Kapitel 5: Ich lasse dich nicht allein
Als Platan erwachte, war er zuerst verwirrt. Er erinnerte sich, im Labor zusammengebrochen zu sein und dann … dann war da dieser Traum gewesen. Aber eigentlich war es kein Traum, sondern eine Erinnerung, das größte Mosaik, das ihm bislang gefehlt hatte.
Doch das daraus entstandene Bild ergab keinen Sinn, denn er lebte eindeutig – und er war wieder zu Hause. Er lag in seinem Bett, in seinem Schlafzimmer. Als er sich aufrichtete, entdeckte er die Schneeglöckchen in der Vase, die noch genauso aussahen wie jene nach seinem ersten Erwachen.
Diesmal kam Flordelis aber nicht in den Raum, um nach ihm zu sehen.
War am Ende … alles nur ein seltsam verrückter Traum gewesen? Wie wahrscheinlich war es denn, zu sterben, dann wieder aufzuerstehen, nur um sich dann an den eigenen Tod zu erinnern, den man zuvor vergessen hatte? Es war lächerlich. Platan erinnerte sich nicht einmal an eine Geschichte, die Derartiges erzählte. War das ein Zeichen dafür, dass es ein Traum war? Oder dass es real war? Sollte er mit Flordelis darüber reden, um hoffentlich einfach darüber zu lachen? Oder würde sein Mann ihm die traurige Wahrheit eröffnen?
Wollte er sie denn wirklich wissen?
Solange er einfach nur hier in diesem Schlafzimmer blieb, wäre er nie gestorben und aus unerfindlichen Gründen wieder ins Leben zurückgekehrt. Flordelis und Mähikel und alle anderen hatten niemals wegen ihm leiden müssen. Genau das, was er sich wünschte.
Doch der Gedanke an seinen Mann, der möglicherweise gerade irgendwo allein im Haus war, sich vielleicht sogar schlecht fühlte, aus bestimmt viel zu vielen Gründen, bewegte ihn dazu, sich der Wahrheit stellen zu wollen. Er musste es wissen und Flordelis dann beistehen, nachdem er schon so viel der Last allein hatte tragen lassen.
Platan stand auf, seine Beine funktionierten, die Zahnräder hatten ihren Rost verloren. Auch seine Lungen und sein Herz arbeiteten einwandfrei, mehr konnte er sich nicht wünschen. Das sprach doch dafür, dass alles nur ein Traum gewesen war, oder?
Doch als er sich zur Tür wandte, fiel sein Blick auf einen Spiegel an der Wand. Was er darin sah, ließ ihn innehalten. Das ist nicht …
Zaghaft näherte er sich dem Spiegel, den Flordelis damals auf Platans Bitte hin hatte anbringen lassen, damit er vor dem Verlassen des Schlafzimmers immer noch einmal sichergehen konnte, dass seine Frisur gut saß. Heute waren es auch seine Haare, die ihn ungläubig hineinstarren ließen.
»Bin das … ich?«
Die Lippen seines Spiegelbilds bewegten sich, formten die gleichen Worte, die er aussprach, also musste es so sein. Aber dennoch fiel es Platan schwer zu glauben, weswegen er unwillkürlich mit einer Hand durch sein Haar fuhr.
Es war schlohweiß.
Von der einstmaligen Rabenschwärze, die ihn immer ein bisschen mit Kramshef verbunden hatte, war nichts mehr übrig. Jede Strähne, jedes einzelne, noch so kleine Haar, war weiß, wie frisch gefallener, unberührter Schnee. Oder Schneeglöckchen, die sich durch diesen hindurchkämpften.
Seine Hand fuhr über sein Gesicht, suchte nach Falten, die im Spiegel nicht zu sehen waren, aber da war nichts, jedenfalls nichts, was er nicht schon früher gespürt hatte. Auch seine Hände selbst zeigten kein Anzeichen von plötzlichem Altern.
Und doch war sein Haar nicht mehr dasselbe wie früher.
Mit dieser Erkenntnis setzte eine leise, schwerfällige Klaviermelodie ein, die ihn daran erinnerte, warum er aufgestanden war. Wenn jemand ihm erklären konnte, was hier vor sich ging, und ob sein Gedächtnis schlimmer in Mitleidenschaft gezogen worden war, als gedacht, dann Flordelis.
So wandte er sich vom Spiegel ab, der einen ihm ungewohnten Platan zeigte, und verließ das Schlafzimmer. Die Musik wurde ein wenig lauter, als tanze sie durch das Haus und riefe ihn zu sich. Mit jedem Schritt, den er machte, intensivierte sich das Gefühl, als käme er einer bitteren Wahrheit näher, die lange vor ihm verborgen geblieben war.
Er ging die Treppe ins Erdgeschoss hinab und dann zum Musikzimmer, dessen Tür offen stand. Flordelis saß am Flügel, die Augen geschlossen und spielte diese melancholische Melodie, die Platan absolut unbekannt vorkam. Seit er seinen Mann kannte – und über dessen Talent Bescheid wusste – hatte dieser stets romantische Lieder für ihn gespielt, Kompositionen von Musikern für jene Personen, in die sie hoffnungslos verliebt gewesen waren. Nun tanzten seine Finger über die Tasten, um den Tod dieser geliebten Person zu betrauern.
Platan lehnte sich gegen den Türrahmen, beobachtete seinen Mann dabei und lauschte der Melodie, während ihm mehr und mehr bewusst wurde, dass es nicht nur ein Traum gewesen war. Er war gestorben … und irgendwie wieder ins Leben zurückgekehrt. Und er war überzeugt, dass Flordelis dafür verantwortlich war.
Als hätte dieser den Gedanken aufgefangen, hielt er abrupt inne. Sofort herrschte eine angespannte Stille im Raum, wie Platan sie noch nie zwischen ihnen gespürt hatte.
»Platan«, sagte Flordelis, ohne seine Augen zu öffnen, »wie lange willst du da noch stehen?«
»Woher weißt du, dass ich hier bin?«
Seine Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln, dann sah er ihn endlich an, mit demselben bewölkten Blick wie er ihn in der letzten Zeit so oft zur Schau getragen hatte. »Dein Geruch nimmt sofort alles ein, mon amour. Ich werde es immer bemerken, wenn du in meiner Nähe bist.«
Platans Herz schlug ein wenig schneller, glücklicherweise ohne direkt danach wieder kraftlos zu sein. Sein Mann wirkte nicht überrascht über das weiße Haar, als wäre es nebensächlich.
Flordelis rutschte ein Stück zur Seite und bedeutete ihm, sich zu ihm zu setzen. Platan ließ sich nicht lange bitten, nahm neben ihm auf dem Klavierhocker Platz. Nach kurzem Überlegen lehnte er sich auch an ihn. Behutsam legte Flordelis einen Arm um ihn, damit er ihn noch näher zu sich ziehen konnte. Seine Wärme war angenehm tröstend und gab ihm die Kraft, das notwendige Gespräch zu beginnen: »Hast du mich hergebracht?«
»Sina und Dexio haben mich angerufen, nachdem du zusammengebrochen bist. Ich bin sofort nach Illumina City zurückgekehrt, um dich nach Hause zu bringen. Für eine Weile hatte ich befürchtet, dass du nicht wieder aufwachen würdest.«
Platan hörte das unausgesprochene Schon wieder, das Flordelis hinunterschluckte. Selbst jetzt litt er immer noch. Er schmiegte sich an seinen Mann. »Keine Sorge, ich bin wieder aufgewacht, wie du siehst. Ich lasse dich nicht allein. Nicht noch einmal.«
Flordelis versteifte sich für einen Moment, als er derart direkt darauf angesprochen wurde. Dann stieß er ein wenig Luft aus. »Wie lange weißt du es schon?«
»Sina und Dexio sagten es mir. Dann habe ich mich wieder erinnert, dass ich gestorben bin.«
Da Flordelis darauf nichts sagte, hob Platan den Blick ein wenig. Sein Mann wirkte reuevoll, geschlagen, es schmerzte Platan, ihn so zu sehen. Darum hob er eine Hand, um ihm tröstend durch den Bart und über die Wange zu streichen. Flordelis dankte ihm das, indem er die Augen schloss und sich an seine Hand schmiegte.
»Was ist dann geschehen?«, fragte Platan. »Willst du mir das erzählen?«
Er musste nicht lange warten, gleich einem gebrochenen Damm, sprudelten die Worte aus Flordelis heraus: »Als ich bemerkte, dass du nicht mehr atmest …« Er zögerte kurz, schluckte, dann fuhr er an einer anderen Stelle fort: »Der Arzt hat uns im Park gefunden und wollte, dass ich dich in dein Zimmer zurückbringe, damit wir uns auf die Formalitäten konzentrieren können. Doch ich wollte dich nicht aufgeben, auch nicht an diesem Punkt.«
Er drückte Platan ein wenig fester an sich, ehe er diesmal weitersprach: »Also bin ich mit dir geflohen, auf Garados.«
Auch wenn das alles tragisch war, musste Platan unwillkürlich schmunzeln. »Das war bestimmt sehr aufregend. Ich wünschte, ich hätte es miterleben können.«
Flordelis' Mundwinkel zuckten verdächtig, als würde er selbst lächeln wollen, aber er hielt sich davon ab und erzählte weiter: »Ich habe dich nach Cromlexia gebracht. Wo die Ultimative Waffe versteckt wurde.«
Platans Augen weiteten sich. Natürlich wusste er so ziemlich alles über diese Waffe, immerhin war sie vor 3000 Jahren von einem von Flordelis' Vorfahren gebaut worden. Doch nachdem er mit ihrer Zerstörungskraft einen Krieg beendet hatte, war sie versteckt worden, damit niemand anderes jemals wieder damit Menschen töten könnte.
»Seit wann wusstest du, wo sie ist?«, hauchte Platan, für den diese Nachricht neu war.
»Ich bin auf diese Information gestoßen, während ich nach einem Weg gesucht habe, dich zu retten. Aber dafür ist die Waffe nicht gemacht worden. Als du jedoch …« Er atmete tief durch und ließ den nächsten Teil aus, um zu etwas Angenehmeren zu kommen: »Ich konnte dich nicht aufgeben, also blieb mir nur, dich wiederzubeleben. Aus diesem Grund wurde sie ursprünglich geschaffen, also beschloss ich, sie noch einmal dafür zu benutzen.«
Platan schlug die Augen nieder. Er kannte auch diesen Teil der Geschichte, wusste jedoch noch ein weiteres Detail dazu: »Die dafür notwendige Energie ...«
»Ja.« Flordelis seufzte leise. »Ich habe Pokémon genutzt, um die Waffe zu aktivieren. Das war nicht richtig, aber-«
»Ist eines der Pokémon gestorben?«
Als Flordelis mit dem Kopf schüttelte, atmete Platan auf, sein Mann holte sofort zu einer Erklärung aus: »Ich habe sichergestellt, dass es genug machtvolle Pokémon sein werden, damit sie nicht gänzlich ausgelaugt werden. Unter anderem war Garados beteiligt.«
Das erklärte Platan, warum das große Pokémon so müde gewirkt hatte, als er wieder aufgewacht und mit Flordelis im Garten gewesen war. Ein Glück, dass ihm nichts zugestoßen war.
»Und keine Sorge«, fuhr Flordelis fort, »ich habe alle anderen Pokémon versorgt und sie wieder in die Natur entlassen, nachdem du wieder geatmet hast.«
»Das erleichtert mich ungemein.«
Sofern es der Wahrheit entsprach, aber Platan glaubte nicht, dass sein Mann ihn in diesem Moment anlügen würde. Gerade wirkte er noch ehrlicher als jemals zuvor.
»Danach habe ich dich wieder hierher gebracht. Du hast noch einen ganzen Tag geschlafen, ehe du aufgewacht bist. Aber ich habe nicht aufgehört zu hoffen.«
Und diese Hoffnung war belohnt worden.
»Es muss dir wie ein Wunder vorgekommen sein.«
»Das ist es. Doch dann war es, als ob Arceus mir dieses Wunder wieder entreißen wollte. Als Sina und Dexio mich anriefen, war ich der Überzeugung, für meine Hybris und diese Sünde, dieses Ausnutzen der Pokémon, bestraft zu werden, indem ich dich erneut verliere.« Sein Blick ging in Richtung Fenster, er blinzelte mehrmals. »Ich war unsagbar beruhigt, als ich im Labor ankam und du geatmet hast. Das einzige, was sich verändert hat, waren deine Haare.«
Platan war um Flordelis' Willen erleichtert, dass nichts weiter geschehen war – aber es tat ihm leid, dass Sina und Dexio hatten beobachten müssen, wie sein Haar an Farbe verloren hatte, während er bewusstlos gewesen war. Falls er dürfte, sollte er sich noch bei ihnen für diesen Schreck entschuldigen.
»Ich wünschte nur«, fuhr Flordelis fort, »du hättest die Wahrheit nicht so erfahren müssen. Ich habe noch überlegt, wie ich sie dir beibringen soll, denn mir war klar, dass ich dich nicht auf ewig einsperren kann. Aber ich hätte auch erwarten müssen, dass du das Haus verlässt, wenn ich dich allein lasse. Du benötigst deine Freiheit.«
Er lächelte kurz, verliebt, dann wurde sein Blick wieder ernst. Besonders als Platan darauf antwortete: »Es tut mir auch leid, dass ich dein Vertrauen ausgenutzt habe und einfach heimlich gegangen bin. Normalerweise würde ich so etwas niemals tun.«
»Ich weiß. Nur deswegen habe ich all meine Pokémon mit mir genommen.«
Platan zögerte einen Moment, aber die Neugier war doch zu groß: »Wofür brauchtest du sie eigentlich? Hast du einen Geschäftspartner bedroht? Oder einen Angestellten?«
Die letzten beiden Sätze sagte er in einem so humorvollen Ton, dass Flordelis sich davon hoffentlich nicht angegriffen fühlte. Und tatsächlich stieß sein Mann ein kurzes Lachen aus. »Nein, nichts dergleichen. Es gab nur einige Unregelmäßigkeiten mit der wieder stillliegenden Waffe, denen ich nachgehen musste. Die Pokémon waren zu meinem und dem Schutz meiner Angestellten, die dort die Lage überwachen, dabei. Glücklicherweise ließ sich das Problem aber beheben, Cromlexia und Kalos sind sicher.«
Platan atmete auf. Wenn seine Wiederbelebung zwar im ersten Moment keine Pokémon, aber dafür eine Stadt oder gar die ganze Region gekostet hätte, wäre er nie wieder glücklich geworden.
Und Flordelis bestimmt auch nicht.
Genau genommen wirkte er aber auch in diesem Moment schon so, als wäre alles Unglück der Welt über seinem Kopf zusammengebrochen. Es war unsagbar traurig, den sonst so stolzen Mann derart gebrochen zu erleben, obwohl doch eigentlich alles gut war.
Es ist doch alles gut, oder?
Hatte dieses Erlebnis etwas an Flordelis' Gefühlen verändert? Oder befürchtete dieser das gleiche bei Platan?
Das Schweigen zog sich einen Moment zu lange hin, Flordelis starrte ins Leere, Platan suchte nach Worten, fand aber noch keine, die seine Gefühle vollständig erfassen konnten. Nicht, solange er nicht wusste, was seinen Mann beschäftigte.
»Jetzt kennst du die Wahrheit also«, sagte Flordelis schließlich mit düsterer Stimme, als erwartete er einen Tadel, nein, eine ganze Rede. »Damit ist wohl eine Entschuldigung angebracht, dass ich deine Erwartungen an mich enttäuscht habe.«
Platan nutzte den Umstand, dass seine Hand immer noch an Flordelis' Wange lag, um noch einmal tröstend darüber zu streichen. »Es ist in Ordnung. Ich bin dir nicht böse.«
Über diese Worte überrascht, senkte Flordelis den Blick, um ihn anzusehen. »Aber wieso? Ich habe Pokémon geschadet, um dich wiederzubeleben, auch wenn keines dabei gestorben ist, und ich habe dich angelogen. All das habe ich aus reinem Egoismus getan. Wie kannst du da jemandem wie mir noch vergeben?«
Platan lächelte ihn ungetrübt an. »Das ist für mich ganz einfach. Ich hätte genauso gehandelt.«
Flordelis' Augen weiteten sich, aber er sagte nichts, so dass Platan weitersprechen konnte: »Allein der Gedanke, ohne dich leben zu müssen, ist so unerträglich, dass ich alles getan hätte, um dich wiederzubekommen. Ich bin dankbar, dass es dir gelungen ist, dabei keinerlei Opfer zu produzieren.«
Dann wurde er selbst ein wenig ernster, als er betrübt den Blick abwandte. »Es tut mir leid, dass du das alles allein ertragen musstest. All die Momente, in denen ich im Krankenhaus war und du hier zu Hause, wie oft du in mein Krankenzimmer gekommen bist, nur um festzustellen, dass ich immer noch lebe, dass unserer beider Qualen weitergehen, weil ich einfach nicht loslassen wollte. Es muss unfassbar schwer gewesen sein.«
Mit leuchtenden Augen sah er seinen Mann wieder direkt an. »Deswegen bin ich umso stolzer auf dich, dass es dir gelungen ist, einen derart klaren Kopf zu bewahren, um alles zu tun, um mich zurückzuholen, ohne dabei etwas zu opfern. Ich weiß nicht, ob mir das gelungen wäre.«
Vermutlich eher nicht. Aber das war nur ein weiterer Grund, aus dem er Flordelis liebte und für immer bei ihm bleiben wollte. Selbst wenn das bedeutete, dass er den Tod überwinden musste.
Flordelis' Augen, die gerade eben noch so bewölkt gewesen waren, wirkten plötzlich unfassbar klar und ein wenig heller als zuvor, wie ein strahlender Himmel nach einem spontanen Wolkenbruch. »Platan … du bist wirklich …«
Statt auszureden, drehte er seinen Oberkörper so, dass er Platan in seine Arme schließen konnte. Dieser erwiderte die Geste nur zu gern, während er sich lächelnd an ihn schmiegte.
»Ich bin so glücklich, dich in meinem Leben zu haben«, flüsterte Flordelis. »Ich könnte niemals auf dich verzichten. Auch ohne die Waffe hätte ich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, nur um dich zurückzubekommen.«
»Ich bin sicher, dir wäre es sogar gelungen, das Legendäre Pokémon des Lebens zu finden~. Für dich ist nichts unmöglich. Danke, dass du mich liebst.«
Flordelis stieß ein Seufzen aus, das aus dem tiefen Brunnen seiner Trauer zu kommen schien, aber endlich hoffnungsvoll wirkte. »Ich muss dir danken. Ich befürchtete, deine Liebe zu verlieren, sobald du erfährst, was ich getan habe. Aber du reagierst mit so viel Verständnis … das hätte ich mir denken müssen, ich kenne dich doch lange genug.«
»Befürchtungen können uns durcheinander bringen und aneinander zweifeln lassen«, sagte Platan mit einem beruhigenden Tonfall. »Ich werde dich gern für immer daran erinnern, dass du wegen mir keine Angst haben musst. Rede einfach mit mir, wann immer du zweifelst.«
»Ja, ich werde meinen Schmerz nicht mehr in mir verschließen. Ab sofort werde ich ihn immer mit dir teilen.«
Genau wie Platan es sich vor seinem Tod von ihm gewünscht hatte. Es von Flordelis bestätigt zu hören, ließ ein unsagbar warmes Gefühl in seiner Brust entstehen, in der noch mehr Blumen aus der fruchtbaren Erde zu wachsen begannen und sich zu den Schneeglöckchen gesellten.
»Ich will auch, dass du alles mit mir teilst«, sagte Platan. »Jedes einzelne deiner Gefühle.«
Darauf löste Flordelis sich wieder ein wenig von ihm, um ihn mit geradewegs glühenden Augen anzusehen. »Jedes einzelne, hm? Nun, bei diesem Gefühl sollte es mir leicht fallen.«
Nach diesen Worten verwickelte er Platan in einen Kuss, der süßer und zärtlicher war als jeder andere zuvor. Als hätte es dieses Gespräch gebraucht, um sie endlich so nahe zusammen zu bringen, wie sie sein müssten, wozu sie bestimmt waren.
Die neu gewachsenen Blumen in seiner Brust öffneten sich, zeigten so viele unterschiedliche bunte Blüten, dass sein Inneres zu einem ganzen Meer davon wurde, das ihn durchflutete, ihm das Atmen leicht machte und sein Herz so kraftvoll schlagen ließ wie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr. Und er hoffte, dass es Flordelis ähnlich ging, dass er den Schmerz und die Schuldgefühle loslassen und gemeinsam mit Platan in einen neuen Lebensabschnitt übergehen konnte.
Als sich ihre Lippen wieder voneinander lösten, wirkte Flordelis um Jahre jünger, der Schmerz in seinem Gesicht nicht mehr so deutlich ausgeprägt. Selbst in seinen Augen schienen neue Lebensgeister zu tanzen.
Platan hätte kaum glücklicher sein können.
»Eine Frage habe ich aber noch«, sagte er mit gerunzelter Stirn.
Flordelis hob, wieder ernst geworden, eine Augenbraue. »Was für eine?«
Vorsichtig löste Platan einen Arm von ihm, damit er sich an sein Haar greifen und eine Strähne zwirbeln konnte. »Steht mir weißes Haar überhaupt?«
Sofort fiel jegliche Ernsthaftigkeit von ihm ab, Flordelis stieß sogar ein leises Lachen aus. »Mon amour, sei dir versichert, dass dir alles steht.« Er fuhr ihm nun selbst mit einer Hand zärtlich durch das Haar. »Sogar diese schneeweiße Farbe.«
Platan atmete auf. »Da bin ich beruhigt.«
Solange es Flordelis gefiel, war es vollkommen in Ordnung, dann würde auch Platan sich nicht mehr daran stören. Derart beruhigt sah er den Flügel an. »Willst du mir dann wieder etwas vorspielen? So wie früher? Du hast es mir immerhin versprochen.«
»Das ist wahr. Und was wäre ich für ein Geschäftsmann – und Ehemann –, wenn ich mich nicht an meine Versprechen halten würde?«
Damit löste Flordelis sich von ihm und setzte sich wieder richtig hin. Es dauerte nur wenige Sekunden – in denen Platan aufgeregt wartete –, bis er sich für ein Stück entschieden hatte. Sofort tanzte wieder eine dieser leichten Melodien durch den Raum, ein ewiges Liebesversprechen an eine ganz besondere Person, die dem Komponisten – und dem Spieler – näher stand als jede andere, ein Zustand, der sich niemals ändern sollte.
Platan lehnte sich an Flordelis' Schulter, spürte jede noch so kleine Bewegung, die durch seinen Arm ging, ließ sich davon jedoch nicht im Mindesten stören.
Stattdessen schloss er seine Augen, um die Melodie vollkommen in sich aufzunehmen. Sie schwebte durch sein Inneres, ließ die Blumen in einem angenehmen Wind rauschen, der sich fast wie am Strand brechende Wellen anhörte. Ein wunderbarer Ton, der ihn auch daran erinnerte, wie viele wundervolle Erfahrungen er noch mit Flordelis in anderen Regionen machen wollte. Darüber sollten sie unbedingt auch sprechen, sobald sie diesen kostbaren Moment miteinander genossen hatten.
Erst einmal konzentrierte sich Platan aber weiter auf das Blumenmeer in seinem Inneren, in dessen Mitte er immer noch die Schneeglöckchen ausmachen konnte, die nun nicht mehr einsam waren. Genauso wenig wie Flordelis, der nun nicht mehr alles allein schultern musste und dadurch endlich aufblühen könnte.
Platan atmete tief durch und wusste dabei vor allem zu schätzen, dass ihm das endlich möglich war.
»Wir sind zu Hause.«

