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Zwischen den Zeilen

Sasuke x Sakura
von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Eigentlich wollte ich die Geschichte erst anfangen, zu veröffentlichen, wenn die andere (Heated) fertig ist, aber da diese sich wohl doch deutlich länger zieht, als ich zunächst antizipiert hatte und ich richtig Bock habe, diese zu schreiben, werden sie jetzt wohl parallel laufen x)

Ich wünsche euch viel Spaß! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Ups, da bin ich wieder!

Was soll ich sagen? Witcher 3 und das Nachholen der gesamten dazugehörigen Buchreihe haben mir etwas Lebenszeit geklaut, aber hier bin ich wieder x)

Viel Freude beim Lesen! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallöchen, da bin ich wieder!

Ich hoffe, ihr alle hattet bis hierher eine besinnliche Weihnachtszeit!
Ich weiß nicht, ob ich es bis Heilig Abend schaffe, das nächste Kapitel fertig zu stellen, um ein "Weihnachtsgeschenk" zu uploaden (Obwohl wir thematisch aktuell ja im Winter angekommen sind, lul), aber ich gebe mir Mühe.

Immerhin muss ich auch noch den ersten Draft für den Adventskalender in eine fertige Geschichte umformulieren, ayay.

Naja, anyway, ich wünsche euch recht viel Spaß mit dem neuen Kapitel und bis dahin!

Ganz liebe Grüße euch und danke für's Lesen! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Frohes Neues Jahr an euch alle!

Ich hoffe, ihr seid alle gut ins Jahr hinein gerutscht!

Wie immer möchte ich meinen Dank ausdrücken, dass ihr der Geschichte nun schon so lange folgt
und ich wünsche euch viel Spaß mit dem neuen Kapitel :)

GLG
Cinae Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallöchen liebe Leser!

Tut mir Leid, dass ihr so lange warten musstet. Tatsächlich hatte ich nebenbei zwei Kapitel gleichzeitig bearbeitet.
(Ursprünglich waren beide zusammen eines, doch relativ schnell musste ich feststellen, dass wir dann endgültig
einige Rahmen gesprengt hätten.)
Dass ich zwischenzeitlich eine heftige Grippe hatte, hat der Sache leider auch nicht geholfen. :(

Ich hoffe, dass das nächste Kapitel, da es quasi schon halb geschrieben ist und ich jetzt erst krank war -.- etwas
schneller kommt, als dieses!

Ganz lieben Dank für's Lesen und viel Spaß!

Cinae :) Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallöchen ihr lieben Leute!

Da bin ich wieder!
Wie versprochen dieses Mal etwas fixer, weil das Kapitel in seinen Grundzügen schon fertig war, als ich das Letzte hochgeladen habe.

Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass es mir - wie ihr vielleicht herauslesen könnt - unfassbar schwer fällt, Sasuke charakterlich zu erfassen. Seine stoische Art ist immer viel schwieriger, als jeder andere Charakterzug. Ich hoffe sehr, dass er nicht all zu OOC gerät...

Nun. Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen und wie immer: vielen! lieben! Dank! <3

GLG Cinae Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Puhhh

Tut mir Leid, dass es dieses Mal so lange gedauert hat! :'D Ich bin etwas hyperfixiert auf ein Game aktuell und naja... Kapitel, die Dialogintensiver sind, fallen mir immer etwas schwer. Ich persönlich halte Dialoge für meine größte Schwachstelle bzw. die zeitraubendsten Parts jedes Kapitels - ich hasse Dialog schreiben xD Habe dabei immer das Gefühl, dass die Charaktere wie NPCs klingen, aber nun denn. Es ist trotzdem fertig und ich bin sogar halbwegs zufrieden!

Die Konzeption der nächsten Kapitel ist wieder fertig, quasi und ich habe auch schon fertig geschriebene Szenen, die ich wohl verwerten kann, dennoch mache ich keine Versprechungen, wie fix es geht :<

Viel Spaß und danke dafür, dass ihr mir meine sporadischen Updates nachseht! (Bald kommt aber eine Stelle im Buch, auf die ich mich ganz besonders freue, da gehts dann wieder etwas fixer haha)

GLG
Cinae Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Schönen Sonntag euch allen!

Entschuldigt, dass ich so lange gebraucht habe *seufz*
Aber viel Spaß mit dem neuen Kapitel und bis hoffentlich bald :)

GLG
Cinae Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo!

Wir sind hiermit offiziell mit der ersten Hälfte dieser Geschichte fertig!
Es fiel mir außerordentlich schwer, dieses Kapitel zu schreiben, aus mehreren Gründen und so richtig zufrieden bin ich damit auch noch nicht, aber die Zukunft wird zeigen, ob ich hier nochmal etwas ändern muss.

Ich bedanke mich bei allen für ihre Geduld!
(und wie immer hoffe ich, dass das nächste Update schneller kommt xD Geplant ist es ja schon!)

GLG und viel Spaß beim Lesen <3
Cinae Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Weiter gehts!

Dieses Mal etwas schneller, als sonst :P
Das nächste Kapitel ist auch schon soweit fertig geplant und muss nur ausgeschrieben werden. Jap, jetzt geht der Spaß langsam los!

Viel Spaß beim Lesen, ihr Lieben! :) <3 Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallöli!

Hier bin ich wieder! Ich habe meine Hyperfixierung auf WoW verloren und getauscht mit den Witcher Büchern (Habe irgendwann bei Band 3 abgebrochen, weil Hyperfixierung auf WoW und jetzt wieder den Faden aufgenommen und zwei Bücher binnen einer Woche verschlungen, lul) Dementsprechend hat es wieder etwas gedauert, bis ich hiermit fertig geworden bin, ups :'D Naja und weil es etwas länger geworden ist, als sonst.

So recht zufrieden bin ich wieder nicht. Kürzen wollte ich das Kapitel nicht, weil sonst zu wenig darin passiert wäre, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es deshalb jetzt etwas zu abgehakt wirkt ... sigh ...
Naja, ich hoffe, man merkt die Veränderung des Pacings, es passieren endlich auch mal Dinge, höhö!

Das nächste Kapitel ist konzeptionell schon fertig, versprechen kann ich aber - wie immer - nichts!

Danke fürs Lesen, viel Spaß mit dem Brocken und bis bald!
GLG
Cinae Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Ich bin zurück! Und schon wieder mit so einem Schinken ... äh, ich weiß nicht, wieso das in letzter Zeit so eskaliert. Dieses Mal bin ich sogar zufrieden mit dem, was ich hier zusammengeschustert habe und das nagende Gefühl, die Szenen würden unter der Überlänge leiden, habe ich dieses Mal nicht.

Schonmal 'ne Vorwarnung: ab dem 09. August bin ich für drei Wochen in Italien. Ich bemühe mich, unmittelbar davor noch ein Update zu posten, damit die Wartezeit nicht komplett den Rahmen sprengt, denn im Urlaub werde ich mit aller Wahrscheinlichkeit nicht schreiben. Einen Laptop nehmen wir zwar mit, aber bei fast vierzig Grad liege ich wohl eher am Strand als zuhause in der Hängematte, haha!

Spaß beiseite: Ich hoffe, das Kapitel gefällt euch! Viel Spaß beim Lesen

GLG und bis bald :)

P.S.: Über 100.000 Wörter schon und fast 300 Seiten! Ich gestehe, ich hab mir selbst nicht zugetraut, das so halbwegs konsequent durchzuziehen, denn auch wenn ich wahnsinnig Lust auf das Projekt hatte - mein unkoordinierter, undisziplinierter Hintern hat einen Hang dazu, Sachen einfach auf halber Strecke liegen zu lassen. Aktuell kann ich gar nicht abschätzen, wie lange die Geschichte noch gehen wird, ich vermute aber so 7-10 Kapitel werden es noch werden :) Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
BITTE LESEN - WICHTIG!

Hallöchen! Dieses Mal melde ich mich sehr schnell zurück, das liegt daran, dass die Szenen dieses Kapitels mit die ersten waren, die ich mir in der Konzeption ersinnt habe und entsprechend einfach fiel es mir, sie auch umzusetzen. Tatsächlich habe ich mich sehr auf dieses Kapitel gefreut und auch wenn wir relativ linear hierher gekommen sind, so haben sich auf dem Weg doch die ein oder andere Änderungen eingeschlichen.

Und nun zum Grund für die Warnung: Das Ende des Kapitels ist eine Szene, die spicy ist. Ich beschreibe nichts explizit und dennoch möchte ich all jenen, die sich bei so etwas nicht wohl fühlen, die Chance geben, sich gegen das Lesen zu entscheiden. Gekennzeichnet ist dieser Part mit diesen Symbolen: ♣ ⤬ - wer dies nicht lesen möchte, kann das Kapitel an dieser Stelle abbrechen, denn danach kommt nichts mehr.

Es wird vermutlich keine weitere solche Szene geben, da ich sie ausschließlich dafür eingebaut habe, Sakuras Wandel im Bezug auf sich selbst, aber auch die Veränderung ihrer Beziehung zu Sasuke zu akzentuieren. Naja und weil ich schon immer mal eine solche Szene schreiben wollte xD Es hat mir einen irrsinnigen Spaß bereitet, mal etwas ganz anderes zu schreiben.

Am Anfang des nächsten Kapitels wird selbiges noch einmal angedeutet, doch mehr wird nicht passieren.

Ich wünsche euch ganz viel Freude hiermit und einen schönen Restsonntag!

GLG
Sonnensturm Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallöli zu später Stund!

In letzter Zeit kickt die Muse richtig rein und ich denke man merkt, dass wir uns langsam dem Finale nähern. Bedanken könnt ihr euch für dieses erneut sehr zügige Update bei abgemeldet, welcher auch mein eigener, aufrichtiger Dank gebührt. Nicht nur ihre bezaubernden Geschichten haben mein eigenes Autorenherz angespornt, auch die stimulierende Konversation über alles und nichts haben eine längst abgekühlte Glut neu entfacht und wer weiß: So, wie es aktuell voran geht, ist es wahrscheinlich, dass die Geschichte noch dieses Jahr ihr Ende findet.

Für alle, die es interessiert: Ich habe das ganze Kapitel über den Soundtrack von Gaunter O'Dimm gehört, ein Meisterwerk aus dem Videospiel "The Witcher 3". Ich werde an der Stelle nicht darauf eingehen, dass er einer der beeindruckendsten, schauderhaftesten Videospielantagonisten der letzten 10 Jahre ist (auch wenn es mir wirklich in den Fingern juckt), aber sein Theme ist so eery, dass es für mich hervorragend zu dem Kapitel und den langsam entgleisenden Ereignissen passt.

Ich wünsche euch sehr viel Spaß mit diesem Kapitel und bis zum nächsten Mal Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
JUNGE. Was ein Ritt. Ich bin im Urlaub, aktuell ist das Wetter madig und so habe ich mich heute Mittag an diesen versifften, alten Laptop gehockt und dieses Kapitel in die Tasten gehauen - größtenteils am Strand. Das Programm auf diesem PC kann nicht einmal Wörter zählen, also keine Ahnung, ob ich zu viel aus meiner Erinnerung weggekürzt habe oder nicht.

Die zweite Hälfte habe ich ziemlich angedüdelt geschrieben, ich bitte also, zu verzeihen, wenn etwas ein wenig schräg klingt, LOL.

Hoffentlich habt ihr Spaß damit, das Wetter bleibt vorerst überschaubar, also schreibe ich an der Strandbar vielleicht weiter - VIELLEICHT

LG <3
Sonnensturm Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Ein wenig kürzer, als ihr es von mir gewohnt seid, liegt aber daran, dass wir hiermit den letzten Strang der Geschichte offiziell eingeleitet haben. Das Projekt nähert sich mit großen Schritten dem Ende ... und ich würde lügen, würde ich behaupten, dass mich das nicht ein wenig melancholisch stimmt.

Nun denn, viel Spaß und bis bald :) Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Ohje. Da bin ich wieder - viel zu spät.
Tja, der Alltagstrott hat mich wieder, im Guten wie im Schlechten.
Bin die letzten Wochen neben Arbeit kaum dazu gekommen, zu lesen, geschweige denn, zu schreiben, aber endlich bin ich fertig. Dadurch, dass es so lange gedauert hat, dieses doch recht lange Kapitel zu schreiben, weiß ich im Grunde gar nicht, was ich davon halten soll. Ich hoffe, es kommen keine Logikfehler darin vor, weil zu viel Abstand zwischen den einzelnen Schreibphasen war :/ Ich werde aber auch noch einmal darüber lesen, um etwaige Pannen zu finden und schnell zu beheben xD

Ich hoffe, ihr habt Spaß damit & bis hoffentlich bald :)
Sonnensturm Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
BUONA SERA!

Diesmal war ich zackig, hehe! Ich hab mich richtig beeilt, nachdem ihr mir wieder so viel lieben Zuspruch zuteil habt werden lassen und ich richtig motiviert bin, diese Geschichte endlich zu einem (HOFFENTLICH) gebührenden Ende zu führen! Habe mich dagegen entschlossen, zwei lange Kapitel zu machen und stattdessen noch einmal ein etwas kürzeres eingebaut. Ich SCHÄTZE, dass jetzt noch 2 kommen werden - und dann war's das ;___; Yep. Dann war's das!

Ich wünsche euch einen schönen Restsonntag von diesem langen Wochenende und bis hoffentlich bald! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Okay. Es tut mir Leid.

Aber ich bin gerade dabei, die letzten Szenen zusammen zu schreiben und dann merke ich, dass wir ein Problem haben. Ich bin aktuell zusammen bei knapp 15k Wörtern und ich habe noch nicht einmal die Hälfte der Szenen aufgeschrieben, die ich noch einbauen wollte, LOL. Und das OHNE(!) den Epilog.

Deswegen gibt es jetzt NOCH ein kürzeres Kapitel - schlicht, weil in den letzten Szenen keine Stelle mehr gekommen ist, außer dieser hier, wo ich einen Cut hätte setzen können. Irgendwie entartet das alles. Auf den letzten Metern kommen noch Sachen dazu, die ich so nicht geplant hatte und naja.

Das sozusagen nächste Kapitel ist jetzt schon bei knapp 9k Wörtern und ich hoffe, dass es nicht noch wesentlich mehr wird, denn teilen will ich das wirklich nicht mehr (wie gesagt, gibt keine passende Szene für).

Naja, irgendwie alles doof, aber auch irgendwie ganz gut, weil ich dann noch dazu komme, weiter zu schreiben. Und euch 'n verdammt fiesen Cliffhanger zu geben, lööööl.

Ich hoffe, das Kapitel gefällt euch!

(und ja, "Feuer und Blut" ist eine Hommage an Game of Thrones, man möge mir verzeihen, ich konnte es mir nicht verkneifen!) Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
So, Freunde der Sonne!

Das letzte Kapitel der Geschichte. Jetzt fehlt nur noch der Epilog ... Was eine wilde Reise, wirklich und wahrhaftig.

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, was ich sagen soll, lol, mir fehlen hier gerade die Worte ...

Ich hoffe, ihr habt ein vorletztes Mal viel Freude beim Lesen und ein großes Dankeschön an alle, die bis hierhin durchgehalten haben! Komplett anzeigen

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Beruflicher Ehrgeiz

Das Knistern einer frisch entzündeten Zigarette durchbrach die schläfrige morgendliche Stille in einem kleinen Appartement mitten in New York City, gefolgt von dem beinahe inbrünstigen Schnauben, mit dem eine junge Frau den Rauch in die kühle Luft ihres Arbeitszimmers blies.

Es war ein Leiden und noch dazu schlecht für ihre Gesundheit, das wusste sie nur zu gut, doch ihr Boss und seine absurden Deadlines, die für sie ein klein wenig schärfer zu sein schienen, als für ihre männlichen Arbeitskollegen, machten es ihr vorerst unmöglich, damit aufzuhören. Ihr verfluchter Stolz und beruflicher Ehrgeiz waren die beiden anderen Sargnägel in dem Bestreben, die Zigaretten für immer zur Seite zu legen.

Es war eben jener Ehrgeiz, der sie zu dieser gottlos frühen Stunde hatte aufstehen und sich zurück an die Schreibmaschine setzen lassen. Sie liebte die alte Maschine heiß und innig, obschon sie schnörkellos und simpel war, denn sie war das Memento ihrer verstorbenen Mutter, welche es ihrerseits von ihrer Mutter geerbt hatte. Nun stand sie vorwurfsvoll still vor ihr und das Papier, welches sie die Nacht zuvor fein säuberlich eingeklemmt hatte, war bis auf einen einleitenden Satz ebenso leer wie ihr Kopf sich anfühlte.

Zur ihrer Rechten stand ein dampfender Becher Kaffee, dessen dunkles, intensives Aroma ihre noch müden Lebensgeister belebte und zur ihrer Linken befand sich eine unordentliche Ansammlung von Entwürfen, ob verworfen oder aktuell und ihr nagelneues Diktiergerät. Sie wusste, dass sie ihre eigene erschöpfte Stimme einige banale Details zu ihrer aktuellen Story würde herunter rattern hören, sollte sie sich dazu entscheiden, auf den Play-Button zu drücken.

Ein Seufzer entwich ihren geschwungenen, an einigen Stellen aufgeplatzten Lippen, als sie die zartgliedrigen Finger ihrer freien Hand durch ihr wild zerzaustes, sonderbar rosanes Haar fuhr. Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, es zu kämmen, denn Sakura war eigentlich kein Morgenmensch, Ehrgeiz hin oder her. Normal verhinderten ihre obskur anmutenden Arbeitszeiten ein Aufstehen am frühen Morgen, aber irgendetwas hatte sie in dieser Nacht so geschickt um den Schlaf gebracht, dass sie es schlussendlich aufgegeben hatte, als die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg über die Dächer New Yorks und in ihr Schlafzimmer gefunden hatten.

Nun, es war nicht irgendetwas – tatsächlich wusste sie ganz genau, wo der Hase im Pfeffer lag, aber es war zu früh, um sich mit diesem Problem auseinander zu setzen, zumal unmittelbar vor ihr ein viel dringlicheres war: Der Artikel über die U-Bahn-Systeme New Yorks war morgen fällig und sie hatte bis jetzt nicht mehr zusammengebracht, als das Datum der erstmaligen Inbetriebnahme zu vermerken. Ihr Boss würde sie öffentlich lynchen lassen, wenn sie das vergeigte. Er hatte sich mit Zähnen und Klauen dagegen gewehrt, eine Frau einzustellen, doch ihre erstklassigen Noten an der Columbia hatten ein derart starkes Plädoyer für sie gesprochen, dass er letzten Endes doch eingewilligt hatte – unter dem unausgesprochenen Vorbehalt, dass sie doppelt und dreimal so hart arbeiten musste, wie jeder andere im Büro.

War das fair? Gewiss nicht.

Aber ihre Mutter hatte sie schon als kleines Mädchen darauf vorbereitet, wie es sein würde, eine Frau mit Verstand, Träumen und Ambitionen zu sein. In einem Moment erlaubte sie sich, den ziehenden Schmerz in ihrer Brust zu fühlen, wie immer, wenn sie an ihre geliebte Mutter dachte, im nächsten Moment drückte sie mit grimmiger Entschlossenheit die Überreste ihrer Zigarette aus und trank einen großen Schluck Kaffee, der immer noch so heiß war, dass er sie aufkeuchen ließ.

Sie hatte keine Zeit, um Trübsal zu blasen, ohnehin würde ihre Mutter das nicht für sie wollen. Sakura wusste, dass ihre Mutter stolz darauf wäre, dass sie als eine der wenigen Frauen ihre Bildung auf der Columbia University genossen hatte und in ihrer Arbeit vollkommen aufging.
 

Eine Weile kritzelte sie Ideen auf einen leeren Zettel, den sie in dem unübersichtlichen Haufen gefunden hatte, glich ihre Informationen mit Zeitungsartikeln der Vergangenheit ab und studierte Fotos, die sie selbst mit ihrer brandneuen Leica Kamera geschossen hatte, das erste und einzige Zeichen von Wertschätzung ihres Bosses. Er hatte sie ihr vor einem Jahr geschenkt, als sie ganz neu auf den Markt gekommen war und ihr dabei einen Blick geschenkt, den sie nicht hatte deuten können.

Die schwarzweißen Haltestellen und Zugwagons sahen opulent und seltsam futuristisch aus und auch, wenn sie selbst oft die U-Bahn nutzte, um zur Arbeit zu kommen, konnte sie noch immer nicht glauben, dass etwas derart Fantastisches unter der Stadt schlummerte.

Vor ziemlich genau einer Woche hatte sie den Bürgermeister zu den 28 Stationen, den Linien und den Zukunftsplänen der U-Bahn interviewt und ihre Ergebnisse geradezu pedantisch in ihrem kleinen Notizbüchlein vermerkt. Dieses Interview würde den Kern ihres Artikel bilden, dessen war sie sich schon sicher, nun musste sie nur noch das Gerüst darum herum erschaffen.

Als sie endlich anfing, die ersten Sätze abzutippen, schwang die Tür zu ihrem Zimmer auf und ihre Mitbewohnerin und beste Freundin Ino tauchte im Rahmen auf. Sie wirkte vollkommen übermüdet und ob sie noch wach war oder gerade erst aufgestanden war, vermochte Sakura nicht zu sagen.

»Morgen«, murmelte die Blondine »Was machst du denn schon wach?«

»Konnte nicht schlafen«, antwortete Sakura wahrheitsgemäß, nachdem sie sich auf ihrem Stuhl umgedreht hatte, um ihrer Freundin ordentlich ins Gesicht schauen zu können, »Und du? Noch oder wieder wach?«

Ino runzelte die Stirn. »Noch. Morgen fangen die Klausuren an.« Ino studierte ebenfalls Journalismus. Laut ihrer eigenen Aussage war Sakura dafür die Inspiration gewesen, doch da sie zwei Semester nach ihr erst angefangen hatte, studierte sie noch immer, während Sakura bereits im Berufsleben stand. Dank der ausgezeichneten Kontakte ihres Vaters war es für Ino kein Problem gewesen, sich an die New York University einschreiben zu lassen und es würde für sie auch kein Kampf werden, einen Job zu finden, wofür Sakura sie in stillen Momenten manchmal beneidete. Es war albern, immerhin hatte sie einen Job und dennoch kam sie nicht umhin, eifersüchtig auf die Selbstverständlichkeit zu sein, mit der ihre Freundin alles tun und lassen konnte, wonach ihr der Sinn stand.

»Viel Glück«, wünschte sie ihr aufrichtig, »Wenn du möchtest, in der Küche steht noch Kaffee. Für einen Becher sollte es noch reichen.«

Demonstrativ schnupperte Ino an der Luft und verzog ihr hübsches Gesicht zu einer Grimasse, als sie den kalten Rauch roch. »Ich habe dich doch schon mindestens einhundert Mal gebeten, nicht in der Wohnung zu rauchen, Sakura«, meckerte sie naserümpfend.

»Alles klar, dann gehe ich in Zukunft einfach auf den Balkon.«

»Wir haben keinen Balkon, Sakura.«

»Ach?« Sakura warf ihrer besten Freundin einen vielsagenden Blick zu, was Ino mit einem Schnauben quittierte.

»Dann mach' doch wenigstens das Fenster auf«, verlangte sie, ehe sie sich umdrehte und das Zimmer in Richtung Küche verließ.

»Stimmt, der Gestank der Autos ist natürlich viel besser«, brummte Sakura zu sich selbst, ehe sie aufstand und Ino in die Küche folgte.

Bei ihrem Appartement hatten die beiden einen absoluten Glückstreffer gelandet. Neben ihrem Arbeitszimmer gab es noch ein Zimmer für sie, eines für Ino und natürlich ein Badezimmer und die Küche. Für die ungewöhnliche Größe war der Preis auch noch erschwinglich, aber dafür war die Wohnung auch entsprechend alt. Da aber weder Ino, noch sie selbst Anstoß daran genommen hatten, war der Vertrag schnell unterschrieben worden.

Im Winter fluchten sie beide zwar darüber, dass es in der Wohnung zog und nie richtig warm wurde, aber das war ein geringes Opfer, dafür, dass beide so günstig zentral leben konnten.

»Wie kommst du mit deinem Artikel voran?«, erkundigte sich Ino, während sie sich etwas von dem noch heißen Kaffee in eine Tasse goss. Sakura verzog das Gesicht, als sie die Blondine dabei beobachtete, wie sie löffelweise Zucker in die Tasse schaufelte.

»Mit der Recherche bin ich fertig.«

Ino lachte schnaubend. »Das will ich hoffen, wenn du ihn morgen einreichen musst«, entgegnete sie sarkastisch und trank einen großen Schluck von ihrem überzuckerten Kaffee.

Sakura zuckte nur mit den Achseln und trank selbst auch noch einen Schluck Kaffee. Langsam spürte sie, wie seine Wirkung sich in ihrem Kreislauf entfaltete und sie schon deutlich weniger erschöpft war, als noch vor zehn Minuten.

»Und wie sieht es mit der anderen Sache aus?«, flüsterte Ino, als könnte jemand die beiden belauschen und betrachtete sie mit großer Neugierde.

»Ich sollte an meinem Artikel weiterschreiben«, antwortete sie ausweichend, was Ino dazu veranlasste, ihre perfekt gezupften Augenbrauen nach oben zu ziehen.

»Immer ein Vergnügen«, rief Ino ihr hinterher, was Sakura zu einem Grinsen animierte.
 

Drei Stunden später war der Artikel soweit fertig und Sakura zufrieden mit dem Ergebnis. Gewiss, es gab spannendere Dinge zu berichten, als über die New Yorker U-Bahn, aber die brisanten Themen waren bisher ausschließlich ihren Kollegen vorbehalten.

Das störte sie weniger, als es sollte, aber sie hatte in ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn gelernt, dass es schlauer war, sich unterzuordnen und auf eine Chance zu warten, als offen heraus zu rebellieren. Wenn sie nicht für die Times arbeitete, würde sie überhaupt nicht schreiben und all die unveröffentlichten Storys, die sie in ihrem Regal hütete, würden auch weiterhin unveröffentlicht bleiben.

Ihre Zeit würde kommen, dessen war sie sich sicher und mit diesem Bewusstsein machte sie sich fertig, um in das Großraumbüro der Times zu fahren. Stirnrunzelnd betrachtete sie sich im Spiegel, während sie sich das Kostüm glatt strich, welches sie so sehr verabscheute und welches dennoch genau den Zweck erfüllte, sie professionell aussehen zu lassen. Ihr Haar hatte sie zu einem praktischen Knoten hochgesteckt und ihre Lippen und Augen waren dezent geschminkt. Gerade genug, um nicht als einfacher Bauerntölpel durchzugehen und zu wenig, um extravagant und abgehoben auszusehen.

Sakura schnappte sich ihre Schlüssel und ihre Tasche, in der sie den sorgsam eingebundenen Artikel verstaut hatte und verschwand aus der Wohnung, nicht aber ohne sich vorher noch einmal von Ino zu verabschieden. Diese grunzte irgendetwas als Antwort, während sie in ihrem Zimmer über einem Zettelhaufen gebeugt saß und sich die Haare raufte.
 

Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel, als Sakura mit ihren Stilettos auf die belebten Straßen der Großstadt trat und sich prompt nach einem Taxi umsah. Immer, wenn sie mit einem fertigen Artikel zum Büro fuhr, nahm sie sich ein Taxi, wenngleich es länger dauerte, als mit der U-Bahn. Es gab ihr ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle und auch, wenn es höchst unwahrscheinlich war, am Tag mitten auf der Straße ausgeraubt zu werden, wollte sie jedwedes Risiko eliminieren, dessen Eliminierung in ihrer Macht lag.

Es dauerte nicht lang, bis ein Taxi neben ihr anhielt. Der Fahrer tippte sich zur Begrüßung an den Hut und wartete darauf, dass sie ihm die Adresse nannte. Als er erkannte, wohin sie wollte, drehte er sich um und musterte sie – keine seltene Reaktion -, aber er sagte nichts, außer: »Dann wollen wir mal, Mademoiselle.«

Glücklicherweise war der Fahrer einer von der seltenen Sorte, die ihre Kunden nicht mit inhaltlosen Fragen und Floskeln überhäufte und dafür war Sakura sehr dankbar. Es gab ihr die Zeit, aus dem Fenster zu schauen und die vielen Menschen zu beobachten, die gehetzt in Anzug und Kostüm zur Arbeit hasteten. Der Stress und der Zeitdruck schien ein Markenzeichen der Bewohner von New York zu sein und ebenso sehr zum Stadtbild zu gehören, wie die Hochhäuser, die sich dem Himmel entgegen streckten.

Sie verloren die ein oder andere Minute an die unzähligen Baustellen auf der Straße, aber am Ende kamen sie trotzdem pünktlich bei dem Gebäude der Times an. Sakura staunte immer noch jedes Mal, wenn sie davor stand und manchmal kam es ihr absurd vor, dass sie es tatsächlich geschafft hatte, dort einen Job zu ergattern.

Der Fahrer bedankte sich mit der selben Geste bei ihr, mit der er sie begrüßt hatte, nachdem sie das Fahrtgeld und etwas Trinkgeld aus ihrem Portemonnaie gezählt und ihm in die Hand gedrückt hatte.

Ihr Rock umwehte ihre Beine, als das Auto unmittelbar neben ihr beschleunigte und zurück auf die Straße fuhr, um den nächsten Fahrgast zu finden. Noch einmal strich sie sich die Jacke ihres Kostüms glatt, ehe sie mit zielstrebigen Schritten auf die massiven marmornen Treppen zuschritt, die zu dem großen Eingangsportal der Times führten. Auf dem makellosen Fenster, welches in die imposante, polierte Holztür eingefasst war, stand in großen, goldenen Lettern „Times“ und etwas kleiner die Anschrift und Öffnungszeiten der Büros.

Mit erhobener Hand grüßte sie die Empfangsdame, die ihr freundlich zunickte, ehe sie zu den Aufzügen gegenüber des Eingangsbereichs ging und mit wippenden Füßen auf dessen Ankunft wartete. Am Ende überkam sie doch wieder die vertraute Nervosität, die sie jedes Mal verspürte, wenn sie ihrem Boss etwas vorlegen musste, wenngleich es bis jetzt noch nie eine Existenzberechtigung für diese Nervosität gegeben hatte. Auch wenn ihr Boss sie immer mit gereiztem Gesicht empfing und mit knappen Worten abspeiste, hatte er noch nie etwas Schlechtes über ihre Arbeit gesagt. Man sah ihm überdeutlich an, dass es ihn störte, dass sie ihm keinen Grund zur Kritik gab, aber er war professionell genug, um seinen Mund zu einem schmallippigen Strich zu verziehen und seine Bemerkungen mitsamt seinem Stolz herunter zu schlucken. Dafür schätzte Sakura ihn mehr, als sie sollte, aber sie war dankbar für jedes bisschen Entgegenkommen, selbst wenn dies eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Mit einem Klingeln riss der Aufzug sie aus ihren Gedanken. Sie musste ganz nach oben und wie immer konnte sie es kaum erwarten, die Aussicht des Büros ihres Bosses zu genießen. Er konnte von seinem beachtlichen Ledersessel aus über die gesamte Stadt blicken, ein metaphorisches Sinnbild dafür, dass er tatsächlich über der Stadt zu stehen schien. Es gab nichts, was in den unzähligen Straßen passierte, was ihm entging und nichts, was die Großen taten, blieb ihm verborgen. Er genoss hervorragende Kontakte zu den besten Kreisen und hatte entsprechenden Einblick und Macht.

Die wenigen Arbeitskollegen, die so früh schon da waren, grüßten sie mit erhobener Hand, was sie mit gleicher Geste und einem milden Lächeln erwiderte. Der ganze Raum ihres Büros war voll von Eichentischen, die unter der Last der zahllosen Akten, Zeitungen und Notizzettel förmlich zu bersten schienen, allerdings waren nur die wenigsten davon bereits besetzt.

Es war ungewöhnlich still, war doch sonst die Luft erfüllt von dem eifrigen Tippen und den Gesprächen der Mitarbeiter. Sakura tänzelte geschickt an den überquellenden Tischen vorbei, ohne etwas herunter zu werfen und strich sich ein letztes Mal die Kleidung glatt, ehe sie an der glänzend polierten Tür klopfte, auf der auf Augenhöhe der Name ihres Bosses aufgedruckt war: Kakashi Hatake.

»Herein«, rief er, nachdem er sie gerade so lange hatte zappeln lassen, dass sie nicht ein zweites Mal klopfte. Sie kam seiner Aufforderung nach und öffnete die Tür und wurde prompt von Zigarettenrauch überwältigt. Kakashi qualmte wie der Schlot eines Industriegebäudes und entsprechend roch es auch in seinem Büro.

Mit einem knappen Nicken nahm er sie zur Kenntnis und forderte sie mit einer ausladenden Handbewegung auf, Platz zu nehmen. Wieder tat sie, wie geheißen und setzte sich auf den unbequemen Stuhl, der jedem Besucher deutlich machte, was er war im Vergleich zum Chefredakteur der Times, dessen muskulöser Rücken von weichem Leder umhüllt wurde.

Mr. Hatake richtete sich seine Krawatte, ehe er eine halbleere Schachtel Zigaretten über den ordentlich aufgeräumten Tisch schob und Sakura, erneut wortlos, eine Zigarette anbot.

Mit knapp bemessenen Worten bedankte Sakura sich, nahm sich eine Zigarette und lehnte sich dann über den Tisch, um sich das von Mr. Hatake dargereichte Feuer geben zu lassen. Kakashi war ein Arsch, ja, aber ein höflicher Arsch.

»Nun, Ms. Haruno«, begann er und musterte sie mit dezentem Interesse, »Was verschafft mir die Ehre am frühen Morgen?«

Zur Antwort legte sie die Zigarette auf dem kristallinen Aschenbecher ab, in dem schon der ein oder andere Stummel lag und zog in einer fließenden Bewegung den ordentlich gebundenen Artikel aus ihrer Tasche und schob ihn ihrem Boss über den Tisch zu.

Mr. Hatake hob überrascht eine Augenbraue. »Ihren Artikel hatte ich erst morgen früh erwartet«, bemerkte er, doch es lag kein Vorwurf in seiner Stimme; anders, als sie erwartet hatte. Bisher hatte sie es ihm nie recht machen können, was den Abgabezeitpunkt betraf und die Abwesenheit von Kritik war das beste Lob, das sie bis dato bekommen hatte.

»Nun, ich bin heute damit fertig geworden und ich habe keinen Grund darin gesehen, ihn nicht umgehend vorbei zu bringen«, antwortete sie höflich, ehe sie genüsslich an ihrer Zigarette zog und den Rauch ausblies.

»Und sie haben ihn noch einmal Korrekturgelesen, ja?«

Sakura zwang sich, nicht genervt mit den Augen zu rollen und nickte bejahend.

»Sehr schön, wir alle haben in ruheloser Erwartung ihres Beitrags schon gespannt den Atem angehalten.« Oh ja, ihr Boss war ein Arsch. Empörung wallte in ihr auf, trotzdem bewahrte sie ihren berufsmäßig neutralen Gesichtsausdruck und lies sich nichts anmerken. Sie hatte schon zu viel Übung darin, die bissigen Kommentare ihres Bosses über sie hinweg wehen zu lassen, ohne sich eine Blöße zu geben, da würde sie heute auch nicht damit anfangen.

Als ihrem Gegenüber klar war, dass sie nicht auf seine spöttische Bemerkung eingehen würde, kniff er kaum merklich die Augen zusammen und nahm ihren Artikel zur Hand. Einige Minuten saßen sie schweigend Gegenüber und Kakashi Augen flogen nur so über ihre Zeilen und Worte. Ein Kräuseln seiner Lippen verriet ihm, dass er fertig war und – sehr zu seinem eigenen Unmut – mal wieder nichts Schlechtes zu sagen hatte.

»Etwas nicht zu Ihrem Gefallen?«, feixte sie triumphierend und genoss das seltene und flüchtige Gefühl, die Oberhand zu haben. In dieser Branche zählte jeder Sieg und sie stellte sicher, dass sie jeden davon voll und ganz auskostete.

Er murrte etwas Unverständliches, ehe er sie mit einer Handbewegung entließ und die gebundenen Papiere vor sich auf den Tisch warf. Sakura verbeugte sich, noch immer mit breitem Grinsen auf den Lippen und verließ koketten Schrittes Mr. Hatakes Büro.

Plötzlich schwang hinter ihr die Tür zum Büro ihres Chefs noch einmal auf und Kakashis Gesicht tauchte auf. »Ach, eines noch, Ms. Haruno. Ich habe die Fotos gesehen, die Sie in der Dunkelkammer entwickeln. Ich würde Ihnen dringendst davon abraten, in dieser Sache weiter zu recherchieren. Zumindest, wenn Ihnen ihr monatlicher Gehaltsscheck etwas bedeutet.« Damit knallte er mit einer Wucht die Tür zu, dass auf dem Tisch in unmittelbarer Nähe ein Stapel Papiere auf den Boden klatschte. Sakura verzog das Gesicht und als sie sich wieder umdrehte, bemerkte sie, dass sämtliche Augen auf ihr ruhten. Sie lächelte gequält und entschuldigte sich für das Chaos, ehe sie eiligen Schrittes das Sammelbüro verließ und sich auf den Weg zu besagter Dunkelkammer machte.

Bevor sie den Raum betrat, spähte sie die Flure entlang und stellte sicher, dass niemand sie sah. Dunkelrotes, dämmriges Licht, welches ihr immer den Eindruck vermittelt hatte, in die Hölle höchstselbst zu treten, empfing sie. Sie sprach ein stummes Gebet zum Himmel, dass niemand hier war und hastete zu der Ecke, in der sie zwei Bilder mit Klammern an einer Leine aufgehangen hatte. Und tatsächlich: Als sie ankam, hingen sie noch immer dort. Trotz seiner Wut über die Existenz dieser Schnappschüsse hatte Kakashi sie nicht herunter gerissen und weggeschmissen, was Sakura einen erleichterten Seufzer entlockte.

»Du hast diese Bilder also geschossen.« Sakura entfuhr ein spitzer, schlecht unterdrückter Schrei. Als sie sich umdrehte, sah sie, wie einer ihrer Arbeitskollegen, Sai, aus einer stockfinsteren Ecke hervortrat und sie mit stoischer Miene musterte. Sai war der beste Fotograf, den die Times derzeit zu bieten hatte und galt als Pionier auf diesem Gebiet. Keiner fing Emotionen so gut ein, wie er und keiner konnte so phänomenal Panoramen und Stadtlandschaften inszenieren. Bisher hatten sie noch nicht viel miteinander gesprochen, doch Sai schien von allen Arbeitskollegen am ehesten gewillt zu sein, mit einer Frau zusammen zu arbeiten.

»Musst du mich so erschrecken?«, schimpfte sie vorwurfsvoll und fuhr sich mit der Hand an die Stelle ihrer Brust, unter der ihr Herz noch immer wie wild pochte.

»Tut mir Leid«, antwortete er und hörte sich dabei so an, als würde er etwas Einstudiertes sagen, von dem er glaubte, dass es gesagt werden müsste und nicht wie eine ehrliche Entschuldigung. »Also. Sind das deine Bilder?« Er nickte mit dem Kopf in Richtung der beiden Bilder, die hinter ihr hingen.

»Du scheinst die Antwort bereits zu wissen, also wieso fragst du mich?« Für einen Moment wunderte sie sich darüber, dass sie sich einfach so dutzten, ohne vorher je viele Worte miteinander gesprochen zu haben, doch sie beschloss, dass das nicht weiter wichtig war.

»Es interessiert mich einfach. Ich würde es gern aus deinem Mund hören. Auf Gerüchte gebe ich nicht viel.« Er sprach genauso abgehackt wie immer, was sich in Sakuras Ohren irgendwie falsch anhörte.

»Ja, es sind meine«, bestätigte sie also seine Annahme. Zögerlich drehte sie sich um und fischte eines der beiden Bilder von der Leine und betrachtete es eingehend. Ein Mann war darauf zu sehen, Anfang 30 und – sehr zu ihrem Ärgernis – so umwerfend hübsch, dass er selbst als Schwarzweißporträt in ihren Händen atemberaubend war. Er war in einen maßgeschneiderten Anzug gewandet, der ihm wie eine zweite Haut passte und jeden perfekt definierten Muskel seines Körpers so akzentuierte, dass sie hatte schlucken müssen, als sie ihn das erste Mal sah. Sie hatte das Foto aus der Ferne von ihm geschossen und dafür Kopf und Kragen riskiert, denn bei dem Mann handelte es sich um Sasuke Uchiha, einen der mächtigsten Männer der Stadt und vielleicht sogar des ganzen Landes. Auf dem Papier verkaufte er motorisierte Wagen der teuersten Klasse und das sowohl im In- als auch Ausland, doch Sakura hatte Grund zur Annahme, dass der Mann Dreck am Stecken hatte.

»Wie so viele Reiche«, dachte sie säuerlich.

Er war ihre Chance, das wusste sie. Ihre Chance auf einen beruflichen Durchbruch, auch wenn Kakashi ihr das Gegenteil versprochen hatte. Er war gleichzeitig auch das schwelende Problem, welches sie heute Nacht wach gehalten hatte, indem sie sich über ihn den Kopf zerbrochen hatte. Mehr als einmal hatte sie sich jedoch dabei erwischen müssen, dass sie eher an sein hübsches Gesicht, als an die Gerüchte gedacht hatte, die über ihn kursierten.

»Was hast du damit vor?«, fragte Sai nach und etwas in seiner Körpersprache schien umzuschalten. Auf einmal wirkte er nicht mehr aalglatt und vollkommen emotionslos. In der rötlichen Dunkelheit des Raums konnte sie einen glühenden Ausdruck in seinen Augen erkennen. Einen Ausdruck, den sie selbst von sich zu gut kannte: Hunger. Hunger nach einer Sensation, nach der Story.

Sakura seufzte und legte das Bild so auf den Tisch vor ihr, dass auch Sai es eindeutig erkennen konnte. »Ich wollte über Mr. Uchiha recherchieren und was an den Gerüchten dran ist, dass er gegen die Prohibition arbeitet und einen Schwarzmarktmonopol für Alkohol aufgebaut hat.«

Sai pfiff erstaunt durch die Zähne und lehnte sich mit den Händen auf den Tisch, um sich besser über das Bild beugen zu können. Eine Weile betrachtete er die in Stillstand verewigten Gesichtszüge des jungen Entrepreneurs. »Nicht schlecht, aber wie bist du darauf gekommen?«

»In einer Episode von jugendlichem Größenwahn«, antwortete sie wahrheitsgemäß. In dem dunkelroten Licht erkannte sie ein breites Lächeln auf seinen Lippen.

 

 

Der Teufel liegt im Detail

Das geschäftige Treiben der Menschen und der Straßenlärm blieben hinter der gläsernen Außenfassade des kleinen Cafés ausgesperrt. Im Café hingegen war die Luft erfüllt von einer bunten Mischung aus dutzenden Gesprächen, dem lauten Knirschen von Kaffeemühlen und Jazzmusik, die Sakuras Meinung nach etwas dezenter hätte sein können. Die Atmosphäre war beinahe ü​berwältigend und sie erwischte sich selbst mehr als einmal dabei, wie sie sich von der nervösen Energie anstecken ließ und auf ihrem schicken Stuhl mit einem Überzug aus braunem Vinyl hin und her rutschte oder mit einem Bein wippte.

Vor ihr stand eine schlichte weiße Porzellantasse mit einem Cappuccino, den die nette Barista liebevoll zu einem Rankenmuster aufgeschäumt hatte. Er sah so schön aus, dass sie es bisher noch nicht über sich gebracht hatte, einen Schluck davon zu nehmen, wenngleich dies eine Verschwendung war. Sie kam öfter in dieses Café, aus ganz unterschiedlichen Gründen und wusste, dass der Kaffee so herrlich schmeckte, wie das intensive Aroma, welches den überschaubaren Raum erfüllte, vermuten ließ.

Neben der Tasse stand ein Teller mit einem Stück Kirschkuchen, besser gesagt den krümeligen Überresten dessen und auf der Mitte des Tischs waren einige Notizzettel verteilt, über welche sie und Sai sich in diesem Moment beugten. Schon seit knapp zwanzig Minuten berieten sie sich darüber, wo genau Sakura überhaupt mit ihrer Recherche über Sasuke Uchiha anfangen soll und sie war richtig erleichtert darüber, in Sai einen unverhofften Verbündeten gefunden zu haben. Seine Einwände waren klug und gut überlegt und zeugten davon, dass er schon ein paar Jahre länger in dieser Branche arbeitete, als sie selbst.

»An ihn persönlich heran zu kommen ist im Moment nahezu vollkommen ausgeschlossen. Ohne eine gehörige Portion Glück wird dir das nicht gelingen, zumal deine Haarfarbe...«

»Zu auffällig für verdeckte Ermittlungen ist?«, beendete sie seinen Satz und setzte ein schiefes Grinsen auf. »Tatsächlich ist das einzige Problem, das wir nicht haben.« Sai zog überrascht und neugierig die Augenbrauen hoch, was Sakura ein Lachen entlockte. »Meine Mitbewohnerin Ino hat eine Perückensammlung, die sowohl beeindruckend, als auch besorgniserregend ist«, erklärte sie ihm.

»Gut, dann ist zumindest das vom Tisch, allerdings ist Mr. Uchiha niemand, der für seine öffentliche Präsenz und sein Bedürfnis, mit Menschen zu interagieren, bekannt ist. Wenn du einfach so zu seinem Autohaus gehst und ihm Fragen stellst, kannst du die ganze Sache genauso gut direkt an den Nagel hängen«, wand er ein.

Sakura nippte an ihrem Cappuccino und leckte sich den Milchschaum von der Lippe. »Natürlich nicht. Für wie naiv hältst du mich? Mir war durchaus bewusst, dass ich nicht einfach zu ihm gehen und ihn nach seinen geheimen Machenschaften fragen kann und er gesteht mir dann auch direkt alles. So einfach ist es nie.« Sakura zog eine Grimasse. Bisher hatten sie nicht viel erreicht. Jeder Vorschlag, den sie dargebracht hatte, wurde direkt abgewürgt oder mit durchaus logischen Argument entkräftet.

»Ich könnte vorgeben, ein Automobil erwerben zu wollen«, schlug sie halbherzig vor, was direkt von dem gleichen irritierten, ungläubigen Blick kommentiert wurde, wie jede andere ihrer bisherigen Ideen.

»Nimm' mir das bitte nicht persönlich, Sakura, aber ist das dein Ernst?«

Sakura seufzte. Es war tatsächlich nicht besonders üblich, dass eine Frau ein Automobil erwerben wollte, das wusste sie selbst. Gewiss gab es genug Frauen in New York, die wussten, wie man Auto fährt, doch der überwältigende Großteil der Käufer und Nutzer von Automobilen waren Männer. Schlicht, weil sie so viel mehr verdienten, als Frauen. Sie würde schon eine ausgesprochen gute Erklärung dafür liefern müssen, wieso sie sich das leisten konnte. Eher eine ausgesprochen gute Lüge, denn sie konnte sich kein Automobil leisten, vermutlich nicht einmal die leere Karosserie.

»Und was fällt dir dann ein? Willst du es damit versuchen, vorzugeben, etwas von ihm kaufen zu wollen?«

Sai zuckte mit den Achseln und wirkte wieder wenig überzeugt. Langsam breitete sich Frustration in Sakura aus. »Und dann? Selbst wenn ich es mir leisten könnte – was ich nicht kann –, was dann? Ich kaufe einfach ein Auto und damit ist gut. Ich glaube nicht, dass ich interessant genug wäre, um darüber hinaus mit mir in Kontakt zu bleiben. Ich besitze... nicht die gleichen Reize, wie du.« Ein wissendes Lächeln umspielte seine Lippen, als hätte er einen Witz gerissen, den nur er selbst verstand.

»Was möchtest du denn damit andeuten?«, hakte sie mit spitzer Stimme nach. Sie war auf der Arbeit, hauptsächlich dank ihres gemeinsamen Bosses, schon mit genug Sexismus konfrontiert.

Sai ließ sich von dem Wechsel ihrer Tonart nicht beeindrucken und zuckte nur mit den Schultern. »Ich meinte das nicht böse, sondern ernst. Die Chancen, dass Mr. Uchiha einen neuen Freund sucht, sind verschwindend gering, aber eine Freundin? Vor allem, wenn sie so bezaubernd ist, wie du?« Sakura errötete und wandte beschämt den Blick ab, denn mit diesem Kompliment hatte sie nicht gerechnet, viel mehr damit, dass er sich über ihr sonderbar rosanes Haar lustig machte.

»Jetzt schmeichelst du mir«, empörte sie sich gespielt und winkte ab.

»Ganz und gar nicht Sakura«, widersprach er ihr kopfschüttelnd, »Deine weiblichen Reize und deine Intelligenz könnten uns eine Brücke sein, aber wenn du mich fragst, wie wir dich dafür inszenieren sollen, bin ich ehrlich überfragt.«

Sakura presste die Lippen aufeinander und fuhr mit ihren Fingern den Henkel der Tasse nach, deren Inhalt mittlerweile nur noch lauwarm war. »Stimmt, einfach dort auftauchen kann ich schließlich nicht, das hatten wir bereits erläutert...« Danach verfielen sie in nachdenkliches Schweigen.

Seufzend nahm sie einen Schluck von ihrem Cappuccino und ließ ihre Gedanken kreisen. Irgendwie mussten sie es schaffen, in die Nähe von Mr. Uchiha zu kommen. Von außen würden sie keine Anhaltspunkte über seine verschleierten Geschäfte bekommen, denn wenn dem so wäre, so hätte schon längst ein anderer Mr. Uchihas Machenschaften publik gemacht. Und mit ihm in Kontakt zu treten war nur der erste Schritt.

Ein pochender Schmerz nistete sich hinter ihren Schläfen ein, wie immer, wenn sie über Probleme nachdachte, ohne dabei einer Lösung näher zu kommen, sodass sie sich abwesend die ziepende Stirn massierte. In letzter Zeit war dieser Schmerz ihr ständiger Begleiter geworden und Ino hatte sie bereits dafür gescholten, dass sie so viel Schmerzmittel zu sich nahm. Sie fühlte eine warme Woge der Zuneigung bei dem Gedanken an ihre beste Freundin, die so ziemlich der einzige Mensch in ihrem Leben war, der sich noch Sorgen um sie machte.

Sie war dabei nicht die Einzige, die in ihre gedankliche Welt abdriftete, auch Sai schien ratlos, sein leerer Blick war auf die Menschen gerichtet, die vor den gläsernen Fenstern über die Straße hetzten. Sein Blick verfinsterte sich und Sakura konnte ihm förmlich dabei zuschauen, wie er resignierte. »Es ist wirklich verzwickt«, brummte er und verschränkte die Arme vor der Brust, »Mir will einfach nichts einfallen.«

Sakura nickte abwesend und folgte seinem Blick nach draußen auf die Straßen New Yorks. Es lebten so viele Menschen in dieser Stadt, dass Sakura oft genug das Gefühl bekam, einfach in der Menge zu ertrinken. Manchmal fand sie Frieden in der Anonymität, die daraus resultierte, doch nur allzu oft fühlte sie sich einsam – trotz Ino, die sie so sicher an ihrer Seite wusste, wie die aufgehende Sonne nach einer langen Nacht.

»Ich glaube, wir gehen die Sache falsch an«, murmelte sie leise, fast andächtig, doch da Sai sie bei dem betriebsamen Lärm nicht verstehen konnte, bat er sie, sich zu wiederholen. »Ich glaube, wir gehen die Sache falsch an!«, sagte sie also etwas lauter und drehte ihren Kopf zu ihrem Arbeitskollegen um. »Überleg' doch mal. Wenn wir über andere große Persönlichkeiten recherchieren, wo fangen wir da an?«

Sai blinzelte sie verwirrt an, als verstünde er nicht, in welche Richtung Sakura nun ging und vor allem: was sie dort wollte. »Also ich fange meistens bei alten Zeitungsartikeln an. Über Dinge, die die Person bereits gemacht hat, um ein grobes Profil vom Charakter zu erstellen.«

Sakura schnippte erheitert mit den Fingern. »Siehst du? Wir waren die ganze Zeit schon bei Schritt zwei. Was hätten wir überhaupt davon, wenn es mir jetzt tatsächlich gelingen würde, mit ihm in Kontakt zu treten? Ich weiß so gut wie gar nichts über ihn, da ich seine öffentlichen Unternehmungen kaum in der Zeitung verfolge.«

Plötzlich hellte auch Sais Miene sich deutlich auf. »Natürlich!«, pflichtete er ihr bei, »Wir haben den Anfängerfehler Nummer eins gemacht-«

»Übermut!«, sprachen sie beide gleichzeitig den Rest seines Gedankengangs aus.

»Aber wie kommen wir ungehindert an die alten Artikel?«, warf Sakura ein und schob mit ihrer Gabel einige der Krümel auf dem Teller hin und her, »Kakashi hat mir sehr deutlich klar gemacht, was er allein von den geschossenen Bildern hält. Wenn er im Verzeichnis sieht, was ich aus den Archiven geholt habe, wird er mich ohne viel Federlesen rausschmeißen.«

Ein mysteriöses Lächeln erschien auf Sais Lippen. »Dann müssen wir also nur sicherstellen, dass er davon nichts mitbekommt«, schlussfolgerte er und zog eins der Blätter näher zu sich, um mit seinem schicken Füllfederhalter etwas aufzuschreiben, was von Sakuras Position wie ein Name anmutete. Und tatsächlich, als er das Blatt drehte und zu ihr schob, stand da ein Name in ausgesprochen elegantem Kursiv:

𝓗𝓲𝓷𝒂𝓽𝒂 𝓗𝔂𝓾𝓾𝓰𝒂.

Sakura runzelte in angestrengter Konzentration die Stirn, denn der Name kam ihr irgendwie bekannt vor, nur konnte sie die Puzzleteile in ihrem Kopf einfach nicht zusammen fügen.

»Wer ist das?«, fragte sie nach einer geschlagenen Minute, als sie feststellte, dass sie einfach nicht darauf kommen wollte.

»Eine unserer Archivaren. Es wundert mich nicht, dass du dich nicht an sie erinnert, sie ist sehr... unauffällig«, erklärte er, »Ich kann mich allerdings glücklich schätzen, sie eine gute Kollegin und Freundin zu nennen. Sie wird uns helfen, da bin ich mir sicher.« Sakura wirkte nicht überzeugt. Sai einzuweihen war schon ein Risiko gewesen, aber je mehr Menschen davon wussten, was sie vorhatte, desto riskanter würde ihre Arbeit werden. Ihr Gegenüber schien ihr ihre Gefühle von der Stirn ablesen zu können, denn er schüttelte den Kopf. »Du kannst ihr vertrauen, glaube mir. Sie hat mir schon das ein oder andere Mal mit... außerordentlicher Recherche geholfen. Außerdem hast du dich selbst erst gerade daran erinnert, dass sie auch bei der Times arbeitet und das nur, weil ich dich aufgeklärt habe. Es hat seine Vorteile, wenn man unsichtbar ist.«

»Man kann Dinge tun, die niemand von einem vermuten würde, wie zum Beispiel das Fälschen von Ausleihverzeichnissen«, schloss Sakura, was Sai mit einem Nicken kommentierte.

»Exakt. Die meisten bemerken sie nicht einmal und noch weniger würden ihre Arbeit und Integrität hinterfragen.« Ein selbstsicheres Grinsen lag auf seinem Gesicht, doch Sakura hatte noch immer Zweifel. Es war ein Wagnis und Sakura hasste Wagnisse, denn diese bedeuteten Kontrollverlust, doch sie musste auch gestehen, dass sie sich in einer Sackgasse sah, aus der sie sich ohne die Hilfe von Sai und Hinata vermutlich nicht heraus manövrieren konnte.

Schließlich seufzte sie ergeben und ließ die Schultern ein wenig hängen. »Und? Was ist dein Plan?«

Sais Grinsen wurde noch breiter. »Schön, dass du fragst!«

 

 
 

 

 

Das Ganze war eine absurde Idee gewesen, aber das dachte sie nur bei sich, als sie mitten in der Nacht außerhalb des Lichtscheins einer nahen Laterne stand und versuchte, mit dem Schatten zu verschmelzen, der die Gasse neben ihrem Arbeitsplatz in vollkommene Dunkelheit hüllte. Vorsorglich hatte sie sich heimlich eine Perücke von Ino geliehen, aber dies würde sie ihrer besten Freundin morgen beichten müssen.

So stand sie also mit verdächtig unverdächtig braunen Locken an die Wand gelehnt und wartete darauf, dass Sai und Hinata auftauchen würden. Wie sich heraus gestellt hatte, besaß Ms. Hyuuga einen Ersatzschlüssel zu dem Hauptgebäude des Magazins, da sie zu kruden Zeiten arbeitete und oft selbst nach Ladenschluss noch im Keller herum wuselte und das Archiv sortierte und aktualisierte.

Langsam wurde sie nervös, denn ein Blick auf die Uhr, die auf der anderen Seite an einem öffentlichen Gebäude hing, verriet ihr, dass die beiden bereits zu spät waren. Zugegeben, es waren bisher nur zwei Minuten, aber dennoch kam Sakura nicht darum herum, das Gewicht zu verlagern und die Arme vor der Brust zu verschränken, um beinahe an die Hauswand gedrängt zu stehen. Ihre Vernunft gebot ihr, zu verstehen, dass niemand sie hier entdecken würde, denn obwohl auf den Straßen von New York noch immer viel los war, würdigte keiner der vorbei flanierenden Menschen eine dunkle Gasse eines zweiten Blickes. Trotz dieser Überzeugung pochte ihr Herz wie wild und als zwei erwachsene Menschen vorsichtig in die Gasse hinein lugten, wäre sie fast mit einem Schrei aufgesprungen.

Es waren Sai und Ms. Hyuuga.

Jetzt, wo sie das blasse Gesicht der Archivarin sah, regte sich etwas in ihrer Erinnerung und eine Welle der Erleichterung überspülte sie, begleitet von einem leisen Nachklang ihres schlechten Gewissens. Sie erkannte die zierliche Frau mit einer Haut wie Porzellan und Haar, so dunkel wie die Tiefen des Ozeans, tatsächlich als eine ihrer Kolleginnen und sie kam nicht umhin, sich dafür zu schämen, dass sie sie einfach so vergessen hatte. Gewiss, sie kam nicht oft in die Archive herunter, doch das war wenn überhaupt eine magere Ausrede.

»Guten Abend«, begrüßte sie die zierliche Frau mit besonders freundlicher Stimme, »Nun, eher eine gute Nacht«, korrigierte sie sich dann mit einem schiefen Lächeln.

Die junge Frau vor ihr verbeugte sich zaghaft. »G-gute Nacht, Ms. Haruno.«

Sai nickte ihr zu, sein Gesicht erfüllt von triumphierender Zufriedenheit. Er schien sich keinerlei Gedanken darüber zu machen, dass sie im Begriff waren, an ihrem Arbeitsplatz einzubrechen und alte Unterlagen zu stehlen. Er hatte das Wort „ausleihen“ mit Nachdruck genutzt und natürlich würden sie die alten Zeitungen nach gegebener Zeit wieder zurück bringen, trotzdem fühlte es sich für Sakura wie Diebstahl an. Ein schändlicher Fleck auf ihrer weißen Weste, welche sie ihr ganzes Leben lang gehegt und gepflegt hatte – mit Stolz.

»Nun...« Sakura löste sich von der Wand und atmete tief durch. »Dann lasst es uns hinter uns bringen. Je eher wir wieder weg sind, desto besser.« Damit richtete sie ihren Blick auf Ms. Hyuuga, die im Angesicht der nahenden Ereignisse erstaunlich ausgeglichen wirkte. »Ich danke Ihnen schon jetzt für ihre Hilfe... und ihre Diskretion.«

Ein gewinnendes Lächeln trat auf ihre Lippen, was sie ihr sofort sympathisch machte. »S-sie müssen mir nicht danken, Ms. Haruno. Ich helfe im-immer gerne.« Das leichte Stottern in ihren Worten bestätigte, was Sai über sie gesagt hatte: Sie war unauffällig. Leicht zu übersehen. Eine ausgesprochen nette und schüchterne Frau, die in der stressigen Stadt voller Exzentriker gänzlich im Hintergrund verschwamm.

Sakura und Sai nickten sich noch einmal zu und dann setzten sie ihren ersten Schritt in den Nebel der Ungewissheit, der nun vor ihnen lag. Dank Ms. Hyuugas Schlüsselbund verschafften sie sich binnen weniger Sekunden Zutritt zum Gebäude und Sakura war froh, das grelle Neonlicht der Straßenlaternen, welches sich wie ein vorwurfsvoller Scheinwerfer auf ihr angefühlt hatte, hinter sich zu lassen.

Die Eingangshalle war, wie erwartet, komplett ausgestorben, nur das kleine, leise surrende Nachtlicht über dem Schalter erleuchtete die Halle mit trübem, kaltem Licht. Auf leisen Sohlen nahmen sie die Treppen links von den Aufzügen, um jedwede Form von Lärm gänzlich zu vermeiden und sobald sie aus dem schwach flimmernden Kreis des Nachtlichts traten, zog Sai eine Taschenlampe aus dem ledernen Beutel, welcher von seiner Schulter baumelte und erleuchtete ihren Weg.

Die Stille behagte ihr nicht; ihre Schritte schienen wie Paukenschläge von den Wänden zu hallen, doch sie schluckte ihre Angst und Nervosität herunter. Nun war sie hier und nun gab es keinen Weg mehr, außer den, der nach vorne – oder besser gesagt: nach unten - führte.

»S-sie müssen sich keine Sorgen machen«, wisperte Hinata, während sie gemeinsam den kurzen Flur entlang liefen, der zu einem kreisrunden, offenen Raum führte, der von einigen Türen gesäumt war, auf denen sich im Lichte der Taschenlampe einige Buchstaben erkennen ließen. »Ich bin h-hier öfter nachts und bisher bin i-ich noch keiner Menschenseele begegnet. Jemals.« Sie war wirklich eine komische Frau, wenn sie sich öfter mitten in der Nacht hier herum trieb. Ms. Hyuuga schien ihren neugierigen Blick auf sich zu spüren, denn sie erhob erneut das Wort. »E-Es ist so ruhig hier«, erklärte sie mit leiser Stimme, »Ich meine, auch tags-tagsüber kommen nicht viele Mitarbeiter hier herunter, aber nachts ist das Gebäude komplett ausgestorben und ich kann i-in Ruhe arbeiten«, schloss sie, was Sakuras Gedanken eher bestätigte, als entkräftete. Es lag allerdings weder in ihrer Macht, noch war es ihr Wunsch, die Frau neben sich zu beurteilen. Sie selbst arbeitete oft bis so tief in die Nacht hinein, dass die ersten Sonnenstrahlen in ihr Fenster fielen, wenn sie sich endlich hinlegte und das vermutlich aus dem selben Grund: Frieden. Die Nacht war ruhig und friedlich und niemand störte einem bei dem, was man tat.

»Dann bin ich ja erleichtert«, gab sie zurück, obschon sie nicht wirklich Erleichterung spürte, doch das lag offenkundig daran, dass sie nicht zum Arbeiten hierher gekommen waren, wie Ms. Hyuuga es für gewöhnlich tat, zumindest nicht im direkten Sinne.

Die junge Frau neben ihr lächelte wieder und ihre sonderbar fliederfarbenen Augen schimmerten in dem schwachen Licht, mit dem Sai vor ihnen von einer Tür zur anderen leuchtete. Mittlerweile befanden sie sich im Herz des Archivs, der Ausleihtresen, hinter dem Ms. Hyuuga normal saß, Zeitungen sortierte und nummerierte und Akten verlieh und wieder entgegen nahm. Ihr Schreibtisch war so ordentlich, dass es Sakura trotz ihrer Nervosität auffiel. Einige Akten lagen fein säuberlich gestapelt nahe am Rand und direkt daneben lag ein Klemmbrett mit einem einzelnen eingespannten Papier und einem Füllfederhalter, der ebenso schlicht war, wie die Frau, die ihn führte. Das musste dann das Ausleihverzeichnis sein.

»Die Artikel werden alphabetisch nach Nachname sortiert, also sollten wir wohl im Raum „TUV“ mit der Suche anfangen«, schlug Sai vor, der sich nicht im Mindesten darum scherte, seine Stimme gesenkt zu halten. Er schien Ms. Hyuuga, ihrer Arbeit und ihren Aussagen gänzlich zu vertrauen, was Sakura dazu bewog, es ihm einfach nachzutun. Sie fühlte, wie zumindest ein Teil des Gewichts, welches auf ihren Schultern lastete, von ihr wich.

»I-ihr müsst nicht suchen«, schaltete sich die Archivarin ein, die Sais Beispiel folgte und ihre Stimme ein klein wenig erhob, »Ich kenne je-jeden einzelnen Artikel und je-jede einzelne Ausgabe hier unten, i-ich weiß, wo wir das finden, was i-ihr sucht.«

Sakura hob überrascht ihre Augenbrauen. »Jeden Einzelnen

Sie sah im dämmrigen Licht, wie die Frau neben ihr ein wenig errötete und sich verlegen am Nacken kratzte. »J-jeden, ja.«

Sakura stoß einen leisen Pfiff durch die Zähne. »Sie sind unsere Rettung, ich hoffe Sie wissen das.« Das bedeutete, sie mussten hier keine Stunden verbringen, was Sakura spürbar erleichterte und die penetrante Stimme ihrer Zweifel dämpfte.

Ms. Hyuuga antwortete mit einem Lächeln und einem angedeuteten Lächeln. »Folgen Sie m-mir«, forderte sie die beiden auf und Schritt zu exakt der Tür, hinter der Sai bereits die entsprechenden Unterlagen vermutet hatte. In schlichten Lettern stand drauf „TUV“ und da es Mr. Uchiha war, über den sie recherchierten, würden sie sämtliche Artikel, die in den letzten Jahren über ihn verfasst worden waren, hinter dieser Tür finden. Ms. Hyuuga schloss auch diese Tür mühelos auf und betätigte den Lichtschalter. Grelles Licht überraschte Sakuras Augen, die sich bereits an die Schatten gewöhnt hatten, deren Umrisse um die kleine Lichtquelle der Lampe getanzt hatten. Eine kurze Weile lang musste sie ihre Augen zusammenkneifen, um überhaupt etwas zu sehen, doch sie sah die zierliche Gestalt von Ms. Hyuuga, welche an ihr vorbei in Richtung einiger etwas weiter entfernter Regale im hinteren Teil des Raums lief. Sie blieben vor einer langen Regalreihe stehen, die schier mit säuberlich beschrifteten Kartons überzuquellen schien und es entging Sakura nicht, dass die anderen Reihen im Vergleich leer wirkten. Einige der Bretter schienen sich unter der Last der Kartons leicht nach unten zu biegen. Sakura wanderte an der Reihe entlang und fuhr mit dem Finger einige der Überschriften nach, die scheinbar in Ms. Hyuugas ordentlicher Handschrift verfasst worden waren.

»W-wartet hier einen Moment auf mich, ja?«, bat sie die beiden und verbeugte sich erneut, ehe sie zielstrebigen Schrittes aus dem Raum verschwand.

»Wo geht sie nur hin?«, fragte Sakura verdutzt, was Sai zum Schmunzeln brachte.

»Du magst es, Fragen zu stellen, auf die keiner dir antworten kann, kann das sein?«

Sakura zog einen Schmollmund und verschränkte verteidigend die Arme vor der Brust. »Das ist mein Job, nicht wahr?«

»Touché.«

Die beiden überflogen die Kartons und mussten feststellen, dass sie den Kürzeln, die als Überschriften dienten, nichts entnehmen konnten, was auf den Inhalt der Boxen schließen ließ, aber sie wagten es auch nicht, einfach welche aus dem Regal zu ziehen um einen Blick hinein zu werfen.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis sie Ms. Hyuugas sorgsame Schritte wieder hinter sich vernahmen, doch die Sicht auf die junge Frau war von weiteren Kartons blockiert. Daraus, dass sie sie beinahe achtlos vor ihren Füßen auf den Boden fallen ließ und sie dabei leicht wackelten, schloss Sakura, dass sie leer sein mussten.

»L-leere Kartons«, erklärte Ms. Hyuuga, nachdem sie die fragenden Blicke der beiden sah, »Es wäre verdächtig, wenn ganze Kartons verschwinden würden«, fügte sie hinzu, »D-deshalb könnt ihr die entsprechenden Unterlagen einfach in diese x-beliebigen Kartons packen, das erregt kein Aufsehen.« Sakura schien die Frau unterschätzt zu haben. An ihr war wohl ein kriminelles Supergenie verloren gegangen.

»Sie haben gesagt, Sie kennst hier alles in- und auswendig, könnten Sie uns dann helfen, alles zügig abzupacken, damit wir wieder verschwinden können?«, bat Sakura und Ms. Hyuuga nickte verständnisvoll.

»N-Natürlich.« Damit traten die beiden beiseite und Ms. Hyuuga fing an, kategorisch Kisten aus den Regalen zu hieven, wobei Sai ihr half. Mit schnellen Augen und geschickten, präzisen Fingern angelte sie Zeitungsausschnitte. Ms. Hyuuga wirbelte elegant hin und her und arbeite mit einer Präzision, für die Sakura ihr innerlich Respekt zollte. Sie war organisiert, schnell und durchdacht, kein Handgriff war verschwendet und so kam es, dass die drei in nur zwanzig Minuten mit zwei randvoll befüllten Kartons den Raum verließen und sicher stellten, dass man weder auf den ersten, noch auf den zwanzigsten Blick erkennen konnte, dass in dieser Nacht überhaupt jemand da gewesen war.

Zehn weitere Minuten später waren sie aus dem Gebäude und Ms. Hyuuga schloss sorgfältig hinter ihnen ab und überprüfte, dass die Tür auch wirklich geschlossen war. Sai wirkte sehr zufrieden und auch Sakura kam nicht umhin, erfreut in die Hände zu klatschen.

»Genial. Sie sind genial, Ms. Hyuuga!«, lobte Sakura ihre unscheinbare Arbeitskollegin, »Ich stehe tief in Ihrer Schuld«, fügte sie hinzu, »Ich muss ehrlich sein, ich weiß gar nicht, wie ich es Ihnen vergelten kann.« Damit fuhr sie sich durch das künstliche Haar ihrer Perücke und zwirbelte mit einem Finger an einer der Locken.

»S-sie müssen mir nichts „vergelten“, Ms. Haruno. »Sie tun nur I-ihren Job und i-ich bin froh, wenn ich Ihnen dabei helfen konnte. I-ich mag ihre Artikel, wissen Sie.« Sie schenkte ihr ein aufrichtiges Lächeln und erneut war Sakura verblüfft darüber, wie sympathisch diese schüchterne Frau eigentlich war. Bei dem Lob war ihr ein wenig wärmer geworden und sie war froh, dass sie nicht auf ihre anfänglichen Zweifel bezüglich der Frau gehört hatte.

Während die beiden ein kurzes Gespräch über die Arbeit begannen, trat Sai näher an die Straße und hielt nach einem Taxi Ausschau. Der Plan war, dass Sakura die Unterlagen mit zu sich nach Hause nahm, denn in ihrem Arbeitszimmer und all dem Chaos, welches dort vorherrschte, würden diese Aufzeichnungen gar nicht auffallen, selbst wenn jemand einen Blick hinein wagte.

»Hier, Sai.« Sakura reichte dem Mann ein kleines Stück Papier, auf welches sie vorhin eilig etwas gekritzelt hatte, »Es ist die Adresse zu meinem Appartement. Wir sollten morgen damit anfangen, die Artikel nach Informationen zu sichten.«

Sai zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Ich dachte, das wird dein Durchbruch.« Es lag kein Groll in seiner Stimme und auch keine Eifersucht, weswegen Sakura angesichts seiner Reaktion ehrlich verwirrt war.

»Ich... Eigentlich bin ich seit dieser Aktion hier davon ausgegangen, dass wir nun im selben Boot sitzen. Wenn ich ehrlich sein soll, glaube ich, dass ich mich sogar überschätzt habe und alleine gar nicht damit fertig werden würde. Wenn es dir also nichts ausmacht, würde ich mich sehr darüber freuen, wenn wir auch weiterhin zusammen arbeiten!«, offenbarte sie ihm und kratzte sich verlegen die Wange. Bis gerade hatte sie nicht einmal darüber nachgedacht, dass sie fortan alleine weiter arbeiten würde – sie hatte schon fest mit Sais weiterer Unterstützung gerechnet, wenngleich das ziemlich unangebracht war, wenn man bedachte, wie sehr er ihr schon jetzt geholfen hatte.

»Du willst den Fall nicht für dich alleine haben?« Sai legte den Kopf schief und musterte sie eindringlich. Er schien eine neue Erkenntnis zu haben, denn kurz darauf erhellte sich seine Miene und er nickte. »Wenn das so ist, helfe ich dir gerne. Zwei Köpfe können besser denken, als einer.« Er zwinkerte ihr verwegen zu, was Sakura sofort wieder das Gefühl gab, etwas hochgradig Kriminelles zu machen, doch sie schob den Gedanken beiseite.

»Gut, dann bis morgen! Aber bitte nicht vor der Mittagszeit«, scherzte sie lachend, »Davor bin ich zu nichts zu gebrauchen, wirklich nicht.«

Sai nickte zur Antwort und danach verabschiedeten sich die drei von einander.

»Ich bin Hinata«, bot sie höflich das Du an, als sie Sakura beinahe zu förmlich die Hand schüttelte.

»Sakura«, erwiderte sie mit einem Lächeln, »Freut mich sehr!«

 

 

 

 

 
 

 

 

Ein herzhaftes Gähnen entfuhr Sakura, als sie sich zwischen ihren weichen Laken wälzte und vergeblich versuchte, den vorwitzigen Sonnenstrahlen zu entkommen. Es musste bereits später Morgen oder gar früher Mittag sein, was bedeutete, dass sie mehr als genug geschlafen hatte und dennoch fühlte sie sich wie überrollt, als sie die unzähligen Decken, in die sie verwickelt war, eine nach der anderen von sich schob und inbrünstig streckte.

Gerade, als sie sich ordentlich aufsetzen wollte, hörte sie das Telefon im Flur klingen und wäre bei dem Versuch, eilig aus dem Bett zu klettern, fast auf den Boden gefallen, weil einer ihrer Füße sich in eine der Decken verheddert hatte.

»Mist, Mist, Mist«, fluchte sie halblaut, als sie zur Tür heraus hastete, nur um Ino, ihre Mitbewohnerin zu sehen, die mit dem Telefon unter dem Arm und dem Hörer am Ohr an der Schwelle zu ihrem Zimmer stand und ihr frech die Zunge heraus streckte, ehe sie darin verschwand. Sakura seufzte, denn sie hatte ihr schon unzählige Male gesagt, dass es eine schlechte Idee war, das Telefonkabel durch ihre verschlossene Tür zu zerren, doch die Blondine ließ sich nicht beirren, wenn es um ihre Privatsphäre ging.

Mit einem halbherzigen Schulterzucken tat sie das Ganze ab und schlurfte stattdessen in die Küche, um Kaffee für sich und Ino zu kochen. Das Feuer ihres Gasherds ging zischend an und nachdem sie einen Kessel mit Wasser aufgesetzt hatte, ging sie zu den beiden Fenstern ihrer Küche und öffnete diese, um sich herauslehnen und eine Zigarette rauchen zu können. Die Küche befand sich, wie auch ihr Zimmer, auf der Sonnenseite der Wohnung, sodass die morgendlichen Strahlen ihr Gesicht in einer wohligen Liebkosung wärmten und sie genüsslich die Augen schloss. Der Straßenlärm unter ihr schien in weiter Ferne an diesem Morgen und sie war nicht traurig darüber, dass sie heute nichts ins Büro musste, da sie ihren Artikel bereits gestern abgeliefert hatte, denn das bedeutete, dass sie sich in aller Ruhe den zwei Kartons in ihrem Arbeitszimmer widmen konnte.

Hinter ihr ertönte das gedämpfte Lachen ihrer Freundin, ehe die Tür zu ihrem Zimmer wieder aufschwang und die Blondine mit dem Telefon wieder heraus kam. Was auch immer sie in fünf Minuten so privates zu besprechen hatte, scheinbar war es nicht wichtig genug gewesen, um es weiter zu erörtern, denn Ino trat in die Küche und blickte Sakura mit einem verschmitzten Ausdruck an.

»Was?«, lachte sie und drückte die Zigarette in dem Untertopf aus, der auf dem kleinen Fenstersims an der Häuserwand stand.

»Gute Nachrichten, meine Prüfung verschiebt sich um zwei Tage. Gab wohl Probleme beim Versand der Prüfungsbögen und jetzt müssen die Tests alle neu aufgesetzt werden«, jubelte Ino und schien, als wäre sie drauf und dran, Sakura vor Freude anzuspringen und zu Boden zu reißen.

»Gott, so etwas habe ich immer gehasst«, gestand sie und Ino schenkte ihr dafür einen entsetzt ungläubigen Blick, »Naja, ich bin ja immer mit dem Gedanken aufgestanden, dass ich die Klausur dann hinter mir habe und das hat mir irgendwie mehr geholfen, als zu wissen, dass ich jetzt noch einmal darauf hin bangen musste«, fügte sie deshalb erklärend hinzu und schritt zum Kessel, dessen Deckel sich pfeifend hob und senkte.

»Ach so, ja. Damit habe ich kein Problem«, bemerkte Ino trocken und Sakura schenkte ihr einen vielsagenden Blick, ehe sie den Kessel vom Herd nahm, den Gashahn schloss und eine Kanne mit Filter und Kaffeepulver vorbereitete.

»Wie war gestern eigentlich noch?«, lenkte die Blondine vom Thema ab und nahm am gemeinsamen Küchentisch Platz, »Du bist spät in der Nacht noch einmal raus.«

»Oh Gott, dass ist eine lange Geschichte«, jammerte Sakura theatralisch und goss sorgsam das heiße Wasser über den Filter. Der Kaffee tröpfelte langsam durch den Filter in die Kanne und entfaltete sein herrliches Aroma.

Sie hörte Ino hinter sich schnauben. »Oh nein, ich habe heute so gar keine Zeit.«

»Ha, ha«, gab Sakura zurück. Sie stellte die Kanne auf den Tisch und kramte zwei Tassen, Löffel und ein bereits geöffnetes Päckchen Zucker aus den Schränken, bevor sie sich zu Ino an den Tisch gesellte. »Ich mache es kurz, ja?« Ino nickte auffordernd und bedeutete ihr mit einer wilden Handbewegung, etwas schneller mit der Kurzfassung zu machen, wofür Sakura ihr ihrerseits nun die Zunge heraus streckte. »Gestern habe ich den Artikel abgegeben und mit dem war alles soweit okay, allerdings hat Kakashi mich auf meine Nachforschungen von - nun ja, du weißt ja wem – angesprochen und mir klar gemacht, dass er mich feuern würde, würde ich das durchziehen. Unmittelbar danach bin ich einem Arbeitskollegen in der Dunkelkammer über den Weg gelaufen und wir haben uns bei einem Kaffee über das Thema unterhalten. Scheinbar bin ich eine schreckliche Arbeitskollegin, denn ich kannte bis gestern Nacht nicht einmal unsere Archivarin.« Sakura verzog das Gesicht, denn das war ihr immer noch unangenehm.

»Und was hat die mit der Sache mit Mr. Uchiha zu tun?«, hakte Ino verwirrt nach.

Sakura seufzte erneut und machte eine ausgedehnte Künstlerpause, in der sie erst Ino und dann sich selbst eine Tasse mit dem frisch gebrühten Kaffee eingoss. Die Blondine tippte energisch mit ihren manikürten Fingern auf den Tisch, doch davon ließ sie sich nicht beirren. »Der Arbeitskollege, den ich erwähnt hatte, kennt sie und er hat sie dazu gebracht, uns dabei zu helfen, nachts bei der Times „einzubrechen“-« Sie machte mit den Händen Anführungszeichen. »und alle für unsere Recherche relevanten Artikel über Sasuke Uchiha heraus zu suchen.«

Ino klappte die Kinnlade so weit herunter, dass sie sie fast vom Tisch wieder aufheben konnte. »Das hast du alles in einem Tag erlebt?«, fragte sie ungläubig, was Sakura ihr kaum verübeln konnte.

»Glaube mir, wenn dir sage, dass ich mich gestern exakt das Gleiche gefragt habe. Ach... Da wäre noch etwas: Es könnte sein, dass ich mir, eventuell, also natürlich rein hypothetisch, eine Perücke von dir ausgeliehen habe.«

Inos Augen verengten sich, allerdings nicht aus Wut. »Du Fuchs.«, kommentierte sie anerkennend. Danach stemmte sie ihr Kinn auf die Hand und nahm geistesabwesend einen Schluck von dem brühend heißen Kaffee ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. »Und du kannst den beiden vertrauen?«, warf sie ein und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Sakura, welche mit den Schultern zuckte.

»Sai hatte mich in der Dunkelkammern bei den Bildern bereits erwischt, also war es wohl wenig sinnvoll, es abzustreiten und was Hinata angeht, nun...« Sakura hielt inne und versuchte, die richtigen Worte zu finden, um ein gedankliches Bild für ihre Freundin zeichnen zu können. »Sie ist... wie soll ich das sagen? Ein Mauerblümchen? Sie stottert und spricht mit eher leiser Stimme. Ich meine, ich habe mich nicht einmal an ihre Existenz erinnert, worauf ich im Übrigen nicht besonders stolz bin.«

Ino machte einen verstehenden Ton, allerdings schien sie noch immer ihre Zweifel zu haben. »Und wie geht’s jetzt weiter?«, wollte sie wissen und nahm einen weiteren Schluck Kaffee, nach welchem sie angeekelt den Mund verzog, den Zucker zu sich zog und noch einige Löffel mehr davon in ihr Gebräu gab.

»Die Sachen sind in meinem Arbeitszimmer und Sai wollte später vorbei kommen, damit wir sie sichten und uns einen Überblick verschaffen können.«

Inos Gesicht hellte sich auf, als sie das hörte. »Ein Mann kommt in dieses Appartement?«, jauchzte sie verzückt, woraufhin Sakura gespielt genervt mit den Augen rollte. Das war so typisch Ino. »Wieso sagst du das denn nicht gleich? Ich muss mich noch präsentierbar machen!« Damit sprang sie auf und huschte so schnell in ihr Zimmer, dass Sakura ihr nicht einmal etwas hinterher rufen konnte.

»Als hätte sie noch nie in ihrem Leben einen echten Mann gesehen...«, murmelte sie, bevor sie vorsichtig in ihren Kaffee blies und darauf wartete, ihn ohne Verbrennungsgefahr trinken zu können.

 
 

 

In den nächsten zwei Stunden schmetterte Inos geliebter Schallplattenspieler Musik von den Hot Five durch die Wohnung und hielt Sakura geschickt davon ab, an etwas anderes, als ans Tanzen zu denken. Hin und wieder wuselte die Blondine von ihrem Zimmer ins Badezimmer und hielt auf dem Weg an ihrer geöffneten Tür an, um ihr zuzuzwinkern und jedes Mal sah sie ein klein wenig schicker aus. Ino verstand sich darauf, wie eine von liebevoller Hand geformte Göttin auszusehen, ohne dass es auffällig oder gar aufdringlich wirkte.

Ihr Make-Up war fertig, als sie das nächste Mal an ihrer Tür erschien und sich an ihren Rahmen lehnte, um sich nacheinander die Strumpfhosen über die schlanken Beine zu ziehen.

»So viel Aufwand und am Ende sitzen wir zwei die ganze Zeit in meinem Arbeitszimmer, wo er deiner atemberaubende Schönheit nicht huldigen kann«, kommentierte Sakura mit einem Augenzwinkern.

Ino seufzte schwer, als müsste sie einem kleinen Kind zum fünften mal die gleiche Sache erklären. »Sakura, meine Liebe, wie oft denn noch? Der erste Eindruck zählt. Apropos, du hast mir gar nicht beschrieben, wie er aussieht«, fügte sie vorwurfsvoll hinzu, was sie mit einem Augenrollen quittierte.

»Entschuldigung, dass ich meiner Erörterung der vergangenen Ereignisse keine ausgiebige Personenbeschreibung hinzu gefügt habe.«

»Entschuldigung angenommen«, antwortete Ino ernst und für einen Moment blickten die beiden sich an, ehe sie in schallendes Gelächter ausbrachen.

»Du bist fürchterlich, wirklich!«, schimpfte Sakura gespielt und tupfte sich mit dem Ärmel ihres Oberteils eine einzelne Lachträne aus dem Augenwinkel.

»Danke!«, entgegnete sie zufrieden.

Die beiden wurden von dem schrillen Klingeln der Wohnungstür aufgeschreckt und Ino rannte mit einem herzhaften »Scheiße!« zurück in ihr Zimmer, vermutlich um den letzten Schliff anzulegen.

Schmunzelnd ging Sakura in den Flur und öffnete die Tür. Die beiden wohnten im elften Stock, sodass es ein bisschen dauerte, bis Sais glatt gekämmtes Haar auf der Treppe auftauchte. Sakura spürte eine Präsenz in ihrem Rücken und tatsächlich stand Ino direkt hinter ihr und lugte neugierig über ihre Schulter in den Hausflur.

»Guten Tag, Sai«, grüßte sie ihren Arbeitskollegen, als dieser leise schnaufend vor den beiden zum Stehen kam und erst einmal tief Luft holte.

»Du hättest mir eine Vorwarnung geben können«, japste er und stemmte die Hände in die zweifelsohne stechenden Seiten, »W-wie hast du gestern Abend bitte die Kartons hier hoch bekommen?«

Sakura grinste breit. »Übung.«

Sai nickte nur als Antwort, während er weiterhin angestrengt versuchte, seinen Lungen wieder genug Luft zuzuführen. Sakura spürte Inos Finger, die ihr in die Seite tippten, weswegen sie einen Schritt zur Seite tat und Sai somit einlud, in das Appartement einzutreten. Ein Blick in Inos leuchtende Augen verrieten ihr, dass sie den ihr unbekannten Mann durchaus attraktiv fand, was ihr ein leises Schnauben entlockte. Sai war nicht für ein spontanes Date mit ihrer Mitbewohnerin gekommen und obwohl Ino das auch wusste, war es ihr herzlich egal.

»Ich bin Ino!«, stellte sie sich mit ihrem wundervollsten Lächeln vor. An Sakuras Ohr gelehnt flüsterte sie: »Du hättest mir ruhig sagen können, dass er so gut aussieht!« Obschon sie so leise sprach, dass sie kaum noch verständlich war, konnte Sakura den halb ernst gemeinten Vorwurf aus ihrer Stimme heraus hören.

»Sai«, gab er erstaunlich reserviert zurück, nachdem er eingetreten war und streckte Ino die Hand entgegen, »Freut mich.«

»Oder dass er ein Arsch ist«, fügte sie wispernd hinzu, ehe sie mit einem leicht angeknackst wirkendem Lächeln den Händedruck erwiderte.

Danach sagte niemand mehr etwas und Sakura schaute nervös zwischen ihrer Mitbewohnerin und ihrem Arbeitskollegen hin und her, welche sich in dem Flur ihres Appartements ein stummes Blickduell lieferten. »Will jemand Kaffee?«, fragte sie mit aufgesetzter Überschwänglichkeit.

»Gerne«, antwortete Sai, ohne dabei den Blick von Ino abzuwenden. Da Ino überhaupt keine Anstalten machte, weder ihr eine Antwort zu geben, noch seinem Blick nachzugeben, raffte Sakura sich seufzend auf und ging alleine in die Küche, um zum zweiten Mal an diesem Tag Kaffee zu kochen. Beiläufig zündete sie sich eine Zigarette an und öffnete die Fenster.

Tatsächlich konnte sie hören, wie zwischen den beiden ein leises Gespräch begann, dessen Inhalt zu leise kommuniziert wurde, als dass sie ihn hätte verstehen können und erst, als der Kessel klapperte und pfiff, tauchten die beiden ebenfalls in der Küche auf. Ino grinste zufrieden und um Sais Nase war ein feiner Hauch von Rot zu erkennen, der Sakura ganz genau verriet, was sie wissen musste.

Als Sai einmal nicht hinschaute, rollte Sakura mit den Augen, woraufhin Ino ihr die Zunge heraus streckte. Über die Jahre hatten die beide so viele Gespräche geführt, so viel gemeinsam erlebt, zusammen gelacht und geweint, dass sie sich auch wortlos und blind verstanden hätten.

»Du bist also der Arbeitskollege von meiner reizenden Mitbewohnerin«, unterbrach Ino nach einer Weile die Stille zwischen den Dreien, »Sie hat mir schon viel von dir erzählt.« Damit setzte sie ihr charmantestes Lächeln auf und zwinkerte ihm frech zu, was den einst feinen Rotton seiner Wangen deutlich intensivierte. Eine fette, dreiste Lüge, doch Sakura drehte sich weg und tat so, als hörte sie nichts, während sie sich an dem Kaffee zu schaffen machte. Es hätte nur gefehlt, dass sie arglos das Pfeifen anfing.

»Was genau hat sie dir denn erzählt, wenn mir die Nachfrage erlaubt ist?« Sakura sah Sai nicht, doch sie hätte seiner Stimme nach schwören können, dass er auf ihre Flirterei nicht abgetan reagierte. Sie biss sich auf die Lippen, um ein lautes Lachen zu unterdrücken. Was hatte sie hier nur wieder losgetreten?

Ino kicherte scheu und Sakura konnte sich bildlich vorstellen, wie Ino eine Hand an die Wange führte, um die verlegene Frau in Nöten zu spielen, wie sie es so oft tat. »Nur Positives!«, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen. Das war der Moment, in dem sie verlegen nach einer losen Strähne griff und mit ihr spielte. Woher oder wann Sakura die Maschen ihrer Mitbewohnerin so genau gelernt hatte, wollte sie gar nicht weiter ergründen. »Zum Beispiel, dass du ihr regelrechter Retter in der Not warst! Ohne dich wäre sie bei ihrem Problem immer noch keinen Schritt weiter«, scherzte sie.

»Möchtest du Zucker?«, unterbrach sie die beiden und knallte ihnen zwei Tassen vor die Nasen, während sie Ino ein liebliches Lächeln schenkte, von dem nur diese wusste, dass es eigentlich genauso bitter war, wie der Kaffee, welchen sie in diesem Moment servierte. Ino sollte sich ruhig inszenieren, wie sie wollte, doch sie hatte ihr schon oft genug gesagt, dass sie sie dabei heraus halten möge.

Die Blondine schmollte so herzerweichend echt, dass selbst ihr schlechtes Gewissen sich für einen Moment regte, ehe sie sich darauf besann, dass es hier um Ino ging.

»Ja, danke.« Sai blickte verwirrt zwischen den beiden hin und her, jedoch schien er es für klüger zu halten, nicht weiter zu intervenieren. Kluger Mann.

Seine Augen wurden sogar noch etwas größer, als er Ino dabei beobachtete, wie sie seelenruhig und völlig unverfroren löffelweise Zucker in ihren heißen Kaffee rührte. Keine ungewöhnliche Reaktion, immerhin hatte Sakura sich bis heute nicht an den Anblick gewöhnt, doch Ino trank ihren Kaffee genauso süß, wie sie selbst sein konnte, wenn sie etwas wirklich wollte. In diesem Augenblick schien das Sai zu sein, denn sie verwickelte ihn erneut in ein Gespräch und die ganze Zeit klimperte sie mit ihren getuschten Augen, als hätte sie noch nie etwas Faszinierendes gehört, als Sais Ausführungen über seine Arbeit.

Sakura hielt es für das Beste, den Mund zu halten und trank einfach nur ihren Kaffee, während die beiden sich kennen lernten. Sie hatten schließlich noch den ganzen Nachmittag und Abend Zeit und so sah sie keinen Grund, Ino dazwischen zu grätschen.
 

Eine halbe Stunde lang lauschte sie ihrem Gespräch, nippte dann und wann an ihrem Kaffee und gab an den richtigen Stellen interessierte Geräusche von sich, wenn Ino sich an sie wandte. Sie hatte das Szenario schon so oft durchgespielt, dass sie ihre Rolle auch im Schlaf aufführen hätte können, doch irgendwann richtete Sai sich in seinem Stuhl auf.

»Die Madame muss mich entschuldigen«, sprach er galant an Ino gewandt, »allerdings bin ich hier, um mit Sakura an unserem Projekt zu arbeiten.« Bei dem Wort „unseren“ zögerte er kurz, als glaubte er noch immer nicht so ganz an ihre Zusammenarbeit. Tatsächlich warf er Sakura einen abwartenden Blick zu, doch nachdem sie sich weiterhin in Schweigen hüllte, flackerte seine Aufmerksamkeit zurück zu Ino. »Ich würde mich freuen, wenn wir das zu einer anderen Zeit fortführen.« Damit vollführte er eine preziöse Verbeugung, was Ino erneut zum Kichern brachte.

»Macht ihr nur«, winkte sie ab. Sakura war sich sicher, dass Ino im Bezug auf Sai alles Weitere schon selbst klären würde, weswegen sie sich aufrichtete und ihrem Arbeitskollegen bedeutete, ihr zu folgen.

»Mein Arbeitszimmer ist direkt neben unseren Zimmern. Du bist der erste Mensch, außer Ino, der es je von innen gesehen hat.« Damit drehte sie den Schlüssel, der noch im Schloss steckte und die beiden traten in das Zimmer ein, welches noch genauso chaotisch war, wie sie es zurück gelassen hatte.

»Ich muss mich also wirklich geschmeichelt fühlen.«

»Oh, bitte«, wiegelte sie ihn ab, »Schmeicheln ist Inos Aufgabe.« Verdutzt hob er die Augenbrauen, ehe er merkte, worauf sie anspielte und erneut ein wenig rot wurde. »Lass' uns anfangen, ja?«, lenkte sie ein und schritt auf ihren überfüllten Tisch, neben welchem sie die beiden Kartons aufeinander gestapelt hingestellt hatte. Bis jetzt hatte sie nicht mehr getan, als ein oder zwei Artikel zu überfliegen, während Ino viel zu laut Musik in ihrem Zimmer gehört hatte.

Sai öffnete die Manschetten seines Hemdes und krempelte sich die Ärmel hoch, was Sakura als Zustimmung deutete. Sie holte einen zweiten Stuhl aus der Küche, räumte sämtliche irrelevanten Sachen vom Tisch und stellte den obersten Karton darauf.

»Also dann?«

»Also dann!«
 

Die nächsten zwei Stunden verbrachten sie damit, Artikel für Artikel durchzulesen, sich darüber auszutauschen und Notizen anzufertigen, die dazu dienen sollten, sich ein besseres Bild von Mr. Uchiha zu machen, der in allen Schriftstücken durchweg positiv beschrieben wurde. Das alleine reichte schon aus, um verdächtig zu sein, denn niemand hatte durchweg gute Seiten, doch in einer Sammlung von Überschriften ging der Autor tatsächlich wage auf das ein, was Sakura und Sai gerade beschäftigte: Das, was im Hintergrund ablief.

»Hey, sieh mal!« Sie tippte ihm auf die Schulter, sodass er seinen Blick von seinem Stapel abwandte und stattdessen auf den Namen schaute, auf den sie deutete.

»Sakumo Hatake! Der gleiche Nachname, wie unser Boss!« Sie zog eine andere Zeitung mit einer ähnlichen Überschrift heran. »Und hier ebenfalls! Es scheint fast wie ein Essay zu sein. Es gibt insgesamt noch sieben weitere Artikel wie diese beiden, alle von Mr. Hatake verfasst.« Verwirrt runzelte sie die Stirn. Der Vorname passte nicht.

»Ah. Ja... Das war der Vater von ihm«, erklärte er nüchtern und seine Augen verdunkelten sich. »Das Ganze ist jetzt schon fünf Jahre her...«

Angesichts der Informationen musste sie perplex blinzeln »War? Das Ganze

»Was du hier liest, ist unfertig. Die Reihe sollte zehn Artikel umfassen, nicht neun, doch bevor Sakumo Hatake den letzten Artikel schrieb und veröffentlichte, beging er Selbstmord«, erzählte er mit düsterer Miene, »Das ist zumindest die offizielle Version.«

Ein in weiß gewandeter Teufel

Ein Schauer fegte über sie hinweg, heiß und kalt gleichzeitig und sie musste schlucken. Heftig. Sai hatte den Rest bewusst im Raum stehen lassen und eine erdrückende Stille breitete sich aus.

Mr. Hatake beging vor fünf Jahren Selbstmord und das während er über das Imperium des Mannes schrieb, über den sie nun hier recherchierten.

»Die offizielle Version?«, hakte sie mit zittriger Stimme nach. Der bloße Gedanke, dahinter könnte das stecken, was sie vermutete, erfüllte sie mit einer Angst, die sie förmlich auszuhöhlen schien, bis sich ein gähnender Abgrund in ihr auftat. Ihre Zuversicht und ihr Ehrgeiz bröckelten nicht nur leicht, sie schienen zu zerbröseln, bis nichts als Staub von ihnen übrig blieb.

Sai deutete der Reihe nach auf jeden Artikel, welchen sie chronologisch vor sich ausgebreitet hatte. »Wenn du sie genau durchliest, wirst du viele kritische Äußerungen Mr. Uchiha gegenüber finden und einige Vermutungen, die auch in die Richtung gehen, in die wir unsere Nachforschungen anstellen. Der... Der Gedanke liegt zumindest nahe«, schloss er mit rauer Stimme, die bewies, dass er den gleichen Kloß im Hals hatte, wie sie selbst.

»Du glaubst der offiziellen Version also nicht?«

»Nein.« Noch nie hatte sie erlebt, dass ein einzelnes Wort eine so niederschmetternde Wirkung haben konnte. Plötzlich war sie sich ihrer Sache nicht mehr so sicher. War das der Grund, weshalb Mr. Hatake ihr verboten hatte, weiter zu forschen? Weil er bereits seinen Vater an diese Sache verloren hatte? Aber wieso wurde er dann nicht selber tätig, sondern ließ das alles stillschweigend auf sich beruhen? Wut schäumte in ihr auf, wie Sekt in einer Flasche, die kräftig geschüttelt worden war. Vielleicht war sie naiv, aber wie konnte es sein, dass jeder seine Augen vor diesem Problem verschloss, vor allem, wenn es so offensichtlich verheerende Folgen nach sich zog.

»Geld.«

Verdutzt blinzelnd blickte sie auf. Hatte sie ihre letzten Gedanken unbemerkt laut ausgesprochen? »Wie?«, sprach sie verwirrt und fühlte sich ertappt.

Er lachte, aber das Geräusch klang seltsam hohl. »Man kann dir deine Emotionen gut ansehen. Du sahst gerade so wütend aus, dass es nicht sonderlich schwer war, zu erraten, woran du denkst«, erklärte er, noch immer mit einem schwachen Schmunzeln, »Es ist Geld. Deswegen unternimmt keiner etwas. Ich will gar nicht wissen, wie viel Geld im Hintergrund fließt. Selbst ohne den Schwarzmarkt ist Mr. Uchiha ein reicher Mann. Er kann jeden schmieren, da bin ich mir sicher.«

»Auch Mr. Hatake? Sein Vater ist gestorben, wie kann man das mit Geld aufwiegen?«, warf sie empört ein. Sie hielt ihren Boss für einen Arsch, gewiss, aber nicht für derart charakterlos.

»Vielleicht weiß er einfach nur am Besten, was auf dem Spiel steht und verhält sich entsprechend«, entgegnete er schulterzuckend, »aber ich kann nicht hinter seine Stirn schauen und seine Motive erkennen.«

Sie seufzte ergeben. Er hatte Recht. Mr. Hatake könnte tausende Gründe für sein Verhalten haben und die Gründe, an die sie dachte, waren allesamt plausibel. Am liebsten würde sie ihn für sein aktives Ignorieren der Geschehnisse verurteilen, aber das fiel einem als unbeteiligter Außenstehender immer einfach und es war ihm gegenüber auch nicht gerecht, ganz egal, auf was für einem waclligen Fundament ihre Arbeitsbeziehung stand.

»So ein verdammter Mist!«, wetterte sie in einer Intensität, dass selbst die ungestüme Ino überrascht gewesen wäre und auch ihr Gegenüber blickte verwundert auf, »Wenn wir nur an seine alten Unterlagen kämen, das wäre wirklich zu schön! Mr. Hatake hält sich in den Artikeln sehr wage, aber gewiss gehen seine Recherchen viel tiefer!«

»Selbst wenn sie noch existieren, unser Boss gibt sie uns niemals«, bemerkte er und rieb sich grüblerisch das Kinn. Nachdem er sich bei den Archiven, dank seines guten Drahts zu Hinata, als wahres Geschenk entpuppt hatte, hätte es sie nicht gewundert, wenn er auch diese Unterlagen irgendwie hätte beschaffen können. So kam es, dass sie trotz der sehr unrealistischen Wahrscheinlichkeit doch ein wenig enttäuscht war.

»Ich weiß«, seufzte sie und fuhr sich durch die bereits vollkommen zerzausten Haare. Sie richtete sich auf, nahm die zehn Artikel und heftete sie an die gewaltige Pinnwand, die an der einzigen Wand hing, die nicht gänzlich hinter Bücherregalen verschwand. Sie standen also praktisch bei Null. »Und jetzt? Wir haben einen groben Überblick über Mr. Uchiha, aber das war es auch schon.«

»Wir könnten seinem Autohaus unregelmäßig Besuche abstatten und uns von außen einen Überblick verschaffen«, schlug er vor, wenngleich sein Enthusiasmus ebenfalls stark angeschlagen war, »Die Perückensammlung deiner... Freundin könnte sich dabei als äußerst hilfreich heraus stellen.«

»Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass Mr. Uchiha so dumm ist, sein sicheres Unternehmen mit zwielichtigen Machenschaften zu riskieren. Immerhin ist es eine legale Firma«, wandte Sakura ein.

»Nein, ich auch nicht, aber viel mehr Ansatzpunkte haben wir nicht, fürchte ich«, stimmte er ihr zu. Er hatte Recht, einmal mehr. Sie stocherten im trüben Ungewissen und ohne eine gehörige Portion Glück würden sie ab diesem Punkt nicht mehr viel weiter kommen.

»Gut«, gab sie schließlich nach, »dann wollen wir es so machen.«

»Es tut mir Leid, dass ich diese Bürde ganz auf dich ablade, allerdings...« Er hielt inne und verzog das Gesicht, aber es war nicht schwer, zu erraten, woran er dachte.

»Ich weiß. Du mit Perücke wäre wohl etwas zu auffällig«, scherzte sie halbherzig in dem eher erfolglosen Versuch, die Stimmung wieder etwas anzuheben.

Er nickte beipflichtend. »Bis du das erste Mal dort auftauchst, werde ich mich aber noch um deinen Hintergrund kümmern, du wirst also ein oder zwei Tage mit dem ersten Besuch warten müssen.«

»Meinen... Hintergrund?« Sakura zog irritiert die Augenbrauen zusammen.

»Du kannst ihm schlecht erzählen, dass du Journalistin bist, oder?«

»Stimmt wohl, aber was hast du denn vor?«

Zum ersten Mal seit seiner Ankunft lächelte er sein schiefes Lächeln und Sakura wusste sofort, was es bedeutete: Er hatte etwas vor. Hoffentlich nicht wieder ein Einbruch. »Der Job bei der Times war mein erster nach dem Studium, aber meine fachpraktische Ausbildung während des College habe ich bei einem anderen Verlag gemacht«, begann er mit mysteriöser Stimme, »Nun, sagen wir es mal so: Mr. Uchiha und der Chef dieses Verlags stehen nicht auf dem besten Fuß miteinander. Ich hingegen hatte ein glänzendes Verhältnis zu ihm und ich bin mir sicher, dass er mir diesen kleinen Gefallen bestimmt nicht abschlagen wird.«

»Kleiner Gefallen?«, hakte sie nach und fühlte dieses nervöse Kribbeln unter ihrer Haut, wie immer, wenn etwas Unerwartetes passierte. Sai steckte scheinbar wirklich voller Überraschungen.

»Du wirst dich einfach als neue Autorin vorstellen. Eine, die noch an ihrer ersten Veröffentlichung arbeitet. Wenn er dich nach deinem Chef fragt, nennst du ihm einfach den Namen „Danzou Shimura“. Ich kenne Mr. Uchiha nicht, aber ich bin mir sehr sicher, dass er das einfach hinnimmt. Bevor er Danzou persönlich anschreibt oder anruft, geht die Welt unter, vertrau mir.«

»Was hat er denn gegen deinen Mentor?«, wollte sie wissen. Das Ganze machte sie neugierig. Sie hatte von Mr. Shimura schon einiges gehört; viel Gutes und viel mehr Schlechtes, aber er war zweifelsfrei eine Größe im Geschäft und dass Sai unter ihm gelernt hatte, erklärte viele Dinge.

»Die Details hat Danzou mir gegenüber nie erläutert und in den Zeitungen habe ich auch nichts gefunden, aber es gab wohl eine dreckige Angelegenheit zwischen ihm und den Uchihas. Seitdem herrscht frostiges Schweigen zwischen den beiden Parteien.«

Sakura verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete das schwarzweiße Bild von Sasuke Uchiha. »Und du glaubst wirklich, dass er mich wirklich deckt, gesetzten Falles, dass Mr. Uchiha ihn doch kontaktiert und nachforscht?«

»Sehr sicher, ja. Ich habe noch ein Stein bei ihm im Brett und es ist ja auch nicht so, als müsste er tatsächlich auch nur irgendetwas tun, denn glaube mir, das wird nicht passieren. Und selbst wenn: Es ist nur eine einfache Lüge.« Scheinbar gingen ihre Ansichten über das Lügen grundsätzlich in verschiedene Richtungen, trotzdem war sie beruhigt.

»Na gut, wenn das so ist. Dann wäre zumindest diese Sache geklärt. Der Rest wird sich dann wohl irgendwie ergeben müssen«, seufzte sie und Sai nickte, ehe er sich erhob.

»Dann werde ich jetzt erst einmal verschwinden und mich um die Sache mit Danzou kümmern. Wir können ein andermal mit der Recherche weiter machen.« Er betrachtete die Notizzettel an der Pinnwand, einige davon miteinander verbunden.

»Alles klar. Ich begleite dich zur Tür. Ruf' mich nur bitte an, wenn du mehr weißt«, bat sie ihn und er nickte bejahend.

Im Flur wartete Ino mit verschränkten Armen und schiefen Grinsen auf die beiden, weswegen Sakura überrascht die Augenbrauen nach oben zog.

»Hast du etwa die ganze Zeit über auf uns gewartet?«, wollte sie wissen.

»Wieso denn nicht? Spannende Dinge passieren unter diesem Dach«, entgegnete sie prompt und löste sich von der Wand, gegen die sie gelehnt hatte, »Nur leider macht sich niemand die Mühe, mich ins Bild zu setzen.«

»Man möge mir verzeihen«, frotzelte Sakura.

»Schon geschehen. Sai kann mich später ja anrufen und mir alles erklären!« Damit zwinkerte sie ihm zu und erneut wurde er ganz leicht rot um die Nase. Verwirrt schaute Sakura zwischen den beiden hin und her. Was war hier nur los?

»Wir hören uns«, verabschiedete sich Sai eilig von ihr, vermutlich um etwaigen Fragen aus dem Weg zu gehen. Als er zu Ino blickte, schien er einzufrieren. Sie schenkte ihm ein umwerfendes Lächeln und er murmelte etwas, ehe er durch die Tür verschwand und Sakura sie hinter ihm schloss.

Sie wandte sich ihrer besten Freundin zu, die noch immer wie ein Honigkuchenpferd strahlte. »Ich habe da noch eine Frage, die mir schon seit vorhin auf der Seele brennt: Sai sah am Anfang nicht allzu begeistert aus, wie hast du ihn dazu bekommen, so schnell seine Meinung über deine Anwesenheit zu ändern?«

Ino zwinkerte keck. »Willst du das wirklich so genau wissen?«

Sakura kannte Ino schon fast ihr ganzes Leben und sie wusste, dass die Blondine Dinge über die Lippen brachte, die selbst einem gestandenen Stahlarbeiter die Schamröte ins Gesicht treiben konnte, weswegen sie nicht weiter nachfragte.

»Dachte ich mir«, frotzelte sie grinsend. Manche Dinge würden sich nie ändern und wenn eines so sicher war, wie die Gezeiten selbst, dann war es Inos Selbstbewusstsein, für das sie sie schon so manches Mal beneidet hatte. Ino wusste genau wer oder was sie war und machte daraus auch keinen Hehl, ganz im Gegenteil und vermutlich war genau das der Grund dafür, weshalb es jedem schwer fiel, sie nicht zu mögen – manchmal auch gegen den eigenen Willen.

 

 
 

Nachdem Sai sie zwei Tage später angerufen und ihr das Startsignal gegeben hatte, stattete sie in den nächsten drei darauf folgenden Wochen dem Autohaus also sporadisch Besuche ab, während sie gleichzeitig mit dem Arbeitspensum zu kämpfen hatte, mit welchem Kakashi sie neuerdings überschüttete. Er hatte ihr mehrere Recherchen aufgebrummt, keine davon besonders anspruchsvoll, aber dennoch fraßen sie ihre Zeit – und Nerven. Sie wusste nicht, ob es daran lag, dass es ihn regelrecht zu erzürnen schien, keinen Fehler in ihrer Arbeit zu finden oder aber er hatte die Sache mit den Bildern in der Dunkelkammer immer noch nicht vergessen und versuchte, sie mit Nonsens von der Sache abzulenken. Was auch immer der hinterlegende Grund war – es war durchaus effektiv und so stagnierten die beiden beinahe gänzlich.

Es war ein früher, nebliger Samstagmorgen, circa vier Wochen nach ihrer Sichtung der Unterlagen, an dem Sakura endlich etwas Luft hatte, um dem Autohaus einen erneuten Besuch abzustatten – dieses Mal mit einer fast schwarzen Perücke auf dem Kopf und mit einer Heizkanne voller Kaffee.

Sie gähnte herzhaft, als sie den Verschluss aufschraubte und sich etwas in den dafür vorgesehenen Deckel goss. Vorsichtig stellte sie den befüllten Becher auf der Bank ab und fummelte in ihrer Tasche nach einem großen Skizzenblock und einer kleinen Schatulle voller Kreidestiften; ihre heutige Tarnung. Ausnahmsweise war sie froh, einige Kunstklassen belegt zu haben – mehr aus Interesse, als tatsächlichem Nutzen -, denn so konnte sie beiläufig ein paar Skizzen von den ansehnlichen, blank polierten Autos anfertigen, die gerade gut genug waren, um authentisch zu wirken. Falls jemand vorbei kommen sollte, um Fragen zu stellen, könnte sie der Person ruhigen Gewissens den Block überreichen und ein paar flüchtige Ausreden dazu erfinden, immerhin war es ihr Job, Geschichten zu erzählen, wenngleich diese für gewöhnlich stets im Dienste der Wahrheit erzählt wurden.

Der Nebel, der dicht über dem Boden hing, war zäh und dick wie Haferschleim, was den Umrissen der Autos etwas Schemenhaftes verlieh und die Zeit schien gemächlich dahin zu tröpfeln, während sie mit aus der Übung geratenen Fingern feine Linien zeichnete und ab und zu an ihrem Kaffee nippte. Wie immer geschah nichts auch nur annähernd Auffälliges, wann immer sie es wagte, den Blick über den Rand ihres Blocks gleiten zu lassen. Ein Mann in schlichter Arbeiterkleidung polierte mit Hingabe ein Auto nach dem anderen, obschon Sakura sich sicher war, dass sie auch davor schon ihr Antlitz in der schimmernden Oberfläche erkannt hätte, wenn sie nur nahe genug heran getreten wäre.

Alles war auffällig unauffällig, was sie wurmte, jedoch nicht verwunderte. Das Autogeschäft war ein legitim eingetragenes Unternehmen und es gab keinen Grund, irgendwelche krummen Dinger im Zentrum seiner Macht zu drehen.
 

So saß sie also stundenlang da, ehe die Herbstluft, der allmählich der frostige Hauch des nahenden Winters innewohnte, ihre Finger so steif und rot hatte werden lassen, dass sie gezwungenermaßen das Zeichnen hatte aufhören und sich ein paar Handschuhe überziehen müssen.

In der Zwischenzeit waren Männer in schicken Anzügen gekommen und gegangen, ohne dass dabei etwas Spannendes passiert war und allmählich wurde Sakura es müde, ihre kostbare – und mittlerweile rare – Freizeit damit zu verbringen, hier auf dieser Bank zu sitzen, ohne dabei irgendetwas in Erfahrung zu bringen.

Ihr Kaffee war schon seit über einer Stunde restlos leer getrunken und langsam, aber sicher, spürte sie einen gewissen Druck in ihrer Bauchgegend. Bei dem Gedanken, das Autohaus zu betreten, um nach einer ruhigen Örtlichkeit zu fragen, wurde ihr ein wenig übel, aber die Aussicht, sich in dem kleinen Wäldchen hinter ihr zu erleichtern, war noch weitaus weniger erfreulich.

Unterbewusst rieb sie ihre Schenkel aneinander, um das brennende Gefühl ein wenig zu lindern, als sie von hinten auf die Schulter getippt wurde und heftig erschrak.

»Um Gottes Willen!«, entfuhr es ihr, als sie sich umdrehte und ihr dabei beinahe etwas Unschickliches passierte. Hinter ihr stand ein groß gewachsener Mann mit breiten Schultern und so prächtig langem, tiefschwarzen Haar, wie sie es selten bei einem Mann gesehen hatte. Er trug ein Anzug, wie fast alle Männer, die sich im näheren Umkreis ständig herum trieben und schenkte ihr ein breites Lächeln. Er kam ihr bekannt vor und etwas in ihrem Unterbewusstsein schien an ihrer Aufmerksamkeit zu zupfen, doch unter ihren Umständen konnte sie kaum noch einen klaren Gedanken fassen.

»Kann ich ihnen helfen, Ms...?« Er legte den Kopf schief und schenkte ihr ein amüsiertes Grinsen.

»Haruno. Und ja, nein, ich weiß nicht...«, murmelte sie und konnte sich nur mit aller größter Willenskraft davon abbringen, aufzuspringen und an ihm vorbei ins Wäldchen zu rennen. Er zog die Augenbrauen nach oben angesichts ihrer kruden Antwort und schien darauf zu warten, dass sie ihre Aussage evaluierte.

»Ich... Ich habe zu viel Kaffee getrunken«, platzte es aus ihr heraus und sie war froh, dass die kühle Morgenluft ihr Gesicht bereits stark genug gerötet hatte, sodass ihre aufwallende Scham nicht ganz so kenntlich war.

Der Mann lachte durch die Nase und wirkte regelrecht erheitert. »Eine Demoiselle in Nöten, wie schrecklich«, entgegnete er geradezu theatralisch und der kleine Teil ihres Hirns, der nicht in den angestrengten Kampf gegen ihre eigenen Bedürfnisse verwickelt war, registrierte und vermerkte diese seltsame Eigenart. »Zufälligerweise arbeite ich für das wundervolle Haus, welches Sie seit geraumer Zeit betrachten...« Er warf einen neugierigen Blick auf den aufgeschlagenen Zeichenblock, der neben ihr auf der Bank lag, »und offenkundig als Muse nutzen. Wenn Sie mir also folgen würden?« Damit schritt er elegant von hinten an ihr vorbei und reichte ihr einen Arm. Unter anderen Bedingungen wäre sie zu vorsichtig gewesen, um sich tatsächlich in das Autohaus zu wagen, doch es lag ihr wirklich viel daran, sich in der Öffentlichkeit nicht der Lächerlichkeit preiszugeben, also stand sie kurzerhand auf und hakte sich bei dem fremden Mann unter.

»Und wer sind Sie, wenn mir die Frage erlaubt ist?«, fragte sie so beiläufig wie möglich. Als sie ihn von der Seite ansah, war da erneut dieses fast schamlose Lächeln auf seinen Lippen, als hätte er gedanklich einen ganz hervorragenden Witz auf ihre Kosten gerissen.

»Ein Fahrer«, antwortete er höflich und zwinkerte ihr zu. Ihre Augen wanderten von seinem ansehnlichen Gesicht zu dem Autohaus und den zwei gläsernen Eingangstüren, die immer näher kamen. Ihr Herz flatterte plötzlich aufgeregt, als hätte es sich daran erinnert, wo sie sich hier befand und was sie hier tat.

Leicht zitternd atmete sie so lautlos wie möglich tief ein, um ihre Nerven zu beruhigen. »Nun, wenn Sie für dieses Autohaus arbeiten, sind Sie vermutlich kein Taxifahrer«, stellte sie fest, während sie sein Gesicht eingehend musterte und sich dazu zwang, die markanten Details seiner dunklen Augen und den ungewöhnlich ausgeprägten Augenringen genauestens zu studieren.. Sie würde später aus der Erinnerung heraus eine Skizze von ihm anfertigen müssen und hoffte, dass sie bis dahin auch einen Namen zu dem Gesicht verbinden konnte.

»Scharfsinnig!«, bemerkte er mit einem weiteren Zwinkern, während er erstaunlich sanft ihren Arm von seinem löste, um für sie die Tür öffnen zu können. Am Rande bemerkte Sakura, dass die Türen wohl deutlich schwerer sein mussten, als sie aussahen, denn der Mann ächzte fast überhörbar leise, als er eintrat und sie mit einer einladenden Handbewegung dazu aufforderte, es ihm nachzutun.

Sakura staunte nicht schlecht, als sie den riesigen Ausstellungsraum einer genaueren Musterung unterzog und nahm sich fest vor, sich nach der Lösung ihres Problems umzuschauen, jetzt, wo sich ihr die Gelegenheit dazu unverhofft geboten hatte. Tatsächlich standen nur sehr wenige Autos in dem opulenten Raum, wahrscheinlich waren dies die Glanzstücke der Firma; die Autos, die zu prächtig waren, um sie der Grausamkeit des Wetters auszusetzen. Der Boden bestand aus poliertem Marmor, in dem sich das grelle Licht der Spots fing und auf dessen Oberfläche sie ihre Umrisse erkennen konnte.

Weiter über ihre Umgebung nachdenken konnte sie nicht, denn der fremde Mann bot ihr erneut seinen Arm an, gewiss, um sie zu den Privaträumen zu führen. Dankbar lächelnd hakte sie sich erneut ein und ließ sich von ihm zwei Flure in das Haus hinein vor eine Tür aus glänzendem Holz führen.

»Fühlen Sie sich ganz, wie Zuhause«, forderte er sie höflich auf und ohne weitere Umschweife verschwand sie in das Badezimmer. Es war genauso penibel sauber und auf Hochglanz, wie alles andere in dem Gebäude, doch das könnte sie kaum weniger interessieren.

Sie ließ sich mehr Zeit, als sie sollte; Zeit, die sie nutzte, um ihre Gedanken zu sammeln und ein wenig frisch zu machen. Es war angenehm warm hier, sodass sie die Handschuhe nach dem Waschen wegließ.

Der Mann wartete starr wie eine Statue genau da auf sie, wo sie ihn zurück gelassen hatte. Unheimlich. Wer war er und wieso hatte er sie wohl angesprochen? War sie etwa zu auffällig gewesen? Irritiert blinzelte Sakura, als ihr auffiel, dass sie ihre Sachen alle draußen auf der Bank hatte liegen lassen.

»Sicherlich suchen Sie das hier bereits.« Als hätte er ihre Gedanken gelesen, hob er ihre Tasche und den Zeichenblock nach oben. Offenbar hatte er die Zeit genutzt, um die Sachen holen zu gehen.

»Ich danke Ihnen, ich hatte vor lauter... Unpässlichkeit ganz vergessen, sie mitzunehmen.« Erleichtert nahm sie die Sachen entgegen und schwang sich den Riemen der Tasche über die Schulter.

»Ich habe mir einen genaueren Blick auf Ihre Zeichnungen erlaubt, Mademoiselle«, gestand er mit einem schalkhaften Funkeln in den Augen.

»Leider fürchte ich, dass mein Talent diesbezüglich kaum über mittelmäßige Durchschnittlichkeit hinaus reicht«, seufzte sie und blätterte beiläufig durch die Seiten und betrachtete die Autos, die in Kreide für die Ewigkeit auf dem Papier gebannt worden waren.

Der Mann schnaubte und zum ersten Mal, seit er sie angesprochen hatte, wirkte er beinahe ernst. »Sie stellen Ihr Licht unter einen Scheffel und davon rate ich Ihnen dringendst ab. Sie haben ein gutes Auge für Details, Mademoiselle«, lobte er sie und es klang aufrichtig.

»Sie schmeicheln mir doch sicherlich nicht nur aus dem Grund, um davon abzulenken, dass Sie mir noch immer nicht Ihren Namen verraten haben«, scherzte sie, was dem Mann ein herzhaftes Lachen entlockte.

»Sie haben einen ausgesprochen intelligenten Humor, wirklich charmant.« Er zog die Krawatte an seinem Hals ein wenig nach und schien für einen Moment in Gedanken versunken. »Ich bin Itachi«, stellte er sich nach kurzem Schweigen vor, »Itachi Uchiha.« Sakuras Herz stolperte, blieb stehen und sank ihr schließlich so tief, dass sie fürchtete, es fiele ihr geradewegs durch das Hosenbein hinaus auf den Boden. Er war also irgendwie mit Sasuke Uchiha verwandt. So jung, wie er aussah, war es naheliegend, dass es sich hierbei um seinen Bruder handeln musste oder seinen Cousin.

»Sakura. Sakura Haruno« Obschon sie ihm bereits seinen Nachnamen verraten hatte, hielt sie es für angemessen, sich noch einmal richtig vorzustellen. Sie reichte ihm die Hand und hoffte inständig, dass sie nicht verschwitzt war und ihre Nervosität verriet. »Ich bin im Übrigen keine Künstlerin«, stellte sie schief lächelnd fest, »Das ist nur mein Hobby in der wenigen Freizeit, die mir zur Verfügung steht.«

»Ihre Besuche hier sind recht sporadisch, das ist mir bereits aufgefallen. Was machen Sie denn außerhalb ihrer Freizeit?«, fragte er, als er ihr erneut den Arm reichte. Offensichtlich befand er den Flur vor dem Badezimmer nicht als angemessenen Ort, um sich zu unterhalten.

»Ich bin auch keine Fahrerin.« Erneut lachte Itachi und schüttelte kaum merklich den Kopf.

»Machen Sie sich über mich lustig?«

»Nichts läge mir ferner«, verneinte sie ernsthaft. »Wo genau bringen Sie mich jetzt eigentlich hin?«

Er musterte sie derart unverblümt, dass sie nicht verhindern konnte, dass sie ein wenig rot wurde. »Nun weichen Sie mir aus, Mademoiselle.«

Nun war es an ihr, zu lachen und sie war dankbar, dass ihre Anspannung allmählich von ihr abfiel. »Touché. Aber eine Frau muss doch ein paar Geheimnisse haben, finden Sie nicht auch?«

Seine Augenbrauen wanderten nach oben, doch er wirkte nicht misstrauisch, eher überrascht. »Eine Demoiselle mit Geheimnissen, jetzt machen Sie mich aber wirklich neugierig.« Sie waren zurück in die Halle gewandert, als Itachi abrupt stehen blieb. »So interessant ich diese Unterhaltung auch finde, muss ich sie leider dennoch unterbrechen. Wenn Sie möchten, können Sie sich hier gerne umschauen und wer weiß, vielleicht finden Sie hier ein wenig Muse.« Er schenkte ihr ein mysteriöses Lächeln und Sakura fragte sich, wohin er wohl verschwinden mochte. Ob Sasuke Uchiha wohl irgendwo im Haus war und er sich mit ihm traf? Aber wieso hatte Sakura ihn dann nicht herein kommen sehen? War er etwa noch früher angekommen, als sie selbst? Lange darüber nachdenken konnte sie jedoch nicht, denn Itachi schien auf eine Reaktion von ihr zu warten.

»Sind Sie sich sicher, dass ich hier einfach so herum laufen kann?« Sie war nicht überzeugt; die Gelegenheit war zu günstig, um wahr zu sein und Sakura war schon zu lange im Journalismus, um nicht misstrauisch zu werden.

»Vorher muss ich nur eine einzige Sache feststellen«, bemerkte er mit einer plötzlichen Ernsthaftigkeit, die Sakura erneut nervös werden ließ. War sie etwa wirklich aufgeflogen? Hatte sie vergessen, eindeutige Beweise ihrer tatsächlichen Arbeit aus ihrer Tasche zu räumen? Mit zum Zerreißen angespannten Nerven hielt sie den Atem an. »Sind Sie insgeheim Vandalin?« Sie blinzelte perplex. Vandalin? Bevor sie ihn fragen konnte, was er damit meinte, brach er in Gelächter aus, was in dem offen Raum widerhallte. »Dieser Blick war mir der kleine Scherz auf Ihre Kosten wert, Sie mögen mir verzeihen!« Noch immer überrumpelt suchte sie nach einer passenden Antwort, doch ihr Kopf war vollkommen leer. »Nun schauen Sie mich nicht so an, sonst bekomme ich tatsächlich noch ein schlechtes Gewissen!«

Er wirkte fast bestürzt, doch Sakura gewann ihre Fassung wieder und hob entschuldigend beide Hände. »Nein, nein, alles gut, entschuldigen Sie, Sie haben mich nur kalt erwischt. Eigentlich ist nicht die Kunst mein Hobby, sondern das mutwillige Zerstören von schönen Autos als politischer Kampf«, warf sie ein und gab sich die größte Mühe, ihn mit der gleichen Ernsthaftigkeit zu betrachten, wie kurz zuvor noch er sie angeschaut hatte.

Nun war es an Itachi Uchiha, sie entgeistert anzustarren, ehe der Groschen fiel und er amüsiert gluckste. »Erwischt«, gestand er, »und vermutlich vollkommen gerechtfertigt. Wenn Sie hier auf mich warten möchten, kann ich Ihnen später eine kleine Führung anbieten«, schlug er vor.

»Gern!« Sie schenkte ihm ein aufrichtiges Lächeln, was er mit einem knappen Nicken kommentierte, ehe er eine schlichte Verbeugung vollführte, sich auf dem Absatz umdrehte und Sakura sich selbst und ihren Gedanken überließ. Sie wusste nicht, wie lange er weg bleiben würde und wollte nicht riskieren, etwas Auffälliges zu machen, sodass sie sich tatsächlich die außergewöhnlich schönen Maschinen anschaute, die in der Halle ausstanden. Die wenigen Mitarbeiter, die anwesend waren, musterten sie alle kurz, doch das war auch schon alles an Aufmerksamkeit, was sie bekam.

Sie blieb vor einem Daimler-Benz aus Deutschland stehen, der so elegant aussah, dass sie das nagende Bedürfnis, ihn zu berühren, nur schwer unterdrücken konnte. Er war in einem tiefen Nachtschwarz und glänzte in dem hellen Licht der Halle wie ein schwarzer Stern. Obschon das Zeichnen eigentlich nicht mehr war, als eine Ausrede für ihre ständige Anwesenheit, war das Auto so schön, dass sie sich kurzerhand auf eine Bank in unmittelbarer Nähe niederließ und ihren Zeichenblock auf ihrem Schoss aufschlug.

Itachi war so lange weg, dass sie das Automobil in all seinen Facetten und Details auf ihr Papier bannen konnte, ehe ein schwarzhaariger Kopf über ihrer Schulter erschien und ihr – zum zweiten Mal an diesem trüben Morgen – einen erschreckten Aufschrei entlockte.

»Zweimal an einem Tag, tut mir Leid«, entschuldigte Itachi sich, während er die Zeichnung betrachtete.

»Wenn es Ihnen tatsächlich Leid täte, hätten Sie es wohl kaum ein zweites Mal gemacht«, entrüstete sich Sakura und blähte gespielt beleidigt ihre Backen auf.

»Touché.« Itachi Uchiha zog sich zurück und gab ihr den Raum, um ungestört aufstehen zu können. »Sie müssen mir unbedingt eine Ihrer Zeichnungen einrahmen und schenken«, bat er unversehens.

Nachdenklich blätterte sie durch die zahlreichen Skizzen, die sie heute angefertigt hatte, ehe sie den Blick wieder hob und Itachis Blick mit fragenden Augen begegnete. »Eine davon?«, fragte sie nach, um seinen Wunsch ein wenig zu konkretisieren.

»Die Letzte, die sie angefertigt haben, wenn ich die Wahl habe, sie ist beeindruckend. Schlicht und schön, genau wie das Auto«, erklärte er und verharrte mit einer Hand in der Nähe der Karosserie, als wäre es ebenso schwer für ihn, sie nicht zu berühren, wie für sie. Plötzlich seufzte er und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf sie. »Ich fürchte, ich muss mein vorheriges Angebot einer Führung leider zurück ziehen. Etwas Wichtiges ist dazwischen gekommen.« Damit drehte er sich um und starrte zu dem gleichen Flur, durch welchen er sie erst kürzlich geführt hatte.

Und dort stand er.

In einem maßgeschneiderten, weißen Anzug.

Sasuke Uchiha.

Lebensecht und in Farbe, direkt vor ihr. Sie hielt den Atem an, als sie realisierte, dass seine ausdruckslosen Augen sie eingängig zu betrachten schienen. Irrte sie sich oder blinzelte er nicht einmal?

Sie holte zitternd Luft und konzentrierte sich auf einfache Wahrheiten, um ihre Gedanken wieder unter Kontrolle zu kriegen.

»Ich bin Sakura Haruno. Ich bin Journalistin. Ich trinke gerne Kaffee. Ich liebe Kirschkuchen.« Wie ein inbrünstiges Gebet wiederholte sie diese vier Dinge zweimal, ehe sie sich von geradezu hypnotisierenden Augen von Sasuke Uchiha ab- und Itachi wieder zuwandte.

»Ich verstehe«, antwortete sie und brachte, Gott sei's gedankt, ein vernünftiges, aufrichtiges Lächeln zustande, »Ich werde das Bild rahmen lassen und Ihnen zuschicken.«

»Die Demoiselle ist zu freundlich«, bedankte er sich charmant und griff nach ihrer Hand, um ihr einen angedeuteten Kuss auf die Knöchel zu hauchen – zum Abschied, wie sie verstand. Sie neigte ihren Kopf zum Abschied und dann, beseelt von etwas was entweder grenzenloser Mut oder vollkommener Wahnsinn war, drehte sie sich noch einmal zu Sasuke Uchiha um und nickte ihm ebenfalls knapp zu, ehe sie ihre Tasche schulterte und das Autohaus mit möglichst lässigen Schritten verließ.
 

Erst als sie zehn Minuten später an der Bushaltestelle ankam, von welcher der Bus Richtung Stadtzentrum abfuhr, erlaubte sie es sich, regelrecht hysterisch nach Luft zu schnappen. Es war, als hätte sie die letzten zwanzig Minuten zu wenig geatmet und ihr Kopf schwirrte ihr von den Geschehnissen.

Sie hatte ihn schon einmal gesehen – aus der Ferne -, als sie das gewagte Bild von ihm geschossen hatte und zu ihrem eigenen Missfallen musste sie feststellen, dass er von Nahem noch umwerfender aussah. Sie hatte ihn nur einen kurzen Moment lang betrachtet, doch der hatte genügt, damit sich sein Bild förmlich auf ihre Netzhaut gebrannt hatte.

Jetzt, wo sie Itachi und Sasuke Uchiha nacheinander angesehen hatte, war die Ähnlichkeit der beiden geradezu absurd offensichtlich. Sie hatten beide die gleichen dunklen Augen, gleich schwarzen Löchern, in denen man sich verlieren konnte, wenn man zu lange hinein starrte. Das gleiche schwarze, seidige Haar, sogar die gleiche Haltung und die perfekte Beherrschung ihrer Gesichtszüge. Doch wo Itachi schalkhaft, charmant und witzig war, war Sasuke Uchiha eisig, berechnend und undurchsichtig. In diesem Moment hätte er alles über sie denken können und es wäre ihr unmöglich zu erraten, was.

Der dichte Nebel hing nur noch in einzelnen Fetzen über dem Boden, als am anderen Ende der Straße der Bus auftauchte und sich in gemächlichem Tempo näherte. Ihr fröstelte, als er vor ihr hielt, doch es lag nicht an der kühlen Morgenluft, welche er ihr ins Gesicht wirbelte.

 

 

 

 
 

Die Fahrt zurück in die Innenstadt war weit weniger ruhig, als die Anfahrt, denn mittlerweile war auch der Großteil der Stadt aus dem tiefen Schlummer erwacht und ging seinen Geschäften nach. Sie fühlte sich, als hätte sie seit zwei Wochen kein Auge geschlossen, als sie mit tauben Fingern den Schlüssel aus ihrer Handtasche fummelte und in ihre etwas wärmere Wohnung trat.

Sie schnupperte den Geruch von heißem Kaffee und frischen Croissants, als sie sich die Halbstiefel von den Füßen streifte und die Tür hinter sich schloss. Keine Sekunde später tauchte Inos blonder Schopf aus der Küchentür auf.

»Du bist zurück!«, stellte sie mit einer fast schon obszön guten Laune fest, die ganz gewiss daher rührte, dass sie an diesem Morgen – im Gegensatz zu ihr selbst – ausgeschlafen hatte.

»Mhm«, brummte sie, nicht unbedingt übellaunig, aber auch nicht begeistert.

Prompt runzelte ihre Freundin die Stirn. »Was ist passiert?«

»Frag' nicht«, stöhnte Sakura und rieb sich mit beiden Händen die müden Augen, nachdem sie ihre Tasche in die nächstbeste freie Ecke gepfeffert hatte, »Eines ist auf jeden Fall sicher: Ich kann nicht mehr zum Autohaus fahren.«

Ino zog die Augenbrauen wenn überhaupt noch ein wenig höher. »Okay, jetzt musst du mir aber erzählen, was passiert ist. Willst du einen Kaffee?«, bot sie an und schob sich zurück in die Küche.

»Wenn ich noch einen Kaffee mehr trinke, laufe ich an der Decke!«, rief Sakura ihr hinterher, woraufhin ein melodisches Lachen aus der Küche tönte. Ebenfalls in der Küche angekommen warf sie achtlos den Zeichenblock auf den Tisch und ließ sich seufzend auf einen der Stühle sinken. Auf der Anrichte stand ein Körbchen voller leicht dampfender Croissants; Ino musste sie zweifelsohne kurz vor ihrer Ankunft von der Bäckerei in ihrer Straße geholt haben. Sie rochen verführerisch, doch Sakuras Magen durchlitt noch immer wilde Turbulenzen nach dem ganzen Kaffee und den sich überstürzenden Ereignissen. Allein der Gedanke an ein richtiges Frühstück ließ ihn übereifrige Purzelbäume schlagen.

»Ah übrigens, Sai kommt später vorbei«, erwähnte Ino wie beiläufig, während sie sich eine Tasse einschenkte und nebenbei herzhaft in das Croissant in ihrer Hand biss. Sakura verzog das Gesicht, als sie etliche Krümel beim herunter fallen beobachtete, hielt aber den Mund. Mit einem Arbeitszimmer wie dem ihrigen musste sie kleine Brötchen backen.

Sakura kniff grüblerisch die Augen zusammen. »Er wollte heute nicht vorbei kommen?«

»Ja, ich weiß... er kommt auch eher meinetwegen.« Ino drehte sich um und strahlte heller als eine Sommersonne. »Wir wollen etwas essen gehen, weißt du?«

»Also eine Verabredung«, stellte sie fachmännisch fest und ein diebisches Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus, die schlechte Laune ob ihres seltsamen Morgens fast vergessen.

Ino druckste etwas herum und wurde tatsächlich rot um die Nase, was völlig untypisch für sie war. Scheinbar lag ihr wirklich etwas an Sai und seiner Meinung von ihr. »Ja, eine Verabredung«, flüsterte sie leise, als musste sie sich die Realität dieses Umstandes selbst in den Kopf rufen. Brüsk schüttelte sie den Kopf und blickte Sakura vorwurfsvoll an. »Aber jetzt lenke nicht ab! Was war denn los? Wieso kannst du dort nicht mehr hin?« Sakuras Lippen wurden schmal, doch Ino ließ sich davon kaum beeindrucken. »Also?«

»Ich stand ihm gegenüber. Also quasi gegenüber«, gab Sakura ergeben seufzend nach und stützte ihren Kopf auf ihrer Hand ab.

»Du meinst den Sasuke Uchiha?«, hakte Ino schockiert nach und vergaß dabei ganz das halb gegessene Croissant in ihrer Hand.

»Genau den. Und seinen Bruder. Oder Cousin. Ich weiß es nicht genau, auf jeden Fall heißen sie genau gleich«, fügte sie erklärend hinzu, »Mit dem habe ich mich unterhalten, nachdem er mich beim Zeichnen überrascht hat. Ich soll ihm eine der Skizzen zuschicken.« Sie zuckte mit den Schultern, als Ino sie fragend anschaute.

»Hast du auch mit ihm gesprochen?«

»Nein, er stand zu weit weg. Itachi Uchiha wollte mir eine Führung durch das Haus geben, weil er angeblich beeindruckt von meiner „Kunst“ war, aber dann verschwand er kurz, nur um daraufhin mit Sasuke Uchiha zurück zu kommen. Er sagte mir, etwas Wichtiges wäre dazwischen gekommen. Was das ist? Ich weiß es nicht. Allerdings kann ich es mir jetzt abschminken dort mit wechselnder Haarpracht aufzutauchen, zumindest nicht, wenn ich nicht komplett auffällig sein möchte«, schloss sie und rieb sich erneut die Augen. Sie hatte in der Nacht definitiv zu wenig Schlaf für solche Spielerein bekommen.

Ino biss geistesabwesend in ihr Croissant und rührte in ihrem dampfenden Kaffee. Man konnte ihrem hübschen Gesicht ablesen, wie intensiv sie über die Informationen nachdachte. »Das mit den wechselnden Perücken stimmt, aber wenn du jetzt einfach aufhörst, dorthin zu gehen, bist du erst recht verdächtig. Du musst weiterhin dorthin gehen und zeichnen, nur halt mit diesen Haaren«, warf sie ein, was Sakura zum Nachdenken brachte. Sie hatte Recht. Wenn sie jetzt, wo sie angesprochen worden war, einfach nicht mehr kam, würde sie wirklich komisch wirken. Andererseits war sie nicht davon überzeugt, dass auch nur einer der beiden in einigen Wochen einen weiteren Gedanken an die seltsame Frau mit ihrem Skizzenblock verschwenden würde. Ein altbekannter Schmerz pochte dumpf hinter ihrer Schläfe.

»Stimmt wohl, aber vorerst werde ich mir meine Gedanken zu der ganzen Sache machen und vielleicht Sai um Rat fragen«, murmelte sie und massierte sich die ziepende Stirn.

»Wie war er denn so?«, wollte Ino wissen, »Ich meine, wie sah er aus? Gut?« Sie grinste schelmisch und Sakura rollte die Augen.

»Umwerfend, wirklich«, gestand sie jedoch und schürzte die Lippen, »Es ist nicht gerecht. Ich konnte ihn kaum anschauen.«

»Oh man, jetzt bin ich neidisch auf dich«, scherzte sie zwischen zwei Schluck Kaffee, »Ich meine, Sai ist toll, wirklich, aber ich kenne Sasuke Uchiha aus den Zeitungsartikeln und es wäre gelogen, zu behaupten, dass er kein Sahnestückchen ist.«

»Neidisch? Ino, er ist ein Verbrecher«, erinnerte sie sie, aber Ino zuckte nur mit den Achseln.

»Das musst du erst noch beweisen. Außerdem: Komm' schon, Sakura, wir reden hier von Alkohol, nicht von Menschenhandel.«

»Es ist illegal. Das ist alles, was für mich zählt«, beharrte sie, was Ino mit einem Schnauben kommentierte. »Dir mögen solche Dinge egal sein, mir aber nicht«, fügte sie beleidigt hinzu.

»Sie sind mir nicht egal, Liebes, meine Urteile haben nur andere Gewichtungen, als deine, das ist alles«, lenkte Ino beschwichtigend ein, »Und das ist auch in Ordnung so. Ich ziehe das übrigens zurück. Also, das mit dem „neidisch auf dich sein“. Bei einem so hübschen Kerl könnte ich mich vermutlich nicht besonders lange auf meinen Job konzentrieren«, gestand sie und zwinkerte keck.

»Du bist unmöglich, weißt du das?«

»Und genau deswegen sind wir so gut befreundet, nicht wahr?« Ein erneutes Augenzwinkern und Sakura schaffte es endlich, ein klein wenig zu lachen.

»Also... Du und Sai, hm?« Sofort lief Ino erneut rot an und Sakura befand, dass ihr das durchaus gut stand. Ihre halbherzigen Liaisons mit den letzten Männern haben ihr nicht gut getan. Auch wenn die Blondine nach außen tough wirkte und immer einen flotten Spruch auf den Lippen hatte, so war sie sehr sensibel und die Sprunghaftigkeit ihrer letzten Beziehungen – in Ermangelung eines besseren Wortes – haben ihr sehr zugesetzt. Sakura würde es ihr von ganzem Herzen gönnen, wenn es mit Sai anders würde.

»Wir wollen es langsam angehen lassen«, erklärte sie leise, während sie den Blick senkte und verlegen mit dem Henkel ihrer Tasse spielte.

»Das ist doch gut«, bemerkte Sakura aufmunternd, »Freut mich wirklich für dich, Ino.«

Die Andeutung eines Lächelns ließ sich auf Inos Gesicht erkennen. »Ja, mich auch.«

»Du musst mir nach eurer Verabredung später alles erzählen, bis ins kleinste Detail!«, forderte Sakura, was nun Ino ihrerseits ein Lachen entlockte.

»Fest versprochen.«

»Gut, dann gehe ich jetzt noch ein oder zwei Stunden schlafen, aber vorher muss ich noch eine Skizze von Itachi Uchiha anfertigen. Für unsere Leinwand«, stöhnte Sakura. Sie hatte nicht wirklich Lust darauf, aber noch war ihre Erinnerung frisch wie ein Morgen und später würde sie sich dafür rügen, wenn sie es aufschöbe.

»Viel Spaß dabei«, wünschte Ino ihr und verputzte die letzten krümeligen Reste ihres Croissants.

»Danke dir...« Damit stand sie auf und schlurfte in ihr Arbeitszimmer. Dieser Morgen wollte einfach nicht enden.

 

 

 

Unsichtbare Fäden

In den darauf folgenden Tagen verschwand Ino immer öfter mit einem mysteriösen Lächeln auf den Lippen aus der gemeinsamen Wohnung, um sich mit Sai zu treffen. Indes verbrachte Sakura beinahe ihre gesamte Freizeit in dem Arbeitszimmer, rauchte wie ein Schlot und fertigte Notizzettel um Notizzettel an. Am Ende der Woche war die Leinwand gespickt von ihrer Zeichnung von Itachi, Bildern von Sasuke, sorgsam zusammengefassten Zeitungsausschnitten und kleinen Randnotizen von Gedankengängen, die sie für plausibel genug gehalten hatte, um sie aufzuschreiben.

Beim Sortieren und Abpacken der „geliehenen“ Zeitungsartikel half Sai ihr am Sonntag, als beide frei hatten und auch bei dem zweiten nächtlichen Ausflug in den Verlag passierten keine unglücklichen Zwischenfälle.

Es war bereits Montagmorgen, als Sakura vollkommen übermüdet in einem kleinen Café auf Hinata wartete und alle paar Sekunden einen Blick auf die Armbanduhr warf, die ihr nicht so recht passen wollte und an der sie stets unterbewusst herum spielte. Es handelte sich nicht um das gleiche Café, in welchem sie vor drei Wochen das erste Mal richtig mit Sai über die ganze Sache gesprochen hatte, denn aus irgendeinem Grund hatte das schüchterne Mädchen auf das deutlich kleinere, fast schäbige Café namens „Street Cats“ in einer schmutzigen Seitenstraße unweit der Times insistiert.

Als das von der deutlich abgekühlten Herbstluft rot angelaufene Gesicht der jungen Archivarin in der Tür auftauchte, über der eine kleine antike Glocke bimmelte, erhellten sich Sakuras Gesichtszüge und sie stand unumwunden auf, um ihre neue Freundin in die Arme zu schließen. Diese wirkte so perplex, dass Sakura sich fragte, ob sie zu überschwänglich war, doch noch bevor sie sich bei Hinata für ihre ungestüme Begrüßung entschuldigen konnte, hob diese zögerlich die Arme, um die Umarmung zu erwidern.

»G-Guten Morgen, Sakura«, stotterte sie mit leichtem Zittern in der Stimme.

»Dir auch einen guten Morgen, Hinata«, erwiderte sie lächelnd den Gruß, ehe sie sich von der jungen Frau löste und demonstrativ in dem winzigen Raum umher blickte, in welchem nur vier Tische standen, von denen wiederum nur ein einziger besetzt war. Ein älterer Mann saß dort, das Gesicht hinter der Tageszeitung und unter einem gewaltigen, knittrigen Hut verschwunden. Hinter den bedruckten Seiten stieg stetig Rauch empor seit Sakura vor einer guten Viertelstunde angekommen war und versucht hatte, ein Blick auf das Gesicht des Mannes zu erhaschen. Dass er älter war, hatte sie nur an den von Falten runzligen Händen erkannt, die das Papier in eisernem Griff festhielten. »Interessantes Café, aber vermutlich das Letzte, in dem ich dich erwarten würde«, gestand sie und legte den Kopf schief, als Hinata noch eine Spur röter wurde. »Wie kommt es, dass du unbedingt hier Kaffee mit mir trinken wolltest?«, fügte sie fragend hinzu und als sie Hinatas Blick verfolgte, blieben sie bei dem jungen Mann hinter dem Tresen hingen, der gut gelaunt vor sich hin summend Gläser polierte. Er hatte blondes Haar von einer intensiveren Nuance als Ino; Haar, welches Sakura nur mit dem Wort „stachlig“ zu umschreiben wusste und strahlend blaue Augen, wie die ruhige See am Tag.

Nun wurden auch noch Hinatas Ohren rot und sie fing an, leise ganz und gar kontext- und sinnlose Dinge vor sich hin zu stammeln, was Sakura ein herzliches Lachen entlockte.

»Ich verstehe«, warf sie irgendwann ein, um Hinata von ihrer Erklärungsnot zu erlösen, »soll ich uns dann den Kaffee bestellen oder traust du dir das alleine zu?«

Hinata biss sich auf die Lippen und ihre Augen huschten flink zwischen ihr und dem jungen Barista hin und her. »D-Du«, stammelte sie, »Bitte!« Damit huschte Hinata an ihr vorbei, pflanzte sich etwas ungelenk auf einen der beiden Stühle an eben jenem Tisch, an dem sie selbst gerade noch gesessen hatte und fing an, ihre Hände mit erstaunlicher Intensität zu mustern.

Sakura wandte sich schmunzelnd ab und lief zum Tresen, wo sie prompt mit einem unglaublich breiten Lächeln begrüßt wurde.

»Den besten aller Morgen wünsche ich«, skandierte der Barista und deutete eine Verbeugung an, »Ms. Hyuuga pflegt einen grünen Tee zu trinken, drei statt zwei Minuten Ziehzeit, Sie hingegen habe ich noch nie gesehen.« Er schob die Unterlippe vor und legte den Kopf schief, was sein ohnehin jugendliches Aussehen noch betonte. Woher er Hinatas Namen kannte, wo sie in seiner Gegenwart doch kaum ein vernünftiges Wort heraus zu bringen schien, wunderte sie und sie machte sich eine mentale Notiz, sie gleich danach zu fragen.

»Ich nehme einen Cappuccino bitte«, bat sie, während sie die nötigen Scheine aus ihrem Portemonnaie suchte. Als der Barista nicht aufhörte, sie anzustarren, selbst nachdem sie ihm das Geld in die Hand gedrückt hatte, runzelte sie die Stirn. »Habe ich etwas im Gesicht?«, fragte sie vorsichtig und fuhr sich automatisch mit der Hand über die Wangen.

»Nein, Ma'am«, plötzlich druckste er herum und schien peinlich berührt, was nicht zu seiner offenkundig extrovertierten Persönlichkeit passte, »Ich habe nur noch nie einen Menschen mit rosanem Haar gesehen«, schloss er lahm und kratzte sich verlegen am Hals.

Sakura seufzte ergeben. Natürlich war es wieder ihr Haar. Vielleicht sollte sie einfach immer mit einer von Inos Perücken außer Haus gehen. »Es ist ein Gendefekt. Zumindest glauben das die Ärzte.«

»Entschuldigen Sie, Ma'am. Es gehört sich nicht, zu starren, ich war nur-«

»Machen Sie sich keine Gedanken, bitte, ich bin es gewohnt, glauben Sie mir. Es stört mich schon seit sehr langer Zeit nicht mehr«, log sie geschmeidig und setzte ein gewinnendes Lächeln auf, welches ihr Gegenüber dankbar erwiderte.

»Die Getränke kommen sofort«, versprach er mit einem Augenzwinkern und wandte sich seiner Kaffeemaschine zu.

Mit einem leisen Seufzer wandte Sakura sich ab und setzte sich zu Hinata, die sich beinahe den Hals verrenkte, um vom Tresen weg zu schauen.

»So, meine Liebe«, begann sie mit süßlicher Stimme, »Jetzt musst du mir aber einmal erzählen, woher der nette Mann hinter dem Tresen so genau deine Bestellung und vor allem deinen Namen weiß! Ausführlich!«

Hinata schien zu schrumpfen und hüstelte künstlich. »Ä-äh, ich komme ö-öfter hierher, weißt du...«

»Und das hat ganz bestimmt etwas mit dem süßen Barista zu tun, nicht wahr?«, führte Sakura den Faden weiter und obwohl Hinata vehement mit dem Kopf schüttelte, glaubte sie ihr nicht.

»Weißt du denn wenigstens auch, wie er heißt?«, hakte sie nach.

Hinata murmelte leise etwas, was Sakura wirklich nicht verstehen konnte. Der Mann am Tisch in der Ecke hinter ihnen hustete laut und das Papier seiner Zeitung raschelte von den heftigen Bewegungen seines Oberkörpers.

»Könntest du das bitte noch einmal wiederholen, ich habe es leider nicht verstanden«, insistierte Sakura und obwohl sie den Hauch eines schlechten Gewissens verspürte, dafür, dass sie ihre neue Freundin derart mit ihren Fragen bestürmte, konnte sie sich ihrer Neugier nicht erwehren. Es war auf seltsame Art und Weise gleichzeitig absurd und absolut plausibel, dass Hinata, schüchtern und zurückhaltend wie sie war, regelmäßig in ein schäbiges Café ging und ihren grünen Tee trank, nur um heimlich einen Barista anzuschmachten.

»Er heißt N-Naruto«, wiederholte Hinata leise und spielte verlegen an dem Saum ihres Rollkragenpullovers. Bevor Sakura sie mit weiteren Fragen löchern konnte, tauchte Naruto mit seinem Zahnpastalächeln an ihrem Tisch auf und platzierte mit geschickten Handgriffen die Getränke vor den beiden.

»Darf es noch etwas zu knabbern für die beiden reizenden Damen sein?«, erkundigte er sich freundlich. Hinatas Kopf sank in Richtung ihrer Brust und sie schüttelte kaum merklich den Kopf, sodass Sakura die Sache in die Hand nahm, sich aufrichtig bedankte, aber verneinte. »Alles klar, wenn Sie noch etwas benötigen, egal was, dann zögern Sie nicht, mich zu rufen, ja?« Damit blickte er zwischen den beiden hin und her, zwinkerte, was in Sakura erneut dieses seltsame Gefühl erweckte, eine männliche Ino vor sich zu haben, und verschwand.

»Du magst ihn wirklich, kann das sein?« Sakura griff nach einem Päckchen braunen Zucker und schüttelte es, ehe sie es aufriss und sich behutsam über den Cappuccino streute.

»B-bitte sag ihm das nicht!«, hauchte Hinata etwas hilflos, was Sakuras Brust einen leichten Stich versetzte. Wie kam sie nur auf die Idee, dass sie so etwas Grausames tun könnte?

Sakura winkte betont lässig ab. »So etwas würde ich niemals tun, hörst du? Niemals. So etwas tun Freunde nicht.«

Hinata wurde wieder etwas rot und trank einen Schluck von ihrem Tee, um sich etwas Zeit zu verschaffen. »W-wir sind also wirklich F-Freundinnen?« Erneut dieses Ziehen in ihrer Brust. Die junge Frau war wirklich liebreizend.

»Selbstverständlich, wieso sonst sollte ich dich einladen, etwas vor der Arbeit mit mir zu trinken?«, wollte sie wissen und nahm ebenfalls einen Schluck von ihrem Heißgetränk. Die Milch war perfekt aufgeschäumt und das süßlich bittere Aroma des Espressos umgarnte ihre Sinne. Naruto verstand, was er tat, das stand fest und Sakura musste verwundert feststellen, dass ihr der Cappuccino in diesem heruntergekommenen Café deutlich besser schmeckte, als in ihrem üblichen Lokal. »Außerdem wollte ich mich noch einmal bei dir bedanken für deine Hilfe bei meiner Sache«, fügte sie hinzu und nickte Hinata aufmunternd lächelnd zu.

Hinata hob die Hände und schüttelte den Kopf. »D-das musst du doch nicht, das habe ich dir doch schon das letzte Mal gesagt.«

Sakura schob ihre Hände über den Tisch und griff mit ihnen nach Hinatas. »Ich wollte aber«, beteuerte sie mit einem strahlenden Lächeln. »Und jetzt erzähl mir bitte alles über dich und Naruto!«
 


 

»Sie hat es wirklich geschickt«, murmelte Itachi mehr zu sich selbst.

»Mh?« Sasuke blickte ihn mit mildem Interesse an und schien auf eine weitere Ausführung zu warten.

Itachi zog den Stuhl auf der gegenüber liegenden Seite des Schreibtisches seines Bruders zu sich und setzte sich hin. In seinen Händen hielt er einen Bilderrahmen mit der Kohlezeichen des gleichen Autos, welches vorn in der Halle stand und vor etwas mehr als einer Woche von dieser seltsamen Frau skizziert worden war. Er hatte es halb ernst und halb als Scherz gemeint, als er sie darum bat, es ihm zu schicken, doch scheinbar war es ihr Ernst gewesen.

»Erinnerst du dich an die junge Frau, die letztens hier war?«, fragte er anstelle einer Erklärung.

Sein Bruder legte den schicken Füllfederhalter zur Seite und faltete die Hände unter den Kinn. »Dieses junge Ding, dass du hier hast herum laufen lassen, damit sie... „zeichnet“? Ja, wieso?« Jedem anderen Menschen wäre die Angespanntheit in der Stimme seines Bruders nicht aufgefallen, aber er konnte sie so klar heraus hören, als wäre er angebrüllt worden.

»Wieso der sarkastische Unterton? Sie hat gezeichnet«, stellte Itachi belustigt fest, was mit einem gereizten Zungenschnalzen quittiert wurde. »Brüderchen, sie sitzt seit Wochen ständig hier und macht nichts, außer stundenlang zu kritzeln. Und da sie im Kritzeln gut ist und in Subtilität und Unauffälligkeit hundsmiserabel, gehe ich nicht davon aus, dass sie ein Spitzel ist.«

»Und da kannst du dir absolut sicher sein, weil...?«, verlangte sein Gegenüber nach einer weiteren Erklärung. Sein Blick war stechend, aber Itachi konnte er damit nicht beeindrucken.

»Ich mit ihr gesprochen habe, Brüderchen«, vollendete er den Satz und sein Gegenüber verzog das Gesicht zu einer Grimasse, doch Itachi ließ sich nicht beirren, »Sie ist charmant, höflich und hat einen intelligenten Humor, dem ich, offen gestanden, sehr zugetan bin. Aber sie hat nicht den Schneid für verdeckte Ermittlungen. Vertrau mir, Brüderchen, ich bin Fahrer. Ich habe viele verschiedene Leute in meinem Leben kennen gelernt und ich erlaube mir, mich einen Menschenkenner zu nennen. Sie ist sauber.«

»Wie oft habe ich dir gesagt, dich gebeten und dir befohlen, mich nicht mehr „Brüderchen“ zu nennen. Wir sind nicht mehr drei und fünf, Itachi und abgesehen davon untergräbst du damit meine Autorität«, grollte sein Bruder, die Augen leicht verengt.

»Du wirst immer mein kleiner, beschützenswerter Bruder sein, ganz gleich, was du willst und was nicht, Sasuke.« Damit legte er das Bild auf den ordentlichen Schreibtisch und schob es Sasuke zu, damit er es einer genaueren Musterung unterziehen konnte. Itachi wusste, dass er ihm vertraute und glaubte, wenn er das Thema einfach so fallen ließ und tatsächlich beugte Sasuke ganz leicht den Kopf, um das in Kohle gebannte Auto zu betrachten.

»Ein schöner Wagen, nicht wahr.« Es war keine Frage und so fühlte Itachi sich auch nicht dazu verpflichtet, zu antworten. Sasuke schien auch keine Antwort erwartet zu haben, denn er schob ihm das Bild wortlos zurück. »Sie hatte beeindruckend grüne Augen, findest du nicht?« Er lehnte sich in seinem bequemen Schreibtischstuhl zurück und betrachtete mit nachdenklichem Blick die Decke.

»Das ist dir aufgefallen? Aus der Distanz?« Itachi schnaubte amüsiert. Als Sasuke ihm eine Antwort versagte, sprach er weiter: »Und außerdem: Gerade noch hältst du sie für einen Spitzel und jetzt erwähnst du ihre Augen in einem wohlwollenden Kontext?« Er lachte, als Sasuke ihn mit einem gespielt abschätzigen Blick bedachte.

»Ich kann ihr sehr wohl gleichzeitig misstrauen und dennoch feststellen, dass eines ihrer Körpermerkmale sonderbar ist«, schnaubte Sasuke, »Wie kommt es, dass du sie überhaupt herum geführt hast?«

»Sie hatte zu viel Kaffee im Blut«, erklärte Itachi mit einem süffisanten Lächeln.

»Ich darf bitten?« Sasuke zog sich seine Krawatte etwas lockerer und glättete eine Falte in seinem maßgeschneiderten Anzug.

»Ich wollte sie eigentlich nur auf ihre Bilder ansprechen, aber die junge Mademoiselle hatte zu viel Kaffee im Blut und hatte ein dringendes Bedürfnis... nach Privatsphäre«, schloss Itachi und sein Lächeln wurde bei der Erinnerung an ihr Gespräch noch ein wenig breiter, »Du hättest dich für ein paar Augenblicke zu uns gesellen sollen, sie ist wirklich schrecklich drollig. Ich glaube – nein, ich bin überzeugt -, dass sie es geschafft hätte, selbst dir ein kleines Lachen zu entlocken, ja wirklich.«

»Hn.«

Schweigen senkte sich über die beiden Brüder. Itachi kannte seinen jüngeren Bruder gut genug, um zu wissen, dass er nachdachte, ob über Sakura oder das Geschäft, das vermochte er nicht zu sagen.

»Was war denn die Absenderadresse von dem Päckchen?«, fragte Sasuke nach einer ganzen Weile in die Stille hinein und sein Blick senkte sich von der Decke zurück zu Itachi, welcher in milder Verwunderung kaum merklich die Augenbrauen hob.

»Es gab keine. Sie hat das Päckchen anonym aufgegeben.«

Nun war es Sasuke, an dessen Lippen ein geheimnisvolles Lächeln zupfte. »Du kannst das Bild ruhig in der Halle aufhängen. Ich bin mir sicher, du findest einen geeigneten Ort dafür.«
 


 

»Nein, nein, Teufel noch eins: Nein!« Sakura schüttelte so heftig den Kopf, dass sich einige Strähnen ihrer Haare in ihrem Gesicht verfingen. Sie saß nach einem langen Arbeitstag im Büro zusammen mit Sai und Ino in der Küche. »Wenn ich dort noch einmal auftauche, kann ich nicht dafür garantieren, dass ich mein Gesicht nicht verliere. Ich habe getan, worum Itachi Uchiha mich gebeten hat und ihm das skizzierte Bild geschickt. Eine Unterhaltung mit ihm wäre mir so schrecklich peinlich, dass ich mich bestimmt verplappern würde!«

Sai seufzte und Ino, die mit verschränkten Armen an der Arbeitsplatte ihrer Küche lehnte, schüttelte brüsk den Kopf. »Irgendwann musst du mit ihnen aber reden, wenn du erfolgreich in deinem Vorhaben sein willst. Und je länger du dich dort jetzt nicht blicken lässt, desto verdächtiger wirkst du! Süße, nimm es mir jetzt bitte nicht persönlich, aber fass' dir ein Herz und ziehe es durch!« Sakura verzog den Mund zu einer Grimasse. Es war eine scheußliche Idee gewesen, Sai in ihre Wohngemeinschaft mitzunehmen. Seit er und Ino sich regelmäßig zu Verabredungen trafen, hatte sie nun zwei Leute, die ihr ständig mit ihren Meinungen in den Ohren lagen und darauf bestanden, dass sie in Aktion trat. Das war als außenstehende Person aber auch viel leichter gesagt, als getan, doch das wollten die beiden nicht sehen. Sie sahen nur, dass sie Sasuke Uchiha bereits gegenüber gestanden hatte und jetzt erst recht an der Sache bleiben musste. Dass sie dabei aber schlottrige Knie bekommen hatte und fast in Ohnmacht gefallen war, blendeten die beiden so geschickt aus, dass es nur aus purer Absicht sein konnte.

»Worauf wartest du, wenn du so erpicht auf einen Fortschritt bist? Dann geh' doch einfach selbst dorthin und stell' dich den beiden vor?«, zischte Sakura wütend, woraufhin Ino nur leger lachte. Die Blondine war zu abgebrüht, um auf ihren Bluff hereinzufallen.

»Ich will Sasuke Uchiha aber nicht wegen illegaler Geschäfte dran kriegen und einen Sensationsartikel veröffentlichen«, erinnerte sie, »Du warst jetzt das letzte Mal vor fast zwei Wochen dort. Dass du diesem Itachi tatsächlich das Bild geschickt hast, hat dir etwas Zeit gekauft, aber so langsam musst du dort wieder auftauchen und zeichnen. Ach, was, meinetwegen lässt du das Zeichnen weg und du fragst einfach nur, ob das Bild auch wirklich angekommen ist. Irgendetwas, Sakura, du musst irgendetwas tun!« Ino sprach mit einer Inbrunst, als ginge es um Leben und Tod und unter anderen Umständen hätte sie sich von ihrem Eifer sogar anstecken lassen, aber das Ganze fing an, ihr ein ihr unbeschreibliches Unbehagen zu verursachen. Es war wie ein Phantomjuckreiz, der sich einfach nicht durch Scheuern beseitigen lies. In den sechsundzwanzig Jahren ihres Lebens hatte ihre Intuition ihr nur selten ein Schnippchen geschlagen.

»Wenn du die Sache abblasen willst, dann mach es«, warf Sai schließlich mit ungewohnter Ernsthaftigkeit ein, was ihm einen sengenden Blick von Ino bescherte, »aber dann räume dein Zimmer, meinetwegen verbrenne alle Notizen und schließe damit ab. Wenn du es hinter dir lassen willst, dann ganz und gar. Keine halben Sachen, daran sind schon viele Journalisten vor dir gescheitert.« Seine Gesichtszüge waren stoisch ernst, während Ino vor Entsetzen sprachlos war – eine Seltenheit. »Wenn du dir das jetzt durch den Kopf gehen lässt und nicht mit absoluter Gewissheit zu dir selbst sagen kannst: „Das schaffe ich!“, dann musst du, fürchte ich, weiter machen. Denn beruflicher Ehrgeiz und die menschliche Neugierde sind zwei Schweinehunde, die du nicht mit halbgaren Versuchen bezwingen kannst, Sakura.«

Sie runzelte die Stirn und senkte den Blick. Sie wusste, dass er Recht hatte und noch bevor er den letzten Satz ausgesprochen hatte, war sie seine Worte im Kopf durchgegangen und hatte sich gefragt: Könnte ich das? Könnte ich alles, was ich bisher gelesen und erfahren habe, vergessen? All die nebulösen, schwammigen Rückschlüsse, die wir gezogen haben? Und die Antwort darauf war ganz klar gewesen:

Nein.

Nein, sie könnte nie wieder vergessen, dass Mr. Hatakes Vater unter kuriosen Umständen Suizid begangen hatte.

Sie könnte niemals vergessen, dass Mr. Uchiha mit dem menschlichen Hang zur Sucht Geld ohne Ende scheffelte und damit vermeintlich sogar in der Politik Fäden zog.

Sie könnte niemals das Bild ihrer enttäuschten Mutter vergessen, wenn sie wüsste, dass ihre Tochter nach all der harten Arbeit, um sich einen Platz in dieser Welt zu erkämpfen, einfach so das Handtuch warf, weil sie „ein ungutes Gefühl“ hatte.

Sakura seufzte ergeben. »Also muss ich wohl weiter machen?«, brummte sie halbherzig und ein triumphierendes Lächeln tauchte auf Sais Gesichtszügen auf.

»Es scheint so, ja«, pflichtete er ihr bei und Sakura beobachtete, wie Ino sich von der Küchenzeile löste, um ihm – wie sie vermutete – dankbar die Schulter zu drücken.

»Wann fährst du dann das nächste Mal?«, fragte Ino direkt und verschränkte ihre Finger mit denen von Sai, welcher seine Hand zu ihrer an seiner Schulter gehoben hatte. Eine einfache, gar banale Geste, die Sakura etwas weicher ums Herz werden ließ. Und auch ein wenig neidisch.

»Vermutlich morgen. Kakashi hat mir eine neue Recherche aufgebrummt und heute muss ich meine Zeit wohl in der Bibliothek verbringen und ein Literaturverzeichnis anlegen«, murrte sie missmutig, »eigentlich hätte ich auch schon längst dorthin aufbrechen müssen«, gestand sie und rieb sich erschöpft die Augen. Seit Tagen schon fühlte sie eine bleierne Schwere auf sich, die sie auf die pausenlose Aktivität ihrer Gehirnzellen und ihr damit verbundenes permanentes Katastrophendenken schob.

»Dann lassen wir dich für heute in Ruhe, meine Liebe. Wir wollten ohnehin noch etwas essen gehen«, bemerkte Ino wie beiläufig und zwinkerte Sai zu, dessen Nase einen leichten roten Schimmer bekam.

»Wenn ich bis heute Abend nicht zurück bin, dann bitte, bei Gott, sucht mich nicht.«
 


 

»Das Treffen war ein Desaster, milde ausgedrückt«, bemerkte Itachi möglichst beiläufig und dennoch hörte er seinen Bruder auf dem hinteren Sitz laut schnauben.

»Wem sagst du das? Die Hälfte der Fracht ist Übersee verloren gegangen und dafür werden einige Köpfe rollen müssen. Aber zunächst einmal müssen wir unseren Lieferkunden erklären, wieso es zum zweiten Mal in drei Monaten zu Verzögerungen kommt.« Mit geübten Fingern öffnete er seine Krawatte und band sie sich los, da er das Gefühl verspürte, sie würde sich wie eine Würgeschlange um seinen Hals winden und ihm die Luft abschneiden. »Wenn wir Pech haben oder zu langsam sind, könnte es passieren, dass Orochimaru sich in Bewegung setzt und uns unsere Kunden klaut, was einer mittelschweren Katastrophe gleich käme«, fuhr er fort, obgleich Itachi bestens im Bilde war und wusste, was das heutige Treffen für sie bedeuten könnte.

Von draußen prasselte der strömende Regen gegen die getönten Scheiben des Wagen und Sasuke fragte sich, wann es in den letzten zwei Stunden angefangen hatte, derart zu schütten.

»Wohin soll es jetzt gehen? Wir fahren schon seit einiger Zeit ohne Ziel durch die Gegend?«, verlangte Itachi zu wissen und Sasuke fuhr sich genervt durch die leicht zerzausten Haare.

»Midtown Manhatten, Times Square«, sagte er schließlich, was Itachi dazu verleitete, wortlos bei der Ampel eine scharfe Wende nach rechts zu machen. Der Times Square war von ihrer jetzigen Position aus eine gute halbe Stunde entfernt – bei wohlwollendem Verkehr. Es war der Sache zuträglich, dass Itachi nicht nur ein brillanter Fahrer war, sondern dass er diese Stadt und jede einzelne ihrer unzähligen Straßen in- und auswendig kannte. So kam es, dass sie nur etwa zwanzig Minuten brauchten. Der Regen war in den letzten zwanzig Minuten nur noch schlimmer geworden und die Kurven, die Itachi mit gewagtem Tempo nahm, ließen regelmäßig eine kleine Flutwelle auf sicherlich böse fluchende Passanten herab regnen.

Es war in der letzten Kurve, als eine junge Frau mit einem grellgrünen Schirm nicht schnell genug bemerkte, was vor sich ging und von ihrem Auto von oben bis unten bespritzt wurde. Auch ihr Schirm hatte nicht verhindern können, dass sie komplett erwischt wurde und als Sasuke sich umdrehte, um trotz des halsbrecherischen Tempos seines Bruder noch einen Blick auf die arme Frau zu erhaschen, musste er erstaunt feststellen, dass sie hellrosa Haare hatte, die an ihrem empörten Gesicht kleben blieben.

»Ups«, gab Itachi nur von sich und wirkte nicht sonderlich betroffen, als er mit seiner Hand an einem imaginären Hut tippte. Sasuke konnte das Grinsen auf seinem Gesicht förmlich hören.

Weitere zehn Minuten später hatten sie einen Parkplatz gefunden und bahnten sich zu Fuß den restlichen Weg durch die Straßen und Gassen Manhattans, als sie endlich an ihrem Ziel angekommen waren. Sasuke hasste diesen herunter gekommenen Ort und er verfluchte seinen besten Freund innerlich dafür, dass er ausgerechnet hier arbeiten musste, als er seinen nachtschwarzen Schirm schloss und durch die Tür des „Street Cats“ in das von innen noch erbärmlicher wirkende Café trat. Sein bester Freund stand wie immer fröhlich pfeifend hinter seinem Tresen und der alte Mann, der jedes Mal rauchend und Zeitung lesend in der Ecke zu sitzen schien, wenn er hier war, saß auch heute an seinem Stammplatz und verströmte seelenruhig eine Rauchwolke nach der anderen.
 


 

Sakura hasste sich selbst für diesen Gedanken, aber bei Gott, sie hätte gerade einen Schnaps vertragen können und das, obwohl sie nicht einmal wusste, wie er auf sie wirken würde. Allerdings hatte sie Ino einmal dabei beobachtet, wie sie eine kleine Flasche Sekt – wo auch immer sie die her hatte, sie hatte sich nicht getraut, zu fragen – binnen einer halben Stunde vernichtet und danach wie der glücklichste Mensch auf Erden gewirkt hatte. So würde sie sich in diesem Augenblick auch gerne fühlen, aber das Leben war kein Wunschkonzert und so versuchte sie mit ihrem Spitzentaschentuch, leise fluchend, so viel wie möglich von dem schmutzigen Straßenwasser von ihrem Kleid zu wischen. Nur mit sehr viel Willenskraft hatte sie sich davon abhalten können, dem Fahrer eine rüde Geste mit der Hand hinterher zu zeigen, wenngleich er diese vermutlich eh nicht einmal bemerkt hätte.

Vielleicht hätte sie ihrem Bedürfnis einfach nachgeben sollen.

Normal störte es sie, dass sie ihrer Haare wegen regelmäßig auf der Straße angestarrt wurde, doch an diesem Tag konnten ihr die neugierigen Blicke kaum egaler sein. Fluchend wie ein Matrose stakste sie auf ihren Stilettos über die Straße und kämpfte gegen Menschenmenge, ihren Schirm im Wind und den Schmutz auf ihrem Kleid gleichermaßen an. Irgendwann beschloss sie, dass sie ohnehin patschnass war und sie sich zumindest den Kampf gegen den unerbittlichen Wind sparen konnte, sodass sie ihren Schirm kurzerhand verschloss und an ihrer Umhängetasche befestigte. Nun peitschte der Wind ihr zwar unablässig Regen ins Gesicht, doch das machte auch keinen großen Unterschied mehr.

Wenigstens war ihre Wohnung nur noch einen Block entfernt und mit etwas Glück hatte Ino zuhause bereits die Heizung aufgedreht, um möglichst viel Kälte zu vertreiben.
 

»Was ist dir denn passiert?«, erkundigte Ino sich mit schriller Stimme und half Sakura prompt dabei, sich aus ihrem nassen Mäntelchen zu schälen, aus dessen fellbesetzten Enden das Wasser auf den Boden tropfte.

»Irgendein Arschloch-« Ino zog angesichts der rauen und von Sakura ungewohnten Wortwahl die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts »-ist mit vollem Tempo durch eine Pfütze am Straßenrand gefahren und hat mich von oben bis unten mit Matsch und Regenwasser bespritzt! Und dann besaß er nicht einmal den Anstand, anzuhalten und sich bei mir zu entschuldigen«, zeterte sie wütend, während sie mit zittrigen Händen die Knöpfe ihres Kleides öffnete. Das Kleid vermochte sie mit Inos Hilfe noch halbwegs einfach auszuziehen, aber die Strumpfhose entpuppte sich als wahr gewordener Albtraum. Sie schien mit ihrer Haut verklebt zu sein und es kostete die beiden jungen Frauen mehrere Minuten und die Unversehrtheit der Strumpfhose, um Sakura gänzlich davon zu befreien.

»Na super.« Mehr schien Ino nicht einzufallen, jedoch schenkte sie ihr einen aufrichtig mitleidigen Blick. »Soll ich dir eine heiße Schokolade machen?«, bot sie an, wofür Sakura sie umarmt hätte, würde sie nicht halbnackt im Flur ihrer Wohnung stehen und erbärmlich frieren.

»Das wäre wundervoll. Solange dusche ich schnell, um das eklige Straßenwasser loszuwerden und ziehe mir etwas Warmes an, ja?«

Ino nickte schelmisch grinsend. »Mach das, Süße, ich und die heiße Schokolade laufen vorerst nicht davon.«

Damit huschte Sakura auf Zehenspitzen in ihr Zimmer, suchte sich so schnell wie möglich eine Kombination aus warmer und bequemer Kleidung zusammen und verschwand im Badezimmer hinter dem Vorhang mit aufgedruckten Enten. Zwanzig Minuten später entlud sie eine massive Dampfwolke in den Flur, als sie die Tür öffnete und mit einem Handtuchturban und dem dicksten Pulli, den sie gefunden hatte, zurück in die Küche tapste.

»Das hat gut getan«, seufzte sie wohlig, als sie sich an den Tisch sinken ließ und sich jauchzend an dem süßlichen Aroma der heißen Schokolade ergötzte. Ino hatte ihr sogar einige kleine Marshmallows hinein geworfen.

»Hast du denn gesehen, wer in dem Auto saß?«, wollte ihre Freundin sofort wissen. Sie hatte sich selbst auch eine heiße Schokolade gemacht, aus der sie mit einem Löffel die bereits angeschmolzenen Marshmallows angelte.

Sakura beschloss, ihrem Beispiel zu folgen und fischte mit dem Löffel nach ihren Marshmallows. »Mhm«, gab sie verneinend mit verklebten Mund zurück und schüttelte den Kopf, »Die Fenfter waren verdunkelt«, fügte sie erklärend hinzu und schluckte die zähflüssigen Marshmallows herunter, ehe sie weiter sprach. »Und selbst wenn. Wie viele Millionen leben in New York? Den Scheißkerl würde ich niemals wieder finden, selbst wenn ich ihn erkannt hätte«, motzte sie.

»Sprache, Haruno«, ermahnte Ino sie halbherzig, aber der Schalk, der in ihren Augen blitzte, verriet sie letzten Endes doch. »Zerbreche dir aber darüber nicht allzu sehr dein hübsches Köpfchen. Man begegnet sich im Leben immer zweimal und ich bin mir sicher, du bekommst noch die Gelegenheit, dem Mann deine Meinung zu geigen.«

Sakura gab einen Laut von sich, der halb Schnauben, halb Lachen war. »Wollen wir es hoffen, denn ich habe mir auf dem Weg nach Hause schon eine passende Ansprache zurecht gelegt.«

»Wieso wundert mich das ganz und gar nicht?«

Konsequenzen

Dicke Schneeflocken tanzten wirbelnd durch die Luft zwischen den Dächern der Hochhäuser New Yorks, als Sakura mit schniefender Nase und fiebriger Stirn gegen das kalte Fenster ihrer Küche lehnte und ihren Atem dabei beobachtete, wie er das Glas mattierte. Der Oktober war in einer rauschhaften Flüchtigkeit so schnell vergangen, dass die rosahaarige junge Frau zu spät den dicken Mantel für einen überraschend kalten November aus dem Keller geholt und sie sich im Zuge ihrer Nachlässigkeit eine lästige Erkältung eingefangen hatte. Seit drei Tagen saß sie schon zu Hause gefangen, beobachtete Ino bei ihrem geschickten, geradezu graziösen Tanz zwischen Uni und Privatleben, vertröstete Mr. Hatake bei sämtlichen seiner zehn täglichen Anrufe auf „Morgen“ und trank Tee, Tee, Tee. Der Geschmack von Kamille, Salbei und Pfefferminz hatte sich in einer herben Kombination permanent auf ihrer Zunge abgelagert, sodass sie fürchten musste, sich bei der nächsten Tasse zu übergeben.

Es war ruhig geworden um ihr Projekt und entgegen der eindringlichen Reden Sais, Inos und zum Schluss sogar Hinatas, war sie kein weiteres Mal zum Autohaus gefahren. Nun war so viel Wasser den Hudson River entlang geflossen, dass sie das Thema innerlich bereits abgehakt hatte, bis Ino ihr eine Gnadenfrist auferlegt hatte, bei deren Verstreichen Konsequenzen folgen würden, die Sakura nicht riskieren konnte.

Ino hatte ihr damit gedroht, die Sache, zusammen mit Sai, selbst in die Hand zu nehmen und da sie die Ernsthaftigkeit – und vor allem den sturen Schädel – ihrer besten Freundin nur zu gut kannte, sah sie sich gezwungen, am Ende doch noch klein bei zu geben. Es war ja auch nicht so, dass ihre berufliche Neugierde irgendwann zwischen den herbstlich kühlen Winden und der klirrenden Kälte des Winters einfach eingefroren war, Sakura war nur, im Gegensatz zu Ino, zu besonnen, um aus dem Bauch heraus Entscheidungen zu treffen, deren mögliche Folgen ihr Kopf noch nicht abschätzen konnte.

Kurzum: Bedenken und Zweifel fraßen sich Tag und Nacht durch ihre Gedanken und verpesteten alles mit diesem schäbigen Gefühl der lauernden Angst. Je länger sie wartete, desto schlimmer wurde es, desto schlimmer wurde ihr Frust angesichts ihrer eigenen Tatenlosigkeit. Es war ein teuflischer, ihr nicht fremder Kreislauf der Selbstgeißelung und es half absolut nichts dabei, dem Schnee beim Fallen zuzuschauen, denn er war eine bildliche Mahnung daran, dass sie schon wieder Zeit verschwendete. Oder immer noch. Als sie das erste Mal am Autohaus gesessen hatte, hatten die Blätter der Bäume sich noch verzweifelt an ihr sommerliches Grün geklammert, ehe sie zwei Wochen später dem Herbst nachgegeben hatten. Bei ihrem Gespräch mit Itachi waren sie bereits orange- und rotfarben gewesen, aber nun hatten die Bäume gar keine Blätter mehr und mit ihnen waren die Ausreden verschwunden, mit denen sie sich bei Ino und Sai mehr Zeit hatte kaufen können.

»Je länger du wartest, desto schlimmer wird es«, echote, vermutlich durch ihr fiebriges Delirium intensiviert, beängstigend real die Stimme einer verstimmten Ino in ihren Ohren, »Du musst das Pflaster endlich abziehen, meine Liebe!«

Sakura seufzte, als sie ihre glühende Stirn von der herrlich kühlen Glasfront ihres Fensters entfernte und prompt mit einer neuerlichen Hitzewelle konfrontiert wurde. Sie wandte ihren Blick ab von den Straßen weit unter ihrer Küche, auf der das Chaos täglich schlimmer wurde. Der Schnee fiel so stark und ausdauernd, dass er gar nicht schnell genug weg geschippt werden konnte und die Bewohner New Yorks blieben immer öfter im mittlerweile zähen Verkehr stecken.

Ihr wurde etwas schwindelig, als sie sich erhob und angestrengt in ihr Zimmer schleppte. Auf dem Flur war es ruhig, denn Ino war zu dieser Zeit gewiss noch mit Vorlesungen beschäftigt und so gab es an diesem Morgen keine mäkelnde Stimme, die ihr ein schlechtes Gewissen dafür einreden konnte, dass sie sich zurück in ihr Bett legte und unter einer dicken Schicht verschiedener Decken verschwand.
 


 

Der Mann in der Ecke raschelte mit der Zeitung in seinen Händen, ansonsten gab er keinen Laut von sich, ließ nicht erkennen, ob er mit gespitzten Ohren lauschte oder gedankenversunken wieder und wieder ein und die selbe Zeile las.

»Einmal das Übliche«, verlangte Sasuke mit einer gewissen Würde in der Stimme, die er nach außen hin immer nutzte und die höflich war, aber keinen Widerspruch duldete.

Lediglich Narutos Augen funkelten schelmisch, den Rest seines Gesichts zierte eine scheinbar unberührte Nonchalance. »Wie Ihr wünscht,«, gab er beinahe mechanisch von sich und mit einem letzten ausgetauschten Blick nahm er den Sieb aus seiner auf Hochglanz polierten Maschine und säuberte ihn. »Wie ist die Lage da draußen?«, fragte er beiläufig, ohne den Blick von der Kaffeemühle zu nehmen, welche er mit aromatisch duftenden Bohnen füllte, »Ich komme so selten hier raus, wissen Sie?« Blaue Augen blitzten wieder mit dem für Naruto so typischen Schalk.

»Es schneit ununterbrochen«, antwortete der Schwarzhaarige lakonisch und richtete sich die Krawatte, »und das, obwohl im Wetterbericht letzte Woche gar nichts davon geschrieben stand. Sehr ärgerlich, wirklich sehr ärgerlich.«

Narutos Augen verengten sich für die Flüchtigkeit einer Sekunde, der Mann raschelte mit seiner Zeitung und Sasuke verspannte sich kaum merklich. Wer war dieser Herr nur und wieso saß er immer hier?

Mit geübten Händen setzte er den Sieb wieder in die Maschine, ehe er das Wort erneut ergriff, dieses Mal mit deutlich gesenkter Stimme. »Ist Ihnen ein Schaden entstanden?« Wieder ein Blick. »Hn«, bejahte er und zog einen schicken Notizblock mit optisch dazu passendem Füllfederhalter aus einer Innentasche seines Jacketts. Mit flinken Fingern schrieb er zwei Zahlen und einen Ort auf und schob Naruto den abgerissenen Zettel diskret über die Theke.

»Schreiben Sie mir den Espresso an und machen sie meiner Begleitung auch noch einen«, bat er und er bekam ein Nicken als Antwort. Keine zwei Minuten später stand ein zweites, kleines Tässchen dampfenden Espressos vor ihnen und er bedeutete seinem Bruder, der unauffällig an der Wand neben der Eingangstür gelehnt und die Situation beobachtet hatte, mit einem Nicken, sich seinen selbst zu nehmen.

»Wir müssen weiter«, erinnerte er Itachi, was dieser mit einem Kopfnicken quittierte, ehe er, sehr zu Sasukes Überraschung, seinen kochend heißen Espresso in einem Schluck herunter kippte, als hätte man ihm stattdessen einen eiskalten Wodka serviert.
 


 

»Aufwachen, Dornröschen!«, hallte es mit schriller Singsangstimme vom Flur, »Oder doch eher Prinzessin auf der Erbse, wenn ich mir dein Bett so anschaue.« Inos zweifelsohne von der Kälte knallrotes Gesicht tauchte verschwommen vor ihrem Gesicht auf, als sie es schaffte, ihre verklebten Augen auseinander zu reißen und der damit verbundenen Schmerzen wegen heißer stöhnte.

»Was?«, fragte sie überrumpelt, ehe sie mit einer eiskalten Hand zu ihrem Gesicht fuhr, um sich die Augen frei zu reiben und ihr Gesicht von ihren verstrubbelten Haaren zu befreien.

Ino gluckste belustigt. »Wie lange hast du denn bitteschön geschlafen? Du siehst aus, als hätte man dich überfahren.«

»So ungefähr fühle ich mich auch«, gestand Sakura mit kratziger Stimme und warf einen Blick nach draußen. Vor dem Fenster war es stockfinster. Sie hatte den ganzen Tag geschlafen und dennoch fühlte sie sich kein bisschen besser – im Gegenteil. Das Pochen hinter ihren Schläfen war beinahe unerträglich geworden und sie fühlte sich, als würde sie kurz vor einer Schmelze stehen und das obwohl sie, trotz drei Decken, welche sie immer noch zum größten Teil bedeckten, hundserbärmlich fror.

»Du siehst echt nicht gut aus, Süße«, bemerkte Ino mit besorgter Stimme. Sie liebte es, Sakura aufzuziehen, aber in den Momenten, wo es ihr wirklich schlecht ging, merkte Sakura immer, was für eine unfassbar gute Freundin sie war. Sakura sah dabei zu, wie Ino eine ihrer zarten Hände aus einem fliederfarbenen Handschuh zog und ihr auf die Stirn legte. »Du hast hohes Fieber, Sakura«, flüsterte sie plötzlich und zog die Hand wieder zurück, »Wir müssen dich ins Krankenhaus bringen!«

Sakura schüttelte schwächlich den Kopf, ehe sie herzhaft gähnte. »So eine Grippe habe ich jeden Winter, das weißt du doch. Ich muss noch ein oder zwei Tage verschlafen, dann bin ich wieder fit. Aber wenn du etwas anderes als Tee für mich im Angebot hast, sage ich nicht nein«, fügte sie scherzend hinzu, aber das Lachen, welches sie zustande zu bringen versuchte, war kläglich und endete in einem Anfall von Reizhusten.

»Bist du dir wirklich sicher, Süße?« Ino wirkte nicht überzeugt, was Sakura ihr nicht verübeln konnte. Ihr Anblick musste erschreckend sein, wenn Ino nicht imstande war, ihren sonst so scharfzüngigen Spott zu finden.

»Sicher, sicher«, bekräftigte sie und schob die Decken von ihren schmerzenden Beinen. Eigentlich schmerzte ihr ganzer Körper, aber auch das war normal, wenn sie so krank war, deswegen schluckte sie eine Bemerkung darüber hinunter und schob sie mit Mühe aus ihrem Bett. »Wo warst du den ganzen Tag?«, fragte sie stattdessen und deutete etwas zittrig auf den flauschigen Mantel, der noch immer über Inos Schultern hing.

»Nun, heute morgen hatte ich Vorlesungen, wie du weißt. Danach war ich eine Weile zuhause, aber ich wollte dich nicht stören. Ich habe übrigens einen Anruf von deinem Boss entgegen genommen und ihm erklärt, dass du kaum imstande bist, aus dem Bett aufzustehen, um etwas zu essen, geschweige denn zu arbeiten. Naja und dann war ich bis gerade eben war ich mit Sai etwas essen. Er lässt dir übrigens gute Besserung ausrichten«, schloss Ino mit einem schiefen Lächeln. Seit einer Woche waren sie ein festes Paar und Sakura war nicht das permanente Glitzern in Inos Augen entgangen. Die Blondine war wirklich glücklich und es freute Sakura, dass sie nach all den Pleiten in ihrem Liebesleben endlich jemanden gefunden hatte, der besonders war. Sie selbst kannte Sai noch nicht wirklich lange, aber sie hatte ein gutes Gefühl bei ihm und seinen Absichten.

»Was hat Kakashi dir denn dann gesagt?«, ging sie auf den mittleren Teil von Inos Ausführungen ein. Bei dem Gedanken an ihren Boss überzog ein Schauer ihre Arme, der genauso gut von ihrem Schüttelfrost kommen konnte.

»Och...«, druckste Ino plötzlich herum und nestelte mit ihren Fingern an dem Reißverschluss ihres Mantels herum, »sonderlich sympathisch klang er nicht, aber er war... verständnisvoll? Auf sehr seltsame Art und Weise? Ich soll dir sagen, dass du auf keinen Fall zur Arbeit kommen und alle anstecken sollst.« Sakura schürzte die Lippen. Das klang nach etwas, was Kakashi wohl sagen würde. Ob er es geringschätzig meinte oder aber auf verdrehte Art sagen wollte, dass sie sich erst einmal erholen soll, vermochte sie nicht zu deuten.

»Vielleicht hört er dann jetzt auf, jeden Tag hier anzurufen«, überlegte Sakura, während sie ihre Kräfte sammelte, um endgültig aufzustehen. Sie fühlte sich etwas wackelig auf den Beinen, als wären ihre Muskeln während ihres ausgedehnten Mittagsschlafs zu Pudding geworden.

Ino verzog das Gesicht und beobachtete Sakura bei ihren unkoordinierten, stacksigen Schritten, als wäre sie ein junges Fohlen. »Hat er dir etwa nicht geglaubt? Gut, er kann dich nicht sehen, aber du hörst dich an wie der leibhaftige Tod.«

»Er mag mich nicht besonders«, stellte sie nüchtern fest und zuckte mit den Achseln, was einen prickelnden Schmerz durch ihre Wirbelsäule fahren ließ.

Plötzlich läutete die grässliche Klingel ihrer Wohnung, was beiden jungen Frauen einen verdutzten Gesichtsausdruck entlockte. »Hat Sai-« Sakura räusperte sich, um den Kloß in ihrem Hals zu lockern. »Hat Sai dich nicht heim gebracht? Oder hat er etwas vergessen?«

Ino schüttelte nur den Kopf. »Hat er und nein, nicht, dass ich wüsste. Ich weiß nicht, ob er es ist und wenn nicht: wer da klingelt.« Die Blondine verschwand aus ihrem vom Flurlicht allerhöchstens dämmrig beleuchteten Zimmer und Sakura folgte ihr in ihrem eigenen, gemäßigten Tempo. Die beiden waren mit den Jahren in der Großstadt sehr vorsichtig geworden, sodass Ino die Wohnungstür erst öffnete, als ein ihr scheinbar vertrautes Gesicht im Spion auftauchte.

Sakura zog verwundert die Augenbrauen hoch, als Hinatas ebenfalls gerötetes Gesicht hinter Inos Kopf auftauchte. »Was machst du denn hier, Hinata?«, platzte es aus ihr heraus, was ihre beste Freundin mit einem amüsierten Schnauben quittierte.

»Wie freundlich«, frotzelte sie, »Willkommen in unserem bescheidenen Heim!« Danach vollführte sie eine übertrieben einladende Geste in den Flur und schenkte Sakura einen Blick, der ihr ungefähr so viel sagen sollte, wie »Na, siehst du, wie das geht?«.

»E-entschuldigen Sie die späte Störung«, entgegnete Hinata schüchtern und verbeugte sich so tief, dass es beinahe komisch war, ehe sie ihre Schuhe an der Matte reinigte und die Wohnung der beiden betrat. Sakura wunderte sich für einen Augenblick, dass Hinata sie gesiezt hatte, obwohl sie schon länger per Du waren, ehe ihr auffiel, dass sie Ino nur ein einziges Mal gesehen hatte und das auch nur ganz kurz, als sie dabei geholfen hatte, die alten Artikel mit in die Wohnung zu schleppen. Die Entschuldigung hatte also vornehmlich Ino gegolten.

»Nur keine falsche Scheu, ich bin Ino«, stellte sich die Blondine vor und machte eine wedelnde Handbewegung, um Hinata dazu zu bewegen, endlich von dem kalten Hausflur einzutreten. Ihre Wohnung war zwar schlecht gedämmt, aber doch ein klein wenig wärmer, als der Rest des Hauses.

»Hinata«, antwortete die dunkelhaarige Frau leise, aber mit einem Lächeln, »Freut mich s-sehr«, endete sie stammelnd und trat tatsächlich etwas unbeholfen ein. Sie sah aus, als würde sie sich sehr unwohl in ihrer Haut fühlen, was Sakura zum Schmunzeln brachte. Als der Blick von Hinata auf Sakura fiel, erbleichte sie so schnell, dass es aussah, als hätte man sämtliche Farbe mit einem Schwamm aus ihrem Gesicht gezogen. »Du siehst ja furchtbar krank aus, Sakura.« Sie wirkte ehrlich erschrocken, als hätte sie noch nie eine derart kranke Person gesehen und Sakura wusste nicht, ob sie sich über dieses Staunen ärgern oder amüsieren sollte. Wenn ihr Kopf nicht bereits so warm gewesen wäre, dass er sich anfühlte, als würde er in Flammen stehen, wäre sie gewiss rot geworden.

»Ich habe mich auch schon einmal besser gefühlt«, räumte sie ein und bedeutete den beiden, ihr in die Küche zu folgen. Der Ort, der in den letzten Monaten irgendwie zu einem Sammelpunkt für alle Erstbesucher geworden war. Tatsächlich war sie aber schlicht der wärmste Raum in der gesamten Wohnung und da sowohl Sakura, als auch Ino eine grässliche Unordnung ihre eigenen vier Wände nannten, blieb ihnen ohnehin nicht wirklich etwas anderes übrig.

»Du warst die ganze Woche nicht auf Arbeit«, sprach Hinata weiter und ließ sich von Ino beim Entkleiden helfen, »Deswegen habe ich vorsichtig nachgefragt, ob ich deine Adresse haben könnte, um vorbei zu schauen. In... In jener Nacht-« Ihre Stimme nahm einen seltsamen Klangton an, fast so, als würde der bloße Gedanke daran, an einer Straftat partizipiert zu haben, ihr Unbehagen bereiten. »In jener Nacht habe ich nicht auf die Adresse geachtet, weißt du...« Ihr Blick senkte sich zu Boden und sie schien sich zu schämen, dass sie sich eine derart private Information erschlichen hatte, doch Sakura könnte das nicht weniger interessieren und auch Ino schien sich nicht wirklich daran zu stören.

»Wen hast du denn gefragt?«, erkundigte Sakura sich und füllte etwas Wasser in einen Kessel, den sie danach auf den Herd stellte. »Tee?«, fragte sie beiläufig und Hinata nickte mit einem dankbaren Lächeln auf den Lippen.

»Ich habe Sai gefragt«, gab sie unumwunden zu, was Sakura nicht überraschte.

»Hätte ich mir auch denken können«, sagte sie deshalb und zog drei übergroße Tassen aus einem der Wandschränke. Danach räusperte sie sich, was erneut fast in einem Hustenanfall endete. »Nun, jetzt bist du hier. Ich freue mich, wirklich. Ich bin leider furchtbar, wenn es darum geht, meine sozialen Kontakte zu organisieren, deswegen bin ich dankbar für deinen Einsatz«, scherzte sie und packte drei Teebeutel, die ein winterliches Aroma von Bratapfel und Zimt verströmten, in die Tassen.

Ino schnaubte. »Was für soziale Kontakte? Du hast mich und Sai und den hast du auch nur, weil wir jetzt zusammen sind und er sowieso regelmäßig vorbei schaut. Er hat mir schon erzählt, dass du nie ans Telefon zu bekommen bist.«

Sakura schenkte ihr einen bösen Blick, reagierte ansonsten aber nicht weiter auf den Seitenhieb und nahm stattdessen den pfeifenden Kessel vom Herd, um die drei Tassen bis zum Rand mit dampfenden Wasser zu befüllen. Mit einem weichen Lächeln auf den Lippen stellte sie Hinata ihren hin, ehe sie Ino die Zunge heraus streckte und ihr ihren Becher übergab.

Hinatas Augen wanderten zwischen den beiden hin und her und schien zu versuchen, die Lage einzuschätzen. Sie schien zu dem Schluss zu kommen, dass niemand wirklich sauer war und widmete sich ihrem Tee, welchen sie mit gespitzten Lippen kälter blies. »Weißt du schon, wann du wieder zur Arbeit kommst?«, erkundigte sie sich zwischen dem angestrengten Pusten und blickte Sakura über den Rand ihres Bechers hinweg an.

Sakura legte den Kopf schräg und überlegte für einen Moment angestrengt. »In zwei Tagen ist Wochenende. Ich vermute, das werde ich noch aussitzen und Montag komme ich dann in alter Frische zurück!« Demonstrativ zog sie die Nase hoch und schüttelte sich.

Hinatas Augen leuchteten und Sakura kam nicht umhin, sich zu wundern, wie lange Hinata keine richtigen zwischenmenschlichen Interaktionen mehr gehabt hatte, wenn sie derart begeistert über ihre neuerliche Bekanntschaft miteinander war. Auf der anderen Seite konnte sie auch erahnen, wie öde es auf Dauer war, wenn man den ganzen Tag fernab anderer Menschen unter der Erde arbeitete und sich hauptsächlich mit Zeitungen und Büchern umgab.

»Wenn du möchtest, können wir Montag vor der Arbeit noch einmal einen Tee trinken gehen.« Damit setzte sie ein verschmitztes Grinsen aus und zwinkerte ihrer neuen Freundin zu. »Dann hättest du auch Gelegenheit, Naruto wieder zufällig über den Weg zu laufen.«

Wie auf Kommando lief Hinata knallrot an und Ino, die bis gerade gedankenversunken in die unbekannte Ferne gestarrt hatte, schreckte aus ihren Tagträumereien auf. »Wer ist denn Naruto?«, wollte sie wissen und lehnte sich mit vor Neugierde funkelnden Augen etwas näher zu der dunkelhaarigen Frau.

»War ja zu erwarten, dass du da wieder aufhorchst«, frotzelte Sakura, was ihr einen lieb gemeinten Knuff in den Unterarm bescherte, »Naruto ist ein Barista in so einem... äh... charmanten, antiken Café«, fügte sie hinzu und versuchte die Worte „herunter gekommen“ und „schäbig“ zu umschiffen, »Hinata ist ganz scharf auf ihn!«

Ino zog beide Augenbrauen hoch, nun sichtlich Feuer und Flamme für die Richtung, in die diese Unterhaltung abgebogen war. »Ist er denn süß? Wie sieht er aus? Darf ich mitkommen?« Bei jeder Farbe wurde Hinata ein wenig röter und schien hinter ihrer Teetasse zusammen zu schrumpfen. Wenn sie es könnte, hätte sie sich sicherlich in Luft aufgelöst.

»Ä-ähm...« Sie schien vergessen zu haben, wie man einen ganzen Satz formt und Sakura fühlte das gleiche Mitleid mit ihr, was sie manchmal auch für sich selbst fühlte, wenn Ino so richtig los legte.

»Komm' doch Montag einfach mit, dann sind alle Erklärungen obsolet«, schlug sie vor und Ino nickte mit einer Eindringlichkeit, dass Sakura es wunderte, ihren Hals nicht knacken zu hören. »Das ist doch okay für dich, Hinata?« Damit blickte sie ihre neue Freundin freundlich und – hoffentlich – aufmunternd an. Einige Sekunden verstrichen, in der sie wie versteinert da saß und sogar ihren Tee vollkommen vergessen hatte, doch dann löste sich ihre Schockstarre und sie nickte zaghaft.

»J-ja, gerne«, antwortete sie schüchtern und wandte den Blick ab. Ihre Wangen waren noch immer leicht gerötet und Sakura bezweifelte, dass es an dem heißen Tee in ihren Händen lag. Ino indes führte einen stummen Freudentanz auf, der so herrlich schräg aussah, dass Hinata doch lachen musste, als sie wieder in die Richtung der stürmischen Blondine blickte.

»I-ich freue mich schon.«
 


 

Dichter Zigarrenrauch hing wie Nebel in der Luft und das wenige dämmrige Licht, welches von kleinen Wandleuchten in den Raum geworfen wurde, zog Schlieren und schien sich in den Rauchfäden zu verfangen. Gedämpfte Gespräche drangen aus den einzelnen Nischen und vermischten sich mit dem Klirren von Glas hinter den sanften Tastenanschlägen eines Pianisten in der anderen Ecke des Lokals zu einer Symphonie der Nacht.

Sasuke war regelmäßig in dem Etablissement um Geschäftsgespräche zu führen, denn das rege Treiben und das wechselnde Klientel der oberen Schichten verliehen ihm eine Anonymität, die es so innerhalb des Mikrokosmos der organisierten Kriminalität nur selten gab.

Außerdem belieferte er das Lokal direkt und stand somit auf der Liste der exklusiven Persönlichkeiten, die hier ein- und ausgehen konnten, wie sie wollten. Er hatte noch nie einen Tisch reservieren müssen und dennoch stets Platz gefunden und das, obwohl das Nachtlokal nie leer war.

Er richtete seine Krawatte, als er bemerkte, dass der Oberkellner seine Anwesenheit registriert hatte und geradewegs auf ihn zu flanierte. Seine Schritte waren geschmeidig, seine Haltung kerzengerade und es war überdeutlich, dass der Mann sein gesamtes erwachsenes Leben damit verbracht hatte, anderen Menschen einen von Anfang bis Ende perfekten Abend zu ermöglichen.

»Mr. Uchiha«, begrüßte er ihn förmlich und zollte ihm seinen Respekt mit einer Verbeugung, die elegant war, aber nicht unterwürfig. Jede seiner Bewegungen war so fließend, dass er Sasuke an einen gemächlichen Fluss erinnerte, der sich unbeirrt und unaufhaltsam durch die Landschaft zog. Oder an eine Schlange.

»Mr. Hyuuga.« Er erwiderte die Verbeugung mit der Andeutung eines Nickens und ließ sich von dem jungen Mann an seinen üblichen Platz begleiten. Itachi lief in höflichem Abstand hinter den beiden her und überblickte den Raum, ganz gewiss, um sich die Gesichter in den einzelnen Nischen einzuprägen. Mehr als einmal hatte sein herausragendes Gedächtnis einen großartigen Vorteil für die beiden Brüder ausgespielt.

An ihrem Platz angekommen, verbeugte Mr. Hyuuga sich erneut gerade tief genug, damit ihm sein zu einem Zopf zusammen gebundenes, braunes Haar nicht über die Schulter fiel. »Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie etwas wünschen.« Damit verschwand er zwischen den Menschen, die mitten im Raum standen und darauf warteten, dass ein Tisch frei wurde. Nicht wenige davon beäugten ihn empört, dafür, dass er sich scheinbar konsequenzlos an ihnen hatte vorbei drängen und hinsetzen dürfen, während man sie selbst warten ließ.

Kaum, dass sie sich hingesetzt hatten, zog er eine metallene Schachtel in mattiertem Schwarz aus der kleinen Tasche seines Anzugs und entnahm sich mit geschickten Fingern eine Zigarette heraus. Aus den Augenwinkeln bemerkte er das Naserümpfen seines Bruders, entschied sich aber dafür, nicht darauf einzugehen. Er wusste, dass Itachi nicht begeistert von seinem Laster war, aber da er ihn niemals direkt darauf ansprach, hielt er es für weiser, ebenfalls den Mund zu halten.

»Naruto ist noch nicht da«, stellte Itachi überflüssigerweise fest und ließ seinen Blick wieder über die Anwesenden schweifen. Zweifelsohne aber nicht, um den Raum nach dem blonden jungen Mann abzusuchen, denn mit seinem grellen, unkontrollierbaren Haar stach er aus der Masse von Cremetönen und verschiedenen Abstufungen von Schwarz und Grau ungefähr so stark hervor, wie ein grellbunter Pfrau inmitten von einem Schwarm Raben.

»Er ist nicht gerade für seine Pünktlichkeit bekannt«, bemerkte er, was Itachi zu einem Seufzen und ein Kopfnicken verleitete. »Er macht herausragend gute Arbeit für uns; Arbeit, die nicht selten für seine Unpünktlichkeit mitverantwortlich ist«, fügte er hinzu.

»Ich weiß«, gab Itachi lakonisch zurück und ließ sich etwas in das weiche Polster ihrer halbrunden Bank sinken, nicht aber, ohne weiterhin wie eine Bogensehne gespannt zu sein. Im Falle eines Falles würde er so schnell reagieren, dass Sasuke selbst das in der ersten Sekunde gar nicht realisieren könnte. Wie sein Bruder so schnell sein konnte, wo er doch noch größer und breiter gebaut war, als er selbst, hatte er nie ganz begriffen.

Eine Weile schwiegen die Brüder sich an. Zwischendurch tauchte das Gesicht von Mr. Hyuuga auf, um den beiden unaufgefordert ihre übliche Bestellung an den Tisch zu stellen, ehe er wieder ebenso schnell verschwand, als wäre er lediglich eine Erscheinung in dem Zigarrenrauch gewesen.

Sasuke nippte nur ganz leicht an seinem Whiskey, dessen rauchiges Aroma von einer so hauchfeinen Nuance Holzkohle durchwirkt war, dass es einem Laien auf den ersten Geschmack gänzlich entgangen wäre. Er kannte den Geschmack auf seinen Lippen, die Wärme, die mit der Flüssigkeit in seinem Körper hinab glitt und im ersten Moment seine Sinne unnatürlich scharf stellte, ehe sie mit den nächsten Schlücken am Rande verschwammen, ausfransten.

Ein gehetzt wirkender Naruto tauchte so plötzlich vor den beiden auf, dass Sasuke sich beinahe erschrocken hätte. Beinahe. »Entschuldigt die Verspätung«, schnaufte er halblaut. Sasuke nickte nur und rutschte ein wenig näher zu seinem Bruder, um Naruto Platz zu machen. Normal mochte er es nicht, wenn beide Ausgänge am Tisch versperrt waren, doch er würde beiden Männern ohne zu Zögern sein Leben anvertrauen, deswegen ignorierte er das juckende Gefühl in seinen Füßen.

»Ist etwas passiert?«, fragte er mit mildem Interesse, doch Naruto schüttelte nur den Kopf. Für eine Sekunde musste er an den alten Mann denken, der jeden Tag in Narutos Café saß.

»Nein, alles in Ordnung, das Wetter da draußen entwickelt sich nur langsam zu einem richtigen Problem. Die Straßen sind dicht.« Er zuckte mit den Schultern und zog sich mit einer Hand Schal und Mütze aus, die beide feucht glänzend waren vom Schneefall der letzten halben Stunde. »Wenn das so weiter geht, ist New York in ein paar Tagen komplett dich. Abgeschottet von der Außenwelt. Kleinere Straßen werden teilweise schon gar nicht mehr geräumt, deswegen stand ich auch so lange im Stau«, fügte er erklärend hinzu.

»Wir sind auch erst vor zehn Minuten angekommen«, entgegnete Sasuke und schwenkte das Glas Whiskey in seiner Hand. Die bernsteinfarbene Flüssigkeit fing das Licht der Lampe über seinem Kopf ein und brach es zu einem tanzenden, funkelnden Muster auf dem polierten Eichentisch.

»Kommt sonst noch jemand?«, fragte Naruto vorsichtig nach.

»Nein. Was wir heute besprechen, darf sonst niemand hören.« Sasuke nahm noch einen Schluck von seinem Whiskey, ehe er das Glas mit Nachdruck auf dem Tisch abstellte. Naruto blickte ihn mit neugierig fragendem Blick an, doch vorerst hielt er sich mit weiteren Informationen zurück. Tatsächlich ließ Mr. Hyuuga ihn nicht allzu lange warten, denn nach etwa zwei Minuten angespannten Schweigens, in denen Naruto mehr und mehr auf seinem samtüberzogenen Stuhl herum rutschte, tauchte sein Kopf erneut zwischen den wartenden Gästen auf. Dieses Mal trug er auf einer Hand ein Tablett mit den unterschiedlichsten Getränken und als er Naruto erblickte, huschte zum ersten Mal an diesem Abend etwas über seine Lippen, was man durchaus als Lächeln hätte beschreiben können.

»Oh, Guten Abend, Neji«, grüßte Naruto den Kellner gut gelaunt und stand sogar auf, um ihm auf die Schulter zu klopfen. Dies schien er mit einer solchen Vehemenz zu machen, dass Mr. Hyuuga einige Zentimeter vornüber kippte und seine zweite Hand brauchte, um das Tablett zu stabilisieren.

»Guten Abend, Naruto.« Mr. Hyuuga verengte für den Bruchteil eines Momentes die Augen, fast so, als ob er seine anfängliche Freude noch einmal überdenken musste. »Ein Handschlag hätte genügt.« Sasuke konnte sich ein Schmunzeln kaum verkneifen. Die beiden hatten eine seltsame Dynamik, die vermutlich daher rührte, dass sie beide in der Gastronomie tätig waren. Dass die Klassenunterschiede zwischen den beiden Etablissement nicht größer hätten ausfallen können, schien dieser Dynamik nichts anzuhaben.

Naruto zuckte erneut mit den Schultern und schnappte sich wahllos ein Glas vom Tablett, was Mr. Hyuuga mit einem empörten Schnauben quittierte. Vorsichtig hielt er sich das Glas mit einer klaren Flüssigkeit an die Nase, welche er prompt rümpfte. »Wodka, igitt!« Sein Gesicht verzog sich zu einem Schaudern.

»Das wäre nicht passiert, wenn du bestellen würdest, wie ein normaler Mensch, und dir nicht einfach etwas von meinem Tablett klaust«, kommentierte Mr. Hyuuga Narutos ausschweifende Darstellung seines Unmuts angesichts seiner Getränkewahl.

Ohne viel Federlesen stellte er das Glas zurück an seinen Platz und schenkte ihm sein typisches, schiefes Grinsen. »Hast du etwas alkoholfreies? Ich muss später noch fahren.«

Mr Hyuuga rollte mit den Augen, eine äußerst untypische Mimik in den sonst so kontrollierten Gesichtszügen des jungen Manns, nickte dann aber und griff zielsicher nach einem deutlich schlichteren Glas und drückte es Naruto in die Hand, ehe er von dannen zog.

Naruto konnte es sich offenkundig nicht verkneifen, noch einmal an der klaren Flüssigkeit zu schnuppern, scheinbar war es dieses Mal aber nur Wasser, denn er nickte kurz und setzte sich zurück an seinen Platz. »So«, sagte er geschäftsmäßig und nippte an seinem Wasser, »Kommen wir zu den wichtigen Dingen.«

»Ich bitte darum.« Sasuke setzte sich etwas aufrechter hin und tauschte einen unauffälligen Blick mit seinem Bruder, der sich zwischenzeitlich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken gerieben hatte. Sasuke und Naruto kannten sich, seit sie kaum alt genug waren, um ihren eigenen Namen auszusprechen und auch Itachi, der oft auf die beiden hatte aufpassen müssen, kannte den blonden Chaoten gut, doch im Gegensatz zu Sasuke hatte er sich nie ganz für seine sorglose Natur erwärmen können. „Unprofessionell“ nannte er ihn regelmäßig und Sasuke verstand, worauf er abzielte, aber er wusste auch, dass Naruto sich in den entscheidenden Augenblicken immer bewährt hatte.

»Was ist passiert?«, platzte es aus Naruto heraus. Er war nie jemand gewesen, der um den heißen Brei herum redete, eine weitere Charaktereigenschaft, die Sasuke an ihm zu schätzen wusste und eine der wenigen, die auch Itachi positiv bewertete.

Sasuke lehnte sich etwas nach vorne – Naruto entgegen – und senkte die Stimme, was eine obsolete Sicherheitsvorkehrung in dem von zahllosen Gesprächen lärmenden Raum war und dennoch war ihm dabei wohler. »Die Hälfte unserer Fracht liegt auf dem Boden des Atlantik. Autos wie Alkohol. Shikamaru hat mir erklärt, dass es einen unvorhergesehenen Sturm bei der Überfahrt gab und dass wir besser dran gewesen wären, wenn das ganze Schiff einfach untergegangen wäre.«

Naruto runzelte die Stirn und nahm erneut gedankenverloren einen Schluck von seinem Wasser. »Wieso das? Die Hälfte ist bescheiden, aber besser als gar nichts, oder nicht?«

»Das Zollamt hat sich eingeschaltet. Es war nicht zu umgehen, angesichts der Vorkommnisse«, warf Itachi ein und Narutos Gesicht versteinerte augenblicklich.

»Wie viel haben wir verloren? Und wer hat die Kontrolle denn gemacht, weißt du das schon?«

Sasuke schüttelte den Kopf und zündete sich eine weitere Zigarette an. »An die Hunderttausend. Und nein, deshalb wollte ich mich mit dir heute noch treffen.« Diskret zog er einen schlichten Umschlag aus seiner inneren Manteltasche und schob ihn Naruto zu. Auf dem Kuvert stand nichts. »Das ist ein Scheck über Zwanzigtausend für die zuständigen Beamten. Und dann brauche ich Namen und Adressen. Von den Beamten und von ihren Familien. Augen, die einmal etwas gesehen haben, haben die lästige Eigenart, dass sie sich mit dem Vergessen schwertun. Und ich möchte gerne sicherstellen, dass wir uns ihr Schweigen auch wirklich gekauft haben.« Er zog an seiner Zigarette und trank einen Schluck Whiskey, während er Naruto mit einem abschätzenden Blick taxierte und auf seine Reaktion wartete. Der blonde Mann wirkte gelassen und tatsächlich war die ganze Situation zwar äußerst unangenehm und verlangte nach einer geschickten Hand, um sie zu lösen, aber nichts, was ihn verarmen oder in unlösbare Schwierigkeiten bringen würde. Er selbst war entspannt und deshalb hatte auch Naruto kein Grund zur Nervosität, immerhin kannten sie sich seit mehr als zwei Jahrzenten und der blonde Mann wusste, womit er es zu tun hatte.

»Ich verstehe.« Er nickte, nahm den Umschlag vom Tisch und ließ ihn unter einer der zahllosen Schichten Kleidung verschwinden, die er am Leibe trug. »In drei Tagen komme ich auf dich zu. Gibt es sonst noch etwas?«

Sasuke schüttelte den Kopf und leerte den Rest seines Glases in einem Zug. »Das war alles.« Naruto nickte ein letztes Mal und die beiden tauschten einen ernsten Blick aus, der seinen Kindheitsfreund regelrecht fremd wirken ließ. Danach erhob er sich, wickelte sich den immer noch feuchten Schal wieder um und zwinkerte den beiden mit einem breiten Grinsen zu, ehe er verschwand.

»Was hast du jetzt vor, Brüderchen?«, fragte Itachi ihn nach einer Weile. Beide hatten nichts mehr zu trinken und die Glut der dritten Zigarette, die Sasuke an diesem Abend entzündet hatte, fraß sich bereits durch den Filter.

»Wir warten.«
 


 

Das Wochenende verging in öder Langeweile und da es Sakura zwar mit jedem Tag besser ging, sie sich aber dennoch nicht traute, vor die Tür in die Auswirkungen des Blizzards zu treten, saß sie die meiste Zeit am Fenster und starrte auf die wenigen Menschen, die sich auf die sonst so überfüllten Straßen trauten. Auch Ino blieb das Wochenende zuhause, sodass sie zusammen das Ende der Schneestürme abwarteten und der neuen Woche mit freudiger Erwartung entgegen blickten.

Zum ersten Mal seit langer Zeit freute Sakura sich sogar auf die Arbeit, denn allmählich hatte sie die Nase voll vom Nichtstun und sie fühlte sich von einem neuen Tatendrang beseelt, als wäre in ihr ein langer, schnöder Winter den frischen Winden des Frühlings gewichen.

Am Morgen des Montags machten die beiden Freundinnen sich schnatternd für ihre Verabredung mit Hinata im „Street Cats“ fertig und Ino löcherte sie mit Fragen, die sie größtenteils überhaupt nicht beantworten konnte, da sie selbst Naruto auch nur ein einziges Mal gesehen hatte und das auch nur für die Dauer von einer kurzen Stunde.

Als die beiden bereit zum Aufbruch waren war die Sonne noch nicht hinter den Hochhäusern aufgegangen und es war dunkel und kalt. Sakura zog sich den Kragen ihres Mantels zurecht und überprüfte, dass auch ihre Strickmütze im Weihnachtsmuster ordentlich saß. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war eine erneute Erkältung. Ino war in der Dunkelheit der letzten Ausläufe der Nacht wie ein Leuchtfeuer, denn ihr ganzes Outfit war in Pastel- und Pinktönen. Dagegen wirkte sie selbst fast farblos und das, obwohl sie diejenige war, die rosa Haare hatte. Bei dem Gedanken musste Sakura lachen, was Ino dazu verleitete, sie mit einer hochgezogenen Augenbraue schräg zu mustern. »Was ist denn jetzt so komisch, meine Liebe?«, wollte sie wissen.

Zwischen den beiden hing das Knirschen von Schnee und Streusalz, ehe Sakura antwortete. »Ich musste daran denken, dass ich rosa Haare habe und trotzdem du die Auffälligere von uns beiden bist.« Damit lies sie ihren Blick extra auffällig an Ino auf und ab wandern und ihre beste Freundin musste lachen.

»Stimmt. Aber die Welt ist schon schwarz und grau genug, da muss ich nicht auch noch langweilig und öde sein«, stellte sie achselzuckend fest. Dass Ino alles andere als langweilig und öde war, egal wie sie sich kleidete, erwähnte Sakura nicht, denn im Grunde pflichtete sie ihr bei.

Während die beiden nach einem Taxi Ausschau hielten, unterhielten sie sich angeregt über Hinatas Schwarm, über Sais seltsame Eigenart, sein Essen zu sezieren, ehe er es aß und über Sakuras Ideen, wie sie erneut mit Sasuke Uchiha in Berührung kommen konnte. Bei dem Bild, welches in ihrem Kopf aufleuchtete, wann immer sie über ihn sprach oder an ihn dachte, wurden ihre Wangen wärmer und bei dem Gedanken „mit ihm in Berührung zu kommen“, musste sie säuerlich feststellen, dass sie an etwas ganz anderes dachte, als daran, mit ihm in Kontakt zu treten. Auch das behielt sie lieber für sich. Ino war eine notorische Kupplerin, schon immer gewesen und Sakura hatte es immer gehasst, wenn sie versuchte, für sie einen Mann zu suchen und genau deshalb war sie froh, dass sie ihre Energien nun auf Hinata und Naruto verwenden konnte, wenngleich sie sich dafür etwas schämte. Hinata war ahnungslos, wie penetrant Ino werden konnte, wenn man erst einmal besser mit ihr befreundet war und Sakura kam nicht umhin ein schlechtes Gewissen zu empfinden dafür, dass sie ihre neue Freundin so kaltherzig vor den Bus stoß, um ihre eigene Haut zumindest für ein oder zwei Wochen zu verschonen.
 

Die Fahrt zum „Street Cats“ war ereignislos und kurz, immerhin waren die Straßen noch immer gut verschneit und viele der Stadtbewohner daher auf die U-Bahn ausgewichen. Nur wenige andere Fahrzeuge teilten die breiten Straßen mit ihnen und davon waren die meisten Räumfahrzeuge, deren orangenen Leuchten sie auf den ganzen Weg begleiteten.

Hinata stand bereits vor der Tür und aus dem Fenster direkt neben der Tür drang warmes, gemütliches Licht, was davon zeugte, dass das Café tatsächlich auch zu dieser durchaus unchristlichen Zeit schon offen hatte. Zu Sakuras Erstaunen war auch Sai anwesend, der sich mit Hinata unterhielt, ehe ihr Blick auf die beiden Neuankömmlinge fiel und ein Lächeln sich auf ihre Lippen stahl. Sai folgte ihren Augen und blieb an Ino kleben, die sich ihm sofort um den Hals warf und ihn innig begrüßte, was Hinatas Lächeln aus dem Gesicht wischte und sie hastig zurück weichen ließ. Offensichtlich peinlich berührt wusste sie nicht, wohin sie nun schauen sollte und entschied sich schlussendlich für ihre Füße.

»Guten Morgen, Hinata«, grüßte Sakura sie freundlich und zog sie in eine Umarmung, bei der sie eine leichte Drehung vollführte, sodass Hinata nicht mehr in die Verlegenheit kam, ihren turtelnden Freunden beim Knutschen zuschauen zu müssen.

»Guten Morgen, Sakura«, grüßte Hinata sie zurück und richtete ihre süße Mütze mit den Bommeln, die sich in ihren Haaren zu verfangen schienen. »Schön, dass ihr da seid. Alleine würde ich nicht so oft vorbei kommen, weißt du.« Sie nestelte an eine der beiden Bommeln herum und befreite den Wollstoff von einzelnen Haaren.

»Schön, dass wir dir helfen können«, antwortete sie mit einem Zwinkern in den Augen und hakte sich bei Hinata ein, »Kommt, ihr zwei, das könnt ihr auch heute Abend noch machen. Es ist kalt und ich brauche einen Kaffee, hopp hopp!« Damit machte sie eine scheuchende Handbewegung und sie lachte, als sie Inos missmutigen Blick angesichts der Störung bemerkte.

Narutos Gesicht strahlte wie eine morgendliche Sommersonne, als er die vier sah und winkte ihnen über den Tresen hinweg zu. »Guten Morgen«, flötete er gut gelaunt und warf sich das Handtuch, welches er bis eben genutzt hatte, um den Tresen zu reinigen, legere über die Schulter, »Wie schön, dass du jedes Mal mehr Freunde mitbringst, Hinata. Aber bald, fürchte ich, wird der Platz nicht mehr ausreichen, wenn das so weiter geht«, scherzte er verschmitzt. Ino drehte sich zu Sakura und Hinata um und strahlte die Dunkelhaarige an wie ein Honigkuchenpferd. Offensichtlich war sie verzückt von Hinatas Männerwahl, denn sie wackelte anerkennend mit ihren Augenbrauen. Es war Hinata hoch anzurechnen, dass sie dieses Mal nicht rot anlief und sie Inos Gebaren einfach ignorierte.

»Für dich grünen Tee, Hinata und für Sie...« Für einen Moment starrte er Sakura mit einer Intensität an, als versuchte er, in ihren Kopf zu schauen, vermutlich versuchte er sich aber nur an ihre Getränkewahl von vor einigen Wochen zu erinnern, »Puh, ich entschuldige mich, ich habe es vergessen... War es ein Cappuccino?«

Sakura nickte und lachte angesichts seines Eifers, den sie selbst in seinem Job um diese Uhrzeit ganz gewiss nicht aufgebracht hätte. »Ja, genau, Sie erinnern sich ja doch!«

Naruto zuckte mit den Schultern und legte den Kopf schief; das schien eine seiner gängigen Gesten zu sein, wie Sakura feststellte. »Glückstreffer«, gestand er grinsend, »Sie beiden müssen mir aber noch verraten, was Sie möchten.« Damit wandte er sich an Sai und Ino. Ihre Freundin bestellte sich eine heiße Schokolade mit extra Kandiszucker und mal wieder musste sich Sakura darüber wundern, dass ihre beste Freundin kein Problem mit Karies hatte. Sai schloss sich Hinatas schlichter Auswahl an und bestellte sich ebenfalls einen Grüntee.

Sakura bemerkte, dass der alte Mann vom letzten Mal heute gar nicht anwesend war und fragte sich, ob das wohl daran lag, dass es noch so früh war, dass die Sonne noch immer nicht aufgegangen war. Deshalb roch die Luft heute auch nicht nach dem beißenden Aroma einer glühenden Tabakpfeife, sondern nach dem kalten Rauch, der sich in den Wänden bereits eingenistet hatte und wo selbst intensives Lüften vermutlich keine Abhilfe mehr schaffen würde. Sakura war aber froh, dass die Fenster geschlossen waren und nahm lieber das seltsame Aroma von längst verbranntem Tabak hin, als weiter zu frieren.

Die vier unterhielten sich über Banalitäten, bis die Getränke gebracht worden waren und Sakura entging nicht das Zwinkern, mit welchem Naruto Hinata den Tee reichte. Die junge Frau schien wieder in eine Art Schockstarre zu verfallen, was Ino mit einem herzlichen Lachen quittierte.

Erst danach schien ihre beste Freundin beschlossen zu haben, dass jetzt genug Zeit damit verschwendet worden war, um den Elefanten im Raum herum zu tänzeln, denn sie stupste Hinata mit dem Ellbogen an und nickte ihr auffordernd zu. »Wie lange kommst du denn schon hierher?«, wollte sie wissen und deutete ein Nicken in Richtung Tresen an.

Hinata schnappte nach Luft und wandte sich hilfesuchend Sakura zu, die nur mit den Achseln zuckte und an ihrem Cappuccino nippte. Erfreut stellte sie fest, dass Naruto eine weihnachtliche Note hinzugefügt hatte, denn sie schmeckte die Aromen von Zimt und Lebkuchen zwischen dem bitteren Espresso.

»E-ein paar Monate?«

Es wirkte eher wie eine Frage, als eine Antwort, doch daran störte Ino sich kaum, sie setzte die Fragerunde unbeirrt fort. »Wie bist du überhaupt auf diesen Laden gestoßen?« Damit hatte sie eine durchaus berechtigte Frage, denn das kleine Café lag nicht gerade auf dem Weg zur Arbeit. Ob Hinata wohl in der Nähe wohnte? Erst jetzt stellte sie fest, dass die dunkelhaarige Frau jetzt zwar ihre Adresse kannte, aber sie überhaupt keine Ahnung hatte, wo Hinata wohnte. Sie könnte direkt über diesem Café wohnen und sie wüsste es nicht.

»Mein Cousin arbeitet in der Nähe an einer Hauptstraße und als ich ihn eines Abends mal zur Arbeit begleitet habe, bin ich danach etwas durch die Gassen und Straßen spaziert und schließlich hier gelandet«, erklärte sie ohne Zittern oder Stottern in der Stimme. Bei dem Gedanken an besagten Abend schweifte ihr Blick ab in eine unbekannte Ferne und es war klar, dass sie sich daran erinnerte, wie sie den jungen blonden Mann das erste Mal gesehen hatte. Ein rosiger Schimmer lag auf ihren Wangen und Sakura fand, dass ihr das Verliebtsein unfassbar gut stand. Gleichzeitig fragte sie sich, ob sie jemals so ausgesehen hatte, bei dem Gedanken an einen Mann. In den sechsundzwanzig Jahren, in denen sie nun schon lebte, hatte sie, so glaubte sie, noch nie so verträumt ausgesehen und sie spürte einen bösen Stich in sich, welchen sie als Neid identifizierte. In der nächsten Sekunde schämte sie sich für ihre eigenen Gedanken und Emotionen und schüttelte kaum merklich den Kopf, um sie loszuwerden wie eine nervende Fliege, die beharrlich um ihren Kopf herum summte.

Ino seufzte mädchenhaft und stützte ihren Kopf auf den Händen ab, die sie unter ihrem Kinn zusammen gefaltet hatte. »Wie romantisch«, hauchte sie und folgte Hinatas Blick in die Ferne, »Das Schicksal hat dich hierher geführt.« Das brachte Sakura zum Schnauben. Ihre Füße haben sie hierher geführt, dachte sie, pragmatisch wie sie war, verkniff sich aber jede weitere Verbalisierung ihres Unglaubens. Eigentlich war es doch schön, wenn man an so etwas wie Schicksal glauben konnte. Vielleicht war sie einfach zu nüchtern und ihre Einstellung auf Dinge wie die Liebe und das Glück zu verbittert. Und das, obwohl sie noch so jung war.

Viel länger konnte sie darüber aber nicht brüten, denn das melodische Klingeln der kleinen Glocke über der Tür verkündete, dass neue Gäste eintraten. Sakura musste ein paar mal blinzeln, um aus ihrer versunkenen Trance zurück in die Realität zu finden und aus den Augenwinkeln sah sie, dass es Ino und Hinata ähnlich ging. Alle vier Augenpaare richteten sie unbewusst auf die Neuankömmlinge und Sakura versteifte sich augenblicklich. Mr. Uchiha und sein Bruder, Itachi, waren eingetreten. Sie unterdrückte das juckende Bedürfnis, sich auf ihrem Stuhl zu winden, als ihr klar wurde, dass Sasuke Uchiha sie direkt und unverblümt anstarrte. Sie glaubte, in seinen Gesichtszügen so etwas wie vage Erkenntnis zu sehen und hoffte, dass er in ihren grünen Augen keine Ähnlichkeit zu der Frau fand, die vor etwas über einem Monat unweit von ihm entfernt in seinem eigenen Autohaus gestanden hatte.

»Aua«, fluchte sie leise. Ino hatte sie unter dem Tisch getreten, weshalb sie ihre Freundin wütend anfunkelte. »Das hat weh getan«, zischte sie leise, doch Ino winkte nur gelassen ab.

»Wir müssen hier verschwinden«, flüsterte Ino ihr über den Tisch hinweg zu und vollführte ein vielsagendes, angedeutetes Kopfnicken in Richtung der Tür. Sakura zwang sich, die beiden Männer nicht noch einmal anzustarren, denn das wäre mehr als verdächtig gewesen, andererseits war es auch nicht gerade normal, einfach plötzlich aufzustehen und sich aus dem Staub zu machen. Nervös nagte Sakura sich an den Lippen, wofür sie einen zweiten Tritt unter dem Tisch erhielt.

»Aua!«, fluchte sie erneut, dieses Mal etwas lauter und sie musste nicht zur Tür schauen, um die Blicke der beiden Männer erneut auf sich zu wissen, »Hör' jetzt auf damit!« Sakura verrenkte sich fast den Kopf, um ihre Ohren in Richtung des Tresens zu halten und ein paar Worte aufzuschnappen, doch die drei Männer unterhielten sich so gedämpft, dass sie nichts von dem verstand, was sie miteinander austauschten.

Hinata indes blickte verwirrt zwischen ihr und Ino hin und her und auch, wenn sie in Sakuras Vorhaben eingeweiht war, schien sie angesichts der angespannten Atmosphäre nicht ganz zu wissen, was sie tun oder sagen sollte.

Sai trommelte mit seinen Fingern ganz leicht auf den Tisch, was ihm die Aufmerksamkeit von drei Paar Augen bescherte. Er neigte den Kopf, nur ganz leicht und blickte die drei jungen Frauen nacheinander an. »Ino hat recht. Das Letzte was wir wollen, ist, dass die beiden noch ein Gespräch mit uns anfangen. Sakura, du hattest mit seinem Bruder schon gesprochen, oder?« Damit schaute er ihr direkt in die Augen und sie nickte leicht. »Gut, dann hätten wir ein ernsthaftes Problem, wenn er deine Stimme wiedererkennt, also lasst uns verschwinden!«

»Aber tut so, als würden wir ganz normal gehen und uns erst fertig machen«, fügte Ino warnend hinzu, »Wenn wir jetzt alle gleichzeitig aufstehen, wie aufgescheuchte Hühner, macht uns das nicht weniger verdächtig!« Und damit lachte sie ein herzliches, absolut natürliches Lachen und fischte nach dem Schal, welchen sie in ihren Jackenärmel geschoben hatte.

»Du hast Recht.« Sai spielte sofort mit und Sakura war dankbar dafür, dass sie selbst nichts sagen musste. »Mein Chef lyncht mich, wenn ich heute wieder zu spät komme«, jammerte er mit einem gequälten Ton in der Stimme, der nicht aufgesetzt wirkte. Das war ihr Stichwort, ebenfalls nach ihren Sachen zu greifen. Die vier unterhielten sich über absolut belanglose Dinge, während sie sich wieder anzogen. Als sie sich nacheinander von Naruto verabschiedeten, winkte er jedem freundlich zu und Sakura atmete erleichtert aus, als sie die Tür hinter sich schlossen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie die Luft den ganzen Weg nach draußen angehalten hatte. Alles war okay, nichts war passiert. Das Ganze war einfach nur ein unfassbar unpassender Zufall gewesen, aber sie waren mit dem Schrecken davon gekommen.

»Ich fürchte, ab sofort musst du wieder alleine hierher kommen, Hinata«, wisperte sie in ihr Ohr und die dunkelhaarige Frau schenkte ihr ein schräges, mitfühlendes Lächeln.

»Ich weiß«, sagte sie nur und wirkte ehrlich traurig darüber, dass sie aus den gemeinsamen Besuchen in dem schäbigen Café keine neue Tradition machen konnten und Sakura stellte überrascht fest, dass es ihr ähnlich ging.

Als die vier aus der kleinen Seitengasse auf die Hauptstraße traten, fror Sakura an Ort und Stelle fest, ihr Blick auf einen schwarzen Wagen mit getönten Rückscheiben geheftet. Ihre Augen verengten sich bei der Erkenntnis, dass sie diesen Wagen durchaus kannte, zu Schlitzen.

»Was ist los, Süße?« Ino zog an ihrem Ärmel und suchte ihre Aufmerksamkeit.

Sakura drehte sich in gefühlter Zeitlupe zu ihrer besten Freundin um und schnaubte wütend. »Ich kenne das Auto«, stellte sie nüchtern fest, »Das ist das Auto von diesem Flegel, der mir vor einigen Wochen die Ganzkörperdusche mit Regen- und Schmutzwasser verpasst hat.« Vermutlich war das auch der Grund, weshalb sie überhaupt erst krank geworden war.

»Oh nein«, machte Ino nur und verstärkte ihren Griff an dem Ärmel von Sakuras Mantel, »Mach' jetzt nichts, was du später bereust, Süße«, fügte sie vorsichtig hinzu, doch das schürte ihre Wut eher, als sie sie milderte.

Mit einem verrückt wirkenden Lächeln drehte sie sich zu ihrer besten Freundin und anhand ihrer panischen Reaktion wusste Sakura, dass sie wieder dieses wahnsinnige Funkeln in ihren Augen haben musste. »Du hattest Recht, Ino«, sprach sie mit einer seltsamen Ruhe, die ihr selbst befremdlich war, »Man sieht sich immer zweimal im Leben.«

»Nein, nein, nein, nein, nein«, insistierte Ino und nahm eine zweite Hand in dem Versuch, Sakura festzuhalten, doch die löste sich mit einer Einfachheit von dem Griff ihrer besten Freundin, als streifte sie einen zu großen Pulli über den Körper und machte die ersten Schritte zurück in die Gasse, »Sakura, nein!«, fauchte sie verzweifelt, aber es hatte alles keinen Nutzen; Sakura setzte ihren Weg unbeirrt fort. Das Knirschen von Schnee und Salz verrieten ihr unterbewusst, dass Ino ihr folgte, nur sie, aber das interessierte sie in diesem Moment nicht mehr. Gott, sie würde diesem Scheißkerl jetzt etwas erzählen!

Die Tür schmiss sie so vehement auf, dass sie im Café gegen die Wand knallte und ihr um ein Haar wieder ins Gesicht fiel. Drei verdutzte Männer starrten sie an, als sie empört den Finger hob und damit vor Mr. Uchihas Gesicht herum fuchtelte.

»Sie!«, ereiferte sie sich und schnappte wütend nach Luft und den passenden Worten, »Das ist Ihr Auto da draußen, nicht wahr?!«

Sasuke Uchiha hatte seine Fassung wieder gefunden und wirkte so gelassen, dass es Sakura nur noch wütender machte. »Ja, wieso wollen Sie das wissen?«

Sie schnaubte und eine Ecke in ihrem Hirn registrierte, dass Ino an ihrem Ärmel zupfte, doch das Kind war schon längst in den Brunnen gefallen. »Sie haben mich vor zwei Wochen komplett nass gemacht, von oben bis unten! Erinnern Sie sich daran überhaupt, Sie... Sie... Sie...« Sie schnaufte heftig. »Sie egozentrischer Arsch!« Mr. Uchiha hob die Augenbrauen an, zweifelsohne amüsiert und Sakura verfiel in einen Zustand ungezügelter Raserei. »Sie finden das auch noch witzig!?«, stellte sie zeternd fest und ihre Stimme war mittlerweile so hoch, dass sie fast quietschte, »Ich hatte eine Woche lang hohes Fieber, Sie... Sie...«

»Egozentrischer Arsch?«, bot er ihr mit einem süffisanten Lächeln an und für einen Moment wurde Sakura schwarz vor Augen. Es war ein Moment der Schwäche, den Ino sofort ausnutzte, sich wie wild entschuldigte, was Sakura nur am Rande mitbekam und sie mit einiger Mühe zurück aus dem Café auf die Straße zog.

»Komm' mit, du bist ja wie ein tollwütiger Hund!«

»Ich bin noch nicht fertig mit dem«, entgegnete sie hitzig, doch Ino stemmte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen Sakura, um sie von dem Café weg zu bugsieren.

»Nichts bist du«, antwortete sie, vor Anstrengung schnaufend.

Sakura sah, wie die Herren Uchiha ebenfalls aus dem Café traten und ihr hinterher blickten und sie holte bereits tief Luft, um über Inos Kopf hinweg mit einer neuerlichen Schimpftirade zu beginnen, doch die presste ihr geistesgegenwärtig eine behandschuhte Hand gegen den Mund, die jeglichen Protest erstickten. Es half Sakura ganz und gar nicht, dass die beiden Männer in die gleiche Richtung mussten, wie sie und sie die ganze Zeit über schief angrinsten, als würden sie sich ganz köstlich über einen herrlichen Scherz amüsieren.

»Laff mich lof, Ino«, wetterte sie gegen die Hand, doch Ino schüttelte nur den Kopf und bedeutete Sai, ihr zu helfen. Hinata und er mussten in ihrer kurzen Abwesenheit nach einem Taxi gesucht haben, denn Sai griff nach einer Autotür und half Ino dabei, die immer noch schimpfende Sakura auf die Rückbank zu setzen.

»Beeindruckendes Temperament.« Es klang wie ein Lob aus dem Mund von Mr. Uchiha und Ino zwang sich zu einem schiefen Grinsen.

»Ja, sie kann... liebreizend sein«, pflichtete sie halbherzig bei und nickte den beiden Männern zu, ehe sie sich zusammen mit Hinata und Sai neben Sakura auf die Rückbank des Taxis quetschte.

Gefährliches Spiel

Das Schweigen auf der Rückbank im Taxi war eisiger, als der böige Wind, der außerhalb des Autos an den blattlosen Ästen der Bäumen riss, die vereinzelt am Straßenrand standen. Sakura schmollte mit aufgeblähten Wangen zwischen Hinata, Sai und Ino gefangen und verschränkte bockig, wie ein kleines Kind, die Arme vor der Brust, was dank ihres dicken Mantels deutlich schwieriger war, als es aussah.

»Du konntest dich wirklich nicht zusammenreißen«, stellte Ino fest, fassungslos und wütend, »Einmal deinen Stolz herunterzuschlucken, war das so schwer?«

Sakura schnaubte und würdigte Inos Affront ansonsten mit keiner weiteren Reaktion, geschweige denn mit einer Erklärung, doch dass schien die junge Blondine nur noch wütender zu machen. »Hör' mal, Sai und du ihr habt euch nicht so viel Mühe mit allem bisher gegeben, damit du eine Show wie diese abziehst und alles über den Haufen wirfst!«, meckerte sie vorwurfsvoll, »Jetzt würde selbst der hirnrissigste Vollidiot begreifen, wer du bist, wenn du noch einmal zum Autohaus gehst. Die Stimme konnten sich beide jetzt ganz wunderbar einprägen, dafür hast du gesorgt!«

»Sei's drum«, entgegnete sie lakonisch und zuckte mit den Achseln. Gerade war ihr alles egal. Die Wut angesichts der vergangenen zehn Minuten und des schmachvollen Spießrutenlaufs nachhause - und das vollkommen durchtränkt – war verpufft und so musste Sakura natürlich anerkennen, dass Ino durchaus Recht hatte. Ihr kleiner Wutausbruch war eher kontraproduktiv gewesen, aber das würde sie niemals laut zugeben.

»Du hast einen Vogel«, blaffte Ino sie an und tippte sich mit dem Finger an die Stirn. Damit war von beiden Seiten alles gesagt und Sai und Hinata hüteten sich davor, sich einzumischen, weswegen alle vier wieder in frostiger Stille ausharrten und darauf warteten, dass das Taxi nach und nach an allen Arbeitsplätzen und Ino's Universität hielt und sie aus dem Wagen flüchten konnten.

Sai und Sakura waren die letzten beiden, als das Taxi leicht schlitternd auf der vereisten Straße vor der Times zum Stehen kam, denn Hinata hatte vor der Arbeit noch einen Abstecher bei ihrem Appartement gemacht. Wortlos kramte Sakura in ihrer Geldbörse nach dem Restbetrag und als Sai etwas dazu legen wollte, hob sie nur abwehrend die Hand.

»Willst du mir auch einen Vortrag halten?«, fragte sie schnippisch, als sie beiden in der Kälte standen und darauf warteten, dass der jeweils andere zuerst in das gewaltige Gebäude lief. Sie vergrub ihre Hände tief in ihren Manteltaschen und verbarg Mund und Nase in dem Wollschal, welchen sie vorhin in schroffem Widerwillen viel zu eng um den Hals geschnürt hatte.

»Nein«, antwortete Sai nur und musterte sie mit mildem Interesse, »Du weißt selbst, was du tust und was du nicht tust. Und wenn du die ganze Sache vergessen und aufgeben willst, um dem Kerl mal ordentlich deine Meinung zu geigen, dann unterstütze ich dich auch dabei. Verdient hatte er es, nicht nur, weil er deine Gesundheit mit seinem rücksichtslosen Verhalten gefährdet hat, sondern auch für alles andere. Ich glaube nicht, dass er besonders oft solche Ansprachen hört, denn als du im Auto verschwunden warst, hat er kurz die Kontrolle über seine Gesichtszüge verloren und ordentlich überrumpelt gewirkt.« Jetzt grinste Sai zufrieden und reckte einen Daumen nach oben in die Luft, was Sakura ein seltsames Gefühl der Gerechtigkeit gab; mehr noch, als ihr kleiner Ausraster.

»Besser ist das«, stellte sie zufrieden fest. Die beiden schauten sich für einen Moment an, ehe Sakura in ein befreiendes Gelächter ausbrach und sogar Sai konnte sich ein belustigtes Schmunzeln nicht verkneifen. Die Menschen, die eilig an ihnen vorbei huschten, bedachten sie mit neugierig-verwirrten Blicken, was Sakura nicht entging, aber auch nicht interessierte. »Überrumpelt hat er gewirkt, ehrlich?«, hakte sie nach und klopfte ihrem Kollegen und Freund auf die Schulter, ehe sie umsichtig den Fuß auf die erste Stufe zur Eingangstür setzte.

»Er sah aus, als hättest du ihn geohrfeigt«, bekräftigte Sai ihren Übermut, was Sakura ein erneutes Lachen entlockte.

»Das hätte ich machen sollen«, überlegte sie laut und stellte sich das Gesicht von Mr. Uchiha vor, wenn sie ihm das arrogante Grinsen aus dem Gesicht gewischt hätte, wortwörtlich. Das Bild löste eine neuerliche Welle der Zufriedenheit in ihr aus und sie konnte nichts dagegen tun, dass ihr Gang nun etwas beschwingter war.

Auf den Weg in die Großraumbüros, wo auch die Tische von Sai und Sakura standen, tauschten die beiden sich über die neueste Wendung der Ereignisse und Möglichkeiten aus, die Situation doch noch zu ihren Gunsten auszulegen. Sakura hatte schon eine Idee, die sich seit ungefähr einer halben Stunde in ihrem Kopf formte, doch über die wollte sie vorerst Stillschweigen bewahren. So kam es, dass sie am Ende, als der Aufzug quietschend im richtigen Stockwerk angekommen war, beschlossen, erst einmal etwas Gras über die Sache wachsen zu lassen, bis der heutige Morgen hoffentlich aus den Köpfen der beiden Brüder verblasste.

»Zwei Wochen sollten reichen. Wir bewegen uns auf die hektische Weihnachtszeit zu«, schlug Sai vor, »Das sollte ausreichen. Menschen erinnern sich gut an optische Merkmale, aber an Stimmen? Die verändern sich mit der Zeit in der Erinnerung. Es ist immer noch riskant, keine Frage, aber etwas Besseres fällt mir jetzt nicht ein«, gestand er und öffnete die große Doppeltür zu ihrem Büro. Das Licht irritierte Sakuras Augen – wie immer – und erinnerte sie stets an das grelle Licht in Krankenhäusern. Sie musste einmal blinzeln, um sich daran zu gewöhnen.

»Ich lass' mir schon etwas einfallen, keine Sorge«, deutete sie mit mysteriös-verschwörerischer Stimme an und ließ damit Raum für Vermutungen seitens Sai. Und tatsächlich: Als sie ihn anblickte und ihm zuzwinkerte, ehe sie in Richtung ihres eigenen Tisches verschwand, fand sie Verwirrung in seinen Gesichtszügen. Sollte er heute in aller Seelenruhe darüber brüten, was sie damit wohl meinen könnte, sie musste sich als erstes einer anderen, schwierigen Sache stellen: Ihrem Chef. Seit etwas über einer Woche hatte sie ihm, dank ihrer bösen Grippe, nicht mehr gegenüber gestanden und sie müsste lügen, würde sie behaupten, dass sie das groß gestört hätte.

Da man bei Mr. Hatake aber nie wusste, woran man war, beschloss sie, zunächst an ihren Platz zu gehen und all die Arbeiten in Angriff zu nehmen, die sich in einer Woche angestaut hatten. Sie verabscheute nichts mehr, als Papierkram, aber es gehörte nun einmal auch zu ihrem Job und so setzte sie sich halbwegs motiviert auf ihren quietschenden Stuhl und verschaffte sich einen groben Überblick.
 

Zwei Stunden lang ließ man sie in Ruhe arbeiten und mehr als einmal schweiften ihre Gedanken dabei so weit ab, dass sie ein oder zwei Fehler machte, deren Korrektur allerdings nicht so viel Zeit verschluckte, als dass sie daraus lernen würde. Sie war gerade dabei, einen Ordner ihrer Artikel des letzten Monats abzuheften und für das Archiv vorzubereiten, als die Tür zum Büro ihres Chefs aufgerissen wurde und ein genervt dreinblickender Mr. Hatake darin auftauchte.

»Ms. Haruno, wenn ich bitten darf.« Es war keine Frage, deswegen sprang sie hastig auf und schmiss dabei beinahe einen Stapel sortierter Artikel um. Leicht errötend strich sie ihr schlichtes, schwarzes Kostüm glatt und bemühte sich, so würdevoll wie möglich zu seinem Büro zu schlendern.

»Guten Morgen, Mr. Hatake«, grüßte sie ihn mit zurückhaltender Höflichkeit als sie hinter ihm eintrat und darauf wartete, dass er sie zum Sitzen aufforderte.

Er warf ihr einen undeutbaren Blick zu, ehe er mit seiner Hand gelangweilt auf den Stuhl gegenüber deutete. Sie wiederholten ihr Ritual, in dem er ihr eine Zigarette anbot und sie sich eine nahm, dankbar dafür, ihren Fingern und Augen etwas zu geben, worauf sie sich abseits seiner abschätzigen Musterung konzentrieren konnten.

Ihre Zigaretten waren fast völlig abgebrannt, als Mr. Hatake das Wort ergriff. »Nun, wie ich sehe geht es Ihnen wieder besser.« Es war eine Feststellung und dennoch nickte Sakura geflissentlich. Kakashi drückte seine Zigarette aus und führte seine Hände unter seinem Kinn zusammen, was ihm einen nachdenklichen Ausdruck verlieh, von dem Sakura überzeugt war, dass er nur gespielt war. »Ich denke, ich spreche für alle, wenn ich Ihnen sage, wie unfassbar froh wir darüber sind.« Er wirkte alles andere, als froh, aber sie verkniff sich jede Bemerkung darüber. Sakura kannte Männer wie ihn zur Genüge und hatte auch schon mehr mit ihnen zu tun gehabt, als ihr zuzugeben lieb war, weshalb sie aber auch wusste, dass es keinen Sinn hatte auf seinen unverhohlenen Spott einzugehen.

Mr. Hatake schien allerdings gar nicht auf eine Antwort zu warten, denn er redete direkt weiter. »Sie schienen bis gerade sehr beschäftigt damit, ihre versäumten Arbeiten nachzuholen, worüber ich offen gestanden recht froh bin. Ich hätte wenig Lust gehabt, Ihnen hinterher laufen zu müssen, aber immerhin bekommen Sie das selbstständig hin.« Ein süffisantes Grinsen zupfte an seinen Mundwinkeln und langsam wurde es für Sakura schwer, ihre Wut einfach ins Leere laufen zu lassen. Hatte er sie hier herein zitiert, um sie durchweg mit unterschwelligen Beleidigungen zu überhäufen?

»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein«, fragte sie durch zusammengebissene Zähne und ballte die Hände auf ihrem Schoß zu Fäusten.

Mr. Hatake ließ nicht erkennen, ob er ihren nur schlecht verhohlenen Zorn bemerkte. Er lehnte sich in seinem deutlich eleganteren Stuhl zurück und betrachtete sie eine Weile stillschweigend, was Sakura nur noch angespannter machte. »Ich werde Sie führ den Rest des Jahres in eine andere Abteilung versetzen.« Bei diesen Worten verlor Sakura die Kontrolle über ihre Gesichtszüge und sie konnte nicht verhindern, dass ihr ein erschrockenes »Was?« über die Lippen kam.

»Sie haben schon richtig gehört«, setzte er nach und griff, scheinbar unterbewusst, erneut zu seinen Zigaretten. Der Mann rauchte eindeutig zu viel und Sakura fragte sich, ob sie eines Tages auch so werden würde, wenn sie weiter für ihn arbeiten musste. »Für den Rest des Jahres, also etwas mehr als sechs Wochen, werden Sie in einer anderen Abteilung arbeiten. Danach werden wir weiter schauen.«

»Und wo bitteschön?«, rutschte es ihr mit schnippischen Unterton heraus und sie schlug die Hand vor den Mund, um ihren Körper daran zu hindern, den Karren noch tiefer in den Dreck zu graben.

Erstaunt musste sie feststellen, dass Mr. Hatake beinahe zu lächeln schien, doch der Moment war so flüchtig, dass sie sich nicht sicher war, ob sie richtig gesehen hatte. »Sie werden in das Archiv versetzt.«

Sakuras Herz sank ihr in die Hose, sie spürte, wie augenblicklich kalter Schweiß auf ihre Stirn trat und sie war sich fast sicher, dass sie keinen spontanen Rückfall von Fieber hatte. Das konnte kein Zufall sein, oder? Im Bruchteil von Sekunden ging Sakura beide Abenden im Archiv durch, konnte sich jedoch an nichts Auffälliges erinnern oder daran, dass sie jemand anderen dort gesehen hätte, der sie hätte verraten können. Woher wusste Mr. Hatake also davon?

»Sie sehen etwas blass aus, Ms. Haruno, geht es Ihnen wirklich besser?« Mr. Hatakes aufgesetzt besorgte Stimme riss sie aus ihrem Gedankenstrom und das zittrige Lächeln, welches sie aufsetzte, fühlte sich so falsch an, dass ihr Gegenüber es ihr unmöglich als aufrichtig abkaufen würde.

»Die Krankheit muss mir noch etwas nachhängen«, log sie und war froh darüber, dass ihre Stimme beherrscht klang, wenn schon ihr Körper auf seine Offenbarung reagierte, »aber seien Sie unbesorgt, es geht mir gut. Ich werde selbstverständlich sofort meinen Tisch räumen.« Damit wollte sie schon aufstehen und sich so schnell wie möglich vor seinem intensiven Starren in Schutz bringen, doch Mr. Hatake rutschte mit dem Stuhl so weit nach vorn, wie es sein Tisch zu ließ und lehnte sich ihr über diesen hinweg entgegen.

»Dazu besteht keine Notwendigkeit. Sie werden zurück kehren.«

Verdutzt blinzelte Sakura. »Achso?«

»Schauen Sie einfach zu, dass Sie sich da unten nützlich machen-« Er betonte da unten als wäre es ein Schimpfwort. »und melden Sie sich bei Ms. Hyuuga, sie wird sich um Sie kümmern in den nächsten Wochen.« Das Gespräch schien für ihn damit beendet, denn er griff sich ein Blatt Papier vom Tisch, und tat so, als würde er es ganz besonders interessiert lesen. »Sie können gehen«, fügte er überflüssigerweise hinzu und wedelte mit seiner Hand in Richtung Tür. Sakura wollte keine weitere Sekunde in dem Büro ihres Chefs verweilen, sodass sie beinahe fluchtartig seiner Anweisung folgte.

An ihrem Tisch angekommen spürte sie die Blicke einiger Kollegen, unter anderem auch Sais, auf sich ruhen und mit größtmöglicher Gelassenheit schnappte sie sich ihre Arbeitstasche und verließ das Großraumbüro mit erhobenem Haupt.
 

»E-er hat dich zu mir geschickt?« Hinata schien ihr nicht recht glauben zu wollen. Nachdem Sakura ihr die knappe Fassung ihres Gesprächs mit Mr. Hatake vorgetragen hatte, hatte die dunkelhaarige Frau für einige Minuten geschwiegen.

»Ja. Und jetzt weiß ich nicht, was ich davon halten soll«, gestand sie und legte ihre Tasche neben dem einzigen anderen, leeren Tisch in dem mit Kartons vollgestopften Archiv ab. »Wenn er wirklich weiß, dass wir wir hier waren und sich einen Reim daraus gemacht hat, wieso wir hier waren, wieso hat er mich dann nicht direkt gekündigt? Er hat das Bild gesehen, welches ich von Mr. Uchiha geschossen habe. Und mich gewarnt, der Sache nicht weiter nach zu gehen, weil es sonst Konsequenzen geben würde«, folgerte sie und rieb sich gedankenverloren die Hände.

»Das macht nun wirklich keinen Sinn dann«, pflichtete Hinata ihr bei. Sie hatte erfreut gewirkt, als Sakura ihr mitteilte, dass sie für die nächsten Wochen Kolleginnen im direkteren Sinne sein würden. »Man weiß bei Mr. Hatake nie, woran man ist«, gab sie zu bedenken, »Für's Erste solltest du nicht allzu sehr darüber nachdenken.«

Sakura schnaubte nur. »Der Mann hasst mich, Hinata, ich bin mir sicher, er will mich einfach nur ein bisschen quälen, bevor er es hinter mich bringt.«

»Hass ist ein so ein starkes Wort«, sinnierte die junge Frau gedankenverloren. Sie schien keine Antwort zu erwarten, denn sie starrte auf den leeren Tisch vor ihnen. Der Tisch, an dem Sakura die nächsten Wochen ihre Zeit fristen würde. Bei dem Gedanken realisierte sie, dass das bedeutete, dass sie täglich zur Arbeit würde kommen müssen. Artikel konnte man von zuhause aus verfassen, aber sie nach Datum, Thema und Autor zu katalogisieren und archivieren würde sich dort als recht schwer gestalten. Sakura stöhnte bei der Erkenntnis, dass Kakashi sie wirklich einfach nur quälen wollte.

Hinata musterte sie mit Bedauern. »Es tut mir sehr Leid, dass du nun hier unten mit mir fest sitzt.« Das riss Sakura aus ihrem Selbstmitleid und überrascht schaute sie in das betrübte Gesicht ihrer Freundin.

»Nein, nein!«, begann sie sofort abwehrend, »So meinte ich das gar nicht! Auf die Arbeit mit dir freue ich mich, Hinata!«, versicherte sie, »Es frustriert mich nur, dass ich aus dem Verhalten von Mr. Hatake einfach nicht schlau werde.«

Hinata schenkte ihr ein schüchternes Lächeln und nickte. »Ich freue mich auch sehr«, beteuerte sie und die rosige Farbe auf ihren sonst so blassen Wangen zeugte von ihrer Aufrichtigkeit, »Soll ich dir dann zeigen, was wir hier unten so machen müssen?«

Sakura drückte Hinatas Schulter freundschaftlich und war dankbar, dass sie immerhin nicht alleine hier unten verweilen musste. »Ja, gern.«
 

Bis zur Mittagspause arbeiteten die beiden in stummer Eintracht und tatsächlich war das Archivieren nicht halb so langweilig, wie Sakura zunächst vermutet hatte. Hin und wieder blieben die beiden am selben Regal stehen und plauderten über Belanglosigkeiten oder Naruto, was Hinata jedes Mal einen hochroten Kopf bescherte. Unter Kakashis Argusaugen hätte so etwas nie stattfinden können und Sakura fand es dementsprechend befreiend, auf Arbeit einmal das machen zu können, was sie wollte, ohne ständig dafür kritisiert zu werden.

»Und wie läuft es bei euch?« Sais obsidianschwarze Augen tauchte in der Tür zum Archiv auf. Er war eingepackt in Mantel und Mütze. »Lust auf Mittagspause außer Haus?«

Sakura verzog das Gesicht bei dem Gedanken an die furchtbare Kälte draußen. »Nicht so wirklich«, gestand sie, musste dann aber daran denken, dass sie sich nichts von zuhause mitgebracht hatte und ihr Magen knurrte bereits. »Aber ich komme trotzdem mit«, setzte sie seufzend fort.

»Ich auch«, setzte Hinata nach und schälte bereits Jacke, Schal und Mütze von der hölzernen Garderobe, die in einer kleinen Nische nahe des Eingangs zum Archiv stand. Bei ihrem Eifer, ihren eigenen Bunker so schnell wie möglich zu verlassen, musste Sakura lachen.

Sakura hakte sich bei Hinata unter, was ihr einen rosigen Schimmer auf die Wangen zauberte und zu dritt marschierten sie in die klirrende Kälte, die in den letzten Stunden nur noch intensiver geworden war. Fröhlich quatschend knirschten sie über Schnee und Streusalz gleichermaßen, während sie in der Nähe ihrer Arbeit nach einem kleinen Bistro oder Restaurant suchten.

Zur Mittagspause waren die Straßen noch deutlich belebter, als üblich und die drei waren froh, dass sie dem Trubel alsbald ausweichen konnten, indem sie eine kleine Pizzeria betraten. Diese herrlich nach Tomaten, Kräuter und Käse duftenden Läden waren in den letzten Jahren wie Blumen im Frühling aus dem Boden gesprossen, dennoch war es Sakuras erstes Mal in einer italienischen Pizzeria. Der Akzent des Bäckers, der gleichzeitig wohl auch der Kellner war, war stark, doch keiner der drei störte sich daran.

Der Reihe nach bestellten sie und die Herzlichkeit, mit der der Ladenbesitzer, welcher sich als Valerio vorgestellt hatte, sie bediente, war Sakura so fremd in dieser oftmals unterkühlten Stadt, dass sie gar nicht so recht wusste, wie sie damit umgehen sollte.

»So, Sakura, jetzt mach es nicht so spannend«, begann Sai, nachdem Valerio ihnen ihre Getränke gebracht hatte und auf italienisch singend vor seinem Holzofen weiter arbeitete.

Hinata blickte fragend abwechselnd zwischen den beiden hin und her. »Sakura ist heute nach nur zwei Stunden zu mir herunter geschickt worden, was habe ich verpasst?«

»Das muss sie uns sagen«, antwortete Sai achselzuckend und nippte an seinem Wasser. Der Geruch von Brot mischte sich zu den anderen Gerüchen und Sakura hatte dank ihres Hungers Probleme, sich zu konzentrieren.

»Entschuldige bitte, was hast du gesagt?«

Sai schüttelte belustigt den Kopf. »Was passiert ist. Wieso Kakashi dich ins Archiv geschickt hat und was du vorhin angedeutet hattest, was du jetzt tun wolltest.«

»Ich weiß es nicht«, gab Sakura ehrlich zu und zuckte ratlos mit den Schultern, »Kakashi hat es mir nicht verraten. Ich weiß nicht, ob er etwas mitbekommen hat von unserer „Nacht und Nebel“ - Aktion oder ob es einfach nur ein blinder Schuss war. Er hat behauptet, dass ich auch wieder nach oben zu den Autoren zurück kommen würde, also habe ich irgendwie nicht das Gefühl, dass er tatsächlich etwas weiß«, sinnierte sie weiter und rieb sich nachdenklich das Kinn, »Aber Kakashi macht auch oft keinen Sinn, deswegen habe ich bereits beschlossen, zumindest darüber nicht weiter zu grübeln. Es würde ohnehin kaum einen Sinn ergeben«, schloss sie und zog eine Grimasse.

Sai lehnte sich über den Tisch näher zu den beiden Frauen herüber und senkte die Stimme, eine Geste, die mittlerweile so vertraut an ihm ist, dass er fast so verschwörerisch wirkte, wie ein kleiner Junge, der etwas ausheckte. »Und die Sache mit Uchiha?«

Sakura betrachtete ihre beiden Freunde für einige Momente, ehe sie antwortete: »Ich habe eine Idee. Zugegeben, sie ist riskant, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass es das Richtige ist.«

»Ist das das, was Ino immer als „weibliche Intuition“ tituliert?«, erkundigte Sai sich mit gerunzelter Stirn. Diese Anmerkung war so herrlich absurd und unvorhergesehen, dass Sakura laut lachen musste, was ihr die Aufmerksamkeit der wenigen anwesenden Leute beschwerte. Beschämt sank sie etwas tiefer auf ihrem hölzernen Stuhl.

»Wieso redet Ino mit dir über die weibliche Intuition?«, wollte sie wissen, diesmal etwas gefasster und einige Oktaven tiefer, doch noch immer konnte sie sich das schelmische Grinsen nicht ganz verkneifen.

Sai machte eine ratlos überfragte Geste mit den Händen. »Da fragst du den Falschen.« Einer seiner Mundwinkel zog sich nach oben und er wirkte, als bereute er es, das Ganze angesprochen zu haben.

»Vermutlich ist es genau das«, seufzte Sakura schließlich, sie wollte Sai nicht noch weiter aufziehen. Er wirkte ohnehin schon wie jemand, dem es schwer fiel, über innerpsychische Prozesse wie Emotionen und dergleichen zu reden, da wollte sie ihm nicht das Gefühl geben, dass sie sich über ihn lustig machte. »Vielleicht ist es aber auch nur maßlose Selbstüberschätzung. Ich erzähle euch davon, sobald ich es hinter mich gebracht habe«, versprach sie, »denn wenn ich es vorher tue, weiß ich nicht, ob ich dann noch den Mut dazu aufbringe, je nachdem, wie ihr darauf reagieren könntet.«

»Das klingt so, als wäre es eine wahrlich bescheidene Idee, Sakura«, mischte Hinata sich von ihrer rechten Seite ein, »und dass du die berechtigte Angst hast, dass wir sie dir ausreden könnten.«

Sakura verfluchte Hinata dafür, dass sie ganz gelassen genau das aussprach, was ihr durch den Kopf ging, jedoch versuchte sie, sich das nicht anmerken zu lassen. Hinatas wenig überzeugten Blick nach zu urteilen gelang ihr das aber gar nicht. Sakura fasste über die Tischplatte nach ihren Händen und umschloss sie mit ihren eigenen, eine Geste, von der sie hoffte, dass sie Hinata von ihren gestochen scharfen Überlegungen ablenkte.

»Du musst dir wirklich keine Sorgen machen!«, versicherte sie mit einem möglichst aufmunternden Lächeln, »Es ist ja nicht so, als hätte ich etwas Kriminelles vor!«

Hinata wollte ihr etwas antworten, das merkte Sakura, aber Valerio kam ihr zuvor, indem er mit drei massiven Tellern, die eher runden Platten ähnelten, zu ihnen an den Tisch trat und sie mit von der Hitze des Ofens knallroten Wangen anstrahlte.

Die Pizza Diavolo, die er vor ihrer Nase abstellte, war so groß, dass Sakura kurz daran zweifelte, dass sie all das überhaupt essen konnte.

»Der Boden ist sehr dünn.« Valerio lachte. Scheinbar hatte er ihre Gedanken an ihrer Nasenspitze abgelesen. Aber Recht hatte er: Beim Anschneiden stellte sich heraus, dass der Boden wirklich sehr dünn war und dennoch eine knusprige Beschaffenheit hatte, die sie dank des großzügigen Belags nicht vermutet hätte.

Den Rest ihrer Mittagspause verbrachten die drei größtenteils kauend und als sie das Restaurant schließlich satt und zufrieden verließen, fühlte Sakura sich schläfrig von dem ganzen Essen.

»Hier müssen wir öfter essen«, beschloss Hinata und Sai und Sakura pflichteten ihr einstimmig bei.

»Aber nächstes Mal nur einen Salat«, fügte Sakura scherzend hinzu und rieb sich vielsagend die Stelle ihres Mantels, unter der ihr gewölbter Bauch gegen das Übermaß an Essen kämpfte.

An der Times angekommen teilten Sakura, Hinata und Sai sich am Aufzug auf. Letzterer schien nicht allzu begeistert davon, alleine zurück ins Großraumbüro zurück zu müssen, aber er war nicht mutig genug, sich von seinem eigentlichen Arbeitsplatz fern zu halten und stattdessen mit den beiden Frauen ins Archiv zu gehen. Zumal das nur ungewollte Aufmerksamkeit erregt hätte.

Aus Hinata und Sakura wurde in den nächsten Stunden ein recht eingespieltes Team, was angesichts ihrer kurzen Zusammenarbeit beachtlich war und als Hinata am Ende des Tages hinter ihnen zuschloss, war Sakura nicht unzufrieden. Es war bereits dunkel, als die beiden Frauen sich voneinander verabschiedeten und Sakura sich ein Taxi an den Gehsteig winkte.

»Morgen«, dachte Sakura bei sich, während sie die am Fenster vorbei ziehenden Gesichter und Geschäfte betrachtete und gegen ihre Müdigkeit ankämpfte, »Morgen werde ich meinen Plan umsetzen.«
 


 

Schnee fiel leise und deutlich langsamer, als in den letzten Tagen. Die Szenerie war beinahe friedlich und es wäre ein Leichtes für Naruto gewesen, sich in der dunklen Ecke an den Docks, in der er sich in den Schatten verborgen hielt, noch enger zusammen zu kauern und zu dösen. Die Kälte machte ihn müde und obwohl er dicke Handschuhe aus gefüttertem Leder trug, spürte er ein taubes Kribbeln in den Fingerspitzen.

Gegen die Müdigkeit anblinzelnd regte er sich aus seiner recht bequemen Haltung auf einer verschlossenen Holzkiste und öffnete seinen warmen Mantel gerade so weit, dass er aus einer der Innentaschen einen silbernen, schnörkellosen Flachmann ziehen konnte. Normal trank er keinen Alkohol, doch als er sich für seinen Auftrag für Sasuke fertig gemacht hatte, war ihm der Gedanke an die beißende Kälte gekommen und an die wärmende Eigenschaft der meist scheußlich schmeckenden Flüssigkeit.

Mit beherztem Schwung setzte er den geöffneten Flachmann an und nahm einen großen Schluck. Wie erwartet verzog sich sein Gesicht wie automatisch, doch die Wärme, die sich in ihm ausbreitete, war so angenehm, dass er über die negativen Seiteneffekte hinweg sah. Es war noch früh und einige wenige flimmernde Laternen warfen flackernde, blendend helle Kreise auf den unberührten Schnee auf den Docks. Die ersten Arbeiter würden erst in der nächsten Stunde auftauchen, was ihm die Gelegenheit verschaffte, sich einen genauen Überblick über den kleinen Hafen zu verschaffen. Er lag etwas abseits des Haupthafens von New York und für gewöhnlich ankerten hier nur Schiffe mit Fracht von kleineren, reichen Privatleuten – so auch die von Sasuke. Für gewöhnlich verließen nur fabrikneue Autos diese Schiffe, doch bei der letzten Lieferung war Alkohol dabei gewesen. Gebrannt und abgefüllt in Europa wurde das teure Luxusgut von seinen Geschäftskollegen auf der anderen Seite der Welt den weiten Weg über den Atlantik hierher geschickt.

Dieses Mal war mehr als die Hälfte der Fracht bei einem Wintersturm auf hoher See verloren gegangen, was zu einem unangenehmen Problem mit dem Zoll geführt hatte. Dafür war er nun hier. Vorsichtig drückte er mit der behandschuhten Hand gegen die linke Seite seiner Brust und obwohl es unmöglich für ihn war, durch zwei dicke Schichten Stoff den Umschlag zu ertasten, konnte er die Schwere des Schecks fühlen.

Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung war, und er wandte seinen Kopf in die selbige Richtung und tatsächlich stiefelte ein einzelner Mann in Latzhose und wetterfester Kleidung durch den frisch gefallenen Schnee der letzten Nacht. Aus der Ferne konnte Naruto sein Gesicht nicht erkennen, weswegen er weiter lautlos auf seiner Kiste verharrte und sich etwas tiefer in die Schatten hinter ihm lehnte. Er durfte es nicht riskieren, dem falschen Mann gegenüber zu treten, weshalb er geduldig darauf wartete, dass der Mann näher trat und ihm sein Gesicht offenbarte.

Als der Mann näher kam, konnte Naruto ihn fluchen hören, jedoch nicht laut genug, um die Worte zu verstehen, die in einer dunklen, von Zigaretten rauen Stimme über seine Lippen rollte. Wahrscheinlich regte er sich über das Wetter auf oder über sein Schicksal, in dieser Frühe arbeiten gehen zu müssen und Naruto schmunzelte in seiner verstohlenen Ecke, während er den Umschlag seines Kragens etwas tiefer ins Gesicht zog.

Es war nicht der Mann, dessen Bild Sasuke ihm vor einigen Tagen gezeigt hatte, das erkannte er, als er durch das Licht der Laterne schlurfte, welche seinem Standort am nächsten war, sodass er sich wieder etwas entspannte. Wäre auch zu schön gewesen, dem Mann zu begegnen, wenn der Dock noch beinahe geisterhaft verlassen war.

Eine gute halbe Stunde verharrte Naruto auf seiner Kiste, genehmigte sich dann und wann einen wärmenden Schluck und fühlte die Hitze bis in seine Wange kriechen. Auch seine Finger fühlten sich weniger taub an und er hoffte, dass er nicht so lange auf seine Zielperson würde warten müssen, bis er einen Schwips hatte. In der Zwischenzeit waren die Docks etwas belebter geworden, in Ermangelung für ein besseres Wort für die vier Männer, die träge das Arbeiten aufgenommen hatten. Am fernen Horizont schimmerten die ersten schwachen Strahlen der Sonne über der glitzernden, wogenden See und Naruto hätte sich in dem Anblick verlieren können, wenn die Männer in seiner Nähe nicht in einen Streit voller unflätiger Worte ausgebrochen wären.

Er richtete sich mit einem leisen Ächzen auf und die Kiste unter ihm knarrte verräterisch, doch keiner der vier anwesenden Männer schien ihn über die hitzige Diskussion gehört zu haben. Er beugte sich so weit vor, wie es die Sonnenstrahlen, die den Dock allmählich erhellten, erlaubten, doch es reichte nicht aus, um ihren Wortwechsel zu verstehen. Lediglich einzelne Wortfetzen wehten im kalten Morgenwind zu ihm herüber, doch nicht genug, um ihnen Sinnhaftigkeit und Kontext zu verleihen.

Der Reihe nach unterzog er mit zusammengekniffenen Augen jeden einzelnen Mann einer genaueren Musterung und tatsächlich – seine Zielperson war unter den Streitenden. Mit einer Zigarette zwischen den Lippen gestikulierte er wild in die Richtung der anderen drei und fuhr sich zwischendurch durch das rabenschwarze Haar, welches er nicht unter einer Mütze versteckte. Einzelne Schneeflocken, welche sich darin verirrt hatten, glitzerten wie kleine Perlen, ehe sie von seinen Händen abgeschüttelt wurden.

Asuma. Naruto erinnerte sich an den Namen, welchen Sasuke auf der Rückseite seines schwarzweißen Bildes notiert hatte und musste feststellen, dass der Mann in Natura eindrucksvoller wirkte, als auf dem Porträt, welches offensichtlich in seinem vollen Wissen entstanden ist. Mit einer Zigarette im Mund hatte er grinsend direkt in die Linse gestarrt, mit Lachfältchen, die davon zeugten, dass er häufiger amüsiert den Mund verzog. Bei seinen Nachforschungen hatte er heraus gefunden, dass er eine Verlobte hatte, aber keine Kinder, welche potenziell ein besseres Druckmittel gegen ihn hätten sein können.

Naruto, der nichts übereilen wollte und dennoch langsam nervös wurde, verharrte in seiner Ecke und wartete darauf, dass Asuma sich von den anderen Männern entfernte und hoffte inständig, dass dies passierte, bevor die langsam aufsteigende Sonne seinen Standort preisgab.

Asuma war der Aufseher des kleinen Seitendocks und kontrollierte die eingehenden und abgehenden Schiffe, wenn sie kontrolliert wurden und dank den Aussagen vertrauensvoller Menschen auch derjenige, der die lückenhafte Fracht der vergangenen Woche überprüft hatte. Der Einzige.

Als er die Zigarette in den Schnee schnippte und deren Rauch prompt in der kalten Nässe erstarb, wandte er sich mit einem letzten Blaffen an die drei Männer ab und verschwand – sehr zu Narutos Erleichterung – zu einer kleinen Hütte in der Nähe zweier steinerner Stege.

Mit steifen Gliedern rollte er seine Schultern vor und zurück, ehe er sich in einer einzigen, etwas holprigen Bewegung von der Kiste löste, auf welcher er die letzten beiden Stunden verharrt hatte und fühlte, dass er auch nicht jünger wurde, als er mit größtmöglicher Vorsicht zwischen den mannshohen Frachtcontainern entlang glitt. Die Kälte saß tief in seinen Gliedern, doch er verbot sich einen weiteren Schluck von seinem Flachmann, immerhin müsste er nach seiner höflichen Unterredung wieder mit dem Auto fahren.

Umsichtig wandte er sich um und stellte sicher, dass ihn bis jetzt keiner entdeckt hatte, ehe er in großen, eiligen Schritten von den Frachtcontainern zu der kleinen Hütte marschierte. Sie hatte nur ein einziges, kleines Fenster, unter welchem er sich geschickt hinweg duckte und schon war er bei der Tür, von der er hoffte, dass sie nicht allzu laut quietschte. Nicht, dass es auch nur ein einziges mögliches Szenario gab, in dem Asuma ihn nicht sofort bemerkte, wenn er hindurch trat, aber die anderen Männer auf den Docks wollte er möglichst nicht alamieren.

Mit einem tiefen Atemzug fuhr er mit der Hand zu dem Holster an seinem rechten Bein und stellte sicher, dass die Waffe, die er zu „Selbstverteidigungszwecken“ mitgenommen hatte, griffbereit saß. Erfahrungsgemäß war eine vor das Gesicht gehaltene Waffe eine sichere und effektive Methode, um den Gegenüber dazu zu bringen, das zu tun, was man wollte, aber Naruto bevorzugte stets erst einen vernunftbegabteren Ansatz.

»Zur Hölle, Gai-« Asuma hielt abrupt inne, als er bemerkte, dass es kein Arbeitskollege war, der, ohne anzuklopfen, einfach in die Hütte herein getreten war. »Wer sind Sie und was wollen Sie?«, fragte er, verlangte er zu wissen. Asuma war zweifelsohne ein Mann, der es gewohnt war, dass man ihm gehorchte, aber davon ließ Naruto sich nicht einschüchtern. Er war mit Sasuke groß geworden, hatte seinen Aufstieg miterlebt und ihn in einigen seiner dunkelsten Augenblicke erlebt; kurzum: er hatte genug abgeklärte Männer kennengelernt, um sich noch groß um ihr Gehabe zu scheren.

»Mein Name hat Sie nicht zu interessieren«, antwortete Naruto geschäftsmäßig und konzentrierte sich auf seinen Gegenüber, der abschätzig schnaubte.

»Sie kommen hier rein und besitzen die Dreistigkeit, sich nicht einmal vorzustellen, sie halbstarker Emporkömmling«, unterbrach Asuma ihn geringschätzend und verschränkte die Arme vor der Brust. Unter dem dicken Wollstoff seines Pullovers konnte Naruto stählerne Muskeln erahnen, die von der harten Arbeit an den Docks rührten. Er war also nicht nur ein Aufsichtshaber, der seine Arbeiten delegierte – er legte selbst die Hand mit an. Das und sein Auftreten machten Naruto just in diesem Augenblick unmissverständlich klar, dass er keinen Mann vor sich hatte, den er mit Geld bestechen konnte, trotzdem überspielte er seine Unsicherheit mit einem arroganten Lächeln, welches seinen Gegenüber nur noch wütender zu machen schien.

»Und was ich von Ihnen möchte, würden Sie schon längst wissen, wenn sie mich nicht unterbrochen hätten«, führte er ungerührt fort und tat es Asuma gleich, indem er seine Arme vor der Brust verschränkte. Bestimmt bot er damit nicht den gleichen, beeindruckenden Anblick wie Asuma, doch Naruto wusste, dass es in ihrem Geschäft oft um bloße Gesten ging. Gewissermaßen war es oft wie in einem Theaterstück, in dem die Protagonisten sich singend und sprechend umtänzelten und taxierten.

Asuma schnaubte erneut. »Was auch immer du von mir willst, Junge, es interessiert mich nicht. Verschwinde.« Naruto entging es nicht, dass Asuma auf das höfliche Siezen verzichtete und ihn überdies als Jungen beleidigte. In diesem Moment stand Asuma über ihn und Naruto bekam erste Zweifel an seinem Auftrag. Er schätzte Asuma einige Jahre älter als sich selbst, vielleicht auf Mitte Dreißig und es war klar, dass seine Arbeit ihn hart gemacht hatte – in vielerlei Hinsicht. In einem fairen Kampf, Mann gegen Mann, wäre er Asuma unterlegen.

Seine Gedanken wanderten zu der Waffe an seinem Bein, doch noch immer weigerte er sich, von ihr Gebrauch zu machen.

»Ich fürchte, das ist leider nicht möglich.« Naruto seufzte und griff nach dem Reißverschluss seines Mantels. Asuma beäugte ihnen aus den Augen eines Adlers, eines Raubtieres, doch er schien sich nicht bedroht zu fühlen – nicht von Naruto -, denn er verharrte reglos an Ort und Stelle, lediglich sein Blick folgte ihm bei jeder Bewegung. »Ich soll Ihnen etwas überbringen.« Er betonte die Höflichkeitsform extra, was Asuma dazu brachte, die Augen erneut zu verengen. Ehe er nach dem Umschlag in seiner inneren Manteltasche griff, zog er sich die Handschuhe aus. In einer möglichst ruhigen Bewegung hielt er Asuma den leicht zerknitterten Umschlag hin, der keinerlei Anstalten machte, ihn entgegen zu nehmen.

»Was ist das?«, wollte er wissen.

»Eine kleine Aufmerksamkeit von meinem Boss.«

Asuma deutete an, vor Narutos Füßen auf den Boden zu spucken, was ihn gereizter werden ließ. »Behalte das für dich, Jungchen. Ich bin nicht interessiert an der Aufmerksamkeit von Sasuke Uchiha.« Scheinbar war hinter dem grobschlächtigen Kinn und der Muskelmasse ein flinker Verstand verborgen.

Naruto musterte ihn eindringlich und wog die nächsten Schritte sorgsam ab. Noch war die Möglichkeit da, das Ganze zu deeskalieren. »Sind Sie sich da absolut sicher?«, hakte er mit leiser Stimme nach und hielt den Umschlag nach wie vor vor Asumas Gesicht.

Ein höhnisches Grinsen, welches ihm deutlich schlechter stand, als das charmante Grinsen auf dem schwarzweißen Porträt, welches noch immer in Narutos Mantel steckte, legte sich auf seine Lippen. »Sehr sicher, danke.« Es lag keine Herzlichkeit in seinem Dank und Naruto war klug genug, um zu wissen, dass der Mann ihn verspottete.

Gut.

Er hatte es auf die nette Art versucht.

Aber noch hatte er ein Ass im Ärmel, bevor er zu der Waffe griff, die mit erdrückender Schwere an seinem Bein ruhte. Irgendwie beschlich ihn das seltsame Gefühl, dass Asumas Wille sich selbst im Angesicht des Laufes aus kaltem Stahls nicht beugen würde.

Mit einem theatralischen Seufzer tat Naruto von seiner scheinbaren Machtlosigkeit kund, als er den Umschlag zurück in seinen Mantel steckte und stattdessen das Foto heraus zog, auf dem Asumas breites Grinsen für die Ewigkeit gefangen war. Zum ersten Mal flackerte auf den Gesichtszügen seines Gegenüber so etwas wie Beunruhigung, als er sein eigenes Gesicht erkannte, doch das war nicht das, was Naruto ihm zeigen wollte: Auf der Rückseite war noch mehr geschrieben, als sein Name und als Naruto anfing, zwei Adressen langsam und laut vorzulesen, hätte er schwören können, dass Asuma blasser wurde. Seine arrogante Fassade bröckelte binnen weniger Sekunden, doch man musste ihm zugute halten, dass er sich wieder fing. »Woher hast du diese Adressen?«, zischte er zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Naruto zuckte nur gelassen mit den Achseln und verstaute das Foto wieder sorgsam in seinem Mantel. »Das hat dich nicht zu interessieren.« Er wechselte möglichst beiläufig zum „Du“, um Asuma klar zu machen, dass sie sich nun auf ein und derselben Ebene befanden, einer Ebene die nur knapp über dem Schmutz in den dreckigsten Gassen der Stadt lag. Einer Ebene, auf der der metallische Geruch von Blut in der Luft hing und das qualvolle Stöhnen sterbender Menschen zu hören war. Menschen, von denen Naruto aus sicherer Überzeugung wusste, dass sie Asuma wichtig waren. Wichtig genug, um doch noch einzuknicken. Sein eigenes Leben war dem Mann egal, das hatte Naruto innerhalb weniger Minuten verstanden und da er nicht der erste furchtlose Mann war, dem er gegenüber stand, hatte er vorsorglich nach Menschen in seinem Umfeld gesucht, für deren Leben er vielleicht doch einknicken würde.

Naruto wurde nicht enttäuscht. Asumas Schultern sackten merklich ab, als er die störrische Haltung seiner verschränkten Arme auflöste. Auf einmal wirkte er viel kleiner, als noch vor einigen Sekunden. »Was will er vor mir?«, lenkte er zerknirscht ein und Naruto hörte heraus, wie sehr es Asuma wurmte, klein beigeben zu müssen.

»Nur dein Schweigen«, entgegnete Naruto nonchalant und lächelte gespielt freundlich, »Wenn du kein Wort darüber verlierst, was du hier vor einer Woche in einem von Mr. Uchihas Schiffen gesehen hast, haben wir wiederum keinen Grund, den eben genannten Adressen einen höflichen Besuch abzustatten.«

Erneut schnaubte Asuma, doch mit deutlich weniger herablassendem Biss. Er war klug genug, die unterschwellige Drohung zu erfassen. »Verstanden. Und jetzt verschwinde.« Es war keine freundliche Aufforderung, viel mehr ein Befehl, dennoch Naruto schluckte seinen Stolz herunter und leistete ihm tatsächlich ohne Widerworte Folge.

Zurück an der frischen Luft richtete er seinen Mantel und schaute sich um. Mittlerweile waren die Docks belebt und keiner würde ihm in dem betriebsamen Treiben groß Aufmerksamkeit schenken. Ein zufriedenes Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er sich ein letztes Mal zu der massiven Eisentür umdrehte, ehe er sich in gemächlichen Schritten vom Hafen entfernte, das Gewicht der Waffe deutlich leichter an seinem Hosenbein.
 

Mit einem herzhaften Gähnen stieg er aus dem Auto. Er hatte Glück gehabt und einen Parkplatz in der Nähe seines Cafés ergattert. Trotzdem war er nicht begeistert, als er zurück in die Kälte trat, um den zweiten Teil Arbeit seines Tages anzutreten. New York war schon lange zum Leben erwacht, als er auf die kleine Seitenstraße zusteuerte, in der sein schäbiges, geliebtes Café seinen Sitz hatte.

Ob wohl ein Kunde heute vor der verschlossenen Tür gestanden und sich gewundert hatte? Dass er zu spät war, wusste er auch ohne auf eine Uhr zu schauen. So hell war es für gewöhnlich nicht, wenn er die knarzende Tür aufschloss und er von einem melodischen Klingeln in seinem eigenen Reich begrüßt wurde. Er musste an Hinata denken und an ihr freundlich schüchternes Lächeln, an ihre leise gemurmelte Bestellung, die er auswendig wusste und ein Grinsen zupfte an seinen Lippen.

An der ihm so vertrauten Tür angekommen hielt er kurz inne und kramte sämtliche ihm anhaftende Taschen nach seinen Schlüssel ab, als er eine Bewegung zwischen zwei Mülltonnen einige Schritte weiter bemerkte. Seine Bewegungen froren ein, als er seine Aufmerksamkeit auf die schwarzen, von nächtlichem Frost überzogenen Tonnen richtete und darauf wartete, dass sich das, was dort auch immer war, erneut bewegte.

Der Kopf einer Katze tauchte in der spärlichen Nische auf und schnupperte hektisch in alle Richtungen. Naruto, der schon immer Tiere liebte, sie für ehrlicher und feinfühliger hielt als die meisten Menschen, machte unbewusst ein paar Schritte auf das Tier zu, in der Hoffnung, es nicht zu verschrecken.

Mit intelligenten Augen musterte sie ihn, ehe sie kläglich maunzte. Sie trippelte schnell auf ihn zu und strich um seine Hosenbeine entlang, was ihm ein leises Lachen entlockte. Ohne darüber nachzudenken beugte er sich herab, um über das schwarzweiß gemusterte Fell zu streicheln, doch bevor seine Hand ihr Fell berühren konnte, maunzte sie erneut und flitzte zurück zu der Stelle zwischen den beiden Mülltonnen. Ein weiteres Maunzen folgte und die Katze drehte sich ein paar Mal auf der Stelle – sie wollte ihm etwas zeigen.

Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich der Katze und sein Herz wurde weicher, als er sah, was sie ihm zeigen wollte: Vier kleine Babys lagen zwischen achtlos weggeworfenem Müll und zitterten erbärmlich. Die Katze, die Naruto für ihre Mutter hielt, maunzte erneut so herzzerreißend, dass er gar nicht länger zögerte und in und um die Tonnen herum nach einem Karton suchte.

Erst jetzt fiel ihm auf, wie ausgemergelt die ausgewachsene Katze wirklich war und er strich ihr sanft über den Rücken, ehe er ihre Kitten mit sanftem Griff aus dem Müll in einen behelfsmäßigen Karton hob, welchen er gefunden hatte. Die Mutter war klug genug, zu verstehen, dass Naruto nichts Böses von ihr oder ihren Kindern wollte und beobachtete sein Tun in regloser Ruhe. Ein weiteres Mal maunzte sie, als er auch sie behutsam aufhob, zu ihren Kitten packte und den Karton aufhob, doch dieses Mal klang es weniger verzweifelt.

Im Café angekommen widmete Naruto sich ausnahmsweise nicht als Erstes seinen Maschinen, sondern suchte sämtliche Räumlichkeiten nach einer weichen Decke und einem kleinen Schälchen ab. Aus dem Karton und einer etwas fadenscheinigen Decken baute er der Familie ein halbwegs bequemes Körbchen und füllte etwas Wasser in eine Schale, aus welcher er vorher zunächst den Staub hatte spülen müssen.

Einen Moment erlaubte er sich, die Katzenmutter dabei zu beobachten, wie sie begierig das frische Wasser trank, ehe er das Café wieder verließ und gewissenhaft hinter sich abschloss.

Es war Zeit, Katzenfutter kaufen zu gehen.
 


 

Sakura fröstelte, als sie an der Haltestelle ausstieg und der Bus sich mit einem eiskalten Luftzug von ihr verabschiedete und in die neblige Ferne davon fuhr. Ihre Überzeugung wankte ein wenig, als sie loslief und sie dem Autohaus mit jedem Schritt näher kam. Nachdenklich spielte sie mit einer rosafarbenen Strähne, die unter der Wollmütze hervor lugte und sie fragte sich, ob sie mutig, verrückt oder irgendetwas dazwischen war. Auf dem College hatte sie das ein oder andere Mal mit ihren Flurnachbarn gepokert und sie hatte es in dieser doch recht komplexen Kunst nie weit gebracht. Umso nervöser machte es sie nun, einen so hohen Einsatz auf den Tisch zu legen, mit einem Blatt das bestenfalls durchwachsen war.

Es dauerte nicht lang, bis die gläsernen Fassaden des imposanten Hauses, in denen sich das Licht der Morgensonne spiegelnd brach, in Sichtweite auftauchten. Sakuras Herz pochte heftig und obwohl es noch nicht zu spät war, umzudrehen und die Sache einfach zu vergessen, marschierten ihre Beine stur weiter, als hätten sie gelernt, ihre eigenen Entscheidungen, unabhängig von Sinn und Verstand, zu treffen.

»Nur Mut«, murmelte sie zu sich, als sie die Auffahrt zum Autohaus entlang lief und die verwirrten Blicke der wenigen Arbeiter, die ihr entgegen kamen, ignorierte, so gut es ging. Sie vermochte nicht zu sagen, ob ihre Irritation von den rosanen Spitzen kam, die unter der Mütze hervor lugten oder daher, dass eine unscheinbare, offenkundig nicht reiche Frau hierher gekommen war.

Mit einiger Kraft schob sie eine der geteilten, schweren Doppeltüren auf und betrat zögerlich die Höhle des Löwen. Ob es in der Geschichte schon einmal eine so dumme, hilflose Gazelle gegeben hatte, die sich freiwillig in das Jagdgebiet ihres natürlichen Fressfeindes begeben hatte?

Beinahe erleichtert stellte Sakura fest, dass sie Itachi – und auch Sasuke Uchiha – auf den ersten Blick nirgendwo entdecken konnte, was ihr etwas dringend benötigte Zeit verschaffte, um ihre Gedanken zu sammeln und ihren Mut zu finden, welcher sie irgendwo auf der Türschwelle verlassen hatte.

Es war der Dame hinter dem Tresen hoch anzurechnen, dass sie sich, trotz ihrer offen zur Schau gestellten Verwirrung nicht von ihrem Platz löste, um Sakura mit Fragen zu bedrängen, was ihr wiederum die Freiheit verlieh, sich umzusehen. Zwar hatte sie dies vor einigen Wochen schon einmal getan, allerdings schien sich das Angebot der Firma in der Zeit geändert zu haben, denn einige der ausgestellten Autos erkannte sie nicht wieder.

Um ihren nervösen Händen etwas zu tun zu geben, hatte sie ihren Zeichenblock wieder dabei, wenngleich sie keinerlei Ambition hatte, heute auch wirklich zu zeichnen. Es war vielmehr der Wink mit dem Zaunpfahl, wer sie war; die Brücke für die beiden Männer, um die beiden Persönlichkeiten miteinander zu verknüpfen. Ob das klug war, wusste Sakura leider immer noch nicht, doch jetzt war sie zu weit voran geschritten, um noch einen Rückzieher zu machen. Sie vertraute zaghaft auf das, was Ino als „weibliche Intuition“ beschrieb und von dem sie absolut sicher war, dass sie es nicht wirklich besaß. Bei dem Gedanken an ihre kratzbürstige, entwaffnend ehrliche beste Freundin wurde ihr dennoch etwas leichter ums Herz, denn Sakura wusste, dass Ino jetzt in diesem Moment sehr stolz auf sie wäre.

Konsequenz hieß, auch Holzwege zu Ende zu gehen. So oder so ungefähr lautete das Motto von Ino. Und Sakura befand sich gerade definitiv auf einem solchen Holzweg.

Viel länger konnte sie nicht darüber brüten, dass sie im Begriff war, den größten Fehler ihres Lebens aktiv und in vollem Bewusstsein zu begehen, denn ein tiefes, einvernehmliches Räuspern riss sie jäh aus ihren widersprüchlichen Gedanken.

Eine ausgeprägte Gänsehaut überzog ihren Körper, als sie sich umdrehte und sah, dass es Sasuke Uchiha war, der sich an sie herangeschlichen hatte, während sie ihren närrischen Gedanken nachhing. Er betrachtete sie mit einem Blick, der neugierig wirkte und es entging Sakura nicht, dass er ständig an den rosafarbenen Spitzen hingen blieb, die unter ihrer Mütze hervor lugten, weshalb Sakura sie kurzerhand griff und vom Kopf zog.

»Guten Morgen«, grüßte sie höflich, aber unterkühlt und stellte mit Genugtuung fest, dass ihr Gegenüber den Anstand besaß, überrascht zu sein. Sein Blick wanderte an ihr auf und ab, wobei ihr Haar und der Block in ihrer Hand die meiste Aufmerksamkeit für sich beanspruchten.

Mr. Uchiha kniff die Augen zusammen. »Sie

»Ich«, antwortete sie mit süffisantem Grinsen, »Ich muss gestehen, ich bin überrascht, dass Sie sich überhaupt an mich erinnern«, fügte sie gehässig hinzu und Mr. Uchihas Gesichtsausdruck verdunkelte sich.

»Das letzte Mal waren sie schwarzhaarig«, stellte er nüchtern fest.

Sakura musste schlucken, als er mit den Schultern rollte und seine Muskeln sich unter dem maßgeschneiderten Anzug sichtlich abzeichneten. Sie schüttelte mit dem Kopf, um sich von dem Anblick – auch mental – zu lösen und setzte ein unschuldiges Lächeln auf. »Das letzte Mal war ich schwarzhaarig«, bestätigte sie seine Vermutung. Mit der freien Hand fuhr sie sich betont durch das kinnlange, rosane Haar, welches von der Mütze etwas platt gedrückt worden war.

»Aus welchem Grund haben Sie eine Perücke getragen?« Er klang interessiert und gelangweilt zugleich und aus seinem Gesicht konnte sie gar nichts ablesen.

»Was ist, Ihrer hochgeschätzten Meinung nach, der Grund für mich, eine Perücke zu tragen?«, stellte sie stattdessen die Gegenfrage und hob herausfordernd die Augenbrauen.

Mr. Uchihas Lippen verzogen sich zu einem kleinen Lächeln und erneut verengte er die Augen, doch scheinbar nicht aus Wut. »Ihr eigenes Haar?«

Mit den Fingern formte Sakura eine Pistole und deutete mit einer Handbewegung an, dass er ins Schwarze getroffen hatte.

»Sie haben weitaus weniger Grund, sich für diese doch recht ungewöhnliche Haarfarbe zu schämen, als denn für Ihr loses Mundwerk.« Er versuchte sie zu reizen, zu provozieren, dies erkannte sie an dem arroganten Grinsen, welches er nun ungeniert zur Schau stellte.

»Wer hat behauptet, dass ich mich dafür schäme?«, konterte sie ohne zu zögern.

»Touché.« Er nickte anerkennend. »Was ist dann der Grund dafür, dass Sie es verstecken und was noch viel wichtiger ist: Wieso tauchen Sie hier auf und zeigen es mir

»Ich hatte nicht vor, Ihnen irgendetwas zu zeigen, wie Sie es so schön formulieren. Falls es Ihnen entgangen sein sollte, haben Sie mich angesprochen, nicht anders herum«, erinnerte sie ihn, »Ich bin einfach nur hier, um zu zeichnen -« Sie wackelte demonstrativ mit dem Zeichenblock, der noch immer unter ihren Arm geklemmt war, »und für den gesetzten Fall, dass mich jemand ansprechen sollte, hielt ich es für obsolet, meine Perücke aufzuziehen. Nicht nach... nun, nach unserem netten Plausch in diesem heruntergekommenen Café«, schloss sie achselzuckend und entschied sich zu einem mutigen Schritt: sie drehte sich von ihm weg, um ihm zu zeigen, dass die Unterhaltung damit für sie beendet war. Nun, im Anbetracht der Tatsache, dass dies sehr wohl sein Geschäft war und er sie, ohne mit der Wimper zu zucken, jederzeit nach draußen bitten konnte, war es vielleicht eher ein wahnsinnig dummer Schritt.

»Warten Sie«, forderte er sie auf und in seiner Stimme konnte sie weder Herablassung noch Spott heraus hören. Natürlich war sie nicht wirklich gekommen, um zu zeichnen und ihr Verhalten war nichts als ein Bluff, daher war es für sie eine große Erleichterung, dass er ihren Plänen so gut zu spielte. Mit süßlichem Lächeln drehte sie sich wieder zu ihm um und wartete darauf, dass er beendete, was auch immer er angefangen hatte.

»Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass Sie zur falschen Zeit am falschen Ort standen und deswegen nass geworden sind, falls es das ist, was Sie hören wollen.«

Sakura verengte die Augen, das Lächeln auf den Lippen erstarb und der Nachhall dessen war eine gefährliche Warnung an ihren Gegenüber. »Natürlich nicht.«

Mr. Uchiha ging nicht auf die Funken ein, die ihr tödlicher Blick gewiss versprühen musste. »Doch ich bedauere, dass sie in Folge dessen krank geworden sind. Selbstredend war weder das eine, noch das andere, in meiner Absicht.«

Eine diplomatische Art, ihr zu sagen, dass sie selbst Schuld war.

»Welch' Erleichterung«, erwiderte sie giftig und verschränkte ihre Arme vor der Brust, den Notizblock an sich gepresst. Sakura befand sich in einer Sackgasse. Sie wusste nicht, wie sie das Gespräch mit diesem Mann, der jeden ihrer sensiblen Nerven zielsicher zu treffen schien, am Laufen halten sollte, ohne ihm eine Ohrfeige zu geben.

Zu allem Überdruss grinste er wieder so schrecklich selbstgefällig und das Jucken in ihren Knöcheln, die ihren Block so fest umklammert hielten, dass sich ihre Haut weiß um sie herum spannte, wurde unerträglich.

»Sie wirken etwas feindselig, Madame«, bemerkte er trocken.

Sakura schnaubte und das Jucken wurde schmerzhaft. »Das bilden Sie sich ein.«

»Ach ja?« Er hob eine Augenbraue an, was ihm einen amüsierten Ausdruck verlieh und Sakura gelangte am Ende ihres erstaunlich langen Geduldsfadens an.

»Ich wünsche Ihnen den schönsten aller Tage«, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, doch ein Lächeln brachte sie nicht zustande. Steif wie eine ungeölte Maschine wandte sie sich von ihm ab und stapfte mit wütenden Schritten Richtung Ausgang.

»Wo wollen Sie denn jetzt hin?«, rief Mr. Uchiha ihr mit angedeuteter Verwirrung in der Stimme hinterher.

»Es scheint Ihnen unsäglich schwer zu fallen, mich einfach in Ruhe zu lassen und unter solchen Umständen ist mir das Zeichnen unmöglich«, stichelte sie, ohne sich umzudrehen. Es war ihr peinlich, dass sie sich mit ihrem ganzen Körper in die dicke Glasscheibe lehnen musste, um sie aufzubekommen, doch bevor Sakura sie weit genug aufgeschoben hatte, um hindurch schlüpfen zu können, tauchte Mr. Uchihas Hand über ihrer hinab gebeugte Schulter auf und hielt den massiven Türgriff eisern umschlossen.

Durch die schmale Öffnung umwehte sie eine Brise, die nicht kalt genug sein könnte um die Hitze auf ihren Wangen zu lindern, als sie feststellte, dass Mr. Uchiha, obgleich er ernsthaft zu versuchen schien, einen gebührlichen Abstand zu wahren, viel zu nah bei ihr war.

Sie sammelte das letzte bisschen ihrer Würde zusammen und hob die Nase, um seinem stechenden Blick gerade heraus zu begegnen. »Was könnten Sie denn noch wollen?«

Ihr wurde noch ein wenig heißer, als sie ihm dabei zusah, wie seine Augen an ihr auf und ab wanderten. Sie hätte nackt vor ihm stehen können und es wäre kaum unangenehmer gewesen, als diese unverhohlene Musterung. Schließlich fanden seine Augen die ihrigen wieder und sein Gesicht verzog sich zu einem anzüglichen Ausdruck, der ihre Beine weich werden ließ.

»Begleiten Sie mich zum Essen, Madame.«

Der Tanz beginnt

WAS?« Inos Augen schienen beinahe heraus zu quellen, als Sakura damit fertig war, ihren gestrigen Morgen zusammen zu fassen. Sai war zu einem schnellen Frühstück vor der Arbeit vorbei gekommen. Er wirkte etwas gefasster, als Ino, trotzdem erkannte Sakura etwas wie Anerkennung in seinem Gesicht. Und ein klein wenig Fassungslosigkeit. »Da sehen wir uns einen Tag nicht und du machst was?« Die letzten fünf Minuten hatte Ino sich ungefähr fünfmal wiederholt und Sakura hatte ihr fünfmal die gleiche Antwort gegeben und dennoch kamen sie nicht wirklich voran.

»Ich war gestern beim Autohaus und habe Sasuke Uchiha konfrontiert. Er ist unfassbar selbstgerecht und arrogant. Am liebsten hätte ich ihm noch einmal meine Meinung gegeigt, nachdem er mir mit einem blöden Spruch nach dem anderen kam, aber ich habe mich brav zusammen gerissen und wollte einfach gehen. Und dann hat er mich gefragt, ob ich mit ihm Essen gehen will und ich habe „Ja“ gesagt«, fasste Sakura die Ereignisse nun zum sechsten Mal zusammen. Je öfter sie sich selbst wiederholen hörte, desto sicherer war sie, dass sie irgendwann im Verlauf der letzten Monate wahrhaftig wahnsinnig geworden war.

Ino pfiff anerkennend. »Er hat dich gestern gefragt, ob du ihn zum Essen begleitest und dieses Wochenende geht ihr schon zusammen weg? Der Mann hat es eilig!« Sakura rollte die Augen angesichts der Tatsache, dass das alles war, was für Ino zu zählen schien. Den „er ist unfassbar selbstgerecht und arrogant“-Teil hatte sie gänzlich unkommentiert gelassen – und das bereits zum sechsten Mal.

»Sasuke Uchiha ist für viele Dinge bekannt, aber nicht dafür, dass er besonders zögerlich ist«, fügte Sai hinzu und legte einen Arm um Inos Schulter, »Aber was hast du Kakashi erzählt, weil du zu spät zur Arbeit kamst?«

»Ihm ist es nicht einmal aufgefallen.« Sakura zuckte mit den Achseln. »Ich glaube, er hat mich aus seinem Kopf verbannt in der Sekunde, in der ich aus dem Büro ins Archiv gegangen bin. Wenn ich ehrlich bin, bin ich dafür sogar ganz dankbar.«

»Dein Leben möchte ich haben«, prustete Ino belustigt und biss herzhaft in ein Brötchen, welches sie mit Fruchtaufstrich beschmiert hatte, »Du kannst auf Arbeit machen, was du willst und dann wirst du auch noch zum Essen ausgeführt von einem der reichsten Männer des Landes.« Sie hob entschuldigend beide Hände hoch, als Sai sie irritiert anstarrte.

»So beneidenswert ist das wirklich nicht«, seufzte Sakura und rieb sich die ziependen Schläfen, »Ich kann auf Arbeit alles machen, nur nicht das, was ich will. Was ich will ist nämlich nicht im Archiv hängen – nichts gegen Hinata; ihre Gesellschaft ist das Einzige, was mich noch bei Verstand hält - und auch nicht irgendwelche redundanten Artikel über U-Bahn-Systeme zu schreiben. Und was das Abendessen angeht...« Sie hielt inne und verzog den Mund. Tatsächlich wusste sie nicht, wie sie zu der ganzen Sache stehen sollte. Natürlich, im Grunde war das genau das, worauf sie die ganzen Wochen hingearbeitet hatte – wenngleich am Ende doch eher der Zufall den größten Teil der Arbeit übernommen hatte. Trotzdem wurde sie bei dem Gedanken, mehr als ein paar Minuten mit Sasuke Uchiha alleine zu sein und tatsächlich Konversation mit ihm betreiben zu müssen, so unruhig, dass sie sich seit gestern des Öfteren dabei erwischte, wie sie mit ruhelosen Fingern ständig an irgendetwas herum zupfte.

»...was das Abendessen angeht?« Ino blickte sie auffordernd an, doch Sakura wusste noch immer nicht, wie sie diesen Satz vervollständigen sollte, deswegen machte sie eine unbeholfene Geste, um ihrer tiefen inneren Zerrissenheit Ausdruck zu verleihen.

»Tja« Ino störte sich scheinbar nicht an ihrer wortkargen, recht enttäuschenden Antwort. »Das bedeutet, dass ich innerhalb von nicht ganz vier Tagen ein Outfit für dich finden muss.« Noch einmal biss sie in ihr Brötchen und Sakura konnte ihr von der Nasenspitze ablesen, dass sie nicht mehr länger Teil dieser Konversation war, weswegen sie sich stattdessen an Sai wandte.

»Wenn er mich fragen sollte, was ich arbeite, werde ich ihm das mit dem Verlag erzählen. Du hast doch mit diesem Danzou gesprochen?«, erkundigte sie sich. Sai hatte ihr vorgeschlagen, ihr einen Alibijob zu verschaffen und sie hoffte, dass er das Ganze nicht vergessen hatte. Zu ihrer Erleichterung aber nickte Sai.

»Selbstverständlich«, entgegnete er gelassen, »und wie ich erwartet habe, hat er kein Problem damit, im Gegenteil. Es schien ihn zu erfreuen, bei etwas mitzumachen, was Mr. Uchiha ein Schnippchen schlägt.«

»Na hoffentlich hält er sein Wort.« Sakura nippte an ihrem eiskalten Kaffee und verzog das Gesicht.

»Von allen Dingen, um die du dir jetzt einen Kopf machen musst, ist das das Letzte, vertraue mir einfach.«

Sakura schüttelte vehement den Kopf. »Du bist nicht derjenige, dem ich nicht vertraue, das Gefühl wollte ich dir nicht geben und ich hoffe, das weißt du, Sai.« Sie blickten einander ernst an, ehe sie fast synchron nickten, um sich gegenseitig zu bestärken.

»Ino und ich hatten uns darüber auch unterhalten, allerdings ist das schon eine Weile her. Sie hat gesagt, dass es vielleicht schlauer wäre, nicht nur die Sache mit Danzou als Vorwand zu nehmen und hat vorgeschlagen, dass sie ihre Mutter darum bittet, ebenfalls eine kleine Lüge für dich vorzubereiten, sollte der Fall eintreten, dass Mr. Uchiha Nachforschungen anstellt«, erwähnte Sai und tippte Ino sachte gegen die Stirn, um sie wieder aus ihrer Traumwelt zurück zu holen.

Ein paar Mal blinzelte sie verwirrt, was Sakura ein Lachen entlockte. »Was ist denn los? Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin?« Sie rümpfte die Nase und tippte sich an den Kopf. »Hinter diesem ausgesprochen hübschen Köpfchen geschehen gerade magische Dinge.«

»Daran zweifelt keiner, Schatz, aber ich habe gerade Sakura von der Sache mit deiner Mutter erzählt und wollte dich fragen, ob du dich darum auch tatsächlich gekümmert hast.«

»Achso!« Inos Gesicht hellte sich jäh auf. »Ja! Natürlich!« Sie wandte sich direkt an Sakura, die verwirrter nicht sein könnte. »Ich dachte mir, es wäre vielleicht eine gute Idee, wenn wir dir neben der Autorensache noch ein etwas.... ähh... naja, wenn wir noch etwas hinzufügen, um das Ganze glaubwürdiger zu machen. Die wenigsten stehen einfach auf und sind Autor, weißt du?«

Sakura hob nur die Augenbrauen. »Und?«

»Ich habe mit Mama gesprochen und sie gefragt, ob sie eventuell bereit wäre, bei etwaigen Nachfragen so zu tun, als hätte sie vor einigen Jahren eine ausgesprochen emsige Auszubildende mit rosanem Haar gehabt. Ich muss es ihr groß anrechnen, dass sie nicht weiter nachgefragt hat«, fügte sie grüblerisch hinzu. Sakura hingegen wunderte es so gut wie gar nicht, dass Inos Mutter die durchaus seltsame Bitte ihrer Tochter einfach so hingenommen hat – immerhin war sie mit ihrer jüngeren Version befreundet und das seit ihrer Kindheit. Sais Gesicht verriet, dass er etwas Ähnliches denken mochte, doch Sakura beschloss, weder ihn noch sich selbst vor den Bus zu werfen, indem sie Ino auf die lächerlich offensichtlichen charakterlichen Ähnlichkeiten zwischen ihr und ihrer Mutter hinwies.

»Also bin ich jetzt Floristin und Autorin«, stellte Sakura belustigt fest und Ino nickte bejahend, »Dann wollen wir nur hoffen, dass er mich nicht fragt, ob ich ihm einen Strauß binde, denn du weißt, dass ich dieses Alibi nicht glaubhaft untermauern könnte.«

In Inos Augen funkelte der Schalk auf. »Notfalls mache ich das für dich.« Damit wurde sie wieder ernst. »So und jetzt lasst mich endlich in Ruhe, ich muss arbeiten!«
 


 

Obwohl Sakura die ganze Woche über das quälende Gefühl hatte, dass sich die Tage endlos lange dahin zogen, kam der gemeinsame Abend mit Sasuke Uchiha doch viel zu schnell. Und „nervös“ traf ihren emotionalen Zustand nicht einmal im Ansatz. Der dicke, schneeweiße Fellmantel, welchen Ino ihr besorgt hatte und der ihre Schultern so wunderbar weich umschmeichelte, war ihr viel zu warm. Ihre Kleidung, selbst ihre eigene Haut, schien ihr einem brennenden, juckenden Gefängnis gleich und sie hatte das Bedürfnis, sich aus allem heraus zu schälen und sich in einer gekrümmten Haltung in irgendeiner Ecke vor der Welt zu verstecken, aber vor allem vor Inos Händen, welche seit Stunden unbarmherzig an jedem Zentimeter ihres Körpers herum zupften. Ihre beste Freundin hatte den halben Tag investiert, um ihre widerspenstigen Haare zu einer hübschen Frisur hochzustecken und nun schmierte sie ihr allerlei Kosmetika und Schminke ins Gesicht. Als sie zu allem Überfluss in ihre Wangen kniff um ihr „etwas Farbe zu verleihen“, zischte Sakura einen halblauten Fluch, was Ino nur mit einem Lachen quittierte.

»Du siehst perfekt aus.« Ino wirkte überaus zufrieden mit sich, soweit Sakura das durch einen dichten Tränenschleier erkennen konnte. »Dieses Mal habe ich mich selbst übertroffen! Er wird dich anbeten, Süße.«

Sakura, die gar nicht wusste, ob sie überhaupt von Sasuke Uchiha angebetet werden wollte, schnaubte wenig überzeugt. Sie hatte in den sechsundzwanzig Jahren, in denen sie schon lebte, so oft in den Spiegel geblickt und gehofft, jemand anderen darin zu sehen, dass es ihr überaus schwer fiel zu glauben, dass es dieses Mal anders sein würde. Doch als Ino sie kopfschüttelnd an den Schultern packte und vor den Spiegel in ihrem Zimmer schleifte, war sie wahrhaftig einige Augenblicke lang sprachlos. Erneut formten sich lästige Tränen in den Augen, doch dieses Mal waren es Tränen der Rührung.

»Ino«, flüsterte sie und schniefte hörbar, »Du... ich... wow

»Nicht weinen, du Esel«, rügte Ino sie gespielt empört, und tupfte mit einem seidenen Taschentuch, welches sie flink aus der Schublade ihres Frisiertisches gefischt hatte, vorsichtig an ihren Augenwinkeln, »Sonst machst du alles wieder kaputt!«

Sakura ließ Ino stumm gewähren und betrachtete sich weiterhin voller Ehrfurcht in dem Spiegel. Der Saum ihres nachtschwarzen Cocktailkleids fiel ihr wie Kaskaden aus flüssiger Seide locker über die Knie und der weiße Fellmantel, der noch offen über ihren Schultern baumelte, kontrastierte die Dunkelheit des Kleides wie dichter Nebel über einem See in einer mondlosen Nacht.

Ino hatte ihre Augen ganz dezent geschminkt, sodass der eigentliche Blickfang der dunkelrote Lippenstift war, welcher so schrill aussah in ihrem von rosanem Haar umrahmten Gesicht. Wie leuchtende Blutstropfen einer frischen Wunde hoben sie sich von dem blassen Teint ihrer Haut ab. Es war ihr noch nie so einfach gefallen, länger als zehn Sekunden in den Spiegel zu schauen und die Nervosität, die sie noch vor fünf Minuten bis in die Knochen erzittern hatte lassen, war weggespült worden von dem warmen Gefühl ihrer Zuneigung zu Ino.

»Danke«, wisperte sie aufrichtig überwältigt und suchte mit ihren Händen nach jenen von Ino, die noch immer einzelne letzte Akzente an ihrem Haar setzten, um sie zu ergreifen und drücken.

»Wie gefällt es dir?«, fragte Ino, die Sakuras Spiegelbild über ihre Schulter hinweg begutachtete, um zu sehen, was sie selbst sah.

»Ich habe mich noch nie so schön gefühlt«, gestand sie unumwunden, was Ino ein leises Lachen entlockte, »Ich meine es ernst!«

Ino schüttelte nur erneut den Kopf, noch immer ein neckisches Lächeln auf den Lippen. »Du bist immer schon hübsch gewesen, Sakura. Heute Abend bist du umwerfend.« Sakura fühlte, wie Inos Hände sanft ihre Schultern drückten, eine ungemein beruhigende Geste und sie hätte sich am liebsten in ihre Berührung hinein geschmiegt.

»Glaubst du, ich werde es vermasseln?« Sakura löste sich von ihrem Anblick im Spiegel und wandte sich stattdessen Ino zu. »Ich habe dieses flaue Gefühl im Magen, als würde etwas furchtbar Schreckliches passieren.«

»So etwas darfst du gar nicht denken. Damit beschwörst du nur Pech herauf. Du musst dir positive Gedanken machen. Denk an das Gefühl, dass du gerade hattest, als du in den Spiegel geschaut hast. Und denk daran, dass ich hier zuhause darauf warte, dass du sicher zurück kommst. Und daran, dass ich, falls du es in den Sand setzt, nichts lieber tue, als die ganze Nacht lang mit dir über diesen Mann zu lästern.« Ino schenkte ihr ein schiefes, aufmunterndes Grinsen, ehe sie mit ihren Händen nach den Schnüren griff, mit denen sie geschickt Sakuras Felljacke vor der Brust zuschnürte. »Versuche, den Abend zu genießen, meine Liebe. Nicht viele Frauen werden von Sasuke Uchiha zum Essen ausgeführt.« Damit zwinkerte sie ihr verschwörerisch zu und Sakura konnte nicht anders, als mit den Augen zu rollen. Ino fiel es offenbar sehr leicht, zu vergessen, dass Sakura all das nicht für ihr privates Vergnügen tat, wenngleich das unfassbar gute Gefühl, welches sie bei ihrem heutigen Anblick verspürte, etwas Gegenteiliges behauptete.

»Bei dem gegenwärtigen Zustand meines Magens werde ich nicht viel herunter bekommen«, scherzte Sakura und rieb sich demonstrativ über ihren Bauch, welcher schon seit einigen Stunden wilde Purzelbäume schlug.

Inos Gesicht leuchtete vor diebischer Freude so unverschämt auf, dass Sakura eine ungute Vermutung hatte, was sie äußern wollte. »Unter den gegebenen Umständen ist der Nachtisch bestimmt vollkommen ausreichend.« Sie wackelte vielsagend mit ihren Augenbrauen und Sakura verpasste ihr einen freundschaftlichen Knuff.

»Es wird keinen Nachtisch geben, Ino. Ich mache das nicht aus Spaß«, erinnerte sie ihre beste Freundin, die darauf gar nicht weiter einging, da sie offenkundig mit ihren Gedanken zu dem Thema vollauf beschäftigt war und verträumt in die Ferne starrte. Sakura seufzte ergeben und verschwand aus Inos Zimmer, um die wichtigsten Sachen für den Abend zusammen zu suchen und in einer kleinen Umhängetasche zu verstauen.

In der Küche öffnete sie das Fenster und wurde sofort von einer klirrend kalten Brise begrüßt, bei der sie es fast sofort wieder geschlossen hätte. Vorsichtig zog sie eine Zigarette aus ihrer Tasche und achtete peinlich darauf, ihre frisch lackierten Nägel nicht zu zerstören, denn mit dem Zorn einer Ino konnte sie heute Abend weiß Gott nicht mehr umgehen.

Eine Weile betrachtete sie wie verzaubert den zarten Rosaton ihrer perfekt gefeilten Nägel, und fragte sich, ob dieser wohl zu der stechenden Intensität ihrer Haare passte. Hierbei musste sie sich vermutlich auf Inos Urteil verlassen, denn bis zu diesem Tag hatte Sakura sich noch nie die Nägel lackiert. Sie hatte schon davon gehört, dass das unter der weiblichen Bevölkerung der neueste Schrei war, aber mit ihre Arbeit und dem ganzen Chaos darum herum hatte sie in letzter Zeit genug um die Ohren gehabt, um sich auf so ein vermeintlich banales Detail ihrer Selbsterscheinung zu konzentrieren.

Seufzend wandte sie sich von ihren Fingern ab und entzündete ihre Zigarette, während sie sich vorsichtig gegen das Fensterbrett lehnte und den Luftzug genoss, welcher ihre rasenden, hitzigen Gedanken ein wenig abzukühlen vermochte.

»Gib mir auch mal eine«, verlangte Ino, die wortlos neben ihr aufgetaucht war und ihr auffordernd die offene Hand entgegen hielt.

Sakura tippte sich mit einem Finger ihrer freien Hand gegen die Stirn. »Ganz bestimmt nicht, Ino. Ich weigere mich, der Grund dafür zu sein, dass du ebenfalls mit diesem Mist anfängst.«

Ino verzog ihr Gesicht zu einer vielsagenden Grimasse. »Wenn du glaubst, dass ich noch nie an einer Zigarette gezogen habe, dann bist du wirklich naiv.«

»Das ändert nichts daran, dass du von mir keine bekommen wirst«, beharrte Sakura zwischen zwei Zügen.

»Du bist schrecklich altruistisch, weißt du das?« Ino gab auf und verschwand theatralisch jammernd aus der Küche.

Sakura löste sich von dem Anblick des Rückens ihrer besten Freundin und blickte stattdessen zum Himmel hinauf, an dem man dank eines Meeres aus dicken, verheißungsvollen Wolken keinen Mond erkennen konnte. Die Stadt unter ihr flimmerte und brummte voller Leben und Betriebsamkeit und für einen Augenblick dachte sie sehnsüchtig an das kleine Haus außerhalb der Großstadt zurück, in welchem sie aufgewachsen war und in dem es im Winter jedes Wochenende nach heißem Apfelkuchen und eingekochten Orange gerochen hatte. Das Leben in der Großstadt war ihr oft zu laut, zu schnell, zu viel und die Einfachheit ihrer Jugend, über die sie sich früher so oft beschwert hatte, vermisste sie schmerzlich in Momenten wie diesen, wo sie drohte, in den Sog der Großstadt gezogen zu werden und sich darin zu verlieren.

Das Gefühl, sich an der Lippe zu verbrennen, riss sie aus ihren Gedanken und als sie verwirrt nach unten schaute, musste sie feststellen, dass ihre Zigarette sich bereits durch den Filter brannte. Leicht panisch drückte sie den heißen Filter in einem Blumenuntertopf aus und schloss das Fenster wieder.

»Holt er dich eigentlich hier ab?« Ino war wieder in der Küche aufgetaucht und hielt zwei Paar Stilettos in der Hand, zweifelsohne um zu sehen, welche ihrer Meinung nach besser passten.

Sakura schüttelte den Kopf und stellte erstaunt fest, dass ihr ausnahmsweise keine lästigen Strähnen ins Gesicht fielen. »Ich habe ihm eine Straße einen Block von hier entfernt genannt. Und falls er mich nachhause fahren möchte kriegt er eine Straße in der entgegengesetzten Richtung.«

Ino schnaubte belustigt. »Möchtest du den Mann verwirren?«

»Auch, ja.« Sakura zwinkerte.

»Sasuke Uchiha kann einem fast leidtun«, lachte Ino, ehe sie Sakura bedeutete, sich hinzusetzen. »Vielleicht sollte ich dir dann lieber ein paar straßentauglichere Schuhe besorgen, falls du vor ihm davon rennen möchtest.«

Sakura Gesicht nahm einen besonders ernsten Ausdruck an. »Das kann ich auch in Stilettos.«

Die Antwort schien Ino zutiefst zufrieden zu stimmen, denn sie nickte anerkennend, ehe sie sich hinunter beugte, um Sakura die Schuhe anzuziehen. Ihr war das zutiefst unangenehm und sie würde Ino nur zu gerne darüber unterrichten, dass sie das auch sehr wohl alleine konnte, doch sie kannte sie und wusste, dass das ihre Art war, ihr Kunstwerk zu vervollständigen und das wollte sie ihr nicht nehmen. Nicht nach all der Mühe, die sie sich ihretwegen mal wieder gegeben hatte.

Inos Aufforderung folgend stand Sakura zweimal auf, um einige Schritte in den Schuhen zu machen, damit Ino überprüfen konnte, welcher ihrer beiden Favorit letzten Endes gewann.

»Die«, kam es wie aus der Pistole geschossen, kaum dass sie mit dem zweiten Paar aufgestanden war, »Die sind perfekt. Alles ist perfekt. Hach, am liebsten würde ich sein Gesicht sehen, wenn er dich sieht.« Sie wirkte ehrlich betrübt, weshalb Sakura sie kurzerhand in den Arm nahm und ihr die Umarmung gab, die Sakuras Hoffnung nach ausdrückte, was sie für all ihren Einsatz empfand.

»Ich werde ein gedankliches Foto schießen und es dir später auf Papier aufzeichnen«, versprach sie und ahmte mit den Händen einen Fotoapparat nach.

Inos Lächeln war nicht ganz so umwerfend, wie sonst, als sie antwortete: »Das würde mich wirklich freuen.«

»Ich muss jetzt los«, flüsterte Sakura, plötzlich wieder furchtbar nervös.

Ino umfasste noch einmal ihre Schultern und drückte sie sanft. »Viel Spaß, Süße!«

Jetzt gab es kein Zurück mehr.
 


 

Die Luft war klirrend kalt, doch immerhin hatte der Schneefall gerade lange genug aufgehört, dass Sakura nicht von dicken Flocken durchnässt war, als sie am vereinbarten Treffpunkt ankam.

Obwohl ihr in der Wohnung recht warm mit dem Mantel gewesen war, hatte sie befürchtet, dass er für die winterliche Kälte doch etwas zu dünn war, doch diese Sorge hatte sich als unbegründet heraus gestellt. Sie fühlte, wie der beißende Wind ihr Gesicht errötete, doch ansonsten war ihr wohlig warm.

Sie war einige Minuten zu früh dran, eine seltsame Angewohnheit von ihr und an diesem Abend half ihr es nicht wirklich, die Zeit zu haben, sich auszumalen, wie niemand auftauchen würde, um sie abzuholen und sie die nächste Stunde wie eine Närrin am Straßenrand stand, ehe sie beschämt den Heimweg antrat. Mehrmals musste sie sich davon abhalten, an ihren Nagelbetten herumzuspielen oder mit den Zähnen an ihren Lippen zu knabbern.

Wie angespannt sie war, bemerkte sie erst, als sie viel zu laut und viel zu tief aufseufzte, als das ihr bekannte schwarze Auto zu ihr an den Straßenrand heran fuhr und perfekt vor ihr stehen blieb. Auf der Fahrerseite tauchte Itachis langes Haar unter einem schicken Hut auf, den er freundlich lächelnd lupfte, als er sich zu ihr wandte.

»Sie sehen hinreißend aus, wenn ich Ihnen das sagen darf.« Angesichts der Aufrichtigkeit, die in den Worten nachhallte, huschte Sakura ein ehrliches Lächeln über die Lippen. »Vielleicht sollte ich meinen missmutigen Bruder einfach in dem Auto einsperren und stattdessen gehen wir zwei etwas essen.«

Das entlockte Sakura ein so herzliches Lachen, das es ihre innere Anspannung zu lösen vermochte. »Das Gesicht wäre gewiss unbezahlbar«, sinnierte sie schmunzelnd.

»Bringen Sie mich nicht auf Ideen, Mademoiselle. Sie kennen mich nicht, aber für solche Späße bin ich durchaus zu begeistern.« Er zwinkerte ihr vielsagend zu, während er in zügigen Schritten um das Auto herum schritt, um ihr die Tür aufhalten zu können.

»Sie sind zu freundlich.« Sie verbeugte sich vor Itachi, ehe sie sich möglichst anmutig auf die Rückbank gleiten ließ.

»Was genau hat Ihnen mein Bruder schon wieder erzählt, dass sie so spitzbübisch grinsen«, wurde sie von Sasuke Uchiha begrüßt, der mit elegant überkreuzten Beinen auf dem ledernen Sitz saß und dabei so perfekt aussah, als wäre das Auto um ihn herum gebaut worden.

»Wir wollten Sie hier einsperren und stattdessen zusammen etwas essen gehen«, gab sie unumwunden zu, was ihr einen empörten Laut von Itachi bescherte, der wieder auf dem Fahrersitz saß.

»Es hat wirklich nicht viel gebraucht, um mich zu verraten«, beschwerte er sich gespielt, »Und ich dachte, dieser Moment jugendlichen Übermuts wäre etwas Besonderes zwischen uns gewesen.«

»Fahr einfach los, Itachi«, verlangte Mr. Uchiha, dessen amüsiertes Lächeln seine genervten Worte Lüge strafte.

Sakura war indes damit beschäftigt, möglichst nicht zu verkrampft auf der absurd bequemen Rückbank zu sitzen und ihre Augen auf irgendetwas zu richten, was nicht die Augen von Sasuke Uchiha waren. Es war deutlich, dass er keinerlei Probleme mit Nervosität hatte, denn er ergriff ihre Hand und führte sie ungeniert an seine Lippen, um einen Kuss darauf zu hauchen. Sakura wurde schwindelig, als sie seine unerwartet weichen Lippen auf der Haut spürte und sie musste sich daran erinnern, gleichmäßig zu atmen.

Sie betete, dass die Autofahrt nicht allzu lange dauerte.

»Sie sehen zum Anbeten aus, Madame«, hauchte er gegen ihre Finger und Sakura hatte das Gefühl, dass sie zwischen den seinigen davon schmolzen. Ino hätte das gewiss gefallen.

»Danke?« Im ersten Augenblick lobte sie sich innerlich dafür, dass sie nicht gestottert hatte, doch dann wurde ihr klar, wie unglaublich einfältig sich das angehört haben musste und der Stolz zerfloss zusammen mit ihren Fingern, die Mr. Uchiha noch immer in seiner Hand festhielt. »Ich vermute, Sie wissen, dass Sie gut aussehen«, fügte sie hinzu und hätte sich am liebsten dafür geohrfeigt, doch Itachi lachte so beherzt, dass die Atmosphäre im Auto nicht seltsam wurde.

»Wie können Sie sich so sicher sein, dass ich das weiß?«, hakte er provokativ nach.

Das Schweigen, welches Sakura bewusst zwischen den Dreien aufkommen ließ, war so vielsagend, dass Itachi erneut das Lachen anfing. »Herrlich«, war alles, was er sagte und doch sprach dieses einzelne Wort zwischen den Zeilen ganze Bände.

Ein Schmunzeln umspielte Sasuke Uchihas Lippen, was Sakura als ein gutes Zeichen betrachtete. Als sie ihm zaghaft ihre Hand entzog konnte sie die Wärme seiner Haut noch eine Weile auf ihrer fühlen und das Rumoren in ihrem Magen nahm wieder zu.

»Wohin entführen Sie mich eigentlich?«, fragte Sakura scherzhaft.

»Das bleibt vorerst eine Überraschung«, antwortete Mr. Uchiha mysteriös. Sakura seufzte betont und richtete ihre Aufmerksamkeit dann auf die getönte Scheibe neben ihr, durch welche sie eine dennoch gute Sicht auf die Stadt dahinter hatte. Es dauerte etwas, bis Sakura begriff, auf welcher Straße sie waren, doch dann konzentrierte sie sich auf die Läden und Restaurants, welche an ihr vorbei zogen und versuchte zu erahnen, wohin die Reise gehen könnte.

Mr Uchiha schien zu bemerken, was sie da zu tun versuchte, denn er lehnte sich so weit zu ihr hinüber, wie sein Gurt es ihn gewähren ließ und raunte: »Sie sind nicht gerade geduldig, was?«

Sakura musste schlucken und bat inständig, dass er es nicht hören möge, als sie sich langsam wieder zu ihm drehte. »Ich bin einfach neugierig«, antwortete sie möglichst gelassen und verdrängte jeden einzelnen Gedanken an den betörenden Duft von Zitrone und Bergamotte, den sie nun sehr wohl an ihm riechen konnte.

»Eau de Cologne Impériale?«, platzte es dennoch aus ihr heraus, bevor sie sich auf die Zunge beißen konnte. Sie wollte auf keinen Fall so wirken, als hätte sie bewusst an ihm geschnüffelt, aber der Duft war so eindringlich, dass sie ihn unmöglich ignorieren hätte können.

Mr. Uchiha wirkte nicht irritiert, wenn überhaupt verwirrt. »Sie kennen sich mit Parfums aus?«

Sakura nestelte an den Schnüren herum, die ihren Mantel zusammen hielten und suchte nach den passenden Worten. »Ein wenig, ja«, gab sie dann etwas lahm zu.

»Sie haben das Parfum innerhalb von wenigen Sekunden richtig zugeordnet, also entschuldigen Sie mir meinen Unglaube darüber, dass sie nur „ein wenig“ Ahnung davon haben«, insistierte er und die Neugierde, die von ihm ausging, wirkte aufrichtig.

Sakura seufzte ergeben. »Also gut, ja, ich weiß die ein oder andere Sache. Meine Mitbewohnerin und beste Freundin ist wie besessen von all diesem... Zeug«, schloss sie und verwies mit einer Handbewegung auf sich selbst, besser gesagt auf ihre abendliche Garderobe. Als Mr. Uchiha ihr zu verstehen gab, dass er immer noch nicht verstand, führte sie ihre Erklärung fort: »Sie liebt alles was mit Mode zu tun hat, mit guten Düften und mit Schmuck. Sie ist auch der Grund dafür, dass ich heute so aussehe, wie ich aussehe.«

»Dann muss ich mich wohl aufrichtig bei ihr bedanken, wenn ich sie kennenlerne.« Wenn ich sie kennenlerne. Sakura wurde rot bei der Implikation, die in diesen Worten verborgen war. »Und Sie interessieren sich folglich gar nicht dafür?«

Sakura schreckte aus ihrer verlegenen Trance. »Das ist es nicht, überhaupt nicht, es hat für mich nur... nur einen etwas anderen Stellenwert als für sie.«

»Nichts liegt mir ferner, als an diesem Abend mit Ihnen über eine andere Frau zu reden«, sagte er rundheraus und der Blick, mit welchem er sie bedachte, ließ ihren Herzschlag einmal aussetzen, »aber ich muss wissen, wo der Zusammenhang zwischen ihrer Mitbewohnerin und ihrem Duftwissen ist, wenn sie dem Ganzen doch weniger beimessen, als sie es tut. Hat sie Ihnen für heute Abend etwa einen Grundkurs gegeben?«

Nun biss Sakura sich doch auf die Lippen und sie hoffte, dass ihr Lippenstift dabei nicht verschmiert war. »Es gab keinen Grundkurs«, begann sie zögerlich, »aber wir kennen uns, seit wir klein sind und so bekommt man zwangsläufig auch die Interessen des anderen mit. Ich hatte viele kleine Lektionen, über mein Leben verteilt. Ich musste an so vielen Düften schnuppern, dass sich einige Kopfnoten förmlich eingebrannt haben. Und Zitrone und Bergamotte ist nicht gerade subtil«, schloss sie murmelnd und mied den Augenkontakt. Sie hatte nicht gelogen. Und irgendwie war die Tatsache, dass sie ihm etwas derart Privates von sich offenbart hatte und das, obwohl sie noch nicht einmal angekommen waren, seltsam befremdlich und so strikt entgegen jeder Vorsätze, die sie sich selbst gesetzt hatte.

»Damit habe ich nicht gerechnet.« Sakura hob den Kopf, doch Mr. Uchiha blickte scheinbar gedankenversunken durch das getönte Fenster. Die Stille zwischen ihnen wirkte wie ein unüberbrückbares Hindernis und da Sakura nicht wusste, wie sie es zu überwinden vermochte, wenn sich in ihrem Kopf doch eine gähnende Leere aufgetan hatte, rutschte sie selbst etwas tiefer in ihren Sitz und wandte sich ab.
 

Die Fahrt ging – Gott sei Dank – nur noch wenige Minuten, sodass Sakura nicht dazu gezwungen war, die Stille als Erste zu brechen. Sie befanden sich im Herzen New Yorks, als Mr. Uchiha ihr die Tür aufhielt und ihr die Hand reichte, um ihr beim Aussteigen zu helfen. Als sie so vor ihm stand, musterte er sie noch einmal von oben bis unten, was ihr die Schamröte auf die Wangen zauberte.

»Sie versuchen nicht einmal, dass Starren etwas weniger auffällig zu machen«, bemerkte sie trocken, um eine Reaktion aus ihm zu provozieren. Sie war nicht versiert im Umgang mit Männern, im Grunde nicht einmal mit Menschen an sich und so verstand sie nicht, was sie im Auto falsch gemacht hatte. Es ärgerte sie aber, dass er es so mühelos schaffte, dass sie sich unwohl dabei fühlte, etwas vermeintlich Falsches gesagt zu haben.

»Mademoiselle«, setzte er an und seine nachtschwarzen Augen verdunkelten sich noch um eine Nuance mehr, als er ihre Hand erneut zu seinen Lippen führte, »ich bin an diesem Abend der einzige Mann, der in den Genuss kommt, Sie anstarren zu dürfen. Entschuldigen Sie, wenn ich es auskoste.« Dieses Mal blieben seine Lippen zwar in züchtigem Abstand zu ihrer Haut, doch sein Atem, der über ihre Finger fuhr, genügte gänzlich, um ihr eine Gänsehaut zu bescheren, die derart intensiv war, dass sie sie unmöglich auf die Winterkälte schieben konnte.

Itachi war ebenfalls ausgestiegen und hüstelte demonstrativ. Sakura musste kichern, wohingegen Mr. Uchiha eher genervt wirkte.

»Drei Stunden«, murrte er verstimmt, was ihn fast jugendlich wirken ließ und als Itachi erneut den Hut zum Gruß hob, begriff sie, dass er ihm mitgeteilt hatte, wann er sie wieder abholen musste. Er streifte den Missmut von sich ab, wie einen zu großen Handschuh und bot ihr galant den Arm an. »Wenn Sie mir nun bitte folgen würden.«
 

Das Etablissement war erhellt von dämmrigen Licht kleinerer hübsch anzusehenden Lampen, welche an den holzgetäfelten Wänden hingen. In dem Schein des Lichts wirbelte der Rauch dutzender Zigarren und Zigaretten, deren herbes, dunkles Aroma in Sakuras Nase kitzelten.

Erstaunt hob Sakura die Augenbrauen, als fast sofort ein Kellner vor ihnen auftauchte und eine tiefe Verbeugung in die Richtung ihrer Begleitung vollführte. Er trug einen schicken schwarzen Frack über einem faltenlosen weißen Hemd und an seinen Manschetten waren überaus teuer aussehende Knöpfe, die glatt poliert golden funkelten. Er trug sein Haar sogar noch länger als Itachi und als er sich wieder aufrichtete, warf er den penibel geflochtenen Zopf mit einer flüssigen Armbewegung wieder über die Schulter.

Sie fühlte sich deplatziert, als der adrette Mann seine Aufmerksamkeit auf sie richtete und ihre Hand ergriff, um einen angedeuteten Kuss darauf zu hauchen und es kostete sie einiges an Mühe, sich ihm nicht aus Reflex zu entziehen. Es war fast grotesk, wie anders diese simple Interaktion mit ihm im Vergleich zu Mr. Uchiha war.

»Einen wunderschönen Abend, Mr. Uchiha. Und Ihrer reizenden Begleitung.« Sein Lächeln erreichte seine Augen nicht und sein ganzes Gesicht war so aalglatt, dass Sakura überzeugt war, dass er viele Jahre lang an diesem nichtssagenden, leeren Ausdruck oberflächlicher Perfektion gearbeitet hatte. Er war ihr auf Anhieb unsympathisch, dennoch erwiderte sie sein Lächeln, hoffte aber, dass ihres etwas aufrichtiger wirkte.

»Wir wünschen heute Abend etwas zu essen, Mr. Hyuuga«, bemerkte der Mann an ihrer Seite und seine tiefe Stimme schien in ihr nachzuhallen wie ein Echo in einer endlosen Höhle. Hyuuga? Wie Hinata Hyuuga? Panik überkam Sakura in Form eines Schweißausbruchs, doch die beiden Männer gaben ihr nicht die Zeit, etwas Verfängliches zu tun. Mr. Hyuuga verbeugte sich erneut, dieses Mal jedoch deutlich knapper und bedeutete ihnen dann, ihm zu folgen.

Mr. Uchiha neben ihr blieb stehen und betrachtete sie auffordernd. Sakura, die noch immer erschrocken war, brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass er ihr erneut seinen Arm anbot. Mit schüchternem Lächeln schob sie ihre zierliche Hand unter und umfing seinen Oberarm mit ihren schlanken Fingern. Während sie sich von ihm geschickt durch den vollen Raum manövrieren ließ, versuchte sie mit aller Kraft, nicht an die Muskeln zu denken, die sie sehr wohl unter dem hochwertigen Stoff seines Anzugs fühlen konnte.

»Sie sind plötzlich so zahm«, flüsterte er an ihr Ohr geneigt, was einen heftigen Schauer über ihren Rücken bis in den letzten Winkel jeder einzelne Gliedmaße jagte.

»Ich weiß, wann ich mich zu benehmen habe«, scherzte sie tapfer, was Mr. Uchiha ein kehliges Lachen entlockte, das ihr Herz verräterisch flattern ließ.

Mr. Hyuuga begleitete sie in einen Nebenraum, der deutlich ruhiger war, als der Salon. An den meisten Tischen dinierten Menschen, die so mühelos wohlhabend aussahen, dass Sakura sich fehl am Platz fühlte, jedoch ließ sich keiner dazu herab, ihr die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken, wie sie ihnen, sodass sie sich rasch für ihr unverhohlenes Starren schämte und ihre Aufmerksamkeit stattdessen wieder auf Mr. Hyuuga richtete. Dieser blieb kurz darauf vor einem wunderschönen Tisch aus dunklem Holz mit geschnitzten Akzenten stehen. Er stand in einer halbrunden Nische und war von weinroten, lederbezogenen Bänken gesäumt, die unfassbar bequem aussahen.

Von außen könnte man sie in dieser Nische nur dann sehen, wenn man unmittelbar daneben oder davor stand und Sakura wusste nicht, was sie von dieser Form der Anonymität halten sollte. Trotzdem schenkte sie Mr. Uchiha ein charmantes Lächeln, als dieser ihr den Fellmantel von den Schultern streifte und Mr. Hyuuga überreichte.

»Wissen die Dame und der werte Herr denn schon, was Sie zu trinken wünschen?«, erkundigte er sich mit dieser ihr unangenehmen aalglatten Höflichkeit, für die er in einem normalen Restaurant seltsam angestarrt worden wäre. In diesen Kreisen schien dies jedoch die übliche Umgangsform zu sein, denn Mr. Uchiha wirkte vollkommen ungerührt, als er sich einen Whiskey auf Eis bestellte und sich danach mit fragenden Augen an sie wandte.

»Ein Wasser, bitte«, fügte sie seiner Bestellung hinzu und erntete dafür zwei verwirrte Blicke; einen offensichtlichen von Mr. Uchiha und einen deutlich subtileren von Mr. Hyuuga. Sie kam ins Schwitzen, denn sie konnte schlecht etwas trinken und damit gegen das Verbot verstoßen, wenn sie die Machenschaften ihrer Abendbegleitung aufdecken wollte. Gleichzeitig wollte sie vor ihm aber auch nicht verdächtig wirken.

»Ich möchte vor dem Essen nichts auf nüchternen Magen trinken«, entschuldigte sie sich und klopfte sich gedanklich auf die Schulter. Auch die beiden Männer schienen mit der Ausrede zufrieden, denn Mr. Hyuuga verschwand mit einer tiefen Verbeugung und Mr. Uchiha bedachte sie mit einem Lächeln, welches sie wohl als wölfisch umschrieben hätte. Plötzlich fühlte sie sich ihm ausgeliefert in dieser abgelegenen Nische, doch das Schlimmste daran war, dass es kein allzu schlimmes Gefühl war.

»Ich bin mir sicher, die Mademoiselle hätte einen Drink gewiss vertragen«, neckte er sie und es entging ihr ganz und gar nicht, dass er seinen Arm so verschob, dass er ihren nur ganz leicht berührte. Diese simple Berührung des samtig weichen Stoffs seines Anzugs auf ihrem Unterarm genügte, um ein geradezu elektrisierendes Gefühl durch ihren Körper zu jagen.

»Ich fürchte, da muss ich Ihnen widersprechen. Und nichts widerstrebt mir mehr, als sie heute Abend zu langweilen, indem ich beschwipst vor mich hin brabble.«

Daraufhin schnalzte er mit der Zunge, eine überraschend normal bürgerliche Reaktion. »Ich glaube, Sie können mich gar nicht langweilen, aber ich will Sie nicht bestürmen.«

Bevor Sakura ihm sagen konnte, dass sie ihn sehr wohl langweilen würde, da sie mit aller Wahrscheinlichkeit keinerlei Toleranz hatte, tauchte Mr. Hyuuga mit ihren Getränken auf und platzierte zwei wunderschöne kristallene Gläser vor ihnen, eines mit Wasser und eines mit... Alkohol. Mr. Hyuuga verschwand in grazilen Schritten und Sakura schluckte. Es war also wahr. Die Flaschen hinter der Theke im Salon waren keine Dekoration gewesen. Sie konnte das intensive Aroma des Whiskey riechen, obgleich das Glas nicht einmal direkt vor ihr stand.

Am liebsten hätte sie sich auf die Lippen gebissen und vermutlich hätte sie das bei eventuellen Nachfragen auf ihre Nervosität in Mr. Uchihas Nähe schieben können, trotzdem wollte sie keine Risiken eingehen und fokussierte sich stattdessen auf ihr eigenes Glas.

Es war so derart schön gearbeitet, dass sie beinahe andächtig mit ihren Fingern über die Rillen fuhr, die formlose Muster bildeten und in denen sich das Licht in den Farben des Regenbogens brach. Als sie es anhob, um einen Schluck gegen den Kloß in ihrem Hals zu trinken, stellte sie erstaunt fest, dass es viel schwerer war, als sie es antizipiert hatte. Sie schwenkte das Glas in ihrer Hand hin und her und beobachtete das Wasser, wie es von einer Seite zur anderen floss.

»Es ist nicht vergiftet, dass versichere ich Ihnen«, scherzte Mr. Uchiha, was sie dazu veranlasste, gespielt erschrocken aufzublicken.

»Das hatte ich auch nicht vermutet, nicht bis gerade eben«, konterte sie mit einem Augenzwinkern, »nein, ich habe nur das schöne Glas bewundert. Es ist sehr kunstvoll gearbeitet.« Zum Nachdruck hielt sie es ihm vor das Gesicht und strahlte förmlich bis über beide Ohren.

Mr Uchiha legte den Kopf ganz leicht schief und betrachtete sie so eingehend, dass sie das Gefühl hatte, er könnte ihr direkt hinter die Stirn schauen und ihre Gedanken ergründen. »Für so etwas Banales können Sie sich faszinieren?«

Sakura schürzte die Lippen. »Selbstredend. Es gibt so viele schöne Dinge, über die niemand je nachdenkt, einfach weil sie klein oder alltäglich sind und das ist wirklich schade. Man kann buchstäblich sehen, wie viel Mühe sich der Glasbläser gegeben hat.«

Jetzt musste Mr. Uchiha lachen, was Sakura dazu veranlasste, noch mehr zu schmollen. Machte er sich etwa über sie lustig oder – noch schlimmer -, hielt er sie für einen Einfaltspinsel?

»Sie sind die erste Frau, die ich kennenlerne, die beim Betrachten eines simplen Glases an den Glasbläser denkt«, gestand er und führte seine Finger zu dem Glas, welches sie noch immer in die Luft hielt und streifte ihre Finger dabei wie zufällig.

»Lernen Sie denn viele Frauen kennen?« Sakura begegnete herausfordernd seinem förmlich glühenden Blick. Sie waren so tiefschwarz, dass sie das Gefühl hatte, in brennende Kohlen zu schauen.

»Nicht so hinreißende Damen wie Sie, das steht fest.«

Sakura hatte genug Anstand, um zu erröten, als sie ihre Hand mit dem Glas zurück zog, um verlegen daran zu nippen.

»Erzählen Sie mir doch mehr von sich«, forderte er sie auf, das Kinn auf eine Hand gestützt. »Was arbeitet eine so hübsche junge Dame, die sich mit Herrendüften auskennt und die die Freizeit hat, um Autos skizzieren zu gehen?«

Sakura überlegte gespielt, wo sie anfangen sollte, dabei wusste sie ganz genau, was sie Mr. Uchiha von sich erzählen wollte, immerhin war sie die Details in den letzten Tagen mehrere Male mit Ino und Sai durchgegangen. »Ich schreibe Bücher«, begann sie leise und versuchte, sich selbst einen träumerischen Ausdruck zu verleihen, »aber erst seit Kurzem. Davor habe ich eine Lehre in dem Blumenladen der Mutter meiner besten Freundi gemacht. Meiner Mum zur Liebe, sie hielt es für keine kluge Idee, mich nur auf das Schreiben zu verlassen.« Als Sakura sich Mr. Uchiha wieder zuwandte, war sie fast erschrocken darüber, dass seine Aufmerksamkeit nicht eine Sekunde von ihr weg geschwankt war. Die Intensität, mit der seine schwarzen Augen sie schon den ganzen Abend über musterten, bescherte ihr eine neuerliche Gänsehaut, von der sie inständig hoffte, dass er sie nicht sah.

Sie hatte nicht gänzlich gelogen, aber auch nicht ganz die Wahrheit erzählt, sondern war auf der schmalen Linie dazwischen getänzelt. Wenn sie von der Arbeit eines gelernt hatte, dann dass jede Lüge so fließend wie Wasser über die Lippen ging, wenn man sie in einen Hauch von Wahrheit verhüllte.

Der Tanz mit Mr Uchiha hatte also begonnen und schon jetzt fühlte sie den Schwindel des Adrenalins, welches ihr Herz schneller als üblich durch die Adern pumpte.

»Über was schreibt eine Frau wie Sie?«, hakte er interessiert nach, was Sakura erneut überraschte. Auch wenn sein Interesse mit aller Wahrscheinlichkeit nur gespielt war, war es trotzdem so viel mehr, als sie von Männern sonst gewohnt war. Wann hatte jemand das letzte Mal weiterführende Fragen gestellt, wenn sie etwas über sich selbst erzählt hatte?

»Nun, eigentlich war geplant, dass ich als Erstes ein historisches Drama schreibe, allerdings werde ich, wenn dieser Abend so weiter geht, wohl über eine junge Frau schreiben müssen, die den Verstand verliert, weil ihre attraktive Abendbegleitung sie ununterbrochen mit seinem Charme umgarnt«, kokettierte sie mit einem süßen Lächeln. Das entlockte dem Mann neben ihr ein weiteres Lachen, welches sich in ihren Ohren täuschend ehrlich anhörte.

Gefährlich.

Das, was sie hier tat, war gefährlich.

Es fiel ihr viel zu leicht, mit diesem Mann zu flirten.

»Sie sind eine interessante Frau, hat Ihnen das schon einmal jemand gesagt?« Sein Blick verdunkelte sich, als er, ohne seine Augen auch nur eine Sekunde von ihr zu nehmen, nach seinem Glas griff und ungerührt einen Schluck von seinem eisgekühlten Whiskey nahm.

»Sie sind der erste Mann, den ich kennenlerne, der mir das sagt.«

Mr. Uchiha schien ihre Anspielung sofort zu verstehen, denn er prostete ihr scheinbar beeindruckt zu. »Chapeau

Bevor er ihr den Ball zurück schieben konnte, erschien Mr. Hyuuga wieder an ihrem Tisch und servierte ihnen etwas, was Sakura für eine Vorspeise hielt. Eine Vorspeise, welche sie gar nicht bestellt hatten. An der Reaktion von Mr. Uchiha – also gar keiner – erkannte sie, dass das wohl so sein sollte und ließ sich deshalb nichts anmerken.

Ihre Abendbegleitung schien zu bemerken, dass sie nicht an so viel Besteck gewöhnt war und dann, ohne jegliches Urteil in seinem Ausdruck, führte er sie durch die verschiedenen Speisen, die in perfektem Abstand zueinander serviert wurden. Er erklärte ihr, welche Gabel für den Salat und welche für die Hauptspeise war und verpackte jede seiner Erklärung in einer charmanten Anmerkung. Als die Nachspeise kam, hatte Sakura aufgehört, mitzuzählen, wie oft er sie zum Erröten brachte und konzentrierte sich stattdessen auf andere Dinge.

Das Essen hatte großartig geschmeckt, wenngleich sie wenig für die pompöse Aufmachung übrig hatte und nach dem Dessert fühlte sie sich, trotz ihrer anfänglichen Zweifel ob der überschaubaren Größe der Portionen, satt und träge.

Sich mit Mr. Uchiha zu unterhalten fiel ihr immer leichter und sie erwischte sich mehr als einmal dabei, wie sie förmlich an seinen Lippen hing, wenn er etwas in seiner tiefen Stimme erzählte, wenngleich es sich nahezu ausschließlich um alltägliche Banalitäten handelte.

»Möchten Sie jetzt etwas trinken?«, erkundigte er sich irgendwann und Sakura schüttelte nur den Kopf, viel zu satt, um noch mentale Kapazität für Sorgen zu haben.

»Wenn ich jetzt etwas trinke, schlafe ich an Ihrer Schulter ein«, prophezeite sie und gähnte zaghaft, um ihren Punkt zu unterstreichen.

»Sie haben noch keinen triftigen Grund dagegen formuliert, Mademoiselle.«

Sakura lachte leise und stupste ihn in einem Anflug von Größenwahnsinn sachte gegen die Schulter. »Zwingen Sie mich nicht dazu, mich selbst in eine Situation zu bringen, für die ich mich später schämen muss.«

»Wie kommt es, dass Sie auf einmal so müde sind?«, hakte er nach, aber in seiner Stimme lag kein Vorwurf.

»Ich glaube, es ist das ganze Essen«, vermutete Sakura schulterzuckend, »Ich höre normal nach dem ersten Gang auf.« Das war keine Lüge. Sie hatten fast zwei der drei Stunden nur mit essen verbracht und Sakura fühlte sich, als könnte sie den Winterschlaf antreten.

»Dann werden wir Sie jetzt nachhause bringen.« Er schenkte ihr ein Lächeln, kaum sichtbar und so gänzlich anders, als das amüsierte Grinsen, welches sonst seine Lippen zierte. Es war genug, um sie beinahe schwach werden zu lassen.

»Sind Sie mir deswegen böse?«, fragte sie vorsichtig.

Er schnaubte ein belustigtes Lachen und stürzte den Rest seines Whiskeys herunter, ehe er ihr antwortete. »Mitnichten.« Damit stand er aus der Nische auf und reichte ihr die Hand. Sie ließ sich halb von ihm heraus ziehen, halb rutschte sie selbst über das glatte Leder der Bezüge und als er ihr ihren Mantel überziehen wollte, erhob sie keinerlei Protest, wenngleich die zarte Berührung sie fast wieder schwach werden ließ. Ihr müder Geist versuchte ihr mitzuteilen, dass sie durchaus mehr Zeit mit diesem Mann verbringen wollte, doch sie schob die verräterischen Gedanken so weit von sich weg, wie möglich. Darüber würde sie morgen brüten, wenn sie einen Kaffee getrunken und den Abend hatte Revue passieren lassen.

Eigentlich hätte sie etwas einwenden müssen, als er schließlich nach ihrer Hand griff und sie sanft zurück durch den Nebenraum und den Salon führte, doch Sakura war zu beschäftigt damit, die Schmetterlinge in ihrem Bauch zu ignorieren.

Und obwohl noch nicht ganz drei Stunden vergangen waren, wartete Itachi unten in der Einfahrt, gelassen an das Auto gelehnt. Als er die beiden sah, Hand in Hand, besaß er den Großmut, nichts zu sagen und öffnete ihnen nacheinander stumm die Türen. Sakura fühlte sich wie benebelt, als hätte sie tatsächlich getrunken, als sie in das teure Auto einstieg und sich von einem der reichsten Männer des Landes nach Hause fahren ließ.

Einem Mann, dessen illegale Machenschaften sie aufzudecken geschworen hatte.

Einem Mann, der es mit einer flüchtigen Berührung schaffte, ihr weiche Knie zu machen.
 


 

»Sie können mich gerne hier heraus lassen«, sprach Sakura an Itachi gewandt.

Überrascht zog Mr. Uchiha seine Augenbrauen nach oben. »Hier wohnen Sie? Aber abgeholt haben wir sie woanders«, stellte er fest. Er überspielte seine Verwirrung mit einem charmanten Lächeln, bei dem Sakura sich zusammenreißen musste, nicht nervös auszuatmen. Die Anwesenheit dieses Mannes bekam ihr wahrlich nicht gut.

»Nicht ganz«, antwortete sie mit einem Augenzwinkern, »ich werde noch ein wenig laufen müssen.«

»Itachi kann Sie gerne bis zur Tür fahren. Eine so hübsche Frau sollte nachts niemals alleine nach Hause gehen«, insistierte er.

Sakura lachte und schüttelte den Kopf. »Mr. Uchiha, ich halte Sie für einen intelligenten Mann. Und tatsächlich halte ich mich für eine halbwegs intelligente Frau. Und intelligente Frauen verraten Männern, die sie erst seit ein paar Tagen kennen, nicht, wo sie wohnen.« Erneut zwinkerte sie ihm zu und er hatte den Anstand, überrumpelt zu wirken.

Sie nutzte die Gelegenheit, um sich von Itachi zu verabschieden und aus dem Auto zu schlüpfen. Noch bevor er irgendwelche Einwände erheben konnte, ließ sie die Tür zufallen und winkte noch einmal, wohl wissend, dass er das durch die getönten Fenster sehr wohl sehen konnte, ehe sie sich umdrehte und von dannen zog.

»Eine interessante Frau, die du da gefunden hast, Brüderchen.« Itachi drehte sich um und schaute den noch immer leicht perplexen Sasuke an. »Normal würde ich anbieten, ein wenig zu warten und ihr dann unauffällig bis zu den Pforten ihres Schlosses zu folgen, allerdings halte ich die Mademoiselle für zu schlau, um das nicht zu bemerken.«

»Ich weiß, Itachi«, antwortete Sasuke mit einem geheimnisvollen Lächeln, »Fahr' uns einfach nach Hause.«

Zwickmühlen

Sakura hatte noch nicht ganz die Tür hinter sich geschlossen, als sie von Ino in eine stürmische Umarmung gezogen wurde und sie ächzend versuchte in den hohen Schuhen das Gleichgewicht zu halten, um nicht gegen die Wohnungstür zu prallen.

»Wie war es?«, sprudelte es aus Ino heraus, kaum dass Sakura sich von ihr gelöst hatte und ihr Gesicht strahlte heller, als das eines Kindes am Weihnachtsabend, wenn es begriff, dass es mehr Geschenke bekommen hatte, als im Jahr davor.

»Gut«, brachte sie hervor, noch immer überrumpelt von der heftigen Begrüßung und in ihrem Bauch gluckerte es verräterisch, als sie sich vornüber beugte, um sich die Stilettos auszuziehen.

»Hast du getrunken?« Ino klang empört, aber weniger, weil sie sauer war angesichts ihrer Vermutung, sondern eher, als wäre sie beleidigt, dass man sie nicht daran hat teilnehmen lassen.

»Bist du verrückt geworden?«, konterte Sakura und streifte sich den plüschigen Fellmantel von den Schultern. Ihr Kleid straffte ganz schön bei jeder Bewegung und sie würde froh sein, wenn sie endlich wieder in alltagstauglicherer Kleidung steckte.

Ino schnaubte und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich weiß ja nicht, wenn du mir eine Ein-Wort-Antwort entgegen brummst.«

»Ino, bitte, ich bin nicht in der Verfassung für einen Streit.«

»Ich will auch nicht streiten«, antwortete Ino heftig, »ich will wissen, wie dein Abend war!«

Sakura seufzte. »Der Abend war gut, wirklich. Nur habe ich viel zu viel gegessen. Mir geht es nicht gut.«

»Oh.« Die beiden tauschten einen peinlich berührten Blick. »Ich kenne das. Geh' mal auf die Toilette, danach sollte es wieder besser sein!«

»Ino!«

»Was denn? Ich habe doch Recht!«

»Man sollte dir den Mund mit Seife auswaschen, wirklich!«, motzte Sakura, »Manchmal gebarst du dich unflätiger als ein Seemann.« Damit schob sie sich an ihrer besten Freundin vorbei in Richtung ihres Zimmers.

Für Ino war das Thema damit aber offensichtlich noch nicht vom Tisch, denn sie folgte ihr leichtfüßig auf Zehenspitzen tapsend und lehnte sich an den Türrahmen. »Hast du keine Details für mich? Mal ehrlich, muss ich dir alles aus der Nase ziehen, meine Liebe?«

»Sofort, Sergeant, lass mich nur bitte aus diesem Kleid heraus«, stöhnte Sakura, die sich fast die Arme ausrenkte bei dem Versuch, sich hinter dem Rücken den Reißverschluss vom Hals abwärts zu öffnen. Ino löste sich vom Türrahmen und kam ihr unaufgefordert zur Hilfe. Sie scheuchte ihre blindlings tastenden Hände mit ihren eigenen davon und obwohl sie neugierig und aufgedreht war, war sie unfassbar vorsichtig, um nicht Sakuras Haut in dem Verschluss einzuklemmen.

»Besser?«

Ein genüsslicher Seufzer der Erleichterung rollte über Sakuras Lippen, als sie den seidenweichen Stoff von ihrem Körper gleiten ließ. »Besser.«

Ino war großmütig genug, Sakura erst in etwas Bequemeres schlüpfen zu lassen, ehe sie sie wieder mit weiteren Fragen bestürmte. »Und jetzt von Anfang an und keine Details auslassen, nur weil du sie nicht für relevant genug hältst!« Sie klatschte auffordernd in die Hände und tänzelte in Richtung Küche davon, was Sakura mit einem Rollen der Augen und einem Schmunzeln quittierte. Eigentlich war es auch etwas unfassbar Schönes, dass Ino sich in all den Jahren kaum verändert hatte und ihr noch immer die selbe Freundin war, wie zu ihrer Highschool Zeit. Die Freundin, die von jedem noch so winzigen und scheinbar bedeutungslosen Ereignis in ihrem Leben Bescheid wissen wollte.

Sakura streckte sich und gähnte herzhaft und obgleich sie wirklich gerne einfach unter die lockenden Decken in ihrem Bett gekrochen wäre, um etwas von dem Schlaf nachzuholen, welcher ihr in der Nacht zuvor versagt geblieben war, folgte sie Ino in die Küche und ließ sich ihr gegenüber auf einen der Stühle fallen.

»Er hat mir wirklich gesagt, dass ich „zum Anbeten aussehe“. Ich musste an dich denken«, begann sie scherzhaft, aber Inos Augen leuchteten begeistert auf.

»Und? Und?« Ino hüpfte so hibbelig auf ihrem Stuhl auf und ab, als hätte man ihr einen lausigen halben Keks dargeboten und nun wollte sie den Rest samt Backblech verschlingen.

Sakura legte den Kopf schräg und grübelte für einen Moment. Tatsächlich musste sie den vergangenen Abend selbst erst einmal gedanklich sortieren und einordnen. »Auf unserer Fahrt ist eventuell durch gekommen, dass ich mit Parfums auskenne, dank dir. Danach ist die Stimmung irgendwie etwas unangenehm gewesen, aber ich weiß nicht wieso und als wir angekommen sind, kam es auch nicht mehr zur Sprache«, erzählte sie weiter. Sie hatte bis jetzt noch nicht verstanden, was da im Auto passiert war und das wurmte sie, nagte an ihren Gedanken und würde sie heute Nacht gewiss wieder wach halten.

»Wo habt ihr überhaupt gegessen?«, hakte Ino nach und Sakura musste bei dem Anblick ihrer besten Freundin herzhaft lachen. Sie starrte sie so begierig an, als wäre sie die Oase inmitten einer staubtrockenen Wüste.

Sakura wusste schon um Inos Reaktion, bevor sie es ausgesprochen hatte. »Im Éclat Nocturne

Wie erwartet verlor Ino gänzlich die Kontrolle über ihre Gesichtszüge und ihr Mund stand für eine Frau ungebührlich weit offen. »Bitte

»Du hast dich nicht verhört. Ich hatte auch meine liebe Not damit, das zu verarbeiten, als wir davor standen. Gehört hatte ich davon natürlich schon, aber allgemein sickert nichts Genaueres durch - verständlicherweise, immerhin servieren sie dort Alkohol und das nicht gerade subtil...« Sakura verstummte. »Aber...« In ihrem Kopf hatten sich einige Zahnräder verhakt, die nun vehement versuchten, sich wieder zu lösen und Sakuras Gedanken schienen in einer Art Schwebe innezuhalten. »Wie, zum Teufel, kann das funktionieren? Das Éclat Nocturne ist über Manhattan hinaus sogar in Brookyln und Queens bekannt, wie kann da nie etwas an die Behörden durchgesickert sein?«

»Geld, Süße. Da geht Geld über die Theke und nicht zu knapp. Die verdienen sich eine goldene Nase mit Alkohol, das kannst du mir glauben und die meisten würden es wohl bevorzugen, zu schweigen und mitzuverdienen.« Ino pfiff beeindruckt. »Im Èclat Nocturne, ich glaube es nicht... Weißt du, wie lange die Warteliste für den Schuppen ist? Ich habe mal meine Fühler ausgestreckt, interessehalber und du kannst froh sein, wenn du im nächsten Winter einen Tisch bekommst.«

Sakura zuckte nur mit den Schultern. »Wir sind einfach so herein gekommen. Was auch immer Sasuke Uchiha mit dem Etablissement verbindet, Geld spielt dabei keine geringe Rolle. Vielleicht beliefert er sogar den Laden«, führte sie ihre Überlegungen fort, auf einmal hellwach und kerzengerade auf ihrem Stuhl, »ich brauche Stift und Papier!«

Wie auf ein Stichwort sprang Ino auf und rannte in ihr Zimmer, nur um einige Sekunden später schwer atmend wieder auf ihrem Platz zu rutschen. Mit von der Anstrengung des Spurts leicht fahrigen Händen schob sie einen ihrer Füllfederhalter und mehrere lose leere Blätter zu Sakura, die sofort das Kritzeln anfing.

»Wir sind einfach so ins Éclat Nocturne gekommen...«, zählte sie laut auf, während sie alles mitschrieb, »in diesem Lokal wird Alkohol ganz offensichtlich ausgeschenkt und das, obwohl er über Manhattan hinaus bekannt ist...« Sie bekleckste ihre Fingerkuppen in der Eile, ihre Gedankengänge schnell genug auf Papier zu bannen. »Sasuke Uchiha ist den Gerüchten nach mindestens ein Zwischenhändler, wenn nicht sogar der alleinige Anbieter von Alkohol in New York.« Als sie alles noch einmal durchlas und die für sie sicheren Fakten so aufgeschrieben sah, konnte sie in ihrem Kopf förmlich etwas einrasten hören und ihr wäre beinahe der Stift aus den Fingern gerutscht und vom Tisch gerollt.

»Er hat definitiv etwas mit dem Laden zu schaffen«, pflichtete Ino ihr ungewöhnlich ernst bei, »wie gesagt, die Warteliste beträgt Monate und wenn er nicht gerade hellsehen kann und schon vor einem Jahr wusste, dass er dir begegnen würde, dann kann er dort offenbar ein- und ausgehen, wie es ihm beliebt.«

»Was im Umkehrschluss bedeutet, dass ich meine erste heiße Spur habe«, schloss Sakura zufrieden und schrieb sich auf ein frisches Blatt Papier in schnörkellosen Druckbuchstaben den Namen des Etablissements auf. Morgen würde sie einige Recherchen anstellen, obschon sie wusste, dass erstaunlich wenige Informationen im Umlauf waren, angesichts des Rufs, den das Éclat Nocturne genoss.

»So weit so gut...« Ino anfängliche Begeisterung war einer anderen Art der Neugierde gewichen. »Wie ging es dann weiter?«

Plötzlich fiel Sakura das wichtigste Element des Abends wieder wie Schuppen von den Augen und sie verschluckte sich beim Weitersprechen fast an ihrer eigenen Spucke. »Ein Verwandter von Hinata arbeitet dort!«

»Was?« Zum zweiten Mal in diesem Gespräch wirkte Ino, als hätte Sakura ihr ein Brett vor den Kopf geschmettert. »Aber wie? Wer?«

»Ich weiß es leider selbst nicht, Ino«, gestand Sakura zerknirscht, »Ich kenne Hinata selbst noch nicht lange und schon gar nicht lange genug, um über ihre Familie im Bilde zu sein. Aber er trägt den gleichen Nachnamen und seine Augen haben die Farbe von ausgewaschenem Lavendel, genau wie ihre. Ein Missverständnis halte ich deshalb für vollkommen ausgeschlossen.«

Noch einmal pfiff Ino beeindruckt durch die Zähne.. »Das ist eine Wendung, die ich nicht habe kommen sehen. Hinata? Niemals. Ich kenne sie nicht besser, als du, aber das traue ich der grauen Maus nun wirklich nicht zu. So gut kann sich ein Mensch nicht verstellen«, gab sie zu bedenken und Sakura konnte nicht anders, als ihr beizupflichten. Hinata war der schüchternste, aber aufrichtigste Mensch, den sie in den letzten Jahren kennen gelernt hatte und es war absurd, überhaupt daran zu denken, dass sie in die ganze Sache mit verstrickt sein könnte.

»Das heißt also, dass ich bei ihr anfangen muss«, überlegte Sakura laut und machte sich eine kleine Notiz auf dem Zettel, den sie morgen mit möglichst vielen Informationen füllen wollte.

»Wenn du willst, kann ich sie morgen anrufen und bitten, hierher zu kommen«, schlug Ino vor und Sakura blinzelte überrascht. Ino hatte die Telefonnummer von Hinata? »Sie hat sie mir gegeben, als sie dich besucht hat«, fügte sie erklärend hinzu, weil sie den verwirrten Ausdruck auf ihrem Gesicht bemerkt haben musste. »Ich wäre nämlich schrecklich gerne dabei, wenn das erste bisschen Licht in diese dunkle Angelegenheit kommt.«

Daraufhin zuckte Sakura nur mit den Schultern. »Mich soll es nicht stören, ganz im Gegenteil. Vielleicht fällt dir etwas auf, was mir entgeht. Vier Ohren hören mehr als zwei.«

»Dann ist es also beschlossen!« Ino klatschte aufgeregt in die Hände. »Und jetzt weiter im Text!« Sakura musste lachen. Obwohl sie gerade über etwas wirklich Interessantes gestolpert waren, war das Tratschen für Ino noch immer wie Wasser für die Mühlen.

Also fasste sie den ganzen restlichen Abend so ausführlich wie möglich zusammen, ohne noch einmal drei Stunden mit Ino am Tisch zu sitzen. Am Ende hatte Ino ein breites, spitzbübisches Grinsen im Gesicht, welches nichts Gutes verheißen konnte.

»Er ist hin und weg von dir«, triumphierte sie und es war nicht zu übersehen, wie stolz sie war, vermutlich auf das selbst geschaffene Wunder, Sakura in eine wahrhaftig schöne Frau zu verwandeln.

»Ich weiß aber nicht, ob ich das Ganze wirklich durchziehen kann«, gab Sakura kleinlaut das zu, was schon durch ihren Kopf geisterte, seit sie vor etwas mehr als einer Stunde aus dem nachtschwarzen Benz gestiegen war.

Ino wäre vor Schreck fast von ihrem Stuhl gefallen. »Was meinst du damit?«, fragte sie mit spitzer Stimme, wobei sich die letzte Silbe fast überschlug.

Sakura seufzte tief und sie fühlte etwas Schweres in ihrer Brust. Etwas, was sie nicht benennen konnte. »Seine Nähe tut mir nicht gut«, flüsterte sie leise, als wäre im Wohnungsflur noch jemand, der ihr Gespräch belauschen und sie verraten konnte. Ino blinzelte irritiert, unterbrach sie aber nicht. »Es ist... Ich weiß gar nicht, wie ich es in Worte fassen soll. Ich glaube nicht, dass ich mich auf Dauer gegen seine Avancen erwehren könnte.«

»Willst du mir damit etwa sagen, dass du in ihn...« Ino hielt mitten im Satz inne und erneut klappte ihr die Kinnlade auf, als sie begriff, worauf das Gespräch gerade hinaus lief.

Sakura hob schnell die Hände und schüttelte abwehrend den Kopf, der ihr hochrot anlief. »Nein, nein, nichts dergleichen. Ich meine nur, dass ich nicht ausschließen kann, dass es passieren könnte.« Noch einmal seufzte sie und sie hatte das Gefühl, eine unermessliche Last drücke ihre Schultern hinunter. »Ich habe mich mein ganzes Leben lang für professionell gehalten«, sprach sie bedrückt weiter, »Und für schlau genug, um die Dinge nüchtern und objektiv zu betrachten, aber irgendwie schafft dieser Mann es, sämtliche Knöpfe bei mir zu drücken. Die Falschen und die Richtigen.«

Jetzt war es an Ino, zu seufzen. »Ach Süße...«

Sakura wartete geduldig darauf, dass Ino mal wieder eine ihrer seltenen, aber meist den Nagel auf den Kopf treffenden Lebensweisheiten zum Besten gab, aber sie hüllte sich in Schweigen und bedachte sie stattdessen nur mit diesem mitfühlenden Blick, der alles nur noch schlimmer für sie machte.

Eine Weile schwiegen die beiden Frauen sich an und Sakura begann, mit dem Füllfederhalter noch etwas anderes auf das letzte freie Papier zu bannen: Sasukes Gesicht, wie es ihrer Erinnerung nach ausgesehen hatte, als er sie heute Abend zum ersten Mal gänzlich hatte betrachten können.
 


 

Der Samstagmorgen brach trüb an und noch immer hing eine dicke Wolkendecke in den unterschiedlichsten Nuancen von Grau drohend über den Dächern New Yorks. Sakura überlegte, wann sie das letzte Mal die Sonne gesehen hatte, als sie sich gähnend von ihren Decken befreite und streckte.

Sie konnte hören, dass im anderen Zimmer der Wohnung bereits rege Betriebsamkeit herrschte und als sie zu Inos offener Tür schlurfte, erwischte sie ihre Mitbewohnerin dabei, wie sie etwas planlos versuchte, das Chaos, über dessen Herrscherin sie war, ein wenig in Griff zu kriegen.

Um Ino nicht zu erschrecken, klopfte Sakura sachte gegen die auf gelehnte Tür, ehe sie ein »Guten Morgen, Ino« murmelte.

»So früh schon wach, wie kommt das?«, scherzte Ino gedämpft hinter einem Berg voll Wäsche, welchen sie wacklig auf ihren Armen bugsierte.

»Das Gleiche könnte ich dich fragen«, gab Sakura ungerührt zurück.

»Ich muss Wäsche waschen gehen«, stöhnte Ino und ließ demonstrativ den gewaltigen Haufen Klamotten zu Boden fallen.

»Das sehe ich.«

»Willst du weiter sticheln oder willst du mitkommen, Häuptling Unordentlich?«

»Ein andermal«, brummte Sakura und fuhr sich mit einer Hand durch das zerzauste Haar, welches sich im Schlaf ineinander verheddert hatte, »ich brauche Kaffee. Und dann muss ich irgendwie Hinata erreichen.«

»Letzteres kannst du dir sparen. Ich habe sie schon vor einer Stunde angerufen, sie kommt heute Nachmittag vorbei. Allerdings musste ich ihr versichern, dass nichts Schlimmes passiert ist, sie wirkte wegen meiner Anfrage etwas aufgelöst.« Ino schenkte ihr einen vielsagenden Blick. »Also sei lieb zu ihr, ja?«

Sakura verzog das Gesicht. »Und das kommt von dir.«

»Halleluja, danke, dass du sie schon jetzt hast aufstehen lassen, um mich mit ihrer umwerfend glänzenden Laune zu beehren, bevor ich mich aus dem Staub machen konnte!« Ino warf in einer dramatisch ausufernden Bewegung die Arme in die Luft, ehe sie sich murrend hin kniete, um dem unübersichtlichen Berg wieder zusammen zu sammeln.

Daraufhin rollte Sakura nur mit den Augen und verschwand in die Küche. Im Grunde konnte sie Ino ihre Reaktion nicht übel nehmen; sie wusste, wie unausstehlich sie vor ihrem ersten Kaffee sein konnte. Als es an der Tür klingelte, machte sie sich gar nicht die Mühe, sich vom Herd zu lösen, denn wer auch immer zu dieser unchristlichen Zeit auftauchte, war nicht für sie hierher gekommen.

»Guten Morgen, Sakura!«, wurde sie begrüßt und als sie sich schließlich doch dazu bringen konnte, sich davon zu lösen, dem Kessel beim Wasser kochen zuzuschauen, sah sie Sais Kopf durch den offenen Spalt in der Türe lugen.

»Morgen«, grüßte sie halbherzig zurück und hob die Hand, um etwas weniger unhöflich herüber zu kommen, »was machst du denn so früh hier, wenn ich fragen darf?«

»Ino hat gestern etwas von einem großen Problem erzählt, bei dem ich ihr helfen muss«, antwortete er und ein Hauch von Bedauern breitete sich in Sakura aus, obwohl sie vor ihrem ersten Kaffee normal zu keinen komplexeren Gefühlen imstande war. Der Arme wusste noch gar nicht, was eine Tür weiter auf ihn wartete und Sakura war fast versucht, ihn zu einem Kaffee hier mit ihr in der Küche zu bequatschen.

»Reisende soll man nicht aufhalten«, sagte sie stattdessen achselzuckend, immerhin anständig genug, sich etwas zu schämen angesichts ihrer schlecht verhohlenen Schadenfreude.

Pfeifend nahm Sakura sich einen der Stühle und schob ihn zum Fenster, als im Raum nebenan der Tumult losbrach. Sie tat so, als hörte sie nichts davon, während sie das Fenster aufmachte und sich mit einem dampfenden Becher voll Kaffee der erfrischenden Morgenluft stellte.

Sakura versuchte wirklich, sich auf den Lärm der Autos unter ihr zu konzentrieren, doch die wütenden Zwischenrufe, die durch die halb geöffnete Küchentür an ihr Ohr drangen, waren zu komisch. Spätestens jetzt war es offensichtlich, dass Ino dem armen Sai wirklich nichts von seinem Glück verraten hatte, ihr heute bei ihrer Wäsche helfen zu dürfen und als er sein Gesicht ein zweites Mal zur Küche herein streckte, hätte Sakura bei dessen Anblick fast den heißen Kaffee wieder ausgespuckt.

»Du kannst mich doch nicht so erschrecken«, japste sie, während sie mit einem in der Nähe befindlichen Handtuch sachte die kleineren Flecken von ihrem Oberteil tupfte.

»Wie hältst du das aus?«, fragte er mit einer Ernsthaftigkeit, dass Sakura noch einmal los prusten musste, diesmal aber ohne Kaffee, den sie dabei halb verschüttete.

Bevor sie antworten konnte, hörte sie ein wütendes »Ich kann dich hören«.

»Wir ergänzen uns gut«, entgegnete sie schließlich und grinste breit, die Laune dank des Kaffees in ihrer Hand und des Schauspiels in ihrer Wohnung schon deutlich besser.

Sai verschwand kopfschüttelnd wieder und als Sakura aufstand, um durch die Tür schielen zu können, sah sie, wie die beiden mit zwei monströsen Wäschesäcken auf die Wohnungstür zusteuerten.

»Wenn du deinen Mund aufmachst und etwas anderes als „Komm, ich helfe euch“ heraus kommt, erwürge ich dich«, drohte Ino, die ihr ihre diebische Schadenfreude von der Nasenspitze abzulesen schien.

Lachend zog Sakura sich wieder in die Küche zurück und schloss die Tür hinter sich. Es war Samstag und bis auf Hinatas Besuch in einigen Stunden hatte sie nichts vor und so ließ Sakura sich zurück auf ihren Stuhl fallen, trank ihren Kaffee und schmunzelte.
 


 

»Ich schwöre feierlich, dass ich das mit der Wäsche nie wieder so eskalieren lassen werde.« Ino hatte eine Hand auf die Brust gelegt und die andere hob sie zum Schwur in die Luft.

Sakura schnaubte vielsagend. »Das hast du auch das letzte Mal gesagt.«

»Du bist ein unverbesserlicher Schlaumeier!« Ino streckte ihr beleidigt die Zunge. »Was machst du eigentlich hier drinnen?« Ino zog betont die Nase kraus, bestimmt, weil der Geruch von kaltem Rauch und Asche so aufdringlich in der Luft hing, wie der tranige Fischgeruch in der Nähe der Häfen.

»Nachdenken«, antwortete Sakura ehrlich und zuckte mit den Schultern. In ihrem Arbeitszimmer konnte sie sich schon immer am Besten konzentrieren. Die ganze Welt ausgeblendet, fiel es ihr leichter, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen.

Ino rollte mit den Augen, offensichtlich genervt davon, ihr – wie so oft in den letzten Tagen – alle Details aus der Nase ziehen zu müssen. »Und worüber denkst du nach?« Sie klang gereizt, doch Sakura wusste nicht, ob das an ihrem ausgedehnten Vormittag in dem Waschsalon ein paar Häuser weiter lag oder an ihren eigenen wortkargen fünf Minuten.

»Über alles und nichts.« Das war nicht gelogen. Auch wenn die klare Abgrenzung ihrer eigenen kleinen vier Wände von der Außenwelt stets hilfreich dabei gewesen war, sie zielorientiert nachdenken zu lassen, so musste sie doch eingestehen, dass ihr Kopf aktuell einer Ansammlung von Bahngleisen glich, welche alle gleichzeitig befahren wurden. »Die Situation überfordert mich schneller, als ich bisher angenommen hatte«, seufzte sie und rieb sich die Augen, die von der schlechten Luft in dem Zimmer bereits das Brennen begonnen hatten. Sie sollte wirklich öfter mal die Fenster öffnen, auch wenn einige Meter darunter Autos entlang fuhren.

Ino verzog ihre Lippen zu einem bedauernden Lächeln. »Das liegt daran, dass du alles in deinem Leben immerzu zerdenken musst.«

»Zerdenken

»Es ist egal, um was es dabei geht. Ich beobachte dich schon dein ganzes Leben lang dabei. Statt Situationen einfach mal auf dich zukommen zu lassen, brütest du tage- und nächtelang über sämtliche mögliche Szenarien, nur um am Ende feststellen zu müssen, dass es doch nicht so schlimm gekommen ist«, erklärte Ino so selbstverständlich, dass Sakura sich unweigerlich fragen musste, wie lang sie schon so über sie dachte. Auch wenn sie anerkennen musste, dass es sie durchaus treffend beschrieb, fühlte sie sich trotzdem gekränkt.

»Aber nur, wenn ich alle etwaigen Krisen einkalkuliere, kann ich auch angemessen reagieren, sollten sie eintreten!«, verteidigte sie sich deshalb und schob schmollend die Unterlippe vor.

Ino hingegen schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Ja und wie viele Krisen hast du umsonst in deinem Kopf durchlebt, weil sie nie wirklich eingetreten sind? Süße, auf Dauer machst du dich damit kaputt«, schloss sie etwas sanfter und aufrichtige Sorge trübte das sonst so strahlende Funkeln in ihren Augen.

Sakura schnaufte brüskiert. Da sie aber nicht wusste, was sie sagen sollte, ohne ihr Recht zu geben oder offen heraus zu lügen, schwieg sie.

»Du weißt, dass ich mir nur Sorgen um dich mache«, setzte Ino erneut an, doch Sakura unterbrach sie sofort.

»Ich weiß. Aber das macht es nicht immer besser.«

Eine Weile schwiegen die beiden sich an, die Blicke voneinander abgewandt. Es war Ino, die als Erste das Schweigen wieder brach. »War Hinata bereits hier? Wie ist das Gespräch verlaufen?« Die Enttäuschung in ihrer Stimme war trotz ihrer Bemühungen noch deutlich heraus zu hören.

Sakura jedoch blinzelte sie überrascht an. »Du hast doch gesagt, sie kommt am Nachmittag?«

Jetzt musste Ino lachen und die seltsam angespannte Atmosphäre zwischen ihnen löste sich in Nichts auf. »Wie lange sitzt du schon wieder hier drinnen und versauerst in deinen Gedanken? Es ist Nachmittag. Kurz nach vier, um genau zu sein.«

»Oh.«

»Ja, „Oh“. Wenn sie noch nicht da war, dann umso besser. Ich dachte schon, diese Angelegenheit mit der Wäsche hätte mir einen spannenden Nachmittag unter Frauen verdorben. Und jetzt hopp hopp, hoch mit dir und raus aus diesem Mief!« Ohne eine Antwort abzuwarten drehte sie sich auf dem Absatz um und rauschte wie eine Naturgewalt in Richtung Küche davon.

Bevor Sakura Ino folgen und sie fragen konnte, wo sie überhaupt Sai gelassen hatte, klingelte es und die Blondine wäre fast über ihre eigenen Beine gestolpert, so schnell schoss sie an ihr vorbei zur Tür.

Hinatas rot leuchtendes Gesicht tauchte wenig später auf dem Treppenabsatz auf und strahlte ihnen bis über beide Wangen entgegen. »H-hallo«, stotterte sie, doch es klang eher so, als würden ihre Zähne noch von der unmenschlichen Kälte von draußen klappern. Leicht außer Atem kam sie in der Wohnung der beiden an und ließ sich von Ino den Mantel von den Schultern streifen. Es schien ihr unangenehm zu sein, doch sie brachte keine Worte des Protests über die Lippen, nicht, dass das bei Ino überhaupt etwas gebracht hätte.

»Ihr wolltet, dass ich vorbei komme?« Sie hatte noch kaum die Schuhe von den Füßen gestülpt und sich der durchweichten Socken entledigt, da kam sie auch schon direkt zur Sache. Ino hatte nicht übertrieben, als sie gesagt hatte, dass Hinata etwas aufgelöst geklungen hatte, denn es schien, als würde sie sich tatsächlich um irgendetwas sorgen.

»Komm' doch erst einmal in Ruhe rein«, winkte Sakura ab und schenkte ihr ein freundliches Lächeln, von dem sie hoffte, dass es ihre Sorge etwas zu dämpfen vermochte, »Ich habe letztens in der Stadt einen hübschen kleinen Laden für Tee entdeckt und da musste ich an dich denken und habe eine kleine Packung grünen Tee gekauft, wenn du einen möchtest.«

»Sehr gerne, Dankeschön, Sakura«, stammelte Hinata verlegen und verbeugte sich ungebührlich tief. Sakura, die sich bei derlei Respektsbekundungen unbehaglich fühlte, überspielte das, indem sie sich bei Hinata unter hakte und sie in die Küche zog.

»Wo hast du Sai gelassen?«, fragte Sakura an Ino gewandt, während sie Hinata wortlos zeigte, wo sie ihre Socken zum Trocknen aufhängen konnte.

»Der musste noch mal auf Arbeit vorbei hat er mir gesagt.« Auf Sakuras verwunderten Blick hin zuckte Ino nur mit den Schultern und es schien, als wüsste sie genauso wenig, wie sie selbst.

Zur Überraschung der beiden war es Hinata, die etwas Licht in die Sache brachte. »Mr. Hatake hat ihn wohl herein zitiert, ich habe ihn gesehen, als ich das Gebäude verlassen habe«, warf sie ein und schreckte im nächsten Moment etwas zurück, als Sakura und Ino je einen Schritt auf sie zu machten.

»Weißt du etwa, was er von Sai wollen könnte?«

»Wieso ruft er ihn an einem Samstagnachmittag ins Büro?«

»Wie lange muss er denn bleiben?«

»Was machst du an einem Samstagnachmittag im Büro?«

Die beiden bestürmten Hinata mit so vielen Fragen und mit jeder Einzelnen schien sie ein wenig mehr in sich selbst zusammen zu sinken. »I-ich weiß es nicht«, piepste sie kleinlaut.

Als Sakura begriff, dass sie Hinata, trotz ihrer guten Vorsätze, eher in ihren Sorgen aufgrund des Treffens bestärkten, als sie ihr zu nehmen, schraubte sie einige Gänge zurück und griff nach Inos Schulter, um sie aus Hinatas unmittelbarem Dunstkreis zu ziehen. »Sai wird sich schon später melden.«

Das schien auch Ino aus ihrer Episode überschwänglicher Neugier zu reißen. »Du hast Recht, tut mir Leid. Eigentlich geht es auch gar nicht um Sai«, fügte sie hinzu und Hinata blickt erneut schüchtern zwischen den beiden hin und her. Sakura hatte ein schlechtes Gewissen, denn manchmal überrollten sie und Ino andere Menschen mit ihrer aufbrausenden Art und gerade Hinata war gewiss niemand, der damit besonders gut umgehen konnte. Sie nahm sich vor, in ihrer Gegenwart etwas ruhiger zu sein, zumindest ein bisschen.

Vorsichtig bugsierte Sakura mit ihren krampfenden Fingern drei Tassen Tee, welche die Luft mit ihren unterschiedlichen Aromen von Kräutern und Früchten schwängerten und in ihr das Bedürfnis nach frisch gebackenen Keksen auslösten. Irgendwie war es über die letzten Wochen natürlich geworden, dass sie nicht mehr nur noch zu zweit in der Wohnung waren und wenngleich Sakura Ino über alles liebte, war es ein schönes Gefühl, Freunde zu Besuch zu haben.

»D-Danke, Sakura.« Hinata schnupperte an dem Tee, welchen Sakura vor ihrer Nase abgestellt hatte und hob erstaunt die Augenbrauen. »Der Tee riecht köstlich«, stellte sie fest, »Kannst du mir die Adresse von dem Geschäft geben?«

Sakuras Lippen verzogen sich zu einem wissenden Lächeln, ehe sie Hinata mit der Hand bedeutete, kurz zu warten. Sie huschte in den Flur und wühlte in der Schublade des kleinen Schränkchens, auf welchem auch das Telefon stand, nach einem kleinen Kärtchen.

»Hier«, sagte sie und überreichte das kleine Kärtchen an Hinata, »für den Fall, dass dir der Tee schmeckt, habe ich direkt eine Visitenkarte mitgenommen.«

Ino seufzte theatralisch und stützte ihr Kinn auf der Hand ab. »Wann hast du das letzte Mal an mich gedacht, als du in der Stadt warst und mir etwas mitgebracht?«, jammerte sie gespielt beleidigt, ehe sie ungerührt an dem brühend heißen Tee nippte, als wäre es ein erfrischend kühles Wasser.

»Vor zwei Monaten, um genau zu sein, habe ich dir das letzte Mal etwas mitgebracht«, entgegnete Sakura mit einem hinterhältigen Grinsen.

Ino wirkte kurz perplex, ehe sie die Augen angestrengt zusammenkniff. »Und was war das bitte? Ich kann mich nicht erinnern.«

»Sai«, half Sakura ihr auf die Sprünge und Ino lief prompt puterrot an.

»Das zählt nicht!«, zischte sie.

»Oh doch, das zählt!« Zwar hatte sie Sai nicht auf der Straße aufgegabelt, mit der Absicht, ihn mit Ino zu verkuppeln, dennoch fand Sakura, dass sie maßgeblich zu ihrem Liebesglück beigetragen hatte.

Ino blähte nur die Backen auf und schwieg, was Sakura als Punktsieg für sich verbuchte.

Hinata räusperte sich und hatte direkt die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der beiden. »A-also«, begann sie zögerlich und pustete ihren Tee um Zeit zu schinden, als hätte sie es sich mit dem Reden direkt nach dem ersten Wort bereits anders überlegt, »Wieso genau wolltest du so dringend, dass ich vorbei schaue, I-ino.« Zum Ende hin wurden ihre Worte immer leiser und ihren Namen verschluckte sie fast gänzlich. Es schien ihr schwer zu fallen, das Wort an Ino zu wenden und gleichzeitig direkt in ihre Augen zu blicken, was Sakura ihr angesichts der stechenden Intensität, mit der die Blondine andere für gewöhnlich musterte, nicht verübeln konnte.

Sakura und Ino tauschten einen schnellen Blick und mit einem eindringlichen Nicken machte Ino ihr unmissverständlich klar, dass nicht sie diejenige war, die Erklärungsbedarf hatte. Sakura seufzte ergeben und begann damit, den gestrigen Abend für Hinata zusammen zu fassen. Ino ließ es sich nicht nehmen, auf Details einzugehen, die Sakura bewusst ausgespart hatte, um Zeit und Nerven zu sparen, wofür Sakura sie jedes Mal freundschaftlich in den Oberarm knuffte.

Hinata hatte schon nach den ersten Sekunden damit angefangen, nervös auf ihrer Unterlippe zu kauen, was ihrer ohnehin ruhelosen Erscheinung etwas Panisches verlieh. »Der Mann, von dem du redest, ist mein Cousin«, gab sie schließlich unumwunden zu. Sie wirkte auf Sakura nicht wie jemand, der gänzlich ahnungslos war, aber die Sorge in den sonst so sanften Augen ihrer Freundin war echt. »Ich wusste, dass er im Éclat Nocturne arbeitet, aber immer, wenn ich ihn auf Arbeit besuchen wollte, hat er mich abgewimmelt.«

Und jetzt weiß ich auch wieso. Sie sprach es nicht aus, aber ihre erschlafften, traurigen Gesichtszüge sprachen ganze Bände.

»Wie lange arbeitet er schon dort, weißt du das?«, hakte Sakura vorsichtig nach. Sie wollte nicht zu aufdringlich sein, denn sie konnte gut verstehen, dass es ein Schock für Hinata war, dass ihr Cousin in einem illegalen Speakeasy arbeitete.

Einen Moment lang schien Hinata tief in ihren Überlegungen versunken, ehe ihr Blick sich wieder klärte. »Seit etwas mehr als acht Jahren, wenn ich mich nicht täusche. Davor hatte er einige Jahre in einem Restaurant gelernt, bei welchem er schon in der Highschool nebenbei gearbeitet hatte.«

»Die Prohibition gibt es aber erst seit knapp sechs Jahren«, warf Ino ein und Sakura nickte.

»Das heißt, als er dort das Arbeiten angefangen hat, war es noch nicht illegal«, folgerte sie.

Hinata lächelte, aber es vermochte nicht ihre Augen zu erreichen. »Die ersten beiden Jahre nicht, nein, aber die letzten sechs Jahre war es illegal.« Sie wirkte auf einmal so erschöpft, dass sie um Jahre gealtert schien und Sakura hatte das Bedürfnis, sie in ihre Arme zu schließen.

»Und er hat wirklich nie mit dir darüber gesprochen? Gar nicht?« Ino hatte gewiss nicht die Intention gehabt, Hinata für irgendetwas verantwortlich zu machen und obschon ihre Worte sanft gesprochen waren, zuckte sie dennoch zusammen.

»Kein Wort. Nie.« Hinata schüttelte den Kopf und Sakura glaubte ihr. Ino schien noch etwas sagen zu wollen, doch ein mahnender Blick Sakuras genügte, damit sie ihre Lippen zu einer dünnen Linie zusammen presste und schwieg.

»Das heißt, du kannst uns auch nicht weiterhelfen. Was dort vor sich geht und wer alles dort ein- und ausgeht.« Es war keine Frage, eher eine Feststellung und dennoch schüttelte Hinata erneut bedauernd den Kopf.

»Leider nicht, nein. Außer du möchtest, dass ich mit Neji rede, Sakura.«

Neji. So hieß Hinatas Cousin also mit Vornamen. Er war kurz und schnörkellos und schien zu seinem Besitzer zu passen, den sie mit seinem aalglatten, minimalistischen Gebaren in Erinnerung hatte.

»Bloß nicht«, wehrte sie ab, »ich habe gerade erst Kontakt zu Sasuke Uchiha aufgebaut, ich möchte nicht, dass er mitbekommt, wie jemand in seinem Kreis mit neugierigen Fragen gelöchert wird. Zumal er uns zusammen im Café gesehen hat, Hinata. Wenn Neji ihm erzählt, dass du es bist, der ihm diese Fragen gestellt hat, wäre ein Rückschluss auf mich möglich, aber mir wäre es lieber, wenn er sich nicht daran erinnert, dass ich mit der Cousine eines Kellners befreundet bin, der für ihn zu arbeiten scheint.« Sakura nibbelte mit ihren Zähnen an einem losen Fetzen an ihrer Lippe, die von der eisigen Kälte im Winter stets schmerzhaft rissig waren. Der Gedanke war ihr jetzt erst gekommen, als sie so daher gesprochen hatte, doch es stimmte: Sasuke hatte Hinata und sie zusammen gesehen und dass sie sich nun als Cousine von Neji herausstellte, bereitete ihr einen neuerlichen Kopfschmerz.

Ino schien ihr anzusehen, dass sie schon wieder dabei war, alles zu zerdenken, denn sie legte ihr behutsam eine Hand auf den Arm, der ganz angespannt war von dem schraubstockartigen Griff, in welchem sie ihre Tasse gefangen hielt. »Nicht«, sagte sie nur und riss Sakura aus dem wirbelnden Gedankenstrom, in welchem sie sich fast verloren hätte, »Die Sache im Café ist fast zwei Wochen her und wenn er dich und Hinata aktiv zusammen wahrgenommen hätte, hätte er dich gar nicht erst zum Essen eingeladen. Er hat es nicht bemerkt. Dafür hast du und dein kleiner Wutausbruch schon gesorgt«, fügte sie scherzend hinzu, doch Sakura war nicht nach Lachen zumute. In ihr breitete sich ein mulmiges Gefühl aus, wie eine dunkle Vorahnung.

»Ich bin niemand, der einem lange in Erinnerung bleibt«, bemerkte Hinata leise und eine neuerliche Welle an Mitgefühl drohte Sakura zu überrollen. Es schmerzte sie, dass Hinata sich in einem so schlechten Licht betrachtete, wo sie doch so viele eindeutige Vorzüge hatte. Ihre unerschütterliche Freundlichkeit trotz ihrer offenkundigen Problem mit sozialen Interaktionen war nur eine davon.

»Sag so etwas nicht«, bat sie und ahmte Inos Geste nach, indem sie der schüchternen Frau eine Hand auf den Arm legte.

Diese zuckte nur scheinbar gelassen mit den Schultern. »Ich weiß, dass ich leicht zu übersehen und einfach zu vergessen bin. So bin ich nun einmal. So war ich mein ganzes Leben und so werde ich auch immer bleiben«, stellte sie nüchtern fest, doch zu Sakuras Erleichterung schien zumindest kein Bedauern in Hinatas Stimme mitzuschwingen, »Außerdem hat Mr. Uchiha mich bis zu diesem Tag noch kein einziges Mal gesehen. Wir sind uns in dem Café nie zufällig begegnet und Neji hat mich, wie gesagt, nie zu sich auf die Arbeit kommen lassen.«

»Siehst du? Kein Grund zur Sorge.« Ino zwinkerte ihr zu und auch wenn Sakura etwas beruhigter war, zupfte noch immer etwas nagend an ihrem Unterbewusstsein. Sie wollte sagen, dass Hinata und Neji sich absurd ähnlich sahen und es nicht schwer fiel, die Brücke zwischen den beiden zu bauen und dass Naruto in irgendeiner Form auch mit Sasuke zu tun hatte, sonst gäbe es für den erfolgreichen Autohändler keinen Grund in sein schäbiges Café zu kommen. Aber statt diese in ihren Augen äußerst fundierten Sorgen zu äußern, nahm sie einen Schluck ihres erkalteten Tees. Der Beutel war zu lange im Wasser vergessen worden und so war die Süße des Apfeltees so aufdringlich, dass Sakura keinen weiteren Schluck herunter bekam und die halbvolle Tasse wieder abstellte.

»Wir sollten vorerst trotzdem einen Bogen um dieses Café machen, Hinata«, sagte sie schließlich und bekam ein Nicken als Antwort.

»Ich weiß. Aber uns bleibt ja noch diese fantastische Pizzeria.« Ein ansteckendes Lächeln stahl sich auf Hinatas Lippen und Sakura kam nicht umhin, es zu erwidern.

»Wie?«, warf Ino ein, das Entsetzen in ihrem Gesicht wirkte nicht gespielt, »Ihr wart ohne mich Pizza essen?« Ehrliche Empörung spiegelte sich in ihren Augen wieder und Sakura musste kichern. »Ich wüsste nicht, was daran witzig ist!«

»Wir waren in der Mittagspause dort, Ino«, beschwichtigte Hinata sie, doch Ino schien das kaum als akzeptable Ausrede gelten zu lassen, denn sie verschränkte die Arme vor der Brust.

»Es gibt ab sofort eine neue Regel in diesem Haushalt und sie tritt ab heute in Kraft!«, verkündigte sie so heftig, dass ihr eine aberwitzige Strähne vor die Augen fiel.

Sakura grinste schelmisch und Hinata schien nicht ganz zu wissen, ob und wie sie reagieren sollte. »Und die wäre?«

»Wenn hier irgendjemand etwas Spaßiges unternimmt, weiht er mich gefälligst mit ein!«
 


 

Nachdem Hinata sich am Abend verabschiedet hatte, saßen Sakura und Ino noch stundenlang in der Küche und berieten sich über die neuesten Erkenntnisse und als das Telefon klingelte und sie aus ihrer hitzigen Diskussion riss, war Ino es, die sich freiwillig erhob und in den Flur eilte. Als Sakura ebenfalls aufstand, um durch die Tür zu spähen, sah sie, wie Ino wie zur Salzsäule erstarrt im Flur stand, den Hörer gegen das Ohr gepresst.

»Guten Abend... Ja, die bin ich. Ja, wir wohnen zusammen... Warten Sie einen Moment, bitte!« Ino löste sich vom Hörer und bedeckte die Sprechmuschel mit einer zitternden Hand. Sakura gestikulierte wie wild, damit sie sie darüber aufklärte, was hier gerade vor sich ging. »Da... Da ist Sasuke Uchiha am Telefon«, nuschelte sie wie benommen und blinzelte ein paar Mal, als versuchte sie, sich selbst aus einem Traum zu wecken.

Sakuras Gesichtszüge entgleisten ihr. »Was?« Nur mit viel Mühe hatte sie es geschafft, dieses einzige Wort ihrer Fassungslosigkeit als Zischen und nicht als Schrei über die Lippen zu bringen.

»Er war im Laden meiner Mutter. Sagt, er hätte jeden einzelnen Blumenladen in ganz Manhattan abgefahren. Er hat sie bequatscht - das kann er scheinbar gut - und sie hat ihm unsere Nummer gegeben. Und jetzt fragt er mich nach dir, Sakura.« Inos Gesichtsfarbe konkurrierte mit den weißen Holzvertäfelungen der Decke in ihrer Wohnung und noch nie hatte Sakura sie so erschüttert gesehen.

»Ich bin nicht hier! - Hat sie ihm auch unsere Adresse gegeben? - Ich bin nicht hier!« Sakura, die nicht wusste, wie sie reagieren sollte, machte hektische Bewegungen mit ihrer Hand, als versuchte sie einen Schwarm Mücken vor ihrem Gesicht zu verscheuchen.

Ino gewann ihre Fassung zurück und hob den Hörer wieder ans Ohr. »Ja, entschuldigen Sie... Wie kommen Sie auf diese Idee?... Ääh...« Ino, die einen seltenen Moment der Sprachlosigkeit erlebte, lief rot an und nahm den Hörer wieder herunter und hielt ihn zugedeckt. »Er will mit dir sprechen.«

»Ich habe doch gesagt, ich bin nicht da!«, zischte sie leise.

»Das wollte ich ihm auch gerade sagen, aber er grätschte mir direkt dazwischen mit einem „Sie haben gerade mit ihr gesprochen, nicht wahr? Wieso sonst hätten Sie vom Hörer weggemusst“ und darauf fiel mir nichts mehr ein«, gestand sie kleinlaut und hielt ihr auffordernd den Hörer hin.

»Du hättest sagen können, dass du erst einmal schauen musstest, ob ich überhaupt da bin!«, jammerte Sakura und wippte nervös auf ihren Füßen auf und ab.

»Jetzt mach schon!«, drängte Ino sie.

Langsam und vorsichtig, als versuchte sie mit bloßen Händen eine glühend heiße Auflaufform aus dem Ofen zu bugsieren, nahm sie den Hörer aus Inos Hand und trat ein paar Schritte in den Flur, um das Telefon nicht vom Schrank zu reißen.

»Guten Abend?«

Am anderen Ende hörte sie eine rauchige Stimme lachen. Eine Stimme, die ihr eigentlich fremder sein müsste und doch so vertraut klang. »Gehen Sie mir etwa aus dem Weg oder wieso schicken Sie ihre Mitbewohnerin vor?«

Auch wenn er das nicht sehen konnte, blähte Sakura beleidigt die Backen auf, sofort wieder wütend auf diesen verfluchten Mistkerl. »Ich schicke sie nicht vor«, blockte sie gereizt ab, »Noch können wir nicht durch das Telefon schielen, wer am anderen Ende sitzt. Sie war einfach als Erste am Hörer.« Obwohl es plausibel war und durchaus der Wahrheit entsprach, hörte sich die Erklärung in Sakuras Ohren trotzdem wie an den Haaren herbei gezogen an.

»Und deswegen musste sie mich abwürgen, um sich erst mit Ihnen zu besprechen?« Sie konnte ihn förmlich feixen sehen.

»Was wollen Sie?« Sakura ging nicht weiter auf seine Provokationen ein. Sollte er seine Spielchen doch mit jemand anderem spielen, sie hatte dafür wahrlich keine Nerven.

»Warum so kühl?« Seine Stimme hatte einen nüchternen Ton angenommen, fast, als wäre ihm die Lust abhanden gekommen, sich mit ihr zu unterhalten und sofort hatte Sakura das Bedürfnis, zurück zu rudern.

Sie biss sich in die Wange, bis sie etwas Metallisches schmeckte. »Stehen Sie noch immer neben der Mutter meiner besten Freundin?« Sakura machte eine wegwerfende Handbewegung, als Ino entgeistert dreinblickend einige Worte mit den Lippen formte, die Sakura nicht übersetzen konnte.

»Nein. Ich wollte der netten Dame nicht noch weiter zur Last fallen. Ich rufe Sie von meinem Zuhause aus an, wenn es Ihnen genehm ist.« Er hatte seinen neckischen Humor wieder gefunden, was Sakura als gutes Zeichen betrachtete. Dass sie gerade mit Sasuke Uchiha telefonierte, der sie von seinem privaten Telefon aus anrief, blendete sie geschickt aus.

»Wie kann ich Ihnen dann helfen?«

»Eigentlich gar nicht«, gestand er unverblümt, »Mir ist aufgefallen, dass Sie mir gestern Abend so schnell entschwunden sind, dass ich Sie gar nicht um Ihre Nummer bitten konnte.«

»Und deshalb waren sie in sämtlichen Blumenläden in ganz Manhattan?«, folgerte Sakura fassungslos, was am anderen Ende mit einem kehligen Lachen quittiert wurde.

»Selbstverständlich.« Es klang genauso, wie er es meinte. Für ihn war es vollkommen normal und legitim, so etwas zu tun, doch für Sakura ergab das alles keinen Sinn. Ganz und gar nicht. Jetzt hatte er ihre Nummer in Erfahrung gebracht und ihr damit die Möglichkeit genommen, sich ihm wieder gänzlich zu entziehen und Sakura fühlte, wie kalter Angstschweiß auf ihre Stirn trat. Was, wenn Inos Mutter ihm auch ihre Adresse genannt hatte?

Sie traute sich nicht, ihn danach zu fragen.

»Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«, erkundigte sie sich stattdessen vorsichtig und hoffte inständig, er möge mit „Nein“ antworten.

Eine ganze Weile lang war es so still am anderen Ende, dass Sakura überzeugt gewesen wäre, er hätte aufgelegt, wenn da nicht das Ausbleiben des typischen Pieptons wäre. »Könnte ich Sie eventuell für einen kleinen spätabendlichen Drink begeistern?« Sakura war etwas verblüfft darüber, wie gelassen er darüber sprach, etwas Verbotenes zu tun. »Ihre nette Mitbewohnerin muss auch keine Überstunden machen. Sie sehen auch ohne den Tand hinreißend aus«, fügte er hinzu, ehe sie etwas antworten konnte. Ino indes gab ihr zu verstehen, dass sie gerne mehr miteinbezogen werden würde, doch Sakura würgte sie erneut mit einer Bewegung ihrer Hand ab.

»Es ist elf Uhr?«

»Und? Es ist Samstag. Sie müssen morgen doch nicht arbeiten, oder?«

Sakura rollte mit den Augen. Nein, sie musste nicht arbeiten, doch das änderte nichts daran, dass es spät und sie schon müde war.

»Ich muss morgen nicht arbeiten«, entgegnete sie lahm und rieb sich die verschwitzte Stirn. Sie brachte sich selbst schon wieder in Teufels Küche und das nur, weil sie dieses eine verflixte Wort „Nein“ nicht über die Lippen bringen wollte.

»Gut, ich hole Sie in einer halben Stunde am gleichen Ort ab, wie letzte Woche.« Und, gewitzt wie er war, legte er auf, bevor sie protestieren konnte. Das gleichtönige Piepen dröhnte wie eine Spotttirade in ihren Ohren.

»Er holt mich in einer halben Stunde ab«, wiederholte Sakura dümmlich und legte auf. Ino quietschte vergnügt und verschwand sofort in ihr Zimmer. »Er hat gesagt, du musst mich dieses Mal nicht herrichten«, rief sie ihr hinterher. Inos Kopf tauchte schmollend in ihrer Tür auf, aber Sakura zuckte nur mit den Achseln. »In einer halben Stunde, Ino.«

Ino schnaubte, trat aber wieder aus ihrem Zimmer heraus. »So kannst du aber nicht gehen«, warf sie ein und deutete auf den Pullover, in dem Sakura fast verloren ging und die Trainingshose, deren Bund nur durch mehrere energisch geknüpfte Knoten an ihren Hüften hängen blieb.

»Wirklich nicht?«, hakte Sakura mit vor Sarkasmus triefender Stimme nach, »Ich dachte, es wäre ein angemessenes Outfit, egal, wohin wir heute gehen.«

»Das würde ich nicht einmal anlassen, wenn er jetzt hierher käme, um über dein vorzeitiges Hinscheiden zu trauern«, bemerkte Ino trocken, als hätte sie Sakuras bissigen Scherz nicht mitbekommen.

Sakura ließ das so im Raum stehen, zusammen mit Ino, als sie in ihr Zimmer trat und ihren Kleiderschrank öffnete. Es war nicht so, dass sie selbst keine schicke Kleidung besaß, allerdings handelte es sich dabei ausschließlich um professionelle Kostüme, welche für die Arbeit perfekt waren, für den privaten Gebrauch jedoch denkbar steif wirkten.

»Sicher, dass du keine Hilfe brauchst?« Ino lehnte mit selbstzufriedenem Lächeln gegen die Wand neben ihrer Tür und verschränkte die Arme vor der Brust, »In fünfundzwanzig Minuten geht es schon los.« Sie imitierte das tickende Geräusch einer Uhr.

»Was schlägst du vor?«, gab Sakura nach und Ino verschwand, ohne zu antworten, was sie durchaus nicht wunderte und tauchte nur kurze Zeit später mit einem kompletten Outfit zurück. »Ich fühle mich irgendwie nicht gut dabei, die ganze Zeit deine Kleider zu tragen«, gestand Sakura, was Ino mit einem Rollen der Augen kommentierte.

»Mein Schrank ist dein Schrank«, winkte sie ab, »Ab mit dir!« Damit drapierte sie das dunkelgrüne, fast schwarze Kleid auf ihr Bett und verteilte umsichtig die kleineren Accessoires, welche sie auf die Schnelle zusammen gesucht hatte.

In Windeseile warf Sakura ihre bequeme Kleidung mit einem letzten wehmütigen Blick achtlos in die Ecke und zog sich das Kleid über. Es saß deutlich lockerer, als das erste Kleid, nur um die Taille war es etwas fester gebunden, um ihrem Körper eine Form zu verleihen. Der lange, ausladende Rock umwehte ihre Knöchel bei jeder Bewegung und die samtig weichen Ärmel, die knapp unterhalb ihres Ellbogen aufhörten, waren eine erfreuliche Veränderung zu dem schwarzen Kleid. Während sie den ein oder anderen Armreif über streifte, versuchte Ino mit einer Bürste und Wachs, etwas Form in ihre Frisur zu bekommen und als sie sich am Ende wieder einmal vor dem Spiegel betrachtete, fand sie, dass sie trotz der begrenzten Zeit ganze Arbeit geleistet hatten.

»Welche Ausrede habe ich denn dieses Mal, nichts zu trinken?«, fragte Sakura kraftlos, als sie vor der Wohnungstür standen und sie sich erneut von Ino in einen Mantel wickeln ließ, dessen Schnürung so komplex war, dass sie bezweifelte, ihn später alleine anziehen zu können.

Ino, die fertig damit war, sie wie ein Weihnachtsgeschenk zuzuschnüren, spielte gedankenverloren mit einer hellblonden Strähne ihres Haars. »Und wenn du einfach etwas trinkst?« Der Vorschlag blieb in der Luft hängen, wie der Geruch von verbranntem Brot und hinterließ auch einen ähnlich fahlen Geschmack auf der Zunge.

»Bist du wahnsinnig geworden?«, ereiferte sich Sakura fassungslos, »Das kann ich nicht machen! Es verstößt gegen alles, was ich vorhabe!«

»Süße, nichts für ungut...« Ino hielt inne und betrachtete sie mit einer unerschütterlichen Ernsthaftigkeit, die sie von ihrer lockeren Freundin nicht gewohnt war. »Niemand wird dich am Ende fragen, wie du dahin gekommen bist. Wie solltest du denn auch sonst etwas erreichen? Wie willst du denn auf Dauer glaubhaft und gleichzeitig gesetzestreu bleiben?«

Der Zweck heiligt die Mittel. Ein Satz, der in ihrer Branche nicht selten fiel. Aber sie hatte sich drei Dinge geschworen: Keine privaten Details, keine Gefühle, kein Alkohol. Und just in diesem Moment war sie im Begriff, das zweite von drei selbst auferlegten Gesetzen zu brechen und das binnen zweier Tage. Wenn Sakura ganz ehrlich zu sich selbst war, dann hatte sie mehr Angst vor den Auswirkungen von Alkohol auf ihren Körper und das in Gegenwart von Sasuke Uchiha, als denn davor, das Gesetz zu brechen.

Um nicht antworten zu müssen griff sie nach ihrem Haarband und verschob es so, dass es ihre Haare nicht mehr länger in die Augen drückte. Ino schien zu bemerken, dass sie auf Zeit spielte und bedrängte sie nicht weiter, sondern reichte ihr wortlos ihre Tasche.

»Habe ich noch eine Wahl?«, fragte Sakura schließlich beklommen, als sie sich nicht länger in banale Trivialitäten flüchten konnte, um noch mehr Zeit zu schinden. Ihre Hände waren seltsam kalt und klamm.

Ino schüttelte behutsam den Kopf, als würde das die Heftigkeit der Realität hinter dieser Erkenntnis etwas mildern. »Ich glaube, jetzt bist du schon zu tief darin verwickelt.«

Es gab wieder eine kurze Pause, die schwer über ihnen hing, wie ein mit Wasser vollgesogener Mantel. »Ich habe Angst.«

»Ich weiß.« Ino zog sie in eine Umarmung, die ganze Jahrzehnte zu überdauern schien und dennoch nicht lange genug war, um Sakuras außer Kontrolle geratene Gedanken und Gefühle wieder in geordnete Bahnen zu leiten. »Viel Spaß, Sakura.« Es war kaum mehr als ein Flüstern, und in dem rauschenden Tosen in ihren Ohren wäre es fast überhört worden.

»Danke.«

Als Ino quälend langsam die Tür hinter ihr verschloss und sie alleine in dem Hausflur zurück blieb, umgeben von Stille und dem flimmernden Licht einer kaputten Deckenleuchte, realisierte sie die Endgültigkeit der Konsequenzen ihrer Idee. Ihr war, als würde sie nicht die schäbigen Treppen ihres Hauses - die mit den abgesplitterten Kanten und dem grässlichen Mosaikmuster - hinab laufen, sondern geradewegs durch die sperrangelweit geöffneten Pforten der Hölle schlendern.

Das zweite Gesetz

Die kalte Luft drang an diesem Abend kaum zu ihr durch. In ihrem Kopf reihten sich eines um das andere Horrorszenario aneinander, eine endlose Schleife aus furchtbaren Dingen, die passiert sein könnten, ehe der Abend vorbei war. Und im Morgengrauen würde nichts als Asche übrig sein, welche in dem kalten Griff des Winters über die verbrannte Erde flockte, dem Puderschnee auf so groteske Art ähnlich.

Dass sie wie Espenlaub zitterte, merkte sie erst, als sie wie ferngesteuert an der gleichen Stelle zum Stehen kam, wie noch vor genau einer Woche. Die Geräusche der Stadt vernahm sie wie unter Wasser und obwohl sich der wolkenlose, von Sternen gesäumte Himmel über ihren Kopf und die Dächer New Yorks erstreckte, fühlte sie sich auf eine Art eingeengt, die ihr die Luft aus den Lungen presste.

Eine vorbei eilende Frau stieß mit Sakura an der Schulter zusammen, was sie beinahe von den Füßen, dafür aber gänzlich aus ihrer Trance riss. Ein paar Mal musste sie blinzeln, doch dann klärte sich ihr Blick wieder und ihre Gedanken legten eine Vollbremsung hin, während sie der Frau verdattert hinterher starrte. Bevor sie ihr jedoch etwas nachrufen konnte, war ihre Silhouette schon mit dem Rest der Menschenmenge verschmolzen und Sakura murmelte eine unflätige Bemerkung, gerade laut genug, dass ein vorbei laufender Mann sich kurz verwundert umblickte und die Straße nach einem Geist abzusuchen schien.

Sasuke Uchiha ließ sie auch an diesem Abend nicht lange warten und als der schwarze Benz neben ihr zum Stehen kam und es dieses Mal er selbst war, der von der Fahrerseite ausstieg, waren Sakuras pessimistische Gedanken endgültig wie weggefegt.

Er sah umwerfend aus in seinem ebenholzfarbenen Anzug und als er ihre Augen mit den seinigen gefangen nahm und ihr sein typisches Grinsen schenkte, hatte Sakura vergessen, woran sie bis gerade eben gedacht hatte.

»Wie schön, dass Sie es doch noch einrichten konnten«, grüßte er sie neckend und hauchte ihr einen bittersüßen Kuss auf den Handrücken. Als er sich quälend langsam von ihr löste, hinterließ er einen glühenden Fleck auf ihrer Haut, der in der kühlen Nachtluft zu pulsieren schien.

»Sie sind heute selbst gefahren?«, fragte sie anstatt einer Erwiderung.

»Mein Bruder hat für heute Feierabend«, erklärte er, während er ihr mit einer einladenden Geste die Beifahrertür aufhielt, »Überrascht Sie das?«

»Ja... ich meine, nein, ach, Sie wissen schon«, antwortete sie ihm, als er zurück ins Auto gestiegen war. Innerlich rügte sie sich dafür, dass sie schon wieder wie ein Schulmädchen stammelte, aber ihn schien es nicht zu stören.

»Weiß ich das?« Er zwinkerte ihr zu und sie starrte ihn unverblümt an, während er den Motor startete und zurück auf die Straße fuhr. Sie revidierte ihr Urteil, dass er „umwerfend“ aussah und änderte es ab auf „auf ungerechte Art perfekt“. Er war ganz klar einer von Gottes Lieblingen und das fand sie nicht fair. Sein Gesicht mit den kantigen Wangenknochen, über die sich seine makellose Haut spannte, wirkte wie von einem Künstler erschaffen und das glänzend schwarze Haare kontrastierte den hellen Teint auf eine Art, die ihn geradezu ätherisch wirken ließ. Sakura musste schlucken.

»Sie versuchen nicht einmal, das Starren etwas weniger auffällig zu machen«, witzelte er, was ihre Wangen aufflammen ließ.

»Merken Sie sich etwa jede meiner Spitzen, um sie im geeigneten Moment gegen mich zu verwenden?«

Er neigte seinen Kopf leicht in ihre Richtung, doch seine Augen blieben fokussiert auf die Straße gerichtet. »Würde Sie das stören?«

»Wenn ich „Ja“ sage, sehen Sie das erst recht als Anreiz«, stellte sie nüchtern fest.

Mr. Uchiha lachte amüsiert. »Vielleicht.«

»Dann wäre es wohl schlauer für mich, wenn ich mir künftig meine Bemerkungen verkneife«, schlussfolgerte Sakura.

»Nichts würde mich mehr betrüben.« Er sagte es mit einer felsenfesten Ernsthaftigkeit, auf die sie fast herein gefallen wäre, wäre da nicht das verräterische Zucken seines Mundwinkels.

»Sie sind schrecklich«, stichelte Sakura, doch sie selbst merkte, wie unglaubwürdig das aus ihrem Mund klang. Dennoch fasste Mr. Uchiha sich mit der Hand, die er für einen Moment vom Steuerknüppel lösen konnte, gespielt beleidigt an die Stelle seiner Brust, unter welcher sein Herz schlagen musste.

»Das verletzt mich.«

Sakura fragte sich unweigerlich, wie sein Herzschlag sich unter ihrer Hand anfühlen würde. Mit einem vehementen Kopfschütteln schlug sie sich den närrischen Gedanken aus dem Kopf.

»An was denken Sie gerade?« Seine tiefe Stimme schien in ihr zu vibrieren und als sie den Blick wieder hob, ruhten seine dunklen Augen glühend wie schwelende Kohlen auf ihr.

Sakura flehte zu Gott, dass die Ampel möglichst schnell wieder grün wurde, denn sie spürte, wie ihre Kehle trocken wurde und ihr die Worte fast im Halse stecken blieben. »An nichts Bestimmtes«, entgegnete sie eine Spur zu schnell und mit leicht spitzer Stimme.

Ein anzügliches Grinsen legte sich auf seine Lippen und Sakura war froh, dass sie saß und ihre Beine übereinander gekreuzt hatte, damit es nicht auffiel, dass sie leicht zitterten. Sie seufzte erleichtert, denn das Umschalten der Ampel ersparte ihr eine weitere Nachfrage, da er seinen regelrecht hypnotisierenden Blick von ihr lösen musste, um wieder auf die Straße zu schauen.

Sakura wandte sich ab und betrachtete die vorbei fliegenden Lichter der Laternen und den Schnee, der in den letzten Minuten wieder zu fallen begonnen hatte. Während sie sich auf den Geruch von Leder, Zitrone und Bergamotte in dem Auto konzentrierte, fiel es ihr leichter zu atmen und das nervöse Flattern in ihrer Brust beruhigte sich langsam.

»Wohin fahren wir eigentlich dieses Mal?«, erkundigte sie sich nach einer Weile, wenngleich sie wusste, dass sie darauf vermutlich erneut keine zufriedenstellende Antwort erhalten würde.

»Überraschungen scheinen Ihnen sehr zu missfallen«, stellte er amüsiert fest.

»Nicht wirklich, ich bin nur unfassbar neugierig«, antwortete sie wahrheitsgemäß. Es stimmte, sie war wirklich neugierig, was vermutlich auch der naheliegendste Grund für ihre Berufswahl war.

»Sie schreiben, Sie zeichnen, Sie kennen sich mit Herrendüften aus und Sie sind neugierig«, zählte er auf, »Was noch?«

»Fertigen Sie etwa einen Steckbrief von mir an?«, verlangte Sakura zu wissen, »Werde ich schon über die Staatsgrenze hinaus gesucht oder gibt es noch Hoffnung für mich, unterzutauchen?«, fügte sie frotzelnd hinzu.

»Mit Haaren so außergewöhnlich wie Ihren würde Ihnen das gewiss schwer fallen«, sinnierte er betont nachdenklich, was ihr ein Lachen entlockte.

»Dann müssen Sie aber noch hinzufügen, dass die gesuchte Person eventuell eine Perücke trägt«, warf sie ein.

»Stimmt, das macht die Sache wieder schwerer«, gab er mit einem Kopfnicken zu. Bevor Sakura weiter darauf eingehen konnte, bogen sie ab und sie stellte fest, dass sie sich auf dem Broadway befanden, was ein Gefühl von angespannter Vorfreude in ihr auslöste. Sie hatte das Bedürfnis, das Fenster herunter zu kurbeln und den Kopf heraus zu strecken, als würde sie das den Hallen der Kunst etwas näher bringen, doch sie besann sich eines Besseren und drückte sich stattdessen fast die Nase am kalten Glas platt.

»Stimmt etwas nicht?« Sakura drehte sich um und sah, wie seine Stirn sich runzelte und obgleich er sie nicht direkt ansah, konnte sie erkennen, dass er sich über etwas unsicher zu sein schien.

»Ich komme nicht oft auf den Broadway«, offenbarte sie ihm, »aber irgendwie hat er etwas Magisches an sich, finden Sie nicht? Das muss an der Kunst liegen, die hier geschaffen wird.«

»Interessieren Sie sich für das Theater?«, hakte er nach und Sakura antwortete mit einem heftigen Kopfnicken. Als ihr klar wurde, dass er das beim Fahren durchaus übersehen konnte, antwortete sie mit einem energiegeladenen »Ja!«.

»Dann nehmen wir einen kleinen Umweg.« Und damit bog er ein weiteres Mal ab und ein empörter Autofahrer, welchem sie bei dem spontanen Manöver den Weg abgeschnitten hatten, hupte laut hinter ihnen. Sakura wurde in den weichen Lederbezug ihres Sitzes gedrückt und mit einem Mal war sie sich überdeutlich bewusst, dass nicht sie diejenige war, die die Kontrolle über das Auto hatte.

»Wo fahren Sie denn jetzt hin?«, fragte sie atemlos, als sich die Szenerie um sie herum veränderte. Die Fassaden der Hochhäuser verwandelten sich und wo vorher hauptsächlich Glas und Beton zu sehen war, klebten nun kunterbunte Plakate, die für die neuesten Aufführungen von Tanzhäusern und Theatern warben. Sakuras Augen wurden größer, als sie erkannte, dass sie den Times Square erreicht hatten, das Herz des Broadway. Das Leben schien hier zu pulsieren, die Menschen, die zu so später Stunde noch auf den Straßen unterwegs waren, waren in schillernde Farben gekleidet. Einige von ihnen tanzten gelassen zu der Musik von Straßenkünstlern, andere versammelten sich um Parkbanken und genossen einfach nur die Gesellschaft, die sie sich gegenseitig leisteten.

»Der Times Square bei Nacht ist wahrlich ein Anblick.« Auf Mr. Uchihas Lippen lag ein wissendes Lächeln und sie beneidete den Mann plötzlich. Er konnte sich gewiss immer eine Vorstellung anschauen, wenn er das wollte, aber sie? Selbst wenn sie monatelang sparen würde, könnte sie sich kein Ticket leisten, für keines der Etablissements am Times Square.

»Es ist unglaublich schön«, pflichtete sie ihm bei und beobachtete mit einem sehnsüchtigen Ziehen im Herzen, wie die schrillen Fassaden langsam hinter ihnen verschwanden.

»Sie überraschen mich immer wieder, Madame«, gestand er ihr mit einer rauchigen Tonlage, die ihre Wangen warm werden ließ. Sie konnte sich nicht entsinnen, dass ein Mann sich jemals so gut angehört hatte in ihren Ohren. »Verraten Sie mir dieses Mal, woran Sie denken?« Jetzt war seine Stimme nicht mehr dunkel und lockend, sondern neckend und neugierig und von der Schnelligkeit, mit der er sein Auftreten veränderte, wurde ihr schwindelig.

»Wieso möchten Sie so unbedingt wissen, was in meinem Kopf vor sich geht?«, fragte sie anstatt einer Antwort.

»Damit ich in Zukunft weiß, wie ich sie derart zum Erröten bringen kann.«
 


 

Naruto sprang gereizt von seinem Schreibtisch auf. Er hörte, wie der Schlüssel sich im Schloss seines kleinen Appartements drehte, ehe die Tür so vehement aufgeschwungen wurde, dass sie gegen die Wand in seinem Flur donnerte.

»Könntet ihr wenigstens anklopfen?!«, schimpfte er, während er in den Flur stiefelte, um nachzusehen, wer wieder einmal ohne Ankündigung bei ihm auf der Matte stand. Er hasste es, als Einziger keine Familie oder eine Freundin zu haben, denn seine Kollegen waren wohl allesamt der Auffassung, dass er nichts zu tun hatte.

Jemals.

Ein großgewachsener Mann in eleganten, glänzend schwarzen Lackschuhen stand vor ihm, die Knickerbocker zur Hälfte von einem knielangen Mantel verdeckt. Den Hut, welchen er bis gerade eben so tief ins Gesicht gezogen hatte, dass man seine Gesichtszüge darunter nur erahnen konnte, hob er mit einer fließenden Bewegung vom Kopf, ehe er ihn sich beinahe inbrünstig an die Brust drückte.

Es war Shikamaru Nara, einer von Sasukes ältesten Kollegen und somit einer der wenigen Leute in ihrem Kreis, die auch Naruto schon über eine Dekade kannte. Da Shikamaru dank seines beängstigenden Intellekts einige Jahrgänge am College übersprungen hatte, hatten sie sich erst nach dem Studium wieder öfter gesehen.

»Gib uns keinen Schlüssel, wenn es dich so stört.« Shikamaru gähnte ausgiebig und wirkte genauso gelangweilt, wie immer. Die Schuhe, die dank des matschigen Schnees auf den Straßen kleinere Pfützen auf seinem Holzboden bildeten, hatte er auch nicht ausgezogen, wie immer.

Naruto rümpfte die Nase.

»Die Schlüssel habe ich euch für Notfälle gegeben«, merkte er missmutig an, »und du siehst nicht aus, als hättest du einen Notfall.« Er verschränkte die Arme vor der Brust und wartete darauf, dass sein Freund und Kollege sich und seinen unangekündigten Überfall erklärte.

»Ich wollte wissen, ob Sasuke bei dir ist«, eröffnete Shikamaru ohne großes Federlesen, »Er geht nicht ans Telefon. Im Autohaus ist er auch nicht.« Shikamaru war noch nie ein Mann großer Worte gewesen, trotzdem irritierte Naruto seine abgehackte Art zu reden selbst nach all der Zeit, die sie sich kannten.

»Und wie kommst du auf die Idee, dass er bei mir ist?« Naruto konnte die Male, an denen Sasuke vor seiner Tür aufgetaucht war, an einer Hand abzählen und Shikamaru musste das ebenfalls wissen, immerhin ging er in seinem Appartement praktisch ein und aus.

Shikamaru jedoch zuckte nur mit den Schultern. »Du bist sein bester Freund.«

»Er ist nicht hier«, konstatierte er trocken, »Hast du versucht, Itachi zu erreichen?«

»Natürlich«, antwortete Shikamaru lakonisch, »er hat mir gesagt, dass er auch nicht weiß, wo er ist. Er ist sein Bruder, nicht seine Mutter.«

Naruto rollte mit den Augen. Das war so typisch Itachi. »Ich kann versuchen, ihn anzurufen, aber wenn du ihn nicht erreicht hast und auch Itachi nicht weiß, was er wieder treibt, fürchte ich, kann ich dir auch nicht weiterhelfen.«

»Wie nervig.« Shikamaru legte den Hut in seiner Hand behutsam auf der Kommode neben der Zimmertür ab und richtete seine Krawatte.

»Was ist denn überhaupt los? Wieso musst du Sasuke unbedingt sprechen? Es ist später Abend«, erkundigte Naruto sich, während er Sasukes private Nummer auf der Wählscheibe eingab.

Zur Antwort kramte Shikamaru in seiner Manteltasche nach einem Brief, der auf seinem Weg hierher schon ziemlich gelitten hatte und entsprechend zerknittert aussah. Während es am anderen Ende der Leitung piepte, nahm Naruto den Brief mit der freien Hand hoch und untersuchte ihn auf eine Absenderadresse.

Nichts.

»Was ist das?«, fragte er.

»Ein Brief.«

Genervt stöhnend knallte Naruto den Hörer wieder auf die Gabel. Sasuke ging nicht ans Telefon, was ihn nicht weiter wunderte. Dass Shikamaru ihn mit seinen gewohnt überflüssigen Bemerkungen traktierte, trug nicht unwesentlich dazu bei, dass er gereizter wurde. »Und was für ein Brief?«

»Laut eigenen Angaben kommt er wohl von Übersee. Darin steht, dass wir dringend unsere Kontakte durchgehen sollten. Und dass der Sturm nur ein perfekter Vorwand war, keine andere Ausrede dafür suchen zu müssen, dass unsere Ware nur zur Hälfte angekommen ist.«

Naruto runzelte die Stirn. Was hatte Shikamaru da gerade gesagt? »Das heißt, das Schiff war von Anfang an nur zur Hälfte beladen?«

Shikamaru nickte düster und zog eine Schachtel Zigaretten aus dem Mantel. Bevor Naruto protestieren konnte, hatte er sich bereits eine angesteckt und der beißende Geruch von Tabak brannte in seiner Nase. »Aber die Seemänner haben dem Zoll erklärt, dass sie Teile der Fracht auf dem Atlantik verloren haben«, führte er seine Gedankengänge laut fort und erneut nickte Shikamaru.

»Ich weiß.«

»Scheiße.« Naruto raufte sich die Haare. Das war ganz und gar nicht gut. Nicht nur, dass die Leute vom Schiff offensichtlich Dreck am Stecken hatten, nein, auch ihre Zulieferer in Europa mussten sich einen mächtig schlechten Scherz erlaubt haben. Nur wer war die Person, die ihnen diese Information hat zukommen lassen? Ein pochender Schmerz breitete sich hinter seiner Schläfe aus, als er versuchte, die einzelnen Puzzleteile zusammen zu führen.

»Verstehst du jetzt, wieso ich mit Sasuke reden muss?«
 


 

»In diesem Haus gehen wir etwas trinken?« Sakura legte den Kopf in den Nacken und dennoch konnte sie das Ende des Hochhauses, vor welchem sie geparkt hatten, nur erahnen. Es gab immer mehr Hochhäuser in New York, doch diese waren gut darin, die wahre Größe der anderen mit ihrer eigenen zu kaschieren. In einem der bodentiefen Fenster brannte dämmriges Licht und Sakura konnte schemenhaft die Silhouette einer schlanken Frau erkennen. Ob sie ihnen den Rücken oder das Gesicht zugewandt hatte, konnte Sakura nicht erkennen, denn durch das Licht, welches auf sie fiel, schien die Frau aus nichts als Schatten zu bestehen.

»Wir müssen noch ein wenig laufen.«

Es dauerte einen Moment, bis Sakura begriff, worauf er anspielte und als sie sich ihm zuwandte, schürzte sie gespielt beleidigt die Lippen. »Langsam bin ich überzeugt davon, dass Sie sich über mich lustig machen.«

»Nichts läge mir ferner, Mademoiselle.« Er bot ihr seinen Arm an und zögerlich schlüpfte sie mit ihrer Hand unter dem seidig weichen Stoff seines Anzugs hindurch. Es fühlte sich richtig an, sich so an ihm festzuhalten und mit ihm über die lebhaften Straßen Manhattans zu flanieren, eine Tatsache, die sie zutiefst betroffen machte. Die anderen Menschen, zwischen denen sie sich sonst so oft wie verloren fühlte, verschwammen zu flüchtigen Randerscheinungen in ihrer Welt, die nur noch aus sich selbst und Mr. Uchiha zu bestehen schien. Er war mit seiner stoischen Art wie ein Ruhepol, der allen Lärm der Welt zu dämpfen vermochte. Wieder musste Sakura schlucken, als sie zaghaft das Kinn hob, um in anzusehen, nur um festzustellen, dass seine dunklen Augen schon längst auf ihr ruhten.

»Einer von uns beiden sollte nach vorne sehen«, scherzte sie, was er mit einem belustigten Schnauben quittierte. Trotzdem schaute er wieder nach vorn und zog seinen Arm so zu sich, dass sie in seine Richtung stolperte. Bei jedem Schritt spürte sie seine Muskeln an ihren Schultern und das warme, gemächlich blubbernde Gefühl in ihrem Magen intensivierte sich zu einem wilden Rauschen, welches sie in ihren Ohren zu hören vermochte.

»Möchten Sie auch eine?« Mr. Uchiha hatte eine hübsch gearbeitete Schachtel aus Metall aus seiner Anzugjacke gezogen. In goldenem Kursiv stand sein Name auf dem Deckel. Leger klappte er die Schachtel auf und fuhr mit dem Daumen über eine Zigarette, um sie halb heraus zu schieben.

»Gern, danke.« Ohne zu zögern nahm sie die Zigarette entgegen und fing an, mit ihrer freien Hand in ihrer Tasche nach einem Feuerzeug zu graben, doch bevor sie eines finden konnte, hatte Mr. Uchiha eines hervor gezogen und hielt ihr galant das entzündete Feuer vors Gesicht. »Danke«, ertönte es dumpf zwischen ihren zusammen gepressten Lippen, während sie ihren ersten Zug nahm.

»Ich wusste gar nicht, dass Sie rauchen. Das war ein Schuss ins Blaue«, meinte er, bevor er sich selbst ebenfalls eine Zigarette entzündete. Es stimmte, am gestrigen Abend hatte sie in seiner Anwesenheit gar nicht geraucht.

»Es gibt keine Autoren, die nicht rauchen«, bemerkte sie nüchtern.

»Oh, ein Berufsleiden, interessant. Gibt es davon noch mehr?«

Sakura schnaubte belustigt. »Unzählige. Schlaflose Nächte zum Beispiel, oder die Tatsache, dass man irgendwann - ohne eine Erinnerung daran, wie - in einer Bibliothek landet und sich über Dinge informiert, die geradezu absurd anmuten, die aber dennoch wichtig für die eigene Arbeit sind.«

»Beides passiert ihnen öfter?«, hakte er nach.

Sakura nahm einen tiefen Zug und beobachtete den Rauch dabei, wie er in der kalten Winterluft dicht wie Nebel aus ihrem Mund kam. »Öfter, als mir zuzugeben lieb wäre«, scherzte sie, »Und was ist mit Ihren Berufsleiden?«

Mr. Uchiha schnaubte nur. »Schlaflose Nächte sind auch mir nicht fremd«, eröffnete er, doch dann hielt er inne und schien zu überlegen, was er noch sagen konnte, »Und Nackenschmerzen. Ich fürchte, meine Körperhaltung ist nach acht Stunden Sitzen an einem Tisch nicht mehr die Beste.«

»Oh«, machte Sakura nur und nickte inbrünstig, »Das kenne ich auch. Aber ich sitze an meiner Schreibmaschine immer wie ein Schluck Wasser in der Kurve, nicht erst nach acht Stunden.«

Er lachte leise und schnippte seine Zigarette in eine Schneewehe am Straßenrand, wo sie mit einem letzten Zischen erlosch. »Sie müssen mich etwas lesen lassen«, bat er.

Sakura wurde rot um die Nase und schüttelte unterbewusst ihren Kopf. »Auf keinen Fall!«, wehrte sie kichernd ab, »dafür sind Sie nicht ernst genug!«

Mr. Uchiha warf den Kopf in den Nacken und lachte so herzhaft, dass die Menschen um sie herum auf ihrem Weg stehen blieben und sie fassungslos anstarrten. »Sie sind der erste Mensch, jemals, der mir sagt, dass ich für etwas nicht ernst genug bin.«

»Und ich habe es Ernst gemeint«, bekräftigte sie mit einem Schmunzeln, »aber abgesehen davon ist es ein weiteres Berufsleiden, dass man will, dass Menschen die eigenen Werke lesen, aber bitte niemand, den man persönlich kennt.«

»Ach ja, wie kommt das?«

Sakura zuckte mit den Achseln. »Ich weiß es nicht«, gestand sie, »aber irgendwie fühlt es sich seltsam. Als würde ich diesen Menschen eine Brücke direkt in meinen Kopf bauen, immerhin kennen sie mich ja.«

»Sie meinen also, dass es ihnen bekannten Menschen einfacher fällt, den Subtext ihrer Werke zu ergründen, als völlig fremden?«, forschte er nach.

Sakura nickte.

»Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen«, fuhr er fort, »dennoch muss ich Ihnen sagen, wie enttäuscht ich bin. Ich hätte gerne etwas von Ihnen gelesen.«

»Sie werden es überwinden«, frotzelte sie und tätschelte ihm besänftigend den Arm.

Mr. Uchiha verzog das Gesicht, doch Sakura erkannte nicht, welche Emotion dieser Geste zugrunde lag. »Jetzt sind Sie es, die sich über mich lustig macht.«

Ein süffisantes, siegessicheres Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. »Nichts läge mir ferner.«
 

Die beiden kamen vor einem geschlossenen Restaurant zum Stehen.

»Es ist zu«, stellte Sakura trocken fest und rüttelte an der Tür, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.

Mr. Uchiha hingegen schüttelte nur den Kopf und bedeutete ihr, zur Seite zu treten. Er klopfte an die Tür, in einer speziellen Abfolge, woraufhin ein Schlüssel knirschend in dem verrosteten Schloss umgedreht wurde und die Tür quietschend nach innen aufschwang. Mr. Uchihas feixte triumphierend, was Sakura mit einem gemurmelten »Angeber« quittierte.

Er geleitete sie nach drinnen, wo sie von einem Hünen in schwarzem Anzug begrüßt wurden, welcher andächtig nickte, als er erkannte, wer eingetreten war. Das Lokal war stockfinster, die Rollos der Fenster komplett herunter gefahren und nur eine einzelne Kerze brannte auf einem Tresen, neben welchem eine geöffnete Tür in einen Keller führte. Von unten drangen laute Geräusche und einzelne Gesprächsfetzen.

Nervosität kroch ihren Körper entlang, als sie zusammen eine Treppe tiefer in das Gebäude hinab stiegen. Der Gang war so schmal, dass sie hintereinander laufen mussten und die Luft wurde mit jeder Treppenstufe schlechter, die Geräuschkulisse lauter.

Die Spelunke, die jenseits einer heruntergekommenen Tür wartete, war geradezu schäbig im Vergleich zum Éclat Nocturne und es war offensichtlich, dass es hier nur um zwei Dinge ging: Alkohol und Glücksspiel. In dem Kellergewölbe standen dutzende Tische in verschiedenen Größen und über einige schien eine Art Teppich gespannt zu sein, auf dem Sachen standen, die Sakura aus der Distanz nicht entziffern konnte. Es roch nach einer Mischung aus Alkohol, Rauch, Schweiß und all den ekelerregenden Gerüchen der Nacht dazwischen. Sakura konnte nur mit viel Mühe ihren Würgereiz unterdrücken, als ihre Nase registrierte, dass der saure Gestank von Erbrochenem ebenfalls dazu gehörte.

Eine einzelne, kreisrunde Theke aus Holz, von welchem bereits die Buchstaben in mattem Goldlack bröckelten, teilte den Raum und war behangen mit zahllosen mehr oder weniger vollen Flaschen. Die Spiegel hinter den Regalen voller Flaschen hatten schon länger kein Putztuch mehr gesehen, doch es fiel Sakura nicht schwer, zu glauben, dass das geringste Problem der Anwesenden darstellte. Zwei Männer standen hinter der Theke und sie sahen aus, als könnten sie genauso gut irgendwelche Passanten sein. Sie trugen weder Anzüge, noch Hemden und auch sonst kein Zeichen, welches erkennen ließ, dass sie tatsächlich in diesem Etablissement arbeiteten, dennoch senkte einer der beiden den Kopf zum Gruß, als sie Mr. Uchiha an ihrer Seite bemerkten. Die Augen des anderen schienen jedoch an ihr zu kleben, was sie fast dazu brachte, sich unter seinem aufdringlichen Starren zu winden.

Auch der Umgangston war rau und vulgär und passte zu der restlichen Atmosphäre. Sakura hörte auf dem Weg zu einem freien Tisch, welchen sie sich selbst aussuchen und ergattern mussten, mehr unflätige Beleidigungen, als in vier Jahren College zusammen. Sie war bis auf eine einzige andere Dame in Begleitung vierer Herren in schlecht sitzenden Anzügen die einzige Frau in dem Kellergewölbe und dieser Umstand verleitete sie dazu, sich unterbewusst enger an Mr. Uchiha zu drängen. Die Frau am anderen Ende des Raums warf ihr einen kurzen, taxierenden Blick zu, ehe sie sich im Raum umsah und ihre Aufmerksamkeit schließlich wieder auf die Männer richtete, die sich in ihrer Gegenwart völlig ungeniert über einem Kartenspiel stritten.

Für einen Moment hatte Sakura das Gefühl, Mr. Uchiha hatte sich hier einen schlechten Scherz mit ihr erlaubt, doch als er ihr einen Stuhl anbot, an einem Tisch etwas abseits der Größeren mit den Wetteinsätzen, wurde ihr klar, dass er nicht mehr umkehren und sie hier heraus führen würde.

»Danke«, murmelte sie, doch das Wort ging in dem lauten Gegröle zwei Tische weiter unter, sodass sie ihre Stimme leicht pikiert anhob, »Danke«, brüllte sie förmlich.

Seine Lippen kräuselten sich zu einem belustigten Lächeln. »Was möchten Sie trinken«, fragte er ohne Umschweife und ohne sich neben ihr hinzusetzen.

Ein heißkalter Schauer jagte ihr über die Schultern und Sakura war froh, dass er diesen unter den langen Ärmeln ihres Kleides nicht erkennen konnte. Ino hatte Recht, es war zu spät, jetzt noch umzudrehen, hier in diesem Kellergewölbe mehr denn je.

Zitternd holte sie Luft und unterdrückte das Husten, welches der beißende Geruch beinahe ausgelöst hätte. »Ein Bier, bitte«, bat sie und versuchte sich an einem möglichst aufrichtigen Lächeln.

»Ein Bier?« Mr. Uchiha sah ehrlich überrascht aus.

Nervös rutschte sie etwas auf ihrem Stuhl herum, plötzlich ganz und gar nicht mehr überzeugt von ihrem Vorhaben. »Mein Dad hat früher immer Bier getrunken, wenn er mich zum Baseball mitgenommen hat.« Früher, als es noch legal war, zu trinken. Früher, als sie noch einen Dad gehabt hatte. Sakura schluckte und blinzelte die lästigen Tränen weg, die ihr immer in die Augen stiegen, wenn sie an ihre Eltern dachte.

»Ist alles in Ordnung?«

»J-ja.« Ihre Stimme brach, sodass sie sich räuspern musste. »Ja«, wiederholte sie, diesmal bestimmter und das Lächeln, welches sie dieses Mal auf ihre Lippen zwang, zitterte nicht mehr. »Es ist alles Bestens.«

Mr. Uchiha nickte ihr zu und verschwand in Richtung des Tresens. Sakura war nicht ganz wohl dabei, alleine zurück zu bleiben, doch die anderen Gäste des zwielichtigen Lokals waren viel zu vertieft in ihre Spiele, um ihr mehr als einen zweiten Blick zu schenken. Sie überschlug die Beine und suchte eine bequeme Position, doch ihr war, als würde sie auf brennenden Kohlen sitzen. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so dermaßen Fehl am Platz gefühlt.

Sakura beschlich das Gefühl, angestarrt zu werden und als sie den Kopf drehte, bemerkte sie, dass die Frau, welche nun nur einige Tische entfernt saß, sie mit Blicken förmlich zu durchlöchern schien. Sie hatte tiefrotes Haar, welches ihr glatt über die Schulter auf ein nachtschwarzes Cocktailkleid fielen. Für einen Moment kniff sie die Augen abschätzig zusammen, ehe sie etwas zu ihren männlichen Begleitern sagte, ohne sich dabei von ihr abzuwenden. Mit einer fließenden Bewegung erhob sie sich vom Stuhl und flanierte elegant in ihre Richtung.

»Guten Abend.« Ihre Stimme war wie warmer Honig. Sakura richtete sich etwas auf, als sie sich, ohne zu fragen, gegenüber von ihr hinsetzte und einen ihrer zierlichen Arme über die Lehne ihres Stuhls legte. Sie war bildhübsch und mit jeder ihrer grazilen, genaustens kalkulierten Bewegungen zeigte sie, dass sie die um ihre Reize wusste und sich darauf verstand, diese auch am für sie effektivsten zu inszenieren.

Sakura nickte ihr zu. »Guten Abend.« Sie hatte nicht vor, einen Schritt auf die fremde Frau zuzumachen und ihr den Weg zu einer Konversation zu formen, immerhin war sie es gewesen, die zu ihr herüber gekommen war.

Die rothaarige Frau warf einen kurzen Blick über die Schulter, scheinbar um sich von irgendetwas zu vergewissern, ehe sie das Wort ergriff. »Ich bin Karin«, stellte sie sich vor und ihre sinnlich geschwungenen, blutroten Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, welches eher von Kalkül als von Freundlichkeit zeugte. Es erreichte ihre Augen nicht, die Sakura weiterhin forschend musterten.

»Sakura.«

»Sakura, ein schöner Name«, säuselte sie und klang dabei schrecklich gelangweilt, »Sakura, hören Sie mir jetzt gut zu.« Das unterkühlte Lächeln auf ihren Lippen erfror gänzlich und zurück blieb ein harter Ausdruck, der deutlich machte, dass sie nicht an Sakuras Tisch gekommen war, um höfliche Floskeln mit ihr auszutauschen. »Eine Frau, wie Sie eine sind, hat hier nichts zu suchen. Das meine ich nicht böse. Ich bin lediglich um Sie besorgt.« Karin klang alles andere als besorgt, als sie sich über die Tischkante beugte und ihr Kinn auf einer Hand abstützte.

»Wie komme ich zu der zweifelhaften Ehre ihres ungefragten Rats?«, fragte Sakura, die sich ihrerseits auf dem Stuhl zurück lehnte und die Hände über ihrem Schoß faltete, gelassen.

Ein amüsierter Ausdruck trat auf Karins Gesicht; ein Ausdruck, der sie stark an Mr. Uchiha erinnerte. Unwillkürlich schauderte sie. »Wir Frauen müssen aufeinander aufpassen, denn diese Kerle hier« Sie beschrieb einen beinahe sinnlichen Halbkreis mit ihrem Kopf, um die Gesamtheit der männlichen Anwesenden anzudeuten. »Diese Kerle hier tun das ganz gewiss nicht.«

Sakura glaubte nicht an Karins hehre Beweggründe, doch sie bekam nicht mehr die Gelegenheit, ihr das mehr oder weniger subtil mitzuteilen, denn Mr. Uchiha war zurück an ihren Tisch getreten und stellte eine Flasche Bier mit Nachdruck vor Sakura ab. Schaum quoll am Rande der Öffnung und einige Tropfen liefen über.

»Was machst du hier, Karin?«, grollte er ohne ein Wort der Begrüßung.

Karin klimperte liebreizend mit ihren langen Wimpern und das Lächeln, welches sie ihm schenkte, wirkte so honigsüß wie ihre Stimme bei ihrer Begrüßung. »Eine neue Freundin finden«, entgegnete sie unschuldig und zwinkerte Sakura zu.

Mr. Uchihas Augen verengten sich. Scheinbar glaubte er ihr genauso wenig, wie Sakura, dennoch schien er sie zu kennen. Er hatte sie geduzt und sogar ihren Namen gekannt und das alleine genügte, um Sakura einen Stich zu versetzen. »Verschwinde, Karin.« Sein Tonfall duldete keinen Widerspruch und tatsächlich erhob sich Karin mit erhobenen Händen widerstandslos von ihrem Stuhl.

»Es war mir eine außerordentliche Freude, Sakura.« Sie winkte ihr zu und verschwand mit selbstbewussten Schritten zurück an ihren Tisch.

»Was hat sie von Ihnen gewollt?« Er ließ sich auf einen anderen Stuhl sinken, als zuvor noch Karin und irgendwie war Sakura darüber erleichtert.

»Nichts«, gab sie wahrheitsgemäß zurück und zuckte mit den Schultern, »Ich glaube, Sie sind zurück gekommen, bevor sie richtig mit der Sprache heraus rücken konnte.«

»Karin muss gesehen haben, dass Sie mit mir hier sind. Sie arbeitet für einen Konkurrenten«, erklärte er ihr und nippte an seinem Whiskey. Sakura fand nicht, dass das eine gebührliche Erklärung dafür war, wieso er sie mit Vornamen ansprach, doch sie biss sich auf die Lippen, damit diese eifersüchtigen Gedanken nicht aus ihr heraus platzten.

»Was genau ist dieser Ort eigentlich?«, fragte sie stattdessen ausweichend und griff mit ihrer Hand nach dem Bier. Das Glas war kalt und dennoch schien das Kondenswasser auf ihrer Haut zu brennen.

»Ein Casino. Zugegeben, zu dieser Zeit sind hier eher zwielichtige Gestalten unterwegs, allerdings waren andere mögliche Lokale bereits gänzlich ausgelastet.« Sakura beobachtete, wie er mit einem Finger beinahe andächtig über sein Glas fuhr, nur um nicht an das eigene in ihrer Hand denken zu müssen. »Das nächste Mal gehen wir wieder an einen angenehmeren Ort«, versprach er ihr und hielt ihr auffordernd sein Glas entgegen. Sakura biss sich auf die Lippen und prostete ihm zu, stellte dann aber die Flasche ab, ohne einen Schluck getrunken zu haben.

Mr. Uchiha runzelte die Stirn. »Ist wirklich alles in Ordnung?«

»Ich...« Sakura seufzte tief und schüttelte den Kopf. »Ich habe noch nie etwas getrunken«, gestand sie ihm, verwundert darüber, dass sie dabei klang, als würde sie sich dafür schämen, »Als es noch erlaubt war, war ich nicht alt genug«, fügte sie überflüssigerweise hinzu.

»Ach?« Er wirkte überrascht und amüsiert zugleich. »Sie haben es nie ausprobiert?« Sakura schüttelte hastig den Kopf und Mr. Uchiha lachte kehlig. »Und ich dachte schon, Sie wären wegen der Wahl des Lokals ernsthaft böse auf mich.« Wenn Sakura ehrlich zu sich selbst war, nahm sie nicht besonders viel von ihrer Umgebung war, wenn er in ihrer Nähe war. Noch ein Gedanke, den sie niemals laut aussprechen würde.

Sakura hob die Flasche in ihrer Hand an die Lippen und kniff die Augen zusammen, doch bevor sie einen Schluck herunter würgen konnte, wurde sie von Mr. Uchiha unterbrochen. »Sie trinken Ihren ersten Schluck, jemals und das, ohne vorher mit mir anzustoßen?«, empörte er sich theatralisch.

»Oh«, stammelte Sakura nur und folgte seiner neuerlichen Aufforderung. Das Klirren von Glas schien in ihren Ohren zu vibrieren.

»Nennen Sie mich Sasuke«, bot er ihr an, während sie zögerlich an ihrem Bier nippte. Beinahe hätte sie sich an dem kalten Getränk verschluckt, dessen herber Geschmack gewöhnungsbedürftig, aber durchaus nicht schlecht war.

»Das haben Sie mit Absicht gemacht!«, keuchte sie atemlos. Sie funkelte ihn warnend an, als sie die Flasche erneut ansetzte. Es war beinahe erfrischend, fast wie eine eisgekühlte Limonade an einem heißen Sommertag und zu ihrem eigenen Ärger musste sie gestehen, dass sie sich zumindest an den Geschmack auf ihrer Zunge gewöhnen könnte.

»Und?«, hakte er nach, ohne auf ihren Vorwurf einzugehen.

»Schmeckt nicht schlecht«, entgegnete sie, »Ich bin Sakura«, fügte sie hinzu und ein warmes, kribbelndes Gefühl breitete sich in ihrem Bauch aus. Ihr war, als hätte sie eine Hand voll Ameisen verschluckt, doch es war keine unangenehme Empfindung, weshalb sie einen weiteren Schluck trank.

»Übertreiben Sie es nicht, Sakura«, warnte Sasuke mit verräterisch zuckenden Mundwinkeln, »Wenn das das erste Mal ist, dass Sie Alkohol trinken, sollten Sie langsamer machen.«

Sakura rümpfte beleidigt die Nase, setzte die Flasche aber dennoch wieder ab. Er hatte ja Recht. »Kommen Sie öfter hierher, S- s-« Sie presste die Lippen aufeinander und wandte peinlich berührt den Blick ab. Es war ihr unmöglich, seinen Namen laut auszusprechen. Aus einem ihr unerklärlichen Grund fühlte sich das zu intim an.

»Nicht, wenn ich nicht muss. Ich kann mir auch schönere Orte vorstellen, um meinen Abend zu verbringen«, antwortete er ihr, ohne auf ihr unangenehmes Stottern einzugehen, was sie ihm wiederum hoch anrechnete. Er ließ keine Gelegenheit aus, um sie aufzuziehen, doch scheinbar nur, wenn es sich um einen harmlosen Spaß handelte und nicht, um sich über ernsthaftere Unsicherheiten lustig zu machen. »Allerdings wollte ich Sie heute Abend gerne wiedersehen, deswegen mache ich eine Ausnahme.« Ihr Griff um die Flasche verstärkte sich, um sich nicht an die Stelle ihrer Brust zu fassen, unter der ihr Herz wie wild pochte.

»Für mich müssen Sie sich keine Umstände machen«, klärte Sakura ihn auf, »meinetwegen könnten wir auf irgendeiner Parkbank sitzen, es könnte mir nicht egaler sein.«

Er musterte sie neugierig, während er von seinem Whiskey trank. »Ihnen wäre das tatsächlich egal, nicht wahr?« Es klang mehr wie eine Feststellung, über die er sich wunderte, als eine Frage, dennoch nickte Sakura bejahend. »So sehr ich Ihre schlichte Ansicht der Dinge genieße, ich werde mich nicht mit Ihnen auf eine Parkbank setzen. Zumindest nicht im Winter.«

»Schlichte Ansicht der Dinge«, wiederholte sie langsam und überlegte, ob sie das als beleidigend empfinden sollte. Sie trank von ihrem Bier und stellte fest, dass es ihr immer einfacher viel, die Flasche an ihre Lippen zu führen. Das, wovor sie sich am meisten gefürchtet hatte, war innerhalb weniger Minuten zu einer Banalität verkommen.

»Ich meine das im besten Sinne«, versicherte Sasuke, als hätte er ihr ihre Gedanken von der Stirn abgelesen.

»Das müssen Sie jetzt sagen, um Ihr Gesicht zu wahren«, kicherte sie.

»Touché
 

Die darauffolgenden Stunden vergingen unfassbar schnell mit ihm. Sakura wusste, dass es zu einem nicht unerheblichen Teil auch an dem Bier lag, welches ihr die Zunge löste. Sich mit Sasuke zu unterhalten war viel leichter, als sie bei ihrem ersten Aufeinandertreffen angenommen hatte und mit jedem Schluck, welchen er selbst trank, wurde auch er lockerer. Er besaß ein unfassbares komödiantisches Timing und brachte sie damit mehr als nur einmal zum Lachen. Karin warf ihr jedes Mal einen finsteren Blick zu, das bemerkte Sakura aus den Augenwinkeln, doch sie ließ sich davon nicht ihre gute Stimmung ruinieren.

Als das zweite Bier sich dem Ende zuneigte, spürte sie, wie ihr Geist langsam müde wurde und sie immer öfter gähnen musste.

Auch Sasuke entging das nicht, denn er nahm ihr die Flasche aus der Hand, bevor sie sie zu Ende trinken konnte und zog sie aus ihrer Reichweite heraus. »Wir sollten für heute Abend Schluss machen«, befand er.

Sakura nickte mit einem weiteren Gähnen. »Gerne. Ich möchte ungern an diesem Tisch hier einschlafen«, scherzte sie halbherzig und rieb sich die an diesem Abend ungeschminkten Augen.

Sasuke half ihr beim Aufstehen und öffnete ihr ihren Mantel, in welchen sie etwas ungelenkt hinein schlüpfte.

»Danke!«

Er erwiderte nichts, sondern nickte nur, ehe er ihr seinen Arm anbot. Dieses Mal zögerte sie nicht, als sie sich unter hakte. Ihre ersten Schritte waren vorsichtig und etwas stacksig, wie die eines neugeborenen Rehs. Sie spürte, dass ihr Körper und dessen für sie sonst selbstverständlichen Funktionen sich etwas fremd anfühlte, doch Sasuke führte sie sicher nach draußen an die frische Luft.

»Machen Sie jetzt etwas langsamer«, bat er, »die frische Luft intensiviert den Alkohol im Blut.«

Tatsächlich fühlte der kühle Wind sich wie ein Schlag ins Gesicht an, als sie die ersten Schritte in die Richtung unternahmen, aus welcher sie vor Stunden gekommen waren.

»Sie machen sich sehr gut«, lobte er sie leise.

Sakura aber fühlte sich nicht so, als würde sie etwas gut machen. Bei jedem zweiten Schritt drohte sie, mit dem Knöchel umzuknicken und sie verfluchte Ino stumm dafür, dass sie ihr zu ihrem ersten Abend mit Alkohol Stilettos angezogen hatte. Mehr als einmal musste sie die Finger in Sasukes Arm fest krallen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, doch wenn es ihn störte, so ließ er sich nichts anmerken.

»Schauen Sie nicht so viel nach unten, das macht es nur schlimmer.«

Sakura beherzigte seinen Tipp und es half wirklich. Statt auf ihre Füße und die schwankende Straße zu achten, fokussierte sie ihre Aufmerksamkeit auf die wenigen Menschen, die jetzt noch unterwegs waren. Es musste nach drei Uhr sein und die Straßen New Yorks hatten sich fast gänzlich geleert. Schnee fiel leise vom Himmel und begrub die unbefahrenen Straßen unter einer Schicht aus weißem Puder. Die meisten wirkten ein wenig verloren auf ihrem einsamen Weg durch die Stadt und Sakura wurde von einer Melancholie erfasst, die sie öfter verspürte, seit sie nach Manhattan gezogen war.

»Woran denken Sie?«, fragte er sie zum dritten Mal an diesem Abend.

»An mein Bett«, platzte es aus ihr heraus. Selten hatte sie sich so sehr darauf gefreut, sich in ihrer kühlen Dachgeschosswohnung unter ihren Decken zu verschanzen.

Sasuke lachte leise und verstärkte seinen Griff um ihren Arm. »Begleiten Sie mich doch zu mir. Es ist schon spät und mir wäre nicht wohl dabei, Sie in ein Taxi zu setzen. Und selbst fahren kann ich nicht mehr.«

Mit rosigen Wangen schaute sie zu ihm auf. Sein Blick war stur geradeaus gerichtet und er wirkte viel sicherer in seinem Gang, als sie und das obgleich er den harten Alkohol getrunken hatte.

Sakura biss sich auf die Lippen, die schon wieder spröde wurden von der kalten Luft. »Okay.«

Ihr Herz pochte so heftig, dass sie fürchtete, dass er es in der stillen Nacht hören konnte. Sie würde Sasuke Uchiha zu sich nachhause begleiten. Keine einzige Sekunde lang dachte sie über die Möglichkeiten nach, die sich ihr durch dieses Angebot von ihm boten, sondern nur darüber, was geschehen würde, wenn er die Türe hinter ihnen verschloss.
 

Ihr Weg endete an demselben Hochhaus, an dem sie vor Stunden geparkt hatten und Sakura hob überrascht die Augenbrauen. »Sie leben hier

»Meistens, ja«, antwortete er und Sakura versuchte zu begreifen, was er ihr damit sagen wollte. Er hatte mehrere Appartements? Sakura legte den Kopf in den Nacken und versuchte zu zählen, wie viele Stockwerke das Haus hatte, doch ihr wurde schwindelig.

»Pff«, schnaubte sie und schlug sich direkt darauf mit der Hand vor den Mund. Der Alkohol hatte ihr die Hemmung genommen, ihren inneren Monolog unter Verschluss zu halten.

Sasuke schien sich jedoch nicht daran zu stören, denn er griff nach ihrer Hand und führte sie in das Foyer des gewaltigen Hochhaus. Ein einzelner Nachtportier stand hinter einem grell ausgeleuchteten Tresen und begrüßte ihn mit derart viel aufgesetztem Respekt in der Stimme, dass Sakura sich fragte, ob er fürs Schleimen extra gut bezahlt wurde. Das Haus hatte sogar einen Aufzug, wie sie feststellen musste, was für gewöhnliche Wohnhäuser durchaus unüblich war.

Mit jedem Stockwerk, welches sie weiter nach oben fuhren, wurde sie nervöser und sie hoffte inständig, dass die Hand, welche Sasuke noch immer umschlossen hielt, nicht verschwitzt war.

»Wir sind da«, sagte er leise, als der Aufzug mit einem lauten Piepen zum Stehen kam und die Türen sich öffneten. Der Flur war wie ausgestorben, denn es gab nur eine einzige Tür, ganz am Ende – die Tür zu seinem Zuhause. Sakura hatte das Gefühl, ihren Herzschlag im Hals pochen zu spüren, als er sich ihrer Hand entledigte, um sie zu öffnen.

»Willkommen in meinem bescheidenen Heim.«

Sasukes Appartement war alles, nur nicht bescheiden. Nachdem er den Lichtschalter betätigt hatte, konnte Sakura erkennen, dass seine Wohnung ein einziger, riesiger Raum war, der durch einzelne Mauerelemente locker abgegrenzt war. Auf den ersten Blick konnte sie eine riesige Couch erspähen, der ein Kamin und eine ganze Wand voller Bücherregale gegenüber stand.

Sakura stützte sich mit dem Rücken an die Eingangstür, um sich ihre Schuhe ausziehen zu können, ohne dabei zu riskieren, zu Boden zu fallen. Sasuke hatte Recht gehabt: Die frische Luft hatte den Rausch in ihren Adern auf eine Art intensiviert, die sie niemals antizipiert hätte. Noch immer verspürte sie einen leichten Schwindel, wenn sie sich zu schnell bewegte oder gen Boden blickte.

»Folgen Sie mir, Sakura«, forderte er sie mit einem charmanten Lächeln auf und hielt ihr erneut die Hand entgegen. Zögerlich griff sie danach und ließ sich von ihm mitziehen.

Es war atemberaubend. Kein anderes Wort wurde dem gerecht, was Sakura sah, als sie den offenen Raum betraten und bodentiefe Fenster ihr den Blick über die ganze Stadt ermöglichten. Zu ihrer Rechten war eine kleine, aber durchaus hochwertig ausgestattete Küche mit einer Art Insel, auf der auch der Herd war. Zu ihrer Linken lag die Couch, welche sie vom Flur aus hatte sehen können. Der Raum war riesig und Sakura fragte sich, wie es hier wohl tagsüber war, wenn das Sonnenlicht das Appartement flutete. Unzählige Gemälde zierten die Wände und entgegen ihrer Erwartungen besaß er unfassbar viele Grünpflanzen in den unterschiedlichsten Größen. Das Einzige, was Sakura nicht in dem riesigen Loft nicht ausmachen konnte, waren ein Bett und ein Schreibtisch. Für diese für ihn gewiss sehr privaten Möbel hatte er wohl doch noch ein anderes Zimmer.

Sakura biss sich auf die Lippen. Es war wohnlich. Sehr sogar. Und sie fühlte glühenden Neid in sich aufwallen. Hier zu leben musste paradiesisch sein.

Sasuke löste sich von ihr und bedeutete ihr mit einer einladenden Bewegung des Arms, sich umzuschauen, während er zum Kamin ging, um ihn zu entzünden. Kurz schaute sie ihm dabei zu, wie er einige Holzscheite in den kalten Stein stapelte und diese mit einem Streichholz und etwas zusammengeknüllter, alter Zeitung entzündete, ehe sie sich von dem Anblick löste und stattdessen zu den Fenstern ging.

Alles wirkte von hier oben so unfassbar klein. Die wenigen Menschen, die nun noch unterwegs waren, waren kleine, tanzende Punkte in dem kreisförmigen Licht der Straßenlaternen. Selbst die Wolken schienen auf einmal in greifbarer Nähe und der Mond, den sie in so vielen Nächten kaum erspähen konnte, lugte hinter der Fassade eines Hauses auf der anderen Straßenseite hervor, als spielte er mit den Dächern der Stadt Verstecken.

»Wow«, wisperte sie und die Versuchung, mit den Fingern das kühle, blitzblank polierte Glas zu berühren, war beinahe übermächtig.

»Ein schöner Ausblick«, pflichtete Sasuke ihr bei und trat von hinten an sie heran. Sie war sich der Nähe seines Körpers zu ihrem überdeutlich bewusst, als sie seine Wärme unter ihre Kleidung dringen spürte. Hitze kroch in ihre von dem Alkohol und der kalten Nachtluft ohnehin glühenden Wangen, dennoch schaffte sie es nicht, sich von dem Panorama der schlafenden Stadt zu lösen.

»Sehen Sie mich an.« Die ungewohnte Sanftheit in seiner Stimme milderte die Forderung zu einer Bitte.

»Ich... Ich glaube nicht, dass ich das kann«, stotterte sie.

Sasuke lachte leise und er war ihr nahe genug, dass sie die Bewegung in seinem Körper erahnen konnte. »Ich hatte nicht vor, sie zu beißen.«

Zögerlich drehte Sakura sich also um und begegnete seinem Blick. Er schien zu merken, dass sie befangen war und trat taktvoll einige Schritte von ihr zurück. »Was geht Ihnen durch den Kopf?«

»Ich glaube, es wäre besser, wenn ich jetzt nachhause gehe«, platzte sie heraus.

Sasuke hob überrascht die Augenbrauen und musterte sie forschend. »Ich respektiere Ihre Entscheidungen, nur verraten Sie mir, woher der Sinneswandel kommt.«

Sakura spielte nervös mit ihren Fingern und suchte nach den richtigen Worten, doch immer, wenn sie ihn länger als drei Sekunden anblickte, schien ihr Kopf wie leer gefegt. Ob es an ihm lag oder an den zwei Bier, die sie vor einer gefühlten Ewigkeit getrunken hatte, wusste sie nicht.

»Ich schlafe nicht mit Frauen, die getrunken haben«, stellte er plötzlich fest, den Kopf leicht zur Seite geneigt, sodass das hereinfallende Mondlicht nur eine Hälfte seines Gesichts erhellte. »Falls es das ist, worum Sie sich sorgen. Dafür habe ich Sie nicht hierher eingeladen.« Die Überzeugung, die in diesen Worten nachhallte, war so ausdrücklich, dass es selbst durch Sakuras vernebelten Verstand durchzudringen vermochte.

Er meinte es wirklich ernst.

Kein Scherz, kein amüsiertes Grinsen.

Stattdessen erwiderte er ihren Blick mit einer unirdischen Intensität, dass sie die Augen abwenden musste. »Möchten Sie etwas trinken?«

Sakura blinzelte verwirrt. »Wir waren doch gerade erst etwas trinken«, antwortete sie etwas dümmlich.

Das Lachen, welches aus seiner Kehle schlüpfte, war beinahe als hell zu beschreiben und es bescherte ihr eine Gänsehaut, unter der sie fast erschauderte. »Ich meinte auch Wasser.« Damit verschwand er zu dem hübschen Marmortresen in der Küchenecke und suchte zwei Gläser aus einem der umliegenden Schränke. Sakura schürzte die Lippen und schmollte, folgte ihm aber auf tapsigen, immer noch unsicheren Füßen. Er hatte sie doch zu einem Drink eingeladen und nun besaß er die Unverfrorenheit, sich über dessen Auswirkungen auf sie lustig zu machen.

»Tun Sie das nicht, Sakura«, mahnte er. Als er sich nicht weiter erklärte, blickte Sakura ihn nur fragend an. »Dieser Ausdruck in ihrem Gesicht. Er lässt mich vielleicht doch noch schwach werden. Und ich breche nur ungern meine eigenen Gesetze.« Obwohl Sakura ihm nicht geantwortet hatte, schenkte er zwei Gläser Wasser ein und schob ihr das ihrige mit einer eleganten Bewegung über den makellosen Tresen hinweg zu. Das Glas ließ er los, doch seine Hand ruhte noch einige Sekunden länger als nötig an Ort und Stelle.

Ich habe schon zwei für Sie gebrochen. Froh darüber, eine Gelegenheit bekommen zu haben, ihre Gedanken nicht aussprechen zu müssen, hob sie das Glas an die Lippen, nur um beim ersten Schluck festzustellen, wie unfassbar durstig sie eigentlich war. Während Sakura möglichst langsam ihr Glas austrank, entledigte Sasuke sich seiner Krawatte und warf sie arglos zur Seite. Als er jedoch nicht bei seiner Krawatte aufhörte, sondern überdies noch die ersten zwei Knöpfe seines Hemdes öffnete und die Ärmel über die Ellbogen krempelte, hätte Sakura fast in ihr Glas gebissen.

»Wieso haben Sie mich dann mitgenommen?« Betont lässig schob sie ihm das leere Glas über den Tresen zurück.

Sasuke, der gerade im Begriff gewesen war, sich noch einmal nachzuschenken, hielt mitten in der Bewegung inne und starrte sie mit entgleisten Gesichtszügen an. »Warten Sie... Haben sie etwa... Sie haben gedacht, ich hätte Sie deswegen hierher eingeladen?«

Sakura, ahnungslos wie der Alkohol sie gemacht hatte, zuckte nur mit den Schultern und etwas an ihm veränderte sich. Sie vermochte nicht zu sagen, ob es seine Haltung oder seine Ausstrahlung war, denn der dunstige Nebel in ihrem Kopf hatte ihren sonst so flinken Verstand zum Erlahmen gebracht.

»Und Sie sind mitgekommen

Da machte es „Klick“ und Sakura lief augenblicklich knallrot an. Abwehrend hob sie beide Hände und schüttelte panisch den Kopf. »Nein! Nein, also nein, so meinte ich das nicht, nein, Sie verstehen das falsch, ich-« Kein einziger zusammenhängender Satz schaffte es mehr über ihre Lippen und noch ehe sie um ihre Fassung und eine bessere Erklärung ringen konnte, hatte Sasuke die wenigen Schritte, die sie voneinander trennten, überwunden.

Sakura musste sich leicht nach hinten über den Tresen beugen und den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen schauen zu können und obwohl sie noch immer leicht angetrunken war, verstand sie sehr wohl, warum seine nachtschwarzen Augen auf einmal noch um einige Nuancen dunkler wirkten.

Er war ihr so nahe, dass sie den Atem riechen konnte, der ihr warm über die Wangen strich. Das herbe Aroma von Whiskey und Rauch vermischte sich mit dem frischen Geruch von Zitronen und Bergamotte und unwillkürlich fragte sie sich, wie er wohl schmecken würde. Ein Gedanke, der ihre Wangen noch schlimmer entflammte.

Er musterte sie so aufmerksam, dass Sakura Angst hatte, er könnte ihre Gedanken lesen und der Teil ihres Verstandes, der mit dem Glas Wasser auszunüchtern begonnen hatte, schrie sie förmlich an, ihn von sich zu stoßender und Distanz zu kreieren, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht.

Die halbherzigen Proteste erstickten gänzlich, als sein Gesicht noch ein klein wenig näher kam und sie das Gefühl seiner Nase an ihrer förmlich erahnen konnte. Die Zeit schien einzufrieren und er auf eine Reaktion von ihr zu warten.

Das schrille Klingeln eines Telefons riss die beiden aus ihrem Moment und Sakura wäre vor innerer Anspannung beinahe an dem Tresen entlang auf den Boden gerutscht, als Sasuke sich fluchend abwandte und aus der Küche verschwand. Ihr Herz flatterte und sie hätte schwören können, dass sie einige Aussetzer gespürt hatte. Als sie sich mit einer fahrigen Hand die Stirn rieb, fühlte sie, wie warm ihr tatsächlich war.

Sie war noch immer ganz benommen, als Sasuke zurück kam. Sein emotionsloses Gesicht wirkte wie aus Stein gemeißelt und aus irgendeinem Grund machte ihr das mehr Angst als offen zur Schau gestellte Abneigung.

»Es tut mir Leid.« Seine Stimme klang rau, als hätte er sie seit Tagen nicht genutzt. »Es ist besser, wenn Sie jetzt gehen. Ich rufe Ihnen ein Taxi.« Und bevor Sakura etwas erwidern konnte, war er wieder aus dem Zimmer verschwunden und ließ sie mit dem Chaos in ihrem Inneren zurück.

Wie Sand zwischen den Fingern

Sakura war zum Heulen zumute, als sie auf der Rückbank eines Taxis lümmelte. Sie war froh, einen schweigsamen Fahrer erwischt zu haben, denn sie hätte es nicht über sich gebracht, sich um eine vernünftige Konversation zu bemühen. Die Fahrt nach Hause zog sich quälend lang und während Sakura auf dem herunter gekommenen Ledersitz ausnüchterte und die letzten Stunden ihres Lebens, insbesondere die letzten zehn Minuten mit Sasuke hinterfragte, zogen vor dem Fenster die leeren Straßen der Stadt an ihr vorbei.

Er hatte sie einfach so vor die Tür gesetzt. Nicht einmal nach unten gebracht hatte er sie und Sakura fragte sich, was er am Telefon besprochen hatte, dass er innerhalb von zwei Minuten von flirtend zu abweisend übergesprungen war. Sein kaltes Gesicht brannte erschreckend realistisch auf ihrer Netzhaut nach, wenn sie die Augen schloss, um zumindest dem schwindeligen Flimmern ihrer Sicht zu entkommen.

»Wir sind da«, stellte der Taxifahrer brummend fest und entließ sie wortlos aus dem Auto, nachdem sie ihn bezahlt hatte.

Missmutig knallte sie die Tür hinter sich zu und stapfte durch den frisch gefallenen Schnee die letzten Meter zu ihrem Haus. Der Flur begrüßte sie mit dem gleichen flackernden Licht, mit welchem er sich an diesem Abend auch von ihr verabschiedet hatte und obwohl die hässlichen, gesprungenen Mosaik Fliesen sonst eine Beleidigung für ihre Augen waren, haftete ihrem Anblick heute dennoch etwas Tröstliches an.

Sie war zuhause.

Ihr war, als wäre sie wochenlang nicht mehr hier gewesen, nicht nur ein paar Stunden und als sie umsichtig die Tür zu ihrer Wohnung öffnete und in den dunklen Flur horchte, wurde sie von dem sanften Schnarchen von Ino begrüßt. Sakura fühlte einen Stein von ihrem Herzen fallen, denn eine Rekapitulation des Abends war das Letzte, was sie jetzt gebraucht hätte.

Leise ließ sie die Tür ins Schloss fallen und zog sich die Schuhe von den Füßen, ehe sie auf Zehenspitzen in ihr Zimmer schlich und auch diese Tür hinter sich schloss. Erst dann traute sie sich, Licht zu machen und sich in dem kalten Schein ihrer alten Deckenlampe zu entkleiden.

Vor einer Stunde noch hatte sie sich auf ihr Bett und dessen Deckenberg gefreut, doch als sie sich nun darunter begrub, in der Hoffnung, eine Woche durchzuschlafen, wollte ihr einfach nicht warm werden.
 


 

»Wo zur Hölle warst du die halbe Nacht?«, fragte Naruto entgeistert. Seit einiger Zeit tigerte sein bester Freund vor der gläsernen Front seines Wohnzimmers auf und ab und machte ihn damit nervös. Dass er die ganze Zeit daran denken musste, dass Sakura vor einer Stunde noch dort gestanden und den Mond bewundert hatte, half ihm nicht, sich besser zu konzentrieren. Er konnte die Hitze in seinem Körper, die ihre Nähe in ihm entfachte, noch lauwarm unter seiner Haut prickeln spüren.

»Ich bin ein erwachsener Mann und kann tun und lassen, was ich will. Ich bin keinem von euch Rechenschaft schuldig«, erinnerte er ihn kühl, »außerdem können wir heute ohnehin nichts mehr unternehmen.« Sasuke fuhr sich durch die Haare, ehe er wahllos nach einer Flasche Whiskey in einem der Wandschränke seiner Küche griff und sich nach schenkte. Er bedeutete Naruto mit einem Blick, ob er auch einen wollte, doch dieser schüttelte nur energisch den Kopf.

»Du solltest dir nicht den Verstand benebeln«, riet er und Sasuke musste angesichts der Ironie, dass der unvernünftige Idiot, als welchen er Naruto kennen gelernt hatte, nun derjenige war, der ihm Ratschläge erteilte.

»Ich nehme einen«, warf Shikamaru dazwischen und Sasuke nickte grimmig. Eiswürfel klirrten auf Glas und nachdem er sich und Shikamaru eingeschenkt hatte, legte sich Schweigen über die drei Männer. Itachi hatten sie ebenfalls zu erreichen versucht, doch was sein großer Bruder trieb wusste niemand.

»Wir müssen die schwarzen Schafe in unserer Lieferkette finden«, fing Shikamaru ohne viel Federlesens an, nachdem er einen kräftigen Schluck seines Whiskeys genommen hatte, »aber scheinbar gibt es selbst bei unseren Produzenten in Europa welche. Das macht die Sache gewissermaßen mühsam.« Sasuke hatte das junge Genie immer für seine prägnante Art respektiert, wenngleich er an diesem Abend gerne seine Ruhe von alledem gehabt hätte. Wenn Naruto und Shikamaru ihn nicht angerufen hätte, wer weiß, was zwischen Sakura und ihm passiert wäre. Bei dem Gedanken an die junge Frau wurde ihm wieder heißer und er zwang sich, einen Schluck zu trinken.

»Für wann ist die nächste Lieferung angesetzt?«, fragte Sasuke, der sein Glas nunmehr in einem derart eisernen Griff festhielt, dass es ihn nicht verwundert hätte, wenn es zwischen seinen Fingern zerspringen würde.

»Zwischen Weihnachten und Silvester«, gab Shikamaru zurück.

»Hn«, brummte Sasuke nur und ließ sich endgültig von Narutos ruheloser Energie anstecken, indem er seinem Beispiel folgte und auf- und abschritt, »Du hattest die Sache mit den Dockarbeitern unter Griff bekommen, Naruto?«

Es war eine Feststellung, keine Frage, dennoch nickte der Angesprochene. »Ich habe dem Vorarbeiter mit Nachdruck klar gemacht, was für ihn auf dem Spiel steht«, bekräftigte er.

»Gut.« Sasuke blieb vor den beiden stehen. Das Mondlicht fiel von hinten auf sie, sodass es ihm zwischen Müdigkeit und einem leichten Rausch schwer fiel, ihre Gesichtszüge klar auszumachen. »Ihr werdet beide bei der nächsten Übergabe dabei sein, unsere Wareneingänge protokollieren und die Mitarbeiter des Schiffs durchleuchten. Ich will wissen, ob und welche Personalwechsel es gab und wer dahinter steckt, bevor ich jemanden mit nach Europa schicke.«

Shikamaru zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Mit nach Europa?«

»Natürlich. Du hast selbst gesagt, dass die Wurzel der Probleme vermutlich dort ist. Wir können es uns nicht leisten, auf nationale Erzeugnisse umzusteigen. Ganz zu schweigen davon, dass diese Bastarde auch Autos von mir geklaut haben«, knurrte Sasuke übellaunig.

Naruto und Shikamaru tauschten einen zögerlichen Blick aus. Ihm war bewusst, dass die wenigsten scharf darauf waren, mit einem riesigen Tanker über den Ozean nach Europa zu fahren, doch ultimativ konnte er darauf keine Rücksicht nehmen. Notfalls würde er selbst übersetzen und sich um das Problem auf eigene Faust kümmern. Eine Idee formte sich in seinem Kopf.

»Ich weiß nicht-«, begann Naruto und kratzte sich verlegen am Hinterkopf, doch bevor er weitersprechen konnte, wurde er von Shikamaru unterbrochen.

»Ich mache das.« Gelangweilt stellte er sein leeres Glas auf dem Tresen ab und begegnete seinem Blick mit der selben stoisch steinernen Miene, wie immer. »Es nervt zwar gewaltig, aber es führt kein Weg daran vorbei.«

Sasuke nickte nur anstatt einer Antwort. Naruto hingegen verschränkte die Arme vor der Brust und musterte Shikamaru eindringlich, soweit er das erkennen konnte.

»Wir sollten nicht nur zu zweit bei den Docks auftauchen«, warf Naruto schließlich ein, was ihm wieder die ungeteilte Aufmerksamkeit einbrachte, »ich habe den Vorarbeiter Azuma kennen gelernt. Der Mann hätte sich von mir in den Kopf schießen lassen, bevor er nachgibt, hätte ich nichts gehabt, um ihn zu erpressen. Er würde nicht die Ware selbst sabotieren, das wäre ihm das Risiko nicht wert, aber wenn nur zwei von uns kommen, wird er sich auch keine Mühe geben, uns weiterzuhelfen.«

»Ich pflichte nur ungern Narren bei«, begann Shikamaru und Sasuke musste schmunzeln, als er sah, wie Naruto sich bereits ereifern wollte, aber vorher von Shikamaru abgewürgt wurde, »aber nur mit zwei Mann aufzutauchen, wenn wir die Größenordnung der Unterwanderung nicht kennen, ist riskant.«

Sasuke rieb sich nachdenklich über das Kinn und konzentrierte sich auf das raue Gefühl seiner frischen Bartstoppeln. »Dann nehmt mit, wen ihr gebrauchen könnt, aber nicht mehr als fünf. Wir wollen nicht zu viel Aufmerksamkeit.«
 


 

Sakura erwachte am nächsten Morgen mit einem dumpfen Brummen im Kopf und als sie sich aus ihren Decken schälte und in die Küche schlurfte, stellte sie fest, dass Ino nicht mehr in der Wohnung war. Sie hatte ihr einen Zettel auf dem Tisch hinterlassen und beim Anblick der hübschen, geschwungenen Worte, fiel etwas von ihrem Trübsinn von ihr ab, wie die letzten störrischen Blätter von einem kargen Ast.

Hallo, Süße! Sai und ich sind einkaufen gegangen. Da ich nicht mitbekommen habe, wann du heim gekommen bist, wollte ich dich lieber weiter schlafen lassen. Ich bringe dir etwas mit! Kuss, Ino

Der Kaffee schmeckte an diesem Morgen bitterer als sonst und als Sakura fertig getrunken und geraucht hatte, wurde sie von einer ruhelosen Energie geplagt, die auch durch einen Anfall von Putzen und Aufräumen nicht gelindert wurde. Es half ihr dennoch, sich mit belanglosen Aufgaben zu beschäftigen, um ihrem Kopf etwas Ablenkung von den Erinnerungen des vergangenen Abends zu bieten.

Als sich ein Schlüssel im Schloss drehte, horchte Sakura auf und streckte den Kopf durch die Tür ihres Arbeitszimmers, welches sie in der letzten Stunde zumindest ein bisschen ordentlicher hergerichtet hatte.

»Sakura!« Ino strahlte heller als die Sonne, als sie sie erblickte und Sakura ließ sich nur zu gerne in eine ihrer inbrünstigen Umarmungen ziehen. Augenblicklich ging es ihr besser.

»Na, wie war euer Einkaufs-Date?«, wollte sie wissen. Vielleicht vergaß Ino, dass sie gestern Abend mit Sasuke unterwegs gewesen war, wenn sie sie nur lange genug mit Fragen überhäufte.

Inos Wangen wurden rosig und sie tänzelte freudig auf ihren Füßen. »Bezaubernd. Wir haben ein reizendes Café zwei Blocks von hier gefunden. Die Einrichtung war komplett zartrosa, stell dir vor!« Bei dem Gedanken an Sai verzog Sakura das Gesicht zu einer mitleidigen Grimasse. »Was denn?«, schimpfte Ino lachend und zog Sakura ohne Vorwarnung mit sich in ihr Zimmer.

»War Sai genauso begeistert von der Innenausstattung, wie du?«, neckte Sakura sie und ließ sich von Ino auf einen Sessel schubsen, der neben ihrem Schminktisch stand.

»Er hat es nicht kommentiert«, antwortete Ino ausweichend, was Sakura zum Lachen brachte. Damit war alles gesagt worden, was sie wissen musste.

»Wo hast du ihn eigentlich schon wieder gelassen? Etwa schon wieder bei der Arbeit?«, bohrte Sakura weiter.

Inos Augen verengten sich. »Ich weiß, was du hier versuchst, Haruno. Und nein, er ist nicht zur Arbeit. Er sagte mir, dass er schon seit Ewigkeiten nichts mehr fotografiert hat, deswegen ist er zu den Häfen gefahren.«

»Zu den Häfen?«

Ino zuckte nur mit den Schultern.

»Und wieso bist du nicht mit?«

Jetzt tippte Ino sich an die Stirn. »Bei der Kälte? Wie sehe ich denn aus?«

Wieder musste Sakura lachen. »Punkt für dich«, gestand sie ihr zu.

»Und jetzt schieß los: Was ist gestern Abend passiert? Ich habe gar nicht mitbekommen, wann und wie du heim gekommen bist«, wechselte Ino das Thema auffordernd. Sakura schwieg nachdenklich, während sie Ino dabei beobachtete, wie sie sich ihrer Winterkleidung entledigte und, bepackt mit einer prall gefüllten Tasche, in die Küche ging.

»Ich war bei ihm zuhause«, sprudelte es schließlich ohne Vorwarnung aus ihr heraus.

Ino, die damit angefangen hatte, diverse Frühstückssachen, wie frische Brötchen und Croissants, aus ihrer Tasche zu ziehen, hätte fast ein Glas Marmelade aus ihrer Hand fallen lassen. »Das«, schnaufte sie heftig, »Das ist der erste Satz? Was habt ihr... habt ihr-?« Ihre Augen wurden groß und Sakuras Wangen wurden rot, dennoch schüttelte sie bestimmt den Kopf. Ino atmete aus und Sakura konnte nicht sagen, ob es Erleichterung oder Enttäuschung war. »Mensch, Liebes, du kannst doch nicht so mit der Tür ins Haus fallen«, schalt Ino sie, »erzähl, aber von Anfang an!«

Also fasste Sakura den für sie wundervollen Abend zusammen, bis hin zu dem abrupten, unterkühlten Ende durch diesen nächtlichen Anruf. Währenddessen half sie Ino dabei, den Tisch einzudecken und Kaffee zu kochen und als die beiden Frauen Platz genommen haben, um gemeinsam zu frühstücken, war Ino fleißig am Plappern.

»Hach, Sakura, Sasuke ist völlig hin und weg von dir«, schwärmte sie verträumt. In ihrer Hand hielt sie einen Kaffeelöffel, welchen sie bei jedem Wort bedeutungsschwer hin- und her schwenkte und von welchem die ganze Zeit Tröpfchen in ihre Richtung regneten.

Sakura weichte dem Kaffeeregen halbherzig aus und lachte gequält. »Deine überschwängliche Freude ist unbegründet. Er hat sich bis jetzt noch nicht gemeldet und das, obwohl er mich so mir nichts, dir nichts vor die Tür gesetzt hat«, erinnerte sie, doch Ino winkte nur ab.

»Papperlapapp! Er wird sich heute noch melden«, beschwor sie ernst.

»Dein Wort in Gottes Ohr«, entgegnete Sakura wenig überzeugt, »ich wünschte nur, ich wüsste, wer ihn da angerufen hat und vor allem: Was sie besprochen haben. Sasukes Stimmung war danach um hundertachtzig Grad anders.«

Ino zuckte ratlos mit den Achseln. »Vielleicht ein Geschäftspartner«, schlug sie vor, »oder einer seiner Freunde war in einer Bredouille. Was auch immer es war, es wird sich aufklären, mach dir nicht schon wieder so viele Sorgen!« Damit wurden Inos weiche Gesichtszüge ernst und Sakura tat so, als hätte sie den letzten Teil überhört, indem sie nach einem der Brötchen griff und es aufschnitt.

»Ich habe gestern Abend noch eine Frau kennen gelernt«, begann sie, während sie das Konfitüreglas aufschraubte, »ihr Name war Karin. Sasuke scheint sie zu kennen, er hat sie mit dem Vornamen angesprochen.«

Ino stützte ihr Kinn auf eine Hand und versenkte den Löffel wieder in ihrem Kaffeebecher. »Wie sah sie aus?« Natürlich war das die erste und wichtigste Frage für Ino.

»Ich weiß nicht«, nuschelte Sakura halbherzig. Eigentlich wollte sie nicht über Karin reden, wieso sie also mit dem Thema angefangen hatte, wusste sie selbst nicht so recht. »Hübsch. Sehr hübsch sogar. Sie hatte Haare rot wie Blut und sehr ausdrucksstarke Augen. Eine Stimme wie flüssiger Honig. Ihr eingebildetes Gehabe empfand ich allerdings als außerordentlich lästig. Sie hat mir gesagt, dass ich – oder eher Frauen wie ich - in einem Lokal wie jenem, in welchem wir waren, nichts zu suchen haben.« Sakura verzog das Gesicht bei dem Gedanken an ihre unfreiwillige Unterredung mit der fremden Frau.

»Wie seid ihr überhaupt ins Gespräch gekommen?«, forschte Ino nach. Sie tat es Sakura gleich und griff nach einem der noch warmen, duftenden Brötchen.

»Sasuke ist an die Bar gegangen, um uns etwas zu trinken zu holen und dann ist sie einfach durch den halben Raum gelaufen, um sich neben mich zu setzen«, erzählte Sakura angesäuert, »Sasuke hat sie dann aber recht schnell verscheucht, als er zurück gekommen ist. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie mir etwas sagen wollte, dann aber von ihm unterbrochen worden ist.«

»Nun, dass er sie verscheucht hat, ist dennoch ein gutes Zeichen«, wandte Ino grüblerisch ein, »Er wollte seine kostbare Zeit nur mit dir verbringen!«

Sakura schnaubte vielsagend. »Er könnte jemandem vor deinen Augen einen Schlag ins Gesicht verpassen und du würdest noch eine Erklärung dafür finden, wie er mir damit seine Zuneigung deutlich machen will«, stellte sie trocken fest.

Ino lacht herzhaft, nickte dann aber. »Witzig wäre es, aber wahrscheinlich hast du Recht.«

»Nicht nur wahrscheinlich, meine Liebe. Du bist verrückt!«

»Nicht so verrückt, wie Sasuke nach dir«, konterte Ino schlagfertig. Sakura kam nicht umhin, ihr dafür Tribut zu zollen, indem sie ihr mit ihrem Kaffee zuprostete.

Den restlichen Morgen unterhielten sie sich über Sasuke und Sai und das anstehende Weihnachtsfest und der damit verbundenen Abwesenheit von Ino. Am Ende war Sakuras Bauch wohlig voll und ihre Stimmung zuversichtlich. Die beiden verbrachten den restlichen Sonntag zusammen und teilten all die Dinge miteinander, die im Trubel der letzten Monate viel zu kurz gekommen waren: Sie lackierten sich die Nägel, überarbeiteten Sakuras Kleiderschrank, schoben Möbel durch die Wohnung und lachten ausgelassen über Geschichten aus jüngster Vergangenheit und aus längst vergangenen Zeiten. Erst als Sakura müde ins Bett fiel, fiel ihr auf, wie sehr sie diese ausgedehnten, ereignislosen Tage mit ihrer besten Freundin vermisst hatte und als sie einschlief, war ihr Herz leicht und voller Freude.

Dass Sasuke den ganzen Tag über nicht angerufen hatte, um sein befremdliches Verhalten zu erklären, begriff Sakura erst am nächsten Morgen, als sie für die Arbeit aus dem Bett rollte. Ino war bereits am Campus und so verbrachte Sakura einen ruhigen, in sich gekehrten Morgen mit Kaffee und einem kleinen Frühstück, ehe sie sich fertig machte und die Wohnung ebenfalls verließ.

In etwas weniger als drei Wochen war Weihnachten und das sah man jetzt auch auf der Straße: Überall waren Straßenarbeiter, die Tannenbäume aufstellten, welche nach ihrem Feierabend in allerlei leuchtenden Farben behangen sein würden.

Kinder deuteten mit Begeisterung auf jeden einzelnen Baum, der ihren Weg säumte und ihre Eltern hatten ihre liebe Not damit, ihren Nachwuchs dazu zu bewegen, mit ihnen mitzulaufen. Zwischen den Laternen wurden Lampions gespannt, die im eisigen Wind eifrig hin und her wogten.

Sakura, die seit dem frühzeitigen Ableben ihrer Eltern ohnehin mit ihrer Weihnachtsstimmung zu kämpfen hatte, konnte dem Treiben an diesem Morgen so gar nichts abgewinnen. Sie war der fleischgewordene Griesgram, über welchen sie sich als Kind immer lustig gemacht hatte und auch wenn sie sich über sich selbst ärgerte und darüber, dass Sasuke so eine Macht über ihr mentales und vor allem emotionales Wohlbefinden hatte, konnte sie sich nicht zu besserer Laune bemühen.

Die Fahrt mit der U-Bahn war ereignislos und Sakura blendete die teils verschrobenen Gestalten, teils gehetzten Arbeiter und teils gestressten Weihnachtsbummler so gut es ging aus. Je dichter das Gedränge um sie herum wurde, desto mehr wünschte sie sich in ihr Bett zurück. Irgendwie war ihr an diesem Morgen alles zu viel, sodass sie sich richtig auf ihre Isolationshaft im Archiv freute. Die Ruhe und Hinata waren die einzigen Lichtblicke an diesem Morgen.

Sie begrüßte wortlos die Empfangsdame im Foyer, die nur mit einem knappen Nicken antwortete, ehe sie sich wieder ihrer Arbeit widmete. Angesichts der Menschentraube vor dem Aufzug entschied sie sich dafür, den Weg ins Archiv auf der Treppe zurück zu legen. Es erinnerte Sakura an Samstagabend, als sie Sasuke hinab in das zwielichtige Casino gefolgt war. Ein Schauer jagte über ihre Unterarme und es wurde nicht besser, als sie in das stets kühle Archiv trat.

Hinata war bereits da und begrüßte sie mit einem warmherzigen Lächeln, welches die emotionale Kälte in ihrem Herzen taute. »Guten Morgen, Sakura.« Ihre helle Stimme war erfüllt von ehrlicher Freude und es fiel Sakura leicht, sich von ihrem Lächeln anstecken zu lassen.

»Dir auch einen guten Morgen. Entschuldige, dass ich etwas zu spät bin, ich bin die U-Bahn gar nicht mehr gewohnt.« Sakura lachte etwas beschämt und verstaute ihre Sachen an ihrem Schreibtisch.

»Alles in Ordnung. Die Zeitungen werden dein Geheimnis niemandem verraten«, versprach Hinata, »aber wir müssen heute unbedingt anfangen, den Transfer vorzubereiten«, fügte sie mit höflichen Nachdruck hinzu.

»Den Transfer?«, hakte Sakura verwundert nach.

»Genau. Jeden Januar werden Artikel, welche älter sind als zehn Jahre, gesammelt und vernichtet und mit den Vorbereitungen beginnen wir immer Anfang Dezember«, erklärte Hinata fachmännisch und hob einen Stapel Papiere mit leeren Spalten nach oben, »Auf diesen hier sammeln wir die Daten und Überschriften der Ausgaben, damit nicht alles komplett verloren geht.«

»Wie wollen wir uns aufteilen?«, fragte Sakura. Sie ließ sich von Hinata, die zu ihr herüber gelaufen war, die Hälfte der Papiere in die Hand drücken.

»Ich mache A-M, also könntest du bitte N-Z machen, Sakura.«

Zur Antwort nickte Sakura und so trennten sich ihre Wege zwischen den Regalreihen. Die beiden arbeiteten in stiller Eintracht nebeneinander her und Sakura vermochte nicht zu sagen, ob es Minuten oder Stunden gewesen waren, als es an der Tür klopfte und die beiden aus ihrer konzentrierten Trance gerissen wurden.

Es war Kakashi.

Sakura blinzelte perplex, ihre Hände wurden schwitzig. Wenn Mr. Hatake sich die Mühe gemacht hatte, um ins Archiv zu kommen, konnte das nichts Gutes bedeuten. »Was machen Sie denn hier unten? Kann ich Ihnen weiterhelfen?«, fragte sie mit dünner Stimme, welche die aufgesetzte Höflichkeit nicht transportieren konnte.

»Ich wollte mit Ihnen sprechen, Ms. Haruno.« Jetzt wurde Sakura eiskalt. Ihr Boss hatte dunkle Augenringe, die eine deutliche Sprache sprachen. Er musste seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen haben und irgendwie genügte das, um ihr mulmiges Gefühl zu einer waschechten Panik anschwellen zu lassen. Dennoch nickte sie ihm zu, bemüht darum, gefasst zu wirken. »Nun, ich bin kein Mann großer Reden, deswegen spare ich mir eine Ansprache. Bei Ihnen stoße ich damit offenkundig ohnehin auf taube Ohren.« Sakura schluckte einen bissigen Kommentar herunter und wartete stattdessen darauf, dass er sich erklärte. »Ich hatte Ihnen doch ausdrücklich verboten, in der Sache mit Mr. Uchiha weitere Nachforschungen anzustellen.«

Die Stille, die daraufhin zwischen ihnen entstand, war so bleiern schwer, dass sie hören konnte, wie das Blut in ihren Ohren rauschte. »Wie kommen Sie darauf? Ich habe nicht gegen Ihr Verbot verstoßen!« Sakura bemühte sich um eine kühle Souveränität in ihrer Stimme und sie hoffte, dass er das verräterische Beben ihrer Lippen nicht sehen konnte.

»Sie sind eine grauenhafte Lügnerin. Einer der vielen Gründe, weshalb ich Ihnen gesagt habe, dass Sie sich diese Recherche aus dem Kopf schlagen sollen.« Er zog den dünnen Ordner unter seinem Arm hervor und warf ihn derart lieblos auf ihren Schreibtisch, dass einige Blätter sich daraus lösten. Nur dass es keine Blätter waren, wie Sakura feststellen musste, sondern Bilder. Gestochen scharfe, Bilder, perfekt geschossen, von ihr und ihm. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt und ein zögerlicher Blick auf Hinatas kreidebleiches Gesicht verriet ihr, dass sie wahrhaftig tief im Schlamassel saß.

»Woher haben Sie die?«, krächzte sie heiser. Eine ungute Befürchtung beschlich sie und das Gefühl, verraten worden zu sein, schoss wie lähmendes Gift durch ihre Adern.

»Das spielt keine Rolle. Sie sind fristlos entlassen.« Sakura schoss von ihrem Platz hoch und wollte protestieren, doch Mr. Hatake ließ sie gar nicht so weit kommen. Mit vor Wut verzerrten Gesichtszügen knallte er die geballte Faust so vehement auf ihren Tisch, dass der Großteil der sortierten Akten wie eine Lawine zu Boden rutschten. »Was glauben Sie, wieso sind diese Bilder noch nicht auf dem Titelblatt jeder Tageszeitung?«, herrschte er sie an.

»I-ich«, stotterte sie überfordert. Heiße Tränen sammelten sich in ihren Augen, ihre Kehle war wie zugeschnürt.

»Sie sind eine Närrin«, fuhr er erbarmungslos fort und griff nach einigen der Bilder.

Auf dem ersten sah man sie zusammen vor dem Éclat Nocturne, Hand in Hand. Das zweite Bild, welches er ihr so dicht vor die Nase hielt, dass sie selbst ohne Tränen in den Augenwinkeln kaum etwas hätte erkennen können, zeigte sie mit Sasuke vor dem Eingang zu dem Hochhaus, in welchem sein Loft lag, wieder Hand in Hand. Sakura musste den Rest der Bilder gar nicht sehen, um zu wissen, dass sie ähnlich belastend waren. Sämtliche Tagesblätter würden sich die gegenseitig zerfleischen für eine solche Schlagzeile und die Tatsache, dass sie an diesem Morgen in der U-Bahn auf niemandes Zeitung ihr Gesicht gesehen hatte, konnte nur eines bedeuten: Jemand sorgte dafür, dass die Schreibmaschinen der Zeitungen zum Erlahmen kamen. »Sie sind eine Närrin, wenn Sie dachten, Sie könnten hier ein gutes Werk verrichten! Wenn Sie geglaubt haben, Sie könnten auch nur versuchen, einen Artikel gegen Sasuke Uchiha zu publizieren! Was meinen Sie, wieso liegen diese Bilder mir vor, aber in den Zeitungen ist kein Wort über Mr. Uchihas neueste Errungenschaft zu lesen?«

Sakura verzog schmerzhaft das Gesicht, als hätte Mr. Hatake sie geschlagen. »Weil die Zeitungen nichts über diesen Mann veröffentlichen«, antwortete sie flüsternd und senkte den Blick, wie ein Teenager, der von den Eltern gerügt wurde.

Kakashi seufzte und fuhr sich durch die Haare. Mit einem Schlag wirkte er wieder sehr müde. »Sie sind wahrlich eine Träumerin, Ms. Haruno. In dem Moment, wo Sie versuchen, den Artikel einzureichen, bei egal welchem Verlag in diesem Land, stehen Sie auf seiner Liste. Und er würde Sie bis ans Ende dieser Welt verfolgen.«

Sakura begriff, dass er Recht hatte. Mutlos sackte sie auf ihrem Stuhl zusammen, die Schultern schwer wie unter der Last der ganzen Welt. »Mr. Hatake, ich bitte Sie...« Sakura musste schlucken. Sie wollte diesen Mann nicht anbetteln, doch er hielt ihren großen Lebenstraum in seinen Händen. Genau genommen hatte er ihn bereits zu Boden geschmettert und mit Füßen getreten. Eine Erkenntnis, die ihre Finger taub werden ließ.

»Auf wie viele Artikel sind Sie hier unten gestoßen? Artikel, die sich tatsächlich mit Mr. Uchiha und seinen vermeintlichen Nebenaktivitäten beschäftigen?«, bohrte er weiter, ohne auf ihre Bitte einzugehen.

Sakura schwieg beharrlich, während sie gegen ihren Willen gedanklich alle Artikel durchging, die sie zusammen mit Sai gesichtet hatte. »Nur die von Ihrem Vater«, flüsterte sie schließlich und seine Gesichtszüge offenbarten schmerzlichen Verdruß. Innerhalb weniger Minuten hatte sie mehr Emotionen auf dem Gesicht dieses Mannes gesehen, als in all der Zeit, die sie schon für ihn arbeitete.

Mr. Hatake wandte sich ab und war im Begriff, zu gehen. Sakura wurde von einer tief schürfenden existenziellen Angst ergriffen, die sie lähmte, als sie sich erheben und sich auflehnen sollte.

Kakashi war bereits an der Tür angekommen, die Hand am Knauf, als er sich noch einmal zu ihnen umdrehte. »Packen Sie Ihre Sachen und verlassen Sie umgehend das Gebäude, Ms. Haruno, Ihren letzten Gehaltsscheck schicken wir Ihnen per Post zu.«

»Wieso tun Sie das jetzt?« Sakura war zu erschüttert, um sich darüber zu wundern, dass Hinata sich an ihrem Platz aufgerichtet hatte. Schniefend rieb sie sich die Tränen aus den Augen, um besser sehen zu können und zu ihrer unendlichen Überraschung sah Hinata richtig wütend aus.

»Mischen Sie sich nicht ein, Ms. Hyuuga«, entgegnete Kakashi schroff, doch Hinata zuckte nicht, wie sonst so oft, vor ihm zurück.

»Sie haben mir gesagt, ich solle Sakura herum führen. Ihr die wichtigsten Regale zeigen und sicher stellen, dass sie findet, was sie finden soll. Und jetzt kündigen Sie sie? Einfach so? Sie wollten doch, dass sie Nachforschungen anstellt!«, empörte sie sich und mit jedem Wort schien sie größer zu werden. Sakura hatte noch nie mitbekommen, dass Hinata sich so überdeutlich artikulierte.

Kakashi stand wie angefroren an Ort und Stelle und nichts an ihm verriet, dass er sie überhaupt gehört hatte. Und da fiel es Sakura wie Schuppen von den Augen. »Sie wollten, dass ich weiter mache?!« Es war Frage und Anklage zugleich. »Sie haben dieses Verbot ausgesprochen, weil Sie wussten, dass ich alleine aus Sturheit weiter machen würde! Sie haben mich hier herunter versetzt, damit ich die Gelegenheit nutze, um zu recherchieren! Und jetzt kündigen Sie mir?«

»Sie haben die Aufmerksamkeit von Menschen erregt, denen ich nichts entgegensetzen kann«, sprach er leise, fast andächtig und in Sakuras Ohren klang es wie die schlechteste Entschuldigung der Geschichte, »Ich tue Ihnen hier einen Gefallen.«

Daran zweifelte Sakura stark, dennoch bewegte der fast sanfte Unterton in seiner Stimme sie dazu, sich etwas zu beruhigen und einen Augenblick darüber nachzudenken.

Es war Hinata, die als Erste wieder das Wort ergriff. »Sie haben Sakura die möglichen Konsequenzen verschwiegen und sie manipuliert, damit sie weiter macht und jetzt, wo es Ihnen zu unbequem wird, setzen Sie sie auf die Straße! Sie haben ihr nicht die Chance gegeben, selbst zu entscheiden, ob ihr dieses Risiko es wert ist!« Hinata schüttelte beherzt den Kopf und noch immer war es Sakura unmöglich, zu verarbeiten, was sich gerade vor ihren Augen abspielte. »Sie sollten sich schämen, Mr. Hatake.«

Ihr Boss wandte sich ab und Sakura vermochte nicht zu sagen, ob er sich dem anklagenden Blick Hinatas entziehen wollte oder ob es ihm schlicht egal war. »Ich wünsche Ihnen alles Gute für ihre berufliche Zukunft, Ms. Haruno.«

Sakura hatte das Gefühl, zu fallen und als Mr. Hatake die Tür hinter sich zuknallte, drehte sich der Raum um sie herum. »Hinata.« Der Name ihrer Freundin kam ihr als Wehklage über die Lippen. So viele Fragen brannten ihr auf der Seele, doch die Ereignisse der letzten Minute destabilisierten sie auf eine Art, die es ihr unmöglich machte, noch einen klaren Gedanken auszuformulieren.

Hinata hatte die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen gepresst und ihre Augen funkelten böse, eine Andeutung der Stärke, die unter der schüchternen, höflichen Oberfläche wahrlich ruhte. »Es tut mir Leid, Sakura«, sagte sie bestimmt und ein Hauch von Bedauern überschattete ihre Wut, »ich hätte dir von meinem Gespräch mit Mr. Hatake erzählen sollen. Ich hätte wissen müssen, dass er es nicht tut, es... es tut mir Leid«, wiederholte sie, dieses Mal etwas leiser und die angriffslustige Energie schien aus ihr zu weichen, wie die Luft aus einem angestochenen Ballon.

»Er wollte wirklich, dass du mich herum führst?«

»Er hat es nicht direkt gesagt, dennoch hat er es unmissverständlich klar gemacht«, betonte Hinata. Sie ließ sich nicht wieder auf ihren Stuhl fallen, sondern überbrückte die wenigen Schritte zwischen ihrem und Sakuras Schreibtisch, um mit ihrer zarten Hand behutsam ihre Schulter zu drücken. Eine tröstliche und gleichzeitig erschreckend endgültige Geste, von welcher ihre Augen wieder wässrig wurden.

»Was mache ich denn jetzt nur?«, schluchzte sie voller Verzweiflung. Auch wenn sie es nicht wollte, so konnte sie nicht verhindern, dass ihr heiße Tränen über die Wangen liefen.

Hinata musterte sie bekümmert. »Du solltest mit Ino reden und auch mit Sai.«

Es war das einzig Vernünftige. Hier sitzen zu bleiben und einen Nervenzusammenbruch zu erleiden war mit das Schlechteste, was sie in dieser Situation tun konnte. Zumal sie Kakashi nicht die Genugtuung verschaffen wollte, sie aus der Fassung gebracht zu haben. Also nickte sie knapp und erhob sich etwas zittrig von ihrem Stuhl.

»Soll ich... soll ich dir beim Packen helfen, Sakura?«, fragte Hinata vorsichtig und weil Sakura Angst davor hatte, dass ihre Stimme brach, wenn sie versuchte zu sprechen, schüttelte sie nur den Kopf. Hinata war empathisch genug, um ihre Entscheidung zu respektieren, weshalb sie zurück an ihren eigenen Tisch ging und anfing, ihre Listen zu sortieren.

»Ich gehe dann mal«, verkündete Sakura lahm. Sie wusste nicht, was sie sonst sagen sollte.

Einer von Hinatas Mundwinkel wanderte zu einem hilflosen Lächeln nach oben. »Es ist ja kein Abschied für immer«, sagte sie leise und Sakura nickte wieder.

»Ich weiß.«

»Möchtest du eine Umarmung?«

Und obwohl Sakura fürchtete, erneut in Tränen auszubrechen, konnte sie sich der Sehnsucht nach etwas Bestätigung und Trost nicht erwehren, also antwortete sie: »Gerne.«
 

Den Nachhauseweg mit ihrer kümmerlichen Box voll Sachen wollte Sakura nicht mit der U-Bahn bestreiten, weshalb sie sich ein Taxi an den Bürgersteig winkte. Es war noch so früh am Tag, dass die Weihnachtsbäume noch immer ungeschmückt am Straßenrand standen und Sakura fühlte sich wie entwurzelt, als sie auf die Rückbank eines mit Schlamm bespritzten Taxis stieg.

Dem Fahrer schien nicht zu entgehen, dass Sakura einen miesen Tag hatte, denn sein mitleidiger Blick im Rückspiegel brannte wie die Sommersonne auf ihrem Gesicht. »Wohin darf ich Sie heute fahren?«, erkundigte er sich vorsichtig nach der Adresse. Sakura nannte sie ihm und mit einem Nicken setzte er das Auto in Bewegung. Danach wurde es still zwischen den beiden und Sakura hatte ein Déjà-vu. Es war immer das gleiche Szenario: Sie kauerte auf der Rückbank, mal mehr mal weniger entsetzt und betete, dass die Fahrer ihr ihre Ruhe ließen, unfähig, eine vernünftige Konversation zu bestreiten.

Immer wieder atmete sie tief ein und beruhigte sich ein wenig, nur um erneut von der Erkenntnis, ihren Lebenstraum zerbröselt zwischen den Händen davon rinnen zu sehen, getroffen zu werden, wie von einem Blitzschlag. Die Fahrt zog sich in die Unendlichkeit und als Sakura endlich die Wohnungstür hinter sich schloss, wurde sie wieder von einer absoluten Stille umfangen, welche ihren Gedanken die Möglichkeit schuf, freien Lauf zu haben. Ino war noch in den letzten Vorlesungen vor Weihnachten und so gab es niemanden, der sie mit endlosem Geplapper von ihrer Trübsinnigkeit ablenkte.

Sakura schmiss die Box mit den wenigen Sachen, welche sie von ihrem Arbeitsplatz mitgenommen hatte, arglos auf den Küchentisch und schlurfte lustlos in ihr Zimmer, wo sie sich, ohne sich ihrer Straßenkleidung zu entledigen, in ihr Bett fallen ließ, um in einen traumlosen, doch unruhigen Schlaf zu fallen.

Geweckt wurde sie von Ino, die vorsichtig an ihre offene Tür klopfte. Sakuras Augen fühlten sich verklebt an, die Kehle trocken und als sie Ino müde anblinzelte, schnappte diese erschrocken nach Luft.

»Was ist denn mit dir passiert, Süße?«, keuchte sie entsetzt.

»Was meinst du?«, nuschelte Sakura in dem dämmrigen Delirium direkt nach dem Aufwachen.

»Du bist total verheult!«

»Was?«, krächzte Sakura verwirrt. Ungeschickt stand sie auf und ging ins Badezimmer, nur um festzustellen, dass Ino Recht hatte. Ihre Augen waren rot geschwollen und getrocknete Spuren aus Tränen schimmerten auf ihren Wangen.

Sie hatte im Schlaf geweint.

»Was ist denn passiert?«, fragte Ino noch einmal. Sie war neben ihr im Badezimmer aufgetaucht und noch immer in Mantel und Mütze gehüllt.

Sakura verzog das Gesicht zu einer schmerzlichen Grimasse, als ihr klar wurde, dass der heutige Tag kein Albtraum gewesen war. »Kakashi hat mich rausgeschmissen.« Die Worte hinterließen einen fahlen Nachgeschmack auf ihrer Zunge.

»Bitte?!« Inos Sorge war fassungslosem Entsetzen gewichen, was Sakura ihr durchaus nicht verdenken konnte, immerhin fühlte sie sich selbst genauso.

»Du hast mich richtig verstanden, Ino. Ich bin gekündigt worden. Fristlos.« Sakura zuckte mit den Achseln, ehe sie sich ihrem Spiegelbild zuwandte und den Wasserhahn auf eiskalt aufdrehte. Das Wasser wusch die getrockneten Tränen und auch einen Teil der Schwellung ihrer Augen davon, nicht aber das hohle Gefühl in ihrem Magen.

»Sai!«, quietschte Ino laut, doch das war nicht der Grund, weshalb Sakura zusammen zuckte. Bilder flackerten vor ihrem inneren Auge auf und die Leere, die sich durch ihren Körper und Geist gefräst hatte, wurde von einer nie erlebten Wut abgelöst. Sakura folgte Ino auf den Fersen und noch bevor ihre beste Freundin fragen konnte, was hier überhaupt vor sich ging, schob Sakura sich an ihrer Seite vorbei in Inos Zimmer und zeigte anklagend auf Sai, der den Anstand besaß, überfordert auszusehen.

»Du!«, schnaufte sie, »Du hast mich verraten!«

Ehe einer der beiden reagieren konnte, stürmte Sakura in die Küche und durchwühlte die Box nach dem Umschlag mit den Fotografien, welche sie Sai kurz darauf auf den Schoss donnerte.

»Was ist das hier?« Sakuras Stimme zitterte vor Zorn.

Sais Augenbrauen wanderten überrascht nach oben, als er die Fotografien aus dem Umschlag zog und sich anschaute und Ino, die sich von vorne über das Papier beugte, schnappte zum zweiten Mal an diesem Morgen nach Luft.

»Diese Bilder-!« Ino hielt inne und trat zurück. Ihr Blick zuckte zu Sakura herüber, welche die Arme vor der Brust verschränkt hatte. »Sai, was sind das für Bilder?« Ihre Stimme war brüchig und voller Enttäuschung, als hätte sie den gleichen Rückschluss gezogen, wie Sakura noch vor einigen Stunden.

»Es sind nicht meine«, antwortete er schlicht, sein Gesicht eine stoische Maske. Einen Augenblick lang sah er Sasuke unfassbar ähnlich und Sakura bekam eine Gänsehaut.

»Kakashi hat sie mir heute Morgen vor die Nase gehalten, nachdem er mir meine fristlose Kündigung mitgeteilt hat«, erklärte Sakura.

Sais Blick glitt zurück zu den Bildern. »Sie sind gut geschossen«, räumte er zögerlich ein, »aber ich bleibe dabei: Es sind nicht meine. Ich weiß nicht, woher Kakashi die hat.« Damit nahm er die Fotos und schob sie umsichtig zurück in den Umschlag.

»Wirklich nicht?«, hakte Ino nach.

»Hinata wusste auch davon«, warf Sakura dazwischen und plötzlich klebten zwei Augenpaare an ihr, »als Kakashi mich ins Archiv versetzt hat, hat er mir ihr darüber gesprochen und sie angewiesen, mich auf die richtigen Sachen stoßen zu lassen.«

Sai runzelte die Stirn und zum ersten Mal in diesem Gespräch war sein aalglattes Pokergesicht in Unruhe. »Das bedeutet im Umkehrschluss, dass er schon längst davon wusste, dass du die Sache nicht aufgegeben hast«, stellte er fest, »und nicht nur das: er wollte sogar, dass du weiter machst.«

»Aber wieso hat er dich denn dann gekündigt? Das macht überhaupt keinen Sinn!«, gab Ino zu bedenken und Sakuras Lippen verzogen sich zu einem freudlosen Lächeln.

»Das stimmt«, gestand sie, »Kakashi wusste davon. Und er wollte, dass ich weiter recherchiere. Bis diese Fotos in seine Hände gewandert sind und er angeblich von höher gestellten Persönlichkeiten unter Druck gesetzt worden ist. Dann hat er keine Sekunde gezögert, mich loszuwerden.«

»Sakura-« Ino biss sich auf die Lippe. Mit ihrem Mantel und ihrer Mütze wirkte sie deplatziert in dieser Situation, dennoch verschwendete sie scheinbar keinen einzigen Gedanken daran, sich ihrer viel zu warmen Kleidung zu entledigen. »Ich will Sai glauben«, sagte sie leise und senkte den Blick. Ob sie sich schämte, weil sie zum ersten Mal in ihrer jahrzehntelanger Freundschaft nicht sofort gänzlich hinter ihr stand oder weil die Situation sie überforderte, wusste Sakura nicht.

Sai schnaubte. »Ich war es auch nicht. Mag sein, dass die Kerle auf Arbeit alle hinter deinem Rücken über dich gelästert haben. Und dass Kakashi dich nachteilig behandelt hat, aber ich habe keinen Grund, dir etwas derart Niederträchtiges anzutun.«

Er hatte Recht und Sakura wusste das, dennoch stellte seine Erklärung sie nicht zufrieden. Vielleicht brauchte sie einfach jemanden, dem sie den schwarzen Peter zuschieben konnte und auch wenn das Sai gegenüber nicht fair war, fühlte Sakura sich so ausmanövriert, dass sie nur über die Unfairness nachdenken konnte, die ihr widerfahren war.

»Du solltest in nächster Zeit auf der Hut sein, wenn du mit Sasuke unterwegs bist«, riet Sai. Er wirkte nüchtern, aber nicht, als wäre er aufgrund Sakuras Vermutungen ernsthaft beleidigt, was ihr den Anflug ein schlechtes Gewissen bescherte. Vielleicht war ihr verzweifelter Rundumschlag wirklich unangemessen. »Die Fotos werden nämlich nicht aufhören, im Gegenteil. Und vielleicht begreifst du dann auch, dass es nicht ich war, der dich in das Licht der Öffentlichkeit zerren wollte.« Seine Lippen verzogen sich zu einem dünnen Strich und Sakura merkte sehr wohl, dass er unter der nonchalanten Oberfläche verletzt war.

»Das möchte ich gerne, Sai«, antwortete sie nach einer Weile des Schweigens.

»Ich sollte jetzt besser verschwinden«, entgegnete er und ehe Ino Einspruch erheben konnte, richtete er sich auf und zog sich an, »Ich rufe dich heute Abend an«, versprach er Ino und Sakura wandte den Blick ab, als die beiden einen Moment miteinander teilten, dessen Zeuge sie nicht werden sollte.

»Bis später, Liebling«, verabschiedete sie ihn und es war die Zurückhaltung in Inos Stimme, die Sakura endgültig davon überzeugte, dass sie hier im Unrecht war.

»Es tut mir Leid.«

»Was meinst du?« Ino wickelte ihren Schal vom Hals und zog sich die Mütze vom Kopf. Beides pfefferte sie in eine Ecke, in der kürzlich noch ein ganzer Wäscheberg gelagert hatte.

»Alles. Dass ich Sai so angefahren habe. Dass ich ihn verdächtige. Dass ich ihm immer noch nicht ganz glauben kann... oder will, ich weiß es nicht. Und dass er deswegen jetzt gegangen ist.« Sakura rieb sich den Arm.

Sie kannte Ino nun schon sehr lange und trotzdem schaffte ihre Freundin es immer wieder, sie noch zu überraschen. So auch in diesem Moment, als sie sie in eine lange, wortlose Umarmung zog.

»Manchmal gehen wir auf einem falschen Weg. Und manchmal auf einem richtigen. Und manchmal wollen wir auf dem richtigen Weg gehen, können es aber nicht, aber dafür hast du ja mich.« Ino schenkte ihr ein aufmunterndes, warmes Lächeln, welches die Kälte in ihren Knochen etwas vertrieb. »Und jetzt gibt es erst einmal eine heiße Schokolade und ganz viel ungesundes Essen!«
 

Die ganze restliche Woche verging zäh und obwohl Ino sie des Öfteren dazu animierte, das Bett zu verlassen, konnte Sakura sich am Freitag selbst riechen. Auch diese Tatsache genügte nicht, um sie dazu zu bewegen, die Decken von sich zu werfen und aufzustehen. Sakuras Schwermut war einer tiefen Frustration gewichen: Frustration ob ihrer Situation; Frustration über sich selbst und Frustration wegen dem ausbleibenden Anruf Sasukes. Seit gut einer Woche hatte sie nichts mehr von ihm gehört und mittlerweile war sie überzeugt, dass das auch so bleiben würde.

Die Sonne war bereits am Untergehen, als Sakura sich endlich aus ihrem Bett hievte. Das erkannte sie daran, dass die wenigen Sonnenstrahlen, die durch den dünnen Spalt zwischen ihren Vorhängen fielen, immer dämmriger wurden. Sie musste die Augen zusammenkneifen, als sie einen der Vorhänge zur Seite schob und geblendet wurde von dem ersten Sonnenlicht seit Tagen. Undeutlich brummend zog sie ihn wieder zu, ehe sie mit schmerzenden Gelenken in Richtung Badezimmer tapste.

Ihre Hygieneroutine ratterte wie automatisiert ab und als Sakura eine halbe Stunde später angekleidet im Flur stand und bereit war, ihre vier Wände zum ersten Mal seit Tagen zu verlassen, sah sie so schäbig aus, wie sie sich fühlte. Sie hatte eine ihrer viel zu großen Trainingshosen angezogen und sich einen alten, verwaschenen Mantel angezogen.

Unter anderen Umständen wäre sie so niemals aus dem Haus gegangen, doch Sakura hatte weit größere Probleme, als das Bild, welches völlig fremde Menschen von ihr hatten. Tatsächlich wurde sie regelmäßig angegafft, denn es war durchaus nicht üblich, dass eine Frau in ausgeleierten Hosen und übergroßen Mantel auf der offenen Straße spazierte.

Ihr Weg führte sie zur nächstgelegenen Bibliothek und nach einer unverhohlenen Musterung der Bibliothekarin und einem zweiten Blick auf ihren Ausweis fand Sakura sich in der Abteilung für Romane wieder. Wenn schon ihr eigenes Leben so chaotisch war, wollte sie wenigstens über das perfekte Leben einer weiblichen Protagonistin lesen, der im Leben und der Liebe alles gelang. Lustlos blätterte sie durch die Seiten, nur um festzustellen, dass nichts von dem, was sie las, haften blieb und als Sakura das nächste und übernächste Buch aus den Regalreihen zog, verfing sich die Zeit zwischen den Zeilen, deren Inhalt ineinander verschwammen.

»Hier sind Sie also.« Eine männliche Stimme riss Sakura aus dem endlosen Kreislauf des Lesens und Vergessens und als sie aufblickte, um zu sehen, wer sie bei ihrem stumpfen Zeitvertreib unterbrochen hatte, wäre sie fast vom Stuhl gefallen.

»Sasuke!«, entfloh es ihr und binnen weniger Augenblicke wünschte sie sich ein Loch herbei, in welchem sie sich versenken konnte. Gott, wie sie aussah! Dass sie ihn mit Vornamen angesprochen hatte, registrierte ihr überforderter Kopf nur am Rande und es half ihr nicht dabei, sich weniger zu schämen. »Was machen Sie hier?«

»Ich war auf der Suche nach Ihnen«, gab er unumwunden zu, »Ich hatte bei Ihnen zuhause angerufen, aber da ist nur Ihre Mitbewohnerin ran gegangen. Sie wusste nicht, wohin Sie entschwunden sind, aber sie gab mir ein paar mögliche Orte.«

»Sie hat Ihnen erzählt, dass ich ich in der Bibliothek sein könnte?«, fragte Sakura ungläubig nach. Es stimmte, dass sie in ihrer Freizeit gerne herkam, um zu lesen, doch das letzte Mal musste Monate her sein. Allerdings hatte sie auch erst seit Kurzem wieder derart viel Freizeit.

Sasuke lächelte sie verschmitzt an und Sakuras Unmut ob seiner ausbleibenden Rückmeldung verrauchte augenblicklich. »Es war sogar ihr erster Anhaltspunkt.«

Sakura prustete und rutschte etwas näher an den Tisch heran, sodass er zumindest ihre erbärmliche Hose nicht sehen konnte. »Ich muss weniger Zeit mit dieser Frau verbringen, wenn sie schon einen sechsten Sinn dafür hat, wo ich hingehe.«

»Davon würde ich Ihnen dringlichst abraten. Sie erscheint mir wie eine ausgezeichnete Freundin«, bemerkte er. Er zog sich einen der Stühle zurück und nahm darauf Platz. Seine Hände griffen über dem Tisch nach den ihrigen und als sie die Wärme seiner Haut an ihrer spürte, war der Trübsinn der letzten Tage wie weggefegt. Die Anziehung dieses Mannes auf sie war wie purer Magnetismus und obwohl Sakura damit Schmerz im Angesicht ihres verlorenen Traums verband, war es doch auch befreiend, nicht als Erstes an ihren Job denken zu müssen, wenn sie ihm in die Augen blickte.

Sais Warnung hallte plötzlich in ihren Ohren nach, weshalb sie sich rasch im Raum umsah, doch auf den ersten Blick konnte sie keine verdächtige Person erkennen. Niemand schenkte ihnen Beachtung. Das war in Sakuras Augen das Schönste an Bibliotheken: Hier war es egal, wer man war. Alles, was hier einander verband, war die Liebe zum geschriebenen Wort und die gleiche stille, versunkene Leidenschaft, in welcher man sich dieser Liebe widmete.

»Ino ist etwas ganz Besonderes«, pflichtete Sakura aufrichtig bei, »aber jetzt verraten Sie mir, was genau Sie hier machen. Sie hätten auch später noch einmal anrufen können, gewiss wäre ich dann ebenfalls zuhause gewesen.«

»Ich wollte Sie sehen. Dass ich mich die vergangene Woche nicht gemeldet habe, tut mir Leid.« Er wirkte aufrichtig betreten und als er ihr einen entschuldigenden Kuss auf die Knöchel hauchte, flatterten die Schmetterlinge in ihrem Bauch wie wild.

»Wenn Sie gewusst hätten, wie ich aussehe, hätten Sie sich das Ganze gewiss anders überlegt«, scherzte sie und entzog sich seiner Finger, um auf sich zu deuten.

Er legte den Kopf schief und musterte sie. »Sie sehen aus wie jemand, der das Haus eigentlich gar nicht verlassen wollte, aber dazu gezwungen wurde«, stellte er amüsiert fest und erneut schnaubte Sakura.

»Das trifft die Sache ziemlich genau.«

»Und wer hat Sie dazu gezwungen? War es Ihre Mitbewohnerin? Wie hieß sie – Ino?«

Sakura lachte und sie spürte, wie sich dabei ein Knoten in ihr löste. »Nein. Ich selbst. Aber wieso ich das tun musste, verrate ich Ihnen nicht!«

»Ein Geheimnis, wie interessant!« Sakura fiel auf, dass er zwar einen Anzug trug, aber keine Krawatte und dazu war das Hemd oben aufgeknöpft – er war also ebenfalls nicht mehr mit der Arbeit zugange. »Ich bin geneigt, noch mehr Fragen zu stellen, aber ich weiß, wie stur Sie sein können«, fügte er neckend hinzu.

Sakura schürzte schmollend die Lippen. »Sasuke!«, warnte sie, was er mit einem triumphierenden Grinsen quittierte, »Dünnes Eis!«

Jetzt musste er lachen und Sakura wurde von einer Woge der Zuneigung überrollt, die alles davon schwemmte, was sie in den letzten Tagen so hartnäckig bedrückt hatte. »Ich wollte Sie eigentlich fragen, ob Sie heute Abend schon etwas vorhaben. Ich habe eine Überraschung für Sie«, lenkte er ein.

»Sie bekommen mich für kein Geld der Welt dazu, vor Ihnen von diesem Stuhl aufzustehen!«

»So schlimm?«, hakte er gespielt überrascht nach.

»Fragen Sie bitte nicht!«, insistierte Sakura und rückte demonstrativ noch ein wenig näher an die Tischplatte, welche sie vor seinen Blicken schützte.

»Dann hole ich Sie ab. In zwei Stunden. Gleicher Ort«, damit erhob er sich, ehe sie einen Einwand vorbringen konnte – nicht, dass sie das gewollt hätte.

Magnetismus

Ich kann das nicht annehmen!« Sakura stand mit offenem Mund und dem Kopf im Nacken vor dem größten Theaterhaus des Times Squares und bestaunte die Leuchtreklame, die eindrucksvoll das Musical „Applaus“ verkündete. Sasuke hatte sie wirklich an den Broadway mitgenommen. Die grellen Leuchttafeln und bunten Werbeplakate umgaben sie und aus nächster Nähe wirkten sie noch raffinierter und lockender, als aus der Entfernung hinter der Fensterscheibe von Sasukes Auto. Sakura konnte sich gar nicht daran satt sehen und die emsige Energie der zahllosen Menschen, die singend und tanzend durch die Straßen zogen, steckte sie förmlich an.

»Sie können und Sie müssen, denn ich habe bereits die Karten dafür«, stellte Sasuke mit amüsiertem Lächeln fest. Zur Demonstration hielt er zwei kunstvoll verzierte Karten in die Luft, auf welchen in Goldlettern der Name des Stücks und einige andere Details gedruckt waren. Zögerlich griff sie nach einer der Karten und begutachtete das kleine Kunstwerk von allen Seiten. Noch nie hatte sie gesehen, wie etwas vermeintlich Banales, wie eine Eintrittskarte, so herrlich schön ausgesehen hatte. Sie nahm sich fest vor, das Ticket mit größter Sorgfalt in ihrer Umhängetasche zu verwahren und zu einem späteren Zeitpunkt zu rahmen.

Nachdem sie sich von dem bezaubernden Anblick gelöst hatte, blickte sie Sasuke mit gerümpfter Nase und geschürzten Lippen an. »Sie hätten das wirklich nicht tun dürfen!«, schalt sie ihn, wenn auch recht halbherzig, »Ich kann Ihnen das niemals vergelten.« Als sie den Preis auf dem Ticket gesehen hatte, hatte sie schlucken müssen und es stimmte – sie würde ihm das niemals zurück zahlen können, selbst wenn sie ihren gut bezahlten Job bei der Times noch hätte.

Sasuke legte den Kopf schief und musterte sie, als hätte er gerade außerirdisches Leben in ihr entdeckt. »Sie müssen mir nichts vergelten und auch nichts zurück zahlen. Das ist eine der Grundlage von „jemanden einladen“.« Er schmunzelte und für den Bruchteil einer Sekunde blitzten seine Augen schalkhaft, doch wenn ihm ein moralisch verwerflicher Gedanke gekommen war, so behielt er ihn für sich. Stattdessen fischte er seine persönliche Zigarettenschachtel aus der Anzugtasche und bot ihr eine Zigarette an.

»Danke«, murmelte sie, als sie sich ihre Zigarette entzündet hatte und betreten auf ihre Füße starrte.

»Was betrübt Sie, Sakura?« Mit seinen Fingern griff er nach ihrem Kinn und forcierte sie mit sanftem Nachdruck dazu, ihm wieder in die Augen zu sehen. Sakura konnte ihr Herz im Hals pochen spüren und das Blut in ihren Ohren rauschen hören.

»Mich bedrückt nicht wirklich etwas«, antwortete sie zögerlich.

»Aber?«

Sakura musste lachen. Er hatte heraus gehört, dass ihre wage Antwort unvollständig gewesen war. »Aber ich würde mir wünschen, dass Sie nicht ständig Geld für mich zum Fenster hinaus werfen.«

»Aber es ist doch gar nicht zum Fenster hinaus geworfen«, korrigierte er sie, »Das strahlende Lächeln auf ihren Lippen war es wert.«

Sakura errötete unter seinem eindringlichen Blick. Es erstaunte sie immer wieder, wie einfach es für ihn war, solche schmeichelhaften Dinge zu sagen und manchmal erwischte sie sich dabei, wie sie darüber sinnierte, wie viele andere Damen wohl schon in den Genuss seines Charmes gekommen waren. Bei diesen Gedanken wurde ihr immer mulmig und sie musste sich stets dazu zwingen, an etwas anderes zu denken, um sich nicht selbst die Laune zu verderben. Immerhin war sie eine erwachsene Frau und er ein erwachsener Mann. Es war also selbstverständlich, dass er sich schon vor ihr mit anderen Frauen getroffen hatte.

Vor ihr? Getroffen?

Sakura blinzelte perplex und ihre Gedanken hielten abrupt inne, als wären sie vor eine Wand gefahren. Wann hatte sie angefangen, so über die Zeit zu denken, die sie miteinander verbrachten? Es war offensichtlich, dass sie seine Gesellschaft sehr genoss, dennoch hatte sie nur einen einzigen Grund dafür, sich mit ihm zu treffen – ihre Recherchen. Und obschon sie nun arbeitslos war, so wollte sie ihren Traum nicht aufgeben. Wieso also dachte sie derlei Dinge über sich und ihn?

»Ist alles in Ordnung?«, unterbrach er ihren inneren Monolog, »Sie wirken etwas blass um die Nase.«

»J-ja«, stotterte sie und schüttelte unmerklich den Kopf. Es brachte nichts, sich jetzt darüber den Kopf zu zermürben. »Ich habe nur kurz über etwas nachgedacht, aber es ist nicht weiter wichtig«, versicherte sie ihm.

»In Ordnung. Dann lassen Sie uns herein gehen. Die Vorstellung fängt demnächst an.« Sasuke bot ihr seinen Arm an und Sakura hakte sich unter. Das Theater sah von innen noch viel beeindruckender aus, als von außen. Der Boden bestand aus einem samtig roten Teppich mit goldenen Akzenten und Sakura überlegte, wie mühsam es wohl war, ihn instand zu halten, damit er derart unberührt aussah. Es gab unzählige kleinere Lounges, wo zahlreiche Menschen sich auf ledernen Sesseln um kleine Tische räkelten und sich angeregt plaudernd die Zeit bis zu ihrem Stück vertrieben.

Begrüßt wurden sie von einem hübschen jungen Mann mit aschblondem Haar und funkelnd grünen Augen. Nachdem er ihre Tickets überprüfte und ein Kreuz auf seinem Klemmbrett gemacht hatte, verabschiedete er sie mit einem Nicken und einem herzlichen Lächeln.

»Möchten Sie etwas trinken?«, erkundigte Sasuke sich und steuerte in Richtung Bar. Es sollte Sakura deutlich mehr irritieren, dass hier Alkohol in der Lobby ausgeschenkt wurde, doch nach den letzten zwei Wochen hatte sie genug gesehen, um zu begreifen, dass der gesamte Verwaltungsapparat mit unter der Decke zu stecken schien.

»Heute nicht, danke. Ich möchte die Vorstellung gerne nüchtern genießen«, lehnte sie ab. Sasuke bestellte sich seinen typischen Whiskey auf Eis, nippte aber nur recht verhalten daran, während sie etwas abseits von den anderen Menschengruppen saßen und darauf warteten, dass der Ansager den Beginn ihrer Vorstellung verkündete.

»Sie wirken etwas nervös, Sakura«, stellte Sasuke fest und es stimmte. Sakura rutschte auf ihrem ledernen Sessel hin und her, schlug die Beine übereinander, wechselte die Beine und auch ihr Blick wanderte ruhelos durch den Raum.

»Wenn ich ehrlich bin, bin ich etwas überfordert mit der Situation«, gestand sie mit einem unbeholfenen Kichern, »ich war noch nie bei einer vergleichbaren Veranstaltung und irgendwie fühle ich mich fehl am Platz.«

»Sie passen perfekt hierher«, munterte er sie auf und das indirekte Kompliment brachte ihre Augen zum Leuchten, »setzen Sie sich nicht selbst so unter Druck. Wir sehen uns ein Musical an, mehr nicht.« Er sagte das so, als wäre das etwas Normales und für ihn war es das vielleicht auch, aber Sakura war weder derlei Veranstaltungen noch derlei Gesellschaft geläufig. Es entging ihr auch nicht, dass die anderen Gäste sie unverhohlen musterten, was zweifelsohne an ihrer ungewöhnlichen Haarfarbe lag.

Trotzdem beherzigte sie seinen Rat und versuchte, etwas locker zu lassen.

»Wie kommt es, dass Sie so fasziniert vom Theater sind? Waren Sie schon öfter in Vorstellungen?«

Sakura rutschte auf ihrem Sessel in eine bequemere Position und überlegte einen Moment. »Meine Mutter hat früher oft für mich gesungen«, erzählte sie mit gesenkter Stimme. Nicht, weil sie wollte, dass niemand sonst ihr zuhörte, sondern weil die Erinnerung an ihre Mutter noch immer wie eine offene Wunde schmerzte und sie nicht wollte, dass Sasuke diesen Schmerz hören konnte, »Eigentlich hat sie den ganzen Tag gesungen. Beim Kochen, beim Backen, wenn wir im Garten gespielt haben, es war egal. Sie hat die Musik geliebt und diese Liebe an mich weiter gegeben.«

»Hat?« Sasuke war über die Vergangenheitsform gestolpert, natürlich. Er war zu clever, um es nicht zu bemerken.

Sakura verzog das Gesicht und wünschte sich, das Gespräch wäre nie in diese Richtung abgebogen. »Sie ist tot«, brachte sie hervor und spürte einen ziehenden Schmerz in ihrer Brust, »schon seit vielen Jahren.«

»Das tut mir aufrichtig Leid«, bekundete er mit ruhiger Stimme und ernsten Augen, »und Ihr Vater?«

»Er starb im Weltkrieg, ein halbes Jahr, bevor er endete. Er war gerade noch jung genug gewesen, um eingezogen zu werden. Mutter war erst kurz zuvor krank geworden. Er wollte nicht gehen, wollte uns nicht alleine lassen, konnte aber nichts machen und starb in Europa voller Verzweiflung.« Als sie geendet hatte, war der Kloß in ihrem Hals so dick geworden, dass sie sich wünschte, sie sich hätte doch etwas zu trinken bestellt.

Sasuke nippte schweigend an seinem Whiskey und sie war ihm dankbar, dass er keine weiteren Fragen mehr stellte. Er schien zu spüren, dass er nichts sagen konnte, was hilfreich gewesen wäre, auf welche Art auch immer.

»Lassen Sie uns über etwas Erfreulicheres reden«, schlug sie nach einer Weile wacker vor und versuchte sich an einem Lächeln. Sie merkte, dass es ein bisschen zittrig war, trotzdem lächelte er zurück und nickte beipflichtend. Sie kamen jedoch nicht dazu, noch groß miteinander zu reden, denn der Ansager des Theaters war am Fußende der Treppe aufgetaucht und erhob seine Stimme.

»Die ehrenwerten Gäste für das Musical „Applaus“ mögen sich nun im zweiten Saal einfinden.« Vorfreude kribbelte durch Sakuras ganzen Körper, als sie sich von Sasuke aufhelfen ließ und sich wieder bei ihm unter hakte. Nur mit viel Mühe konnte sie verhindern, dass ihr der Mund aufklappte, als sie den Saal betraten. Um sie herum waren lauter schwätzende Menschen, doch die blendete Sakura aus.

Sie standen ganz oben in einem Saal, welcher einen gewaltigen, absinkenden Halbkreis beschrieb. Zwischen den Reihen von samtig weichen Sesseln liefen unzählige Treppen nach unten zur Bühne, deren auf Hochglanz poliertes Holz im grellen Licht der Scheinwerfer zu leuchten schien.

»Man sieht sich nicht satt daran«, versicherte ihr Sasuke, welcher sich nah an ihr Ohr gelehnt hatte, damit sie ihn zwischen den herein strömenden Gästen verstehen konnte. Sein heißer Atem bescherte ihr eine Gänsehaut. »Folgen Sie mir.« Er zog ganz leicht an ihrem Arm, um sie aus ihrer staunenden Trance zu holen.

Wie sich heraus stellte, hatte Sasuke ihnen Spitzenplätze im Herzen des Saals besorgt. In dem kleinen, vom Rest des Saals abgegrenzten Bereich standen nur wenige Sessel mit größerem Abstand zueinander. Auf zwei davon nahmen sie Platz und Sakura keuchte erschrocken auf, weil sie in ihrem Sessel fast versunken wäre. So weich hatte sie noch nie gesessen.

Bei einem vorbei laufenden Kellner orderte Sasuke sich noch etwas zu trinken und dieses Mal bestellte auch Sakura sich ein Wasser.

Um sie herum wurden Sessel verschoben, Absätze klapperten auf den Holzdielen und auf der Bühne wurden Kulissen in Stellung gebracht. Sakura überstreckte beinahe ihren Hals in dem Versuch, alles auf einmal zu sehen und beinahe hätte sie überrascht aufgekeucht, als das Licht im Saal gedimmt wurde, um die Bühne noch eindrucksvoller hervorzuheben.

»Es geht los.« Sasuke prostete ihr zu, doch Sakura war zu aufgeregt, um einen Schluck Wasser hinunter zu bekommen.

Der Saal um sie herum verstummte und das Orchester setzte mit einer gewaltigen Intensität ein, bei der Sakura fast von ihrem Sessel aufgesprungen wäre. Ihr fiel gar nicht auf, dass sie die Armlehnen schraubstockartig umklammert hielt. Erst, als die Darsteller zu singen begannen und sie sich an die unglaubliche Lautstärke gewöhnte, wurde sie etwas lockerer und verfolgte gebannt das Theaterstück. Eineinhalb Stunden lang lachte und weinte sie. Sie sang mit, wenn sie von den Darstellern dazu aufgefordert wurde und als sich am Ende die bordeauxroten Vorhänge vor ihnen schlossen, stand Sakura mit den anderen Gästen auf und applaudierte so heftig, dass ihre Handflächen brannten.

Sie war so euphorisch, dass ihr schwindelig wurde, als sie zusammen mit Sasuke zurück in die Haupthalle trat und sie hatte das unbändige Bedürfnis, mit ihm zu tanzen.

»Mir scheint, dass es Ihnen sehr gefallen hat«, stellte er überflüssigerweise fest und ein Lächeln zupfte an seinen Lippen.

»Und wie!« Sie war so erhitzt, dass sie die Kälte kaum spürte, als sie das Theater verließen und auf die nun deutlich leereren Straße traten. Fast wäre die Zigarette, welche Sasuke ihr angeboten hatte, aus ihren Fingern gefallen. Während Sakura sich ihre Zigarette entzündete und den Mantel etwas enger um ihren Leib schlang, hielt Sasuke nach einem Taxi Ausschau.

»Ich werde Sie heute persönlich nachhause begleiten«, sagte er bestimmt, nachdem er ein Taxi zu sich an den Straßenrand gewunken hatte.

»Ich komme alleine nachhause, machen Sie sich darüber keine Sorgen«, antwortete Sakura ausweichend.

»Ich begleite Sie im Taxi zu sich nachhause und wenn ich weiß, dass Sie sicher hinter der Tür verschwunden sind, fahre ich nachhause, versprochen.« Er blickte ihr ernst in die Augen. Es war nicht so, dass sie noch Hemmungen hatte, dass er ihre Adresse kannte, eigentlich hatte sie die nie wirklich gehabt, aber trotzdem war sie nervös, wenn sie daran dachte, dass er mit ihr nachhause fuhr – ob er mit nach oben kam oder nicht, spielte dabei gar keine Rolle.

»In Ordnung«, gab sie nach und stieg als erstes in das wartende Taxi. Der Fahrer musterte erst sie, dann Sasuke und schien dann zu dem Schluss zu kommen, dass er sich nicht wegen der längeren Wartezeit empörte. Sakura nannte ihm ihre Adresse, was Sasuke überrascht aufhorchen ließ.

»Die ganze Zeit über machen Sie ein großes Geheimnis aus Ihrem Wohnort, dabei ist er nur zwei Straßen von unserem Treffpunkt entfernt!«, stellte er fest, »Sie haben mich an der Nase herum geführt! Ich dachte zeitweise, dass nicht einmal der Stadtteil der richtige wäre und Sie mit dem Taxi wo ganz anders hinfahren.«

Sakura kicherte und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Nehmen Sie es mir nicht allzu übel«, bat sie.

Sasuke schnaubte und schüttelte den Kopf. »Ich nehme es Ihnen nicht übel, keine Sorge. Sie sind nur eine ausgesprochen sonderbare Frau.«

»Das betrachte ich als Kompliment«, entgegnete sie schelmisch.

»Das dürfen Sie auch.«

Sakura strahlte wie die aufgehende Sonne und lehnte sich in ihrem Sitz zurück, während sie begann, wie ein Wasserfall von der Vorstellung zu quasseln. Von der Musik und dem Tanz, den exquisiten Kostümen und den hübsch frisierten Tänzerinnen und Tänzern.

»Es freut mich sehr, dass es Ihnen so gut gefallen hat«, sagte er, als sie kurz innehalten musste, um wieder zu Luft zu kommen. Er hatte sie nicht ein einziges Mal unterbrochen, sondern ihren eifrigen Ausführungen gelauscht und wilden Gestiken beobachtet.

»Ich bin verzaubert!«, jauchzte Sakura mit rosigen Wangen. Sie hatte noch nie etwas derart mitreißendes erlebt und beim Höhepunkt des Dramas hatte sie sogar die ein oder andere Träne verdrückt. »Ich danke Ihnen wirklich von ganzem Herzen!«, fügte sie leise, fast flüsternd hinzu.

Sasuke zeigte eines seiner seltenen, wahrlich aufrichtigen Lächeln. »Es gibt nichts, wofür Sie mir danken müssten.«

Das Taxi kam zum Stehen und Sakuras Nervosität war mit einem Schlag mit voller Intensität zurück. Sasuke bezahlte den Fahrer, was beinahe zu einem Streit zwischen Ihnen ausartete, doch am Ende musste Sakura sich geschlagen geben.

»Wenigstens das Taxi hätten Sie mich zahlen lassen können«, schmollte sie mit verschränkten Armen. Es ging auf Mitternacht zu und es war entsprechend frostig geworden. Alles sah danach aus, dass New York über Weihnachten komplett einschneien würde.

»Ich wäre kein besonders guter Mann, wenn ich eine Dame wie Sie einladen würde, nur um sie am Ende des Abends das Taxi bezahlen zu lassen«, sinnierte er, »möchten Sie meinen Mantel? Sie frieren.«

»Machen Sie sich keine weiteren Umstände«, verneinte sie sein Angebot, »ich gehe jetzt ohnehin nach oben.«

»In Ordnung.« Das Licht der Laternen fiel von hinten auf ihn, sodass es ihr schwerfiel, in seiner Miene zu lesen, doch etwas hatte sich an ihm verändert, das konnte sie spüren. Vielleicht war es auch einfach nur die Kälte, die ihren Sinnen einen Streich spielte.

Sie schwiegen sich an und mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde Sakura noch nervöser. Sie musste sich einfach nur von ihm verabschieden und hinter die Türe zu ihrem Haus gehen, dennoch fühlte sich dieses Unterfangen unmöglich an. Wieso konnte er nicht einfach den ersten Schritt machen und sich verabschieden? War es möglich, dass er sie mit Absicht zappeln ließ, weil es ihn amüsierte, sie so verlegen zu sehen? Im Gegensatz zu ihm war ihr Gesicht dem Licht der Laternen zugeneigt, er konnte also jede Emotion klar erkennen.

»Okay«, begann sie schließlich langsam, als sie das wilde Klopfen ihres Herzens nicht mehr länger ertrug, »dann gehe ich mal nach oben. Ich danke Ihnen. Für den schönen Abend und...« Und? Sakura biss sich auf die Zunge, weil sie nicht wusste, was sie überhaupt hatte sagen wollen.

»Und?« Er legte den Kopf schief und blickte sie erwartungsvoll an. Ihr war aufgefallen, dass er dies öfter tat.

Sakura atmete zitternd aus. »Spannen Sie mich nicht länger auf die Folter, Sasuke!«, entfloh es ihr frustriert. Dieser Mann machte sie wahnsinnig! »Verabschieden Sie mich einfach!«

Seine Augenbrauen wanderten überrascht nach oben, doch dann lachte er kehlig. »Sie sind wie das Meer, wissen Sie das?«

Jetzt war es an ihr, verwundert zu sein. »Pardon?«

»An manchen Tagen ist es so ruhig, dass man meinen könnte, es stände still. An anderen Tagen ist der Wellengang so stark, dass es unmöglich scheint, darin schwimmen zu können. Ähnlich, wie Sie«, schloss er und ehe sie eine Erwiderung formulieren konnte, zog er sie in eine Umarmung. Ihre Gesichter waren sich plötzlich so nah, dass Sasukes dunstiger Atem über ihre kühlen Wangen fuhr. Sie wollte die Augen senken, seinem intensiven Blick ausweichen, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht. Es war genau wie vor einer Woche in seinem Loft. Überzeugt davon, dass er ihren Herzschlag an seiner Brust spüren konnte, lehnte sie sich unbewusst noch etwas tiefer in die Umarmung.

Es ist nur, weil du ihm näher kommen musst, Sakura, beschwor sie sich selbst. Ihr rasendes Herz und die Hitze unter ihrer Haut straften diese Worte Lüge, sie ahnte es. Als er die letzten Zentimeter zwischen ihnen überbrückte und seine Lippen sich auf ihre legten, wusste sie es.

Die Welt blieb stehen, zusammen mit ihrem Herzen.

Seine Lippen waren viel weicher, als Sakura es jemals vermutet hätte und ihre Wärme, die sich auf ihre eigenen übertrug, schmeckte nach Rauch und etwas, was Sakura nicht benennen konnte.

Sasuke war nicht der erste Mann, den sie je geküsst hatte und dennoch fühlte sie sich unbeholfen und unerfahren, als sie den Kuss zaghaft erwiderte. Er drückte sie noch fester an sich und als sie ihre Hände auf seiner Brust ablegte und den weichen Stoff seines Hemdes unter ihren Fingern spürte, war sie überzeugt davon, dass sich niemals etwas so richtig angefühlt hatte.

So natürlich.

So perfekt.

Sasukes Bartstoppeln kitzelten sie auf der Haut, als er sich von ihr löste und seine Wange an ihre legte. Sie war froh darum, ihm nicht in die Augen schauen zu müssen, denn dann hätte er erkannt, welche Gefühle in ihr tobten.

»Es war ein wirklich schöner Abend, Sakura«, flüsterte er an ihr Ohr und eine unerträgliche Gänsehaut legte sich auf ihren gesamten Körper. Weil sie fürchten musste, dass ihre Stimme versagte, nickte sie nur. Sie genoss das raue Gefühl auf ihrer Wange für einen Moment, ehe sie sich zurück lehnte und ihm schlussendlich doch noch in die Augen blickte.

»Erst die Telefonnummer und jetzt wissen Sie auch noch, wo ich wohne«, scherzte sie, um die erwartungsvolle Stille zwischen ihnen irgendwie zu überbrücken.

Sasuke antwortete nicht, stattdessen zog er sie erneut zu sich hoch und küsste sie ein zweites Mal. »Sie überspielen Unsicherheiten gerne mit Scherzen, nicht wahr?«, mutmaßte er, als er sich wieder von ihr gelöst hatte und ein Schmunzeln umspielte seine Lippen.

»Keine besonders damenhafte Eigenschaft, finden Sie nicht auch?« Sakura kratzte sich verlegen am Hals und unter ihren Fingerkuppen konnte sie ihren erhöhten Puls fühlen.

»Ich möchte Ihnen das „Du“ anbieten«, entgegnete er ausweichend. Sakura fand, dass das durchaus überflüssig war, immerhin hatten sie sich gerade zweimal geküsst, trotzdem bejahte sie sein Angebot, was er mit einem weiteren Kuss besiegelte.

Mittlerweile war ihr schwindelig und es fiel ihr zunehmend schwerer, sich wieder von ihm zu lösen. »Möchtest d-du kurz mit hoch und Ino kennenlernen?« Sakuras Wangen wurden heiß, als sie über die ungewohnte Anrede stolperte, doch Sasuke ging nicht weiter auf das Stottern ein.

»Wenn es dir nichts ausmacht, gerne«, antwortete er leise. Ob er verstand, wie viel dieses Angebot wog? Ino war das, was für Sakura einer Familie am nächsten kam und ihn ihr vorzustellen hatte etwas Ernsthaftes an sich. Im Nachhinein kam ihr ihr eigenes Verhalten salopp vor, doch nun war es zu spät, um einen Rückzieher zu machen.

Sakura lächelte wacker und löste sich widerwillig von ihm, um die Haustür aufzuschließen. »Seien Sie bitte nicht-« Sakura hielt inne, sowohl verbal, als auch körperlich, als sie mitten auf der hässlichen Flurtreppe stehen blieb. »Sei bitte nicht enttäuscht, meine Wohnung kann mit deinem Zuhause nicht wirklich mithalten.«

Sakura hörte Sasuke hinter sich lachen und sie stellte fest, dass sie sich an diesem Geräusch vielleicht niemals satthören würde. »Ich bin mir sicher, dass euer Zuhause viele Vorzüge hat, die meines nicht genießt.« Was er damit meinte, erläuterte er nicht und Sakura kam nicht dazu, weitere Nachfragen zu stellen, denn sie waren vor ihrer Wohnungstür angekommen.

»Eine letzte Warnung: Ino ist... wie formuliere ich das so, dass sie es nicht gegen mich auslegen kann, wenn du es ihr erzählst? Speziell. Ja, speziell ist gut.«

»Inwiefern?«, hakte er neugierig nach.

Sie schenkte ihm ein wissendes Grinsen, schwieg aber ansonsten und drehte sich wieder um, um die Tür zu öffnen. Es dauerte keine drei Sekunden, bis Ino aus ihrem Zimmer geflitzt kam und als sie Sasuke hinter Sakura erkannte, klappte ihr der Mund auf.

»Du hast ihn mitgebracht«, entfuhr es ihr entgeistert und Sakura musste lachen.

»Ja, er steht direkt neben mir«, stellte sie spöttisch fest und umarmte ihre überrumpelte Freundin, welche die Begrüßung eher schlecht als recht verarbeitete und erwiderte.

»Es ist mir eine außerordentliche Freude, Sie kennenzulernen.« Sasuke verbeugte sich galant.

Ino grinste Sakura verschmitzt an, ehe sie die Verbeugung erwiderte. »Selbiges gilt für mich, aber es gibt keinen Grund für diese aufgesetzte Feinheit, sag' einfach Ino zu mir.« Sie wackelte vielsagend mit ihren Augenbrauen und strahlte bis über beide Wangen. Sakura indes verschluckte sich fast an ihrem eigenen Speichel, aber ein Seitenblick auf Sasuke verriet ihr, dass es ihn nicht störte, dass Ino sofort und selbstbestimmt auf jedwede Höflichkeitsbekundung verzichtete.

»Ich bin Sasuke«, bot er Ino an, »Ich weiß jetzt, was du meintest, Sakura«, fügte er an sie gewandt hinzu und Sakura konnte sich ein triumphierendes Grinsen nicht verkneifen.

»Pardon?«, empörte Ino sich neckisch, »Was hat sie in meiner Abwesenheit schon wieder für Lügen über mich verbreitet?«

»Lügen?«, grätschte Sakura belustigt dazwischen und dieses Mal knuffte sie Ino wirklich, »Du bist der schrägste Vogel diesseits des Hudson Rivers, du Eule, da gibt es keine geschönte Version!«

Ino kicherte und hakte sich bei Sakura unter. »Eule hast du mich noch nie genannt, gefällt mir. Lasst uns was trinken! Für besondere Anlässe habe ich immer was im Haus«, verkündete sie feierlich und zerrte Sakura mit sich in die Küche.

»Na super, wann hattest du denn vor, mir davon zu erzählen?«, schmollte Sakura gespielt beleidigt. Es wunderte sie nicht im Geringsten, dass Ino irgendwo Alkohol versteckt hatte, immerhin hatte Sakura sie schon öfter mal ein Gläschen Wein trinken sehen.

Ino zuckte nur mit den Schultern. »Für besondere Anlässe, Liebes«, erinnerte sie mit ernstem Ton, »Wenn du für keine besonderen Anlässe sorgt, ist das wohl kaum meine Schuld.«

»Ach, so ist das, meine Schuld ist das also«, schnaubte Sakura und löste sich von Ino, um Gläser aus einem Schrank zu suchen. Da Alkohol verboten war, besaßen sie keine angemessenen Gläser für den Wein, welchen Ino aus einer gut versteckten Ecke in einem Schrank voll zig Töpfen hervorzog. »Ich kann dir leider nur ein normale Glas anbieten«, sprach sie zu Sasuke, der das Wortgefecht der beide mit einem amüsierten Grinsen verfolgt hatte, »Das oder du trinkst direkt aus der Flasche. Macht Ino sonst auch immer.«

»Hey! Hörst du bitte auf, mich als Bauerntölpel darzustellen, nur weil du keine richtigen Argumente hast?«, wetterte Ino gespielt erzürnt, doch die aufgesetzte Fassade bröckelte schnell, als sie das Kichern nicht mehr länger unterdrücken konnte.

Die beiden kabbelten sich noch weitere fünf Minuten und am Ende waren beide vom Lachen rot angelaufen. Die Zwanglosigkeit zwischen den beiden hatte Wunder gewirkt und Sakuras innere Anspannung im Anbetracht der Tatsache, dass sie Sasuke mit hoch genommen hatte, war gänzlich gelöst.

Sasuke hatte das Ganze stumm verfolgt und nur dann und wann an seinem Wein genippt. Sakura fragte sich, ob er es bereute, mitgekommen zu sein, doch er wirkte zumindest oberflächlich erheitert von ihrer Dynamik.

»Und? Bleibst du heute Nacht hier?«, fragte Ino Sasuke nach einer Weile und Sakura hätte sich fast an ihrem Wein verschluckt. Sie hatte ihr Glas nahezu gänzlich ausgetrunken und musste zugeben, dass der süßliche Wein so gut schmeckte, dass sie sich fast gar nicht dafür schämte, ihn zu trinken.

Sasukes Augen ruhten für einen Moment auf ihr, ehe er sich wieder Ino zuwandte. »Das überlasse ich Sakura.« Eine äußerst diplomatische Antwort, die allerdings gänzlich ausklammerte, dass „bei ihr übernachten“ bis dahin gar nicht zur Auswahl gestanden hatte. Eigentlich hatte er nur kurz mit hoch kommen und sich Ino vorstellen wollen und nun saßen sie bereits seit über einer Stunde zusammen an ihrem Küchentisch und unterhielten sich über alles mögliche.

Sakura zögerte und tauschte einen Blick mit Ino, die sich fast den Hals dabei ausrenkte, in Sasukes Richtung zu nicken, ohne ihren Kopf dabei zu sehr zu bewegen. »Ich... Also... wir haben keine Couch oder so... Und mein Bett ist nicht besonders groß...« Mit jedem Wort wurde sie leiser und ihr Gesicht röter. Unwillkürlich fragte Sakura sich, ob es Hinata wohl immer so ging wie ihr jetzt in jener Situation.

»Gut, dass wir das geklärt hätten!« Ino klatschte in die Hände, »Es wird nämlich schon spät und ich brauche meinen Schönheitsschlaf!« Dass sie putzmunter und hellwach aussah, ließ Sakura unkommentiert. Das Ganze war ihr so schon unangenehm genug und auch wenn sie wusste, dass Ino ihr helfen wollte, fühlte sie sich überfordert.

»Du musst schon ins Bett?«, fragte Sakura, in der Hoffnung, dass sie vielleicht doch noch eine Weile blieb und ihr unausweichliches Problem zumindest etwas heraus zögerte.

»Leider, ja. Ich muss morgen für eine Klausur büffeln. In einer Woche ist das Wintersemester fertig und du weißt ja wie ich bin«, lachte Ino verlegen. Sakura hatte ganz vergessen, dass bald Winterferien waren und tatsächlich hatte sie Ino in der letzten Zeit nicht wirklich lernen sehen.

»Ich kann dir morgen dabei helfen, wenn du möchtest«, schlug Sakura vor.

»Gerne, Liebes.« Sie zog Sakura in eine heftige Umarmung, bei der sie einen Wirbel in ihrem Rücken knacken hören konnte. »Euch eine geruhsame Nacht!« Fast war Sakura froh, dass Ino zumindest keinen unflätigen Witz gemacht hatte, ehe sie in ihr Zimmer ging.

»Ich kann mir auch ein Taxi nachhause nehmen, Sakura«, sprach Sasuke leise, ehe Sakura den Mut gefunden hatte, ihn wieder anzuschauen.

Überrascht von seiner Rücksicht umklammerte sie das leere Glas in ihren Händen etwas fester. »Nein, ist schon in Ordnung«, gab sie kopfschüttelnd zurück, »es ist schon spät. Und nachts ist es gefährlich auf den Straßen.«

»Um mich musst du dir keine Sorgen machen«, entgegnete er belustigt.

»Es sterben auch Männer da draußen. Ich verfolge die Tagesblätter«, konterte sie, was ihn nachdenklich zu stimmen schien, »Deswegen bleib. Bitte«, fügte sie deutlich leiser hinzu, weil es ihr falsch vorkam, eine so eindringliche Bitte an ihn zu richten.

Sasuke fuhr sich mit der Hand zum Nacken und rieb sich die Haut unterhalb des Haaransatz, seine dunklen Augen ruhten auf ihr. »Wie du wünscht.«

Sakuras Puls beschleunigte sich, als sie sich erhob und Sasuke in ihr Zimmer führte. Die Situation war von surreal zu absurd gewandelt, als sie ihn auf der Kante ihres Bettes absetzte, ehe sie ins Badezimmer verschwand, um in ihre normale Alltagskleidung schlüpfte. Sie hatte sich deutlich mehr Zeit damit gelassen, etwas geeignetes zu finden, da ihr durchaus unwohl dabei gewesen wäre, in ihren sonstigen Kartoffelsäcken vor ihn zu treten. Am Ende trug sie zwar keine viel zu große Hose mit einem verwaschenen T-Shirt, dennoch kam sie sich komisch vor, als sie wieder in ihr Zimmer tapste.

Sasuke hatte sich keinen Millimeter bewegt. Er verzog seine Lippen zu einem Grinsen, als er sie sah und am liebsten wäre sie auf der Sohle umgedreht und aus dem Zimmer gerannt. Vielleicht ahnte er etwas von ihren Gedanken, denn er beugte sich nach vorne, um sie an einem Handgelenk zu umfassen und zu sich zu ziehen. »Du machst dir schon wieder zu viele Gedanken«, vermutete er erschreckend treffsicher, »ich kann es dir an der Nasenspitze ansehen.«

»Mhm«, gab sie unbestimmt zurück.

»Lass uns einfach schlafen, ja? Es wird langsam wirklich spät.« Er ließ sie los, um sich seine Anzugjacke von den Schultern zu streifen. Sakura nahm sie ihm ab und hing sie im Flur auf. Als sie wieder zurück kam, sah sie, wie er seine Probleme mit dem Platz in ihrem Bett und ihrer Übermacht an Decken hatte, was sie zum Kichern brachte.

»Wieso genau hast du drei Bettdecken und vier Kissen in diesem schlechten Scherz von einem Bett?« Aus Sakuras Kichern wurde ein richtiges Lachen. Sie trat an ihr Bett und scheuchte ihn mit der Hand so weit zurück, dass sie ihre Decken unter seinem Körper hervor ziehen konnte. Eine davon reichte sie ihm, sodass sie selbst sich mit den verbliebenen zwei Decken einwickeln konnte.

»Unsere Heizung funktioniert nur mehr schlecht als recht«, erklärte sie ihm, »es ist zugig und kühl im Winter, das heißt, es müssen mehr Decken her.«

»Ich verstehe«, murmelte er. Offensichtlich war er deutlich müder gewesen, als er in der letzten Stunde hatte durchblicken lassen. Sakura quietschte leise, als er sie in seine Arme zog. »Schlaf gut, Sakura.«

Sakura fühlte drei Atemzüge lang das Heben und Senken seiner Brust an ihrer Wange. »Du auch, Sasuke.«
 


 

Sasuke erwachte am nächsten Morgen mit einer schmerzenden Seite. Normal wäre dies ein Grund, um den Tag mit einem unflätigen Fluch zu starten, doch als er sich daran erinnerte, wieso er so zusammen gekauert in einem viel zu kleinen Bett lag, verflüchtigte sich sein Ärger. Er öffnete ein Auge, um sicher zu gehen, dass Sakura noch immer in seinen Armen lag und tatsächlich erkannte er unter seinem halb geöffneten Lid ihr zerzaustes rosa Haar, welches sich über ihrem Kissen ergoss.

Ein Brummen entfloh ihm, als er sich näher zu sich zog und er ihren Duft einsog. Sakura wand sich leicht in seinem Griff und murmelte dabei etwas Unverständliches. Er konnte nicht anders, als sich zu ihr hinab zu beugen und ihre einen Kuss auf eine entblößte Stelle ihres Halses zu hauchen. Sie quiekte leise und verrenkte ihren Hals, um ihn zu vertreiben, was ihm ein belustigtes Lachen entlockte.

»Was machst du da?«, nuschelte sie mit verschlafener Stimme und es kostete ihn einiges an Überwindung, sie nicht zu sich zu drehen, um ihr den Schlaf aus dem Geist zu küssen.

Gott, was tat er hier?

Er müsste schon längst auf dem Weg zur Arbeit sein, stattdessen quetschte er sich zusammen mit dieser jungen Frau auf ein viel zu enges Bett und dann nur, um mit ihr kuschelnd einzuschlafen.

»Nach was sieht es aus?«, fragte er flüsternd und vergrub seine Nase in ihrer Halsbeuge. Sakuras Kichern verklang dumpf in ihrem Kissen, als sie ihren Kopf erneut drehte, um seiner kitzelnden Berührung zu entfliehen. Ihr Körper bewegte sich an seinem und Sasuke zog zischend die Luft ein, als er begriff, dass er drauf und dran war, auf eine Art auf ihre Nähe zu reagieren, die er nicht mit charmanten Worten wegerklären konnte.

Sakura erlöste ihn von diesem Problem, indem sie sich umdrehte und die auf dem winzigen Bett größtmögliche Distanz zwischen ihnen kreierte. »Wie hast du geschlafen?« Ihre Augen waren nur halb geöffnet, dennoch übten ihre smaragdgrünen Iriden eine unmenschliche Anziehungskraft auf ihn aus. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann seine Gefühle das letzte Mal so unbeherrscht gewesen waren.

»Gut.« Es war eine Halbwahrheit. Geschlafen hatte er neben ihr ruhiger und tiefer als in so vielen Nächten in den letzten Jahren, doch er war in dem Alter angekommen, in dem so gedrängte Schlafpositionen ihn wie gerädert fühlen ließ. »Und du?«

Sie zog die Nase kraus, was sie beim Nachdenken öfter tat. »Auch gut. Aber du siehst nicht aus, als wäre es dir sonderlich bequem«, gab sie zu bedenken. Bevor sie ihre Gedanken weiterführen konnte, nahm er ihre Lippen in einem ausgedehnten, sanften Kuss gefangen, aus welchem sie sich mit einem genüsslichen Seufzer löste.

Er könnte den ganzen Morgen so mit ihr verbringen.

»Möchtest du Kaffee?«, fragte sie und rieb sich die Augen.

»Gern.« Bevor sie sich aufrichten und aufstehen konnte, fuhr er mit seiner Hand zu ihrem Nacken und zog sie noch einmal zu sich. Als sie sich voneinander lösten, war sie knallrot angelaufen. Es bereitete ihm eine ungebührliche Freude, sie verlegen zu machen und die Versuchung, einfach weiter zu machen, war groß, stattdessen räusperte er sich jedoch und rückte etwas von ihr ab. Er wollte sie nicht überfordern, denn es war offensichtlich, dass sie nicht wusste, wie sie damit umgehen sollte, dass ihre Dynamik sich verändert hatte.

Zögerlich rutschte sie aus ihrem Bett und starrte ihn dann an. Sie schien darauf zu warten, dass er sich ebenfalls erhob. Einen Moment lang ließ er sie noch zappeln, ehe er sich ebenfalls aufrichtete und dabei ein Ächzen unterdrückte. Sie schien ihm trotzdem von der Stirn abzulesen, dass er Schmerzen hatte, denn ihre Gesichtszüge äußerten Sorge, als sie einen Schritt auf ihn zutrat. »Du hast wirklich zu unbequem geschlafen, kann das sein?«

»Hn«, gab er nur zurück und fuhr sich mit der Hand, in der er noch etwas spürte, möglichst lässig durch das Haar. Ein Blick an sich herunter verriet ihm, dass sein Hemd komplett zerknittert war und er brauchte keinen Spiegel, um zu wissen, dass sein gesamtes Erscheinungsbild ähnlich durcheinander aussah. »Ich werde es überleben«, fügte er mit schiefem Grinsen hinzu.

Dies veranlasste sie dazu, ihm ein Lächeln zu schenken. »Dann Kaffee.«

»Dann Kaffee«, pflichtete er ihr bei und folgte ihr in die Küche. Ino schien noch nicht wach zu sein, denn ihre Tür war verschlossen und dahinter vernahm er nichts als Stille. Er fragte sich, wie die beiden wohl sonst ihren Samstagmorgen verbrachten, war aber überzeugt davon, dass die Stimmung hier immer sehr herzlich und warm war. Sasuke konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal so über sein eigenes Zuhause gedacht hatte – vermutlich damals, als er noch bei seinen Eltern gelebt und seine Mutter diese Emotionen in ihm hervorzurufen gewusst hatte.

»Du musst heute arbeiten, nicht wahr?«, erkundigte Sakura sich möglichst beiläufig, während sie einen Kessel mit Wasser aufsetzte, doch er vermochte die subtile Hoffnung aus ihrer Stimme heraus zu hören. Ob sie sich wünschte, dass er noch mehr Zeit mit ihr verbrachte?

»Hn«, gab er nur unbestimmt zurück. Sie hielt in ihrer Bewegung inne, nur für die Flüchtigkeit eines Augenblicks, dennoch wirkte sie verunsichert, denn es dauerte eine Weile, ehe sie weitersprach.

»Brauchst du Milch und Zucker zu deinem Kaffee?«

»Ich trinke meinen Kaffee schwarz.« Sie antwortete nicht, stattdessen kehrte sie mit zwei dampfenden Tassen an den Tisch zurück, ehe sie eines der Fenster öffnete. Aus ihrer Tische fischte sie zwei Zigaretten, eine davon für ihn. Als Antwort nickte er ihr zu und so rauchten sie und tranken Kaffee in schweigsamer Stille.

»Woran denkst du, Sakura?«, fragte er, nachdem er seine Zigarette in dem provisorischen Aschenbecher auf der äußeren Fensterbank ausgedrückt hatte.

»Ich überlege, was ich heute mache, wenn du weg bist.« Sie spielte mit einem Fetzen Haut an ihren Nagelbetten herum. »Später werde ich Ino beim Büffeln helfen, denke ich.«

Sasuke stützte sein Kinn auf einer Hand ab und betrachtete sie abwartend.

»Was denn? Habe ich was im Gesicht?« Mit ihren Händen tastete sie in theatralischem Überschwang die zarte Haut ihrer Wangen ab.

»Du kannst mich ruhig fragen.« Nun grinste er halb selbstgefällig, halb amüsiert.

Sakura blähte die Backen auf, eine unglaublich niedliche Mimik. »Kann ich das? Du musst doch arbeiten.« Sie rührte mit einem Löffel in den Überresten ihres Kaffees herum.

»Wer sagt das?« Ihre funkelnden Augen schienen Löcher in ihn zu starren und er verspürte den Drang, seinen Kragen zu lockern. »Gib mir fünf Minuten.«
 


 

Sasuke lehnte locker an der Wand und fuhr sich noch einmal durch sein zerzaustes Haar, nachdem er eine Nummer auf der Wählscheibe eingedreht hatte. Sakura kam sich seltsam vor, ihn dabei zu beobachten, wie er Itachi anrief, weshalb sie zurück in die Küche ging und sich auf den erstbesten Stuhl fallen ließ.

»Guten Morgen Itachi«, hörte sie Sasuke kurz darauf in den Hörer sprechen, »ich bin nicht zuhause, nein... Das geht dich nichts an... Nein, heute nicht... Du musst heute für mich ins Büro, ich nehme mir einen Tag frei...« Sakura durchfuhr ein warmes, kribbelndes Gefühl. Er hatte es wirklich ernst gemeint, dass er sich für einen Tag von seinen Verpflichtungen löste, um ihn mit ihr zu verbringen. Den Rest der Konversation der Brüder bekam sie nicht mehr mit, weil sie zu beschäftigt war, ihr Herzklopfen unter Kontrolle zu bringen, doch kaum, da sie Erfolg damit gehabt hatte, kam Sasuke zurück in die Küche und nickte ihr auffordernd zu.

»Itachi kümmert sich heute um meinen Papierkram«, teilte er ihr mit, »allerdings werden wir zuerst einmal zu mir fahren müssen, denn so-« Er deutete an sich herab. »werde ich nicht nach draußen gehen.«

Sakura kicherte und wurde dann schlagartig ernst. »Nun, zumindest um zu dir zu fahren, wirst du nach draußen gehen müssen«, bemerkte sie nüchtern, doch das verräterische Zucken ihrer Mundwinkel konnte Sasuke unmöglich entgehen.

»Nicht ganz«, korrigierte Sasuke sie, »Itachi holt uns ab, bevor er zum Autohaus fährt. Er ist in einer halben Stunde da.«

Sakura zog überrascht die Augenbrauen hoch. Es musste schön sein, wenn der eigene Bruder einen überall hin chauffierte. Die Frage war nur, ob Itachi es als genauso schön empfand. »Dann ziehe ich mich schnell um!« Sakura war schon aufgesprungen und fast an Sasuke vorbei, als er sie am Handgelenk ergriff und festhielt.

»Soll ich dir dabei helfen?« Sakura fühlte unverzüglich Hitze ihren Hals entlang in ihre Wangen steigen und Sasukes anzügliches Lächeln machte ihre Beine schwach. Bevor sie ihre Fassung wiedergewinnen konnte, lachte er und ließ ihr Handgelenk los. »Ich mache nur Spaß. Ich warte hier auf dich.«

Sakura stolperte fast, als sie sich umdrehte, um in ihr Zimmer zu verschwinden und sie hätte schwören können, dass er leise über ihre Verunsicherung lachte, aber nicht aus Böswilligkeit, sondern eher, weil es ihn amüsierte, sie um den Verstand zu bringen. Sie ließ Sasuke nicht lange warten, sondern entschied sich für einen schlichten schwarzen, knöchellangen Rock mit dazu passenden Strumpfhosen und einem cremefarbenen Strickpullover, welcher sie warm halten würde. Außer einem Paar Ohrringen verzichtete sie auf Schmuck und Make Up ließ sie komplett weg, sodass sie schon fünf Minuten später wieder in der Küche stand.

»Das ging wirklich schnell«, bemerkte er erstaunt, nachdem er sie eindringlich gemustert hatte. Fast wäre sie dabei wieder rot geworden.

»Was hattest du jetzt erwartet?«, fragte sie, während sie nach ihrer Tasche griff und sicher stellte, dass sie die wichtigsten Dinge eingepackt hatte.

»Dass ich Itachi mitteilen muss, dass es doch noch etwas länger dauert«, gab er unumwunden zu, was Sakura ein Lachen entlockte.

»Du bist also dem Irrglaube anheim gefallen, dass Frauen grundsätzlich zu lange brauchen, um sich fertig zu machen«, stellte sie trocken fest, »dann muss ich dich enttäuschen. Ich habe es ehrlich gemeint, als ich dir sagte, dass ich mir aus derlei Dingen nicht so viel mache...« Sie hielt inne und blickte an sich herunter. Sah sie etwa nicht gut genug aus? Jetzt war sie verunsichert, doch sie sprach den Satz nicht zu Ende.

Sasuke aber schüttelte nur den Kopf. »Ich erinnere mich und ich muss zugeben, dass ich dir nicht geglaubt habe, aber du überrascht mich immer wieder, Sakura.« Jetzt wurde sie doch noch rot, doch als sie seinem Blick begegnete, sah sie kein Zeichen dafür, dass ihm ihr Anblick missfiel.

»Worauf hast du Lust?«, fragte er sie, statt noch weiter auf ihr Äußeres einzugehen.

Sakura rieb sich die Wange. Darüber hatte sie noch gar nicht nachgedacht. Der Gedanke, dass Sasuke tatsächlich seine Arbeit für einen Tag niederlegen würde, um ihn mit ihr zu verbringen, war ihr derart absurd vorgekommen, dass sie gar nicht überlegt hatte, was sie zusammen unternehmen könnten.

»Du hast keine Ahnung, oder?«, erriet er ihren Gedanken. Er klang amüsiert und Sakura konnte nicht verhindern, dass sie verlegen kicherte.

»So weit war ich noch nicht, nein«, gestand sie.

»Dann wirst du wohl oder übel mir die Entscheidung überlassen müssen.«

Perspektivwechsel

Sasukes Loft war am Tag fast noch beeindruckender, als bei Nacht. Die trübe Morgensonne kämpfte einen erfolglosen Kampf gegen die dicke Wolkendecke, dennoch war der Raum lichtdurchflutet. Das und die Tatsache, dass sie nüchtern war, stellten die verschwommenen Eindrücke, welche sie in jener Nacht gesammelt hatte, scharf. Tatsächlich war dunkelbraun die dominierende Farbe in seinem Heim – der Boden bestand aus dunklem Mahagoniholz, das Leder seiner Couchelemente war so kräftig dunkel, dass sie auf den ersten Blick schwarz wirkten. Die Bücherregale hatten die selbe Farbe wie der Boden und selbst der Lack der Küche hatte die Farbe von kräftig gerösteten Nüssen.

Cremefarbenen Akzente, durch Teppiche, Bilderrahmen, Übertöpfe und der Arbeitsplatte der Küche, zusammen mit den unterschiedlichsten Nuancen von Grün, schufen eine Gemütlichkeit, die sie noch deutlich ausgeprägter verwunderte, als in jener Nacht. Je öfter sie auf- und abschritt, um sich Details zu widmen, die bei oberflächlicher Betrachtung leicht zu übersehen waren, desto deutlicher zeichnete sich Sasukes Stilempfinden ab. Andächtig fuhr sie mit den Fingern die goldenen Letter nach, welche auf den meisten ledernen Buchrücken eingeprägt waren. In seiner Sammlung befanden sich einige Klassiker.

»Sie haben meinen kleinen Bruder ganz schön um den Finger gewickelt, wissen Sie das?« Während sie und Itachi darauf warteten, dass Sasuke sich geduscht und umgezogen hatte, blieb wohl zu viel Zeit für Itachi, um sich möglichst unangenehme Themen zu ersinnen, mit welchen er sie quälen konnte. Er stand lässig an die Kücheninsel gelehnt, seinen Mantel locker über die Arme gelegt, welche er unterhalb der Brust verschränkt hielt. In seinen Augen funkelte Neugierde und seine Lippen kräuselten sich zu einem amüsierten Lächeln.

Sakuras Wangen röteten sich. »Ich weiß nicht, was Sie meinen, Itachi«

»Das ist seit bestimmt fünf Jahren der erste Tag, den er sich frei nimmt. Und das im Dezember«, erklärte er und obwohl sie den Kopf gesenkt hatte, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen, wusste sie um seine Belustigung, denn sie konnte sie deutlich in seiner Stimme vernehmen.

»Es tut mir Leid, dass Sie diese Spontanität ausbaden müssen«, antwortete sie ausweichend. Im Raum nebenan verstummte das Rauschen einer aufgedrehten Dusche und Sakuras Wangen wurden noch etwas wärmer, als sie daran dachte, dass man zum Duschen in der Regel nackt war. Sie verdrängte das Bild von Sasuke, welches vor ihrem inneren Auge aufflackerte mit einem vehementen Schütteln ihres Kopfes.

»Darum geht es mir nicht. Es freut mich, dass mein Brüderchen nun ab und zu auch an etwas Schönes denken kann.«

Sakura biss sich auf die Lippen. »Sie schmeicheln mir, Itachi.«

»Wissen Sie, Sakura, ich finde, wir können uns ebenfalls duzen«, meinte Itachi und in gespielter Nachdenklichkeit rieb er sich das glatt rasierte Kinn, »Immerhin haben Sie mit meinem kleinen Bruder in einem Bett geschlafen.«

Ein ausdrückliches Räuspern aus dem Flur erlöste Sakura von der Pflicht, sich erklären zu müssen, doch als er kurz darauf nur mit einem marineblauen Bademantel bekleidet durch den offenen Torbogen trat, musste sie feststellen, dass ihre Situation sich nicht verbesserte. Ein Teil seiner muskulösen Brust war entblößt und um seine Schultern lag ein Handtuch, welches selbst aus der Distanz samtig weich aussah. Er trocknete sich die Haare damit und Sakura war fasziniert von der Eleganz, welche Sasuke selbst bei den banalsten Bewegungen ausstrahlte.

»Wärest du so freundlich, Sakura von deinen unflätigen Bemerkungen zu verschonen?« Die Forderung kam schroff über seine Lippen, seine Augen eine Spur dunkler als gewöhnlich. Fast schon hätte Sakura erleichtert aufgeatmet, doch dann sprach er weiter: »Das ist mein Privileg«

»Hey!«, empörte sie sich gespielt dramatisch, nachdem sie die Bedeutung hinter dieser besitzergreifenden Aussage erfolgreich verarbeitet hatte, »Mir wäre es recht, wenn ihr beide darauf verzichten könntet, mich aufzuziehen!«

Bei dem Lächeln, mit welchem Sasuke ihr antwortete, klopfte ihr das Herz im Hals. Einen Moment lang musterte er sie eindringlich, ehe er wieder aus dem Raum verschwand. Als er das nächste Mal auftauchte, trug er locker geschnittene Hosen in tiefem Nachtschwarz und der Kaschmirpullover, welchen er heute anstelle eines Hemdes trug, hatte die Farbe von Cappuccino. Mit gerunzelter Stirn schaute sie an sich selbst hinab und als sie das nächste Mal aufsah, um Sasukes Blick zu begegnen, zeichnete sich eine fast schon grimmige Zufriedenheit auf seinen Gesichtszügen ab. Er hatte sein Outfit dem ihrigen angepasst und irgendwie war das weitaus intimer, als die Tatsache, dass sie die Nacht dicht aneinander gedrängt in einem Bett verbracht haben.

Leicht errötend wandte Sakura das Gesicht ab. »Bist du fertig?«

»Wir können los, ja.« Sie konnte das angedeutete Lachen in seiner Stimme hören.

»Herrje«, war alles was Itachi dazu beitrug und das Klimpern eines Schlüsselbundes verriet ihr, dass sie wirklich bereit zum Aufbruch waren.

Bevor sie aber zum Autohaus fuhren, machten sie einen Zwischenstopp im Street Cats. Sakura hob überrascht die Augenbrauen, als sie in der Ecke hinter dem Tresen mehrere kleine Kätzchen in einem Körbchen schlafen sah. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass sie das letzte Mal schon hier gewesen waren, dennoch musste sie schmunzeln. Auf einmal ergab der abgeblätterte Name auf dem vom Wetter gezeichneten Schild vor dem Café einen Sinn.

Naruto schenkte ihr ein freundliches Lächeln, nachdem er von Sasuke die Bestellung für drei Espressi entgegen genommen hatte. Ein Lächeln, welches sie zaghaft erwiderte. Sie hoffte, dass er nicht allzu lange darüber nachdachte, woher er sie kannte und mit wem sie in Begleitung gewesen war, doch ihre Sorge blieb unbegründet. Er und Sasuke wechselten flüsternd einige Worte, die Sakura nicht verstehen konnte, obwohl sie ihre Ohren spitzte. Nach einer Weile gab sie ihren Lauschangriff auf und betrachtete stattdessen den einzigen anderen Gast im Café: einen älteren Mann mit Zeitung und einer Pfeife, welche erkaltet neben ihm auf dem Tisch lag. Als sie ihr Augenmerk auf ihn richtete, erhaschte sie für die Flüchtigkeit eines Momentes einen Blick auf ihn, doch er hob das Zeitungspapier rasch wieder an. Obgleich seine Hände runzlig waren, hatte Sakura keine tieferen Falten in seinem Gesicht erkennen können und irgendetwas zupfte am Rande ihres Verstandes nach ihrer Aufmerksamkeit.

Sie bekam das Gefühl nicht los, den Mann irgendwoher zu kennen.

»Wollen wir wieder los?« Sakura schrak aus ihren Gedanken hoch. Sasuke schenkte ihr ein Lächeln, bei welchem ihr warm ums Herz wurde. Sie nahm den Espresso entgegen und trank ihn in zögerlichen Schlucken aus, um sich nicht daran zu verbrennen. »Gern.«

Sasuke zog ein paar Banknoten aus seinem Portemonnaie und schob diese elegant über den Tresen. Für einen Augenblick schien Naruto nicht zu wissen, was er davon halten sollte, für seine Arbeit tatsächlich bezahlt zu werden, denn er starrte das Geld mit vorsichtigem Misstrauen an. Er schien sich dafür zu entscheiden, dass das schon okay so war, denn er zuckte mit den Achseln und ließ das Geld in seinem zerknitterten Jackett verschwinden.

»Bis bald!« Naruto grinste sie spitzbübisch an, was ihn derart jung wirken ließ, dass Sakura überlegte, wie alt er wohl war. Sie würde ihn auf nicht viel älter als zwanzig schätzen, aber das erschien ihr unwahrscheinlich. Bei nächster Gelegenheit würde sie Hinata nach seinem Alter fragen, nahm sie sich vor.

»Bis bald!« Sie hob die Hand zum Gruß, ehe sie mit den beiden Brüdern wieder zurück auf die zugige Gasse heraus trat.

Dieses Mal gab es keine weiteren Zwischenhalte und nach einer knappen halben Stunden waren sie etwas abseits des Stadtkerns am Autohaus angekommen. Wie immer wirkte es mysteriös in seiner gläsernen Fassade, die im fahlen Morgenlicht schimmerte. An diesem Morgen sammelte sich Nebel dicht über dem Boden und Sakura stellte fest, dass heute niemand draußen war und sich um die Pflege der Autos kümmerte. Das Gebäude wirkte entsprechend verlassen und eine feine Gänsehaut zog sich über ihren Körper, welche nicht von der kühlen Luft rührte.

»Verrätst du mir langsam, was du eigentlich vorhast, Sasuke?«, fragte Sakura, nachdem die massiven gläsernen Türen sich hinter ihnen geschlossen hatte. Manchmal wunderte sie sich darüber, dass niemand auf die Idee kam, hier einzubrechen. Das ganze Glas wirkte auf sie nicht allzu sicher. Wahrscheinlich reichte der Name „Uchiha“ aus, um Leute von solchen Ideen abzubringen.

»Wir fahren ein wenig«, entgegnete er nur nebulös und Sakura seufzte. Damit war zu rechnen gewesen.

»Ich komme heute Abend vorbei und erstatte dir einen Tagesbericht«, warf Itachi dazwischen, was Sasuke mit einem zufriedenen Nicken kommentierte.

»Also«, begann Sasuke an Sakura gewandt, nachdem Itachi sich in Richtung Büro verabschiedet hatte.

»Also?«

»Mit welchem Auto möchtest du gerne fahren?«

Sakura blinzelte perplex. »Pardon?«

»Ich habe gefragt, mit welchem Auto du gerne fahren möchtest«, wiederholte Sasuke mit einem belustigten Lächeln.

»Ich soll mir eines aussuchen?«, hakte sie nach, noch immer verwirrt. Was hatte dieser Mann nur vor? Sakura drehte sich einmal um ihre eigene Achse und ließ ihren Blick suchend durch den Raum wandern. Ihre Aufmerksamkeit blieb bei einer schneeweißen Limousine haften, deren elegante Form an den sanft im Winde wehenden Stoff eines ausschweifend Kleids erinnerte. »Das da.«

Ein angedeuteter Ausdruck von Vorfreude huschte über seine markanten Gesichtszüge. Er ging zum Empfangstresen, besprach etwas mit der Sekretärin und kam anschließend mit einem Bund Autoschlüssel zurück.

»Das war kein Scherz?«

Sasuke schüttelte nur den Kopf und drehte den Schlüssel im Schloss.

»Und wie kommt dieses Auto hier heraus?« Als sie die Frage stellte, fiel ihr auf, dass sie darüber noch nie vorher nachgedacht hatte. Wie kamen die wenigen Ausstellungswagen überhaupt in die Halle herein?

»Durch die Tür«, bemerkte Sasuke nüchtern. Die Selbstverständlichkeit in seinem Tonfall ließ darauf deuten, dass er es offensichtlich wirklich ernst meinte. Zweifelnd musterte Sakura die Doppeltür. Sie versuchte abzuschätzen, ob das wirklich hinkommen konnte und kam zu dem Schluss, dass sie Sasuke in dieser Sache wohl vertrauen musste, immerhin war das sein Autohaus und darin standen seine Autos. Er würde schon wissen, was er tat.

Zumindest hoffte das Sakura.

Ohne eine vorherige Aufforderung Sasukes kamen zwei seiner Mitarbeiter nach vorn und öffneten die gläsernen Flügeltüren für ihn. Der Motor startete mit einem gewaltigen Röhren und Sakura konnte die Vibration des Autos durch ihren ganzen Körper kribbeln spüren.

»Das kann ich nicht glauben...«, murmelte sie mehr zu sich, als er den schicken Wagen langsam und präzise durch den Haupteingang fuhr. Sakura kam das absurd vor und vielleicht war es das auch, doch dann nur in ihren Augen. Weder Sasuke selbst, noch seine Angestellten, wirkten sonderlich verwundert darüber, dass sie mit einem der Autos durch den Haupteingang fuhren.

Sakura drehte sich um und über die ledernen Rücksitze hinweg konnte sie erkennen, dass die Türen wieder geschlossen wurden. Mit einem Schnauben wandte sie sich von Sasukes gläsernem Palast ab, welcher mit jeder Sekunde weiter schrumpfte. »Damit hatte ich nicht gerechnet.«

»Was meinst du?« Sasuke warf ihr einen flüchtigen Seitenblick zu, denn allzu lange konnte er seine Aufmerksamkeit nicht von der Straße abwenden. Sakura bemerkte, dass er nicht auf den Highway abbog, welcher zurück nach New York führte.

»Ach, nicht so wichtig«, begann sie beiläufig, »wir fahren von der Stadt weg?«

Sasuke gluckste erheitert. »Ich vergesse immer wieder, dass du zu schlau bist, um so etwas nicht sofort zu begreifen. Ja, es stimmt, wir fahren nicht in die Stadt zurück. Unser Ziel liegt etwas... ländlicher.«

»Mehr wirst du mir aber nicht verraten«, vermutete Sakura mit nüchterner Überzeugung.

Er musste ihr gar nicht antworten, um sie wissen zu lassen, dass sie recht hatte, dennoch gab er ihr ein äußerst selbstzufriedenes »Natürlich nicht« zurück.

Also gab Sakura sich geschlagen und wandte sich stattdessen der sich stetig wandelnden Landschaft zu. Je weiter sie von New York weg fuhren, desto kleiner wurden die Dörfer und Städte, durch die sie fuhren und irgendwann wichen selbst die kleinsten Siedlungen einzelnen Häusern und Höfen mit Pferden und Kühen die gemütlich auf den Feldern grasten. In der Ferne sah sie Hügel am Horizont und Wälder, die alles, was jenseits von ihnen lag, vor ihrem Blick schützten.

Immer, wenn Sasuke nicht schalten musste, wanderte seine Hand zu ihrer eigenen, welche auf ihrem Schoß ruhte. Der sanfte Druck seiner Finger schickte ihren Verstand auf Übersee und mehr als einmal erwischte sie sich dabei, wie sich ihre Mundwinkel verselbstständigten. Sie war sich bewusst, dass sie sich wie ein verliebter Teenager benahm und innerlich schalt sie sich dafür, dass sie ihren Gefühlen nicht mehr Einhalt gebot, doch vorerst wollte sie nicht zu viele Gedanken daran verschwenden.

Nicht daran und nicht daran, dass sie noch immer an ihrem Artikel arbeitete.

Wenn diese Sache zwischen ihnen schon irgendwann unweigerlich enden musste, dann wollte sie zumindest den Weg dahin genießen. Vielleicht machte sie das naiv, vielleicht spielte sie wirklich mit dem Feuer, doch genau jetzt in diesem Moment, mit Sasukes Hand auf ihrer, fühlte sie sich, als könnte sie die ganze Welt erobern.

»Woran denkst du schon wieder, Sakura?«

Unwillkürlich musste sie lachen. Darüber, dass er diese Frage so oft stellte und darüber, dass sich ihr Name aus seinem Mund so vertraut anhörte, als kannten sie sich schon ein ganzes Leben lang. »Die Antwort würde dich enttäuschen.«

»Du wirst es mir also wieder nicht sagen?«, stellte er fest.

»Ebenso wenig, wie du mir verrätst, wohin wir fahren«, gab sie prompt zurück.

»Vermutlich ist das nur fair.«

»“Vermutlich“ ist nicht das Wort, welches ich gewählt hätte«, entgegnete sie herausfordernd.

Sasuke lachte leise. »Ach nein?« Er begegnete ihrer Herausforderung.

»Ganz sicher nicht, nein.« Sakura verschränkte ihre Finger und betrachtete für einige Sekunden ihre Nägel. »Wie weit aufs Land fahren wir denn?«, versuchte sie es erneut. Vielleicht bekam sie ja irgendeine Information, wenn sie ihre Worte sorgfältiger wählte.

»Vermutlich wirst du darauf keine Antwort erhalten«, antwortete er derart trocken, dass Sakura ihre Fassade nicht mehr länger aufrecht halten konnte.

»Mist!«, fluchte sie kichernd, »Touché

Der Wald am Horizont kam immer näher und als sie tatsächlich auf eine schmale Straße abbogen, welche genau auf die dichten, hochgewachsenen Baumreihen zuführte, wurde Sakura etwas nervös. Wäldern hatte sie noch nie etwas abgewinnen können und der noch immer vorherrschende Nebel, welcher sich dicht über dem Boden sammelte, trug nichts dazu bei, dass dieser Wald besonders vertrauenerweckend wirkte.

Das Licht der schwachen Wintersonne kam nur schwer durch das dichte Baldachin aus Nadeln, sodass der Wald auch von innen düster und unheimlich wirkte. Die Szenerie blieb für eine ganze Weile erhalten und es war bereits später Mittag, als die letzten Ausläufe des Waldes sich lichteten und sie auf einem gewaltigen Anwesen mit einem noch größeren Grundstück ankamen. Sakura hatte noch nie in ihrem ein so großes Haus gesehen. Die Einfahrt aus Schotter zog sich über mehrere Meter und endete vor einem Tor aus schmiedeeisernen Stäben, welche von zwei Männern in Uniform geöffnet wurden, als Sasuke vorfuhr. Dahinter öffnete der schmale Schotterweg sich zu einem kreisrunden Platz mit einer uralten Eiche in der Mitte. Ihre langen Äste waren knorrig und bar jeglicher Blätter, dennoch erweckte sie ein Gefühl von Unvergänglichkeit.

Sasuke parkte das Auto auf der anderen Seite der Eiche am Fuße einer Treppe, von der Sakura befürchtete, dass sie tatsächlich aus reinem Marmor war. Sie war so überwältigt, dass sie Sasuke gar nicht die Chance gab, auszusteigen, um ihr die Tür aufzuhalten.

»Wo sind wir hier?«, hauchte sie atemlos, den Kopf so tief in den Nacken gelegt, dass sie fürchten musste, hintenüber zu kippen. Sie hatte versucht, die Fenster zu zählen, doch beim zweiten gedanklichen Stolperer hatte sie schnell wieder aufgegeben.

»Das ist das Anwesen meiner Eltern.« Sasuke war an sie heran getreten, doch sie konnte sich nicht von dem ehrfurchtgebietenden Anblick lösen. Hier hatte er seine Kindheit verbracht? Sakura war sich sicher, dass man für das Innere dieses Anwesens eine Karte bräuchte, um sich nicht zu verirren und irgendwie stimmte dieser Gedanke sie traurig. Wann immer sie an ihr enges, behagliches Zuhause zurück dachte, waren es genau diese kleinen vier Wände, die vor lauter Kram aus allen Nähten zu platzen schienen, die sie am meisten vermisste. Der Duft von frisch gebackenem Kuchen, welchem man einfach nirgendwo entkommen konnte und das Gelächter und die Gespräche ihrer Eltern so nah, dass sie nie das Gefühl hatte, alleine zu sein.

»Und deine Eltern...?« Sakura ließ die Frage in der Luft hängen. Sasukes Eltern kennen zu lernen war nicht auf ihrer Liste gestanden und löste Panik in ihr aus.

»Mutter sollte auf jeden Fall da sein«, beantwortete Sasuke die unausgesprochene Frage und seine Gesichtszüge verhärteten sich für einen Moment, ehe sie weicher wurden, als zuvor, »Sie wird sich sehr freuen, dich kennen zu lernen.«

»Dein Wort in Gottes Ohr.«

Sasuke lachte leise, antwortete aber nichts.

»Versteh' mich nicht falsch, Sasuke, aber was machen wir hier?« Sakura wurde das nagende Gefühl nicht los, dass ihre Anwesenheit an diesem Ort ganz und gar unangemessen war. Sie begegnete seinem intensiven Blick mit schüchterner Zurückhaltung und mehr als einmal musste sie stattdessen einen unbestimmten Fleck oberhalb seiner Schulter fixieren, um sich nicht gänzlich abzuwenden.

»Wenn ich ehrlich bin, weiß ich es nicht«, gestand er leise, »eigentlich wollte ich zu einem verlassenen Werksgelände einige Meilen von hier entfernt fahren, um dir das Autofahren beizubringen.« Sasuke verstummte als am oberen Ende der Treppe ein kleinerer Tumult los brach.

Die Tür, welche aus zwei massiven Holzflügeln bestand, wurde regelrecht aufgerissen und eine Frau mittleren Alters stürmte in voller Abendgaderobe über die Treppen zu ihnen hinab. Ihre Absätze klapperten auf dem auf Hochglanz polierten Mamor, welcher blass und farblos wirkte neben dem strahlenden Lächeln, welches ihrem Gesicht tiefe Lachfältchen auf die Haut zauberte.

»Sasuke!«, jauchzte sie mit einer glockenhellen Stimme und ehe dieser Protest erheben konnte, wurde er von ihr in eine ehrfurchtgebietende Umarmung gezogen, die er aber ohne zu Zögern erwiderte.

Seine Mutter, kein Zweifel.

Nicht nur der intimen Überschwänglichkeit wegen, mit welcher sie ihm begegnete, auch ihre nachtschwarzen Augen und der Schimmer von Dunkelblau in ihrem von grauen Strähnen durchzogenem Haar kennzeichneten sie als unmittelbare Verwandte.

Sakura würde sich am liebsten zurück ins Auto setzen und eigenhändig zurück nachhause fahren, nur um der drohenden Konfrontation mit Sasukes Mutter aus dem Weg zu gehen.

Das hier war falsch, das spürte sie bis in ihre Knochen.

»Und wer sind Sie?« Ein einnehmendes Lächeln entblößte zwei Reihen perlweißer Zähne. Ein Lächeln, welches Sakura nicht so recht erwidern konnte, auch wenn sie es versuchte.

»Mein Name ist Sakura. Sakura Haruno. Es ist mir eine ausgesprochene Ehre«, stellte sie sich etwas steif vor. Auch ihre Verbeugung fühlte sich ungelenk und tölpelhaft an, doch wenn seine Mutter etwas von ihren zögernden Vorbehalten merkte, so ließ sie sich nichts anmerken.

»Mikoto Uchiha. Es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Sakura!« Sie wirkte aufrichtig in ihrer Freude und deutete mit ihrem Kopf eine Verbeugung an. Ihr offenes Haar fiel ihr dabei in glänzenden Wellen über die Schulter und Sakura fragte sich, ob sie ebenso graziös altern würde. Mikoto war wunderschön und anmutig und das, obwohl sie die Fünfzig schon hinter sich gelassen haben musste.

»Kommt nur mit rein! Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst – und dass du eine so reizende Dame mitbringst – hätte ich deine Lieblingsspeise für dich gekocht!«, jammerte sie halb ernst.

»Es war nicht unbedingt geplant, dass wir vorbei fahren«, räumte Sasuke ein, während sie hinter Mikoto die Treppen zum Haus aufstiegen.

Seine Mutter seufzte laut. »Du könntest ruhig öfter planen, deiner alten Mutter einen Besuch abzustatten!«, klagte sie vorwurfsvoll.

»Ich komme so oft vorbei, wie ich es kann, Mutter«, erinnerte er sie und erneut seufzte Mikoto schwer. Sakura war sich sicher, dass sie ihren Sohn nicht allzu oft zu Gesicht bekam.

Dieses Mal öffneten zwei weitere uniformierte Männer die Türen für sie. Wie viele Menschen wohl im Dienste der Uchihas standen? Sakura fühlte sich erschlagen, sowohl von der Tatsache, dass sie soeben Sasukes Mutter kennen gelernt hatte, als auch von dem mehr als offenkundigen Prunk.

Das Haus sah von innen noch prächtiger aus, als von außen, doch entgegen Sakuras Erwartung, einen unterkühlten, versnobten Wohnsitz vorzufinden, bar jeglicher persönlicher Note, war es drinnen zumindest auf den ersten Blick sehr gemütlich. Der makellose Holzboden war unter der Unzahl von Teppichen kaum auszumachen und statt elektrischer Lichter brannten dutzende Kerzen in einem antik aussehenden Kronleuchter über ihren Köpfen und in diversen Ständern, die auf den schicken Holzkommoden und Tischchen verteilt waren.

An den Wänden hingen verschiedene Familienporträts, allesamt in Ölfarbe gezeichnet und als Sakura das Bild von einem deutlich jüngeren Sasuke und seinem Bruder Itachi entdeckte, wäre ihr fast ein Quietschen entflohen. Sasuke schien zu bemerken, dass ihre Aufmerksamkeit deutlich länger an diesem Bild hängen blieb, als an der restlichen Einrichtung und er stupste sie leicht am Arm. »Nicht zu lange anschauen«, bat er so leise, dass nur sie ihn hören konnte, »sonst führt sie dich an jedem Bild von mir vorbei und erzählt dir zu jedem in minutiöser Langatmigkeit wie qualvoll es war, mich dafür zum Stillsitzen zu bekommen.«

»Das hört sich für mich an, als würde es dich mehr quälen, als mich«, stellte Sakura trocken fest und schenkte ihm ein diabolisches Lächeln. Sasuke verzog sein Gesicht und schüttelte kaum merklich den Kopf, als Mikoto näher an die beiden heran trat.

»Was tuschelt ihr zwei da miteinander?«

»Oh nichts, Mrs. Uchiha«, flötete Sakura und verschränkte die Hände hinter ihrem Rücken. Sasuke hatte ihr eine wirklich wichtige Information mitgeteilt und sie würde sie im Hinterkopf behalten, denn ihren Vorteil direkt auszuspielen erschien ihr unklug.

»Dann folgt mir bitte in die Küche. Ich bin zwar nicht auf eure Ankunft vorbereitet worden, dennoch werde ich wohl etwas Passables für euch zu essen kochen können! Nach der langen Fahrt müsst ihr gewiss hungrig sein.« Damit hakte sie sich bei Sakura unter und schenkte ihrem Sohn einen auffordernden Blick. Sasuke ergab sich seufzend und folgte den beiden den Flur entlang zu einer Küche, die so extravagant und penibel sauber war, dass Sakura sich schäbig vorkam, den makellosen Marmorboden mit ihren Füßen zu beschmutzen.

Im Gegensatz zu Sasukes Küche war diese hier viel altmodischer und in hellen Tönen gehalten. Töne aus Creme, Beige und Elfenbein dominierten die Fronten, in denen Sakura sich gewiss spiegeln könnte, würde sie nur nahe genug heran treten. Kein einziges Kochutensil lag lose herum, alles war sorgsam sortiert und aufbewahrt, sodass der Gedanke aufkommen könnte, dass diese Küche nur aus optischen Gründen hier stand.

Tatsächlich aber war dem nicht so, denn Mikoto band sich ohne viel Federlesens eine Schürze um, die zwar offenkundig gesäubert und gestärkt worden war, aber dennoch Gebrauchsspuren von früheren Kochversuchen aufwies in Form von besonders hartnäckigen, doch ausgeblichenen Flecken.

»Erzählen Sie mir doch etwas von sich, meine Liebe«, bat sie mit ihre sanften Stimme, während sie vollkommen zielsicher nach Töpfen, Brettern und Lebensmitteln griff. Es hatte etwas von einem Tanz, welchen sie mit geübten, anmutigen Schritten ausführte.

Sakura ließ sich auf einen der Hocker fallen, welche der Kochplatte gegenüber an der Kochinsel standen. »Über mich gibt es nicht allzu viel zu erzählen«, begann sie vorsichtig. Es käme einem Desaster gleich, wenn sie sich nun verplapperte, nachdem sie sich all diese Mühe gegeben hatte, um überhaupt an diesem Punkt anzukommen. »Ich bin gelernte Floristin, allerdings schreibe ich derzeit an meinem ersten Buch. Das Schreiben ist meine wahre Leidenschaft, die Ausbildung habe ich nur meiner Mutter Seelenfrieden wegen gemacht.«

»Sie müssen mir unbedingt eine Leseprobe geben!«, bat Mikoto mit einem freundlich mütterlichen Lächeln, während sie Zwiebeln schnitt, als hätte sie ihr ganzes Leben lang nichts anderes getan. Schon das Zusehen genügte, damit Tränen sich in Sakuras Augenwinkeln sammelten.

»Vergiss' diesen Gedanken, Mutter«, warf Sasuke ein, welcher sich Schulter an Schulter auf den Hocker neben sie gesetzt hatte, »ich habe ebenfalls versucht, etwas aus ihr heraus zu bekommen, doch sie hält ihre lyrischen Schätze fest umschlungen.«

»Wirklich? Wie schade...« Aufrichtiges Bedauern zeichnete ihre Gesichtszüge, trotzdem fiel Sakura durchaus auf, wie Mikotos Blick zwischen den beiden hin und her wanderte, was ihr umso deutlicher klar machte, wie eng beieinander sie saßen.

Sie konnte nicht verhindern, dass sie rot wurde und rutschte unangenehm berührt auf ihrem Stuhl herum. »Für Sie könnte ich gewiss eine Ausnahme machen, Ma'am.« Sie hatte das eigentlich nur gesagt, um eine Reaktion von Sasuke zu provozieren, doch Mikotos Augen leuchteten förmlich auf.

»Wirklich?« Sie kicherte, denn Sasuke und sie hatten gleichzeitig gesprochen. Er stupste sie von der Seite an, was ihr wiederum ein leises Quietschen entlockte. »Wieso bekomme ich keine Ausnahme?«, hakte er gespielt empört nach.

»Den Grund dafür hatte ich dir doch bereits genannt, nicht wahr?«, erinnerte sie ihn neckisch, »du bist nicht...«

»...ernst genug, ich weiß«, beendete er ihren Satz mit einem angedeuteten Seufzer.

Mikotos Augenbrauen wanderten in Überraschung nach oben. »Mein Junge? Nicht ernst genug?«

»Das habe ich ihr auch schon gesagt, Mutter.«

Sakura zuckte nur mit den Schultern, als zwei neugierige Augenpaare auf ihr ruhten und schenkte sich etwas von dem Wasser ein, welches Mikoto für sie zusammen mit ein paar äußerst filigran gearbeiteten Gläsern hingestellt hatte.

Sasuke schnaubte. »Das ist unerhört, wirklich.«

»Mach' dir nichts daraus, mein Junge. Man kann nicht alles im Leben haben«, sinnierte seine Mutter mit einem fremdartigen Funkeln in den Augen.

Daraufhin schnaubte er ein weiteres Mal, sagte aber sonst nichts mehr zum Thema.

Das Gespräch zwischen den Dreien tröpfelte im Verlauf der nächsten Stunde gemächlich vor sich hin und Sakura erwischte sich dabei, dass sie Mikoto kurzerhand als sehr sympathisch einschätzte. Sie wirkte auf sie wie eine witzige, charmante Frau, welche in ihrem Leben schon die ein oder andere Sache erlebt hatte. Sakura erfuhr, dass die Familie Uchiha ursprünglich nur das Land hier gekauft hatte und sich nichts darauf befunden hatte als brachliegendes Ackerland. Über Generationen hatten sie sich diesen Wohnsitz zu dem erbaut, was er nun war und das zum größten Teil mit den eigenen Händen.

Auch, dass ihre Familie nicht immer so wohlhabend gewesen war, erfuhr Sakura an diesem Abend und auch wenn sie es sich nur schwer vorstellen konnte, umgeben von all dem offensichtlichen Reichtum, war sie erleichtert, dass es nicht der alleinige Verdienst von Sasukes geheimen Unternehmungen war, dass diese Familie so erfolgreich geworden ist. Wieso er es dann überhaupt tat, verstand sie jedoch nicht. Alleine der Handel mit den Autos und früher mit Kohle und Eisen hatte den Uchihas so viel Geld und Macht eingehandelt, dass es überflüssig schien, sich mit illegalen Dingen die Hände schmutzig zu machen.

Gedanklich machte Sakura sich eine Notiz, dass dies ein durchaus wichtiger Punkt war, welchen sie sich später würde notieren müssen.

Wieso?

Was war die Motivation hinter seinen Aktionen?

Waren sie extrinsischer Natur und es ging ihm um noch mehr Geld und Macht oder waren er gänzlich intrinsisch motiviert? Vielleicht machte es ihm Spaß und das alleine genügte aus, um zu tun, was er tat.

Nach einer Weile konnte Sakura sich ihrer menschlichen Neugierde nicht länger entziehen. Es juckte sie förmlich in den Fingern, mehr von dem Ort zu sehen, an welchem Sasuke aufgewachsen war. »Ich würde mich ein wenig umsehen, wenn Sie das nicht stört, Mrs. Uchiha. Ihr Zuhause ist wahrlich wunderschön«, bat Sakura deshalb höflich.

»Oh, aber sicher doch, meine Liebe! Ich würde Ihnen eine Führung geben, allerdings muss ich mich zuerst um den Auflauf kümmern«, gab sie zurück. »Sasuke kann Sie jedoch herum führen, wenn Sie möchten«, schlug sie vor.

Sakura überlegte, wie sie es am besten formulieren sollte, dass sie ein paar Minuten für sich benötigte.

»Geh' ruhig schon einmal vor, ich finde dich schon«, warf Sasuke ein.

Sakura atmete erleichtert auf. »Gerne.« Damit erhob sie sich von ihrem Hocker, bemüht darum, nicht zu sehr nach einem flüchtenden Reh auszusehen.

Sakura fand sich auf den ausgestorbenen Fluren des Anwesens wieder. In gemütlichem Tempo schlenderte sie über die zahllosen Teppiche, um die Porträts und Gemälde eingehend inspizieren, doch mehr als einmal erwischte sie sich dabei, wie sie gedanklich abdriftete von den Farben und Schattierungen der einzelnen Bilder, hin zu Sasuke und ihrem Aufenthalt an diesem Ort.

Mit verschränkten Armen blieb sie vor jedem Kunstwerk stehen, nur um sich schlussendlich mit einem tiefen Seufzer von dessen Anblick zu lösen und tiefer in das Haus hinein zu laufen. Dann und wann traute sie sich, eine der unzähligen Türen zu öffnen und einen Blick in das jeweilige Zimmer hineinzuwagen, doch die meisten Räume waren so karg eingerichtet, dass Sakura mehr und mehr davon überzeugt war, dass niemand wahrhaftig derart viel Platz benötigte.

Irgendwann, nach gefühlt dutzenden Türen, stieß sie auf das erste Zimmer, welches ein richtiges Mobiliar besaß: Es musste ein Kinderzimmer gewesen sein, mit einem Bett, welches viel zu klein für einen erwachsenen Menschen war und der kunterbunt gemusterten Tapete an der Wand. Das Bücherregal war bis auf einige verwittert aussehende Bücher gänzlich leer, dennoch stellte Sakura, als sie näher heran getraten war, dass kein einziges Staubkorn auf den verwaisten Regalbrettern zu finden war. Wer auch immer dafür verantwortlich war, all diese Räume instand zu halten und zu putzen, verdiente ihr aufrichtiges Mitleid.

Auf den ausgebleichten, aber frisch duftenden Bettdecken lagen einige mehrmals geflickte Kuscheltiere in fein säuberlicher Anordnung. Beinahe andächtig ergriff sie eines der Tiere, eine Giraffe, deren Hals an mehreren Stellen nach gestopft worden war und drehte sie in ihren Händen, bis sie einen zerschlissenen Waschzettel fand, auf welchen sie tatsächlich die Initialen des Kindes fand, zu welchem dieses arme, vergessene Tier gehört hatte: S.U.

Sasuke. Dieser Raum war einst das Zimmer gewesen, in welches seine Mutter ihn nachts zum Schlafen gelegt hatte. Sakura wurde von einer Melancholie ergriffen, die ihr Herz auf angenehme Art berührte. Sasuke war mittlerweile über dreißig Jahre alt und das letzte Mal, dass er in diesem Bett genächtigt hatte, musste schon weit über ein dutzend Jahre her sein und dennoch stand dieser Raum noch immer so, wie er damals wohl gestanden hatte. Dass seine Mutter der Grund dafür war, bezweifelte sie keine Sekunde lang.

Sorgsam bettete sie die Giraffe zu ihren nicht weniger lädierten Kumpanen und unterzog den Raum einer sorgfältigeren Inspektion. In jeder Ecke schien sie ein weiteres Puzzleteil zu finden, welches sich zum Bild eines deutlich jüngeren Sasuke zusammenlegen ließ: Ein paar ausgetretene Fußballschuhe, an welchen die meisten Stollen bereits fehlten; ein Ball, dem die Luft schon vor langer Zeit gänzlich entwichen war; einige Holzfiguren, von denen der Lack abblätterte, als Sakura sie von der kleinen Kommode hoch hob.

»Natürlich finde ich dich ausgerechnet hier.«

Sakura schreckte aus ihren Gedanken auf und als sie sich umdrehte, sah sie Sasuke in der Tür stehen. Er sah umwerfend aus in seiner gepflegten, chicen Alltagskleidung und ganz und gar unpassend in seinem alten Kinderzimmer.

»Dieser Raum muss mich magisch angezogen haben«, scherzte sie, »Ausgerechnet hier lande ich, inmitten all dieser Zimmer.« Sie stellte die Holzpuppe zurück an ihrem Platz und trat einen Schritt auf Sasuke zu. »Ein schöner Raum für einen kleinen Jungen, wirklich.«

»Mutter hat es nie über das Herz gebracht, die Sachen zu entsorgen. Die meisten Räume hat Vater über die Jahre entrümpeln lassen, um sie für andere Zwecke vorzubereiten, nur diesen hier durfte er nie anrühren. Diesen nicht und den von Itachi auch nicht«, schloss er. Ehe Sakura etwas darauf erwidern konnte, griff er nach ihrer Hand und zog sie an seine Brust.

Die Schmetterlinge in ihrem Bauch flatterten wie wild, dennoch fasste Sakura sich ein Herz und fragte: »Wenn du mir diese Frage erlaubst: Wo ist eigentlich dein Vater?«

»Er ist tot.« Sasukes Gesicht verdüsterte sich sichtlich und es war offensichtlich, wie sehr in dieser Umstand belastete. Wie er wohl gewesen war, sein Vater? Ob er das prägende Vorbild für den heutigen Sasuke gewesen war?

Sakura biss sich auf die Lippen, beschämt darüber, dass sie genau die falsche Frage gestellt hatte. »Das tut mir Leid«, flüsterte sie schließlich und umfing Sasuke in einer Umarmung, die so zaghaft und sanft war, dass Sakura hoffte, all die unausgesprochenen Worte damit auszudrücken.

Sein Griff um ihre Hüfte verstärkte sich, wenn auch kaum merklich und für einige Zeit erlaubten sie es sich, so miteinander zu verharren. Sakura konzentrierte sich auf ihren Herzschlag und auf die Wärme Sasukes, in welche sie sich hinein schmiegte. Unter ihrer Wange konnte sie sein Herz klopfen spüren und wenn sie nicht gerade mitten in seinem Kinderzimmer stehen würden, könnte sie so wohl auf der Stelle einschlafen.

»Wir sollten langsam wieder zurück. Deine Mutter sucht uns gewiss bereits«, stellte Sakura fest. Sie lehnte sich gerade so weit zurück, dass sie Sasuke in die Augen sehen konnte.

Etwas Vorwitziges blitzte in seinen Augen auf und seine Mundwinkel zuckten nach oben. »Wieso?«

»Ich will nicht, dass deine Mutter... auf die falschen Ideen kommt«, antwortete Sakura mit einem verlegenen Kichern.

Seine Augen wanderten an ihrer Schulter vorbei, zweifelsohne zu seinem früheren Bett und dann zu ihr zurück. Der Schalk trat noch deutlicher in seinem Blick hervor und Sakura fühlte Hitze in ihren Wangen auflodern. Sie wollte protestieren und etwas Vernünftiges sagen, doch Sasuke ließ sie nicht zu Wort kommen und erstickte jede Form von Einspruch mit einem Kuss, der Sakura die Luft aus den Lungen zog. Es sollte sie mehr entsetzen, dass sie sich so schnell an seine Berührung und das Gefühl seiner Lippen auf ihren gewöhnt hatte, doch in ihrem verschleierten Verstand existierte nichts außerhalb der Nähe, die sie gerade miteinander teilten.

»Ein wenig länger können wir noch bleiben«, raunte er mit leiser Stimme und das Amüsement in seinen Augen wich etwas Dunklerem. Danach küsste er sie ein weiteres Mal mit einer Intensität, die die Muskeln in ihren Beinen Schachmatt setzte.

Atemlos löste sie sich von ihm und brachte etwas Abstand zwischen sich und ihn. »Nicht hier«, sagte sie bestimmt, doch das leichte Zittern in ihrer Stimme vermochte sie nicht gänzlich zu unterdrücken. Dass sie damit viel mehr aussprach, als sie eigentlich hatte sagen wollen, bemerkte sie nur am Rande, als ein kehliges Lachen über seine Lippen kam.

»Ich nehme dich beim Wort, Sakura.« Die Art, wie er ihren Namen betonte, sollte verboten werden.

Ein drittes Mal küssten sie sich in seinem Kinderzimmer, zu lange, um gänzlich unschuldig zu sein, zu kurz, um mehr anzudeuten und als er sich von ihr löste, ergriff er ihre Hand und führte sie in die Flure seines Anwesens zurück.

»Möchtest du heute Nacht hierbleiben oder soll ich zurück in die Stadt fahren?«, fragte er auf halben Weg zurück in die Küche. Tatsächlich wurde es jenseits der Fenster bereits dunkel und wenn sie mit dem Essen fertig sein würden, wäre der Abend bereits im Begriff, der Nacht zu weichen.

»Ist es denn gefährlich, nachts auf dem Land zu fahren?«

Sasuke zuckte mit den Schultern. »Nicht wirklich.«

»Dann würde ich gerne zurück fahren.« Sakura senkte den Blick, damit er ihrem Gesicht nicht ablesen konnte, wie unwohl ihr bei dem Gedanken war, eine ganze Nacht hier zu verbringen. »Außerdem wartet Itachi auf dich, oder nicht?«

Sie fühlte den beruhigenden Druck seiner Hand, welche ihre noch etwas fester hielt. »Wie du wünscht, Sakura.« Er klang nicht enttäuscht oder wütend und dennoch wurde Sakura das Gefühl nicht los, seit dem gestrigen Abend nur falsche Entscheidungen zu treffen.

Die beiden trafen in der Küche ein und Sasuke besaß genug Anstand, ihre Hand vorher loszulassen. Die Wärme seiner Haut blieb wie eine verblassende Erinnerung an der ihrigen haften und obwohl Sakura sie mehrmals schloss und wieder öffnete, konnte sie diese Empfindung nicht abschütteln.

»Euer Timing ist perfekt, dass Essen sollte jetzt fertig sein«, begrüßte Mikoto sie mit einem strahlenden Lächeln. Die Küche war blitzblank sauber und nur der herrliche Duft nach frischem Auflauf und das leise Surren des Ofens erinnerten daran, dass hier bis vor Kurzem noch gekocht worden war. »Wo habt ihr euch den herum getrieben?«

Sakura rutschte nervös auf ihren Füßen herum und es war Sasuke, der das Wort erhob, um sich zu erklären: »In meinem alten Kinderzimmer«, erklärte er ruhig, gefasst, während Sakura allein bei dem Gedanken an die Zärtlichkeiten, die sie miteinander geteilt hatten, so rot anlief, dass sie niemals etwas anderes hätte von sich geben können, als Gestotter. »Es sieht noch genauso aus, wie früher«, fügte er hinzu.

Wieder war da dieses seltsame Glitzern in Mikotos Augen und dieses Mal war Sakura sich sicher, dass es ein Anflug von Tränen war, welchen sie mit beherrschter Disziplin unterdrückte. Bestimmt hatte es mit Sasukes Vater zu tun, welcher nicht mehr unter ihnen weilte. »Ich konnte mich einfach nicht davon trennen, mein Junge. Nicht nachdem dein Vater schon von uns gegangen ist.«

»Sie haben ein wirklich wunderschönes Zuhause, Mrs. Uchiha«, versuchte Sakura das Thema von Sasukes Vater wegzuführen, »Ich bin mir sehr sicher, dass es sie viel Mühe gekostet hat, damit es am Ende so gemütlich werden konnte.«

»Ich danke dir, Sakura.« Und so war sie einfach so dazu übergegangen, sie zu duzen. Wieder war da dieses Gefühl, dass dies hier nicht richtig war, wie eine besonders hartnäckig juckende Stelle auf der Haut.

Mikoto wandte sich von ihnen ab, um den Auflauf aus dem Ofen zu holen und für jeden eine tüchtige Portion auf Teller zu schaufeln, auf deren Porzellan ganz zauberhafte Blumenmuster gepinselt worden waren.

Nachdem sie gegessen hatten, lenkte Sasuke das Thema recht schnell darauf, dass sie noch nachhause fahren mussten, wofür Sakura ihm sehr dankbar war. Mikoto schien darüber recht betrübt, dennoch begleitete sie die beiden zum Eingangsportal und zog Sasuke mit einer Vehemenz an ihre Brust, die er sich so wohl nur von ihr gefallen ließ. Sie tauschten ein paar geflüsterten Worte aus, ehe sie ihn entließ und sich stattdessen ihr zuwandte.

»Es war mir eine Ehre, dich kennenlernen zu dürfen, Sakura.« Mikoto zog sie in eine sehr herzliche Umarmung, bei der sich ihr Magen schmerzhaft verkrampfte. Nicht nur, weil diese Frau die Mutter von Sasuke war, die Mutter des Mannes, dessen Machenschaften sie zu entblößen versuchte, sondern auch, weil ebendiese Herzlichkeit sie an die ihrer eigenen Mutter erinnerte. Ihre Gefühle befanden sich in einem Konflikt, der mit jedem Tag komplexer wurde. Als Mikoto sich von ihr löste, hielt sie ihre Schultern weiterhin umfangen und sie schenkte ihr ein aufrichtig wohlwollendes Lächeln. »Du bist mir viel lieber, als dieser schreckliche, rothaarige Teufel, mit dem mein Junge sich vor dir getroffen hat«, fügte sie so leise hinzu, dass Sasuke, welcher bereits im Begriff war, das Auto aufzuschließen, es nicht hören konnte. Sakura, die gerade erst den Mut gefasst hatte, Mikotos Freundlichkeit zu erwidern, überlief ein heißkalter Schauer.

Karin.

Sie musste über Karin reden.

“Dieser schreckliche, rothaarige Teufel, mit welchem Sasuke sich vor ihr getroffen hatte?“

In ihrem Sichtfeld schien es zu blitzen, alles um sie herum schien wie verschwommen. Komisch, sie konnte gar keine heißen Tränen aufsteigen spüren, wieso also sah alles aus, wie unter einem trüben Filter?

Sasuke hatte erzählt, dass Karin für einen Konkurrenten arbeitete, aber nicht, dass er sich mit ihr getroffen hatte. Was überhaupt bedeutete „getroffen“? Bei ihrem zufälligen Aufeinandertreffen hatte er recht unterkühlt auf ihre Anwesenheit reagiert und sie sofort verscheucht, also musste Karin eine Geschichte aus der Vergangenheit sein.

Oder?

Sakura biss sich auf die Lippe, bis sie etwas Metallisches schmecken konnte. »Sie schmeicheln mir, Mrs. Uchiha«, erwiderte sie zögerlich, »ich bin Ihrem Sohn sehr zugetan.« Das war keine Lüge. Sie fühlte sich tatsächlich sehr zu Sasuke hingezogen. Alles andere wäre eine absurde Verleumdung der Tatsachen und dennoch fühlte sie sich schrecklich unwohl in ihrer Haut.

Mikoto schien ihre Vorbehalte zu spüren, wenngleich sie die Natur dieser Zweifel unmöglich erahnen konnte und so ließ sie Sakura los. »Ich freue mich darauf, dich wieder sehen zu dürfen.« Damit nickte Mikoto ihr zu und verschwand zügigen Schrittes zurück in das Anwesen.

Sakura konnte den Motor des Autos hinter ihr aufheulen hören, sodass sie keine Zeit mehr hatte, ihren verwirrenden Gedanken nachzuhängen. Sie würde froh sein, erst einmal etwas Zeit für sich zu haben, um über alles nachzudenken, was sich die letzten Tage und Wochen abgespielt hatte.

Die Fahrt zurück nach New York verlief ereignislos und irgendwann musste Sakura von den Motorengeräuschen und dem sanften Holpern der Straße eingeschlafen sein, denn als sie das nächste Mal die Augen aufschlug, tauchten die Dächer der Stadt bereits am Horizont auf. Es war mittlerweile Nacht und zum ersten Mal seit vielen Wochen war der Himmel so klar, dass sie die Sterne erkennen konnte, die im schwachen Mondlicht schimmerten.

»Gut geschlafen?« Sie hörte das Lächeln in seiner Stimme, bevor sie es sah.

»Ich denke schon.« Sie rieb sich das Gesicht und gähnte herzhaft. Rotes Haar tauchte schemenhaft vor ihrem inneren Augen auf und ihr dämmerte, dass sie von Karin geträumt haben musste.

»Du murmelst im Schlaf, Sakura«, bemerkte Sasuke und Sakura überlief es eiskalt.

»W-wirklich?«, stotterte sie unbeholfen.

Sasuke gluckste belustigt und sie entspannte sich augenblicklich. Wenn sie etwas Verfängliches gesagt hätte, wäre er wohl kaum derart amüsiert.

»Man versteht nichts, aber es klang sehr wichtig.«

»Ich kann mich nicht erinnern, fürchte ich«, entgegnete sie. Tatsächlich war von ihrem Traum nicht mehr übrig, als verblassende Bilder.

»Dann war es wohl doch nicht so wichtig«, beschloss Sasuke und für einen Augenblick wanderte seine Hand vom Schaltknüppel, um nach der ihrigen zu greifen und sie zu drücken. »Wir sind bald zuhause, dann kannst du vernünftig schlafen.«

Zur Antwort gähnte Sakura noch einmal und streckte sich, so gut es unter einem engen Gurt eben ging. Die Stadt kam indes immer näher und Sakura wurde regelrecht ruhelos. Sie konnte es kaum erwarten, ein wenig Zeit für sich selbst zu haben. Zum Teil, um über die Karin-Thematik zu brüten, zum Anderen, um etwas Abstand zu Sasuke und damit die Möglichkeit zu gewinnen, über diese seltsam heftige Entwicklung zwischen ihnen nachzudenken.

»Wirst du Weihnachten mit Ino verbringen?« Sasukes Stimme war leise, trotzdem schreckte Sakura zusammen, als hätte er sie angeschrien.

Einen Moment dachte sie darüber nach, was sie erwidern sollte, am Ende entschied sie sich aber für die Wahrheit. Wenn sie noch mehr Lügen über ihr Leben ersinnen musste, würde sie früher oder später über eine davon stolpern. »Nein«, sagte sie deshalb, »Sie verbringt Weihnachten immer bei ihrer Familie und ich...« Ich will mich ihnen nicht aufdrängen. Den letzten Teil verschluckte sie und die Stille, die daraufhin zwischen ihnen entstand, war befremdlich laut.

»Ich verstehe.«

Bei dem Gedanken daran, dass sie in einer Woche Heiligabend alleine in ihrer kleinen WG verbringen musste, wurde ihr mulmig zumute. Normal hatte sie sich stets ganz und gar auf ihre Arbeit gestürzt und auch wenn sie schon viele Dinge über Sasuke in Erfahrung gebracht hatte, so würde dies niemals ausreichen, um sie über die Länge aller Feiertage zu beschäftigen.

Vielleicht würde sie die Zeit nutzen, um sich über ihre berufliche Zukunft Gedanken zu machen und über das viel dringlichere Problem, ihre Miete nach ihrem letzten, noch ausstehenden Gehaltsschecks, zu bezahlen.

Die restliche halbe Stunde zu ihrer Wohnung zurück schwiegen sie und Sasuke war schicklich genug, sie in dieser Nacht sich selbst zu überlassen. Er ließ es sich jedoch nicht nehmen, sich mit einem Kuss von ihr zu verabschieden. Mit gemischten Gefühlen schaute sie dem sich entfernenden Wagen hinterher, ehe sie in den kalten Hausflur trat, empfangen von nichts als wohltuender Stille.

Nachdem sie die Türe hinter sich geschlossen hatte, wäre sie am Liebsten an ihr auf den Boden gerutscht. Obwohl sie auf der Fahrt zurück geschlafen hatte, fühlte sie sich überrollt und ausgelaugt, doch statt diesem Impuls nachzugeben, machte sie Licht und stellte fest, dass Ino wohl nicht Zuhause war.

Froh darüber, nicht Rede und Antwort stehen zu müssen, schleppte Sakura sich in ihr Zimmer und schälte sich aus ihren Klamotten, welchen noch schwach der Duft von Sasuke anhaftete.

So viel mehr

Der Morgen vor Heiligabend brach viel zu schnell an und Sakura war zum Heulen zumute, als sie Ino dabei unterstützte, ihren süßen, himmelblauen Koffer für die Feiertage zu packen. Genau genommen tat sie selbst herzlich wenig, außer ihre Meinung kundzutun, wann immer Ino ihr zwei Kleidungsstücke vor die Nase hielt, um sich zwischen einem davon zu unterscheiden. Warum Ino ausgerechnet ihre Meinung zu diesem Thema einholte, hinterfragte sie nicht, stattdessen genoss sie es einfach, ein letztes Mal Zeit mit ihr zu verbringen und mit einem Waldfruchttee, dessen süßliches Aroma den Raum erfüllte, auf Inos Couch zu lümmeln.

»Weißt du, Sakura, ich fühle mich mit jedem Jahr, dass ich dich hier alleine zurück lasse, schlechter«, warf Ino irgendwann wie beiläufig ein. Sie stand vor ihrem Koffer, auf dessen Boden sich bereits ein beachtlicher Stoffberg häufte, die Arme verschränkt und die Stirn gerunzelt.

Sakura wusste Inos Fürsorge zu schätzen, dennoch war ihr nicht wohl dabei, wenn sie sich ihretwegen ein schlechtes Gewissen machte und das nur, weil sie wertvolle Zeit mit ihrer Familie verbrachte. »Mach dir um mich besser mal keinen Kopf, Ino, ich weiß schon, was ich die nächsten Tage machen werde!«, versicherte sie ihr deshalb, wenngleich das nur die halbe Wahrheit war. Normal würde sie die Feiertage nutzen, um sich regelrecht auf ihre Arbeit zu stürzen, doch da sie nun keinen Job und damit keine verpflichtenden Artikel mehr hatte, reduzierte sich ihre Arbeit auf das Thema Sasuke – ein Thema, über welches sie gerade an Weihnachten eigentlich nicht brüten wollte. In den letzten Wochen vereinnahmte der junge Mann ohnehin zu viel von ihrer mentalen Kapazität für sich und das weniger aus ihrem hehren Grund, seine geheimen Aktivitäten aufzudecken.

Ino schien ihr noch weniger zu glauben, als sie sich selbst, das erkannte Sakura an der Art, wie sie ihre Lippen zu einem schmalen Strich presste. »Du kannst einfach mitkommen, Sakura. Mama würde sich sicher sehr freuen. Und ich mich auch«, fügte sie leise, fast flüsternd hinzu. Die Härte in ihrem Gesicht wich einer traurigen Weichheit, bei der Sakura das Herz schwer wurde. Sie verstand, worauf Ino hinaus wollte und es adelte sie, dennoch konnte Sakura sich nicht dazu durchringen, ihrem Angebot zu folgen.

»Ich weiß, Ino. Danke, wirklich, aber ich kann einfach nicht. Weihnachten ist der Fest der Familie und auch, wenn ich dich über alles liebe: wir sind keine Familie. Und das könnte ich einfach nicht vergessen, ganz gleich, was ihr mir sagt«, entgegnete Sakura. Sie streckte sich auf der Couch und nippte anschließend vorsichtig an ihrem noch immer brühend heißen Tee. Der leicht säuerliche Geschmack von Brombeere dominierte und Sakuras Zehen kräuselten sich unter der dünnen Tagesdecke.

Ino seufzte schwer. »Du musst dich nicht rechtfertigen. Im Grunde weiß ich ja, wieso du es nicht machst. Entschuldige, ich wollte dir kein schlechtes Gewissen einreden, meine Liebe.« Damit fischte sie in ihrem massiven Schrank blind nach zwei Kleidern – ein knallrotes und ein pastellrosanes. »Das oder das?«

»Das rosane ist wirklich süß.« Sakura deutete auf das entsprechende Kleid und Ino legte es zu den anderen Klamotten in den Koffer, während sie das aussortierte Teil lieblos in die Ecke warf. »Ich werde mich wohl einfach an meinen Artikel zu Sasuke setzen«, seufzte sie, »Ich habe schon einige Sachen in Erfahrung gebracht, die zumindest eine Erwähnung wert sind, außerdem fürchte ich...« Sakura hielt inne, den Griff der Tasse so fest umklammert, dass sie leicht zitterte. Ja, was fürchtete sie?

Dass ich den Artikel nicht mehr schreiben kann, wenn ich noch mehr Zeit mit ihm verbringe. Der Gedanke echote in ihr nach, als hätte sie eine Stimmgabel angeschlagen.

»Was fürchtest du? Dass du den Artikel gar nicht mehr schreiben kannst?«, hakte Ino mit erschreckender Präzision nach. Sakura zuckte zusammen als wäre sie angeschrien worden, überrumpelt davon, dass Ino sie so leicht zu durchschauen vermochte. »Willst du den Artikel überhaupt noch schreiben? Immerhin arbeitest du gar nicht mehr für die Times.« Ino verstummte und der wahre Grund für ihre Nachfrage verschwand subtil zwischen den Zeilen. Sie wusste, dass Sakuras Zögerlichkeit nicht von ihrem verlorenen Job rührte, sondern von etwas ganz Anderem – etwas viel Gefährlicherem: Ihre komplizierten Gefühle für Sasuke.

Wenn er nur das arrogante Arschloch geblieben wäre, welches Sakura kennen gelernt hatte, wäre es einfach gewesen, ihn in einem Artikel zu entblößen, aber nun, da sie ihn besser kannte und sich beinahe schon an seine Anwesenheit, sowohl körperlich als auch emotional, gewöhnt hatte, verwischten die Grenzen ihrer eigenen Moralität. Eine Tatsache, die Sakura nicht nur beunruhigte, sondern zutiefst erschütterte.

Es sollte keine Zweifel in ihr geben.

Es sollte ihr nicht so schwer fallen, sich an ihre Schreibmaschine zu setzen und anzufangen.

Und vor allem sollte sie kein schlechtes Gewissen dabei verspüren.

Doch all dies traf für sie zu und Sakura war sich durchaus bewusst, woran das lag, auch wenn sie es weder sich selbst, noch Ino gegenüber zugeben wollte.

»Wenn ich meinen Job zurück haben möchte, dann ist dies meine einzige Chance. Und ich will meinen Job zurück«, antwortete Sakura deshalb, auch wenn die Lüge, die in diese Aussage eingebettet war, förmlich unter ihrer Haut prickelte. Sie verspürte wirklich nicht den Drang, wieder für Kakashi zu arbeiten, auch wenn sie keine Alternative für sich sah. Die ganze Situation bereitete ihr Kopfschmerzen. Ihr ganzes Leben lang hatten sich die Leute in ihrem Umfeld, abgesehen von Ino und ihren Eltern, darüber lustig gemacht, dass sie jeden Schritt in ihrem Leben sorgfältig geplant hatte und nun, seit sie Sasuke kennen gelernt hatte, stand in ihrem Leben kein Stein mehr auf dem anderen. Sie, die immer Stolz auf ihre strukturierte Organisation gewesen war, lebte von einem Tag in den anderen, was einer Entwurzelung gleich kam. Und das Schlimmste daran war, dass es ihr, wenn sie wirklich ehrlich zu sich selbst war, weit weniger ausmachte, als es sollte.

Ino antwortete nicht direkt, stattdessen hielt sie ihr zwei weitere Kleidungsstücke vor die Nase – ein äußerst adretter, knielanger Faltenrock und ein gewagt kurzer Minirock.

»Der da!« Sakura deutete auf den langen Faltenrock.

Ino zog einen Schmollmund. »Du bist schrecklich prüde«, motzte sie, legte Sakuras Wahl aber zu den übrigen Klamotten auf den mittlerweile äußerst instabil aussehenden Haufen.

»Dann darfst du mich aber nicht mehr nach meiner Meinung fragen.« Sakura zuckte mit den Schultern und nahm einen weiteren Schluck von ihrem nunmehr lauwarmen Tee.

»Ich habe mit Mama über deine Situation gesprochen«, wechselte Ino nun das Thema und Sakura horchte auf. »Sie hat mir gesagt, dass ich dir vorschlagen soll, dass wir aus deiner Alibilehre einen richtigen Job machen.« Sie lächelte schief und warf ein weiteres Oberteil zu ihren Sachen, dieses Mal aber ohne vorher Sakuras Meinung einzuholen.

Sakura richtete sich von ihrer entspannten halb liegenden Position auf und faltete die Hände über ihren Knien. »Ino«, begann sie vorsichtig, »wir haben es eine Alibilehre genannt, weil es eine Alibilehre ist. Ich kann nicht wirklich Blumen binden, geschweige denn züchten.«

Ino rollte die Augen als wäre sie von der alleinigen Implikation, dass ihr das nicht durchaus selbst bewusst war, beleidigt. »Du sollst ja auch nichts mit den Blumen zu tun haben. Es geht um einen Job in der Buchhaltung. Mum kennt sich mit ihren eigenen Zahlen nicht besonders gut aus und benötigt dringend kompetente Hilfe.«

»Ich habe Journalismus studiert, nicht Wirtschaft«, erinnerte Sakura sie.

»Schon klar, aber du sollst ja auch keinen riesigen Konzern überblicken. Nur unseren kleinen Blumenladen. Wir sind uns beide sehr sicher, dass du dazu durchaus in der Lage wärst.« Ino wirkte genervt von ihrer Negativität und sofort wurde Sakura von Gewissensbissen geplagt. »Wir wollten dir nur helfen, du musst das Angebot nicht annehmen.«

»Tut mir Leid, Ino«, entschuldigte sie sich, »ich will nicht, dass du denkst, dass ich nicht dankbar für eure Unterstützung wäre. Lass uns nach den Feiertagen mit deiner Mutter darüber sprechen und wir schauen, was sich machen lässt, ja?«

Sofort hellte Inos Miene sich wieder auf und sie nickte eifrig. »Ich werde Mama Bescheid geben.«

»Danke, Ino.« Sakura erwiderte das Lächeln ihrer Freundin, wurde dann aber wieder ernst. »Was ist mit Sai?«

»Was soll mit ihm sein?«, fragte sie scheinbar teilnahmslos, doch der rosige Schimmer auf ihren Wangen verriet ihre Verlegenheit.

»Begleitet er dich über Weihnachten zu deinen Eltern?«, konkretisierte Sakura deshalb und der rosige Schimmer wich einem knalligen Rot.

»Wir haben lange darüber gesprochen. Ob es zu früh ist oder nicht, weißt du und wir haben uns darauf geeinigt, dass er mitkommen wird. Er kommt mich heute Abend abholen.« Ino faltete betont pedantisch ein unlängst völlig zerknittertes Oberteil, ein deutlicher Indikator dafür, dass der Umstand, Sai ihren Eltern vorzustellen, sie nervös machte. Und Ino war niemand, der schnell nervös wurde, das wusste Sakura. »Was sagst du dazu, Sakura? Glaubst du, ich habe die richtige Entscheidung getroffen?« Ihre Blicke trafen sich und Sakura sah die zögerlichen Zweifel in ihren Augen. Ob sie an den Vorfall mit den Bildern dachte oder rührten ihre Vorbehalte von etwas anderem?

»Ich glaube, es ist eine gute Sache, dass er mitkommt. Sai tut dir wirklich gut. Nicht, wie die anderen Männer, mit denen du zuletzt zu tun hattest. Wie hieß der letzte noch? Shikamaru?« Sakura zog die Stirn in Falten, während sie über den Kerl mit dem unordentlichen schwarzen Haar nachdachte. Ino und er hatten sich gedatet, als Sakura selbst noch studiert hatte. Er hatte irgendetwas anderes studiert, woran Sakura sich jedoch nicht mehr erinnern konnte und dieses Studium abgebrochen, kurz nachdem auch die Sache mit Ino vorbei gewesen war. Sakura hatte ihn in der Zeit nur ein oder zwei Mal gesehen und das Einzige, was von ihm noch mit bestechender Klarheit in ihren Erinnerungen hängen geblieben war, war sein beunruhigendes Desinteresses sämtlichen Dingen gegenüber, seine Beziehung zu Ino eingeschlossen.

»Erwähne diesen Namen bitte nie wieder«, stöhnte Ino, »Ich bin froh, dass ich diese Eskapaden hinter mir gelassen habe.« Eskapaden war eine treffende Bezeichnung für alles, was sie mit Shikamaru erlebt hatte. Regelmäßig hatte er Verabredungen verschlafen oder war zu spät gekommen und wenn sie sich getroffen hatten, war es nur Inos quirliger Art zu verdanken gewesen, dass sie überhaupt ein Gespräch geführt hatten.

»Kommt nicht mehr vor«, versprach sie.

»Die viel dringendere Frage hier ist die: Wie, zum Teufel, soll ich diesen Koffer jemals zu bekommen?« Ino legte den Kopf schief und musterte den Inhalt ihres Koffers. »Dabei habe ich noch nicht einmal viel eingepackt!«

Sakura schnaubte, verkniff sich aber ein Kommentar. Natürlich hatte Ino sie dennoch gehört und bedachte sie deshalb mit einem vernichtenden Blick, bevor sie sich nach den aussortierten Sachen bückte und sie gebündelt in ihren Schrank pfefferte, dessen Tür sie möglichst schnell vor dem Chaos verschloss.

»Lach' nicht, sondern hilf' mir lieber, das Ding zuzubekommen!«

»Ich eile!«, kicherte Sakura und folgte Inos Anweisung, sich auf den Kofferdeckel zu setzen und dabei möglichst schwer zu machen. Einige Minuten lang rangelten sie mit dem äußerst unkooperativen Koffer, ehe Ino mit einem besonders schweren Schnaufer die letzten Zentimeter des Reißverschlusses zuzog.

»Du hattest Recht, Ino«, begann Sakura trocken, »du hast wirklich nicht viel eingepackt.« Dafür bekam sie einen wohlverdienten Knuff in die Seite. Bevor sie sich gespielt darüber empören konnte, klingelte das Telefon im Flur und beide Frauen schauten überrascht auf.

»Wer besitzt bitte die Frechheit, in dieser Herrgottsfrühe anzurufen?«, schimpfte Ino auf halben Weg zum Telefon. Sie nahm den Hörer von der Gabel und Sakura las ihr vom Gesicht ab, dass sie bereit war, der Person am anderen Ende eine Gardinenpredigt zu halten.

»Guten Morgen? Hören Sie-« Noch bevor Ino richtig loslegen konnte, wurde sie zum Schweigen gebracht und als sie plötzlich das Quietschen begann, musste Sakura sich darüber wundern, wer wohl am Telefon war. Vielleicht Sai? »Für dich!« Ino hielt ihr den Hörer mit zufriedener Miene entgegen und als Sakura die Hörmuschel an ihr Ohr hielt, wusste sie auch sofort, woher diese Zufriedenheit rührte.

»Guten Morgen, Sakura.« Es war Sasuke. Seine tiefe, rauchige Stimme klang noch etwas verschlafen, was ihr Herz zum Flattern brachte.

»Guten Morgen, Sasuke«, antwortete sie, »was kann ich für dich tun zu so früher Stunde?«

»Ich wollte dir nur Bescheid geben, dass ihr euch fertig machen könnt. In einer halben Stunde hole ich euch ab.«

Sakura blinzelte perplex und überlegte fieberhaft, ob sie die letzten Minuten vielleicht ohnmächtig gewesen war und deshalb einige kritische Informationen verpasst hatte. »Fertig machen? Abholen? Uns

Ein Lachen am anderen Ende, doch dann wiederholte er seine Aussage, Wort für Wort und Sakura verstand genauso wenig, wie zuvor. »Ich habe etwas vor«, erklärte er geduldig, doch dies war das Einzige, was Sakura durchaus verstanden hatte, »Und dafür brauche ich dich und Ino.«

»Okay?«, gab sie zurück, immer noch durch und durch verwirrt.

Wieder ein leises Lachen, ehe er sich verabschiedete und auflegte. Sakura hielt den Hörer vor das Gesicht und starrte ihn durchdringend an, als würde sie so mehr Antworten bekommen, doch selbstverständlich ließ er außer einem eintönigen Piepen nichts von sich verlauten.

»Was ist los?«, wollte Ino wissen. Neugierig betrachtete sie Sakura, die mit den Ereignissen der letzten zwei Minuten etwas überfordert war. »Was wollte er? Du wirkst irgendwie überrumpelt.«

»Er hat gesagt, wir sollen uns fertig machen. Er holt uns gleich ab. Mehr nicht«, gab sie die wenigen Informationen, die Sasuke ihr gegeben hatte, wieder. Jedes Mal, wenn sie glaubte, sie hatte sich an seine undurchsichtige Art gewöhnt, erwischte er sie wieder auf kaltem Fuß.

»Uns? In wir zwei beide?«

»Er hat gesagt, dass er uns beide braucht. Aber nicht, wofür. Das macht er nie«, seufzte Sakura, während sie das Telefon wieder auflegte.

»Na dann los!« Ino klatschte voller Tatendrang in ihre Hände und verschwand prompt in ihr Zimmer. Natürlich. Ino brauchte nie eine zweite Aufforderung, sich fertig zu machen, dabei war es ihr auch vollkommen egal, für was sie sich fertig machte. Sakura fiel dies leider nicht ganz so leicht und als sie vor ihrem eigenen Kleiderschrank stand, hatte sie - obwohl er fast so voll war, wie der von Ino - das Gefühl, in einen leeren Abgrund zu starren. Es half ihr auch in keinster Weise, dass sie nicht wusste, wofür sie sich fertig machen sollte. Am Ende entschied sie sich für einen schlichten, schwarzen Faltenrock und den minzgrünen Pullover, welchen Ino ihr im letzten Winter geschenkt hatte.

Selbstredend war Ino noch nicht fertig, als Sakura zurück in den Flur trat. Eine Weile beschäftigte sie sich damit, ihre Tasche auf deren Inhalt zu überprüfen und ob sie alles nötige bei sich trug, doch als Ino auch dann noch nicht fertig war, wurde sie etwas ungeduldig.

»Ino! Komm schon, wir müssen los!«, rief sie deshalb.

»Ja, ja! Ich weiß!«, kam es gedämpft von der anderen Seite der Tür und wenig später kam Ino in einem bezaubernden hellblauen Winterkleid zum Vorschein. Über den Schultern trug sie den schneeweißen Wollmantel, welchen sie Sakura vor einigen Tagen geliehen hatte. Sie sah aus, wie eine Winterprinzessin und Sakura stellte zu ihrem eigenen Unmut fest, dass sie neidisch auf die natürliche Schönheit ihrer Freundin war. Sakura wollte nicht so denken, wollte nicht so fühlen, doch dass Ino heute mitkommen sollte sorgte nur dafür, dass ihr Verstand verpestet wurde mit furchtbaren Gedanken.

»Alles in Ordnung, Sakura?«, durchdrang die sanfte Stimme Inos den dichten Nebel in ihrem Kopf und mit einem Schlag fühlte Sakura sich, als wäre sie aus einem schlechten Albtraum erwacht, »Du siehst aus, als müsstest du dich jeden Augenblick übergeben.« Mit einer Hand berührte Ino sie an ihrer Schulter und der sanfte Druck erdete sie endgültig.

Sakura setzte ein schiefes Lächeln auf, welches sich etwas wacklig anfühlte. »Ja, alles gut. Ich brauche nur etwas frische Luft.«

Ino schien nicht überzeugt zu sein, dennoch ließ sie sie los und bedeutete Sakura mit einem Kopfnicken, ihr zu folgen. Sasukes Wagen stand schon am Straßenrand als sie durch die Tür hinaus in die frostige Kälte traten. In Bruchteil einer Sekunde schwang die Tür auf und Sasuke trat vorsichtig auf den mittlerweile festgetretenen, rutschigen Schnee.

»Guten Morgen, die Damen.« Er schüttelte Ino die Hand, ehe er die von Sakura ergriff und ihr einen Kuss auf die Haut hauchte. Seine dunklen Augen lagen auf ihr, lange und intensiv genug, um ihr Herz zum Stolpern zu bringen. Es fiel ihr schwer, sich von ihm zu lösen, sowohl mit ihrer Hand, als auch mit ihren Augen. Es war, als wäre er eine wild flimmernde Kerze und sie die arme Motte, die im Begriff war, sich ihre Flügel zu verbrennen.

Ino räusperte sich und löste, was auch immer in der Luft zwischen ihnen gehangen hatte. »Sicher, dass ich mitkommen soll?« Sie wackelte vielsagend mit einer Augenbraue, doch Sakura kannte sie lange genug, um zu erkennen, dass es ihr, zumindest in diesem sonderbaren Augenblick, unangenehm war, anwesend zu sein.

»Mitnichten. Ich verlasse mich auf deine Unterstützung heute«, wehrte Sasuke ihr Angebot ab.

»Der Mann versteht sich darauf, Neugierde zu schüren«, bemerkte Ino an Sakura gewandt.

»Ich weiß«, pflichtete sie bei.

Die beiden stiegen in den Wagen ein, Ino auf die Rückbank und Sakura an Sasukes Seite auf den Beifahrersitz. Im Auto war es deutlich wärmer, als auf der Straße, sodass Sakura sich wohlig seufzend tiefer in den weichen Ledersitz fallen ließ.

Zusammen fuhren sie tiefer in die Stadt hinein und obgleich das Wetterchaos über die letzten Tage noch unberechenbarer geworden war, waren die Straßen überfüllt. Dementsprechend langsam kamen sie voran, was Ino geschickt für sich nutzte, indem sie Sasuke mit Fragen löcherte, auf welche sie allerhöchstens fadenscheinige Antworten bekam. Ino schien dies nicht zu bekümmern, im Gegenteil. Mit Eifer plapperte sie ohne Punkt und Komma und bis auf ein Lachen hier und da musste Sakura nur wenig dazu beisteuern, damit das Gespräch am Laufen blieb.

Während Sakura darüber nachdachte, was Sasuke schon wieder vorhaben könnte, verschwammen die Menschen jenseits der Scheibe zu einem Wirbel aus Farben, welcher wie eine Strömung an ihnen vorbei floss. Selbst als ihre Eltern noch gelebt hatten, hatte sie nie den Wahnsinn verstanden, welchen all diese Menschen freiwillig ertrugen, wenn sie die letzten Tage vor Weihnachten in die Stadt pilgerten, um die letzten Besorgungen zu tätigen. Und sie taten es mit einem Lächeln auf den Lippen, als würden sie nicht alle paar Sekunden aus Versehen angerempelt. Als würden sie nicht jeden zweiten Schritt beinahe über die eigenen Beine stolpern, weil sie auf eine besonders tückisch unter dem Schnee versteckte Stelle Eis traten.

Die zähe Fahrt endete für sie vor einem Restaurant, welches selbst von außen so nobel aussah, dass Sakura unbewusst an sich herunter blickte. Sie biss sich auf die Lippen, sich ihrer schlichten Aufmachung plötzlich sehr bewusst und sie wünschte, sie hätte sich doch für etwas Schickeres entschieden. Dieser Wunsch wuchs mit einem kurzen Seitenblick auf Ino, welche sich eine Falte aus ihrem atemberaubenden Kleid strich, exponentiell.

Die beiden Frauen folgten Sasuke durch eine Drehtür aus nussig hellem Holz, deren Glasscheiben in goldene Rahmen gefasst waren. Der Griff lag glatt und kühl in Sakuras klammer Hand und während sie sich auf die andere Seite drehte, nahm sie sich einen Moment Zeit, die fein gearbeiteten Verzierungen in Form von Rosenranken zu bewundern. Auf der anderen Seite wurde sie von stickiger Luft begrüßt, geschwängert von sich überlappenden Gerüchen von Zigarrenrauch, heißem Kaffeesatz und frischem Omelette.

An den meisten Tischen saßen Paare, gekleidet in schicke Anzüge und Kleider aus den edelsten Stoffen. Einige wenige Einzelpersonen genossen einen dampfend heißen Kaffee zu ihrer Pfeife und der Tageszeitung, welche aufgeklappt auf den zu kleinen Tischen lag und über die Ränder rutschte. Sakura versuchte einen Blick auf die unterschiedlichen Schlagzeitung der jeweiligen Zeitung zu erhaschen, doch auf den meisten Seiten entdeckte sie nur das dominierende Thema Weihnachten, Weihnachten, Weihnachten.

Der Kellner, welcher sie begrüßte und zu einem Tisch in Fensternähe führte, war höflich und reserviert, doch im Gegensatz zu Hinatas Cousin wirkte das freundliche Funkeln in seinen Augen aufrichtig. Er verschwand in eiligen, doch eleganten Schritten, um mit drei Karten und drei dampfend heißen Tassen Kaffee zurück zu kommen.

»Was machen wir hier eigentlich?«, fragte Ino, nachdem der Kellner sich mit einer respektvollen Verbeugung von ihnen verabschiedet hatte.

Sasuke legte den Kopf schief und musterte sie, als suche er auf ihrem Gesicht nach einem Anhaltspunkt dafür, ob sie ihre Frage ernst meinte oder ob sie einen Scherz gemacht hatte. »Wir essen etwas?«

Ino formte mit dem Mund ein stummes, langgezogenes »Oh!« und klappte unverzüglich die Karte auf. Sakura indes starrte auf die hübsch gedruckten Letter, ohne sich auf das konzentrieren zu können, was darauf geschrieben stand. Mehr beiläufig nippte sie an ihrem schwarzen Kaffee und das herbe, bittere Aroma kräuselte ihre Lippen.

Ino verwickelte Sasuke in ein Gespräch über die Autos, mit denen er handelte und Sakura beobachtete die beiden über den Rand ihrer Karte hinweg, wobei ihr Blick deutlich länger auf ihm, als auf ihr ruhte. Falls er bemerkte, dass sie ihn anstarrte, so ließ er sich nichts anmerken. Sie wollte ihre Selbstzweifel einfach beiseite wischen und sich am Gespräch beteiligen, doch ihre Zunge lag bleiern schwer in ihrem Mund.

Irgendwann konnte sie eine Hand auf ihrem Arm fühlen und als sie die Karte etwas zur Seite drehte, sah sie Sasuke, wie er sie mit gerunzelter Stirn musterte. »Du wirkst abgelenkt, ist alles in Ordnung?«

»Ja«, antwortete sie mechanisch. Sie legte die Karte komplett zur Seite um demonstrativ einen Schluck von ihrem Kaffee zu nehmen. »Ich bin einfach nur noch müde. Ino hat mich viel zu früh geweckt.«

»Bitte?«, mischte Ino sich gespielt empört ein, »Es ist Tradition, dass wir am Morgen vor Heiligabend zusammen meinen Koffer packen und lästern!«

»Das stimmt, aber es wird gefühlt jedes Jahr früher«, gähnte Sakura hinter vorgehaltener Hand.

»Lästern?«, hakte Sasuke nach, scheinbar interessiert daran, heraus zu finden, über was die beiden Frauen wohl lästern könnten.

»Nicht über dich«, beschwichtigte Ino ihn sofort und kicherte. »Da gibt es viel interessantere Ziele.«

Sasuke schnaubte amüsiert. »Dann bin ich ja beruhigt.«

»Sakura schiebt das Ganze auf mich, aber eigentlich liegt es nur daran, dass sie Weihnachten nicht besonders mag«, erklärte Ino weiter. »Was denn? Stimmt doch, oder nicht?«, fügte sie abwehrend hinzu, als Sakura sie mit einem Blick förmlich erdolchte.

»Können wir dieses ganze Thema bitte einfach vermeiden?«, bat sie seufzend.

Der Kellner errettete sie davor, sich weiter damit auseinander setzen zu müssen, indem er zu ihnen heran trat und ihre Bestellung aufnahm. Wenig später standen alle möglichen Delikatessen vor ihnen und während Ino es sich schmecken ließ, zerpflückte Sakura ihren Croissant mit spitzen Fingern. Wirklich Appetit verspürte sie keinen, dennoch zwang sie sich dazu, weiter zu essen, denn sie spürte Sasukes durchdringenden Blick regelmäßig auf sich ruhen.

Irgendwann entschuldigte sie sich, um auf Toilette zu gehen und es überraschte sie kaum, dass Ino kurz nach ihr die Tür hinter sich schloss und sich dagegen lehnte. Der sechste Sinn ihrer Freundin bewies sich einmal mehr als äußerst ausgesprägt.

»Ist wirklich alles okay, Süße. Du benimmst dich schräg, selbst für deine Verhältnisse«, bemerkte sie. Im Spiegel sah sie Inos besorgte Miene, doch statt zu antworten, drehte sie den Wasserhahn auf und wusch sich das Gesicht.

»Heute ist einfach nicht mein Tag«, entgegnete sie ausweichend, nachdem sie das Wasser wieder abgestellt und sich die Hände mit einigen Papiertüchern abgetrocknet hatte.

»Das ist mir schon aufgefallen.« Ino überbrückte den geringen Abstand zwischen ihnen und legte ihr behutsam eine Hand auf die Schulter. »Es stört dich, dass ich auch hier bin, nicht wahr?«

Sakuras Herz setzte einen Schlag aus, Panik kroch in schwindelerregender Schnelligkeit durch ihre Adern und sie konnte nicht verhindern, dass sie rot wurde. Beschämt wandte sie ihren Blick zu Boden. Sie hatte damit gerechnet, dass sie Ino mit ihrer Reaktion verletzen würde, doch stattdessen wurde Sakura von ihr in Arm genommen.

»Ach, Süße...«, begann sie, die Stimme voller Bedauern, »du willst das nicht von mir hören, aber Sasuke hat ganz offensichtlich keinerlei Interesse an mir. Dir fallen seine Seitenblicke vielleicht nicht auf oder dass er niemanden mehr wirklich beachtet, sobald du im Raum bist. Mir schon. Ich sehe die Art, wie er dich ansieht.«

»Aber wieso musstest du heute dann mitkommen? Nicht, dass ich nicht gerne Zeit mit dir verbringe, Ino, verstehe mich bitte nicht falsch, aber...« Sakura schwieg und die Stille zwischen ihnen war schwer wie ein nasser Mantel. Sie fühlte sich schlecht, dass sie ihre Gedanken am Ende doch ausgesprochen hatte.

»Du hast doch selbst gesagt, dass der Mann immer irgendetwas plant. Irgendeinen guten Grund wird es schon dafür geben, aber darüber solltest du dir nicht dein hübsches Köpfchen zerbrechen. Genieße es lieber, solange es noch hält.« Damit hatte sie deutlich mehr gesagt, als sie ausgesprochen hatte und Sakura hob ihren Kopf.

»Was geschieht nur mit mir, Ino?« Ihre Stimme bebte und sie konnte Tränen in ihren Augenwinkeln aufwallen spüren.

»Du willst nicht, dass ich dir darauf eine Antwort gebe.« Sakura wusste genau, was sie ihr damit sagen wollte.
 

Ino hatte ihr geholfen, sich wieder präsentierbar her zu richten und als sie sich zurück zu Sasuke an den Tisch setzten, konnte man Sakura nicht mehr ansehen, dass sie kurz zuvor den Tränen nah gewesen war. Sasuke stellte keine Nachfragen und wirkte auch nicht sonderlich verwundert darüber, dass sie zusammen auf die Toilette gegangen waren.

Das restliche Frühstück beteiligte Sakura sich wieder mehr am Gespräch. Statt sich auf ihre verwirrenden Gefühle zu konzentrieren, nahm sie Inos Rat zu Herzen und genoss es einfach, mit Sasuke und ihrer besten Freundin Zeit zu verbringen.

Als sie wenig später aufbrachen, ließen sie den Wagen stehen, sodass sie den weiteren Weg durch die Stadt zu Fuß fortsetzten. Festgetretener Schnee und Streusalz knirschten unter ihren Sohlen, als sie sich an den Menschen vorbei schlängelten. Als sie nur wenige Minuten später vor einem von außen eher unscheinbaren Laden stehen blieben, entgleisten Inos Gesichtszüge.

»Sag' mir nicht, dass wir hier her wollen!«, bat sie atemlos, den Blick beinahe fieberhaft auf Sasuke geheftet. Sakura hob den Kopf und entzifferte die kursiven Buchstaben, welche in ein Messingschild graviert worden waren. Paul Poiret. Sie hatte das Gefühl, der Name sollte ihr etwas sagen, doch das tat er nicht. Im Schaufenster stand eine einzelne Mannequin, gekleidet in ein schillernd buntes Kleid und mit teurem Schmuck am künstlichen Hals und den Handgelenken.

Sasuke richtete seine Mantelärmel und zog den Kragen zurecht. »Doch, eigentlich schon.« Seine Mundwinkel zuckten belustigt nach oben, als Ino der Mund aufklappte und sie, offensichtlich überfordert von der Situation, zwischen Sakura, Sasuke und dem Schaufenster hin und her blickte.

»Auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt wieder blamiere: Was ist das für ein Laden?«, erkundigte sich Sakura vorsichtig und tatsächlich wirkte Ino angesichts ihrer Unwissenheit entsetzt.

»Das ist die Boutique von Paul Poiret! Er lebt in Frankreich und vor etwa zwei Jahren sind seine Werke auch nach New York gekommen! Sieh' dir nur die Farben an, die er benutzt!« Damit deutete sie energisch auf das Ausstellungsstück. Sakura, die immer schon eher moderate, unauffällige Farben bevorzugt hatte, brachte es nicht über ihr Herz, Ino zu sagen, dass ihr das Kleid nicht sonderlich gefiel. »Er ist ein Genie, Sakura, verstehst du das nicht?« Ino schien zu merken, dass sich ihre überschwängliche Begeisterung nicht so recht übertragen wollte, weshalb sie seufzend die Schultern hängen ließ.

»Du weißt, dass ich mich mit solchen Dingen nicht so gut auskenne, wie du, Ino... Es tut mir Leid.«

Ino lächelte schief und hakte sich betont beherzt bei Sakura unter. »Dafür hast du ja mich!«

»Aber was genau wollen wir hier eigentlich?«, warf Sakura ein.

»Ein Kleid kaufen, für euch beide.« Ino war viel zu nahe an Sakura, weshalb deren Ohren besorgniserregend klingelten, als die Blondine quietschte.

»Worauf warten wir dann noch?« Sakura wusste darauf keine Antwort, weshalb sie sich widerstandslos von Ino in die Boutique schleifen ließ. Sasuke blieb dich hinter ihnen und seine Hand ruhte für einen flüchtigen Moment zwischen ihren Schulterblättern, ehe er an den beiden vorbei in den Laden schritt.

»Bonjour Monsieur et Mesdames«, drang eine glockenhelle Stimme von hinten zu ihnen vor. Sakura blinzelte verwirrt und hoffte, dass das, was sie als französische Begrüßung vermutete, lediglich dazu diente, ihnen das Gefühl zu vermitteln, von den grauen, farblosen Straßen New Yorks direkt in das Herz des Pariser Chics getreten zu sein. Aus dem Augenwinkel nahm sie war, wie Ino hibbelig auf und ab hüpfte, was ihr ein leises Lachen entlockte.

Die Frau zu der Stimme war die schönste, die Sakura jemals gesehen hatte. So hübsch, dass selbst Inos Schönheit daneben verblasste, wie ein Kleidungsstück, welches man zu lange in der Sonne vergessen hatte. In anmutigen, fast katzengleichen Schritten flanierte sie betont langsam vom hinteren Bereich der Boutique zu ihnen und ihre schlanken Hüften, gehüllt in einen karmesinroten Rock, wogten im Einklang. Ihr Kastanienbraunes Haar hielt sie mit einigen Nadeln und Klammern geschickt nach oben gesteckt. Schwarz bemalte, perfekt gezupfte Augenbrauen wölbten sich über blauen Iriden, die Sasuke freundlich musterten. Das Lächeln, mit welchem sie ihn bedachte, entblößte zwei Reihen perlweißer, fehlerlos gerader Zähne.

Sakura wusste, dass es der Frau gegenüber unfair war, sie aufgrund ihres makellosen Erscheinungsbildes prompt als ihr unsympathisch einzustufen, doch als sie die Unverfrorenheit besaß, Sasuke sanft am Unterarm zu berühren, war dieser Gewissensbiss schnell verflogen.

»Mr. Uchiha. Wie schön, dass Sie uns mit Ihrer Anwesenheit beehren.« Sie beugte sich vor und hauchte ihm jeweils einen Kuss auf die Wange und am liebsten hätte Sakura sie angeschrien.

Ino hielt sie davon ab, ihrem Impuls zu folgen, indem sie sich zu ihr beugte und ihr ins Ohr flüsterte: »Sie kennt ihn? Das ist eine Boutique nur für Damen, Sakura.«

»Wenn ich ehrlich bin kennt ihn jeder, den ich zusammen mit ihm gesehen habe«, stellte Sakura in gedämpfter Stimme fest, »und langsam frage ich mich, was ich davon halten soll.«

Ino runzelte die Stirn und Sakura sah, wie sie die fremde Frau von Kopf bis Fuß einer genaueren Musterung unterzog. In diesen Sachen war Ino ihr schon immer voraus gewesen. Ihre Menschenkenntnisse waren viel versierter als Sakuras, was vermutlich daran lag, dass sie eine deutlich geselligere Person war als sie.

»Und? Wie fällt dein Urteil aus?«, erkundigte Sakura sich nach einigen Sekunden.

Ino fuhr sich mit der Hand über die Wange, ehe sie nach einer verlorene Strähne griff und sie hinter das Ohr klemmte. »Sie ist zu glatt. Ich bin mir sicher, dass alles an dieser Frau, von ihrem Make-Up, bis hin zu ihren Manierismen, nur ihrer Fassade als Verkäuferin dient.«

»Darauf wäre ich auch selbst gekommen«, scherzte Sakura. Ino musste grinsen und sie zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Die Verkäuferin löste sich endlich von Sasuke und was auch immer sie zu besprechen gehabt hatten: nun wandte sie sich nur an die beiden Frauen. Sakura fiel durchaus auf, dass ihr Blick abschätzend an ihr auf und ab wanderte. Ihr Gesicht verlor den scharfen, kritischen Zug und wurde deutlich wohlwollender als sie ihre Aufmerksamkeit auf Ino richtete. Wieder dieser Stich.

»Mr. Uchiha hat mir mitgeteilt, dass die beiden Damen ein neues Kleid benötigen. Selbstverständlich sind Sie hier genau richtig und mit Freude werde ich mich Ihrer Bedürfnisse annehmen. Nennen Sie mich einfach Mrs. Vallier.« Sie beendete ihre Vorstellung mit einer knappen Verbeugung, ehe sie sich unumwunden an Ino wandte. »Beginnen wir mit Ihnen, werte Dame.«

Sakura verschränkte die Arme vor der Brust und schaute ihrer besten Freundin hinterher, die zusammen mit Mrs. Vallier zu einigen Ausstellungsstücken lief. »Was eine Gewitterziege«, murmelte Sakura genervt.

»Wie meinen?« Sasuke war von hinten an sie heran getreten.

Als sie sich zu ihm umdrehte, mit vor Schreck wild pochendem Herzen, sah sie Belustigung in seinen Augen funkeln. »Nichts, nichts. Du kennst diese Frau?« Sakura verzichtete bewusst darauf, ihren Namen zu verwenden, etwas, was Sasuke noch mehr zu amüsieren schien.

»“Kennen“ ist ein starkes Wort.« Sasuke und seine Nicht-Antworten. Wenn Sakura ehrlich war, wusste sie nicht, was sie sich von dieser Frage überhaupt erhofft hatte.

»Und wieso genau kaufen wir zwei Kleider bei dieser Frau, die du nicht kennst?«, setzte sie nach, eine Spur von Schärfe in ihrem Ton. Seine Augen verengten sich, doch Sakura vermochte nicht zu sagen, ob er wütend war oder ob er sie einzuschätzen versuchte.

»Wenn ich dir das verrate, wäre die ganze Überraschung zerstört.«

Sakura schnaubte daraufhin nur und war bereits im Begriff, sich wieder von ihm ab- und Ino zuzuwenden, doch Sasuke hinderte sie daran, indem er mit einer Hand ihren Hinterkopf umfing und ihren Blick mit seinem gefangen hielt.

»Du wirkst heute sehr verstimmt«, stellte er mit gesenkter Stimme fest, »möchtest du mir auch verraten, wieso? Irgendwie habe ich meine Zweifel daran, dass es nur an Weihnachten liegt.«

Sakura biss sich auf die Lippe, denn sie konnte ihm schlecht die alberne Wahrheit über ihren Unmut offenbaren. In all den Jahren, in denen sie sich nun schon kannten, war Ino ihr stets eine umwerfende Freundin gewesen und sie dankte es ihr mit eifersüchtigen Gedanken und Neid. Ganz zu schweigen davon, dass er der Grund dafür war.

»Es ist alles in Ordnung, wirklich«, versicherte sie ihm schließlich, »ich bin schlicht kein Freund von einem Stadtbummel. Schon gar nicht vor Weihnachten.«

»Du magst es nicht besonders, unter Menschen zu sein?«

»Ja und nein. Es kommt immer auf die Gesellschaft an. In einem Restaurant, einer Bibliothek oder einem Theater, in dem alle gesittet aufeinander Acht geben und niemand sich einem aufdrängt? Alles in Ordnung. Auf der Straße oder in einem Geschäft alle zwei Fuß von jemandem angerempelt oder angesprochen werden? Eher nicht so.«

»Ich werde es in Zukunft berücksichtigen.« Sakura fühlte gleichzeitig Wärme und Kälte in sich aufsteigen. Wärme, weil es ihm wichtig zu sein schien, dass sie sich wohl fühlte. Kälte, weil diese Rücksichtnahme ihr umso deutlicher aufzeigte, dass sie sich Ino gegenüber grässlich benahm, dass die Blondine Recht gehabt hatte, mit dem, was sie ihr vor einigen Stunden gesagt hatte.

»Das musst du nicht tun, alles gut. Du musst es mir nicht immer Recht machen«, wehrte sie verlegen ab.

»Ich möchte aber.« Seine dunklen Augen schienen etwas in ihrem Gesicht zu suchen und plötzlich wurde sie sich ihrer Nähe zu ihm mitten in der Öffentlichkeit mehr als bewusst. Die Boutique schien auf einmal viel zu klein, sodass sie sich vorsichtig seinem Griff entzog und einige Schritte Abstand zu ihm nahm.

»Ich sollte Ino helfen gehen«, meinte sie leise. Sasuke hielt sie nicht zurück und sagte auch nichts mehr, sodass sie sich abwandte und eilig auf Ino zuging. »Schon etwas gefunden?«, fragte sie, um ein strahlendes Lächeln bemüht.

Ino schien nicht zu merken, dass ihre Fröhlichkeit noch immer halb aufgesetzt war, sofort zog sie Sakura an der Hand zu einer Mannequin in der Nähe des Schaufensters. Sie trug etwas, was wie ein Einteiler aussah, aus vielen Schichten schillernd bunter Seide, über und über behangen mit Perlen und Steinchen in den verschiedensten Farben. An den Handgelenken baumelten Goldene Armreife und das nicht vorhandene Haar wurde zusammengebunden von einem goldenen Stofftuch mit einer gewaltigen, blauen Brosche daran.

»Darin würdest du aussehen, wie eine Wüstenprinzessin«, vermutete Sakura, während sie andächtig über den weichen Stoff strich, welcher so glatt war, dass er ihr immer wieder von den Fingern zu rutschen drohte.

»Es ist umwerfend oder nicht! Und so anders, als alles, was man sonst so findet!« Ihre Augen leuchteten voller Begeisterung.

Mrs. Vallier räusperte sich neben ihnen. »Wenn Sie wünschen, können wir das Stück anprobieren und Ihren individuellen Bedürfnissen anpassen.«

Das ließ Ino sich nicht zweimal sagen. Mrs. Vallier nahm das Ausstellungsstück mit geschickten Griffen von der Mannequin, die so nackt gänzlich fehl am Platz wirkte in dem Laden voller Stoff. Es dauerte eine ganze Weile, Inos Maße zu nehmen und das Teil händisch an diese anzupassen. Zeit, die Sakura nutzte, um sich in näherer Umgebung nach einem Kleid für sich umzusehen, während sie weiterhin mit Ino plaudern konnte.

Sie waren schon lange fertig, als Sakura endlich auch fündig wurde. Das Kleid, vor welchem sie stehen blieb, stand so weit hinten im Laden, dass es fast den Eindruck erweckte, versteckt worden zu sein. Es war moosgrün und verschwand nahezu gänzlich unter einem bodentiefen, dunklen Mantel. Gebunden wurde er mit einem Gürtel, welcher wie ein gewebter Teppich aussah. Sakura versuchte, sich selbst in dem pompösen Outfit vorzustellen, stellte aber fest, dass ihre Fantasie dafür nicht auszureichen schien. Es war zu abstrakt, zu anders. So viel eleganter als alles, was sie sich je zu tragen vorgestellt hatte.

»Das da«, sagte sie schließlich und Mrs. Vallier wurde schmallippig. Es juckte sie in den Fingern, sie zu fragen, ob es ein Problem gab, einfach nur, um die Reaktion auf ihrem Gesicht zu sehen. Dass Sakura selbst arm war wie eine Kirchenmaus und sie ohne Sasuke niemals eine Gelegenheit haben würde, ein solches Kleid auch nur anzufassen, hielt sie davon ab.

»Dann werden wir es unverzüglich anprobieren und Ihre Maße nehmen, Madame.« Ihre Nasenflügel bebten verdächtig und Sakura sah das flüchtig aufblitzende, missbilligende Funkeln in ihren Augen, doch sofort wurde ihre Miene wieder professionell glatt. Zweifelsohne hatte diese Frau zu lange an ihrer disziplinierten Höflichkeit gefeilt, die selbst den unangenehmsten Kunden zu überdauern vermochte. Auch wenn Sakura selbst deutlich spürte, dass Mrs. Vallier nichts von ihrer Anwesenheit in dieser Boutique hielt, konnte sie nicht behaupten, dass sie sie nicht faszinierte. Sie würde viel dafür geben, sich selbst und ihre Gesichtszüge so gut unter Kontrolle zu haben. Weder Ino noch Sasuke hatten überhaupt etwas von ihrer abweisenden Haltung mitbekommen; diese ließ sie nur in kleinen Moment durchleuchten und nur für Sakura.

»Ich danke Ihnen, Mrs. Vallier.« Das kleine, triumphierende Lächeln fiel ihr erstaunlich leicht.

Die Verkäuferin führte sie zu dem gleichen, hölzernen Schemel, auf welchen kurz zuvor noch Ino gestanden hatte und fing unumwunden damit an, ihre Maße zu nehmen. Hin und wieder hörte sie einige gemurmelte Worte, doch es waren zu wenige, um daraus einen Sinn zu weben.

Sakura wandte ihre Aufmerksamkeit lieber Ino zu, welche die ganze Zeit Kreise um sie zog und sie aus allen Richtungen betrachtete. »Wie findest du es?«, fragte sie ihre Freundin.

»Ganz ehrlich, Süße? Grün ist deine Farbe. Du siehst umwerfend aus!« Zum Nachdruck hob sie beide Daumen nach oben. »Ich weiß zwar nicht, für welchen Anlass du dies hier brauchen wirst, aber du wirst alle anderen in den Schatten stellen!«

Das bezweifelte Sakura aufrichtig, doch sie verkniff es sich, ihr zu widersprechen.

»Ich muss Ino Recht geben.« Sasuke war vom vorderen Bereich des Ladens herangetreten, als er es für sicher genug hielt, sich zu nähern. Sein Gesicht war eine stoische Maske, doch seine dunklen Augen schienen durch sämtliche Kleidungsschichten hindurchzusehen. Obwohl Sakura von Unmengen Stoff verhüllt war, fühlte sie sich nackt auf dem Schemel und sie musste sich zusammen reißen, sich nicht unter seinem intensiven Blick zu winden. Sie wollte wirklich keine Nadelstiche auf ihrer Haut spüren.

»Wir nehmen beide Kleider«, sprach er an Mrs. Vallier, welche sich direkt unterwürfig verbeugte, obgleich ihre Hände noch immer nicht mit ihrer Arbeit an Sakuras Kleid fertig waren.

»Selbstverständlich, Mr. Uchiha.« Ihre Stimme war honigsüß und Sakura jagte ein Schauer über den Rücken. Sie würde froh sein, wenn sie die Ladentür im Rücken wusste und sie diese Frau so schnell nicht wieder sehen musste.

Nachdem die letzten Anpassungen gemacht worden waren, verschwand Sasuke wieder, damit Sakura sich aus Mantel und Kleid schälen und ihre eigenen Klamotten wieder anziehen konnte. Sie hatte das Kleid nur eine kurze Zeit getragen und trotzdem vermisste sie das Gefühl auf ihrer Haut bereits. An ihrem ersten Abend mit Sasuke hatte sie sich schön gefühlt in Inos Kleid, doch dieses hier hatte etwas Anderes in ihr erweckt, etwas Gefährliches. Als Mrs. Vallier sie verabschiedete und sie Sakura dabei keines Blickes würdigte, wusste sie, was es war: Macht.

In diesem wunderschönen Kleid, mit Sasukes glühendem Blick auf ihr ruhend, hatte sie sich mächtig gefühlt.

Es war egal, wer oder was sie war.

Es war sogar egal, was sie von sich selbst dachte.

Diese Frau konnte sie genauso abschätzig betrachten, wie Karin es an jenem Abend im Casino getan hatte und denken was sie wollte.

Denn nichts davon war von Bedeutung.

Solange sie neben Sasuke stand und seine Gunst genoss, war sie nicht mehr Sakura Haruno, die mittelmäßige Journalisten, die gekündigt worden war. Die junge Frau, die, wenn überhaupt, nur wegen ihrer Haare ein zweites Mal angeschaut worden war.

Sie war so viel mehr.

Stille Nacht, kalte Nacht

Am Morgen des Heiligabend kostete es Sakura deutlich mehr Zeit als sonst, sich aus ihren Decken zu befreien. Erst als einige vorwitzige Sonnenstrahlen durch den Spalt in ihren Vorhängen auf ihr Gesicht fielen und sie an der Nase kitzelten, kniff sie die Augen zusammen und drehte das Gesicht ins Kissen, welches ihre gemurmelten Flüche verschluckte.

Natürlich musste heute, ausgerechnet heute, die Sonne scheinen und möglichst eindrucksvoll ein bevorstehendes Weihnachtswunder ankündigen. Als sie in die Küche schlurfte, um sich Kaffee zu kochen, erinnerte der ausgestorbene Flur sie daran, dass es für sie kein Weihnachtswunder geben würde.

Sakura seufzte. Sie hatte es ordentlich satt, sich in Selbstmitleid und Zweifel zu suhlen, also krempelte sie die Ärmel hoch, wortwörtlich. Mehrmals musste sie die viel zu großen Ärmel ihres Lieblingspullovers hochrollen, damit er oberhalb ihrer Ellbogen hängen blieb und nachdem sie sich eine Zigarette entzündet hatte, setzte sie sich an ihre Schreibmaschine.

Das ausbleibende Geräusch von Tastenschlägen hallte laut, wie höhnischer Spott, in der Stille ihres Arbeitszimmers. Die ersten Sätze zu schreiben war immer die größte Schwierigkeit für Sakura, egal, um welches Projekt es sich handelte. Von anderen Journalisten hatte sie erfahren, dass diese ähnliche Probleme hatten, weswegen sie sich irgendwann damit abgefunden hatte, dass die ersten Zeilen nur zäh Gestalt annahmen. Dieses Mal sollte sich aber als die größte bisherige Herausforderung herausstellen, denn auch nach einer halben Stunde hatte Sakura kaum mehr als ein paar handvoll Worte geschrieben.

Genervt seufzend griff sie nach ihrer Kaffeetasse und schielte auf den Boden, auf dem sich nur noch einige wenige Tropfen sammelten. Sie würde noch einiges mehr an Kaffee brauchen, um sich den ganzen Tag dieser zermürbenden Tätigkeit zu widmen, also erhob sie sich und verschwand erneut in die Küche.

Während sie darauf wartete, dass der Kessel zu pfeifen begann, wanderte sie ruhelos auf und ab und dachte über alles nach, was sie bisher in Erfahrung gebracht hatte. Bis auf die Tatsache, dass Sasuke in öffentlichen Einrichtungen Alkohol trank, hatte er sich nichts zu Schulde kommen lassen, was auf eine direkte Verbindung zu kriminellen Vereinigungen hinwies. Wenn überhaupt war es eher diesen Etablissements anzulasten, dass sie solche Möglichkeiten bereit stellten. Sie hatte Neji kennen gelernt und auch Naruto schien mit Sasuke vertraut genug, um ihn zumindest temporär in den engeren Kreis von Komplizen zu skizzieren. Alleine Itachi aber würde sie mit absoluter Sicherheit eine Verbindung unterstellen, immerhin fuhr er Sasuke regelmäßig durch die Stadt. Er musste etwas von den Geschäften seines Bruders wissen, alles andere würde auf grob fahrlässige Ignoranz hinaus laufen und dies schloss Sakura kategorisch aus. Nicht Itachi. Dafür war er zu clever. Dafür fielen ihm kleinste, leicht zu übersehende Details mit erschreckender Präzision auf.

Darüber hinaus hatte sie nicht viel. Ein paar Etablissements, einige Namen, aber keinen einzigen roten Faden, mit welchem sie diese miteinander verbinden konnte. Sie würde ihre Bemühungen zielgerichtet verstärken müssen. So sehr sie die Zeit mit Sasuke auch genoss, einen wirklichen Einblick in seine Welt hatte sie bisher kaum erhaschen können. Es war, als führte er sie durch Galerien, in denen jedes einzelne, von ihm inszenierte Bild genau dort platziert worden war, wo er es haben wollte. Und bisher hatte sie sich nicht allzu sehr angestrengt, hinter diese Bilder zu blicken und die Realität zu erkennen.

Der Kessel fing das Pfeifen an und riss Sakura aus ihren Gedanken. Kurz darauf erfüllte das bittere Aroma von Kaffee die ganze Wohnung, denn Sakura hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Türen zu schließen – immerhin war sie für einige Tage ganz allein.

Stundenlang lieferte sie sich mit der Schreibmaschine ein intensives Blickduell, doch irgendwann obsiegte die Maschine und sie musste sich eingestehen, dass sie vor quasi nichts stand und ihr Plan, sich in ihre Arbeit zu stürzen, obsolet war. In der Zwischenzeit waren wieder Wolken aufgezogen und das gewohnte Grau dominierte das Firmament über der Stadt. Bald würde es wieder zu schneien beginnen und obwohl sie mehrere Schichten dicke Wolle angezogen hatte, fröstelte ihr.

Nachdenklich griff Sakura nach dem einzigen gerahmten Bild in der ganzen Wohnung – ein Bild von ihr selbst mit ihren Eltern, einige Tage bevor ihr Vater nach Europa gegangen war. Er trug seine Militäruniform und obwohl er auf dem Bild lächelte, konnte Sakura sich gut daran erinnern, wie traurig er an jenem Tag gewesen war. Und wie blass ihre Mutter ausgesehen hatte, welche langsam aber sicher vom Krebs aufgefressen worden war.

Nun war bereits das achte Weihnachten, welches sie ohne ihre Eltern verbrachte und noch immer klaffte das Loch, welche das Verlöschen ihrer Liebe hinterlassen hatte, blutig und ausgefranst. Seufzend fuhr sie mit ihrem Finger die Gesichtszüge ihrer Eltern nach. Sakura wusste, dass es alles nur schlimmer machte, wenn sie ihren trüben Gedanken und Gefühlen nachgab, doch jetzt, wo sie nichts mehr hatte, was sie davon ablenkte, fiel ihr dieser Kampf unermesslich schwer.

Vielleicht sollte sie ihrem Grab einen Besuch abstatten, immerhin war sie dazu in den letzten Monaten nicht mehr gekommen. Dafür hatte ein voller Terminkalender und Kakashi gesorgt, doch sie fürchtete sich vor ihren eigenen Gefühlen. Davor und vor der Einsamkeit, welche sie selbst im geschützten Raum ihrer Wohnung förmlich aushöhlte, die auf dem Friedhof aber zu einer messerscharfen Klinge würde, die ihr tief unter die Haut fuhr.

Gerade als Sakura sich aufraffte und sich umziehen wollte, klingelte es an der Tür. Verblüfft blieb sie im Flur stehen, den Griff der Türklinke ihres Arbeitszimmers noch in der Hand. Einen Augenblick lang war sie sich sicher, endgültig verrückt zu werden als es erneut klingelte. Zögerlich trat sie auf die Tür zu und betätigte den Knopf für die Haustür. Nervosität machte sich in ihr breit. Sie hätte nicht aufmachen sollen. Wenn nun jemand mit bösen Absichten vor ihrer Tür auftauchte, konnte sie nicht mehr so tun, als wäre sie nicht da. Als der Fremde an der Tür klopfte, eindringlich, aber nicht gewaltsam, zuckte Sakura zusammen.

Sie ging auf die Zehenspitzen, um durch den Spion schauen zu können und wäre vor Überraschung fast nach hinten gestolpert und auf den Boden gefallen. »Sasuke?«, rief sie überrascht. Auf der anderen Seite hörte sie ein leises Lachen und sofort breitete sich Wärme in ihrem Körper aus.

Sie musste Heiligabend nicht alleine verbringen.

Sasuke war hier, für sie.

Mit zitternden Händen öffnete sie ihm die Tür und trat zur Seite. »Was machst du denn hier?«, fragte sie ihn entgeistert und fuhr sich sofort mit der Hand zum Mund. Sie hatte nicht so entsetzt klingen wollen, doch er schien es nicht als Empörung wahrzunehmen.

»Nach was sieht es aus?«, stellte er mit seinem typisch schiefen Lächeln die Gegenfrage.

Sakura half ihm aus seinem Mantel, welcher nass und schwer in ihren Händen wog, vermutlich von dem Schnee, welcher wieder zu fallen begonnen hatte. Stellte sich nur die Frage, wieso Sasuke überhaupt durch den Schnee gelaufen und nicht einfach mit dem Auto gefahren war. Bevor sie hinter ihm zumachen konnte, fielen ihr einige Papiertaschen im Hausflur auf, welche randvoll waren mit Lebensmitteln. In Socken trat sie auf den Flur heraus und warf einen Blick in die Taschen. »Wofür ist das alles?« Mit leuchtenden Augen sah sie zu Sasuke auf, welcher sich mit der Hand durch sein feuchtes Haar fuhr.

»Naja, was ist Weihnachten ohne ein Festessen?«

»Ich kann nicht kochen!«, platzte es unumwunden aus ihr heraus und sie errötete von dem Geständnis, »Also, doch, ich kann kochen, aber nichts, was man freiwillig auf eine Festtafel stellen würde.«

»Dann wirst du heute wohl oder übel nur einen Assistenzposten übernehmen«, gab er schmunzelnd zurück, »Geh' ruhig wieder rein und lass mich das hier tragen.« Sakura fiel auf, dass er überhaupt nicht außer Atem war und das, obwohl sie im obersten Stock wohnte und er einige Tüten mitgeschleppt hatte. Auch dass er heute auf seinen Anzug verzichtet und stattdessen lockere Hosen und einen Pullover angezogen hatte. Er sah trotzdem unverschämt gut aus, mit den hochgerollten Ärmeln und dem feuchten Haar, welches ihm hartnäckig im Gesicht klebte und als er ihr im Vorbeigehen einen Kuss auf die Lippen hauchte, wurde ihr etwas schwindelig.

»Möchtest du etwas trinken? Kaffee vielleicht oder eine heiße Schokolade? Und brauchst du ein Handtuch für deine Haare?«, erkundigte sie sich, als er sämtliche Einkaufstüten auf ihrem viel zu kleinen Küchentisch abgestellt hatte. Die letzte Tüte, was auch immer sich darin befinden mochte, hatte dem alten Holz ein klägliches Ächzen entlockt.

»Ein Handtuch brauche ich nicht, aber einen Kaffee würde ich nehmen.« Er trat an sie heran, schloss sie in die Arme und schüttelte vehement den Kopf, sodass ein Schauer aus kalten Wassertropfen auf sie herab regnete.

»Hey!«, kicherte sie, »was soll das?« Ihr Kichern schwoll zu Lachen an, als er seine Bemühungen verdoppelte und seine nassen Haarspitzen sie im Gesicht kitzelten. Mit beiden Händen schob sie ihn etwas von sich, um seinem Überfall zu entkommen. »Wir sollten anfangen, Sasuke. Das Essen wird einige Stunden auf dem Herd stehen müssen oder nicht?«

»Wie ihr wünscht, Mademoiselle.« Sasuke löste sich von ihr, hauchte ihr einen theatralischen Abschiedskuss auf die Hand und griff wahllos nach einer der Taschen und trug diese zum Kühlschrank. Sakura biss sich auf die Lippen, um ein Lachen zu unterdrücken, aus Antizipation vor dem, was nun geschehen würde.

Es dauerte einige Sekunden, bis er den Anblick der gähnenden Leere und einer Handvoll kümmerlicher Essensreste verarbeitet hatte und Sakura musste von ihrer Lippe auf ihre Faust ausweichen. »Was hattest du denn vor, die nächsten Tage zu essen?«, fragte er verblüfft.

»Tütensuppe und Schokolade«, antwortete sie glucksend und deutete auf den Schrank oberhalb der Spüle, »und beides findest du dort drin.«

Sasuke sah entgeistert aus, doch als sie nicht das Lachen anfing – was ihr zugegebenermaßen einiges abverlangte - und ihre Aussage als Scherz enttarnte, runzelte er die Stirn. »Das ist dein Ernst«, stellte er fest und als sie nickte, schnaubte er ungläubig. »Vielleicht sollte ich doch lieber alleine kochen.«

»Hey! Das ist nicht fair! Ich kann kochen. Ich wollte nur nicht«, empörte sie sich gespielt, »Sag' mir, was ich machen muss und ich werde es zu deiner vollsten Zufriedenheit umsetzen!«

Sein Kopf schoss vom Kühlschrank zurück nach oben und seine dunklen Augen lagen mit glühender Intensität auf ihr. »Vorsicht mit den Dingen, die du anbietest, Sakura«, raunte er leise und eine Gänsehaut fegte über ihre Arme hinweg. Schamröte stieg ihr den Hals entlang in die Wangen, als sie begriff, was Sasuke damit andeuten wollte und beschämt wandte sie sich von ihm ab.

»Du weißt, wie ich es gemeint habe«, murmelte sie verlegen.

»Ich weiß es, ja, aber vielleicht beschließe ich ja, mir einen gewissen Interpretationsspielraum frei zu halten.« Er erhob sich aus seiner Hocke und fing an, in den Tüten nach den verderblichen Lebensmitteln zu suchen, um diese vorerst kalt zu stellen. Sakura ging ihm dabei zur Hand, wenngleich sie etwas weiter auf Abstand blieb, als der Anstand geboten hätte, noch immer erhitzt von den unsittlichen Andeutungen.

Es war früher Mittag, als die beiden mit den Vorbereitungen fertig waren und der spärliche Platz in Sakuras Küche optimiert worden war. Nahezu jeder Schrank war leer geräumt worden und trotzdem sah Sasuke beim Überblicken sämtlicher, zur Verfügung stehender Utensilien skeptisch aus.

»Das wird niemals ausreichen«, bemerkte er trocken.

Sakura ließ sich auf einen Stuhl am Fenster fallen und tupfte sich mit dem Ärmel ihres Pullovers einige Schweißperlen von der Stirn. »Mehr Schüsseln und Töpfe besitzen wir nicht, weil wir nie mehr gebraucht haben«, erklärte sie, »wir können ja nebenbei spülen, das passt schon.«

Wenig überzeugt griff er nach einem wirklich zierlichen Topf, in welchem man kaum Nudeln kochen konnte, geschweige denn so etwas wie einen Braten. »Ich hätte dich einfach mit zu mir nehmen sollen.«

Sakura wusste, dass es ein Scherz war und trotzdem verspürte sie den Drang, ihr süßes Appartement verteidigen zu müssen. »Du bist viel zu pessimistisch!«

Sasuke lachte leise und zog einen Stuhl zu ihr heran. »Ich wollte euer Zuhause nicht schlecht reden. Aber es wird eine Herausforderung werden, dass zu kochen, was ich vorhatte mit dir zu kochen.«

Sakura verschränkte die Arme vor der Brust, herausfordernd. »Du wirst überrascht sein!«

Sasuke musterte sie eine Zeit lang, es konnten Sekunden oder Minuten sein, das vermochte Sakura in dem wahnhaften Rausch, welcher durch sie strömte, wann immer er sie auf diese Art ansah, nicht zu sagen. Dann, so plötzlich als hätte er sich an etwas Wichtiges erinnert, erhob er sich vom Stuhl und zog Sakura mit sich.

Und so fingen sie das Kochen an. Es wunderte Sakura nicht wirklich, dass Sasuke auch darin begabt war. Die Art, wie er ein Messer führte, war präzise und viel schneller, als sie sich jemals zu schneiden zutrauen würde. In einer dunklen Ecke ihres Verstandes stellte sich ihr die Frage, ob Kochen der Grund dafür war, dass er so gut mit einem Messer umgehen konnte, doch sie schob diesen Gedanken schnell von sich als ihre eigene Hand zu zittern begann.

Wann immer er ihr Hilfestellung geben oder ihr etwas zeigen wollte, trat er von hinten an sie heran und umfing ihre Hände mit seinen, um sie zu führen und jedes Mal, wenn er dies tat, fing ihr Herz zu rasen an und so sehr sie sich auch bemühte, sie verstand keine seiner Ausführungen beim ersten Zuhören.

Die meiste Zeit verbrachte Sakura mit dem Schälen und Schneiden von Gemüse. Gemüse, um eine Sauce anzurühren. Gemüse, um die gewaltige Gans zu füllen, von der sie noch nicht überzeugt war, dass sie in ihren beschaulichen Ofen passen würde. Und Gemüse als Beilage. Nach einer Weile war sie sich sicher, dass sie nie wieder eine Kartoffel sehen wollte und als sie Sasuke ihre Vermutung mitteilte, lachte dieser kopfschüttelnd über ihren nicht ganz ernst gemeinten Frust.

Mit der Zeit war die Küche nicht nur von ihrem Lachen erfüllt, sondern auch von einem köstlich süßlichem Geruch. Sasuke hatte eine Flasche Rotwein mitgebracht, dessen Aroma ihre Nase gekitzelt hatte und nachdem er ihr versprochen hatte, dass sämtlicher Alkohol mit der Zeit verkochen und nur der intensive Geschmack von leicht säuerlichen Trauben über bleiben würde, hatte sie der Nutzung zugestimmt. Nachdem sie mit ihren, wie Sakura sie scherzhaft bezeichnete, niederen Diensten fertig war, verharrte sie vor der Sauce, die langsam eindickte und beobachtete den Dampf dabei, wie er sich auflöste und die Luft um sie herum schwerer machte.

Sasuke wies sie an, sie zu probieren und obwohl sie des Weines wegen zögerlich war, folgte sie seiner Aufforderung und tauchte einen zierlichen Teelöffel in den Topf und leckte die kochend heiße Sauce von dem kalten Metall. Überraschung spiegelte sich in ihren Gesichtszügen wieder als sie feststellte, dass es wirklich nicht nach Alkohol schmeckte, sondern viel mehr nach einer perfekt austarierten Mischung von Gemüse, Obst und dem Fleisch, welches in selbigem Topf zuvor noch angebraten worden war.

»Schmeckt wirklich köstlich«, konstatierte sie und Sasuke folgte ihrem Beispiel und nahm sich ebenfalls einen Löffel, um seine Kreation zu testen.

»Irgendetwas fehlt«, meinte er und sein Blick schweifte gedankenversunken ab.

»Das musstest du jetzt für den dramatischen Effekt sagen, sei ehrlich«, schnaubte sie amüsiert. Vielleicht war sie keine Profiköchin, doch eines konnte sie mit ziemlicher Sicherheit sagen: Die Sauce war rundherum gelungen.

Sasuke aber entkräftete ihre Behauptung, als er nach der Butter griff und ein großzügiges Stück davon in den Topf gab. »Mehr Butter geht immer«, befand er und während die Butter in der köchelnden Sauce dahinschmolz, sah Sakura an sich herab.

»Ich werde heute fünf Pfund zunehmen, wenn das so weiter geht«, scherzte sie, doch Sasuke winkte nur ab.

»Die Menge macht das Gift«, behauptete er, während er absurderweise geschmolzene Butter nutzte, um die gewürzte Gans einzustreichen.

»Deswegen ja«, gab Sakura lachend zurück.

Nachdem die Gans in den Ofen verschwunden war, verringerte Sasuke sämtliche Temperaturen des Herds und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Jetzt heißt es warten.«

»Wie lange denn?«, fragte Sakura neugierig, denn die ganzen Aromen und Geschmacksproben hatten ihren Appetit angeregt.

»Drei Stunden noch, mindestens.«

Sakura suchte sein Gesicht nach einem Anzeichen für einen schlechten Scherz ab, doch seine Mimik blieb ernst und wie auf Kommando zog sich ihr Magen zusammen. Bis auf mehrere Tassen Kaffee hatte sie heute noch nichts zu sich genommen und langsam fühlte sie, wie das Koffein ihren ansonsten ausgehungerten Körper überdrehte.

»Was machen wir solange?« Sakura traute sich kaum, die Frage zu stellen und als sie das schelmische Funkeln in seinen Augen bemerkte, wusste sie auch, woher diese Zurückhaltung gekommen war.

»Hast du einen Plattenspieler?«, fragte er entgegen ihrer Erwartung, sodass ihre Augenbrauen überrascht nach oben wandern.

»Ino hat einen, wieso?«

Seine Mundwinkel zuckten nach oben, als ahnte er bereits, dass Sakura zwei linke Beine besaß, wenn es ums Tanzen ging. »Wie wäre es mit einem Tanz?«, schlug er zu allem Übel vor und Sakura begann zu schwitzen.

»Ich tanze nicht wirklich oft«, warnte sie ihn, dennoch griff er nach ihrer Hand und zog sie hinter sich in den Flur. »Wir sollten den Plattenspieler in mein Zimmer stellen. Mir wäre nicht wohl dabei, in Inos Abwesenheit in ihrem Zimmer zu tanzen.«

»Das wäre wohl kaum angemessen«, stimmte er ihr zu und nachdem sie das sperrige Teil einmal quer durch die Wohnung geschleppt und ihr Bett in die Ecke geschoben hatten, wurde die allgemeine Stille von fröhlichen Liedern und ihrem peinlich berührten Lachen abgelöst, wann immer sie beinahe über ihre eigenen Beine stolperte und drohte, Sasuke mit sich zu reißen. Sakura konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal getanzt und sich so leicht gefühlt hatte und obwohl es ihr nicht so vorkam, als würde sie sich dabei besonders gut anstellen, hatte sie einen unfassbaren Spaß, wann immer Sasuke sie förmlich durch die Luft wirbelte.

Den ganzen restlichen Nachmittag und Abend verbrachten sie abwechselnd mit Musik, Gesprächen und irgendwann endlich auch mit Essen und als Sakura spät in der Nacht im Bett lag, satt und den Blick auf den im Mondlicht weiß schimmernden Schnee gerichtet, fühlte sie sich von einer Wärme und einem Frieden erfüllt, den sie schon lange nicht mehr gespürt hatte, ob Weihnachten oder nicht.

Sasuke wollte sie über die Feiertage nicht alleine lassen und so lag er mit ihr in ihrem kleinen Bett und sein flacher, warmer Atem in ihrem Nacken und das sanfte Heben und Senken seiner Brust an ihrem Rücken, wirkten so hypnotisierend, dass der Schnee schnell vor ihren Augen verschwamm und die Dunkelheit des Schlafs sie in eine sanfte Umarmung zu sich zog.
 


 

Weihnachten war vorbei und die geschmückten Tannenbäume wurden direkt am ersten Tag danach entsorgt, was der Stadt das letzte bisschen Farbe nahm. Nun begann der schlimme Teil des Winters, der, der von sämtlichen Nuancen von Grau dominiert wurde; langatmig, kalt und eintönig.

Naruto fröstelte, als er durch die zugigen Straßen und Gassen in Richtung Hafen schlenderte und obwohl er in mehrere Schichten Wolle eingepackt war, wollte ihm an diesem Morgen einfach nicht warm werden. Als die Hochhäuser wieder schrumpften, wurde die Luft noch kälter und hinterließ beim Einatmen den Geschmack von Salz und Algen. Hoch am dämmrigen Himmel zogen Möwen kreischend ihre morgendlichen Kreise und Naruto zog die Mütze tiefer ins Gesicht.

An der vorletzten Kreuzung, bevor er die Docks erreichte, bog eine nachtschwarze Limousine vor ihm in eine schmutzige Gasse, an deren Ende eine zweimannhohe Mauer zuverlässig jeden einsperrte, der das Pech hatte, sich in ihr zu verirren. Naruto richtete seinen Kragen; verlangsamte seinen Schritt. Beiläufig ließ er seinen Blick über die Umgebung schweifen, ehe er scharf abbog und dem Auto in die Schutz bietenden Schatten der heruntergekommenen Gasse folgte. Es roch nach einer grässlichen Mischung aus Pisse und Blut und Narutos leerer Magen rebellierte.

Itachi war der Erste, der ausstieg, wie immer von der Fahrerseite. Er nickte Naruto zu, kurz und knapp und seine Gesichtszüge waren bar jeglicher Gefühle, als wären sie ihm bei diesen Temperaturen eingefroren. Sasukes großer Bruder war selbst nach all den Jahren noch immer ein Rätsel für Naruto. Die meiste Zeit hatte er immer einen cleveren Witz parat und ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen. Wenn er aber arbeiten musste – richtig arbeiten und nicht nur die niederen Chauffeurdienste, mit denen er meist behelligt wurde -, fiel diese sympathische Fassade von ihm ab wie ein überreifer Apfel von einem Baum.

Als nächstes kletterten Shikamaru und Neji aus dem Auto, beide mit einem genervten Gesichtsausdruck. Sie kamen schnurstracks auf ihn zu und Naruto wollte schon fragen, wo ihr fünfter Mann geblieben war, als Gaara sich am Dach fest haltend geschmeidig, wie fließendes Wasser, aus dem Wagen zog und behutsam, fast liebevoll die Tür hinter sich verschloss. Naruto hatte ihn schon seit Monaten nicht mehr gesehen, doch der rothaarige junge Mann hatte sich kaum verändert. Noch immer zierte eine Tätowierung seine Stirn oberhalb der rechten Augenbraue – ein ewig währendes Zeugnis eines eskalierten Alkoholrausches im Ausland. Seine grünen Augen waren beängstigend stumpf und matt und selbst wenn er lachte – was er so gut wie nie tat – erreichte dieses Lachen seine Augen nicht. Unwillkürlich schauderte Naruto, dieses Mal jedoch nicht aufgrund der Kälte.

»Ich habe frei, was mache ich überhaupt hier. Im Gegensatz zu euch, habe ich einen richtigen Job«, nuschelte Neji schlecht gelaunt, die Hände tief in den Taschen seines Mantels vergraben. Sein Haar hatte er zu einem Knoten gebunden, nicht wie sonst zu einem Zopf, und unter einer gewaltigen Mütze versteckt.

»Sasuke hat gesagt, wir sollen nicht zu zweit hierher kommen. Also kommst du mit, Ende der Geschichte«, entgegnete Shikamaru gelangweilt. Es war offensichtlich, dass er genauso wenig Lust auf das Unterfangen hatte wie Neji, doch immerhin hielt er seinen Mund.

»Sasuke kann mich mal«, konterte Neji mit scharfem Unterton, »wieso ist er nicht hier? Wo ist er überhaupt in letzter Zeit? Ich sehe ihn so gut wie gar nicht mehr.«

Naruto wurde es zu bunt mit den beiden und besonders Nejis abfälliger Kommentar entfachte sein hitziges Temperament. Mit beiden Händen griff er nach dem Kragen von Nejis Mantel und zog ihn so dicht an sich heran, dass er seinen minzigen Atem riechen konnte.

»Reiß' dich zusammen Neji!«, knurrte er wütend.

Neji ließ sich von seinem Gebaren nicht wirklich beeindrucken. Er wich nicht zurück, wandte nicht den Blick ab, im Gegenteil. Herausfordernd begegnete er Narutos wütendem Funkeln und ein böses Grinsen umspielte seine Lippen. »Sonst was? Verpfeifst du mich bei deinem Herrchen?«

Naruto beschloss, dass er die Faxen dicke hatte, also machte er etwas, von dem er gehofft hatte, er müsste es niemals tun: Er holte aus und verpasste Neji einen brutalen Schlag mitten ins Gesicht. Ein ekelerregendes Knirschen, gefolgt von einem heiseren Keuchen, deutete darauf hin, dass er ihm die Nase zumindest angebrochen hatte. Blut spritzte von Nejis Gesicht auf den verschneiten Boden, wo das tiefe Scharlachrot sich wie eine Krankheit ausbreitete.

»Scheiße!«, fluchte Neji halblaut. Er zog sich die Handschuhe von den Fingern und befühlte mit vorgebeugtem Kopf seine Nase. »Du hast mir die scheiß Nase gebrochen!«

»Schade«, antwortete Naruto grimmig, »denn das hält dich leider nicht davon ab, deine Klappe zu halten.«

Neji bedachte ihn mit einem mörderischen Blick, während er von Itachi, der das Ganze teilnahmslos beobachtet hatte, ein Taschentuch entgegen nahm, mit dem er den größten Schaden beseitigte.

»Schön das wir das geklärt haben«, schaltete Gaara sich ein. Er schnippte die Zigarette, die er sich nach dem Aussteigen entzündet hatte, in den Schnee und blies den letzten Rauch durch seine Nase aus. »Wenn es nach mir geht, verschwinden wir hier so schnell wie möglich wieder, wir sind nicht gerade unauffällig. Vor allem nicht, nachdem du Neji in aller Öffentlichkeit die Nase zertrümmert hast und er blutet wie ein Schwein.« Gaara schielte über Narutos Schulter in Richtung Hauptstraße. Bis auf ein paar wenige Autos, die dann und wann an der schmalen Seitengasse vorbei fuhren, waren die Straßen noch wie ausgestorben, doch dies würde sich nur allzu bald ändern.

Die Docks waren von jener Seitengasse nur noch wenige Minuten Fußweg entfernt und je näher sie dem Wasser kamen, desto lauter wurde das Rauschen des Meeres, dessen Wellen sich schäumend an den moosbewachsenen Kaimauern brachen. In der Luft glitzerte die tosende Gischt in dem wenigen Sonnenlicht, welches sich langsam über den Ozean hinweg der Stadt entgegen streckte. Wenn sie aus einem anderen Grund hier wären, könnte Naruto diesen Anblick fast genießen, doch Zeit war an diesem Morgen ihr kostbarstes Gut und er konnte sie nicht darauf verschwenden, einer melancholischen Sentimentalität zu frönen.

Der Boden des Hafens war größtenteils von Schnee und Eis befreit worden, was den fünf Männern die Möglichkeit bot, zügig und leise im Schatten zu ihrem Zielort vor zu preschen. Itachi blieb dabei die ganze Zeit über dicht bei Neji und Naruto vermochte nicht zu sagen, ob er es aus Fürsorge tat oder ob er von Neji einen weiteren Fehltritt erwartete.

Naruto erkannte das Arbeiterhäuschen als Erstes und bedeutete seinen vier Kollegen wortlos, ihm dorthin zu folgen. Es war noch zu früh, Asuma, der Vorarbeiter, war noch nicht da, das verriet ihm ein rascher Blick durch das fleckige Fenster. Der Raum dahinter war erfüllt von dämmriger Dunkelheit und viel erkennen konnte man von außen nicht.

Gaara packte Naruto an der Schulter, bestimmt aber nicht gewaltsam und zog sich an ihm vorbei zur Tür. Sie war massiv, schmiedeeisern und ohne einen Schlüssel vermeintlich das unüberwindbare Ende ihrer frühen Unternehmung, doch Gaara schien das anders zu sehen. Mit den Fingerspitzen beider Hände fuhr er über das glatte, kalte Material, andächtig, beinahe wie die Liebkosung einer schönen Frau. Dann löste er sich von der Tür, ebenso schnell, wie er auf sie zugegangen war und nahm einige Schritte Abstand. Naruto fürchtete zu wissen, was er vorhat, doch das bereitete ihn nicht auf den ohrenbetäubenden Knall vor, der in der kalten Meeresluft nachhallte wie ein Pistolenschuss. Mit einem einzigen, gezielten Tritt hatte Gaara der Tür eine beachtliche Delle zugefügt, doch aufgesprungen war sie unter diesem brutalen Ansturm nicht.

Während Gaara sein Bein ausschüttelte, den Kopf schief gelegt und mit sichtlich irritiertem Gesichtsausdruck, als wäre es ein Affront der Tür, nicht beim ersten Mal nachzugeben, sah Naruto sich um. Keine Menschenseele war zu sehen, niemand kam auf sie zu und niemand brüllte Anweisungen, um die Ursache für diesen Lärm zu ergründen.

Neji murmelte etwas, so leise, dass es von dem unmittelbaren Rauschen des Wellengangs verschluckt und aufs Meer hinausgetragen wurde. Auch Shikamaru wurde unruhig, das erkannte Naruto an der Art, wie er sein Gewicht ständig verlagerte – eine untypische, neurotisch anmutende Bewegung für den sonst so stoischen Mann. Nur Itachi stand ruhig und gelassen zwischen ihnen und Naruto glaubte, ein amüsiertes Funkeln in seinen Augen zu erkennen.

Es dauerte nicht lange, bis Gaara sich wieder gefangen hatte und ein zweites Mal auf die Tür eintrat. Dem ersten Knall folgte ein zweiter als die Tür mit einem kläglichen Quietschen nachgab und gegen die Wand des Aufseherhäuschens schmetterte.

Itachi pfiff beeindruckt durch die Zähne, was Gaara zu einem schiefen, verschmitzten Grinsen verleitete. Ein Ausdruck, welcher der sonst vorherrschenden, kalten Brutalität ihre scharfen Kanten nahm und ihn fast schon jugendlich wirken ließ.

»Nicht schlecht«, pflichtete Shikamaru ihm kopfschüttelnd bei.

»Ihr habt später noch genug Zeit, Gaara die Schuhe zu lecken, könnten wir uns bitte etwas beeilen?«, zischte Neji und auch, wenn Naruto sein Ton immer noch nicht gefiel, musste er ihm Recht geben.

»Du bist doch nur beleidigt, weil du auf deinen dünnen Hühnerschenkeln gerade gut genug geradeaus laufen kannst, um deinen piekfeinen Leuten ihr Sektchen zu servieren«, konterte Gaara abfällig und spuckte seitlich aus.

Neji holte schon Luft, um zurück zu schnauzen, als Itachi ihm warnend eine Hand auf die Brust legte und ihn kaum merklich zurück schob. »Genug jetzt.« Seine Belustigung war gewichen, gemeinsam mit dem Leuchten in seinen Augen und erneut schauderte Naruto. Er wusste um Gaaras gewaltsame Art und um Nejis spöttisches, erhabenes Getue und er hätte es besser wissen müssen, die beiden nicht zusammen zu führen.

»Lasst uns reingehen«, versuchte er die angespannte, mit Wut aufgeladene Stimmung zwischen ihnen zu lösen, zumindest genug, um sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren, für die sie hier her gekommen waren.

Neji schnaubte, doch dank seiner gebrochenen Nase hörte es sich eher wie ein Fiepen an. Dennoch folgte auch er ihm nach innen, wenn auch mit erheblichen – und vermutlich durchaus notwendigen – Abstand zu Gaara.

»Wir sollten nach den Büchern Ausschau halten«, schlug Shikamaru vor.

Gaara rieb sich über die Stoppeln an seinem Kinn, die Stirn gerunzelt. »Was für „Bücher“?«

»Auf irgendeine Art werden immer Bücher geführt. Über die Schiffe, die hier anlegen. Woher sie kommen und wohin sie fahren. Und am Wichtigsten: Was sie führen«, erklärte Shikamaru seufzend, als wäre es unendlich ermüdend, die vermeintlich einfachsten Dinge erklären zu müssen.

Neji grunzte zustimmend, sagte aber sonst nichts und Naruto hatte die Befürchtung, dass diese abgehakten, lustlosen Laute die einzige Form von Kommunikation war, welche sie heute noch von ihm erwarten konnten.

»Dann lasst uns anfangen.« Naruto hatte souverän und zuversichtlich klingen wollen, doch ihm entging das verräterische Zittern in seiner Stimme nicht. Er war am ganzen Körper angespannt wie eine Bogensehne und nach kurzer Zeit tat ihm der Kopf weh von dem Versuch, seine Stirnfalte glatt zu halten. Immer wieder zuckte sein Kopf zu der lädierten Tür, welche sie mehr schlecht als recht geschlossen hatten und durch deren Spalt ein pfeifender Luftzug in das Häuschen blies. Naruto hoffte, dass sie etwas Handfestes gefunden hatten, ehe Asuma die Arbeit antrat, sonst würde es noch ungemütlicher werden und die kleineren Meinungsverschiedenheiten, welche sie heute untereinander gehabt hatten, würden daneben wie brüderliche Verbundenheit wirken.

Shikamaru schien als einziger von den fünf Männern zu wissen, was er wo zu suchen hatte, denn er war derjenige, der innerhalb kürzester Zeit einen kleineren Stapel voll Notizbücher zusammen gesucht hatte und an die Brust gepresst mit sich trug. Gaara folgte Shikamaru wie ein Schatten und Neji blätterte lustlos durch einige lose Zettel auf dem unordentlichen Schreibtisch. Itachi indes lehnte mit vor der Brust verschränkten Armen an der einzigen Wand, die nicht von Schränken verdeckt war und diente eher als Aufpasser, wofür Naruto dankbar war. Es war ohnehin zu wenig Platz für alle fünf, wenn jeder von ihnen unkoordiniert und planlos hin und her lief.

»Das ist doch Zeitverschwendung«, nörgelte Neji halblaut. Seine Nase hatte wieder das Bluten angefangen und Naruto bekam beinahe ein schlechtes Gewissen, denn Neji sah aus, als hätte er mit Schmerzen zu kämpfen. Beinahe. Doch dann dachte Naruto an seine arrogante Art, mit der er noch nie klar gekommen war und das schlechte Gewissen verflüchtigte sich wie Alkohol, wenn man ihn lange genug einkochte.

»Du nervst«, stellte Shikamaru nüchtern fest. Mit Schwung knallte er Neji die gesammelten Notizbücher auf den Schreibtisch und schlug das erste auf. Naruto beugte sich über die Schulter seines Kollegen, um einen Blick auf das zu erhaschen, was darin geschrieben stand. Das Erste, was ihm auffiel, war, dass die Schrift unfassbar schön war – viel zu schön für einen rauen Mann wie Asuma. In Kursiv standen dutzende Namen darin geschrieben. Namen für Schiffe, wie Naruto vermutete.

»Hast du eine Ahnung, welches davon das Schiff ist, auf dem nur unsere halbe Fracht geliefert worden ist?«, fragte er Shikamaru.

Dieser blätterte ohne eine Antwort einige Seiten weiter, bis Naruto das vertraute Datum des besagten Tags erkannte. »Hier.« Shikamarus Finger landete punktgenau auf einem der Namen und Naruto zog überrascht die Augenbrauen hoch. „TRAUMFÄNGERIN“. Was für ein seltsamer Name. Er bekam das Gefühl nicht los, dass sich jemand über sie lustig machte.

»Was ist das für eine Zahl? Bei keinem anderen Schiff ist eine Zahl vermerkt.« Itachi hatte sich vorgebeugt, um auf eine vierstellige Ziffer zu deuten. 1106. Naruto runzelte die Stirn. Die Zahl kam ihm irgendwie bekannt vor, auch wenn er nicht zu sagen vermochte, wieso.

»Was ist los, Naruto? Du siehst aus, als wüsstest du, was diese Zahl zu bedeuten hat«, bemerkte Itachi.

Shikamaru drehte sich zu ihm um. »Es sieht aus, wie ein Datum. Elfter Juni. Oder Sechster November, je nachdem, wie man es liest«, half er ihm eifrig weiter, von seinem müden Desinteresse plötzlich keine Spur mehr.

Naruto fuhr sich mit beiden Händen zum Gesicht und massierte seine pochenden Schläfen. Er hasste das Gefühl, zu wissen, was er suchte, nur dass sich das verschwommene Bild in seinem Kopf sich einfach nicht scharf stellen wollte.

Während er weiter über die vierstellige Nummer nachdachte, wandte Itachi sich wieder an Shikamaru. »Was meinst du, für was diese Zahl steht? Könnte eine Nummer für einen Safe sein, meinst du nicht?«

Shikamaru zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich ein Safe, ja, aber was soll in diesem Safe sein, was mit unserer Fracht zu tun hat? Kein Safe ist groß genug für die ganze Ware, die uns vorenthalten worden ist«, warf er ein. Prüfend schaute er sich in dem kleinen Raum um, ehe er sich wieder zu Itachi umdrehte. »Hier steht zumindest kein Safe.«

Itachi fuhr sich seufzend durch die Haare, die Frustration war ihm deutlich anzusehen. »Das heißt zusammengefasst: wir suchen eventuell einen Safe, dessen Aufenthaltsort buchstäblich überall sein könnte, weil wir eine Nummer haben, die wir mit nichts assoziieren können, um die Existenz dieses vermeintlichen Safes zu bestätigen oder dessen Aufenthaltsort einzugrenzen«, fasste er ihre weit hergeholten Anhaltspunkte zusammen und Shikamaru nickte mit zusammengepressten Lippen.

»Richtig. Nicht besonders viel, nicht wahr? Wenn wir wenigstens die Zahl irgendwie mit einem Datum in Verbindung bringen könnten-«

Ruckartig fuhr Naruto auf, die Augen geweitet von der Erkenntnis, die ihn wie ein Blitzschlag traf. Er kannte das Datum, es war in seinen „Recherchen“ aufgetaucht. »Es ist der elfte Juni«, flüsterte er, als würde er ein unsägliches Geheimnis lüften, welches besser im Verborgenen geblieben wäre.

»Wie kannst du dir da so sicher sein?«, hakte Gaara nach, in seinen Augen dieses wahnsinnige Glitzern, wie ein Bluthund, der eine Fährte aufgenommen hatte.

»Es ist der Geburtstag der Frau des Vorarbeiters hier. Die Frau von Asuma!«

»Das reicht jetzt!« Die Tür knallte erneut mit beachtlichem Schwung gegen die Wand und einige Schubladen, die Shikamaru beim Durchsuchen hatte offen stehen lassen, fielen scheppernd zu Boden. Blätter wirbelten durch die Luft und zwischen ihnen stand Asuma, eine zornige Erscheinung, mit hochrotem, wutentbranntem Gesicht.

»Asuma«, grüßte Naruto den Mann nüchtern.

»Verschwindet. Sofort«, befahl er kaltschnäuzig und Naruto musste ihm erneut Respekt zollen dafür, dass er selbst eins zu fünf in der Unterzahl noch den Mumm in den Knochen hatte, sich gegen sie zu erheben.

»Ich fürchte, das geht nicht.« Naruto schnappte sich das Buch mit den Daten, die sie brauchten und verstaute es sorgsam in seinem Mantel, bevor die Situation eskalieren und er es aus den Augen verlieren konnte. »Wir sind hier, um unsere Ware selbst zu kontrollieren. Das Schiff sollte schon hier angelegt haben.«

»Und dafür musstet ihr die Tür eintreten und hier herum schnüffeln«, spottete Asuma, seine Hände so fest geballt, dass die Adern auf seinen Handrücken vortraten.

Naruto lehnte sich betont lässig gegen den Schreibtisch, die Hände auf der Tischplatte abgelegt und die Beine überschlagen. Er hatte diese Haltung lange üben müssen, um sie glaubhaft herüber bringen zu können, denn unter seiner Haut pulsierte das Adrenalin und er fühlte kalten Schweiß an seinem Haaransatz. »Ein Vögelchen hat uns gezwitschert, dass kein Sturm für unsere... Versäumnisse verantwortlich ist.«

»Und das Vögelchen hat dir auch verraten, dass ich angeblich damit etwas zu tun habe«, beendete Asuma seine unausgesprochene Vermutung.

Naruto schwieg und er war seinen Kollegen dankbar, dass sie seinem Impuls folgten und ebenfalls keine Antwort gaben.

Asumas Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und seine Wut schien in der Luft zu vibrieren. »Gut. Macht euch selbst ein Bild von eurer Ware, nur lasst mir meine Ruhe. Ihr seid hier nicht erwünscht. Hier nicht und auch sonst nirgendwo.« Die Drohung schwang in seiner Stimme mit, auch wenn er sie nicht deutlich ausformulierte und Naruto wusste, worauf er anspielte. »Ihr müsst an Dock Vier.« Damit wandte er sich von ihnen ab und verschwand so schnell aus dem Häuschen, wie er aufgetaucht war.

»Soll ich ihm folgen?« Gaara knackste mit seinen Fingerknöcheln und Naruto schauderte bei der Vorstellung, was er wohl vorhaben könnte.

»Nein«, antwortete er knapp, »wir gehen zur TRAUMFÄNGERIN und hoffen, dass sie dieses Mal alles aus Europa mitgebracht hat.«

Die fünf verschwanden aus dem kleinen Häuschen und von Asuma gab es weit und breit keine Spur. In der letzten halben Stunde waren noch mehr Hafenarbeiter angekommen und nahmen ihre Arbeit auf. Es dauerte nicht lang, bis sie an Dock Vier ankamen und die Köpfe in den Nacken legten, um das beeindruckende Schiff einer Musterung zu unterziehen. Auf dem Deck hörten sie einige Leute rau fluchen und lachen und als sie über den Gangway nach oben stiegen, kam Naruto nicht mehr umhin, den Ausblick zu bewundern. Die Sonne überragte den Ozean mittlerweile und ihre Sonnenstrahlen schoben sich beharrlich an vereinzelten Wolken vorbei direkt auf die Stadt, welche hinter ihnen langsam aus ihrem Schlaf erwachte. Am fernen Horizont zeichneten sich schwarz die Silhouetten der Schiffe ab, die anlegten oder bereits abgelegt haben.

Naruto war überrascht, als er Asuma an Deck erblickte und als dieser ihre Anwesenheit bemerkte, wechselte er noch einige gemurmelte Worte mit einem der Matrosen, ehe er zu ihnen herüber ging. Sein Gang war fest und sicher und es war überdeutlich, dass er es gewohnt war, auf schwankendem Boden zu stehen. Vermutlich in mehr als nur einer Hinsicht.

»Ich habe mit ihnen gesprochen. Sie werden euch nicht im Weg stehen, aber ich rate euch, euch nicht mit ihnen anzulegen. Sie mögen es nicht, wenn man ihre Arbeit oder ihre Integrität in Frage stellt«, warnte er sie mit finsterem Gesicht. Ein letztes Mal spuckte er verächtlich aus, ehe er sich an ihnen vorbei schob und über den Gangway zurück auf den Hafen verschwand.

»Ein übler Zeitgenosse«, meinte Shikamaru und Naruto glaubte, einen Anflug von Respekt in seiner Stimme zu hören. Er konnte es ihm nicht verübeln – immerhin hatte er auch Momente erlebt, in denen er etwas wie Bewunderung für diesen Mann empfunden hatte.

»Mhm«, pflichtete Naruto bei. Er versuchte, den abweisenden Gesichtern um sich herum nicht zu viel beizumessen, doch er spürte die Blicke der Matrose, egal wohin er auch ging.

Es dauerte den ganzen Vormittag und einen Teil des frühen Mittags, um das ganze Schiff von oben bis unten zu durchleuchten. Am Ende war Naruto erleichtert, dass zumindest die Autos mit jenen übereinstimmte, die auf der Liste standen, welche Sasuke ihm bei einem seiner Besuche über den Tresen geschoben hatte. Der Alkohol aber war nicht zur Hälfte mitgeliefert worden – sondern gar nicht. Keine einzige Flasche, kein einziges Fass, nichts.

Sie hatten versucht, mit einigen der Matrosen zu sprechen, doch die waren in ihren Antworten so wortkarg und vage, dass sie diese Versuche schnell als Zeitverschwendung abstempelten. Gaara hatte angeboten, ihre Zungen mit dem ein oder anderen gebrochenen Knochen zu lockern, doch Itachi hatte ihm dringend davon abgeraten.

»Das wird einige Probleme mit sich bringen.« Es war das Erste, was Neji seit Stunden von sich gab und ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie wortwörtlich in der Scheiße steckten und das mehr als knöcheltief.

»Sasuke wird stinksauer sein«, fügte Shikamaru hinzu, die Hände wieder in seinem Mantel vergraben, die Augen in die Ferne gerichtet, als würde er über etwas nachdenken. Seit sie das Häuschen verlassen hatten, war er nur noch höchstens körperlich anwesend. In seinem Kopf war er höchstwahrscheinlich schon zwei Schritte vor allen anderen, bestrebt in dem Versuch, eine Vollkatastrophe abzuwenden. »Was wollen wir jetzt machen?«

»Ich bin immer noch dafür, dass wir uns einen von denen vorknöpfen-« Gaara machte eine Kopfbewegung in Richtung der Matrosen, die sich derzeit an der Reling gegenüber von ihnen lümmelten und Mittagspause machten. »und ihn zum Reden animieren.«

»Das wird uns auch nichts bringen, außer ungewollte Aufmerksamkeit. Wir können hier nicht mitten in der Öffentlichkeit wahllos irgendwelche Leute zusammen schlagen«, antwortete Naruto mit einem Kopfschütteln.

Gaara hob vielsagend eine Augenbraue. »Witzig, dass das von dir kommt.«

Naruto zeigte ihm den Mittelfinger, was Gaara zum Lachen brachte, doch es hörte sich falsch an, irgendwie verzerrt, fast mechanisch.

»Wir sollten zu Sasuke fahren und mit ihm darüber reden. Ohne ihn und seine ausdrückliche Anweisung können wir vorerst eh nichts unternehmen«, beendete Itachi ihr Geplänkel, »und außerdem möchte ich gerne so schnell wie möglich Abstand zu diesem Ort gewinnen. Das Gekreische der Möwen macht mich wahnsinnig.« Wie auf Kommando flogen ein halbes Dutzend von ihnen über ihre Köpfe hinweg und landeten laut schreiend auf einem Mast unweit von ihnen entfernt.

»Könnt ihr mich auf dem Weg bei mir zuhause raus schmeißen? Ich würde mir gerne die Nase richten lassen.« Vier Augenpaare ruhten auf Neji, dessen Gesicht in den letzten Stunden rötlich angeschwollen war. Immer wieder war Blut aus seiner Nase gesickert und mit der Zeit hatte das schlechte Gewissen in Naruto doch die Oberhand gewonnen. Er würde sich bei ihm entschuldigen müssen, doch diesen Triumph würde er Neji nicht in Anwesenheit der anderen drei Männer schenken.

»Soll ich dir die Nase richten?« Gaara lächelte Neji böse an, sodass dieser unwillkürlich einen Schritt rückwärts machte.

»Lass' mal, danke«, nuschelte er, »da lasse ich sie lieber so, wie sie ist.«

Gaara machte ein trauriges Gesicht, doch an ihm sah dieses eher verstörend aus. »Aber was denken dann deine werten Gäste von dir? Der feine Herr Oberkellner mit schiefer Nase. Geprügelt hat er sich wie ein gewöhnlicher Straßenjunge«, sinnierte er säuselnd.

»Könnt ihr zwei für fünf Minuten die Klappe halten, bitte«, stöhnte Shikamaru genervt, bevor Neji eine bissige Bemerkung machen konnte, »ich versuche, nachzudenken.«

Neji schnaubte pfeifend, was abgelöst wurde von einem schmerzerfüllten Keuchen. »Sag' das dem Spinner.«

Naruto rollte nur mit den Augen und marschierte an ihnen vorbei den Gangway hinab. Er würde froh sein, wenn er die vier wieder los war und nahm sich fest vor, Sasuke darum zu bitten, ihn möglichst nicht mehr zusammen mit ihnen loszuschicken. Den ganzen Weg zurück zum Auto stritten Gaara und Neji sich und irgendwann erstarben selbst Shikamarus genervte Aufforderungen nach Ruhe.

Auf dem Weg zu Sasukes Appartement machten sie einen Zwischenstopp vor Nejis Zuhause und danach kehrte endlich Stille ein. Gaaras Spott, nun seines Zieles beraubt, verstummte und auch Shikamaru und Itachi schienen an einer Konversation kein Interesse zu hegen, sodass sich die Fahrt zäh dahin zog und Naruto genug Zeit hatte, um sich den Kopf über die derzeitige Situation zu zerbrechen. Immer wieder wanderte seine Hand zu der Stelle seines Mantels, unter der das in Leder gebundene Notizbuch ruhte und darauf wartete, von ihnen entschlüsselt zu werden. Sie wussten nun, was die Zahl hinter ihrem Frachtschiff zu bedeuten hatte, aber nicht, in welchem Kontext sie zu alledem stand. Was könnte der Geburtstag von Asumas Frau schon mit ihrer verlorenen Ware zu tun haben? Irgendeine Bedeutung musste es aber geben, denn bei keinem anderen der aufgezeichneten Schiffe war eine Nummer dahinter gestanden. Ob es wirklich einen Safe gab, zu dessen Schloss diese Zahl passte? Oder verschwendeten sie ihre Zeit damit, Schatten hinterher zu jagen? Es half nichts, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, sie würden mit den wenigen Informationen, die sie gesammelt hatten, zu Sasuke gehen müssen und dann ihre weiteren Schritte besprechen.

Bei dem Gedanken daran, seinem besten Freund erklären zu müssen, dass die Scheiße zu köcheln begonnen hatte, setzte sein Herz einen Schlag lang aus.

Eine Zukunft, geschrieben in Blut

Sasuke raufte sich die Haare, gefühlt bereits zum zehnten, realistisch betrachtet aber eher zum zweiten oder dritten Mal. Naruto, Gaara, Shikamaru und sein Bruder Itachi standen in einem Halbkreis vor ihm und beobachteten ihn dabei, wie er auf seinem Sessel die Contenance verlor.

Gerade noch hatte er sich von Sakura verabschiedet, nachdem er die Feiertage bei ihr verbracht hatte, die Wärme ihrer Haut und der Geruch ihres Haars schienen noch halb an seinen Sinnen zu haften und nun musste er sich mit Dingen auseinander setzen, die so gar nicht vereinbar waren mit den Plänen, die er in den letzten Tagen und Wochen geschmiedet hatte.

»Wie lange halten unsere Vorräte noch?«, fragte er irgendwann als sein Gesicht von der rauen Massage seiner Finger schmerzte.

Schweigen, dann das unverkennbare Gleiten einer Sohle über die Holzdielen. »Unsere Lagerhäuser in Manhattan sind so gut wie leer. Wir haben noch eines in New Jersey, bis dato unberührt, aber weitere Lieferverzögerungen können wir uns nicht leisten«, antwortete Shikamaru sachlich, nüchtern. Er war noch nie der Mann für große Reden gewesen und manchmal, so auch heute, verfluchte Sasuke ihn dafür, obgleich er durchaus wusste, dass das Schlamassel, in welchem sie nun steckten, nicht die Schuld von Shikamarus mangelndem Fingerspitzengefühls war.

»Und dieses Notizbuch? Du sagtest, die Zahl hinter unserem Schiff würde für den Geburtstag von Asumas Frau stehen. Eine Idee, was wir mit dieser Information anfangen können, Naruto?« Er wandte sich an seinen besten Freund und dessen betroffenes Gesicht machte ihm deutlich, wie schlimm er in diesem Moment aussehen musste.

»Wir vermuten, dass es die Zahlenkombination zu einem Safe ist«, fing Naruto zögerlich an, »aber wir haben keine Ahnung, wo dieser stehen könnte. Am Hafen haben wir nichts gefunden.«

Die Stille, die sich daraufhin über sie senkte, war mit einer Spannung aufgeladen, die Sasukes Nackenhaare zu Berge stehen ließ. Seine Gedanken waren ein Labyrinth mit zu vielen Wegen, die sich vor seinem geistigen Auge abspalteten, die Flure von einer undurchdringlichen Finsternis verschluckt, welche es ihm unmöglich machte, den richtigen dazwischen zu erkennen.

»Geh' zu seiner Frau, Gaara. Und finde heraus, wieso ihr Geburtstag auf diesem Notizbuch mit dem Frachtschiff mit meiner Ware steht.« Unter anderen Umständen hätte er zuerst Naruto geschickt, denn dieser war … diplomatischer als Gaara, doch Sasuke konnte sich Diplomatie nicht mehr länger erlauben. Das Nachtleben war ein impulsgesteuertes, rasantes Geschäft, indem ein einziger Fehltritt in wenigen Tagen zu einer Katastrophe führen könnte, die deutlich mehr Zerstörung hinterließ, als eine geschickt angezettelte Barschlägerei.

Das leise Lächeln auf Gaaras Lippen und das manische Funkeln in seinen Augen machten Sasuke ungeschönt klar, welche Konsequenzen er mit dieser Entscheidung zu verantworten hatte. Sasuke lehnte sich auf seinem Sessel zurück, schloss die Augen und atmete tief durch. Seine Hände fühlten sich klamm an und zitterten und es kostete ihn Sekunden, die Scham ob seiner eigenen Schwäche, welche schmerzhaft heiß durch seine Adern schoss, zu unterdrücken, von sich zu schieben. Und es würde Wochen, vielleicht gar Monate dauern, bis er Asuma und seine Frau, deren beider Gesichter er nicht einmal kannte, weit genug aus seinem Bewusstsein verdrängen konnte, um so zu tun, als würde ihr Blut nicht an seinen Händen kleben.

Er konnte nichts daran ändern, zumindest redete er sich das ein, wieder und wieder, gleich einem Mantra, welches ihn davor bewahren sollte, den Verstand zu verlieren. Sie waren an einem Punkt angekommen, an dem Menschlichkeit zu zeigen nur eines bedeuten würde – ihren eigenen Tod.

Noch einmal atmete er tief ein und wieder aus und als er seine Augen wieder öffnete, hatten seine Hände aufgehört zu zittern.

»Ich habe noch einen weiteren Befehl für dich, Gaara.«
 


 

Ino traf am ersten Morgen nach den Feiertagen wieder zuhause ein und brachte ihre gewöhnlich turbulente, quirlige Energie mit sich. Sakura war froh, ihre beste Freundin wieder um sich herum zu wissen und auch wenn sie die Feiertage mit Sasuke sehr genossen und beschlossen hatte, diese Erinnerungen wie einen Schatz geheim und nur für sich zu hüten, war sie dankbar dafür, dass ein wenig Normalität einkehrte, wie auch immer chaotisch diese aussehen mochte.

Sakura hatte es sich auf Inos Couch bequem gemacht, wie so oft, dieses Mal bewaffnet mit einer dampfend heißen Schokolade und einer endlosen Engelsgeduld, denn Inos Erzählungen wurden mit jeder Wiederholung ausschweifender. Die minuziöse Rekapitulation, wie sie das Geschenk von Sai ausgepackt hatte, eine verdammt teure Lederhandtasche von Chanel, von der Sakura nicht genau wusste, wie er sich diese leisten konnte, hatte beim letzten Mal fast eine halbe Stunde umspannt.

Mit der Zeit wurde sie des Themas dennoch überdrüssig, sodass sie kurzerhand beschloss, Ino auf andere Gedanken zu bringen. »Und? Was machen wir an Silvester?«

Ino, die derzeit damit beschäftigt war, ihre Klamotten aus dem Koffer heraus auf zwei Stapel zu sortieren – einen mit den frischen und einen mit den benutzten Sachen – hielt mitten in der Bewegung inne und schaute mit leuchtenden Augen auf. »Willst du etwa mit mir feiern gehen? Das haben wir schon seit Jahren nicht mehr gemacht!«

Sakura schnaubte, amüsiert von ihrer scham- und maßlosen Übertreibung. »Letztes Jahr musste ich arbeiten, ja, aber das Jahr davor waren wir zusammen tanzen, erinnerst du dich denn gar nicht mehr?«

»Stimmt, da war etwas. Aber … mal eine andere Sache: Glaubst du nicht, dass Sasuke irgendetwas mit dir vorhat an Silvester?« Ino beförderte das Kleid in ihrer Hand mit Präzision auf den Stapel für benutzte Sachen, ehe sie sich mit Anlauf neben ihr auf die Couch schmiss. Sakura robbte lachend etwas zur Seite, halb begraben von Inos Beinen und brachte ihre gefährlich schwappende Schokolade außer Gefahr.

»Ja, nein … vielleicht. Das weiß man bei ihm nie. Aber sollen wir wirklich darauf vertrauen? Es kam schon öfter vor, dass er sich plötzlich über Tage hinweg nicht gemeldet hat. Außerdem … was ist mit dir? Ich will dich nicht alleine hier zurück lassen«, grübelte Sakura laut, während sie Inos Beine langsam von sich herunter schob.

»Wie überaus galant, meine Liebe, aber ich kann notfalls spontan irgendwo Anschluss finden. Du, im Gegenzug, verschanzt dich gerne in dein Arbeitszimmer, wenn dich niemand an den Klamotten zur Tür heraus schleift.« Ino machte ein entschuldigendes Gesicht und pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht, welche sich bei ihrem Hechtsprung auf die Couch dorthin verirrt hatte.

»Um des Hausfriedens willen habe ich diese Aussage überhört«, prustete Sakura. Über den Rücken griff sie nach einem Kissen, welches sie so auf ihren Oberschenkeln platzierte, dass Ino ihre Beine ablegen konnte und sie es dennoch beide bequem hatten. »Wir machen einen Deal, Ino: Wenn Sasuke sich einen Tag vor Silvester noch nicht gemeldet hat, hat er Pech und es ist ein Frauenabend, okay? Und Sai holen wir auch ins Boot!«

Schalk funkelte in Inos stahlblauen Augen auf. »Damit kann ich leben. Egal, was ist, ich werde diesen neuen Hosenanzug tragen, darauf brenne ich schon, seit wir die Kleider gekauft haben!«

Es war ein Versprechen, welches Sakura nur zu gerne erwiderte. »Wir könnten vorher zusammen Linsensuppe kochen, wenn du möchtest«, überlegte sie laut. Im Grunde war sie kein allzu großer Fan der traditionellen Speise, aber ein wenig extra Glück für das Neue Jahr konnte niemandem schaden, oder? Ino verzog angewidert das Gesicht und Sakura musste lachte. »Okay, vielleicht lieber doch etwas anderes. Wir könnten Pizza selber backen!«

»Ich weiß nicht … Keine von uns beiden ist in der Küche sonderlich begabt und ich würde den ersten Tag im neuen Jahr ungern mit Bauchkrämpfen, ausgelöst von halb rohem Teig, verbringen«, meinte sie mit scherzhaftem Unterton, »Lass' uns doch einfach etwas von einem Restaurant in der Umgebung holen und unsere Anstrengungen statt aufs Kochen, lieber auf das Anziehen beschränken!«

Sakura rollte gespielt mit den Augen. »Das ist dein Lösungsvorschlag für alles!«, gluckste sie und schob Inos Beinen von sich herunter, »Aber meinetwegen. Lass' es uns so machen. Du bezahlst!«

»Hey! Das war so aber nicht geplant!«
 


 

Der bleiern schwere Geruch von Blut hing in der Luft, legte sich wie ein nasser Lappen auf Gaaras Gesicht und machte ihm das Atmen schwer. Behutsam streifte er sich die beschmutzten Lederhandschuhe von den Fingern und platzierte sie auf dem Schreibtisch in dem kleinen Arbeitszimmer, ehe er die beiden Fenster des Raums öffnete. Ohne etwas frische Luft würde er sich nicht auf seine weiteren Aufgaben konzentrieren können. Der metallische Geruch schien seinen Verstand zu reizen, zu kitzeln und ihn langsam mit sanftem Griff von der Realität weg zu ziehen.

Einen Moment erlaubte er sich, die Gesichter von Asuma und seiner Frau zu mustern, die beinahe friedlich aussahen, nunmehr bar der Todesangst und der Verzweiflung, welche ihre Gesichtszüge noch vor wenigen Minuten zur Unkenntlichkeit verzerrt hatten. So wie sie auf dem Teppich lagen, könnte man meinen, sie betrachteten eindringlich die Stuckmuster an der Decke, wäre da nur nicht das ganze Blut, welches unaufhörlich über den bereits vollgesogenen Stoff hinaus über den Boden floss.

Gaara machte zwei Schritte auf die beiden zu, peinlich genau darauf achtend, nicht in die anschwellende Pfütze zu treten und beugte sich zu ihnen hinab, um ihnen die Augen zu schließen, in welchen das Strahlen, welches sie zu Menschen mit Gefühlen und Gedanken gemacht hatte, verlöscht war. Er tat es, weil er das Gefühl nicht abschütteln konnte, dass sie ihn selbst im Tode anklagend anstarrten, fast so, als würde eine höhere Macht ihn durch sie hindurch verurteilen.

Als er sich wieder aufrichtete, ließ er diese lästigen Empfindungen von sich abfallen und verließ das Arbeitszimmer, um nach dem Safe zu sehen, dessen Aufenthaltsort er in liebevoller, akribischer Hingabe von den Zungen der beiden geschält hatte. Und tatsächlich, als er das gemeinsame Schlafzimmer betrat und den hinteren der beiden Kleiderschränke öffnete, fand er ihn am Boden unter einem Haufen Decken.

Ein gedämpfter, fast grollender Laut des Triumphs entfloh ihm, als er den Stoff nahm um arglos aus dem Schrank warf. Gespannt hielt er den Atem an, während er die vier Ziffern in die Drehscheibe einwählte und als die Tür sich mit einem Klicken öffnete, hätte er am liebsten geschrien.

Vorsichtig entnahm er sämtliche Notizbücher, Zettel und Fotografien, die sich darin befanden und ging zurück zum Arbeitszimmer, um sie in seiner Tasche zu verstauen. Die blutigen Handschuhe wickelte er in eine Plastiktüte, die er eigens dafür mitgenommen hatte und packte auch diese weg. Ein letztes Mal schaute er prüfend an sich herunter und nachdem er sich vergewissert hatte, dass man ihm nichts ansehen konnte, löschte er das dämmrige Licht einer kleinen Schreibtischlampe und stieg vorsichtig an dem Blut vorbei aus dem Zimmer. Bevor er die kleine Wohnung verließ, schob er sich die Kapuze seiner schwarzen Jacke wieder über das flammend rote Haar und zog deren Reißverschluss so weit nach oben, dass er sein halbes Gesicht in ihr verbergen konnte, wenn er den Kopf senkte. Mit dem Schließen der Tür zog er innerlich eine Grenze zu den beiden Menschen, deren Zukunft er gestohlen hatte. Gaara hatte keinen Groll gegen die beiden gehegt – es war einfach seine Arbeit, die Quintessenz seiner Selbst, kalt und methodisch. Eine Notwendigkeit, nicht mehr und nicht weniger.

Die frische Winterluft war eine willkommene Abwechslung und der Mond, der hoch am Himmel stand, erschuf tiefe Schatten an den Häusermauern, mit welchen er verschmelzen und von diesem Ort verschwinden konnte.

Und in wenigen Stunden würde der Schneefall auch die letzten Spuren seiner Anwesenheit für immer tilgen.
 

Für eine Dusche und ein kaltes Bier hätte Gaara viel gegeben, doch Sasukes direkte und unmissverständliche Anweisung war gewesen, unverzüglich zu ihm zu kommen und ihm Bericht zu erstatten, im Guten wie im Schlechten. Eine ältere Dame im Aufzug musterte ihn abschätzend, wie er da stand, an die Wand gelehnt, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Er musste an die Tasche denken und an das, was sich darin befand, um seine schlechte Laune nicht an ihr auszulassen, indem er einen Streit provozierte. Sie stieg einige Stockwerke unter ihm aus und von ihr blieb nur der süßlich-ekelerregende Duft ihres Parfums, welches sie viel zu großzügig aufgetragen hatte. Gaara rümpfte die Nase, schob sie tiefer unter seinen Jackenkragen und zählte die Sekunden, bis die Tür erneut aufging und er dem aufdringlichen Mief entfliehen konnte.

Er musste nur ein Mal anklopfen und binnen weniger Sekunden stand Sasukes müde Gestalt vor ihm, mit Augenringen so tief und dunkel, dass sie seinen eigenen konkurrierten. Unter anderen Umständen hätte er zu dieser Zeit wohl geschlafen, doch Gaara konnte sich denken, was ihn davon abhielt

»Ich habe dich erst in einigen Tagen erwartet, Gaara.« Seine sonst tiefe, kontrollierte Stimme klang brüchig, fast rau. Ob es der Situation oder seinem Schlafmangel geschuldet war, wusste Gaara nicht einzuschätzen.

»Ich dachte mir, dass ein wenig Eile nicht schaden kann, angesichts der derzeitigen Lage«, entgegnete er und folgte Sasuke in sein lächerlich opulentes Appartement.

»Das heißt aber nicht, dass du unvorsichtig geworden bist, hoffe ich.« Sasuke ließ sich mit einem leisen Ächzen auf einem der Ledersessel nieder und bedeutete Gaara, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Auf dem kleinen Beistelltisch neben Sasukes Sessel stand eine halbleere Karaffe mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit, von welcher Gaara vermutete, dass es sich um Whiskey handelte. Es würde den unterschwelligen Geruch von Alkohol erklären, welcher ihn direkt beim Eintreten begrüßt hatte.

»Habe ich jemals einen Fehler gemacht?« Gaara verengte die Augen und atmete tief durch, um diesen quälenden, immerzu präsenten Zorn im Keim zu ersticken. Er war nicht angemessen, nicht in diesem Rahmen und nicht Sasuke gegenüber, doch nur wenn er dem Tod direkt in die Augen starrte, ob seinem eigenem oder dem anderer, verflüchtigte der Zorn sich und wich einer tiefen inneren Ruhe. Er dachte an Asuma und seine Frau und sein Puls verlangsamte sich wieder.

»Du hast also etwas gefunden?« Sasuke klang nicht überrascht, eher neugierig, fast hoffnungsvoll und es schmerzte Gaara, ihn so unsicher zu sehen. Er würde jeden finden und eigenhändig ausschalten, damit er wieder der alte, stoische Sasuke sein konnte, der ihrem zusammengewürfelten Haufen von Verlierern und gesellschaftlich Verstoßenen ein Zuhause gab.

Statt einer Antwort zog er seine Tasche auf den Schoß und zog die Papiere hervor, welche er aus dem Safe hatte bergen können. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, einen genaueren Blick auf die einzelnen Dokumente zu werfen. Das war nicht seine Aufgabe. Er war nicht zum Denken da, nur zum Handeln. Fürs Denken hatten sie Shikamaru und Sasuke und bis zu einem gewissen Punkt auch Itachi.

»Willst du etwas trinken?«

»Hast du etwas anderes als Whiskey? Ein Bier vielleicht?« Gaara verabscheute Schnaps des brennenden Geruchs wegen und mit süßem Wein konnte er auch nichts anfangen.

»Im Kühlschrank, nimm' dir eins.« Damit wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Notizbuch zu, welches er im Schoß aufgeschlagen hatte.

Eine Weile lang hörte man nichts außer Fingerspitzen, die sanft über Papier fuhren und das Rascheln von umgeblätterten Seiten. Im Kamin knisterte ein Feuer, im Begriff zu verlöschen und die kleinen Flammen malten tiefe, züngelnde Schatten auf Sasukes regungsloses Gesicht. Gaara hatte nichts dagegen, eine Weile einfach nur da zu sitzen, sein Bier zu trinken und Sasukes Stirn dabei zuzusehen, wie sie sich abwechselnd runzelte und wieder glatt strich.

Irgendwann war seine Flasche leer und Gaara holte sich eine zweite. Als er auch diese ausgetrunken hatte und Sasuke noch nicht einmal mit der Hälfte des Materials fertig war, fing Gaara an, sich zu langweilen. »Kann ich gehen?« Er verspürte nicht den Drang, die ganze Nacht mit Starren und Schweigen zu verbringen.

Sasuke richtete sich auf und Gaara gefiel die Art, wie er ihn ansah, gar nicht. »Wie geht es dir?« Es war genau die Frage, die Gaara nicht hatte hören wollen. Wie sollte es ihm schon gehen? Auch nicht anders, als heute morgen, so viel stand fest und doch fühlte er sich irgendwie schlecht, denn er ahnte, dass er darauf eigentlich eine andere Antwort geben müsste.

Er zuckte mit den Achseln, sagte aber ansonsten nichts, denn im Grunde wusste Sasuke, was in ihm vorging und dass seine Frage nicht mehr, als eine höfliche Floskel war. Der obsolete Versuch eines Appells an Gaaras Menschlichkeit, die er vor vielen Jahren selbst begraben hatte, um nicht an ihr zu zerbrechen.

»Du kannst ruhig gehen«, sagte Sasuke schließlich, gerade als das Schweigen beinahe unangenehm geworden war, »ich melde mich bei dir, wenn es etwas Dringendes geben sollte. Solange bin ich zufrieden, wenn du die andere Aufgabe übernimmst, um die ich dich gebeten hatte.«

»Selbstverständlich.« Gaara erhob sich aus seinem Sessel, nickte Sasuke zu und verschwand wieder in die Nacht. Der Schneefall war noch stärker geworden und einen Moment lang wünschte er sich, sich auf dem Nachhauseweg zu verirren.
 


 

Es war, als hätte die Wolkendecke erste feine Risse bekommen. Vereinzelte Sonnenstrahlen kämpften sich ihren Weg durch das endlose graue Meer über New York und reflektierten sich funkelnd in den teils vom Frost überzogenen Fenstern der Hochhäuser.

Sakura stellte einmal mehr fest, dass sie kein Morgenmensch war, doch Inos unermüdliche Energie und ihr fast schon ungebührlicher Tatendrang waren ansteckend genug, um nicht den ganzen Weg zum Blumenladen der Yamanakas murmelnd zu fluchen. Obschon der Weg nicht besonders weit war, hätte Sakura sich am liebsten ein Taxi genommen, doch Ino hatte sich bei dem Vorschlag nur an die Stirn getippt und etwas von „Geld sparen“ erzählt.

Die letzten Tage des Jahres waren in einem Wimpernschlag vergangen und Silvester stand vor der Tür. Ino hatte beschlossen, dass es keinen besseren Zeitpunkt geben konnte, um Sakuras vermeintlich neuer Arbeitsstelle einen Besuch abzustatten. Ihre Mutter hatte sie herzlich begrüßt und in eine Umarmung gezogen, welche nur eine Mutter zu geben vermochte. Ihr kleiner Laden hatte sich im letzten Jahrzehnt nicht verändert; sah genauso aus, wie noch zu ihrer Schulzeit. Nur dass es Winterblumen waren, die den Raum bis unter die Decke vereinnahmten und ein würziges Aroma von Erde und winterlicher Jasmin verströmten und keine Sommerpflanzen, die sie sonst in den Ferien bewundert hatten.

»Ihr Laden ist genauso schön wie früher, Mrs. Yamanaka«, bemerkte Sakura, die mit ihrem Kopf in einem Topf voll Lavendel verschwand und dessen beruhigendes Aroma inhalierte, »es tut mir Leid, dass ich in den letzten Jahren so selten hier war!« Die Entschuldigung war aufrichtig, ebenso wie ihr Bedauern. Inos Mutter war in den Jahren gealtert, selbstredend, doch noch immer war evident, woher Ino ihre strahlende Schönheit hatte. Zwar passten die Farbe von Augen und Haar nicht zueinander, doch das entwaffnende Lächeln war das Selbe, genau wie die kleinen Fältchen um Mund und Augen, die immer eine Spur tiefer wurden, wann immer sie lächelte.

»Schon in Ordnung, meine Liebe. Ihr seid erwachsen geworden, wie wir alle und müsst neben Studium und Arbeit erst noch euren Platz im Leben finden. Das ist oft ermüdend und zeitraubend, deshalb würde es mir nie einfallen, dir einen Vorwurf zu machen. Umso schöner ist es aber, dass ihr beide noch immer Freundinnen seid, denn ihr könnt mir glauben, dass lebenslange Freundschaften eine besondere Ausnahme sind. Mit der Zeit verlaufen so viele Beziehungen im Sand.« In ihren haselnussbraunen Augen schimmerten längst vergangene Erinnerungen, während sie ihrer Tochter einen Kuss auf die Wange hauchte, etwas, was Ino vor Jahren noch mit einem genervten Spruch kommentiert hätte, nun aber mit sichtlicher Liebe erwiderte.

»Was soll ich sagen, Mama? Irgendwann habe ich Sakura aufgelesen und jetzt sind wir hier«, kicherte Ino und Sakura rollte theatralisch die Augen. Es hörte sich eher an, als hätte Ino einen Vogel mit einem gebrochenen Flügel unter ihre Fittiche genommen.

»Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Die Harunos waren neu in unserer Nachbarschaft« - Mrs. Yamanaka verstummte und ihre Züge veränderten sich unter der Trauer, als sie sich an Sakuras Eltern erinnerte, auf eine seltsam intime Art ihrer eigenen Trauer so ähnlich - »es ist wahrlich eine Schande, Sakura. Sie waren zwei besondere Menschen, so unerschütterlich freundlich, dass sie jeden zu bezaubern vermochten, der mit ihnen gesprochen hat.«

In Sakuras Kehle formte sich ein Kloß und obwohl sie heftig schluckte, blieb er an Ort und Stelle, sodass ihre nächsten Worte gepresst klangen. »Ich weiß. Ich vermisse sie jeden Tag.«

»Ich wollte dich nicht daran erinnern, meine Liebe, es tut mir ausgesprochen Leid.«

»Schon gut, Mrs. Yamanaka«, wehrte Sakura ab und lächelte schwach, »wir sind heute auch nicht gekommen, um über die vergangenen Jahre und Ereignisse zu lamentieren. Ändern lässt sich daran ohnehin nichts mehr«, fügte sie hinzu und das Lächeln zitterte ein wenig, »Ino hat mir vor Weihnachten erzählt, dass Sie eventuell Arbeit für mich haben?«

Mrs. Yamanaka nickte strahlend und bedeutete ihnen aufgeregt, ihr zu folgen. Hinter dem Verkaufstresen lag ein kleines Büro versteckt, abgegrenzt nicht durch eine Tür, sondern durch mit Pailletten besetzten Stofftüchern, die leise klimperten, als sie nacheinander hinein traten. Sofort wurde es recht kuschelig, denn das „Büro“ war mehr eine Abstellkammer, als ein richtiges Zimmer. Es war vollgestopft mit einem Sammelsurium von losen Blättern, Notizbüchern und – gleichwohl befremdlich und doch einleuchtend – mit säuberlich etikettierten Behältern voller Blumensaaten und schien dabei förmlich aus allen Nähten zu platzen.

Es gab nur einen einzigen Tisch mit einem Stuhl, vermutlich eigentlich für Inos Mutter gedacht, aber nun ihr neuer Arbeitsplatz. Während Mrs. Yamanaka ihr etwas zu ihrer zukünftigen Arbeit und ihren Aufgaben erzählte, versuchte sie zunächst, sich einen Überblick zu verschaffen – ohne Erfolg. Mrs. Yamanaka hatte kein Büro, sondern das reine, perfekte Chaos und Sakura wusste, dass es sie Tage, wenn nicht Wochen, kosten würde, um ein grundlegendes Verständnis dafür zu entwickeln, was hier überhaupt vor sich ging, geschweige denn mit ihrer Arbeit effektiv zu beginnen.

»Und? Was sagst du?« Inos Wangen leuchteten rot und die Freude stand ihr so überdeutlich ins Gesicht geschrieben, dass Sakura es nicht über sich brachte, dieser Freude einen Dämpfer zu verpassen, indem sie auf das Offensichtliche hinwies.

»Es ist … anders«, antwortete sie deshalb ausweichend, »aber ich glaube, wenn ich mich erst einmal eingelebt habe, könnte ich mich hier wohl fühlen«, schloss sie versöhnlich. »Ich würde Ihr großzügiges Angebot gerne annehmen, Mrs. Yamanaka und mich für Ihre Unterstützung bedanken. Wenn ich ehrlich bin, wüsste ich sonst nicht, was ich jetzt machen soll … umso erleichterter bin ich, dass Sie es sind, für die ich arbeiten darf.« Sakura verbeugte sich so tief, dass Ino neben ihr verhalten kicherte, doch ihre Dankbarkeit kam aus tiefstem Herzen.

»Für dich mache ich das gerne, meine Liebe« - Alles an ihr, selbst ihre Wortwahl, erinnerten Sakura an Ino und für einen Moment fühlte sie tiefe Zuneigung für die beiden Frauen in sich aufwallen - »außerdem kann ich ein wenig Hilfe wirklich gut gebrauchen.« Das glaubte Sakura sofort, immerhin standen sie noch immer in dem unaufgeräumten Zimmer, welches eher nach ihrem eigenen Arbeitszimmer aussah, wenn sie in einer tiefen Schreibkrise steckte, als nach dem Büro eines Blumengeschäfts.

»Wann soll ich denn anfangen?«, erkundigte Sakura sich, während die drei Frauen wieder zurück in den Verkaufsraum traten. Der Laden war noch geschlossen, vor der Tür aber stand bereits ein jüngerer Mann, zweifelsohne auf der Suche nach einem Geschenk für die Liebste.

»Wenn du möchtest, kannst du im neuen Jahr direkt anfangen. Je eher jemand dieses Chaos hier in den Griff bekommt, desto besser«, lachte Mrs. Yamanaka. Unter dem Tresen holte sie einen klimpernden Schlüsselbund hervor. »Das passt ganz gut, nach den Feiertagen gehen die Verkäufe ohnehin etwas zurück und du hast die Zeit und Ruhe, um dich zurecht zu finden.«

»Dann bin ich am zweiten Januar pünktlich hier!«

»Das hört sich gut an« Mrs. Yamanka öffnete die Tür und begrüßte den jungen Mann mit derselben ungespielten Herzlichkeit, mit der sie jedem Menschen zu begegnen schien. Es wunderte Sakura nicht, dass der Laden so gut lief, dass Mrs. Yamanaka Hilfe benötigte.

»Ein frohes neues Jahr wünsche ich Ihnen, Mrs. Yamanaka.« Noch einmal wollte sie sich verbeugen, doch Inos Mutter ließ sie dies nicht zu, indem sie Sakura erneut in eine Umarmung zog, bei der etwas in ihrem Inneren sich wieder zusammen fügte.

»Das wünsche ich dir auch.«
 

»Das lief ja prima!« Ino warf sich mit Schwung auf Sakuras Bett und zog sich die Kniestrümpfe aus. »Damit wäre zumindest ein Problem geklärt.« Sie wirkte überaus zufrieden mit sich selbst und Sakura konnte es ihr kaum verübeln.

»Ich kann dir gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin«, betonte Sakura ernst, »bei allem, was in meinem Leben vor sich geht, kann ich es mir nicht auch noch leisten, kein Geld mehr zu verdienen. Wortwörtlich. Dass ich überdies jetzt noch die Sicherheit genieße, nicht zufällig als Journalistin entlarvt zu werden, ist ein netter Bonus. Ihr habt mich wirklich gerettet, Ino!« Sakura öffnete ihren Kleiderschrank und betrachtete das nächste, unmittelbare Problem. »Jetzt muss ich nur noch meine Garderobe ändern. Mit meinen Kostümen bin ich wohl etwas zu exzentrisch an einem Ort, wo Blumen verkauft werden.«

Ino grinste, zum Teil über Sakuras Aussage, zum Teil ob der Vorstellung, Sakura in Kostüm zwischen all der Erde und den Blumen, aber gewiss auch, weil sie die Aufforderung, neue Klamotten mit ihr heranzuschaffen, heraus gehört hatte. »Mir gefällt, wohin dieses Gespräch führt, Sakura«, gab sie unumwunden zu, »das heißt, wir müssen wohl bummeln gehen. Schon wieder.« Sie kicherte und rieb sich dabei diebisch die Hände. Eigentlich hatte Sakura mit Einkaufstouren vorerst abgeschlossen, nachdem sie die Boutique vor einigen Tagen verlassen hatte, aber die Aussicht, in weniger chice Geschäfte zu gehen und einen ausgedehnten Nachmittag mit Ino in der Stadt zu verbringen, war keine allzu schlechte.

»Daran führt wohl kein Weg vorbei«, stimmte Sakura mit einem herzergreifenden Seufzer zu, wurde dann aber schlagartig ernst. »Sasuke hat sich noch nicht gemeldet.«

»Sasuke hat sich noch nicht gemeldet«, wiederholte Ino kopfnickend.

»Das bedeutet wohl, dass es ein Frauenabend wird! Du solltest Sai anrufen und ihm von seinem Glück erzählen«, schlug Sakura vor.

»Okay!« Ino rollte sich vom Bett und verschwand leichtfüßig im Flur, die Strümpfe in einer Hand baumelnd. Sakura folgte ihr lachend und lehnte gegen den Türrahmen der Küche, während Ino Sais Nummer in die Wählscheibe drehte. Eine ganze Weile lang geschah nichts und Sakura vernahm lediglich ein leises Piepen von dem Hörer an Inos Ohr. Ino schnaubte, legte auf und wählte seine Nummer noch einmal.

»Hallo? Sai?« Offenbar hatte er dieses Mal den Anruf entgegen genommen, denn Inos Gebaren veränderten sich augenblicklich. Freudestrahlend wippte sie auf ihren Fußballen auf und ab. »Sakura und ich wollen morgen Silvesterabend zusammen verbringen und wir möchten, dass du auch dabei bist!«, eröffnete sie ihm, nachdem er ihr etwas geantwortet haben musste, was Sakura aber nicht verstanden hatte.

Das leuchtende Funkeln in ihren Augen verblasste und das Lächeln auf ihren Lippen erstarb so schnell, dass Sakura sich aufrichtete und einen Schritt auf Ino zuging. Fragend hob sie die Augenbrauen und Ino schob ihre Unterlippe zu einem Schmollmund vor. »Was hast du denn?«, fragte sie in den Hörer, leise, enttäuscht, aber bemüht darum, nicht vorwurfsvoll zu klingen. »Ich verstehe«, murmelte sie bedrückt, »dann ruhe dich vernünftig aus. Und melde dich bei mir, wenn es dir besser geht, ja?« Damit legte sie den Hörer zurück auf die Gabel und seufzte tief. »Er muss sich einen Magendarmvirus eingefangen haben«, erklärte sie Sakura, ohne dass diese vorher eine Frage stellen musste.

»Oh«, gab sie nur von sich, »das ist nicht gut. Ist alles okay mit ihm? Möchtest du lieber zu ihm fahren und dich um ihn kümmern?«

»Bevor ich ihn fragen konnte, hat er mir schon gesagt, ich solle mir keine Sorgen machen und bloß den Abend mit dir genießen.« Ino lächelte schief, aber es erreichte ihre Augen nicht. »Vermutlich bleibt mir dann nichts anderes übrig, als für ihn mit zu feiern. Fragt sich nur, was wir zu zweit überhaupt machen wollen. Tanzen gehen? Wenn ja, wo?«

»Hmm ...« Sakura grübelte, trommelte mit den Fingern auf den Türrahmen in ihrem Rücken. Dann ein verschmitztes Lächeln, die Ankündigung einer Idee, die noch im Begriff war, sich gänzlich zu formen. Mit einem Ruck löste sie sich endgültig von der Tür und griff nun selbst nach dem Telefon.

»Sakura? Magst du mir verraten, was dir schon wieder durch dein kluges Köpfchen geht?« Ino stemmte die Hände in die Hüfte, doch Sakura gab ihr keine Antwort, stattdessen wählte sie eine Nummer und legte die Hörmuschel an ihr Ohr. Kurz hatte sie Angst, dass es zu früh war und niemand abnehmen würde, doch da hörte sie schon die vertraute, tiefe Stimme am anderen Ende, heute aber erstaunlich abgeschlagen, fast müde – und das trotz der frühen Morgenstunde.

»Uchiha.« Kein Grußwort, nur sein Name, knapp und bemessen und Sakura konnte sich seine gerunzelte Stirn förmlich vorstellen.

»Guten Morgen, Sasuke«, grüßte sie ihn mit sanfter Stimme und Ino stockte gleichzeitig mit dem Mann am anderen Ende der Leitung.

»Sakura?« Er räusperte sich vernehmlich und sein Tonfall veränderte sich schlagartig, als wäre er soeben aus einer tiefen Trance erwacht. »Wie komme ich zu der Ehre deines Anrufes?« Er klang wieder mehr, wie er selbst und Sakura fragte sich, was ihm bis gerade wohl durch den Kopf gegangen war.

»Ino und ich wollen morgen zusammen in das neue Jahr hinein feiern und ich wollte dich fragen, ob du dich uns anschließen möchtest? Wenn du schon etwas vor-«

Sasuke unterbrach sie, noch bevor sie ihren Satz zu Ende sprechen konnte. »Morgen ist schon Silvester? Du musst mich entschuldigen, die Arbeit war diese Woche … anstrengend. Ich habe schlicht die Zeit vergessen. Eigentlich hatte ich dich schon längst fragen wollen, ob du mich zu einer privaten Veranstaltung begleiten möchtest.«

Sakura kicherte hinter vorgehaltener Hand und schüttelte den Kopf. »Dann hast du ja richtig Glück, dass ich beschlossen habe, dich anzurufen. Eigentlich war mit Ino vereinbart, dass es ein Frauenabend wird, wenn du dich nicht rechtzeitig meldest«, offenbarte sie ihm und am anderen Ende hörte sie sein leises Lachen.

»Du hast also auf mich gewartet. Umso betrübter bin ich darüber, dass ich so lange nicht von mir habe hören lassen. Darf ich fragen, woher denn nun der Sinneswandel kommt?«

Sakura zwinkerte Ino zu, die nun ihrerseits überrascht die Augenbrauen hob und mit einem auffordernden Blick nach mehr Informationen verlangte. »Nun, wir hatten einen privaten Zwischenfall und irgendwie haben sich unsere Pläne jetzt geändert«, räumte sie ein und umschiffte dabei die Erwähnung von Sai. Sie glaubte zwar nicht, dass er jeden Mitarbeiter der Times beim Namen kannte, trotzdem wollte sie kein Risiko eingehen.

»Ich bin geehrt, dass diese Pläne mich miteinbeziehen« - Hörte sie da scharfen Unterton in seiner Stimme? War er etwa verstimmt, dass sie sich nicht sofort bei ihm gemeldet hatte? - »ich darf also annehmen, dass du mich morgen begleiten wirst?«

»Nur wenn Ino auch kommen darf. Ich habe ihr versprochen, dass wir den Abend zusammen verbringen und ich will sie nicht alleine lassen, Sasuke.« Sie wickelte die Telefonschnur um ihren Finger, während sie auf eine Antwort wartete. Wieder gestikulierte Ino ungeduldig mit ihren Händen.

»Mir läge nichts ferner, als Ino ihrer abendlichen Unterhaltung zu berauben. Selbstverständlich gilt meine Einladung auch für sie.« Mittlerweile war Sakura sich sicher, dass seine Stimmung sich verändert hatte, doch sie traute sich nicht, zu fragen, woran das lag.

»Wie schön«, kam es etwas ungelenk von ihr, »wir freuen uns schon!« Inos Miene erhellte sich bei diesen Worten und sie klatschte leise, aber schnell in die Hände.

»Ich hole euch kurz vor sieben ab, ja?«

»Okay, Sasuke, ich« - Sakura hielt inne, erschrocken, fast erschüttert. Inos verwirrter Ausdruck ließ sie erleichtert aufseufzen. »Ich kann es kaum erwarten«, beendete sie eilig ihren Satz und bevor Sasuke etwas erwidern konnte, knallte sie das Telefon so vehement auf die Gabel, dass es kurz hin und her wackelte.

»Was war das denn?« Ihre beste Freundin durchbohrte sie mit einem forschenden Blick, der Sakura ganz und gar nicht gefiel.

»Nichts, Ino, ich hatte einfach nur kurz einen Aussetzer!«

»Du bist mir vielleicht eine.« Ino schüttelte den Kopf und knuffte Sakura in den Unterarm. »Das heißt aber, dass wir morgen Abend tatsächlich etwas mit Sasuke unternehmen, habe ich das richtig verstanden?«

»Er hat gesagt, er holt uns um sieben ab, Ino, das heißt du solltest so gegen drei Uhr anfangen, dich fertig zu machen«, scherzte Sakura spöttisch, wofür sie einen weiteren Knuff abbekam. »Hey!«

»Was, „Hey“, du machst dich doch über mich lustig!«, schnaubte Ino.

»Ich mache mich nicht über dich lustig, Ino«, erwiderte Sakura ernsthaft und Ino verengte drohend die Augen, da sie wohl ahnte, was nun folgen sollte, »ich habe nur die Fakten dargelegt.«

Sakura entfloh ein lautes Japsen, als Ino, so unfassbar treffsicher wie immer, ein drittes Mal die selbe Stelle knuffte.
 

Am nächsten Tag begann Ino tatsächlich früh mit ihren Vorbereitungen und natürlich zog sie Sakura mit hinein. Sakura bemerkte durchaus, dass Ino immer wieder traurig aussah, gewiss, weil sie den Abend nun nicht mit Sai verbringen würde und verdoppelte dementsprechend ihre Anstrengungen, sie aufzuheitern. Das erste richtig strahlende Lächeln lag auf Inos Lippen, als sie sich in ihrem neuen Gewand und mit frisierten Haaren im Spiegel musterte. Sakura hingegen wurde mit jeder verstreichenden Stunde nervöser. Unter Inos sorgfältiger Anweisung und mit zusätzlicher Hilfe ihrer geschickten Finger, verwandelte Sakura sich im Laufe des Nachmittags in eine Frau, die sie im Spiegel kaum wiedererkannte. Sie konnte es kaum erwarten, Sasuke wieder zu sehen und die Vorstellung, an seiner Seite in das neue Jahr zu starten, erfüllte sie mit hibbeliger Energie.

Sasuke hatte Ino und Sakura wie versprochen pünktlich abgeholt und auf Nachfrage erstaunlicherweise sofort offenbart, dass es zu seinem Anwesen gehen würde. Ino war manchmal noch immer etwas schwermütig, doch mit der Zeit lösten sich die letzten Reste ihres Trübsinns in Neugierde und Vorfreude auf. Den größten Teil der Fahrt über unterhielten sie sich über das Anwesen der Uchihas und Sakura streute in Sasukes Erzählungen ihre neutralen Eindrücke, die sie das letzte Mal gesammelt hatte.

Am Ende, so musste Sakura feststellen, wurden die Beschreibungen und Ausführungen der Realität kaum gerecht – denn das Anwesen sah bei Nacht noch beeindruckender aus, als am Tag. Der Weg zur alten, knorrigen Eiche war erhellt von dutzenden, eigens für diesen Abend heran geschafften Kohlepfannen, in denen muntere Feuer prasselten. Der gesamte Vorplatz war voller Autos, nur unmittelbar vor den Marmortreppen war noch Platz – für Sasukes Wagen. Irgendjemand musste dafür Sorge getragen haben, dass dieser für ihn frei blieb.

Der Weg in die Gärten, welche Sakura bei ihrem ersten Besuch gar nicht gesehen hatte, war erhellt von Lampions in allen nur erdenklichen Farben und Formen und im Wind malten sie bunte, tanzende Lichter auf das von Raureif überzogenem Gras.

Sakura fühlte die Augen sämtlicher Anwesender, welche ihre Haarfarbe registrieren, unangenehm lange auf sich spüren und das fragende Getuschel, welches kurz darauf immerzu in ihrem Rücken entbrannte, hörte sich wie das aufgebrachte, hektische Gezische in einer Schlangengrube an.

»Ich hätte eine Mütze anziehen sollen. Oder eine deiner Perücken«, murmelte sie zu Ino herüber gebeugt »ich werde angestarrt wie die prämierte Sau auf einer Versteigerung.«

Ino kicherte leise und Sakura spürte die Bewegung ihres Körpers an ihrem Arm. »Tut mir Leid, dass ich lache, Sakura«, flüsterte sie, noch immer glucksend, zurück, »aber die Vorstellung ist wirklich komisch.«

Sakura blieb keine Zeit, etwas zu erwidern, denn Sasuke blieb abrupt und ohne Vorwarnung vor ihnen stehen und beinahe wäre sie in ihn herein gelaufen. »Einen wunderschönen Abend wünsche ich!« Überrascht wanderten ihre Augenbrauen nach oben – so förmlich und aufgesetzt freundlich hatte sie Sasuke noch nie reden hören. Er wirkte fast wie jemand anderes und als sie sich auf die Zehenspitzen stellte, um über seine Schultern zu lugen, wäre ihr fast ein spitzer Schrei über die Lippen gekommen. Hinata tauchte in ihrem Blickfeld auf, aber nicht alleine – ihr Cousin Neji stand so dicht an ihr, dass sie halb hinter ihm verschwand. Sein Gesicht sah lädiert aus und er trug ein großes Pflaster über der Nase. Ein blaues Auge war mehr schlecht als recht mit Schminke übermalt worden, doch den grimmigen Gesichtsausdruck hatte man nicht kaschieren können. Hinata bemerkte Sakura hinter Sasuke und ihr Mund formte ein stummes „Oh“, doch mit einem kaum erkenntlichen Kopfschütteln bedeutete sie ihrer Freundin, sich keine weitere Erkenntnis anmerken zu lassen. Hinata nickte knapp, schloss ihren Mund wieder und die Gesichtszüge glätteten sich zu einer nichtssagenden Maske.

Hinter den beiden stand ein Mann, zweifelsohne derjenige, welcher mit diesem überschwänglichen Gruß adressiert gewesen war. Es war ein Mann mittleren Alters, dessen markante Augen ihn zweifelsfrei als Verwandter der beiden auszeichnete. Er strahlte so viel Würde und Autorität aus, dass Sakura hinter Sasuke zu schrumpfen schien, als seine Augen mit dem stechend intelligenten Blick auf sie fielen.

»Wir bedanken uns für die Einladung«, erwiderte er den Gruß mit einer wohltönenden, tiefen Stimme, »Ihre Mutter hat sich, wie jedes Jahr, selbst übertroffen.« Mit einer ausschweifenden Bewegung seines Arms deutete er den Schauplatz der Veranstaltung an.

»Sie wird sich sehr freuen, das zu hören«, antwortete Sasuke höflich, aber distanziert, »ich habe die Ehre, Mr. Hyuuga, Ihnen meine reizende Begleitung vorstellen zu dürfen« - damit trat er einen Schritt zur Seite und Sakura fühlte sich mit einem Schlag wie auf einem gut ausgeleuchteten Podest - »Ms. Sakura Haruno und ihre Freundin Ms. Ino Yamanaka.« Beide verbeugten sich wie auf Kommando, Ino besaß überdies aber noch den Mut – oder die Unverfrorenheit – Mr. Hyuuga die Hand zu reichen. Entgegen Sakuras Erwartungen aber wirkte dieser nicht über Inos forsche Art brüskiert – im Gegenteil. Mit einem amüsierten Lächeln ergriff er ihre Hand und hauchte einen Kuss in die Luft knapp oberhalb ihrer Haut.

»Es ist mir eine Freude.« Es klang genauso hohl, wie der Rest dieser Unterhaltung, ein rein formelles Ritual von notwendiger Höflichkeit, ohne jede Tiefe oder tatsächliche Bedeutung. So verwunderte es Sakura nicht, dass Sasuke sie mit einer ebenso leeren Entschuldigung von den Hyuugas fort führte. Sie konnte Hinatas Blick in ihrem Rücken spüren, doch sie traute sich nicht, noch einmal über ihre Schulter zurück zu schauen und ihr ein Zeichen zu geben.

»Laufen hier alle Gespräche so ab?«, erkundigte Ino sich neugierig, »Fühlt sich an, als hätte ich etwas einstudieren müssen.«

Sasuke lachte leise und Sakura hätte am Liebsten nach seiner Hand gegriffen, doch dafür fehlte ihr der Mut und die Gewissheit, ob dies überhaupt angemessen wäre. »Schrecklich, oder? Ich kenne die meisten der Anwesenden, doch ich könnte dir über keinen davon mehr erzählen, als du mit zwei Fragen innerhalb von fünf Minuten selbst in Erfahrung bringen könntest.«

»Was machen wir hier den ganzen Abend?«, warf Sakura ein und rieb sich den Unterarm, um ihrem Impuls, nach Sasuke zu greifen, nicht nachgeben zu können.

»Essen, trinken und – milde ausgedrückt – langweilige Gespräche führen«, mutmaßte Ino, was Sasuke erneut ein Lachen entlockte.

»Das ist so ziemlich der Plan. Aber das Essen ist wirklich gut«, versicherte Sasuke. Sie waren an einem der wenigen, freien Stehtische angekommen, auf welchem ein Windlicht hinter bunt gefärbtem Glas flackerte und die Lichter der Lampions auf bescheidene Art echote. »Ihr müsst nur nach den Kellnern Ausschau halten, davon sollten einige mit den unterschiedlichsten Dingen herum laufen«, fügte er erklärend hinzu, ehe er sich durch die Haare strich und seine Krawatte richtete, »für's Erste muss ich euch alleine lassen, meine Anwesenheit wird bei einigen der Gästen erwartet.«

Sakura riss den Mund auf, wollte etwas sagen, um ihn noch etwas länger am Tisch zu behalten, doch er war so schnell zwischen den anderen Anwesenden verschwunden, dass ihr Protest im Keim erstarb.

»Er hat es aber eilig gehabt«, scherzte Ino, die prompt nach dem ersten Kellner winkte und sich einige Appetithäppchen von seinem Tablett stibitzte. »Auch etwas?« Einladend hielt sie Sakura ein Amuse-Gueule unter die Nase, doch mit einer Handbewegung lehnte sie dankend ab. So richtig Appetit hatte sie keinen und das, obwohl sie zuletzt am Morgen etwas gegessen hatte. Die Atmosphäre, die schlecht vertuschten Blicke, das Geflüster, all das schlug ihr auf den Magen. Deshalb ließ sie sich von einem anderen Kellner ein Glas mit Wasser reichen, an welchem sie verhalten nippte.

»Ich bin gefpannt auf daf Feuerwerk«, plapperte Ino, den Mund noch halb voll mit etwas, was wie Käse ausgesehen hatte.

»Bitte?« Sakura wandte sich wieder ihrer Freundin zu, perplex blinzelnd. Sie hatte die letzten Minuten über alles mögliche nachgedacht und gar nicht bemerkt, dass Ino mit ihr gesprochen hatte.

»Ich habe gesagt, dass ich auf das Feuerwerk gespannt bin!«, wiederholte Ino, nachdem sie ihren Happen herunter geschluckt hatte, »Wenn es so … außergewöhnlich ist, wie alles hier an diesem Ort, dann wird es gewiss überwältigend sein!«

»Mhm«, pflichtete Sakura ihr halbherzig bei. An das Feuerwerk hatte sie bisher keinen Gedanken verschwendet. In New York leuchtete der Silvesterhimmel oft bis in die frühen Morgenstunden hinein, meistens aber war Sakura schon lange vor dem Ende eingeschlafen. Irgendwie bezweifelte sie, dass die Familie Uchiha ein derart langatmiges Spektakel vorbereitet hatten, auf der anderen Seite aber war sie schon öfter von Sasuke überrascht worden, als ihr zuzugeben lieb war. Sie wollte gerade noch etwas hinzufügen, irgendetwas, um nicht so übellaunig zu klingen, als ein ihr bekannter Haarschopf im Sichtfeld auftauchte. »Ino«, kam es ihr atemlos über die Lippen, »sieh' nur!« Sie deutete auf einen Tisch, nicht weit von ihrem eigenen entfernt und es dauerte etwas, bis Ino erkannte, auf welchen der unzähligen Gäste Sakura deutete, doch dann entgleisten ihre Gesichtszüge augenblicklich.

»Sai?« - Einen Moment wirkte sie perplex, fast überrumpelt, doch die verlorene Fassung gewann sie, sehr zu Sakuras Entsetzen, recht schnell zurück. - »Dieser miese Dreckskerl!«, wetterte sie los, das Gesicht vor Wut rot angelaufen. Ino wollt schon losstürmen, gewappnet mit einigen gewiss sehr unflätigen Ausdrücken, doch Sakura hielt sie an einem Arm fest. »Lass' mich sofort los, Sakura!« Ino wirbelte zu ihr herum, ein Rausch aus farbenfroher Seide, welche sie wie einen Pfau aufzuplustern schienen.

»Du kannst ihm hier jetzt keine Szene machen!«, zischte sie eindringlich, »bitte!«, fügte sie beinahe flehentlich hinzu. Sie waren hier von einflussreichen Personen umgeben, Sasuke war in der Nähe, ebenso Hinata und ihr Cousin Neji und sie konnte es sich nicht leisten, hier ein öffentliches Drama auszutragen.

Einen Moment lang war Sakura davon überzeugt, dass Ino einen Teufel tun würde, auf sie zu hören, doch dann atmete sie hörbar ein und strich sich den durcheinander geratenen Stoff ihres Anzugs zurecht. »Du hast Recht.« Es war nicht schwer, zu erkennen, wie viel Ino es abverlangte, nicht ihrer aufbrausenden, impulsiven Natur nachzugeben, etwas, worin Sakura und sie sich erschreckend ähnlich sahen, umso stolzer war sie auf ihre Freundin. Darauf, dass sie sich besser unter Kontrolle hatte, als Sakura selbst, denn wären die Rollen vertauscht, wüsste sie nicht, ob sie sich ebenfalls von einem wütenden Ansturm hätte abbringen lassen. Nicht zu schreien hielt Ino aber nicht davon ab, anderweitig auf sich aufmerksam zu machen und als Sai die beiden erblickte, erbleichte er so stark, dass seine Haut beinahe durchscheinend wirkte. Ein junger Mann löste sich von seinem Tisch und legte den Blick auf einen weiteren Mann dahinter frei. Einen Mann, den Sakura erkannte, obgleich sie ihm noch nie persönlich begegnet war: Danzou.

Wieso, in Teufels Namen, war Sai mit diesem Mann hier?

»Sakura, halte mich weiter fest, bitte. Ich kann dir sonst nicht versprechen, dass ich nicht doch noch zu ihm herüber stürme und ihm ein oder zwei Sachen sage, die die anderen Gäste … verstimmen könnte«, bat Ino mit zitternder Stimme. Sakura kam ihrer Aufforderung nach, auch wenn sie sich nicht so sicher war, ob sie selbst noch genug Kontrolle hatte, um nicht mit Ino zusammen ins Feuer zu springen.

Sai lehnte sich zu Danzou, welcher die beiden Frauen bis dato noch nicht gesehen hatte, und schien ihm etwas zu sagen, woraufhin er den Kopf zu ihnen drehte und sie musterte. Sakura sah, wie die Lippen des älteren Mannes sich bewegten und danach verschwanden die beiden so schnell zwischen den anderen Anwesenden, dass sie genauso gut nur eine optische Illusion gewesen sein konnten.

»Was zur-« Ino bewegte sich auf der Stelle, unruhig und voller Wut, die Sakura regelrecht spüren konnte. »Was sollte das? Sakura, was geht hier vor sich?«

»Ich weiß es nicht«, gestand sie ehrlich, »aber eines weiß ich: Einen Magendarmvirus hat Sai offensichtlich nicht.«

»Das ist mir schon klar, Sakura«, blaffte Ino. Ihr ruppiger Ton schien sie selbst zu überraschen, denn sofort entschuldigte sie sich für ihr Benehmen.

»Schon in Ordnung, Ino, ich verstehe dich.« Das tat sie, wirklich und wahrhaftig, doch bevor die beiden das Für und Wieder einer Verfolgung und Befragung abwägen konnten, kehrte Sasuke zu ihnen zurück – mit seiner Mutter Mikoto und seinem Bruder Itachi im Schlepptau.

»Guten Abend, meine Liebe!« Mikoto zog Sakura unumwunden in eine heftige Umarmung und kurz war sie verwirrt darüber, dass sie nicht Inos Mutter sah, als sie sie wieder losließ. »Sasuke hat mir natürlich nicht erzählt, dass er dich heute mitbringen würde, sonst hätte ich dich schon eher begrüßt!« Sie warf ihrem jüngsten Sohn einen eindeutig vorwurfsvollen Seitenblick zu und Sasuke tat betont so, als wüsste er nicht, wovon sie spreche. »Und du bist?« Mikoto wandte sich freudestrahlend an Ino, die so aussah, als wäre sie mit der Situation überfordert – was ein seltener Anblick war.

»Ino«, stammelte sie nach kurzer Verzögerung, »Ino Yamanaka. Es freut mich sehr.« Sie klang etwas mechanisch, doch das schien Mikoto nicht zu stören. Wenn überhaupt kannte sie dieses zögerliche Verhalten schon von Sakura und gewiss vermutete sie dahinter nur Schüchternheit und keine tiefer gehenden Probleme.

»Guten Abend, Sakura.« Itachi hob zum Gruß die Hand. Sein Haar trug er heute offen, in langen Strähnen fiel es ihm über die Schulter auf den makellosen Anzug. Es war seltsam, ihn ohne die ledernen Handschuhe zu sehen, welche er beim Fahren immer trug, doch ansonsten sah er genauso aus, wie immer.

»Guten Abend, Itachi. Ich wusste gar nicht, dass wir Silvester mit so vielen Leuten feiern würden«, bemerkte Sakura und ließ ihren Blick betont über die Gäste schweifen.

Sie hatte Itachi angesprochen, doch Mikoto antwortete an seiner Stelle. »Ich gebe jedes Jahr ein solches Fest für Freunde, Bekannte und entfernte Kollegen«, erklärte sie, »ich komme nicht so oft von hier fort« - Wieder dieser vorwurfsvolle Ton, doch dieses Mal richtete sich an beide Söhne - »und es ist immer eine ausgesprochen gute Gelegenheit, um im Bilde zu bleiben.« Dessen war Sakura sich sicher, selbst sie hatte die ein oder andere Person erkannt. Darunter einen Verleger, den Sasuke, zumindest Sais Ausführungen nach, verabscheute. Und den Oberkellner eines Etablissements, welches illegal Alkohol ausschenkte. Wenn sie nur genügend Gäste ansprechen würde, würde sie gewiss noch einige andere Dinge in Erfahrung bringen können, davon war sie überzeugt.

»Mutter pflegt, zu übertreiben«, schaltete Itachi sich schmunzelnd ein, »die Silvesterfeier war schon Tradition, als wir noch kleine Kinder waren. Nur war sie da noch etwas weniger ausschweifend.«

»Außerdem kannst du Auto fahren, Mutter«, fügte Sasuke hinzu, »du könntest genauso gut auch uns besuchen.«

Mikoto schürzte die Lippen. »Oder aber ihr könntet mich öfter besuchen. Ihr wisst, dass ich nicht gerne Auto fahre! Und jünger werde ich schließlich auch nicht! Der Weg nach New York ist mir einfach zu weit, mittlerweile. Sakura, ich lege all meine Hoffnungen in dich! Vielleicht schaffst du es ja, dass dieser junge Mann seine Mutter nicht über Wochen hinweg vernachlässigt.«

Sakura lachte unbeholfen und sie war froh, dass Sasuke an ihrer Stelle antwortete. »Für's Erste sollten wir den Abend genießen, meinst du nicht auch, Mutter?«

Mikoto seufzte, nickte dann aber. »Später wird es ein Feuerwerk geben, selbstverständlich, immerhin ist ja Silvester. Wenn ihr möchtet, könnt ihr gern zu mir auf den Balkon kommen und es von dort aus mit mir bewundern«, schlug sie vor, »ein „Nein“ dulde ich übrigens nicht als Antwort!«, fügte sie mit einem Zwinkern hinzu.

»Wir werden da sein«, versicherte Sakura ernsthaft, was Ino ebenfalls bekräftigte.

»Sehr schön! Für den Augenblick muss ich mich leider verabschieden, es gibt noch einige andere Gäste, die wir noch nicht in Empfang nehmen konnten!« Wieder strahlte sie über beide Wangen. Sasuke und Itachi sah man deutlich an, dass es ihnen lieber wäre, von ihren Verpflichtungen als Söhne Mikotos entbunden zu sein, dennoch liefen sie ihrer Mutter widerspruchslos hinterher. Ein einziges Mal sah Sasuke zu ihnen zurück und als Sakura ihm zuwinkte, huschte ein Lächeln über seine Lippen.

Sie sah ihnen eine Weile hinterher und Mikotos farbenfrohes Winterkleid leuchtete regelmäßig zwischen den umstehenden Gästen auf wie eine Werbereklame.

Ino indes schien immer noch mit ihrer Verwirrung und Wut zu kämpfen und noch sah es nicht so aus, als hätte eine der beiden Empfindungen die Oberhand gewonnen. Sai hatte sie keinen zweiten Blickes gewürdigt, nachdem sie ihn zusammen mit Danzou gesehen hatten und es brauchte keine besonders ausgeprägten Menschenkenntnisse, um zu sehen, wie schockiert Ino immer noch war. Auch das kurze Intermezzo mit Mikoto, Sasuke und Itachi hatte daran nichts geändert.

»Lass' uns doch kurz rein gehen«, schlug Sakura deshalb vor, »wir können uns ins Badezimmer einsperren und du kannst ein wenig Dampf ablassen.«

Ino presste die Lippen aufeinander. »Ich will keinen Dampf ablassen«, stellte sie klar, die Stimme zitterte leicht unter ihrem Bestreben, ihre Gefühle unter Verschluss zu halten, »ich will Antworten. Wieso ist er mit diesem schmierigen Kerl hier? Wieso ist dieser schmierige Kerl überhaupt hier? «

»Ich kann es dir nicht sagen. Das Einzige, was ich mir vorstellen kann, dass es sich hier um eine „Halte deine Freunde nahe bei dir, deine Feinde aber noch näher“ - Situation handelt. Laut Sai hasst Sasuke diesen Mann. So sehr, dass Sai ihn für mein sicherstes Alibi hielt, falls Sasuke jemals Fragen zu meiner Autorenkarriere stellt«, erklärte Sakura. Sie hakte sich beiläufig bei Ino unter, den Blick weiterhin von ihr abgewandt, während sie so tat, als würde sie sich umsehen. Gemächlich liefen sie über den gepflegten Rasen, immer darauf bedacht, möglichst in niemandes Nähe zu sein.

»Ich lebe nicht hinter dem Mond. Auch ich kenne Danzou. Jeder in unserer Branche kennt ihn. Er buddelt den Schmutz von jedem aus, jedem, Sakura. Sai sollte nichts in seiner Nähe zu suchen haben, aber die beiden wirkten sehr vertraut miteinander«, echauffierte Ino sich mit gedämpfter Stimme, »und das wäre noch nicht einmal das Schlimmste, Sakura, aber er hat mich versetzt, mit der Begründung, er wäre krank. Und jetzt sehe ich ihn hier, förmlich an den Stiefeln dieses grässlichen Mannes klebend und kaum dass er mich sieht, löst er sich förmlich in Luft auf!« Mit jedem Wort wurde sie lauter und Sakura tätschelte ihr sanft den Arm, um sie zumindest etwas zu beschwichtigen. Die anderen Gäste waren so in ihre Gespräche vertieft, dass sie ihnen keine Beachtung schenkten.

»Sai hat mir erzählt, dass er unter Danzou gelernt hat, als er selbst noch studierte. Und dass er noch immer gut mit ihm in Verbindung steht, aber ...« Aber damals dachte ich mir noch nichts dabei. Damals war diese Sache mit den verfänglichen Bildern noch nicht passiert. Sakura biss sich auf die Unterlippe. Sai und Ino waren ein Paar und nach ihrem Streit mit ihm hatte sie sich geschworen, ohne Beweise nicht weiter in der Sache nachzuforschen, aber nun? Nun waren die Karten neu gemischt und das Blatt, welches Sakura ausgeteilt worden war, gefiel ihr ganz und gar nicht.

Ino bewies einmal mehr ihre absolute Treffsicherheit, wenn es um Sakuras unausgesprochene Gedanken ging. »Du denkst an die Bilder, nicht wahr? Die, wegen welchen du deinen Job verloren hast.« Der Finger in der Wunde brannte, zweifelsohne, doch die Tatsache, dass Ino ähnliche Rückschlüsse zu ziehen schien, wie sie selbst, bestärkte ihre Zweifel bezüglich Sai.

»Was denkst du darüber?«, fragte sie ausweichend. Sie wollte es nicht aussprechen, nicht als Erste, aus Verbundenheit zu Ino. Immerhin war Sai ihr Partner, der erste Mann, bei welchem sie selbst sogar ein gutes Gefühl gehabt hatte. Vielleicht war es auch die Scham, dass sie einen vermeintlich miesen Kerl ins Haus geschleppt hatte, die sie daran hinderte, weiter zu sprechen.

»Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht mehr, was ich denken soll«, gestand ihr Ino. Sie schritten die Treppen zurück zum Haus empor und für einige Augenblicke schwiegen sie, als andere Gäste an ihnen vorbei schlenderten. »Ich würde noch immer meine Hand für Sai ins Feuer legen, wenn … wenn er mich nicht angelogen hätte«, schloss sie mit so leiser Stimme, dass das leichte Quietschen der sich öffnenden Tür ihre Worte fast verschluckt hätte.

Im Wohnzimmer wurden sie im Vorbeigehen von einigen Leuten mit einem Kopfnicken begrüßt, welches Sakura immer eine Spur demütiger erwiderte. Ansonsten hielt sie den Kopf weiterhin geradeaus und tat so, als würden sie sich gerade nicht über monumentale Dinge reden, die ihrer beider Leben Kopf stellten. »Ich werde dir nicht vorschreiben, was du denken oder tun sollst, Ino. Ich will nur, dass du weißt, dass ich dich unterstütze, egal, was du tust.«

Aus den Augenwinkeln sah sie ein schwaches Schmunzeln auf Inos Lippen. »Wirklich alles?« Die Frage, die erfüllt sein sollte von Inos Schelm Inos, klang traurig und entblößte das Lächeln als einen weiteren Versuch, sich möglichst nichts anmerken zu lassen.

Sakura drückte sie sanft mit der Hand, die noch immer auf ihrem Oberarm ruhte. »Alles, wofür ich nicht ins Gefängnis müsste. Und selbst da gibt es vermutlich noch Ausnahmen oder mildernde Umstände«, versicherte sie betont ernsthaft. Dieses Mal entlockte sie Ino ein richtiges Lachen, wenngleich leise und leicht zu überhören. Sakura spürte vielmehr das Vibrieren an ihrem Arm, ausgelöst von der sanften Bewegung ihres Oberkörpers.

»Gut zu wissen.«

Die beiden Frauen mussten etwas vor dem Badezimmer warten und als sich die Tür vor ihnen öffnete, trat eine Frau heraus, die Sakura gut genug kannte, um instinktiv einen Schritt vor ihr zurück zu weichen: Karin.

Erst Hinata und Neji, dann Sai und nun auch noch Karin. Einen Augenblick lang wirkte sie ebenso überrascht, wie Sakura, doch sie fasste sich recht schnell und bedachte sie mit einem zynischen Lächeln. »Guten Abend, Sakura«, grüßte sie mit einer übertriebenen Verbeugung, bei der ihr zu einem komplexen Zopf geflochtenes Haar über die Schulter baumelte. Es reichte ihr bis zum Bauch und auf dem cremefarbenen, fast weißen Kleid wirkte es wie verschütteter Wein.

»Guten Abend, Karin.« Sakura spürte Inos fragenden Blick auf sich ruhen.

»Wie schön, dass wir uns wieder sehen. Jetzt, in diesem Moment, habe ich aber leider keine Zeit, um unsere Unterhaltung von letztens fortzusetzen« - Ihre Augen wanderten zum Flur, wo ein kränklich blass aussehender Mann mit bemerkenswert langem, schwarzen Haar Löcher in sie zu starren schien. - »meine Begleitung erwartet mich bereits, die Damen mögen mich also bitte entschuldigen.« Mit einem Augenzwinkern strich sie sich das Kleid glatt und verschwand. Sakura sah, wie der Mann, dessen Anblick allein ihr eine Gänsehaut bescherte, etwas zu Karin sagte, ehe er einen letzten Blick auf sie warf und sich abwandte.

»Wer, zur Hölle, war das?«, sprudelte es aus Ino, kaum dass sie die Badezimmertür hinter sich abgeschlossen hatten. Sakura seufzte tief und wiederholte im Schnelldurchlauf die Details ihres Aufeinandertreffens mit Karin, bis hin zu ihrem befremdlichen Tag in diesem Anwesen und Mikotos Bemerkung, die zweifelsfrei mit Karin zu tun gehabt hatte.

Ino pfiff durch die Zähne, halb beeindruckt. »Also eine Verflossene von Sasuke« - Sakura verzog bei dieser Bezeichnung das Gesicht. - »und dann ist sie heute auch noch hier. Keine besonders erbauliche Gegebenheit, Sakura.«

»Das weiß ich selbst«, schnaubte Sakura trocken, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie lehnte an eine teuer aussehende Kommode mit einer Fassade aus gefärbtem Glas, während Ino sich die Nase puderte und ihr Parfum erfrischte.

»Und Sasuke hat dir gesagt, sie arbeite für „die Konkurrenz“?«, hakte Ino nach, bevor sie die silberne Lippenstifthülse öffnete und sich den Mund nachzeichnete. Die Farbe von Malve ließ ihre Lippen förmlich aufblühen und betonte ihre blauen Augen, welche Sakura fragend durch den Spiegel musterten.

»Das hat er genau so gesagt, ja. Aber wieso sollte seine Mutter mir eine Lüge erzählen? Und dass, ohne einen Namen zu nennen? Außerdem hätte sie dafür wissen müssen, dass ich Karin kenne und das bezweifle ich doch stark«, schlussfolgerte Sakura.

»Hm«, machte Ino nur und ließ die hübsche Hülse wieder in ihrer Tasche verschwinden, »meinst du, dieser zwielichtige Typ da draußen war „die Konkurrenz“? Kennst du ihn?«

Sakura zuckte mit den Schultern, schüttelte den Kopf. »Nein. Aber er ist gruselig. Hast du gesehen, wie blass er ist? Irgendwie sah er gleichzeitig steinalt und blutjung aus.« Ihr schauderte bei der Erinnerung an den stechenden intensiven Blick, mit welchem er sie bedacht hatte, als könnte er ihr direkt hinter die Stirn sehen.

»Schien mir keine besonders angenehme Gesellschaft zu sein, nein«, pflichtete Ino ihr bei, »aber mit dieser Karin solltest du noch einmal reden. Wer weiß, was sie dir an jenem Abend erzählen wollte. Vielleicht ist es nur hanebüchener Stoff für Seemannsgarn, vielleicht aber erfährst du etwas wirklich Nützliches.«

»Ich weiß nicht, ob ich mein Schicksal in die Hände dieser Frau legen sollte. Wer weiß, was sie macht, wenn sie meine Fragerei durchschaut«, gab Sakura zu bedenken, »abgesehen davon, dass ich ein schlechtes Gefühl bei ihr habe.«

»Das sagst du nur, weil sie mit Sasuke zusammen war und immer noch per Du mit ihm ist.« Ino stieß sich vom Waschbecken ab und überwand die wenige Distanz zwischen ihnen, um Sakuras Hände mit ihren zu umfassen. »Ich weiß, dass es nicht besonders schön ist, mit der Ex-Freundin von dem Mann zu reden, mit dem du dich gerade triffst, vor allem nicht, weil deine Situation so schon kompliziert genug ist, aber ...« - Ino hielt einen Moment inne, rang mit den richtigen Worten. - »aber sie hat einen Blickwinkel auf Sasuke, welchen du niemals nachvollziehen könntest, zumindest nicht derzeit. Er könnte dir neue Erkenntnisse bringen.«

Sakura runzelte die Stirn und entzog sich Inos Griff. »Ich werde darüber nachdenken«, presste sie durch zusammengebissenen Zähnen hindurch. »Lass uns zurück zur Feier gehen.« Sie hatte keine Lust, Ino zu erklären, dass ihre Idee davon abhängig war, dass Karin bereit war, ein ernsthaftes Gespräch mit ihr zu führen – keine besonders realistische Voraussetzung. Ganz zu schweigen von ihrer eigenen, quasi nicht existierenden Motivation, einen Schritt auf Karin zu zu machen.

Der Rückweg wurde überschattet von fast eisigem Schweigen. Ino ließ ab von ihren Vorschlägen und Sakura war die Lust an einer Unterhaltung vergangen. Irgendwo in der Menge sah sie Hinatas hübsch frisierten Kopf auftauchen, doch noch immer in Begleitung ihres Cousins mit der lädierten Nase und dem Mann, der vielleicht ihr Vater war. Erneut tauschten sie einen vielsagenden Blick miteinander, doch keine unternahm einen Versuch, ein unverfängliches Gespräch auf neutralem Boden zu starten, schlicht, weil es zu auffällig sein könnte. Dennoch entging Sakura das freudige Funkeln in den Augen ihrer unscheinbaren Freundin nicht. Sakura nahm sich fest vor, sie, wenn sie erst einmal wieder in New York waren, anzurufen und sie nach den Gründen ihrer Anwesenheit an diesem Tage zu fragen. Und nach dem älteren Herren in ihrer Begleitung.

»Sai ist wie vom Erdboden verschluckt, kann das sein?«, bemerkte Ino, als sie zurück an ihrem Tisch waren »Ich kann ihn nirgendwo sehen und Danzou auch nicht. Dieser Mistkerl!«

»Vielleicht geht er uns einfach aus dem Weg«, überlegte Sakura laut, stellte dabei aber fest, dass diese Erklärung auch keine besonders erfreuliche war.

»Super«, sprach Ino aus, was Sakura sich gedacht hatte, »da wäre ich ja richtig erleichtert.«

»Ino, ich weiß, das Ganze entwickelt sich zu einem Albtraum, aber wir sollten versuchen, das Beste aus dem Abend zu machen, oder nicht?« Sakura wusste selbst, dass dies ein wahrlich schwacher Versuch war, Ino auf andere Gedanken zu bringen. »Komm! Lass' uns doch noch etwas zu Essen finden!« Mit der Zeit klarten Inos finstere Züge auf und auch wenn sie bei allem, was sie taten – was vornehmlich essen und das ein oder andere Gespräch mit einem anderen Gast waren –, eher halbherzig bei der Sache war, erwähnte sie Sai und Danzou kein weiteres Mal.

Gerade, als die beiden Frauen sich auf den Weg zum Anwesen machten, um auf den Balkon zu gelangen, auf welchem Mikoto auf sie warten würde, zerschnitt ein lauter Knall die ausgelassene Partystimmung. Die Atmosphäre veränderte sich, es war wie ein kollektives Luftanhalten. Die meisten Anwesenden waren so überrascht, dass niemand richtig darauf reagierte. Vereinzelt wurde getuschelt und einige schauten sich um, aber niemand schien zu realisieren, was gerade wirklich passiert war. Der zweite Knall jedoch, den alle aktiv wahrnehmen konnten, nun, da Stille sich über die Gäste gelegt hatte, löste eine Panik aus. Der dritte Knall ging im Geschrei und dem ausgebrochenen Trubel beinahe unter.

Sakura griff geistesgegenwärtig nach Inos Hand, um in dem Chaos, welches sich mit Paukenschlägen anbahnte, nicht zu verlieren und tauschte einen angsterfüllten Blick mit ihr.

»Wir müssen hier weg!«, schrie Ino ihr über den Lärm hinweg zu und Sakura nickte nur wie benommen. Als Ino den Griff um Sakuras Hand verstärkte, um sie mit sich zu ziehen, erwachte Sakura aus dem tranceartigen Zustand, in welchen sie verfallen war. Hektisch blickte sie über ihre Schultern, doch in dem Gemenge von panischen Gästen, die kreuz und quer über den Rasen rannten, um ihre geliebten Menschen zu finden, konnte sie sich auf keines der Gesichter lange genug fokussieren, um eines davon zu erkennen.

Ein vierter Knall ertönte irgendwo in der Nähe und Sakura zuckte so stark zusammen, dass sie beinahe gestolpert wäre. »Wo ist Sasuke?« Ihre Stimme war dünn und versagte ihr beinahe den Dienst und Sakura hatte das Gefühl, nicht mehr in ihrem eigenem Körper zu sein. Ihr Sichtfeld schien zu flimmern, und die Schatten, welche die Kohlepfannen über den gefrorenen Boden warfen, wirkten tiefer noch, als bei ihrer Ankunft. Immer wieder prallten die beiden gegen andere Gäste, die sie wiederum gar nicht bemerken zu schienen.

»Ino, wo ist Sasuke?«, wiederholte Sakura, nachdem sie keine Antwort von ihrer besten Freundin erhalten hatte. Die beiden waren vor seinem Auto zum Stehen gekommen, doch von Sasuke war weit und breit nichts zu sehen. Panik wallte in Sakura auf wie Gift, welches sich in rasender Geschwindigkeit durch ihre Adern ausbreitete.

»Ich … Ich weiß es nicht. Aber wir haben keine Schlüssel, Sakura.« Inos Gesicht hatte sämtliche Farbe verloren und selbst das Funkeln in ihren Augen war ermattet. Noch immer hielten sie ihre Hände, obwohl sie dem Chaos hinter ihnen halbwegs entkommen waren.

Obwohl es nutzlos war, packte Sakura die Türklinke des Wagens, welche von kaltem Raureif überzogen war, der sich durch ihre Haut direkt auf ihre Nerven zu brennen schien und rüttelte daran.

Verschlossen, natürlich.

Es half alles nichts. Weiter konnten sie nicht gehen. Vor ihnen lag der Wald, bar jeglichen Lichts, denn der schwache Schimmer des Mondes verfing sich in dem Dickicht aus Nadeln und Ästen, was es viel zu gefährlich machte, ihn zu betreten. Hinter ihnen lag in schauderhafter Stille das Anwesen, in dessen Fenstern kaum ein Licht brannte und dahinter erstreckten sich die Gärten, von welchen noch immer Geschrei mit der kalten Brise zu ihnen herüber wehte.

Einige andere Gäste tauchten am Haus auf, mit beklommenen, fast blutleer wirkenden Gesichtern und zitterndem Blick, welcher immer wieder den Weg über die Schulter nach hinten fand. Die meisten davon schienen in einer ähnlichen Bredouille zu stecken, wie sie und auf die Person zu warten, die den Autoschlüssel mit sich führte. Sakura und Ino folgten dem Beispiel eines Pärchens mittleren Alters, welches kurzerhand das Auto umschritt und sich hinter dem polierten Metall im Kies kauernd verschanzte.

»Was machen wir jetzt?«, wisperte Ino und die Kieselsteine unter ihr knirschten leise, als sie ihr Gewicht verlagerte.

»Wir warten.« Sakura schenkte ihrer Freundin einen grimmigen Blick, von welchem sie hoffte, er möge ihr Zuversicht und Gefasstheit vermitteln, denn in ihrem Inneren war nichts von beidem zu finden.

Ino erbleichte noch ein wenig mehr. Sie biss sich auf die Lippen und holte zitternd Luft, sagte aber nichts. So verharrten sie dicht aneinander gedrängt auf dem Boden und keine von ihnen wagte es, den Kopf nach oben zu recken, um durch die Fenster des Autos auf die Kulisse dahinter blicken zu können. Mit der Zeit kam der Lärm zu ihnen in Form von lautem Schluchzen und Gesprächen, die geflüstert werden wollten, dank der Panik aber meist so überspitzten, dass Sakura jedes Wort verstehen könnte, wenn sie sich darauf konzentrierte.

Sakura wurde unruhig und hatte das Gefühl, die Kontrolle über die Angst zu verlieren, die sich vehement in ihr Bewusstsein zu drängen versuchte. Gerade als sie sich erhob, um zurück zu den Gärten zu gehen, um selbst nach Sasuke zu suchen, schritt dieser an der Motorhaube vorbei und sein gehetzter Blick fing den ihrigen ein. Sie sah eben jene Panik in seinen schwarzen Augen, welche sie in den letzten zehn Minuten verspürt hatte, ehe sein Gehirn die Information, dass es ihnen gut ging, verarbeiten konnte und Erleichterung in ihnen aufflackerte.

»Es geht euch gut.« Eine Feststellung, die in Sakuras Ohren auf groteske Art falsch klang, denn sie fühlte sich ganz und gar nicht gut, wenngleich sie oberflächlich betrachtet keinen Schaden genommen hatte. Vorsichtig griff sie Ino unter den Arm und stand zusammen mit ihr auf und obwohl sie nur einige Minuten auf den Boden gekauert verbracht hatte, fühlte sie Schwindel über sich kommen.

»Wo ist deine Mutter, Sasuke«, fragte sie ihn leise, um nicht über die Dinge reden zu müssen, die gerade passiert waren.

Sasuke lächelte traurig. »Es geht ihr gut. Wir haben Angestellte, die sich in solchen Fällen um eine schnelle Lösung kümmern. Solange verharrt sie an einem sicheren Ort, das habe ich selbst sicher gestellt.«

»“In solchen Fällen“? Gibt es denn öfter Schießerein auf eurem Anwesen?« Ino wirkte entgeistert.

»Nicht direkt«, antwortete Sasuke ausweichend, »aber wir sollten hier nicht weiter herum stehen. Ich werde euch unverzüglich nachhause fahren.«

Ino schien darüber nachzudenken, ob es sinnvoll war, das Thema weiter zu verfolgen, kam aber offenkundig zum Schluss, dass sie die Antwort eigentlich gar nicht wissen wollte. Also ließ sie sich von ihm die Tür öffnen und stieg in das Auto ein.

»Es tut mir Leid«, entschuldigte Sasuke sich mit gesenkter Stimme, nachdem er die Tür hinter Ino geschlossen hatte, »so hatte ich mir den Start in das neue Jahr nicht vorgestellt. Vor allem nicht für euch.«

»Du kannst nichts dafür« - Sakura legte ihm behutsam eine Hand auf die Schulter, suchte seinen Blick - »niemand kann etwas dafür.«

Sasuke schien mit sich zu ringen und die Gefühle, die in seinen sonst geheimnisvoll undurchsichtigen Augen umher wirbelten, deuteten mehr an, als Sakura hinein zu interpretieren bereit war. »Du verstehst gar nichts, Sakura.« Einen Augenblick lang konnte Sakura noch Bedauern auf seinen Gesichtszügen erkennen, ehe seine Fassade sich wieder zusammen setzte. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, führte er sie um den Wagen herum und ließ sie einsteigen. Er hatte ihr schon oft die Tür aufgehalten, doch dieses Mal hatte die Art, wie er dabei ihren Rücken abschirmte, etwas Beschützendes an sich, was das Zittern ihrer Muskeln etwas linderte.

Ino saß wie eine gespannte Bogensehne auf der Rückbank und im Spiegel konnte Sakura ihren angespannten Ausdruck erkennen. Es war offensichtlich, welchen inneren Konflikt sie mit sich austrug: Sie hatte Sai auf dieser Feier zurück gelassen. Ohne auch nur ein einziges Wort über ihn zu verlieren. In der Hitze des Moments hatte Sakura keinen Gedanken daran verschwendet, doch nun, da sie umgeben waren von nichts als Bäumen, Dunkelheit und der seltsamen Stille zwischen den Dreien, überraschte sie diese Feststellung zutiefst. Zu gern hätte sie sich umgedreht und Ino einfach gefragt, doch neben Sasuke war ihr das unmöglich. Ino schien etwas Ähnliches zu denken, denn im Rückspiegel sah Sakura ihren Blick wieder und wieder zwischen ihr selbst und Sasuke hin und her huschen.

In den Stunden zurück zur Stadt sprach keiner von ihnen ein Wort, nicht eines. Irgendwann wurde der wolkenlose Nachthimmel von fernen Feuerwerken erhellt und aus irgendeinem Grund wäre Sakura am Liebsten in Tränen ausgebrochen, erfüllt von einer inneren Schwere, die sie nicht in Worte fassen konnte.

»Frohes Neues Jahr«, hauchte sie leise, doch ihre Stimme wurde von den Motorengeräuschen getilgt und einen zweiten Versuch unternahm sie nicht.

Tourniquet

Ich habe nicht einen Augenblick lang an ihn gedacht, Sakura.« Ino saß am Küchentisch, das Gesicht in den Händen verborgen, die Haltung gekrümmt, als würde ihr ganzer Körper schmerzen. Durch das geöffnete Fenster drang die kühle Nachtluft zusammen mit den unregelmäßigen Explosionen von Feuerwerkskörpern zu ihnen in die Küche und erinnerte sie daran, dass dieser Abend noch immer kein Ende gefunden hatte. Sasuke hatte sie vor etwa einer halben Stunde abgesetzt und nachdem Ino voraus gegangen war, um ihnen etwas Privatsphäre zu gönnen, hatte Sasuke sie einige Minuten lang einfach nur stumm im Arm gehalten. Sein vertrauter Geruch von Zitrone und Bergamotte war wie ein Anker in dem Sturm gewesen, welcher von ihren Gedanken und Gefühlen entfacht worden war; etwas, woran sie sich hatte klammern können, um nicht permanent an die Schüsse zu denken, die nun, da seine Abwesenheit wie ein Loch in ihr klaffte, wieder permanent in ihren Ohren nach hallten. Bei jedem besonders lauten Feuerwerkskörper, der am Nachthimmel in einer bunten Explosion verlöschte, zuckten sie kaum merklich zusammen, das ein oder andere Mal erwischte sie sich sogar dabei, wie sie über ihre Schulter blickte, nur um dahinter die vertrauten Umrisse ihrer Küche zu sehen.

»Es war eine Ausnahmesituation, Ino und nichts, wofür du dich nun so geißeln solltest. Außerdem haben wir ihn den ganzen restlichen Abend über nicht mehr gesehen, vielleicht war er zu dem Zeitpunkt … zum Zeitpunkt der Ereignisse schon gar nicht mehr anwesend«, versuchte Sakura, sie zu beruhigen. Das laute Schniefen, welches den zerbrechlich wirkenden Körper ihrer Freundin erschütterte, wurde gefolgt von einem herzzerreißenden Wimmern. Das farbenfrohe Schillern ihres Anzugs wirkte in der Dunkelheit der Küche und der schweren Atmosphäre wie eine Karikatur und die Frau darin wurde mit jeder Sekunde blasser, weniger.

»Sasuke war das Erste, woran du gedacht hast«, hielt Ino dagegen, »du hast in diesem Garten nach meiner Hand gegriffen und danach war Sasuke der erste Mensch, an den du gedacht hast und du … ihr … ihr seid nicht zusammen. Was auch immer du für diesen Mann empfindest, ihr seid kein Paar. Sai und ich schon. Und ich habe nur an dich gedacht. An dich und an mich selbst, ich … ich bin ein grässlicher Mensch, Sakura. Kein Wunder, dass Sai mich ange-«

»Stopp!«, unterbrach Sakura sie wütend. Sie war nicht auf Ino zornig, sondern auf die absurden Rückschlüsse, die sie aufgrund einer durchaus menschlichen Reaktion zog. »Du trägst nicht die Schuld dafür, dass er dich angelogen hat und ganz sicher trägst du nicht die Schuld daran, dass irgendein Verrückter in diesem Garten angefangen hat, um sich zu schießen!« Sakura schob den ausschweifenden Rock ihres Kleids zurecht, damit sie sich auf einen der Stühle setzen und nach Inos Händen greifen konnte. Vorsichtig und unendlich sanft nahm sie Inos Hände von ihrem Gesicht, um der Selbstverachtung und der Erschütterung in ihren Augen mit Liebe und Verständnis zu begegnen. »Wir können froh und dankbar dafür sein, dass es uns gut geht, Süße und alles andere wird sich ergeben, vertraue mir.«

»Versprochen?« Die von Trauer durchzogene, fast verzweifelte Hoffnung in Inos Stimme brach Sakura endgültig das Herz. Sie wusste, dass sie etwas Derartiges nicht versprechen konnte und Ino musste es auch wissen und dennoch klammerte sie sich an ihre Worte, wie an ein Bündel Schilf, um nicht von dem reißenden Strom eines Flusses mitgezogen zu werden.

»Versprochen.« Ein bitterer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus und dieses eine Wort schmeckte auf ihrer Zunge fahl wie Asche und dennoch bereute sie es nicht, es ausgesprochen zu haben, denn Inos Gesichtszüge verloren etwas von der Hoffnungslosigkeit. »Und jetzt ziehen wir uns um und gehen schlafen, Ino, okay?«

»Darf ich heute bei dir im Bett schlafen?«

Sakura malte mit ihren Fingern kleine Kreise auf Inos Handflächen und brachte ein wackeres Lächeln zustande, welches im starken Kontrast stand zu der ruhelosen Entwurzelung, welche sie in sich selbst fühlte. Aber heute Nacht ging es nicht um ihre eigenen Kämpfe, nicht, wenn Ino ihr gegenüber saß und sie betrachtete, als wäre das Ende der Welt angebrochen.

»Selbstverständlich, Ino.«
 


 

Die Tür des Wandschranks zitterte, als Sasuke sie mit einer solchen Wucht zuschlug, dass die Gläser dahinter bedrohlich schwankten. Mit wenigen, zielgerichteten Handgriffen füllte er ein Glas bis unter den Rand mit Whiskey und stürzte mit einem Schluck die Hälfte davon herunter. Der Alkohol brannte sich durch seinen Körper, hinterließ eine glühende Spur, die seine Nervenenden reizte und ihn mit einem Schlag wacher und gleichzeitig müder machte.

Die ganze Rückfahrt über hatte er seinen Zorn im Zaum halten müssen nun befürchtete er, Sakura könnte sein beharrliches Schweigen fehlinterpretieren. Er hatte ihren Blick gesehen, die nackte Angst in ihren Augen, als er hinter dem Wagen vorgetreten war, um sie zusammen mit Ino im Dreck kauernd vorzufinden. Am liebsten hätte er ihr den Kopf desjenigen vorgeworfen, der diese Panik in ihr ausgelöst hatte, doch zu seiner wachsenden Frustration ist der Drahtzieher nicht gefunden worden, zumindest nicht in seiner Anwesenheit. Abgesehen davon hätte der Anblick Sakura vermutlich nur noch mehr verstört.

Sasuke raufte sich die Haare, ehe er den restlichen Whiskey austrank und das Glas unmittelbar von Neuem befüllte. Die nächsten Stunden verbrachte er damit, diverse Nummern in sein Telefon einzuwählen und eine Liste von Leuten anzurufen, von welchen so gut wie niemand abhob. Es war keine Überraschung, die meisten davon waren gewiss auf einer Straße auf dem Weg nachhause, andere wiederum hatten wahrscheinlich ihre Empfindungen nach den Geschehnissen so lange mit Alkohol betäubt, bis sie von einem traumlosen Schlaf übermannt worden waren. Die wenigen Leute, die er erreichte, legten nach wenigen Worten bereits wieder auf, die Stimmen strapaziert und spitz, als wären sie einem Nervenzusammenbruch nahe.

Der Himmel über New York hörte irgendwann auf, von grellen Lichtern erhellt zu werden und die unbestimmte Finsternis wich einem trüben Grau, als Sasuke Itachi endlich ans Telefon bekam.

»Guten Morgen, Brüderchen.« Itachis Stimme klang müde, erschöpft und Sasuke konnte förmlich vor sich sehen, wie er sich just in diesem Moment die Augen rieb, welche er kaum noch aufzuhalten vermochte. »Mutter geht es gut. Sie ist aufgelöst und eben erst eingeschlafen, aber es geht ihr gut.«

»Das ist schön zu hören.« Eine Sache weniger, um die er sich Sorgen machen musste, aber bei Gott noch nicht das Ende einer stetig wachsenden Liste von Problemen.

»Du hörst dich nicht sonderlich gut an. Wie geht es dir? Wie geht es Sakura?« Bei ihrem Namen zog sich etwas in ihm schmerzhaft zusammen. Er musste daran denken, wie atemberaubend sie ausgesehen hatte, in dem Kleid, welches er ihr gekauft hatte. An das strahlende, neugierige Funkeln in ihren Augen, mit welchem sie alles einer genauen Musterung unterzogen hatte. Dieser Abend hätte anders ablaufen sollen, ganz anders.

»Sie und Ino sind sicher zuhause, dafür habe ich gesorgt.« Er nippte an seinem Whiskey, sein Körper mittlerweile taub und abgestumpft gegenüber der Hitze, sodass er genauso gut hätte Wasser trinken können. Es fiel ihm immer schwerer, die Augen offen zu halten, doch er fürchtete sich vor dem Schlaf und was er mit sich bringen könnte. In den letzten Wochen hatten ihn immer schlimmere Albträume heim gesucht und schweißgebadet in seinem Bett aufwachen lassen. Lediglich die Feiertage bei Sakura hatten ihm Linderung verschafft, als wäre ihre Anwesenheit ein beruhigendes Narkotikum. Einen Moment lang überlegte er ernsthaft, sich noch einmal ins Auto zu setzen und zu ihr zu fahren, sie mit seinem Besuch zu überraschen und sei es nur, um für einige Minuten die Gefühle zu sehen, die sie nie ganz aus ihren Augen verbannen konnte, doch mit einem Kopfschütteln wurde er diesen Gedanken wieder los. Er hatte getrunken und das Letzte, was er nun gebrauchen konnte, war ein Autounfall.

»Und wie geht es dir?«, wiederholte Itachi seine Frage nach einer ganzen Weile. Zwischen ihnen war es so still geworden, dass er genauso gut aufgelegt haben könnte.

»Ich hatte bessere Tage«, gestand Sasuke nüchtern, den Griff um sein Glas gerade so weit gelockert, dass es von seinen Fingern aus sanft auf den Tisch unter seiner Hand rutschte.

»Soll ich vorbei fahren?«

Sasuke schnaubte leise. Itachi war noch immer auf dem Anwesen, die Fahrt würde Stunden dauern und so lange würde er vermutlich nicht mehr durchhalten. Nicht, dass er erpicht darauf gewesen wäre, dass ihn jemand in diesem Zustand sehen konnte. Nicht einmal sein eigener Bruder. »Bleib bei Mutter für ein oder zwei Tage und schau, ob du noch irgendwelche Spuren oder Anhaltspunkte finden kannst. Ich werde mich jetzt hinlegen und versuchen, zu schlafen. Das solltest du auch tun und sobald du wieder fit bist und dich umgesehen hast, fährst du zurück und wenn du schon auf dem Weg bist, kannst du Naruto, Neji und Shikamaru einsammeln.«

»Gaara nicht?«

Sasuke schüttelte den Kopf, erinnerte sich dann daran, dass Itachi dies nicht sehen konnte und sagte deshalb: »Nein. Gaara nicht. Der ist gerade mit anderen Aufgaben beschäftigt.«
 


 

Mit dem alten Jahr wich auch der Schnee. Über das Meer hinweg wehten wärmere Winde nach New York; Winde, die Schnee und Eis mühsam mit bitterkaltem Regen abtrugen und von den Straßen spülten. Schwere Tropfen trommelten gegen das Fenster in Sakuras Zimmer und als diese aufwachte, lag Ino noch immer in ihren Armen, zusammen gekauert wie ein kleines Kind, welches das nächtliche Gewitter fürchtete.

Zärtlich strich Sakura ihr eine lose Strähne aus dem Gesicht und klemmte sie hinter das Ohr und offenbarte damit die rot geschwollenen Augenlider, die deutlich machten, dass Ino noch lange, nachdem Sakura in einen unruhigen Schlaf gefallen war, geweint haben musste. Leise, um Sakura nicht wieder zu wecken. Leise und allein. Bei dem Anblick wurde Sakura erneut das Herz schwer und sie wünschte, sie könnte Inos Schmerz einfach nehmen und in der schwelenden Glut ihres Zorns verbrennen. Das Entsetzen, ob der Ereignisse der letzten Nacht, war mit dem Schlaf gewichen und hatte Platz geschaffen für eine Wut, die Sakura so noch nie gefühlt hatte.

Wut auf Sai und seine Geheimnistuerei und Lügen; Wut auf jenen unbekannten Menschen, der mutmaßlich nicht nur unschuldige Menschen verletzt hatte, sondern überdies dafür gesorgt hatte, dass Ino sich nun für etwas zerfleischte, was jenseits ihres Einflusses geschehen war.

Und Wut auf sich selbst, weil sie, statt einen wundervollen Abend nur mit ihrer besten Freundin zu verbringen, ihrer albernen Sehnsucht nach Sasukes Anwesenheit nachgegeben und sie beide überhaupt erst in diese Situation gebracht hatte. Ihr war durchaus klar, dass sie Sai dann wahrscheinlich nie der Lüge überführt und seine anhaltende, offenkundig vertraute Verbindung zu Danzou entlarvt hätten, aber am Ende vermochte sie nicht zu sagen, ob dies genügte, um all die anderen Dinge aufzuwiegen. Sie würde es heraus finden müssen, zusammen mit einigen anderen Dingen, wie zum Beispiel Karin, die ständig in der Nähe Sasukes auftauchte oder die Identität jenes Mannes, dessen Begleitung sie an jenem Abend gewesen war.

Noch bevor sie sich vorsichtig von Ino gelöst hatte, um aus dem Bett aufzustehen und ihre müden, schmerzenden Glieder zu strecken, pochte ihre Schläfe von all dem Chaos in ihrem noch schlaftrunkenen Kopf. Sakura hoffte, dass eine Tasse Kaffee zumindest die Schmerzen etwas Linderung verschaffen würde, bezweifelte aber, dass etwas so Profanes dazu imstande war, all die Verstrickungen ihrer Gedanken zu ihrem Wohlgefallen aufzuflechten.

Aber es war ein Anfang.

Und manchmal brauchte es nur einen Anfang.

Der Kessel hatte gerade zu pfeifen begonnen, als Ino in die Küche schlurfte, die Augen kaum mehr als schmale Schlitze, durch welche sie Sakura mit einer leeren Gleichgültigkeit musterte, die Zeugnis davon war, dass sie sämtliche Emotionen in der Nacht heraus geweint hatte.

»Guten Morgen, Ino«, grüßte Sakura sie leise. Zur Antwort bekam sie einen nasalen Laut, irgendetwas zwischen einem Grunzen und dem schwachen Versuch, ein richtiges Wort zu formen. »Möchtest du auch etwas Kaffee?«

Ino nickte, ließ sich an den Tisch fallen, in die exakt gleiche Position, welche sie noch am Abend zuvor eingenommen hatte – die Ellbogen auf der Tischplatte, das Gesicht in den Händen vergraben. Sie rieb sich die Augen, mit einer andauernden Intensität, von der Sakura beim Zusehen Schmerzen empfand und als sie ihr eine Tasse vor die Nase stellte, schien Ino es nicht einmal zu bemerken.

»Wenn du möchtest, kannst du gerne noch länger schlafen, Ino«, erwähnte Sakura, als der Kaffee vor Inos Nase schon lange erkaltet war und die beiden in der Zwischenzeit kein Wort miteinander gewechselt hatten.

Es folgte die erste, zumindest körperliche Reaktion Inos, die den Kopf aus den Händen hob, die Augen noch immer müde. »Ich möchte nicht mehr schlafen«, entgegnete sie mit rauer Stimme, »die letzte Nacht war schlimm genug.«

»Was möchtest du dann tun?«

»Eigentlich gar nichts, Sakura. Einfach gar nichts …«, antwortete Ino nach einer gefühlten Ewigkeit. Es war, als wären all ihre Reaktionen verzögert. Inos Herz war schon öfter von Männern gebrochen worden, doch niemals zuvor – niemals – hatte sie sich dabei derart selbst verloren.

Sakura seufzte, erhob sich aber und überließ Ino vorerst sich selbst, um im Flur nach dem Hörer des Telefons zu greifen und im Telefonbuch daneben nach Hinatas Nummer zu blättern, welche sie selbst vor einiger Zeit dort hinein gekritzelt hatte. Es dauerte einige Anläufe, doch irgendwann nahm die junge Frau den Hörer ab.

»Guten Morgen, Hyuuga am Apparat«, tönte ihre beruhigende Stimme durch die Leitung und im ersten Moment flutete Erleichterung darüber, dass es ihr gut ging, Sakuras Bewusstsein.

»Guten Morgen, Hinata, Sakura hier. Ich wollte mich bei dir melden, nach … ja, nach gestern. Ich bin froh, dass es dir gut zu gehen scheint.« Aus den Augenwinkeln erahnte Sakura eine Bewegung in der Küche und tatsächlich – Ino schaute geradewegs in ihre Richtung, Erleichterung und die Andeutung von Neugier auf ihrem Gesicht. Sakura verbuchte das als gutes Zeichen.

»Sakura, ich bin ja so froh, dass es dir auch gut geht! Ist Ino bei dir? Wie seid ihr gestern Abend vom Anwesen weggekommen? Habt ihr irgendetwas mitbekommen? Wer da geschossen hat oder ob jemand verletzt wurde?« Hinata verstummte, doch bevor Sakura mit der ersten Antwort beginnen konnte, erhob sie erneut die Stimme. »D-darf ich vorbei kommen? Ich glaube, es wäre besser, wenn wir persönlich reden könnten.«

»Klar, komm' vorbei. Das macht vieles einfacher, denke ich«, räumte Sakura ein. So war sie auch nicht dazu gezwungen, alles zu wiederholen, denn Ino konnte selbst am Gespräch teilnehmen, in welcher Form und Ausprägung auch immer sie es wünschte.

»Ich bin in einer halben Stunde bei euch, bis gleich!«

»Bis gleich!« Sakura legte auf und setzte sich zurück zu Ino. »Ich hoffe, es ist in Ordnung für dich, dass ich Hinatas Wunsch, zu uns zu kommen, berücksichtigt habe. Sie hat Recht: das, was gestern Abend passiert ist, bespricht man besser nicht über das Telefon«, schloss Sakura und suchte aus ihrer Tasche eine halbleere Schachtel Zigaretten heraus. Ino starrte sie an, ohne jede Aufforderung in ihrem Gesicht, dennoch brach Sakura eine ihrer Regeln für sie und schob ihr die Schachtel wortlos über den Tisch, nachdem sie sich selbst eine genommen hatte.

»Das ist eine Ausnahme«, erklärte sie zwischen zwei Zügen, »eine Ausnahme für eine Ausnahmesituation.«

Ino schnaubte nur und fischte sich etwas unbeholfen ebenfalls eine Zigarette aus der Schachtel. Nachdenklich drehte sie die schmale Hülse voll Tabak zwischen ihren Fingern, als müsste sie zunächst Anfang und Ende eruieren. Beim ersten Einatmen musste sie husten und sofort bereute Sakura ihre Entscheidung. »Ich habe ganz vergessen, wie grässlich das schmeckt«, keuchte Ino entsetzt, nachdem sie sich mit einem großen Schluck kalten Kaffee von ihrer Hustenattacke befreit hatte.

Sakura verkniff sich ein Kommentar, rauchte stattdessen stillschweigend ihre eigene Zigarette und trank in tiefen Zügen ihren Kaffee.

»Was glaubst du, was hat Hinata zu erzählen? Es muss ja etwas Großes sein, wenn sie es nicht über das Telefon machen will«, sinnierte Ino und Sakura war froh, dass sich ihr Schwermut etwas gelöst hatte. Inos Neugierde war so ausgeprägt, dass sie früher oder später immer die Überhand gewann und ausnahmsweise war Sakura verdammt froh darüber.

»Ich weiß nicht, sie hat ja nichts gesagt. Vielleicht will sie uns auch einfach nur sehen, verdenken könnte ich es ihr nicht nach den gestrigen Ereignissen.«

»Stimmt schon, aber es wäre schön, etwas zu wissen. Das würde das Ganze etwas … etwas greifbarer machen, verstehst du.«

Und du wärst froh, wenn du einen Namen und im besten Fall noch ein Gesicht hast, dem du die Schuld, die du dir selbst gibst, übertragen kannst. Auch wenn das gar nicht notwendig ist, denn dich trifft keine Schuld, Ino. Sakura biss sich auf die Lippen, denn sie wusste, dass nichts Gutes dabei heraus kommen würde, würde sie diese Vermutung äußern.

»Ich verstehe«, sagte sie schließlich gedehnt und Inos hochgezogene Augenbrauen machten ihr deutlich, dass es nicht die Antwort war, die sie sich von ihr erhofft oder von ihr erwartet hatte. »Wir werden uns wohl überraschen lassen müssen, was Hinata zu sagen hat.«

Ino wandte sich ihrer Tasse zu und murmelte etwas Unverständliches. Noch nie war die Stimmung zwischen den beiden so seltsam angespannt gewesen und es tat Sakura in der Seele weh, nicht zu wissen, was sie tun oder sagen sollte, um es zu ändern. Die Atmosphäre war so befremdlich, dass Sakura richtiggehend aufseufzte, als es endlich an der Tür klingelte und von Hinatas Ankunft verkündete.

»Schön, dich zu sehen!« Sakura fiel Hinata regelrecht um den Hals, als diese auf der anderen Seite der Tür auftauchte. Sie erwiderte die Umarmung eine Spur zu stark, um als normale Begrüßung durchzugehen – offensichtlich war sie ebenso erleichtert über Sakuras Wohlbefinden, wie diese über Hinatas.

»Gleichfalls, Sakura. Ich bin so froh, dass es euch beiden gut geht!« Ihre Augen schimmerten verdächtig, doch bevor sie tatsächlich in Tränen ausbrechen konnte, schniefte sie inbrünstig und rieb sich mit ihren Händen die Augenwinkel.

»Hinata! Schön, dass du da bist!« Ino zog Hinata ebenfalls in eine Umarmung, die einen Hauch länger dauerte, ehe die drei Frauen zurück in die Küche gingen und gegenüber voneinander Platz nahmen. Beinahe hätte Sakura darüber gelacht, wie viele Unterredungen sie in diesem Raum in den letzten Wochen und Monaten gehabt hatten. Es war nicht mehr länger der Ort des unerschütterlichen, ruhigen Friedens, an dem Ino und sie zusammen gekocht oder lachend über dem Essen gebeugt gesessen haben, um über Banalitäten zu plaudern. Es schien ganze Äonen her zu sein, als sie einfach nur hier gelümmelt und sich über Kakashi aufgeregt hatte, während Ino ihre Wut mit den passenden Zurufen geschürt hatte, bis sie irgendwann unweigerlich beide ins Lachen ausbrechen mussten. Wie absurd, dass dies einmal ihr größtes Problem gewesen war.

»Also ...« Hinata rutschte nervös auf ihrem Stuhl hin und her und Sakura musste feststellen, dass es wirklich nicht einfach war, einen passenden Einstieg für so ein Gespräch zu finden.

»Fangen wir doch am Anfang an«, schlug Sakura mit einem Lächeln vor, »wieso du auf dieser Party warst, zum Beispiel.«

Hinata nickte, strich sich eine lose Strähne hinter ihr Ohr und senkte den Blick, als wäre es ihr peinlich, darüber reden zu müssen. »Wir waren mit meinem Vater dort. Schon seit Jahren bekommt meine Familie jedes Silvester eine Einladung von den Uchihas, doch bis gestern war ich selbst noch nie dabei. Meistens nimmt Vater nur Neji mit, ich bin ihm zu schüchtern und keine besonders beliebte Gesprächspartnerin, umso erstaunter war er, dass ich dieses Mal freiwillig mitkommen wollte.«

»Wieso das denn? Du wirktest nicht allzu begeistert von all dem Tand und Theater«, fragte Ino und nahm Sakura damit die Worte aus dem Mund.

Hinata lächelte und einmal mehr musste Sakura feststellen, dass es ihr ganzes Gesicht veränderte. »Weil ich mir dachte, dass die Chance, dieses Mal Sakura dort anzutreffen, durchaus realistisch war.«

»Wegen mir?« Ungläubig deutete sie mit den Finger auf sich selbst und als Hinata nickte, hob sie überrascht die Augenbrauen. »Wieso denn das?«

Hinata zuckte nur den Schultern. »Ich weiß nicht, ich wollte dich einfach sehen. Wir hatten schon länger nichts mehr miteinander unternommen, weil … naja, du weißt schon.«

»Weil ich gekündigt worden bin«, dachte Sakura säuerlich, sagte aber: »Du weißt, dass du uns jederzeit besuchen kommen kannst, ja? Du brauchst nur vorher anzurufen, ob jemand zuhause ist. Außerdem hat sich ja nicht einmal eine Chance ergeben, miteinander zu reden ...«, fügte sie hinzu, ließ die Gründe dafür unausgesprochen.

»Ich habe mich trotzdem gefreut, euch zu sehen«, entgegnete sie unbekümmert, doch dann wurde ihr Ausdruck düster und die Stimmungsschwankung trübte ihre Augen augenblicklich, »natürlich wäre es aber schön gewesen, wenn der Abend nicht so geendet hätte.«

»Hast du eine Ahnung, wer es gewesen sein könnte?«, fragte Ino und Sakura spürte, dass ihr insbesondere diese Frage förmlich auf ihrer Seele brannte. Sie verstand nicht, wieso sie ausgerechnet in der Identität des Täters ihre Absolution zu finden versuchte, wollte aber ihre Art, mit der Situation umzugehen, nicht in Frage stellen. Zumindest nicht heute.

»Leider nein.« Hinata verzog bedauernd den Mund. Ino wirkte enttäuscht, aber nicht verwundert und obwohl sie auf ihrem Stuhl wieder etwas in sich zusammen sackte, entzog sie sich diesem Gespräch nicht gänzlich. »Inos Reaktion zu urteilen nach habt ihr auch keine Idee?«

Sakura schüttelte den Kopf. »Leider nein. Wir waren genauso überfordert und planlos, wie alle anderen auch. Wir sind zunächst aus dem Garten verschwunden und haben bei den Autos Zuflucht gesucht. Irgendwann ist Sasuke zurück gekommen und hat uns nachhause gefahren.«

»Das erklärt, wieso Vater Sasuke nicht mehr finden konnte. Er wollte dringend mit ihm reden, aber ich kann euch nicht sagen, wieso. Mir hat er nichts erzählt, das tut er nie.« Ihre Stimme senkte sich und es war deutlich, wie sehr sie unter seiner scheinbar geringen Meinung von ihr litt. »Alles, was ich weiß, ist, dass ich erstaunt war, wie ruhig Vater geblieben ist. Er hat uns zunächst ins Haus geführt und nachdem er Sasuke dort nicht finden konnte, zurück zum Auto geschickt, das muss so zwanzig Minuten nach dem ersten Schuss gewesen sein.«

Ino legte den Kopf schief und wechselte einen nachdenklichen Blick mit Sakura. »Zwanzig Minuten nur? Dann hätten wir dich doch sehen müssen. Wie lange saßen wir dort, bis Sasuke mit uns losgefahren ist, Sakura?«

»Ich weiß es nicht«, gestand sie und grübelte einen Moment, »es hat sich angefühlt wie eine Ewigkeit, aber es hätten genauso gut auch nur einige Minuten sein können.«

»Wenn Hinatas Zeitgefühl zuverlässig ist, bedeutet das ja, dass Sasuke ohne Umschweife nach dir gesucht hat.« Ino blickte sie vielsagend an und Sakura fühlte die Hitze in ihren Wagen aufblühen, wie eine Knospe im ersten warmen Sonnenlicht des Frühlings.

»Ich bin mir sicher, dass er sich zunächst mit wichtigeren Prioritäten befasst hat.« Die diplomatische, aber kaum glaubwürdige Antwort entlockte Ino ein Schnauben, so heftig, dass Hinata neben ihr leicht zusammen zuckte.

»Bist du etwa mit ihm zusammen, Sakura?«, fragte Hinata mit einer Unschuldsmiene, die Sakura bei jedem anderen als aufgesetzt spöttisch empfunden hätte, nicht aber bei ihr. Das änderte aber auch nichts daran, dass sie noch ein wenig röter wurde.

»Nein!«, wehrte sie eine Spur zu vehement ab, um glaubwürdig zu sein. Selbst in ihren Ohren hörte es sich albern an. Hinata kicherte hinter vorgehaltener Hand und Sakura gefiel es ganz und gar nicht, wohin dieses Gespräch abzuschweifen drohte. »Das soll hier und heute auch kein Thema sein«, insistierte sie und Hinata wurde sofort wieder ernst, »auch wenn wir sonst nicht viel Handfestes haben. Ich würde Sasuke ja gerne darauf ansprechen, aber ich fürchte, dass er mir nicht viel erzählen wird. Er hat ja schon auf der gesamten Rückfahrt geschwiegen wie ein Grab.«

»Ich finde, du solltest es trotzdem tun. Und wenn es nur für die Bestätigung deiner Annahme ist, aber dann kannst du dir wenigstens sicher sein, Sakura«, warf Ino ein.

»Ich werde mit ihm reden, Ino, versprochen ...«, versicherte Sakura und als sie weitersprach, wurde ihr Ton eine Spur schärfer, »wenn du mir versprichst, dass du versuchen wirst, Sai zu erreichen. Oder ausfindig zu machen. Irgendetwas. Ich glaube, hier besteht ebenfalls eine Menge Redebedarf.«

Inos Züge wurden finster, die Schatten unter ihren Augen schienen tiefer, dunkler zu werden. Sakura war überzeugt, dass sie einen Schritt zu weit gegangen war, auch wenn sie selbst es für notwendig hielt, doch Ino sprang nicht vom Stuhl auf, um in ihr Zimmer und vor dieser Wendung zu flüchten und sie gab auch keine wütende Antwort. »Ich weiß«, hauchte sie stattdessen betreten, »ich habe nur Angst vor dem, was dann passieren wird.«

»Was hat Sai denn mit alledem zu tun?«, mischte Hinata sich ein, ihre Augen huschten zwischen Sakura und Ino hin und her.

»Er war auch auf der Party«, erklärte Sakura an Inos Stelle, denn diese rührte anstelle einer Reaktion ausweichend in dem Rest ihres kalten Kaffees, »zusammen mit einem Mann, von dem man sich fern halten sollte. Da gibt es noch mehr, aber das kann ich dir leider nicht erzählen, Hinata, tut mir Leid.« Zu erläutern, wieso die beiden zusammen zu sehen so skandalös gewesen war, oblag nicht Sakura – dies war nicht ihre Entscheidung, sondern Inos.

Hinata sah aus, als hätte sie nur noch mehr Fragen, doch sie blieb leise und betrachtete Ino mit zurückhaltender Neugierde.

»Sakura hat vermutet, dass er die Bilder geschossen hat, für die sie gekündigt worden ist«, fügte Ino – sehr zu Sakuras Verwunderung - hinzu, die Hand, mit der sie den Löffel in ihrer Tasse ziellos herum geschoben hatte, hielt inne, ließ los, »und der Mann, mit dem er dort war, ist der Chef eines Verlags, der in Konkurrenz zur Times steht.«

»Oh.« Unter anderen Umständen hätte Sakura über diese sehr knappe und doch so unfassbar treffende Antwort gelacht, aber die Situation war zu angespannt und ernst. »Sakura hat recht, du solltest mit ihm reden, Ino«, stimmte Hinata zu, nachdem die drei einige Zeit lang schweigend ihren eigenen Gedanken nachgehangen hatten, »nur durch reden kann man Probleme lösen. Vielleicht das alles ja nur ein Missverständnis.« Das war eine sehr schöne, aber auch sehr naive Sicht auf die Welt und zwischenmenschliche Beziehungen, dennoch beneidete Sakura Hinata um ihre grundsätzlich positive Lebenseinstellung.

»Ein Missverständnis, ja ...« Ino presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, vermutlich, um den Rest ihrer Gedanken für sich zu behalten und Hinata besaß genug emotionale Intelligenz, um nicht weiter nachzufragen.

»Vorerst bleibt uns also nichts anderes übrig, als darauf zu hoffen, dass Sasuke etwas Licht auf diese Angelegenheit wirft, auch wenn ich stark bezweifle, dass das passieren wird«, fasste Sakura ihre recht ernüchternden Optionen zusammen. Irgendwie hatte sie gehofft, sich in dieser Begebenheit nicht auf Sasuke verlassen zu müssen, denn sie hatte nicht gelogen, als sie ihre Bedenken bezüglich seiner Kooperationsbereitschaft geäußert hatte.

»Ich wünschte, es würde nur einmal etwas nicht so unfassbar kompliziert sein«, seufzte Ino, »immer nur die dünnstmöglichen Strohhälme, an die wir uns klammern müssen.«

»Wem sagst du das? Ich habe langsam das Gefühl, dass jeden Tag mehr Fragen hinzukommen, als beantwortet werden können«, pflichtete Sakura ihr bei.

»Tut mir ehrlich Leid, dass ich euch nicht helfen konnte«, piepste Hinata kleinlaut, »aber ich bin wirklich froh, dass keinem von euch etwas passiert ist.«

Sakura und Ino winkten fast gleichzeitig ab, was beiden ein schmales Lächeln entlockte. »Schon in Ordnung. Wenn der Preis dafür, dass du nichts weißt, deine Sicherheit und Gesundheit ist, dann ist das einfach so und ich beklage mich kein bisschen«, wehrte Sakura ab, »ich werde schon noch heraus finden, was hier vor sich geht. Sonst wäre ich die schlechteste Journalistin der Welt.«

»Hört sich so an, als hättest du noch einen brillanten Plan, außer Sasuke zum Reden zu bewegen. Einen Plan, welchen du gewiss jetzt mit uns teilen wirst«, bemerkte Ino mit einem schiefen Grinsen. Sakura war erleichtert, wie sehr Ino wieder nach sich selbst aussah – zwar noch immer ein wenig bedrückt, aber immerhin schon wieder zu Scherzen und Schelm aufgelegt.

»Ich wollte morgen nach der Arbeit in die Bibliothek gehen und ein paar Nachforschungen anstellen. Aus das Archiv der Times habe ich ja keinen Zugriff mehr und das letzte Mal habe ich nur sehr zentriert nach Artikeln zu Sasuke gesucht. Dieses Mal wollte ich meine Suche etwas ausdehnen und wer weiß? Vielleicht finde ich ja etwas zu Karin und diesem gruseligen Typen, den sie begleitet hat.«

»Das hört sich so an, als hättest du morgen einen verdammt langen Tag vor dir«, scherzte Ino. Sie rieb sich das Gesicht und seufzte schwer, ehe sie weitersprach: »Nehmt es mir nicht übel, aber ich brauche eine Dusche. Die gestrige Nacht scheint immer noch auf meiner Haut zu kleben.«

»Dann werde ich jetzt wieder nachhause gehen. Nicht, dass Vater noch nach mir sucht...«, antwortete Hinata und bei der Erwähnung ihres Vaters schien sie etwas zu schrumpfen.

»Du wohnst noch bei deinen Eltern?« Sakura hätte damit gar nicht gerechnet, wenn sie bedachte, wie seltsam die Dynamik zwischen Hinata und ihm zu sein schien.

»Die Frauen in unserer Familie ziehen erst von zuhause aus, wenn sie heiraten«, erklärte sie beklommen und Sakura verzog das Gesicht. Sie hatte immer gedacht, sie hätte ein schweres Los damit gezogen, als Journalistin arbeiten zu wollen, aber offensichtlich gab es noch andere Frauen, die deutlich weniger Freiheiten genossen, als sie selbst. Freiheiten, die sie bislang nie als solche wahrgenommen hatte.

»Vielleicht sollten wir Naruto fragen, ob er dir die Ehre erweist?«

»Oho! Hört her! Das nenne ich mal eine hervorragende Idee«, stimmte Ino ihr zu und ihre Augen funkelten auf eine Art, die deutlich machte, dass sie Feuer und Flamme war, diese Idee tatsächlich in die Realität umzusetzen.

Hinata lief prompt knallrot an und drohte, von ihrem Stuhl herunter zu rutschen. »Bitte nicht, ihr zwei!«
 


 

Der 2. Januar brach an und Sasuke hatte vom neuen Jahr bereits genug. Noch immer goss es in Strömen, dicke Tropfen trommelten mit beachtlicher Intensität gegen die gläserne Front seines Lofts und übertönte das knirschende Geräusch seiner Kaffeemühle. Sein Nacken war verspannt, nachdem er die letzte Nacht auf seinem Sessel eingeschlafen war, die Notizbücher und Schriften aus Asumas Versteck auf dem Schoss. Heute Morgen hatte er sie vom Boden aufsammeln müssen und sein schmerzender Rücken hatte ihn daran erinnert, dass er derlei Umnachtungen künftig besser bleiben ließ.

Itachi hatte gestern nichts von sich hören lassen und er vermutete, dass er mit seinen Aufgaben genug um die Ohren hatte, weshalb er auf einen weiteren Anruf verzichtet hatte. Deshalb und weil, wenn seine Mutter am Hörer landen würde, er den ganzen Tag über zu nichts mehr kommen würde. Es tat ihm Leid, dass er ihr so aus dem Weg ging, vor allem nach den Ereignissen auf ihrer liebevoll geplanten Silvesterfeier, aber momentan hatte er keinen Kopf für Trivialitäten, wie ausgedehnte Gespräche mit ihr.

Seufzend nahm er einen Schluck von seinem Espresso, stellte mit geschürzten Lippen fest, dass er dem Äquivalent von Naruto nicht das Wasser reichen konnte und stellte die Tasse wieder auf der Küchenplatte ab.

Koffein ist Koffein, dachte er grimmig, rührte den restlichen Espresso aber dennoch nicht an, stattdessen ging er duschen. Das kalte Wasser weckte seine müden Lebensgeister ebenso effektiv, wie Kaffee, wenngleich es die deutlich unangenehmere Erfahrung war. Wie feine Nadelstiche prasselten das Wasser auf seine Haut ein, so stechend, dass er nach wenigen Minuten wieder aus der Dusche trat und sich mit einem Handtuch die Haare trocknete.

Natürlich hörte er genau in diesem Moment, wie ein Schlüssel in dem Schloss seiner Tür gedreht wurde und ein knapper Blick jenseits des Türrahmens genügte, um vier mehr oder weniger durchnässte Männer in seinem Flur stehen zu sehen.

»Schlechter Zeitpunkt, Brüderchen?« Es klang nicht wirklich nach einer Frage, mit seinem süffisanten Lächeln auf den Lippen und den Schalk in den Augen. Manchmal trieb sein Bruder ihn zur Weißglut.

»Kommt rein, ich bin sofort fertig. Und versucht wenigstens, nicht alles unter Wasser zu setzen.« Genervtes Gemurmel war die Antwort, Sasuke aber machte sich nicht die Mühe, mehr davon zu verstehen. In Windeseile trocknete er sich ab und zog sich an und als er in das Loft zurück trat, standen die vier um seine Kücheninsel, als planten sie einen Banküberfall. Itachi musste die gesammelten Materialien auf dem Beistelltisch seines Sessels gefunden und vor den anderen ausgebreitet haben.

»Ihr seid also schon darüber gestolpert, wie ich sehe.« Sasuke richtete die Ärmel seines Anzugs, den er aus irgendeinem Grund angezogen hatte. Vielleicht der Förmlichkeit halber, wenngleich keiner der Anwesenden besonders viel Wert auf diese legte.

»Der Einfachheit und Effektivität halber solltest du uns vermutlich ins Bild setzen, immerhin hast du die Unterlagen schon ein wenig länger und gewiss hast du dich bereits mit ihnen auseinandergesetzt«, schlug Shikamaru vor, der mit verschränkten Armen an die gegenüberliegende Küchenplatte lehnte. In einer Hand hielt er einen kleinen Block mit Stift umklammert, offenbar bereit, sich Notizen zu machen.

»Richtig ...« Manchmal vergaß Sasuke, dass Shikamaru, ähnlich wie Gaara, kein Mann großer Worte ist und lieber direkt auf den Punkt kam – eine Qualität die manchmal nervig, aber immer praktisch war. Mit möglichst knappen Worten fasste er den Inhalt der Aufzeichnungen zusammen. Während seiner Erläuterungen breitete er eine rudimentäre Karte Europas aus, welche er extra hierfür erworben hatte und markierte mit einem Bleistift mehrere Städte, in denen vermeintlich die Fäden seiner Gegenspieler zusammen liefen: London, Marseille und Napoli. Drei Städte in drei Ländern, doch nur zwei davon waren tatsächlich Teil der regulären Abläufe.

Shikamaru runzelte die Stirn, als er fertig war und der Notizblock in seiner Hand sah zerquetscht aus. »Das ist keine Kleinigkeit«, räumte er zögerlich ein und kratzte mit dem Bleistift an seinem Haaransatz, »tote Briefkästen, chiffrierte Nachrichten, anonymisierte Personen. Die Anhaltspunkte sind nicht gerade zahlreich.«

Sasuke schüttelte den Kopf, knirschte mit den Zähnen. »Ich weiß.«

»Du willst immer noch, dass ich nach Europa reise, nehme ich an?« Shikamaru wirkte wenig begeistert, doch er schien mit seinem Schicksal zumindest nicht zu hadern.

»Das ist richtig, ja.«

»Dann sollte ich wohl mit der Adresse in Napoli anfangen. Mit der italienischen Stadt haben unsere Handelsrouten normalerweise keinerlei Berührungspunkte.«

Sasuke nickte. »Das wäre auch mein Vorschlag gewesen. Das Problem ist, Napoli ist die Hochburg der italienischen Mafia. Und du sprichst kein Wort Italienisch. Keine besonders guten Voraussetzungen. Ich kann versuchen, dir einen Dolmetscher zu suchen, aber sonst sieht es dünn aus. In Frankreich und England haben wir genug Kontakte, die dir helfen könnten, aber Italien? Das ist Neuland.«

»Ich brauche keinen Dolmetscher. Wie lange dauert die Überfahrt? Zwei Wochen? Drei? Das reicht mir.« Shikamaru vergrub die Hände mitsamt des Blocks in den Taschen seiner Hose. »Abgesehen davon, dass das viel zu auffällig wäre.«

»Du willst in zwei oder drei Wochen Italienisch lernen?« Naruto hob eine Augenbraue.

Neji war weniger subtil; sein Gesicht war zu einer spöttischen Grimasse verzogen. »Du warst schon immer unser Streber, aber das übersteigt deine Kompetenzen, findest du nicht?«

»Über meine Kompetenzen solltest du nicht so viel nachdenken. Lieber darüber, was du deinen Kunden erzählst, wenn du deinen Laden bald dicht machen musst, weil es keinen Alkohol mehr gibt – ach warte, das Problem wird ja für dich gelöst, wie immer brauchst du nichts zu unserer Sache beizutragen«, schoss Shikamaru ungewohnt bissig zurück. Nejis immer noch leicht schiefe Nase zuckte verräterisch, wie die eines Spürhundes, der eine Fährte aufgenommen hatte und Sasuke sah ihm an, dass er am Liebsten schon wieder einen Streit, den er nicht gewinnen kann, vom Zaun brechen würde.

»Über ein dutzend Jahre arbeiten wir jetzt schon zusammen und noch immer benehmt ihr euch wie eine Horde Kleinkinder«, fuhr Sasuke dazwischen, ehe Neji zu einer Antwort ansetzen kann, »tatsächlich kannst du mir einen Gefallen tun, Neji. Wenn du Orochimaru das nächste mal bewirtest, kannst du ihm von mir mitteilen, dass ich um ein Treffen bitte.«

Itachi löste sich von der Küchentheke und machte einen Schritt auf Sasuke zu. »Hältst du das wirklich für eine kluge Idee?«

»Nein, aber mir sind die Hände gebunden. Er ist neben uns der Einzige in der Stadt mit Zugriff auf vernünftigen Alkohol. Shikamaru hat es das letzte Mal doch zugegeben: Noch eine ausbleibende Lieferung überleben unsere Vorräte nicht. Ich glaube nicht daran, dass dieses Mal alles glatt läuft, aber bis Shikamaru in Europa ist vergehen noch einmal weitere zwei bis drei Wochen. Bis er etwas heraus gefunden hat kann noch viel mehr Zeit vergehen, wir haben also keine andere Wahl.«

»Ich werde ihm deine Nachricht zukommen lassen, Sasuke.« Neji und er nickten sich einvernehmlich zu.

»Wenn du dich mit dieser Schlange triffst, werde ich dich begleiten, Sasuke.« In dem Moment begriff er, dass er ernsthafte Probleme hatte. Sein Bruder nannte ihn bei seinem Namen – dass musste seit Jahren das erste Mal sein.

Sasuke packte ihn an seinem Unterarm und zog ihn etwas von den anderen weg. »Hast du zuhause etwas heraus gefunden?«, fragte er ihn leise, als er sicher war, dass die anderen sie nicht mehr hören konnten.

»Rein gar nichts. Ich verstehe nicht einmal, für was dieses Theater überhaupt abgezogen wurde. Niemand ist verletzt worden.«

Sasuke runzelte die Stirn. »Niemand? Bist du dir sicher?«

»Absolut. Ich war den ganzen Abend beschäftigt damit, mit den Gästen zu reden, die nicht sofort fluchtartig das Gelände verlassen haben. Keiner hat etwas gesehen, weder denjenigen, der geschossen hat, noch jemanden, der getroffen worden ist«, versicherte Itachi ihm und obwohl er darüber im Grunde erleichtert sein sollte, wurde er das Gefühl nicht los, dass es von Anfang an gar nicht der Plan gewesen war, jemanden zu verletzen. Was das tatsächliche Ziel anging, tappte er aber in absoluter Dunkelheit.

»Wir stecken richtig tief in der Scheiße«, stellte er fest und fuhr sich so heftig durch die Haare, dass sie ihm danach völlig zerzaust ins Gesicht hingen.

»So tief, dass wir bald Schnorchel brauchen werden.«
 


 

Der 2. Januar brach an und Sakura hatte vom neuen Jahr bereits genug. Noch immer goss es in Strömen, auf den Straßen flossen größere und kleinere Sturzbäche über den Asphalt und jedes vorbei fahrende Auto war eine potentielle Gefahr, von oben bis unten durchnässt zu werden - auch mit Schirm.

Sakura hielt inne, als sie den ersten Fuß vor die Haustür setzte und ihren Schirm über ihrem Kopf aufspannte. Sofort prasselte der Regen auf den dünnen Stoff, in einer Lautstärke, dass er kurzzeitig sämtliche Gedanken übertönte. Einige Meter vom Haus entfernt stand ein Auto, schwarz wie die Nacht, aber in der Machart deutlich schlichter, als Sasukes Wagen. Die hinteren Scheiben waren getönt, sodass sie nicht erkennen konnte, ob jemand noch darin saß oder nicht. Das war so ziemlich alles, was sie zur Einordnung eines Autos sagen konnte.

Seltsam, dachte sie, diesen Wagen hatte sie noch nie hier gesehen. Kopfschüttelnd wandte sie sich von dem Anblick ab, wusste gar nicht, wieso sie einem beliebigen Auto so viel Aufmerksamkeit gewidmet hatte und machte sich auf den Weg, ihren ersten Arbeitstag zu bestreiten.

Zunächst war es irritierend, das Gleichgewicht nicht über knirschendem Schnee und Eis austarieren zu müssen und der Regen, der von den Pfützen, welche sich bereits auf dem Asphalt sammelten, auf Schuhe und Strumpfhose spritzen, wo das kühle Nass wie feine Nadelstiche auf der Haut prickelten, war trotz der Kälte eine willkommene Abwechslung. Er verkündete das langsam nahende Ende dieses harschen, eisigen Winters und Sakura konnte es kaum abwarten, den Frühling in New York einziehen zu sehen.

Von Mrs. Yamanaka wurde sie wie gewohnt mit einer Umarmung begrüßt und nachdem sie ihr ein kurzes Briefing zu ihren Aufgaben gegeben hatte, hatte sie Sakura in dem kleinen Räumchen sich selbst und den Unmengen an Papier überlassen.

Den gesamten ersten Arbeitstag war sie damit beschäftigt, sämtliche Unterlagen nach Daten und Kontext zu ordnen und anschließend in Aktenordner abzuheften, welche sie mit neuer Beschriftung in das kleine Regal räumte, welches sie nebenbei entrümpelte. Es war zähe, dröge Arbeit, die trotz der Verlockung, nebenbei die Gedanken schweifen zu lassen, permanente Konzentration forderte, um nicht erneut alles durcheinander zu bringen.

Irgendwann gegen Mittag schwirrte Sakura der Kopf und sie war dankbar für Mrs. Yamanakas Angebot, welches aus einem Kaffee und einer Lunchbox bestand, welche sie selbst wohl extra für Sakura vorbereitet hatte. Sie hatte darüber lachen müssen, dass Inos Mutter sie selbst nach all den Jahren noch gut genug kannte, um zu erahnen, dass sie sich selbst nichts von zuhause mitbringen würde. Sakura nahm sich dennoch fest vor, es nicht zur Gewohnheit werden zu lassen und sich selbst um ihre Verpflegung zu kümmern.

Danach ging die Arbeit wieder leichter von der Hand und als sie am frühen Nachmittag Mrs. Yamanaka in den Raum holte, um ihr ihre ersten Ergebnisse zu präsentieren, wäre diese fast in Tränen der Rührung ausgebrochen. Sakura war zufrieden mit sich selbst und ihrer Arbeit und als sie den kleinen Blumenladen verließ, um ihren geplanten Ausflug in die Bibliothek anzutreten, summte sie laut genug, als das der prasselnde Regen auf ihrem Schirm es zu übertönen vermochte. Der Weg zur öffentlichen Bibliothek aber war ihr zu weit, sodass sie sich mit einiger Mühe und Geduld ein Taxi zu sich winkte, um in dem stockenden Feierabendverkehr zumindest vor dem unwirtlichen Wetter sicher zu sein.

Die Bibliothek war dem Wetter gemäß brechend voll. Es dauerte eine ganze Weile, bis Sakura einen Platz für sich gefunden hatte, irgendwo in einer der hintersten Ecken, wo sie sich ausbreiten und ungestört recherchieren konnte. Während sie zwischen ihrem Platz und den Regalreihen mit alten Zeitungen hin und her pendelte, schaute sie sich immer wieder um, um sicher zu gehen, dass niemand, den sie kannte, hinter dem nächsten Regal hervor gesprungen kam. Es war riskant, ihre Nachforschungen an einem so öffentlichen Ort zu machen, doch ihren alten Job hatte sie nicht mehr, so konnte sie dementsprechend auch nicht mehr auf das Archiv der Times zugreifen und Zeitungen auszuleihen und mit nachhause zu nehmen, war leider verboten.

Sakura beschloss, dass sie vorerst genug Material hatte, als sie im Sitzen hinter den Zeitungsstapeln verschwinden konnte und begann damit, sich durch einzelne Artikel und zusammenhängende Reihen durch zu lesen.

Über Orochimaru fand sie einiges: Angefangen bei seinem Chefposten einer Firma, die mit Stahl und Kohle handelte und etlichen Auszeichnungen, die er für seine Arbeit erhalten hatte. Sakura erinnerte sich daran, dass die Uchihas vor dem Autogeschäft ebenfalls mit diesen Gütern Handel betrieben hatten, was ihn folglich zur Konkurrenz machen würde. Und laut Sasuke arbeitete Karin für „die Konkurrenz“. Ino hatte also recht behalten sollen, nun aber musste sie erst etwas finden, was diese Vermutung zu einer Tatsache untermauern konnte. Etwas über Karin zu recherchieren, stellte sich allerdings nicht nur als schwer, sondern als unmöglich heraus, dies musste sie recht schnell feststellen. Es bedeutete entweder, dass sie mit dem, was sie für Orochimaru war und tat, nicht relevant genug war oder das genaue Gegenteil und – ähnlich wie Sasuke – eine journalistische Immunität genoss, die besorgniserregend war.

Es gab keine einzige Randnotiz, keine Bilder, nichts.

Je mehr Zeitungen sie durchforstete, desto mehr wunderte es Sakura, dass sie bisher noch nie etwas von diesem Mann gehört hatte, obgleich er seine Hände bei allem im Spiel zu haben schien. Durch seinen Posten hatte er nachweislich exzellente Beziehungen ins Ausland, insbesondere nach Europa und auf zahllosen Bildern sah man sein fahles Gesicht, welches in Schwarz und Weiß noch unheimlicher aussah, geheimnisvoll lächelnd neben anderen namenhaften Persönlichkeiten, von der eigenen Branche hin bis ganz nach oben in die Politik.

In einigen ganz alten Zeitschriften, deren Ränder sich trotz der säuberlichen, akribischen Lagerung bereits gelb färbten und nach innen wellten, fand sie Verknüpfungen zwischen Orochimaru und den Uchihas, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht in die Automobilbranche gewechselt waren. Unstimmigkeiten zwischen den beiden Marktführern, vermeintliche Sabotageaktionen und sogar eine öffentliche Schlammschlacht wegen einem herunter gebrannten Industriegelände, bei welchem der Vorwurf der Brandstiftung im Raum gehangen hatte, der aber nie aufgeklärt worden war. Zu dem Zeitpunkt dieser Geschehnisse mussten Sasuke und Itachi noch kleine Kinder gewesen sein und Sakura versuchte, sich vorzustellen, wie es wohl sein musste, inmitten all dieser öffentlichen Debatten aufzuwachsen.

Das Letzte, was zu wissen Sakura förmlich auf der Seele brannte, waren Details über Sasukes Vater. In all den Artikeln hatte sie nur ein oder zwei Bilder von ihm gesehen; ein Mann, der Autorität selbst als für immer reglose Bildaufnahme ausstrahlte, mit Augen, die sich durch das Papier hindurch direkt in ihre Seele zu bohren schienen. Streng sah er aus und stolz, immer gerade, den Blick ohne Scham direkt auf die Kamera gerichtet, welche ihn abzulichten im Begriff war. Zunächst fand sie nur Artikel über den Karrierewechsel von Stahl und Kohle hinzu zu Automobilen, welche in den ersten Jahren noch Prototypen waren – eine riskante Entscheidung, eine Spekulation auf einen Erfolg, welcher damals noch nicht abzusehen war. Für alle, scheinbar, außer für ihn. Denn sein Spielzug entpuppte sich als der Schritt, welcher ihn von einem erfolgreichen Zwischenhändler zum alleinigen Marktführer für ein noch neues Territorium katapultiert hatte.

Sakura betrachtete das Bild von Fugako Uchiha eingehend und je länger sie ihn musterte, auf kleine Details achtend, desto bestechender wurden die Ähnlichkeiten zwischen ihm und Sasuke. Er musste sein großes Vorbild gewesen sein, zweifelsfrei. Sie erkannte es in seiner Haltung, in seinen Augen und in seiner gepflegten Artikulation, welche er gewiss von Fugako adaptiert hatte. Ein trauriges Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie die Zeitung wieder zusammenfaltete und sich dem letzten Artikel widmete, welchen sie noch lesen wollte, bevor die Bibliothek schloss. Ein Blick auf das Fenster hinter ihr verriet ihr, dass es bereits dunkel geworden war und gewiss würde bald ein Bibliothekar erscheinen, um sie naserümpfend nach draußen zu begleiten.

Sakura kam sich falsch vor, als würde sie die Nase in Dinge stecken, die sie nichts angingen und sie versuchte, diese Empfindung zu legitimieren, indem sie sich einredete, dass all diese Informationen öffentlich und frei verfügbar waren für jeden – sie eingeschlossen. Der Artikel handelte über Fugakos frühzeitiges Versterben, denn als er gestorben war, war er gerade erst Anfang fünfzig gewesen. Irritiert stellte sie fest, dass die Todesursache offensichtlich geheim war, denn im ganzen Artikel, welcher ganze fünf Seiten umfasste, war sie mit keiner Silbe erwähnt. Am Ende war es das Datum, an welchem Sakura festhing und welches ihr sauer aufstieß, auch wenn sie den Grund dafür nicht benennen konnte.

Irgendwann musste Sakura herzhaft gähnen und sich eingestehen, dass sie zumindest heute nicht viel weiter kommen würde. Nachdem sie sich ausgiebig gestreckt hatte, räumte sie sorgfältig sämtliche Zeitschriften wieder in die Regale ein, aus welchen sie diese gezogen hatte und schulterte anschließend ihre Tasche, um endlich den Nachhauseweg anzutreten. Der Tag war viel zu lange gewesen, sodass sie gar nicht registrierte, dass sie fast in einen Mann hinein lief, der ebenfalls im Begriff war, die Bibliothek zu verlassen.

»Entschuldigen Sie mich«, nuschelte sie und als sie hoch sah, um ihm dabei in die Augen zu sehen, stellte sie fest, dass er seine Kapuzenjacke so tief ins Gesicht gezogen hatte, dass sie nichts erkennen konnte, nur einen schmallippigen Mund, der sich unter den Schatten, die die obere Hälfte seines Antlitzes verbargen, zu einem Lächeln kräuselte, welches sie erschaudern lies.

»Nichts passiert.« Er vergrub seine Hände in den Hosentaschen, nachdem er ihr mit einer Geste bedeutet hatte, vor zu treten. Seine Stimme war tief, fast noch tiefer als die von Sasuke, doch sie war bar jeglicher Form von Emotion und Sakura beschloss, dass sie möglichst schnell möglichst viel Abstand zwischen ihn und sich bringen wollte.

Am Abend war es leichter, ein Taxi zu finden und Sakura war froh, als sie endlich vor ihrer Haustür ausstieg. Der Regen war zu einem sanften Nieseln verklungen, sodass Sakura darauf verzichtete, den Schirm für die letzten Meter zu öffnen. Gerade als sie den Schlüssel im Schloss drehte, hörte sie hinter sich die auf der nassen Straße quietschenden Reifen eines Auto und tatsächlich: Als sie vorsichtig über die Schulter schielte, sah sie denselben schwarzen Wagen am Straßenrand parken, welcher am Morgen schon dort gestanden hatte. Die Standlichter verlöschten, doch aus dem Auto stieg niemand aus.

Zitternd holte Sakura Luft, überlegte einen Moment lang, ob sie herüber laufen und den Fahrer konfrontieren sollte, doch sie hatte schon so viele Horrorgeschichten von Überfällen bei Nacht gelesen, dass sie sich diese Idee schnell aus dem Kopf schlug und stattdessen so schnell wie möglich die Tür hinter sich schloss. Die Treppen hoch zu ihrer Wohnung nahm Sakura immer zwei auf einmal und erst als sie endlich auch die Wohnungstür hinter sich ins Schloss fallen hörte, atmete sie erleichtert auf.

»Ino?«, schnaufte sie erschöpft und als der Kopf ihrer besten Freundin aus deren Zimmer heraus ragte, hätte sie fast zu lachen begonnen.

Ino runzelte die Stirn, zweifelsfrei über ihr seltsames Gebaren verwundert. »Alles in Ordnung, Sakura?«

»Heute morgen stand unten ein schwarzer Wagen. Einen, den ich hier noch nie zuvor gesehen habe«, erzählte sie anstelle einer Antwort auf Inos Frage, »und gerade, als ich aus dem Taxi gestiegen bin, welches ich von der Bibliothek hierher genommen habe, hat exakt der gleiche Wagen keine zehn Sekunden später hinter mir geparkt.«

»Das ist nicht gut, Sakura«, sprach Ino das aus, was sie selbst sich schon gedacht hatte. Sie sah besorgt aus, als sie an Sakura heran trat, um ihr aus dem Mantel zu helfen. »Hast du gesehen, wer das Auto gefahren hat?«

Sakura schüttelte den Kopf. »Nein. Und ich habe mich nicht getraut, hin zulaufen und nachzusehen.«

»Besser so. Es ist nachts schon gefährlich genug auf den Straßen, da musst du dein Schicksal nicht auch noch heraus fordern.«

»Ich weiß.«

»Na dann schieß mal los, Streberlein, was hast du in der Bibliothek heraus gefunden? Ich kann dir an der Nasenspitze ansehen, dass du ordentlich Dreck ausgebuddelt hast!« Sakura verzog bei dem Spitznamen ihr Gesicht, murrte etwas Unverständliches, nahm aber dennoch am Küchentisch Platz und erzählte nach einem Räuspern alles, was sie hatte zusammen tragen können.

Ino stemmte den Ellbogen auf den Tisch, das Kinn sorgsam auf ihrer Hand abgelegt. Ihr Blick schweifte an Sakuras Schulter vorbei in Richtung Herd, doch ihre Pupillen waren derart verengt, dass ihr Blick etwas viel weiter Entferntes fixierte. »Über Karin hast du wirklich gar nichts heraus gefunden?«, fragte sie, als sie mit ihren Überlegungen fertig zu sein schien, »Aber dafür umso mehr über ihre Abendbegleitung bei der Silvesterfeier.« Sie runzelte die Stirn, scheinbar bemüht darum, sich einen Reim aus diesen Informationen zu machen, doch der ergebene Seufzer, welcher über ihre geschwungenen Lippen rollte, zeugte von der gleichen ideenlosen Ratlosigkeit, die auch Sakura überkommen hatte.

»Nichts. Absolut gar nichts. Es ist, als würde sie nicht existieren. Als wäre sie Niemand. Aber dann wäre sie nicht dort gewesen, niemals. Das war keine Feier für bedeutungslose Niemande«, schlussfolgerte Sakura.

»Abgesehen von uns, meinst du wohl?«

Sakura lief rot an. Es störte sie, dass Ino so über sich selbst und sie dachte, auch wenn sie mit dem Einwand natürlich recht hatte. Sie waren selbst eine Ausnahme, die die Regel bestätigte, Karin könnte also ebenso gut eine Ausnahme sein, auch wenn ihr Gefühl ihr etwas anderes sagte.

»Abgesehen von uns, ja.«

»Nimm's nicht persönlich, Süße, ich lege nur die Fakten dar.«

»Da ist noch etwas anderes, was mich nicht loslässt, aber egal, was ich mache, ich komme einfach nicht darauf«, wechselte Sakura das unangenehme Thema und erzählte Ino von dem nagenden Gefühl, welches sie verspürte, seit sie das Todesdatum von Sasukes Vater erfahren hatte.

»Hm«, gab Ino unbestimmt von sich, während sie mit den Fingern auf der Tischplatte einen unsteten Rhythmus trommelte, »mir sagt das Datum nichts. Also, gar nichts. Fünf Jahre ist es her, hm? Damals warst du frisch an der Uni, oder nicht?«

»Frisch an der Uni …«

Es war unwirklich, wie lange diese unbeschwerte Zeit nun schon her war. Klar, auch an der Universität hatte sie viele gehässigen Kommentare und Spötteleien erdulden müssen, von ihren ungewöhnlichen Haaren, bis hin zu ihrer ungewöhnlichen Arbeits- und Lernethik, aber dennoch hatte sie die meiste Zeit Spaß gehabt und das trotz des zum größten Teil unmenschlichen Pensums. Sakura versuchte, sich daran zu erinnern, ob sie zu jener Zeit etwas in der Zeitung gelesen hatte, immerhin waren die Recherchen bezüglich der Tagesblätter Teil ihres Studiums gewesen, doch an diesen Artikel konnte sie sich nicht erinnern. Eigentlich seltsam, denn Sakura hatte zumeist ein hervorragendes Gedächtnis und wenn sie einmal etwas gelesen hatte, erinnerte sie sich zumindest daran, wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal über selbiges Thema stolperte.

»Ich werde das Gefühl nicht los«, fing sie an, hielt dann aber kurz inne, um ihre nächsten Worte sorgsam auszuwählen; das kontinuierliche Trippeln von Inos Fingerkuppen auf dem Tisch half ihr dabei nur wenig, »dass hier etwas faul ist. Ich habe gerade versucht, mich an etwas zu erinnern, irgendetwas, immerhin mussten ich zu dieser Zeit quasi auf den Tageszeitungen schlafen, aber nichts – gar nichts. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich solche Schlagzeilen nicht komplett vergessen hätte.«

»Aber die Zeitschrift existiert doch, sonst hättest du sie in der Bibliothek kaum lesen können, Sakura«, gab Ino zu bedenken.

»Aber nur ein einziges Exemplar. Es ist gedruckt worden, ja, aber das bedeutet nicht, dass es in Umlauf gebracht worden ist. Erinnere dich an die Bilder, die Kakashi mir wie einen Fehdehandschuh hingeworfen hat. Und auch davon ist nie eines bei den Ständen an der Straße angekommen.«

»Du meinst also, dieser Artikel ist verfasst worden und sogar gedruckt worden, aber jemand hat in der letzten Sekunde einen Riegel vorgeschoben?«, fasste Ino zusammen und ihre Stirn zog sich in tiefe Falten, die Augenbrauen fast eine Einheit, »aber wieso macht man sich dann die Mühe, eine solche Zeitschrift in die Bibliothek zu bringen, um sie dort zu archivieren?«

»Das macht nicht wirklich Sinn, nicht wahr?« Sakura rieb sich das Kinn, beobachtete das schwache Flackern der Lampe über ihrem Herd. Sie brauchten dringend eine neue Glühbirne dafür.

»Nun, seit Sasukes Aufstieg innerhalb seiner Familie wird allgemein wenig über die Uchihas in der Presse gedruckt. Und die Bilder von euch beiden und die Abwesenheit jedweder Berichte über die Silvesterfeier sind die lebenden Beweise dafür, dass tatsächlich Sachen unter den Tisch fallen. Dass der Artikel nie veröffentlicht wurde ist also nicht sonderlich abwegig, nein, aber dass er in der öffentlichen Bibliothek archiviert worden ist? Das halte ich doch für weit hergeholt.«

Sakura ließ Inos Erläuterung auf sich wirken, ging die vermeintlichen Abläufe wieder und wieder in ihrem Kopf durch. »Das wäre etwas, was ich getan hätte«, entschlüpfte es ihr schließlich, »naja, im Grunde mache ich das Gleiche genau jetzt. Nur, dass ich nicht gerade die Bibliothek nutze, um meine Informationen einzulagern«, fügte sie hinzu, nachdem Ino sie fragend musterte.

»Du meinst also, dass der Autor dieses Artikels selbst dafür verantwortlich ist, dass selbiger nun in den Regalen der New York Public Library verstaubt?« Ino schnaubte ungläubig und schüttelte den Kopf, als müsste sie eine besonders lästige Fliege verscheuchen.

»Ja«, antwortete Sakura, die Arme angesichts Inos Reaktion trotzig vor der Brust verschränkt und jetzt lachte Ino offen heraus.

»Das ist absurd, Sakura! Vollkommen absurd!«

»Wo versteckst du einen Baum, Ino?«, konterte Sakura prompt, »Im Wald, Ino, du versteckst einen Baum im Wald! Überleg' doch mal! Bestimmt ist vor fünf Jahren etwas Ähnliches passiert, wie bei mir mit den Bildern: Jemand hat versucht, zu recherchieren, wurde mundtot gemacht und wahrscheinlich auch heraus geschmissen. Der Artikel würde nie auf den Zeitungsständern in der Stadt landen, sondern vernichtet werden. Was machst du als Autor, der mutmaßlich gerade seinen Job verloren hat, nachdem du all die Zeit und Arbeit in eine solch aufwendige Recherche investiert hast?«

Ino setzte sich aufrechter hin, ihr Gesichtsausdruck plötzlich vollkommen ernst. Es war, als hätte etwas in ihr „Klick“ gemacht – ein Puzzleteil, welches bis gerade eben gefehlt hatte, hatte sich an seine angedachte Stelle eingefügt. »Sakura, wer hat diesen Artikel geschrieben?«

Überrascht von dieser Frage machten Sakuras Gedanken eine Vollbremsung. Ja, wer hatte diesen Artikel geschrieben? Sie war so sehr auf die Informationen versessen gewesen, dass sie gar nicht daran gedacht hatte, am Ende das Autorenkommentar durchzulesen. Bei keinem der Artikel.

Ino stöhnte, ließ sich gegen die Lehne ihres Stuhls fallen und rieb sich das Gesicht. »Du hast nicht nachgesehen, nicht wahr?«

»Nein ...«, gestand sie kleinlaut. Verflucht, was für ein Anfängerfehler!

»Du musst morgen noch einmal zur Bibliothek und den Namen heraus suchen! Du könntest mit ihm sprechen und vielleicht mehr heraus finden!«

»Außer ...« Sakura hielt inne, geschockt und ihre Beine fingen das Kribbeln an. Sie konnte mit erstaunlicher Intensität das Rauschen ihres Blutes in den Ohren hören.

»Außer … ?«

»Außer der Verfasser ist Kakashis Vater. Er hat sich umgebracht. Vor fünf Jahren ...« Inos Augen weiteten sich, als sie begriff, worauf Sakura hinaus wollte; wieso Sakura das Gefühl hatte, vor den blendenden Lichtern eines LKWs zu stehen, welcher mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf sie zu raste.

»Zu dem gleichen Zeitpunkt, als auch Sasukes Vater gestorben ist!«, schloss sie flüsternd und ihre Gesichtszüge entgleisten, als Sakura knapp nickte, »Deswegen bist du über das Datum gestolpert, Sakura«, sprach Ino das Offensichtliche aus und erneut nickte sie knapp. Das Gefühl, etwas zu übersehen, hartnäckig und mindestens ebenso quälend wie der Juckreiz einer frischen Wunde, war verebbt, weswegen sie sich sicher war, dass sie auf der richtigen Spur waren. Sakura sprang vom Tisch auf, hastete durch den Flur zu ihrem Arbeitszimmer, wobei sie fast über ihre eigenen Füße gestolpert wäre und drehte den Schlüssel mit zitternden Fingern im Schloss. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, Licht anzumachen, sondern riss zielsicher eines der Notizblätter von der Leinwand, die vergessen gegen die einzig freie Wand des Zimmers lehnte.

»Und?«, kam es gehetzt von Ino, welche ihr auf dem Fuße gefolgt war und sich nun halb den Hals verrenkte, um über Sakuras Schulter hinweg etwas erkennen zu können. Das dämmrige Licht des Flurs genügte, um die säuberlich aufgeschriebenen Informationen entziffern zu können und Sakuras Herz rutschte ihr in die Hose, als sie mit dem Finger das Datum nach fuhr, an welchem Kakashis Vater verstorben war.

»Zwei Tage vor dem Tod von Sasukes Vater«, krächzte sie, der Hals plötzlich wie ausgetrocknet.

Ino atmete tief ein, schluckte hörbar. »Das heißt also zusammengefasst, dass wir einen niemals veröffentlichten, aber archivierten Artikel über Sasukes Vater haben, der zwei Tage nach dem Selbstmord von Kakashis Vater unter mysteriösen Umständen gestorben ist.«

»Du hattest recht, Ino. Ich muss morgen noch einmal in die Bibliothek. Und hoffen, dass derjenige, der den Artikel verfasst hat, noch Fragen beantworten kann.« Sie heftete das Blatt zurück an die Leinwand und verschloss das Zimmer sorgsam wieder. Den Schlüssel nahm sie dieses Mal aus dem Schloss und ließ ihn unter dem Teppich in ihrem Zimmer verschwinden – sicher war sicher.

»In was bist du da nur herein geraten?« Ino wirkte ehrlich schockiert, etwas, von dem Sakura gehofft hatte, sie müsste es so schnell nicht wieder sehen nach den Ereignissen des Silvesterabends.

»Ich weiß es nicht, Ino. Aber irgendetwas geht hier vor sich. Etwas, was mir ganz und gar nicht gefällt.« Sakura verzog das Gesicht. Ein altbekannter Schmerz breitete sich hinter ihren Schläfen aus und obgleich der Tag lang und anstrengend gewesen war, war sie hellwach.

Wie Wachs in seinen Händen

Am nächsten Morgen war Sakura von einer ruhelosen Energie erfüllt, die sie die ganze Arbeit über begleitete. Immer wieder erwischte sie sich dabei, wie sie gedanklich von ihren Aufgaben abschweifte um am Ende ihrer Schicht konnte sie Mrs. Yamanakas herzliches Dankeschön kaum annehmen. Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass sie nicht aus Versehen Fehler gemacht hatte, die sie wann anders wieder ausbügeln musste.

Noch immer regnete es, doch an diesem Nachmittag beschloss sie dennoch, zu Fuß zur Bibliothek zu gehen. Die Straßen waren so voll, dass sie so vermutlich sogar schneller dort sein würde, als mit einem Taxi. Der harsche, doch nicht mehr ganz so eisige Wind riss an ihrer Kleidung und an ihrem Schirm und Sakura hoffte, dass der Himmel bald aufklaren würde.

Die Empfangsdame war die selbe, wie gestern und nachdem sie Sakura für eine Sekunde überrascht musterte, nickte sie ihr zu, die Andeutung eines Lächelns auf ihren Lippen.

Die innere Unruhe wuchs zu einem beständigen Summen an, welches sie zur Eile antrieb und Sakura hatte große Mühe damit, nicht zu rennen. Die Zeitungsartikel waren auf der zweiten Etage, in einer weit entfernten Ecke, als hätte man nur gezwungenermaßen überhaupt Platz für sie eingeräumt. Das hatte den Vorteil, dass nur wenige sich dorthin verirrten und sie unbeobachtet und ungestört auf die Suche gehen konnte.

Sie schlenderte an allen Stellen vorbei, an welche sie sich mit absoluter Sicherheit erinnerte, zog Zeitung um Zeitung aus den Regalen, suchte nach den Daten und nach Überschriften und mit wachsender Frustration stellte sie fest, dass sie wohl doch vergessen haben musste, wohin genau sie die Zeitung zurück geräumt hatte. Wie eine Mänade lief sie über eine Stunde lang zwischen zwei Regalen hin und her, immer gehetzter, verzweifelter.

»Das muss ein Scherz sein. Und ein verdammt schlechter noch dazu.« Sakura fiel vor den Regalen auf den Boden, vollkommen unberührt davon, dass jemand sie in dieser erbärmlichen Position vorfinden könnte. Mit akribischer Genauigkeit hatte sie alles abgesucht, überzeugt davon, im richtigen Gang zu sein und nichts gefunden. Als hätte er sich in Luft aufgelöst.

Wenn ihre Situation nicht so absurd wäre, hätte sie hysterisch gelacht. Den Tränen nahe, raufte sie sich die Haare und am liebsten hätte sie laut geflucht, doch das Letzte, was sie in diesem Moment brauchte, war die Aufmerksamkeit anderer Menschen. Sie hätte aufstehen, zum Ausleihtresen gehen und die Dame dahinter nach dem Artikel fragen können und ob ihn jemand ausgeliehen hatte, doch Sakura wollte so wenige Spuren wie möglich hinterlassen. Es war zum verrückt werden. Wann immer sie das Gefühl hatte, einen Schritt in die richtige Richtung zu gehen, warf irgendetwas sie um zwei zurück.

Einige Minuten lang verharrte sie so auf dem kalten Steinboden, ehe ein Räuspern sie aufschrecken ließ. Eine Mitarbeiterin hatte sie entdeckt. Mit ihren Händen schob sie einen Rollwagen vor sich her, beladen mit Büchern, die andere aus den Regalen gezogen und im Anschluss herum hatten liegen lassen.

Sie musterte Sakura eindringlich, doch sie konnte keinen Tadel oder Ärger auf ihren weichen Gesichtszügen erkennen. »Sie sollten vom Boden aufstehen, wenn Sie keine Blasenentzündung möchten.« Sie sprach mit so viel nüchternem Pragmatismus, dass Sakura überzeugt davon, dass sie Erfahrung mit dem Thema hatte.

»Entschuldigen Sie mich.« Sakura verbeugte sich höflich, nachdem sie sich etwas undamenhaft erhoben und sich den Staub von ihrem Rock geklopft hatte. Die Bibliothekarin nickte ihr knapp zu, ehe sie den Rollwagen quietschend weiter schob. Noch lange, nachdem sie verschwunden war, konnte Sakura das unverkennbare Geräusch der altersschwachen Räder hören.

Seufzend griff sie nach dem Gurt ihrer Tasche, hob diese vom Boden auf und schulterte sie, ehe sie den archivierten Artikeln einen letzten, langen Blick schenkte und anschließend wieder aus der Bibliothek verschwand. Es hatte keinen Sinn, den ganzen Abend hier zu sitzen, hungrig und müde und etwas zu suchen, was offensichtlich nicht mehr dort war.
 

Sakuras Stimmung, ohnehin schon nicht gerade auf Höhenflug, sank endgültig in den Keller, als sie den selben schwarzen Wagen vor der Haustüre sah, wie gestern und obwohl sie eine gewisse Lust verspürte, die Person darin zu konfrontieren und ihre schlechte Laune an ihm auszulassen, besann sie sich eines Besseren und verschwand ins Haus.

Ino begrüßte sie stürmisch und als sie Sakuras missmutigen Blick auffing, verrutschte ihr Lächeln ein wenig. »Was ist denn los?«, fragte sie Sakura, die sich unwirsch den Mantel von den Schultern streifte und an der Garderobe aufhing.

»Der Artikel … er ist weg«, gab sie knapp zurück und schürzte die Lippen.

»Wie, er ist weg? Du warst gestern erst dort!«

Sakura schnaubte. »Und das Auto steht immer noch unten.«

»Das Gleiche wie gestern, bist du dir sicher?« Ino sah besorgt aus. Sie öffnete das Küchenfenster und lehnte sich so weit heraus, wie sie sich traute, um nach unten zu blicken. Vom zwölften Stock aus sah sie gewiss nicht viel, dennoch verweilte sie so einige Momente lang.

»Ziemlich sicher, ja.« Sakura ließ sich auf einen Stuhl fallen und rieb sich das Gesicht. Ihr Kopf explodierte von all den Gedanken, die kreuz und quer alle gleichzeitig nach ihrer Aufmerksamkeit forderten.

»Das kann nur zwei Dinge bedeuten: Entweder, du hast einen äußerst enthusiastischen Fan oder du wirst beobachtet«, stellte Ino fest, nachdem sie das Küchenfenster wieder verschlossen und sich Sakura gegenüber hingesetzt hatte.

»Die Frage ist nur: Von wem?« Sakura entzündete sich eine Zigarette, spürte, wie ihre Anspannung sich mit dem ersten Zug gerade so weit löste, dass sie sich ein wenig auf dem Stuhl entspannen konnte.

Ino faltete die Hände über dem Tisch, knetete ihre Finger. »Du musst vorsichtig sein, Sakura. Wenn du wirklich beobachtet wirst, kannst du nicht mehr so oft in die Bibliothek gehen und recherchieren. Was ist, wenn der Kerl von Sasuke geschickt worden ist?«

Sakura zuckte mit den Schultern, betrachtete das glimmende Ende ihrer Zigarette und die dünnen Rauchfäden, die sich in die Luft schlängelten. »Er ist nicht von Sasuke, er vertraut mir, da bin ich mir sicher. Vielleicht ist es der gleiche Typ, der die Bilder von uns geschossen hat.«

»Wer sagt denn, dass du aus Verdacht beobachtet wirst?« Sakura hob eine Augenbraue und bat stumm darum, dass Ino sie aufklären möge. »Sasuke könnte dich beobachten lassen, aus Angst davor, dass dir etwas passiert. Denk' doch nur mal an Silvester.«

»Mhm.« Sakura spielte mit dem Gedanken, erlaubte ihm, sich weiter zu spinnen, wie der Faden einer Spinne, die langsam, aber stetig ihr Netz webte. Fragte sich nur, ob Sakura die Spinne war oder aber die arme, ahnungslose Fliege, welche sich darin zu verheddern drohte. »Du hast recht, ich muss vorsichtiger sein. Das bedeutet aber auch, dass ich mich in einer Sackgasse befinde.«

»Meinst du, der Artikel ist entfernt worden, von der selben Person, die dich auch beobachtet? Die Person wäre immerhin die Einzige, die mit relativer Sicherheit wüsste, dass du ihn gefunden hast«, gab Ino zu bedenken. Darüber hatte Sakura noch gar nicht nachgedacht, doch jetzt, wo Ino es aussprach, klang es unfassbar logisch.

»Ich kann mich nicht daran erinnern, gestern zu irgendeinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt zu haben, beobachtet zu werden, aber auf der anderen Hand war ich auch ziemlich in meine Recherche vertieft. Es könnte so sein, ja.« Sie drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, beobachtete die Glut dabei, wie sie verlöschte. »Vielleicht sollte ich dem Kerl im Wagen doch „Hallo“ sagen.«

Ino runzelte die Stirn, es war überdeutlich, dass sie von dieser Idee nur wenig begeistert war. »In Ordnung«, sagte sie dennoch, »aber ich werde dich begleiten.« Sie sagte es mit so viel Nachdruck, der keine Widerrede duldete, dass Sakura seufzend nachgab.

»Einverstanden.«

Stumm zogen warfen sich die beiden ihre Mäntel über und gingen zusammen das Treppenhaus zum Eingang hinunter. Mit jeder Stufe wuchs die angespannte Nervosität in der Luft zwischen ihnen und bevor sie zusammen nach draußen traten, griff Ino für einen flüchtigen Augenblick nach Sakuras Hand, um diese zu drücken. Sakura nickte ihr mit grimmiger Entschlossenheit zu und die Zweifel in Inos Augen wichen einer Neugierde, die sich nur kaum verbergen ließ. Sie wollte genauso sehr wissen, was hier los war, wie sie selbst.

Sakura atmete tief ein, als sie auf die Straße ging und vor der Fahrertür Halt machte, um mit fester Hand dreimal gegen das Fenster zu klopfen. Der Mann dahinter hatte flammend rotes Haar und der Blick, mit welchem er sie betrachtete, könnte kaum gelangweilter sein. Er ließ sich Zeit damit, das Fenster gerade so weit herunter zu kurbeln, dass er sie verstehen konnte, wenn sie etwas sagte, was Sakuras Wut schürte.

»Einen Tag hat es gedauert. Damit habe ich nicht gerechnet.« Seine Stimme war tonlos, fast beiläufig und seine Lippen kräuselten sich zu einem regelrecht bösen Lächeln. Der Typ war ihr unheimlich und jede Faser ihres Seins schrie sie an, Abstand zu ihm zu nehmen. Das selbe Gefühl hatte sie schon einmal – gestern, in der Bibliothek, als sie in einen fremden Mann gerannt war. War er dieser Mann gewesen?

»Ist das etwa ein Spiel für Sie?«, fauchte Sakura wütend, jede Vernunft beiseite stoßend. Am Liebsten hätte sie diesem Mann sein dämliches Grinsen aus dem Gesicht gewischt, aber Inos sanfter Griff um ihren Arm hielt sie an Ort und Stelle und ließ sie ihren Ärger herunter schlucken. »Was machen Sie hier und was wollen Sie von uns?«, verlangte Sakura zu wissen. Sie legte so viel Autorität in ihre Stimme, wie sie vermochte und dennoch lachte der Kerl nur.

»Wir leben in einem freien Land. Ich darf parken, wo ich will.« Sakura biss sich auf die Lippen und wandte sich Ino zu, flehte sie stumm an, ihr zu helfen, weil sie langsam aber sicher die Contenance verlor.

»Hören Sie, wir wollen keinen Streit« - Sakura schnaubte laut, wofür Ino sie warnend in den Arm knuffte - »aber Sie müssen verstehen, dass wir uns Sorgen machen, wenn fremde Männer den ganzen Tag vor der Tür stehen und auf irgendetwas zu warten scheinen.« Ein wirklich diplomatischer Ansatz und Sakura bewunderte Ino für ihre Gefasstheit, denn wenn es nach ihr ginge, hätten sie schon nach seiner ersten spöttischen Bemerkung aufgehört, zu reden.

»Wer sagt überhaupt, dass ich Ihretwegen hier bin?« Ohne auf eine Antwort zu warten, wandte er sich von ihnen ab, kurbelte das Fenster wieder nach oben und machte ihnen deutlich, dass das Thema damit für ihn erledigt war. Sakura fehlten angesichts seiner mühelosen Unhöflichkeit die Worte und auch Ino wirkte überrumpelt, doch sie gewann ihre Fassung schneller zurück, als sie selbst und zog sie sanft von dem Auto zurück zum Haus.

»Der ist definitiv für dich hier«, stellte sie leise fest, als fürchtete sie, der unflätige Kerl könnte sie hören, obwohl das ausgeschlossen war.

»Ich werde Sasuke einfach bitten, jemanden vorbei zu schicken, um ihn zu verscheuchen und je nachdem, wie er reagiert, werden wir schon eine Antwort auf unsere Frage haben, wer zur Hölle das ist und was er hier macht«, grummelte Sakura. »Entweder der Kerl verschwindet, was bedeutet, dass er wirklich auf Sasukes Geheiß hier herum lungert oder aber es kommt jemand vorbei und findet die passenden Worte, um ihn zum Verschwinden zu bringen. Meinetwegen verscheucht er ihn auch nonverbal.«

»Sakura!« Ino bedachte sie mit einem mahnenden Blick.

»Was denn? Der Kerl verfolgt mich! Ich verstehe da keinen Spaß!«, wehrte sie sich mit erhobenen Händen.

»Das verstehe ich auch, aber trotzdem. Bist du dir sicher, dass es eine kluge Idee ist, Sasuke darauf anzusprechen? Was, wenn er dich wirklich beobachtet? Was, wenn er dich auch in der Bibliothek gesehen hat und was, wenn er es war, der den Artikel entfernt hat?«, gab Ino zu Bedenken und auch, wenn es sich logisch anhörte, sagte ihr ihr Gefühl, dass dem nicht so war.

»Er verfolgt mich, ja, aber ich glaube nicht, dass er derjenige war, der den Artikel genommen hat. Er ist kein Journalist, das sagt mir meine Intuition. Außerdem wäre er dann doch viel kooperativer gewesen, oder nicht? Wenn er mich verfolgt, weil ich das Gleiche mache, wie der Autor dieses Artikels vor fünf Jahren. Und wenn er ihn mitgenommen hätte, um mich bei Sasuke zu verraten, hätte er das doch bereits längst getan?«

»Stimmt auch wieder... Und auch wenn er ein unflätiger Kerl ist – er hat bisher nichts unternommen. Steht einfach nur da und beobachtet. Wenn er schlechte Absichten hätte, hätte er doch schon dutzende Gelegenheiten gehabt, um aktiv zu werden«, führte Ino ihre Argumentation fort. Sakura musste ihr beipflichten und je länger sie darüber nachdachte, desto weniger Sinn ergab das alles.

Seufzend rieb sie sich das Gesicht. Es war schon spät und ihr Verstand riet ihr, es für heute einfach auf sich beruhen zu lassen, aber das konnte sie einfach nicht. »Ich werde mir ein Taxi nehmen und zu Sasuke fahren.«

»Jetzt? Es ist schon dunkel draußen und auch wenn ich wirklich nicht glaube, dass der Kerl dir da unten was Böses möchte – es wäre mir lieber, wenn du es nicht darauf ankommen lässt, meine Vermutung zu überprüfen.« Ino wirkte überhaupt nicht begeistert und auch, wenn Sakura ihre Sorge verstand – sie konnte einfach nicht bis morgen warten.

»Es wird schon alles gut, Ino. Es ist, wie du es gesagt hast: Wenn er mir etwas Böses wollte, hätte er alleine gestern mehr als genug Chancen gehabt. Aber um deines Seelenfrieden willens werde ich vorher in der Taxizentrale anrufen und erst runter gehen, wenn es da ist, okay?« Es war ein Kompromiss, eine Annäherung auf halbem Weg und Ino nickte, wenngleich sie noch immer besorgt aussah.

»Pass trotzdem auf dich auf, Süße.«

»Versprochen.«
 

Sakura warf einen flüchtigen Seitenblick auf den Wagen, als sie in das Taxi einstieg und dem Fahrer die Adresse nannte. An die genaue Hausnummer konnte sie sich nicht mehr erinnern, doch das war egal, denn das Gebäude war markant genug, um es sofort zu erkennen. Dank seiner überwiegend gläsernen Fassade stach es zwischen den generischen Hochhäusern der Stadt hervor, wie ein bunter Hund zwischen einem Haufen Hühner.

Die Fahrt dauerte eine gute halbe Stunde und irgendwann auf dem Weg verklang der strömende Regen zu einem unangenehmen Nieseln und als Sakura vor dem Haus stand, in welchem Sasuke wohnte, den Kopf in den Nacken gelegt, um einmal mehr bewundernd an der Fassade empor zu blicken, hatte sie das Gefühl, die Kälte der feinen Tröpfchen kroch ihr bis in die Knochen.

Es war das erste Mal, dass sie ihn besuchte, ohne dass er sie mitnahm und obwohl ihr Herz heftig pochte, bei dem Gedanken, Sasuke gleich zu sehen, fasste sie all ihren Mut zusammen und betrat das riesige Gebäude, ehe sie es sich anders überlegen konnte. Ein letzter Schulterblick verriet ihr, dass der schwarze Wagen unweit von ihr entfernt einparkte und sie fragte sich, ob der rothaarige Mann gleich ebenfalls vor Sasukes Tür auftauchen würde.

»Nicht besonders subtil«, dachte sie sich. Vermutlich legte der Mann es nicht einmal darauf an, unauffällig zu sein; es schien ihm recht egal gewesen zu sein, was sie über ihn dachte.

Kopfschüttelnd wandte sie sich ab und betrat das Haus. Auf den Füßen wippend wartete sie auf den Aufzug, welcher aus einem der oberen Stockwerke erst herunter fahren musste und während sie so da stand, überkamen sie Zweifel, ob sie hier wirklich das Richtige tat. Für einen Rückzieher war es schon zu spät, der Mann hatte sie hier gesehen und wenn er wirklich für Sasuke arbeitete, würde er ihm davon gewiss Bericht erstatten, also konnte sie es genauso gut hinter sich bringen und das Kind beim Namen nennen.

Mit jedem Stockwerk, welches sie höher fuhr, wurde sie nervöser und der Fahrstuhlpage, der ihr gegenüber an die Haltestange gelehnt stand, konnte kaum seine Augen von ihr nehmen. Immer wieder erwischte sie ihn dabei, wie er großäugig ihre Haare betrachtete und nur mit Mühe und Not konnte sie sich ein Augenrollen verkneifen.

»Wir sind da«, sagte er schließlich, als sie auf oben angekommen waren und entließ sie mit einer knappen Verbeugung. Sakura versuchte sich daran zu erinnern, ob sie den jungen Mann das letzte Mal schon gesehen hatte.

»Auf Wiedersehen«, entgegnete sie, weil sie nicht wusste, was man sonst zu einem Fahrstuhlpagen zu sagen pflegte. Das strahlende, aber überrascht wirkende Lächeln auf seinen Lippen verriet ihr, dass er wohl weniger häufig mit Höflichkeit und Anstand behandelt wurde und das machte sie trauriger, als es vermutlich sollte.

Vor Sasukes Tür angekommen konnte sie das Rauschen in ihren Ohren kaum noch ignorieren und obwohl sie wusste, dass ihre Nervosität unbegründet war, konnte sie sie nicht abstellen. Vielleicht war er nicht einmal da und sie machte sich umsonst verrückt. Bei dem Gedanken entfloh ihr ein leises Lachen.

Zaghaft klopfte sie gegen die Tür und das Geräusch hallte unwirklich laut nach. Einige Momente lang blieb es still und Sakuras Herz sank ihr tiefer, doch dann schwang die Tür mit einem Ruck auf und ein etwas zerzaust aussehender Sasuke tauchte vor ihr auf. Unwillkürlich fing sie das Lächeln an und als sie das Erstaunen auf seinen Zügen entdeckte, wurde ihr Lächeln zu einem breiten Grinsen.

»Sakura? Was machst du denn hier?« Es verpasste ihrer guten Laune einen direkten Dämpfer, dass er von ihrem Anblick wenig erfreut wirkte.

»Ein Überraschungsbesuch, wonach sieht es sonst aus?«

»Du hättest nicht alleine kommen sollen. Es ist schon dunkel. Wieso rufst du mich denn nicht vorher an?« Er sah ernst aus, fast wütend darüber, dass sie sich selbst vermeintlich in Gefahr brachte und Sakura fragte sich, vor welcher Gefahr sie sich wohl selber besser schützen sollte.

»Dann wäre es wohl kaum eine Überraschung gewesen«, stellte sie nüchtern fest. Sie fühlte sich dumm, wie sie so im Flur stand, als wäre sie nicht erwünscht hier und ein Teil von ihr bereute es, gekommen zu sein.

»Das ist mir allemal lieber, als die Überraschung, dass dir etwas passiert ist.«

»Vielleicht hätte ich dann einfach den rothaarigen Kerl fragen sollen, ob er mich hierher fährt? Ihm vertraust du ja scheinbar«, entgegnete sie schnippisch. So hatte sie sich das nicht vorgestellt, aber Sasukes abweisende Haltung traf einen Nerv, von dem sie bis gerade gar nicht gewusst hatte, dass er wund war.

Tatsächlich erhielt sie die erwünschte Reaktion, denn seine subtile Wut wich einer ehrlichen Verwunderung, als er beide Augenbrauen nach oben zog. »Was meinst du?«

»Wie wäre es, wenn du mich erst einmal herein lässt, ich würde das ungern auf dem Flur ausdiskutieren!« Sasuke blinzelte perplex, schien in diesem Augenblick erst zu realisieren, dass er sie gar nicht herein gebeten hatte und machte ihr umgehend Platz. »Dankeschön!«

»Was meinst du mit „den rothaarigen Kerl“ fragen?« Er ging nicht auf ihren spitzen Kommentar ein.

»Der Kerl, der mich seit gestern auf Schritt und Tritt verfolgt. Ist er einer deiner Freunde?«, verlangte sie zu wissen und Sasukes Überraschung wich etwas Dunklerem und sofort wusste Sakura, dass sie eine Punktlandung gemacht hatte.

»Du hast ihn bemerkt?« Sasuke versuchte nicht einmal, so zu tun, als wüsste er von nichts, was Sakura zugegebenermaßen wunderte. Sie hätte mit mehr Widerstand gerechnet, mit Lügen und undurchsichtigen Erklärungen, um sie weiter von sich fern zu halten. Von sich und seiner Welt, von welcher er nicht wusste, dass sie mehr davon ahnte, als sie durchscheinen ließ.

»Du kennst ihn also wirklich!« Anklagend hob sie den Finger und auch wenn sie nicht wütend darüber war, dass er sie beobachten ließ, so war sie umso wütender darüber, dass er es heimlich hatte machen wollen. »Wieso verfolgt mich dieser Mann?«

Sasuke ließ sich auf einen Sessel fallen und rieb sich das Gesicht, als wäre er unfassbar müde, doch das minderte Sakuras Wut über seine Geheimnistuerei nicht im Mindesten. »Er dient als Absicherung«, eröffnete er ihr schließlich widerwillig, »er soll dich beschützen.«

»Vor wem muss ich beschützt werden, Sasuke?«, fragte sie mit zitternder Stimme, von der sie hoffte, Sasuke möge sie als ein Zeichen der Angst interpretieren und trat zu ihm heran, bis sie direkt vor ihm stand und auf ihn hinab blickte.

Sasuke nahm ihre Hände in seine eigenen und führte sie zu seinem Gesicht, um ihr einen Kuss auf die Haut zu hauchen, doch diese Geste, die sie eigentlich beruhigen sollte, machte sie nur noch erhitzter.

»Du bist mir sehr wichtig. Es gibt … Menschen, die das zu ihrem Vorteil ausnutzen könnten«, deutete er mit leiser Stimme an und alles Unausgesprochene stand zwischen ihnen wie eine undurchsichtige und dennoch unüberwindbare Mauer.

Es war soweit.

Der Moment der Entscheidung war gekommen.

Sakura hatte gedacht, diesen Moment schon vor langer Zeit erlebt zu haben, als sie mit Sasuke den ersten Abend zusammen verbracht hatte, doch die Wahrheit war eine ganz andere: Jener Abend war nur der unbedeutende Prolog in einem Theaterstück, in dem sie sich langsam dem Hauptakt näherten. Wenn sie ihre Karten gut ausspielte, könnte sie sich von hier aus eine Position erarbeiten, in der sie die nötige Macht hatte, um ihre eigenen Antworten zu bekommen.

Sie sollte Angst haben, sich vor dem fürchten, was Sasuke ihr mitgeteilt und was er damit angedeutet hatte, doch sie fühlte nur einen atemberaubenden Nervenkitzel, der bis in ihre Fingerspitzen kribbelte. Es erinnerte sie an ihre Kindheit, als sie zusammen mit anderen Kindern im Garten ihrer Eltern über ein knisterndes Lagerfeuer gesprungen war, die tanzenden Flammen immer nur wenige Zentimeter davon entfernt, an ihrer Haut zu züngeln.

»Ich verstehe.« Sie presste die Lippen aufeinander, lehnte sich weiter in die Fassade der unsicheren Frau und erschrak dabei über sich selbst. Sie veränderte sich, stellte sie schlagartig fest und es lag an eben jenem Mann, der sich in diesem Augenblick mit seinen tiefschwarzen Augen förmlich bis auf ihre Seele hindurch brannte. »Ich vertraue dir«, fügte sie hinzu und das warme Lächeln, mit welchem sie belohnt wurde, verriet ihr, dass sie die richtigen Worte gefunden hatte. Sasuke verstärkte den Griff um ihre Hände und zog sie zu sich herunter, um ihr einen ausgedehnten, fast sehnsüchtigen Kuss zu geben. Sie lehnte sich in die Berührung, genoss das Gefühl seiner Lippen auf ihren und ignorierte die Stimme, die sie immer wieder leise daran erinnern wollte, dass sie sich so stark und zielstrebig geben konnte, wie sie wollte, wenn sie am Ende doch daran scheitern würde, Sasuke zu verraten. Denn ihn zu verraten bedeutete gleichzeitig und unumstößlich das Ende von allem, was sie in genau diesem Moment miteinander teilten.

»Begleite mich am Samstag zu einem Geschäftsessen«, bat er, nachdem sich sich voneinander gelöst hatten, sein Gesicht noch immer so nah an ihrem, dass sie seine Lippen förmlich schmecken konnte.

»Zu einem Geschäftsessen?«, wiederholte sie langsam und das Kribbeln wurde unerträglich, »Aber ich habe keine Ahnung von Autos, ich werde dich nur blamieren«, fügte sie scheinheilig hinzu.

»Um Autos wird es nicht gehen, du musst dir also keine Sorgen machen.« Er schenkte ihr noch ein Lächeln, bei welchem ihr die Beine weich wurden, sodass sie sich mit den Händen auf den Armlehnen seines Sessels abstützen musste.

»Sondern?« Sakura hob eine Augenbraue, mimte die reine, unschuldige Ahnungslosigkeit, welche er von ihr erwarten würde und tatsächlich entlockte sie ihm damit ein amüsiertes Glucksen.

»Dann wäre es wohl kaum eine Überraschung«, antwortete er betont beiläufig und Sakura verpasste ihm einen sanften Klaps auf die Schulter.

»Den habe ich wohl verdient«, scherzte sie und japste überrascht nach Luft, als er sie noch einmal küsste. Sie fühlte eine wohlige Wärme in sich und seine Anziehungskraft war unmenschlich; ließ sie sich nach mehr sehnen, obwohl sie sich vollkommen im Klaren darüber war, dass sie bereits zu nahe am Abgrund tänzelte. »Ich sollte jetzt besser wieder nach hause gehen«, keuchte sie atemlos, als Sasuke sie wieder entließ und sein Gesicht in ihrer Halsbeuge vergrub, wo sein Atem ihre Haut kitzelte.

»Bleib über Nacht hier.« Eine kaum verhohlene Sehnsucht lag in seiner dunklen Stimme, so aufrichtig, dass Sakura einen Moment lang mit sich haderte; ernsthaft über sein Angebot nachdachte.

Aber noch war sie nicht bereit, sich von dem Abgrund direkt in den Vulkan zu stürzen.

Noch nicht?

Ihre Wangen wurden rot, sie fühlte die Hitze unter ihrer Haut pulsieren und sie war froh darüber, dass Sasuke es gerade nicht sehen konnte. »Ich kann nicht.« Sakura biss sich so fest auf die Lippe, dass sie einen ziehenden Schmerz spürte, in welchem sie sich dankbar verlor, um nicht an ihre eigene Sehnsucht denken zu müssen.

Er brummte etwas gegen ihre Haut, was ihr ein Lachen entlockte. »Ich werde dich selbst nach hause fahren«, beschloss er, als er seinen Kopf wieder von ihr weg zog und sie mit einem Ausdruck in den Augen betrachtete, den Sakura nicht zu deuten vermochte.

Sie wollte ihn anschreien, dass er nicht nachgeben soll, dass er sie noch einmal fragen soll, dass sie sich falsch entschieden hatte und sie ihre Entscheidung jetzt schon bereute, aber sie presste die Lippen aufeinander und ließ sich widerspruchslos von ihm nachhause fahren.
 


 

Der Rest der Woche war in einem einzigen Wimpernschlag vergangen. Sasuke stand mit Itachi in seinem Zimmer und zog sich gerade sein Jackett über, während er seinem Bruder von seinem Entschluss berichtete.

»Du willst Sakura mitnehmen? Bist du von allen guten Geistern verlassen?« Sasuke hatte Itachi selten so fassungslos gesehen und fast fühlte er sich beleidigt von seiner Reaktion. Sakura war charmant und schlau und gerade weil sie nichts mit alledem am Hut hatte, war sie die perfekte Grenze zwischen ihm und Orochimaru.

»Sie wird das hervorragend meistern«, antwortete er, obwohl er Itachi keinerlei Rechenschaft schuldig war.

»Weiß sie überhaupt, wer du bist? Wer du bist? Und was du machst?«, sprach Itachi, ohne sich beirren zu lassen, weiter, »Sakura zu diesem Treffen mitzunehmen, legt alles von dir offen! Du kennst sie wie lange? Drei Monate? Vier?«

Sasuke, der bis gerade eben seinen Anzug gerichtet hatte, hielt inne, hob den Blick und betrachtete seinen Bruder mit einer Warnung in den Augen. »Vorsichtig, Itachi. Du bist mein Bruder, aber vorsichtig. Was willst du damit andeuten? Dass du ihr nicht vertraust? Warst du nicht derjenige, der am Anfang posaunt hat, wie gut er Menschen kenne und dass sie absolut unauffällig ist?«

»Das ich sie für keinen Spitzel halte bedeutet nicht, dass ich sie für vertrauenswürdig genug halte, um mit einem solchen Wissen umgehen zu können. Abgesehen davon, dass du sie hiermit zur offiziellen Zielscheibe machst« - seine Stimme wurde schärfer, die Mahnung darin deutlicher und endlich verstand Sasuke, worauf sein Bruder in Wirklichkeit hinaus wollte - »Orochimaru ist nicht dumm, ganz im Gegenteil. Er wird sofort begreifen, was sie für dich ist und was für ein perfektes Druckmittel sie sein wird, wenn er sie in die Finger bekommt. Es braucht nur einen Moment, einen einzigen Moment, in dem sie unbeobachtet ist.«

Sasuke schnaubte. Natürlich wusste er selbst, was für ein Risiko er hier einging und allein bei dem Gedanken, jemand könnte Hand an Sakura anlegen, brodelte eine weißglühende Wut in ihm, bei der er schwarz sah, aber etwas in ihm sagte ihm, dass es die richtige Entscheidung war – dass er das Richtige tat.

»Sie wird nicht unbeobachtet sein. Nie wieder.«

»Du hast Gaara auf sie angesetzt, nicht wahr? Er ist eine tickende Zeitbombe, Sasuke«, erinnerte Itachi ihn, als wüsste er selbst nicht zu gut, wie es um Gaaras mentale Gesundheit stand.

»Es gibt keinen Besseren für diese Aufgabe. Jeder, der sich ihr nähert und auch nur andeutet, ihr etwas zu tun, wird diese Entscheidung für den Rest seines Lebens bereuen – wenn es einen Rest gibt.«

Itachi hatte die Kontrolle über seine Gesichtszüge endgültig verloren und unter anderen Umständen hätte es Sasuke amüsiert, seinen großen, besonnenen Bruder derart zu reizen. »Du nimmst es also willentlich hin, dass Gaara im schlimmsten Falle Leute für sie umbringt?«

»Du begreifst es wirklich nicht, Itachi, dabei war Vater immer überzeugt davon, dass du der Fähigere von uns beiden bist« - Sasuke schüttelte den Kopf, beinahe enttäuscht - »ich würde jeden umbringen, der ihr auf die falsche Art zu nahe kommt. Ich würde es selbst tun und ich würde keinerlei Reue dabei empfinden. Du magst es nicht verstehen, aber für diese Frau würde ich diese ganze verfluchte Stadt in Brand setzen.«

»Und du bist davon überzeugt, dass es das ist, was auch sie möchte.« Itachis Stimme war kalt und schneidend, wie der Stahl einer elegant geschliffenen Klinge. Gott, wie er es hasste, wenn Itachi in zu bevormunden versucht. Obwohl sie beide bereits über dreißig waren, konnte er es einfach immer noch nicht sein lassen.

»Du siehst sie nicht so oft, wie ich; redest nicht so viel mit ihr, wie ich. Sie verändert sich, Bruder und ich sehe es jeden Tag.« Stolz schwang in seiner Stimme mit und als er sein Spiegelbild musterte, erkannte er denselben Stolz in seinem grimmigen Ausdruck. »Sie hat Gaaras Anwesenheit in weniger als vierundzwanzig Stunden bemerkt und mich darauf angesprochen. Ihr Verstand ist messerscharf, vermutlich ahnt sie schon mehr, als du bereit wärest, ihr gegenüber zuzugeben.«

Itachi schnaubte und schüttelte den Kopf. Scheinbar begriff er, dass er gegen Windmühlen kämpfte, denn er verfiel in versunkenes Schweigen.

»Wir sollten los«, sagte Sasuke, nachdem er seine Haare zurück gekämmt und den letzten Schliff an seinem Äußeren angelegt hatte. Heute war der wichtigste Abend in seiner bisherigen Karriere und alles andere als Perfektion wäre dessen nicht angemessen.

»Dann mal los, geradewegs in die Höhle des Löwen.«
 

Itachi war zunächst bei Sakura vorbei gefahren, um sie abzuholen und als sie sich zu ihm auf den Rücksitz setzte, kam er nicht umhin, zu bewundern, wie atemberaubend sie wieder aussah. Sie trug ein dunkelgrünes Kleid, dessen Rock sich in mehreren Schichten bis zu ihren Knöcheln wand und das hellere Grün ihrer Augen auf eine Art betonte, die geradezu hypnotisierend auf ihn wirkte.

Er räusperte sich, löste seine Krawatte ein wenig, um besser Luft zu bekommen und schenkte ihr ein Lächeln. »Du siehst bezaubernd aus, wie immer«, raunte er leise und der rote Schimmer auf ihren Wangen brachte ihn fast um den Verstand. Vielleicht war es doch eine schlechte Idee gewesen, sie mitzunehmen, wenngleich aus einem völlig anderen Grund, als den, den Itachi ihm genannt hatte.

»Gleichfalls, Mr. Uchiha.« Sie legte den Kopf schief, auf die gleiche Weise, wie er es zu tun pflegte und etwas in ihm reagierte auf die Art, wie sein Name aus ihrem Mund klang. Er zwang sich dazu, die Augen nach vorn zu richten, um keine Dummheiten zu begehen und Sakuras leises Lachen neben ihm kroch ihm bis unter die Haut. Sasuke bemerkte, wie Itachi ihn durch den Rückspiegel vorwurfsvoll anstarrte und er bedeutete ihm mit einem knappen Kopfschütteln, den Mund zu halten.

Die Fahrt in den westlichen Teil der Stadt verlief größtenteils still. Normalerweise würde Sakura ihn mit Fragen löchern; wohin sie fuhren und was genau sie vor hatten und die Tatsache, dass sie dies nicht tat, verriet ihm, dass sie nervöser war, als sie nach außen hin durchblicken ließ. Er griff nach ihrer Hand, umschloss sie mit seiner und genoss die Wärme ihrer zarten, weichen Haut. Fast unmerklich erwiderte sie den Druck und unweigerlich fragte er sich, wie ihre Hände sich an seiner Haut anfühlen würden, ein Gedanke, bei dem sein Nacken heiß wurde und er das Gefühl bekam, nicht mehr atmen zu können.

Es war definitiv eine schlechte Idee gewesen.

Dass er größtenteils der Fahrt die Luft angehalten hatte, begriff er erst so richtig, als er regelrecht aufatmete, als er den Wagen verließ. Er ließ sich Zeit damit, das Auto zu umrunden, um Sakura die Tür zu öffnen, um sich den Ernst der bevorstehenden Situation vor Augen zu führen und seine Fassade wieder zusammen zu setzen.

»Nach Ihnen.« Er bot ihr seinen Arm an und ohne zu zögern, schlang sie ihre zierlichen Finger um den Stoff eines Anzugs.

»Ich danke Ihnen.« Sie deutete eine Verbeugung an und als sie sich wieder erhob, zuckten ihre Mundwinkeln. Sasuke erlaubte sich einen Moment lang, sie zu bewundern und sie errötete unter seinem offensichtlichen Starren und wandte den Kopf ab. Auch wenn sie sich in den letzten Wochen immer mehr verändert hatte und nicht mehr so unsicher war, die Nervosität, die er in ihr auszulösen vermochte, war die Alte geblieben und er würde lügen, wenn er behauptete, das dies seinem Ego nicht gut tun würde.

»Hier waren wir noch nie«, stellte sie fest, was seiner Freude einen Dämpfer verpasste, denn es holte ihn abrupt in die Realität zurück. Dies war kein gewöhnlicher Abend, welchen er damit verbringen konnte, Sakura zum Erröten zu bringen. Und sie hatte recht: im westlichen Teil New Yorks waren sie bisher noch nie gewesen und dafür gab es einen durchaus guten Grund: Es war Orochimarus Einzugsgebiet und er und seine Leute übertraten die unausgesprochene Grenze nur in absoluten Ausnahmefällen – so auch heute.

»Ich dachte mir, ein Szenenwechsel hält die Dinge interessant«, log er glatt.

»Was ist das für ein Geschäftsessen?«, fragte sie und aus den Augenwinkeln erkannte er, wie sie zu ihm aufblickte, aber er zwang sich dazu, stur geradeaus zu blicken.

Er überlegte, wie er es am Besten formulieren sollte, doch im Anbetracht der Tatsache, dass er im Begriff war, Sakura gänzlich in seine Welt mit hineinzuziehen, konnte er genauso gut hier, auf den Straßen New Yorks, mit der Wahrheit beginnen. »Es ist mit einem meiner Konkurrenten. Ich habe aktuell einige Probleme und muss notgedrungen in Verhandlungen gehen«, erklärte er knapp, die Aufmerksamkeit die ganze Zeit über auf die Menschen gerichtet, welche mit ihnen und ihnen entgegen liefen.

Sasuke spürte, wie sie sich neben ihm etwas versteifte und überlegte, ob er nicht doch einen Rückzieher machen und sie zurück zu Itachi ins Auto schicken sollte. »Das hört sich nicht gut an« - Sakura entspannte sich wieder neben ihm, ihr Griff um seinen Arm wurde wieder sanfter - »wie kann ich dir dabei helfen?«

»Du musst nur du selbst sein«, versicherte er ihr und er spürte ihren fragenden Blick, »Orochimaru ist eine Schlange. Du musst vorsichtig sein, er wird versuchen, seine Grenzen bei dir auszuloten und wenn er begreift, was du bist, wird er danach sehr genau überlegen, was er zu sagen bereit ist.«

»Ich fürchte, ich verstehe nicht, was du meinst«, gestand sie leise und als er zu ihr runter sah, sah er, wie sie verwirrt die Stirn runzelte. Verdenken konnte er es ihr nicht, er überrollte sie mit diesen Informationen förmlich aus dem Nichts.

»Du wirst es gleich verstehen.« Sie kamen vor einem Gebäude zu stehen, welches von außen so ungewöhnlich aussah, dass es genauso gut ein Wohnhaus hätte sein können. Wie schon an dem Abend im Casino gab er der Person hinter der Tür durch ein bestimmtes Klopfzeichen Bescheid und kurz darauf schwang die Tür auf. Begrüßt wurden sie von einem grobschlächtigen Kerl, dem der Anzug deutlich zu eng war. Es erfüllte den Zweck, dass man seine Muskeln deutlich unter dem Stoff erkennen konnte, eine stille Mahnung, sich nicht daneben zu benehmen.

»Sasuke Uchiha. Ich habe einen Termin«, stellte er sich förmlich vor und mit einem Grunzen, welches den Kerl eher als Oger, als denn als Mensch auswies, verschwand er in dem dunklen Flur. Kurz darauf schlurfte er zurück in den flackernden Lichtkegel der einzigen Lampe, die brannte und gab ihnen mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass sie ihm folgen sollten.

Kurz darauf traten sie von dem finsteren Flur in ein dämmrig erleuchtetes Lokal, die Luft durchzogen von Rauchschlieren und gedämpften Gesprächen. Es war dem Éclat Nocturne ähnlich vom Mobiliar und der Farbwahl her, doch es konnte nicht mit dessen Eleganz und Stil mithalten – es war wie ein billiger Abklatsch und entsprechend sah auch das Klientel aus. Abschätzig ließ er seinen Blick über die Menschen schweifen, prägte sich deren Gesichter ein und suchte nach dem einen bekannten, aschfahlen.

Orochimaru saß nicht in der Lounge, sondern in einem kleinen Nebenraum, welcher von einem samtenen Vorhang abgegrenzt war, auf dem das ein oder andere Brandloch zu finden war. Der Saum war ausgefranst und rutschte über den fleckigen Teppichboden, als der Halb-Oger ihn zur Seite schob und ihnen Einlass gewährte.

»Sasuke!« Orochimaru stand auf, ein aalglattes Lächeln auf den Lippen, welches seine Augen in keinster Weise erreichte. Es störte ihn, dass er ihn einfach beim Vornamen nannte, doch es wäre kein guter Start in dieses Gespräch, wenn er ihn darauf hinweisen würde. Stattdessen ergriff er die Hand, welche Orochimaru ihm ausgestreckt hin hielt und als er sah, wie er Sakura beäugte, wie eine öffentliche Auktionsausstellung, spannte sich der Arm an, an welchem sie sich noch immer festhielt. »Und wer mag wohl diese reizende, junge Dame sein?«

»Sakura. Sakura Haruno«, antwortete sie an seiner statt und wieder wallte dieser Stolz in ihm auf, als er sah, wie elegant und charmant sie sich vor dem Mann verbeugte, der selbst in ihm einen unangenehmen Würgereiz auslöste. Wie musste er erst auf sie wirken, als eine Frau, die von ihm gerade angestarrt wurde, wie ein lebendes Stück Fleisch.

»Sasuke hat mir gar nicht mitgeteilt, dass er heute in Begleitung erscheinen würde«, bemerkte er amüsiert und bot Sakura als nächstes die Hand an. Sasuke sah, dass sie einen Moment zögerte; dass ihr Kopf in seine Richtung zucken wollte, doch sie verkniff sich diese Reaktion und erwiderte stattdessen den Händedruck. Orochimaru sah zwischen ihnen hin und her und das böse Lächeln in seinem Gesicht jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken.

Er hatte verstanden.

In weniger als zwei Minuten hatte er verstanden, wer oder was Sakura war und Itachis mahnende Worte hallten in seinen Ohren nach. Er hatte recht gehabt – das hier war ein Fehler gewesen. Vielleicht sogar einer der größten seines Lebens.

»Es war eine spontane Idee, Mr … ?« Sakura tat so, als wüsste sie nicht, wer er war und er kam ihrer unausgesprochenen Bitte, sich vorzustellen, tatsächlich nach.

»Orochimaru. Nenn' mich einfach Orochimaru, meine Liebe.« Sasuke ballte seine freie Hand zur Faust und er sah, wie Orochimaru aufmerksam jede seiner Bewegungen und Reaktionen beobachtete und katalogisierte. »Setzt euch, setzt euch! Wir wollen den Abend wohl kaum im Stehen verbringen!« Er lachte und es klang mechanisch und hohl, wie etwas, was von ihm erwartet wurde, auch wenn sich ihm der Grund dafür entzog.

Sie kamen seiner Aufforderung nach, doch Sasuke versuchte nicht einmal, Subtilität zu wahren, als er sich als Erstes auf die halbrunde Couch setzte, um Abstand zwischen Orochimaru und Sakura zu kreieren. So viel, wie irgend möglich.

»Also...« Orochimaru faltete die Hände auf dem Tisch, auf welchem einige alte Glasabdrücke den dunklen Ton des Mahagoniholzes durchzogen.

»Ein schäbiger Raum, für einen schäbigen Mann«, dachte er angeekelt und versuchte, sich möglichst nichts von seinem Unmut darüber anmerken zu lassen, hier sein zu müssen.

»Also?«, wiederholte er, als Orochimaru keine Anstalten machte, weiter zu sprechen. Je schneller sie das hier hinter sich brachten, desto besser. Sasuke nahm sich fest vor, sich danach bei Sakura zu entschuldigen.

Orochimaru hob beide Augenbrauen, doch es verlieh ihm keinen verwunderten, sondern eher einen überheblichen, süffisanten Ausdruck, als wüsste er ganz genau, dass er sämtliche Hebel in der Hand hielt. »Mir ist zu Ohren gekommen, dass deine Situation sich verändert hat, Sasuke« - Er legte den Kopf schief und sein langes, schwarzes Haar, fiel wie ein Vorhang über die Schulter - »und ich vermute, du bist heute hierher gekommen, um mich um Hilfe zu bitten.« Die Art und Weise, wie er gewisse Worte betonte, brachte Sasuke fast dazu, von ihm weg zu rutschen, doch er zwang sich dazu, mit geradem Rücken an Ort und Stelle sitzen zu bleiben und eine Souveränität auszustrahlen, die angesichts seiner Situation vielleicht als Arroganz gewertet werden konnte.

»Richtig«, antwortete er langsam, unter dem Tisch hielt er weiterhin Sakuras Hand umschlossen, die von einem dünnen, verschwitzten Film überzogen war. Ihr war das Ganze furchtbar unangenehm und er schämte sich dafür, sie in diese Situation herein geworfen zu haben. »Meine Lieferanten haben einige Probleme, um die sich zwar bereits gekümmert wird, aber mit der Zeit werden wir in unüberbrückbare Engpässe geraten.«

»Und was genau darf ich hier und heute für dich tun?« Sasuke biss die Zähne zusammen. Orochimaru wusste ganz genau, was er wollte, doch er ließ ihn zappeln; wollte, dass er es aussprach. Und am Besten noch zu Kreuze kroch. Er fühlte Sakuras Finger, die sich fester um seine schlangen und begegnete ihrem Blick gerade lange genug, um eine feurige Resilienz in ihnen zu erkennen, die ihn erdete.

»Wir brauchen Alkohol. In größeren Mengen. Genug, um meine Geschäfte zu versorgen, bis sich unsere Angelegenheiten geklärt haben«, brachte er hervor und die Worte hinterließen einen bitteren Geschmack auf seiner Zunge.

»Keine kleine Sache, Sasuke« - Orochimaru verzog das Gesicht zu einem Ausdruck des Bedauerns und fast rechnete Sasuke damit, dass er ihn auflaufen ließ - »aber wie sagt man so schön: Konkurrenz belebt das Geschäft. Ich bin ehrlich überzeugt davon, dass es auch meinen Geschäften nicht zuträglich ist, wenn deine gefährdet sind. Dennoch wird dich das kosten. Einiges.« Orochimarus Augen flackerten zu Sakura herüber und instinktiv rutschte Sasuke näher an sie heran.

»Nenn' mir deinen Preis«, forderte Sasuke, sein Kiefer schmerzte von der Anstrengung, sich nicht auf die Zunge zu beißen.

Orochimaru zog einen Block mit Stift aus der Tasche seines Anzugs und schrieb eine Zahl auf. Selbst von der anderen Seite des Tisches aus erkannte Sasuke, dass Orochimaru es ernst gemeint hatte, als er sagte, dass es ihn einiges kosten würde.

Er warf einen flüchtigen Blick auf die Zahl, nachdem Orochimaru ihm den Block zugeschoben hatte und schnaubte. »Das ist wirklich einiges«, spottete er herablassend. Es war gewagt, immerhin war er sich durchaus bewusst, dass er nicht mehr länger die Oberhand im Nachtleben hatte, um überhaupt Forderungen zu stellen und dennoch sagte er: »Die Hälfte.«

Jetzt lachte Orochimaru offen heraus und das Geräusch brachte Sakura dazu, neben ihm auf dem Polster hin und her zu rutschen. Er konnte es ihr nicht verübeln. »Die Hälfte? Mein Lieber, du schätzt deine Position offenbar völlig falsch ein. Du hast keine Wahl. Du kannst nicht verhandeln, wie sonst. Zahl mir den Preis oder betrachte unseren Deal, unsere brüderliche Annäherung, als geplatzt.«

Sasuke knirschte mit den Zähnen. Orochimaru hatte recht. Er hatte keine Wahl. Er könnte das Doppelte verlangen und er müsste es bezahlen. »Einverstanden.«

»Wunderbar!« - Orochimaru klatschte in die Hände und in seinen Augen funkelte der Triumph - »Ich wusste, wir würden uns einigen!«

Sasuke griff nach Block und Stift und schrieb nun seinerseits eine Adresse, ein Datum und eine Uhrzeit darauf. »Ich will die erste Lieferung an diesem Tag und an diesen Ort.«

»So viel Selbstbestimmung kann ich dir wohl einräumen, als Geschenk für einen erfolgreichen Deal«, sinnierte Orochimaru und rieb sich das Kinn, »ich werde dafür Sorge tragen, dass alles ohne Zwischenfälle vonstatten geht. Dafür erwarte ich aber, dass du das Geld bis dahin organisiert hast und meinen Lieferanten mitgibst. Den genannten Betrag. Einen Dollar weniger und ich werde dir beweisen, warum man mit mir keine Spielchen spielt, mein Lieber.« Wieder schweifte seine Aufmerksamkeit zu Sakura ab, die neben ihm leise schluckte. Gott, was hatte er nur getan. Er hatte sie als Einsatz in dieses Spiel gebracht.

»Selbstverständlich.« Sie reichten sich die Hand und Sasuke bemühte sich darum, sich seine nicht sofort an seinem Anzug abzuwischen, als er sie wieder wegzog.

Orochimarus Lippen verzogen sich zu einem breiten Lächeln, das erste an diesem Abend, welches auch seine Augen erreichte, doch es war keinerlei aufrichtige Freude darin. »Es war mir eine Freude, Geschäfte mit dir zu machen, Sasuke.«
 

♣ ⤬
 

Als sie bei Sasuke zuhause angekommen waren, fiel die Anspannung wie eine bleierne Decke von Sakura ab und sie wäre beinahe an der Wand, an welcher sie lehnte, um sich die Schuhe ausziehen zu können, herab gesunken. Sie hatten im Auto kein Wort miteinander gewechselt, dennoch wunderte es sie nicht, dass er sie nicht nachhause gebracht, sondern zu sich mitgenommen hatte.

»Das war kein besonders erfreuliches Gespräch, oder?«, vermutete sie und Abscheu erfüllte sie von Neuem, als sie an den schmierigen Gesichtsausdruck von Orochimaru dachte, »und dieser Kerl...« Sie brach den Satz ab, nicht imstande dazu, ihre Gedanken weiter auszusprechen.

»Ich hätte dich nicht mitnehmen sollen«, gestand Sasuke leise und sie konnte ihm das schlechte Gewissen förmlich von der Stirn ablesen, »Orochimaru ist … ein unangenehmer Zeitgenosse und ich bevorzuge es, wenn wir uns in unterschiedlichen Postleitzahlen aufhalten.«

Sakura schnaubte. »Mit dem Gefühl bist du nicht alleine, Sasuke.«

»Wenn alles gut läuft, wirst du ihn nie wieder sehen müssen, das verspreche ich dir.« Die Ernsthaftigkeit in seiner Stimme und das wütende Funkeln in seinen Augen bescherten ihr eine Gänsehaut. »Es tut mir Leid, dass du das miterleben musstest.«

Behutsam legte sie eine Hand auf seinem Arm ab. »Ich freue mich, wenn ich dir helfen konnte, auch wenn ich immer noch nicht ganz verstehe, wie ich dir geholfen haben soll.«

»Du kennst diesen Mann nicht so lange, wie ich, also glaube mir, wenn ich dir sage, dass das Gespräch ganz anders abgelaufen wäre, wenn du nicht dabei gewesen wärst.« Sein Ausdruck verfinsterte sich und Sakura bekam eine leise Vorahnung, was in ihm vorging.

»Du hast mich nicht mitgenommen, weil ich auf ihn wirken sollte, sondern auf dich, nicht wahr?« Sakura wusste nicht, wieso sie flüsterte, doch die Erkenntnis wurde real und glaubhaft, als sie sie sich selbst aussprechen hörte.

»Weißt du, dass du viel zu schlau für dein eigenes Wohl bist?« Ein gequältes Lächeln umspielte seine Lippen und am liebsten hätte sie seine Zweifel auf sich genommen. Es machte ihr weit weniger aus, was in diesem kleinen Raum angedeutet worden war, als ihm, denn sie vertraute Sasuke, eine weitere Erkenntnis, die in ihr nachhallte, wie ein heller Glockenschlag. Er hatte ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber und sie wusste nicht, wie sie ihm dieses nehmen konnte. »Du hast recht. Ich hätte niemals die Fassung wahren können, wenn du nicht dabei gewesen wärst und deine Anwesenheit mich beruhigt hätte. Niemals.«

»Du überschätzt meine Kompetenzen«, scherzte sie und ihr Herz stolperte, als er ihre Wange mit seiner Hand umfing und mit dem Daumen eine lose Strähne aus ihrem Gesicht strich.

»Und du unterschätzt deine Kompetenzen ganz gewaltig.« Das Engegefühl in ihrer Brust explodierte, als er die letzte Distanz zwischen ihnen überwand und sie küsste, zunächst zaghaft, tastend als wäre es ihr erster gemeinsamer Kuss, doch dann veränderte er sich. Sasuke zog sie mit der anderen Hand näher zu sich und als Sakura ihre zitternden Finger in den Stoff seines Anzugs krallte, entfloh ihm ein leiser Laut, kaum hörbar, bei dem sich eine feine Gänsehaut auf ihren Armen ausbreitete.

Sie sog hörbar die Luft ein, als er sich von ihr löste und ihre Beine mit einem einzigen Blick Schachmatt setzte. Seine dunklen Augen waren geradezu hypnotisierend und die Intensität, mit welcher er sie musterte, war genug, um ihren Kopf von sämtlichen Gedanken leer zu fegen.

»Sakura.« Ihr Name kam rau, fast verzweifelt über seine Lippen, hallte in ihrem Innersten nach und löste in ihr eine Welle an Gefühlen aus, die sie so noch nie verspürt hatte. »Woran denkst du?« Sasuke legte den Kopf schief, wie er es so oft tat, wenn er sie das fragte und obwohl sie sich mit aller Macht auf die Wärme seiner Hand an ihrer Wange konzentrierte, um sich irgendwie zu erden, konnte sie keinen klaren Satz formulieren. Stattdessen stotterte sie etwas Unverständliches, was ihm ein belustigtes, leises Schnauben entlockte.

Sasuke kam ihrem Gesicht wieder näher, bis er mit seiner Nase die ihre berührte, doch dann hielt er abrupt inne. »Mache ich dich nervös?«, fragte er leise, sein Blick verdunkelte sich und seine Lippen verzogen sich zu einem amüsierten Lächeln. Sakuras Wangen wurden, wenn überhaupt, noch wärmer und obwohl sie sich von ihm abwenden, sich der Nähe zu ihm entziehen wollte, gehorchte ihr ihr eigener Körper nicht mehr. Nicht einmal ein bisschen.

»N-nein«, kam es ihr atemlos über die Lippen und selbst wenn sie es geschafft hätte, bei diesem einzigen Wort nicht zu stottern, hätte es kaum weniger glaubwürdig klingen können. Sasuke lachte leise und Sakura musste schlucken.

»Du lügst.« Erneut küsste er sie federleicht, seine Lippen schienen neckisch über ihren zu schweben und sie wusste nicht, ob er seine Feststellung verdeutlichen wollte oder ob es ihm einfach Spaß bereitete, sie so zu quälen.

Sakura versuchte, zumindest ein wenig Abstand zu kreieren, indem sie zurück wich, doch die Wand in ihrem Rücken erinnerte sie daran, dass sie einem im Scheinwerferlicht gefangenem Reh glich. Sie lockerte ihren Griff um den weichen Stoff seines Anzugs und legte ihre Finger behutsam auf seinem Revers ab. »Du machst mich nicht nervös«, versuchte sie es noch einmal mit mehr Nachdruck in ihrer Stimme und obwohl sie ihm geradewegs in die Augen schaute, wusste sie, dass es ein kläglicher Versuch war, ihre Fassade zu wahren. Denn die Wahrheit war, dass er sie nervös machte, sogar sehr. Seine Nähe brachte ihren Kopf zum Schwirren, sein Geruch und seine Wärme ihr Herz zum Flattern.

Er schien ihre Gedanken zu erraten, denn erneut lachte er leise und sie spürte die leichte Vibration unter ihren Fingerspitzen. »Es geziemt sich nicht für eine Lady, zu lügen«, raunte er, ehe er ihre Lippen erneut mit einem Kuss versiegelte, doch dieses Mal war es anders. Sasuke verstärkte seinen Griff um ihre Hüfte, drückte sie ganz leicht gegen die Wand und Sakura fühlte ein Sehnen, welches ihre Brust zusammen zog. Es dauerte die Flüchtigkeit eines Augenblicks, bis sie begriff, dass es nicht genug war, dass sie sich beinahe schmerzhaft nach Sasukes Nähe verzehrte.

Sasuke wich erschrocken zurück, als sie den Kuss auf eine Art erwiderte, die er nicht erwartet zu haben schien und als sie sich voneinander lösten, fiel es Sakura schwer, zu atmen. Die Stille zwischen ihnen schien zu knistern, für einen Moment verloren sie sich gegenseitig in den Augen des anderen und als sie sich erneut für einen Kuss fanden, legte sich endgültig ein Schalter in Sakura um. Ohne darüber nachzudenken wand sie ihre Finger in sein seidiges Haar und zog ihn näher zu sich, begegnete dem Kuss mit dem gleichen quälenden Verlangen, wie er und mit jeder Sekunde, die verstrich, wuchs ihre Gewissheit, dass sie niemals genug von ihm haben würde.

Eine unvergleichliche Hitze blühte in ihr auf und als sie sich dichter, noch dichter an ihn drängte, konnte sie spüren, dass er sie ebenso sehr begehrte, wie sie ihn. Erneut wich Sasuke zurück und Sakura hätte fast protestiert, doch als sie eine ungewohnte Sanftheit auf seinem Gesicht erkannte, hielt sie inne. »Sakura.« Bei Gott, sie würde sich niemals daran gewöhnen, wie er ihren Namen aussprach. »Bist du dir sicher, dass …?« Er ließ die Frage unausgesprochen in der Luft hängen. Aber für Sakura war es zu spät, sie hatte eine unsichtbare Grenze überschritten, vielleicht schon vor Wochen. Sie zog ihn an seinem Anzug zu sich und presste ihre Lippen mit einer Vehemenz auf seine, dass sie sich kurz über ihre eigene Kühnheit wunderte.

Auch in Sasuke schien sich ein Schalter umzulegen, denn der Hunger in seinen Berührungen wurde dunkler, intensiver und drohte, sie zu verschlingen. Seine Hände wanderten über den samtigen Stoff ihres Kleides, die feine Reibung setzte ihre Haut darunter in Brand. Sasuke löste sich gerade lange genug von ihr, um eine Spur von Küssen zu beschreiben, angefangen bei ihrem Mundwinkel bis hin zu einer besonders empfindlichen Stelle an ihrem Hals und als er dort verharrte, angetrieben von dem Keuchen, welches ihr entfloh, als er sie sanft in die weiche Haut biss, verlor Sakura das letzte bisschen Halt in der Realität.

Sie lösten sich von der Wand, ein Gewirr aus Händen, Lippen und Zähnen und ehe Sakura verarbeiten konnte, dass sie sich bewegt hatten, spürte sie den hölzernen Rahmen eines Betts an ihren Beinen. Sakura ließ sich fallen, zog Sasuke mit sich und registrierte nur am Rande die kühle Seide an ihrer glühenden Haut. Ihre Lippen fühlten sich geschwollen an, als Sasuke sich gerade weit genug von ihr erhob, um ihr direkt in die Augen sehen zu können. Sein Atem ging stoßweise, sein Haar war von ihren Fingern völlig zerzaust und der rote Schimmer auf seinen Wangen zerriss ihr Bild von seiner sonst so undurchsichtigen Fassade. Obwohl alles an ihm durcheinander wirkte, hatte er in Sakuras Augen noch nie so perfekt ausgesehen. »Wenn du aufhören willst, Sakura … dann jetzt.«

Sie wollte nicht, dass er aufhörte, wollte nicht, dass das, was zwischen ihnen entstand, ein Ende fand und so umfing sie sein Gesicht und zog ihn zu sich, gab ihm eine Antwort, ohne mit ihm zu reden. Mit ungeschickten Fingern griff sie unter den Kragen seiner Anzugjacke und schob sie von seinen Schultern. Das Stück Stoff landete ohne viel Aufhebens irgendwo auf dem Boden seines Schlafzimmers. Sasuke half ihr dabei, die Knöpfe seines Hemdes zu öffnen, einen nach dem anderen und als Sakuras Finger zum ersten Mal seine Haut darunter fühlen konnte und sanft über die feinen Muskeln strichen, entfloh ihm ein Keuchen, roh und ungefiltert. »Sakura...« Ihr Name aus seinem Mund war betörend wie der Duft seines Parfums. Sie war dankbar dafür, schon zu liegen, denn als seine Hände unter den Stoff ihres Kleides wanderten, es Stück für Stück nach oben schoben, so langsam, dass sich jede Berührung in ihr Bewusstsein einbrannte, fühlte sie, wie ihre Beine schwach wurden, zu zittern begannen.

Und dann lag sie nur noch in Unterwäsche unter ihm. Ihre leise, weit entfernte Stimme der Vernunft versuchte sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich dafür mehr schämen sollte, doch die Art und Weise, wie Sasuke sie betrachtete, sendete den Rest ihres Verstandes in freien Fall.

Er fuhr die Linien ihres Körpers nach, sanft, beinahe andächtig und obwohl Sakura sich nach ihm verzehrte, musste sie dennoch schlucken, als er auch ihre Unterwäsche auszog und mit einem arglosen Wurf in die nächstbeste Ecke beförderte.

»Du bist perfekt«, flüsterte er rau und die rohe Emotion in seiner Stimme brachte ihren Puls zum Rasen. Er hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen, knabberte sanft an ihrer Unterlippe. Sakura schloss genüsslich die Augen, seufzte und zerschmolz zu Wachs unter ihm, als er immer weiter nach unten wanderte und einen lodernden Pfad aus Küssen auf ihrem Bauch hinterließ.

»Sasuke«, seufzte sie, was ihm ein fast animalisches Geräusch entlockte. Eine Gänsehaut fegte über sie hinweg, als er ihre Beine entfaltete und sie seinen heißen Atem an der Innenseite ihrer Oberschenkel spürte. »Sasuke.« Noch einmal rollte sein Name schwerfällig über ihre Lippen, leise und delikat.

Und dieses Mal antwortete er ihr, ohne etwas zu sagen. Sakura konnte die Sterne hinter ihren geschlossenen Augen explodieren sehen, als er sie an ihrer empfindsamsten Stelle küsste und alle menschenmöglichen Emotionen in donnernden Wellen über ihr zusammenbrachen.

Verzweiflung, weil es ihr unmöglich erschien, dass Sasuke ihr jemals alles von sich geben konnte und weniger war einfach nicht genug.

Ekstase, weil er ihr die Grenzen ihrer eigenen Gefühle zeigte; Grenzen, die sie so noch nie auf diese Art ergründet hatte und sie darüber hinaus führte.

Ihr Atem ging immer schneller, immer abgehackter, während sie sich unter ihm wand und gleichzeitig um Gnade und mehr flehte und als der Knoten, welchen sie verspürte, sich mit einem Knall löste, flatterten ihre Augen gerade weit genug auf, um zu erkennen, dass sie sich nicht mit aufgelöst hatte.

»Ist alles okay?«, fragte er sie leise und mit vor Sorge gerunzelter Stirn.

Sakura realisierte, dass sie schockiert aussehen musste und sortierte ihre Gesichtszüge mit einiger Mühe. »Ja«, hauchte sie, »mehr als das.« Das selbstgefällige Grinsen auf seinen Lippen entlockte ihr ein Kichern, welches einen gänzlich anderen Knoten in ihr löste.

Er beugte sich zu ihr hinab, hauchte ihr eine Kuss auf die Lippen und scheuchte ihre Hände, welche nach dem Gürtel seiner Hose griffen, sanft, aber bestimmt weg. Sakura biss sich auf die Lippen, wandte verschämt den Blick hab. Noch nie hatte sie einen Mann nackt gesehen und obwohl sie schon lange sämtliche selbstauferlegten Grenzen übertreten hatte, haderte sie damit, sich ihm wieder zuzuwenden.

»Sakura, sieh' mich an«, bat er heiser. Sie wandte ihm ihr Gesicht wieder zu, jedoch peinlich darauf bedacht, ihm nur ins Gesicht zu sehen. »Bist du dir sicher, dass du dies möchtest?« Er interpretierte Ablehnung in ihre Scham und ihr Herz zog sich zusammen, als sie das leise Aufflackern von Verletzlichkeit in seinen Augen erahnte.

Sie nickte, weil sie nicht im Stande war, die richtigen Worte zu formen und um ihrer Geste Nachdruck zu verleihen, stützte sie sich auf ihre Ellbogen, um ihm auf halben Weg zu begegnen.

Im nächsten Moment durchfuhr sie ein stechender Schmerz und obwohl sie sich auf die Lippen bis, entfloh ihr ein schmerzerfülltes Stöhnen. Sasuke hielt ihnen, die Augen vor Schock geweitet.

»Du hattest noch nie...« Sakura schüttelte den Kopf, krallte sich mit verkrampften Fingern in seine Schultern, auf der Suche nach Halt. »Du hättest mir etwas sagen müssen, ich hätte dich fragen müssen… wir...«

»Es ist alles gut«, unterbrach sie ihn und obgleich dies der Wahrheit entsprach, musste sie eine verirrte Träne aus ihrem Augenwinkel wischen, welche sich zu verselbstständigen drohte, »hör' nicht auf. Bitte.«

Sasuke küsste sie erneut, zaghaft und langsam. Obwohl der Schmerz nachgelassen hatte, formten sich weitere Tränen in ihren Augen; Tränen, die sie hastig weg blinzelte, damit er sich nicht noch mehr Sorgen machte. Er gab ihr unfassbar viel Zeit, sich an ihn zu gewöhnen und als er sich das erste Mal bewegte, hatte Sakura das Gefühl, formlos unter ihm zu werden. Die Grenzen zwischen ihren Körpern verwischten und irgendwo dazwischen verschmolzen sie zu Einem. Sakura verlor das Verständnis dafür, wo sie aufhörte und wo Sasuke begann und es war in diesem Augenblick der Schwerelosigkeit, in dem sie endlich begriff.

Sie liebte diesen Mann.

Sie liebte alles an diesem Mann.

Mit beiden Händen umfing sie seinen Rücken, hielt sich an ihm fest, suchte nach seiner Nähe, wie eine Motte nach dem Licht.

Immer und immer wieder skandierte sie seinen Namen, wie ein sündiges Gebet auf ihren Lippen und er antwortete ihr auf seine eigene Art: Er huldigte ihr, betete sie an.

Den ersten Knoten, den Sakura verspürt hatte, war anders gewesen: lauter, schneller, mehr. Das hier war anders; es war langsam, sinnlich und mit jeder Bewegung driftete Sakura weiter von der Realität fort und als sie schließlich ein zweites Mal über den Rand der Welt trat, folgte Sasuke ihr.

Vom Regen in die Traufe

Der nächste Morgen brach für Sakura sehr spät an. Ihre Seele hatte sich vollkommen fallen lassen in den Armen von Sasuke, welche sie noch immer von hinten umschlungen hielten, so dicht an ihr, dass sie das langsame Heben und Senken seiner Brust an ihrem Rücken spüren konnte. Ein herzhaftes Gähnen rollte schwerfällig über ihre Lippen, als sie sich so behutsam wie möglich streckte, um ihn nicht aufzuwecken. Und obwohl ihr Geist noch müde und träge war von all dem Schlaf, welchen sie in den letzten Wochen immer weniger gefunden hatte, blitzten Erinnerungen des vergangenen Abends auf und Sakura spürte Hitze in sich aufwallen, die nicht von der seidigen Bettwäsche über ihr rührte.

Sasuke regte sich hinter ihr, grummelte etwas Unverständliches und festigte seinen Griff um ihre Hüfte und in diesem Augenblick wurde ihr klar, dass sie noch immer keine Kleidung trug. Seine Haut streifte ihre und unbewusst seufzte sie auf.

»Guten Morgen, Sakura«, brummte er mit seiner tiefen Stimme, in welcher der Schlaf noch deutlich mitschwang und sie spürte, wie er sein Gesicht in ihrer Halsbeuge vergrub, so sein warmer Atem ihre Haut kitzelte, »wie hast du geschlafen?«

Sakura lachte leise und wand sich neben ihm, weil er nicht aufhören wollte, sie zu kitzeln. »So gut, wie schon lange nicht mehr«, befand sie, nachdem sie gespielt lange darüber nachgedacht hatte, »und du?«

»Hn«, raunte er nur und sie konnte sein selbstgefälliges Lächeln förmlich vor sich sehen. Mit geschickten Fingern drehte er sie zu sich um, sodass sie in seine halb geöffneten Augen blickte, die sie trotz der Müdigkeit voller Intensität musterten. Sein Blick blieb an ihren Lippen hängen und tatsächlich überbrückte er die wenige Distanz zwischen ihnen, um ihr einen genüsslich sanften Kuss zu geben. Erneut seufzte sie auf, als seine Hände auf Wanderschaft gingen und so liebten sie sich ein zweites Mal zwischen den seidigen Laken seines Bettes. Es war ganz anders, als gestern Nacht, still und zärtlich, sie redeten gänzlich ohne Worte miteinander und als Sakura wenig später aus dem Bett schlüpfte, um in das Bad zu tapsen und zu duschen, fühlte sie die Schmetterlinge in ihrem Bauch stärker als je zuvor.

Ihr wurde schwindelig, als das heiße Wasser auf ihre bereits glühende Haut traf, sodass sie sich an die kalten Fließen lehnte, um etwas Linderung zu erfahren. Sasuke folgte ihr wenig später und Sakura war froh, dass sie dank des heißen Wassers bereits rot angelaufen war, denn er trug schlicht und ergreifend gar nichts – was nicht verwunderlich war, immerhin war er ebenfalls ohne Kleidung eingeschlafen und es läge wohl wenig Sinn darin, sich anzuziehen, nur um sich unmittelbar darauf wieder auszuziehen. Ihn schien es deutlich weniger zu stören, als sie, denn er trat mit einer Selbstverständlichkeit zu ihr in die große Dusche, dass es fast schon schamlos wirkte. Mit sanftem Nachdruck nahm er den Schwamm aus ihrer Hand und half ihr dabei, sich zu waschen und ehe Sakura sich versah, liebten sie sich ein drittes Mal unter dem heißen Regen.

»Was hast du heute vor, Sakura?«, fragte er, nachdem sie das Wasser wieder abgestellt hatten und in den warmen Dampf traten, welcher die Umrisse des Badezimmers weich zeichnete und das Atmen schwerer machte. Seine Finger griffen nach dem Gürtel des viel zu großen Bademantels, welchen Sakura gerade zuband und zogen sanft an ihm.

Lachend scheuchte sie seine Finger weg und wandte sich gerade so weit zu ihm um, dass sie das dunkle Funkeln in seinen schwarzen Augen erkennen konnte. »Ich werde wohl arbeiten, wieso?«

Sasuke hob eine Augenbraue. »Es ist Sonntag«, stellte er fest und seine Hände fanden irgendwie ihren Weg um ihre Hüften, um sie näher zu sich zu ziehen.

»Blumenläden haben auch sonntags offen«, erinnerte sie ihn mit einem verschmitzten Lächeln. Die Wochenenden hatte sie zwar immer frei, aber das musste er ja nicht unbedingt wissen.

»Kündige«, schlug er so überzeugt vor, dass Sakura der Mund aufklappte.

»Ich habe nur Spaß gemacht, Sasuke. Ich muss am Wochenende gar nicht arbeiten.« Sakura rollte über sich selbst die Augen. So viel dazu, dass er von diesem Umstand nichts wissen musste, aber irgendwie hatte sie das Bedürfnis, diese absurde Forderung ihrer Grundlage zu berauben.

»Kündige trotzdem«, insistierte er so ernsthaft, dass Sakura in seinem Gesicht kein Anzeichen für einen versteckten Scherz finden konnte. Mit ihren Händen auf seiner Brust stemmte sie sich etwas von ihm weg, um ihm besser in die Augen schauen zu können, doch auch nach einigen Momenten der erwartungsvollen Stille entblößte er seinen Vorschlag nicht als Witz.

Schließlich seufzte sie und schüttelte den Kopf. »So einfach ist das nicht. Ich kann nicht nur von Luft und Liebe und unveröffentlichten Worten leben, Sasuke. Ich habe Rechnungen zu bezahlen.«

Sasuke legte den Kopf schief und musterte sie mit einer so offensichtlichen Verwunderung, dass Sakura kurz selbst glaubte, dass ihre Argumentation an den Haaren herbei gezogen war. »Ich besitze genug für uns beide«, sprach er schließlich seine Gedanken aus und Sakura musste schnauben.

»Das ist nicht wirklich dein Ernst, Sasuke.«

Sein Lippen verzogen sich zu einem anzüglichen Grinsen und bevor sie etwas sagen konnte, um ihn davon abzuhalten, küsste er sie erneut auf eine Art, die ihre Proteste effektiv und ohne viel Federlesens ad acta legte. »Lass mich zeigen, wie ernst ich es meine, Sakura«, raunte er leise, seine Lippen nur wenige Millimeter von ihren entfernt.

»Du bist schrecklich!«, fluchte sie lachend und gab ihm einen Klaps auf die Schulter, doch dann wurde sie wieder ernst, so schlagartig, als hätte man eine Kerze ausgepustet, »Ich kann das nicht annehmen, Sasuke.« In ihrem Kopf gab es eine lange Liste sämtlicher Gründe, weshalb dieses Angebot absurd war, doch sie gedachte nicht, ihm diese Liste vorzutragen.

Sasuke gab so schnell nicht auf und Sakura fragte sich, ob das einfach nur daran lag, dass er es nicht gewohnt war, seinen Willen nicht zu kriegen. Sie konnte sich gut vorstellen, dass Sasuke Uchiha immer bekam, was er wollte. »Ich rufe Itachi an, dass er dir eine Schreibmaschine hierher bringen soll«, schlug er vor und Sakura realisierte mit einem Schlag, dass das die Gelegenheit sein könnte, auf welche sie schon immer gewartet hatte.

»Nur einmal angenommen, ich nehme das Angebot an und schreibe hier an meinem Buch – was machst du denn in der Zwischenzeit?«

Sasuke lehnte sich zurück und obwohl sie noch nicht zugestimmt hatte, war ihm der Triumph von der Nasenspitze abzulesen. »Ich muss mich um einige Dinge kümmern, die mit gestern zu tun haben. Aber danach können wir zusammen etwas essen gehen, wenn du möchtest.«

Sakura seufzte ergeben, bemüht darum, sich nicht ansehen zu lassen, dass er ihr besser in die Karten spielte, als sie es sich je erträumt hätte und nickte. »Einverstanden.«

Seine Freude war so unverhohlen aufrichtig, dass sie sich fast schämte, als er sich erneut zu ihr hinab beugte, um ihr einen Kuss auf die Lippen zu hauchen. Als er sich wieder von ihr löste, schaute sie an sich hinab und begegnete schließlich wieder seinem Blick.

»Hast du etwas zum Anziehen für mich? Ich würde ungern mein Kleid von gestern tragen, darin würde ich mich … etwas seltsam fühlen«, schloss sie mit einem schiefen Lächeln.

Er nickte nur, griff mit einer Hand nach ihrem Handgelenk und zog sie mit sich zurück in sein Schlafzimmer. Die Luft roch nach Schlaf und Schweiß und irgendwo dazwischen konnte Sakura schwach den Duft ausmachen, der so typisch für Sasuke war. Während sie sich stumm ankleideten, ging Sakura in ihrem Kopf sämtliche Orte ab, an dem Sasuke etwas versteckt haben könnte, was ihr weiter half, sodass sie leise quietschte, als seine Finger sie kitzelten.

»Ich muss los.« Er nickte knapp in Richtung Tür, verließ sein Appartement aber nicht, ohne sie ein letztes Mal geküsst zu haben. Die Situation war so surreal, dass Sakura im ersten Moment gar nicht wusste, was sie mit sich anfangen sollte. Als sich die Realität, dass sie tatsächlich alleine in seiner Wohnung war, gesetzt hatte, stolperte sie in Richtung des Wohnzimmers und starrte durch die Fensterfront nach unten. Natürlich konnte sie die Straße so weit oben nicht erkennen, sodass sie einige Minuten lang angespannt auf eine eventuelle Rückkehr Sasukes wartete, ehe sie wie ein Wirbelsturm durch sein Zuhause fegte. Sie riss Schränke und Schubladen auf, bedacht darauf, alles wieder so herein zu legen, wie es vorher gewesen war; suchte nach doppelten Böden und Ecken, die so weit weg von allem versteckt waren, was zum normalen Leben gehörte, doch sie fand nichts – nichts, außer einem kleinen Schlüssel, welchen sie aus der Schublade seines Schreibtischs gezogen hatte. Dass er dort so offen herum lag, gab ihr die Gewissheit, dass er entweder bedeutungslos war oder aber Sasuke so sicher war, dass das versteckte Objekt zum Schlüssel unmöglich gefunden werden konnte.

»Seltsam«, dachte sie. Sie hatte nicht damit gerechnet, binnen weniger Minuten fündig zu werden, aber gar nichts? Jeder Mensch hatte etwas zu verstecken. Ob das eine Flasche Sekt hinter den Töpfen der Küche ist oder aber ein viel größeres Geheimnis um die eigene Existenz.

Sakura schritt vor dem massiven Bücherregal auf und ab, zermarterte sich den Kopf darüber, wo sie noch suchen könnte, bis ihre Aufmerksamkeit sich auf die unberührten, weichen Ledereinbände richtete, welche säuberlich und alphabetisch sortiert auf den einzelnen Brettern aneinander reihten. Vorsichtig zog sie eine Handvoll aus dem Regal, überprüfte das Mauerwerk dahinter, doch nichts. Sie stellte die Bücher zurück und nahm den nächsten Schwung heraus und danach den nächsten, bis sie sämtliche Regale abgearbeitet hatte, die sie mit ihren kurzen Armen erreichen konnte. Suchend schaute sie sich in dem Appartement nach einer Leiter um, doch natürlich hatte Sasuke so etwas nicht mal eben so herum stehen.

Resigniert seufzend ließ sie sich auf eines der ledernen Sofas fallen. Sie war schon seit einiger Zeit mit ihrer ertraglosen Suche beschäftigt und früher oder später würde Itachi auftauchen. Den Schlüssel hatte sie vorerst wieder an seinen angestammten Platz zurück gelegt, um keinen Verdacht zu erwecken und so saß sie da, buchstäblich mit leeren Händen und fragte sich, was sie als Nächstes tun sollte.

Die Stille in dem riesige Loft wurde unterbrochen von einem Schlüssel, der sich im Schloss drehte.

»Guten Morgen, Itachi«, grüßte sie ihn betont freundlich, noch ehe er die Tür hinter sich geschlossen hatte. »Sasuke hat mir gesagt dass du-« Sakura hielt so abrupt inne, als hätte man ihr eine Ohrfeige verpasst, was der Empfindung, die ihr gerade die Luft raubte, erschreckend nahe kam. »Was machst du hier, Karin?« Ihre Augen verengten sich, auch wenn der erste Impuls der Wut nicht direkt ihr galt – sondern der Tatsache, dass sie einen Schlüssel für dieses Appartement hatte.

»Guten Morgen, Sakura«, flötete Karin gut gelaunt, während sie betont auffällig mit ihrem Schlüsselbund klimperte, »die gleiche Frage könnte ich dir stellen.« Ihre Augen funkelten vergnügt, als wären sie sich soeben zufällig auf der Straße über den Weg gelaufen. Sie schlenderte um die Couch herum, langsam wie eine Katze, die ihre Beute umkreiste, ehe sie vor ihr zum Stehen kam. Sakura erhob sich und stellte aus nächster Nähe fest, dass sie exakt gleich groß waren.

»Also Sakura, erzähl mir doch bitte, was du in der Wohnung meines Verlobten zu suchen hast«, bat Karin mit honigsüßer Stimme.

Sakura blinzelte perplex, zu überwältigt, um anders reagieren zu können und als Karins Amüsement auf ihren Gesichtszügen verlöschte, kribbelte es in ihrem Nacken.

»Du hast mich schon richtig verstanden, Sakura. Was hast du hier zu suchen?«, wiederholte sie mit einer angedeuteten Drohung in der Stimme.

Sakura schluckte, aber nicht, weil sie Angst empfand im Angesicht von Karins unterschwellig feindlichem Gebaren. »Du lügst.« Die Worte brannten auf ihrer Zunge, sie wusste, dass sie sich irrte, noch bevor Karin antwortete. Sie besaß einen Schlüssel zu diesem Loft, wieso nur, wenn sie nicht das war, für was sie sich ausgab. Dennoch wischte sie auch den kleinsten, erbarmungswürdigsten Zweifel, an welchen Sakura sich so verzweifelt klammerte, mühelos weg, als sie die Finger ihrer linken Hand hob, um Sakura einen diamantbesetzten Ring unter die Nase zu halten.

Zum zweiten Mal an diesem Morgen fühlte sie sich wie geohrfeigt. Gewiss hatte Karin sich schon etliche Male auf denselben Laken vor Lust geräkelt, wie sie selbst noch vor einigen Stunden und bei dem Gedanken wurde ihr schlecht.

Sasuke hatte eine andere.

Sie war die andere.

Statt Karin zu erklären, was sie hier machte, rannte sie zurück in sein Zimmer, um die wenigen Sachen, die sie am gestrigen Abend dabei gehabt hatte, zusammen zu sammeln und fluchtartig die Wohnung zu verlassen. Aus einer Entfernung, die viel weiter weg zu liegen schien, als was der überschaubare Raum dieser vier Wänden hergeben könnte, hörte sie Karins Stimme, doch sie konnte die Worte nicht verstehen, die sie ihr hinterher schleuderte, denn das Blut rauschte in ihren Ohren wie der reißerische Strom eines Flusses, der von einem sintflutartigen Regen angepeitscht wurde.
 


 

Sasuke studierte gerade einige Dokumente in dem Büro des ausgestorbenen Autohauses, als die Tür ohne vorheriges Anklopfen aufschwang. Er musste den Kopf nicht heben, um zu wissen, dass es sich um Itachi handelte.

»Bist du fertig, Brüderchen? Es wird langsam spät.« Aus den Augenwinkeln erkannte Sasuke, dass Itachi sich auf einen der Stühle setzte, als würde er nicht erwarten, dass er so schnell wieder los musste. Tatsächlich hatte die Dämmerung bereits eingesetzt und obwohl er ein schlechtes Gewissen hatte, weil er Sakura so lange alleine gelassen hatte, zuckte ein Lächeln an seinen Lippen, als er an sie dachte. Und an das, was sie in den vergangenen vierundzwanzig Stunden miteinander geteilt hatten.

»Wo warst du eigentlich so lange?«, fragte er ausweichend, während er die losen Blätter auf seinem Schreibtisch sortierte und zu einem ordentlichen Stapel aufschichtete. »Eine Schreibmaschine zu besorgen hat wohl kaum so lange gedauert.«

»Ja, was das angeht ...« Itachi verstummte, wandte das Gesicht ab und betrachtete die kahlen Baumwipfel, deren Äste sich jenseits seines Geländes von der dämmrigen Dunkelheit wie skelettartige Finger abzeichneten.

»Muss ich dir alles aus der Nase ziehen? Ist etwas passiert?« Sasuke setzte sich etwas aufrechter hin. Das seltsame Verhalten seines Bruders beunruhigte ihn mehr, als er zuzugeben bereit wäre.

»Du solltest eventuell einmal darüber nachdenken, deine Schlösser auszutauschen«, antwortete er, ohne auf seine vorherige Frage einzugehen.

Sasuke verengte die Augen. »Wieso?«

»Karin war da. Keine Sorge, ich habe sie heraus begleitet, aber -«

Mit der geballten Faust schlug Sasuke so fest auf den Schreibtisch, dass der Stapel Dokumente, welchen er eben erst sorgsam zusammen gefügt hatte, halb von der Platte rutschte und sich auf dem Boden verteilte.

»Fuck!«, schrie er so laut, dass selbst der sonst so gefasste Itachi zusammen zuckte. Seine Hand zitterte, aber nur zum Teil der Schmerzen wegen, die ihm wie ein Blitz bis in die Fingerspitzen gefahren war.

»Das war wohl ein wenig übertrieben, findest du nicht?«

»Sakura ist bei mir zuhause«, zischte Sasuke durch zusammengebissene Zähne. Itachi besaß tatsächlich genug Anstand, um überrascht zu wirken, wenngleich diese Wendung durchaus vorhersehbar gewesen war.

»Oh«, gab er nur von sich, lakonisch, fast gelangweilt, was Sasukes Zorn nur noch mehr schürte, doch beherrschte er sich gerade genug, um nicht erneut auf den Tisch zu schlagen, »dafür war also die Schreibmaschine. Ich hatte mich schon gewundert.« Wie konnte er nur so ruhig und gelassen bleiben?

»Bring' mich sofort nachhause, Itachi!« Sasuke erhob sich, eilte zur Tür, nur um festzustellen, dass Itachi sich keinen Deut bewegt hatte. »Worauf wartest du denn noch

»Sasuke, beruhige dich. Ich verstehe, wie du dich fühlst, aber Sakura war in deiner Wohnung, als eine fremde Frau sich mit einem Schlüssel Zugang verschafft hat. Sie wird nicht mehr da sein.« Itachis nüchterner Pragmatismus kotzte ihn an.

»Sie ist nicht fremd, aber das macht es nicht besser«, dachte er verbissen, während er die Tür so heftig aufriss, dass sie mit einem lauten Knall gegen die Wand prallte und sich ein Bild von einem ausländischen Wage von dessen Vorrichtung löste, um scheppernd auf dem Boden zu zerspringen.
 


 

»Ich habe mich wohl verhört.« Inos erste Reaktion auf Sakuras zögerlich vorgebrachten Schilderung war es, dass sie das nächstbeste Objekt ergriff, um es gegen die Wand ihres Zimmers zu schleudern. Es handelte sich dabei um eines ihrer Lehrbücher, sodass die Wirkung entsprechend enttäuschend war. Noch immer fühlte Sakura sich wie betäubt und nur am Rande nahm sie überhaupt war, wie Ino sie in eine Umarmung zog, die sie kaum auf ihrer Haut spürte. Erst jetzt begriff sie, dass sie noch immer in Sasukes Klamotten steckte und mit einer fast hysterischen Episode von Wahnsinn rannte sie in ihr Zimmer, um sich selbige vom Leib zu reißen.

»Ich kann das immer noch nicht glauben, Sakura«, schimpfte Ino, die ihr unaufgefordert gefolgt war und nun gegen den Türrahmen ihres Zimmers lehnte, die Arme vor der Brust verschränkt, »dieser verfluchte Scheißkerl! Sind wir nur von Scheißkerlen umgeben? Ich fasse es wirklich nicht!«

Ino war so rundheraus wütend, dass Sakura begriff, dass sie selbst auch wütend und nicht schockiert sein sollte, doch die unumstößliche Wahrheit war, dass sie es war. Sie war schockiert, bis auf die Grundfesten ihrer Existenz. Er hatte sie belogen, vielleicht nicht aktiv, aber auch das Zurückhalten der Wahrheit war eine Lüge, zumindest in ihren Augen. Er hatte sie verraten, sie und alles, was sie miteinander geteilt hatten und das Schlimmste daran war, dass sie selbst ihn dazu befähigt hatte.

Sie war zu weit vom Rande des Sees abgetrieben, hatte sich von ihm mitziehen lassen, bis hinaus in die Mitte, von wo sie den Grund mit bloßen Augen nicht mehr erkennen konnte.

Sie hatte ihm erlaubt, sie zu berühren, nicht nur körperlich, sondern auch emotional und er hatte es für seine eigenen, schäbigen Absichten ausgenutzt.

Tränen stiegen ihr in die Augen, gleichzeitig aus Wut, Fassungslosigkeit und einem Schmerz geboren, der mit einem Schlag über ihr zusammen brach, wie eine Flutwelle.

»Dieser Scheißkerl«, pflichtete sie Ino bei und es tat gut, es sich selbst sagen zu hören, auch wenn es nicht einmal im Ansatz ausreichte, um den quälenden Schmerz in ihrer Brust zu lindern, »ich muss hier weg. Früher oder später wird er hier aufkreuzen, ganz sicher und wenn ich ihm ins Gesicht sehen muss, dann weiß ich wirklich nicht, was ich tun werde, bei Gott, Ino.«

»Wohin willst du denn gehen?« Ino betrachtete sie mit ungefiltertem Mitleid, welches das brennende Gefühl hinter ihrer Brust nur neu entfachte.

»Ich weiß es nicht. Irgendwohin. Für ein paar Tage muss ich weg, sonst drehe ich durch, Ino, ich kann nicht -« Sakura verstummte, schlicht, weil sie nicht wusste, was sie noch sagen sollte, was sie noch sagen konnte. Die Wut war so schnell verklungen, wie die letzten Tastenanschläge eines Pianos am Ende eines Lieds und zurück blieb eine aushöhlende Leere, die ihr die Gedanken und Zunge lähmte. »Kannst du deiner Mutter Bescheid geben für mich? Und sie um Verzeihung bitte, aber ich … auch dort wird er mich sicher suchen.«

»Du willst ihn nicht sehen, das verstehe ich Sakura, aber du kannst ihm nicht für immer aus dem Weg gehen, Süße«, wandte Ino ein und auch wenn sie recht hatte, wollte Sakura nichts von ihrer verfluchten Räson wissen. Ino schien ihr ihre Gedanken von der Stirn ablesen zu können, denn mit einem tiefen Seufzer fügte sie hinzu: »Ich kümmere mich um Mama, versprochen.«

»Danke.«

Sakura rauschte an ihr vorbei, wie ein Wirbelsturm, der sich drohend am Firmament zusammenbraute und erneut folgte Ino ihr in die Küche. Mit zittrigen Fingern riss sie die Besteckschublade auf und suchte nach etwas Geeignetem für den nächsten, unerlässlichen Teil ihres Fluchtplans.

»Was hast du denn damit vor, Sakura?«, fragte Ino voller Entsetzen, als sie ein scharfes Messer hervorzog und prüfend inspizierte.

»Meinen Schatten loswerden«, erklärte sie vage und bevor Ino protestieren konnte, schnappte sie sich ihre Tasche und ihre Börse und stürmte aus der Wohnung, eine neue Welle der Wut umspülte sie, als sie die Stufen förmlich überflog und dabei mehr als einmal fast ausrutschte. Das Messer versteckte sie in ihrer Tasche, bevor sie zur Tür heraus trat und durch den strömenden Regen über die Straße rannte, um in das einzige Cafè zu gehen, welches zu dieser Zeit noch immer geöffnet hatte. Abgesehen von ein paar einzelnen Leuten, die mit müden Augen über ihrem Kaffee und einem Buch brüteten, war der Laden ausgestorben, sodass es nicht lange dauerte, bis Sakura bekam, wonach es ihr verlangte: Einen brühend heißen Kaffee zum Mitnehmen. Der Barista starrte der zornigen Erscheinung, welche gerade durch sein Café gewirbelt war, verdutzt hinterher, beschloss aber mit einem Schulterzucken, dass das Ganze nicht sein Problem war.

Bei dem schwarzen Wagen angekommen, schnaufte Sakura schwer und es verlangte ihr alles ab, sich darauf zu konzentrieren, jetzt das Richtige zu tun und nicht das, was sie stattdessen gerne machen würde. Mit Kraft klopfte sie zweimal gegen die Scheibe und als derselbe, gelangweilte Kerl mit rotem Haar vor ihr auftauchte, setzte sie ihr süßlichstes Lächeln auf.

»Was willst du denn jetzt schon wieder?«

»Hier. Für dich. Die ganze Herumsitzerei muss unerträglich sein«, spottete sie und drückte ihm den Kaffee in die Hand, »wenn du mal auf Toilette musst, musst du nur bei Haruno und Yamanka klingeln«, fügte sie bissig hinzu und tatsächlich hatte es exakt die Wirkung auf ihn, die sie sich erhofft hatte: Er war verwirrt. Ehe er etwas erwidern konnte, rauschte sie davon und tat so, als würde sie über den lächerlich niedrigen Bordstein stolpern. Es war erniedrigend, so auf dem nassen Asphalt zu kleben, die Spitzen ihrer Haare halb in dem schmutzigen Regenwasser, aber Sakura hatte sämtliche Hemmungen von sich abgestreift, wie einen zu großen Mantel, als sie dort unten kauerte und mit zittrigen Händen das Messer aus ihrer Tasche fischte und ohne groß darüber nachzudenken mehrmals in den Hinterreifen stach.

»Was zur Hölle machst du da?«, fragte der Mann gereizt, gerade als sie das Messer wieder weggepackt hatte, um sich betont mühsam vom Boden aufzuheben. Sie legte das bisschen schauspielerisches Können, über welches sie verfügte, voll und ganz in diese Darbietung und tat so, als würde ihr alles wehtun.

»Ich muss gestolpert sein, weil dieser beschissene Dauerregen alles so rutschig macht«, fluchte sie derb, was ihm tatsächlich ein belustigtes Schnauben entlockte. Einen Moment lang blickte er sie an, als suchte er in ihrem Gesicht nach einem Anzeichen dafür, dass sie etwas Verdächtiges in Erwägung zog, zuckte dann aber nur gelangweilt mit den Schultern und verschwand wieder in seinem Auto. Mit einem bösen Lächeln verschwand sie zurück ins Haus, dieses Mal etwas langsamer, um mit den nassen Sohlen nicht wirklich noch auszurutschen.

»Was zur Hölle war das gerade, Sakura?«, fauchte Ino und Sakura hatte ein Déjà-vu.

»Ich habe seinen verfluchten Reifen aufgestochen. Mit dem Auto fährt er so schnell nirgendwo mehr hin«, stellte sie mit grimmiger Zufriedenheit fest.

Ino schien nicht ganz d'accord damit zu sein, denn sie blinzelte ein paar mal perplex, ehe sie ihre Sprache wieder fand. »Du hast was gemacht? Bist du von allen guten Geistern verlassen, meine Liebe? Bei allem nötigen Respekt, aber was machst du da? Was glaubst du, was passiert wäre, wenn er dich dabei erwischt hätte?«

»Bitte, Ino, hältst du mich etwa für dumm? Ich habe ihn natürlich vorher abgelenkt«, entrüstete sie sich, empört darüber, für was für einen Einfaltspinsel Ino sie zu halten schien.

»Das macht es nicht besser, Sakura. Was ist nur los mit dir?«

»Ich bekämpfe Feuer mit Feuer, Ino. Etwas, was ich schon viel früher hätte machen sollen.« Entschlossen ging sie zurück in ihr Zimmer und fing an, eine kleine Tasche mit den nötigsten Dingen zu packen. Zwar wusste sie noch nicht, was sie die nächsten Tage über machen sollte, nicht einmal, wohin sie sollte, aber das war vorerst zweitrangig. Sie musste hier raus und das dringend, denn sie wusste, dass sie, wenn sie nur lange genug innehielt, in Tränen ausbrechen würde und sie war nicht bereit dafür, Sasuke auch noch die Macht darüber zu geben.

»Was hast du denn jetzt vor?«, wollte Ino wissen und die distanzierte Zögerlichkeit in ihrer Stimme brachte Sakura dazu, von ihrer Tasche aufzusehen und dem traurigen Blick ihrer besten Freundin zu begegnen. Sie wollte ihr antworten, wollte ihr versichern, dass alles gut war und dass sie nicht im Begriff war, durchzudrehen, doch die Wahrheit war, dass sie sich selbst nicht sicher war, was gerade mit ihr passierte.

»Ich weiß es nicht«, gab sie schließlich zu und ihre Schultern begannen zu beben. Sie spürte die verräterischen Tränen in ihren Augen brennen und ehe sie etwas gegen sie hätte unternehmen können, flossen sie ihr schon ungehindert über die Wangen, hinterließen glühende Spuren der Scham und Verzweiflung.

Ino umfing sie mit offenen Armen und flüsterte ihr bedeutungslose Worte der Aufmunterung zu, die weder auf Gehör, noch auf Verständnis stießen. Statt ihr zu antworten, ließ Sakura einfach gänzlich los und die Tränen brachen nun in einer überwältigenden Intensität aus ihr heraus, als wäre ihr innerer Damm mit einer gewaltigen Explosion gesprengt worden. Eine gefühlte Ewigkeit standen sie einfach so da und Ino ließ sich ihren schicken Pullover von Sakuras Tränen ruinieren, ohne ein Wort der Klage. Irgendwann löste Sakura sich von ihr und ihr Kopf schmerzte vom ganzen Weinen. Ino verschwand in die Küche und kehrte mit einem Glas kaltem Wasser zurück, welches Sakura in einem Sturz austrank.

»Danke«, brachte sie zwischen zwei Hicksern hervor. Mit dem Zipfel ihres Ärmels wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und Sakura brauchte keinen Spiegel, um zu wissen, wie verheult sie aussah – sie fühlte, wie geschwollen ihre Augen waren und wie ihre Wangen von den salzigen Überresten brannten.

»Du willst also wirklich weg?« Ino rieb ihr die Oberarme, doch die liebevolle Geste drang kaum zu Sakura durch. Sie nickte knapp, die Lippen fest zusammen gepresst, um nicht noch einmal das Weinen anzufangen.

Ino seufzte, bestürmte sie aber nicht dazu, ihre Meinung zu ändern, stattdessen fragte sie: »Soll ich dir ein Taxi rufen?«

Noch einmal nickte Sakura, nicht imstande dazu, ein Wort zu formen.
 


 

Als sie bei ihm zuhause ankamen, wurde er von einer leeren Wohnung begrüßt und die Stille, die auf sein vorsichtiges »Sakura?« folgte, schien ihn zu verhöhnen. Entgegen seiner Hoffnungen hatte Itachi recht behalten sollen und Sakura war verschwunden. Damit war klar, dass sie und Karin miteinander gesprochen hatten und er traute sich nicht, sich auszumalen, was Karin ihr erzählt haben könnte. Es tat auch nichts zur Sache, denn was auch immer es gewesen war – es hatte genügt, um Sakura zu verscheuchen.

»Sie ist wirklich weg«, stellte er überflüssigerweise fest und dennoch neigte Itachi den Kopf, um ihm zuzustimmen, »und jetzt?« Er war selten ratlos, aber dies war einer jener seltenen Augenblicke.

Itachi musterte ihn unverschämt lange und so ausdruckslos, dass Sasuke seine Gedanken niemals hätte erraten können. »Wir fahren zu ihr. Es ist schon spät, wo sollte sie sonst sein?«

Das war vernünftig und vermutlich die einzige Option, die er gerade hatte. Er war sich sicher, dass sie die Tür niemals öffnen wurde, doch das war ein Problem, um welches er sich kümmern würde, wenn es soweit war.

Der Fahrstuhlpage beäugte sie ungläubig, als sie zurück in den Aufzug traten und er ihm etwas zu unwirsch mitteilte, dass sie zurück ins Erdgeschoss wollten. Unter anderen Umständen hätte er sich für einen solchen Ausbruch entschuldigt, doch gerade konnte ihm nichts egaler sein, als die verletzten Gefühle eines dämlichen Fahrstuhlpagen, der nicht einmal wenn er es wollte, erahnen konnte, was gerade in ihm vorging.

»Oh, oh«, entfloh es Itachi, noch bevor Sasuke bemerken konnte, dass eine bekannte Gestalt sich auf der Straße annäherte. Es war Gaara. Sasukes Herz schien für eine Sekunde stehen zu bleiben, als der rothaarige Mann mit wütendem Gesichtsausdruck vor ihnen zum Stehen kam.

»Dieses verfluchte Miststück«, fluchte er anstelle einer Begrüßung und nur mit größter Mühe schaffte Sasuke es, sich davon abzuhalten, ihm eine saftige Ohrfeige zu verpassen, »sie hat mir den beschissenen Reifen zerstochen!«

»Autsch«, kam es von Itachi und allmählich verlor Sasuke die Geduld mit seinem Bruder und dessen mangelndem Respekt im Angesicht der prekären Lage.

»Wann ist das passiert?«, wollte Sasuke wissen, »Und wo ist Sakura, wenn du gerade hier bist?«

Gaara zuckte mit den Schultern, als wäre dies das Letzte, was ihn gerade interessierte. »Vor einer halben Stunde vielleicht? Sie kam aus dem Haus gestürmt wie eine Furie und hat kurz darauf an das Fenster geklopft, um mir einen Kaffee zu geben und sich über mich lustig zu machen. Ich schwöre, wenn sie dir nicht wichtig wäre, hätte ich meine feministischen Gefühle nur für sie abgeschaltet und ihr eine verpasst« - Erneut zuckte es in Sasukes Fingern und er musste beide Hände ineinander verschränken, um dem Impuls nicht nachzugeben - »und dann hat sie sich scheinbar auf den Boden fallen lassen, was weiß ich. Wahrscheinlich hat sie dieses Schmierentheater nur deshalb aufgeführt. Danach ist sie nach oben verschwunden und eine halbe Stunde später ist sie mit einem Taxi davon gefahren.« Gaara fluchte noch ein paar Mal so unflätig, dass Sasuke um seinetwillen weghörte, während er eine Schachtel Zigaretten aus seinem Anzug fischte und sich eine entzündete, ehe er die Schachtel Gaara entgegen hielt.

»Willst du trotzdem noch zu ihr fahren? Ich glaube nicht, dass ihre Mitbewohnerin aufgeschlossener dir gegenüber ist, als Sakura«, stellte Itachi trocken fest. Sasuke massierte sich den Nasenrücken, doch das linderte den pulsierenden Schmerz hinter seinen Augen nur geringfügig.

»Wir müssen. Ich habe keine andere Wahl. Ich muss wissen, wo Sakura jetzt ist. Ich muss
 

Wenig später stand er in dem alten Hausflur, dessen Lampen bedrohlich flackerten, als hätten sie ihr Leben fast verwirkt und warteten nur darauf, endgültig über den Jordan zu gehen. Gaara und Itachi hatte er befohlen, unten auf ihn zu warten, nicht, dass sie mit ihrer Art irgendetwas sinnvolles zu diesem Unterfangen hätten beitragen können.

»Was willst du hier, Sasuke?«, fragte Ino schmallippig, nachdem sie sich irgendwann doch dazu herabgelassen hatte, ihm die Tür zu öffnen. Minutenlang stand er schon vor der Tür, zunächst hatte er normal geklopft, doch irgendwann war das Klopfen zu einem Hämmern geworden. Eine absurde Frage, redundant in jeglicher Hinsicht, immerhin war die unverhohlene Wut auf ihren Gesichtszügen der eindeutige Beweis dafür, dass sie schon längst wusste, was vorgefallen war. Zumindest Sakuras Version der Dinge.

»Wo ist Sakura?«, stellte er die Gegenfrage und seine Augen huschten an Inos Schulter vorbei auf den schmalen Teil des Flurs, den er durch den winzigen Spalt, welchen sie ihm geöffnet hatte, überhaupt erkennen konnte. Es war ein Reflex und er wusste, dass er Sakura nicht entdecken würde, denn Gaara hatte ihm bereits klar gemacht, dass sie verschwunden war. Panik machte sich in ihm breit, als er an Itachis Worte dachte.

Sie wird das perfekte Druckmittel sein. Ein einziger unbeobachteter Moment genügt.

Ihre Augen verengten sich und sie verschränkte abweisend die Arme vor der Brust. »Nicht hier.«

»Wo ist sie«, wiederholte er seine Frage, doch Ino würdigte sich kein zweites Mal dazu herab, ihm eine Antwort zu geben, stattdessen schlug sie ihm die Tür vor der Nase zu, so vehement, dass er unwillkürlich zurück wich. Er raufte sich die Haare und ein Schrei, so roh und voller hilfloser Wut, löste sich aus seiner Brust, wie ein Donnerknall.

Sasuke steckte in der Scheiße und zum ersten Mal in seinem Leben wusste er nicht, was er jetzt tun sollte.
 


 

Sakura war die ganze Woche über in einem billigen Motel abgestiegen, vor dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift „Zimmer frei“ hing, so verblichen und von den Spuren des Wetters gezeichnet, dass es offenkundig immer draußen hing. Die Teppiche der Lobby hatten einst wohl die Farbe eines samtigen Karminrotes gehabt, nun sahen sie aus, als wären sie von einer dicken, krustigen Schicht aus ausgewaschenem Blut und Schmutz überzogen. Die Fenstergläser waren fleckig und von einer schlierigen Fettschicht überzogen, sodass der Blick auf die Stadt wie durch Milchglas verschwamm. Die Vorhänge sind fadenscheinig und löchrig, zerfressen von Motten, die in den tiefsten Ecken der Schubladen ihre Eier brüteten und boten im Ernstfall kaum Schutz vor neugierigen Blicken. Vor vielen Jahren waren die Wände wohl mal weiß gewesen, doch nun blätterten die Tapeten gelblich von der Fassade, die Ecken krümmten sich nach innen, als hätte selbst der hartnäckige Kleber nicht mehr die Kraft, der Zeit und der Vernachlässigung zu trotzen.

Es stank permanent nach kaltem Rauch und wenn Sakura nicht damit beschäftigt war, sich auf dem Bett sitzend die Haare zu raufen, rümpfte sie die Nase angesichts des ekelerregenden Gestanks, dem eine subtile Note von Urin und Erbrochenem nachhing. Um die wenigen restlichen Bewohner dieser Absteige machte Sakura einen weiten Bogen, zum Teil, weil sie, ähnlich wie das Mobiliar, nach längst vergangenen Zeitaltern und sämtlichen Ausdünstungen menschlichen Lebens rochen, zum anderen, weil sie allesamt nuschelten und wirre Sachen faselten, wenn sie ihnen auf den Fluren über den Weg lief.

Das Personal war so desinteressiert und gelangweilt, wie es die Verfassung der Räumlichkeiten vermuten ließ und Sakura war dankbar dafür, dass sie ihr ihre Ruhe ließen und keine Fragen stellten, wenn sie mehrmals täglich ein- und wieder ausging. Nachdem sie Gaara erfolgreich abgeschüttelt hatte, war sie Hals über Kopf hier gelandet und hatte nach einer eingehenden Prüfung beschlossen, dass niemand sie jemals hier vermuten würde – nicht einmal sie selbst. Das war genug für sie gewesen, um für einige Tage ein Zimmer zu buchen, in welchem sie die Realität aussperren und ihre Verzweiflung einsperren konnte. Emotional ging es ihr nicht besonders gut, um es gelinde auszudrücken. Sasukes Verrat hatte ein Loch in ihre Brust, in ihre Seele gebrannt, welches selbst all die Tränen der Wut nicht mehr flicken konnten, im Gegenteil – sie schienen es weiter auszufransen und realer zu machen, als es ihr zuzugeben lieb gewesen wäre.

Die ersten zwei Tage hatte sie in einer Schockstarre verbracht, die sie irgendwann nach ihrer Wut eingeholt hatte, gefangen zwischen einer durchgelegenen Matratze, die bei jeder noch so kleinen Bewegung gefährlich knarzte und Laken, die kaum noch zu wärmen vermochten. Das ganze Gewicht der Welt schien auf ihr zu lasten, sie niederzudrücken und ihr den Atem zu rauben, wann immer sie es gewagt hatte, sich zu bewegen.

Als sich die Woche langsam einem zähen Ende neigte, machte Sakura das erste Mal einen Anruf von ihrem Telefon aus. Sie erreichte Ino nicht sofort, aber als sie endlich ihre besorgte Stimme hörte, durch die schlechte Leitung etwas mechanisch und abgehackt, löste sich etwas in ihrer Brust und sie brach erneut in Tränen aus. Eigentlich war sie überzeugt davon gewesen, keine Tränen mehr für Sasuke in sich zu haben und dennoch hatte sie fast eine Stunde lang geweint, während Ino beruhigend auf sie eingeredet hatte. Sie müsse sich um die Arbeit keine Sorgen machen, ihre Mutter stünde voll und ganz hinter ihr; Sai hatte sich noch immer nicht gemeldet und war auch zuhause nicht anzutreffen und das Studium liefe träge vor sich hin, ohne dass Ino sich groß auf ihre Lektionen konzentrieren konnte. Sasuke erwähnte sie mit keiner Silbe, wofür Sakura ihr vom Herzen dankbar war, auch wenn er noch immer die ganze Zeit durch ihre Gedanken schwirrte, wie der Geist einer Erinnerung, die sie einfach nicht verdrängen konnte.

Die Stille, die sie nach dem Telefonat von neuem begrüßte, wie einen alten Freund, wog bleiern schwer auf ihr und obwohl es draußen in Strömen goss, beschloss sie, ihre Tasche zu packen und von hier zu verschwinden. Vor Wochen hatte sie das Grab ihrer Eltern besuchen wollen und jede Ablenkung davon willkommen geheißen, doch nun gab es nichts mehr, hinter was sie sich schützend verstecken konnte. Ihre Seele war offen gelegt worden, roh und verletzlich, als hätte man ihr Herz sorgsam aus der Brust geschnitten und zum verwildern liegen gelassen. Ein Besuch auf dem Friedhof erschien dagegen fast erfreulich, gar erbaulich, auch wenn ihre Eltern schon lange nicht mehr auf ihr Wehklagen reagieren konnten. Sakura verspürte einen fast körperlichen Schmerz dabei, wie sehr sie sich nach der tröstenden Umarmung ihrer Mutter sehnte, welche immer nach den Narzissen und Rosen ihres kleinen Gartens gerochen hatte.

Es regnete in langen Fäden und obwohl Sakura einen Schirm mit zum Motel genommen hatte, machte sie nicht die Mühe, diesen aufzuspannen. Die kalten Tropfen krochen durch den dicken Stoff ihrer Kleidung langsam bis auf ihre Haut, wo das eisige Wasser wie eine glühende Spur brannte, das einzige Pendant zu der eisigen, unwirtlichen Landschaft, zu welcher ihr Innerstes verkümmert war. Der Wind war böig und riss fordernd an ihrem Mantel, bis er vom Regen zu schwer geworden war und ihr stattdessen wie ein totes Gewicht über den Schultern hing, sie nach unten zog.

Der Busfahrer, welcher ihr die Tür öffnete, starrte sie an, als hätte er einen Geist gesehen und nachdem sie wortlos ein Ticket bei ihm bezahlte, hatte er es eilig damit, seinen Blick wieder von ihr abzuwenden. Der Boden zu ihren Füßen wurde zu einer Pfütze, die sich langsam ausbreitete und die schmutzigen Fußspuren in formlosen Matsch verwandelten.

Die Fahrt war lang und ereignislos, die ganze Zeit über betrachtete sie die Lichter der Autos um sich herum, die hinter dem nassen Glas zu leuchtenden Punkten verschwammen. Irgendwann veränderte sich die eintönig graue Landschaft, von Häusern und vereinzelten, kahlen Bäumen, durchzogen nur von den rötlich gelben Scheinwerfern der Autos, hin zu kleineren Wäldern voller Nadelbäume, die dem harschen Wetter des Winters stur getrotzt hatten und noch immer in all ihrer Pracht dort standen, als könnten sie allem trotzen – selbst der Zeit.

Als Sakura hörte, wie der Schaffner ihre Haltestelle verkündete, zuckte sie kaum merklich auf, fast als wäre sie überrascht darüber, tatsächlich hier zu sein. Dieses Mal spannte sie ihren Regenschirm auf, wenngleich es nicht mehr viele Stellen ihres Körpers gab, die sie vor der Nässe zu schützen brauchte. Es wurde langsam dunkel und Sakura setzte ihre Schritte langsam und behutsam, aber weniger, um nicht zu stolpern, sondern mehr, um Zeit zu schinden.

Friedhöfen sagte man wohl kaum nach, dass sie jedermanns liebster Ort sind, doch erst, wenn man jemanden verloren hatte, den man wirklich liebte, entfalten sie ihre volle, erdrückende Wirkung. Und so fröstelte ihr, als sie durch das Tor aus schmiedeeisernen Stäben stapfte, begleitet von nichts anderem, als den schmatzenden Geräuschen des Matsches unter ihren Sohlen, dem sanften, aber beständigen Trommeln des Regens auf ihrem Schirm und dem beklemmenden, allgegenwärtigen Gefühl des Verlustes. Eine unendliche, fast friedliche Ruhe umgab sie, geboren daraus, dass andere ihr Leben verloren hatte, so greifbar und makaber, dass es ihr schauderte. Die Luft war erfüllt von dem Geruch nasser Erde, vermischt mit dem Duft von frischem Harz, nassem Stein und den Überresten lange verwelkter Blumen; ein Aroma, so eindeutig dem Ort zuzuordnen, dass Sakura auch mit verschlossenen Augen gewusst hätte, wo sie sich befand.

Obwohl es dämmrig war und die wenigen Laternen kaum genug Licht verbreiteten, um die eigene Hand vor Augen zu erkennen, fand Sakura den Weg zum Grab ihrer Eltern ohne groß darüber nachdenken zu müssen. Sie kam nicht oft hierher, aus Angst davor, zu weinen, obwohl es schon lange keinen Sinn mehr für ihren Tränen gab und davor, dass sie ihren Blick nicht von dem kalten, leblosen Stein lösen konnte, auf welchem die Namen ihrer Eltern eingemeißelt waren. Das Grab war verwittert und verwahrlost und Sakura spürte, wie sich ihr schlechtes Gewissen mit einem schmerzhaften Ziehen in ihrer Brust meldete, doch sie brachte es einfach nicht über sich, öfter zu kommen und sie besaß nicht genug Geld, um jemand anderen damit zu beauftragen, sich darum zu kümmern.

Obwohl ihre Knie klagten, ging sie in die Hocke, um notdürftig mit einer behandschuhten Hand die verwelkten Blätter des Herbstes von dem Erdhügel zu fegen, unter welchem ihre Eltern in Frieden ruhten. Zumindest hoffte Sakura, dass es so war, denn es war das Einzige, was sie jedes Mal dazu bewog, diesem Ort wieder ihren Rücken zu kehren und weiter zu machen.

Sie hatte keine Kerze mitgenommen und auch keine Blumen, stellte sie fest.

»Das nächste Mal bringe ich dir deine Lieblingsblumen mit, Ma«, krächzte Sakura heiser und sie fühlte, wie heiße Tränen in ihren Augenwinkeln brannten. Keine Antwort, nur das Heulen des Windes, der an den leeren, knorrigen Ästen einiger umstehender Bäume rüttelte.

»Ich vermisse euch so sehr«, gestand sie flüsternd, zum tausendsten Male und zum tausendsten Male wurde sie mit ihrer Trauer allein gelassen. »Ich könnte deinen Rat echt gut gebrauchen, Ma. Du wusstest immer, was am Besten für mich war.« Sakura klemmte den Schirm zwischen ihrem Ellbogen und ihrem Bein ein, welches sie mit ihren Armen umschlungen hielt und spielte mit dem feuchten Stoff ihrer Handschuhe.

Es war albern, mit dem Grabstein ihrer Eltern zu sprechen, doch es gab ihr ein Gefühl, etwas weniger alleine zu sein; das Gefühl, ihren Eltern nahe zu sein, obwohl sie schon lange nicht mehr da waren. Sakura verlor jedes Gespür davor, wie lange sie dort auf dem Boden kauerte. Es hätten Stunden sein können oder aber auch Tage.

Irgendwann hörte Sakura eine Bewegung hinter sich, das Geräusch von Sohlen, die auf durchweichte Erde traten und plötzlich inne hielten. Als sie sich erhob, brannten ihre Knie, doch das nahm sie nur am Rande war.

»Mein Beileid«, sprach eine Frauenstimme hinter ihr und als sie sich umdrehte, erkannte sie das flammend rote Haar von Karin, welches sich in dem spärlichen Licht der Laternen wie Blut von der dunkelgrauen Umgebung abhob. Sie wurde begleitet von einem Mann mittleren Alters, das Haar weiß wie Schnee, der auf unberührten Hügeln lag und im flackernden Licht fast zu schimmern schien.

Sakura runzelte die Stirn, nicht wütend, nicht verletzt, als wäre sie zu keiner Empfindung mehr imstande. »Was wollen Sie hier?«, fragte sie tonlos, »was könnten Sie noch von mir wollen?«

Karins Augen wanderten zu ihrem Begleiter und wieder zurück. »Wir wollen reden.«

»Hier?« Sakura lachte freudlos. »Sind Sie verrückt?«

Karin schüttelte bestimmt den Kopf, ihr Haar tanzte um ihr blasses Gesicht, wie ein Kranz aus blutroten Rosen. »Du hast das Talent bewiesen damit, immer an den falschen Orten aufzutauchen«, entgegnete sie unbeeindruckt von Sakuras Beleidigung, »aber hier können wir reden. Ungestört.«

Einen Moment lang überlegte Sakura ernsthaft, ob sie einfach an ihr vorbei stiefeln sollte, doch ihr Blick flackerte für einen flüchtigen Moment zu dem fremden Mann, der reglos wie eine Statue neben Karin stand und sie aus dunklen Augen heraus musterte. Er kam ihr seltsam bekannt vor, ein vages Gefühl des Erinnerns, ein leises Flüstern in ihrem Ohr, doch Sakura konnte sich nicht erinnern. Sie hätte schwören können, dass er noch kein einziges Mal geblinzelt hatte, sodass sie sich schnell wieder von ihm abwandte.

»Über was?«

Karin antwortete ihr nicht, stattdessen öffnete sie den Verschluss ihrer Umhängetasche und suchte mit geschickten Fingern nach etwas, was sich als mehrere Papiere entpuppte. Genauer gesagt, als eine Zeitung. Sakura zog die Augenbrauen hoch, vermochte sie in der abendlichen Dämmerung nichts zu erkennen, doch ihr Blut fing das Rauschen an, als würde etwas in ihr in Bewegung gesetzt, unaufhaltsam, als würde sie förmlich davon angezogen werden.

»Darüber.« Sie hielt ihr die Zeitung auffordernd entgegen, bedacht darauf, dass die Ränder ihres Schirmes das Papier vor dem schädlichen Regen schützte. Zögerlich machte Sakura einen Schritt nach vorne, dann noch einen, als müsste sie ihren Körper daran erinnern, wie er sich bewegen konnte. Sie zog die Handschuhe aus, die feucht an ihrer Haut klebten und verbarg sie in einer Tasche ihres Mantels, ehe sie ihre Hand ausstreckte und feststellte, dass sie zitterte, als sie sich um das Papier schlossen.

Einen Moment lang starrte sie Karin an, welche ihrem Blick mit beinahe grimmiger Entschlossenheit begegnete, ehe sie auf das Papier hinab blickte. Es wurde immer dunkler und obwohl Sakura die kleinen Buchstaben des Artikels kaum noch erkennen konnte, so stach die dicke Überschrift noch immer so deutlich hervor, dass Sakura die Zeitung fast fallen gelassen hätte, als sie erkannte, was sie in ihren Händen hielt.

»Woher hast du den?«, verlangte sie zu wissen, ihre Stimme zitterte in dem verzweifelten Versuch, nicht die Beherrschung zu verlieren. Das musste ein Scherz sein, ein perfider Trick, um sie noch tiefer in den Abgrund zu stürzen, welcher sich nach Sasukes Verrat in ihr aufgetan hatte, gähnend leer und so vollkommen finster, dass man sich nur zu leicht darin verlieren konnte.

»Was glaubst du, Sakura?«, stellte Karin die Gegenfrage und sie legte den Kopf auf die gleiche Art schief, wie Sasuke es zu tun pflegte. Rasende Eifersucht brannte sich wie Gift durch ihre Adern und auch wenn es ihr nicht zustand, wollte sie die Frau vor ihr am Liebsten zu Boden ringen. Sie besann sich eines Besseren, konzentrierte sich auf das, was sie in ihren Händen hielt und was es bedeutete, dass Karin ihr diese Offenbarung zuteil hatte werden lassen. Erneut klemmte sie ihren Regenschirm fest, um die Zeitung mit beiden Händen aufschlagen zu können und als sie den Namen des Autoren las, wurde sie von einem Schwindel erfasst, welcher nicht auf ihre fragwürdige Ernährung der letzten Tage zurück zu führen war.

»Du hast diesen Artikel geschrieben?«

Ein mysteriöses Lächeln umspielte Karins Lippen, als wüsste sie etwas, was Sakura im Begriff war, zu verstehen. Etwas, was am Rande ihrer Gedanken entlang tanzte, immer wilder und unkontrollierter, nicht mehr länger imstande, sich im Verborgenen zu halten.

»Und du hast diesen Artikel mitgenommen, nachdem ich ihn gefunden habe«, keuchte sie, das Engegefühl in ihrer Brust so eindringlich, dass sie das Gefühl hatte, zu ersticken. »Aber du … du bist seine Verlobte. Ich -« Sakura hielt inne, zu perplex, um klar denken zu können. Es schien, als würde sie angeschrien von all den offensichtlichen Erkenntnissen, doch in dem Gewirr konnte sie die Enden nicht miteinander verknüpfen, konnte keinen Sinn aus den Bruchstücken weben.

Karin betrachtete ihre schmalgliedrigen Finger, ehe sie mit geschürzten Lippen den Ring abzog, welchen sie Sakura vor einer Woche noch unter die Nase gehalten hatte, um sie aus Sasukes Loft zu verscheuchen. »Du meinst den hier? Ich wusste die ganze Zeit über nicht, wieso ich ihn überhaupt behalten habe, doch letzten Endes hat er sich ja doch noch als nützlich erwiesen.« Sie warf ihn arglos in die schlammige Erde und schenkte ihm danach keinerlei Beachtung mehr. »Sasuke hat unsere Verlobung vor fünf Jahren aufgelöst. Nach dem Tod seines verehrten Vaters.«

Sakura schnappte nach Luft. Vor fünf Jahren. Alle Fäden führten in die Vergangenheit, bündelten sich an ein und der selben Stelle. So viele Menschen, deren Wege sich kreuzten, deren Schicksale sich miteinander verflochten, so verworren und undurchsichtig, dass Sakura die einzelnen Stränge nicht mehr erkennen konnte, blind wurde, für das Offensichtliche.

»Wieso?«

Karin runzelte die Stirn, als würde diese Frage sie überraschen, als hätte sie mit allem gerechnet, nur nicht damit. »Er wollte die Verlobung nie. Sie passierte nur auf das Geheiß seines Vaters, der sich einen engen Draht zu den Medien wünschte. Ich bin Journalistin, das musste ihm schon damals ein Dorn im Auge gewesen sein. Wieso, begriff ich allerdings erst, als es zu spät war.« Sie verstummte, ein bitteres Lächeln auf den Lippen und Sakura übersah in den Schatten die Trauer, die in ihren Augen schimmerte. »Die meisten Autoren, die es gewagt haben, über ihn zu schreiben, haben ihre Berufung aufgegeben – auf die eine oder andere Art.«

»Genau wie der Vater meines Chefs. Kakashi Hatakes Vater«, bemerkte Sakura und zum ersten Mal regte sich der Mann neben Karin.

Erneut legte Karin den Kopf schief und das Lächeln veränderte sich, wurde zu etwas Dunklerem, wie ein Tiger, der im Schatten einer Akazie auf seine Gelegenheit wartete, seine Beute zu reißen. »Ja. Seine Artikel haben den Zorn meines geliebten Verlobten besonders geschürt. Was für ein Affront, ihn öffentlich dermaßen bloßzustellen, eine Kolumne über den Dreck zu schreiben, welchen er als sein Lebenswerk betrachtet.«

Wieder regte sich der fremde, stumme Mann, fast so, als würde es ihn jucken, in der eigenen Haut gefangen zu sein. Zum ersten Mal betrachtete Sakura ihn eingehend, musterte ihn aufmerksam und suchte in ihrem Geist nach der verlorenen Verbindung, die wie ein klaffendes Loch zwischen zwei Tatsachen ragte.

Sie hatte diesen Mann schon einmal gesehen, nur flüchtig, kaum lange genug, um von ihrem Unterbewusstsein als wichtig genug bewertet zu werden, um sein Gesicht nachhaltig zu konservieren. Die Erkenntnis traf Sakura wie ein Schlag ins Gesicht, so heftig, dass sie zusammen zuckte. »Ich kenne Sie«, stellte sie fest, als das Bild in ihrem Kopf sich scharf stellte. Er war der Mann im Café. Derjenige, der immer an dem gleichen Stuhl gesessen, das gleiche Tagesblatt gelesen und mit seiner Pfeife gepafft hatte, bis sein Kopf von dichten Rauchschlieren umgeben war, wie die schneebedeckten Gipfel eines Berges vom morgendlichen Nebel. »Sie sind der Mann aus dem Café«, fügte sie hinzu und der Mann schnaubte, als wäre er ernsthaft empört darüber, wie lange sie für diese Feststellung gebraucht hatte.

»Hat ja lange genug gedauert«, brummte er mit einer tiefen, rauchigen Stimme, welche zweifelsohne von jahrelangem Konsum seiner Tabakpfeife noch um einige Nuancen dunkler geformt worden war. Sakura blinzelte irritiert, ihr Kopf arbeitete noch immer, dieses Rätsel war noch nicht gänzlich gelöst worden und das nagende Gefühl, etwas Eklatantes zu übersehen, zerrte an ihrem Verstand.

Gerade, als der Mann erneut das Wort ergreifen wollte, berührte Karin ihn sanft am Oberarm und schüttelte den Kopf. »Lass' sie selbst darauf kommen.«

Selbst darauf kommen? Aber auf was? Wer könnte dieser Mann schon sein, dass er wichtig genug für Karin war, um ihn mit hierher zu nehmen? Sie hatte diesen Mann noch nie zuvor an ihrer Seite gesehen.

Plötzlich blätterte es Sakura wie Schuppen von den Augen und beinahe verschluckte sie sich an ihren eigenen Worten, so schockiert, dass ihr Körper auf eine Art zu zittern begann, die nicht auf die Kälte der voranschreitenden Nacht zurück zu führen war. »Sie sind Kakashis Vater. Aber … aber … sie haben vor fünf Jahren -«

»Selbstmord begangen?«, half er ihr weiter, ein träges Lächeln im Gesicht und eine überhebliche Arroganz spiegelte sich in seinen dunklen Augen, die alleine schon genug Beweis war für ihre Blutsverwandtschaft. »Das stand wohl so in den Zeitungen, ja«, fügte er gedehnt hinzu. »Sie haben allerdings vergessen zu erwähnen, dass nie eine Leiche gefunden worden ist. Nur ein Abschiedsbrief, an meinen Sohn.«

Sakura dachte an Kakashi, an den ephemeren Ausdruck von Traurigkeit auf seinem Gesicht, als er von ihm erzählt hatte, an jenem Tag, als er sie rausschmiss. So roh, so verletzlich, dass es niemals gespielt gewesen sein konnte. »Er weiß es nicht«, erkannte sie und obwohl sie niemals gedacht hätte, dass sie dies einmal sagen würde, tat Kakashi ihr aufrichtig leid.

»Zu seiner eigenen Sicherheit«, gab Mr. Hatake grimmig zurück, die Stimme unterschwellig durchzogen von Jahre altem Schmerz, der tiefer ging, als Sakura es je erahnen könnte.

»Aber zu welchem Zweck? Ich verstehe das nicht.«

Karin rümpfte die Nase, als wäre sie von der Frage selbst beleidigt, wahrscheinlich aber war sie einfach nur von Sakuras langsamen Geist irritiert. »Warum wohl? Für Gerechtigkeit. Er hat unser beider Leben zerstört, weil wir es wagten, an der Oberfläche der Wahrheit zu kratzen. Als wäre es unsere Schuld, dass er die Dinge tut, die er tut.«

In Sakuras Ohren hallten Inos Worte nach. Es ist doch nur Alkohol. Sie beschlich die ungute Befürchtung, dass es mehr war, als nur das; dass sie gerade erst einen Zeh hinein gesteckt hatte in diesen Ozean, welcher auf den ersten Blick wie ein kleiner Tümpel gewirkt hatte und der sie nun zu verschlucken drohte, mit Haut und Haar, bis von ihr nichts mehr übrig blieb, als die Erinnerungen, die andere von ihr hatten.

»Und was habe ich mit alledem zu tun?«, fragte sie nach einer halben Ewigkeit. Die Antwort darauf lag ihr selbst auf der Zunge, doch sie wollte es von den beiden hören.

»Du bist diejenige, die all das richtig macht, was ich falsch gemacht habe«, eröffnete Karin ihr und Sakura entging nicht der Anflug von Respekt in ihrer Stimme, »wo ich zu schnell war und zu offensichtlich und vorhersehbar, bist du langsam und geduldig. Du lässt die Dinge auf dich zukommen, statt sie mit roher Gewalt zu forcieren und genau deswegen vertraut Sasuke dir jetzt schon mehr, als er mir jemals vertraut hätte.«

»Ihr wollt also, dass ich eure begonnene Arbeit beende, verstehe ich das richtig?«

Karin lächelte und es war das erste aufrichtige Lächeln, welches Sakura in ihrem Gesicht gesehen hatte. »Richtig.«

Sakura überlegte einen Moment, ließ die Worte auf ihrer Zunge hin und her rollen, wog sie ab und sortierte sie neu. »Du wirktest die ganze Zeit über nicht sonderlich aufgeschlossen mir gegenüber. Warum?«

»Ich hätte dich wohl kaum direkt mit alledem konfrontieren können«, schnaubte sie und Sakura wusste, dass das nur logisch war – dass sie es nicht anders getan hätte, wenn die Rollen vertauscht wären, »Sakumo hält seine fortbestandene Existenz seit fünf Jahren geheim und Sasuke weiß, wer ich bin. Ich hätte dir all das wohl kaum anvertrauen können, ohne vorher zu überprüfen, was für eine Art Mensch du bist. Die ganze Zeit über sah es so aus, als wärst du nur ein besonders schönes Schmuckstück in Sasukes Sammlung. Dass du die gleichen Ziele verfolgst, wie wir, habe ich erst begriffen, als wir dir in die Bibliothek gefolgt sind.« Karin hielt kurz inne, warf einen zögerlichen Blick über die Schulter, als suchte sie in den Schatten nach einem Anzeichen darauf, dass sie nicht alleine waren.

»Ein bisschen spät«, dachte Sakura zynisch.

»Was ist aus Gaara geworden?«, fragte Karin, nachdem sie sich wieder umgedreht hatte.

»Du kennst ihn ebenfalls?«

»Beantworte meine Frage, Sakura«, verlangte sie nachdrücklich und sie schien zu merken, dass sie in ihren Forderungen etwas zu unverschämt geworden war, »bitte.«

»Ich habe ihm einen Kaffee besorgt und dann seinen Reifen aufgestochen, als er nichts geahnt hat«, antwortete Sakura achselzuckend, was Karin ein aufrichtig klingendes Lachen entlockte.

»Siehst du, Sakumo, ich habe dir doch gesagt, dass sie die Richtige ist.«

Mr. Hatake hielt noch immer die Arme vor der Brust verschränkt und es war nur zu deutlich, dass er der ganzen Sache deutlich distanzierter gegenüber war, als Karin.

»Das bleibt abzuwarten«, brummte er mit seiner tiefen Stimme, als ahnte er bereits, was Sakura im Begriff war, zu sagen.

»Wie könnt ihr euch denn so sicher sein, dass wir wirklich das Gleiche wollen?«

Karins Gesichtszüge entgleisten ihr kurzzeitig, ehe sie sich in vollkommenem Unverständnis angesichts dessen, was Sakura ihr gerade eröffnet hatte, zu einer Grimasse verzogen. »Du willst mir nicht wirklich sagen, dass du auf seine Masche herein gefallen bist, Sakura?«

Sakura biss sich auf die Lippen, wägte die nächsten Worte sorgsam ab. »Ich bin mir einfach noch nicht sicher, was ich von der ganzen Sache halten soll«, gestand sie schließlich, auch wenn die Worte bitter schmeckten, »ich weiß noch nicht genug, um mir ein endgültiges Urteil zu erlauben.« Was für eine dreiste Lüge, die selbst in ihren Ohren lächerlich klang, doch Karin konnte unmöglich erahnen, wie tief ihre Gefühle für Sasuke bereits wurzelten; so tief, dass sie ehrlich erleichtert gewesen war, als Karin zugegeben hatte, dass ihre Verlobung nicht mehr war, als ein Relikt der Vergangenheit.

Karin schnappte nach Luft, rang mit sich und wollte etwas entgegnen, doch Sakura unterbrach sie. »Es reicht. Ihr habt diesen friedlichen Ort schon genug entweiht« - Sie warf einen Blick über die Schultern auf das Grab ihrer Eltern, welches genauso ruhig und unberührt hinter ihr lag, wie noch vor einer halben Stunde - »und ich will nichts mehr dazu hören. Ich werde mir meine Gedanken über das machen, was ihr mir gesagt habt und meine Entscheidung treffen, wenn ich alle etwaigen Perspektiven beleuchtet habe.« Damit drückte sie Karin die Zeitung, die nun ihren Wert für Sakura verloren hatte, wieder in die Hand und stapfte mit zielsicheren Schritten an der Frau vorbei, die sie noch immer vollkommen entgeistert anstarrte.

»Er ist nicht das, wofür du ihn so unbedingt halten willst, Sakura«, schrie Karin ihr hinterher und sie presste sich die Hände auf die Ohren, auch wenn es kindisch war. Sie wollte die Worte nicht hören, weil sie wusste, dass sie eine Wahrheit verbargen, die Sakura gar nicht als solche erkennen wollte. »Er wird dich, so es ihm passt, genauso beseitigen, wie alle anderen, die ihm nicht mehr dienlich sind«, fügte Karin noch lauter hinzu, doch Sakura war schon zu weit weg, um sie noch zu verstehen.

Neue Töne, altes Lied

Nach einiger Zeit kam Sakura vollkommen durchnässt und bis auf die Knochen durchgefroren vor ihrer Haustür an. Der Regen hatte irgendwann während ihrer Fahrt im Bus zurück nach New York aufgehört und kurz danach hatte sich ein spinnseidenfeiner Nebel über den Straßen gebildet, der alles jenseits von zwei Metern weich zeichnete.

Mit unverhohlener Wut schnaubte sie laut genug, um zwei vorbei laufende Passanten aus ihren Gedanken hochschrecken zu lassen, als sie den schwarzen Waagen Gaaras an der gleichen Stelle wie immer vorfand. Den Reifen war wohl repariert worden und obwohl Sakura sich für eine Woche in Luft aufgelöst hatte, um ihrem Schatten zu entkommen, wartete er nun hartnäckig auf ihre Rückkehr.

Es gab so einige Dinge, die sie ihm gerne an den Kopf geschmissen hätte, doch dafür konnte sie an diesem Abend keine Kraft mehr erübrigen. Nach ihrem Gespräch mit Karin und Kakashis Vater war die schwelende Glut ihres Zorns endgültig verlöscht und zurück geblieben war eine Leere, die sie von innen heraus auszuhöhlen schien. Irgendwann hatte sie sich selbst verboten, weiter darüber zu brüten, ein verzweifelter Versuch der Selbsterhaltung, doch nur allzu oft erwischte sie sich dabei, wie sie diese selbst auferlegten Grenzen einfach ignorierte, bis der Kopfschmerz hinter ihrer Schläfe unerträglich wurde.

Von der Wand ihres Hausflurs rieselte Putz, als sie die Tür mit mehr Schwung als nötig ins Schloss schmiss und sie von dem surrenden Flimmern der Lichtröhren begrüßt wurde. Heiße Tränen wallten in ihren Augenwinkeln auf, als sie die hässlichen Mosaikfließen des Flurs musterte und begriff, dass sie wieder zuhause war. Die Woche war lang gewesen und hatte an ihren mentalen Kräften gezehrt und obwohl die Abwesenheit von Sasuke in ihrem Leben und all die widersprüchlichen und aufwühlenden Informationen, die sie erfahren hatte, an ihrer Willenskraft und ihrem Verständnis von ihrer Welt gerüttelt hatten, so war die räumliche Trennung von Ino das Schwerste von allem gewesen.

Gewiss, die beiden waren sich nicht immer einer Meinung, in den letzten Monaten öfter denn je, aber seit fast zwei Jahrzehnten waren sie unzertrennlich gewesen und länger als ein oder zwei Tage hatten sie nie ohne einander verbracht. Bei dem Gedanken, dass sie fast wie ein altes Ehepaar waren, musste Sakura unwillkürlich lachen, aber der Ton hallte hohl und ohne jede Freude von den rissigen Wänden wider.

Der Weg nach oben war anstrengender als sonst und als Sakura vor ihrer Wohnungstür ankam, hielt sie unbewusst den Atem an. Nicht, dass sie so etwas jenseits des Holzes hätte hören können - es war eher ein Innehalten vor dem, was nun zweifelsohne auf sie zukommen würde. Ino hatte deutlich gemacht, dass sie wenig begeistert gewesen war von ihrer Art, mit den Dingen umzugehen und Sakura war sich sicher, dass sie ihr dafür eine ordentliche Standpauke halten würde. Doch das war nicht das, wovor sie sich in diesem Augenblick am meisten fürchtete - viel mehr hatte sie Angst davor, dass Ino nicht da war und sie weiter alleine mit ihren Gedanken war, von welchen sie so dringend eine Ablenkung brauchte.

»Sakura!« Ihre Befürchtungen lösten sich in der Sekunde auf, in der sie die Tür vorsichtig öffnete, als würde sie in eine fremde Wohnung eindringen und nicht ihre eigene betreten, "Du bist wieder zurück!"

Sie murmelte etwas Unverständliches in den weichen Stoff von Inos Pullover, in welchen sie ihr Gesicht vergrub, um den vertrauten Geruch von längst verflüchtigtem Parfum in sich aufzusaugen. Augenblicklich entspannten sich ihre Schultern, auf welchen noch immer ihr regennasser Mantel schwer wie eine bleierne Decke lag und als Ino sich von ihr löste, um sie auf Armeslänge Abstand zu halten und sie genauer zu mustern, erkannte sie in ihren blauen Augen, dass sie noch scheußlicher aussehen musste, als sie sich fühlte.

»Wie geht es dir?« Ino klang aufrechtig besorgt und ohne eine Antwort abzuwarten, griff sie unter den durchweichten Stoff ihres Mantels und half ihr, sich aus diesem heraus zu schälen. Damit fiel ihr wortwörtlich ein Gewicht von den Schultern, doch das änderte nichts an der Tatsache, dass sie nicht wirklich eine Antwort auf ihre Frage wusste.

»Ich weiß es nicht«, antwortete sie deshalb wahrheitsgemäß, »aber ich hatte schon bessere Tage.«

»Möchtest du darüber reden?« Ino folgte ihr in das Badezimmer. Sakura hatte sich nicht die Mühe gemacht, das Licht anzumachen, stattdessen war sie ohne jede Anmut auf den Boden gesunken, um sich irgendwie von ihrer klebrigen Strumpfhose zu lösen.

»Worüber genau?«, stellte Sakura die Gegenfrage. In der letzten Woche war so viel passiert und sie wüsste gar nicht, wo sie anfangen sollte. Das Gespräch auf dem Friedhof war zwar ganz oben auf der Liste der erschütternden Wendungen in ihrem Leben, doch so richtig verspürte sie keine Lust, jetzt schon darüber zu reden - zumal sich das Gespräch dann über Stunden ziehen würde und dafür fühlte sie sich zu müde, zu erschöpft. Es war keine Erschöpfung, die man nach einem langen, angstrengenden Arbeitstag verspürte, sondern etwas Tiefgreifenderes, etwas, was auch durch eine Nacht voll Schlaf nicht kuriert werden konnte.

Ino lehnte sich gegen den Türrahmen, das schwache Licht vom Flur fiel ihr in den Rücken, zeichnete ihre Konturen schwarz und die Gefühlsregungen auf ihrem Gesicht unkenntlich. »Wie wäre es damit, was da letzte Woche passiert ist? Du hast eine Straftat begangen.« In ihrer Stimme schwang kein Vorwurf mit, doch die vor der Brust verschränkten Arme deuteten darauf hin, dass es Ino nicht wirklich amüsierte, das Thema noch einmal aufzugreifen. Und dass sie es nur tat, weil sie es musste.

Sakura zuckte nur mit den Achseln, nicht im Stande dazu, eine Erklärung für ihr bizarres Verhalten zu finden, die Inos Aussage entkräftigen könnte. »Ich weiß«, gab sie deshalb nur knapp zurück, während sie sich weiterhin damit abmühte, den durchweichten Nylonstoff von ihrer nassen, kalten Haut zu klauben. Normal hätte Ino schon lange die wenige Distanz zwischen ihnen überwunden, um ihr zu helfen und es war ihre Schuld, dass sie es an diesem Abend nicht tat, wie Sakura betroffen feststellte. Zwischen ihnen hatte sich etwas verändert, etwas verschoben, als hätte sich eine unsichtbare, doch unüberwindbare Mauer zwischen sie gedrängt.

»Ich verstehe.« Mehr sagte Ino nicht, ehe sich mit einem tiefen Seufzer von der Tür löste und Sakura alleine zurück ließ. Sakuras Brust zog sich schmerzhaft zusammen und sie wollte ihr hinterher rufen, doch so sehr sie sich auch bemühte, ihre Lippen wollten sich nicht öffnen.

In diesem Moment, nass und durchgefroren auf den kalten Fliesen ihres dunklen Badezimmers kauernd, mit der in den Kniekehlen festhängenden Strumpfhose und dem feuchten Haar im Gesicht klebend, wurde ihr bewusst, was sie schon lange verdrängte: Sie hatte eine Entscheidung getroffen, mit deren Konsequenzen sie nicht zurecht kam. Sakura hatte in dem Motel bereits darüber nachgedacht, immerhin hatte sie genug Zeit zum Nachdenken gehabt, doch bisher hatte sie sich vehement geweigert, es sich einzugestehen. Vor einigen Wochen hatte sie das Gefühl gehabt, nicht mehr umkehren zu können, doch die Wahrheit war eine andere:

Sie hatte sich entschieden, in dem Moment, als sie das erste Mal zu Sasuke in den Wagen gestiegen war und sich von Itachi zum Abendessen im Eclat Nocturne hatte fahren lassen. Karin hatte ihre Karten offen gelegt und damit auch Sakuras Blatt entblößt: Entweder, sie gab ihren Gefühlen für Sasuke nach und wurde damit zur Mittäterin oder sie folgte ihrer Warnung und schrieb ihren Artikel. So oder so würde sie alles verlieren.

Entweder einen wichtigen Teil von sich oder alles andere.

Selbst wenn sie Karin nicht geglaubt hätte, dass sie alles verloren hatte, so war die alleinige Anwesenheit von Sakumo Hatake der eindeutige und unbestreitbare Beweis dafür, dass sie sich der Realität gegenüber nicht länger verschließen konnte. Zum zweiten Mal an diesem Abend spürte sie heiße Tränen in ihren Augenwinkeln und auch wenn sie diese aggressiv wegzublinzeln versuchte, so konnte sie sich der mit ihnen verbundenen, schonungslosen Erkenntnis nicht erwehren.

Sie hatte sich auf ein Spiel eingelassen, ohne sich des Wetteinsatzes bewusst zu sein und verloren. In diesem Moment vielleicht noch nicht den Krieg, dafür aber die Schlacht um ihre eigene Integrität. Ino hatte recht gehabt mit ihren Vorwürfen, mit ihrer Fassungslosigkeit im Angesicht von Sakuras immer stärker ausgesprägten Veränderungen.

Irgendwann schaffte sie es, sich aus ihrer restlichen Kleidung zu winden und während sie zitternd und frierend in ihr Zimmer stolperte, um sich unter zahllosen Schichten Wolle zu verstecken, fiel ihr Blick auf die verschlossene Tür ihres Arbeitszimmers. Bibbernd stand sie davor wie angewurzelt und das Gefühl, der Raum dahinter wartete mit anklagender Geduld darauf, dass sie sich endlich der Realität stellen möge, brachte sie trotz der Kälte in ihrer Wohnung zum Schwitzen.

Rasch senkte sie den Blick und betete, das Zimmer möge sich einfach in Luft auflösen und mit ihm alles, was sie darin angesammelt hatte, selbst die Schreibmaschine ihrer Mutter, die schon seit Wochen in ihren letzten Gedanken innehielt. Sakura lachte freudlos, als sie realisierte, dass sie sich nicht einmal mehr daran erinnern konnte, was sie als Letztes geschrieben hatte.

Die warme Kleidung beendete das oberflächliche Frösteln ihres Körpers, vermochte aber nicht, die Kälte aus ihren Knochen und ihrem Innersten zu vertreiben. Sakura schnappte sich eine Klammer von ihrem Nachtschränkchen und klemmte sich damit die tropfenden Haare am Hinterkopf fest, ehe sie zögerlich zurück auf den Flur trat und vor Inos verschlossener Tür verharrte. In den Jahren, in denen sie zusammen wohnten, hatte Ino die Tür nur vor Prüfungen verschlossen und nachts zum Schlafen und selbst dann nicht immer.

Die Mauer, die Sakura zwischen sich und ihrer besten Freundin gefühlt hatte, hatte einen klaren Umriss bekommen, war greifbar geworden und erinnerte Sakura einmal mehr daran, dass sie seit Monaten nur falsche Entscheidungen traf.

Zögerlich hob sie die Faust, um anzuklopfen und in dem Moment der Stille, der daraufhin folgte, konnte sie ihr eigenes Blut in den Ohren rauschen hören. Es hätte sie nicht gewundert, wenn Ino so getan hätte, als hätte sie nichts gehört, trotzdem war sie erleichtert, dass dem nicht so war und stattdessen Inos ausdrucksloses Gesicht in der offenen Tür auftauchte. Ihr Zimmer war bis auf ein dämmriges Nachtlicht dunkel, dennoch erkannte Sakura das für sie typische Chaos und beinahe hätte sie darüber geschmunzelt.

Sakura wusste nicht, wo sie anfangen sollte und Ino machte es ihr nicht einfacher, denn sie schwieg beharrlich mit ihr, wartete darauf, dass sie endlich den ersten Schritt machte und auch wenn es sich unfair anfühlte, wusste Sakura, dass sie es verdient hatte.

»Ich möchte mit dir reden, Ino«, kam es ihr irgendwann über die Lippen. Ino nickte zur Antwort nur knapp mit dem Kopf und trat zur Seite, um ihr Einlass zu gewähren und Sakura wäre dabei fast über eine Tasche auf dem Boden gestolpert, welche sie im Halbdunkeln nicht gesehen hatte.

Ino schlurfte zu ihrem Bett und ließ sich darauf fallen, um mit unter dem Kopf verschränkten Armen an die Decke zu starren und weil Sakura sich mitten im Raum stehend deplatziert fühlte, ging sie zu der Couch, auf welcher sie vor wenigen Wochen noch lachend mit Ino darüber gebrütet hatte, was diese zu ihren Eltern mitnehmen sollte. Das Ganze kam Sakura vor, als läge es in ferner Vergangenheit, doch die dreckige Wäsche der Feiertage, die noch immer in einer Ecke herum lag, erzählten eine andere Geschichte.

»Ich wollte ... will nicht darüber reden, was ich getan habe, Ino«, fing Sakura an, nachdem sie eine Weile einfach nur in der Stille des Zimmers gesessen hatte, die viel lauter war, als jeglicher Stadtlärm jenseits der Gemäuer des Hauses, in dem sie lebten, »wenn du wissen willst, was mir durch den Kopf gegangen ist: Ich konnte es dir vor einer Woche nicht sagen und heute noch immer nicht. Ich habe eine fast ohnmächtige Wut gespürt und mich in sie herein gesteigert, weil es einfacher war, als der Tatsache, dass Sasuke mich belogen hatte, ins Auge zu sehen. Du hast dir Sorgen um mich gemacht, das weiß ich und es tut mir Leid, dass es so geschehen ist, aber wenn ich die Zeit noch einmal zurück drehen könnte, wüsste ich nicht, ob ich anders reagieren würde ... könnte«, schloss sie leise. Sie hatte nicht gelogen. Immer wieder war sie jenen Abend in ihrem Kopf durchgegangen und auch wenn ihr durchaus selbst klar war, dass sie falsch reagiert hatte, so konnte sie nicht ein einziges Mal in dem gedanklichen Szenario, welches sich wieder und wieder in erschreckend präziser Klarheit vor ihrem inneren Auge abspielte, ein anderes Ergebnis erkennen.

Ino lachte trocken. Ein Laut, leise genug, um beinahe von Sakura überhört zu werden. »Weißt du was, Sakura? Ich war keine Sekunde lang böse auf dich, weil du getan hast, was du getan hast«, gestand sie und ihr Kopf fiel zur Seite, ihre Blicke begegneten sich und ein Schmerz stand in Inos Augen, der das sonst so helle Schimmern trübte, »aber dass du dich vor mir verschlossen hast, das hat mich verletzt. Du bist einfach verschwunden, ohne mit mir zu reden. Du hast mir nicht einmal die Chance gegeben, dir zu helfen.«

»Ich weiß«, entgegnete Sakura, weil sie nicht wusste, was sie sonst hätte sagen können, »und auch das tut mir Leid, wirklich. Aber ich war vollkommen überfordert. Ich habe in meinem Leben nie etwas Vergleichbares gefühlt.«

»Das Ganze überfordert dich, nicht wahr?« Es war keine Frage, vielmehr eine Feststellung, dennoch äußerte Sakura murmelnd ihre Zustimmung. »Es ist noch etwas passiert, oder nicht? Deswegen bist du vollkommen durchnässt nachhause gekommen.« Wie immer bestach Ino durch ihren messerscharfen Verstand und ihrer einzigartigen Gabe, hinter Sakuras Stirn blicken und ihre Gedanken lesen zu können.

Sakura seufzte ergeben. Eigentlich hatte sie über diesen seltsamen Abend so schnell nicht reden wollen, doch ihr war klar, dass sie es musste, wenn sie nicht wollte, dass der Graben zwischen ihr und Ino noch tiefer wurde. Sie war der einzige Mensch, der immer rückhaltlos zu ihr gestanden hatte, nachdem ihre Eltern aus ihrem Leben verschwunden waren und selbst wenn dies nicht so wäre - es fühlte sich dennoch falsch an, nur darüber nachzudenken, Ino weiterhin auszusperren.

Also fasste sie die Ereignisse ihres Abends zusammen, in so knappen Worten, wie möglich, ohne dabei ein wichtiges Detail zu übersehen. Irgendwann währendessen hatte Ino sich aufgesetzt, ihre Füße baumelten nur wenige Zentimeter über dem Teppich vor ihrem Bett, die Hände waren in das Kissen gekrallt, welches sie auf ihren Schoß gezogen hatte.

»Kakashis Vater lebt?«, wiederholte sie fassungslos, »Und Karin stand vor fünf Jahren an dem gleichen Punkt, wie du jetzt?«

»Das trifft den Nagel ganz gut auf den Kopf«, bestätigte Sakura leise. Sie folgte Inos Beispiel und schnappte sich eines der Kissen, die sonst eigentlich nur der Zierde dienten und knetete es mit ihren Händen, um das klamme Gefühl auf ihrer Haut loszuwerden. »Und jetzt stehe ich zwischen der Wahl, meine eigene Moral nicht nur zu übergehen, sondern gänzlich abzulegen, um an Sasukes Seite zu bleiben oder ich riskiere es, das Gleiche zu tun, wie Karin und Mr. Hatake und dabei wirklich alles zu verlieren.«

»Das ist die Entscheidung zwischen Pest und Cholera.« Ino pfiff durch die Zähne, aber es war keinerlei Anerkennung darin, eher eine Ernüchterung, die sie anders nicht auszudrücken wusste. »Und du weißt immer noch nicht, was du tun sollst, nehme ich an?«

Sakura schüttelte den Kopf, umklammerte das Kissen fester und presste es sich an den Bauch, der sich schmerzhaft verzog, als hätte jemand wieder und wieder mit geballter Faust auf ihn eingeprügelt.

»Ich wüsste auch nicht, was ich an deiner Stelle machen würde«, gab Ino zu. Sie pfefferte das Kissen zurück auf das Bett, stand auf und fing an, ruhelos in ihrem kleinen Zimmer auf und ab zu laufen. Drei Schritte vor, drei Schritte zurück, immer und immer wieder, als versuchte sie, mit ihren Füßen Furchen in den Boden zu graben. »Das ist eine Entscheidung, die zu treffen ich meinem schlimmsten Feind nicht wünschen würde.«

»Mhm«, gab Sakura nur unbestimmt zurück. Ihre Augen folgten Ino in ihrem hilflosen Versuch, ihre ruhelose Energie irgendwie loszuwerden. »Hast du Sai in der Zwischenzeit erreicht?« Bei der Frage hielt Ino inne und ihr Gesicht verzog sich zu einer schmerzerfüllten Grimasse und Sakura begriff, dass sie die falsche Frage gestellt hatte.

»Hinata hat mit ihm auf der Arbeit gesprochen. Er will im Moment nicht mit mir reden«, erklärte sie zähneknirschend. Es war Ino anzusehen, wie sehr sie das mitnahm, dennoch kam Sakura nicht umhin, sie für ihre Stärke zu bewundern, vor allem, nachdem sie erst kürzlich glorreich bewiesen hatte, wie wenig sie ihre eigenen Emotionen im Moment unter Kontrolle hatte.

»Und er hat nicht gesagt, wieso? Und was meint er mit "im Moment"?«

Ino zuckte nur mit den Schultern, doch das war Antwort genug. Sakura hatte ein seltsames Gefühl gehabt, was Sai betraf, nachdem Kakashi ihr die Fotos regelrecht vor die Nase geworfen hatte, doch nach dem heutigen Gespräch mit Karin und Sakumo war sie sich nicht mehr sicher, was und vor allem wem sie noch glauben sollte. Sai hatte seine Beteiligung mit überzeugter Bestimmung verneint und rückblickend betrachtet musste Sakura feststellen, dass sie geneigt war, ihm zu glauben. Die ganze Sache war viel größer als er oder sie und sie wurde das Gefühl nicht los, dass er nur eine weitere Schachfigur auf diesem Brett war, nur dass sie nicht erkennen konnte, wo er oder sie standen, denn um sie herum war nichts als dichter, undurchdringlicher Nebel.

Als sie Ino an ihren Gedanken teilhaben ließ, schnaubte diese nur, doch Sakura entging das Aufflackern von Hoffnung in ihren Augen nicht. »Unschuldige Menschen verstecken sich aber nicht. Und vor allem haben sie nichts mit Danzou zu schaffen«, erinnerte sie Sakura tonlos. Sie sah, dass Ino sich dazu zwang, diese fragile Hoffnung sofort auszusperren, um nicht Gefahr zu laufen, noch mehr verletzt zu werden, als es bisher bereits geschehen war.

»Dann müssen wir im Augenblick wohl darauf vertrauen, dass er mit "im Moment nicht" meint, dass irgendwann der richtige Zeitpunkt kommt und er auf uns zukommt.« Sakura legte das zerknitterte Kissen zur Seite und richtete sich auf. Am liebsten hätte sie über ihre absurde Situation gelacht und darüber, dass trotz allem, was um sie herum geschah, ein einfaches Gespräch mit Ino noch immer genügte, damit sie sich etwas leichter ums Herz fühlte. Sie war wie das Licht am Ende eines viel zu langen Tunnels und Sakura wusste nicht, wie sie ihr jemals dafür danken konnte.

»Was hast du jetzt als nächstes vor, Sakura?«

»Erst einmal muss ich schlafen. Das Bett im Motel mag für irgendetwas noch gut genug gewesen sein, aber für erholsamen Schlaf ganz gewiss nicht. Und dann werde ich morgen zur Arbeit gehen, um mich bei deiner Mum zu entschuldigen«, erklärte sie und Inos Mundwinkel zuckten immer wieder nach oben.

»Sie ist dir wirklich nicht böse, Sakura. Sie stand immer auf deiner Seite und hatte vollstest Verständnis für deine Situation.«

Bei den Worten wurde Sakura wärmer und die Kälte, die schon den ganzen Abend über hartnäckig unter ihrer Haut geprickelt hatte, wie feine Nadelstiche, flachte zu einem leichten Kribbeln ab. »Ich wüsste nicht, was ich ohne dich ... ohne euch machen würde.«

Ino zwinkerte und auch wenn ihre Gesichtszüge noch immer etwas schlaff wirkten, war diese Geste ein Zeichen dafür, dass es weiter gehen würde - irgendwie tat es das schließlich immer. »Wenn wir eines Tages nicht mehr zusammen halten sollten, würde das Machtgefüge der Welt auseinander brechen.«

Sakura kam nicht umhin, ihr lachend zuzustimmen.
 

Der nächste Morgen brach etwas klarer an, die hartnäckige Wolkendecke über New York war gerade genug aufgebrochen, dass die erstarkende Sonne ihren Weg in Sakuras Zimmer fand. Nach den Geschehnissen der letzten Woche fühlten sich die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut wie ein Befreiungsschlag an, wie ein gutes Omen, dass der heutige Tag besser werden würde.

Ino war bereits aufgebrochen und Sakura war froh, dass sie ihren Unterricht trotz des ganzen Chaos in ihren Leben noch ernst nahm. Wenn Sakura schon ein schlechtes Gewissen hatte, weil die Beziehung zu Ino in den letzten Monaten immer wieder angespannt gewesen war, würde sie sich regelrecht selbst zerfleischen, wenn sie mitbekam, wie Ino ihretwegen ihr Wunschstudium schleifen ließ.

Der Kaffee schmeckte um längen besser, als die wässrige Brühe, welche sie im Motel serviert bekommen hatte und das Koffein vertrieb das letzte bisschen Unmut, welchen sie noch verspürt hatte. Zwar hatte sie noch immer das Problem, dass sie nicht wusste, was sie jetzt tun sollte, doch das Ganze wirkte weniger bedrohlich, wenn man zumindest ausgeschlafen und fit war.

Sie warf sich eine schlichte Kombination aus einem langen Rock und einem dunkelgrünen Pullover über, ehe sie ernüchtert feststellen musste, dass ihr Mantel noch immer tropfte. Der Weg zum Blumenladen war nicht lange und das Wetter war im Begriff, immer besser zu werden, dennoch würde sie am Ende erbärmlich frieren, denn der Wind hatte seinen harschen, kalten Schliff noch lange nicht verloren. Einen Moment lang haderte sie mit sich selbst, ob sie sich einfach eine Jacke oder einen Mantel von Ino ausleihen würde, doch dann kam ihr eine Idee, die für ein verschmitztes Lächeln auf ihren Lippen sorgte.

Die Schlüssel klimperten in ihrer Hand, während sie beschwingten Schrittes die Treppe des Hausflurs nach unten lief. Bei dem Anblick von Gaaras Wagen, der sich keinen Zentimeter von der Stelle bewegt hatte, wurde ihr Lächlen zu einem breiten Grinsen. Das letzte Mal hatte sie Feuer mit Feuer bekämpft, indem sie seinen Reifen zerstochen hatte, um sich seiner lästigen Überwachung zu entziehen, doch an diesem sonnigen, fast herrlichen Wintermorgen hatte sie einen besseren Plan.

Überraschung zeichnete sich auf den Gesichtszügen des seltsamen Mannes mit dem feuerroten Haar ab, als sie ohne viel Federlesens die Tür zum Beifahrersitz aufriss und sich neben ihm in den bequemen Sitz fallen ließ.

»Kann ich Ihnen vielleicht helfen?«, empörte er sich, was Sakura mit einem hellen Lachen quittierte.

»Guten Morgen, Gaara«, flötete Sakura bewusst erheitert und beim Klang seines Namens runzelte er die Stirn, als würde ihn die Situation leicht überfordern.

»Meine Frage bleibt die Gleiche: Kann ich Ihnen irgendwie helfen?« Sein Tonfall war kalt und scharf und es war offensichtlich, dass er es gewohnt war, für gewöhnlich die Zügel in der Hand zu halten und jede Situation genau so zu erleben, wie er es vorher geplant hatte. Umso größer war Sakuras Freude darüber, diesen Mann ein wenig aus dem Konzept zu bringen, die Zügel an sich zu reißen und ihn ein wenig zu triezen.

»Sparen Sie uns die Verlegenheit, Gaara, so zu tun, als wären Sie nicht meinetwegen hier. Und sparen Sie mir wiederum Zeit, Nerven und vor allem Geld und bringen mich einfach zur Arbeit. Behaupten Sie nicht, dass Sie mir nicht ohnehin dorthin folgen würden.«

Zur Antwort schnaubte Gaara und fast hätte Sakura damit gerechnet, dass er sie wieder rausschmiss, ob mit Worten oder notfalls auch gewaltsam, stattdessen aber drehte er den Schlüssel und startete den Wagen.

»Sie haben mehr Mumm in den Knochen, als die meisten Weichköpfe, mit denen ich sonst zu tun habe, dass muss ich Ihnen lassen«, murrte er, während er den Wagen drehte.

Sakura kicherte und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Sie schmeicheln mir, aber wir beide wissen, dass Sie mir den Kopf abreißen würden, würden Sie nicht auf Sasukes Geheiß hier sein. Ich habe Ihren Reifen zerstochen«, erinnerte sie ihn süffisant und die Art und Weise, wie er das Lenkrad fest genug umklammerte, dass seine Knöchel weiß unter seiner blassen Haut hervor traten, bewiesen ihr, dass sie einen Nerv getroffen hatte.

Gut, dachte sie mit nicht geringer, grimmiger Zufriedenheit und lehnte sich etwas tiefer in das weiche Polster ihres Sitzes.

»Quid pro quo«, brummte er, den Blick starr geradeaus auf die Straße gerichtet, die weniger vollgestopft war, nun, da der Schneefall nachgelassen hatte und das Eis fast gänzlich abgetaut war.

Sakura zog amüsiert eine Augenbraue nach oben. »Um wirklich quitt zu sein, müssten Sie aber aufhören, mich zu beschatten«, stellte sie trocken fest.

Für einen flüchtigen Moment drehte er den Kopf zu ihr um und bedachte sie mit einem mörderischen Ausdruck in den grünen Augen. »Vorsicht«, warnte er sie leise und mehr brauchte es auch nicht, um Sakuras Gefühl der Überlegenheit in nichts als Rauch aufgehen zu lassen. Ihr fröstelte bei der Verheißung des Ausdrucks in seinen Augen und das Gefühl blieb, selbst als er sich wieder der Straße zuwandte, wie ein Abdruck auf feuchtem Ton.

Einmal mehr zweifelte sie an ihrem Urteilungsvermögen und daran, ob sie noch ganz bei Verstand gewesen war, als sie sich dazu entschlossen hatte, sich zu diesem Mann in ein Auto zu setzen. Fürs Erste brachte ihr diese Grübellei allerdings nichts, denn sie saß bereits in seinem Wagen und so musste sie sich darauf verlassen, dass Sasuke die Kontrolle über seine eigenen Leute hatte.

»Sie werden Sasuke erzählen, dass Sie wieder wissen, wo ich bin?« Sakura wusste um die Redundanz dieser Frage, dennoch musste sie ausgesprochen werden, denn je nachdem, wie er reagierte, musste auch sie anders reagieren.

»Was glauben Sie?«, blaffte er wütend und beinahe wäre Sakura zusammen gezuckt. Scheinbar hatte sie sich mit ihren Scherzen etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt und eine Vorahnung, auf welche Ino stets als "weibliche Intuition" verwies, mahnte sie zur Zurückhaltung.

Aber Sakura wäre nicht Sakura, wenn sie den Bogen nicht noch ein wenig mehr spannen würde, bevor sie die Sehne schließlich losließ und der Pfeil mit perfekter Präzision in ihrem Ziel stecken blieb. »Wenn Sie wirklich quitt sein wollen, könnten Sie mir einen Gefallen tun«, eröffnete sie ihm schließlich und auch wenn sie schlucken musste, als das Leder des Lenkrads unter seinem schraubstockartigen Griff knarzte, wich sie nicht vor ihm zurück.

»Sie glauben wirklich, dass ich Ihnen etwas schuldig bin«, spuckte er förmlich zwischen zusammengebissenen Zähnen aus. Eine Ader pulsierte direkt neben dem fremdartigen Tattoo auf seiner Stirn. Viel fehlte wahrscheinlich nicht mehr, damit er den Wagen freiwillig in eine Laterne lenkte, um es wie einen Unfall aussehen zu lassen.

»Oh ja, Sie sind mir etwas schuldig!«, entgegnete Sakura mit mehr Nachdruck in ihrer Stimme, als sie es sich selbst zugetraut hatte, »Sie verfolgen mich seit Tagen auf Schritt und Tritt! Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass irgendein verrückter Psycho es auf mich abgesehen hat! Haben Sie eine Ahnung, was das für ein Gefühl ist?« Sakura verschränkte die Arme vor ihrem Gurt und auch wenn sie nicht daran glaubte, dass der Mann über so etwas wie ein Gewissen verfügte, an welches sie appellieren konnte, so tat es zumindest gut, es ausgesprochen zu haben.

»Vielleicht sollten Sie dann Sasuke um einen Gefallen bitten, denn er hat mir diese leidliche Aufgabe übertragen.«

»Ich fürchte, genau darum geht es«, beharrte Sakura, »ich würde es nämlich bevorzugen, wenn ich ihn einige Tage lang nicht sehen müsste. Vorerst.«

Gaara reagierte gar nicht, weder körperlich, noch verbal, stattdessen konzentrierte er sich darauf, den Wagen erneut zu wenden, um unmittelbar vor dem Blumenladen zu parken. Selbst von hier aus erkannte Sakura, dass Inos Mutter bereits fleißig war - sie rieb ihre erdigen Hände an der Schürze ab und beugte sich über etwas, was Sakura von ihrer Position aus nicht sehen konnte.

»Ich würde es wirklich begrüßen, wenn Sie meinen Wunsch beherzigten«, griff Sakura das Thema erneut auf und als sie sich zu Gaara umdrehte, sah sie, wie er genervt mit den Augen rollte.

»Wieso genau sollte ich das tun? Sie haben keine Befehlsgewalt über mich.«

Befehlsgewalt war ein interessantes Wort. Sakura dachte darüber nach, was das über die Beziehung zwischen ihm und Sasuke aussagte oder ob sie vielleicht zu viel hinein interpretieren wollte, immerhin machten ihre Gedanken in letzter Zeit öftere ausschweifende Umwege.

»Weil er es vermasselt hat. Und ich finde, dann gebührt zumindest mir die Entscheidung, wann ich wieder mit ihm reden möchte.« Sakura löste den Gurt aus dem Verschluss und griff nach der kleinen Handtasche, in der sie das Nötigste verstaut hatte, bevor sie aufgebrochen war. Sie war überzeugt davon, nichts mehr aus dem Mann heraus zu bekommen und auch wenn es ihr nicht behagte, darauf zu vertrauen, dass dieser Kerl einfach so das tat, worum sie ihn bat, hatte sie keine andere Wahl.

Ihre Hand ruhte bereits auf dem Griff der Tür, als er entgegen ihrer Erwartungen erneut das Wort ergriff: »Ich werde ihm ausrichten, dass es Ihnen gut geht. Und dass er sich vorerst zum Teufel scheren soll.«

Damit entlockte er Sakura ein aufrichtiges Lachen und als sie über die Schulter zurück blickte, die Füße bereits auf dem Asphalt und eine frische Brise, die ihren Rock bauschte, sah sie die Andeutung eines Lächelns auf seinen Lippen. »Seien Sie bedankt, Gaara.« Sakura verzichtete darauf, sich von ihm zu verabschieden, immerhin würde er sie später auch wieder nachhause fahren, davon war sie überzeugt.

Wie erwartet fuhr er einige Meter vor, blieb aber in der Nähe des Ladens und schaltete den Wagen schließlich ab. Die Unterhaltung hatte dazu beigetragen, dass ihr etwas wohler war bei dem Gedanken, permanent überwacht zu werden, auch wenn sie noch immer nicht wusste, was sie davon halten sollte. Fürs Erste musste sie sich aber damit begnügen, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, den Rest würde sie später schon irgendwie geregelt bekommen.

»Sakura!« Inos Mutter wirbelte herum, als das kleine Glöckchen über der Tür verkündete, dass sie eingetreten war. Ihre Wangen leuchteten rosig, zum Teil von der Arbeit, zum Teil, weil sie sich aufrichtig freuen zu schien, sie wieder zu sehen und prompt meldete Sakuras schlechtes Gewissen sich zurück.

»Mrs. Yamanaka, es tut mir wirklich Leid, dass ich Sie so im Stich gelassen habe!«, betonte sie aufrichtig, nachdem sie sich vorsichtig aus der Umarmung gelöst hatte.

Inos Mutter machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand und damit war die Sache für sie vom Tisch. »Ino hat mir alles erzählt«, sagte sie mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen, doch ein Hauch von Wehmut lag in dem Blick, mit welchem sie Sakura bedachte, »Männer sind schon eine verzwickte Sache. Aber ich bin mir sicher, dass sich alles zu gegebener Zeit klären wird.«

»Das hat es schon«, versicherte Sakura ihr, »es handelt sich um nicht mehr, als eine Täuschung. Die Frau war wohl nicht so angetan davon, dass ich mich mit ihrem ehemaligen Partner treffe.« Damit ließ sie zwar großflächig Details aus, die dem Ganzen etwas mehr Kontext verschafft hätten, doch noch ein weiteres Mal wollte sie nicht schon wieder über das Thema reden. Auch wenn alles im Nachhinein geklärt worden war, hatte das nichts an der Tatsache geändert, dass sie verletzt worden war. Der Schmerz war nicht mehr rückgängig zu machen und allzu oft wollte sie nicht an ihn erinnert werden.

»Dann ist es also etwas Ernstes zwischen euch beiden.« Mrs. Yamanaka wackelte vielsagend mit den Augenbrauen, was ihre Ähnlichkeit zu ihrer Tochter verdreifachte und Sakura entwich ein befreiendes Lachen.

»Das muss sich erst noch zeigen«, entgegnete sie nebulös und Sakura sah, dass es Inos Mutter förmlich auf der Seele brannte, noch mehr Fragen zu stellen, doch im Gegensatz zu ihrer Tochter hatte sie Mäßigung und Geduld bereits gelernt, sodass sie ihr lediglich ein letztes, aufmunterndes Lächeln gewährte, ehe sie sich wieder ihren Pflanzen widmete.

Es tat gut, wieder in dem kleinen Zimmerchen zu sitzen, umgeben von einem Chaos, welches sie zwar zu überblicken vermochte, weil es ihr geordnetes Chaos war, welches aber dennoch mehr als genügte, um sie so weit gedanklich einzuspannen, dass sie den ganzen Tag über an nichts anderes dachte, als daran, es weiter zu sortieren. Am Ende war sie froh, etwas geschafft zu haben, was nichts mit ihrer derzeitigen Situation zusammen hing und als sie sich von Inos Mutter verabschiedete, fühlte sie sich zuversichtlich, auch das restliche Chaos in ihrem Leben irgendwie sortiert zu bekommen.

»Sie sehen aus, als hätte man Ihnen offenbart, dass Sie die Erbin irgendeiner reichen Schnöselfamilie sind«, begrüßte Gaara sie, als sie wieder zu ihm in den Wagen stieg.

Das breite Lächeln auf ihren Lippen wich einem Stirnrunzeln. »Es scheint Ihnen ausgesprochen schwer zu fallen, mich einfach nur zu begrüßen«, stellte sie nüchtern fest, was ihm ein Schnauben entlockte, welches man auch als ein Lachen hätte betrachten können. Mit sehr viel Wohlwollen.

»Wird das jetzt zur Angewohnheit, dass ich Sie durch die Gegend kutschiere? Ich bin nicht Ihr persönlicher Fahrer«, entgegnete er anstelle einer vernünftigen Antwort und Sakura rollte mit den Augen.

»Ich verbinde das unumgängliche Übel nur mit dem Nützlichen«, wies sie ihn hin, während er den Wagen startete und zurück auf die Straße fuhr. Die Sonne war bereits untergegangen, immerhin war noch immer Winter und Gaara drehte die Heizung auf, wenngleich Sakura stark bezweifelte, dass das auf der kurzen Strecke einen großen Unterschied machte. Sie verzichtete auf ein Kommentar diesbezüglich, vermutlich würde sie ohnehin nur eine schnippische Antwort bekommen - wenn überhaupt. Stattdessen erfreute sie sich an der warmen Brise, welche ihr mit einem überraschend lauten Rauschen aus einer der Lüftungen entgegen wehte.

»Bis morgen!« Sie schenkte ihm ein übertrieben süßliches Lächeln und der Blick, den sie dafür erntete, hätte ausgereicht, um einem gestandenen Seemann das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Sakura aber ließ sich davon nicht länger beeindrucken, denn sie wusste, dass Gaara niemals etwas entgegen seiner Anweisungen tun würde, was ihr zugegebenermaßen eine Form von Macht über ihn gab. Eine Macht, die sie zu nutzen gedachte. Wenn sie sich schon von ihm überwachen lassen musste, konnte sie es ihm wenigstens mit ein paar Frotzeleien heimzahlen, auch wenn sie wusste, dass es ihm gegenüber im Grunde genommen nicht fair war, immerhin hatte er sich sein Los nicht selbst ausgesucht.

Sein Pech, dachte sie unbarmherzig, er hat schließlich angefangen.

Gaara starrte sie auch dann noch an, als sie die Tür des Wagens hinter sich geschlossen hatte und Sakura war sich ziemlich sicher, dass sein Blick sich förmlich in ihren Rücken brannte, als sie zurück ins Haus lief. Das Ganze würde Konsequenzen geben, dessen war sie sich bewusst, aber im Moment war es erfrischend, einmal selbstbestimmt ihre Kämpfe ausfechten zu dürfen. Vor allem, weil sie gewann.
 

Die Woche verging schnell und bald schon hatte Sakura ihren Rhythmus auf Arbeit wieder gefunden, als wäre sie nie weg gewesen. Als das Wochenende vor der Tür stand, war sie mit ihrem Ergebnis zufrieden: Das kleine Zimmer ähnelte nun tatsächlich einem Büro und sie hatte genug Überblick über alles, was vor sich ging, um nun endlich wirklich mit der eigentlich Arbeit anzufangen.

Ino und sie hatten beschlossen, dass sie sich ruhig etwas für ihre Mühen gönnen durften, also hatten sie sich von einem Restaurant in der Nähe etwas zum Mitnehmen bestellt und lümmelten nun auf den Küchenstühlen, während sie allmählich zu ihrem gewöhnlichen Trott zurück kehrten. Keine von beiden hatte das Thema "Sasuke" in den letzten Tagen angeschnitten, wofür Sakura wirklich dankbar war, umso überraschter war sie, als es an der Tür klingelte und Gaara vor ihr auftauchte.

»Kann ich Ihnen helfen?« Sakura erinnerte sich an ihr zugegebenermaßen dreist freches Angebot, er könne bei ihnen auf Toilette gehen, wenn er müsste. Das lag bereits eine Woche zurück, aber vielleicht hatte er sich trotzdem auch daran erinnert.

»Sie müssen mit mir kommen.« Er sagte es in einem Tonfall, der Sakura sofort deutlich machte, dass er nicht zu Späßen aufgelegt war, dennoch verschränkte sie eher unterbewusst ihre Arme vor der Brust.

»Und wieso genau sollte ich das tun?«, fragte sie kühl. Der zerbrechliche, eher fragwürdige Frieden zwischen ihnen war zwar etwas, worüber sie sich grundsätzlich erst einmal freute, doch er war ihr nicht wichtig genug, um sich von ihm herum scheuchen zu lassen. Nicht, ohne Fragen zu stellen.

»Ich habe die Aufgabe, auf Sie aufzupassen«, erinnerte er sie, als wäre Sakura ein Kleinkind, dem an alles mehrmals erklären musste, was nicht dazu beitrug, sie dazu zu animieren, ihm zu folgen - im Gegenteil.

»Und? Ich hatte nicht die Absicht, das Haus heute noch einmal zu verlassen, also ist doch alles wie immer«, stellte sie fest.

Gaaras Kiefer arbeitete und es war ihm von der Stirn abzulesen, dass er weder die nötige Geduld, noch die Lust dazu hatte, mit ihr zu diskutieren, doch das interessierte Sakura herzlich wenig. »Ich kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein«, räumte er schließlich ein und als Sakura auffordernd die Augenbrauen hochzog, rieb er sich genervt das Gesicht, »hören Sie, ich weiß nicht, wie viel Sasuke Ihnen anvertraut hat, doch er hat deutlich klar gemacht, dass ich bei dieser Sache heute Abend dabei sein muss. Er weiß nicht, dass ich Sie wieder gefunden habe, ich habe ihm nichts erzählt. Aber wenn er herausfindet, dass ich es wusste und ihm nichts erzählt habe und darüber hinaus Sie unbeaufsichtigt gelassen habe, macht er mich einen Kopf kürzer. Wenn ich Glück habe.«

Sakura war ob seiner ausführlichen, ehrlich klingenden Erklärung offen verwundert, noch überraschter aber war sie von der Tatsache, dass Gaara scheinbar wirklich getan hatte, worum sie ihn Anfang der Woche gebeten hatte. »Sie haben Ihm nichts erzählt?« Selbst in ihren Ohren klang sie wie das Kleinkind, über dessen Assoziation sich eben noch echauffiert hatte.

Gaara schüttelte nur den Kopf, offenbar hatte er genug Worte für zwei Wochen genutzt, um ihr begreiflich zu machen, dass das, was auch immer gerade vor sich ging, ernst genug war, um sie unumwunden darauf anzusprechen.

Ino war irgendwann hinter ihr aufgetaucht und hatte den Wortwechsel mitverfolgt und als sie eine Hand auf Sakuras Schulter legte, um ihre Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen, wandte sie sich widerwillig von Gaaras durchdringenden Augen ab.

»Du solltest gehen.«

»Ich weiß, ich weiß«, murmelte Sakura, die sich plötzlich nicht besonders wohl fühlte in ihrer eigenen Haut. Sie wurde das nagende Gefühl nicht los, dass sie Sasuke bald gegenüber stehen würde, wenn sie wirklich mit Gaara mitging und ein nicht unerheblicher Teil von ihr wusste nicht, wie sie diesem Szenario begegnen sollte.

Ino lächelte ihr aufmunternd zu, ehe sie Gaara hinein bat und die Tür hinter ihm schloss. Er blieb an Ort und Stelle, direkt vor der Tür und machte damit deutlich, dass er wirklich keine Zeit zu vertrödeln hatte, weshalb Sakura sich in ihr Zimmer zurück zog, um etwas weniger locker Sitzendes anzuziehen.

»Okay. Ich bin fertig.« Sakura hatte ihren Mantel fest zugebunden und die Tasche auf ihrer Schulter beherbergte etwas Geld, ihren Schlüssel und eine Nagelfeile, von der sie nicht genau wusste, wofür sie sie eingepackt hatte. Ernsthaft verletzen konnte sie damit wohl niemanden, dennoch gab es ihr ein Gefühl von Sicherheit, auf irgendetwas zurück greifen zu können, sollte sie sich in einer Situation wiederfinden, die sie zu einer gewissen Rigorosität zwang.

Ino umarmte sie, als wäre dies ein Abschied auf unbestimmte Zeit und Sakura war sich sicher, dass das auf eine gewisse Art und Weise sogar stimmen mochte. Sie würde diese Nacht zurück nachhause kommen, nur war sie überzeugt davon, dass sie als andere Frau über die Schwelle ihres Zuhauses treten würde.

Ihr Herz flatterte nervös, als sie Gaara durch den schummrig beleuchteten Hausflur nach unten folgte und sich von ihm sogar die Tür zu seinem Wagen aufhalten ließ. Am Rande ihres Bewusstseins realisierte sie, dass Gaara gerade etwas Zuvorkommendes für sie getan hatte, doch ihre Nerven waren zu angespannt, um eine angemessen spöttische Bemerkung dafür zu ersinnen.

»Wohin fahren wir?«, fragte sie nach einer Weile. Die Hochhäuser wichen kleineren Exemplaren, die Gegend wurde weniger städtisch und immer mehr Lagerhäuser lösten die Wohnhäuser allmählich ab.

»An den Hafen. Aber zu einer Anlegestelle etwas außerhalb der Stadt.« Gaaras Blick war gerade aus gerichtet, sein Griff um das Lenkrad locker und entspannt, doch diese Entspannung übertrug sich nicht auf Sakura. Kurz überlegte sie, ob es clever war, ihm zu offenbaren, wie viel sie über ihre Sache wusste, doch dann beschloss sie, dass es keinen Unterschied machte.

»Hat das hier zufällig irgendetwas mit dem Deal zwischen Sasuke und Orochimaru zu tun?«

Gaaras Reaktion auf ihre Offenbarung war, dass er auf die Bremse trat - heftig. Sakura flog so weit nach vorne, wie der Gurt sie gewähren ließ und die Luft in ihren Lungen wurde von der abrupten Bewegung so stark abgeschnürt, dass sie aufkeuchte, als der Druck sich kurz darauf wieder löste.

»Woher weißt du davon?« Dass er sie plötzlich duzte war ein weitaus deutlicherer Indikator dafür, dass sie ihn kalt erwischt hatte, als die imposante Vollbremsung, die er soeben vollführt hatte.

Sie schenkte ihm einen vielsagenden Blick, doch er runzelte nur die Stirn, als wüsste er wirklich nicht, was sie ihm damit sagen wollte. »Ich war dabei, als sie diesen Deal ausgehandelt haben«, klärte sie ihn deshalb auf und der überraschte Ausdruck auf seinem Gesicht war die erste, ganz und gar ehrliche Gefühlsregung auf seinen Zügen, die nichts mit seiner schlecht verhohlenen Wut zu tun hatte. »Was glaubst du eigentlich, wieso Sasuke mich überwachen lässt?«, fügte sie schließlich hinzu und er sah aus, als würde er zum ersten Mal - jemals - über eine seiner Anordnungen nachdenken.

»Du bist ihm entweder wichtig oder er vertraut dir nicht«, zählte er schließlich die wenigen Optionen auf, die sinnvoll genug waren, um erwähnt zu werden.

»Die Diskrepanz zwischen diesen Möglichkeiten ist beachtlich«, bemerkte sie säuerlich, auch wenn sie wusste, dass es nicht Gaaras Schuld war, dass er beide möglichen Rückschlüsse zog, »aber ich hoffe, dass erstere die richtige Antwort ist. Abgesehen davon hätte es wohl kaum einen Sinn gemacht, mich zu dem Treffen mit Orochimaru mitzunehmen, wenn er mir nicht vertraute.«

»Stimmt wohl.« Gaara startete erneut den Motor, welcher bei der Vollbremsung stehen geblieben war. »Ich habe dich wohl unterschätzt.« Er murmelte die Worte, dennoch verstand Sakura ihn über die Motorengeräusche und das Rauschen der Heizung hinweg. Sie verzichtete dennoch auf eine Antwort und beobachtete stattdessen, wie die Dächer der Gebäude immer flacher wurden, je weiter sie aus der Stadt heraus fuhren und unwillkürlich fragte sie sich, wie groß der Hafen New Yorks eigentlich war. Bisher war sie eher selten am offenen Meer gewesen, wenngleich der Anblick der endlosen Weite sie stets zu faszinieren vermocht hatte.

Irgendwann wurden die Laternen weniger und die Dunkelheit breitete sich erbarmungslos aus, bis Sakura schließlich ihren Sinn von Orientierung gänzlich verlor und sie sich unwissentlich Gaaras alleiniger Verantwortung übergab. Er schien zu wissen, was er tat und auch wenn Sakura das niemals laut zugeben würde - sie vertraute ihm.

»Wir sind da«, sagte er schließlich. Soweit Sakura die Lage beurteilen konnte, waren sie auf dem Hafen selbst zum Stehen gekommen, zumindest erkannte sie, dass sie sich nicht mehr auf der Straße befanden, denn die Gegend wurde wieder von einigen wenigen Laternen erhellt. In der Ferne konnte sie gut zwei Dutzend Leute dabei beobachten, wie sie in den Lichtkegeln auf und ab huschten, doch die Gesichter dazu konnte sie aus der Ferne nicht erkennen. Mit einem Schlag war das nervöse Flattern ihres Herzens zurück und sie fragte sich, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte oder ob sie darauf hätte beharren sollen, zuhause zu bleiben.

»Ist Sasuke auch hier?«

Gaara begegnete ihrem Blick, einen Moment lang ließ er mit nichts durchblicken, ob er sie gehört hatte oder nicht. »Sonst hätte ich dich wohl kaum mitnehmen müssen.«

Sakura zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. »Du hättest ihm ja nicht erzählen müssen, dass du mich zurück gelassen hast.«

Gaaras Mundwinkel zuckten verräterisch, doch er fand seine stoische Beherrschung schnell wieder. »Touché. Aber dennoch. Er ist hier. Er ist immer dabei.«

Sakura schluckte und wappnete sich für eine Begegnung mit dem Mann, welchen sie die letzten sieben Tagen über schmerzlich vermisst hatte, auch wenn sie noch immer sauer auf ihn war. Auf ihn, seine Geheimniskrämerei und seine Bevormundung. Mit zögerlichen Schritten folgte sie Gaara, der überraschenderweise darauf achtete, nicht davon zu stürmen, wenngleich er mit seinen langen Beinen viel schneller laufen könnte, als Sakura.

Aus der Ferne wehte mit dem sanften Meereswind ein undurchdringliches Stimmengewirr zu ihnen herüber und je näher sie kamen, desto klarer filterten sich einzelne Eindrücke ihrer gehetzten Gespräche heraus.

»Wir müssen uns beeilen.«

»Der Wagen ist bereits komplett voll.«

»Das wird für Wochen genügen.«

Sakura beobachtete die Bienenschwarm gleichende Ansammlung von Menschen, die vor ihnen herum summte und sich scheinbar dennoch einem klaren Ziel unterordnete. Keine Bewegung schien überflüssig, kein Schritt zu viel und die wenigen Worte, die sie miteinander teilten, waren kurz und prägnant, aber voller Koordination. Je näher sie kamen, desto faszinierter war Sakura von dem Anblick, welcher sich ihr bot, so hypnotisierend, dass sie Sasuke erst bemerkte, als er direkt vor ihnen stand. Sein Gesicht war zu einer verwirrten Miene verzogen und während er zwischen Gaara und ihr hin und her blickte, veränderte sich der überraschte Ausdruck zu etwas Roherem.

»Was zur Hölle macht sie hier, Gaara?« Sakura fühlte Wut in sich aufkeimen, als er sie einfach so übergang, ihr nicht einmal ein Wort des Grußes zuteil werden ließ. Dass er die Unverforenheit besaß, sie so zu behandeln, obwohl er sehr wohl wusste, dass er Scheiße gebaut hatte, von der er gar nicht ahnen konnte, dass sie sich auch ohne sein Zutun zum Wohle aller aufgelöst hatte.

»Dir auch einen schönen Abend«, zischte sie giftig. Gaara lachte neben ihr und eine ungeahnte Welle der freundschaftlichen Zuneigung überrollte sie, als sie seinem schelmisch-amüsierten Blick begegnete.

»Verschwinde, Gaara. Mach' dich irgendwo nützlich, du verlogener Hund.« Der Befehl kam kalt und voller Geringschätzung über seine Lippen, dennoch zuckte Gaara nicht einmal mit der Wimper und tat, wie ihm geheißen.

Befehlsgewalt.

Dieses Wort geisterte durch Sakuras Verstand und mit einem Mal begriff sie, welch schwere Bedeutung mit diesem einen, einzigen Wort mitschwang. Sie hätte nie gedacht, dass sie mit dem Mann, der sie Tag und Nacht beschattete, Mitleid empfinden würde, doch so war es. In diesem Moment tat Gaara ihr Leid und sie wünschte, sie könnte an seiner Situation etwas ändern.

»Du hättest nicht so gemein sein müssen.« Sakura beäugte Sasuke mit einem grimmigen Ausdruck und tat so, als würde sie seine brüskierte Reaktion nicht zur Notiz nehmen.

»Wieso bist du hier, Sakura?« Er ignorierte ihren spitzen Kommentar geflissentlich, was ihre Wut auf ihn nur noch mehr schürte. Wenn sie ihm ehrlich auf seine Frage antwortete, würde sie damit auch Gaara entblößen und ein ihr bis dahin unbekanntes Gefühl der Loyalität ihm gegenüber hielt sie davon ab, mit der Wahrheit heraus zu rücken.

»Ich habe dich beobachten lassen«, log sie stattdessen und der Ausdruck vollkommner Verwirrung in Sasukes Gesicht belohnte sie mit einem nie da gewesenen Sinn für Gerechtigkeit.

»Sakura ...«, grollte er warnend und alles in ihr drängte sie dazu, den Finger auf die offene Wunde seines verletzten Stolzes zu legen. Es war offensichtlich, dass es ihn störte, dass sie hier war; dass sie Zeitpunkt und Ort ihres dringend notwendigen Gesprächs festgelegt hatte und darüber hinaus andeutete, ihn mit seinen eigenen Methoden bestraft zu haben.

Eine Weile taxierten sie sich mit abschätzenden Blicken, ehe Sakura seufzend nachgab. »Ich ... Es tut mir Leid. Ich hätte nicht einfach verschwinden sollen und die Maßnahmen, die ich ergriffen habe, um Gaara davon abzuhalten, seinen Job zu machen, waren eventuell etwas übertrieben, aber ich war erschüttert. Ich sitze bei dir zuhause und warte auf Itachi, stattdessen steht da auf einmal eine Frau, die behauptet, deine Verlobte zu sein. Du musst mich verstehen - das wäre nichts, was irgendjemand zu deinem Vorteil interpretiert hätte.«

Sasuke gab genauso schnell nach, wie sie, griff nach ihren Händen und führte sie zu seinen Lippen, wobei seine Augen die ihrigen nie freigaben. »Karin ist schon seit fünf Jahren nicht mehr meine Verlobte«, versicherte er mit einer Nachdrücklichkeit, dass Sakura ihm geglaubt hätte, selbst wenn sie die Wahrheit nicht längst gekannt hätte, »Itachi hat ich schon unzählige Male beschworen, die Schlösser austauschen zu lassen, doch bis zu jenem Tag habe ich nie die Notwendigkeit darin erkannt.«

Sakura wusste, dass er die Wahrheit sagte, immerhin erinnerte sie sich nur allzu deutlich an die Abneigung in Karins Stimme, als sie ihr ihre Geschichte erzählt hatte; daran, dass sie einen unfassbar teuren Ring arglos in den matschigen Dreck eines Friedhofs geworfen hatte, dennoch war sie nicht dazu bereit, Sasuke so einfach vom Haken zu lassen.

»Sie hatte einen Schlüssel zu deinem Appartement«, warf sie leise ein und entzog sich seinem Griff. Die ganze Szene war schrecklich bizarr in Anwesenheit all der Leute, die emsig damit beschäftigt waren, größere und kleinere Pakete zu verladen.

»Frag' Itachi«, beschwor er sie erneut und sein Blick wich von ihr ab, um in der schwammigen Dunkelheit nach den Umrissen seines Bruders zu suchen. Sanft griff sie mit ihren Fingern nach dem Saum seines Anzugs, um seine Aufmerksamkeit wieder für sich zu gewinnen.

»Schon okay, Sasuke. Ich glaube dir. Aber ich hätte mir gewünscht, dass du von Anfang an ehrlicher zu mir gewesen wärst.« Das entsprach der Wahrheit, ungeachtet dessen, dass sie die Hintergründe bereits kannte. All das wäre niemals auf diese Art und Weise eskaliert, wenn er ihr von Anfang an reinen Wein eingeschänkt hätte.

»Es tut mir Leid.« Die unterschiedlichsten Gefühle wirbelten in seinen Augen umher und erneut griff er nach ihren Händen und führte diese an seine Lippen. Sein Blick verdunkelte sich, als er ihr einen sanften Kuss auf die Haut ihrer Finger hauchte. Ein prickelndes Gefühl breitete sich in ihr aus und sie wusste, dass sie schon längst aufgegeben hatte, egal, wie sehr sie sich dagegen zu wehren versuchte.

»Es gibt nur dich, Sakura.« Die Worte durchfuhren sie wie ein Blitz, ließen die feinen Härchen in ihrem Nacken zu Berge stehen und die Schmetterlinge in ihrem Bauch wilde Talflüge anstimmen.

»Okay.« Er schmunzelte selbstischer ob ihrer zittrigen Antwort und ließ ihre Hände los, um stattdessen nach ihrer Taille zu greifen und sie näher an sich zu ziehen, bis ihre Oberkörper sich sanft berührten. Sakura biss sich auf die Lippen. Das hier hatte sie vermisst, sehr sogar und obwohl ihr Verstand sie anbrüllte, mehr Gegenwehr zu zeigen, hatte sie den Kampf schon aufgegeben, bevor er richtig begonnen hatte.

»So sehr ich mich auch darüber freue, dich wieder zu sehen, du solltest wirklich nicht hier sein«, hauchte er zwischen zwei federleichten Küssen auf ihre Lippen. Sakura wollte ihm widersprechen, doch ihr fehlten die Worte, um ihren Widerstand einen Ausdruck zu verleihen, der überzeugend genug war.

»Dafür ist es jetzt wohl ein wenig zu spät« - Sakura ließ ihren Blick demonstrativ über das turbulente Treiben um sie herum schweifen - »außerdem ist Gaara auch hier.«

Sasuke neigte den Kopf, musterte sie eindringlich und schien auf ihren Gesichtszügen nach einer Antwort zu suchen. »Ich dachte, du kannst ihn nicht leiden.« Schalk funkelte in seinen schwarzen Augen, deren Tiefe noch ein wenig dichter wirkte in dem spärlichen Licht, welches sie umgab.

»Wir haben uns ... miteinander arrangiert«, scherzte sie, »er ist gar nicht so übel. Ein wenig unflätig, aber immerhin ehrlich.«

»Unflätig und ehrlich ... Ja, das passt gut zu ihm«, sinnierte Sasuke und seine Augen fixierten irgendetwas in der Dunkelheit hinter ihr, »trotzdem. Ich werde dich jetzt von ihm nachhause bringen lassen.«

»Er hat gesagt, er muss unbedingt hier sein«, protestierte Sakura beleidigt. Sie fühlte sich ausgeschlossen und das, obwohl er ihr bereits so viel anvertraut hatte, dass sie von der ganzen Aktion eine Ahnung gehabt hatte, bevor Gaara diese Ahnung bestätigen konnte.

»Weil ich dachte, dass du noch immer vom Erdboden verschluckt wärst, Sakura.«

»Wieso fährst du mich nicht nachhause?«, konterte Sakura so prompt, dass Sasuke erneut schmunzeln musste. Schmollend schob sie die Unterlippe vor, aber auch das hatte nur wenig Wirkung auf den Mann vor ihr. Er winkte nach dem rothaarigen Mann, welcher eben erst im Begriff gewesen war, sich nützlich zu machen und der Unmut angesichts der plötzlichen Planänderung stand ihm überdeutlich ins Gesicht geschrieben.

»Gaara, lass dir von Itachi einen Schlüssel geben und fahre Sakura anschließend zu mir nachhause. Du wirst hier heute nicht mehr gebraucht«, befahl er mit fester Stimme, die keinerlei Widerspruch duldete, nicht, dass dies vonnöten gewesen wäre. Gaara hätte ihm gewiss auch dann gehorcht, wenn er die Anweisung gepfiffen hätte, so viel war Sakura bereits klar. Sie betrachtete die beiden Männer eingehend, verfolgte den Wechsel unausgesprochener Worte, welchen sie ausschließlich mit ihren Augen kommunizierten.

»Wie du willst.« Gaara nickte ihr auffordernd zu und ehe sie einen letzten, erbarmungswürdigen Versuch eines Protests erheben konnte, zog Sasuke sie erneut zu sich hoch und erstickte jedes Wort, welches bis eben durch ihren Kopf gegeistert war, im Keim.

Das nächste, was sie bewusst wahrnahm, war Gaaras angeekeltes Naserümpfen, gefolgt von einem Schulterzucken, mit welchem er sämtliche, nervigen Empfindungen von sich abschüttelte und die Wärme Sasukes, die immer fadenscheiniger wurde, je weiter sie sich von ihm entfernte, ehe sie endgültig verlöschte und nichts als eine rasch verblassende Erinnerung an seine Berührung zurück ließ.

Viel zu schnell wurde er kleiner in dem Rückspiegel und während sie sich mit einem zweifelsfrei strafbaren Tempo wieder der Stadt näherten, rutschte Sakura unruhig auf ihrem Sitz hin und her und fragte sich zum tausendsten Mal, was zur Hölle sie da eigentlich tat.

Durchbruch

Die Stille in Sasukes Appartement wurde nur von dem leisen, unsteten Knistern des Kaminfeuers durchwirkt. Der schwache Lichtschein tanzte auf den ruhigen Gesichtszügen Gaaras, welcher seinen Kopf auf die Lehne seines Sessels gelehnt hatte, die Augen geschlossen. Würde seine Brust sich nicht regelmäßig in flachen Zügen heben und senken, könnte man meinen, er wäre ganz nebenbei für immer eingeschlafen. Ihm schien es nichts auszumachen, dass es so ruhig war, dass man dem feinen Nieselregen auf der Fensterfront lauschen konnte, dass es nichts gab, was die eigenen Gedanken davon abhielt, sich im Kreise zu drehen. Vielleicht wurde er von derlei Dingen aber auch gar nicht geplagt und er empfand tatsächlich so etwas wie Frieden in diesem Augenblick.

Das erschien Sakura allerdings irgendwie abwegig, denn dem Mann schien eine Art Schatten anzuhaften, dessen Dunkelheit noch weitaus dichter war, als die undurchdringliche Finsternis der mondlosen Nacht, durch welche sie vor Kurzem noch gefahren waren.

»Du starrst.« Sakura zuckte auf ihrem Sessel zusammen und das Kissen, welches sie mit ihren Armen umfangen hielt, rutschte etwas von ihrem Schoß. Gaara hatte eines seiner Augen geöffnet, durch welches er sie regelrecht durchdringend fixierte. Da war definitiv nichts von einem inneren Frieden.

»Ich habe über einige Sachen nachgedacht und dabei zufällig in deine Richtung gesehen«, verteidigte sie sich, doch der leicht panische Unterton entblößte sie als schuldig.

»Sasuke wird frühstens gegen Ende der Nacht zurück sein. Entweder du gönnst dir etwas Ruhe oder aber du brütest auch die nächsten Stunden noch sinnlos vor dich hin. Mir persönlich soll das am Arsch vorbei gehen, nur tu' mir den Gefallen und starre mich dabei nicht so aufdringlich an.« Bevor Sakura sich über sein rüdes Benehmen empören konnte, war sein Auge bereits wieder geschlossen und für ihn damit das Gespräch offenkundig beendet. Er schmiegte sich bewusst enger an das weiche Leder seines Sessels und breitete seine Beine so dekadent aus, als gehörte ihm sämtlicher Platz in diesem Raum. Seine Hände ruhten gefaltet auf seinem flachen Bauch, aber in der Dunkelheit konnte sie nicht erkennen, ob sie von harter Arbeit schwielig oder aber weich waren, sodass ihr nicht ersichtlich war, worin genau seine Funktion in dieser Konstellation um Sasuke bestand. Irgendetwas sagte ihr, dass er nicht nur der Überwachung von Personen diente.

Sie erinnerte sich an ihr unterbewusstes Schaudern, als er sie mit seinen Augen förmlich durchbohrt hatte, nachdem sie sich einen Spaß zu viel mit ihm erlaubt hatte. Bis dahin hatte sie in ihrem Leben noch nie etwas Vergleichbares gespürt, nicht einmal in der Anwesenheit von Orochimaru, welcher wahrlich nicht als angenehmer Zeitgenosse zu beschreiben war.

»Du starrst immernoch«, stellte er zischend fest. Dieses Mal machte er sich nicht einmal die Mühe, eines seiner grünen Augen zu öffnen, was es nur noch gruseliger machte. Er schien ein besonderes Gespür dafür zu haben, was um ihn herum passierte, einen feinen Sinn für die vermeintlich unterschwelligsten Bewegungen, leisesten Geräusche und kürzesten Blicke, die man flüchtig in seine Richtung warf und Sakura fragte sich, ob dieses Gespür aus der Tatsache geboren war, dass er immer auf der Hut sein musste, was ihre Vermutungen über seine wahre Berufung von neuem entfachte.

»Ich kann nichts dagegen tun«, schimpfte sie leise, »so bin ich nun einmal. Ich denke nach und dabei starre ich.« Es war ja nicht ihre Schuld, dass er darauf bestanden hatte, sie bis nach oben zu begleiten und sich neben sie zu setzen. Genauso gut hätte er im Auto bleiben können, doch Sakura wurde das unbestimmte Gefühl nicht los, dass er sich über eine kleine Auszeit von dem engen, kalten Wagen freute. Sie biss sich auf die Lippen, bis sie einen stechenden Schmerz spürte. »Was genau hast du eigentlich gemacht, bevor ... bevor du mich verfolgt hast?« Sie wusste nicht, wieso sie die Frage stellte, im Grunde ging sie das auch gar nichts an, aber sie war neugierig und wie Gaara selbst zugegeben hatte, würden sie noch eine ganze Weile mit Warten zubringen müssen.

»Wir bevorzugen den Ausdruck unauffälliger Personenschutz«, entgegnete er schroff. Obwohl seine Haltung ganz und gar ablehnend wirkte, richtete er sich dennoch von seiner entspannten Position auf und schlug die Beine übereinander. Die Bewegung war fließend, fast anmutig und Sakura war überrascht von der kontrollierten Eleganz, die jede seiner kalkuliert wirkenden Regungen innezuwohnen schien. Er stützte seinen Ellbogen auf die Armlehne und bettete seine Wange auf die geballte Faust, wodurch sein aufmerksamer Blick leicht schief wirkte. »Und was deine Frage betrifft: Das geht dich einen Scheißdreck an.« Seine ungefilterten, unflätigen Worte standen im starken Kontrast zu seiner sonst so perfekten Beherrschtheit und Sakura hätte wohl darüber gelacht, hätte sie die unterschwellige Drohung in seinem Tonfall überhört.

Sakura konzentrierte sich auf das Knistern und Knacken von verbrennendem Holz, auf die Schatten, die mal mehr, mal weniger von seiner fahlen Haut verdeckten. Was auch immer er tat, wenn er sie nicht beschattete - viel Tageslicht sah er bei der Aufgabe wohl nicht, denn seine porzellanähnliche Haut wirkte fast durchscheinend im schwachen Licht des Kaminfeuers.

»Das war vulgär«, stellte sie trocken fest. Sie zog ihre Beine auf den Sessel und verschränkte sie so, dass sie bequem sitzen konnte. Gaara zog eine Augenbraue hoch und schien auf etwas mit mehr Inhalt zu warten, doch Sakura musste sich in die Wange beißen, um nicht das Falsche zu sagen. »Aber im Gegensatz zu manchen Menschen lege ich viel Wert auf Privatsphäre.«

Sein heftiges Schnauben verriet ihr, dass er die Anspielung durchaus verstanden hatte. »Du hältst dich für unfassbar clever, nicht wahr?« Es war keine Frage und so wartete Gaara auch auf keine Antwort. »Aber lass' dir eines gesagt sein: Clevere kleine Mädchen, wie du eines bist, bereuen irgendwann ihre scheißdummen Bemerkungen. Früher oder später immer.«

Ein Schauer fegte über Sakuras Arme, der nichts damit zu tun hatte, das ihr kalt war. »Und dafür wirst du sorgen, nehme ich an.« Sie presste ihre Lippen fest aufeinander, als er sie beharrlich anschwieg. Plötzlich hatte sie das ausgesprochen ausgeprägte Bedürfnis, seinem Blick auszuweichen, doch sie senkte nicht den Kopf, gab ihrer Angst nicht nach. »Wie kommt es überhaupt, dass Sasuke dich dazu überreden konnte, mich auf Schritt und Tritt zu behelligen. Du hasst mich.«

»Hass ist ein starkes Wort«, sinnierte er und ein Lächeln umspielte seine Lippen, welches nicht weniger mit Freude zu tun haben könnte. Seine grünen Augen blieben unberührt davon, matt und kalt wie unpolierte Steine. »Ich hasse dich nicht.« Es war eine einfache, fachmännische Feststellung, bar jeglicher menschlicher Emotion in der Stimme und dieses Mal musste Sakura tatsächlich über die Absurdität der Situation lachen.

»Nicht hassen bedeutet aber nicht automatisch, dass du mich leiden kannst«, schlussfolgerte sie.

»Du kannst da hinein interpretieren, was du möchtest.« Damit stand er auf und schlenderte gelassen zu Sasukes Küche, um sich eine Flasche aus dem Kühlschrank zu greifen. Die absolute Gleichgültigkeit in dieser unbedeutenden Handlung verriet ihr, dass er das wohl öfter tat. »Auch eins?« Er lehnte mit dem Arm an der offenen Tür, das künstlich grelle Licht des Kühlschranks fiel seitlich auf ihn und warf einen langen Schatten über den blank polierten Boden.

Sakura runzelte die Stirn und versuchte zu erkennen, was er da in der Hand hielt. »Was trinkst du denn?«, fragte sie schließlich, als sie sich eingestehen musste, dass ihre Bestrebungen sinnlos waren.

»Bier.«

Sie verzog das Gesicht bei der Erinnerung an den letzten Abend, an dem sie dieses Gebräu getrunken hatte - und vor allem, was es mit ihr gemacht hatte. Zwischenzeitlich hatte sie das Gefühl gehabt, ihren eigenen zwei Beinen nicht mehr über den Weg trauen zu können, dennoch konnte sie nicht leugnen, dass diese unbeschwerte Leichtigkeit eine willkommene Ablenkung zu ihrer sonst so starren Unflexibilität gewesen war.

»Klar«, hörte sie sich selbst sagen, ohne dass sie sich daran erinnern konnte, diesen Entschluss gefasst zu haben. Ein zweites Mal klirrte etwas aus seiner Richtung und mit einem groben Fußtritt schloss er den Kühlschrank wieder. Immerhin besaß er genügend Anstand, ihr die Flasche zu öffnen, bevor er sie vor ihr auf dem Tisch abstellte. Dieser Mann schien nur aus Gegensätzen zu bestehen und Sakura müsste dreist lügen, würde sie behaupten, er wirke keinerlei neugierige Faszination auf sie aus. Auf krude Art war er dem Feuer ähnlich, welches unweit von ihnen in dem steinernen Kamin knisterte. Es hatte etwas Magisches an sich, etwas Faszinierndes, doch kam man den Flammen zu nahe, verbrannte man sich schnell mit Haut und Haar.

»Danke«, sagte sie mit einem knappen Kopfnicken, ehe sie nach der Flasche griff, auf deren gläsernen Oberfläche kondensiertes Wasser herab perlte, welches sich beruhigend kühl in ihren Handflächen anfühlte. Zögerlich nippte sie an dem Bier und zu ihrer Überraschung war es so kalt, dass sie kaum etwas schmecken konnte.

»Hätte nicht gedacht, dass eine piekfeine Lady, wie du, sich dazu herab lässt, ein Bier mit mir zu trinken«, spottete er, nachdem er selbst genüsslich an seiner Flasche genippt hatte. Naja, wohl eher gezogen, denn im Feuerschein erkannte sie, dass seine Flasche bereits halb leer war.

»Ich bin für so einige Überraschungen gut«, scherzte sie.

»Das glaube ich gerne.« Sein Kopf wandte sich dem Feuer zu, die Flammen spiegelten sich wild in seinen grünen, ausdruckslosen Augen und erfüllten sie mit mehr Leben, als Sakura je zu vor in ihnen gesehen hatte.

Sakura stellte ihr Bier ab, ohne noch einmal davon zu trinken. Aus irgendeinem Grund war sie zu nervös, um noch mehr davon herunter zu bekommen, doch das hielt Gaara nicht davon ab, seine Flasche in wenigen Minuten bis auf den letzten Tropfen auszutrinken. Irgendwann - es mochten Minuten vergangen sein oder vielleicht auch Stunden - stand er noch einmal auf, um sich noch eine Flasche zu holen, während Sakura dem Feuer dabei zusah, wie es langsam herunter brannte, bis nur noch eine schwach glimmende Glut übrig war. Gerade als sie aufstehen wollte, um neue Holzscheite nachzulegen, wurde ein Schlüssel im Schloss der Wohnungstür gedreht und Sakura versteifte sich.

Gaara platzierte seine Füße auf dem Wohnzimmertisch, als hätte er sich in letzter Sekunde daran erinnert, dass er Sasuke auf die Nerven gehen wollte, was Sakura ein belustigtes Schmunzeln entlockte und ihre angespannten Nerven etwas beruhigte.

»Hat ja lange genug gedauert«, stellte Gaara spöttisch fest, »die Sonne geht fast schon wieder auf.«

»Die Sonne geht frühestens in vier Stunden auf, du kleiner Klugscheißer« - Sakura zog die Augenbrauen angesichts seiner ungewohnt ungehobelten Wortwahl hoch - »und nimm' deine dreckigen Flossen von meinem Tisch!« Gaaras hinterhältiges Grinsen bestätigten ihre Vermutung, dass er sie mit Absicht im letzten Moment hochgelegt hatte.

Sasuke verpasste Gaara einen freundschaftlichen Klaps auf dem Hinterkopf, während er an ihm vorbei und auf sie zu lief. Er beugte sich zu ihr herunter und hauchte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Lippen, ehe er seine Krawatte lockerte, die obersten zwei Knöpfe seines Hemdes öffnete und sich neben ihr auf die leere Couch fallen ließ.

»Wieso genau sitzt ihr hier im Dunkeln und trinkt Bier?«, fragte er amüsiert.

»Bis gerade war es noch nicht dunkel«, bemerkte Gaara trocken, ehe er Sasuke unauffällig zuprostete und erneut einen tiefen Schluck von seinem Bier nahm und keinerlei Anstalten machte, sich um die sterbende Glut zu kümmern. Sakura sah das als Zeichen, ihrem ursprüngliches Vorhaben, neue Holzscheite im Kamin aufzustapeln, nachzukommen. Kurz darauf züngelten hungrige Flammen nach dem frischen Material und eine angenehme Hitze schlug Sakura entgegen. Es fiel ihr schwer, sich wieder davon abzuwenden, dennoch ging sie zurück zu ihrem Platz und nahm ihre zusammengekauerte Haltung von vorher wieder ein.

»Und? Wie ist es gelaufen?« Gaara wirkte nicht so, als würde ihn die Antwort darauf wirklich interessieren und dass er die Frage nur aus Höflichkeit gestellt hatte, auch wenn Sakura nicht davon überzeugt war, dass ihm das Konzept von Höflichkeit überhaupt geläufig war.

Sasuke fiel dieser Umstand entweder nicht auf oder aber ignorierte er ihn, was wohl weitaus realistischer war, wenn man bedachte, wie lange die beiden sich schon zu kennen schienen. »Alles unter Dach und Fach. Unsere Probleme sind damit vorerst aufgeschoben, trotzdem hoffe ich, dass Shikamaru sich bald mit Neuigkeiten aus Europa meldet.«

Sakura versteifte sich bei dem Namen auf ihrem Sessel. Sie hatte sich gerade verhört, es musste einfach so sein. Nie und nimmer war hier von dem selben Mann die Rede, den Ino auf der Universität abgesägt hatte. Unruhig rutschte sie hin und her und hoffte, dass die beiden Männer nichts von ihrem seltsamen Verhalten mitbekamen.

»Er müsste vor etwas mehr als einer Woche dort angekommen sein, oder?« Gaara schwenkte das leere Bier in seinen Händen, mit dem Daumen fuhr er den schlanken Flaschenhals nach, eine sanfte Geste, die seltsam grotesk bei ihm aussah.

»Müsste, ja. Wir können nur hoffen, dass er schnell etwas findet, denn diese Geschäftsbeziehung zu Orochimaru würde ich nur ungern vertiefen.« Der Name klang wie Gift aus seinem Mund, was Sakura ihm nicht verübeln konnte. Bei dem Gedanken an den bleichen Mann wurde ihr selbst ebenso unwohl zumute.

»Wenn der Kerl dir Probleme macht, kann ich ihn ja einfach-«

»Gaara«, zischte Sasuke drohend. Seine Hand umklammerte die Lehne, auf der sein Arm bis gerade entspannt geruht hatte und Sakura fragte sich, was Gaara wohl gerade auszusprechen versucht hatte. Wieder war da diese unwirkliche Gänsehaut auf ihren Armen, das Gefühl einer vagen Vorahnung, als würde sie sie aus dem Schatten heraus beobachten. Gerade weit genug entfernt, um keine klaren Konturen zu erkennen.

»Bleib' entspannt.«

»Du kannst dir den Rest der Nacht freinehmen. Ich bin ja jetzt hier.« Gaara zog bei dem Angebot die Augenbrauen hoch. Sein Blick wanderte von Sasuke zu ihr und wieder zu ihm zurück.

»Ich nehme meine Aufgaben sehr ernst, Sasuke«, antwortete er nach einer Weile, »ich bin unten, falls etwas sein sollte.« Sakura versuchte, nicht daran zu glauben, dass ihr Wohlergehen irgendwie wichtig für ihn war, denn das würde bedeuten, dass sie ihm vertrauen konnte und so weit war sie ganz gewiss nicht, auch wenn sie mittlerweile eine Art Frieden miteinander geschlossen hatten. Einen Frieden voller spöttischer Bemerkungen und spitzer Kommentare, aber dennoch Frieden.

»Du bist ein erwachsener Mann.« Sasuke legte den Kopf schief und beobachtete Gaara dabei, wie er sich aus seinem Sessel erhob, provokativ die leere Flasche auf dem Tisch abstellte und aus dem Appartement verschwand. Irgendwie erfreute es Sakura, dass er zu Sasuke der gleiche Arsch war, wie zu ihr.

»Ihr scheint miteinander klar zu kommen«, stellte er mit amüsierter Stimme fest, »ich muss gestehen, dass ich darauf niemals gewettet hätte.«

»Mit wem hast du denn eine Wette abgeschlossen? Mit Itachi?« Sein Blick lag dunkel auf ihr, die kleinen Fältchen um seine Augenwinkel deuteten ein Lächeln an, das fast genug war, um Sakura vergessen zu lassen, was sie vor wenigen Minuten gehört hatte.

»Es ist spät, Sakura und so gerne ich mich weiter mit dir unterhalten würde - ich bin müde.« Die unausgesprochene Forderung, ihm in sein Schlafzimmer zu folgen, brachte sie zum Erröten. Zögerlich griff sie nach der Hand, welche er ihr entgegen streckte und ließ sich wiederstandslos von ihm mitziehen. Schweigend schlüpfte Sakura in die viel zu großen Klamotten, welche Sasuke ihr aus seinem persönlichen Vorrat überantwortet hatte und spürte dabei die ganze Zeit seinen Blick in ihrem Rücken.

»Ist alles in Ordnung zwischen uns?«, fragte er leise und Sakura registrierte, wie er von hinten so nah an sie heran getreten war, dass sie die Wärme spüren konnte, die von ihm ausging. Aus den Augenwinkeln erkannte sie, dass seine Hände knapp oberhalb ihrer Schultern reglos in der Luft verharrten, als wäre er sich nicht sicher, ob es wirklich okay wäre, sie anzufassen.

»Ja«, hauchte sie sanft. Auf Zehenspitzen drehte sie sich zu ihm um und ihre Nasen berührten sich fast, so dicht standen sie nun beieinander. Sakura hatte aufgehört, mitzuzählen, wie oft sie sich in der endlosen Schwärze seiner Augen verloren hatte.

Sasuke reagierte nicht mit Worten, stattdessen überbrückte er die letzten Zentimeter, die ihre Gesichter noch voneinander trennten und umfasste ihre Wangen mit seinen warmen, rauen Händen. Das war der Moment, in dem ihre leise Stimme der Vernunft endgültig erstarb und sie sich unterbewusst tiefer in die Berührung schmiegte. Sie war sich sicher, dass sie sich nie ganz an das Gefühl seiner Lippen auf ihren gewöhnen würde, dass er diese sogartige Wirkung immer auf sie haben würde und als sie sich in den samtigen Stoff seines Pullovers festkrallte, vertiefte er den Kuss auf eine Art, die ihre Beine weich werden ließ.

Der schelmische Ausdruck auf seinem Gesicht trieb ihr erneut die Schamröte in die Wangen und beschämt wandte sie den Blick von ihm ab, als hätten sie nicht schon längst deutlich intimere Augenblicke miteinander geteilt. Als hätte er nicht schon längst alles von ihr gesehen und sich dennoch entschieden, bei ihr zu bleiben, ihren eigenen Zweifeln zum Trotz.

»Lass' uns schlafen gehen, Sakura.« Er ließ ihre Wangen los und beinahe augenblicklich verzehrte sie sich nach seiner Wärme, als er sich von ihr entfernte, um sich ins Bett zu legen. Sein Grinsen wurde mit jeder Sekunde, die sie zögerte, ein wenig breiter.

»Könntest du das überhebliche Grinsen etwas weniger auffällig zur Schau stellen?« Sakura verschränkte die Arme vor der Brust, denn ihre Aufforderung hatte die exakt gegenteilige Wirkung von dem, was sie sich erhofft hatte. Seufzend gab sie nach und huschte zu ihm unter die seidigen Laken, nur um prompt von ihm näher zu sich gezogen zu werden. Sie kicherte, als seine Haaren sie am Hals kitzelten und das Lachen wich einem Seufzer, als er sie noch einmal küsste, bevor er seinen Kopf auf dem Kissen ablegte. Ihr Herz pochte wild bei dem Anblick seiner entspannten Gesichtszüge und sie musste sich auf die Lippe beißen, um sich davon abzuhalten, ihn noch länger anzustarren.

»Du starrst, Sakura.« Bei dem Déjà-vu musste sie lachen.
 

Die beiden wurden am nächsten Morgen von dem schrillen Klingeln der Wohnungstür geweckt und im ersten Moment wirkte Sasuke, als würde er am liebsten die Decke über den Kopf ziehen und den Umstand, dass jemand ihn sehen wollte, geflissentlich ignorieren.

Genervt stöhnte er, als er zu begreifen schien, dass aus diesem Plan nichts werden würde, denn das anfänglich zögerliche Klingeln entwickelte sich rasch zu einem regelrechten Sturm.

»Fuck, ich komme ja schon!«, rief er niemand Bestimmtem zu, während er die Decke von sich schob, um aufzustehen.

Sakura wälzte sich unter der Decke hin und her und auch wenn sie komplett eingekleidet war, fühlte sie sich in Sasukes Klamotten seltsam entblößt. Vielleicht hatte sie ein einziges Mal in ihrem Leben Glück und der Besucher verschwand so schnell, dass sie das Schlafzimmer nicht verlassen musste.

Ihr verzweifelter Wunsch schien allerdings auf einem ähnlich hoffnungslosen Posten zu stehen, denn Sasukes Gesicht tauchte nur kurze Zeit später in der offenen Tür auf. Er wirkte angespannt, von seiner anfänglichen Wut über die Störung keine Spur mehr zu entdecken. »Es ist etwas Wichtiges, Sakura. Ich muss los.« Keine vierundzwanzig Stunden, nachdem sie sich versöhnt hatten, ließ er sie schon wieder alleine zurück? Hatte er aus dem letzten Mal nichts gelernt? Sakura dachte daran, dass er ihr versichert hatte, dass Karin sich keinen Zugang mehr verschaffen konnte und auch wenn sie davon überzeugt war, dass sie das gar nicht länger zu versuchen brauchte, war ihr dennoch unwohl bei dem Gedanken, in einer ähnlichen Situation zu sein, wie noch vor zwei Wochen.

»Soll ich hier auf dich warten?«

Sasukes Gesichtszüge wurden etwas weicher und sie sah, dass es ihm missfiel, sie alleine zurück lassen zu müssen. Das änderte zwar nichts an der Tatsache, dass er es dennoch tat, trotzdem fühlte sie sich bei dem Gedanken, er könnte sie vermissen, ein wenig besser. »Ich würde mich freuen.«

»Dann warte ich.«

Er schenkte ihr ein umwerfendes Lächeln und erst, als er schon lange verschwunden war, stellte sie fest, dass er sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, sich einen Anzug anzuziehen. Was auch immer passiert war - es musste wirklich wichtig gewesen sein.

Eine Weile lang lümmelte sie noch im Bett, ehe sie beschloss, dass an Schlaf wohl nicht mehr länger zu denken war und sie sich widerwillig aus den wohlig warmen Decken schälte. Das Appartement wirkte viel zu groß ohne Sasuke und die Stille, die sie umgab, während sie sich einen Kaffee zubereitete, war ihr viel zu laut. Nichts hinderte sie daran, über ihre Zwickmühle nachzudenken und darüber, dass Shikamaru wohl für den Mann arbeitete, der noch immer potentiell Gegenstand ihrer Recherchen war. Was Ino wohl dazu zu sagen hatte? Kopfschüttelnd löste sie sich von dem Anblick ihrer entsetzten Freundin, welches ihr Verstand mit grausamer Genauigkeit zeichnete.

Nachdem sie ihren Kaffee getrunken und einige Reste aus dem Kühlschrank für ein spärliches Frühstück verspeist hatte, stellte sie sich vor das Bücherregal und überlegte, wie sie an die oberen beiden Reihen kommen sollte, um auch diese auf ein mögliches Versteck für etwas, was mit dem Schlüssel in Sasukes Schreibtischschublade geöffnet werden konnte, zu untersuchen. Ihr Blick schweifte suchend durch den Raum, aber nichts bot genug sicheren Stand, um nicht mehrere Knochenbrüche zu riskieren, wenn sie es als behilfsmäßige Leiter missbrauchte.

Frustriert fuhr sie sich mit den Händen durch ihr noch ungekämmtes Haar. Es musste doch etwas in der Wohnung geben, was sie für ihre Zwecke nutzen konnte und so ging sie in Sasukes Zimmer, wo ihr Blick beinahe direkt an seinem Tisch haften blieb. Hoch genug war er und stabil genug ebenfalls, doch ihrem laienhaften Urteil nach würde es eine gewaltige Anstrengung darstellen, ihn durch die Tür seines Zimmers zu hieven. Es war ein gewagtes Risiko, denn wenn dieser Tisch tatsächlich irgendwie ins Wohnzimmer bugsiert werden konnte, so war er doch viel zu massiv, um ihn notfalls schnell wieder an seinen angestammten Platz zu bekommen.

Sakura überlegte das Pro und Kontra dieser Unternehmung, kam dann aber zu dem Ergebnis, dass sie keine andere Wahl hatte. Sie betete zu Gott, dass Gaara nicht beschloss, ihr einen Besuch abzustatten und dass Sasuke lange genug beschäftigt war, um sie nicht in flagranti dabei zu erwischen, wie sie ihm hinterher spionierte.
 


 

Die Tür des Cafés hätte ein wenig Öl gewiss gut vertragen können, die Scharniere quietschten laut und das Geräusch hallte in der schmalen Gasse nach wie eine extra laute Ankündigung ihrer Anwesenheit. Sasuke war froh darüber gewesen, dass Gaara letzte Nacht nicht seinem Angebot gefolgt war, denn das hätte diesen Morgen nur unnötig verkompliziert.

»Morgen, Sasuke«, grüßte Naruto ihn mit einem breiten Grinsen. Dass er auf die gewöhnlichen Höflichkeitsbekundungen verzichtete, lag daran, dass das Café gänzlich ausgestorben war. Der weißhaarige Mann, der sonst immer in der hinteren Ecke gesessen und unablässig gequalmt hatte, war an diesem Morgen nirgendwo zu sehen. Sasuke wusste nicht, ob er erleichtert darüber sein oder sich lieber Gedanken darüber machen sollte.

»Itachi hat mir gerade erzählt, dass Shikamaru sich bei dir gemeldet hat?«, fragte er anstatt einer ordentlichen Begrüßung.

Naruto schmollte beleidigt, kommentierte das Ganze aber nicht weiter. »Mitten in der Nacht, ja. Ich wollte nicht vorbei kommen und stören, außerdem wusste ich ja auch nicht, wie lange es dauert, den Deal mit Orochimaru über die Bühne zu bringen«, erklärte er, während er in dem kleinen Raum hinter dem Tresen verschwand. Wie sich heraus stellte, hatte er einige Papiere holen wollen, auf denen Sasuke selbst von Weitem seine unleserliche Schrift erkannte. »Shikamaru hat mich gezwungen, mitzuschreiben«, fügte er missmutig hinzu, als er Sasukes Blick bemerkte, »offensichtlich traut er mir nicht zu, dass ich mir eine handvoll Dinge merken kann.«

Sasuke verkniff sich den spöttischen Kommentar, der ihm auf der Zunge lag, stattdessen machte er eine auffordernde Bewegung mit der Hand, woraufhin Naruto ihm die Blätter in die Hand drückte. Eilig überflog er die schief geschriebenen Zeilen und mehr als einmal stolperte er dabei über ein besonders unkenntlich hingekritzeltes Wort.

Scheinbar war Shikamaru momentan noch in Napoli. Er hatte eine fragwürdige Verbindung zu ihrem Händler in London herstellen können und auch, wenn die Italiener wenig kooperativ waren, hatte er in Erfahrung bringen können, dass sie daran mitverdienten, ihn über den Tisch zu ziehen. Statt den üblichen Weg nach Marseille wurde seine Ware aus irgendeinem Grund nach Napoli gebracht und von da aus sogar nach Amerika verschifft. Das erklärte auch, wieso sein Schiff zwar regelmäßig in den Hafen einfuhr, aber nichts als ein paar Autos mit sich brachte.

»Irgendjemand klaut meine Ware, lässt sie den ganzen Weg nach Napoli transportieren und von da aus importieren.« Nachdenklich rieb er sich die Bartstoppeln. Er versuchte, sich einen Reim daraus zu machen und er hatte das vage Gefühl, dass etwas in seinem Verstand nach seiner Aufmerksamkeit zupfte, aber er vermochte nicht, durch den dichten, haferschleimartigen Nebel zu blicken und die Wahrheit hinter dieser Empfindung zu ergründen.

»Fragt sich nur, wer das Ziel dieser Lieferung ist. Es könnte jeder sein. Du und Orochimaru seid nicht die beiden Einzigen, die ihre Hände in diesem Spiel haben«, warf Naruto ein und das bis gerade allerhöchstens vage Gefühl verpasste ihm eine schallende Ohrfeige.

»Dieser Bastard!« Sasukes Kiefer mahlte schmerzhaft aufeinander und es kostete ihn einiges an Willenskraft, nicht auf die Theke vor ihm einzuschlagen. Naruto zog verwirrt die Augenbrauen hoch, als er sich und seine ausgesprochen wütende Reaktion auch nach einigen Minuten noch immer nicht erklärt hatte. »Orochimaru. Dieser Scheißkerl klaut mir meinen Alkohol und besitzt darüber hinaus die Unverfrorenheit, ihn mir anschließend zu absurden Preisen ein zweites Mal zu verkaufen!« Er hätte schon viel eher darauf kommen müssen. Die selbstsichere Arroganz und Überheblichkeit dieses Mannes war ihm an diesem Abend schon seltsam vorgekommen, aber in seiner blinden Wut und Verzweiflung hatte er den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen.

»Oh scheiße«, entfloh es Naruto, ein Ausdruck von ehrlicher Betroffenheit im Gesicht, »bist du dir absolut sicher? Du kannst schlecht bei ihm aufmarschieren und ihm die Hölle heiß machen, nicht ohne Beweise. Scheiße nochmal, selbst mit Beweisen wäre das ein Selbstmordkommando!«

»Denkst du, das weiß ich nicht selber?«, knurrte Sasuke, atmete dann aber tief durch, um sich zumindest etwas zu beruhigen. Naruto hatte damit nichts zu tun und es war seinem besten Freund gegenüber wahrlich nicht fair, seine schlechte Laune derart an ihm auszulassen. »Abgesehen hatte ich nie vor, diese Sache direkt zu ihm zu tragen. Ich werde selber nach Europa fahren und mich um die Angelegenheit kümmern.«

Narutos Augen weiteten sich schockiert. Unter anderen Umständen hätte Sasuke vielleicht über seinen dümmlichen Gesichtsausdruck lachen können. »Und was macht der Rest von uns dann?«

»Egal, was ist, der Deal gestern hat statt gefunden, was uns etwas mehr Zeit verschafft hat. Bevor unsere Vorräte das nächste Mal knapp werden, habe ich das Problem hoffentlich schon gelöst. So lange macht ihr Dienst nach Vorschrift. Außerdem ist Itachi immer noch hier und kann im Notfall die Zügel übernehmen.«

Naruto wirkte nicht ganz überzeugt von der Idee, doch welche Optionen hatte er sonst? Er konnte Shikamaru nicht mit einer Verantwortung diesen Ausmaßes sich selbst überlassen.

»Du kannst mir einen Gefallen tun und versuchen, Shikamaru zu erreichen. Die Kosten dafür übernehme ich. Sag ihm, dass ich auf dem Weg bin.«
 


 

Sakura war tatsächlich fündig geworden - ein kleiner Tresor ganz oben hinter einer Wand aus unbenutzten Büchern versteckt. Sie hatte überlegt, den Tisch so schnell wie möglich wieder in sein Zimmer zu schieben, doch dann hätte sie das Notizbuch nicht mehr wieder in sein Versteck legen können und so saß sie vollkommen verschwitzt auf dem harten Holz, welches von Schlieren ihrer Socken verunstaltet worden war und beugte sich über die Papiere, die lose aus dem Büchlein fielen, kaum dass sie es aufgeschlagen hatte.

Zunächst fiel es ihr schwer, sich heftig atmend auf das zu konzentrieren, was in einer säuberlichen Handschrift aufgeschrieben worden war, doch mit der Zeit schaffte sie es, sich einen Überblick zu verschaffen. Manche Dinge ergaben für sie keinerlei Sinn, egal, wie sehr sie darüber nachdachte, doch der Name von drei Städten tauchte immer wieder auf: London, Marseille, Napoli. Sie waren die einzige Konstante in der wirren Ansammlung von geheimnisvollen Notizen und Sakura wurde das Gefühl nicht los, auf den Kern der Sache vorgestoßen zu sein. Sie überlegte, ob sie es riskieren sollte, einige Abschriften zu machen, beschloss dann aber, dass sie ihr Glück schon lange überstrapaziert hatte und verstaute das Notizbuch widerwillig zurück im Tresor, ehe sie sich an die unleidliche Aufgabe machte, den Tisch wieder aus dem Wohnzimmer zu entfernen.

Ihr Herz rutschte ihr in die Hose, als sie einen Schlüssel im Schloss hörte, in dem Moment, in dem sie damit fertig wurde, seine Sachen wieder an Ort und Stelle zu stellen. Hastig blickte sie sich um und suchte nach einer Möglichkeit, weniger erwischt auszusehen und im Anflug von Geistesgegenwart rannte sie in das Badezimmer, dessen Tür sie so leise wie möglich hinter sich schloss. Ihre Hände zitterten wie Espenlaub, während sie den Wasserhahn aufdrehte und sich bei Gelegenheit direkt das Gesicht wusch.

»Sakura!« Seine Stimme tönte von jenseits der Tür und sie gab sich die größte Mühe, unschuldig auszusehen, als sie aus dem Bad trat und ihn mit einem neugierigen Lächeln bedachte. Sie war sich sicher, dass das Wort "Verräterin" in hell leuchtenden Lettern auf ihrer Stirn geschrieben stand, doch das Schicksal war ihr gnädig, denn Sasuke schien ganz und gar blind zu sein.

»Du bist zurück«, stellte sie überflüssigerweise fest und begrüßte ihn mit einer kurzweiligen Umarmung. Sie runzelte die Stirn, als sie begriff, dass etwas passiert sein musste, denn Sasuke war ungewöhnlich still. »Alles in Ordnung?« Damit schien sie ihn aus einer Art Trance zu wecken und sein verschwommener Blick stellte sich scharf.

»Ja ... Entschuldige, es ist alles in Ordnung. Ich war einfach nur froh, dich zu sehen.«

»Hast du etwa erwartet, dass ich schon wieder abgehauen bin?«, scherzte sie und hoffte, dass er das leichte Zittern in ihrer Stimme überhört hatte.

Endlich verzogen seine Lippen sich zu seinem typisch neckischen Schmunzeln. »Hattest du das etwa vor?«

»Ich habe mit dem Gedanken gespielt, ja«, lachte sie, wurde dann aber schlagartig ernst, »aber ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass das ein sehr grausamer Scherz gewesen wäre.«

»Dann bin ich dir wohl zu tiefstem Dank verpflichtet«, antwortete er schelmisch, doch dann wurde auch er ernst und Sakuras Herz hatte erneut einen Aussetzer. Hatte er doch etwas bemerkt? »Ich habe eine Überraschung für dich«, teilte er mit einer ungewöhnlichen Schärfe in der Stimme mit, von der sie sich sicher war, dass sie nichts Gutes verheißen konnte.

»Und die wäre?«

»Wir werden nach Europa reisen.«

Der Freund meines Feindes

Sakura wippte nervös auf ihren Fußballen auf und ab, die kleine Tasche mit den nötigsten Wertgegenstände fest gegen die Brust gepresst. Eine steife, kalte Brise bauschte den langen Rock ihres Kleids, strich mit eisigen Fingern über ihre Knöchel und brachte den unverwechselbaren Geruch von Salz, Fisch und Algen mit sich. Ihre Haare hatte sie zu einem festen, zierlosen Zopf zusammen gebunden, dennoch zerrte der Wind regelmäßig einige der kürzeren Strähnen heraus, die ihr unkontrolliert ins Gesicht peitschten und an ihren trockenen, rissigen Mundwinkeln kleben blieben. Schon den ganzen Morgen hatte sie mit einer inneren Unruhe zu kämpfen, die dank der schlaflosen Nacht besonders aufwühlend war.

Sie blinzelte heftig und unterdrückte nur mit Mühe einen Aufschrei, als eine Möwe laut kreischend nur einige Meter über ihrem Kopf hinweg Richtung Ozean segelte und mit einem theatralischen Sturzflug in den Wellen abtauchte, die sich unablässig und voller urtümlichen Zorn gegen die moosbewachsenen Kaimauern brachen. In der Ferne ging die Sonne langsam auf, ihr Licht brach sich funkelnd auf der stürmischen See und, deren übellauniges Gebaren Sakura wie eine eindringliche Mahnung vorkam. Dass das, was sie zu tun gedachte, eine ganz üble Idee war. Zwar kannte sie sich mit der Seefahrt und dem Ozean nicht allzu gut aus, dennoch konnte sie sich nicht vorstellen, dass diese Sturmböen und aufgepeitschten Wellen optimale Bedingungen waren, um sich in ein kleines Schiffchen zu setzen und sich selbst den Launen der Natur zu überantworten.

Nervosität betäubte ihre Finger, die sich so fest in das Leder ihrer Tasche krallten, dass sie das untrügliche Knarzen selbst durch den rauschenden Wind hindurch hörte. Ihr Blick fiel auf Sasuke, der einige Meter entfernt einige Worte mit dem Kapitän wechselte, der sie zusammen nach Europa bringen sollte, doch sein Anblick erfüllte sie nicht mehr länger mit innerer Ruhe und Frieden, sondern mit stetig wachsender Panik, die sie schlimmer plagte, als die frühmorgendliche Kälte des Hafens.

Der kalte Schweiß auf ihrer Stirn fühlte sich unter dem scharfen Luftzug wie Nadelstiche auf ihrer Haut an und obwohl sie nichts gefrühstückt hatte, war da eine bleierne Schwere in ihrem Magen, die genauso gut Hunger oder Übelkeit bedeuten konnte.

»Ich muss es ihm sagen. Bevor wir fahren. Wenn er es erfährt, weil Shikamaru mich erkennt und verrät, weiß nur der liebe Gott, wie Sasuke reagieren wird.« Ausgerechnet jetzt echote das Gespräch mit Ino vom vorigen Abend in ihrem Kopf. Das Gefühl, zu fallen, wurde so stark, dass sie das Gewicht verlagerte und sich mit dem Rücken leicht gegen die Laterne lehnte, deren Licht vor einigen Minuten verlöscht war. Das kalte, mit Raureif überzogene Metall vermochte sie nicht durch den dicken Stoff ihres Mantels zu spüren, doch die schlichten Verzierungen, die in das Eisen gebrannt worden waren, übten einen Druck auf ihren Rücken aus, der sie zumindest etwas erdete.

»Er wird ausrasten. So oder so. Du musst hier bleiben. In New York. Bei mir. Die Sache ist außer Kontrolle geraten, Sakura und der Einsatz ist zu hoch.«

»Denkst du, das weiß ich nicht selbst?«

Sakura erinnerte sich an das entsetzte Gesicht, als sie Ino von den neuesten, katastrophalen Wendungen berichtet hatte und daran, wie sie die letzten vierundzwanzig Stunden wie durch einen Filter erlebt hatte. An ihren Appell an ihre Vernunft und an die stürmische Umarmung, mit der Ino sich von ihr verabschiedet hatte. Minutenlang hatten sie da gestanden, als würden sie ein letztes Mal beisammen sein und die tröstliche Wärme der anderen spüren.

Sakura war sie sich nicht absolut sicher, wie und wann all das entgleist war. Und was sie noch tun konnte, um aus dieser Aneinanderreihung von Albträumen zu erwachen.

»Woran denkst du?«

Sakura schnaubte unfreiwillig amüsiert. Gaara war neben ihr aufgetaucht, die Hände in den Manteltaschen vergraben, den Blick stur auf den tobenden Ozean und den aufziehenden Morgen am fernen Horizont gerichtet. Er hatte die gleiche Angewohnheit, sie ständig nach ihren Gedanken auszufragen, wie Sasuke und kurz überlegte sie, wer sich das wohl von wem abgeschaut haben mochte.

»Daran, dass ich mir für mich etwas anderes gewünscht hätte, als elendig auf dem offenen Ozean zu ertrinken.« Der Versuch, einen lockeren Scherz zu machen, ging mächtig schief, denn ihre raue, kratzige Stimme offenbarte die irdische Angst, die sie tatsächlich verspürte und die vermutlich nicht nur mit ihrer prekären Situation zu tun hatte. Das Schiff, welches sie transportieren sollte, wirkte in ihren Augen zu klein, zu kümmerlich, um es mit den wilden, ungezähmten Gezeiten aufnehmen zu können und ein Teil von ihr rechnete fest damit, dass diese Reise wirklich kein gutes Ende nehmen würde. Unabhängig davon, ob sie Sasuke die Wahrheit erzählte oder nicht. Doch wenn sie es tat, musste sie es hinter sich bringen, bevor sie einen Fuß auf diese Nussschale setzte, die über ihre Zukunft entscheiden würde.

»Sakura Haruno verspürt menschliche Ängste. Schockierend.« Sie hörte das Grinsen in seiner Stimme und rollte mit den Augen. Gaara war so gelassen, dass es fast schon frech wirkte und einmal mehr fragte sie sich, was genau in diesem Mann eigentlich vor sich ging. Dass er sie auf dieser Reise begleiten sollte, stellte für Sakura das größte Problem von allen dar, denn was auch immer geschehen würde, wenn Sasuke die Wahrheit erfuhr - Gaaras Reaktion konnte sie noch viel weniger einschätzen.

Er könnte einen vor Ironie triefenden Scherz darüber machen, dass Sasuke Uchiha einer jungen Frau auf den Leim gegangen war.

Oder aber warf er sie ohne viel Aufsehens über Bord, um sie der eisigen, unendlichen Weite des Ozeans zu überlassen.

Letzteres Szenario malte sich ihr grausamer Verstand in besonders viel Farbe und Lebhaftigkeit aus, sodass sie schaudernd etwas von Gaara ab rückte. Er schien ihr seltsames Gebaren nicht wahrzunehmen. Geduldig wartete er auf eine Antwort, vielleicht war es ihm aber auch egal, ob sie auf seinen Spott reagierte oder nicht.

»Du nicht, nehme ich an«, murmelte sie säuerlich, eigentlich zu leise, damit er es in der rauschenden Symphonie von Wind und Wellen überhaupt hören konnte, doch sein leises Lachen deutete gegenteiliges an.

»Irgendwann sterben wir alle.« Sein Ton war so nüchtern, so unbeteiligt, dass sie überzeugt davon war, dass es ihm wirklich egal wäre, würden sie die Reise nach Europa nicht lebendig überstehen.

»Ich bin sechsundzwanzig«, erinnerte sie ihn.

»Und?« Aus den Augenwinkeln sah sie, dass er eine Augenbraue angehoben hatte, fast so, als wüsste er wirklich nicht, worauf sie mit ihrer Aussage hinaus gewollt hatte.

»Nichts«, brummte sie verstimmt und schüttelte den Kopf. Mit ihm zu diskutieren war ungefähr genauso sinnlos, wie ihr Versuch, ruhig und gesetzt zu wirken.

Verzweiflung übermannte sie, als Sasuke ihnen entgegen kam und ihr Griff um die Tasche lockerte sich, um stattdessen an der Laterne in ihrem Rücken nach Halt zu suchen - vergeblich. Der Wind riss auch an seinen Haaren, die wahllos zerzaust und stachelig wie ein Kranz aus nachtschwarzen Dornen um sein Gesicht wehten. An diesem Morgen hatte er auf einen förmlichen Anzug verzichtet und sich stattdessen für einen praktisch bequemen Zweiteiler aus weichem Stoff und einen dicken Wollmantel entschieden.

»Wir können los.« Wie auch Gaara hielt er seine Hände in seinem Mantel verborgen, sein Gesicht und seine Augen waren so ausdruckslos, dass Sakura nicht sagen konnte, worüber er gerade wohl nachdachte. Schwindelerregende Hitze und betäubende Kälte kämpften einen erbitterten Kampf in ihrem Innersten und während Gaara sich in Bewegung setzte und geradezu desinteressiert auf das kleine Schiff zuging, klammerte Sakura sich immer fester an die Laterne.

»Ich kann nicht«, platzte es plötzlich aus ihr heraus und Sasukes verwirrter Gesichtsausdruck hätte sie unter anderen Umständen vielleicht amüsiert, »ich kann einfach nicht, Sasuke. Es tut mir Leid.«

»Wir hatten gestern doch darüber gesprochen«, warf er ein, den Kopf auf seine typische Art schief gelegt. Sie war sich seiner Nähe nur allzu bewusst, als er einen weiteren Schritt auf sie zu machte, doch an diesem Morgen, mehr noch als sonst, half es ihr nicht, dem eindringlichen Blick seiner dunklen Augen nicht entkommen zu können. »Inos Mutter wird geholfen und du bist frei von den noblen Verpflichtungen, die dich in New York halten.«

Sakura versuchte, zu lachen, doch das, was über ihre Lippen kam, glich eher einem heiseren Krächzen. »Noble Verpflichtungen. Ich bin nicht nobel, das ist ja das Problem.« Sie biss sich auf die unlängst rissigen Lippen, bis sie etwas Metallisches schmeckte. Die Sicht vor ihren Augen verschwamm und in diesem Augenblick hätte sie genauso gut wirklich und wahrhaftig am Abgrund eines Vulkans balancieren können.

»Ich verstehe nicht ...«, raunte er leise und als er versuchte, nach ihr zu greifen, wich sie so weit zurück, wie es die Laterne in ihrem Rücken gewährte; eine abweisende Geste, so kalt und brutal wie die Realität, der Sakura geradewegs ins Auge blicken musste. Seine Augen verengten sich, vielleicht aus Wut darüber, dass sie ihre Abreise verzögerte, vielleicht aus Verärgerung darüber, dass sie vor ihm zurück gewichen war. »Was ist los, Sakura? Du bist so seltsam, seit ich gestern zurück gekommen bin.« Seine Stimme hatte einen gefährlichen, lauernden Ton angenommen, doch sie kannte ihn mittlerweile gut genug, um die feine Nuance von Wehmut heraus zu hören, die er so unbedingt verbergen wollte.

Sakura musste schlucken und den Kopf senken, um der Intensität seines anklagenden Blicks zu entgehen. »Ich muss dir etwas erzählen.« Ihr Herzschlag beschleunigte sich unangenehm, das Hämmern in ihrer Brust wurde so überwältigend, dass sie das Gefühl hatte, zu ersticken. »Ich ...« Sie rang mit sich selbst nach Worten, doch ihr Verstand war plötzlich wie leer gefegt. Als wusste sie nicht mehr länger, wie man selbst einfachste Sätze bildete.

»Er wird ausrasten. So oder so.« Inos Stimme hallte in dem Vakuum ihres Kopfes wie ein dröhnender Donnerschlag eines herannahenden Gewitters nach. Sakura schluckte noch einmal, doch ihr Hals war plötzlich seltsam trocken und die Bewegung tat mehr weh, als dass sie ihr Linderung verschaffte.

»Sakura?« Seine Stimme riss sie unbarmherzig aus der beruhigenden Leere; der absoluten Abwesenheit jedweder Empfindung, die sich in ihrem Inneren ausgebreitet hatte, um sie vor den emotionalen Auswirkungen der Situation abzuschirmen, in welche sie sich selbst hinein manövriert hatte.

Ein flüchtig flackernder Blick über seine Schulter verriet ihr, dass Gaara stehen geblieben war und sie beide nun mit seinen mattgrünen Augen fixierte. »Ich habe dich belogen«, hörte sie sich selbst sagen, wie aus weiter Ferne, als betrachtete sie das Ganze wie ein distanzierter Fremder. Sie starrte weiterhin Gaara an und wartete auf ein Zeichen, dass er sie ebenfalls gehört hatte, doch ihre Worte schienen ihn nicht zu erreichen, sein Gesicht blieb aalglatt.

»Was meinst du damit?« Sasuke runzelte die Stirn.

Die salzige Seeluft brannte in ihren Lungen mit jedem Atemzug, welchen sie gierig in sich aufsaugte, wie ein Fisch, welcher an Land gespült worden war. Ihre Finger pressten sich mittlerweile fast schmerzhaft auf das eisig kalte Metall hinter ihr, doch den stechende Schmerz, der ihr durch die Fingerspitzen bis ins Handgelenk fuhr, nahm sie kaum wahr.

»Ich bin Journalistin.«

In Büchern hatte sie oft davon gelesen, dass der Hauptcharakter eine Episode absoluter Stille empfand, fast so, als hätte sich die Erdumdrehung gerade genug verlangsamt, damit er in einem Moment der Ewigkeit gefangen war. Eine Phase der Schwerelosigkeit, in der gleichzeitig alles und nichts möglich war. Das Kreischen der Möwen verstummte, zusammen mit dem lauten Tosen der Wellen und alles um sie herum wurde verschwommen, als blickte sie durch milchig trübes Glas, welches man zu lange nicht mehr poliert hatte.

Nur war das hier keiner ihrer spannenden Romane, sondern die Realität.

Und in dieser Realität wich Sasuke einen winzigen Schritt zurück.

Und dann noch einen.

Seine Gesichtsfarbe war schon immer blass gewesen, doch in diesem Augenblick sah er aus, als wäre er dem leibhaftigen Tod selbst begegnet. Die Schatten unter seinen Augen wurden tiefer; die harten, kantigen Züge seiner Wangenknochen prominenter, doch der Anflug von Schwäche hielt nicht lange und ehe Sakura sich wappnen konnte, griff er an ihr vorbei nach ihrem Handgelenk, um sie grob von der Laterne weg zu ziehen.

»Das ist kein besonders gelungener Scherz, Sakura«, knurrte er bedrohlich leise, sein Gesicht dem ihrigen so nah, dass sein heißer Atem auf ihren kalten Wangen brannte. Er roch nach Minze und Rauch, eine herbe Kombination und keiner von beiden gewann dabei je die Oberhand.

Sakura versuchte, sich von ihm zu lösen, doch je mehr sie sich erwehrte, desto fester hielt er sie umklammert. »Du tust mir weh, Sasuke«, keuchte sie halblaut und aus den Augenwinkeln sah sie Gaara die letzten Meter zwischen ihnen überwinden. Der rothaarige Mann packte Sasuke unsanft an der Schulter und riss so heftig an ihm, dass er tatsächlich von ihr abließ. Sakura stolperte zurück, umfasste ihr pochendes Handgelenk mit der anderen Hand und versuchte, das Zittern ihrer Beine gerade genug unter Kontrolle zu bringen, um nicht auf dem kalten, harten Steinboden des Hafens zusammen zu brechen. Die Möwen erwachten erneut zum Leben und keckerten agitiert, als verstünden sie alles, was sich unter ihren Köpfen abspielte.

»Was ist dein scheiß Problem, Sasuke?« In Gaaras Augen funkelte ein mörderischer Glanz und Sakura wurde schlagartig bewusst, dass er Sasuke geschworen hatte, sie zu beschützen. Scheinbar umfasste dieser Schwur auch Sasuke selbst und ein roher Schluchzer entfloh Sakuras Brust. Womit auch immer sie gerechnet hatte – damit gewiss nicht.

»Sie ... Sie hat mich belogen. Betrogen«, zischte Sasuke. Wut verzerrte sein gerötetes Gesicht zu einer fast hässlichen Fratze und Sakura erahnte zum ersten Mal, dass sein Einfluss nicht nur seinem charismatischen und charmanten Auftreten zuzuschreiben war. Jetzt, in diesem Augenblick, erkannte sie ihn nicht mehr wieder und dass sie der Grund dafür sein sollte, traf sie unvermittelt und heftig wie eine Ohrfeige.

Gaaras Griff um seine Schulter lockerte sich, seine Aufmerksamkeit wanderte zu Sakura, die noch immer gekrümmt um ihr Gleichgewicht kämpfte und sich das schmerzende Handgelenk rieb. »Was?« Sakura fühlte das letzte bisschen Wärme aus ihrem Gesicht verschwinden. Sie kannte Gaara noch nicht lange genug, um ein richtiges Bild von ihm zu haben, doch sein Tonfall, so seltsam leer und hohl, ließ sie als Erstes an einen Panther denken, der soeben erfolgreich seine Beute in die Ecke gedrängt hatte. Keine Sekunde lang zweifelte sie daran, dass er imstande war, selbst die grausamsten Dinge zu vollbringen. Dinge, die sie sich gewiss nicht einmal vorzustellen traute. Er mochte seine Aufgabe, sie zu beschützen, sehr ernst nehmen, doch am Ende galt seine Loyalität nicht ihr, niemals ihr.

»Für wen schreibst du?« Die Frage zerschnitt die angespannte Atmosphäre in der Luft wie ein Peitschenknall und Sakura zuckte zusammen, als hätte Sasuke sie physisch geschlagen.

»Für niemanden«, brachte sie zittrig zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor, »ich lüge nicht!«, fügte sie fast flehend hinzu, als Sasuke so abfällig schnaubte, dass es keiner Worte bedurfte, um seine Geringschätzung und seine Zweifel an dieser Aussage deutlich zu machen. »Ich ... es stimmt. Ich habe für die Times gearbeitet und ... und ich wollte über dich schreiben, aber ...« Sakura verstummte. Schlagartig wurde ihr klar, dass es aussichtslos war. Sasukes Ausdruck war kalt, Gaara hingegen durchbohrte sie förmlich mit seinen Augen und wieder musste sie daran denken, dass sie seine Reaktion mehr gefürchtet hatte, als Sasukes. Es war egal, was sie diesen Männern sagte – sie hatten ihr Urteil über sie längst gefällt.

»Du hast die Dreistigkeit besessen, wegen Karin vollkommen durchzudrehen, dabei hast du wahrscheinlich gemeinsame Sache mit ihr gemacht.« Die Worte klangen zittrig, gerade genug, um anzudeuten, dass hinter seiner stoischen Fassade ein Sturm tobte. Noch stand sie in dessen Auge, so unfassbar nah und dennoch geschützt vor dessen zerstörerischen Kraft, doch Sakura spürte, wie sie langsam in die Ecke gedrängt wurde. »Wann hattest du ursprünglich vor, mir das Messer in den Rücken zu rammen?« Wie saure Galle spuckte er seine Anschuldigungen aus und Sakura fühlte, wie salzige Tränen sich mit der kalten Meeresluft vermischten und in ihren Augenwinkeln brannten.

»Gar nicht, Sasuke, ich -«

»Was? Willst du mir jetzt erklären, dass du deine Meinung geändert hast? Dass du dich unsterblich in mich verliebt hast?«, unterbrach er sie schnauzend, »Ich bin kein kleines Kind, Sakura, also wage es ja nicht, mich für dumm zu verkaufen! Wieso jetzt?«

Die ersten Tränen flossen ungehindert über ihre Wangen, brannten sich förmlich in ihre Haut und Sakuras Sicht auf die beiden Männer verschwamm. »Es stimmt«, hauchte sie leise, auch wenn sie um die Hoffnungslosigkeit dieses kläglichen Versuchs, ihn zu überzeugen, wusste.

Eine schrecklich lange Minute sagte Sasuke gar nichts, doch dann löste er sich aus seiner Starre und trat zügigen Schrittes wieder auf Sakura zu. Nur am Rande nahm sie wahr, wie er mit seiner Hand unter den Mantel griff. Das nächste, was sie aktiv begriff, war die Tatsache, dass er eine Waffe auf sie gerichtet hatte und sie erlebte ein grausames Déjà-vu, als die Zeit stehen blieb.

Sasukes Hand zitterte und ob es an der Kälte lag, am Gewicht des Revolvers oder ob er wirklich Hemmungen verspürte, war egal, denn der kalte, todbringende Lauf der Waffe zeigte auf ihr Gesicht und verschwamm vor ihrem tränenverschleierten Sichtfeld. Eine fast tröstliche Taubheit ergriff von ihr Besitz, als er die Waffe mit einem Klicken entsicherte, welches unwirklich laut in ihren Ohren dröhnte.

Wie absurd und banal sich ihre irdischen Ängste vor dem endlosen Ozean nun anfühlten. Nicht dessen endlose Wellen würden sie verschlucken und ihre Zukunft unwiederbringlich vom Antlitz dieser Welt tilgen.

Sondern Sasuke.

Sakura hörte sich selbst lachen, ein verstörender, verzerrter Laut zwischen Hysterie und vollkommener Verzweiflung.

Ein Schuss löste sich aus der Waffe und ihre Welt wurde schwarz.
 

𝄞
 

»Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie das wirklich machen will«, murmelte Ino mehr zu sich selbst als zu Hinata. Die dunkelhaarige Frau war über einige Zeitungsausschnitte gebeugt, auch wenn jedem Blinden auf den ersten Blick klar wäre, dass sie sich nicht wirklich auf ihre Arbeit konzentrierte.

Ino hatte an diesem Morgen nicht gewusst, was sie hätte tun können, außer Hinata einen Besuch bei der Times abzustatten. Der Gedanke, zur Universität zu gehen und in irgendwelchen trivialen Vorlesungen ihre Zeit zu verschwenden, war ihr bizarr und falsch vorgekommen und trotzdem wusste sie nicht genau, was sie stattdessen im Archiv von Sakuras ehemaligen Arbeitsplatz suchte. Nun saß sie halb auf der Kante von Hinatas Schreibtisch, der unter einem geordnet wirkenden Chaos halb verborgen lag und hoffte darauf, dass die junge Frau ihre Sorgen mit ihr teilte und etwas sagen konnte, was das Durcheinander in ihrem Kopf zu entwirren vermochte.

»Ihr wird schon nichts passieren«, antwortete Hinata mit ihrer sanften, beruhigenden Stimme und tatsächlich lockerten Inos Schultern sich ein wenig, »sie ist klug und besonnen.«

»Das mag für gewöhnlich durchaus zutreffen, aber wenn es um Sasuke geht, fürchte ich, ist auf ihre Räson vielleicht nicht allzu viel Verlass«, gab sie zu bedenken. Sie verzichtete darauf, Hinata zu erklären, wieso sie diese Befürchtungen hegte, doch das schien gar nicht nötig zu sein.

Denn als Hinata den Kopf hob, lächelte sie, als wüsste sie mehr als Ino. »Wollen wir einen Kaffee trinken gehen?« Sie ließ ihren Blick zu der Tür wandern, durch welche Ino vor Kurzem erst eingetreten war. »Die Wände können zuweilen selbst hier unten Augen und Ohren haben.«

Ino runzelte die Stirn und fragte sich, ob Hinata schon immer so unterschwellig weise gewesen war. Die wenigen Male, die sie sich miteinander unterhalten hatten, hatte sie immer schüchtern und vielleicht auch ein wenig naiv auf sie gewirkt, doch in diesem Archiv war von diesen Eindrücken nicht viel übrig.

»Du wirst das wohl besser wissen, als ich«, räumte Ino ein und sie erwischte sich dabei, wie sie ebenfalls schelmisch lächeln musste. Es war ihr ohnehin recht, diesen muffigen, kalten Keller so schnell wie möglich zu verlassen. Die Luft war erfüllt von dem Geruch von altem Papier, längst getrockneter Tinte und jener Art Staub, der so sehr Teil dieses Orts war, dass man ihn nie wieder ganz los wurde und sie konnte sich kaum vorstellen, wie es für Hinata war, hier jeden Tag zu verbringen, fernab vom Tageslicht, fernab von anderen Menschen - fast, als wäre diese Tür ein Übertritt in eine andere Welt. Eine Welt, die ausschließlich der Vergangenheit gehörte. »Aber stört dass deinen Boss nicht, dass du einfach Pause machst, wann es dir beliebt?« Auch wenn es ihr auf der Seele brannte, sich mit Hinata über die aktuelle Lage auszutauschen, so wollte sie dennoch nicht verantwortlich dafür sein, dass sie Ärger dafür bekam.

Doch Hinata zuckte nur gelassen mit den Schultern. »Es würde mich eher wundern, wenn er überhaupt weiß, wann ich eigentlich arbeite.«

Das entlockte Ino ein leises Lachen. Langsam verstand sie, wieso Sakura vom ersten Moment an einen Narren an der jungen Frau gefressen zu haben schien. Stille Wasser waren wohl doch tiefer, als man zunächst vermuten mochte.

Hinata schnappte sich den einzigen Mantel vom Jackenständer und bedeutete ihr, ihr zu folgen. Auch auf dem Weg nach draußen schenkte ihr keiner Beachtung. Zunächst hatte sie Angst gehabt, schon am Eingangsportal von der Empfangsdame abgefangen zu werden und ihr Vorhaben vereitelt zu sehen, doch niemand hatte ihr auch nur einen zweiten Blick gewidmet, geschweige denn die Motivation gefunden, sie nach der ihrigen zu befragen.

Ino schlug den Kragen ihres eigenen Mantels auf, als sie vom böigen Wind begrüßt wurde, der wie ein Raubtier durch die Straßen der Stadt tigerte. Wenn es nach ihr ginge, könnte der Frühling sich ruhig etwas mehr darum bemühen, den Winter abzulösen.

»Also«, setzte Hinata zu einem Gespräch an, kaum da sie die Treppen zum Gebäude hinter sich gelassen hatten, »was genau ist die letzten Tage alles passiert?«

Ino seufzte. Nicht, weil sie sich spontan gegen ein Gespräch mit Hinata entschieden hatte und es nun bereute, sie aufgesucht zu haben, sondern weil sie nicht wusste, wo genau sie eigentlich anfangen sollte. Die Ereignisse seit der verheerenden Silvesternacht hatten so abstrakte Wendungen genommen, dass das, was sie nun so leise wie möglich zusammenfasste, selbst in ihren Ohren derart lächerlich klang, dass niemand ihr geglaubt hätte, der nicht zumindest einen Teil davon selbst erlebt hätte.

Dabei blickte sie immer wieder gehetzt über die Schulter, aber niemand auf der Straße nahm Notiz von den zwei Frauen, die tuschelnd die Köpfe zusammen steckten und dabei das Straßengeschehen um sie herum ausblendeten.

Ohne dass sie aktiv darauf geachtet hatte, waren sie schlussendlich vor demselben Café gelandet, in welchem sie vor Monaten zum ersten Mal zusammen gesessen hatten. Bei dem Gedanken, dass Sai auch dabei gewesen war, musste sie schlucken, doch im Moment gab es dringlichere Probleme und eines davon war, dass ihre beste Freundin gerade in irgendeinem dubiosen Schiff über die halbe Welt schipperte. Noch immer konnte Ino nicht ganz begreifen, dass sie es nicht geschafft hatte, ihr diesen Unsinn auszureden.

»Guten Morgen!« Der Blondschopf, dessen Name sie vergessen hatte, winkte ihnen überschwänglich zu. Hinata ließ sich elegant so weit zurück fallen, dass sie hinter ihrem Rücken verschwand, was sie trotz der misslichen Lage durchaus amüsierte. Einen Moment lang wünschte sie sich von ganzem Herzen, dass sie sich unter anderen Umständen kennen gelernt hätten und Ino sie mit ihrer unübersehbaren Schwärmerei aufziehen könnte. Natürlich liebevoll.

»Wir brauchen zwei verdammt starke Kaffee!« Ohne auf Hinatas leisen Protest zu hören, griff sie in ihre Börse und legte ein paar Münzen auf den Tresen. »Stark genug, um mich vergessen zu lassen, dass ich gerade eigentlich an der Universität sein müsste!«

Der junge Mann grinste schief, in seinen blauen Augen blitzte der Schalk. »Ich fürchte, Alkohol ist verboten, Ma'am.«

Ino drehte sich halb zu Hinata um, die hinter ihr deutlich geschrumpft war. »Schlagfertig!«, flüsterte sie begeistert und zwinkerte ihr zu, was der Gesichtsfarbe ihrer Wangen eine ungesunde Abstufung von Rot bescherte, »Aber leider ist mir wohl sein Name entfallen, wenn du so nett wärst, Hinata«, fügte sie versöhnlich hinzu.

»E-er heißt Naruto.« Die Kaffeemühle war so laut, dass Ino sie fast nicht verstanden hätte; von der aufgeweckten, cleveren Frau im Archiv war nicht mehr viel übrig. Die Liebe brachte wahrhaftig die unterschiedlichsten Facetten eines Menschen zum Vorschein.

Zum ersten Mal betrachtete Ino das als Nachteil.

Lange saßen die beiden Frauen zusammen und unterhielten sich mit gedämpfter Stimme. Naruto war dabei nicht besonders lange das prominenteste Thema, schnell wechselten sie zurück zu Sakuras angespannter Situation und ihrer Entscheidung, zusammen mit Sasuke nach Europa zu reisen.

Irgendwann – es mochten bereits Stunden vergangen sein, Ino hätte es nicht sagen können – beschloss Hinata, dass sie wohl oder übel zurück zur Arbeit müsste, um ihr Glück nicht auszureizen und noch immer hatte Ino das nagende Gefühl, absolut hilflos zusehen zu müssen, wie Sakura sich immer weiter von ihr entfernte – metaphorisch und buchstäblich. Zwar hatte es geholfen, Hinata ihr Herz auszuschütten, Lösungen aber hatten sie keine finden können – nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte. Sakura saß längst auf irgendeinem kleinen Bötchen und schipperte über einen unendlichen Ozean in die Ferne.

Am Ende verloren sie weitere Minuten an die kleinen Kätzchen, welche kläglich maunzend aus ihrem tiefen Schlaf erwacht waren und Hinatas Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten. Sie war so verzückt von den kleinen Kätzchen, dass ihr gar nicht auffiel, dass sie normal mit Naruto sprach, welcher in einem endlosen Sermon über die Eigenheiten der kleinen Racker plapperte.

Gerade als Hinata sich endlich loseisen konnte und sich beide anschickten, ihre Mäntel wieder überzuwerfen, klingelte das kleine Glöckchen des Cafés in dieser disharmonischen Melodie, als die Tür aufschwang und Sasukes älterer Bruder herein trat.

Ino fror förmlich an den morschen Holzdielen unter ihren Füßen fest, als Itachi sie beide so eingehend musterte, als hätte er sie zum ersten Mal richtig gesehen. Wieder und wieder wanderte sein Blick von ihr zu Hinata, wo er stets ein wenig länger hängen blieb, als es für eine so überraschende Begegnung gebührlich wäre.

Plötzlich huschte ein Lächeln über sein Gesicht, als hätte er sich an Ordnung und Sitte erinnert und erkannt, wie unhöflich sein unverhohlenes Starren war. Sogar die Hand hob er zu einem stummen Gruß und während die beiden Frauen an ihm vorbei hinaus auf die Straße traten, konnte Ino nur daran denken, was für ein schrecklicher Tag heute nur war.
 


 

Vögel zwitscherten in den dichten Baumkronen, deren Äste unter dem Gewicht zahlloser rotgrüner Äpfel zu brechen drohten. Zusammen mit dem lauen Sommerwind, der über die ordentlich getrimmten Grashalme und über ihre Wangen fuhr, war das Geräusch genug, um sie langsam in einen Mittagsschlaf zu lullen, das wusste sie, weswegen sie sich auf den Bauch rollte und mit den Augen nach ihrer Mutter suchte. Nicht weit von ihr entfernt kniete sie auf dem Rasen ihres kleinen Gartens und grub in der Erde nach dem Gemüse, welches sie zusammen am Frühlingsanfang gepflanzt hatten.

Kichernd erinnerte Sakura sich daran, wie entsetzt ihre Mutter ausgesehen hatte, als sie ihre rissigen und mit Erde verdreckten Hände inspiziert hatte. Das Kichern erstarb jäh, als sie sich an die Predigt erinnerte, die darauf gefolgt war. Doch jetzt war ihre Mutter nicht wütend – im Gegenteil. Sakura konnte hören, wie sie leise vor sich hin summte, während sie den geflochtenen Korb neben ihr mit mehr und mehr Gemüse füllte. Das Geräusch vermischte sich mit dem Grillenzirpen zu einer sommerlichen Symphonie und fast konnte sie das sanfte Lächeln ihrer Mutter sehen, obwohl diese ihr den Rücken zugekehrt hatte.

Sakura stand vom Boden auf und tapste leichtfüßig auf ihre Mutter zu, doch bevor sie an ihre Schulter tippen konnte, um ihr Lächeln tatsächlich zu sehen, veränderte sich ihre Gestalt und stattdessen saß dort Ino, die sie mit einem neugierigen Funkeln in den Augen musterte.

»Was machst du denn hier, Sakura? Solltest du nicht in einer Vorlesung sitzen?« Sie legte ihren Kopf schief, sodass ihr seidiges Haar, welches sie heute offen trug, über ihre Schulter fiel und Sakura überlegte, seit wann ihre beste Freundin schwarze Augen hatte.

Zögernd zog sie einen Stuhl von dem Tisch, an welchem Ino saß, zu sich und beobachtete die vielen Menschen, die in der Bibliothek umher huschten. Sie erkannte keinen davon, was seltsam genug war, doch als sie sich setzte, erstarben die Geräusche um sie herum, bis das Einzige, was sie noch hören konnte, das Rascheln von Zeitungspapier war. »Ich habe vergessen, was ich hier wollte, fürchte ich«, gestand sie mit einem schuldbewussten Lächeln.

»Hast du das hier gesucht?« Inos Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, welches zu breit wirkte in ihrem schmalen Gesicht. In ihren Händen hielt sie einen Zeitungsartikel, doch er war in einer Sprache geschrieben, die Sakura nicht lesen konnte. Wo hatte sie diesen nur gefunden? Eingehend studierte sie die fremdartigen Zeichen und das verschwommene Bild von einem Mann, der ihr entfernt bekannt vorkam.

Ein Donner zerriss den Himmel über ihr, gerade, als sich seine Gesichtszüge schärfer stellten und strömender Regen löste die Tinte zu unleserlichen Schlieren auf, die sich auf dem nassen Papier ausbreiteten, wie eine Krankheit. Sakura ließ das Papier fallen und mit einem leisen „Platsch“ landete es auf dem matschigen, durchgeweichten Boden des Friedhofs. Als Sakura aufsah, stand Karin ihr gegenüber, eine Waffe in der einen, ein Messer in der anderen Hand. Statt rotem Haar wurde ihr Gesicht von wilden Flammen gesäumt. Karin schien es kaum zu stören, dass ihr Kopf brannte, denn sie neigte ihn auf fast sinnliche Art schief und lächelte sie süßlich an. Ihre roten Augen brannten wie Fackeln und schienen Sakuras Haut zu versengen.

»Du hättest niemals hierher kommen sollen.« Das Lächeln auf ihrem Gesicht erstarb, zusammen mit sämtlichen Licht, bis sie beide sich in absoluter Finsternis gegenüber standen und Karin langsam, fast genüsslich, als würde sie den Moment voll auskosten, den Arm hob, bis Sakura in den Lauf eines Revolvers blickte. Ein lauter, ohrenbetäubender Knall löste sich aus der Waffe

und mit einem erstickten, markerschütternden Schrei glitt sie geschmeidig von einer Finsternis in die nächste über.

Seltsam, dachte sie, während sie darauf wartete, dass ihr Puls sich etwas beruhigte. Sie hätte nie erwartet, dass man im Tod noch träumte. Der brutale Schmerz, der seit der ruckartigen Bewegung, mit der sie beim Erwachen über einen harten, unebenen Untergrund gerutscht war, in jedem einzelnen Knochen ihres Körpers pulsierte, deutete jedoch darauf hin, dass sie noch nicht gestorben war.

Noch nicht.

Das Erste, was sie jenseits dieser Pein spürte, war ein fester Knebel, der hinter ihrem Kopf so grob zusammen gebunden worden war, dass sich der eigentlich weiche Stoff schmerzhaft in ihre Wangen grub. Und auch sonst tat ihr alles weh. Selbst ihre Augen schmerzten, als ihre Lider sich flatternd hoben und sie von nichts als schwarzer, endloser Finsternis empfangen wurde. Stöhnend versuchte sie, sich aufzurichten, doch schnell wurde ihr klar, dass zwei feste Seilknoten um ihre Hand- und Fußgelenke dafür sorgten, dass sie kaum mehr machen konnte, als sich vom Bauch auf den Rücken zu robben und selbst diese Bewegung löste eine neue Welle fürchterlicher Schmerzen in ihr aus. Ihr Körper fühlte sich an, als wäre sie von einem Zug überrollt worden und obwohl sie dankbar dafür war, noch am Leben zu sein, konnte sie nicht behaupten, dass sich ihre Lage verbessert hatte.

Auch die Finsternis war nicht ganz unendlich, wie sie feststellte, denn nun, da sie nicht mehr mit dem Gesicht auf einem harten, kalten Boden lag, sah sie unzählige Staubkörner in einem winzigen Lichtstrahl tanzen, der durch einen schmalen Spalt in der Wand fiel.

Nachdem ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, versuchte sie so viel wie möglich über ihre Umgebung heraus zu finden, doch mehr als schemenhafte, konturlose Umrisse konnte sie nicht erkennen.

Die Luft war kalt und erfüllt von dem Geruch von Leder und von Zigaretten, die schon vor langer Zeit ausgedrückt worden waren, nicht mehr, als ein fernes Echo von Leben an diesem Ort.

Sie hatte absolut keine Ahnung, wo sie war.

Ächzend versuchte sie, sich in eine sitzende Position zu hieven, eine Anstrengung, die sie mehrere Minuten kosten mochte, vielleicht aber auch Stunden. Das wenige Licht, welches in diesen Raum fiel, war zu unnatürlich, kalt und starr, um von der Sonne zu stammen und so verlor sie jedes Zeitgefühl.

»Du bist wach.« Gaaras kalte, monotone Stimme hätte ihr fast einen weiteren Schrei entlockt. Bevor sie ihn sehen konnte, hörte sie ein vertrautes Klicken und der beißende Geruch von frischem Zigarettenrauch drang in ihre Nase. Fast hätte sie zu weinen begonnen. Um ihr Leben, weil es noch nicht verwirkt war. Und um sich, weil sie alles verloren hatte, so wie sie es befürchtet hatte.

Sie versuchte, ihm zu antworten, doch durch den Knebel in ihrem Mund kamen nur gedämpfte, unverständliche Laute. Von der Seite, die dem Spalt in der Wand gegenüber lag, hörte sie Kleidung rascheln und ein Möbelstück – vermutlich ein Stuhl – über hölzernen Boden kratzen. Sakura drehte den Kopf in die Richtung, doch Gaara machte nicht den Fehler, in die Nähe des spärlichen Lichtstrahls zu treten.

»Du steckst ganz schön tief in der Scheiße, Sakura«, säuselte er fast liebevoll und für den Bruchteil eines Augenblicks sah sie etwas silbern aufblitzen. In der Dunkelheit ließ sich nicht mit Gewissheit sagen, was für ein Gegenstand wohl auf diese Art funkeln mochte, doch ihr Unterbewusstsein schien zu spüren, dass es Zeit für Angst war. Adrenalin zwang ihr Herz dazu, schmerzhaft gegen ihre Brust zu hämmern und das Atmen fiel ihr dank des Knebels, der unter ihrem gehetzten, heißen Atem immer feuchter wurde, immer schwerer. Obwohl es zwecklos war, rief sie seinen Namen und ein Schluchzen löste sich aus ihrer Kehle, so roh, dass er fast animalisch klang.

Und dann trat Gaara in den Streifen Licht, teilte ihn mit seinen breiten Schultern, doch sein Gesicht blieb größtenteils unsichtbar. Die Staubkörner wirbelten um ihn herum wie ein aufgescheuchter Schwarm Insekten und verfingen sich in seinem schwarzen Pullover.

Sakuras Augen weiteten sich, als sie in der Hand, die von dem wenigen Licht berührt wurde, ein Messer erkannte. Die Klinge war kurz und leicht gebogen, aber scharf geschliffen und glatt poliert, sodass die Oberfläche das Licht brach und den Raum ein weiteres Mal durchschnitt.

Sie sah einen zuckenden Mundwinkel, eine rasche, fließende Bewegung und ehe sie sich versah, war der Knebel verschwunden. Hektisch schnappte sie nach Luft, der Druck auf ihren Brustkorb linderte sich augenblicklich, doch sie war nicht so naiv, zu glauben, dass damit das Schlimmste überstanden war.

»Wo bin ich?«, krächzte sie heiser. Ihre Stimmbänder waren wund, obwohl sie sich nicht daran erinnern konnte, geschrien zu haben.

»An einem Ort, an dem du keinen Unsinn bauen kannst.«

Sakura sah sich noch einmal um, obgleich sie um die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens wusste. »Wo …« Sie schluckte schwer und blinzelte die Tränen weg, die ihr in die Augen traten. »Wo ist er?«

»Einige Stunden von der Ostküste entfernen und vermutlich gerade damit beschäftigt, für eine Schiffsfahrt irrelevante Dinge zu zerstören.« Ein freudloses Lächeln in seiner Stimme. Noch einmal kratzten Stuhlbeine über den Boden und für einen Moment verschwand Gaara wieder in der Dunkelheit. Eine Stuhllehne tauchte auf und Gaara setzte sich vor ihr ins Licht, den Arm mit dem Messer lässig über das Holz gelehnt und das Gesicht auf der freien Hand ruhend.

»Das heißt, ich war nur einige Stunden bewusstlos«, flüsterte sie, weil normales Sprechen zu sehr in der Kehle schmerzte.

»Kluges Kind.« Seine Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Grinsen. »Doch das Wissen wird dir nicht viel bringen.«

»Deine Häme kannst du dir sparen, Gaara. Wenn du mich umbringen wolltest, hättest du es schon längst getan«, zischte sie in einem Anflug von lebensmüdem Sarkasmus, »was mich zu meiner nächsten Frage bringt: Wieso lebe ich noch? Er … er hat auf mich gezielt und ich habe einen Schuss gehört und dann … war alles schwarz.« Die aufsässige Energie war ebenso schnell verraucht, wie sie aufgelodert war und zurück blieb eine schwermütige, erdrückende Leere. Wenn sie die Augen schloss, durchlebte sie die Szene wieder und wieder und jedes Mal zerfetzte sie die Erkenntnis, dass Sasuke auf sie schießen wollte, von neuem. Und jetzt war er weg, auf dem Weg nach Europa und sie saß fest – vermutlich irgendwo fernab der Zivilisation und mit keiner Aussicht, jemals zu entkommen.

»Dass du noch atmest verdankst du mir«, stellte er lakonisch fest, »ich wollte Sasuke vor einem Fehler bewahren, welchen er gewiss bereut hätte, wenn der stärkste Impuls der Wut erst einmal verflogen ist.«

»Aber er hat geschossen«, beharrte Sakura, obwohl ihr klar war, dass sie nicht die Möglichkeit haben würde, mit Gaara zu reden, wenn dies tatsächlich wahr wäre, »ich habe es gehört. Ich … Er ...« Das Blut rauschte in ihren Ohren und ein jähzorniger Schmerz pochte hinter ihrer Schläfe, als sie versuchte, sich besser an die Ereignisse zu erinnern. Wenn ihre Hände frei wären, hätte sie die Stelle befühlt, die ihr derlei Qualen bereitete. Vermutlich wären ihre Finger dann auf kaltes, klebriges Blut gestoßen.

Gaara spielte mit dem Messer, ließ es in der Hand herum wirbeln, mit einer Präzision, die deutlich machte, dass er den Umgang mit scharfen Gegenständen mehr als gewohnt war. »Tja. Getroffen hat er dich scheinbar nicht, denn wo auch immer du nach deinem Tod gelandet wärst, ich wäre definitiv kein Teil dieses Ortes.«

»Was mache ich hier? Ich sitze bestimmt nicht hier, damit du Gesellschaft für eine gepflegte Konversation hast.«

»Du wartest. Zusammen mit mir«, antwortete Gaara gelassen, »wenn du Glück hast nur ein paar Tage. Wenn du aber Pech hast … nun, darüber reden wir, wenn es soweit ist.« Mit einer schnellen Bewegung verschwand das Messer irgendwo an seiner Hüfte, bestimmt an einem Gürtel und Sakura atmete erleichtert auf.

»Kannst du mich dann bitte von den Fesseln losmachen? Meine Gelenke tun weh.« Wie zum Beweis schob sie ihre Füße weiter in seine Richtung, wenngleich Gaara in der Dunkelheit unmöglich erkennen konnte, dass die Seile tiefe Druckstellen hinterlassen hatten und an ihrer Haut schabten.

»Was glaubst du, was du hier machst?«, schnaubte er, »Und für wie dumm hältst du mich?«

Sakura biss sich auf die Lippen, die inzwischen so spröde waren, dass sie lose Hautfetzen zwischen ihren Zähnen fühlte. »Als ob es auch nur den Hauch einer Chance dafür gibt, dass ich dich überwältigen könnte. Aber spinnen wir die Illusion weiter: Wohin sollte ich gehen? Ich weiß ja nicht einmal, wo wir hier sind und du wirst mich bestimmt nicht in Sasukes verborgene Dachkammer gesteckt haben.«

»Ich habe eine andere Idee. Du schläfst noch ein paar Stunden, dann darfst du etwas essen und trinken und wenn du dich benimmst, lass ich dich ein paar Minuten spazieren«, schlug er vor, doch sein Tonfall machte deutlich, dass Sakura keinerlei Mitbestimmungsrecht hatte. Ohne auf eine Antwort zu warten erhob er sich von dem Stuhl und verschmolz gänzlich mit der Dunkelheit. Das leise Klicken eines Schlosses verriet ihr, dass er den Raum verlassen hatte und dass der Ort, welcher jenseits der Tür lag, ebenso finster war, wie ihre Zelle.

Sakura konnte ihre Tränen nicht mehr länger zurück halten. Gaara hatte sie nicht einmal die Mühe gemacht, sie wieder zu knebeln, was nur eines bedeuten konnte: Es war weit und breit niemand in der Nähe, der es hören würde, wenn sie schrie.
 

Wenigstens hielt Gaara sein Wort. Ein schwacher Trost, aber immerhin konnte sie sich auf irgendetwas in dieser schrecklichen Misere verlassen und Sakura war an einem Punkt angekommen, an dem sie sich an jeden Strohhalm klammerte.

Während sie Gaara dabei beobachtete, wie er einige Kerzen entzündete, die gerade genug Licht spendeten, um zu sehen, was sie aß, aber nicht genug, um ihre Umgebung einer genaueren Inspizierung zu unterziehen, rieb sie sich gedankenverloren die Handgelenke. Stundenlang waren sie hinter ihrem Rücken zusammen gebunden gewesen, sodass sie in ihren Fingerspitzen nicht mehr fühlte, als ein taubes Prickeln. Ihren Knöcheln ging es nicht viel besser und selbst in dem schwachen Schein, welchen die Kerzen in winzigen, flimmernden Kreisen auf den hölzernen Boden warfen, erkannte sie, dass ihre Haut unter dem Seil ein einzelner, dunkelvioletter Fleck geworden war.

»Danke«, murmelte sie leise, als Gaara ihr eine Flasche Wasser in die Hand drückte und obwohl sie kein Zeichen der Schwäche erkennen lassen wollte, trank sie in großen, gierigen Schlücken. Fast hätte sie aufgeseufzt, als das Brennen in ihrem Hals ein wenig nachließ, doch sie zwang sich dazu, sich zusammen zu reißen.

»Iss«, forderte Gaara sie auf, da sie bislang keine Anstalten gemacht hatte, den seltsamen Brei auf dem Teller, welchen er vor ihr auf den Boden gestellt hatte, anzurühren.

»Keinen Hunger«, gab sie knapp zurück. Das stimmte zwar nicht, ihr Magen knurrte schon seit einigen Stunden, aber der Appetit war ihr gänzlich abhanden gekommen.

»Zwing' mich nicht dazu, dich zu zwingen.«

Sakura zog die Augenbrauen hoch. »Was interessiert es dich, ob ich esse oder nicht?«

Gaara antwortete nicht sofort, stattdessen ließ er sich ihr gegenüber auf den Boden fallen, sodass sein Gesicht von den Kerzen erleuchtet wurde. In dem warmen, orangenen Licht sah er weniger blass aus, doch die tiefen Schatten, die unter seinen Augen und um seinen Mund tanzten, betonten seinen stoischen Ausdruck auf eine beunruhigende Art.

»Sasuke hat mir befohlen, auf dich aufzupassen und bisher noch keinen anderen Befehl gegeben. Also passe ich auf dich auf. Wenn du also nicht willst, dass ich dich wieder fessle und dann zwangsernähre, isst du aus freien Stücken.«

Bisher. Das Wort hallte in ihr nach. Als rechnete er damit, dass Sasuke ihm früher oder später einen anderen Befehl erteilen würde. Seine Loyalität Sasuke gegenüber war beeindruckend und nichts, was Sakura so jemals zuvor miterlebt hatte und auch wenn sie dankbar dafür war, dass sie noch am Leben war, so konnte sie nicht leugnen, dass es ihr wenig behagte, dass alles, was Gaaras unterschwellig mörderische Aura davon abhielt, über sie her zu fallen, ein paar Worte von Sasuke waren.

Sie presste die Lippen aufeinander und schluckte die Frage, die ihr zwar auf der Zunge brannte, auf die sie aber gewiss gar keine Antwort haben wollte, herunter. Zögerlich griff sie nach dem Teller und musterte die graubraune Pampe, die unangenehm streng roch und rümpfte angeekelt die Nase. Sie konnte nicht einmal erkennen, was dieses Gericht darstellen sollte.

»Ich war nie ein guter Koch.« Gaara zuckte mit den Achseln und fast hätte sie geschmunzelt, doch dann musste sie wieder daran denken, wo sie war und was ihr blühte, wenn Sasuke sich dazu entschied, dass er ihrer überdrüssig war. »Aber es ist nicht vergiftet. Gift ist die Waffe von Frauen und Feiglingen.«

Sakura schnaubte. »So wie das riecht, muss es gar nicht vergiftet sein, um mir zu schaden.«

Gaara gab ein Geräusch von sich, was einem leisen Lachen sehr nahe kam. »Punkt für dich.«

Trotz ihres Argwohns zwang sie sich dazu, einige Löffel zu essen, ehe ihr Magen deutlich machte, dass er rebellieren würde, wenn sie nicht auf der Stelle damit aufhörte. Sie sollte sich über den Protest hinweg setzen und so langsam wie möglich alles aufessen und sei es nur aus dem einfachen Grund, dass sie solange nicht gefesselt sein würde, doch sie brachte es einfach nicht über sich. So schob sie den Teller also so weit wie möglich von sich und schüttelte den Kopf.

»Mehr schaffe ich nicht.«

»Das ist in Ordnung.«

Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, schwer und undurchdringlich wie in Wasser getränkte Watte und Sakura nutzte die Ruhe, um die Stelle ihrer Schläfe zu betasten, die sich vor einigen Stunden angefühlt hatte, als hätte ihr jemand einen Baseballschläger über den Kopf gezogen. Sie zischte bei der Berührung und tatsächlich klebte getrocknetes Blut an ihren Fingern, als sie die Hand so schnell zurück zog, als hätte sie sich verbrannt.

»Das tut mir Leid.« Gaara senkte den Kopf und betrachtete den Boden mit ausgeprägtem Interesse. »Ich musste etwas tun, um die Situation in den Griff zu kriegen. Und eine kleine Platzwunde erschien mir als das geringere Übel im Vergleich dazu, was Sasuke vorgeschwebt war.«

Sakura rieb ihre Finger und das geronnene Blut rieselte in kleinen Flöckchen auf den Boden. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte nicht das Gefühl, dass sie Gaara Dank schuldete und dennoch konnte sie nicht abstreiten, dass er ihr in gewisser Weise geholfen hatte. »Glaubst du, er hätte … er hätte es wirklich getan? Wenn du nicht eingegriffen hättest, meine ich.«

»Was ist das Letzte, woran du dich erinnerst?«, fragte er anstelle einer Antwort.

Es widerstrebte ihr, zu versuchen, sich an etwas zu erinnern, dennoch folgte sie seiner unausgesprochenen Aufforderung und starrte in eine der flackernden Kerzenflammen, als könnte sie in deren unkontrolliertem Tanz etwas sehen, was ihr sonst verborgen bliebe. »Ich weiß nicht so recht … Alles ging so schnell. Sasuke hat mit der Waffe auf mich gezielt, dann habe ich einen Schuss gehört und danach war alles weg.«

»Seltsam«, entgegnete er zögerlich, »muss wohl eine Art Selbstschutz sein«, fügte er mehr für sich selbst hinzu. Gaara hatte den Kopf von ihr abgewandt, nicht, dass das einen großen Unterschied für Sakura machte. In seinem Gesicht hätte sie so oder so nichts ablesen können.

»Was meinst du damit?« Obwohl sie sich den ganzen Tag – oder war es mittlerweile schon Nacht? - nicht bewegt hatte, zog sie die Beine an die Brust, um ihr Kinn auf den Knien abstützen zu können.

»Er hat tatsächlich auf dich geschossen, Sakura. Oder es versucht. Wenn ich seinen Arm nicht im selben Moment weggerissen hätte, hätte er dich getroffen«, erklärte er und zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, verzog sein Gesicht sich aus einem anderen Grund als Wut.

Sakura hatte das Gefühl, in eine Wanne voll Eis getaucht zu sein. Ihr ganzer Körper erbebte unter einer Kälte, die aus ihrem Innersten entsprang. »W-was?«, stammelte sie perplex. Es hätte sie nicht überraschen dürfen, immerhin war das Letzte, woran sie sich erinnerte, Sasuke, der eine Waffe auf sie gerichtet hatte und ein Schuss, der auf dieses Bild folgte, so nahtlos, dass es gar keinen Zweifel daran geben konnte, dass Gaara die Wahrheit erzählte und dennoch sträubte sie sich mit aller Kraft dagegen an, ihm zu glauben. Zumal es dann überhaupt keinen Sinn ergab, wieso Gaara sich noch um sie kümmerte. Vielleicht hatte Sasuke nicht direkt den Befehl gegeben, aufzuhören, sie zu schützen, doch auf sie zu schießen kam einer solchen Pflichtentbindung gewiss nah genug.

Sakuras Augenwinkel wurden feucht und mit der Hand, an der kein getrocknetes Blut klebte, rieb sie sich unwirsch über das Gesicht. Sie wollte wirklich nicht vor Gaara weinen, auch wenn der Ausdruck, mit welchem er sie bedachte, überdeutlich machte, dass er schon längst wusste, wie sie sich fühlte. Es lag ein Verständnis in seinen Gesichtszügen, die er sonst so perfekt ebenmäßig hielt, welches nicht gespielt und auch nicht ironisch wirkte und so fremd an ihm aussah, dass Sakura sich sicher war, dass sie den Verstand verlor.

»Er hätte es bereut, Sakura.« Sie wusste nicht genau, wen er hier zu überzeugen versuchte, aber zumindest bei ihr scheiterte er damit kläglich. Ganz davon abgesehen, dass das kaum einen Unterschied mehr für sie machen würde, wäre Gaara nicht geistesgegenwärtig dazwischen gegangen.

»Versuchst du etwa, zu entschuldigen, was er getan hat?«, erwiderte sie aufgelöst, »er hätte mich umgebracht, Gaara. Einfach so. Und für was? Ich habe nicht gelogen. Ich habe nichts geschrieben, nicht einmal versucht! Aber er hat mir gar nicht zugehört, hat es nicht einmal versucht. Karin war seine Verlobte und er hat nicht mehr unternommen, als sich von ihr zu trennen und dafür zu sorgen, dass sie nie wieder für jemanden schreiben kann und mich wollte er umbringen. Er hat nicht einmal gezögert, nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte.« Wut ergriff Besitz von ihr, auch wenn sie um die Sinnlosigkeit ihres Ausbruchs wusste. Sasuke war weg und sie war gefangen in irgendeinem Loch. Und wenn sie sich nicht ganz schnell eine Lösung für ihr Problem suchte, würde sie vielleicht nie wieder das Tageslicht sehen. Mit Ino über Männer lästern und Hinata damit aufziehen, dass sie sich nicht traute, Naruto anzusprechen. Schon wieder stiegen lästige Tränen in ihr auf, doch dieses Mal machte sie sich nicht die Mühe, sie weg zu wischen. Sollte Gaara von ihr denken, was er wollte. Was brachte es ihr schon, wenn sie ihm belanglose Stärke demonstrierte? Es änderte nichts an ihrer Situation und vielleicht konnte weinen das beklemmende Gefühl in ihrer Brust lösen.

»Vielleicht war sie ihm auch einfach nicht wichtig genug«, warf Gaara ein und überraschte sie damit erneut. Wieso führte er überhaupt dieses Gespräch mit ihr?Als sie ihm nicht antwortete, starrte Gaara sie einfach nur an und fuhr sich mit den Händen durch sein zotteliges, rotes Haar. Eine Weile schwiegen sie und Sakura glaubte, in der Ferne ein schwaches Echo von Spuren von Leben zu hören. Zu vage und unbestimmt, um sie zuzuordnen oder ein Gefühl dafür zu entwickeln, wo sie waren, dennoch hatte es etwas Tröstliches, den leisen Geräuschen zu lauschen. Selbst wenn sie vielleicht nur ihrer wilden Fantasie entsprangen.

»Wieso hast du nicht einfach die Klappe gehalten?«, seufzte Gaara irgendwann, »Wenn du ohnehin nicht vor hattest, deinen ursprünglichen Plan umzusetzen?«

Sakura holte röchelnd Luft, die Nase fühlte sich unlängst geschwollen und heiß an und ihre Wangen brannten von den salzigen Tränen, die völlig unkontrolliert Spuren über ihre dreckige Haut gefurcht hatten. »Meine beste Freundin hat sich vor zwei Jahren mit einem Kerl getroffen«, begann sie zögerlich. Ihre Tränen waren versiegt und dankbar nahm sie den nassen Lappen, welchen Gaara ihr aus dem Halbdunkeln herüber reichte, um ihr Gesicht zu säubern. »Ich habe damals noch studiert und Ino hatte ihr Studium gerade erst angefangen«, erzählte sie weiter, nachdem sie fertig damit war, die Überreste ihrer schamvollen Schwäche so gut wie möglich zu beseitigen, »sie war Hals über Kopf in den Kerl verliebt, aber er hatte nie Zeit und Lust, um sich mit ihr zu beschäftigen. Irgendwann ist er vom Campus geflogen und damit war es auch zwischen ihnen vorbei. Dieser Kerl wartet jetzt in Europa darauf, dass ein Schiff aus New York ankommt.« Ein leises, nüchternes Lachen entfloh ihren Lippen und füllte die leere Stille des Raums. In was für einer aberwitzigen Realität sie lebte, dass ausgerechnet eine verflossene Liebe Inos der Grund dafür war, dass all diese Steine ins Rollen gekommen waren, um sie unter einer Lawine aus Geröll zu begraben.

»Shikamaru?«, schnaubte er halb verächtlich, halb amüsiert, »Mit dieser schrillen Blondine?«

Gefangen in irgendeinem Loch mit ihrem Entführer über Inos Liebesleben zu sinnieren stand in diesem Jahr definitiv nicht auf ihrer Bingo-Karte, doch bereitwillig vertiefte sie jedes noch so absurd anmutende Gesprächsthema, wenn es Gaara davon abhielt, sie wieder zu fesseln und alleine zu lassen. »Schrill ist sie, ja. Aber er scheint ein Narkoleptiker ohne Interessen jenseits von Schlafen zu sein. Keine besonders erfolgsverheißende Kombination.«

Gaara schüttelte nur den Kopf und verschränkte die Finger über seinem Schoß. Seine Nägel waren klinisch sauber; eine Observation, die Sakura verwirrte. Nicht nur, weil sie nicht verstand, wieso sie überhaupt darauf achtete, sondern auch, weil sie beide mehr oder weniger am gleichen Ort fest saßen und auch wenn sie nicht im erdigen Dreck irgendeiner schäbigen Gartenlaube knieten, so konnte man kaum von einer sterilen Unterkunft reden.

Sakura wollte schon weiter plappern, um das Gespräch irgendwie am Laufen zu halten, aber Gaara kam ihr zuvor. »Das reicht wohl für heute.« Mit einem leisen Ächzen erhob er sich von seiner unbequemen Sitzposition und klopfte sich Staub und Dreck von den Hosen. Sein Gesicht verschwand in der Dunkelheit, die unmittelbar über ihrem Kopf wie ein drohendes Unwetter lag und Sakura verspannte sich im Angesicht der nun unweigerlich folgenden Schmerzen, die sie schon in ihren Handgelenken spürte, ohne dass diese gefesselt waren.

Unterbewusst presste sie ihre Hände an die Brust und wich so weit zurück, wie der kleine Raum sie gewähren ließ.

»Du musst das nicht tun, Gaara«, hauchte sie verzweifelt, »du hast gesagt, dass du mich nicht hasst, also bitte … bitte tu das nicht.«

Entgegen ihrer Erwartungen hielt er tatsächlich kurz inne, das Seil, welches er aus einer dunklen Ecke des Raums geholt hatte, baumelte ohne Spannung in seinen Händen. Doch dann ging er in die Hocke, sein Gesicht tauchte vor ihr auf und ohne ihr zu antworten, griff er nach ihren Handgelenken und fesselte diese so schnell und geschickt, dass Sakura kaum Zeit zu protestieren blieb.

»Wenn alles gut läuft, bist du bald wieder frei.« Sein Tonfall gab nicht zu erkennen, ob er sich das für sie wünschte oder ob er es einfach nur sagte, um sie in falsche Sicherheit zu wiegen und für Sakura war das auch nicht erheblich. Eine Kuh auf der Schlachtbank starb unweigerlich, auch wenn man ihr vorher mit Freundlichkeit begegnete.
 

Die Stunden wurden zu Tagen und die Tage zu Wochen. Sakura verlor jegliches Zeitgefühl in ihrer kleinen Kammer und dank ihrer Fesseln, die Gaara jedes Mal von neuem über ihrer Haut zuknöpfte, als hätte er sein Handwerk auf der See gelernt, konnte sie nicht einmal ihr Gefängnis erkunden, geschweige denn nach einem Weg suchen, um zu entkommen. Anfangs hatte sie versucht, anhand seiner Besuche zu erahnen, wie viel Zeit wirklich vergangen war, doch schon bald musste sie feststellen, dass er entweder absichtlich sporadisch kam, um sie zu verwirren oder aber dass sie selbst jene knappen Zeitfenster nicht mehr richtig erfassen konnte.

Am schlimmsten war nicht die dröhnende Stille, in der sie manchmal Geräusche aus der Ferne ausmachen konnte; nicht die schmerzenden Handgelenke und Knöchel, die unter den rauen Seilen aufrieben; nicht einmal die panische Angst, nicht zu wissen, was als nächstes kam – sondern die permanente Finsternis, die nur in jenen seltenen, flüchtigen Minuten von Kerzenschein durchwirkt wurde, wenn Gaara sie besuchte und ihr Essen brachte. Sie hatte ihn angefleht, ihr wenigstens eine Kerze zu lassen, aber Gaara blieb so stur und in seiner Position unverrückbar, dass er genauso gut ein lebendig gewordener Fels sein konnte. Manchmal dachte sie, dass er gar kein so übler Kerl war, doch dann tat oder sagte er etwas so gänzlich Grausames, dass sie das bisschen Vertrauen, was sie ihm gegenüber fühlte, sofort so tief wie möglich begrub.

Die meiste Zeit verbrachte sie mit schlafen und - wenn sie nicht mehr länger schlafen konnte - mit wahnwitzigen Fantasien von einem Leben außerhalb dieser Dunkelheit. Mit geschlossenen Augen verharrte sie stundenlang auf dem unbequemen Boden und dachte über alles nach, nur nicht über ihre Situation. Die Realitätsflucht half zumindest damit, dass sie nicht wahnsinnig wurde, wenngleich die ständige Dunkelheit immer öfter zurück zu starren schien.

Irgendwann fasste Sakura den Entschluss, dass sie es nicht mehr länger aushielt und dass sie etwas tun musste – egal, was. Dass Gaara sie allerdings jedes Mal gewissenhaft fesselte und ihr nicht einmal Kerzenlicht gewährte, um sich in seiner Abwesenheit umzusehen, erschwerte ihr Vorhaben erheblich.

Gerade, als sie beschloss, dass sie notfalls stundenlang schreien würde – oder zumindest solange, bis Gaara sie wieder knebelte -, um sich eventuell Gehör zu verschaffen, klimperte ein Schlüssel im Schloss und die Tür ihres Gefängnisses wurde aufgerissen. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit fiel kaltes Licht in ihre Kammer und Sakura verengte reflexartig die Augen zu schmalen Schlitzen, die grelle Helligkeit kam zu unerwartet und traf sie unvorbereitet. Die Silhouette eines großgewachsenen Mannes zeichnete sich schwarz ab von dem weißen Licht einer billigen Neonröhre, auf deren Oberfläche sich Insekten als schwarze Punkte sammelten. Kurz hoffte Sakura, jemand anderes könnte sie hier gefunden haben, doch die Hoffnung löste sich jäh in nichts auf, als Gaara näher heran trat und die Tür hinter sich schloss. Bevor das Licht endgültig von der Finsternis verschluckt wurde, erkannte sie die roten Locken seines zerzausten Haars.

»Ich habe keinen Hunger.« Obwohl ihr Rücken bei der Bewegung schmerzte, rollte sie sich auf die andere Seite. Nicht, dass Gaara das hätte sehen können, aber vielleicht erkannte er das Geräusch und verstand den Wink, dass sie ihre Ruhe haben wollte. Ihr Magen protestierte bei der Vorstellung, wieder eine Mahlzeit auszulassen, doch um nichts in der Welt würde sie einen weiteren Löffel von der Pampe herunter würgen, welche Gaara ihr tagein, tagaus servierte.

»Du sollst auch nichts essen«, entgegnete er mit der für ihn typischen Langweile in der Stimme. Wenn sie ihn sehen könnte, würde sie gewiss feststellen, dass er die Hände in den Hosentaschen vergraben hatte, die Haltung eine krude Mischung aus Lässigkeit und aufmerksamer Konzentration. »Sondern einige Fragen beantworten.«

Bevor Sakura reagieren konnte – vorzugsweise mit einem verächtlichen Schnauben -, vernahm sie ein leises Klicken und das selbe, grelle Licht, welches den Raum jenseits ihrer Zelle erhellt hatte, flutete die vier Wände, in denen sie seit Tagen ausharrte und auf ein Wunder hoffte. Erneut blinzelte sie heftig und obwohl es sie mit einer wütenden Ohnmacht erfüllte, dass sie die ganze Zeit über in der Nähe einer Lichtquelle gelegen hatte, biss sie sich auf die Lippen und schluckte ihren Ärger herunter. »Wieso sollte ich das tun?« Ein Fünkchen rebellischen Mutes ergriff sie, obgleich sie zu Gaaras Füßen lag, die Hände und Füße geknebelt und seiner höchst zweifelhaften Gnade ausgeliefert.

»Weil du hier heraus möchtest, nehme ich an«, blaffte er kaltschnäuzig, von ihrer kümmerlichen Zurschaustellung von Aufbegehren unbeeindruckt. Er zog Sakura an ihren Fesseln auf die Knie, ohne dabei auf ihre gezischten Schmerzenslaute zu achten oder seine ruppige Vorgehensweise entsprechend abzumildern. Sein Klappmesser funkelte in einer Sekunde in dem weißen Neonlicht auf, in der nächsten hatte er die Seile bereits zertrennt, fast so, als würde es wahrhaftig keinen Grund mehr dafür geben, sie intakt zu halten.

Leise murmelnd rieb sie sich ihre Gelenke, während sie darauf wartete, dass Gaara seinen plötzlichen Sinneswandel erklärte. Alles an ihrem Körper tat weh und obgleich sie am liebsten aufgeseufzt und sich der Länge nach ausgestreckt hätte, blieb sie weiterhin wachsam und hielt die Muskeln so gut es ging angespannt. Der Gedanke, dass sie Gaaras wachsamen Blick und seinen langen Beinen irgendwie entkommen konnte, war absurd und entbehrte jeglicher Vernunft, doch er war allemal besser als eine vollständige Kapitulation.

Sakura blickte nach oben, direkt in das verflucht helle Licht, als versuchte sie, die Dunkelheit, welche sich über Tage hinweg in ihr eingenistet hatte, zu vertreiben und entdeckte unzählige schwarze Flecken auf der von Nikotin gelb gefärbten Röhre. Mücken und Motten, die der kalten, künstlichen Sonne zu nah gekommen waren und sich ihre Flügel an der heißen Oberfläche verbrannt hatten.

Eine ganze Weile lang blinzelte sie gegen die Helligkeit an und nur langsam gewöhnten ihre Augen sich daran, dass ihre Umgebung wieder Licht reflektieren konnte und sich der verschwommene, formlose Raum um sie herum allmählich scharf stellte. Viel mehr als eben jenen Stuhl, auf welchem Gaara bei seinen Besuchen stets gesessen hatte, gab es allerdings nicht zu sehen. Zwei massiv aussehende Truhen standen in den Ecken hinter ihr, dazu ein Eimer mit Wasser in der Ecke und ein zweiter Eimer, über welchem sie sich zweimal am Tag hatte erleichtern dürfen. Nur unterschiedlich dunkle Stellen auf dem Holzboden und der vergilbten Tapete wiesen darauf hin, dass hier einst mehr Leben stattgefunden hatte, als das einer gefesselten Gefangenen. Sakura traute sich nicht, darüber nachzudenken, wofür die beiden Truhen wohl gut waren.

»Was willst du von mir, Gaara?«, fragte sie stattdessen, als sie der dröhnenden Stille überdrüssig wurde. Es dauerte einige Anläufe, doch dann schaffte sie es, sich mit einem Ächzen vom Boden zu erheben. Ihre Beine fühlten sich seltsam weich und gleichzeitig schwer an und Sakura vertraute nicht darauf, dass sie ihr bei einer überstürzten Verfolgungsjagd lange genug gehorchen würden, um Gaara hinter sich zu lassen. Nicht, dass sie überhaupt gewusst hätte, wohin sie rennen sollte – sie wusste ja nicht einmal, was sie jenseits dieser Tür erwartete.

»Ich habe gute und schlechte Neuigkeiten mitgebracht.« Er fischte eine Schachtel Zigaretten aus der Lederjacke, entzündete sich mit fast liebevoller Hingabe eine davon und obwohl in Sakura Wellen des Verlangens aufbrandeten, wie bei der sturmgepeitschte See, verbot sie sich, auch nur einen sehnsüchtigen Blick in seine Richtung zu werfen. Der beißende Geruch reizte ihre Nase und sie verzog das Gesicht. Obwohl sie selbst seit vielen Jahren rauchte, hatte sie sich für den Geruch nie erwärmen können. Besonders schlimm war es, wenn sie selbst nicht ebenfalls rauchte. Sakura schluckte, wich so weit von Gaara weg, wie der Raum ihr gewährte und bemühte sich, nur durch den Mund zu atmen. Sie hatte tagelang ohne ausgehalten. Die Angst um ihr Leben und ihre Zukunft und die Verzweiflung um alles, was sie hinter sich gelassen hatte, hatten alles daneben verblassen lassen, wie Kleidung, welche man zu lange in der Sonne aufgehängt hatte.

Und dennoch. Das Verlangen war einen Augenblick lang so stark, dass ihre Beine schwach wurden und sie dankbar dafür war, dass hinter ihr eine Wand war, an die sie sich lehnen konnte.

»Von was für Neuigkeiten sprichst du?«

Sie hatte das Gefühl, dass sie diese Frage bereuen würde. Gaara verschwand ohne eine Antwort aus dem Raum, aber nur so lange, wie er brauchte, um einen kleinen Koffer zu holen, aus welchem er stapelweise Tageszeitungen hervor holte und Sakura in die Hand drückte, welche aus Gewohnheit zuerst die Daten überflog. Wie es schien, hatte er ihr diverse Tagesblätter der letzten drei Tage besorgt.

Mit gerunzelter Stirn flog sie über Zeilen, die über vermehrte Überfälle schrieben – selbst am Tag. Zerstörte Gläserfronten von Ladenlokalen, angezündete Restaurants – sogar Schüsse hatte es auf offener Straße gegeben. Ein ungutes Gefühl beschlich sie, während sie sich langsam zurück arbeitete zu dem Datum von vor zwei Tagen und Sakuras Finger verkrampften sich, als sie bei der zwei Tage alten Ausgabe der Times ankam.
 

𝔾𝔼𝕎Öℍℕ𝕃𝕀ℂℍ𝔼ℝ ℝ𝔸𝕌𝔹𝕄𝕆ℝ𝔻 𝕆𝔻𝔼ℝ 𝔹ℝ𝕌𝕋𝔸𝕃𝔼 ℍ𝕀ℕℝ𝕀ℂℍ𝕋𝕌ℕ𝔾?
 

Die Überschrift der Schlagzeile ließ keinen Zweifel übrig, dass im wahrsten Sinne des Wortes ein Feuer entzündet worden war. Ein Feuer, welches sich mit erschreckender Geschwindigkeit in der ganzen Stadt ausbreitete und nichts als willkürliche Zerstörung hinterließ. Die Schreckensnachrichten, die in kleinen Absätzen sämtliche Seiten der gestrigen und heutigen Times füllte, waren nichts im Vergleich dazu, was Sakura nun mit immer schlimmer werdendem Schwindel überflog.
 

Ein junges Paar wurde vergangene Nacht in ihrem eigenen Appartement aufgefunden. Die Polizei möchte zurzeit keine Aussage über die Todesursache machen, einige verlässliche Augenzeugenberichte zeichnen aber ein Bild von brutaler Grausamkeit. Geklaut wurde nach Angaben der Zeugen nichts, die Wohnung war bis auf den Tatort unberührt. Recherchen im persönlichen Umfeld der Opfer ergaben, dass die junge Frau überdies hochschwanger war, was nur eine einzige Frage aufwirft: Wieso mussten sie und ihr unschuldiges Baby sterben?
 

Es wird Zeit, aufzuwachen, New York. Heute trauern wir aus der Ferne um eine junge Familie, morgen sind wir vielleicht schon die nächsten Opfer. Die Anonymität der Nacht hat einigen Menschen zu viel Macht verliehen, die sie nutzen, um uns einfache Menschen herum ein Netz aus Gewalt zu weben und es ist nur eine Frage der Zeit, bis den Spinnen ihr Netz zu klein geworden ist und die ganze Stadt in Chaos untergehen wird.
 

Der Tod dieser Familie war kein Unfall und kein Raubmord.
 

Es wird Zeit, ein Feuer zu entfachen, New York.
 

Beginnt in der Nacht.
 

Beginnt bei Sasuke Uchiha.
 

- Sakura Haruno
 

Ihr wurde schlecht und die Buchstaben ihres eigenen Namens tanzten verschwommen vor ihren Augen. Ein offener Brief an die Menschen, die in der Stadt lebten und den Berichten der letzten zwei Tage nach zu urteilen ein äußerst erfolgreicher Aufruf gegen etwas aufzubegehren, was niemand wirklich registriert hatte – bis jetzt.

»Das habe ich nicht geschrieben«, entfloh es ihr reflexartig, auch wenn Gaara selbstverständlich wusste, dass es ihr unmöglich gewesen war, etwas zu schreiben, geschweige denn, es zu veröffentlichen.

»Das weiß ich selbst. Aber ich sagte es ja bereits: Gute Neuigkeiten.« Er sah so unberührt aus von den barbarischen Zuständen in der Stadt als würde er stattdessen an seine letzte Urlaubsreise an den Strand denken. Aus irgendeinem Grund machte sein ruhiges Gesicht Sakura wütend.

»Das nennst du gute Neuigkeiten? Eine Familie ist umgebracht worden und auf den Straßen ist ein Krieg ausgebrochen!«, empörte sie sich erzürnt. Die Wut wärmte ihr die Wangen und hauchte ihrem immer noch schwachen Körper etwas dringend benötigte Kraft ein.

Gaara zuckte nur unbeteiligt mit den Schultern. »Leben und Sterben ist der Kreislauf aller Dinge, Sakura. Auch wir Menschen bilden da keine Ausnahme.«

»Auf natürliche Art, ja. Nichts von dem, was hier vor sich geht, ist natürlich«, entgegnete sie gereizt. Sie massierte sich ihren Nasenrücken, ehe sie die Hände zurück in die Manteltaschen steckte, um die Kälte etwas aus ihren Fingern zu vertreiben – jedoch ohne Erfolg.

»Wir sind nicht hier, um meinen moralischen Kompass zu debattieren«, erinnerte er sie mit scharfem Ton. »Ich habe dich losgebunden, weil deine Unschuld mit diesem Artikel zweifelsfrei bewiesen worden ist und du uns ungefesselt nützlicher sein kannst.«

Sakura presste die Lippen aufeinander, die Andeutung in seiner Aussage missfielen ihr. »Uns? Nützlich für was?«

Gaara durchbohrte sie mit seinen jadegrünen Augen und quälend lange ließ er sie auf seine Antwort warten. »Das sind die schlechten Neuigkeiten, Sakura. Du musst uns helfen, denjenigen zu finden, der das hier in Wirklichkeit geschrieben hat.«

Gaara schien damit gerechnet zu haben, dass sie diese Nachricht schockieren würde; seine Erwartungen sie vielleicht sogar überforderten, aber ganz gewiss nicht damit, dass sie laut zu lachen begann. Er musterte sie, als hätte sie ihren Verstand in den schier endlosen Tagen der Dunkelheit verloren und vielleicht hatte sie das auch.

»Das sollte kein allzu großes Problem darstellen. Ich weiß, wer ihn geschrieben hat. Ich weiß nur nicht, wo wir sie finden.«
 

Sakura hatte keine Ahnung, wo sie waren. In der fernen Nacht glaubte sie New York zu sehen, wie es mit den Sternen am wolkenlosen Himmel um die Wette strahlte, doch die dunklen Umrisse der Häuser waren konturlos, gleich Schemen und es konnte genauso gut jede andere, größere Stadt sein. Ihr fröstelte in der kalten Luft, die nach gefrorener Erde und vergangenem Regen roch und dennoch war sie unendlich erleichtert darüber, noch einmal den fahlen Halbmond über sich sehen zu dürfen.

Vor ihr lag ein kleines Waldstück, eine Ansammlung von einigen wenigen Tannen, deren widerspenstige Nadeln von Raureif überzogen waren, welcher, vom Mond beschienen, schwach schimmerte. Hinter ihr lag eine Art Schuppen oder kleineres Häuschen – zu groß, um nur für Gartengeräte gedacht zu sein und zu klein, um darin leben zu können. Es hatte keine Fenster, was Sakura auch schon vorher gewusst hatte und wenn sie es selbst nicht besser wüsste, hätte sie darin einen kleinen Stall für Hühner oder etwas Ähnliches vermutet.

Gaara tauchte hinter ihr auf und lies die Tür zu dem schäbigen Häuschen mit einem ohrenbetäubenden Knall ins Schloss fallen, doch weit und breit gab es keine Seele, die den Lärm hätte bemerken können. Unweit entfernt stand zwar ein alter, halb verfallener Bauernhof, dessen Dach an einer Stelle eingefallen war, doch wer auch immer hier einst gelebt hatte – er war vor langer Zeit schon verschwunden und die verwahrlosenden Überreste waren entweder geplündert oder zerstört worden. Einige der schmutzigen Fenster waren noch intakt, doch die meisten waren so markant zersplittert, dass nur ein zielsicher geworfener Stein dafür die Ursache sein konnte. Wie zackige Reißzähne in einem vor Wut verzerrten Maul sahen die Glassplitter aus, die das träge Licht des Mondes kristallen spiegelten.

»Wieso hast du mich ausgerechnet hierher gebracht?« Ihre Stimme klang dünner als gewollt, denn das verlassene Gehöft bereitete ihr ein Unbehagen, dass mit Worten kaum zu erklären war. Sakura glaubte an keinen übernatürlichen Unsinn und dennoch wollte sie möglichst schnell möglichst viel Abstand zwischen sich und diesem Ort wissen.

»Das tut nichts zur Sache«, erwiderte Gaara schroff. Er entzündete sich eine weitere Zigarette und der Rauch schlängelte sich dem fahlen Mondlicht entgegen, wie eine Blume, die sich nach den ersten Strahlen der Frühlingssonne ausstreckte. Sakura fiel es schwer, sich auf seine ausweichenden Worte zu konzentrieren. Der Geruch von Zigarettenrauch erfüllte ihr Bewusstsein und nun, da sie nicht mehr gefesselt auf dem dreckigen Boden eines Schuppens über die unterschiedlichsten Sterbensszenarien brütete, war das Verlangen nach einer Zigarette so übermächtig, dass sie zu zittern begann.

»Was starrst du mich so an, als würdest du mich am Liebsten an Ort und Stelle unter die Erde bringen?« Gaara hatte seine Augenbrauen skeptisch verzogen, die Zigarette lag unbeachtet zwischen seinen Fingern, die auf halbem Weg zum Mund reglos in der Luft verharrten.

»Ich habe seit wer weiß wie lange keine Zigarette mehr geraucht«, gestand sie atemlos, nicht mehr länger imstande, etwas anderes mit ihren Augen zu fixieren als den glimmenden Punkt, der wie ein verirrter, gefallener Stern in der dunklen Nacht leuchtete.

Selbst das amüsierte Kräuseln seiner Lippen entging ihr, als er in seiner Jackentasche nach der halb zerdrückten Schachtel fischte. »Du hättest ruhig eher etwas sagen können.« Jetzt sah sie zu ihm auf und suchte in seinem Gesicht nach einem Hinweis, ob er sich einen bösen Spaß mit ihr erlaubte und die Schachtel zurück ziehen würde, kaum dass sie dem juckenden Gefühl in ihrem Körper nachgegeben hatte. Sakura biss sich auf die rissigen Lippen, haderte mit sich selbst und schluckte ihren Stolz schlussendlich dennoch hinunter.

»Ich sollte damit wirklich aufhören«, flüsterte sie mehr zu sich selbst, während sie trotzdem, entgegen ihres Verstandes, nach einer Zigarette griff und sich Feuer von Gaara geben ließ.

Euphorie breitete sich in ihr aus, als das quälende Verlangen sich in nichts als Rauch und glühender Hitze auflöste und zum ersten Mal seit vielen Tagen hatte Sakura das Gefühl, wieder richtig Luft zu bekommen. Was für eine herrliche Ironie.

Der Wind brauste auf, spielte mit ihren strohigen, zerzausten Haaren und trug das ferne Echo einer kreischenden Eule mit sich.

»In einer anderen Nacht vielleicht.«

Die Schlangengrube

Sakura hatte mit vielem gerechnet, immerhin hatten die Artikel der Zeitungen, die Gaara ihr mitgebracht hatte, ein recht deutliches Bild gezeichnet und dennoch kam es der Realität nicht näher, als die Sonne dem Mond.

Gaara war mit halsbrecherischem Tempo zurück zur Stadt gefahren, fast so, als ginge es um Leben und Tod und was auf sie zunächst dramatisch und überspitzt gewirkt hatte, wurde schnell bitterer Ernst, als Sakura die Zerstörung sah, über die sie zuvor nur in sorgfältig gewählten Worten gelesen hatte.

New York brannte.

Wortwörtlich.

Sie kamen an mehreren Geschäften vorbei, aus deren zerstörten Fensterfronten kleinere Flammen züngelten, die schon seit Stunden nicht mehr genug Nahrung fanden, um sich weiter durch das Gebäude zu fressen, wie ein Holzwurm durch einen Baum. Zerbrochenes Glas lag überall auf den Gehsteigen und Straßen verstreut; kleine Splitter, die im Licht der Straßenlaternen heller schimmerten, als unförmige Diamanten. Die Steinfassaden mancher Häuser waren Rußgeschwärzt; gewaltige schwarze Flecken, die erahnen ließen, wie groß die Feuer einst wirklich gebrannt hatten. Wie die Ranken eines besonders eifrigen Efeus mussten sie sich dem Himmel entgegen gewunden haben, damit es für Sakura oft erst den Anschein erweckte, das Haus wäre einfach nur schwarz gestrichen.

Ganze Straßenabschnitte waren in gespenstische Dunkelheit getaucht, die Laternen mit geworfenen Steinen zertrümmert. Nachdem sie ihr Werk vollbracht hatten, hatte man die Steine unweit entfernt einfach liegen lassen, manche von ihnen so groß wie kleinere Kürbisse.

Und keine Menschenseele weit und breit. Die Bewohner der Stadt, die über genügend Räson verfügten, nicht an den Ausschweifungen teilzunehmen, hatten sich in ihre Häuser gesperrt und die Lichter gelöscht. Der Teil, der mit frohlockender Begeisterung an dem Vandalismus partizipiert hatte, war vor dem Polizeiaufgebot geflohen, welches an jeder Straßenecke Untersuchungen anstellte. Feuerwehrmänner in voller Montur stiefelten mit grimmigen Gesichtsausdrücken über die verwaisten Straßen und schrien sich gegenseitig Anweisungen zu. Es grenzte an ein Wunder, dass niemand sie anhielt und mit einem Schwall Fragen überschwemmte, doch die meisten der Beamten waren bis über beide Ohren mit der ausgearteten Lage beschäftigt.

Sakuras Herz verzog sich qualvoll schmerzhaft, als sie an dem Blumenladen der Yamanakas ankamen und sie eine ähnliche Szenerie vorfanden, wie im Rest der Stadt. Die Glasfenster waren vollkommen zerstört, doch wenigstens schien sich kein wütendes Feuer durch die hilflosen Pflanzen gefressen zu haben.

Obwohl die Zeit drängte, packte sie Gaara an der Schulter und bedeutete ihm, am Straßenrand anzuhalten. Mit zitternden Fingern öffnete sie die Autotür und stieg aus dem Wagen. Der Geruch von Asche begrüßte sie und unter ihren Schuhen knirschte Glas, als sie behutsam durch das zerstörte Fenster in den Laden trat.

»Mrs. Yamanaka?«

Sakura wusste nicht genau, wieso sie nach Inos Mutter rief – niemand im Besitz seiner geistigen Gesundheit war vor der Tür, außer er wurde bezahlt dafür, das angerichtete Chaos mühsam wieder zu beseitigen. Ihre Stimme verlor sich zwischen den Zweigen und Blüten der hingebungsvoll gezüchteten Winterpflanzen, die im sanften Wind der Nacht, welches durch das riesige Loch hinein strömte, hin und her wogten. Es hätte ein fast friedlicher Moment sein können, würde sie nicht im Hintergrund die schrillen Glockentöne der Feuerwehrautos hören, die von einem Einsatzort zum nächsten rasten.

»Wir müssen weiter, Sakura.« Gaara war ebenfalls ausgestiegen und durch das Loch in der Scheibe zu ihr in den Verkaufsraum getreten. Stumm wechselten sie einen Blick und obgleich Sakura wusste, dass er recht hatte, kam es ihr falsch vor, die Pflanzen so ungeschützt zurück zu lassen und auf das Glück zu hoffen, dass nicht doch noch jemand auf den Gedanken kam, sie ebenfalls dem höheren Zweck der Anarchie zu opfern.

»Wie kann das alles hier real sein?«, fragte sie ihn flüsternd und umfing sich selbst mit ihren Armen, auch wenn es nicht gegen die Kälte half, die aus ihrem Innersten durch jede ihrer Poren sickerte, »New York war eine friedliche Stadt. Die meisten wussten nicht einmal, dass im Hintergrund etwas Illegales vor sich geht, geschweige denn waren sie davon in irgendeiner Form betroffen. Woher kommt dieser Zorn also, diese blinde Zerstörungswut, dieser … Hass

Einen unendlich langen Moment lang schwieg Gaara und gerade, als Sakura sich sicher war, dass er gar nicht mehr antworten würde, erhob er doch noch das Wort. »Die wenigsten Anschläge wurden von Leuten verübt, die tatsächlich involviert sind in unserem Geschäft. Der überwiegende Großteil hat einfach nur die vermutlich einzige Chance ergriffen, einmal im Leben Macht zu spüren. Und wenn es nur die Macht ist, die Dinge von den Menschen zu zerstören, in denen sie neidvoll all jenes erkennen, was sie selbst nie haben konnten.«

Seine Analyse war oberflächlich und doch gleichzeitig so bestechend spezifisch, dass Sakura sich sicher war, dass das, was Gaara gerade von sich gegeben hatte, irgendwo in ihm eine unterschwellige Resonanz erzeugte, wie die spiegelglatte Oberfläche eines Sees, die von den eiligen Schwimmzügen eines Fisches aus ihrer perfekten Ordnung gebracht worden war.

Sakura glaubte, die herum wirbelnde Asche auf ihrer Zunge zu schmecken, als sie tief Luft holte und sich für das wappnete, was in dieser Nacht noch kommen mochte. Sie hatten auf der Rückfahrt den Entschluss gefasst, zu Orochimaru zu fahren – oder dahin, wo Sakura ihn vermutete. Um Karin zu finden, denn Sakura war überzeugt davon, dass das Ganze auf ihrem Mist gewachsen war. Und Orochimaru war der einzige Knotenpunkt zu Karin, von dessen Aufenthaltsort sie zumindest eine grobe Idee hatte. Der Gedanke, dem Mann zu begegnen, dessen fahles Gesicht einem schwach leuchtenden Mond glich, mit Augenringen, so dunkel und tief, dass sie an Wolken erinnerten, die sich in seinem Licht schwarz von ihm abzeichneten, brachte Sakura zum Erschaudern. Ihre Erinnerung an Orochimaru war flüchtig, die Unterhaltung dauerte weniger als eine Stunde und dennoch konnte sie, wenn sie die Augen schloss, seinen hinterhältigen, schlangengelben Blick so klar vor sich sehen, als würde sie auf ein Ölgemälde starren.

Doch bevor sie sich auf die Suche nach diesem grässlichen Mann machen musste, wollte sie noch etwas anderes erledigt wissen.

»Wir müssen vorher bei mir zuhause vorbei fahren, Gaara. Sieh' mich nicht so an, ich dulde keinen Widerspruch! Ich muss einfach wissen, ob es Ino gut geht!«, fügte sie gereizt hinzu, als Gaara bereits zu etlichen Einwenden ansetzen wollte. Er verzog sein Gesicht zu einem Flunsch und es war ihm überdeutlich anzusehen, wie wenig Lust er darauf hatte, dennoch gab er mit einem genervten Brummen nach und stieg zurück in den Wagen.

Die Fahrt dauerte nicht lange, was an Sakuras wachsender Unruhe und Sorge jedoch kaum etwas änderte. Aus der Ferne zählte sie bereits die Stockwerke, in denen sie vereinzelt Licht brennen sah, doch so weit oben, wie sie wohnten, verhedderte sie sich immer wieder, sodass sie es aufgab und stattdessen darauf wartete, dass sie ankamen. Wenigstens hatten sie die Zerstörung allmählich hinter sich gelassen. Sakura und Ino wohnten einige Minuten vom Stadtzentrum entfernt, welches wohl den meisten Schaden abbekommen hatte. Vereinzelt sah sie eine eingeschlagene Scheibe, dafür aber keine Brände mehr; keine kleinen, im Begriff, zu erlöschen und auch keine großen, die sich an den Mauerwerken entlang fraßen.

»Das ist eine grauenhafte Idee«, bemerkte Gaara, während er an der gleichen Stelle parkte, von der aus er sie vor einigen Wochen noch beobachtet hatte. Alte Angewohnheiten ließen sich wohl schlecht ablegen, selbst wenn sie nur für eine Tage existiert hatten.

»Mein halbes Leben besteht aus grauenhaften Ideen, Gaara, das wird mich aber nicht davon abhalten, mich zu versichern, dass es meiner besten Freundin gut geht«, entgegnete sie nüchtern und knallte die Autotür mit mehr Schwung zu, als nötig gewesen wäre.

»Lass' deinen Frust nicht an meinem Wagen aus«, knurrte er übellaunig, aber so leise, dass Sakura es fast überhört hätte. Trotz seines Unmuts folgte er ihr die schäbigen, teils gesplitterten Treppen nach oben bis zu ihrer Wohnungstür. Schon auf halbem Weg nach oben vernahmen sie erhitztes Stimmengewirr und einerseits flutete sie Erleichterung darüber, dass es Ino offenkundig gut ging, andererseits wunderte sie sich, zu wem die anderen Stimmen wohl gehören mochten. Sie schickte ein stummes Gebet gen Himmel, dass keine davon Sasukes war, denn in dem Durcheinander konnte sie nichts mit absoluter Klarheit verstehen.

»Ich dachte, ihr wohnt zu zweit.«

»Das dachte ich auch«, scherzte Sakura halbherzig und blinzelte Gaara auffordernd an. Zwar hatte er sie losgebunden und schien ihr bis zu einem gewissen Punkt sogar zu vertrauen, ihre Sachen hatte er aber weiterhin vorsorglich bei sich behalten. Wie absurd! Wohin hätte sie wohl gehen können, alleine und in Sasukes Missgunst gefallen. Ganz abgesehen davon, dass New York einem Schlachtfeld glich.

Mit einem ergebenen Seufzer nahm er die kleine Lederhandtasche von der Schulter, die an seiner großen Statur einfach lächerlich aussah und drückte sie ihr in die Hand. Offenbar war es gegen seinen Stolz, in fremden Frauenhandtaschen zu wühlen. Unter erfreulicheren Umständen hätte Sakura darüber vielleicht gelacht, an diesem Abend bekam sie aber nur ein müdes Lächeln zustande und selbst das war so flüchtig und fadenscheinig, dass es kaum zählte.

Das hitzige Stimmengewirr auf der anderen Seite der Tür verstummte so jäh, als wäre es einem Schallplattenspieler entsprungen, von dem man die Nadel entfernt hatte und keine Diskussion unter realen Menschen.

Ino war die Erste, die aus der Küche auftauchte und ihr Mund klappte so weit auf, als sie Sakura erkannte, dass diese kurz fürchtete, sie könnte sich den Kiefer ausrenken.

»Sakura?!« Bevor sie eine Frage stellen konnte, deren Beantwortung zwangsläufig sämtliche Rahmen sprengen würde, warf Sakura sich in die Arme ihrer besten Freundin und ohne es kontrollieren zu können, schluchzte sie vor fast verzweifelter Freude auf. Es war kein Traum. Sie lebte noch und durfte wahrhaftig noch einmal die Stimme Inos hören. Ohne es zu wollen, fing sie das Weinen an, so heftig, dass Ino mit ihr erzitterte.

»Gott, Süße! Was machst du hier? Was, zum Teufel, ist hier eigentlich los?« Ino klang fassungslos, gar schockiert, dennoch schlang sie ihre Arme beschützend um Sakura, die noch immer vehement an ihrer Schulter weinte und ihre Finger so eisern in ihrem Pullover vergrub, als drohte sie, zu fallen, sollte sie ihren Griff nur etwas lockern. »Komm' nur rein«, fügte sie, an Gaara gewandt, zu, die Stimme plötzlich kühl und der Blick lauernd, als erwartete sie von ihm nichts als Ärger.

»Da ist sie ja.« Eine männliche Stimme, die nicht zu Gaara gehörte, machte sich hinter Ino bemerkbar. Sakuras Tränen versiegten abrupt, als sie erkannte, dass sie zu Itachi gehörte und als sie den Blick hob, vorsichtig, als könnte er sie übersehen, wenn sie sich nur nicht zu schnell bewegte, sah sie sein ernstes Gesicht. Ernst, aber nicht feindselig. »Keine Sorge, er ist nicht hier. Das konnten wir ihm ausreden.« Einen Augenblick lang blitzte Amüsement in seinen dunklen Augen auf, die Sakura so sehr an Sasukes erinnerten.

»Ihm ausreden? Ich dachte, er -« Sakura schluckte und obwohl es wie immer etwas kühl war in ihrer Wohnung und sie ihren etwas mitgenommenen Mantel um die Schultern trug, fröstelte ihr. Sie konnte es einfach nicht. Sie konnte nicht über ihn reden. Nicht einmal seinen Namen sagen.

»Er hat sich entschieden, doch in New York zu bleiben.« Das war Naruto. Sein blondes, wild zerzaustest Haar tauchte neben Itachi auf und seine blauen Augen lagen ungewohnt nüchtern auf ihr. Was machten die beiden Männer hier? Und wieso sah Ino nicht so aus, als hätten sie sich gewaltsam Zutritt verschafft, sondern so, als hätte sie ihnen freiwillig die Tür geöffnet?

»Was ist hier los?«, wollte Sakura wissen, die Stimme noch immer etwas zittrig. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Gaara einen Schritt auf sie zu machte, bis sie fast Schulter an Schulter in dem viel zu engen Flur standen. Es war eine stumme Erklärung an seine beiden Kollegen, die Lage nicht eskalieren zu lassen, wenn sie keinen Ärger mit ihm wollten und erneut fragte Sakura sich, wieso Gaara noch immer so versessen auf seinen Schwur war, sie zu beschützen.

»Das Gleiche könnte ich dich fragen«, murmelte Ino. Schließlich seufzte sie und rieb sich mit den Händen die müden Augen. Es war schon spät und sie sah aus, als hätte sie nächtelang keinen Schlaf gefunden. »Hinata und ich waren bei Naruto im Café«, fing sie schließlich zu erzählen an, als kein anderer Anstalten machte, die Situation zu erklären, »und dann ist Itachi aufgetaucht. Tja und dann ...« Sie presste die Lippen aufeinander und senkte den Kopf, fast so, als würde sie sich für eine Dummheit schämen, die sie angestellt hatte.

»Und dann?«, half Sakura ihr weiter. Ihre Tränen waren endgültig versiegt, obwohl ihr noch immer elend war, doch waren ihre Nerven zu angespannt in der Erwartung von noch mehr Problemen, um sich weiter in Inos Armen vor der Realität zu verstecken.

»Dann ist mir eingefallen, dass du einmal ein Teil dieses Gespann warst. Und dass Hinata die Cousine unseres lieben Freundes Neji ist. Und für wen sie arbeitet. Ein einziger Anruf genügte, um heraus zu finden, dass ihr Arbeitskollegen wart. Rückblickend betrachtet vollkommen überflüssig, immerhin hast du dich mit diesem schändlichen Zeitungsartikel selbst entlarvt, aber bevor ich etwas unternehmen konnte, ist mein Bruder vollkommen aufgelöst und blutüberströmt auf der Arbeit aufgetaucht.« Itachi machte eine Pause, in der er Gaara durchdringend fixierte. »Stellt sich heraus, dass unser lieber Gaara Sasuke bewusstlos geschlagen hat, aus welchem Grund auch immer, aber jetzt, wo ich euch so sehe, vermute ich, dass du – immer wieder du – die Ursache für dieses Problem bist, Sakura.« Die Art, wie er ihren Namen betonte, erinnerte sie an einen Greifvogel, der sich soeben aus dem Himmel auf eine ahnungslose Maus hinab stürzte.

»Es tut mir Leid, Sakura«, warf Ino kleinlaut ein, »wir hätten niemals in dieses Café gehen sollen! Ich wollte wirklich nicht, dass das passiert, das musst du mir glauben! Du hattest gesagt, dass es besser wäre, wenn wir uns von dort festhalten, aber … aber ...«

»Es ist meine Schuld«, schaltete sich eine leise Frauenstimme ein. Hinata drängte sich an den beiden Männern vorbei aus der Küchentür heraus und blieb dabei so dicht an die Wand gepresst, als versuchte sie stattdessen, sich an Ungeziefer vorbei zu manövrieren. Ihr Gesicht war dafür, dass Naruto unmittelbar neben ihr stand, ungewöhnlich blass und ihren Augen fehlte der sonst so helle Schimmer.

»Ihr braucht euch beide nicht zu entschuldigen.« Sakura schaute keine Sekunde von Itachi weg, aus Furcht, er könnte in nur einer einzigen Sekunde Unaufmerksamkeit ihrerseits etwas Dummes tun. Das hier war ihre Angelegenheit und weder Ino, noch Hinata, hatten etwas damit zu tun, auch wenn die kleine, leise Stimme ihres Verstandes ihr anderes zuflüsterte. Dass sie es war, die die beiden sehr wohl mit hinein gezogen hatte. Dass es ihre Schuld war, dass Ino und Hinata beide aussahen, als würden sie in einen grauenvollen Abgrund blicken, aus welchem ihnen eine unkenntliche Bedrohung entgegen starrte. Sie waren beide so blass, dass Sakura unter der Haut die feinen Adern erahnen konnte, durch die das Blut fluchtartig aus ihren Gesichtern wich.

»All das hier ist alleine meine Schuld«, bekräftigte sie, froh darum, dass ihre Stimme wieder etwas fester war. Genug, um selbst sich selbst für einen Moment lang zu täuschen.

»Da sind wir uns ausnahmsweise einig«, pflichtete Itachi bei. Diese Ruhe, die er ausstrahlte, ließ ihn auf Sakura weitaus bedrohlicher wirken, als wenn er einen lautstarken Schreianfall gehabt hätte. »Und ich wäre dir sehr verbunden, wenn du uns zurück zu Sasuke begleiten könntest. Er brennt darauf, dich zu sehen, nachdem Gaara eure Unterredung das letzte Mal so unhöflich unterbrochen hat.«

»Es reicht, Itachi«, grollte Gaara. Er straffte seine Schultern, verschränkte die Arme vor der Brust und obwohl die beiden Männer fast gleich groß waren, genügte Gaaras finsterer Gesichtsausdruck, damit Itachi beschwichtigend die Hände hob. »Sie wird nicht mit euch mitgehen. Nicht, solange ich mich um sie kümmere.«

»Seit wann bist du denn um das Wohlergehen eines anderen Menschen besorgt?«, schnaubte Itachi ungläubig, »Loyalität und Integrität waren dir doch immer so wichtig, Gaara, also wieso gibst du deine für diese Frau her? Hast du nicht mitbekommen, was sie losgetreten hat? Wie blind-«

»Sie war es nicht!«, unterbrach Gaara ihn ungeduldig, »Und für dein kleines Puppentheater haben wir keine Zeit! Richte Sasuke aus, dass ich, wäre es mir möglich gewesen, anders dafür Sorge getragen hätte, dass er keinen dummen Fehler begeht, den er bereuen würde. Aber das war es nicht! Er wollte sie abknallen!«

Sakura zuckte zusammen, obwohl sie die Wahrheit bereits kannte, doch das war nichts im Vergleich dazu, wie Ino und Hinata auf diese Information reagierten.

»Ich hab' mich wohl verhört!«, platzte es aus Ino, die sich bis gerade für sie ungewöhnlich still und besonnen zurück gehalten hatte. Hinata hingegen wurde, wenn überhaupt möglich, noch etwas blasser um die Nase und wich so weit von Naruto zurück, dass sein aufmerksamer, konzentrierter Blick kurz zu ihr herüber flackerte. Sakura glaubte, Bedauern in seinem Gesicht erkennen zu könne, kaum dass er Hinata ansah und eine Weichheit, die ihr fast schmerzlich bewusst machte, dass Sasuke sie einst auch so angesehen hatte.

Itachi hob die Hand und gebot Ino, die schon zu einer Schimpftirade ansetzen wollte, zu schweigen. Wütend schnappte sie nach Luft, dennoch schluckte sie ihr Aufbegehren mühsam hinunter. »Was meinst du damit? Sie ist unschuldig

»Du hast schon richtig gehört. Sie ist unschuldig. Unschuldig, du Idiot! Zu dem Zeitpunkt, als dieser Artikel veröffentlicht wurde, war sie unter meiner Obhut. Und sofern sie nicht zur Telepathie befähigt ist, kann sie es unmöglich gewesen sein.«

Sakura fand, dass „Obhut“ vielleicht nicht das Wort gewesen wäre, welches sie gewählt hätte, dennoch war sie dankbar dafür, dass Gaara – wenn auch zufällig – dafür gesorgt hatte, dass sie zumindest aus der direkten Schusslinie verschwindet.

Itachis überlegene Fassade bröckelte ein wenig, gerade genug, dass Naruto sich neben ihm ein wenig entspannte. »Wieso war sie bei dir?«, fragte Naruto, welcher offenbar leichter zu überzeugen war, als Itachi. Die unterschwellige Feindseligkeit auf seinem Gesicht war einer normalen Neugierde gewichen, die seinem sonst so jugendlichen Auftreten deutlich besser entsprach.

»Weil sie nicht gelogen hat. Sie hat versucht, Sasuke zu überzeugen, dass das, was auch immer sie vorhatte, nicht mehr länger für sie in Betracht kam. Ich habe es gesehen, auf ihrem Gesicht und Sasuke hätte es auch, wenn er vor lauter gekränktem Stolz nicht in blinde Raserei verfallen wäre.« Sakuras Hand wanderte zu seinem Arm. Sanft drückte sie ihn, um ihm stumm zu zeigen, wie viel es ihr bedeutete, dass er, obgleich er im Grunde keinerlei Anlass hatte, für sie eintrat und das wieder und wieder. Obschon sie mit Sasuke deutlich mehr Zeit verbracht hatte, schien Gaara der Einzige zu sein, der die Wahrheit in ihr gesehen und erkannt hatte – vielleicht sogar noch vor ihr selbst.

»Du bist wahrlich der Letzte, von dem ich eine solche arglose Naivität erwartet hätte. Du hast es auf ihrem Gesicht gesehen? Bist du wahnsinnig geworden, Gaara?« Itachi schüttelte nur den Kopf. »Sie wollte Sasuke ans Messer liefern. Von Anfang an. Welchen Unterschied macht es jetzt noch, ob sie in diesem Vorfall unschuldig ist?«

»Könntest du bitte aufhören, so über meinen Kopf hinweg zu reden?«, empörte sich Sakura, »Es ist mir persönlich ganz egal, ob du mir glaubst oder nicht, dafür bin ich nicht hierher gekommen. Ich wollte mich nur bei Ino melden, bevor wir weiterziehen!«

Ino runzelte angespannt die Stirn. Das Ganze behagte ihr offensichtlich nicht. »Was meinst du mit „Weiterziehen“, Sakura?«

»Wir werden diejenige suchen gehen, die diesen Artikel wirklich verfasst hat. Und dafür sorgen, dass sie meinen Namen reinwäscht und dass dieser Artikel wieder verschwindet!«, erklärte Sakura ruhig und die Art, wie Ino zitternd ausatmete, zeigte ihr, wie mitgenommen sie wirklich war.

»Und wer soll das deiner Meinung nach sein, Süße?«

»Karin. Es kann nur sie gewesen sein. Sie hat versucht, mich auf ihre Seite zu ziehen und wahrscheinlich war sie von meinem Schweigen, was auf diese Unterhaltung gefolgt ist, nicht besonders angetan.«

Itachi hob überrascht die Augenbrauen, sein grimmiger Ausdruck löste sich endgültig auf. »Karin? Wie in Sasukes Ex-Verlobte? Was hat die mit der ganzen Sache am Hut? Sie schreibt seit Jahren nicht mehr.«

»Seit fünf Jahren, meinst du?« Sakura lachte freudlos. »Sie hat fünf Jahre nichts geschrieben, das mag wohl stimmen, aber das hat sie nicht davon abgehalten, ihr Projekt im Hintergrund weiter zu führen. Dafür ist sie auf mich zugekommen, hat mich um meine Hilfe gebeten und darum, Sasuke – wie nennst du es so schön? - zu verraten

»Wieso hast du mir davon nichts erzählt?«, wollte Gaara wissen. Zu ihrer Überraschung lag in seiner Stimme keine vorsichtige Drohung, kein Misstrauen, sondern nur ehrlich gemeinte Verwunderung darüber, dass sie ihm nicht alles berichtet hatte, was mit der Sache zu tun hatte.

»Erinnerst du dich, als ich dir die Reifen zerstochen habe?« - Gaaras Gesichtsausdruck verdüsterte sich merklich bei der Bemerkung - »Ich bin für eine Woche in ein Motel abgetaucht, um meine Gedanken zu sortieren. Zu dem Zeitpunkt war ich noch überzeugt davon, dass sie seine derzeitige Verlobte ist. Am Ende dieser Woche bin ich zum Friedhof gefahren, mit der Intention, das Grab meiner Eltern zu besuchen und dort hat sie mir aufgelauert.« Sakura beschloss, die Information über Sakumo, Kakashis Vater, vorerst noch für sich selbst zu behalten. Zwar war es ihr Wunsch, auch Itachi davon zu überzeugen, dass sie ihren Kopf noch eine Weile länger auf ihrem Hals behalten konnte, aber nicht unvorsichtig und zu jedem Preis. »Sie hat mir die Wahrheit … ihre Wahrheit von den Ereignissen vor fünf Jahren erzählt und mich gebeten, ihr Werk zu vollenden. Was ich nicht gemacht habe. Was sie wiederum dazu verleitet hat, es selbst zu tun.«

»Und das in deinem Namen«, schloss Naruto und Sakura war ihm dankbar dafür, dass er sie zu verstehen schien. Itachis Gesicht blieb ausdruckslos und er schien intensiv darüber nachzudenken, was sie ihm gerade erzählt hatte. Sakura konnte nur hoffen, dass es genügte, um ihn davon zu überzeugen, dass sie Sasuke nie schaden wollte. Zumindest nicht mehr, seitdem sie sich in ihn verliebt hatte. Es war seltsam; wochenlang hatte sie diese Entscheidung vor sich her geschoben, war sich nie ganz sicher gewesen, was sie jetzt tun sollte und vielleicht lag es daran, dass man sie in eine ausweglose Situation gebracht hatte, dass sie so überzeugt davon war, dass sie niemals etwas geschrieben hätte, aber für Sakuras Herz war es die Wahrheit – vermutlich schon immer gewesen.

»Heilige Scheiße.« Die Anwesenden blickten Ino verwundert an, die voller Entsetzen gegen die Wand lehnte und sich die zweifelsfrei pochenden Schläfen massierte. »Ich hab' dich dazu überredet«, stellte sie mit brüchiger Stimme fest, »Du wolltest am Anfang schon einen Rückzug machen und ich habe dich bedrängt, weiter zu machen. Ich bin Schuld daran, dass wir hier stehen.« Inos Augen waren vom Schock der Erkenntnis geweitet und so leer, als würde sie, statt auf den Boden unter ihren Füßen, in weite Ferne starren.

»Nichts davon ist deine Schuld, Ino. Ich bin erwachsen. Ich habe die Entscheidung selbst getroffen«, beschwichtigte Sakura sie und zog ihre beste Freundin in die Arme. Wie seltsam, vor Kurzem waren die Rollen noch vertauscht gewesen. Eine Weile lang standen sie so da und der versammelte Rest gewährte Sakura die Zeit, die sie benötigte, um Ino zu beruhigen.

»Ihr wollt also Karin ausfindig machen«, knüpfte Itachi nach einiger Zeit, als Inos fast hysterische Schluchzer zu einem leisen Wimmern verklungen waren, an ihr Gespräch an, »wie gedenkt ihr das anzustellen?«

»Wir fahren zu Orochimaru. Sakura hat erzählt, dass sie an Silvester zusammen bei euch auf dem Anwesen waren. Und dass sie weiß, wo wir ihn finden können«, antwortete Gaara an ihrer Stelle, da sie immer noch damit beschäftigt war, Ino leise Worte ins Ohr zu flüstern und ihr mit den Händen über den Rücken zu streichen.

»Wir sollten Sasuke davon erzählen«, befand Naruto und bekam dafür ein Kopfnicken von Itachi.

»Du hast recht. Wir werden sofort zu ihm fahren. Fürs Erste genügt mir das an Informationen. Den Rest werden wir sehen, wenn Sasuke ebenfalls davon unterrichtet wurde.«

Sakura hob den Kopf und blickte Itachi über Inos Schulter hinweg fast flehentlich an. »Lasst ihn aus der Sache heraus, bitte! Sonst wird alles nur noch schlimmer! Ich bitte dich! Lass' Gaara und mich diesen Fehler korrigieren.«

»Hör' mir gut zu, Sakura: Ich glaube nicht dir. Ich glaube Gaara. Denn auch, wenn er deinetwegen eine gewisse Sentimentalität entwickelt hat, hat er genug gesehen und erlebt, um es besser zu wissen, als ich. Dass er sich für deine Aufrichtigkeit verbürgt wiegt mehr, als deine Erklärung. Zwischen uns herrscht kein Vertrauen mehr, nur ein verdammt brüchiger Frieden. Was daraus entsteht, ist nicht deine Entscheidung, denn die hast du schon vor langer Zeit getroffen und all das hier ist lediglich die Konsequenz derer.« Damit gab er Naruto mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass sie sich auf den Weg machten.

Nachdem Itachi und Naruto die Tür hinter sich geschlossen hatte, hatte Sakura die Gunst der Stunde genutzt, um sich kurz mit Ino und Hinata zu unterhalten. Es diente der Ablenkung, aber nicht nur für sich selbst. Den beiden war es anzusehen, wie betroffen sie waren und als sie sich voneinander verabschiedet hatten, hatte Sakura das Gefühl gehabt, noch lange nicht genug mit ihnen gesprochen zu haben. Doch die Zeit drängte und mit jeder Minute, die sie vergeudeten, wuchs das Risiko, dass Sasuke wirklich nach ihr suchen und sie zwangsläufig finden würde.

Gaara schien Ähnliches zu denken, denn das Tempo, mit welchem er über die menschenleeren, unbefahrenen Straßen fuhr, war nur als verwegen zu beschreiben. Mehr als einmal hörte sie die Reifen bei einer Kurve, die er zu schnell genommen hatte, quietschen, dennoch kamen sie heil – und vor allem zügig – bei Orochimarus Geschäft an. Das Auto hatte Gaara in einer Seitenstraße unweit von dem dubiosen Haus geparkt, geschützt vor den Blicken, die man hinter den mit Brettern zugenagelten Fenstern nach draußen schweifen lassen konnte.

Mit schnellen Schritten stiefelte er vor ihr möglichst durch die tiefen Schatten, die sich von dem Licht der grellen Straßenlaternen kegelförmig abzeichneten. An diesem Abend hatte er schon wieder viel für sie riskiert und nun war er im Begriff, für sie sogar in die Höhle des Löwen – oder eher in die Schlangengrube – zu gehen.

»Gaara, warte!« Sakura war mitten auf der ausgestorbenen Straße stehen geblieben. Ihre Lunge brannte von dem strengen Tempo, welches seine langen Beine vorgegeben hatte, doch das war nicht der Grund dafür, dass sie stehen geblieben war. Sie konnte all die Fragen, die ihr auf der Seele brannten, nicht länger zurück halten.

Der Angesprochene drehte sich langsam zu ihr um, das Licht einer Laterne schien ihm in den Rücken, tauchte seine Gesichtszüge zusammen mit dem trüben Licht des Mondes in düsteres Zwielicht, indem sie keine Gefühlsregung erkennen konnte. »Was ist? Wir haben es eilig, Sakura.«

»Ich weiß, aber … Ich muss mit dir reden. Jetzt.« Nervös verlagerte sie ihr Gewicht von einem Bein auf das andere. Verlegen nestelte sie an den Schnüren ihres Mantels herum, plötzlich mundtot, als wären ihr sämtliche Gedanken bei einer zu raschen Kopfbewegung entfallen. In letzter Zeit hatte sie oft das Gefühl, nicht mehr zu wissen, was sie sagen sollte und das behagte ihr gar nicht.

»Na los, Sakura, spuck's schon aus, die Nacht hält nicht ewig und mit Tagesanbruch verschwinden die Schlangen in ihre Nester und wir wissen genauso wenig, wie jetzt«, drängte er sie, was sie nur noch mehr verunsicherte. Vielleicht war der Moment falsch gewählt, vielleicht sollte sie damit warten, bis sich die Lage etwas beruhigt hatte. Doch Sakura hatte die dumpfe Befürchtung, dass das noch eine ganze Weile lang dauern konnte und vielleicht bekam sie die Chance dann nie wieder.

»Wieso tust du das alles? Für mich, meine ich. Du warst am Anfang mir gegenüber so feindselig und jetzt … wenn du nicht wärst, gäbe es mich wahrscheinlich nicht einmal mehr.« Mit jedem Wort wurde ihre Stimme etwas leiser, etwas brüchiger, bis sie spürte, wie sich schon wieder Tränen in ihre Augenwinkel drängten. Noch immer hatte sie sich nicht an den Gedanken gewöhnt, dass eine einzige Entscheidung im Bruchteil von wenigen Sekunden der Grund dafür war, dass sie noch atmete.

Gaara lachte. Sakura hatte ihn noch nie lachen gehört und das rauchige, fast heisere Geräusch war ihr im ersten Augenblick so fremd, dass sie erschrocken von ihren Füßen hoch blickte. »Das kümmert dich? Meine Güte, hast du gerade keine dringenderen, naheliegenderen Probleme?«

»Naja, doch, schon … aber trotzdem. Es interessiert mich einfach. Ich verdanke dir mein Leben, Gaara, das ist keine einfache Sache, weißt du«, druckste sie und erneut entlockte sie ihm damit etwas, was man mit viel Wohlwollen als ein Lachen hätte bezeichnen können.

Aber dann wandte er sich gänzlich ab, bis sie nur noch seinen Rücken und die flammend roten Haare sehen konnte, die im schwachen Licht wie eine hell leuchtende Fackel wirkten. »Ich war dir gegenüber nie „feindselig“, wie du es so schön nennst. Im Gegenteil: Ich finde dich ganz erträglich. Manchmal braucht es nicht mehr Gründe.«

»Das ist alles?«, hakte sie ungläubig nach, »“Ganz erträglich“?« Sakura wusste nicht, ob sie darüber lachen oder weinen sollte. Es hörte sich einfach zu haarsträubend an, dass er ihr immer wieder geholfen hat, schlicht weil er sie „ganz erträglich“ fand.

»Was willst du noch von mir hören?« Darauf wusste Sakura keine Antwort, aber das schien Gaara nicht zu stören, denn er fuhr fort: »Hör' mal, Sakura, nicht alles im Leben braucht eine eindeutige, unumstößliche Wahrheit, um gültig zu sein. Du hast mir die Reifen zerstochen und damit mehr Schneid bewiesen, als die meisten Ratten, die in unserem Geschäft ihr Geld verdienen. Abgesehen davon hat Sasuke mir aufgetragen, dich zu beschützen und obwohl ich mich nur ungern wiederhole: Ich nehme meine Aufträge sehr ernst.« Sein lockerer Tonfall veränderte sich zu etwas Düsterem und obwohl Sakura nachfragen wollte, traute sie sich nicht, die Worte auszusprechen.

»Er hat auf mich schießen wollen«, erinnerte sie ihn zaghaft. Sakura kam sich dumm vor. Als ob sie versuchte, ihn davon zu überzeugen, es sich doch noch anders zu überlegen und auf sie los zugehen, doch das Bedürfnis nach Antworten überwog ihre Räson in diesem Moment. »Das hätte jeden anderen von seinen Verpflichtungen entbunden. Wieso dich nicht?«

»Teufel, Frau! Du bist vielleicht ziemlich clever, aber im Zuhören bist du richtig scheiße, weißt du das?«, fuhr er sie so scharf an, dass sie zusammen zuckte. Sakura rechnete damit, dass er sie weiter verbal attackierte, doch noch einmal schwang seine Stimmung um und als er weiter sprach, war seine Stimme fast sanft. »Du erinnerst mich an jemanden. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Und jetzt komm' endlich, bevor ich hier gleich festwachse.«

Es war nicht mehr, als eine verschwommene Andeutung, doch es genügte Sakura, um seiner nicht ganz höflich formulierten Bitte nachzukommen und mit eiligen Schritten zu ihm aufzuholen. Sein Blick wurde mörderisch, als sie ihn freundschaftlich in die Seite knuffte, wie sie es sonst nur bei Ino tat und Sakura musste lachen.
 

»Ich will dort nicht hinein.« Nach wenigen Minuten waren sie vor der schäbigen Tür angekommen, an die Sakura sich noch gut erinnern konnte. Die Tür, hinter der sie letztes Mal Orochimaru getroffen hatte, zusammen mit Sasuke. Gaara blieb an Ort und Stelle stehen, als hätte er doch noch Wurzeln in den Asphalt geschlagen. Zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, sah sie so etwas wie Unbehagen auf seinen sonst stoischen, oftmals grimmigen Gesichtszügen. Er sah jünger aus, in dem Licht der billigen Leuchte, die über dem zugenagelten Fenster flimmerte

»Es ist ein wenig zu spät für kalte Füße, Gaara«, bemerkte Sakura trocken, »Außerdem warst du doch gerade derjenige, der mich zur Eile gedrängt hat.« Sie griff mit beiden Händen nach ihm, doch ihr Versuch, sich bei ihm unterzuhaken und ihn notfalls hinter sich her zu ziehen, gestaltete sich als überaus beschwerlich. »Was ist denn auf einmal in dich gefahren?« Sakura ließ von ihm ab, die Stirn gerunzelt, während sie sich hastig umblickte. Sie wollte niemandes Aufmerksamkeit vor diesem dubiosen, verwahrlosten Haus auf sich ziehen und je länger sie dort stehen blieben und nichts taten, desto auffälliger wurden sie für die wenigen Leute, die sich in jener Nacht noch auf die Straße trauten.

»Es ist zu eng.« Gaara nickte in Richtung Tür und vergrub die Hände noch tiefer in den Taschen. Auf den ersten Blick sah er genauso gelangweilt aus, wie immer, aber Sakura erkannte einen winzigen Unterschied in seinem Gebaren. Irgendetwas schien ihn zu stören, so sehr, dass er sich weigerte, weiter zu gehen.

Sakura legte den Kopf schief, weil sie nicht verstand, was er ihr damit überhaupt sagen wollte. »Was meinst du damit?«

»Dieser Ort ... Ich erinnere mich nicht an ihn. Kenne ihn nicht. Und es ist zu eng, zu wenig Platz. Wenn wir dort hinein gehen, kann ich nicht mehr länger für deine Sicherheit garantieren.«

Einen Moment lang blickten sie einander stumm an. Sakuras Herz pochte wild vor Aufregung, vor dem, was jenseits der Tür auf sie warten mochte und obwohl sie Gaaras seltsame Loyalität seinem Schwur Sasukes gegenüber rührte, so konnten sie keine Zeit mehr daran verschwenden, sich um etwaige, auf sie lauernde Probleme zu sorgen. Gewiss, es war naiv, vielleicht sogar dumm, aber Sakura konnte es nicht länger hinnehmen, nichts zu tun.

»Wir haben keine Wahl, wie du dich vielleicht erinnerst. Du hast es doch selbst gehört: Sasuke ist nicht auf das Schiff gestiegen und nach Europa gefahren. Er ist hier. Und er wird nicht ruhen, ehe er mich gefunden hat. Und wenn ich Karin bis dahin nicht aufgetrieben und diese Angelegenheit geklärt habe, wirst auch du mich nicht für immer vor seinem Zorn schützen können, Gaara!«

Damit schien sie das Richtige gesagt zu haben, denn er verfiel in fast trotziges Schweigen.

»Gut, dann wollen wir mal!« Sakura atmete tief ein und auch, wenn das kaum half, ihr rasendes Herz zu beruhigen, verschaffte es ihr genug Mut, um die Hand zu heben und das Klopfzeichen von jener Nacht zu wiederholen.
 


 

Itachi war ohne Naruto zu ihm zurück gekehrt und auf seine Nachfrage hatte er ihm erklärt, dass er bei Neji hatte vorbei schauen wollen, um über seine Cousine zu reden – aus welchem Grund auch immer. Das war aber auch nicht das, was ihn wirklich brennend interessierte, sondern Sakuras weiterhin unbekannter Aufenthalt. Auch Gaara hatte er seit dem Vorfall an den Docks nicht mehr gesehen. Gerade von ihm hatte er mehr erwartet, doch er hatte sich auf die Seite dieser Verräterin geschlagen und Sasuke wusste nicht einmal, wieso. Menschliche Empfindungen waren Gaara so fremd, wie ihm das Konzept, eine Nacht lang durchzuschlafen.

Itachi ließ sich unfassbar viel Zeit damit, auf banalen Details zu beharren und sie in aller Ruhe durchzukauen und der Verdacht, dass er mehr über sie wusste, als er durchleuchten ließ, erhärtete sich mit jeder Minute, die er mit sinnlosem Geplauder verschwendete.

»Raus mit der Sprache, Itachi. Was weißt du?«, unterbrach er ihn, als es ihm zu blöd wurde, sich von seinem Bruder vorführen zu lassen. Er hatte Kopfschmerzen, die Müdigkeit zerfraß ihn langsam von innen heraus und die Wut, die er noch immer in sich spürte, war mittlerweile fast sein einziger Antrieb.

Itachi aber seufzte nur und schüttelte den Kopf – doch das war ihm Antwort genug.

»Sie war also auch da, nicht wahr?«, stellte er wütend fest, »und du bist nicht auf die Idee gekommen, sie mitzubringen?«

»Sasuke, sie war es nicht«, antwortete Itachi ausweichend, bevor er sich immer weiter in Rage redete. Von seinem geschwollenen Auge war nichts mehr übrig, außer einem blauen Fleck, der an den Rändern bereits verblasste. Ein untrügliches Zeichen dafür, wie viel Zeit seit dem Vorfall am Hafen vergangen war und noch immer brannte der Zorn in Sasukes Brust weißglühend.

»Nicht du auch noch!«, knurrte er erbost, das Glas Whiskey in seiner Hand zitterte so stark, dass das Eis darin leise klirrte, »Erst Gaara, jetzt du. Was ist diese Frau, dass sie euch allen den Kopf verhext!«

»Ich weiß nicht, was sie dir am Hafen über ihre Motive erzählt hat, aber sie ist zumindest in diesem Fall unschuldig. Sie war seit den Ereignissen bei Gaara und wir beide wissen, was das für sie bedeutet. Keine Möglichkeit, irgendeinen Unsinn anzustellen. Egal, welchen Unsinn, Sasuke.«

Es war ihm gleichgültig, was Itachi ihm erzählte. Oder was Gaara versucht hatte, in ihn hinein zu prügeln. Sakura hatte ihn verraten, so oder so, da war es auch nicht mehr wichtig, ob es nur einmal war oder öfter. »Das ändert rein gar nichts daran, dass sie sich nur an mich heran gemacht hat, um meinen Untergang einzuleiten. Dass den ersten Stein jemand anderes in ihrem Namen geworfen hat, macht keinen Unterschied mehr für mich.«

»Sie ist zusammen mit ihm unterwegs. Um den Dreck und den Staub, der aufgewirbelt worden ist, zu beseitigen«, fuhr Itachi ungerührt fort und zum ersten Mal horchte Sasuke auf, wenn auch gegen seinen Willen.

»Was meinst du damit? Mit wem ist sie unterwegs? Und was hat sie vor?«

»Mit wem wohl? Sie ist mit Gaara aufgebrochen, um zu Orochimaru zu gehen.«

»Bitte?« Sasuke blinzelte perplex, die rapide, unkontrollierte Bewegung erweckte einen längst vergangen geglaubten Schmerz von Neuem.

»Du hast mich richtig verstanden. Sie sind auf dem Weg zu Orochimaru. So wie ich das sehe, vermutlich, um Karin ausfindig zu machen. Sie hat ihn an Silvester auf die Feier unserer Mutter begleitet und deshalb ist Sakura nun wohl dem Glauben anheim gefallen, es wäre eine kluge Idee, sich diesem Kerl auf weniger als fünf Meter zu nähern.«

Sasuke fing an zu lachen, der Laut klang jedoch verzerrt, fast mechanisch, als käme er aus einem falsch eingestellten Radio. »So dumm ist sie nicht. Sie hat ihn kennen gelernt. Sie würde niemals freiwillig noch einmal zu Orochimaru fahren.«

»Sie klang vorhin recht überzeugt von der Idee«, gab Itachi achselzuckend zurück, »und wenn ich eines mit Sicherheit über diese Frau sagen kann, dann dass sie sturer ist als ein alter Esel.«

»Nun. Soll mir einerlei sein. Dann muss ich mich zumindest um dieses Problem nicht mehr selbst kümmern.« Sein Tonfall war kalt, kalkuliert und dennoch beschlich ihn das Gefühl, dass Itachi durch sein Schauspiel hindurch sehen konnte, als wäre alles, was ihn von der Wahrheit dahinter trennte, ein fadenscheiniger, durchsichtiger Vorhang.

»Ich finde, wir sollten so schnell wie möglich losfahren. Dann können wir eine Katastrophe vielleicht noch verhindern, Sasuke«, schlug er vor. Natürlich. Itachi war von Sasukes Standpunkt überzeugt gewesen und nun hatte Sakura ihm offensichtlich die gleichen Dinge ins Ohr geflüstert, die schon Gaara davon überzeugt haben, auf ihre Seite zu wechseln.

»Es ist mir, ehrlich gesagt, egal, was Orochimaru mit ihr anstellt. Meinetwegen wirft er sie in den Hudson. Ich habe aktuell wichtigere Dinge, um die ich mich kümmern muss. Dinge, die ich nicht regeln müsste, wenn es sie nicht gäbe«, schloss er missmutig. Itachi antwortete ihm nicht sofort, sondern beobachtete ihn dabei, wie er sich neuen Whiskey nach füllte. Der Alkohol brannte sich durch ihn hindurch, schenkte ihm ein kurzes Gefühl der Euphorie, ehe die altbekannte Abgestumpftheit wieder die Oberhand gewann und ihn dazu zwang, sich hinzusetzen.

»Lüg' nicht, kleiner Bruder.« Beinahe sanft unterbrach Itachi irgendwann das Schweigen. Sasuke wollte nicht hören, was er noch zu sagen hatte, aber Itachi konnte einfach nicht den Mund halten. »Versuche es nicht einmal. Ich kenne dich besser als irgendwer sonst und ich weiß, wann du versuchst, mir einen Bären aufzubinden. Du liebst sie. Immer noch.«

Sasuke schnaubte abfällig, hörte aber selbst, dass es allerhöchstens halbherzig klang. »Das mag für gewöhnlich zutreffen, aber in diesem Fall irrst du, Itachi.«

»Tue ich nicht«, beharrte er auf seinen Standpunkt.

»Was bringt dich dazu, solche lächerlichen Dinge zu denken?«, verlangte Sasuke zu wissen, obwohl er nicht einmal wusste, ob er die Antwort darauf überhaupt hören mochte. Der Whiskey schmeckte bitterer als sonst.

»Du redest immer von „ihr“ und über „sie“, aber du schaffst es nicht einmal, ihren Namen in den Mund zu nehmen. Und willst du wissen, wieso? Weil ihre Lügen dich verletzt haben. Und das konnte sie nur, weil sie dir wichtig genug war, um im Eifer des Gefechts fast einen unüberlegten, kaltblütigen Mord zu begehen. Und jetzt lass' uns gehen. Wenn Orochimaru sie in die Finger kriegt, wird alles, was wir bis jetzt erlebt haben, dagegen aussehen wie ein billiges Schmierentheater.«

Sasuke wollte etwas erwidern, doch jeder Gedanke schmeckte fahl wie Asche auf seiner Zunge, bis sie so schwer wurde unter all den unausgesprochenen Worten, dass er Angst hatte, er könnte sich an ihr verschlucken.
 


 

Sakura kramte in ihren Erinnerungen, durchlebte den Moment noch einmal, als sie mit Sasuke genau hier gestanden hatte. Sie war sich sicher, sich richtig zu erinnern, das richtige Zeichen geklopft zu haben. Also klopfte sie noch einmal, dieses Mal aber mit mehr Nachdruck. Das Schweigen und die Stille der Nacht, die darauf folgten, wog bleiern schwer und mit jeder verstrichenen Sekunde wurde sie unruhiger.

»Ernüchternd«, bemerkte Gaara trocken, wofür sie ihm einen kühlen Blick schenkte, der jedoch keinerlei Wirkung auf ihn zu haben schien. Im Gegenteil, sein überhebliches Grinsen wurde noch ein wenig derber.

»Erinnere mich daran, dass ich dir, wenn das hier alles erst einmal überstanden ist, ordentlich die Leviten lesen werde!«

»Ich kann es kaum erwarten.« Sein Grinsen erstarb, doch der offenkundig übertrieben ernste Ausdruck auf seinem Gesicht machte die Sache nicht besser. Zwar hatte er Erfolg damit, ihre Anspannung etwas abzumildern, doch Sakura hätte sich darüber gefreut, wenn er einen anderen Ansatz gewählt hätte, als sich über sie lustig zu machen.

Bevor sie ihm aber eine passende Antwort geben konnte, öffnete die Eingangstür sich mit einem lauten Knarzen, dass über die leeren Straßen hinweg echote, bis es sich in den dunklen Seitengassen verlor und nichts über blieb, als eine erneute, vernichtende Stille. So still, dass Sakura es gehört hätte, hätte eine Straßenkatze sich einige Meter entfernt das Fell geputzt.

»Was wollt ihr?«, kam es mit unfreundlicher Stimme von jenseits der Tür, die nur einen winzigen Spalt geöffnet worden war, gerade genug, damit man die Worte, die man sprach, auch verstehen konnte.

Sakura trat etwas näher, immerhin wollte sie nicht, dass das, was sie zu sagen im Begriff war, ebenfalls über die Straße hinweg zu hören war. »Wir wollen mit Orochimaru sprechen«, flüsterte sie leise, aber eindringlich und schon im nächsten Augenblick wäre die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss gefallen, hätte Gaara nicht geistesgegenwärtig seinen Arm über ihre Schulter hinweg gegen das Holz gestemmt. Tatsächlich schien die Tür der einzige Teil des Hauses zu sein, den man in regelmäßigen Abständen gewartet hatte, um unwillkommene Gesellschaft effektiv ausgesperrt zu behalten.

»Die Lady hat dich nett um etwas gebeten«, zischte er ebenso leise, wie Sakura, doch sein Tonfall machte überdeutlich klar, dass er weit weniger nachgiebig war, als sie.

»Orochimaru hat mit euch nichts zu tun«, kam es von der anderen Seite, »also verschwindet, bevor wir euch Beine machen.« Wir. Sakura schauderte bei der Vorstellung, dass gleich mehrere von seiner Sorte über die Türschwelle traten, um sie notfalls mit Gewalt davon zu scheuchen. Sie erinnerte sich dunkel an den riesenhaften Bären, der in dem Hausflur dafür Sorge trug, dass nur die richtigen Leute eintraten.

»Dann sag' ihm, dass Sakura Haruno mit ihm sprechen möchte. Ich bin mir sicher, dass er seine Meinung ändern wird«, bat sie mit fester Stimme, obwohl die Sorge in ihr, das Falsche zu tun, immer größer wurde.

Darauf folgte eine Weile keine Antwort und Sakura hatte schon die Befürchtung, dass der Türsteher auf seinem Standpunkt beharren würde, doch dann schwang die Tür weiter auf. »Na schön. Ihr wartet hier. Ich werde ihn fragen gehen. Wehe, ihr macht irgendwelche Faxen, während ich weg bin.« Damit ließ er die Fingergelenke seiner massiven Hände bedrohlich knacksen und schlurfte in den trüb beleuchteten Flur davon und ließ nichts zurück, als eine Vorahnung dessen, wozu er fähig war.

»Charmanter Zeitgenosse. Ein Freund von dir?«

»Dein Sarkasmus ist gerade höchst unangebracht, Gaara«, murrte sie übellaunig, »konzentrier' dich lieber darauf, dass wir es hier heil wieder heraus schaffen.«

»Na wunderbar. Du brockst uns diesen Ärger ein und ich soll' es ausbaden.«

»Nur im Notfall, Gaara. Vertrau' mir einfach, ich habe alles unter Kontrolle«, entgegnete sie scharf. Sakura meinte, aus Gaaras Gemurmel etwas wie „Sicher doch“ heraus zu hören, doch für diesen Moment beschloss sie, es damit auf sich beruhen zu lassen. Hier auf feindlich gesinntem Territorium einen Streit mit ihm anzuzetteln wäre wohl gewiss keine allzu kluge Idee gewesen, auch wenn es ihr wirklich schwer fiel, ihm keine schnippische Antwort zu geben.

Der Oger ließ sie ungebührlich lange warten und Sakura war sich sicher, dass dies auf Orochimarus explizite Anweisung hin geschah. Er wollte sie zappeln lassen, ganz sicher. Ähnlich sehen würde es ihm zumindest. Irgendwann kam er aber dann doch zurück und Sakura erlebte ein Déjà-vu, als er ihnen stumm bedeutete, ihm zu folgen.

Das Etablissement schien in dieser Nacht aus allen Nähten zu bersten, ein ausgeprägter Kontrast zu den leeren Straßen. Die unterschiedlichsten Menschen waren hier zusammen gekommen, einige davon in düstere Konversationen vertieft, andere tranken und lachten so ausgelassen, als wäre alles, was jenseits dieser vier Wände geschah, nicht ihr Problem. An der langen, schmalen Bar war kein einziger Hocker mehr frei und auch die Tische waren voll besetzt mit Menschen, die hier vergaßen, was draußen gerade vor sich ging – oder vor sich gegangen war.

Sakura spürte, wie Gaara sich neben ihr versteifte, sein überheblicher Spott hatte sich verflüchtigt und sein Blick schweifte berechnend über die Köpfe der anderen Anwesenden hinweg. Sie verstand jetzt, wieso er gezögert hatte, das hier wirklich zu tun. Es war brechend voll und obgleich sie ihm mittlerweile fast blind vertraute, wusste sie, dass er Schwierigkeiten haben würde, sie hier sicher heraus zu bringen, wenn jemand hier beschließen würde, dies zu vereiteln.

Der zerschlissene Vorhang, vor dem sie zum Stehen kamen, weckte in Sakura einige Erinnerungen. Gelbe Augen geisterten durch ihren Kopf; eine samtweiche, tiefe Stimme, die wie die lockenden Gesänge einer Sirene versuchte, sie zu sich zu locken, nur um aus nächster Nähe das Maul aufzuschnappen und ihr den Kopf abzubeißen.

»Wenn ihr euch nicht benehmen könnt, werde ich euch einige Manieren einbringen«, warnte der Türsteher sie, ehe er sich mit einer knappen Verbeugung in Orochimarus Richtung von dannen machte.

Orochimaru sah genauso aus, wie das letzte Mal und das schmierige Lächeln, welches an seinen Lippen zupfte, bescherte ihr eine grausige Gänsehaut. Am Liebsten wäre sie auf der Stelle umgekehrt und so schnell aus dem Lokal gerannt, wie ihre Beine sie trugen, dennoch ballte sie die Fäuste und zwang sich dazu, sein Lächeln souverän zu erwidern.

»Guten Abend, Orochimaru.« Sie nickte ihm knapp zu, mehr Zugeständnisse konnte sie nicht machen und selbst das fiel ihr schon unbeschreiblich schwer. Gaara stand reglos, wie zur Salzsäule erstarrt, neben ihr und nur die sachte Bewegung seines Oberarms an ihrem zeigte, dass er nicht zu atmen aufgehört hatte.

»Welch liebreizende Überraschung« - Er deutete mit der Hand, die kein Glas hielt, auf die freien Plätze neben ihm - »ich habe heute Abend mit wahrlich vielem gerechnet, aber gewiss nicht damit, dass Sasukes Lieblingsspielzeug sich in meine Gefilde verirrt. Was verschafft mir denn diese ausgesprochen große Freude?«

Sakura folgte seinem Wink und ließ sich langsam auf das weiche Leder der Bank sinken. Gaara allerdings blieb stehen, wie ein Turm überragte er die beiden nun und betrachtete das Schauspiel mit genau so viel Distanz, wie vonnöten war, um Sakura im Falle eines Falles schnell genug mit sich zu ziehen.

»Ich habe eigentlich nur eine Frage an Sie.« Sakura setzte sich aufrechter hin, auch wenn sie sich am Liebsten vor dem Mann ihr gegenüber weggeduckt hätte. »Es betrifft eine Ihrer Bekannten. Genauer gesagt geht es um die Dame, die Sie an Silvester auf dem Anwesen der Uchihas begleitet hat.«

Die abgehobene Arroganz verschwand zusammen mit dem lauernden Lächeln von seinem Gesicht und wich etwas, was wie halbwegs aufrichtige Überraschung wirkte. »Karin? Was haben Sie mit ihr zu schaffen?« Orochimaru schwenkte das Glas in seinen Händen, das Eis darin war schon vor einiger Zeit geschmolzen, und hob es an, um einen Schluck von der bernsteinfarbenen Flüssigkeit zu nehmen. Sein Gesicht verzog keine Miene, seine Augen lagen die ganze Zeit über auf ihr und das Gefühl, Beute für ein außerordentlich gerissenes Raubtier zu sein, verstärkte sich immer mehr.

»Sie hat in meinem Namen einige Dinge getan, die ich gern bereinigt sehen würde«, gab sie zurück, die Worte vorsichtig gewählt, um nicht zu viel zu verraten. Zwar hatte der Artikel in der Times gestanden und die Chance, dass ein Mann wie er nichts davon mitbekommen hatte, war lächerlich gering, dennoch wollte Sakura ihre Karten so lange wie möglich so nah wie möglich bei sich behalten.

»Ich verstehe.« Noch ein Schluck, noch ein langer, gedehnter Blick. Sakuras Puls beschleunigte sich und das Gefühl, sich übergeben zu müssen, überwältigte sie beinahe. Sie konnte die Galle förmlich auf ihrer Zunge schmecken. »Nun, Karin neigt dazu … die Dinge auf ihre eigene Art anzugehen. Oftmals ist es ihr egal, wer oder was ihr dabei im Weg steht. Dass es Sie getroffen hat, betrübt mich zutiefst, wirklich, aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht die Auskunft geben, die Sie gewiss von mir erfragen möchten.«

Sakura schluckte. »Sie wissen nicht, wo sie sich derzeit aufhält? Nicht, wo sie wohnt? Gar nichts? Ist es das, was Sie behaupten?« Sie konnte die Empörung ob seiner offensichtlichen Lüge nur schwer unterdrücken und sein teuflisches Lächeln verriet ihr, dass sie mit ihrer Vermutung recht hatte.

»Sie missverstehen mich, werte Lady. Ich kann Ihnen die Auskunft geben. Ich werde es nur nicht tun. Es gibt für mich keinen Grund, eine loyale Frau, wie Karin sie ist, für Sasukes netten Zeitvertreib zu verraten«, säuselte er leise. Das Glas in seiner Hand war leer, dennoch hielt er es in festem Griff umklammert.

»Was wollen Sie für die Information?«

»Sakura!« Zum ersten Mal eine Regung von Gaara. In seinem Gesicht sah sie die Warnung und es adelte ihn, dass er lieber ohne Hinweise verschwand, als zu riskieren, dass sie einen Handel mit diesem Mann abschloss, doch Sakura rannte die Zeit davon. Sasuke war noch in der Stadt und es war nur eine Frage der Zeit, bis er sie gefunden hatte. Und so, wie die Dinge gerade standen, war ein Aufeinandertreffen mit ihm keine besonders erbauliche Aussicht für sie. Mit einem Kopfschütteln bedeutete sie ihm, sich nicht einzumischen, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder Orochimaru zuwandte, der sie mit seinen Schlangenaugen fixierte, wie eine Maus, die sich freiwillig selbst in eben jene Ecke gedrängt hatte, vor der er lauerte.

»Ich will Sie.«

Feuer und Blut

Das Chaos, welches binnen weniger Sekunden in dem Etablissement ausgebrochen war, war so laut und turbulent, dass Sakura kaum begriff, wie sie von Orochimarus Tisch weggezogen wurde. Gaara hatte aus seiner ausgebeulten Jacke eine Waffe gezogen, in die Luft gehalten und drei Schüsse abgefeuert, deren lautes Knallen noch immer in ihren Ohren nach hallte. Die Stille, die darauf gefolgt war, dauerte fast absurd lange und Sakura hatte das Gefühl, Silvester noch einmal zu durchleben – nur, dass sie dieses Mal direkt neben dem Mann stand, der die Waffe benutzt hatte.

Und dann war die Hölle unter ihren Füßen aufgebrochen und hatte sämtliche Anwesenden in einen Zustand blinder, panischer Anarchie versetzt. Stühle wurden nicht zur Seite gerückt, sondern getreten; Menschen stürmten blindäugig, wie geköpfte Hühner, ineinander und übereinander und inmitten des Trubels war da Gaara – ihr einziger Anker in der Realität.

Mit festem Griff hielt er ihren Unterarm fest und zog sie gnadenlos mit sich, die Waffe noch immer in der freien Hand und Sakura war sich sicher: Sollte er sich dazu gedrängt fühlen, würde er sie noch einmal benutzen, notfalls auch auf einen Menschen gerichtet. Sie wusste nicht, ob sie dieser Umstand beruhigen oder noch mehr verängstigen sollte, doch immerhin hatte es den Effekt, dass sich ihm keiner in den Weg stellte – nicht einmal der Türsteher, den sie auf dem Weg nach draußen nirgendwo entdecken konnte.

»Gaara, warte!«, hörte sie sich selbst rufen, wie durch Wasser hindurch. Das würde zumindest auch erklären, wieso sie sich fühlte, als würde sie jeden Augenblick ertrinken.

Doch Gaara hielt nicht an. Nicht, bis sie das Haus verlassen und einige Meter Abstand dazu gewonnen hatten. Als er sie endlich los ließ, konnte Sakura den Lärm hinter sich nicht mehr hören und sie realisierte, dass sie in der Nähe der Seitenstraße waren, auf der Gaaras Wagen parkte.

»Was zur Hölle sollte das, Sakura!«, schrie er aufgebracht. Es war keine Frage, nur unverhohlene Wut ob ihrer sorglosen Naivität. »Ich wusste, das ist eine beschissene Idee. Diesem Kerl ist nicht zu trauen und du kannst froh sein, dass ich meine Waffe mitgenommen habe! Was meinst du, wäre passiert, wenn ich sie nicht gehabt hätte? Was glaubst du, hätte er mit dir gemacht?« Er packte sie an den Schultern und schüttelte sie so heftig, dass ihre Sicht auf die leere Stadt verschwamm und ihre Beine zu zittern begannen. Als er sie wieder losließ, schwankte sie so stark, als hätte sie ein zu volles Glas Whiskey getrunken.

»Wieso hast du überhaupt eine Waffe?«, fragte sie mit butterweicher Stimme, die Hände auf die Knie gestemmt, um sich etwas mehr Halt zu geben. Ihr Magen rebellierte und zum ersten Mal war sie froh, dass Gaara ihr die letzten Tage nur diesen ekelhaften Brei serviert hatte, welchen sie nie ganz hatte herunter würgen können.

Gaara schnaubte wütend. »Das sollte das geringste deiner Probleme sein, Sakura!«

»Ich weiß!«, zischte sie zurück. Allmählich wurde ihr das alles zu bunt. Seit Wochen stolperte sie von einer gefährlichen Situation in die nächste, dabei war sie einmal sogar fast gestorben und obwohl Gaara mit jedem Wort recht hatte – sie wollte es nicht hören. »Ich weiß es, verdammt nochmal, aber was erwartest du von mir? Ich habe keine Ahnung, wie man mit so etwas umgeht.« Sie richtete sich auf, die Arme ausgebreitet und ein trostloses, sarkastisches Lachen entfloh ihren Lippen, laut und ungehemmt und es interessierte sie nicht im Geringsten, ob jemand in der Nähe lauschen konnte. »Ich habe keine Ahnung, wie man das Problem löst, dass der Mann, den man zu lieben glaubt, einen umbringen wollte. Ich habe keine Ahnung, wie man andere Leute dazu bekommt, dass zu tun, was man von ihnen will. Und ich habe keine Ahnung davon, wie man mit Menschen wie Orochimaru umgeht, weil es Menschen wie Orochimaru in meiner Welt nun einmal nicht gibt

Gaara erwiderte nichts darauf, starrte sie einfach nur an, die Waffe baumelte noch immer in seiner Hand. Sakura wäre es wirklich lieber, er würde sie wieder weg packen, allerdings war das wohl erst eine gute Idee, wenn sie diesen Stadtteil wieder hinter sich ließen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Orochimarus Leute nach ihnen suchen würden und Sakura würde es bevorzugen, wenn sie bis dahin möglichst viel Distanz überwunden hätten.

»Wir sollten zurück fahren«, schlug sie deshalb vor und Gaara nickte nur beipflichtend. Es irritierte sie, wie schnell er aufgegeben hatte, ihr den Kopf zu waschen und das Schweigen, dass er sie nun strafte, wirkte auf sie, als hätte er es aufgegeben, sie vor ihren eigenen, dummen Entscheidungen zu bewahren.

»Es tut mir Leid, Gaara.« Die beiden waren vor seinem Wagen stehen geblieben und Gaara war bereits im Begriff gewesen, einzusteigen. Nun schaute er sie stattdessen über das Auto hinweg wieder mit dieser ausdruckslosen Miene an, fast so, als hätte er gar nicht gehört, was sie gerade gesagt hatte. »Ich weiß, dass ich dich immer wieder in Situationen bringe, in denen du schlechte Entscheidungen treffen musst. Es war nicht fair, dich dafür anzuschreien.«

»Vielleicht ist dir das eine Lehre, das nächste Mal auf mich zu hören.«

Hoffentlich gibt es kein „nächstes Mal“, dachte sie bei sich. Sie war mehr als bereit dafür, dass ihr Leben wieder von so etwas wie Normalität geprägt war. Der dauerhafte Stress, die Angst, die Wut – all das tat ihr nicht gut, im Gegenteil. Mit einem Mal fühlte sie sich furchtbar müde und das Verlangen, sich einfach in ihr Bett zu legen und unter ihrem Deckenberg zu begraben, wurde übermächtig.

Doch aus der Ferne drang plötzlich das unverkennbare Geräusch von Reifen, die quietschend über den Asphalt schlitterten, an ihre Ohren. Immer schneller wurde es lauter und Gaara bedeutete ihr mit hektischen Gesten, einzusteigen.

»Wer ist das? Seit Stunden haben wir kein Auto mehr auf der Straße gesehen, schon gar keines, was mit solchem Tempo fährt.« Sakura schnallte sich an und klammerte sich mit verzweifelter Hilflosigkeit an den Gurt.

»Wer auch immer es ist, er hat nichts Gutes im Sinn. Festhalten!«, befahl er ihr, ehe er den Wagen so schnell wendete, dass Sakura in ihrem Sitz hin und her geschleudert wurde und das trotz Sicherheitsgurt. Sie war überzeugt davon, dass sie am Ende dieser Nacht ein Schleudertrauma haben würde, doch fürs Erste begnügte sie sich damit, darauf zu hoffen, dass Gaara abschütteln konnte, wer auch immer gerade in einem ausschweifenden Bogen um die Ecke gerast kam. Im Rückspiegel konnte sie nicht viel erkennen, dafür nahm Gaara viel zu viele Kurven, doch wer auch immer hinter ihnen her fuhr, hatte definitiv die Absicht, sie einzuholen.

»Kannst du den Wagen erkennen, Sakura?«, fragte Gaara mit angespanntem Tonfall in der Stimme. Sie sah, wie seine Augen immer wieder zum Rückspiegel huschten, doch in dem Tempo, in dem er nun über die leeren Straßen bretterte, konnte er seine Aufmerksamkeit nicht lange genug abwenden.

»Nein … Denkst du, das ist jemand von Orochimaru?« Ihre Finger klammerten sich noch fester an den Gurt, der ihr mittlerweile fast schmerzhaft eng saß.

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir sie loswerden müssen.« Sakura bewunderte ihn dafür, wie ruhig und relativ gelassen er blieb und beschloss, ihm ein weiteres Mal zu vertrauen. Viel mehr Möglichkeiten blieben ihr ohnehin nicht. Und obwohl sie ihren Frieden damit geschlossen hatte, ihr Leben schon wieder in Gaaras Hände zu legen, wuchs ihre innere Anspannung sekündlich. Der dunkle Wagen hinter ihnen kam immer näher und es war evident, dass er sie irgendwann einholen würde, wenn Gaara sich nicht schnell etwas überlegte. Scheinbar schien der Rothaarige zu einem ähnlich Schluss gekommen zu sein, denn statt auf der Hauptstraße zu bleiben, nahm er eine weitere scharfe Kurve in eine Gasse, die viel zu schmal wirkte für ihr Auto.

Sakura entfloh ein Schrei, als Gaara durch einige Mülltonnen fuhr, die scheppernd zur Seite geschleudert wurden und gegen die Hauswände flogen. Im Rückspiegel sah sie Müllfetzen durch die Luft wirbeln, der Wagen aber folgte ihnen nicht in die Gasse, sondern donnerte die Straße geradeaus weiter.

»Gaara?«, keuchte sie panisch, »Was passiert, wenn du in eine Sackgasse fährst?«

»Das wird nicht passieren«, entgegnete er kurz angebunden, während er, statt zurück auf die Parallelstraße zu fahren, in die nächste Verzweigung der Gassen abbog. »Ich kenne New York in und auswendig. Jede einzelne Straße. Jede einzelne Gasse. Ich bin in ihnen groß geworden.«

Die Ernsthaftigkeit und Überzeugung, die seinen Worten mitschwang, beruhigte Sakuras Nerven gerade genug, um nicht zu hyperventilieren, dennoch hatte sie bei jeder Kurve das sinkende Gefühl in der Magengrube, gleich mit voller Geschwindigkeit gegen eine Wand zu fahren. Ihr Herz raste vor Adrenalin, so schnell, dass sie erleichtert nach Luft schnappte, als sie endlich zurück auf die richtige Straße fuhren. Um sie herum war es wieder gespenstisch leer, sodass Gaara langsam das Tempo drosselte, um ihre Lautstärke zu vermindern. Angespannt kurbelte Sakura das Fenster ein wenig herunter, um in die Nacht zu lauschen, doch da war nichts. Keine quietschende Reifen, kein röhrender Motor - gar nichts.

»Und?« Gaara warf ihr einen flüchtigen Blick zu, als sie an einer roten Ampel hielten.

Sakura zuckte nur mit den Achseln. »Nichts. Als wäre das andere Auto nie da gewesen.«

»Das ist nicht gut«, stellte er nüchtern fest, »gar nicht gut.«

»Wieso sagst du so etwas, Gaara?« Ihr Nervenkleid war bereits so dünn, dass sie fürchten musste, es könnte jeden Moment endgültig reißen und sein unverhohlener Pessimismus trug maßgeblich dazu bei.

»Weil wir den Wagen noch hören müssten, zumindest leise. Wir sind innerhalb von zwei Blocks geblieben und da ich nicht davon ausgehe, dass sie die Verfolgung einfach aufgegeben hat, müsste er hier noch irgendwo in der Nähe sein. Eigentlich.«

»Und uneigentlich?«

»Das werden wir gleich heraus finden, Sakura.« Gaara umklammerte das Lenkrad so fest, dass sie im roten Licht der Ampel seine Knöchel deutlich hervortreten sehen konnte. Nach außen gab er sich gefasst, aber vermutlich war er genauso hochkonzentriert, wie sie.

Die Ampel schaltete um auf grün und Gaara fuhr los, so langsam, dass es Sakura fast so vor kam, als blieben sie auf der Stelle stehen, wären da nicht die Häuserfassaden, die an ihrem Fenster vorbei flogen.

»Wohin fahren wir jetzt?«, fragte sie nach einer Weile in die Stille hinein. Die letzten Minuten waren zäh verstrichen, wie Honig, der langsam von einem Löffel träufelte, doch je länger es ruhig blieb, desto entspannter drückte Sakura sich zurück in den weichen Sitz.

»Zu dir können wir auf jeden Fall nicht«, stellte er fest, »du hast es heute Nacht geschafft, die Zielscheibe von einer weiteren Person zu werden.« Gaara entfloh ein humorloses Lachen und er schüttelte den Kopf. Offensichtlich begann er, sich selbst zu fragen, wie er nur in dieses Schlamassel herein geraten war. »Und zu mir können wir auch nicht fahren. Sasuke wird meine Wohnung überwachen lassen, seit wir zusammen von den Docks verschwunden sind.«

»Also in ein Motel?«, schlug Sakura halbherzig vor. Bei der Erinnerung an das schäbige, herunter gekommene Zimmer, welches sie eine Woche lang eher besetzt als bewohnt hatte, verzog sich ihr Herz nicht gerade vor überschwänglicher Sehnsucht.

»Das -«
 

Schmerzen. Ihre ganze Welt bestand plötzlich nur noch aus Schmerzen. Ein gewimmerter Schluchzer entfloh ihrer Brust, als sie versuchte, sich zu bewegen. Sie konnte Stimmen hören; dumpfe, unverständliche Worte, die klangen, als hätte sie ein Fischglas über den Kopf gezogen bekommen. Sakura konnte nicht verstehen, was sie sich gegenseitig zuschrien.

Ihr war kalt und nur ihr Kopf schien regelrecht zu glühen. Am Rande nahm sie wahr, dass sie in irgendeiner Flüssigkeit lag, doch ihre Augenlider ließen sich nicht öffnen, egal, wie sehr sie sich anstrengte.

»Gaara«, krächzte sie heiser. Selbst sprechen tat weh. Sakura versuchte, sich zu bewegen, doch der Sicherheitsgurt schnürte sich so fest um ihren Oberkörper, dass sie kaum genug Luft bekam, um bei Bewusstsein zu bleiben.

»Sakura!«, hörte sie jemanden schreien. Ihr Name hallte in ihrem Kopf nach, wieder und wieder, bis das Pochen hinter ihrer Schläfe unerträglich wurde. Glas knirschte irgendwo über ihr und in der nächsten Sekunde spürte sie, wie feine Splitter auf ihre Wange hinab rieselten.

Wie seltsam.

Seit wann regnete es Glas vom Himmel?

Mühsam holte sie Luft, ihre Lunge gierte nach Sauerstoff, doch der Geruch von Feuer und der Geschmack von Rauch drang ihr in den Mund, in die Nase, in jede Faser ihres Körpers und brachte sie zum Husten. Der Schmerz in ihrer Brust explodierte und am Liebsten hätte sie geschrien, doch bereits das Rufen nach Gaara hatte sie so verausgabt, dass sie kaum noch wach bleiben konnte.

»Sakura!« Dieses Mal drang die Stimme deutlicher an ihr Ohr und Sakura glaubte, sie gehörte zu Gaara. Er schien irgendwo über ihr zu sein und obwohl sie unter größter Anstrengung ihren Kopf drehte, konnte sie ihn nirgendwo sehen. Alles um sie herum war von schwarzem Nebel verschluckt worden.

Seit wann war Nebel schwarz?

»Ga-!« Noch einmal versuchte sie, nach ihm zu rufen, doch sein Name blieb ihr im Hals stecken, der sich seltsam rau und wund anfühlte. Noch einmal musste sie husten und ihre Lunge brannte qualvoll.

Eine Wagentür wurde quietschend geöffnet. Es hörte sich an, als hätte man gewaltsam versucht, eine zerknüllte Blechdose in ihre ursprüngliche Form zu biegen.

Wieder das Stimmengewirr und ein Husten, welches nicht von ihr stammte und plötzlich zogen Hände an ihr herum.

»Der Gurt«, keuchte sie unbewusst und die Hände hielten inne, entfernten sich. Fast hätte Sakura das Weinen begonnen, doch die unerträgliche Gluthitze, die sie umgab, hatten ihre Augen zu sehr ausgetrocknet, um Tränen zu bilden. Sie blinzelte heftig gegen den schwarzen Nebel an und versuchte noch einmal, sich zu bewegen – ohne Erfolg. Plötzlich waren die Hände zurück und der Gurt bewegte sich an ihr auf und ab, bis sie ein Geräusch von reißendem Stoff vernahm und die Hände erneut nach ihr griffen.

Sakuras Husten wurde schlimmer, bis der schwarze Nebel sich auf einmal lichtete und reiner Sauerstoff Sakuras Lungen flutete. Dürstend atmete sie heftig ein und aus, obwohl jeder Atemzug weh tat.

»Sakura!« Gaara tauchte verschwommen über ihr auf. Über seine Stirn lief ein blutiger Rinnsal und Ruß schwärzte seine sonst so blasse Haut. In seinen grünen Augen sah sie Panik, so roh, dass sie einen Moment lang glaubte, sich versehen zu haben.

»Was … was ist passiert«, flüsterte sie, weil sie keine Kraft mehr aufbringen konnte, um lauter zu sprechen. Immer wieder wurde ihr schwarz vor Augen. Als ihre Lider mühsam wieder aufschwangen, hatte sie keine Ahnung, ob Gaara ihr geantwortet hatte. Hände schoben sich unter ihre Achseln, vorsichtig, fast behutsam und jemand half ihr vom Boden auf.

»Sakura!«

Eine andere, panische Stimme. Seltsam vertraut und doch völlig fremd. Sie schaffte es nicht, den Kopf zu heben, stattdessen übergab sie sich direkt auf ihre Schuhe, eine Mischung aus Galle und halbverdautem Brei. Zurück blieb nur der ätzende, Übelkeit erregende Geschmack von Säure und Sakura übergab sich noch einmal. Besser gesagt, sie würgte noch etwas Magensäure nach oben. Ihr Hals brannte lichterloh und die dichten Rauchschwaden, die sich dem Himmel entgegen ringelten, hätten genauso gut aus ihr hervor gequollen sein können. Als sie den Kopf endlich etwas anheben konnte, erkannte sie allerdings, dass sie von dem Autowrack kamen, welches keine drei Meter von ihr entfernt auf der Straße ausbrannte.

Die Schemen um sie herum stellten sich langsam scharf, auch wenn sie sich noch immer wacklig auf den Beinen fühlte und gestützt werden musste. »Was zur Hölle …?«, kam es ihr zwischen zwei Hustenattacken schwerfällig über die Lippen.

»Wir hatten einen Unfall, Sakura«, erklärte ihr Gaaras Stimme von hinten. »Wir haben uns überschlagen und einen Moment lang dachte ich wirklich, du wärst tot!« Sie hörte die Angst in seiner Stimme und sie stimmte mit der Panik in seinem Blick von eben überein, doch Sakuras vernebelter Verstand wollte diese Emotionen Gaara einfach nicht zuordnen können.

Träumte sie etwa?

War sie möglicherweise immer noch bewusstlos?

Ein leises, verkrampftes Lachen ertönte von links. »Es sieht dir ähnlich, in einer solchen Situation als Erstes zu fluchen, Sakura.«

In den letzten Minuten war sämtliches Adrenalin aus ihr gewichen und hatte sie müde und abgeschlagen zurück gelassen, doch mit einem Schlag war sie wieder voll da. Ihr Kopf schnappte nach oben und ein stechender Schmerz durchzuckte ihren ganzen Körper, doch das war nichts im Vergleich dazu, Sasuke vor sich zu sehen. Sein Gesicht sah weniger lädiert aus, als Gaaras, doch es war offensichtlich, dass er ebenfalls Teil des Unfalls gewesen sein musste.

»Nein!«, schrie sie nur und stolperte seitwärts fast zurück auf die Straße, doch Gaaras Arme hielten sie fest umklammert. »Nein!«, wiederholte sie wie von Sinnen und sträubte sich, so gut es ging, gegen den Griff um ihren Körper.

»Sakura, beruhige dich! Es ist alles in Ordnung!«, beschwor Gaara sie. Instinktiv wusste sie, dass er log. Dass er sie beruhigen wollte, aus dem gleichen Grund, aus dem man nur ein ahnungsloses Reh erschoss, damit die Todesangst sein Fleisch nicht verdarb.

»Lass' mich los, Gaara!«, befahl sie ihm hysterisch und ihre Stimme überschlug sich fast, »Sofort!«

Es half alles nichts. Ihr Körper war viel zu mitgenommen und selbst wenn sie in bester, physischer Verfassung gewesen wäre, hätte sie es wahrscheinlich niemals geschafft, sich aus seiner Umklammerung zu winden, geschweige denn, vor ihm weg zu laufen. Oder vor Sasuke.

Der starrte sie indes noch immer an, als hätte er einen Geist gesehen. Hinter ihm stand ein weiterer Wagen – gewiss seiner -, doch so, wie er aussah, war er in sie hinein gefahren. Die Front war zerstört und zerdrückt und sah aus, wie eine Ziehharmonika, doch der Wagen brannte immerhin nicht und lag auch nicht auf der Seite, so wie Gaaras.

Sakura gab ihre Bemühungen auf und erschlaffte in Gaaras Händen, so jäh, dass er überrumpelt mit ihr zu Boden sank. Sie wollte weiter schreien, wollte sich wehren, doch aus ihren brennenden Lungenflügeln kam nichts als trockener Husten und verzerrtes Schluchzen.

Ihr Geist schrie und tobte, doch ihr Körper hatte aufgegeben.

»Wieso zur Hölle hast du uns verfolgt, als wäre der Teufel persönlich auf unseren Fersen?«, fuhr Gaara ihn über Sakuras Kopf hinweg an. Ihr Kinn ruhte auf ihrer Brust und mit leerem Blick starrte sie auf ihre Beine. Ihre Strumpfhose hing in Fetzen von ihren verschrammten Beinen, doch bis auf ein paar blaue Flecken und einer Platzwunde am Kopf schien sie körperlich halbwegs unversehrt davon gekommen zu sein.

Einen grauenhaften, unendlich langen Moment lang wünschte sie sich, es wäre nicht so.

Sakura lachte bitter und verdrängte damit Sasukes Erwiderung.

»Scheiße, Mann, du hättest uns irgendein Zeichen geben können! Blinken. Hupen. Irgendeins! Nein, stattdessen drückst du mit deinem Bleifuß auf Gaspedal, als versuchtest du, uns in die tiefste Hölle hinterher zu jagen!«, beschwerte Gaara sich lautstark.

»Ich bin aktuell nicht ganz ich selbst, man möge es mir verzeihen«, entgegnete Sasuke mit vor Sarkasmus triefender Stimme. Er machte einen Schritt auf sie zu, doch Sakura fühlte sich zu schwach, um zu protestieren. Jede Faser ihres Körpers drängte sie dazu, notfalls von ihm weg zu robben, aber ihr Herz war nicht stark genug. Ihr dummes, blindes, naives Herz hatte noch immer die Hoffnung, dass alles irgendwie gut werden konnte.

»Wir müssen sie zu einem Arzt bringen, Mann!« Das war wieder Gaara. »Sieh' sie dir doch an! Die Wunde am Kopf braucht Versorgung und abgesehen davon hat sie genug Rauch eingeatmet, um eine Vergiftung zu bekommen!«

»Ich bin nicht vergiftet«, murmelte sie widerspenstig, doch das Würgen, das ihr erneut die Galle hoch zwang, strafte ihre Worte Lüge. Die Welt fing an, sich zu drehen und Sakura stöhnte von dem Schwindel, bei dem ihr heiß und kalt zugleich wurde.

»Das geht nicht und das weißt du selbst am Besten, Gaara«, erwiderte Sasuke. Er ging vor ihr auf die Knie und betrachtete sie eingehend. So sehr sie sich bemühte, sie schaffte es nicht, wegzusehen. Trotz allem, was geschehen war, hatten seine dunklen Augen noch immer die gleiche, sogartige Wirkung auf sie. »Hey«, sagte er mit rauer Stimme und wenn Sakura sich nicht so elend gefühlt hätte, hätte sie ob der banalen Begrüßung gelacht.

Hey“. Das war alles, was ihm in dieser Situation einfiel.

»Hey«, antwortete sie ihm dennoch flüsternd. Sie wollte zurückweichen, als er mit seiner Hand vorsichtig über ihre Wange fuhr, doch ihr Körper reagierte noch immer nicht auf die alarmierten Signale, die ihr Hirn verzweifelt durch ihre Glieder sendete.

»Wie geht es dir, Sakura?«, fragte er leise.

»Beschissen.«

Das entlockte ihm ein leises Lachen und für einen Moment war es, als wäre nie etwas passiert. Doch obwohl Sakura gegen die Bewusstlosigkeit ankämpfte, konnte sie nicht vergessen, dass er versucht hatte, auf sie zu schießen. Die Bilder fluteten ihren Kopf, bis sich endlich die Tränen in ihren Augen formten, die schon im Wagen aus ihr hatten heraus brechen wollen.

»Fass' mich nicht an«, flehte sie hoffnungslos und Sasukes Gesicht verzog sich schmerzhaft, als hätte sie ihn geohrfeigt, dennoch kam er ihrem Wunsch nach und zog seine Hand zurück.

»Es gibt keine Entschuldigung für das, was du ihr antun wolltest, Sasuke.« Gaaras Griff lockerte sich zu einer Umarmung, die Sakura so wohl tat, dass sie sich unbewusst enger an ihn schmiegte und die Augen schloss, ein Umstand, der Sasuke zutiefst zu erzürnen schien.

»Lass' gefälligst deine Finger von ihr, Gaara«, grollte er drohend und es war ihm anzusehen, dass er einen inneren Kampf führte. Einerseits wirkte er, als wollte er sie gegebenenfalls mit Zwang aus Gaaras Armen reißen, andererseits schien er mit sich zu hadern, weil er ihren Wunsch, nicht von ihm berührt zu werden, berücksichtigen wollte. Vor allem im Anbetracht ihres letzten Aufeinandertreffens.

»Ich werde nicht zulassen, dass du ihr schadest, Sasuke. Nie wieder. Ist mir scheißegal, was du für mich getan hast.«

»Ich habe nicht vor, ihr etwas anzutun, Gaara.«

Gaara schnaubte, so heftig, dass Sakura die Bewegung seines Körpers in ihrem Rücken spürte. »Jetzt vielleicht nicht, aber am Hafen ganz sicher. Und wer weiß schon, wie schnell du deine Meinung ihr gegenüber wieder änderst.«

»Ich habe an ihrem Kopf vorbei gezielt, du Holzkopf und wenn du meine Frau nicht mit schmachtenden Augen anstarren würdest, wäre dir das vielleicht auch aufgefallen!«

»Was für einen ausgemachten Scheiß redest du hier eigentlich? „Schmachtende Augen“? Ich habe sie beschützt, so wie du es von mir verlangt hast. Es macht dich einfach nur sauer, dass ich sie vor dir beschützen musste!«

»Es gab nichts, vor dem du sie hättest beschützen müssen!«, wiederholte Sasuke heftig, »Oder glaubst du etwa, ihr eine über den Kopf zu ziehen und sie zu entführen war besser?«

»Will mich hier niemand nach meiner Meinung fragen?«, scherzte sie und als sie versuchte, über ihren eigenen, kümmerlichen Witz zu lachen, musste sie wieder husten.

»Sie ist vollkommen benommen. Ich bringe sie jetzt ins Krankenhaus«, beschloss er mit einer Autorität, die Sakura so noch nie jemanden Sasuke gegenüber hat verlauten hören. »Für diesen Mist hier haben wir überhaupt keine Zeit. Wir können froh sein, dass die Bullen noch nicht angetanzt sind!«

»Lass. Sie los. Sofort.« Die Ruhe in Sasukes Stimme und die Tatsache, dass er Gaara komplett ignoriert hatte, bescherte ihr einen Schauer. Sie wollte wirklich nicht, dass die beiden Männer ihretwegen stritten, deswegen löste sie sich mit viel Mühe und sanftem Nachdruck aus Gaaras Armen und setzte sich etwas auf.

»Danke, Gaara, aber ich komme schon klar«, nuschelte sie benommen. Sie versuchte, aufzustehen, geriet dabei aber ins Stolpern und fiel zurück auf ihre Knie. Den Schmerz spürte sie kaum.

»Sakura, lass' dir helfen.« Sasukes Stimme wurde ihr gegenüber sanfter und als er dieses Mal nach ihr griff, um sie zu stützen und ihr aufzuhelfen, wehrte sie sich nicht mehr. Hatte er die Wahrheit gesprochen? Hatte er wirklich an ihr vorbei gezielt und nur einen Warnschuss abgegeben? Um ihr Angst zu machen? Und Gaara hat die Situation falsch eingeschätzt und eine Eskalation herbei geführt, die gar nicht vonnöten gewesen wäre? Machte das überhaupt einen Unterschied? Sakura wünschte sich so sehr, bei klarerem Verstand zu sein, um vernünftig darüber nachdenken zu können, doch selbst von den einfachsten Fragen wurde der Schmerz hinter ihrer Stirn so schlimm, dass sie fast wieder in Sasukes Armen zusammen brach.

»Sasuke.« Nach all der Zeit fühlte sein Name sich fremd auf ihrer Zunge an. Er schmeckte zäher, bitterer - wie ein Apfel, den man viel zu früh vom Baum gepflückt hatte. »Stimmt das, was du gesagt hast?« Sie wollte ihm so sehr glauben, auch wenn es naiv war.

Sasuke seufzte und er klang genauso müde, wie sie sich fühlte. »Ich hätte dir niemals ernsthaft weh tun können. Niemals. Egal, wie sehr du mich verletzt hast.« Er sprach leise, so leise, dass seine Worte nur von ihr gehört wurden. Nur am Rande bemerkte sie, wie Gaara neben ihnen unruhig auf der Straße auf und ab lief und sie dabei niemals ganz aus den Augen ließ. Sakura glaubte, Zweifel auf seinen Gesichtszügen zu erkennen und irgendwie überzeugte sie das fast, dass Sasuke die Wahrheit sagte.

Fast.

»Okay«, brachte sie nur zittrig hervor. Gaara hatte recht: Sie hatten keine Zeit mehr zu verschwenden. Sie mussten so schnell wie möglich hier fort und das war ohne Auto und mit ihrem eher fragwürdigem Zustand schon schwer genug, auch ohne, dass sie noch länger herum standen und diskutierten. »Aber mach' das nicht noch einmal.« Sakura versuchte sich an einem Lächeln, doch es fühlte sich gequält an und fast hätte sie sich diesmal auf Sasukes Schuhen übergeben.

»Das lässt sich einrichten.« Ein Schmunzeln. Flüchtig und mit einem Hauch von trauriger Melancholie und doch spürte sie ihren Herzschlag beschleunigen, langsam, fast schwerfällig, als müsste es sich erst daran erinnern, wie es einst auf ihn reagiert hatte.

»Was machen wir jetzt? Die Karren sind beide im Arsch«, unterbrach Gaara sie nüchtern. Vielsagend blickte er sein zerstörtes Auto an, an dem mittlerweile nur noch kleinere Flammen hoch züngelten. Bei dem Gedanken, dass sie vor Kurzem noch darin festgesessen hatte, wurde Sakura flau im Magen.

»Wir laufen«, gab Sasuke schulterzuckend zurück, »Was sonst? Hier bleiben können wir nicht.« Und wie auf Kommando setzte er sich in Bewegung. Langsam, aber für Sakura dennoch viel zu schnell. Sie fixierte ihn mit ihren Augen, um das Schwanken der Stadt um sie herum weit genug auszublenden, damit sie nicht wieder in sich zusammen sackte.

»Und zwischen euch ist alles wieder gut? Einfach so?«, warf sie ungläubig dazwischen, zum Teil auch, um sich von dem Bild in ihrem Kopf zu lösen, welches sie nach wie vor malträtierte.

»Wir haben uns schon schlimmere Sachen an den Kopf geworfen«, erklärte Sasuke gelassen. Die veränderte Atmosphäre zwischen ihnen war beinahe beängstigend. »In unserem Geschäft ist es normal, dass man hin und wieder … eine Meinungsverschiedenheit hat«, fügte er hinzu.

Das war in Sakuras Augen die Untertreibung des Jahres, aber das Laufen strengte sie so sehr an, dass sie keine Kraft darauf verschwenden wollte, ihnen das zu erläutern.

»Wohin gehen wir?«, fragte sie, als sie an der nächsten Kreuzung abbogen und die zerstörten Autos hinter ihnen verschwanden. Nur der Geruch von verbranntem Gummi und Metall hing nach wie vor hartnäckig in der Luft.

Ihr Gesicht fühlte sich kalt an, als wäre sämtliches Blut aus ihr gewichen und je weiter sie gingen, desto schlimmer wurde es.

»Ich habe in der Nähe eine Wohnung. Sie ist kleiner als die, die du kennst, aber für unsere Zwecke wird sie genügen.«

Sakura erinnerte sich dunkel daran, dass er mal erwähnt hatte, dass er mehr als ein Appartement besaß und jetzt war sie froh darüber, dass sie nicht den ganzen Weg zurück nach Manhattan laufen mussten, denn ein Taxi hatte sie in dieser Nacht noch gar nicht gesehen.

Mit der Zeit wurde Sakura klar, dass Sasuke sie angelogen hatte, um zu verhindern, dass sie mitten auf der Straße einen Nervenzusammenbruch bekam, denn die Strecke zu seiner Wohnung zog und zog sich und ihr Zustand verschlechterte sich zunehmend. Sasuke schien dies auch zu merken, denn er nahm immer mehr von ihrem Gewicht auf sich, bis er sie fast mit einem Arm über der Schulter trug.

»Du, Sasuke. Ist Itachi bei dir?«, fragte Gaara irgendwann in ihr Schweigen hinein. Gefühlte Stunden hatten sie kein Wort miteinander gewechselt. Zum Teil, weil Sakura überzeugt davon war, die richtigen Worte für ihre derzeitige Lage zählten gar nicht zu ihrem Wortschatz; zum Teil, weil sie es kaum noch schaffte, sich aufrecht zu halten. Gaara war noch noch nie ein großer Redner gewesen und Sasuke schien mit einer ähnlichen Befangenheit zu kämpfen, wie sie.

»Nicht, dass ich wüsste, wieso?«

»Da vorn steht ein Wagen vor deinem Haus.«

Sasuke blieb stehen und Sakura hatte ihre liebe Not, sich nicht allzu schwer für ihn zu machen. Mittlerweile waren ihre Augenlider schwer wie Blei und den Wagen, den Gaara erwähnt hatte, konnte sie nur als verschwommene Umrisse erkennen.

»Das ist nicht gut.« Sasuke gab einen missbilligenden Laut von sich.

»Soll' ich nachsehen, wer es ist?«, schlug Gaara vor, »Und du bleibst mit Sakura außer Reichweite.«

»Aber sei' vorsichtig«, mahnte Sasuke.

Sakura vernahm, wie sich Schritte von ihnen entfernten, ruhig, aber bestimmt. Neben ihr raschelte Stoff, dann ein Klicken und der Rauch einer Zigarette drang ihr in die Nase. Noch nie hatte dieses Aroma eine vergleichbare Übelkeit in ihr ausgelöst, wie jetzt. Sasuke bot ihr keine an und vermutlich ahnte er, dass Sakura fürs Erste genug von Rauch hatte, der ihre Lunge zerfraß.

»Nichts«, rief Gaara ihnen entgegen, »es ist niemand drin. Kennen tue ich das Auto nicht.«

Sasuke seufzte neben ihr, hob Sakura aber dennoch wieder etwas höher und schleifte sie geduldig mit sich mit. Als sie schließlich bei dem Wagen ankamen, war es für Sakura, als gäbe es keine Luft mehr zum Atmen. Egal, welch tiefe Luftzüge sie nahm, es war nicht genug. Der Schwindel wurde stärker und kalter Schweiß brach auf ihrer Stirn aus, dennoch zwang sie sich dazu, etwas von ihrem Gewicht auf ihre eigenen Beine zu verlagern.

»Denkst du, es ist jemand in deine Wohnung eingedrungen?« Gaara nahm eine von Sasukes Zigaretten entgegen und lehnte sich gegen die Motorhaube des fremden Wagens.

»Sieht zumindest von außen nicht so aus«, stellte Sasuke fest. Die Tür wirkte intakt und selbiges war über die Glasscheiben der Fenster zu behaupten. Auch die umliegenden Häuser sahen unberührt aus von den Ausschreitungen, die es in dieser Nacht gegeben hatte. »Hier, mach auf, Gaara.« Sasuke griff in die Tasche seiner Anzughose und zog einen klimpernden Bund voller Schlüssel hervor, welchen er Gaara entgegen warf.

Wieder entfernten sich Schritte, dieses Mal aber nur einige Meter weit und das Klingel von Schlüsseln verriet ihr, dass Gaara wohl gerade die Tür öffnete. Gut. Sie brauchte Schlaf. Dringend. Und vielleicht mehrere Liter Wasser. Sie war nur für kurze Zeit in dem brennenden Auto festgesessen und dennoch war ihr, als hätte die Hitze sie bis auf die Knochen ausgetrocknet.

»Wir sind gleich da, Sakura. Nur noch ein kleines Stück.« Sasuke schnippte seine Zigarette auf die Straße und umfasste sie nun mit beiden Armen. Die Bordsteinkante wirkte wie ein unüberwindbares Hindernis auf sie, doch Sasuke half ihr geduldig hoch und gab ihr danach Zeit, um wieder zu Luft zu kommen.

»Ich bin müde ...«, säuselte sie zwischen flüchtigen Momenten der Bewusstlosigkeit. Immer wieder siegte endloses Schwarz über die verwaschenen Konturen der Stadt, die in dem schwachen Licht der Laternen wie Spiegelungen auf einem See wirkten.

»Ich weiß, Sakura, ich weiß. Du kannst gleich schlafen, versprochen.« Damit ging er etwas in die Knie und ehe Sakura begreifen konnte, was geschah, hatte er sie ganz auf den Arm genommen. Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter und wie aus weiter Ferne nahm sie schwach seinen Geruch war. Es war fast, wie Heimkommen und unbewusst schlang sie ihre Arme um seinen Hals und schloss die Augen, kämpfte nicht mehr länger gegen das endlose Nichts an, welches wieder und wieder nach ihr ausgeholt hatte.

»Drinnen ist auch niemand.« Gaaras Stimme klang gedämpft, als wäre ein Kissen auf ihr Ohr gepresst. »Leg' sie auf dein Bett, ich seh' mir ihren Kopf an.«

»Danke, Gaara.«

Sakura war schon an der Schwelle zum seeligen Schlaf angekommen, bereit dafür, erst wieder aufzuwachen, wenn der Albtraum vorüber war, als ein Schuss die Nacht zerriss. Zwei Schreie vermischten sich zu einem, als sie mit vollem Gewicht auf der Straße aufschlug. Ihre Augen flatterten wieder auf, nur der liebe Gott wusste, wie, als sie sich mit der schieren Kraft ihres Willens auf den Bauch schob, um zu sehen, was passiert war. Sasuke lag unweit von ihr entfernt auf der Straße, zusammengebrochen.

»Sakura! Runter!«, schrie Gaara ihr zu, doch sie hörte ihn kaum. Wenn man sie einige Jahre später fragen würde, wie sie es in diesem Moment geschafft hatte, vorwärts auf Sasuke zu zu kriechen, könnte sie darauf keine vernünftige Antwort geben. Doch sie schaffte es und als sie bei ihm ankam, sah sie, wie unter ihm Flüssigkeit über den Asphalt quoll, dickflüssig und dunkel schimmernd.

Blut.

Er war angeschossen worden.

»Nein!«, krächzte sie panisch, »Nein!«

Kurz, bevor sie ihre zitternden Finger nach dem Stoff seines Anzugs ausstrecken konnte, ertönte ein zweiter Schuss und diesmal wurde Sakuras Welt endgültig schwarz.

Ein Meer aus Scherben

Motorengeräusche von fahrenden Autos klangen in weiter Ferne und der Geruch von Pfannkuchen drang zu Sakura durch. Ihre rechte Schulter pulsierte vor Schmerz, als sie sich mit einem Stöhnen etwas höher schob. Das Kissen, auf welchem ihr Kopf gebettet lag, war weich und warm und roch nach einer seltsamen Mischung aus zitronenfrischem Waschmittel und Rauch.

Sakura versuchte, sich auf ihren Armen abzustützen und aufzurichten, doch der Schmerz in ihrer Schulter breitete sich explosionsartig aus. Mit einem Zischen sank sie zurück ins Kissen und kapitulierte. Der Raum, in dem sie lag, kam ihr nicht bekannt vor. An der Wand gegenüber von dem Bett, auf welches man sie gelegt hatte, hingen Zeichnungen von verschiedenen Autos und Sakura blinzelte überrascht, als sie die dazwischen die Kohlezeichnung entdeckte, die sie vor Monaten für Itachi angefertigt hatte. War sie etwa bei ihm zuhause?

Aber wie?

Und wann?

Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war ihr Gespräch mit Gaara. Sie hatten zusammen vor einem Schuppen gestanden und überlegt, wie es weitergehen sollte. Danach gab es nichts als Fetzen, einzelne, eingerissene Puzzlestücke in verblasster Farbe, die in keinster Weise ineinander griffen, kein Bild formten, welches ihr einen Anhaltspunkt hätte liefern können.

»Hallo?«, rief sie niemandem Bestimmten zu. Sie erkannte nichts in ihrer Umgebung, aber der Geruch von Pfannkuchen musste bedeuten, dass zumindest jemand in der Nähe war. Es hätte sie kaum mehr verwundert, wenn ihre Mutter durch die Tür zu ihr ins Zimmer spaziert wäre, ihre kitschige Blümchenschürze um die Hüfte und ihre unzähmbaren Haare zu einem wilden Knoten zusammengebunden.

Die Tür schwang auf und es war nicht ihre Mutter, die eintrat, sondern Sasuke – und er hatte einen Teller frischer Pfannkuchen in der Hand.

Ihr Puls beschleunigte sich, Panik wallte in ihr auf und obwohl sie schreien wollte, bekam sie ihre Lippen kaum auseinander. Hilflos schüttelte sie den Kopf und schob sich mit den Füßen über die Matratze weiter von ihm weg.

»Sakura, beruhige dich!« Mit drei Schritten war er bei ihr am Bett, die Pfannkuchen arglos auf den Nachttisch neben dem Bett abgestellt. »Es ist alles gut!«

Erneut schüttelte sie den Kopf, brabbelte unverständliche Sachen und versuchte, ihn mit der ausgestreckten Hand ihres unversehrten Arms auf Abstand zu halten, so gut es ging. Sanft drückte er ihren Arm zurück aufs Bett und umfasste ihre Wangen mit beiden Händen, um sie zu zwingen, ihn direkt anzusehen.

»Sieh' mich an, Sakura«, befahl er sanft und Sakura gehorchte widerwillig. Sie sah Angst in seinen Augen. Und Schmerz. Und eine Weichheit, die sie schon lange nicht mehr auf seinem Gesicht entdeckt hatte. Instinktiv beruhigte sie sich etwas und atmete zitternd aus.

Sasuke senkte den Kopf, sein schwarzes Haar breitete sich wie ein Fächer vor ihm aus, sodass Sakura ihn nicht mehr länger direkt ansehen konnte. Stattdessen wanderte ihre Aufmerksamkeit zu seiner Schulter und erst jetzt wurde ihr klar, dass er oben ohne war. Ein Verband war fachmännisch um seine rechte Schulter gewickelt worden und ein kleiner, rostroter Punkt, zweifelsfrei getrocknetes Blut, wies auf eine Verletzung hin. Fast an derselben Stelle, an der sie verletzt worden war. Zumindest schien er besser mit der Verwundung klarzukommen. Sakura hatte das Gefühl, selbst das sanfte Heben und Senken ihres Brustkorbs beim Atmen wäre zu viel, würde sie zerreißen.

»Was ist hier los?«, verlangte sie zu wissen.

Sasuke ließ sichtlich widerstrebend ihr Gesicht los und setzte sich neben sie auf das Bett. »Woran erinnerst du dich?«

»An so gut wie gar nichts. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass Gaara mich aus unserem Unterschlupf heraus geholt hat und wir zusammen zurück in die Stadt gefahren sind ...«

Sasuke runzelte die Stirn und fuhr sich mit der Hand über den Nacken. »Das ist alles? Dazwischen muss eine ganze Menge passiert sein.«

Sakura schüttelte bedauernd den Kopf. So sehr sie es versuchte – sie erinnerte sich an nichts. Selbst ihr Aufenthalt in dem Schuppen war von Lücken durchzogen.

»Soweit ich weiß, wart ihr bei Orochimaru. Ich bin euch gefolgt, nachdem ihr von dort entkommen seid, und dabei hatten wir einen Unfall, Sakura«, fing er nach einer Weile des Schweigens an, die vergessenen Pfannkuchen auf dem Schränkchen, welche er gewiss für sie mitgebracht hatte, erkalteten bereits. »Euer Wagen und meiner. Eurer hat sich dabei überschlagen und du hattest eine schwere Kopfverletzung. Wir wollten dich hierher bringen, zu meiner Wohnung, doch dann sind wir beide, du und ich, angeschossen worden.«

»Und was ist mit Gaara?«, fragte sie vorsichtig, aus Angst vor der Antwort.

Sasuke verzog das Gesicht bei der Erwähnung von Gaaras Namen, aber Sakura wusste nicht, wieso. War etwas zwischen ihnen vorgefallen? »Er ist dem Kerl hinterher, der auf uns geschossen hat. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.«

»Seitdem?«, hakte sie nach, »Wie lange war ich denn bewusstlos?«

Sasuke presste die Lippen aufeinander und Sakura sah, wie sein Kiefer angespannt mahlte. »Eine ganze Woche lang«, stieß er schließlich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Eine Woche?!«, wiederholte sie entgeistert, »ich war eine Woche lang bewusstlos?«

»Nicht durchgehend. Es gab Phasen, in denen du kurz aufgewacht bist. Aber es hat nie für mehr gereicht, als um ein paar Schlucke Wasser zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen. Du hast nie ein Wort mit mir gewechselt und bist sofort wieder eingeschlafen, kaum dass ich dir den Teller wieder weggenommen habe«, erklärte er, während er sich mit der Hand durch sein zerzaustes Haar fuhr. »Zwischenzeitlich hatte ich berechtigte Sorge darüber, dass du dich nie wieder ganz erholst.«

»Ich verstehe gar nichts mehr«, platzte es wahrheitsgemäß aus ihr heraus.

»Das ist auch nicht weiter wichtig. Du erinnerst dich scheinbar nicht daran, aber zwischen uns hat sich alles geklärt, Sakura. Es ist alles in Ordnung«, versicherte er ihr. Zaghaft, als wartete er auf ihren Protest, griff er nach ihrer Hand und hielt sie einfach nur stumm und Sakura ließ ihn gewähren. Irgendetwas sagte ihr, dass das, was er gesagt hatte, der Wahrheit entsprach, auch wenn sie nicht nachvollziehen konnte, wie es so gekommen war. Doch das war nicht einmal das, was sie am meisten irritierte.

»Wieso erinnere ich mich an nichts, Sasuke?« Sie betrachtete seine sorgenvollen Augen und erkannte in ihnen, dass er es ihr nicht erklären konnte – und sich schlecht dafür fühlte. Viel zu lange schwieg er auf die Frage.

»Und wer hat auf uns geschossen? Weißt du das?«, fragte sie, als sie begriff, dass er ihr nicht mehr antworten würde. Mit der freien Hand griff sie behutsam nach dem Teller neben sich, um ihre verletzte Schulter so wenig wie möglich zu belasten. Sie verspürte einen Bärenhunger, als hätte sie wochenlang nichts mehr gegessen, und mit wachsender Begeisterung schaufelte sie die lauwarmen Pfannkuchen in sich.

»Nein. Ich vermute, es war Orochimaru. Oder einer seiner Leute. Scheinbar habt ihr beide ein ganz schönes Chaos bei ihm angezettelt. Aber mehr konnte ich bisher noch nicht heraus bekommen.« Sakura nickte knapp. Auch wenn die letzten Tage nur aus schwarzem Nichts bestanden, war sie zu einem ähnlichen Schluss gekommen. Wieder rieb er sich das Gesicht und Sakura fielen seine tiefen, dunklen Augenringe auf.

»Du solltest etwas schlafen, Sasuke. Du siehst müde aus.«

Er lachte nur bitter. »Ich bin auch müde. Aber ich habe die letzten Tage einfach kein Auge zu bekommen.«

Die unausgesprochenen Worte zwischen ihnen wogen schwer und Sakura bekam ein schlechtes Gewissen, dass er scheinbar ihretwegen so scheußlich aussah. Sie wollte daran glauben, dass er es verdient hatte, nach allem, was er ihr angetan hatte - oder versucht hatte, ihr anzutun -, doch es gelang ihr einfach nicht. Also stellte sie ihren Teller wieder weg und streckte die Finger aus, um seine Wange zu berühren. Sasuke schloss unmittelbar die Augen und lehnte sich in die Berührung, ein leiser, erleichterter Seufzer auf den Lippen, als hätte er nach monatelanger Dunkelheit endlich zurück ins Licht gefunden.
 

Die nächsten Tage waren für Sakura so friedvoll, wie es den Umständen entsprechend möglich war. Zwar war ihr Schlaf unruhig und von verschwommenen Albträumen durchflochten, doch sobald sie wach wurde, war Sasuke an ihrer Seite, ohne Ausnahme, und erfüllte ihr jeden Wunsch, noch bevor sie ihn äußern konnte. Der Schmerz in ihrer Schulter nahm ab und auch die zeitweise besorgniserregende Benommenheit milderte sich zu einer zu vernachlässigenden Fahrigkeit bei zu schnellen Bewegungen ab.

Am vierten Tag traute sie sich das erste Mal, ihr Bett zu verlassen, um durch die Wohnung zu schlendern und sich umzusehen. Sasuke wich ihr dabei mit keinem Schritt von der Seite und obwohl sie sich manchmal an einer Kommode oder einem anderen Möbelstück abstützen musste, um Luft zu holen, schaffte sie die kleine Runde ohne seine Hilfe.

Die kleine Wohnung war deutlich minimalistischer als sein riesiges Appartement mitten in Manhattan. Wo die andere Wohnung opulent und ausschweifend war, voller Pflanzen, Bilder und Möbel, die den gewaltigen Raum weniger riesig wirken ließen, war diese hier klein, fast gedrängt und nur das Wichtigste fand Platz in den kleinen Zimmern. Die einzige Parallele waren die Wände, die mit Bildern behangen waren, oftmals so dicht aneinander, dass man die Tapete dahinter kaum noch erahnen konnte, doch mehr, der Wohnlichkeit dienendes Interieur gab es ansonsten nicht. Durch die Fenster erkannte sie eine größere Seitenstraße der Stadt, auf der mittlerweile wieder reger Verkehr herrschte, und die regnerischen Nachmittage verbrachte Sakura damit, sich mit einer Decke auf einen der niedrigen Fenstersimse zu setzen, um die Menschen zu beobachten, die an dem Haus vorbei schlenderten und eilten.

Sasuke war immer bei ihr, still und unauffällig, aber beständig, fast wie ein Schatten, und manchmal vergaß Sakura sogar, dass er im gleichen Raum anwesend war. Die Atmosphäre zwischen ihnen war nach wie vor angespannt und meist schwieg Sakura den größten Teil der wenigen Gespräche, die er initiierte, doch Sasuke ließ sich davon nicht beirren. Nur wenn sie ihm Fragen über die Ereignisse der Nacht stellen wollte, echote er ihre Schweigsamkeit und wurde in sich gekehrt, und wenn er ihr antwortete, so nur mit nichtssagenden, ausweichenden Banalitäten, aus denen Sakura sich keinen Kontext erschließen konnte. Es reizte sie, dass ihr eigener Kopf sie so im Stich ließ, und noch mehr, dass Sasuke ihr bei allem Hilfestellung bot, nur nicht bei ihren Erinnerungslücken. Einerseits wollte sie ihn verstehen – auch für ihn waren die letzten Wochen gewiss kein Spaß gewesen -, andererseits empfand sie es als ungerecht, als Einzige im Trüben zu fischen.

»Dein Unterbewusstsein versucht dich zu beschützen, Sakura«, seufzte er, als sie mal wieder damit anfing, nach und nach sämtliche Dinge aufzuzählen, an die sie sich erinnern konnte, und diese in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen, »konzentriere dich einfach darauf, wieder gesund zu werden und der Rest kommt von alleine. Mit Zwang wirst du nichts erreichen.«

Das war nicht das, was sie von ihm hören wollte, doch mit dem fünften Versuch begriff sie, dass es keinen Zweck hatte und sie ihre Energie anders wohl gewinnbringender einsetzen konnte. So stand sie also regelmäßig auf, um zu spazieren, was ihr erschreckend schwer fiel. Oft war sie schon nach wenigen Schritten außer Atem und sie musste sich setzen, weil sie in Schweiß ausbrach und von Schwindel erfasst wurde, wie von einem ständigen Luftzug durch ein schlecht isoliertes Fenster.

»Du darfst dich nicht zu sehr drängen. Von uns Dreien hat dich der Unfall am Schwersten getroffen«, versuchte er sie zu beruhigen, während sie wieder einmal auf einem Stuhl ausharrte und sich den Schweiß von der Stirn rieb und mit der Zeit wurde sie der Watte überdrüssig, mit der er sie zu umhüllen versuchte. Sakura wollte zurück ins Leben; wollte das Ausmaß des Scherbenmeers überblicken und begreifen und dann damit beginnen, es wieder zusammenzufügen – wie auch immer anders das Endergebnis vom Ursprung abweichen mochte. Aber Sasuke sprach nur von sich Zeit lassen. Er konnte den Druck, den sie in ihrem Innersten verspürte, nicht nachvollziehen.

Wenigstens kochte er besser, als Gaara – viel besser sogar. Das gelungene Weihnachtsessen war kein glücklicher Zufall gewesen, so viel stand fest und jede Mahlzeit war ein klein wenig Farbe in ihrem monotonen, grauen Alltag, in welchem die Stunden ineinander überflossen, aufgeweicht von dem Regen, der permanent gegen das Fenster in ihrem Zimmer trommelte.

Am fünften Tag hielt Sakura es nicht mehr aus. Sasuke war am Morgen aufgebrochen, um zum Autohaus zu fahren, und er hatte ihr versprochen, so schnell wie möglich zurück zu sein. Sie hatte seinen Blick gesehen. Wie er von ihr zur Tür gewandert war und dann zu den Schlüsseln in seiner Hand. Er hatte überlegt, sie einzusperren. Was ihn am Ende davon abgehalten hatte, hatte er ihr nicht anvertraut, doch er wusste, dass sie es auch wusste – auch das hatte sie mit bestechender Klarheit von seiner Stirn ablesen können. Vor Wochen noch hatte sie große Probleme damit, die Intentionen und Motive hinter seiner diszipliniert gleichgültigen Maske zu erahnen, und nun war er für sie fast wie ein offenes Buch, in welchem sie beliebig blättern konnte.

Die Verabschiedung war nüchtern ausgefallen, durchzogen von einer seltsam vertrauten und gleichzeitig völlig fremden Sehnsucht, aber Sasuke hatte sich nicht getraut, sich ihr körperlich zu nähern und sie hatte ihn nicht darum gebeten. Eine fast grimmige Zufriedenheit hatte sie erfüllt, als sie realisierte, wie sehr ihn das mitnahm, und im nächsten Moment hatte sie sich für ihre Niedertracht geschämt. Sasuke gab sich viel Mühe, die scharfkantigen Bruchstücke zwischen ihnen aufzusammeln, und trotz blutender Hände hörte er nicht auf, trotz Sakuras eiserner Weigerung, dabei einen Schritt auf ihn zuzumachen.

Sie war einfach noch nicht so weit.

Vielleicht würde sie es nie sein.

Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, hatte sie überlegt, einfach zu verschwinden, zurück zu sich nach Hause. Zu Ino, zu ihrem vollgestopften Bett und zu ihrem kalten Arbeitszimmer, in dem die Wurzeln allen Übels noch immer auf sie warteten, wucherten, wie ein Geschwür, welches sie selbst genährt hatte.

Sie entschied sich dagegen.

Sie sagte sich selbst, dass sie es tat, um seinen Gefallen, sie nicht einzusperren – es nicht einmal zu versuchen -, zu erwidern, aber die Wahrheit war eine andere. Die passive, fast lethargische Routine aus schlafen, essen und aus dem Fenster starren tat ihr besser, als sie zuzugeben bereit gewesen wäre. Wenn nur nicht ihr Bewusstsein darüber, dass ihre Probleme noch immer nicht gelöst waren, gewesen wäre, hätte sie noch Wochen so verbringen können, auch wenn Sasukes Anwesenheit sie regelmäßig aus der Bahn warf. Emotional mehr, als körperlich.

In manchen Stunden dachte sie, sie könnte ihm vergeben, wirklich vergeben und die Vergangenheit hinter sich lassen. In anderen Stunden hätte sie ihn am liebsten mit dem nächstbesten, der Hand zugänglichen Gegenstand beworfen, um ihn zum Teufel zu jagen. Das waren jene Stunden, in denen er stoisch, fast unbewegt da saß und ihr mit einer Geduld begegnete, die sie fast zur Weißglut trieb.

Wo waren seine kleinen Provokationen?

Seine sarkastischen Bemerkungen?

Seine schelmische Arroganz?

Sein leidenschaftlicher Charme?

Sasuke wirkte wie ein farbloses Abzugbild seiner selbst, wie ein kantiger, rauer Stein, der von den vergangenen Stürmen in der Stadt glatt geschliffen worden war. Mit tiefen Schatten unter den Augen; Wangenknochen, über welche seine blasse Haut sich noch straffer spannte als zu Beginn ihrer Liaison, und mit einer Stummheit, die oft fast wirkte, als hätte er seine Stimme verloren.

Das war es, was sie wütender machte, als alles andere.

Dass er genauso zu leiden schien, wie sie, kam ihr unfair vor.

Und sie wollte einfach nicht akzeptieren, dass es ihre Schuld war, weil sie beschlossen hatte, die Wahrheit über ihn ans Licht zu zerren. Und auch, wenn es am Ende nicht sie selbst gewesen war, so waren es ihre Bemühungen gewesen, die diesen Stein ins Rollen gebracht haben, bis daraus eine Lawine erwachsen war, welche die halbe Stadt unter sich begraben hatte.

Und nicht nur sie war von ihr ergriffen worden – sondern auch Sasuke.

Sakura spielte mit ihren Fingern, fuhr die einzelnen Glieder nach und hielt sie in das Licht ihrer Nachttischlampe, als könnte sie in den feinen Furchen in ihrer Haut mehr Antworten finden, als in ihren kurzweiligen Gesprächen mit ihm. Nach einer Weile gab sie seufzend auf und beschloss, dass sie aufstehen und sich beschäftigen musste, um bei Verstand zu bleiben. Sie suchte die Schränke der Wohnung nach Papier und einem Stift ab und als sie endlich fündig geworden war, hockte sie sich im Schneidersitz auf einen Küchenstuhl und schrieb akribisch alles auf, was sie wusste und alles, was passiert war und woran sie sich erinnern konnte. Nichts davon war zweckdienlich dafür, die Vergangenheit gerade zu biegen, aber es half ihrem Kopf und auch ihrem Seelenfrieden, das Papier bis in die letzten Winkel zu beschreiben. Nur bei den Stichpunkten Sasuke, Gaara und dem Unfall blieb das Papier stur weiß, als verhöhnte es sie durch quadratische Augen zwischen all der durch Eile verschmierten Druckertinte.

Gerade, als sie deprimiert das Blatt in viele kleine Fetzen riss, hörte sie einen Schlüssel im Schloss und richtete sich etwas auf. Sasuke schien überrascht darüber, sie in der Küche vorzufinden, von der aus man den kurzen Flur überblicken konnte, jedoch wusste Sakura nicht, ob seine Verwunderung daher kam, dass sie sich aus dem Bett bewegt hatte oder dass sie überhaupt noch da war.

»Hey«, begrüßte sie ihn zaghaft.

Sein Blick erhellte sich ob ihrer Initiative und Sakuras Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Er schien sich danach zu verzehren, dass sie wieder die Alte für ihn wurde und fast ärgerte sie sich darüber, dass das nicht so einfach für sie war.

»Hey«, gab er leise zurück, nachdem er seinen Mantel ausgezogen und den regennassen Schirm in dem dafür vorgesehenen Ständer abgestellt hatte. Mit schweren Schritten trat er in die Küche und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Sakura bemerkte durchaus, dass er sich nicht unmittelbar neben sie setzte, sondern an einen Stuhl auf der anderen Seite des Tisches.

Es war nur ein Tisch.

Sie konnte ihn immer noch sehen.

Die feine Bewegung seiner Muskeln beim Atmen.

Das Blinzeln seiner Augen, die mit stiller Beharrlichkeit auf ihr ruhten, auf sie warteten.

Aber für Sakura fühlte es sich an, als hätten sie eine räumliche Trennung durchgemacht. Und sie war klug genug, um zu wissen, dass ihr rasendes Herz nicht davon rührte, dass sie vor einer Stunde vom Bett aufgestanden war. Je länger sie ihn ansah, desto schwerer wurde es für sie, standhaft zu bleiben. Also zwang sie sich, an etwas anderes zu denken, als an die Kluft zwischen ihnen.

»Wie war es?«, erkundigte sie sich.

Er zuckte mit den Schultern, wandte den Blick ab. »Es ist nichts passiert, entgegen meinen Erwartungen. Das Autohaus ist unversehrt, genau wie die Autos. Nur Gaara ist weiterhin verschollen und wenn das, was Itachi mir gesagt hat, stimmt, dann gilt selbiges wohl auch für Orochimaru.«

»Das heißt, es war wirklich er, der auf uns geschossen hat?«, schlussfolgerte Sakura und Sasuke nickte, »Aber dann müssen wir doch etwas tun. Wir können Gaara doch nicht aufbürden, sich darum zu kümmern!«

»Sakura.« Sie mochte nicht, wie er ihren Namen aussprach, während seine Augen zurück zu ihr wanderten. Als wäre sie ein kleines Kind, welches nicht die Tragweite der eigenen Entscheidung begriff. Sie hatte in den letzten Wochen sehr wohl begriffen. »Das ist sein Job. Er beseitigt meine Probleme.«

Sakura schauderte bei der Wahrheit, die er subtil in diese Worte eingewebt hatte. »Und was dann?«

»Danach dreht sich die Welt weiter«, lachte er tonlos. Er hing auf seinem Stuhl, als hätte er nicht mehr länger die Kraft, sich aufrecht hinzusetzen. Da war nichts mehr von seiner kontrollierten Fassade, von seinen kalkulierten Bewegungen.

Und wieder wurde Sakura wütend deswegen.

»Wieso machst du es nicht selbst?«

Sasukes Blick wurde schärfer, abweisender und die Worte, die er aussprach, schnitten ihr tiefer ins Fleisch, als die Kugel, von der sie nicht einmal wusste, ob sie noch immer in ihrem Körper steckte. »Weil ich Herz und Kopf der Sache bin, Sakura, was glaubst du? Weil es weiter gehen wird, wenn er stirbt, aber nicht, wenn ich sterbe.«

»Das heißt, er ist dir egal-«

»Natürlich ist er das nicht!«, unterbrach er sie heftig und sie zuckte zusammen, als er mit der Hand auf den Tisch schlug, »Aber es ist die Realität, in der wir leben. Ich bin in eine Position der Macht hineingeboren worden und Gaara hatte das Pech, auf der Straße groß zu werden. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass er sich nicht freiwillig dafür entschieden hat, zu tun, was er tut oder dass ich sein Leben bei der erstbesten Gelegenheit einfach opfern würde, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich treffe Entscheidungen, Sakura, deren Tragweite so gravierend ist, dass du sie dir nicht vorstellen kannst – aber sie müssen getroffen werden. Und er ist nicht der Einzige, der mit der Konsequenz dieser Entscheidungen leben muss. Ich weiß das. Er weiß das. Jeder, der mit uns zusammenarbeitet, weiß das. Nur du willst es nicht begreifen.«

Sakura schrumpfte auf ihrem Stuhl zusammen, bis sie ihren Kopf auf ihren Armen ablegen konnte und sie die Wohnungstür anstarrte, statt in seine schwarzen Augen. »Ist es danach wenigstens vorbei?«

»Nein. Wenn Orochimaru weg ist, lösen sich die meisten meiner Probleme, aber nicht alle. Und andere Probleme werden an seine Stelle treten, so nahtlos, dass es sein wird, als hätte sich überhaupt nichts verändert.« Er seufzte schwer und Sakuras Augen wurden wässrig. »So ist das in meinem Leben. So war es schon immer und so wird es immer bleiben.«

»Und was ist meine Rolle dabei?« Ihr Kopf wanderte wieder nach oben und Sasukes Züge wurden weicher, als er die Tränen in ihren Augen sah.

»Das ist deine Entscheidung.«

Er gab ihr die Wahl. Die Macht, selbst zu entscheiden, was sie wollte, doch daran war sie schon gescheitert, bevor alles so viel schlimmer geworden war – wie sollte sie sie also jetzt treffen können? Das Gewicht der Welt schien sie niederzudrücken, als sie auf ihrem Stuhl zusammenbrach. Sie weinte und weinte, bis sie am Ende nicht mehr wusste, worüber. Die Grenzen der einzelnen Gründe zerflossen ineinander, wie Schlieren aus Tinte, die sich vom Pinsel lösten und sich im Wasser zerstoben, bis sie alles trübte, verdunkelte. Irgendwann war Sasuke wortlos aufgestanden und hatte auf dem Stuhl neben ihr Platz genommen, um sie zu halten, einfach nur zu halten, und während sie ungehemmt in seinen Pullover weinte, umfing er ihren Körper mit seiner ruhigen, gefassten Beständigkeit.

»Ich liebe dich.«

Sakuras Herz stolperte, so abrupt, dass sie in ihren Tränen unweigerlich innehielt. Ihr erster Impuls war, dass sie sich verhört hatte. Der zweite zwang sie dazu, sanft ihre Hände an seine Brust zu legen und sich so weit von ihm weg zu drücken, dass sie ihm in die Augen sehen konnte.

Er begegnete ihrer überrumpelten Fassungslosigkeit mit Unbeirrbarkeit und einer unumstößlichen Überzeugung, die selbst den letzten Zweifel daran, ob sie richtig gehört hatte, beiseite fegten.

»W-was?«, entfloh es ihr atemlos.

Seine Lippen verzogen sich zu einem traurigen Lächeln. »Ich liebe dich, Sakura«, wiederholte er leise und nur sein warmer Atem, der bei den ausgesprochenen Worten über ihre Wangen strich, brachte sie dazu, nicht mit ihrer Zurechnungsfähigkeit zu hadern. »Darf ich dich küssen?« Die Sehnsucht in seiner Stimme war so unverhohlen, so roh, dass Sakura zurück in die Wirklichkeit fand.

Sie wollte – nein, sollte - nein sagen, doch da hatte ihr Kopf sich bereits selbstständig gemacht und einfach genickt. Und dann rutschte ein Teil ihres chaotischen Lebens wieder an die richtige Stelle, einfach so. Seine warmen Lippen lagen nicht einfach auf ihren – sie verschmolzen miteinander, so perfekt und nahtlos, als wären sie füreinander geschaffen worden. Keuchend holte sie Luft, als sie sich voneinander lösten, nur für einen winzigen Moment, in dem sie sich erlaubten, sich gegenseitig in den Augen zu verlieren, ehe Sakura erneut die Distanz zu ihm überwand und mit fast verzweifelter Dringlichkeit ihre Finger in seine Haare wand, um ihn noch näher zu sich zu ziehen. Ohne es zu merken rutschte sie von ihrem Stuhl auf seinen Schoss und ihre Finger krallten sich so fest an seinen Kopf, als fürchtete sie, ihn wieder zu verlieren, sollte sie ihren Griff nur ein wenig lockern. Wenn es ihm Schmerzen bereitete, so ließ er es sich nicht anmerken, stattdessen fanden seine Hände ihren Rücken und die Wärme seiner Finger vertrieb Stück für Stück die Kälte, die sie die letzte Woche befallen hatte, wie ein Schädling, welcher sich von ihrer Hoffnungslosigkeit ernährt hatte.

»Sakura«, seufzte er an ihrem Mund, als sie sich gerade so weit voneinander trennten, dass sie Luft holen konnten. Ein Schleier lag über seinen Augen und Sakura vergaß, worüber sie sich den Nachmittag über den Kopf zerbrochen hatte.

»Sag' es noch einmal«, bat sie heiser und die Art, wie seine Augen sich verdunkelten, verriet ihr, dass er verstand, worauf sie hinaus wollte.

»Ich liebe dich.« Dieses Mal klang es lauernd, fast bedrohlich und eine Gänsehaut breitete sich über ihrem Körper aus, als ihr klar wurde, dass er das vorher noch nie zu ihr gesagt hatte. Es genügte nicht, um alles zu vergessen, um alles ungeschehen zu machen, aber es war mehr als ausreichend, um den Teil der Fesseln zu lösen, welche ihre Sehnsucht nach ihm unter Kontrolle gehalten hatte.

Sasukes Mund wanderte zu ihrem Hals und Sakura hielt die Luft an. »Ich liebe dich«, raunte er an ihre empfindsame, erhitzte Haut und ihre Beine begannen zu zittern. Seine Hände gingen auf Wanderschaft und mit vertrauter Intensität erinnerte ihr Körper sich daran, wie er einst schon auf ihn reagiert hatte – so plötzlich und heftig, dass sein Name über ihre Lippen rollte.

»Ich liebe dich«, wiederholte er sündhaft sinnlich, als er sich mühelos zusammen mit ihr in den Armen erhob und sie behutsam auf den Tisch absetzte. Sein heißer Atem strich über ihre Haut, wie die sanfte Liebkosung unsichtbarer Finger und ihre Beine verkrampften sich an seiner Hüfte in ungeduldiger Erwartung nach mehr. Nach dem geordneten Chaos, welches seine Berührung verhieß, nach dem herrlich chaotischen Vergessen von allem, was nicht unmittelbar mit ihnen zu tun hatte.

Seine rauen Hände schoben sich unter den plötzlich viel zu eng sitzenden Stoff ihres Pullovers und hielten abrupt inne, als ihm auffiel, wie viel Gewicht sie verloren hatte. Danach wurden sie langsamer, vorsichtiger, seine Daumen strichen mit fast liebevoller Melancholie über ihre Rippenbögen, die sich mittlerweile eindeutig von ihrer Haut abzeichneten. Sakura keuchte auf, als er sie mit einem Ruck näher zu sich zog und sie sein Verlangen selbst durch den Stoff ihrer Kleidung hindurch spürte, ein perfekter Spiegel zu ihrem eigenen Begehren.

Sasuke löste sich von ihr, suchte auf ihrem Gesicht nach einer Antwort auf eine Frage, die er ohne Worte gestellt hatte. Seine Hände hatte er fast züchtig auf der Tischplatte neben ihr abgelegt und Sakura murrte verstimmt, weil er sie erst näher an den Abgrund geführt hatte, nur um sie jetzt dort ausharren zu lassen.

»Was ist los?« Sie spielte mit dem Saum seines Rollkragens und wich seinem glühenden Blick fast schamhaft aus. »Wieso hast du aufgehört?«

»Weil ich glaube, dass es eine schlechte Idee ist, Sakura«, gestand er zu ihrer Verblüffung, »Du hast mir nicht verziehen. Und ich will nichts machen, was du später bereuen könntest, wenn du … wenn du weniger im Moment verloren bist.«

Sakura lachte bitter und ließ ihn los, um sich stattdessen auf der Tischplatte abstützen zu können. »Ich dachte, es wäre meine Entscheidung, was für eine Rolle ich in deinem Leben spiele?«

»Ist es auch«, räumte er zögerlich ein, »aber du solltest die Entscheidung unter weniger aufgeladenen Rahmenbedingungen treffen und nicht aus dem Gefühl heraus, mir etwas schuldig zu sein.«

Jetzt schnaubte Sakura, so inbrünstig, dass seine Augenbrauen fragend nach oben wanderten. »Ich bin dir überhaupt nichts schuldig, Sasuke. Du hast auf mich geschossen und ein „Ich liebe dich“ wird daran nichts ändern.«

»Ich habe nicht auf dich geschossen. Ich habe es dir schon in der Nacht des Unfalls erklärt und du bist zu dem Entschluss gekommen, mir zu glauben, aber auch daran kannst du dich nicht erinnern, fürchte ich«, schloss er mit einem resignierten Seufzer.

»Nein, kann ich nicht«, bestätigte sie, ihre Stimme kaum mehr, als ein Wispern, gleich einer lauen Frühlingsbrise, die durch die ersten zarten Blätter eines frisch blühenden Baums strich und ihnen ein leises Rascheln entlockte. »Ich möchte dir vergeben«, flüsterte sie nach einer Weile, in der sie reglos halb ineinander verschlungen einfach existiert hatten, »wirklich, Sasuke. Ich möchte es von ganzem Herzen.«

»Und damit willst du sagen, dass …?« Er ließ den Rest der Frage unausgesprochen, seine Hände griffen nach ihren und Sakura genoss die Wärme seiner Finger auf ihrer Haut.

»Dass ich denke, dass ich eigentlich länger wütend auf dich sein sollte. Und dann, dass ich unfair bin, weil ich definitiv nicht unschuldig an der Misere bin. Dass ich dich belogen habe und vielleicht auch weiter belogen hätte, hätten die Umstände mich nicht zur Wahrheit gezwungen.« Sakura lehnte ihren Kopf an seine Brust, die sich noch immer schwerfälliger hob und senkte, als es normal gewesen wäre. Sein erhöhter Herzschlag vibrierte an ihrem Ohr und Sakura wünschte sich, sie könnten für immer so verharren.

»Wie kam es eigentlich dazu? Das hast du mir nicht gesagt.« Er löste seine Hände von ihren, um sie in den Arm zu nehmen, sein Duft nach Zitrone und Bergamotte umhüllte sie und Sakura schloss genüsslich die Augen, die Finger locker in seinem Pullover verfangen.

»Shikamaru ist Inos Ex-Freund.«

Einige Sekunden lang kam keine Reaktion von ihm, doch dann lachte er so herzhaft, dass Sakura nicht verhindern konnte, dass er sie damit ansteckte. »Das ist ein Scherz!«, insistierte er, nachdem er sich wieder beruhigt hatte, doch Sakura schüttelte nur ihren Kopf an seiner Brust. »Meine Güte.« Mehr sagte er nicht dazu, stattdessen drückte er Sakura ein wenig fester an sich.

»Ich liebe dich auch.« Sakura erschrak über sich selbst, die Worte waren ihr einfach so herausgerutscht. Sie spürte, wie Sasuke sich versteifte, offenbar ebenso perplex von ihrem Geständnis, wie sie selbst. Dann verschwanden seine Hände von ihrem Rücken, hinterließen das furchtbare Gefühl, etwas verloren zu haben, nur um stattdessen nach ihren Wangen zu fassen und ihr Gesicht anzuheben.

»Sag' es noch einmal«, wiederholte er ihre Bitte von gerade und fast hätte Sakura gekichert.

»Ich liebe dich.« Sie konnte fühlen, wie sich ein Knoten in ihrer Brust löste und sie zum ersten Mal seit Tagen frei atmen konnte. Offenbar hatte nicht nur der Rauch ihre Lungen zugeschnürt, auch ihre überschäumenden, komplizierten Gefühle für diesen Mann hatten ihr den Atem geraubt.

Sasuke führte ihr Gesicht zu seinem und küsste sie auf eine ganz andere Art, als noch vor einigen Minuten. Genießerisch, als versuchte er, den Geschmack dieser drei Worte auf ihren Lippen zu ergründen, mit einem Hauch von Leidenschaft, deren schwelende Glut noch immer nicht ganz erloschen war. Als er den Kuss vertiefte und sich wieder dichter an sie drückte, löste Sakura sich einige Zentimeter von ihm, um ihn schelmisch anzulächeln.

»Ich dachte, das wäre eine schlechte Idee?«, scherzte sie und im nächsten Moment quietschte sie, als er sie liebevoll in die Unterlippe biss. Seine Augen blitzten amüsiert und endlich sah er wieder aus, wie er selbst.

»Zur Hölle damit, was ich eben noch gesagt habe!«
 

Am nächsten Morgen erwachte Sakura von alleine und nicht von unkenntlichen Albträumen geplagt. Sasukes Arme ruhten entspannt um ihre Hüfte geschlungen und sein gleichmäßiger Atem spielte mit einer ihrer Strähnen. Er schlief noch. Eine Weile lang lag sie einfach so da und genoss seine Nähe und den friedlichen Augenblick, doch mit der Zeit wurde sie ungeduldig. Es gab noch immer viele Dinge zu klären und auch, wenn sie nicht den Hauch einer Ahnung hatte, wo Gaara sein könnte, so konnte sie etwas anderes unternehmen – etwas selbst unternehmen.

»Aufwachen, Dornröschen.« Sie drehte sich in seinen Armen um, bis sie sein Gesicht sehen konnte. Die Augen waren noch immer geschlossen, doch seine veränderte Atmung verriet ihn. Neckisch stupste sie mit einem Finger nach seiner Nase, so oft, bis er mit einem Seufzer aufgab und die Augen zusammenkniff und gähnte.

»Wie hast du geschlafen?«, fragte sie ihn mit einem kleinen Lächeln.

Statt einer Antwort küsste er sie, fuhr mit seinen Händen ihren Rücken auf und ab und kitzelte sie am Bauch.

»Hey! Was soll das?«, empörte sie sich lachend und wand sich unter seinem schonungslosen Angriff.

»Rache«, gab er nur zurück. Als Sakura kaum noch Luft bekam, ließ er endlich von ihr ab und richtete sich auf, um sich die Augen zu reiben. »Ich habe im letzten halben Jahr nicht mehr so gut geschlafen«, offenbarte er ihr zwischen zwei weiteren Gähnern, »und du?«

»Schon besser, schon schlechter«, frotzelte sie, wofür er sich erneut auf sie warf und so lange kitzelte, bis sie japsend um Gnade flehte.

»Hast du heute irgendetwas vor?«, erkundigte sie sich, nachdem sie sich wieder etwas beruhigt hatte. Sasuke war bereits im Begriff gewesen, duschen zu gehen, und hielt mitten in seiner Suche nach frischer Kleidung inne.

»Ich muss noch einmal zum Autohaus. Versuchen, Shikamaru zu erreichen und herauszufinden, wo Gaara steckt. Oder wahlweise auch Orochimaru.« Bei dem Namen verdüsterte sich sein Gesicht kurzzeitig. »Und danach können wir den Rest des Tages zusammen verbringen. Wenn du möchtest.« Er sah sie flüchtig an, als erwartete er, dass sie sich über seinen Vorschlag lustig machte oder sonst auf irgendeine Art bezeugte, wie sehr sie die letzte Nacht bereute.

»Kannst du mich auf dem Weg dorthin in der Stadt absetzen?«, stellte sie stattdessen die Gegenfrage. Sasuke hob die Brauen und bedeutete ihr stumm, ihn aufzuklären. »Ich will zur Times. Es wird Zeit, dass ich mit einem alten „Kollegen“ rede. Und mit meinem ehemaligen Boss. Bei einigen Punkten besteht dringender … Klärungsbedarf

Wieder wurde der Ausdruck auf seinem Gesicht finster. »Es hat keinen Zweck, dich zu fragen, was du vorhast, nicht wahr?«

Sakura stand auf und lief zu ihm ans Bettende. Auf Zehenspitzen balancierend, hauchte sie ihm einen entschuldigenden Kuss auf die Lippen. »Nein. Aber du kannst mir vertrauen, Sasuke.« Sie legte aufrichtige Überzeugung in ihre Stimme und um ihm zu zeigen, wie wichtig es ihr war, dass er ihr glaubte, huschte sie mit flinken Schritten in das angrenzende Bad, den Blick die ganze Zeit lang über die Schulter auf ihn geheftet, ein süßliches Lächeln auf den Lippen.
 

Sasuke machte auf dem Weg zum Autohaus Halt bei der Times, um Sakura widerwillig dort abzuliefern. Die ganze Fahrt über hatte er mit seinem Schweigen deutlich gemacht, was er von ihrer Idee hielt, am Ende hatte er aber einsehen müssen, dass er sie nicht davon abhalten würde können.

»Sei' bitte einfach nur vorsichtig, Sakura«, bat er sie, offensichtlich immer noch verstimmt, als sie am Straßenrand hielten. Missbilligend musterte er das Gebäude, hinter dessen hübscher Fassade die Probleme ihren Lauf genommen hatten.

»Ich werde nicht lange brauchen«, versicherte sie ihm zum dutzendsten Mal, »und wenn ich fertig bin, werde ich bei mir zuhause auf dich warten.«

Sasuke nickte bejahend und sah ihr dabei zu, wie sie aus dem Auto stieg, gekleidet in eine viel zu große Hose und einem Pullover aus seinem Schrank. Das Wetter war mittlerweile mild genug, um auf eine Jacke zu verzichten, und dennoch sah Sakura aus, als wäre sie irgendwo zwischen den Falten des zu weiten Stoffes verloren gegangen.

Mit einem letzten Winken verabschiedete sie sich, ehe sie ihre Tasche schulterte und festen Schrittes die Treppen zum Gebäude erklimmte. Lange hatte sie überlegt, ob dies eine gute Idee war und irgendwann war sie zu dem Schluss gekommen, dass es allemal besser war, als herumzusitzen, nichts zu tun und darauf zu warten, dass sie von einem plötzlichen Geistesblitz zusammen mit ihren Erinnerungen von der Unfallnacht überrascht wurde, die ihr zu einer besseren Erkenntnis verhelfen hätten können.

Nervosität brachte ihre Fingerspitzen zum Kribbeln, als sie die Tür aufschwang und das Foyer betrat. Ihrer Haare wegen hatte sie sofort sämtliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen, doch die meisten schienen keinen Anstoß daran zu nehmen, dass sie zurückgekommen war – im Gegenteil: Die Empfangsdame winkte ihr freundlich zu, als wäre sie nie weg gewesen. Die Fahrt in den obersten Stock verlief ereignislos und erst, als sie vor der großen Doppeltür angekommen war, die zu dem Großraumbüro führte, in welchem einst ihr Tisch gestanden hatte, überkamen sie ernsthafte Zweifel.

Ihre Hand verharrte reglos in der Luft, kurz vor dem massiven Griff aus poliertem Holz, dessen Enden mit Gold verziert worden waren. Zitternd atmete sie tief ein und aus, die Augen dabei geschlossen, und als sie sie wieder öffnete, jagte sie die Zweifel über Bord und trat mit so viel Stolz und Würde in den Raum, wie es ihr möglich war. Die Arbeiten verstummten fast synchron, als hätten sämtliche Finger im Raum gleichzeitig vergessen, wie man auf einer Schreibmaschine tippte. Einer ihrer ehemaligen Kollegen lehnte an einem fremden Schreibtisch, die Tasse Kaffee auf halbem Weg zum Mund in der Luft erstarrt, als wäre er bei ihrem Anblick zu Stein geworden.

Sie ließ ihren Blick über die Anwesenden schweifen und ihre Stirn runzelte sich, als sie Sai nirgendwo entdecken konnte. »Wo ist er? Wo ist Sai?«, fragte sie niemand Bestimmten und drei der Männer antworteten ihr fast gleichzeitig.

»In der Dunkelkammer.«

Anstatt über die Absurdität dieses Zufalls zu lachen, drehte sie sich auf dem Absatz herum und schlenderte so schnell aus der Tür heraus, wie sie herein gestürmt war, um Sai dort zu suchen, wo alles seinen Anfang genommen hatte. Begrüßt wurde sie von absoluter Stille und jenem typischen Rotlicht, welches alle Konturen im Raum in dunkles Schwarz tauchte. Es dauerte nicht lange, bis der einzige andere Anwesende begriff, dass jemand den Raum betreten hatte, und den Kopf hob.

»Sakura!«, entfuhr es ihm so laut, dass er vor sich selbst erschreckte und einen Schritt zurück wich, »Was machst du hier?«

»Die losen Enden zusammenführen. Und Antworten einfordern.« Sie trat einen Schritt auf ihn zu, beschloss dann aber, dass es keinen Grund dafür gab, ihn körperlich in die Ecke zu drängen, wenn sie doch eigentlich nach etwas anderem suchte.

»Ich habe keine Antworten für dich«, antwortete er knapp und eine Spur zu eilig, um glaubhaft zu wirken. Sai musste es selbst merken, denn in dem dunklen Licht erkannte sie, wie er sich selbst auf die Lippen biss.

»Willst du noch einen Versuch?«, kam sie ihm entgegen, während sie ihre Tasche auf einem leeren Tisch platzierte und sich daneben auf dessen Platte setzte. »Du bist Ino und mir lange genug ausgewichen. Du hast sicherlich mitbekommen, was jemand anderes in meinem Namen losgetreten hat und du besitzt nicht das Recht, noch länger zu verschweigen, was du weißt!«

»Es tut mir leid«, fing er an, aber mit einem genervten Stöhnen unterbrach sie ihn auf der Stelle.

»Ja, ja, ich weiß. Immer tut es allein leid. Ganz furchtbar leid. Können wir das überspringen und zu den Fakten kommen?«

Sai schluckte, spielte mit den Bildern, die er noch immer in der Hand hielt, und senkte den Kopf, wie ein Schuljunge, den man bei einem Test beim Schummeln erwischt hatte. »Eine rothaarige Frau ist vor etwas mehr als einer Woche hierher gekommen, zusammen mit einem alten Mann, der sich als Kakashis Vater verstorben gedachter vorgestellt hat. Sie haben den Artikel drucken lassen.«

»Bis jetzt erzählst du mir nur von Dingen, die ich schon weiß.« Sakura wippte mit den Beinen auf und ab, mimte die Gelangweilte und die kleine Einlage schien ihre Wirkung nicht zu verfehlen.

»Du weißt davon? Wieso bist du dann hier? Und was willst du von mir?«

»Die Wahrheit, Sai. Was du damit zu tun hattest. Warum Kakashi deine Fotos genutzt hat, um mich zu feuern-«

»Es waren nicht meine-!«

»Lüg' mich nicht an«, zischte sie wütend. Sie hatte von der Farce die Nase voll und wollte endlich wissen, was für Spiele hinter ihrem Rücken mit ihr gespielt worden waren. »Wieso hast du Kakashi diese Bilder gegeben?«

Sai seufzte, legte die Bilder hin und fuhr sich durch das Gesicht und die Haare. »Aus dem gleichen Grund, aus dem ich vor all den Monaten hier auf dich getroffen bin und dich zu deinen Bildern befragt habe.«

Sakura klappte der Mund auf und obwohl ihre Hände fest auf der Tischplatte lagen, hatte sie das Gefühl, die Welt kippte unter ihren Füßen weg und sie verlöre das Gleichgewicht. »Nein ...«, murmelte sie entsetzt, »Nein! Du auch?« Sakura lachte verbittert. Das konnte nicht sein. Erst Hinata und jetzt auch noch Sai? »Kakashi hat dich auf mich angesetzt?«

»Er hat mir sogar aufgetragen, dich mit Hinata bekannt zu machen. Und als er das Gefühl hatte, dass ihm die Sache nicht schnell genug ging und dass wir herum trödelten, hat er dich höchstpersönlich versetzt.«

»Lass' mich raten: Das ist noch nicht alles?«

Sai schüttelte den Kopf und Sakura war, als müsste sie sich gleich übergeben. Vielleicht war es eine dumme Idee gewesen, hierher zu kommen. Vielleicht war die Bürde des Wissens manchmal einfach zu groß, um sie zu schultern, und es wäre klüger gewesen, weiterhin unwissend zu bleiben, auch wenn das bedeutete, dass sie sich viele Abende lang unruhig im Bett hin und her wälzte. »Die beiden Bilder, die du von ihm geschossen hast, waren der Startschuss für alles. Kakashi wurde zufällig aufmerksam auf sie und ich vermute, er witterte seine Rache an Sasuke und seiner Familie. Er weiß um die schlechte Beziehung zwischen den Uchihas und Danzou. Und dass ich einen guten Draht zu Letzterem habe. Ich sollte Danzous gute Kontakte nutzen und als Übermittler zwischen den beiden dienen, um so zusammen mit dir den Dreck ausgraben, welchen Sasuke vergraben hatte.«

Sakura schluckte und bohrte ihre Fingerspitzen so fest in die Tischplatte, dass ein stechender Schmerz durch sie hindurchfuhr, bis in die Sehnen ihres Unterarms. »Aber wieso bin ich dann gefeuert worden? Wenn ich genau das getan habe, was ihr alle wolltet, wieso musste ich dann verschwinden?«

»Weil ich den Fehler gemacht habe, Kakashi nicht zu widersprechen. Es gab keinen besonders guten Grund, Danzou überhaupt einzuweihen. Wir hätten das Ganze auch ohne ihn durchziehen können, aber durch meine Vergangenheit mit ihm, hatte ich das Gefühl, ihm etwas schuldig zu sein. In der Sekunde, in der ich auch ihm die Bilder gegeben habe, hat er die Vereinbarung mit Kakashi, Sasuke zusammen auffliegen zu lassen, gekippt und gedroht, die Bilder sofort drucken zu lassen und das gesamte Vorhaben zu untergraben, wenn er nicht das Recht bekam, die Story zu Sasuke selbst zu veröffentlichen. Daraufhin hat Kakashi dich gefeuert, in der Hoffnung, dass dein Wille, noch etwas zu schreiben, damit vom Tisch war. Bevor er Danzou seine Rache auf dem silbernen Tablett überließ, verzichtete er lieber gänzlich auf sie.«

Sakura brauchte eine ganze Weile, um die Informationen zu verarbeiten. Schweigen hing zwischen ihnen in der Luft, wie der Geruch von angebranntem Essen. »Wieso warst du an Silvester dann mit ihm auf dem Anwesen der Uchihas?«, fragte sie irgendwann und Sai zuckte nur mit den Schultern.

»Er bekommt jedes Jahr eine Einladung und ich hatte nicht damit gerechnet, euch beide dort zu sehen. Ein weiterer Fehler. Ich hatte ohnehin schon ein schlechtes Gewissen, weil ich dafür gesorgt habe, dass du deinen Traumjob verlierst, egal ob absichtlich oder nicht. Dich dort mit Ino zu sehen und der Schock auf ihrem Gesicht, als sie mich erkannt hat, war zu viel gewesen.« Sai setzte sich, etwas von ihr entfernt, ebenfalls auf einen der Tische und wartete darauf, dass sie ihre Gedanken sortiert hatte. Dies dauerte eine lange Zeit, doch Sai drängte sie nicht und irgendwo war sie froh, endlich Gewissheit zu haben, auch wenn das für sie bedeutete, zu akzeptieren, dass keine ihrer Entscheidungen jemals nur von ihr getroffen worden war.

»Es tut mir leid«, sprach er mit gesenkter Stimme, den Blick auf seine Schuhe gerichtet, »am Anfang dachte ich mir überhaupt nichts dabei. Du warst eine Fremde für mich und ich sah keinen Grund darin, nicht hinter deinem Rücken mit Kakashi und Danzou zu reden. Aber dann habe ich dich kennen gelernt. Und Ino. Und schneller, als mir lieb war, begriff ich, dass ich einen furchtbaren Fehler nach dem anderen gemacht habe.«

Sakura erlebte eine Epiphanie, als sie Sai dabei beobachtete, wie er alles tat, nur um ihr nicht in die Augen sehen zu müssen.

Es war ihr egal.

Sie war ihm nicht böse.

Zu einem gewissen Punkt konnte sie ihn verstehen, seine Gedanken und seine Ambitionen, die anfänglich seine treibende Kraft gewesen waren. Vielleicht hätte sie in seiner Situation sogar ähnlich gehandelt, wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Sai war hier nicht das Problem – sondern die, die glaubten, sie könnten andere Menschen so lenken, wie es ihnen beliebte. Im Grunde war er auch nur ein Opfer, genau wie sie, auch wenn er länger gebraucht hatte, um das selbst zu begreifen. Auch er hatte nie wirklich das getan, was er wollte, sondern nur Anweisungen anderer ausgeführt, ohne groß darüber nachzudenken. Und die Tatsache, dass er sich so schnell aus ihren Nachforschungen zurückgezogen und ihr das Feld mehr oder weniger allein überlassen hatte, wunderte sie nun auch nicht mehr länger.

Abgesehen davon war sie in letzter Zeit oft genug wütend auf alles und jeden gewesen und allmählich wurde es Zeit, die Wut gegen die Richtigen zu lenken. Deshalb klopfte sie ihm aufmunternd auf die Schulter und schenkte ihm ein Lächeln, von welchem sie hoffte, dass es aufrichtig wirkte. »Es gibt nichts zu verzeihen«, beschied sie ihm und der verwunderte Ausdruck auf seinem Gesicht entlockte ihr ein leises Lachen, »wirklich, Sai. Es ist in Ordnung. Ich weiß, dass du unter anderen Umständen auch anders gehandelt hättest. Aber ich bin froh, dass du endlich ehrlich zu mir warst, wirklich. Aber jetzt muss ich noch mit jemand anderem hier reden.« Damit hüpfte sie von der Tischplatte, klopfte sich imaginären Staub aus Sasukes Hose und griff nach ihrer Tasche. Sie zwinkerte ihm zu und spürte seinen verblüfften Blick in ihrem Rücken, bis sie aus der Dunkelkammer verschwunden war.

Zuversicht erfüllte sie, nun alle Puzzleteile in der Hand zu halten, um Kakashi zur Rechenschaft zu ziehen und ihm endlich all die Dinge zu sagen, die immer unter ihrer Oberfläche geschlummert hatten, wie eine Bestie, die man nur auf eine bestimmte Art wecken konnte.

Noch einmal erfüllte kollektives Schweigen das Großraumbüro, als sie wie eine feurige Erscheinung zwischen den Tischen geradewegs auf Kakashis Büro zustürmte, als wäre die Apokalypse höchstpersönlich auf ihren Fersen. Ohne anzuklopfen trat sie ein und ließ die Tür mit so viel Nachdruck ins Schloss fallen, dass sie sicher sein konnte, dass niemand es wagen würde, sie zu stören.

»Guten Morgen, Kakashi«, grüßte sie ihn betont freundlich und nahm ungefragt auf dem Sessel ihm gegenüber Platz. Kalter Rauch kitzelte ihre Nase, doch diesmal füllte er sie nicht mit dem Verlangen, ebenfalls eine zu rauchen.

»Guten Morgen, Ms. Haruno.« Er schien sie erwartet zu haben. Sein Gesicht war angespannt und weit weniger feindselig, als sie es in Erinnerung hatte, doch das änderte nichts daran, dass sie hier war, um endlich Klartext zu reden. »Sie haben scheinbar einen guten Grund, um hier unangekündigt aufzutauchen«, sprach er ihren Gedanken aus, »also bitte: Verzichten wir auf das Drumherum und kommen direkt zum Punkt.«

Sakura schluckte, nun doch ein wenig nervös, doch es war viel zu spät, um noch einen Rückzieher zu machen. »Sai hat mir gerade die Wahrheit erzählt«, begann sie also ohne Umschweife, »und jetzt bin ich hier, um Sie daran zu erinnern, dass Sie Urkundenfälschung begangen haben, als Sie meinen Namen unter diesen Artikel gesetzt haben. Und um Sie darum zu bitten, mir im Gegenzug zumindest zu verraten, wo Karin sich aufhält. Ich habe ein Wörtchen mit ihr zu reden. Darüber, dass man nicht im Namen anderer Leute die Menschen zu Straftaten anzustacheln, zum Beispiel.«

»Und wieso genau sollte ich das tun?« Ein amüsiertes, kalkuliertes Schmunzeln zupfte an seinen Lippen und mit einem Schlag wurde Sakura daran erinnert, wie es gewesen war, für ihn zu arbeiten.

Sakura schürzte die Lippen, ließ sich kurz Zeit damit, zu antworten, doch Kakashi schien davon nicht beeindruckt zu sein. »Sie haben durchaus die Möglichkeit, sich querzustellen und mir genauso sehr auf die Nerven zu gehen, wie noch zu jener Zeit, als ich für Sie arbeiten musste, doch leider muss ich Ihnen mitteilen, dass mir die Lust abhanden gekommen ist, Ihre Spielchen mitzuspielen. Geben Sie mir die Auskunft oder ich werde wegen des Artikels gegen Sie vorgehen.«

»Sie wagen es, mir zu drohen?«, schnaubte er abfällig, »Mit welcher Grundlage? Sie sind mit einem Kriminellen liiert. Die Öffentlichkeit und die Behörden sind gerade erst auf seine Machenschaften aufmerksam geworden. Nur zu, gehen Sie gegen mich vor und sehen Sie, wohin es Sie führen wird.« Er lehnte sich triumphierend in seinem Sessel zurück und legte die Beine auf den Tisch.

Sakura aber war nicht bereit, ihn so leicht vom Haken zu lassen. Wahrscheinlich hatte er recht und ihre Drohung war haltlos und niemand würde sich für das interessieren, was sie erzählte. Also beschloss sie, die Regeln seines Spiels zu akzeptieren. »In Ordnung. Die Times ist nicht das einzige Tagesblatt in Amerika. Ich werde einen anderen Verlag finden, der bereit ist, meine Geschichte zu drucken. Und all die Informationen, die ich über Sie, Karin und Ihren Vater gesammelt habe. Ich bin mir sicher, eine so reichlich ausgeschmückte Geschichte wird irgendwo Gehör finden und Fragen aufwerfen.«

Sie lächelte honigsüß und faltete ihre Hände über dem Schoß. Wenn er öffentlich mit Dreck werfen wollte – nur zu. Sie würde ohne mit der Wimper zu zucken mitmachen. Und es würde nicht lange dauern, bis die ersten Zweifel an der Geschichte eines totgeglaubten Mannes aufkommen würden. An der Geschichte eines Mannes, der schon vor fünf Jahren vor den Konsequenzen seiner Handlungen geflohen war.

Kakashi nahm die Beine vom Tisch, so schnell, wie er sie dorthin gelegt hatte, und richtete sich auf. Wut zeichnete sich auf seinem Gesicht ab, wie Sakura mit großer Genugtuung feststellte.

»Sie geben sich so hehr und rechtschaffen, dabei stecken Sie selbst so tief in der Sache, dass Sie jetzt, wo Sie alleine nicht mehr herausfinden, hier antanzen und mir eine Szene machen! Sie hätten es zu jeder Zeit unterbinden können, doch das haben Sie nicht gemacht! Und soll ich Ihnen verraten, wieso? Weil es Ihnen gefallen hat. Da draußen könnte die Hölle ausbrechen und es wäre Ihnen vollkommen gleichgültig, wenn nur Ihr wundervoller Sasuke Uchiha nicht sauer auf Sie wäre! Diese Frau ist hierher gekommen und hat mir meinen Vater wieder gebracht! Fünf Jahre lang dachte ich, er hätte sich wegen Sasuke umgebracht und jetzt verrate ich Ihnen noch ein weiteres Geheimnis: Ich würde es jedes Mal aufs Neue genau gleich machen und dabei ist es mir scheißegal, was das für Konsequenzen für Sie bedeutet!«

Sakura war blass geworden, ihr Zorn aber brannte auf, wie ein Feuer, in welches man frische Holzscheite gestapelt und eine gehörige Portion Öl darüber gekippt hatte. Kakashi funkelte sie aufgebracht an und der Arm, mit welchem er sich auf seinem Schreibtisch abstützte, zitterte.

»Sie haben mich mit voller Absicht in die Richtung geschubst, in die ich Ihrer Meinung nach gehen sollte«, begann sie ruhig, fast leise, nachdem sie sich wieder gefasst hatte, »hatten Sie erwartet, dass ich Ihren Vater räche, weil Sie selbst nicht den Mut dazu hatten? So muss es sein, immerhin hat Sie der Mut, durch mich zu rebellieren, in der Sekunde verlassen, in der Sie vom ersten Gegenwind erfasst worden sind.« Sie stand ebenfalls auf und trat einen Schritt auf den massiven Eichentisch zu, begegnete Kakashis Blick zum ersten Mal voller Aufforderung, auf ihre Provokation einzugehen. Dieser Mann hatte ein Jahr lang alles mit vernichtender Abneigung gestraft, was sie eingereicht hatte; hatte sie vor ihren Kollegen regelmäßig zusammengefaltet und sie mit den Arbeiten überhäuft, für die sich der Rest ihres Kollegiums zu fein gewesen war. All die Wut, all die Ungerechtigkeit, die sie vom ersten Tag an gespürt hatte, wann immer sie in das Großraumbüro getreten war, brach aus ihr hervor wie eine üble Krankheit und obwohl ihre Schulter schmerzhaft pochte, als sie sich ebenfalls auf seinen Tisch lehnte – eine klare Grenzüberschreitung, die sie sich vor Kurzem noch niemals getraut hätte – zuckte sie nicht zusammen, holte nicht zischend Luft, hielt seinem Blick weiterhin stand. »Sie haben Sai auf mich angesetzt, wohl wissend, dass damit auch Danzou seine Finger im Spiel haben würde, um Sasuke zu schaden – egal, wie. Sie haben mich zu Hinata ins Archiv geschickt und mich dann gefeuert, weil ihr selbst erwählter Bündnispartner Ihnen in den Rücken gefallen ist, und jetzt besitzen Sie die Frechheit, nach allem, was Sie mir angetan haben, mir einen Vortrag über meine Motive und meine Moral zu halten? Wie können Sie am Morgen überhaupt in den Spiegel blicken, Kakashi?« Sie schnaubte abfällig und löste sich vom Tisch. Kakashi fiel ausnahmsweise keine bissige Antwort ein, sodass sie einfach weiter sprach: »Jetzt verrate ich Ihnen ein Geheimnis. Es ist mir egal, ob Sie mir sagen, wo Karin sich aufhält – oder nicht. Es ist mir noch viel gleichgültiger, was Sie über mich denken. Aber drucken Sie weiterhin Schmutzkampagnen in meinem Namen, werden Sie der nächste sein, der für fünf Jahre untertauchen muss, das verspreche ich Ihnen.«

Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und verließ fluchtartig sein Büro. Sai wartete auf der anderen Seite auf sie und sah so aus, als hätte er bis eben an der Tür gelauscht. Sie ertrug es nicht, die Schuldgefühle in seinem Gesicht zu sehen, denn im Grunde hatte er nichts verbrochen – außer Danzou ebenfalls die Fotos von ihr und Sasuke zu überreichen. Zwar hätte er es ahnen können, dass dieser sie als Druckmittel gegen Kakashi einsetzt, statt sich an die Abmachung zu halten, zusammen gegen Sasuke vorzugehen, aber am Ende des Tages machte das auch keinen Unterschied mehr. Sai hatte man, genau wie sie, auf einem verdammt dünnen Seil zwischen zwei wackligen Stühlen mit jeweils nur zwei Beinen balancieren lassen.

»Und?«, fragte er gehetzt, als sie schon fast aus dem Büro hinaus waren. Obwohl er die längeren Beine hatte, stolperte er unbeholfen hinter ihr hier, doch man musste ihm zugute halten, dass er im Gegensatz zu ihr auch darum bemüht war, nicht sämtliche Tische im Vorbeigehen abzuräumen.

»Das fragst du noch? War die Tür zu dick, um etwas durch sie hindurch zu verstehen?« Als er nicht antwortete, seufzte sie und gab seinem Versuch, so etwas wie Höflichkeit zu wahren, nach. »Ich habe ihm die Meinung auf sehr blumige Art gegeigt. Und es hat sich gut angefühlt, das kannst du mir glauben. Ich weiß jetzt zwar immer noch nicht, wo ich Karin finden kann, aber ich bin mir zumindest sicher, dass die öffentliche Schlammschlacht ein Ende gefunden hat.«

»Hast du ihn etwa bedroht?«

Sakura sah ihn von der Seite an. »Und wenn ja?«

Sai wich das wenige bisschen Farbe, welches er von Natur aus nur hatte, restlos aus dem Gesicht. »Herrgott, Sakura, was ist nur in den letzten Monaten mit dir passiert?«

Sakura hielt so abrupt vor dem Fahrstuhl an, dass Sai fast in sie hineingelaufen wäre, und drehte sich zu ihm um. »Ich dachte, ich gehe selbstbestimmt meinen Weg. Suche mir ein Thema raus, an das sich keiner herantraut, und mache mir damit einen Namen. Nicht nur, dass ich nach und nach erfahre, dass keiner meiner Schritte – jemals – ungesehen geblieben ist, nein, zu allem Überfluss kommt die Ex-Verlobte des Mannes, den ich liebe, hier herein spaziert und veröffentlicht in meinem Namen Artikel und keiner unternimmt etwas dagegen!«

»Ich wollte nicht, dass es so kommt, Sakura, das musst du mir glauben! Wenn ich gewusst hätte, dass Danzou die Fotos von euch für seine eigenen Zwecke nutzt, hätte ich sie ihm niemals gegeben!« , beteuerte er noch einmal und obwohl sie wirklich nicht sauer auf ihn war, konnte sie die Sache dennoch nicht so stehen lassen. Die Fahrstuhltür sprang auf und die beiden warteten darauf, dass er sich leerte, bevor sie ihn betraten.

»Danzou ist ein Scheißkerl, Sai. Das weiß jeder, sogar Ino und die ist noch nicht einmal mit ihrem Studium fertig. Es war eine durchaus plausible, erwartbare Möglichkeit, dass er die Bilder benutzt, um die Oberhand zu gewinnen. Dass ich dabei gefeuert werde, war ihm egal, er wollte den verfluchten Ruhm einfach nur für sich selbst haben. Wollte seine dämliche Fehde mit den Uchihas endlich gewinnen. Du hast es mir doch selbst so gesagt! Die beiden Parteien hassen sich – aus welchem Grund auch immer, soll mir auch echt egal sein. Danzou würde ich es sogar zutrauen, dass er notfalls mit Orochimaru zusammen arbeiten würde, um seinen Willen zu kriegen.« Sakura hielt in ihrer Rage inne, so jäh, dass sie überrascht nach Luft schnappte, als sie feststellte, wie kurzatmig sie geworden war. »Warte, woher wissen wir nicht, dass es nicht so ist?«

Sai schüttelte vehement den Kopf. »Niemals. Danzou ist ein zwielichtiger Typ, das gebe ich ja offen zu, aber mit der kriminellen Unterwelt hat er nichts zu schaffen. Er verachtet Orochimaru genauso sehr, wie Sasuke, das kannst du mir glauben.«

»Das sagst du bestimmt mit derselben Sicherheit, mit der du daran geglaubt hattest, es wäre eine gute Idee, ihm die Bilder anzuvertrauen«, schnaubte sie gehässig, doch dann fing sie zu lachen an und Sais Augenbrauen wanderten verwirrt nach oben. »Aber was für eine Ironie das ist! All die Mühe und am Ende scheitert sein Plan daran, dass Karin ihren Artikel bei der Times drucken lässt und nicht bei ihm!«

»Siehst du? Wenn er mit Orochimaru unter einer Decke stecken würde, hätte Karin ihren Artikel niemals von Kakashi veröffentlichen lassen, Sakumo hin oder her. Dem kann es ja egal sein, wer seinen Namen letzten Endes reingewaschen hat. Aber abgesehen davon, war Danzou darüber ziemlich wütend, ja ...«, räumte Sai ein, während sie den Fahrstuhl verließen und versuchten, so auszusehen, als würden sie sich beiläufig über das Wetter unterhalten. »Seitdem habe ich übrigens versucht, Ino zu erreichen, aber ich muss sie jedes Mal verpasst haben ...«, wechselte er geschickt das Thema und Sakuras Wut verrauchte ein wenig. Mit Ino musste sie auch noch reden und nur der liebe Gott wusste, wie sie reagieren würde.

»Wieso erst jetzt?«, hakte sie unnachgiebig nach, »wochenlang war sie erschüttert darüber, dass du sie nach Silvester einfach aus deinem Leben gestrichen hast.« Vor der Eingangstür angekommen, winkte Sakura prompt nach einem Taxi und bedeutete Sai, zusammen mit ihr einzusteigen. »Wenn es stimmt, dass du versucht hast, sie anzurufen, kannst du genauso gut direkt mit zu uns fahren und es uns beiden erklären«, fügte sie hinzu, als er sie anstarrte, als hätte sie nun endgültig jegliche Räson verloren.
 

Ino schimpfte. Laut und voller Inbrunst und Sakura konnte nichts anderes tun, als dort zu sitzen, auf ihrer Couch, mit einem seltsam beschämten Sai neben sich, und sich ihre Tirade anzuhören.

»Ihr seid alle beide von Sinnen! Und ihr treibt mich noch in den Wahnsinn!«, ereiferte sie sich und Sakura presste entschuldigend die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Mit einem lauten Seufzer schmiss Ino sich auf ihr Bett, nachdem sie die letzte Viertelstunde ruhelos, wie eine Mänade, in ihrem Zimmer auf und ab gelaufen war. Sai hatte für sie wiederholt, was er Sakura bereits erklärt hatte, und danach war Ino förmlich geplatzt. Zwischen hysterischem Lachen und Weinen und Vorwürfen gefangen, hatte sie einen endlosen Monolog über Vertrauen und Ehrlichkeit gehalten.

»Es tut mir leid«, wiederholte Sai sich zum hundertsten Mal an diesem Tag. Ino schnaufte heftig und es war überdeutlich, dass sie froh darüber gewesen wäre, wenn Sakura niemals die Fotos von Sasuke geschossen hätte. Sie konnte es ihr nicht verübeln.

»Das habe ich bereits verstanden«, gab sie gereizt zurück, die Arme vor der Brust verschränkt und den Blick stur an die Decke gerichtet, »trotzdem hätte es wirklich nicht geschadet, einfach mit uns zu reden. Das hat alles nur schlimmer gemacht!«

»Ich weiß ...«, pflichtete Sai ihr kleinlaut bei. Sakura fand, dass er seine Sache ganz gut machte. Die zermürbte Reue fühlte sich echt an und wer weiß – vielleicht würde Ino ihm eines Tages verzeihen, dass er sie angelogen und dann einfach verlassen hatte.

»Und jetzt? Ist die Sache jetzt wenigstens vorbei?«

Sakura zuckte mit den Schultern, begriff dann aber, dass Ino das gerade nicht sehen konnte, und sagte deshalb: »Ich hoffe es. Ich würde gern noch einmal mit Karin persönlich reden und sie davon überzeugen, dass es keine kluge Idee wäre, noch weiter zu machen, aber niemand will mir verraten, wo sie ist. Der Einzige, der es wissen könnte und den ich noch nicht gefragt habe, ist Sasuke, aber wenn ich ihn nach seiner Ex-Verlobten frage, starte ich, glaube ich, das nächste Drama. Deswegen denke ich, es ist vorerst das Beste, die Sache ruhen zu lassen und zu sehen, was passiert.«

»Und was ist mit den Behörden? Die sind doch jetzt auf Sasukes Spur gestoßen und diesmal so öffentlich, dass man das wohl kaum noch unter den Tisch fallen lassen kann«, warf Sai einen durchaus berechtigten Einwand ein.

»Mich würde an diesem Punkt gar nichts mehr wundern.« Sakura musste Ino zustimmen. Es würde sie nicht wundern, wenn Sasuke das Problem mit den Behörden gelöst bekäme, ohne ernsthafte Konsequenzen davon zu tragen. Immerhin mussten diese schon seit geraumer Zeit sämtliche Augen und Ohren in seine Richtung verschließen, um rein gar nichts mitbekommen zu haben. Blieb also nur noch die Sache mit Orochimaru. Solange er auf dem Plan war, würde niemals Gras über die Sache wachsen. Sakura biss sich auf die Lippen. Die Ausschweifungen mit ihm hatte sie den beiden verschwiegen und dafür, dass sie sich unlängst darüber aufgeregt hatte, dass man alles hinter ihrem Rücken gemacht hatte, fiel es ihr zu leicht, den beiden nur die halbe Wahrheit zu geben.

»Und wie sieht es jetzt mit dir und Sasuke aus?«, fragte Ino irgendwann, als sie sich beruhigt hatte. Sie hatte ihren Kopf zur Seite gedreht und begegnete Sakuras Blick mit dem gleichen Ausdruck von Fürsorge, der Sakura schon immer das Herz erwärmt hatte.

»Zwischen uns hat sich alles geklärt.« Inos hochgezogene Brauen brachten sie zum Erröten. Sie wollte das Thema wahrlich nicht vertiefen, aber sie kannte ihre beste Freundin gut genug, um zu wissen, dass sie es niemals dabei beruhen lassen würde. »Er hat mir gestanden, dass er mich liebt und-« Und weiter kam sie nicht. Ino war ein quietschender, hibbeliger Tornado, der sofort vom Bett fegte und Sakura zu sich hochzog, um eine spontane Tanzeinlage mit ihr zu vollführen. Sie wünschte nur, sie könnte sich darüber genauso rückhaltlos freuen, wie sie.

»Ino, ich weiß, du mochtest ihn von Anfang an, aber ich muss dich wohl daran erinnern, dass er durchaus kriminell ist«, merkte Sakura mit einem schiefen Grinsen an. Sie konnte Ino ohnehin nichts vormachen.

»Ach, papperlapapp. Die Sache am Hafen war nur ein Missverständnis und am Ende war er doch immer nur gut zu dir!«

»“Missverständnis“ ist sehr vorsichtig ausgedrückt, Ino«, lachte Sakura kopfschüttelnd, »es mag nur ein Warnschuss gewesen sein, trotzdem war das definitiv nicht die feine Art. Er hätte seiner Wut auch weniger … ausdrücklich Luft machen können.«

Ino winkte nur ab, nachdem sie aufgehört hatte, sie herumzuwirbeln. »Männer sind dramatisch«, stichelte sie mit einem provokativen Seitenblick zu Sai. Auch das würde Sakura in Anbetracht ihres letzten Aufstandes unkommentiert so stehen lassen.

Gerade als sie einen lockeren Witz machen wollte, klopfte es an der Tür und Ino und Sakura horchten auf. Hatten sie ein Klingeln überhört und der Besucher hatte sich über einen ihrer zahllosen Nachbarn Zutritt zum Haus verschafft? Ein Blick durch den Spion offenbarte Sasuke auf der anderen Seite und Sakura freute sich genau eine Sekunde lang, ihn zu sehen.

»Sasuke? Was machst du denn hier?« Sie runzelte die Stirn, als sie den Blick seiner leeren, ausdruckslosen Augen auffing. Seine Gesichtszüge waren erschlafft, als hätte ein unsichtbarer Schatten hinter ihm seine Seele entrissen.

»Orochimaru lebt nicht mehr«, kam es ihm stockend über die Lippen. Für ihn sollte das eine erfreuliche Nachricht sein und die Tatsache, dass er so erschüttert aussah, beschwor eine ungute Vorahnung in Sakura, die ihre Beine schwach werden ließ. Hilfesuchend klammerte sie sich an den Türrahmen, in stummer Erwartung dessen, was nun unweigerlich folgen würde. »Gaara ist mit ihm gestorben.«

Ein Schrecken ohne Ende

Natürlich musste es in Strömen regnen, als sie ihn beerdigten. Sasuke war zusammen mit ihr, Itachi, Naruto und Neji einige Meilen außerhalb von New York zu einem kleinen Wäldchen gefahren. Es war langwierig und aufreibend für alle Beteiligten, so durchnässt bis auf die Knochen durch ein Waldstück zu stiefeln, aber für Gaara war es schlicht entwürdigend. Mitten im Nirgendwo hatten sie ein unförmiges Loch ausgehoben, um seine schlichte, schnörkellose Urne zu begraben. Der Boden schmatzte bei jeder Bewegung unter ihren Füßen und als das kleine Loch mit Matsch abgedeckt worden war, gab es kein Zeichen dafür, dass Gaara hier seine letzte Ruhe gefunden hatte.

Kein Schild mit einer Inschrift, welches die Welt an seine Existenz erinnern würde. Kein Blumengesteck, um zumindest einen Hauch von Förmlichkeit zu verspüren – nichts. Wenn sie sich umdrehten und zurück durch den Wald liefen, würden sie in wenigen Wochen nicht einmal mehr wissen, wie sie dorthin kommen sollten.

Es würde so sein, als hätte es ihn nie gegeben.

Der Gedanke brachte sie zum Weinen, so heftig, dass Sasuke einen Arm um ihre Schulter legte, um ihren Körper zu stützen, der regelmäßig unter ihren Schluchzern erbebte. Obwohl sie klatschnass war und ein böiger Wind über die Landschaft fuhr, spürte sie die Kälte kaum. Wie betäubt stand sie vor dem winzigen Matschhügel und blickte der Endgültigkeit durch tränenverschleierten Blick in ihr hässliches Auge.

»Es würde ihn glücklich machen, wenn er wüsste, dass jemand wie du um ihn weint.« Sasukes Stimme war so leise, dass Sakura ihn durch den prasselnden Regen kaum verstand. Sasuke hielt ihre Schulter fest umarmt und dennoch wurde sie das Gefühl nicht los, aus einer Fassung heraus zu fallen, wie eine lose Glasscheibe.

»Er ist meinetwegen tot.« Ausgesprochen klangen die Worte noch vernichtender, als in ihrem Kopf. Sie fühlte sich wie ausgehöhlt, als hätte sie einen wichtigen Teil ihrer Selbst für immer verloren. Es war nicht der erste Tod, mit dem sie konfrontiert wurde. Ihrer Mutter hatte sie im Grunde beim Sterben zusehen müssen, Tag für Tag für Tag und dennoch war das hier etwas ganz anderes. »Wie könnte es ihn also glücklich machen, dass ich um ihn weine?«

»Er wusste, dass dies ein mögliches Ende war. Und er hat sich trotzdem willentlich dafür entschieden. Ich bin mir sicher, dass er seinen Frieden darin gefunden hat, für dich da gewesen zu sein.«

Sakura wollte ihm glauben, so sehr, doch das schlechte Gewissen, welches sie von innen heraus zu verschlingen drohte, brannte wie Säure in ihren Adern, vergiftete ihr qualvoll pochendes Herz und ihren Verstand.

»Sasuke.« Itachis mahnende Stimme riss Sakura aus den tiefen, verhedderten Gedankenflechten, die ihren Kopf durchzogen. Sie hob den Kopf und folgte Sasukes Augen, die über die Schulter gerichtet auf einem ungleiches Pärchen lagen.

Karin stand mit Sakumo unweit entfernt unter einem Baldachin aus leeren Ästen, einen Schirm gespannt, der zwischen ihren Köpfen balanciert wurde und so nur die Hälfte des Regens davon abhielt, sie zu durchnässen. Selbst von hier erkannte Sakura den eindringlichen Blick, welchen Karin ihr mit ihren feuerroten Augen zuwarf. Sie glaubte, Enttäuschung auf ihren Gesichtszügen zu sehen, doch die Distanz mochte ihr dabei einen Streich spielen.

»Was machen sie hier?« Es überraschte Sakura nicht, dass die beiden sie gefunden – oder eher: verfolgt – hatten, aber es machte sie durchaus wütend, dass sie diesen intimen Moment des Abschieds mit ihrer Anwesenheit befleckten. Schon wieder ließen sie Sakura in ihrer Trauer nicht allein, sonder zwangen sie stattdessen, über Dinge nachzudenken, für die es hier eigentlich keinen Raum gab. »Und wieso kommen sie nicht herüber?«

»Sie wollen nicht mit mir reden. Sie wollen nur, dass ich weiß, dass sie noch da sind.« Sasuke griff nach Sakuras Hand, hielt sie fest mit seiner umschlossen, als fürchtete er, der Wind könnte sie mit davon reißen. »Mich daran erinnern, dass sie die Lücke füllen werden, die Orochimarus Ableben in meiner Kette von Problemen hinterlassen hat.«

»Und was hast du vor, gegen sie zu unternehmen?« Sakura dachte darüber nach, was er ihr darauf antworten könnte und schluckte. Würde er sich auf die gleiche Art um sie kümmern, wie Gaara sich um Orochimaru gekümmert hatte? Und wer würde dabei dieses Mal das kurze Ende ziehen?

Sasuke drückte sanft ihre Hand. »Darüber zerbrechen wir uns ein andermal den Kopf, Sakura.«

»Wir

Ein leises Schnauben neben ihr, amüsiert genug, um als leises Lachen zu gelten. »Ja, wir. Wenn du es möchtest.«

Sakura verfiel in Schweigen. Die jungen Männer hinter ihr scharrten mit den Füßen im Matsch und es war offensichtlich, dass sie so schnell wie möglich wieder weg von hier wollten – im Gegensatz zu Sakura. Sakura war noch nicht bereit dazu, Gaara für immer Lebewohl zu sagen, auch wenn sie wusste, dass es albern war. Sie kannte diese Empfindungen von früher und alte Wunden rissen auf. Nur, dass sie dieses Mal, wenn sie die Phase der Verdrängung überwunden hatte, keinen Ort hatte, an dem sie trauern konnte.

»Wir sollten wieder zurück.« Sakura wusste, dass Sasuke recht hatte. Äußerst widerwillig löste sie sich von dem Anblick des mitleiderregenden „Grabs“, um noch einmal über ihre Schulter zu blicken. Karin und Sakumo hatten sich von ihnen abgewandt und spazierten gemächlich außer Sichtweite. Als wäre nie etwas zwischen ihnen vorgefallen. Als hätte Karin Sakuras Abwesenheit nicht dazu genutzt, um in ihren Namen ein Feuer zu entzünden, welches New York fast gänzlich verschluckt hatte.

»Lass' uns gehen.« Sakura war nicht bereit dazu, Gaara schon der Bedeutungslosigkeit zu überantworten, aber keine Zeit der Welt würde etwas an diesem Umstand ändern.

Noch einmal drückte Sasuke ihre Hand und während der Regen in vernichtender Präzision auf sie herab prasselte, fühlte Sakura den Keim von etwas anderem in ihrer Brust sprießen.

Ein neuer Keim.

Ein wütender Keim.

Ein Keim, der nach Vergeltung schrie.
 

.ೃ࿐
 

Die Liebe ist viel gefährlicher als Hass.

Sie lässt uns Dinge tun, zuweilen sogar grausam sein, weil wir Träume mit der Realität verwechseln.


Nachwort zu diesem Kapitel:
Da bin ich wieder!

Diesmal mit 'nem kleinen Schinken im Schlepptau x)
Ich hoffe, es gefiel <3

bis zum nächsten Mal! <3

P.S: dickes Sorry, falls jemand eine Benachrichtigung wegen einem Doppelupload bekommen hat und sich nun wundert - ich hab wohl etwas zu aggressiv auf "Jetzt veröffentlichen" gedrückt x) Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Weiter gehts! :D

Danke für's Lesen und bis zum nächsten Mal! <3 Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Dieses Mal bin ich mit dem Update etwas schneller, Hallöchen! :)

Ich hoffe, ihr alle hattet ein ruhiges und besinnliches Weihnachtsfest, egal ob alleine oder mit Freunden und/oder Familie!
An dieser Stelle wünsche ich euch schon einmal einen guten Rutsch, weil in zwei Tagen schaffe ich bestimmt kein neues Update mehr, wenngleich das nächste Kapitel schon in Arbeit ist!

Rutscht bitte nicht zu weit! :D
Und bis ins Neue Jahr! :)

LG und danke fürs Lesen <3
Cinae

P.S.: Ja, im nächsten Kapitel treffen die beiden das erste Mal so richtig aufeinander, huehue Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Für alle, die irritiert sind:

Eigentlich war von Anfang an geplant, dass Sakura dieses Alibi-Update mit dem Blumenladen ihrer Mutter bekommt und ich weiß NICHT, wieso ich in den letzten Kapiteln erwähnt habe, dass Inos Eltern zu weit weg wohnen. Ich habe es überarbeitet, muss sich wohl irgendwie einfach eingeschlichen haben. Manchmal ist mein Kopf zu leer :D

Für alle, die sich wundern, wieso ich auf einmal irgendetwas über Parfum schwafel: Ich hab die Szene geschrieben und wollte einen tatsächlich existierenden Duft beschreiben. Dann bin ich abgestiegen in das Rabbithole, welche Parfums es um 1920 herum gab. Wie sie riechen, woher sie kommen und dann hab ich mich dabei erwischt, wie ich nachts um 3 nach Herrendüfte aus den Zwanzigern und Kopfnoten google. Tja. Schreiben, wir lieben es, haha, vor allem, wenn man viel zu leicht abzulenken ist. Ich wollte es dann aber am Ende doch drin lassen, auch wenn es vielleicht etwas random anmuten mag, einfach nur, weil ich so viel Zeit damit verschwendet habe, hehe!

Danke für's Lesen ihr Lieben und bis bald :) Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hallo, ich noch mal!

Ich schwöre hiermit feierlich, dass die zweifelnde Sakura hier langsam ihr Ende findet. Ich habe versucht, sie halbwegs emanzipiert zu schreiben, doch auch mit Schwächen, allerdings freue ich mich darauf, endlich mit ihrer Charakterentwicklung beginnen zu können!

Bis bald <3
Cinae Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Ich hab eine Sache vergessen, aber ich weiß nicht, wann ich es aktualisieren kann, weil ich dafür einen ganzen Dialog zerpflücken muss:

Eigentlich sollte Sakura ihn auf seine Mutter ansprechen und wieso er nicht bei ihr ist, also bitte, seht es mir nach und tut erst einmal so, als wäre das auch tatsächlich passiert xD hab schon halb geschlafen, als ich das fertig gemacht hab! Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
wir haben die 300 Seiten geknackt, höhö ❤
Danke für euren kontinuierlichen Support und fürs Lesen ❤ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Man merkt langsam - glaube ich -, dass Gaara zu meinen absoluten Lieblingscharakteren von Naruto zählt XD
Ursprünglich war er nur als kleiner Nebencharakter gedacht, aber ich habe so viel Freude daran, ihn zu schreiben, dass er immer mehr Platz eingenommen hat. Irgendwie hat es mir gefallen, wie kontrastreich er ist - auf der einen Seite gnadenlos, bissig und kalt & dann ist da auf der anderen Seite diese seltsame Loyalität, die er Sakura gegenüber empfindet. Jetzt, wo das ganze sich so ergeben hat, werde ich auf diese Loyalität wohl genauer eingehen müssen, das erfahrt ihr dann aber im nächsten Kapitel :^)

Tschö mit ÖÖÖÖ~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Die andere "Hälfte" dieses Kapitels ist bis auf zwei Szenen fertig und - wie erwähnt - bei knapp 9k Wörtern. Ich schaue, dass ich es morgen fertig geschrieben & editiert bekomme, aber ich glaube, es wird erst Donnerstag fertig sein. Und dann sind wir endlich wirklich am Ende angekommen! Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
So. Da sind wir. Am Ende. Endgültig.

Und jetzt beginnen wir mit dem Nachwort. Denn „Zwischen den Zeilen“ ist hier noch nicht zu Ende, nicht wirklich – was den ein oder anderen von euch vielleicht freuen wird.
Denn zufrieden bin ich nicht mit dem Ergebnis und hier wollte ich einmal ein wenig darüber sprechen, was diese Geschichte für mich ist. Es ist die erste Geschichte, jemals, die ich bis zum Ende erzählt habe und die lange genug ist, um sie theoretisch als „Buch“ zu bezeichnen. Das Projekt ging insgesamt 1 Jahr und 3 Monate und genau das ist auch das Kern aller Probleme (quasi). Es soll wirklich keine Ausrede sein und es mag Leute geben, die hätten das besser hinbekommen als ich, aber über so lange Zeit (mit vielen größeren Pausen zwischen einzelnen Kapiteln) den roten Faden sinngemäß beizubehalten, war für mich einfach nicht umsetzbar. Zu oft hat mich Arbeit zu lange eingespannt oder einfach nur das Leben (War 2x krank, hatte einen Bandscheibenvorfall, etc. etc.)
Viele Dinge haben sich auf dem Weg verändert oder sind viel zu knapp ausgefallen, da ich das Projekt gestartet habe, ohne 100% alles geplant zu haben. Entsprechend musste ich einige Dinge on the Spot planen und dementsprechend sind sie viel zu kurz gekommen.
Dazu zählt.

1. Die Plotlines rund um Naruto, Neji, Azuma, Shikamaru, Karin/Sakumo, Sai & Itachi. Also quasi alle, die nicht unmittelbar Sasuke und Sakura sind. Die Freundschaft zwischen Sakura und Ino finde ich noch mit am Besten und ich glaube, bei einer Überarbeitung wird das auch das sein, was am wenigsten Aufmerksamkeit bekommt. Viele Szenen zu den anderen waren spontane Kreationen, die mMn aber zu kurz und zu wenig ausgefallen sind.

2. Die Beziehung zwischen Sasuke & Sakura. Ja. Auch hier wird es einige Änderungen geben, hauptsächlich, weil ich das Gefühl habe, die Sache hat sich zwischen den Zweien zu schnell entwickelt. Nicht viel zu schnell und tatsächlich weiß ich auch noch gar nicht, was ich ändern werde, aber irgendetwas wird zwischen den beiden auch noch passieren.

3. Das Ende. Der Hauptgrund für meine eigene Enttäuschung. Das Ende war ursprünglich ganz anders geplant und jeder, der sich mein „Vor- und Nachwort“ regelmäßig durchliest, kann sich so etwas schon vorher gedacht haben. Alleine, dass Gaara kurz vor Schluss so viel mehr Präsenz bekommt, als es ursprünglich geplant war, beweist, wie viel sich zwischendurch geändert hat. Das Ende von „Feuer und Blut“ sollte ursprünglich das Ende (so ähnlich zumindest) sein. Während ich froh bin, dass wir uns davon weg entwickelt haben, so bin ich dennoch nicht glücklich, wo wir gelandet sind. Meine eigentlichen Gedanken zum Ende waren einst folgende:

a) Sakura und/oder Sasuke sterben beide in den Nachfolgen der Eskapaden mit Orochimaru/des Zeitungsartikels
b) Und jetzt haltet euch fest: Wer eifrig mitgelesen hat, wird aufgefallen sein, dass Sakura oft dunkelgrüne Kleidung getragen hat. Kurzweilig hatte ich die Idee, sie an einer Arsenvergiftung sterben zu lassen, da Frauen früher oft unter den Konsequenzen des hochgiftigen Stoffs in ihrer dunkelgrünen Kleidung zu leiden hatten. Das Wissen darum war mir aber zu nischenhaft, dass ich davon recht fix wieder abgelassen habe, da die meisten dieses Ende wohl komplett vor den Kopf gestoßen hätte.
c) Irgendwann in der zweiten Hälfte hat sich eine Idee am prominentesten heraus kristallisiert: Um dem Buch quasi einen Kreislauf zu geben, sollte Sasuke über die Dauer ihrer Beziehung immer „weicher“ werden, während Sakura genau ins Gegenteil umschwenkt. Das Ganze sollte damit enden, dass sie jemanden umbringt, aber auch davon haben wir uns weg entwickelt. Es ist bis dato aber das potentiell realistischte Ende, wenn die Geschichte überarbeitet wird. Aber noch nicht eindeutig sicher!

Das Ende, so wie es ist, musste ich so schreiben (oder zumindest glaube ich das), weil die Geschichte komplett ausgeufert wäre, wenn ich jetzt noch mehr Sachen kurzfristig eingebaut hätte, die eigentlich schon vor Kapitel hätten erzählt werden sollen und das wollte ich einfach nicht. Das hebe ich mir für die überarbeitete Neuauflage auf.

Ich könnte jetzt noch unzählige Sachen mehr aufzählen, aber damit möchte ich euch gar nicht langweilen! Eines steht auf jeden Fall fest: Die Geschichte wird nicht hier überarbeitet, sondern geht quasi „in eine neue Auflage“. Sprich: Ich werde das Buch noch einmal hochladen, Kapitel für Kapitel, gleich und doch ganz anders als das, was ihr hier gelesen habt. Die Kapitel werden wahrscheinlich charaktergebunden sein (also Sasuke, Sakura, Naruto, etc.), um einzelnen Charakteren mehr Raum zu geben, zu existieren und sich glaubhaft zu entwickeln. Das bedeutet natürlich im Umkehrschluss, dass die Kapitel MEHR werden, dafür aber kürzer, da nicht jeder Charakter gleich viel Gewichtung haben wird, wie die beiden Hauptprotagonisten – natürlich nicht! Ich möchte die Nebencharaktere sinnvoller inszenieren und tiefgründiger, dennoch werden sie am Ende des Tages genau das bleiben: Nebencharaktere.

So, genug geranted! Ich bedanke mich an dieser Stelle ausdrücklichst bei jedem, der so lange durchgehalten hat! Jeder Klick, jeder Favorit, jedes Kommentar hat mich so glücklich gemacht! Ihr habt mir die Kraft gegeben, nicht auf halbem Weg hinzuschmeißen, sondern die Geschichte bis zu Ende zu erzählen – wie auch immer unzufrieden ich mit dem Endergebnis bin :'D.

Das nächste Projekt „Zwielichtseelen“ steht jetzt vorerst im Vordergrund. Das wird ein Fantasy-Epos sein, in dem (natürlich) Sasuke und Sakura die Hauptrollen spielen. Das Ganze wird in einem alten Fantasy-Japan-Setting spielen, allerdings nicht 1 zu 1 mit den Mythen und Legenden unserer Welt. Also Fantastisch halt :D Mit einem Hauch von Bezug zur realen Geschichte. Bis jetzt ist geplant, dass die Kapitel ihre Geschichten abwechselnd zwischen den beiden erzählen werden, Änderungen bleiben aber erstmal noch unter Vorbehalt, da ich mit der Planung noch nicht wirklich weit genug bin, um schon das Schreiben anzufangen. Vermutlich werden wir uns jetzt dieses Jahr erst einmal nicht mehr hören, außer für kleinere Wichtelgeschichten. Außer ich bin wieder zu voreilig und lade doch einfach schon den Anfang der Geschichte hoch! XD Wir werden sehen!
Die Überarbeitung von „Zwischen den Zeilen“ erfolgt dabei nebenbei und wer weiß? Vielleicht lesen wir uns schon bald wieder, wenn die Achterbahnfahrt der beiden überarbeitet beginnt ;)

Bis dahin: Alles Liebe von mir und bis bald! <3 Komplett anzeigen

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Kommentare zu dieser Fanfic (101)
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Von: ESRYN
2026-02-21T13:21:51+00:00 21.02.2026 14:21
Lieb die Story noch immer, höhö! 🤍
Antwort von: Sonnensturm
21.02.2026 15:07
Du Süßi 😊🤍
Von: abgemeldet
2025-11-09T17:33:24+00:00 09.11.2025 18:33
Da ist es. Das Epilog. Das Ende von ZdZ. Irgendwie bin ich traurig, aber glücklich. ... was machst du nur mit mir...? T_T Der Epilog ballert erstmal direkt rein. Kein sanfter Ausklang, sondern: Regen, Wald, Matsch, Urne. Schön unglamourös, im besten Sinne. Dieses Bild, dass Gaaras Grab nicht markiert ist, nichts Romantisches, kein Stein, kein Name – das ist richtig stark. Du gehst komplett gegen das Klischee eines „würdigen Abschieds“ und triffst damit genau den Ton der Story: Es war nie ein fairer, schöner Kosmos, also wieso sollte sein Ende eins sein?

Es würde so sein, als hätte es ihn nie gegeben.

→ Das ist so ein kleiner Satz, aber emotional halt brutal. Kein großes "Sie konnte den Schmerz kaum ertragen bla bla", sondern einfach diese nüchterne Feststellung: Wenn sie weggehen, bleibt nichts. Das macht ihren Zusammenbruch viel glaubwürdiger, weil man fühlen kann, dass sie nicht nur um ihn als Person weint, sondern auch um die Angst, dass niemand außer ihr sich an ihn bindet. Gaara war nie der Typ für Denkmäler – und du ziehst das bis zum Ende durch.

Sasukes Art, mit ihr da zu stehen, ist auch ziemlich on point. Er ist da, hält sie fest, sagt wenig, aber das Wenige sitzt. Seine Linie über Gaara ist schön leise und trotzdem tröstend, ohne kitschig zu sein. Dieses: "Er wusste, dass dies ein mögliches Ende war. Und er hat sich trotzdem willentlich dafür entschieden. Ich bin mir sicher, dass er seinen Frieden darin gefunden hat, für dich da gewesen zu sein."

→ Das ist genau die Art von Trost, die zu Gaara passt: kein "er ist jetzt an einem besseren Ort"-Gelaber, sondern: Er wusste, was er getan hat, und er hat’s bewusst gewählt. Das gibt seinem Tod im Nachhinein Würde, obwohl die Beerdigung selbst komplett unspektakulär und fast respektlos wirkt.

Dass du Karin und Sakumo in der Distanz auftauchen lässt, ist auch ein nice Move. Die kommen nicht hin, sie heulen nicht mit, kein falsches Drama. Sie stehen da, halb unter’m Schirm, halb im Regen – ein richtig gutes Bild für "Wir sind noch da. Wir sind jetzt das nächste Problem." Man merkt total, wie voll Sakuras System gerade schon ist, und du schiebst trotzdem noch diesen neuen Konfliktherd rein. Still, aber bedrohlich. Und dass Sasuke sagt: "Darüber zerbrechen wir uns ein andermal den Kopf… wir. Wenn du es möchtest" (ungefähr zitiert) – das ist eine sehr ruhige, aber wichtige Weichenstellung. Kein großes Liebesgeständnis mehr, kein Pathos. Einfach dieses "wir" als Angebot. Und sie antwortet nicht mit Worten drauf, sondern mit dem, was danach in ihr wächst. Es passt einfach zu Sasuke.

Ich liebe das Ende. Du hättest easy einen "Keim der Hoffnung" schreiben können – hast du nicht. Stattdessen: Wut. Vergeltung. Und trotzdem fühlt es sich nicht an wie "oh nein, sie wird jetzt komplett böse", sondern eher wie: This isn’t over. Das passt auch perfekt zum Titel "Ein Schrecken ohne Ende". Es ist ein Ende, klar, Gaara ist tot, dieser Teil des Konflikts ist vorbei – aber innerlich geht's weiter, anders, dunkler. Sehr runder Abschluss für das Tone-Level deiner Geschichte.

Der Kursivtext sitzt auch. Der wirkt wie genau der Satz, der über allem hängen könnte, was zwischen Sasuke und Sakura passiert ist. Kein billiges Zitat, sondern eher wie ihr Fazit aus dem ganzen Chaos. Und es linkt rückwärts alles: den Artikel, die Lügen, die Schüsse, Gaaras Loyalität, Karin, Kakashi – basically alle haben irgendwann Träume mit der Realität verwechselt und sind daran eskaliert. Sehr schöner, ruhiger Punch zum Schluss.

Wow. Wow. Wow. Bin sprachlos. Und das bin ich fucking selten. :')

Jetzt zu deinem Nachwort: Du bist da halt hardcore ehrlich mit dir selbst, was echt nice ist. Man merkt voll, wie sehr dir das Ding am Herzen hängt und wie streng du gleichzeitig mit dir bist. Und trotzdem fühlt sich das nicht nach "ich zerreiß mein eigenes Werk" an, sondern eher nach: "Okay, ich hab’s geschafft – und jetzt sehe ich, wo ich noch mehr draus machen will." Dass du direkt sagst: "Es ist meine erste Geschichte, die ich bis zum Ende erzählt habe" – das ist eigentlich der wichtigste Satz im ganzen Nachwort. Du hast ein Jahr und drei Monate durchgezogen, mit Pausen, Krankheiten, Bandscheibenvorfall (!!) und trotzdem ist da eine fertige Story. Dass man dabei nicht in jedem Kapitel 100% denselben roten Faden halten kann, ist halt menschlich. Und du reflektierst genau das sauber, statt so zu tun, als wär das Ding makellos. I mean, look at me. Ich habe es noch immer nicht geschaft, EINE Geschichte zu Ende zu bringen!!!!!!!! T_________T xD

Die drei Punkte, die du aufzählst – Nebenplots, SasuSaku-Dynamik, Ende – sind auch sehr nachvollziehbar erklärt. Du bashst dich nicht grundlos, sondern benennst klar, was dir zu kurz gekommen ist:

→ Naruto, Neji, Asuma, Shikamaru, Karin/Sakumo, Sai, Itachi: Ich find’s cool, dass du dir selber zugibst, dass die oft on the spot entstanden sind. Man merkt beim Lesen zwar, dass da Potenzial drunter liegt, aber ja, sie hätten alle noch mehr Raum verdient. Dass du sie in einer neuen Auflage mit POV-Kapiteln mehr atmen lassen willst, passt richtig gut zu dem, was du im Text schon angelegt hast.

→ SasuSaku: Du bist da echt sehr streng mit dir, tbh. Von Leser-Seite wirkt die Entwicklung nicht viel zu schnell, eher wie: emotional intensiv, teilweise toxisch, teilweise zärtlich, und durch die äußeren Umstände hart beschleunigt. Aber ich versteh voll, was du meinst mit: "Irgendwas wird sich da noch ändern." Es klingt weniger nach "alles war falsch", mehr nach: "Da steckt noch mehr drin, was ich rausholen will."

→ Das Ende: Dass du offen sagst, du bist damit noch nicht glücklich, finde ich mutig. Und gleichzeitig fühlt sich das, was du jetzt gewählt hast, ziemlich stimmig an für diese Fassung. Gaaras Präsenz gegen Ende, sein Tod, der offene Rache-Keim – das ist kein klassisches Alles ist gut-Ende, sondern so ein Wir leben weiter, aber es hat uns verändert-Ende. Dass du ursprünglich mit Todesvarianten (Sakura, Sasuke, beide) gespielt hast oder mit "Sakura bringt jemanden um", merkt man dem Text an, im besten Sinne – weil diese Dunkelheit an mehreren Stellen immer wieder hochblitzt.

Die Arsen-Idee mit den grünen Klamotten ist btw so nerdig clever, dass ich's schon wieder feier. Hätt safe Leute komplett überfordert, aber als Konzept? Geil. Und die Sache mit "Sasuke weicher, Sakura härter" bis hin zum Mord – das passt auch voll zu dem Keim am Schluss, den du ihr jetzt schon gibst. Man merkt einfach, dass du nicht random drauf losgeschrieben hast, sondern mit Motiven gearbeitet hast, die du jetzt bei einem Rewrite noch bewusster durchziehen willst.

Auch cool: Statt die Geschichte hier tot zu übereditieren, sagst du: Neue Auflage, neues Buch, Kapitelstruktur nach Charakteren, mehr Platz für alle. Das wirkt nicht wie "ich reparier was Kaputtes", sondern wie "Season 1 ist vorbei, jetzt kommt der Director's Cut" Und dass du dabei klar sagst: Die Nebenfiguren bleiben Nebenfiguren, aber bekommen mehr Tiefe – sehr gesundes Verhältnis zu deinem Cast.

Dein Dank am Ende wirkt auch null aufgesetzt. Man merkt halt, wie sehr dich Klicks, Favos, Kommentare durchgezogen haben. Dieses "Ihr habt mich daran gehindert, auf halbem Weg hinzuschmeißen" ist sehr echt. Du machst da nicht diese Fassade von "ich schreibe nur für mich", sondern gibst offen zu, dass Rückmeldung dir den Rücken gestärkt hat. Das ist nice. UND ES MIR NICHT ANDERS! :'DDD

Und dann noch der Ausblick auf "Zwielichtseelen" – Fantasy-Japan, SasuSaku, abwechselnde Kapitel, leicht mythisch, aber nicht 1:1 reale Legenden. Das fühlt sich an, als ob du alles, was du bei "Zwischen den Zeilen" gelernt hast, direkt ins nächste Level schiebst. Größeres Setting, aber du nimmst deine Kernkompetenz (Charaktere, Beziehungen) mit.

Kurz gesagt: Der Epilog ist leise, schmutzig, weh – und genau dadurch stark. Kein großes Finale, sondern ein ehrlicher Nachhall. Gaaras Beerdigung ohne Grabstein und mit diesem Keim der Vergeltung in ihr ist ein richtig gutes Schlussbild. Dein Nachwort ist ultra reflektiert, aber nicht destruktiv. Man merkt, dass du dein eigenes Werk ernst nimmst, ohne es zu zerfetzen. Und die Kombi aus "ich bin unzufrieden" + "ich mach eine neue Auflage, größer, klarer, tiefer" macht Hoffnung, statt Frust. Und egal, wie kritisch du selber draufguckst: Du hast eine lange, komplexe Story zu Ende gebracht. Das ist schon für sich ein ziemlich großes Ding.

Ich bin einfach so fucking stolz auf dich. 🤍

Vielen Dank, dass du das Baby hier zur Welt gebracht hast.

Vielen Dank, dass wir es lesen und mitfiebern durften.

Ich werde ZdZ definitiv als E-Book herunterladen und es auf der Arbeit bzw. Mittagspause immer wieder lesen. Danke an Mexx für die Funktion! :D Btw, kein Plan, was ich noch schreiben soll. Bin so überwältigt. Deine andere (Meister)-Werke werde ich SELBSTVERSTÄNDLICH noch lesen!! Ich habe ja jetzt viel mehr Zeit und weniger Stress. Außerdem habe ich das Baby hier sehr vermisst. :') Und dich natürlich!

Sorry, dass das hier so kurzgeraten ist... Ich bin so schlecht geworden in Kommentare-Hinterlassen&Co. Die lange "Pause" tat mir wohl nicht so gut. :'D


But again: DANKE! ♥♥♥♥

Ich werde dir natürlich auch noch auf'n GB antworten... Kennst mich ja. Bin nicht die Schnellste. xD


Cheers, ganz viel Späm und Liebe,
abgemeldet
Antwort von: Sonnensturm
09.11.2025 18:48
Ach, meine Liebe.

"IcH bIn So ScHlEcHt gEwoRdeN iM KomMenTieRen" - droppt 'n halben Prolog hier rein, haha! xD

Fühl dich gedrückt für das (in)offiziell 100te Kommentar ♥ Gab ja einige Doppelkommentare, deswegen ist es irgendwie nicht wirklich das 100te, aber in meinem Herzen ist das vollkommen egal, pööö!

Ich weiß gar nicht so wirklich, wo ich anfangen soll. Ich hab mir deine letzten Kommentare alle sorgsam durchgelesen und mir meine Gedanken dazu gemacht, aber ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so richtig, was ich dir groß darauf antworten soll.

Die lieben Worte, die du für dieses Machwerk übrig hast, rühren mich wirklich zutiefst. Ja, ich schreibe auch für mich selbst (zum großen Teil zumindest), aber natürlich will man schon irgendwo auch, dass die Worte von jemandem gelesen und - im besten Falle - sogar gemocht werden. Du bist ein großer Teil dieser wirklich überwiegend positiven Resonanz für etwas, was im Nachhinein für mich wie ein ungeschliffener Stein wirkt. Aber ich sehe das Ganze - wie du ja auch gemerkt hast - eher als Ansporn an, ihn zu schleifen und zu polieren, bis er zu seiner besten Version findet. Irgendwie ganz schön viel Arbeit für eine FF auf einer Seite, auf der kaum noch jemand veröffentlicht, aber naja, so ist das mit der Kreativität xD

Das Ende habe ich so geschrieben, wie du es selbst schon gemerkt hast: Dieses "Da ist noch mehr und im Grunde ist nichts vorbei" als Kompromiss dazu, dass ich es mir eigentlich sehr einfach gemacht habe, indem sich zumindest eines der Probleme von selbst gelöst hat. Aber dann ist es nicht vorbei, nicht wirklich. Liest sich fast wie ein Fortsetzungsköder, aber ich glaube nicht, dass in die Richtung etwas kommen wird, aber wer weiß, was jetzt aus der Überarbeitung wird.

Die wollte ich im Übrigen absichtlich neu hochladen, weil es mir weh getan hätte (trotz Enttäuschung über das Ende), es einfach für immer zu löschen (indirekt), indem ich die alten Sachen verschwinden lasse. Abgesehen davon wäre das auch für all diejenigen, die die Geschichte wirklich mögen und vielleicht ab und zu zurück finden, ein Schlag ins Gesicht gewesen, etwas halbes vorzufinden, denn ich werde mit der Überarbeitung unmöglich so schnell fertig, dass die Geschichte hier nicht mindestens ein Jahr lang ein halbes Projekt gewesen wäre.

Und jetzt zum Wichtigen: Mir ist nicht entgangen, dass du hier gesagt hast, dass du viel mehr Zeit hast, also wo zur Hölle ist mein Lesestoff, hä?!

Spaß beiseite!
Ich danke dir so, so, so, so sehr für deine Geduld, deine klugen Kommentare, dein Lesen, dein Bemerken, dein Verstehen.

Du hast mit deinem ersten Kapitel den Grundstein für meinen neu-gefundenen Elan gelegt und ich danke dir dafür und nicht zuletzt auch dafür, dass du meine Kreativität auf eine Art inspiriert hast, die mir einen Wandel in meinen eigenen Grenzen des Möglichen ermöglicht hat.

ganz, ganz, ganz, GANZ viel Späm ♥
Sonnensturm
Antwort von: Sonnensturm
09.11.2025 18:50
mit deinem ersten Kommentar natürlich. Ich bin so dumm.
Von: abgemeldet
2025-11-09T16:57:54+00:00 09.11.2025 17:57
Kaum zu glauben, dass ich wirklich schon fast das Ende erreicht habe.
Dayum, das geht viel zu schnell. ;w;
ICH WERDE ALT!

Na ja, zurück zum Kapitel xD: Ich mag den Titel, er passt sehr gut. Es ist nicht mehr dieses aktive Chaos aus dem vorigen Teil, sondern dieses Danach: alles tut weh, alles ist kaputt, aber man lebt noch. Und genau so fühlt sich das komplette Kapitel an – emotionales Aufwachen nach einem Crash, körperlich und psychisch. Der Einstieg mit Sakura im fremden Bett, dem Schmerz in der Schulter und dem Pfannkuchengeruch ist richtig stark. Wirklich clean gemacht: Schmerz, Orientierungslosigkeit, dann dieser weiche, fast heimelige Sinneseindruck. Und dann kommt Sasuke mit dem Teller rein – natürlich. Das ist so ein Bild, das sofort funktioniert, weil es gleichzeitig awkward, intim und komplett überfrachtet ist von dem, was zwischen den beiden passiert ist. Was ich richtig mochte: wie du mit ihrem Gedächtnisverlust spielst. Dass du sie so bewusst ins Nichts fallen lässt und wir zusammen mit ihr alles nur bruchstückhaft bekommen. Das gibt Sasuke total viel Raum, plötzlich der zu sein, der hält, versorgt, erklärt – aber du lässt trotzdem dieses Grundmisstrauen stehen. Dass er sagt: "Zwischen uns hat sich alles geklärt" und sie basically so sitzt wie: "Okay...nice, ich war mental nicht eingeladen." Das ist eine richtig interessante Dynamik.

Ein Satz, der mir voll hängen geblieben ist (ungefähr XD), ist: "Ich habe keine Ahnung, wie man das Problem löst, dass der Mann, den man zu lieben glaubt, einen umbringen wollte" Den hattest du ja schon im vorigen Kapitel gebracht und der ganze Nachhall davon steckt jetzt noch in diesem hier drin – man merkt, wie sehr dieses Gefühl in ihrem Körper sitzt, auch wenn sie sich an den eigentlichen Moment nicht mehr erinnert. Das zieht sich wie so ’n feiner Schmerzfilm durch alles.

Die Tage in der kleinen Wohnung sind auch echt schön ruhig geschrieben. Man merkt, dass du bewusst das Tempo runterdrehst. Dieses minimalistische Zweit-Appartement, die Bilder an den Wänden, sie auf dem Fenstersims mit Decke – das wirkt alles total greifbar. Und Sasuke als Schatten, der immer da ist, nie aufdringlich, aber eben konstant. Das ist eine andere Art von Intimität als vorher zwischen den beiden, und du baust das echt geduldig auf. Dass er selbst dabei fast wie eine ausgewaschene Version von sich wirkt – weniger Arroganz, weniger Spielchen, mehr Müdigkeit – macht ihn verletzlicher, ohne dass du ihn weichzeichnest.

Ich mag auch, dass du Sasukes "wir reden nicht über die Unfallnacht"-Blockade so konsequent durchziehst. Das ist frustrierend – aber auf eine gute Art. Es fühlt sich nicht nach künstlich zurückgehaltener Info an, sondern eher nach: Beide sind verletzt, beide wollen weiter, aber das Thema ist so heiß, dass es keiner richtig anfassen kann. Und das ist real. Dann der Bruch: ihr innerer Druck wird zu groß, sie flippt aus ihrer Wattewelt raus und geht zur Times. Das ist ein super Schritt für ihren Charakter. Richtig schön zu sehen, wie sie von "verloren und lethargisch" wieder in diese aktive, bissige Version von sich switcht, die wir vom Anfang kennen – nur halt reifer.

Der ganze Times-Block ist richtig satisfying. Erst die Dunkelkammer mit Sai: du hast die Szene fast theatral gebaut, aber nicht überzogen. Das Rotlicht, die Fotos, seine Schuld – alles sehr bildhaft.

Die Konfrontation mit Kakashi ist dann einfach nur: endlich. Das ist so eine Szene, auf die man unbewusst schon lange wartet. Dass sie da reingeht, ohne anzuklopfen, ohne zu kuschen, und ihm wirklich alles auf den Tisch knallt – das liest sich unfassbar befreiend. Vor allem ihr Part: »Sie haben mich mit voller Absicht in die Richtung geschubst, in die ich Ihrer Meinung nach gehen sollte […] hatten Sie erwartet, dass ich Ihren Vater räche, weil Sie selbst nicht den Mut dazu hatten?«

→ Das ist genau der Level an Klarheit und Schärfe, den man ihr gönnt. Und dass sie ihn nicht mit "Du Monster"-Moral vollbombardiert, sondern sehr konkret bleibt (Urkundenfälschung, Manipulation, Verantwortung) macht sie viel glaubwürdiger als Figur. Sie ist nicht naiv gut, sie ist einfach fertig mit diesem Spiel.

Dass sie Kakashi am Ende droht, notfalls zu einer anderen Zeitung zu gehen, ist auch stark. Nicht, weil man denkt: "Ja, damit wird sie ihn zerstören", sondern weil man merkt: Sie hat begriffen, dass sie jetzt selbst auch Macht hat – Infos, Namen, Zusammenhänge. Und sie hat keine Angst mehr, das zu benutzen. Das ist eine richtig gute Entwicklung zu der Frau, die sie eigentlich sein wollte, nur eben ohne dieses "Ich seh nur die Story, nicht das Blut"

Der Schlenker zurück zu Ino und Sai war auch schön gesetzt. Du gönnst der Geschichte da nochmal einen menschlichen, kleineren Rahmen. Inos Ausraster ist komplett on brand, aber dahinter steckt halt ehrliche Verletzung. Und Sai mit seinem "Es tut mir leid" in Dauerschleife passt zu ihm – nicht dramatisch genug, um sich zu hassen, aber genug, um zu wissen: ja, er hat Mist gebaut. Dass Sakura da inzwischen fast milder ist als Ino, passt gut zu ihrer Entwicklung – sie spart sich ihre Wut jetzt für die richtige Ebene auf.

Was ich generell an dem Kapitel mag: Es ist voll mit Gesprächen, aber kein einziges davon wirkt überflüssig. Alles schiebt irgendwas weiter: Sasukes und Sakuras Beziehung, die Auflösung beim Times-Strang, ihr Selbstbild, Gaaras Off-Screen-Arc, das große Ganze. Und gleichzeitig baust du mehrere emotionale Peaks ein: das slow-burnige "Ich liebe dich" und der Kuss auf dem Tisch, die Wut auf Kakashi, die bittersüße Drei-Personen-Szene bei Ino, das Ende mit Gaara. Das ist viel, aber du kriegst es gut sortiert. Unterm Strich: Das Kapitel fühlt sich an wie Aufräumen nach einem Brand – körperlich, emotional, strukturell. Es tut an manchen Stellen weh. Und dieser letzte Satz mit Gaara? Der bleibt halt einfach hängen.

Mädel, du hast es einfach drauf!

Cheers,
abgemeldet
Antwort von: Sonnensturm
09.11.2025 18:10
Yo, Girl, ich muss bei dem Kommentar anfangen, weil ich hier tatsächlich ein paar Faaaaaacts droppen kann, höhö. Der Gedächtnisverlust ist tatsächlich einem realen Vorfall nach geschrieben. Mein Schwiegervater hatte mit 19 einen schweren Autounfall (als Beifahrer) und dabei seine rechte Hand und seinen besten Freund verloren. Zu sehr ins Detail möchte ich nicht gehen, allerdings hat er bis heute(!), etwas über 40 Jahre später noch keine Erinnerung. Bei ihm ist es noch etwas krasser, bei ihm sind 2 Wochen vorher komplett schwarz gewesen und auch geblieben, so weit konnte ich hier nicht gehen, ohne dass mit der Story etwas passiert, aber trotzdem fand ich seine Erzählungen so beängstigend, dass ich sie hier quasi irgendwie mit rein gebracht habe.

Dass du hier so viele lobende Worte findest, überrascht mich ehrlich xD Ich fand Gaaras offscreen-Arc irgendwie lame und halbherzig und ich hätte gerne die Eskalation mit Orochimaru genau beleuchtet, statt die Probleme sich quasi sich selbst lösen zu lassen. Ich bin richtig fett unzufrieden damit, aber wie du nach dem letzten Kapitel lesen wirst, weiß ich schon, wo die Probleme sind und dass ich in der Überarbeitungen super viele Szenen streichen werde, die den Plot mMn unnötig aufgebläht haben, sodass das Ende viel zu kurz geraten musste. Alles liest sich für mich super rushed und forciert und dass du trotzdem noch so nett zu mir bist, macht mich fast ein wenig sad ;__; Das ist so lieb von dir!

Bin mal gespannt, was du zum Ende-Ende sagst xD

Späääm
Sonnensturm
Von: abgemeldet
2025-11-09T16:45:42+00:00 09.11.2025 17:45
HALLU! ~

Also erstmal: Dein Vorwort war schon wieder so typisch du. xD Dieses "Ich bin bei 15k Wörtern und hab nicht mal die Hälfte" ist einfach pure Realität für jeden, der schon mal mitten im Schreibrausch gemerkt hat, dass die Story plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Du musst dich dafür echt nicht entschuldigen. Das liest sich nicht wie Überforderung, sondern wie Leidenschaft. Dass du sagst, "es entartet irgendwie" – das ist eigentlich das schönste Kompliment, das man seiner eigenen Geschichte machen kann. Sie lebt, sie atmet, sie überrascht dich. Genau das merkt man dem Kapitel auch an. Und der Titel "Feuer und Blut" passt perfekt, nicht mal nur als Game-of-Thrones-Hommage, sondern weil hier wirklich alles brennt: die Stadt, die Autos, die Nerven, die Beziehungen. Es ist Chaos auf jeder Ebene – aber kontrolliertes Chaos, das du gut führst!

Der Einstieg zieht einen sofort rein. Kaum Zeit zum Atmen, gleich mitten im Ausnahmezustand. Gaara zieht die Waffe, Schüsse, Stille, dann explodiert alles – und trotzdem verliert man nie den Überblick, weil man immer an Sakura und Gaara dranbleibt. Das ist echt stark gemacht, das Tempo ist hoch, aber man kann trotzdem folgen. Die Szene wirkt dadurch total filmisch, fast schon visuell spürbar, aber ohne sich in Details zu verlieren.

Was ich besonders gut fand, ist die Szene nach Orochimaru, draußen beim Auto. Du lässt Gaara komplett ausrasten – und gleichzeitig zeigst du Sakuras Überforderung auf eine Weise, die nicht melodramatisch, sondern real wirkt. Ihr Satz "Ich habe keine Ahnung, wie man das Problem löst, dass der Mann, den man zu lieben glaubt, einen umbringen wollte" ist so ein richtiger Schlag in die Magengrube. Kein Pathos, keine großen Worte, einfach Schmerz, ehrlich formuliert. Und das reicht völlig. Gaara bleibt der, der er ist: gefährlich, pragmatisch, aber nie wirklich gefühlskalt. Dass er sie schützt, ist keine Sentimentalität, sondern fast eine reflexhafte Konsequenz seiner Art. Trotzdem merkt man, dass da inzwischen mehr mitschwingt, ohne dass du es direkt aussprichst.

Die Autoflucht ist auch super gelungen. Sie fühlt sich wirklich körperlich an – man spürt die Enge, das Adrenalin, den Gurt, der einschneidet, den Schwindel bei jeder Kurve. Und der Cut mitten im Satz, wo einfach nur noch Schmerzen steht, ist perfekt gesetzt. Kein übertriebenes Crash-Beschreiben, sondern einfach Bewusstseinsbruch. Man ist direkt in Sakuras Kopf nach dem Aufprall, was das Ganze zehnmal intensiver macht.

Die Szene danach – das Aufwachen im zerstörten Wagen – ist eine deiner besten. Du beschreibst sie so, dass man jedes Detail fühlt, ohne dass du in unnötige Härte abrutschst. "Seit wann regnete es Glas vom Himmel?" – dieser Satz ist großartig. Diese eine kleine, verzerrte Wahrnehmung sagt mehr über den Zustand von Schock aus, als jede lange Beschreibung es könnte. Auch dass Gaara blutverschmiert und völlig panisch auftaucht, zeigt seine andere Seite, aber du machst daraus keine übergroße "Held rettet Mädchen"-Nummer. Es bleibt glaubwürdig.

Das Wiedersehen mit Sasuke mitten in diesem Chaos war richtig gut platziert. Es hätte leicht kitschig werden können, aber du bleibst total geerdet. Sakura ist körperlich am Ende, psychisch komplett zerrissen, und er kommt mit einem schlichten "Hey". Das ist so simpel, dass es genau deshalb wirkt. Kein großes Drama, kein "Oh mein Gott, du lebst", sondern einfach dieses hilflose kleine Wort mitten im Scherbenhaufen. Man spürt die Spannung zwischen ihnen, dieses "ich hasse dich, aber du bedeutest mir immer noch was". Und dass Gaara sofort die Schutzrolle übernimmt, bringt eine gute Balance rein. Dieses Dreieck ist hier so gut ausbalanciert, dass man keiner Seite wirklich trauen kann, aber trotzdem alle versteht.

Der Streit zwischen Sasuke und Gaara hat eine Intensität, die genau richtig ist – laut, aber nie lächerlich. Beide sind überzeugt, beide haben irgendwo recht, und Sakura steht dazwischen, zu schwach, um wirklich zu entscheiden, wem sie glauben soll. Es ist messy, aber emotional glaubwürdig. Dass Sasuke dann sagt, er habe "an ihr vorbei gezielt", ist ein starker Move – es entschuldigt nichts, aber es verschiebt den Blickwinkel. Und dass Sakura ihm fast glaubt, ist perfekt. Dieses "fast" ist das, was die Szene rettet – weil es das Misstrauen offen lässt.

Die ganze Passage, wo sie dann laufen, hat ein schönes, erschöpftes Tempo. Man spürt, wie sie einfach nicht mehr kann. Die Stadt wirkt plötzlich still und tot, und du nutzt das richtig gut, um Spannung aufzubauen. Sasuke, der sie irgendwann trägt, ist kein romantischer Moment, sondern ein fast verzweifelter – dieses "Halt durch, nicht jetzt umkippen". Gaara bleibt wachsam, eher ein Schatten als eine Person, und das bringt eine konstante Unruhe rein.

Ich liebe es!
Und dann kommt das Ende – dieser Schuss. Es ist so gut, dass du es einfach passieren lässt, ohne es groß auszuschmücken. Kein Zeitlupenmoment, kein "und dann wurde alles schwarz" im überdramatischen Sinn, sondern einfach ein realer, harter Bruch. Zwei Schüsse, einer fällt, einer schreit, Stille. Das sitzt. Der Cliffhanger ist genau das, was du im Vorwort angekündigt hast: fies, aber verdient. Wenn ich zwei Sätze rausgreifen müsste, die mir besonders hängen geblieben sind, dann ganz klar: "Ich habe keine Ahnung, wie man das Problem löst, dass der Mann, den man zu lieben glaubt, einen umbringen wollte." – weil das so schonungslos ehrlich ist, und "Seit wann regnete es Glas vom Himmel?" – weil das so verstörend poetisch ist. Diese Mischung aus Schmerz und absurdem Realismus funktioniert richtig gut bei dir.

Insgesamt: Das Kapitel ist dicht, atmosphärisch und emotional absolut glaubwürdig. Es kracht, es tut weh, und trotzdem bleibt es lesbar. Du hast die Balance zwischen Spannung und Gefühl perfekt getroffen. Und ganz ehrlich – wenn das die "kurze Version" war, will ich gar nicht wissen, was in der langen passiert. xD

p.s.: Sowwry, meine Reviews sucken in letzter Zeit extrem. Ich habe es wohl verlernt. ;_;

Cheers,
abgemeldet
Von: abgemeldet
2025-11-08T16:43:57+00:00 08.11.2025 17:43
Wow! Das ist ein Kapitel, das den Leser wie eine heiße Welle trifft - dicht, schmutzig, pulsierend. Es riecht nach Asche, Metall, kaltem Rauch. Du schreibst hier mit einer filmreifen Wucht, aber ohne die Versuchung, Action zu romantisieren. Stattdessen ist da dieses bedrückende Gefühl, dass selbst die Stille nicht mehr sicher ist! Der Anfang: stark, unaufdringlich apokalyptisch. New York brennt, aber du beschreibst kein Chaos aus Helikoptern und Sirenen, sondern Nachbeben - verkohlte Fassaden, erstickte Flammen, Glas wie Diamanten. Das ist nicht mehr der Moment der Katastrophe, sondern der Kater danach, und du bringst das meisterhaft rüber. Der Rhythmus der Sätze trägt das Gewicht der Müdigkeit, der Verstörung, und Sakuras Blick ist zugleich erschüttert und analytisch. Sie sieht und versteht, aber sie kann es nicht begreifen. Dieses "wie kann das real sein?" hallt nach, lange nachdem man weitergelesen hat.

Gaaras Erklärung über Macht und Zerstörung ist ein kluger Kontrast dazu. Keine großen Reden, kein Pathos, nur dieser eiskalte, pragmatische Satz über Menschen, die lieber etwas zerstören, als gar nichts fühlen zu dürfen. Es klingt nach ihm - und trotzdem spürt man, dass es ihn betrifft. Du lässt seine Menschlichkeit nie glänzen, aber sie blitzt auf, leise, gefährlich, echt.

Dann dieser kurze, intime Zwischenstopp bei Ino. Wunderschön gesetzt. Du gibst der Zerstörung plötzlich ein vertrautes Gesicht. Das Wiedersehen zwischen den beiden Frauen ist einer der seltenen Momente, in denen das Buch emotional wirklich aufbricht - kein großes Melodram, sondern dieser rohe, brüchige Moment, in dem die Erleichterung endlich Platz findet. Dass sie mitten in Trümmern weint, passt perfekt. Es ist kein sentimentaler Rückfall, sondern eine kurze Atempause, bevor es wieder steil bergab geht.

Itachi und Naruto bringen mit ihrem Auftauchen sofort Spannung und Tempo zurück, aber was du hier so beeindruckend machst: du lässt jeden Dialog zwischen Gefahr und Verständnis balancieren. Nichts klingt zufällig, jede Figur spricht wie jemand, der sich selbst nicht ganz traut. Itachis kontrollierte Wut, Gaaras unterschwellige Schutzbereitschaft, Narutos stiller Realismus - das sind drei völlig verschiedene Temperamente, die du glasklar auseinanderhältst.

Sakuras Rolle darin ist bemerkenswert. Sie ist weder Opfer noch unerschütterlich stark. Sie ist eine Frau, die mit klarem Verstand inmitten von Schuld, Angst und Liebe navigiert - jemand, der sich selbst ständig neu erfinden muss, weil jede Wahrheit sich wieder in Lügen auflöst. Man spürt ihre Erschöpfung, aber auch diese unerschütterliche Restenergie, die sie immer wieder antreibt, noch einmal loszugehen, noch einmal die Dinge geradezurücken.

Der Dialog über Karin bringt alles ins Zentrum: Verrat, Identität, Schuld. Du spielst hier sehr geschickt mit Perspektive - keiner weiß wirklich, wer die Wahrheit spricht, aber jeder glaubt, sie zu kennen. Das ist das eigentliche Gift dieser Geschichte: Wahrheit ist nicht das, was gesagt wird, sondern das, was man bereit ist, zu riskieren.

Die spätere Szene auf der Straße, als Sakura Gaara fragt, warum er sie rettet, ist schlicht wunderbar. Endlich kippt die kühle Ironie in etwas fast Zärtliches. Dieses "Du erinnerst mich an jemanden" sagt mehr über ihn, als jede biografische Rückblende es könnte. Du zeigst, dass Nähe nicht immer in Berührung liegt, sondern in Momenten, in denen Menschen sich gegenseitig aushalten.

Und dann der Showdown bei Orochimaru. Hier gelingt dir etwas, das wenige Autoren schaffen: Du lässt die Spannung atmen. Kein überhitzter Thriller-Dialog, kein künstliches Tempo - alles zieht sich in die Länge, zitternd, unheimlich. Das Gespräch ist wie ein Schachspiel aus Blicken und Halbsätzen. Orochimaru ist brillant geschrieben: gefährlich, höflich, glatt wie Öl. Die Art, wie du seine Sprache ins Sirenenhafte ziehst -das säuseln, das schwenken, das Lächeln, das nie ganz echt ist - das ist Literatur, nicht bloß Unterhaltung.

Und das Ende - Ich will Sie. LOVE IT! Schlicht. Unangenehm. Perfekt. Kein Donnerschlag, sondern eine Schneide. Es dreht die ganze Szene auf den Kopf, und du lässt es einfach stehen, ohne sofortige Reaktion, ohne Auflösung. Genau das macht es so kraftvoll. ♥


Liebe, liebe, liebe es!
Ich lese sofort weiter! :)

Cheers,
abgemeldet

Von: abgemeldet
2025-11-08T15:01:37+00:00 08.11.2025 16:01
Da bin ich wieder!
Zwar spät, aber hey, aber besser als nie! xD

Ich muss ehrlich gestehen: Beim Lesen hatte ich durchgehend das Gefühl, einer Geschichte zuzusehen, die nicht nur erzählt, sondern seziert, was Menschen unter Druck tun – und was bleibt, wenn alle Masken fallen. Das Kapitel ist lang, aber keine einzige Szene wirkt überflüssig. Es zieht einen Stück für Stück tiefer hinein, ohne Lärm, ohne Effekthascherei – eher wie eine Welle, die man erst dann richtig spürt, wenn sie einen schon mit sich gerissen hat.

Der Einstieg am Hafen ist stark. Du hast diese Mischung aus physischer Kälte und innerem Panikbrennen sehr gut getroffen: der Wind, das Salz, der Geruch von Fisch, die rissigen Lippen, die Laterne im Rücken als letzter Halt. Man merkt Sakura die Schlaflosigkeit an, diese nervöse Überdrehtheit, in der Humor schon fast ein Abwehrmechanismus ist. Und gleichzeitig ist da diese klare innere Linie: Sie will nicht gehen, ohne die Wahrheit gesagt zu haben – und weiß, dass genau diese Wahrheit alles zerstören kann. Das ist ein schönes, bitteres Paradoxon.

Der Moment des Geständnisses Ich bin Journalistin ist konsequent aufgebaut. Die Verschiebung in Sasuke – ein Schritt zurück, die Farbe, die aus dem Gesicht weicht – wirkt glaubhaft, gerade weil du ihn nicht sofort brüllen lässt, sondern zuerst reagieren lässt wie jemand, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Dass er dann in Gewalt kippt – Handgelenk packen, Waffe ziehen – ist nachvollziehbar finster. Du traust dir hier zu, ihn hässlich sein zu lassen, ohne ihn komplett zu dämonisieren. Das ist mutig und literarisch interessant.

Gaara als Dritter in dieser Szene ist ein Geschenk. Er ist nicht der "gute" Gegenpol, sondern eine andere Art von Gefahr. Und doch ist er derjenige, der eingreift, der die Situation deeskaliert – auf seine drastische, brutale Art, aber eben doch mit einer Art kalter Fürsorge. Dass Sakura fast mehr Angst vor seiner Reaktion hat als vor Sasukes, ist ein sehr schöner psychologischer Detailzug. Du spielst hier mit Loyalität, Macht und latentem Mitgefühl, ohne das jemals auszuformulieren. Es ist mehr zu spüren als zu hören.

Dann der Schuss – und der Schnitt. Traum. Erinnerung. Zersplitterte Bilder: Garten, Mutter, Ino, Zeitung, Karin, Friedhof, Revolver. Der Übergang ist hart, aber bewusst, und das steht der Szene gut. Du zeigst sehr klar, wie das Unterbewusstsein versucht, diese Trauma-Ereignisse irgendwie zu sortieren, zu überblenden, bis es wieder im selben Kernbild landet: Waffe, Knall, Fall. Das liest sich sehr organisch, nicht wie "effektvolle Traumsequenz", sondern wie das chaotische Innere eines Menschen, der viel zu viel gesehen hat.

Die Gefangenschaft im dunklen Raum ist eine der stärksten Passagen im Kapitel. Du nimmst dir Zeit für das Körperliche: Seile, Druckstellen, taube Finger, der eine Lichtstrahl, Staubkörner, der Knebel, trockene Haut, Zigarettengeruch. Es ist eng, fast klaustrophobisch, aber du übertreibst nicht, du schichtest. Besonders schön fand ich, wie du zeigst, dass nicht der Schmerz das Schlimmste ist, sondern die Finsternis. Dieses "die Dunkelheit starrt zurück" – das sitzt!

Die Dynamik zwischen Sakura und Gaara bekommt hier noch mal eine neue Qualität. Er ist Gefängniswärter, Henker auf Abruf, aber auch die einzige Stimme, der einzige Beweis, dass die Welt draußen noch existiert. Sein Zynismus, seine flapsigen Bemerkungen, seine Kälte – und mittendrin diese seltsamen, fast fürsorglichen Momente: Knebel abnehmen, Wasser geben, sich "entschuldigen" für die Platzwunde, erklären, dass er Sasuke von einem Fehler abhalten wollte. Du nutzt ihn als Figur, um eine Art moralisches Zwielicht zu zeigen: jemand, der objektiv grausame Dinge tut, subjektiv aber durchaus noch eine Art Kompass besitzt. Das macht ihn unheimlich und gleichzeitig faszinierend.

Sehr stark ist auch, wie du Sakuras emotionale Reaktion auf Sasukes Schuss verarbeitest. Sie schwankt zwischen Unglauben, Schmerz, Wut, und du lässt all diese Zustände nebeneinander stehen. Keine schnelle Vergebung, keine klare Erklärung, sondern: "Er hätte mich umgebracht. Einfach so." Dass Gaara im selben Atemzug sagt: "Er hätte es bereut"– und du das stehen lässt – ist genau die Art von Ambivalenz, die Literatur braucht. Es gibt keine saubere Auflösung, nur Wunden, Entscheidungen und Konsequenzen.

Die Rückblende zu Ino und Hinata ist ein schöner Kontrast. Plötzlich Tageslicht, Universität, Archiv, Café, Katzen, Naruto, Itachi. All das ist so viel heller, leichter, dass man fast merkt, wie sehr der Text diesen Sauerstoff braucht – und wie weit Sakura sich inzwischen innerlich von dieser Welt entfernt hat. Gleichzeitig arbeitest du hier unauffällig weiter: Shikamaru als Verbindungslinie, Hinata in ihrem Archiv-Keller, der unterschwellige Humor in den Dialogen. Besonders mochte ich, dass Ino zwar schrill ist, aber eben nicht dumm: Sie durchschaut Sakuras Gefährdung sehr klar und trägt diese Hilflosigkeit mit sich.

Der große Kniff mit dem gefälschten Artikel ist dramaturgisch richtig gut. Diesen offenen Brief, der in ihrem Namen geschrieben wurde, zu lesen, während sie in einem Loch sitzt, ist hart – und effektiv. Die Sprache des Artikels ist genau so überzeichnet, dass man merkt, dass es nicht „deine“ Sakura ist, sondern jemand, der sie imitiert und radikalisiert. Dass du die Zitate im Fließtext nur kurz anreißt und nicht seitenlang auswalzt, tut dem Ganzen gut. Man versteht sofort: Hier wurde ein Funken gelegt, der in der Stadt einen Flächenbrand ausgelöst hat – und der Name „Sakura Haruno“ steht als Brandzeichen unten drunter.

Die Verlegung vom Verlies in diesen verlassenen Bauernhof mit dem alten Schuppen mochte ich auch sehr. Das Setting hat etwas Gespenstisches, aber bleibt real: zersplitterte Fenster, eingefallenes Dach, Raureif, Mondlicht, der Geruch von alter Erde. Es ist ein Ort zwischen den Welten, perfekt gewählt als Übergangsraum. Und dann diese kleine, sehr menschliche Szene mit der Zigarette: So banal und gleichzeitig so aufgeladen. Nach all dem Schmerz wird das erste Ziehen an der Kippe zu einer Art pervertiertem "Wieder-leben"-Moment. Das ist schön bitter.

Sprachlich triffst du insgesamt einen ruhigen, dichten Ton, der immer wieder poetische Bilder zulässt, ohne ins Kitschige abzurutschen. Du hast ein gutes Gespür für Wiederkehr: Möwen, Schüsse, Revolver, Zigarettenrauch, Lichtstrahlen. Es gibt Motive, die sich durchziehen, ohne dass du sie extra anleuchtest. Und du kannst Dialog – trocken, punktgenau, mit Subtext. "Gift ist die Waffe von Frauen und Feiglingen" ist so eine Linie, die weit über den Moment hinaus wirkt, weil sie so viel über Gaaras Weltsicht verrät.

Wenn man überhaupt etwas andeuten will für später – eher minimal: Manche emotionalen Momente könnten noch stärker wirken, wenn du ab und zu einen Tick früher loslässt. Du kannst Schmerz sehr gut beschreiben; manchmal trägt die Szene ihn schon, da bräuchte der Satz gar nicht mehr so lang zu bleiben. Aber das ist Feintuning, kein echter Makel.

Unterm Strich ist dieses Kapitel intensiv, bedrückend und gleichzeitig sehr lebendig. Es zeigt eine Protagonistin, die nicht nur Opfer ist, sondern konsequent Entscheidungen trifft – auch wenn sie sie teuer bezahlt. Es zeigt Männer, die keine einfachen Kategorien zulassen. Und es webt ein Netz aus Loyalität, Verrat, Angst und schwarzem Humor, das man so schnell nicht wieder loswird.

Kurz gesagt (lul, sorry xD): Das sitzt. Und es fühlt sich an wie ein echter Drehpunkt der Geschichte – einer, nach dem nichts mehr "einfach" werden kann. Super schönes, spannendes Kapitel! Love it! 🤍 Wir lesen uns noch! :)

Cheers,
abgemeldet

Von: abgemeldet
2025-11-07T06:53:50+00:00 07.11.2025 07:53
Hey liebste Sonnensturm,

ein supertolles Kapitel! Dein "Durchbruch" hat mich auf leisen Sohlen erwischt. Dieses Kapitel macht keinen Lärm, es arbeitet mit Schatten, Atem, dem kleinen Knistern im Kamin - und genau dadurch zieht es an. Du setzt den Raum so beiläufig präzise, dass man unwillkürlich stiller liest: das matte Licht, der Niesel an der Scheibe, der Schlaf, der keiner ist. Nichts wirkt drapiert, alles ist Stimmung, die unter die Haut rutscht. Sakura in diesem Halbdunkel gefällt mir sehr: keine Heldengeste, sondern gegenwärtiger Körper - kühle Hände am Wasserhahn, ein Lachen, das zu schnell kommt, der Blick, der hängen bleibt. Ihre Neugier ist nicht Neugierde um der Neugier willen; sie ist ein Versuch, Halt zu finden. Dadurch trägt auch der Moment mit dem Tresor: kein "Aha, erwischt", sondern ein stilles Überschreiten einer Grenze, die sich schon lange abgezeichnet hatte. Das fühlt sich wahr an. TToTT ♥

Gaara ist herrlich widersprüchlich. Die groben Worte, die kontrollierte Haltung, dieses leichte, fast elegante Umschlagen vom Lässigsein in Drohung - du lässt ihn scharf bleiben, aber nicht flach. Das Bier ist ein guter kleiner Keil: zwei Flaschen, zwei Charaktere, und plötzlich ist Dialog möglich, ohne dass sich beide verraten müssten. Es sind genau solche unscheinbaren Requisiten (Flasche, Schlüssel, Tisch), mit denen du den Text erdest.

Sasuke kommt spät ins Bild, was klug ist. Er bringt Bewegung, ohne den leisen Ton zu zerbrechen. Zärtlichkeit und "Betrieb" liegen bei ihm dicht beieinander: die Hand im Nacken, der Blick zur Uhr; der Kuss vor dem Logistikrauschen und später diese nüchterne Entscheidung. Das macht ihn nicht rätselhaft, sondern lebendig. Und dass du die Versöhnung nicht mit Zuckerguss überziehst - zwei Sätze, ein Grinsen, das zu breit ist - genau richtig.

Schön ist auch, wie du zwischen Räumen wechselst. Erst Innenraum (Feuer, Stühle, Blicke), dann die Welt draußen (Café, Papiere, die Linien London-Marseille-Napoli), und zurück nach innen, wo die Handlung in Intimität weiterarbeitet. Dadurch bekommt das Kapitel Rhythmus, ohne sichtbaren Taktstock. Die Szene mit Naruto ist bewusst nüchterner geschrieben; sie liefert den "Klick" im Hintergrund, während vorn die Figuren weiteratmen. Orochimaru als Spiegelhändler der eigenen Ware - das sitzt. Sprachlich triffst du einen ruhigen, unprätentiösen Ton, der sich zwischendurch poetisch verdichtet und dann wieder Luft lässt. Besonders mochte ich die Wiederkehr des "Starrens": erst als Vorwurf, später als Zärtlichkeit. Solche kleinen Echos machen den Text rund.

Der Schluss funktioniert als sauberer Taktstrich. Kein schriller Cliffhanger, sondern eine Öffnung. Weite, Risiko, Konsequenz. Genau so darf ein Kapitel aufgehen. Ich lieb's. Unterm Strich: poetisch ohne Firlefanz, präzise in den Beziehungen, sehr sicher im Subtext. Du vertraust deinen Figuren und deinem Leser. Das spürt man auf jeder Seite.

Danke für den Lesestoff am frühen Morgen kurz vor der Arbeit! :D
Cheers,
abgemeldet
Von: abgemeldet
2025-11-06T04:20:01+00:00 06.11.2025 05:20
Hey hi! :D

Ein wundervolles Kapitel! Das beginnt schon auf dem Treppenhausflur: der müde Neon, der Putz, der bröckelt - keine Kulisse, sondern eine Stimmung, die an der Haut klebt. Das ist kein Dekor, das ist Mise-enscène. Und dann dieser Kontrast: draußen nass und grau, drinnen das fragile, halb dunkle Zimmer mit Ino. Du erzählst Nähe über Geräusche, über kleine Handbewegungen, über Blicke - nicht über große Erklärungen. Genau so. ♥

Was mir besonders gefallen hat: Du lässt die Figuren atmen. Sakuras Erschöpfung ist physisch, kein Abstraktum. Strumpfhose, kalte Fliesen, der störrische Mantel – das ist so haptisch, dass der innere Zustand ganz von selbst mitschwingt. Gleichzeitig gibst du ihr kleine, saubere Entscheidungen: klopfen, reden, in den Wagen steigen. Nichts Heroisches, aber konsequent – und gerade deshalb stark. "Ich habe die Schlacht um meine Integrität verloren" – so ein Satz würde in vielen Texten als Pathos verpuffen; bei dir sitzt er, weil er vorbereitet ist. Chapeau!

Die Dynamik mit Ino hat diese leise, erwachsene Qualität, die ich selten lese: kein Krach um des Dramas willen, sondern Subtext. Der eigentliche Schmerz ist das Wegschieben, nicht die "Tat". Du nimmst dir Zeit für das Schweigen, und das Schweigen zahlt zurück. Dass die Versöhnung nicht in Zuckerwatte ertränkt wird, sondern über eine nüchterne, zärtliche Ehrlichkeit läuft, macht die Freundschaft glaubwürdig. (Der kurze Humorblitz mit der dreckigen Wäsche – genau das richtige Maß.)

Gaara: herrlich. Scharfkantig, lakonisch, mit genau den richtigen Rissen in der Rüstung. Die Dialoge sind schnell, pointiert, ohne One-Liner-Show. "Befehlsgewalt" als Schlüsselwort – sehr schön gesetzt; darüber verhandelst du Macht, Loyalität und die Frage nach dem Spielraum des Einzelnen im System, ohne die Stirnlampe "Thema" anzuknipsen. Dass er am Ende "Ich werde ihm ausrichten, dass er sich vorerst zum Teufel scheren soll" sagt – das ist die Sorte trockener Wertschätzung, die Figuren dreidimensional macht.

Der Hafen ist ein Volltreffer. Diese Ameisenstraße aus Stimmenfetzen, die Logistik im Halbdunkel, Dieselgruch, Kälte, Bewegung – du zeichnest nur die Konturen und trotzdem steht das Tableau. Es hat fast etwas Noir: ein chiaroscuro aus Geschäftigkeit und Intimität, mitten drin Sasuke, der gleichzeitig zärtlich und funktional ist. Kein Held, kein Schurke, sondern ein Mann mit Agenda und Gefühl. Der Kuss im Lärm der Verladung: filmisch, aber nicht kitschig. Handwerklich gefällt mir, wie du Rhythmus baust. Du wechselst zwischen langen, schwingenden Sätzen und kurzen Nadelstichen – genau das hält den Puls. Leitmotivisch arbeitest du mit Kälte/Wärme, Licht/Dunkel, Nähe/Abstand; das ergibt nicht bloß eine hübsche Oberfläche, sondern Struktur. Dazu kleine Requisiten, die wiederkommen: Schlüssel, Klammer, Nagelfeile – keine "Symbole" zum Anstreichen, eher diskrete Anker, die Bedeutungsfelder öffnen.

Unterm Strich: Das ist reif, atmosphärisch dicht, psychologisch genau. Du erzählst nicht "über" Moral und Loyalität; du lässt sie passieren – und traust den Leser*innen zu, mitzudenken. Ich hatte das Gefühl, mit Sakura nicht "mitzufühlen", sondern mitzuleben, Schritt für Schritt. Und am Ende bleibt etwas, das man nicht schnell zuschlägt: nicht die große Antwort, sondern Haltung.

Kurz gesagt: Substanz, Sog, Stil. Weiter so.
Ich lese nach dem Feierabend weiter. ♥


Ganz viel Späm und Liebe,
abgemeldet
Antwort von: Sonnensturm
06.11.2025 13:25
So, hiermit beende ich meinen Run, den Kommentaren hinterher zu kommen, hehe!

Deine Beobachtungen zu Inos und Sakuras Konflikt sind genau diese feinen Zwischentöne, die deine Kommentare immer ins nächste Level heben. Genau so habe ich es mir vorgestellt: Ein erwachsener Disput. Kein Geschrei oder Drama, wie es oftmals verwendet wird, um möglichst effektheischend zu sein. Ich habe solche Dispute schon selbst in meinem Leben gehabt und nur allzu oft bestehen sie aus kleinen Momenten, kleinen Gesten, die einem mehr zusetzen, als jedes Gebrüll.

Was du zu Gaara in den kommenden Kapitel zu sagen hast, macht mich sehr neugierig. Er hat als Nebencharakter angefangen, aber irgendwie ist das ganze gänzlich ausgeufert und am Ende ist er mir mehr ans Herz gewachsen, als ich das je angenommen hätte. Ihn zu schreiben war allerdings mit Abstand das Schwerste, denn so, wie ich ihn inszeniert habe, ist es super schwer, ihn nicht sofort wieder irgendwie OOC zu machen. Naja, bin sehr gespannt :D

Rückblickend betrachtet habe ich so meine Probleme mit der Geschichte, falls du weiterlesen solltest, wirst du das im Nachwort zum letzten Kapitel dann auch mitbekommen, aber wir werden sehen, was mit der Überarbeitung und dem Editing noch folgt.

Erst einmal wieder ganz viel Späm dafür, dass du dir immer so viel Mühe mit deinen Kommentaren gibst und dass du meine Geschichten erlebst, nicht nur liest. Es ist erfrischend, zu lesen, wenn jemand sich so intensiv damit auseinander setzt und so kluge Bemerkungen und Akzente setzt!

SPÄÄÄM
Sonnensturm
Von:  Biest90
2025-10-18T06:45:27+00:00 18.10.2025 08:45
Hallo liebe Cinae,
bitte verzeih dass ich mich jetzt erst melde, aber es ging mir diese Woche richtig beschissen. Das wars jetzt also. Geschichte zu Ende. Wahnsinn einfach nur Wahnsinn. Die letzten zwei Kapitel sind nochmal der Höhepunkt und ein wahres auf und ab der Emotionen. Ich bin sprachlos. Dein Nachwort macht Hoffnung auf viel neues und mehr, ich freue mich wahnsinnig darauf. Du weißt ich liebe deine geschriebenen Worte und freue mich auch neues. Zudem hast du mich zu 2 Geschichtsideen inspiriert, aber ich weiß nicht ob ich das nur ansatzweise so beeindruckend umsetzen könnte wie du. Vielen Dank für diese Geschichte.
Antwort von:  Biest90
18.10.2025 08:46
Ich glaub man merkt mir die Krankheit noch an , bin noch nicht zu intensiven Kommentaren in der Lage
Antwort von: Sonnensturm
18.10.2025 11:37
Hey meine Liebe! Mach dir keine Sorgen! Du warst ein beständiger Strom des Zuspruchs und ich bin dir dankbar für deine lieben Worte! Bitte immer zuerst an deine Gesundheit denken (:

Die Überarbeitung beginnt bereits nebenbei zur Konzeption des neuen Projekts. Die finale Fassung von zwischen den Zeilen wird "Stadt aus Tinte und Rauch" heißen und voraussichtlich Ende dieses Jahres anlaufen! Bis dahin ganz viel Liebe für all die Zeit, die du ins Lesen dieser Geschichte gesteckt hast!

Deine Cinae
Von:  Mintygalaxy
2025-10-13T10:03:36+00:00 13.10.2025 12:03
Ich muss sagen, ich habe deine Story erst relativ am Ende entdeckt und habe mich jedoch trotzdem über jedes neue Kapitel wie ein kleines Kind gefreut. Man merkt wie sehr du, trotz aller Probleme nebenbei, immer wieder Interesse an der Story hast und diese nicht nebenher nur versuchst fertig zu stellen. Deine Einschätzung am Ende kann ich sehr gut nachvollziehen, in so einem großen Projekt kommt es nicht selten dazu, dass sich Unstimmigkeiten etc einschleichen, aber trotzdessen ist das ganze hier ein Meisterwerk aus meiner Sicht. Ich habe es geliebt, die neuen Kapitel zu lesen und bin umso mehr gespannt was die Zeit noch bringen wird! Gesundheitlich war bei mir auch einiges los, somit kann ich in dem Punkt glaube noch etwas mehr nachempfinden, wie schnell das eigene Leben einen einholt und zwingt sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Jedoch damit wünsche ich dir auf jeden Fall viel Ruhe, eine gute weitere Genesung und entweder hört/liest man sich in den nächsten Geschichten oder doch irgendwann im Postfach, man weiss nie was das Leben für einen schreibt :D
Antwort von: Sonnensturm
13.10.2025 12:07
Ui, danke für die fixe Rückmeldung!

Ja, das Leben hat so seine eigenen Twists, die man leider nie ganz vorher sehen kann. Ich habe die 30 zwar noch nicht geknackt, trotzdem merke ich, wie sehr ich damals falsch gelegen habe, als ich Leute, die damals in meinem jetzigen Alter waren, nicht ernst genommen habe, wenn sie mir sagten, wie schnell es "bergab" geht, gesundheitlich. Nicht, dass es mir schlecht geht, doch die Häufung von Weh-Wehchen hat natürlich stark zugenommen über die letzte Dekade, hehe. Umso positiver bin ich gestimmt, dass ich den Luxus habe, auf Teilzeit gehen zu können, um meinen Fokus auf meine Schreibprojekte und meine Gesundheit legen zu können.

Und naja, seien wir ehrlich: Im Grunde ist das hier ein "First Draft". Die meisten Autoren schreiben nicht ein Buch und dann ist es sofort perfekt, so wie es ist. Vielleicht bin ich mir gegenüber zu ungerecht, aber ja, mit der Zeit wird dann die überarbeitete Version folgen und dann schauen wir mal, wie sich das Ganze entwickelt!

Für deine lieben Worte und deinen Support danke ich dir von Herzen und hoffentlich lesen wir ganz bald wieder voneinander! :)


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