Kapitel 1: Bin ich krank?
Es war so kalt, dass ihm das Atmen schwerfiel. Er war umgeben von einer tiefen Dunkelheit, schwarzem Eis, das es ihm unmöglich machte, sich zu bewegen und jedes Geräusch verschluckte. Wann immer er einen möglichst tiefen Atemzug nahm, kam es ihm vor, als drang pure, unbarmherzige Kälte in seine Lunge, ließ sie roh und wund zurück, bis sie brannte und ihn wünschen ließ, nicht mehr atmen zu müssen.
Er musste sich von diesem Schmerz ablenken, seinen Verstand bei sich behalten, und das würde hauptsächlich über zwei Fragen funktionieren: Wer war er? Wo befand er sich?
Die Gedanken bewegten sich zäh in seinem Inneren, setzten die zerbrochenen Antworten nur schwerfällig wieder zusammen, so dass er sie sich selbst geben konnte: Ich bin Platan, der Pokémon-Professor von Kalos. Ich sollte zu Hause sein. Oder?
Das hier war nicht sein Zuhause, so viel war ihm klar, auch wenn seine Erinnerungen durcheinandergewirbelt waren und sich hartnäckig weigerten, ihm Details zu verraten. Jene, die er eigentlich benötigte, um seine Situation zu entschlüsseln.
Die letzten Tage war ich … zuletzt habe ich …
Wann immer er glaubte, eine Erinnerung ergreifen zu können, entzog sie sich ihm wieder im letzten Moment. Er erhaschte Eindrücke von Blumenfeldern, einem Springbrunnen und einem finster dreinblickenden Mann, der sein Innerstes mit einer seltsamen Mischung aus Freude und Trauer füllte. Gleichzeitig war da aber auch ein Krankenzimmer, der aufdringliche Geruch von Desinfektionsmittel – und Schneeglöckchen in einer Vase.
Dann verblassten die Bilder und ließen ihn zurück in der Dunkelheit, nahmen sogar alle ausgelösten Emotionen mit sich. Er war wieder allein. Der Kälte ausgeliefert.
Die Situation erschien ihm dermaßen hoffnungslos, dass er aufgeben wollte, auch wenn er wusste, dass es ein nie wiedergutzumachender Fehler war, denn dann würde er verschwinden, ohne die Aussicht auf eine Rückkehr. Doch in diesem Moment erschien ihm das gar nicht mehr so schlimm, das hier war immerhin kein Leben.
Aber dann, genau in seinem schwächsten Moment, spürte er plötzlich Wärme in seinem Inneren. Erst nur ein kleiner Kern, der rasend schnell an Größe gewann, bis er seinen ganzen Körper einzunehmen schien, seine wunden Lungen heilte und auch das Eis um ihn herum schmolz. Stattdessen wurde er nun von einem vertrauten Geruch eingehüllt, ohne ihn dabei einzuengen, so dass er sich absolut sicher fühlte.
Platan seufzte erleichtert – und mit diesem Laut kamen auch andere Geräusche zu ihm zurück: das Ticken einer Uhr, das Zwitschern von Vögeln, die so viel Neugier in ihm weckten, dass er seine Augen aufschlug.
Das dunkle Holz über ihm war ihm sofort bekannt. Genau wie die Matratze, auf der er lag und die Decke, in die er eingehüllt war. Er setzte sich vorsichtig auf, obwohl seine Glieder sich noch schwach fühlten. Sein Blick wanderte durch den Raum, erfasste die Position der Fenster; eines von ihnen war offen, der weiße Vorhang bauschte sich in einer leichten Brise.
»Ich bin zu Hause«, murmelte er.
Eine Bewegung aus dem Augenwinkel lenkte seine Aufmerksamkeit auf den Nachttisch. Dort stand eine kleine Vase mit einem Strauß Schneeglöckchen, genau wie in dieser kurzen Erinnerung. Die hängenden weißen Blüten bewegten sich sacht in einem kaum spürbaren Windhauch. Sie erfüllten ihn mit einer Woge von Liebe und Sehnsucht.
Bevor er ergründen konnte, nach was genau er sich sehnte, öffnete sich die Tür.
»Platan«, sagte eine tiefe Stimme, die selbst die letzte Spur von Kälte aus seinem Körper vertrieb und ihn dennoch schaudern ließ, wenngleich aus einer so innigen Freude, dass es ihm fast unheimlich war.
Er sah zur Tür hinüber. Dort stand ein großer Mann, der ihn sorgsam musterte und Platan sofort ein Lächeln und ein sehnsuchtsvolles Seufzen entlockte. »Flordelis.«
Jener durchquerte mit wenigen Schritten den Raum und setzte sich auf den Bettrand. Zärtlich strich er Platan über die Wange. »Wie fühlst du dich?«
»Großartig, da du jetzt hier bist«, antwortete Platan zufrieden seufzend. »Aber ich hatte einen sehr seltsamen Albtraum.«
Flordelis' Augen, sonst so blau wie der Himmel, schienen sich zu bewölken. »Was für einen Albtraum? Willst du mir davon erzählen?«
Eigentlich wollte er das nicht, ihm war mehr danach, diesen Traum schnellstmöglich zu vergessen. Aber vielleicht schadete es nicht, wenn Flordelis auch davon wusste. Deswegen erzählte er ihm von der einnehmenden Kälte, dem schwerfälligen Denken und den seltsamen Erinnerungsfragmenten. Während dieser Erzählung betrachtete Flordelis ihn besorgt und strich ihm immer wieder durch das Haar, was Platan zusätzlich beruhigte. Zum Abschluss lachte er ein wenig verunsichert. »Ich sagte dir doch, es war ein seltsamer Traum.«
»Ja«, sagte Flordelis merkwürdig monoton, »ein seltsamer Traum.«
»Zum Glück ist das vorbei«, hielt Platan dann fest. »Ich hätte wirklich Lust auf einen Kaffee.«
Das steigerte auch Flordelis' Stimmung wieder schlagartig. Er lächelte Platan zu. »Natürlich. Soll ich ihn dir bringen oder möchtest du mit mir in die Küche? Oder sollen wir ihn im Wohnzimmer trinken?«
Platan dachte einen Moment nach, ehe er einen anderen Vorschlag brachte: »Können wir uns in den Garten setzen? Ich glaube, es ist das perfekte Wetter dafür.«
Bittend sah er Flordelis an. »Ich möchte unbedingt die Blumen sehen.«
Für einen kurzen Moment war er von sich selbst irritiert. Er hatte das Gefühl, diese Bitte schon einmal an Flordelis gerichtet zu haben, aber in einem anderen Zusammenhang, der sich ihm gerade vollkommen entzog. Vielleicht wirkte Flordelis deswegen für einen Augenblick bedrückt, aber er fing sich rasch und nickte. »Alles, was du willst.«
Bevor Platan anbieten konnte aufzustehen, hob Flordelis ihn in einer fließenden Bewegung auf seine Arme, während er sich selbst erhob. Dieses Gefühl war ihm derart vertraut und so voller Wärme, dass Platan sich direkt darin fallenließ und sich an Flordelis schmiegte.
»Bin ich nicht zu schwer?«, fragte er leise.
»Nicht im Mindesten«, versicherte Flordelis ihm. »Für mich wirst du nie zu schwer sein.«
Auch diesen Satz glaubte er schon einmal, unter anderen Umständen, gehört zu haben. Warum waren manche seiner Erinnerungen immer noch derart zersplittert? Waren das noch Auswirkungen dieses seltsamen Traumes?
Statt das zu fragen und Flordelis damit wieder Sorgen zu bereiten, ließ er sich von ihm in den Garten bringen. Dort setzte er Platan auf einem Stuhl ab und versicherte ihm, gleich mit dem Kaffee zurück zu sein, ehe er zurück ins Haus verschwand.
Platan atmete derweil tief durch, sog die angenehm nach Blumen duftende Luft ein und genoss den zarten Windhauch, der durch die Bäume fuhr und ein melodiöses Rauschen erzeugte. Mitten auf dem Rasen, nicht weit von der Terrasse entfernt, auf der Platan saß, lag Flordelis' Garados, das sich zum Schlafen zusammengerollt hatte. Es hatte nicht einmal aufgeblickt, als Platan hier abgesetzt worden war.
Nicht weit entfernt entdeckte er außerdem noch mehr Schneeglöckchen, wobei er zu seinem Entzücken feststellte, dass zwischen den weißen Blüten auch blaue wuchsen.
»Natürlich tun sie das«, murmelte er sich selbst zu. »Wenn ich schon welche pflanze, dann müssen auch blaue dabei sein ...«
Hatte er sie denn selbst gepflanzt? Er glaubte, sich daran erinnern zu können, aber er war sich unsicher. War das hier überhaupt sein Garten? Oder gehörte er Flordelis? Aber in welcher Beziehung stand er selbst zu Flordelis?
Zumindest letzteres konnte er schnell beantworten, denn als er den Blick senkte, fiel ihm der Ring an seiner Hand auf. Er war aus Platin, darin eingefasst war ein hellblauer Stein, dessen Farbe ihn sofort an Flordelis' Augen denken ließ. Dieser Anblick erinnerte ihn zugleich daran, wie Flordelis ihm den Ring angesteckt hatte, er hörte sogar noch das Echo seines »Ich will«. Ja, sie waren eindeutig verheiratet.
Diese glückliche Erkenntnis sorgte dafür, dass Platan lächelnd die Augen schloss, die Hand auf sein wild schlagendes Herz gepresst. Zahlreiche Erinnerungen an gemeinsame Momente von ihm und Flordelis kehrten in sein Bewusstsein zurück und erfüllten ihn wieder mit dieser Wärme, die ihn auch schon aus der Kälte seines Traums gerettet hatte.
Er sah sie beide gemeinsam auf dem Rand eines Springbrunnen sitzen, wie sie durch eine Allee voller Herbstbäume liefen, wie sie eng aneinandergeschmiegt den fallenden Schnee durch ein Fenster beobachteten.
Aber dann war da auch wieder das Krankenzimmer, eine unfassbare Schwäche und Flordelis, der ihn besorgt betrachtete.
Diese Erinnerung brachte sein Herz für ein paar Schläge aus dem Rhythmus – aber er wurde sofort wiederhergestellt, als er Flordelis' Stimme hörte: »Ist alles in Ordnung?«
Platan öffnete seine Augen wieder und sah seinen Mann – wie wunderschön sich das für ihn anfühlte – zuversichtlich lächelnd an. »Ja, alles ist gut.«
Das beruhigte Flordelis sichtlich. Er stellte das Tablett mit Kaffee und zwei Tassen auf dem Tisch ab, ehe er sich setzte und ihnen beiden einschenkte. Platan beobachtete ihn dabei aufmerksam. Laut seinen Erinnerungen hatte Flordelis das schon so oft getan, aber aus irgendeinem Grund kam es ihm gerade noch wundervoller vor als sonst. Es rührte etwas in ihm, das er sich auch nicht völlig erklären konnte.
Nachdem er sich bedankt hatte, nahm Platan einen Schluck Kaffee und stellte fest, wie gut er schmeckte. Unvergleichlich aromatisch, so wie immer. Aber gerade schmeckte er noch besser als sonst, fast als wäre es seine erste Tasse seit langer Zeit.
»Er ist köstlich«, sagte Platan. »Du hast dich wieder einmal selbst übertroffen.«
Flordelis bedankte sich lächelnd für das Kompliment. Dabei glitzerten seine blauen Augen so sehr, dass Platan sich in diesem Anblick verlor. Er wollte ihm sagen, wie großartig er Flordelis fand, wie dankbar er dafür war, bei ihm sein zu können – aber stattdessen stellte er eine Frage, die ihn offenbar mehr beschäftigte: »Bin ich krank?«
Flordelis hatte gerade nach seiner Tasse gegriffen, hielt nun aber inne, als wäre er von einer Elektro-Attacke getroffen worden.
»Wie kommst du darauf?«, fragte er bemüht neutral.
»Meine Erinnerungen sind noch sehr durcheinander. Aber hin und wieder muss ich an ein Krankenzimmer denken. Und du hast mir nicht mal die Gelegenheit gegeben, aufzustehen.«
Für den Bruchteil einer Sekunde verzog sich Flordelis' Gesicht verärgert, aber dann lächelte er Platan bereits wieder an. »Du bist so aufmerksam und intelligent wie immer, mon amour. Aber das mit deinen Erinnerungen macht mir noch Sorgen. Wir sollten den Arzt bei nächster Gelegenheit danach fragen.«
Darauf nahm er einen Schluck Kaffee. Platan wartete geduldig, aber Flordelis schien nicht weiterreden zu wollen.
»Du hast meine Frage nicht beantwortet, mein Lieber.«
Bedächtig – um wohl noch mehr Zeit zu gewinnen – stellte Flordelis seine Tasse wieder auf dem Tisch ab. »Eigentlich wäre es mir recht gewesen, wenn wir heute einfach einen ruhigen Tag miteinander verbracht hätten. Aber wenn du auf eine Antwort bestehst: Du warst krank. Eigentlich solltest du wieder gesund sein, ich bin es nur so gewohnt, dich überall hinzutragen, dass ich nicht darüber nachgedacht habe, dass du vielleicht selbst gehen möchtest. Dafür bitte ich um Entschuldigung.«
Also lagen die Krankenhausbesuche hinter ihm. Was genau hatte ihm gefehlt? Er hätte das fragen können, aber Flordelis schien angespannt genug – und außerdem war da eine tief sitzende Furcht in ihm, die ihm sagte, dass er die Antwort gar nicht hören wollte. Vielleicht waren seine fragmentierten Erinnerungen in diesem Fall ein Segen.
»Es ist schon gut«, sagte er sanft. »Ich war nur neugierig. Aber du hast recht, ich denke, es wäre gut, mit einem Arzt über diese Gedächtnisprobleme zu sprechen.«
Flordelis nickte ihm zu, ein Hauch von Dankbarkeit lag in seinen leicht gehobenen Mundwinkeln. Dann wurde er wohl von seiner Neugier übermannt: »Kannst du denn wieder aufstehen? Zuletzt hat es noch nicht so gut funktioniert.«
Platan sah auf seine Beine hinab. Er hatte Gefühl in ihnen und sie bewegten sich sogar ein wenig, als er es versuchte. Also war nur noch die Frage, ob sie sein Gewicht trugen.
Er stellte seine Tasse wieder ab und sah Flordelis aufgeregt an. »Ich versuche es einfach.«
Wann war er das letzte Mal aus eigener Kraft aufgestanden? Er erinnerte sich nicht, was ihn unter anderen Umständen wohl demotiviert hätte. Aber Flordelis' Frage nach dem wieder und seine Erinnerungen daran, wie er in diesem Garten Beete angelegt hatte, sagte ihm, dass es ihm einmal möglich gewesen war – also warum sollte das nicht jetzt auch der Fall sein?
Zuversichtlich legte Platan seine Hände auf die Armlehnen seines Stuhls. Er atmete tief durch, dann drückte er sich unter Flordelis' aufmerksamen und besorgten Blick nach oben.
Im ersten Moment glaubte er, einen furchtbaren Fehler begangen zu haben. Seine Beine zitterten so sehr, dass er sich nicht mehr sicher war, ob er sich halten könnte. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie Flordelis sich vorbeugte, jederzeit bereit, zu ihm zu stürzen, um ihn aufzufangen.
Aber als er dann stand, fest und sicher, fühlte er sich plötzlich … leicht, befreit, als wäre eine alte Angst, an die er sich nicht erinnerte, von ihm abgefallen. Unter seinen Füßen spürte er deutlich das Holz der Terrasse, die von der Sonne absorbierte Wärme, die nun an seine Haut abgegeben wurde, nachdem er sie so lange vermisst hatte. Es war wundervoll. Und seine Beine zitterten nicht mehr.
Probehalber ging er einige Schritte, immer noch unter Flordelis' wachsamen Blick, bis er auf dem Gras stand. Es war so lange her, dass er das getan hatte, das wusste er auch ohne seine Erinnerungen, denn er spürte eine geradezu grenzenlose Freude in seinem Inneren, die in seiner Brust überquoll und dort unzählige Blumen zum Erblühen erbrachte.
Freudestrahlend fuhr er herum und sah in Flordelis' blasses, aber erleichtertes Gesicht.
»Ich kann stehen und laufen!«, rief er aus. »Ist das nicht wundervoll? Ich fühle mich so lebendig!«
Etwas, was er seit Ewigkeiten nicht mehr getan hatte. Lachend drehte er sich um sich selbst, bis er plötzlich gegen Garados stieß, der ihn sanft anbrummte. Er entschuldigte sich für die Störung, tätschelte dem Pokémon den Kopf und kehrte dann zu Flordelis zurück, der ihm lächelnd entgegensah. Mit einem erleichterten Seufzen ließ Platan sich auf Flordelis' Schoß sinken und schlang die Arme um ihn, während er sich an ihn schmiegte. »Alles ist perfekt, nicht wahr?«
»Ja.« Flordelis umgriff seine Hüfte, um ihn festzuhalten. »Jetzt ist wirklich alles perfekt.«
Seine sanfte Stimme war von Glück und Erleichterung erfüllt, wurde aber fast von seinem schnellen, wunderschönen Herzschlag übertönt. Zufrieden schloss Platan die Augen, um dem Rhythmus dieses Herzens zu lauschen und seinen eigenen daran anzupassen.
Alles war perfekt. Auch ohne seine intakten Erinnerungen. Und Platan hoffte, dass es für immer so bleiben würde.
Kapitel 2: Das Gefühl kenne ich
»Tief einatmen, bitte.«
Platan folgte der Anweisung des Arztes, Dr. Vidal, während dieser ein viel zu kaltes Stethoskop gegen seine Brust drückte. Es erinnerte ihn unangenehm an seinen seltsamen Albtraum, von dem er Dr. Vidal auch schon berichtet hatte. Platan hätte ihm gern noch mehr erzählt, aber er wollte ihn während dieser Untersuchung nicht ablenken – am besten merkte er sich die Geschichte über ein krankes Fiffyen, das von seinem Trainer zu einem Arzt gebracht wurde, sich aber gegen diesen wehrte, bis ihm bewusst wurde, dass der Arzt nur sein Bestes wollte; dann könnte er sie später Flordelis erzählen. Jener wartete auf Wunsch von Dr. Vidal, den er hatte kommen lassen, in einem anderen Raum des Hauses, während Platan im Wohnzimmer, unter Kramshefs wachsamen Blick, untersucht wurde.
Nach einer gefühlten Ewigkeit löste Dr. Vidal das Stethoskop wieder von seinem Körper, direkt wurde ihm etwas wärmer.
»Ihre Lunge hört sich gut an«, sagte er monoton.
»Das klingt wie eine gute Nachricht«, bemerkte Platan erleichtert.
Dr. Vidal gab darauf nur ein Geräusch von sich, das er nicht einzuordnen wusste, während er ihn anwies sich wieder anzuziehen und nebenbei das Stethoskop zurück in seine Tasche packte.
Erst als Platan sein Hemd zuknöpfte und Dr. Vidal etwas auf einen mitgebrachten Block zu schreiben begann, erläuterte er seine Ergebnisse: »So wie ich das sehe, sind Sie gesund. Ihr Puls und Ihr Blutdruck sind in Ordnung, Ihre Temperatur im grünen Bereich, ihre Reflexe einwandfrei und auch ihre Lunge ist frei, soweit ich das beurteilen kann. Außerdem scheinen Sie auch ganz gut zu Fuß zu sein.«
Das hatte Platan ihm direkt zu Beginn der Untersuchung demonstriert, weil er immer noch zu glücklich darüber war, dass er es wieder konnte. Auch wenn er weiterhin nicht wusste, warum es davor nicht funktioniert hatte. Über diese Erinnerungsfragmente hatte er auch mit Dr. Vidal gesprochen, aber am neutralen Gesichtsausdruck des Arztes hatte sich nichts geändert.
Als wüsste er genau, worüber Platan gerade nachdachte, fuhr dieser auch schon fort: »Wegen dieser Erinnerungslücken würde ich mir erst einmal keine Gedanken machen. Bis vor kurzem haben Sie sehr viele Medikamente bekommen, möglicherweise sind das noch Nachwirkungen. Erst wenn das länger als zwei Wochen anhält, sollten wir noch einmal darüber sprechen.«
»Ich bin zumindest froh, nicht mehr im Krankenhaus zu sein«, sagte Platan. »Auch wenn ich mich nicht daran erinnere, dass ich entlassen wurde.«
Dr. Vidals Blick verfinsterte sich etwas. »Darüber kann ich nichts sagen, ich bin keiner Ihrer behandelnden Ärzte im Krankenhaus.«
»Darum kommen Sie mir nicht bekannt vor.« Aber das tat Platans Freude keinen Abbruch, immerhin lernte er immer gern Menschen kennen. »Ich erinnere mich an manche Ärzte im Krankenhaus, aber alles davor ist ein wenig verschwommen.«
Warum hatte Flordelis ihn nicht ins Krankenhaus gebracht? Könnte man ihn dort nicht wesentlich besser untersuchen? Er sollte ihn nachher fragen.
Der Arzt begann damit, seine restlichen Untersuchungsinstrumente wieder in seine schwarze Tasche zu packen. »Jedenfalls geht es Ihnen nun gut. Ihre Erinnerungen kommen bestimmt auch bald wieder. Da würde ich mir … keine Sorgen machen.«
Etwas an seinem Ton beunruhigte Platan, sprach etwas tief in seinem Inneren an, das lieber hatte ruhen wollen. Aber bevor es sich entfalten oder er genauer darüber nachdenken konnte, unterbrach Flordelis' Stimme die eingetretene Stille: »Wie sieht es aus, Doktor?«
Platan sah zur Tür hinüber, wo Flordelis stand, so majestätisch wie eh und je. Sein Anblick ließ Platans Herz wieder erblühen. Alles war gut, solange er bei ihm war, so wie in diesem Moment.
Dr. Vidal wirkte plötzlich ein wenig … nervös. Aber so ging es vielen Menschen in Flordelis' Gegenwart, etwas, das Platan noch nie verstanden hatte, an so viel erinnerte er sich noch. Die anderen sahen einfach nicht den wahren Flordelis, sein unfassbar gutes Herz und seinen unerschütterlichen Willen, diese Welt zu einer besseren zu machen.
Auch ihm gegenüber wiederholte Dr. Vidal, dass alles in Ordnung sei, was Flordelis zufrieden lächeln ließ. Dieser Anblick ließ Blumen in Platans Brust sprießen. Blaue Schneeglöckchen, genau wie jene im Garten.
»Ich sagte dir ja, dass es mir bestens geht«, betonte er. »Abgesehen von den Erinnerungslücken, aber Dr. Vidal sagt, dass ich mir darüber keine Sorgen machen muss.«
Mit einem vernehmlichen Klicken verschloss der Arzt seine Tasche. »Ich würde gern noch unter vier Augen mit Ihnen sprechen, Monsieur Flordelis.«
Plötzlich verfinsterte sich Flordelis' Miene wieder etwas, die Wolken kehrten in seine himmelblauen Augen zurück.
»Falls das für Sie in Ordnung ist, Professor«, ergänzte Dr. Vidal noch.
Platan benötigte einen Moment, um sich von dem Anblick seines Mannes loszureißen, dann nickte er Dr. Vidal zu. »Natürlich~. Ich gehe solange in den Garten.«
Er erhob sich gut gelaunt. »Immerhin kann ich jetzt gehen, da wird das ein Vergnügen sein.«
Nachdem er dem Arzt zugezwinkert hatte – dieser schien den Scherz in seinen Worten zu ignorieren –, verließ er das Wohnzimmer. Neben Flordelis hielt er noch einmal kurz inne, damit er Flordelis sanft anlächeln konnte. Sein Mann erwiderte diese Geste, allerdings blieben seine Augen bewölkt. »Ich komme nach, sobald ich Dr. Vidal nach draußen begleitet habe. Sei vorsichtig.«
Platan versprach ihm, ganz besonders vorsichtig zu sein, dann ging er summend den Gang hinunter, in Richtung des Gartens, während Flordelis richtig ins Wohnzimmer trat, um sich diesem Gespräch zu stellen.
Die gedämpften Stimmen waren bald nicht mehr hörbar für ihn, während Platan sich Schritt für Schritt von ihnen entfernte. Kaum waren sie für ihn verstummt, fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf: Das ist genau wie damals.
Unwillkürlich hielt Platan inne. Damals? War das ein Erinnerungsfragment gewesen? Hatte Flordelis schon einmal mit einem Arzt über seine Gesundheit gesprochen, ohne dass er dabei gewesen war? Oder warum sonst war es für ihn eine solche Selbstverständlichkeit ihm das zu überlassen? Sollte er nicht dabei sein, wenn über seine Gesundheit gesprochen wurde?
Er drehte sich um. Es waren nur wenige Schritte zurück zum Wohnzimmer, er könnte sich dem Gespräch anschließen oder zumindest lauschen. Das gehörte sich zwar nicht, aber es ging doch immerhin um ihn, darauf hatte er doch ein Recht, oder?
Doch obwohl er sich selbst davon zu überzeugen versuchte, gelang es ihm nicht, sich zu überwinden, diese wenigen Schritte zurückzugehen. Seine Beine wollten sich einfach nicht bewegen. Es war fast wie früher, als er damals festgestellt hatte, dass er sie nicht mehr bewegen konnte, dass sie noch ein Teil seines Körpers waren, sich aber nicht mehr wie solche anfühlten. Sie waren plötzlich überflüssige Bestandteile gewesen, verrostete Zahnräder in einem Mechanismus, der sich nicht mehr rührte; eine Ballerina-Spieluhr, die noch immer schön anzusehen war, aber die nicht mehr tanzte.
All die finsteren Gedanken und Gefühle, die Furcht nie wieder das Gras unter seinen Füßen zu spüren, kehrte schlagartig zurück, floss wie ein Wasserfall in seine Brust und erstickte die Pflanzen darin – und in jenem Moment, in dem die Verzweiflung ihn ertränken wollte, erreichte ein Geräusch seine Ohren: ein leises Schluchzen, das viel zu vertraut klang und sein Herz anrührte.
Es ließ alles Negative erst einmal in den Hintergrund rücken, denn er wusste, er musste sich diesem Schluchzen annehmen. Glücklicherweise reagierten nun auch seine Beine wieder, als er sich in die Richtung drehte, aus der das Geräusch kam.
Das Schluchzen führte ihn zu einer Tür, von der er spontan nicht wusste, welcher Raum dahinter lag. Aber egal, was es war, jemand weinte darin und Platan konnte das nicht einfach ignorieren. Außerdem war das hier doch auch sein Haus, nicht wahr? Flordelis hatte bestimmt nichts dagegen, wenn er sich umsah, um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen.
Er öffnete die Tür und entdeckte so, dass sich dahinter ein Musikzimmer verbarg. Der Flügel in der Mitte des Raums, auf den sanftes Sonnenlicht fiel, weckte Erinnerungen daran, wie oft er hier mit Flordelis gesessen und ihm beim Spielen gelauscht hatte. Egal, wie erschöpft er gewesen war, wann immer sein Mann Klavier spielte, fühlte er sich wesentlich besser. Er müsste ihn demnächst bitten, wieder für ihn zu spielen.
Das Schluchzen erklang erneut. Platans Blick wanderte auf den Boden, wo ein Geigenkasten lag. Jener, in dem die Geige ruhte, die Flordelis ihm geschenkt hatte, damit sie gemeinsam Musik erschaffen könnten, die Herzen berührte. Daneben lag ein Mähikel … nein, nicht ein Mähikel, sondern seines! Jene Gefährtin, die schon so lange bei ihm war. Wie hatte er bislang nicht an sie denken können? Waren seine Erinnerungen wirklich so sehr fragmentiert, dass er sogar sie vergaß?
»Mähikel«, sprach er sie sanft an und setzte sich neben sie, damit er sie beruhigend streicheln könnte. »Was ist denn los? Was macht dich so traurig?«
Kaum hörte sie seine Stimme, zuckte Mähikel zusammen und entzog sich sogar seiner Hand, als sie aufsprang und herumfuhr, um ihn furchtsam und gleichzeitig verwirrt mit viel zu großen Augen, in denen Tränen glitzerten, zu mustern.
»Alles ist gut.« Er lächelte sie an. »Ich bin ja bei dir.«
Sie mähte irritiert, schüttelte ungläubig mit dem Kopf, dann kam sie näher und schnupperte an ihm. Er ließ sie sanft lächelnd gewähren. »Ich weiß nicht, warum du so verwirrt bist. Hast du schlecht geschlafen? Etwas Schlimmes geträumt? Das Gefühl kenne ich.«
Bevor er ihr sagen konnte, was er Seltsames geträumt hatte, stieß Mähikel wieder ein lautes Mähen aus, dann warf sie sich so heftig gegen seine Brust, dass er fast umgekippt wäre. Doch es gelang ihm, aufrecht sitzenzubleiben, dann legte er beide Arme um Mähikel, während sie an seiner Brust weinte. Aber nun waren es keine Tränen der Trauer mehr, sondern Erleichterung, er spürte diesen Unterschied deutlich, immerhin waren sie lange genug zusammen.
Außerdem erinnerte er sich in diesem Moment daran, wie er sie das letzte Mal gestreichelt hatte, wie seine Hand durch ihren Blätterkragen gestrichen war, während er leise auf sie eingeredet hatte, dass sie nicht traurig sein musste, dass alles gut war und sie sich keine Sorgen machen müsste, weil Flordelis sich um sie kümmern würde. Auch da hatte sie schon geweint … aber warum? Wann war das gewesen?
»Platan?« Flordelis' Stimme holte ihn erneut aus seinen Gedanken.
Platan sah über seine Schulter zu Flordelis, der wieder im Türrahmen stand. Immer stand er im Türrahmen, auch damals, im Krankenhaus … sah ihn an, ausgemergelt, blass, mutlos, als wäre er immer fast enttäuscht, noch Platans Lächeln zu sehen. Jenes Lächeln, das Platan ihm auch in diesem Moment wieder schenkte. »Ich glaube, Mähikel hat schlecht geschlafen. Die Erleichterung darüber muss wohl ziemlich stark sein.«
Flordelis' unsteter Blick wanderte durch den Raum, bis er an einer anderen Stelle hängenblieb. Platan sah ebenfalls hinüber und entdeckte ein gemütliches Pokémon-Bett, auf dem Pyroleo lag. Er war so ruhig gewesen, dass er Platan gar nicht aufgefallen war, aber kaum wurde er seiner Anwesenheit gewahr, konnte er die majestätische Aura, die dieses stolze Pokémon überall hinbegleitete, nicht mehr ignorieren. Im Moment sah er Flordelis geradezu vorwurfsvoll an.
Platan konnte das nicht nachvollziehen, aber gerade war das auch nicht weiter wichtig, denn Flordelis setzte sich neben ihn auf den Boden, um Mähikel auch beruhigend zu streicheln. Dabei wirkte er so, als trüge er eine unfassbar schwere Bürde auf den Schultern, die niemand sehen konnte, außer vielleicht Pyroleo …
Platan fühlte sich unwillkürlich schuldig, als hätte er etwas entdeckt, das besser verborgen geblieben wäre. »Es tut mir leid. Hätte ich hier nicht hereinkommen dürfen?«
»Es ist schon in Ordnung«, erwiderte Flordelis mit tiefer, vibrierender Stimme. »Es ist auch dein Haus. Du darfst hingehen, wohin auch immer du willst.«
Genau wie er es sich auch gedacht hatte.
»Ich hätte dich und Mähikel früher zusammenbringen müssen«, sprach Flordelis weiter, »deine Krankheit hat ihr sehr zugesetzt. Aber ich habe nicht daran gedacht. Also tut es eher mir leid.«
Platan schüttelte mit dem Kopf. »Ich hätte selbst an Mähikel denken müssen. Und an Pyroleo.«
Er winkte dem stolzen Pokémon zu, während er ihm auch zulächelte, aber – im Gegensatz zu allen Erinnerungsfragmenten, in denen er Pyroleo sah –, wurde diese Freundlichkeit ignoriert. Stattdessen schnaubte Pyroleo, ehe er seinen Kopf wieder ablegte, sie jedoch weiter aufmerksam im Auge behielt.
Platan lehnte sich ein wenig zu Flordelis, um ihn flüsternd »Habe ich ihm etwas getan?« fragen zu können. Doch sein Mann schüttelte bereits mit dem Kopf. »Mach dir keine Gedanken. Pokémon sind manchmal ein wenig eigen.«
Das stimmte allerdings, also war es wirklich besser, das erst einmal zu ignorieren. Platan nutzte die Nähe zu Flordelis einfach aus, um sich bei ihm anzulehnen. Mähikel beruhigte sich derweil in seinen Armen, ihr Schluchzen wurde zu einem leisen Glucksen, während ihre Tränen versiegten und sie sich an ihn schmiegte. Offenbar entließ der furchtbare Traum sie auch endlich aus seinen Klauen.
»Ist Dr. Vidal gegangen?«, fragte Platan.
»Das ist er«, antwortete Flordelis tonlos.
»Ich habe mich gar nicht von ihm verabschiedet. Das ist ganz schön unhöflich, oder?«
»Er versteht das sicherlich.«
Für einen Moment schwiegen sie gemeinsam, genau wie im Krankenhaus. Platan wollte eine Geschichte erzählen, so wie er es früher immer getan hatte, aber sein Gedächtnis erlaubte ihm das noch nicht gänzlich. Hoffentlich wäre es ihm bald wieder möglich. Die mit dem kranken Fiffyen sparte er sich noch für später auf.
»Worüber wollte Dr. Vidal noch mit dir sprechen?«, fragte Platan schließlich in die Stille.
Flordelis zögerte mit einer Antwort. Fast wirkte es, als müsse er mit sich ringen, was genau er ihm sagen sollte. Nach wenigen Sekunden kam er jedoch zu einem Ergebnis: »Er hat mir nur gesagt, dass er sich nicht sicher ist, wie lange deine Gedächtnisprobleme anhalten werden.«
Dann musste Flordelis tatsächlich schelmisch lächeln. »Und er war überrascht, wie viel du reden kannst. Dafür hat er mir sein Beileid ausgesprochen.«
Im Anschluss lachte er leise. Das war genug, um Platan zu sagen, dass Flordelis es nicht schlimm fand. Aber er hatte ihm auch oft genug gesagt, wie sehr er seine Stimme liebte und all seine Geschichten. Schon aus diesem Grund hätte Platan gern einmal wieder die Gelegenheit, ihm etwas zu erzählen. Hoffentlich strengte sein Gedächtnis sich an, sich bald an alles zu erinnern.
»Weißt du, was wir bald wieder einmal machen sollten?«, fragte Platan, um nicht weiter an Dr. Vidal oder dessen heimliches Gespräch mit Flordelis zu denken; auch wenn sein Mann Geheimnisse vor ihm haben wollte, vertraute Platan darauf, dass er einen guten Grund dafür hatte. Und irgendwann würde er ihm bestimmt alles sagen.
»Was denn?«, hakte Flordelis nach, mit dieser sanften Stimme, die Platans Herz schon immer umschmeichelt und beruhigt hatte, egal, was geschehen war.
»Du solltest mir wieder einmal etwas auf dem Flügel vorspielen – und ich höre dir zu.« Platan schloss die Augen. »Wäre das nicht wundervoll?«
Er glaubte bereits, die Töne hören zu können, die so oft durch diesen Raum gehallt waren, als hätten die Wände selbst sie absorbiert, um sie nun wieder abzugeben und weitere Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit hier zu wecken. Vor seinem inneren Auge sah er, wie sie beide hier lachten, gemeinsam tanzten, sich küssten. All die wundervollen Zeiten, die sie in diesem Raum geteilt hatten, erwärmten seine Brust wie Sonnenstrahlen eine Waldlichtung.
»Ja«, sagte Flordelis sanft, mit einer Stimme, die selbst durch die Luft zu tanzen und dabei Platans Herz zu umarmen schien, »das wäre wirklich wundervoll.«
Kapitel 3: Eigentlich wollte ich euch nur überraschen
Es vergingen drei Tage, in denen sie – sehr zu Platans Überraschung – das Haus nicht verließen. Flordelis erklärte ihm, dass er gerade Urlaub habe und es vorzöge, mit ihm zu Hause zu bleiben, um Platans Gesundheit nicht aus Versehen zu gefährden. Dieser Gedanke rührte Platan, besonders da er wusste, wie viel Wert sein Mann normalerweise darauf legte, ihn zum Essen einzuladen und gemeinsam mit ihm neue Erfahrungen zu machen; es musste also sehr anstrengend für Flordelis sein, sich in diesem Punkt zurückzuhalten.
Was ihn etwas irritierte war die Tatsache, dass er die Haushälterin Madame Perrine nie zu Gesicht bekam. Als er nachhakte, erklärte Flordelis ihm, dass er für diese Woche freigegeben hatte, um allein mit Platan zu sein. Das war auch sehr schmeichelhaft, und es freute ihn, dass Flordelis ihn immer noch so sehr liebte, dass er gemeinsam mit ihm Zeit verbringen wollte. Selbst wenn das bedeutete, dass Flordelis einen Teil des Haushalts selbst machen musste, aber auch das gelang ihm mit Bravour.
Dann, am vierten Tag, als Platan und Flordelis gemeinsam im Wohnzimmer saßen, eng aneinandergeschmiegt, um gemeinsam ein Buch zu lesen, durchbrach plötzlich ein Klingeln die Atmosphäre. Flordelis entschuldigte sich und warf einen kurzen Blick auf sein Handy, worauf sich sein Gesicht verfinsterte.
»Den Anruf muss ich annehmen«, sagte Flordelis. »Ich bin gleich wieder da.«
Platan versicherte ihm, dass er sich ruhig Zeit nehmen könnte, dann stand Flordelis auf und verließ das Wohnzimmer. Auf dem Weg grüßte er den Anrufer bereits ungeduldig und erinnerte ihn daran, dass er eigentlich gerade nicht verfügbar und er deswegen hoffte, dass es wirklich wichtig war.
Dann entfernte er sich weit genug von Platan, dass dieser ihn nicht mehr hören konnte. Aber er musste ihm ja nicht dauernd zuhören, immerhin verstand er auch nicht viel von seinen Geschäften. Obwohl seine Arbeits-Persona immer ein sehr eindrucksvoller Anblick war.
Mähikel verließ ihren Platz neben Pyroleo, um zu Platan zu gehen und mähend einige Streicheleinheiten einzufordern. Natürlich folgte er ihrem Wunsch sofort. »Du bist die letzten Tage sehr anhänglich. Hat dich dein Traum so traurig gemacht?«
Sie antwortete ihm darauf nicht, genoss aber eingehend, wie er durch ihren Blätterkragen strich. Dabei warf Platan einen kurzen Blick zu Pyroleo, der immer noch in seinem Bett lag und ihn finster musterte. So ging es die letzten Tage immer, aber Flordelis konnte ihm nicht sagen, woran es lag. Dabei hätte Platan diesen Zustand gern schnellstmöglich beendet. Aber selbst jede Form von Entschuldigung wurde von Pyroleo einfach vollkommen ignoriert.
Zumindest verhielten sich Flordelis' andere Pokémon normal ihm gegenüber. Etwas anderes wäre auch wirklich schlimm für ihn gewesen. Auch die Sache mit Pyroleo würde sich über kurz oder lang regeln lassen, daran glaubte Platan fest.
Es dauerte nicht lange, bis Flordelis mit ernstem Gesicht ins Wohnzimmer zurückkehrte. »Platan, ich muss mich um eine wichtige Sache bei der Arbeit kümmern. Denkst du, du kannst einige Stunden allein bleiben?«
Natürlich war Platan ein wenig enttäuscht, dass er einige Zeit auf Flordelis verzichten müsste – und der ihm nicht einmal anbot, ihn mitzunehmen –, aber er lächelte scheinbar ungerührt. »Keine Sorge, ich bin ja nicht allein. Mähikel ist bei mir.«
Sie mähte darauf zustimmend. Das schien Flordelis ein wenig zu versöhnen. »In Ordnung. Dann werde ich losfahren, aber ich beeile mich und hoffe, dass es bald vorbei ist.«
»Nur keine Sorge«, sagte Platan. »Wir werden uns bestimmt nicht langweilen. Kümmere dich ruhig um alles, was du machen willst.«
Flordelis betrachtete ihn einen Moment unschlüssig, aber Platan erwiderte das mit einem Lächeln, das ihm hoffentlich Zuversicht gab. Darauf nickte er schließlich. »Gut, ich bereite dann alles vor. Eigentlich würde ich die Pokémon gern hier lassen, aber ...«
»Nimm sie ruhig mit«, ermutigte Platan ihn. »Wie gesagt, Mähikel und ich schaffen das schon.«
Flordelis wirkte immer noch nicht gänzlich überzeugt, aber Platans Lächeln – und möglicherweise die Tatsache, dass er sich nicht mehr viel Zeit lassen konnte – gelang es wohl schlussendlich doch noch: »Wenn du das sagst, dann mache ich das so. Danke, Platan.«
Mähikel sprang vergnügt herum und stieß dabei immer wieder fast mit Passanten zusammen. Platan entschuldigte sich jedes Mal lächelnd dafür, worauf die andere Person offenbar nicht mehr böse war und ihren Weg fortsetzte.
»Mähikel, halt dich bitte ein wenig zurück«, ermahnte Platan sein Pokémon. »Wir wollten doch nur kurz unterwegs sein.«
Sie sah ihn darauf unschuldig an und mähte entschuldigend, ehe sie sich seinem Lauftempo anpasste.
Flordelis war schon vor einer Stunde aufgebrochen – und je länger Platan und Mähikel gewartet hatten, desto unruhiger waren sie beide geworden. Deswegen hatten sie kurzerhand beschlossen, das Labor zu besuchen, um nach Sina und Dexio zu sehen. Platan erinnerte sich nicht, wann er sie das letzte Mal gesehen hatte und er war noch nicht einmal dazu gekommen, sie anzurufen, also wäre es bestimmt eine schöne Überraschung für die beiden.
Außerdem – und das war fast wichtiger – hatte es ihn nach draußen gezogen. Ohne Flordelis und dessen Pokémon wirkte das Haus leer und erdrückend, jede Minute zog sich endlos. Aber hier draußen war alles frisch und hell und damit belebend. Das sah offenbar auch Mähikel so, deswegen war sie derart energiegeladen, aber immerhin hielt sie sich nun zurück.
In Illumina City war alles wie immer, mit zahlreichen Menschen, die auf die unterschiedlichsten Weisen unterwegs waren, jeder mit seinem eigenen Ziel, seiner eigenen Geschichte. Gerade im Frühling war es immer ein ganz besonderes Gefühl für Platan, wenn er sich zwischen all diesen Leuten, die er nicht einmal kannte, bewegte.
So kam ihm die Strecke nicht sehr lang vor, als er schließlich am Labor ankam. Mit einer seltsamen Mischung aus Wehmut und Vorfreude betrachtete er das Gebäude einen Moment. Als er das letzte Mal hier gewesen war …
… dachte ich, ich käme nie wieder hierher …
Etwa wegen seiner Krankheit? Er war sich nicht sicher.
Aber der Gedanke betrübte ihn nicht weiter, denn nun war er ja wieder hier, es ging ihm gut und er konnte all seine Kollegen besuchen. Bestimmt würden alle sich freuen.
Mähikel hüpfte munter voran und konnte es kaum erwarten, dass er die Tür öffnete, schon beim kleinsten Spalt schlüpfte sie hinein, um drinnen mähend alle zu begrüßen. Platan folgte ihr lächelnd und begrüßte die Empfangsdame, deren Name ihm gerade entfallen war, lächelnd. »Bonjour.«
Sie erwiderte seine Begrüßung erst freundlich, dann schnappte sie plötzlich nach Luft und wurde gleichzeitig blass. »Pr-Professor?«
»Es tut mir leid, dass ich ohne Vorwarnung vorbeikomme«, sagte er rasch. »Ich bin auch nicht zum Arbeiten hier, ich wollte nur Sina und Dexio besuchen – und sichergehen, dass alles in Ordnung ist.«
»A-alles in Ordnung ...«
Er war sich nicht sicher, ob sie nur seine Worte wiederholte oder ob sie ausdrücken wollte, dass alles gut war.
»Stimmt denn etwas nicht?«, hakte Platan nach. »Sie wirken sehr aufgewühlt.«
Ihre Antwort bestand aus einem Kopfschütteln. »Ich bin nur … sehr überrascht, Sie zu sehen.«
Bestimmt dachten alle, er sei noch krank, weil er sich bei niemandem gemeldet hatte. Wie hatte er das auch nur vergessen können? Ein Glück, dass er sich nun die Zeit genommen hatte, ihnen allen zu zeigen, dass es ihm gut ging.
»Gehen Sie ruhig hoch«, sagte die Empfangsdame rasch. »Sina und Dexio sind gerade nicht da … aber ich rufe sie an, dann kommen sie bestimmt gleich.«
»Das hoffe ich.« Platan lächelte glücklich. »Ich kann es kaum erwarten, Ihre Gesichter zu sehen.«
Sie murmelte etwas, das wie »Darauf wette ich« klang, aber da sie bereits nach dem Telefon griff, wollte Platan sie lieber nicht weiter stören und strebte stattdessen zum Aufzug, der nur auf ihn zu warten schien. Mähikel mähte fröhlich und hüpfte ihm dann hinterher.
Innerhalb weniger Sekunden fuhren sie nach oben, wo sie – getreu der Worte der Empfangsdame – von einem leeren Labor erwartet wurden. Mähikel freute sich dennoch, hier zu sein, wahrscheinlich weil sie auch schon lange nicht mehr hier gewesen war.
Auf den Schreibtischen von Sina und Dexio stapelten sich Akten, als hätten sie beide schon länger nicht gearbeitet. Das verwunderte Platan ein wenig, wenn er bedachte, dass die beiden sonst so fleißig waren. Fehlte ihnen jemand, der sie anwies oder einen genaueren Blick auf sie warf? Nein, unmöglich, die beiden waren so zuverlässig … bestimmt waren ihnen nur wichtige Dinge dazwischengekommen.
Deswegen ignorierte er das erst einmal und folgte Mähikel um die Trennwand herum, wo sich sein Büro befand. Die Pokémon-Bilder an den Wänden boten ihm einen vertrauten Anblick, das Grammofon wartete stumm auf der Seite darauf, dass er es endlich wieder einmal benutzte. Die Mittagssonne sandte gerade ihre wärmenden Strahlen durch das Fenster hinter seinem Schreibtisch, glitzernder Staub tanzte im Licht und ließ diesen Ort, den er schon so oft genau so gesehen hatte, dadurch seltsam unwirklich erscheinen. Auf dem Tisch stand ein gerahmtes Bild von ihm und Flordelis, als sie noch gemeinsam geforscht hatten, damals, bevor Flordelis sein eigenes Labor gegründet hatte.
Platan nahm es in die Hand und betrachtete es lächelnd. Sie wirkten beide so jung, so hoffnungsvoll, damals war noch nichts von seiner Krankheit zu sehen gewesen. Jene Krankheit, an die er sich immer noch nicht so recht erinnern konnte. Genau wie an einiges anderes nicht.
Sein Blick wanderte an den Wänden entlang, an jedem einzelnen Bild, das er noch genau kannte, aber dennoch kam es ihm wie eine Ewigkeit vor, seit er sie zuletzt gesehen hatte. Eine seltsame Form von Nostalgie überkam ihn, während er hier so stand und sich zu erinnern versuchte.
Wie lange genau war er nicht hier gewesen? Was genau hatte ihn davon abgehalten, direkt nach seiner Genesung hierher zu kommen? Wie war er genesen?
»Ich hätte jetzt gern einen Kaffee«, murmelte er. »Der beruhigt mich immer.«
Ob er es wagen konnte, die Küche aufzusuchen, um sich einen Kaffee zu machen? Oder würden die Angestellten dort ihn genauso verwirrt ansehen? Vielleicht hätte er sich doch anmelden sollen.
Mähikel kam näher und mähte ihn besorgt an. Das half zumindest, dass er ein wenig aus den ziellosen Gedanken zurückfand und Mähikel anlächeln konnte. »Alles gut, es ist nichts passiert.«
Als Pokémon verstand sie vermutlich ohnehin nicht, womit sich seine Gedanken gerade plagten und wie sehr seine fehlende Erinnerung sein Gehirn quälte … beneidenswert.
Mit der freien Hand strich er Mähikel über den Kopf. »Meinst du, ich sollte Flordelis nochmal fragen, was geschehen ist? Natürlich nicht heute, aber in den nächsten Tagen …?«
Für seinen Mann schien seine Krankheit schlimmer gewesen zu sein als für Platan selbst, deswegen hatte er nie wirklich darüber reden wollen und ihn stets auf ein andermal vertröstet, wann immer Platan wieder auf dieses Thema gekommen war.
Vielleicht … war er auch noch gar nicht gesund? Möglicherweise war er immer noch krank, deswegen hatte Flordelis ihn nicht mit nach draußen genommen. Der Arzt hatte ihm zwar gesagt, dass alles in Ordnung sei – und er fühlte sich auch gesund –, aber möglicherweise hatte er Flordelis etwas ganz anderes erzählt.
War es dann eine gute Idee gewesen, ins Labor zu gehen?
Flordelis hatte ihn nicht aufgefordert, zu Hause zu bleiben, aber möglicherweise hatte er das vorausgesetzt. Vielleicht war das irgendwann einmal von ihnen abgesprochen worden und Platan hatte es nur vergessen.
Ein dezentes Gefühl von Panik breitete sich in ihm aus und ließ alles in ihm erstarren, als wäre es von Eis eingehüllt. Was, wenn Flordelis nach Hause kam und feststellte, dass er nicht da war? Die Sorgen, die er sich danach machen würde, waren für Platan unvorstellbar.
Gerade, als er Mähikel sagen wollte, dass sie Sina und Dexio eine Nachricht hinterlassen und schnell nach Hause gehen sollten, erklang ein Klingeln – der Aufzug war wieder da.
Als sich die Türen öffneten, hörte er auch schon direkt zwei ihm bekannte Stimmen, die ihn tatsächlich etwas beruhigten.
»Im Ernst«, sagte Dexio, »es war bestimmt unnötig, dass wir uns so beeilen. Er wird nicht hier sein.«
»Aber sie sah aus, als hätte sie einen Geist gesehen«, wandte Sina ein, »vielleicht stimmt es doch.«
Mähikel lief sofort freudig um die Trennwand herum und mähte die beiden zur Begrüßung an.
»Ein Mähikel?«, fragte Dexio verwundert. »Wie kommst du hier rein?«
Sina dagegen atmete erschrocken ein. »Du bist das Mähikel des Professors, oder?«
Darauf folgte ein weiteres freudiges Mähen.
Platan stellte in der Zwischenzeit den Bilderrahmen wieder auf dem Tisch ab und lief ebenfalls um die Trennwand herum. Dabei fühlte er sich an, als wandele er unter Wasser, jede seiner Bewegungen fühlte sich unangenehm verzögert an, als sei dies eigentlich nicht mehr sein Körper.
Aber das war unmöglich. Es mussten Nachwirkungen der Panik sein, der Furcht von Flordelis, die er bestimmt empfinden würde, wenn er bemerkte, dass sein Haus leer war.
Endlich – nach einer gefühlten Ewigkeit – umrundete er den Raumtrenner und sah sich Sina und Dexio gegenüber, die gerade eine zufriedene Mähikel streichelten und sich dabei leise wunderten, wo sie herkam. Dieses Bild war seltsam perfekt und gleichsam zerbrechlich und Platan hatte das Gefühl, dass etwas Schlimmes geschehen würde, wenn er es zersplitterte.
Und doch musste er es tun. Etwas in seinem Inneren trieb ihn dazu an, weil er die Wahrheit wissen wollte, weil er sie wissen musste.
»Bonjour, Sina und Dexio.«
Die beiden zuckten zusammen und sahen ihn an. Ihre Augen weiteten sich furchtsam, als sie ihn erkannten. Da sie ihn nur wortlos anstarrten, breitete er die Arme aus. »Es ist so lange her. Wie geht es euch beiden?«
»Professor?«, wisperte Sina, während sie sich an Dexios Arm festhielt.
Mähikel mähte fröhlich zur Zustimmung, bemerkte dann aber wohl auch, wie düster die Stimmung war, denn sie neigte fragend den Kopf.
Dexio gab sich sichtlich Mühe, sich tapfer zu zeigen, er stellte sich sogar halb vor Sina, aber Platan fiel dennoch auf, dass er ein wenig zitterte, genau wie seine Stimme: »S-sind Sie als Geist zurückgekommen, um uns zu holen?«
»Als Geist?«, wiederholte Platan. »Wovon sprichst du?«
»Wir geben hier wirklich unser Bestes!«, rief Sina aus. »Aber es ist sehr viel Arbeit, deswegen kamen wir noch nicht dazu, Ihren Schreibtisch auszuräumen und Monsieur Flordelis Ihre Sachen zu geben! Sie müssen sich also nicht an uns rächen!«
Platan schüttelte verständnislos mit seinem Kopf – genau wie Mähikel.
»Ich weiß wirklich nicht, was los ist«, sagte er. »Mein Gedächtnis ist in letzter Zeit ein wenig unzuverlässig. Eigentlich wollte ich euch nur überraschen. Warum wollt ihr aber meinen Schreibtisch ausräumen? Arbeite ich nicht mehr hier?«
Nein, sie wollten Flordelis seine Sachen geben, nicht ihm. Aber …
»Warum?«, fügte er noch als Frage hinzu, die Mähikel mit einem Mähen unterstützte.
Sina und Dexio sahen sich irritiert an, ehe sie ihren Blick wieder ihm zuwandten. »Sie … sie sind wirklich hier? Lebendig?«
»Absolut«, bestätigte er und streckte ihnen seine Hand entgegen. »Davon könnt ihr euch auch selbst überzeugen.«
Ein weiteres Mal tauschten die beiden einen Blick miteinander, dann wagte sich Sina als erstes vor und berührte vorsichtig, zaghaft, seine Hand. Überrascht schüttelte sie diese nach einem kurzen Zögern sogar. »Es ist wirklich der Professor.«
»Echt?«, fragte Dexio und folgte nun ihrem Beispiel, als sie ihm Platans Hand übergab.
Dexio drückte seine Hand vorsichtig ein paarmal, bis er auch überzeugt war. Dann ließ er Platan wieder los und atmete aus. »Aber das ist nicht möglich. Der Arzt hat uns angerufen und gesagt ...«
Etwas in Platans Inneren klirrte, als stießen mehrere zersplitterte Erinnerungsfragmente aneinander, dabei erzeugten sie eine seltsame Vibration, die alles in ihm in Unruhe versetzte.
»Was hat er gesagt?«, fragte Platan leise.
Die beiden drucksten ein wenig herum, kämpften wohl mit dem, was sie sehen konnten, aber auch dem, was sie gehört hatten, und waren sich unsicher, wie sie sich das erklären sollten.
»Nun ja ...«, begann Dexio wieder unsicher, »der Arzt sagte ...«
Der Arzt hat gesagt, dass ich sterben werde, nicht wahr?
Schlagartig sah er wieder Flordelis' Gesicht vor sich. Das entmutigte, kraft- und hoffnungslose Gesicht seines Mannes, nachdem er ihm diese Frage gestellt hatte. Die Resignation, die eigentlich gar nicht Flordelis' Naturell entsprach, die aber unumgänglich war, wenn man gerade gesagt bekommen hatte, dass die große Liebe sterben würde.
Sterben …
Vor Platans Augen begann sich bereits alles zu drehen, deswegen schloss er sie, in der Hoffnung, dass es besser wurde. Aber stattdessen schien es noch schlimmer zu werden, als drehte sich die gesamte Welt plötzlich einfach auf den Kopf.
»Der Arzt sagte«, übernahm Sina die Antwort für Dexio, »dass Sie gestorben sind.«
Der Schwindel gewann die Oberhand, Platans Beine schienen regelrecht ihre einzige Bestimmung aufzugeben, wie die Ballerina auf einer Spieldose, die nicht mehr tanzte. Sein tauber Körper bemerkte den Aufprall auf dem Boden nicht einmal, auch die aufgeregten Rufe von Sina, Dexio und Mähikel kamen nur wie durch Watte bei ihm an.
Ich möchte unbedingt die Blumen sehen.
Vor seinem inneren Auge sah er die blauen Schneeglöckchen vor sich, die sich im Wind bewegten. Ein tröstender Anblick in der sich ausbreitenden Dunkelheit, die für den Moment alles mit sich riss und absolut nichts von ihm zurückließ – außer einer stummen Entschuldigung an Flordelis für alles, was er wegen ihm durchleiden musste.
Kapitel 4: Ich bin zu Hause
Platan fühlte sich so müde. Jeder Atemzug füllte seine Brust mit schmerzhaftem Eis. Sein Herz schien vor jedem weiteren Schlag zu zögern, als wäre es unsicher, ob es diese Tätigkeit überhaupt noch ausüben könnte oder gar sollte, als lebe es inmitten eines Gletschers – und doch fuhr es stets damit fort, widersetzte sich tapfer dem Eis und ließ es jedes Mal aufs Neue splittern, um sich nicht gänzlich einschließen zu lassen.
Platan lebte. Das fühlte er in jeder schmerzhaften Sekunde, in der sein Herz kämpfte. Und das tat es vor allem für eine Person, deren vertrauter Duft Platan aus seinem Dämmerschlaf weckte.
Dann erklang auch schon seine tiefe Stimme: »Platan ...«
Mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, öffnete er seine Augen und drehte den Kopf in Richtung des Türrahmens. Dort stand Flordelis, sein Mann, seine Flamme, sein Leben, und sah ihn an, mit diesen Augen, die in letzter Zeit immer viel zu düster wirkten. Platan lächelte schwach.
»Da bist du ja.« Seine Stimme war dünn, kaum noch mit jener zu vergleichen, mit der er seinem Mann einst so viele Geschichten erzählt hatte; dabei gab es noch wesentlich mehr, die er hatte teilen wollen. Nun waren sie dazu verdammt, unter dem Eis zu schlafen.
Dabei sah Flordelis aus, als könnte er eine Geschichte gebrauchen. Er war ausgemergelt, blass, mutlos, seine himmelblauen Augen bewölkt, als wäre er fast enttäuscht, noch Platans Lächeln zu sehen.
Mit großen Schritten kam Flordelis näher, dann setzte er sich auf den Bettrand und nahm eine von Platans Händen, die sich sofort wärmer anfühlte. »Wie fühlst du dich?«
»Großartig, da du jetzt hier bist.«
Vorsichtig, als könnte sie sonst zerbrechen, hob Flordelis seine Hand an seine Lippen, um sie zu küssen. »Es tut mir leid, dass ich heute so spät komme.«
»Das ist schon in Ordnung.« Platan lächelte erschöpft. »Du hast bestimmt noch mit dem Arzt gesprochen, oder? So wie immer.«
Flordelis deutete sein Nicken lediglich an. Aber das war genug. Platan wusste ja, wie sehr sein Mann involviert war, wie oft er diese schweren Gespräche führte, die ihn nur weiter erschöpften. Er vertraute Flordelis und wusste, dass er sein Bestes gab, um dafür zu sorgen, dass alles bald wieder gut werden würde.
»Wann darf ich nach Hause?«, fragte Platan, bemüht unbesorgt. »Ich bin dem Krankenhaus langsam überdrüssig. Du bestimmt auch.«
Flordelis schlug die Augen nieder. »Bald. Es dauert nicht mehr lange.«
»Gut. Dann geht es meiner Stimme bestimmt auch bald besser.« Platan atmete ein wenig zu tief ein, der eiskalte Schmerz schüttelte seinen Körper, aber er fuhr unbeirrt fort: »Wenn ich zu Hause bin, lese ich dir wieder etwas vor.«
Mit seiner freien Hand fuhr Flordelis ihm durch das Haar. Diese Geste war so tröstend, dass Platan unwillkürlich die Augen schloss. »Ich bin immer erstaunt, wie sanft deine Finger sind. Kein Wunder, dass du so ein begnadeter Pianist bist.«
Seine Vorstellungskraft erschuf das prismatische Bild eines am Klavier spielenden Flordelis in seinen Gedanken, vollkommen vertieft in die Melodie, die er dem Instrument so mühelos entlockte. Die majestätische Ausstrahlung seines Mannes, die er dabei stets an den Tag legte, hatte Platan schon verführt, bevor ihm bewusst gewesen war, dass er in Flordelis verliebt war. Jeder Ton war ihm wie eine Liebeserklärung an ihn vorgekommen. Wen überraschte es da, dass ihr gegenseitiges Geständnis im Musikzimmer geschehen war?
»Du solltest mir wieder einmal etwas auf dem Flügel vorspielen«, sagte Platan verträumt, »und ich höre dir zu. Wäre das nicht wundervoll?«
»Ja«, antwortete Flordelis, mit einer Stimme, die so tief und dunkel war, als käme sie aus einem unendlich tiefen Brunnen des Schmerzes, »das wäre wirklich wundervoll.«
Das Bild seines musizierenden Mannes wurde von einem kalten Windhauch fortgeweht. Platan öffnete seine Augen wieder und sah in Flordelis' Gesicht, bemerkte seine Blässe, jede einzelne Falte, die neu hinzugekommen war, jede Linie, die sich tief in ihn hineingegraben hatte. Platan hätte so gern darüber gestrichen, gespürt, wie sie sich anfühlen mochten, doch sein Arm verweigerte ihm diesen Befehl, als gehörte er schon nicht mehr zu ihm.
Die Erkenntnis wühlte seine Brust auf, das eisige Meer, das sich dort gebildet hatte, schlug Wellen und machte sich in einer Frage Luft: »Der Arzt hat gesagt, dass ich sterben werde, nicht wahr?«
Es auszusprechen, machte es zu etwas Endgültigem. Davor hatte er es immer weit von sich schieben, es verleugnen können. Er hatte sich eingeredet, unmöglich sterben zu können, weil Flordelis ihn unterstützte, weil er ihn an seiner Seite brauchte. Aber es war sinnlos geworden. Er würde sterben, diesen Vorgang konnte niemand aufhalten.
Auch Flordelis nicht, der seinem Blick auswich, als er leise, mit kratzender Stimme, antwortete: »Ja.«
Das war es also. Selbst die Ärzte mussten sich dieser Wahrheit stellen – und sie beide ebenfalls. Gerade als Wissenschaftler war es angebracht, sich nicht dem natürlichen Lauf aller Dinge entgegenzustellen. Selbst wenn sie gehofft hatten, dass sie dessen Ende noch lange nicht erreichen würden.
Platan stieß ein Seufzen aus, sein Blick wanderte mühevoll zum Fenster. Draußen fuhr der Wind durch die Bäume, das einzige, was er sehen konnte. Auch wenn er jede Natur liebte, war das einfach nicht genug für ihn.
»Flordelis«, begann er, »können wir nach draußen gehen?«
»Nach draußen?«, fragte sein Mann irritiert. »Platan, du-«
»Findest du es nicht traurig, den Rest meines Lebens hier zu verbringen?« Platan blinzelte mit schweren Lidern. »Wenn es ohnehin keine Hoffnung mehr gibt, ist es unnötig, uns an Regeln zu halten. Wir sollten einfach tun, was wir wollen, solange wir es noch können. Und außer mir schaden wir damit ja niemandem.«
Als Flordelis darauf nichts sagte, wandte er sich ihm wieder zu. Sein Mann wirkte geschlagen, als wäre er soeben um mehrere Jahre gealtert, da Platan die Wahrheit wusste – in seinem Inneren hatte er sie schon lange gespürt – und offensichtlich nicht darüber sprechen wollte. Stattdessen lächelte Platan erschöpft. »Ich möchte unbedingt die Blumen sehen.«
Das überzeugte ihn offenbar, denn Flordelis nickte nach kurzem Nachdenken. »Alles, was du willst.«
Damit stand er auf, wenngleich es wirkte, als trüge er das Gewicht der ganzen Welt auf seinen Schultern. Ohne jedes Wort warf er Platans Decke zurück, worauf dieser sofort zu frösteln begann. Doch die Kälte wurde vertrieben, als Flordelis ihn behutsam auf seine Arme nahm und hochhob, als wäre er eine Prinzessin. Schon beim ersten Mal war es Platan wie ein Traum vorgekommen, wie eine romantische Ausgeburt seiner Fantasie, und auch dieses Mal fiel es ihm schwer, zu glauben, dass es sich um die Realität handelte. Nur die Wärme, die ihn behütend einhüllte, versicherte ihm, dass alles hier echt war.
Zufrieden schmiegte er sich an seinen Mann. »Bin ich nicht zu schwer?«
»Für mich wirst du nie zu schwer sein.«
Er schloss die Augen und genoss die sanften Bewegungen, während Flordelis ihn erst durch das Zimmer und dann den Gang trug. Unwirkliche Geräusche erreichten seine Ohren, gedämpfte Satzfetzen, hastige Schritte, ein weit entferntes Piepen. Aber all das wurde von dem schönsten Klang auf der ganzen weiten Welt übertönt: Flordelis' Herzschlag.
Heute war er nicht so sicher und selbstbewusst wie sonst, dafür traurig und mutlos. Platan verstand es, aber er wünschte sich dennoch, ihm diesen Schmerz nehmen zu können, ihn davon zu befreien und ihn nur noch an das Gute denken zu lassen, das sie erlebt hatten. Aber das war unmöglich, und allein die Bitte, dass Flordelis nicht traurig sein sollte, kam ihm unverschämt vor. Wären die Rollen verkehrt, wäre er auch untröstlich, er verstand seinen Mann also vollkommen.
Schlagartig änderte sich die Geräuschkulisse: Das Rascheln von Blättern und der Gesang der Dartiris legten sich heilsam auf seiner Seele ab. Das Sonnenlicht wärmte sein Gesicht und ließ ihn seufzen. »Wie schön ...«
Flordelis trug ihn zu einer bestimmten Ecke des Krankenhausparks – das musste er nicht sehen, um es zu wissen, sie waren schon so oft dort gewesen, er spürte es durch jeden einzelnen Schritt, den sein Mann tat – und setzte ihn vorsichtig auf dem Gras ab, ehe er neben ihm Platz nahm, damit Platan sich an ihn lehnen könnte.
Trotz aller Mühe, die er dafür aufbringen musste, öffnete er seine Augen wieder. Außer ihnen war niemand hier, genau wie Platan es am liebsten hatte. Abgesehen von einer Sache …
»Können wir Mähikel rauslassen? Ich würde sie gern sehen.«
Ihr Blätterkragen würde ihm noch mehr das Gefühl geben, mit der Natur verbunden zu sein. Und vielleicht wäre es das letzte Mal, dass er diese Gelegenheit bekäme. Glücklicherweise musste er das Flordelis nicht erst erklären, er nahm einfach ihren Pokéball und entließ Mähikel. Sie mähte Platan erst erfreut an, nur um dann besorgt den Kopf zu neigen.
»Hallo, Mähikel«, grüßte Platan sie mit einem müden Lächeln.
Sie legte sich neben ihn, schmiegte sich an ihn und mähte traurig. Platan strich ihr durch ihr Fell und ihren Blätterkragen, und wie er sich gedacht hatte, fühlte er sich noch mehr mit der ihn umgebenden Natur verbunden.
Und das führte ihm noch einmal mehr vor Augen, dass er spüren konnte, wie sein Körper zu einer lästigen und nutzlosen Hülle wurde, der sein erschöpfter Geist entfliehen wollte, um endlich wieder frei zu sein. Nur Flordelis hielt ihn dabei noch fest, und auch Mähikel, die inzwischen zu weinen begonnen hatte.
»Es ist schon gut«, sagte Platan, während er sie kraftlos streichelte und dabei kaum seine Hand bewegte. »Du musst nicht traurig sein. Flordelis wird sich um dich kümmern, auch wenn ich nicht mehr da bin.«
Das ließ Mähikel nur lauter schluchzen, auch sein Mann versteifte sich ein wenig. Für einen Moment schwiegen sie, selbst die Laute der Natur waren nur noch gedämpft. Als gelänge es seinem Gehör nicht mehr, die einzelnen Klänge vernünftig zu verarbeiten und sich deswegen entschlossen hätte, einfach einen Filter darüber zu legen.
»Entschuldige bitte.« Platans kraftlose Stimme erschrak ihn selbst, aber sogar diese Emotion kam ihm unwirklich vor, als erinnerte er sich nur daran, dass er so fühlen musste, aber das Gefühl selbst war hohl und erreichte ihn kaum.
»Wofür?«, fragte Flordelis; seine Stimme kam noch so deutlich und klar bei ihm an, als wären sie miteinander durch mehr verbunden als ihr Eheversprechen.
»Dass ich dich allein lasse«, antwortete Platan, knapper als er eigentlich wollte. »Als wir heirateten, versprach ich, dass wir für immer zusammen bleiben werden. Und jetzt ...«
Er unterbrach sich, als das Einatmen seine Lungen nur mit eisiger Kälte füllte und ihn husten ließ. Die Umgebung vor seinen Augen verschwamm aufgrund der Tränen, die sich darin sammelten.
Flordelis drückte ihn ein wenig fester an sich, bis der Hustenanfall abebbte. Platans Fingerspitzen, die auf Mähikel lagen, wurden taub und kalt.
»Sag das nicht«, bat sein Mann. »Du musst dich für nichts entschuldigen. Schließlich warst es nicht du, der diese Krankheit gewählt hat. Ich denke, ich schulde vielmehr dir eine Entschuldigung, weil es mir nicht gelungen ist, eine Heilung für dich zu finden.«
Platan schüttelte mit dem Kopf, aber sein Hals fühlte sich zu wund an, um zu widersprechen. Dabei machte er Flordelis, seinem geliebten Ehemann, keinerlei Vorwürfe. Er hatte in der ganzen Zeit all die Last getragen, ganz allein. Und Platans Liebe war dadurch nur noch mehr gewachsen.
Flordelis atmete schwer ein. »All das Geld, all die Kontakte, und doch war alles umsonst. Ich verliere … das Kostbarste, was mir je geschenkt wurde.«
Der Schmerz in seiner Stimme rührte Platans Herz, wollte Schneeglöckchen in der Eislandschaft seiner Brust entstehen lassen. Schneeglöckchen, genau wie jene, die er in ihrem gemeinsamen Garten gepflanzt hatte. Doch sein Inneres blieb leer, kalt und dunkel.
Rasch schüttelte Flordelis mit dem Kopf. »Nein, ich darf nicht so egoistisch denken. Du verlierst deine Zukunft. Du bist derjenige, der-«
Doch Platan unterbrach ihn mit leiser Stimme: »Weißt du noch, als ich dir die Geschichte von Yveltal erzählt habe?«
Er war sich sicher, dass sein Mann im ersten Moment hinterfragen wollte, warum er gerade darauf zu sprechen kam. Doch er sagte nichts, sondern gab nur ein zustimmendes Geräusch von sich. Vielleicht ahnte er bereits, worauf er hinauswollte.
Platan schloss die Augen, die sich ohnehin nicht mehr schärfen wollten. »Yveltal litt sehr darunter, dass alle in seiner Umgebung starben, aber jene, die starben, litten nicht. Die Toten vermissen nichts. Also ist es in Ordnung, sei ruhig egoistisch. Du verlierst immerhin ebenfalls deine Zukunft.«
Auch wenn er ihm gern gesagt hätte, dass Flordelis sich einen neuen Partner suchen sollte, dass er wieder glücklich werden sollte. Aber tief in seinem Herzen war das nicht, was er wollte – und er wusste, dass es auch nicht das war, was Flordelis wollte, egal wie viel Zeit vergehen würde. Das, was zwischen ihnen existierte, war unnachahmlich und hatte tiefe Spuren hinterlassen, die nie wieder gefüllt werden könnten.
Das machte es umso schlimmer, dass Platan ihn zurücklassen müsste.
»Wie kannst du das einfach akzeptieren?« Er gab sich immer noch Mühe, seine aufgewühlten Emotionen unter Kontrolle zu halten, ganz der Nachfahre der Königsfamilie.
»Das kann ich nicht«, erwiderte Platan ein wenig zu ruhig. »Aber ich möchte nicht während unserer letzten gemeinsamen Zeit weinen ...«
Nachdem er das ausgesprochen hatte, sank Flordelis ein wenig in sich zusammen, ein Teil seiner Unterstützung brach ein und ließ auch ihn etwas tiefer sinken. Die Wärme zog sich aus ihm zurück.
»Ohne dich ...« Flordelis' plötzlich brüchige Stimme erstarb, aber Platan wusste auch so, was er sagen wollte.
»Keine Sorge«, flüsterte er. »Du wirst das schaffen. Aber du musst den Schmerz akzeptieren. Bitte, Flordelis … verschließ ihn nicht in dir.«
Flordelis atmete schwer, ein wenig klang es wie ein ersticktes Schluchzen. »In Ordnung.«
Platans Herz schlug für einen kurzen Moment vor Freude schneller, nur um dann noch langsamer zu werden. »Danke ...«
Er wollte seinen Namen sagen, alle Gefühle hineinstecken, die er empfand, doch er blieb in seiner eisigen Kehle stecken. Das Atmen wurde schwer, gleichzeitig spürte er eine bleierne Schwere, schlimmer als alles, was er je zuvor gespürt hatte.
Er hatte geglaubt, Panik zu empfinden, wenn es soweit war, aber er fühlte sich vollkommen ruhig. So sehr, dass er vor seinem inneren Auge plötzlich die Schneeglöckchen sah, die er in seinem Garten gepflanzt hatte. Sie leuchteten in der Dunkelheit, bewegten sich sanft im Wind und ließen ihn wissen, dass alles in Ordnung war. Etwas von ihm würde zurück bleiben. An dem Ort, den er immer geliebt hatte, mit der Person, die alles für ihn bedeutet hatte.
Seine Lippen kräuselten sich zu einem letzten Lächeln, während er lautlos vor sich hinmurmelte:
»Ich bin zu Hause.«
Kapitel 5: Ich lasse dich nicht allein
Als Platan erwachte, war er zuerst verwirrt. Er erinnerte sich, im Labor zusammengebrochen zu sein und dann … dann war da dieser Traum gewesen. Aber eigentlich war es kein Traum, sondern eine Erinnerung, das größte Mosaik, das ihm bislang gefehlt hatte.
Doch das daraus entstandene Bild ergab keinen Sinn, denn er lebte eindeutig – und er war wieder zu Hause. Er lag in seinem Bett, in seinem Schlafzimmer. Als er sich aufrichtete, entdeckte er die Schneeglöckchen in der Vase, die noch genauso aussahen wie jene nach seinem ersten Erwachen.
Diesmal kam Flordelis aber nicht in den Raum, um nach ihm zu sehen.
War am Ende … alles nur ein seltsam verrückter Traum gewesen? Wie wahrscheinlich war es denn, zu sterben, dann wieder aufzuerstehen, nur um sich dann an den eigenen Tod zu erinnern, den man zuvor vergessen hatte? Es war lächerlich. Platan erinnerte sich nicht einmal an eine Geschichte, die Derartiges erzählte. War das ein Zeichen dafür, dass es ein Traum war? Oder dass es real war? Sollte er mit Flordelis darüber reden, um hoffentlich einfach darüber zu lachen? Oder würde sein Mann ihm die traurige Wahrheit eröffnen?
Wollte er sie denn wirklich wissen?
Solange er einfach nur hier in diesem Schlafzimmer blieb, wäre er nie gestorben und aus unerfindlichen Gründen wieder ins Leben zurückgekehrt. Flordelis und Mähikel und alle anderen hatten niemals wegen ihm leiden müssen. Genau das, was er sich wünschte.
Doch der Gedanke an seinen Mann, der möglicherweise gerade irgendwo allein im Haus war, sich vielleicht sogar schlecht fühlte, aus bestimmt viel zu vielen Gründen, bewegte ihn dazu, sich der Wahrheit stellen zu wollen. Er musste es wissen und Flordelis dann beistehen, nachdem er schon so viel der Last allein hatte tragen lassen.
Platan stand auf, seine Beine funktionierten, die Zahnräder hatten ihren Rost verloren. Auch seine Lungen und sein Herz arbeiteten einwandfrei, mehr konnte er sich nicht wünschen. Das sprach doch dafür, dass alles nur ein Traum gewesen war, oder?
Doch als er sich zur Tür wandte, fiel sein Blick auf einen Spiegel an der Wand. Was er darin sah, ließ ihn innehalten. Das ist nicht …
Zaghaft näherte er sich dem Spiegel, den Flordelis damals auf Platans Bitte hin hatte anbringen lassen, damit er vor dem Verlassen des Schlafzimmers immer noch einmal sichergehen konnte, dass seine Frisur gut saß. Heute waren es auch seine Haare, die ihn ungläubig hineinstarren ließen.
»Bin das … ich?«
Die Lippen seines Spiegelbilds bewegten sich, formten die gleichen Worte, die er aussprach, also musste es so sein. Aber dennoch fiel es Platan schwer zu glauben, weswegen er unwillkürlich mit einer Hand durch sein Haar fuhr.
Es war schlohweiß.
Von der einstmaligen Rabenschwärze, die ihn immer ein bisschen mit Kramshef verbunden hatte, war nichts mehr übrig. Jede Strähne, jedes einzelne, noch so kleine Haar, war weiß, wie frisch gefallener, unberührter Schnee. Oder Schneeglöckchen, die sich durch diesen hindurchkämpften.
Seine Hand fuhr über sein Gesicht, suchte nach Falten, die im Spiegel nicht zu sehen waren, aber da war nichts, jedenfalls nichts, was er nicht schon früher gespürt hatte. Auch seine Hände selbst zeigten kein Anzeichen von plötzlichem Altern.
Und doch war sein Haar nicht mehr dasselbe wie früher.
Mit dieser Erkenntnis setzte eine leise, schwerfällige Klaviermelodie ein, die ihn daran erinnerte, warum er aufgestanden war. Wenn jemand ihm erklären konnte, was hier vor sich ging, und ob sein Gedächtnis schlimmer in Mitleidenschaft gezogen worden war, als gedacht, dann Flordelis.
So wandte er sich vom Spiegel ab, der einen ihm ungewohnten Platan zeigte, und verließ das Schlafzimmer. Die Musik wurde ein wenig lauter, als tanze sie durch das Haus und riefe ihn zu sich. Mit jedem Schritt, den er machte, intensivierte sich das Gefühl, als käme er einer bitteren Wahrheit näher, die lange vor ihm verborgen geblieben war.
Er ging die Treppe ins Erdgeschoss hinab und dann zum Musikzimmer, dessen Tür offen stand. Flordelis saß am Flügel, die Augen geschlossen und spielte diese melancholische Melodie, die Platan absolut unbekannt vorkam. Seit er seinen Mann kannte – und über dessen Talent Bescheid wusste – hatte dieser stets romantische Lieder für ihn gespielt, Kompositionen von Musikern für jene Personen, in die sie hoffnungslos verliebt gewesen waren. Nun tanzten seine Finger über die Tasten, um den Tod dieser geliebten Person zu betrauern.
Platan lehnte sich gegen den Türrahmen, beobachtete seinen Mann dabei und lauschte der Melodie, während ihm mehr und mehr bewusst wurde, dass es nicht nur ein Traum gewesen war. Er war gestorben … und irgendwie wieder ins Leben zurückgekehrt. Und er war überzeugt, dass Flordelis dafür verantwortlich war.
Als hätte dieser den Gedanken aufgefangen, hielt er abrupt inne. Sofort herrschte eine angespannte Stille im Raum, wie Platan sie noch nie zwischen ihnen gespürt hatte.
»Platan«, sagte Flordelis, ohne seine Augen zu öffnen, »wie lange willst du da noch stehen?«
»Woher weißt du, dass ich hier bin?«
Seine Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln, dann sah er ihn endlich an, mit demselben bewölkten Blick wie er ihn in der letzten Zeit so oft zur Schau getragen hatte. »Dein Geruch nimmt sofort alles ein, mon amour. Ich werde es immer bemerken, wenn du in meiner Nähe bist.«
Platans Herz schlug ein wenig schneller, glücklicherweise ohne direkt danach wieder kraftlos zu sein. Sein Mann wirkte nicht überrascht über das weiße Haar, als wäre es nebensächlich.
Flordelis rutschte ein Stück zur Seite und bedeutete ihm, sich zu ihm zu setzen. Platan ließ sich nicht lange bitten, nahm neben ihm auf dem Klavierhocker Platz. Nach kurzem Überlegen lehnte er sich auch an ihn. Behutsam legte Flordelis einen Arm um ihn, damit er ihn noch näher zu sich ziehen konnte. Seine Wärme war angenehm tröstend und gab ihm die Kraft, das notwendige Gespräch zu beginnen: »Hast du mich hergebracht?«
»Sina und Dexio haben mich angerufen, nachdem du zusammengebrochen bist. Ich bin sofort nach Illumina City zurückgekehrt, um dich nach Hause zu bringen. Für eine Weile hatte ich befürchtet, dass du nicht wieder aufwachen würdest.«
Platan hörte das unausgesprochene Schon wieder, das Flordelis hinunterschluckte. Selbst jetzt litt er immer noch. Er schmiegte sich an seinen Mann. »Keine Sorge, ich bin wieder aufgewacht, wie du siehst. Ich lasse dich nicht allein. Nicht noch einmal.«
Flordelis versteifte sich für einen Moment, als er derart direkt darauf angesprochen wurde. Dann stieß er ein wenig Luft aus. »Wie lange weißt du es schon?«
»Sina und Dexio sagten es mir. Dann habe ich mich wieder erinnert, dass ich gestorben bin.«
Da Flordelis darauf nichts sagte, hob Platan den Blick ein wenig. Sein Mann wirkte reuevoll, geschlagen, es schmerzte Platan, ihn so zu sehen. Darum hob er eine Hand, um ihm tröstend durch den Bart und über die Wange zu streichen. Flordelis dankte ihm das, indem er die Augen schloss und sich an seine Hand schmiegte.
»Was ist dann geschehen?«, fragte Platan. »Willst du mir das erzählen?«
Er musste nicht lange warten, gleich einem gebrochenen Damm, sprudelten die Worte aus Flordelis heraus: »Als ich bemerkte, dass du nicht mehr atmest …« Er zögerte kurz, schluckte, dann fuhr er an einer anderen Stelle fort: »Der Arzt hat uns im Park gefunden und wollte, dass ich dich in dein Zimmer zurückbringe, damit wir uns auf die Formalitäten konzentrieren können. Doch ich wollte dich nicht aufgeben, auch nicht an diesem Punkt.«
Er drückte Platan ein wenig fester an sich, ehe er diesmal weitersprach: »Also bin ich mit dir geflohen, auf Garados.«
Auch wenn das alles tragisch war, musste Platan unwillkürlich schmunzeln. »Das war bestimmt sehr aufregend. Ich wünschte, ich hätte es miterleben können.«
Flordelis' Mundwinkel zuckten verdächtig, als würde er selbst lächeln wollen, aber er hielt sich davon ab und erzählte weiter: »Ich habe dich nach Cromlexia gebracht. Wo die Ultimative Waffe versteckt wurde.«
Platans Augen weiteten sich. Natürlich wusste er so ziemlich alles über diese Waffe, immerhin war sie vor 3000 Jahren von einem von Flordelis' Vorfahren gebaut worden. Doch nachdem er mit ihrer Zerstörungskraft einen Krieg beendet hatte, war sie versteckt worden, damit niemand anderes jemals wieder damit Menschen töten könnte.
»Seit wann wusstest du, wo sie ist?«, hauchte Platan, für den diese Nachricht neu war.
»Ich bin auf diese Information gestoßen, während ich nach einem Weg gesucht habe, dich zu retten. Aber dafür ist die Waffe nicht gemacht worden. Als du jedoch …« Er atmete tief durch und ließ den nächsten Teil aus, um zu etwas Angenehmeren zu kommen: »Ich konnte dich nicht aufgeben, also blieb mir nur, dich wiederzubeleben. Aus diesem Grund wurde sie ursprünglich geschaffen, also beschloss ich, sie noch einmal dafür zu benutzen.«
Platan schlug die Augen nieder. Er kannte auch diesen Teil der Geschichte, wusste jedoch noch ein weiteres Detail dazu: »Die dafür notwendige Energie ...«
»Ja.« Flordelis seufzte leise. »Ich habe Pokémon genutzt, um die Waffe zu aktivieren. Das war nicht richtig, aber-«
»Ist eines der Pokémon gestorben?«
Als Flordelis mit dem Kopf schüttelte, atmete Platan auf, sein Mann holte sofort zu einer Erklärung aus: »Ich habe sichergestellt, dass es genug machtvolle Pokémon sein werden, damit sie nicht gänzlich ausgelaugt werden. Unter anderem war Garados beteiligt.«
Das erklärte Platan, warum das große Pokémon so müde gewirkt hatte, als er wieder aufgewacht und mit Flordelis im Garten gewesen war. Ein Glück, dass ihm nichts zugestoßen war.
»Und keine Sorge«, fuhr Flordelis fort, »ich habe alle anderen Pokémon versorgt und sie wieder in die Natur entlassen, nachdem du wieder geatmet hast.«
»Das erleichtert mich ungemein.«
Sofern es der Wahrheit entsprach, aber Platan glaubte nicht, dass sein Mann ihn in diesem Moment anlügen würde. Gerade wirkte er noch ehrlicher als jemals zuvor.
»Danach habe ich dich wieder hierher gebracht. Du hast noch einen ganzen Tag geschlafen, ehe du aufgewacht bist. Aber ich habe nicht aufgehört zu hoffen.«
Und diese Hoffnung war belohnt worden.
»Es muss dir wie ein Wunder vorgekommen sein.«
»Das ist es. Doch dann war es, als ob Arceus mir dieses Wunder wieder entreißen wollte. Als Sina und Dexio mich anriefen, war ich der Überzeugung, für meine Hybris und diese Sünde, dieses Ausnutzen der Pokémon, bestraft zu werden, indem ich dich erneut verliere.« Sein Blick ging in Richtung Fenster, er blinzelte mehrmals. »Ich war unsagbar beruhigt, als ich im Labor ankam und du geatmet hast. Das einzige, was sich verändert hat, waren deine Haare.«
Platan war um Flordelis' Willen erleichtert, dass nichts weiter geschehen war – aber es tat ihm leid, dass Sina und Dexio hatten beobachten müssen, wie sein Haar an Farbe verloren hatte, während er bewusstlos gewesen war. Falls er dürfte, sollte er sich noch bei ihnen für diesen Schreck entschuldigen.
»Ich wünschte nur«, fuhr Flordelis fort, »du hättest die Wahrheit nicht so erfahren müssen. Ich habe noch überlegt, wie ich sie dir beibringen soll, denn mir war klar, dass ich dich nicht auf ewig einsperren kann. Aber ich hätte auch erwarten müssen, dass du das Haus verlässt, wenn ich dich allein lasse. Du benötigst deine Freiheit.«
Er lächelte kurz, verliebt, dann wurde sein Blick wieder ernst. Besonders als Platan darauf antwortete: »Es tut mir auch leid, dass ich dein Vertrauen ausgenutzt habe und einfach heimlich gegangen bin. Normalerweise würde ich so etwas niemals tun.«
»Ich weiß. Nur deswegen habe ich all meine Pokémon mit mir genommen.«
Platan zögerte einen Moment, aber die Neugier war doch zu groß: »Wofür brauchtest du sie eigentlich? Hast du einen Geschäftspartner bedroht? Oder einen Angestellten?«
Die letzten beiden Sätze sagte er in einem so humorvollen Ton, dass Flordelis sich davon hoffentlich nicht angegriffen fühlte. Und tatsächlich stieß sein Mann ein kurzes Lachen aus. »Nein, nichts dergleichen. Es gab nur einige Unregelmäßigkeiten mit der wieder stillliegenden Waffe, denen ich nachgehen musste. Die Pokémon waren zu meinem und dem Schutz meiner Angestellten, die dort die Lage überwachen, dabei. Glücklicherweise ließ sich das Problem aber beheben, Cromlexia und Kalos sind sicher.«
Platan atmete auf. Wenn seine Wiederbelebung zwar im ersten Moment keine Pokémon, aber dafür eine Stadt oder gar die ganze Region gekostet hätte, wäre er nie wieder glücklich geworden.
Und Flordelis bestimmt auch nicht.
Genau genommen wirkte er aber auch in diesem Moment schon so, als wäre alles Unglück der Welt über seinem Kopf zusammengebrochen. Es war unsagbar traurig, den sonst so stolzen Mann derart gebrochen zu erleben, obwohl doch eigentlich alles gut war.
Es ist doch alles gut, oder?
Hatte dieses Erlebnis etwas an Flordelis' Gefühlen verändert? Oder befürchtete dieser das gleiche bei Platan?
Das Schweigen zog sich einen Moment zu lange hin, Flordelis starrte ins Leere, Platan suchte nach Worten, fand aber noch keine, die seine Gefühle vollständig erfassen konnten. Nicht, solange er nicht wusste, was seinen Mann beschäftigte.
»Jetzt kennst du die Wahrheit also«, sagte Flordelis schließlich mit düsterer Stimme, als erwartete er einen Tadel, nein, eine ganze Rede. »Damit ist wohl eine Entschuldigung angebracht, dass ich deine Erwartungen an mich enttäuscht habe.«
Platan nutzte den Umstand, dass seine Hand immer noch an Flordelis' Wange lag, um noch einmal tröstend darüber zu streichen. »Es ist in Ordnung. Ich bin dir nicht böse.«
Über diese Worte überrascht, senkte Flordelis den Blick, um ihn anzusehen. »Aber wieso? Ich habe Pokémon geschadet, um dich wiederzubeleben, auch wenn keines dabei gestorben ist, und ich habe dich angelogen. All das habe ich aus reinem Egoismus getan. Wie kannst du da jemandem wie mir noch vergeben?«
Platan lächelte ihn ungetrübt an. »Das ist für mich ganz einfach. Ich hätte genauso gehandelt.«
Flordelis' Augen weiteten sich, aber er sagte nichts, so dass Platan weitersprechen konnte: »Allein der Gedanke, ohne dich leben zu müssen, ist so unerträglich, dass ich alles getan hätte, um dich wiederzubekommen. Ich bin dankbar, dass es dir gelungen ist, dabei keinerlei Opfer zu produzieren.«
Dann wurde er selbst ein wenig ernster, als er betrübt den Blick abwandte. »Es tut mir leid, dass du das alles allein ertragen musstest. All die Momente, in denen ich im Krankenhaus war und du hier zu Hause, wie oft du in mein Krankenzimmer gekommen bist, nur um festzustellen, dass ich immer noch lebe, dass unserer beider Qualen weitergehen, weil ich einfach nicht loslassen wollte. Es muss unfassbar schwer gewesen sein.«
Mit leuchtenden Augen sah er seinen Mann wieder direkt an. »Deswegen bin ich umso stolzer auf dich, dass es dir gelungen ist, einen derart klaren Kopf zu bewahren, um alles zu tun, um mich zurückzuholen, ohne dabei etwas zu opfern. Ich weiß nicht, ob mir das gelungen wäre.«
Vermutlich eher nicht. Aber das war nur ein weiterer Grund, aus dem er Flordelis liebte und für immer bei ihm bleiben wollte. Selbst wenn das bedeutete, dass er den Tod überwinden musste.
Flordelis' Augen, die gerade eben noch so bewölkt gewesen waren, wirkten plötzlich unfassbar klar und ein wenig heller als zuvor, wie ein strahlender Himmel nach einem spontanen Wolkenbruch. »Platan … du bist wirklich …«
Statt auszureden, drehte er seinen Oberkörper so, dass er Platan in seine Arme schließen konnte. Dieser erwiderte die Geste nur zu gern, während er sich lächelnd an ihn schmiegte.
»Ich bin so glücklich, dich in meinem Leben zu haben«, flüsterte Flordelis. »Ich könnte niemals auf dich verzichten. Auch ohne die Waffe hätte ich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, nur um dich zurückzubekommen.«
»Ich bin sicher, dir wäre es sogar gelungen, das Legendäre Pokémon des Lebens zu finden~. Für dich ist nichts unmöglich. Danke, dass du mich liebst.«
Flordelis stieß ein Seufzen aus, das aus dem tiefen Brunnen seiner Trauer zu kommen schien, aber endlich hoffnungsvoll wirkte. »Ich muss dir danken. Ich befürchtete, deine Liebe zu verlieren, sobald du erfährst, was ich getan habe. Aber du reagierst mit so viel Verständnis … das hätte ich mir denken müssen, ich kenne dich doch lange genug.«
»Befürchtungen können uns durcheinander bringen und aneinander zweifeln lassen«, sagte Platan mit einem beruhigenden Tonfall. »Ich werde dich gern für immer daran erinnern, dass du wegen mir keine Angst haben musst. Rede einfach mit mir, wann immer du zweifelst.«
»Ja, ich werde meinen Schmerz nicht mehr in mir verschließen. Ab sofort werde ich ihn immer mit dir teilen.«
Genau wie Platan es sich vor seinem Tod von ihm gewünscht hatte. Es von Flordelis bestätigt zu hören, ließ ein unsagbar warmes Gefühl in seiner Brust entstehen, in der noch mehr Blumen aus der fruchtbaren Erde zu wachsen begannen und sich zu den Schneeglöckchen gesellten.
»Ich will auch, dass du alles mit mir teilst«, sagte Platan. »Jedes einzelne deiner Gefühle.«
Darauf löste Flordelis sich wieder ein wenig von ihm, um ihn mit geradewegs glühenden Augen anzusehen. »Jedes einzelne, hm? Nun, bei diesem Gefühl sollte es mir leicht fallen.«
Nach diesen Worten verwickelte er Platan in einen Kuss, der süßer und zärtlicher war als jeder andere zuvor. Als hätte es dieses Gespräch gebraucht, um sie endlich so nahe zusammen zu bringen, wie sie sein müssten, wozu sie bestimmt waren.
Die neu gewachsenen Blumen in seiner Brust öffneten sich, zeigten so viele unterschiedliche bunte Blüten, dass sein Inneres zu einem ganzen Meer davon wurde, das ihn durchflutete, ihm das Atmen leicht machte und sein Herz so kraftvoll schlagen ließ wie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr. Und er hoffte, dass es Flordelis ähnlich ging, dass er den Schmerz und die Schuldgefühle loslassen und gemeinsam mit Platan in einen neuen Lebensabschnitt übergehen konnte.
Als sich ihre Lippen wieder voneinander lösten, wirkte Flordelis um Jahre jünger, der Schmerz in seinem Gesicht nicht mehr so deutlich ausgeprägt. Selbst in seinen Augen schienen neue Lebensgeister zu tanzen.
Platan hätte kaum glücklicher sein können.
»Eine Frage habe ich aber noch«, sagte er mit gerunzelter Stirn.
Flordelis hob, wieder ernst geworden, eine Augenbraue. »Was für eine?«
Vorsichtig löste Platan einen Arm von ihm, damit er sich an sein Haar greifen und eine Strähne zwirbeln konnte. »Steht mir weißes Haar überhaupt?«
Sofort fiel jegliche Ernsthaftigkeit von ihm ab, Flordelis stieß sogar ein leises Lachen aus. »Mon amour, sei dir versichert, dass dir alles steht.« Er fuhr ihm nun selbst mit einer Hand zärtlich durch das Haar. »Sogar diese schneeweiße Farbe.«
Platan atmete auf. »Da bin ich beruhigt.«
Solange es Flordelis gefiel, war es vollkommen in Ordnung, dann würde auch Platan sich nicht mehr daran stören. Derart beruhigt sah er den Flügel an. »Willst du mir dann wieder etwas vorspielen? So wie früher? Du hast es mir immerhin versprochen.«
»Das ist wahr. Und was wäre ich für ein Geschäftsmann – und Ehemann –, wenn ich mich nicht an meine Versprechen halten würde?«
Damit löste Flordelis sich von ihm und setzte sich wieder richtig hin. Es dauerte nur wenige Sekunden – in denen Platan aufgeregt wartete –, bis er sich für ein Stück entschieden hatte. Sofort tanzte wieder eine dieser leichten Melodien durch den Raum, ein ewiges Liebesversprechen an eine ganz besondere Person, die dem Komponisten – und dem Spieler – näher stand als jede andere, ein Zustand, der sich niemals ändern sollte.
Platan lehnte sich an Flordelis' Schulter, spürte jede noch so kleine Bewegung, die durch seinen Arm ging, ließ sich davon jedoch nicht im Mindesten stören.
Stattdessen schloss er seine Augen, um die Melodie vollkommen in sich aufzunehmen. Sie schwebte durch sein Inneres, ließ die Blumen in einem angenehmen Wind rauschen, der sich fast wie am Strand brechende Wellen anhörte. Ein wunderbarer Ton, der ihn auch daran erinnerte, wie viele wundervolle Erfahrungen er noch mit Flordelis in anderen Regionen machen wollte. Darüber sollten sie unbedingt auch sprechen, sobald sie diesen kostbaren Moment miteinander genossen hatten.
Erst einmal konzentrierte sich Platan aber weiter auf das Blumenmeer in seinem Inneren, in dessen Mitte er immer noch die Schneeglöckchen ausmachen konnte, die nun nicht mehr einsam waren. Genauso wenig wie Flordelis, der nun nicht mehr alles allein schultern musste und dadurch endlich aufblühen könnte.
Platan atmete tief durch und wusste dabei vor allem zu schätzen, dass ihm das endlich möglich war.
»Wir sind zu Hause.«

