kaoru und Kyo auszuschreiben, aber die zentralen Aspekte der Backstory deiner OCs wären in Nicht-Telefonat-Form spannender gewesen. Aber vielleicht beschwere ich mich auch gerade umsonst und das kommt alles noch. ^^
Ich mutmaße/hoffe mal, dass die modifizierte Insulinpumpe jetzt doch für mehr Christin in der Geschichte sorgt.
Der Feloidea-Angriff war vom Timing wunderbar gewählt!
Ich hatte ehrlich kurz gedacht, dass Yuuto jetzt draufgeht, unter Anderem, weil das ja direkt nach dem sich bessernden Verhältnis mit Kyo passiert ist. Ich meine, das ist jetzt, wenn man den ursprünglichen auf Kyo nicht mitzählt der dritte Angriff und es würde mal langsam Zeit werden. Und ich glaube die Bandmember haben doch zu dicke Plotarmor, da wäre es nur logisch, wenn es einen OC erwischen würde.
Ich setze mal mein Geld auf Satoshi, alternde Mentoren-Charas haben i.d.R. keine hohe Lebenserwartung, sobald sie den Protas alles beigebracht haben.
Bei der Kampfszene möchte ich ein bisschen schimpfen:
Konzeptionell finde ich sie gut, du hast die Umwelt mit der kaputten Laterne einbezogen, hast Kyos Kampfstil beschrieben und wie er den Größenausgleich kompensiert, indem er den niedrigeren Hebelpunkt nutzt, um Gegner umzuwerfen, alles cool.
Aber dein Schreibstil gefällt mir teils an der Stelle nicht.
Ich kopiere mal eine kleine Passage aus Kapitel 23:

Aber er ließ ihn nicht los! Statt dessen schaffte er es irgendwie, nun auch eines seiner Hinterbeine auf den Bauch des fremden Katers zu stellen und ihn irgendwie in dieser Position zu halten.
Erneut ineinander verkeilt und sich nichts schenkend, löste er eine der Krallenhände und lies sie hoch zum Maul des Angreifers schnellen. (...) Es kostete Kyo all seine Kraft, der heftigen Gegenwehr stand zu halten. Schließlich jedoch hatte er ihn so weit, dass er es wagte seine Zähne aus der Schulter des dunklen Katers zu ziehen und sie statt dessen in dessen nun ungeschützter Kehle zu versenken.
Dass es gar nicht mal so leicht war, jemandem, und erst recht keinem Feloidea, die Kehle durchzubeißen, verstand er spätestens jetzt. Der harte Knorpel war ausgesprochen widerstandsfähig. Noch dazu spürte er, wie ihn sein Gegner erneut im Nacken packte und an ihm zog und zerrte, je mehr sich Kyos Kiefer um seinen Hals schlossen.
Er hatte nicht vor, ihn tot zu beißen. Tatsächlich waren seine animalischen Instinkte darauf aus, den anderen einfach zu ersticken.

Das doppelte "irgendwie" direkt am Anfang wirkt hier nicht gut, aber das verbuche ich mal eher als Versehen.
Ein grundsätzlicher Schreibtipp lautet: Positiv schreiben, das heißt, man meidet unnötige Verneinungen und schreibt z.B. statt "es ist gar nicht mal so leicht", "es ist extrem schwierig". Das Hauptproblem ist, dass Verneinungen immer zuerst das "falsche" Bild im Kopf des Lesers erzeugen, weil das Gehirn keine Verneinung an sich verarbeitet. Das klassische "Denk-an-keinen-rosa-Elephanten-Problem", bei dem man sofort an den rosa Elefanten denkt. Außerdem machen Verneinungen Sätze automatisch länger und schwieriger zu lesen. Zusammen mit deinen Füllwörtern verlangsamt das deine Actionszene, die schnell und dynamisch sein sollte.
So würde ich es jetzt z.B. umschreiben:

"Kyo hielt den Feloidea mit beiden Armen weiter auf den Boden.
Er verstärkte seine Fixierung und stellte sich mit einem Hinterbein in den feindlichen Bauch.
Jetzt war der Zeitpunkt zuzuschlagen!
Mit einem Bein im Bauch und beiden Armen am Kopf des Feindes, löste Kyo blitzschnell seinen Biss von der Schulter und stieß die Zähne in die Kehle seines Opfers.
Es war hart, zu hart, um die Kehle einfach durchzubeißen.
Erst recht bei der Gegenwehr, die der fremde Feloidea leistete.
Doch der animalische Instinkt hatte sowieso einen anderen Plan:
"Ich brauche dich nicht totbeißen, ich brauche dir nur die Luftröhre abzuklemmen!
Du wirst jämmerlich ersticken!" "

Es ist schnell und hektisch, daher formuliere ich hier auch möglichst kurze Sätze.
Und technische Erklärungen, wie die Kampfstrategie funktioniert, werden durch die wörtliche Rede weiter aufgepeppt.
Das ist jetzt etwas theoretisch und ich weiche auch gerne von pauschalen Stil-Ratgebern ab, wenn ich es in konkreten Situationen als sinnvoll empfinde, hier finde ich deinen Stil aber schwer nachvollziehbar.
Was Positives zum Schluss: Ich liebe die Beruhigungsszene von Kaoru und wie du die Stirn-an-Stirn-Geste hier eingearbeitet hast! Eine tolle Idee und trotz dieses an sich süßen Moments, hast du trotzdem daran gedachtet, wie gefährlich das Szenario eigentlich ist und Kaorus und Shinyas Angst hier gut beschrieben. Die Szene unterstreicht Kaorus Leader-Rolle im Umgang mit den gelähmten Toshiya und Dai und die persönliche Rolle für Kyo.

Liebe Grüße und bis Kapitel 28 <3
Antwort von: FeenjaWesker
01.03.2026 22:22
Ich schreibe die Szene nicht um, da es ansonsten nicht zum Konzept der Feloidea gehört, so wie ich sie im Sinn habe. Immerhin ist das hier kein Anime, bei dem irgendwelche magischen Tiere einen permanenten inneren Monolog führen.
Es wird ein paar "Selbstgespräche" in den wenigen Kampfszenen innerhalb der Geschichte geben. Aber diese habe ich bewusst minimal gehalten, um das 'Raubtier' aufrecht zu erhalten. Natürlich "denkt" ein Feloidea auf einer intellektuellen Weise menschlich, aber er denkt nicht aktiv menschlich. Es sind alles Gefühle, Ideen und Bilder. Und die wenigen Sätze die es dann doch gibt, sollen diese Gefühle nur kurz unterstreichen, wenn es nicht anders möglich ist. Bzw. wenn die übrigen Alternativen nicht wirklich attraktiv erscheinen.

Außerdem kann ich wörtliche Rede in Kampfsituationen nicht ausstehen. Sie ist häufig sehr überflüssig und zerstören die Stimmung der Szene, weil mit ihnen Handlungsabläufe und Bewegungen kaschiert werden. Und in Extremfällen ist es einfach faules Storytelling.

In der Natur sieht das Ganze hingegen anders aus. Dort ist Körpersprache das Mittel der Kommunikation und echte Revierkämpfe finden kraftvoll, aber erstaunlich ruhig statt. Jaguare umkreisen den Gegner und warten ab. Gehen sie dann doch aufeinander los, dann dauern diese Angriffe nur wenige Sekunden an, bevor sie rasch wieder auf Abstand gehen. Dazwischen gibt es jede Menge Drohgebärden (Knurren, Fauchen, Anspannung, etc.). Und genau darauf bauen meine Feloidea auch auf. Das hat sich in den vergangenen 11,5 Jahren ganz von selbst so entwickelt.
Andernfalls wären sie nur eine von tausenden der ewig endlos öder Werwolf- oder Gestaltwandlerkopien und das sollen sie auf keinen Fall sein. Das sind zwar alles nur Fanfictions, trotzdem versuche ich sie auf einem Niveau über dem klassischen (und von mir verachteten) 'young adult' zu schreiben. Kein Beschönigen, kein Fantasy, keine albernen Romanzen, sondern genau die rohe Gewalt, wie sie in der Natur vorkommt (mit einigen kleinen Extras).

Über Verneinungen und doppelt verneinte Sätze kann man streiten. Ich schreibe hier genau so wie ich spreche und denke (ja, ich rede wirklich so), weswegen ein Umschreiben nicht wirklich sinnvoll erscheint. Die Geschichte beinhaltet einen großen Teil meiner eigenen Gedankenwelt und wenn ich versuchen würde sie in ein anderes Sprachmuster zu kleiden, dann würde sich das irgendwie gekünstelt anfühlen.
Wie gesagt, es ist ein streitbares Thema und mein Stil ist noch weit entfernt von so etwas wie professioneller Perfektion. Es fehlt noch der Feinschliff, weswegen ich die Kapitel auch ständig überarbeite, hier und da Wörter rausstreiche und ganze Sätze nachträglich einfach umschreibe. Zumindest wäre es schön, wenn ich denn mal wieder dazu kommen könnte.

In den folgenden Kapiteln wird es also immer mal wieder kleinere Tippfehler und komische Satzkonstruktionen geben. Die Kapitel stammen teilweise noch aus 2024 und wurden seitdem kaum überarbeitet. Da ich für so was mit einem TTS-Tool arbeite, wobei ich mir einzelne Abschnitte oft mehrfach vorlesen lasse, sie korrigiere und dann nochmal das TTS starte, kann die Überarbeitung eines einzelnen Kapitels auch mal einen ganzen Tag oder länger dauern.
Ob ich irgendwann gänzlich zufrieden sein werde mit meiner Arbeit, wage ich zu bezweifeln. Die Geschichte wird niemals perfekt sein, denn es gibt immer irgendwo ein Wort zu verbessern und einen Satz zu optimieren.
Und by the way: Kyos Downfall wird noch auf dich zukommen. Die Story ist nicht umsonst 59 Kapitel lang.
Von:  DonnerklangErin
2026-02-21T17:54:53+00:00 21.02.2026 18:54
Hi ^^

okay, Alice gehört zu einem Johann, der unberechenbar ist und ein Feind von Erik ist. Aber Johann ist kein Freund von Satoshi, in einer der-Feind-meines-Feindes-ist-mein-Freund-Weise.
Und Christine hat sich immer noch nicht als Eriks angeblich tote Tochter geoutet... Es bleibt also spannend.
Wahrscheinlich bleibt es länger spannend, weil bei einer Geschichte, die größtenteils in Japan spielt die in den USA arbeitende Christine nicht so viel Präsenz haben wird. Schade :D
Generell hat mich das Sexy-Kapitel sehr positiv überrascht, das war mal eine sehr gute Gelegenheit auch mal ohne Satoshi etwas mehr Worldbuilding bezüglich der Feloidea zu betreiben, die du schön genutzt hast.
Die Entschuldigung von Kaoru, nachdem Kyo mit Satoshi auf der Jagd war, fand ich auch gut und ich vermute im Nachhinein, dass ich mit meiner Kritik an Kaorus Verhalten im letzten Kommentar etwas voreilig war und du ihn da mit Absicht etwas zu impulsiv geschrieben hast, um eine kleine Versöhnungsszene zu haben. Also falls ja... Ich weiß nicht, ob mir das gefällt. Also einerseits ist es schon gut, dass du aus Kaoru keinen unrealistischen Paragon der Zen-artigen Geduld machst, gerade wenn Kyo gegen sein Selbstverletzungs-Versprechen verstößt, aber andererseits wird hier diese tiefe, langjährige Verbindung zwischen den beiden impliziert. Also...jein, kein Gemecker, kein Lob, nur Unschlüssigkeit.
Der Zusammenhalt der Band ist sehr süß beschrieben und ohne mich über Satoshi beschweren zu wollen, ist es vielleicht ganz gut für die Dynamik, wenn er mal nicht da ist, um alles zu erklären und in Ordnung zu bringen. Die Schlafwandelszene wäre mit einem Dr. Furukawa, der Kaoru erklärt, dass er einfach nur still liegen bleiben sollte, nicht so wirkungsvoll gewesen. Erklärbär-Charaktere haben eine Existenzberechtigung aber ich habe schon oft komplett die Freude an ihnen verloren, wenn sie zu viel Mystery kaputtmachen.
Daher drücke ich mal die Daumen, dass wir Satoshi beim Wort nehmen können, wenn er sagt, dass er auch andere Dinge zu tun hat.
Ich finde es besser, wenn die Bandmitglieder ungewohnte Situationen selbst meistern immerhin haben sie das bei Kyos "normalem" Verhalten früher auch hinbekommen. Und jetzt, wo der Leader beschlossen hat, dass sie Spritzen im Notfall nicht ausreichen und sich Satoshi eventuell noch weiter zurückzieht, bin ich gespannt, was sich die anderen Bandmitglieder so in Zukunft für Kyos-Katzenproblem ausdenken.
An der Stelle nochmal ein Lob für das coole Foreshadowing.
Ich habe noch gut in Erinnerung, wie Toshiya Angst hatte, nicht rechtzeitig zuzustechen, wenn Kyo kurz vor der Transformation steht.

Ganz liebe Grüße und wir lesen uns wieder zu Kapitel 24 :)
Von:  DonnerklangErin
2026-02-14T14:31:53+00:00 14.02.2026 15:31
Hi ^^

Das waren ja schon wieder ein paar sehr ereignisreiche Kapitel. Ich meine, dass du das mal irgendwo geschrieben hattest (entweder in einem Vorwort oder mir persönlich), dass gerade die ersten Kapitel etwas schleppend sind. Mich haben die Anfangskapitel diesbezüglich nicht sonderlich gestört, aber jetzt, im Vergleich, möchte ich dein Pacing mal ganz doll loben. Ich finde, du schaffst eine tolle Balance zwischen den schnellen Actionszenen und den eher ruhigen Szenen, in denen das Erlebte aufgearbeitet und erklärt wird. Ich finde das Erzähltempo optimal, nicht zu hektisch, nicht zu langatmig. :)
Apropos Erklären: D-A-N-K-E dafür, dass die Band so schnell von Kyos Infektion erfahren hat. Ich hatte glaube ich schon im letzten Review angesprochen, dass mir die Band und die enge Verbundenheit unter den Mitgliedern inzwischen immer mehr zusagt und, dass es nur logisch wäre, wenn zumindest Kaoru zeitnah weiß was Sache ist. Aber ich hatte dennoch so ein bisschen die, gottseidank unbegründete Angst, dass wir noch in Kapitel 30 oder 35 Szenen haben, in der Kyo alle anlügt und sich frustrierend naive Bandmitglieder zum zigsten Mal damit zufrieden geben, wenn Kyo offensichtliche Kampfspuren mit einem unglücklichen Unfall oder so begründet. Nein! Du hast hier die m.M.n. richtige erzählerische Entscheidung getroffen, alle früh einzuweihen, anstatt die Unwissenheit als billiges Konfliktpotential zu nutzen. Und ich finds super, mit wieviel Selbstbewusstsein du solche Klischees vermeidest. Die Jagd mit Satoshi zusammen war auch klasse. Ich hatte mich einmal über das Wikipedia-Lesen echauffiert und anhand dieser Szene, schaffe ich es vielleicht besser meine Gedanken auszudrücken: Die Jagd auf den Keiler ist für mich ein schönes Beispiel für Show-dont-Tell. Man hätte an der Stelle stattdessen auch Satoshi erklären lassen können, dass es Möglichkeiten gibt, die Instinkte der inneren Katze zu befriedigen, ohne andere Menschen zu verletzten und fertig. Satoshi und Kyoaber zusammen jagen und fressen zu lassen, finde ich beim Lesen sehr viel interessanter, als eine Zusammenfassung, die technisch zwar das Gleiche ausdrückt, es aber nicht für die Charaktere und damit den Lesenden wirklich greifbar macht. Generell fand ich die Szene nach Katsuos Angriff intelligent von dir platziert. Du stellst auf der einen Seite dar, wie zerstörerisch Katsuo mit seiner Jungkater-Jagd ist und zwar nicht nur in Bezug auf seine Opfer, sondern auch was eigene Sicherheit, seine Ehe und natürlich den toten Bruder angeht. Auf der anderen Seite wird hier von Satoshi eine sehr viel gesünderer Umgang und Alternative zu Katsuos Verhalten aufgezeigt. Gut gemacht.
Was ich zuletzt noch loben möchte, sind die kleinen Wortwitze zwischendurch, gerade von Dai und Toshiya, wenn sie die sehr ernste Erkrankung mit sowas wie: "Ich nehm dich aber nicht zur Entwurmung mit zum Tierarzt", etwas aufhellen. Auch hier hast du eine gute Balance. Genug Humor in den Dialogen, damit es nicht zu erdrückend wirkt und nicht zu viel, dass man den Eindruck gewinnen könnte, die Charaktere nehmen die Situation nicht ernst.
Ein ganz bisschen meckern möchte ich an zwei Dingen:
Erstens, was Kyos und Satoshis Umgang mit Yuuto angeht. Ich finde es ziemlich unfair, dass Kyo ihn permanent ablehnt und loswerden will, gerade nachdem er ihm schon einmal das Leben gerettet hatte und sich DANACH noch beschwert, dass er beim zweiten Angriff nicht da war. Das mag vllt für Kyo noch in-Character sein, aber zumindest vom väterlichen, fürsorglichen Satoshi hatte ich auf eine kleine Standpauke für Kyo bezüglich seiner Anspruchshaltung Yuuto gegenüber gehofft. Immerhin hat er ihn extra für Kyos Schutz engagiert, ich würde mich da an Satoshis Stelle veralbert fühlen, wenn Kyo ihn erst wegschickt und sich dann über mangelnden Schutz beschwert.
Zweitens: Kaoru ist mir bisher nicht als unangenehmer Hitzkopf aufgefallen, aber bezüglich der Manager-Sache und dem Schnitt bei der Probe fand ich, dass er zu schnell auf 180 gegangen ist. Dass er ohne Katsuos Auftreten Kyo einen Faustschlag verpasst hätte, war mir etwas viel dafür, dass Kyo nur nicht genau erklären wollte, wie er die Vertragsänderungen durchgedrückt hat. Und dass er dann gleich wieder stinkig wird, wenn Kyo sich ritzt, finde ich, angesichts der Lage auch daneben. Hier hätte ich mehr Geduld und Verständnis von einem langen Freund erwartet. Klar, Kyo verstößt gegen ein Versprechen, aber er hat den schmerzhaften Vitalscanner und ärztliche Betreuung dabei und eben diese besondere Krankheit, die eine außergewöhnliche Selbstbehandlung auch rechtfertigen könnte.

Aber das ist alles Gejammer auf hohem Niveau, du schreibst super, lass dir von meinen Kritikpunkten nichts Anderes suggerieren!

Liebe Grüße und bis Kapitel 20 ;)
Antwort von:  Durah
17.02.2026 09:36
Hey, du scheinst hier einiges nicht ganz zu verstehen, vor allem angesichts der letzten Aussage hier in deinem Kommentar zu urteilen.
So wie ich die Story kenne und gelesen habe hat Kaoru allen Grund stinkig zu werden. In Kyo schlummert etwas, was gefährlich ist und Kyos Psyche ist stark angeschlagen, das war sie auch schon vor der Erkrankung mit dem Katzen virus.
Geduld und Verständnis haben ihre Grenzen und nachdem was Kyo in der Vergangenheit schon durchgemacht und angestellt hat ist es verständlich wenn Kaoru hier an seine Grenzen stößt.
Kyo hat eine lange Historie mit Selbstverletzendem und suizidalem Verhalten hinter sich (steht auch so in den Kapiteln) und das Kaoru Wut und Angst in sich trägt ist mehr als berechtigt, da er fürchtet es könne wieder los gehen und er und die Anderen Kyo vllt dieses Mal nicht retten können.
Und die Sache mit Yuuto, ja nat<rich Schickt Kyo ihn weg, so ist er halt. Er vertraut nicht direkt jedem und was soll Satoshi da tun? Das sind alles Erwachsene und Yuuto kann auch nicht immer überall sein...
Von:  Durah
2026-02-12T13:21:28+00:00 12.02.2026 14:21
Halli hallo, ich mal wieder XD

na da hab ich mich ja mal geirrt, ich dachte kyo kriegt endlich Arsch in der Hose und entschuldigt sich bei Toto, aber naja, so ist Kyo halt XD
Kann ihn aber verstehen, ich hatte das schon eine weile so im gefühl bei ihm und Kaoru. Dass er ihn nicht lieben kann wie Kao es verdient, er ihn aber auch nicht gehen lassen will, nicht weil er ihm das nicht gönnen würde, sondern weil er Kaoru für sich alleine haben will, als seinen Guten oder besten Freund und als seine Stütze.
Die Katzenfutterdose wird das neue Albumcover XD Kyo will damit etwas aussagen, was wieder nur er versteht XD

BOAH DAI!!!! nicht wegrennen!!! Da ist eine, menschliche, aber trotzdem anwesende Killerkatze und du depp rennst einfach davon...
Ja gut, selbst wenn Kyo kein Killerkitty wäre, hätte er Dai unterstützen können, so zwei gegen Einen, Kyos berüchtigte Schienbeintritte wären mal wieder zum einsatz gekommen XD XD

HULDIGT DEM KATZENKAISER!!!!! Oder wie ich ihn nenne: GILF!!! XD
oh spannend, wirklich spannend!!! Erik ist mir ja nicht ganz unbekannt, ich hab das Wiki gelesen und du hast mir ja bisschen was über ihn erzählt, aber das ist mal ein wirklich guter erster Auftritt XD
Und Simon, COOL GUY!!! gefällt mir^^
Die Szene war wirklich geil erzählt, nicht zuviele aber auch nicht zu wenig details^^
Und Äh....Erik riecht nach Zedernholz? Nice XD

LG
Durah
Antwort von: FeenjaWesker
13.02.2026 19:37
Ich antworte dir einfach mal hier, weil das irgendwie angenehmer ist.

Natürlich kriegt Kyo es NICHT hin sein Chaos endlich mal zu klären. Aber wie man sieht, ist er auf dem richtigen Weg. Es kann sich nur noch um Jahre handeln. Doch vorher muss er Dai erst einmal von einer großen Dummheit abhalten und dabei (vielleicht) noch mehr Dummheiten anstellen.
Bei dem verrückten Katzenvieh kann man ja nie wissen, was als nächstes passiert.

Aber egal, jetzt erstmal zu dem wichtigsten Charakter überhaupt: Erik
(Nein, nicht Gronkh!)
Ich liebe ihn und Simon so sehr! Neben Satoshi und Christine sind die beiden meine absoluten Lieblingscharaktere. Aber was erzähle ich ... hab dich ja schließlich die letzten MONATE genug mit dem Thema vollgelabert.
Aber ja, sein Parfüm riecht nach Zedernholz und natürlich ist das wieder einmal KEIN Zufall!
Der Baum der Götter, der Könige und Pharaonen. Ausdauernd, stark und langlebig.
Also perfekt für Erik!

LG
Fee


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