Folge 21 - Zukunft
Verschiedene Bilder schossen dem Jungen durch den Kopf. Es war Prismamon. Der Moment, an dem er ihm das erste Mal begegnet war. Dann der Moment, an dem er Shun traf und die beiden Freunde wurden. Und wie er mit Tsubasa immer Kamen Yusha gespielt hatte. Der Moment, als er in Davis' Laden zum ersten Mal Ramen probiert hatte. All diese Momente... drohten zu verschwinden.
Er schlug die Augen auf und versuchte sich zu orientieren. Alles um ihn herum war nur weiß. Wände, eine Decke, ein Boden... das alles fehlte. Alles war nur unendlich weiß. Eine unendliche Leere soweit das Auge reichte.
Takeshi sah sich um und erkannte außer sich noch jemanden in einigen Metern Entfernung. Es war Nishi. Er rappelte sich auf und stapfte auf ihn zu. Der Mann saß im Schneidersitz da und starrte ins Nichts. Der Junge stellte sich vor ihn und starrte auf ihn hinab.
„Hey. Was ist passiert?“, wollte er wissen.
Nishi machte aber keine Anstalten zu antworten. Erst als Takeshi seine Worte wiederholte, regte er sich langsam.
„Es... war nicht geplant, dass du mitkommst. Ich weiß nicht, was ich jetzt mit dir machen soll.“, murmelte er.
Takeshi setzte sich ihm gegenüber.
„Und was machen wir jetzt hier? Ist das Ihre tolle neue Welt?“
Nishi schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Nein, ich habe noch nicht angefangen sie zu entwickeln. Ich muss mich erst ausruhen. Die Daten von Yggdrasil und die Homeostasis zu verarbeiten haben mich viel Kraft gekostet. Ich brauche eine Pause.“, erklärte er.
Takeshi sah zu Boden.
„Und die alte Welt? Die der Menschen und die der Digimon? Sind sie... fort?“, fragte er zitternd.
Dass Nishi nicht sofort antwortete, ließ Schlimmes vermuten.
„Nein. Noch nicht. Sie existieren nach wie vor und warten darauf überschrieben zu werden.“, verriet er dann.
Takeshi spürte Erleichterung in sich aufkommen. Aber nur kurz.
„Dann ist es also noch nicht zu spät.“
Nishi sah ihn an.
„Zu spät wofür?“, hakte er nach.
Für den Jungen vor ihm schien dies offensichtlich zu sein.
„Um zu kämpfen. Ich kann immer noch gegen Sie kämpfen.“
Nishi runzelte die Stirn.
„Nein. Es ist vorbei. Das siehst du doch. Du hast nicht einmal ein Digimon.“
Takeshi zuckte mit den Schultern.
„Stimmt, Prismamon ist nicht bei mir. Aber ich kann Ihnen auch ohne ihn eine verpassen.“
Nishi musterte ihn skeptisch.
„Mir eine verpassen? Was soll der Unsinn? Was würde das ändern?“
Erneut zuckte Takeshi mit den Schultern.
„Vielleicht nichts. Aber irgendwas muss ich unternehmen. Prismamon würde es von mir erwarten. Wenn es wüsste, dass ich am Ende nichts mehr unternommen hätte... wie könnte ich meinem Partner dann je in die Augen sehen?“
Nishi ließ die Schultern hängen.
„Das musst du nicht. Dein Partner wird ausgelöscht, in dem Moment, in dem seine Welt endet.“
Takeshi schloss für einen Moment die Augen.
„Aber... ist das nicht traurig? Ich will Prismamon nicht verlieren.“, erwiderte er.
Sein Gegenüber schien anderer Ansicht zu sein.
„Nein. Alles wird enden. Dadurch wird auch keine Trauer mehr existieren. Kein Leid mehr.“
Takeshi nickte.
„Richtig, hatte ich vergessen. Sie wollten ja eine Welt aufbauen, in der das alles nicht mehr existiert. Ich habe keine Ahnung, ob das möglich ist, dafür bin ich echt nicht schlau genug. Vielleicht, wenn Shun hier wäre. Bei Tsubasa bin ich mir nicht sicher, aber wahrscheinlich ist sie auch klüger als ich. Und Sie sind so intelligent, dass Sie sich bestimmt alles zurechtgelegt haben. Vielleicht wird Ihre neue Welt funktionieren, vielleicht auch nicht. Wer bin ich schon, um das zu beurteilen? Ich werde doch wieso genauso ausgelöscht, oder?“
Nishi wich seinem Blick aus.
„Ja, aber vergiss bitte eines nicht. Auch ohne mein Zutun würdest du das eines Tages. Und alle die du kennst ebenfalls. Das ist die Natur der Dinge.“
Takeshi knurrte missmutig.
„Und... können wir ihr nicht einfach ihren Lauf lassen? Würde es Sie so stören, Ihre neue Welt zu erschaffen, während die alte noch läuft?“
Nishi wirkte wenig von dieser Idee angetan.
„Das habe ich doch schon so lange. Ich habe dabei zugesehen, wie immer mehr Leid entsteht. Und du verlangst von mir, es weiter zuzulassen, obwohl ich die Möglichkeit hätte, es zu beenden?“
Takeshi nickte.
„Ja, darum bitte ich Sie.“, wurde er konkret.
Nishi runzelte die Stirn.
„Wie... kannst du das sagen? Warum sollte ich das einfach akzeptieren?“
Der Junge suchte nun Blickkontakt.
„Weil Sie kein Recht dazu haben. Ja, Menschen leiden und beten dafür, dass es endlich aufhört. Aber das gibt Ihnen nicht das Recht, Gott zu spielen.“
Nishi verneinte die Augen.
„Ich soll es also einfach akzeptieren, dass Menschen leiden und getötet werden? Dass Digimon leiden und zerstört werden?“, hakte er nach.
Takeshi bejahte.
„Ja, so ungefähr meine ich das so.“
Nishi deutete ein leichtes Lächeln an.
„Bist du sicher, dass ich hier der Bösewicht sein soll und nicht du?“
Darauf wusste der Junge erst keine Antwort.
„Nein, bin ich nicht. Wahrscheinlich haben Sie mit all dem Recht, was Sie sagen. Ich erwähnte bereits, dass ich das alles nicht beurteilen kann. Mir fehlen die Erfahrungen und vor allem Ihr Intellekt. Ich tue das hier nur aus Eigennutz. Ich möchte mit meinen Freunden Spaß haben. Ich will mit Prismamon gemeinsam Dinge unternehmen. Ich weiß, dass das nicht ewig der Fall sein wird. Aber ich solange es möglich ist, will ich es einfach tun. Darum bitte ich Sie, unsere Welten bestehen zu lassen.“
Nishi kratzte sich am Kopf.
„Obwohl du weißt, dass alles enden wird? Du wirst eines Tages sterben und Prismamon wird ganz alleine sein. Oder dein Partner wird zerstört und du wirst traurig sein.“
Der Junge nickte.
„Ja, so wird das dann wohl sein. Aber trotzdem fehlt Ihnen das Recht, uns das alles zu nehmen. Wir akzeptieren die Konsequenzen. Und da es unsere Leben sind, haben Sie kein Recht für uns zu entscheiden.“
Nishi atmete tief ein.
„Sprichst du etwa für die gesamte Menschheit?“
Das war Takeshi natürlich nicht möglich.
„Nein, natürlich nicht. Sie haben recht, viele Menschen leiden und wünschen sich Erlösung. Ich könnte niemals in ihrem Namen sprechen. Und vermutlich würden sie mich hassen, weil sie Ihrer Idee mehr zugeneigt sind als ich. Ich vertrete ja nur diejenigen, die mehr Zeit mit ihren Freunden und ihrer Familie verbringen möchten. Ich bitte Sie nur, zu bedenken, dass diese ebenfalls eine Stimme besitzen.“
Nishi blickte wieder ins Leere.
„Und diese soll ich deiner Meinung nach bevorzugen? Ich denke nicht... dass ich das machen kann.“, gestand er.
Doch Takeshi war noch nicht bereit aufzugeben.
„Dann beantworten Sie mir noch eine Frage.“, verlangte er.
Sein Gegenüber horchte auf.
„Vorhin. Warum haben Sie vorhin gelogen?“, wollte er wissen.
Nishi schien aber nicht zu verstehen.
„Als Sie sagten, Sie würden eine Pause brauchen. Ich habe gesehen, wozu Sie im Stande sind. Ich kaufe Ihnen keine Sekunde ab, dass Sie so etwas benötigen. Dafür sind Sie inzwischen zu mächtig.“
Der Mann schien nun interessiert zu sein.
„Und warum habe ich dann nicht gleich mit meinem Vorhaben begonnen?“, hakte er nach.
Takeshi antwortete ohne Umschweife.
„Weil ich ebenfalls hier gelandet bin. Ich denke... Sie waren sich selbst nicht vollkommen sicher. Darum... wollten Sie noch mit jemandem reden.“, tat er seine Vermutung kund.
Anhand von Nishis Reaktion konnte er nicht ablesen, ob er damit richtig lag.
„Ich... konnte nie mit jemandem darüber sprechen. Ich wusste nur, dass ich richtig lag. Wozu dann eine andere Perspektive?“, stellte er in Frage.
Takeshi zuckte mit den Schultern.
„Ich habe doch erklärt, dass es nicht um richtig und falsch geht. Ich habe Sie lediglich gebeten, sich nicht einzumischen. Natürlich haben Sie recht. Alles endet eines Tages. Also... lassen Sie es einfach enden. Menschen sind töricht. Sie werden so oder so für ihr eigenes Leid sorgen. Sie wollen Ihnen das nehmen. Aber daran ist weder etwas richtig noch falsch. Es... geht Sie schlichtweg nichts an. Mit den Kräften eines Gottes, oder ohne.“
Nishi schien nicht allzu glücklich zu sein.
„Einfach neu anfangen, mit dem Wissen, dass ich etwas hätte tun können? Das Leid weiterhin hinnehmen?“
Takeshi nickte.
„Ja, denn das wäre wiederrum Ihr Leid. Damit sind Sie genauso ein Mensch wie wir. Ich hatte früher eine Freundin, mit der ich herumgetollt bin. Wir haben Superhelden gespielt. Und seither habe ich neue Freunde gewonnen. Wir lieben es, zusammen Ramen zu essen.“
Nishis Augen weiteten sich.
„Ja. Ich habe Ramen immer geliebt. Es ist schade, dass sie in der neuen Welt nicht mehr benötigt werden.“
Takeshi sah ihn eindringlich an.
„Dann lassen Sie ihnen diese doch bitte. Und wenn Sie Ihre Welt erbaut haben... können Sie die alte doch immer noch besuchen kommen und dort mit uns Ramen essen.“, schlug er vor.
Nishi lachte nun unerwartet.
„Ja. Ramen wären in der Tat ein Grund, sie noch eine Weile bestehen zu lassen. Aber leider rechtfertigt am Ende nichts, was du gesagt hast, das Weiterbestehen dieser Welten. Die Belange der Leidenden wiegen am Ende mehr als die derer, die einfach nur ihren Tag genießen.“
Takeshi seufzte.
„Ich habe es immerhin versucht, oder?“
Nishi nickte.
„Ja, das hast du. Und ich kann deine Seite auch vollkommen verstehen. Ich weiß, dass dir meine Entschuldigung nichts bedeuten würde. Vor allem, da du auch meine Perspektive verstehst.“
Dann erhob er sich. Er erhob wieder eine Hand, doch Takeshi unterbrach ihn. Auch er erhob sich nun und kramte in seiner Tasche herum.
Er holte nun etwas hervor und reichte es dem Mann.
„Bevor Sie gehen... möchte ich Ihnen das hier noch mitgeben.“, sagte er und überreichte den Gegenstand.
Nishi nahm ihn entgegen und identifizierte ihn als Fliegerbrille.
„Was... soll ich damit?“, verstand er nicht ganz.
Takeshi zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß nicht. Ich dachte nur, es könnte nicht schaden, wenn Sie zumindest einen Gegenstand aus der alten Welt mitnehmen.“
Nishi taxierte ihn prüfend.
„Aber... warum so ein altes Ding? Es erfüllt keinerlei Nutzen.“, wandte er ein.
Wieder zuckte der Junge nur mit den Schultern.
„Ja, kann sein. Ich weiß auch nicht.“
Nishi betrachtete weiterhin die Fliegerbrille.
„Ach ja. Ich hatte damals auch einen Freund. Wir haben so getan, als wären wir Sentais. Ich war der Rote, mein Freund der Blaue. Wir haben uns so komische Masken gemacht.“, erinnerte er sich.
Takeshi rang sich ein Lächeln ab.
„Das kann ich mir bei Ihnen gar nicht vorstellen. Sie müssen bestimmt lustig ausgesehen haben.“
Nishi wirkte nun tatsächlich ein wenig verärgert.
„Hey, was soll das denn heißen? Wir waren total cool.“, versicherte er.
Takeshi schmunzelte.
„Ja, klar. Wenn Sie das sagen.“
Nishi verfiel unerwartet in ein Gelächter. Takeshi stimmte darauf ein. Nach einem Moment wurde es wieder ruhig.
„Gut, ich mache mich dann mal auf den Weg.“, meinte der Mann und steckte die Fliegerbrille ein.
Takeshi nickte. Er hatte alles getan, was in seiner Macht stand. Nishi streckte eine Hand aus und im nächsten Moment wurde es um Takeshi herum dunkel.
Seine Mutter klopfte um etwa 10 Minuten nach 7 Uhr an seiner Tür. Er war ganz verschlafen, als er aus dem Bett kroch und ihr öffnete.
„Hat dein Wecker versagt? Du verschläfst ansonsten nie. Heute ist Schule, ich hoffe, das hast du nicht vergessen?“, ermahnte sie.
Takeshi entschuldigte sich. Er versprach sich schnell anzuziehen und dann zum Frühstück zu kommen. Er schloss die Tür wieder und schlüpfte in seine Klamotten. Zufrieden stellte er fest, dass sein Schulranzen bereits gepackt war. Ansonsten hätte er noch mehr Zeit verschwendet.
Bevor er sein Zimmer verließ, hatte er das Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Er griff sich an die Schläfe, doch es wollte ihm nicht mehr einfallen. Er sah zu einem Korb, in dem eine Schlafstelle hergerichtet worden war.
Der Junge stutzte. Wer hatte diesen dort hingestellt? Und warum? Sie besaßen keine Katze, aber dennoch stand er dort. Während dem Frühstück fragte er seine Mutter, doch diese hatte keine Ahnung. Takeshi hatte diesen Korb vor einigen Wochen besorgt, aber nie erklärt, warum. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass es wohl für ein Schulprojekt war und er es schlichtweg vergessen hatte.
Dann brach er zur Schule auf und kam dort trotz des Verschlafens pünktlich an.
Takeshi war mit seinem Fahrrad auf dem Weg zur Schule. Er trat kräftig in die Pedale und spürte die kühle Morgenluft auf seinem Gesicht. Die Straße, die er entlangfuhr, war von Bäumen gesäumt, deren Blätter im leichten Wind raschelten. Vögel zwitscherten in den Zweigen, und die ersten Sonnenstrahlen des Tages tauchten die Umgebung in ein goldenes Licht. Takeshi liebte diese ruhigen Momente am Morgen, bevor der Alltag begann. Er genoss die Freiheit, die ihm sein Fahrrad gab, und die Möglichkeit, den Tag auf eine entspannte Weise zu beginnen. Während er weiterfuhr, dachte er an den Schultag, der vor ihm lag, und freute sich auf die Freunde, die er bald treffen würde. Schließlich bog er um die letzte Ecke und sah das große Schulgebäude vor sich auftauchen. Nachdem er sein Fahrrad abgestellt hatte, trat er ins Innere.
Shun und Tsubasa befanden sich bereits im Klassenzimmer und unterhielten sich. Takeshi wünschte ihnen einen guten Morgen.
„Hey, was gibt es bei euch Neues?“, wollte er wissen?
Tsubasa, die ein Halstuch trug, löste es langsam.
„Sieh dir das an! Das hat Hebimon getan!“, beschwerte sie sich und offenbarte einen roten Fleck.
Tatsächlich kam darunter eine rote Druckstelle zum Vorschein. Takeshi runzelte aber nur die Stirn.
„Was ist ein Hebimon?“, hakte er nach.
Seine Freunde musterten ihn skeptisch.
„Na, was wohl? Genauso ein Störenfried wie Koemon. Er hat schon wieder in meinem Zimmer mit seiner Steinschleuder geübt. Ich habe keine Ahnung, wie ich das meinen Eltern erklären soll.“, sagte Shun.
Als Takeshi immer noch nicht mitkam, machten sich seine Freunde langsam Sorgen.
„Hey, du hast doch wohl nicht unsere Digimon vergessen? Besonders nicht Prismamon, oder?“
Doch ihr Freund schien genau dies getan zu haben.
„Prisma... warte, Digimon? Sind das nicht diese Wesen aus dem Internet? Die vor ein paar Jahren für Unruhe gesorgt haben?“
Tsubasa geriet nun doch leicht in Panik und zog ihr Handy. Sie schien Kari anzurufen und das Problem zu schildern.
„Takeshi, fühlst du dich nicht gut? Willst du vielleicht auf die Krankenstation?“, fragte Shun nach.
Der Junge bedachte ihn aber nur eines skeptischen Blickes.
„Mir geht es gut. Erzählt mir lieber mal, wovon ihr redet.“
Tsubasa legte auf.
„Ich habe vereinbart, dass wir uns heute Nachmittag im Ramen-Laden treffen. Izumi-san kommt auch und will dich untersuchen.“
Shun überlegte, ob sie nicht eher Dr. Kido hätten benachrichtigen sollen.
Takeshi wollte schon weiter einhaken, doch das Einsetzen des Unterrichts beendete die Diskussion erst einmal.
Direkt nach der Schule wollten seine Freunde darauf bestehen, dass er mit ihnen kam. Takeshi wehrte sich erst, erklärte sich dann aber einverstanden.
Izzy, Davis, sowie T.K. und Kari warteten dort bereits auf ihn. Aber erst als Veemon und Tentomon vor ihm auf den Tisch sprangen, wich er panisch zurück.
„Wa... wa... sind das diese Digimon, die ihr erwähnt habt?“, starrte er geschockt auf die Wesen.
Die DigiRitter sahen einander beunruhigt an und Davis bat den Jungen, sich zu setzen. Izzy packte inzwischen ein Gerät aus, es schien sich um eine Art Scanner zu handeln.
Takeshi ließ die Prozedur über sich ergehen. Nach einer Weile war Izzy fertig und packte das Gerät wieder ein.
„Und? Hast du eine Ahnung, was mit ihm nicht stimmt?“, wollte T.K. wissen.
Sein Freund nickte schließlich.
„Ja, meine Theorie hat sich bestätigt. Ich konnte die digitalen Rückstände analysieren. Seine digitalen Erinnerungen passen keineswegs zu seinen physischen.“
Doch nicht nur Takeshi konnte nicht viel mit dieser Antwort anfangen, sondern auch die anderen. Also holte Izzy weiter aus:
„Also, wenn wir digitalisiert sind, funktioniert unser Körper eher wie ein Computer. Darum werden auch Erinnerungen anders gespeichert. Wenn wir dann zurück in die reale Welt kommen, schreiben sich diese ganz normal in unsere Zellen ein. Aber laut dem Scan verhält es sich bei dir anders. Demnach sind deine Erinnerungen beeinträchtigt, das geht scheinbar auf Wochen zurück.“
Davis wand sich den Experten.
„Aber scheinbar hat er nur Dinge vergessen, welche mit Digimon und der DigiWelt zu tun haben.“
Izzy stimmte ihm zu.
„Das ist in der Tat merkwürdig. Vielleicht hat es mit der Dimension zu tun, die Takeshi zusammen mit Nishi betreten hat. Sie war weder digital, noch physisch. Es ist also nicht verwunderlich, dass sein Gehirn die Informationen nicht richtig verarbeiten konnte.“
Takeshi sah von einem zum anderen. Er wollte sich melden, ließ es dann aber bleiben.
„Schön und gut, aber haben wir eine Idee, wie wir dieses Problem lösen können?“, mischte sich Kari ein.
Izzy überlegte einen Moment. Dann schlug er sich mit der Faust auf die Handfläche.
„Ja! Ich denke, ich kenne eine Methode das Problem zu beheben. Bei jedem Eintritt in die DigiWelt wird man digitalisiert. Wir können dies als Backup benutzen. Wenn ich dieselben Konfigurationen wie letztens benutze, müssten sich Takeshis Erinnerungen an denen angleichen, die er zuletzt hatte.“
Shun brummte.
„Aber er hat die DigiWelt oder die Homeostasis nicht wie wir verlassen, richtig? Er tauchte einfach so in der realen Welt auf, richtig?“
Izzy bestätigte es ihm.
„Ja, das Backup würde lediglich bis zu dem Moment reichen, als ihr die Homeostasis betreten habt. Den Kampf mit Nishi-san würde es nicht mehr miteinbeziehen.“
Takeshi räusperte sich nun.
„OK. Ich verstehe kein Wort. Nur, dass ich mich scheinbar an einige Dinge nicht mehr erinnere. Können wir das irgendwie lösen?“
Zu seinem Glück konnte ihn Izzy da ganz beruhigen. Er bestellte einen Wagen, der sie in seine Firma bringen sollte. Shun und Tsubasa bestanden darauf, ihn zu begleiten.
Gesagt, getan, waren sie wenig später auf dem Weg zu dessen Firmengebäude. Sie fuhren ins oberste Stockwerk und betraten dort Izzys Büro.
„Wir werden dich jetzt digitalisieren und für einen Moment in die DigiWelt bringen. Dadurch können wir das Backup aufschalten und du solltest deine Erinnerungen zurückerhalten. Bitte halte den DigiVice gegen den Monitor.“
Seine Freunde mussten ihn erst auf das Gerät an seinem Handgelenk aufmerksam machen.
„Ach stimmt. Ich habe mich schon gefragt, was genau das ist.“, murmelte er verwirrt.
Er folgte den Instruktionen und ließ sich in die DigiWelt schicken. Nur eine Minute darauf kehrte er auch schon wieder zurück.
„Takeshi? Geht es... dir besser?“, wollte Tsubasa wissen.
Auch Shun erkundigte sich nach dessen Zustand, doch sein Freund reagierte nicht. Erst nach einem Moment schreckte er auf.
„Pri... Prismamon! Wo ist er? Wie konnte ich ihn vergessen?“, sah er sich schockiert um.
Sein Partner war heute Morgen nicht in seinem Zimmer gewesen, darum hatte er die Schlafstelle also aufgestellt.
Izzy bat den Jungen, sich zu beruhigen.
„Wir konnten deine Erinnerungen lediglich bis vor den Kampf mit Nishi wiederherstellen, darum weißt du es sicher nicht. Die Homeostasis wurde von diesem schwer beschädigt. Prismamon hat sich als eine Schöpfung von ihr herausgestellt. Darum hat es sich bereit erklärt, eine Weile bei ihr zu bleiben, um ihr bei der Regeneration zu helfen.“, setzte er den Jungen ins Bild.
Takeshi bestand jedoch darauf, sofort mit seinem Partner zu sprechen. Izzy kontaktierte Gennai und nach einer Weile ließ sich dieser breitschlagen, den Kontakt herzustellen. Er schickte eine seiner Drohnen in die Sphäre der Homeostasis und wartete, bis diese Prismamon erreicht hatte.
Takeshi spürte die Erleichterung, als sein Partner ins Bild kam.
„Hey, Kumpel! Ist alles in Ordnung?“
Doch Prismamon schien es gut zu gehen.
„Aber klar! Ruri ist auch hier, wir wollen gemeinsam versuchen, die Homeostasis zu reparieren. Ich... hatte echt Sorge, als du mit Nishi in diesem Licht verschwunden bist. Aber die anderen meinten, dass du unverletzt wieder zurück seist.“
Takeshi wollte erklären, dass er seinen Partner vergessen hatte, aber... wie würde dieser das auffassen? Also beschloss er, dies erst einmal auszusparen. Er war einfach nur froh, Prismamon in Sicherheit zu wissen.
„Hey, wie lange wirst du noch dort bleiben?“, erkundigte er sich schließlich.
Da Prismamon das nicht wirklich beantworten konnte, mischte sich Gennai ein.
„Wir hatten mit einer Woche gerechnet. Das heißt, übermorgen sollten wir es in eure Welt zurückschicken können.“, erklärte er.
Eine Woche? Takeshi wurde bewusst, dass ihm immer noch Erinnerungen fehlten. Prismamon erwähnte, dass er gemeinsam mit Nishi in eine Art Licht getreten war. Doch... was war danach passiert?
Schließlich verabredeten sich die beiden auf übermorgen und Izzy beendete die Verbindung.
„Vielleicht solltest du dich heute noch etwas ausruhen. Dein Gehirn braucht Zeit, um die Anpassung zu verarbeiten.“, schlug er dann vor.
Seine Freunde waren ebenfalls dafür. Etwas Ruhe würde bestimmt helfen.
Wenig später verließen sie das Gebäude. Sie schlugen Izzys Angebot aus, sie zurückzufahren. Etwas Sonne würde im Moment nicht schaden.
„Was... ist passiert, nachdem ich angeblich in dieses Licht getreten bin?“, wollte Takeshi wissen, während sie die Straße entlang marschierten.
Shun und Tsubasa sahen einander an.
„Das wissen wir nicht genau. Wir dachten, unser letztes Stündlein hätte geschlagen. Wir dachten, Nishi würde alles auslöschen. Aber... nichts geschah. Wir haben Stunden gewartet und unsere Wunden geleckt, aber ihr wart einfach verschwunden. Gennai kam und gemeinsam mit Prismamon hat er sich um die Homeostasis gekümmert. Dieses wollte ohnehin nicht gehen, bevor du nicht zurück wärst. Izzy hat alles koordiniert, während wir in die reale Welt zurückgekehrt sind.“, berichtete Shun.
„Äh, also nicht, dass wir dich im Stich lassen wollten! Wir waren dort einfach nur keine Hilfe!“, lenkte Tsubasa schnell ein.
Takeshi nickte. Er hätte ihnen das ohnehin nie unterstellt.
„Jedenfalls warst du tagelang verschwunden. Als du unverletzt zurück warst, waren wir beruhigt. Wer hätte ahnen können, dass du Teile deines Gedächtnisses verlierst.“, fügte sie schnell hinzu.
Der Junge war sich immer noch sicher, dass es da etwas Wichtiges gab, das er nicht greifen konnte. Etwas, das er erlebt hatte, an das er sich erinnern sollte. So oder so befolgte er den Rat seiner Freunde und ruhte sich erst einmal aus. Auch am darauffolgenden Tag, an dem er eine Erkältung vorschob.
Den Tag darauf war er dafür umso motivierter. Heute würde er endlich Prismamon wiedersehen. Direkt nach der Schule ließ er sogar Shun und Tsubasa stehen und schwang sich auf sein Fahrrad. Sein Ziel war der Ramen-Laden. Dort befanden sich bereits Gäste, also wartete der Junge geduldig bis zur Pause.
Davis erkundigte sich nach seinem Wohlbefinden. Takeshi war sich sicher, dass es ihm zumindest physisch soweit wieder gut ging. Doch eines beschäftigte ihn noch.
„Hey, wieso hat Nishi seinen Plan aufgegeben? Weil das muss er ja, sonst wären wir heute nicht hier.“, sagte er.
Davis musste ihm zustimmen.
„Du hast recht. Auf mich machte er auch den Eindruck, als wäre seine Einstellung definitiv. Eigentlich müsstest du uns Aufschluss darüber geben, immerhin bist du ihm durch dieses Licht gefolgt.“
Takeshi zuckte mit den Schultern.
„Ja, das sagt mir jeder. Doch meine Erinnerungen reichen nur bis zu unserem Treffen, bevor wir die Homeostasis betreten haben. Danach ist Sense. Aber wenn ich mit Nishi dort war, muss das auch bedeuten, dass er es war, der mich zurückgeschickt hat. Warum soll er das getan haben?“
Das konnte ihm Davis nicht beantworten. Nishi war ihr Feind gewesen, es gab für ihn eigentlich keinen Grund, dem Jungen zu helfen. Und warum er seinen ursprünglichen Plan geändert hatte und sie alle noch existierten, war das größte Rätsel.
Takeshi schien nun etwas einzufallen.
„Also... es ist sicher nicht wichtig, aber... dein Geschenk ist weg.“
Davis konnte ihm erst gar nicht folgen.
„Ach, du meinst die Brille? Hast du sie verloren?“
Takeshi schüttelte den Kopf.
„Nein, ich bin mir sicher, dass ich sie dabei hatte, als wir die Homeostasis betreten haben. Demnach auch, als ich Nishi gefolgt bin.“
Davis runzelte die Stirn.
„Verstehe ich schon, aber... was sollte Tais alte Fliegerbrille daran geändert haben, dass Nishi von seinem Plan abrückt. Das macht doch gar keinen Sinn.“
Takeshi stimmte ihm zu. Es ergab keinen Sinn. Und es gab keine vernünftige Erklärung dafür. Und da er sich nicht erinnern konnte, würde es die wahrscheinlich auch nie geben.
Sie kamen zu dem Schluss, dass es nichts brachte, sich weiter darüber den Kopf zu zerbrechen. Vor allem da es heute Wichtigeres gab. Davis wollte ihn später noch zu Izzy fahren, wo er endlich Prismamon wiedersehen würde. Seinen Partner.
Er zog sich noch eine Portion Ramen rein und dann ging die Fahrt auch schon los. Izzy hatte zum Glück schon alles vorbereitet. Prismamons Gesicht tauchte auf dem Monitor auf und er begrüßte den Menschen überschwänglich. Danach wurde das Tor geöffnet und das kleine Digimon sprang Takeshi in die Arme. Dieser drückte es an sich.
„Ich bin wieder da, Takeshi!“
Der Junge wollte es am liebsten gar nicht mehr loslassen.
„Ja. Du bist wieder da.“
ENDE