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Ohne Schlips und Tadel

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Hey ihr Lieben!

Ich weiß nicht, ob ihr mitbekommen habt, dass ich die Geschichte noch einmal komplett überarbeitet habe. Dabei wurde Karims Job im Fitnessstudio gestrichen und dementsprechend einige Anpassungen gemacht. Die grundlegende Handlung hat sich jedoch nicht verändert, es könnte nur hier und da zu einigen kleineren Anschlussfehlern kommen. Falls ihr dazu Fragen habt, könnt ihr mir gerne schreiben oder hier kommentieren. Ich beiße nicht. ^^

Ansonsten hoffe ich mal, dass euch das neue Kapitel viel Vergnügen bereitet. Komplett anzeigen

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Happy Birthday to me?

Mit einem gewaltigen Scheppern ging eine Lawine zu Boden. Und dann noch eine. Und noch eine! Tausende und abertausende runde Metallstücke ergossen sich auf den Boden vor dem Rathaus. Thilo sah es und stöhnte.
 

„Ist nicht euer Ernst.“

 

Tabea, die zusammen mit Liv einen der drei Säcke ausgeschüttet hatte, grinste frech.

 

„Und ob das unser Ernst ist, Bruderherz. Also los, dann mal ran an die Bouletten. Wir wollen was sehen.“
 

Thilo stöhnte erneut. Und stöhnte nochmal, als er auf das Instrument in seiner Hand hinabblickte. Es war, passend zum Rest seines Outfits, eine Klobürste. Ein absolut ungeeignetes Utensil für die Aufgabe, die ihm gestellt worden war. Und doch musste er wohl.

 

„Na los, nun zier dich nicht so.“

 

Thilo schoss einen weiteren giftigen Blick ab. Dieses Mal traf er damit seinen besten Freund, der, ganz unschuldig, ebenfalls mit einem leeren Sack in der Hand dastand. Wenn Thilo hätte raten müssen, war mit Sicherheit er es gewesen, der die ganzen Kronkorken besorgt hatte. Tom kannte immer jemanden, der jemanden kannte, und somit mit Sicherheit auch den einen oder anderen Barbesitzer. Dass er sich jetzt so über Thilos Leid beömmelte, passte jedenfalls ins Bild. Als wenn 30 werden nicht schon bescheuert genug wäre.

 

„Nu sabbel nicht, mach endlich“

 

Liv, die ihre Kamera gezückt hatte, wedelte ungeduldig mit der Hand. Thilo grummelte.
 

„Müsste euch das hier nicht eigentlich gegen den Strich gehen? Ich meine, ich bin ne Putzfrau. Feminismus wo?“
 

Seine Schwester und ihre Freundin grinsten jedoch nur, während Tom sich immer noch einen ablachte. Von denen war also offenbar keine Hilfe zu erwarten.

 

Thilo zog die Nase kraus. Über ihm wölkte der trübe Hamburger Märzhimmel vor sich hin. Wind zauste seine Haare – nun ja, nicht seine, sondern die der grauen Lockenperücke, die zu tragen man ihn gezwungen hatte – und ein paar Tauben eilten flügelschlagend vorbei. Wer leider nicht vorbeieilte, waren die Besucher des Hamburger Rathausplatzes, die offenbar wissen wollten, was hier vor sich ging. Als wenn er der Erste gewesen wäre, der sich im absolut lächerlichen Fummel hier abmühen musste. Thilo bezweifelte allerdings, dass irgendjemand dabei eine so armselige Figur gemacht hatte wie er. Immerhin trug er eine Kittelschürze. In rosa!

 

„Fegen! Fegen! Fegen!“

 

Tabea hatte angefangen, auf und ab zu hüpfen. Liv, an deren Arm sich ihre schlimmere Hälfte gehängt hatte, hüpfte notgedrungen ein bisschen mit. Tom, wie immer tadellos in Schale, sah ihn auffordernd an und auch die sich versammelnde Menge wartete offenbar nur darauf, dass Thilo endlich loslegte. Ihm schien wirklich nichts anderes übrig zu bleiben.

 

„Na schön, na schön, ich mach ja.“

 

Je eher er anfing, desto schneller würde er wieder reingehen können. Es war wirklich lausig kalt.

 

„Loooos! Fegen!“, jubelte Tabby. Sie und die anderen hatten leicht reden. Immerhin waren sie in wunderbar warme Wintermäntel gehüllt, wohingegen Thilo …
 

Egal. Augen zu und durch.

 

„Okay, okay. Ihr habt es nicht anders gewollt.“

 

Thilo warf die künstlichen Locken zurück, zückte die Klobürste und begann, dem Altmetall zu Leibe zu rücken. Hinter ihm skandierten seine Schwester und ihre Freundin immer noch und die ersten Besucher, begannen im Takt mitzuklatschen. Thilo beschloss, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und wippte mit dem Hintern dazu. Pfiffe wurden laut, noch mehr Klatschen und irgendwer schrie sogar: „Ausziehen! Ausziehen!“ Thilo bedachte die Menge mit einem schrägen Blick, bevor er seine Kittelschürze ein Stück lüftete und so tat, als wolle er auch noch sein Hosenbein hochziehen. Wieder erntete er Pfiffe und Gelächter.
 

„Mami, was macht der Mann da?“

„Na, das siehst du doch. Er macht sauber.“

 

Die Kleine, die gefragt hatte, beobachtete ihn mit kritisch gerunzelter Stirn. Offenbar leuchtete ihr nicht so recht ein, warum der alberne Mann dazu nicht was Sinnvolleres nahm wie einen Laubbläser oder einen Staubsauger. Thilo hätte das auch gerne gewusst.

 

„Jahaaa“, rief Tabby jedoch von hinten und zog damit die Aufmerksamkeit wieder auf sich. „Und das macht er solange, bis eine Jungfrau kommt und ihn mit einem Kuss befreit. Also los! Freiwillige vor!“

 

Verstohlen sah Thilo sich um. Nicht, dass er sich ausmalte, wirklich jetzt schon von seiner Bürde erlöst zu werden, aber gucken konnte man ja mal. Leider bestand mehr als die Hälfte der Zuschauer aus älteren Damen mit den dazugehörigen Herren oder aber aus jungen Müttern mit Kinderwagen. Wer halt so an einem Mittwochmittag Zeit hatte, um spazieren zu gehen. Dazwischen gab es noch ein paar Shopper, Schüler, Studenten. Okay, von den letzteren war sicherlich keiner mehr Jungfrau, aber mit etwas Glück …
 

„Hey, du da! Ja du. Komm doch mal rüber.“

 

Thilo, dem es mittlerweile fast gelungen war, die Kronkorken zu einigermaßen ordentlichen Haufen zusammenzubürsten, horchte auf. Hatte Tabby etwa wen gefunden? Hoffnungsvoll linste er in ihre Richtung.

 

Neben seiner Schwester stand ein Junge oder vielmehr ein junger Mann. Er musste etwa Anfang 20 sein. Sein dunkles Haar lag in wirren Locken um seinen Kopf, während der Rest von ihm fast vollständig in einem karamellfarbenen Dufflecoat verschwand. Ein wollweißer Schal um seinen Hals betonte seinen leicht gebräunten Teint. Er sah aus wie eine Erscheinung. Eine absolut göttliche Erscheinung.
 

„Wow.“

 

Thilo war sich sicher, dass er gerade unheimlich dämlich aussah. Immerhin starrte er einen Typen an, während ihm der Sabber förmlich aus dem Mund lief und er eine Klobürste in Händen hielt. Vom Rest des Outfits mal ganz zu schweigen. Schnell griff er zu und riss sich die Perücke vom Kopf. Darunter war er vermutlich völlig zerzaust, aber wenigstens …
 

„Sag mal, du bist doch bestimmt ein Netter, oder?“

 

Der Fremde wusste offenbar nicht so recht, wie er diese Anmache finden sollte, aber Tabby quasselte einfach weiter.

 

„Denn weißt du, mein Bruder wird heute 30 und weil er noch nicht verheiratet ist, muss er hier so lang vor dem Rathaus die Stufen fegen, bis eine holde Jungfrau kommt und ihn mit einem Kuss befreit.“
 

Die fein geschwungenen Augenbrauen des Fremden wanderten in die Höhe.

 

„Oh“, machte er und schien immer noch nicht zu wissen, worauf Tabea hinauswollte. „Und wie kann ich dabei helfen?“

 

Tabby grinste bis über beide Ohren.
 

„Na, ich hab mir gedacht, ich frag mal, ob du das mit dem Kuss übernehmen möchtest. Du wärst nämlich voll sein Typ, musst du wissen.“

 

Thilo starb. Er starb wirklich ganz furchtbar und das nicht zum ersten Mal aufgrund seiner wirklich, wirklich grässlichen kleinen Schwester. Nicht nur, dass sie einem vollkommen Fremden ungefragt seine sexuelle Orientierung um die Ohren schlug, nein, sie musste ihn ja auch noch fragen, ob er Thilo küssen wollte. Und jetzt drehte sich diese Erscheinung von einem Mann auch noch zu ihm um. Thilo starb noch einmal.

 

Braune Augen taxierten ihn. Thilo war sich bewusst, wie lächerlich er aussehen musste. Auch ohne die Perücke waren da immer noch die ganzen anderen Sachen. Und der Lippenstift! Den hatte er vollkommen vergessen. Am liebsten wäre Thilo stehenden Fußes im Boden versunken. Er musste …

 

„Nein, tut mir leid. Ich glaube, ich erfülle die Bedingungen nicht.“
 

Während der Fremde das sagte, sah er Thilo die ganze Zeit an. Was mit Sicherheit hieß, dass er nicht generell abgeneigt war, sondern nur … jetzt gerade? Oh Himmel, das durfte doch nicht wahr sein. Thilo musste aus diesem Outfit raus. Ganz dringend. Sofort.

 

„Aber ich wünsche noch viel Glück bei der Suche. Und außerdem: Happy Birthday.“

 

Thilo konnte nur nicken. Der Rest seiner Gehirnzellen versackte nämlich gerade in den Vorstellungen, was er mit diesem Bild von einem Mann anzustellen gedachte. Auf dem Bett, neben dem Bett, unter dem Bett. Seinetwegen sogar auf dem Klohäuschen da drüben neben dem Kiosk, auch wenn er sich sicher war, dass in den Taschen seiner Kittelschürze keine 50-Cent-Münze zu finden war. Aber die würde er schon irgendwo auftreiben. Er musste!
 

„Ja. Danke“, sagte er jedoch stattdessen.

 

Der Fremde im Dufflecoat nickte Thilo noch einmal zu, bedachte die Truppe hinter ihm mit einem letzten amüsierten Blick und drehte sich dann um, um langsam über den Platz davonzugehen. Thilo sah ihm nach und konnte es nicht glauben. Warum nur musste das ausgerechnet ihm passieren? Warum?!
 

„Uuuuund wir haben eine … Gewinnerin!“
 

Wie betäubt drehte Thilo sich um. Da stand Liv mit einer Mutter, die eine verschmierte Dreijährige auf dem Arm hatte. Alle drei grinsten Thilo meterbreit an. Offenbar war das die versprochene Jungfrau, die ihn aus seiner Not retten würde. Als wenn ihn das jetzt noch interessiert hätte.
 

„Geht auch ein Luftkuss?“, fragte er hoffnungsvoll, auch wenn ihm klar war, dass Tabby das nicht durchgehen lassen würde. Dazu quälte ihn seine Schwester viel zu gern. Schicksalsergeben schloss Thilo die Augen. Er würde diesen gut aussehenden Fremden wohl nie wiedersehen.

 

Männer, die auf Dildos starren

Entschlossen kippte sich Thilo den Shot hinter die Binde und knallte das Glas anschließend auf den Tresen.
 

„Hexe!“, zischte er, nur um dem Barmann im gleichen Augenblick zu winken, um sich noch einen 'Orgasmus' zu bestellen. Tom, der neben ihm saß, lupfte eine Augenbraue.

 

„Wer?“, fragte er, als wenn er die Antwort nicht schon längst kennen würde. Thilo knurrte ungehalten.
 

„Na meine Schwester“, meckerte er und griff nach dem Glas, das auf wunderbare Weise vor ihm erschienen war. Cremiger Sahnelikör und klarer Anisschnaps rangen darin um die Oberhand. Thilo machte kurzen Prozess mit beidem und schlang den Drink förmlich hinunter. Als er jedoch noch einen ordern wollte, legte Tom die Hand über die Öffnung des Shotglases.
 

„Ganz ruhig, Brauner. Wir haben heute noch was vor, schon vergessen?“

 

Thilo schnaubte abfällig, zog seine Hand aber gehorsam wieder zurück. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre seine Mission heute Abend gewesen, sich abzuschießen und das gründlich. Aber sein Freund hatte darauf bestanden, dass sie heute „feiern“ mussten. Als wenn es da was zu feiern gegeben hätte. Schließlich war heute der Weltuntergang eingeläutet worden.

 

„Ich will aber nicht feiern. Ich will mich betrinken“, jammerte er dem entsprechend auch, was ihm einen pflichteifrigen Blick von dem Typen hinter der Bar bescherte. Der, wenn Thilo ihn sich so genauer ansah, auch nicht von schlechten Eltern war. Allerdings hetero. Wusste und respektierte hier jeder. Was nicht hieß, dass er nicht ab und an ne Nummer zugesteckt bekam. Versuchen konnte man es ja mal.

 

„Zisch … ooohhhh“, machte Tom neben ihm und tat dabei so, als würde er eine Getränkedose öffnen. „Wie schade. Mitleid ist alle.“

 

Thilo schoss einen weiteren bösen Blick auf ihn ab. Allein dass er hier auf diesem unbequemen Barhocker herumsaß, statt sich zu Hause zu verkriechen, wie er es ursprünglich vorgehabt hatte, war schon ein echtes Zugeständnis. Wenn Tom jetzt auch noch anfing, sich über ihn lustig zu machen …

 

„Hey ihr Zwei. Wollt ihr euch nicht zu uns setzen?“

 

Thilo sah auf. Der Frager war jung, maximal Mitte 20. Sein kanariengelbes T-Shirt schien von innen heraus zu leuchten und die kleine Kette um seinen Hals zeigte zwei ineinander verschlungene Männlichkeitssymbole. Die hätte es für Thilo allerdings gar nicht gebraucht. Die Art und Weise, wie der Kerl ihm in den Schritt starrte, war mehr als eindeutig.

 

Um nicht unhöflich zu sein, warf Thilo einen Blick auf den zweiten im Bunde, der nicht nur um einiges älter, sondern mit seinem grauen Hemd auch unauffälliger gekleidet war. Lediglich seine an den richtigen Stellen zerrissene Jeans zeigte ein bisschen Haut. Er saß an einem der Tische, der um diese Uhrzeit nicht unbedingt vollbesetzten Bar. Aus den Boxen dröhnte bunter Europop.

 

'We like to party.'

 

Thilo seufzte.
 

„Tut mir leid, kein Interesse“, sagte er und hätte dem Vögelchen am liebsten den Kopf gestreichelt. Der schien es jedoch nicht krumm zu nehmen.
 

„Okay“, meinte er und lächelte Thilo noch einmal an. „Aber wenn ihr es euch anders überlegt, wir sind da drüben.“

 

Thilo nickte.
 

„Klar Mann. Und viel Spaß euch noch.“

„Gleichfalls.“

 

Das Vögelchen schob wieder ab und schwenkte dabei nicht unbedingt unauffällig seine winzige Kiste. Thilo war sich sicher, dass er einen Jockstrap trug. Maximal. Für alles andere wäre in seiner knallengen Hose nämlich kein Platz gewesen. Da zeichnete sich ja wirklich alles ab.

 

Als er sich wieder umdrehte, grinste Tom ihn an.
 

„Was?“, raunzte Thilo und bereute es, sich nicht wenigstens ein Bier bestellt zu haben. Oder einen Cocktail. Die Bar hier mochte nicht alle auf der Karte haben, aber die, die sie hatten, waren verdammt gut.

 

„Nichts“, gab Tom mit nur schlecht verhaltenem Lachen zurück. „Ich frag mich nur, warum du ihn weggeschickt hast. Du hast es doch sichtbar nötig.“

 

Thilo grollte und nahm sich kurzerhand die Cocktailkarte vor, um Tom nicht länger ins Gesicht sehen zu müssen. Der war heute unerträglich.

 

„Was mich wieder zu meinem ursprünglichen Plan bringt“, referierte sein Freund jedoch ungerührt weiter. „Ich will mit dir nachher noch ins 'I.C.U.'. Die haben heute Waschtag.“
 

Thilo verdrehte innerlich die Augen. Waschtag bedeutete, dass jeder, der mehr als drei Streifen Zahnseide am Leib trug, nicht reinkam. Angeblich hatten sie an der Tür schon Leute abgewiesen, die zu viele Piercings hatten. Er persönlich hielt das nur für ein Gerücht. Änderte jedoch nichts daran, dass Tom offenbar wirklich vorhatten, ihn da hinzuschleppen. Thilo gab ein genervtes Stöhnen von sich.
 

„Ich will mich aber nicht ausziehen“, nörgelte er und überlegte, ob er sich einen []'Sex on the Beach' bestellen sollte. Der war immerhin auch ohne Kondome vollkommen safe.

 

„Dann behalt halt deine Hose an. Wenn du dem Türsteher einen Schein zusteckst, lässt er dich auch so rein.“
 

Thilo grunzte. War ja klar, dass Tom so was wieder wusste. Wahrscheinlich gab es in Hamburg kein einziges Etablissement, in das er noch nicht seinen Schwanz reingehangen hatte. Im wahrsten Sinne des Wortes.

 

„Ist das dann nicht gegen das Motto?“

„Klar. Aber ich gehe auch nicht davon aus, dass du deine Vorsätze durchhalten wirst. Wenn dir irgendeine spermageile Schlampe an die Hose geht, bist du doch der Erste, der sich textilfrei macht.“
 

Thilo grunzte erneut und beschloss, dass es ein Long Island Ice Tea sein musste. Irgendwas darunter würde es mit Sicherheit nicht schaffen, Toms Gesabbel erträglich zu machen. Allein die Vorstellung … Thilo merkte, wie er langsam spitz wurde.
 

„Ich will aber nicht“, beschwerte er sich trotzdem. „Ist schließlich mein Geburtstag. Und den will ich feiern dürfen, wie ich will.“

 

„Indem du dich volllaufen lässt?“

„Ja, bitte!“

 

'I’m a Scatman!'

 

Die Tür der Bar öffnete sich und eine bunte Clique schneite herein. Es war nicht unbedingt ersichtlich, wer da mit wem – und bei einigen auch nicht, was sie überhaupt darstellen wollten – aber es war ganz eindeutig, dass sie alle Spaß hatten. Ganz im Gegensatz zu ihm. Und Tom, der jetzt, da sein Freund sich nicht mehr hinter bedrucktem Papier verkroch, säuerlich dreinschaute.

 

„Und dann? Willst du dich mit Eiscreme auf dem Sofa verkriechen und zum 38. Mal 'Queer as folk' durchsuchten? Dein Ernst?“

 

Thilo schob die Unterlippe vor.

 

„Und wenn?“

 

Es war ja schließlich nicht so, dass er das ständig machte. Außerdem hatte er gar kein Eis da. Die letzte Packung hatte er gestern aufgefuttert, während er 'Ein Mann namens Otto' geschaut hatte. Das war traurig gewesen, da hatte er seelischen Beistand gebraucht. Und Eis. Viel zu viel Eis.

 

Ich muss echt mal wieder ins Fitnessstudio.

 

Nicht umsonst schenkte ihm Tom jedes Jahr wieder eine Mitgliedschaft in diesem exklusiven Club zum Geburtstag. Und jedes Jahr wieder nahm Thilo sich aufs Neue vor, es dieses Mal ganz bestimmt durchzuhalten. Waschbrettbauch, Bizeps, Trizeps und natürlich ein knackiger Hintern standen, wie jedes Jahr, auch dieses Mal wieder ganz oben auf seiner Wunschliste. Wenn er nur nicht so unterirdisch faul gewesen wäre. Und so beschäftigt. Und Sport so anstrengend! Dann hätte Thilo bestimmt …

 

Wie aus dem Nichts heraus legte sich plötzlich ein warmer Arm um ihn. Die lästige Gliedmaße zog ihn näher heran und Tom flüsterte ihm ins Ohr.
 

„Und wenn wir dir einen netten Bären suchen, von dem du dich mal so richtig nach Strich und Faden verwöhnen lassen kannst? Vielleicht ist es ja so langsam an der Zeit, dass du dich wieder mal an diese Seite der Nahrungskette heranwagst. Schaden würde es nicht.“
 

Thilo versteifte sich. Die Worte machten etwas mit ihm. Definitiv.
 

„Oder glaubst du, ich hab deine Sammlung im Schlafzimmer nicht längst entdeckt?“, säuselte Tom weiter. „Du hast da wirklich ein paar ziemliche Biester dabei. Möchtest du so was nicht mal wieder in echt erleben?“

 

Thilo presste die Kiefer aufeinander. Ihm war klar, warum Tom das sagte, aber er hätte nicht falscher liegen können. Nein, ganz bestimmt nicht.

 

Mit einem grimmigen Lächeln, das mehr einem Zähnefletschen ähnelte, zupfte Thilo Toms Arm von seiner Schulter und drehte sich zu seinem Freund herum. Er ging ganz nahe und zischte:
 

„Also erstens mal verbitte ich mir, dass du in meinen Schubladen herumschnüffelst. Was ich da drin habe, geht nur mich was an. Klar soweit?“

 

Tom grinste, aber Thilo ließ sich nicht beirren.
 

„Zweitens weißt du sehr genau, dass ich nicht auf Bären stehe. Wenn du mir nen hübschen Otter präsentierst, meinetwegen. Aber ich möchte im Bett nicht das Gefühl haben, gleich plattgewalzt zu werden oder Erste Hilfe leisten zu müssen. Und drittens …“
 

Thilo machte eine Pause, damit das Gesagte auch wirklich ankam.
 

„Drittens habe ich keinerlei Interesse daran, mich heute von jemandem beglücken zu lassen. Oder ihn zu beglücken. Ich will einfach nur ganz stinknormal hier sitzen und mit dir was trinken. Ist das jetzt angekommen?“
 

Toms Lächeln verschwand. Er sah Thilo ein paar Augenblicke lang in die Augen, dann seufzte er.
 

„Okay, ist angekommen. Aber ich sage dir, du verpasst was. Gegen einen echten Schwanz ist selbst ein 'Bad Dragon' ein Scheißdreck.“

 

Thilo schnaufte. Und schnaufte noch einmal, weil er wusste, dass Tom recht hatte. Das gab ihm aber noch lange nicht das Recht, Thilo zu Dingen zu überreden, auf die er keine Lust hatte. Auch wenn er später vielleicht darauf Lust bekommen würde. Mit ner Hand am Schwanz ließ sich eben schlecht denken. Besonders, wenn es nicht die eigene war.
 

„Ich hab gar keinen 'Bad Dragon'“, nuschelte er allerdings nur halb so kampesflustig, wie er es hätte sein sollen. „Oder meinst du vielleicht, ich steck mir irgendwelche Tentakel rein, wo keine hingehören?“
 

Tom senkte den Kopf, spitzte die Lippen und sah ihn von unten herauf an.
 

„Weiß nicht. Tust du?“
 

Thilo verdrehte – dieses Mal wirklich – die Augen.
 

„Nein, verdammt. Wenn ich mir schon was hernehme, dann soll es wenigstens echt aussehen.“

„So wie der lila Doppeldildo?“

 

Thilo fuhr auf.
 

„Man, ich war jung, als ich das Ding gekauft habe. Ich wollte es nur mal ausprobieren!“
 

Toms Mundwinkel zuckten.

 

„Ja aber, das hättest du mir doch sagen können. Du weißt, ich helfe dir immer gerne.“
 

Thilo merkte, wie ihm warm wurde. Das war etwas, über das er nun heute wirklich nicht sprechen würde. Schließlich war das mit ihnen schon seit Urzeiten vorbei und seitdem waren er und Tom nur noch Freunde. Mit gelegentlichen Ausnahmen dann und wann.
 

„Ich brauch deine Hilfe nicht“, ätzte er deswegen und winkte nun endgültig den Kellner heran, um sich noch einen Drink zu bestellen. Immerhin hatte Tom ihn eingeladen, da konnte er es auch krachen lassen.

 

„Einen Bellini, bitte.“

 

Tom hob die Hand.

 

„Mach uns zwei, ja? Mir ist heute auch nach Pfirsich.“

 

Der Kellner grinste, nickte und machte sich daran, das Bestellte zusammenzumixen. Thilo warf seinem Freund einen schrägen Blick zu.

 

„Wenn du noch loswillst, kann ich auch heimgehen. Ich will dich ja nicht zu deinem Glück zwingen.“
 

Toms Lächeln, das daraufhin auf seinem Gesicht erschien, war offen und ehrlich.
 

„Du weißt, dass ich dich immer einer Horde nackter, schwitzender, es wie die Tiere treibender Fremder vorziehen würde, oder?“
 

Jetzt zuckten auch Thilos Mundwinkel.
 

„Na, da bin ich aber froh.“

„Ich auch.“

 

Die Cocktails kamen und Thilo war mehr als dankbar, sich endlich wieder hinter einem Schirmchen verstecken zu können. Nicht, dass sie das Thema nicht ausführlich besprochen hatten. Es war alles geklärt. Er wollte nur nicht, dass heute eine dieser Ausnahmen wurde. So etwas war für größere Notfälle reserviert. Tod eines Familienangehörigen zum Beispiel. Oder eine Jahrhundertflut. Mindestens.
 

„Und?“, fragte er deswegen, um das Gespräch mal in eine ganz andere Richtung zu bringen. „Läuft bei dir?“

 

Tom, der gerade noch einen pinkfarbenen Strohhalm zwischen den Lippen gehabt hatte, ließ diesen los und nickte beiläufig.
 

„Klar. Der Deal mit Crimson Pharmaceuticals ist nahezu durch. Wenn die letzten Unterschriften geleistet sind, ist die Sache geritzt und ich kann mir ein neues Fleißsternchen ans Revers heften.“
 

Er grinste und nahm noch einen Schluck von seinem Bellini.
 

„Hab schon gedacht, ich müsste dem CFO von Medivax den Schwanz lutschen, damit er endlich aus seiner Ecke kommt, aber dann waren die Zahlen wohl doch überzeugend und mein Arsch ist immer noch Jungfrau.“

 

Immer noch Jungfrau.

 

Die Worte hallten in Thilos Kopf wider und brachten, wie sollte es anders sein, die Erinnerung an ein Paar strahlende, haselnussbraune Augen zurück. Ohne es zu merken, seufzte er und nahm einen großen Schluck Pfirchsich-Leckerei. Tom sah es und schob die Augenbrauen nach oben.
 

„Was denn? Liebeskummer wegen deines Froschprinzen?“

 

Natürlich hatte Tom sofort gecheckt, dass nach der Aktion auf dem Rathausplatz irgendwas faul war im Staate Thilo Marquardt. Daher hatte er auch nicht lockergelassen, bis er Thilo die ganze dreckige Wahrheit aus der Nase gezogen hatte. Dass ihm dieses Bürschchen nicht aus dem Kopf ging und ihn somit vergiftet hatte für den Rest des Abends. Vielleicht sogar für den Rest des Monats. Nicht, dass der noch sehr lang gewesen wäre.
 

„Der war eben süß“, verteidigte sich Thilo und begann, die Kohlensäure aus seinem Drink zu rühren.
 

„Aber eben auch verdammt jung“, warf Tom ohne Gnade ein.

 

„Hast du gesagt“, schob er hinterher, als Thilo ihn böse anfunkelte. „Nicht, dass ich das generell für ein Problem halten würde, aber 'Der steht doch nie im Leben auf so alte Knacker wie mich' war deine Wortwahl, nicht meine.“
 

Thilo seufzte noch einmal.
 

„Eben“, meinte er und rührte weiter in seinem Glas herum. „Und selbst wenn er nicht unglaublich viel zu jung wäre und ich nicht so unglaublich out-of-shape, wäre er eben immer noch unglaublich verschwunden. Was mich wieder zu meiner teuflischen Schwester bringt. Sie kann mir doch nicht so einen Leckerbissen vor die Nase halten und ihn dann einfach ziehen lassen. Ohne nach seiner Nummer zu fragen!“
 

Die Gruppe in der Ecke lachte in diesem Moment und Thilo kam es vor, als würden sie sich über ihn lustig machen. Was ihn kaum gewundert hätte. Immerhin war er alt. Und betrunken. Und fett! Ein bisschen wenigstens. Um den Bauch herum.
 

„Dann musst du ihn eben suchen.“

 

Thilo blinzelte und hoffte, dass Tom das nicht gerade wirklich vorgeschlagen hatte. Doch sein Freund grinste ihn bereits wieder abenteuerlustig an.
 

„Ich meine, was hast du schon zu verlieren? Entweder du findest ihn oder ein anderes leckeres Sahneschnittchen, das du vernaschen kannst.“
 

Sein Grinsen wurde diabolisch, als er hinzufügte: „Wir könnten ja auch ins 'Kuschelkasten' gehen. Ich könnte mir vorstellen, dass so Küken wie er da rumhängen.“

 

Thilo überlegte. Einen ganz kleinen Augenblick zu lange überlegte er, dann schüttelte er den Kopf.
 

„Nee, lass mal. Die halten uns doch für Kinderschänder, wenn wir da auftauchen. Oder für Sugardaddys.“
 

Was, im Grunde genommen, nicht ganz falsch gewesen wäre. Schließlich waren er und Tom finanziell nicht gerade schlecht aufgestellt. Keine oberen Zehntausend, aber eben auch nicht arm. Kaum Privatleben zu haben musste ja wenigstens für irgendwas gut sein.
 

„Und wenn es so wäre?“, fragte Tom deswegen jetzt auch zurück. Er nuckelte anzüglich an seinem Strohhalm. „Wer weiß, vielleicht sucht dein Lockenköpfchen ja genau so was. Jemand der nett zu ihm ist, ihm schöne Geschenke macht, ihm sagt, wie gut er aussieht, und ihm obendrein noch jeden Abend das Hirn rausvögelt. Also wenn mir das damals jemand angeboten hätte, ich wär dabei gewesen.“

 

Thilo prustete in sein Glas.

 

„Du? Du hättest jeden, der das versucht hätte, an den Eiern gepackt und am nächsten Fahnenmast aufgehängt. Als wenn du dich je hättest toppen lassen.“

 

Ein amüsierter Zug kräuselte Toms Lippen.
 

„Siehst du und das unterscheidet uns beide eben. Ich weiß ganz genau, was ich will.“
 

Thilo seufzte. Und seufzte noch einmal, bevor er einen großen Schluck von seinem Cocktail nahm. Denn eigentlich wusste er ja auch, was er wollte. Er wusste nur nicht, woher er es nehmen sollte.

 

Restalkohol

Thilo stöhnte. Es war das gequälte und abgrundtief leidende Stöhnen eines Mannes, der am Abend und in der Nacht davor zu viel Alkohol konsumiert und – wenn man den Zustand seines Halsinneren in die Rechnung miteinbezog – auch geraucht hatte. Normalerweise hielt Thilo sich von den stinkenden Glimmstängeln fern, aber wenn er betrunken genug, die Stimmung entsprechend und eine Schachtel Kippen in der Nähe war, konnte er manchmal nicht widerstehen. 

Scheiße.

 

Wahrscheinlichwäre es besser gewesen, gestern gar nicht erst auf Toms Nachricht zu reagieren. Nur war Thilo nach der restlichen Woche tatsächlich nach ein bisschen Spaß gewesen. Spaß hatte zu mehr Spaß geführt, der zu Alkohol, der zu noch mehr Spaß und irgendwann hatte er sich von Tom halt doch in den Club schleppen lassen. Jetzt hatte er einen fetten Kater und zwar keinen von der miauenden Sorte. Und er musste pinkeln.

 

Autsch.

 

Nein, die Senkrechte war heute nicht Thilos Freund, so viel stand fest. Mit der Hand am dröhnenden Schädel befreite er sich aus dem raschelnden Satin und stellte die nackten Füße auf den Boden. Die waren immerhin noch zu zweit, was wohl hieß, dass er sich nichts hatte amputieren oder tätowieren lassen. Nicht, dass das nicht auch schon vorgekommen wäre. Thilo dachte mit Schaudern an die Behandlung zurück, die er hatte durchstehen müssen, bis das blöde Ding wieder weg gewesen war. Jetzt sah man nur noch bei günstigem Lichteinfall einen leichten Schatten auf seiner Schulter. Noch so eine Erinnerung an eine Zeit, in der er jung und unbeschwert gewesen war.

 

Klo.

 

Der Gedanke war inzwischen drängend genug, dass Thilo es schaffte, sich tatsächlich zu erheben. Nur mit Boxershorts bekleidet tappte er zur Tür, über den Flur und ins Bad, wo er sich endlich erleichtern konnte. Auf dem Boden vor der Dusche ein Bündel nach Rauch und anderen Dingen stinkende Klamotten. Offenbar hatte er es zwar noch geschafft, sich auszuziehen, zum Duschen war es dann aber anscheinend nicht mehr gekommen. War ihm jetzt aber auch egal. Er brauchte erst mal ne Aspirin.

 

Begleitet vom Rauschen der Spülung machte Thilo sich auf dem Weg in die Küche. An der Wand, direkt gegenüber des Tresens, der Wohnzimmer und Kochnische voneinander trennte, prangte unübersehbar der weiße Kasten mit dem großen, roten Kreuz. Wenn es nach Thilo gegangen wäre, hätte es zwar auch eine Packung Schmerzmittel irgendwo in einer Küchenschublade getan, aber der Vorbesitzer der Wohnung war wohl der Meinung gewesen, dass Medikamente und Pflaster ordnungsgemäß aufbewahrt gehörten. Als Ergebnis stieß sich Thilo bei jedem zweiten Gang in die Küche fast den Kopf, aber wenigstens hatte er dann ja gleich alles Nötige parat.

 

Es knisterte, als er die rettende Tablette aus dem Blister drückte in ein Glas Wasser fallen ließ. Sprudelnd setzte sie dort ihren Wirkstoff frei, den Thilo im nächsten Moment in einem Zug hinunterschüttete. Danach wollte er sich geradewegs wieder in Richtung Schlafzimmer begeben, doch das Telefon hatte andere Pläne.

 

„Ring!“

 

Thilo knurrte unwirsch. Wer rief denn um diese Zeit an? Noch dazu an einem Sonntag?

 

„Ring!“
 

Er stellte das Glas ab. Es würde Wasserflecken auf dem Holz hinterlassen.

 

„Ring!“

 

„Jaja, ich komm ja schon. Alter Mann ist schließlich kein D-Zug.“

 

Mit immer noch pochendem Schädel und brennenden Augen tappte er ins Wohnzimmer zurück und schnappte sich den Hörer. Erst danach fiel ihm ein, dass er ja auch den Anrufbeantworter hätte rangehen lassen können, aber jetzt war es zu spät. Er hatte schon abgehoben.
 

„Ja?“
 

Freundlich war definitiv anders, aber er war auch nicht in der Stimmung zu telefonieren.
 

„Oh, da ist aber jemand wieder mal gut drauf. Einen wunderschönen guten Morgen, Bruderherz.“

 

Thilo schloss die Augen und ließ sich auf das graue Sofa sinken.
 

„Morgen“, murmelte er und versuchte, die durch die hohen Fensterfronten hereinscheinende Sonne mit dem Arm abzuschirmen. Draußen war sicherlich wundervolles Wetter. Die Leute gingen spazieren, weiße Boote schipperten über die Alster, die nur einen Steinwurf entfernt lag, und im nahen Park walzten Familien die Frühblüher mit ihren Picknickdecken platt. Es war also ein perfekter Sonntagmorgen. Außer für Thilo. Der hatte Kopfschmerzen.
 

„Was willst du?“, brummte er und versuchte, mit dem Fuß die Fernbedienung zu angeln. Vielleicht würden die Nachrichten das Gespräch mit seiner Schwester erträglicher machen. Ein Erdbeben oder ein Börsencrash würden ihn mit Sicherheit aufheitern.

 

„Dich daran erinnern, dass du Liv und mich versetzt hast.“

 

Thilo runzelte die Stirn und versuchte sich zu erinnern. Ach ja, da war irgendwas gewesen. Er konnte sich nur nicht …

 

„Brunch im Rosarium? Nachfeiern deines Geburtstags?“, tönte es vorwurfsvoll aus dem Hörer. Thilo verzog das Gesicht.

 

„Hab ich vergessen“, murmelte er und gähnte. In seinem Schritt juckte es und er kratzte sich beiläufig. Er musste wirklich dringend duschen.

 

„Nicht ganz unabsichtlich, nehme ich an.“

 

Tabea klang angesäuert. Vielleicht hätte er sich doch eine Erinnerung machen sollen. Andererseits hätte die in seinem Zustand heute Morgen auch nichts genützt. Er hätte sie schlicht überhört.
 

„Tut mir leid, okay?“

 

In seinem Kopf begann so langsam die Tablette zu wirken. Sie klärte den trüben Schleier und ließ ihn ein wenig klarer in die Welt blicken. Was er sah, gefiel ihm nicht wirklich.

 

„Ich hab’s einfach vergessen.“
 

Das machte es jetzt nicht unbedingt besser, war aber wenigstens ehrlich. Vielleicht das Ehrlichste, was er gerade in seinem Leben zu bieten hatte. Um ihn herum das Boho-Wohnzimmer mit dem perfekt unperfekten Look, der „Gemütlichkeit“ und „hier hat es jemand verstanden“ schrie, nur dass Thilo nicht ein Stück der Wohnungseinrichtung ausgesucht hatte. Er hatte einfach keine Zeit gehabt, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen, also hatte er genommen, was gut aussah und einigermaßen erschwinglich war. Die möblierte Altbauwohnung mit den geschliffenen Holzfußböden, dem leicht antiken Bad und dem winzigen Schlafzimmer, in das gerade so ein Schrank und ein Doppelbett hineingepasst hatten. Dafür konnte man im Wohnzimmer Walzer tanzen. Wiener Walzer wohlgemerkt und nicht dieses lahme Rumgestehe im Dreivierteltakt. Nicht, dass Thilo dazu Lust gehabt hätte, aber …

 

Er hörte Tabea am anderen Ende schnaufen.

 

„Es hätte dir vermutlich sowieso nicht gefallen. Hier war heute ne Hochzeit. So mit Braut und Bräutigam und weißem Kleid und allem. Auf der Insel im See. Die hatten da alles dekoriert und es gab eine Sängerin und …“

 

Tabea brach ab und räusperte sich.
 

„Na zumindest war es voll kitschig und hier tausend Leute unterwegs, da hättest du sowieso nur die ganze Zeit rumgeschmollt. War also besser, dass du nicht gekommen bist.“
 

Thilo schloss die Augen. Er hatte genau gehört, wie begeistert Tabea von dem ganzen „Kitsch“ gewesen war. Und er wusste auch, dass sie und Liv wohl schon mal übers Heiraten gesprochen hatten. So ganz unverbindlich natürlich, nur um abzuklären, ob es denn für sie beide eine Option war. Thilo wusste nicht, was bei dem Gespräch herausgekommen war, aber er war sich ziemlich sicher, dass Tabea bei der ganzen Sache eher auf der Pro-Seite stand. Thilo seufzte.
 

„Ja, das hätte ich wirklich ganz schrecklich gefunden“, meinte er versöhnlich. „Deswegen war ich mit Tom auch lieber in einem dunklen Raum voller stinkender, betrunkener, notgeiler Männer, die alle nichts Besseres zu tun hatten, als sich die Klamotten vom Leib zu reißen und es zu treiben wie die Tiere. Testosteron bis über beide Ohren. Du weißt schon.“

 

Er machte ein paar Grunzlaute und hörte seine Schwester am anderen Ende lachen.
 

„Ieh, wie eklig“, rief sie und fügte in ernsterem Tonfall hinzu. „Ich hoffe doch, du warst safe unterwegs.“

 

Thilo brummte unwirsch. Wer von ihnen war denn eigentlich der Spießer?
 

„Natürlich. Und bevor du fragst, nein, ich weiß nicht wie er heißt, ich habe nicht seine Nummer und er ist auch nicht zum Frühstück geblieben.“

 

Eigentlich war er nicht mal mit zu ihm nach Hause gekommen. Thilo erinnerte sich nur noch an ein paar hübsche, blaue Augen und kurzgeschorene Haare, die sich weich unter seinen Fingern angefühlt hatten, als der Typ ihm auf Knien seine Zungenfertigkeit bewiesen hatte. Als Thilo kurz vor dem Abspritzen gewesen war, hatte er aufgehört, war hochgekommen und hatte Thilo ins Ohr geraunt, ob er ihn richtig ficken wollte. Thilo hatte ihn angesehen.
 

„Bist du denn vorbereitet?“, hatte er wissen wollen und der Typ hatte gegrinst.

 

„Klar“, hatte er gemeint und ein kleines Fläschchen irgendwo hergezaubert. Was auf dem Etikett gestanden hatte, hatte Thilo nicht erkennen können, aber das war auch nicht notwendig gewesen. Er hatte auch so gewusst, worum es sich handelte.
 

„Hier? Oder wollen wir woanders hingehen?“

 

Daraufhin hatte der Typ sich nur umgedreht und Thilo seinen nackten Backen entgegengestreckt. Dass er nur Chaps trug, hatte sich dabei als praktisch erwiesen.
 

„Mach’s mir, Daddy“, hatte er verlangt und Thilo hatte geschluckt und dann hatte er getan, was getan werden musste. Er hatte sich ein Kondom übergestreift und es dem Kerl so richtig besorgt. Dafür dass der Spaß hatte, hatten die Drogen gesorgt und seine Hand an eigenen Schwanz. Er war gekommen und kurz darauf hatte auch Thilo das kleine Latexsäckchen mit Sperma gefüllt. Als es vorbei war, hatte er das Ding einfach abgezogen und in eine Ecke geworfen, wo sich schon ein ganzer Haufen von gebrauchten Präsern, leeren Poppers-Fläschen, Glasscherben und einer linken Socke gesammelt hatten. Ein CSI-Squad hätte sicherlich die reinste Freude daran gehabt. Anschließend war er zur Bar zurückgekehrt und hatte sich die Kante gegeben. Danach Filmriss. Er wusste nicht mehr, wie er nach Haus gekommen war, aber er nahm an, das Tom ihm ein Taxi besorgt hatte. Tom passte immer auf ihn auf. Eigentlich von Anfang an schon, spätestens aber seit dieser einen, schlimmen Nacht, in der Thilo nicht gewusst hatte, wen er anrufen sollte. Irgendwann hatte er Toms Nummer gewählt. Da war das Ganze mit ihnen schon mehr als ein halbes Jahr vorbei gewesen. Tom war trotzdem gekommen. Und er war geblieben.

 

Tabea machte ein merkwürdiges Geräusch.
 

„Na, das klingt ja, als hättest du Spaß gehabt.“

 

Thilo zeigte sich selbst die Zähne
 

„Spaß ist mein zweiter Vorname.“

„In welchem Leben?“

 

Thilo lachte pflichtschuldig und wurde dann wieder ernst.
 

„Du, Tabby, ich muss Schluss machen. Ich stinke wie ein Iltis, außerdem hab ich nachher noch was vor.“

„Ach ja? Was denn?“

 

Thilo kräuselte die Lippen. Eigentlich wusste er das selbst nicht so genau.
 

„Ich muss arbeiten.“
 

Jetzt war es an seiner Schwester zu seufzen. Er konnte sich vorstellen, wie sie dabei die Augen verdrehte.
 

„Du hast aber schon mitgekriegt, dass Sonntag ist, oder?“

„Das ist keine Entschuldigung.“
 

Seine Schwester lachte noch einmal, dann seufzte sie wieder.
 

„Na gut, meinetwegen. Dann entlasse ich dich mal in dein furchtbar spannendes Leben voller Arbeit, Arbeit und noch mehr Arbeit. Aber die Verabredung heute holen wir nach, hörst du? Und dieses Mal lädst du mich ein.“

 

Thilo lag auf der Zunge zu sagen, dass es schließlich sein Geburtstagsessen hätte sein sollen und er noch gar kein Geschenk bekommen hatte, aber er hielt sich gerade noch zurück. Am Ende verlängerte sich das Gespräch noch um ne halbe Stunde. Aber wo er gerade so darüber nachdachte, fiel ihm doch glatt etwas ein.
 

„Sag mal, hattest du nicht gesagt, dass du mir die Fotos schicken wolltest? Du weißt schon. Die vom Rathaus.“

 

Nicht, dass Thilo scharf gewesen wäre auf Bilder von sich im pinken Fummel, aber vielleicht …

 

„Ach ja, wart mal. Hier.“

 

Es dauerte keine zwei Sekunden, dann vibrierte Thilos Handy, das auf dem holzfarbenen Couchtisch lag. Thilo fischte es von der Platte und entsperrte den Bildschirm. Acht WhatsApp-Nachrichten. Wollte die ihn verarschen?
 

„Ich meinte alle Bilder, du Doofi.“

 

Ärgerlich wischte Thilo über die Aufnahmen. Die meisten zeigten nur ihn, wie er sich zum Affen machte. Noch dazu mit Perücke. Er stockte, als er zur letzten Aufnahme kam. Bingo.

 

„Selber Doofi“, tönte es empört aus dem Hörer. „Das hier sind schon die besten. Kann ja keiner was dafür, dass du aussiehst wie ein Rhinozeros im Kleid und auf fast allen Bildern nur dein Hintern zu sehen ist.“
 

Thilo war versucht, ihr die Zunge rauszustrecken.
 

„Einige Männer finden meinen Hintern sehr attraktiv.“

„Die sind bestimmt blind.“

 

Während Tabea sich über ihren eigenen Witz kaputtlachte, hing Thilos Blick immer noch an dem letzten Foto. Darauf viel grauer Hamburger Märzhimmel, ein gutes Stück von Thilos pinker Kittelschürze und Ansätze eines fremden Gesichts. Viel erkennen konnte man nicht. Nur ein bisschen braune Haut, ein paar windzerzauste Locken, ein klein wenig des spitzbübischen Lächelns und ein rechtes Auge. Thilo konnte sich noch erinnern, wie es ihn angesehen hatte. Zusammen mit dem zweiten natürlich, aber da war etwas in diesem Blick gewesen, dass Thilo zurückhaben wollte. Die Frage war nur, wie. Ob der schöne Fremde wohl öfter am Rathaus vorbeikam? Dann könnte Thilo ihm in der Mittagspause auflauern. Er könnte ihn ansprechen und dann vielleicht …

 

„Also schön, wenn du willst, schick ich dir die restlichen Pics noch, wenn wir den Rechner anhaben. Liv hat die alle auf ihrer Festplatte.“

 

Thilo wurde aus seinen Gedanken gerissen. Telefonierte er etwa immer noch mit Tabea?

 

„Äh, ja, das wäre lieb.“

 

Schweigen am anderen Ende. Schweigen, das sich verdächtig nach hochgezogenen Augenbrauen anhörte. Und schon kam die verbale Klatsche dazu.
 

„Sag mal, hast du noch Restalkohol? 'Li~ieb'? Ich dachte, das Wort gibt es in deinem Wortschatz gar nicht.“

 

Thilo zog die Nase kraus.
 

„Doch, aber es ist für andere Personen reserviert als nervige, kleine Schwestern.“

„Du mich auch mal, großer Bruder.“

„Hab dich lieb!“

„Arsch!“
 

Damit legte Tabby auf und Thilo war sich nicht ganz sicher, ob sie jetzt echt sauer war oder nur so tat, damit er nicht merkte, dass sie ihn eben doch liebhatte. Er sie ja auch, irgendwie. Nur halt nicht andauernd. Am meisten eigentlich dann, wenn sie schlief.

 

Thilo schloss die Augen. Schlafen hörte sich immer noch verdammt gut an. Er könnte duschen. Zähne putzen und sich dann noch ne Runde hinhauen. Oder er konnte gleich nochmal im Schlafzimmer verschwinden. Die Vorstellung, wie es dort roch, weil er vergessen hatte, das Fenster zu öffnen, ließ ihn allerdings von diesem Plan Abstand nehmen. Also doch erstmal Dusche und dann sehen, was der Sonntag noch so für ihn bereithielt. Vielleicht ja sogar noch eine schöne Überraschung.

 

April, April!

Frisch geduscht und mit einem Kaffee, der stark genug war, um mehrere tote Tanten wieder aufzuwecken, nahm Thilo am Schreibtisch Platz. Der befand sich in einer Nische des Wohnzimmers und bot durch ein großes Sprossenfenster Aussicht auf einen Gartenstreifen nebst malerischem Baum. Noch waren die Äste zwar kahl, aber Thilo war sich sicher, dass schon bald die ersten grünen Spitzen aus den spitzen Knospen brechen zu sehen. Dann würde es hier drinnen wieder etwas dunkler werden und die Sonne nicht mehr so in seine Augen scheinen. Genau die richtige Atmosphäre, um zu arbeiten. Mit einem Knopfdruck erweckte er seinen Laptop zum Leben.

 

Zuerst rief er ein paar Emails ab. Das meiste davon hätte noch bis Montag Zeit gehabt, aber er beschloss, eine der Anfragen lieber gleich zu beantworten. Die kurze Recherche, die das Internet ausspuckte, klang nach einem vielversprechenden Geschäft. Sein synchronisierter Terminkalender zeigte ihm einen freien Timeslot für eine Erstberatung Anfang übernächster Woche an. Perfekt. Schnell schrieb er eine entsprechende Antwort und lehnte sich dann zurück, um einen Schluck Kaffee zu nehmen. Neben der Tastatur lag sein Handy. Darauf das immer noch so überhaupt nicht zufriedenstellende Foto des schönen Unbekannten. Ob man den auch googeln konnte?

 

Vermutlich nicht, dachte Thilo, öffnete aber trotzdem die Webseite. Die erste Suche ergab fünf Treffer für die Zeitschrift „Klönschnack“, zwei weitere vom Hamburger Abendblatt, ein Foto von Rock Hudson und eine Rezension für einen schnulzigen Frauenroman. Frustriert löschte Thilo die Eingabe und probierte es erneut. Dieses Mal bekam er einen persönlichen Fitnesstrainer vorgeschlagen. Und eine Dating App. Thilos Kopf näherte sich der Tischplatte.

 

Das Internet hasst mich.

 

Ein Blick zwischen den verschränkten Fingern hindurch verriet ihm, dass die Anzeige immer noch da war. Und sie blinkte verlockend.

 

Ich kann mir das ja mal ansehen.

 

Normalerweise war er kein Freund davon, Bekanntschaften im Internet zu schließen. Klar, ausprobiert hatte er das schon. Mit einer App, die die Umgebung nach möglichen Matches scannte, hatte er sogar schon mal ein, zwei Dates abgemacht. Na schön, eher vier oder fünf. Aber das waren immer reine Sexdates gewesen. Wenn man damit durch die Gegend lief, war das ein bisschen wie Pokemon Go! spielen. Sobald es piepte oder vibrierte, hatte man einen neuen „Catch of the day“ in der Nähe. Dann musste man nur noch abmachen, wann und wo, und ab ging die Post. Nur, wenn er das wollte, konnte er auch weiter mit Tom ausgehen. Da sah er wenigstens gleich, was er geboten bekam, ohne sich erst noch stundenlang durch Profile zu klicken und dann am Ende festzustellen, dass die angeblichen 30 cm, doch eher nur ne halbe Handbreit waren. Von merkwürdigen Vorlieben mal ganz abgesehen. Aber vielleicht sollte er dieser Seite hier mal ne Chance geben. Da konnte man angeblich auch einfach nur Leute kennenlernen. Es gab ne Community. Gruppen, denen man beitraten konnte und in denen es nicht nur um das eine ging. Und es gab gerade eine Werbeaktion. Der erste Monat war kostenlos. Thilo atmete noch einmal tief durch, dann klickte er auf den großen, roten Button auf dem „Loslegen“ stand.

 

Na mal sehen. Profil erstellen. Was wollen die denn wissen?

 

Erst mal natürlich das Übliche. Größe und Gewicht. Thilo zögerte. Unter 1,80 m ging wahrscheinlich gar nicht. Und viel fehlte ihm ja nicht. Ein lächerlicher Zentimeter. Den konnte man schon dazu schummeln. Und damit es nicht komisch wirkte, lieber gleich zwei. Also 1,81 m. Nach kurzem Überlegen änderte er auf 1,82 m. Es würde schon keiner nachmessen.
 

Dann das Gewicht. Die 85 war nicht mehr in allzu weiter Ferne, aber eigentlich hatte er ja vor, daran was zu ändern. Und Muskeln brachten schließlich auch Gewicht auf die Waage. Also 79 kg. Weiter im Text.

 

Haarfarbe braun, Augenfarbe auch. Bart … mhm. Drei-Tage-Bart mit der Tendenz zur Fünf-Tage-Länge am Kinn. Dafür an den Seiten rasiert. Aber das konnte man ja nicht hinschreiben. Also vielleicht … „ja, aber kurz“? Das passte bestimmt.

 

Ich setz ja noch ein Foto rein, da sieht man das ja.

 

Na schön, dann weiter. Keine Piercings, keine Tattoos – jetzt nicht mehr – Sprachkenntnisse. Englisch und Deutsch konnte er wohl angeben. Beziehung?

 

Keine, sonst wäre ich ja nicht hier.

 

Alter.
 

Thilo nahm die Hände von der Tastatur und überlegte. Sollte er da jetzt auch die Wahrheit ein bisschen zurechtbiegen, oder sollte er die Tatsachen auf den Tisch packen? Immerhin würde spätestens bei einem Blick in seinen Ausweis herauskommen, dass er gelogen hatte. Das war zwar auch bei seiner Größe der Fall, aber der konnte man wenigstens mit dem richtigen Schuhwerk nachhelfen. Ein Mittel, um die Zeit zurückzudrehen, hatte aber leider noch niemand erfunden. Er war alt und daran ließ sich nicht rütteln.
 

Thilo schnaufte und tippte dann zuerst eine 3 und dann eine 0 ein. Anschließend betätigte er die Entertaste. Es passierte … nichts. Nicht, dass Thilo wirklich erwartet hatte, dass der Bildschirm plötzlich in Flammen aufging und eine unangenehme Stimme aus der Hölle ihm hohnlachend verkündete, dass er sich die Anmeldung hier mal schön in die Haare schmieren konnte, aber dass der Cursor einfach im nächsten Eingabefeld landete, war nun doch etwas unspektakulär. Immerhin hatte Thilo gerade das Gefühl, sich regelrecht geoutet zu haben. Da wäre ein „Wir bieten Ihnen aufgrund Ihrer Eingabe den vergünstigten Senioren-Tarif an“ doch irgendwie das Mindeste gewesen. Aber nein, stattdessen sollte er seine Position beim Sex eingeben. Noch so etwas, wo Thilo zögerte. „Nur aktiv“ tippte er schließlich und sprang dann einfach zum nächsten Punkt.
 

„Oh man, echt jetzt?“

 

Thilo nahm einen Schluck von seinem Kaffee und ging die Liste durch. Nein, kein bareback, kein Natursekt oder anderer Ekelkram, kein Fisting, kein SM. Leder beim anderen war okay und vielleicht würde er auch beim Augenverbinden und ab und an mal ein paar Fesselspielchen nicht nein sagen, aber er hatte weder vor, sich zu einem wehrlosen Paket verschnüren zu lassen, noch mit Gasmaske und Hundeohren unterwegs zu sein. Andersrum dito. Zum Schluss noch die Angabe, dass er nicht beschnitten war. Fertig.

 

Das war’s jetzt? Mehr wollen die nicht wissen?

 

Thilo scrollte ein bisschen und sah, dass er optional noch seine Interessen angeben konnte. Es war aber kein Muss. Trotzdem überlegte er.

 

Lieblingsessen? Italienisch. Pizza ging schließlich immer. Ausgehen? Ja bitte. Musikgeschmack. Thilo wackelte mit der Nase und griff wieder zur Tasse. Eigentlich hörte er ja nicht viel Musik. Halt das, was so im Radio kam. Solange es kein Death Metal war, hatte er eigentlich keine Vorlieben. Mit entsprechendem Pegel ging er auch zu Schlagern ab oder gab sich mal ein klassisches Konzert oder ein Musical. Im Grunde war er da ziemlich offen.
 

„Querbeet“, lautete schließlich seine Angabe. Als Beruf „selbstständig“, Religionszugehörigkeit keine, obwohl er irgendwann mal getauft und konfirmiert worden war, weil man das halt so machte. Außerdem trug er beim Sport „Fitness“ ein. Immerhin hatte er ja vor, demnächst wirklich mal ins Studio zu gehen, und die Absicht zählte doch bestimmt auch.
 

So, fertig. Blieb nur noch das Problem mit dem Bild. Thilo griff nach seinem Handy und scrollte. Nein, nein, nein. Okay, das waren dann die drei Bilder, die er von sich besaß. Wer machte auch Fotos von sich selbst mit dem eigenen Handy? Er hätte natürlich Tabby nochmal anmorsen können, aber wenn sie irgendwie Wind davon bekam, wofür er das Bild brauchte, würde er keine ruhige Minute mehr haben. Also doch ein Selfie? Thilo sah an sich herab.

 

Nach der Dusche hatte er sich für Jogginghosen und ein ausgeleiertes Shirt mit leicht angestoßenem Kragen entschieden. Auch wenn er sonst im Anzug unterwegs war, mochte er es doch eigentlich lieber bequem. Nicht, dass er so an die Tür oder gar davor gegangen wäre, aber wenn ihn keiner sah …

 

Vielleicht sollte ich mir was anderes anziehen.

 

Ein Hemd war wohl das Mindeste. Der Rest musste ja nicht mit aufs Foto. Und stylen würde er sich auch müssen. Der letzte Friseurbesuch war schon etwas her und die Haare fielen ihm, wenn er nichts dagegen tat, schon recht deutlich in die Stirn. Aber ein bisschen Wachs würde das mit Sicherheit richten. Nicht zu streng, aber so ein bisschen Partyfrisur. Er wollte ja cool rüberkommen. Lässig aber auch weltgewandt. Boyfriend material, vielleicht sogar mehr. Der Gedanke ließ Thilo aufspringen. Er musste das hinkriegen. Unbedingt. Jetzt gleich.

 

Eine halbe Stunde später wischte er fluchend ein Bild nach dem anderen zur Seite. Er sah auf allen blöd aus, hatte Augenringe, Falten, käsige Haut und war ungefähr so attraktiv wie ein Sack Mehl. Mit Würmern.

 

„Scheiße.“

 

Mit einem Fluchen ging er sich nochmal ein anderes Hemd holen. Ein dunkles dieses Mal. Damit wurde seine Haut zwar nicht gebräunter, wirkte aber weniger ungesund. Dazu die Haare nochmal durchgesträhnt, den Kopf leicht zur Seite, und Klick.

 

Dieses Mal gefiel Thilo das Bild. Zwar lächelte er nicht, aber er hatte ja auch nicht vor, sich vollkommen zu verstellen. Tabea behauptete ja schließlich ständig, dass er zum Lachen in den Keller ging. Also passte das wohl.

 

„Und senden.“

 

Thilo klickte auf den Abschicken- Knopf am Ende der Eingabeliste. Es dauerte einige Sekunden, dann erschien eine Fehlermeldung.
 

„Du musst noch einen Usernamen angeben.“

 

Oh Scheiße. Einen Namen? Öhm. Wie sollte er sich nennen? Ganz sicher würde er nicht seinen richtigen Namen verwenden. Was, wenn ihn jemand mit seiner Firma in Verbindung brachte? Es sollte aber auch nicht zu abgedroschen klingen oder aus tausend Nummern oder Zahlen bestehen, die sich kein Schwein merken konnte. Und so was wie „Sugardaddy4U“ oder „JustFunXXL“ fielen definitiv auch aus. Ein bisschen was mit ihm zu tun haben, sollte es ja schon. Er gab einen kleinen frustrierten Laut von sich, bevor er tippte.
 

„Tassilo.“

 

So hatte Tabby ihn früher immer genannt. „Die Schöne und das Biest“ war ihr absoluter Lieblingsfilm gewesen und irgendwie hatte sie beschlossen, dass der kleine Tassenjunge zu ihm passte. Später hatte sie behauptet, das läge an dem Sprung, den er in der Schüssel hätte, aber Thilo war sich sicher, dass das ursprünglich nicht Teil des Plans gewesen war.
 

„Dieser Name ist bereits vergeben.“

 

Ach ja prima. War ja klar.

 

„Möchtest du stattdessen 'Tassilo179' verwenden?“

 

Thilo schnaufte und schnaufte noch einmal und klickte auf „Annehmen“. Was Besseres würde ihm eh nicht einfallen und so hatte er seine richtige Größe wenigstens noch irgendwo untergebracht.
 

„Herzlichen Glückwunsch, dein Profil wurde erstellt.“

 

Thilo wollte sich gerade entspannt zurücklehnen und die Früchte seiner Arbeit genießen, als es am Bildschirmrand zu blinken begann.

 

„Du hast eine neue Nachricht.“

 

Neugierig klickte Thilo auf das entsprechende Icon. Im nächsten Moment prangte ein Schwanz auf seinem Bildschirm. Riesig, geädert und laut Bildunterschrift bereit, von ihm gelutscht zu werden. Schnell schloss Thilo die Nachricht und hatte bereits zwei weitere im Posteingang. Wie ihm die Vorschau verriet, alle mit Bildanhang. Frustriert klappte Thilo den Laptop zu.

 

 

 

Ich bin 29, sportlich, Single, ausdauernd im Bett, devot, liebe Tiere und Pflanzen …“

 

Thilo schloss das Profil und auch gleich noch die ganze App. Nach seinen ersten Erfahrungen gestern, hatte er beschlossen, sich einfach selbst auf die Suche zu machen, statt sich nur mit Dickpics bombardieren zu lassen. Nicht, dass die weniger geworden wären – sein aktueller Zählerstand belief sich auf 28 – aber er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es da draußen vielleicht doch noch ein paar normale Leute gab. Also nicht so normal, wie „Rudolph457“, dessen Profil Thilo schon beim Durchlesen zum Gähnen gebracht hatte. Es hatte ihn damit schmerzlich an sein eigenes erinnert, weswegen er und Rudi sich vielleicht sogar prima verstanden hätten. Allerdings stand der auf Füße und auch wenn Thilo nichts gegen Kinks hatte, erregte ihn die Aussicht, dass jemand genüsslich an seinen Zehen lutschte oder von ihm verlangte, dass er seine Socken zwei Tage lang anzog, um genüsslich daran zu riechen oder sich darauf einen runterzuholen, so gar nicht. Also weg mit Rudi und her mit den Fotos, die Tabby ihm geschickt hatte. Thilo konnte schon gar nicht mehr zählen, wie oft er diesen einen schrägen Schnappschuss mit dem allenfalls Viertelprofil wohl schon aufgerufen hatte, um sich minutenlang darin zu vertiefen, nur um ihn dann frustriert wieder zu schließen. Es brachte ja doch nichts. Der schöne Unbekannte war weg und Thilo würde ihn in diesem Leben wohl nicht mehr wiedersehen.

 

Seufzend wollte Thilo das Handy gerade in seiner Schreibtisch-Schublade verschwinden lassen – immerhin war er bei der Arbeit und hatte somit eigentlich anderes zu tun, als sich mit seinem Datingleben zu beschäftigen – als draußen Stimmen laut wurden. Es klopfte und schon im nächsten Moment wurde die Tür geöffnet. Thilo konnte gerade noch die Hand aus der Schublade ziehen.

 

„Und hier ist das Büro von Herrn Marquardt.“

 

Beate betrat den Raum, der mit seinen 15 Quadratmetern, den zweieinhalb Fenstern und der Aussicht auf die Backsteinfassaden der umliegenden Häusern und die spiegelnden Wasserflächen der nahen Fleete der kühlste und ruhigste Ort des ganzen Büros war. Er lag zudem ganz am Ende des Flurs, was normalerweise hieß, dass sich nicht allzu oft jemand hierher verirrte. Beate musste also mit Absicht hergekommen sein. Der Grund dafür folgte ihm auf dem Fuße. Thilo stockte der Atem.

 

Oh Kacke!

 

Ihm gegenüber an der Seite seines ältesten Teammitglieds und der guten Seele des Büros stand niemand anderes als der schöne Fremde, den Thilo gerade eben noch in verpixelter Form auf einem viel zu kleinen Display angeschmachtet hatte. Wie schon beim letzten Mal trug er braune Chinos und dazu passende Schnürschuhe. Sein Oberkörper steckte in einem weißen Hemd, bei dem er im Gegensatz zu Thilo die zwei obersten Knöpfe offen gelassen hatte. Darunter ein weißes T-Shirt. Er sah absolut anbetungswürdig aus und dabei nicht in geringster Weise oberflächlich. Eher wie jemand, mit dem man reden konnte. Oder, der einen auch noch dann anlächelte, wenn er gerade entdeckt hatte, dass man ihn auf geradezu unverschämte Weise anstarrte.

 

Scheiße!

 

„Karim, das ist Herr Marquardt.“

 

Thilo zwang sich aufzustehen und hinter dem Schreibtisch hervorzutreten, obwohl seine Knie ernsthaft drohten, zu Wackelpudding zu zerfließen. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Durfte es nicht!

 

„Karim also.“

 

Oh, na prima, jetzt plapperteer auch noch vollkommen schwachsinnig nach, was Beate gerade gesagt hatte, und klang dabei wie ein grenzdebiles Schulmädchen mit Herzchenaugen. Fehlte nur noch, dass er begeistert aufseufzte. Oder in Ohnmacht fiel. Das würde nicht passieren!

 

Thilo riss sich zusammen.
 

„Hallo Karim“, brachte er über die Lippen und kriegte sogar ein Nicken zustande. „Ich nehme an, du bist …“
 

Er warf einen fragenden Blick in Beates Richtung.

 

„Unser neuer Praktikant. Karim Neumann. Hast du etwa vergessen, dass er heute anfängt?“

 

Vergessen? Nein, natürlich nicht. Irgendwo in seinem Hirn klopfte bestimmt die Information, dass zum nächsten Ersten jemand Neues hier anfangen würde, mit dem Fuß auf den Boden und guckte säuerlich. Zu seiner Verteidigung konnte Thilo allerdings anführen, dass er mit den Praktikanten meist nicht viel am Hut hatte. Das erledigte alles sein Team. Sie suchten die passenden Kandidaten aus, übernahmen die Vorstellungsgespräche und handelten die Verträge aus. Er setzte dann meist nur noch die Unterschrift darunter, auch wenn er sich jetzt gerade wirklich, wirklich wünschte, mehr in den Prozess eingebunden gewesen zu sein. In diesem Fall hätte er jetzt nämlich nicht wie der letzte Trottel hier rumgestanden und versucht so zu tun, als hätte er alles unter Kontrolle.

 

„Nein, natürlich nicht“, wiederholte er schlicht, was ihm gerade durch den Kopf gegangen war. „Ich hab nur wahnsinnig viel auf dem Tisch und nicht mit Besuch gerechnet.“

 

Während er das sagte, versuchte er noch einmal einen Blick auf Karim zu werfen. Hatte der ihn erkannt? Wusste er, dass Thilo der Bekloppte mit der pinken Kittelschürze und der Klobürste von letzter Woche war, der sich vor seinen wunderschönen, tiefbraunen Augen zum Vollhonk gemacht hatte? Oder hatten Thilos Outfit, die Schminke und die Perücke ausgereicht, um ihn unkenntlich zu machen?

 

Thilo gefror in der Bewegung, als ihm einfiel, dass er das blöde Ding ja abgezogen hatte. Er hatte freiwillig einen Teil seiner Tarnung aufgegeben. Warum, nur? Warum?!

 

Thilo begann zu schwitzen. Beate verzog den Mund zu einem spöttischen Schmunzeln.
 

„Jaja, wir gehen ja schon. Du siehst, Herr Marquardt ist immer ein bisschen brummelig, wenn man ihn stört.“

 

Karim lachte und Thilo guckte säuerlich. Er war überhaupt nicht brummelig. Er war lediglich etwas norddeutsch, einsam und gerade kurz vor dem Durchdrehen. Verzweifelt passte vielleicht auch. Ha, das wäre doch ein guter Username gewesen. 'Verzweifelt0815'. Absolut passend!

 

„Wenn ihr schon auf dem Weg nach draußen seid, sag Enno doch bitte, dass ich mit ihm noch den Entwurf für die Bäckerei durchgehen muss. Am Donnerstag treffe ich mich wieder mit Herrn Pölding, dann muss das fertig sein. Und sind die Zahlen für das Portfolio von Bokmann Engineering schon angekommen? Die warten schon auf das Angebot. Das Shareholding der Gebäudereinigung liegt auch noch in der Pipeline. Ich brauch da eine Liste der möglichen Teilhaber.“
 

Beates Lächeln verschwand und wurde businessmäßig.
 

„Ich schaue nach und schicke dir alles. Karim bring ich derweil zu Silas. Der kämpft noch mit Claudias Unterlagen für den Verkauf der Boutique. Karim spricht fließend Französisch, der kann ihm helfen.“

 

Französisch. Thilo selbst hatte das irgendwann in der Schule abgegeben. Die Grammatik war nicht seins gewesen und Latein hatte sein Vater eh sinnvoller gefunden.

 

Karim lächelte wieder. Er sah absolut charmant aus. Gleichzeitig ließen seine Gesichtszüge immer noch jegliches Erkennen vermissen. Sollte Thilo Glück gehabt haben? Hatte er ihn wirklich nicht erkannt?

 

„Ich freue mich wirklich sehr, dass ich hier anfangen kann. Ihre Firma ist eine der besten.“

 

Während er das sagte, streckte Karim doch glatt die Hand in Thilos Richtung. Automatisch erwiderte Thilo die Geste und sie berührten sich. Thilo war, als hätte er einen Stromstoß bekommen. Gleichzeitig wollte er nie wieder loslassen. Karims Hand war so fest. Und warm. Und weich. Lediglich am Daumen konnte er eine kleine Schwiele fühlen. Woher die wohl kam?

 

„Wir bemühen uns“, antwortete Thilo, während er in Karims Blick versank und vollkommen vergaß, wo er sich eigentlich befand. „Das Wichtigste ist, dass uns unsere Kunden vertrauen. Immerhin geht es hier nicht nur um irgendwelche Jobs. Es geht um Existenzen. Um Lebensträume. Das ist es, was unsere Kunden uns anvertrauen, und wir bei Marquardt Consulting gehen damit um, als wären es unsere eigenen.“

 

Thilo klappte den Mund wieder zu und schlug sich innerlich die Hand vor die Stirn. Hatte er da gerade wirklich den Inhalt seiner Firmenbroschüre heruntergebetet? Warum das denn? Hoffte er etwa, das würde Karim beeindrucken? Der lächelte schon wieder.
 

„Das finde ich super.“

 

Ich auch, dachte Thilo und meinte damit nicht sein Geplapper, sondern die Tatsache, dass Karim immer noch seine Hand hielt. Und er seine. Zu Hilf?!

 

„Na ja, dann …“
 

Thilo zog seine Hand zurück und hoffte inständig, dass der andere nicht bemerkt hatte, wie unanständig lange sie sich angefasst hatten. Obwohl es ja nur ein Händedruck gewesen war. Ein absolut schöner Händedruck.
 

„Wir, äh … sehen uns. Ich … Arbeit.“
 

Thilo riss seinen Blick los und fokussierte kurz Beate, nickte ihr zu, und flüchtete dann zurück hinter seinen Schreibtisch, wo er sehr geschäftig tat. Aus den Augenwinkeln verfolgte er, wie Beate Karim hinausbegleitete. Sie sprachen miteinander und schienen sich dabei prächtig zu verstehen. Beate erzählte ihm, dass sie alle ganz gespannt die Ankunft von Claudias Baby erwarteten und Karim erwiderte, dass er selbst ebenfalls Geschwister hatte. Alles in allem schien Karim ein aufgeschlossener, junger Mann zu sein. Jemand, der gut ins Team passte. Das einzige Problem daran war, dass Thilo ihn am liebsten für sich selbst gehabt hätte. Jetzt, hier, auf dem Schreibtisch zum Beispiel. Aber natürlich lag das außerhalb sämtlicher Möglichkeiten und das nicht nur, weil es das altehrwürdige Möbelstück vollkommen entweiht hätte. Er war Karims Chef, das bedeutete, dass jegliche Aussicht auf ein unverbindliches Treffen oder gar ein Date sich gerade in sprichwörtliche Luft aufgelöst hatte. Er musste eine professionelle Distanz wahren, schon allein, weil er keine Klage wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz riskieren wollte. Karim war tabu, daran war nicht zu rütteln.

 

Thilo seufzte und griff nach seiner Maus. Sein Bildschirm malte sowieso schon viel zu lange bunte Kringel ins unergründliche Schwarz. Es wurde Zeit, das zu beenden. Thilo gab das Passwort ein und rief im gleichen Atemzug das Emailprogramm auf. Arbeit würde ihn ablenken. Ja, das würde sie.
 

Während er eine geschäftliche Nachricht öffnete und anfing, den Inhalt irgendwie in sein matschiges Hirn zu kriegen, fiel sein Blick plötzlich auf die Datumsanzeige. Heute war der erste April. Was für ein schlechter Scherz.

 

Tabouleh

Es klopfte an der Bürotür und schon im nächsten Moment steckte Beate ihren Kopf hinein.
 

„Hey Thilo! Kommst du mit zum Mittagessen? Es ist Pasta-Day!“

 

Mittagessen? Thilos Blick wanderte wie von selbst zur Uhr am unteren Bildschirmrand. Ah ja, es war schon nach zwölf. Zeit, sich mit etwas Essbarem zu versorgen; allerdings würde er den Teufel tun und mit den anderen zusammen zum Mittag gehen. Denn wenn er mit dem Team ging, würden sicherlich alle mitkommen. Alle hieß, dass auch Karim dabei sein würde, und dem ging Thilo immerhin bereits seit geschlagenen drei Tagen aus dem Weg, wo er nur konnte. Nur so konnte er sicher sein, dass er seinen Prinzipien nicht untreu wurde. Ein Teil von ihm wollte nämlich immer noch gerne mit Karim verabreden. Oder durch die Laken rollen. Oder beides. Auch wenn er sich inzwischen fast sicher war, dass Karim ihn nicht erkannt hatte, wollte Thilo da nichts riskieren. Also blieb er in seinem Büro und versuchte nach Möglichkeit die äußere Welt auszublenden. Nur dass die äußere Welt ihn nicht in Ruhe ließ. Hence, die Einladung zum Mittagessen.

 

„Nee, sorry, muss noch das Angebot fertig schreiben.“

 

Musste er tatsächlich. Natürlich nicht unbedingt jetzt, aber das wusste Beate ja nicht.
 

„Der Kunde erwartet meine Antwort in spätestens einer halben Stunde.“
 

Das war gelogen, aber sicher war sicher. Nicht, dass sie noch auf die Idee kam, ihn überreden zu wollen.

 

Beates brauner Kurzhaarschnitt zuckte mit den Schultern.
 

„Okay, wie du willst. Ich stell dann das Telefon zu dir, ja? Wenn noch jemand anruft, kann Karim ja rangehen.“

 

„Ist gut“, antwortete Thilo automatisch und fing erst danach an, sich zu wundern. Karim? Wieso sollte Karim ans Telefon gehen? Nicht, dass er dazu nicht mit Sicherheit ganz wunderbar in der Lage gewesen wäre, denn der junge Mann hatte neben einem anbetungswürdigen Aussehen auch noch eine sehr angenehme und beruhigende Stimme, wie Thilo bei einem leider nicht ganz so vermeidbaren Zusammentreffen in Silas’ Büro hatte feststellen dürfen. Aber um ans Telefon gehen zu können, würde Karim sich hier im Büro befinden müssen. Zusammen mit Thilo. Während die anderen beim Mittagessen waren. Äh … Hilfe?
 

„Wie sind dann mal weg“, rief Beate gut gelaunt und schloss die Tür wieder hinter sich. Thilo starrte auf dunkelbraunen Nussbaum und kam immer noch nicht auf ihre Ansage klar. Hieß das etwa, dass jetzt wirklich alle das sinkende Schiff verließen und ihn hier mit Karim allein ließen? Ihr Ernst?

 

Scheiße!
 

Das war nun wirklich nicht das, was ihm vorschwebte. Auch sein Arzt hätte ihm sicher abgeraten. Die Vorstellung war nicht gut für seinen Blutdruck. So gar nicht.

 

Vielleicht hab ich mich ja geirrt.

 

Eigentlich konnte es gar nicht anders sein. Denn warum um alles in der Welt sollte Karim hier bleiben, wenn die anderen zum Essen gingen? Das war nicht logisch und somit sicher nur ein Versehen. Eine sprachliche Ungenauigkeit von Beate, die keinen, aber auch gar keinen Anlass dafür gab, dass Thilo jetzt heiße und kalte Schauer den Rücken hoch und runter liefen. Nein wirklich nicht.

 

 

Eine Viertelstunde später saß Thilo immer noch wie paralysiert an seinem Schreibtisch. Der Bildschirmschoner war wieder einmal angesprungen und der Lüfter pustete lauwarmen Laptopatem in die Luft. Dazwischen grummelte etwas. Es war Thilos Magen, der jetzt, da ihm Nahrung in Aussicht gestellt worden war, offenbar beschlossen hatte, mit Nachdruck Kohldampf anzumelden. So ein Mist.

 

Ich gehe jetzt einfach da raus.

 

Leichter gesagt als getan, denn was, wenn Karim wirklich irgendwo im Büro saß? Das hieß erstens, dass Thilo sich nicht einfach klammheimlich verdrücken konnte. Er hatte immer noch das Telefon und konnte ja schließlich schlecht den Praktikanten mit allem allein lassen. Es hieß jedoch auch, dass Thilo Gefahr lief, Karim zu begegnen, wenn er sich, wie öfter schon mal, in die Teeküche stahl und die dort gebunkerten Keksvorräte plünderte. Nichts zu essen war allerdings auch keine Option, wenn er die stetig lauter werdenden Geräusche seiner Körpermitte in die Kalkulation miteinbezog. Was also tun?

 

Sei nicht so ein Feigling.

 

Sich schnell ein paar Kekse holen würde schon nicht so lange dauern und außerdem war das hier immer noch seine Firma. Wie sah das denn aus, wenn er sich hier andauernd nur in seinem Büro verschanzte? Also los, nichts wie ran an den Speck. Äh … die Kekse!

 

Mit neu gefasstem Mut erhob Thilo sich, straffte die Schultern und marschierte dann dem französischen Volk beim Sturm auf die Bastille gleich zur Tür. Ein fester Griff und er stand im Flur. Nichts war zu hören. Sonnenlicht flutete den Gang mit den vielen Türen. Eine davon, im Grunde nicht mehr als eine einfache Öffnung ohne Verschlussmöglichkeit, war die zur Teeküche. Dort gab es neben einem großen, amerikanischen Kühlschrank und einer eingebauten Küchenzeile auch noch einen kleinen Tisch, der gerade groß genug für zwei bis drei Personen war. Wenn sie mit der gesamten Belegschaft aßen, ein Geburtstag anstand oder einfach nur etwas zu besprechen war, taten sie das natürlich im Konferenzraum am Ende des Flurs. Die Küche hätte niemals genug Platz geboten, um sie alle aufzunehmen. Sie bot allerdings, wie Thilo mit Erschrecken feststellen musste, genug Raum um einen Praktikanten darin unterzubringen. Einen Praktikanten und sein Mittagessen.

 

„Oh, hallo!“

 

Karim hatte den Kopf gehoben und strahlte Thilo geradezu an. Vor ihm auf dem Tisch stand eine Schüssel mit einem rot-grün-weißen Mischmasch. Thilos Magen knurrte.

 

„Äh, ja. Hi.“
 

Thilos Herz klopfte ihm bis zum Hals und er wäre am liebsten wieder rückwärts aus dem Raum gestolpert. Nicht nur, dass er hier gerade wie gegen eine Wand gelaufen herumstand, nein, jetzt gab sein Körper auch noch so unanständige Geräusche von sich. Geräusche, die so laut waren, dass Karim sie hörte. Er lächelte.

 

„Hunger?“

 

Thilo nickte. Er wusste, dass er eigentlich eine ordentliche Antwort hätte geben müssen, aber seine Stimmbänder hatten anscheinend beschlossen, spontan Urlaub zu nehmen. In Waikiki. Wieder glitt sein Blick zu der Tupperschüssel. Der Inhalt sah ziemlich köstlich aus. Und er roch gut. Irgendwie frisch und würzig. Thilo lief das Wasser im Munde zusammen. Er schluckte.
 

„Was ist das?“, brachte er sich irgendwie dazu zu fragen. Da panisch zurück in sein Büro rennen ja nun irgendwie ausfiel, musste er wohl oder übel die Flucht nach vorn antreten. Und Essen war moralisch neutral, oder nicht?

 

Karims Lächeln wurde noch ein wenig breiter.
 

„Das ist Tabouleh. Hat meine Mutter gemacht. Ich hab ihr gesagt, dass sie mir nichts mitzugeben braucht, aber sie hat darauf bestanden.“
 

Thilo nickte leicht.
 

„Ah ja. Tabouleh.“

 

Nie gehört, aber das würde er jetzt nicht zugeben. Karim hingegen schien zu wittern, dass Thilo keinen Schimmer hatte. Er lächelte wieder.
 

„Ist eine Art Salat mit Couscous, Tomaten, Gurken und Minze. Nach einem Rezept meiner Oma. Richtig schnell zubereitet und superlecker. Leider macht Maman immer viel zu viel. Sie hat wahrscheinlich Angst, ich verhungere, wenn sie mich nicht bis oben hin mit gutem, marokkanischem Essen vollstopft.“

 

Helles Lachen erfüllte den Raum und auch Thilo lächelte automatisch. Dass Thilos Mutter diejenige war, von der Karims südländischer Einschlag kam, hatte er sich schon anhand ihres Geburtsnamens gedacht. Denn natürlich hatte Thilo heimlich seine Akte gelesen. Wenn jemand gefragt hätte, hätte er natürlich gesagt, dass er das nur getan hatte, um seine Referenzen zu prüfen. Karim hatte Sozialwissenschaften studierte, plante dieses Jahr seinen Bachelor zu machen und vor dem Übergang zum Master noch Praxiserfahrung sammeln wollte, um sich für eine Fachrichtung zu entscheiden. All das war Thilo ziemlich bekannt vorgekommen, nur dass es bei ihm ganz anders gewesen war. Er war nicht bis zum Master gekommen.
 

„Das ist prima“, gab Thilo von sich und hätte sich im nächsten Moment am liebsten geohrfeigt. Die Aussage ergab überhaupt keinen Sinn. Karim musste denken, dass er nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte. Dabei war es lediglich so, dass sein Mund offenbar beschlossen hatte, ein Eigenleben zu führen. Thilo riss sich zusammen und wandte sich abrupt dem Kühlschrank zu.
 

„Ich, äh … werde dann auch mal Mittagessen. Bei mir im Büro natürlich.“

 

Während er das sagte, öffnete er den Kühlschrank. Darin standen jede Menge Joghurts, Pflanzen- und echte Milch, Butter, Käse und etwas, das Thilo beim näheren Hinsehen als Pellkartoffeln mit Quark identifizierte. Offenbar hatte irgendjemand beschlossen, doch lieber Nudeln zum Mittag zu wollen und die ollen Knollen hier zurückgelassen. Was es in dem Kühlschrank dummerweise nicht gab, war etwas, das Thilo gehörte. Nichtsdestotrotz griff er nach der Milchpackung und holte sie mit grimmiger Entschlossenheit hervor.
 

„Willst du auch einen Kaffee?“
 

Wieder hätte Thilo sich am liebsten die Kühlschranktür gegen den Kopf geschlagen. Nicht nur, dass er absoluten Nullsinn von sich gab, jetzt hatte er sich auch noch einen längeren Aufenthalt in der kleinen Küche eingebrockt als absolut notwendig. Der Vollautomat, den er sich und den anderen zur Eröffnung gegönnt hatte, machte nämlich echt guten Kaffee, aber es dauerte gefühlte 35 Jahre, bis eine Tasse fertig war. Nicht zu reden von einer zweiten. Mit Milch!
 

„Danke, aber ich hab Tee.“

 

Karim hob eine eigentlich gut sichtbare Trinkflasche hoch und wedelte damit. Sie hatte einen türkisgrünen Farbverlauf, der am unteren Ende in ein dunkles Violett überging. Thilo war schleierhaft, wie er das Ding hatte übersehen können.
 

„Ach so, ja, dann … nicht“, stotterte er und machte sich daran, dem schon etwas in die Jahre gekommenen Küchengerät auf die Pelle zu rücken.
 

„Und, fühlst du dich wohl?“

 

Ein bisschen Smalltalk würde er ja wohl machen dürfen. Besonders, wenn er mit dem Rücken zu Karim stand und so tat, als würde die Anfertigung einer Tasse Kaffee seine volle Aufmerksamkeit erfordern. In Wahrheit wollte er nur vermeiden, dass er Karim allzu offensichtlich musterte. Der trug heute helle Jeans und einen camelfarbenen Pullover mit V-Ausschnitt. Darunter ein weißes T-Shirt.

 

Wie viele er davon wohl hat?

 

Die Frage war natürlich total unprofessionell und würde trotz seines jetzigen Zustandes nie über seine Lippen kommen. Dennoch konnte Thilo nicht leugnen, dass er sich gerne noch ein wenig mit Karim unterhalten hätte. Ganz und gar professionell selbstverständlich.

 

„Ja, es ist toll. Ich kämpfe nur noch ein bisschen mit der Software. Computer sind nicht so mein Ding.“

 

Meins auch nicht, wollte Thilo sagen, aber er biss sich gerade noch rechtzeitig auf die Zunge. So was konnte man sagen, wenn man den anderen nicht in Verlegenheit bringen wollte, weil man vorhatte, sich später von ihm noch den Schwanz lutschen zu lassen. Als Chef durfte er so was definitiv nicht zugeben.

 

„Ach, das lernt man mit der Zeit.“

 

Das war okay. So etwas konnte er sagen. Musste er eigentlich sogar, immerhin wollte er seine Mitarbeiter ja motivieren und nicht dafür sorgen, dass sie sich wie Vollpfosten vorkamen.

 

Der Kaffee war fertig und Thilo drückte auf den Knopf, der den Vollautomaten abschaltete. Danach zögerte er. Eigentlich hätte er jetzt gehen müssen, denn je länger er sich in Karims Gegenwart aufhielt, desto wahrscheinlicher wurde es, dass er etwas Dummes tat oder sagte. Andererseits wollte er Karim nicht das Gefühl geben, etwas falsch gemacht zu haben. Der konnte ja schließlich nichts dafür, dass Thilos Hormone in seiner Gegenwart so durchdrehten. Mit einem tiefen Atemzug drehte Thilo sich herum. Karim saß immer noch da und sah ihn an. Seine braunen Augen musterten Thilo wach und interessiert. Thilo entglitt ein Lächeln.

 

„Du, ähm … du hast in deiner Bewerbung geschrieben, dass dein Vater ein eigenes Geschäft hatte, es aber aufgeben musste, weil er keinen Nachfolger gefunden hat. Ist das richtig?“

 

Karims Lächeln wurde ein bisschen weniger hell.
 

„Ja, das stimmt“, bestätigte er. „Er hatte gesundheitliche Probleme. Ich war damals noch in der Schule und hab natürlich geholfen, wo ich nur konnte, aber am Ende hat es nicht gereicht. Das war ziemlich hart für ihn und ich hätte mir damals gewünscht, dass er … dass er sich an jemanden hätte wenden können, der ihm dabei hilft, den Laden zu retten. Es war ein kleines Lebensmittelgeschäft. Viele Kunden aus der Umgebung kauften ein, aber nachdem er die Öffnungszeiten beschränken musste, hat der Umsatz nicht mehr ausgereicht. Jetzt ist der Laden zu und ich sehe jedes Mal, wie mein Vater guckt, wenn wir an den leeren Räumen vorbeikommen. Ich glaube, wenn jemand den Laden übernommen hätte, wäre es … nicht so schwer für ihn.“

 

Thilo schluckte. Natürlich hatte er sich so etwas schon gedacht – er kannte die Branche schließlich in und auswendig – aber dass Karim ihm einfach so seine Geschichte erzählte, intime Familiendetails, die die Distanz zwischen ihnen mit einem Schlag auf ein absolutes Minimum reduzierten, nahm ihm förmlich den Atem. Er fühlte sich wie eine Motte, die auf eine Kerzenflamme zuflog. Er wollte es, er brauchte es, und gleichzeitig konnte er es auf gar keinen Fall haben. Er musste Abstand halten. Abstand!

 

„Das tut mir leid.“

 

Immerhin so viel konnte er Karim geben. Daran war nichts verkehrt.

 

„Ich nehme an, dass dein Interesse an unserer Firma daher rührt?“

 

Karim nickte.

 

„Ja. Hätte mein Vater damals Beratung gehabt, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen. Natürlich muss man sich die erst mal leisten können.“

 

Autsch. Der Seitenhieb hatte gesessen, denn ja, Thilo bot seine Dienste natürlich nicht kostenlos an. Er war kein Wohltätigkeitsverein. Er beschäftigte Mitarbeiter, hatte Ausgaben, Steuern und einen gewissen Lebensstil, den er unterhielt. Das alles verbrauchte Geld. Viel Geld, um genau zu sein. Geld, das andere nicht hatten. Plötzlich fühlte sich Thilo schlecht deswegen. So als hätte er etwas falsch gemacht.

 

„Möchtest du mich mal begleiten?“

 

Die Frage war vollkommen aus dem Nichts gekommen und doch … Thilo wollte, dass Karim sah, was er tat. Dass es ihm nicht nur ums Geld ging, sondern auch um die Menschen, für die er arbeitete. Er war kein Monster.

 

Karim blinzelte und sein Lächeln verschwand.

 

„Ich?“
 

Thilo nickte schnell. Sein Herz schlug gegen seine Rippen.
 

„Ja, warum nicht? Immerhin ist die Beratung der wichtigste Teil unserer Arbeit. Herauszufinden, was der Kunde braucht ist manchmal der schwierigste Teil überhaupt. Die Daten und Zahlen findet man dann schnell. Finanzverhandlungen kann jede Bank führen. Aber zu erkennen, mit welcher Lösung der Kunde zufrieden und mit einem guten Gefühl aus der Transaktion hervorgeht, das ist das eigentliche Herzstück unseres Berufs.“

 

Erregt und fast schon ein wenig außer Atem klappte Thilo den Mund wieder zu. Er wusste, dass er gerade ziemlich weit gegangen war. Aber es war ihm wichtig, das Karim verstand, worum es hier ging. Dass Thilo nicht …

 

„Gern.“

 

Karims Mundwinkel hoben sich erneut zu einem Lächeln und das Funkeln, das seine Augen für einen Moment verlassen hatte, kehrte zurück. Thilos Herz machte einen dreifachen Salto.

 

„Gut“, rief er und hatte Mühe, seine Mundwinkel dabei nicht allzu weit zu heben. „Dann …. kommst du heute Nachmittag mit zu meinem Termin. Die Anfangsberatung bei Herrn Pölding hat zwar schon stattgefunden, aber wenn du mich begleitest, wirst du sehen, was wir hier eigentlich machen.“
 

Was ich mache, dachte Thilo, aber das wagte er nicht auszusprechen. Es wäre zu viel gewesen. Zu viel des Guten.

 

Thilo griff nach seiner Tasse.

 

„Na dann … geh ich jetzt mal.“
 

Er war ohnehin schon viel zu lange geblieben. Der Kaffee war bereits nur noch lauwarm.
 

„Okay.“

 

Immer noch lächelte Karim und für einen Moment bildete Thilo sich ein, ein kleines bisschen mehr in seinem Blick zu sehen als nur professionelles Interesse an einem Business-Ausflug mit seinem Chef.

 

Was für ein Unsinn, schimpfte er mit sich selbst und zwang sich, seinen Körper endlich in Richtung Tür zu bewegen. Immer schön einen Fuß vor den anderen. Na ging doch.
 

„Bis heute Nachmittag“, rief Karim ihm noch nach und Thilo hätte beinahe aufgeseufzt. Erst, als er wieder in seinem Büro war, fiel ihm auf, dass er die Milch vergessen hatte. Und die Kekse. Aber irgendwie hatte er jetzt auch gar keinen Hunger mehr.

Business as usual

Der Geruch von warmem Brot und knusprigen Brötchen erfüllte die Luft. Wohin das Auge reichte, konnte man Backwaren in den verschiedensten Formen, Größen und Farben liegen sehen. Dazwischen Stimmengewirr und das verheißungsvolle Fauchen der Kaffeemaschine. Gedämpftes Licht und angenehme Brauntöne. Es war fast wie Nachhausekommen. Nur besser.
 

„Ah, Herr Marquardt. Kommen Sie, setzen Sie sich. Ich sage Herrn Pölding Bescheid.“

 

Die junge Frau hinter dem Tresen winkte Thilo in Richtung der Tische im hinteren Teil des Ladens. Dort war es ruhiger. Geschützt vor den Kunden, die am gläsernen Tresen einkauften und dann wieder gingen, konnte man hier in Ruhe sitzen und Zeitung lesen oder sich unterhalten, während man Kuchen, Kaffee und Gebäck genoss. Thilo musste zugeben, dass diese Aussicht äußerst verlockend war. Er hatte immer noch nichts gegessen.
 

„Komm, dort hinten wird was frei.“

 

Thilo delegierte Karim, der ihm in die Bäckerei gefolgt war, an einen der Tische, an dem gerade noch zwei Frauen mit diversen Einkaufstaschen gesessen hatten. Es gab einen kurzen Stau, als sie versuchten, in dem engen Gang aneinander vorbeizukommen, doch dann konnten er und Karim endlich Platz nehmen. Kaum hatten sie das getan, stellte Thilo fest, dass die Sitzordnung vielleicht nicht ideal war. Karim hatte zwar den Stuhl ihm gegenüber frei gelassen, aber wenn Herr Pölding zu ihnen stieß, würde er neben Karim sitzen müssen. Oder neben Thilo. Der wollte Karim daher gerade dazu auffordern, an seine Seite zu wechseln, als er schon den weißen Haarschopf des Bäckereibesitzers auf sich zusegeln sah. Keine zwei Sekunden später stand der gestandene Handwerksmeister neben dem Tisch. Thilo sprang auf.
 

„Herr Marquardt“, rief der ältere Mann und reichte Thilo die Hand. „Ich hoffe, Sie kommen mit guten Neuigkeiten.“

 

Thilo lachte, während er den festen Händedruck erwiderte.
 

„Nun, das werden wir sehen. Aber darf ich Ihnen zunächst mal unseren Praktikanten vorstellen. Karim, dass hier ist Herr Pölding. Herr Pölding, Karim Neumann.“

 

Auch Karim erhob sich, machte jedoch keinerlei Anstalten, die Hand auszustrecken. Stattdessen lächelte er nur und nickte Herrn Pölding zu. Der schien es mit Humor zu nehmen oder gar nicht zu bemerken. Thilo hingegen fragte sich, was in Karim gefahren war. Der schien plötzlich so … nervös. Nicht, dass er auf dem Hinweg viel gesagt hätte. Eigentlich hatte er sogar ziemlich hartnäckig geschwiegen, was Thilo im ersten Moment nicht seltsam vorgekommen war und ihm Gelegenheit gegeben hatte, sich selbst eher bedeckt zu halten. Aber jetzt, da er ihn so sah, hatte er das Gefühl, irgendwas verpasst zu haben. Nur was?
 

„Na schön, dann rücken Sie mal raus mit der Sprache, aber vorher: Wollen Sie was essen? Trinken? Kaffee vielleicht? Wir haben auch Tee, wenn Sie mögen. Oder Kakao?“

 

Bei den letzten Worten hatte der Bäckermeister sich Karim zugewandt. Der wirkte immer noch ein bisschen wie ein Kaninchen, dem man gerade seine Möhren weggenommen hatte. Dann jedoch straffte er sich.
 

„Ich würde gern einen Tee nehmen. Wenn ich darf.“

 

Den letzten Satz begleitete ein kurzer Blick an Thilo. Der nickte unmerklich und richtete seine Aufmerksamkeit dann wieder auf Herrn Pölding.

 

„Ich hätte gerne einen Kaffee. Und ein Stück Kuchen. Mein Mittag war heute etwas knapp bemessen.“

 

Der Bäckermeister strahlte, die Falten in seinem Gesicht wurden tiefer.
 

„Natürlich, kommt sofort. Ich nehme an, es soll ein Franzbrötchen sein?“

 

Thilo merkte, wie ihm warm wurde. Das Plundergebäck mit dem karamellisierten Zimtfüllung war schon immer seine größte Schwäche gewesen. Nicht umsonst hatte Tom ihm oft genug Vorträge darüber gehalten, wie viel Fett und Kalorien sich in einem einzigen der süßen Teilchen befand und wie viel davon jedes Mal auf seine Hüften wanderte. Thilo konnte trotzdem nicht widerstehen.
 

„Ja, gerne“, antwortete er und versuchte, nicht in Karims Richtung zu sehen. Immerhin hatte er gerade zugegeben, dass er die Wahrheit bezüglich seines Mittagessens etwas zurecht gebogen hatte. Aber vielleicht war das ja auch gar nicht aufgefallen.
 

„Ein Tee, ein Kaffee und ein Franzbrötchen. Kommt sofort. Oder soll ich zwei machen?“
 

Wieder sah Herr Pölding zu Karim. Der schien unentschlossen. Thilo beschloss, ihm auszuhelfen.
 

„Nimm ruhig auch eins. Die Franzbrötchen hier sind Weltklasse. Die besten in Hamburg.“

 

Ein kleines, unsicheres Lächeln erschien auf Karims Gesicht. Seine braunen Augen hefteten sich an Herrn Pölding.
 

„Wenn das so ist, muss ich wohl probieren.“

 

Herr Pölding lachte wieder.
 

„So lob ich mir das. Also gut, zwei Franzbrötchen, ein Tee, ein Kaffee. Mit Milch und Zucker, richtig?“

 

Thilo bejahte und sah zu, wie Herr Pölding eine Bedienung heranwinkte, um die Bestellung weiterzugeben. Dabei fiel sein Blick auf Karim, der immer noch ein bisschen eingeschüchtert zu sein schien.
 

Darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Er wird schon klarkommen.
 

Die Bedienung kam und räumte zunächst das dreckige Geschirr der anderen Gäste ab, bevor sie eine dampfende Tasse Kaffee und einen Teller mit einem riesigen, goldglänzenden Franzbrötchen vor Thilo abstellte. Er konnte genau sehen, dass das Gebäck die perfekte Mischung aus knuspriger Leichtigkeit und saftiger Konsistenz hatte. Wie auf Kommando fing sein Magen wieder an zu knurren. Zum Glück konnte man das bei der herrschenden Geräuschkulisse nicht hören.
 

„Also dann schießen Sie mal los. Was haben Sie ausgeknobelt.“

 

Herr Pölding, der mittlerweile Thilo gegenüber Platz genommen hatte, sah ihn auffordernd an. Dabei wirkte er wie jemand, der wusste, was er wollte. Jemand, der es gewohnt war, mit den Händen zu arbeiten. Der Fakten sehen wollte. Und Taten. Butter bei die Fische.

 

Thilo goss mit Milch seine Tasse und rührte den Zucker hinein.
 

„Zunächst einmal möchte ich zusammenfassen, was wir bei unserem letzten Gespräch besprochen haben“, begann er und nahm einen Schluck Kaffee, bevor er nach seiner Tasche griff und einen Block herausholte und ihn aufschlug.

 

„Sie haben diese Bäckerei von ihrem Vater übernommen, der diese kurz nach Kriegsende eröffnet hat. Neben diesem Betrieb besitzen Sie noch zwei weitere Filialen im Uhlenhorster Weg und in der Barmbeker Straße sowie einen Verkaufsstand am Dammtor mit insgesamt 27 Angestellten. Alle Geschäfte wurden innerhalb der letzten fünf bis zehn Jahre modernisiert. Es liegt kein Investitionsstau vor und keine der Liegenschaften ist mit einer Hypothek belastet. Nachdem es unwahrscheinlich ist, dass ihre Tochter den Betrieb übernehmen wird und noch dazu letztes Jahr Nachwuchs bekommen hat, möchten Sie ein oder zwei Filialen veräußern, um die liquiden Mittel Ihrer Familie zur Verfügung zu stellen. Ist das so korrekt?“

 

Herr Pölding, der aufmerksam zugehört hatte, nickte.
 

„Ja, das ist korrekt. Ich mein, es ist schade, weil das Geschäft wirklich gut läuft. Ich will ja die Leute auch nicht auf die Straße setzen. Wir ham ein gutes Team. Aber die Zwillinge werden nicht ewig klein sein. Und sie brauchen Platz. Mein Schwiegersohn studiert zudem noch. Kann man ja nichts sagen, der wird später mal was, aber jetzt ist eben kein Geld da, um sich was eigenes aufzubauen. Außerdem haben meine Frau und ich nächstes Jahr silberne Hochzeit. Da würd ich ihr gern ihren großen Traum erfüllen. Eine Kreuzfahrt, wissen Sie. So richtig mit allem Drum und Dran. Aber ich hab kein Geld. Das steckt alles in den Läden.“

 

Jetzt war es an Thilo zu nicken. Er wusste, dass Herr Pölding mit dem Versuch, die Ladengeschäfte selbst zu veräußern, bereits einmal gescheitert war. Der Bäcker war daraufhin mit dem Wunsch, den Verkauf über seine Firma abzuwickeln, an ihn herangetreten, doch Thilo hatte sich etwas anderes ausgedacht. Etwas, von dem er überzeugt war, dass es den Wünschen seines Kunden besser gerecht wurde. Er lächelte.
 

„Sehen Sie, und das wollen wir ändern. Allerdings möchte ich Ihnen eine Möglichkeit präsentieren, mit denen Sie sowohl die Geschäfte wie auch Ihre Mitarbeiter behalten und trotzdem einen Teil Ihres Kapitals für private Zwecke sichern können. Der Vorschlag, den ich Ihnen machen möchte, ist ein Teilverkauf.“

 

Er sah, wie Herr Pölding die Stirn runzelte und auch Karim schien nicht so ganz zu wissen, worauf Thilo hinauswollte. Der zückte einen Stift und malte einen großen Kreis.

 

„Sehen Sie, sie sind jetzt alleiniger Besitzer der Bäckerei. Alles steht und fällt mit Ihnen. Sollten Sie, was wir nicht hoffen wollen, aus gesundheitlichen Gründen für längere Zeit ausfallen, würde das nicht nur Ihre sondern auch die Existenz der Bäckerei an sich bedrohen. Was ich deshalb machen möchte, ist, eine zweite Kraft ins Boot holen. Einen Teilhaber, der Ihre Firma als Kapitalanlage nutzt, während Sie der Geschäftsführer bleiben und hier weiter schalten und walten können, wie Sie es für richtig halten. Lediglich die Last würde sich auf mehrere Schultern verteilen.“

 

Herr Pölding verzog den Mund.
 

„Der Gewinn auch, nehme ich an.“

 

Thilo lachte
 

„Ja, das ist sicherlich richtig. Schließlich möchte auch der Käufer am Ende etwas bei dem Geschäft verdienen. Allerdings birgt diese Variante für sie beide Vorteile. Der mögliche Käufer geht mit seiner Investition nur ein sehr geringes Risiko ein, da er sich in ein gut situiertes Unternehmen einkauft und somit Ihre volle Expertise übernehmen kann. Sie wiederum profitieren davon, dass die Finanzierung nicht von der Zustimmung einer Bank abhängt. Wir beide wissen, dass die Finanzmärkte vorsichtig geworden sind, was die Investition in Business-Immobilien angeht. Außerdem können Sie so bereits jetzt eine eventuelle Altersübernahme in die Wege leiten. Das Problem ist nämlich, dass die meisten inhabergeführten Geschäfte sich derzeit in Händen von Leuten Ihres Jahrgangs befinden. Was das bedeutet, wenn die sich alle gleichzeitig zur Ruhe setzen, kann man sich vorstellen. Es wird ein regelrechtes Überangebot und infolgedessen einen massiven Markteinbruch geben. Viele werden weit unter Wert verkaufen oder sogar Insolvenz anmelden müssen. Dem können Sie vorbeugen, indem Sie heute schon jemanden mit dazu holen, der später für Sie die Geschäfte weiterführen kann. Gleichzeitig erhöht ein Teilhaber die Chance, die Bäckerei auch nach Ihrem Ausstieg zu erhalten, denn einen Käufer für ein finanziell abgesichertes Teil-Unternehmen zu finden, ist viel einfacher als der Komplettverkauf, womöglich noch unter Zeitdruck.“

 

An dieser Stelle machte Thilo eine Pause und griff nach seiner Kaffeetasse. Er wusste, dass er Herrn Pölding mit seiner Idee etwas überrumpelt hatte. Statt das Unternehmen zu halbieren, wie ursprünglich angenommen, wollte er es plötzlich querteilen. Das würde den Bäckermeister einen Teil seiner so geschätzten Unabhängigkeit kosten. Ihn davon zu überzeugen, dass das vorgeschlagene Vorgehen trotzdem zu seinem Vorteil war, würde nicht leicht werden. Und tatsächlich schien der Bäcker Zweifel zu haben.
 

„Aber wenn sich hier jemand einkauft“, meinte er langsam, „wird der dann nicht zusehen, dass er möglichst viel Geld rauszieht und dann wieder verkauft?“

 

Thilo deutete ein Lächeln an und dann auf sein Franzbrötchen.

 

„Was Sie anzubieten haben, Herr Pölding, ist eine langfristige Investition. Echte Handwerkskunst. Die Käufer, die ich für Sie finden werde, werden daran interessiert sein, dauerhaft mit Ihnen Geschäfte zu machen. Sie werden Kapital zu Verfügung stellen – Kapital das Sie nutzen können – und gleichzeitig darauf vertrauen, dass Sie etwas aus diesem Geld machen. Was wir suchen, ist nicht jemand, der die Kuh schlachten will, sondern Ihnen dabei helfen wird, sie weiter zu versorgen und zu füttern, um mit dem Verkauf der Milch gemeinsam Gewinne zu erwirtschaften. Dabei wird er sich auf Ihr Fachwissen verlassen. Zudem kann man sämtliche Entscheidungsgewalten vertraglich festlegen. Sie werden also Herr im eigenen Haus bleiben, teilen aber in Zukunft das Risiko. Gleichzeitig erhält ihr Teilhaber einen modernen, zukunftsträchtigen Betrieb mit gut ausgebildetem Personal und enormen Wachstumschancen, aus dem er langfristig abschöpfen kann. Sie sehen, so wird beiden Seiten geholfen, das zu erreichen, was sie wollen.“

 

Thilo sah, dass Herr Pölding die Sache durch den Kopf ging und bereits in die richtige Richtung driftete. Der Bäckermeister zog die Nase kraus.
 

„Und Sie? Was ist für Sie dabei drin?“

 

Natürlich. Die Frage nach dem Honorar. Thilo lehnte sich entspannt zurück.

 

„Zunächst einmal werden wir Ihnen nur eine kleine Aufwandsentschädigung berechnen.“

 

Herr Pölding zog die weißen Brauen zusammen.
 

„Wie viel?“

 

„Knappe 2000 Euro im Monat. Die Sie übrigens zurückfordern können, sollten Sie mit unseren Leistungen nicht zufrieden sein. Sie sehen, es besteht überhaupt kein Risiko für Sie.“

 

Der Bäcker brummte.
 

„Und das ist alles?“

 

Thilos linker Mundwinkel hob sich.
 

„Natürlich nicht. Die eigentliche Zahlung richtet sich nach der Höhe der Summe, die Sie letztendlich bekommen. Sie sehen also, ich bin durchaus daran interessiert, das Maximum für Sie herauszuholen. Je mehr Sie am Ende bekommen, desto höher ist mein Lohn, und je schneller ich jemand passenden für sie finde, desto eher komme ich an mein Geld. Sie können sich also darauf verlassen, dass ich mich anstrengen werden. Immerhin stehe ich sonst mit leeren Händen da.“

 

Herr Pölding überlegte. Und überlegte. Und überlegte.
 

„Na gut“, brummte er am Ende. „Wir machen es so. Aber Sie müssen zusehen, dass dabei mindestens 500.000 locker werden. So viel braucht meine Tochter wenigstens, um sich was Anständiges leisten zu können.“

 

Thilos rechter Mundwinkel gesellte sich zu dem ersten.
 

„Lassen Sie uns die Summe verdoppeln und dann sehen wir, wie weit wir kommen.“

 

 

 

Thilo streckte sich und atmete die frische Luft ein. Während er mit Herrn Pölding verhandelt hatte, hatte es offenbar geregnet. Jetzt waren die Steine vor seinen Füßen dunkel vor Feuchtigkeit und von den Bäumen und Markisen der Ladengeschäfte tropfte es. Neben ihm zog Karim die Schultern hoch.

 

„Ein Glück haben wir es verpasst.“
 

Während er das sagte, sah er Thilo nicht an. Die dünne, schwarze Lederjacke, die er sich übergeworfen hatte, stand ihm gut. Sie betonte seinen lässigen Look, ohne übertrieben oder billig zu wirken. Er war wirklich jemand, mit dem man sich sehen lassen konnte.

 

Nur ich nicht, dachte Thilo und seufzte im Stillen. In seiner Hand knisterte eine Tüte mit Franzbrötchen.
 

„Und jetzt?“

 

Karim hatte sich nun doch entschlossen, in Thilos Richtung zu schauen. Für einen Moment trafen ihre Blicke sich. In Thilos Magen begann es zu kribbeln.
 

„Mhm, tja keine Ahnung. Eigentlich müssten wir wohl zurück in die Firma, aber irgendwie finde ich, dass wir für heute schon genug getan haben.“

 

Er überlegte nicht, bevor er hinzufügte: „Wenn du willst, bringe ich dich nach Hause.“
 

Es war ein Angebot, das man leicht ablehnen konnte. Thilo sah, wie Karim zögerte.
 

„Ich weiß nicht. Mein Rucksack ist noch im Büro und das Tabouleh …“
 

„Ich sag Beate, dass sie es in den Kühlschrank stellen soll“, sagte Thilo schnell. „Und deine Sachen einschließen. Also, was meinst du? Soll ich dich nach Hause fahren?“

 

Thilo ahnte, dass es falsch war, was er da gerade tat. Dabei hatte er wirklich keinerlei Absichten. Es war nur … während des Termins hatte er sich voll und ganz auf seinen Kunden konzentrieren müssen. Jetzt hatte er die Gelegenheit, noch ein wenig Zeit mit Karim zu verbringen. Mehr als nur eine kurze Autofahrt um die Alster herum. Sie würden plaudern, vielleicht sogar über Geschäftliches, und dann würden sich ihre Wege trennen. Da war nichts dabei. So überhaupt gar nichts.

 

Karim sah zu Boden. Plötzlich war Thilo sich sicher, dass er den Bogen überspannt hatte. Karim hatte es bemerkt und überlegte jetzt, wie er aus der Nummer wieder rauskam, doch noch bevor Thilo dazu kam, sein Angebot zurückzunehmen, hob der junge Mann den Kopf.

 

„Okay.“

 

Während Karim das sagte, sah er Thilo direkt in die Augen. Wieder glaubte der, das Franzbrötchen in seinem Magen hüpfen zu spüren. Es tanzte geradezu Tango.
 

„Aber ich muss Sie warnen, es ist ziemlich weit.“
 

Thilo rettete sich in ein Grinsen.
 

„Na, da bin ich aber froh, dass ich einen Automatik habe. Nicht, dass mir zwischendurch noch die Füße einschlafen.“

 

Karim lachte. Es war ein dummer, absolut hirnloser Scherz gewesen, der nicht einmal Sinn ergab, aber er lachte trotzdem. In seinem Magen spürte Thilo so etwas wie Vorfreude.

 

Stop and Go

Thilo startete den Wagen und legte den Rückwärtsgang ein. Noch während er ausparkte, wählte er die Nummer vom Büro. Es klingelte.
 

„Marquardt Consulting, Weber, was kann ich für Sie tun?“

 

„Ja, hi, Beate, ich bin’s. Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich heute nicht mehr reinkomme. War noch was Wichtiges?“

 

Während er das fragte, warf er einen kurzen Blick auf Karim, der neben ihm im Beifahrersitz saß. Der Abstand zwischen ihnen war nicht groß, aber doch so merklich, dass Thilo sich unwillkürlich wünschte, damals ein kleines Modell gewählt zu haben. Es hätte sie näher zusammengebracht.
 

„Nein, nicht wirklich“, kam Beates Stimme aus der Freisprech-Einrichtung. „Allerdings solltest du mal nach deinen Emails gucken. Ich glaube, da ist irgendwas schief gelaufen.“

 

Thilo setzte den Blinker und wartete auf eine Lücke im Verkehr, um auf die Hauptstraße einzubiegen. Auf dem Navi wurde ihm die Fahrtzeit angezeigt. 32 Minuten. Nicht gerade üppig.

 

„Schief gelaufen?“, fragte er abgelenkt. Endlich ließ der Strom der Fahrzeuge kurz nach. Thilo gab Gas. „Was meinst du damit?“

 

„Ach, das siehst du dann schon“, meinte Beate leichthin. Thilo konnte trotz der blechernen Verbindung hören, dass sie grinste „Es ist nichts Geschäftliches.“
 

Die Nachricht beruhigte Thilo im gleichen Maße, wie sie ihn beunruhigte. Was sollte das denn jetzt heißen? Wieder sah er hinüber zu Karim. Der versuchte anscheinend gerade, überhaupt nicht da zu sein. Es drängte Thilo, gleich nach seinem Handy zu greifen und herauszufinden, wovon Beate sprach, aber er hielt sich zurück. Dazu hatte er auch später noch Zeit.
 

„Gut, ich kümmer mich drum.“

 

Vor ihm stockte der Verkehr. Weiter hinten verengte eine Baustelle die Fahrbahn. Normalerweise hätte Thilo wohl die Spur gewechselt, um schneller voranzukommen, aber er blieb schön, wo er war. Vor ihm schob ein Mann sein Fahrrad über die Straße. Thilo ließ ihn passieren, bevor er wieder anfuhr. Innerlich wappnete er sich für den nächsten Satz.

 

„Karim kommt übrigens auch nicht mehr. Könntest du wohl seinen Salat in den Kühlschrank stellen und seine Tasche einschließen?“

 

Leicht nervös wartete Thilo auf die Antwort. Er hatte absichtlich nichts davon erwähnt, dass Karim jetzt gerade mit ihm im Auto saß. Beate musste schließlich nicht alles wissen. Im nächsten Moment flutete ihn Erleichterung.
 

„Klar, mach ich. Hab mich schon gewundert, dass er die nicht mitgenommen hat. Also bis morgen dann.“

 

„Bis morgen“, antwortete Thilo und legte auf. Vor ihm quälte sich der Verkehr immer noch an den rot-weiß gestreiften Baken vorbei und die Fahrtzeit war bereits auf 34 Minuten gestiegen. Wenn das so weiterging, blieb ihm vielleicht doch noch genügend Zeit. Ein Hoch auf den Feierabend-Verkehr.

 

„So, das wäre geregelt“, meinte er und warf einen zuversichtlichen Gesichtsausdruck in Karims Richtung. Der wiederum lächelte ein wenig verhalten und wich Thilos Blick aus.
 

„Das ist toll“, sagte er „Sie ist wirklich nett.“

 

Wieder kam der Verkehr zum Erliegen und Thilo kam nicht umhin zu denken, dass das irgendwie auch für ihr Gespräch galt. Eigentlich hatten sie wohl nicht mal einen Gang eingelegt, ihr Hebel stand immer noch in Parkposition. Er gab sich einen Ruck.

 

„Also wie fandest du es?“, fragte er und versuchte dabei freundlich-beiläufig zu klingen. „Den Termin meine ich.“

 

Vielleicht gelang es ihm ja, Karim damit aus der Reserve zu locken. Karim lächelte wieder.

 

„Es war schon ziemlich beeindruckend“, meinte er, ohne Thilo anzusehen. „Vor allem die Summen. Ich meine, eine Million Euro. Wer hat so viel Geld?“
 

Thilo schmunzelte.
 

„Also eigentlich ja sogar 1,2 Millionen“, korrigierte er. „Wenn ich denn einen passenden Käufer finde.“

 

Für einen Moment war es still im Auto, doch als sie an die nächste Ampel kamen, ergriff Karim wieder das Wort.
 

„Wie machen Sie das eigentlich? Also, ich meine, woher nehmen Sie Ihre Käufer? Aus dem Internet?“

 

Thilo lachte.
 

„Nein, aber das wäre praktisch.“
 

Er lächelte und sah kurz zu Karim, bevor er sich wieder auf die Fahrbahn konzentrierte.
 

„Ich habe da eher persönliche Beziehungen. Investoren, Firmen und Privatleute, denen ich solche Dinge anbiete. In der Regel findet sich unter Ihnen jemand, dem ich ein Angebot vermitteln kann. Dabei kommt es vor allem darauf an, dass Käufer und Verkäufer miteinander harmonieren. Gute Geschäftsbeziehungen beruhen auf gegenseitigem Vertrauen.“

 

Karim krauste die Stirn.
 

„Aber dafür müssen Sie diese Leute ja schon ziemlich gut kennen.“

 

Thilo atmete kurz durch, bevor er antwortete.
 

„Das tue ich. Die meisten sind ehemalige Kunden oder Geschäftspartner meines Vaters. Sie waren quasi Teil des Kapitals, das er mir nach seinem Tod hinterlassen hat.“

 

Dazu eine internationale Im- und Exportfirma. Thilo hätte damals gleich anfangen können. Nicht einmal das Schild an der Bürotür hätten sie wechseln müssen. Nur war ihm dieser Schuh damals viel zu groß erschienen. Zu schwer. Zu klobig. Nicht sein Stil. Er hätte die Lücke, die sein Vater hinterlassen hatte, niemals ausfüllen können. Und auch nicht wollen. Also hatte er die Firma verkauft. Mit Verlust, wie er später herausgefunden hatte, aber es hatte gereicht, um mit seiner Hälfte des Erlöses etwas Eigenes aufzubauen. Etwas, bei dem Thilo nicht das Gefühl gehabt hatte, mit jedem Atemzug den Staub von 60 Jahren Firmenvergangenheit einzuatmen. Und doch waren Dinge geblieben. Dinge von damals.

 

Das Tennisstadium am Rothenbaum kam in Sicht. Das Navi sagte ihm, dass er dahinter abbiegen musste. Links, hinter einigen Häuserreihen, das Wohngebiet, in dem er lebte. Von hier aus ließen sich die Villen nicht mal erahnen. Jetzt gerade war er seltsam froh darum.

 

„Es tut mir leid.“

 

Karims Stimme ließ Thilo hochschrecken. Er fühlte dessen warmen Blick auf sich, traute sich aber nicht hinzusehen. Die Gefahr, sich zu verraten, war zu groß. Thilo räusperte sich.
 

„Was meinst du?“, fragte er und wollte es eigentlich gar nicht wissen.
 

„Dass Sie Ihren Vater verloren haben. Er muss Ihnen viel bedeutet haben.“
 

Thilos spürte seinen Hals eng werden.
 

„Nein, eigentlich nicht. Wir standen uns nicht sehr nahe. Er hat immer viel gearbeitet, war selten zu Hause. Wir kannten uns kaum.“
 

Die Pause, die nach dieser Offenbarung entstand, war lang. Thilo versuchte, sich ganz auf das Fahren zu konzentrieren, aber es gelang ihm nicht. Als sie die Grindelallee passierten, musste er unwillkürlich daran denken, dass sie ganz in der Nähe der Uni waren. Danach der Park und das angesagte Schanzenviertel mit seinen Bars und Boutiquen, Cafés und Treffpunkten für junge Leute. Thilo erinnerte sich, wie er damals selbst in lauen Nächten vor der Roten Flora abgehangen hatte, in der Hand ein kühles Blondes, an seiner Seite Tom. Warm und vertraut. Zufällige Berührungen, die alles andere als das waren. Sie hatten es damals geheimgehalten. Thilo hatte darauf bestanden. Er hatte immer auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, und ihn dann doch irgendwie verpasst. So wie jetzt wohl gerade auch. Mit Karim. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Er war so ein Narr.

 

Eine S-Bahn ratterte über sie hinweg. Die Unterführung über der Allee vollgeklebt mit Plakaten. Graffiti bedeckte den Rest der Wände und Säulen. Einige schön, andere nur Schmierereien. Grellbunte Tags, eindutzendfach übersprüht, bis man nicht mehr erkennen konnte, was irgendwann mal darunter gewesen war. Zu sehen bekam man nur die oberste Schicht.
 

„Wir sind bald da.“

 

Das Navi zeigte nur noch acht Minuten. Thilo hatte das Gefühl, dass die Fahrt viel zu schnell und doch nicht schnell genug vorübergegangen war. Es wurde Zeit, dass er Karim und sich aus der Lage befreite, in die er sie so ungeschickt reinmanövriert hatte. Von morgen an würde seine Bürotür wieder zubleiben und damit hatte es sich. Ende der Fahnenstange. Aus und finito.

 

Die Straße wurde wieder zweispurig. Thilo beschleunigte und wechselte auf die linke Spur. Er musste zwar laut Navi demnächst rechts ab, aber das würde er schon schaffen. Er musste.

 

„Bei uns kann man schlecht parken.“

 

Offenbar hatte auch Karim den Stimmungswechsel mitbekommen. Wahrscheinlich schob er es immer noch auf die Nachricht vom Tod seines Vaters. Aber gut, sollte er. Thilo war das ganz recht. Als wenn er nach so langer Zeit noch daran zu knabbern gehabt hätte.

 

„Dann lass ich dich nur raus.“
 

Was anderes hatte er ja sowieso nicht vorgehabt. Es machte also keinen Unterschied, ob er kurz in zweiter Reihe hielt oder sich einen regulären Parkplatz suchte. So gar keinen.

 

Wieder hielten sie auf eine Unterführung zu. Dieses Mal war sie länger. Mehrere Gleise führten darüber hinweg. Karim richtete sich in seinem Sitz auf.

 

„Da hinten links.“

 

Thilo verkniff sich den Kommentar, dass ihm das Navi das schon angezeigt hatte. Er nickte nur.

 

Im nächsten Moment tauchten sie in den Tunnel ein. Auch hier wieder Unmengen von Grafitti. Gelbe Lampen sandten trübes Licht auf die beschmutzten Wände. Weiter hinten Plakate. Einige davon kannte Thilo schon. Werbung für Konzerte. Rod Stewart, Bryan Adams, Die Fantastischen Vier. Dazwischen in rosa und grün eine Werbung für Melanie Martinez. Thilo hatte nie von ihr gehört, aber das merkwürdige Fabelwesen mit den vier Augen war ihm nicht geheuer.
 

„Es ist grün.“

 

Tatsächlich war der Wagen vor ihnen bereits weitergefahren. Prompt hupte es hinter ihm. Thilo hob entschuldigend die Hand und betätigte das Gaspedal. Sie bogen in ihre Zielstraße ein. Thilo musterte die Umgebung.
 

„Nett“, entfuhr es ihm. „Mit Blick auf den Bahnhof.“

 

Auch hier verunstaltete Graffiti die unteren Etagen der einstmals eleganten Stadthäuser. Graffiti auf den Mülltonnen, Graffiti auf den Stromkästen, Graffiti auf den Haustüren. Bei einem Gebäude hatten man offenbar versucht, den Schmierereien Herr zu werden. Hellgrau prangte seine Fassade in der sonst so heruntergekommen wirkenden Kulisse. Die Freude hatte jedoch nicht lange gewährt. Schon zierte ein rotes, zerflossenes Herz die graue Wand. Es sah merkwürdig aus; als würde es weinen.
 

„Hier ist es“, sagte Karim prompt. Auf dem Display des Navis prangte die schwarz-weiße Fahne. Thilo hielt am Straßenrand.
 

„Na dann.“

 

Eigentlich erwartete er, dass Karim sofort aus dem Auto springen würde, aber der rührte sich nicht. Stattdessen blieb er sitzen, den Blick auf seine Knie gerichtet. Thilo sah, wie er sich die Lippen befeuchtete.
 

„Ich …“, begann er und unterbrach sich gleich wieder. Seine Hand ballte sich zur Faust. „Ich muss Ihnen noch was gestehen, aber zuerst mal wollte ich sagen, dass es mir leidtut. Weil ich vorhin so durch den Wind war. Ich hab mich dem Kunden gegenüber ziemlich unhöflich benommen und das tut mir leid. Ich wollte sie nicht in Verlegenheit bringen.“

 

Während er das sagte, hatte er den Kopf gehoben. In seinem Blick eine Mischung aus Hoffnung und Herzklopfen.
 

„Vor allem aber wollte ich mich bei Ihnen bedanken. Weil Sie nichts gesagt haben. Wahrscheinlich hätte ich es nie gemerkt, wenn da nicht diese Email gewesen wäre. Ich hab echt gedacht, ich fall aus allen Wolken. Also zumindest … ja. Deswegen wollte ich mich bedanken, dass Sie mir die Sache nicht übel genommen haben. Es war wirklich keine böse Absicht.“
 

Thilo blinzelte. Und blinzelte gleich nochmal. Vordergründig, weil er keine Ahnung hatte, wovon Karim sprach.
 

„Ähm … ja. Kein Problem.“

 

Schätze ich. Wovon zur Hölle redet er? Was für eine Email?

 

Karim sah ihn immer noch an und für einen Moment bildete Thilo sich ein, dass da mehr war. Mehr von … irgendetwas. Er wusste nur nicht, von was.
 

„Dann sind Sie wirklich nicht sauer?“, hakte Karim noch einmal nach. Anscheinend wollte er sichergehen.

 

Thilo schüttelte den Kopf. „Nein, natürlich nicht. Es ist doch … nichts passiert.“

 

Die Formulierung war so vage, dass sie mit ziemlicher Sicherheit zu was auch immer es war, von dem Karim redete, passte. Und tatsächlich. Karim lächelte.
 

„Danke. Sie sind wirklich … nett.“

 

Nett ist der kleine Bruder von scheiße, tönte es prompt in Thilos Kopf, aber irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass Karim eigentlich etwas anderes hatte sagen wollen. Etwas das Thilo … besser gefallen hätte.

 

Du hast Hirngespinste.

 

Hatte er bestimmt. Sogar welche, die ihm einredeten, dass Karim auf wundersame Weise ein Stück näher gekommen war. Oder dass er, für einen ganz kurzen Augenblick, auf Thilos Lippen geschaut hatte. Was nicht stimmen konnte. So gar nicht.
 

„Na ja, ich … geh dann mal.“
 

Fast erschien es Thilo, als wäre es dieses Mal Karim, der sich von ihm losreißen musste. Was, wie er ja schon festgestellt hatte, nicht stimmen konnte. Das wäre ja vollkommen …

 

„Okay. Bis morgen.“

 

In Thilos Herz klopfte es ein ganz klein wenig mehr, als angebracht war. Schließlich war das hier kein Date und weder er noch Karim Teil einer amerikanischen Romcom. Es wurde also höchste Zeit, dass Karim endlich ausstieg. Offenbar etwas, das auch Karim auffiel. Er lachte nervös.

 

„Ja, äh, bis morgen“, sagte er seltsam entschieden und griff endlich nach der Tür. Er öffnete sie und wollte sich erheben, doch der Gurt, den er noch nicht gelöst hatte, hielt ihn zurück. Verlegen griff er nach der Schnalle.
 

„Ups, vergessen.“

 

„Sicherheit geht vor“, erwiderte Thilo und kam sich dabei nicht einmal dämlich vor. Das Einzige, was in diesem Moment zählte, waren Karims dunkle Augen, die ihn noch einmal ansahen. Wie gerne hätte er sie noch länger betrachtet. Mehrere Stunden lang. Die ganze Nacht.
 

„Okay. Ich bin dann mal weg.“

 

„Ja. Gut.“ Thilos riss sich am Riemen. Das hier war ja jetzt fast schon lächerlich. „Dann also bis morgen.“

 

Karim nickte. Und lächelte. Und kriegte es endlich hin, die Tür zu öffnen, auszusteigen und sie auch wieder hinter sich zu schließen. Mit zwei Schritten war er beim Gehweg und sah sich noch einmal um. Er winkte sogar. Thilo winkte nicht zurück. Er zwang sich dazu, es nicht zu tun.

 

Die Hände fest an das Lenkrad geklammert sah er Karim zu, wie der auf ein Haus mit ochsenblutroter Fassade zuging und dann, nicht ohne einen letzten Blick in Thilos Richtung, darin verschwand. Erst danach wagte Thilo wieder zu atmen.

 

Was für eine Email?

 

Die Frage drängte sich, jetzt, da die visuelle Ablenkung verschwunden war, mit Macht in Thilos Hirn. Vor allem, weil es schon die zweite Mail war, die heute offenbar für Ärger gesorgt hatte. Was war da los?
 

Thilo bekam plötzlich ein ganz mieses Gefühl. Schnell zückte er sein Handy und rief die entsprechende App auf. Tatsächlich, zwei neue Nachrichten auf dem Firmenaccount. Eine davon war an die allgemeine Adresse geschickt worden, auf die alle Mitarbeiter Zugriff hatten. Die Mail hatte einen großen Anhang. Thilo warf einen Blick auf den Absender.

 

Scheiße!, war sein erster Gedanke. Der zweite lautete: Ich bringe sie um.

Trainingspläne

Das Laufband zitterte unter Thilos Schritten. Er rannte. Trat regelrecht zu und hätte am liebsten einen auf „Rocky“ gemacht, wenn das nicht wirklich, wirklich albern gewesen wäre und er außerdem die Befürchtung hatte, dass er dadurch das Gleichgewicht verlor und volle Kanne auf die Fresse flog. Und das war dann, bei aller Liebe, doch etwas viel des Guten. Somit presste er nur die Zähne zusammen und regelte die Geschwindigkeit noch ein bisschen nach oben. Neben ihm machte Tom ein unbestimmtes Geräusch.

 

„Also nochmal, damit ich das richtig verstanden habe. Deine Schwester hat die Fotos von deinem Geburtstag an die Firmenadresse geschickt? Und alle haben sie gesehen?“

 

Thilo schnaufte. Dieses Gerenne war wirklich anstrengend.
 

„Ja“, knurrte er. Eine der Zahlen auf der blinkenden Tafel vor ihm zeigte seine Herzfrequenz an. Sein Puls war viel zu hoch, um seinen Grundumsatz zu steigern und Fett zu verbrennen. Hatte zumindest der Typ gesagt, der ihn eingewiesen hatte. Davor hatte er Thilo von oben bis unten durchgecheckt, seine Ziele und Wünsche abgefragt und ihm schließlich einen individuellen Trainingsplan geschrieben. Tom hatte derweil auf ihn gewartet und ihn dann „zum Aufwärmen“ auf die Laufbänder beordert. Also lief Thilo jetzt und schwitzte in seinem schon leicht ausgeblichenen, schwarzen Tanktop und den um den Bauch herum vielleicht etwas knapp sitzenden Shorts. Keine engen natürlich, sondern welche, die locker bis zum Knie fielen. Alles andere wäre undenkbar. Nicht einmal die Frauen liefen hier in so etwas rum, obwohl das Studio schon eines der schickeren war.

 

„Das Schlimmste hab ich aber wohl gerade noch verhindert. Sie hatten immerhin noch keine Memes daraus gebastelt.“

 

Tatsächlich war er sich nicht mal sicher, ob wirklich alle die Bilder gesehen hatten, bevor er sie – natürlich – gelöscht hatte. Und dann ein sehr langes und sehr wütendes Telefongespräch mit seiner Schwester geführt. Die Nullkommanull verstanden hatte, warum das so schlimm gewesen war, was sie gemacht hatte. Es wäre ein Versehen gewesen. Sie hätte seine private Email-Adresse nicht finden können. Lauter lahme Ausreden. Es brachte sein Blut immer noch zum Kochen, wenn er daran dachte. Seine Pulsfrequenz stieg.

 

„Und warum regst du dich dann so auf?“
 

Tom, der locker neben ihm herjoggte, schickte ihm einen Blick unter hochgezogenen Augenbrauen. Thilo schnaufte und guckte lieber wieder nach vorne. So eine dumme Frage. Als wenn das nicht offensichtlich war.

 

„Liegt es an dem Kleinen?“

 

Thilo kam aus dem Takt. Seine Füße hatten offenbar auf einmal vergessen, wie man geradeaus lief. Das Ende des Laufbandes kam schlagartig näher.
 

„Quatsch“, blaffte Thilo und fing sich wieder. Er arbeitete sich wieder nach vorne vor und entschied, die Geschwindigkeit doch lieber wieder etwas runterzuregeln. Wahrscheinlich sah er eh schon aus wie ein geprügelter Hund. Es hatte bestimmt einen Sinn, warum es gegenüber der Bänder keine Spiegel gab. Die Leute sahen sich mit Sicherheit nicht gerne dabei zu, wie sie sich hier abstrampelten. Aus einem der Kursräume schallte die Stimme des Spinning-Coaches.

 

„Noch 4 … 3 … 2 … 1.“

 

Thilo fühlte Neid in sich aufkommen. Die waren gleich fertig mit der Scheiße hier und er …? Seine Hände ballten sich zu Fäusten.

 

„Das hat nichts damit zu tun“, fauchte er und korrigierte sich im nächsten Augenblick innerlich. Denn eigentlich war es genau das, was ihn störte. Dass Karim die Bilder gesehen und so merkwürdig darauf reagiert hatte. Thilo verstand es nicht. So gar nicht und das machte ihn rasend. Und nervös. Und hatte außerdem dazu geführt, dass er nun endlich Toms Angebot, sich mit ihm um seine körperliche Fitness zu kümmern, angenommen hatte. Jetzt zappelte er sich hier einen ab und versuchte, das Thema zu verdrängen. Ohne Erfolg, wie man sah. Tom lachte.

 

„Ach, und wenn es das nicht ist, was stört dich denn dann so? Dass die anderen dich im Fummel gesehen haben? Ist ja nicht so, als wenn du der Erste wärst, der die Nummer abgezogen hat.“
 

Das stimmte natürlich. Wie oft hatte Thilo selbst schon andere arme Teufel dabei beobachten können, wie sie sich in aller Öffentlichkeit zum Horst machten. Nur waren das eben immer die anderen gewesen. Es passte ihm nicht, dass diese Sache jetzt bei ihm auf der Arbeit die Runde machte. Obwohl er schon versucht hatte, dem vorzugreifen, indem er sich in einer kurzen Mail für den Fehler seiner Schwester entschuldigt und klargestellt hatte, dass er davon ausging, dass diese Episode keine große Erwähnung finden würde. Danach hatte er sich in seinem Büro verschanzt und war nur noch herausgekommen, wenn es unbedingt sein musste. Ein bisschen Flurfunk hatte er natürlich trotzdem mitbekommen. Dabei waren sowohl sein Outfit, seine Reaktion und ganz eventuell auch seine Humorlosigkeit Thema gewesen. Von Karim hatte niemand gesprochen, was, wie Thilo vermutete, höchstwahrscheinlich daran lag, dass er auf keinem der Fotos klar zu erkennen war. Die ganze Aufregung war also auch noch vollkommen umsonst gewesen. Ganz und gar vollkommen umsonst.
 

„Es ist unprofessionell“, maulte Thilo trotzdem. „Ich bin der Chef und der sollte verlässlich sein. Vorgesetzt. Keine Witzfigur.“

 

Jetzt war es an Tom zu schnauben.
 

„Es schadet aber auch nicht, wenn der sich mal ein ganz kleines bisschen menschlich zeigt und zum Lachen nicht in den Keller geht. Wenigstens dann, wenn es ins Team passt. Und lieber darüber lachen als über irgendwelche Altherren-Witze. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.“
 

Thilo presste die Kiefer auseinander. Natürlich wusste er, wovon Tom sprach. Nicht nur wegen der Geschichten, die der von seiner Arbeit erzählte, sondern auch, weil Thilo selbst solche Runden aus Erfahrung kannte. Und gleichzeitig konnte er einfach nicht über seinen Schatten springen.
 

„Ja, eben“, ätzte er. „Jetzt stell dir doch mal vor, deine Kollegen hätten solche Fotos von dir. Wie würdest du dich fühlen?“
 

Tom gab ihm nur einen Seitenblick, der sich gewaschen hatte.
 

„Du weißt, dass das was anderes ist“, meinte er trocken. „Außerdem sind wir nicht hier, um über mich zu sprechen. Also was ist denn nun mit dir und dem Fröschlein? Hast du vor, ihn flachzulegen?“

 

Thilos Schritte wurden langsamer. Das Band hatte offenbar die Abklingphase erreicht, in der er sich wie ein Rennpferd nach dem Derby trockenlaufen sollte. Ihm persönlich wäre ein Handtuch lieber gewesen. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Sie war schweißnass.

 

„Nein, natürlich nicht“, schnappte er. „Ich bin sein Chef, schon vergessen?“

 

Tom guckte, als wenn er das Problem nicht sehen würde. Thilo stöhnte.
 

„Hallo~o? Abhängigkeitsverhältnis? Solltest du doch bestimmt schon mal was von gehört haben. Am Ende verklagt er mich noch wegen sexueller Belästigung. Oder Nötigung. Oder sonst irgendeinem Unsichtlichkeitsdelikt.“

 

Wieder richtete Thilo seinen Blick stur geradeaus. War ja nicht so, dass es da nichts zu sehen gab. Ein schierer Wald aus Metallstangen und Fitnessgeräten, Hanteln, Gewichten, Streckbänken und mit schwarzem Leder verkleideten Hebeln. Insgeheim kam er nicht umhin, das Ganze mit gewissen Folterkammern zu vergleichen. An dem Gestell mit der beweglichen Hantelstange und dem Seilzug beispielsweise wäre sicherlich ein Leichtes gewesen, jemanden festzubinden und dann interessante Dinge mit ihm anzustellen. Nicht, dass Thilo auf so etwas stand, aber möglich wäre es wenigstens.

 

Neben ihm erklang ein Prusten. Thilo guckte irritiert in Toms Richtung. Der lachte wirklich. Obwohl Thilo doch so gekonnt mit Strafrechtsbegriffen um sich geschmissen hatte. Warum lachte der?
 

„Warum lachst du?“

 

Tom kicherte. Es war wirklich nicht anders zu bezeichnen.
 

„Der verklagt dich doch nicht, Dummerchen. Der steht auf dich.“

 

Thilo blinzelte. Und blinzelte gleich noch einmal, weil er nicht wusste, bei welchem Denkfehler er anfangen sollte. Hatte Tom sie noch alle?
 

„Sag mal, hast du sie noch alle? Der Kl… Karim steht nicht auf mich. Wie kommst du denn auf die Idee?“

 

Tom grinste. Seine Augen funkelten.
 

„Na, denk doch mal nach. Warum sollte er dich denn sonst darüber informieren, dass er jetzt weiß, dass du es warst, dem er einen Korb gegeben hat? Ich weiß zwar nicht, warum ihm das nicht schon vorher aufgefallen ist, aber wenn ich meinen Chef in einer kompromittierenden Lage nicht erkannt hätte und der mir gegenüber darüber kein einziges Wort verloren hätte … da würde ich garantiert den Teufel tun, ihn darauf anzusprechen, wenn die Sprache darauf kommt. Ich würde mich kleinmachen, den Kopf einziehen und hoffen, dass es weiter beim gegenseitigen Ignorieren bleibt. Es sei denn natürlich, ich möchte nicht, dass mein Chef mich ignoriert. In dem Fall natürlich …“

 

Tom grinste vielsagend und Thilo hätte ihn sehr, sehr, sehr gerne mit einem Handtuch geschlagen. Oder mit einer Hantelstange. Das nächste Mal musste er unbedingt so was mitbringen. Ein Handtuch selbstverständlich, keine Hantel.
 

„Ich geh mir jetzt was zu trinken holen.“

 

Alles war besser, als sich noch weiter Toms dämliches Grinsen anzugucken, das Thilo blöderweise auch noch über das nachdenken ließ, was er gesagt hatte. Denn was, wenn Tom recht hatte? Wenn Karim wirklich … Thilo schüttelte den Kopf. Dann war er immer noch sein Untergebener. Er hatte ihm gegenüber eine Verantwortung, da konnte er nicht einfach hingehen und … irgendwas tun. Und schon gar nicht die Dinge, die ihm durch den Kopf gingen, wenn er Karim sah. Er musste damit aufhören. Sofort.

 

Zuerst beende ich das Training und dann sehe ich nach, was diese App inzwischen gebracht hat. Wäre doch gelacht, wenn ich da nicht auf andere Gedanken komme.

 

 

 

Nach einer Stunde, die Tom hinreichend mit Crunches, Situps, Planks, Curls, Beinpressen, Armpressen, Latzug und nicht zuletzt einer Foltermaschine namens „Reverse Butterfly“ zu füllen gewusst hatte, fiel Thilo zu Hause mehr durch die Tür, als dass er hindurchging. Sein ganzer Körper fühlte sich an wie Wackelpudding und er war sich sicher, dass er morgen den Muskelkater seines Lebens haben würde. Heute jedoch war er noch weit genug davon entfernt, um sich, nachdem er die verschwitzten Sportklamotten in die Waschmaschine geworfen und sich ein Bier genommen hatte, an den Rechner zu setzen und das Mailprogramm aufzurufen. Wie erwartet hatte er bereits die tägliche Übersicht seines Dating-Portals bekommen, darunter einige bekannte Namen, die Thilo aus Mitleid noch nicht entmatcht hatte, aber auch einige neue Anwärter, von denen einer oder zwei beim ersten Hinsehen gar nicht mal schlecht aussahen.

 

„Mal sehen, was die noch zu bieten haben“, brummte Thilo und öffnete die App. Er hatte kaum das erste Profil aufgerufen, als plötzlich ein Fenster am rechten Bildschirmrand zu blinken begann.

 

'Rudolph457 möchte mit dir chatten.'

 

Oh prima, dachte Thilo. Ausgerechnet Fuß-Rudi. Na mal sehen.

 

Er klickte auf 'Chat annehmen' und öffnete das Fenster.
 

'Hi' stand da in unaufgeregten Lettern. Na gut, dass konnte er auch.

 

'Hi', schrieb Thilo zurück. 'Was machst du gerade?'

 

'Mit dir chatten', lautete die unglaublich kreative Antwort. Thilo wollte schon die Augen verdrehen, als Rudis nächste Nachricht eintrudelte.

 

'Nein, Scherz. Ich sitze mit meiner Katze auf dem Sofa. Eigentlich wollte ich ausgehen, aber meine Crew hat mich versetzt.'

 

Thilos linker Mundwinkel bewegte sich nach oben. Na gut, das konnte er gelten lassen. Außerdem saß er ja schließlich auch an nem Freitagabend zu Hause rum.

 

'Ich war gerade beim Sport', schrieb er. Dann hatte sich die Plackerei wenigstens für etwas gelohnt und wenn es nur war, um vor Rudi damit anzugeben. Der schickte prompt ein 'Uh, heiß' zurück. Was immer das auch heißen sollte. Es kam gleich die nächste Frage.

 

'Hübsche Kerle gesehen? Ich geh ja eigentlich nur deswegen hin. Wo trainierst du?'

 

Thilo zögerte. Im Grunde genommen wäre ja nichts dabei gewesen, Rudi den Namen des Studios zu nennen. Die Chance, dass sie beide ins Gleiche gingen, bewegte sich wohl gegen Null. Udn selbst wenn, mussten sie deswegen ja nicht zusammen dort hingehen. Dafür hatte er Tom.

 

'Alstergym' schrieb er daher und drückte auf 'Senden'. Rudi schickte noch ein 'Uh'. Das wurde langsam nervig.

 

'Schicker Schuppen. Seh ich manchmal auf dem Weg zur Arbeit. Wo arbeitest du?'

 

Thilo blies die Backen auf und atmete aus. Eigentlich war das Ganze ja ganz nett, aber irgendwie …

 

'Unternehmensberatung.'

 

Das war vage genug, damit Rudi ihn nicht mit seiner Firma in Verbindung brachte, falls sie sich denn irgendwann mal trafen. Moment, hatte er gerade darüber nachgedacht, sich mit dem Kerl zu verabreden?

 

'Cool. Ich mach Marketing.'

 

Mhm, das war … gar nicht mal so weit weg. Bisschen andere Ausrichtung, aber sonst …

 

'Dafür ist mein Profil ziemlich langweilig, oder?'

 

Thilo lachte. Selbsterkenntnis war der erste Schritt zur Besserung, oder nicht?

 

'Meins auch', schrieb er daher. 'Ich kann diesen Dating-Scheiß nicht.'

 

'Ich auch nicht', gestand Rudi ihm. 'Wollen wir es trotzdem mal versuchen? Ich hätte morgen Abend Zeit.'

 

Thilo überlegte. Rudi hatte ihm bisher weder Nacktbilder geschickt, noch welche von Thilos Füßen verlangt. Außerdem klang er eigentlich ganz sympathisch. Er tippte:
 

'Na gut. Schick mir deine Nummer, ich schreib dir wann und wo.'

 

Französisch für Anfänger

Thilo schloss die Augen und atmete tief durch. Montag. Endlich wieder an seinem Schreibtisch und damit weit weg von irgendwelchen Dates oder Apps oder gar Dating-Apps! Oder Rudi! Gott, war der Kerl fürchterlich. So was Langweiliges! Schon im Restaurant hatte er den halben Abend nur von seinen Katzen erzählt. Er hatte nämlich nicht nur eine, sondern gleich drei von den Viechern. Nicht, dass Thilo etwas gegen Katzen hatte – ganz im Gegenteil, er mochte sie, wenn sie auf ihrer Seite der Straße blieben – aber die komplette Krankengeschichte plus den Medikamentenplan der drei „Fellnasen“, wie Rudi sie nannte, plus deren Vorlieben, Abneigungen und putzigen, putzigen Angewohnheiten hatte er dann doch nicht gebraucht. Zumal nicht beim Essen. Danach war Rudi dann umgeswitcht auf sein zweites Lieblingsthema. Sex. Was er wann, wo und mit wem schon mal gehabt und erlebt oder auch nur erzählt bekommen hatte. In allen Einzelheiten. Dabei war er offenbar davon ausgegangen, dass Thilo das Ganze anmachte oder er es wenigstens interessant fand, aber Thilo hatte eigentlich die ganze Zeit nur das Gefühl gehabt, im völlig falschen Film zu sein. Er hatte jedenfalls inzwischen eine recht genaue Vorstellung davon, warum Rudi, der eigentlich Martin hieß, Single war und warum er es wohl auch bleiben würde. Ebenso wie Thilo, wenn es nach ihm ging, denn so etwas tat er sich unter Garantie nicht noch einmal an. Da blieb er lieber bei anonymem Gelegenheits-Sex. Hauptsache er musste nie wieder etwas über Giardien, Nematoden oder Iglooing hören. Nie wieder! Manche Menschen brauchten echt einen Filter.

 

Das Programm auf seinem Computer war noch nicht ganz gestartet, als bereits das Telefon klingelte. Silas’ Name stand auf dem Display. Thilo seufzte und hob ab.
 

„Ja?“

 

„Hey Thilo!“, kam es ein ganz kleines bisschen zu freundlich aus dem Hörer. Anscheinend hatte seine Email bezüglich des Foto-Vorfalls immer noch die gewünschten Auswirkungen. Gut! „Ich hab die Due Diligence für die Boutique fertig. Wollen wir sie nochmal zusammen durchgehen, bevor Karim sie übersetzt, damit wir sie an die Käufer rausgeben können?“

 

Thilo zögerte. Klar wollte er das. Er musste sogar. Sollte der Verkauf durch die unzureichende Darstellung des Unternehmens scheitern, wäre er verantwortlich. Mal abgesehen davon, dass ihn das Geld kosten konnte – eine Menge Geld – hing die Zufriedenheit seiner Kunden davon ab, dass er ihre Unternehmen möglichst gewinnbringend an den Mann brachte. Es war daher essentiell, dass er dieses Aushängeschild doppelt und fünffach prüfte. Allerdings hieß das auch, dass er sich mit Karim zusammen in einem Raum befinden würde. Natürlich hätte er Silas explizit allein herbeordern können, aber das wäre sicherlich aufgefallen. Und Auffallen wollte Thilo auf gar keinen Fall. Er schnaufte leise.
 

„Klar. Ich komm gleich. Gib mir 15 Minuten, dann treffen wir uns in deinem Büro.“

 

15 Minuten. Genug Zeit für einen Kaffee. Und einen Nervenzusammenbruch.

 

 

„Also, das hier sind die Bilanzen, Steuerunterlagen, Warenbestände und Cash-Flow-Übersichten. Dazu die Sicherheitsübertragungen und die Wechselverbindlichkeiten. Wettbewerbsanalyse, Auflistung der wichtigsten Lieferanten und Großhändler, Human Ressources, Auszug aus dem Handelsregister, Pachtvertrag über die Gewerberäume und ganz zum Schluss natürlich die Wachstumsprognose. Alles fein säuberlich geprüft. Dreimal.“

 

Silas schien außerordentlich zufrieden. Er lehnte sich zurück, schlug die Arme unter und wartete offenbar darauf, dass Thilo ihn lobte. Thilo schwieg. Er wusste, dass Claudia mehr als die Hälfte dessen, was Silas ihm hier präsentierte, zusammengetragen hatte. Sie war schon immer die Fähigere von beiden gewesen. Thilo bereute es außerordentlich, dass sie jetzt für mindestens ein Jahr ausfallen würde. Vielleicht waren Zeitverträge doch eine Option, über die er mal nachdenken sollte. Dann konnte er Leute, die nichts taugten, schneller loswerden.
 

„Und? Was sagst du?“ Silas hielt es anscheinend für eine gute Idee nachzubohren. Thilo sah zu ihm hoch und streifte dabei ganz kurz Karim mit einem Seitenblick, bevor er sich wieder auf den Papierstapel konzentrierte. Er nickte leicht.

 

„Gut. Wirklich gute Arbeit. Wenn wir Glück haben, können wir den Verkauf noch diesen Monat abwickeln. Das wird Madame Martine sich freuen. Als ich sie das letzte Mal traf, sagte sie mir noch, dass sie es nicht erwarten könne, zurück nach Frankreich zu gehen.“

 

Silas lachte.
 

„Ah ja, l'amours toujours. Mehr Französisch kann ich leider nicht. Aber Karim wird das schon schaukeln.“

 

Thilo, der jetzt anscheinend nicht mehr umhin kam, Karims Existenz öffentlich zur Kenntnis zu nehmen, sah auf. Kurz überlegte er, ob es wirklich gut war, so sensible Daten vor einem Praktikanten auszubreiten. Andererseits brauchte er die Übersetzung möglichst schnell und professionelle Übersetzer kosteten Geld. Die Kosten-Nutzen-Analyse schlug also definitiv zu Karims Gunsten aus. Thilo musterte ihn eingehend.

 

„Denkst du, du kriegst das hin?“

 

Karim lächelte und nickte stumm. Dabei sah er Thilo unverwandt an. Thilo merkte, wie es in seinem Nacken zu kribbeln begann. So als würde ihm ein Riese in den Nacken atmen. Die Härchen an seinem Körper richteten sich auf und schienen sich in Karims Richtung zu recken. Thilos Herz legte einen Takt zu. Sie sahen sich schon viel zu lange an. Viel zu lange!

 

Silas, der das Blickduell zwischen ihnen nicht zu bemerken schien, sprang auf.
 

„Gut, dann gehe ich nochmal schnell für kleine Königstiger und hole mir einen Kaffee, dann können wir anfangen.“

 

Er verließ den Konferenzraum, Karim und Thilo blieben allein zurück. Eine geschlagene Minute lang sagte niemand ein Wort, dann hielt Karim es offenbar nicht mehr aus.
 

„Ich … sollte vielleicht anmerken, dass ich diese ganzen … Fachbegriffe nicht unbedingt aus dem Stehgreif übersetzen kann. Die Unterlagen der Boutique zu übersetzen, war eine Sache, aber das hier …?“

 

Er sah ein wenig unbehaglich zu dem Unterlagenstapel hinüber. Thilo atmete ein.

 

„Wenn dir das Ganze zu viel ist, brauchst du es nur zu sagen. Dann heuern wir jemanden an.“

 

„Nein“, widersprach Karim sofort. „Ich schaffe das. Es ist nur … ich hatte halt keine Wirtschaftskunde auf Französisch, das ist alles. Aber vielleicht könnten wir dem Käufer die Bilanzen ja auch einfach auf Deutsch schicken? Immerhin wollen die doch hier ein Geschäft eröffnen, da müssen die doch … Deutsch können, oder nicht? Wir könnten das ganze ja per Mail erklären.“

 

Thilo runzelte die Stirn. Auf den Gedanken war er noch gar nicht gekommen.
 

„Und die Mail würdest du dann schreiben?“

 

Karim nickte.
 

„Ja. Also, nein. Schreiben würde sie Silas. Ich würde den Text nur übersetzen. Haben wir bisher immer so gemacht.“

 

Thilo überlegte. Eigentlich hörte sich das Ganze gar nicht schlecht an. Es würde den Prozess zudem beschleunigen und die Fehlerquote minimieren. Außerdem traute er Karim zu, sich so höflich auszudrücken, dass der Kunde die Kröte ohne zu Murren schlucken würde. Er jedenfalls würde es tun, wenn Karim ihm irgendwas hätte verkaufen wollen.

 

Vorsicht. Heißes Eisen!

 

„Dann, äh … machen wir es so. Aber ich verlasse mich auf dich, dass da nachher nicht 'Ich möchte diesen Teppich nicht kaufen' in der Mail steht, ist das klar?“

 

Karim lachte auf.
 

„Klar“, antwortete er und hatte plötzlich wieder diese bezaubernden Grübchen. „Ich werde darauf achten, dass weder tapis noch carpette oder gar jonchée Erwähnung finden. Obwohl ich bezweifle, dass man letztere überhaupt kaufen kann.“
 

Thilo, der den Witz nicht verstanden hatte, guckte kariert.
 

„Wieso? Was heißt das?“

 

Karim lächelte.

 

„Nun, 'jonchée' bedeutet zwar Teppich, aber eher im Sinne von Blumen- oder Blätterteppich. Es ist eine konjugierte Form des Verbs 'joncher', was so viel wie 'bedecken' heißt.“

 

Und was heißt 'entblättern'?
 

Thilo verfluchte sich, dass seine Gedanken schon wieder in diese Richtung abdrifteten, aber während Karim gesprochen hatte, war Thilo aufgefallen, wie tief Karims Shirt ausgeschnitten war. Er hätte gerne gewusst, was sich darunter befand. Schnell lenkte er seine Überlegungen wieder in eine andere Richtung.

 

„Toll, das ist … toll.“

 

Himmel, er hörte sich an wie ein Idiot. Und es wurde nicht besser!

 

„Ich hatte auch mal Französisch in der Schule. Ist aber lange her. Das Einzige, was ich noch weiß ist 'Qu'est-ce que c'est?', 'la salle de séjour' und 'Est-ce qu'on écoute une cassette?'. Der Rest ist im Nirwana verschwunden.“

 

Karim grinste. Er grinste ganz eindeutig, bevor er sich nicht mehr zusammenreißen konnte und anfing zu lachen. Wirklich zu lachen. Er lachte ihn aus.
 

„Das muss aber wirklich schon sehr lange her sein“, meinte er japsend. „Wer hört denn heutzutage noch Kassetten?“

 

Thilo biss sich auf die Lippen. Er versuchte wirklich, nicht zu lachen, aber Karims Prusten war so ansteckend, dass er schließlich mit einfiel. Sie lachten, und lachten, bis Silas schließlich an der Tür erschien, unter seinem blonden Schopf eine Menge Fragezeichen.
 

„Hab ich was verpasst?“, fragte er?

 

Thilo kicherte und wischte sich die Tränen aus den Augen.
 

„Nein. Nur, dass ich alt bin und Karim mir das gerade höchst wirksam vor Augen geführt hat.“

 

Silas’ Augenbrauen wanderten noch weiter nach oben
 

„Und er lebt noch?“, fragte er fassungslos. „Na, alle Achtung. Da muss aber wirklich jemand einen Stein bei dir im Brett haben. Alle anderen hättest du schon gefeuert.“

 

Thilo hörte schlagartig auf zu lachen. Gerade noch hatte sich alles so leicht angefühlt. Unkompliziert. Aber jetzt war da auf einmal Silas der … Verdacht schöpfte. Oder schöpfen konnte. Wenn Tom recht hatte und Karim wirklich … Thilo räusperte sich.
 

„Na schön, genug gelacht. Wir sind schließlich nicht zum Spaß hier. Fangen wir an.“

 

 

 

Zwei Tage später klopfte es an – mal wieder – Thilos Tür. Er sah daher nicht auf, als Beate den Kopf hereinsteckte. Anscheinend hatte sie immer noch nicht aufgegeben.
 

„Hey Thilo, kommst du mit zum Mittagessen?“

 

Thilo grollte. Eigentlich hatte er Beate bereits mehrmals gesagt, dass er bis über beide Ohren in Arbeit steckte. Was durchaus stimmte. Ein schnelles Mittagessen wäre zwar drin gewesen, aber er wollte nicht mit. Nicht, nachdem er offenbar nicht in der Lage war, sich in Karims Gegenwart normal zu benehmen. Wann immer er ihm begegnete, musste er entweder lächeln oder seinem Blick krampfhaft ausweichen. Beides würde früher oder später auffallen, also hatte Thilo beschlossen, weiter in seinem Büro zu bleiben. Mittlerweile hatte er sich sogar angewöhnt, sich morgens beim Bäcker ein belegtes Brötchen zu besorgen, um eine Ausrede zu haben, nicht an den gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen zu müssen. Wie er erwartet hatte, war es dort nämlich besonders schlimm.

 

Beate seufzte.
 

„Okay. Aber du weißt schon, dass du dich lächerlich aufführst, oder? Außer mir uns Silas hat niemand die Fotos gesehen.“

 

Und Karim, ergänzte Thilo in Gedanken. Er ebenfalls. Mit höchst eigenartigen Folgen, denn Thilo hatte zunehmend das Gefühl, dass Karim … nein, das war lächerlich. Thilo wollte trotzdem auf Nummer sicher gehen. Sollte Beate ruhig denken, dass es an den peinlichen Bildern lag, dass Thilo sich verkroch. In Wahrheit ging er nur – wieder oder immer noch – Karim aus dem Weg. Thilo setzte ein genervtes Gesicht auf.
 

„Das sind mindestens zwei Leute zu viel“, schnarrte er. „Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest? Ich habe zu arbeiten.“

 

Mit diesen Worten wandte er sich wieder seinem Bildschirm zu und begann, auf den Tasten herumzuklimpern. Dass er dabei nur Blödsinn schrieb, musste sie ja nicht wissen. Beate seufzte noch einmal.
 

„Na schön, wie du meinst. Gehen wir eben alleine ins Dollhouse.“

 

Thilos Kopf ruckte nach oben. Hatte Beate gerade gesagt, dass sie in einen Stripclub gehen würden? Zum Mittagessen?! Er war kurz davor, aufzuspringen, als ihm klar wurde, dass das ein Trick war. Oh nein, nicht mit ihm. Er würde hierbleiben, so viel stand fest.
 

Die Stimmen auf dem Flur wurden lauter. Er konnte Beate hören, die den anderen, sicherlich kopfschüttelnd, erklärte, dass Thilo sie wieder nicht begleiten würde. Irgendwer – vermutlich Silas – würde dazu sicher anmerken, dass sie ohne den antisozialen Stinkstiefel eh besser dran waren, und dann würden sie sich endlich zum Mittagessen verpieseln. Himmlische Ruhe und vor allem die Gelegenheit für Thilo, sich endlich unbeobachtet sein Brötchen und einen Kaffee zu holen. Hunger hatte er nämlich schon und Kaffee bekam er momentan viel zu wenig.

 

Thilo wartete noch knapp zehn Minuten ab, dann erhob er sich und ging zur Tür. Er öffnete sie und lauschte. Kein Lebenszeichen, niemand mehr da. Er wollte gerade loslaufen, als er plötzlich die Tür klappen hörte. Eine Gestalt erschien am Ende des Flurs. Thilo gefror in der Bewegung. Es war Karim.
 

„Äh hi“, machte er und wirkte plötzlich nervös. „Ich, also … ich hab mein Geld vergessen.“

 

Thilo wusste sofort, dass das eine Ausrede war. Die anderen hätten Karim ohne mit der Wimper zu zucken den Betrag für das Mittagessen ausgelegt. Oder hatte er dieses Angebot abgelehnt?

 

„Das … äh, ja. Okay. Dann hol es halt.“

 

Karims Mundwinkel rutschten nach oben und dann gleich wieder nach unten, als er in Richtung Küche ging und anfing, in seinem Rucksack herumzuwühlen. Jedenfalls glaubte Thilo, dass er das tat. Er war im Flur geblieben, um sich nicht noch mit Karim zusammen in dem winzigen Raum zu befinden. Einen Augenblick später trat Karim wieder aus der Tür.
 

„Tja, ich … also wie’s aussieht, hab ich mein Portemonnaie wohl ganz zu Hause vergessen. Dann muss ich wohl hierbleiben.“

 

Seine Hand wanderte in Richtung Gesäßtasche. Dort, so vermutete Thilo, hatte er wohl sein Handy geparkt. Er würde Beate oder irgendwen sonst anrufen und Bescheid sagen, dass er die Mittagspause in der Firma verbrachte. Ganz allein. Mit Thilo.
 

„Stopp!“

 

Noch ehe Karim nach seinem Telefon gegriffen hatte, hatte Thilo bereits seine eigene Geldbörse gezückt. Er nestelte einen Schein heraus.
 

„Hier. Ich leih dir das Geld. Du kannst ruhig essen gehen.“

 

Ohne Karim anzusehen, hielt er ihm einen Schein hin. Er war blau. Ein Zwanziger. Das war bestimmt zu wenig für einen Restaurantbesuch, aber er hatte sonst nur noch einen Hunderter, von daher …

 

„Danke, aber das kann ich nicht annehmen.“

„Du musst aber.

„Nein.“

„Doch!“

 

Mit Nachdruck streckte Thilo das Geld in Karims Richtung. Dabei hatte er unbewusst einen Schritt auf ihn zugemacht. Er stand jetzt ganz dicht vor ihm, zwischen ihnen nur der Geldschein. Karim atmete tief durch.
 

„Ich brauche Ihr Geld nicht.“
 

Während er das sagte, flackerte etwas in seinem Blick. Etwas, das Thilo traf wie ein Messerstich. Hatte er ihn etwa … verletzt?

 

„Das … ich … das sollte nicht heißen …“

 

Plötzlich kam er sich dumm vor. Was hatte Karim gedacht, was das hier sein sollte? Schweigegeld? War es das, was er von ihm dachte?

 

„Ich wollte nur … damit du dir was zu essen kaufen kannst.“

 

Damit du von hier verschwindest.

 

Seine Ablehnung musste deutlich sein. Karim wich vor ihm zurück.
 

„Ich wusste es“, sagte er leise. „Ich wusste, dass Sie noch sauer sind.“

 

Thilo blinzelte. Was? Nein! „Ich bin nicht sauer. Ich bin nur … ich weiß nicht, wie ich das sagen soll.“

 

Karim schürzte die Lippen. „Ist es, weil ich ihr Typ bin?“

 

Thilo wurde erst blass und dann rot. „Das … ich … nein … also … ja.“

 

Scheiße, hatte er das jetzt gerade echt gesagt? War er denn blöd?

 

„Es ist nicht so, wie du denkst.“

 

Oh fuck! Das wurde ja immer schlimmer. Thilo begann zu schwitzen.
 

„Ich meine ja nur, dass du … du bist mein Praktikant. Also Praktikant meiner Firma. Da habe ich … Pflichten. Ich kann nicht einfach …“

 

„Auf Ihren Praktikanten stehen?“

 

Karims Tonfall war immer noch gekränkt, aber da war noch etwas anderes. Etwas, das Thilo nicht zu deuten wusste. Er schüttelte den Kopf.
 

„Das geht nicht.“

 

Karim sah ihn an. Lange sah er ihn an, dann senkte er den Blick.
 

„Okay“, sagte er nur, bevor er sich umdrehte und mit langen Schritten zurück in Richtung Ausgang ging. Thilo sah ihm nach und wusste, er konnte nichts für ihn tun.

 

 

 

Als er Tom am Abend beim Training von seiner seltsamen Begegnung mit Karim erzählte – davon und von dem Date mit „Rudi“; Tom lachte sich eine geschlagene halbe Stunde darüber kaputt und Thilo wusste wieder, warum er ihm das eigentlich hatte verschweigen wollen – meinte der nur:
 

„Na siehst du. Ich hab doch gesagt, er steht auf dich.“

 

Thilo stöhnte. Diese Beinpresse machte ihn wirklich wahnsinnig.
 

„Ja und? Er ist immer noch mein Prak-ti-kaaahaaant“

 

Tom, der neben ihm stand und an seinem Strohalm nuckelte, lachte noch einmal.
 

„Na und?“, meinte er und ging nach hinten, um Thilos Gewichte für den nächsten Durchgang einzustellen. „Das bleibt er aber auch nicht ewig. In ein paar Wochen ist die Sache geritzt und dann könnt ihr euch gegenseitig das Hirn rausvögeln, wie ihr lustig seid. Und bis dahin bringen wir dich noch ein bisschen in Form, damit du mit dem jungen Hüpfer mithalten kannst.“

 

Thilo presste die Lippen zusammen und sagte gar nichts. Nicht nur, dass er morgen wieder den Muskelkater des Jahrhunderts haben würde – der letzte hatte ihn volle zwei Tage lang in Atem gehalten, noch ein Minuspunkt für das Date mit „Rudi“ – er wusste auch, dass Tom … nicht recht hatte. Thilo hätte nicht sagen können, wo er sich irrte. Der Gedanke fühlte sich einfach falsch an. Thilo wusste nur nicht, woran das lag.

 

Zwei Verabredungen und ein Deal

Die Zeiger der Uhr krochen dahin. Es war kurz vor vier. Freitagnachmittag. Mit dem Gongschlag würde hier der Feierabend eingeläutet werden und Beate, Silas und die ganzen anderen würden endlich verschwinden. Auch Karim und dann würde Thilo endlich aufatmen können. Und arbeiten. Er war diese Woche so unproduktiv gewesen, dass es schon an ein Wunder grenzte, dass ihm noch kein Kunde mit dem nackten Hintern ins Gesicht gesprungen war. Dieses Wochenende würde er kräftig nacharbeiten müssen. Es klickte und der Minutenzeiger sprang um.
 

„Feierabend!“

 

Thilo war sich sicher, noch nie so erleichtert gewesen zu sein, Beates Stimme zu hören. Er lauschte, wie die anderen sich draußen voneinander verabschiedeten. Ihre Stimmen entfernten sich, die Schritte wurden leiser, die Vordertür klappte mehrmals und dann: Stille. Außerordentliche Stille. Niemand war mehr im Büro. Endlich Frieden. Etwas schepperte.

 

Thilo zuckte zusammen. Das Scheppern war ganz eindeutig aus der Teeküche gekommen. Irgendwer war noch dort und wusch das Geschirr ab. Laut. Sehr laut. Er oder sie – nein ganz bestimmt er – klapperte und lärmte so sehr mit den Tassen und Tellern herum, dass das eigentlich nur Absicht sein konnte. Mit einer bösen Vorahnung erhob sich Thilo und ging nachsehen.

 

 

Karim stand mit dem Rücken zu ihm. Er hatte die Ärmel hochgeschoben und plantschte mit viel Getöse im schaumbedeckten Wasser herum. Dass er dabei lediglich zwei Kaffeebecher, einen Teller und drei Teelöffel zur Verfügung hatte, schien ihn nicht davon abzuhalten, einen unheimlichen Radau zu veranstalten. Thilo sah sich das eine Weile an, dann räusperte er sich. Karim fuhr zusammen und zu ihm herum.
 

„Herr Marquardt!“

 

Für einen ganz winzigkleinen Augenblick nahm Thilo ihm die Show ab. Da waren seine nassen Hände, die Tasse in seiner Hand … eigentlich fehlte nur noch, dass er diese werbewirksam fallen ließ. Aber Thilo war schließlich nicht vollkommen verblödet. Er wusste, was hier gespielt wurde.
 

„Was soll das?“, knurrte er und wappnete sich innerlich für einen weiteren Angriff. „Lauerst du mir etwa auf?“

 

Karims Gesichtsausdruck wurde defensiv.
 

„Wenn ich das hätte tun wollen, wäre ich wohl kaum so laut gewesen.“

 

Thilo musste zugeben, dass er damit Recht hatte. Aus irgendeinem Grund war er sich sicher, dass Karim sehr, sehr leise sein konnte, wenn er wollte.

 

„Ich hab …“, begann Karim und brach dann ab. Er schnaufte. „Ich wollte mit Ihnen reden. Das Ganze am Mittwoch war … Es war dumm, sie in diese Lage zu bringen und Sie so zu bedrängen. Es tut mir leid.“

 

Thilo sagte nichts. In seinen Ohren ein dumpfes Pochen, das gerade eine Spur schneller geworden war und noch einmal anschwoll, als Karim ihn von unten herauf ansah. Dabei hatte er einen echten Dackelblick drauf. Einen, der so gespielt schuldbewusst war, dass Thilo plötzlich lachen musste. Ja, er lachte. Karims Mundwinkel zuckten.
 

„Na du bist mir ja vielleicht ein Früchtchen“, meinte Thilo kopfschüttelnd. „Eigentlich hatte ich gedacht, dass du Respekt vor mir haben müsstest, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass das Gegenteil der Fall ist.“

 

Karims Lächeln wurde ein bisschen verlegen.
 

„Ja, nein, keine Bange. Also ich bin kein irrer Stalker oder so. Ich find sie halt nett und ich hab das Gefühl, dass wir einen … schlechten Start hatten.“

 

Ja, weil wir uns nicht geküsst haben.

 

Der Gedanke war da, bevor Thilo ihn verhindern konnte. Karim schaute auf seine Lippen.
 

„Das, also … ja. Das war vielleicht wirklich nicht so toll. Mit dem Rathaus und so.“

 

Karim senkte den Blick. Irgendwas schien ihm unangenehm zu sein. Nur was?

 

„Prosopagnosie“, sagte er plötzlich. „Gesichtsblindheit. Ich hab zwar nur eine leichte Form und wenn ich jemanden ein paar Mal getroffen habe, geht es meistens, aber wenn ich jemanden irgendwo sehe, wo ich ihn nicht erwartet habe, besteht die Gefahr, dass ich ihn nicht erkenne. Es gibt Leute, die halten mich deswegen für arrogant.“
 

Er zögerte, bevor er hinzusetzte: „Deswegen habe ich an meinem ersten Tag hier auch nichts gesagt. Ich wusste einfach nicht, dass Sie es sind. Tut mir leid“
 

Nachdem Karim das gesagt hatte, hielt er den Blick gesenkt. Die Sache schien ihm wirklich unangenehm zu sein. Thilo schluckte, dann räusperte er sich.
 

„Tja, also, ehrlich gesagt … fand ich es gar nicht so schlimm. Ich weiß nicht mal, was ich gemacht hätte, wenn du mich tatsächlich darauf angesprochen hättest. Die Sache war mir ohnehin schon ziemlich unangenehm, da war es mir eigentlich ganz recht, dass du … nichts gesagt hast.“
 

Karim atmete. Thilo konnte sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Und dann kam die Frage.

 

„War das mit der Jungfrau eigentlich ernst gemeint? Funktioniert das Spiel so?“

 

Karim sah auf und Thilo wusste nicht, was er darauf antworten sollte.

 

„Tja, na ja, vermutlich …. ist das noch von früher. Also wo man noch nicht so … Du weißt schon. Vor der Ehe und so.“

 

Sie sahen sich an. Thilo, der unmöglich herumdruckste über Dinge, die er schon mehrere Dutzend mal getan hatte, und Karim der … vermutlich auch schon Erfahrung hatte. Jedenfalls nahm Thilo nicht an, dass er noch nie … also … ja.

 

Karim grinste. „Bisschen peinlich, oder?“

 

Thilos verzog das Gesicht. „Ja, durchaus. Aber du hast mit dem Thema angefangen.“

 

„Ich kannte das nicht“, gab Karim sofort zurück. „Das hat mich, ehrlich gesagt, ein bisschen überfordert. All die Leute, die Frau … Sie.“
 

Das letzte Wort wurde von einem langen Blick begleitet. Einem, der Thilo sofort ins Blut schoss. Da war etwas. Eindeutig. Tom hatte recht gehabt. Verdammt!

 

„Das war meine Schwester“, erklärte er schnell. „Also die Frau. Sie hat das Ganze organisiert. Zusammen mit Ihrer Freundin und meinem besten Freund.“

 

Karim lächelte. Thilo sah deutlich, wie sich seine Lippen verzogen. Jedes Mal.
 

„Ich hab auch ne Schwester“, sagte er. „Und zwei Brüder.“

 

Thilo schob die Augenbrauen ein Stück nach oben.

 

„Ach wirklich?“

„Ja.“

„Älter oder jünger?“

„Jünger. Alle drei. Ich … ich bin der Älteste bei uns zu Hause.“

 

Ich auch, hätte Thilo beinahe gesagt doch dann hielt er sich gerade noch rechtzeitig zurück. Immerhin gab es sein Zuhause schon lange nicht mehr.
 

„Wohnt ihr alle zusammen“, fragte er stattdessen. „Also da, wo ich dich … abgesetzt habe.“

 

Wieder lächelte Karim.
 

„Was? Oh nein. Da wohne nur ich. Also mit meinen beiden Mitbewohnern. Das heißt, einer Mitbewohnerin. Sabrina. Meine Eltern haben ein Haus weiter draußen. Das war aber so weit zur Uni und deswegen … ja.“

 

Thilo bemerkte, dass da einiges mitschwang, das Karim nicht aussprach. Ein wenig Bedauern, nicht mehr bei der Familie sein zu können, aber irgendwo auch Stolz, es allein geschafft zu haben. Nun ja, fast allein. Thilo dachte an die Carepakete und lächelte.

 

„Ist ne Menge wert. Wenn man sich nicht mehr mit drei Geschwistern das Badezimmer teilen muss, oder?“

 

Karim lachte. „Oh ja. Vor allem so ein winziges. Und Chloé braucht immer unheimlich lange morgens. Ich sag Ihnen, wie oft ich da schon vor der Tür stand und …“

 

Er brach ab und sah Thilo aus großen Augen an.
 

„Tut mir leid, das ist … das interessiert Sie bestimmt alles gar nicht.“

 

Thilo lächelte.
 

„Doch doch. Ich finde das sehr amüsant. Unter uns, mir ging es genauso. In einem Bad meine Mutter und …“

 

Im anderen meine Schwester. Wollte er sagen, aber er konnte es nicht. Da lag plötzlich ein Geruch von Chanel in der Luft. Thilos Brust wurde eng.
 

„Im anderen Tabby“, bekam er schließlich heraus. „Meine Schwester. Eigentlich Tabea, aber … du hast sie ja schon kennengelernt.“

 

Karims Gesicht zuckte ein bisschen. Er grinste schief.
 

„Tja, nur erkennen würde ich sie wohl nicht.“

 

Ich würde sie dir vorstellen, dachte Thilo, aber er sagte es nicht. Wie so vieles. Plötzlich grinste Karim.

 

„Eigentlich müsste ich Ihnen jetzt ja Chloé vorstellen. Damit wir wieder gleich auf sind.“

 

Thilo lächelte.
 

„Du kannst sie ja mal mitbringen“, schlug er vor. Karim schnaubte.

 

„Bloß nicht. Sie fände bestimmt alles nur nervig und ätzend und langweilig. Aber wenn Sie wollen, könnten Sie morgen ja mal vorbeikommen. Wir feiern bei meinen Eltern im Garten. Meine Mutter hatte Geburtstag und …“

 

Er unterbrach sich und schüttelte den Kopf.
 

„Ach, vergessen Sie’s. War eine dumme Idee.“

 

Wie, um das Gespräch zu beenden, drehte Karim sich wieder zu seinem Abwasch herum. Das Wasser musste inzwischen kalt sein. Er ließ neues ein, beobachtete den Wasserstrahl. Thilo atmete tief durch.
 

„Wo wohnen deine Eltern denn?“

 

Scheiße, was? Hatte er das gerade wirklich gefragt? Karim spannte den Rücken an.
 

„Schenefeld“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Keine Ahnung, ob Sie das kennen, aber …“

 

Dieses Mal war es Thilo, der ihn unterbrach.
 

„Klar kenne ich das. Also die Autobahnausfahrt. Meine Schwester wohnt in Uetersen.“

 

Und ich fahre sie morgen besuchen.

 

Das bereits zum zweiten Mal verschobene Geburtstagsessen. Durch die Sache mit den Fotos, hatte Thilo sich seine Einladung zurückgewonnen. Tabea hatte allerdings darauf bestanden, dass er zu ihnen nach Hause kam. Sie wollte kochen. Thilo ahnte das Schlimmste.
 

„Tja weißt du, eigentlich …“

 

Karim drehte den Kopf.
 

„Ja?“, fragte er und hielt dabei ganz still. Thilo musste unwillkürlich lächeln.
 

„Ich bin morgen bei meiner Schwester, da muss ich … sowieso in die Richtung. Wenn es dir also so viel bedeutet …“

 

„Das tut es!“ Karim schien gar nicht zu wissen, wie ihm geschah. Er drehte sich jetzt endgültig herum, in seinem Gesicht ungläubige Freude.
 

„Und ich schwöre, Sie werden es nicht bereuen. Meine Mutter ist eine fantastische Köchin. Es gibt Tonnen zu essen. Ich werd sie fragen, ob sie auch Tabouleh macht. Dann können sie es mal probieren.“

 

Thilo erinnerte sich. Beim Gedanken an das köstliche Gericht, machte sein Magen einen kleinen Hüpfer. Der hatte wirklich verboten gut ausgesehen. Außerdem war es bei den Kochkünsten seiner Schwester vielleicht nicht das Schlechteste, wenn er nicht mit leerem Magen zu ihr auftauchte.
 

„Na gut“, sagte er langsam. „Ich komme. Aber ich bleibe nicht lange. Ich habe schließlich noch eine Verabredung.“

 

Der er würde erklären müssen, warum er später als ursprünglich geplant bei ihr auf der Matte stehen würde. Aber das würde Tabby schon verstehen. Immerhin wollte sie ihn doch unbedingt an den Mann bringen.
 

„Toll!“

 

Karim freute sich sichtbar. Er schien regelrecht von innen zu leuchten.

 

„Dann sag ich meinen Eltern gleich, dass ich … einen Freund mitbringe. Kollegen!“, verbesserte er sich sofort. „Einen Kollegen, nichts weiter.“
 

Thilo meinte, Karims Herz bis zu sich klopfen zu hören. Er wusste, er sollte etwas dazu sagen. Darauf bestehen, dass er immer noch Karims Chef war. Aber er tat es nicht.
 

„Gut“, sagte er nur. „Mach das. Und schreib mir noch die Adresse auf. Schenefeld wird wohl mehr als eine Straße haben.“

 

Karim grinste und nickte.
 

„Ja, ein paar. Aber wirklich nicht viele.“

 

Thilo konnte nur hoffen, dass das stimmte.

 

 

 

Mit dem Telefon in der Hand ließ Thilo sich auf sein Sofa fallen. Nachdem er die Adresse von Karim bekommen und diesen endlich vor die Tür gesetzt hatte, hatte er noch zwei Stunden weitergearbeitet. Aus zwei waren vier geworden, dann war er nach Hause gefahren, nur um dort noch einen ganzen Haufen Mails zu lesen, die sich bereits seit Tagen in seinem Posteingang stapelten. Danach war er ins Bett gefallen und am heutigen Morgen wieder früh aufgestanden, um den Rest der Due Dilligence durchzusehen, und noch ein bisschen Recherche zu den interessantesten Kundenanfragen zu betreiben. Jetzt war er endlich fertig und die Mittagszeit bereits vorübergezogen. Höchste Zeit, dass er endlich dieses Telefonat führte. Es klingelte.

 

„Søndergaard?“

 

Thilo hätte beinahe sein Smartphone fallen lassen. Ungläubig starrte er auf das Display. Nein, alles richtig. Dort stand Tabbys Name. Warum also war Liv rangegangen? Wo war seine Schwester?

 

Scheiße!

 

Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Ein Telefonat mit dem Drachen. Na Prost Mahlzeit! Thilo atmete tief durch und setzte ein falsches Lächeln auf.

 

„Äh, ja. Hi Liv, ich bin’s.“

 

Thilo spürte förmlich, wie sich die Raumtemperatur nach seiner Begrüßung um mindestens drei Grad senkte. Dabei hatte Liv unter Garantie gewusst, dass er dran war. Wahrscheinlich, weil 'Blöder Affen' auf dem Display gestanden hatte oder so etwas ähnliches.

 

„Ist Tabby da?“
 

Wenn er Glück hatte, würden seine Finger vielleicht nicht abfrieren, wenn er schnell genug den Gesprächspartner wechseln konnte. Leider schienen die Würfel nicht zu seinen Gunsten zu fallen.
 

„Nein, sie ist einkaufen. Hat ihr Handy vergessen. Soll ich ihr was ausrichten?“

 

Thilo schluckte. Oh ja, das würde es besser machen. Wenn er Liv ausrichten ließ, dass er plante, heute Abend so ein klitzekleines bisschen später zu kommen. Wuzzaaah!
 

„Nein, ich wollte nur …“

 

„Für heute Abend absagen.“ Liv seufzte. „Weißt du, manchmal bist du echt ein Arsch.“

 

Thilo fuhr auf. Immerhin hatte er gar nichts gemacht!
 

„Gar nicht!“, maulte er dementsprechend auch und hörte selber, dass er klang wie ein nörgelndes Kleinkind. „Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich etwas später komme. Das ist alles.“

 

„Wie viel später?“

 

Oh na klar. Liv musste natürlich wieder alles ganz genau wissen.
 

„Zwei Stunden. Maximum.“

 

Liv schwieg am anderen Ende. Offenbar erwartete sie eine Erklärung. Er konnte regelrecht hören, wie sie die linke Augenbraue nach oben zog. Er kannte niemanden, der das fertigbrachte. Es war echt eindrucksvoll.

 

„Also, ich höre?“

 

Thilo blinzelte.
 

„Was hörst du?“ wollte er wissen. Liv stöhnte auf.
 

„Deine dumme Ausrede, warum du deine Schwester mal wieder versetzt. Weißt du eigentlich, dass sie anderthalb Stunden geheult hat, nachdem du sie letztens am Telefon zur Schnecke gemacht hast? Dabei hat sie nur eine verdammte Mail geschrieben.“
 

„An meine Firmenadresse!“ Thilo hatte nun wirklich nicht vor, das Ganze auch nochmal mit Liv durchzukaspern, aber wenn die anfing …
 

„Kein Wunder“, schoss Liv sofort zurück. „Du bist ja schließlich auch mit deiner Arbeit verheiratet. Eigentlich hätten wir uns die Aktion mit dem Fegen sparen können. Du wirst unter Garantie eh nie nen Ring am Finger tragen. Der Mann, der das mal denkt, tut mir jetzt schon leid.“

 

Thilo schluckte. Das war gemein. Ziemlich gemein sogar. Außerdem musste man doch nicht heiraten. Man konnte auch einfach nur so zusammenleben. Oder Single bleiben. Für immer.
 

Thilos Kiefer mahlten. Liv war so eine blöde Kuh. Am liebsten würde er …

 

„Hast du dir nun wenigstens was ausgedacht oder muss ich Tabby vorlügen, dass du ganz dringend noch drei hilflose Katzenbabys vor dem Ertrinken retten musstest, bevor du hierher kommen kannst, um mal einen Abend mit deiner Schwester zu verbringen. Einen einzigen Abend.“
 

Thilo schob die Unterlippe vor. So schlimm war er nun wirklich ni… Okay, er war so schlimm. Manchmal. Er seufzte.
 

„Ich bin eingeladen worden.“

 

„Was?“ Liv klang, als würde sie gleich durchs Telefon springen. „Sag das nochmal! Du bist was?!“

 

Oh, er war gerade so froh, dass das hier kein Bildanruf war. Von dem Anblick, den Liv mit Sicherheit gerade bot, waren schon Leute tot umgefallen.
 

„Ich bin eingeladen worden. Von Karim.“

 

Es dauerte keine zwei Sekunden, dann fragte Liv: „Wer ist Karim?“

 

„Mein neuer Kollege.“
 

Thilo wurde ein bisschen rot. Das war so ja nun nicht ganz korrekt, aber wenn Karim seine Familie anschwindeln konnte …

 

„Kollege? Davon höre ich das erste Mal. Bist du nicht der Chef in deiner Firma? Den musst du doch eingestellt haben.“

 

Thilo schloss die Augen. Mist. Warum musste Liv nur so schlau sein? Er bedauerte die Tatsache noch ein paar Sekunden, dann fiel es ihm ein. Ach ja. Weil Tabby sonst nicht mit ihr zusammen gewesen wäre. Laut seiner Schwester war Intelligenz ja so was von sexy. Außerdem konnte Liv ziemlich gut küssen. Zwei Informationen, ohne die Thilo gut hätte leben können. Er seufzte noch einmal.
 

„Er ist unser neuer Praktikant. Hat am letzten Ersten angefangen.“ Und weil es eh nicht mehr schlimmer kommen konnte, setzte er noch hinzu: „Und er ist derjenige, den Tabby auf dem Marktplatz angesprochen hat. Du weißt schon, der mit dem Dufflecoat.“

 

Thilo wartete. Er wartete eine ganze Weile, was ungewöhnlich war. Offenbar hatte er es doch tatsächlich geschafft, Liv sprachlos zu machen. Zum ersten Mal, seit er sie kannte. Dann jedoch kreischte sie los.
 

„Dein Praktikant?!“
 

Thilo hielt den Hörer etwas weiter weg von seinem Ohr. Vielleicht war da in Livs Stammbaum irgendwo auch die eine oder andere Banshee versteckt. Er holte hörbar Luft.
 

„Ja, mein Praktikant“, gab er leicht patzig zurück. „Er hat mich zum Geburtstag seiner Mutter eingeladen und …“
 

„Er hat WAS?!“
 

Dieses Mal schrie Liv wirklich.
 

„Sag mal, hast du was genommen? Koks, Gras, Speed?“, wetterte sie weiter. „Soll ich den Notarzt rufen? Siehst du irgendwelche Punkte?“
 

Thilo seufzte. Das tat er oft, seit er mit Liv telefonierte.
 

„Nein, ich hab nichts genommen. Es ist nur … na ja, er ist nett. Und ziemlich süß. Und ich glaube, er findet mich auch nett und …“

 

„Er ist dein Praktikant.“

 

Die Stimme, die aus dem Hörer kam, war jetzt wieder tiefkühlfrostig. Thilo zog zum Schutz eines der Makrameekissen enger an sich.
 

„Ja, das weiß ich. Und da läuft auch nichts, aber … Tom hat gemeint, ich könnte ihn mir ja mal warmhalten. Für nach dem Praktikum.“

 

Liv sagte nichts, doch allein, dass sie nichts sagte, konnte nichts Gutes bedeuten. Als sie jedoch wieder zu sprechen begann, wurde Thilo überrascht.
 

„Das heißt, du wirst nichts mit ihm anfangen, solange er dein Angestellter ist?“, fragte sie knurrend nach. Thilo musste an eine Englische Bulldogge denken. Oder einen Dobermann kurz vor dem Zubeißen.
 

„Nein, natürlich nicht“, versicherte er schnell. „Aber er ist … er hat mich halt eingeladen. Und ich wollte nicht Nein, sagen, weil …“
 

Weil er ein Idiot war. So sah’s aus. Darauf, dass Liv ihm das ebenfalls mitteilte, wartete er allerdings vergeblich. Sie schnaufte.
 

„Männer“, grollte sie und schüttelte mit Sicherheit den Kopf. „Anstatt dass du dir mal jemanden in deiner Liga suchst.“

 

Thilo lachte auf.

 

„Warst du mal mit einem Mann in meinem Alter aus?“, versuchte er einen schlechten Witz. Die Retourkutsche kam prompt.
 

„Ja, hab ich versucht. Ist der Grund, warum ich heute lesbisch bin.“

 

Thilo wusste, dass das nicht stimmte. Liv war zwar ein Jahr älter als er, aber schon seit Jahren glücklich mit seiner Schwester zusammen und auch davor hatte sie bereits eine Langzeitbeziehung mit einer Frau gehabt. Liv war einfach so ein Typ. Sie tat Tabby gut und …
 

Er hörte Liv auf ihrer Tastatur klappern.

 

„Sag mal, arbeitest du? An einem Samstag?“

 

Liv knurrte unwillig.
 

„Scherzkeks. Zum einen weißt du, dass ich auch an den Wochenenden arbeite. Ich hab schließlich einen Kredit abzubezahlen.“

 

Thilo zuckte bei der Spitze, die er – leider – verdient hatte. Dass er inzwischen seine Meinung diesbezüglich geändert hatte, tat offenbar nichts zur Sache. Nur weil er ein kleeeiiines bisschen misstrauisch gewesen war, als so kurz, nachdem Tabby ihr Erbe ausbezahlt bekommen hatte, auf einmal eine Frau in ihrem Leben aufgetaucht war, die – rein zufällig – gerade ein Fotostudio eröffnen wollte und dazu – rein zufällig – einen ganzen Batzen eben dieses Erbes super gebrauchen konnte. Ja, Liv hatte eingewilligt, das Geld wieder zurückzuzahlen, aber trotzdem. Komisch war es gewesen.
 

„Hallo? Hörst du mir überhaupt zu.“

 

Thilo schreckte hoch. Offenbar war er gedanklich etwas abegedriftet. Als er Livs Kiefer kurz neben seinem Ohr zuschnappen hörte, war er allerdings sofort wieder wach.
 

„Ja, nein, was hast du gesagt?“

 

Liv stöhnte genervt.

 

„Ich hab gesagt, dass ich ihr geholfen habe, alles vorzubereiten. Du weißt schon, Putzen, Aufräumen, Kochen. Was man halt so macht, wenn man Besuch bekommt.“

 

Thilo verzog das Gesicht. Das letzte Mal, als die beiden bei ihm gewesen waren, hatte die Wohnung wie ein Schweinestall ausgesehen und ihm Kühlschrank war nur eine halbe Tube Tomatenmark gewesen.
 

„Ich hab euch zum Essen eingeladen“, versuchte er, sich zu verteidigen. „Ist doch nicht meine Schuld, dass …“

 

„Jaja, es ist ja nie deine Schuld“, würgte Liv ihn ab. „Du bist sozusagen schuldimprägniert. Wie Autopolitur.“

 

Thilo zog es vor, darauf nicht zu antworten. Liv tippte und klickte immer noch.
 

„Was machst du denn da?“

 

Nicht, dass Thilo nicht die Angewohnheit hatte, weiter zu arbeiten, wenn seine Schwester ihn anrief. Dass Liv gerade das Gleiche mit ihm abzog, irritierte ihn jedoch. Liv brummte.
 

„Ich guck die Fotos durch. Irgendwo … ach ja da. Mhm, ja. Gar nicht übel, der Kleine. Hat ein schönes, klassisches Profil, sieht aber nicht zu kühl aus. So ne Mischung aus Lausbub und Latin Lover. Definitiv fotogen. Könnte aber vielleicht mal einen neuen Haarschnitt vertragen.“
 

Thilo stockte der Atem.
 

„Du hast ein … Bild von ihm?“

 

Seine Stimme war ein einziges Krächzen. Er brauchte Wasser. Sofort. Liv hingegen schien guter Dinge.
 

Ein Bild?“, säuselte sie. „Schätzelein, ich hab 20 Bilder. Leider bist du auf den meisten mit drauf, also sind die leider für die Tonne.“

 

Thilo glaubte, an einem Herzinfarkt sterben zu müssen. Er würde jetzt erst mal seinen übergeschnappten Puls beruhigen, dann würde er dreimal tief Luft holen und dann würde er Liv fragen, warum zum Teufel sie ihm diese Bilder nicht einfach geschickt hatten. Ihre Antwort darauf war ernüchternd.

 

„Weil’s nicht deine sind, du Trottel“, erklärte sie lax und lehnte sich hörbar im Stuhl zurück. „Gibt immer noch das Recht am eigenen Bild und so was alles. Das ist im öffentlichen Raum zwar aufgehoben, aber wenn du das Ganze irgendwo bei Social Media reingestellt hättest, hätte ich trotzdem Ärger bekommen können. Die Sache war zwar angemeldet, aber keine öffentliche Veranstaltung. Das heißt, ich mache mich strafbar, wenn ich die irgendwo hochlade. Oder wenn du das tust.“

 

„Ja aber …“, japste Thilo. Er konnte es immer noch nicht glauben. „Ich will das Bild doch gar nicht veröffentlichen. Ich will es mir nur ansehen.“

 

„Ich schicke dir keine Wichsvorlage.“

 

Argh! Konnte mal bitte irgendjemand diese Frau erwürgen? Vorzugsweise mit ihrem eigenen dämlichen Bob-Haarschnitt. Das war ja nicht zum Aushalten.
 

„Ich will dieses Bild.“

„Nö.“

„Liv bitte.“

„Nö~hö!“

„Ich bring Tabby auch ein Geschenk mit.“

 

Damit konnte man seine Schwester immer begeistern. Natürlich hatte Thilo kein Geschenk, aber er würde noch eins besorgen. An der Tankstelle oder so. Eine Tasse mit 'I love Hamburg' hatte sie doch bestimmt noch nicht und …

 

„Keine Tasse.“

 

Mist.

 

„Es muss was Niedliches sein. Klein und flauschig und …“

„Ich kaufe ihr kein Kaninchen.“

 

Was Haustiere anging, war Thilo rigoros. Die kamen ihm nicht in die Tüte, weder Jute noch Plastik. Liv knurrte.
 

„Ich meinte ein Kuscheltier. Für ihre Sammlung.“

 

Thilo zog die Augenbrauen hoch. Dass seine Schwester mit 27 noch Kuscheltiere sammelte, war ja eine Sache, aber dass Liv sie dabei auch noch unterstützte …
 

„Kein großes, aber eins mit diesen glitzernden Glubschaugen. Die liebt sie. Von der neuen Kollektion fehlt ihr noch der Vogel, das Erdmännchen und diese süße Ziege. Die wollte sie am liebsten. Wenn du also das Bild willst, solltest du eine Ziege auftreiben.“

 

Um sie dir zu opfern, knurrte Thilo in Gedanken. Diese … Kuh machte ihn echt fertig. Ziege. Ha!

 

„Und wo soll ich die hernehmen?“, schnappte er.

 

„Thilo“, sagte Liv so sanft, dass es Thilo eine Gänsehaut machte. „Du wohnst in Hamburg, schon vergessen? Dort bekommt man alles, wenn man nur will. Sogar rund um die Uhr. Also los, hopp! Mach dich auf zur Meile und kauf deiner Schwester eine Ziege.“

 

Thilo dachte an die Reeperbahn und wurde nicht schlau daraus. Was sollte er um diese Zeit dort? Die meisten Läden machten doch erst abends auf und selbst im sagenumwobenen Penny würde er doch kaum …

 

„Die Hamburger Meile“, stöhnte Liv, als er eine entsprechende Frage stellte. „Das Einkaufszentrum. Da gibt es einen Nici-Shop, die haben unter Garantie noch eine da. Wenn du mir ein Beweisfoto schickst, dass du eine Zoggy hast, schicke ich dir das Bild.“

 

Thilo bemühte sich, ruhig zu bleiben. Jetzt hatte die Ziege also auch noch einen Namen. Er brach hier bald zusammen.
 

„Das ist Erpressung“, knurrte er und war kurz davor, sein Telefon zu zerbeißen.

 

„Ja genau, ist es“, flötete Liv zurück. „Du weißt doch, ich will immer nur dein Schlimmstes.“

 

Und das Beste für Tabby. Thilo wusste, dass es so war. Geschlagen gab er auf.
 

„Okay. Ist gut. Du bekommst deine Ziege.“

 

„Braver Junge“, schnurrte Liv in den Hörer. „Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.“

 

Damit legte sie auf. Thilo sah auf die Uhr und stöhnte. Nur noch zwei Stunden. Das musste er schaffen.

 

Feste feiern

„Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

 

Die freundliche Frauenstimme verstummte und ließ Thilo allein zurück. Um ihn herum türmten sich endlose Hecken auf. Buchsbaum, wenn ihn nicht alles täuschte. Oder war das Liguster? Thilo hatte keine Ahnung. Fakt war jedoch, dass die grünen Wälle die dahinterliegenden Wohnhäuser sicher und zuverlässig vor unerwünschten Blicken schützten und ihn keinerlei Hausnummern erkennen ließen. Wie zum Teufel sollte er so herausfinden, wo er hinmusste?

 

Wenigstens war er pünktlich. Auf dem Rücksitz eine Tüte mit einer kleinen Stoffziege. Braun und weiß war sie, mit goldenen Füßen und ebensolchen Hörnern. Und natürlich den unvermeidlichen Glubschaugen. In grün. Hellgrün mit goldenem Flitter. Nicht unbedingt Thilos Farbe und auch der Ziege standen sie nicht besonders. Dafür war Thilo jetzt stolzer Besitzer eines wundervollen Fotos. Es zeigte Karim im Profil, den Blick auf jemanden oder etwas gerichtet, das ein Stück neben der Kamera stand. Thilo wusste natürlich, wen Karim angesehen hatte. Ihn. Mit einem Lächeln, das ihm auch, wenn es nicht direkt auf ihn gerichtet war, noch den Atem nahm. Er erinnerte sich an den Moment. Liv war wirklich eine Künstlerin. Perfekt eingefangen. Sie hatte zudem noch einen schwarzweiß-Filter über die Aufnahme gelegt. Es ließ das Bild noch professioneller wirken, als es ohnehin schon war. Thilo hatte sich auf die Zunge gebissen und dann hatte er ihr genau das geschrieben. Zurückbekommen hatte er ein einfaches „Danke“, aber er war sich sicher gewesen, dass sie sich gefreut hatte. Tja, und nun stand er hier und suchte genau diesen bezaubernden jungen Mann und konnte ihn vor lauter Hecken nicht entdecken. Dreck!

 

Hilft ja nichts.

 

Mit einem tiefen Atemzug stieg Thilo aus dem Wagen, lehnte sich in die Tür und sah sich um. Neben ihm raschelte es. Eine Amsel wühlte im Laub vom letzten Jahr nach Würmern und anderen Leckerbissen. Als sie ihn erblickte, hielt sie inne, musterte ihn für einen Augenblick kritisch aus schwarzen Knopfaugen und eilte dann lauthals schimpfend davon. Thilo seufzte noch einmal und strich sein Hemd glatt. Es war das, was er auf seinen Profilfotos getragen hatte, in Kombination mit einer dunklen Jeans. Eines seiner Ausgeh-Outfits und normalerweise nichts, was er zu einem Besuch bei Liv angezogen hätte. Zu einem Besuch bei Karim? Schon eher. Nur würde er den wohl nicht finden, wenn er nicht gleich …

 

„Karim! Amir!“
 

Thilo zuckte zusammen. Irgendwo links von ihm brüllte jemand, als ginge es um sein oder vielmehr ihr Leben. Und sie war noch nicht fertig.

 

„Wir brauchen noch mehr Gläser. Und Servietten. Und sagt Emile, wenn er nicht gleich runterkommt, versenke ich seine Xbox im Müllcontainer.“
 

Die Antwort, die die Frau mit der Feldwebelstimme darauf bekam, konnte Thilo nicht mehr verstehen. Es machte aber auch keinen Unterschied, denn zwei Sekunden später wurde irgendwo ein Fenster geöffnet.
 

„Ma~ma, wo ist der Kartoffelsalat?“

„Im Kühlschrank, Schatz.“

„Und wo da?“

„In der roten Schüssel.“

„Da ist keine rote Schüssel.“

 

Thilo hörte ein unwirsches Fauchen und dann ein umso energischeres: „Karim, hilf deinem Bruder! Er wurde mal wieder mit komfortabler Blindheit geschlagen. Und bringt endlich die Gläser!“

 

Anschließend wurde das so eben geöffnete Fenster wieder zugeschlagen und Thilo wusste jetzt, welchen Weg er gehen musste. Eine Auslassung inmitten der grünen Mauern. Der Gang führte um das Haus herum. Dorthin, wo Thilos Vermutung nach die Eingangstür liegen musste. Und die Party.

 

Na los, du schaffst das.

 

Er straffte die Schultern, streckte die Brust raus, zog den Bauch ein und nahm sich vor, ganz locker zu bleiben. Das hier war nur ein Arbeitsessen. Nichts weiter.

 

 

Schon nach wenigen Schritten konnte Thilo hören, dass er hier richtig war. Da waren Stimmen, Musik und Gelächter. In der Luft lag der unverkennbare Geruch von Grillkohle und Bratwurst. Der Gang endete und Thilo sah sich einem von einem braunen Lattenzaun eingefassten Garten gegenüber. Auf der einen Seite war eine lange Tafel aufgebaut worden. Weiße Tischtücher konkurrierten mit bunten Wimpeln und Fahnen. Es gab Kristall und Plastik, Stühle und Hocker, Besteck und Geschirr und vor allem jede Menge Gäste, von denen der jüngste gerade dabei war, sich unter den wachsamen Augen seiner Mutter einen Löwenzahn in den Mund zu stecken, während ein junger Mann in einem gestreiften Polo-Shirt einen Sonnenschirm für die offenbar älteste Dame am Tisch zurechtrückte. Sie nickte zustimmend, als der rostrote Schutz endlich in Position gebracht war, bevor sie sich zu einem kleine Mädchen beugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte, das den Fratz zum Kichern brachte. Bevor Thilo jedoch dazu kam, auch noch den Rest des Gartens zu begutachten, war er bereits entdeckt worden. Eine Frau mit langen, dunklen Haaren kam auf ihn zu. Sie trug eine blau geblümte Tunika mit einer weißen Dreiviertelhose und passende, schwarze Sandalen. Ihr Lächeln und der Zug um ihre Augen verrieten Thilo sofort, dass es sich um Karims Mutter handeln musste. Die Dame des Hauses strahlte ihn an.
 

„Ah, hallo! Sie sehen aus, als würden Sie jemanden suchen. Kann ich helfen?“

 

Thilo öffnete den Mund um zu antworten, als er plötzlich etwas scheppern hörte. Er drehte sich um und sah Karim mit einem großen Tablett auf sich zukommen. Darauf alles, was der Küchenschrank an Trinkgefäßen hergegeben hatte. Nicht weit dahinter trottete ein Junge mit glatten, halblangen Haaren, die ihm ständig ins Gesicht fielen, und einer riesigen, roten Schüssel in der Hand. Als Karim ihn sah, wurde er langsamer.

 

Thilo wusste nicht, was er erwartet hatte. Sicherlich nicht, dass Karim ihm wie sonst in Pullover und Chino entgegenkam. Es war heute warm, trotz des Regenschauers, den es am Vormittag gegeben hatte. Danach war die Sonne rausgekommen und das Thermometer bis knapp über 20 Grad geklettert. Karim, der darauf offenbar besser vorbereitet war als Thilo, trug eine weite, tief sitzende Jeans, dazu ein weißes T-Shirt und darüber ein offenes, rot kariertes Hemd. Er hatte die Ärmel hochgekrempelt und sah unverschämt gut aus. Außerdem lächelte er von einem Ohr zum anderen. Seine Mutter wirkte leicht irritiert.
 

„Karim? Kennst du den Mann?“

 

Karim, der seine Mutter offenbar erst jetzt bemerkt hatte, schraubte die Wattzahl seines Lächelns ein wenig herunter.

 

„Äh ja. Das ist der … Kollege, von dem ich dir erzählt habe. Seine Name ist …“

 

„Thilo“, fiel Thilo schnell ein. Offenbar war Karim ebenfalls gerade aufgefallen, dass seine Eltern, wenn er sich mit seinem Nachnamen vorstellte, sicherlich Eins und Eins zusammenzählen und wissen würden, wer Thilo wirklich war. Karims Mutter schien nichts zu merken. Sie lächelte.

 

„Ah, gut. Thilo also. Freut mich. Kommen Sie rein, oder darf ich Du sagen? Ich bin Alice, das da ist mein Mann Jakob, Bernadette und Clemens, Sandrine und Michael, das da hinten ist mein Sohn Amir, meine Tochter Chloé und wenn er irgendwann die Tür seines Zimmers finden sollte, taucht bestimmt auch noch Emile auf. Ich bezweifle allerdings, dass Sie ihn lange zu Gesicht bekommen werden, denn hier unten hat er kein Wlan. Ach ja und das hier ist meine beste Freundin Anne. Anne, sag hallo zu unserem Gast.“
 

Eine füllige Rothaarige, die Thilo direkt aus „Merida“ entsprungen zu sein schien, kam auf ihn zu uns reicht ihm ihre massive Hand.
 

„Freut mich, Thilo, ich bin Anne. Komm doch rein. Möchtest du was trinken? Wir haben Bier, Wein, Limo, Sekt oder Bowle. Wenn du willst, kann ich dir aber auch noch einen Kaffee machen. Muffins und Erdbeertorte sind auch noch da. Oder möchtest du Götterspeise?“

 

Thilo blinzelte. Es war nicht unbedingt so, dass sich die gesamte Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf ihn richtete, aber die geballte Freundlichkeit zusammen mit den vielen Fragen traf ihn doch etwas unverhofft. Er rettete sich in ein Lächeln.
 

„Ich glaube, ich würde ein Bier nehmen.“

 

Annes Sommersprossen zogen sich in die Breite, als sie freundlich die Zähne zeigte.
 

„Prima, kommt sofort. Lieber Becks oder Desperado? Krombacher ist auch noch da. Oder doch lieber ein Pils?“

 

Thilo sah rüber zu Karim. Der stand immer noch da, mit dem Tablett in der Hand, und wusste offenbar auch nicht so recht, was er jetzt machen sollte. Als er Thilos Blick bemerkte, gab er sich einen Ruck.
 

„Ach, ich mach das. Hier, nimmst du mal die Gläser?“
 

Ohne ihre Antwort abzuwarten, drückte er Merida-Anne das Tablett in die Hand und schloss dann zu Thilo auf.
 

„Die Getränke sind im Schuppen. Wollen wir?“

 

Thilo nickte leicht. Eigentlich hätte er gerne etwas gesagt. Er hatte Karim noch gar nicht begrüßt und so ganz nebenbei fiel ihm auf, dass er vor allem Karims Vater noch nicht die Hand gegeben hatte. Der stand hinter dem Grill und musterte ihn aus strengen, väterlichen Augen. Wenn Thilo es nicht besser gewusst hätte, hätte er gedacht, dass der An-die-Zwei-Meter-Mann mit dem grau melierten Schnurrbart, der aussah, als könne er einem Pferd ohne mit der Wimper zu zucken das Rückgrat brechen, ihn durchschaut hatte. Seine einzige Reaktion auf Thilos Blick bestand jedoch aus einem kurzen Nicken, bevor er sich wieder daran machte, die Würstchen zu drehen. Karim lächelte nervös.

 

„Das Bier“, sagte er. „Im Schuppen.“

 

„Ich komme.“

 

Im Inneren der Laube, die gut und gerne Platz für sechs oder mehr Personen geboten hätte, türmten sich die Getränkekisten. Daneben Tische mit allerlei Schüsseln, Tellern und Platten voller Salate, Beilagen und gefüllten Eiern. Offenbar eine Art Buffet. Thilo erkannte in einer kleineren Variante der roten Schüssel einen riesigen Haufen Tabouleh. Er sah zu Karim.
 

„Ich sehe, du hast Wort gehalten.“

 

Karim, der offenbar nicht recht wusste, wohin mit seinen Händen, lächelte.
 

„Ja. Ich hab ihr gesagt, dass Sie … das noch nie gegessen haben. Da hat sie gleich noch eine Schüssel gemacht. Das daneben in der Tupperdose müssen Sie auch probieren. Das ist Zaalouk, eine Art Dipp aus Tomaten und gerösteten Auberginen. Irre scharf, aber auch sehr lecker.“

 

Thilo lächelte. „Okay, werde ich mir merken.“

 

Karim stand immer noch da mit baumelnden Armen, den Blick hier hin und dorthin werfend.
 

Thilo spitzte die Lippen. „Hattest du mir nicht ein Bier versprochen?“

 

Karim zuckte zusammen. „Ja. Klar. Tschuldigung. Was möchten Sie?“
 

Er drehte sich zu den Kästen um, offenbar bereit, sofort nach einer Flasche zu greifen, sobald Thilo auch nur ein Wort gesagt hatte. Der jedoch war wie gefangen von Karims Rückansicht. Zwar konnte man in diesem Aufzug weniger von seiner Silhouette erkennen, dafür bot seine Kleidung so viel mehr Möglichkeiten. Wenn es nach Thilo gegangen wäre, wäre er jetzt von hinten an ihn herangetreten, hätte die Arme um ihn geschlungen und die Nase in den braunen Locken versenkt. Seine Lippen, die Karims Nacken streiften. Den feinen Flaum, den er dort fand. Thilos Atem auf seiner Haut, seine Hände auf Karims Bauch. Tiefer und immer tiefer.

 

Nur mit Mühe konnte Thilo sich aus dem Tagtraum losreißen. Das hier war jetzt nicht der Augenblick dafür. Sie waren auf einer Geburtstagsfeier. Von Karims Mutter. Verdammt!

 

„Äh“, machte er, um die Pause nicht zu lang werden zu lassen. „Gib mir einfach irgendwas. Ich bin nicht wählerisch.“

 

Karim zögerte kurz, bevor er in einen der Kästen griff. Er öffnete die Flasche mit einem Flaschenöffner, der an einem Strick an einem Nagel an der Wand hing, bevor er sie Thilo reichte. Der sah aufs Etikett. Desperado. Interessante Wahl.
 

„Auf dem Tisch stehen Limetten. Also, wenn Sie wollen. Ich mag das im Sommer ganz gerne.“

 

Thilo sagte nichts. Er trat an den übervollen Tisch, fand die Schale mit den Limettenscheiben, nahm eine davon und steckte sie mit leichtem Druck in den Flaschenhals. Es schäumte ein wenig, als die Scheibe unten ankam. Schnell stülpte Thilo seine Lippen darüber und nahm einen ersten Schluck. Bier, Limette, Tequila. Durchaus lecker.

 

Ich wüsste da noch was Leckereres.
 

Bevor er jedoch dazu kam, seine unsittlichen Gedanken weiterzuverfolgen, polterte es plötzlich. Der Halblanghaarige, Karims Bruder, kam durch die Tür gestolpert in seinen Händen immer noch die ominöse Schüssel.
 

„Wo soll die hin?“, fragte er und flippte den Kopf zur Seite, um überhaupt etwas von seiner Umgebung erkennen zu können.

 

„Stell’s einfach auf den Tisch“, meinte Karim genervt.
 

„Und wo?“, nörgelte sein Bruder War das jetzt Felipe oder Amir? Thilo hatte es vergessen.

 

„Na zwischen den anderen Kram.“

„Da ist kein Platz.“

„Dann such dir einen.“

„Wo denn?“

 

Karim verdrehte die Augen. Er ging zum Tisch und begann, die Teller und Schüsseln neu zu arrangieren, sodass irgendwann eine Lücke entstand, die einigermaßen ausreichend für die enorme Salatmenge war. Anschließend machte er eine einladende Geste.
 

„Hier, bitteschön der Herr.“
 

„Danke“, brummelte es hinter dem Pony hervor, bevor die Salatschüssel mit einem unsanften Rums auf dem Tisch landete und der Teenager – Thilo war sich inzwischen sicher, dass es sich um einen solchen handeln musste – muffelnd wieder von dannen zog. Nicht jedoch, ohne sich eine Flasche aus einem der Kästen zu schnappen, was Karim mit einem brüderlichen 'Aber nur ausnahmsweise' quittierte, bevor er sich wieder Thilo zuwandte. Sein Lächeln wurde entschuldigend.
 

„Sorry, mein Bruder hat Pubertät.“

 

Thilo lachte. „Na, zum Glück ist das ja nicht ansteckend.“

 

Karim grinste ein bisschen, bevor der Ausdruck wieder zu einem Lächeln wurde. Jetzt standen sie schon wieder dumm voreinander rum. Das wurde langsam auffällig.
 

„Sollen wir … wieder nach draußen gehen?“
 

Thilo wies mit dem Kopf in Richtung Schuppentür. Karim nickte schnell.
 

„Ja. Ja, das sollten wir. Ich … wir … also …“

 

Thilo lächelte. „Du kannst heute übrigens ruhig Du zu mir sagen. Wir wollen ja nicht, dass die anderen Verdacht schöpfen.“

 

Karim sah zu ihm auf. „Du hast es ihnen nicht erzählt, oder? Dass ich dein Boss bin.“

 

Karim schluckte. „Nein“, gab er zu. „Ich wusste nicht … Meine Mutter hätte total den Aufstand gemacht. Sie hätten den Ehrenplatz einnehmen müssen, alle Salate kosten, jeden Kuchen, allen die Hand schütteln und jedem erzählen, wie ich mich mache. Ich hab gedacht, das wollen Sie sicher nicht. Du. Sie … oh man, ist das komisch.“
 

Thilo lachte. „Ja, oder?“ Sein Lächeln wurde ein bisschen wärmer. „Was haben wir uns nur dabei gedacht?“

 

Karim zuckte leicht mit den Achseln. „Tja, ich weiß auch nicht.“
 

Seine Lippen öffneten sich leicht. Es fiel Thilo nicht scher sich vorzustellen, diesen sinnlichen Mund zu küssen. Auszuprobieren, wie er schmeckte. Wie er sich anfühlte. Überall. Thilo schluckte mühsam.
 

„Ich … wir … wir sollten wirklich wieder zurückgehen. Nicht, dass uns noch jemand suchen kommt.“

 

Karim nickte und wandte den Kopf ab. Endlich.
 

„Ja“, sagte er entschlossen und lange nicht so fest, wie Thilo gerne gewollt hätte. „Gehen wir raus. Es ist eh viel zu warm hier drin.
 

Thilo folgte Karim nach draußen. Auf dem Rasen hatten einige Leute angefangen, Boule zu spielen. Sie gesellten sich zu ihnen und Thilo wurde genötigt, mitzuspielen. Er streckte die Hand mit dem Bier aus und reichte es Karim.
 

„Hier. Halt mal.“

 

Karim nahm es und für einen Moment glaubte Thilo, seine Fingerspitzen zu fühlen. Dann jedoch wurde ihm eine Metallkugel in die Hand gedrückt. Sie war schwerer, als er gedacht hatte, und ziemlich zerkratzt.
 

„Sie müssen die Kugel werfen, aber vorsichtig, sodass Sie nicht zu weit rollt“, erklärte ihm ein kleiner Junge mit karierten, kurzen Hosen und einer blauen Schirmmütze. „Wer am nächsten an der grünen Kugel ist, hat gewonnen.“

 

„Sehr gut, Albert.“ Eine Frau in einem karierten Kleid mit langen, dunklen Locken, klatschte in die Hände. War das Sandrine? Oder Bernadette? Wer auch immer sie war, sie warf die Haare in den Nacken und sah Thilo auffordernd an.
 

„Na los, Thilo. Du bist dran.“

 

Thilo nickte. Mit einem letzten Blick auf Karim, drehte er sich um, ging leicht in die Knie, balancierte die Kugel auf seinen Fingern aus und konzentrierte sich auf das Ziel. Wenn kleine Steppkes wie dieser Albert das spielen konnten, dann würde es schon nicht so schwer sein. Ein letztes Maßnehmen und Thilo warf.

 

 

 

Karim lachte.
 

„Oh Mann. Geschicklichkeit ist echt nicht so dein Ding, oder?“

 

Er bückte sich, um das Messer aufzuheben, das Thilo verloren hatte. Der stand, schwer beladen mit einem Tablett voller dreckiger Teller und Besteck vor der Haustür und wurde langsam ungeduldig.
 

„Nun mach schon auf“, drängelte er. „Das Zeug ist schwer.“

 

Karim grinste. „Ich hab gesagt, dass ich das mache.“

 

Thilo fletschte die Zähne. „Kommt gar nicht infrage. Ich war Letzter beim Boule, also räume ich ab.“

 

Karim lachte schon wieder. „Das Spiel heißt Pétanques!“

 

Thilo knurrte „Mir egal. Ich hab dieses Koschon-Ding nicht erwischt, also hab ich verloren.“

 

Karim kringelte sich vor Lachen. „Cochonette. Es heißt Cochonette. Das bedeutet 'Schweinchen'.“

 

Thilo riss die Augen auf. „Schweinchen? Oh mein Gott. Wenn ich das jemandem erzähle. 'Und, was hast du so dieses Wochenende gemacht?' 'Och, ich hab mit Stahlkugeln nach Schweinen geworfen. Nichts Besonderes.'

 

Karim lachte. Er lachte so sehr, dass er offenbar nicht in der Lage war, Thilo die Haustür zu öffnen. Kichernd und sich den Bauch haltend, machte er dann aber doch Anstalten und schob die Tür mit den drei gelben Glaseinsätzen nach innen auf, wo er sie festhält und sich an die Wand stellte, um Thilo durchzulassen. Danach ließ er sie los und eilte wiederum an Thilo vorbei, um eine Treppe höher die Tür aufzuschließen. Die Schlüssel klimperten und vor Thilo öffnete sich der enge, vollgestopfte Hausflur.
 

„Moment, ich mach Licht.“

 

Karim wollte zum Schalter greifen, aber Thilo schüttelte den Kopf.
 

„Ach lass. Ich finde den Weg auch so.“
 

Er griff das Tablett fester und machte sich dann auf in Richtung der stelle, wo es wieder heller wurde. Um ihn herum der Flur, den er schon zuvor gesehen hatte, als er einmal hier oben gewesen war, um das Bad zu benutzen. Die Haken an der Wand quollen über vor Jacken, Mänteln, Mützen, Taschen und Fahrradhelmen. Darunter Schuhe für mindestens ein Dutzend Leute. Thilo konnte nur hoffen, dass er nicht über ein verirrtes Exemplar stolperte. Vielleicht hätten sie doch Licht machen sollen.
 

„Vorsicht, ich nehm das.“
 

Karim, der es offenbar nicht mehr ausgehalten hatte, schnappte Thilo das Tablett aus der Hand. Er brachte es in die Küche, die von einem Tresen vom Rest des Wohnzimmers abgetrennt worden war. Es gab Thilo Zeit, sich auch in diesem Raum umzusehen. Er war ebenso liebevoll chaotisch wie der Rest der Wohnung, den er gesehen hatte. Alles war bis unter die Decke voll von Dingen, die die Bewohner brauchten. Lockenwickler, Bademäntel, Zeitschriften und Zahnpastatuben. Dazwischen tummelten sich Kleidungsstücke, Dekokatzen, eine vergessene Teetasse und zwei ineinander verhedderte Gamdepads, die den Besitzern beim nächsten Match sicherlich viel Freude bereiten würden. Beim Auseinanderdröseln. Thilo grinste ein bisschen, bevor er Karim in die Küche folgte. Der hatte bereits begonnen, die Sachen in die Spülmaschine zu räumen. Auch hier herrschte heilloses Durcheinander. Als Thilo um die Ecke kam, sah Karim auf.

 

„Könntest du das Kaffeegeschirr auf den Tresen stellen? Dann hab ich mehr Platz.“

 

Thilo nickte und machte sich daran, die Teller und Tassen weiter nach vorn zu räumen. Wahrscheinlich gehörten sie in die Vitrine, die ihm gegenüber den Durchgang versperrte. Er wollte gerade fragen, ob er das Geschirr nicht einfach dort einräumen sollte, als plötzlich sein Handy vibrierte. Er hatte eine Nachricht bekommen.

 

'Wo bleibst du?'

 

Thilo verzog das Gesicht. Es war mittlerweile halb neun. Viel zu spät, um noch pünktlich zum Essen bei Tabby und Liv zu sein. Letztere hatte ihm allerdings noch keine Todesdrohungen zukommen lassen und auch seine Schwester hatte auf seine Nachricht, dass er sich noch etwas verspäten würde, ungewöhnlich gelassen reagiert. Thilo ahnte, dass die beiden ihn später gnadenlos ausquetschen würden. Dabei war doch eigentlich gar nichts Spannendes passiert.

 

Als er aufsah, bemerkte er Karims Blick. Der sah hinüber zu Thilos Handy.
 

„Ärger?“, wollte er wissen. Thilo schüttelte den Kopf.
 

„Nein, alles gut. Meine Schwester hat das Essen vermutlich eh anbrennen lassen und sie bestellen sich jetzt was beim Inder.“

 

Karims Mundwinkel zuckte. „Indisch würde ich auch nehmen.“

 

Thilo lachte. „Nach diesem Gelage? Du bist ja verrückt.“

 

Thilo selbst hatte das Gefühl, gleich zu Platzen. Er war wirklich nicht böse, wenn er heute keinen einzigen Bissen mehr zu sich nehmen musste. Aber es war alles so lecker gewesen. Viel leckerer, als er gedacht hatte. Alice hatte es sich nicht nehmen lassen, ihm wirklich alles zu präsentieren, was sie höchstselbst fabriziert hatte. Und dann natürlich noch, was Anne mitgebracht hatte. Und Bernadette. Und Herbert. Urdeutschen Kartoffelsalat hatte der alte Zausel gemacht, der zusammen mit seiner Frau ganz am Ende des Reihenhauses wohnte. Da sie im Rollstuhl saß, hatte er mittlerweile das Kochen übernommen. Die beiden hatten sich den ganzen Abend nur gestritten. Wie ein altes Ehepaar.

 

Inzwischen war es dunkel geworden. Lampions, die an langen Ketten zwischen den Bäumen hingen, spendeten warmes Licht und die Feierwilligen, die noch nicht nach Hause gegangen waren, um ihren Nachwuchs ins Bett zu bringen, saßen zusammen und redeten, lachten, hörten Musik. Karims Vater hatte seine Frau zum Tanzen aufgefordert, nachdem diese sich mit ihrer Tochter zuerst gestritten und dann wieder versöhnt hatte. Als Konsequenz hatte Thilo angeboten, beim Abräumen zu helfen. Und hier stand er nun. Mit Karim. In einer dunklen Küche. Thilo räusperte sich.
 

„Deine Familie ist wirklich nett. Sehr gastfreundlich.“
 

Karim lachte, während er weiter Geschirr einräumte. „Du meinst wohl aufdringlich.“
 

Er stockte und sah zu Thilo rüber. „Ist es eigentlich okay, wenn ich weiter Du sage? Wir sind ja hier unter uns, aber …“

 

Thilo zögerte. Die Versuchung, das Spiel noch ein bisschen länger zu spielen, die Zeit noch ein wenig auszureizen, war da. Noch ein wenig länger so tun, als gäbe es diese Grenze zwischen ihnen nicht. Aber sie war da und Thilo war sich ihrer gerade schmerzlich wieder bewusst geworden. Es wurde Zeit, das hier zu beenden.
 

„Ich denke“, begann Thilo und glaubte für einen Moment an den Worten ersticken zu müssen, „dass es vielleicht langsam an der Zeit ist, zur Normalität zurückzukehren. Spätestens am Montag …“

 

„Ich weiß!“

 

Karims Erwiderung war heftiger, als Thilo erwartet hatte. Er rammte die Tassen und Gläser geradezu in die obere Schublade. Als die voll war, hatte er immer noch ein Glas in der Hand. Er versuchte, es noch dazwischenzuschieben, aber es ging nicht. Thilo trat hinzu und streckte die Hand aus.
 

„Soll ich?“

„Nein!“

 

Karim riss das Glas an sich, das er gerade noch hatte verräumen wollen. Es stieß klirrend gegen ein zweites, das bereits in der Spülmaschine stand. Thilo hielt den Atem an. Nichts kaputtgegangen. Ein Glück.
 

„Du musst vorsichtiger sein.

„Ich weiß!“

 

Karim drehte sich um, weg von Thilo. Thilo sah, wie sich sein Rücken streckte, als er tief durchatmete. Dann, als wäre nichts gewesen, drehte er sich wieder zu Thilo herum.
 

„Tut mir leid“, sagte er in einem derart nüchternen Ton, das Thilo eine Gänsehaut bekam. „Ich hatte für einen Moment vergessen, dass Sie mein Chef sind.“

 

Thilo atmete. Nur zu gern hätte er die Hand nach Karim ausgestreckt. Ihn berührt. In den Arm genommen. Es schmerzte ihn, Karim so zu sehen. Sein Herz zog sich zusammen.
 

„Es ist doch nur noch … ein paar Wochen. Wie lange geht dein Praktikum? Ende Mai? Juni?“

 

Karim hob den Kopf.
 

„Oktober“, sagte er und sah Thilo dabei direkt in die Augen. „Mein Praktikum geht noch bis Anfang Oktober. Das sind fünf Monate.“

 

Thilo erstarrte. Dass es so lange dauern würde, hatte er nicht gedacht. Für gewöhnlich blieben Praktikanten zwei, vielleicht drei Monate bei ihnen. Karim war offenbar gründlich gewesen. Er hatte ein halbes Jahr gewählt.

 

Thilo schluckte. „Das … ist noch eine Weile hin.“

 

Karim sah ihn unverwandt an. „Bis dahin … wirst du wohl kaum …“

 

Warten wollen. Thilo sprach es nicht aus, aber sie wussten es beide. Und vorher war es unmöglich, dass sie …
 

„Wir könnten es heimlich machen. Niemand müsste es wissen.“

 

In Thilos Ohren rauschte es. Karim war das Glas losgeworden und kam jetzt um die offene Spülmaschinenklappe herum auf ihn zu. Kurz vor ihm blieb er stehen und sah zu ihm auf. Das Rauschen wurde lauter.

 

„D-das geht nicht“, stotterte Thilo. Karims Blick zog ihn magisch an. „Du weißt, das das nicht geht. Karim, bitte! Ich komme in Teufels Küche.“

 

Kein Muskel in Karims Gesicht bewegte sich. Im Schein der Straßenlaterne, die durch das Küchenfenster hereinschien, erinnerte er Thilo an da Schwarz-Weiß-Bild, das er von ihm hatte. Karims Augen huschten von rechts nach links, als würde er etwas suchen.

 

„Ich würde nichts sagen“, sagte er leise. „Wirklich. Ich verspreche es.“

 

„Karim, hör mir zu …“

 

Thilos Stimme versagte. Er kam nicht dazu, das Wort wieder an sich zu bringen, denn Karims Gesicht verschloss sich plötzlich

 

„Nein“, fauchte er. „Jetzt hören Sie mir mal zu. Ich weiß, dass da was zwischen uns ist. Ich hab das von ersten Moment an gespürt und sie auch. Also lügen Sie mich nicht an. Ich bin nicht dumm. Ich sehe, wie Sie mich ansehen. Wenn wir uns auf dem Flur begegnen, in der Küche, am Kopierer, im Pausenraum. Scheiße, Mann, Sie sind zum Geburtstag meiner Mutter gekommen. Bedeutet das denn gar nichts?“

 

Thilo zog sich zurück. Er wusste, dass Karim mit allem recht hatte. Es war dumm gewesen, zu kommen. So unheimlich dumm.
 

„Es geht nicht“, sagte er noch einmal und wünschte sich gleichzeitig, dass es anders gewesen wäre. „Ich bin dein Chef.“

 

Karims Nasenflügel bebten.
 

„Und wenn Sie es nicht wären?“
 

Thilo sagte gar nichts. Sie wussten beide, dass das nicht ging.

 

 

 

„Vielen Dank, dass du da warst.“

 

Alice schüttelte sein Hand. Nach der Begegnung in der Küche, war Thilo geflohen. Zurück in den Garten, zurück zu Karims Familie, die ihn so herzlich aufgenommen hatte. Er kam sich plötzlich wie ein Heuchler vor. Vor allem, weil Karims Vater jetzt auf ihn zukam und ihm seine rechte Pranke reichte.
 

„Hat mich gefreut.“

 

Thilos Hand wurde gedrückt, fest gedrückt, so als wollte er sagen 'Bist ein anständiger Kerl. Dir vertraue ich meinen Sohn an.' Thilo wurde schlecht, während er ihn erwiderte.
 

„Tja, ich muss dann“, sagte er, nachdem er sich auch noch von den restlichen Gästen verabschiedet hatte. Anne stand da mit einem Glas Wein in der Hand. Sandrine – Thilo wusste inzwischen, dass sie die mit den Locken war – hatte den kleinen Albert auf dem Arm, der bereits süß und selig schlief. Karims Brüder hatten sich in irgendeine Ecke verzogen und nutzten aus, dass niemand so genau darauf achtete, wie oft sie sich an den Getränkekisten bedienten. Chloé, ein Ebenbild ihrer Mutter nur in blond, jünger und hochnäsiger, war nach dem Streit in einem dramatischen Abgang verschwunden und zu einer Freundin gefahren. Es wurde wirklich höchste Zeit, dass er ging. Allerhöchste. Alice lächelte.

 

„Grüß deine Schwester von uns“, sagte sie. „Das nächste Mal kannst du sie mitbringen. Und du bist sicher, dass du nichts mitnehmen möchtest. Karim könnte die ein paar Tupper … ?“

 

Thilo unterbrach sie. „Nein, nein wirklich nicht. Vielen Dank. Ich muss.“
 

Er winkte noch einmal, bevor er sich umdrehte und den Garten verließ. Auf dem Weg angekommen, sah er zum Haus zurück. Karim war ihm nicht gefolgt. Thilo fühlte einen Stich, aber er wusste, dass es besser so war. Montag würde wieder alles beim Alten sein. Wahrscheinlich für immer.

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[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Vertragsverhandlungen

Thilo schaffte es gerade noch rechtzeitig zu seinem Termin. Während die Reinigungsfirma ursprünglich vorgehabt hatte, sich mit einem Carve-out von ihrer unrentablen Schwesterfirma zu trennen, hatte Thilo es geschafft, attraktive Investoren zu finden, die eine Sanierung beider Konzerne und somit sogar noch eine Vergrößerung des Betriebs ermöglichen konnten. Er jonglierte also mit Zahlen und Ablaufplänen, ging mit den Firmenchefs die ersten Angebote durch und versuchte dabei, möglichst nicht an Karim zu denken. Als er jedoch das Gebäude verließ, in der Tasche eine Unterschrift unter dem Vertrag, der ihn mit der Einleitung der entsprechenden Schritte beauftragte, wurde er langsamer. Was würde passieren, wenn er gleich ins Büro zurückkam? Karim hatte ihm beim Abschied versprochen, sich möglichst umgehend auf den Weg ins Büro zu machen; im Gepäck eine zu dem Zeitpunkt nicht mehr unbedingt glaubwürdige Erklärung, dass er verschlafen hatte. Erst im Auto war Thilo eingefallen, dass es vielleicht sinnvoller gewesen wäre, wenn Karim sich krank gemeldet hätte, auch wenn das bedeutet hätte, dass sie sich mehrere Tage nicht sehen konnten. Dummerweise hatte Thilo darauf bestanden, dass Karim noch in seinem Beisein bei Beate anrief, und so war diese Möglichkeit flachgefallen. Ein Umstand, der sich jetzt rächte, denn andernfalls hätte Thilo wohl noch die Mittagspause mit ihm verbringen können. So jedoch griff er nach seinem Handy und wählte eine andere Nummer. Es klingelte.

 

„Brauer?“

 

Die dunkle Stimme an seinem Ohr klang geschäftsmäßig. Offenbar hatte Tom nicht gesehen, wer anrief. Thilo sah in den Himmel hinauf.

 

„Hey, ich bin’s. Sag, hast du Zeit zum Mittagessen? Ich wäre grad in der Nähe.“

 

Letzteres entsprach nicht ganz der Wahrheit. Toms Arbeitsort in der Nähe der Elbphilarmonie bedeutete für Thilo, dass er die doppelte Strecke würde zurücklegen müssen. Noch dazu in entgegengesetzter Richtung. Aber Tom würde ihn wohl kaum tracken, um seine Angaben zu überprüfen, also konnte Thilo die Wahrheit ruhig etwas zurechtbiegen. Er brauchte jetzt unbedingt jemand zum reden.

 

„Mhm, halbe Stunde? Passt das?“

 

Thilo gab sich Mühe, nicht allzu erleichtert zu klingen.

 

„Klar. Wonach ist dir?“

„Sushi?“

„Okay.“

„Bis dann.“

 

Tom hatte aufgelegt, bevor Thilo den Satz beendet hatte. Für Thilo ein klares Anzeichen, dass er ebenfalls im Stress war. Vor ein paar Wochen hatte er etwas von Umstrukturierungen erwähnt, bei denen auch der eine oder andere Kopf rollen würde. Tom gehörte dabei nicht zu den vorrangigen Zielen, aber man konnte nie wissen. Manchmal war der Teufel ein Eichhörnchen.

 

 

Das Restaurant, das Thilo ansteuerte, lag in einer Seitenstraße. Es war ausreichend unauffällig, sodass sich nicht viele Touristen hierher verirrten, aber stets gut besucht, was vor allem an der Qualität des servierten Essens lag. Zwei große Fensterscheiben fügten sich nahtlos in die rechts und links anschließenden Geschäfte ein. Es gab keine Fahnen, keine Werbung, keine Blumentöpfe neben dem Eingang. Lediglich einen kleinen Tisch, auf dem man das jeweilige Tagesmenü aus Plastik bewundern konnte. Darüber eine bebilderte Karte mit den zur Auswahl stehenden Reisrollen. Thilo ignorierte sie und warf lieber einen Blick auf die auf der anderen Seite ausgeschriebenen Nudelsuppen. Auch hier nicht mehr als laminierte Ausdrucke. Kein Hochglanzprospekt, keine blumigen Umschreibungen. Einfach nur Suppe.

 

„Na, schon was gefunden?“

 

Mit der Frage legte sich eine Hand auf Thilos Schulter. Wie auch immer Tom es geschafft hatte, sich so an ihn heranzuschleichen. Thilo zuckte zusammen.

 

„Ja, hab ich. Ich nehme die Rindfleisch-Udon.“

 

Tom lachte leise.

 

„Also wie jedes Mal. Warum probierst du nicht wenigstens die mit Curry? Die sollen gut sein.“

 

Immer noch lächelnd ging Tom an ihm vorbei und griff nach der Tür. Über ihm verkündete ein blaues Spruchband, dass man hier Sushi essen konnte. Was die japanischen Schriftzeichen daneben bedeuten sollten, wusste Thilo nicht. Vermutlich dasselbe.

 

„Im Sommer hatte ich mal die kalten Soba“, rechtfertigte er sich. „Und vergiss nicht diese frittierte Tofutasche bei unserem ersten Besuch!“

 

Tom grinste.

 

„Uh, ein ganz Verwegener. Na los, rein jetzt mit dir. Es fängt gleich an zu regnen.“

 

Drinnen empfing sie warme, leicht feuchte und mit allerlei Aromen aufgeladene Luft. Hinter dem Tresen, an dem noch einmal die Bilder der Suppen hingen wie eine merkwürdige Wimpelgirlande, herrschte reges Treiben. Mindestens fünf Leute wirbelten in weiße Schürzen gekleidet umeinander und kriegten es irgendwie hin, den wartenden Kunden ganz genau das zu servieren, was sie bestellt hatten, ohne sich zu verletzen oder gegenseitig über den Haufen zu rennen. Dazwischen näselte die Dame an der Kasse immer wieder Bestellungen in die Küche, aus der es genauso zurücktönte. Thilo hätte vielleicht die Vermutung gehabt, dass sich das Personal dabei unablässig über die Gäste lustig machte, wenn er nicht davon hätte ausgehen können, dass mindestens zwei Drittel der Besucher genau verstanden, was die Tresendame und all die anderen da vor sich hin singsangten. Zum Glück gab es außer ihm und Tom noch ein paar weitere Gäste, die nicht asiatischer Abstammung waren. So fielen sie nicht allzu sehr auf.

 

„Hier.“

 

Tom reichte Thilo ein braunes Tablett, das in Holzoptik machte, aber eindeutig aus Plastik war. So bewaffnet reihten sie sich in die Schlange ein, die an diversen Kühltruhen vorbeiführte. Darin Getränke in Dosen, japanische Süßigkeiten, Onigiri, Baumkuchen und andere Leckereien, mit denen man sein Menu noch ergänzen konnte. Es gab auch Sushi zum Mitnehmen, ein jedes von ihnen einzeln in Plastikfolie verpackt. Oder ganze Sets, wie im Supermarkt. Man musste nur zugreifen.

 

„Hallo? Ihr Bestellung, bitte.“

 

Ein wenig irritiert wandte sich Thilo von den Getränken ab und der kleinen, dunkelhaarigen Frau zu, die ihn von der anderen Seite des Tresens erwartungsvoll ansah. Er schluckte.

 

„Ich, äh … Die Currynudeln bitte.“

 

Keine Ahnung, warum er das gesagt hatte. Sie jedenfalls schien nichts zu merken. Ein Näseln später war seine Bestellung offenbar weitergegeben und Tom war dran.

 

„Für mich bitte das Tagesmenü“

„Suppe groß klein?“

„Nur eine kleine.“

„Okay, danke sehr.“

 

Sie bezahlten, wobei Thilo es sich nicht nehmen ließ, die ganze Rechnung zu übernehmen. Mit einer dampfenden Schüssel auf seinem Tablett steuerte er danach einen der Tische im hinteren Teil des Bistros an. Der ganze Raum mochte etwa so groß sein wie sein Wohnzimmer. Dafür vollgestellt mit Möbeln bis unter den Rand. Ein Alptraum.

 

„Na, dann rück mal raus mit der Sprache. Wo brennt’s denn?“

 

Während er das sagte, befreite Tom die Einwegstäbchen aus ihrer Verpackung und brach sie in er Mitte durch. Thilo tat es ihm gleich. Auf seiner Schüssel mit Nudeln in gelber Soße lagen ein paar muntere Stücke Frühlingszwiebel.

 

„Ich hab … mit Karim geschlafen. Heute Morgen. Und es war großartig.“

 

Die Spitze von Toms Stäbchen kamen über einem Maki Sushi zum Halt. Ein wenig ungläubig starrte er Thilo an.

 

„Äh ja. Herzlichen … Glückwunsch? Woher der Sinneswandel?“

 

Eigentlich hatte Thilo mehr erwartet. Vielleicht auch deswegen, weil er die Sache ja doch ein wenig übertrieben hatte. Dass Tom sich jetzt einfach das Maki in den Mund steckte, schmeckte ihm wenig.

 

„Er hat mich erpresst“, behauptete er deshalb. „Als ich heute Morgen kam, hatte ich seine Kündigung auf dem Tisch. Also bin ich hingefahren und …“

 

„Und hast es ihm besorgt. Guter Plan. Hätte von mir sein können. Aber hätte es nicht auch ein Anruf getan?“

„Er hatte sein Telefon abgeschaltet.“

„Ach so.“

 

Wieder widmete sich Tom in aller Seelenruhe seinem Sushi. Thilo selbst rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Er konnte nichts essen. Irgendwann platzte ihm der Kragen.

 

„Ach so?“, fauchte er, obwohl er sich Mühe gab, dabei leise zu sein, sodass niemand sonst etwas davon mitbekamen. Nur weil er das Gezwitscher der beiden jungen Frauen am Nebentisch nicht verstand, hieß das ja nicht, dass es andersherum genauso war.

 

„Ist das alles, was dir dazu einfällt?“

 

Tom zog pikiert eine Augenbraue hoch.

 

„Nein. Aber in deinem Zustand bin ich mir gerade nicht ganz sicher, was du von mir hören willst. Wenn es euch beiden gefallen hat, so what?“

 

Thilo Kiefer mahlten. Natürlich hatte Tom recht. Karim hatte schließlich das Gleiche gesagt. Sie hatten es beide gewollt und er bereute es nicht. Aber irgendwie … Er schnaufte.

 

„Ja. Schon“, meinte er gedehnt und rührte geistesabwesend ein paar der kleinen, grünen Röllchen unter seine Soße. „Und eigentlich hat er mich auch nicht wirklich erpresst. Er hat einfach nur gekündigt.“

 

Tom sah aus, als würde er das Problem nicht verstehen

 

„Na und?“, meinte er und griff nach einem weiteren Sushi. „Ist doch prima. Dann bleibt dein moralischer Kodex unangetastet und ihr könnt es jetzt endlich treiben wie die Karnickel.“

 

Thilo verzog das Gesicht. Tom hatte echt nichts begriffen.

 

„Ich hab ihn wieder eingestellt.“

 

Das Husten, das daraufhin erklang, war endlich einigermaßen zufriedenstellend. Tom hatte sich verschluckt und das nicht zu knapp. Aus glasigen Augen sah er Thilo über den Tisch hinweg an.

 

„Was?“, krächzte er und griff nach der grünen Dose, die er sich zu seinem Menü dazu geordert hatte. Limonade mit Yuzu-Geschmack. Tom nahm einen ordentlichen Schluck.

 

„Du hast ihn wieder eingestellt?“, wiederholte er daraufhin noch einmal. „Aber warum?“

 

Thilo drehte die Stäbchen in seinen Händen. An der Bruchstelle standen einige Holzfasern ab. Er betrachtete sie eingehend.

 

„Weil ich nicht schuld sein wollte, wenn er es irgendwann bereut. Und das hätte er getan. Vielleicht nicht heute und auch nicht nächste Woche, aber in ein paar Jahren bestimmt. Die ganze Aktion war total idiotisch.“

 

Für einen Moment trat Stille zwischen ihnen ein. Um sie herum klapperte und zwitscherte es immer noch. Ein kleines Mädchen mit abstehenden Zöpfen, das an einem der Tische in der Mitte saß, spähte immer wieder zu ihnen herüber. Thilo bedachte es mit einem halben Lächeln, bevor er sich wieder Tom zuwandte. Tom, der ihn eindringlich ansah.

 

„Was?“, fragte er und klang dabei nicht überzeugend. Er ahnte, woran Tom dachte. Oder war nur er es, der hier gerade Parallelen zog, die es eigentlich gar nicht gab?

 

Um Toms Blick auszuweichen, griff Thilo nun endlich nach seinen Stäbchen und begann zu essen. Dass er sich dabei tief über seine Schüssel beugen musste, um nicht zu kleckern, kam ihm dabei ganz recht. Nach drei Mundvoll Nudeln sah er zu seinem Freund hoch. Der schien sich keinen Zentimeter bewegt zu haben. Er starrte Thilo einfach nur an. Eine Tatsache, die Thilo nach dem fünften Bissen nun endgültig zu ungemütlich wurde. Seufzend richtete er sich auf.

 

„Was?“, fragte er noch einmal. Tom schnaubte.

 

„Ich überlege noch, ob ich dir den Kopf waschen oder ihn als Beispiel für absolut grandiose Dummheit an die Wissenschaft verkaufen soll. Der Kleine hat dich doch voll an den Eiern.“

 

Thilo wollte protestieren. Er wollte Tom gerne sagen, dass das nicht stimmte. Leider hatte er das dumme Gefühl, das da ein bisschen was dran war. Allerdings übersah Tom auch etwas.

 

„Ich bin immer noch sein Chef.“

„Wieder.“

 

Thilo grollte.

 

„Dann eben wieder. Fakt ist aber, dass ich am längeren Hebel sitze. Wenn ich will, kann ich sein Praktikum platzen lassen.“

 

Tom schnaubte belustigt.

 

„Welches? Das, was er ohnehin schon geschmissen hatte und von dem er jetzt weiß, dass du unbedingt willst, dass er es durchzieht?“

 

Thilo seufzte und legte seine Stäbchen weg. Hunger hatte er ohnehin keinen. Außerdem hatte Tom so verdammt recht, dass es wehtat. Mal wieder.

 

„Nein, wahrscheinlich nicht“, gab er zu. „Obwohl ich nicht glaube, dass er sich der Tragweite seiner Entscheidung bewusst ist. Deswegen kann ich auch nicht zulassen, dass er sich unglücklich macht.“

 

Wieder diese Schwingungen. Erschütterungen aus der Tiefe, über die sie nie gesprochen hatten. Nicht wirklich. Es war einfach zu lange her.

 

Tom atmete hörbar aus.

 

„Na schön. Mach, was du denkst. Ich halte dich nicht.“

 

Erneut widmete sich Tom seinem Essen. Inzwischen waren nur noch wenige Stückchen auf dem hellen Holzbrettchen übrig. Wenn Thilo nicht bald zum eigentlichen Grund des Gesprächs kam, würde ihm Tom noch auskommen. Er holte tief Luft.
 

„Es gibt da noch etwas.“

 

Tom sah ihn nicht an, aber Thilo konnte allein daran erkennen, dass ihn das Ganze nicht so kalt ließ, wie er Thilo gerne Glauben machen wollte. Tom war schließlich Anwalt. Der wusste, wie man ein Pokerface bewahrte.

 

„Ich will mit ihm einen Vertrag aufsetzen. Einen, der ihn absichert, falls ich … unsere persönliche Beziehung irgendwie ausnutze. Und vice versa.“

 

Toms Kopf ruckte nach oben. Er starrte Thilo an, als hätte das Sushi in seinem Mund gerade beschlossen, wieder lebendig zu werden und zurück in den Fischtank kriechen zu wollen. So überrascht hatte Thilo ihn lange nicht gesehen. Der Zustand dauerte nur ungefähr zehn Sekunden, dann fing sich Tom wieder. Und wie er sich fing.

 

„Bist du bescheuert?“

 

Die Frage traf Thilo wie eine Ohrfeige.

 

„Du kannst ihm doch nichts Schriftliches geben. Himmel, Thilo, der Kleine macht dich nackt bis auf die Unterhose. Sag mir bitte, dass du nicht so dumm warst und das schon gemacht hast. Bitte!“

 

Thilo schüttelte langsam den Kopf. Tom schien das etwas zu beruhigen, aber nicht sehr. Er legte die Stäbchen beiseite und senkte die Stimme.

 

„Das ist so was von eine schlechte Idee. Was willst du denn da bitte reinschreiben? Dass du dich verpflichtest, ihm ein gutes Zeugnis auszustellen. Eine Empfehlung? Dass du ihm ne Gehaltserhöhung und nen Dienstwagen zukommen lässt? Ne Festanstellung? Was? Himmel, Thilo. Ist er dir das denn wirklich wert?“

 

Thilo antwortete nicht. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Hatte er sich da tatsächlich in etwas verrannt? Toms Gesichtsausdruck wurde weicher.
 

„Hör mal“, sagte er und sah Thilo direkt in die Augen. „Ich versteh ja, dass du ihn süß findest. Und ja, irgendwo kann ich auch nachvollziehen, dass dir das mit der Kündigung imponiert hat. Große, dramatische Geste und all das. Aber ein Vertrag, ein wirklicher, echter, rechtsbindender Vertrag, das ist schon ne andere Hausnummer als nachts mit nem Ghettoblaster bei irgendwem unterm Fenster zu stehen und zu warten, dass derjenige einen erhört. Das ist ernst, Thilo. Keine Märchenkacke.“

 

Thilo schluckte. Er wusste er, dass Tom recht hatte. Tom hatte immer recht und bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen er sich geirrt hatte, hatte er immerhin weniger falsch gelegen als Thilo. Wenn er also sagte, dass Thilo die Finger von diesem Vertrag lassen sollte, dann war da etwas dran. Aber Thilo brauchte diesen Vertrag. Er brauchte ihn wirklich ganz dringend. Als er Tom das sagte, seufzte der sehr, sehr schwer.

 

„Ich seh schon, da ist mal wieder kein Reinkommen.“

 

Er betrachtete Thilo wie ein Kind, das nach dem vierten Nein immer noch nach einem Lutscher quengelte. Dann seufzte er noch einmal.
 

„Also schön, ich helfe dir. Aber nur, weil ich mir dein Geheule nicht anhören will, wenn es schiefgeht und der Kerl dir das letzte Hemd auszieht.“

 

Das Funkeln, das Tom dabei in den Augen hatte, ließ Thilo grinsen.
 

„Also eigentlich hätte ich nichts dagegen, wenn er das macht“, meinte er nachdenklich.

 

Tom verdrehte die Augen.
 

„Ich will es gar nicht hören. Das heißt, eigentlich schon, aber nicht jetzt. Ich hab in 15 Minuten ein Meeting mit dem Vorstand.“

 

Damit steckte er sich das letzte Sushi in den Mund und machte Anstalten, aufzustehen. Thilo griff nach seiner Hand.
 

„Danke“, sagte er und Tom winkte nur halb so ärgerlich ab, wie er Thilo wohl gerne hätte glauben lassen.
 

„Jaja“, brummte er. „Ich erinner dich dran, wenn die Rechnung kommt.“

 

Thilo lächelte und sagte gar nichts. Er wusste, dass Tom nie Geld von ihm nehmen würde. Das war schon immer so gewesen und würde sich in diesem Leben auch nicht mehr ändern.

 

 

 

„Ah, Thilo, gut dass du kommst. Enno wartet schon händeringend darauf, mit dir das Angebot für das Autohaus durchzugehen. Die hatten im ersten Durchgang wohl noch einige Änderungswünsche und er will sich das erst von dir absegnen lassen, bevor er es rausschickt. Außerdem hat sich der Spielplatzbauer gemeldet. Er würde jetzt doch gerne einen Termin mit dir ausmachen. Soll ich sehen, ob ich ihn diese Woche noch reinkriege?“

 

Auffordernd sah Beate Thilo an und erwartete eine Entscheidung. Thilo selbst brauchte einen Moment um umzuschalten.

 

„Äh ja. Sieh aber bitte zu, dass es nicht vor Donnerstag ist. Enno soll dann nachher gleich rüberkommen und auch die Sachen für die Reinigungsfirma mitbringen. Der Deal steht, wir müssen die Angebote fertigmachen.“

 

„Ist gut, ich sag’s ihm.“ Beate zögerte kurz, bevor sie hinzufügte: „Übrigens ist Karim doch noch aufgetaucht. Er hatte verschlafen.“

 

Thilos Atem setzte für einen Moment aus. Ein Kribbeln lief seine Wirbelsäule entlang. Jetzt musste sich erweisen, wie gut es um seine Schauspielkünste bestellt war. Er ahnte Schreckliches.

 

„Ist gut, dann weiß ich Bescheid. Aber sag ihm, dass das nicht allzu oft vorkommen sollte.“

 

Beate musterte ihn.

 

„Okay, ich richte es ihm aus. Ich hab außerdem die Gebote für die Installationsfirma auf deinen Schreibtisch gelegt.“

 

Wieder nickte Thilo.

 

„Ja, ist gut. Danke, Beate.“

 

Mit dem Gefühl, gerade die Titanic um einen riesigen Eisberg herumgeschifft zu haben, drehte Thilo sich um und setzte seinen Weg fort. Dabei schaute er weder nach rechts oder links, sondern ging einfach schnurgerade den Flut hinunter, bis er bei seinem Büro angelangt war. Erst, als sich die Tür hinter ihm schloss, wagte er, wieder Luft zu holen. Dass es so anstrengend werden würde, hatte er nicht gedacht. Und auch nicht, dass Enno ihm nur so wenig Zeit geben würde. Keine fünf Minuten, nachdem er sich an den Schreibtisch gesetzt hatte, klopfte es.

 

„Herein.“

 

Allein, dass er das sagen musste, war eigentlich ungewöhnlich genug. Enno hatte noch nie … Thilo stockte der Atem, als er sah, dass es nicht Enno war, der zur Tür hereinkam, sondern Karim.

 

„Hey.“ Karim schob die Tür noch ein Stück weiter auf und sah vorsichtig über die Schulter zurück. „Kann ich reinkommen?“

 

Thilo schwankte. Am liebsten hätte er Nein gesagt. Gleichzeitig klopfte sein Herz bei Karims Anblick eindeutig schneller. Vielleicht war es besser, wenn er sich anhörte, was er zu sagen hatte.

 

„Ja“, gab er daher zur Antwort. „Aber schließ bitte die Tür.“

 

Karim tat, worum Thilo ihn gebeten hatte. Danach kam er zum Schreibtisch und nahm ihm gegenüber Platz. Thilo atmete betont gleichmäßig. Karim sah auf seine Hände hinab.

 

„Eigentlich wollte ich … ich wollte nur kurz fragen, ob alles in Ordnung ist. Du warst lange weg, da hab ich mich gefragt …“

 

„Ob ich dir ausweiche?“ Thilo schmunzelte. „Nein, das hatte nichts mit dir zu tun. Oder schon. Ich hab mich mit Tom getroffen, meinem besten Freund. Wir haben über den Vertrag geredet.“

 

Karim hob den Kopf. „Dann weiß er davon?“

 

Thilo nickte. „Ja. Irgendwem musste ich es ja erzählen. Außerdem ist Tom Anwalt. Er kennt sich mit solchen Sachen aus.“

 

Die Information schien Karim ein wenig zu beruhigen, wenngleich auch nicht ganz. Hinter seiner Stirn arbeitete es. Thilo sah ihn an.
 

„Gibt es jemanden … dem du davon erzählen möchtest.“

 

Immerhin hatte er das getan, ohne Karim vorher um Erlaubnis zu fragen. Es war also wohl recht und billig, dass der ebenfalls jemanden einweihte. Thilo konnte wohl kaum verlangen, dass er es vor seinen Freunden geheim hielt, auch wenn es ihm lieber gewesen wäre, wenn das Ganze nicht allzu sehr die Runde machte.
 

Karim überlegte. Thilo konnte förmlich sehen, wie Möglichkeiten durch seinen Geist zuckten. Namen, die ihm einfielen, er aber sofort wieder verwarf. Die Liste schien nicht sehr lang zu sein. Kurz darauf schüttelte er den Kopf.
 

„Nein, da ist niemand. Obwohl … vielleicht meiner Mutter. Sie hat ein ziemliches Gespür für solche Sachen und wenn sie fragt, würde ich sie ungerne anlügen müssen. Mein Vater würde es dann wohl ebenfalls erfahren. Und meine Geschwister, obwohl … die interessiert das vermutlich eh nicht besonders.“

 

Ganz anders als meine Schwester.

 

Tabea würde sicherlich unbedingt über diese Entwicklung Bescheid wissen wollen. Und vermutlich hätte sie auch eine Menge dazu zu sagen. Sie war damals auch die Einzige gewesen, die von ihm und Tom gewusst hatte. Obwohl Thilo immer überlegt hatte, es seiner Mutter zu erzählen. Sie hätte sich sicher für ihn gefreut, bevor sie ihm im nächsten Atemzug erklärt hätte, das das nicht ging. Was sollten denn die Leute denken. Und sie hätte es ihrem Mann erzählt. Er war der eigentliche Grund, warum Thilo ihr gegenüber immer geschwiegen hatte. Bis es irgendwann zu spät gewesen war.
 

Thilo blinzelte gegen den feuchten Schleier an, der sich über seine Augen gelegt hatte, und drängte die Bilder zurück, die sich ihren Weg nach oben zu bahnen drohten. Das Krankenzimmer, das Bett, seine Mutter, die vielen Schläuche, Kabel und Geräte. Ein sinnloses Unterfangen. Sie war gestorben. Drei Tage nach dem Unfall. Drei Tage, an denen Thilo ihr nur von der Seite gewichen war, um zu essen und zu schlafen. Als ihr Herz aufgehört hatte zu schlagen, war er zu Tom gefahren. Sie hatten die Nacht zusammen verbracht. Eine letzte, verzweifelte, gemeinsame Nacht. Danach hatte sich alles geändert. Thilo hatte sich geändert. Er war zu dem geworden, der er jetzt war. Wenigstens hatte er das gedacht. Bis jetzt.
 

„Okay“, sagte er und hatte Mühe, seine Stimmbänder unter Kontrolle zu halten. „Natürlich kannst du es deiner Familie sagen. Noch jemandem? Deinen Mitbewohnern vielleicht? Oder einem Freund oder einer Freundin?“

 

Karim verzog den Mund. Es sah nicht aus, als wäre er sehr begeistert.

 

„Nein, niemand. Mit den Leuten aus meiner Schulzeit hab ich nichts mehr zu tun und mit meinen Kommilitonen bin ich nicht so eng, dass ich denen so was erzählen würde. Du brauchst also keine Angst zu haben. Ich werde es niemand verraten.“

 

Für einen Moment fühlte Thilo sich schlecht. Vielleicht war es doch besser, wenn er die Sache abblies. Aber wenn er das tat, würde Karim kündigen. Tom hatte schon recht gehabt, als er Thilo gesagt hatte, dass er sich in eine unmögliche Situation manövriert hatte. Er konnte nur hoffen, dass er sich nicht irrte.
 

„Mach dir keine Sorgen. Wir kriegen das schon hin.“

 

Noch eine Schuld, die er sich aufgeladen hatte. Karim hatte es verdient, sich um so was keine Gedanken machen zu müssen. Er sollte sich nicht verstecken müssen.

 

Ich will meine Mutter nicht anlügen.

 

Zu wie vielen Lügen würde Thilo ihn zwingen? Wie viele Ausreden würde Karim erfinden, damit sie zusammen sein konnten? Obwohl es nicht schien, als gäbe es da viel, was er bereuen würde. Er lächelte jedenfalls, als er aufblickte.

 

„Dann ist das mit uns beiden jetzt offiziell?“

 

Thilo blinzelte. Darüber hatte er sich irgendwie noch gar keine Gedanken gemacht. Sie hatten ja nicht mal ein richtiges Date gehabt, wenn man das Zusammentreffen von heute Morgen und die Feier bei seinen Eltern nicht mitzählte. Und vermutlich würden sie auch in Zukunft keines haben. Wenigstens keines, wie er oder Karim es wohl gewohnt waren. Er lächelte schief.
 

„Tja, sieht wohl so aus, oder?“

 

Er jedenfalls hatte kein Bedürfnis danach, sich noch mit irgendwelchen Rudis zu treffen oder mit Tom um die Häuser zu ziehen, um irgendwo eine schnelle Nummer abzugrasen. Nicht, wenn er so was wie heute Morgen haben konnte. Das Funkeln in Karims Blick schien zu bedeuten, dass es ihm ähnlich ging. Thilos Herz begann, schneller zu schlagen.
 

„Na gut“, sagte Karim und versuchte anscheinend krampfhaft, nicht zu grinsen. „Dann … wäre das jetzt ja geklärt.“

 

Er sah zur Tür, dann wieder zu Thilo und stand auf.

 

„Ich glaube, ich sollte dann mal. Enno hat den Papierstau im Kopierer bestimmt gleich wieder behoben und wenn er mich hier erwischt, dann …“

 

Karim sprach nicht weiter. Er stellte nur den Stuhl etwas umständlicher, als unbedingt notwendig gewesen wäre, wieder zurück vor den Schreibtisch, bevor er, ebenfalls mehr als langsam, zur Tür schlich. Dort angekommen drehte er sich noch einmal um.

 

„Ich wollte dir noch sagen, dass ich verdammt froh bin, dass du heute Morgen gekommen bist.“

 

Thilos Mundwinkel zuckten. Er grinste.

 

„Gekommen oder erschienen?“, fragte er scheinheilig.

 

Karim grinste. „Beides natürlich.“

 

Durchhalten

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Tiefer

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Padawan

„Mhm, mal sehen. Also wir haben Eier … oh, und Käse. Wenn du Zwiebeln hast, könnte das ein Omelette werden. Oder wir machen doch nur Rührei. Das geht um Welten schneller.“

 

Während Karim das sagte, steckte sein Kopf fast in Thilos Kühlschrank. Der stand am Tresen und beobachtete statt des Kopfes lieber etwas weiter unten liegende Körperteile. Er schmunzelte.
 

„Sag mal, was hältst du eigentlich davon, wenn wir uns erst mal was anziehen. Ne Hose zum Beispiel.“

 

Karim tauchte aus dem Kühlschrank wieder auf, in der einen Hand einen Eierkarton in der anderen eine angefangene Tüte Reibekäse. Er sah an sich herab.
 

„Mhm, stimmt. Die habe ich irgendwie vergessen. Stört es dich?“
 

Thilos löste sich von seinem Platz und kam langsam auf Karim zu. Dass er dabei den Bauch einzog, fiel ihm erst auf, als er vor Karim stand. Er entspannte sich und trat noch einen Schritt näher.
 

„Nein. Gar nicht“, raunte er und hauchte einen Kuss auf Karims Lippen. „Meinetwegen kannst du den ganzen Tag so herumlaufen. Aber ich würde mir gerne was anziehen, wenn du erlaubst.“

 

Karim lächelte. Thilos Hand lag an seiner Wange und er sah auf betörend sinnliche Weise glücklich aus. In Thilos Magen begann es zu kribbeln. Erst recht, als Karim die Distanz zwischen ihnen überwand und die Arme um ihn legte. Thilo spürte die Ecken der Käsetüte und den rauen Eierkarton an seinem Rücken. Der Eindruck verblasste jedoch in Anbetracht der warmen, braunen Augen, die seinen Blick vollkommen gefangen nahmen und ihn schon wieder voller Schalk anfunkelten.
 

„Klar kannst du dir was anziehen.“ Karims Lippen kräuselten sich. „Obwohl ich das schade fände. Mir gefällt nämlich, was ich sehe.“

 

Thilos Herz begann, schneller zu schlagen. Sie sollten wirklich erst mal was essen. Und eine Pause machen. Wenn da nur nicht … Ein erneuter Kuss traf ihn. Karims warmer Körper presste sich an seinen. Thilo schloss die Augen.
 

„Wollten wir nicht dafür sorgen, dass dein Magen aufhört zu knurren“, murmelte er, während seine Hände unaufhaltsam Karims Rücken hinunter glitten. „Danach ist bestimmt noch Zeit für einen Nachschlag.“

 

Karim lächelte und begann, seinen Hals entlangzuküssen.
 

„Auch zwei?“, fragte er, während seine Lippen immer tiefer wanderten. „Oder drei?“

 

Thilo lachte und schrie gleichzeitig auf, als Karim ihn nicht unbedingt zärtlich in die Brustwarze biss.
 

„Au. Was? Nein, auf gar keinen Fall! Das schaffe ich nie im Leben.“

 

Mit einem Grinsen, das seine Avancen absolut Lügen strafte, tauchte Karim wieder auf.
 

„Na, wenn das so ist, muss ich dich wohl doch erst mal füttern und deine Eiweißvorräte wieder auffüllen. Ich hab nämlich nicht vor, mich mit weniger zufrieden zu geben.“

 

Mit einem letzten Kuss drehte er sich herum, legte Eier und Käse auf die Arbeitsfläche und begann, in den Schränken herumzukramen. Dabei beugte er sich derart tief herunter, dass Thilo sich nicht sicher war, ob das Absicht war oder einfach nur ungezwungene Nachlässigkeit. Als Karim eine Pfanne gefunden hatte, drehte er sich wieder zu Thilo herum.
 

„Rühr- oder Spiegelei?“, wollte er wissen. Thilos Mundwinkel zuckten.
 

„Überrasch mich“, schlug er vor.

 

Karim gab einen amüsierten Laut von sich.

 

„Mit Eiern und Käse? Das wird wohl eine eher spärliche Überraschung.“ Er raschelte mit der Tüte herum. „Der Käse ist außerdem schimmelig. Es gibt also nur Eier.“

 

Pfeifend und offenbar nicht im Mindesten daran interessiert, dass Thilo immer noch vollkommen unbekleidet hinter ihm stand, ging Karim , ebenso nackt, zum Herd hinüber, stellte die Pfanne darauf ab und schaltete ihn ein. Eine Weile lang beobachtete Thilo ihn nur dabei, dann gab er sich einen Ruck, überwand die Distanz zwischen ihnen und schlang die Arme um ihn. Ein Kuss landete auf Karims Nacken, Hände auf seinem Bauch.
 

„Weißt du, wenn du da so stehst, glaube ich nicht, dass wir heute noch irgendwas zu Essen kriegen. Ich geh uns jetzt ne Hose holen.“

 

Karim begann zu grinsen. „Nur eine? Hach, ich wusste doch, dass du alles tun würdest, um buchstäblich 'into my pants' zu gelangen.“
 

Er stupste Thilo mit dem Ellenbogen und lachte, als der ihm mit einem Knurren in den Hals biss. Danach öffnete er die obere Schranktür, nur um auf einen Haufen Kaffee und Filtertüten zu blicken. Karims Augenbrauen hoben sich.
 

„Oh. Bei uns stehen da die Tassen.“

 

Thilo lächelte. Seine Fingerspitzen prickelten dort, wo sie Karims Haut berührten.

 

„Wozu brauchst du ne Tasse?“

„Na um die Eier aufzuschlagen. Nicht, dass noch eins schlecht ist.“
 

Thilos Lächeln ging in ein Schmunzeln über. Der Gedanke, dass Karim, was seine Kochkünste anging, etwas untertrieben hatte, kam und verging wieder. Thilo schmiegte sich an ihn.
 

„Ich geb dir jetzt ne Tasse. Dazu Messbecher, Schneebesen und was du sonst noch brauchst und dann gehe ich eine Hose holen. Zwei! Für jeden von uns eine. Und bevor du fragst, ja, du wirst sie anziehen, weil ich mich sonst nämlich gleich nicht mehr beherrschen kann und dich leider auf dem Küchentisch vögeln muss.“

 

Karim grinste. Das hieß, eigentlich versuchte er, es zu unterdrücken. Sein Amüsement war trotzdem unübersehbar. Er griff nach einem Ei.
 

„Na schön“, sagte er und presste seinen Hintern im selben Augenblick so fest an Thilo, dass dieser ein Zucken nicht verhindern konnte. „Wenn mein Boss das sagt, dann muss ich wohl gehorchen. Ich will ja keinen Ärger kriegen. Insbesondere weil du gar keinen Küchentisch hast.“

 

Er lachte und Thilo stimmte mit ein, obwohl die Äußerung einen leichten Nachgeschmack hinterließ. Einen Druck im Magen, der einfach nicht verschwinden wollte. Statt also loszugehen und Karim das Gewünschte zu bringen, schloss er ihn fester in die Arme.
 

„Sag so was nicht“, murmelte er gegen seine Haut. „Ich komme mir ohnehin schon wie ein Ausbeuter vor. Da musst du nicht auch noch Salz in die Wunde streuen.“

 

Karim atmete hörbar aus. Seine Hand glitt zum Herd. Er schaltete die Platte ab, schob die Pfanne beiseite und legte das Ei zurück, bevor er sich zu Thilo herumdrehte. Seine Arme legten sich um Thilos Hals. Er sah ihm tief in die Augen.
 

„Du weißt, dass das Quatsch ist“, sagte er und wirkte dabei vollkommen ernst. „Ich fühle mich von dir nicht ausgebeutet. Wenn, ist es ja wohl eher andersherum. Und auch da hoffe ich, dass du weißt, dass du mir zu nichts verpflichtet bist. Ich will das hier und auch, wenn die Umstände vielleicht ein bisschen komisch sind, fühle ich mich bei dir absolut gut und sicher. Ich möchte, dass du das weißt.“

 

Er sah Thilo noch einen Moment lang an, dann grinste er.
 

„Obwohl so eine kleine Boss-und-sexy-Angestellter-Fantasie nicht unbedingt etwas ist, das ich ganz außerordentlich furchtbar finde. Ich meine, wer weiß? Vielleicht steh ich ja drauf, wenn du mir gegenüber den Macker raushängen lässt. Oder mich zu Überstunden auf meinen Knien zwingst, weil ich die Deadline nicht eingehalten habe. Ich müsste mir meine weitere Anstellung dann erst mal verdienen. Mit meinem Mund. Oder meinem Hintern. Je nachdem, was dir besser gefällt.“
 

Die Art, wie er sich bei diesen Worten an Thilo rieb, ließen keinen Zweifel daran, dass irgendwo in dem übertriebenen Dirty Talk vielleicht doch ein Fünkchen Wahrheit steckte. Oder vielleicht versuchte er auch nur, die Schwere des Augenblicks zu überspielen. Thilo wusste es nicht. Er wusste nur, dass Karims Schwanz sich wirklich gut an seinem anfühlte. Er beugte sich vor.
 

„Du bist so was von unmöglich“, flüsterte er ihm ins Ohr.

 

Karim grinste.

 

„Und echt heiß auf dich. Aber apropos heiß, ich merke gerade, dass diese Herdplatte wirklich eine ziemlich eklatante Wärme abgibt. Vielleicht nutze ich die doch mal, um endlich die Eier zu braten. Und du besorgst mir was, damit auch ja keine Fettspritzer auf meinen edelsten Teilen laden. Okay?“

 

„Okay.“ Die Vorstellung von dem, was Karim zuletzt angesprochen hatte, ließ Thilos aufkommende Erregung binnen Sekunden wieder in sich zusammenfallen. Die Vorstellung war wirklich nicht besonders erquicklich. Er löste sich von Karim. „Na gut, ich hol was zum Anziehen. Aber nicht weggehen.“

 

Ein weiteres spöttisches Lächeln um spielte Karims Lippen. „Was meinst du denn, wie weit ich ohne Hose kommen würde?“

 

Thilo grinste. „Nicht weit genug.“

 

 

 

Eine Viertelstunde später saßen sie dann tatsächlich auf dem Sofa, vor sich jeweils einen Teller mit locker-flockigem Rührei. Dazu gab es Cracker. Knäckebrot hatte Karim verweigert, Brot war tatsächlich keines mehr zu finden gewesen, und daher dekorierten jetzt fünf runde, salzbestreute Plätzchen die Teller, die auf Thilos Couchtisch standen, während es sich Karim – inzwischen immerhin leidlich von den dunklen Pants bedeckt, die ihm Thilo vor gar nicht allzu langer Zeit noch vom Körper geschält hatte – auf der wollweißen Tagesdecke gemütlich machte. Er seufzte.
 

„Echt bequem. Chillig. Was das angeht, hast du definitiv Geschmack.“

 

Thilo lächelte schief. „Nicht mein Verdienst. Die Wohnung war schon so, als ich hier eingezogen bin. Ich hab alles gemietet.“

 

Karims Augenbrauen wanderten in die Höhe. „Ach echt? So was kann man mieten?“

 

„Jepp.“

„Wusste ich gar nicht. Cool.“
 

Er griff nach seinem Teller und sah Thilo dann über seine Gabel hinweg entschuldigend an.
 

„Ich darf doch, oder? Kaltes Rührei schmeckt wie kalte Füße“

 

Thilo grinste. „Ach, stehst du etwa auch auf Füße?“

 

Karim runzelte die Stirn. „Nee, du?“

 

Thilo lachte. „Nein, gar nicht. Aber … ach, nicht so wichtig. Hau rein.“

 

Karim grinste noch einmal, bevor er sich lieber seinem Essen widmete. Eine Erste Gabel voll gelb-weißer Herrlichkeit wanderte in seinen Mund. Er kaute und … knirsch. Karim verzog das Gesicht.
 

„Bäh“, machte er und begann, mit den Fingern in seinem Mund herumzustochern. „Da ist ja immer noch Schale drin.“

 

„Ich dachte, du hättest alles rausgeholt.“

„Nee, anscheinend nicht.“

 

Angeekelt fuhr Karim fort, sich die Schalensplitter aus den Zähnen zu pulen. Thilo sah ihm dabei zu, wie er die Reste auf seinen Tellerrand schmierte, bevor er erneut nach der Gabel griff und ein weiteres Stück Rührei aufspießte. Erst dann bemerkte er, dass Thilo ihn beobachtete.

 

„Was?“, wollte er wissen. „Es war echt nicht meine Schuld, dass da das halbe Ei in der Rührschüssel gelandet ist. Die Hühner hatten bestimmt Calciummangel oder irgendwas. Das ist nicht normal, dass die Schale so zersplittert.“

 

Thilo antwortete nicht. Er lächelte nur, während er nach seinem eigenen Teller griff. Karim furchte die Brauen.
 

„Warum lachst du?“
 

Thilo lächelte in sein Rührei.
 

„Ach nichts“, meinte er und probierte nun endlich. „Du bist einfach nur süß, wenn du dich so aufregst.“

 

Zu Karims gerunzelter Stirn kam jetzt auch noch eine vorgeschobene Unterlippe.
 

„Süß wie 'naiv' oder mehr so wie Gummibärchen?“, fragte er mit gespieltem Unmut.
 

Thilo sah hoch. „Gummibärchen?“, wiederholte er.

 

Karim grinste. „Ja. Wenn man da die Tüte aufmacht, kann man nicht mehr aufhören zu essen.“

 

Wieder musste Thilo lächeln. Die Tatsache, dass er hier gerade mit einem jungen Mann, Karim, auf seinem Sofa saß, höchst spärlich bekleidet Rührei aß und obendrein über Süßigkeiten philosophierte, war etwas, das er sich nie gewünscht hatte. Trotzdem war es … gut. Viel zu gut eigentlich. Nachdenklich sah er zu Karim hinüber, der offenbar immer noch auf eine Antwort wartete.

 

„Mhm“, machte er und tat, als müsse er überlegen. „Also wenn ich mir was aussuchen müsste würde ich sagen … süß wie salzige Karamell-Eiscreme.“

 

Er steckte sich etwas von dem Rührei in den Mund und kaute bedächtig. Dafür, dass ihm der Kitsch geradezu aus den Ohren quoll, fühlte er sich erstaunlich gut. Ein kurzer Blick auf Karim verriet ihm, dass der äußerst zufrieden war mit seiner Wahl. Er grinste.

 

„Soso“, meinte er und balancierte noch eine Gabel voller Ei in seinen Mund. „Karamell-Eiscreme also.“

 

Thilo bemühte sich, ernst zu bleiben.
 

„Salzige Karamell-Eiscreme“ korrigierte er. „Das ist ein Unterschied. Außerdem viel moderner.“

 

„Du meinst wohl 'mondäner'“, frotzelte Karim. Er nahm einen Cracker und biss hinein. „Und du? Stehst du auf Karamell-Eiscreme?“

 

Thilo, der gerade versuchte, einen Krümel Rührei auf seine Gabel zu piken, hielt inne. „Also … wenn ich ehrlich sein soll, mag ich lieber Vanilleeis.“

 

Karim guckte dumm. Zumindest ungefähr zwei Sekunden, bis er das verräterische Zucken an Thilos Mundwinkel entdeckte, das dieser einfach nicht unter Kontrolle bekam. Im nächsten Moment flog eines der Makrameekissen durch die Gegend. Thilo duckte sich und konnte gerade noch verhindern, dass ihm der Teller runterfiel. Seine Cracker jedoch …
 

„Hey“, rief er. „Pass doch auf.“

 

„Pass du lieber auf“, knurrte es hinter ihm, bevor ein wilder Tiger über ihn herfiel und ihn gnadenlos durchkitzelte. Das hieß, Karim versuchte es. Als er merkte, dass Thilo nicht reagierte, verlegte er sich aufs Wrestling, sodass Thilo irgendwann schnaufend unter ihm lag. Karim hielt seine Handgelenke mit einer Hand über seinem Kopf und auf der Sofalehne fest. Thilo sah zu ihm auf. Er wusste, er hätte sich jederzeit befreien können, aber er wollte gar nicht. Karim rutschte nach unten. Küsste ihn.
 

„So“, sagte er und schob seinen Oberschenkel zwischen Thilos Beine. „Und jetzt nochmal zu der Frage mit dem Eis. Welches ist deine liebste Sorte?“
 

„Vanille“, antwortete Thilo wahrheitsgemäß und bekam dafür einen Finger zwischen die Rippen gebohrt.
 

„Karamell“, berichtigte er sich schnell. Er keuchte und der Finger verschwand.

 

„Brav“, sagte Karim und grinste überlegen. Dann, als hätte es das Spiel nicht gegeben, ließ er Thilo los. Seine Hand platzierte sich auf Thilos Brust. Der nahm ebenfalls die Arme herunter und legte sie um Karim. Ein bisschen Arrangieren war noch notwendig, doch dann lagen sie eng umschlungen auf dem Sofa. Karim lächelte und legte seinen Kopf auf Thilos Schulter. Eine Weile lang sagten sie gar nichts, dann ergriff Karim als erster das Wort.
 

„Erzähl mir was von dir.“

 

Thilo überlegte. Er fühlte sich satt und müde und ziemlich befriedigt. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er an diesem Abend gar nicht mehr reden müssen. Karim hingegen schien das anders zu sehen. Thilo seufzte innerlich.
 

„Was soll ich denn erzählen?“

 

Karim zuckte leicht mit den Schultern. „Weiß nicht. Irgendwas.“ Er sah sich um. „Zum Beispiel, warum du eine Wohnung hast, in der alles gemietet ist.“

 

Thilo schwieg. Seine Fingerspitzen streichelten Karims Arm und seine Gedanken begannen zu wandern. Zurück zu dem Tag, als er den Vertrag unterschrieben hatte. Eigentlich erinnerte er sich nicht einmal mehr richtig daran. Der gesamte Zeitraum war eine einzige, undurchdringliche Masse. Das Einzige, woran Thilo sich erinnern konnte, war Tom. Tom, der immer da gewesen war. Der ihm geholfen hatte beim Verkauf der Firma, des Hauses, bei allem. Selbst um die Beerdigung hatte er sich gekümmert. Thilo war damals nicht dazu in der Lage gewesen. Erst später, als Tom ihm irgendwann auf den Kopf zugesagt hatte, dass er endlich aufhören musste, sich vor der Welt zu verkriechen, und verdammt nochmal die Verantwortung für sein Leben wieder übernehmen sollte, hatte Thilo das getan. Er hatte sich getrennt von allem, was ihn an seine Eltern erinnern konnte. Nicht einmal ihr Haus hatte er selbst ausgeräumt, sondern eine Firma damit beauftragt. Er wusste, dass Tabby dabei gewesen war. Sie hatte einige Stücke gerettet wie zum Beispiel diesen furchtbar hässlichen, weiß-goldenen Porzellanhund, der jetzt noch bei ihr in einer Ecke hinter einer großen Topfpflanze versteckt stand. Als Kinder hatten sie oft damit gespielt; sehr zum Missfallen ihrer Mutter, die immer befürchtet hatte, er könne kaputtgehen. Aber er war nie kaputtgegangen. Stattdessen war sie gestorben und der Hund war noch da.

 

„Thilo?“

 

Offenbar war Thilo länger versunken gewesen, als er gedacht hatte. Schnell setzte er ein Lächeln auf.
 

„Ach, nichts. Ich hab nur … Nach dem Tod meiner Eltern brauchte ich schnell eine Bleibe. Ich … konnte damals nicht mehr in dem Haus wohnen bleiben, in dem mich alles an sie erinnert hat. Also bin ich hierher gezogen. Die Wohnung hatte alles, was ich brauchte und so …“

 

Er verstummte und sah Karim entschuldigend an. Dem musste diese Entscheidung seltsam vorkommen, oder nicht? Sie war ja auch seltsam, wenn man es sich recht überlegte. Thilo hatte nur nie einen Grund gefunden, um sie rückgängig zu machen. Karim musterte ihn.
 

„Tut mir leid“, sagte er. „Ich wusste nicht … Ich hab das mit deinen Eltern gelesen. Sie sind bei einem Unfall ums Leben gekommen, nicht wahr?“
 

Thilo atmete. Er konnte inzwischen darüber sprechen. Es war … nicht mehr so wie damals.
 

„Ja“, sagte er und gab sich Mühe, seinen Ton neutral zu halten. „Was genau passiert ist, konnte später nicht mehr rekonstruiert werden. Man nimmt jedoch an, dass mein Vater beim Überholen von einem anderen Fahrer geschnitten wurde. Er verlor die Kontrolle über das Fahrzeug und geriet unter einen LKW. Nach Angaben der Polizei war er sofort tot. Meine Mutter kam schwer verletzt ins Krankenhaus, aber auch sie starb drei Tage später. Danach habe ich … ich hab eine ganze Weile nur noch funktioniert. Tom hat sich damals um alles gekümmert. Ich weiß nicht, wo ich ohne ihn heute wäre.“

 

Vermutlich noch da.
 

Thilo schluckte und verbot sich, weiter in diese Richtung zu denken. Die Schwere des Gesprächs war nichts, was er für diesen Abend geplant hatte. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie beim Vögeln geblieben wären. Dann wäre da jetzt nicht dieser Kloß in seinem Hals gewesen. Das widerliche Ding schmeckte nach Schuld.

 

Karim kam hoch. Sein Blick war traurig. Mitleid schwamm darin. Thilo wollte nicht, dass er ihn so ansah. Er sollte dieses Los nicht tragen. Sanft strich er ihm eine Locke aus dem Gesicht.
 

„Mach dir keine Gedanken. Das Ganze ist inzwischen schon so lange her. Ich … hab mich daran gewöhnt. Ich hab die Firma meines Vaters verkauft und eine eigene gegründet. Die Geschäfte laufen gut, ich füttere neben mir auch noch vier Angestellte durch und habe neuerdings sogar einen äußerst attraktiven Praktikanten, der mir schöne Augen macht und mir mindestens noch zwei Blowjobs schuldet. Ich denke, ich hätte es schlechter treffen können.“

 

Mit diesen Worten zog Thilo Karim an sich heran. Ihre Lippen streiften sich, bevor Karim einen längeren Kuss initiierte. Er war es jedoch auch, der ihn wieder unterbrach. Mit einem leichten Funkeln im Blick sah er Thilo an.
 

„Heißt das, dass du mitzählst?“
 

Thilo blinzelte. „Wobei?“

 

„Na bei den Blowjobs.“

 

Karim grinste und auch Thilo konnte nicht anders, als zu lachen. Seine Umarmung wurde fester,
 

„Weiß nicht“, meinte er leichthin. „Sollte ich?“

 

Karim grinste immer noch.

 

„Keine Ahnung. Aber wenn du so weitermachst, könnte es sein, dass ich irgendwann ins Hintertreffen gerate. Und wenn ich dann auch noch während der Arbeit die Füße stillhalten muss …“
 

Sein Grinsen wurde so breit, dass Thilo sich genötigt sah, es ihm auszutreiben. Mit einem Knurren warf er Karim herum und brachte ihn unter sich. Er begann ihn zu küssen. Am Hals, hinter den Ohren, am Schlüsselbein. Langsam ließ er die Berührungen tiefer wandern. Karim seufzte und schloss die Augen. Offenbar nahm er an, dass Thilo noch einen weiteren Strich auf seine Liste setzen wollte. Sanft strichen dessen Hände über Karims Seiten und über seine Schenkel. Er küsste deren Innenseite. Berührte die zarte Haut nur ganz flüchtig mit seinen Lippen, während er sich langsam aber unaufhaltsam nach oben küsste. Der Geruch, der ihm dieses Mal entgegenschlug, war intensiver. Es war nicht zu übermerken, dass Karim Sex gehabt hatte. Mit ihm. Die Erinnerung daran ließ Thilo langsamer werden. So langsam, dass Karim schließlich die Augen ein Stück weit öffnete. Aus halb gesenkten Lidern sah er Thilo an. Ein Lächeln umspielte seine Lippen.
 

„Was denn? Doch kein Blowjob? Soll ich mich nochmal waschen?“

 

Thilos stockte kurz, dann schüttelte er den Kopf. Nein, die Tatsache, dass da irgendwo vielleicht noch ein paar Reste klebten, störte ihn nicht. Es war nur …
 

„Ich war einfach mit den Gedanken woanders.“
 

Die Erklärung hatte zur Folge, dass Karim hochkam. Er nahm Thilos Gesicht zwischen seine Hände und küsste ihn.
 

„Kein Problem“, sagte er leise. „Immerhin war ich es ja, der die Stimmung versaut hat. Die Frage war bescheuert.“

 

Thilo lächelte leicht.
 

„Nein“, sagte er leise. „Die Frage war nicht bescheuert. Die Realität ist es, die …“ Er schnaufte. „Ach egal. Lass uns von was anderem reden, ja? Oder gar nicht mehr. Ich hab das Gefühl, wir treffen da heute nur auf ein Minenfeld nach dem anderen.“

 

Karim lächelte. Für Thilo schien es, als ginge die Sonne auf.
 

„Okay“, sagte er und ließ Thilo los. „Ich …“

 

Er sah sich um und entdeckte schließlich eine Uhr an der Mikrowelle. Sie zeigte 21:59 Uhr. Karim seufzte.

 

„Eigentlich sollte ich mich wohl langsam auf den Heimweg machen. Du hast ja gesagt, ich muss morgen früh raus.“

 

Thilos Herz sank. Er wusste, dass er Karim unmöglich gehen lassen konnte. Nicht nachdem …

 

„Bleib“, bat er. „Ich … ich leih dir morgen was. Oder ich bring dich schnell noch nach Hause, bevor …“

 

Karims Mundwinkel wanderten nach oben. „Wäre das nicht ein bisschen zu auffällig?“

 

Thilo verzog das Gesicht. „Ja, wäre es sicherlich, aber … Ich will nicht, dass du gehst. Nicht so.“ Er überlegte, dann hellte sich sein Gesicht auf. „Wir könnten noch einen Film schauen. Und wenn wir einschlafen … bring ich dich morgen nach Hause. Ganz früh. Ich stelle uns gleich einen Wecker. Bitte, bleib.“

 

Karim lächelte. „Okay, überredet, Obwohl es da nicht viel zu überreden gibt. Aber ich will nicht, dass du mich heimbringst. Wenn wir einschlafen, fahre ich eben nachts nach Hause. Das macht mir nichts. Ich hab keine Angst.“

 

Ich aber.
 

Davor, dass er das hier nicht wiederbekommen würde. Dabei war das Unsinn. Thilo wusste das, und doch …

 

„Na gut“, sagte er und seufzte noch einmal. „Es ist deine Entscheidung. Wenn du lieber in deinem kleinen, unbequemen Winzbett schlafen möchtest, werde ich dich nicht aufhalten.“

 

Karim grinste. „Immerhin gehört das Bett mir.“

 

Thilo griff sich an die Brust. „Autsch, das tat weh.“
 

Sein getroffener Ausdruck ging in einen versöhnlichen über. Er lehnte sich vor und gab Karim einen Kuss, bevor er sich umdrehte, um nach der Fernbedienung zu suchen.
 

„Ich weiß allerdings nicht, was es gibt. Keine Zeit zum Fernsehen.“

 

Karim schlug die Beine vom Sofa und griff nach der Fernbedienung, die sich wohl irgendwie unter den Couchtisch verirrt hatte. Nachdenklich betrachtete er die Knöpfe.
 

„Mhm, kein Netflix?“, fragte er und sah Thilo an. Der zuckte die Schultern.
 

„Nein, keinerlei Streamingdienste. Ich sagte ja, ich komme nicht zum Gucken.“

 

Karim schnaufte. „Na gut, dann schauen wir bei mir. Weißt du, ob man deinen Fernseher mit dem Handy koppeln kann?“

 

Wieder hoben sich Thilos Schultern. „Keine Ahnung, hab es nie probiert.“
 

Karim seufzte. Dieses Mal war es ein sehr, sehr tiefes Seufzen.
 

„Oh, alter Padawan. Viel zu lernen du noch hast.“

 

Hilfestellung

„Gut, Frau Mertens, dann halten wir den kommenden Montag für unser Gespräch fest. Ja, Ihnen auch ein schönes Wochenende. Auf Wiedersehen.“

 

Thilo beendete das Telefonat und rief seinen Kalender auf. Die Noch-Ehefrau seines Kunden schien ein vernünftiger Mensch zu sein. Sie hatte ihm zugesichert, noch heute alle notwendigen Unterlagen zu schicken und sich auch sonst erfreulich kooperativ und kompetent gezeigt. Dass sie die Verhandlungen lieber ohne ihren Mann führen wollte, würde die Dinge zwar etwas komplizieren, aber es war nicht das erste Mal, dass Thilo sich mit so einer Situation konfrontiert sah. Mit ein wenig Geschick sollte es ihm trotzdem möglich sein, den Verkauf über die Bühne zu bringen. Dazu würde er sich jedoch gut vorbereiten müssen und das wiederum hieß, dass er am Wochenende Arbeit mit nach Hause nahm. Mit einem lautlosen Seufzen trug Thilo den Termin ein, als es plötzlich klopfte.
 

„Herein?“
 

Wie üblich hätte es die Aufforderung gar nicht gebraucht, denn Beate stand bereits halb in der Tür, bevor Thilo überhaupt den Satz beendet hatte. In ihren Händen eine beachtliche Akte.
 

„Hier. Du hattest darum gebeten, die Transaktionen mit Woermann herauszusuchen. Außerdem hat Herr Bielich sich gemeldet, während du telefoniert hast. Du möchtest ihn doch bitte zurückrufen.“

 

Thilo nahm die gewünschten Informationen und nickte dankbar. Beate hingegen schien noch etwas zu wollen. Sie blieb vor dem Schreibtisch stehen und sah ihn an. Thilo hob die Augenbrauen.

 

„Ja?“

 

Beate lächelte leicht. „Karim hat gemeint, er braucht da noch eine Unterschrift von dir. Irgendwas wegen des Praktikums. Ich soll ihm Bescheid geben, wenn du Zeit hast.“

 

Thilo stockte. Mehrere Gedanken schossen durch seinen Kopf, allem voran aber der, dass Beate ihn ziemlich merkwürdig musterte. Thilo schluckte.
 

„Eine … Unterschrift? Aber du kümmerst dich doch normalerweise um so was.“

 

Beate lächelte immer noch.

 

„Ja, ach, ich hab gedacht, als Chef wäre das doch eigentlich deine Aufgabe, oder nicht? Es ist ja auch nur eine kurze Unterbrechung. Dafür hast du doch sicher Zeit.“

 

Thilo gefiel die Sache nicht. Sie gefiel ihm ganz und gar nicht. Allein Beates Tonfall machte ihm klar, dass hier gerade etwas sehr Merkwürdiges abging. Thilo hatte nur keinen Schimmer, was. Er konnte ihre Bitte allerdings auch nicht ablehnen, ohne sich verdächtig zu machen. Je unbeeindruckter er sich gab, desto besser. Thilo gab sich einen Ruck.
 

„Ja, dann … soll er kommen. Aber wenn dann sofort. Ich muss telefonieren.“

 

Bevor er sich noch weiter verraten konnte, wandte Thilo sich wieder seinen Computer zu. Zahlen, Daten, Fakten. Ein neutraler Gesichtsausdruck. Er hörte Beate lächeln.
 

„Gut, ich richte es ihm aus.“

 

Damit drehte sie sich herum und verließ den Raum. Erst danach wagte Thilo aufzuatmen. Seine Erleichterung währte jedoch nicht lange. Warum zum Geier hatte Karim behauptet, eine Unterschrift von ihm zu brauchen? Nicht, dass Thilo ihn nicht sehen wollte. Das wollte er durchaus. Aber eben nicht während der Arbeitszeit. Sie hatten doch darüber gesprochen und jetzt …

 

Ein Klopfen unterbrach Thilos Gedanken. Karim hatte sich offenbar wirklich beeilt. Auch nicht gerade unauffällig. Thilo straffte sich.
 

„Herein?“

 

Karim öffnete die Tür. Er lächelte. „Herr Marquardt? Bitte entschuldigen Sie die Störung, aber ich bräuchte da eine Unterschrift.“

 

„Natürlich.“

 

Thilo, der das Lächeln nicht erwidert hatte, bedeutete Karim, die Tür zu schließen. Karim tat es, jedoch nicht ohne Thilo vorher einen zweifelnden Blick zuzuwerfen. Offenbar ahnte er, dass etwas nicht stimmte. Kaum war die Tür im Schloss, zischte Thilo auch schon los.
 

„Was soll das?“, wollte er leise aber energisch wissen. „Geht es noch etwas aufälliger? Die Unterschrift hättest du doch auch von Beate bekommen können. Wir hatten doch vereinbart, dass …“

 

Karim, der zunächst wie vor den Kopf geschlagen schien, unterbrach ihn. „Ich habe sie nach der Unterschrift gefragt“, antwortete er ebenso scharf wie Thilo. „Aber sie hat gesagt, ich bräuchte sie von dir.“

 

Thilo klappte den Mund wieder zu. Einen Moment lang sahen sie sich an. Wenn Thilo hätte raten müssen, hätte er vermutet, dass hinter Karims Stirn die gleichen Überlegungen abliefen, wie bei ihm. Er war jedoch der erste, der sie aussprach.
 

„Meinst du, sie hat etwas gemerkt?“

 

Karim dachte einen Moment lang nach. „Nein“, sagte er dann. „Ich wüsste nicht wie. Oder wann? Wir haben uns doch kaum gesehen.“

 

Thilo war der gleichen Meinung. Wenn Beate nicht gerade eine versteckte Kamera installiert hatte, konnte sie nichts von ihnen wissen. Es musste ein Zufall sein. Eine Ungereimtheit, die eben vorkam und nichts weiter zu bedeuten hatte. Oder? Fragend sah er Karim an. Der hob abwehrend die Hände.

 

„Ich hab wirklich nichts gesagt. Ehrenwort.“

 

Thilo atmete tief durch. „Nein, natürlich nicht. Hatte ich auch nicht angenommen. Trotzdem gefällt mir das Ganze nicht. Wir müssen vorsichtiger sein.“

 

Karim nickte leicht, bevor er den Kopf schief legte. „Krieg ich denn jetzt meine Unterschrift?“

 

Thilo seufzte. „Klar, gib her.“

 

Er zückte den Kugelschreiber und unterzeichnete die zwei Zettel, die Karim ihm vorlegte. Einer davon war ein Bericht über den Besuch bei Herrn Pölding. Leicht geschönt, aber dennoch. Thilo überlegte.
 

„Willst du nächste Woche vielleicht mitkommen? Ich hab da so eine Art Erstgespräch. Eine Firma, die Spielplätze entwirft und baut.“

 

Karims Miene hellte sich auf.
 

„Ja klar. Gerne.“ Er zögerte, bevor er hinzufügte: „Und … wir? Wann sehen wir uns?“

 

Darüber hatte Thilo auch schon nachgedacht. Der Abschied am vorherigen Abend war ihm schwergefallen. Als Karim nach dem Film, den sie irgendwann nur noch nebenbei hatten laufen lassen, weil sie in einer Werbepause von „Kill Bill“ über Tarantino und dessen Fußfetisch zu Thilos merkwürdigem Date mit Rudi gekommen waren, doch irgendwann gesagt hatte, dass er jetzt gehen müsse, hatte Thilo ihn nach Hause gebracht. Der anschließende Weg zurück in seine Wohnung war kalt, dunkel und einsam gewesen. Die Sehnsucht beinahe unerträglich. Der nächste Morgen mit seinen Routinen hatte Thilo allerdings dabei geholfen, wieder in seinen normalen „Chef-Modus“ zurückzukehren. Selbst jetzt merkte er, wie er im Hinterkopf daran dachte, dass der Kunde immer noch auf seinen Rückruf wartete. Gleichzeitig war da Karim, der nur eine Armlänge von ihm entfernt stand. Er hätte nur zugreifen müssen.
 

„Ich kann nicht.“
 

Das war nicht wirklich eine Antwort auf Karims Frage. Der verstand trotzdem.
 

„Das ganze Wochenende nicht? Ich könnte wieder zu dir kommen. Dieses Mal vielleicht wirklich mit Pizza. Oder Chinesisch.“

 

Thilo seufzte. Die Verlockung war groß. Zu groß.
 

„Ich muss diesen Termin vorbereiten. Ein ganzer Stapel Unterlagen, die …“

 

„Ich könnte dir helfen.“ Karims Augen begannen zu leuchten. „Immerhin mache ich doch bei dir ein Praktikum. Du könntest es als Überstunden verbuchen:“
 

Thilos Lippen kräuselten sich. „Du wirst doch gar nicht nach Stunden bezahlt.“

 

Karim grinste. „Tja, ach, weißt du … ? Ich glaube, ich würde trotzdem auf meine Kosten kommen.“

 

Er beugte sich zu Thilo herab und flüsterte: „Ich würde einfach gerne ein bisschen Zeit mit dir verbringen. Sex wäre auch nicht verkehrt, ist aber kein Muss. Wir könnten stattdessen zum Beispiel ins Kino gehen. Wir kaufen die Karten online, drucken sie vorher aus und kommen erst, wenn es im Saal schon dunkel ist. Natürlich getrennt voneinander. Niemand würde uns zusammen sehen. Es wäre alles safe. Und wir könnten Händchen halten und uns Popcorn teilen und zusammen furchtbar kitschig sein. Natürlich nur, wenn du das auch willst.“

 

Bei den letzten Worten, war Karims Lächeln ein bisschen weniger strahlend geworden. Es ließ das Feuer, das er in Thilos Brust entfacht hatte, umso heller lodern. Auch wenn der Plan natürlich vollkommen albern war, machte die Vorstellung, ihn trotzdem in die Tat umzusetzen, etwas mit Thilo. Etwas Gutes. Er lächelte.
 

„Das hast du dir ja alles schon ganz genau überlegt,“ sagte er leise. Ihre Lippen waren nur noch einen Hauch weit voneinander entfernt. Karims Blick hing an seinem.

 

„Nur weil ich nicht bei dir bin, heißt das nicht, dass ich nicht an dich denke.“
 

Thilo zuckte ertappt. Vielleicht, weil er es geschafft hatte, die Gedanken an Karim recht gut im Zaum zu halten. „Und ich hab die ganze Zeit nur meine Arbeit im Kopf“, gestand er.

 

Karim lächelte. „Deswegen bist du ja auch der Vernünftige von uns beiden.“
 

Er lehnte sich vor. Nur ein Stück weit, aber es reichte, um ihre Lippen zusammenzubringen. Ein flüchtiger, warmer Kuss, der schon wieder vorbei war, bevor Thilo es recht gemerkt hatte. Den Blick immer noch mit seinem verhakt, trat Karim zurück. Er wirkte plötzlich verlegen.
 

„Ich … entschuldige. Das war nicht okay.“
 

Er wandte den Kopf ab, griff nach der Mappe und wollte schon gehen, als Thilos Hand nach vorne schnellte und ihn festhielt. Langsam richtete Karim seinen Blick wieder auf ihn. In seinen Augen immer noch diese Frage.

 

Wann sehen wir uns wieder?
 

„Ich denk mir was aus, okay?“ Thilos Griff wurde für einen Moment fester. „Aber heute Abend geht es nicht. Und ich muss wirklich noch eine Menge vorbereiten.“
 

Er sah, dass Karim darauf antworten wollte. Noch einmal seine Hilfe anbieten oder einen weiteren irrwitzigen Vorschlag wie den mit dem Kino machen. Vielleicht auch, dass er einfach nur abends für ein paar Stunden vorbeikommen würde. Essen, Sex, Schlafen und dann noch ein bisschen mehr Sex. Mehr verlangte er nicht. Thilo wusste, dass es so war und genau aus diesem Grund wollte er es nicht annehmen. Nicht, bevor er nicht sorgfältig geprüft hatte, ob es nicht noch eine andere Möglichkeit gab.

 

Karim atmete. „Gut, dann … lass ich dich mal weiterarbeiten.“

 

Er entwand Thilo seine Hand, nahm seine Mappe. Fast schon ein wenig linkisch manövrierte er sich um den Schreibtisch herum und zurück zur Tür. Dort angekommen blieb er noch einmal stehen. Er sah zu Thilo zurück.
 

„Du schreibst mir?“, wollte er wissen.
 

Thilo nickte. „Natürlich.“

 

Spätestens wenn er rausgefunden hatte, wie er seine zwei Leben am besten unter einen Hut bekam. Im Idealfall auch noch unter denselben.

 

 

 

Thilo spannte die Nackenmuskeln an und drückte. Es zog und riss. Die Metallbügel zwischen seinen Armen bewegten sich, aber nur ein Stück weit. Unmöglich, sie auf die angestrebte Position zu bringen. Irgendwann brach Thilo ab. Die Gewichte knallten unsanft auf ihre angestammte Position zurück und Tom grinste ihn an.
 

„Was denn, alter Mann. Schaffst du das etwa nicht?“

 

Thilo hätte gerne geglaubt, dass es an ihm lag, dass er hier gerade so ablooste, aber das verräterische Funkeln in Toms Augen und die spöttische Bemerkung machten ihm sofort klar, dass Tom die Maschine viel zu hoch eingestellt hatte. Thilo bleckte die Zähne.
 

„Los, du Arsch. Mach das wieder weg.“

 

Tom lachte. „Was denn?“, fragte er scheinheilig. „Deine fehlende Kondition? Aber das versuche ich doch gerade. Immerhin hast du jetzt einen jungen Mann den du befriedigen musst. Da darf man keine Müdigkeit vorschützen.“

 

Trotz seines Spotts ging Tom zur Rückseite der Maschine und machte sich dort zu schaffen.
 

„Na los, jetzt versuch es nochmal.“

 

Thilo schnaufte, setzte sich in Position und … knallte die polsterumwirkten Stangen so heftig gegeneinander, dass er sich fast dazwischen einklemmte. Tom brach in wieherndes Gelächter aus,
 

„Oh man, Popeye, lass das Ding ganz. Nicht, dass mir nachher noch Klagen kommen.“
 

Thilo schoss einen finsteren Blick auf seinen Freund ab, der jetzt, da er sah, wie wenig sein Scherz bei Thilo angekommen war, ein versöhnlicheres Gesicht machte.
 

„Hey, war doch nur ein Spaß. Du bist heute Abend aber auch dermaßen zugeknöpft, dass es selbst mir schon fast zu den Ohren rausquillt. Also los, nun spuck’s endlich aus. Hat der Kleine dich nicht rangelassen oder was ist los?“
 

Thilo seufzte. Ihm war heute Abend wirklich nicht nach Sport. Tom war zum Glück bereits mit dem Cardioteil fertig gewesen, als Thilo aufgetaucht war, sodass sie gleich mit dem Training an den Geräten angefangen hatten. Eigentlich eine gute Sache, aber da das Studio heute Abend gut besucht war, hatte Thilo bisher kaum Gelegenheit gehabt, Tom über die neuesten Entwicklungen in Kenntnis zu setzen. Lediglich, dass er „Besuch gehabt hatte“, hatte er erzählt. Den Rest hatte Tom sich breit grinsend dazu fantasiert. Nicht, dass er mit seinen Vermutungen völlig falsch gelegen hatte, aber …

 

„Der Kleine hat einen Namen“, knurrte er und funkelte Tom böse an. „Und der Sex ist nicht das Problem. Es ist mehr …“
 

Tom schürzte die Lippen. „Was? Ist er ne hohle Nuss? Verlangt er, dass du ihn 'Babyboi' nennst, und will im Gegenzug 'Daddy' zu dir sagen? Oder hat er schon angefangen, dir das Geld aus der Tasche zu ziehen? Wenn ja, kannst du von Glück sagen, dass du diesen irrsinnigen Vertrag noch nicht unterzeichnet hast, denn dann …“

 

„Nein“, unterbrach Thilo Tom rüde. „Das ist es alles nicht. Karim ist ziemlich intelligent, wir unterhalten uns prächtig und haben obendrein auch noch fantastischen Sex, wenn du es genau wissen willst.“

 

Bei den letzten Worten war Thilo so laut geworden, das er sich einen mehr als irritierten Blick von einem kahlköpfigen Bartträger einfing, der an einem der Nachbargeräte trainierte. Thilo lächelte entschuldigend, bevor er sich wieder zu Tom herumdrehte, der ihn mit hochgezogenen Augenbrauen ansah.
 

„Aber?“, fragte er und sprach damit aus, was Thilo ohnehin hatte anfügen wollen.Thilo seufzte.

 

Aber ich habe das Gefühl, dass ich ihm mehr bieten müsste als diese heimlichen Stelldicheins bei mir zu Hause. Obwohl er wahrscheinlich sogar total zufrieden damit wäre“, fügte er an, als Tom schon Luft geholt hatte, um wieder über Karims angebliche Ausnutzerei herzuziehen. „Er hat zwar vorgeschlagen, dass wir ja mal ins Kino gehen könnten, doch das fühlt sich irgendwie auch nicht richtig an. Ich meine, er hat gesagt, wir würden uns da dann reinschleichen und nur im Dunkeln … als würden wir was Verbotenes machen. Außerdem muss ich dieses Wochenende arbeiten. Ein neuer Kunde, der mir erst heute seine kompletten Geschäftsunterlagen geschickt hat. Die zu sichten und neu zu sortieren, wird vermutlich Stunden kosten und … sag mal, hörst du mir eigentlich zu?“

 

Tatsächlich sah Tom nicht aus, als würde er Thilos Worten tatsächlich Beachtung schenken. Stattdessen hatte er sich an eine Maschine gelehnt und sah Thilo mit einem sehr merkwürdigen Gesichtsausdruck an. So merkwürdig, das Thilo es vorzog, nicht weiterzureden. Er hatte das Gefühl, irgendetwas zu übersehen. Als er nicht weitersprach, lächelte Tom plötzlich. Es war ein kleines, aber ehrliches Lächeln. Warm und irgendwie … freudig.
 

„Du magst ihn“, sagte er und wirkte dabei nicht so amüsiert, wie Thilo sich erhofft hätte. Vielleicht war es das, was Thilo auf einmal das Atmen schwermachte. Er wandte den Blick ab.
 

„Klar mag ich ihn. Er ist nett, gebildet, klug, hat einen ausnehmend attraktiven Körper. Was gäbe es da nicht zu mögen?“
 

Tom gab einen amüsierten Laut von sich. Aus den Augenwinkeln sah Thilo, wie er sich von seinem Platz abstieß und langsam näherkam. Thilo fühlte seine Präsenz herannahen wie einen Hai in einem Nichtschwimmer-Becken.
 

„Du weißt, was ich meine“, sagte Tom und blieb direkt neben Thilo stehen. „Ich meine, dass du etwas für ihn empfindest. Da drin.“

 

Toms Zeigefinger bohrte sich in Thilos Brust. Er traf ihn in etwa dort, wo Thilo sein Herz vermutete. Das dumme Ding begann, schneller zu schlagen.

 

„Quatsch!“ Thilo schlug den störenden Finger weg und wagte trotzdem nicht, Tom anzusehen. „Wir kennen uns doch kaum. Klar, ich … ich mag ihn. Und ich will auch nicht, dass ihm irgendwas passiert, aber das … ist doch normal, oder nicht?“

 

Tom lachte leise.
 

„Klar ist es das. Wenn man sich verliebt hat, allemal.“
 

Thilos Herz sank. Das war … War es das, was ihm so zu schaffen machte? Aber wenn das so war, sollte er dann nicht … mit Sternchenaugen und Schmetterlingen im Bauch herumlaufen?

 

Aber das tust du doch. Immer wenn du an ihn denkst, wenn du ihn siehst, wenn er vor dir steht. So wie Tom gerade.

 

Thilo stotterte. „Aber ich … ich kann nicht verliebt sein. Ich habe keine Zeit für so was.“

 

Tom lachte. Dieses Mal war es ein spöttisches Lachen.
 

„Glaubst du wirklich, dass die Liebe danach fragt? Ob du Zeit in deinem Terminplan hast? Den du übrigens gerade händeringend versuchst umzustellen, um Platz für dein Hoppelhäschen zu finden. Ist dir das denn nicht aufgefallen?“

 

Thilo schnaufte. Natürlich war ihm das aufgefallen. Das hieß, eigentlich war ihm nur aufgefallen, dass er keine Zeit für ein Date mit Karim hatte. Und dass ihm das nicht gefiel.

 

Oh.

 

Die Erkenntnis, dass es genau das war, was Tom gemeint hatte, kroch wie eine fette, haarige Spinne Thilos Rücken hinauf. Er versuchte gerade, ganz dringend Zeit mit Karim zu verbringen. Und nicht nur das, er wollte obendrein auch noch, dass es gut war. Nicht nur ein schnelles Treffen zwischen Tür und Angel, bei dem sie Körperflüssigkeiten austauschten. Er wollte so etwas wie ihr Gespräch vom gestrigen Abend, aber er wusste, dass er das nur bekommen konnte, wenn er Abstriche bei seiner Arbeit machte. Und dazu war er nicht bereit. Oder vielleicht doch? Die Frage bereitete ihm Kopfschmerzen. Er wusste nicht, wie er sich entscheiden sollte, und allein das das so war, sprach bereits Bände. Eigentlich ganze Lexika. Thilo hatte es nur nicht sehen wollen. Unsicher sah er zu Tom auf.

 

Der lächelte. „Komm, lass uns was trinken gehen.“
 

Thilo hob seine Flasche. „Also eigentlich hab ich …“

 

Tom machte eine wegwerfende Geste. „Nicht so was. Ich meine was, was mehr Umdrehungen hat. Und dann zeigst du mir, was du alles von dieser Frau Mertens bekommen hast. Wir suchen raus, was du unbedingt brauchst, und den Rest lässt du dann einfach mal liegen und amüsierst dich mit deinem Lover.“

 

Thilo verzog das Gesicht. „Er ist nicht mein …“

 

Tom lachte wieder. „Hey, mach dich locker. Dann eben dein Freund. Deine Beziehung, Partner oder deine Lebensabschnittsliebelei. Nenn es, wie du willst. Fakt ist, dass du ihn sehen willst. Also werden wir dir Zeit dafür verschaffen und zwar so viel wie möglich.“
 

Thilo senkte den Kopf. Das, was Tom da vorschlug, klang gut. Sehr gut, wenn er ehrlich war, auch wenn ihm der Gedanke, vielleicht irgendwas zu übersehen und dann unvorbereitet in das Gespräch zu gehen, nicht wirklich behagte. Immerhin schätzten seine Kunden seine Professionalität und dass er immer 110% gab. Wenn er jetzt nur noch 80 auffuhr oder gar noch weniger …

 

Tom schnaufte. „Nun hör endlich auf, alles zu zerdenken. Wir schaffen das schon.“ Er hielt Thilo seine Hand entgegen.

 

Thilo seufzte und stand auf, ohne sie zu nehmen. „Aber wir können nicht das ganze Wochenende nur Sex haben und Pizza essen.“
 

Tom grinste. „Ach nicht? Früher hat dir das mal gereicht.“

 

Thilo versuchte, ihm einen Schlag zu versetzen, aber sein Freund wich geschickt aus. Er lachte.
 

„Keine Bange, Tassilo. Ich hab da schon eine Idee.“

 

Thilo verzog das Gesicht. Dass Tom seinen alten Spitznamen wieder ausgrub, gefiel ihm nicht. Trotzdem folgte er ihm gehorsam in Richtung Duschen. Vielleicht hatte Tom ja tatsächlich eine Idee, wie man dieses Wochenende und Thilos absolutes Terminchaos noch retten konnte.

 

Sand und Meer

„Das da? OMG, sag mir, dass es das da ist. Ich sterbe.“

 

Karim klebte am Autofenster und starrte zu dem Haus empor, das sich vor ihnen auf dem Kamm einer Düne in den blauem Himmel reckte. Das Strandgras drumherum duckte sich im strengen Wind, während der dunkle Holzbau mit den zahlreichen Glaselementen sich vollkommen unbeeindruckt zeigte. Ein Zaun umgab eine großzügige Terrasse, von der man einen fantastischen Blick auf die ganze Umgebung haben musste, und eine hölzerne Treppe führte an der Rückseite direkt zum Strand hinunter. Thilo wollte gerade antworten, als das Navi sich zu Wort meldete.
 

„Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

 

Thilo wies auf das Display. „Tja, sieht so aus, als wenn es wirklich das hier wäre.“

 

Er parkte den Wagen am Rand des kleinen Strandweges und öffnete die Tür. Sofort stieg ihm der Geruch nach Sand und Meer in die Nase. Der Wind zerrte an seinen Haaren.

 

Karim verließ das Fahrzeug auf der anderen Seite. Er strahlte über das gesamte Gesicht und Thilo wusste, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Auch wenn die Fahrt sie wertvolle Zeit gekostet hatte, entschädigte ihn der Anblick jetzt schon in vollem Umfang. Insbesondere, als Karim sich auch noch in Windeseile die Schuhe von den Füßen riss und durch den weißen Sand in Richtung Meer joggte.
 

„Komm“, rief er. „Ich will ans Wasser.“

 

Thilo lachte und schüttelte den Kopf. „Da kannst du lange laufen. Es ist Ebbe.“

 

„Na und?“

„Wollen wir nicht erst mal auspacken?“

„Nö.“

 

Karim, der zwischen den Hügeln stand, seine Sneaker mit den hineingestopften Socken in der Hand, sah Thilo erwartungsvoll an. „Komm schon, nur mal kurz. Danach kannst du Auspacken und Arbeiten und was du sonst noch alles so Langweiliges vorhast.“

 

Thilo tat erstaunt. „Ach so? Langweilig also. Na dann ist es ja gut, dass es drinnen auch noch einen Pool und eine Sauna gibt. Da kann ich mich dann ja ganz in Ruhe langweilen.“

 

Karims Augen blitzten auf. Thilo konnte sehen, wie er mit sich rang. Strand oder Pool? Schließlich knickte Karim ein.
 

„Na schön“, rief er und machte sich auf den Rückweg. „Dann beziehen wir erst das Haus. Aber ich will heute unbedingt noch an den Strand!“

 

„Kannst du“, beruhigte ihn Thilo und ging zum Heck des Wagens, um ihr Gepäck auszuladen. Viel hatten sie nicht dabei. Das Ferienhaus war mit allem ausgestattet, das man für eine Übernachtung benötigte. Am Abend würden sie Essen gehen und morgen früh frische Brötchen geliefert bekommen. Es war – Tom sei Dank – alles organisiert. Thilo hatte keine Ahnung, wie sein Freund das so schnell auf die Beine gestellt hatte, aber er wusste, dass er einiges gut bei ihm hatte. Vielleicht mehr als er ahnte.
 

Karim wartete ungeduldig am Fuß der Treppe. „Na, los doch! Komm endlich!“
 

Thilo lachte und sah zu, wie Karim sich herumdrehte und die Stufen zum Haus empor eilte. Er hingegen versperrte erst noch den Wagen, bevor er sich selbst an den Aufstieg machte. Runde Bohlen, die mit Holzkeilen im Boden verankert worden waren, brachten ihn sicher bis zum Hügelkamm.Oben angekommen zückte Thilo den Schlüssel.
 

„Hier, willst du aufschließen?“

 

Ein Hauch von Erstaunen überzog Karims Gesicht, bevor er tatsächlich nach dem Schlüssel griff und die Haustür öffnete. Drinnen begrüßte sie ein gediegenes Ambiente. Dunkle, glänzende Fliesen, gedrechselte, schwarzbraune Holzmöbel, eine Küche im Landhausstil. Definitiv nicht das, was Thilo erwartet hatte. Karim hingegen schien das gar nicht aufzufallen. Er war bereits in den nächsten Raum vorgedrungen. Thilo hörte ihn von dort rufen.
 

„Wow! Komm, das musst du dir ansehen.“

 

Thilo stellte die Taschen ab und folgte Karim. Der stand an einem bodentiefen Fenster, das sich bei näherem Hinsehen als Terrassentür entpuppte. Dahinter Dutzende Quadratkilometer glatten Sandes, der irgendwo, weit weg am Horizont, in eine glitzernde Wasserlinie überging. Der Anblick ließ einen tiefer atmen. Neben sich hörte Thilo ein leises Lachen.
 

„Gib zu, dass du das vorher gewusst hast. Wie kann man hier nicht arbeiten wollen?“

 

Thilo sah sich um. Auch im augenscheinlichen Arbeitszimmer herrschten dunkle Holztöne vor und dieselben Fliesen bedeckten den Boden. Dazu Regale mit Glastüren, ein großer, schwerer Schreibtisch, eine Sitzecke in Biedermeieroptik und eine Menge Pflanzen und Bilder an den Wänden. Viele Fotografien aber auch ein furchtbar geschmackloses Portrait eines Mannes in einer dunkelblauen Uniform, das vermutlich nur aufgehängt worden war, weil der Rahmen zum Sofa passte. Wenigstens sah es einen nicht an. Dafür spiegelten er und Karim sich in einer Vitrine mit Sammlerporzellan. Blütenmuster und Goldränder. Definitiv nicht Thilos Ding, auch wenn es Erinnerungen weckte. Daneben noch ein Bücherregal. Wären die Fenster nicht gewesen, hätte der Raum vollgestopft gewirkt. So jedoch konnte man darüber hinwegsehen. Karim lief bereits wieder zurück zur Tür.
 

„Komm, wir suchen den Pool.“

 

Natürlich. Ein wenig schmunzelnd folgte Thilo Karim weiter durch das Haus. Sie fanden das Schlafzimmer – ein riesiges Himmelbett, schwere Teppiche und Möbel nach Art einer Kapitänskajüte – und betraten schließlich eine Art Anbau. Der „Pool“, der von den Dimensionen her eher einem kleinen Schwimmbad glich, bot genug Platz für mindestens sechs oder acht Gäste. Den Fenstern gegenüber waren zwei hölzerne Kabinen eingebaut worden. Liegestühle luden daneben zum Verweilen ein und es gab neben der obligatorischen Dusche sogar ein Tauchbecken. Eine Tür an der Rückseite führte nach draußen und ermöglichte den Zugang zu einer weiteren Terrasse, die im Schutz der Dünen angelegt worden war. Die halb im Sand vergrabenen Waschbetonplatten und billigen Plastikliegen stellten zwar einen beträchtlichen Stilbruch dar, dafür war die Aussicht fantastisch und man selbst aufgrund der Lage vermutlich vollkommen ungestört. Es war wirklich ein Traumhaus.
 

„Der Wahnsinn“, urteilte auch Karim. Er vibrierte geradezu vor Energie und schien sich nur nicht entscheiden zu können, wo er anfangen sollte. Thilo lächelte.
 

„Im Keller stehen auch noch Fahrräder.“

 

Karims Augen wurden groß. „Das Ding hat einen Keller? Vielleicht auch noch einen Luftschutzbunker und einen Hubschrauberlandeplatz? Wundern würde es mich jedenfalls nicht.“
 

Thilo lachte, bevor er erneut ernst wurde. „Nein, kein Landeplatz. Schließlich ist das hier nur ein Ferienhaus.“

 

Karim lupfte eine Braue. „Dann würdest du einen Hubschrauber-Landeplatz in einem normalen Haus sinnvoll finden?“

 

Thilo stockte. So hatte er das eigentlich nicht gemeint. Er hatte doch nur … Erleichterung flutete ihn, als Karim zu grinsen begann.
 

„Nur ein Spaß“, sagte er und sah sich noch einmal um. „Obwohl ich sagen muss, dass das hier schon ne ganz schöne Hausnummer ist. Ich glaube, ich sollte diesen Tom wirklich mal kennen lernen. Er scheint ein echt guter Freund zu sein, wenn er dir so was ausleiht.“

 

Thilo sagte nichts darauf. Natürlich hätte er erklären können, dass dieses Haus nicht Tom, sondern einem seiner Geschäftspartner gehörte und dass Tom vermutlich eine ganze Reihe von Gefallen dafür hatte einfordern müssen, doch er schwieg lieber. Das hier war nicht die Zeit und der Ort, um darüber zu sprechen. Vielleicht würden sie es später tun. Oder nie. Wer wusste das schon so genau.

 

„Klar“, antwortete er stattdessen mit leichter Verspätung. „Wenn du willst, stelle ich euch mal vor. Vielleicht nächstes Wochenende. Falls Tom Zeit hat.“

 

Einen Moment lang sah Karim ihn daraufhin an, bevor er sich erneut für ein Lächeln entschied.
 

„Cool“, sagte er. „Ich freu mich.“

 

„Ich mich auch.“

 

Für einen Moment war da eine Stille zwischen ihnen, nur gefüllt vom böigen Wind, bevor Karim die Stimmung abschüttelte wie ein Hund den Regen. Mit einem Lächeln kam er auf Thilo zu, schlang die Arme um seinen Hals und sah ihm tief in die Augen.
 

„Und jetzt?“, fragte er und drückte sich noch ein wenig enger an ihn. „Was machen wir jetzt?“
 

Da war eine Nuance in seiner Stimme. Ein sanftes Beben, das Thilo bis in die Fingerspitzen kroch. Instinktiv schlang auch er die Arme um Karim. Mit halb geschlossenen Augen lehnte er sich zu ihm herüber. Atmete seinen Duft ein. Seine Lippen näherten sich Karims Ohr, seine Hände dessen Hintern.
 

„Jetzt“, raunte er und spürte deutlich, wie Karim unter seinem warmen Atem erschauerte, „müssen wir arbeiten.“
 

Er lachte, als Karim frustriert aufjaulte. Immer noch grinsend trat er einen Schritt zurück. „Das heißt, ich muss arbeiten. Du kannst natürlich gerne was anderes machen. Schwimmen, Radfahren, Kitesurfen. Der Ort hier soll über eine ganz nette Fußgängerzone verfügen. Oder du gehst dir Seehunde angucken.“

 

Karim sah aus, als hätte er Thilo ganz gerne gesagt, wohin der sich seiner Meinung nach einen Seehund stecken konnte. Dann jedoch seufzte er.
 

„Okay, okay, du hast ja recht. Gehen wir arbeiten.“

 

Tatsächlich machte er Anstalten, den Poolraum zu verlassen und in Richtung Arbeitszimmer zu verschwinden. Als er an Thilo vorbeigehen wollte, hielt der ihn zurück. Ernst sah er Karim an.
 

„Du weißt, dass ich hier nicht dein Boss bin, oder? Ich kann dich nicht dazu zwingen.“

 

Karim grinste schief. „Klar weiß ich das. Aber wenn ich meinen Freund zurückhaben möchte, muss ich wohl erst mal dessen Alter Ego befriedigen. Also lass uns endlich anfangen, damit wir es hinter uns haben.“

 

Thilos Mundwinkel zuckte. Da waren Dinge, die Karim gesagt hatte. Dinge, die dafür sorgten, dass Thilo ihn jetzt gerne geküsst hätte. Doch er beherrschte sich. Er wusste, wo das hingeführt hätte. Das Kribbeln war noch nicht verschwunden.
 

„Okay“, sagte er mit einer Stimme, die rauer klang, als ihm lieb war. „Gehen wir arbeiten.“

 

 

 

Mit einem tiefen Seufzen ließ Thilo sich in seinem Stuhl zurücksinken und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Vor ihm auf dem Bildschirm die Gesellschafterverträge des Spielplatzbauers, darin keine Spur einer gültigen Vereinbarung für das Ausscheiden eines der beiden Vertragspartner. Einen Ehevertrag, der das regeln könnte, gab es seines Wissens nach auch nicht. Es war also wirklich der schlimmste Fall eingetreten, den er befürchtet hatte. Thilo seufzte noch einmal.

 

Karim, der ihm gegenüber saß, blickte auf. „Und? Was gefunden?“
 

Thilo schüttelte den Kopf. „Nein, keine Festlegung, keine Beschränkung des Zugewinnausgleichs, keine Zusatzklausel, nichts. Anhand der Bilanzen kann ich aber jetzt schon sagen, dass eine Auszahlung der Firmenanteile so gut wie unmöglich ist. Es ist nicht genug liquides Kapital vorhanden. Soll heißen, wenn wir den Betrieb retten wollen, müssen wir einen Käufer finden und das möglichst schnell.“

 

Karim runzelte die Stirn. „Und das wird ein Problem sein?“

 

Thilo seufzte ein drittes Mal. „Keine Ahnung. Kommt darauf an, ob wir die Stelle in der Planungskoordination neu besetzen können. Hast du was gefunden?“

 

Dieses Mal war es Karim, der seufzte. „Nein. Niemand, der auf das Profil passt. Jedenfalls nicht zu 100%. Es gibt eine ganze Reihe Maschinenbauer und Elektrotechniker, aber keinen, der Spielplätze entwirft. Vielleicht suche ich aber auch an den falschen Stellen.“

 

Thilo knurrte. „Möglich. Trotzdem wird es schwer werden, die Firma ohne so jemanden an den Mann zu bringen. Obwohl es im Grunde eine attraktive Investition ist; die Branche floriert, die Auftragslage ist gut, das Unternehmen schreibt schwarze Zahlen … aber anhand der Tatsache, dass mit dem Ausstieg von Frau Mertens auch eine Menge Knowhow verloren gehen wird, weiß ich nicht, ob sich der Wert erhalten lässt. Ich muss am Montag mit ihr bereden, ob sich dafür eventuell noch eine Lösung finden lässt. Mal davon abgesehen gehören dem Anwalt, der sie bei der Firmengründung beraten hat, wirklich gründlich die Ohren lang gezogen. So was weiß man doch! Ich verstehe nicht, wie man so stümperhaft mit Kundeninteressen kann.“

 

Während er geredet hatte, hatte Karim ihn die ganze Zeit angesehen. Jetzt, da Thilo mit seinem Rant fertig war, hörte er jedoch nicht damit auf. Im Gegenteil.

 

Thilo funkelte ihn immer noch wütend an. „Was?“, wollte er wissen. Dieser ganze Fall regte ihn wirklich auf.

 

Karim lächelte leicht. „Ach nichts. Ich hab nur gerade gedacht, dass du ganz schön in die Sache involviert bist. Das Ganze ist für dich nicht nur ein Geschäft. Du willst diesen Leuten helfen.“

 

Thilo stockte anhand dieser „Anschuldigung“, dann lachte er und schlug die Augen nieder. „Nun ja … ja. Irgendwie schon. Obwohl ich gerade echt nicht weiß, wie ich das anstellen soll, denn so, wie die Sache liegt, kann ich damit an keinen Käufer herantreten. Der würde ja die Katze im Sack kaufen und das kann ich mir nicht leisten. Ich bin echt kurz davor, den Deal hinzuschmeißen. Soll doch jemand anderes deren Lebenstraum zersägen und in kleine Schachteln packen, dann bin ich wenigstens raus aus der Nummer.“
 

Thilo verstummte. Der Blick, den Karim ihm zuwarf, war immer noch ein wenig unergründlich, fast so, als wolle er ihn ausloten. Irgendwann jedoch hoben sich seine Mundwinkel.
 

„Weißt du was?“, sagte er. „Schluss für heute. Ich finde, wir gehen jetzt an den Strand und genießen noch ein bisschen die Sonne. Und morgen überlegen wir uns dann was.“
 

Karim stand auf. In seinem Gesicht stand deutlicher Tatendrang. Thilo warf einen Blick auf den Laptop.
 

„Aber …“, begann er, doch er kam nicht weit. Karim hatte bereits nach dem Deckel gegriffen und das Gerät zugeklappt.
 

„Kein Aber“, bestimmte er. „Wir sitzen hier jetzt schon seit Stunden und du wirst heute Abend keinen Käufer oder Ingenieur oder sonst irgendwas aus dem Hut zaubern. Also kannst du auch aufhören, darüber zu grübeln, und mit mir an den Strand gehen.“

 

Wieder lag Thilo Protest auf der Zunge, doch ein Blick auf den Esstisch, an den sie sich wegen des großzügigeren Platzangebotes zurückgezogen hatten, machte ihm klar, dass Karim recht hatte. Dort lagen Unmengen von Papier neben benutzten Kaffeetassen, Gläsern und längst kalt gewordenen Fish&Chips-Resten mit angetrockneter Mayonnaise. Karim hatte sie irgendwann um die Mittagszeit herum von einem nahen Imbiss besorgt. Mittlerweile jedoch war die Sonne bereits deutlich dem Horizont entgegen gewandert und durch das fast vollkommen von Pflanzen und Hängeampeln verdeckte Fenster konnte Thilo sehen, das sogar das Wasser zurückgekehrt war. Es war wohl wirklich höchste Zeit für eine Pause.

 

Mit einem erneuten Seufzen ergab er sich seinem Schicksal. „Gut, du hast gewonnen. Gehen wir raus.“

 

Er blickte zu Karim auf, der immer noch, leicht über ihn gebeugt, vor ihm stand. Der Impuls, die Hand in seinen Nacken zu legen, ihn an sich zu ziehen und auf seinen Schoß, war beinahe übermächtig. Thilo wusste, hätte er es versucht, hätte Karim sich nicht gewehrt. Er hätte sich verführen lassen, die Zeit genossen und vermutlich nicht ein einziges Mal an den Strand gedacht. Doch dafür war auch später noch Zeit, wenn es dunkel war und die Sonne untergegangen.

 

Karim sah ihn immer noch an. „Wollten wir nicht zum Strand?“, fragte er, die Stimme frei von jedem Vorwurf.

 

Thilo war sich nicht sicher, wie viel von dem, was ihm gerade durch den Kopf gegangen war, sich auf seinem Gesicht widergespiegelt hatte. Zur sicherheit lächelte er. „Ja. Natürlich. Ich hol mir nur noch schnell eine Jacke, dann können wir los.“

 

Karims Gesicht wurde zu einem Grinsen. „Ach was, Jacke. Es ist doch nicht kalt draußen. Komm, schon! Gehen wir!“

 

Mit diesen Worten stand er auf, griff nach Thilos Hand und zog ihn einfach mit sich. Thilo schaffte es gerade noch so, sich den Hausschlüssel zu schnappen und seine Schuhe überzustreifen, bevor Karim ihn aus der Tür und die hölzerne Treppe hinunter bugsierte. Kurz darauf stand er auf einer riesigen, grauen Sandfläche, die Arme untergeschlagen und guckte kritisch.
 

„Nicht kalt, ja?“, meinte er und musste dabei gegen den Wind anlamentieren, der ihm von vorn ins Gesicht blies.

 

Karim lachte. „Ach komm, so kalt nun auch wieder nicht. Du tust ja, als hätten wir Winter.“
 

Thilo bemühte sich, ernst zu bleiben. Natürlich hatte Karim recht, denn um sie herum tobte ja nun wirklich nicht gerade ein Schneesturm, aber wirklich angenehm war die steife Brise im Zusammenspiel mit der inzwischen schon tief stehenden Sonne nicht gerade.

 

Karim lachte noch einmal und kam dann zu ihm zurück. Seine Hand glitt zum Reißverschluss seines Hoodies. „Hier, du Frostbeule. Nimm!“

 

Ohne sich um Thilos Protest zu kümmern, legte er ihm den dicken, schwarzen Pullover um die Schultern. Er selbst stand jetzt nur noch in einer kurzen, beigen Hose, einem weißen T-Shirt und Turnschuhen da.

 

Thilo schüttelte den Kopf. „Zieh dich wieder an, du erkältest dich noch.“

 

Karim grinste. „Du hörst dich an wie meine Oma.“ Er kam näher und steckte die Hände unter den kuschelweichen Stoff. „Außerdem kannst du mich ja aufwärmen.“

 

Thilo lachte und küsste ihn. Danach machte er Anstalten, sich von dem Pullover zu befreien. Karim jedoch hielt seine Hände fest und zog ihn an sich. Er flüsterte.
 

„Lass ihn an, er steht dir.“ Sein Blick glitt an Thilo hinauf und hinab. „Macht dich mal etwas lockerer.“

 

Thilo runzelte die Stirn. „Ich bin locker“, widersprach er.

 

Karim lächelte. „Nicht immer. Aber das ist nicht schlimm. Ich … mag dich trotzdem.“

 

Thilo öffnete den Mund. Er wollte etwas erwidern. Karim hingegen lächelte nur, bevor er an Thilos Seite glitt, den Arm um ihn legte und ihn ansah.
 

„Wollen wir dann?“
 

Thilo sagte nichts. Da war immer noch der Wind, der über ihnen Wolkenfetzen über den blauen Himmel trieb. Ein endloses Areal voller Sand, Leute und Hunde, hier und dort unterbrochen von Holzpfosten, die irgendetwas anzeigten, das Thilo nicht verstand. Alles in allem gab es hier nichts, was sich zu sehen lohnte, und doch war da Karim an seiner Seite und um ihn herum etwas, das nach Freiheit schmeckte. Unendliche Weite. Thilo musste unwillkürlich lächeln.
 

„Ja, okay“, sagte er schließlich. „Gehen wir.“

 

Sie spazierten los, den Blick auf das Wasser gerichtet. In der Ferne konnte Thilo sehen, wie Leute Drachen steigen ließen. Einer der berühmten Pfahlbauten erhob sich über die platte Landschaft. In einigen von ihnen gab es Restaurants. Essen mitten im Meer. Thilo überlegte.
 

„Wollen wir da nachher hingehen?“ Er wies mit dem Kopf auf die beeindruckende Konstruktion, die wie ein mittelalterlicher Roboter über dem Strand thronte. „Ich weiß zwar nicht, wie das Essen ist, aber der Ausblick ist sicher fantastisch.“

 

Karims Augen wurden schmal, als er gegen die Sonne anblinzelte. „Hört sich gut an“, meinte er. „Aber eigentlich habe ich noch gar keinen Hunger.“

 

Thilo sah ihn an. „Ich auch nicht.“

 

„Na dann lass uns noch ein bisschen weitergehen.“

 

Thilo lächelte und drückte Karim enger an sich. Arm in Arm liefen sie weiter. Der Wind pfiff ihnen um die Ohren, aber Thilo fror nicht. Der Hoodie schirmte seinen Rücken ab und Karim erledigte den Rest. Wenn es nach Thilo gegangen wäre, hätte dieser Zustand noch Stunden andauern können. Leider hatten Karim – und das Meer – andere Pläne.

 

Ein paar Meter vor der Wasserlinie machte Karim sich von ihm los. Er begann, seine Schuhe auszuziehen. Auffordernd sah er Thilo an.
 

„Na los. Mach mit!“

 

Thilo zog zweifelnd die Augenbrauen hoch.
 

„Du willst da rein?“

„Ja.“

„Aber das ist arschkalt.“

„Weißt du nicht, bis du es ausprobiert hast.“

 

Karim war fertig damit, sich auszuziehen. Er warf Thilo einen seiner Socken zu, bevor er sich umdrehte und tatsächlich in voller Montur auf das Wasser zurannte. Es platschte und spritzte. Im nächsten Moment drehte er sich zu Thilo herum.
 

„Du hattest recht“, rief er und lachte aus vollem Halse. „Es ist arschkalt.“

 

Thilo rief: „Dann komm wieder raus!“

 

„Nein! Komm du rein!“

 

Thilo seufzte und beobachtete Karim noch einen Moment, bevor er ebenfalls begann, sich die Schuhe auszuziehen. Er krempelte die Hosenbeine hoch und lief dann, sehr viel langsamer als Karim, in dessen Richtung. Karim hingegen platschte immer noch herum und hatte den Blick auf den Boden gerichtet. Über ihnen schwebte eine Möwe.

 

„Komm endlich.“

„Ja ja.“
 

Sich innerlich gegen die Kälte wappnend kniff Thilo die Augen zu und wagte den ersten Schritt. Eiswasser umschloss seine Zehen und kletterte dann rasend schnell höher. Das war definitiv kalt. Zu kalt, um darin herumzulaufen. Thilo biss die Zähne zusammen und ging trotzdem weiter. Bald ging ihm das salzige Nass bis zu den Knöcheln. Unterhalb davon hatte er kein Gefühl mehr. Karim grinste ihn an.

 

„Cool oder?“

 

Thilo bleckte die Zähne. „Du meinst kalt.“
 

„Das auch. Aber guck mal, was ich gefunden habe.“

 

Mit schief gelegtem Kopf hielt Karim Thilo eine weiße Muschelschale entgegen. Sie war oval, ein wenig länglich und wirklich vollkommen weiß. Ehrfürchtig nahm Thilo sie entgegen.
 

„Die ist schön.“

 

Karim lächelte. „Ja, oder? Ich schaue gerade, ob ich noch eine finde. Hilfst du mir?“
 

„Klar.“

 

Sie suchten, wateten durch das flache Wasser und froren sich fast die Füße ab. Einmal dachte Thilo, er hätte etwas gefunden, doch dann war es nur ein Bruchstück einer Muschel. Nach einer halben Ewigkeit hob Karim schließlich den Kopf. Er fluchte.
 

„Scheiße!“

 

Noch bevor Thilo begriffen hatte, was los war, sprintete Karim bereits an ihm vorbei. Thilo wollte fragen, was los war, als er das Ausmaß der Bescherung auch schon selber sah. Die Stelle, an der sie ihre Sachen zurückgelassen hatten, stand unter Wasser. Zumindest fast. Die ersten Wellen leckten bereits an Thilos Schuhspitzen und der schwarze Pullover war nur noch Zentimeter davon entfernt, sich in ein nasses, quatschendes Bündel zu verwandeln. Gerade noch rechtzeitig riss Karim ihn an sich. So schnell er konnte, rannte Thilo ebenfalls zurück. Er schnappte sich seine Schuhe, verlor eine Socken und stand im nächsten Moment keuchend und röchelnd am Strand. Karim einige Meter weiter ging es nicht anders. Sie lachten.
 

„Na das ist ja gerade nochmal gut gegangen.“

 

Karim grinste. „Jaja, Städter am Meer. Ein Glück hat das keiner gesehen.“

 

Sie lachten noch einmal, fanden und küssten sich, bevor Thilo Karim nötigte, den zum Glück trocken gebliebenen Pullover wieder anzuziehen. Die Schuhe behielten sie in der Hand.

 

„Sollen wir dann zurückgehen?“

„Ja.“

 

Hand in Hand wählten sie dieses Mal den Weg an den Dünen entlang. Der Sand unter ihren Füßen war kühl und weich. Nur die Grashalme störten. Wie Draht bohrten sie sich in die Landschaft. Gekommen um zu bleiben. Thilo lächelte.

 

 

Als die Hütte in Sicht kam, blieb Karim stehen. Der Wind, der inzwischen etwas abgeflaut war, zauste seine Locken nur noch leicht. Karim richtete das Gesicht zur See und Thilo konnte einmal mehr nur denken, wie schön er war. Ausdrucksstarke Augen, zarte Wimpern, eine etwas zu breite Nase und fein geschwungene Lippen. Thilo wollte ihn küssen. So sehr.

 

Als hätte er das gehört, drehte Karim sich zu ihm um. „Weißt du was?““

 

Thilo verneinte. Karim sah wieder zum Wasser.
 

„Ich glaube, ich habe einen neuen Lieblingsort. Der ist ganz genau hier. Mit dir.“

 

Thilo antwortete nicht. Er trat einfach nur näher, zog Karim an sich und dann küsste er ihn. Sehr, sehr lange.

 

 

Wellengang

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Zwei Ärsche

„Hast du alles?“

 

Thilo, der eben den Reißverschluss der Laptoptasche schloss, sah zu Karim hinüber. Dass er das Gerät am heutigen Tag, nicht einmal benutzt hatte, kam ihm, so im Nachhinein betrachtet, selbst merkwürdig vor. Als er es gestern ausgeschaltet hatte – oder vielmehr, als Karim das getan hatte – hatte Thilo noch gedacht, dass er am nächsten Tag sicherlich noch an dem Projekt weiterarbeiten würde. Stattdessen hatte er fast den gesamten Sonntag mit Karim verbracht. Sie waren noch einmal Schwimmen gewesen, hatten mit den Fahrrädern das Auto abgeholt, waren noch einmal am Strand spazieren gegangen, hatten im Bett gefrühstückt und außerordentlich fantastischen Sex gehabt. Der Gedanke daran sandte jetzt noch ein Prickeln Thilos Wirbelsäule entlang. Karim hatte sich ihm dabei so vollkommen hingegeben. Er hatte gestöhnt, gebettelt und sich Thilos Administration absolut bedingungslos unterworfen. Selbst als Thilo ihn nur mit den Fingern fast bis zum Orgasmus gebracht hatte, hatte er ihm vollkommen vertraut. In dem Moment hatte Thilo sich gewünscht, etwas anderes zur Hand zu haben. Etwas, mit dem er Karim vielleicht noch besser hätte befriedigen können. Einen Plug oder ein anderes Spielzeug. Thilo hatte die Frage danach schon auf den Lippen gehabt und sie dann doch nicht gestellt. Aber wenn sie wieder zu Hause waren, wenn er Karim die Kiste zeigte, dann würde der vielleicht …
 

„Ja, ich glaube schon.“

 

Thilo schreckte aus seinen Gedanken hoch. Karim, der auf der anderen Tischseite stand, sah ihn halb fragend, halb belustigt an. Thilo rettete sich in ein Lächeln.
 

„Gut, dann bringe ich die Taschen schon mal runter zum Wagen. Kontrollierst du nochmal die Fenster?“

 

Nachdem er das gefragt hatte, wandte er sich ab. Sein Gesicht war warm geworden und er war sich sicher, dass ein verräterischer roter Schimmer auf seinen Wangen lag. Warum nur konnte er nicht einfach fragen? Es war doch nichts dabei.

 

Weil er dann vielleicht noch mehr will.
 

Angefangen von der Frage, warum Thilo so viele von diesen Gerätschaften hatte, bis hin zur Verwunderung, dass er sie überhaupt besaß und ob er sie etwa auch benutzte. Bei sich selbst gar, und die ehrliche Antwort darauf hätte Ja lauten müssen. Thilo wollte nicht, dass Karim wusste, dass er dafür … so etwas benutzte. Obwohl er sich sicher war, dass Karim ihm deswegen keine Vorwürfe gemacht hätte. Vielleicht fand er es sogar heiß und vielleicht … Thilo schüttelte den Kopf und klappte den Kofferraum zu. Es war sinnlos, sich jetzt darüber Gedanken zu machen. Er musste sich auf die Fahrt konzentrieren, darauf, dass sie nichts vergaßen und dass sie …

 

Er stockte, als er wieder zur Haustür hereinkam. Durch den Flur konnte er Karims Stimme hören. Der redete mit jemandem.
 

„Ja, Maman, weiß ich doch. Ja, mal sehen. Ich weiß noch nicht, ob ich es schaffe. Ja.“

 

Thilo umrundete die Ecke. Karim stand neben dem großen Tisch. Er hatte den Blick zu Boden gerichtet, das Handy am Ohr, den Rücken leicht gekrümmt. Es war offensichtlich, dass er das Gespräch gerade nicht führen wollte. Thilo blieb stehen.
 

„Ja, Maman ist gut. Ich muss dann mal wieder … Ja, ich probier’s. Bis dann.“

 

Mit einem tiefen Atemzug betätigte er den roten Knopf auf seinem Display und fuhr dann zu Thilo herum. Seine Augen wurden groß, als er entdeckte, dass er beobachtet worden war. Schnell setzte er ein Lächeln auf.
 

„Das war … meine Mutter“, erklärte er und wies auf das Handy. „Sie wollte wissen, ob ich heute zum Abendessen komme. Sie hat Tajine gemacht.“

 

Thilo nickte leicht. Irgendetwas an der Sache war faul, das konnte er spüren. Aber was? Er fragte: „Soll ich dich vielleicht auf dem Rückweg gleich bei ihnen absetzen? Dann musst du nicht nochmal rausfahren.“

 

Karim biss sich auf die Lippen. Er schien zu überlegen.
 

„Ja“, sagte er schließlich und sah dabei fast schon erleichtert aus. „Ja, das wäre toll.“
 

Thilo lächelte. Das merkwürdige Gefühl verschwand nicht völlig, aber er beschloss, es zu ignorieren. Wahrscheinlich waren sie beide einfach nur müde.

 

Sie verließen das Haus und warfen den Schlüssel in den Briefkasten. Auf dem Weg nach unten atmete Thilo noch einmal tief ein. Die Luft um sie herum war kühler geworden. Wolken bedeckten den kompletten Himmel. Es sah nach Regen aus. Als sie einstiegen, fielen die ersten Tropfen auf die Windschutzscheibe. Thilo schaltete das Licht ein und fuhr los.

 

 

Graue Regenschleier wanderten über das Land. Links von ihnen versperrte ein unbegrünter Deich die Sicht, neben ihnen endlose Salzwiesen. Eine Landstraße mit wenig Verkehr. Thilo hörte Karim neben sich seufzen.
 

„Tut mir leid“, sagte er.

 

Thilo runzelte die Stirn. „Was tut dir leid.“
 

Wieder hörte er Karim atmen. Ein kurzer Blick zeigte Thilo, dass er starr geradeaus sah. Sein Gesicht wie versteinert.

 

„Dass ich es meiner Mutter nicht erzählt habe. Obwohl ich doch gesagt habe, dass ich es tun würde. Aber als ich da war, hatte sie einen Riesenstreit mit Chloé und als sich der Rauch dann endlich gelegt hatte, habe ich … ich hab mich nicht getraut, es ihr zu sagen.“

 

Eine Kreuzung mit einem Stoppschild kam in Sicht. Rechts und links war die Fahrbahn frei, trotzdem hielt Thilo den Wagen an. Er sah zu Karim hinüber.

 

Karim sah … grau aus. Wo er sonst strahlte, von einem inneren Leuchten erfüllt zu sein schien, flackerte jetzt nur noch ein trübes Licht. Er wirkte nicht wie er selbst.

 

„Warum nicht?“

 

Die Frage klang vorwurfsvoller, als er gewollt hatte. Karim atmete hörbar ein.
 

„Keine Ahnung“, sagte er leise. „Vielleicht weil ich … Angst hatte, was sie dazu sagen würde. Oder weil ich einfach ein bisschen zu viel Übung darin habe, mein Privatleben für mich zu behalten.“

 

In Karims Stimme schwang so viel Bitterkeit mit, dass Thilo beinahe gefragt hätte. Die Dinge, die Karim damals zu ihm gesagt hatte, kamen ihm wieder in den Sinn. Ob seine Eltern davon gewusst hatten. Offenbar nicht. Aber warum hatte er es ihnen verschwiegen?

 

Eine Weile lang fuhren sie schweigend nebeneinanderher. Thilo überlegte gerade, ob er das Radio anschalten sollte, als Karim wieder das Wort ergriff.
 

„Tut mir leid. Ich … ich weiß nicht, warum ich heute so schräg drauf bin. Denn das Wochenende war wundervoll. Aber der Gedanke, dass wir morgen wieder zur Arbeit müssen und ich dann wieder so tun muss, als wenn wir uns nicht kennen, das ist einfach … das ist mir schon mal passiert. Und es hat nicht gut geendet.“

 

Thilo blickte zu Karim hinüber, der jetzt wieder aus dem Fenster sah. Seine Hände lagen auf seinen Oberschenkeln. Thilo hätte sie gerne ergriffen, aber er musste fahren und …

 

„Willst du es mir erzählen?“ es konnte es ihm immerhin anbieten. Musste es sogar.

 

Karim seufzte und sah, halb lächelnd, zu ihm herüber.
 

„Eigentlich nicht. Erstens soll man ja nicht über seine Exe reden und zweitens … wirst du mich für ein Arschloch halten, wenn ich es tue.“

 

Da wären wir dann vermutlich schon zwei, dachte Thilo, aber er sprach es nicht aus. Das hier war nicht seine Bühne. Schnell drängte er den Gedanken zurück.
 

„Glaube ich nicht.“ Das wenige, was Karim gesagt hatte, klang nicht danach, als wäre es seine Schuld gewesen. Ganz im Gegensatz zu …

 

Karim lachte bitter auf. „Tja, du wärst erstaunt. Menschen machen dumme Dinge. Manchmal sogar sehr dumme Dinge. Sie merken es nur nicht, bis es irgendwann zu spät ist.“
 

Wieder ein Klingen, eine Resonanz. Am liebsten hätte Thilo das Thema fallen gelassen. Er lachte verzweifelt.
 

„Ach, solange du deinen Ex nicht betrogen oder jemanden umgebracht hast, wird es schon nicht so schlimm sein.“

 

Dann wäre ich nämlich immer noch das größere Arschloch von uns beiden.

 

Karim atmete hörbar aus.

 

„Das nicht“, sagte er leise. „Aber ich war derjenige, mit dem mein Ex seinen Freund betrogen hat.“ Thilo wollte gerade sagen, dass ihn dann doch keine Schuld traf, aber Karim fügte bereits hinzu: „Und ich wusste, dass er in einer Beziehung ist. Ich hab mich trotzdem darauf eingelassen, hab all die Lügen geglaubt. Dass er ihn verlassen würde und der ganze Scheiß. Das war so dermaßen dumm!“

 

In der Ferne kam ein Tunnel in Sicht. Drumherum Türme, Masten, Windräder. Eine Wasserstraße, die sie auf dem Hinweg schon einmal überquert hatten. Thilo räusperte sich.
 

„Das macht dich aber noch nicht zu einem Arschloch. Zu einem Dummkopf vielleicht, aber … nicht zu einem Arschloch.“

 

Karim lächelte. Es war ein trauriges Lächeln, das er Thilo schenkte, bevor er sagte: „Sein Freund hatte Krebs.“

 

Vor Thilo flammten auf einmal rote Lichter. Er erschrak, trat auf die Bremse und kam gerade noch rechtzeitig vor einem Lkw zum stehen. Sein Herz klopfte bis zum Hals, als er sah, wie knapp es gewesen war. Gleichzeitig ruckte sein Kopf zu Karim herum.
 

„Was?“, fragte er und wusste gerade nicht, was er fühlen sollte. Ins einem Kopf drehte sich alles. Auch Karim sah ihn erschrocken an. Der Beinahe-Unfall hatte bestimmt auch sein Adrenalin hochgepusht. Seine Augen waren groß und dunkel.

 

„Er hatte Krebs“, wiederholte er. „Heilbar, aber … das war der Grund, warum Marc und ich uns kennengelernt haben. Er saß im Warteraum der onkologischen Praxis und hat auf seinen Freund gewartet. Ich war mit meinem Vater dort und wir sind … ins Gespräch gekommen. Am Ende haben wir Nummern getauscht. Ich hab gewusst, dass es eine Scheißidee ist, aber ich hab ihn trotzdem angeschrieben. Kurz danach haben wir uns getroffen und … na ja. Den Rest kannst du dir sicher denken.“
 

Thilo atmete. Natürlich konnte er sich denken, wie das weitergegangen war. Sie hatten Sex gehabt. Erst einmal, dann zwei-, drei- und am Ende war Karim der Dumme gewesen. Weil dieser Marc ihn nach Strich und Faden angelogen hatte. Wahrscheinlich hatte er nie vorgehabt, seinen Freund zu verlassen. Wäre vielleicht auch ein Arschloch-Move gewesen, aber das, was er stattdessen gemacht hatte, war doch noch viel, viel schlimmer. Thilo war sich dessen schmerzlich bewusst. Er sah Karim an.
 

„Wie ist die Sache ausgegangen?“

 

Karim lachte auf. Er sah wieder aus dem Fenster und Thilo konnte förmlich fühlen, wie er sich innerlich zusammenzog. So als würde das dicke Ende eigentlich erst noch kommen.

 

„Ich hab Marc beim Fremdgehen erwischt.“
 

Thilo blinzelte und glaubte, sich verhört zu haben. Sollte das etwa heißen …?

 

Hinter ihm hupte es. Reflexartig hob er die Hand, legte einen Gang ein und gab wieder Gas. Der Tunnel verschluckte sie. Die hell erleuchtete, gekachelte Röhre ließ Thilo an die Unterführung vor Karims Wohnung denken. Die vielen Schmierereien und Plakate. Hier gab es nichts davon, nur glatte, weiße Wände. Feuerlöscher. Notausgänge zu beiden Seiten. Wo war Karims Notausgang gewesen?

 

Sie verließen den Tunnel und eine Wasserfläche erschien auf Thilos Straßenseite. Sie füllte die gesamte Sicht. Sicher irgendein Fluss. Auf der anderen Seite der Deich. Ihre Straße dazwischen. Kein Weg zurück.

 

„Das muss … schmerzhaft gewesen sein.“ Thilo Stimme war brüchig. Das hier ging viel zu tief.

 

Karim lachte. Es war ein böses Lachen. „Ja. Als ich an dieser Wohnung ankam und er mir aufgemacht hat, war ich … wie betäubt. Er hat mich angesehen, als wäre ich ein Geist, aber dann … hat er ganz schnell umgeswitcht. Er hat gegrinst und hat gemeint, dass ich ja genau zur richtigen Zeit käme. Und ob ich nicht mitmachen wollte.“

 

Thilo verschluckte sich fast. „Nicht dein Ernst?“, brachte er mit knapper Not heraus.

 

Karim schnaubte. „Doch. Er hat das vollkommen ernst gemeint. Der Typ im Hintergrund hatte vermutlich keine Ahnung, wie ihm eigentlich geschieht. Ich glaube nicht, dass er wusste, dass er nicht der Einzige war. Ganz im Gegensatz zu Rouven.“

 

Thilo horchte auf. „Rouven?“ Wer war das?

 

Karim machte ein bedauerndes Geräusch. „Das war sein Freund. Der, der Krebs hatte. Er war es, der die ganze Sache hat auffliegen lassen.“

 

Karim senkte den Kopf und sah auf seine Hände hinab. Sie lagen in seinem Schoß. Hilflos.
 

„Ich kam an dem Tag aus einer Vorlesung im Hauptgebäude. Rouven hat auf dem Hofplatz auf mich gewartet. Er stand einfach da, mitten auf dem Weg, auf seinem Kopf so eine bunte Kappe. Wegen der Haare, weißt du. Ich hab ihn sofort erkannt. Wäre am liebsten gleich wieder umgedreht, aber ich bin hingegangen. Als ich bei ihm ankam, hat er mir einen Zettel gegeben. Darauf eine Adresse. 'Er betrügt dich', hat er gesagt, dann hat er sich umgedreht und ist gegangen. Und ich stand da und wusste nicht, was ich machen sollte. Also bin ich hingefahren.“

 

Karim unterbrach sich und seufzte.

 

„Den Rest kennst du dann“, sagte er leise und wagte offenbar nicht Thilo anzusehen. Der wusste selbst nicht, was er dazu sagen sollte. Was für eine Scheißgeschichte.
 

Das Wasser neben ihnen ging in Wiesen und Felder über. Einzelne Büsche zierten den Wegrand, einige von ihnen weißblühend. Hinter einem Zaun standen Kühe. Braun waren sie und weiß. Das war früher anders gewesen.

 

„Das … muss ein ziemlicher Schock gewesen sein.“

 

Karim atmete tief. Er schien trotz allem erleichtert, dass er es erzählt hatte.
 

„Ja“, bestätigte er. „Es war … ich hab danach ne ganze Weile ziemlich den Kopf in den Sand gesteckt. Bin dumme Risiken eingegangen, hab mein Studium vernachlässigt, zu viel getrunken und so ziemlich mit jedem geschlafen, der nicht bei drei auf dem Baum war. Ich glaube, ich wollte mir wohl irgendwie beweisen, dass ich es wert bin. Dass Marc der Arsch war und nicht ich.“
 

Thilo verzog das Gesicht. Auch das klang irgendwie bekannt. Er sah Karim nicht an.
 

„Er war der Arsch“, sagte er fest. „Immerhin war er derjenige, der in einer Beziehung war. Der sie nicht beendet hat, bevor er mit dir im Bett war. Der die Erkrankung seines Freundes als Ausrede benutzt hat, um dich hinzuhalten. Mag sein, dass du dich auch nicht ganz einwandfrei verhalten hast, aber du trägst keine Verantwortung für seine Entscheidungen. Er war derjenige, der sich hätte trennen müssen. Das hat er nicht gemacht und das war sein Fehler.“

 

Karim lächelte leicht. Thilo bemerkte es aus den Augenwinkeln. Er sah zu Thilo rüber.
 

„Du scheinst dir da ganz sicher zu sein.“

 

Thilo presste die Kiefer aufeinander. Natürlich war er sich sicher. Es gab keinen Zweifel.
 

„Klar, bin ich das. Und ich weiß, das dich keine Schuld daran trifft. Das war allein Marcs Verantwortung.“
 

Wieder leuchteten Bremslichter vor ihm auf. Der Lkw, den er vorhin fast gerammt hatte, wurde langsamer. Vor ihm eine Autokolonne, an deren Spitze ein Traktor fuhr. Der Gegenverkehr verhinderte, dass ihn mehr als ein oder zwei Fahrzeuge auf einmal überholen konnten. Der Rückstau wurde länger.
 

„Und du?“, hörte Thilo Karim fragen. „Was ist das Dämlichste, dass du jemals in einer Beziehung gemacht hast.“

 

Thilo holte tief Luft. Der Impuls, einfach Gas zu geben und an all den Autos vorbeizurasen, nur um von hier wegzukommen, war da, aber er gab ihm nicht nach. Es hätte nicht gut ausgehen können. Er hatte nicht vor, sie umzubringen.
 

„Ich“, sagte er und wusste fast schon, dass es ein Fehler war, es auszusprechen, „hab meinen Exfreund betrogen.“

Keine Garantien

Der vorletzte Wagen zwischen ihm und dem Traktor scherte aus. Die Straße beschrieb hier einen leichten Bogen. Es war daher absehbar, dass die Lücke im Gegenverkehr noch für mindestens ein, wenn nicht zwei weitere Fahrzeuge reichen würde. Der Lkw vor ihm blinkte. Thilo hingegen machte keinerlei Anstalten zu überholen. Mit nicht einmal 30 km/h tuckerte er weiter hinter der Landmaschine her. Eine Ausfahrt war nicht in Sicht. Thilo atmete tief ein.

 

„Es war …“, begann er und wusste doch nicht, wie er es erklären sollte. Denn da gab es nicht viel zu erklären. Er war einfach ein Arsch gewesen. Genau wie dieser Marc.
 

„Es ist lange her“, sagte er schließlich, denn das war wenigstens die Wahrheit. Es war lange her. Sechs oder sieben Jahre mittlerweile. Seitdem hatte es niemand mehr in seinem Leben gegeben. Nicht so. Es war einfach keine Zeit dafür gewesen. Er hatte sich keine genommen.

 

Ein wenig unsicher schielte Thilo zu Karim hinüber. Der sah starr geradeaus, mitten hinein in die Spitzen des Gerätes, das hinten am Traktor hing. Vielleicht malte er sich gerade aus, wie er Thilo mit dem Ding aufspießte. Der Gedanke war seltsam gruselig, aber auch irgendwie passend.

 

Thilo räusperte sich. „Tut mir leid. Ich hätte es dir nicht sagen sollen.“

 

Hätte er nicht. Jetzt im Nachhinein fragte er sich, warum er es getan hatte.

 

„Wie ist das passiert?“

 

Die Frage kam leise, aber fest. So als würde Karim sich zusammenreißen. Thilo schluckte.

 

„Ich … wir … wir hatten … einen Streit. Wieder mal. Es war dumm, aber in dem Moment war ich einfach nur wütend. Ich hab ihm gesagt, dass, wenn er sich weiter so bescheuert benimmt, ich mir jemand anderen suche. Dann bin ich gegangen und … hab mir jemand anderen gesucht. Als ich am nächsten Tag wiederkam, hab ich es ihm gesagt. Mitten ins Gesicht. Ich hatte nicht mal geduscht. Bin sofort zu ihm. Er hat mich nur angesehen und dann hat er mir die Tür vor der Nase zugemacht. Danach haben wir nicht mehr miteinander gesprochen. Es war vorbei.“

 

Thilo stoppte. Da war mehr, was er hätte sagen können, aber die Vernunft gebot ihm, es nicht zu tun. Es hätte die Dinge nur unnötig kompliziert. Das Ganze war eh schon vollkommen abgefuckt.

 

Karim antwortete nicht. Hinter Thilo zog ein Wagen nach links und fuhr mit aufheulendem Motor an ihm vorbei. Offenbar hatte der Fahrer darauf gewartet, dass Thilo mal in die Gänge kam. Der fühlte sich jedoch nicht dazu in der Lage. Noch nicht. Nicht mehr.

 

Minuten vergingen. Immer mehr Autos verließen ihre Spur und überholten. Thilo merkte es und fasste das Lenkrad fester. Er konnte hier nicht bleiben. Es wurde Zeit, dass er weiterfuhr.

 

Karim regte sich neben ihm. Er hatte immer noch nicht reagiert. Thilo versuchte, sich auf den Gegenverkehr zu konzentrieren. Da hinten war wieder eine Lücke. Sein Zeigefinger wanderte in Richtung Blinker. Gleich musste er Gas geben. Die Anspannung wuchs.

 

„Dann war es ein Hilferuf.“

 

Thilos Aufmerksamkeit wanderte von dem entgegenkommenden Verkehr zurück zu Karim. Der sah kurz zu ihm und dann zurück auf seine Hände. Die lagen immer noch in seinem Schoß. Sein Mund zuckte.
 

„Du wolltest, dass er dich aufhält. Aber das hat er nicht gemacht.“

 

Thilo erstarrte. Die Erinnerung an damals kroch langsam in ihm hoch. Es war Toms Wohnung gewesen, in der sie sich gestritten hatten. Ein heller Altbau. Hübsch. Riesig. Seine Eltern hatten sie ihm finanziert. Wann immer es möglich gewesen war, hatte Thilo dort übernachtet. Einmal hatte Tom sogar darüber gewitzelt, dass er doch gleich bei ihm einziehen könnte. Es war bei einem Scherz geblieben, bis es vorbei gewesen war.
 

Noch ein Auto fuhr an ihnen vorbei. Thilo war bewusst, dass er den Verkehr aufhielt. Er musste jetzt endlich überholen. Sein Blick glitt zu Karim. Da war ein Kloß in seinem Hals, ein Rumoren in seinem Bauch. Sein ganzer Körper schmerzte bei dem Gedanken, dass er es jetzt versaut hatte. Wieder. Warum nur hatte er das gesagt? Thilo versuchte zu atmen.
 

„Soll ich dich nach Hause bringen?“

 

Das Herz pochte in seiner Brust. Er hoffte so sehr auf ein Nein.

 

Karim vermied immer noch, ihn anzusehen. „Keine Ahnung“, sagte er und sah weiter auf den absolut unspektakulären Ausblick. Wiesen, Felder und Windräder. Ab und an eine Kuh. Der Traktor vor Thilo blinkte links. Thilo wurde langsamer. Karim holte tief Luft.

 

„Ich weiß einfach nicht, was ich gerade fühlen soll. Am liebsten würde ich aussteigen und ein riesiges Stück querfeldein laufen. Den Kopf freibekommen. Aber wir sind hier mitten in der Pampa und ich hab nicht vor, die Nacht unter irgendeinem Baum zu verbringen. Also ja. Bring mich bitte nach Hause.“
 

Die Ansage war deutlich und Thilo fragte nicht weiter. Er legte nur einen Gang ein und gab Gas, sobald der Traktor die Mittellinie überquert hatte. Immer weiter beschleunigte er und ließ dabei die anderen Autos weit hinter sich. Als er sich der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit näherte, nahm er den Fuß nicht zurück. Er blieb weiter schnell. Jetzt war alles egal.

 

 

 

 

Schenefeld. Der Name auf der blauen Anzeigetafel fuhr an ihnen vorbei. Thilo wagte einen kurzen Blick zu Karim. Seit seiner Eröffnung hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen. Anderthalb Stunden Schweigen. Thilo hatte die Zeit genutzt, um Auto zu fahren, und Karim hatte sich kurz nach dem Ende des Gesprächs Kopfhörer in die Ohren gesteckt. Die Zielvorgabe war somit klar, aber … vielleicht hatte er es sich ja doch noch einmal anders überlegt. Vielleicht wollte er jetzt doch zu seinen Eltern. Mit seiner Mutter reden. Ihr von Thilo erzählen. Vielleicht hatte er ja Glück.

 

„Soll ich hier abfahren?“, fragte Thilo, laut genug um die vermeintliche Musik zu übertönen. Wenn Karim Ja sagte, konnten sie …

 

Karim blickte auf. Er entfernte den linken Kopfhörer. Sein Blick richtete sich auf die Gegend. Er schien zu verstehen.
 

„Ja“, sagte er und Thilo wollte schon aufatmen, als er hinterherschob: „Bring mich bitte zum Bahnhof. Ich fahre den Rest allein.“

 

Thilos Magen wurde zu Eis. Mechanisch setzte er den Blinker. Der Standstreifen endete, er fuhr ab. Eine Kurve, Ampel, links abbiegen. Häuser, Gärten, Schilder, Straßen. Thilo war versucht, nach dem Navi zu greifen, um nach der Adresse zu suchen, doch da meldete Karim sich bereits zu Wort.
 

„Lass mich einfach da vorne an der Tankstelle raus.“

 

Schon von Weitem konnte Thilo jetzt den Bahnhof erkennen. Er lag auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Thilo spürte ein Stechen in seinen Augen. Er biss die Zähne zusammen.

 

„Nein“, sagte er fest. „Ich bring dich“

 

Die Ampel vor ihnen wurde rot. Thilo reihte sich in die Abbiegespur ein. Während sie warteten, fühlte er Karims Blick auf sich. Abschätzend, kritisch. Wie Nadelstiche.

 

Die Ampel schaltete auf Grün. Ein paar Fußgänger überquerten die Straße, gaben Thilo noch ein wenig Zeit. Dann, als die Fahrbahn frei war, gab er Gas. Rechter Hand der Bahnhof. Ein Zug stand bereits auf den Gleisen, würde jeden Moment losfahren. Davor ein Parkstreifen, zweimal für Taxen, ein Behinderten-Stellplatz. Der einzige normale Parkplatz dazwischen war besetzt. Karim sah es und griff nach dem Gurtschloss.
 

„Ich steige hier aus.“

 

Thilos Finger krallten sich in das Lenkrad. Natürlich wollte Karim weg. Weg von ihm. Er konnte es ihm nicht verdenken und hätte es doch am liebsten verhindert. Warum war er nur so dämlich gewesen, das zu erzählen? Warum?!

 

Kurzentschlossen lenkte Thilo den Wagen auf einen der Taxiplätze. Mit einem Schlüsseldreh brachte er den Motor zum Erliegen. Schlagartig wurde es still im Auto. Die Bahn auf den Gleisen setzte sich in Bewegung. Thilo holte tief Luft.
 

„Wenn du möchtest, kannst du hier warten.“

 

Er wusste, dass er sich an Strohhalme klammerte. Immerhin regnete es nicht und das Thermometer zeigte wolkige 17 Grad. Kein Grund, um weiter hier sitzenzubleiben. Karims Hand legte sich auf den Türgriff.
 

„Nein danke. Ich brauche jetzt wirklich ein bisschen frische Luft.“

 

Es gab ein Geräusch, als er die Tür öffnete. Einen Fuß auf die Straße setzte. Thilo wollte ihn aufhalten.
 

„Stopp!“ Das Wort war schneller über seine Lippen, als er darüber nachdenken konnte.

 

Karim verharrte. „Was?“, wollte er wissen und klang nicht gerade freundlich. Thilo schluckte. Seine Kehle war wie ausgedörrt.
 

„Sehe ich dich morgen bei der Arbeit?“

 

Die Frage erschien ihm ungefährlich genug, um sie stellen zu dürfen. Da war noch mehr, was er hätte sagen wollen. Dass Karim ihn nicht abschreiben sollte. Dass es ihm leidtat. Dass er das nie hätte sagen dürfen. Dass er es auch nie wieder tun würde.

 

Karim seufzte. Seine Hand lag immer noch auf dem Griff der Autotür. Thilo hätte sie gerne gehalten. Wenn es sein musste, die ganze Nacht. Aber das ging nicht. Nicht mehr. Vielleicht nie wieder.
 

„Sicher.“ Die Antwort erleichterte Thilo, wenngleich auch nicht so sehr, wie er gewollt hätte. „Ich brauche nur … einfach etwas Abstand, okay? Ich muss mir erst mal über ein paar Sachen klar werden. Dann reden wir.“

 

Mit gemischten Gefühlen sah Thilo zu, wie Karim ausstieg und die Tür schloss. Er ging um das Auto herum, öffnete den Kofferraum und nahm seine Sachen heraus. Als er ihn wieder zuklappte, kam Bewegung in Thilo. Er riss die Fahrertür förmlich auf und stürzte nach draußen. Karim, der mit seiner Tasche über der Schulter dastand, sah ihn an.
 

„Karim …“ Thilo wusste nicht, was er sagen sollte. Natürlich verstand er, dass Karim Angst hatte. Thilo wollte ihm sagen, dass das unnötig war. Dass es ihm leidtat. Dass er ihn nie verletzen würde.
 

„Komm gut nach Hause.“ Mehr brachte er nicht über die Lippen. Der Rest blieb in seinem Inneren. Schweigend. Anklagend. Er hätte es sagen müssen.

 

Karim nickte leicht. „Du auch“, sagte er und hatte für einen Moment den Ansatz eines Lächelns. „Ich …“ Er brach ab, senkte den Kopf und schloss die Augen. „Wir sehen uns morgen.“
 

Thilo ballte innerlich die Hand zur Faust. Er wusste, dass er einen Fehler machte, wenn er Karim jetzt gehen ließ. Aber wie sollte er ihn zum Bleiben bringen? Wie?!
 

„Okay“, antwortete er daher nur und nickte Karim ebenfalls zu. Der sah ihn noch einmal an, bevor er seine Tasche fester packte und sich auf den Weg zum Bahnhof machte. Thilo sah ihm nach, bis er in dem kleinen Gebäude verschwunden war. Kurz darauf tauchte sein Lockenkopf wieder auf. Er stieg die Stufen zum Bahnsteig empor. Oben angekommen setzte er sich auf eine Bank. Ein großer Glaskasten schützte ihn dort vor Wind und Wetter. Thilo blieb stehen und wartete, bis der nächste Zug einfuhr. Er beobachtete, wie Karim seine Tasche nahm und einen der roten Waggons bestieg. Kurz darauf verließ der Zug den Bahnhof. Thilo blickte ihm nach und fühlte eine eiserne Faust, die seine Brust zusammenquetschte. Wie betäubt griff er nach dem Schlüssel. Er startete den Wagen und sah zu, wie auf dem Display das runde Kreisen erschien. Das Fahrzeug verband sich mit seinem Telefon. Er wartete, bis die Verbindung stand, und rief dann sein Telefonbuch auf. Er brauchte jetzt dringend Rückendeckung. In diesem Moment begann es zu klingeln.

 

'Anruf von Tabea.'

 

Thilo stutzte. Das war nicht das, was er sich vorgestellt hatte. Einen Moment lang war er versucht, nicht ranzugehen, aber dann drückte er doch die Annahmetaste. Schon schallte die Stimme seiner Schwester aus der Freisprecheinrichtung.
 

„Hey, Brüderchen! Na, wo bist du gerade?“

 

Thilo sah aus dem Fenster. Um ihn herum grüne Bäume und ein sonntäglicher Vorort. Er seufzte.
 

„Im Auto. Was gibt’s?“

 

Tabea lachte auf der anderen Seite. Ihr Stimme schien irgendwie schriller als sonst und seltsam aufgekratzt.
 

„Gut, dann sitzt du wenigstens. Also … bereit für die große Neuigkeit?“

 

Thilo hielt an einer Ampel. Ein Fußgänger sah ihn merkwürdig an und überquerte dann die Straße. Thilo blickte ihm nach und wusste nicht, was er davon halten sollte. Hatte er irgendwas im Gesicht?
 

„Ja ja“, sagte er abwesend. Dieser Fußgänger ging ihm nicht aus dem Kopf. Außerdem war da noch Karim und …

 

„Ich bekomme ein Baby.“

 

„Was?“ Thilo glaubte, sich verhört zu haben. Zu seinem Glück hielt sich der Verkehr in Grenzen, sodass er nicht Gefahr lief, in einen Unfall verwickelt zu werden. Heute schien wirklich der Tag der großen Gespräche zu sein. „Aber, äh … woher?“
 

Die Frage war sicherlich legitim. Immerhin hatte seine Schwester ja nur die Hälfte des dafür benötigten Materials zur Hand. Den Rest musste sie zwangsläufig von woanders bekommen haben, also …

 

Thilo hörte Tabea lachen. Es war ihr Jetzt-hab-ich-dich-aber-drangekriegt-Lachen. Thilo grollte.

 

„Spaaaaaß“, kam es in diesem Moment auch schon aus dem Lautsprecher. „Also nicht ganz. Liv und ich haben nämlich tatsächlich beschlossen, ein Baby zu bekommen. Außerdem wollen wir heiraten. Es so richtig amtlich machen. Am besten noch dieses Jahr, wenn wir einen Termin finden. Das wird alles ganz großartig! Und, was sagst du?“
 

Thilo wurde langsamer. Eine der ewigen Baustellen, die Jahr um Jahr die A23 schmückten, ließ ihn das Tempo fast bis auf die vorgeschriebenen 60 runterregeln. Er furchte die Brauen.
 

„Also erst ein Kind und jetzt auch noch heiraten? Geht das nicht ein bisschen schnell?“

 

„Schnell?“ Wieder hörte er Tabea lachen. „Thilo, wir sind seit fast fünf Jahren zusammen. Wie lange sollen wir denn noch warten? Außerdem will ich an meinem 30. ganz bestimmt nicht Klinken putzen. U~und die Chance, schwanger zu werden, ist unter 30 signifikant höher. Eigentlich bin ich sogar schon ein bisschen spät dran. Immerhin beträgt die Chance, in einem Zyklus schwanger zu werden, mit 25 gerade mal 25%.“
 

Thilo rümpfte die Nase. Eigentlich wollte er so was alles gar nicht hören. Zyklen, Menstruation, Tampons, Tassen. Das alles konnte ihm wirklich gestohlen bleiben. Schlimm genug, wenn manchmal irgendwelche Utensilien im Bad seiner Schwester herumlagen, die ein Mann seiner Meinung nach nie zu Gesicht bekommen sollte. Da musste er nicht noch über irgendwelche Körpervorgänge aufgeklärt werden, die man gar nicht sehen konnte. Nein, vielen Dank. Er passte.
 

„Ja aber“, sagte er und versuchte damit das Thema wieder auf das eigentliche Problem zu lenken, „fehlt euch da nicht noch ein bisschen was?“
 

Sperma wuchs immerhin nicht auf Bäumen und wenn Tabby und Liv nicht vorhatten, eine Samenbank zu überfallen …

 

„Oh, das ist kein Problem. Den Goo bekommen wir von Bert.“

 

Thilo zog es vor, darauf nicht zu antworten. Er kannte Bertram. Ein netter Typ aus Tabbys Stammtischrunde. Glücklich liiert mit Gwendolyn und stolzer „Vater“ dreier urdeutscher Dackel. Kennengelernt hatten die beiden sich bei einer von Gwendolyn Shows. Die Dragqueen trat regelmäßig in allen möglichen Clubs in der Gegend auf und trug auch privat quasi durchgehend Fummel. Bertram hingegen …

 

„Seid ihr euch sicher?“ Er musste das einfach fragen.

 

Tabby lachte. „Klar! Berti ist zwar schon ein bisschen älter, aber er wird bestimmt ein ganz toller Vater.“

 

„Großvater vielleicht“, murmelte Thilo. Das war wirklich zu verrückt.
 

„Außerdem war er als junger Mann echt hübsch“, erklärte Tabby weiter. „Wir haben Fotos gesehen. Und wir hoffen natürlich eh auf ein Mädchen.“

 

Na klar, was auch sonst. Fast wünschte sich Thilo, dass es ein Junge werden würde. Nur um Liv zu ärgern.
 

„Und Liv ist damit einverstanden?“, fragte er. Der Übergang zur A7 kam näher, er musste sich einordnen.
 

„Ja, klar. Warum sollte sie nicht?“

 

Thilo verkniff sich ein Augenrollen. „Ach, nur so.“

 

Auf der anderen Autobahn war mehr los. Thilo musste mit der Geschwindigkeit runtergehen und natürlich ließ ihn niemand rein.
 

„Du freust dich ja gar nicht.“ Tabbys Stimme klang jetzt ein bisschen maulend.

 

Thilo seufzte. „Doch. Natürlich. Obwohl es ja eigentlich noch gar keinen Grund zum freuen gibt, oder? Immerhin bist du ja noch nicht schwanger.“

 

Endlich fand er eine Lücke, gab Gas und ignorierte die Lichthupe seines Hintermannes. Er hatte Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel, seiner Schwester ein Kind von Bert auszureden. Thilo schüttelte sich.

 

„Habt ihr mal an ner anonymen Spende rumüberlegt?“

 

Tabby klang, als würde sie sich etwas in den Mund stopfen. Wenn Thilo hätte raten müssen, hätte er auf Käse-Zwiebel-Chips getippt. Die aß seine Schwester immer, wenn sie aufgeregt oder gestresst war.
 

„Ja, aber das ist total teuer, weil das Zeug ja gelagert werden muss und alles. Warum sollten wir also der Maschinerie Geld in den Rachen werfen, wenn es auch ohne geht.“

 

„Klar“, seufzte Thilo und wollte sich das dazu notwendige Prozedere lieber nicht vorstellen. „Warum wohl?“
 

„Wir hatten sogar mal überlegt, ob wir dich fragen …“

 

Thilo riss alarmiert die Augen auf. IHN?

 

„Aber Liv hat gesagt, sie würde das mit der Schwangerschaft lieber mir überlassen. Du wirst also tatsächlich nur Onkel und nicht auch noch Vater.“

 

Thilos linkes Augenlid zuckte. Es war ein nervöses Zucken, da war er sich sicher. Er und Vater? Himmel, nein!

 

„Das war bestimmt … die richtige Entscheidung“, würgte er heraus.

 

Allein die Vorstellung dass er … und Liv? Nein. Absolut nein. Selbst wenn es nur ein Pappbecher wäre, mit dem er sich vergnügte, wäre das absolut keine Option. Tabby wusste das sicher. Sie lachte.

 

„Ja, so ungefähr hat sie auch reagiert. Obwohl das Baby dann ja mit mir und Liv verwandt gewesen wäre. Aber so ist es sicher für alle die beste Lösung.“
 

Thilo atmete. Sicher war das die beste Lösung. Er und Vater. Lächerlich!
 

„Na auf jeden Fall haben wir uns überlegt, noch vor der Geburt zu heiraten. Das erspart uns zwar immer noch nicht diese dämliche Adoptionsgeschichte, die meiner Meinung nach längst abgeschafft gehört, aber vorm Jugendamt sieht es bestimmt besser aus, wenn wir neben der Geburts- auch noch die Eheurkunde vorlegen können. Deswegen plane ich gerade die Feier und wollte dich fragen, ob du im Oktober schon was vorhast.“

 

Thilo antwortete nicht sofort. Nicht nur, weil er seinen Terminkalender nicht vor Augen hatte, sondern auch, weil Tabeas Worte ihn daran erinnerten, dass im Oktober Karims Praktikum zu Ende war. Wenn er es denn bis dahin überhaupt weiterführte. Was, wenn Thilo sich die Ereignisse so ansah, nicht mehr so festzustehen schien wie noch vor ein paar Stunden.

 

„Ähm ja... nein. Ich hab Zeit.“
 

Seine Ausfahrt kam näher. Thilo ordnete sich ein. Die Strecke von hier kannte er im Schlaf. Seine Schwester jubelte.
 

„Super!“, rief sie und machte sich anscheinend Notizen „Dann plane ich dich mal ein. Und möchtest du zu der Feier noch jemanden mitbringen? Tom vielleicht? Obwohl wir den wahrscheinlich eh einladen werden. Immerhin gehört er fast mit zur Familie.“

 

„Äh …“ Thilo wusste nicht, was er sagen sollte. Tabbby schien das allerdings nicht zu bemerken. Sie redete einfach weiter.

 

„Zur Trauung selbst wollen wir eigentlich nur die Familien einladen. Das heißt, von unserer Seite werden ja nicht so viele kommen. Deswegen wäre es wirklich okay, wenn du eine Begleitung hättest. Damit es nicht so leer ist.“

 

„Äh.“ Thilo hatte immer noch keine Antwort. Tabea quasselte und quasselte.
 

„Vielleicht ja diesen schnuckeligen Praktikanten. Hast du nicht gesagt, dass er im Oktober mit seinem Master anfängt?“
 

Thilo zuckte zusammen. Offenbar hatte er so einiges erzählt.
 

„Ja, das kann sein“, versuchte er möglichst unbeteiligt zurückzugeben. Wie aufs Stichwort hörte er Tabby mit der Chipstüte knistern.
 

„Na dann ist es doch kein Problem, wenn du ihn mitbringst. Wenn er dann nicht mehr dein Praktikant ist, wird Liv ja auch nicht darauf herumreiten können. Hast du ihm schon gesagt, dass du ihn magst? Oder wart ihr mal aus?“

 

Tabbys unschuldiger Plauderton bohrte sich wie ein Pfeil in Thilo. Natürlich konnte sie nicht ahnen, dass er … Moment, wie kam sie überhaupt darauf, dass er immer noch was von Karim wollte? Als er sie danach fragte, lachte sie.
 

„Weil du dir ganz bestimmt nicht von deiner kleinen Schwester oder gar deren Freundin irgendwas verbieten lässt. Außerdem hab ich Augen im Kopf. Ich merk doch, wenn mein Bruder verliebt ist.“
 

Thilo dachte an Karim. Daran, was der über seine Mutter gesagt hatte. Die Sache mit dem Baby. Ein kleines Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Er seufzte.
 

„Ja, ich hab es ihm gesagt“, gestand er. „Und eigentlich … nicht nur das. Wir … sind zusammen. Oder waren es wenigstens. Momentan bin ich mir da nicht mehr so sicher.“

 

Wieder knisterte die Chipstüte. Es klang, als würde Tabby sie beiseite legen.
 

„Wie kommt’s?“ wollte sie wissen. Thilo seufzte noch einmal.
 

„Weil ich ein Idiot bin.“

 

Wieder hörte er Tabby lachen. „Das ist klar“, meinte sie lapidar. „Aber das wird er sicherlich gewusst haben, bevor er sich auf dich eingelassen hat. Also los, spuck es aus. Was hast du angestelltt?“

 

Thilo schluckte. Gerade musste er an einer roten Ampel halten. Eine junge Frau schob mit einem Kinderwagen vorbei. Thilo sah ihr nach und sagte: „Ich hab Scheiße gebaut. Also … eigentlich nicht. Ich hab ihm nur erzählt, dass ich das mit Tom damals verbockt habe. Jetzt hat er mich … um eine Pause gebeten. Ich hab ihn gerade zum Bahnhof gebracht. Er ist ohne mich heim.“
 

Das war vage. Ziemlich vage sogar, aber mehr wollte er Tabby nicht geben. Er hatte ihr damals schon nicht erzählt, was genau passiert war. Nur, dass Tom mit ihm Schluss gemacht hatte und dass es seine Schuld gewesen war. Vermutlich hatte sie sich aufgrund seines geschluchzten Geständnisses den Rest zusammengereimt, aber sie hatte es nie ausgesprochen.

 

Tabea seufzte.
 

„Ach Thilo …“ Es klang, als säße sie auf dem Boden eines Fasses. „Wer erzählt denn auch seiner neuen Flamme was von seinem Exfreund?“

 

Die Ampel schaltete auf Grün. Thilo gab Gas.
 

„Ich offenbar“, sagte er leise. Es war wirklich eine dumme Idee gewesen. Leider hatte es sich in dem Moment so richtig angefühlt. Was hätte er denn auch sonst sagen sollen, als Karim ihn nach seinen Beziehungsfehlern gefragt hatte? Dass er seine Zahnpastatube nicht ordentlich aufrollte oder seine Socken unter das Bett schmiss? So weit war es doch nie gekommen.

 

„Was soll ich jetzt machen?“

 

Irgendetwas musste es doch geben. Tabea schnaufte.
 

„So wie ich das sehe, kannst du nicht viel tun. Du kannst nur abwarten und ihm die Zeit geben, dir er braucht. Und darauf hoffen, dass er dir verzeiht. Und wenn nicht, tja … Dann war er wohl nicht der Richtige. Es gibt im Leben eben keine Garantien. Das müsstest du doch am besten wissen.“

 

Keine Garantien. Der Gedanke brachte etwas in Thilo zum Erklingen. Er fühlte Hoffnung in sich aufsteigen. Eine kleine Hoffnung nur, eine Kerzenflamme im Wind, aber sie war da. Er musste sie nur ergreifen.
 

„Tabby?“, sagte er. Über ihm fuhr gerade ein Zug über die Gleise des Dammtors. Das war bestimmt ein Zeichen. „Ich … es tut mir leid, aber ich muss Schluss machen. Dringende Angelegenheiten. Ich ruf wieder an, ja?“

 

Thilo wartete nicht ab, bis seine Schwester geantwortet hatte. Er hämmerte den Zeigefinger auf den roten Hörer und hatte im selben Moment wieder das Telefonbuch vor Augen. Darin die Nummer, die er bereits herausgesucht hatte. Mit grimmigem Gesicht startete er einen Anruf.

 

Keine Garantien, dachte er noch einmal. Ha! Das würden sie erst noch sehen.

 

Eskalationsmodus

Thilos Schritte erzeugten ein hörbares Echo, während er den breiten, schwach beleuchteten Flur entlangging. Unter seinen Füßen gelber Terrazzo, an den Wänden beige Latexfarbe und eine Vielzahl von dunkelbraunen Türen. In der Luft lag der Geruch von Staub und essigsaurem Holz. Robinie, wie Konrad Mertens ihm bei seinem letzten Besuch erklärt hatte. Eine harte und besonders widerstandsfähige Holzart, die sich durch ihre Materialeigenschaften perfekt für den Einsatz auf modernen Spielplätzen eignete. Wenn Thilo sich so umsah, konnte er kaum glauben, dass ausgerechnet hier Kinderträume erschaffen wurden. Für ihn fehlten eigentlich nur noch die endlosen Reihen aus Garderobenhaken und der daran vergessene, obligatorische Turnbeutel, um ihn wieder in seine Grundschulzeit zu versetzen. Selbst die Treppe mit dem gewundenen Metallgeländer und dem Handlauf aus orangem PVC hätten ohne Weiteres aus dem letzten Jahrhundert stammen können.

 

Mit einem leichten Seufzen überwand Thilo die letzten Stufen und fand sich gleich darauf in einem weiteren, an Trostlosigkeit kaum zu überbietenden Korridor wieder. Die einzige Lichtquelle stellte eine Reihe lange nicht mehr gesäuberter Oberlichter dar. Dazu ein einzelnes, großes Fenster am Ende des Ganges. Vor ihm zeichnete sich die Silhouette eines jungen Mannes ab. Thilos Herz begann schneller zu schlagen.

 

Karim.

 

Sie waren sich an diesem Morgen nur flüchtig begegnet. Beate hatte zwar versucht, die Stimmung mit ein paar Scherzen aufzulockern, aber Karim hatte sich bald aus dem Gespräch zurückgezogen unter dem Vorwand, mit Silas weiter an der Übersetzung arbeiten zu müssen. Thilo selbst hatte sich danach in seinem Büro verschanzt und sich in seiner Arbeit vergraben. Als er Karim gegen Mittag gefragt hatte, ob der mit ihm zum Essen gehen wollte – und anschließend zu dem Termin mit Frau Mertens fahren – hatte dieser abgelehnt.

 

„Ich muss noch etwas erledigen“, hatte er gesagt und Thilo dabei nicht angesehen. „Ich komme direkt dorthin.“
 

Thilo hatte nichts darauf erwidert, sondern ihm nur die Adresse genannt. Danach hatte er die gesamte Pause damit verbracht, nicht weiter über die Sache nachzudenken. Jetzt jedoch, da er ihn an diesem Fenster stehen sah, konnte er nicht verhindern, dass sich sein Magen in einen Haufen wild umeinander kriechender Schlangen verwandelte. Er wollte mit ihm reden, wollte ihm sagen, dass er sich etwas überlegt hatte. Er brauchte nur ein wenig Zeit, um …
 

„Hallo.“

 

Karim sah ihm entgegen. Sein Mantel stand ein Stück weit offen und auch sein Schal hing lediglich lose um seinen Hals. Er bedeckte einen Teil des Pullovers, aus dessen V-Ausschnitt wieder einmal eines von Karims weißen T-Shirts herauslugte. Dazu trug er hellbraune Hosen und weiße Turnschuhe. Er sah gut aus. Hip und weltgewandt. Und ganz anders als Thilo, der sich in seinem steifen Anzug und seiner biederen Krawatte plötzlich seltsam fehl am Platz vorkam.

 

Unsinn! Du siehst seriös aus.
 

„Hallo.“

 

Thilos Erwiderung war nicht so kraftvoll, wie er gerne gehabt hätte. Die Aktentasche in seinen Händen schien plötzlich Tonnen zu wiegen. Trotzdem war er froh, dass sie da war. Sie gab ihm etwas zu tun.

 

„Hast du … gut hergefunden?“

 

Die Frage war dumm und Thilo bereute umgehend, dass er sie gestellt hatte. Nichtsdestotrotz hoben sich Karims Mundwinkel.
 

„Ja, war kein Problem. Google Maps hat auch ne Fußgängerfunktion.“

 

Ach so. Na klar. Hätte er ja auch gleich drauf kommen können. Thilo versuchte zu atmen.
 

„Du gehst gerne zu Fuß, oder?“

 

Dämlicher Smalltalk. Thilo wusste es, aber er konnte es nicht verhindern. Da war so viel zwischen ihnen.

 

„Ja“, sagte Karim und lächelte matt. „Aber … sollten wir nicht langsam reingehen? Der Termin …“

 

Ach ja, der Termin. Schnell straffte Thilo sich und nahm Haltung an. Das hier war weder der Ort noch die Zeit, um über sie zu sprechen. Das würden sie später nachholen. Vielleicht. Wenn …
 

Ich krieg das hin.
 

Mit stoischer Miene hob er die Hand und klopfte an die vor ihm liegende Tür. Drinnen waren sogleich Schritte zu hören. Sie näherten sich der Tür, die sich im nächsten Moment öffnete und den Blick auf einen kleinen, vollkommen vollgestopften Raum freigab. Die Wände schienen förmlich mit Regalen gepflastert zu sein und der Schreibtisch quoll über vor Papieren. Seine Besitzerin hatte die aschblonden Haare zu einem leicht unordentlichen Dutt aufgetürmt. Tiefe Mimikfalten zeichneten ihr Gesicht und unter ihren graublauen Augen lagen sichtbare Schatten. Der schwarze Bleistiftrock und die weiße Bluse mit den Nadelstreifen gaben ihr insgesamt den Anschein einer Geschäftsfrau, die in einen Hurrikan geraten war und jetzt versuchte zu retten, was zu retten war. Als sie Thilo sah, verformte sich ihr Mund jedoch zu einem freundlichen Lächeln.
 

„Ah, Herr Marquardt. Kommen Sie rein, wir gehen gleich nach nebenan. Ich muss nur noch schnell etwas abspeichern.“
 

Sie trat einen Schritt zurück, um Thilo Platz zu machen, und wies einladend auf den Bereich hinter der Tür. Wer auch immer dieses Gebäude entworfen hatte, hielt anscheinend nicht viel von Brandvorschriften. Thilo bemühte sich ebenfalls um ein Lächeln und sah sich nach Karim um.
 

„Ja, ich … wir … also ich habe heute unseren Praktikanten mitgebracht. Wenn Ihnen das Recht ist, selbstverständlich. Sie sind doch Frau Mertens, oder?“
 

Die letzte Frage war ihm einfach so herausgerutscht. Die unbekannte Dame nahm ihm diesen Fauxpas jedoch augenscheinlich nicht übel. Sie lachte und rang die Hände.
 

„Ich? Ja, oh ja. Entschuldigen Sie, ich weiß momentan einfach nicht, wo mir der Kopf steht. Wir haben heute gerade noch einen Auftrag hereinbekommen und der potentielle Kunde bombardiert mich schon den kompletten Vormittag mit Sonderwünschen. Dabei weiß ich ja noch nicht einmal, ob wir den Auftrag überhaupt annehmen, weil … na ja. Sie wissen ja.“
 

Fast schon entschuldigend hob sie die Schultern und legte den Kopf ein wenig schief. Es brachte Thilo automatisch dazu, einen beruhigenden Tonfall anzuschlagen.
 

„Keine Bange, Frau Mertens, deswegen sind wir ja da. Wo sagten Sie noch, dass wir hinsollen?
 

Seine Kundin, die sich jetzt wieder ein Stück weit gefangen hatte, setzte sich in Bewegung und geleitete sie durch eine Tür, die zu einem weitaus größeren Besprechungszimmer führte. Es war bis auf einen Tisch mit einem guten Dutzend Stühle und ein großes Whiteboard vollkommen leer. Nicht einmal Pflanzen gab es, dafür graubraunen Nadelfilz und uralte Rippenheizkörper. Die offenbar nicht eingeschaltet waren. Frau Mertens blieb an der Tür stehen.
 

„Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen noch etwas zu trinken bringen. Wir haben Tee, Kaffee, Wasser?“
 

„Nein, vielen Dank“, erwiderte Thilo, der in diesem Moment froh war, seinen Mantel anbehalten zu haben. Es war wirklich frisch hier drinnen. „Ich glaube, wir brauchen nichts.“

 

Er warf einen um Bestätigung heischenden Blick in Karims Richtung. Auch der beeilte sich zu versichern, dass er mit allem versorgt sei. Frau Mertens, die sichtlich erleichtert darüber war, lächelte.

 

„Gut, dann hole ich mir noch schnell etwas zum Überziehen. Einen Moment.“

 

Sie ging und kam kurz darauf mit einer dicken, grauen Strickjacke bewaffnet zurück. Auf ihre Einladung hin, setzten Thilo und Karim sich. Dabei wählte Karim einen Platz, der Thilo gegenüberlag. Thilo bemerkte es, sparte sich jedoch eine Bemerkung. Stattdessen wandte er sich seiner Kundin zu.
 

„Also, Frau Mertens. Wie mir mitgeteilt wurde, haben Sie vor, aus dem gemeinsamen Unternehmen mit Ihrem Mann auszuscheiden. Da Ihnen die Hälfte der Firmenanteile gehört und Sie keine anderslautenden Vereinbarungen getroffen haben, bedeutet das, dass Ihnen 50 Prozent aller vorliegenden Kapitalwerte zustehen. Da die meisten von ihnen jedoch gebunden sind, wird es ohne den Verkauf wenigstens eines Teils der Firma nicht möglich sein, ihre Vermögenswerte aus dem Unternehmen zu ziehen. Sind Sie sich dessen bewusst?“

 

Frau Mertens, die ihre Finger miteinander verschränkt hatte, nickte bestätigend. Thilo lächelte ein wenig und fuhr fort.

 

„Gut, denn das bringt uns gleich zu dem Problem, das ich mit dieser Transaktion habe.“ Thilo faltete nun gleichfalls die Hände und lehnte sich ein Stück vor. „Sehen Sie, Frau Mertens, ich bin natürlich bestrebt, einen möglichst guten Kaufpreis für Ihr Objekt auszuhandeln. Gleichzeitig kann ich einem möglichen Käufer nicht die Katze im Sack anbieten. Meine Investoren verlassen sich darauf, dass ich ihnen nur lohnende Geschäftsmodelle offeriere und keine Firma, die innerhalb der nächsten zwei Jahre in die roten Zahlen rutscht. Schließlich habe auch ich einen Ruf zu verlieren und mit ihm nicht zuletzt meine eigene Firma nebst der bei mir beschäftigten Angestellten.“

 

Bei diesen Worten warf Thilo einen Blick in Karims Richtung. Frau Mertens folgte ihm und lächelte nervös.
 

„Ja, sicher, das verstehe ich natürlich“, beeilte sie sich zu versichern. „Aber unser Unternehmen läuft doch gut.“

 

Thilos Lächeln wurde schmaler. „Noch, Frau Mertens, noch. Ich fürchte jedoch, dass sich das ändern wird, sobald Sie die Firma verlassen. Denn Sie sind der kreative Dreh- und Angelpunkt. Die fachliche Ausführung durch Ihren Mann mag makellos sein, aber was die Leute einkaufen, sind Ihre Ideen. Ihre Kreativität. Deswegen habe ich, das muss ich ehrlich zugeben, ganz große Magenschmerzen damit, diesen Verkauf zu übernehmen. Sollte sich das Unternehmen danach nämlich in die von mir befürchtete Richtung entwickeln, könnte mich das in Teufels Küche bringen. Ein Verkäufer, der Ausschuss verkauft, ist nicht mehr sehr lange im Geschäft.“

 

Es schmerzte Thilo zu sehen, wie das Lächeln auf dem Gesicht seiner Kundin zu flackern begann und schließlich erlosch. Er sah, wie sie die Lippen aufeinander presste. Die Hoffnungen, die sie in ihn gesetzt hatte, hatte er somit schon mal enttäuscht.
 

„Aber“, fuhr er fort und versuchte dabei, zuversichtlich zu wirken, „es gäbe die Möglichkeit, Sie weiter als Angestellte zu führen. Dann könnten Sie auch in Zukunft für das Unternehmen tätig sein und …“
 

„Nein.“ Die Antwort von Frau Mertens kam hart und direkt. Die leichte Unsicherheit, die sie gerade noch ausgestrahlt hatte, war plötzlich wie weggeblasen. Es gab keinen Raum für Zweifel. „Meine Weiterbeschäftigung hier in der Firma ist absolut ausgeschlossen.“
 

Thilo hatte ein wenig Mühe, seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu behalten. Er war auf eine derartige Reaktion vorbereitet gewesen, wenngleich auch nicht in dieser Heftigkeit. Er zwang sich zu einem Lächeln.
 

„Nun, in diesem Fall wäre es vielleicht möglich, dass Sie ein eigenes Unternehmen gründen. Sie könnten von einem alternativen Standort aus Auftragsarbeiten für die Firma ihres Mannes erledigen. Ein nettes, kleines Büro in der Innenstadt vielleicht, eine Bezahlung auf Honorarbasis …“

 

„Nein.“

 

Wieder klatschte sie ihm die Antwort wie einen nassen Lappen um die Ohren. Thilo blieb für einen Moment die Spucke weg. Mit einer derartigen Gegenwehr hatte er nicht gerechnet. Noch einmal holte er tief Luft.

 

„Nun, in dem Fall … dürfte es schwierig werden, Ihre Firma zu verkaufen. Es sei denn …“
 

Thilo wollte gerade noch anfügen, dass sie ja vielleicht eine Weile bleiben könnte, um einen gleichwertigen Ersatz auszuwählen und einzustellen, aber er kam nicht mehr dazu. Karim ergriff das Wort und Thilo erstarrte.
 

„Er hat sie betrogen, nicht wahr?“
 

Thilo traute seinen Ohren kaum. Mit kugelrunden Augen sah er zu Karim an. Hatte der etwa den Verstand verloren? Wie konnte er …?
 

„Karim!“
 

Thilos Zischen kam nicht weit, denn Charlotte Mertens unterbrach ihn.
 

„Ja, das hat er.“
 

Thilos Blick ruckte zurück zu seiner Kundin, die jetzt ein wenig erstaunt, aber immer noch gefasst zu Karim sah.

 

„Es war … eine unserer Angestellten. Sie hat mittlerweile die Firma verlassen, aber … das Vertrauen ist einfach nicht mehr da. Nicht einmal auf geschäftlicher Ebene. Ich kann nicht mehr mit Konrad zusammenarbeiten.“

 

Thilos Herz hämmerte gegen seinen Brustkorb, in seinen Ohren rauschte es. Er sah zu, wie Karim lächelte. Dessen Blick war auf die Kundin fixiert. Als würde Thilo gar nicht existieren.
 

„Das verstehen wir. Ich denke, unter diesen Umständen …“

 

„Werden wir den Verkauf ablehnen.“ Thilos rüder Einwurf lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf sich. Er presste die Kiefer aufeinander. Dieses Gespräch war ein einziges Desaster.

 

„Ich kann meinen Kunden keine Firma anbieten, die in den nächsten zwei Jahren bankrott geht. Es tut mir leid, was Sie erleiden mussten, Frau Mertens, aber ich fürchte, wir werden hier heute nicht ins Geschäft kommen.“

 

Mit diesen Worten erhob Thilo sich. Er bekam es hin, sich einigermaßen zivilisiert von seiner verdatterten Kundin zu verabschieden, bevor er fluchtartig das Büro verließ. Wieder hallten seine Schritte durch die Gänge. Er war schon fast am Ausgang angekommen, als er Karim hinter sich rufen hörte. Bebend vor Wut wartete Thilo mit der Hand an der Tür, bis er heran war, und fuhr dann zu ihm herum.

 

„Was fällt dir ein?“

 

Karim, der zunächst offenbar noch hatte näherkommen wollen, blieb wie angewurzelt stehen. Thilo jedoch hatte keinen Blick dafür. Er wetterte: „Das war absolut unprofessionell. Du hast keine persönlichen Differenzen in ein Geschäftsgespräch einzubringen. Wenn das noch einmal vorkommt …“

 

Karim unterbrach ihn. Er war dabei ganz ruhig. So ruhig, dass es Thilo den Atem nahm.
 

„Ich war nicht unprofessionell“, sagte er leise. „Im Gegenteil. Ich habe meinen Job gemacht. Den, für den du mich eingestellt hast.“

 

Thilo schäumte. Er wollte ihm wehtun.

 

„Du bist ein Praktikant!“, fauchte er. „Das heißt, dass du dich nicht in irgendwelche Verhandlungen einzumischen hast. Du hast dazusitzen und dich jeglichen Kommentars zu enthalten. Ist das klar?“

 

Karims Lippen wurden zu einem schmalen Strich. Im diffusen Licht war es schlecht zu erkennen, aber Thilo hatte das Gefühl, dass er auch etwas blasser geworden war. Im nächsten Moment erschien jedoch ein rosaner Schimmer auf seinen Wangen und seine Augen blitzten.

 

„Dann würde ich vorschlagen, dass du nächstes Mal deinen Job einfach gleich richtig machst. Dann gäbe es auch keine Notwendigkeit, dich zu korrigieren.“

 

Thilo starrte Karim an. Da war immer noch Wut in ihm. Die Wut darauf, so vorgeführt worden zu sein. Verraten. Hinterrücks. Um sie herum wand sich die Scham, weil er so unprofessionell aus dem Gespräch gestürmt war. Und irgendwo darunter regte sich jetzt auch noch der Zweifel, dass Karim vielleicht recht hatte. Dass Thilo tatsächlich … versagt hatte. Er schluckte.
 

„Wie … wie meinst du das?“

 

Thilo hörte Karim atmen. Mit der Zunge fuhr der sich über die Lippen. Er sagte: „Hast du nicht bemerkt, dass sie ihren Ehering abgenommen hat?“
 

Thilo stutzte und überlegte. Jetzt, wo Karim es sagte, war da tatsächlich keinerlei Schmuck gewesen. Nicht einmal Ohrringe. Nur etwas verwischte Schminke.
 

„Außerdem hat man gesehen, dass es ihr nicht gutgeht. Doch du hast darauf keinerlei Rücksicht genommen. Alles, was dich interessiert hat, war dein Geschäft. Du wolltest den größten Profit rausschlagen und …“
 

Thilos Wahrnehmung schnappte zurück in die Gegenwart. Er grollte.

 

„Ein Profit, der auch dein Gehalt bezahlt, wenn ich dich daran erinnern darf. Ebenso wie das von Silas, Beate und all den anderen. Soll ich etwa riskieren, dass sie auf der Straße sitzen aus lauter Barmherzigkeit?“
 

Die Muskeln in Karims Gesicht zuckten. Thilo konnte sehen, dass er etwas darauf erwidern wollte, aber er konnte nicht. Weil Thilo recht hatte.
 

„Nein“, stieß er schließlich hervor. „Alles, was ich wollte, war, dass du dich nicht wie ein Arschloch verhältst.“

 

Er wandte den Blick ab und sah Thilo im nächsten Moment wieder an. In seinem Blick war plötzlich etwas Neues. Etwas, das Thilo Angst machte.
 

„Weißt du, ich glaube, ich sollte mir den Rest der Woche freinehmen. Wir haben momentan keinen guten Einfluss aufeinander.“

 

Karim.

 

Thilo dachte es nur, aber er sprach es nicht aus. Er sah lediglich zu, wie Karim sich an ihm vorbei nach draußen drängte. Regungslos blieb er stehen, bis Karim den Hof verlassen hatte. Dann griff er nach seinem Telefon. Er musste Beate informieren. Und Tom.

 

 

 

Es war ein Donnerwetter, das sich über ihm zusammenbraute. Thilo brauchte dafür keine Kristallkugel und keinen Wetterbericht. Die Anzeichen waren klar und deutlich. Im nächsten Moment herrschte Tom ihn an.
 

„Du hast WAS?“

 

Die Eiswürfel, die Tom gerade noch mit einer Zange aus dem Kühler genommen hatte, klirrten in das Glas in seinen Händen. Er griff jedoch nicht nach der Flasche, aus der er sich und Thilo noch vor zwei Sekunden etwas hatte einschenken wollen. Dafür war er viel zu beschäftigt damit, Thilo anzustarren.
 

Der senkte den Blick. „Ich hab ihn gehen lassen“, sagte er leise. „Denn du hattest recht. Er hat unsere persönliche Beziehung ausgenutzt und sich damit einen Vorteil verschafft. Ganz genau, wie du es vorausgesagt hattest. Es müsste dich daher doch freuen, dass er weg ist.“

 

Thilo hörte Tom etwas murmeln, bevor er mit noch mehr Eis, Gläsern und Flaschen herumhantierte und schließlich mit zwei gut gefüllten Whiskey-Tumblern am Tisch erschien. Die goldbraune Flüssigkeit schimmerte im Licht der indirekten Beleuchtung und passte sich somit perfekt in das teure und makellose Interieur von Toms Wohnung ein. Ein Palast aus Chrom, Glas und Stahl mit einem Hauch von Leder und einem flauschigen Teppich. Grau, wie fast alle Textilien hier, abgesehen von denen, die nachtschwarz waren. Tom witzelte manchmal, dass man darauf jeden Fleck sah. Zumindest die interessanten.

 

„Hier“, sagte er jetzt jedoch nur und hielt Thilo sein Glas hin. „Trink erstmal.“
 

Thilo nahm den Whiskey entgegen und stürzte dann, todesmutig, fast die Hälfte davon hinunter. Der Alkohol brannte in seiner Kehle und entzündete gleich darauf ein kleines, warmes Feuer ins einem Bauch. Er hatte seit dem Mittag nichts mehr gegessen. Da würde er nicht viel brauchen, um sich abzuschießen. Schnell nahm er noch einen Schluck. Vielleicht würde ihn das am Denken hindern.

 

Tom, der bisher nur an seinem Getränk genippt hatte, beobachtete ihn. Schließlich seufzte er. „Es war richtig, dass du das Geschäft abgelehnt hast. Du kannst nicht deinen guten Ruf riskieren, nur weil irgendein Idiot seinen Schwanz nicht unter Kontrolle hatte.“

 

Die Worte schmerzten und ließen den Stachel, der ohnehin schon in Thilos Fleisch steckte, noch ein wenig tiefer einsinken. Er wusste, dass Tom jedes Recht gehabt hätte, noch ganz anders zu reagieren. Mehr so wie Karim. Die Parallelen waren zu offensichtlich. Aber nicht nur aus dem Grund hatte Thilo nicht das Gefühl, das Richtige zu tun. Den Rest des Nachmittags hatte er damit verbracht, noch einmal sämtliche Jobbörsen abzuklappern, um vielleicht doch noch einen geeigneten Ersatz für die Firma der Mertens zu finden. Leider ohne Erfolg. Seine Bemühungen waren ebenso im Sande verlaufen wie seine Versuche, eine höfliche Entschuldigungsmail an Frau Mertens zu formulieren. Denn dass sein Abgang nicht professionell gewesen war, daran ließ sich auch mit Toms schönen Reden nichts retouchieren. Das Beste wäre wohl gewesen, die Sache abzuhaken, aber er konnte nicht. Immer wieder sah er Karims Gesicht vor sich. Wie enttäuscht er gewesen war. Geradezu angeekelt. Thilo hasste es, der Mensch zu sein, den Karim so angesehen hatte. Er nahm noch einen Schluck Whiskey. Das Zeug war gut. Er leerte den Rest.

 

Tom hob fragend die Augenbrauen. „Noch einen?“

 

Thilo nickte und reichte ihm das Glas. Tom stellte sein eigenes auf dem Couchtisch ab und ging, um das Gewünschte zu holen. Thilo, der Toms erster Bewegung mit den Augen gefolgt war, starrte derweil auf den Papierstapel, der neben dem zurückgebliebenen Drink auf der Glasplatte lag. Es war der Vertrag. Der, um den er Tom gestern noch auf Händen und Knien angefleht hatte. Sein Plan war eigentlich gewesen, Karim beim Mittagessen davon zu erzählen. Thilo hatte ihn nicht gelesen, aber er war sich sicher, dass er perfekt war. Es fehlten nur noch die Unterschriften. Die es jetzt wohl nicht geben würde. Nicht, wenn Thilo nicht noch etwas absolut Spektakuläres einfiel, mit dem er Karims Vertrauen zurückgewinnen konnte. Doch dafür sah es düster aus.
 

„Hier.“

 

Ein weiteres Glas manifestierte sich vor Thilos Nase. Er griff danach und nahm einen weiteren Schluck, bevor er es sinken ließ, ebenso wie seinen Kopf. Er war so am Ende.

 

Das Sofa neben ihm knarrte und senkte sich. Im nächsten Moment erschien eine Hand in Thilos Gesichtsfeld. Sie wirkte auffordernd.

 

„Gib es mir.“

 

Thilo hob den Blick und sah Tom verständnislos an. Der hatte immer noch die Hand ausgestreckt und die Stirn in Falten. Er knurrte.
 

„Dein Telefon. Gib es mir, ich ruf ihn jetzt an.“
 

Thilo blinzelte und versuchte die Information zu verarbeiten, die Toms Worte auf seinem geistigen Anrufbeantworter hinterlassen hatten. Doch so oft er die Nachricht auch zurückspulte und erneut anhörte, sie ergab keinen Sinn. So gar nicht. Schließlich entschloss er sich zu fragen.
 

„Wen willst du anrufen?“

 

Toms Reaktion bestand aus einem Heben seiner Augenbrauen. „Die NASA. Fragen, ob sie noch einen Platz für dich bei der nächsten Mondmission freihaben.“ Er schüttelte den Kopf. „Dein Honey Bunny natürlich. Ich werde mir nämlich nicht weiter ansehen, wie du hier auf meiner Couch hockst wie ein trauriger Hundewelpe, dem man sein Lieblings-Spielzeug weggenommen hat. Also entweder kriegst du jetzt deinen Arsch hoch und redest mit ihm oder du weißt, wo die Tür ist.“

 

Thilo schluckte. Tom schien es absolut ernst mit dieser Ansage, aber …

 

„Was soll ich ihm denn sagen?“

 

Tom sah ihn an, als würde er überlegen, ob er ihn nicht doch lieber auf den Mond schicken sollte. „
 

Ja was weiß denn ich“, blaffte er. „Meinetwegen, dass du überreagiert hast und dass es dir leidtut und dass du seinen kleinen, süßen Hintern gerne bald wieder in deinem Bett hättest. Was immer bei ihm funktioniert. Mir ist es egal, Hauptsache, du tust etwas.“
 

Thilo starrte. Eine ganze Weile lang starrte er Tom einfach nur an, dann wanderte seine Hand ganz automatisch zu seiner Hosentasche. Ein wenig umständlich nestelte er sein Telefon hervor. Tom schnappte es sich, sobald es in Reichweite war, entsperrte den Bildschirm und rief die Kontakte auf. Als er den passenden gefunden hatte, drehte er das Display so, dass Thilo es sehen konnte.
 

„So“, sagte er und sah fest entschlossen aus. „Letzte Chance. Entweder du wählst oder ich.“

 

Oder du gehst. Tom hatte es ihm angedroht, aber diese Option schien irgendwie nicht mehr zu existieren. Thilo fühlte, wie seine Kehle eng wurde. Er wollte gerade anfangen zu protestieren, als sein Telefon zu vibrieren begann. Fröhliche Xylophonklänge untermalten das energische Brummen. Thilo hatte sich nie die Mühe gemacht, den werkseitig eingestellten Klingelton zu ändern. Jetzt schallte er ihm entgegen, auf dem Display Karims Name. Darunter ein roter und ein grüner Hörer. Karim rief ihn an. Er rief ihn wirklich an!
 

„Er ruft an!“
 

Die Panik, die sich in seiner Stimme widerspiegelte, fand ihr Gegenstück in Toms stummer Verwirrung. Er runzelte die Stirn, drehte das Telefon und sah dann zu Thilo. In seinem Gesicht stand Unverständnis.
 

„Na dann nimm ab!“

 

Thilo reagierte nicht. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er den klingelnden Übeltäter am liebsten auf dem Fenster geworfen. Oder ihn im Klo versenkt und dreimal nachgespült. Aber auch das war anscheinend nicht Teil von Toms Agenda. Der bedachte ihn jetzt nämlich mit einem Augenrollen, hob den Zeigefinger und drückte auf einen Knopf. Danach hielt er Thilo das Telefon erneut hin. Oben auf dem Bildschirm hatte ein Zähler angefangen, die Gesprächszeit zu protokollieren. Karim war dran. Er war wirklich dran.

 

„Ha…llo?“

 

Während Thilo das sagte, nötigte Tom ihn, das Telefon endlich selbst in die Hand zu nehmen. Thilo konnte Karim am anderen Ende lächeln hören. Es klang verlegen.
 

„Hi.“

 

Vielmehr sagte er nicht. Thilo warf einen hilfesuchenden Blick zu Tom, der nur auffordernd in seine Richtung gestikulierte. Als Thilo nicht reagierte, schlug er sich die Hand vor die Stirn. Das war nun endgültig das Zeichen für Thilo, sich zusammenzureißen. Er holte tief Luft.
 

„Hi“, sagte er zurück. Danach schienen die Synapsen in seinem Gehirn den Dienst zu quittieren. Statt ihm mit irgendwelchen geistreichen Äußerungen zu versorgen, war da nur Schweigen. Maximal noch ein verlegenes Hüsteln, sonst absolute Sendepause. Er atmete.
 

Karim schien auf der anderen Seite dasselbe zu tun. Thilo konnte hören, dass er irgendwo draußen war. Ein Auto fuhr vorbei.

 

„Du scheinst nicht gerade erfreut über meinen Anruf.“
 

Scheiße, wie kam Karim denn darauf? Thilo bekam Panik. Tom, der das sah, signalisierte ihm, dass er weiterreden sollte. Thilo wandte sich ab und sagte: „Nein, ich bin nur …überrascht. Du schienst heute Mittag ziemlich wütend zu sein, da dachte ich …“

 

„Ich war ein Idiot.“

 

Überrascht klappte Thilo den Mund zu. Mit allem hatte er gerechnet, aber bestimmt nicht damit. Tom, der seinen Gesichtsausdruck sah, deutete fragend auf das Smartphone und dann auf seine eigenen Ohren. Thilo verstand und schaltete den Lautsprecher ein. Karim schnaufte.
 

„Ich hab mich auf jeden Fall wie einer verhalten. Ich hätte mich nicht in deine Verhandlungen einmischen dürfen. Und ich hätte nicht Arschloch zu dir sagen sollen. Ich weiß ja, dass … ich nicht ganz unschuldig daran bin, dass du gerade … nicht so gut drauf bist. Und es tut mir leid. Alles. Ich … ich hätte mir dir Essen gehen sollen. Oder dich früher anrufen. Ich hab mich nur einfach nicht getraut, weil …“
 

„Schon gut.“ Dieses Mal hielt Thilo es für eine gute Idee, derjenige zu sein, der Karim unterbrach. Immerhin hatten sie noch einen Mithörer, auch wenn Karim nichts davon wusste. Tom, der mit ernstem Gesicht neben Thilo saß, sagte gar nichts. Er hörte nur zu.
 

„Wo bist du?“
 

Wieder fuhr ein Fahrzeug an Karim vorbei. Dieses Mal schien es ein Bus zu sein. Er lachte nervös.
 

„Tja also eigentlich … stehe ich vor deiner Wohnung. Ich wollte das Ganze persönlich mit dir besprechen, aber da du ja nicht zu Hause bist …“

 

Thilo lief es eiskalt den Rücken runter. Das konnte er nicht …

 

„Ich bin bei Tom!“, sagte er schnell. „Aber ich kann zu dir kommen. Jetzt gleich. Dauert fünf Minuten. Zehn. Maximum!“
 

Er wollte aufspringen, aber Tom hielt ihn am Arm zurück. Er zeigte auf das Glas, das vor Thilo auf dem Tisch stand, und schüttelte den Kopf. Thilo sackte in sich zusammen. Ach ja. Da war ja was.
 

„Äh, also … ich fürchte, ich hab schon ein bisschen was getrunken. Aber ich kann mir ein Taxi rufen.“

 

Hoffnungsvoll sah er auf das Display, auf dem immer noch Karims Name prangte. Die Sekunden verstrichen. Karims Atem war zu hören, dazu ein unregelmäßiges Geräusch. Er lief anscheinend.
 

„Nein“, erwiderte er und Thilo Herz wollte schon sinken, als er hinzufügte: „Ich komme zu dir.“
 

Thilo sah Tom an. Der hob nur die Hände, als wolle er sagen: 'Mach, was du willst. Me casa es su casa.' Thilo warf ihm einen dankbaren Blick zu.
 

„Ich schick dir die Adresse“, sagte er und machte bereits Anstalten, die entsprechende App zu öffnen. „Siebter Stock. Einfach bei Brauer klingeln. Ich warte auf dich.“

 

Nachdem er die Koordinaten versandt und das Gespräch beendet hatte, ließ Thilo das Handy sinken. In seinem Inneren war es merkwürdig still, abgesehen von einem nervösen Kribbeln, das nach und nach alle Bereiche seines Körpers zu okkupieren begann. Oh Gott! Karim kam hierher. In Toms Wohnung! Was hatte er sich nur dabei gedacht?

Wie ein Unfall

Die Wartezeit erschien endlos. Sobald die anfängliche Starre, die Thilo nach dem Telefonat wie ein paralysiertes Kaninchen auf dem Sofa hatte hocken lassen, von ihm abgefallen war, gab es für ihn kein Halten mehr. Er tigerte Runde um Runde durch Toms Wohnung, was dieser mit zunehmender Gereiztheit über sich ergehen ließ. Irgendwann jedoch reichte es seinem Freund.
 

„Hinsetzen““, blaffte er und beorderte Thilo auf einen der Barhocker. „Ich mach dir noch was zu trinken. Dein Herumgerenne ist ja nicht auszuhalten.“

 

Trotz seiner Nervosität gehorchte Thilo. Er sah zu, wie Tom mit Flaschen, Gläsern und Würfelzucker hantierte, um ihm schließlich einen, wie Thilo wusste, sehr guten, Old Fashioned vor die Nase zu stellen. Dass er ausgerechnet diesen Drink gewählt hatte, war sicherlich der Tatsache geschuldet, dass Thilo bereits zwei reichliche Whiskey intus hatte. Darauf jetzt noch Rum, Tequila oder gar Wodka zu gießen, wäre vermutlich keine gute Idee gewesen. Pflichtschuldig nahm Thilo einen Schluck, während Tom sich eine eigene Mischung zubereitete. Die Küchenecke, die eigentlich mehr eine Bar war, lag in einer fensterlosen Nische direkt neben dem Wohnzimmer. Andere hätten sich bestimmt beschwert, dass man diesen Bereich nicht anständig lüften konnte, aber Tom kochte nicht. Niemals. Dafür mixte er hervorragende Drinks.
 

„Noch einen?“, fragte er und wies mit hochgezogenen Augenbrauen auf Thilos bereits halb leeres Glas. Der starrte es an und fragte sich, wie das hatte passieren können. In diesem Moment klingelte es.

 

„Ich mach auf!“

 

Thilo sprang förmlich auf und wäre beinahe die zwei Stufen hinunter gesegelt, die diesen Bereich vom Rest der Wohnung abhoben. Wer immer sie designt hatte, hatte nicht darüber nachgedacht, wie sich die Strecke zur Tür mit einem leichten – oder vielleicht auch nicht mehr ganz so leichten – Schwips bewerkstelligen ließ. Thilo schaffte es trotzdem, ohne weitere Zwischenfälle zu dem Paneel zu gelangen, das die Schließanlage bediente. Ohne zu fragen, wer unten stand, drückte er auf den Knopf. Nichts passierte, außer das sein Herz jetzt ungefähr doppelt so schnell schlug wie gerade noch. Wieder musste er warten, bis endlich das erlösende „Ding“ des Fahrstuhls durch den Gang schallte. Thilo sah aus der Ferne, wie die Türen sich öffneten und Karim heraustrat. In der Weite der Halle mit der großen Fensterfront wirkte er seltsam verloren.
 

„Hey!“ Thilo hob die Hand, um Karim auf sich aufmerksam zu machen. Eigentlich gab es hier oben nur zwei Wohneinheiten. Vermutlich wäre es Karim nicht schwergefallen, die richtige zu finden. Thilo wollte trotzdem sichergehen. Für alle Fälle.

 

Karim wandte den Kopf in seine Richtung. Er lächelte. Gleich darauf jedoch glitt sein zweifelnder Blick nach oben. Der marmorne Gang mit den Lichteinlässen und den makellos gewischten Böden erinnerte selbst Thilo manchmal ein wenig an ein Museum. Beeindruckend, aber leblos. Für Tom, der oft genug Kunden hierher einlud, war es einer der Gründe gewesen, die Wohnung zu nehmen. Auf Karim hingegen musste all dies befremdlich wirken. Thilo wollte ihn von dort weg haben. Sofort.

 

„Komm rein!“

 

Erneut konnte Thilo sehen, wie Karims Augenbrauen sich hoben, als er durch die Tür trat. Toms Hütte war ein Palast. Modern, schick und auch ein bisschen protzig. Thilo wusste, dass es so war und dass es Karim auffiel. Natürlich fiel es ihm auf. Thilo versuchte, seine Atmung zu beruhigen. Es war nicht mehr zu ändern.

 

„Hi“, sagte er, nun noch einmal leiser. Es lenkte Karims Interesse von der pompösen Kulisse zurück zu Thilo. Dunkle Augen richteten sich auf ihn.

 

„Hi“, antwortete Karim ebenso leise wie Thilo. Der fühlte sich genötigt, etwas zu sagen.
 

„Hast du … gut hergefunden?“
 

Erst nachdem er die Frage gestellt hatte, wurde ihm bewusst, dass er genau das heute schon einmal gesagt hatte. Auch Karim schien das zu bemerken. Seine Augen funkelten.
 

„Ja. Gleich hier in der Nähe gibt es eine U-Bahn-Station. Die ist ziemlich cool. Wände mit so auf alt getrimmten Metallplatten und an der Decke hängen riesige Glascontainer, die in verschiedenen Farben ausgeleuchtet werden können. Heute waren sie grün.“
 

Grün. Thilo wusste nicht, warum das fast schon so etwas wie Erleichterung in ihm auslöste. Vielleicht, weil die Farbe ein gutes Vorzeichen war? Er biss sich auf die Zunge, um es nicht auszusprechen. Schließlich glaubte er nicht an so einen Quatsch. Stattdessen lachte er.
 

„Tja, für dich nur das Beste, nicht wahr? Also, äh … das ist Tom.“

 

Thilo wies auf seinen Freund, der immer noch hinter der Bar stand. Als Karim zu ihm rübersah, hob Tom grüßend das Kinn.
 

„Hey Kleiner!“

 

Karims Mundwinkel zuckten. Es war offensichtlich, dass die Begrüßung etwas in ihm auslöste. Er grinste ein bisschen.
 

„Hey Großer!“, gab er zurück. „Ich glaube, wir hatten schon mal das Vergnügen.“

 

Toms Lippen verformten sich zu einem Schmunzeln. Ihm war Karims Reaktion, zumindest die verbale, offenbar nicht entgangen.
 

„Alles nicht meine Schuld“, sagte er und erhob abwehrend die Hände. „Was das angeht, musst du dich vertrauensvoll an Tabby wenden. Die hatte die Idee.“

 

Eine gute Idee, wie Thilo in diesem Moment fand. Immerhin hätte er ohne die Aktion Karim vielleicht nie kennengelernt. Oder vielleicht doch, aber nie so?
 

„Du, äh … setzen?“, plapperte er los, um die merkwürdige Stimmung zwischen Karim und Tom nicht zu hochkochen zu lassen. „Also, ich meine, willst du dich setzen?“ Sprache war heute eine knifflige Sache.

 

Karim sah Thilo an und nickte leicht. „Ja.“

 

„Na dann komm.“

 

Thilo geleitete Karim zu nur wenige Schritte entfernten Sitzecke. Karim nahm seinen Rucksack ab. Suchend sah er sich um.

 

„Leg ihn einfach auf den Boden. Oder halt! Ich könnte ihn zur Garderobe bringen. Willst du ablegen?“

 

Das Flattern in Thilos Magen wurde mit jeder Sekunde größer. Karim zögerte kurz, bevor er begann, sich aus seinem Mantel zu schälen. Was darunter zum Vorschein kam, gefiel Thilo. Es gefiel ihm außerordentlich.
 

„Schöner Pullover“, sagte er und verbot sich im nächsten Moment den Mund. Er machte sich wirklich so langsam zum Affen. Karim lächelte trotzdem.
 

„Danke“, sagte er. „Hab ich aber schon lange.“

 

Ja, ich weiß, dachte Thilo und bekam es dieses Mal hin, es nicht laut auszusprechen. Stattdessen nahm er Karims Sachen entgegen und brachte sie an den dafür vorgesehenen Platz neben der Tür. Danach stand er ein wenig unschlüssig herum. Karim hatte sich keinen Millimeter bewegt. Thilo deutete auf die Couch.

 

„Wenn du … setz dich doch.“

 

Karim warf einen kurzen Blick in Toms Richtung, bevor er tatsächlich ein wenig umständlich auf dem Sofa Platz nahm. Thilo blieb noch einen Moment unschlüssig stehen, ging dann aber um den Tisch herum und setzte sich ebenfalls. Gemeinsam okkupierten sie jetzt die verschiedenen Enden der Couch. Es war ein Dreisitzer. Thilo räusperte sich.
 

„Das … ist ein bisschen komisch, oder?“ Warum nicht über den Elefant im Raum reden. Oder vielmehr … über einen von ihnen.
 

„Ja“, gab Karim zu. „Aber es ist okay. Ich wollte herkommen.“

 

Hinter ihnen klirrte Tom mit den Gläsern. Thilo war sich sicher, dass das Absicht war. Fragend sah er Karim an.

 

„Möchtest du was trinken? Wir … Tom, hat eine ganze Menge da.“
 

Wie um das zu bestätigen, hob Tom zwei Flaschen. „Ich kann dir gerne was machen. Gin, Rum, Wodka, Whiskey. Bier hab ich natürlich auch. Oder möchtest du vielleicht einen Pernod?“

 

Karim zuckte zusammen und sah Thilo an. Der rettete sich in ein verlegenes Lächeln. Ja, gut, vielleicht hatte er Tom von der Sache erzählt. Aber doch nur, weil …
 

„Danke, erst mal nichts“, antwortete Karim. Thilo war sich nicht sicher, ob er wirklich nichts wollte oder nur verstimmt war.

 

Tom hob gleichgültig die Achseln. „Gut, wie du willst. Dann eben nur Wasser.“
 

Er werkelte noch einen Augenblick hinter dem Tresen herum und kam dann mit zwei Gläsern bewaffnet zum Tisch. Eines davon, mit durchsichtigem Inhalt, stellte er vor Karim ab, während er sich mit dem anderen in einen der Sessel auf der gegenüberliegenden Seite verzog. Dort angekommen zückte er sein Handy und sah fragend zu ihnen herüber.
 

„Ich hoffe, ich störe euch nicht? Tut einfach so, als wäre ich gar nicht da.“

 

Anschließend begann er, auf dem leuchtenden Display in seiner Hand herumzutippen. Nicht vollkommen überzeugt, dass das nicht nur vorgespielt war, wandte Thilo sich wieder Karim zu. Der saß immer noch am anderen Ende des Sofas und sah ihn an. Als er Thilos Blick auffing, lächelte er. Es war nur ein Anflug, der Hauch eines Lächelns, aber es führte dazu, dass Thilos Herz zu flattern begann.
 

„Also, ich …“, begann Karim und stockte für einen Moment. „Ich wollte dir nochmal sagen, dass es mir leidtut. Das, was ich heute gemacht habe, war … dumm. Ich glaube, ich wollte in dem Moment einfach nicht wahrhaben, dass du dich so … gefühlskalt verhalten kannst. Ich wollte, dass du aufhörst. Dass du verstehst.“ Er senkte für einen Moment den Blick, bevor er Thilo wieder voll ansah. „Aber ich hätte das Ganze wohl etwas geschickter anstellen können. Ausgerechnet mit dem Thema herauszuplatzen war vielleicht keine so gute Idee. Ich konnte nur nicht begreifen, wie du so blind sein konntest.“

 

Thilo fühlte etwas in sich aufsteigen. Da war … Bedauern, vielleicht auch Schuld. Er hatte sich wirklich nicht gerade von seiner besten Seite gezeigt. Unbewusst leckte er sich über die trockenen Lippen.

 

„Ich wollte halt … meinen Job machen. Und der besteht nun mal darin zu verkaufen. Natürlich verdiene ich daran, aber … Es geht ja nicht nur um mich. Was ist zum Beispiel mit den Angestellten der Mertens? Wenn die Firma pleite geht, stehen sie auch auf der Straße. Könntest du das mit deinem Gewissen vereinbaren?“

 

Karim seufzte. Es war ein tiefes Seufzen. „Nein, natürlich nicht. Ich … habe all diese Dinge wohl nicht so bedacht. Trotzdem glaube ich, dass du falsch damit lagst, Frau Mertens so zu bedrängen. Sie konnte dir in dem Moment nicht helfen. Das hättest du merken müssen.“

 

Dieses Mal war es Thilo, der seufzte. Es klang noch resignierter als Karim. „Da hast du wohl recht. Und ich … hätte das sehen müssen. Es tut mir leid.“
 

Da war das Bedürfnis, an Karim heranzurücken. Ihn in den Arm zu nehmen und einfach alles zu vergessen, was heute passiert war. Doch Thilo wusste, dass es so leicht nicht werden würde. Er holte tief Luft.

 

„Und jetzt? Wie kriegen wir die Kuh wieder vom Eis?“

 

Ganz am Rande bemerkte Thilo, das Tom ihn beobachtete. Es war nur ein kurzer Blick, der ihn streifte, aber Thilo war sich dessen trotzdem bewusst. Er versuchte, das Gefühl zu ignorieren, doch es gelang ihm nicht vollständig. Ärgerlich zwang er sich, Karim anzusehen.

 

Karim lächelte. „Tja, also … wenn du möchtest, könnte ich ja vielleicht nochmal mit Frau Mertens reden. Vielleicht kann ich sie ja überzeugen, sodass sie uns hilft, die Firma zu stabilisieren, bevor sie geht. So könnten wir …“

 

„Nein.“ Der Einwand, der vom anderen Ende des Tisches kam, ließ Thilo zusammenzucken.

 

Auch Karim drehte sich zu Tom herum. „Nein?“, fragte er erstaunt. „Aber wa…?“

 

„Weil Thilo keinen Praktikanten vorschicken kann, um seinen Job zu machen. Wenn er das täte, würde er das Ansehen seines Kunden verlieren. Das geht nicht.“

 

Thilo, der über diesen Aspekt noch gar nicht nachgedacht hatte, schluckte. Sollte er wirklich … ? Bevor er jedoch antworten konnte, schüttelte Karim bereits den Kopf.
 

„So ein Unsinn. Thilos Verantwortung ist es, den fähigsten Mitarbeiter mit einer Aufgabe zu betrauen. Und wenn das in diesem Fall ich bin …“

„Du bist ein Praktikant.“

„Na und?“

 

Stille breitete sich aus. Man hätte wohl die berühmte Nadelspitze fallen hören können, wenn da nicht dieses Knistern in der Luft gewesen wäre. Es stammte vermutlich von den Blitzen, die Tom und Karim sich mit den Augen hin und her warfen.

 

Schließlich gab Tom nach. Er lehnte sich zurück, wandte sich scheinbar gelangweilt wieder seinem Handy zu und sagte: „Na schön, macht, was ihr wollt. Aber kommt hinterher nicht an und beschwert euch, dass ich euch nicht gewarnt hätte. Ihr habt es schließlich nicht nur mit Frau Mertens zu tun, sondern auch mit ihrem Ehemann. Der wird sich kaum damit zufriedengeben, den vollen Preis zu bezahlen, wenn er nur die Hälfte der Leistung bekommt.“

 

Thilo, der den Schlagabtausch bisher nur stumm verfolgt hatte, fühlte sich genötigt, auch etwas zu sagen. Immerhin ging es hier um seine Firma.

 

„Ich denke, Karim hat recht. Er hat bisher das notwendige Einfühlungsvermögen bewiesen. Wenn er es also schafft, Frau Mertens umzustimmen, ist das ein Gewinn für alle Seiten. Die Verhandlungen mit Herrn Mertens übernehme ich dann.“
 

Er sah Tom nicht an, während er das sagte. Das Gefühl, seinen Freund zu verraten, lag dafür viel zu dicht an der Wahrheit. Denn Karim hatte recht. Es war seine Aufgabe herauszufinden, was das Beste für seinen Kunden war. Und wenn dies ungewöhnliche Wege erforderte, dann … war das eben so. Er würde jedenfalls nicht davor zurückschrecken, sie zu gehen, selbst wenn er ein leichtes Unbehagen bei der Vorstellung nicht abschütteln konnte. Etwas Neues zu wagen, war immer ein Risiko. Aber, was, wenn es gut ging? Wenn Karim Erfolg hatte? Dann konnten sie …
 

„Tja, dann wäre das wohl geklärt.“

 

Toms Stimme war laut, während er das sagte. Er griff nach seinem Glas und warf gleichzeitig einen fragenden Blick zu Karim. Der hatte immer noch nicht an seinem Wasser genippt, geschweige denn davon getrunken.

 

„Und?“, wollte Tom wissen. „Möchtest du jetzt vielleicht doch was Stärkeres?“

 

Karim schwankte. Thilo sah es ihm an, Schließlich lächelte er. „Ja bitte. Immerhin kann ich es wohl kaum verantworten, dass du extra meinetwegen Pernod besorgt hast, und dann nichts davon trinken.“

 

Thilo stockte. Die Implikation, die Karim da machte, war gewagt. Sehr gewagt sogar, wie Thilo fand. Aber Tom korrigierte Karim nicht. Er grinste nur.
 

„Kommt sofort“, sagte er, stand auf und machte sich, ein ganz kleines bisschen zu langsam, auf den Weg zurück in die Küche.

 

Karim, der ihm für einen Moment nachsah, drehte sich anschließend wieder zu Thilo herum. Er schien erleichtert. „Das lief … gar nicht so schlecht.“

 

Nein, lief es nicht.

 

Thilo hätte am liebsten zugestimmt, doch dann fiel sein Blick aus den Augenwinkeln auf den Papierstapel, der immer noch auf einer Ecke des Glastisches lag und ihn auffordernd ansah. Ach ja, da war ja noch mehr. Thilo räusperte sich.
 

„Ich bin … froh, dass wir das hinter uns haben.“

 

Karim lächelte. „Ja ich auch. Obwohl sich das Ganze vielleicht hätte vermeiden lassen, wenn ich … früher mit dir geredet hätte.“

 

Thilos Nacken begann zu prickeln. Die kleinen Haare daran richteten sich auf und Thilo brauchte einen Moment, bis ihm klar wurde, woran das lag. Tom! Tom, der hinter der Bar stand und ihn betrachtete. Ihn und Karim. Thilo schluckte.

 

„Tja, also, was das angeht … habe ich mir tatsächlich schon etwas überlegt. Du erinnerst dich doch an den Vertrag, den ich dir versprochen habe. Nun, äh, er … ist fertig. Wenn du möchtest, kannst du ihn lesen. Oder gleich unterschreiben. Wie du willst.“

 

Thilo lachte zu laut und sah zu, wie Karims Blick zu dem Papierstapel wanderte. Der war tatsächlich erstaunlich dick. Tom musste gründlich gewesen sein. Karim zögerte. Das war nicht die Reaktion, die Thilo erwartet hatte. In seiner Brust wurde es eng.

 

Karim sah ihn an. Er lächelte und es sah scheiße entschuldigend aus. „Weißt du, ich denke, bevor du oder ich irgendetwas unterschreiben, sollten wir vielleicht erst noch einmal darüber reden. Auch wenn ich die Geste zu schätzen weiß. Wirklich. Es ist nur …“

 

Er macht Schluss. Fuck, er macht echt mit mir Schluss. Ich …

 

Thilo wollte schreien. Er wollte weg. Fort von all den Blicken, den ungesagten Worten und falschen Versprechungen. Irgendwo hin wo es ruhig war und friedlich. Und wo sein Herz nicht so weh tat. Karim sah ihn ernst an.
 

„Ich glaube, als Erstes sollte ich dir vielleicht sagen, dass ich … ein ganz schön schlechtes Gewissen habe. Du warst so ehrlich zu mir und ich … hab dich dermaßen hängen lassen. Das war nicht fair und es tut mir leid.“

 

Eine Bewegung unterbrach Karims Ansprache. Tom erschien zurück auf der Bildfläche. Er stellte ein Glas vor ihm ab. Der Inhalt war braun und ein wenig trüb. Voller Eis und mit einer Zitronenscheibe am Rand. Tom hatte sich Mühe gegeben. Thilo sah es und konnte sich nicht rühren.

 

„Danke.“

 

Karim nahm den Drink, probierte und sagte, dass es eine gute Mischung sei. Tom erwiderte, dass das doch das Geringste wäre. Und Thilo saß daneben, und konnte nicht glauben, dass die beiden über Getränke plauderten. Er wollte, dass Karim weitersprach.
 

„Und?“, würgte er hervor und bildete sich ein, den süßlichen Geruch des Drinks wahrnehmen zu können. „Wie hast du dich entschieden?“

 

Karim wandte sich wieder zu ihm. Thilo konnte den Anis in seinem Atem riechen. Wieder ein Lächeln.
 

„Tja … für dich, würde ich sagen. Wenn du mich denn noch willst, heißt das. Ich glaube …“

 

Thilo ließ ihn nicht ausreden.
 

„Ja! Ja, natürlich will ich. Ich wollte nie was anderes.“

 

Unwillkürlich rückte er an Karim heran. Der Anisgeruch wurde stärker, aber das kümmerte Thilo nicht. Es war, als gehörte er zu Karim, ebenso wie der tiefe Blick aus unendlich braunen Augen.
 

„Ich will“, sagte Thilo noch einmal. „Und ich verspreche dir, dass so etwas nie wieder vorkommen wird. Ganz bestimmt nicht.“

 

Thilo konnte förmlich hören, wie Tom aufhorchte. Thilo hatte ihm nicht gesagt, warum er den Vertrag so dringend brauchte. Er hatte nichts von dem Streit erwähnt. Von der Bedenkzeit. Aber wenn er Glück hatte …
 

„Ich glaube dir.“

 

Karims Satz zog Thilos Aufmerksamkeit wieder zu ihm zurück. Mit leuchtenden Augen saß er vor ihm und Thilo versuchte, sich voll und ganz auf ihn zu konzentrieren. Mit Tom konnte er sich später noch befassen, wenn …

 

„Das, was da zwischen dir und deinem Ex gelaufen ist, hat doch nichts mit uns zu tun. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich schon Zweifel hatte. Ich hab mich gefragt, ob ich gerade wieder auf jemanden hereinfalle, der nichts als seinen eigenen Vorteil im Kopf hat. Aber so bist du nicht. Wenigstens glaube ich nicht, dass es so ist. Was immer es war, dass dich dazu getrieben hat, deinen Freund zu betrügen …“

 

Thilo hörte nicht mehr zu. Wie durch Watte drangen Karims Worte noch an sein Ohr, während Thilos sämtliche Sinne sich auf Tom richteten. Tom, der vollkommen ruhig dasaß und nur mit Blicken eine Erklärung verlangte. Eine, die Thilo ihm nicht geben konnte, es sei denn …

 

„Thilo?“ Karim hatte aufgehört zu reden. „Ist alles in Ordnung?“
 

„Ja.“ Thilos Stimme war nur noch ein Krächzen. Er wusste, dass er das hier gerade versaute. Gründlich. Er musste es aufhalten, irgendwie, aber es war bereits zu spät. Tom öffnete den Mund.

 

„Ich glaube, was Thilo sagen möchte, ist, dass er dir wirklich gerne erklären würde, wie es damals zu diesem … Ereignis kam. Ich bin überzeugt, dass dich das interessieren wird.“

 

Nein!

 

Das Wort war so deutlich in Thilos Gedanken, dass er es beinahe herausgeschrien hätte. Aber er konnte nicht. Sein Hals war wie zugeschnürt.
 

„Ach“, machte Karim und sah Tom zweifelnd an. „Und warum denkst du das?“

 

Tom kräuselte die Lippen. Thilo war sich nicht sicher, ob er amüsiert oder sauer war. Es war sein verdammtes Anwaltsgesicht und Karim hatte keine Ahnung. Thilo sah es und konnte doch nichts tun. Es war wie ein Unfall und er saß am Steuer des Wagens mit den versagenden Bremsen.

 

Cher

Und warum denkst du das?
 

Der Satz schwebte wie eine Klinge durch den Raum. Ein Schwert, lediglich gehalten von einem seidenen Faden, und von ihrem Thron herab rief Helena Bonham Carter immer wieder: 'Ab mit seinem Kopf!' Thilo hätte darüber lachen können, wenn es nicht so ernst gewesen wäre. Todernst sozusagen.
 

Tom schickte sich an zu antworten. „Weil …“
 

„Nein!“ Thilo hatte irgendwo seinen Mut und auch seine Sprache wiedergefunden. Beschwörend sah er Tom an. „Du hast ihn gehört. Das, was damals passiert ist, hat nichts mit uns zu tun.“
 

Tom musterte ihn aus unergründlichen Augen. Thilos Herz pochte so laut, dass er glaubte, die anderen müssten es hören können, aber er wich nicht zurück.
 

Tom sah ihn noch einen Augenblick lang an, dann senkte er den Blick. „Schön“, sagte er und schien mit einem Mal sämtliches Interesse verloren zu haben. „Wie du willst. Dann schaufel dir eben dein Grab. Wer nicht hören will, muss fühlen. Ich bin raus aus der Sache.“
 

Damit griff er nach seinem Glas, leerte es in einem Zug und stapfte dann wortlos von dannen. Thilo sah ihm nach und fühlte einen scharfen Schmerz. Das hatte er nicht gewollt. Er hatte doch nur …
 

Eine Berührung am Arm brachte ihn wieder zurück. Es war Karim, dessen Blick ebenso eine Erklärung verlangte, wie Toms. Und sie hatten beide recht. Er musste es ihnen sagen. Nur wie?
 

„Thilo? Was ist hier los?“
 

Karim klang … verunsichert. Ängstlich. Natürlich tat er das. Toms Abgang war mehr als dramatisch gewesen. Mit einem Mal wünschte sich Thilo, er hätte ihn ausreden lassen. Vielleicht wäre das weniger schlimm gewesen.
 

Seufzend versuchte Thilo zu erklären. „Entschuldige. Das war … so nicht geplant.“
 

Eigentlich war nichts hiervon geplant. Es war eine verdammte Schlitterpartie. Eine Wildwasser-Achterbahn, für die Thilo, wenn er davon gewusst hätte, nie eine Fahrkarte gelöst hätte. Doch nun saß er hier, hatte es überstanden und hätte wohl aussteigen können. Einfach den Bügel hochklappen, das Wasser aus seinen Haaren schütteln und nie wieder davon reden. Nur, dass das nicht richtig gewesen wäre. Thilo wusste das. Er seufzte.
 

„Ich seh wohl besser mal nach ihm.“
 

Thilo wusste, dass auch das falsch war. Er hätte zuerst die Sache mit Karim klären müssen. Aber er konnte auch Tom nicht verlieren. Er konnte nicht! Bittend sah er Karim an.
 

„Wartest du kurz? Ich kläre das, ja? Dauert nur einen Moment.“
 

Karim zögerte. Thilo konnte sehen, dass es ihm schwerfiel, doch schließlich nickte er. Thilo atmete innerlich auf und machte sich dann auf dem Weg, um Tom zu suchen. Die Tür des Badezimmers war nur angelehnt, das schloss Thilo aus. Dafür war die des Schlafzimmers geschlossen. Aus irgendeinem Grund wusste Thilo, dass Tom dort sein würde. Er blieb vor der Tür stehen, lauschte einen Augenblick und hob dann die Hand um vorsichtig zu klopfen. Von drinnen erklang kein Laut. Langsam drückte er die Klinke und trat ein.
 

Tom stand am Fenster. Er hatte die Vorhänge zurückgezogen und blickte hinaus auf die nächtliche Großstadt. Unzählige Lichter. Der Rest des Raumes war dunkel. Thilo gab sich einen Ruck.
 

„Tom?“
 

Tom reagierte nicht. Dabei war Thilo sich sicher, dass er ihn gehört haben musste. Abwartend blieb er stehen. Schließlich gab sein Freund nach.
 

„Was willst du?“, fragte er, ohne sich umzudrehen.
 

Thilo presste die Lippen aufeinander. Das hier war schwer. Schwerer, als er gedacht hatte. Er versuchte zu atmen.
 

„Ich … wollte dir sagen, dass es mir leidtut. Ich hätte dich vorwarnen sollen. Ich hab nur einfach nicht dran gedacht.“
 

Tom lachte. Es war ein hartes, bösartiges Lachen. Voller Spott.
 

„Nicht dran gedacht? Oh, wie praktisch. Obwohl du doch vorher alles Menschenmögliche getan hast, um mich in die Sache mit reinzuziehen. Denkst du nicht, dass es da klug gewesen wäre, mich wenigstens einzuweihen? Einen Plan zu machen? Warum hast du ihm denn überhaupt von der Sache erzählt? Ich dachte, das wäre erledigt.“
 

Ist es doch auch. Das zumindest war es, was Thilo gerne geantwortet hätte. Dummerweise bekam er kein einziges Wort heraus. Tom drehte sich zu ihm herum.
 

Für einen Moment kamen Erinnerungen in Thilo hoch. Starke Arme, die sich um ihn schlossen. Küsse ganz dicht an seinem Ohr. Waschmittel. Er hatte eine Maschine anstellen wollen und kurz darauf war alles zum Teufel gegangen. Thilo schluckte.
 

„Ich … es … es tut mir leid. Du hast recht, ich hätte was sagen sollen. Aber ich wollte wohl nicht, dass du davon erfährst. Es war falsch, es ihm zu erzählen. Ich hatte kein Recht dazu.“
 

Tom atmete tief ein und wieder aus. Sein Blick wanderte durch den Raum, als versuchte er, irgendetwas zu finden, an dem er sich festhalten konnte. Dabei wirkte er nicht verloren. Nur weggeworfen.
 

„Ist schon okay. Es ist auch deine Geschichte. Obwohl ich wirklich nicht weiß, was dich dazu veranlasst hat, es ihm nun ausgerechnet nach eurem romantischen Nordsee-Trip auf die Nase zu binden.“
 

Thilo wagte nicht, Tom anzusehen. Jetzt, wo er darüber nachdachte, wäre es wohl wirklich klüger gewesen, wenn er die Klappe gehalten hätte. Aber in der Situation …
 

„Obwohl ich da so eine Theorie habe“, fuhr Tom fort. „Ein Kollege von der Strafverteidigung sagte mal, dass er immer wieder erlebt, dass die Leute Fehler machen. Dumme Fehler. Absolut hirnrissig. Weil sie eigentlich erwischt werden wollen. Sie wissen, dass es falsch ist, was sie tun, aber sie können nicht damit aufhören. Also manipulieren sie sich selbst, damit jemand anderes sie dazu zwingt.“
 

Thilo spürte Toms Blick wie eine glühende Spur auf der Haut. Er fühlte sich nackt, aber nicht auf eine gute Weise.
 

Toms Stimme schnarrte. „Und Thilo? Was denkst du? Ist da was dran?“
 

„Nein!“
 

Natürlich nicht. Was sollte er denn falsch gemacht haben? Wobei sich erwischen lassen? Er tat doch nichts. Er hatte doch nur …
 

„Gut! Denn wenn das so ist, dann kannst du ja jetzt rausgehen und ihm die ganze Geschichte erzählen. Allem voran, worüber wir uns damals gestritten haben. Was der Grund unserer Trennung war. Denn darum geht es doch, oder? Dass du willst, dass er das herausfindet.“
 

Thilo unterdrückte den Laut, der seine Kehle hinaufwandern wollte. Das stimmte nicht! Es stimmte absolut nicht. Er hatte Karim nur nicht das Gefühl geben wollen, das einzige Arschloch zu sein. Also hatte er ihm gebeichtet, was er angestellt hatte. Weil das doch noch viel schlimmer war. Aber dabei war es doch um ihn gegangen. Nicht um Tom. Der hatte doch nur …
 

„Thilo!“
 

Seine Aufmerksamkeit schnappte zurück zu seinem Freund. Der stand immer noch am Fenster und sah jetzt ernsthaft wütend aus.
 

„Meine Güte, Thilo! Jetzt reiß dich mal zusammen. Du hast hier gerade die einmalige Gelegenheit, endlich das zu bekommen, was du schon immer wolltest. Einen süßen, schnuckeligen Hasen, mit dem du glücklich sein könntest, aber du versaust es! Aus … mir absolut unverständlichen Gründen! Liegt es an mir? Denkst du etwa, dass du mir was schuldig bist, weil du mich damals betrogen hast? Denn falls ja, hab ich Neuigkeiten für dich: Es ist mir egal. Ich bin drüber weg. Aber ich hab die Schnauze gestrichen voll davon, dass mein bester Freund meint, sich Gummipimmel in den Hintern schieben zu müssen, damit um Himmelswillen bitte keiner merkt, dass er sich zur Abwechslung auch ganz gerne mal wieder vögeln lassen würde. Also tu mir, dir und der Welt einen Gefallen und sag deiner neuen Schnitte endlich, dass er dich verdammt nochmal ficken soll.“
 

Toms letzte Worte hatte er mit einer ausladenden Geste untermalt, die direkt auf die Tür des Schlafzimmers wies. Die, wie Thilo feststellte, nicht mehr geschlossen war. Und auch nicht leer. Karim stand in der Öffnung, die Hand noch an der Klinke, und sah ihn mit großen Augen an. Thilo wollte gerade das Wort ergreifen, als er sich schon umdrehte und auf demselben Weg, auf dem er gerade gekommen war, wieder zurückstürmte. Thilo brauchte nur eine Sekunde, um ihm nachzulaufen.
 

„Karim! Karim, warte!“
 

Thilo erreichte das Wohnzimmer. Der Raum war leer, aber aus der Küche erklangen Geräusche. Glas, das auf Glas traf. Ein heftiges Gluckern.
 

Scheiße, was macht er?
 

„Karim?“
 

Thilo stob um die Ecke, nur um im nächsten Moment wie angewurzelt stehen zu bleiben. Fassungslos sah er zu, wie Karin eine abartig große Menge Pernod in ein Glas kippte. Die Cola, die er danach anstandshalber noch hinzufügte, füllte nicht einmal die Hälfte. Im Nächsten Moment stürzte er diese ekelhafte Mischung bereits hinunter, sodass Thilo bereits beim Zusehen schlecht wurde. Verdammt, das konnte nicht gutgehen.
 

„Was ist denn hier los?“
 

Tom war hinter Thilo aufgetaucht und besah sich die Szene. Seine Augenbrauen wanderten nach oben.
 

„Na das nenn ich mal ne Reaktion.“
 

Karim, der inzwischen mehr als zwei Drittel seines Getränks intus hatte, leerte auch noch den Rest des Glases, verzog das Gesicht und knallte das Trinkgefäß anschließend so heftig auf den Tisch, das Thilo für einen Moment erwartete, gleich erste Hilfe leisten zu müssen. Blut und Scherben blieben jedoch aus. Stattdessen funkelte Karim ihn und Tom wütend an.
 

„Ihr seid solche Arschlöcher!“
 

Warum genau sie diese Bezeichnung verdient hatten, erklärte er nicht. Es war wohl auch nicht notwendig. Mit gebleckten Zähnen fauchte er sie an.
 

„Hinsetzen! Alle beide!“
 

Thilo zögerte. Er sah zu Tom, der jedoch nur mit den Achseln zuckte und sich auf den Weg zum Sofa machte. Thilo folgte ihm, jedoch nicht, ohne ab und an einen Blick auf Karim zu werfen, der ihnen folgte. Es fiel Thilo nicht schwer, sich die geladene Schrotflinte in seinen Händen vorzustellen. Als Thilo sich schließlich auf das gleiche Sofa wie Tom gesetzt hatte – an das andere Ende wohlgemerkt – baute Karims ich vor ihnen auf.
 

„So“, grollte er. „Und jetzt will ich die ganze Geschichte. Wie lange?“
 

Als Thilo nicht antwortete, präzisierte Karim seine Frage. „Wie lange habt ihr geglaubt dass ich von dieser Scheiße nichts mitkriege? Einen Monat? Zwei? Oder wolltet ihr es mir nie sagen und euch heimlich ins Fäustchen lachen.“
 

Thilo schluckte. Er verstand ja, dass Karim sauer war, aber …
 

„Ich wollte das nicht“, stammelte er und versuchte, irgendwie in Worte zu fassen, wie das passiert war. „Als ich dir von der Sache erzählt habe, hatte ich irgendwie vergessen, dass Tom …“
 

„Vergessen?“ Karims Augenbrauen sprangen Thilo förmlich an. Er hörte Tom hinter sich schnaufen.
 

„Vergessen. Na schönen Dank auch.“
 

Thilo schrak zusammen. „Was? Das … nein! So hab ich das nicht gemeint. Ich hab nur …“
 

Die Worte verließen ihn. Es gab keine Entschuldigung für diese Nachlässigkeit. Außer der, die Tom ihm angeboten hatte, aber die wollte Thilo nicht. Er wollte sie nicht!
 

Karim hingegen schien sich langsam etwas zu beruhigen, aber nicht sehr. Er sah zwischen ihnen hin und her.
 

„Was ist damals passiert?“
 

Thilo blickte zu Tom. Der schaute nur zurück, als hätte er bereits alles zu dem Thema gesagt. Thilo wurde warm. Er wollte antworten. Er wollte wirklich, aber …
 

Tom erbarmte sich. „Thilo ist fremdgegangen. Das hat er dir ja aber schon gesagt also …“
 

„Worüber habt ihr gestritten?“
 

Karim richtete diese Frage jetzt direkt an Tom. Der schenkte Thilo noch einen Atemzug, bevor er es aussprach.
 

„Ich wollte mich nicht von ihm toppen lassen. Thilo wollte es unbedingt ausprobieren, ich hab Nein gesagt und … na ja. Ende der Geschichte.“
 

Thilo wollte protestieren. Diese Zusammenfassung ließ ihn ja als ein noch größeres Arschloch dastehen, als er ohnehin schon war, aber Karim ließ ihm keine Zeit zu intervenieren.
 

„Gut“, sagte er und klang, als wäre gar nichts gut. „Ihr seid euch also im Bett nicht einig geworden, Thilo hat einen anderen gefickt und was dann? Habt ihr irgendwann beschlossen, dass alles vergeben und vergessen ist und ihr euch jetzt wieder treffen könnt? Gemeinsam weggehen und Leute verarschen. Ist es das, was ihr macht?“
 

Erneut wollte Thilo widersprechen. Immerhin hatte er nie vorgehabt, Karim zu belügen. Oder ihm etwas zu verschweigen. Wieder übernahm Tom die Antwort.
 

„Ich bekam irgendwann einen Anruf. Es war mitten in der Nacht.Thilo war dran und hat geheult und geheult. Ich hab kein vernünftiges Wort aus ihm rausbekommen. Irgendwann hatte ich ihn dann soweit, dass er mir sagen konnte, wo er ist. Als ich die Adresse hörte, wusste ich sofort, dass etwas passiert sein musste. Es war das Krankenhaus, in dem seine Mutter gestorben ist. Also bin ich zu ihm gefahren und … na ja. Bin nicht wieder gegangen.“
 

Karims Zorn schmolz. Thilo sah, wie er sich noch daran festklammerte, aber es war nicht zu leugnen. Karim schnaufte.
 

„Das … tut mir leid. Muss schlimm gewesen sein, ihn so zu sehen. Aber warum hattest du ihn nicht geblockt? Als ich erfahren habe, dass Marc mich betrügt, war das das Erste, was ich gemacht habe. Dann hätte er dich doch gar nicht erreicht.“
 

Tom seufzte. Es klang, als versuchte er sich zu erinnern. Seine Stimme war leise, als er weitersprach.
 

„Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ich immer gehofft habe, dass er sich doch nochmal meldet. Weil ich mich auch schuldig gefühlt habe. Weil ich ihn nicht loslassen konnte. Irgendsoein sentimentaler Quatsch. Vielleicht hab ich es aber auch einfach nur vergessen.“
 

Vergessen. Thilo glaubte vieles, aber nicht, dass Tom vergessen hatte, seine Nummer zu löschen. Das traf wohl eher auf ihn zu.
 

Karim runzelte die Stirn. „Aber jetzt hast du ihn losgelassen?“ Während er das fragte, scannten seine Augen jeden Millimeter von Toms Gesicht. Thilo konnte nicht anders, als ihn ansehen.
 

Tom gönnte Karim ein kleines Lachen. „Losgelassen?“, fragte er. „Wo denkst du hin! Wenn ich das getan hätte, wäre er doch über seine eigenen Füße gestolpert. Thilo kann man auf gar keinen Fall loslassen. Der muss immer schön an der Hand laufen.“
 

Karims Mundwinkel zuckte. Es war nur eine winzige Bewegung, aber sie war Thilo nicht entgangen. Hoffnungsvoll sah er Karim an.
 

„Er sagt die Wahrheit. Tom hat mir nur geholfen. Mit dem Erbe, der Firma, mit allem. Wenn er nicht gewesen wäre, wäre ich vielleicht … na ja. Zumindest nicht dort, wo ich jetzt wäre.“
 

Das es da noch ein ganz kleines Aufglimmen gegeben hatte … Thilo ließ es unter den Tisch fallen. Er war sich sicher, dass das in Toms Sinne war. Und auch in seinem. Er hatte damals nur einen Anker gebraucht. Nichts weiter.
 

Karim schien nachzudenken. Eine ganze Weile irrte sein Blick zwischen Thilo und Tom hin und her, als versuchte er, die Sache zu verarbeiten. Dann war er offenbar zu einem Schluss gekommen. Er öffnete den Mund.
 

„Küss ihn.“
 

Thilo blinzelte und glaubte, sich verhört zu haben, aber Karim schien ganz sicher. Er wies mit dem Kopf auf Tom
 

„Ich sagte, du sollst ihn küssen.“
 

Thilo verstand immer noch nicht. „Ihn?“, fragte er zweifelnd. „Du meinst Tom?“
 

Karim grollte. „Ja, oder gibt es hier sonst noch irgendwelche Exfreunde, von denen ich wissen sollte?“
 

Thilo zögerte. Das war noch so ein Punkt auf der Liste, die er Karim vielleicht hätte sagen sollen. Dass er nicht besonders viel Erfahrung in diesen Dingen hatte. Wobei er sich trotzdem ziemlich sicher war, das Knutschen mit dem Ex nichts war, was man vor seiner neuen Flamme machen sollte. Karim schien jedoch genau das zu verlangen.
 

„Los“, sagte er jetzt noch einmal und ballte das Gesicht zur Faust. „Entweder du küsst ihn jetzt oder ich gehe. Und mich brauchst du dann ganz bestimmt nicht nochmal anzurufen.“
 

Thilo schluckte. Das Ganze fühlte sich absolut verkehrt an. Trotzdem drehte er sich gehorsam zu Tom um. Der sah ihm ruhig entgegen. Thilo konnte nicht ausmachen, was er von der Sache hielt. Oder ob er es auch nur zulassen würde.
 

„Geht das … für dich in Ordnung?“
 

Tom grinste schief. „Klar. So ein kleines Küsschen …“
 

„Ich will einen Kuss. Einen richtigen Kuss. Mit Zunge!“
 

Thilo spürte sein Herz klopfen. Ein Teil von ihm hatte das Gefühl, in irgendeiner dämlichen Teenie-Romanze gelandet zu sein. Der Rest von ihm saß einfach nur still vor sich hin wippend in der Ecke und summte irgendeinen Song von Cher. Thilo hätte gerne gewusst, welchen, aber er konnte sich nicht mehr zuhören. Tom kam ihm ein Stück entgegen.
 

„Komm schon, Tassilo. Es ist nur ein Kuss.“
 

Toms gemurmelte Versicherung hätte Thilo sicherlich Mut machen sollen. Stattdessen verunsicherte sie ihn nur noch mehr. Er spürte eine Hand in seinem Nacken. Wie Tom ihn näher zog. Thilo schloss die Augen.
 

Ihre Lippen berührten sich. Nicht sanft oder vorsichtig. Tom schien entschlossen zu sein, es knallhart durchzuziehen. Und Thilo gab nach.
 

Es ist nur ein Kuss, versuchte er sich zu sagen. Er spürte Toms Lippen, seine Zunge. Er erwiderte den Kuss, weil Karim es verlangte, und es war … okay. Nicht mehr und nicht weniger.
 

Im nächsten Moment war es schon wieder vorbei. Tom zog sich zurück. Seine Hand verließ Thilos Nacken und der öffnete die Augen. Es war … nicht furchtbar gewesen, nicht wirklich, aber auch nicht wie früher. Ganz und gar nicht wie früher. Langsam drehte er sich zu Karim herum. Der sah ihn erwartungsvoll an.
 

„Und?“, fragte er. „Wie war es?“
 

Thilo stockte. Irgendwo glaubte er noch Tom schmecken zu können. Es fühlte sich eigenartig an.
 

„Komisch. Damals hatte Thilo noch keinen Bart.“
 

Wieder war es Tom, der ihn einer Antwort enthob. Vielleicht war es gut, dass er nicht dazu kam, etwas zu sagen.
 

Thilo nickte leicht. „Ja, das … ist wahr.“ Er vermied es, Karim anzusehen.
 

„Und für dich?“
 

Offenbar gab es kein Entkommen. Thilo räusperte sich.
 

„Es war … okay. Nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Aber auch nicht so, dass ich es wiederholen möchte.“
 

Nachdem er das gesagt hatte, klappt er den Mund wieder zu. Mit angehaltenem Atem wartete er darauf, das Tom protestieren würde, aber dessen Einwurf blieb aus. Stattdessen fühlte Thilo, wie sich das Sofa neben ihm absenkte. Karim hatte sich dorthin gesetzt. Auffordernd sah er Thilo an.
 

„Jetzt ich.“
 

Thilo überlegte nicht. Ebenso wie Karim schloss auch er die Augen und neigte den Kopf. Ihre Lippen berührten sich. Sanft strich Karims Atem über Thilos Gesicht. Er roch intensiv nach Anis. Der Pernod hatte seine Wirkung getan. Thilo konnte ihn auf seiner Zunge schmecken. Es war wie … Hustenbonbons. Süß und würzig. Unwillkürlich rückte Thilo näher. Er wollte mehr, so unendlich viel mehr.
 

Doch auch dieser Kuss endete. Fast schon enttäuscht öffnete Thilo die Augen. Karim lehnte sich zurück und war trotzdem immer noch ganz nah. Thilo konnte seine Wärme spüren.
 

„Und?“ flüsterte Karim, als würde er die Antwort schon kennen. „Wie war das?“
 

Besser. Viel, viel besser. Aber konnte er das sagen?
 

Karim schien sein Schweigen falsch zu deuten. Er rückte von ihm ab.
 

„Halt! Bleib.“ Thilo griff nach Karims Hand und ließ sie nicht mehr los. Langsam zog er sie zu sich heran. „Es war wundervoll. Atemberaubend, phänomenal. Ich hab keine Ahnung, vermutlich bräuchte ich ein Wörterbuch, aber … es war toll. Wirklich. Ich will niemand anderen!“
 

Karim atmete. Warmer Wind und Anis. Eine wirklich schlimme Hustenbonbon-Fahne. Thilo wollte sie gegen nichts tauschen.
 

„Okay.“
 

Karim lächelte. Er lehnte sich zurück, aber er ließ Thilos Hand dabei nicht los. Sein Blick kreuzte sich mit Toms. „Ist das für dich auch in Ordnung?“
 

Die Frage überraschte Thilo. Noch viel mehr allerdings überraschte ihn Toms Antwort.
 

„Ob das in Ordnung ist?“ Tom guckte ernsthaft entrüstet. „Scheiße nein! Thilo wird von so nem heißen, jungen Hüpfer abgeleckt und ich krieg nichts?“
 

Karim lachte. Er versuchte zwar, es zu unterdrücken, aber Thilo konnte fühlen, wie er zuckte.
 

„Verstehe“, sagte Karim und bemühte sich dabei, ein ernstes Gesicht zu machen. „Und was sollen wir jetzt dagegen tun?“
 

Tom begann zu grinsen. „Tja, ich würde sagen, das bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder wir reißen und jetzt alle die Kleider vom Leib und haben wilden, hemmungslosen Sex, den wir spätestens morgen früh alle bitter bereuen, oder …“, er machte eine Pause wegen der Dramatik, „wir schauen mal, was die Hausbar alles noch so zu bieten hat. Ich bin mir sicher, ich hab irgendwo noch ne Flasche Pernord. Und Whisky. Und Cola.“

 

Karim lächelte. Entgegen allem, was Thilo erwartet hatte, lehnte er sich noch einmal vor und küsste Thilo, dann stand er auf und ging um den Couchtisch herum. Als er auf Toms Seite angekommen war, blieb er stehen. Abwartend sah er auf Tom herab. Der wusste offenbar, im Gegensatz zu Thilo, was Karim wollte. Er lächelte.
 

„Schon okay, Loverboy. Ich bin nicht so der Kuschler. Kannst Thilo fragen.“

 

Tom wandte den Kopf in Thilos Richtung. Der wusste nicht so recht, was er dazu sagen sollte. Es stimmte zwar, aber …

 

Karim nahm ihm die Entscheidung ab. Er grinste.
 

„Schön“, sagte er warf einen erwartungsvollen Blick in die Runde. „Dann stellt sich ja eigentlich nur noch eine Frage: Was trinken wir als Nächstes?“

Schlafen

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Aufwachen

„Wakey, wakey!“

 

Toms viel zu fröhliche Stimme wurde vom Aufflammen der viel zu hellen Deckenbeleuchtung begleitet. Gequält stöhnte Thilo auf und vergrub sich tiefer unter der Bettdecke. Das konnte doch nicht sein Ernst sein.

 

„Kommt schon, Leute. In einer halben Stunde kommt die Putzfrau, da wollt ihr doch bestimmt nicht immer noch hier herumliegen.“

 

Neben Thilo regte sich Karim. Die Bettwäsche raschelte. „Wie spät ist es?“

 

Das war jetzt eine gute Frage. Thilo richtete sich auf und sah sich im nächsten Moment einem frisch geduschten, komplett gestylten Tom gegenüber, der mit belustigtem Blick auf seine Armbanduhr schaute.

 

„Gleich halb acht“, verkündete er. „Höchste Zeit zum Aufstehen.“

 

„Halb acht?!“

 

Noch bevor Thilo reagieren konnte, kam Karim mit einem „Oh fuck!“ hochgeschossen, fischte sein Handy vom Nachttisch und ließ das Display aufleuchten. Leider gab es auch dort keine besserem Neuigkeiten. '7:28' zeigte es an und blieb auch dabei, als Karim noch einmal herzhaft fluchte.

 

„Scheiße, ich glaube, ich hab den Wecker ausgestellt.“ Halb zerknirscht wandte er sich an Thilo. „Wir kommen zu spät zur Arbeit.“

 

Mindestens, denn nach Thilos Berechnungen mussten sie in spätestens zehn Minuten die Wohnung verlassen, um noch einigermaßen pünktlich im Büro zu erscheinen. Und er brauchte dringend eine Dusche.

 

„Ich könnte dich mitnehmen.“

 

Das Angebot, das sich offenbar an Karim richtete, traf einen Nerv. Thilo sah auf und direkt in Toms Gesicht. Der ging sofort in Abwehrhaltung.

 

„Nur, weil ihr ja schlecht zusammen bei der Arbeit auftauchen könnt. Ich könnte Karim bei mir im Auto mitnehmen und an einer Haltestelle in der Nähe rauslassen. Wenn er sich beeilt, schafft er das vielleicht noch.“

 

Auf Thilos Stirn bildeten sich kleine Falten. „Und ich?“

 

Tom gönnte ihm einen spöttischen Blick. „Ich meine, mich zu erinnern, dass du der Chef bist. Wenn du entscheidest, dass du heute später kommst oder auch gar nicht, dann ist das eben so. Oder?“

 

Thilo überlegte einen Augenblick, dann seufzte er.

 

„Na schön, machen wir es so. Ich ruf Beate von unterwegs an. Und du sieh lieber zu, dass du ins Bad kommst. Nicht, dass noch jemand Verdacht schöpft.“ Letzteres hatte er in Karims Richtung gegeben. Der grinste.

 

„Geht klar, Boss!“, sagte er, salutierte immer noch grinsend und machte sich dann, lediglich mit engen Pants bekleidet, auf den Weg nach draußen. Thilo sah ihm nach und dann zu Tom. Der wirkte neugierig.

 

„Und? Angenehme Nacht gehabt?“

 

Die Art und Weise, wie er das fragte, machte deutlich, dass er die Antwort schon kannte. Thilo lächelte verhalten.

 

„Ja. Obwohl ich mich … noch ein bisschen dran gewöhnen muss. Es ist lange her.“

 

Die Andeutung, die dabei in der Luft lag, war alles, was Tom bekommen würde. Thilo war sich sicher, dass das in Ordnung ging. Und wenn nicht ...

 

„Kaffee?“

 

Toms Frage kam aus dem Nichts und beantwortete doch so vieles. Sie waren mit dem Thema fertig.

 

„Wenn du hast“, gab Thilo zurück.

 

„Für dich immer.“

 

Tom verließ das Schlafzimmer und Thilo folgte ihm kurz darauf. Duschen konnte er auch zu Hause. Auf dem Flur stieß er fast mit Karim zusammen, der immer noch halbnackt durch den Flur huschte. Ihre Blicke trafen sich.
 

„Hast du alles gefunden, was du brauchst?“

 

Karim lächelte. „Klar. Das und noch mehr.“

 

Er hauchte Thilo einen Kuss auf die Lippen und verschwand gleich darauf aus seinem Sichtfeld. Thilo folgte dem Kaffeegeruch und fand Tom in der Küche, auf dem Herd eine Espressokanne.

 

„Ich dachte, du kochst nicht“, sagte Thilo halb erstaunt, halb belustigt.

 

Tom grinste. „Tu ich auch nicht. Ich mache nur Kaffee.“

 

Das Gerät auf dem Herd begann, blubbernde Geräusche von sich zu geben. Sofort nahm Tom es herunter und schaltete die Platte ab. Köstlicher Duft stieg Thilo in die Nase. Er konnte das Koffein quasi schon riechen.

 

„Gleich“, sagte Tom auf seine Nachfrage. „Du wirst dich wohl noch gedulden können.“

 

Statt einer Antwort kam Karim um die Ecke. Auch er war mittlerweile vollständig angezogen.

 

„Bin fertig“, verkündete er und schnupperte. „Kaffee?“

 

„Espresso“, gab Tom zurück. „Auch einen?“

 

Für einen Moment überlegte Karim, dann schüttelte er den Kopf. „Nein, ich bin eher Teetrinker. Aber ich mag den Geruch.“

 

„So so“, sagte Tom und ließ sich, für Thilos Geschmack, viel zu viel Zeit mit der Zubereitung. Er wollte Kaffee. Jetzt.

 

„Komm schon, wir wissen alle, dass du kein Barista bist. Jetzt gib endlich her.“

 

Tom schmunzelte verhalten und reichte Thilo die Tasse, in die er zuvor noch Milch gegeben hatte.

 

„Ich hoffe, er war heute Nacht zugänglicher“, sagte er an Karim gewandt. Der lächelte nur.

 

„Kann mich nicht beklagen. Aber wir sollten los. Die Arbeit ruft.“

 

„Sicher.“

 

Tom tat so, als habe er die Abfuhr, die Karim ihm erteilt hatte, nicht mitbekommen. Er sah auf die Uhr.

 

„Wenn Sie nicht wieder die Brücke gesperrt haben, kann ich dich auch direkt hinbringen. Dauert nur fünf Minuten.“

 

Thilo sah zu, wie Karim zögerte und dann doch ablehnte. Er wollte das letzte Stück lieber mit der Bahn fahren.

 

„Gut, wie du willst“, sagte Tom und tat, als wäre es ihm egal. „Ich dränge mich nicht auf. Aber wir sollten wirklich los. Und du solltest auch nicht zu lange trödeln. Sonst erwischt dich doch noch die Putzfrau.“

 

Letzteres hatte Thilo gegolten. Der nickte nur und sah zu, wie Tom und Karim ihre Siebensachen packten. Als sie kurz darauf an der Tür standen, wurde Thilo plötzlich mulmig. Das hier fühlte sich falsch an. Vollkommen falsch.

 

„Mach's gut, Darling“, witzelte Tom jetzt auch noch und grinste breit. „Wir sehen uns heute Abend.“

 

„Beim Sport“, erklärte Thilo, als Karim ihn fragend ansah. „Wir sind im selben Fitnessstudio.“

 

„Und ich werde dich echt hart rannehmen“, drohte Tom eindeutig zweideutig, bevor er endlich machte, dass er zum Fahrstuhl kam. Karim und Thilo blieben voreinander stehen.
 

„Ist alles okay?“

 

Offenbar hatte Thilos Pokerface heute Morgen Urlaub. Er zwang sich zu lächeln.
 

„Ja, sicher, alles bestens. Aber du solltest dich beeilen. Du kommst sonst zu spät.“

 

Für einen Moment zögerte Karim. Seine braunen Augen taxierten Thilo, so als wollten sie ausloten, ob bei ihm alles in Ordnung war. Und das war es. Wirklich. Es war nur …

 

„Ich ruf dich an, ja?“

 

Karims warmes Lächeln hüllte Thilo ein wie ein Schal. Es vertrieb für einen Moment die seltsame Melancholie, die der Abschied mit sich gebracht hatte.

 

„Und wenn du willst, könnte ich ja heute Abend nach dem Training vorbeikommen. Also wenn du dann noch Lust hast.“

 

Thilo lachte ertappt. Seine Kondition würde vermutlich nicht für beides reichen. Obwohl …

 

„Vielleicht“, sagte er vage, nicht sicher, was er wollte. „Es kann aber sein, dass ich nicht lange durchhalte.“

 

Zweideutig konnte er auch.

 

Karim grinste. „Ach, das macht doch nichts. Ich kümmere mich schon um dich.“

 

Er gab Thilo noch einen Kuss, danach beeilte er sich, zu Tom aufzuschließen, der bereits zum wiederholten Male die Aufzugtüren offen gehalten hatte. Ein letztes lächelndes Winken, dann war er fort. Für einen Moment sah Thilo noch den leeren Flur entlang. Es fühlte sich immer noch nicht richtig an, die beiden allein gehen zu lassen.

 

Aber es muss sein.

 

Abrupt wandte Thilo sich ab und ging zurück in die Wohnung. Während auch er sich mit Mantel, Schuhen und Schlüssel bewaffnete, fiel sein Blick auf den Couchtisch. Die Glasplatte, die als Erinnerung an den gestrigen Abend noch eine ganze Reihe benutzter Gläser, Flaschen und Abdrücke beherbergte, ließ ein ganz entscheidendes Detail vermissen.

 

Der Vertrag. Er hat ihn mitgenommen.

 

Das Gefühl in Thilos Innerem wurde lauter.

 

 

 

Die Wohnung, in die er zurückkehrte, war immer noch die gleiche, die er am gestrigen Morgen verlassen hatte. Im Flur stand immer noch seine Reisetasche – minus seiner Zahnbürste und anderen Utensilien – und auch sonst hatte sich nicht viel verändert. Trotzdem hatte Thilo das Gefühl, dass etwas fehlte.

 

Du vermisst ihn.

 

Die Schlussfolgerung war nicht schwer zu ziehen. In den letzten drei Tagen hatte er kaum eine Minute ohne Karim verbracht und wenn doch, war diese mit Arbeit gefüllt gewesen. Oder mit Tom, der, wenn Thilo es recht betrachtete, vielleicht nur eine weitere, willkommene Ablenkung gewesen war. Außerdem hatte er mit ihm fast ausschließlich über Karim geredet.

 

Verrenne ich mich da in etwas?

 

Der Gedanke war naheliegend und nicht angenehm. Gleichzeitig hatte er nicht das Gefühl, dass das stimmte. Es hatte sich … gut angefühlt mit Karim. Richtig. Und war es nicht das gewesen, was er gesucht hatte? Warum er sich diese Dating-App installiert und sich sogar dieses Date mit Fuß-Rudi gegeben hatte? Wieso also war er jetzt nicht glücklich?

 

Weil es noch nicht echt ist.

 

Thilo zog zwar die Möglichkeit in Betracht, dass er einfach nur noch eine Mütze voll Schlaf brauchte und die Welt dann schon wieder anders aussehen würde. Trotzdem blieb der leise Zweifel, ob da nicht doch etwas dran war. Wenn er Tom gefragt hätte, hätte der vermutlich gesagt, dass er es doch einfach auf sich zukommen lassen sollte. Seine Schwester ebenfalls. Die beiden waren schon immer sehr viel besser darin gewesen, das Leben zu nehmen, wie es kam. Sich an Veränderungen anzupassen, statt gegen sie anzukämpfen. Dabei wollte Thilo das in diesem Fall ja gar nicht. Im Gegenteil. Er wollte Karim in seinem Leben. Er wollte nur … mehr. Viel mehr, wenn er ehrlich war. Womöglich sogar viel zu viel, aber vielleicht …

 

Ich muss telefonieren.
 

Der Gedanke war plötzlich da und auf einmal wusste Thilo, was er tun musste. Er wusste es einfach und auch, wenn er sich überhaupt nicht sicher war, ob Karim diesen Schritt mit ihm gehen würde, wusste Thilo plötzlich, dass es genau das war, was er brauchte. Selbst wenn es ihm mehr Angst machte, als er zugeben wollte.

 

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen rief Thilo die Suchmaschine auf, gab etwas ein, griff zum Telefon und wählte eine ihm bis dato unbekannte Nummer.

 

Außergeschäftliche Beziehungen

„Thilo! Hier drüben!“

 

Beates Stimme schwebte durch das 'Salvatores', das um diese Zeit bereits gut besucht war. Italienische Speisen füllten den Gastraum mit ihrem Duft, der mit dunklen Holzmöbeln und rot karierten Tischdecken nicht unbedingt originell anmutete, aber vermutlich das war, was die Leute erwarteten. Bastumwundene Weinflaschen und mit Kreide geschriebene Speisekarten komplettierten das Bild. Die, die neben der Nische hing, aus der Beate winkte, warb für 'Fritto misto di pesce' und irgendeinen Salat. Thilo überflog automatisch das Angebot, bevor er an den Tisch trat. Enno und Silas grüßten, Karim vermied es, ihn anzusehen. Beate strahlte.
 

„Wir haben dir einen Platz freigehalten. Gleich neben Karim.“

 

Karim, der das jetzt schlecht weiter ignorieren konnte, hob leicht lächelnd den Kopf.

 

„Ich kann gerne noch rutschen“, bot er an.

 

Thilo dankte ihm im Stillen für die Vorlage.
 

„Ach, das ist doch nicht notwendig“, sagte er mit einem jovialen Lächeln. „Wir werden uns schon verstehen.“

 

Er setzte sich, näher als notwendig gewesen wäre, neben Karim und griff nach einer Speisekarte. Die anderen am Tisch hatten ebenfalls welche vor sich liegen. Während Enno und Beate sie eingängig studierten, nahm Silas Thilo aus Korn.
 

„Sagst du uns, was die Aktion hier soll? Beate hat erzählt, dass du uns einlädst. Warum? Gibt’s was zu feiern?“
 

Thilo, der eigentlich noch mit der Verkündigung hatte warten wollen, überlegte. Im Grunde konnte er den Anlass des Treffens auch jetzt schon bekannt geben. Mit gewichtiger Miene wandte er sich in die Runde.
 

„Tatsächlich gibt es einen Anlass zum Feiern. Ich hab den Pölding-Deal abgeschlossen. Die Bäckerei ist verkauft mit allem, was dazu gehört.“

 

Großes Gejohle brandete auf und Beate klatschte sogar in die Hände. Auch Karim lächelte breit.

 

Silas erhob sein Glas. „Auf Thilo. Du verstehst es einfach, den Leuten was zu verkaufen.“

 

Thilo wartete den Toast ab und senkte danach bescheiden den Blick.
 

„Na, also wenn ich ehrlich bin, waren es wohl eher Herrn Pöldings Franzbrötchen, die mir die Arbeit abgenommen haben. Frau Woermann war ganz begeistert und …“

 

„Moment“, unterbrach Silas ihn. „Frau Woermann? Aber ich dachte …“

 

Ein Grinsen versuchte, sich den Weg auf Thilos Lippen zu bahnen. Er unterdrückte es und sah Silas direkt in die Augen.
 

„Tja, und ich dachte mir, warum den Umweg über ihren Vater machen. Frau Woermann ist eine gestandene Geschäftsfrau. Sie braucht niemanden um Erlaubnis zu bitten, wenn sie ein Geschäft übernehmen möchte.“
 

„Ja aber …“, begann Silas, doch Thilo ließ ihn nicht zu Wort kommen.
 

„Ich weiß, was du sagen willst. Die Finanzierung, hat sie das Geld dazu, wie wird Woermann Senior darauf reagieren? All das ist mir bewusst. Ich bin trotzdem der Meinung, dass es die richtige Entscheidung ist, Frau Woermann hier nach bestem Wissen und Gewissen zu unterstützen. Denn warum sollte sie nicht in der Lage sein, erfolgreich eine Bäckerei-Kette zu führen? Weil sie eine Frau ist?“

 

Stille folgte auf seine Frage. Natürlich widersprach niemand. Eigentlich war sich Thilo dessen bereits sicher gewesen, aber es war gut, seine Hoffnungen bestätigt zu sehen. Es gab ihm den nötigen Rückhalt, um weiterzusprechen.

 

„Wie ihr vielleicht wisst, war ich am Montag mit Karim in der Firma von Herrn und Frau Mertens zu einem Beratungsgespräch. Dieses Gespräch lief … nicht so ideal. Wir sind uns nicht einig geworden und ich musste im Nachhinein feststellen, dass ich selbst vielleicht auch einige Vorurteile hatte. Ich bin wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Herr Mertens die Firma behalten würde, während seine Frau selbstverständlich ihren Posten räumt. Inzwischen denke ich, dass das falsch ist. Die Firma ist ohne Frau Mertens nur noch halb so viel wert. Mein eigentlicher Rat hätte also lauten müssen, dass ihr Mann die Firma verlässt. Dass er ausbezahlt wird, während Frau Mertens weiter im Besitz des Betriebs bleibt. Warum ich das nicht in Erwägung gezogen habe? Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ich auch in meinem Kopf noch viel zu veraltete Vorstellungen habe. Ich möchte das in Zukunft ändern.“
 

„Indem du nur noch Frauen berätst?“ Silas’ Ton war immer noch skeptisch

 

Thilo atmete tief durch. „Nicht ausschließlich Frauen. Mir ist bewusst, dass ein Gutteil unseres Gewinns darauf beruht, dass ich Kontakte zu vermögenden Investoren habe. Und dass ein nicht geringer Teil dieser Investoren recht … traditionelle Vorstellungen bezüglich ihrer Geschäftspartner hat. Dennoch denke ich, dass es an der Zeit ist, mit diesen eingefahrenen Strukturen zu brechen und für mehr Chancengleichheit zu sorgen. Das System wird sich nicht ändern, wenn nicht irgendwer damit anfängt. Ich möchte so ein Jemand sein.“

 

Bei diesen Worten warf Thilo einen Blick zu Karim. Er war sich sicher, dass er am Tisch derjenige war, der am ehesten verstand, worauf Thilo hinauswollte. Den anderen würde er den Gedanken dann nach und nach schmackhaft machen, wenn er handfeste Zahlen in den Händen hatte. Er war schließlich immer noch nicht die Wohlfahrt und schöne Worte bezahlten keine Rechnungen. Es war also verständlich, dass sie Zweifel hatten. Die hatte er auch, aber er wusste, dass es das Richtige war.
 

„Okay.“ Enno war der Erste, der sich bewegte. Ein Lächeln bemächtigte sich seines breiten Gesichts. „Ich bin auf jeden Fall dabei.“

 

„Ich auch“, pflichtete Beate ihm sofort bei. Bei ihr war Thilo sich sicher gewesen, dass sie keine Einwände haben würde. Blieb nur noch Silas. Der hatte die Augenbrauen zusammengezogen und versuchte offenbar immer noch, den Sinn hinter dem zu erfassen, was Thilo gesagt hatte.
 

„Das heißt also, du willst … was? In Zukunft öfter mal Unternehmen von Frauen zum Kauf anbieten? Ich meine, es ist ja nicht so, dass wir die ausschließen würden. Denk nur an die Boutique.“

 

Thilo seufzte innerlich. Er hatte geahnt, dass dieses Argument kam.
 

„Ja, das ist richtig. In diesem Fall haben wir ein relativ niedrig dotiertes Einzelunternehmen angeboten, das noch dazu einer Frau gehört. Allerdings war meine Motivation, den Verkauf zu übernehmen, anderer Natur. Ich hatte geplant, ausländische Investoren zu akquirieren. Was immer noch interessant ist, nur … möchte ich meinen Fokus zunächst auf eine neue Kundengruppe richten.“

 

„Auf Frauen“, meinte Silas und schien sich der Ironie seiner Aussage nicht bewusst zu sein.

 

Thilo lächelte schmal. „Zum Beispiel. Ich denke da aber auch noch an andere marginalisierte Gruppen. Unternehmer mit ausländischen Wurzeln zum Beispiel. Aus weniger angesehenen sozialen Schichten. Mit körperlichen Einschränkungen oder Behinderungen.“
 

„Oder queere Menschen.“ Der Einwurf von Karim ließ Silas aufhorchen. Seine Stirn legte sich in immer größere Falten. Thilo wartete nicht auf einen Unterton.

 

„Auch die“, sagte er und blieb dabei vollkommen ruhig. „Ich würde einfach die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen gerne nutzen, um auch Projekte zu unterstützen, die ein … Umdenken in den Köpfen der Geldgeber erfordern. Ich denke, mit unserer Reputation sollte es möglich sein, einen solchen Einfluss geltend zu machen.“

 

Dass es genauso gut sein konnte, dass sie dem Ansehen der Firma damit schadeten, ließ er unter den Tisch fallen. Es war ein Risiko, das er bereit war, einzugehen. Nicht zuletzt, weil es sein Risiko war. Und, weil es richtig war.

 

Silas überlegte noch einen Moment, dann zuckte er mit den Schultern. „Na, mir soll’s egal sein. Solange du meinen Gehaltscheck unterschreibst, berate ich dir, wen immer du möchtest.“

 

Thilo antwortete nicht. Er wusste, dass es ganz so einfach nicht werden würde. Im Stillen hatte er schon beschlossen, dass Silas nicht unbedingt seine erste Wahl sein würde, wenn es um die Betreuung unkonventioneller Kunden ging. Vielleicht würde es auch noch die eine oder andere Schulung brauchen, bis sie soweit waren. Aber er hatte ja auch nicht vor, alles über den Haufen zu werfen und sein komplettes Konzept umzukrempeln. Er wollte es nur … erweitern. Ein bisschen wenigstens.

 

Beate klatschte in die Hände. „Tja, dann würde ich sagen, machen wir uns ran.“

 

Enno, der neben ihr saß, verzog das Gesicht. „Können wir nicht erst mal was essen? Ich hab einen Bärenhunger.“

 

Allgemeines Gelächter begleitete die Versicherung, dass es natürlich erst was zu essen geben würde. Thilo nutzte die Gelegenheit, um sich ein wenig zu Karim zu beugen.
 

„Tut mir leid, dass ich mich die letzten Tage so rar gemacht habe. Ich musste das erst mal alles ausbrüten.“

 

Karim sah ihn an, in seinen Augen ein angeregtes Funkeln.

 

„Schon okay“, sagte er und lächelte leise. „Ich hab mir schon gedacht, dass du mit irgendwas um die Ecke kommst. Dass es allerdings so was sein würde …“

 

Thilo hätte nur zu gerne gewusst, was Karim zu dem Ganzen zu sagen hatte, aber er kam nicht dazu, ihn zu fragen. Beates Stimme unterbrach sie.

 

„Thilo? Sag, hast du eigentlich meine Mail bekommen? Die mit den Treppenliften?“

 

Karims linke Augenbraue hob sich ein wenig. 'Treppenlifte?', schien er zu fragen. 'Ernsthaft?!' Thilo verbiss sich ein Lachen.
 

„Ja, Beate, die hab ich bekommen. Und ich finde das Angebot sehr vielversprechend. Wir sollten Kontakt aufnehmen. Würdest du das übernehmen?“
 

„Ich?“ Beates Wangen bekamen rote Flecken.
 

„Ja, warum nicht? Ich weiß, dass ich den Kundenkontakt normalerweise immer selber pflege, aber vielleicht ist es auch da an der Zeit, ein wenig … umzudenken.“

 

Thilo warf einen Blick zu Karim, der bestimmt auch diesen Wink mit dem Zaunpfahl verstanden hatte. Dass auch Beate dies vermutlich bemerkt hatte, war vielleicht nicht ganz unbeabsichtigt.
 

„Nun ja, dann … mach ich mich mal dran, oder? Aber die Vor-Ort-Termine übernimmst dann aber schon noch du, oder?“
 

„Mal sehen“, sagte Thilo und machte sich gedanklich eine Notiz, dass er bei Claudia anfragen musste, wie lange diese vorhatte in Elternzeit zu bleiben. Möglicherweise würde er noch jemanden einstellen müssen. Oder zwei.
 

„Komm nachher mal in mein Büro“, flüsterte er Karim daher nur noch schnell zu, bevor er sich der Speisekarte widmete. Viel Hunger hatte er nicht, aber für ein paar Gnocci in Salbeibutter würde es schon noch reichen. Die waren am 'giovedì di pasta' immer besonders gut.

 

 

 

Es klopfte an Thilos Bürotür und noch bevor er „Herein“ gerufen hatte, öffnete sie sich und Karim steckte den Kopf hindurch. Er hatte sich inzwischen anscheinend schon einiges abgeguckt.
 

„Darf ich?“, fragte er jedoch und wartete, bis Thilo „Ja“ gesagt hatte. Danach betrat er den Raum endgültig und schloss die Tür hinter sich. Langsam kam Karim zum Schreibtisch.

 

Auch Thilo erhob sich. Sie hatten sich immerhin zwei Tage nicht gesehen. Zwei viel zu lange Tage. Karim blieb stehen.
 

„Das war ja … eine ganz schöne Bombe, die du heute Mittag hast platzen lassen. Ich dachte schon, Silas kriegt einen Herzinfarkt.“

 

Thilo lachte. „Das hätte dann aber bestimmt eher an dem Riesensteak gelegen, das er sich auf die Ankündigung, das ich bezahle, hin bestellt hat.“
 

„Nicht zu vergessen das Bier“, fügte Karim hinzu.

 

„Und der Grappa.“

Zwei Grappa.“

 

Sie grinsten sich beide wissend an, bevor Karim wieder ernster wurde.
 

„Und das andere?“

 

Thilo hob gespielt erstaunt die Augenbrauen. „Was denn anderes?“

 

Karim verzog das Gesicht. „Du weißt, was ich meine. Die Blicke, die Gesten. 'Karim, möchtest du mal von meinen Gnocci probieren?' Sag jetzt nicht, dass das keine Absicht war.“

 

Thilo kräuselte die Lippen. „Vielleicht“, sagte er gedehnt. „Du hast übrigens vergessen, dass ich dir das Du angeboten habe. Und dir beim Anstoßen tief in die Augen gesehen.“
 

„Ich dachte, das machst du nur, damit ich mich nicht aus Versehen verplappere.“
 

„Ja sicher.“

 

Für einen Moment sahen sie sich noch ernst an, dann grinsten sie beide. Sie überwanden die letzte Distanz zwischen sich und schlossen sich in die Arme. Ein Kuss wechselte den Besitzer und wurde durch ein Gegenstück ersetzt. Danach zog Thilo Karim an sich und schloss die Augen.
 

„Ich hab dich vermisst“, flüsterte er. Er spürte, wie Karim ihn fester drückte.
 

„Ich dich auch“, sagte er und lehnte seine Stirn an Thilos. Eine Weile lang standen sie einfach nur da, Arm in Arm, und badeten in der Gegenwart des anderen. Irgendwann jedoch spürte Thilo den amüsierten Ausdruck, der in Karims Gesicht trat.
 

„Und jetzt?“, wollte er wissen. „Warten wir jetzt einfach, bis Beate reinkommt und uns erwischt?“
 

Thilo lachte leise. „Ich könnte sie ja bitten, mir irgendwelche Unterlagen zu bringen.“
 

Karim grinste. „Das wäre dann vielleicht doch ein bisschen auffällig.“

 

Er blieb noch einen Augenblick, wo er war, dann lehnte er sich zurück. Thilo öffnete die Augen und sah, dass er ihn aufmerksam musterte. Ein wenig unsicher begann er zu lächeln.
 

„Was?“, fragte er. „Hab ich was zwischen den Zähnen?“

 

Karim schüttelte leicht den Kopf. „Nein. Aber ich frage mich, was auf einmal in dich gefahren ist. Und sag jetzt nicht 'ich', sonst haue ich dich. Doll!“

 

Thilo verstand die Andeutung. Er seufzte.
 

„Nein, daran liegt es nicht. Obwohl mir diese Nacht viel bedeutet. Es war … dumm, solange vor dieser Sache wegzulaufen. Obwohl ich wohl nicht da wäre, wo ich jetzt bin, wenn ich es nicht getan hätte.“

 

Thilo sah Karim an. Er hoffte, dass er wusste, wie das gemeint war. Denn im Endeffekt hatte ihn sein Weg hierher geführt. Zu Karim. Er wollte nirgendwo anders sein.

 

Thilo atmete tief durch. „Dich dann aber am nächsten Morgen mit Tom weggehen zu sehen, hat sich … furchtbar angefühlt. Nicht, weil ich euch nicht vertraue“, setzte er schnell hinzu, als Karim schon Anstalten machte, ihn zu unterbrechen. „Denn das tue ich. Wirklich. Aber die Vorstellung, dass das jetzt noch mehrere Monate so weitergeht. Dass ich die ganze Zeit aufpassen muss, mir nichts anmerken zu lassen, mir ständig zu überlegen, ob dies und jenes nicht vielleicht falsch verstanden werden könnte – oder eben richtig – und noch dazu die Sache, dass Beate sich sowieso schon auf uns eingeschossen hat … das alles hat dazu geführt, dass ich mir gesagt habe: Scheiß drauf! Dann ist es eben so. Dann musst ich es halt irgendwie hinkriegen, ohne es zu vermasseln. Wird schon schiefgehen.“

 

Nachdem er das gesagt hatte, klappte Thilo den Mund wieder zu und wartete. Er wusste, dass er gerade eine ganz schöne Rede gehalten hatte. Und eigentlich hätte er gedacht, dass Karim ihm sofort zustimmen würde. Der sah ihn jedoch einfach nur an.

 

„Das heißt …“

 

„Vergiss das mit dem Vertrag“, fiel Thiloein. „Es war von Anfang an eine Schnapsidee. Typischer Fall von 'gut gemeint'. Ich wollte zwar das Richtige tun, aber inzwischen glaube ich, dass ich damit einfach nur meinen eigenen Arsch retten wollte. Denn du hattest recht, ich … hatte Angst, dass ich es versaue.“ Er machte eine Pause und sah Karim ins Gesicht, damit dieser auch verstand, dass er es ernst meinte. „Ich wollte nicht schuld sein, dass du dein Praktikum aufgibst. Aber am Ende des Tages ist es deine Entscheidung. Du musst sie treffen und ich habe nicht das Recht, sie dir wegzunehmen, nur damit ich mich nicht schlecht fühle.“ Er lächelte und fügte hinzu: „Das Einzige, was ich tun kann, ist dafür zu sorgen, dass du bleiben möchtest. Aus freien Stücken. Und irgendwie muss ich jetzt wohl halt einfach hoffen, dass ich das auch ohne bindendes Schriftstück hinkriege.“

 

Karim schwieg. Eine ganze Weile lang schwieg er, dann sagte er: „Und du bist dir auch wirklich sicher?“

 

Thilo lächelte. „Ja natürlich bin ich mir sicher. Es sei denn, du möchtest …“

 

„Auf keinen Fall!“ Karim lachte jetzt. Er lachte wirklich. „Der Vertrag ist absolut grässlich. Allein die Vertragsstrafe für die 'Erwähnung einer außergeschäftlichen Beziehung gegenüber Dritten' ist so dermaßen überzogen, dass ich schon drauf und dran war, dir das Ding mit Karacho wieder vor die Füße zu pfeffern. Wer hat sich das denn nur ausgedacht?“
 

„Tom“, erwiderte Thilo trocken. Was jetzt, wo er es aussprach, doppelt lächerlich klang.

 

Karim schnaubte belustigt. „Das erklärt einiges. Dein Ex muss wirklich eine Heidenangst um dich haben. Und ja, das meine ich so. Weißt du, was er gesagt hat, als er mich am Dienstag zur Arbeit gefahren hat? Dass ich auf dich aufpassen soll. Ich hätte ihn am liebsten gefragt, ob er sich für den Paten hält.“

 

Thilos Mundwinkel zuckte. „Und was hast du geantwortet?“

 

Karim lächelte. Er überwand die Distanz, die sich noch zwischen ihnen befand, und legte Thilo die Arme um den Hals.
 

„Dass du schon groß bist und selbst auf dich aufpassen kannst.“

 

Thilo schürzte die Lippen. „Und das hat er dir abgenommen?“
 

„Kein bisschen.“

 

Karim grinste. Thilo legte die Arme um ihn und zog ihn näher. Für einen Moment zögerten sie noch, dann neigten sie beide den Kopf. Ihre Lippen fanden sich zu einem Kuss. Thilo spürte Karim an seiner Haut. Er atmete tief ein.
 

„Weißt du … manchmal brauche ich vielleicht doch jemanden, der auf mich aufpasst. So ein bisschen wenigstens.“

 

Er spürte, wie Karim anfing zu lächeln. „Du meinst, wenn deine Schwester dich mal wieder in ein absolut oberpeinliches Kostüm stecken will.“

 

Thilo schmunzelte „Ja, zum Beispiel. Oder auch, wenn ich … mich mal wieder in irgendwas verrenne. Wie diese fixe Idee mit dem Vertrag.“

 

Karim lachte. „Tja, na ja. Mir ist schon aufgefallen, dass du ganz schön stur sein kannst.“
 

Thilo grollte. „Ein Esel schilt den anderen ein Langohr.“

 

Er hob den Kopf und sah Karim an. Der blickte zurück und in seinen Augen war wieder dieser Ausdruck. Der, den Thilo sich am liebsten eingerahmt und an die Wand gehängt hätte. Gleich neben das erste Bild von Karim, das er inzwischen dort platziert hatte.

 

Als er so daran dachte, fiel ihm etwas ein.
 

„Weißt du, ich glaube, ich weiß, wie ich dich doch noch gegen 'Thilo ist als Chef ein Arschloch' absichern kann.“

 

Karim hob erstaunt die Brauen. „Ach ja?“

 

Thilo unterdrückte ein Grinsen. Er wand sich aus Karims Arm, ging zum Schreibtisch und nahm einen kleinen Zettel. Nachdem er etwas darauf notiert hatte, reichte er Karim das Stück Papier. Der nahm es, las und verstand nicht.
 

„Was ist das?“

 

„Eine Telefonnummer.“

 

Karim verdrehte die Augen. „Das seh ich selbst. Aber wem gehört sie?“
 

Thilo lächelte. „Meiner Schwester. Wenn mal irgendwas nicht hinhaut, rufst du sie an und sagst ihr, dass du mit Liv sprechen möchtest. Sie ist meine zukünftige Schwägerin und hasst mich.“

 

Karim verstand immer noch nicht. „Und die ist auch Anwältin?“
 

„Nein, Fotografin.“
 

Thilo sprach nicht weiter, aber er konnte ganz genau erkennen, dass Karim lächelte. Er sah zu Thilo auf.

 

„Dann hast du vor, ihnen von uns zu erzählen.“

 

Thilo verzog das Gesicht. „Na ja, das werd ich wohl müssen. Wenn meine Schwester sich nicht ohnehin schon verplappert hat. Als ich ihr nämlich erzählt habe, dass du …“

 

„Ihr hast du es auch schon gesagt?“ Karims Augen wurden immer größer. „Was wäre denn als Nächstes gekommen? Ne Anzeige bei Instagram?“

 

Thilo krauste ertappt die Nase. „Ich war wohl wirklich nicht besonders subtil, oder?“

 

„Nein, so gar nicht.“ Karim guckte noch einen Moment lang böse, bevor er die Scharade aufgab und Thilo verzeihend ansah. „Wenn ich das jetzt so höre, komme ich mir fast albern vor, dass ich es meiner Familie noch nicht erzählt habe.

 

Thilo hob die Hand und strich eine verirrte Locke aus Karims Gesicht. „Nicht so wild. Immerhin hattest du ja durchaus Gründe, mir zu misstrauen. Und außerdem: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wir könnten sie doch am Wochenende zum Essen einladen.“

 

Karim überlegte einen Moment, dann schüttelte er den Kopf.

 

„Nein, keine gute Idee. Meine Mutter würde sich ständig Gedanken darüber machen, ob sie deine Einladung annehmen kann, und mein Vater würde wohl … ein Ambiente bevorzugen, das sich nicht unbedingt für unser Outing eignet.“
 

Thilo hob fragend die Augenbrauen.
 

„Urdeutsche Küche. Gasthof-Ambiente. Manchmal denke ich, dass er meine Mutter wirklich sehr lieben muss, wenn er tagein, tagaus ohne eine Miene zu verziehen erträgt, was sie ihm vorsetzt.“ Er lachte, als er hinzufügte: „Und sie muss ihn sehr lieben, weil sie doch ein ums andere Mal versucht, ihm seine Leibspeise zu kochen. Wir Kinder flüchten allerdings lieber, wenn es mal wieder Klöße mit Sauerkraut gibt. Am Ende fliegt nämlich immer irgendwas durch die Gegend. Meistens ein Kochtopf.“

 

Thilo lachte. Er zog Karim an sich, zögerte noch einen Moment und beugte sich dann vor, um ihm einen Kuss auf die Lippen zu hauchen.
 

„Das würde ich gerne mal sehen.“

„Was? Die fliegenden Töpfe?“

„Ja.“

 

Karim lächelte. Er lehnte sich an Thilo. „Dann komm uns am Wochenende besuchen. Ich kann zwar nicht versprechen, dass du auf Ufos treffen wirst, aber Familienchaos haben wir auch so genug zu bieten.“
 

Thilo erwiderte die Umarmung. „Dann brauche ich vorher aber nochmal deine Hilfe.“

 

Karim hob den Kopf. „Meine Hilfe? Wobei.“

 

Aus Thilos Lächeln wurde ein Schmunzeln. „Ich möchte mir einen Pullover kaufen.“

 

Karim sah nicht aus, als würde er verstehen. „Einen Pullover?“, hakte er nach.

 

Thilo grinste. „Ja. Ich hab … mir deine schon eine ganze Weile lang angesehen und sie gefallen mir. Aber ich weiß nicht genau, was mir steht, also habe ich gedacht …
 

„Dass ich dich ja beraten könnte.“ Karim grinste. „Alles klar. Mission angenommen.“

 

Er ließ seinen Blick über Thilo schweifen und meinte dann: „Und wir besorgen dir auch einen Hoodie. Fürs Wochenende. So einen, wie du dir letztens von mir ausgeliehen hast. Das sah scharf aus.“
 

„Scharf?“, wiederholte Thilo. Scharf gefiel ihm.
 

„Ja, sogar ziemlich scharf. Geradezu zum Anbeißen.“

 

Das Glitzern, das Karim dabei in den Augen hatte, ließ auch Thilos Gedanken Kurs auf höchst unanständige Ideen nehmen. Er leckte sich über die Lippen.
 

„Meinst du, es fällt auf, wenn wir jetzt einfach schon Schluss machen? Ich würde dir gerne mal meine … Umkleidekabine zeigen.“
 

„Und deine Sammlung?“
 

Bei dieser Frage schoss ein warmes Kribbeln in Thilos Lenden. Das Ganze wurde ihm wirklich langsam zu heiß.
 

„Später“, raunte er und verwickelte Karim für einen Moment in einen tiefen Kuss. „Zuerst müssen wir einen Pullover kaufen.“

 

„Wie Sie wünschen, Boss.“

 

Mit einem Grinsen wie von einer Katze, die den Sahnetopf entdeckt hatte, schnappte Karim sich Thilos Hand und zog ihn Richtung Tür. Thilo wollte ihm schon folgen, als ihm plötzlich etwas einfiel.
 

„Warte, ich muss noch den PC ausschalten.“

 

Er eilte hinter seinen Schreibtisch und beugte sich herab, um nach der Maus zu greifen. Der Bildschirmschoner war noch nicht angesprungen, sodass der Text, an dem er zuletzt gearbeitet hatte, noch geöffnet und gut lesbar vor seiner Nase prangte. Er wollte gerade auf das Speicher-Icon klicken, als ihn die Erkenntnis wie ein Hammerschlag traf. Thilo ächzte.
 

„Was?“, fragte Karim besorgt. Sein Blick huschte zwischen Thilo und dem Computer hin und her. Offenbar vermutete er schlechte Neuigkeiten.
 

„Ach nichts“, krächzte Thilo. „Ich glaube, ich weiß jetzt, wie Beate uns auf die Schliche gekommen ist.“

 

Karim legte den Kopf schief. „Muss ich das verstehen?“

 

Thilo sah noch einmal auf den Bildschirm.
 

Vielleicht hat Tom recht. Ich will doch erwischt werden.

 

Als er den Blick hob, bemerkte er, dass Karim ihn immer noch ansah. In seinen Augen das unausgesprochene Versprechen, alles mit ihm durchzustehen, was auch immer es sein mochte. Thilo fühlte Wärme in sich aufsteigen.

 

Ich liebe ihn.
 

Der Gedanke war da, bevor Thilo es verhindern konnte. Denn das war es. Dieses Gefühl, das er hatte, wenn er Karim ansah. Oder an ihn dachte. Oder in seiner Nähe war. So wie jetzt.
 

„Was ist? Kommst du?“
 

Wieder hielt Karim ihm die Hand hin. Thilo sah sie an und zögerte. Einen ganz winzigen Augenblick lang zögerte er, bevor er sie ergriff, bereit, sie nie wieder loszulassen.

 

„Natürlich“, sagte er und drückte Karims Finger fester. „Ich bin soweit.“

 

Geöffnete Türen

„Seid ihr bald fertig?“

 

Toms Stimme kam aus dem Wohnzimmer, wo er sich, notgedrungen, erst einmal einen Platz gesucht hatte. Thilo grinste und sah rüber zu Karim, der sich mit ihm seinen Spiegel teilte und gerade versuchte, seine Haare in eine ihm genehme Form zu ziehen.
 

„Und, was sagst du? Sind wir bald fertig?“

 

Karim seufzte und verzog das Gesicht. „Ja, ich fürchte, das sind wir. Das Wetter da draußen macht sowieso alle Bemühungen gleich wieder zunichte. Locken sind echt mehr scheiße, als die Leute denken.“
 

Die Verzweiflung, die bei dieser Aussage aus jeder Silbe tropfte, ließ Thilo auflachen. Er selbst konnte nicht klagen. Das, was er im Spiegel sah gefiel ihm. Sehr sogar.
 

„Du siehst toll aus“, sagte er deswegen auch, ließ von seiner eigenen Reflexion ab und wandte sich Karim zu. Ohne auf dessen Protest zu achten, zog er ihn in seine Arme. Halb entrüstet, halb belustigt funkelte Karim ihn an.
 

„Das sagst du nur, um mich ins Bett zu kriegen.“

 

Thilo grinste. „Brauch ich dafür neuerdings Komplimente?“
 

Er lehnte sich vor und fing Karims Lippen mit seinen ein. Für einen Moment versanken sie in einem Kuss, dann kehrte die Realität zurück. Sie waren verabredet. Absagen unmöglich.
 

„Ich glaube, ich gehe lieber“, flüsterte er und küsste Karim noch einmal kurz auf die Lippen. Trotz seiner Worte konnte er nicht anders, als Karim ein wenig enger an das weiße Waschbecken zu drängen. Dessen Reaktion bestand aus einem scharfen Zischen. Thilo runzelte die Stirn.

 

„Was …?“, begann er eine Frage und wusste ob Karims Gesichtsausdruck auch gleich schon die Antwort. Noch einmal drückte er ihn nach hinten und erntete ein Auflodern in Karims Blick. Thilo war klar, was das bedeutete.
 

„Du warst an der Kiste.“

 

Er wusste nicht, ob ihn das belustigen oder verärgern sollte. Oder scharf machen. Vermutlich Letzteres.

 

„Mir war langweilig“, beschwerte sich Karim auch sofort, obwohl Thilo wusste, dass das mitnichten der Grund gewesen war. „Außerdem dachte ich, ich könnte dich vielleicht überraschen. So ein kleiner Quickie, bevor wir uns ins Getümmel stürzen.“

 

Während er das sagte, strichen Karims Finger verheißungsvoll über Thilos Brust. Die Lippe, die er dabei zwischen seine Zähne geklemmt hatte, und der unschuldige Augenaufschlag taten ihr Übriges. Manchmal hatte Karim diese „naiver Praktikant“-Nummer wirklich drauf. Zu schade, dass sie keine Zeit hatten.
 

„Ich sollte dir dafür den Hintern versohlen“, grollte Thilo und setzte trotz dieser Drohung einen erneuten Kuss gleich neben Karims Ohr. „Oder dich zwingen, den Plug für den Rest des Abends zu tragen.“
 

„Uh, autsch“, meinte Karim auch gleich. Immerhin war heute der Jungesellinnen-Abschied für Liv und Tabby geplant, da würden einige Stunden zusammen kommen. „Dann hätte ich vielleicht lieber einen mit Vibration nehmen sollen.“ Er grinste. „Und dir die Fernbedienung geben.“

 

Thilos Schwanz zuckte. Es war eines der Dinge, über die sie gemeinsam fantasiert hatten, während sie seine Sammlung in Augenschein genommen hatten. Umgesetzt hatten sie es noch nicht. Dafür andere Dinge. Dinge, die Thilo gefallen hatten. Nichtsdestotrotz zwang er sich, ein böses Gesicht zu machen.
 

„Manchmal glaube ich, du bist gar nicht mit mir zusammen, sondern mit dieser Kiste.“
 

Der Vorwurf war aus der Luft gegriffen. So sehr, dass Karim ihn einfach überhörte.
 

„Ah, aber du magst es, dass ich drauf stehe“, behauptete er frech und leckte sich über die Lippen, bevor er näherkam.
 

„Außerdem weißt du, dass ich dich jederzeit vorziehen würde. Es sei denn natürlich, ich kann beides haben.“

 

Thilo durchfuhr ein Schauer, denn das war tatsächlich etwas, das sie ausprobiert hatten. Er war an dem Tag besonders gründlich mit der Vorbereitung gewesen und Karim hatte es … genossen. Sehr sogar. So sehr, dass Thilo danach gesagt hatte, dass er sich vorstellen könnte, es auch irgendwann zu wagen. Karim hatte nur gelächelt und ihm versprochen, dass sie alle Zeit der Welt hatten. Eine Zeit, die mittlerweile schon fünf Monate andauerte. Vor drei Tagen war Karims Praktikum zu Ende gegangen mit einem tränenreichen Abschied und Kuchen und allem. Selbst Silas hatte gesagt, dass er Karim vermissen würde. Und Karim hatte geantwortet, dass er ja nicht aus der Welt war. Denn das war er nicht. Er war immer noch hier, obwohl Thilo bereits ahnte, dass es komisch werden würde, morgens nicht mehr gemeinsam zur Arbeit zu fahren. Das neue Studium würde Karim fordern, wie wie es schon die Bachelorarbeit getan hatte, die er dank des Themas und jeder Menge harter Arbeit mit wehenden Fahnen bestanden hatte, und auch Thilo würde alle Hände voll zu tun haben. Aufträge, Kunden, die Akquirierung neuer Investoren. Denn tatsächlich hatten sich einige seiner alten Geschäftspartner von ihm getrennt, nachdem seine Beziehung zu Karim öffentlich geworden war. Nicht so, dass man es ihnen nachweisen konnte, aber Thilo wusste, was hinter den anhaltenden Absagen, sich auch nur mit ihm zu einem Gespräch zu treffen, steckte. Er weinte keinem von ihnen eine Träne nach. Es machte seine Arbeit nicht einfacher, aber um einiges wertvoller.
 

„Heute Abend, wirst du vermutlich weder noch bekommen“, sagte er und tippte Karim mit dem Zeigefinger gegen die Nasenspitze. „Ich werde nämlich nachher ganz furchtbar betrunken sein und so wie ich dich kenne, du auch.“

 

Karim grinste, hielt aber nicht dagegen. Es war eine weitere Sache, bei der sie sich einig waren und die sie außerdem mit Tom teilen konnten. Tom, der immer noch draußen auf sie wartete. Thilo seufzte innerlich.
 

„Na los! Sieh zu, dass du das Ding loswirst, dann müssen wir die Beine in die Hand nehmen. Liv reißt mir sonst die Ohren ab.“

 

Karims Grinsen wurde noch breiter. „Stimmt, das würde sie tun. Immerhin kann es ja kaum meine Schuld sein, dass du dir mal wieder einen Fehltritt leistest.“
 

Thilo verzog den Mund. Manchmal wusste er wirklich nicht, ob Karim den Welpenstatus, den Liv ihm angedeihen ließ, eigentlich verdient hatte. Aber er beschwerte sich nicht. Seit er sein Firmenkonzept geändert hatte, sah auch Liv ihn mit ein wenig anderen Augen. Außerdem liebte Tabea Karim. Die beiden waren vom ersten Moment an ein Herz und eine Seele gewesen. Liv witzelte schon manchmal, dass sie vollkommen abgeschrieben war, wenn er auftauchte. Was, dummerweise oft genug dazu führte, dass Thilo und Liv sich in der unangenehmen Position wiederfanden, sich miteinander unterhalten zu müssen. Aber es wurde. Langsam wurde es. Thilo konnte es selbst kaum glauben.

 

Als wäre er der Klebstoff, den wir gebraucht haben.

 

„Ich geh mal nach Tom sehen“, sagte er daher, ohne auf Karims Sticheleien einzugehen. Er küsste Karim noch einmal und machte sich dann auf den Weg ins Wohnzimmer, wo Tom bereits auf ihn wartete. Als Thilo alleine erschien, stöhnte er.
 

„Was denn? Ist Tausenschönchen etwa immer noch nicht soweit?“

 

Thilo grinste. Die Vorlage war eigentlich zu steil, um sie auszulassen, aber er tat es trotzdem. Tom musste schließlich nicht alles wissen.

 

„Er kommt gleich“, sagte er stattdessen und fasste sich gleich darauf innerlich ans Hirn ob der Doppeldeutigkeit. Karims Bemühungen hatten Wirkung gezeigt.

 

„Dann hoffe ich, dass er danach auch erscheint“, fiel Tom auch gleich ein, grinste aber um zu zeigen, dass er das nicht ernst meinte. Um den Eindruck zu bekräftigen, wies er auf das Bild an der Wand.
 

„Du hast endlich einen Rahmen besorgt. Sieht gut aus. Das Silber passt zum Motiv.“
 

Thilo war klar, dass er nur Konversation betreiben wollte. Vielleicht auch ein wenig gut machen, was er gesagt hatte, als er Karims Fotografie das erste Mal an Thilos Wand entdeckt hatte. Dass Wichsvorlagen ins Schlafzimmer gehörten. Thilo hatte ihm verschwiegen, dass er bereits der Zweite war, der ihm das vorwarf. Dabei hatte er ganz andere Gründe gehabt, das Bild aufzuhängen. Gründe, die Karim verstanden hatte, als er es gesehen hatte.

 

„Da fehlt aber noch was“, hatte er gemeint und sein Handy gezückt, um ein Foto von Thilo zu schießen. Was er damit vorgehabt hatte, hatte er Thilo erst bei seinem nächsten Besuch verraten. Karim hatte das Bild, das er in einem Fotoladen hatte ausdrucken lassen, gezückt und es zwischen den Fenstern an die Wand gepinnt. Einfach so mit einer Stecknadel. Als Thilo gefragt hatte, was das sollte, hatte Karim gelächelt.
 

„Na ist doch klar. Eine Erinnerung daran, dass ich nur Augen für dich habe.“

 

Und tatsächlich war der Blick des Bild-Karims genau auf die Stelle gerichtet, an der der Schnappschuss von Thilo an der Wand hing. Thilo hatte zuerst gelacht und dann hatte er Karim geküsst. Sehr, sehr lange geküsst. Es war die erste einer Reihe von schleichenden Veränderungen gewesen, die Thilos Wohnung mittlerweile durchgemacht hatte. Da war zum Beispiel die Zahnbürste, die in seinem Bad aufgetaucht war. Diverse Pflegeprodukte. Klamotten in seinem Schlafzimmer. Ein Reiskocher und ein Waffeleisen. Lebensmittel in seinem Kühlschrank. Bücher, Socken, Zeitschriften und Ladekabel. Karim hatte ein unglaubliches Talent dafür, Dinge, die er mitgebracht hatte, zu vergessen. Und nie wieder mitzunehmen. Es war, als würde er sich langsam in sein Leben wurmen und Thilo hatte nichts dagegen.
 

„Ja, ich fand es besser als schwarz“, erwiderte Thilo jetzt, ohne etwas von dem anderen Bild zu erwähnen, das Tom mit Sicherheit noch nicht entdeckt hatte, weil es zu klein und zu weit entfernt war. Wenn er es irgendwann tat, würde er vermutlich die Augen verdrehen wegen so viel „Pärchen-Schwachsinn“. Und tatsächlich musste Thilo zugeben, dass dieser „Pärchen-Schwachsinn“ einen guten Teil seiner Freizeit belegte. Zeit, die er früher mit Tom verbracht hatte. Manchmal unternahmen sie zwar noch etwas zusammen, aber abgesehen von ihren Besuchen im Fitnessstudio waren sie meist zu dritt unterwegs. Was dazu führte, dass Tom weniger „zum Schuss kam“ als früher, wie er Thilo mal gutmütig vorgeworfen hatte.
 

„Aber ich versteh’s ja“, hatte er gleich darauf gesagt und dabei gelächelt. „Mit Karim in einen Club zu gehen, wäre wie Kaviar zum Currywurst-Stand mitzubringen. Das kann ich nicht verlangen.“
 

Als Thilo Karim später davon erzählt hatte, hatte der gegrinst.
 

„Tja, dann müssen wir Tom wohl auch jemanden besorgen. Entweder einen netten Twink, der klaglos alles macht, was Tom ihm sagt, oder jemanden, der ihm mal ordentlich Paroli bietet. Vielleicht so ein kunterbunter Power-Bottom. Das wäre doch spaßig.“

 

Thilo hatte daraufhin gelacht und gemeint, dass er bei Letzterem dann bitte für zwei Wochen die Stadt verlassen würde. Für den Fall, dass sie dann noch stand, würde er eventuell in Erwägung ziehen, zurückzukehren, aber nur mit Bewaffnung und in Begleitung einer Armee.
 

„Ansonsten fürchte ich um Leib und Leben.“

 

Bisher waren sie mit ihrem Plan allerdings noch nicht sehr weit gekommen. Und eigentlich hatte Thilo auch nicht das Gefühl, dass Tom überhaupt jemanden in seinem Leben wollte. Schließlich wurde er nicht müde zu betonen, wie wenig ihm an so etwas gelegen war.
 

„Du hättest auch einen goldenen nehmen können.“ Als Thilo ihn daraufhin fragend ansah, ergänzte Tom: „Wegen dem ersten Platz und so. Du weißt schon.“

 

Thilo nickte langsam und sah wieder zu dem Bild. Ein klein wenig hatte er das Gefühl, das Tom noch etwas sagen wollte, doch Thilo hätte nicht gewusst, was. Es war doch alles …

 

„Ich hätte das damals nicht sagen sollen.“

 

Thilo spürte, wie eine Welle durch seinen Körper lief. Er wusste nicht, ob es Aufregung oder Unbehagen war. Vielleicht ein wenig von beidem.
 

„Wovon sprichst du?“

 

Es war ein wenig unfair, dass er das fragte, aber er wusste auch nicht, wie er sonst reagieren sollte. Tom atmete hörbar ein.
 

„Du weißt, was ich meine. Die Dinge, die ich dir damals an den Kopf geworfen habe, waren … Schwachsinn. Auch wenn ich es da vielleicht noch so gemeint habe. Du hattest recht damit, dass es bescheuert war. Ich wollte nur, dass du das weißt.“

 

Thilo schluckte. Sein Hals war plötzlich so eng geworden. Er hatte nie gewollt, dass Tom sich dafür entschuldigte. Oder es verlangt. Immerhin war er es, der damals einen Fehler gemacht hatte. Der Tatsachen geschaffen hatte, wo Tom nur mit Worten gekämpft hatte. Worte, die ihn verletzt hatten.

 

'Vergiss es. Ich mach für niemanden die Beine breit.'

 

Das war das Erste, was Tom damals gesagt hatte, als Thilo ihn darauf angesprochen hatte. Und Thilo hatte es … nicht geglaubt. Er hatte gedacht, dass er Tom vielleicht überzeugen konnte. Überreden. Verführen. Aber es war schiefgegangen. So schief wie nur irgendwas. Er erinnerte sich, wie wütend Tom aufgesprungen war, als er es versucht hatte. Wie er ihn angezischt hatte. Dass er sich doch klar ausgedrückt hatte. Dass er sich nie ficken lassen würde. Schon gar nicht von ihm. Und Thilo hatte zurückgeschossen, dass es ja aber offenbar okay war, wenn er 'die Beine breit machte'. Da hatte Tom ihn nur angesehen und gemeint, dass ihm das ja auch nichts ausmachen würde. Und es war klar gewesen, wie er das gemeint hatte. In dem Moment hatte es Thilo gereicht. Er war abgehauen und hatte getan, was er geglaubt hatte tun zu müssen. Um es sich zu beweisen. Um es Tom zu beweisen. Nur dass es nichts genutzt hatte. So gar nicht.

 

„Ist schon okay. Ich … brauch deine Erlaubnis nicht.“

 

Er wusste inzwischen, was er wollte. Und dass es okay war, dass er es wollte. Wenn Tom das anders sah …

 

Tom seufzte. „Es geht nicht um meine Erlaubnis. Ich wollte dir nur sagen, dass … ich nicht auf jemanden herabblicke, der das tut, was ihr tut. Und dass ich … es eigentlich ziemlich mutig finde, dass ihr euch so öffnen könnt. In vielerlei Hinsicht. Und ich bin froh, dass du jemanden gefunden hast, mit dem du das teilen kannst.“

 

Er sah jetzt zu Thilo rüber, im Gesicht ein schiefes Grinsen. „Sorry. Ich hab nur gedacht, bevor ich nachher wieder die ganze Zeit darüber rumlästere, dass Beziehungen nur was für Weicheier und Steuerhinterzieher sind, sollte ich dir zwischendurch auch mal wieder sagen, dass ich mich für dich freue.“

 

Thilo erwiderte nichts darauf. Er lehnte sich einfach zum Tom hinüber, der, nach einem kurzen Zögern, den Arm um ihn legte. Es war keine Versöhnung, keine Entschuldigung. Nur einfach ein kurzes, kleines Zeichen, das alles wieder in Ordnung war. Wirklich in Ordnung.
 

„Hey, können wir dann?“

 

Karim war in der Tür erschienen und sah zwischen ihnen hin und her. Wenn er die Stimmung bemerkte – und Thilo war sich sicher, dass er das tat – zog er vor, sie nicht zu kommentieren. Thilo liebte ihn auch dafür. Weil Karim einfach wusste, was Menschen brauchten.
 

„Na klar“, sagte Thilo und schenkte Karim das Lächeln, das er verdiente. „Lass uns ein paar Bräute feiern gehen.“

 

 

 

Der Club war voll, voller, am vollsten. Unter wummernden Bässen und blitzendem Stroboskoplicht bewegten sich die Leiber der Tanzwilligen im Takt, während schrille Figuren auf der Bühne eine Mischung aus Show und Anheizer zelebrierten. Es war – nachdem sie das Vorglühen in einigen ruhigeren Bars und einer wirklich guten Burlesque-Show begonnen hatten – die perfekte Partylocation. Da störte nicht einmal der Widerspruch zwischen klassischer Theaterkulisse und modernem Dancefloor. Oder das sich hier alles, was irgendwie queer war, in wildem Ringelreihen miteinander vergnügte. Es war das, was es sein sollte. Eine große, bunte, fröhliche Party und Thilo stand mittendrin und wartete auf Bedienung.
 

„Hey, Brüderchen!“

 

Kichernd und schon ein bisschen beschwipst hängte sich Tabea an seinen Arm. In ihren dunklen Haaren wippten zwei Glitzersterne, an dem ein kleiner rosa Schleier hing. Liv hatte ein passendes Gegenstück, allerdings ohne Schleier. Dazu trugen beide ein T-Shirt auf dem „Sie hat JA gesagt“ stand. Die beiden Kleidungsstücke hatten ihnen an diesem Abend schon einige begeisterte Glückwünsche und ab und an sogar ein Freigetränk eingebracht. Jetzt jedoch sah es so aus, als würde Tabea genauso wie alle anderen warten müssen. Eine Tatsache, die sie offenbar verdross
 

„Boah, dauert das hier lange“, maulte sie und schürzte die Lippen. Sie war wirklich schon ziemlich betrunken. Thilo lächelte in sich hinein.

 

„Ich besorg dir was, du kannst ruhig wieder feiern gehen.“
 

Wie er das alles transportieren wollte, wusste er zwar noch nicht, aber er war sich sicher, dass Tom und Karim verstehen würden, dass die Braut – beziehungsweise eine von ihnen – natürlich Vorrang hatte.
 

„Echt?“ Tabeas Miene hellte sich auf. „Oh, das wäre toll. Aber eigentlich bin ich grad etwas außer Puste. Liv schafft mich.“

 

Wieder musste Thilo lachen. Was Sport anging war Tabea etwa genauso erpicht darauf wie er. Ein notwendiges Übel, aber wenn sie es sich aussuchen konnten, war ein bequemes Sofa für sie beide die erste Wahl.
 

„Dann bleib, ich beschütze dich vor ihr.“

 

Tatsächlich war es interessant gewesen zu sehen, wie die sonst so kühle Liv abgehen konnte, sobald sie eine Tanzfläche betrat. Auch dass ein Bob sich ziemlich gut schütteln ließ, hatte Thilo neidlos anerkennen müssen. Und erst diese Kondition. Bewundernswert. Zumindest, wenn man dabei nicht mithalten musste.
 

„Ja, aber ich will was zu trinken“, nörgelte Tabea und stellte sich auf die Zehenspitzen, um über die Schultern der Leute zu spähen, die die Theke vor ihr bevölkerten. Zu ihrem Leidwesen hatte sie da wenig Chancen, denn die meisten Durstigen waren eindeutig größer als sie.

 

„Gemeinheit“, schimpfte sie. „Bei der Hochzeit werde ich dafür sorgen, dass es nicht zu solchen Engpässen kommt.“

 

„Bei der Hochzeit werden auch nicht so viele Leute kommen“, erinnerte Thilo sie und rückte geduldig auf, als eine Gruppe von Leuten sich mit Gläsern bewaffnet aus der Menge löste.
 

„Aber alle, die wichtig sind“, konterte Tabea und grinste schon wieder. „Ich hoffe nur, dass das mit der Torte klappt. Livs Tante hat angeboten, sie für uns zu backen und ich kann mir echt nicht vorstellen, wie sie das Ding 500 km durch die Gegend transportieren wollen. Aber es ist ein Hochzeitsgeschenk, also konnten wir ja schlecht Nein sagen.“

 

Thilo lachte und wies auf ihr Shirt. „Nein. Nicht, nachdem du Ja gesagt hast.“

 

Tabea schnaubte und murmelte irgendwas, das sich stark nach „Familie kann man sich eben nicht aussuchen“ anhörte, bevor sie wieder anfing zu grinsen.
 

„Ah, aber das wird bestimmt ganz toll. Sie hat zugesagt, uns die Torte passend zur Deko zu machen. Weiß und Flieder ebenso wie unsere Kleider. Liv hat zwar gemeint, dass man im Herbst nicht in Flieder heiraten könnte, aber ich hab ihr gesagt, dass sie keine Ahnung hat. Außerdem steht ihr die Farbe so gut. Sie sieht aus wie eine wunderschöne Waldelfe.“

 

Thilo lag der Vergleich zu einem Kobold auf der Zunge, aber er schluckte ihn hinunter. Immerhin war es Tabeas Traumfrau, von der er da sprach. Im nächsten Moment hätte er sich jedoch gerne die Ohren zugehalten.
 

„Meinst du, ich sollte mir mal so Nippeldinger besorgen? Du weißt schon, so welche zum Aufkleben wie die vorhin auf der Bühne hatten. Ich glaube, Liv steht auf so was.“
 

„Du meinst Pasties?“, fragte Thilo und wunderte sich, dass er so etwas wusste.
 

„Jaaa, genau die!“ Tabea schien begeistert. „Ich könnte mir welche für die Hochzeitsnacht besorgen. Mit Spitze oder so. Das sieht bestimmt voll sexy aus.“

 

Thilo seufzte und dankte welcher Gottheit auch immer, dass in diesem Moment ein Platz an der Bar frei wurde. Schnell drängte er sich zwischen einen Ledertypen und ein pinkes Einhorn, um seine Bestellung loszuwerden. Während er wartete, verschwand das Einhorn und Tabea konnte sich neben ihn stellen. Sie sah ihn an und lächelte.
 

„Weißt du, ich freu mich, dass du auch kommst.“

 

Thilo hob leicht die Brauen. „Warum sollte ich nicht. Immerhin heiratet meine kleine Schwester.“
 

„Jaa“, sagte sie gedehnt und machte ein Gesicht wie Schokoladenpudding, der zu schnell abgekühlt war. „Aber es hätte ja sein können, dass du keine Lust hast, mit uns zu feiern. Immerhin sind du und Liv …“
 

„Nicht gerade die besten Freunde“, beendete Thilo den Satz. „Ja, ich weiß. Karim hat gemeint, dass ich bestimmt eifersüchtig war, weil sie mir dich wegnimmt, oder irgendwelcher anderer Pychokram. Obwohl ich ja eher immer gedacht habe, dass ich dich vor ihr beschützen muss. Du weißt schon … wie bei Rotkäppchen und dem bösen Wolf.“

 

Die Getränke kamen und Thilo reichte zunächst zwei Cocktails an Tabea weiter, bevor er sich selbst um das Bier kümmerte. Mit dem Strohhalm im Mund sah sie ihn an.
 

„Liv ist kein böser Wolf. Sie ist meine Tigerin. Meine Löwenmama. Mein Zuhause.“

 

Thilo lächelte. Tatsächlich war es gut, dass es so war. Er war froh, dass Liv für Tabea da gewesen war, als er es nicht gekonnt hatte. Vielleicht war er auch deswegen so wütend gewesen.
 

„Du hast Recht, sie ist eine Tigerin“, sagte er und prostete Tabea zu. „Und sie wird eine ganz tolle Mama für euer Baby werden.“

 

Tabea grinste erst, dann seufzte sie und dann nahm sie einen sehr großen Schluck von ihrem Cocktail. Als Thilo sie fragend ansah, seufzte sie noch einmal.

 

„Es klappt nicht“, erklärte sie und klang dabei zum Glück eher resigniert als traurig. „Ich hab … wir haben es versucht, weißt du. Ich wollte nicht mehr bis zur Hochzeit warten und … na ja. Kein Erfolg.“
 

„Ach“, meinte Thilo. „Du hast doch selbst gesagt, dass du eine was? Erfolgschance von 25% hast?“
 

„Weniger“, berichtigte Tabea ihn. „Aber trotzdem, ich hatte halt gedacht … es war ja nicht das erste Mal. Wir haben nach dem Eisprung geguckt, das Sperma war frisch, es war alles perfekt. Ich versteh nicht, warum es nicht klappt.“

 

Thilo dachte an Bertram und verkniff sich die Spekulation darüber, ob das vielleicht an ihm lag. So wie er Tabby kannte, hatte sie das ohnehin schon gechekt. Und tatsächlich.
 

„Wir haben Bert ein Spermiogramm machen lassen. Der Arzt hat gesagt, er könnte durchaus Vater werden.“ Sie zögerte, bevor sie hinzusetzte; „Er hat auch gesagt, dass die Werte für sein Alter gut wären. Und … na ja. Ich hab nochmal ein bisschen gelesen. Ab 45 erhöht sich das Risiko, dass es zu Komplikationen kommt, signifikant. Es muss natürlich trotzdem nicht sein, aber …“

 

Tabea sah Thilo an. Lange sah sie ihn an, so lange, dass er sich auf einmal genötigt sah, abwehrend die Hände zu heben.
 

„Vergiss es, nein, kommt nicht infrage. Ihr bekommt mein Sperma nicht. Auf gar keinen …“

 

„Ich hatte nicht an dich gedacht.“

 

Die Worte schwebten durch den Raum, drehten sich und tanzten, und luden Thilo ein, sich zu ihnen zu gesellen. Sie zu verstehen und mit ihnen mitzugehen. An einen Ort, von dem er bis gerade eben noch nicht mal gewusst hatte, dass er überhaupt existierte.
 

„Du meinst …“

 

„Ich meine Karim.“

 

Tabea lächelte und Thilo wusste auf einmal, dass sie lange nicht so betrunken war, wie er gedacht hatte. Oder der Alkohol beeinflusste ihre Denkprozesse weniger, als das bei ihm der Fall war. Jedenfalls hatte er keinen Zweifel daran, dass sie total ernst meinte, was sie sagte.
 

„Du willst …“
 

„Ja!“

 

Es klang vollkommen überzeugt. So sehr, dass Thilo sich nicht einmal traute, etwas dagegen zu sagen. Tabea sah zu ihm auf.
 

„Ich hab zumindest überlegt, ob wir ihn fragen könnten. Liv hat gesagt, dass sie nichts dagegen hätte, aber ich wollte erst nochmal mit dir darüber sprechen. Ich meine, ich weiß ja nicht, wie ernst das mit euch beiden ist, aber …“
 

„Ernst“, sagte Thilo schnell. „Sehr ernst.“

 

Tabaes Mundwinkel hoben sich. „Na dann könntest du ihn doch mal fragen, oder? Ihr könnt das auch ganz in Ruhe besprechen. Wirklich, kein Stress. Und solange ihr euch beratet, nehmen wir dann einfach weiter …“

 

„Tabby!“

 

So langsam wurde Thilo das Thema wirklich zu viel. Die Vorstellung von Bert – nackt und dabei – reichte schon, um ihm vollkommen die Stimmung zu vermiesen. Obwohl Bert wirklich nett war. Nur halt bitte eben nicht nackt!

 

Sie grinste und schnitt eine Grimasse. „Schon gut, ich bin schon still. Liv hat auch gesagt, dass ich dich das nicht heute fragen soll, aber mal ehrlich: Gibt es dafür einen geeigneten Zeitpunkt?“
 

Als sie das fragte, glitt Thilos Blick automatisch hinüber zur Tanzfläche. Dort unter den Feiernden konnte er Karim ausmachen. Er tanzte mit Liv und Tom, scherzte mit Gwendolyn und hatte sich sogar mit Bert über seine Dackel unterhalten. Es war mehr als offensichtlich, dass er Tiere mochte. Und Menschen.

 

Und Babys.

 

Thilo erinnerte sich, wie Claudia mit ihrem frisch gebackenen Nachwuchs bei ihnen im Büro aufgetaucht war und alle, bis auf Silas, ganz begeistert gewesen waren. Als wäre es das Normalste auf der Welt, hatte Karim dieses winzige Bündel Mensch auf den Arm genommen. Claudia hatte ihm nicht mal sagen müssen, dass man das Köpfchen abstützen musste oder was zu tun war, als der kleine Schreihals angefangen hatte zu weinen. Es war vollkommen selbstverständlich für Karim gewesen, diese winzige, nach Milch und vollgepupsten Windeln riechende Wesen auf dem Arm zu halten. Vollkommen selbstverständlich!

 

„Kleine Geschwister“ hatte er gesagt und gelacht, als Thilo ihm gestanden hatte, dass er sich das im Leben nicht getraut hätte.

 

„Das lernt man“, hatte er behauptet und Thilo hatte ihm geglaubt. Er hatte ihm einfach geglaubt.

 

„Ich frag ihn“, sagte er plötzlich, als wäre in seinem Inneren ein Schalter umgelegt worden. Hätte man ihn noch vor fünf Minuten gefragt, hätte er wohl gelacht, aber jetzt?

 

„Ich frag ihn“, wiederholte Thilo noch einmal und hoffte irgendwo, ganz insgeheim, dass Karim Ja sagen würde.

 


Nachwort zu diesem Kapitel:
Kurzer Hinweis: Die genannten Locations gibt es in Hamburg natürlich alle nicht, sie orientieren sich aber an tatsächlichen Schauplätzen. Nur, damit keine Missverständnisse aufkommen. ^_~ Komplett anzeigen

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Kommentare zu dieser Fanfic (32)
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Von:  Geminy-van-Blubel
2025-02-16T09:42:38+00:00 16.02.2025 10:42
"Ein Teil von ihm hatte das Gefühl, in irgendeiner dämlichen Teenie-Romanze gelandet zu sein."
So ging es mir ehrlich gesagt auch ^^" Irgendwie kam das alles jetzt so plötzlich und auch ziemlich viel auf einmal. Ich hatte das Gefühl, dass es hier ein wenig gehetzt war, um an den Punkt zu kommen, dass sie sich wieder versöhnen. Es ist zwar einiges an Alkohol geflossen, aber für mich war Karims Reaktion hier, ehrlich gesagt, nicht nachvollziehbar... Anstatt erst mal weiter in Ruhe miteinander zu reden und vor allem, dass Thilo auch mal mehr den Mund aufbekommt, übernimmt Tom den größten Redeanteil und dann die Sache mit den Küssen. Ich frage mich, woher Karim ausgerechnet an diesem Punkt die Sicherheit nimmt, Thilo vertrauen zu können, wenn er vorher noch überlegt hat, ob das von den beiden ein Spielchen zum Leute verarschen ist... Ich meine, wenn sie ihn wirklich verarschen wollten, würde es ja ins Bild passen, dass Thilo sagt, er fand den Kuss mit Karim besser als den mit Tom... vielleicht überseh ich dabei aber auch was :)
Antwort von:  Maginisha
16.02.2025 10:55
Dabei hab ich die Szene inzwischen auch schon überarbeitet. In der ersten Fassung haben sich Karim und Tom nämlich auch noch geküsst, woraufhin viele Leser der Meinung waren, dass es jetzt auf eine Dreiecksbeziehung rauslaufen würde. ^^°

In meinem Kopf war es halt so, dass Karim einfach gemerkt/gespürt/gesehen hat, dass da nichts mehr zwischen Thilo und Tom ist. Quasi eine Art Test, den Thilo erfolgreich bestanden hat. Und irgendwo wusste er ja auch schon, dass Thilo nicht so ist wie sein Ex. Da kam in dem Moment, wo er ihn mit Tom erwischt hat, wohl einfach ne Menge hoch, das sich dann im Laufe des Zusammensitzens wieder verflüchtigt hat. Aber vielleicht hat das tatsächlich nur in meinem Kopf wirklich Sinn gemacht. ^//^

Gehetzt ... tja, das könnte allerdings sein. Ich muss zugeben, dass ich am Schluss an dieser Geschichte nicht mehr ganz so viel Spaß hatte. Die Kommentare, die ich gekriegt habe, waren zumeist eher unbegeistert, einige Leser haben überhaupt nicht verstanden, worum es bei Thilos Problem überhaupt ging (und was zwischen ihm und Tom gelaufen ist) und wieder anderen fanden, dass sich die Handlung eh schon viel zu lange zieht. Das hat sich dann insgesamt vermutlich auch etwas aufs Ergebnis ausgewirkt. Die Motivation war einfach nicht mehr so da. Ich hab versucht, das Bestes draus zu machen, kann aber auch verstehen, wenn man von dem Ende eventuell etwas enttäuscht ist.
Antwort von:  Maginisha
16.02.2025 11:07
Wobei dieser Teil jetzt schon so geplant war. Also tatsächlich erst noch ein bisschen anders und eher körperlich, aber äh ja. Eventuell spielte da aber tatsächlich mit rein, dass ich Toms Rolle in dem Ganzen noch mehr erklären wollte, ohne jetzt eine Riesen-Aussprache zwischen ihm und Thilo zu organisieren, während es eigentlich um ihn und Karim ging. Eventuell war das der Fehler.
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
16.02.2025 11:49
Es ist natürlich Geschmackssache, aber ich persönlich fand überhaupt nicht, dass es sich zu sehr gezogen hätte. Mir gefällt es, wenn die Figuren Raum und Zeit bekommen, damit sich die Geschichte entwickeln, man verschiedene Nuancen aufzeigen und eben auch näher auf Probleme eingehen kann. Gerade Thilos Problem und was bzgl. Tom passiert ist, hätte für mich sogar gern noch weiter ausgeführt werden können. Aber wie gesagt, das ist natürlich Geschmackssache :) Schade find ich aber vor allem, dass dir die Kommentare die Motivation an der Geschichte genommen haben. Das tut mir sehr leid :(
Antwort von:  Maginisha
16.02.2025 12:05
Bezüglich der beiden kommt nochmal was, vielleicht hilft das etwas. :)

Ich weiß aber noch, dass ich an diesem Teil ziemlich lange gearbeitet habe, weil die ursprüngliche Vorstellung nicht mehr zu den Figuren passte (auch wenn die Idee sehr heiß war. :D) Vielleicht wäre es wirklich gut gewesen, den zurückliegenden Konflikt hier schon weiter zu erläutern. Gleichzeitig fand ich es halt unrealistisch, dass Karim dann die ganze Zeit geduldig rumsitzt und wartet, dass die beiden wiederkommen. Deswegen habe ich den Teil Thilo/Tom nochmal ein bisschen nach hinten verschoben. Vermutlich nicht ideal, aber das andere hätte so was von "die Bombe steht seit einer halben Stunde auf 'nur noch fünf Sekunden'" gehabt. :D
Antwort von:  Maginisha
16.02.2025 12:29
Ach und bezüglich der Kommentare: Ich hab natürlich überhaupt kein Problem mit Kritik. Wenn jemand was nicht gefällt, ist es mir tausendmal lieber, wenn er mir das sagt, weil ich immer versuche, daraus auch etwas zu lernen. Schnelles oder langsames Pacing ist natürlich Geschmackssache, da passt es vielleicht einfach nicht zwischen Leser und Geschichte, aber wenn man das Gefühl hat, das Vieles von dem, was man denkt, in die Geschichte reingeschrieben zu haben, gar nicht bei den (kommentierenden) Lesern ankommt und die Geschichte sie anscheinend so gar nicht mitnimmt ist das halt … nicht gerade motivierend. Insbesondere wenn man nicht genau weiß, wo denn jetzt eigentlich das Problem liegt und wie man es besser machen könnte (nachdem man, wie gesagt, schon große Teile der Geschichte um- und neu geschrieben hat.) Das hat dann vermutlich ein bisschen auf die Motivation gedrückt, die Geschichte noch um viele Kapitel zu erweitern.
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
16.02.2025 15:31
Da freu ich mich schon drauf, das zu lesen :) Hast du geplant, das in Toms aktueller Geschichte aufzugreifen oder eine neue dazu zu schreiben?

Kritik seh ich auch nicht per se als was Schlechtes an. Es kommt immer drauf an, wie sie formuliert ist und wenn sie einem wirklich hilft, um sich weiter zu entwickeln, find ich das prima. Schade find ich es halt, wenn sie einem am Ende die Freude oder die Motivation an einem Projekt nimmt. Konstruktive Kritik zu geben ist nicht immer leicht, das merk ich selber, aber darum hab ich versucht, das auch zu begründen, warum es mir ab einem bestimmten Punkt zu schnell ging. Und ich wollte mit meinem Hinweis, dass es natürlich nur Geschmackssache ist, auch zeigen, dass mir bewusst ist, wie unterschiedlich die Vorlieben da sind. Ich kann nachvollziehen, dass es einen frustrieren kann, wenn man auf die Kritik eingeht und die Geschichte dann trotzdem nicht gut aufgenommen wird. Ehrlich gesagt bin ich diesbezüglich sogar ganz froh, dass meine Geschichten bislang nicht viel Rückmeldung bekommen haben, weil ich gerade erst seit ein paar Monaten aus einer Schreibblockade raus bin. Ich glaub, wenn ich zu viel negatives Feedback bekäme, könnte ich schnell wieder in die Blockade rutschen... Darum umso mehr: Ich hoffe, solche Rückmeldungen machen dir nicht die Freude am Schreiben kaputt <3
Antwort von:  Maginisha
16.02.2025 16:09
Definitiv nicht. Zumal ich gerade beim Toms Geschichte ja sehe, dass dort viele Sachen ankommen, wie geplant.

In Toms Geschichte kommt die Beziehung zu Thilo definitiv nochmal zur Sprache. Ist sie ja im Grunde genommen schon, aber da kommt noch ein bisschen mehr. :)
Von:  Geminy-van-Blubel
2025-02-16T08:58:10+00:00 16.02.2025 09:58
Uff, da wär ich bei Karims Einmischung in das Gespräch mit der Kundin aber auch pissig gewesen. Das fand ich absolut unprofessionell und war ehrlich gesagt sehr überrascht, dass er so was raushaut. Letztlich kann es für Thilos Firma ja egal sein, warum die beiden Kunden sich getrennt haben - dass dem so ist und deshalb der Firmenverkauf geplant ist, ist ja bekannt. Karim hat es letztlich eingesehen, dass es nicht okay war, aber verwundert bin ich trotzdem, dass er sich so was überhaupt rausgenommen hat. Und Thilo im Gegenzug... Ich verstehe, dass er ein offenes Ohr bei Tom gesucht hat und finde den Punkt auch absolut nachvollziehbar. Ihn aber ohne Karims Wissen einfach via Lautsprecher dazu zu schalten, fand ich nicht okay. Bin mal gespannt, wie es weitergeht :)
Antwort von:  Maginisha
16.02.2025 10:07
Ich glaube, die laufen gerade beide nicht unbedingt rund aufgrund ihres Streits. :/
Von:  Geminy-van-Blubel
2025-02-15T21:17:41+00:00 15.02.2025 22:17
Sagt Tom den Spitznamen nur so oder hat er das Datingprofil von Thilo gesehen? Oder nutzt er solche Apps gar nicht, sondern regelt das ausschließlich über Barbesuche?
Antwort von:  Maginisha
16.02.2025 07:32
Ich denke, dass Tom den Namen früher selbst öfter mal benutzt hat; vornehmlich um Thilo zu ärgern. Insofern hat das hier nichts mit dem Datingprofil zu tun, sondern ist ausnahmsweise mal Zufall. ;)

Tom würde wohl eher keine Spuren im Netz hinterlassen wollen, insofern nutzt er selbst solche Apps vermutlich nicht.
Von:  Geminy-van-Blubel
2025-02-15T18:24:30+00:00 15.02.2025 19:24
Die Beiden tun mir grad so leid... Theoretisch könnte es so einfach sein, aber in der Praxis...
Antwort von:  Maginisha
15.02.2025 19:39
Ja, das ... ist alles etwas unschön. Und alles nur, weil Thilo alles richtig machen will. :/
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
15.02.2025 20:12
Er ist sich seiner Verantwortung bewusst, was an sich ja für ihn spricht. Mir tuts halt nur leid, dass sie beide deshalb so Herzschmerz hatten.. haben? Ich hab ja schon ein bisschen weitergelesen und wünsch ihnen, dass es ab der Stelle, wo ich gerade bin, dann doch irgendwie leichter für sie wird. Auch, wenn die Gesamtsituation natürlich während der restlichen Praktikumszeit noch etwas heikel ist :)
Von:  Geminy-van-Blubel
2025-02-15T16:08:50+00:00 15.02.2025 17:08
Neeein XDD Geil! Ich hatte zwar keine Vermutung, WAS in der Mail war, aber mit den Fotos hab ich echt nicht gerechnet XD
Antwort von:  Maginisha
15.02.2025 18:03
Tja, ich sagte ja. Wer solche Schwestern hat... ^^
Von:  Geminy-van-Blubel
2025-02-15T16:06:12+00:00 15.02.2025 17:06
Was für ein Cliffhanger! Da bin ich froh, dass ich direkt zum nächsten Kapitel gehen kann :D
Antwort von:  Maginisha
15.02.2025 18:02
*g*
Von:  Geminy-van-Blubel
2025-02-15T15:52:12+00:00 15.02.2025 16:52
Ich erinnere mich an die Szene in Toms Geschichte, als das Thema Franzbrötchen auch auf den Tisch kam - ein kleiner "Seitenhieb" auf diese Szene? :)
Und darf ich fragen, ob du bei den beruflichen Details auf eigene Erfahrungen zurückgreifst? Was Thilo da z.B. über den Teilverkauf erzählt, sind Infos, die ich persönlich so nicht auf dem Schirm gehabt hätte. Daher hab ich mich gefragt, ob du das alles extra recherchiert hast oder auch gerne eigene Erfahrungen und Kenntnisse in deine Geschichten webst - das macht mir persönlich beim Schreiben nämlich mehr Spaß. Daher find ichs immer interessant, wie andere Autoren an ihre Werke herangehen :)
Antwort von:  Maginisha
15.02.2025 17:04
Ja, genau darauf war das bezogen. Beziehungsweise auf Thilos Vorliebe für Franzbrötchen und das Tom diese Parallele gruselig gefunden hätte. ^^

Die Details zum Beruf hab ich mir (genau wie bei Tom) alle angelesen. Und geflucht und mir geschworen, dass der nächste Charakter endlich mal wieder einen Beruf bekommt, mit dem ich mich auskenne, damit ich bitte nie, nie, nie wieder Videos zu so stinkendlangweiligen Berufen gucken muss. (Sorry an alle Unternehmensberater da draußen.)
Andere Dinge beruhen aber auch auf Erfahrung und ja, das macht mehr Spaß, aber ich kann ja nicht nur über Schüler und Chemielaboranten schreiben. :D
Antwort von:  Maginisha
15.02.2025 17:08
Ich habe übrigens schon über sehr, sehr viele Themen recherchiert von mittelalterlichen Foltermethoden, über das Verlegen von Kochbüchern bis zu U.S.-amerikanischem College-Football. Meine Linksammlung ist laaaaaaaaaang. ^^
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
15.02.2025 18:03
Großen Respekt für so viel Recherche! :) Ich gebe zu, da bin ich etwas faul und mach das nur, wenn ich um ein mir fremdes Thema nicht herum komme ^^"
Bzgl. Unternehmensberatung kann ich nicht mitsprechen, aber bei Jura versteh ich das mit dem stinkendlangweilig voll und ganz... Ich arbeite im Marketing und hab in diesem Zuge für eine frühere Firma juristische Videos bearbeitet. Puuuh... war ich froh, dass ich mich dabei vor allem um den Schnitt und das "Aufhübschen" und nicht um den Inhalt kümmern musste xD"
Von:  Geminy-van-Blubel
2025-02-15T15:02:33+00:00 15.02.2025 16:02
Ich habs zwar schon geschrieben, aber ich find Thilo echt sympathisch!! Da kommen herrliche Nuancen zusammen. Einerseits Arbeitstier und guter Geschäftsmann, andererseits aber auch ein bisschen tollpatschig und nicht frei von Selbstzweifeln - absolut menschlich! Das gefällt mir generell sehr an dem, was ich bisher über deine Figuren gelesen habe: Sie sind nicht eindimensional :)
Antwort von:  Maginisha
15.02.2025 16:37
Ich grinste einfach mal ein bisschen. ^^
Von:  Geminy-van-Blubel
2025-02-15T14:04:29+00:00 15.02.2025 15:04
Ich find Thilo super sympathisch (ich glaub, dass ich Tom mag, ist bereits klar, wenn ich nach seiner Geschichte auch diese lese, oder?). Nur eine Sache hab ich zu meckern: Junge, mit 30 bist du nicht alt, ja? (Was soll ich denn dann sagen, mit meinen 36? Also bitte, wir sind jung und knackig!) :D
Auch hier wieder: Mir gefällt dein Schreibstil sehr und ich bin gespannt, wie die Geschichte weitergeht :)
Antwort von:  Maginisha
15.02.2025 15:37
Ja, aber .... was soll ich denn da sagen? Ich bin 47. ^^

Ist halt irgendwo Tradition, mit 30 zum alten Eisen zu gehören. Und gewisse körperorientierte Communities haften da wohl ziemlich dem Jugendwahn an. Es gibt wohl inzwischen einen Gegentrend, aber ja. Bis der such durchgesetzt hat, fühlt sich Thilo eben alt.
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
15.02.2025 16:09
Mein Kommentar war eher mit einem Augenzwinkern gemeint, aber ich kann Thilo durchaus auch verstehen. Wir sind ja alle nicht frei von Selbstzweifeln und bei ihm ist halt u.a. das Alter ein Punkt, an dem er etwas zu knabbern hat..
Stimmt schon, solche Traditionen ändern sich nur langsam. Das mit dem Fegen bei 30jährigen Männern kenn ich auch. Oder einen Schachtelkranz für Frauen, weil sie mit 25 als alte Schachtel gelten.
Antwort von:  Maginisha
15.02.2025 16:38
Ich musste Türklinken putzen, weil ich noch keinen Mann hatte...
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
15.02.2025 17:57
Den Brauch kannte ich noch nicht, aber stell ich mir ähnlich "angenehm" wie das Fegen vor :/
Von:  Geminy-van-Blubel
2025-02-15T13:30:27+00:00 15.02.2025 14:30
„Na, ich hab mir gedacht, ich frag mal, ob du das mit dem Kuss übernehmen möchtest. Du wärst nämlich voll sein Typ, musst du wissen.“
XDDDD Herrlich! Grad erst angefangen zu lesen, aber ich lieb die Geschichte jetzt schon XDD
Antwort von:  Maginisha
15.02.2025 15:34
Ja, wer solche Schwestern (und Freunde) hat, braucht dann eigentlich keine Feinde mehr. :D


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