Gespannt (Kuroo)
Es ist eine gefühlte Ewigkeit her, dass mich ein Match so in seinen Bann gezogen hat, wie dieses. Wir spielen im regionalen Halbfinale und unsere Gegner sind verdammt stark. Es fühlt sich beinahe an als würden wir gegen Karasuno antreten, doch das ist nochmal eine ganz andere Hausnummer.
Mein Team hängt sich voll rein und wir bleiben in Führung, wenn auch nur knapp. Es ist ein wildes hin und her mit langen Ballwechseln, doch im Moment haben wir die Oberhand. Noch 2 Punkte und wir tragen den Sieg nach Hause.
Dass es aufs Ende zugeht, spüre nicht nur ich in den Muskeln, sondern auch an der zunehmenden Erschöpfung meiner Kameraden. Im letzten Satz haben sich stetig zunehmende Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. Dies dürfte auch der Grund sein, warum wir weiter mit aller Kraft kämpfen. Der Sieg ist noch nicht sicher.
Zusammen mit Kenma springe ich am Netz hoch, um den gegnerischen Angriff abzublocken, der uns mit seiner immensen Durchschlagskraft schon einige Punkte gekostet hat. Wir steigen so dicht gemeinsam auf, dass sich unsere Schultern berühren. Hier kommt keiner durch!
Das klatschende Geräusch, mit dem der Ball die Hand des Angreifers verlässt, wird unmittelbar abgelöst von vom Zusammenprall des Volleyballs mit unseren Handflächen. Zumindest meiner rechten Hand, den Kenma ist nicht so hoch wie ich gesprungen, was dazu führt, dass lediglich seine Finger dem Ball begegnen.
Das erwartete Klatschen wird von einem dumpfen Knacken begleitet, was mir augenblicklich einen eiskalten Schauer über den Rücken jagt. Ich höre, wie auch Kenma scharf Luft durch die Nase einzieht und warte ab. Der Schmerz bleibt aus. Es war nicht mein...
Mein Gedankengang wird abrupt unterbrochen von Kenmas erschütterndem Aufschrei. Augenblicklich sackt er auf die Knie.
Ich erschrecke mich tierisch, habe ich ihn noch nie so schreien gehört und auch alle anderen Spieler scheinen sich zu erschrecken, denn den Ball fällt, ohne einen weiteren Kontakt, auf der gegnerischen Spielseite zu Boden. Niemand bewegt sich.
Kenma stöhnt schmerzverzerrt, da eilen bereits unsere Teamkameraden zu ihm.
Ein wildes Durcheinander aus erstaunten Ausrufen, besorgten Fragen und tröstenden Gesten und Berührungen prasseln auf Kenma ein. In wenigen Sekunden hat sich ein dichte Menschentraube um ihn gebildet, dass selbst ich mein eigenes Wort nicht mehr verstehe.
Das... ist gar nicht gut.
Kenma kann Gedränge und Lautstärke nicht gut vertragen, das weiß ich. Und gerade jetzt, wo er mit Sicherheit sowieso aufgewühlt ist, da er sich wohl ernsthaft verletzt hat, kann er das erst recht nicht brauchen.
Ich schiebe mich mit ausgestreckten Armen durch die Menge und teile die Masse vor mir mit bestimmter Kraft.
„Leute, Leute... Leute!“
Meine Stimme ist kraftvoll, doch nicht aggressiv. Dennoch ausreichend, dass die Stimmen um mich herum verstummen und ich besorgten sowie erstaunten Blicken begegne, während ich meine Arme über Kenma strecke, die Handflächen abwehrend nach außen gedreht.
„Ich finde es toll, dass ihr euch Sorgen macht, ehrlich“, setze ich an und stelle kurzen Blickkontakt zu meinen Kameraden her. „Aber tretet bitte ein Stück zurück. Kenma hat ja gar keinen Platz zu atmen.“ Sie sehen mich unsicher an. „Ich regel das.“
Jetzt ernte ich zustimmendes Nicken und sie treten bereitwillig einen Schritt nach hinten. Ich bin ihr Kapitän, das lassen sie mich spüren und ich weiß es zu schätzen.
Ich knie mich neben Kenma, der sich zu einer kleinen Kugel zusammengerollt hat, wie ein Igel, und seine Hände fest an den Bauch drückt. Sein ganzer Körper zittert und er gibt erstickte Laute von sich, die sich arg gequält für mich anhören. Ich beiße die Zähne zusammen und halte mich selbst davon ab, die Hand auf seinen Rücken zu legen, da ich das Gefühl habe, dass Körperkontakt seinen Zustand verschlimmern könnte.
Meine Schuhe quietschen auf dem Hallenboden als ich ein Stück zurück rutsche, um mich tief neben ihm runter zu beugen, bis sich mein Kopf neben seinem befindet.
„Kenma...“, sage ich mit ruhiger und möglichst weicher Stimme. Er wimmert. „Hey, Kenma. Hörst du mich?“ Er zittert weiter, dreht sich von mir weg. Ich nicke, weiß, dass ich ihn erst mal zurück in die Situation holen muss, aus der ihn der Schock gekickt haben wird.
„Schau mich an, Ken“, fordere ich mit sanfter Stimme und beobachte, wie er leicht zusammenzuckt. Er hat mich gehört. „Komm schon, sieh mir in die Augen.“
Er verlagert seinen Körperschwerpunkt auf die Hüfte, hebt sich dadurch ein wenig vom Boden ab.
„Gut so. Ich weiß, es tut weh, aber ich bin da und werde dir helfen. Hörst du?“
Ich höre, wie die Sanitäter angelaufen kommen und richte mich schnell auf. Sie wollen sich zu uns durchdrängen, doch ich winke nur hektisch ab und schüttle meinen Kopf. Sie bleiben stehen. Wenn Kenma schon nicht mal mich an sich ran lassen möchte, dann gewiss keine Fremden.
Ich setze mich auf meine Füße. „Schau mich an, Ken“, bitte ich erneut und kann beobachten wie er langsam seinen Kopf anhebt und ihn dann zu mir dreht. Als sich unsere Blicke treffen, kullern zwei dicke Tränen seine Wangen herab. Oh weh...
„Ist schon gut.“ Ich lege meine Hand an seine Schulter und er schnieft. „Hat echt fies weh getan, oder?“
Meinem mitleidigen Blick begegnet er mit großen Augen und unregelmäßigen Atemzügen. Ich reibe seinen Arm. „Kenma“, seufze ich mitfühlend.
Da werden seine Augen schmal und seine Lippen zittern. „Kuroo!“
Er wirft sich zu mir, mit dem Kopf an meine Brust. Erst bin ich erstaunt, dann lege ich bereitwillig meine Arme um ihn, reibe seinen Rücken.
„Ja, ich weiß.“ Ich schmiege meine Wange an seinen Kopf. „Das kriegen wir wieder hin.“
Erstickte Laute dringen zu mir hoch, es ist eine Mischung aus Weinen und Schmerz.
Ich gebe ihm einen Moment, bis er sich etwas beruhigt hat, dann richte ich ihn vorsichtig mit meinem Körper auf. „Tut es sehr weh?“ Er nickt mit schnellen Bewegungen. „Scheiße...“, zische ich und verziehe den Mund. „Darf ich mal sehen?“
Kenma zögert, dann lehnt er sich, wenn auch spürbar widerwillig, zurück. Mir der rechten Hand drückt er seiner linke fest an die Brust.
„Linke Hand?“ Er nickt. „Kleiner Finger?“ Kopfschütteln. „Ringfinger?“ Er nickt wieder. „Ok.“
Ich kann zusehen, wie allmählich die Ruhe in ihn einkehrt, seine Augen Orientierung suchend über den Hallenboden huschen und er immer mehr zurück in den Moment findet. Gut.
Er hebt den Blick. Ich halte ihm meine linke Hand hin, auffordernd und er legt seine Hände zögerlich in meine. Als er zitternd die rechte Hand wegnimmt, sehe ich sofort, dass sein linker Ringfinger unnatürlich nach hinten steht.
Ausgerenkt. Da bin ich ziemlich sicher. Das muss höllisch weh tun. Ich schlucke.
„Die Sanitäter sind hier, sie können...“
Kenmas schüttelt heftig den Kopf und senkt den Oberkörper vor mir ab. Es ist ein Flehen, seine Art mir zu sagen, dass ihm das zu viel ist. Ich beiße mir auf die Lippe.
„Ich...“ Ich atme durch. „Ich habe beim Captain-Trainig gelernt, wie man Finger wieder einrenkt“, gebe ich zu und Kenmas sieht sofort zu mir auf. Sein Blick ist nicht, wie erwartet verängstigt, sondern überraschend hoffnungsvoll. „Ich kann ihn dir einrenken.“ Er blinzelt ein paar Mal. „Das wird echt weh tun, aber danach hast du keine Schmerzen mehr. Versprochen.“
Er senkt den Blick, scheint nachzudenken.
„Vetraust du mir?“
Ganz ehrlich. Ich würde das nicht machen, wenn ich mir nicht sicher wäre, dass ich ihm helfen kann. Und gerade im Moment will ich ihn einfach nur von seinen Schmerzen befreien.
„Ok“, kommt es mit gebrochener Stimme über seine Lippen.
„Gut“ Ich positioniere meine Hände. „Auf 3. Bist du bereit?“ Er nickt. „1... 2“ Noch bevor ich zum Weitersprechen Luft holen kann, schiebe ich mit einem präzisen Ruck den Finger zurück in sein Gelenk, begleitet von einem überraschten Keuchen von Kenma, der auf die 3 gewartet hatte.
„Tut mir leid“, hauche ich, halte meine Finger an Kenmas Hand gedrückt. Ihm Schmerzen zu verursachen, sticht auch in meiner Brust.
Statt mir zu antworten, lehnt sich Kenma gegen mich. Sicher setzt jetzt die Erschöpfung ein, nun da der Schmerz sich legt.
„Wie sieht es aus?“
Ich hebe den Kopf und sehe den Sanitäter an, der mir einen fragenden Blick zuwirft. Meine Hand gleitet über Kenmas Rücken und ich lehne den Kopf zur Seite, sehe zu ihm runter.
„Deine Hand muss untersucht werden. Um ganz sicher zu gehen, dass alles wieder gut ist“, erkläre ich, doch Kenma bewegt sich nicht. „Kenma?“
Ich fasse seine Schulter und lehne mich zurück, da schüttelt er meine Hand ab, drückt sich wieder an mich. Lächelnd seufze ich, reibe seinen Rücken.
„Ich helfe noch kurz dabei unser Match zu gewinnen, dann komme ich zu dir. Ok?“
Er zögert, doch dann bewegt er sich an meiner Brust, lehnt sich schließlich zurück und sieht mit gesenktem Kopf zu mir rüber. Ich lächle ihn an.
„Ok.“