Stolz (Kuroo)
Die Zeitabstände zwischen denen der Fingernagel meines rechten Zeigefingers unter dem Tisch gegen meine Handyhülle tippt, werden immer geringer. Es macht mich so nervös, dass ich nichts von Kenma höre, ich hätte mitgehen können, denn vom Matheunterricht bekomme ich eh nicht viel mit.
Ich weiß, Kenma ist kein kleines Kind und er wird das schon hinbekommen, alleine zu Akaashis Schule zu gehen und ihn dort aufzusuchen. Dennoch weiß ich auch, dass er dazu neigt sich zu verlaufen, sich zu sehr anzustrengen und in Unannehmlichkeiten hinein zu steigern, bis er gar nicht mehr weiter weiß und dann einfach stehen bleibt, wie ein verschrecktes Reh, bis ich ihn wieder einsammle.
Andererseits kann es auch sein, dass alles kein Problem dargestellt hat, er Akaashi längst getroffen hat und sie sich unterhalten und Kenma gar nicht daran denkt mir zu schreiben, weil es ja auch keinen Grund dazu gibt. Ich seufze.
Als der Unterricht zu Ende ist, gehe ich sehr langsam in Richtung der Sporthalle unserer Schule. Wir haben gleich Volleyballtraining und Kenma hatte gesagt, dass er bis dahin zurück ist. Ich betrachte mein Handy während ich die Treppen zum Erdgeschoss hinunter steige, doch das Display bleibt schwarz. Ab und zu berühre ich den Bildschirm, doch dort erscheint nur ein Bild von mir und Kenma, dass ich aufgenommen hatte, nachdem wir bei den Nationalmeisterschaften den ersten Sieg eingefahren hatten. Aber keine Nachricht von Kenma.
„Alles ok, bei dir?“
Ich drehe den Kopf in die Richtung der vertrauten Stimme und entdecke Yaku der mich mit einer hochgezogenen Augenbraue mustert, während er neben mir die Treppen hinunter geht.
„Ach...“, setze ich an und sehe wieder auf mein Handy. „Ich warte auf eine Nachricht von Kenma. Er ist nochmal los vorm Training und ist noch nicht wieder zurück. Und meldet sich nicht.“
Wir kommen im Erdgeschoss an und biegen im Schulflur ab, in Richtung Ausgang.
„Hattet ihr das denn verabredet? Also, dass er sich melden soll?“
„Ne... Nur wenn es Probleme gibt.“
Yaku grinst mich an. „Merkst du selber, oder?“
Meine Wangen werden warm. „Ja... Ich mache mir unnötig Gedanken“, gebe ich zu.
„Du bist echt süß, Kuroo. So besorgt um deinen Schatz.“ Er lacht und meine Wangen glühen etwas mehr. Voll peinlich, wie er mich durchschaut. „Er wird bestimmt gleich ankommen.“ Er legt tröstlich die Hand an meinen Arm. Sicher hat er Recht.
Wir kommen an der Halle an, da erkenne ich direkt, dass Kenma am Eingang steht und dort wartet. Sicher auf mich, was mich freut.
Yaku entfernt sich grinsend und ich gehe zu Kenma, der erst aufschaut als ich direkt vor ihm stehe.
„Da bist du ja“, sage ich fröhlich.
Er sieht mich still an mit einem Blick, der von tausenden Gedanken durchzogen ist. Ob etwas passiert ist? Seine Haltung ist angespannt, die Lippen bewegen sich an einander gedrückt, sein Blick ist unfokussiert. Er ist unsicher und... verwirrt?
„Es war wirklich nicht alles ok bei Akaashi, oder?“, schlussfolgere ich und Kenmas Augenbrauen ziehen sich verunsichert zusammen.
Plötzlich macht er einen Schritt auf mich zu, wirft sich nach vorne und drückt Gesicht und Hände an meine Brust. „Kuroo...“, murmelt er in mein Hemd.
Oh weh.
Ich lege meine Arme um seine schmalen Schultern und tätschle seine Haar. Einen Augenblick lang bleiben wir einfach so stehen und ich ignoriere alle Teamkameraden, die an uns vorbei in die Halle gehen.
„Die Fukurodani ist voll riesig. Ich habe sogar mit jemandem gesprochen, der mir gesagt hat, wo ich Akaashi finde.“ Ich ziehe erstaunt die Augenbrauen hoch. Da hat er sich wirklich wacker geschlagen. Es war ihm aber auch wichtig, das merkt man sofort. Sowas macht Kenma nicht für jeden. „Ich habe Akaashi auf dem Dach gefunden... Er hatte Fieber und konnte sich nicht bewegen.“ Ach herrje. Das erklärt auch Akaashis Ausdrucksweise. Er war nicht mehr Herr seiner Sinne. „Ich... wusste nicht was ich tun soll...“ Klar, Kenma ist nicht stark genug, um Akaashi zu tragen. Er ist deutlich größer als Kenma und dürfte auch eine muskulösere Statur haben. „Ich... habe dann Bokuto geholt... der hat Akaashi dann zur Schulkrankenschwester gebracht.“
Ich streichle über seine Haare, während er sich fest an mich drückt. „Das hast du gut gemacht, Kenma. Es war genau richtig, Bokuto dazu zu holen.“ Ich küsse seine Haare. „Ich bin stolz auf dich.“
„Ja?“, höre ich unsicher von meiner Brust. „Ich habe mich ziemlich nutzlos gefühlt.“
„Du hast Akaashi geholfen, Kenma.“ Ich lehne mich zurück und er sieht mich fragend an. „Du hast verstanden, dass er Hilfe braucht und dann hast du sie für ihn geholt.“ Er blinzelt. „Du hast Akaashi gerettet. Ich bin mir sicher, dass er sehr glücklich ist, einen so guten Freund wie dich zu haben.“
Kenmas Wangen werden rot. „Meinst du wirklich?“
Ich grinse. „Davon bin ich überzeugt.“ Ich lege die Hand auf seinen Kopf und ganz langsam bildet sich ein kleines Lächeln auf seinen Lippen. Ja, da darf er ruhig ein wenig stolz drauf sein, ich bin es jedenfalls.
Wir gehen rein und beginnen damit uns umzuziehen.
„Wie ging es Bokuto denn?“, frage ich vorsichtig, denn ich kann mir vorstellen, dass ihn das sicher mitgenommen hat, dass es Akaashi... schon wieder schlecht geht. Vielleicht sollte ich mich bei ihm melden, falls er jemanden zum Reden braucht.
„Er war...“ Kenma zieht sein Trikot über und senkt dann betrübt den Blick. „Still.“
Ich schlucke, ziehe meine Trainingshorts hoch. Wenn Bokuto ruhig wird, dann ist ganz schön was im Argen. Wenn ihn etwas so sehr beschäftigt, dass er es nicht ausdrücken kann, steht er mit dem Rücken zur Wand. Das ist gar nicht gut.
„Es war bestimmt besorgt“, versuche ich mich an einer Erklärung und Kenma sieht zu mir auf, mit glänzenden Augen.
„Er sah sehr traurig aus.“
Verstehe. Er war wahrscheinlich nicht nur in großer Sorge, sondern noch dazu enttäuscht von Akaashis Verhalten. Vielleicht hat es sich für Bokuto sogar wie Misstrauen angefühlt, dass Akaashi ihm einfach nicht die Wahrheit sagt, wie es ihm geht und was er empfindet.
Ich seufze, schnüre meine Sportschuhe und Kenma setzt sich neben mich auf die Bank um seine Schuhe zu wechseln. Ich sehe ihm einen Moment dabei zu.
Nicht jeder ist in der Lage seine Gefühle nach außen zu tragen. Das kenne ich von mir, aber besonders kenne ich diese Eigenschaft von Kenma. Er schweigt, beobachtet und urteilt still, während in seinem Kopf hunderte Szenarien ablaufen, die ihm Optionen aufwerfen und sie gleichzeitig widerlegen, bis er einfach stumm nickt, obwohl er das Gegenteil denkt.
Ich habe gelernt Kenmas Körpersprache zu deuten, erkenne Hinweise auf sein Befinden, ohne dass er sie ausspricht. Nach gut 10 Jahren tiefer Freundschaft, ist sowas wahrscheinlich gar nicht so anormal.
Da ich Akaashi so gut wie gar nicht kenne, fällt es mir natürlich auch nicht leicht zu erkennen, was er denkt. Wenn er wirklich so viel Druck von zu Hause bekommt und sich dazu noch selbst auferlegt, dann ist es kein Wunder, dass er daran zerbricht. Nur diese Zeichen zu erkennen und schnell genug einzugreifen... Ich könnte mir vorstellen, dass das sogar unmöglich ist.
Wenn Akaashi von klein auf gelernt hat, seine Gefühle und Gedanken zu verstecken, dann ist er ein Meister der Fassade. Wie sollte jemand ihn durchschauen...? Ich weiß es nicht.
„Kommst du?“
Kenma sieht mich erwartungsvoll an und ich bemerke, dass wir die letzten in der Umkleide sind.
„Ja, bin schon da“, sage ich nickend und wir gehen zusammen in die Halle.
Nach dem Training kommt Kenma noch mit zu mir nach Hause. Ich habe gestern einen riesigen Auflauf gebacken und wir essen gemeinsam die Reste vom Vortag.
Kenma sieht auf sein Handy und legt es wieder weg, nimmt sich einen weiteren Bissen Nudeln.
Ich weiß genau, dass er darauf wartet, etwas von Akaashi zu hören. Natürlich ist er besorgt.
„Hat Bokuto dir geschrieben?“
Ich nehme schnell mein Handy hervor, doch auch ich habe keine Informationen erhalten.
„Nein.“ Es ist frustrierend.
„Ich...“ Ich sehe Kenma mit ruhigem Blick an, der zu seinem Löffel runter schaut. „Ich habe gemerkt, dass es Akaashi nicht gut geht.“ Er atmet durch. „Nein, ich wusste es. Er hat es mir gesagt.“ Meine Augen weiten sich erstaunt, während Kenma den Löffel ablegt, um seine Hände zu Fäusten zu ballen. „Er hat mir von seinen Problemen erzählt... Er hat sogar gesagt, dass er nicht weiter weiß...“ Kenma kauert sich zusammen und ich kann nicht anders als ihn erstaunt anzusehen. Davon wusste ich nichts. „Ich konnte ihm nicht helfen...“ Kenma.. „Kuroo...“ Er sieht mich mit tränengefüllten Augen an. „Er hat sich mir anvertraut und ich... habe nichts getan.“
Ich lege meine Hand auf seinen Arm, schüttle den Kopf, doch er lässt mich nicht zu Wort kommen, senkt wieder den Blick.
„Ich... Ich hätte es dir sagen sollen. Dann wäre es nicht soweit gekommen.“ Ich hole Luft, doch komme nicht zum Sprechen. „Du hättest eine Lösung gewusst. Du weißt immer eine Lösung...“ Seine Worte werden immer leiser, dass ich selbst das letzte Wort kaum höre. „Jetzt zweifelt Bokuto an ihm... das hat er nicht verdient...“
„Ich denke...“ Kenma sieht zu mir auf als ich das Wort ergreife. „Akaashi hat einen guten Grund, warum er dir sein Geheimnis anvertraut hat.“ Er sieht mich mit großen Augen an. „Weil er genau wusste, dass es bei dir sicher ist.“ Er blinzelt. „Du hast es keinem erzählt.“ Er schüttelt leicht mit dem Kopf. „Das ist der Sinn eines Geheimnisses.“ Ich lege die Hand an sein Kinn und lächle leicht. „Weißt du, manchmal hilft es schon, wenn man seine Sorgen teilt. Selbst wenn dann nicht direkt eine Lösung parat ist. Zu wissen, dass man nicht alleine ist, hilft schon.“
„Verstehe...“
„Und sind wir mal ganz ehrlich.“ Ich ziehe eine Augenbraue hoch während Kenma mich erwartungsvoll ansieht. „Akaashi wollte gar nicht mit mir reden, oder?“ Ich kann sehen, wie Kenma darüber nachdenkt, dann blinzelt er und nickt. Dachte ich mir. Ich bin für Akaashi wahrscheinlich zu dicht an Bokuto dran. Ich könnte mir nämlich vorstellen, dass sein Problem etwas mit Bokuto zu tun hat, sonst würde er mit Bokuto sprechen. So schätze ich ihn zumindest ein. „Ich denke, Akaashi hat sich übernommen. Hoffentlich ist ihm das auch selbst jetzt klar geworden.“
Kenma atmet durch, wirkt wieder entspannter, was mich ein wenig erleichtert.
„Mir würde es gerade schon reichen, wenn ich wüsste, dass es ihm besser geht.“
Ich tätschle seinen Arm. „Das glaube ich. Ich hätte auch nichts dagegen was von ihnen zu hören.“
Wir essen weiter, schweigen ein wenig. Dann beginnt Kenmas Handy zu vibrieren. Schnell nimmt er es hoch und nimmt sofort den Anruf entgegen.
„Akaashi“, sagt er mit zarter Stimme und ich seufze erleichtert. Na endlich. „Geht... Geht es dir wieder besser?“ Er legt beide Hände an sein Handy.
Ich höre Akaashis Stimme, kann aber nicht verstehen, was er sagt. Dann atmet Kenma tief durch und lächelt leicht. Ich zeige ihm einen erhobenen Daumen und er nickt mir zu. Puh, es geht ihm besser.
„Du solltest ihm sagen, dass du ihn sehen willst“, sage ich leise und Kenma sieht mich mit großen Augen an. „Ist doch so, oder etwa nicht?“ Kenma senkt den Blick. „Er wird sich freuen und es wird euch beiden gut tun.“
„Wenn...“, setzt Kenma schließlich an. „Wenn es dir besser geht, dann... würde ich mich sehr freuen, wenn... Wenn du dir die Zeit nehmen würdest und wir beide mal ein bisschen... reden könnten.“ Ich lächle ihn stolz an, weiß, dass ihm schwer gefallen ist, seine Wünsche zu äußern, gerade weil ihm Akaashi etwas bedeutet.
Akaashi antwortet und ich sehe, wie Kenmas Augen zu funkeln beginnen. Er hat definitiv zugestimmt.
„Ja. Ja, das ist ok“, sagt er schnell. „Gute Nacht.“ Er legt auf und sieht sein Handy einen Moment still an. Dann hebt er ruckartig den Kopf und sieht mich blinzelnd an. „Akaashi meldet sich morgen, dann verabreden wir uns.“
„Super“, sage ich erfreut und lächle breit, während sich auch über Kenmas Lippen ein zufriedenes Lächeln zieht.