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Diagnose: Schreibblockade

Challenge für 2024 - und wohl auch 2025 ;)
von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Hier lass ich doch mal einen kleinen Autorenkommentar da ;) Dieses Thema kam für mich echt unvorbereitet - gut, die anderen auch, aber das hier hat mich doch sehr aus dem Konzept geholt. Da war nicht beim ersten Lesen des Wortes sofort ein Bild vor Augen, sondern vor allem erst mal Irritation. Und der Gedanke "Was soll ich denn DAZU schreiben???". Alles in allem hat es trotzdem Spaß gemacht. Es hat mir gefallen, dass die heutige Challenge zwar nicht unbedingt meine Kreativität anregte, aber dennoch Anstoß war, um mir auf andere Weise so meine Gedanken zu machen - und mich und meine Gedanken während des Schreibens so genau zu beobachten. Statt einer Geschichte wurde in gewisser Weise eine Art Tagebucheintrag daraus, haha! Trotzdem hoff ich drauf, mich morgen wieder etwas kreativer austoben zu können ;) Komplett anzeigen
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Das war eine interessante Mischung! Einerseits hatte ich zwar beim Lesen des heutigen Themas schnell Abby vor Augen, wie sie einen Brief zerknüllt und mit ihrer Freundin spricht. Andererseits schleppte sich der weitere Verlauf dann ein wenig, bis die Ideen plötzlich doch richtig anfingen zu sprudeln - und dann schon der Gong ertönte. Darum ist die Geschichte heute auch recht kurz ausgefallen, obwohl eigentlich noch was zum Schreiben da gewesen wäre. Bin gespannt auf morgen! Komplett anzeigen
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Wird es jetzt zur Tradition, dass ich hier auch noch meinen Senf zu den Geschichten schreibe? Keine Ahnung, ich lass mich mal selbst überraschen ;)
Auch diese Geschichte war wieder eine lustige Mischung für mich. Die Themen am 1. und 2. Tag sagten mir sofort zu, aber bei Sauriern... na ja... ich gebe zu, da bin ich wohl ein wenig wie Svenja; auch ohne kleinen Sohn, der seit Monaten dafür schwärmt. Die einzigen Dinos, die ich je mochte, waren damals die Extreme Dinosaurs auf Super RTL (kennt die noch wer?). Ansonsten hatte ich damit nie viel am Hut und dachte jetzt beim Lesen des Themas "Was soll ich denn dazu schreiben? Das ist ja noch schlimmer als "hä" neulich". Ich kenne vielleicht ein, zwei Dinonamen, aber das war es dann. Es musste also ein Umweg her ;) Der wiederum hat mir echt Spaß gemacht! Komplett anzeigen
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Tag 6 und ich hab schon eine meiner Regeln gebrochen: Ich hab noch ein oder zwei Minuten dran gehängt... Ausnahmsweise ist das hoffentlich okay ;) Aber genau (höhö) auf diese "Erkenntnis" oder Aussage am Ende hatte ich hingearbeitet.
Beim Lesen des Themas fiel mir sofort eine Kommilitonin ein, die auch sehr oft in ihren Vorträgen "Genau" sagte, als wolle sie sich selbst damit versichern, dass sie alles richtig vorträgt. Oder weil es ein typisches Füllwort von ihr war? Jedenfalls fand ich das damals interessant und fragte mich, ob ihr das wohl auch schon mal aufgefallen war. Heute lag meine Schwierigkeit also darin, irgendwie ein paar Satze "Vorgeplänkel" zu produzieren, bevor ich wieder auf das eigentliche Thema zurückkommen konnte, haha :D
Habt ihr auch solche Füllwörter, die sich immer wieder in euren Sprachgebrauch schleichen? Ich habs ja u.a. mit dem "irgendwie"...

Ach ja, meine Kommilitonin hieß übrigens weder Linda noch Jones! ;) Und fragt mich nicht, warum das Ganze scheinbar an einer amerikanischen Uni spielt... seltsamerweise fühlte sich beim Schreiben ein "Miss Jones" passender an als ein "Frau Jones"... Komplett anzeigen
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Hättet ihr auf Anhieb gewusst, was eine Clavicula ist? Ich nicht. Da war ich beim Lesen des Dudenartikels froh, dass mir der deutsche Begriff mehr sagt - aber so richtig eine zündende Idee für die Geschichte kam mir trotzdem nicht. Stattdessen ging es mir eher wie Lilly am Ende der Geschichte. Aber irgendwie hab ich ja doch noch einen netten kleinen Text auf die Beine stellen können ;) Komplett anzeigen
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Neue geheime Regel der Challenge: Erst mal die Bedeutung des Themas nachgucken, haha :D Aber ich bin echt dankbar dafür, dass man mit nur einem Klick auf das Wort des Tages zur Definition kommt :) So, wie ich mich kenne, würde ich mich sonst ganz fix in Recherche und Abgleichen verlieren, obwohl der Fokus ja auf dem Schreiben liegt.
Oh und auch wenn es selbstverständlich ist: Der genannte Herr steht natürlich nicht stellvertretend für alle Sachbearbeiter! Wie in jedem Beruf gibts solche und solche und manchmal erwischt man leider jemanden, der einen schlechten Tag hat oder mit dem man nicht auf einer Wellenlänge liegt... Komplett anzeigen
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Mein erster Gedanke war tatsächlich, ob das heutige Wort des Tages ein Medikament ist XD"
"Kasperle" hab ich ja schon mal gehört, aber "Guignol"? Nope... Und dank meiner kaum existenten Französischkenntnisse fällt meine Aussprache auch entsprechend aus. Ich bleib also lieber bei "Kasperle" ;) Komplett anzeigen
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Ich glaub, das ist bisher die Geschichte, die mir am schwersten fiel... Komplett anzeigen
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Ich geb zu, an manchen Tagen verteufel ich es ja, dass ich für die Challenge das Wort des Tages nutze ^^" Heute war so einer. Aber war trotzdem ne gute Herausforderung! Ich kannte den Begriff zwar vorher schon und wusste grob, was Gummiarabikum ist, aber als es dann daran ging, daraus eine Geschichte zu machen, musste ich doch ein wenig recherchieren. Kennt ihr auch solche Begriffe, die ihr zwar kennt, aber im ersten Moment nicht näher beschreiben könntet? Komplett anzeigen
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Ich glaub, die Beiden wachsen mir ans Herz ;) Komplett anzeigen
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Ich glaub, meine kreativen Synapsen sind noch nicht richtig wach. Das ist vermutlich der kürzeste Text bisher, aber viel wichtiger: Bisher hab ich tatsächlich jeden Tag was geschrieben! :D Komplett anzeigen
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"Huch" fiel mir definitiv leichter als "hä" - da hatte ich zu Beginn die Qual der Wahl, worüber ich schreiben möchte und entschied mich schließlich zu einer kleinen Szenen, die ich vielleicht sogar irgendwann mal in einer richtigen Geschichte aufnehmen werde :) Falls noch mal ein passendes Thema kommt, werde ich vielleicht noch mehr über diese beiden erzählen und dann auch mal ihre Namen verraten. Komplett anzeigen
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Heute brauchte ich wieder ein, zwei Minuten mehr. Der Nachteil, wenn das eigentliche Thema erst am Ende aufkommt ;) Komplett anzeigen
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Das Wort des Tages ist zwar generell immer eine Überraschung, aber ich hab auch festgestellt, dass ich mit falschen Erwartungen in dieses Projekt gestartet bin. Dass auch lateinische oder österreichische Begriffe dabei sein könnten, hatte ich vorher nicht so richtig auf dem Schirm gehabt. Es ist definitiv spannend, was der Duden da parat hält! Manche Wörter sind nicht so meins, aber an anderen habe ich sehr viel Freude. Das heutige gehörte z.B. dazu. Die Geschichte hat mir Spaß gemacht und vielleicht ergibt ich irgendwann die Gelegenheit, sie noch weiter auszubauen :)
Außerdem freu ich mich, dass ich bisher noch keinen Tag verpasst hab - über die Hälfte der Challenge ist geschafft und bisher hab ich durchaus Lust, sie noch auszuweiten ;) Ich sollte spätestens an Tag 31 auch mal ein kleines Resümee schreiben, wie die Challenge allgemein so gelaufen ist. Nun aber genug des Vorgeplänkels, ab zur Geschichte ;) Komplett anzeigen
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Ich glaube, einigen von uns geht es wie Frank, oder? Komplett anzeigen
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Hab ich die Regel mit den 10 Minuten vielleicht noch mal gebrochen, weil ich unbedingt noch auf den wahren Grund der zerbrochenen Vase zu sprechen kommen wollte? Möglicherweise ;) Komplett anzeigen
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Na, wer kennt sie auch, die Hobbydoktoren? Anschließend hat Mick noch Dr. Google befragt ;) Komplett anzeigen
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Eigentlich ja voll mein Thema, aber vielleicht nicht unbedingt mein Tag. Heut war es etwas zähfließend mit dem Schreiben. Irgendwie hab ich aber trotzdem eine kleine Geschichte hinbekommen und das ist die Hauptsache! :) Jetzt schon seit 23 Tagen in Folge - Juhu!!! :D Komplett anzeigen
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Hier war mir sehr schnell klar, um wen sich die Geschichte drehen wird. Ich kenn die beiden Brüder schon sehr, sehr lange von einem Roman, den ich irgendwann einmal schreiben möchte. Darum habe ich mich mit ihren Namen auch sehr zurückgehalten - wie neulich bei der Geschichte zum "huch". Ich kann es schwer in Worte fassen, aber diese Geschichten haben für mich noch mal eine ganz andere Bedeutung als die anderen Geschichten dieser Challenge. Auch wenn ich es liebe, auf diese Weise schon kleine Szenen des Romans festzuhalten, fühlt es sich im Moment noch nicht richtig an, weitere Details preiszugeben. Wie z.B. die Namen. Darum hab ich dieses Mal auch eine der Challenge-Regeln gebrochen: Ich hatte zunächst den Namen des jüngeren Bruders genannt und mich im Nachhinein doch dazu entschieden, ihn raus zu lassen. Überraschenderweise gefällt mir die Wirkung, die der Text dadurch entfaltet, auch ganz gut! Es baut für den Moment vielleicht sogar noch etwas mehr Spannung auf, als wenn der Name direkt gefallen wäre, haha :D
Übrigens merk ich generell, dass diese Geschichten ohne Namen eine schöne Übung sind. Besonders, wenn zur Unterscheidung der Charaktere kein "er" und "sie" ausreichend ist, sondern weitergehende Überlegungen nötig sind, um darzustellen, wer gerade spricht und agiert :) Komplett anzeigen
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Wusstest ihr, dass man das als ein Wort zusammenschreiben kann? Ich, ehrlich gesagt, nicht. Komplett anzeigen
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Vorher noch nie gehört! xD" Meine erste Vermutung war: "Abwandlung von Hui?" Komplett anzeigen
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Heut hab ich mir irgendwie einen abgebrochen beim Schreiben XDD" Die Idee war da, aber die Umsetzung war ein Kraftakt. Hab während (!!) des Schreibens auch mehrfach korrigiert. Keine Ahnung, woran es lag. Jetzt im Nachgang wirds nicht mehr angefasst, aber ich schau gleich noch mal drüber und hoffe, es haben sich nicht noch mehr Fehler reingeschlichen ^^"
Aber eine Regel musste ich trotzdem brechen: Hab ein wenig überzogen, weil ich das zweite "Brr" unbedingt noch mit unterbringen wollte ;) Komplett anzeigen
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31 Tage und 31 Geschichten – Ich hab es tatsächlich geschafft und gerade die letzte Geschichte für diesen Monat fertiggestellt. Aber ich finde auch, dass es Zeit für ein kleines Resümee ist. Also folgt heute eine Extrageschichte zum Thema „Schreiben“. Ans Zeitlimit habe ich mich dieses Mal bewusst nicht halten. Komplett anzeigen
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Hatte ich gestern noch geschrieben, dass ich das Wort des Tages mag? Ich nehms zurück, haha XD Ui, da musste ich heute erst mal ein bisschen recherchieren, was das Wort genau heißt. Die Definition vom Duden brachte mich da nicht so wirklich weiter... Darum hab ich auch mal einen Beispielsatz einfließen lassen, den ich dazu fand - ich finde, so kann man es sich besser vorstellen, was bei "Mischform aus Hoch- und Niederdeutsch" gemeint ist :) Also ich kanns mir dann zumindest besser vorstellen ^^" Komplett anzeigen
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Ich frag mich manchmal, nach welchen Kriterien das Wort des Tages ausgesucht wird... Habt ihr schon mal von der Sage um den Zwergenkönig Laurin gehört? Ich nicht, daher musste ich erst mal ein bisschen recherchieren, ehe ich mich ans Schreiben begeben konnte. Ich hab mir auch für den Text etwas mehr Zeit als die 10 Minuten gelassen. Mal gucken, ob demnächst noch ein Thema kommt, mit dem ich die Geschichte fortführen kann :) Komplett anzeigen
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So schnell sieht man sich wieder *schmunzel*

Ich muss sagen, dass ich die Zeitvorgaben jetzt etwas lockerer nehme, tut mir gut :) Komplett anzeigen
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"Menno" dachte ich beim Lesen des heutigen Themas auch xD" Eigentlich kann man voll viel dazu schreiben, aber dieses Mal fiel mir kaum was ein... na ja, kommen wieder bessere Tage ;) Komplett anzeigen
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Fast wäre es "menno Part 2" geworden, weil das Wort des Tages heute früh noch nicht aktualisiert worden war... hoffentlich gehts morgen früh wieder schneller, ich hab mich inzwischen schon so an diesen Teil meiner Morgenroutine gewöhnt! :D Komplett anzeigen
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Routine wiederhergestellt ;) Ich hätte gern noch weiter geschrieben und hoffe jetzt, dass bald ein Thema kommt, mit dem mir das möglich ist :) Komplett anzeigen
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Aktuell hat Detlef es wirklich nicht leicht.. Komplett anzeigen
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Aktuell bemerk ich einen kleinen Durchhänger bei mir... die Ideen wollen nicht so sprudeln und auch die Wortwahl fiel mir schon mal leichter... Beispiel A: tief, tief, tief...alles tief dieses Mal. Kann man beim Lesen ja fast schon ein Trinkspiel draus machen, oh je xD" Hoffentlich wird das bald wieder besser :) Komplett anzeigen
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Bin zwar noch nicht richtig wach, aber alles in allem hats heut trotzdem wieder besser mit dem Schreiben geklappt :) Komplett anzeigen
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Memo an mich selbst: Sich von kleinen Rückschlägen und Tagen, die mal nicht so gut laufen oder an denen ich eigentlich keine Lust auf die Geschichte hatte, nicht entmutigen lassen! Manchmal muss man sich durch solche Situationen durchbeißen. Besonders die gestrige Geschichte hat mir im Nachgang sehr gefallen und auch heute lief es wieder deutlich flüssiger mit dem Schreiben :) Komplett anzeigen
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Aktuell wird meine Challenge auf eine harte Probe gestellt. Gestern hab ich eine schlechte Nachricht bekommen und muss jetzt mal schauen, ob und inwieweit sie sich auf dieses Projekt auswirken wird. Heute hats mit der Geschichte geklappt, wie wir sehen - vielleicht hilft mir das kreative Schreiben ja dieses Mal, statt wieder zu verebben? Komplett anzeigen
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Braucht ihr den Trubel der Stadt oder laugt der euch eher aus? Und falls ihr öfter mal in der Natur unterwegs seid: Habt ihr auch schon beobachtet, wie viele sich dort aufhalten und letztlich gar keinen Blick für deren Schönheit haben? Komplett anzeigen
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Vor ein paar Tagen war es ja schon einmal so gewesen, dass das Wort des Tages morgens noch nicht auf mich wartete und mich das aus meiner geliebten Routine riss - genau wie heute. Darum hab ich nun den Entschluss gefasst, in solchen Fällen auf das Archiv des Wort des Tages zurückzugreifen. Ich nehme das Wort, das mir als erstes ins Auge springt oder das, auf das ich ohne Hinsehen tippen werde. Heute war es Variante A: Während ich noch überlegte, ob ich noch etwas warte oder das mit dem Archiv wirklich etablieren möchte, sprang mir "Bö" ins Auge.
Wenn das eigentliche Wort des Tages nachher noch online kommt, schreib ich vielleicht noch eine zweite Geschichte. Mal schauen :) Komplett anzeigen
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Und hier kommt das eigentliche Wort des Tages. Und wer hätte da wohl besser gepasst, als unser juter, juter Dette, wa? Mal wieder was Lustigeres mit ihm ;) Komplett anzeigen
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Vermutlich sind es dieses Mal keine zehn Minuten gewesen - ausnahmsweise hab ich mal ohne Timer geschrieben :) Ach ja, heute früh hatte ich das Archiv-Wort übrigens per Zufallstreffer ausgewählt. Komplett anzeigen
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Heute etwas stockend und zähfließend - inklusive Korrekturrunde - aber irgendwie ist doch ein Text draus geworden ;) Komplett anzeigen
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Dreimal hab ich neu anfgefangen, bis ich dann mal in den Schreibfluss kam XD" Komplett anzeigen
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Hab es nicht so ausgearbeitet bekommen, wie ich wollte. Vielleicht überarbeite ich die Geschichte noch mal ein bisschen. Muss auch nicht so gute Schreibtage geben dürfen ;) Komplett anzeigen
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Zufällige Auswahl und nicht unbedingt mein Lieblingsthema, wie man wohl an der Länge des Textes sieht ^^"

Aber wie ist der zweite Monat der Challenge sonst so gelaufen? Er war vor allem wieder sehr lehrreich für mich. Im Januar lief der Alltag noch ein wenig ruhiger und ich hatte mehr Zeit für mich. Spätestens jetzt im Februar ist viel mehr zu tun und ich merke, dass mir manchmal die Lust oder die Ideen für die Geschichten fehlen. Ich spüre auch ganz deutlich: Me-Time heißt für mich, dass ich auch mal ein paar Stunden nur auf der Couch sitze, ein Buch lese und dadurch auch mehr Zugang zu meinen eigenen Ideen finde. Körperliche Auslastung tut mir zwar auch gut, aber meiner Kreativität und Phantasie hilft das andere viel, viel mehr. Und: Videos zu schauen oder Podcasts zu hören hat bei mir auch nicht denselben Effekt; egal, wie inspirierend die vielleicht auch sein mögen. Möglicherweise hilft mir auch die Ruhe beim Lesen, selbst mehr zur Ruhe zu kommen?
Im März gehts weiter und ich hoffe, diese Erkenntnisse stärker in meinen Alltag einbauen zu können, damit es mit dem Schreiben wieder besser läuft :) Komplett anzeigen
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Ich hätte selbst nicht gedacht, dass die beiden Jungs zu einer so fortlaufenden Geschichte werden XD Komplett anzeigen
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Ich weiß selbst noch nicht so richtig, wohin die Geschichte gehen soll, aber ich hab gerade Lust, sie weiter zu schreiben XD Komplett anzeigen
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Die Nacht war irgendwie zu kurz - das hab ich auch beim Schreiben gemerkt. Aber die Idee der Geschichte gefällt mir. Vielleicht schreib ich sie irgendwann noch mal neu :) Komplett anzeigen
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Gestern war nicht mein Tag und ich hatte den Kopf nicht für die beiden Jungs frei, aber ich freu mich, dass ich heute an ihrer Geschichte weiterschreiben konnte :) In 10 - 15 Minuten schafft man nicht allzu viel, daher hoff ich, dass in Kürze schon das nächste Wort kommt, das ich in die Fortsetzung einfließen lassen kann ;) Komplett anzeigen
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Noch mal aufsplitten wollte ich es nicht, darum dieses Mal ein etwas längerer Text :) Komplett anzeigen
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Heimliche zusätzliche Challenge im März: Möglichst viele Themen finden, mit denen ich an dieser Geschichte weiterschreiben kann XD Haha, nein, eigentlich nicht, aber im Moment passen die Worte doch ganz gut :) Komplett anzeigen
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Ja, ja, die Zeit. Schon faszinierend, wie man in "10 Minuten" plötzlich so viel Text reingequetscht bekommt ;)
Manchmal liegt der Fokus zwar nicht so sehr auf den Themen, aber solange sie wenigstens einmal im Text genannt werden, ist für mich die Challenge erfüllt :) Komplett anzeigen
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Die nächsten beiden Tage werden ganz schön voll bei mir... mal gucken, ob ich trotzdem planmäßig die Geschichten geschrieben bekomme :) Komplett anzeigen
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Und auch den heutigen Tag geschafft :) Mein Terminplan ist heute ganz schön straff, mal schauen, ob ich heute Abend noch die Zeit und Muse für das eigentliche Wort des Tages habe. Kommt vielleicht auch aufs Thema an. Lassen wir uns mal überraschen! Komplett anzeigen
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War das abzusehen? Vielleicht ;) Komplett anzeigen
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Mein Rechtschreibprogramm sagt, dass es das Wort nicht gibt - Duden ist anderer Meinung. Komplett anzeigen
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Eigentlich wollte ich das Archiv so wie das eigentliche Wort des Tages behandeln und auf jeden Fall etwas zu den Begriffen schreiben, die ich zufällig auswähle. Heute habe ich erstmals eine zweite Zufallsrunde gestartet, weil ich das erste Wort nicht nehmen wollte. Ich geh nicht darauf ein, welcher Begriff es ist, möchte hier aber meine Verwunderung darüber festhalten, dass es auch Themen gibt, die mir so sehr widerstreben. Das hätte ich vorher nicht gedacht. Bin mal gespannt, welches Wort des Tages nachher noch kommt. Hab grad schon noch Lust, eine zweite Geschichte zu schreiben ;) Komplett anzeigen
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Neuer Monat, neue Challenge ;) Und jaaa, die zehn Minuten waren heute wieder seehr lang XD Komplett anzeigen
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Eigentlich hatte ich den Text heute Morgen schon fertig, aber aufgrund der Länge war die Zeit doch etwas knapp und ich anschließend mit dem Ergebnis nicht zufrieden... ich hab es darum noch mal neu geschrieben, in Ruhe und ohne Zeitdruck. Nun gefällts mir besser :) Komplett anzeigen
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Also, wenn ich die Geschichten morgens vor der Arbeit schreibe, sollte ich mich doch an die 10 - 15 Minuten halten, sonst wird das alles ein biiiiisschen knapp XD"
Jetzt noch mal in Ruhe durchlesen, was ich da heute früh eigentlich fabriziert hab... Komplett anzeigen
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Und dann ging das Wettrennen los: Wer war schneller? Sven beim Schlecken oder das Eis beim Weglaufen? Komplett anzeigen
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Geschrieben hab ichs gestern schon, aber bin nicht mehr zum hochladen gekommen. War auch gut so. Hab grad ein bisschen was verändert und find es jetzt stimmiger :) Komplett anzeigen
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Könnte mir sogar eine Fortsetzung zu dieser Geschichte vorstellen :) Komplett anzeigen
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Da hätte ich aus dem Irrlicht fast einen Irrwicht gemacht...

Mal ein etwas anderer Text :) Komplett anzeigen
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Keine Sorge, ich hab diese Challenge nicht abgebrochen :) In den letzten Tagen hatte ich allerdings ziemliche Probleme mit dem Internet und die werden wohl leider auch noch ein paar Wochen anhalten. Ich muss also schauen, wann ich aktuell schaffe, etwas hochzuladen - teilweise muss ich sogar schauen, ob ich überhaupt einen Blick auf duden.de werfen kann. Schon bescheiden, wie abhängig man teilweise vom Internet ist, obwohl es auch viele tolle Seiten hat... Jedenfalls hat das meine Routinen ziemlich durcheinander geworfen und damit auch meine Motivation, hab ich festgestellt. Ich hab mir zwar damit weitergeholfen, dass ich einfach einen Blick in die Bücher, die ich aktuell lese, warf, um mir da dann ein Wort als Thema rauszusuchen, aber es ist doch nicht das gleiche... Wirklich zufrieden bin ich mit den Texten nicht unbedingt, aber hey, ich hab die Challenge weiter durchgezogen. Immerhin! Und damit wisst ihr auch, warum bei einigen Geschichten jetzt "Buch" dahinter steht.
Nun lade ich nach und nach die fehlenden Geschichten hoch und hoffe, dass bald wieder alles in alten Bahnen verläuft :) Und falls zwischendurch wieder eine Funkstille eintritt, dann wisst ihr den Grund dafür nun. Komplett anzeigen
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Letzte Geschichte für heute, bald sind wir wieder auf dem aktuellsten Stand :) Komplett anzeigen
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Rückstand aufgeholt :) Komplett anzeigen
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Waren wieder seehr lange 10 Minuten XD Eigentlich hatte zwischendurch stoppen wollen, aber dann wollten die Ideen doch noch fix weiter festgehalten werden, ehe sie wieder weg waren ;) Komplett anzeigen
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Nachdem ich die Geschichte grad fertig hatte, fiel mir auf, dass die ja im Herbst spielt und nicht im Frühling... ignorieren wir das an dieser Stelle mal, ok? XD" Paralleluniversum oder so... Komplett anzeigen
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Ich bin mal gespannt, ob und in welche Richtung sich diese Geschichte entwickelt... Ich hab das Gefühl, dass sie Potenzial hätte, aber ich hab sie jetzt so völlig spontan gestartet *grübel* Komplett anzeigen
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Ich weiß immer noch nicht, in welche Richtung das Ganze hier gehen soll xD" Komplett anzeigen
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Ist grad ne ganz seltsame Situation für mich.. bei anderen Geschichten entwickelten sich die Ideen so, dass ich nach jeder Szene schon drauf hoffte, ein bald wieder ein passendes Thema zu bekommen, um an ihnen weiter zu schreiben. Hierbei ist es nun genau umgekehrt: Ich überlege immer noch, in welche Richtung das Alles gehen soll und dann kommen am laufenden Band Themen, die sich perfekt für diese Geschichte anfühlen xD Komplett anzeigen
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Haha, ich hab letzte Tage noch gedacht, dass die neuen Worte des Tages aktuell ja immer sehr früh online kommen und ich schon lang nicht mehr aufs Archiv zurückgreifen musste - so viel dazu ;) Komplett anzeigen
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Bei diesem Teil der Geschichte hab ich mal wieder festgestellt, dass ich manchmal Szenen im Vorfeld ganz klar vor Augen hab und dann, wenns ans Aufschreiben geht, sind sie wie weggeblasen und lassen sich nur mühsam rekonstruieren. An anderen Tagen läuft es dafür dann wie aus einem Guss... Ihr Schreiberlinge da draußen, habt ihr das auch manchmal? Komplett anzeigen
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Bisschen länger geworden, aber ich wollte die Auflösung jetzt nicht noch weiter hinausschieben :) Komplett anzeigen
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Und mal wieder was Kürzeres xD Komplett anzeigen
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Heute mal nicht Steffen und Detlef ;) Habt ihr von den wiederkehrenden Figuren eigentlich einen Liebling? Oder vielleicht sogar jemanden, den oder die ihr überhaupt nicht mögt? Bin neugierig, wie die Meinungen zu Charas wie z.B. Saskia und Hellen, aber auch Bria oder dem Mäuschen sind ;) Komplett anzeigen
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Könnte bisher der längste Text geworden sein ^^" Aber das Schreiben macht grad so viel Spaß! :D Komplett anzeigen
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Gönnen wir Detlef heut mal ein bisschen Ruhe, damit er endlich seinen Döner aufgegessen bekommt ;) Komplett anzeigen
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Ich kann mich tatsächlich auch mal wieder etwas kürzer halten XD
Musste echt schmunzeln, weil das Thema letztens ja perfekt gewesen wäre ;) Komplett anzeigen
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Ich versuch die Geschichten auch mal wieder etwas kürzer zu halten :) Komplett anzeigen
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Irgendwie brauchte die Geschichte ja noch einen "Abschluss"... Komplett anzeigen
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Nein, ich hab mich nicht im Archiv verirrt, ohne es zu merken ;) Heute gabs tatsächlich ein Thema, das wir dieses Jahr bereits als regulären Begriff beim Wort des Tages hatten. Duden, was ist da los? XD Komplett anzeigen
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Dom ist müde und ich hatte heute nicht ganz so viel Lust, die Geschichte noch länger zu gestalten ^^" War ein recht trubeliger Tag, da darf man auch mal etwas weniger Bock haben ;) Komplett anzeigen
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Ich bin Team Frido xD Komplett anzeigen
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Vermutlich das längste Kapitel bisher, aber bei der Thematik wollte ich keinen Cut setzen, da ich ja auch nicht weiß, ob das morgige Thema als Anschluss passt. Komplett anzeigen
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Eventuell spukte mir dieser Part schon vor ein paar Tagen im Kopf herum, wurde von mir aufgeschrieben, um es nicht zu vergessen und beim heutigen Thema dachte ich mir dann: Passt wie Ar*** auf Eimer xD Komplett anzeigen
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Können die Themen bitte weiterhin so passend kommen? XD Komplett anzeigen
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Gestern noch gedacht, dass ein Begriff in diese Richtung prima passen würde - und zack XD Komplett anzeigen
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Puh... geschrieben hatte ich es gestern zwar schon, aber wollte vorm Upload gern noch mal einen Blick drauf werfen und das war mir dann gestern Abend doch etwas spät ^^" (Gut, bei der Wortmenge vielleicht auch kein Wunder XD")
Also heute dann sogar zwei Uploads. Komplett anzeigen
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Für heut mal keinen Roman XD Komplett anzeigen
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Ah, jetzt aber! :) Vorhin kam immer eine Fehlermeldung, wenn ich die heutige Geschichte hochladen wollte. Komplett anzeigen
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Susis Gesprächsanfang ist ein bisschen cringe, aber hey! Thema erfolgreich untergebracht XD Komplett anzeigen
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Bin aktuell gesundheitlich ziemlich angeschlagen und merke, dass das Schreiben dadurch gerade auch schwerer fällt... Ich überlege, ob ich die nächsten Geschichten weiterhin etwas kürzer halte oder die kommenden Themen notiere und die Geschichten dazu dann im Nachgang formuliere, wenn es mir wieder besser geht. So ganz zufrieden bin ich mit den letzten paar Stories nicht gewesen, aber ich würd auch ungern wieder auf unbestimmte Zeit in eine Blockade rutschen... Muss noch mal überlegen, wie es nun weitergeht. Sollte es jetzt zwischendurch etwas stiller um mich werden, wisst ihr aber zumindest, warum. Komplett anzeigen
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Ein bisschen im Rückstand... mal gucken, wie viele Geschichten ich heute nachgeholt bekomme :) Komplett anzeigen
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Eine Geschichte kommt gleich noch und dann sind zumindest ein paar Themen schon mal wieder aufgeholt :) Komplett anzeigen
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Aller guten Dinge sind drei. Nächste Geschichte dann hoffentlich morgen :) Vermutung fürs morgige Thema: Irgendwas mit Uhr bzw. Zeit(umstellung) XD Komplett anzeigen
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Doch nix mit Zeitumstellung XD Aber ich beschwer mich nicht! Passte noch besser zur heutigen Gesichte ^^ Komplett anzeigen
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Grad gemerkt, dass die andere Geschichte noch als Entwurf war... man sollte natürlich auch auf "veröffentlichen" klicken ;) Komplett anzeigen
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Duden gehen aktuell ein bisschen die Ideen aus, hab ich das Gefühl XD Beifall... Bravoruf... Was kommt als nächstes? Komplett anzeigen
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Rückstand für den Moment endlich mal wieder aufgeholt XD Komplett anzeigen
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Meistens hör ich beim Schreiben aktuell eher instrumentelle Musik, weil mich der Gesang schnell mal ablenken kann. Heute habe ich eventuell stattdessen Linkin Park hoch und runter gehört und mir meinen kleinen Lockenkopf vorgestellt, wie er z.B. bei Numb alles rauslässt... Komplett anzeigen
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Frohes Fest :) Komplett anzeigen
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Sehr überraschendes Thema dieses Mal, haha ;) Komplett anzeigen
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Und wieder aufgeholt :D Komplett anzeigen
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Letzte Geschichte für dieses Jahr und da die Story um Dom und Frido noch längst nicht beendet ist, gehts 2025 noch ein bisschen mit ihnen weiter... und mit Hellen und Steffen irgendwann auch noch. Versprochen ;) Aber nun erst mal: Einen guten Rutsch! Kommt gut ins neue Jahr! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Frohes neues Jahr! Ich hoffe, ihr seid alle gut in 2025 angekommen :)

Krass, dass dieses Projekt nun schon ins zweite Jahr geht! Eigentlich hatte ich etwa Mitte des letzten Jahres gedacht, ich schließe es mit dem gestrigen Tag ab und beginne heute ein neues, aber dann kamen Dominik und Frido um die Ecke (und Steffen und Hellen...) und haben gesagt: Nope, erst wird die Geschichte beendet!
Tja, dann mal gucken, wie lang diese Challenge noch wird, haha ;) Komplett anzeigen
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Und mal wieder was Kürzeres. Muss zwischendurch auch mal sein ;) Komplett anzeigen
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Mir gings ein paar Tage nicht so gut, also musste das Schreiben etwas pausieren. Aber jetzt wird aufgeholt :) Komplett anzeigen
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Ja, bei den vielen offenen Themen aktuell dachte ich mir, bau ich auch mal wieder was Kurzes ein, das nichts mit Dom und Frido zu tun hat. Wobei Ernest zu diesem Thema bestimmt auch was zu sagen gehabt hätte XD Komplett anzeigen
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Schaff ich heute noch eine vierte Geschichte? Ich geb mein Bestes - ansonsten dann morgen :) Komplett anzeigen
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Ach, Ernest... Komplett anzeigen
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Ich versuch mal noch ne kurze... dann hab ich fast wieder den aktuellen Stand erreicht :) Evtl. bis gleich ;) Komplett anzeigen
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Na, wer kennt solche Mathelerer auch (noch)?

Ansonsten: Für heute wars das dann erst mal an Geschichten ;) Komplett anzeigen
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Und wieder aufgeholt :) Komplett anzeigen
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Viel um die Ohren grad und den Kopf nicht ganz so frei fürs Schreiben gehabt. Hoffe, es wird nun wieder etwas ruhiger :) Komplett anzeigen
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Fallen die genannten Schimpfwörter schon unter adult? Nein, oder? Komplett anzeigen
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Kein literarisches Meisterwerk heute, aber zumindest eine Geschichte. Besser als nichts ;) Komplett anzeigen
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Ja, Duden, was ist das denn? Da sind Homepage und Instagram aber nicht so wirklich gut aufeinander abgestimmt, muss ich sagen!
Eigentlich bedien ich mich beim Wort des Tages immer an der Homepage, aber weil das heute erst sehr spät online kam, hab ich auf dem Instagram-Kanal vom Duden nachgeschaut. Und mich gefreut, dass es in den Storys schon veröffentlicht war! Dachte ich zumindest... Scheinbar war "Guggenmusik" aber noch das von gestern oder ist fälschlicherweise zwischenzeitlich da rein gerutscht. Jedenfalls taucht dort nun "sprießen" auf, während auf der Homepage inzwischen "Stutzertum" prangert.
Äh... joah. Heißt also, es gibt nachher vermutlich noch ne zweite Geschichte, bei der ich irgendwie "Stutzertum" unterbringen werde und wenn ich richtig gut drauf bin, darf "sprießen" zumindest einen Gastauftritt hinlegen. Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
So, jetzt aber wirklich von der Homepage... Na, wer tippt drauf, dass Ernest vorkommt? XD Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Vielleicht fällt jemandem von euch auf, dass ich dieses Kapitel gestern schon hochgeladen und kurz darauf wieder gelöscht habe. Ich hab aktuell einen recht guten Lauf, was die Aktualität der Geschichten angeht und wollte sie deshalb gestern unbedingt fertig haben. Letztlich war ich aber sehr unzufrieden. So sehr, dass ich besonders zum Ende hin sehr viel umgeändert habe. Deshalb meine Entscheidung, es nicht einfach nur zu korrigieren, sondern erst mal komplett offline zu nehmen. Hab heut den ganzen Tag an den Korrekturen gesessen, aber nun bin ich zufrieden damit :) (Sprachs und findet im Nachgang vermutlich zig Schreibfehler, die sie vorher übersehen hat XD") Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Um Spoiler zu verhindern, eine kleine Bitte: Ich hab auch ein kleines Nachwort eingefügt. Schaut da auch gern einmal rein :) Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Keine Sorge, ich hab nicht vergessen, dass hier ein Schreibprojekt auf meine Updates wartet ;) Die Wahrheit ist nur: Ich bin die letzten Tage gedanklich nicht rein gekommen. Weil mein Kopf sich plötzlich an einer neuen Geschichte festgebissen hat, argh! Ich muss mich grad also selber ein bisschen treten, um konzentriert an Fridos und Dominiks Geschichte weiter zu arbeiten bzw. sie mit gebührendem Ende fertigzustellen. Ich fänds selber schade, die letzten paar Schritte jetzt eilig "abzuarbeiten", nur, weil mein Fokus sich verschoben hat (und außerdem möchte ich ja auch noch Hellens und Steffens Geschichte beenden und nicht schon wieder was parallel anfangen...).
Kennt ihr das vielleicht auch, wenn ihr selber Geschichten schreibt? Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Yeah, bissl was aufgeholt! :) Mal gucken, ob ich die Geschichte zu "frühlingsfroh" heute noch anfange, ich vermute allerdings nicht, dass ich die auch noch hochgeladen bekomme ^^" Kopf braucht jetzt erst mal Päuschen... Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Diese Geschichte ist so ein Selbstläufer... Eigentlich weiß ich genau, was jetzt noch kommt, aber mal gucken, ob meine Charas das die nächsten Teile auch so sehen... xD" Komplett anzeigen
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Einen lieben Gruß an Nixchen, dass du Frido auf die Sprünge geholfen hast ;) Komplett anzeigen
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Langsam gehts voran :) Ich hab immer noch einen leichten Durchhänger, aber ich beiß mich da durch ;) Komplett anzeigen
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Weiter gehts :) Komplett anzeigen
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Mal wieder zurück zu den zehnminütigen Anfängen dieser Challenge ;)
Puh und damit auch wieder ein bisschen was aufgeholt, yeah! Mal gucken, ob ich vielleicht noch eine weitere Geschichte anfange. Wäre schon cool, die fehlenden Themen morgen wieder aufgeholt zu haben, aber versprechen kann ich nix ^^" Komplett anzeigen
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Geschrieben hab ich diese und auch die folgenden Geschichten sogar bereits zeitnah zu den Themen, aber besonders bei diesem Teil und dem, der hoffentlich morgen online kommt, wollte ich dann doch noch mal ganz in Ruhe drauf schauen, ehe ich es online stelle :) Komplett anzeigen
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Hatte ja schon angekündigt, dass ich nebenher bereits ein bisschen weitergeschrieben hatte ;) Komplett anzeigen
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Na, welche zwei Pappnasen das hier wohl geworden wären, wenn ihre Geschichte nicht inzwischen beendet wäre? *pfeif* Komplett anzeigen
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Mal eine kleine Frage am Rande: Weiß jemand, worauf sich bei den Fanfics "Letzte Änderung" bezieht und wofür eigentlich das "E:" und das "U:" bei den Kapiteln stehen? Frag ich mich deshalb, weil vorhin bereits der heutige Tag bei "Letzte Änderung" aufgeführt war, ich aber jetzt erst ein neues Kapitel hochlade ^^" Und nein, bearbeitet hatte ich in der Zwischenzeit auch keins der älteren Kapitel... *grübel* Komplett anzeigen
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Bei manchen Geschichten frag ich mich selber, wie ich darauf komme, aber... mein Kopf wills mir nicht verraten XD Komplett anzeigen
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Okay, keine Ahnung, warum das Kapitel grad zweimal hochgeladen wurde, aber hab ja noch einen Ersatz für die Doppelung ;) Komplett anzeigen
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Achtung, Thema Mobbing in der Schule. Komplett anzeigen
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Liebes Tagebuch... nein, kleiner Scherz ;) Im Moment hab ich einen ziemlichen Durchhänger, sowohl bei der Schreibchallenge als auch beim Überarbeiten von Fridos und Doms Geschichte. So ganz bin ich noch nicht dahinter, woran es liegt. Vielleicht daran, dass gerade ein Termin den anderen jagt und es gesundheitlich ein ziemliches Auf und Ab bei mir ist? Ich vermute, dass es daran liegt und hoffe, dass es bald wieder runder läuft - bei der Gesundheit und beim Schreiben.
Trotzdem arbeite ich jeden Tag zumindest ein bisschen weiter an den Geschichten, damit diese schöne Routine nicht wieder einschläft :) Komplett anzeigen
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Bei der anderen Geschichte hab ich mich irgendwie schwer getan, aber die hier hat Spaß gemacht :) Komplett anzeigen
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Kleiner Versuch, mal etwas Gruseliges zu schreiben... Komplett anzeigen
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Bitte mit einem kleinen Augenzwinkern verstehen ;) Komplett anzeigen
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Warum nicht die eigene Geschichte als Inspo für neue nehmen? Ich überarbeite ja aktuell die von Frido und Dominik und da ploppten natürlich auch zwischendurch mal Ideen auf, die nicht zu ihrer Story gepasst haben, aber evtl. ja mal irgendwann zu einer anderen passen könnten - oder halt zumindest (schon mal) für die Kurzgeschichten hier interessant sein können :) Komplett anzeigen
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Liebe Katzenmamis und Katzenpapis, stehen eure Schnurromaten auch so auf schwitzige Socken? XD Komplett anzeigen
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Wie gesagt, ich hab die Geschichte von Frido und Dom als Inspo genommen, aber das hier sind keine Ideen, die 1 zu 1 angedacht gewesen wären :) Komplett anzeigen
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Jetzt sagen wir alle dreimal hintereinander "Onomatopoetikum" und gucken hinterher, wessen Zunge die meisten Knoten hat ^^" Komplett anzeigen
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TW: Krebsdiagnose Komplett anzeigen
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Die letzten Wochen waren irgendwie schwierig und genau genommen ist das noch immer so. Körperlich ist es schon seit einigen Monaten kompliziert und emotional inzwischen oder momentan ebenso. Vielleicht die Nachwehen vom langen Kränkeln, vielleicht auch die zusätzliche Belastung durch einen Todesfall, vielleicht auch beides und noch mehr. Fakt ist jedenfalls, dass ich zwar jeden Tag geschrieben habe und teilweise auch echt lange Texte dabei raus kamen, aber am Ende ist der Großteil dann im virtuellen Mülleimer gelandet. Vielleicht mach ich mir auch wieder zu viel Druck... Die ersten überarbeiteten Kapitel von Dom und Frido haben die Messlatte recht hoch gelegt und dieses Niveau möchte ich beibehalten. Mir gefällt, was ich da rauskitzeln konnte, aber ich merke auch, dass die Geschichte zu Beginn eben nicht vollständig oder zumindest größtenteils durchdacht gewesen war, sondern sich mit der Zeit entwickelte. Dadurch hab ich einige Dinge aus dem späteren Verlauf, die sich eigentlich schon gut zu Beginn andeuten lassen oder einfach "Verhaltensweisen", die jetzt nicht mehr unbedingt nachvollziehbar sind. Beispielsweise ein Frido, der ein paar Kapitel nach Doms Unfall im Atelier von seinem Autounfall berichtet und später sogar erzählt, welcher Freund und Arzt ihm damals beigestanden hat und in der ursprünglichen Fassung trotzdem nicht sofort sein verletztes Puttputt zu Ernest schleppt. Macht im Gesamtbild also nicht mehr ganz so viel Sinn bzw. lässt ihn schon ein Stück weit als Arsch dastehen, sodass hier definitiv ein bisschen nachjustiert werden muss. Und da tu ich mich aktuell echt schwer mit... Ich habe Ideen, verwerfe Ideen, schreibe Ideen um und weiß am Ende nicht mal mehr, ob das, was ich da fabriziere, überhaupt zu meinen beiden Schätzchen passt. Es ist frustrierend und wirkt sich auch auf die Challenge auf, aber vor allem denke (hoffe) ich das Hauptproblem des Ganzen zu kennen: Schlafmangel. Seit Wochen. Ich kann mich zunehmend schlecht konzentrieren, bin im Kopf oft matschig und verliere die Zusammenhänge aus den Augen. Wenn ich dann aber doch mal eine etwas bessere Nacht hatte, merke ich, dass die Freude an der Geschichte zumindest in kleinen Teilen schnell wieder da ist - also arbeite ich gerade daran, meinen Schlaf zu verbessern und hoffe, dass damit auch das Schreiben bald wieder flüssiger läuft. Hier nun aber zumindest ein kleines Lebenszeichen von mir und auch ein kleines Update, da diese Challenge inzwischen ja ein bisschen so was wie ein Tagebuch für mich geworden ist. Zumindest, wenn es um meine Fortschritte und Rückschläge bei der Schreiberei geht :) Komplett anzeigen
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Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Ich glaub, Marcel mag die Familie von Lars nicht ganz so gern *lol* Komplett anzeigen
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Ihr Lieben, ich wünsche euch ein frohes neues Jahr, hoffe, dass ihr gut in 2026 angekommen seid und dass es für uns alle ein schönes Jahr mit vielen positiven Momenten wird :)

Vielleicht hört man an meinem Wunsch schon ein bisschen, dass 2025 nicht ganz so leicht für mich war. Unerwartete Rückschläge und Dinge, die mich teils ziemlich aus der Bahn geworfen haben. Ich bin dabei, sie zu bearbeiten und zu verarbeiten, aber dieser Prozess wird sicherlich noch eine Weile anhalten. Leider musste ich dabei auch feststellen, dass sich das Ganze auch aufs Schreiben ausgewirkt hat. Man sieht ja, wie unregelmäßig ich hier inzwischen noch hochlade...
Das finde ich zwar selber schade, aber ich habe auch gemerkt, dass es mir nicht hilft, wenn ich mir selber jetzt obendrein noch den Druck mache, jeden Tag - oder zumindest mehrfach die Woche - an der Challenge zu arbeiten. Nebenher überarbeite ich noch immer die Geschichte von Dominik und Frido und kann der schon nicht gerecht werden. In den vergangenen Wochen und Monaten hab ich mich wirklich mehr als ein Mal gefragt, wie ich es das Jahr davor zur gleichen Zeit eigentlich geschafft habe, fast täglich teils auch recht lange Kapitel rauszuhauen. Aber gut, so ist es nun einmal im Moment. Ich bleib trotzdem am Ball, auch, wenn es etwas mühsam vonstatten geht (und ja, manchmal frustriert es mich sehr, das geb ich auch zu). Am Ende seh ich trotzdem bei jedem Kapitel, das ich fertiggestellt bekomme, dass es die Mühe wert war. Das zeigt mir, dass es die richtige Entscheidung ist, das Schreiben nicht wieder für die kommenden Jahre an den Nagel zu hängen.
Ich merke allerdings auch, dass sich das Schreiben durch diese Umstände aktuell nach echt viel Arbeit anfühlt. Das beeinflusst den Spaß daran zusätzlich, aber ich habe immer noch die Hoffnung, dass es mir mit der Zeit wieder viel mehr Freude bereitet und diese Leichtigkeit von den ersten Monaten der Challenge wieder aufkommt, sobald die anderen belastenden Themen erst mal richtig beiseite geschafft sind.

Aber was bedeutet das nun für die Challenge? Ich hab 2025 jeden Tag die Begriffe des Worts des Tages notiert und werde hierzu nach und nach Geschichten schreiben. Das hab ich mir fest vorgenommen und auch, wenn ich noch nicht weiß, wie schnell ich damit bin, will ich daran zumindest festhalten. Ebenfalls möchte ich noch die Geschichte von Steffen, Detlef und Co. fertigschreiben. Hier überleg ich noch, wie ich am besten vorgehe. Klar, die Challenge würde sich weiterhin anbieten, aber solange ich mit Fridos Text an etwas arbeite, das länger und zusammenhängender ist, möchte ich mich ungern auf eine andere "richtige" Geschichte einlassen, die mehr als ein paar wenige Kapitel lang ist. Da muss und möchte ich einfach tiefer in das Geschehen eintauchen und hätte - vor allem aktuell - einfach die Sorge, mich am Ende komplett zu verzetteln, wenn ich das beides parallel schreiben würde. Genauso wenig möchte ich aber eigentlich auch, dass die Challenge jetzt ruht, bis es mit Steffen weitergehen kann. An sich war meine Idee, die Challenge nebenher locker weiterlaufen zu lassen...
Ich denke also, dass ich die kommenden Wochen über weiterhin die kleinen zehnminüter schreibe, um nach und nach die restlichen Themen von 2025 zu bestücken und wenn Frido fertig ist, guck ich mal, wie ich bei Steffen am besten anknüpfe. Evtl. nehm ich dann bereits vorhandene Begriffe aus der Challenge, die noch nicht in dessen Geschichte vorkamen oder ich fange wieder an, mir täglich was beim Wort des Tages rauszusuchen. Wir werden sehen. Das entscheide ich dann, wenn es so weit ist :)

Auf jeden Fall wollte ich an dieser Stelle mal ein kleines Update geben, wie gerade der Stand der Dinge ist und dass ich das Schreiben nicht schon wieder hingeworfen habe, obwohl zumindest hier gerade so wenig von mir kommt. Ich dachte mir, so wisst ihr, was gerade Sache ist und für mich selbst ist es irgendwie auch schön, dass ich auf diese Weise ein bisschen festhalte, wie sich das Schreiben im Verlauf der Challenge so entwickelt :) Komplett anzeigen

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1.1.2024: Konfetti

„Konfetti!“

Sie warf das bunte Zeug mit beiden Händen hoch in die Luft, als Sara den Raum betrat. War das gerade ihr Ernst? Nach diesem langen Arbeitstag hatte sie sich nur noch ihre Couch, eine dicke Portion Eis und vor allem eines herbeigesehnt: Ruhe. Und jetzt stand Silvy da, ihre beste Freundin seit Kindheitstagen, die sie trotz der gemeinsamen Zeit in über zwanzig Jahren scheinbar noch immer nicht kannte.

„Hattest du mir nicht versprochen, dass wir das dieses Jahr lassen?“, seufzte Sara und warf ihre Jacke an den Haken neben der Wohnungstür. Sie schob die Tür zu und stand stocksteif da, als Silvy schon dazu überging, sie mit lauten Juchzen und einer festen Umarmung zu begrüßen.

„Sei nicht so! Es ist dein Geburtstag!“, wiegte sie sich und Sara gleich mit – ob diese wollte oder nicht.

„Ja, ganz toll, ein Jahr näher an der 40 dran. Juhu.“, konnte Sara sich der Umklammerung endlich entwinden und schleppte sich zum Sofa, das den Mittelpunkt ihrer kleinen Einzimmerwohnung bildete.

Offene Küche, Parkettboden, Sofa – was brauchte man mehr? Es war ein wenig eng – aber das machte es auch irgendwie gemütlich. Die abgetragenen Möbel taten ihr Übriges dazu. Manche nannten es vielleicht Boho-Stil, sie nannte es Alles, was die Verwandtschaft nicht brauchte und ihr gab, damit sie sich das Geld für teure Anschaffungen sparen konnte.

„Sag mir aber bitte nicht, dass es heute noch mehr Überraschungen gibt.“, ließ sie sich auf die Couch fallen und den Kopf gegen die Lehne sacken, als Silvy einfach nicht aufhören wollte zu grinsen. Sara schwante Böses. Dieses Aufgedrehte kannte sie nur allzu gut: Gleich würde ihre Freundin wieder lospoltern, irgendeinen schrecklich lustigen Plan nennen und sie aus der Bude schleifen – ob Sara wollte oder nicht. Und da brach es auch schon los:

„Was wäre das für ein Geburtstag ohne Überraschung?“, klatschte sie in die Hände und Sara fuhr zusammen.

„Ich hab echt einen langen Arbeitstag hinter mir.“, versuchte sie zu protestieren, aber Silvy hörte längst nicht mehr zu. Sie sprang hinüber zu dem freistehenden, mintgrünen Kühlschrank – eine der wenigen Sachen, die Sara jemals gekauft hatte, weil sie ihr so gut gefielen.

„Es wird dir gefallen!“

„Das bezweifle ich…“, seufzte Sara und dachte an die vielen anderen Geburtstage, an denen Silvy sie irgendwohin geschleppt hatte. Zugegeben, am Ende war es gar nicht so schlecht gewesen, aber…

„Überraschung!“, hielt sie ihr eine Schachtel Donuts hin.

„Hä?“

Silvy grinste noch immer von einer Wange zur anderen.

„Happy Birthday!“, stellte Silvy die Donuts ab, holte eine Flasche Wein und zog eine DVD aus ihrer Hosentasche.

„Gemütlicher Filmabend mit gutem Wein und fettigen Leckereien!“

2.1.2024: Laib

Sie griff nach dem Laib Brot und setzte das Messer an. Es war ein schönes Brot, Graubrot, mit einer hübschen Mehlschicht darum, noch knusprig und duftend. Aber auch schwer. Schwerer und fester als diese einfachen Gebäcke aus farblosem Mehl, durchgesiebt, bis nichts als Weiß mehr übrig geblieben war. Ja, hier steckte noch Farbe und Kraft drin. Und Geruch. Und Geschmack – auch wenn der manchmal vielleicht ein bisschen gewöhnungsbedürftig war. Aber vor allem steckte Kraft darin. Kraft, die sie dringend benötigte, wenn es wieder hinaus an die Arbeit ging. Zurück in den Regen, zurück aufs Feld, zurück zu den Kartoffeln, die im herbstlichen Wind und Regen dringend aus der Erde geholt werden mussten, damit sie nicht verdarben. Es steckte viel Arbeit, Zeit und Hoffnung in diesen Kartoffeln. Sie mussten sie und ihre Familie über den Winter bringen. Einen strengen Winter, wie der Blick auf das Wetter des vergangenen Jahres ihr verriet. Ein Blick auf die Wolken und Temperaturen, die Regenfälle und Sonnenstrahlen. Vor allem aber auch ein Blick auf die Bäume und anderen Pflanzen um sie herum. Das Grün und wann es im Frühjahr erstmals erschien, wie satt es den Sommer über wurde, geziert von Beeren, Nüssen und anderem Obst. Die Fülle an Süße, die damit einhergegangen war – aber auch die Fülle an Verderb, als die großen Plagen an Wespen und Hornissen einen Großteil dieser üppigen Ernte vernichtet hatten, noch bevor die Früchte richtig reif gewesen waren. All das waren Zeichen für einen harten Winter. Einen langen Winter. Also mussten die Kartoffeln als Basis genügen. Viel anderes blieb nicht, das sie den gesamten Winter über einkellern konnten. Ein paar Rüben, wenn die Mäuse sie nicht bereits vertilgt hatten. Aber die brauchte sie auch Größtenteils für das Vieh. Auch das wollte den Winter über versorgt sein, sich nicht nur vom Heu ernähren. Und sie wiederum brauchte das Vieh, brauchte die frische Milch, die Eier, den Käse und ja, manchmal, wenn es gar nicht anders ging, auch ein bisschen Fleisch. Aber daran dachte sie nur ungern. Erst wollte sie sich an den anderen Vorräten bedienen, die letzten Kohlköpfe noch zu Sauerkraut verarbeiten und wenn die Eichhörnchen ein paar übrig ließen, den Vorrat um Walnüsse ergänzen. Oder Pilze, jetzt war die Zeit dafür. Am Herdfeuer konnte sie sie auch trocknen. Die Vorstellung gefiel ihr deutlich besser. Und vielleicht hatte sie Glück, dass der strenge Winter vor allem mit Kälte und weniger mit meterhohem Schnee kam? Dann konnte sie wenigstens das mühsam gesparte Geld nehmen, um im Notfall den dreistündigen Ritt ins Dorf zu wagen und dort ein paar Lebensmittel zu kaufen.

3.1.2024: hä

Hä?“ - Ja, das entsprach auch in etwa meinem ersten Gedanken, als ich dieses Mal die Seite zum Wort des Tages öffnete. Hä? Ernsthaft? Ich klickte es an, um die Bedeutung nachzulesen. Versteckte sich vielleicht noch mehr dahinter, als ich im ersten Moment wusste? Nein, eigentlich nicht. Entweder als Fragewort bzw. um eine Frage gewissermaßen zu verstärken oder Ausdruck des Nichtverstehens. Lustig sind irgendwie auch die Synonyme dafür: „Bitte, ich habe Sie nicht verstanden, was haben Sie gesagt?“. Eigentlich kurios, wie einfach aus einem derart langen Satz mit nur zwei Buchstaben und einem Fragezeichen die gleiche Bedeutung herausgeholt werden kann, oder? Oder ist es in diesem Fall „dieselbe Bedeutung“? An sich kenne ich den Unterschied zwischen „das Gleiche“ und „dasselbe“ recht gut, aber manchmal überkommt mich dann doch die Unsicherheit. In manchen Situationen wird dann aus dem „Na klar!“ doch ein „hä?“. Damit wären wir wieder beim Thema… Und ja, ich habe durchaus gemerkt, dass ich innerhalb weniger Sätze von der Vergangenheit in die Gegenwart gerutscht bin. Vielleicht, weil… tja, warum eigentlich? Ich glaube, weil ich anfangs tatsächlich noch eine Geschichte zum „“ schreiben wollte und dann stattdessen ins Philosophieren darüber abgerutscht bin.

Hä? Ist Philosophieren an dieser Stelle überhaupt das richtige Wort? Hm…

Hm“ ist auch so ein Wort: nur zwei Buchstaben, aber manchmal mit sehr viel Aussagekraft. Hm.

"Hm" beschreibt auch den Zustand ganz gut, wenn ich zwischendurch ins Stocken gerate. Die anderen beiden Texte, die ich in dieser Challenge bisher schrieb, fielen mir doch deutlich leichter. Das sehe ich auch jetzt schon an der Länge des Textes. Der kleine Timer, der im Hintergrund läuft und in der Mitte einen kurzen Gong abgibt, hat mir bereits verraten, dass ich schon über die Hälfte der Zeit hinter mir habe und trotzdem stehen hier erst so wenige Sätze. Aber na ja, manchmal fällt einem nicht so viel ein. Eigentlich bin ich ja schon stolz, überhaupt irgendwas zum „“ schreiben zu können. Und wieder schleicht sich das „hm“ heran. Dieses Mal, weil ich es spannend finde, meine eigenen Gedankengänge zum „“ zu beobachten – aber das kann ich jetzt nicht mehr näher ausführen. Noch ein Gong und schon sind die zehn Minuten vorbei…

4.1.2024: Scheibenkleister

„Scheibenkleister!“

Sie knüllte den Brief zusammen und feuerte in auf den Tisch. Ein tiefes Seufzen begleitete ihr Kopfschütteln.

„Sag ruhig Scheiße, Abby!“, saß Susie ihr gegenüber und nippte an ihrer Bierflasche. Während ihre Freundin die Arme auf dem Tisch verschränkte und mehrmals mit der Stirn gegen die Unterarme haute, saß sie recht entspannt auf ihrem Stuhl und ließ den freien Arm über die Lehne baumeln.

„Der Kleine liegt nebenan und schläft. Ich will nicht, dass er mich fluchen hört. Und dich auch nicht!“, knurrte Abby, raufte sich die Haare und blickte Susie düster an, die schon wieder ihre Flasche ansetzte.

„Wenn er eh schläft…“, zuckte die die Schulter und konterte mit einem „Hey!“, als Abby ihr die Flasche wegzog.

„… Und das könntest du auch mal lassen!“

Sie stellte die Flasche neben sich und ließ sich zurück auf ihren Stuhl fallen. Nach einem kurzen Funkeln aus Susies Augen legte sich schnell wieder Milde in das Kastanienbraun, als sie die Verzweiflung ihrer Freundin besah.

„Komm schon, Abbs, lass dich nicht so runterziehen“, legte sich ein schiefes Lächeln auf Susies Lippen, mit dem sie ihre Freundin bisher noch jedes Mal aus einem Tief hatte holen können. Dieses Mal etwa nicht?

„Du hast doch grad selbst gesagt, dass es Scheiße ist!“, deutete sie fahrig auf den zerknüllten Brief, um dann doch ein wenig die Mundwinkel nach oben zu ziehen, als Susie meinte:

„Scheibenkleister! Nicht vergessen!“.

„Du bist gemein!“, konnte Abby sich ein kleines Lachen nicht verkneifen. Doch sie wurde schnell wieder ernst.

„Mami, was ist denn hier los?“, stand ihr Vierjähriger in der Tür, rieb sich müde die Augen und hielt sein Kuscheltier fest umklammert.

„Nichts, mein Schatz, Tante Susie ist nur mal wieder zu Besuch!“, huschte Abby schnell zu ihm hinüber und gab ihm einen Kuss.

„Hey, Großer!“, hob Susie die Hand und erhielt ein zufriedenes Grinsen von ihrem Patenkind.

„Schicke Zahnlücke!“, zwinkerte sie und sah den Stolz des Kleinen.

„Hat auch gar nicht weh getan!“

5.1.2024: Saurier

„Und was wünschst du dir zum Geburtstag, mein Kleiner?“

„Saurier!“

Svenja seufzte, seit Monaten hatte ihr Sohn nichts anderes mehr im Kopf. Aber sie behielt ihr Lächeln bei und nickte, er sollte nicht merken, dass ihr das Thema inzwischen ganz schön auf den Geist ging.

„Ja, Saurier sind toll, aber wie wäre es denn vielleicht mal mit was anderem? Einem Traktor zum Beispiel, hm?“

Der fast Siebenjährige schüttelte vehement den Kopf.

„Nein! Saurier!“

Er verschränkte die Arme und schob seine Unterlippe vor.

Noch ein Nicken seiner Mutter. Bockige Kinder in Verbindung mit Sauriern – blieb ihr gar nichts erspart?

„Na schön, was für einen Saurier möchtest du denn?“

Da fing der Sohnemann direkt wieder an zu strahlen – noch mal gerettet!

„Einen echten!“

Svenja stockte.

„Hä?“

„Ja! Einen ganz echten! Die Marie hat gestern in der Schule von einer Aus..Ausste…“

„Ausstellung?“

Ihr Filius nickte eifrig.

„Eine Ausstellung mit echten Sauriern?“

Das Nicken wurde immer eifriger.

„Und da möchtest du reingehen?“

„Jaaa! Und…“

Plötzlich wurde er kleinlaut, fast verlegen. Svenja schmälerte die Augen, grinste ihn verschmitzt an und hatte da schon so eine Ahnung…

„Und was?“, beugte sie sich leicht zu ihm vor.

Er hatte die Verschränkung seiner Arme längst gelöst und nun stattdessen die Hände hinter dem Rücken, wo die Finger einander kräftig kneteten. Plötzlich war auch der Teppichboden sehr interessant – oder zumindest sein Fuß, der unruhig über das helle Beige glitt und ein paar Flusen jagte.

„Und… na ja… vielleicht… also… Marie sagte, dass das ganz toll sein soll, da…“, nuschelte er und wieder hob und senkte ein wissendes Nicken Svenjas Schopf.

„Vielleicht sollten wir Marie dann zu dem Ausflug in die Ausstellung einladen, weil sie so lieb war, dir davon zu erzählen, hm?“, fragte sie beinahe beiläufig und sah ihren Filius sofort über beide Wangen grinsen.

„Einverstanden?“

„Jaaa!“

„Alles klar, dann frag sie morgen mal, ob sie mit möchte und ob ihre Eltern es erlauben, hm?“

„Mach ich! Jetzt muss ich aber schnell ins Bett, Mama!“

„Damit schneller morgen ist!“

„Ja!“

Svenja grinste, während sie Paul dabei zusah, wie er ins Bad huschte. Vielleicht waren Saurier bald ja doch kein so großes Thema mehr und beim Betreten von Pauls Zimmer käme man sich nicht mehr wie in Jurassic Park vor. Andererseits, wenn Marie die Viecher auch so toll fand…?

6.1.2024: genau

„Genau!“

Sie ließ ihren Notizzettel sinken, atmete aus und schaute auf die Menge vor sich.

„Noch Fragen?“

Ihre Blicke huschten über die Gesichter, die sie zumeist ausdruckslos anstarrten. Nur in einem lag ein Lächeln. In der ersten Reihe, so platziert, dass sie während ihres Vortrags immer wieder zu ihm hatte schauen können, ohne ihn in dem Wust aus Augen und Nasen erst suchen zu müssen.

„Danke, Miss Jones, ich glaube das war alles.“, erhob sich der Dozent am linken Rand des Hörsaals und ging auf sie zu, als niemand sich mehr zu Wort meldete. Sie nickte, reichte ihm mit zittriger Hand die Fernbedienung für den Teleprompter.

„Das war ein guter Vortrag.“, blickte er sie einen kurzen Moment eindringlich an und nahm ihr die Fernbedienung ab. Augenblicklich sanken ihre Schultern hinunter und die Erleichterung zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht.

„Vielen Dank, Professor!“, nickte sie und lief hinüber zu Jonathan, der ihr die guten Neuigkeiten bereits ansah.

„Na, was hab ich gesagt?“, grinste er.

„Du schaffst das schon!“

„Meine Damen und Herren!“, setzte der Dozent an, als Linda Jonathan gerade antworten wollte und brachte das aufkommende Raunen noch einmal zum Schweigen. Allerdings nur für wenige Minuten, da das Ende der Stunde bereits erreicht war.
 

„Puh, bin ich erleichtert!“, sammelte Linda ihre Sachen ein und schob sich mit Jonathan durch die Tür der Mensa.

„Endlich den letzten Vortrag für dieses Semester geschafft!“

Jonathan schmunzelte.

„Dass du dir da immer im Vorfeld solche Gedanken drum machst. Du hast doch immer Topnoten!“, knuffte er sie in die Seite und sie zog die Mundwinkel nach unten.

„Ja, schon…“, murmelte sie.

„Aber?"

„Ich habs schon wieder gemacht“, murrte sie.

„Was?… Aah, du meinst…“

Genau…“

„Genau.“, grinste er und fing an zu lachen, als dieses Mal Linda ihn knuffte.

„Ich meins Ernst! Immer wieder sag ich in meinen Vorträgen „genau“ – das nervt mich selbst so!“

Er hob die Schultern und legte seinen Arm dann um ihre.

„Tja, irgendeine Macke hat halt jeder von uns.“

7.1.2024: Clavicula

„Clav… was..? Cla…“

Lilly hob die Augenbrauen, schüttelte den Kopf und beugte sich wieder über ihr Buch.

Clavicula“, stellte sich ihre Mutter neben sie, blickte über ihre Schulter und trocknete dabei weiter eine Tasse ab.

„Schlüsselbein.“, ergänzte sie und ging zurück zur Spüle.

„Ja, steht auch in klein drunter, aber mal ehrlich, warum müssen wir die lateinischen Begriffe lernen? Kann doch kein Mensch aussprechen.“, murrte sie und lehnte sich seufzend gegen die Rückenlehne.

„Das ist leider so. Du lernst aus allen Bereichen des Lebens etwas in der Schule und kannst dich dann hinterher besser darauf fokussieren, in welche Richtung es beruflich für dich gehen soll.“, stellte ihre Mutter die Tasse in den Schrank und griff sich die nächste.

Es war auffällig ruhig, also drehte sie sich wieder zu ihrer Tochter, deren ungläubiger Blick noch immer auf ihr ruhte.

„Glaubst du das grad selbst, was du da von dir gegeben hast, Mama?“

Die Ältere konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

„Klang doch zumindest ein bisschen pädagogisch wertvoll, oder?“

Beide begannen zu lachen. Lilly hatte ihre Mutter schon selbst so einige Male den Kopf darüber schütteln sehen, was bei ihrer Tochter auf dem Unterrichtsplan stand – und sich mitunter seit ihrer eigenen Schulzeit noch immer nicht geändert hatte.

„Also Ärztin will ich schon mal nicht werden, dann kann ich den Kram doch einfach weglassen.“, streckte sie die Zunge raus und verschränkte die Arme.

„Tja, wenn das nur so einfach wäre, meine Süße. Aber ich befürchte, das wird deine Lehrerin dir dann mit einer entsprechenden Note quittieren.“, ging ihre Mutter an ihr vorbei und hauchte ihr einen Kuss auf den Schopf. Lilly verzog das Gesicht. Wie Recht ihre Mutter da bloß hatte. Zumal die Lehrerin sie ohnehin schon nicht so gut leiden konnte. Zu fantasievoll sei sie. Oft genug nicht mit den Gedanken bei der Sache. Lilly rollte mit den Augen, wenn sie sich das Gemeckere nur vorstellte. Dann fiel ihr Blick zurück auf ihr Biologiebuch.

Clavicula – Schlüsselbein

Eigentlich ist „Schlüsselbein“ ein viel interessanteres Wort, dachte sie. Ein Bein voller Schlüssel. Oder war das Schlüsselbein etwas, womit man Schlösser öffnen konnte? Ein Schlüssel auf Beinen – auch eine nette Idee! Wie kam man darauf, diesen Knochen so zu nennen und wer hatte die Idee dafür? Standen irgendwann mal irgendwelche Gelehrten um einen Toten herum, deuteten nacheinander auf die Knochen, nannten Namen und dann kamen sie zum Schlüsselbein und ihnen gingen die Ideen aus? Es hat zwar nichts mit dem Bein zu tun und ist auch überhaupt nicht in dessen Nähe, aber dem Brustbein hatten sie schon einen Namen gegeben und nun wurden für das Schlüsselbein einfach wild Begriffe zusammengewürfelt?

8.1.2024: arbiträr

Sie saß in dem kleinen, stickigen Büro vor dem viel zu großen Schreibtisch, der über die Hälfte des Raums einzunehmen schien. Mit jedem Wort ihres Gegenübers fühlte sie die Ohnmacht in sich wachsen und ihre Finger sich fester in ihre Handtasche krallen.

„Aber…“

Es war nicht das erste Mal, dass sie zu Widerworten ansetzte, die ungehört verhallten. Sie fühlte sich so macht- und kraftlos.

Endlich schloss ihr Gegenüber den Mund, ohne ihn sofort wieder für die nächste Belehrung zu öffnen.

„Sind Sie fertig?“, versuchte sie noch einmal etwas zu sagen und blickte nun auch endlich zu dem Sachbearbeiter auf. Die letzten gefühlte Ewigkeit über hatte sie das nicht geschafft; ihre Augen auf die vollgekritzelte Schreibtischunterlage geheftet.

„Ja und wenn Sie keine Fragen mehr haben, kümmere ich mich jetzt um den nächsten Kunden.“, winkte er ab und sich gleichermaßen Luft zu. Es war ein warmer Sommertag – drinnen wie draußen.

„Viel Glück auf Ihrem weiteren Weg“, schob er noch hinterher und sie begann die Stirn zu runzeln.

„Sie haben mir gerade gesagt, dass mir wegen eines kleinen Formfehlers drei Monate Arbeitslosengeld gestrichen werden. Weil ich selbst gekündigt habe, nachdem ich es auf meiner alten Stelle nicht mehr aushielt. Wegen Gründen, die ich mehrfach versucht habe Ihnen zu erklären. Und dann halten Sie mir erst einen Vortrag darüber, dass ich selbst Schuld sei, diese Sperre zu kassieren und jetzt so ein halbgarer Wunsch, dem ich anhören kann, wie wenig Sie ihn ernst meinen?“

Sie blickte ihn fest an und fühlte plötzlich ihre Kräfte zurückkommen. Meinte dieser Kerl wirklich, sie hätte nicht gemerkt, wie seine Arroganz mit jedem Wort gewachsen war? Wie er auf sie hinunterblickte? Jetzt guckte er hingegen überrascht, um im nächsten Moment eine Zornesfalte auf der Stirn zu bekommen. Dieses Mal war er es, der ansetzte, aber nicht zum Sprechen kam. Zu sehr verwunderte ihn ihr plötzliches Aufstehen.

„Ich hab vielleicht nur einen Hauptschulabschluss, aber ich bin nicht dumm. Und faul erst recht nicht! Und was Ihre genannten Maßnahmen angehen: Die sind absolut arbiträr! Ich weiß, dass Sie durchaus Möglichkeiten gehabt hätten, meine Sperre zumindest etwas kürzer zu halten! Schönen Tag!“, drehte sie sich halb zum Gehen und konnte doch nicht umhin, noch eine Sache auszusprechen: „Da Sie so verdutzt gucken, bin ich noch so nett, das eine Wörtchen einmal für Sie zu übersetzen: Willkürlich, mein Herr. Arbiträr heißt willkürlich. Gern geschehen.“

9.1.2024: Kochbox

„Du willst was?“

Er hob die Augenbrauen und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Eine Kochbox anbieten.“, wiederholte sie ihren Vorschlag, mit dem sie ihren Mann drei Sekunden vorher aus dem Lesen der Tageszeitung gerissen hatte.

„Wie kommst du denn jetzt darauf?“, legte er die Sportnachrichten beiseite und lehnte sich auf dem Stuhl zurück.

„Weil wir uns nicht nur auf den Hofladen verlassen sollten.“

Wieder schüttelte er ungläubig den Kopf.

„Überleg mal, der Hofladen läuft zwar gut, aber wir könnten auf die Weise noch mehr Kunden erreichen.“

„Und wie stellst du dir das vor?“, verschränkte er die Arme und seufzte aus. Irgendwie mussten die Waren schließlich auch zu den Kunden hin kommen.

„Wir bieten die Box im näheren Umkreis an, um sie selbst ausliefern zu können. Vielleicht an alle Haushalte in… 25 km? Aber das können wir noch besprechen. Ich dachte daran, immer eine bunte Mischung unserer Gemüse- und Obstsorten dort rein zu tun. Vielleicht auch ein paar Produkte von den Schulzes dazu oder von Imker Beering. Mit denen sind wir ja eh schon im Gespräch, ob wir ihre Produkte mit in unseren Hofladen aufnehmen.“

„Und du meinst, dass die Kunden das annehmen?“

Er wiegte zweifelnd den Kopf.

„Ja. Außerdem möchte ich nicht nur unsere Waren anbieten, sondern auch gleich noch Rezepte dazu legen.“

„Rezepte?“

„Genau. Ich hab schon so oft Fragen gestellt bekommen, wie man Gemüse x und Obst y am besten verarbeiten kann.“

Sie nippte an ihrem Kaffee und schaute ihren Mann an. Er zeigte sich noch immer zögerlich, aber nicht gänzlich abgeneigt. Eine weitere Einnahmequelle neben Hofladen und Marktgeschäft wäre sicherlich nicht verkehrt und das Eine könnte das Andere zudem fördern.

„Es ist zwar erst mal eine grobe Idee, aber es treibt uns ja auch niemand, gleich nächste Woche unsere erste Kochbox anzubieten, oder? Ich könnte erst mal einige Rezepte erstellen und eine Auflistung machen, welche Produkte wir wann anbieten. Vielleicht ergibt sich auch noch mal was Neues beim nächsten Gespräch mit Beering und den Schulzes – apropos, die wollen übermorgen noch mal her kommen. Soll ich sie dann mal auf das Thema Kochbox ansprechen?“

Endlich legte sich ein Lächeln auf seine Lippen. Er nickte und meinte: „Ja, mach das ruhig.“

10.1.2024: Guignol

Er zog die Augenbrauen hoch und trat hinter sie, während sie noch immer glückselig in die verstaubte Kiste vor sich blickte.

„Noch mal, was hast du da gefunden?“, wagte er kaum, ihr über die Schulter zu schauen und war schließlich völlig irritiert, als sie in die Kiste griff, um eine alte Kasperlefigur hervorzuziehen.

„Der Guignol!“, strahlte sie ihn an und bedachte die Puppe dann wieder mit einem liebevollen Blick.

Er nickte kurz und ließ die Schultern wieder sinken. Im ersten Moment hatte er den Namen eines Betäubungsmittels verstanden und sich doch arg gewundert, was ihr verstorbener Großvater damit gewollt hatte. So sehr sie ihren Opa auch vergötterte, er hatte ihn immer etwas kauzig gefunden und auch jetzt fühlte er sich nicht gerade wohl dabei, den Dachboden zu entrümpeln und in diesem Meer an Kisten unterzugehen. Vor allem, wenn die kleine Funzel an der Decke so wenig Licht spendete.

„Vielleicht sollten wir den ganzen Kram erst mal runter schaffen und bei Tageslicht anschauen.“, murmelte er und schaute sich wieder einmal voller Unbehagen um. Sie hatte ihm allerdings gar nicht zugehört.

„Ich erinner mich noch, wie er mir früher immer Geschichten vorspielte.“, zog sie die Puppe auf die Hand und hielt sie ihrem Freund vors Gesicht. Sie war den Tränen nahe, während sich das Püppchen zu einer stummen Melodie bewegte und er konnte bei allem Unwohlsein nicht anders, als ihr doch ein kleines Lächeln zu schenken.

„Du vermisst ihn wirklich sehr, hm?“, nahm er sie in den Arm und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie nickte und schluchzte.

„Er war manchmal schwierig, aber ich kam immer gut mit ihm aus. Er hat mir so viel erzählt und beigebracht. Es war immer schön, hier zu Besuch zu sein.“, löste sie sich mit einem dankbaren Lächeln aus der Umarmung und suchte in der Kiste nach anderen Puppen, die ihr eine nach der anderen das Herz aufgehen ließen.

„Einige von denen hat er selbst geschnitzt! Er konnte wirklich alles, was mit Handwerk zu tun hatte!“, berichtete sie stolz und wischte sich eine Träne von der Wange. Ja, handwerklich hatte ihrem Großvater niemand was vorgemacht, nur menschlich hatte er so seine Probleme gehabt.

„Aber auch nur, weil die wenigsten Leute sich mal die Mühe machten, ihn richtig kennen zu lernen“, murmelte sie und schüttelte den Kopf, als ihr Freund nachfragte, was sie gerade gesagt hatte.

„Ich dachte nur, dass einige Püppchen geflickt werden müssten und vielleicht könnten wir sie danach ja einem der Kindergärten spenden?“

„Das ist eine schöne Idee“, lächelte er und wurde plötzlich skeptisch.

„Aber spielen Kinder heutzutage überhaupt noch mit Puppen?“

Sie blies die Backen auf und stützte die Hände in die Hüften.

„Na, Danke, jetzt fühl ich mich steinalt!“

Beide begannen zu lachen.

11.1.2024: stibizen

„Er macht es schon wieder.“, saß sie am Fenster, die Arme auf der Fensterbank verschränkt und den Kopf darauf abgelegt.

„Da!“

Ihr Kopf hob sich und beobachtete gespannt das Treiben vorm Fenster.

„Dass dir das nicht irgendwann langweilig wird.“, stellte sich ihr Freund hinter sie und schaute ebenfalls hinaus ins weite Großstadtgrün.

„Mich wundert es ja eher, dass hier überhaupt so viele Tiere zu sehen sind.“, ließ sie den Kopf wieder auf ihre Arme sinken.

„Ja, manchmal überrascht es einen wirklich.“, murmelte er und verschränkte die Arme.

„Da ist er wieder!“

Erneut schnellte ihr Kopf hoch, die Augen gebannt auf die Dachterrasse gerichtet, an deren Ende ein Futterhäuschen mit Nüssen und Samen stand. Direkt an die Terrasse grenzten einige Birken, die in regelmäßigen Abständen verdächtig raschelten, ehe zwei schwarze Knopfaugen zum Vorschein kamen.

„Ganz schön flink!“, schmunzelte er.

„Und dreist!“, legte sie den Kopf schief, als das Eichhörnchen zum wiederholten Male auf die Dachterrasse sprang und zum Futter hinüber huschte.

„Guck dir mal an, wie die Vögelchen zetern!“, mischten sich Empörung aber auch Faszination in ihre Worte. Wer hätte beim Aufstellen des Futterhäuschens gedacht, dass es nicht nur geflügelte Besucher gäbe?

Er fing an zu lachen.

„Der kleine Kerl hat wirklich keine Angst!“

„Macht er immer so...“, legte sich ein Grinsen auf ihre Lippen.

„Mit Anlauf ins Futter und schon stibitzt er sich die nächste Nuss.“, hielt er den Kopf schief und schüttelte ihn leicht beim Anblick dieses Wagemuts.

„Pass mal auf, was jetzt kommt...“, schob sie den Kopf etwas vor und ließ den plüschigen Eindringling nicht aus den Augen.

„Da! Das macht er auch fast immer!“

Das Eichhörnchen huschte mit der Nuss in eine entlegene Ecke der Terrasse und fing dort an, die Nuss zu bearbeiten.

Wieder lachte er.

„Gar keine schlechte Idee! Erst mal in Sicherheit bringen!“

„Ja und so annagen, dass ihm die Nuss beim Transport nach unten nicht runter fällt!“, schmunzelte sie.

12.1.2024: Britizismus

„...die hier aufgelisteten Wörter haben im britischen Englisch jedoch eine andere Übersetzung…“, murmelte sie und legte die Stirn kraus. Neue Sprachen zu lernen war ihr nie leicht gefallen und solche Unterscheidungen innerhalb einer Sprache machten es ihr nicht gerade einfacher.

„Stimmt ja, da war ja was.“, seufzte sie aus und erinnerte sich an so manche Englischstunde aus der Schule zurück. Die Englischlehrerin damals war ja nett gewesen, aber nicht so richtig fähig, ihr die Sprache näher zu bringen. Schade eigentlich. Nun musste sie versuchen es auf eigene Faust zu schaffen, ihre Fähigkeiten wieder aufzubessern. Na ja, „musste“ vielleicht nicht, aber sie wollte es. Möglicherweise auch aus Scham heraus, in ihrem Alter von fast fünfzig Jahren so schlechte Englischkenntnisse zu haben, obwohl es bestimmt auch Leute gab, denen es noch schwerer fiel. Aber als jemand mit Abitur und Studium sollte sie so etwas doch trotzdem können? Selbst wenn sie „nur“ ein künstlerisches Studium absolviert hatte – schon genug Blamage für ihre anspruchsvolle Familie. Ganz zu schweigen davon, wenn sie jetzt auch noch einen Sprachkurs belegen würde, um sich auf den lang geplanten Englandurlaub vorzubereiten…

Sie seufzte aus und stützte das Kinn auf ihre Hand, den Blick aufs Tablet vor sich gerichtet. England… Großbritannien…

„Nennt man das nicht Britizismus? Wenn ein Begriff im Britischen seinen Ursprung hat? Und Anglizismus, wenn das Wort aus dem Amerikanischen stammt?“, schaute sie an einen unsichtbaren Punkt an der Decke und scholt sich dann selbst, so mit den Gedanken abzuschweifen.

„Ach, wen interessiert das schon! Davon lern ich die Sprache auch nicht!“

Trotzdem verzog sich ihr Mund zu einem kleinen Grinsen. Irgendwie war es doch schön zu merken, dass sie sich wenigstens diese Info nach all den Jahren noch hatte merken können. Aber nichtsdestotrotz fiel ihr das Lernen dadurch noch immer nicht leichter. Sie biss sich leicht auf die Unterlippe und schaute zu ihrem Handy. Ihre Familie sollte es nicht erfahren, aber zum Glück gehörte ihre beste Freundin ja nicht zu ihrer Familie. Und sie war ein echtes Sprachgenie, das nicht nur Englisch und Deutsch fließend konnte! Mit zittriger Hand nahm sie das Handy, atmete einmal tief durch und wählte dann die Nummer.

„Hi, ich bins! Du weißt doch, dass meine Eltern einen Trip nach England organisiert haben, für die ganze Familie. Noch mal alle zusammen verreisen, so wie früher…genau… Kannst du mir vielleicht bei was helfen?“

13.1.2024: Gummiarabikum

„Boah, war das wieder öde!“, streckte er sich ausgiebig, als sie das Hörsaalgebäude verließen und über den weitläufigen Parkplatz in Richtung Promenade liefen.

Sven schaute zu ihm hinüber, während er seinen Rucksack schloss und ihn sich umhängte.

„Hab ich gemerkt.“, gab er trocken zurück und trat unwillkürlich ein Steinchen weg.

„Dass du nicht geschnarcht hast, war auch alles.“

Detlef schmatzte.

„Scheiß Pflichtveranstaltungen.“, murrte er und schob die Hände in die Hosentaschen. Es war wirklich verdammt kalt geworden. Und dann hatte er sich auch noch für eine Vorlesung aus dem Bett quälen müssen, die ihn gar nicht interessierte.

„Ich wundere mich eher, dass du immer noch so viel Bock darauf hast.“, hob er die Schultern, um seine Ohren wenigstens ansatzweise im Fellkragen der Jacke verstecken zu können.

„Könnte dran liegen, dass ich das Studium – anders als du – gewählt habe, weil es mich wirklich interessiert.“, grinste Sven, als Detlef die Augen verdrehte.

„Ja, schön für dich. Du weißt genau, dass ich meinen Wahlplatz noch nicht bekommen hab und die Zeit irgendwie überbrücken muss…“

„… damit deine Eltern dir nicht das Geld streichen, wenn du bis zum „richtigen Studienbeginn“ nur auf der faulen Haut rumliegst.“, unterbrach Sven ihn. Die Leier hatte er jetzt schon so oft gehört.

„Aber meinst du, mit der Einstellung schaffst du alle Prüfungen bis zum Wechsel? Deine Eltern sind doch nicht doof, die merken doch, ob du dir Mühe gibst oder nicht.“

Detlef zuckte die Schultern.

„Kann dir doch egal sein.“

Er klang und wirkte wie ein bockiges Kind.

„Sieh es mal so: Wenn du versuchen würdest, dich ein bisschen mehr für unseren Studiengang zu interessieren, käme dir die Zeit vielleicht wenigstens nicht so verschwendet vor. Und vielleicht – ganz vielleicht – würdest du sogar ein bisschen echtes Interesse daran entwickeln. Wär das nicht zumindest einen Versuch wert?“

Detlef blickte aus den Augenwinkeln zu ihm rüber.

„Heißt das, du lässt mich nicht mehr die Seminarnotizen kopieren?“

Sven verdrehte die Augen.

„Das heißt, dass mir die Zeit viel zu schade wäre, um sie auf diese Weise zu verschwenden.“

Er blieb stehen und blickte zu einem der Bäume hinüber, die ihren Weg säumten.

„Was ist?“, tat Detlef es ihm gleich.

„Guck mal, eine Akazie.“, nickte Sven hinüber und betrachtete die zerfurchte Rinde mit ihren Stacheln darauf. Jetzt, um diese Jahreszeit, gab es keine Blätter mehr, die ihm zusätzlich hätten verraten können, was da vor ihm stand.

„Na und?“

Detlef verschränkte die Arme und trat von einem Bein aufs andere. Hier zu stehen trieb ihm noch mehr die Kälte in den Körper.

„Du hast wirklich komplett gepennt, oder? In der Vorlesung ging es gerade um die Akazienarten in Afrika, aus denen Gummiarabikum gewonnen wird.“

„Was hab ich damit zu tun? Los, komm endlich, ich frier mir den Arsch ab!“, drängte Detlef und zog ihn am Ärmel.

„Eigentlich hast du da ziemlich oft mit zu tun.“, schlurfte Sven neben ihm her und ließ sich den Duft der gebrannten Mandeln in die Nase steigen, der schon von weitem auf den Weihnachtsmarkt aufmerksam machte, den die beiden zum wiederholten Male in dieser Woche ansteuerten.

„Ach, ist das so?“, gähnte Detlef und Sven nickte.

„Zum Beispiel, wenn du dir gleich wieder deine geliebten Lebkuchen mit Glasur reinpfeifst.“

Detlefs Gesichtszüge entglitten und er blieb kurz stehen.

„Da… ist Gummi drin??“

14.1.2024: prolix

Sven saß am Küchentisch über seinen Seminaraufgaben und begann plötzlich zu schmunzeln.

„Was ist so witzig?“, saß Detlef ihm gegenüber und blickte von seinem Laptop auf. Er hatte längst aufgegeben, sich mit dem Seminarstoff abzuquälen und schaute stattdessen Youtubevideos. Aber zumindest als moralische Unterstützung wollte er Sven dabei weiter Gesellschaft leisten.

„Prolix“, murmelte der und grinste seinen Kumpel an. Detlef verstand allerdings nur Bahnhof. Er runzelte die Stirn und zog eine Augenbraue hoch.

„Weißt du nicht mehr?“, lehnte Sven sich auf dem Stuhl zurück und legte den Aufgabenzettel nieder. Immer noch Rätselraten bei seinem Kumpan. Sven seufzte.

„Die Vorbereitungen zur Lateinklausur damals. Ich sollte dich Vokabeln abfragen und da war auch „prolix“ bei.“

Detlef schüttelte den Kopf und zuckte die Schultern. Sven begann zu lachen. Eigentlich hatte dieser verquere Typ sich in all den Jahren, die sie einander schon kannten, kaum verändert. In Gedanken wanderte er wieder an diesen heißen Tag im Juni zurück:
 

Fast war es, als würde er wieder die Sonnenstrahlen auf der Haut fühlen, während sie im Garten von Detlefs Eltern gesessen und gepaukt hatten – mit einem Eis nach dem anderen, um sich irgendwie motivieren zu können. Den Kopf unter dem großen Sonnenschirm und die Füße im Plantschbecken von Detlefs kleiner Schwester.

Prolix“, hatte Sven damals vorgelesen und ein „Selber Prolet!" von Detlef geerntet.

Nein, prolix! - "Ausführlich"! Etwas ausführlich aufschreiben zum Beispiel“...
 

Wenn er jetzt daran dachte, fragte Sven sich schon ein wenig, warum er sich darauf eingelassen hatte, mit Detlef fürs Studium in eine Bude zu ziehen und sogar die ersten Semester des Studiums zu teilen. Eigentlich war damals schon abzusehen gewesen, wie diese „Zusammenarbeit“ heutzutage aussehen würde.

Er verschränkte die Arme und legte den Kopf schief, während er Detlef gedankenverloren anblickte. Der hingegen wurde immer unruhiger auf seinem Stuhl.

„Alter! Starr mich nicht so an und sag endlich, was du willst!“

Sven grinste.

„Manchmal bist du doch ein kleiner Prolet“, murmelte er und griff sich seinen Aufgabenzettel.

15.1.2024: Schottenkaro

„Wusstest du, dass jeder schottische Clan ein eigenes typisches Karomuster hat?“, meinte Antje, während sie an ihrer Skizze arbeitete. Ihre Freundin Jess guckte von ihrem Video hoch und nickte.

„Ja, schon mal gehört. Hab mich da aber nicht weiter mit beschäftigt.“

„Eigentlich schon spannend, find ich! Jedes Tartan ist anders“, murmelte Antje und setzte weitere horizontale und vertikale Linien.

„Tartan? Ach, Moment, das hab ich vorhin auch in einem der Videos gesehen… Schottenkaro, richtig?“

Antje nickte und griff einen weiteren Buntstift.

„Und du willst jetzt einen eigenen Clan gründen und dir ein individuelles Schottenkaro ausdenken, oder wie hab ich das?“, blickte Jess zu dem Zettel vor Antje, der bereits mit einigen farbigen Karovarianten gespickt war. Antje lachte.

„Das vielleicht nicht, aber ich möchte mir einen Rock aus dem Stoff nähen und der soll schließlich auch nach was aussehen!“

Jess legte den Kopf schief.

„Du, ich hab mir jetzt schon einige Videos zu diesem Webrahmen angeguckt. Vielleicht solltest du erst mal ein bisschen üben, um überhaupt ein Gefühl dafür zu bekommen und nicht gleich ein richtiges Muster damit machen wollen. Bisher hast du doch noch gar keine Erfahrung damit.“

Sie sah, wie ihre Freundin anfing zu hadern. Antjes Ehrgeiz war ihr nur allzu bekannt. Wenn sie sich etwas in den Kopf setzte, gab sie alles, um es durchzuziehen – natürlich bestmöglich! Nicht umsonst nannte Jess sie manchmal „Frau Tausendprozent“, was Antje wenig gefiel, obwohl sie sich auch ein bisschen geschmeichelt fühlte. Dementsprechend klein war nun auch Antjes Begeisterung bei dem Vorschlag. Nähen hatte sie schon immer geliebt und nun mit dem Weben ihres eigenen Stoffs noch mehr Möglichkeiten zu haben, ließ sie schon seit Bestellung des Webrahmens kaum noch eine Nacht ruhig schlafen. Sie sprach quasi von nichts anderem mehr und jetzt sollte sie sich erst einmal mit einem Übungslauf zufrieden geben?

16.1.2024: huch

„Huch!“, entfuhr es ihr, als sie im Halbdunkel die Treppe aus ihrem Zimmer hinunterstieg und den Schankraum betrat. Das Kind hatte wieder die halbe Nacht nicht schlafen können und ihr war dringend nach einem Schluck Wasser, nun, da es endlich etwas Ruhe gab.

„Hier bist du“, fiel ihr Blick hinüber zu dem breiten Tresen, der von einer kleinen Funzel beleuchtet wurde und nur einen Gast um diese Zeit beherbergte. Schweigend saß er da, den Rücken zu den vielen Tischen und Stühlen hinter sich gedreht, an denen sich zu anderen Uhrzeiten das laute Leben abspielte.

Sie hatte sich schon gefragt, wo er abgeblieben war. Von kleinen Kindern hatte er offensichtlich keinerlei Ahnung und stand nur hilflos daneben, wenn sie seinen Sohn wiegte und fütterte – also hatte sie ihn einfach aus dem Zimmer geworfen, damit sein ängstliches Starren sie selbst nicht auch noch mehr beunruhigte. Schließlich haderte sie auch noch oft genug mit dieser neuen Situation und dem kleinen Leben, das nun in ihrer Verantwortung lag.

„Schläft er endlich?“, fragte er leise, als sie näher an ihn herantrat, obwohl er sich die Frage selbst beantworten konnte. Ein warmes Lächeln huschte trotz der Müdigkeit über ihre Lippen. Dieser Mann hatte nicht nur kein Händchen für Kinder, sondern auch für Frauen, wenn er die Stille ausgerechnet mit so einer Frage brechen wollte. Aber das Herz hatte er am rechten Fleck.

„Ja. Zumindest für den Moment. Schauen wir mal, wie lange noch“, nahm sie neben ihm Platz und lehnte sich mit dem Rücken an den Tresen. Nicht selten hatte sie schon so da gesessen, ihre leere Schenke betrachtet und die Gedanken wandern lassen.

„Danke für deine Hilfe.“, murmelte er und wiegte das fast leere Glas in seiner Hand. Seit sie aus ihrem Zimmer gekommen war, hatte er den Blick nicht davon abgewendet. Betrunken schien er aber nicht.

„Schon gut. Aber ich glaub, einen kleinen Schluck kann ich jetzt auch gebrauchen“, streckte sie die Hand nach seinem Glas aus und überließ es doch ihm, ob er es ihr gab. Er schaute kurz auf ihre Finger, dann in ihr Gesicht, während er ihrer Bitte nachkam. Seine Hand war wunderbar warm im Gegensatz zum eisigen Wind vor dem Haus und sein Blick ließ ihre Wangen bereits erröten, ehe sie zum Schluck angesetzt hatte.

17.1.2024: xeromorph

„Und? Wie ist das so, jetzt allein zu leben?“, schlenderten Silvie und Ilka durch den Baumarkt. Zu Beginn war die Auswahl schier erschlagend gewesen, nun, nach gefühlten drei Stunden, die sie hier bereits verbrachten, fiel die Orientierung bereits deutlich einfacher.

Ilka zuckte die Schultern. Immer wieder guckte sie auf ihren Einkaufszettel und musterte dann skeptisch die Regale und Waren vor sich.

„Ich frag mich ja immer noch, warum Fritz sich hier so gern aufgehalten hat. Mich verwirrt das alles eher, als dass mir das Herz aufgeht“, murmelte sie und schüttelte dann wie ertappt den Kopf.

„Tut mir leid, ich sprech immer noch ganz schön viel von ihm, was?“

Silvie schmunzelte und knuffte sie in die Seite.

„Nicht mehr so viel wie am Anfang“, zwinkerte sie und nahm Ilka den Zettel aus der Hand, um sie besser bei der Suche unterstützen zu können.

„Irgendwie ist das ganz schön peinlich“, nuschelte Ilka, als sie in den nächsten Gang einbogen.

„Was meinst du?“

„Na, ich bin jetzt Ende dreißig und völlig unbeholfen was das hier angeht“, schwang Resignation in ihrer Stimme mit. Nicht zum ersten Mal fühlte sie sich in dieser Zeit wie das letzte Elend und ein riesiger Versager.

„Hey“, legte Silvie ihr die Hand auf die Schulter und brachte Ilka dazu, sie direkt anzusehen.

„Ihr habt euch damals in der Schule kennen gelernt, seid direkt nach dem Abi zusammen gezogen und du hast bis vor einem halben Jahr quasi nie allein gelebt. Ist doch klar, dass das jetzt eine riesige Umstellung für dich ist! Und ein Versager bist du darum auch nicht! Vielleicht hast du mit dem Aufbau von Schränken und Co. nicht so viel am Hut, aber ich bin mal gespannt, wie Fritz die nächste Steuererklärung ohne dich schaffen will!“

Endlich ein Schmunzeln auf Ilkas Lippen.

„So wie ich ihn kenne wird er sich einen Steuerberater holen“, schob sie ihren Einkaufswagen weiter und bog in die Pflanzenabteilung.

„Genau. Merkst du den Unterschied?“, stellte Silvie sich neben sie, während Ilka einige Sukkulenten betrachtete. Die hatten ihr schon immer gut gefallen, aber Fritz hatte für Blumen nie viel übrig gehabt.

„Was meinst du?“, schaute Ilka kurz hoch und betrachtete dann wieder mit einem seligen Gesichtsausdruck die Pflänzchen.

„Du könntest dir jetzt auch für alles einen Handwerker suchen, aber stattdessen versuchst du dich selbst da reinzufuchsen. Ilka, du bist ne starke Frau und hast schon viel im Leben erreicht! Das hier schaffst du auch“, lächelte sie und beide Frauen strichen sich eine Träne von der Wange.

„Danke, dass du für mich da bist“, legte Ilka kurz den Arm um Silvie. Ihre beste Freundin hatte ihr in den vergangenen Monaten sehr zur Seite gestanden.

„Und jetzt kauf dir endlich deinen Kaktus!“, grinste Silvie und Ilka lachte.

„Nun kann endlich keiner mehr meckern, dass er sich versehentlich daran stechen könnte!“, stellte sie drei Pflänzchen in ihren Einkaufskorb. Erst einmal klein starten und nach und nach würde sie vielleicht weitere bei sich einziehen lassen.

„Weißt du eigentlich, dass es für ihre Wuchsform einen eigenen Begriff gibt?“, steuerte sie nun langsam die Badabteilung an.

„Du meinst bei den Kakteen?“

„Ja. Pflanzen, deren Wuchsform an die Trockenheit angepasst sind, werden auch als xeromorph bezeichnet. Hab ich mal in einer Dokumentation gesehen.“, meinte Ilka und erzählte Silvie einige spannende Fakten – spannend zumindest für Ilka, aber Silvie war froh, ihre Freundin endlich einmal wieder etwas positiver und glücklicher zu sehen.

18.1.2024: Pawlatsche

Nick seufzte aus und verschränkte die Arme. Bei den Erzählungen von Steffen hatte er schon nicht unbedingt Begeisterungsstürme in sich aufziehen spüren, aber jetzt mit eigenen Augen zu sehen, wofür sein Kumpel da so schwärmte - er schüttelte den Kopf und rümpfte die Nase.

„Und? Wie findest du es?“, hatte auch Steffen die Arme verschränkt, aber sein Gesichtsausdruck war von Stolz und Vorfreude geprägt. Er war manchmal ein bisschen sensibel, das wusste Nick. Eigentlich hätte er sicherlich Worte gefunden, um sein Empfinden etwas subtiler zum Ausdruck zu bringen, aber Nick war Nick und Schönrederei nicht sein Ding.

„Mein Großvater würd zu dem Ding Pawlatsche sagen“, murrte er und trat ein paar Schritte beiseite, um das alte Gebäude, vor dem sie standen, auch von der Seite zu begutachten.

„Hä?“

Steffen folgte ihm nur mit den Augen.

„N baufälliges Haus. Pawlatsche“, wiederholte Nick und Steffen nickte kurz verstehend – stimmt, Nicks Großvater kam aus Österreich. Dann allerdings legte er die Stirn in Falten.

„Moment… hattest du das Wort nicht mal in einem anderen Zusammenhang genannt?“, grübelte er. Nick ließ gerne mal österreichische Begriffe in ihre Gespräche einfließen, aber dieser kam ihm bei näherem Überlegen sogar bekannt vor.

„Ja, hat mehrere Bedeutungen, aber in diesem Fall trifft Bruchbude es wohl am besten“, latschte er langsam zu Steffen zurück.

„Obwohl ich gerade fast hoffe, dass das Ding später zu einer Bretterbühne werden soll – denn viel mehr kannst du damit wohl kaum noch anstellen. Außer es vielleicht noch zu Feuerholz zu verarbeiten“.

Steffen grinste.

„Nein, mein Entschluss steht fest! Ich kauf das kleine Häuschen und werde es mir schön wieder herrichten! Ich bin gelernter Holzwurm, das trau ich mir zu! Immerhin hab ich auch ein paar Kollegen, die sich mit Fachwerk auskennen!“, konnte auch Nicks mürrische Ader seiner Vorfreude keinen Abbruch tun.

„Das Ding ist uralt und total marode. Du wirst ewig dafür brauchen und wo willst du das Geld hernehmen?“

„Erstens hetzt mich keiner, es in drei Tagen fertigzustellen – noch hab ich meine feste Anstellung ja nicht gekündigt. Und zweitens spare ich schon seit Jahren darauf, mein Geld für so eine sinnvolle Investition anzulegen. Hier kann ich später wohnen und direkt meine eigene Werkstatt haben! Es ist perfekt!“, trat Steffen einen Schritt vor und legte die Hand auf die massive Eichentür.

19.1.2024: Hüftspeck

Am kommenden Montag ging sie also endlich los: Die neue Arbeitsstelle mit besserer Bezahlung und mehr Verantwortung! Frank stand vor dem Spiegel, schaute in sein haariges Gesicht und grinste zufrieden. So richtig konnte er immer noch nicht glauben, dass er unter allen Bewerbern ausgewählt worden war. Die Ausschreibung hatte innerhalb des Unternehmens stattgefunden und er kannte einige der anderen Kandidaten – sie waren gut! Aber offensichtlich war er besser.

Mit stolz geschwellter Brust griff er nach seinem Rasierer. Nun, in leitender Position, musste er ein wenig mehr auf sein Äußeres achten, den Bart mehr stutzen – oder vielleicht sogar ganz abrasieren? Seine Frau würde einen Schreck bekommen, aber Haare wuchsen schließlich nach. Und er hatte sich lange nicht mehr glatt rasiert gesehen.

Mit einem Schulterzucken warf er also die Rasiermaschine an und legte los. Was sollte schon passieren? Neuer Job, neues Gesicht! Vielleicht würde er sich ja selbst überraschen! Und das tat er tatsächlich. Nur leider nicht so, wie er gehofft hatte.

Als seine Wangen und das Kinn von allen Haaren befreit waren, trat er einen Schritt nach hinten und beäugte sich kritisch.

„Meine Güte, ohne Bart seh ich ganz schön pummelig aus“, murmelte er und der Eindruck verschwand auch nicht, als er wieder vortrat und danach gleich mehrere Schritte zurück.

„Na ja, ist vielleicht wie mit Fotos, auf denen sieht man auch immer zehn Kilo schwerer aus“, sammelte er die Überbleibsel seines Gesichtsvorhangs ein und warf sie in den Mülleimer. Eigentlich hatte er erst am Sonntag die Kleidung für Montag raussuchen wollen, aber ihn beschlich das Gefühl, dass jetzt, am Donnerstag, ein erster kurzer Blick in den Kleiderschrank nicht schaden könnte. In den vergangenen Monaten war er fast nur im Homeoffice gewesen, hatte bequeme Kleidung getragen und war sogar mit Jogginghose einkaufen gewesen. Was hatte er überhaupt noch an guten Klamotten vorzuweisen?

Mit Freude fiel sein Blick auf die vielen Anzüge, die er vor der Pandemie immer getragen hatte. Wie gut hatte er darin ausgesehen! Darauf freute er sich schon, auch wenn ihm das Homeoffice mit den gemütlichen Hosen ein wenig fehlen würde. Aber diesen Gedanken schob er schnell beiseite, griff den ersten Anzug und – war entsetzt! Er passte nicht mehr!

„Was zum…?“,

Nach und nach zwängte er sich in die Hosen und Jacketts, aber entweder gingen sie gar nicht zu oder sahen aus, als wäre eine Presswurst in sie hineingeschossen worden. Nun traute Frank sich endlich, auch mal nicht nur sein Gesicht im Spiegel zu betrachten, sondern ebenfalls seinen Körper. Was er so lange erfolgreich verdrängt hatte, war jetzt Wirklichkeit geworden: Der Hüftspeck war wirklich da und hatte nicht nur den Anschein aufgrund des ausgebeulten Pullovers erweckt. Er seufzte und ließ sich aufs Bett sinken. Nun verstand er auch, warum seine Frau ihn in letzter Zeit nicht mehr so oft „Schatz“, sondern „Bärchen“ genannt hatte. Auch, wenn sie es mit liebevoller Stimme getan hatte. So wie jetzt, als sie die Wohnung betrat und schon von weitem rief „Bärchen, ich bin wieder da!“

Er seufzte aus, stand auf und griff sich seine Jogginghose.

„Ja und lass die Schuhe gleich an. Wir müssen noch was einkaufen…“

20.1.2024: Verbalerotikerin

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

21.1.2024: papperlapapp

Tränen brannten in Brias Augen. Sie ballte die Fäuste, zog ihre Schultern hoch und kämpfte gegen das Zittern der Unterlippe an.

„Aber ich hab die Vase nicht runtergeworfen! Ehrlich nicht!“, versuchte sie abermals das Gehör ihres Vaters zu erlangen, der nur kopfschüttelnd vor ihr stand. Seine Arme waren verschränkt, die Enttäuschung nur allzu gut in seinem Gesicht abzulesen.

„Lüg mich nicht an! Wer soll es sonst gewesen sein?“, schnaubte er aus und betrachte zornig die Scherben auf dem Küchenboden, ehe er wieder zu seiner Tochter schaute, deren Kopf hochrot anlief.

„Woher soll ich das wissen? Ich jedenfalls nicht! Warum glaubst du mir nicht?“, schluchzte sie und ärgerte sich darüber, die Tränen nicht zurückhalten zu können.

„Weil hier sonst niemand war!“

„Vielleicht hast du sie ja selbst nicht richtig zurück gestellt, als du sie heute Morgen mit neuen Blumen bestückt hattest?“, wehrte Bria ab und fühlte ein Stechen in der Brust, als die Verzweiflung in ihr immer größer wurde.

„Das wüsste ich aber! Junges Fräulein, ich bin wirklich enttäuscht von dir, dass du nicht mal dazu stehst einen Fehler gemacht zu haben! Du hast zwei Wochen Hausarrest und jetzt räum die Scherben auf, bevor deine Mutter diese Sauerei sieht!“, wendete er sich zum Gehen und steuerte die Tür an.

„Aber…“ setzte Bria abermals an, doch ihr Vater reagierte nur mit einer wegwischenden Handbewegung und einem „Papperlapapp!“, ehe die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.

Bria ließ sich auf einen Stuhl sinken und den Tränen freien Lauf.

„Das ist nicht fair!“, wimmerte sie und rieb sich die Nase.

„Tut mir Leid, dass du Ärger bekommen hast“, hörte sie plötzlich in nächster Nähe und sprang erschrocken auf.

„Wer spricht da?“, suchte sie nach dem Besitzer der kleinen fispeligen Stimme und schaute sich um.

„Sei mir bitte nicht böse. Ich versuch es wieder gutzumachen“, hörte Bria erneut und starrte hinüber zur Arbeitsplatte, mit verschiedenen Dosen an Kräutern, Tee, Kaffee und vielem mehr darauf. Sie schmälerte die Augen. Der Tag war bewölkt und die Küche ohnehin nicht sonderlich gut ausgeleuchtet. Allzu viel konnte auch die olle Funzel über dem Küchentisch daran nicht ändern.

„Was zum…“.

Zwischen den Behältern entdeckte sie eine kleine Gestalt. Sie trat einen Schritt darauf zu und sprang dann erschrocken zurück.

„Ieh! Eine Maus!“, wollte sie bereits zur Tür hechten, als sie wieder die Stimme rief.

„Nein, bitte warte!“

Bria verharrte in ihrer Bewegung und blickte wieder zögerlich zu der Maus hinüber.

„Du… kannst du reden?“

Das Mäuschen nickte.

„Ich wollte keinen Schaden anrichten“, sprach es schuldbewusst und guckte Bria aus großen Knopfaugen an. Langsam ging sie näher auf das Mäuschen zu.

„Letzte Tage stand die Hintertür offen und es roch so gut nach Brot. Da konnte ich nicht widerstehen, aber als die Tür plötzlich zufiel, war ich hier gefangen. Ich hatte schreckliche Angst und hab mich erst mal versteckt“, meinte das Mäuschen, während Bria nun endlich ganz nah vor ihm stand und es fasziniert betrachtete.

„Und was ist mit der Vase passiert?“, legte sie den Kopf schief und das Mäuschen seufzte aus.

„Die Katze hat sich reingeschlichen und ich wollte mich vor ihr verstecken.“

„Aber sie hat dich gesehen und bei ihrer Jagd dann die Vase umgerissen, hm?“

Das Mäuschen nickte. Wieder entschuldigte es sich, aber Bria lächelte.

„Komm, ich lass dich raus, bevor Paps noch was merkt“, zwinkerte sie und sah die große Überraschung in den Augen des Mäuschens. Rasch huschte es ihr hinterher und setzte sich aufgeregt auf die kleinen Hinterfüßchen, als sie die Hand an die Klinke legte.

„Aber nur unter einer Bedingung, Mäuschen: Ich möchte, dass du mich noch mal besuchst und mir dann erzählst, warum du eigentlich sprechen kannst“, zwinkerte Bria.

22.1.2024: Oscedo

Jannes saß mit seinem Kollegen Mick in der Mittagspause. Es war ein widerlich schwüler Tag, der schon am Vormittag nass und verschwitzt aus jeder Pore gekrochen war. Auch die voran gegangene Nacht hatte nicht viel Abkühlung gebracht. Zudem war auch noch eine Mücke in Jannes Schlafzimmer gekommen. Mit finsterer Miene dachte er an den ungebetenen Gast und schwor sich, heute Nacht auf die Pirsch zu gehen. Vorher musste er aber noch irgendwie den Arbeitstag rum bekommen. Und das bei der Hitze… Wieder gähnte er und griff nach seinem Kaffee – heute war die Wirkung gefühlt gleich null. Und er so in seinen Gedanken versunken, dass er Micks musternden Blick gar nicht bemerkte.

„Hoffentlich kein Oscedo“, murmelte der plötzlich und holte Jannes Aufmerksamkeit damit zu sich.

„Hm?“

Er dachte erst, Mick hätte was zur heutigen Aufgabenverteilung gesagt und blickte noch irritierter, als der seinen Satz wiederholte.

„Oscedo? Was soll das sein?“

„Gähnkrampf!“, beugte Mick sich verschwörerisch zu Jannes rüber und hob warnend den Finger.

„Weißt du, damit ist nicht zu spaßen! Abnorm häufiges Gähnen kann ein Zeichen für eine chronische Ermüdung sein oder sogar Epilepsie oooder auf eine organische Hirnkrankheit hinweisen!“, flüsterte er, als wolle er Jannes damit beschützen, ehe alle anderen Kollegen von der furchtbaren Diagnose erfuhren und anfingen ihn zu bemitleiden. Der runzelte allerdings nur die Stirn und ließ seine Knifte zurück in die Butterbrotsdose sinken.

„Sag mal, hast du schon wieder deine Krankenhausserie geschaut, die du immer guckst?“, verschränkte er die Arme und verdrehte die Augen bei Micks Antwort.

„Ja! Zum Glück! So ist mir das früh genug aufgefallen und du kannst dich direkt um einen Arzttermin kümmern, um das abklären zu lassen!“, entgegnete er stolz. Jannes wunderte eher, dass Mick nicht gleich selbst die Untersuchung durchführen wollte. Seit er seine Freude an Arztserien entdeckt hatte, führte er sich auf, als wäre er selbst ein Mediziner.

„Nichts für ungut, aber ich hab einfach nur schlecht geschlafen“, murrte Jannes und griff nach seiner Stulle. Wieder legte Mick den Kopf schief.

„Uh…“ zog er die Luft scharf ein. Jannes stoppte in seiner Bewegung.

„Was denn nun schon wieder?“

Die Nacht war kurz gewesen und sein Geduldsfaden gerade noch kürzer.

„Hoffentlich nichts Seelisches? Hast du das öfter, dass du nicht gut schläfst?“, wurden Micks Augen groß.

„Vielleicht solltest du mal…“

„Die Pause an dieser Stelle beenden oder mir zumindest ein anderes Plätzchen dafür suchen!“

23.1.2024: Kopfkino

Ihr Blick fiel auf die Uhr an der Wand, es war langsam Zeit, sich auf den Weg zu machen. Mit ein wenig Wehmut ging sie zur Garderobe und griff sich Mantel und Schal. Wie liebte sie es doch, sich am Morgen noch ein wenig in Ruhe auf das Sofa zu setzen, in eine Decke gehüllt, einen leckeren Kakao trinkend, während draußen Regen und Sturm tobten. Nur dann auch in dieses Wetter hinaus zu müssen… wobei das Wetter selbst noch nicht einmal das Problem war, sondern eher die Laune der Menschen um sie herum. Alle waren trist und grau und trüb – so wie das Wetter.

Mit einem leichten Seufzen wickelte sie sich den Schal um und dann kam das Wichtigste: Die Kopfhörer. Ihre Geheimwaffe, um sich den Tag zu verschönern und die Gespräche der anderen Menschen auszusperren, wenn sie sich auf den Weg in die Uni machte. Sie verband ihr Handy, wählte eine Playlist aus und sobald die Melodie begann, hob sich auch der Vorhang in ihrem Kopfkino. Mit der passenden Musik war es wie in einem guten Film: Sie wurde zur Heldin ihrer eigenen Geschichte und nur sie sah, was keiner sonst erkannte. Zu Fuß ging es in die Innenstadt, durch die Einkaufspassage. Der Wind hatte eine weiße Tüte aufgeweht und trieb sie durch die Luft – wie einen großen Vogel, inmitten der grauen Großstadt. An einem Bachlauf entdeckte sie noch einige Eisschollen und wenn das Wasser sich von unten gegen sie drückte, wirkte es wie eine Gruppe von Fischen, die miteinander spielten. Der Weg vorbei am Blumenverkäufer ließ sie davon träumen, über eine große Wiese mit unzähligen Blüten und magischen Wesen zu laufen, aber manchmal kam ihr auch ein bekanntes Gesicht entgegen, dem sie nun endlich einmal so richtig die Meinung geigen konnte – auch wenn sie es nie aussprechen würde.

Ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht und mit jedem weiteren Schritt ging ihr Kopfkino weiter auf Reisen, entdeckte unbekannte Welten, Wesen und Figuren. Sie sah die Geschichten vor sich, die sie irgendwann einmal niederschreiben würde. Lauschte den Unterhaltungen ihrer Charaktere, sah die Abenteuer, die sie erlebten und fühlte die Gefühle, die in ihnen hochstiegen. Sie liebte diese Momente ganz mit sich und ihrer Fantasie, die wie kleine Inseln ihren Alltag erhellten.

Schon hatte sie den mehr als dreißigminütigen Weg hinter sich gebracht und stand vor den großen Eingangstoren der Uni. Die anderen Studenten strömten hinein, nur Augen für ihre Handys oder Gesprächspartner. Sie aber blieb einen kurzen Moment stehen, atmete durch und setzte die Kopfhörer ab. Nun war es wieder Zeit für den Alltag – aber die nächste Pause mit einer kleinen Insel wartete bereits auf sie.

24.1.2024: Bubi

„Du bist so ein Arsch!“, brüllte der Blonde und ballte seine Hände zu Fäusten, aber das konnte diesem breitschultrigen Stiernacken nur ein hämisches Grinsen entlocken.

„Und du ein Bubi! Hols dir doch!“, pfiff er sich gemütlich das Hefeteilchen rein, das Grund für die diesmalige Auseinandersetzung der beiden Brüder war.

„Mama hat die genau abgezählt und das da ist meins! Das weißt du ganz genau!“, schnaufte der Blonde und versuchte noch einmal, sich wenigstens ein Stückchen seines Essens zu sichern. Aber es war wie immer nutzlos: Auch wenn sein Bruder deutlich jünger war, hatte er die kräftige Statur des Vaters geerbt und wusste seine Angriffsversuche mit Leichtigkeit auszuhebeln.

„Bubi bleibt Bubi!“, lachte er auf und schob sich den letzten Bissen in den Mund.

„Immer noch besser als so ein grenzdebiler Gorilla zu sein!“, schrie der Blonde aus und sagte dann das eine Wort, das den anderen unter Garantie auf die Palme brachte.

Das Lachen und das Essen blieben dem Angesprochenen im Halse stecken und während dem Blonden zunächst ein Schauer der Genugtuung durch den Bauch glitt, wurde schnell ein fester Klumpen Stein daraus, als er merkte, wie wütend er seinen Bruder wieder gemacht hatte. Er wusste genau, dass der es nicht ausstehen konnte, wenn man ihn bei seinem vollen Namen rief, statt die Koseform zu benutzen. Das war für ihn eine größere Beleidigung als irgendwelche Tiernamen.

„Du bist dran!“, blähte er die Nüstern wie ein Stier und stürmte auf den Blonden los. Der hatte aber wenigstens einen körperlichen Vorteil: Die schnelleren Beine.

Nicht zum ersten Mal polterten die beiden durch das Haus und verlegten ihre Rangeleien dann nach draußen, wobei der Blonde es doch immer wieder schaffte, ihn abzuhängen und sich nach einer Flucht durch den Wald schließlich an den Klippen wiederfand. Seine Lunge brannte und die Knie hatten irgendwann begonnen zu zittern, aber es war auch immer wieder ein Hochgefühl, wenn er hier ankam, über das weite Meer blickte und wusste, dass er dem Gorilla wieder einmal entkommen war. Zumindest diesen Triumph konnte dieser Großkotz ihm nicht nehmen!

Aber dann kam auch meist die Trauer und Wut darüber, dass ihr Leben nun so aussah, wie es aussah. Früher war er das einzige Kind gewesen. Viel Arbeit hatte es immer gegeben und doch war Zeit genug geblieben, um sie mit den Eltern verbringen zu können. Nun war sein Vater ständig unterwegs, um Geld für die Familie ranzuschaffen und seine Mutter mit den jüngeren Geschwistern beschäftigt. Innerhalb weniger Jahre war das Einzelkind zum Teil einer ganzen Kinderschar geworden. Und dann war da noch der Zweitälteste, der zu jeder Gelegenheit seine große Klappe und die dicken Muskeln spielen lassen musste. Vielleicht sprach auch aus ihm der Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit? Mit einem heftigen Kopfschütteln verbannte der Blonde diesen Gedanken aus seinem Kopf, schob die Hände in seine Hosentaschen und trat ein Steinchen fort, hinunter von den Klippen und direkt in den Schlund der Fluten. Nein, er wollte nicht glauben, dass es irgendeinen Punkt gab, der die beiden ungleichen Brüder tatsächlich verbinden sollte!

25.1.2024: Uphill

Sie trat durch die Wohnungstür und wurde bereits vom aufgeregten Rufen ihres Mannes begrüßt.

„Ja! Los! Los! Los!“, schallte es aus dem Wohnzimmer, während sie ihre Schuhe auszog, ordentlich neben die Tür stellte und sich aus dem Mantel schälte.

„Bin wieder da, Schatz!“, rief sie, warf im Vorbeigehen Mantel und Schal an die Garderobe und stellte die Einkäufe neben die Küchentür.

„Schneller!“, jubelte ihr Gatte. Sie schlenderte zu ihm ins Wohnzimmer und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Hallo, Schatz!“, grüßte er sie hastig und feuerte seinen Fernseher wieder an.

„Ah, Radrennen?“, stützte sie sich auf die die Rückenlehne seines Sessels und schaute einer bunten Meute Radfahrer dabei zu, wie sie sich einen Berg hinauf kämpften.

„Ja, Uphill!“, begeisterte sich ihr Mann, aber ihr rang es nur ein kurzes Nicken und schiefes Grinsen ab. Selber mit dem Rad zu fahren war für sie ja eine Sache, aber anderen dabei zuzusehen? Sie zuckte die Schultern.

„Hab den Auflauf schon mal in den Ofen gestellt“, wandte sich ihr Mann kurz zu ihr, um dann wieder gebannt auf das Rennen zu schauen. Sie schmunzelte und strich ihm über die Schulter, ehe sie das Wohnzimmer wieder verließ.

„Danke, mein Schatz, ich sag dir Bescheid, wenn er fertig ist“, rief sie durch den Flur und bekam von ihm ein begeistertes „Ja!“. Ob das ihr gegolten hatte? Sie schmunzelte und packte die Einkäufe in die Schränke. Ein wenig breitete sich der Duft des Auflaufs bereits in der Küche aus, obwohl es noch eine ganze Weile dauern würde, bis er richtig gar war. Sie freute sich jetzt schon darauf und auch darüber, dass ihr Mann ihn nach der Arbeit noch fix vorbereitet hatte. Das sparte ihr nun langes Schnibbeln und Schichten. Sie dachte aber auch an so einige Unterhaltungen mit Freundinnen, die sich oft über ihre Männer aufregten, weil die im Haushalt nicht mithalfen und stattdessen nur mit dem Fernseher oder ihren Autos beschäftigt waren. Wie froh sie war, da ein anderes Exemplar erwischt zu haben, das zwar seine Hobbies hatte, sie aber trotzdem unterstützte. Bei diesem Gedanken zog es sie zurück ins Wohnzimmer. Sie schlang von hinten die Arme um die Schultern ihres Mannes, rieb die Wange kurz an seiner und hauchte dann einen Kuss auf seine leichten Stoppeln.

„Oh, wofür war das denn?“, schaute er sie überrascht an und sie zuckte die Schultern.

„Einfach so.“

26.1.2024: ohneeinander

„Und? Wie findest du es?“, schaute Lara gebannt zu ihrer Freundin, die gerade die letzte Seite ihres neuen Manuskripts beiseite gelegt hatte. So viel Herzblut, Liebe und Fleiß steckte in diesem Werk. Es hatte Lara fast zwei Jahre und fünf Neuansätze gekostet, um ihre Idee endlich so zu Papier zu bekommen, dass sie damit zufrieden war. Und wie immer hatte Hannah ihre Geschichte als Erste zu lesen bekommen. Auf ihr Urteil verließ Lara sich bei jedem Werk. Ihr konnte sie vertrauen, dass sie ehrlich war, aber trotzdem Worte fand, die Lara nicht verletzten. Immerhin waren ihre Geschichten ihre Babies und die gedruckten Bücher ihr voller Stolz – selbst, wenn sie die meisten der Bücher bislang nur für sich hatte drucken lassen.

Nur dieses Mal war irgendwas anders. Sonst sprudelte Hannah mit ihren Eindrücken und Anmerkungen gleich los, kaum, dass sie das Wörtchen Ende gelesen hatte. Jetzt runzelte sie stattdessen die Stirn, blickte immer wieder auf die letzte Seite und murmelte etwas. Sie war so in Gedanken, dass es Lara fast schien, Hannah bemerke sie gar nicht mehr.

„Hannah? Jetzt sag schon! Wie findest du es?“, drängte sie und ließ ihrer kommenden Ungeduld freien Lauf. Die andere winkte leicht ab und entschuldigte sich fahrig.

„Ich bleib da die ganze Zeit an einer Stelle hängen“, murmelte sie und zeigte Lara den entsprechenden Satz.

„Was ist damit?“, guckte die sie irritiert an.

„Mich holt es total aus dem Lesefluss, dass du „ohneeinander“ geschrieben hast. Muss das nicht getrennt werden?“, verschränkte Hannah die Arme vor der Brust und grübelte weiter. Lara entglitten die Gesichtszüge. Deshalb gab Hannah ihr keine richtige Antwort? Sie sackte entmutigt auf dem Stuhl zusammen und merkte, wie sich das Gefühl der Kränkung in ihr ausbreitete. Etwas, das auch Hannah nicht entging.

„Hey“

Lara schaute aus den Augenwinkeln zu ihr.

„Hm?“

„Schmoll nicht. Deine Geschichte ist gut, ich mach mir nur deshalb so viele Gedanken darüber, weil ich unsicher bin, ob sich mit der Schreibweise die Bedeutung der Worte und damit auch der Sinn dahinter ändert. Du willst doch nicht A da stehen haben, wenn du eigentlich B meinst, oder?“

Laras Gesichtszüge glätteten sich. Schuldbewusst nickte sie. Sie hätte es besser wissen sollen; dass es schon seine Gründe hatte, wenn Hannah so reagierte.

„Tschuldige“, nuschelte sie und kam sich dumm vor. Hannah aber winkte ab, sie kannte Lara schließlich auch schon lang genug.

„Komm, ich guck mal fix im Duden nach. Ah ja, da ist es schon: man schreibt ohneeinander auskommen, aber ohne einander zu sehen."

27.1.2024: Huy

Mit einem Seufzen trat sie an die Arbeitsplatte und füllte Wasser in die Kaffeemaschine. Ihr Blick fiel zum Fenster. Draußen war es bereits so dunkel, dass sie sich im Licht der Küchenlampe spiegelte und kaum noch etwas außerhalb des Fensters entdecken konnte. Ein Schwenk zur Wanduhr verriet ihr, dass es gerade erst kurz nach 17 Uhr war und trotzdem lockte schon die Weinflasche neben der Kaffeemaschine. Vielleicht erzielten sie dann endlich eine Einigung? Mit einem erneuten Seufzen verwarf sie den Gedanken an Alkohol und entschied sich doch für den Kaffee.

„Für dich auch?“, schaute sie über die Schulter zum Tisch, wo ihr Freund über einige Broschüren und Zettel gebeugt saß. Er schüttelte kurz den Kopf, überlegte es sich dann aber anders und bestellte auch ein Tässchen. Sie nickte, bereitete alles vor und nach einem kurzen Moment ratterte die Maschine los.

„Sollen wir es nicht für heute gut sein lassen?“, ging sie zurück zu ihrem Platz und ließ sich auf den Stuhl sinken. Der Kaffee konnte auch brühen, ohne, dass sie daneben stand. Ihr Freund verzog das Gesicht.

„Ich will das jetzt endlich geklärt haben“, murrte er, schob einige Broschüren von A nach B und lehnte sich schließlich entnervt gegen die Rückenlehne seines Stuhls.

„Das kann doch nicht so schwer sein!“, verschränkte er die Arme und sie grinste schief.

„Na, da sind wir uns ja wenigstens einmal einig“, stützte sie die Ellenbogen auf den Tisch und ließ ihren Blick darüber schweifen.

„Wir sitzen jetzt schon seit Stunden hier und haben immer noch keine Idee, wohin der nächste Urlaub gehen soll.“

Er nickte erst, schüttelte dann aber den Kopf – es war zum verzweifeln.

„Entweder zu teuer oder es gefällt dir nicht oder mir nicht oder zu weit weg, um für nur zwei Wochen da hin zu fahren…“

„… oder schon ausgebucht… oder, oder, oder“, ergänzte sie und ging zurück zur Arbeitsplatte, um die Tassen zu befüllen. Noch einmal fiel ihr Blick aus dem Fenster, gedankenverloren, die ungenauen Konturen in der Dunkelheit nach Erhellung absuchend.

„Und wenn wir hier bleiben?“

Sie hörte eine verdutztes „hm?“ von ihrem Freund.

„Ich war vor Jahren mal mit einer Freundin drüben beim Huy“, murmelte sie und wandte sich langsam zu ihm um.

„Du meinst die Hügelkette nördlich des Harzes?“

„Ja. Eigentlich war es da wirklich schön! Und es ist gar nicht mal so weit weg von hier… zwei Stunden Autofahrt vielleicht?“

28.1.2024: brr

„Brr!“

Sie rieb die Hände aneinander und bewegte immer wieder ihre Finger, so gut es ging – trotz dicker Fäustlinge fühlten sie sich an, als würden sie jeden Moment abfallen. Der Mantel war fast knielang und ließ sie wie ein Michelinmännchen aussehen, aber trotzdem kroch ihr die Kälte in jede Faser ihres Körpers.

„Wo bleibt er nur?“, trat sie ungeduldig von einem Bein aufs andere und schob sich die Hände unter die Achseln. Auch das brachte nicht den gewünschten Effekt. Langsam wurde ihre Ungeduld so groß, dass ihre Laune gewaltig zu kippen drohte. Eigentlich fand sie den Winter ja schön: Die dicken Flocken, die vom Himmel sanft hinunterglitten, das Glitzern der Eiskristalle im Lichterschein und selbst das Betrachten des eigenen Atems, wenn er in kleinen Wölkchen aus ihrer Nase emporstieg, hatte sonst immer etwas Heimeliges für sie. Allerdings nahm diese Faszination umso mehr ab, je länger sie hier an der Straßenecke stand, zu der ihr Freund sie gelockt hatte. Sie stand direkt an einer Hauptstraße, es rasten die Autos nur so an ihr vorbei – ganz zu schweigen von den Fußgängern, die es eilig hatten, zum Einkauf oder zur Arbeit zu kommen. Manche zogen ihre quengeligen Kinder mit. Von Idylle nichts zu sehen! Und vor allem auch nichts mehr zu spüren: Jetzt begannen auch noch ihre Füße kalt zu werden. So leicht konnte aus einer erwachsenen Frau wieder ein weinerliches kleines Mädchen werden, dachte sie und schaute hinter sich: Vor der Hauptstraße flüchtete die kleine Seitengasse, an der sie ebenfalls stand, regelrecht davon und lockte mit gleich mehreren Cafés und Backstuben. Ja, sie sollte hier an der Ecke warten, aber konnte sie das nicht auch vom Fenster eines Cafés aus? Zögerlich machte sie einen Schritt in die ersehnte Richtung und warf nochmals einen Blick auf ihre Uhr: Eigentlich hätte ihr Freund längst hier sein müssen – wenn er sich verspätete, war es nicht ihre Schuld!

„Ich seh ihn ja! Und zur Strafe fürs Warten lassen kann er mir den Kaffee gleich ausgeben!“, murmelte sie, schob die Hände in ihre Manteltaschen und steuerte auf das Café zu. Aber als sie es fast erreicht hatte, zog ein seltsames Geräusch ihre Aufmerksamkeit auf sich. Es bahnte sich aus der Seitengasse seinen Weg in ihre Richtung und mit jedem Meter, den es näher kam, wurden ihre Augen größer. Eine Pferdekutsche brach die Hektik der Hauptstraße in ihrem Rücken auf und versetzte alles gefühlt in eine andere Zeit. Zwei wunderschöne Rappen zogen das Gefährt, an den Seiten wurde die Kutsche von kleinen Lampen erhellt.

„Wie wunderschön! Mit so einer wollte ich schon immer mal fahren“, sprach sie in Gedanken zu sich selbst und spürte die Sehnsucht in sich aufsteigen. Schon als kleines Kind hatte sie davon geträumt und ein seliges Lächeln legte sich auf ihre Lippen.

„Ach, was seid ihr hübsch!“, murmelte sie, als die Pferde näher kamen und schrak auf, als sie ihren Namen hörte. Sie blickte zum Fahrgast der Kutsche und ihre Gesichtszüge entglitten ihr.

„Hatte ich nicht gesagt, du sollst an der Ecke warten?“, lachte der sie an und der Kutscher brachte seine Pferde mit einem „Brr!“ zum halten.

29.1.2024: seitenverkehrt

„Wie lang willst du dich noch im Spiegel anstarren?“, saß Marianne auf der Couch und schaute durch die weit geöffneten Türen hinüber zum Badezimmer.

„Das ist mir noch nie aufgefallen!“, drang die Stimme ihrer Freundin Lisa aus dem gekachelten Raum. Marianne verdrehte die Augen. Sie stand auf und ging hinüber, um im Türrahmen stehen zu bleiben.

„Ist doch nicht schlimm!“, verschränkte sie die Arme vor der Brust.

„Meine Ohrläppchen sind ungleich groß! Und ich hab es noch nicht mal gemerkt!“, zog Lisa sich an den Läppchen und schaute Marianne mit großen Augen an.

„Hier! Das ist größ… nein, Moment, das hier!“, wanderte ihr Blick zwischen dem Spiegelbild und Marianne hin und her – dass der Spiegel alles seitenverkehrt abbildete, verwirrte sie nur noch mehr.

„Na ja, mehr Platz für mehr Ohrschmuck“, grinste Marianne und erhielt einen finsteren Blick von Lisa.

„Dann fällt das doch noch mehr auf!“, brummte sie und dachte an den vorherigen Besuch beim Piercer zurück, bei dem sie eigentlich genau das hatte machen wollen: Sich weitere Ohrringe stechen.

Marianne seufzte aus. Hätte der Piercer doch bloß nie erwähnt, dass Lisa unterschiedlich lange Ohrläppchen hatte… es war schon ein halbes Drama gewesen, als ihr in der Pubertät auffiel, dass ihre Brüste nicht gleichgroß waren und die konnte man noch unter Kleidung verstecken. Was sollte dann jetzt erst passieren?

„Willst du künftig nur noch mit Tüte überm Kopf herumlaufen?“

Sie wusste, dass Lisa viel Wert auf ihr Aussehen legte. Die Make-Up-Sammlung auf dem Badezimmerschränkchen verriet das nur allzu gut.

„Nein, aber ich könnte mir die Haare…“, begann Lisa nun, an ihrer schulterlangen Mähne zu zuppeln.

„Na schön, jetzt reicht es!“, stieß Marianne sich vom Türrahmen ab und trat auf Lisa zu. Die guckte sie irritiert an, als Marianne ihr die Hände auf die Schultern legte.

„Jetzt hörst du mir mal ganz genau zu: Menschliche Körper sind nicht symmetrisch! Zumindest in den wenigsten Fällen! Und vor allem fast nie von Natur aus! Okay? Dein eines Auge ist auch etwas kleiner als das andere!“, setzte sie gerade dazu an, weiter zu reden, als Lisa sich schon wieder zum Spiegel umdrehen wollte.

„Hey! Ich war noch nicht fertig!“, sagte Marianne streng und blickte Lisa eindringlich an.

„Es ist nur was Optisches! Und wir sind auch nicht mehr in der Schule, wo jeder dich für die kleinste Sache hänselt, die ihm optisch an dir nicht gefällt! Mach dich endlich davon frei.“, trat zum Schluss ihrer Ansprache doch ein bisschen Güte in ihren Blick – die beiden Frauen kannten sich lange genug, damit Marianne genau wusste, wo Lisas Unsicherheiten ihren Ursprung hatten. Die ließ die Schultern hängen und nickte schuldbewusst. Ihr Blick wanderte hinunter zu Mariannes Füßen und die Tränen stiegen ihr in die Augen.

„Es tut…“

Marianne unterbrach sie.

„Du kannst nichts für deine unterschiedlichen Ohrläppchen und erst recht nichts für mein zu kurzes Bein! Abgesehen davon hat dein Ohrendrama mir gerade gezeigt, dass meine Sohlenerhöhung offensichtlich gar nicht mal so auffällig ist, wenn sie dir jetzt erst wieder einfällt“, zwinkerte sie und stupste Lisa an. Ein leichtes Nicken und Lächeln konnte die sich abringen. Sie hatte schon immer Mariannes Stärke bewundert.

„So, und jetzt nimm dir endlich deine Jacke und hol dir deine neuen Ohrringe!“, bestimmte Marianne in gespielt gebieterischem Ton, der Lisa zum Lachen brachte.

„Wie wäre es mit Freundschaftsohrringen?“, fragte die plötzlich.

„An deinen Ohren wäre auch noch Platz für einen neuen Stecker!“

30.1.2024: brillieren

Das leise Ticken der Standuhr unterbrach die Stille. Schemenhaft versteckte sie sich am anderen Ende des Raums, der einerseits durch die große Fensterfront und die Lichter der Großstadt erhellt wurde und andererseits gespenstisch und düster wirkte. Es war ein Raum geschaffen für Gesellschaft und Feste – nicht für moderne, fast spartanische Einrichtung auf der einen Seite und eine überladene Büroecke mit riesigem Massivholztisch und Schrankwand auf der anderen Seite. Zwei Seiten eines Raums, die wirkten wie zwei Welten.

Noch einmal tickte die Uhr und aktivierte den Gong. Es war schon tief in den Abend hinein.

Erst jetzt lehnte er sich auf seinem Schreibtischstuhl zurück und klappte die Unterlagen zu. Ein zufriedenes Seufzen entrann seiner Kehle, als er auf die Dokumentenmappe schaute. Oh ja, auch morgen würde er wieder brillieren! Die gegnerische Seite mit Leichtigkeit vom Hocker fegen und allen präsentieren, wie gut er war!

Ein leichtes Zucken hob seine Mundwinkel. Langsam drehte er sich um zur Schrankwand hinter sich, öffnete eines der Fächer und griff sich die Flasche mit gutem Scotch, um diesen erfolgreichen und arbeitsreichen Tag gebührend zu beenden.

Seine Schritte hallten über das Parkett, hinaus aus dem Arbeitsbereich und hinein in den Wohnbereich. Er stellte sich an die Fenster, blickte auf die ebenso ausladende Dachterrasse und die Stadt, die sich dahinter erstreckte. Leicht wiegte er seinen Drink in der Hand, ehe er einen Schluck nahm. Im höchsten Gebäude der Stadt hatte er sich die oberste der Wohnungen geschnappt. Warum auch nicht? Er konnte es sich schließlich leisten. Er war der Beste auf seinem Gebiet und sein Honorar fiel entsprechend aus. Noch ein Schluck und ein zufriedenes Seufzen. Ja, er war den anderen genauso überlegen, wie seine Wohnung dem Rest der Stadt. Kurz überlegte er, wann er zuletzt einmal auf dieser Dachterrasse gestanden oder gar gesessen hatte. Er wusste es nicht mehr und dabei lebte er erst seit wenigen Jahren in dieser Wohnung. Leicht rümpfte er die Nase und trat zurück an den Schreibtisch, um das Glas darauf abzustellen und die kleine Lampe mit grünem Schirm zu löschen. Er sollte jetzt ins Bett gehen, um für die morgige Verhandlung ausgeruht zu sein. Aber die Müdigkeit machte sich noch lange nicht bemerkbar. Sorge oder Nervosität war nicht der Grund – wusste er doch, dass ihm keiner das Wasser reichen konnte! Was war es dann?

31.1.2024: Geheimfach

Sie saß auf dem Küchenstuhl und versuchte ihre bebenden Knie zu beruhigen. Immer wieder wanderte ihr Blick hinüber zur Tür und sie wusste doch, dass sie ihr keine Rettung bieten würde. Das Gewicht seiner Schritte ließ die Bodendielen knarren. Langsam, fast bedächtig, ging er von Raum zu Raum, schob Vorhänge und Türen auf, um einen Blick dahinter werfen zu können. Die Fenster waren geschlossen, hinter ihnen tobte die Hitze und kroch von außen in die kleine Wohnung. Es brachte ihren Magen immer mehr in Wallungen, wie sich die Wärme mit der abgestanden Luft und vor allem seinem Geruch vermischten. Sie drückte die Hand auf den Bauch und betete, er würde sich beruhigen.

„Du bist wirklich alleine?“, hörte sie schließlich seine heisere Stimme hinter sich. Ein kurzes Nicken. Ihn anzuschauen wagte sie nicht. Noch immer schwang Misstrauen in seinen Worten mit. Mit einem lauten Krachen ließ er seinen schweren Rucksack zu Boden fallen. Sie erschrak und das Herzrasen wuchs mit jedem Schritt, den er nun wieder näher auf sie zukam. Sie musste die Luft anhalten, als er direkt vor ihr stand.

„Sieh mich an“, befahl er und nur langsam gehorchte sie. Das Schwert an seiner Hüfte war nun so gefährlich nahe und trotzdem bei weitem nicht das Einzige, womit er sie hätte verletzten können – da war sie sich sicher.

„Also, warum tust du das? Wieso willst du mir helfen?“, schmälerte er die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust. Konnte er nicht ein Stück von ihr weggehen? Sie hatte das Gefühl, ihm jeden Moment auf die Schuhe brechen zu müssen.

„Um das Dorf zu retten“, murmelte sie und eilte schließlich ins angrenzende Badezimmer, als sie seinem Gestank nicht mehr standhielt.

Dieses Mal hörte sie seine Schritte nicht, sondern bemerkte ihn erst, als sie sich von der Toilette erhob und zum Waschtisch gehen wollte. Er stand in der Tür und musterte sie. Was sollte sie sagen?

„Es… ist sehr warm heut“, murmelte sie und hoffte, er fasste die Situation nicht falsch auf. Doch er schien sich sehr wohl bewusst über den Auslöser ihres Ekels.

„Vergiss das Angebot, mir Essen zu geben – wenn du kannst hilf mir hier mit“. Er schob sein Hemd beiseite und schlagartig wurde der Gestank noch größer. Sie presste die Hand auf den Mund, vor Ekel und Entsetzen. Klaffend und eitrig prangerte eine Wunde auf seinem Oberkörper, bei der sie sich fragte, wie er überhaupt noch aufrecht stehen konnte. Unweigerlich kam in ihr die Frage auf, ob er wirklich ein gefürchtetes Monster war oder eher ein gejagtes Tier.

„Ich helfe Euch und dafür verschont ihr das Dorf“

Er nickte und ließ mit zusammengepressten Lippen den Stoff zurück über die Wunde fallen.

„Ich bin keine Heilerin, aber…“, etwas zögerlich trat sie an den Waschtisch und öffnete ihn. Kurz hielt sie inne, ehe sie einen Korb beiseite nahm und dann ein Brett aus dem Boden löste, um das Geheimfach freizulegen. Sie wusste, wie kostbar das Mittel in dem kleinen Tiegel war, der zum Vorschein kam – und dass manch einer es nicht gebilligt hätte, ihn ausgerechnet in ihren Händen zu sehen.

Extrathema: Schreiben

Fast 20 Jahre – kaum zu glauben, dass das Schreiben für mich zu so einem langen und treuen Begleiter wurde! Dabei hatte ich für das geschriebene Wort eigentlich nicht viel übrig…

Gelesen habe ich nie gern. Die einzigen Bücher, die ich freiwillig in die Hand nahm, waren Mangabücher und seien wir mal ehrlich: bei den meisten von ihnen ist der Text eher schmückendes Beiwerk. Meine eigenen Geschichten wollte ich darum auch immer in gezeichneter Form zu Papier bringen. Es gab nur ein kleines Problem: Die fehlende Lust. Einzelne Bilder zu zeichnen machte mir großen Spaß, aber bei Geschichten verlor ich sehr schnell die Freude. So startete ich immer wieder neue Versuche, die letztlich doch scheiterten. Und trotzdem wollte ich nicht aufgeben. Aber was sollte ich machen? Eines Abends kam mir eine Idee, die alles änderte: Ich hielt meine Überlegungen für eine Geschichte erstmals schriftlich fest.

Eigentlich hatte ich nur ein paar Szenen aufschreiben wollen, um sie im Nachgang nicht zu vergessen, aber dann fiel mir auch wieder eine Klassenarbeit aus der 10. Klasse ein. Damals hatte ich in nur zwei Unterrichtsstunden das Märchen von Rapunzel umgedichtet – ohne Vorbereitung und ohne Probleme. Es war mir so leicht von der Hand gegangen, wie nun die Notizen für meine Geschichte und plötzlich eröffneten sich mir so viele neue Möglichkeiten! Auf eine ganz andere Weise konnte ich durch das Schreiben in meine Welten eintauchen. Ich liebte das Jonglieren mit den Worten, während ich die Szenen klar vor mir sah und meine Finger über die Tastatur huschten, um das Kopfkino festzuhalten. Manche Geschichten waren gerade einmal eine halbe Seite lang, andere über zweihundert. Ich konnte über Stunden hinweg an einer Idee arbeiten, ohne ins Stocken zu geraten oder müde zu werden. Und in gewisser Weise hatte ich auch ein Händchen dafür, obwohl ich mich nie bewusst mit irgendwelchen Schreibregeln befasst hatte. Aber genau das wurde irgendwann zum Problem, wie ich heute weiß.

Langsam, fast unbemerkt, stellte ich mich meiner eigenen Leidenschaft immer mehr in den Weg. Verschiedene Faktoren führten zu der späteren Schreibblockade, aber ein ganz wichtiger war mein wachsender Perfektionismus. Ich schrieb nicht mehr nur aus Freude heraus, sondern zunehmend mit dem Gedanken an potentielle Leser im Hinterkopf. Meine Texte wurden besser und ich stellte selber immer höhere Erwartungen an mich. Gleichzeitig beging ich den Fehler, eine gemeinsame Geschichte mit jemandem zu schreiben. Ich verband das Schreiben mit dieser Freundschaft und das Ende der Freundschaft wurde zum Ende meines Schreibens. Erst waren da nur die Scherben der Freundschaft und der gemeinsamen Geschichte, dann wuchs die Erkenntnis in mir, dass mein kreativer Schreibfluss zunehmend versiegte. Kopf und Finger waren nicht mehr synchron. Entweder hatte ich eine Szene vor Augen und es fehlten mir die Worte oder ich wollte tippen und es kam kein Bild zustande. Und je länger dieser Zustand andauerte, desto mehr Druck machte ich mir. Mehr und mehr Schreibtipps verschlang ich und wollte mit dem Kopf, statt mit dem Gefühl, an die Sache heran gehen. Motivation war keine mehr da, also musste es auf andere Weise klappen – dass meine reale Welt nicht nur durch die zerbrochene Freundschaft sehr lange Kopf stand, war mir in der Zeit gar nicht richtig bewusst. Und so zogen Jahre voller Demotivation, Unzufriedenheit und Freudlosigkeit hinüber, in denen ich schon über den kleinsten Gedankenblitz froh war. Ja, manchmal wollte ich es auch ganz aufgeben, aber zu stark war die Erinnerung daran, wie sehr mich das Schreiben einmal erfüllt hatte. Aber was sollte ich tun? Nach vielen Anläufen wusste ich es nicht mehr. Und dann kam das Jahr 2023…

Nach erneuten Rückschlägen war es seit langer Zeit das erste Jahr mit vielen positiven Entwicklungen gewesen. Ich verarbeitete Dinge – und tue es noch immer. Ich setzte mich mit mir auseinander, versuchte Muster zu erkennen, alte Wunden und vieles mehr. Zusätzlich hatte ich mit dem Lesen angefangen. Ja, tatsächlich! Ich hatte freiwillig Bücher in die Hand genommen! Mitunter sogar richtige Wälzer, teilweise über 500 Seiten lang! Und dann kam da plötzlich wieder diese Lust auf, selber etwas zu schreiben…

Eigentlich war das erste Projekt für den Neustart gleich klar: Ein mehrbändiger Roman, an dem ich in Gedanken über die letzten 20 Jahre immer wieder gearbeitet hatte. Aber für die Rückkehr zum Schreiben war das eine überwältigende Aufgabe. Erst recht, weil ich schon mehrfach an ihr gescheitert war. Nein, es musste etwas Kleineres her! Etwas, das überschaubarer war und mir den Einstieg erleichtern konnte. Eine Challenge, die mir zum richtigen Zeitpunkt zugeflüstert wurde! Die Regeln sind bekannt und meine Freude umso größer, dass ich mich ihr bisher tatsächlich erfolgreich stellen konnte. Und wenn ich ehrlich bin: Sie hat mir nicht nur geholfen, um wieder regelmäßig zu schreiben, sondern auch, um so einige Erkenntnisse zu gewinnen: In den ersten paar Tagen hatte ich ein unfassbar mulmiges Gefühl gehabt, diese Challenge hier zu teilen. Immer wieder fragte ich mich, ob ich sie wirklich durchziehen würde und wie groß die Enttäuschung bei einem Abbruch wäre. Obendrein die Angst, ob mir jeden Tag eine Geschichte einfiele. Gerade in den ersten Wochen klammerte ich mich darum an die Anzahl der Wörter pro Geschichte. Gleichzeitig beobachtete ich diese Gedankengänge und erkannte noch deutlicher als zuvor, wie ich mich unter Druck setzte. Aber dann platzte auch ein Knoten, als ich mir schließlich sagte: „Scheiß auf die Schreibregeln! Scheiß auf die korrekte Perspektive und sonst was – schreib einfach!“.

Das hatte ich gebraucht! Damit konnte ich auch die ersten kleinen Zeilen an meinem Roman wieder umsetzen. Und noch mehr wurde mir durch die Challenge bewusst: Das Thema war oft gar nicht der ausschlaggebende Punkt für mich, sondern vor allem meine Tagesform und was mein Kopf daraus machte. An machen Tagen liebte ich ein Thema und brachte trotzdem kaum einen Satz zustande. An anderen Tagen fand ich das Thema ätzend und überraschte mich hinterher selbst mit der Geschichte. Und während anfangs die Sorge vor dem weißen Blatt vorherrschte, ist es jetzt eher die Sorge vor der fehlenden Zeit geworden. Darum wird die Challenge auch ein wenig verändert: Ja, ich möchte sie weiterführen! Erst mal bis Ende Februar und dann in kleinen Schritten immer weiter voraus. Die zehn Minuten werden zu einem groben Richtwert und wenn ich sie auf 15 Minuten ausdehne, ist das auch völlig okay (gut, zu lang dürfen sie nicht werden, ich muss auch noch irgendwann mal zur Arbeit, haha. Morgens nach dem Aufstehen ist aber die perfekte Zeit für meine kleinen täglichen Texte <3). Kleine Korrekturen im Nachgang sind okay – ich pass aber auf, dass ich mich nicht in der Nachbearbeitung verlieren, sonst wird diese Regel wieder verschärft! Und fürs Erste nutze ich weiterhin das Wort des Tags als Themenquelle. Zeitweise war ich es leid, aber momentan macht es mir wieder viel Spaß, selbst bei „doofen“ Themen – ich beobachte also erst einmal weiter, wie gut ich mit ihm klar komme. Und auch generell, was diese Challenge mit mir macht. Auf zu den nächsten 29 Geschichten :)

1.2.2024: missingsch

Die letzten Bäume und Felder an der Landstraße flogen an ihnen vorbei und das Autobahnkreuz trat in sichtbare Nähe. Melissa saß auf dem Beifahrersitz und rutschte tiefer in ihn, als das Unvermeidliche kam: Sie fuhren auf die Autobahn. Jetzt würde es stundenlang nur noch geradeaus gehen, hoch in Deutschlands Norden, um seine Familie zu besuchen. Erst die, die doch urbaner wohnte, dann die Großtante auf dem Land. Ein tiefes Seufzen entfuhrt Melissa, während ihr Freund Bernd bereits seit Tagen schon immer besserer Laune wurde. Auch jetzt lag ihm ein Summen auf den Lippen, während er sich einreihte, die rechte Spur übernahm und nur dann und wann für ein Überholmanöver auf die Mittelspur wechselte. Es war eine entspannte Fahrt. Und sie wären umso schneller am Ziel…

Mürrisch stützte Melissa das Kinn auf eine Hand und starrte aus dem Fenster.

„Mama hat mich gestern noch mal angerufen und gefragt, ob wir auch wirklich kommen“, riss Bernd sie aus ihren Gedanken.

„Hmmm. Wie immer“, murmelte sie, während er unbeirrt fortfuhr, dass bereits sein Lieblingsessen auf ihn wartete. Nirgends schmeckte es besser als bei seiner Mutter! Wie ein kleines Kind freute er sich immer auf diese Besuche und auch wenn Melissa ihm diese Freude nicht kaputt machen wollte, fiel es ihr doch schwer, sich den eigenen Unmut nicht anmerken zu lassen. Bernds Familie war nett, aber… sie verstand sie einfach oft nicht richtig.

„Wie heißt das noch mal, was deine Eltern da sprechen?“, fragte sie in die Staunachrichten im Radio hinein.

„Missingsch… warte mal, war das gerade unsere Autobahn, die da genannt wurde?“, drehte Bernd das Radio lauter und verzog unglücklich die Miene, weil die Nachrichten bereits vorbei waren. Melissa hatte allerdings schon das Handy parat und schaute nach: Ja, wenn sie so weiter fuhren, würden sie gleich unweigerlich im Stau landen. Noch hatten sie Zeit, sich einen Umweg zu suchen. Wieder seufzte sie aus. Blieb ihr denn gar nichts erspart? Erst würde sich die Reise um mindestens eine Stunde verlängern und dann durfte sie die nächsten drei Tage ein Kauderwelsch aus Hoch- und Niederdeutsch hören. Noch immer dachte sie daran zurück, wie Bernds Mutter beim letzten Mal über einen früheren Arbeitskollegen rausposaunt hatte „Der ist tot geblieben!“. Ja, dachte Melissa sarkastisch, hoffentlich ist er kein Zombie. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte den Kopf an die Fensterscheibe. In den kommenden drei Tagen würde sie wieder ständig rätseln, was genau gemeint wäre, zumal Bernd dann auch wieder ins Missingsch verfiel und sie als einzige diese Sprechart nicht verinnerlicht hatte. Ganz zu schweigen von dem Abstecher zu seiner Großtante auf dem Rückweg: Sie sprach fast nur Plattdeutsch.

2.2.2024: Empire

Emilie saß im Geschichtsunterricht. Der Lehrer sprach schon die vierte Stunde in Folge über das Empire, das französische Kaiserreich zu Zeiten Napoleons, aber viel bekam Emilie dieses Mal nicht davon mit. Zu sehr hing sie ihren Gedanken nach und ihrem Traum von letzter Nacht. Sie machte sich die massige Gestalt des Mitschülers vor sich zunutze und tauchte fast gänzlich hinter ihm ab. Den Kopf auf eine Hand gestützt, schaute sie aus dem Fenster, ohne dabei überhaupt wahrzunehmen, was sich davor tat. Sie sah nicht das grüne Gras mit den kleinen Frühlingsblühern, nicht das erste warme Sonnenlicht dieses Jahres und auch nicht die vereinzelten Kinder, die schon auf dem Schulhof unterwegs waren. Sie sah viel mehr die fremde Stadt aus ihrem Traum. Wie sie ziellos durch Menschenmassen geirrt war. Durch fahles Grau, Sprühregen und geschäftiges Treiben. Sie spürte wieder die Panik in sich aufkommen, weil sie nicht wusste, wo sie war oder wie sie dorthin gelangt war. Sie fühlte sich wieder eingeengt von menschlichen Leibern, die sie durch die Straßen trieben, als gäbe es kein Entkommen. Aber sie merkte auch wieder ihr Herz einen Hüpfer machen, als eine Hand sie plötzlich ergriffen und aus dieser fleischlichen Welle gerissen hatte. Hinein in die Sicherheit einer Seitengasse, fort vom Trubel und hin zu der Möglichkeit, einmal zu Atem zu kommen. Seine stahlblauen Augen hatten Emilie gleich in seinen Bann gezogen, obwohl sie ihn noch nie vorher gesehen hatte. Dazu die wilden Locken, die sein Gesicht umrahmt hatten.

Wäre er doch nur real gewesen, dachte sie jetzt und seufzte schwer aus. Ob sie wohl jemals einen Mann wie ihn treffen würde? Sie dachte daran, einmal gehört zu haben, dass man in Träumen immer nur Leute trifft, die man wirklich schon einmal irgendwo gesehen hatte – aber wo hätte das sein sollen? Auf der Schule sicherlich nicht und selbst wenn es in einem Film gewesen wäre, wäre er ihr doch sogleich aufgefallen! Dann hätte sie ihn jetzt wenigstens als Filmstar anschmachten können! Und wieder seufzte sie aus.

„Ist mein Unterricht so langweilig, Emilie?“, fragte der schöne Mann sie plötzlich in ihren Traum hinein und sie begann zu stutzen. Seine Stimme passte so gar nicht zu seinem Gesicht.

„Emilie!“, wurde er unbeherrschter und ließ sie zusammenfahren. Sie starrte hoch und erkannte den Geschichtslehrer vor sich stehen, dessen Gesicht bereits auf dem Weg zur Farbe einer Tomate war. Alle Mitschüler saßen zu ihr gedreht, einige schüttelten den Kopf, die meisten anderen schmunzelten und kicherten.

„Wo bist du mit deinen Gedanken?!“, herrschte der Lehrer Emilie an und sie sank in sich zusammen.

„Tschuldigung“, murmelte sie schuldbewusst und suchte nach einer Antwort, als er wissen wollte, worüber er zuletzt gesprochen hatte. Sie schaute zum Mitschüler vor sich, der nur die Achseln zuckte – er war schon immer ein Arsch gewesen. Aber dann fiel ihr Blick aus dem Fenster, ganz zufällig und ungeplant, und es raubte ihr den Atem: Dort stand er und schaute genau zu ihr hoch, mit seinen stahlblauen Augen und den wilden Locken im Gesicht, die sich im leichten Wind wiegten. Wie aus dem Nichts war er aufgetaucht und sie musste um jeden Preis verhindern, dass er genauso wieder verschwand!

3.2.2024: Laurin

„Na schön, es klingelt sowieso in einer Minute. Eure Hausaufgaben habt ihr, also Schluss für heute und habt ein schönes Wochenende!“, legte die Lehrerin die Kreide neben die Tafel und schaute den Kindern kurz dabei zu, wie sie freudig in die Pause stürmten. Es war wieder einmal eine bunte Deutschstunde gewesen, die ihren Abschluss mit einer kurzen Eintragung ins Klassenbuch fand.

„Ach, Laurin!“, fiel es ihr wieder ein, als der schüchterne Junge aus der letzten Reihe langsam an ihr vorbei ging. Sie merkte gar nicht, wie er innerlich zusammenzuckte und die Augen verdrehte. Zwar trieb ihn nichts an, auf den Pausenhof hinunter zu gehen, aber auf ein Gespräch mit ihr hatte er auch wenig Lust. Gerade mit ihr…

„Ja, Frau Müller?“, blieb er trotzdem brav stehen und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Konnte sie die Situation überhaupt noch schlimmer machen?

„Hast du deine Eltern mal gefragt, wie sie auf deinen Namen gekommen sind?“, lächelte sie ihn an und stand mit ihrer Fröhlichkeit im gänzlichen Kontrast zu seiner versteinerten Miene. Er schüttelte den Kopf, als wolle er damit auch einen Ballast von sich abschütteln.

„Solltest du unbedingt noch machen! Ich find das spannend!“, verstärkte sie ihren Ausspruch mit einem Nicken und ließ Laurin endlich aus dem Klassenraum, als ihr sein unruhiges Scharren mit dem Fuß auffiel.

„Na los, spiel schön mit den anderen. Bis Montag!“, wünschte sie und war mit den Gedanken längst bei der nächsten Klasse, als Laurin eilig das Zimmer verließ. Sie bemerkte gar nicht, wie aufgewühlt der Junge war und erst recht nicht den Spießrutenlauf, den er jetzt antreten musste.

„Na, Zwergenkönig?“, hallte es ihm schon in der Eingangshalle entgegen und wurde von einem „Dornröschen!“ untermauert, als er hinaus auf den Schulhof trat. Sein Butterbrot fest an sich gedrückt, bahnte er sich den Weg durch die lästernde und lachende Meute, um hinter einer Gruppe Zehntklässler Schutz zu suchen.

„Hey, bist du gemeint?“, wandte sich eine der Älteren an ihn und zeigte hinüber zu den lachenden Siebtklässlern. Laurin starrte sie kurz an und rannte dann vom Schulhof runter, ungeachtet der Rufe anderer Schüler, dass man das nicht dürfe. In der Nähe gab es einen kleinen verlassenen Garten, umringt von einer Hecke, die nur an einer Stelle genug Platz bot, um geschützt vor den Dornen durch sie hindurch zu schlüpfen. Zumindest als schlanker Junge, der Laurin glücklicherweise war. Hier konnte er wenigstens ein bisschen Ruhe finden, ehe er sich wieder dem Gespött aussetzen musste.

Er ging hinüber zu einer verwitterten Bank, die unter anderer Statur vermutlich längst zusammengebrochen wäre. Mit einem leisen Seufzen ließ er sich auf ihr nieder und packte sein Pausenbrot aus. Aber Hunger hatte er keinen. Er ließ die Schultern sinken und legte das Brot beiseite. Alles nur wegen Frau Müller!, dachte er und trat ein Steinchen mit dem Fuß weg. In der letzten Deutschstunde hatte sie plötzlich eine südtiroler Sage hervorgekramt, in der es um einen Zwergenkönig und seinen Rosengarten ging. Der Zwergenkönig hatte eine Königstochter dorthin entführt und im Kampf mit den Verfolgern trotz Zaubertricks verloren. Darum verwünschte er den Rosengarten, weil er ihn nicht beschützt hatte und seitdem sieht man den Garten nur noch während des Alpenglühens. Eigentlich eine nette Geschichte...

Laurin griff sein Brot und warf die Krumen einer Maus hin, die aus dem hohen Gras auf ihn zugelaufen kam.

„Na? Bist du heute auch wieder hier?“, fragte er und schaute ihr dabei zu, wie sie aß. Wenigstens einer von beiden hatte Hunger.

„Ist es immer noch so schlimm?“, meinte sie plötzlich und er nickte. Inzwischen schrak er nicht mehr vor ihr zurück.

„Vorhin hat Frau Müller schon wieder angefangen… Sie wollte wissen, ob ich meine Eltern mal gefragt hab, warum sie mich so genannt haben.“

Er schüttelte den Kopf und legte die Stirn in Falten. Ein kurzes „Was für ein lustiger Zufall, dass du genau wie der König heißt und doch auch so gern Blumen magst!“ war ausreichend gewesen, um den zurückhaltenden Jungen zur Zielscheibe der ganzen Klasse zu machen. Ein bisschen ironisch fand er es schon, dass er sich seitdem fast jede Pause in einem Garten versteckte.

4.2.2024: orakelhaft

Sie stand auf der Bühne der kleinen Bar und kontrollierte ihr Equipment. Noch spielte die Musik vom Band, aber in einer knappen halben Stunde hatte sie wieder ihren großen wöchentlichen Auftritt. Sie verdiente nicht viel damit, aber es war ihr Ausgleich zum sonst so schnöden Leben, das sie unter der Woche führte: Als Musiklehrerin für zumeist untalentierte und oft unerzogene Kinder. Für Kinder, die nur allzu häufig in ihren Unterricht geschickt wurden, weil die Eltern sie anders nicht zu beschäftigen wussten oder ihre eigenen, unerfüllten Träume auf diese Weise ausleben wollten. Wer konnte es den Kindern da verübeln, dass sie nicht gern zu ihr kamen? Wobei… für so einige schien sie auch der Lichtblick im durchgetakteten Alltag voller Schularbeiten und privater Verpflichtungen zu sein. Die Kinder waren schon ähnlich in diesem System gefangen, wie sie selbst. Aber irgendwann würde sie es schaffen, daraus auszubrechen, da war sie sicher! Diese kleinen Auftritte waren für sie nicht nur Inseln, auf denen sie ihre wahre Leidenschaft ausleben und sie selbst sein konnte – sie sollten für sie auch die Fahrkarte in ein freieres Leben werden! Bis dahin musste sie ihre alte Gitarre aber erst noch zur Mitarbeit überreden. Etwas, das mit jedem Mal schwerer fiel, aber aktuell fehlte einfach das Geld für eine neue.

Mitten in diesen Gedanken drang ein Raunen an ihr Ohr und lockte ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie schaute hinüber zum Tresen und wusste schnell, dass es nur einen Grund für diesen Aufruhr geben konnte: Er war wieder da. Der großgewachsene Bursche überragte viele in der Bar und war den meisten hier längst gut bekannt. Jede Woche kam er, pünktlich wie ein Uhrwerk, kurz vor Beginn der Show. Selten kam er alleine, meist war er in Begleitung von mindestens einer hübschen Dame. Die Männer beneideten ihn und die Frauen wollten nur allzu oft an seiner Seite sein. Er hatte eine einnehmende Art, jeder freute sich ihn zu sehen und viele begrüßten ihn mit Handschlag. Es war wie immer ein Fest, wenn er den schummerigen Bierpalast betrat. Dann fühlte sie sich für einen kurzen Moment so, wie die Gäste, die sonst vor allem ihretwegen kamen: Fasziniert. Es lag aber nicht an seinem guten Aussehen oder Charisma, nein, er hatte etwas Orakelhaftes an sich und ein ums andere Mal fragte sie sich, was es war. Machte ihn sein verschmitztes Lächeln geheimnisvoll oder war es mysteriös, wie viele unterschiedliche Begleiterinnen er bereits mitgebracht hatte? Vielleicht. Aber sie spürte, dass noch mehr dahinter steckte. Was verbirgst du?, dachte sie, während er sich an seinen Stammplatz in der kleinen Loge gegenüber der Bühne verzog und mit einem breiten Grinsen auf ihren diesmaligen Auftritt wartete.

5.2.2024: Fixativ

„Das sieht wirklich wieder hervorragend aus“, hörte er Susis Stimme hinter sich, als er gerade den letzten Strich zog und die Pastellkreide beiseite legte.

„Danke“, blickte Dominik kurz über die Schulter zu ihr und trat dann einige Schritte zurück, um sein Gemälde aus einiger Entfernung zu betrachten. Er konnte hören, wie Susi näher kam.

„Ich geb zu, ich beneide dich um dein Können“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und legte den Kopf schief. Es faszinierte sie immer wieder, wie viel Lebendigkeit und welche Details ihr Kommilitone in seine Arbeiten brachte. Er hingegen wirkte wenig zufrieden. Irgendetwas störte ihn an dem Bild und er wusste nicht, was. Wie immer also.

„Du hast da so ein Meisterwerk zustande gebracht und ziehst ein Gesicht wie sieben Tage Regen“, schüttelte sie den Kopf über seinen Perfektionismus.

„Es ist okay, aber es ist nicht so gut, wie ich es mir vorgestellt hab“, murmelte er und putzte sich die Hände an einem Tuch ab. Es war so frustrierend für ihn, wenn er die Bilder genau vor Augen hatte und sie trotzdem nicht so umgesetzt bekam wie in seiner Fantasie. Er war einfach noch nicht gut genug. Manchmal fragte er sich, warum er überhaupt an dieser Kunsthochschule war.

„Es ist nicht nur okay, Dom!“, griff Susi das Fixativ und drückte es ihm in die Hand.

„Na los, bevor du anfängst, es zu verschlimmbessern!“.

Er zögerte und kaute auf seiner Unterlippe.

„Außerdem ist morgen eh Abgabe. Also fixier es und dann mach Schluss für heute. Du musst nicht immer bis tief in die Puppen hier bleiben. Ein bisschen Schlaf täte dir auch ganz gut!“, zwinkerte sie und verabschiedete sich nach einem Blick auf die Uhr. Ihr Freund wartete für den gemeinsamen Kinobesuch. Für Dominik hingegen war der Feierabend noch lange nicht eingeläutet: Trotz Stipendium musste er neben der Uni zwei Jobs nachgehen, um sich über Wasser zu halten. Seine Familie hatte seinen Traum vom Leben als Künstler immer nur belächelt und ihm gesagt, er werde es nie schaffen. Unterstützung wollte er keine – weder von seinen Verwandten noch in Form von BAföG. Er wollte es selbst schaffen. Nur das Stipendium sah er als Anerkennung seines Könnens an. Doch in der letzten Zeit fragte er sich zunehmend, welches Können das sein sollte.

Entmutigt ließ er das Fixativ sinken und sich auf einen Stuhl fallen. Er starrte das Bild an, an dem er so viele Wochen gearbeitet hatte. Aber er spürte nichts. Wo war seine Liebe und Freude geblieben, die ihn früher beim Zeichnen und Malen so erfüllt hatte? War er vielleicht doch nur ein Versager und Träumer?

6.2.2024: Katerfrühstück

„Ich glaub, ich muss kotzen“, saß der Schwarzhaarige voll Gram am Küchentisch und stützte den Kopf auf beide Hände. Ihm war sprichwörtlich Hundeelend zumute.

„Müsstest du nicht langsam mal fertig damit sein?“, war sein Kumpel und Gastgeber im Gegensatz zu ihm das blühende Leben. Der Schwarzhaarige funkelte ihn aus seinen silbernen Augen an – wie konnte man nur ein Morgenmensch sein und nach einer durchzechten Nacht derart gut gelaunt? Dass er als einziger gebechert hatte, ignorierte er gekonnt.

„Vielleicht lässt du mal eine Weile die Finger vom Alk, hm?“, nippte der Rothaarige an seiner Kaffeetasse und schaute über deren Rand hinweg weiter zu seinem Gast. Dessen Gesicht zierte ein dezenter Grünton und die Augenringe wirkten wie der gescheiterte Versuch, sich einen Pandalook zu schminken.

„Spar dir die klugen Ratschläge! Gib mir lieber was gegen diese verdammten Kopfschmerzen“, jammerte er und jaulte leise in sich hinein.

„Dann solltest du nicht mitten in der Nacht vor meiner Haustür auftauchen und mein Klo in Beschlag nehmen, um dich zwischen den Kotzorgien auf dessen Rand auszupennen“, knallte er die Kaffeetasse für seinen Gast so geräuschvoll auf die Tischplatte, dass der zusammenzuckte und ihn wieder böse anstierte.

„Wie kann man nur so herzlos sein!“, beschwerte er sich und schob das braune Gebräu angewidert von sich. Sein Magen drehte sich schon genug. Der Rothaarige schmunzelte und schob einen Teller mit Spiegelei, saurer Gurke und anderen deftigen Zutaten hinterher.

„Bitte, der Herr. Einmal Katerfrühstück mit allem drum und dran.“, legte ein Grinsen seine leicht vergilbten Zähne frei und er konnte das Lachen kaum unterdrücken, als ein erneuter Sprint zum Badezimmer los ging.

„Selbst Schuld“, murmelte er und sein Grinsen verschwand, kaum, dass die Geräuschkulisse verriet, dass sein Gast offenbar am Ziel angelangt war. Er blickte hinüber zum Bad und verschränkte die Arme vor der Brust, während er langsam die Augen auf die Schlafzimmertür richtete. Ausgerechnet in dieser Nacht hatte er ungebetenen Besuch bekommen müssen. Ein Wunder, dass seine schöne Begleitung noch nicht von dieser Schnapsleiche aufgeweckt und verjagt worden war. Er rang mit sich, ob er sie schlafen lassen oder zurück ins Zimmer schlüpfen sollte. Zögerlich legte er die Hand an die Türklinke. So lange hatte er von dieser Nacht geträumt gehabt und nie damit gerechnet, dass sie wirklich einmal mehr als die wunderschöne Sängerin mit der Gitarre für ihn wäre. Was, wenn jetzt das böse Erwachen käme? Vielleicht brauchte er doch erst noch eine Zigarette, um die Nerven zu beruhigen.

7.2.2024: menno

„Ach, menno!“

Frustriert warf Maren den Rührbesen in die Teigschüssel zurück. Es war schon der zweite Versuch, einen Kuchen zu backen und wieder gelang es nicht. Dabei stand auf dem Rezept extra, dass es für Anfänger geeignet wäre! Aber selbst dann schaffte sie es noch, ihn verbrennen zu lassen oder den Eischnee nicht richtig aufgeschlagen zu bekommen. Heute war einfach nicht ihr Tag…

Sie seufzte und nahm die Schürze ab. Mit backen hatte sie halt noch nie viel am Hut gehabt. Das machte sie auch nicht zu einem schlechteren Menschen! Oder einer schlechteren Freundin… Sie schaute auf die missglückten Backversuche und spürte, wie die Tränen in ihren Augen brannten. Und wenn seine Familie genau das von ihr denken würde? Dass sie sich nicht genug Mühe für ihn gab? Nicht einmal backen konnte? Es war das erste Mal, dass sie seine Eltern und Geschwister kennen lernen würde und da wollte sie einen guten Eindruck hinterlassen. Marcel hatte schon so manches Mal davon erzählt, wie seine Mutter die fünf Kinder aufgezogen hatte, während sie nebenher noch Haushalt und Garten schmeißen konnte. Zudem schwärmte er immer von ihren Backkünsten – wie sollte Maren dagegen anstinken? Ihre Stärke waren Tiefkühlpizzen und Fertigkuchen.

Sie schüttelte den Kopf und verließ die Küche. Das Elend konnte sie sich nicht länger anschauen. Es war noch zum Haareraufen und sie spürte, wie die Verzweiflung so zur Wut wurde, dass sie Gefahr lief, die Teigschüssel durch den Raum zu werfen – noch etwas, das seine Mutter sicherlich nie getan hatte. Marens Weg führte sie hinaus in den Garten, hinüber zum Holzschuppen. Sie griff sich die Axt, die dort an die Schuppenwand gelehnt stand und ließ ihren Frust am Feuerholz aus. Mit gezielten Hieben spaltete sie die vorgeschnittenen Baumscheiben zu handlichen Stücken und Anzündholz. Hier war sie in ihrem Element! Die Arbeit an der frischen Luft tat ihr besser als jeder Besuch im Fitnessstudio! Ob seine Mutter das wohl auch konnte? Kurz dachte sie darüber nach, aber dann verschwand der Gedanke auch so schnell wieder, wie er gekommen war.

„Schlechten Tag gehabt?“, hörte sie plötzlich hinter sich und fuhr herum.

„Marcel! Was machst du denn schon hier?“, schnaufte sie und ließ die Axt sinken. Beschämt schaute sie auf die Teigschüssel in seiner Hand.

„Heute war nicht viel los, da hab ich ein paar Überstunden weggenommen.“, ging er zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Stirn, ehe er ergänzte „Irgendwie hatte ich im Gefühl, dass du vielleicht ein bisschen Hilfe beim Backen gebrauchen könntest“.

Sie schenkte ihm ein schiefes Grinsen.

„Dummerweise ist mir das Feuerholz ausgegangen“, log sie und er nickte wissend.

„Wirklich blöd, dass wir keinen Elektroofen haben, auf den wir ausweichen könnten“, schmunzelte er und legte den Arm um sie.

„Komm, ich helf dir.“

Sie nickte und schmiegte sich an ihn. Im Gegensatz zu ihr konnte er wirklich prima backen – er hatte seiner Mutter früher oft genug zugesehen.

„Als ich das Schlachtfeld in der Küche sah und dich Holzhacken hörte, musste ich an früher denken“, grinste Marcel und erhielt einen fragenden Blick.

„Mama war manchmal so überfordert mit uns und dem Haushalt, dass sie ihren Frust beim Teppichklopfen raus ließ.“

8.2.2024: Öchsle

„Oh, ja, die find ich echt niedlich“, murmelte Linda und scrollte unablässig über ihr Handy. Seit einer gefühlten Ewigkeit war ihr Freund in eine Broschüre vertieft und las ihr immer wieder einiges daraus vor. Nun aber ließ er das Heft sinken und guckte sie irritiert an.

„Hä?“

Ihr Blick wich nur kurz vom Display hinweg zu ihm hinüber, ehe sie weiter eifrig scrollte.

„Was, ?“, schmatzte sie und versuchte aus ihrem Kaugummi eine Blase hervor zu kitzeln.

Detlef legte die Broschüre auf seinem Schoß ab und guckte sie entgeistert an.

„Was soll denn daran niedlich sein?“, lehnte er sich an die Rückenlehne der Couch und drehte sich mehr zu Linda. Die saß am anderen Ende des Möbelstücks in eine Decke gehüllt und zu einer kleinen Sofakartoffel gedreht. Detlef taten schon beim Zusehen die Knie und der Rücken weh, wenn sie sich so klein machte, dass sie ihr Kinn auf den Knien abstützten konnte, während ihre Hände fast schon auf den Füßen ruhten.

„Na ja, die Öchsen halt“, murmelte Linda und lachte kurz, als ein lustiges TikTok auftauchte. So schnell, wie die Freude aufkam, verschwand sie allerdings auch wieder.

„Öchsen?“, wiederholte Detlef und sie verdrehte die Augen.

„Öchsen, Öchschen, Öchsle… was weiß ich! Kleine Ochsen halt. Niedlich und so“. Wieder ein kurzes Lachen. Detlef hatte das Gefühl, ihr beim Verblöden zuzusehen.

„Du meinst also, ich hab dir die ganze Zeit von Rindvieh vorgelesen?“, hob er die Augenbraue und verschränkte die Arme vor der Brust. Linda zuckte die Schultern.

„Irgendwas mit Wein und so und dass die Ochsen dann die Trauben klein matschen – eigentlich praktisch, müssen die Leute das nicht mehr barfuß machen. Wobei… trinken würd ich das Zeug nicht wollen. Aber gibt ja auch Kaffee, der erst mal von irgendwelchen Nashörnern ausgeschissen wird und dadurch zur Delikatesse wird. Jeder, wie er meint…“. Ein erneuter Lacher und Detlef reichte es. Er zog ihr das Handy weg und drückte ihr stattdessen seine Broschüre in die Hand.

„Bei dem Kaffee sind Elefanten involviert und ich hab dir nichts von Trauben stampfenden Ochsen erzählt, sondern über die Maßeinheit für das Gewicht vom Most gesprochen – Öchsle!“, schnaufte er und warf Lindas Handy auf den Tisch. Die war offensichtlich unschlüssig, ob sie sich über sein Tauschgeschäft aufregen sollte oder sich ihren Ärger lieber verkniff. Das mit der Winzerei war doch eh nur wieder irgendeine kurze Spinnerei und Traumvorstellung, die er nach wenigen Wochen wieder verwerfen würde.

„Musst du eigentlich nicht langsam zur Lerngruppe? Sven wartet bestimmt schon.“, griff sie ihre Wasserflasche vom Couchtisch und schielte auf die aufploppenden Nachrichten auf dem Handydisplay.

9.2.2024: Tüttel

„Danke, Bria“, meinte der Lehrer, als das Mädchen ihm die Kreide reichte und zurück an seinen Platz ging. Im Gegensatz zu anderen Schülern hatte sie wirklich eine hübsche Schrift und es war immer eine Freude, sie etwas an die Tafel schreiben zu lassen – ihre Werke konnte man wenigstens entziffern; bei anderen Kandidaten sah das hingegen nicht so aus, dafür hatten sie…

„Da fehlt noch das i auf dem Tüttel!“

… eine große Klappe, wie Pierre in diesem Moment wieder einmal lautstark unter Beweis stellte. Die ganze Klasse lachte und er fühlte sich wie der Größte. Der Lehrer konnte sehen, wie Bria die Augen verdrehte und verstand das Mädchen nur allzu gut. Leider musste er selbst ein wenig neutraler sein und konnte nicht so offensichtlich zeigen, dass er einigen Schülern die Intelligenz eines Toastbrots zusprach.

„Ruhe jetzt! Wenn schon, dann Tüttel auf dem i – und wie kommst du da jetzt drauf?“, ergänzte der Lehrer das fehlende Pünktchen und bekam rasch erklärt, dass sie in der vergangenen Deutschstunde über spätmittelhochdeutsche Begrifflichkeiten gesprochen hatten. Eher durch Zufall, weil ein Schüler irgendein Wort aufgeschnappt hatte und Frau Müllers Hang, sich ablenken zu lassen, nutzte. Aber immerhin kannten die Kinder jetzt unter anderem das Wort Tüttel und würden es wohl auch so schnell nicht mehr aus ihren pubertären Hirnen verbannen – stand es doch nicht nur für Pünktchen, sondern hatte seinen eigentlichen Ursprung bei der Brustspitze. Herr Meyer nickte verstehend, dachte sich so seinen Teil über die werte Kollegin und fuhr dann mit dem Englischunterricht fort.
 

„Warum müssen unsere Jungs bloß immer solche Kleinkinder sein?“, murrte Bria, als sie nach der Stunde mit ihrer Freundin auf den Schulhof trat. Dieses ständige Gehabe ihrer Mitschüler ging ihr gewaltig auf den Geist. Immerzu irgendwelche anzüglichen Witzchen und bei jeder Gelegenheit kamen sie nur auf das eine Thema zu sprechen. Ja, Bria war nicht die Einzige, die schon in peinliche Situationen vor versammelter Mannschaft gebracht worden war, aber trotzdem nervte sie das gewaltig. Und ihre Freundin war ihr dabei keine große Unterstützung: Die fand eines der Klassengroßmäuler auch noch toll und kicherte eher, wenn es um den Deppen ging, als ihren Kopf einzuschalten. Manchmal fragte sich Bria, ob sie nur noch von Idioten umgeben sei. Wurde man in der Pubertät zu einem hirnlosen Blödkopf, fragte sie sich und spürte plötzlich ein Kribbeln in der Magengegend. Da kam auch Laurin aus dem Schulgebäude. Der Junge war ein Schuljahr über ihr und ihr – wie wohl den meisten – durch die Hänseleien seiner Mitschüler aufgefallen. Statt sich aber über ihn lustig zu machen, fand Bria ihn interessant: Er war eher ruhig und raufte sich nicht ständig. Vielleicht sollte sie ihn einmal ansprechen?

10.2.2024: Whataboutism

„Mir reichts jetzt! Wir diskutieren seit Stunden und von dir kommt nichts als Whataboutism!“, hob Detlef die Hände und machte eine abwehrende Geste. Wieder öffnete Saskia die Lippen, um etwas zu sagen, aber dieses Mal ließ er sie nicht zu Wort kommen.

„Nein! Ich hab keine Lust mehr darauf! Du gehst überhaupt nicht auf meine Argumente ein, sondern kommst nur mit Gegenfragen oder versuchst vom Thema abzulenken! Ja, natürlich sind die anderen Probleme schlimm, die du gerade genannt hast, aber um die geht es doch gerade überhaupt nicht! Wieso kannst du nicht ein Mal auf das eingehen, was ich sage?“, schüttelte er verständnislos den Kopf und ließ einen tiefen Seufzer fahren.

Ich lenk vom Thema ab?“, stieß Saskia schrill hervor und stützte die Hände auf die Hüften.

Du bist doch der, der unsere finanzielle Situation völlig ignoriert und nur seinen Hirngespinsten nachjagt! Wenn du willst, dass unsere Beziehung besser läuft, such dir endlich einen Job!“, forderte sie und nochmals schüttelte Detlef den Kopf.

„Aber das ist doch nicht unser Kernproblem. Ja, es belastet, aber ich hab das Gefühl, dass wir uns auseinanderleben. Dass wir nur noch nebeneinander herleben, statt wirklich zusammen zu sein“, murmelte er und konnte in ihrem Blick sehen, wie sie innerlich die abwehrende Mauer noch höher zog. Sie wollte sich einfach nicht eingestehen, dass ihre Beziehung in den letzten Monaten mächtig ins Wanken geraten war. Und Detlef fühlte, wie die Verzweiflung in ihm aufstieg, weil er nicht zu ihr durchdringen konnte.

Du suchst doch nur wieder nach Ausflüchten, um dich vor der Arbeit zu drücken!“, zischte Saskia und Detlef ließ mutlos die Schultern sinken.

„Liebst du mich überhaupt noch?“

Er konnte sehen, wie ihr Kopf rot anlief – aber war es aus Wut oder weil sie sich ertappt fühlte?

„Erzähl mir noch mal, ich würde ablenken! Was machst du denn grad selber?! Du lässt doch nur deinen Frust an mir aus und versuchst mir ein schlechtes Gewissen zu machen!“, brauste sie auf und er brach den Blickkontakt ab. Es hatte keinen Zweck. Er ging an ihr vorbei zur Tür - unter Gezeter und der Aufforderung, ihr nicht den Rücken zuzudrehen, aber er hob nur ein weiteres Mal abwehrend die Hände.

„Das führt hier grad zu nichts. Wir sollten uns erst mal beruhigen“, sagte er und sein Mundwinkel zuckte, als sein Partnerin meinte, sie sei ruhig – um gleich darauf weiter zu zetern. Er konnte spüren, dass es für sie der Bruch in ihrer Beziehung wäre, wenn er jetzt ginge, aber längst hatte er das Gefühl, dass sie nur nach einem solchen offiziellen Grund gesucht hatte.

„Lass uns nachher weiterreden“, schlug er trotzdem vor, auch wenn er wenig Hoffnung hatte, wirklich noch etwas retten zu können.

11.2.2024: Sashimi

„Ich liebe asiatisches Essen! Besonders das japanische!“, klatschte Frederike in die Hände, als sie mit ihrer Freundin Lisa durch das japanische Viertel ihrer Nachbarstadt lief. Es war immer eine Freude, dorthin zu gehen und ein Stück weit in die fremde Kultur eintauchen zu können.

„Wir sollten uns mal Rezepte raus suchen und selbst was kochen!“, schlug sie vor und überlegte, welches Gericht sie als erstes probieren wollte. Lisa hingegen war nicht so überzeugt: Die beiden Studentinnen waren noch nie große Köchinnen gewesen.

„Wie wäre es mit Sushi?“, hörte sie Frederike und verzog das Gesicht.

„Ist das nicht ein bisschen schwer für uns?“, meinte Lisa und betrachtete die Schaufenster. Frederike war unsicher: Sie hätte schon viel Spaß daran, es mal auszuprobieren, aber ein Misserfolg wäre sicherlich nicht sehr hilfreich für ihre weitere Kochkarriere…

„Vielleicht erst mal Sashimi? Rohen Fisch klein zu schneiden, sollten selbst wir hinbekommen können“, tippte sich Lisa an die Unterlippe und dachte an das eine Mal, als sie sogar geschafft hatte, die Fertigramen verbrennen zu lassen. Frederike nickte. Ja, ihr war gerade auch ein kleiner Unfall mit Rührei eingefallen – ein einfacher Einstieg in das Thema wäre sicherlich nicht verkehrt. Dann aber blieben sie wie vom Donner gerührt stehen und starrten auf das Schild vor einem der Restaurants, das sie manchmal besuchten.

„Siehst du, was ich sehe?“, meinte Lisa und Frederike nickte abermals.

„Ein Kochkurs“

„Ja…“

Sie traten näher heran, lasen die Details über Dauer, Art des Kochkurses und Preis.

„Oh, das klingt traumhaft! Stell dir das vor, wir könnten von einem echten Profi lernen, wie man die Rezepte kocht!“

„Vor allem einer, der mit in der Küche steht und nicht nur auf YouTube was vormacht, während wir…“

„… nebenher die Küche in Brand stecken“.

Beide seufzen. Nicht, dass es so einen Vorfall schon einmal gegeben hätte…

„Aber ganz billig ist es nicht“, murmelte Lisa und legte den Kopf schief.

„Stimmt schon, aber es ist trotzdem eine tolle Gelegenheit… Eigentlich haben wir ja grad angefangen, auf eine eine eigene Wohnung zu sparen, aber so schlimm ists in der WG nun auch wieder nicht. Wir könnten das mit der Wohnung also ein paar Monate nach hinten schieben.“

„Außerdem hab ich bald Geburtstag und könnte mir von meinen Eltern wünschen, dass sie was dazu tun – willst du denn dieses Jahr in den Urlaub?“

„Oh, stimmt! Wenn ich den ausfallen lasse, brauch ich ans Wohnungsgeld gar nicht dran!“

Lisa lächelte und nickte Frederike zu.

„Machen wir den Kochkurs und verbringen unsere Semesterferien dieses Mal mit dem Nachkochen in der Küche!“

12.2.2024: tiefrot

Das erste Zwitschern der Vögel kündigte den neuen Tag an, noch ehe er begonnen hatte. In völliger Dunkelheit ließen sie ihre Stimmen erklingen, als lockten sie damit das Morgenrot an, das nur wenig später das tiefe Schwarz der Nacht verscheuchte. Tiefrot zeigte sich die Dämmerung an diesem Morgen und tauchte die Umgebung in ein Farbenspiel, das sie aussehen ließ, als stünde alles in Flammen. Ein tiefes Seufzen entrann seiner Kehle bei diesem Anblick, während er sie neben sich arbeiten hörte.

„Mach dich auf Regen gefasst, vielleicht auch Gewitter“, murmelte er, ohne dabei den Blick vom Firmament zu nehmen. Seine blonde Begleitung blickte zu ihm auf. Sie mahlte gerade mit einem Stein die restlichen Samen und Beeren vom Vortag, um mit etwas Wasser einen Teig daraus anfertigen zu können.

„Morgenrot, schlecht Wetter droht“, murmelte sie und schaute zu einem der in tiefes Rot getauchten Wälder.

„Es ist fast schon gespenstisch“.

Er nickte.

„Warts nur ab, wenn gleich irgendwann noch die Vögel verstummen – Dann fühlt man sich so richtig wie zur Geisterstunde“.

Sie musterte ihn; seine angespannte Körperhaltung, die Falte zwischen den Augenbrauen. Er kannte dieses Leben unter dem freien Sternenhimmel schon so viel länger als sie. Sie hatte sich immer auf ein festes Dach über dem Kopf verlassen können; hatte die Zeichen der Natur zwar auch zu deuten gelernt, aber nie mit solcher Intensität auf sie achten müssen, wie er.

„Und wenn wir den Tag über noch hier lagern?“, wollte sie von ihm wissen, aber er schüttelte den Kopf.

„Das nächste Dorf dürfte nicht mehr allzu weit weg sein. Es ist besser, wenn wir versuchen es zu erreichen. Irgendwie. Bei dem Morgenrot geh ich von einem Unwetter aus – da bieten uns die paar Bäume hier wenig Schutz.“

„Dann lass uns lieber ohne Frühstück aufbrechen. Ich kann das Mehl in einen Beutel schlagen und für später mitnehmen. Wir haben gestern Abend noch gut gegessen – vielleicht reichen unsere Kräfte aus, bis wir das Dorf erreichen.“

Er nickte und drehte dem tiefen Rot einen Moment lang den Rücken zu, um ihr beim Zusammenräumen des Lagers zu helfen.

13.2.2024: fürsorgend

Jacqueline stand vor dem Haus ihrer Kindheit und fühlte sich wie in eine Zeitkapsel geworfen: Alles war auf seltsame Art so vertraut, obwohl sie seit Jahren nicht mehr hier gewesen war. Die Stufen am Eingang zum Treppenhaus knirschten noch wie immer, dazu der Geruch der Mülltonnen, die nur wenige Meter entfernt in einem Verschlag standen. Selbst die Eingangstür knarrte unverändert und beim Weg durch das Treppenhaus echoten ihre Schritte – wenn die Fahrstühle nach wie vor so unzuverlässig wie früher waren, wollte sie das Wagnis, sie zu nutzen, lieber nicht eingehen. Abgestanden und muffig war es und trist der Blick zu den vielen Wohnungstüren, die sich Etage um Etage aneinander reihten. Sie fühlte ein beengtes Gefühl in der Brust und das nicht nur wegen der inzwischen ungewohnten Anstrengung beim Erklimmen der Stufen. Dann endlich hatte sie den fünften Stock erreicht und sah jene Wohnungstür, die sie früher täglich gesehen hatte. Leicht quietschte der Linoleumboden, als sie auf sie zuging. Raste ihr Herz noch vom Aufstieg so? Nein, es war wohl eher die Nervosität. Ein kurzes Zögern stellte sich ein, ehe sie dann doch auf die Türklingel drückte. Dumpfe Schritte waren aus dem Inneren der Wohnung zu hören, die immer näher kamen. Das Klackern der Türkette, ein weiteres Klacken und sie sah nach fast sechs Jahren das erste Mal wieder ins Gesicht ihrer Mutter. So vieles hatte sich in diesem Haus nicht verändert, aber sie sich schon: Fast erschreckend tief waren ihre Falten geworden, das Haar grau und die Haut fahl. Abgekämpft sah sie aus und lächelte trotzdem beim Anblick ihrer Tochter.

„Jackie? Du meine Güte! Hallo, mein Liebling!“, erkannte sie sie sofort, während die Angesprochene im ersten Moment tatsächlich unsicher gewesen war, ob sie die falsche Tür erwischt hatte.

„Hallo, Mama“, antwortete sie fast hölzern, als ihre Mutter sie sogleich in eine feste Umarmung zog und an sich drückte. Da war wieder der vertraute Geruch ihres Shampoos und auch beim Blick über ihre Schulter lag die Wohnung im gewohnten, leicht gelblichen Licht, das Jackie früher immer bei der Ankunft aus der Schule begrüßt hatte.

„Warum hast du nicht angerufen? Ich hätte dich doch vom Bahnhof abgeholt!“, schob ihre Mutter sie nun leicht von sich, um Jackies Gesicht besser betrachten zu können. So viel Liebe und Stolz lagen in den faltigen Gesichtszügen.

„Ich wollte dich überraschen“, sprach Jackie leise und fühlte einen Kloß im Hals. Sie hatte so sehr aus dieser schäbigen Gegend mit den vielen schäbigen Menschen fliehen und sich eine Karriere aufbauen wollen, dass sie das Einzige vergessen hatte, das nicht schäbig gewesen war: Ihre Familie.

„Na, das hast du geschafft!“, lachte ihre Mutter und zog sie in die Wohnung.

„Komm rein, aber sei ein bisschen leise. Deine Schwester ist gerade erst eingeschlafen“, meinte ihre Mutter und schritt voran in die Küche.

„Jetzt? Um diese Uhrzeit?“, ging Jackie ihr nach und schaute dabei zu, wie ihre Mutter mit eiligen Handgriffen ein wenig Ordnung herstellte. Jackies Stirn legte sich in Falten, als sie das Chaos sah und die vielen Medikamentenpackungen, die sich auf Tisch und Arbeitsplatte türmten.

„Ich bin ja froh, dass das Fieber endlich mal wieder soweit runter ist, dass sie überhaupt ruhigen Schlaf finden kann. Und der Husten…“, murmelte ihre Mutter und stellte die Kaffeemaschine an, ehe sie Jackie bat, sich hinzusetzen. Die aber stand wie vom Donner gerührt da.

„Aber Mama, warum hast du mich nicht angerufen, wenn es ihr so schlecht ging? Ich wäre doch schon eher gekommen und hätte dir geholfen!“, sagte sie entsetzt und merkte dann selbst, wie seltsam das klingen musste, nachdem sie sich jahrelang nur mit kurzen Grußkarten zu Geburtstagen und Weihnachten gemeldet hatte. Wieder spürte sie die aufkommenden Schuldgefühle. Sie musste ihre Mutter furchtbar enttäuscht haben, aber die lächelte nur und schüttelte den Kopf.

„Ach was, deine Schwester hatte immer schon eine schlechte Konstitution und da hab ich doch noch nie deine Hilfe gebraucht.“, zwinkerte sie und wieder legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen und in die Fältchen ihrer Augen. Jackie nickte und ließ sich schwer auf den angebotenen Stuhl fallen, während ihre Mutter ihr den Rücken zudrehte und die Kaffeetassen vorbereitete. Schlank war sie geworden. Das Bisschen Wohlfühlspeck hatte sich in Luft aufgelöst. Und trotzdem musste Jackie auch bei diesem Anblick unwillkürlich wieder an früher denken: Wie oft sie hier am Tisch gesessen hatte, häufig über die Hausaufgaben gebeugt, während ihre Mutter trotz Arbeit und anderer Ärgernisse vor allem eines gewesen war: Liebevoll und fürsorgend.

14.2.2024: ghosten

„Saskia ghostet mich“.

In die eintönige Musik und sein Bier hinein ließ Detlef plötzlich diesen Satz fallen. Sven nickte im ersten Moment im Takt, ehe die Worte richtig in seinen Verstand vordrangen und ihn aus dem Konzept brachten. Kaum merklich zuckte er zusammen, als hätte ihn jemand aus einem Tagtraum geweckt und zurück in die Realität gezogen. Auch für ihn war es ein langer Tag gewesen und sein Hirn eigentlich nicht mehr auf solche ernsten Gespräche eingestellt.

„Warte, was?“, guckte er seinen Freund irritiert an, der noch immer auf sein Bier stierte. Sven musterte ihn und das Getränk vor ihm. So viel hatte er eigentlich noch nicht getrunken…

„Sie hat mich fallen gelassen“, wiederholte Detlef den Sinn seiner Worte. Sven brauchte noch immer einen Moment, um zu begreifen, wie er jetzt reagieren und handeln sollte. Hilfesuchend sah er sich in der kleinen Kneipe um, in die sie fast jeden Mittwoch gingen, um Bergfest zu feiern. Es war schummrig, voll und die Luft verbraucht. Kein guter Ort für so ein Thema, fand er – zumindest, solange Detlef noch nicht so voll war, dass er anfing zu lallen. Dann wiederum wäre es wohl der perfekte Ort für so ein Thema gewesen.

„Lass uns draußen reden, ja?“, lehnte sich Sven leicht zu seinem Freund und hob dem Barmann die Hand entgegen, um ihn auf sich aufmerksam zu machen.

„Wollt ihr schon gehen, Jungs?“, kannte er die beiden inzwischen recht gut und wusste, dass sie sonst noch das eine oder andere Bierchen mehr vertragen konnten.

„Wir brauchen ein bisschen frische Luft“, meinte Sven und deutete vielsagend zu Detlef. Der schwieg sich aus und sah nicht mal, dass er als Grund zur Flucht vorgeschoben wurde.

„Oh“, sagte der Barmann wissend und dachte, Detlef würde sich jeden Moment sein Abendessen noch mal durch den Kopf gehen lassen. Schnell rechnete er ab, wünschte ihnen noch einen schönen Abend und behielt im Blick, dass kein Malheur passierte, während sie sich zum Ausgang schoben. Grade laufen konnte Detlef zumindest noch…

Sven hingegen versuchte bei diesen paar Schritten durch den Laden krampfhaft, sich eine Strategie für ein Gespräch zu überlegen. Was sollte er sagen? Was fragen? Sein Kopf schmerzte, aber er wollte seinen Kumpel nicht hängen lassen.

„Scheiße kalt“, murmelte Detlef, als sie an die frische Luft traten, die noch immer so kühl war, dass sie ihren Atem emporsteigen sehen konnten. Sven tat es gut. Er merkte, wie sein Verstand wieder klarer und wacher wurde.

„Komm, lass uns in die Richtung gehen“, nickte er hinüber zum Hafen und setzte sich in Bewegung. Ein kleiner Fußmarsch würde ihnen gut tun. Wieder schlurfte Detlef mit, als sei er nicht anwesend und als drehe sich nicht gerade alles um ihn.

„Mir ist aufgefallen, dass du in den letzten Tagen ziemlich einsilbig warst, aber ich war nicht sicher, ob ich dich drauf ansprechen oder warten sollte“, begann Sven nach einer Weile des Schweigens und erinnerte sich daran, wie binnen kürzester Zeit die flachen Witze und dummen Sprüche seines Freundes einer ungewohnten Ernsthaftigkeit gewichen waren.

„Willst du drüber reden?“

15.2.2024: Knacki

„Du bist ein Ex-Knacki?!“

Der Schwarzhaarige sah seinen Kumpel verdattert an, während jener das Gesicht verzog und sich fragte, warum er nicht gleich eine Info in die Zeitung setzte.

„Ja und jetzt schrei nicht so rum!“, zog er an seiner Zigarette und bedachte ihn aus den Augenwinkeln mit einem genervten Blick. Es war nicht unbedingt etwas, worauf er stolz war, aber etwas, das ihn in der damaligen Situation sicherlich besser als die mögliche Alternative getroffen hatte.

„Deshalb hab ich dich so ewig nicht gesehen und vor allem nicht mehr in unserer alten Gegend!“, streckte der Schwarzhaarige die Beine aus und überkreuzte sie leicht. Sie waren einander zufällig in einer Bar über den Weg gerannt und saßen nun, abgeschieden von allem und jedem, in der Dunkelheit auf einer Parkbank.

„Und trotzdem hast du mich letztlich wiedergefunden“, sagte der Rothaarige sarkastisch – manchmal konnte sein Kumpel eine Nervensäge sein. Aber es tat auch gut, ihn wieder um sich zu haben. Es brachte ein wenig Vertrautheit mit, nachdem er die letzten Jahre in einem Leben voller Einsamkeit und Lügen verbracht hatte. Die alten Zelte nach der Inhaftierung und den Leuten, vor denen ihn die Zeit im Knast beschützen konnte, abgebrochen hatte. Zum netten Kerl von nebenan geworden war, um sich irgendwie ein neues Leben aufzubauen.

„Wofür haben die dich denn verknackt?“

„Diebstahl“

Der Schwarzhaarige lachte los.

„Was ist so lustig?“, mischten sich Irritation und Abscheu in die Züge des Rothaarigen.

„Dass du dich bei so was erwischen lässt!“

Ja, auch der Schwarzhaarige war sicherlich kein ungeschriebenes Blatt…

„Ach, halt doch die Klappe“, murmelte der Rothaarige und warf seinen Zigarettenstummel auf den Weg. Einen Moment lang konnte er noch dem Glimmen der Spitze nachsehen, ehe auch sie erloschen war.
 

„Ey, du verbrennst dir gleich die Pfote, wenn du das Ding nicht mal weg legst.“, holten ihn jetzt die Worte derselben Person aus den Gedanken. Er schreckte leicht hoch und schaute dann, nach einem Nicken des Schwarzhaarigen, auf die Zigarette zwischen seinen Fingern. Sie brannte immer weiter ab, ohne, dass er daran zog.

„Hmhm“, erwischte er zumindest das letzte Bisschen verfügbaren Tabak und drückte den Glimmstängel dann im Aschenbecher aus.

„Was ist los? Du warst plötzlich so abwesend“, stapfte der Schwarzhaarige aus der Küche zu ihm hinüber ins Wohnzimmer und ließ sich mit einer Packung Chips neben ihn auf die Couch fallen.

„Nix, war nur in Gedanken“

„Ahaaa“, zwinkerte der Schwarzhaarige vielsagend und sein Kumpel hob die Augenbraue.

„Tagträume von einer schicken Brünetten?“, legte sich ein anzügliches Grinsen auf sein Gesicht. Der Rothaarige hob die Schultern und schmatzte.

„Eher ne hässliche Schwarzhaarige, die ständig bei mir auf der Matte steht und mein Essen wegfrisst“, griff er in die Chipstüte und stellte den Ton vom Fernseher wieder an. Die Werbepause war beendet, sie konnten endlich weiter gucken.

„Würd die mal rausschmeißen, wenn sie dir so auf den Sack geht“, meinte sein Gast und stopfte sich den Mund mit Kartoffelscheiben voll. Der Rothaarige musterte ihn von der Seite und ließ dann den Blick durch die Wohnung schweifen, in der er nun inzwischen seit einigen Jahren lebte.

„Ist zwar ne Nervensäge, aber irgendwie hab ich sie auch liebgewonnen“, gab er ihm einen leichten Klaps auf die Schulter. Kurz hielt der Schwarzhaarige inne, drehte dann langsam den Kopf zu ihm.

„Du hast grad aber nicht etwa von mir gesprochen, oder?“

16.2.2024: faselig

Er hatte nur eine Halbtagsstelle und trotzdem war er auch an diesem Tag zu Feierabend wieder so erschöpft, wie andere nach einer Zehnstundenschicht. Sein Kopf dröhnte, der Nacken war verspannt und die Augen brannten. Ein bisschen konnte ihn die Musik in seinen Kopfhörern ablenken, aber trotzdem drang viel zu viel der Unruhe an ihn heran. Menschenmassen, wohin das Auge fiel. Egal, ob er bei seinem Weg zum Zug durch den Park lief, durch die Einkaufspassagen oder am Bahnhof entlang: Überall war Gefasel, Hektik, Lärm. Es zerrte an seinen Nerven und laugte ihn aus. Wie froh war er da, als er endlich am Bahngleis stand und seinen Zug heranrollen sah. Bald wäre er zuhause. Bald würde er die Stadt und ihren Stress hinter sich lassen können. Kurz schloss er die Augen und atmete tief durch, ehe er ins Abteil trat und sich einen freien Sitz suchte. Es war um die Mittagszeit und nicht allzu viel los. Trotzdem fand er auch hier keine Ruhe: Nur wenige Reihen hinter ihm saß eine Gruppe junge Frauen in ihrem Vierersitz und beschallte den halben Zug mit ihren Erzählungen.

„Wie kann man nur so faselig sein?“, dachte er und drehte seine Musik so hoch es ging – sie kam nicht gegen das Gerede an. Er wollte nichts wissen über Zahnarztbesuche und Diäten. Über Modetrends oder das nervige Berufsleben dieser Frauen. Konnten sie nicht ein bisschen leiser sein?

Seine Fahrt dauerte nur wenige Minuten und trotzdem konnte er es gar nicht erwarten, aus dem Zug zu stürmen. Die Haltestelle lag ländlich und abgelegen. Mit jedem Schritt von ihr weg ließ er die Stadt und ihr Chaos mehr hinter sich. Die Bewegung tat ihm gut, ganz zu schweigen von der frischen Luft. Er liebte das Leben auf dem Land und die Arbeit in der Stadt war für ihn nur ein notwendiges Übel. Eines, das ihn so auslaugte, dass sich gar nicht vorstellen konnte, wie seine Kraftreserven für eine Vollzeitstelle ausreichen sollten. Zum Glück brauchte er nicht viel zum Leben und kam mit dem Geld irgendwie zurecht. Und zum Glück hatte er bald ein paar Tage Urlaub. Er dachte daran, was er in seiner freien Zeit dann alles machen wollte und trat das letzte Hindernis auf seinem Weg nach Hause an: Den Feldweg, der auch von vielen Spaziergängern und Hundebesitzern genutzt wurde. Eigentlich war er wunderschön und ermöglichte einen herrlichen Blick über die Landschaft, aber viele der anderen Besucher achteten darauf gar nicht. Sie liefen durch die Natur und nahmen die Natur dabei gar nicht richtig wahr. Ihre Gespräche waren so laut, dass sie die Tiere im hohen Gras verschreckten. Sie waren so in ihr Gerede vertieft, dass sie nicht mitbekamen, wie Schwärme von herrlichen Vögeln über sie hinwegflogen oder ihre Hunde kreuz und quer über die bestellten Äcker und Weideflächen rasten und damit ihre Schäden hinterließen. Ganz zu schweigen von den Tretminen oder liegengelassenen Spielzeugen. Für sie waren die Natur und das Land nur Abenteuerspielplätze, aber nicht das Zuhause anderer, in das sie sich selbst ungefragt als Gäste einluden.

„Warum kann man nicht einfach diese Schönheit genießen und dabei Rücksicht auf andere nehmen?“, murmelte er und bog in den kleinen Feldweg ein, der zu seinem Haus führte. Was war er froh, dass dieses Stückchen so wenig einladend wirkte, dass kaum jemand sich hierhin verirrte – und er dank der hohen, dornigen Hecke wieder ungestört in die Schönheit seines Gartens eintauchen konnte, als er endlich durch das Eingangstor seines Zuhauses schritt. Wie hatte er dieses kleine Paradies vermisst.

17.2.2024: besänftigen

„Wie malerisch.“

Er lehnte sich an die Türzarge ihres Zimmers und betrachtete, wie sich ihre Silhouette in der Dunkelheit vorm Mond abzeichnete. Bald wäre Vollmond und sein silbriger Schein lag wie eine samtene Decke über allem. Sie versuchte sich ihren Schrecken nicht anmerken zu lassen, als sie seine Stimme plötzlich hörte, aber er hatte das leichte Zucken längst bemerkt.

„Hast du dich inzwischen ein wenig eingelebt?“, trat er näher an sie heran und blieb hinter ihr stehen. Sie saß vor dem großen, bodentiefen Fenster und nahm den Blick langsam von der kühlen, hellen Kugel am Firmament, um stattdessen ihren Besucher anzublicken. Wenn auch nur kurz.

„Steh auf, ich will dein hübsches Gesicht besser sehen“, sagte er ruhig und sie kam mit einem leichten Nicken seiner Aufforderung nach.

„Die Wunden sind gut verheilt, nicht wahr?“, musterte er ihren Körper und erhielt wieder ein leichtes Nicken.

„Danke“, sprach sie kaum hörbar und verbot ihrer Panik, sich bemerkbar zu machen, als er seine Hand an ihr Kinn legte.

„Sieh mich an“.

Sie tat, wie befohlen und konnte den Blick doch nicht lange auf seine Augen gerichtet halten. Er huschte immer wieder fort zu seiner Nase, den Wangen oder den Lippen.

„Wie schön, die Schrammen und blauen Flecke sind fast nicht mehr zu sehen. Du hattest wirklich Glück, dass du dich hierher verirrt hast und wir dich gefunden haben“, lag ein sanftes Raunen in seiner Stimme und doch wusste sie, dass diese Ruhe trügerisch war.

„Ja“, sprach sie knapp und unterstrich das Wort mit einem weiteren Nicken – sie durfte sich ihre Abscheu vor ihm nicht anmerken lassen. Die, die sie hierher getrieben hatten, waren schlechte Menschen gewesen, aber sie hatten zu ihrer Bosheit wenigstens gestanden. Er hingegen… charismatisch und wortgewandt wirkte er und konnte doch das reine Böse sein. Wenn sie ihn erzürnen würde, wüsste sie nicht, wie sie ihn wieder besänftigen sollte.

„Du hast viel durch gemacht. Mit der Zeit wirst du dich bestimmt daran gewöhnen, hier zu sein. Nach meiner vielen Hilfe ist es doch nicht zu viel verlangt, dass ich dich ein wenig bei mir haben will, oder?“, ließ er ihr Kinn los und musterte sie abermals. Der lauernde Ton in seiner Stimme blieb ihr nicht verborgen.

„Ich hab Euch viel zu verdanken“, flüsterte sie und dachte daran, wie er nicht nur ihr Leben gerettet, sondern auch ihren Körper wieder geheilt hatte. Er lachte kurz auf und ließ sie damit zusammenfahren.

„Nicht doch, wann fängst du endlich an mich zu Duzen, hm?“

Sie konnte den Ton in seiner Stimme nicht zuordnen und auch der verstohlene Blick in seine Augen verriet ihr nicht seine momentane Stimmung. Wieder antwortete sie nur mit einem kurzen Nicken.

18.2.2024: Bö - Archiv

Der Regen peitschte und in Böen stellte sich ihr der Wind in den Weg. Manches Mal musste sie sich regelrecht gegen ihn lehnen, um voran zu kommen. Ohne die Kapuze festzuhalten, blieb sie nicht länger als wenige Sekunden auf ihrem Kopf. Die eine Hand war dadurch schon so kalt, dass sie schmerzte und langsam begann taub zu werden. Die andere war tief in der Manteltasche vergraben. Es war ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagte und trotzdem hielt sie sich freiwillig darin auf. Sie hatte den Fuß nicht vor die Tür setzen müssen, aber sie wollte es. Der Wind wehte ihr den Kopf frei und der Regen spülte das in ihr fort, was sie bereits seit Tagen und Wochen beschäftigte, sie nicht schlafen ließ und wie ein Karussell in ihrem Kopf kreiste. Ein Berg an Gedanken hatte sich aufgetürmt und so schwer auf ihren Schultern gelegen, dass sie sich kaum noch an Momente erinnern konnte, ihn denen sie nicht ein latenter Kopfschmerz begleitete. Zuletzt war ihre Brust wie zugeschnürt gewesen, aber jetzt löste sich ihr Atem Bö für Bö und sie füllte ihre Lungen mit frischer, klarer Luft.

Ausgehalten hatte sie, heruntergeschluckt, die Tränen und Emotionen solange von sich geschoben, bis sie das Gefühl hatte, sich selbst nicht mehr zu spüren. Jetzt stand sie da, schrie alles in den Regen hinein und ließ sich endlich einmal gehen – umgeben von der Sicherheit, dass niemand sie sah oder hörte und niemand sie beurteilen würde. Wie lange hatte sie sich nicht mehr so lebendig gefühlt? Dieser Spaziergang brachte ihre Gefühle so ins Tosen wie der Wind das Wasser des Sees, an dessen Steg sie stand.

„Ich lebe!“, schrie sie und sog die Energie in sich auf, die mit jedem Schritt stärker durch sie hindurchströmte. Schluss mit dem Hamsterrad! Schluss damit, die Bedürfnisse aller anderen über die eigenen zu stellen! Es war Zeit, für sich einzustehen!

Sie legte den Kopf in den Nacken und ließ die großen, kräftigen Tropfen in ihrem Gesicht zerplatzen. Nie mehr wollte sie sich so taub fühlen wie zu Beginn dieses Spazierganges. Sie wollte die Freude spüren, den Schmerz zulassen und ihre Gedanken und Gefühle äußern. Das Tosen nahm ab und aus den Böen wurde ein ruhiger Hauch. Die kräftigen Tropfen wurden zu einem leichten Schleier. Die tiefgrauen Wolken schoben langsam auseinander und machten Platz für den blauen Himmel und die kräftigen Sonnenstrahlen.

18.2.2024: Kannitverstan

„Meier, du bist ein richtiger Kannitverstan“, schallte es durch den Seminarraum, als der Dozent Detlef eine Frage stellte und er sie – wie so oft – nicht zu beantworten wusste. Die Studenten lachten und der Dozent schüttelte den Kopf über Detlefs Unwissenheit. In seinen Augen war die Frage zu lesen, warum jeder in diesen Studiengang kommen konnte und es nicht einmal eine Anwesenheitspflicht gab. Währenddessen pflichtete eine andere Studentin ihrem Vorredner bei:

„Du sitzt seit Wochen mit in den Vorlesungen und hast trotzdem keine Ahnung!“, verschränkte sie die Arme vor der Brust, während ihre Lippen noch ein Abschließendes „reicher Schnösel“ bildeten. Detlef aber zeigte sich wenig beeindruckt. Er hob die Augenbraue und musterte die beiden Großmäuler von oben bis unten.

„Sorry, könnt ihr mir das näher erklären? Kannitverstan hab ich noch nie gehört“, legte er den Kopf schief und schaute sie auffordernd an. Beide hatten ein Grinsen auf den Lippen, während Sven das Blitzen in Detlefs Augen sah.

„Was hast du vor?“, murmelte er und wurde von seinem Kumpel ignoriert.

„Kein Wunder, dass du das Wort nicht kennst: Ein Kannitverstan ist ein Typ, der von etwas Bestimmtem nichts versteht. Also das, was wir seit Beginn unseres Studiums auch bei dir bewundern dürfen, Dette“, lehnte der Kommilitone sich zufrieden zurück und tauschte mit der anderen Studentin, die sich zuvor Gehör verschafft hatte, ein Nicken aus. Detlefs Mundwinkel zuckte und obwohl der Dozent eigentlich fortfahren wollte, interessierte ihn doch, worauf diese Diskussion hinauslaufen würde.

„Aha! Danke für die Aufklärung! Aber ich hab immer noch nicht verstanden, woher der Begriff eigentlich kommt“, legte Detlef nun den Kopf auf die andere Seite und sah, wie den beiden Mitstudenten das Grinsen einfror. Sie fingen an zu murmeln, sagten was von Redewendung oder lenkten anders ab. Nun war es Detlef, der grinste.

„Das entstammt nicht zufällig einer niederländischen Geschichte, bei der ein Handwerker erst neidisch auf das Vermögen eines Herrn „Kannitverstan“ war und dann Mitleid hatte, weil er später von dessen Beerdigung erfuhr und wusste, dass ihm der ganze Reichtum letztlich nichts gebracht hatte, hm?“

Seine Kommilitonen zogen die Augenbrauen zusammen.

„Jetzt spinnst du dir was zusammen!“, brausten sie auf und der Dozent brachte sie mit der erhobenen Hand zum Schweigen.

„Leider nein, Herr Oberfelder. Herr Meier hat die Geschichte schon ganz gut wiedergegeben. Der Handwerker war aus Deutschland und verstand es daher falsch, als die Niederländer ihm auf seine Frage nach den Eigentümern von Besitzen bzw. nach dem Verstorbenen auf der Beerdigung „Kannietverstan“ antworteten. Also: „Ich kann Sie nicht verstehen“ – und damit dachte er jedes Mal, es handele sich um denselben Herrn Kannitverstan, der zwar viel Vermögen hatte, es aber aufgrund seines Todes doch nicht mehr genießen konnte. Durch diese Erkenntnis über die Vergänglichkeit kehrte dann die Zufriedenheit des Handwerkers zurück, weil er verstand, dass der Verstorbene ihm letztlich nichts voraus hatte.“

Zufrieden verschränkte Detlef die Hände hinter dem Kopf und betrachtete die angesäuerten Gesichter seiner Mitstudenten.

19.2.2024: Urangst

„Das ist wirklich eine gute Idee gewesen“, schlenderte Martin mit seiner Freundin Isabelle durch die kleinen Einkaufspassagen und sog den Trubel der geschäftigen Menschen in sich auf. Seit Wochen hatte er fast nur noch am Schreibtisch gesessen und schon ganz vergessen, wie gut so ein Ausflug in die Stadt tun konnte – erst recht, wenn es ein Ausflug in eine fremde Stadt war und so viel Neues darauf wartete, von ihm entdeckt zu werden.

„Klar, ich hab nur gute Ideen!“, zwinkerte Isabelle und schmiegte sich an ihn, so gut das bei einem gemeinsamen Spaziergang eben klappte. Endlich hatte sie ihren Freund mal wieder für sich.

„Du arbeitest in letzter Zeit so hart, da hast du dir eine kleine Auszeit wirklich verdient“, meinte sie und er nickte. Gerade erst seit wenigen Tagen war seine Probezeit in der neuen Firma vorbei und natürlich hatte er einen guten Eindruck machen wollen. Jetzt war er sicher genug in den ersten Abläufen und Routinen, dass sie ihm besser von der Hand gingen und er sein vorheriges Arbeitspensum langsam auf ein Normalmaß herunterfahren konnte. Trotzdem merkte er dabei auch immer die kleinen Selbstzweifel, die ihm zuflüsterten, dass er faul würde oder ob er noch immer genug leisten würde.

„Hey, heute keine Arbeit!“, knuffte Isabelle ihn in die Seite und holte Martin ins Hier und Jetzt zurück. Sie waren lang genug zusammen, damit sie sich denken konnte, wohin seine Gedanken schon wieder wanderten, wenn er plötzlich diesen ausdruckslosen Blick bekam.

„Tut mir leid“, lächelte er und kaufte ihr ein Eis. Er hatte mit dem süßen Zeug nicht so viel am Hut, aber seine Liebste war ganz vernarrt darin.

„Hier, Schoko, wie immer“, hielt er ihr das Hörnchen hin, als er zu der Bank zurück ging, auf der sie in der Zwischenzeit gewartet hatte. Isabelle aber schien ihn kaum zu hören. Viel zu vertieft war sie in das Starren auf ihr Handy.

„Was hast du denn da?“, nahm Martin neben ihr Platz und warf einen Blick auf das Display.

„Sehenswürdigkeiten“, murmelte sie und fing dann an zu strahlen.

„Hier gibt es eine Aussichtsplattform! Da hat man einen Blick über die gesamte Stadt! Los komm, die besuchen wir!“, sprang sie auf und griff seine Hand. Martin aber konnte sich kaum rühren. Erst schaute er sie entsetzt an, dann senkte er den Blick zu Boden.

„Martin?“

Isabelle ging vor ihm in die Hocke. Er wich ihrem Blick aus.

„Die haben hier bestimmt noch andere schöne Sachen, oder?“, lächelte er schief und hielt Isabelle ihr Eis hin. Als sie danach griff, merkte sie, wie kalt und zittrig seine Hand plötzlich war.

„Was ist los?“, rieb sie über sein Knie. Offensichtlich haderte er mit sich.

„Du kannst mir alles erzählen, das weißt du“.

Er seufzte und gab kleinlaut zu, dass er Höhenangst hatte - und dass er sich seit der vielen Hänseleien im Kindesalter nicht mehr getraut hatte, das offen auszusprechen. Jetzt verstand Isabelle auch, warum er beispielsweise im Schwimmbad nie auf die Türme gewollt hatte, während sie vom freien Fall ins Wasser kaum genug bekam. Vor allem aber erkannte sie, dass bei ihm eine richtige Urangst dahinter steckte und nicht nur ein leichtes „mulmiges Gefühl“, wie er sonst immer gesagt hatte. Sie war froh, dass er sich ihr endlich anvertraute.

"Weißt du, die haben hier auch einen schönen botanischen Garten. Komm, den gucken wir uns an!", erhob sie sich und hielt ihm ihre Hand hin. Martin lächelte und ergriff sie mit einem Nicken.

20.2.2024: Wunschdenken - Archiv

Vom Hinterhof aus drangen das Lachen und die Schreie der anderen Kinder an Irenes Ohr. Sie saß in ihrem kleinen Zimmer am Schreibtisch, gebeugt über die Hausaufgaben und versuchte irgendwie einen klaren Gedanken zu fassen. Immer wieder wanderte ihr Blick über die Sätze auf dem Papier und doch kam deren Bedeutung nur bruchstückhaft in ihrem Kopf an. Es war einfach zu laut. Sie seufzte aus und rieb sich das Gesicht. Ja, ein wenig verlockend war es schon, jetzt auch rauszugehen und morgen in der Schule, kurz vor Unterrichtsbeginn, die Hausaufgaben von irgendwem abzuschreiben. Aber dann fielen ihr auch wieder die Worte ihrer Mutter ein: Reines Wunschdenken wäre es, dass sie ernsthaft das Ziel hatte, irgendwann einmal das Abitur zu machen und eine Universität zu besuchen. Nichts als ein dummer Traum, dass sie dachte, sie könne es vielleicht wirklich bis zur Ärztin bringen.

In ihrem Bauch zog es sich zusammen, wenn sie daran dachte. Ein Kloß schob sich in ihren Hals und Tränen brannten in ihren Augen. Dass andere ihr nicht viel zutrauten, weil sie hier, in einem der ärmsten Viertel der Stadt, lebte, interessierte sie nicht sehr, aber dass ihre eigenen Eltern so wenig an sie glaubten… sie rieb sich fix mit der Hand über die Lider und schob dann die Unterlagen zusammen. Noch ein Seufzen, dieses Mal, um Kraft zu tanken.

„Wo willst`n hin?!“ schallte es vom Wohnzimmer in den Flur, als sie ihr Zimmer verließ und zur Wohnungstür ging. Über allem hing der stinkende Nebel der Zigaretten.

„Ich geh spazieren“, rief sie zurück, ohne einen Blick durch die Tür zu werfen. Sie kannte das Bild, das sich ihr bieten würde, ja nur allzu gut: Vater und Mutter saßen vor der Glotze, rauchten um die Wette und bedachten die Leute in der Flimmerkiste mit allerhand Kommentaren.

„Bring Zigaretten mit!“

Schweigend nahm sie die gewohnte Anweisung zur Kenntnis und verließ die Wohnung. Wenigstens hielt sich der Alkoholkonsum ihrer Eltern noch in Grenzen – bei ein, zwei Mitschülern wusste sie, dass dem nicht so war.

„Hey, willst du mitspielen?“, rief eines der anderen Kinder über den Hinterhof hinweg zu ihr und mit einem Lächeln lehnte sie ab.

„Ein andern Mal“, vertröstete sie und huschte schnell auf die Straße, bevor noch weitere Fragen folgten. Sie war eh schon die Komische, die sich oft mal absonderte. Doch lange ging ihr Weg nicht, ehe wieder eine Frage an sie gerichtet wurde.

„Oh, was machst du denn hier, Irene?“, hörte sie plötzlich hinter sich, kaum, dass sie an einem kleinen Obst- und Gemüseladen vorbei gegangen war. Irene erschrak und drehte sich um. Mit großen Augen starrte sie ihren Lehrer an, der gerade mit einer Tüte voll Einkäufe den Laden verließ und sie anlächelte. Röte stieg in ihr Gesicht. Sie war verwundert, ihn ausgerechnet hier zu sehen und gleichzeitig beschämt, dass dies ihre Wohngegend war.

„Bei mir Zuhause ist es gerade sehr laut. Ich suche nach einem Ort, um in Ruhe die Hausaufgaben machen zu können“, gab sie wahrheitsgemäß zu, ohne zu viele Details zu nennen.

„Ich find es toll, wie fleißig du immer bist“, schloss ihr Lehrer zu ihr auf und dieses Mal lächelte auch Irene. Sie mochte ihn. Während viele andere Lehrer nur ihren Stoff durchzogen und sich für die Schüler wenig interessierten, hatte er noch Engagement und Freude an seiner Arbeit.

„Du, ich bin grad auf dem Weg zu Bibliothek. Willst du mich begleiten?“, nickte er in die Richtung, in die er musste und Irenes Augen fingen an zu leuchten.

20.2.2024: bemogeln

„Du machst es schon wieder!“, blies Tim die Wangen auf und verschränkte seine Arme vor der Brust. Der Junge fixierte seinen Großvater, der unschuldig lächelte und seine Unwissenheit betonte.

„Was meinst du denn?“, hob er die Schultern und griff sich ein Schokobonbon aus der kleinen Glasschüssel neben ihrem Spielbrett.

„Weißt du ganz genau!“, erhob der Sechsjährige das Wort und zog die Augenbrauen zusammen. Die Empörung war ihm anzusehen und anzuhören. Noch immer stand Unwissenheit im Gesicht seines Großvaters.

„Du versucht mich zu bemogeln!“, wurde der Junge deutlicher in seinen Anschuldigungen und sein Großvater riss erschrocken die Augen auf.

„Wie bitte? Aber das würde ich nie tun!“, legte er sich verschwörerisch die Hand auf die Brust. Tim aber ließ die Skepsis nicht fallen.

„Mama hat mir gesagt, dass ich aufpassen soll, weil du schummelst“, guckte er auf die Karten, die vor ihnen ausgebreitet lagen.

„Was ist denn hier wieder los?“, kam in diesem Moment die eben Genannte aus der Küche und trug ein paar Stücke Kuchen ins Wohnzimmer.

„Opa betuppt!“, polterte der Kleine direkt los und brachte sie zum lachen.

„Hast du ihm das etwa gesagt?“, schaute ihr Vater sie entsetzt an.

„Stimmt es denn nicht?“, fragte sie und grinste.

„Zwei gegen einen! Wie unfair!“, protestierte der Großvater, während Tim ihm auf den Schoß kletterte. Sogleich schmolz das Herz des alten Mannes dahin und er herzte seinen Enkel.

„Na? Vertragen wir uns wieder?“, strubbelte er dem Jungen das Haar. Der jedoch schmollte noch immer. Er fasste die Hand seines Opas und hielt sie fest. Überrascht schauten Opa und Mutter ihn an.

„Was machst du?“, fragte Tims Mutter, während der Junge plötzlich in den Ärmel seines Großvaters griff.

„Und du bemogelst doch!“, zog er eine Karte daraus hervor und hielt seinem Opa das Beweisstück tadelnd vors Gesicht. Wieder machte der ein entsetztes Gesicht, während seine Tochter die Lippen aufeinander presste, um das Lachen zu unterdrücken.

„Eiderdaus, wie kommt die denn da rein?“, fragte der Großvater, während Tim die Augen schmälerte.

„Du hast verloren, Paps. Gib auf“.

Tim nickte. Zur Strafe stand ihm heute das größte Stück Kuchen zu. Ohne weiteres Herauszögern gab sein Großvater sich geschlagen und trug den Jungen hinüber zum Esstisch.

21.2.2024: rechts außen

„Und? Was hast du nachher vor?“, fragte Marleen, während sie das Geschirr aus der Spülmaschine räumte und das Abendessen auftischte.

„Ich glaub, ich treff mich mit den Jungs“, antwortete Tom und unterstützte sie mit Gläsern und Getränken. Marleen grinste.

„Männerabend!“

Tom lachte.

„Ja, wir treffen uns erst mal bei Dirk und schauen dann, was der Abend so bringt“.

„Du kannst auch gern hier bleiben und mir Gesellschaft leisten. Oder die Jungs hierher einladen.“, nahm Marleens Grinsen etwas Fieses an. Sie wusste ganz genau, wovor ihr Mann flüchtete.

„Ich weiß die Einladung sehr zu schätzen, aber ich befürchte, unser Wohnzimmer wäre für so viele Leute etwas klein“, meinte er und beide lachten.

„Hast du ihnen wieder einen Code: Rechts außen geschickt?“, zog Marleen die Augenbrauen hoch und das leichte Schulterzucken ihres Mannes gab ihr die Bestätigung.

„Vielleicht“, zog er sie in seine Arme und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

„Es wird bestimmt ein wundervoller Abend – für dich vorm Fernsehen, während du die Fußballer anbrüllst und für mich, während ich ins Kino gehe oder ein paar Gesellschaftsspiele rauskrame“, tippte er Marleen auf die Nase und lächelte. Wieder lachte sie.

„Na, inzwischen kannst du wenigstens offen zugeben, dass du mit Fußball nichts am Hut hast, anstatt irgendwelche Ausreden zu erfinden“, piekte sie ihm mit dem Finger in den Bauch und legte dann die Hand zärtlich auf die Brust. Tom nickte erst und zuckte dann leicht die Achseln.

„Inzwischen umgebe ich mich ja auch mit Leuten, von denen ich weiß, dass sie das akzeptieren, ohne mir deshalb meine Männlichkeit abzusprechen“, meinte er, wobei er das Männlichkeit besonders stark betonte. Er gab Marleen noch einen Kuss und setzte sich dann an den Tisch.

„Ich find diese ganzen Klischees ja so bescheuert!“, tat sie es ihm gleich und dachte an Toms frühere Unsicherheit, wenn er offen über seine Abneigung gegen Fußball - oder das Anschauen von Sportarten genererell - sprechen sollte. Und wie gut ihm das Kennenlernen seines Kollegen Dirk getan hatte, der da von Anfang an viel offener mit umgegangen war.

"Dirk kam damals mit diesem Insider um die Ecke, oder?"

Tom nickte und schmunzelte. Beim ersten Mal hatte er gar nicht verstanden, was mit Code: Rechts außen gemeint gewesen war, aber seitdem fand er den Ausspruch herrlich.

Er griff gerade zum Pfannenwender, als es klingelte.

„Oh, verflixt, ich hab ganz vergessen, dass die Mädels heute etwas früher kommen, weil letztes Mal der Verkehr so miserabel war, dass wir den Anfang des Spiels über das Radio hören mussten!“, rief Marleen ertappt aus und sprang auf. Tom schmunzelte. Die Schusseligkeiten seiner Frau kannte er ja.

„Ich denke, die Lasagne ist groß genug für alle und notfalls muss einer auf der Arbeitsplatte sitzen“, zwinkerte er, als sie zur Tür eilte und ihm ein kurzes „Liebe dich!“ zurief. Während die Frauen sich begrüßten, holte Tom die restlichen Teller aus dem Schrank und dachte daran, wie sehr sie beide ihre Mädels- und Jungsabende genossen.

22.2.2024: Silberstreifen - Archiv

„Und? Wie geht es ihr heute?“, fragte Maggie den Arzt, der gerade aus der Tür trat, als sie in das Zimmer gehen wollte. Wie immer war er sehr beschäftigt und hätte sie mit seinem Schwung beinahe umgelaufen.

„Oh! Schön Sie zu sehen! Es gibt wieder Grund zur Hoffnung: Das Medikament scheint Wirkung zu zeigen und das Fieber geht langsam runter. Wir müssen noch die weiteren Tage abwarten, aber das ist schon mal eine positive Entwicklung“, lächelte er ehrlich, wenn auch gehetzt, um dann den Gang runter zu eilen und in das nächste Krankenzimmer zu verschwinden. Maggie schaute ihm kurz nach. Auch sie hatte bei dieser Nachricht gelächelt, aber eher müde und fast schon aufgesetzt. Sie trottete langsam in das Zimmer, schloss leise die Tür hinter sich und schaute zu dem weißen Bett mit der weißen Decke in dem weißen Raum.

„Hallo, Oma, da bin ich wieder“, rief sie zum Fenster hinüber und nahm im Vorbeigehen einen Stuhl mit zum Bett ihrer Großmutter. Wie immer war sie dick eingepackt, die Decke bis an das Kinn gezogen und die Augen waren fest verschlossen. Maggie setzte sich neben sie und betrachtete sie eine Weile.

„Der Arzt hat gesagt, dass die Medikamente gut anschlagen“, sprach sie und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob sie überhaupt gehört wurde. Das Zimmer war so still, fast totenstill. Keine Gerätschaften, die piepsten, keine anderen Patienten oder Besucher. Die Intensivstation war erschreckend gewesen, aber die Stille in diesem Zimmer war für Maggie fast noch beklemmender. Sie legte kurz die Hand auf die Decke, zog sie aber wieder weg und kauerte sich stattdessen auf ihren Stuhl. Die letzten Wochen waren so voller Hoffen und Bangen gewesen, dass sie schon keine Kraft mehr hatte, um ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Sie war einfach nur noch müde und ausgelaugt. Immer wieder war ihre Großmutter auf dem Wege der Besserung gewesen und dann doch wieder kränker geworden. Maggie konnte kaum noch daran glauben, dass es jetzt vielleicht wirklich einen Silberstreif am Horizont gab. Sie wollte sich der Hoffnung nicht hingeben, um dann hinterher nicht wieder enttäuscht zu sein. Sie wollte ihrer Großmutter aber auch nicht das Gefühl geben, sie bereits aufgegeben zu haben. Eigentlich liebte die alte Frau das Leben doch und hatte noch so vieles vor… Maggie ließ den Kopf auf die Knie sinken und schluchzte.

„Meine Kleine“.

Ganz leise und schwach hörte sie die Worte und riss den Kopf hoch.

„Meine Kleine, warum weinst du denn?“

Ihre Großmutter hatte sie Lider ein Stück weit geöffnet und schaute Maggie so sanft und liebevoll wie immer an. Seit Wochen war sie nicht mehr so klar bei Bewusstsein gewesen wie jetzt.

22.2.2024: en profil

Anastasia mustere das Display und schürzte die Lippen. Mit jedem weiteren Bild, das auf dem Display der Kamera erschien, wuchs ihre Unzufriedenheit.

„Die Aufnahmen sind wunderschön geworden!“, tippte sich ihr Freund Matteo von Foto zu Foto, bis er alle angesehen hatte.

„Das Licht hier im Raum ist fantastisch! Wir brauchen nicht mal Scheinwerfer! Und du bist ein Naturtalent!“, strahlte er Anastasia an und bemerkte erst jetzt ihre tiefgezogenen Mundwinkel.

„Was hast du denn? Gefallen dir die Bilder etwa nicht?“

Die Angesprochene rümpfte die Nase und wendete sich von ihm ab.

„Ich hab doch gesagt, dass ich Aufnahmen en profil hasse! Meine Nase ist ein riesiger Zinken und die Bilder wirken, als würde jeden Moment ein Helikopter auf meinem Rüssel landen!“, ging sie ans Fenster und schnaufte aus. Sie hatte sofort gegen Matteos Idee protestiert und wusste jetzt wieder, warum sie sich nur mit viel Überredungskunst darauf eingelassen hatte. So viele Menschen hatte er schon abgelichtet und noch nie seine eigene Freundin vor der Kamera gehabt – das hatte er so gern einmal ändern wollen und ihr die schönsten Bilder versprochen, die sie je von sich gesehen hatte. Pustekuchen.

„Du hast keinen Rüssel“, trat Matteo hinter sie und legte vorsichtig die Hände an Anastasias Schultern. Er wusste um ihr Temperament.

„Hör auf, mir Honig ums Maul zu schmieren! Lösch die Bilder und frag mich nie wieder, ob ich mich von dir knipsen lasse!“, fuhr sie herum und ging zu ihrer Handtasche, die über einen der Stühle gehängt war.

„Wo willst du hin? Wir haben die Location noch für zwei Stunden gebucht. Sollen wir das nicht nutzen?“, ging Matteo ihr etwas unbeholfen nach und wich bei Anastasias giftigem Blick zurück.

„Keine Fotos mehr!“, zischte sie und schulterte die Handtasche. Beschwichtigend hob Matteo die Hände und bat sie, noch einen Moment lang zu warten.

„Lass mich noch eine Sache versuchen. Bitte! Wenn sie dir auch nicht gefällt, nerv ich dich nie wieder mit meiner Kamera. Einverstanden?“

Anastasia schmälerte die Augen und schnaubte aus.

„Na schön, ein letzter Versuch!“, warf sie die Tasche zurück auf den Stuhl und schaute ihren Freund auffordernd an. Ein kurzes Lächeln huschte über seine Lippen.

„Stell dich noch mal da vorn ans Fenster, aber schau mich dieses Mal an“, dirigierte er und begann mit seinen Aufnahmen.

„Weißt du noch, wie du mir mal von deiner Mutter erzählt hast?“

Anastasia seufzte aus.

„Sie hat dir immer so was gekocht, wenn du als Kind krank warst… wie hieß das noch gleich?“

Langsam wurde der Ausdruck in Anastasias Gesicht weicher.

„Milchsuppe“, antwortete sie und ein leichtes Lächeln legte sich auf ihre Lippen.

„Ja, stimmt!“, rief Matteo aus, während er unablässig auf den Auslöser drückte.

„Erzähl mir noch mal die Geschichte, wie sie dir das Kaugummi aus den Haaren gekämmt hat!“, forderte er sie auf und sie schmunzelte. Ein Kind in der Schule hatte ihr das Ding in ihre langen, samtenen Haare gedrückt und über Stunden war ihre Mutter damit beschäftigt gewesen, es irgendwie los zu werden. Andere Mütter hätten längst zur Schere gegriffen, doch sie wusste, wie sehr ihre Tochter die langen Zöpfe liebte und versuchte alles, um sie zu retten.

„Am Ende haben wir beide da gesessen und geheult. Ich, weil es irgendwann so ziepte und weh tat und sie, weil… weil sie meine Tränen sah. Aber hinterher war ich doch froh, dass sie das getan hatte“, erinnerte sich Anastasia und schaute wehmütig aus dem Fenster. Weitere Erinnerungen bahnten sich ihren Weg an die Oberfläche und plätscherten aus ihr heraus. Einige schön, andere traurig. Aber sie nahmen sie so ein, dass sie gar nicht merkte, wie Matteo irgendwann aufhörte zu fotografieren und ihr einfach nur noch zuhörte. Selten hatte Anastasia so offen über ihre verstorbene Mutter gesprochen.

„Sie war eine tolle Frau“, sagte er, als sie schließlich endete.

„Ja, das war sie“, pflichtete Anastasia ihm bei und strich sich kurz über die Augenwinkel. Sie ging zu ihm hinüber und ließ sich die Fotos zeigen.

„Jetzt bin ich ja mal gespannt“, kehrte die vorherige Strenge in ihre Stimme zurück, während Matteo die neuen Aufnahmen durchging. Sie waren nicht einfach nur schön, sondern ausdrucksstark. Gefüllt von Emotionen.

„Wunderschön“, wiederholte er sich, aber dieses Mal lag eine ganz andere Faszination in diesen Worten.

„Oh." Er erreichte wieder die Profilaufnahmen und wollte gerade mit dem Löschen beginnen, als Anastasia die Hand auf seine legte. Verwundert schaute er sie an und entdeckte dieses Mal nicht die vorherige Ablehnung in ihren Augen. Stattdessen lag Liebe darin.

„Weißt du, was mir gerade aufgefallen ist?“, fragte sie leise und er schüttelte den Kopf.

„Mama hatte die gleiche Nase...“

23.2.2024: non troppo

Miriam saß in ihrem Zimmer am Schreibtisch. Begleitend von leisem Murmeln wanderten ihre Augen über das Lehrbuch und ihr Kugelschreiber über das erhaltene Aufgabenblatt. Immer wieder war ein leises Seufzen und Brummen zu vernehmen.

„Darf ich?“, steckte ihre Mutter den Kopf durch die angelehnte Tür und betrat den Raum nach einem kurzen Nicken ihrer Tochter.

„Eine kleine Nervenstärkung“, ging sie zum Schreibtisch, um Miriam ein paar selbstgebackene Kekse hinzustellen. Das Mädchen lächelte knapp und verlor keine Zeit, um nach dem ersten zu greifen.

„Danke, die kann ich gut brauchen!“, lehnte sie sich im Stuhl zurück und schielte aus den Augenwinkeln auf ihre Hausaufgaben. Ihre Mutter folgte dem Blick, während sie sich mit der Hüfte an den Schreibtisch lehnte.

„Läuft es nicht so gut?“

„Non troppo“, schmatzte Miriam und ihre Mutter zog fragend die Augenbrauen hoch.

„Nicht allzu…“

Dieses Mal nickte ihr Gegenüber verstehend.

„Die Worte passen; aber keine Ahnung, ob ich das jetzt im richtigen Kontext gesagt hab“, nuschelte Miriam und stützte den Kopf auf die Hand. Missmutig schaute sie zwischen den Keksen und den Aufgaben hin und her. Die Wegzehrung würde nicht lange halten, das wusste sie schon jetzt.

„Das neue Schuljahr hat gerade erst begonnen, vielleicht gewöhnst du dich noch an die neue Sprache und findest Freude daran“, versuchte ihre Mutter sie aufzumuntern und strich ihr sanft über den Kopf. Miriams Blick sprach Bände.

„Du meinst, so wie bei Französisch?“

Auch wieder wahr… das hatte Miriam nach einem erzwungenen Testjahr sogleich abgewählt und war froh gewesen, dass die Noten sich nicht auf die Versetzung hatten auswirken können.

„Ich find das so scheiße, dass wir uns jetzt durch ein Jahr Italienisch quälen müssen, ehe wir das wieder abwählen können!“

Miriams Mutter konnte den Frust der Tochter verstehen, aber auch die Gedanken der Lehrer dahinter.

„Auf diese Weise könnt ihr euch zumindest einen richtigen Eindruck von dem Fach und der Sprache machen und dann entscheiden, ob ihr sie bis zum Abschluss als Fach wollt oder nicht.“, meinte sie und erhielt wieder einen vielsagenden Blick.

24.2.2024: Funkie

Ein anstrengender Arbeitstag lag hinter ihr, als sie in den Hinterhof ihres Wohngebäudes bog und auf die Eingangstür zusteuerte. Die Schultern waren angespannt, der Kopf schmerzte – gefühlt hatte sie wieder nichts anderes gemacht, als zu reden, zu notieren und Daten von A nach B zu schieben. Die Kollegen waren gestresst, die Kunden nur allzu oft genervt und selbst der Gang zum Klo häufig noch mit „kurzen“ Zwischenfragen gesäumt. Sie verabscheute diesen Job jeden Tag mehr, aber sie brauchte ihn auch, um über die Runden zu kommen.

„Das kommt mir alles so sinnlos vor“, murmelte sie, während sie in ihre Wohnung ging und die Tasche an der Garderobe abstellte. Erst mal raus aus den Businessklamotten und rein in was Bequemeres. Sie streckte sich ausgiebig, trank etwas und betrachtete dann kritisch das abgekämpfte, erschöpfte Gesicht, das ihr aus dem Spiegel entgegenblickte.

„Du sahst auch schon mal fröhlicher aus…“

Ihr Blick fiel auf die Uhr und ihre Mine erhellte sich: Der Tag war stressig gewesen, aber auch so schnell vorbei gegangen, dass sie bereits zu ihrem Termin weiter konnte. Handy und Schlüssel geschnappt, huschte sie zurück nach draußen, überquerte die Straße, bog nach einigen Metern in die nächste und stand nach einem Fußweg von wenigen Minuten vor einem großen Gartentor. Im Vergleich zu dem Mehrfamilienhaus, in dem sie lebte und gerade einmal einen kleinen Balkon besaß, war das hier fast schon ein Anwesen: Ein kleines, schnuckeliges Einfamilienhaus mit mehreren hundert Quadratmetern Garten, großen Büschen und alten Bäumen. Es war, als würde sie in eine andere Welt eintauchen, wenn sie durch das Tor schritt und den geschwungenen Ziegelweg zum Haus entlangging. Vorbei an Rosen, Sonnenhut und Funkien, die von sonnig bis schattig ihren Weg säumten, unter einem Blauregen entlang und im Klang der Vögel, die die Hecken zu ihrem Zuhause gemacht hatten.

„Hallo, da bin ich wieder“, sprach sie die alte Frau an, die auf der Veranda saß und eine Tasse Tee genoss.

„Ach, wie schön!“, freute die sich ein jedes Mal über den regelmäßigen Gast und lud dazu ein, neben ihr Platz zu nehmen.

„Komm, leiste mir einen Moment Gesellschaft, bevor du anfängst, Kindchen“

Kindchen – sie waren nicht verwandt und trotzdem fühlten sich die Aufenthalte bei der alten Dame an, als wäre sie zu Besuch bei ihrer Großmutter. Keine Hektik und kein Stress, sondern vielmehr ein angenehmes Beisammensein, bei dem sie nebenher die Gartenarbeit erledigte und am Ende des Tages sogar etwas von der Arbeit sah, die sie getan hatte.

25.2.2024: matsch

„Hi, da bin ich! Sorry, stand im Stau“, polterte Susie an diesem Abend in die Wohnung und wurde von Abby mit einem „Pssst!“ empfangen.

„Der Kleine schläft gerade“, flüsterte sie und schlich zurück in die Küche. Susie mustert sie kurz und hob die Augenbrauen.

„Alles okay bei dir?“, sprach sie in leiserem Tonfall und ging ihr nach, während sie gleichzeitig die Jacke an die Garderobe warf.

„Ich wusste gar nicht mehr, wie schwer es ist, einen Vierjährigen müde zu kriegen“, seufzte Abby aus und griff sich einige Mandarinen, um sie zu schälen. Kurz darauf verzog sie das Gesicht, weil eine von ihnen matschig war und sie genau in die faule Stelle gefasst hatte.

„Den freien Tag zusammen mit Mama hat er bestimmt genossen, was?“, fragte Susie und machte keinen Hehl aus ihrer Freude an der Kinderlosigkeit. Abby rümpfte die Nase, aber dann lächelte sie auch müde.

„Eigentlich war es echt ein schöner Tag. Wir waren auf dem Spielplatz und er hat die ganze Zeit im Matsch herumgetobt. So glücklich und unbeschwert. Es tat gut, ihm einfach nur beim Spielen zuzusehen und mir mal keine Gedanken über Rechnungen und Co. zu machen.“, ließ sie sich auf einen Stuhl sinken und begann mit dem Schälen der Mandarinen.

„Na, um die machst du dir ja sonst auch immer genug Gedanken, oder?“, holte Susie eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und gesellte sich zu Abby. Ihre Freundin nickte schuldbewusst.

„Ich will deine Gastfreundschaft einfach nicht überstrapazieren“, murmelte sie und dachte an das finanzielle Debakel, in dem sie gerade steckte. Susie verdrehte die Augen.

„Wie oft denn noch? Ihr seid mir keine Last! Der Kleine ist sehr pflegeleicht und du wartest meistens mit einem schönen Abendessen auf mich – was will ich mehr?“, nahm sie einen Schluck aus der Flasche und grinste dann, als Abby ihr die Mandarinen rüber schob.

„Heute nur ein gesundes Abendessen mit vielen Vitaminen – ich hab eine Ewigkeit gebraucht, um den Dreckspatz sauber zu kriegen und fühlte mich dann zu matschig, um mich noch an den Herd zu stellen“, gähnte sie und naschte selbst ein paar fruchtige Leckerbissen.

„Zum Glück hab ich immer einen kleinen Geheimvorrat Fertigramen in der Schublade“, zwinkerte Susie und Abby weitete die Augen. Daran hatte sie ja gar nicht mehr gedacht!

„Wenn ich dich nicht hätte!“

26.02.2024: asap

„Ja. Selbstverständlich. Ich kümmere mich sofort darum. Ja. Wie Sie wünschen“, nickte Nicole bei jedem ihrer Worte, obwohl ihr Gegenüber sie durchs Telefon nicht sehen konnte. Ein leichtes Lächeln umspielte ihr Lippen, doch kaum landete der Hörer auf der Gabel, verschwand es und machte einem tiefen Seufzen Platz.

„Na? Hat unser Chef es wieder ganz doll eilig?“, hörte sie die Stimme ihrer Kollegin Claudia vom Schreibtisch nebenan. Nicole rollte die Augen und schüttelte den Kopf.

„Natürlich, wie immer“, murrte sie und ging zum Aktenschrank, um einige Dokumente hervorzukramen.

„Fällt dem ja wieder früh ein, was?“, meinte Claudia mit einem Blick zur Uhr. Eigentlich war in einer halben Stunde Feierabend.

„Du kennst ihn doch. Er ist bis spät abends hier, also meint er, alle anderen müssten auch so lang verfügbar sein.“

Claudia nickte.

„Ein Wunder, dass wir inzwischen zwei Tage Homeoffice in der Woche machen dürfen“, streckte sie sich und verdrehte ebenfalls die Augen, als Nicole sie korrigierte.

Bis zu zwei Tage. Denk dran, bei kurzen Wochen wird entsprechend reduziert!“, warf sie zwei Dokumentenmappen auf ihren Tisch und machte sich nach einem kurzen Abstecher zur Kaffeemaschine an die Arbeit.

„Wenn ich meinen Freunden erzähle, wie es hier manchmal zugeht, kommen die aus dem Lachen nicht mehr raus“, meinte Nicole und Claudia verstand nur allzu gut, wovon sie sprach.

„Mich hat er neulich abends um halb neun noch angerufen! Und als ich dann nicht mehr ans Telefon gegangen bin, gabs am nächsten Morgen ne Standpauke. Der hat doch echt den letzten Schuss nicht gehört“, trat Claudia hinter ihre Kollegin und schaute ihr über die Schulter.

„Bekommst du auch manchmal um kurz vor Mitternacht noch Mails von ihm?“

Aus den Augenwinkeln konnte Nicole das Nicken erkennen.

„Und dann das Denglisch immer dabei“

Beide seufzten und schüttelten den Kopf.

„Hier, den Vorgang will er heute noch bearbeitet haben“, zeigte Nicole auf die Unterlagen und Claudia runzelte die Stirn.

„Lass mich raten: asap – as soon as possible, Frau Schmittler“, äffte sie ihren Chef nach und Nicole lachte.

„Du wirst immer besser!“, grinste sie und beide fuhren zusammen, als plötzlich die Tür aufflog und ihr Chef darin stand.

„Frau Schmittler, ich hab grad gemerkt, dass es die falsche Fallnummer war. Bitte diese hier“, warf er Nicole schnell einen Zettel auf den Tisch und eilte dann zur Tür, irgendwas von einem Termin murmelnd.

„Ich legs Ihnen auf den Tisch“, rief Nicole ihm nach, erntete ein kurzes „Ja, ja!“ und sah angeekelt dabei zu, wie ihr Vorgesetzter sich Augentropfen verpasste, während er auf den Aufzug wartete.

„Wenn ich meinen Job nicht so dringend bräuchte, würde ich diesem Schmierlappen mal ein paar Takte über gutes Benehmen beibringen“, murmelte Claudia und schloss die Tür. Auch da konnte Nicole ihr nur beipflichten. Aber es gab an diesem Nachmittag auch einen Lichtblick: Die richtige Akte war deutlich schneller bearbeitet und sie würde es pünktlich in den Feierabend schaffen.

27.2.2024: entzweibrechen

Bea saß mit ihrer Schwester Lisa am Kaffeetisch und beide warfen den Blick auf den letzten Keks.

„Denkst du das, was ich denke?“, meinte Bea und Lisa nickte. Gemeinschaftlich grinsten sie und brachen das Gebäckstückchen entzwei. Das hatten sie früher schon fast immer gemacht, wenn es etwas zu teilen gegeben hatte.

„Mama konnte das immer gar nicht recht glauben, dass wir uns wegen so was nicht in die Haare bekommen haben“, meinte Lisa und Bea pflichtete ihr bei.

„Ganz zu schweigen von irgendwelchen Außenstehenden.“

Sie waren fast acht Jahre auseinander und trotzdem verhielten sie sich manchmal wie Zwillinge, bei denen die eine wusste und fühlte, was die andere wusste und fühlte.

„Ich erinner mich noch an den Stadtbummel, bei dem wir ein Eis haben wollten und nur noch eine Portion Kirsch übrig war.“, entsann sich Lisa.

„Du meinst, als diese hochnäsige Schnepfe neben uns stand und nur drauf wartete, dass wir loszankten, wer das Eis bekommt?“

„Ja. Der konnte man die Enttäuschung richtig vom Gesicht ablesen, weil wir stattdessen um einen zweiten Löffel gebeten und geteilt haben.“

Beide lachten los und Bea merkte, wie sehr ihr dieses Zusammensein gefehlt hatte. Die letzten Monate über war Lisa im Ausland unterwegs gewesen, hatte einige Länder bereist und sich auf ihre Karriere konzentriert. Regelmäßige Telefonate waren immer da gewesen und Videoanrufe erst recht – aber jetzt wieder so zusammen zu sitzen, konnte kein elektronisches Gerät der Welt ersetzen.

„Ich bin echt froh, wieder hier zu sein“.

Wieder war es, als hätte die eine Schwester die Gedanken der anderen erraten.

„Das waren ein paar spannende Monate und sie haben mir auch Spaß gemacht, aber hier ist es einfach am schönsten.“

Sie nickten sich an und griffen zu ihren Kaffeetassen. Dann plötzlich wich die Ruhe, als Bea auf die Uhr schaute.

„Oh, wir müssen los, sonst kommen wir zu spät!“, sprang sie auf und griff sich ihre Jacke.

„Stimmt!“, tat Lisa es ihr gleich.

„Gut, dass wir eine kleine Stärkung intus haben“, zwinkerte Bea, woraufhin Lisa lachte.

„Ich liebe Mama, aber sie kann einfach nicht backen“, schmunzelte sie.

„Und trotzdem isst Papa immer tapfer ihren Napfkuchen“, grinste Bea, aber auf Lisas Gesicht lag etwas Wissendes. Die Ältere zog fragend die Augenbraue hoch.

„Achte gleich mal auf den Ficus neben der Terrassentür.“

28.2.2024: Soufflé

„Setz dich gerade hin“, hörte Miriam leise die Stimme ihrer Mutter im Ohr und kam widerwillig ihrer Aufforderung nach. Der Besuch bei ihrem Bruder Thomas fühlte sich zäh wie Gummi an und die Zeiger der Uhr schienen angetackert.

„Versuch wenigstens ein bisschen interessiert zu wirken“, wendete sich nun auch der Vater an das Mädchen, als Thomas und seine Freundin aus dem Esszimmer verschwanden, um den nächsten Gang vorzubereiten. Miriam verdrehte die Augen.

„Es ist stinklangweilig und ich mag sie nicht“, murrte sie und funkelte ihren Vater böse an, als er sie in die Seite knuffte.

„Er hat uns eingeladen, damit wir Isabella kennen lernen können. Sei nicht so unhöflich.“

„Oh, das duftet aber gut!“, ertönte da auch schon die Stimme ihrer Mutter, als die beiden Gastgeber zurückkehrten und auftischten.

„Ich habe eine Erdbeersoufflé gebacken. Es ist nicht ganz so geworden, wie ich es haben wollte, aber ich hoffe, es schmeckt trotzdem“, säuselte Thomas` Freundin und beim Verteilen der Törtchen vermischten sich der Duft gebackener Erdbeeren mit dem Duft ihres schweren Parfüms.

„Miriam, hilfst du mir kurz mit der Soße?“, sprach Thomas seine kleine Schwester plötzlich zur Überraschung aller an.

„Äh, klar“, erhob sich der Teenager, während Thomas seine Freundin davon abhielt, zu intervenieren.

„Setz dich schon mal, Schatz“, gab er ihr einen Kuss auf die Wange, wobei man ihr das Unbehagen sehr deutlich ansehen konnte. Schließlich war sie die Gastgeberin! Widerwillig nahm sie Platz, während Miriam fast schon federnd ihrem Bruder folgte.

„Cool, dass wir auch mal ein bisschen allein sind!“, freute sie sich, aber da fuhr Thomas auch schon zu ihr herum.

„Was hast du für ein Problem?!“, zischte er sie an und Miriam zuckte zusammen.

„Wie..?“, stammelte sie und musterte erschrocken seinen kühlen Blick. So kannte sie ihn gar nicht.

„Meinst du, ich merke deine abwehrende Haltung nicht? Du verdrehst ständig die Augen, wenn Isabella etwas sagt und ziehst eine Miene wie sieben Tage Regenwetter!“, stemmte er die Hände auf die Hüften und hielt Miriam mit den Augen fixiert. Das Mädchen war den Tränen nahe. Früher hatten sie beide so eine gute Beziehung gehabt und jetzt fühlte es sich an, als stünde ein völlig Fremder vor ihr. Wo war das Lockere und Lustig geblieben, das sie früher so an Thomas geliebt hatte? Seit er mit Isabella zusammen war, hatte er regelrecht einen Stock im…

„Arsch!“, platzte es aus Miriam raus und seine Augen weiteten sich.

„Seit wann bist du so ein aufgeblasener Gockel geworden?! Fehlt nur noch ne schwarze Hose, dann siehst du aus wie ein Pinguin! Ich komm mir vor wie im Restaurant und nicht wie bei einem entspannten Besuch bei meinem Bruder! Wir haben uns monatelang nicht gesehen und ich hatte mich echt auf den Tag mit dir gefreut, aber ich erkenn dich fast nicht wieder! Und nein, ich mag deine Freundin nicht! Sie ist arrogant und genauso aufgeblasen wie ihre Soufflés. Außerdem krieg ich von ihrem Parfüm Kopfweh! Was findest du bloß an so einer?! Die passt doch überhaupt nicht zu dir!“, platzte aus Miriam heraus, was sie seit Stunden versucht hatte runter zu schlucken. Sie hatte keine Lust mehr, die Enttäuschung über seine Veränderung weg zu lächeln.

„Wie kannst du so über sie reden? Du hast ihr doch gar keine Chance gegeben, sie richtig…“, begann Thomas aufgebracht, aber dann sah er seine Freundin in der Tür stehen und verstummte. Fast schon ertappt starrte er zu ihr und lief rot an.

„Ist… alles in Ordnung?“, hatte Isabella wieder ihr gekünzeltes Lächeln aufgesetzt, obwohl ihre angespannte Körperhaltung nur allzu deutlich zeigte, dass sie zumindest einen Teil des Gesprächs kannte. Thomas ging zu ihr und legte die Hände an ihre Oberarme.

„Tut mir leid, meine Schwester ist in der Pubertät – du weißt ja, wie das manchmal ist. Sie kriegt sich gleich wieder ein“, redete er ihr beschwichtigend zu und rieb ihr die Arme. Jetzt war für Miriam das Maß voll.

„Sag ruhig die Wahrheit! Ich kann sie nicht leiden und dich inzwischen auch nicht mehr!“, blaffte sie ungeachtet der geschockten Gesichter und dessen, dass nun auch ihre Eltern hinter Thomas und Isabella auftauchten.

„Viel Spaß noch, ich geh jetzt nach hause!“, schob sie sich an ihnen vorbei und verschwand aus der Wohnung. Der Fußweg war nicht allzu weit und würde ihr ganz gut tun.

29.2.2024: Kreißsaal - Archiv

Eigentlich hatte es als entspannter Männerabend gestartet und war dann doch plötzlich in eine ganz andere Richtung umgeschwenkt.

„Ich werd Vater!“, hatte einer der Jungs unvermittelt in eine Gesprächspause geworfen und sah sich nun umgeben von einer Mischung aus Beglückwünschungen und offensichtlicher Unsicherheiten seiner Gegenüber.

„So richtig begeistert wirkt er aber auch nicht“, murmelte Detlef und musterte seinen Kommilitonen Mike. Allzu gut kannten sie sich eigentlich nicht; sie sahen sich in den Vorlesungen, manchmal auch in den Pausen und am meisten redeten sie noch bei den wöchentlichen Bartouren miteinander.

„Was?“, bemerkte Detlef Svens verwunderten Blick und der zuckte die Schultern.

„So viel Einfühlungsvermögen hätte ich dir gar nicht zugetraut“, grinste er und Detlef hob die Augenbraue.

„Dazu braucht man nur Augen im Kopf, um das zu bemerken“, nahm er einen Schluck und schaute wieder zur restlichen Runde hinüber. Einige forderten Mike jetzt auf, einen auszugeben, andere stellten Fragen zur Schwangerschaft. Anhand der Fragen konnte man schon ein wenig erkennen, welche Studenten frisch vom Gymnasium waren und welche bereits etwas länger in ihren Zwanzigern.

„Und? Gehst du auch mit in den Kreißsaal?“, fragte Detlef schließlich, wobei Mike ihn unbeholfen ansah.

„Äh… keine Ahnung“, gab er nuschelnd zu und kratzte sich am Kopf.

„Meine Freundin ist erst im vierten Monat… darüber haben wir noch nicht gesprochen. Sollte ich? Ja, oder?“

Dieses Mal war es Detlef, der die Schultern hob.

„Keine Ahnung, war noch nie in der Situation und komm hoffentlich auch sobald nicht rein“, beschäftigte er sich wieder mit dem Inhalt seiner Flasche und war ganz froh darüber, als sich nun auch der Barmann in ihr Gespräch einbrachte.

„Ich hab zwei Kinder. Wenn du willst, erzähl ich dir ein bisschen darüber, wie es mir damals ging, als die beiden auf dem Weg waren“, verteilte er die bestellte Runde und nickte Mike aufmunternd zu. Dem schien regelrecht ein Stein vom Herzen zu fallen. Allzu viele junge oder angehende Väter hatte er in seinem Umkreis wohl nicht, mit denen er sich austauschen konnte. Schnell rückte er näher an den Tresen und tauchte in ein langes Gespräch ein.

„Könnte ich mir gar nicht vorstellen, jetzt neben dem Studium auch noch die Verantwortung für ein Kind übernehmen zu müssen“, meinte Sven, nachdem er Mike eine Weile beobachtet hatte. Detlef nickte, aber dann grinste er auch.

„Was ist?“, fragte Sven und Detlef schaute ihn schelmisch an.

„Na ja, dafür müsstest du auch endlich erst mal eine abkriegen, oder?“

29.2.2024: Bemmchen

„Ein Bemmchen, mein Kind?“, fragte Miriams Großmutter, kaum, dass ihre Enkelin die kleine, gemütliche Wohnung betreten hatte. Überall lagen Teppiche, hingen Fotos und Bilder an den Wänden und die unverhältnismäßig große Couch war der Mittelpunkt des Wohnzimmers.

„Im Moment nicht, Omi“, murmelte Miriam. Nicht nur wegen des vorherigen Essens wurde ihr allein beim Gedanken an eine belegte Schnitte flau im Magen. Viel anziehender wirkte da das Sofa, zu dem sie zwar erst zögerlich hinüber ging, dann aber fast schon erleichtert darauf Platz nahm. Es war immer wie eine Umarmung, sich in das Polstermöbel zu schmiegen.

Ihre Großmutter schaute sie aufmerksam an. Die geröteten Augen waren sicherlich nicht zu übersehen und der Besuch mehr als überraschend, aber trotzdem stellte sie keine Fragen – zumindest keine, die Miriam vielleicht nicht beantworten wollte.

„Aber eine heiße Schokolade, oder?“, vertiefte das Lächeln die Falten um die alten, aber klaren Augen. Da konnte Miriam nicht widerstehen. Sie nickte und zog die Nase hoch. In kleinen Schritten schlurfte ihre Großmutter in die Küche, nahm einen Topf aus dem Schrank, befüllte ihn mit Milch und stellte ihn auf den Herd. Miriam lehnte sich zurück, während sie hörte, wie die Schokoriegel aus ihrer Verpackung genommen wurden und mit kurzem Plätschern ein Bad in der Milch nahmen. Nicht lange und ein süßlicher Duft durchzog die Luft. Miriam schloss die Augen und erinnerte sich daran, wie sie schon als kleines Kind immer auf diese Weise eine heiße Schokolade von ihrer Großmutter bekommen hatte. Damals, als Thomas und sie noch so viel besser miteinander ausgekommen waren. Er, fast zehn Jahre älter, hatte immer auf sie aufgepasst, mit ihr gespielt und ihr sogar manches Mal bei den Hausaufgaben geholfen. Selbst bei seinen Treffen mit Freunden hatte er sie häufig mitgenommen, ihr Fußballspielen beigebracht und sie in Kinofilme geschmuggelt, für die sie damals noch zu jung gewesen war. Ein cooler großer Bruder, für den sie viele ihrer Freundinnen beneideten.

„Vorsicht, ist noch heiß“, riss die Stimme ihrer Großmutter sie aus ihren Gedanken. Miriam öffnete die Augen und nahm dankbar die Tasse entgegen.

„Hier ist es immer so schön, Omi“, lächelte sie und betrachtete ihre Großmutter, während sie sich mit einem Seufzen auf den Sessel gegenüber der Couch fallen ließ.

„Ich freu mich, dass du mich besuchst“, sprach die alte Frau und machte es sich ebenfalls gemütlich. Gütig und geduldig ruhten ihre Augen auf Miriam, die froh war, nicht gedrängt zu werden, über ihre Gefühle zu sprechen. So richtig wusste sie selbst noch nicht, wie viel und was sie über das Zusammentreffen mit ihrem Bruder erzählen wollte. Hatte sie wirklich überreagiert? Hätte sie ihre Enttäuschung und ihre Abneigung weiter runterschlucken sollen? Ihre Finger streichelten über das warme Porzellan der Tasse, während sich in ihrem Bauch ein Knoten bildete.

„Stör ich auch wirklich nicht?“

Ihre Großmutter lachte.

„Du störst nie, Schatz! Und du bist immer willkommen! Das weißt du“, schwangen ein Hauch Feststellung und Frage in ihren Worten mit.

1.3.2024: affirmativ

„Du schaffst das!“

Bereits seit einer Viertelstunde stand Jasmin am Waschbecken und redete immer wieder affirmativ auf ihr Spiegelbild ein.

„Du bist sympathisch, klug und du brauchst dich nicht zu verstecken. Geh einfach zu ihm und sag ihm, dass du ihn magst!“, versuchte sie sich fest in die Augen zu blicken und brach doch immer wieder ab. Augenkontakt mochte sie nicht – weder bei anderen noch bei sich selbst. Es fühlte sich immer an, als könnte man ihr durch die Augen direkt in den Kopf schauen und jeden ihrer Gedanken lesen. Wie schafften andere das nur? Oder mochten es sogar? Kurz und kräftig schüttelte sie den Kopf. Darum ging es jetzt nicht!

„Also, du…“, setzte sie gerade wieder an, als ihre Mitbewohnerin durch die Tür hindurch ihren Namen rief.

„Wirst du heute noch mal fertig? Andere müssen auch ins Bad!“, war die Genervtheit nicht zu überhören.

„Entschuldigung!“, antwortete Jasmin und zog sich schnell an. Nicht mal die Haare hatte sie bis jetzt aus ihrem Handtuchturban geholt.

„Hab nicht auf die Zeit geachtet“, trat sie schließlich nach wenigen Minuten auf den Flur und machte ihrer Mitbewohnerin Platz. Die verdrehte nur die Augen und während Jasmin in ihr Zimmer ging, um ihre Tasche zu holen, dachte sie über die zurückliegende Situation nach. Selten war sie mal länger als eine halbe Stunde im Bad und versuchte auch sonst niemandem zur Last zu fallen. Ihre Mitbewohnerin hingegen verbrachte oft über eine Stunde unter der Dusche, ließ alles hinter sich liegen und nahm auch wenig Rücksicht, wenn sie mal wieder einen nächtlichen Besucher mit in die WG brachte.

„Ich sollte ihr sagen, dass das nicht okay war“, murmelte Jasmin, aber der Mut verließ sie genauso schnell wieder, wie er gekommen war. Schließlich musste sie noch eine Weile hier wohnen bleiben und wollte keinen Streit. Ein Umzug war auch keine gute Option – finanziell gesehen und weil sie noch lebhaft in Erinnerung hatte, wie lange die Suche beim letzten Mal gewesen war.

Mit einem Seufzen schob sie die Gedanken beiseite und machte sich auf den Weg zur Uni. Es war ein warmer Frühlingstag und die Sonne schien ihr aufmunternd zu – ja, heute würde sie sich endlich trauen, ihm ihre Gefühle zu gestehen! Als sie in den Park einbog, den sie oft als Abkürzung zur Uni nahm, traf es sie allerdings wie ein Schlag: Dort saß er auf der Bank, den Arm um eine andere Frau gelegt, die zwar zu weinen schien, sich aber auch an ihn schmiegte. Mit einem Mal wurde Jasmin so schlecht, dass sie nicht wusste, ob sie sich übergeben musste.

„Alles in Ordnung? Du siehst so blass aus“, hörte sie plötzlich hinter sich und fuhr herum. Vor Schreck geriet sie so ins Taumeln, dass Sven ihren Arm greifen und sie halten musste.

„Nein… ja.. doch! Ich hab nur was Falsches gegessen, glaub ich. Mir ist ein bisschen schlecht“, murmelte Jasmin und hielt sich den Bauch, ehe sie Sven zur Seite zog. Verwundert schaute er sie an.

„Wir sollten außen rum gehen, um die beiden nicht zu stören“, deutete sie hinüber zur Bank und sah ein Lächeln auf Svens Gesicht.

„Hey, wie es aussieht, sprechen die beiden sich endlich mal aus!“, verschränkte er zufrieden die Arme vor der Brust. Jasmins Augen wurden groß. Sie konnte es sich denken, aber sie wollte es trotzdem wissen.

„Aus unseren Kursen kommt sie mir nicht bekannt vor. Ist das… seine Schwester?“, umschiffte sie die eigentliche Frage und spürte noch ein klein wenig Hoffnung darauf, dass sie den Anblick der beiden Banksitzer doch falsch interpretiert hatte. Sven aber musste sich das Lachen sichtlich verkneifen.

„Dann wäre einer von beiden wohl vom Gasmann“, grinste er und antwortete dann aber ernster: „Nein, das ist Detlefs Freundin Saskia“.

2.3.2024: diskreditieren

Ihr ganzer Körper fühlte sich taub und das Gehörte wie durch Watte an, während sie mechanisch einen Fuß vor den anderen setzte. Jasmin nahm kaum wahr, wie sie mit Sven einen anderen Weg durch den Park ging und er mit ihr redete. Viel zu laut waren die Gedanken in ihrem Kopf. Sie schalt sich selbst für ihre kindliche Naivität. Natürlich hatte Detlef längst eine Freundin! Und was für eine gutaussehende noch dazu! Sie war eine Frau, die auf sich achtete und sich trotzdem nicht schämte, in der Öffentlichkeit Tränen zu zeigen – kein Mauerblümchen wie sie, Jasmin, die bei jeder Bewegung und jedem Wort so viel Angst davor hatte, einen Fehler zu machen, als würde sie sich selbst damit regelrecht diskreditieren.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und presste sie fest an sich, um dem Gefühl aufkommender Panik Herr zu werden. Hatte Sven eine Ahnung, dass sie seinen besten Freund mochte? War es vielleicht schon längst allen in der Uni aufgefallen? Durch ihre Blicke zu dem großen Blonden oder ein lächelndes „Hallo“ zu viel? Nervös kaute sie auf ihrer Unterlippe. Sie konnte Sven ja schlecht einfach danach fragen.

„Sollen wir dich nicht vielleicht doch lieber zum Arzt bringen?“, verschaffte der sich nun doch endlich wieder Gehör und ließ Jasmin zusammenzucken. Sie starrte ihn an und spürte die Hitze in ihrem Gesicht, während es knallrot anlief.

„Du siehst wirklich nicht gut aus“, sprach er besorgt und lachte dann auch noch auf. Jasmin spürte den wachsenden Kloß im Hals – er machte sich über sie lustig!

„Ich bin manchmal ein bisschen unbeholfen, sorry! Ich meinte natürlich, dass du etwas kränklich aussiehst, aber nicht schlecht! Also… du siehst gut aus, nur im Moment merkt man, dass es dir nicht gut geht!“, hob er beschwichtigend die Hände und schmunzelte verlegen.

„Ich reite mich immer weiter selbst rein, was?“, lachte Sven und rieb sich kurz übers Gesicht. Langsam beruhigte sich Jasmins Puls und der gefühlte Stromschlag in der Magengegend verebbte.

„Nein, ich versteh schon, alles gut“, ließ sie ihre Schultern ein wenig sinken.

„Manchmal… ist es schwer, die richtigen Worte zu finden“, konnte sie ihm ein leichtes Lächeln schenken und sah die Erleichterung in seinem Gesicht.

„Ja, Detlef macht sich oft genug über mich lustig, weil ich nicht mit Frauen reden kann“, schob er die Hände in die Hosentaschen und schien zögerlich, ob er den Weg fortsetzen sollte.

„Also? Soll ich dich zum Arzt begleiten?“

Jasmin schüttelte den Kopf und dieses Mal war ihr Lächeln größer.

„Die frische Luft hier tut mir gut. Es geht gleich schon wieder“, meinte sie und setzte den Weg fort.

„Na gut, aber wenn was ist, sag mir sofort Bescheid, ja?“, schloss Sven mit wenigen Schritten wieder zu ihr auf und sie musterte ihn einen kurzen Moment lang. Konnte es sein, dass er sich ernsthafte Sorgen um sie machte?

„Du wirst schon wieder rot. Vielleicht hast du Fieber?“

3.3.2024: Insignien

Donnerstagmorgen, die zweite Schulstunde und Bria fragte sich jetzt schon, wie sie den restlichen Tag mit wachen Augen überstehen sollte. Während ihr Religionslehrer irgendetwas über Insignien erzählte, hatte sie bereits alle Muster auf dem Fußboden gezählt und trotzdem klebte der Zeiger ihrer Uhr an Ort und Stelle fest. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, stützte den Kopf mal auf die Hand und mal ans Fenster. Zum Glück saß sie nicht in der ersten Reihe.

Wieder suchte sie nach einer halbwegs bequemen Sitzposition, als ihr Blick aus dem Fenster fiel und die Müdigkeit mit einem Schlag verschwand. Dort lief Laurin über den Schulhof! Er hatte das Schulgebäude gerade verlassen und entfernte sich schnurstracks. Irritiert warf Bria einen wiederholten Blick auf ihre Uhr – die zweite Stunde dauerte noch über 30 Minuten an. Ob wohl etwas passiert war? Nun war sie den Rest des Unterrichts damit beschäftigt, sich Gedanken um Laurin zu machen.

„Kommst du mit zum Kiosk?“, fragte ihre Freundin, als endlich die Glocke zur Pause läutete, aber Bria lehnte ab.

„Nein, ich… hab mein Matheheft zuhause liegen lassen und geh es schnell holen“, griff sie ihren Rucksack und war schon verschwunden, ehe ihre Freundin noch irgendwelche Fragen stellen konnte. Sie kam sich selbst lächerlich dabei vor, jetzt in die Richtung zu gehen, in der Laurin verschwunden war, aber irgendwie trieb sie auch die Neugierde voran. Zielstrebig ging es über den Schulhof, dann auf einen kleinen Weg und ab hier hatte sie ihn nicht mehr sehen können. Vor ihr lagen nur der weitere Weg in die Stadt und ein paar kleine Gärten. Plötzlich kam sie sich schrecklich dumm vor.

„So ein Blödsinn, der ist doch längst weg“, murmelte sie und trat ein Steinchen beiseite. Lust, jetzt umzukehren, hatte sie aber auch nicht.

„Vielleicht…“, warf sie einen Blick zurück und huschte dann zu einer Hecke hinüber, als niemand zu sehen war. Mit ihrer zierlichen Statur passte sie bequem durch das kleine Loch zwischen den Sträuchern.

„Ich bleib einfach hier. Eigentlich auch gut, dass er nicht mehr da war. Der hätte mich doch für bescheuert gehalten“, war sie noch immer mit ihren Gedanken beschäftigt, als sie sich umdrehte und plötzlich direkt vor Laurin stand. Beide starrten einander mit ähnlich großen Augen an.

„Was machst du denn hier?“, fragte Laurin unsicher, während Bria Sorge hatte, dass ihr Gemurmel zu laut gewesen war.

„Ich, äh… manchmal komm ich hier her“, antwortete sie, was auch durchaus der Wahrheit entsprach.

„Ich bin dir aber nicht nachgelaufen oder so!“, platzte es dann aus ihr heraus und während Laurin vorher noch einigermaßen beruhigt schien, guckte er sie nun erst recht misstrauisch an. Bria fühlte, wie ihr Kopf zur Tomate wurde.

„Ich glaub, ich geh jetzt besser“, murmelte er und schob sich an Bria vorbei, doch sie griff reflexartig seinen Arm.

„Nein, warte bitte!“, ließ sie ihn so schnell wieder los, wie sie ihn gegriffen hatte. Noch skeptischer wurde Laurins Blick.

„Kippt mir gleich einer nen Eimer Kompost über den Kopf, wenn ich raus gehe oder was wird das hier eigentlich?“, verschränkte er die Arme vor der Brust und schaute Bria unsicher an. Sie wusste ja, dass seine Mitschüler ihn hänselten, aber dass er so etwas vermutete, erschreckte sie dann doch. Beschwichtigend hob sie die Hände und schüttelte den Kopf, der gleich wieder knallrot wurde, als sie sich traute, ihm die Situation zu erklären.

„Ich… ich hatte dich vorhin gesehen und mir Sorgen gemacht, weil du den Unterricht verlassen hast. Und da bin ich einfach auch in diese Richtung gelaufen. Aber ich kam mir dann dämlich vor und wollte hier warten, bis die Pause vorbei ist. Dass du tatsächlich hier im Garten bist, wusste ich nicht, ehrlich“, knetete sie ihre Finger und wurde noch verlegener, nachdem sie es jetzt offen ausgesprochen hatte. Warum tat sich nie ein Loch im Erdboden auf, wenn sie es mal gebrauchen konnte?

„Warum? Wir kennen uns doch gar nicht“, runzelte Laurin die Stirn und Bria musste ihm da durchaus zustimmen. Miteinander geredet hatten sie noch nie, aber…

„… du bist inzwischen schon irgendwie bekannt“, zuckte sie entschuldigend die Achseln, während er ausseufzte.

„Ja, ich weiß“, murrte er und schob die Hände in die Hosentaschen. Es war ihm offensichtlich unangenehm, aber Bria wusste nicht, was sie nun sagen sollte. Ein kurzer Moment unangenehmer Stille entstand, der durchbrochen wurde, als Bria zu Boden schaute.

„Ach, Hallo, da bist du ja!“, ging sie in die Hocke und streckte die Hand ins Gras.

„Ich wollte euch nicht unterbrechen“, meinte das Mäuschen, während es auf ihre Hand kletterte. Erschrocken riss Bria den Kopf hoch und sah, dass Laurin sie ebenso verwundert anguckte wie umgekehrt.

„Du kennst das Mäuschen?“, sagen sie wie aus einem Mund und der kleine Nager kicherte.

„Äh, ja, sie hat mir mal den Garten gezeigt“, meinte Bria, während Laurin erzählte, dass er das Mäuschen in eben jenem kennengelernt hatte.

„In den Pausen ist es hier schön ruhig und da kurzfristig meine zweite Stunde ausgefallen ist, bin ich schon mal her gekommen. Dummerweise hab ich heute Morgen mein Pausenbrot vergessen und muss jetzt noch mal zurück, zum Kiosk“, meinte er und zuckte widerwillig die Schultern. Auf Brias Gesicht zeichnete sich jedoch ein Lächeln ab.

„Meine Mama packt mir immer viel zu viel ein. Wenn du möchtest, teile ich mit dir!“

„Kann ich auch ein bisschen was abbekommen?“, mischte sich da das Mäuschein ein und brachte beide zum Lachen.

4.3.2024: latent

„Oh, du kommst ja doch noch!“, hob Sven den Blick von Jasmin, als er hinter ihr in der Tür Detlef erscheinen sah. Der Blonde hörte ihn sofort und schlurfte durch den Seminarraum zu ihm hinüber. Sie befanden sich gerade in der Pause.

„Klar, was dachtest du?“, gab er Sven im Vorbeigehen einen Klaps auf die Schulter und nahm auf seiner anderen Seite Platz. Sein Kumpel verlor keine Zeit, um sich zu ihm zu drehen.

„Ich hab euch im Park gesehen“, lehnte Sven sich hinüber und sprach leise genug, dass selbst Jasmin die Worte fast nicht hören konnte. Detlef streckte sich ausgiebig und hielt dann die Fäuste in Siegerpose in die Luft.

„Jap und es gibt was zu feiern!“, sprach er in einem Tonfall, den Jasmin nicht zu deuten wusste. Sven hingegen sah ihn überrascht und zugleich erfreut an.

„Sag jetzt nicht, du…“, begann er und wagte seine Vermutung kaum auszusprechen.

„Ladies, dieser Mann ist ab sofort wieder zu haben!“, posaunte Detlef und verschränkte mit einem langen Seufzen die Hände hinter dem Kopf. Er achtete nicht auf die irritierten Blicke einiger Kommilitonen, sondern schloss für einen Moment die Augen. Svens Lächeln gefror einen Moment, dann verblasste es, wie von einem Regenschauer davon gespült. Das, was er bei Detlefs Ankündigung vermutet hatte, wäre zwar überraschend gewesen, aber das, was er jetzt tatsächlich gesagt hatte, riss ihm sichtlich den Boden unter den Füßen weg.

„Was?“, sagte er nach einigen Sekunden und Detlef schaute aus den Augenwinkeln zu ihm hinüber.

„Brauchst du es noch deutlicher? Wir haben uns getrennt. Ich steh der Frauenwelt wieder voll und ganz zur Verfügung“, klappten seine Lider wieder zusammen. Noch immer fand Sven keine Worte. Er schaute unbeholfen zwischen Detlef und dem Tisch, an dem sie saßen, hin und her, als würde dort irgendwo etwas Hilfreiches geschrieben stehen.

„Macht dir… das denn gar nichts aus?“, brachte er schließlich hervor und Detlef öffnete langsam die Augen, um zunächst den Blick an die Decke zu richten, ehe er sich wieder Sven zuwendete.

„Ich meine… ihr wart neun Jahre lang zusammen“, kratzte der sich fahrig am Kopf, während Jasmin spürte, wie ihr Herz einen Sprung machte – etwas, wofür sie sich im nächsten Moment selbst tadelte. Ganz besonders bei Detlefs Antwort.

„Wie lange kennst du mich und meinen latenten Sarkasmus eigentlich schon?“, warf er Sven dieses Mal einen eindeutigeren Blick zu, der durch ein kurzes Schnauben noch untermauert wurde. Der Angesprochene zuckte zusammen. Jetzt begriff er, dass Detlef seine verletzten Gefühle irgendwie überspielen wollte. Wahrscheinlich war es gerade ein Wunder, dass er sich überhaupt noch in die Uni geschleppt hatte.

„Sorry, ich…“, begann Sven, aber Detlef unterbrach ihn.

„Du bist manchmal ein Idiot, ja.“, nahm er die Arme runter und verschränkte sie stattdessen vor der Brust.

„Ich aber auch, sonst hätte ich es wohl nicht so versaut…“

Dieses Mal war es kein Sprung, sondern ein Stich, den Jasmin in ihrer Brust verspürte. Sie kam sich furchtbar schäbig vor und wendete sich von den beiden ab.

„Was hältst du davon, wenn wir unseren Barabend vorziehen?“, hörte sie Detlef und ein „Gute Idee“ von Sven.

„Willst du mitkommen?“, wandte Detlef sich auch an jemand anderen, aber Jasmin schaute nicht mehr hin. Sie schämte sich ihrer Gedanken und Gefühle und zuckte zusammen, als sie eine Berührung an der Schulter fühlte.

„Hey, du bist gemeint“

Als Jasmin den Blick hob, schaute sie direkt in Detlefs Gesicht und ihr wurde ganz flau im Magen. So aufmerksam hatte er sie noch nie angesehen.

„Du siehst aus, als könntest du einen Drink vertragen. Willst du nachher mitkommen?“, meinte er und sie brachte keine Wort heraus. Hörte sie gerade richtig?

„Ich glaub, das ist keine gute Idee. Sie hat sich heute Morgen den Magen verdorben“, antwortete Sven, ehe Jasmin etwas sagen konnte und schob Detlef leicht von sich. Der hatte sich über ihn gebeugt, um an Jasmins Schulter zu gelangen und drückte Sven damit mehr an seine Rückenlehne, als ihm lieb war.

„Ach so?“, guckte der Blonde seinen Kumpel kurz an und zuckte die Achseln, ehe er sich wieder an Jasmin wendete: „Wusst ich nicht. Dann vergiss die Frage und kümmer dich lieber drum, dass es deinem Magen wieder besser geht. Alk ist da dann wohl nicht die beste Lösung“.

Ein schiefes Schmunzeln legte sich auf sein Gesicht, bei dem Jasmin am liebsten sofort gerufen hätte, dass sie auf jeden Fall mit in die Bar wolle. Stattdessen brachte sie nur ein Nicken zustande und ein seichtes Lächeln, als Sven vorschlug, dass sie einfach beim nächsten Mal mit käme, wenn es ihr wieder besser ginge.

5.3.2024: Quintessenz

„… und ich weiß einfach nicht, was im Moment los ist“, beendete Ann-Katrin einen Monolog, der gefühlt Stunden gedauert und sie an den Rand ihrer Kräfte gebracht hatte. Sie fühlte sich wie erschossen, während sie neben ihrer Freundin Lara auf der Couch saß und keine Sitzposition fand, die sich erholsam und angenehm anfühlte. Lara schaffte es im Gegensatz zu ihr, die ganze Zeit über fast regungslos da zu sitzen, den Arm auf die Rückenlehne gestützt, Ann-Katrin zugewandt und die Augen aufmerksam auf sie gerichtet.

„Ich denke, ich weiß, was los ist“, sagte sie schließlich nach einem Moment der Stille.

„Ach ja?“. Verwunderung und Hoffnung schwangen in Ann-Katrins Stimme mit. Sie zermarterte sich den Kopf und Lara hatte so einfach eine Lösung?

„Ich denke, die Quintessenz aus all dem, was du mir gerade erzählt hast, ist, dass du völlig erschöpft und überlastet bist“, stützte Lara den Kopf auf ihre Hand und musterte Ann-Katrin sorgsam. Die fahle Haut, die tiefen Augenringe, dazu ihre Erzählungen über Stress auf der Arbeit, emotionale Tiefschläge im Privaten, Kopfschmerzen, Schlafprobleme und vieles mehr. Sie war ja richtig erschrocken gewesen, als sie Ann-Katrin nun nach Monaten eigener Pläne und Projekte das erste Mal wieder persönlich getroffen und in so einem desolaten Zustand vorgefunden hatte.

„Ich glaube, wenn du nicht bald auf die Bremse trittst, dann hast du bald einen Zusammenbruch“.

Kurz schaute Ann-Katrin sie schweigend an, um dann unter Tränen los zu lachen.

„Und wie stellst du dir das vor? Ich kann ja schlecht einen Pausenknopf für mein Leben drücken, um mich mal kurz für ein paar Tage aus allem raus zu ziehen! Im Moment hab ich so wichtige Projekte mit engen Deadlines, dass ich mir nicht einfach mal ne Woche frei nehmen kann und die Trauer über Omas Tod vor zwei Monaten – soll ich die einfach verdrängen?“

Lara seufzte aus. Sie fühlte, dass die Verzweiflung ihrer Freundin sie überforderte, aber hängen lassen wollte sie sie auch nicht.

„Ich weiß grad selbst noch nicht, wie, aber irgendwie finden wir eine Lösung!“

6.3.2024: fulminant

Seit über einer Stunde saßen sie in der kleinen Bar und ließen die Musik und das Gerede der anderen Gäste auf sich einprasseln. Eigentlich war es wie an jedem Abend, wenn sie hier her kamen und trotzdem fühlte Sven sich dieses Mal völlig fehl am Platz. Es lag eine Stimmung in der Luft, die er nicht greifen konnte und Detlefs Schweigen machte die Sache nicht unbedingt leichter. Er saß nur da, starrte in sein Bier und verlor kein Wort. Sollte Sven ihn ansprechen oder weiter warten?

Dass er heute nicht mal an der Bar sitzen will, heißt wohl, dass er nicht reden möchte, dachte er bei sich und betrachtete die kleine Nische, in die Detlef sich mit ihm zurückgezogen hatte. Hin und wieder warf der Barmann einen Blick zu ihnen hinüber und bekam von Sven ein kurzes Lächeln geschenkt. Die Verwunderung war nicht zu übersehen; waren beiden Jungs doch inzwischen Stammgäste und eigentlich immer zu einem Plausch aufgelegt, besonders der große Blonde.

„Ich muss mal an die frische Luft“, öffnete der nun endlich den Mund und hatte seine Jacke schneller geschnappt, als Sven gucken konnte.

„Äh, warte! Ich komm mit! Ich muss nur kurz bezahlen!“, rief er Detlef nach und schob sich zur Theke hinüber, während er versuchte Detlef im Blick zu behalten – vergebens, hinter dem fiel längst die Tür zu und Sven spürte die aufkommende Sorge, ihn den Rest des Abends nicht mehr zu finden.

„Hier, stimmt so“, schob er dem Barmann das Geld hinüber und schüttelte kurz den Kopf, als der fragte, ob alles in Ordnung sei.

„Lass uns ein andern Mal reden!“, hob Sven die Hand zum Gruße und kämpfte sich zum Ausgang – er hatte gar nicht gewusst, dass es in der Bar dienstags noch voller als mittwochs war. Draußen angekommen schlug ihm die kühle und doch angenehm frische Nachtluft entgegen. Es war ein krasser Kontrast zu dem kleinen, überfüllten Raum – auch, was die Lautstärke betraf. Aber wo war Detlef nun abgeblieben? Sven trat weiter auf die Straße und blickte sich um. Einige Meter entfernt machten die Wohngebäude und Geschäftshäuser Platz für eine Brücke über den angrenzenden Fluss und dort, neben einer der Laternen, sah er eine Figur stehen.

„Detlef?“, rief er hinüber. Die Figur hob die Hand und Sven schloss in schnellem Gang zu seinem Kumpel auf.

„Jetzt mach aber keine Dummheiten und spring da runter“, sprach Sven halb im Scherz und halb in Unsicherheit. Detlef stand an das Brückengeländer gelehnt, die Unterarme darauf abgestützt und den Blick auf das Wasser gerichtet. In der Dunkelheit zog es sich wie eine schwarze, unförmige Masse unter ihnen hindurch und nur die einzelnen, gespiegelten Lichter der Stadt zeigten, dass unter der Brücke keine völlige Leere herrschte. Der Anblick hatte für Sven etwas Beklemmendes, aber Detlef durchzog bei dessen Worten ein kurzes, amüsiertes Schnaufen.

„Na, das wäre doch ein fulminanter Abgang. Passend zu meinem herausragenden Lebensweg, den ich bisher eingeschlagen habe“, richtete er sich auf und drehte dem Geländer den Rücken zu. Wieder nutzten seine Unterarme das kalte Metall als Stützte, aber dieses Mal ließ er den Blick nicht über das tiefe Wasser, sondern den weiten Nachthimmel schweifen.

„Ich wünschte gerade echt, da würde der Alkohol aus dir sprechen, aber du hast vorhin ja nicht einen Tropfen angerührt.“, stand Sven in gleicher Pose da wie Detlef zuvor und knibbelte eine der Flechten vom Geländer. Er spürte die wachsende Unsicherheit und Überforderung, seinen Kumpel so zu sehen und nicht zu wissen, wie er ihm helfen konnte. Sonst schien Detlef immer mit so einer Leichtigkeit durchs Leben gegangen zu sein; für alles einen dummen Spruch parat und im Grunde durch nichts aus der Ruhe zu bringen – aber nun?

"Ich mach mir im Moment echt Gedanken um dich", murmelte Sven und hörte wieder Detlefs belustigtes Schnaufen.

„Tja, da bist du nicht der Einzige“, meinte der schließlich nach einem Moment des Schweigens und Sven hob den Blick zu ihm.

7.3.2024: salomonisch - Archiv

„Lässt dein Kumpel sich überhaupt noch mal hier blicken?“

Sven spürte, wie bei diesen Worten die Wut in ihm hoch kam und trotzdem zwang er sich zur Höflichkeit.

„Seit wann interessierst du dich eigentlich so für Detlef, Oberfelder?“, stand er von seinem Platz auf, um seinem Kommilitonen in die Augen blicken zu können. Er hatte es sich während der Pause auf einer Bank gemütlich gemacht und seine Gedanken schweifen lassen. Viel Lust auf sein Mittagessen bestand eh nicht und die Anwesenheit seines Mitstudenten ließ den restlichen Appetit nun auch noch vergehen.

„Ich interessier mich nicht für diesen arroganten Sack, ich frag mich nur, wie lange wir den noch ertragen müssen“, verschränkte jener die Arme vor der Brust und schnaubte verächtlich aus. Sven fragte sich, wie Detlef es immer geschafft hatte, über diesem Gerede zu stehen.

„Also? Schwänzt der Faulpelz einfach nur wieder oder hat er womöglich endlich die salomonische Einsicht gefunden, dass er hier fehl am Platze ist?“

Im ersten Moment juckte es Sven in der Faust – etwas, das er so gar nicht von sich kannte – aber dann erinnerte er sich an einen Satz von Detlef zurück und ein kurzes Schmunzeln umspielte seine Lippen.

Salomonisch… Du hast wirklich ein Problem mit deinem Ego, oder?“, schob er eine Hand in die Hosentasche und hob die andere, um seinem Gegenüber mit einer Geste zu bedeuten, dass er noch nicht fertig war. Schluss mit Höflichkeit!

„Anstatt dich mal auf dich und dein Studium zu konzentrieren, suchst du Leute, mit denen du dich messen kannst oder willst dich über andere stellen. Hast du so ein kleines Selbstbewusstsein? Selbst wenn Detlef in deinen Augen ein Faulpelz ist, hat er dir weder den Studienplatz weggenommen noch hält er dich vom Lernen ab. Ich versteh also echt nicht, wo dein Problem ist! Ignorier ihn doch einfach! Aber das kannst du nicht, oder? Er haut manchmal dumme Sprüche raus? Ja, mag sein, aber du laberst oft genug auch Müll! Also spiel dich hier lieber nicht so auf!“, griff er seinen Rucksack und warf sich dessen Riemen über die Schulter. Oberfelder starrte ihn wie ein Fisch auf dem Trockenen an und klappte immer wieder tonlos den Mund auf und zu.

„Und nur damit du es weißt: Detlef ist weder blöd noch faul, aber du bist offensichtlich zu arrogant, um mal ein ernsthaftes Gespräch mit ihm zu führen. Sonst wüsstest du das nämlich!“, wendete Sven sichvon seinem Kommilitonen ab und schenkte ihm keinen Blick mehr. Es wunderte ihn selbst, wie aufbrausend er gewesen war und wie sehr ihn aufwühlte, was Detlef ihm an jenem Abend gesagt hatte. Irgendwie tat es aber auch gut, diesem Großmaul mal eins reingewürgt zu haben - selbst wenn Oberfelder jetzt langsam zu alter Form zurückfand und lauthals los zeterte. Sven kam seinem eigenen Rat nach und ignorierte ihn einfach. Stattdessen ging er zu Jasmin hinüber, die erst von einem anderen Hörsaalgebäude aus hierher hatte kommen müssen und nun verwundert da stand.

„Was ist denn hier los?“, fragte sie, nachdem sie die gesamte Szene vom Eingangstor aus beobachtet hatte.

„So hab ich dich ja noch nie erlebt, Sven“, war die Sorge in ihrer Stimme nicht zu überhören. Seit Tagen hatte sie Detlef nicht mehr gesehen und Sven trug fast nur noch eine trübe Miene, aber jedes Mal, wenn sie ihn darauf ansprechen wollte, wechselte er das Thema.

„Ist alles in Ordnung?“, wagte sie einen neuen Versuch, als er im Vorbeigehen ihren Arm griff und sie mit sich zog. Aber wieder blockte er ab.

„Komm, suchen wir uns einen anderen Platz. Ich muss meine Notizen für gleich noch durchgehen.“

7.3.2024: Echauffieren

Echauffieren haben meine Eltern es früher immer genannt, wenn ich ihnen sagte, dass ich nicht studieren will. Für sie war das dann gleichbedeutend mit einem Zwergenaufstand. Sie hörten mir im Endeffekt gar nicht zu, sondern setzten alles daran, dass ich aufs Gymnasium ging, mein Abi machte und dann eine Uni besuche. Dass ich im Endeffekt hinterher der Depp zwischen der angehenden Elite war, interessierte sie nicht“, schaute Detlef in den Sternenhimmel und wandte kurz den Blick zu Sven, als von dem keine hörbare Reaktion kam. Fragend schaute er den Blonden an und zog die Augenbrauen zusammen, als dieser weitersprach.

„Du Überflieger mit deinen übersprungenen Klassen hast es vielleicht nicht so auf dem Schirm gehabt, aber normalerweise ist man keine zwei Jahre älter als seine Klassenkameraden.

„Na und? Du bist doch erst mit sieben eingeschult worden und das macht dich nicht zum Deppen!“, meinte Sven und schaute kurz von der Brücke, ehe Detlef ihn mit einem Lachen wieder zu sich blicken ließ.

„Dann noch zusätzlich einmal pappen zu bleiben aber schon!“, stützte er die Hände aufs Brückengeländer und nahm mit einem beherzten Satz darauf Platz. Sven gefiel dieser Anblick gar nicht.

„Pass auf, dass du nicht nach hinten kippst!“, drehte er sich stärker zu Detlef hinüber und behielt ihn im Blick, um im Notfall sofort eingreifen zu können. Der aber schüttelte nur den Kopf.

„Mach dir nicht ins Hemd. So blöd bin selbst ich nicht.“, verschränkte er die Beine und schaute weiterhin in den Himmel.

„Hör doch endlich auf, so von dir zu reden! Was soll das denn?!“, hatte Sven langsam genug von Detlefs zunehmender Melancholie. Der aber grinste und schaute aus den Augenwinkeln zu ihm hinüber.

„Du dachtest wirklich, dass unsere Mitschüler immer deinetwegen getuschelt haben, oder?“

Verdattert sah Sven ihn an und merkte langsam, wie ein flaues Gefühl in seiner Magengegend aufkam. Von klein auf hatte es zu seinem Alltag gehört, dass andere über ihn redeten. Die Idee, dass Detlef Ziel der Tuscheleien gewesen sein könnte, war ihm nie gekommen.

„Du bist nicht dumm“, wich er der Frage aus und auch Detlefs Blick. Der aber zuckte die Schultern.

„Ich weiß.“

Hatte Sven gerade richtig gehört? War das wieder Sarkasmus oder Detlefs Ernst?

„Nur, weil Studieren nicht mein Ding ist, bin ich kein Trottel. Es gibt bestimmt genug Jobs, in denen ich gut wäre. Ich muss nur herausfinden, was ich machen will.“

Sven betrachtete seinen Freund schweigend und lächelte dann erleichtert. Ja, das war die Einstellung, die er von Detlef kannte! Dass er sich nicht unterkriegen ließ! Nur wollte seine Zufriedenheit nicht lange währen, als er die Worte noch mal gedanklich durchging.

„Moment mal, redest du gerade davon, dass du generell nicht mehr studieren willst?“. Wieder war da das flaue Gefühl in seinem Bauch und es wurde umso stärker, als er das Grinsen in Detlefs Gesicht sah.

„Ich hab mich die ganze Zeit über von meinen Eltern in eine Richtung drängen lassen, weil ich Angst hatte, dass sie mich sonst nicht mehr unterstützen. Mal ehrlich, Sven, was hab ich bisher denn wirklich auf die Beine gestellt? Notgedrungen irgendeinen Studiengang gewählt, bei dem ich wusste, dass du mir den Arsch rettest, solang es geht und der vor allem an einer weit entfernten Uni ist, damit ich meine Eltern nur selten besuchen kann. Einfach, weil dann der Schwindel nicht so schnell auffliegt und ich solange in unserer WG bleiben kann, bis mir was anderes einfällt. Ja, das hab ich wirklich gut hinbekommen und nebenher noch meine Beziehung vor die Wand gefahren. Aber mal ehrlich, wir wohnen hier schon über ein Jahr und ich weiß immer noch nicht, wohin es mit mir gehen soll.“, seufzte Detlef und zuckte wieder einmal die Schultern bei Svens Worten.

„Du hast doch immer gesagt, dass du nur die Zeit überbrücken willst, bis du in deinem Wunschstudium angenommen wirst“.

Sven starrte seinen Kumpel an und wartete auf eine Zustimmung, aber sie kam nicht.

„Ich bin kein Typ für die Uni, aber ich wollte es mir lange nicht eingestehen.“, sagte Detlef stattdessen und schon wieder zuckte er die Schultern, als Sven wissen wollte, wie es weitergehen sollte.

„So richtig weiß ich das auch noch nicht. Aber es wird mal Zeit, dass ich das herausfinde. Saskia hat nicht Unrecht damit, dass ich bisher nur vor mich hin gelebt habe. Ich hatte keine eigenen Ziele, aber eins ist sicher: Ich will mir nicht mehr vorschreiben lassen, wie ich mein Leben gestalten soll. Ich muss mich endlich weiter entwickeln.“

Verständnislos schüttelte Sven den Kopf.

„Aber wenn du die Uni schmeißt, werden deine Eltern dich nicht mehr unterstützen. Wie willst du dann in unserer WG wohnen bleiben? Oder was willst du ohne ihre Finanzierung überhaupt machen? Du hast ja nicht mal einen Job!“, wurde die Furcht in Sven immer größer, die schon seit Beginn des Gesprächs in ihm schwankte.

„Und wag es jetzt nicht, schon wieder die Schultern zu zucken!“

Detlef lachte. Es war ein trauriges Lachen, aber kein verzweifeltes.

„Wir bleiben doch trotzdem befreundet, selbst wenn wir nicht mehr täglich aufeinander hocken“, grinste er und wollte Sven auf die Schulter klopfen, aber der wich der Bewegung aus. Irgendwann nicht mehr zusammen im gleichen Studiengang zu sein war eine Sache, aber auch nicht mehr in einer WG zusammen wohnen? So hatte er sich das bestimmt nicht vorgestellt!

„Mach jetzt nichts Unüberlegtes! Du bist gerade durch den Wind, weil Saskia sich von dir getrennt hat. Nimm dir ein paar Tage Zeit, um alles sacken zu lassen, bitte!“, spürte Sven, wie aus Angst Verzweiflung wurde. Für ihn war Detlef nicht nur ein guter Freund, sondern auch der perfekte WG-Partner. Doch der schüttelte den Kopf.

„Sie hätte mir sogar noch eine Chance gegeben, aber ich hab selbst gemerkt, dass wir so, wie es im Moment ist, keine Zukunft hätten. Sven, ich muss erst mal lernen, wer ich bin und ich glaube, ein bisschen Abstand tut mir da ganz gut. Sonst lande ich einfach wieder in altem Fahrwasser, das wissen wir doch beide. Du kommst schon klar, Kumpel. Inzwischen hast du dich gut eingelebt und das Studium macht dir doch auch richtig Spaß“, rutschte Detlef vom Geländer und klopfte sich die Jeans ab. Wie konnte er so gelassen sein, wenn er gerade sein gesamtes Leben auf den Kopf stellte?

„Aber was willst du denn jetzt machen?“, konnte Sven noch immer nicht glauben, was er da gerade gehört hatte. Seine Frage war kaum mehr als ein Flüstern. War das ein schlechter Witz?

„Tja“, schmunzelte Detlef und zuckte die Schultern „Mal sehen“.

8.3.2024: Zäsur

„Lass uns doch da vorn in das kleine Café gehen. Meine Freundinnen schwärmen immer davon, aber ich war selbst noch nicht drin“, deutete Jasmin nach einem Fußmarsch durch Straßen und Gassen zu dem Laden auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Sven nickte und folgte ihr stumm. Den ganzen Weg über hatte er kaum ein Wort gesprochen und immer wieder gedankenverloren vor sich hin gestarrt. Mehr und mehr verletzte sie dieses Verhalten. Sie hatte doch eigentlich inzwischen so etwas wie eine Freundschaft zu ihm aufgebaut, oder? Und trotzdem verschloss er sich ausgerechnet jetzt, wenn es um Detlef ging. Hilflosigkeit machte sich in ihr breit und es brauchte ein tiefes Durchschnaufen, um sich wieder so zu fassen, dass sie trotzdem mit einem Lächeln durch die Tür des Cafés treten konnte.

„Guten Tag“, grüßte sie die wenigen Leute, die um diese Zeit hier saßen und in ihre Arbeit vertieft waren, leise Gespräche führten oder die Tageszeitung lasen.

„Sollen wir uns da vorn ans Fenster setzen?“, wendete sie sich an Sven, der ihr wieder stumm nachtrottete. Langsam aber sicher fühlte sie sich wie eine Alleinunterhalterin.

Jasmin setzte sich ans Fenster, während Sven an die Kopfseite des kleinen Tisches Platz nahm, den Rücken zum Raum hin gewendet.

„Möchtest du auch ein Croissant? Die sollen sehr gut sein“, meinte Jasmin, woraufhin Sven nickte und bei ihrem Vorschlag nach einer Tasse Kaffee stattdessen Tee wünschte.

„Hallo und willkommen, was kann ich euch bringen?“, stand auch schon kurz darauf die Bedienung hinter ihm und Jasmin gab die Bestellung auf. Die junge Frau mit der brünetten Hochsteckfrisur und dem Pony kam ihr seltsam bekannt vor, aber sie konnte sich nicht erinnern, woher. Sven hingegen drehte sich wie vom Donner gerührt zu ihr um und starrte zu ihr hinauf. Das blieb natürlich nicht unbemerkt.

„Du bists!“, rief die junge Frau aus und lächelte, als sie ihn erkannte.

„Schön, dass du uns auch mal besuchst!“

„Ich… wusste gar nicht, dass du jetzt hier arbeitest“, murmelte er unsicher und nickte zögerlich, als sie meinte, sie habe gleich Pause und dann könnten sie sich etwas länger unterhalten. Jasmin fiel auf, dass Sven aussah wie ein getretener Hund, als er der Bedienung nachblickte. War sie vielleicht seine Verflossene?

„Ihr kennt euch?“, lehnte sie sich zu ihm hinüber und beobachtete den restlichen Raum. Sie wollte nicht zu neugierig wirken und sich erst recht nicht bei ihrer Wissbegier erwischen lassen.

„Das ist Saskia“, murmelte Sven und verschränkte die Arme auf der Tischplatte, während er leise und im gleichen Atemzug wie Jasmin sagte: „Detlefs Freundin“.

Schwer ließ sie sich gegen die Rückenlehne sinken. Plötzlich war da dieser riesige Stein in ihrem Magen, der mit jedem Schritt, den Saskia kurz darauf auf ihren Tisch zutrat, immer größer wurde.

„Hier ist eure Bestellung. Und ich konnte die Pause ein paar Minuten vorziehen“, stellte sie die Tassen und Teller mit Croissants vor ihren Gästen ab. Mit flinken Bewegungen band sie ihre Schürze los, um dann gegenüber von Jasmin Platz zu nehmen.

„Wir haben uns jetzt ne ganze Weile nicht mehr gesehen, was?“, wendete sie sich an Sven und Jasmin spürte, dass das folgende Gespräch eine Zäsur für sie werden könnte.

9.3.2024: Ethos

Zeit - ein Konstrukt, das Saskia immer wieder faszinierte. In manchen Situationen konnte die Zeit rasen und in anderen zähfließend sein. Manchmal konnte vieles in einer bestimmten Zeit erledigt werden und manchmal genügte die gleiche Dauer nicht einmal für einen richtigen Anfang von etwas.

Es ist schon interessant, wie kurz meine Pause ist und wie viel wir trotzdem in diesen paar Minuten schon beredet haben, dachte sie, während sie Sven noch immer dabei zuhörte, wie er sich über Detlefs Entscheidung beschwerte.

„Ich fühl mich echt von ihm im Stich gelassen! Ich dachte, wir wären Freunde und dann bezieht er mich nicht mal in seine Entscheidung mit ein, sondern stellt mich vor vollendete Tatsachen“, verschränkte er die Arme vor der Brust, halb zusammengekauert auf seinem Stuhl und den Blick starr auf die Teetasse vor sich gerichtet.

Ja, Saskia hatte bei ihrem letzten Gespräch mit Detlef von dessen Überlegungen, das Studium zu beenden und andere Wege zu gehen, erfahren. Trotzdem hatte es sie ein wenig überrascht, wie schnell er dann wirklich Nägel mit Köpfen gemacht hatte. Erst durch Sven war sie auf den neuesten Stand der Dinge gekommen – kein Wunder, hatten Detlef und sie nach ihrer Trennung schließlich einen gewissen Abstand gesucht, um ihre Gedanken und Gefühle sortieren zu können. Manches Mal war die Verführung für Saskia groß gewesen, einfach das Handy zu schnappen und ihm zu schreiben, aber letztlich hatte sie sich immer wieder dagegen entschieden. Und nun war er plötzlich fort, ohne, dass sie sich richtig von einander verabschiedet hatten. Wehmut kam in ihr auf, als Sven erzählte, dass er noch nicht einmal genau wusste, wo Detlef aktuell abgeblieben war. Und wieder begann er, sich über diesen Schritt zu ärgern, der aus seiner Sicht völlig übereilt gewesen war.

Die Fakten waren ausgetauscht und nun begannen die Wiederholungen. Das kannte Saskia bereits von Sven, wenn ihn etwas ärgerte. Es kam nicht oft vor, aber wenn, dann biss er sich daran fest und konnte tagelang immer wieder über dieses eine Thema sprechen. Kurz schaute sie zu Jasmin hinüber, die in sich gesunken da saß, blass und sichtlich überfordert mit dem Gehörten. Warum traf es sie so, fragte sich Saskia, aber statt diesem Gedankengang weiter nachzugehen, griff sie Svens Hände. Abrupt kam er durch diese Geste ins Stocken, hob den Blick und schaute Saskia irritiert an. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen und sie hielt seine Hände fest in den eigenen.

„Du weißt, dass ich dich sehr mag“, begann sie und nach einem kurzen Moment der Verwirrung nickte Sven.

„Du bist für mich wie der Bruder, den ich nie wollte und trotzdem in mein Herz geschlossen habe“, fuhr sie fort, was ihn diesmal zum Lachen brachte – ja, das war die Saskia, die er kannte!

Er wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als sie ihm bedeutete, noch zu warten.

„Ich hab dich lieb, aber manchmal möchte ich dir auch mal gehörig den Kopf waschen“, schwang noch immer ein liebevoller Ton in ihrer Stimme, in den sich nun eine gewisse Strenge mischte. Sven runzelte die Stirn. Mit dieser Wendung hatte er offensichtlich nicht gerechnet.

„Ich glaub, ich muss mal wieder die große Schwester spielen und dir ein paar Takte dazu sagen, wie du dich gerade hier benimmst“, ließ Saskia seine Hände los und legte ihre flach auf den Tisch, noch immer zu Sven hin gebeugt und den Blick fest auf ihn gerichtet.

„Ich weiß, dass Veränderungen nicht so dein Ding sind und dass du enttäuscht von Detlef bist, kann ich auch ein Stück weit nachvollziehen. Aber du benimmst dich wie ein bockiges Kind!“

Svens Zucken war nicht zu übersehen und aus den Augenwinkeln konnte Saskia erkennen, dass auch Jasmin den Kopf zu ihr hob.

„So, wie du die letzten Minuten über von ihm geredet hast, klang es, als hätte er ein Schwerverbrechen begangen. Als hätte er kein Ethos und sonst was – Sven, er hat einfach nur erkannt, dass er nicht glücklich ist und will etwas daran ändern! Deshalb hat er dich nicht im Stich gelassen! Und ganz ehrlich? Wenn jemand Grund hätte, sich zu beschweren, dann wohl eher ich!“

Saskia legte eine kurze Pause ein und beobachtete Svens Reaktion. Einerseits war ihm das Gesagte unangenehm, da er anfing über Dinge nachzudenken, die er vorher so noch gar nicht bedacht hatte. Andererseits verstand er offensichtlich nicht so recht, worauf sie hinaus wollte und traute sich aber auch nicht, sie offen zu fragen.

„Als ihr euch für diese Uni entschieden habt, bin ich mit in diese Stadt gezogen, weil ich keine Fernbeziehung wollte. Meinst du wirklich, ich hab mir den Umzug so vorgestellt, dass ich mir eine kleine Bude suche, während mein Freund eine WG mit seinem besten Kumpel gründet? Weil der Schiss hatte, dass ihm das neue Umfeld sonst zu viel wird, wenn nicht nur die Uni neu ist, sondern auch die Stadt und er obendrein mit fremden Leuten zusammenwohnen müsste, obwohl du ja derjenige warst, der unbedingt in diesen Studiengang gehen wollte?“

Sven kratzte sich am Hinterkopf und ließ den Blick kurz zum Boden schweifen. Wieder legte sich dieser bockige Ausdruck auf sein Gesicht.

„Aber du hättest doch mit uns in die WG ziehen können und wolltest nicht“, meinte er, woraufhin Saskia die Augen verdrehte.

„Sven, ich bin mit drei Brüdern aufgewachsen – ich hatte die Nase voll von WGs! Für dich war das trotz deiner Unsicherheiten vielleicht ein spannendes Abenteuer, aus dem behüteten Nest raus zu kommen und so. Aber ich bin die älteste von vier und hatte eh schon immer viel Verantwortung. Ich wollte nicht eure Mami spielen, die euch die Klamotten hinterher räumt...“, hob Saskia abermals die Hand, als Sven zum Protest ansetzte und dann mit sinkenden Schultern zugeben musste, dass sie wohl nicht ganz Unrecht hatte.

„… ich wollte mit meinem Freund zusammenwohnen und ein gemeinsames Leben aufbauen“.

Sie ließ die Hand sinken und sah, wie sich langsam das Schuldbewusstsein auf Svens Gesicht ausbreitete. Verlegen schaute er auf seine Hände, die einander kneteten.

„Tut mir leid, darüber hab ich nicht nachgedacht“, murmelte er und hob bei Saskias amüsierten Schnauben den Blick. Sie lächelte und boxte ihm leicht auf den Arm.

„Du bist ein kluger Kopf, aber manchmal merkt man dir einfach auch noch dein Alter an“, grinste sie und zwinkerte, um dann wieder etwas ernster zu werden.

„Ich hab mir das alles auch anders vorgestellt, Sven, aber darauf wollte ich mit meiner Ansprache nicht hinaus. Detlef ist ein sehr loyaler Kerl. Du darfst darüber enttäuscht sein, wie es im Moment ist, aber stell sein Pflichtbewusstsein nicht infrage. Wenn ich es mir recht überlege, ist das manchmal vielleicht sogar zu groß gewesen und hat ihn überhaupt erst soweit gebracht, dass er jetzt alle Zelte abreißen musste. Und selbst da hat er dir noch zwei Monatsmieten im Voraus gegeben, obwohl er das Geld grad vermutlich selbst nur allzu gut gebrauchen könnte“, zuckte sie leicht die Schultern und sah mit einer gewissen Erleichterung das Nicken von Sven. Irgendwie war sie halt doch die geborene große Schwester – ob bei ihren eigenen Brüdern oder bei Detlefs Anhängsel, das sie anfangs kaum gemocht und inzwischen wirklich liebgewonnen hatte. Schließlich war auch sie gerade verlassen worden und da tat ihr diese Vertrautheit mit Sven sogar besser, als sie selbst gedacht hatte.

„In letzter Zeit haben wir ja nicht viel miteinander gesprochen – das sollten wir wieder ändern“, zwinkerte sie abermals und erhob sich, um wieder zurück an die Arbeit zu gehen. So schnell konnte die Pause dann doch auf einmal vorbei sein.

„Ja“, nickte Sven, während Saskia sich die Schürze wieder umband und plötzlich erstrahlte er regelrecht.

„Ich hab eine Idee!“, rief er aus. Dieses Mal schaute sie ihn überrascht an.

„Regelmäßige Kinodates?“

Er schüttelte den Kopf.

„Detlefs Zimmer ist doch jetzt frei. Warum gründen wir dann nicht eine WG?“

Für einen kurzen Moment herrschte Stille. Saskia schaute ihn ausdruckslos an, dann begann ihr Körper zu zucken und schließlich prustete sie los, mit Tränen in den Augen und einem glockenhellen Lachen, das das gesamte Café erfüllte.

„Bei aller Liebe: Auf gar keinen Fall!“

10.3.2024: redundant

„Endlich scheint die Sonne mal wieder. Ich hab den Frühling so richtig herbei gesehnt!“, seufzte Hannah und streckte sich ausgiebig auf der Holzbank aus. Ihre Augen waren geschlossen, die Lippen umspielte ein kleines Lächeln. Einfach mal nichts tun und die Seele baumeln lassen! Der Garten ihres Mehrfamilienhauses machte vielleicht nicht viel her, aber dieser heimelige kleine Sitzplatz begeisterte sie bei gutem Wetter immer wieder. Allerdings währte die Freude nicht lange. Mit einem Mal spürte sie einen Druck an den Füßen und riss den Kopf hoch.

„Lara!“

Überrascht stütze Hannah sich auf die Ellenbogen und schaute zu ihrer Freundin, die am anderen Ende der Bank Platz genommen hatte.

„Hi“, hob die müde ihre Hand zum Gruße und nutzte sie dann wieder als zusätzliche Stütze für ihren Kopf, als könne die zweite Hand ihn ansonsten nicht halten, während sich ihre Ellenbogen tief in die Oberschenkel bohrten.

„Was ist denn mit dir los?“, setzte Hannah sich auf und musterte ihre Freundin. Beim letzten Treffen vor einigen Tagen war sie noch so beschwingt gewesen und nun wirkte sie, als sei jegliche Energie aus ihrem Körper entschwunden. Laras Mundwinkel zuckten und mit einem Seufzen drehte sie den Kopf zu Hannah.

„Ich hab dir doch meinem Lektor erzählt“, murmelte sie und Hannah nickte.

„Ja, du warst ganz aufgeregt gewesen, weil die Suche so lange gedauert hatte und es nun endlich mit der Veröffentlichung deines Buchs weitergeht. Hat er dir doch noch eine Absage erteilt oder warum bist du jetzt so niedergeschlagen?“

Lara schüttelte den Kopf.

„Nein, er würde schon noch mit mir arbeiten…“

„Aber?“

Lara lehnte sich an die Rückenlehne und zog die Knie an sich.

„Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt noch machen will.“

Irritiert schüttelte Hannah leicht den Kopf und rutschte näher an Lara heran.

„Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Was ist denn passiert? Du träumst doch schon so lange davon, ein eigenes Buch zu veröffentlichen!“

Lara nickte kurz, aber dann zuckte sie die Schultern.

„Ich bin mir einfach nicht mehr sicher, ob ich wirklich gut genug bin.“

Hannah runzelte die Stirn und legte den Kopf schief. Sie kannte die Texte ja und hatte sie immer gut gefunden.

„Hat dein Lektor dir das etwa gesagt?“

Wieder zuckte Lara mit den Achseln und wiegte unschlüssig den Kopf.

„Nicht direkt, aber ich hab echt einen Schreck bekommen, als ich die Korrektur wiederbekommen habe. Überall Anmerkungen in Rot – vor allem, dass vieles redundant wäre. Ich beschreib die Gefühle meiner Figuren halt gern durch wiederholte Synonyme, weil ich finde, dass sie so noch besser zum Ausdruck kommen. Aber er findet das dann überflüssig“, zuckte Lara abermals die Schultern und verschränkte dann die Arme vor der Brust.

„Hast du da schon mit deinem Lektor drüber gesprochen?“, meinte Hannah und Lara schüttelte den Kopf. Den Text hatte sie gerade erst zurückbekommen und war nach dem ersten Schreck direkt zu Hannah gegangen.

„Ich schlag dir vor, dass wir uns einen gemütlichen Abend machen, du dich ein bisschen ablenkst und morgen, wenn du drüber geschlafen hast, einfach mal bei ihm anrufst und ihr die Korrekturen gemeinsam durchgeht. Vielleicht ist es dann gar nicht mehr so schlimm, wie es im Moment aussieht“, legte Hannah den Arm um ihre Freundin und entlockte ihr ein kleines Lächeln.

11.3.2024: idiotensicher

„Na, das ist aber eine Begrüßung!“, scherzte Steffen, als Nick ihm die Tür öffnete und aussah wie sieben Tage Regenwetter.

„Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“

Sein Gastgeber trat beiseite und ließ ihn in seine Wohnung. Kurz knurrte er etwas von einem Schrank und schlurfte dann voraus zum Wohnzimmer, wo er neben einem Berg von Kleinteilen stehen blieb.

„Ich versuch seit Stunden dieses Scheißding aufzubauen, aber nichts passt! Am liebsten würd ich den Verkäufer an Arsch und Kragen hierher befördern, damit er mir den Kasten selber zusammenbauen muss!“, deutete Nick auf das Chaos vor seinen Füßen und blähte die Nüstern. Es war nicht zu übersehen, dass ein, zwei Teile vor Wut auch schon durchs Zimmer geflogen waren und Steffen konnte sich das Schmunzeln nicht verkneifen.

„Warum holst du dir auch wieder so ein komplexes Ding? Hätte ein einfacherer Schrank es nicht auch getan? Oder vielleicht sogar ein bisschen mehr Unterstützung für die heimischen Handwerker, indem du nicht zum Großladen gehst, sondern bei einer lokalen Schreinerei fragst?“

Nick stützte die Hände auf die Hüften und musterte Steffens Grinsen.

„Ja, sorry, dass nicht jeder gelernter Tischler ist, so wie du! Und dass nicht jeder so viel Kohle für ein maßgefertigtes Möbelstück hat!“, begann eine Diskussion, die sie nicht zum ersten Mal führten.

„Ich hab dir schon mal gesagt, dass die Möbel von den Geschäften, in denen du immer guckst, mitunter auch nicht gerade billig verkauft werden, aber dafür oft genug billig zusammengeschustert sind. Vielleicht ist ein Schrank von uns etwas teurer, aber dafür hält er auch ein Leben lang! Und du bekommst ihn auch direkt fertig aufgebaut, statt so was hier“, deutete Steffen auf die Einzelteile. Nick verdrehte die Augen.

„Als ob du alles in deiner Bude selbst geschreinert hättest!“, murrte er und Steffen schüttelte den Kopf.

„Hab ich nicht, aber ich weiß im Gegensatz zu dir wenigstens, worauf ich beim Kauf achten muss.“ - noch so etwas, worüber die beiden schon mehrfach diskutiert hatten.

„Du hast doch grad so viel mit der Renovierung zu tun. Also wollte ich dich nicht mit zum Möbelkauf schleppen“, verschränkte Nick die Arme vor der Brust und murrte noch immer in seinen stoppeligen Dreitagebart.

„Ich hab dem Verkäufer extra gesagt, dass ich was will, das man leicht aufbauen kann. Und bei dem Modell meinte er, es wäre idiotensicher!“, reckte er das Kinn und schüttelte dann wütend den Kopf. Steffen seufzte aus. So was hörte er nicht zum ersten Mal.

„Einige Verkäufer sind wirklich fähig und beraten dich gut, aber es gibt auch diejenigen, die selbst keine Ahnung haben und nur versuchen, dir was anzudrehen.“

Er ging in die Hocke und griff nach der Aufbauanleitung. Viele Bilder, kaum Text. Kein Wunder, dass jemand wie Nick, der zusätzlich zwei linke Hände hatte, daran verzweifelte.

„Komm, ich helf dir“, legte er den Zettel beiseite und suchte nach dem Schraubenzieher, der bei seinem Flug durchs Zimmer auf der Couch gelandet war.

„Du bist für dein wohlverdientes Feierabendbier hier und nicht, um noch eine Spätschicht dran zu hängen! Irgendwie krieg ich das Ding schon aufgebaut – oder ich brings zurück. Aber Danke“, meinte Nick und ging zur Küche. Steffen schüttelte den Kopf.

„Als Dankeschön spendierst du mir heute mal zwei Bierchen“, zwinkerte er seinem Kumpel zu, als der mit zwei Flaschen zurück kam und fing mit dem Aufbau an.

12.3.2024: Schaltjahr

Mit einem Knurren wühlte Sara sich aus dem Schlaf und brachte ihre Hand auf Wanderschaft nach dem erbarmungslosen Wecker. Es war doch noch mitten in der Nacht! Warum kam der Morgen nur immer viel zu schnell herbei? Am liebsten hätte sie den rasselnden Störenfried quer durch das Zimmer geschmissen, aber stattdessen drückte sie ihn nur aus.

„Ich will nicht“, brummte sie und ließ sich nach einem kurzen Aufrichten zurück in die Kissen sinken. Das Licht ihrer Nachttischlampe brannte in den Augen und sie rieb sich das Gesicht, um endlich ein wenig wacher zu werden. Erst nach einem tiefen Strecken und Seufzen konnte sie sich dazu aufraffen, die Beine aus dem Bett zu schwingen und hinüber zum Fenster zu laufen, um seine Rollläden zu öffnen. Draußen schien die Morgensonne an einem fast wolkenlosen Himmel. Die Vögel waren zu hören und überall ließen sich bunte Farbtupfen aus Frühlingsblühern entdecken. Eigentlich ein schöner Tag, dachte Sara bei sich, aber der Blick zum Kalender konnte ihre Stimmung trotzdem nicht heben: 29. Februar – es war mal wieder ein Schaltjahr.

„Das kann ja heut was werden“, murmelte sie und schlurfte ins Badezimmer. Während sie ihre Zähne putzte, ging sie durch die Wohnung, öffnete weitere Rollläden, stellte die Kaffeemaschine an und startete ihr Handy. Es dauerte nicht lange, bis das aus dem Vibrieren nicht mehr heraus kam. Nachricht über Nachricht wünschte ihr alles Gute zum Geburtstag. Freunde, Verwandte, teilweise sogar Kollegen, die daran gedacht hatten, dass sie heute „ja endlich alt genug wurde, um eingeschult zu werden“. Sie las die Nachricht halblaut vor, als sie mit einem Kaffee in der Hand an die Küchenzeile gelehnt stand und verdrehte die Augen. Auch, wenn diese Witze lieb gemeint waren, hatte sie sie schon immer als nervig empfunden. Wohl auch, weil sie für Geburtstage eh nicht viel übrig hatte und für ihren eigenen erst recht nicht. Für sie war es keine große Leistung, irgendwann mal das Licht der Welt erblickt zu haben – die hatte wohl eher ihre Mutter vollbracht, als sie unter stundenlangen Schmerzen in den Wehen gelegen hatte. Aber trotzdem kam Sara nicht umhin, sich auch ein bisschen darüber zu freuen, wie viele Leute an diesem Tag an sie dachten.

13.3.2024: Schönwetterwolke - Archiv

Sie lag im Gras, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und die Augen auf den Himmel gerichtet. Über ihr zogen die Schönwetterwolken hinweg, langsam, gemächlich und trotzdem imposant in ihrer Größe. Sie betrachtete die verschiedenen Nuancen aus weiß und grau, durch die manchmal kleine Sonnenstrahlen fielen, um die Himmelsgebilde aufzubrechen. Eine leichte Brise strich ihr um das Gesicht, brachte den Duft von blühenden Bäumen und Blumen zu ihr, der sich mit dem Gesang der Vögel vermischte. Lange war sie nicht mehr so im Moment gewesen; einfach nur beobachtend und lauschend, statt zu planen, zu agieren und zu reagieren. Mit einem tiefen Atemzug füllte sie ihre Lungen und ließ die Luft unter einem ebenso tiefen Seufzen wieder entweichen. Spürbar entspannten sich ihre Muskeln, schmiegte sich der Körper noch fester an den Boden unter ihm. An einzelnen Stellen war sogar ein Knacken zu vernehmen.

Sie ließ die Gedanken schweifen, wie die Wolken am Himmel. Viel war in der letzten Zeit passiert und sie spürte erst jetzt, in dieser Ruhe, dass sie noch gar keine Möglichkeit gehabt hatte, das Erlebte wirklich zu verarbeiten. Sie hatte nur noch funktioniert und merkte erst jetzt, wie wenig Kontakt zuletzt noch zu ihrem Körper und ihren Empfindungen vorhanden gewesen war. Es fiel ihr gar nicht so leicht, diesen nun wieder herzustellen; in sich hinein zu hören und wahrzunehmen, was da alles schlummerte. Gab es etwas, das sie drückte oder gar schmerzte? Fanden sich Gefühle, die beiseite geschoben waren und nun endlich gefühlt werden wollten? Oder Gedanken und Erinnerungen, die auf dem Abstellgleis standen und für die es jetzt an der Zeit war, sich ihnen zu widmen? Nach und nach stellte sie sich diesen Fragen und horchte in sich hinein. Sie schloss die Augen, um sich noch mehr auf sich selbst konzentrieren zu können, nahm nur noch das Spiel aus Licht und Schatten wahr, wenn eine Wolke sich vor die Sonne schob und dann wieder weiter zog.

13.3.2024: Pollen

Einfach in der Sonne liegen und ausspannen können – das wäre jetzt schön!“, dachte Clara, während sie strammen Schrittes am Fluss entlanglief und ihr Blick dabei auf eine Frau fiel, die es sich an der Böschung im Gras gemütlich gemacht hatte. Mit geschlossenen Augen lag sie da, die Hände hinterm Kopf verschränkt und die Beine überkreuzt. Die leichte Brise strich ihr sanft durchs Haar und ihr gesamter Anblick wirkte erfüllt von Freude und Ruhe.

Die hat vermutlich auch kein Problem mit Pollen“, dachte Clara, als auch ihr die Brise um die Nase strich und dabei verdächtig daran kitzelte. So schön der Frühling auch war: Diese Seite von ihm mochte sie ganz und gar nicht! Bereits kurz nach dem Jahreswechsel hatte sie festgestellt, dass sie wieder die verdächtige Schniefnase begleitete. Mit einem Seufzen dachte sie nun daran, dass es in den kommenden Wochen umso anstrengender für sie werden dürfte: Niesattacken, verquollene Augen, Atemnot.

Wenn dieser Weg durch die Pampa nicht so eine Abkürzung für mich wäre…“, ging es ihr durch den Kopf. Eigentlich fand sie es ja schön, dass es in ihrer Stadt auch diese grünen Ecken gab, wenn sie nur ihre Pollenallergie nicht gehabt hätte. Als Kind hatte sie bereits versucht, sie durch ein Hyposensibilisierung zu lindern, was jedoch nur bedingt von Erfolg gekrönt gewesen war. Zusätzlich hatten sich die Symptome in den vergangenen Jahren wieder verstärkt und nun war es fast wieder wie vor der Therapie. Ohne Medikamente ging fast gar nichts mehr, aber die zeigten ja auch immer so ihre Nebenwirkungen… Vielleicht sollte sie doch einmal den Vorschlag ihrer Freundin annehmen und einen Ausflug an die See versuchen?

14.3.2024: imaginieren

Unruhig trat Marianne von einem Fuß auf den anderen, als sie am Bahnsteig stand und immer wieder den Blick zwischen Gleis und Anzeigetafel hin und her schweifen ließ. Zehn Minuten Verspätung hatte der Zug ihrer Freundin Susie, aber jede Minute mehr fühlte sich für Marianne wie eine Stunde an. Fast drei Jahre hatten sie sich nicht mehr gesehen, nachdem Susie der Liebe wegen aus ihrer Heimatstadt weggezogen war. Ob sie sich wohl noch immer so gut wie früher verstanden? Mulmig kribbelte es in Mariannes Bauch, als sie den Zug endlich eintreffen sah und sich kurz darauf die Türen öffneten. Drei Jahre voller Briefe und Telefonate und nun sah sie Susie endlich wieder einmal persönlich vor sich. Schon von weitem winkten sich die beiden Freundinnen zu und fielen einander in die Arme.

„Endlich!“, sprachen sie wie aus einem Mund und Marianne spürte: Ja, es war wie früher!

Schnell verstauten sie Susies Gepäck in Mariannes Kofferraum und machten sich dann auf den Weg in die nahegelegene Innenstadt.

„Hier hat sich ja kaum etwas verändert!“, staunte Susie und musterte Schaufenster für Schaufenster.

„Oh! Das kleine Café in dem wir immer waren!“, brach es dann aus ihr hervor und sogleich schlug sie einen Besuch vor. Aber Marianne wirkte alles andere als glücklich darüber.

„Möchtest du nicht? Wir waren früher so oft hier drin“, meinte Susie, die sofort den Gesichtsausdruck ihrer Freundin erkannte.

„Nein, nein, lass uns gern reingehen. Ich war nur… etwas wehmütig, das ist alles! Aber Schluss mit der Melancholie, lass uns deinen Besuch in vollen Zügen genießen“, zwang Marianne sich ein Lächeln auf, von dem Susie schnell erkannte, dass es nicht echt war.

„Weißt du was? Wir gehen erst mal in den Botanischen Garten und können auf dem Rückweg immer noch einen kleinen Zwischenstopp im Café einlegen“, schlug sie vor und dieses Mal war Mariannes Lächeln ehrlicher.

Den ganzen Weg über unterhielten sie sich über vergangene Zeiten und zukünftige Pläne, doch Susie hatte die Situation vorm Café trotzdem nicht vergessen.

„Magst du mir nicht doch erzählen, was los war?“, fragte sie schließlich, als sie zwischen Sträuchern und Blumen auf einer Parkbank Platz nahmen. Marianne fühlte, wie sie verlegen wurde.

„Na ja, du weißt doch, dass ich ein bisschen was abspecken möchte“, meinte sie und spielte mit ihren Fingern. Susie nickte.

„Ich schaff es einfach nicht und die Aussicht auf Kuchen… da werd ich immer schwach. Dabei nehm ich es mir immer wieder so sehr vor, endlich disziplinierter zu sein! Ich affirmiere, mach mir Pläne, imaginiere, wie ich mit zehn Kilo weniger aussehe….“. Sie seufzte aus und schüttelte den Kopf. Susie legte den Arm um sie. Das Gewicht war immer ein Thema für ihre Freundin gewesen.

„Kann es sein, dass nicht die Disziplin dein Problem ist?“

Marianne schaute sie verwundert an.

„Was denn sonst?“, meinte sie und Susie wiegte leicht den Kopf.

„Ich hab neulich einen Artikel gelesen, in dem es um emotionales Essen ging“, antwortete sie und Marianne runzelte fragend die Stirn.

„Na ja, das heißt, dass man seine Gefühle gewissermaßen ans Essen koppelt. Zur Belohnung, weil man gestresst ist, um sich aufzumuntern… etc.“, fuhr Susie fort und Marianne nickte nachdenklich. Ja, bei Stress war ihr der Griff zur Schokolade schon so manches Mal aufgefallen – aber sonst? Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr erkannte sie, dass sie oft nicht nur aus Hunger aß.

„Du hast es dir lange angewöhnt, deine Gefühle mit Essen zu kompensieren und müsstest dich jetzt gewissermaßen erst wieder „umprogrammieren“, wenn du das wieder ändern möchtest. Das ist zwar ein Stück Arbeit, aber es gibt Tipps und Tricks, wie so eine Umstellung gelangen kann und auf Dauer bräuchte man sich um Diäten und Co. keine Gedanken mehr zu machen“, meinte Susie und ging weiter auf die Details aus dem Artikel ein, denen Marianne gespannt lauschte.

15.3.2024: votieren

Linus saß am Küchentisch und vergrub seine Nase in der Zeitung, während seine Verlobte hinter ihm an der Arbeitsfläche die Kaffeemaschine befüllte. Mit einem flüchtigen Blick über die Schulter schaute sie auf die aufgeschlagene Zeitungsseite und runzelte die Stirn.

„Seit wann interessierst du dich für den Politikteil?“, meinte sie und ging einen Schritt auf ihn zu. Linus` Stirn war ähnlich gefurcht wie ihre eigene.

„Tu ich nicht, aber gestern wurde gewählt – da sollte ich zumindest die Ergebnisse kennen“, murmelte er und las den Text unter den Säulendiagrammen. Dilara legte die Hände auf seine Schultern und schmiegte die Wange an seine.

„Frisch rasiert“, schnurrte sie, worauf er nur mit einem kurzen Nicken antwortete. Sie betrachtete ihn aus den Augenwinkeln und schmunzelte.

„Man kann dir ansehen, dass dich das eigentlich überhaupt nicht interessiert“, murmelte sie und er seufzte aus. Während er die Zeitung beiseite legte, richtete Dilara sich wieder auf und nahm schließlich auf seinem Schoß platz, als Linus es ihr mit einer Handbewegung bedeutete.

„Meine Kollegen haben sich in den letzten paar Wochen ständig über die Wahlen unterhalten und für welchen Kandidaten man ihrer Meinung nach votieren sollte. Ich hab mich da nach Möglichkeit immer rausgehalten, aber ganz ehrlich? Irgendwann sind mir die Ideen ausgegangen, warum ich plötzlich das Gespräch verlassen musste. Wenn heute das Thema wieder aufkommt, will ich wenigstens was zum Wahlsieg sagen können. Ob der aus meiner Sicht berechtigt war und so“, hatte er die Arme um Dilara gelegt und schaute wieder zur Zeitung. Sie folgte seinem Blick kurz und streichelte ihm dann die Wange.

„Ich finds nicht schlimm, dass du dich nicht für Politik interessierst. Ja, natürlich ist sie wichtig, aber wenn man merkt, dass man keinen Zugang dazu findet…“, zuckte sie leicht die Schultern, aber Linus wirkte nur wenig überzeugt.

„Ich komm mir halt dumm vor, wenn ich auf die Fragen meiner Kollegen nichts antworten kann“, meinte er und lehnte den Kopf an Dilaras Schulter.

„Andere gehen nicht mal wählen, du informierst dich wenigstens soweit, dass du die wichtigsten Punkte der Wahlprogramme kennst und dann deine Stimme abgibst.“

„Schon“, meinte Linus und Dilara antwortete mit einem „Aber?“

„Ich hab das Gefühl, dass das nicht reicht. Zu den eigentlichen Politikern kann ich kaum was sagen, während meine Kollegen sich gerade darüber das Maul zerreißen. Wie fähig der und der in seiner bisherigen Position ist, ob er ein guter Minister für das und das Amt wäre... Ich steh dann wie ein Trottel daneben und kann teilweise kaum den Gesprächen folgen…“

Dilara drehte sich zu ihm und streichelte ihm das Haar.

„Du bist kein Trottel“, sagte sie sanft und gab ihm einen Kuss.

„Du bist ein sehr intelligenter Mensch und wie jeder andere auch, hast du einfach deine Stärken und Schwächen. Und Politik gehört nun mal eher zu deinen Schwächen – deine Kollegen können auch nicht alles. Die haben auch ihre Fehler und Mängel.“

Linus wirkte zwar nicht richtig überzeugt, aber er nickte trotzdem.

16.3.2024: Nomen

Nach Tagen voller Regen kam nun zum ersten Mal wieder die Sonne zum Vorschein und gab den Studenten die Möglichkeit, ihre Pausen auch außerhalb der Gebäude zu verbringen. Jasmin konnte es gar nicht erwarten, sich auf der kleinen Bank im Innenhof des Hörsaalgebäudes nieder zu lassen und die warmen Strahlen auf der Haut zu spüren. Sie waren wie kleine Seelenstreichler, nachdem das zurückliegende Regenwetter ihren Gemütszustand nur allzu gut widergespiegelt hatte. Seit ihres Besuchs in dem Café hatte sie versucht, das Gehörte zu verarbeiten – und Sven gleichzeitig nicht merken zu lassen, was es in ihr ausgelöst hatte. Eigentlich war es ganz schön dumm von ihr gewesen, dachte sie. Mit Detlef hatte sie doch nur einige Male gesprochen und ihn ansonsten vor allem von der Weite beobachtet. Sie kannte ihn letztlich gar nicht! Durch Saskia und Sven hatte sie mehr über ihn erfahren, als in den gesamten Monaten zuvor. Wie kindisch war es da, dass sie Bauchkribbeln bekam, wenn sie an ihn dachte und sich wünschte, von ihm in den Arm genommen zu werden, wenn sie ihn sah?

„Das ist wirklich lächerlich“, sprach sie leise zu sich selbst, als wieder die Sehnsucht in ihr aufstieg und die Trauer mit sich brachte, weil sie nicht wusste, ob sie ihn überhaupt je noch einmal sehen würde. Wenn sogar seine engsten Freunde nicht wussten, wohin ihn sein Weg führen würde… Sie ließ den Kopf hängen und entschied sich dann, ihre Gedanken mit der Lektüre eines Buches abzulenken.

„Bei dir kann man wirklich sagen „Nomen est omen“, hörte sie plötzlich neben sich, als sie in ihrer Tasche kramte und schaute erschrocken hoch.

„Wie bitte?“, guckte sie irritiert zu Oberfelder, der mit einem breiten Grinsen neben ihr stand und kurz darauf ebenfalls auf der Bank platz nahm. Unwillkürlich rutschte Jasmin ein Stückchen von ihm weg.

„Dein Name passt zu dir. Du bist so hübsch wie eine Blume“, raunte er von sich selbst überzeugt und musterte ausgiebig Jasmins Gesicht. Sie lehnte sich von ihm weg und war unsicher, was sie darauf antworten sollte.

„Okay…? Danke…?“, murmelte sie und wendete ihr Gesicht von ihm ab, das Haar zögerlich hinter ihr Ohr streichend.

„Weißt du, ich finde, wir sollten mal ausgehen“, fuhr Oberfelder fort und Jasmin wusste: Hätte sie in diesem Moment einen Schluck getrunken, wäre er ihr im Halse stecken geblieben.

„Wie bitte?“, wiederholte sie ihre vorherige Frage, doch ihre Stimme war noch brüchiger und schwankender dabei. Sie starrte ihn an wie ein geblendetes Reh das Auto.

„Ja, warum nicht? Ich find dich ganz süß und wir sollten uns endlich mal etwas näher kennen lernen. Bislang hast du kaum ein Wort mit mir gesprochen – oder mit irgendwem sonst im Kurs, wenn man unseren kleinen Oberstreber mal beiseite lässt“, lehnte er den Arm auf die Rückenlehne der Bank und beugte sich näher zu Jasmin. Das Ende der Bank war erreicht, sodass sie nicht weiter rutschen konnte.

„Also, wie wäre es mit heute Abend?“, lag ein erneutes Raunen in seiner Stimme, während Jasmins Kehle sich wie betäubt anfühlte. Sie drückte sich ihre Tasche an die Brust, um aufzuspringen, doch ihre Beine waren wie festbetoniert.

„Ich… ich weiß nicht…“, stammelte sie und Oberfelder schüttelte leicht den Kopf.

„Ach, komm, das wird ein lustiger Abend! Wir trinken ein paar Bierchen, plaudern über Gott und die Welt…“, meinte er mit einer ausladenden Geste und verzog das Gesicht, als ihm auffiel, dass Sven nur wenige Meter entfernt stand und das Gespräch offensichtlich mit angehört hatte.

„Du meinst wohl eher, du willst mit ihr über die anstehenden Gruppenarbeiten sprechen“, trat er nun näher auf die Beiden zu und baute sich vor ihnen auf. Jasmin guckte von einem zum anderen.

„Was willst du damit andeuten?“, erhob sich Oberfelder und schaute Sven herausfordernd an. Der zeigte sich jedoch wenig beeindruckt.

„Kleiner Tipp: Wenn du das nächste Mal mit deinen Kumpels absprichst, dass ihr jemanden sucht, der euch die Drecksarbeit abnimmt, dann tut das nicht unbedingt im Vorraum der Klos“, verschränkte er die Arme vor der Brust. Oberfelder schnaubte aus und ballte die Fäuste. Zischend ließ er eine Beleidigung fallen und stapfte dann hinüber zu einer Gruppe Kommilitonen, die aufmerksam die Situation beobachtet hatten. Erst jetzt erkannte auch Jasmin das interessierte Starren und fühlte, wie die Tränen in ihr hochstiegen. Endlich gehorchten ihre Beine wieder, um sie von hier weg zu bringen. Sie wollte erst weinen, wenn niemand mehr sie dabei sehen konnte, aber Sven heftete sich an ihre Versen und ließ sie nicht aus den Augen.

17.3.2024: charmant

Bis in eine kleine Seitengasse war Jasmin geflüchtet, um sich vor den Blicken und dem befürchteten Spott ihrer Kommilitonen in Sicherheit zu bringen. Sie kauerte sich auf der Bordsteinkante zusammen, das Gesicht an den Knien vergraben und ließ ihre Tränen laufen.

„Mach dir nicht so viel aus den anderen. Besonders so ein uncharmanter Typ wie Oberfelder hat nicht verdient, dass du dich seinetwegen schlecht fühlst.“

Sie hob den Kopf, während Sven zögerlich näher kam und ihr ein Taschentuch aus seinem Rucksack suchte. Beschämt wendete sie den Blick ab und wischte mit den Handrücken über ihre Wangen.

„Hier“, ging er neben ihr in die Hocke und hielt ihr das Taschentuch hin. Sie brauchte einen Moment, um es annehmen zu können.

„Ich weiß, du wolltest allein sein, aber ich find es nicht richtig, dich einfach hier sitzen und weinen zu lassen“, nahm er neben ihr Platz und richtete den Blick auf die Häuser vor sich. Irgendwo bereitete jemand das Mittagessen vor – der Duft schwebte durch die Gasse und brachte Svens Magen zum Knurren.

„Es ist mir peinlich“, murmelte Jasmin und schnäuzte sich die Nase. Sven nickte.

„Dir ist vieles peinlich“, sprach er fast beiläufig, während sie wie ertappt zusammenzuckte.

„Du machst dir viel zu viele Gedanken darüber, was andere von dir halten könnten. Wenn Oberfelder noch mal den Charmebolzen spielt, sag ihm einfach, er soll sich verkrümeln“.

Ein kurzes Zucken umspielte Jasmins Mundwinkel.

„Wenn das nur so einfach wäre“, murmelte sie und Sven zuckte die Schultern.

„Es ist einfach, du musst dich nur überwinden. Es hat ja keiner gesagt, dass du gleich zum nächsten Detlef mit seiner großen Klappe werden sollst."

Ein kurzes Schnaufen brachte Sven dazu, den Blick von der Backsteinfassade zu nehmen und Jasmin zuzuwenden. Mit zusammengepressten Lippen saß sie da, die Hände zu Fäusten geballt.

„Ich bin es einfach so satt“, flüsterte sie heiser vor Wut.

„Du kannst ja in kleinen Schritten anfangen“, meinte Sven und erschrak, als Jasmin abrupt aufstand.

„Nein! Ich meinte, ich bin es so satt, dass Leute mir immer wieder sagen, ich solle einfach mehr aus mir heraus gehen oder mir einfach weniger Gedanken über alles machen – das ist doch kein Schalter, den man einfach umlegen kann!“, fixierte sie Sven, nur, um dann kurz darauf den Blickkontakt wieder abzubrechen.

„Ihr habt doch alle keine Ahnung!“, wollte sie von ihm weg, aber er war schnell wieder auf den Beinen, lief ihr nach und stellte sich ihr in den Weg.

„Meinst du nicht, ich hätte dem Oberfelder nicht gern gesagt, dass er sich sein charmantes Gesäusel in die Haare schmieren kann und verschwinden soll? Aber ich kann so was halt nicht!“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und wollte dann, dass Sven sie in Ruhe ließe. Der aber schmunzelte und fragte, ob ihr nichts auffalle.

„Wovon redest du?“

Leicht legte Sven die Hand auf ihre Schulter und lächelte.

„Dafür, dass du Leuten nicht die Leviten lesen kannst, machst du das gerade schon ganz gut“

18.3.2024: kennenlernen

„Geht’s dir jetzt besser?“

Langsam schlenderten sie durch die Gassen und Straßen, ließen die Aufregung der vorherigen Minuten abklingen und suchten immer wieder neue Umwege, um der Uni noch einen weiteren Moment aus dem Weg zu gehen.

„Ja“, nickte Jasmin und ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Aber peinlich ist es dir auch, oder?“, grinste Sven, der ihre röter werdenden Wangen betrachtete.

„Schon… und es tut mir leid, dass ich dich angeschrien hab“, nestelte Jasmin an ihrer Jacke herum, während Sven eine wegwerfende Handbewegung machte.

„Hab ich nicht mal als anschreien empfunden.“

Stille kehrte ein, die nur von ihren dumpfen Schritten auf dem Asphalt oder dem Kopfsteinpflaster unterbrochen wurde. Noch eine Abzweigung in eine Nebengasse nahme sie, aber langsam gingen ihnen die Umwege aus.

„Was hältst du davon, wenn wir die letzten beiden Seminare ausnahmsweise ausfallen lassen?“, meinte Sven plötzlich und Jasmin schaute ihn verdutzt an. Ausgerechnet so ein Vorschlag von ihm?

„Ehrlich gesagt hab ich nicht viel Lust, Oberfelder heute noch mal zu sehen“, gab sie zu und das konnte Sven sich nur allzu gut vorstellen.

„Willst du meine Bude mal kennenlernen? Ich wohn nur etwa fünfzehn Minuten von der Uni entfernt“, schlug Sven vor und Jasmin willigte ohne zu zögern ein. Er lächelte und deutete in die Richtung, in der sie weitergehen mussten.

„In letzter Zeit machen wir ziemlich viel miteinander“, sprach er nach einer weiteren Pause und Jasmin beobachtete ihn. Worauf wollte er hinaus?

„Ich hab heut aber auch wieder gemerkt, dass wir uns eigentlich noch gar nicht richtig kennengelernt haben“, rieb er sich den Nacken und schaute zu ihr hinüber.

„Wie meinst du das?“, wendete sie den Blick nach vorn und betrachtete Sven erst wieder aus den Augenwinkeln, als er den Kopf von ihr wegdrehte.

„Dass du sehr schüchtern bist, hab ich schon im ersten Semester gemerkt und frag mich immer mehr, ob es dafür wohl Gründe gibt. Das Thema scheint ziemlich an dir zu nagen, oder?“, verschränkte er Arme vor der Brust – eine Geste, die sein Grübeln unterstrich, statt Abwehr zu zeigen. Jasmin ließ den Kopf sinken und nickte leicht.

„Früher war ich offener, aber ständig hatten die Leute was an mir auszusetzen.“, murmelte sie und Sven schüttelte den Kopf.

„Du kannst es eh nie allen recht machen. Wichtig ist, dass du dich mit den richtigen Leuten umgibst, die dich akzeptieren, wie du bist. Die anderen können dir egal sein.“, meinte er und starrte Jasmin erschrocken an, als ihr plötzlich wieder die Tränen über die Wangen liefen.

„Ich hatte aber nie jemanden, der mich akzeptiert hat“, wisperte sie und schnäuzte sich.

„Ich wurde immer ausgegrenzt oder ausgelacht. Egal, was ich getan habe: Sie haben mich einfach nicht in Ruhe gelassen. Egal, ob Nachbarn, Mitschüler, Lehrer… einmal hab ich sogar die Schule deswegen gewechselt, aber auch das hat nicht geholfen. Also hab ich angefangen, möglichst unauffällig zu sein.“, verschränkte auch sie die Arme vor der Brust, aber als Selbstschutz.

„Und die, die dir gesagt haben, dass du mehr aus dir rauskommen sollst?“, fragte Sven und sah ihr Schulterzucken.

„Haben es entweder nur gesagt, um sich anschließend wieder über mich lustig zu machen oder reagierten empört, wenn ich dann tatsächlich mal sagte, dass ich etwas nicht möchte.“

Langsam nickte Sven und ließ das Gehörte auf sich wirken.

„Ehrlich gesagt…“, sprach Jasmin weiter und kaute auf ihrer Unterlippe, bis sie die richtigen Worte gefunden hatte.

„… ich kenn das gar nicht, wie das bei uns gerade läuft“, murmelte sie und holte tief Luft, als sie Svens fragenden Blick sah.

„Ich meine, wir hatten gerade eine Meinungsverschiedenheit und trotzdem bist du noch hier.“

Sven schob die Hände in seine Hosentaschen und begann zu grinsen. Fast schon mit stolz geschwellter Brust meinte er „Tja, wird ja auch Zeit, dass du mal andere Erfahrungen machst, oder?“. Er knuffte Jasmin leicht mit dem Ellenbogen in die Seite und freute sich über ihr Lachen.

„Vielleicht kann ich dir ja helfen, ein bisschen aus deinem Schneckenhaus heraus zu kommen – nur, wenn du möchtest, natürlich“, bot er an und sie lächelte.

19.3.2023: Omen

Stille herrschte in dem kleinen Raum, die nur vom Quietschen und Knarren des alten Webrahmens durchbrochen wurde. Mit fließenden Bewegungen schoben die knorrigen Finger der alten Frau das Schiffchen Bahn für Bahn nach links und rechts. Ihre Lippen formten stumme Worte, während ihre verblassten Augen auf die entstehende Stoffbahn gerichtet waren. Fast blind waren sie und sahen doch mehr als anderen im Dorf. Zu ihren Seiten türmten sich Regale voller Stoffe und Garne. Alles wirkte unsortiert und hatte doch seine Ordnung. Leise klopfte es und eine junge Frau trat ein, um der Alten etwas zu trinken zu bringen. Sie hielt dabei nicht in ihrer Arbeit inne, beachtete die junge Frau nicht einmal, sondern war eins mit dem Webstuhl. Doch als die junge Frau gerade das Zimmer wieder verlassen wollte, durchschnitt ein Laut des Entsetzens die Luft. Die junge Frau fuhr herum und sah, wie die Alte mit weit aufgerissenen Augen da saß. Sie verharrte in Schockstarre, nur ihre Finger schwebten zitternd über der Stoffbahn.

„Älteste?“, sprach die junge Frau sie leise an und ging zögernd wieder auf sie zu. Die Alte reagierte nicht. Sie starrte unablässig auf den Stoff, sank dabei immer weiter in sich zusammen. Der Raum war spärlich beleuchtet und doch war ihre fahle, fast kalkweiße Haut deutlich zu erkennen. Langsam begann sie den Kopf zu schütteln.

„Ein schlechtes Omen“, flüsterte sie schließlich mit brüchiger Stimme und legte ihre Finger auf den Stoff; ehrfürchtig, ängstlich.

„Älteste, was ist passiert?“, ging die junge Frau neben ihr in die Hocke und berührte die Angesprochene vorsichtig am Arm. Noch immer reagierte sie nicht auf die gehörten Worte, war gefangen in ihren Gedanken und ihrer Furcht. Wie eine Ewigkeit kam es der jungen Frau vor, bis die Älteste endlich das Wort an sie richtete und sagte: „Sag schnell den Männern, dass sie alle aus dem Dorf auf dem Marktplatz versammeln sollen und bring mich dann dorthin“.

20.3.2024: unnötig

„Es ist ein bisschen unordentlich, achte einfach nicht auf die Spüle“, meinte Sven mit einem schiefen Grinsen, als er seine Wohnungstür aufschloss und Jasmin dann bat, ihm in seine vier Wände zu folgen.

„Ich glaub, das ist bei den meisten WGs so“, antwortete sie und erinnerte sich dann wieder, dass er ja in keiner mehr wohnte.

„Äh, ich meine…“

Sven winkte ab und stellte seinen Rucksack neben den Küchentisch.

„Schon gut, ich vergess das auch manchmal, dass ich aktuell allein wohne. Sagen wir einfach: In den meisten WGs ist es wohl etwas unordentlich und in Junggesellenbuden erst recht“, zwinkerte er und brachte Jasmin damit zum Lachen.

Behutsam schloss sie die Wohnungstür hinter sich und folgte ihm durch den kleinen Flur, der nur gefühlte drei Schritte lang war.

„Ah, du hast einzelne Räume“, murmelte sie und schaute auf die Türen, die sich dicht an dicht drängten und in die kleine Küche mit Küchenzeile sowie einem Tisch, der gerade einmal zwei Leuten Platz bot.

„Ja, ich denke manchmal, dass es eine Miniaturwohnung ist“, grinste Sven und bot Jasmin etwas zu trinken an. Das Haus seiner Eltern war ähnlich aufgebaut; alle Räume für sich, keine offen gestalteten Bereiche, die ohne Türen ineinander übergingen.

„Wie ist eure Wohnung aufgebaut? Du wohnst auch in einer WG, richtig?“

Jasmin nickte.

„Küche und Wohnzimmer verschwimmen bei uns gewissermaßen mit dem Flur. Ansonsten hat jede von uns aber ein eigenes kleines Zimmer und das Bad ist natürlich auch getrennt vom Rest“.

Sie stellte ihre Tasche neben Svens und ging hinüber zur Spüle, wo sich das Geschirr nur so stapelte.

„Soll ich das mal eben machen?“, schaute sie über die Schulter zu ihm und sah, wie sein Gesicht rot wurde.

„Nein, nein, das ist unnötig! Wie gesagt, beachte das gar nicht. Letzte Tage ist meine Spülmaschine ausgefallen und ich bin noch nicht dazu gekommen, mich drum zu kümmern“, war er mit wenigen Schritten neben ihr und wollte sie von dem Chaos wegführen, aber Jasmin streifte lächelnd seine Hand ab.

„Ich spül eigentlich ganz gern ab. Und wir haben nicht mal eine Spülmaschine, obwohl wir zu viert sind“, krempelte sie sich die Ärmel hoch und machte sich an die Arbeit. Sven fühlte sich damit zwar noch immer unbehaglich, war aber auch ganz froh, sich so vorm Abwasch drücken zu können. Er schnappte sich im Gegenzug ein Trockentuch.

„Zu viert stell ich mir ganz schön stressig vor“, meinte er und griff den ersten sauberen Teller. Jasmin pflichtete ihm bei.

„Ich will keine Klischees bedienen, aber wir sind vier Mädels“, schmunzelte sie und berichtete kurz davon, dass eine ihrer Mitbewohnerinnen zum Glück oft bei ihrem Freund war und die andere häufig Spätschichten bei ihrem Nebenjob hatte.

„So sind wir dann tatsächlich recht oft nur zu zweit.“

Sven musterte sie kurz und legte den Kopf schief.

„Richtig happy klingst du aber trotzdem nicht“, meinte er und nach einem kurzen Zögern nickte sie.

„Sagen wir einfach, sie ist das genaue Gegenteil von mir.“

„Klingt anstrengend“

Wieder nickte Jasmin.

„Aber ich bin ja auch froh, dass ich überhaupt ein Zimmer zu einem erschwinglichen Preis gefunden habe… das war damals eine monatelange Suche“, seufzte sie aus.

„Studentenstadt“, murmelte Sven und nochmals antwortete Jasmin mit einem Nicken.

„Hast du denn schon einen Nachmieter gefunden? Das ist bestimmt ein Leichtes, bei so vielen Studis, die eine Bude suchen.“

Sven schüttelte den Kopf und kratzte sich im Nacken.

„Nein, bisher gibt es noch keinen“, nuschelte er und bekam eine rote Nasenspitze, als er Jasmins Blick bemerkte.

„Hast du denn schon nach einem Nachfolger für Detlef gesucht?“, fragte sie mit einem leichten Schmunzeln und wissendem Ton in der Stimme. Kurz schwenkte Sven den Kopf, ehe er zu einem Schütteln überging.

„Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, mit jemand anderem zusammenzuwohnen. Vor allem, mit jemand fremdes“, meinte er schließlich und verzog das Gesicht, als Jasmin witzelte, dass er ja Oberfelder fragen könne. Sie kicherte kurz.

„Ich glaub, das mit dem Schneckenhaus vergessen wir doch lieber“, murrte er erst und knuffte Jasmin dann in die Seite. Eigentlich gefiel es ihm ganz gut, dass sie ein wenig mehr aus sich herausging.

„Zum Glück hab ich nicht so viel Zeitdruck mit der Suche. Detlef hat mir ja zwei Monatsmieten im Voraus da gelassen“, nahm er das Gesprächsthema wieder auf, aber Jasmin schien da nicht so überzeugt von zu sein.

„Ja, aber jetzt hast du noch die Zeit, um dir die Kandidaten in Ruhe anzugucken und abzuwägen, wen du nehmen möchtest. Zwei Monate sind schnell rum und dann bist du darauf angewiesen, jemanden zu finden“, meinte sie und ließ das Wasser aus dem Spülbecken, als die letzte Tasse ebenfalls gesäubert war. Sven seufzte. Da hatte Jasmin nicht ganz Unrecht mit.

21.3.2024: Quizfrage

„Ist das eine Quizfrage?“, fragte Jasmin zögerlich und Sven runzelte die Stirn.

Quizfrage?“, wiederholte er und gab sich dann selbst die Antwort, als Jasmin gerade dazu ansetzte: „Ach, du meinst Fangfrage?“

Sie nickte leicht und er schüttelte den Kopf.

„Nein, das mein ich tatsächlich ernst!“ lächelte er und schloss die Badezimmertür, nachdem er Jasmin gerade eine kleine Führung durch seine Wohnung geboten hatte.

„Komm, wir setzen uns ins Wohnzimmer“, warf er ein, ehe er zum eigentlichen Thema zurückkam.

„Eigentlich ist das gerade doch eine richtig gute Möglichkeit – natürlich nur, wenn du möchtest. Du fühlst dich in deiner WG nicht wohl und ich bin auf Dauer wieder auf einen Mitbewohner angewiesen. Aber dank Detlef muss ich nicht sofort jemanden haben, der mir auch Miete zahlen kann. Du könntest also testweise hier einziehen und wir schauen, ob eine WG mit uns klappt. Solange behältst du einfach dein momentanes Zimmer und hast trotzdem keine zusätzlichen Mietkosten“, führte er seinen Vorschlag zu einer gemeinsamen WG weiter aus, während sie sich auf der Couch niederließen. Jasmin schwieg und hörte ihm zu. Das kam so überraschend, dass sie nicht wusste, was sie davon halten sollte.

„Es ist nur ein Angebot. Wenn würde ich einen Monat vorschlagen – in der Dauer könnten wir schon herausfinden, ob es passt, denke ich. Und falls nicht, bliebe mir trotzdem noch Zeit, um notfalls jemand anderen zu suchen.“.

Er lehnte sich an die Rückenlehne und beobachtete Jasmin. Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum.

„Hab ich dich damit jetzt überfahren?“, fragte er schließlich nach einem Moment des Schweigens und sie nickte langsam.

„Ein wenig schon“, murmelte sie und blickte auf, als er mit dem Vorschlag, Getränke zu holen, in die Küche ging. Für einen Augenblick erfüllten nur das Klappern von Türen und Gläsern die Wohnung. Jasmins Blick schweifte aus dem gegenüberliegenden Fenster und sie dachte an die Räume, die sie vorhin gesehen hatte. Sie waren allesamt klein, aber ausreichend. Es wäre bedeutend ruhiger, der Weg zur Uni viel näher und trotzdem würden sich die Mietkosten nicht großartig von ihren jetzigen unterscheiden.

Aber…“, dachte sie und trat ans Fenster „…es wäre auch Detlefs Zimmer.

Bei einem kurzen Blick in dessen vier Wände war ihr sofort aufgefallen, dass noch immer sein Duft über allem lag. Würde sie sich damit einen Gefallen tun?

„Was ist, wenn Detlef es sich noch mal anders überlegt?“, drehte sie sich zu Sven, der gerade wieder das Zimmer betrat. Er stellte die Getränke auf dem Tisch ab und schüttelte den Kopf.

„Das glaub ich nicht. Und letztlich kann ich ihm das Zimmer ja nicht auf Dauer frei halten“, schob er die Hände in die Hosentaschen und stellte sich neben sie.

„Auf Dauer nicht, aber im Moment bezahlt er ja noch dafür“, entgegnete sie und Sven atmete tief aus.

„Schon, aber irgendwie glaub ich nicht, dass er es sich plötzlich anders überlegt…“, murmelte er und verschränkte grübelnd die Arme vor der Brust.

„Interesse hättest du also schon?“

Jasmin schaute ihn kurz überrascht an, antwortete dann aber auch mit einem vagen Nicken.

„Ganz sicher bin ich mir noch nicht damit und würd gern noch ein, zwei Tage darüber nachdenken, bevor ich mich festlege, aber eigentlich klingt es wirklich nicht schlecht“, tippte sie sich an die Oberlippe. Sven nickte und lächelte.

„Dann mach ich dir folgenden Vorschlag: Du nimmst dir ein paar Tage Zeit, um es dir in Ruhe zu überlegen und ich versuch Detlef ans Telefon zu kriegen, um abzuklären, ob er das Zimmer wirklich nicht mehr will.“

Zum ersten Mal in den vergangenen paar Minuten schien Jasmin sich wieder etwas zu entspannen.

Sie nickte und antwortete: "Einverstanden."

22.3.2024: lachhaft

So sehr sie das Duschen auch liebte, verfluchte Saskia an Abenden wie diesem immer wieder, dass sie keine Badewanne hatte. Der Tag war anstrengend und lang gewesen, ihr Rücken schmerzte vom vielen Sitzen in der Universität und Bibliothek und ihre Füße vom anschließenden Job im Café. Wie schön wäre da ein kleines Bad gewesen, das den Körper umschmeichelte und die Muskeln mit seiner Wärme entspannte.

„Na ja, zumindest treibt es die Wasserrechnung nicht so hoch“, murmelte sie bei sich, während sie sich abtrocknete und anzog. Beim Blick in den Spiegel seufzte sie aus – da hatte sie auch schon mal was Frischeres entdeckt. Make-Up würde helfen, aber sie hatte keine Lust, sich nachher noch ein weiteres Mal abschminken zu müssen.

Das ist doch lachhaft, im Kino sieht man eh nix davon und außerdem treff ich mich nur mit Sven“, dachte sie und verfluchte in diesem Moment nicht nur die fehlende Wanne, sondern auch ihre Zusage zu der gemeinsamen Unternehmung. Am liebsten wäre sie einfach nur auf der Couch versackt und hätte den Rest des Abends die Füße hochgelegt. Allerdings waren ohnehin schon einige Wochen seit ihrem Gespräch im Café vergangen und sie wusste, würden sie ihrem Versprechen zu regelmäßigen Treffen jetzt nicht nachkommen, dann wäre es bald in Vergessenheit geraten. Ein bisschen Zeit, bis sie wieder los musste, blieb ihr allerdings noch, also begab sie sich doch noch ins Wohnzimmer. Mit einem wohligen Seufzen ließ sie sich auf die Couch fallen und streckte sich aus. Erst jetzt merkte sie nicht nur die Schmerzen ihres Körpers, sondern auch seine Müdigkeit.

„Jetzt bloß nicht einschlafen“, murmelte sie und nahm das Handy vom Wohnzimmertisch – ein wenig Ablenkung konnte nicht schaden. Doch als sie den schwarzen Ruhedisplay antippte, fand sie eine Ablenkung vor, mit der sie nie gerechnet hätte. Die Stirn gerunzelt, schaute sie auf die Nachricht, die sie in der Zwischenzeit erhalten hatte. Immer wieder las sie sie.

Ich weiß, wir wollten erst mal eine Weile keinen Kontakt mehr, aber ich könnte gerade ein offenes Ohr gebrauchen. Können wir reden?

Saskia spürte, wie ihre Gefühle bei diesen Worten Achterbahn fuhren. Sie setzte sich auf und warf das Handy neben sich. Einerseits überlegte sie, was passiert sein könnte, andererseits schwankte sie, ob sie sich einen Gefallen mit diesem Gespräch täte.

„Das ist doch lächerlich, jetzt hab ich endlich mal ein paar Tage nicht an dich denken müssen und dann das?“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und schnaubte aus. Sie ließ die Gedanken schweifen und nahm sich ein paar Minuten Zeit, ehe sie eine Entscheidung fällte.

„Blöder Idiot“, schüttelte sie schließlich den Kopf und griff erneut nach dem Handy, damit er ihre Antwort bekam.

23.3.2024: desorientiert

„Bist du dir sicher, dass wir hier lang müssen?“, betrachtete Saskia die Häuser und Straßen um sich herum und drehte sich einmal im Kreis. Sven kratzte sich am Kopf.

„Ja, Jasmin meinte, das wäre hier in der Nähe“, murmelte er und musterte einige der Hausnummern.

„Warum nimmst du nicht einfach Maps zur Hilfe? Ich hab das Gefühl, dass wir uns verlaufen haben“, stemmte Saskia die Hände auf die Hüften und blickte Sven streng an. Der machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Wir haben uns nicht verlaufen. Ich werd doch noch die Schubertstraße 15 finden! Inzwischen wohn ich lang genug hier, um mich einigermaßen auszukennen“, sprach er im Brustton der Überzeugung, wobei er das „einigermaßen“ halb verschluckte. Saskia verdrehte die Augen.

„Weil du neben der Uni und der Bar auch so viel anderen Aktivitäten nachkommst“, murmelte sie und schüttelte den Kopf, als er wissen wollte, was sie gesagt hatte.

„Ich bleib dabei, wir sind grad völlig desorientiert“, kramte sie ihr Handy heraus und begann zu tippen. Sven schaute sie enttäuscht an.

„Vertraust du so wenig auf meine Orientierungsküste?“

Saskia hob den Blick und eine Augenbraue.

„Wenn es darum geht, dass wir sonst zu spät zum Film kommen, dann vertrau ich Maps doch etwas mehr“, meinte sie und erstaunt hob sich auch die zweite Braue, als sie zurück aufs Handy schaute.

„Du hast Recht, da vorn noch mal links und wir sind da.“

Zufrieden grinste Sven und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ja, ja“, schmunzelte Saskia und ging mit ihm weiter.

„In so einem kleinen Kino war ich noch nie. Ich kenn nur die großen Komplexe“, meinte sie nach einem kurzen Moment der Stille und Sven nickte.

„Jasmin erzählte, dass das früher mal ein Theater war und dann irgendwann zum Kino umfunktioniert wurde. Da laufen oft Filme, die bei den Großen nicht oder nicht mehr gezeigt werden. Ziemlich nischig, aber bisher scheint das Konzept aufzugehen“, warf er einen Blick auf seine Armbanduhr und nahm zufrieden zur Kenntnis, dass sie noch früh genug waren – trotz der kurzen Orientierungslosigkeit.

„Du fühlst dich hier inzwischen sehr wohl, oder?“, fragte Saskia plötzlich und nach einem irritierten Moment fing Sven an zu nicken und zu lächeln.

„Ja, ich hab mich gut eingewöhnt“, antwortete er und Saskia dachte an die ersten Monate in der neuen Stadt zurück, in denen Sven ständig unzufrieden über all das Ungewohnte und Neue gewesen war.

„Wirst du hier bleiben?“, fragte nun er und Saskia runzelte die Stirn.

„Wie kommst du darauf?“, entgegnete sie. Er zuckte die Schultern.

„Na ja, du bist ja eigentlich nur wegen Detlef her gekommen und der ist jetzt weg“, murmelte er und Saskia schüttelte den Kopf.

„Ich hab schon einmal die Uni gewechselt, um mit euch hierher zu kommen – jetzt beende ich erst mal das Studium und dann schau ich weiter. Außerdem gefällt es mir hier. Es hat zwar ein bisschen gedauert, mich an die Mentalität hier zu gewöhnen, aber jetzt möchte ich sie nicht mehr missen. Die Stadt hat schöne Ecken, viel Wasser und ich komm mit den Leuten gut aus. Außerdem…“

Sie brach kurz ab und holte tief Luft, ehe sie weitersprach.

„… außerdem will ich nicht, dass sich mein ganzes Leben nur um meinen Partner dreht. Ich will meine eigenen Entscheidungen treffen. Ganz abgesehen davon, dass ich aktuell ja gar keinen mehr hab“, wurde sie leiser und räusperte sich.

„Alles okay?“, fragte Sven und Saskia nickte kurz.

„Ja, ich hab nur grad gedacht, wie ironisch es ist, dass ich extra für Detlef her kam und ausgerechnet er nun gar nicht mehr hier ist“, murmelte sie und dachte daran, dass er noch orientierungsloser war als sie beide vorhin auf dem Weg zum Kinobesuch.

Sven nickte und ließ einen Augenblick der Stille zu, ehe er fragte: „Hast du eigentlich mal wieder was von ihm gehört? Mir hatte er zum Geburtstag einen kleinen Gruß geschickt und darin auch geschrieben, dass er wohl noch unterwegs ist und sich melden will, wenn er weiß, wo sein neues Zuhause sein wird. Kann ich mir gar nicht vorstellen, so ziellos durchs Land zu reisen“, verschränkte er die Arme vor der Brust und schauderte beim Gedanken an diese Planlosigkeit und Ungewissheit. Saskia zögerte mit ihrer Antwort. Sie presste die Lippen zusammen und zog leicht die Schultern hoch.

„Weißt du…“, begann sie langsam und rief dann fast schon erleichtert aus „Da vorn ist das Kino! Komm, beeilen wir uns, ehe die besten Plätze weg sind!“.

24.3.2024: minutlich

Fast vier Stunden Zugfahrt lagen bereits hinter ihr und nun kündigte sich endlich die Schlussetappe an. Der letzte Umstieg war geschafft, der Platz eingenommen und nach einer kurzen Wartezeit setzte sich die Bahn in Bewegung. Häuser, Felder, Wälder und Straßen flogen erst langsam, dann immer schneller an ihr vorbei und mit einem Seufzen ließ Saskia sich tiefer in ihren Sitz sinken. Erst war da nur diese Unzufriedenheit über die lange Fahrt gewesen, aber nun kam zunehmend die Nervosität hinzu. Fast minutlich schaute sie nun auf ihre Uhr oder den Anzeigebildschirm mit den bevorstehenden Haltestellen. Ein langes Wochenende in der alten Heimat, die Familie besuchen, alte Freunde treffen und ein wenig den Unistress vergessen. Ihr letzter Besuch lag bereits mehrere Monate zurück und neben der Vorfreude auf das Wiedersehen spürte sie vor allem die Frage, was sich wohl in der Zwischenzeit verändert hatte. Ihre Brüder hatten ihr die ganze Zeit über regelmäßig berichtet, wie ihr Leben weiter verlief: Der eine in der Ausbildung, der andere am Ende seiner Schulzeit und der dritte mit einem erwachenden Interesse für Mädchen. Aber wie würde es wohl sein, sie jetzt wieder in die Arme zu schließen? So wie früher oder hatten diese Entwicklungen und ihre eigene Abwesenheit für neuen Wind in ihrem Familienverbund gesorgt? Saskia fragte sie sich auch, seit wann ihre Brüder eigentlich nicht mehr nur Fußball und das Daddeln auf der Playstation im Kopf hatten.

„Na toll, jetzt fühl ich mich alt“, dachte sie und schmunzelte. Es war schön das Heranwachsen ihrer Brüder zu sehen, aber ein wenig tat es ihr auch weh, dass sie immer mehr ihre eigenen Wege gingen – obwohl sie selbst das ja auch tat. Lag dieser Mischmasch aus Gefühlen vielleicht auch daran, dass sie immer ein wenig die Mutterrolle übernommen hatte?

Die Durchsage im Zug riss sie aus ihren Gedanken. Noch wenige Minuten und sie traf im Zielbahnhof ein. Mit einem Seufzen sprang sie von ihrem Sitz und begann den Koffer aus der Gepäckablage zu kramen. Endlich nicht mehr nur sitzen und warten! Endlich konnte sie ein wenig aktiv werden! Schon während der Zug die Geschwindigkeit verringerte, stand sie bereits an der Tür. Gleich war sie angekommen! Wenn nur in wenigen Tagen nicht schon wieder die ätzend lange Rückfahrt wäre…

25.3.2024: Nebelwand

Mit langsamen Schritten lief sie über den breiten Strand und grub bei jedem Auftreten die nackten Füße in den Sand. Das Wetter war so diesig, dass sie eine regelrechte Nebelwand vorfand, in die sie Stück für Stück immer weiter eindrang. Es war beklemmend und befreiend zugleich, nur die Geräusche um sich herum wahrnehmen zu können, während die Augen von diesem milchigen Schleier verdeckt waren. Möwen und das Meer waren zu hören, dazu der Wind, aber kein Auto und kein Mensch. Nur manchmal ertönte das Nebelhorn eines Schiffes in der Ferne. Sie bekam eine Gänsehaut, aber trotzdem lief sie weiter, bis sie die Stelle erreicht hatte, an der die Wellen nah genug waren, um leicht an ihren Zehen zu ziehen. Die klare Luft flutete ihre Lunge und ein salziger Geschmack lag auf ihrer Zunge. Für einen Moment schloss sie die Augen und zog dann ihr Smartphone hervor. Sie begann zu tippen und erschrak, als kurz nach dem Absenden ihrer Nachricht das Gerät zu vibrieren anfing und den eingehenden Anruf anzeigte.

„Hi, Sven, hab ich dich etwa geweckt?“, fragte sie unsicher und hörte sein Lachen durch den Hörer.

„Nein, alles gut, ich war schon wach! Außerdem hab ich nachts das Handy im Flugmodus“.

Ein leichtes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Sie war erleichtert – das erste Mal in den letzten beiden Tagen, in denen sie vor allem Unruhe und Ungewissheit verspürt hatte.

„Ich freu mich, dass du es ausprobieren willst, Jasmin!“, rief er aus und sie dachte daran, wie schwer ihr diese Entscheidung gefallen war.

„Ja, ich mich auch“, versuchte sie ihrer Stimme so viel Freude wie möglich zu verleihen und konnte die Unsicherheit doch nicht vollends beiseite schieben. Inzwischen sah sie Sven als eine Art Freund an und befürchtete, dass eine gemeinsame Wohnung sie vielleicht entzweien könnte. Gleichzeitig hoffte sie aber auch, dass sich dadurch erstmals eine richtige und langanhaltende Freundschaft ergeben würde.

„Hast du Detlef erreicht?“, fragte sie und wendete sich vom Meer ab, um langsam dem Rückweg anzutreten.

„Ja“, meinte Sven und berichtete davon, wie er am vorherigen Abend kurz ein paar Worte mit ihm gewechselt hatte.

„Er meinte sofort, dass er definitiv nicht mehr an die Uni zurück will und ich das Zimmer problemlos weitervermieten kann“, erzählte er, während Jasmin eine Muschel aufhob, die vor ihrem Fuß auftauchte.

„Und wie geht es ihm?“, versuchte sie möglichst unverfänglich zu klingen. Sven antwortete zunächst mit einem Seufzen. Sie konnte sich schon vorstellen, wie er gerade die Schultern hob.

„Wirklich glücklich klang er nicht, wenn ich ehrlich bin, aber er wollte mir auch nichts Näheres erzählen.“

„Du machst dir Sorgen, oder?“

„Ja, schon. Ich werd Saskia noch mal drauf ansprechen. Wir waren zwar gestern im Kino, aber über Detlef haben wir gar nicht richtig geredet“, meinte er und Jasmin zog verwundert die Augenbrauen hoch.

„Oh, sie haben noch Kontakt?“, kam es schneller aus ihrem Mund geschossen, als sie darüber nachgedacht hatte. Gut, dass Sven gerade nicht sehen konnte, wie sie ertappt die Augen zusammenkniff.

„Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Eigentlich waren die beiden auch immer die besten Freunde, darum könnte ich es mir schon vorstellen, aber ich hätte auch nie mit der Trennung gerechnet. Von daher… wie gesagt, ich werd Saskia noch mal drauf ansprechen. Aber nun lass uns lieber über deinen Umzug reden“, zog er den eigentlichen Grund für ihr Gespräch wieder in den Vordergrund und Jasmin nickte eifrig.

„Ja, gern! Soll ich uns einen Kaffee und Brötchen organisieren und zu dir kommen?“, meinte sie, was Sven sogleich dankend annahm.

„Super, dann bis gleich“, legte Jasmin auf und schob das Handy zurück in ihre Tasche. Sie schaute noch einmal auf die Nebelwand und betrachtete die kleinen Wassertropfen, die sich an die Härchen ihrer Gänsehaut klammerten.

„Nur Mut, Jasmin, das wird schon werden“, sog sie noch einmal die frische, salzige Luft tief in ihre Lungen und schlüpfte dann in ihre Schuhe, um sich auf den Weg zu Sven zu machen.

26.3.2024: blauäugig

„Der Baumarkt schließt gleich. Ich muss noch mal kurz los. Kommst du solange allein klar?“, kämpfte sich Steffen durch das Chaos, das irgendwann einmal seine eigene Werkstatt sein sollte und aktuell noch Materiallager, Müllhalde und Pausenplatz während der Renovierung darstellte.

„Ich schaff das schon. Bis gleich!“, bekam er die Antwort aus seinem künftigen Schlafzimmer zugerufen.

„Alles klar!“, kramte Steffen die Autoschüssel zwischen Trinkgläsern und Pizzakartons hervor und verschwand aus der Haustür. Ganz wohl war ihm dabei zwar nicht, aber er wusste, dass in Kürze wieder zurück sein würde.

„War vielleicht doch ein etwas blauäugiges Unterfangen, was?“, hörte er plötzlich hinter sich, als er gerade die Autotür öffnete und fuhr verwundert herum.

„Cousinchen!“, rief er aus und ging mit weit geöffneten Armen auf Saskia zu, die an einen Baum nahe seines Hauses gelehnt stand. Sie lächelte und ließ sich in seine Umarmung fallen.

„Hi! Ist das schön, dich mal wieder in natura zu sehen!“, meinte sie und musterte ihren Cousin, als er sie wieder los ließ. Gut sah er aus, auch wenn man ihm die Doppelbelastung aus Job und Baustelle ansehen konnte. Trotzdem thronten vor allem der Stolz und die Vorfreude auf die Fertigstellung der Renovierung in seinem Gesicht.

„Du, ich muss noch mal fix los und was besorgen. Willst du mit? Dann können wir uns unterwegs unterhalten“, bot er an und Saskia kam dem Vorschlag gerne nach.

„Ich wusste gar nicht, dass du her kommst“, meinte er wenige Augenblicke später, als sie auf die Hauptstraße einbogen und den Baumarkt ansteuerten.

„War auch ein bisschen spontan gewesen. Ich hab ziemlich kurzfristig gebucht und darum auch eine katastrophale Strecke erwischt; mit zig Umstiegen und so weiter. Na ja, aber jetzt bin ich ja erst mal hier“, meinte Saskia und betrachtete die Umgebung, die sich gefühlt kaum verändert hatte.

„Was meintest du vorhin eigentlich mit blauäugig?“, fragte Steffen und sie grinste.

„Ich hab euch eine Weile durchs Fenster zugeschaut und da hast du ja noch eine ganze Menge Arbeit vor dir! Bist du immer noch so optimistisch, dass du das alleine schaffst?“, musterte sie sein Profil und musste bei seiner Antwort schmunzeln.

„Ich bin ja nicht allein! Manchmal helfen mir Arbeitskollegen und dank dir hab ich jetzt doch auch noch tatkräftige Unterstützung bekommen!“.

27.3.2024: chatten

„Na, mit wem bist du am Chatten? Neuer Freund?“, schlich sich Steffens Stimme von schräg hinten in Saskias Ohr, während sie am Einkaufswagen stand und darauf wartete, dass er die benötigten Schrauben zusammensuchte. Sie hob den Blick von ihrem Smartphone und warf ihn biestig in seine Richtung, was Steffen jedoch eher zum Lachen brachte als einschüchtern konnte.

„Sven hat gefragt, ob ich gut angekommen bin“, murmelte sie und steckte ihr Handy in die Tasche.

„Dein Kumpel, der an der See studieren wollte, richtig?“, fragte Steffen ohne seine Worte mit einer Wertung zu belegen. Saskia machte eine schwankende Kopfbewegung, ehe sie Steffen die gereichten Schrauben abnahm und seine Frage beantwortete.

„Na ja, ich hätte jetzt eher gesagt, dass er Detlefs Kumpel ist und für mich so was wie ein kleiner Bruder“, grinste Saskia und lachte, als Steffen bemerkte, dass sie „ja selbst nur so wenig Brüder“ habe.

„Ich sammle die, wusstest du das noch nicht?“, flachste sie ihrerseits und genoss die Blödeleien mit ihrem Cousin. Die hatten ihr schon früher immer gut gefallen und er hatte auch nie ein negatives Wort über ihren Wegzug verloren; anders, als ein paar andere Mitglieder ihrer Familie.

„Wie gehts ihm inzwischen?“, meinte Steffen, der Sven einige Male gesehen hatte. Mit einem Fingerzeig bedeutete er Saskia, dass sie noch hinüber zur Abteilung mit den Sanitärartikeln mussten.

„Gut. Er hat sich gut eingelebt, sein Studium macht ihm Spaß und er meinte, dass er vielleicht schon einen neuen Mitbewohner hat“, erzählte Saskia, während Steffen die letzten benötigten Materialien zusammensuchte und sie dann gemeinsam zur Kasse gingen. Kurz unterbrachen sie ihr eigentliches Gespräch und wendeten sich dem Geschäftlichen zu. Steffen war sichtlich froh, dass er kurz vor Feierabend noch alles Benötigte zusammen bekommen hatte. Als alles zurück im Einkaufswagen lag und bezahlt war, konnte man ihm die Erleichterung ansehen. Schnell wünschten sie der Kassiererin einen schönen Abend und machten sich dann zurück auf den Weg zum Auto.

„War ja alles ein bisschen dramatisch, was?“, hob Steffen den Gesprächsfaden wieder auf, während sie ihre Einkäufe einluden.

„Du meinst, dass Detlef so plötzlich ausgezogen ist?“

Steffen nickte und Saskia tat es ihm gleich.

„Ja, Sven hatte damit nicht gerechnet, das war offensichtlich. Er hatte ziemlich dran zu knabbern, was ja okay ist, aber ich hab ihm auch den Kopf gewaschen, als er anfing unfair zu reagieren“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und schaute dabei zu, wie Steffen den Einkaufswagen zwei Meter entfernt in das dafür vorgesehene Häuschen schob.

„Mittlerweile scheint er gut damit klar zu kommen“, ergänzte sie noch, als Steffen wieder direkt neben ihr stand. Der klopfte ihr auf die Schulter und meinte: „Große Schwester halt“. Kurz brachte sie der Ausspruch zum Lachen, aber sie sah ihrem Cousin auch an, dass neben dem Schmunzeln eine gewisse Ernsthaftigkeit auf seinem Gesicht lag.

„Und wie geht es dir?“, fragte er schließlich und aus dem Klopfen auf ihre Schulter wurde ein behutsames Tätscheln.

28.3.2024: Frühlingstag

„Das war heut ein wundervoller Frühlingstag, findest du nicht? Schade, dass es schon wieder dunkel wird“, wandte Saskia sich von Steffen ab, schob die Hände in die Hosentaschen und richtete ihre Aufmerksamkeit auf den abendlichen Himmel, der in den buntesten Farben leuchtete. Steffen bedachte sie mit liebevoller Strenge.

„Lenk nicht ab, Cousinchen. Du weißt, dass du mir alles erzählen kannst“, ging er die drei kurzen Schritte nach und legte den Arm um ihre Schultern. Sie standen noch immer auf dem Parkplatz des Baumarkts.

„Ich seh dir an, dass es dir schon mal besser ging.“

Saskia presste die Lippen aufeinander. Mit dem Anflug eines Lächelns deutete sie hinüber zu einem Stück Rasen, auf dem Krokusse zu sehen waren, doch als sie gerade auf diese zu sprechen kommen wollte, brachen die Tränen hervor. Sie ließ sich von Steffen in eine Umarmung ziehen und halten, solange sie diese Nähe und Schutz brauchte.

„Danke“, flüsterte sie schließlich mit einem tiefen Seufzen und tupfte sich die Wangen ab. Steffen bedeutete ihr, mit zum Wagen zu kommen und sie nahmen wieder Platz, um ungestört und vor der aufkommenden Kühle geschützt reden zu können.

„Weißt du, wir haben uns in den letzten Monaten ständig gestritten, ich war immer nur genervt von seiner Planlosigkeit und hab selbst auch drüber nachgedacht, mich von ihm zu trennen. Aber dass es jetzt wirklich so gekommen ist, tat mehr weh, als ich gedacht hätte“, brach Saskia endlich ihr Schweigen und ließ sich dabei in den Sitz sinken.

„Und dann hat er mich jetzt auch noch angerufen…“ murmelte sie.

„… und damit die Wunden wieder aufgerissen, hm?“, vervollständigte Steffen ihren Satz und Saskia nickte.

„Es war jetzt das erste Mal, dass ich ein paar Tage nicht an ihn denken musste.“

Für einen Moment kehrte Stille ein.

„Ich mag Detlef zwar, aber wenn du willst, verpass ich ihm eins auf die Nase“, meinte Steffen plötzlich und brachte Saskia damit zum Lachen.

„Das ist lieb von dir, aber nein.“

Das Lächeln verflog und der Ausdruck auf ihrem Gesicht wurde wieder ernster.

„Nein, das hat er wirklich nicht verdient“, meinte sie und zog die Knie an sich, um dann die Unterarme auf ihnen abzulegen. Das Armaturenbrett diente ihren Füßen als Stütze.

„Ich hab ein paar Mal überlegt, ob die Trennung für mich einfacher gewesen wäre, wenn er es wegen einer anderen Frau getan hätte. Oder weil wir uns nicht mehr lieben“, murmelte sie und zuckte die Schultern, als Steffen fragte, ob ihr das wirklich geholfen hätte.

„Dann wär die Enttäuschung vielleicht nicht so groß gewesen. Oder ich hätte wenigstens wütend auf ihn sein können, aber wie kann ich wütend auf jemanden sein, der einfach nur seinen Platz im Leben finden will? Einerseits hass ich ihn dafür, dass er unsere Beziehung beendet hat, weil er die Situation als zu große Belastung für uns beide empfindet. Andererseits…“

Saskia seufzte aus und legte den Kopf in den Nacken, bis er die Kopfstütze berührte.

„Andererseits hat er das auch gemacht, um dir weiteren Kummer zu ersparen, weil die ganze Situation eurer Beziehung eh schon sehr geschadet hat“, griff Steffen ihre Worte auf und Saskia nickte. Er musterte sie und legte den Kopf schief.

„Ich kenn diesen Blick. Du hast ein schlechtes Gewissen“, meinte er und gab ihr ein weiteres Taschentuch, als nach einem kurzen Nicken erneut die Tränen kullerten.

„Ich hätte ihn mehr unterstützen müssen, dann wäre es vielleicht gar nicht so weit gekommen“, schluchzte Saskia und Steffen schaute sie fragend an.

„Er hat sich neben der Uni immer wieder Nebenjobs und Praktika gesucht, um herauszufinden, was er machen möchte, aber ich hab gedacht, das wären nur Blödeleien von ihm. Dass er sich vorm Lernen drücken will und einer dieser Dauerstudenten sein will, die auf Kosten ihrer Eltern ewig an der Uni bleiben. Mir war nicht bewusst, wie ernst es ihm war und wie… unwohl er sich auch gefühlt hat. Sollte ich als seine Freundin da nicht besser erkennen, was in meinem Freund vorgeht und mehr zu ihm stehen, statt ihm auch noch zusätzlich Druck zu machen, weil ich unzufrieden bin?“

Steffen verschränkte die Arme vor der Brust und dachte einen Moment über diese Frage nach.

„Verlangst du da nicht ein bisschen viel von dir? Du bist doch auch nur ein Mensch. Und so, wie ich Detlef kenne - vermutlich hat er anfangs auch gar nicht so deutlich gesagt, dass er sich in seinem aktuellen Leben ziemlich verloren fühlt, oder?“, meinte er und Saskia hob die Augenbrauen.

„Verloren?“, wiederholte sie und ließ die Schultern sinken, als Steffen nickte. Nein, so deutlich hatte Detlef es ihr nicht einmal am Tag der Trennung gesagt, als sie im Park gesessen und lange darüber gesprochen hatten, wie es weitergehen sollte.

„Hey, jetzt krieg nicht noch ein schlechteres Gewissen, Cousinchen! Selbst nach so vielen Jahren Beziehung kannst du ihm immer noch nicht IN den Kopf gucken. Der Junge weiß teilweise selbst noch nicht so richtig, was er will, woher sollst du das dann wissen?“, legte Steffen die Hand wieder auf Saskias Schulter und drückte sie sanft.

„Trotzdem denk ich, dass ich ihm mehr hätte helfen sollen“, murmelte sie und Steffen schmunzelte.

„Hast du das nicht?“

Langsam hob sie den Blick und schaute in Steffens gütige Augen.

„Also, wenn ich mich richtig erinnere, war der Gute zuletzt ganz schön durch den Wind und du hast alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit er nicht auf der Straße landet, oder?“

Saskia nickte und ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Ich bin froh, dass er sich bei mir gemeldet hat und nicht zu stolz dafür war“, meinte sie und Steffen grinste.

„So stolz, wie du es vermutlich gewesen wärst?“

Beide schmunzelten für einen Moment, ehe sie anfingen zu lachen. Diese kurzen lockeren Momente zwischen den ernsten Passagen taten ihnen beiden gut.

„Danke, dass du immer ein offenes Ohr für mich hast und generell für deine Hilfe“, sagte Saskia schließlich und bekam von Steffen die Haare verwuschelt.

„Jetzt werd mal nicht sentimental“, grinste er und fragte, ob sie langsam den Rückweg antreten wollten. Während Saskia noch damit beschäftigt war, ihre Frisur zu richten, rollte der Wagen bereits los.

„Kannst du mich gleich vielleicht an der Ecke Dorfstraße/Marktgasse rauslassen? Dann geh ich von da aus nach hause“, meinte Saskia plötzlich und Steffen hob verwundert die Augenbrauen.

„Willst du nicht noch mit zu mir kommen?“, warf er ihr einen Blick aus den Augenwinkeln zu und sah ihr Kopfschütteln.

„Nein, das halt ich für keine gute Idee“, murmelte sie und schaute aus dem Fenster. Kurz überlegte Steffen, ob er die nächste Frage stellen sollte.

„Kommst du vor deiner Abreise denn noch mal vorbei?“

Wieder schüttelte Saskia den Kopf und Steffen spürte trotz seiner Vorahnung, wie es ihm einen Stich versetzte. Er hatte seine Cousine jetzt so viele Monate nicht mehr persönlich gesehen.

„Wäre wohl ein bisschen viel, was?“, meinte er und versuchte sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

„Falls du Montagmittag um eins zufällig am Bahnhof bist, würd ich mich sehr freuen, dir noch Tschüss zu sagen“, antwortete Saskia und Steffen gab ihr das Versprechen, dass er da sein würde.

„Na, dann grüß deine Eltern und die drei Chaoten von mir und spätestens, wenn ich mit der Renovierung fertig bin, will ich dich in meiner Werkstatt sehen, okay?“, fuhr er an besagter Straßenecke rechts an und zog Saskia noch einmal in eine feste Umarmung.

„Das werd ich“, versprach sie und klaute ihm die Cappy vom Kopf.

„Hey!“, empörte er sich, aber Saskia war schon aus dem Wagen gesprungen.

„Strafe für meine Frisur!“, grinste sie und wedelte mit der Diebesbeute.

„Die kriegst du Montag wieder.“

„Wehe, wenn nicht!“, wedelte Steffen drohend mit dem Finger und beide lachten.

„Noch mal danke und komm gut nach hause“, hob Saskia die Hand zum Gruße.

„Ist ja nicht so weit“, grinste Steffen.

"Und Cousinchen? Gib euch beiden ein bisschen Zeit, das wird schon wieder", zwinkerte er und winkte ihr dann zu, als er weiterfuhr. Im Rückspiegel konnte er sehen, wie sie ihm einen kurzen Moment nachschaute und dann in die Gasse verschwand. Die nächsten paar Minuten der Autofahrt nutzte er, um das Gespräch sacken zu lassen und obwohl er gern einen kurzen Umweg eingeschlagen hätte, fuhr er geradewegs zu seinem Häuschen zurück.
 

„Hast du alles bekommen?“, schallte es ihm schon entgegen, als er zur Tür herein kam und erfreut nahm er den Geruch aufgewärmter Pizza wahr.

„Ja, morgen kanns in alter Frische weitergehen“, meinte Steffen und schaute auf die beiden Teller, die schon parat standen.

„Aber vielleicht sollten wir uns morgen mal was anderes zu essen besorgen“, ging er hinüber zum Schlafzimmer und betrachtete die Fortschritte.

„Solange es in die Mikrowelle passt und sich noch mal aufwärmen lässt, ist das kein Problem.“

Steffen lachte.

„Wir hausen gerade wie die Junggesellen“, lehnte er sich an die Türzarge und schaute hinüber zu der kleinen Nische, die aktuell noch als provisorische Küche diente - bestehend aus einigen Kisten mit Besteck und Tellern sowie einer Mikrowelle und dem Wasserkocher.

„Na ja, sind wir doch auch“, bekam er zu hören.

„Nur, dass es in Junggesellenbuden meistens noch fließendes Wasser gibt, das nicht nur aus einem Schlauch kommt.“

Steffen grinste.

„Sei froh, dass du nicht im angrenzenden Fluss baden musst! Außerdem hab ich dafür auch schon was mitgebracht. Du hast beim Abschleifen echt gut vorgelegt, da können wir morgen streichen und als nächstes das Bad weiter angehen“, ging er zum Tisch und nahm Platz.

„Dann kommen wir gut voran?“, konnte Steffen die Freude in den Worten hören.

Er nickte und guckte mit knurrendem Magen auf die kredenzte Pizza.

„Ja, du hilfst mir echt sehr!“, lächelte er und griff sich ein Stück.

„Ich glaub, das ist das Mindeste, oder?“

Steffen machte eine wegwerfende Handbewegung und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Nicht zum ersten Mal ließ er den Blick über sein neues Heim schweifen und stellte sich vor, wie aus der Baustelle irgendwann ein gemütliches Zuhause und seine eigene Werkstatt würde.

„Hattest du vorhin nicht noch ne Mütze auf?“, hörte er nach einem kurzen Knarren des gegenüberliegenden Stuhls und zuckte die Schultern.

„Hab ich wohl mal wieder irgendwo liegen lassen. Und jetzt greif endlich zu, Detlef, sonst futter ich dir alles weg!"

29.3.2024: Heidelbeere

„Ist es wirklich okay für dich, wenn ich auch manchmal her komme?“, fragte Bria, während sie mit Laurin auf der alten Holzbank saß und den Blick über den verwilderten Garten schweifen ließ. Der Anfang ihres Gesprächs war alles andere als einfach gewesen, war sie Laurin doch aus Neugierde bis zum Garten nachgelaufen und sich dann sehr ertappt vorgekommen. Erst jetzt, da sie ein paar Minuten schweigend nebeneinander gesessen und Brias Pausenbrot gegessen hatten, war ihr in den Sinn gekommen, dass er vielleicht nicht nur Ruhe vor den nervigen Mitschülern aus seiner Klasse haben wollte, sondern auch vor ihr.

„Na ja, schwer zu sagen, ob du mir auf den Geist gehst. Ich kenn dich bisher ja kaum, aber vom ersten Eindruck her scheinst du ganz nett zu sein“, meinte Laurin und Bria merkte, wie ihr diese Ehrlichkeit durchaus einen kleinen Stich versetzte. Sie hatte sich immer als recht sympathisch eingeschätzt und es erschreckte sie ein wenig, dass sie Laurin das scheinbar erst beweisen musste. Wobei die aufsteigende Empörung auch schnell wieder nachließ, als sie an die vergangenen Minuten zurückdachte.

„Hast recht, dich kennen inzwischen viele in der Schule, wegen der Hänseleien, aber das heißt nicht automatisch, dass du auch jeden kennst“, murmelte sie und er nickte.

„Viele tun aber so“, murrte er und zeigte offenkundig seine Abneigung.

„Wirst du oft von Schülern aus anderen Klassen angesprochen?“, fragte sie und nochmals nickte er.

„Das allein ist nicht das Problem, aber viele machen Witze oder manche scheinen im ersten Moment nett zu sein und hänseln mich dann doch“, verschränkte er die Arme vor der Brust und beobachtete Brias Reaktion.

„Bei ihr brauchst du da keine Sorgen zu haben. Sie ist ein liebes Mädchen“, brachte sich das Mäuschen ins Spiel und hüpfte auf Brias Schoß, um sich von ihr kraulen zu lassen. Bria grinste.

„Hörst du?“

Laurins Mundwinkel zuckte, es war nur allzu offensichtlich, dass Bria ein ganzes Stück Arbeit vor sich hatte, wenn sie sein Vertrauen gewinnen wollte.

„Mäuschen, ich vertrau dir“, murmelte er und hörte den kleinen Nager kichern.

„Das kannst du auch! Ich hab extra nicht alle Heidelbeeren allein gegessen!“, meinte es und Bria konnte die Freude in Laurins Augen erkennen.

„Heißt das, sie sind endlich reif?“

Voller Überraschung beobachtete Bria die aufkommende Euphorie in dem vorhin noch so zurückhaltenden Jungen.

„Ja, die ersten sind soweit und richtig schön süß“, meinte das Mäuschen und Bria erschrak, als Laurin sie plötzlich anlachte.

„Gibst du mir mal deine Brotdose? Dann hol ich uns welche!“, hielt er ihr die Hand hin und nach kurzem Zögern kam Bria der Aufforderung nach. Sie guckte zu, wie er tiefer in den Garten lief und wunderte sich über den plötzlichen Stimmungswechsel. Er machte sie aber auch glücklich.

„Du wirst ja rot“, meinte das Mäuschen und Bria legte sich den Finger auf die Lippen, woraufhin sie ein leises Kichern hören konnte.

„Sei lieb oder ich kraul dich nicht mehr“, streckte sie dem Mäuschen die Zunge raus und erschrak abermals, als Laurin sie plötzlich rief.

„Oder… willst du vielleicht mitkommen und mir pflücken helfen?“, stand er einige Meter entfernt und Bria verlor keine Zeit, ihm nachzulaufen.

30.3.2024: bland - Archiv

„Sie sollte in den nächsten Tagen blande Kost, also eher Mildes essen, um ihren Körper noch etwas zu schonen“, schloss der Arzt seinen Koffer und trat Adelheid entgegen. Die ganze Untersuchung über hatte sie unruhig im Türrahmen gestanden und ihn beobachtet.

„Keine Sorge, es geht ihr bald wieder gut“, legte er eine Hand auf ihre, die so fest ineinander geschlungen waren, dass das Weiße ihrer Knöchel hervortrat. Noch immer schien sie besorgt.

„Glücklicherweise ist es ein blander Krankheitsverlauf und es besteht auch nicht die Gefahr einer Ansteckung. Sie können Ihrer Schwiegermutter also problemlos Gesellschaft leisten, wenn Sie möchten. Jetzt schläft sie erst mal.“

Adelheid nickte und mit dem Anflug eines Lächelns führte sie den Arzt zur Wohnungstür.

„Vielen Dank, dass Sie extra vorbei gekommen sind“, gab sie ihm noch einmal die Hand zum Abschied.

„Dafür bin ich da“, lächelte er und zögerte, ehe er ging. Adelheid schaute ihn fragend an.

„Gibt es noch etwas?“

Nun wurde sie doch wieder etwas unsicher – hatte er ihr doch etwas verschwiegen?

„Wenn es nicht zu persönlich ist – wie geht es Ihnen denn inzwischen?“, fragte er und sah, wie Adelheid reflexartig zum Ehering an ihrem Finger griff und ihn leicht drehte.

„Danke, gut“, zwang sie sich ein Lächeln auf und schaute hinüber zur Kommode, auf der einige Fotos standen. Der Arzt folgte ihrem Blick.

„Es ist jetzt bald ein Jahr her, nicht wahr?“, hörte sie und nickte. Für sie war es immer noch so, als habe sie gerade erst von der Polizei erfahren, dass ihr Mann bei einem Unfall ums Leben gekommen war.

„Ich finde es bewundernswert, dass Sie sich so aufopferungsvoll um ihre Schwiegermutter kümmern“, meinte der Arzt und Adelheid zuckte die Schultern. Es gab ihrem Leben wenigstens eine Aufgabe und wo sollte Gudrun auch hin? Ins Altersheim vielleicht? Nein, das hätte Adelheid sich auch nicht für sich selbst gewünscht.

„Ich glaub, die Gesellschaft tut uns beiden gut. Als sie von Ferdinands Tod erfuhr, ist sie um Jahre gealtert – da wollte ich sie nicht allein in ihrer Wohnung lassen und um ehrlich zu sein: Die paar Wochen, bis sie bei mir einzog, waren die schlimmsten meines Lebens, weil es hier plötzlich so furchtbar still war. Ich bin froh, dass ich jetzt wieder jemanden bei mir habe“, rieb Adelheid sich den Nacken und schenkte ihrem Gegenüber ein ehrliches, wenn auch trauriges Lächeln. Der Arzt nickte verstehend und trat auf den Flur.

„Falls noch etwas ist, melden Sie sich gern wieder. Auch falls Sie mal ein offenes Ohr brauchen“, lächelte er und ging dann zur Haustür.

30.3.2024: wissenswert

Murmelnd saß Steffen über ein Blatt Papier gebeugt, zog Striche, schrieb Zahlen und griff immer wieder zu Zirkel oder Geodreieck, bis er sich schließlich gegen die Rückenlehne seines Stuhls sinken ließ. Er hob den Blick zur Wand und seufzte zufrieden aus.

„Ja, genau so will ich das Regal später haben“, verschränkte er die Arme vor der Brust und nickte. Es würde ein Meisterstück und perfekt in seine neue Werkstatt passen – auch, wenn noch einiges Wasser den Rhein runterlaufen musste, ehe er sich wirklich an die Umsetzung dieses Projekts begeben konnte.

„Sieht gut aus“, stand Detlef hinter ihm und schaute ihm über die Schulter. Steffen drehte sich verwundert zu ihm um.

„Wie lang stehst du da schon? Ich dachte, du wolltest die Füße hochlegen und deinen wohl verdienten Feierabend genießen?“

Sie hatten wieder den ganzen Tag über geschuftet, schubkarrenweise Steine von A nach B geschafft, Holzbalken zugesägt und sich kaum eine Pause gegönnt. Selbst Steffen sehnte sich jetzt nach einer Dusche und seinem Bett, egal, wie euphorisch ihn der Gedanke an das neue Regal auch machte.

„Ich find das interessant“, meinte Detlef auf seine Frage hin und stützte sich auf der Tischplatte ab, um die Zeichnung näher zu betrachten.

„Die Arbeiten am Mauerwerk sind zwar auch cool, aber das hier ist noch mal eine ganz andere Hausnummer“, murmelte er und stellte Steffen einige Fragen zu seiner Zeichnung, die dieser ihm geduldig erklärte.

„Na, hoffentlich kriegen wir die Wand auch gerade genug hin, damit deine Berechnungen hinterher noch passen“, meinte Detlef schließlich und Steffen grinste.

„Da geh ich aber mal von aus! Also halt dich ran“, stupste er Detlef mit dem Ellenbogen in die Seite und stand auf, um sich ein Glas Wasser zu holen. Als er zurückkam, bemerkte er die senkrechte Falte zwischen Detlefs Augenbrauen.

„Was ist? Hab ich irgendwo einen Fehler eingebaut?“, stellte er sich neben den Blonden, der sogleich den Kopf schüttelte.

„Sieht für mich gut aus, aber ich hab mich grad gefragt, ob ich dich da genug bei unterstützen kann. Immerhin hab ich noch nie gemauert“, seufzte er und nach einem kurzen Moment der Stille begann Steffen zu lachen.

„Du machst dir grad nicht ernsthaft Sorgen darum, dass wir die Mauer nicht passend hinbekommen und das Regal dann nicht an die Wand kriegen?“

Detlef zuckte erst die Schultern, dann nickte er leicht.

„Das ist erst mal nur ein Entwurf. Da ist nix in Stein gemeißelt! Bei Bedarf pass ich die Maße an. Ich habs bewusst so angelegt, das sich notfalls etwas Spiel hab“, zwinkerte Steffen und sah die Verwunderung in Detlefs Blick.

„Ehrlich gesagt glaub ich eh nicht, dass wir die Mauern hier so gerade gezogen kriegen wie bei einem Neubau. Aber das macht auch nichts. Irgendwie krieg ich mein Regal schon“, grinste er.

„Bewundernswert“, murmelte Detlef und schaute noch einmal auf die Skizze.

„Mein Optimismus oder das Regal?“, scherzte Steffen und zog erstaunt die Augenbrauen hoch, als Detlef meinte, dass er von beidem gesprochen hatte.

„Ich find das toll, dass du dir einfach so aus dem Kopf ein so aufwändiges Regal konstruieren kannst. Ich könnte das nicht“, meinte Detlef und Steffen schmunzelte.

„Warum solltest du das nicht können? Man kann alles lernen oder wusstest du vor ein paar Tagen schon, wie man die Armaturen im Bad anbringt?“, nahm er einen kräftigen Schluck, während Detlef den Kopf schüttelte.

„Siehst du? Ich hab dir dabei nur ein bisschen Hilfestellung geleistet, aber den Großteil hast du sogar selbst hinbekommen. Wenn du willst, schaffst du es irgendwann auch, dir ein eigenes Regal oder andere Möbel zu designen. Das ist kein Hexenwerk. Ich bin ja auch kein gelernter Maurer, sondern hab mich im Vorfeld mit einigen unterhalten, was ich bei der Renovierung beachten muss. Manchmal ist es auch ein bisschen Learning by Doing und Try and Error bei solchen Projekten. Mach dir da nicht zu viele Gedanken. Im Gegenteil: Sammle einfach mal ein paar Ideen und dann quatschen wir mal darüber. Ich sag dir dann, was es Wissenswertes dazu zu wissen gibt, wenn du wirklich mal was eigenes bauen möchtest“, klopfte er Detlef auf die Schulter und hatte das Gefühl, dass dem im nächsten Moment die Augen rausfallen würden.

„Im Ernst? Du würdest mir helfen, mir selbst was zu bauen?“, starrte er Steffen an und der nickte.

„Klar! Aber jetzt geh ich erst mal duschen, okay?“, zwinkerte er und schlurfte ins Bad, während Detlef sich an den Tisch setzte und noch eine ganze Weile die Zeichnung studierte.

31.3.2024: putzen

Nach vielen Wochen der Doppelbelastung merkte Steffen inzwischen doch so langsam, wie ihm die Arbeit in der Schreinerei und an seinem Haus an den Kräften zehrten. Besonders dieser Tag hatte es in sich gehabt; nachdem er und seine Kollegen wegen eines wichtigen Auftrags Überstunden geschoben hatten, wollte er einfach nur noch nach hause und die Füße hochlegen. Nach einem kurzen Gruß zum Feierabend schlurfte er zum Parkplatz, setzte sich ins Auto und seufzte aus.

„Was für ein Tag“, murmelte er und startete den Wagen. Er war lange nicht mehr so erschöpft gewesen.

„Stell dich nicht so an! Gleich eine gute Tasse Kaffee und dann wird noch was an der Baustelle gemacht!“, schimpfte er trotzdem mit sich und dachte an den Spruch „Von nichts kommt nichts“. Irgendwie würde er das schon schaffen, und wenn er nur einfache kleine Arbeiten anginge, wie aufräumen oder putzen. Die mussten schließlich auch gemacht werden und obendrein wollte er Detlef seine Erschöpfung nicht merken lassen. Der hatte schon genug Selbstzweifel nach dem Rausschmiss seiner Eltern und Steffen wollte verhindern, dass er auch noch den Eindruck bekam, ihm eine Last zu sein.

Der Junge gibt wirklich sein Bestes“, dachte er bei sich, als er nach der kurzen Autofahrt vor seinem Haus parkte und aus dem Wagen stieg.

„Ich glaub, manchmal weiß er gar nicht, welches Potenzial in ihm steckt“, murmelte er gedankenverloren, während er zur Haustür ging, sie öffnete und dann wie vom Schlag getroffen stehen blieb. Die Augen weit aufgerissen, starrte er auf seine zukünftige Werkstatt.

„Was ist denn hier passiert?“, entfuhr es ihm atemlos und beinahe rutschte ihm der Rucksack, den er immer mit zur Arbeit nahm, aus der Hand.

„Man, bist du heute spät. So viel zu tun?“, kam Detlef aus einem der anderen Räume und drückte zwei Knöpfe an dem kleinen Ofen, der inzwischen auch in ihre Kochnische eingezogen war.

„Ich hoffe, die Lasagne ist nicht zu matschig geworden“, schnappte er sich Topflappen, holte die Auflaufform heraus und trug sie hinüber zum Tisch. Steffen konnte sich erst langsam aus seiner Schockstarre lösen und ging mit mechanischen Schritten durch den Raum. Alles war ordentlich gestapelt, durchgefegt, sogar der Boden geputzt. Nirgendwo schien mehr ein Staubkorn zu liegen, obwohl er am Morgen noch das Gefühl gehabt hatte, eine Müllhalde zu durchqueren, als er durch diesen Raum gewandert war.

„Ist es okay, dass ich ein bisschen aufgeräumt hab?“, fragte Detlef schließlich, nachdem von Steffen für gefühlte Stunden kein Ton gekommen war. Der richtete langsam den Blick auf seinen Mitbewohner und zog die Augenbrauen hoch.

„Ob das okay war?“, wiederholte er und stellte seinen Rucksack ab. Langsam bildete sich ein Lächeln auf seinen Lippen, das immer breiter wurde.

„Ich hab den Raum noch nie so aufgeräumt gesehen!“

Detlef schmunzelte und nickte leicht.

„Ich dachte mir, da kann ich nicht allzu viel falsch machen und es ist auch ein bisschen gemütlicher, nicht immer zwischen Steinen und alten Pizzakartons zu essen“, meinte Detlef und bat Steffen, noch kurz mit in einen der anderen Räume zu kommen. Er schob die Hände die Hosentaschen, aber Steffen konnte ihm die Nervosität an der Nasenspitze ablesen.

„Was ist denn jetzt noch? Sag mir nicht, die Rückwand ist beim Wind rausgebrochen und du wolltest mich mit der aufgeräumten Bude nur ablenken“, scherzte er und seufzte doch erleichtert aus, als Detlef den Kopf schüttelte. Bei dem alten Gemäuer hätte ihn das wenig überrascht. Detlef reckte das Kinn und deutete hinüber zur gegenüberliegenden Mauer.

„Ist das so okay?“, fragte er und wippte unruhig mit dem Fuß. Einen Moment lang starrte Steffen schweigend die Wand an.

„Ich hab ja gestern gesehen, wie du den ersten Teil verputzt hast und…“

„… hast den Rest heute fertig gemacht“, murmelte Steffen, ehe er Detlefs Arbeit näher betrachtete. Der ging ihm nach, die Arme vor der Brust verschränkt und das Gesicht auf Steffens Profil gerichtet. Vorsichtig fuhr Steffen mit seinen Fingern über den Putz, ließ den Blick über die Wand schweifen und stemmte die Hände auf die Hüften.

„An ein paar Stellen müssen wir noch etwas nachbessern, aber im Großen und Ganzen…“, er nickte zufrieden und strahlte Detlef an. Der ließ die Schultern sinken und ein klein wenig Stolz schlich sich auf sein Gesicht.

„Weißt du was? Heute Abend machen wir uns einen lauen!“, zog Steffen den überraschten Detlef in eine Umarmung und klopfte ihm herzhaft auf den Rücken, während er sich für seine Arbeit bedankte.

„Ach, kein Ding. Dann lass uns mal essen, bevors kalt wird“, wiegelte der ab und ging zurück in die künftige Werkstatt; mit einem Grinsen auf dem Gesicht, das Steffens in nichts nachstand.

1.4.2024: Aprilscherz

Das Knallen der Autotür lenkte Detlefs Aufmerksamkeit auf sich. Er warf einen Blick auf seine Uhr: Es war noch viel zu früh für Steffen.

„Hat er früher Feierabend gemacht?“, murmelte er irritiert und ging zum Fenster der Werkstatt. Bei dem, was er da erblickte, wurde ihm flau im Magen und die Farbe verschwand aus seinem Gesicht.

„Guten Tag, Sohn“, hörte er nur wenige Sekunden später von der offenstehenden Haustür hinüberschallen und wendete langsam die Augen vom Wagen seines Vaters zu ihm selbst.

„Hi Paps“, murmelte er und atmete tief durch.

„Willst du mich nicht hereinbitten?“, fragte sein Vater und ließ einen abschätzigen Blick über die Werkstatt wandern. In seinem feinen Anzug passte er hier offensichtlich nicht hinein.

„Hab ich denn ne Wahl?“, murmelte Detlef und schleppte sich hinüber zur Kaffeemaschine.

„Was hast du gesagt?“, kam die harsche Nachfrage. Detlef hob die Hand und deutete zum Tisch hinüber.

„Ich sagte: Setz dich, ich koch uns einen Kaffee“, log er und befüllte zwei Tassen mit Kaffeepulver, ehe er den Wasserkocher anwarf. Hinter sich hörte er das Knarren des Stuhls, aber als er sich zu seinem Vater umdrehte, sah er ihn noch immer stehend.

„Du kannst dich ruhig setzen, die Stühle sind sauber“, meinte Detlef und lehnte sich an die kleine Arbeitsplatte, die die Küchenmaschinen trug. Zögerlich kam sein Vater der Aufforderung nach und nahm Platz, den Blick auf seinen Sohn gerichtet, der das Gefühl hatte, fixiert zu werden.

„Was kann ich für dich tun?“, versuchte er so lässig wie möglich zu wirken, während er hoffte, dass das Gespräch nicht allzu lange andauern würde. Sein Vater lehnte sich kurz vor, um die Arme auf dem Tisch abzulegen, entschied sich dann aber doch dagegen und verschränkte sie stattdessen vor der Brust. Detlef seufzte innerlich aus.

„Du scheinst nicht unbedingt überrascht zu sein, dass ich hier bin“, meinte sein Vater und Detlef zuckte die Schultern.

„Überrascht dich zu sehen, schon, aber überrascht, dass du weißt, wo ich jetzt wohne? Nein, nicht wirklich. Wir sind ja nicht unbedingt in München oder Berlin, da hat sich das bestimmt längst herumgesprochen“, drehte er sich zum Wasserkocher und befüllte die Tassen.

„Wohnen? Hausen trifft es wohl eher!“, zischte sein Vater, ohne dafür eine Reaktion zu erhalten.

„Ich hab gedacht, das wäre ein schlechter Aprilscherz, als mir ein Kollege sagte, dass er dich in dieser Bruchbude gesehen hat!“

Detlef stützte sich kurz auf die Küchenzeile, ehe er die Tassen griff.

„Das ist keine Bruchbude, sondern ein Haus, das gerade renoviert wird“, antwortete er möglichst sachlich, ehe er anfügte: „Außerdem kann dir das doch egal sein, wo ich jetzt wohne. Ihr habt mich rausgeworfen. Was juckt dich das dann noch, wo ich bleib oder was ich mache?“

Es fiel ihm nicht leicht, die Enttäuschung zu verbergen und die Kaffeetassen landeten fester auf dem Tisch, als er beabsichtigt hatte.

„Meinst du wirklich, dass es mir egal wäre, was aus dir wird?!“, stand die Empörung seinem Vater ins Gesicht geschrieben und schwang in jedem seiner Worte mit. Detlef schnaufte aus.

„Stimmt, ich vergaß, was sollen die Leute denken? Ich hab ja den Ruf der Familie in den Dreck gezogen. Der faule Sohn, der nichts auf die Reihe bekommt“, ließ er sich seinem Vater gegenüber auf dem Stuhl nieder und erschrak, als der beide Hände auf den Tisch haute und sich hochstemmte.

„Herrgott, Detlef! Wir machen uns Sorgen, was aus dir wird! Erst schmeißt du die Uni, dann lebst du in einer Bruchbude – was kommt als nächstes?! Dass du unter einer Brücke landest?! Wie soll das nur weitergehen?!“

Detlefs Mundwinkel zuckten und in betonter Langsamkeit schob er die Hände in seine Hosentaschen, während er dem Blick seines Vaters standhielt.

„Dafür, dass ich auf der Straße lande, habt ihr doch selbst gesorgt“, meinte er und beobachtete, wie der Zorn seines Vaters anwuchs.

„Sollen wir das etwa auch noch unterstützen? Du bist Mitte Zwanzig und erzählst uns, dass du dich beruflich verändern willst? Was für eine berufliche Veränderung denn?! Du hast doch noch überhaupt nichts geleistet! Wenn du wenigstens dein Studium abgeschlossen hättest! Wir dachten, du würdest endlich zur Vernunft kommen, wenn wir dir den Geldhahn zudrehen!“, schnaubte er aus und stütze die Hände auf die Hüften.

„Ihr habt mir gesagt, dass ich meine Sachen packen und gehen kann, wenn ich nicht mehr studieren will. Ihr habt mir noch fünfzig Euro in die Hand gedrückt, damit ich mir ein Hotelzimmer nehmen und „wieder zu Verstand kommen kann“ und das wars“, ballte Detlef die Hände zu Fäusten und war doch froh, dass sein Vater sie in den Hosentaschen nicht sehen konnte.

„Irgendwann musst du mal zu Vernunft kommen!“, hob sein Vater hilfesuchend die Hände und schüttelte ungläubig den Kopf – genau wie sein Sohn.

„Ich hab euch einfach nur drum gebeten, dass ich ein paar Monate in verschiedene Jobs reingucken kann, um herauszufinden, was mir wirklich liegt. Dass ich solange wieder bei euch einziehen kann, um das Geld für die Miete zu sparen und ob ihr vielleicht jemanden kennt, bei dem ich mal ein Praktikum machen kann“, spürte Detlef, dass es ihm immer schwerer fiel, den Blick auf seinen Vater gerichtet zu halten.

„Hirngespinste, mehr nicht! Wofür hast du denn das Abitur gemacht, wenn du es jetzt nicht nutzt?!“, starrte der ihn genauso fassungslos an, wie an dem Abend, an dem Detlef ihm seine Entscheidung verkündet hatte.

„Ich hab das nur gemacht, weil ihr mich immer dazu gedrängt habt! Ich wollte weder aufs Gymnasium noch zur Uni und das hab ich euch mehrfach gesagt!“, verteidigte Detlef sich und sprang auf, als sein Vater ihm antwortete, dass die Eltern nur das Beste für ihn wollten.

„Wir haben alles getan, um dich zu unterstützen! Damit aus dir was wird!“, rief sein Vater aus. Detlef wendete sich ab, er ging einige Schritte vom Tisch weg, um seine Gedanken zu sortieren und schaffte es doch nicht, die aufkommende Wut herunter zu schlucken.

„Du meinst, damit ich so wie du ende?! In die Familienfirma gedrängt, ob du wolltest oder nicht?!"

"Das Studium hast du dir selbst ausgesucht! Das hatte mit unserer Firma gar nichts zu tun und hätte ihr nicht mal was genutzt!", entgegnete sein Vater und wieder schüttelte Detlef den Kopf.

"Oh ja, ganz toll. Ich durfte doch nur mit Sven mit, weil ich gesagt hab, dass ich damit die Zeit überbrücke, ehe das Wirtschaftsstudium startet. Mit dem ich dann doch in die Firma gesollt hätte und genauso unglücklich wie du geworden wäre!“, fuhr er herum und brachte seinen Vater ins Stocken.

„Ich bin nicht unglücklich!“, gab er schockiert zurück und Detlef stützte die Hände auf die Stuhllehne.

„Ach nein? Warum beschwerst du dich dann ständig? Über die Kunden, die unfähigen Mitarbeiter, darüber, dass du ein besserer Chef wärst als Onkel Thorsten, aber gleichzeitig schon als sein Stellvertreter ständig zu irgendwelchen anstrengenden Geschäftsreisen musst?“, stierte er seinen Vater an, dem kurz der Mund aufklappte, ehe er zu einer Antwort fähig war.

„Im Gegensatz zu dir hab ich wenigstens Verantwortung übernommen! Für mein Leben und meine Familie! Dank meiner Arbeit hat es euch nie an was gefehlt! Im Gegenteil! Andere können nicht aus Spaß an der Freude mehrere Semester studieren, bis ihr Wunschstudium beginnt oder sogar mir nichts, dir nichts abbrechen, weil sie meinen, dass ihnen dann keine Konsequenzen winken. Langsam gewinne ich den Eindruck, dass wir dich zu sehr verzogen haben, Detlef! Guck dir stattdessen deine Schwester an! Das hätte sie sich nie getraut!“, stemmte er die Hände auf die Hüften und sah mit Entrüstung, wie Detlef anfing zu lachen.

„Da hab ich jetzt drauf gewartet!“, sprach er bitter. Er war es so leid, ständig mit seiner Schwester, der Architektin, verglichen zu werden. Der Einserschülerin mit den großen Ambitionen und der erfolgreichen Karriere samt Mann, der als Arzt arbeitete.

„Gibs doch zu, ich war euch immer peinlich!“, zischte Detlef und fügte an: „Dass meine Noten nicht so gut waren, dass ich nicht so zielstrebig war, dass ich sogar pappen geblieben bin“. Sein Vater verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte energisch den Kopf.

„Wir haben dich trotzdem immer geliebt und unterstützt. Dank uns standen dir alle Möglichkeiten offen! Dass du dein Leben jetzt so wegwirfst, kannst du nicht uns vorwerfen. Das hast du selbst so entschieden!“, deutete er tadelnd mit dem Zeigefinger auf seinen Sohn und konnte sehen, wie seine Worte ihm einen Stich versetzten.

„Ich finde nicht, dass eine Handwerksausbildung bedeutet, dass man sein Leben wegwirft“, hörten sie plötzlich von der Haustür her und fuhren beide erschrocken herum. Steffen stand an die Türzarge gelehnt und hob die Hand zum Gruße.

„Sorry, dass ich mich einmische, aber man hört euch bis nach draußen“, stieß er sich von der Zarge ab und schlenderte hinüber zur Küchennische, während Detlef den Kopf hängen ließ und sein Vater sich straffte, beschämt, dass diese Auseinandersetzung so viel Aufmerksamkeit erhielt.

„Ich hab mit meinem Chef geredet, er macht die Papiere fertig und du kannst ab August anfangen“, klopfte Steffen Detlef auf die Schulter und erntete zwei erstaunte Gesichtsausdrücke.

„Wie bitte?“, entfuhr es Detlefs Vater, während sein Sohn Steffen nur schweigend anstarrte.

„Oh, ging es nicht gerade darum, dass Detlef eine Ausbildung zum Schreiner machen möchte?“, kratze Steffen sich am Kopf und holte dann Teller und Messer aus einer der Kisten, um die mitgebrachten Kartoffeln zu schälen.

„Ihr Sohn hat wirklich ein Händchen fürs Handwerkliche und gute Leute können wir immer gebrauchen!“, grinste Steffen, während Detlefs Vater das Gesicht entgleiste.

„Wir haben dich doch nicht das Abi machen lassen, damit du Handwerker wirst!“, zischte er und schwankte offensichtlich zwischen Wut und dem Versuch, die Beherrschung in Steffens Gegenwart zu behalten.

„Ohne uns Handwerker hätten Sie kein Dach über dem Kopf. Schon mal drüber nachgedacht?“, meinte Steffen mit einem Grinsen, das nicht verbergen konnte, was er von Detlefs Vater hielt. Der reckte das Kinn und schürzte die Lippen.

"Dieser Taugenichts wird ohnehin nach kurzer Zeit die Lust wieder daran verlieren!", knurrte er, was Steffen hingegen wenig beeindrucken konnte.

„Vielleicht, weil er bisher nur Sachen machen musste, auf die er keine Lust hatte. Haben Sie ihren Sohn eigentlich mal gefragt, was ER will?“

Schnaubend drückte Detlefs Vater die Luft aus der Lunge und seine Kiefer zusammen.

„Er ruht sich doch ohnehin nur auf meinem Geld aus! Das war schon immer so und wird immer so bleiben. Am Ende sind wir es dann wieder, die ihn auffangen. Sie werden schon sehen, dass er die Ausbildung genauso hinwirft wie die Uni! Setzen Sie lieber nicht zu viele Erwartungen in ihn!“, presste er hervor und wendete sich ab, als Steffen fragte, ob er zum Essen bleiben wolle.

„Nein, Danke, ich habe noch Termine“, stapfte er zur Tür und hielt kurz inne.

„Wenn du wieder zur Vernunft gekommen bist, weißt du, wo du uns findest, Detlef“, sprach er, ohne sich den beiden noch einmal zuzuwenden und verschwand dann mit einem „Guten Tag!“, zu seinem Auto. Das Knallen der Autotür ließ Detlef zusammenzucken und erst, als der Motor startete und der Wagen losfuhr, atmete er aus. Für einen Moment ließ Steffen ihn die Ruhe genießen, ehe er fragte, ob alles in Ordnung sei.

„Tut mir leid, dass du das mitbekommen hast“, murmelte Detlef und sank auf seinen Stuhl, als die Anspannung immer mehr nachließ. Unwillkürlich begannen seine Beine zu wippen und er rang die Hände ineinander.

„Wenn ich das nächste Mal früher Feierabend mach, ruf ich dich vorher an, damit ich genug zu essen mitbringe. Wär dein Vater noch geblieben, hätten unsere Kartoffeln nicht gereicht“, meinte Steffen und grinste, als Detlef ihn irritiert ansah.

„Was denn? Ich bin ein guter Gastgeber!“, stupste er den Blonden in die Seite und klopfte ihm auf die Schulter. Dieses Mal fiel es ihm nicht so leicht, ihn aufzumuntern. Stattdessen saßen sie eine Weile schweigend beieinander, während Steffen sich weiter um die Kartoffeln kümmerte und Detlef vor sich hin starrte.

„Sag mal… dass du mit deinem Chef geredet hast…“, begann er schließlich und Steffen rieb sich den Nacken.

„Tut mir leid, wenn ich damit zu weit gegangen bin“, meinte er entschuldigend und spürte das schlechte Gewissen für die Einmischung und seine Lüge. Detlef schien aber nicht sauer oder enttäuscht, sondern nur unsicher.

„Meinst du, ich kann vielleicht ein Praktikum bei ihm machen?“

Ein breites Grinsen legte sich auf Steffens Gesicht.

„Ganz bestimmt! Wenn du willst, frag ich ihn morgen direkt! Und für August suchen wir wirklich noch einen neuen Azubi“, zwinkerte er und drückte Detlef lachend die Zwiebeln in die Hand, um sich vor dieser tränenreichen Arbeit zu drücken. Der war einerseits erleichtert über Steffens Angebot, andererseits aber noch immer verunsichert.

„Ich will aber auch nicht, dass du schlecht da stehst, falls ich die Arbeit nicht auf die Reihe kriege“, murmelte er und erschrak, als Steffen plötzlich auf den Tisch schlug.

„Jetzt hau endlich diese Selbstzweifel beiseite und lass dir von deinen Eltern nicht mehr einreden, dass du nichts auf dem Kasten hast!“, lag eine ungewohnte Ernsthaftigkeit in seinen Worten und seinem Blick.

„Du hast mir in den letzten Wochen gezeigt, dass du handwerklich echt auf Zack bist, sowohl in der Praxis als auch beim Theoretischen. Ich weiß, dass du das kannst und wenn du wirklich in unserer Firma arbeiten willst, rede ich sehr gern mit meinem Chef. Aber fühl dich nicht gedrängt, okay? Mach es, weil du es willst und nicht, um deinen Eltern was zu beweisen oder mir einen Gefallen zu tun, in Ordnung?“, fixierte er Detlef und setzte sich auf die Tischkante, als der nickte und den Blick auf die Zwiebeln senkte.

„Ich hab schon ein paar Mal überlegt, ob das wohl was für mich wäre“, gab er kleinlaut zu und schaute wieder hoch, als Steffen kicherte.

„Mir ist dein Interesse durchaus aufgefallen", zwinkerte er und gab zu, dass er Detlef die Zeit lassen wollte, die er brauchte, um diesbezüglich auf Steffen zuzugehen.

"Das war sehr nett von dir", meinte Detlef, der etwas verwundert zu dem Küchentuch schaute, das Steffen ihm hinhielt.

„Hier, du Schniefnase“, zog er einen leichten Schmollmund und lachte über Detlefs genervtes Grollen.

„Das sind die Zwiebeln!“

2.4.2024: skurril

Gedankenverloren saß Jasmin am Fenster und ließ den Blick über die dicken, flauschigen Wolken schweifen, die gemächlich am Himmel vorbei zogen. Sie dachte an die vergangenen Wochen zurück und spürte, dass das Zusammenleben mit Sven inzwischen zur Normalität für sie geworden war. Jeder von ihnen beiden hatte so seine Eigenarten, aber bisher war nichts aufgetaucht, das ein ernsthaftes Problem beim Zusammenleben darstellte. Es war seltsam entspannt und angenehm – ganz anders als in ihrer früheren WG, bei der es teilweise auch noch im Nachgang, als klar gewesen war, dass sie ausziehen wollte, Diskussionen und Gemäkel gegeben hatte. Wenn sie daran zurück dachte, fühlte sie immer noch die große Anstrengung, die damit verbunden gewesen war und erst recht die Erleichterung, damals auf Svens Vorschlag eingegangen zu sein.

Sie drehte sich langsam auf ihrem Schreibtischstuhl und betrachtete ihr Zimmer. Selbst das fühlte sich inzwischen nicht mehr sonderbar an. Wie skurril war vor allem ihre erste Nacht in diesem Raum gewesen, in dem trotz frisch gewaschener Bettwäsche noch Detlefs Duft über allem gelegen hatte? Sie hatte einige lebhafte Träume mit ihm gehabt, für die sie noch immer rot bis in die Haarspitzen wurde, wenn sie nun daran zurückdachte. Ein leichtes Bauchkribbeln stieg in ihr hoch und wie ertappt schrak sie auf, als sie die Türklingel hörte.

„Hi Saskia!“, drang Svens Stimme nur Sekunden später durch die Zimmertür an ihr Ohr und Jasmin fächerte sich schnell Luft zu, um die Röte aus ihrem Gesicht zu vertreiben. Es war das erste Mal, dass Saskia die Wohnung besuchte, seit Detlef aus- und sie eingezogen war. Auch ansonsten hatten die beiden jungen Frauen sich seit dem Treffen im Café nur einmal kurz beim Einkauf gesehen und nicht mehr als einen stillen Gruß ausgetauscht. Sollte sie in ihrem Zimmer bleiben oder sich dazu gesellen? Zwiegespalten kaute sie auf ihrer Unterlippe herum und wünschte sich unwillkürlich, sie hätte sich an diesem Nachmittag irgendetwas vorgenommen, um die Wohnung frühzeitig zu verlassen.

„Hey, Jasmin, willst du auch einen Tee?“, hörte sie da Sven von der Tür her und seufzte aus. Sich nach dieser Frage weiter allein zu verschanzen, kam ihr zu unhöflich vor und so öffnete sie ihm.

„Ja, gern, danke“, lächelte sie und winkte Saskia zu, die es ihr gleich tat. Mit mulmigem Gefühl gesellte sie sich zu den beiden und hoffte, dass dieser Nachmittag keine bösen Überraschungen parat hielt.

3.4.2024: Sympathie - Archiv

Saskia unterhielt sich an diesem Nachmittag recht angeregt mit Sven, während Jasmin die meiste Zeit schweigend daneben saß. Noch immer war sie unsicher, wie sie mit Detlefs Exfreundin umgehen sollte. Sie machte einen sympathischen Eindruck, aber trotzdem wischte es die Umstände ihres Kennenlernens nicht hinfort. Es war eine Mischung aus Faszination für ihre Direktheit und starke Ausstrahlung und Unbehagen wegen ihrer Vorgeschichte. Mehr als ein Mal dachte Jasmin daran, wie angenehm sie es fand, Saskia in diesem Moment beobachten und besser kennen lernen zu können, ohne direkt mit ihr interagieren zu müssen. Nur Svens zwischenzeitliche Blicke auf die Uhr oder sein Handy irritierten sie. Das war normalerweise nicht seine Art.

„Sag mal, langweilen wir dich?“, bemerkte auch Saskia sein Verhalten, als er abermals zur Wanduhr neben dem Fernseher schielte und ertappt zuckte er zusammen.

„Was? Nein!“, hob er beschwichtigend die Hände. Es war nur allzu offensichtlich, wie peinlich ihm das ganze war.

„Ich warte noch auf ein Päckchen“, gestand er und erzählte, dass es ein Buch für die Uni war.

„Ich bin doch in zwei Extramodulen eingeschrieben hab das Buch dafür schon vor Wochen bestellt, aber die Lieferung hat jetzt ewig gedauert. Heute soll es eigentlich kommen“, murmelte er und kramte ein weiteres Mal sein Handy hervor.

„Vorhin wurde mir noch angezeigt, dass es etwa zehn Zustellungsstopps entfernt ist“, tippte er auf das Display und ihm kurz darauf der Mund aufklappte und fast die Augen aus dem Kopf fielen, fragte Saskia, was passiert sei.

„Das wurde einfach in der Poststation abgegeben!“, rief er bestürzt, als sei gerade eine Welt für ihn zusammengebrochen.

„Wir haben doch die ganze Zeit hier gesessen! Da hat definitiv keiner geklingelt!“

Saskia zuckte leicht die Schultern; auch ihr war das schon mal passiert.

„Dann holst du es morgen halt ab“, meinte sie und konnte seine Nervosität sehen.

„Die haben wegen Umbauarbeiten ab morgen für eine Woche zu“, murmelte er und kaute auf der Unterlippe. Auf seinem Weg zur Uni kam er häufig genug an der Poststation vorbei, um das entsprechende Hinweisschild schon vor einigen Wochen entdeckt zu haben.

„Na ja, die eine Woche macht doch jetzt auch nichts aus, oder?“, fragte Jasmin leise, während sie Saskias Schmunzeln verwunderte.

„Weißt du was? Lauf kurz rüber und versuch dein Glück, ob sie dir das Paket fix raussuchen. Normalerweise dauert das zwar bis zum nächsten Werktag, soweit ich weiß, aber unter diesen Umständen…“, sie zuckte leicht die Schultern und rief Sven „viel Glück!“ hinterher, als er wie erwartet aufsprang und zur Wohnungstür flitzte.

„Ich beeil mich auch!“, konnten die beiden jungen Frauen noch hören, ehe die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Saskia schüttelte den Kopf und lachte.

„Glaub mir, er wäre zur unvorstellbaren Nervensäge geworden, wenn er jetzt noch ne Woche auf das Buch warten müsste, obwohl er es vielleicht heute noch kriegen könnte“, griff sie nach ihrem Glas und nippte daran. Jasmin zog leicht die Augenbrauen hoch, nickte aber und versuchte mit einem Lächeln zu überspielen, dass ihr die Situation jetzt etwas unangenehm wurde. Was sollte sie mit Saskia reden?

„Du kennst ihn gut, nicht wahr?“, meinte sie nach einem Moment der Stille und Saskia nickte.

„Er hat so seine Eigenheiten“, antwortete sie. Wieder lächelte Jasmin.

„Ja, ich glaub, die haben wir alle, nicht wahr?“. Es war ein ehrlich gemeinter Einwurf ohne kritische Hintergedanken, trotzdem war Jasmin sich nicht sicher, ob sie Saskia damit auf die Füße getreten war. Sie wirkte plötzlich ein wenig unterkühlt, zuckte zur Antwort nur mit den Schultern und murmelte ein kurzes „Schon möglich“.

„Ich hole uns noch etwas zu trinken“, griff Jasmin nach der leeren Wasserflasche, um sich etwas Zeit zu verschaffen. Hoffentlich wäre Sven wirklich in ein paar Minuten zurück – nahe genug lag die Poststation immerhin. Während sie die leere Flasche in die Getränkekiste stellte und im Kühlschrank nach einer neuen schaute, überlegte sie fieberhaft, worüber sie mit Saskia sprechen könnte.

„Ist es eigentlich auch eine Eigenheit, dass du Sympathien für meinen Freund hegst?“, hörte sie plötzlich hinter sich, als sie die neue Flasche gerade aus dem Kühlschrank zog und ließ diese beinahe vor Schreck fallen. Wie vom Donner gerührt stand sie da, kaum fähig, sich zu bewegen und starrte zu Saskia hinüber, als diese sich neben sie an die Arbeitsplatte lehnte. Die Arme hatte sie vor der Brust verschränkt und in ihrem Blick lag Abschätzigkeit.

„Ich glaube, wir sollten uns mal unterhalten und ein paar Dinge klären“.

3.4.2024: Socializing

Im Bademantel saß Pia an ihrem Schminktisch und stützte den Kopf auf die Hand. Ihre Lippen waren geschürzt, der Blick missmutig auf ihren Hosenanzug gerichtet.

„Willst du dich nicht langsam mal anziehen?“, hörte sie vom Flur her und schaute zur Tür, als Linda darin erschien – herausgeputzt, geschminkt, frisiert und gerade noch dabei, sich die Ohrringe anzuziehen.

„Ich hasse diese Jobevents. Nichts als Smalltalk, Sektgesüffel und stinkend langweilige Vorträge“, gähnte Pia und schnaubte aus. Inzwischen musste auch Hand Nummer zwei mithelfen, damit ihr Kopf nicht auf die Tischplatte knallte. Linda stützte die Hände auf die Hüften und schüttelte den Kopf.

„Socializing ist wichtig! Fang lieber frühzeitig damit an, um nach der Uni erfolgreich ins Berufsleben starten zu können! Hör den Leuten zu, mach dir Notizen, versuch einen guten Eindruck zu hinterlassen und was über die Firmen herauszufinden, für die sie arbeiten. Vielleicht ermöglicht dir das, später an gute Praktika oder sogar Jobs zu kommen!“, stapfte sie zu Pias Schrank und nahm den Hosenanzug, der an eine der Türen gehängt war.

„Los jetzt!“

Linda musste ihre Kommilitonin und Mitbewohnerin regelrecht in die Kleidung reinprügeln und ohne ihre helfende Hand wäre an diesem Abend wohl auch keine businesstaugliche Frisur oder gar Make-Up zustande gekommen. Als Linda mit ihrem Werk fertig war, seufzte sie dennoch zufrieden aus.

„So kann man sich doch mit dir blicken lassen!“, sprach sie stolz und ignorierte gekonnt Pias Augenrollen.

„Komm, wir müssen los, sonst sind wir zu spät!“, griff Linda sich ihre Tasche und Pias Hand, um beide schnellstens zum Veranstaltungsort zu bugsieren. Noch war sie nicht sicher, ob Pia keinen Rückzieher machen würde, also beeilte sie sich umso mehr.

„Meine Güte, renn doch nicht so!“, schnaubte Pia und verfluchte die hochhackigen Schuhe, die sie trug. Warum bloß hatte sie sich überreden lassen, die Dinger anzuziehen?

„Als ob einer auf meine Schuhe achten würde“, murrte sie und dachte sehnsüchtig an die bequemen Converse, die sie sonst immer trug.

„Wenn du wüsstest!“, entgegnete Linda und blieb schließlich stehen.

„Da sind wir!“, strahlte sie und schaute die Treppen hinauf, die den Eingang des Veranstaltungsgebäudes zierten. Auf diesen Abend hatte sie sich schon seit Wochen gefreut.

„Wie seh ich aus?“, drehte sie sich zu Pia und schaute sie erwartungsvoll an. Die hob eine Augenbraue und erkannte erst jetzt, wie viel ihrer Mitbewohnerin wirklich an diesem Event lag.

„Gut“, meinte sie verwundert und ging Linda nach, als die nach einem tiefen Durchatmen die Treppen in Angriff nahm.

„Das wird super, du wirst schon sehen!“, meinte sie zu Pia und besorgte ihnen im Foyer ihre Besucherpässe. Ein junger Mann stand dort hinter dem Tresen und kreuzte eifrig die Namen der Eintreffenden ab.

„Viel Spaß!“, wünschte er den beiden Frauen und lächelte auffallend fröhlich, als er von Linda zu Pia hinüberblickte. Vielleicht war Socializing doch nicht so übel?

4.4.2024: A priori

Während Saskia mit Jasmin zum Park ging, fühlte diese sich wie auf dem Weg zum Schafott. Die ganze Zeit überlegte sie fieberhaft, was sie sagen oder wie sie reagieren sollte und konnte gleichzeitig kaum einen Gedanken richtig fassen. Ihr Mund war ausgedörrt wie eine Wüste und ihr Herz pochte noch schneller, als Saskia vorschlug, sich auf eine etwas abgelegen stehende Bank zu setzen.

„Vielleicht sollten wir doch zurück gehen, damit Sven sich keine Sorgen macht“, brachte sie schließlich hervor und bemerkte, wie Saskias Augenbrauen zuckten.

„Ich hab ihm doch einen Zettel hingelegt, dass wir kurz ein paar Besorgungen machen wollen“, meinte sie und nahm Platz. Nur zögerlich tat Jasmin es ihr gleich. Sie rutschte bis an den äußersten Rand der Bank, den sandigen Boden davor nur mit den Fußspitzen berührend, die Finger in ihre Jeans gegraben und die Schultern schuldbewusst bis an die Ohren gezogen. Noch immer wagte sie nicht, Saskia direkt anzublicken, während die sie unverhohlen musterte. Dann seufzte Saskia aus und schlug die Beine übereinander.

„Na ja, du streitest es zumindest nicht ab“, meinte sie und versuchte ihrer Stimme einen abgeklärten Ton zu verleihen, doch in den feinen Nuancen war rauszuhören, dass auch sie die Situation nervös machte. Sie blickte auf ihren Fuß, der immer wieder leicht zuckte. Kurz schwiegen die beiden Frauen sich an.

„Wie lange geht das schon?“, fragte Saskia schließlich, nachdem Jasmin keine Anstalten machte, aus ihrer Sprachlosigkeit herauszukommen und schaute sie doch erst wieder an, als sie zur Anwort ansetzte.

„Ist das wirklich wichtig?“, murmelte sie verlegen und schob die Schultern noch ein wenig näher an die Ohren.

„Für mich schon“, zischte Saskia und war damit harscher als eigentlich geplant. Jasmin zuckte zusammen und linste angstvoll zu Saskia, während die sich selbst zur Raison rief – wenn sie die Wahrheit erfahren wollte, durfte sie Jasmin nicht zu sehr unter Druck setzen.

„Ich bin die viele Heimlichtuerei und die Überraschungen leid. Also beantworte mir bitte die Frage“, ergänzte sie in ruhigerem Ton und Jasmin nickte verstehend. Sie atmete tief durch und gab sich einen Ruck.

„Aufgefallen ist er mir schon am ersten Tag, aber… aber im Verlauf des ersten Semesters merkte ich dann, wie sehr… also… ich meine, ich hab gemerkt, dass ich ihn sehr mag“, sprach sie leise und räusperte sich. Ihr wurde abwechselnd warm und kalt und ihre Knie zitterten, weil sie am liebsten aufgesprungen und weggerannt wäre. Warum tat sich kein Loch auf, um sie zu verschlucken? Wieder erschrak sie, aber dieses Mal von Saskias tiefem, schmerzerfülltem Seufzen.

„Seit dem ersten Semester schon?“, murmelte sie heiser und Jasmin sah, dass alle Farbe aus Saskias Gesicht verschwand. Es schien, als müsse sie sich jeden Moment übergeben und gleichzeitig füllten sich ihre Augen mit Tränen. Fassungslos starrte Jasmin sie an.

„Ab… aber warum weinst du? Ich meine, es gab doch bestimmt noch mehr Mädchen, die ihn toll fanden, oder nicht?“, stotterte sie nervös und Saskias Augen wurden immer größer. Sie schluckte hart und stand schwankend auf.

„Willst du mir grad sagen, dass er mich am laufenden Band betrogen hat und ich hab nichts gemerkt?!“, krächzte sie und drückte sich die Hand auf den Mund. Erst jetzt begann Jasmin zu verstehen. Sie sprang auf und hob beschwichtigend die Hände.

„Nein, nein, nein! Dachtest du etwa, ich hätte was mit ihm gehabt?!“, rief sie schockiert und schüttelte energisch den Kopf, als Saskia ihre Frage mit einem Nicken bejahte.

„Wie kommst du denn auf so was?“, konnte sie kaum begreifen, in welcher Situation sie sich gerade befand.

„Ich weiß nicht mal, ob er überhaupt meinen Namen kennt, so wenig haben wir miteinander gesprochen“, rief sie aus und spürte, wie weh diese Erkenntnis tat, wenn sie sie laut aussprach. Saskia runzelte die Stirn und atmete tief durch.

„Moment mal… warum hast du dich dann die ganze Zeit so komisch verhalten?“, stemmte sie die Hände auf die Hüften und musterte Jasmin, als die beschämt zur Seite blickte.

„Im Café ist mir schon aufgefallen, dass du ziemlich neben der Spur warst, als wir über Detlefs Weggang gesprochen haben und vorhin hast du mich ständig gemustert, obwohl man dir anmerken kann, dass du nicht gern in meiner Nähe bist.“

Jasmin kaute auf der Unterlippe.

„Du hast grad selbst gesagt, dass ich im Café ziemlich überrumpelt war. Das zeigt doch, dass ich eigentlich nicht viel mit ihm zu tun hab“, murmelte sie und nestelte an ihrer Jacke herum. Saskia war von dieser Argumentation allerdings wenig überzeugt.

„Nicht, wenn du der Grund warst, warum er abgehauen ist“, verschränkte sie die Arme und wieder schaute Jasmin sie bestürzt an.

„Ich würde a priori niemals eine Beziehung zerstören!“, rang sie die Hände und hoffte, dass Saskia ihr glaubte. Die war allerdings eher irritiert von Jasmins Ausspruch.

„A priori?“, wiederholte sie und hob die Augenbraue. Jasmin zuckte ertappt zusammen und schalt sich selbst dafür.

Grundsätzlich… ich würde mich grundsätzlich niemals in eine Beziehung drängen oder gar versuchen, jemanden den Freund weg zu nehmen“, sagte sie kleinlaut und wartete darauf, dass Saskia sie für ihre „seltsame Ausdrucksweise“ kritisieren würde – so, wie schon so viele vor ihr. Stattdessen fragte die aber, warum Jasmin wegen Detlefs Entscheidung so erschüttert gewesen war und sich ihr gegenüber immerzu ängstlich zeigte.

„Ist das denn nicht offensichtlich?“, murmelte Jasmin und setzte sich wieder.

„Nein, erklär es mir“, meinte Saskia und tat es ihr gleich.

„Weil es mir peinlich ist. Ich wusste zwar lange nicht, dass er eine Freundin hat, aber das ändert nichts daran, dass ich für ihn schwärme, obwohl er vergeben ist und jetzt stell ich mich auch noch so blöd dabei an, dass es dir sogar aufgefallen ist. Genau das wollte ich eigentlich verhindern“, nuschelte sie und sank in sich zusammen. Saskia lehnte sich an die Rückenlehne und betrachtete die Wolken.

War… vergeben war. Wir sind nicht mehr zusammen, schon vergessen?“, sagte sie fast gedankenverloren und war unschlüssig, ob die Aussprache mit Jasmin sie glücklich machen sollte oder nicht. Noch immer verstand sie Detlefs Entscheidung nicht in Gänze. Die Uni abzubrechen war eine Sache, aber warum die Trennung von ihr, obwohl er gesagt hatte, dass er noch etwas für sie empfinde? Warum wollte er diesen Weg ohne sie gehen? Sie hätte ihn unterstützt, das war doch spätestens bei ihrer Hilfe mit Steffen deutlich geworden! Und trotzdem hatte Detlef sie nicht gefragt, ob sie zu ihm zurückkäme. Das tat fast noch mehr weh als die Trennung selbst.

„Du… vermisst ihn, oder?“, fragte Jasmin vorsichtig und Saskia nickte. Jasmin gab sich einen Ruck.

„Ich find es faszinierend, wie stark du bist“, meinte sie und Saskia schaute sie überrascht an.

„Ich hab dich vorhin beim Gespräch mit Sven so beobachtet, weil ich es toll finde, wie direkt und offen du bist“, gab sie zu und schämte sich im nächsten Moment dafür. Saskia schenkte ihr aber ehrlichen Dank dafür.

„Du hast nicht viele Freunde, oder?“, fragte sie und Jasmin schüttelte den Kopf.

„Merkt man mir da so leicht an?“

Saskia grinste.

„Du wohnst freiwillig mit Sven zusammen und der kann eine ganz schöne Nervensäge sein!“, lachte sie und Jasmin zuckte die Schultern.

„Ich finde ihn sehr nett. Er nimmt mich, wie ich bin und mäkelt nicht ständig an mir herum. Im Gegenteil, er ermutigt mich sogar, mehr aus mir heraus zu gehen.. aber nicht so drängend, wie die andren immer. Und es ist bei ihm deutlich ruhiger. Vorher hab ich mit drei anderen Mädels in einer WG gewohnt.“

Saskia hob die Augenbrauen und seufzte aus.

„Muss nicht immer schlecht sein, aber du klingst so, als wäre das ein ziemlicher Zickenhaufen gewesen.“

Jasmin nickte und hob die Füße auf die Bank, um ihre Knie mit den Armen zu greifen. Kurz erzählte sie Saskia das, was sie auch schon Sven über ihre WG berichtet hatte.

„Ehrlich gesagt war ich nicht sicher, ob ich mir einen Gefallen tu, wenn ich Svens Angebot annehme und bei ihm einziehe, aber inzwischen bin ich echt froh darüber“, schloss sie die Erzählung ab und sah Saskia verständnisvoll nicken.

„Jetzt weißt du, warum ich mir direkt eine eigene Bude genommen habe“, meinte die und schob die Hände in die Jackentaschen. Jasmin nickte, aber sie wusste auch, dass sie das nicht schaffen würde, neben der Uni noch ausreichend viel zu arbeiten, um sich eine eigene kleine Wohnung leisten zu können. Ihr Studentenjob schlauchte sie so schon und der hatte noch den Vorteil, dass sie ihre Dozenten bei Recherchen und ähnlichem unterstützte, sodass ihr das gesammelte Wissen auch beim Studium half. Wieder merkte sie, wie sehr sie Saskia beneidete. Sie schien so viel Stärke zu besitzen, so viel Mut und Durchsetzungswille und auch wenn es schmerzte, musste Jasmin sich eingestehen, dass sie Detlefs Entscheidung zur Trennung nicht verstand.

„Die Trennung ist bestimmt schon schwierig genug. Tut mir leid, dass ich das durch mein Verhalten noch verschlimmert habe“, sagte sie schließlich und schaute schüchtern zu Saskia, die ihr ein Lächeln schenkte.

„Wir können ja nichts für unsere Gefühle“, meinte sie mit einem leichten Schulterzucken. Auch bei anderen Mädchen hatte sie es schon mitbekommen, wenn sie für Detlef schwärmten, aber es war eine andere Situation gewesen.

„Vielleicht hab ich vor Eifersucht auch ein bisschen überreagiert.“

Jasmin war unschlüssig, was sie darauf sagen sollte und Saskia merkte ihr das an.

„Du hast noch nicht so viel Erfahrung in Beziehungsdingen, oder?“, meinte sie und überraschte Jasmin wieder einmal mit ihrer Direktheit.

„Nein, eigentlich noch gar nicht…“, gab sie zu und überlegte, ob es noch peinlicher werden könnte, als es eh schon für sie war.

„Ich hab immer diese Liebesgeschichten in Romanen und Filmen gesehen und mir das auch gewünscht, aber bisher hat es sich nicht ergeben“, murmelte sie und verschwieg dabei, dass sie sich auch immer solche Freundschaften wie in diesen Geschichten gewünscht hatte. Saskia schmunzelte, aber sie verkniff sich das Lachen.

„Glaub mir, an diesem Kitsch solltest du dir kein Vorbild nehmen! Es sieht immer alles so toll aus, aber wie viel Arbeit eine Beziehung auch bedeutet, wird oft genug gar nicht gezeigt“, überschlug sie wieder die Beine und stützte einen Ellenbogen auf dem Oberschenkel ab, um ihren Kopf in die Hand zu lehnen. Jasmin schaute sie zweifelnd an und legte die Stirn in Falten.

„Aber es ist doch nicht alles nur Fiktion“, murmelte sie nachdenklich.

„Nicht alles, aber vieles. Und vor allem sieht man in den meisten Filmen nur den Weg hin zur Beziehung und nicht die Beziehung selbst. Oder wie sich die Paare wieder zusammenraufen, sich nach Jahren wieder treffen und alte Gefühle aufflammen und so weiter – das sind alles nur Momentaufnahmen, unterlegt von passender Musik und ins richtige Licht gesetzt. Das solltest du dir immer vor Augen halten“, sagte sie ohne Wertung und ergänzte: „Und dass es wichtig ist, die Menschen kennen zu lernen und nicht nur von dem Bild auszugehen, das man sich von ihnen gemacht hat.“

Jasmins schuldbewusster Blick bestätigte Saskias Vermutung, dass sie nun endlich verstanden hatte, was ihre Gesprächspartnerin in Bezug auf Detlef bewegte: Sie war verknallt in ein Bild, das sie sich von ihm gemacht hatte und kannte den echten Detlef dabei kaum.

„Ist gar nicht so einfach, wenn man nicht viele zwischenmenschliche Beziehungen hat“, murmelte Jasmin und schaute hoch, als Saskia aufstand.

„Vielleicht nicht einfach, aber etwas, das sich lernen lässt“, bot sie Jasmin die Hand an und zog sie auf die Füße.

„Ich finde, nach dem unglücklichen Start war das ein gutes Gespräch, meinst du nicht auch?“, fragte Saskia und lächelte zufrieden, als Jasmin mit einem ehrlichen Nicken antwortete.

„Das können wir ja weiter ausbauen. Aber jetzt lass uns zurück gehen, bevor Sven noch einen Suchtrupp aufstellt“, sagte sie mit einem Zwinkern und brachte Jasmin sogar zum Lachen.

„Gern, aber wir dürfen nicht vergessen, noch eine Kleinigkeit zu kaufen – als „Besorgung“.

Saskia nickte anerkennend – diese Richtung, in die es sich jetzt bewegte, gefiel ihr deutlich besser, auch wenn sie bei Detlef noch immer nicht richtig weiter war. Sollte sie versuchen, die Beziehung zu retten oder endgültig mit ihr abschließen?

5.4.2024: Pop-Up - Archiv

„Übertreibst du nicht ein bisschen?“, schlurfte Pia mit einem Kaffee bewaffnet in Lindas Zimmer und ließ sich auf deren Bett sinken. Schon seit Stunden saß Linda über ihrer Präsentation, zeichnete, schnitt und klebte.

„Das sind nur Handouts, die schmeißt eh die Hälfte von uns nach dem Seminar sofort in den Papierkorb“, setzte Pia sich in den Schneidersitz und nippte unbeeindruckt an ihrer Tasse, als Linda sich mit biestigem Blick zu ihr drehte.

„Mag sein, dass unsere Kommilitonen das nicht zu schätzen wissen, aber der Dozent ganz bestimmt!“, zischte sie und machte sich wieder an die Arbeit.

„Und deshalb bastelst du Pop-Ups für den kompletten Kurs?“, hob Pia die Augenbraue und dachte darüber nach, wie groß manch anderer Studiengang war – ihrer fiel mit rund hundert Studenten da noch vergleichsweise klein aus und trotzdem hätte sie sich diese Extraarbeit nicht machen wollen. Linda grinste allerdings und lehnte sich süffisant auf dem Stuhl zurück.

„Natürlich nicht! Wenn ich die Zettel verteile, achte ich selbstverständlich darauf, dass die Version mit dem Pop-Up bei Herrn Schmidtmeier landet“, hielt sie ihr gebasteltes Werk zufrieden hoch und betrachtete es. Noch immer war Pia nicht ganz überzeugt.

„Aber was hast du dann die letzten Stunden über gemacht?“, stand sie auf und trat an den Schreibtisch. Das Pop-Up sah durchaus gut aus, aber warum brauchte man so lange dafür?

„Weil ich es perfekt haben wollte!“, knurrte Linda und Pia erhaschte einen vielsagenden Blick auf deren Papierkorb, in dem sich die Fehlversuche stapelten. Sie hob die Augenbrauen und seufzte aus.

„Wenn du meinst…“, murmelte sie und verkniff sich jeden weiteren Kommentar.

„Guck mal, ich hab das auch in die Präsentation eingebaut“, deutete Linda auf ihren Laptop und öffnete das entsprechende Programm. Stolz sah sie, dass das digitale und das gebastelte Pop-Up einander am Ende sehr ähnlich geworden waren.

„Hoffentlich zahlt sich die ganze Mühe am Ende wirklich aus“, zuckte Pia leicht die Schultern und nippte abermals an ihrer Tasse.

5.4.2024: Wetterwechsel

Platt wie eine Flunder lag Steffen auf seinem Bett und lauschte darauf, wann das angekündigte Gewitter endlich in seine Nähe zöge. In den vergangenen Wochen waren die Bauarbeiten gut voran gegangen und Detlef bei der Arbeit immer selbstständiger geworden. So manches Mal hatte er ihn mit seinen Fähigkeiten überrascht - auf der Baustelle und auch beim Praktikum in der Schreinerei. Da konnte Steffen jetzt auch mal guten Gewissens den Tag über ausspannen – wobei können hier das falsche Wort war: Seit einer Woche war es immer schwüler und wärmer geworden und sein Kreislauf an diesem Tag vollends an seine Grenzen gekommen. Ihm war, als hätte er zu tief ins Glas geschaut und bei jedem Schritt schwankte der Raum um ihn herum.

„Und der geht auch noch Joggen“, murmelte beim Gedanken an Detlef und legte sich beide Unterarme über das Gesicht. Er sehnte den angekündigten Wetterwechsel so herbei! Seit drei Tagen immer wieder die Ankündigung und doch war kein Regentropfen vom Himmel gefallen.
 

„Hast du dich in der Zwischenzeit überhaupt mal bewegt?“, hörte er eine Weile später als Detlef zurückkam. Verschwitzt und schnaufend stand er in der Tür, aber auch ein zufriedenes Grinsen lag auf seinem Gesicht. Steffen linste zu ihm hinüber und schürzte die Lippen.

„Du mit deinem jugendlichen Elan“, knurrte er und schloss wieder die Augen. Detlef lachte und holte den beiden etwas zu trinken aus dem Kühlschrank – wie gut, dass der nun auch endlich zur Einrichtung gehörte!

„Als ich auf dem Berg war, konnte ich in der Ferne schon dunkle Wolken sehen. Bald bist du erlöst“, grinste er und nahm neben Steffen Platz.

„Den Berg bist du auch hoch?!“, meinte der ungläubig und ließ sich zurück ins Kissen fallen, kaum, dass er einen Schluck aus seiner Wasserflasche genommen hatte.

„Tja, alter Mann, ich bin halt noch jung und knackig!“, schmunzelte Detlef und sprang lachend davon, als Steffen ein Kissen nach ihm warf.

„Ich geb dir gleich alter Mann! Die zehn Jahre Unterschied!“, zeterte er und brummte, als das Bett wieder anfing, im Kreis zu fahren.

„Na toll, du Arsch, jetzt ist mir schlecht.“

Detlef warf ihm einen gespielt mitleidigen Blick zu und verschwand unter die Dusche, während Steffen schwerfällig nach seinem Handy kramte und in Zeitlupe anfing, darauf zu tippen.

Macht dir das Wetter auch so zu schaffen?

»Frag nicht… «

Hier solls wenigstens nachher regnen!!

»War vorhin schon am Strand; tat gut, aber in meiner Bude verreck ich fast… «

Kauf dir ein Hausboot :D

»Idiot«

Steffen kicherte und legte das Handy beiseite. Wenigstens war er nicht allein mit der Wetterfühligkeit. Sie gehörte gewissermaßen zum Familienerbe; fast jeder seiner Verwandten hatte in irgendeiner Weise damit zu kämpfen.

„Na? Gehts wieder?“, stand Detlef erneut in der Tür, ein Handtuch um die Hüften gewickelt und mit dem anderen die Haare trocken rubbelnd. Steffen musterte kurz den durchtrainierten Anblick und nickte dann in Richtung Fenster.

„Hast du das eigentlich gesehen?“, meinte er und Detlef folgte seinem Blick.

„Was denn?“, fragte er und wollte gerade hinübergehen, als er ein Knipsen hörte.

Mit breitem Grinsen lag Steffen da und tippte eifrig auf seinem Handy.

„Hast du mich grad fotografiert?!“, entfuhr es Detlef, der alarmiert zu Steffen hinübereilte, als der mit einem „Worauf du einen lassen kannst!“, antwortete.

„Los, gib her! Wem schickst du das?!“, riss er ihm das Handy aus der Hand, aber es war schon zu spät: Steffen hatte das Bild bereits verschickt.

„Ups“, schmunzelte er und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Detlef starrte auf den Chatverlauf und linste dann Steffen hinüber.

„Was soll das?“, meinte er und seufzte aus, als er die Antwort las: »???«

Offensichtlich war er nicht der Einzige, der Steffens Aktion wenig lustig fand.

„Tja, zumindest weiß der alte Mann, wie er mit einem Handy umgehen kann“, grinste der Dunkelblonde und setzte sich auf, als Detlef seinerseits etwas tippte, ehe er Steffen das Smartphone auf den Schoß warf.

„Ich zieh mich an, bevor du mich beim nächsten Feuerwehrkalender anmeldest“, verschwand er aus dem Zimmer und Steffen las, was er geschrieben hatte: Deinem Cousin ist die Hitze wohl zu Kopf gestiegen. Sorry.

Saskias Antwort war nicht minder begeistert: »Wie gesagt: Idiot!«

Steffen grunzte. Unverschämtes Pack! Lange schmollen wollte er allerdings nicht, denn ihm fiel auf, dass Detlef Saskias Frage nicht mehr gesehen hatte, wie es ihm inzwischen ginge. Unschlüssig starrte er auf die Nachricht und seine Finger schwebten über dem Display.

»Hats dir die Sprache verschlagen? «

Er seufzte.

Hat sich aus dem Staub gemacht. Ist zu schüchtern in der Nähe von Kameras, der Junge.

»Na dann. Muss jetzt auch los, bin nachher noch verabredet und will nicht aussehen wie gekaut und ausgespuckt. «

Hört, hört! Wer ist denn der Glückliche? ;)

»Geht’s dich was an? :P Bis die Tage und lass dich nicht vom Blitz erschlagen! «

Wieder schaute Steffen ratlos auf das Display und seufzte aus, als er Saskia nach einigem Zögern viel Spaß wünschte und erkennen musste, dass sie den Chat mit ihm wohl bereits geschlossen hatte. Er rieb sich das Kinn und lauschte dem Donnergrollen, das immer näher kam.

„Tja, Kumpel, wenn du da mal nicht eine riesige Dummheit gemacht hast“, murmelte er und legte sein Handy beiseite, als Detlef durch den Flur rief, ob er was essen wolle.

„Ich bleib heut bei Flüssignahrung“, quälte er sich aus dem Bett und wankte zu seinem Mitbewohner, der ihn irritiert musterte.

„Ists so schlimm? Du siehst ja noch übler aus als vorhin“, ging Detlef zu ihm und griff seinen Arm.

„Jetzt behandelst du mich aber wirklich wie einen alten Mann!“, lachte Steffen und machte sich los. Bis zum Küchentisch schaffte er es schon noch alleine!

„Na, ich möchte Saskia nicht schreiben müssen, dass ihr Lieblingscousin eine Bauchlandung hingelegt hat, während ich direkt daneben stand“, meinte Detlef und lehnte sich neben ihm an den Tisch. Wieder wurde Steffens Blick ernster und er schaute den Blonden direkt in die Augen.

„Willst du sie eigentlich zurück?“

6.4.2024: reglementieren

Wutentbrannt stapfte Linda die Straße entlang und konnte gar nicht erwarten, die Uni immer weiter hinter sich zu lassen. Sie kämpfte gegen Tränen der Enttäuschung an und wollte gleichzeitig nicht, dass man ihr ansah, wie gekränkt sie war. Pia lief einige Meter hinter ihr. Sie wollte ihr Abstand lassen, aber sie auch trotzdem im Blick behalten. Schließlich kam Linda an der Bushaltestelle zu stehen und guckte ungeduldig in die Richtung, aus der ihr Bus kam, während sie immer wieder versuchte, die Tränen weg zu blinzeln.

„Sollen wir einen Abstecher in eine Bar machen oder vielleicht mal den Weg komplett zu Fuß zurücklegen?“, stellte Pia sich nur wenig später neben sie. Noch immer knirschte Linda mit den Zähnen und schnaubte. Sie musterte Pia, dann die anderen Leute an der Haltestelle.

„Ja, lass uns gehen“, presste sie heraus und stapfte wieder los. Offensichtlich waren es ihr bei näherer Betrachtung zu viele Menschen, die womöglich mitbekämen, wie sie doch noch losschluchzen würde. Dieses Mal ging Pia schneller, um mit ihr Schritt halten zu können.

„Ich hab mir so viel Mühe mit dem Pop-Up gegeben!“, fing Lindas Wut langsam an, sich ein Ventil zu suchen.

„Na ja, gesehen hat er es“, murmelte Pia und erntete einen eisigen Blick von Linda.

„Ja! Er hat es gesehen, die Stirn gerunzelt und mich hinterher gefragt, ob ich auch ein Handout ohne so viel Tamtam hätte!“, knurrte sie und ballte die Hände zu Fäusten. Pia schwieg. Sie hatte auch gehört, wie der Dozent zu Linda meinte, dass die Ausfertigung von Präsentationen und deren Handouts bekanntermaßen reglementiert sei. Ihm war die Irritation deutlich anzusehen gewesen, weil Linda, die sich sonst immer so kleinlich an die Vorschriften hielt, plötzlich versuchte, auf diese Weise herauszustechen.

„Deshalb wird er dir aber bestimmt keine schlechtere Note geben“, versuchte sie Linda zu beschwichtigen, was ihr allerdings nicht gelang.

„Das wäre auch noch der größere Witz! Inhaltlich gab es ja wohl nichts auszusetzen! Meine Präsentationen sind immer hervorragend; ich wollte einfach nur ein kleines Extra einbauen! Das war so viel Arbeit und der wertschätzt die nicht mal!“, zischte sie und Pia seufzte innerlich aus. In ihren Augen war Linda manchmal einfach zu verbissen bei der Sache. Sie nannte es "ein kleines Extra" und gleichzeitig dachte Pia daran, wie lange sie daran gesessen hatte, es anzufertigen. Für sie stand das in keiner Relation zu einander und sie konnte sich lebhaft vorstellen, dass Studenten wie Linda vielleicht sogar ein Grund waren, warum es gewisse Regeln zur Einheitlichkeit gab - schließlich sollte neben einer sauberen Präsentation doch vor allem deren Inhalt im Fokus stehen und es nicht zu einem Wettbewerb werden, wer die schönste Dekoration bastelte.

"Vielleicht solltest du überlegen, noch ein Designstudium anzuhängen. Da legen die bestimmt mehr Wert auf solche Extras", murmelte sie etwas gedankenverloren und presste sogleich die Lippen aufeinander, als Lindas wütender Blick sie traf. Den Rest des Weges verkniff Pia sich weitere Kommentare und hoffte, dass Linda der Fußmarsch gut täte, um ein wenig Dampf abzulassen.

7.4.2024: widmen

„Willst du sie eigentlich zurück?“, hatte Steffen geradeheraus gefragt und beobachtete nun Detlefs Reaktion. Ein gewisser Unwille lag in seinen Zügen, aber galt der Saskia, der Frage oder dem Fragenden selbst? Der Blonde verschränkte die Arme vor der Brust und stieß sich vom Tisch ab, an den er sich gerade erst gelehnt hatte.

„Was ist heute los mit dir? Erst die Aktion mit dem Foto, dann jetzt diese Frage – was soll das?“, ging er zu den Lebensmittelvorräten und fing an, sich der Vorbereitung des Abendessens zu widmen. Inzwischen hatten immer mehr frische Lebensmittel Einzug gehalten, genauso wie ausreichend Vorräte von Reis, Nudeln und anderem, um nicht alle zwei Tage frisch einkaufen zu müssen – obwohl ihm gerade das im Moment vielleicht sogar ganz lieb gewesen wäre, um der Situation zu entkommen.

„Ich hab mich nur gefragt, wohin das mit euch beiden eigentlich führen soll. Willst du wieder eine Beziehung mit ihr eingehen? Willst du nur mit ihr befreundet sein? Willst du so weit wie möglich gar keinen Kontakt mehr mit ihr? Was willst du?“, heftete Steffen seinen Blick auf Detlefs breites Kreuz, während der ihm den Rücken zudrehte und keine Anstalten machte, das zu ändern.

„Ich weiß, du bist ihr Cousin und du meinst es gut mit ihr. Und du weißt hoffentlich, wie dankbar ich für deine Hilfe bin, aber ehrlich gesagt: Das geht dich nichts an“, sagte Detlef und widmete sich den Vorratsdosen, um Pilze und Mais herauszusuchen. Er war es leid, dass ständig jemand aus der Familie oder dem Freundes- und Bekanntenkreis Fragen und Äußerungen zu seinem Liebes- und Arbeitsleben fallen ließ. Seit der Trennung und seinem Umzug schien jeder von ihm zu erwarten, dass er sich für seine Entscheidung rechtfertige oder sich ungefragt die Meinungen anderer anhörte.

Steffen schwieg. Er schwieg auch dann noch, als Detlef ihn fragte, ob sie noch irgendwo Curry hatten. Der Blonde seufzte aus und drehte sich endlich wieder zum Tisch um. Noch immer keine Antwort, sondern nur Steffens eiserner Blick.

„Tut mir leid, wenn dich das vor den Kopf gestoßen hat, aber das geht nur Saskia und mich was an. Also? Weißt du, ob wir noch Curry haben?“, lehnte Detlef sich an die Arbeitsplatte und stützte die Hände auf ihr ab. Steffen begann, mit dem Finger auf die Tischplatte zu tippen und nickte dann langsam.

„Im Kühlschrank“, murmelte er und erhob sich, während Detlef sich weiter ums Essen kümmerte. Er hielt kurz inne, als Steffen wieder in sein Zimmer verschwand. Ein wenig meldete sich das schlechte Gewissen und doch versuchte er sich zu sagen, dass er richtig gehandelt hatte – etwas, das ihn noch immer einiges an Überwindung und Überzeugungsarbeit kostete.

„Wenn zwischen Saskia und dir alles geklärt ist, störts dich ja auch nicht, dass sie wieder auf Dates geht, richtig?“, ertönte es plötzlich hinter ihm und er erschrak. Lag es daran, dass er Steffen nicht hatte zurückkommen hören oder an dem, was der gesagt hatte? Mit großen Augen starrte er Saskias Cousin an, während der sich neben ihn stellte und auf sein Handy schaute.

„Ich hatte nicht den Eindruck, dass ihr gerade viel Kontakt miteinander habt. Vielmehr hab ich den Eindruck, dass du ihr seit Wochen aus dem Weg gehst – was okay ist, wenn du das wirklich willst.“

Er hob den Blick und schaute Detlef fest an.

„Wenn du kein Interesse mehr an einer Beziehung mit ihr hast, bin ich damit völlig fein. Aber ich hab bei dir eher das Gefühl, dass du noch sehr viel für sie empfindest und gerade nicht merkst, wie dringend du ins Handeln kommen solltest, wenn du noch eine Chance bei ihr haben willst“, hielt er Detlef sein Handy unter die Nase und zeigte ihm den Teil des Chatverlaufs, in dem Saskia von der Verabredung erzählt hatte.

„Vielleicht trifft sie sich mit einer Freundin“, murmelte der heiser und räusperte sich.

„Wir… wir machen doch eigentlich nur eine Pause“, ließ er den Blick zu Boden wandern, als Steffen sein Handy wieder einsteckte.

„Hast du ihr das auch so gesagt?“, fragte der und Detlef hob leicht die Schultern.

„Ich hab ihr gesagt, dass ich gerade Zeit brauche, um herauszufinden, was ich will und dass ich mir über Vieles Gedanken machen muss, wie es weitergehen soll“, murmelte er.

„Klingt für mich nicht unbedingt nach einem Lass uns eine Pause machen, sondern eher nach einem Gut möglich, dass ich bei meiner Grübelei auch erkenne, dass es mit uns nicht mehr passt“, verschränkte Steffen die Arme vor der Brust und betrachtete mit strengem Blick, wie Detlef sich zum Stuhl schleppte und darauf nieder ließ. Er schüttelte den Kopf und rieb sich das Gesicht.

„Ich hab mich vielmehr gefragt, ob ich überhaupt noch der Mann bin, den sie will“, glich seine Stimme einem Flüstern. Steffen runzelte die Stirn. Er ging ihm nach und setzte sich ihm gegenüber.

„Wie meinst du das?“

Detlef schaute auf seine Hände, die er auf seinem Schoß ruhen ließ. Schwielig und kräftig waren sie geworden. Von dem angehenden Akademiker sah er längst nichts mehr beim Blick in den Spiegel.

„Na ja, ich hab mich in der letzten Zeit ziemlich verändert. Gut möglich, dass sie mich jetzt nicht mehr will… aber ich weiß nicht, wie gut ich damit gerade umgehen könnte. Weißt du… Ich wollte einerseits herausfinden, wer ich bin, aber andererseits dann auch zu ihr zurückkehren und ihr zeigen, dass ich endlich was aus mir gemacht hab. Dass auf mich Verlass ist und ich halt kein… Traumtänzer bin.“

Steffen rollte mit den Augen, als Detlefs Worte ihn an die Auseinandersetzung mit dessen Vater erinnerten.

„Inzwischen hab ich den Plan gefasst, dass ich nach Beginn der Ausbildung zu ihr gehe und ihr sage, dass ich nun ein Mann bin, auf den sie stolz sein kann. Dass ich vielleicht noch nicht allein für eine Familie sorgen, aber sie zumindest unterstützen kann. Dass es mir wirklich ernst ist mit dem, was ich jetzt beruflich mache", sprach Detlef weiter und einen Moment saßen die beiden Männer schweigend beieinander, um ihren Gedanken nachzuhängen. Dann runzelte Steffen plötzlich die Stirn und schaute Detlef irritiert an.

„Hast du gerade Familie gesagt?“, fragte er und hob die Augenbrauen, als Detlef leicht nickte.

„Wir hatten zuletzt viele Schwierigkeiten und müssen an der Beziehung arbeiten – auch ein Grund, warum ich dachte, dass uns etwas Abstand vielleicht ganz gut täte, um die Gemüter zu beruhigen – aber trotzdem stand für mich immer fest, dass sie die Frau ist, mit der ich mein Leben verbringen und eine Familie gründen will“, hob er den Blick zu Steffen, dem das Gesicht merklich entgleiste.

„Und hast du ihr das auch mal so gesagt?!“, rief er entgeistert aus – wohl wissend, wie unglücklich und unsicher Saskia durch Detlefs Verhalten war. Der aber schüttelte leicht den Kopf und rieb sich den Nacken. Nur langsam konnte er sich eingestehen, dass er bislang nicht den Mut aufgebracht hatte, ihr das alles zu sagen – aus Angst, völlig zu zerbrechen, wenn sie abgelehnt hätte auf ihn zu warten.

„Irgendwie hatte ich damals plötzlich das Gefühl, dass mir alles zu viel wird. Dass ich keine Luft mehr bekomme und weg muss, aber ich wollte auch nicht sang- und klanglos verschwinden und hab erst mal nur gesagt, dass ich Zeit für mich brauch“, zuckte Detlef die Schultern und Steffen betrachtete ihn. Er wusste noch gut, wie Saskia ihn nach der Trennung tränenüberströmt angerufen hatte und auch, was für ein Häufchen Elend Detlef an dem Abend gewesen war, an dem seine Eltern ihn rausgeschmissen hatten. So wütend ihn Saskias gebrochenes Herz auch gemacht hatte, war Detlef in seinen Augen eigentlich immer ein feiner Kerl gewesen – einer, der sich manchmal aber auch selbst im Weg stand, wie er damals schon vermutet hatte und auch jetzt wieder dachte.

„Ich glaub, ich hab nicht damit gerechnet, dass sie so schnell über mich hinweg kommt“, sprach der nun weiter und Steffen platzte der Kragen.

„Wie blöd bist du eigentlich?!“, fuhr er ihn an und schüttelte fassungslos den Kopf.

„Sie ist nicht über dich hinweg, sie hängt inzwischen seit gut vier Monaten in der Luft und fragt sich, wie es weitergehen soll! Du kriegst ja den Mund nicht auf, um das zu erzählen, was du mir gerade gesagt hast!“, stand er auf und stützte die Hände in die Hüften.

„Ja, die Situation ist schwierig für dich, aber hast du auch mal dran gedacht, wie es ihr geht? Sie hat dir sogar geholfen, als ihr schon auseinander ward. Du solltest eigentlich merken, wer dich unterstützt und mit wem du offen reden kannst. Also sprich auch mit den Menschen und warte nicht, dass sie deine Gedanken lesen! Und sprich vor allem endlich mit Saskia! Und wenn du sie nur bittest, auf dich zu warten! Zeig ihr, was sie dir bedeutet! Oder willst du ernsthaft warten, bis in ein paar Monaten die Ausbildung anfängt und sie bis dahin im Unklaren lassen? Ganz ehrlich? Das wäre nicht fair und wenn du das wirklich machst, vergess ich für einen Moment, dass ich dich eigentlich gut leiden kann!“, schnaubte Steffen aus und schloss dann erleichtert die Augen, als Detlef meinte „Du hast Recht“.

„Klar hab ich Recht“, murmelte er und setzte sich wieder.

"Ich hab gar nicht gemerkt, wie viel Zeit inzwischen schon vergangen ist", murmelte Detlef und verschränkte die Arme auf dem Tisch.

„Jap. Damits künftig besser läuft, nimm am besten den hier mit“, lehnte Steffen sich hinüber zu seiner Werkzeugkiste und zog einen Zimmermannshammer hervor, den Detlef irritiert musterte.

„Was soll ich damit?“

Steffen grinste und schob den Hammer über den Tisch.

„Gegen dein Brett vorm Kopf“.

8.4.2024: Kapitel

„Hast du das Kapitel schon gelesen?“, fragte Jasmin, als sie mit Sven im Wohnzimmer saß und ihre Unterlagen studierte. Die meisten ihrer Fächer und Module machten ihr Spaß, aber hier und da gab es auch kleine Ausnahmen, die ihr Interesse kaum wecken konnten oder bei denen die Literaturauswahl so dröge war, dass sie sich schwer mit der Bearbeitung tat – und genau so ein fades Buch hatte sie in digitaler Form gerade vor sich liegen. Sven schaute ihr über die Schulter auf den Laptop und nickte. Anfänglich hatte er sich mit dem Thema ebenfalls etwas schwer getan, aber nun ging er voll darin auf und konnte ihr einiges darüber berichten.

„Schau mal, wenn du es von der Seite betrachtest, ist das eigentlich sehr interessant...“, begann er und sprudelte sogleich los, was ihr ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Es tat gut, sich nicht allein da durch kämpfen zu müssen und sich sogar ein wenig von seinem Enthusiasmus mitreißen zu lassen. Allerdings unterbrach ihr Handy die Lerneinheit jäh und mit überraschtem Blick starrte Jasmin auf die eingegangene Nachricht.

„Was ist los, du guckst so überrascht?“, meinte Sven.

„Saskia fragt mich, ob ich heute mitkommen und ausgehen will“, antwortete sie verwundert. Mittlerweile hatten die beiden Frauen nicht nur Nummern ausgetauscht, sondern sich auch ein paar Mal getroffen; zumeist im Café oder in der WG. Es war das erste Mal, dass Saskia sie fragte, ob sie mit ihr um die Häuser ziehen wollte.

„Ich hätte gedacht, ich wäre ihr eine zu große Spaßbremse“, murmelte Jasmin und wiegte unschlüssig den Kopf.

„Hast du denn Lust darauf?“, fragte Sven und ein scheues Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

„Ja, eigentlich schon, das wäre mal was anderes“, entgegnete sie.

„Wär das denn okay für dich, wenn wir alleine losziehen?“

Sie spürte das schlechte Gewissen, weil Sven nicht gefragt worden war und hatte Sorge, dass er sich ausgeschlossen fühlte. Der aber winkte ab.

„Na klar ist das okay für mich!“, lachte er und ergänzte optimistisch: „Bestimmt fragt sie mich gleich ja auch noch, ob ich mitkomme.“

„Ganz bestimmt nicht – das soll ein Mädelsabend sein“, lautete allerdings Saskias Antwort, als sie zwei Stunden später auf der Matte stand, um Jasmin abzuholen und Sven noch immer auf eine Einladung von ihr wartete. Entrüstet guckte er sie an.

„Du willst mich nicht mit dabei haben?!“, sprach er fassungslos, was Saskia ihm mit einer zuckenden Augenbraue quittierte.

„Wie gesagt: Mädelsabend. Außerdem hast du doch eh nix mit Clubs am Hut!“, meinte sie und schüttelte erbarmungslos den Kopf, als Sven zum Protest ansetzte.

„Die Musik ist dir zu laut, die Luft zu stickig und auf tanzen hast du auch keinen Bock“.

Kleinlaut gab er zu, dass da vielleicht ein wenig was dran war und sie schmunzelte.

„Wir gehen demnächst mal wieder in die Bar und trinken ein Bierchen, was hältst du davon?“

Sogleich hellte sich Svens Miene auf und er war wieder zufrieden.

„Einverstanden!“, stemmte er zufrieden die Hände auf die Hüften und wünschte den beiden Frauen dann viel Spaß, ehe er sich in sein Zimmer zurückzog. Jasmin zeigte sich trotzdem etwas unsicher, weil sie ihn den Abend über allein ließen.

„Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben“, meinte Saskia, als sie die Tür hinter sich schlossen und durchs Treppenhaus gingen.

„Im Vorfeld ist er immer total begeistert, aber nach spätestens einer halben Stunde sitzt er nur noch gelangweilt irgendwo in der Ecke. Das haben wir schon oft genug ausprobiert“, hakte sie sich bei Jasmin unter und stellte ihr zu ihrer Überraschung kurz darauf zwei weitere Begleitungen vor.

„Das sind Pia und Linda, sie sind in meinem Kurs“, berichtete sie über die beiden Frauen, die unten vorm Haus warteten. Jasmin hatte sie zwar schon mal flüchtig gesehen, aber vor noch nicht direkt mit ihnen zu tun gehabt.

„Wo gehts denn heute hin?“, fragte sie, um sich die Verwunderung nicht anmerken zu lassen und ließ sich mit den Dreien mitführen, während Linda gefühlt eine Kneipentour durch die gesamte Stadt geplant hatte. Pia lachte darüber, als ihre Mitbewohnerin einen Barnamen nach dem anderen aufzählte und Saskia staunte.

„Da habt ihr euch ja was vorgenommen“, meinte sie mit einem Zwinkern.

„Unsere Einserschülerin braucht ein wenig Abwechslung“, flüsterte Pia ihr zu und grinste, während Linda Jasmin auf dem Handy zeigte, wo die Schankhallen zu finden waren.

„Wow, die meisten kenn ich noch gar nicht. Da bin ich gespannt!“, rief sie aus und kannte viele nicht einmal vom Namen her.

„Ich geh ja meist hier hin!“, deutete Saskia auf einen der Schenken und eine kurze Diskussion entbrannte, welche Kneipe die beste wäre. Sie endete in großem Gelächter und der einstimmigen Erkenntnis, dass es wohl vor allem auf die Gäste des Abends ankäme.

„Vor ein paar Wochen hab ich im Marktkrug einen netten Typen kennengelernt, aber die letzten vier Male war da da gar nichts los“, wusste Pia zu berichten, was Linda für eine andere Bar zu bestätigen wusste.

„Oh, also das meintest du mit Mädelsabend?“, fragte Jasmin hingegen leise an Saskia gewandt, die mit einem kurzen Nicken antwortete.

„Gute Musik, leckere Drinks, viel Spaß und idealerweise ein paar nette Männer dabei“, meinte sie und legte den Arm um Jasmins Schulter, als die etwas verunsichert wirkte. Sie ahnte, was der gerade durch den Kopf ging und wollte ihr jetzt helfen, die Zweifel so beiseite zu schieben, wie sie es vorher bei sich selbst getan hatte.

„Ich finde, es wird Zeit, dass wir ein neues Kapitel aufschlagen, meinst du nicht auch?“, fragte sie, aber ehe Jasmin etwas darauf sagen konnte, ertönte Pias Ausruf, dass sie die erste Kneipe erreicht hatten.

9.4.2024: düster

Trotz der zwitschernden Vögel, die durchs Fenster zu hören waren, hätte dieser Morgen für Saskia wohl kaum düsterer beginnen können. Unter tiefem Knurren presste sie die Augenlider zusammen und vergrub das Gesicht im Kissen. Sie fühlte sich, als wäre ein LKW über ihren Kopf gefahren und jede kleine Bewegung brachte ihn mehr zum Pochen und Schmerzen. Im Zeitlupentempo hob sie die Hand und legte sie an die Schläfe; leise Flüche murmelnd, während ihre Kehle so trocken und heiser war, dass sie kaum ihre Stimme fand.

Nie wieder Alkohol, dachte sie beim pelzigen Geschmack auf ihrer Zunge und presste die Brauen zusammen, als sie den ersten Versuch startete, die Augen zu öffnen. Sie lag zwar mit dem Rücken zum Fenster, aber trotzdem war der Raum so von Licht durchflutet, dass es ihr sogleich weiteren Schmerz durch den Kopf jagte. Ein erneutes Knurren und sie presste die Hand auf die Augen.

Mich hat ne Herde Elefanten über den Haufen getrampelt. Sie versank in Selbstmitleid und versuchte, ihre Gedanken und Erinnerungen zu sortieren. So einen Kater hatte sie ja noch nie erlebt…

Unter leichtem Seufzen ging es an den nächsten Versuch und dieses Mal schaffte sie es wenigstens, kurz das Zimmer um sich herum zu mustern, ehe sie wieder ins Kissen sank.

Schlafzimmer, dachte sie und war erleichtert, sich nicht im Bad auf dem Boden oder unter irgendeinem Barhocker wieder zu finden. Gleichzeitig wusste sie aber auch nicht, ob sie sich darüber freuen sollte, in ihrem eigenen Bett zu liegen, als sie merkte, dass sie unter der Bettdecke beinahe nackt war. Hatte sie sich selbst ausgezogen oder war jemand bei ihr gewesen? Und wenn sie jemand begleitet hatte: Wer war es dann gewesen? Sie wusste ja nicht einmal mehr, wie sie zurück nach hause gekommen war und spürte bei diesem Gedanken einen Kloß im Hals.

So was machst du nie wieder, beschwor sie sich nochmals und versuchte sich darauf zu konzentrieren, dass der Tag noch viel düsterer hätte starten können. Lieber wollte sie versuchen, sich den vorherigen Abend ins Gedächtnis zu rufen. Grübelnd richtete sie den Blick an die Zimmerdecke. Bruchstückhaft tauchten Erinnerungsfetzen vor ihr auf, aber sie waren alle zusammenhangslos. Zusätzlich dieses unterschwellige Brummen, das durch die Tür an ihr Ohr drang. Wie sollte man sich denn dabei konzentrieren?! So schnell, wie ihre Wut aufflammte, verschwand sie aber auch wieder, als Saskia bewusst wurde, dass das Brummen von ihrer Kaffeemaschine stammte. Jetzt nahm sie auch den typischen Geruch bewusster wahr und hörte das Klappern von Geschirr. Der Kloß in ihrem Hals wurde zu einem Stein in ihrem Magen.

Wer ist da in meiner Wohnung?, schoss es ihr durch den Kopf und sie versuchte, sich mit der Vorstellung zu beruhigen, dass eine ihrer Freundinnen über Nacht geblieben war. Ihr drängte sich aber auch eine andere Möglichkeit auf und die gefiel ihr ganz und gar nicht – weder die Vorstellung daran, noch, sich jetzt mit dem unerwünschten Gast auseinandersetzen zu müssen. Trotz der Unsicherheit, wer da gerade in ihrer Küche stand, hoffte ein Teil von ihr, dass diese Person sich nach der Tasse Kaffee einfach davonmachen würde. Aber kaum hatte Saskia diesen Gedanken beendet, hörte sie die Bodendiele im Flur knarren und das passierte eigentlich nur beim Weg von der Küche ins Schlafzimmer oder das Bad. Alarmiert wühlte sie sich unters Kissen und stellte sich schlafend. Nur durch eine kleine Ritze hatte sie Ausblick auf die Tür, in der zwei nackte Füße erschienen. Waren sie zierlich und vielleicht sogar lackiert? Nein. Sie waren kräftig und ebenso muskulös wie die behaarten Waden, die daran anschlossen. Nur schwerlich konnte sie sich ein Seufzen verkneifen. Wer war der Kerl, der scheinbar nicht viel mehr als eine Boxershorts trug?

„Verdammt!“, schoss es ihr durch den Kopf. Ein wenig Spaß und Ablenkung hatte sie haben wollen, aber bestimmt nicht in diesem Ausmaß und auf diese Weise! Sie fühlte sich erbärmlich und hoffte noch immer, dass der Typ jetzt bald verschwand.

Hoffentlich legt er sich jetzt nicht wieder her, dachte sie und konnte erkennen, wie er näher an ihr Bett herantrat. Er stellte ein Glas Wasser auf den Nachttisch, sodass sie einen Blick auf seine Uhr erhaschen konnte. Sie war durch und durch aus Metall und die Glieder des Armbands einzeln gefertigt. Die Uhr war ansprechend, aber auch an vielen Armgelenken zu sehen. Noch immer hatte sie also keinen richtigen Hinweis, wer sich gerade zu ihr auf die Bettkante setzte und sich den Kaffee schmecken ließ.

Verschwinde doch endlich!, wollte sie am liebsten herausrufen und ermahnte sich selbst zur Ruhe.

Bestimmt verschwindet er gleich. Rühr dich einfach nicht, überlegte sie, aber dieses Vorhaben war leichter gedacht als umgesetzt, wenn einem der Kaffeegeruch immer penetranter in die Nase stieg. Wie konnte etwas an anderen Tagen so verführerisch duften und jetzt der Ekel in der Tasse sein?

„Oh Gott, nimm das Zeug weg, mir wird schlecht!“, brummte sie schließlich und drückte sich die Hand auf den Mund. Durch das Kissen konnte sie gedämpft sein Kichern hören.

„Na? Endlich wach?“, stand er auf und sie riss erschrocken die Augen auf, nur, um sie sogleich wieder zusammen zu pressen, als der nächste Schmerz zündete. Zögerlich kam sie so weit unter dem Kissen her gekrochen, dass sie ihren Gast gerade noch aus der Tür verschwinden sah.

„Wie viel hab ich getrunken, verflucht?!“, starrte sie ihm fassungslos nach und zweifelte selbst dann noch an ihrem Verstand, als er kurz darauf mit einem weiteren Glas Wasser in der Hand wieder vor ihr stand.

„Guten Morgen, oder sollte ich eher sagen: Guten Nachmittag?“, grinste er und kam – tatsächlich nur in Boxershorts gekleidet – auf sie zu.

„Detlef?!“, fiel ihr alles aus dem Gesicht und selbst nach mehrmaligem Blinzeln wurde sein Gesicht kein anderes. Sie versuchte sich aufzurichten und rutschte weiter ans Kopfende des Bettes, damit es ihrem Rücken Halt gab.

„Wie fühlst du dich?“, nahm er wieder auf der Bettkante Platz und reichte ihr das Glas vom Nachttisch, aber Saskia beachtete es gar nicht.

„Sag mir mal lieber, was du hier machst“, antwortete sie fast lautlos und wusste immer weniger, was sie denken sollte. Das Lächeln verschwand zwar nicht ganz aus Detlefs Gesicht, aber es wurde merklich kleiner.

„Steffen hat mir gestern mächtig den Kopf gewaschen und dann bin ich her gekommen, um mit dir zu reden. Ich wollte das nicht am Handy machen“, stellte er das ignorierte Glas zurück und nippte stattdessen an seinem eigenen. Saskia erinnerte sich endlich an etwas.

„Ja, du hattest mir geschrieben, wo ich bin“, murmelte sie und griff ihr Handy.

„Aber ich hab dir gar nicht geantwortet“, öffnete sie den Chatverlauf und guckte Detlef dann irritiert an.

„Woher hast du gewusst, wo ich bin? Hast du vor der Tür gehockt, bis ich nach hause kam?“

Er schmunzelte leicht.

„Das hatte ich tatsächlich erst vor, aber dann hab ich Sven aus dem Bett geklingelt. Du… hattest Steffen ja erzählt, dass du ausgehen wolltest und ich dachte, vielleicht weiß Sven was dazu“, meinte Detlef und fuhr mit dem Zeigefinger über den Rand seines Glases.

„Du meinst wohl vor allem, ob er wusste, mit wem ich ausgehe“, knurrte Saskia und Detlef senkte den Blick. Sie wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte, aber ein Teil von ihr war auch froh, dass er jetzt neben ihr saß und nicht irgendein anderer Mann. Trotzdem war noch vieles unverständlich.

„Aber wir waren in zig Bars. Woher wusste er...“, murmelte Saskia, als ihr die Lösung selbst einfiel: Jasmin. Detlef grinste wieder.

„Genau genommen hat er nicht sie angeschrieben, sondern umgekehrt“, kratze er sich an der Wange und konnte sich das Lachen kaum verkneifen.

„Hä?“

„Linda, Pia und du wart voll wie die Haubitzen und Jasmin wusste nicht, wie sie euch nach hause kriegen soll. Also hat sie Sven angerufen, um ihr zu helfen. Der war schon auf dem Weg in den Tempelbrunnen, als ich mich bei ihm meldete und ich glaub, am Ende waren beide ganz froh, dass mithelfen konnte, euch heile von dort weg zu bringen. Pia war so blau, dass sie im Stehen einschlief und Jasmin sie kaum halten konnte, Sven musste so tun, als wäre er Lindas Freund, weil sie die ganze Zeit mit einem Typen knutschen wollte, den wir alle nicht kannten und du hast pausenlos was von Karaoke geschrien“.

Saskias Kopf wurde hoch rot und sie zog die Decke bis ans Kinn. Jetzt brauchte sie doch einen großen Schluck Wasser.

„Stimmt, du hast mich Huckepack zum Auto getragen“, erinnerte sie sich und er nickte.

„Zum Glück habt ihr mir nicht auf die Rückbank gereiert; ich glaub kaum, dass Steffen das lustig gefunden hätte“, meinte er und nickte, als Saskia fragte, ob alle heile angekommen waren.

„Sven musste zwar laufen, weil zu wenig Platz im Auto war, aber der hatte es zum Glück nicht weit. Ich hab vorhin kurz mit ihm telefoniert; Jasmin gehts gut und sie meinte, dass die anderen beiden Mädels sich wohl auch schon bei ihr gemeldet hatten“, erzählte er und Saskia schaute wieder auf ihr Handy.

„Ja, Pia hat mich auch schon angeschrieben… scheinbar hab ich nicht als Einzige einen dicken Kater“, murmelte sie zerknautscht, wobei Detlef sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte, aus dem ein Lächeln wurde, als Saskia sich für seine Hilfe bedankte. Das Gespräch wurde für sie zunehmend zur Erleichterung, aber trotzdem war noch nicht geklärt, warum sie beide jetzt halbnackt beieinander saßen. Statt lange herum zu drucksen, entschied Saskia, es offen anzusprechen.

„Haben wir etwa…“, setzte sie an und schaffte es dann doch nicht in einem Anlauf.

„Miteinander geschlafen?“, zog Detlef die Augenbrauen hoch und fing lauthals an zu lachen, als sie nickte.

„Himmel, du hast ja wirklich einen riesigen Filmriss!“, tätschelte er ihr leicht die Hand und schüttelte den Kopf.

„Nein, bei aller Liebe! So verführerisch du als Schnapsleiche auch warst…“, schmunzelte er und dachte daran, dass sie ihm sogar ein entsprechendes Angebot gemacht hatt. Aber das behielt er für sich, um sie nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen.

„Du hast Steffens Auto zwar verschont, aber auf dem Weg zur Wohnungstür hast du`s dann geschafft uns beide voll zu kotzen“, wurde aus dem Schmunzeln ein schiefes Grinsen und Saskia rieb sich bei dem Gehörten peinlich berührt das Gesicht.

„Also haben die Nachbarn das auch noch mitbekommen“, murmelte sie und er zuckte die Schultern.

„Keine Ahnung, ob sie um halb vier nachts an der Tür gelauscht haben, aber gesehen hab ich keinen. Danke übrigens auch; ich wollte schon immer mal um die Uhrzeit das Treppenhaus putzen“, neckte er sie und lachte wieder, als Saskia sich nach vorn sinken ließ, um das Gesicht ins Kissen zur drücken.

„Was kommt als nächstes?“, jammerte sie kleinlaut und machte sich auf weitere peinliche Geschichten gefasst, aber Detlef strich ihr sanft über den Rücken und konnte sie beruhigen.

„Das wars. Ich hab dich ins Bett verfrachtet, unsere dreckigen Klamotten in die Waschmaschine geschmissen und den Rest der Nacht hast du dann engelsgleich geschlafen und geschnarcht“, grinste er und nahm die Hand weg, als Saskia den Kopf wieder hob, um ihn anzuschauen.

„Hast du auf der Couch geschlafen?“, wollte sie wissen, aber er verneinte.

„Ich hab auf dem Sessel gepennt“, deutete er zur Ecke neben dem Kleiderschrank und stand auf, um zu prüfen, ob seine Kleider inzwischen getrocknet waren. Saskia runzelte die Stirn und musterte ihn.

„Moment mal“, meinte sie und er schaute sie fragend an.

„Hast du etwa die ganze Zeit wach gesessen und auf mich aufgepasst?“

Wieder grinste er und schüttelte den Kopf.

„Nicht die ganze Zeit. Solange du geschnarcht hast, konnte ich ja dösen", zwinkerte er und spielte die Sorge herunter, die ihn die Nacht über begleitet hatte. Bei genauerem Hinsehen fielen Saskia allerdings seine Augenringe auf und mit einem Räuspern musste sie die aufkommende Rührung verscheuchen.

„Im Kleiderschrank sind übrigens noch ein paar Sachen von dir", meinte sie rasch und deutete auf das obere Fach.

„Oh", holte Detlef seine Kleidung heraus und war überrascht, dass Saskia sie in der Zwischenzeit noch nicht entsorgt hatte.

„Danke fürs Aufheben“, lächelte er, doch das Strahlen verschwand jäh, als er ihren betretenen Gesichtsausdruck sah. Sie rieb sich die Augen und schluckte.

"Na schön, nachdem wir das alles geklärt haben, bist du mir aber immer noch eine Erklärung schuldig. Was ist so wichtig, dass du dafür extra hergefahren bist?"

10.4.2024: Sommerfrische - Archiv

Jasmin schloss die Augen und sog die salzige Luft tief in ihre Lunge, um sie dann mit einem langen Seufzen wieder auszuatmen.

„Es tut so gut, hier zu sitzen“, sprach sie leise und blinzelte unter ihrem Sonnenschirm hinweg zur Sonne hinauf. Es war ein herrlicher, wolkenloser Tag mit brütenden Temperaturen in der Stadt, aber einer angenehm frischen Brise am Strand.

„So stell ich mir das vor, wenn meine Großeltern erzählen, dass sie früher zur Sommerfrische ans Meer gefahren sind“, meinte Sven und machte es sich neben ihr auf dem Handtuch gemütlich. Jasmin schmunzelte. Sie war nicht die Einzige, die manchmal veraltete oder unübliche Begriffe nutzte.

„Meinst du, von unseren Kommilitonen weiß jemand etwas mit dem Begriff Sommerfrische anzufangen?“, fragte sie und Sven grinste.

„Die halten das vermutlich für ein Waschmittel!“.

Beide lachten und freuten sich über diesen freien Tag voller Erholung und Entspannung.

„Bin ich froh, gestern nicht so viel getrunken zu haben“, legte Jasmin sich hin und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Sven nickte.

„Das war so schon das reinste Himmelfahrtskommando, euch alle wieder einzusammeln.“

„Tut mir leid, dass ich dich geweckt hab.“

Sven machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Schon okay, ich finds besser, dass du mich um Hilfe gebeten hast, als das irgendwie allein auf die Reihe kriegen zu wollen. Ich glaub ja, ohne Detlef wären wir sogar zu zweit ziemlich aufgeschmissen gewesen“, ließ er den Blick auf dem Meer ruhen und sah aus dem Augenwinkel Jasmins Nicken.

„Stimmt. Ich hatte den Eindruck, dass er schon Übung damit hat, so souverän, wie er war“, meinte sie und Sven grinste schief.

„Er musste ja auch nicht Linda von dem Kerl wegzerren“.

Jasmin schmunzelte, der Anblick war wirklich einmalig gewesen.

„Ich hätte mich aber auch nicht wohl damit gefühlt, sie dort allein zurück zu lassen oder in dem angeheiterten Zustand sogar mit ihm mitgehen zu lassen. Die können sich ja noch mal treffen, wenn sie nüchtern sind“.

„Stimmt“, bestätigte Sven und setzte sich in den Schneidersitz.

„Bin mal gespannt, ob wir Detlef heut noch zu Gesicht bekommen, ehe er wieder zurück muss. Was für eine Aktion! Fährt der mal eben zweieinhalb Stunden hierher, um gefühlt einen halben Tag zu bleiben und dann wieder abzuhauen, weil er ja morgen zur Arbeit muss“, konnte er noch immer nicht ganz fassen, seinen Kumpel letzte Nacht plötzlich am Handy und dann vor sich stehen gehabt zu haben.

„Na ja, zwei, drei Stunden Autofahrt sind eigentlich ganz gut machbar, aber um die Uhrzeit…“, schüttelte Jasmin leicht den Kopf und war wenig verwundert, als Sven meinte, dass Detlef solche Aktionen auch schon mal in der Vergangenheit gebracht hatte.

„Spontan auf ein Festival zum Beispiel. Aber dann war das in den Ferien und deutlich stressfreier“, erzählte er und ließ den Blick über den Strand schweifen.

„Hat er dir was Näheres erzählt, warum er so plötzlich hergekommen ist? Und auch generell, wie es ihm jetzt geht?“, fragte Jasmin, aber Sven schüttelte den Kopf.

„Nein, nicht so direkt. Wir haben nur kurz gesprochen. Er meinte, dass er was mit Saskia klären muss, aber worum es genau geht, weiß ich nicht. Die Tage wollen wir mal wieder länger quatschen und dann erzählt er mir hoffentlich ein bisschen mehr. Aber ich weiß zumindest schon mal, dass er inzwischen in einer Schreinerei arbeitet und das scheint ihm echt gut zu gefallen.“

"Das freut mich für ihn", lächelte Jasmin und musterte dabei Sven, dem es mittlerweile deutlich leichter zu fallen schien, dass er Detlef nicht mehr täglich um sich hatte. Dessen Erscheinen und die kurzen Gespräche mit ihm hatten ihren Mitbewohner zwar gefreut, aber die anfängliche Niedergeschlagenheit schien verschwunden und das machte sie froh.

„Ja, ihm gehts merklich besser und ich glaub inzwischen auch, dass er im Studium einfach nicht glücklich geworden wäre... Oh, da hinten ist ein Eisstand!“, rief er plötzlich aus und schwang sich auf die Füße.

„Willst du auch eins?“

Jasmin schüttelte den Kopf.

„Aber falls die auch kalte Getränke haben, kannst du mir davon gern was mitbringen“, meinte sie und schaute ihm nach, wie er in kindlicher Vorfreude zu der Holzbude hinüberlief.

10.4.2024: Tulpenfeld

„Was hältst du davon, wenn du erst mal richtig in den Tag startest? Nimm eine Dusche, werd richtig wach und in der Zwischenzeit organisier ich uns was zu essen. Danach unterhalten wir uns dann in Ruhe. Einverstanden?“

Detlef schlüpfte in seine Kleidung und schenkte Saskia ein Lächeln. Sie war mit dem Vorschlag nicht so richtig zufrieden, wollte sie doch endlich wissen, was er Wichtiges mit ihr zu bereden hatte. Andererseits war es vielleicht wirklich nicht verkehrt, den Kater erst noch etwas los zu werden. Mit Brummschädel ließ es sich schließlich weder gut diskutieren noch zuhören. Zumal sie sich eingestehen musste, dass ein kurzer Moment der Vorbereitung nicht schaden konnte; sacken lassen, was in den vergangenen Stunden gewesen war und mit einer anderen Verfassung in das ausstehende Gespräch gehen.

„Na schön“, nickte sie also und schälte sich aus dem Bett.

„Gehts?“, bot Detlef ihr seine Hilfe an, aber sie lehnte ab. Ihr Stolz zwang sie, erhobenen Hauptes ins Bad zu schleichen, selbst wenn sie dabei doch aufpassen musste, die Füße gerade voreinander zu setzen.

„Also bis gleich“, meinte Detlef und griff sich seine Geldbörse vom Küchentisch.

„Du kannst meinen Wohnungsschlüssel mitnehmen“, rief Saskia ihm zu und schloss die Badezimmertür hinter sich. Kurz darauf hörte sie, wie auch die Wohnungstür ins Schloss fiel. Auf einmal fühlte sich die Situation unwirklich an und sie spürte die Einsamkeit. Der Anblick, der ihr der Spiegel bot, war schier erschreckend: Ihre Haare sahen aus wie ein geplatztes Kissen, das Make-Up war verschmiert, sie schien um Jahre gealtert. Kurz ließ sie den Kopf hängen und schüttelte ihn, dann schleppte sie sich unter die Dusche und genoss das erfrischende Nass. Sie ließ sich Zeit, schloss immer wieder die Augen und ließ sich das Wasser über das Gesicht laufen, bis sie sich nicht mehr fühlte, wie der Tod auf zwei Beinen. Die brünetten Haare in einen Turban gewickelt, schlüpfte sie in frische Unterwäsche und ihren Bademantel. Beim Verlassen des Bades war Detlef noch nicht zurück. Sie trat in die Küche, sah auf dem angrenzenden Balkon den Wäscheständer und neben der Kaffeemaschine eine Vase mit Tulpen. Es versetzte ihr einen Stich. Langsam ging sie auf die Vase zu und strich seicht über die roten Blütenblätter. Die Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie an die Bedeutung dieser Blumen dachte: Vor zwei Jahren war sie mit Detlef in den Niederlanden gewesen, an einem riesigen Tulpenfeld, das in den buntesten Farben leuchtete. Damals hatte sie ihm gesagt, dass sie davon träumte, irgendwann einmal ein Haus mit Garten zu haben und dort ganz viele Tulpen zu pflanzen. Gemeinsam mit ihm.

11.4.2024: knallig

Mit einem tiefen Seufzen fuhr Andreas an diesem Abend in seine Einfahrt und steuerte die Garage an. Das Auto seiner Frau stand bereits geparkt und als er sein Fahrrad daneben schob, merkte er die Wärme, die der Wagen noch ausstrahlte. Sie war also auch gerade erst von der Arbeit gekommen.

„Da freut sich jetzt bestimmt noch jemand so sehr auf die Couch wie ich“, murmelte er und warf seinen Helm in den Fahrradkorb. Als er das Garagentor schloss, war von Ruhe und Frieden allerdings nicht viel zu hören, schon von draußen war das Gezänk nicht zu ignorieren.

„Was ist denn jetzt schon wieder los?“, verdrehte er die Augen und ging ins Haus. Seine Tochter war gerade in der Pubertät und fast täglich gab es diese Reibereien. Es war also nichts Neues, aber anstrengend war es trotzdem.

„Bin wieder da!“, rief er ins Treppenhaus, aber das Gezeter wurde dadurch nicht leiser. Er folgte ihm in die Küche und dachte, ihn träfe der Schlag.

„Wie siehst du denn aus?“, starrte er seine Tochter mit weit aufgerissenen Augen an: Ihre Haare waren in ein knalliges Pink getüncht, das um die Wette mit ihrer knallengen Hotpants strahlte. Einzig ihr schwarzes Top schien einem keinen Augenkrebs zu verursachen.

„Wieso stellt ihr euch eigentlich so an?!“, keifte seine Tochter los und schnell war ihm klar, woher dieses Mal der Streit kam.

„So gehst du nicht aus dem Haus! Zieh dir was Vernünftiges an und die Farbe kommt auch aus den Haaren raus! Du bist erst 13!“, wetterte seine Frau und stützte die Hände auf die Hüften. Sie war so gnadenlos, dass es Andreas fast leid tat, als er die Tränen in den Augen seiner Tochter sah.

„Na ja, wir waren auch mal jung“, murmelte er, obwohl er alles andere als begeistert von dem knappen Outfit seiner Tochter war. Hatten sie damals nicht ähnliche Unterhaltungen mit ihren Eltern gehabt? Seine Frau aber sah ihn giftig an.

„Unterstütz mich lieber!“, zischte sie, aber offensichtlich hatte seine Tochter die Nase voll von der Diskussion. Ohne ihrer Mutter noch eine Beachtung zu schenken, drängte sie sich an Andreas vorbei aus der Tür und rannte auf ihr Zimmer.

„Wir sind noch nicht fertig!“, schrie seine Frau ihm hinterher, aber als Antwort gab es nur die zufliegende Zimmertür.

„So hab ich mir den Abend nicht vorgestellt“, seufzte Andreas und seine Frau pflichtete ihm bei. Dann aber schmunzelte er und sie schaute ihn irritiert an.

„Was ist?“, fragte sie und er meinte: „Weißt du noch, wie du damals manchmal rumgelaufen bist, als wir uns in der Oberstufe kennen lernten?“

Bei genauerer Betrachtung war sehr deutlich, wo seine Tochter die Liebe für modische Entgleisungen her hatte.

12.4.2024: Tüll

Ariane stand vor dem bodentiefen Spiegel und ließ den Blick kritisch über ihr Spiegelbild wandern, während die Verkäuferin des Klamottenladens an ihr herumzupfte und sich schließlich mit einem begeisterten Lächeln an Arianes Mutter wendete.

„Sie sieht wirklich zauberhaft aus!“, rief sie aus und betrachtete ihr Werk. Nun fehlten nur noch die passenden Schuhe zu dem Kleid und das Gesamtbild wäre perfekt.

„Ich hab da schon was im Sinn… einen Moment, ich hole sie schnell“, verschwand sie in die Schuhabteilung und Ariane seufzte aus.

„Wie gefällt es dir?“, trat ihre Mutter näher an sie heran und legte die Hände auf Arianes freie Oberarme. Noch immer musterte die junge Frau sich kritisch und schaute ihre Mutter dann über den Spiegel hinweg an.

„Mag ja sein, dass das Kleid ein "Traum in Tüll“ ist, aber ich fühl mich, als wäre ich in Zuckerwatte gefallen. Das helle Rosa, dazu dieses Aufgeplüschte vom Tüll…“, schürzte sie die Lippen und schüttelte den Kopf. Ja, es war ihr großer Abend; der Abschluss nach so vielen Jahren Büffeln und Lernen, aber sie fühlte sich nicht wie auf dem Weg zum Abiball, sondern wie eine verunglückte Brautjungfer.

„Hatte ich schon befürchtet, dass es dir nicht gefällt. Ich kenn dich ja“, zwinkerte ihre Mutter und Ariane lächelte schief.

„Na ja, einen Versuch wars wert, mich auch mal an so was heran zu trauen“, zuckte sie die Schultern und bat ihre Mutter, den Reißverschluss zu öffnen.

„Was Schlichtes ist doch auch okay, oder?“, war trotzdem ein leichtes Zweifeln in ihrer Stimme zu hören. Immerhin war das ihr großer Tag…

„Schlicht kann auch sehr chic aussehen und was am wichtigsten ist: Du musst dich wohl fühlen. Sonst vermasselt dir dein Outfit den ganzen Abend und du wirst nicht daran zurückdenken, wie viel Spaß du auf der Feier hattest, sondern daran, wie unwohl du dich gefühlt hast“, meinte ihre Mutter und Ariane nickte.

„Ja, du hast Recht“, ging sie in die Umkleidekabine und zog sich wieder um. Von draußen hörte sie die verdutzte Stimme der Verkäuferin, die gerade mit den Schuhen zurück war und versuchte, Arianes Mutter davon zu überzeugen, dass ihre Tochter unbedingt das Kleid nehmen solle. Auch andere Abiturientinnen seien in den vergangenen Tagen bereits da gewesen, um sich einzukleiden. Sie alle hätten rauschende und pompöse Kleider ausgewählt, beschwor die Verkäuferin sie, aber mit Erleichterung sah Ariane das Kopfschütteln ihrer Mutter.

„Die anderen sind egal. Wichtig ist, was meine Tochter sich wünscht und die möchte gerne etwas Schlichteres“.

13.4.2024: korrigieren

„Ich hab einen großen Fehler gemacht und möchte versuchen, ihn zu korrigieren.“

Detlef blickte auf sein Glas und suchte offenbar nach den richtigen Worten. Bereits während der Fahrt hatte er sich den Kopf darüber zerbrochen, bei der Wache an Saskias Bett erst recht und auch, als er zur Dönerbude gegangen war, um ihnen ein schnelles Mittagessen zu holen – aber trotzdem war er noch immer unsicher, wie er seine Gedanken und Gefühle formulieren sollte.

„Ich glaub, es wirkte so, als wolle ich unsere Beziehung beenden, aber das stimmt nicht. Ich brauchte zwar Zeit, um mir über einige Sachen klar zu werden, aber dass ich mit dir zusammen sein will, stand für mich nie zur Frage“, hob er den Blick zu Saskia, die ihm gegenüber am Küchentisch saß; ein Bein angewinkelt und ihre Teetasse in beiden Händen, als wolle sie sich daran festklammern.

„Du hast damals selbst gesagt, dass wir erst einmal getrennte Wege gehen und uns auf uns selbst konzentrieren sollten“, sagte sie in einem Ton, der versuchte sachlich zu sein und doch ihren Schmerz widerspiegelte. Detlef nickte erst, dann schüttelte er den Kopf.

„Ich weiß und das war selten dämlich von mir formuliert!“. Er seufzte und schaute wieder auf sein Glas. Es fiel ihm schwer sie anzugucken und zu sehen, wie sehr er sie verletzt hatte.

„Ich wollte nur eine Trennung auf Zeit, eine Pause, aber niemals, dass wir komplett getrennte Wege gehen“, murmelte er und schloss für einen Moment die Augen.

„Warum hast du das dann nicht einfach gesagt? Du hättest mich einfach bitten können, auf dich zu warten und das hätte ich getan, dafür müsstest du mich eigentlich gut genug kennen!“, meinte Saskia, der es zunehmend schwerer fiel, ruhig da zu sitzen und ihn anzuschauen. Sie lehnte sich auf dem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. All die Wut und Trauer, die sich in den vergangenen Wochen angestaut hatten, waberten unter der Oberfläche und pochten zunehmend darauf, auszubrechen. Sie wollte aber auch endlich verstehen, was ihn umtrieb und vor allem, wohin es für sie beide nun gehen sollte.

Detlef rieb sich das Gesicht.

„Weil ich ein Idiot war“, antwortete er und sein Blick streifte die Tulpen neben der Kaffeemaschine.

„Mit etwas Abstand ist das jetzt so viel leichter, mir bewusst zu machen, dass ich dich vor vollendete Tatsachen gestellt hab, aber damals…“. Er stand auf und versuchte seine Lungen zu füllen, als ein Gefühl der Beklemmung ihn übermannte.

„Was war damals?“, zischte Saskia harscher als gewollt und erkannte erst dann die aufkommende Unruhe in Detlefs Gesicht. Er stützte die Hände auf die Hüften und atmete stockend aus.

„Ich hatte das Gefühl zu ersticken“, sagte er heiser und räusperte sich.

„Ich… fühlte mich eingezwängt. In etwas hinein gepresst, das ich nicht wollte und als würde ich immer mehr darin versinken, wenn ich nicht schnellstens die Reißleine ziehe. Ich musste erst mal weg von diesen Zwängen und diesen… diesen Ketten“, rieb er sich die Brust und wanderte ziellos im Raum umher.

„Mir ist das alles über den Kopf gewachsen. Ich hab es nicht mehr ausgehalten“.

Er schaute zu Saskia und erschrak bei ihrem gebeutelten Blick. Sie kämpfte zwar gegen die Tränen, aber ihre Augen waren glasig und ihre Unterlippe zitterte. Sie wendete sich ab, als er eine Hand beschwichtigend hob.

„Nein, ich meinte in erster Linie die Uni und meine Eltern, aber nicht unsere Beziehung!“, ging er auf sie zu und hob hilflos die Schultern. Er wollte nicht noch mehr Missverständnisse zwischen ihnen säen.

„Trotzdem... []In erster Linie… und in zweiter?“, sprach sie leise und ließ den Blick auf Detlef geheftet, selbst wenn ihr gerade danach war, das Gespräch zu verlassen, um sich wieder mehr zu sammeln.

„Ich glaube, ich hatte Angst, dass ich unsere Beziehung komplett vor die Wand fahre, wenn ich sie jetzt auch noch mit dieser… dieser Selbstfindungsphase belaste“, ging er unschlüssig zu seinem Stuhl zurück, aber statt sich zu setzen, stützte er die Hände auf die Rückenlehne.

„Du hast ne Trennung für sinnvoller gehalten, anstatt dass wir das gemeinsam durchstehen und zusammen daran arbeiten?!“, rief Saskia aus und war dieses Mal diejenige, die es nicht auf dem Stuhl hielt.

„Ich wäre für dich da gewesen! Ich hätte dich unterstützt! Ich… ich bin damals sogar mit hierher gezogen, um bei dir zu sein!“

Detlef nickte.

„Ja und genau das wollte ich dir nicht noch mal zumuten. Erst recht nicht, nachdem wir vorher schon solche Probleme hatten“, meinte er und schluckte.

„Was wolltest du dann? Was willst du dann?“, verschränkte Saskia die Arme vor der Brust und seufzte aus. Eigentlich hämmerte ihr Kopf immer noch viel zu sehr…

Detlef räusperte sich und ließ die Stuhllehne los.

„Ich wollte herausfinden, was ich will und kann und dann als gestandener Mann wieder zu dir gehen“, trat er langsam auf sie zu.

„Ich wollte dir sagen können, dass ich endlich weiß, wo ich im Leben stehe. Dass ich etwas aus mir mache und jemand geworden bin, auf den du stolz sein kannst“, legte er die Hände ihre Oberarme und rieb sie leicht.

„Nachdem du mich schon so viel unterstützt hast, wollte ich nicht, dass du auch noch mit ansehen musst, wie ich vielleicht erst mal monatelang von einem Praktikum zum anderen tingel und dabei immer wieder auf die Nase falle, bis ich das Richtige gefunden habe. Und ich wollte ganz besonders nicht, dass unsere Beziehung noch mehr belastet wird, wenn meine Eltern so reagieren, wie sie es letztlich ja getan haben: Mir alle Mittel kürzen. Ich war mir sicher, dass sie das machen, wenn ich ohne weiteres Studium hier wohnen bleiben will, allerdings hätte ich nicht gedacht, dass sie mich auch vor die Tür setzen, wenn ich wieder nach hause komme...“, ließ er seine Hände sinken und wandte sich ab.

„Ehrlich gesagt hab ich mich wie ein Versager gefühlt und hatte Angst, dass…“, er räusperte sich.

„… dass du irgendwann die Nase voll von mir hast deswegen“. Wieder lief er ziellos durchs Zimmer und traute sich kaum, Saskia ins Gesicht zu schauen. Die kaute auf ihrer Unterlippe, die Arme um sich geschlungen; jetzt nicht mehr vor Empörung und Wut, sondern als wolle sie sich selbst halten.

„Dass ich mich vorher ein paar Wochen nicht bei dir gemeldet hab, hat das Ganze vermutlich auch nicht unbedingt vereinfacht“, murmelte sie und sah ein kurzes Nicken.

„Alles in allem dachte ich einfach, dass uns ein bisschen Abstand vielleicht ganz gut täte. Die Gemüter beruhigen und… und dass ich dir anschließend mehr zu bieten hätte als ein „Hey, ich bin unglücklich und weiß grad nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll“, weißt du?“, trat er wieder näher auf sie zu.

„Es tut mir sehr leid, dass ich dich so verletzt habe“, legte er eine Hand an ihre Wange und strich über die weiche, zarte Haut. Saskia hatte diese Berührungen so sehr vermisst, genauso wie seinen warmen Blick, mit dem er sie betrachtete. Trotzdem war da auch ihr Stolz, der es Detlef nicht zu einfach machen wollte.

„Ja, das hast du“, sagte sie ihm darum geradewegs, selbst wenn ihr Blick längst weicher geworden war.

„Na ja, aber immerhin stehst du jetzt hier“, meinte sie und ihr Mundwinkel zuckte. Ein kleines Lächeln wagte sich auf Detlefs Lippen.

„Ich geb mein Bestes, um das wieder gut zu machen“, trat er noch ein wenig näher an sie heran und fand es plötzlich überhaupt nicht mehr schwer, in ihre tief dunkelblauen Augen zu blicken. Wie lange hatte er das schon nicht mehr getan. Dazu ihr lieblicher Duft und der Ausblick auf ihre zarten Lippen. Aber als seine sie fast berührten, drehte Saskia den Kopf weg. Detlef fühlte einen Stich in der Brust, aber als Saskia den Mund öffnete, kamen nicht die Worte, die er gerade am meisten gefürchtet hatte.

„Nicht so schnell, mein Lieber", meinte sie und schob ihn leicht von sich.

"Sag mir erst mal, was du dir vorgestellt hast, wie es jetzt weitergehen soll. Mit dir und mit uns“.

14.4.2024: himmelblau

„Himmelblau…“. Die Hände unter dem Kopf verschränkt, lag Steffen zwischen den zerknüllten Kissen und schaute an die Decke.

„Sieht gar nicht mal schlecht aus“, murmelte er, obwohl er sich diese Farbe für seine Schlafzimmerdecke nur schwerlich vorstellen konnte.

„Ich weiß und im Wohnzimmer kommt auch noch neue Farbe an die Wände“, hörte er neben sich und drehte den Kopf zu der Blondine, die sich gerade aus der Decke schälte und ihren Morgenmantel schlüpfte.

„Hast du das selbst gestrichen?“, folgte er ihr mit den Blicken, während sie ums Bett herum zur Tür ging. Sie lachte auf.

„Ganz bestimmt!“, meinte sie voller Ironie und verschwand mit einem bezaubernden Hüftschwung im Badezimmer, ohne die Tür dabei zu schließen. Steffen stützte sich auf die Unterarme und und schaute ihr nach. Es dauerte nicht lange und auch er stand in dem gekachelten Raum.

„Was hältst du davon, wenn ich dir den Rücken wasche?“, grinste er, während sie den Morgenmantel von den Schultern rutschen ließ und in die ausladende Dusche stieg. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu und drehte dann das Wasser auf.

„Hältst du immer noch an dieser wahnwitzigen Idee mit dieser Bruchbude fest?“, fragte sie, während ihre Hände das Shampoo verteilten. Steffen stellte sich an die Duschtür.

„Ich wohne bereits dort, wie du weißt, Esther“, betrachtete er ihre Rückansicht und wanderte mit den Gedanken doch immer wieder zur letzten Nacht zurück. Sie schaute über die Schulter und wusste seinen Blick nur allzu gut zu interpretieren. Ihrer aber blieb kühl.

„Vielleicht solltest du mich mal besuchen kommen. Ein bisschen was muss noch gemacht werden, aber es hat sich schon viel getan“, grinste er trotz ihrer Skepsis. Sie zog kurz die Augenbrauen zusammen und schüttelte dann den Kopf.

„Vergiss es. Ich hab dir sofort gesagt, dass ich davon nichts wissen will. Wenn du das unbedingt machen willst, bitte, aber ohne mich“, legte sie den Kopf in den Nacken, um sich die Haare auszuspülen.

„Du bist wirklich erbarmungslos, was?“, meinte Steffen und hatte doch noch immer eine gewisse Wärme in der Stimme.

„Nicht erbarmungslos, nur realistisch. Ich bin dieses Mal nur für ein paar Tage geschäftlich hier in der Nähe und in den nächsten Monaten wieder viel unterwegs. Also lass uns nicht so tun, als würde wieder etwas Ernsteres aus uns“, antwortete sie und griff nach dem Duschgel, Steffens anzügliches Grinsen dabei durchaus bemerkend.

„Letzte Nacht fand ich schon verdammt ernst“, raunte er, aber sie schüttelte wieder den Kopf.

„Im Bett hat es bei uns schon immer gut gepasst, aber ansonsten nicht. Wir haben zu unterschiedliche Ziele im Leben. Auf Dauer wird das nichts. Wenn ich das nächste Mal in der Stadt bin, ruf ich dich gern wieder an, aber jetzt solltest du besser gehen“, meinte sie und drehte ihm wieder den Rücken zu. Er betrachtete sie einen Moment lang schweigend und musste an Detlef und Saskia denken. Nicht zum ersten Mal verglich er die beiden mit Esther und sich und nicht zum ersten Mal wünschte er sich, dass Esther ein wenig mehr wie seine Cousine wäre.

„Ich bin gleich fertig. Wenn du willst, kannst du noch duschen“, durchbrach ihre Stimme seine Gedanken, aber schüttelte den Kopf.

„Nicht nötig, ich dusch zuhause“, ließ er sie stehen und nahm sich vor, nicht noch einmal auf ihren Anruf zu reagieren. Aber er wusste, dass er auch beim nächsten Mal wieder zwischen ihren Kissen landen würde.

15.4.2024: schmalzig

„Komm, gibs zu, so schlecht fandest du den Film gar nicht!“, meinte Jasmin, als sie mit Sven durch die Innenstadt schlenderte. Sie hatten nach dem Eis am Strand Lust auf mehr gehabt und waren für eine größere Auswahl in eine Eisdiele gegangen, um sich anschließend noch für einen spontanen Abstecher im Kino wiederzufinden. Von dem Film hatte Jasmin schon seit Wochen geschwärmt und ihn bereits zweimal gesehen, aber auch ein drittes Mal konnte ihrer Freude keinen Abbruch tun. Sven hingegen war bislang wenig interessiert daran gewesen und wusste selbst nicht so recht, warum er jetzt plötzlich zugestimmt hatte, sie zu begleiten. Gefragt hatte sie auch bei den letzten Kinobesuchen, aber mitgegangen war er vorher nie.

„Ich fand ihn viel zu schmalzig“, antwortete er nun auf ihren Einwurf und streckte sich ausgiebig. Er hatte lange gesessen und sein Körper brauchte ein wenig Bewegung.

„Ich hab genau gesehen, dass du zwischendurch glasige Augen hattest!“, grinste Jasmin und lachte dann, als Sven meinte, dass er nur ein Gähnen unterdrückt hätte.

„Trotzdem hast du zwischendurch auch mit gelacht. So schlimm kann es also nicht gewesen sein“, wusste sie weiterhin zu triumphieren, worauf Sven keine direkten Widerworte fand. Also musste ein anderes Gegenargument her.

„Boah, du bist auch eine dieser Personen, die ihre Filmbegleitung ständig beobachten, wie sie den Film findet, oder?“, schob er die Hände in die Hosentaschen und verdrehte die Augen. Wieder grinste Jasmin.

„Normalerweise nicht, aber in diesem Fall hat es mich echt interessiert, wie du ihn findest“, schmunzelte sie und er zog irritiert die Augenbrauen zusammen.

„Warum?“

„Weil sich in der Uni mittlerweile zwei Lager gebildet haben: Die einen lieben den Film, andere finden ihn grottenschlecht“.

Sven zuckte die Schultern. Er interessierte sich nicht so sehr für Filme und unterhielt sich darum auch selten über dieses Thema oder beachtete, wenn bei anderen das Gespräch darauf fiel.

„Er war ganz okay. Ich müsste ihn jetzt nicht noch mal sehen, aber ich würd auch nicht schreiend davor wegrennen“, resümierte er schließlich und fragte Jasmin, was sie nun mit dem restlichen Tag machen sollten.

16.4.2024: Pfad

Nur wenige Männer aus dem königlichen Heer standen nun vor den Dorfbewohnern, aber sie wussten, dass ein falsches Wort genügen konnte, um sie anzustacheln und alles zu zerstören.

„Wir suchen einen Flüchten und die Brandspuren am Tor zeigen mir, dass er hier durch kam. Wo ist er abgeblieben?“, sprach der Anführer von ihnen und sein schneidender Blick heftete sich der Reihe nach an jeden Dörfler. Schließlich erregte aber keiner der Menschen um ihn herum seine Aufmerksamkeit, sondern ein Eimer; unauffällig neben einer Mauer stehend, mit Wasser gefüllt und noch ein wenig mehr. In wenigen Schritten hatte er ihn erreicht, griff in das trübe Nass und zog die Kleidung daraus hervor. Die Schnitte in dem Hemd kamen ihm nur allzu bekannt vor und die blutigen Flecken erst recht. Ein Grinsen legte seine Zähne frei und er rief einem seiner Männer zu, der nicht minder zufrieden wirkte, als er das Hemd erblickte.

„Das ist deine Handschrift, wenn ich mich nicht irre!“, sprach der Anführer und sein Soldat nickte.

„Wo habt ihr ihn versteckt?“, wich die Freude dann Abscheu, als er die Dörfler wieder anblickte. Angewidert warf er das Hemd auf den Boden und ging zu einer jungen Frau, die nur wenige Meter entfernt stand. Den Kopf hielt sie gesenkt und bemerkte nicht, wie einer der anderen Soldaten in ihre Richtung deutete.

„Du!“, kam der Anführer vor ihr zu stehen und seine Stimme fuhr ihr durch Mark und Bein.

„Sieh mich an!“

Nur zögerlich tat sie, wie ihr befohlen.

„Das ist dein Eimer!“, herrschte er sie an. Sie stritt es nicht ab.

„Er hat mich gezwungen ihm zu helfen, sonst hätte er uns alle getötet“, sprach sie leise und fand sich nur Sekunden später auf dem Boden wider. Ihre Wange schmerzte, im Kopf dröhnte es. Sie presste die Hand auf den roten Abdruck.

„Steh auf!“, befahl der Anführer und einer seiner Männer kam herbei, um sie auf die Füße zu ziehen.

„Bring uns auf der Stelle zu ihm!“, knurrte er heiser und kehlig. Sie nickte und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen.

„Hier entlang“, flüsterte sie und betrat einen kleinen Pfad, der sie in den Wald führte.

17.4.2024: Favorit

„Ich weiß nicht…“, murmelte Sven und legte den Kopf schief.

„Sind die alle nicht deins?“, fragte Jasmin und er zuckte unschlüssig die Schultern.

„So richtig begeistert bin ich von allen nicht“.

Sie hatten sich auf einen kleinen Schaufensterbummel begeben und standen nun seit einer guten viertel Stunde vor der Auslage eines Lampengeschäfts. Eigentlich war die Idee gewesen, eine neue Funzel für den Flur zu holen, aber schnell hatten sie festgestellt, dass ihre Geschmäcker bei diesem Thema sehr auseinander gingen.

„Welche findest du denn gut?“, wollte Sven wissen, der am liebsten schon nach dem ersten flüchtigen Blick weitergegangen wäre, während Jasmin sich kaum sattsehen konnte.

„Die rote da hinten hat was, aber mein Favorit ist die grüne hier vorne“, deutete ihr Finger auf ihre beiden Lieblinge, die Sven eher eine Gänsehaut über den Nacken trieben – aber keine gute.

„Echt?“, verzog er das Gesicht und verschränkte die Arme vor der Brust. Jasmin lächelte und nickte, aber auch seine Miene blieb ihr nicht verborgen. Sie musste bei Svens Anblick schmunzeln.

„Du siehst aus, als hättest du auf eine Zitrone gebissen“, lachte sie und er murrte, dass er sich das mit dem Zusammenleben vielleicht doch noch mal anders überlegen würde.

„Hey!“, stieß sie ihm daraufhin den Ellenbogen in die Seite und er grinste.

„Wir können ja morgen noch mal her kommen, wenn die geöffnet haben und schauen, was sie noch alles anbieten“, meinte er schließlich beschwichtigend und beide waren mit diesem Kompromiss einverstanden.

„Alternativ könnte ich mir die grüne auch gut als Schreibtischlampe vorstellen“, schlug Jasmin vor, als sie weiter schlenderten und noch ein guter Kompromiss war gefunden. Als sie um die nächste Ecke bogen, blieben sie allerdings beide wie angewurzelt stehen. Sie hatten sich bei dem Bummel einfach durch die Gassen und Straßen treiben lassen, ohne richtig darauf zu achten, wo sie landeten und nun wehte es sie ausgerechnet in Saskias Gegend.

„Da hinten ist Saskias Wohnung, nicht wahr?“, murmelte Jasmin und nickte zu dem Mehrfamilienhaus einige Meter entfernt. Sven nickte. Er war schon ein paar Mal dort gewesen, sie hingegen erst ein Mal, aber das Haus stach mit seiner weißen Fassade nur allzu deutlich zwischen den roten Backsteinhäusern hervor. Es war schwer zu übersehen.

„Meinst du, wir sollen mal hingehen und klingeln?“, schaute Jasmin zu Sven, der ähnlich ratlos wie sie schien.

„Wär schon schön, Detlef noch mal zu sehen und ich wüsste auch gern, wie es bei den beiden nun weiter geht. Aber ob das jetzt eine gute Idee ist?“

18.4.2024: straucheln

„Du erwartest jetzt aber nicht, dass ich noch mal alle Zelte abbreche und die Uni wechsel, um dir wieder hinterher zu ziehen, oder?“, wollte Saskia wissen und Detlef schüttelte den Kopf.

„Nein, natürlich nicht“, meinte er und merkte bei ihrer nächsten Frage, dass er zunehmend ins Straucheln geriet.

„Du hast aber auch schon den Ausbildungsvertrag bei Steffens Firma unterschrieben und willst dann bestimmt auch erst mal bis zur Prüfung dort bleiben, nicht wahr? Er hat mir erzählt, dass du dich dort sehr wohl fühlst.“

Dieses Mal nickte er, wenn auch sehr verhalten. Ja, es stimmte, dass er gern in der Schreinerei bleiben wollte. Er mochte die Arbeit, die Abläufe und vor allem die Menschen dort.

„Na ja, es sind ja nur ein paar Monate“, murmelte er nachdenklich und Saskia hob kritisch die Augenbraue.

„Red es dir nicht schön. Es sind Jahre“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und erinnerte ihn daran, dass ihr Ziel von Anfang an nicht nur der Bachelor, sondern auch der Master gewesen war. Ein Ziel, an dem sie noch immer festhalten wollte.

„Warum lassen wir es nicht erst mal auf uns zukommen?“, fragte Detlef und Saskia schüttelte den Kopf.

„Da war in letzter Zeit so viel Ungewisses, dass ich endlich wieder wissen will, worauf ich mich einlasse. Also, wie soll es nun weitergehen? Was hast du dir vorgestellt?“, setzte sie sich auf die Arbeitsplatte und schaute Detlef noch immer erwartungsvoll an. Er rieb die Hände über die Hüften und stützte sie dann darauf.

„Unter der Woche ist es vielleicht schwierig, aber an den Wochenenden könnten wir uns sehen“, schlug er vor und Saskia seufzte aus. Sie war damals mit ihm gegangen, um näher bei ihm zu sein und jetzt sollte sie ihn noch weniger als während der Uni sehen?

„Die Fahrt dauert viel zu lange, um das jedes Wochenende zu machen und ich hab auch nicht so viel Geld für die Zugtickets. Ganz zu schweigen davon, dass du mit einem kleinen Azubigehalt auch nicht allzu weit kommst. Und Steffen wird sich auch bedanken, wenn du dir jedes Mal sein Auto leihen willst. Außerdem verlässt er sich drauf, dass du ihn unterstützt“, meinte sie und betrachtete Detlefs betretenes Gesicht. Doch er war nicht lange niedergeschlagen. Plötzlich zog der die Augenbrauen zusammen und schüttelte den Kopf.

„Ich helf ihm unter der Woche, nach Feierabend und am Wochenende komm ich dann her. Mir steht ja auch Urlaub zu, vielleicht kann ich den öfter mal für ein verlängertes Wochenende nutzen“, schien er zufrieden mit seiner Idee, wohingegen Saskia wenig überzeugt wirkte.

„Das ist doch Wahnsinn. Du kannst doch nicht nur Arbeiten und im Auto sitzen. Das schaffst du auf Dauer nicht! Und… und ein Auto haben wir dadurch auch immer noch nicht. Ich kann mir jedenfalls keines leisten“, kaute sie auf der Unterlippe und zog irritiert die Augenbrauen hoch, als Detlef lächelte.

„Mein Opa kann uns helfen“, meinte er und Saskia runzelte die Stirn. Ja, Detlef hatte immer ein gutes Verhältnis zu ihm gehabt, aber er war vor einigen Jahren gestorben – wie sollte er ihm jetzt noch helfen können?

„Ich hab doch die Münzsammlung von ihm geerbt und die können meine Eltern mir nicht vorenthalten. Sie reicht für ein gebrauchtes Auto und Sprit bezahl ich von meinem Gehalt“, sagte Detlef voller Stolz, aber Saskia schüttelte den Kopf.

„Das ist dein einziges Andenken an ihn. Tu das nicht!“, legte sie die Hand an Detlefs Oberarm, aber sein Entschluss schien festzustehen.

„Die Dinger liegen eh nur auf der Bank im Schließfach. Ich guck mir lieber die alten Fotos mit Opa an, da hab ich viel mehr von, wenn ich ihm nahe sein möchte“, lächelte er voller Zuversicht und streichelte Saskia übers Haar. Sie schmiegte sich an seine Hand und führte sie an ihre Wange.

„Na gut. Wir probieren das ein Jahr lang aus und wenn es wirklich klappt, bin ich auch zu einem Kompromiss bereit und werde wieder zurückziehen“, versprach sie, während Detlef sich langsam zu ihr beugte.

„Und dieses Mal werden wir auch wirklich zusammenziehen“, meinte er, um sie dann endlich zu küssen.

19.4.2024: Klangvoll

In gänzlicher Stille saß er an diesem Morgen an seinem Esstisch und hielt den Blick auf den Garten gerichtet, der sich in Form von Beeten, Sträuchern und Bäumen um sein prächtiges Haus zog; bereichert um die ausladende Terrasse und eine großzügige Rasenfläche, die daran anschloss. Dann und wann nippte er an seiner Tasse, aber er nahm selbst dann nicht den Blick vom Garten, als er seine Frau den Flur entlanglaufen hörte.

„Furchtbares Wetter“, sprach sie zur Begrüßung. Schon lange war es Alltag geworden, dass sie sich auf diese Weise einen guten Start in den neuen Tag wünschten.

„Der Kaffee ist noch heiß“, entgegnete er und hörte ihr zufriedenes Seufzen, als sie sich eine Tasse befüllte. Er betrachtete die Blätter und verregneten Blüten, die der Wind wiegte und manchmal an ihnen zerrte.

„Steht etwas Gutes drin?“, drang wieder die Stimme seiner Frau an sein Ohr. Sie meinte die Zeitung, die neben ihm auf dem Tisch lag. Er zuckte die Schultern.

„Ich hab noch nicht reingeschaut“, log er und sie verlor keine Zeit, die großen Seiten vor sich zu öffnen. Wieder war ihre Freude zu hören, dieses Mal in Form eines kurzen Quiekens – so wie immer, wenn sie etwas sah, das ihren Stolz weckte.

„Sie schreiben wieder in den höchsten Tönen von deinem gestrigen Konzert! Wie klangvoll und berührend deine neuesten Stücke waren!“, lobte sie nach einem kurzen ersten Überfliegen und begann dann damit, in die Details einzusteigen. Ja, ihr Mann konnte nicht nur wunderbare Musik komponieren und auf dem Piano darbieten, auch sein Ruf war seit Jahren ein ebenso klangvoller. Er war beliebt und berühmt und seine flinken, gefühlvollen Hände ermöglichten ihr ein Leben in Zufriedenheit, Ansehen und einem Haus, das für sie beide eigentlich längst viel zu groß geworden war, seit auch das letzte ihrer Kind es verlassen hatte.

„Du hast dich wieder einmal selbst übertroffen!“, sprach sie schließlich zufrieden, als sie mit dem Bericht geendet hatte und legte die Zeitung beiseite, um ihnen beiden zur Belohnung ein köstliches Frühstück zu kredenzen.

„Ich mach uns arme Ritter!“, entschied sie, während sie auf die Suche nach den Zutaten ging. Ein kurzer Fluch glitt ihr über die Lippen, weil das Hausmädchen die Eier nicht an den Platz geräumt hatte, wo sie sonst standen. Zu dumm, dass sie ihr heute frei gegeben hatte!

„In letzter Zeit wird sie nachlässig!“, zischte sie, aber sogleich war ihre Beherrschung wieder da. Er leerte indes seine Tasse, stand auf und stellte sie auf die Spüle.

„Mir ist kein Fehlverhalten aufgefallen. Sie hält das Haus immer tadellos sauber und aufgeräumt“, sprach er beinahe beiläufig und sah im Augenwinkel ihr leichtes Zucken. Solche Widerworte seinerseits war sie nicht gewohnt.

„Nichts für ungut, aber du bist ständig im Studio und bekommst gar nicht mit, wie ich immer hinter ihr her sein muss, damit sie auch alles ordentlich erledigt. Genau wie der Gärtner! Ich habe ihm schon zweimal gesagt, er soll diesen grässlichen Strauch da hinten gegen eine Rose tauschen!“, stemmte sie die Hände auf die Hüften und fixierte durchs Fenster hindurch den verhassten Schandfleck im Garten. Der Schandfleck, den ihr Mann ihr damals zum ersten Hochzeitstag geschenkt hatte, als ihr Zuhause noch eine kleine Einzimmerwohnung gewesen war. Dass sie nicht mit Abneigung gegen ihren Mann sprach, war trotzdem deutlich: Sie hatte schlicht vergessen, welche Bedeutung dem Strauch einst innegewohnt hatte.

„Wenn sie so unzuverlässig sind, frag ich mich, warum du sie nicht längst gefeuert hast“, meinte er plötzlich und das erste Mal seit Jahren blickte er sie wieder bewusst an. Ihre Züge entglitten ihr, der Mund stand offen und das Entsetzen in ihre Augen geschrieben.

„Ab…“, begann sie zu stottern und fand ihre Fassung nach einem kurzen Räuspern wieder.

„Nun, sie sind zumindest eingearbeitet und wissen, wo sich alles befindet. Bei neuen Angestellten müsste ich wieder ganz von vorn beginnen“, stemmte sie die Hände auf ihre Hüften und war noch immer sichtlich irritiert von seinen Widerworten. Sonst scherte er sich doch auch nicht um Haushalt und Garten? Es wusste sie auch zu verunsichern, dass er sie noch immer so feste anschaute. Statt ihn jedoch offen zu fragen, was ihn bewegte, erwiderte sie nur seinen Blick und wunderte sich: Hatte er schon immer so müde ausgesehen? So abgekämpft und ausgelaugt? Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sein Gesicht das letzte Mal so deutlich betrachtet hatte. Fast fremd kam es ihr vor und noch fremder die Worte, die er nun sprach: „Ich reiche die Scheidung ein. Das Haus hier kannst du behalten, es ist mir eh viel zu groß. Ich ziehe in eines unserer Ferienhäuser, aber du wirst dir womöglich neue Angestellte suchen müssen. Victor und Andrea werde ich fragen, ob sie mich begleiten wollen“, wandte er sich von ihrem entsetzten Gesicht ab und spürte die aufkommende Erleichterung, als er sich auf den Weg zum Auto machte, um ohne weitere Verzögerung mit seinem Anwalt zu sprechen.

20.4.2024: bürgerlich

„Ist das nicht ein wenig kalt?“

Hellen war so in ihren Gedanken verloren, dass sie die Frage erst beim zweiten Mal bemerkte. Sie schreckte regelrecht zusammen, als sie den Blick zu dem älteren Herrn hob, der neben ihrer Parkbank stand, gehüllt in einen warmen Mantel und seinen Schirm über ihrem Kopf ausgebreitet. Im ersten Moment wusste sie noch immer nicht, was sie sagen sollte.

„Ich will mich nicht aufdrängen, aber Ihr Kleid sieht ein bisschen dünn für dieses Wetter aus. Geht es Ihnen gut?“, sprach er erneut zu ihr und dieses Mal hob sie abwehrend die Hände.

„Ja, alles bestens!“, antwortete sie mit einer viel zu hohen Stimme und lächelte schief.

„Tut mir leid, ich…“ - wofür entschuldigte sie sich eigentlich? Sie saß ja nur auf der Parkbank, schaute dem angrenzenden Flüsschen zu, wie es seine Bahnen zog und war dabei eventuell ein wenig unangemessen für das aktuelle Wetter gekleidet.

„Ich gehe gleich weiter. Aber vielen Dank, dass Sie sich Sorgen gemacht haben“, sprach sie nun etwas ruhiger und ließ die Hände sinken. Der Herr nickte.

„Wie Sie meinen“, sagte er und musterte sie kurz.

„Einen Schirm haben Sie nicht bei, oder?“

Sie schüttelte den Kopf. Da, wo sie hergekommen war, hatte sie keinen gebraucht.

„Dann lasse ich Ihnen meinen hier“, drückte er ihr den Griff in die Hand und ging weiter, ehe Hellen ablehnen konnte. Sie schaute ihm kurz irritiert nach und murmelte dabei ein leises „Danke“. Mit einem Seufzen ließ sie sich gegen die Rückenlehne sinken, um im nächsten Moment wieder kerzengerade zu sitzen, als sie merkte, dass sich die Nässe dadurch an ihren Rücken heftete. Erst jetzt nahm sie wahr, wie der leichte Fissel an den Härchen ihrer Unterarme hing und mit Kälte in ihren Körper kroch. Sie zitterte. Aber sie wollte auch nicht zurück. Zurück in diesen goldenen Käfig, wie es ihr manchmal vorkam. Eigentlich hätte sie sich ja glücklich schätzen können, dass Richard, ihr Freund, ausgerechnet ihr seine Aufmerksamkeit schenkte. Sie gehörte zwar nicht zu den Ärmsten der Armen, aber ihre Familie hatte oft genug zu kämpfen, um über die Runden zu kommen. Seine Familie hingegen war zwar nicht adelig, gehörte mit ihren Immobilienbesitzen, Ärzten, Anwälten und anderen angesehenen Jobs und Posten aber definitiv zur höhergestellten Riege. Es war ein Unterschied wie Tag und Nacht, wenn sie an ihre Familie dachte und nun Richards anschaute. Und sie fragte sich auch nicht zum ersten Mal, warum er eigentlich sie ausgewählt hatte. Es hatte bereits in der Schule genug andere Mädchen gegeben, die auf ihn gestanden hatten – außerhalb der Schule erst recht. Seine Familie saß in Gremien, pflegte zahlreiche Kontakte – und dann interessierte Richard ausgerechnet für sie? War sie nicht viel zu bürgerlich? Was konnte sie schon bieten, außer ihres Aussehens?

Ein weiteres Seufzen entfloh ihrer Kehle und sie schaute an sich herab. Jetzt war ihr Kleid durchnässt, aber vor wenigen Stunden noch hatte sie damit ausgesehen wie eine Prinzessin, als sie auf einen dieser vielen Bälle von einem dieser Gremien gegangen war. Hellen fragte sich, ob sie für Richard nur jemand war, den er vorzeigen konnte. Und mit dem er das Bett teilen konnte. Manchmal hatte sie auch den Eindruck, dass er mit der Wahl seiner Partnerin seine Eltern ein wenig provozieren wollte; das Vorzeigesöhnchen, das der Stolz der Familie war und doch ein paar kleine Eigenheiten an den Tag legte. Und sie selber? Liebte sie ihn überhaupt oder hatte sie sich damals vor allem in das Leben verliebt, das er ihr geboten hatte? In das Gefühl, etwas Besonderes zu sein? Fast wie eine Prinzessin zu sein? Dass an den vielen Märchen, die sie als Kind gelesen hatte, tatsächlich etwas dran wäre? Hellen ließ die Schultern hängen und schüttelte leicht den Kopf. Sie wusste es selber nicht, obwohl sie in den vergangenen zwei Stunden, die sie hier schon saß, immer wieder darüber nachgedacht hatte. Dafür merkte sie nun, dass die Kälte immer penetranter wurde, sich in Schmerz verwandelte, und ihren Körper zunehmend schlottern ließ. Aber außer ihrem Handy und einer Packung Taschentücher hatte sie nichts in ihrer kleinen Handtasche. Sie war in einem Moment plötzlicher Atemlosigkeit und Angst einfach vom Ball geflohen. Hatte dem Mann von der Security, der den Eingang bewachte, gesagt, dass sie kurz ein wenig Luft schnappen wolle und war dann los gelaufen; in die Nacht hinein, durch Parks und Straßen, Gassen und am Fluss entlang, solange, bis es hell wurde und sie sich erschöpft auf dieser Parkbank niedergelassen hatte.

„Jetzt kann ich es aber wirklich langsam nicht mehr verantworten, Sie hier so sitzen zu lassen“, stand plötzlich der ältere Herr wieder neben ihr und sah sie besorgt an. In seinem Arm hielt er eine Tüte vom Bäcker.

„Es geht schon, ich werde gleich nach hause gehen. Noch einmal vielen Dank“, lächelte Hellen zu ihm hoch und hielt ihm den Schirm hin. Sie kannte ja seinen Namen oder die Adresse an der er wohnte nicht und wollte sicher gehen, dass er ihn zurück bekam. Er aber schüttelte vehement den Kopf.

„Niemand setzt sich freiwillig bei diesem Wetter hier hin und lässt sich nass regnen. Ihre Frisur und die Schminke – ich hab zwar nicht viel Ahnung von diesen Sachen, aber da hat sich jemand offenbar sehr viel Mühe mit gegeben und inzwischen ist da nicht mehr viel von zu sehen. Und Ihr Kleid scheint mir auch nicht, als wäre das für morgendliche Spaziergänge durch den Regen gedacht.“ Er hob die Hand und deutete hinüber zu einem kleinen Häuschen mit Ladenlokal, auf dessen Schuld Schuhmacher stand.

„Ich wohn da vorne und meine Frau macht die beste Erdbeermarmelade der ganzen Stadt!“, sprach er stolz und hielt Hellen seine Hand auffordernd hin.

„Wenn Sie nicht reden möchten, dann drängt Sie keiner, aber ich bestehe darauf, dass Sie sich wenigstens kurz bei uns aufwärmen. Trinken Sie eine Tasse Tee oder Kaffee und probieren Sie ein Brötchen mit Marmelade“, legte sich ein Lächeln auf seine dünnen Lippen und Herzlichkeit strahlte aus seinem Blick. Es trieb Hellen fast die Tränen in die Augen. Sie spürte, dass ihre Stimme brechen würde und antwortete darum nur mit einem Nicken und Lächeln, als sie seine Hand griff und ihn begleitete.

21.4.2024: blinken

„Kannst du nicht blinken, du dämlicher Idiot?!“

Matteo präsentierte dem anderen Autofahrer einen tieffliegenden Mittelfinger, der gut versteckt vom Armaturenbrett, aber nicht minder aggressiv war.

„Wir hätten längst weg sein können!“, knurrte er, als nun einige weitere Autos durch den Kreisverkehr fuhren und er auf die nächste Gelegenheit warten musste, sich dazu zu gesellen. Anastasia schwieg derweil. Sie musterte ihren Freund und fragte sich wieder einmal, wie jemand, der sonst so liebevoll und beherrscht war, im Auto derart ausrasten konnte. Er tippte nervös aufs Lenkrad, fluchte und es war ein langes Stück Arbeit gewesen, ihm das ständige Hupen abzugewöhnen. Den Finger von der Lichthupe lassen konnte er allerdings immer noch nicht…

„Soll ich uns nachher was kochen oder hast du eher Lust auf ein Restaurant?“, fragte sie, als der Wagen anfuhr und Matteo mit einem langgezogenen Seufzen endlich auf die nächste Straße konnte.

„Wurd aber auch Zeit“, nuschelte er, um kurz darauf über einen Fußgängerüberweg zu schimpfen, der – natürlich – gerade fleißig genutzt wurde.

„Und da hinten ist auch noch Fahrradstraße“, verdrehte er die Augen. Blieb ihnen denn heute gar nichts erspart?

„Scheiß Baustelle, sonst hätte ich das umfahren können! Wenn es wenigstens regnen würde, dann wären nicht so viele mit dem Rad unterwegs!“

Leider war am Himmel nicht ein Wölkchen zu sehen und die Sonne strahlte mit dem hellen Blau um die Wette.

„Ich könnte uns auch was bestellen“, schlug Anastasia vor und kramte ihr Handy aus der Tasche. Welche Lieferdienste standen denn so zur Verfügung?

„Jetzt schieb deinen Arsch endlich mal von der Straße!“, blaffte Matteo eine junge Mutter mit ihrem Kind an der Hand an – das Kleine lernte gerade erst das Laufen und war noch etwas wackelig auf den Beinen.

Anastasia summte leise, während sie durch ihr Handy scrollte und legte es nach wenigen Minuten wieder weg. Immerhin hatten sie es inzwischen bis zur Ampel geschafft.

„Wenn der Trottel mal etwas mehr rüber fahren würde, kämen die, die geradeaus wollen, auch an ihm vorbei!“, ging Matteos Flucherei weiter und Anastasia warf einen Blick auf die Uhr. Immerhin, noch etwa zehn Minuten, dann war die Fahrt geschafft.

„Ich hab mir überlegt, dass wir ein Kind bekommen und uns drei Hunde anschaffen sollten. Damit das Kind auch was zum Spielen und Liebhaben hat“, sprach sie beiläufig und betrachtete dabei ihre Fingernägel. Sie musste mal wieder zur Maniküre.

„Herrgott, fahr! Bevor die Schranke zugeht!“, brüllte Matteo seinen Vordermann an und seufzte erleichtert aus, als sie es noch rechtzeitig über die Gleise schafften. Kurz darauf senkten sich auch schon die rot-weißen Absperrungen im Rückspiegel. Ein triumphierendes Grinsen legte sich auf sein Gesicht. Jetzt mussten sie nur noch geradeaus, ohne Ampeln, Kreisverkehre oder sonstige Behinderungen. Er lehnte sich im Sitz zurück, umschloss das Lenkrad entspannter und seufzte abermals aus.

„Gleich sind wir zuhause“, meinte er noch immer mit einem Lächeln und runzelte dann kurz die Stirn.

„Hattest du grad was gesagt?“

„Halt gleich mal kurz bei Alfredo, ich hab uns Pizza zum Mitnehmen bestellt“.

22.4.2024: Sternenzelt

Schritt für Schritt durchs hohe Gras, die kleinen, perlenden Tautropfen an den blanken Füßen und Zehen. Ein wohliger Schauder auf der Haut. Nichts als Natur, wohin das Auge bei Tag reicht. Ein Rascheln hier, ein Tierlaut dort. Leise Schwingen tragen die Eule durch die Nacht; ein Schatten, den nur das helle Mondlicht verrät. Funkelnd leuchten unzählige Lichter am Sternenzelt. Wie ein Vorhang hat es sich über alles und jeden gelegt, spiegelt sich in der glatten Oberfläche des Teichs und den aufsteigenden Glühwürmchen. Zwischen Blättern und Grashalmen sitzen sie, erheben sich langsam in die Lüfte, schweben wie Irrlichter über Seerosenblätter und schlummernde Enten. Der Ruf der Eule mischt sich mit dem eines Käuzchens. In der Ferne schnattern Gänse – aufgeregt und empört, aber nach kurzem Protest verfallen sie wieder in Ruhe. Die langen Blüten der Gräser schmiegen sich an die Finger, fast wie die Ähren von Getreide. Schemenhaft heben sich Bäume hinter Wiesen ab und Sträucher hinter Blumen. Eine leichte Brise bringt ihre Blätter in Bewegung und lässt sie rauschen. Alles duftet rein und frisch, als wäre jeder Schmutz hinfort gewaschen. Kleine Wellen bilden sich auf dem Teich, als ein Fisch an die Oberfläche schwimmt. Ein Plätschern verrät seinen Sprung aus dem Wasser. Die Frösche am Ufer stimmen ihr Konzert an; erst vereinzelt, dann immer lauter. Aus einer anderen Richtung ist der Ruf des Fuchses zu hören und das Rascheln des Gebüschs kündet die Anwesenheit von Rehen an. Vorsicht ist beim stacheligen Freund, dem Igel, geboten, der im hohen Gras seine Runden zieht; wehrhaft wie die Schale der Kastanie und doch friedvoll, solange er seine Ruhe genießt.

23.4.2024: greifen

„Bitteschön, greifen Sie zu! Bei uns musste noch niemand hungern!“, stellte die Frau des Schuhmachers Hellen eine Tasse Tee hin und deutete mit ausladender Geste auf den reich gedeckten Küchentisch. Sie umgab eine ebenso freundliche und liebevolle Ausstrahlung wie ihren Mann, auch wenn sie dabei etwas kontrollierter wirkte.

„Vielen Dank“, sagte Hellen nicht zum ersten Mal an diesem Morgen und nippte an ihrem Tee. Hier, in der kleinen Küche mit Essecke, war es wunderbar warm. In der anderen Ecke des Raums stand noch eine alte Kochmaschine, die ihre Wärme durch einen Teil des Hauses trug; der andere wurde vom Kaminofen im Wohnzimmer beheizt, an dem sie bei Betreten der Wohnung vorbeigekommen waren. Immer wieder ließ Hellen den Blick durch den Raum schweifen und verglich ihn unwillkürlich mit ihrem Zuhause. Die Zimmer fielen, soweit sie es bisher einschätzen konnte, deutlich kleiner aus als ihre, aber sie strahlten damit auch sehr viel Gemütlichkeit aus. Es gab viele Holzmöbel, statt Glas und Metall. Man erkannte sofort, dass hier bodenständige Menschen lebten. Auch, wenn sie nicht wusste, wie sie es in Worte hätten fassen sollen oder woran genau sie es hätte festmachen können, sah Hellen es mit einem Blick. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie Richard die Nase darüber gerümpft hätte, dass es ihm zu vollgestellt gewesen wäre. Es war ein Heim, das nicht unordentlich war, sondern einfach bewohnt aussah – nicht, wie diese Vorzeigewohnung für Inneneinrichtungen und Möbelhäuser, die Hellen inzwischen so gewohnt war. Erst jetzt merkte sie, wie fremd sie sich eigentlich in ihren vier Wänden fühlte, obwohl sie sie bereits seit über einem Jahr mit bewohnte.

„Sie haben wirklich ein hübsches Zuhause“, meinte sie schließlich mit etwas Wehmut in der Stimme und griff etwas zögerlich zu einem der Brötchen. Die Frau des Schuhmachers lächelte, aber er kräuselte die Stirn.

„Ja und das wird auch so bleiben!“, knurrte er und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Gottfried!“, meinte seine Frau tadelnd, aber er konterte nur mit einem „Ist doch wahr!“.

Hellen schaute irritiert von einem zum anderen.

„Tut mir leid, ich wollte nicht…“, begann sie und fragte sich abermals, wofür sie sich eigentlich entschuldigte. Aber ihre Gastgeberin schüttelte den Kopf, lächelte und tätschelte ihren Handrücken.

„Nein, nein, ziehen Sie sich den Schuh nicht an!“, meinte sie mit einem Zwinkern und ihr Mann erhob sich schlagartig vom Stuhl.

„Nun bleib doch sitzen und iss erst mal!“, sprach seine Frau, ohne Gehör zu bekommen. Er ging an den Küchenschrank, öffnete eine Schublade und zog einen Schrieb hervor.

„Hier!“, hielt er ihn Hellen hin und stemmte die Hände auf die Hüften.

„Ist das zu fassen?! Wir haben schon mehrmals gesagt, dass wir nicht verkaufen und gestern lag schon wieder so ein Schund in unserem Briefkasten!“

Zögerlich nahm Hellen ihm den Brief ab und schaute erst hinein, als auch seine Frau bestätigend nickte.

„Nehmen Sie`s ihm nicht übel, er ärgert sich so über das freche Verhalten von diesem Immobilienhai, dass er sich im Moment bei jeder Gelegenheit darüber aufregt. Den Brief hat er sogar ein paar unserer Kunden gezeigt“, sprach die Frau des Schusters mit entschuldigendem Ton, während ihr Mann dem Klingeln an der Tür folgte und öffnete. Hellen überflog das Schreiben; halb darauf konzentriert, halb auf die Worte ihrer Gastgeberin.

„In den letzten Jahren kauft der hier ein altes Haus nach dem anderen und will alles mit Gebäudekomplexen zupflastern. Ich versteh immer noch nicht, dass der Stadtrat das so mitmacht; hier war mal eine richtig hübsche kleine Ecke, mit viel Fachwerk und sehr einladend. Jetzt fehlen nur noch fünf, sechs Häuser und er hat quasi den ganzen Straßenzug vereinnahmt. Bisher halten wir restlichen Eigentümer zum Glück zusammen und bieten ihm die Stirn, aber der will ein Nein einfach nicht akzeptieren. Ich fürchte, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die nächsten einknicken und irgendwann wohnen wir dann umringt von diesen hässchlichen Böcken...", sprach sie mit einem Seufzen, ehe sie erneut ansetzte: "Neulich war er sogar einmal im Laden, um noch mal persönlich mit Gottfried zu sprechen und als er wieder ablehnte, meinte dieser Schnösel sogar zu ihm, dass er ja auch nicht mehr der Jüngste sei und er notfalls einfach wartet; die Zeit sei ja auf seiner Seite. Können Sie sich so was vorstellen?“, erzählte Hellens Gastgeberin mit einer Mischung aus Entsetzen, Trauer und Wut in der Stimme, während die junge Frau kaum wusste, was sie sagen sollte. Sie ließ den Zettel langsam sinken, ehe sie ihn wieder zurückgab und dabei zusah, wie er zurück in die Schublade kam. Beim Anblick des Brötchens, in das sie gerade noch so herzhaft hatte beißen wollen, wurde ihr plötzlich furchtbar schlecht und sie fuhr wie ertappt zusammen, als aus dem Flur eine fremde Stimme zu hören war.

„Hallo Oma!“, rief ein junger Mann, der mit federnden Schritten in die Küche kam und die Angesprochene herzte.

„Du kommst genau richtig zum Frühstück!“, freute sich die Frau des Schusters und tuschelte dem zweiten Gast etwas ins Ohr. Der aber nickte und lächelte.

„Ja, Opa hat mir grad schon erzählt, dass Richie Rich gestern mal wieder Post geschickt hat“. Ein Seufzen verließ die Lippen der Großmutter; sie hatte einer Diskussion zuvorkommen wollen, aber die würde sich jetzt nicht mehr aufhalten lassen. Ihr Enkel konnte genauso hitzköpfig wie sein Großvater sein und zusammen verloren sie sich nur allzu gern in ausschweifende Diskussionen über ihren erklärten Erzfeind.

"Dem werd ich ordentlich vorn Karren scheißen, das sag ich euch!", kam in diesem Moment auch der Großvater wieder in die Küche, nachdem er einen kurzen Kontrollblick zum Kaminofen geworfen hatte.

"Gottfried!", stieß seine Frau sofort empört aus, während ihr Enkel lachte. Der Angesprochene machte aber nur eine wegwerfende Geste.

"Ist doch wahr, Hildegard!", knurrte er und schmollte, während sie ein "Schluss jetzt!", zischte.

„Ich will da im Moment nichts mehr von hören! Wir frühstücken!“, sprach sie mahnend und drehte sich dann wieder zu Hellen.

„Außerdem, was macht das für einen Eindruck auf unseren Gast? Benehmt euch mal!“, warf sie Enkel und Ehemann gleichermaßen einen warnenden Blick zu, ehe sie doch wieder lächelte. Erst jetzt bemerkte auch der zweite Gast, dass er mit seinen Großeltern nicht allein war.

„Benjamin, darf ich vorstellen?“, setzte seine Großmutter an, aber ehe sie weitersprechen konnte, wurde sie von ihrem Enkelsohn jäh unterbrochen.

„Danke, Oma, nicht nötig“, legte er den Arm in schützender Pose um die ältere Dame, während seine Augen Hellen kalt fixierten.

„Wir kennen uns schon“.

24.4.2024: immer – Buch

Eine Sache musste man Sven lassen: Er schaffte es immer wieder, Saskia zu überraschen – oder auf die Palme zu bringen. An diesem Nachmittag war die Gratwanderung zwischen beidem besonders schmal, wie ihr Gesichtsausdruck verriet, als sie Sven und Jasmin die Tür öffnete. Noch immer in ihren Morgenmantel gehüllt, lugte sie nach dem Klingeln erst vorsichtig durch die Tür, um die beiden Überraschungsgäste dann entgeistert anzustarren.

„Was macht ihr denn hier?!“, zischte sie mit kaum verhohlenem Unmut, der Jasmin zwar fast in die Flucht schlug, aber Sven gar nicht zu tangieren schien.

„Hi! Wir waren grad zufällig in der Nähe!“, hob er lächelnd die Hand, während Jasmin darauf wartete, dass Saskia zur Medusa wurde und ihn in Stein verwandelte. Ihre Augenbraue sprang bereits gefährlich hoch und ihre Augen schmälerten sich ähnlich bedrohlich wie ihre Lippen.

„Es stimmt, wir haben einen Stadtbummel gemacht und uns plötzlich hier wieder gefunden“, sagte Jasmin schnell und flüsterte Sven dann zu: „Ich hab gleich gesagt, dass das ne blöde Idee ist!“.

Überraschenderweise konnte ausgerechnet das Saskia milde stimmen. Als Jasmin Sven drängen wollte, wieder zu gehen, winkte sie ab und schob die Tür etwas weiter auf.

„Na, meinetwegen kommt rein, aber seid leise“, murmelte sie mit einem Seufzen und trat beiseite. Im gleichen Moment öffnete sich plötzlich die Wohnungstür von gegenüber und eine Frau mittleren Alters streckte den Kopf hervor. Schnell wollte Saskia ihre Gäste in die Wohnung ziehen, aber da wurde sie auch schon entdeckt.

„Ach, gut, dass ich Sie sehe!“, schallte es sofort und ihre Nachbarin trat auf den Flur. Mit offensichtlichem Interesse musterte sie Sven und Jasmin, genauso wie Saskias Aufzug.

„Wie gesagt, ich wollte grad duschen, aber ihr könnt solange warten“, versuchte sie ihr Erscheinungsbild zu rechtfertigen und zischte ein „Geh schon rein!“, als Jasmin das abermals als Aufforderung zum Gehen verstand.

„Was kann ich für Sie tun, Frau Schubert?“, wandte sie sich dann an ihre Nachbarin und hoffte, dass die nicht wieder stundenlang versuchen würde, die neuesten Klatschgeschichten mit ihr zu teilen.

„Ich wollt Sie nur dran erinnern, abends drauf zu achten, dass die Haustür richtig geschlossen ist“, meinte die blondierte Toupierte und stützte dabei die Hände auf die Hüften. Saskia hob die Augenbrauen, während sich ihre Nachbarin verstohlen umsah.

„Ist etwas passiert?“

„Gestern Nacht ist wohl so ein betrunkener Penner in den Hausflur und hat hier – sagen wir – sich erleichtert“, beugte Frau Schubert sich zu ihr vor und flüsterte in verschwörerischem Ton. Saskia spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.

„Wirklich?“, fragte sie und räusperte sich, woraufhin sie ein eifriges Nicken erntete.

„Ja! Wissen Sie, ich schlaf ja immer so schlecht und muss zig mal in der Nacht raus, nervöse Blase – ist aber schon mehrfach untersucht worden und der Arzt hat nichts festgestellt! Meinen Sie, ich sollte vielleicht mal zu einem anderen gehen? Vielleicht ist meiner ja ein Quacksalber, wenn ich genau darüber nachdenke…“, begab sie sich in gefürchtetes Fahrwasser und wurde schnell von Saskia unterbrochen.

„Das ist wirklich ärgerlich mit der Blase, aber noch mal zurück zu dem Penner: Was war damit?“, fragte sie und seufzte innerlich aus, als das Gespräch wieder aufs eigentliche Thema zurücksteuerte.

„Richtig! Jedenfalls, ich war mal wieder auf dem Weg ins Bad, da hör ich von draußen diese Geräusche! Natürlich war mir Angst und Bange! Ich dachte mir, lass bloß die Tür zu, nicht, dass der noch über dich her fällt! Den Rest der Nacht hab ich kein Auge mehr zu getan! Und Kaminski von schräg unten hat das auch mitbekommen; die muss ja immer zur Nachtschicht. Die meinte, sie hatte was rumpeln gehört und als sie aus der Wohnung kam, fiel ihr der Gestank auf. Aber da war der Typ wohl auch schon weg!“, trat sie immer näher an Saskia heran, ohne zu bemerken, wie die dabei zurückwich. Sven und Jasmin schauten sich irritiert an. Inzwischen standen sie zwar längst in Saskias Flur, lauschten aber trotzdem angestrengt, was die mit ihrer Nachbarin beredete.

„Also hat niemand mitbekommen, wer das war?“, fragte Saskia und ihre Nachbarin schüttelte energisch den Kopf.

„Nein! Ist nur zum Kotzen hier rein und dann wieder weg! Kann man sich so was vorstellen? Also, wenn mein Harald noch leben würde…“

„Ja, Frau Schubert, das ist wirklich unerhört!“, legte Saskia schnell die Hand an ihre Schulter und nickte. Ihre Nachbarin seufzte aus und schüttelte den Kopf.

„Bloß dass heute Morgen dann alles geputzt war, hat mich gewundert“, seufzte sie erneut und legte den Kopf schief, ehe sie vom störend lauten Lüfter in ihrem Badezimmer berichtete.

„Manchmal ist das wirklich ärgerlich, wenn ich dadurch z.B. erst beim Klingeln bemerke, dass der Postbote kommt!“, murmelte sie und wurde abermals von Saskia unterbrochen.

„Ja, das ist sehr ärgerlich. Und die Sauerei hatte ich übrigens heute Morgen weggewischt. Ich dachte, das wäre mal wieder die Nachbarskatze gewesen, die ständig hier im Hausflur sitzt“, sagte sie schnell.

„Richtig! Das hat ja auch schon so einige Schweinereien mit sich gebracht, wenn das verfluchte Tier hier nicht schnell genug wieder raus kam! Ich muss der Müller wirklich noch mal sagen, dass sie ihr Vieh bei sich behalten soll! Meinetwegen anleinen, das geht bei Hunden doch auch!“, polterte Frau Schubert los und langsam gingen Saskia die Ideen aus, wie sie sie abwimmeln sollte.

„Frau Schubert…“, setzte sie an, ohne noch dazwischen zu kommen und hörte erleichtert, dass irgendwo ein Telefon klingelte.

„Oh, ich glaub, das ist meins! Das könnte wichtig sein. Tut mir leid!“, rief sie aus und schloss fix die Tür, um sich dann mit einem Seufzen dagegen zu lehnen.

„Sehr redselig, hm?“, grinste Sven, während Jasmin schmunzelnd ihr Smartphone hoch hielt. Saskia musterte die beiden und lächelte dann.

„Danke!“, raffte sie sich und schlurfte zur Küche.

„Das wäre jetzt noch Stunden so weiter gegangen“.

„Wir hatten früher auch so eine Nachbarin. Zum Glück ist sie irgendwann weggezogen“, erzählte Jasmin und kam der Einladung, sich an den Tisch zu setzen, gerne nach.

„Ich wünschte, das täte sie auch, aber Frau Schubert ist quasi schon Inventar“, holte Saskia Gläser aus dem Schrank und füllte sie mit Getränken.

„Sollen wir denn fragen, wie du es trotz Kater und Rausch ausschlafen geschafft hast, heute Morgen den Hausflur zu wischen?“, meinte Sven und konnte sich das Lachen nicht verkneifen, als Saskia ihm einen tödlichen Blick zuwarf.

„Kein Wort, verstanden?“, knurrte sie halb im Ernst und verschwand dann für einige Augenblicke ins Schlafzimmer, um sich ein paar Klamotten überzuziehen.

„Also? Was treibt euch hierher?“, fragte sie schließlich bei ihrer Rückkehr und setzte sich mit an den Küchentisch.

„Wir wollten nur mal nach dir sehen und Detlef Tschüss sagen, aber wir haben ihn wohl verpasst. Schade“, meinte Sven und Jasmin runzelte die Stirn, als Saskia sich auffällig räusperte.

„Nein, nicht ganz“, murmelte sie und drehte ihr Glas auf dem Tisch.

„Er ist noch da, aber er schläft gerade…“

Sven hob überrascht die Augenbrauen.

„Um diese Uhrzeit?!“

„Ach, deswegen sollten wir leise sein“, mischte Jasmin sich ein und Saskia nickte.

"Ja, er war sehr erschöpft von der langen Fahrt und dann wars ja heute Nacht schon sehr spät, als er mich nach hause gebracht hat! Er hat sich den Schlaf jetzt echt verdient!", nahm sie einen langen Schluck aus ihrem Glas und seufzte aus.

"Hmhm", tat Jasmin es ihr gleich, während Sven diese irritiert anschaute.

"Warum grinst du so?", wollte er wissen, aber zur Antwort hüllten beide Frauen sich nur in Schweigen und Schulterzucken.

25.4.2024: Pferd - Buch

„Da hast du wohl aufs falsche Pferd gesetzt“, meinte Felix zu seinem Kumpel Dirk, während sie die Straße vom Bahnhof zur Innenstadt entlang schlenderten und Dirk seinen Lottoschein zerriss.

„Ach, halt die Klappe“, knurrte der und ärgerte sich über das verlorene Geld. Nicht einmal die Investition in den Schein hatte er wieder herausbekommen. Warum hatten andere so viel Glück bei diesen Sachen nur er nicht? Er warf die Schnipsel auf den Weg, schob die Hände in die Hosentaschen und seufzte. Dass ihm ein Passant nachrief, dass es zwei Meter weiter einen Mülleimer gäbe, interessierte ihn nicht. Felix hingegen schmunzelte bei Dirks Sauertopfmiene. Plötzlich wurde dessen grummeliger Ausdruck weicher. Seine Augenbrauen schnellten hoch und er blinzelte einige Male.

„Pferde…“, murmelte er und wurde fragend angeschaut.

„Das ist eigentlich auch ne Idee! Ich versuch es mal mit Pferdewetten!“

Felix verdrehte die Augen und seufzte.

„Lass die Finger davon. Mein Onkel hat dabei Haus und Hof verloren“, meinte er und schnappte sich im Vorbeigehen eine Weintraube, die mit anderem Obst und Gemüse vor einem kleinen Lebensmittelladen präsentiert wurde. Mit einem verstohlenen Blick versicherte er sich, dass der Besitzer ihn nicht erwischt hatte und schob sich das Früchtchen dann genüsslich in den Mund.

„Hmm“, schmatzte er, um dann das Gesicht zu verziehen.

„Ieh, mit Kernen!“

Dirk hatte hingegen längst sein Handy hervorgekramt, um sich über seine neueste Idee, schnell an viel Geld zu kommen, näher zu informieren.

„Tja, so hat wohl jeder sein Laster“, murmelte er als Seitenhieb auf Felix` manchmal zu klebrige Finger. Der zuckte die Schultern und grinste. In seinen Augen war das, was er mitgehen ließ, nur ein Kavaliersdelikt; Kleinkram, der kaum etwas wert war und den meisten vermutlich nicht mal auffiel, wenn er verschwunden war. Genauso wie eine kleine Spielzeugfigur, die beim Weg durch die Einkaufspassage in seiner Jackentasche landete.

„Deine kleine Schwester steht doch auf so einen Kram, oder?“, hielt er sie Dirk wenig später unter die Nase, der nur genervt mit den Augen rollte.

„Behalt dein Diebesgut für dich!“, knurrte er und beide zuckten zusammen, als hinter ihnen eine nur allzu bekannte Stimme erklang.

„Wen haben wir denn da? Den Langfinger und sein Kumpel mit den illegalen Wetten. Na, was habt ihr dieses Mal ausgefressen?“, stand ein Polizist hinter ihnen und musterte sie, als sich zu ihm umdrehten. Schnell versteckte Felix sein Diebesgut wieder in der Jackentasche, aber er war längst aufgefallen.

„Seid ihr nicht ein bisschen zu alt für Black Beautys Plastiknachbau?“

26.4.2024: Heiraten - Buch

„Die ist immer so.“

Saskia überschlug die Beine und nippte an ihrem Getränk.

„Stell ich mir anstrengend vor“, murmelte Jasmin und Saskia nickte.

„Manchmal hab ich den Eindruck, dass die Schubert nichts anderes im Leben hat, als Klatsch und Tratsch. Entweder klebt sie mit dem Ohr an der Wohnungstür oder drückt sich die Nase am Fenster platt. Habt ihr gemerkt, wie sie euch gemustert hat?“, seufzte Saskia und Sven zuckte die Schultern. Jasmin allerdings war es durchaus aufgefallen.

„Muss sie denn nicht arbeiten?“, meinte sie und Saskia hob kurz die Hände.

„Scheinbar reicht ihre Witwenrente aus, um davon leben zu können“, meinte sie und versuchte es sich auf dem Stuhl gemütlicher zu machen - sie hätte die beiden doch ins Wohnzimmer führen sollen.

„Versteht mich nicht falsch, sie tut mir irgendwo auch leid. Sie erzählte mal, dass sie früh geheiratet hatte und ihr Mann vor einigen Jahren bei einem Unfall starb. So was wünsch ich keinem, aber trotzdem ist sie auch verdammt anstrengend. Ständig steckt sie die Köpfe mit der Kaminski von unten zusammen und palavert über die halbe Nachbarschaft. Oder darüber, was in irgendwelchen Schundblättchen steht. Ich bin wirklich froh, dass die Wände hier dick genug sind, um nicht ständig wie auf Eiern laufen zu müssen. Ich glaub, sonst würde regelmäßig ein Kreuzverhör der beiden stattfinden, bei dem sie wissen wollen, wer was wann in seiner Wohnung gemacht hat. Sie schnüffeln ja sogar in den Mülltonnen der Nachbarn rum“, verdrehte Saskia die Augen und schüttelte den Kopf. Ihre Gäste schauten sie irritiert an.

„Hat sie denn sonst keine Familie? Kinder? Andere Verwandte?“, meinte Sven und spürte, wie das Mitleid für Saskias Nachbarin in ihm wuchs.

„Drüber gesprochen hat sie noch nie, aber geh doch einfach rüber und frag sie selbst“, grinste die hingegen und brachte Jasmin damit zum Lachen.

„Dir würd ich das sogar zutrauen“, meinte sie und linste aus den Augenwinkeln zu Sven.

„Ist das meine Nachbarin?!“, guckte er verdattert von einer zur anderen und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glas, ehe er meinte: „Wer weiß, was der Frau passiert ist, dass sie so geworden ist. Vielleicht liegts ja nicht nur am Tod ihres Mannes“.

Eine Weile kehrte Stille ein und jeder hing seinen Gedanken nach. Saskia ertappte sich bei der Überlegung, ob sie in den vergangenen Wochen vielleicht auch ein wenig schrullig gewesen war – obwohl sie Detlef ja nicht vollends verloren hatte.

„Wie ist das jetzt eigentlich mit Detlef und dir?“, brach Sven schließlich das Schweigen, als hätte er ihre Gedanken gelesen und Saskia blickte ihn beinahe schon ertappt an. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Wir versuchen es noch mal“, murmelte sie und sah, dass ihre Freunde sich aufrichtig für sie zu freuen schienen.

„Wurde aber auch Zeit, dass ihr euch wieder zusammenrauft!“, lehnte Sven sich nach vorn, um Saskia auf die Schulter zu klopfen, während Jasmin sich in ein schweigsames Lächeln hüllte.

„Und was macht ihr als nächstes? Zusammenziehen? Heiraten? Kinder?“, sprudelte es aus Sven heraus, während Saskias Augen mit jedem Wort größer wurden.

„Dir ein bisschen Feingefühl beibringen“, ertönte es da plötzlich aus Richtung Flur und alle drei drehten sich verwundert zur Tür um.

„Hey! Guck an, wer da ist! Na? Ausgeschlafen?“, grinste Sven und stand auf, um Detlef mit einer Umarmung zu begrüßen.

"Wie soll man denn bei deinem Krach schlafen?", antwortete der und lachte, als er Svens nächsten Kommentar hörte.

"Musst du allen unter die Nase reiben, wie gut trainiert du bist?", stimmte der mit ein und klopfte dem Blonden kräftig auf die Schulter. Jasmin nickte zwar auch kurz rüber, bestaunte dann aber Saskias Zimmerpflanzen auf der Fensterbank neben ihr - zwei Kakteen, die im Gegensatz zu Detlef nicht oben ohne da standen.

"Vielleicht gehst du erst mal duschen und ziehst dir was an, hm?", stand Saskia auf und ging zu Detlef, um ihm einen kurzen Kuss aufzudrücken, ehe sie ihn aus dem Zimmer schob.

„Warum soll er duschen? Anziehen reicht doch?“, meinte Sven verwundert und ließ sich seinerseits zurück Richtung Tisch schieben. Saskia rollte die Augen.

„Manchmal bist du wirklich schwer von Begriff“, nuschelte sie, während Jasmin sich ihnen jetzt wieder zuwendete.

"Ich glaub, er hat vorhin noch kurz Sport gemacht", konnte sie sich eine kleine Spitze nicht verkneifen und nippte grinsend an ihrem Glas. Saskia guckte kurz überrascht, aber dann umspielte auch ihre Lippen ein Schmunzeln.

"Biest", flüsterte sie erst und lachte dann auf, als aus dem Flur plötzlich das Wörtchen "Matratzensport" ertönte. Zwar wurde auch Jasmin in bekannter Manier rot, aber ihre Gesichtsfarbe war nichts gegen Svens, als ihm langsam dämmerte, wie unpassend ihr Besuch wirklich war.

"Vielleicht sollten wir jetzt doch wieder gehen..."

27.4.2024: Jeans - Buch

„Sei ehrlich, steht mir die Hose?“

Jasmin trat in Svens Zimmer und präsentierte ihm ihre neue Jeans, indem sie sich einige Male um sich selbst drehte. Er saß gerade am Schreibtisch über seiner Seminararbeit und schaute irritiert auf.

"Ja, sieht gut aus", meinte er und wunderte sich darüber, dass Jasmin ihn bei diesem Thema plötzlich um seine Meinung bat.

"Meinte die Verkäuferin auch", murmelte sie und schien trotzdem nicht überzeugt zu sein. Immer wieder musterte sie sich von allen Seiten im Spiegel und zog den Mund kraus.

"Also irgendwie...". Sie seufzte und schüttelte den Kopf.

Sven drehte sich weiter zu ihr um und fragte: "Wo ist denn das Problem? Sie sitzt doch gut und die Farbe steht dir auch". Er nahm die Brille ab, während sie noch immer unzufrieden in den Spiegel guckte.

"Ich weiß nicht, ich hab das Gefühl, dass der hohe Stretchanteil meinen Hintern so betont... Die Jeans, die ich sonst trag, haben mehr Baumwolle", warf sie ihrem Spiegelbild einen Blick über die Schulter zu und zuppelte am Hosenbund herum. Dann schaute sie wieder zu Sven, dem die Situation langsam etwas unangenehm wurde.

"Warum hast du sie dir gekauft, wenn du dich nicht wohl darin fühlst?", fragte er und wieder verzog Jasmin den Mund.

"Ich dachte, vielleicht sollte ich mal ein bisschen mehr aus mir herauskommen und mich figurbetonter anziehen. Und als die Verkäuferin dann noch meinte, wie toll die Hose an mir aussähe...", sie zuckte die Schultern und seufzte abermals aus.

"Ich glaub, ich geb sie zurück", riss sie sich schließlich vom Spiegel los und ging aus dem Zimmer. Sven schaute ihr einen Moment schweigend nach und fragte sich, warum er plötzliche diese Unruhe spürte.

"Warum möchtest du dich denn figurbetonter anziehen?", hielt es ihn nach kurzem Zögern doch nicht mehr auf dem Stuhl und er ging ihr nach. Jasmin schlüpfte gerade zurück in ihre Jogginghose und fuhr ihn an, sich umzudrehen, als er in ihr Zimmer rauschte.

"Ich hab nichts gesehen!", wehrte er sogleich ab und starrte in den Flur hinein. Einen Kommentar darüber, dass ihre Zimmertür sperrangelweit offen stand, verkniff er sich. Offensichtlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass er ihr nachging.

"Zum Glück hab ich den Bon noch", hörte er sie kurz darauf murmeln und im nächsten Moment stand sie auch schon neben ihm, um sich auf den Weg zurück zum Klamottenladen zu machen.

"Ich möchte endlich wieder einen Freund, aber als graue Maus fall ich keinem auf. Linda hat zwar recht damit, dass ich mir aus mir machen kann, aber letztlich bringts auch nichts, wenn ich mich nicht wohl fühle", meinte sie zu Sven und lächelte ihn dann an.

"Danke, dass du mich für die komische Modenshow nicht ausgelacht hast", strich sie ihm kurz über den Arm und ging zur Tür.

"Ich bin echt froh, dass wir inzwischen so gute Freunde sind!", rief sie ihm über die Schulter hinweg zu und verschwand dann mit einem "Bis später!" aus der Wohnung.

"Ja, bis später", murmelte er und hob fahrig die Hand, obwohl sie längst weg war. Warum fühlte der Knall der Tür sich fast wie ein Schlag in den Magen für ihn an? Einige Augenblicke hing er seinen Gedanken nach und ging dann schließlich zurück an seine Seminararbeit.

28.4.2024: Licht - Buch

„Das Licht ist aus!“, rief Michelle erschrocken, als der Raum von einer auf die nächste Sekunde in völliger Dunkelheit lag.

„Was du nicht sagst“, murmelte ihr Kumpel Sascha und kramte sein Handy hervor.

„Wird wohl am Gewitter liegen. Vermutlich nur ein Kurzschluss – wo ist der Sicherungskasten?“, erhob er sich von der Couch und leuchtete hinüber zur Zimmertür. Er hatte die alte „Bruchbude“, die Michelle von ihren Großeltern übernommen hatte, nie sonderlich gemocht. Jetzt sah er sich in seiner Abneigung bestätigt. Das Haus war alt und in seinen Augen völlig marode.

„Im Keller, links neben der Tür, aber sei vorsichtig“, meinte Michelle und nahm ihr eigenes Handy vom Wohnzimmertisch. Sascha nickte. Einmal war er schon im Keller gewesen und die Treppe wand sich ähnlich halsbrecherisch ihren Weg wie jene in den ersten Stock.

„Bin gleich wieder da“, murmelte er und verschwand aus dem Zimmer, während Michelle zum Wohnzimmerschrank hinüber lief. Sie dankte ihrer Großmutter dafür, ihr immer eingebläut zu haben, dass sie stets einen kleinen Vorrat Kerzen im Haus haben sollte. Eifrig holte sie die Lichtspender hervor, hüllte den Raum in den schwefligen Geruch der Zündhölzer und brachte so langsam wieder Licht ins Dunkel. Eigentlich hatten sie einen gemütlichen Filmabend abhalten wollen, aber beim aufziehenden Gewitter war ihr sofort mulmig geworden und nun hoffte sie, dass beim Stromausfall nicht auch der Fernseher Schaden genommen hatte.

„Scheiße!“, hörte sie Sascha vom Flur her fluchen, während sie die letzten Kerzen in ihre Halter steckte und aufstellte.

„Alles okay?“, rief sie ihm zu und hörte kurz darauf, wie er zurück ins Zimmer kam.

„Nein! Die Sicherung ists scheinbar nicht. Ich hab ja schon so oft gesagt, dass die Leitungen in der Bude hier einfach Schrott sind, genau wie der Rest vom Haus. Du solltest es verkaufen und dir was suchen, das besser in Schuss ist. Nicht so ein Vorkriegsmodell“, maulte er und ließ sich mit verschränkten Armen auf die Couch fallen. Michelle musterte ihn im Kerzenschein und stellte dann die letzte Latüchte auf.

„Warum bist du so gegen dieses Haus?“, fragte sie, weil sie Saschas Bedenken schon früher bemerkt hatte, aber jetzt so deutlich wie nie seine Abneigung spürte.

„Weil es alt ist! Es kann mit den heutigen Standards nicht mithalten, die Wände sind teilweise schief, die Decken niedrig und ich frag mich wirklich, was deine Großeltern damals geritten hat, dir das Ding zu vermachen! Am Ende sitzt du wahrscheinlich auf einem Schuldenberg, wenn du das alles hier sanieren willst!“, schüttelte er den Kopf und hob den Blick zu Michelle, als sie sich hinter ihn an die Couch stellte. Sie stützte sich auf die Rückenlehne und schmunzelte.

„Hier hab ich meine Kindheit verbracht. Es ist nicht nur eine alte Bruchbude, sondern ein Haus voller Geschichten und Leben. Es hat seine Eigenheiten – so wie wir auch“, meinte sie und lachte, als Sascha die Augen verdrehte. Manchmal konnte Michelle wirklich theatralisch sein.

„Und jetzt komm mal mit“, sagte sie plötzlich und trat ans Wohnzimmerfenster. Sascha schaute ihr kurz irritiert nach, ehe er ihrer Aufforderung folgte.

„Was ist?“, stellte er sich hinter sie und schaute in die schwarze Nacht.

„Fällt dir was auf?“, fragte sie und er runzelte die Stirn. Dann hob er die Augenbrauen und wieder schmunzelte Michelle.

„Der Strom ist in der gesamten Stadt weg. Es liegt also nicht an meiner Bruchbude“, grinste Michelle und Sascha seufzte.

„Außerdem hat diese „Hütte“ etwas, das viele moderne Häuser um uns herum nicht haben: Einen Holzofen, mit dem wir uns jetzt ein warmes Plätzchen und sogar was zu Essen ermöglichen können. Vielleicht ist es doch nicht so übel hier, hm?“, nickte sie leicht in Richtung Küche und ging dann vor. Sascha schaute ihr einen Moment schweigend nach, ehe er ihr folgte. Ja, vielleicht konnte das alte Häuschen doch auch mal mit einer positiven Überraschung aufwarten.

29.4.2024: flüssig

Gleichmäßig schwang das Pendel der Wanduhr von Seite zu Seite, kam seiner Arbeit zuverlässig und unermüdlich mit einem monotonen Geräusch nach, das erst nur eine unbeachtete Hintergrundbeschallung gewesen war und nun mit jedem Schlag dröhnender wurde. Es hämmerte in Hellens Kopf, während sie das Blut in ihren Ohren rauschen hörte und spürte, wie jede Flüssigkeit aus ihrem Mund verschwand. Sie starrte hinauf zu Benjamin, der seine Großmutter noch immer schützend umarmt hielt, während er gleichzeitig fast eines Schutzschildes gleich vor seinem Großvater stand. Kühl blickte er auf sie hinunter, während seine Großeltern nicht wussten, was gerade geschah. Seine Großmutter wollte wissen, warum ihr Enkel sich so abweisend gegenüber ihres Gastes verhielt und sein Großvater fragte, woher sie sich kannten. Benjamin aber musterte Hellen voller Abscheu, bevor er das unerträgliche Ticken mit seiner Stimme wieder übertönte.

„Der Kerl ist sich wirklich für nichts zu schade, was?“, lag blanker Ekel in seinen Worten, die er beinahe ausspuckte wie Galle.

„Jetzt schickt er auch noch seine Angetraute hierher?!“

Hellen wollte aufspringen und protestieren, aber sie fühlte sich wie angenagelt, die Hände und Füße taub, die Kehle gelähmt.

„Ich kenn sie von der Schule. Die war in meiner Parallelklasse“, knurrte er, an seine Großeltern gewandt, um ihnen endlich zu erklären, woher er so genau wusste, wer da gerade vor ihm saß. Ja, Hellen erinnerte sich an Ben, das Sportass, das besonders im Schwimmunterricht mit Bestleistungen beeindruckt hatte. Der wie ein Fisch in fließenden Bewegungen seine Bahnen gezogen hatte, als wäre er eins mit dem flüssigen Element gewesen. Neben Richard war er einer der beliebtesten Jungen der Schule gewesen; durch alle Jahrgänge hindurch. Eigentlich waren die beiden jungen Männer nie richtige Konkurrenten gewesen – lagen ihre Vorzüge doch in völlig unterschiedlichen Richtungen – aber trotzdem hatte Hellen damals das Gefühl gehabt, dass Richard eine gewisse Genugtuung verspürte, als Ben sich kurz vorm Abschluss eine Muskelverletzung zugezogen hatte. Seine Sportkarriere war so vielversprechend gewesen, aber durch die verletzte Schulter hatte er keine Aussicht darauf gehabt, sie weiter ausbauen zu können. Zumindest nicht mit der Unterstützung, die ihm zur Verfügung gestanden hatte, von Ärzten, die zwar ihr Bestes getan hatten, um ihm zu helfen, aber deren Ausrüstung und Erfahrung nicht an das heranreichte, was ein Richard sich in so einem Fall sicherlich hätte leisten können…

Früher war ihr bei Ben nie so eine Kälte aufgefallen wie jetzt. Hellen schluckte hart gegen die schmerzende Kehle und griff mit zittrigen Fingern nach ihrem Tee, während Ben seine Großeltern weiter darüber in Kenntnis setzte, wen sie sich da ins Haus geholt hatten.

„Wenn ich mich nicht irre, sind die beiden im letzten oder vorletzten Schuljahr damals zusammen gekommen und spielen sich seitdem als Vorzeigepärchen auf. Achtet mal auf die Fotos in den Tageszeitungen, wenn mal wieder irgendeine Wohltätigkeitsveranstaltung oder so was war: Richie Rich steht dann zwar im Vordergrund, aber sie ist auch oft genug mit abgelichtet“, nickte er zu Hellen und ließ seine Großmutter los, um stattdessen auf den Tisch zu zu treten und die Arme vor der Brust zu verschränken. Hellen schaute Bens Großeltern an und sah das Entsetzen, die Enttäuschung ihren Augen, aber auch die wachsende Erkenntnis, je länger sie sie anschauten. Dank des Regens, der von ihrem Styling nicht allzu viel übrig gelassen hatte, war es ihnen nicht sofort aufgefallen, aber jetzt fiel es wie Schuppen von den Augen.

„Potzblitz! Jetzt weiß ich auch, warum Sie mir so bekannt vorkamen!“, stieß der Schuster aus und schüttelte den Kopf. War das etwa alles eine Finte gewesen? Die hilflose Frau auf der Bank, die an seine Gutmütigkeit appellieren sollte?

„Bestell deinem Freund einen schönen Gruß, er soll meine Großeltern endlich in Ruhe lassen! Sie werden nicht verkaufen und wenn er sich auf den Kopf stellt! Und jetzt gehst du lieber, du bist hier nämlich flüssiger als flüssig: überflüssig!“, rümpfte Ben die Nase und wandte sich so zur Tür, dass sich auch ohne zusätzliche Handbewegung eine mehr als eindeutige Geste daraus entwickelte. Hellen wollte sich am Tisch hochdrücken und aufstehen, aber ihre Knie gaben nach. Sie kannte diese Leute erst kurze Zeit und trotzdem trafen sie die plötzliche Abweisung und der falsche Eindruck, den sie von ihr gewannen.

„Ich wusste nichts davon“, brachte sie schließlich heiser hervor und schüttelte leicht den Kopf.

„Mit Richards Geschäften hab ich nichts zu tun. Ich wusste nicht, dass…“. Sie brach ab und ließ die Schultern sinken. Nur allzu deutlich war in den drei Gesichtern zu lesen, dass sie ihr nicht glaubten.

„Erspar uns das Theater! In was für einer Welt lebst du denn bitte, wenn du keine Ahnung haben willst, was dein Freund für ein abgezocktes Arschloch ist?!“, knurrte Ben und erntete dafür einen empörten Ausruf seiner Großmutter. Bei allem Ärger, den sie Bens ehemaligem Mitschüler verdankten, wollte sie solche Kraftausdrücke in ihrem Haus nicht hören.

„Sie sollten jetzt wirklich gehen“, meldete sich der Schuster plötzlich zu Wort und packte das belegte Brötchen in einen Frischhaltebeutel, den er Hellen kurz drauf vor die Nase hielt. Ihre geröteten Augen ließen ihn nicht kalt, also wandte er sich ab, als sie die Tüte griff und zum Ende der Sitzbank rutschte, um hinter dem Tisch hervor zu kommen.

„Ich studier Tiermedizin und er ist mit seinen Geschäften so beschäftigt, dass wir uns oft nur abends oder frühmorgens sehen und da reden wir selten über beruflichen Themen“, versuchte Hellen es noch einmal und musste schnell merken, dass der kleine Funke Hoffnung vom eisigen Hauch der Ablehnung ausgeblasen wurde. Sie fühlte, wie Bens Hand sich auf ihren Rücken legte, warm und doch voller Härte, mit der er sie zur Haustür schob.

„Hast du keinen Mantel?“, sprach er beinahe fahrig, als er im Vorbeigehen zur Garderobe blickte und dann wahrnahm, wie dünn Hellens Kleid wirklich war. Sie schüttelte den Kopf und bekam eine Gänsehaut, kaum, dass er die Tür öffnete und ein kalter Wind sie begrüßte. Kurz blitzte ein Funke Mitleid in Bens Augen auf.

„Wir hatten damals zwar nur in den AGs miteinander zu tun, aber ich fand dich trotzdem nett. Schade, dass du dich ausgerechnet auf so einen miesen Kerl eingelassen hast“, griff er nach kurzem Zögern seine eigene Jacke von der Garderobe und drückte sie Hellen in die Hände. Irritiert starrte sie erst ihn und dann sein Kleidungsstück an.

„Tu mir den Gefallen und komm nicht auf die Idee, sie hierher zurück zu bringen. Gib sie einfach am Hallenbad ab, da geb ich Schwimmunterricht“, hielt er mit einer Hand die Tür fest im Griff, während er die andere auf die Hüfte stützte. Sein Fuß tippte ungeduldig auf und ab. Hellen nickte, doch in ihrem Kopf herrschte noch immer ein Nebel und Wirrwarr aus den vielen Erkenntnissen der letzten Stunden und Momente.

„Danke… auch an deine Großeltern für ihre Gastfreundschaft. Und… auch wenn du mir nicht glaubst: Ich wusste es wirklich nicht und ich wollte auch niemandem weh tun. Es tut mir leid…“, murmelte sie und stieg die wenigen Stufen der Eingangstreppe hinab, während sie sich wieder fragte, warum sie sich eigentlich entschuldigte. Das dumpfe Klacken der Haustür ließ sie zusammenzucken.

30.4.2024: weiß

„Weißt du eigentlich, was ich mir für Sorgen gemacht habe?!“.

Richard schüttelte verständnislos den Kopf und ging vor Hellen auf und ab. Vor wenigen Minuten erst war sie in ihre gemeinsame Wohnung zurückgekehrt. Als er sie erblickt hatte, war er regelrecht auf sie zugerannt gekommen, um sie an sich zu ziehen und sich zu erkundigen, wie es ihr ginge, aber nun spiegelte sich vor allem Enttäuschung in seinem Gesicht wider.

„Was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Und warum hast du nicht auf meine Anrufe reagiert? Ich hab zig Mal versucht, dich zu erreichen!“, baute er sich vor ihr auf und stemmte die Hände auf die Hüften. Sie hingegen spürte die Erschöpfung nach der langen Nacht, den vielen Schritten und dem erschreckenden Morgen.

„Tut mir leid“, ließ sie sich auf dem weißen Ledersofa nieder und zog die hochhackigen Schuhe aus, die sie für den Rückweg wieder getragen hatte. Mittlerweile fragte sie sich, wie sie überhaupt freiwillig diese Dinger tragen konnte, so unbequem und einschneidend wie sie waren. Als sie die vom nächtlichen Spaziergang dreckigen Füße etwas massierte und dabei zu ihrem Freund hinauf sah, erkannte sie die Abschätzigkeit in seinem Blick. Er musterte sie; das zerlaufene Make-Up, die zerzausten Haare und die dreckigen Schuhe, die kaum noch davon berichteten, vor wenigen Stunden noch makellos weiß und glänzend gewesen zu sein.

„Also, was sollte das alles?“, zog er die Augenbrauen kraus und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich war einfach nur spazieren und musste den Kopf etwas frei kriegen“, meinte Hellen und lehnte sich auf dem Sofa zurück, um Richard besser anschauen zu können. Er schüttelte den Kopf.

„Was ist das plötzlich für eine Eigenart von dir? Und wieso sagst du dann nichts? Was, wenn dir was passiert wäre?!“, sprach er verständnislos, aber sie zuckte nur die Schultern.

„Es hat sich so ergeben“, murmelte sie und schob sich einige Strähnen hinters Ohr. Selbst der Fußmarsch zurück nach hause hatte nicht geholfen, das ganze Wirrwarr in ihrem Kopf vollends zu ordnen.

„Hast du was dagegen, wenn ich duschen gehe und mich dann etwas ausruhe? Lass und nachher reden, ja?“, stand sie auf und spürte, wie nicht nur ihre Füße schmerzten. Ihr ganzer Körper fing zunehmend an, gegen die Strapazen zu protestieren. Sie wollte ihrem Freund im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange geben, aber der wendete sich ab. Enttäuscht ließ Hellen die Schultern sinken und ging durch das ausladende Wohnzimmer hinüber zum Bad. Schämte er sich für sie? Oder ekelte er sich sogar vor ihrer aktuellen Erscheinung?

„Ich wollte dir keinen Kummer bereiten“, murmelte sie leise und durch einen Schleier von Tränen hindurch.

„Hauptsache, dir ist nichts passiert“, antwortete er, ohne dabei die Kälte in seiner Stimme verhehlen zu können. Hellen ließ den Kopf hängen und erst das warme Wasser, das einige Minuten später ihren Körper einhüllte und kribbeln ließ, brachte neues Leben und Energie in sie zurück. Sie stand eine gefühlte Ewigkeit da und hielt ihr Gesicht in den künstlichen Schauer, der ihr sanft prasselnd über Stirn und Wangen strich, während ihre Gedanken langsam anfingen, sich zu sortieren und greifbarer zu werden. Immer wieder drängte sich ihr die Frage auf, ob Richard sich wirklich Sorgen um sie gemacht oder sich eher vor negativen Schlagzeilen gefürchtet hatte, wenn sie in ihrem zerzausten Aufzug irgendwo abgelichtet worden wäre.

"Hätte ich die Jacke vielleicht doch anlassen sollen, anstatt sie im Keller zu verstecken?", murmelte sie ins Rauschen des Wassers hinein und fragte sich wieder, warum sie sich aus einem Impuls heraus für die Verheimlichung entschieden hatte.

1.5.2024: Feiertag

Seit gut fünf Minuten stand Hellen bereits vor dem Hallenbad und schaute auf die Aneinanderreihung von Milchglasfenstern und Metall, die das Gebäude an ein Gewächshaus erinnern ließen. Sie wusste gar nicht mehr, wann sie das letzte Mal dort zu Besuch gewesen war. Hatte sie es seit Ende ihrer Schulzeit überhaupt einmal wieder betreten? Von den baulichen Veränderungen der letzten Jahre hatte sie nur über Zeitungsberichte oder durch Gespräche erfahren. Der Weg über den Parkplatz war an diesem Tag noch derselbe wie früher gewesen, aber schon von außen erinnerte nur noch wenig an das Hallenbad, das sie zu Schulzeiten für den Schwimmunterricht hatte besuchen müssen – immer im Winter statt im Sommer, wenn das Wasser wenigstens noch eine schöne Abkühlung gewesen wäre... War sie deshalb mit dem Schwimmen nie richtig warm geworden und hatte mehr Freude an anderen Sportarten gefunden?

Sie nahm einen tiefen Atemzug und wandte sich zum Eingang. Immer noch stand eine kleine Schlange davor, die auf Einlass wartete und vom Parkplatz kamen schon die nächsten Besucher angelaufen. Eigentlich wollte Hellen nicht, dass jemand den Grund ihres Besuchs mitbekam, aber so wie es im Moment aussah, konnte sie noch Stunden warten, um die Kassiererin ungestört zu sprechen. Mit gemischten Gefühlen stellte sie sich also an; hinter eine der vielen Familien mit kleinen Kindern, die den Feiertag für einen Ausflug hierher nutzten. Es überraschte Hellen, wie viele von ihnen es heute hierher zog, obwohl die Außentemperaturen noch recht kalt waren, selbst wenn die Sonne schon fleißig schien. Ab und zu bekam sie einen verwunderten Blick der anderen Besucher mit, weil sie kein Handtuch oder ähnliches bei sich hatte, aber die meiste Zeit über waren die Leute mit sich selbst beschäftigt. Oder irritierte sie eher die große Sonnenbrille auf Hellens Nase? Sie schwankte, ob sie damit unnötig viel Aufmerksamkeit auf sich zog, obwohl sie sie eigentlich nutzen wollte, um sich dahinter zu verstecken. Als sie schließlich an die Kasse trat, schob sie sich ins Haar – auch aus Höflichkeit der Kassiererin gegenüber. Einstudiert fragte die sofort, was für ein Ticket Hellen haben wolle und ob sie allein sei, aber Hellen schüttelte den Kopf und hob abwehrend die Hand.

„Ich möchte kein Ticket. Ich möchte nur diese Jacke abgeben“, beugte sie sich näher zur Kassiererin, um so leise wie möglich zu sprechen und hob das Kleidungsstück über ihrem Arm etwas an. Hinter ihr machte man bereits neugierige Augen.

„Ham Sie sie auf dem Parkplatz gefunden?“, fragte die Kassiererin und wieder schüttelte Hellen den Kopf.

„Nein, sie gehört…“. Verdammt! In diesem Moment fiel ihr auf, dass sie Bens Nachnamen nicht mehr wusste!

„B...Benjamin. Ben. Einem Ihrer Schwimmlehrer“, stotterte sie und räusperte sich, weil sie Kichern und genervtes Seufzen hinter sich hörte. So viel dazu, dass sie nicht hatte auffallen wollen… Zum Glück erstrahlte nun aber das Gesicht der Kassiererin.

„Ach ja, stimmt! Hat er mir gesagt, dass er seine Jacke verliehen hat! Wollen Se mir die geben oder hier auf ihn warten?“, meinte sie und Hellen drückte ihr schnell die Jacke in die Hand. Dann aber griff sie doch wieder selbst danach.

„Ich… ich glaub, ich geb sie ihm doch selbst, wenn er heute auch da ist“, lächelte sie entschuldigend, als die Kassiererin sie wegen ihrer Unentschlossenheit irritiert anschaute und wurde in einen Vorraum geschickt, von dem aus sie durch ein riesiges Klarglasfenster ins Hallenbad schauen konnte. Während die anderen Besucher an ihr vorbei durch eine Tür zu den Kabinen verschwanden, fühlte Hellen sich daran erinnert, wie sie und ihre Schulfreundinnen immer in diesem Raum hatten warten müssen, wenn sie sich einmal im Monat vor dem Schwimmunterricht gedrückt hatten. Diese kleine Ecke des Schwimmbades hatte sich also tatsächlich nicht verändert, wohingegen sie alles andere kaum wiedererkannte. Es wirkte viel offener, größer, hatte Saunalandschaft und neue Rutschen hinzubekommen, die jetzt von Badegästen bevölkert wurden. Wie sollte sie Ben in dieser Menschenmenge finden? Und wie sollte sie ihn auf sich aufmerksam machen? Kurz überlegte sie, die Kassiererin zu fragen, wann er Pause hatte oder ob sie ihm eine Nachricht zukommen lassen konnte, dass jemand am Eingang auf ihn wartete. Bei der nicht abreißenden Besucherschlange traute sie sich das aber nicht.

„Ich hab ja heute sonst nicht viel zu tun“, murmelte sie beinahe resignierend und warf einen Blick auf ihre Uhr. Es war noch am Vormittag und trotzdem wusste sie, dass höchstens der Schreibtisch mit Uniunterlagen auf sie wartete, aber kein Richard. Der saß längst wieder im Büro über seiner Arbeit, die ihn so vereinnahmte und über die er mit Hellen trotzdem kaum sprach. Sie seufzte leise und ging ihre Nachrichten auf dem Smartphone durch. Von den Leuten aus der Uni hatte auch niemand Zeit; die waren alle bereits anders verplant. Aber wenn Hellen ehrlich mit sich war, überraschte sie das auch nicht: Sie ging kaum mit zu Parties und Kneipenbesuchen, um stattdessen ihren Freund zu begleiten oder nutzte die Zeit fürs Lernen, damit sie die hart erarbeiteten Bestnoten überall beibehalten konnte. Die Überraschung war also eher, dass sie überhaupt noch hier und da jemand einlud. Von den Leuten aus der Schulzeit hatte sie inzwischen schon seit Jahren nichts mehr gehört.

Schwermütig ließ sie bei diesem Gedanken das Smartphone sacken und schob es zurück in ihre Hosentasche. Hatte sie sich so ihr Leben vorgestellt? So tief es ging atmete sie ein. Langsam kroch wieder dieses Gefühl der Beklemmung in ihre Brust, so, wie auch an dem Abend, der sie schließlich an den Küchentisch von Bens Großeltern geführt hatte. Richard hatte sie gefragt, was mit ihr los sei und das fragte sie sich auch langsam.

„Alles in Ordnung?“, hörte Hellen plötzlich neben sich und fuhr zusammen. Sie schaute zu einer jungen blonden Frau, die sie besorgt musterte.

„Ja… ja, ich bin nur den Geruch vom Chlor nicht so gewöhnt“, meinte Hellen und kramte im Kopf nach dem Namen dieser Frau. Ihr Gesicht kam ihr bekannt vor und ein Blick auf ihre rote Arbeitskleidung brachte schnell die Erleuchtung: Die neue Bademeisterin, die vor ein paar Monaten in der Zeitung genannt worden war.

„Mir fällt das schon gar nicht mehr auf!“, meinte die und lachte Hellen herzlich an, ehe sie von einem „Jenny!“ abgelenkt wurde.

„Kannste Ben mal sagen, dass er in der Pause herkommen soll? Besuch für ihn!“, deutete die Kassiererin auf Hellen, die sich plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wiederfand. Sie drehte den anderen Besuchern bestmöglich den Rücken zu und schenkte ihrem blonden Gegenüber ein schiefes Lächeln, das nach ihrem Empfinden eine Spur zu hochnäsig erwidert wurde, als die Bademeisterin sie nun ausgiebiger musterte und mit einem „Ja, ich sags ihm“, wieder verschwand. Hellen runzelte die Stirn und schaute ihr fragend nach. Ein Blick über die Schulter verriet ihr, dass die Kassiererin längst wieder mit den nächsten Besuchern beschäftigt war.

„War vielleicht doch keine gute Idee“, murmelte Hellen zu sich und klammerte sich unwillkürlich fester an die Jacke, während ihr Blick wieder über die Schwimmhalle glitt und sie zusammenzucken ließ. Gar nicht weit von ihr erkannte sie die Bademeisterin, die gerade zu Ben ging, der am Beckenrand stand und aufpasste - er unterrichtete also nicht nur, sondern war auch Bademeister. Kurz dachte Hellen, dass sie darauf auch selbst hätte kommen können, da an einem Feiertag wohl kaum Unterricht stattfand, aber das Geschehen am Beckenrand war viel zu aufregend für sie, um an diesem Gedanken festzuhalten. In vertrauter Geste legte die Bademeisterin gerade die Hand auf Bens Oberarm und er lehnte sich ihr entgegen. Ein Lächeln lag ihm auf den Lippen, während sie ihm ins Ohr sprach. Noch während sie redete verschwand das Lächeln und seine Augen folgten Jennys Finger, der ohne Umschweife zu Hellen hinüber deutete. Es hatte fast etwas Anklagendes.

2.5.2024: Safe Space

Kein Wort sprachen sie miteinander als sie die Wohnung betraten; nur sein Ächzen und Stöhnen durchdrang die Stille. Es klang fast, als wäre er gerade dabei, den Mount Everest zu erklimmen.

„Gott, ich dachte schon, der findet heute gar kein Ende mehr“, murmelte Sven und schleppte sich ins Wohnzimmer, um dann mit einem tiefen Seufzen der Länge nach auf die Couch zu fallen. Jasmin tat sich deutlich weniger schwer. Auch sie war froh über das Ende des heutigen Tages, aber vor allem freute sie sich, jetzt wieder in der Wohnung zu sein. Sie sammelte Svens Rucksack auf, den er lieblos in den Flur geworfen hatte und stellte ihn neben seine Zimmertür, genauso wie sie ihren neben ihrer Tür platzierte.

„Jetzt ist erst mal Wochenende“, meinte sie zufrieden und nahm auf dem Sessel Platz, der gegenüber der Couch stand. Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und lächelte.

„Dass du immer noch so fröhlich sein kannst“, murmelte Sven und schob die Hände unter sein Kinn.

„Wollte Oberfelder sich Extrapunkte erschleichen, indem er den Dozenten so viel gefragt hat oder was sollte das?“, murrte er und schürzte die Lippen. Jasmin zuckte leicht die Schultern.

„Wer weiß“, nuschelte sie und noch immer fragte Sven sich, warum sie so gut gelaunt war.

„Hast du n Date oder so?“

Sie öffnete die Augen und schaute ihn irritiert an.

„Nein, wie kommst du darauf?“, fragte sie und dieses Mal zuckte Sven die Schultern.

„Wegen deiner guten Laune“

„Ich freu mich einfach nur, wieder hier zu sein“, meinte Jasmin und noch immer verstand Sven sie nicht.

„Na ja, unsere WG ist inzwischen so was wie ein Safe Space für mich geworden“, lachte sie verlegen und doch voller Offenheit.

„Es ist einfach schön, hier ganz ich selbst sein zu können. Hier muss ich nicht drüber nachdenken, was ich sagen oder tun darf. Oder wie ich aussehe…“, faltete sie die Hände und drückte die Daumen leicht aneinander.

„Du machst dir immer noch oft Gedanken darüber, was andere von dir halten, hm?“, meinte Sven und sie nickte.

„Ja, ich glaub, Tinder ist da auch nicht ganz unschuldig dran. Seit ich die App nutze, hoff ich einerseits, darüber endlich jemanden zu finden und andererseits hab ich Angst, dass andere aus der Uni mein Profil sehen und sich über mich lustig machen. Und auch die Dates sind oft verunsichernd für mich... ich weiß nicht recht, was ich anziehen soll, worüber ich reden soll.. aktuell fühl ich mich oft, als wäre ich ständig auf dem Prüfstand“.

„Deswegen bist du momentan so nervös, wenn in deiner Nähe jemand lacht oder als neulich eine andere Studentin mit deinem Namen gerufen wurde“, legte er den Kopf schief und schaute zu Jasmin, die ihren Blick an die Decke richtete.

„Ja… aber irgendwie muss ich doch endlich jemanden kennen lernen“, seufzte sie und begann an dem Bündchen ihres Pullovers zu nesteln.

„Mach dir da nicht zu viel Druck“, meinte Sven, aber Jasmin schien davon nicht so richtig überzeugt.

„Ich beneide dich, dass du dir über das Thema scheinbar keine Gedanken machst, aber ich wünsch mir inzwischen echt sehr einen Freund. Eigentlich dachte ich vor dem Studium auch, dass ich bestimmt über die Uni jemanden kennen lerne, aber bisher…“, sie zuckte die Schultern und stand auf, um ihnen etwas zu trinken zu holen. Sven setzte sich in der Zwischenzeit auf und machte es sich im Schneidersitz gemütlich. Er überlegte, was er Jasmin sagen sollte.

„Hast du nicht letztens erwähnt, dass du schon mal einen Freund hattest? Wie hast du den denn kennengelernt?“, fragte er und nahm sein Glas entgegen. Jasmin presste die Lippen aufeinander. Sie ließ sich zurück auf den Sessel sinken und atmete tief durch.

„Vielleicht war es etwas übertrieben, ihn so zu nennen... aber ich war damals echt sehr verschossen in ihn“, murmelte sie und schaute auf ihr Glas.

„Wir haben uns damals online in einem Forum kennen gelernt. Ich war vierzehn und er achtzehn. Wir standen auf dieselben Bands und ich fand es unheimlich cool, wie viele er davon schon gesehen hatte. Ich selbst durfte nur selten zu Konzerten… Einige Monate lang haben wir geschrieben und heimlich telefoniert – meine Eltern hätten mir das sonst bestimmt verboten. Dadurch, dass wir sehr weit auseinander wohnten, haben wir uns in der ganzen Zeit nur zweimal gesehen, wenn er für Konzerte in meine Nähe kam. Aber ich war trotzdem total verknallt“, erzählte sie und bekam rote Wangen. Sven musste bei ihrem Anblick unwillkürlich lächeln, aber das verschwand, als er sie fragte, wie es dann endete und Jasmins Antwort hörte.

„Nach unserem zweiten Treffen schrieb er mir plötzlich, dass er sich in eine andere verliebt habe und deshalb keinen Kontakt mehr mit mir wollte“, murmelte sie und zuckte die Schultern.

„Ehrlich gesagt glaub ich inzwischen aber, dass er mich einfach nur ins Bett bekommen wollte und danach kein Interesse mehr hatte“, rieb sie sich den Nacken und hob die Füße auf den Sessel.

„Einige Zeit später haben andere Mädels in dem Forum davon nämlich auch berichtete. Bei ihnen war es wohl genauso gelaufen. Ich hab mich dann irgendwann da abgemeldet und weiß nicht, wie die ganze Sache ausgegangen ist…“, seufzte sie aus und schüttelte den Kopf.

„Ganz schön naiv, was? Ich bin bloß froh, dass meine Eltern das nicht wussten. Ich bin zwar eh nicht viel ausgegangen, aber wenn sie geahnt hätten, dass ich mich heimlich mit nem Jungen getroffen hab, hätten sie mir wohl ewig Hausarrest gegeben und mich ins Internat gesteckt“, lachte Jasmin leise, ohne dabei verhehlen zu können, dass es kein fröhliches Lachen war. Sven schaute sie nachdenklich an.

„Ich find das nicht naiv, sondern illegal. Du warst noch sehr jung und der Kerl hat die schamlos ausgenutzt“, meinte er und runzelte die Stirn. Wie viel Überwindung musste es sie damals gekostet haben, nach so einer Erfahrung mit einem Mann in eine WG zu ziehen? Und auch, ihm jetzt diese Geschichte anzuvertrauen? Jasmin aber machte nur eine wegwerfende Handbewegung und stand auf, um ihnen Abendessen zuzubereiten.

"Zum Glück ist das schon lange her. Meinen nächsten Freund such ich mir besser aus!", zwinkerte sie und zog Sven von der Couch, damit er ihr mit dem Essen half.

"Zwiebeln schneiden darfst du!"

"Och nööö".

3.5.2024: sensationell

Saskia räumte gerade einen der Tische ab, als Jasmin und Sven das Café betraten und zu ihrem Stammplatz in der Ecke am Fenster gingen.

„Was ist denn mit euch los?“, stand sie kurz darauf neben ihren Freunden, um ihre Bestellungen aufzunehmen und musterte ihre Trauermienen. Beide seufzten wie im Chor.

„Wir haben ne Gruppenarbeit“, murrte Sven und stützte die Ellenbogen auf den Tisch. Jasmin nickte, überschlug die Beine und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Und das ist so schlimm?“, wollte Saskia wissen.

„Hat Detlef mal was von einem Oberfelder erzählt?“, lautete Svens Gegenfrage und noch ehe Saskia antworten konnte, kam eben jener ins Café gerauscht. Nun war die Stimmung auf dem Tiefpunkt.

„Ich hab doch gesagt, dass ihr warten sollt!“, maulte er zur Begrüßung, aber Sven zuckte die Schultern.

„Sorry, hab ich nicht gehört“, log er und nannte Saskia schnell, was Jasmin und er trinken wollten.

„Okay und für dich?“, wandte sie sich an Oberfelder, der plötzlich keine Anstalten mehr machte, sich ebenfalls zu setzen, sondern stattdessen mit stolz geschwellter Brust vor ihr stand.

„Also wenn du mich so fragst… Sex on the beach wäre doch was“, grinste er süffisant und hob auffordernd die Augenbrauen, was Saskia jedoch wenig zu beeindrucken schien.

„Sorry, kein Alkohol für Minderjährige“, meinte sie und verschwand schnellstens, als Sven dazwischen grätschte und rief, dass sein Kommilitone eine Cola wolle.

„Kommt sofort!“, rief Saskia im Gehen und hörte Oberfelders Gemaule bis in die Küche.

„Was mischst du dich da jetzt ein?!“, pflaumte er Sven an, der nur die Augen verdrehte. Jasmin hingegen begann zu schmunzeln.

„Sie hat einen Freund“, meinte Sven und lehnte sich auf dem Stuhl zurück, während der Dritte im Bunde endlich auch Platz nahm.

„Woher willst du das denn wissen?!“, zeterte der nun und Sven zuckte abermals die Schultern.

„Zufällig mal mitbekommen. War ein ganz schönes Theater. Und glaub mir, der Typ mag es gar nicht, wenn man seine Freundin angräbt“, sprach Sven verschwörerisch, während Jasmin die Lippen aufeinander presste. Oberfelder aber reckte das Kinn und spitzte die Lippen.

„Meinst du, so was macht mir Angst?! Ich bin ne gute Partie und wenn die Süße die Augen gleich mal richtig auf macht, wird sie das verdammt schnell merken!“, grinste er selbstzufrieden und puhlte sich mit dem Fingernagel in den Zähnen. Sven stützte den Kopf auf eine Hand und musterte ihn, während Jasmin den Kopf senkte, um sich ihr Grinsen nicht anmerken zu lassen.

„Du erinnerst dich doch noch an Detlef, oder?“, meinte Sven nun, woraufhin Oberfelder genervt ausseufzte.

„Was ist mit dem Trottel?“, knurrte er, während Sven verstohlen nach links und rechts blickte.

„Na ja…“, beugte er sich etwas vor und flüsterte dann: „Ihr Freund ist in etwa so ein Kaliber wie Detlef“.

Oberfelder zuckte die Schultern und schmatzte.

„Na und? Der konnte mir nie das Wasser reichen“, strich er sich durchs Haar und warf einen Blick zur Küche, um zu sehen, wann Saskia endlich wieder käme. Sven und Jasmin grinsten sich kurz an, um dann wieder die Ernsthaftigkeit in Person zu sein, als Oberfelder sich zu ihnen umdrehte.

„Intellektuell bist du Detlef vielleicht um Längen überlegen, aber… sagen wir mal so: Er ist n Kopf größer als du und seine Muskeln sind nicht unter einer knackigen Fettschicht versteckt. Zusätzlich ist Saskias Freund Handwerker und hat dementsprechend Kraft“, tuschelte Sven zu Oberfelder, der bei seinem Kommentar über dessen Statur zunächst ungehalten reagieren wollte, um beim Rest der Erzählung dann deutlich zurückhaltender zu reagieren. Er warf einen Blick zu Jasmin, die bestätigend nickte.

„Unter uns: Inzwischen traut sich nicht mal mehr Saskias Nachbarin aus der Wohnung, wenn ihr Freund zu Besuch ist. Hat sie neulich selbst erzählt. Aber hey, wenn dir das egal ist, mach dich halt an sie ran“, lehnte Sven sich zurück, als Saskia aus der Küche kam und sah zufrieden, dass sein Kommilitone es plötzlich sehr eilig hatte, zum Klo zu kommen.

„Will ich wissen, was du ihm über mich erzählt hast?“, fragte Saskia, als sie die Getränke abstellte und einen Blick zu den Toiletten warf, während Jasmin und Sven sich die Hände auf die Münder pressten, um nicht zu laut zu lachen.

„Ich hab ihm nur gesagt, dass dein Freund ein Schrank ist und sich deine Nachbarin nicht mehr aus der Bude traut, wenn er zu Besuch kommt“, grinste Sven, was Saskia ihm mit einem Kopfschütteln quittierte.

„Danke, aber mit solchen Deppen komm ich schon selbst zurecht. Meinst du, das ist der erste, der mich so anbaggert?“, stützte sie Hände auf die Hüften und seufzte. Sven schüttelte den Kopf.

„Reiner Selbstschutz“, meinte da Jasmin und erntete einen irritierten Blick von Saskia.

„Wenn der mitkriegt, dass wir befreundet sind und denkt, er hätte in irgendeinem Paralleluniversum vielleicht ne Chance bei dir, dann haben wir den ständig an der Backe kleben“, erklärte sie, was Sven mit einem Nicken bestätigte.

„Warum verbringt ihr dann überhaupt Zeit mit dem?“, wollte Saskia wissen, woraufhin beide genervt die Augen verdrehten.

„Unser Dozent hielt es für eine tolle Idee, dass die Gruppenarbeiten dieses Mal per Zufallsprinzip vergeben wurden: Jeder musste ne Nummer ziehen und ausgerechnet die Niete da hinten hatte auch die neun“, seufzte Sven und ließ den Kopf hängen.

„Ich bin ja froh, dass du noch schnell genug mit Lars tauschen konntest, damit wir wenigstens zusammen in einer Gruppe sind“, meinte Jasmin und Sven wiegte den Kopf, ehe er sich theatralisch die Hände auf die Brust presste.

„Siehst du? So aufopferungsvoll bin ich, dass ich dich nicht mit diesem Ekelpaket allein lasse“, sprach er beschützerisch, was Jasmin allerdings nur zum Lachen brachte und Saskia die Stirn runzeln ließ.

„Wenn ich mich richtig erinnere, wusstest du noch gar nicht mit wem wir eine Gruppe bilden, als du getauscht hast“, grinste Jasmin und Sven zuckte mit Unschuldsmiene die Schultern.

„Achtung, euer Furunkel kommt zurück“, meinte da Saskia und schnell legten alle wieder mehr Ernsthaftigkeit an den Tag.

„Wenn er euch zu sehr auf den Geist geht, kommt ihr die Tage noch mal mit ihm her und ich misch ihm ein bisschen Abführmittel ins Essen“, zwinkerte sie den Beiden zu und wandte sich dann zum Gehen, weil die nächsten Gäste durch die Tür kamen. Kurz darauf vibrierte ihr Smartphone und nach einem flotten Blick darauf begann sie zu lachen: Bitte gleich die doppelte Menge. Er meinte schon vor Vergabe der Themen, dass seine Arbeit „definitiv sensationell und nichts anderes“ würde – Katastrophe vorprogrammiert!

Im gleichen Moment hörte Saskia dann auch schon, wie Oberfelder anfing mit Anweisungen und Vorgaben um sich zu werfen, um seine Teampartner auf die gemeinsame Arbeit einzustimmen.

Zu schade, dass meine Schicht gleich vorbei ist ;)

Keine Sorge, wir erzählen dir morgen gern, was du verpasst hast :P

4.5.2024: glänzen

Gerade war da noch dieses Glänzen in Bens Augen gewesen, als Jenny zu ihm gelaufen gekommen war, aber jetzt konnte man davon nichts mehr sehen. Kälte lag stattdessen in seinem Blick, als er durch die Schwimmhalle auf Hellen zuging und sie fragte sich, warum sie diese Ablehnung so verletzte. Hatte sie sich vielleicht schon zu sehr daran gewöhnt, dass die Leute ihr normalerweise sehr zuvorkommend entgegen traten, allein schon wegen ihrer Beziehung zu Richard? Oder schmerzte sie Bens Verhalten viel eher deswegen, weil er Richards Benehmen auf sie projizierte? Und wie kam der eigentlich damit klar, offenbar von manchen Leuten so deutlich abgelehnt zu werden, wie es bei Ben und seinen Großeltern der Fall war? Machte ihm das etwa gar nichts aus? Hellen hing diesen Fragen so sehr nach, dass sie regelrecht erschrak, als Ben plötzlich neben ihr stand und sie ansprach.

„Danke fürs Zurückbringen, aber du hättest sie auch einfach Gitti geben können“, nickte er zur Kassiererin hinüber, die während des Bedienens immer wieder neugierig zu ihnen herüberschaute.

„Hi Ben“, versuchte Hellen mit einem Lächeln die angespannte Situation zu entspannen, was ihr aber nicht gelang. Fast schon krampfhaft wollte sie diesem unangenehmen Moment einfach nur noch entfliehen und das Hallenbad verlassen, aber gleichzeitig würde sie sich noch mehr schämen, wenn sie es nicht wenigstens versuchte.

„Können wir reden?“, schrie sie innerlich gegen ihren Stolz und die kleine Stimme an, die ihr sagte, dass sie sich gerade fürchterlich blamierte, während sie äußerlich so souverän wie möglich blieb und Ben seine Jacke gab. Der hob eine Augenbraue und musterte sie. Er schien nicht überrascht, dass sie mit einem Anliegen gekommen war.

„Ich hab Dienst und wie du siehst ist heute viel los“, meinte er mit leichtem Schulterzucken und atmete hörbar aus, als Hellen fragte, ob ein anderer Zeitpunkt passen würde.

„Was ist denn so wichtig?“, fragte er mit wachsender Ungeduld, während sich seine Augenbrauen unwillig zusammenzogen. Hellen fragte sich immer mehr, warum sie sich das gerade eigentlich antat.

„Ich würd gern in Ruhe mit dir sprechen und…“, sie warf einen Blick zu Gitti, die schon wieder verstohlen zu ihnen hinüberschaute „… und gern auch unter vier Augen“.

Ben guckte in die Halle und zur gegenüberliegenden Wand, an der eine riesige Uhr hing.

„Meine Schicht ist in drei Stunden vorbei. Von mir aus komm dann noch mal her und wir reden“, sprach er und zuckte abermals die Schultern.

„Ich kann auch gern so lang warten", lächelte Hellen mit einem Hauch von Erleichterung, um dann schnell wieder auf dem Boden der Tatsachen zu landen.

"Hast du sonst nichts zu tun?", runzelte Ben erneut die Stirn und dieses Mal war Hellen es, die seufzte.

„Richard ist im Büro und zuhause wartet nur mein Schreibtisch mit Unikram“, nuschelte sie resignierend und kam sich immer erbärmlicher vor. Sie war doch keine Bittstellerin, warum tat sie sich diese Situation überhaupt an?

„Weißt du was? Das war ne dumme Idee. Vergiss, dass ich gefragt hab“, siegte endlich doch noch ihr Stolz und sie drehte sich zum Gehen, aber Ben fragte sie plötzlich, ob sie einen Badeanzug bei habe. Sie stockte und wendete sich ihm verwundert wieder zu.

„Nein“, schüttelte Hellen den Kopf, woraufhin Ben nickte und hinüber zur Saunalandschaft deutete.

„Handtuch hätte ich dir besorgen können, aber ich glaub nicht, dass Jenny begeistert ist, wenn ich sie frage, ob sie dir nen Badeanzug leiht. Da vorn im Anbau ist ein kleines Café. Wenn du willst, kannst du dich dort solange hinsetzen, bis ich Feierabend hab“, meinte er und versprach ihr, dass er sich dann Zeit für ein Gespräch nähme. Noch immer war er distanziert, aber die Genervtheit hatte er abgelegt. Hellen zögerte. Wollte sie weiterhin mit ihm reden und sich vielleicht weiteren Demütigungen aussetzen? Andererseits hatte sie schließlich ihn um ein Gespräch gebeten und nicht umgekehrt. Darum gab sie sich schließlich einen Ruck und nickte.

„Okay, danke“, antwortete sie und schaute ihm kurz nach, als er sich mit einem „Bis später“ auf den Rückweg machte und durch die Tür zu den Umkleidekabinen verschwand. Er hatte immer noch das breite Kreuz und den sehnigen Körper eines Schwimmers, selbst wenn seine Arbeitskleidung das ein wenig verhüllte. Hellen wusste nicht, warum, aber als ihr der Gedanke kam, dass Ben trotz seiner Verletzung dem Wasser treu geblieben und einen Weg für sich gefunden hatte, stimmte sie das glücklich und ein leichtes Glänzen legte sich auf ihre Augen.

„Geld fürn Kaffee haben Se?“, hörte sie da plötzlich Gitti hinter sich und drehte sich verwundert zu ihr um.

„Äh, ja“, bestätigte Hellen und fragte sie, warum die Kassiererin sich dafür interessierte. Dann aber hörte sie den Grund und er zauberte ihr ein Lächeln auf die Lippen: „Gut, sonst hätt ich Ihnen watt geliehen. Und kleiner Tipp: probieren Se den mit Haselnuss!“

5.5.2024: Knopfdruck

Genau vierunddreißig Minuten lang schaffte Hellen es, einfach nur da zu sitzen, dem bunten Treiben in der Schwimmhalle zuzuschauen und sich selber einzureden, dass sie gerade Teil dieser ausgelassenen Menge war, die scheinbar einfach nur den freien Tag genießen wollte. Die Sonne wärmte durchs Fenster ihre Schultern, das Jauchzen der Kinder erinnerte sie an ihre eigene Kindheit und der Haselnusskaffee schmeckte tatsächlich so gut, dass sie Gitti nicht nur bei Gelegenheit für den Tipp danken wollte, sondern sich bereits ein Rezept herausgesucht hatte, um das Getränk künftig öfter in ihren Alltag integrieren zu können. Es hätte so schön sein können, wenn nicht – wie auf Knopfdruck – das schlechte Gewissen wieder losgelegt hätte: Nicht einmal vorrangig, weil sie hinter Richards Rücken zu Ben gegangen war, obwohl sie von der angespannten Situation zwischen den beiden wusste, sondern vor allem, weil sie gerade ihre Zeit so vergeudete. Wie gut sie den freien Tag fürs Lernen hätte nutzen können oder wenigstens eine Sporteinheit, um ihren Körper auch weiterhin gesund und kräftig genug zu halten, damit er sie noch lange zuverlässig durchs Leben trug. Sie hätte sich über anstehende Festivitäten und Veranstaltungen informieren können, anstatt darauf zu warten, dass Richard es wieder in einem Nebensatz fallen ließ oder ihre Schwiegermutter in spe sie aus heiterem Himmel zu einer Shoppingtour überredete, damit sie auch ja wieder passend gekleidet war. Genauso hätte sie bereits die Eigeninitiative ergreifen und selber nach passenden Kleidern suchen können. Aber stattdessen hüllte sie sich in Nichtstun und bis gerade eben hatte ihr das auch noch gefallen. Und schlimmer noch: Als sie Gitti nun ins Café treten sah, um sich selbst mit einem Haselnusskaffee zu versorgen, hoffte sie sogar auf ein Gespräch, mit dem sie die restliche Wartezeit füllen konnte. Leider reichte es aber nur für einen kurzen Austausch im Vorbeigehen, weil die Kassiererin an ihren Platz zurück musste. Aber zumindest hatte ihr zufriedenes Lächeln nach Hellens Dank auch Hellen ein gutes Gefühl gegeben. Nun saß sie allerdings wieder untätig da, dachte an ihre Eltern, die fast vor Stolz überquollen, weil ihre Tochter es so weit gebracht hatte und an Richard, dessen Tag so durchgetaktet war, dass kein Platz für Faulenzerei blieb und der sich sicherlich geschämt hätte, Hellen jetzt hier so zu sehen. Sie schüttelte leicht den Kopf und zog ihr Smartphone heraus, um sich in die Lektüre von Seminarunterlagen zu vertiefen, die ihr erst so schwer vorkam, dass sie jeden Satz dreimal lesen musste um ihn zu verinnerlichen und dann, als der Knoten geplatzt war, sie so vereinnahmte, dass sie die Zeit völlig aus den Augen verlor. Erst, als der Kaffee anfing sie zu drücken und zurück in die Freiheit entlassen werden wollte, riss sie sich wieder vom Smartphone los.

„Oh, jetzt aber schnell“, murmelte sie und sprang auf. Irgendwo auf dem Weg zum Café hatte sie vorhin die Toiletten gesehen. Sie eilte in den Flur und blieb dann wie angewurzelt stehen, als sie einige Meter entfernt Ben sah, der mit Jenny in einer abgelegenen Ecke stand, beide bereits in ihre Alltagskleidung gehüllt und eng umschlungen. Was sie sprachen, konnte Hellen nicht hören, aber ihre Vertrautheit und die Gesten waren nur allzu deutlich. Kurz lachten sie, dann flüsterte Jenny ihm etwas ins Ohr und er kniff in gespieltem Abscheu die Augen zusammen, als sie ihm einen festen Kuss auf die Wange drückte, nur, um dann wieder in gemeinsames Lachen zu verfallen. Hellen kam sich wie das fünfte Rad am Wagen vor, aber sie merkte auch, dass ein Unglück geschähe, wenn sie jetzt noch länger wartete. Also versuchte sie sich unbemerkt an ihnen vorbei auf die Toilette zu stehlen, was ihr allerdings nicht gelang.

„Hast dus dir anders überlegt?“, hörte sie Bens Stimme hinter sich, kaum, dass sie an ihnen vorbei war und wurde wieder von Jennys abschätzigem Blick begrüßt, als sie sich zu ihnen umdrehte.

„Nein, ich muss nur mal kurz…“, sie deutete hinüber zu den Toiletten und lief weiter, als Ben verstehend nickte.

„Alles klar, wir warten hier solange“, rief er ihr noch nach und die automatisch schließende Eingangstür zu den Toilettenanlagen traf Hellen fast in den Rücken, als sie bei dem Ausspruch abermals abrupt stehen blieb. Wir?, dachte sie. Wollte Jenny etwa bei dem Gespräch dabei sein?
 

Große Erleichterung verspürte Hellen, als sie wenige Minuten später wieder auf den Flur trat. Nicht nur körperlich, sondern auch, weil Ben nun allein dort stand und wartete.

„Da bin ich wieder“, gesellte sie sich zu ihm und schaute sich trotzdem fragend um.

„Sie ist gegangen“, konnte er ihre Gedanken scheinbar lesen und setzte sich in Bewegung.

„Ich wollte euch nicht stören“, murmelte Hellen und war trotzdem froh, mit Ben allein reden zu können. In eiligen Schritten ging sie ihm nach; es kostete sie etwas Anstrengung, mit seinen langen Beinen mitzuhalten.

„Hast du nicht“, meinte er nur beiläufig und wünschte Gitti einen schönen Feierabend, als sie an der Kasse vorbei zum Ausgang liefen. Hellen schloss sich dem Gruß an und dankte der Kassiererin innerlich für die schönen Momente, die sie ihr an diesem Tag beschert hatte.

„Also, was gibt es?“, blieb Ben schließlich unter einem Baum, wie sie zu dutzenden den Parkplatz säumten, stehen und drehte sich wieder zu Hellen um. Er war gut einen Kopf größer als sie und nicht nur deswegen fühlte sie sich gerade klein neben ihm.

„Weiß Jenny, wer ich bin?“, fragte sie statt einer Antwort zu geben und Ben zog die Augenbrauen kraus.

„Keine Sorge, fast jeder in der Stadt dürfte wissen, wer du bist“, murrte er und Hellen hob beschwichtigend die Hände.

„Nein, so mein ich das nicht! Ich… ich will nicht, dass sie einen falschen Eindruck von unserem Treffen bekommt“, meinte sie und schaute sich um, ob jemand sie beide beobachtete. Bens Mundwinkel zuckte.

„Na ja, anfangs hat sie immer darauf bestanden, dass ich nur in ihrer Gegenwart mit anderen Frauen rede, aber inzwischen darf ich das auch alleine. Sie wirft jetzt auch keine Teller mehr nach mir, wenn ich mal zwei Minuten zu spät nach hause komme“, schob Ben die Hände in die Jackentaschen und schnaubte belustigt aus, als er Hellens schockierten Blick sah.

„Das war n Witz. Sie weiß, dass sie mir vertrauen kann und umgekehrt. So läuft das doch in einer Partnerschaft, oder nicht?“, musterte er Hellen, die zögerlich nickte und merkte, dass sie sich bei Richard noch nie Gedanken darüber gemacht hatte. Wäre er eifersüchtig oder hatte sie Grund zur Eifersucht?

„Ihr habt doch eine feste und vertrauensvolle Partnerschaft, oder nicht?“, hakte er nach, sicherlich noch Hellens Aufzug bei ihrem Besuch vor einigen Tagen im Hinterkopf und wieder nickte sie.

„Ja, du hast das nur vorhin so trocken gesagt, dass ich für einen Moment irritiert war“, sagte sie und fragte sich, ob das gerade etwa ein Schmunzeln war, das sich auf Bens Lippen bildete.

„Hör ich nicht zum ersten Mal“, zuckte er leicht die Schultern und Hellen erinnerte sich, dass er schon in ihrer Schulzeit manchmal durch seinen trockenen Humor und die gespielte Ernsthaftigkeit aufgefallen war – manchmal auch zum Ärger der Lehrer. Es lockerte den Moment ein wenig auf, aber dadurch fiel es Hellen noch schwerer, zum eigentlichen Grund ihres Gesprächs zu kommen. Sie atmete tief durch und sagte schließlich: „Du hast einen falschen Eindruck von mir bekommen! Und deine Großeltern auch“.

Das Schmunzeln verschwand und die Ernsthaftigkeit wirkte alles andere als gespielt. Bens Körper straffte sich, er reckte leicht das Kinn und schaute wortwörtlich nun auf Hellen herab – gleichsam mit der Aufforderung im Blick, weiterzusprechen.

„Richard spricht nicht mit mir über seine Geschäfte. Ich wusste nicht mal, dass er deinen Großeltern das Haus abkaufen will und ich lass mich auch nicht von ihm einspannen, um irgendwen für ihn um den Finger zu wickeln!“, verschränkte sie die Arme vor der Brust.

„Natürlich hab ich mitbekommen, dass seine Familie inzwischen viele Immobilien hat, aber ich dachte immer, dass sie den Leuten einfach einen guten Preis bieten, damit sie verkaufen“.

Ben lachte trocken und nickte.

„Oh ja, das tut er sogar, aber leider akzeptiert er es nicht, wenn jemand den Verkauf ablehnt“, zischte er und presste die Kiefer aufeinander.

„Das wusste ich nicht“, schaute Hellen ihm aufrichtig in die Augen, auch wenn es ihr nicht leicht fiel. Dann schweifte ihr Blick ab, als sie fast in Gedanken versunken erzählte, dass Richard unter großem Druck stand, seinem Vater zu beweisen, dass er ein ebenso guter Geschäftsmann wie er selber war. Ben aber schüttelte nur den Kopf und schnaubte aus.

„Soll ich jetzt Mitleid mit ihm haben?!“, knurrte er.

„Nein“, meinte Hellen und strich sich eine Strähne hinters Ohr.

„Ich wollte nur sagen, dass er kein schlechter Kerl ist. Ich finds nicht gut, dass er sich so verhält, aber er hat auch gute Seiten. Er… er kann auch sehr fürsorglich sein! Mir hat er viel ermöglicht“, murmelte sie und zuckte zusammen, als Ben mit einem „Wie schön für dich“ antwortete.

„Ich mein doch nur…“

„Warum erzählst du mir das überhaupt?“, unterbrach Ben sie, was Hellen fast schon gelegen kam. Sie fragte sich mit jedem Wort aus ihrem Mund mehr, wann sie Richard eigentlich das letzte Mal liebevoll und zugänglich erlebt hatte. Aber das konnte sie Ben gegenüber nicht zugeben.

„Ich…“, versuchte sie jetzt eine Antwort auf seine Frage zu finden, was auch nicht unbedingt leicht war.

„Deine Großeltern waren sehr nett zu mir und ich will nicht, dass sie durch Richards Fehlverhalten einen falschen Eindruck von mir bekommen. Ich… ich hab mich bei ihnen sehr wohl und geborgen gefühlt und es tut mir sehr leid, dass ich ihnen weh getan hab. Aber ich wusste es wirklich nicht. Bitte glaub mir das“.

Ben musterte Hellen einen Moment lang, ehe er zu einer Antwort ansetzte.

„Hast du mal mit ihm darüber gesprochen?“, war seine Reaktion eine Frage, die Hellen wieder ein Stück weit den Boden unter den Füßen wegzog. Sie nickte leicht und senkte den Blick, weil sie zwar das Gespräch gesucht, aber keine Antworten bekommen hatte – sondern nur die Anweisung, sich aus diesen Dingen herauszuhalten.

Plötzlich hob Ben die Hand und stützte sie an Hellens Kopf vorbei am Stamm der Eiche ab. Erschrocken schaute sie zu ihm hoch und bekam es noch mehr mit der Angst zu tun, als er den Mund wieder öffnete.

„Kann es sein, dass er ziemlich wütend würde, wenn er jetzt von unserem kleinen Treffen erführe?“, fixierte er sie mit den Augen, während er selbst nicht erkennen ließ, was gerade in ihm vorging.

„Was hast du vor?“, flüsterte Hellen und drückte sich an den Baumstamm. Sie spürte, wie Panik in ihr aufkam und sich ihre Gedanken überschlugen. Ben aber seufzte aus.

„Willst du ihm etwa davon erzählen?“, starrte Hellen ihn an.

"Wäre das denn so schlimm?", glich seine Stimme fast einem Raunen und er legte den Kopf schief, während er sie weiter betrachtete. Sie sah aus wie ein geblendetes Reh und zuckte zusammen, als er die Hand genauso abrupt wieder sinken ließ und stattdessen laut wurde.

„Herrgott, Hellen, schau dich doch mal an!“, brauste er auf und schüttelte den Kopf.

„Du warst früher mal so ein fröhliches und selbstsicheres Mädchen! Was hat der Kerl bloß aus dir gemacht?“

Verständnislos, fast mitleidig schaute er Hellen an. Doch sie schwieg. Sie brauchte einen Moment, um die Situation zu verdauen, ihre Gedanken zu sortieren und sich zu beruhigen.

„Wolltest du mich grad nur provozieren?“, fragte sie schließlich mit heiserer Stimme und schneller als er gucken konnte, fand ihre Hand den Weg zu seiner Wange, als Ben bestätigte: „Ja, ich wollte Wahrheit hören. Oder zumindest sehen.“

„Du regst dich über seine Methoden auf und bist selbst nichts besser!“, platzte es aus ihr heraus, während Ben sich erst verdattert die Wange rieb und dann den Blick zu Boden senkte. Hellen schüttelte fassungslos den Kopf. Sie stürmte an Ben vorbei und über den Parkplatz, um auf schnellstem Wege nach hause zu gehen.

„Warte!“, hörte sie Ben und rief ihm über die Schulter zu, dass er sie in Ruhe lassen solle. Er hatte sie aber schnell eingeholt und fasste ihre Schulter.

„Bitte warte“, wiederholte er, als sie sich losriss.

„Du sollst mich in Ruhe lassen!“

Bis gerade eben war Ben für sie trotz seiner ablehnenden Haltung immer ein netter Kerl gewesen; erst als Mitschüler, dann als liebender Enkel, der nur seine Familie beschützen wollte. Aber jetzt sah sie einen Mann vor sich, von dem sie nicht wusste, wozu er fähig wäre und sie hatte keine Ahnung, ob sie vor ihm Angst haben oder wegen dieses Katz-Maus-Spielchens auf ihn wütend sein sollte. Sie wusste nur, dass sie von ihm weg wollte und eilte weiter über den Parkplatz.

„Hellen, es tut mir leid!“, ließ Ben sich aber sogar dann nicht abschütteln, als sie versuchte ihn zu ignorieren und schweigend ihren Weg fortsetzte. Schließlich stellte er sich ihr in den Weg und hob beschwichtigend die Hände, sodass sie zum Smartphone griff und ihm drohte die Polizei zu rufen.

„Ich bin zu weit gegangen, es tut mir wirklich leid!“, trat er einen Schritt zurück, um den Abstand zwischen ihnen zu vergrößern. Er wirkte nicht mehr kalt oder abweisend, sondern reumütig, aber vielleicht war das auch nur gespielt?

„Lass mich durch!“, befahl Hellen und beobachtete ihn ganz genau, während er nach einem kurzen Nicken beiseite trat. Er ließ die Hände langsam sinken und seufzte aus. Dieses Mal machte er keinen weiteren Versuch sie zu stoppen, als Hellen wieder los lief. Sie brachte erst einige Meter zwischen ihn und sich, ehe sie über die Schulter blickte und sah, dass er noch immer dort stand. Er schaute ihr nach, wirkte fast wie ein getretener Hund und seine Mundwinkel zuckten, als wolle er etwas sagen, doch er schwieg. Stattdessen drehte er sich langsam in die entgegengesetzte Richtung und rieb sich dabei übers Gesicht.

„Was sollte das?!“, brachte Hellen ihn zum Stehen und auch dazu, sich wieder umzudrehen. Sie hielt das Handy noch immer fest umklammert, während sie ihn unsicher musterte. Er zuckte leicht die Schultern, schüttelte dann den Kopf. Irgendetwas murmelte er, das sie auf die Entfernung kaum verstand.

„Was?“, rief sie ihm zu und er seufzte aus.

„Ich… ich weiß nicht, was mich da geritten hat“, gestikulierte er unbeholfen mit den Händen und ließ sie dann wieder schwer sinken, ehe er in Hellens Richtung nickte.

„Da hinten ist ein Bäcker, die haben auch Sitzgelegenheiten. Sollen wir… das mit dem Gespräch noch mal versuchen?“

Hellen presste die Lippen zusammen und trat unentschlossen von einem Fuß auf den anderen.

„Na schön, aber geh vor“, stimmte sie nach einer kurzen Bedenkzeit zu und behielt Ben weiterhin im Blick, während er mit ausreichendem Abstand an ihr vorbei und dann voraus ging.

„Danke“, rief er ihr über die Schulter zu und schien sich unschlüssig, ob er die kommenden Meter über schweigen oder trotzdem mit ihr reden sollte. Schließlich entschied er sich für Stille und sprach sie erst wieder an, als er die Tür zum Laden erreichte und sie Hellen aufhielt. Bereits draußen saßen einige Leute an Tischen bei Kaffee und Kuchen und durch die ausladenden Fensterfronten des Geschäfts konnte man weitere Sitzmöglichkeiten und Menschen sehen. Mit einem Nicken schob Hellen sich an Ben vorbei und blieb kurz stehen, um sich im Laden umzusehen.

„Da hinten in der Nische?“, deutete er auf ein etwas abgelegeneres Eckchen und Hellen stimmte zu.

„Was möchtest du haben? Ich lad dich ein, das ist das Mindeste“, murmelte er und nickte, als Hellen ablehnte.

„Im Moment nichts, danke. Ich geh schon mal vor“, sagte sie und setzte sich mit einem mulmigen Gefühl an den Tisch; so, dass sie im Rücken die Wand hatte und von ihrem Platz aus den Raum gut im Blick behalten konnte. Während Ben sich eine heiße Schokolade und einen Donut holte, ließ Hellen den Blick schweifen, um festzustellen, ob sie bekannte Gesichter entdecken konnte. Nein, niemanden der anderen Gäste hatte sie schon mal bewusst gesehen.

„Möchtest du wirklich nichts?“, trat Ben kurz darauf an den Tisch und stellte sein Tablett ab. Erst, als Hellen abermals ablehnte, nahm er Platz.

„Ich hab nicht vor dir was ins Essen zu mischen“, sagte er scherzhaft und erschrak, als Hellens Gesichtsausdruck ihm zeigte, dass sie durchaus diese Befürchtung in sich trug. Sie saß beinahe zusammengekauert auf ihrem Stuhl, die Schultern hochgezogen, die Arme vor der Brust verschränkte und dabei gleichzeitig auf den Tisch gestützt. Das Handy lag griffbereit vor ihr, eine Hand berührte es sogar. Ben seufzte aus und rieb sich abermals das Gesicht.

„Was hab ich dir getan?“, fragte Hellen schließlich, als einige Sekunden vergangen waren, in denen beide nur schweigend dagesessen hatten. Ben schüttelte den Kopf und zuckte die Schultern.

„Gar nichts. Und deswegen war es auch nicht okay, dass ich mich grad so benommen hab“, meinte er und rieb sich den Nacken.

„Dann erklär mir mal, was das sollte“, forderte Hellen, woraufhin er nickte. Es war ihm sichtlich peinlich.

„Ich dachte für nen kurzen Moment, dass ich Richard auch mal eins auswischen will. Ihm unter die Nase reiben, dass er eben nicht über alles Kontrolle hat. Nicht mal darüber, dass seine Freundin sich heimlich mit mir trifft“, murmelte und seufzte wieder. Ein weiterer Moment der Stille trat ein, in dem es Ben zunehmend schwerer fiel, Hellen ins Gesicht zu schauen. Er brach den Blickkontakt schließlich ab und räusperte sich.

„Das war nicht alles, oder?“, fragte Hellen und er nickte.

„Wenn ich ganz ehrlich bin… für einen winzigen Augenblick hab ich mich auch gefragt, wie… wie es wohl wäre, wenn zur Abwechslung er mal merken würde, wie sich Hilflosigkeit anfühlt. Weil er nach hause kommt und sieht, dass jemand, der ihm viel bedeutet, verstört ist und er das nicht verhindern oder ändern konnte. Diese Machtlosigkeit, wenn man die Tränen sieht und nichts dagegen tun oder sagen kann“, sprach er mit heiserer Stimme und riss sofort beschwichtigend die Hände hoch.

„Aber ich hatte nie vor, dir irgendwas zu tun, ehrlich! Ich… ich hatte nur überlegt, dir ein bisschen Angst zu machen. Mehr nicht, wirklich!“

„Mehr nicht?“, wiederholte Hellen mit einem Zischen und Ben ließ die Hände sinken.

„Ist das nicht auch schon schlimm genug?!“

Er nickte und rieb sich erneut das Gesicht.

„Ich schäme mich dafür“, murmelte er.

„Das solltest du auch!“

Wieder nickte er und wieder kehrte die Stille für einen Augenblick zurück.

„So bin ich normalerweise nicht“, meinte Ben schließlich und stützte sich leicht auf den Tisch, während er gedankenverloren mit dem Löffel die Sahne im Kakao verteilte.

„Früher war Richard mir egal, aber inzwischen ist der Kerl ein rotes Tuch für mich geworden. Ich hab Angst um meine Großeltern. Sie sind nicht mehr die Jüngsten und dieses Theater mit ihm dauert jetzt schon Monate an. Opa regt sich ständig auf, Oma hab ich schon mal heimlich weinen sehen… und ich kann nichts dagegen tun. Meine Eltern meinten sogar, sie sollten doch einfach verkaufen. Das Sümmchen, das er bietet, ist doch groß genug, um sich davon sogar in einer chiceren Gegend etwas kaufen zu können. Aber meine Großeltern hängen nun mal an dem Haus! Opa hat den Laden dort damals selbst aufgebaut. Es war schon schlimm genug für ihn, dass mein Vater nicht in seine Fußstapfen treten wollte, aber das Haus und damit auch den Laden jetzt komplett verlieren?“. Wieder schüttelte Ben den Kopf und Hellen konnte die Verzweiflung hinter seiner sonst so abweisenden Fassade spüren.

„Aber das ist keine Entschuldigung für mein Verhalten. Du hast meinen Frust abbekommen und das war nicht okay“, hob er den Blick und schaute sie an. Hellen nickte. Langsam entspannte sie sich etwas, nahm die Hand vom Smartphone weg und rieb sich leicht über den Oberarm.

„Du sagtest vorhin, du wolltest die Wahrheit wissen. Wie meintest du das?“, fragte sie und aus der Verzweiflung in Bens Gesicht wurde Ernst.

„Ich wollte irgendwie erkennen, ob du ehrlich bist. Mag ja sein, dass du wirklich nichts von seinem Verhalten gegenüber unwilligen Verkäufern weißt, aber ich versteh nicht, warum du so unbedingt mit mir reden wolltest. Wir haben doch eigentlich gar nichts miteinander zu tun; dir kanns egal sein, was ich über dich oder deinen Freund denke. Ich hab mich gefragt, ob das doch nur Theater war, um dich bei mir einzuschleimen.“ Er zuckte leicht die Schulter, eher er weitersprach: „Und plötzlich dachte ich dann, was, wenn du Hilfe brauchst? Wenn er dich schlecht behandelt und du nicht allein vom ihm weg kommst?"

Hellen weitete die Augen und lehnte sich auf dem Stuhl zurück.

„Wie bitte?“, blinzelte sie einige Male ungläubig und wieder zuckte Ben die Schultern.

„Ehrlich gesagt hab ich nie begriffen, was du an dem Kerl findest. Außer vielleicht sein Geld, aber du hast mir eigentlich nicht den Eindruck gemacht, als wärst du eine von denen, die sich davon beeindrucken lassen. Und als ich vorhin vom Vertrauen in Beziehungen sprach und du so unsicher warst… da dachte ich…“

„Dass ich dich als Ritter in schillernder Rüstung brauche, der mich aus den Fängen des Drachen befreit?“, unterbrach Hellen ihn und sackte bei seinem Nicken leicht in sich zusammen.

„Ich hab einfach nur gemerkt, dass ich mir über das Thema Eifersucht noch nie Gedanken gemacht habe, das ist alles“, meinte sie und ergänzte: „Angst hatte ich nicht wegen Richard, sondern weil du mir plötzlich so auf die Pelle gerückt bist!“

Sie verschränkte wieder die Arme vor der Brust und blickte aus dem Fenster.

"So was hab ich von dir nicht erwartet. Und jetzt entschuldige dich nicht wieder zehnmal, das hast du jetzt schon oft genug gemacht".

Ben nickte. Was sollte er sagen, wenn er sich nicht einmal entschuldigen durfte? Er schaute auf seinen Kakao und schob Hellen dann seinen Donut rüber. Sie ignorierte ihn.

„Ich hatte mich ehrlich für dich gefreut“, meinte sie dann plötzlich und konnte im Augenwinkel Bens irritierten Blick erkennen.

„Dass du damals durch die Verletzung nicht mehr in den Profibereich gehen konntest, tat mir sehr leid und vorhin hab ich beobachtet, wie viel Spaß du an deiner Arbeit hast. Du hast dich nicht unterkriegen lassen und das fand ich toll“, sagte sie und ein leichtes Lächeln umspielte Bens Lippen.

„Ja, das war damals ein ziemlicher Schlag, aber inzwischen bin ich sogar ganz froh, dass es so gekommen ist. In der Weltgeschichte herum zu reisen war nie mein Ding und im Profisport hat man auch ne vergleichsweise kurze Halbwertszeit. Ganz zu schweigen von dem Druck und Stress – ich glaube, auf Dauer hätte mir das den Spaß am Schwimmen genommen“, nippte er an seinem Kakao und schleckte den Schaumbart von der Oberlippe.

„Bist du denn zufrieden mit deinem Studium? Tiermedizin, richtig?“, schien er aufrichtiges Interesse zu haben und nahm mit einem Schmunzeln Hellens Überraschung darüber wahr, dass er sich das gemerkt hatte.

„Es ist anstrengend, aber es macht mir auch viel Spaß. Momentan ist es noch recht viel Theorie, aber die bisherigen praktischen Sachen haben mir schon sehr gefallen. Ich freu mich drauf, wenn ich endlich richtig mit den Tieren arbeiten kann“, meinte sie und dachte an ihren Traum von einer eigenen kleinen Praxis.

„Wirst du dann die Leibtierärztin für Richards Pferde? Rennsport, richtig?“, versuchte Ben sich den höhnischen Ton zu verkneifen, was ihm allerdings nicht so recht gelang. Hellen schmälerte kurz die Augen, beantwortete die Fragen dann aber ohne jegliche Spitzen oder Ironie: „Dressurreiten. Und jein… er hätte gern, dass ich das mache, aber ich möchte eigentlich lieber mit Kleintieren arbeiten. Vielleicht eine kleine Praxis und ehrenamtlich im Tierheim helfen?“, murmelte sie und erkannte nun ihrerseits ehrliche Überraschung in Bens Blick.

„Machst du da schon was in die Richtung?“, fragte er, aber sie schüttelte den Kopf. Aktuell fehlte ihr noch die Zeit dafür.

„Aber irgendwann ist das Studium ja auch mal vorbei“, grinste sie schief und Ben war nicht zum ersten Mal froh darüber, nicht den universitären Weg eingeschlagen zu haben.

„Bist du hier an der Uni oder wo anders?“, wollte er wissen und war wenig verwundert, dass Hellen es an die renommierte Studieneinrichtung ihrer Stadt geschafft hatte.

„Ich hatte großes Glück“, meinte sie, aber er wiegte zweifelnd den Kopf.

„Du warst immer sehr fleißig“, gab er zu bedenken und sie konnte ihm ansehen, was er noch dachte: Dass ihre Verbindung zu Richard sicherlich nicht von Nachteil gewesen war.

„Na los, sprichs schon aus. Du willst doch schon die ganze Zeit wissen, wie es zwischen Richard und mir läuft, oder?“, forderte sie Ben also auf und wurde wieder von ihm gemustert.

„Na schön“, lehnte er sich zurück und verschränkte seinerseits die Arme vor der Brust.

„Was findet eine Frau wie du an einem Ekelpaket wie dem? Abgesehen von seinem Ruf und Geld?“

6.5.2024: erblühen

„Ich fand ihn anfangs gar nicht mal so attraktiv“, meinte Hellen mit einem leichten Schmunzeln und musste bei Bens überraschten Blick lachen.

„Ja, tatsächlich!“

Er stützte den Kopf auf die Hand und ließ eine Augenbraue nach oben zucken.

„Eigentlich waren damals doch alle Mädels in ihn verschossen. Und auch ein paar Jungs“, sprach er mit gespielter Skepsis und eine leichte Röte umspielte Hellens Wangen.

„Jetzt tu aber nicht so! Du weißt ganz genau, dass viele auch auf dich gestanden haben!", meinte sie und wollte schnell mit ihrer Geschichte fortfahren, als Ben fragte, ob sie etwa auch zu seinen "Fans" gehört habe.

"Lenk nicht ab, es geht um Richard!", tadelte sie und ergänzte dann: "Jedenfalls hab ich ihn damals erst für einen arroganten Snob gehalten und wollte zunächst auch nichts davon wissen, dass er anfing mir Avancen zu machen“.

Ben griff zu seiner Tasse und Hellen konnte ihm anmerken, dass er dringend einen Grund brauchte, um wortwörtlich den nächsten bissigen Kommentar über ihren Freund herunterzuschlucken.

„Wieso hast du dich dann doch auf ihn eingelassen?“, fragte er stattdessen und ein verliebtes Lächeln legte sich auf Hellens Lippen.

„Weil er nicht locker gelassen hat.“

Ben runzelte die Stirn und sie lehnte sich leicht zu ihm.

„Als er mich das erste Mal fragte, ob ich mit ihm ausgehen will, dachte ich noch, dass ich nur eine seiner Trophäen werden sollte. Ich wusste ja, wie begehrt er war und er wusste das bestimmt auch. Außerdem fand ich damals jemand anderen toll, also ließ ich Richard abblitzen. Genauso die nächsten Male. Aber er versuchte es immer wieder, bis selbst meine Eltern es mitbekamen und dann sagte meine Mutter irgendwann mal zu mir: Schatz, was hast du denn zu verlieren? Geh mit ihm ins Kino, verbring einen schönen Nachmittag und lern ihn erst mal kennen“ und das hab ich dann gemacht. Und er hat mich überrascht“, erzählte sie weiter.

„Weil du so viel Luxus nicht gewöhnt warst?“, frotzelte Ben nun doch, aber Hellen ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen.

„Das auch“, lachte sie zwar, korrigiert dann aber: „Nein, weil er wirklich sehr aufmerksam war. Er hat mir zugehört, sich für mich interessiert und dafür, was ich mir wünschte.“, berichtete sie und Ben nickte – ja, den Eindruck hatte er auch schon oft gewonnen, dass Richard sehr aufmerksam sein konnte. Besonders, wenn er sich davon etwas versprach. Diesen Gedankengang behielt er aber für sich und ließ Hellen stattdessen weiterreden.

„Ursprünglich wollte ich gar keine Tierärztin werden“, meinte sie und Ben hob verwundert die Augenbrauen.

„Eigentlich wollte ich Tierpflegerin werden. Auch ein ehrenwerter und wichtiger Beruf! Aber…“, sie brach kurz ab und knibbelte gedankenverloren die Glasur vom Donut.

„Aber?“, wiederholte Ben und Hellen seufzte leicht.

„Aber in meinem Fall kam dieser Berufswunsch vor allem daher, dass ich mir damals nicht zutraute, Tierärztin zu werden. Oder auch nur Tierarzthelferin. Ich dachte, ich käme nicht damit klar, Tieren auch Spritzen geben zu müssen oder schlimmstenfalls die weinenden Tierhalter zu sehen. Und… und trotz meiner guten Noten hab ich mir das Studium irgendwie auch nicht so richtig zugetraut“, zuckte sie leicht die Schultern und schaute kurz zu Ben auf, um dann wieder den Donut ins Visier zu nehmen.

„Richard aber hat gleich, als ich ihm von meinem Berufswunsch erzählte, gefragt, warum ich nicht Tiermedizin studieren will und mir dann vorgeschlagen, mich mal mit einem befreundeten Arzt zusammen zu bringen. Auch da war ich erst skeptisch und hab abgelehnt, aber beim nächsten Treffern meinte er dann zu mir, er hätte ihn gefragt und wenn ich wollte, könnte ich jederzeit mal für ein kleines Praktikum in seine Praxis kommen. Und das hab ich dann gemacht“, erinnerte sie sich daran, wie sie voller Nervosität das Angebot angenommen hatte und schon nach kurzer Zeit ihr Wunsch, selber Tierärztin zu werden, erblüht war. Wie ein Schwamm hatte sie alles aufgesogen, das sie zu sehen und hören bekam, liebte es, dem Tierarzt über die Schulter blicken zu können und war ebenso begeistert bei der Sache, als Richard ihr in den kommenden Monaten noch andere, teils sehr angesehene Tierärzte vorstellte.

„Ja, sags ruhig, da war seine gesellschaftliche Stellung von großem Vorteil, aber mal ehrlich: Ich wäre doch verrückt gewesen, diese Chance nicht zu nutzen, oder?“, meinte sie und Ben pflichtete ihr da bei.

„Praktika sind wirklich viel wert“, murmelte er und verkniff sich sogar auszusprechen, dass Richard das nur getan hatte, um Hellen endlich rum zu kriegen. Die kicherte plötzlich.

„Ich hab so nicht nur in alle möglichen verschiedenen Bereiche der Tiermedizin reinschauen können, sondern Richard fand auch ständig Gründe, um mich in den Praxen zu besuchen. Mal zur Mittagspause, mal, um mich abends abzuholen und nach hause zu bringen… manchmal auch für überraschende kleine Dates…“

„Und dann hast du dich irgendwann in ihn verliebt“, sprach Ben aus, was das Lächeln auf Hellens Gesicht bereits während ihrer Erzählung verriet und sie nickte.

„Ja. Und ich geb zu, es war für mich auch ein bisschen so wie im Märchen. Er hat mir nicht nur so viel ermöglicht, sondern auch eine ganz neue Welt gezeigt, von der ich vorher nur hätte träumen können. So was ist schon imponierend“, hob sie leicht die Schultern und Ben nickte.

„Lass mich raten: Du hast dich wie Aschenbrödel gefühlt“, meinte er und sie bestätigte seine Annahme.

„Zum Glück ohne die böse Stiefmutter, aber ja. Meine Eltern haben immer hart gearbeitet und meinen Geschwistern und mir ein schönes Leben ermöglicht, aber trotzdem mussten wir immer sehr sparsam leben. Ich bin ihnen dankbar, dass sie uns schon früh gezeigt haben, dass man für seine Ziele arbeiten muss und dass sie trotz der höheren Kosten alles dran gesetzt haben, uns sogar den Besuch eines Gymnasiums zu ermöglichen, wenn das unser Wunsch war. Aber Geld für Kinobesuche oder gar Theater hatten wir fast nie übrig. Ich weiß noch, wie fasziniert ich war, als Richard das erste Mal mit mir in eine Oper ging. Und wie glücklich meine Eltern waren, als sie mich an dem Abend in dem hübschen Kleid sahen, das er extra für mich gekauft hatte“, lächelte sie noch immer und dachte mit verträumtem Blick daran zurück. Je mehr sie von dieser Anfangszeit ihrer Beziehung erzählte, desto mehr schien sie zu erblühen und aufzuleben. Voller Leichtigkeit sprach sie davon, ließ Witzchen einfließen und war wieder das Mädchen, in das Ben zur Schulzeit so verliebt gewesen war. Die alte Hellen schlummerte also noch irgendwo in ihr und war von den Verpflichtungen des Erwachsenenlebens und den Anforderungen an jemanden in ihrer Position nicht vollends verschlungen worden.

„Wer war eigentlich der Junge, in den du vorher verliebt gewesen bist?“, fragte er plötzlich und versuchte sich vorzustellen, welche Richtung Hellens Leben wohl mit einem anderen Mann an ihrer Seite genommen hätte. Die stockte kurz und räusperte sich beschämt.

„Ach, nur einer aus ner Parallelklasse“, murmelte sie und machte eine wegwerfende Handbewegung. Ben aber schmunzelte und nickte wissend.

„Ah ja?“, meinte er, woraufhin Hellen gegen ein Grinsen ankämpfte und den Kopf schüttelte.

„Du bist echt von dir eingenommen, weißt du das?“, blies sie in gespieltem Schmollen die Wangen auf und nickte, als er mit einem entsetzten „Ich?!“, auf sich zeigte.

„Ja, ganz recht! Du!“, lachte sie und Ben protestierte, dass er doch gar nicht von sich gesprochen habe. Als Hellen zu einer Antwort ansetzte, zuckten beide jedoch zusammen, weil plötzlich ihr Handy klingelte.

„Oh, Moment“, griff sie schnell danach.

„Hi, ja, oh! Du bist schon zu hause?… Es ist doch noch gar nicht so.. oh, ich die Zeit aus den Augen verloren… Tut mir leid, ich wollte eigentlich nur kurz zum Einkaufen und hab dann einen Freund getroffen. Wir haben uns ein bisschen verquatscht. Was? Ja, weiß ich auch, dass Feiertag ist“, lachte sie kurz, ehe sie weitersprach: „Aber die Bäcker haben trotzdem offen und ich wollte fürs Abendessen frisches Baguette holen. Ich mach ich auf den Rückweg und bin gleich da. Was? Ach, den kennst du nicht, das ist ein Kommilitone aus der Uni. Ja, bis gleich“, legte sie auf und schaute gespannt zu Ben. Der schmunzelte leicht und nippte wieder an seiner Tasse.

„So so, ich bin also ein Freund aus der Uni, hm?“, meinte er und Hellen zuckte leicht die Schultern.

„Na ja, ich glaub es wäre nicht so gut gekommen, ihm zu sagen, dass ich mich mit dir auf eine Tasse Kaffee getroffen hab, oder?“

Sie stand auf und hatte es plötzlich furchtbar eilig. Da war wieder diese Unruhe und Unsicherheit.

„Er war bestimmt nicht begeistert, als du letztens über Nacht weg warst, oder?“, meinte Ben, während Hellen bereits mit langem Hals die Auslage musterte und erleichtert feststellte, dass es tatsächlich noch frische Baguettes gab.

„Ja, er hat sich Sorgen gemacht“, sagte sie schnell und deutet dann hinüber.

„Geh nur, ich räum noch eben das Tablett weg“, meinte Ben und Hellen nickte erleichtert.

„Tut mir leid, dass ich jetzt so abrupt los muss“, zögerte sie kurz und huschte dann doch zum Verkaufsbereich. Als sie gerade bezahlen wollte, stand Ben allerdings schon wieder hinter ihr und und reichte dem Bäcker einen Geldschein.

„Ich hab ja gesagt, ich lad dich ein“, meinte er mit einem leichten Lächeln zu Hellen und wünschte dem Bäcker noch einen schönen Tag. Sie tat es ihm gleich und gemeinsam verließen sie den Laden.

„Danke“, blieb Hellen noch einmal kurz vor ihm stehen und Ben nickte.

„War am Ende doch noch ein schönes Gespräch“, meinte er und konnte die aufrichtige Freude in ihrem Gesicht sehen, weil sie es genauso empfand.

„Bestell Gitti und Jenny Grüße von mir“, antwortete sie und Ben grinste.

„Haselnusskaffee?“, zwinkerte er und brachte Hellen zum Lachen, ehe sie sich umdrehte und loslaufen wollte, aber Ben hielt sie auf.

„Hellen?“, sagte er schnell und sie schaute ihn verwundert an.

„Sollen wir das vielleicht… mal wiederholen?“

Erst wuchs ihre Verwunderung, aber dann stimmte sie mit großer Freude zu und reichte ihm ihr Handy, damit er seine Nummer darin speichern konnte.

7.5.2024: Antagonist

Das leise Plätschern des Flusses vermischte sich mit einem dünnen Regenschleier, der alles mit einer samtigen und doch kalten Schicht bedeckte. Als sie das letzte Mal so auf einer Bank gesessen hatte, war es noch kalt gewesen, weil der Frühling sich langsam gegen den Winter behauptet hatte, aber jetzt kamen bereits die ersten kühlen Nächte, die auf den Herbst hindeuteten. Das satte Grün der Bäume und Sträucher verwandelte sich in leuchtendes Rot, Gelb und Orange. Die Luft war nach dem heißen, teils schwülen Sommer endlich wieder klar und frisch. Aber trotzdem nahm Hellen das alles kaum wahr. Sie spürte nicht einmal, wie ihre Hände immer kälter und blauer wurden, während sie sie zitternd auf ihren Knien liegen hatte. Ihr Körper war so angespannt, dass sie kerzengerade da saß. Dann und wann brachte sie ein Schluchzen zum Wanken. Die letzten Monate waren eine Achterbahn der Gefühle für sie gewesen und sie wusste nicht, wie sie all das Erlebte verarbeiten sollte. Momente voller Glückseligkeit und Freiheitsgefühl hatten sich abgewechselt mit Angst, Zweifeln und Hilflosigkeit. Wenn sie daran zurückdachte, krampfte sich ihr Herz zusammen und ein erneutes Schluchzen ergriff ihren Körper. Sie hob die Hand und legte sie an ihre Wange, die noch immer ein wenig kribbelte und seine Worte hallten in ihrem Kopf wider: „Mach mich nicht zum Antagonisten in deiner Geschichte! Ich hab dir alles gegeben, was man sich nur wünschen konnten und wie hast du es mir gedankt? Mich über Monate hinweg betrogen und hintergangen! Dachtest du, ich merk das nicht?! Dieses Theater hab ich mir lang genug angeschaut!“

Hellen krümmte sich zusammen und presste die Hände aufs Gesicht. Sie schüttelte den Kopf und schaute dann zu dem Koffer neben sich. Mehr hatte Richard ihr nicht gelassen und selbst das würde er ihr vielleicht noch nehmen.

„Wie konnte es nur so weit kommen?“, wisperte sie und ließ den Kopf hängen. Sie wusste nicht, wo sie hin sollte und hatte kein Geld für eine Unterkunft. Die Bankkarte hatte er ihr abgenommen und Bargeld besaß sie ohnehin kaum welches. Das Smartphone war in einem Tobsuchtsanfall an der Wand gelandet. Sie konnte weder ihre Eltern noch Geschwister erreichen und selbst wenn: Niemand hätte ihr im Moment helfen können. Die Geschwister waren inzwischen teilweise hunderte Kilometer weit weg gezogen und im ganzen Land – sogar über dessen Grenzen hinweg – verteilt und den Eltern hatten sie zum letzten Hochzeitstag alle gemeinsam eine dreiwöchige Kreuzfahrt geschenkt. Als Anerkennung für alles, was sie für ihre Familie getan hatten und stellvertretend für die Flitterwochen, die sie vorher nie machen konnten. Nun saßen sie gerade irgendwo auf einem riesigen Schiff und hielten die Bäuche in die Sonne. Hellen war nicht mal sicher, wo sie als nächstes an Land gingen. Und Ben? Wieder schüttelte sie den Kopf. Ben wollte und konnte sie im Moment am aller wenigsten sehen.

Das Geräusch von Schritten im Kies drang an ihr Ohr und reflexartig griff sie zu ihrem Koffer. War es wieder die Bande Halbstarker, vor der sie sich in der vergangenen Nacht in einem Hinterhof versteckt hatte, weil sie nicht wusste, ob sie einfach nur große Mundwerke besaßen oder wirklich gefährlich waren? Nein. Erleichtert seufzte Hellen aus: Eine Joggerin führte ihre Runde am Fluss vorbei. Bei näherem Hinsehen runzelte sie allerdings die Stirn, dann starrte sie mit schreckgeweiteten Augen hinauf, als die junge Frau wenige Meter entfernt von ihr anhielt und sie musterte.

„Was machst du denn hier?“, stützte sie kurz die Hände auf den Oberschenkeln ab und kam zu neuem Atem. Als sie die Kopfhörer aus den Ohren zog und in langsameren Schritten näher auf Hellen zuging, konnte die ein undefinierbares Gemisch aus Geräuschen hören. Nach einem kurzen Tippen aufs Smartphone verstummte die Musik und es blieb einen Moment lang nur das Rauschen des Flusses, gemischt mit dem noch immer erhöhten Atem.

„Jenny“, murmelte Hellen und fand keine Worte, während die blonde Frau jetzt direkt vor ihr stand, die Hände auf die Hüften gestützt und wie immer mit einem leicht abschätzigen Blick in den Augen. Sie betrachtete nicht nur Hellens Koffer und den zitternden Körper, der gemeinsam mit ihrer durchnässten Kleidung verriet, dass sie schon länger hier draußen war. Sie lehnte auch leicht den Kopf zur Seite und schaute auf die gerötete Wange.

„Was ist passiert?“, wollte sie wissen, aber als Hellen versuchte zu antworten, brachte sie nur wieder ein Schluchzen hervor. Jenny seufzte aus. Sie konnte sich ihren Teil denken und es überraschte sie wenig.

„Ich hab gleich gewusst, dass das eine dämliche Idee war“, murmelte sie und schüttelte den Kopf. Hellen starrte sie an.

„Du wusstest es?“, flüsterte sie heiser und Jennys Mundwinkel zuckten leicht.

„Na ja, eigentlich war es offensichtlich, oder?“, meinte sie und wieder drückte eine eisige Hand Hellens Herz zusammen. Ja, genau genommen hatte Jenny recht, aber das machte die späte Erkenntnis nicht weniger schmerzhaft, eher im Gegenteil.

„Wie dem auch sei, du musst jetzt erst mal aus dem Schmuddelwetter raus, sonst holst du dir zu allem Überfluss noch was weg. Zu Ben willst du sicherlich nicht“, waren ihre Worte keine Frage, sondern eine Feststellung, als sie nach Hellens Koffer griff. Hellen presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Ihre Finger gruben sich so fest in den Stoff ihrer Hose, dass die Knöchel weiß hervortraten. Dann aber ließen sie genauso schnell wieder locker, als Jenny sie mit dem Vorschlag überraschte, ausgerechnet bei ihr erst einmal Unterschlupf zu finden.

„Wirklich?“, fragte Hellen ungläubig und mit gebrochener Stimme und Jenny nickte.

„Mit so was mach ich keine Scherze“, deutete sie in die Richtung, aus der sie gekommen und sagte: „Na komm“.

8.5.2024: tüfteln

Gemächlich schlurfte Steffen zu Detlef hinüber und lehnte sich neben ihm an die Werkbank. Sein Oberkörper knackte, als er sich streckte und den Nacken massierte.

„Für heute bin ichs aber auch leid“, murmelte er und seufzte aus. Jetzt nur noch unter die Dusche und ein kühles Bierchen auf der Couch – wie er sich danach sehnte!

„Hmm“, war alles, was Detlef darauf antwortete. Er hatte sich einige Holzreste zusammen gesucht, maß sie aus, zeichnete an, hielt sie aneinander und schrieb immer wieder kurze Notizen auf einen Zettel.

„Was tüftelst du da?“, meinte Steffen und verschränkte die Arme vor der Brust. Er verstand nicht, woher Detlef jetzt noch die Energie für sein eigenes kleines Projekt nahm. Immerhin war es ein langer Tag gewesen und sie zu so später Stunde nur noch in der Schreinerei, weil Steffen einen wichtigen Auftrag beendet und Detlef in der Zwischenzeit auf seine Mitfahrgelegenheit gewartet hatte. Der lehnte sich jetzt zurück, betrachtete kritisch seine Notizen und rieb sich das Kinn.

„Ich möchte ein Schmuckkästchen für Saskia basteln, aber irgendwie klappt das noch nicht so, wie ich es mir vorstelle“, murmelte er und griff wieder zu dem Holzstück, das er zuletzt betrachtet hatte. Steffen lehnte sich weiter zu Detlef hinüber und nach dessen Notizen.

„Die Idee als solche ist nicht schlecht, aber du hast da ein paar kleine Denkfehler drin“, meinte er, während Detlef ihn aufmerksam beobachtete. Steffen seufzte und massierte sich die Nasenwurzel.

„Mit ein, zwei Änderungen müsste das so klappen, wie du es aufgezeichnet hast, aber ganz ehrlich? Lass uns das morgen oder die Tage angehen, okay? Ich bin völlig erledigt“, gab er Detlef den Zettel zurück und der nickte.

„Dann bin ich aber zumindest schon mal auf dem richtigen Weg“, sagte er zufrieden darüber, dass das Getüftel der letzten eineinhalb Stunden nicht völlig für die Katz gewesen war.

„Gib mir die Schlüssel, ich fahr, dann kannst du dich ausruhen“, meinte er zu Steffen, der sich dieses Angebot nicht zweimal sagen ließ.

„Na, dann nichts wie raus hier!“, legte er Detlef den Arm um die Schulter und schlenderte mit ihm zum Ausgang.

„Machen wir denn gleich noch ein bisschen im ersten Stock weiter?“, frotzelte Detlef und entlockte Steffen damit ein verzweifeltes Lachen.

„Auf gar keinen Fall!“, rief er aus und konnte es gar nicht erwarten, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen.

„Mein Rücken bringt mich noch um“, murmelte er und lehnte sich zurück. Allein das war schon die reinste Wohltat, nachdem er den Großteil des Tages in gebückter Haltung verbracht hatte.

„Aber unter die Dusche gehst du gleich noch, oder?“, hörte er kurz darauf neben sich und linste aus den Augenwinkeln zu Detlef hinüber.

„Wasn das fürn dezenter Hinweis?“

Detlef grinste und fuhr los.

„Ich würde es eher als Wink mit dem Zaunpfahl betiteln“, entgegnete er, woraufhin Steffen nur ein abschätziges Schnauben von sich gab, das sich wenig später in wohliges Schnarchen verwandelte.

„Hui, da ist aber wirklich jemand erschöpft“, murmelte Detlef bei einem kurzen Blick zur Seite und beschloss, Steffen erst zu wecken, wenn das Abendessen fertig auf dem Tisch stand.

9.5.2024: Himmelfahrt

„Herrgott, mach nicht so einen Krach!“, zischte Jenny, als sie die Wohnungstür öffnete und zu Ben in den Flur schlüpfte.

„Dann ignorier mich nicht seit zwei Tagen!“

Er schaute sie mit einer Mischung aus Erleichterung, dass es ihr offenbar gut ging, und Verständnislosigkeit an. Auf seine Nachrichten hatte sie kaum reagiert, die Anrufe gar nicht beachtet.

„Was ist passiert?“, wollte er wissen, nachdem sie sich zwischenzeitlich nur mit einem knappen „Ist grad viel los“ gemeldet und den heutigen Tag sogar kurzfristig frei genommen hatte.

„Ich hab mir Sorgen um dich gemacht!“

„Deswegen musst du nicht gleich das halbe Haus zusammenklingeln!“

Beide hatten ihrem Ärger Luft gemacht und standen nun schweigend vor einander, seufzten aus und zogen sich dann doch in eine feste Umarmung.

„Gehts dir gut?“, fragte Ben nun beruhigter und spürte an seiner Schulter Jennys Kopfnicken.

„Mir schon, aber es ist gerade… ein bisschen kompliziert“, murmelte sie und atmete seinen vertrauten Duft ein. Auch, wenn Ben in den vergangenen Monaten einen Teil seiner früheren Gelassenheit verloren hatte, wusste sie, dass schon einiges dazu gehörte, ihn jetzt in dieser Verfassung vor sich zu sehen. Sie hatte ihn nie als jemanden erlebt, dem wegen einer Kleinigkeit gleich Angst und Bange war.

„Ehrlich gesagt wusste ich nicht so richtig, wie ich es dir sagen soll“, löste sie sich leicht von ihm und legte eine Hand an seine Wange. Dass er wegen ihr so besorgt gewesen war, tat ihr leid und sie merkte, dass ihr der sonst so häufige Austausch mit ihm gefehlt hatte. Er runzelte seinerseits die Stirn und hielt Jenny noch immer im Arm, aber sein Griff war deutlich schwächer geworden, regelrecht ins Wanken geraten.

„Sag mal, machst du grad mit mir Schluss?“ fragte er, ehe sich seine Augen weiteten und er ergänzte: „Oder bist du etwa schwanger?“

Jenny schüttelte hastig den Kopf und lachte leise.

„Weder noch“, strich sie leicht über seine Brust und lächelte. Doch dann wurde sie ernst, viel ernster, als Ben es von ihr kannte.

„Bevor ich dich in die Wohnung lasse und dir alles erkläre, versprichst du mir, dass du nicht das Himmelfahrtskommando spielst, verstanden?“

Ben schaute sie noch irritierter an.

„Wie bitte?“

„Ich meins ernst: Wenn sie dich überhaupt sehen will, dann bist du der Freund, der du ihr längst hättest sein sollen und gehst auf sie ein. Aber du wirst gefälligst den Teufel tun, diesen Richard aufzusuchen oder sonst irgendeinen Blödsinn zu verzapfen!“, sprach sie warnend, woraufhin Ben die Kinnlade runter klappte.

„Hellen ist hier? Bei dir?!“

Er klang, als hätte Jenny ihm gerade von einer fliegenden Kuh mit pinken Streifen erzählt.

Jenny atmete schwer aus und schaute Ben eindringlich an.

„Versprich es mir“, wiederholte sie, aber er zierte sich.

„Jetzt sag mir doch erst mal, was…“

„Du hast schon genug angerichtet! Halt dich zurück oder ich lass dich nicht in die Wohnung!“, unterbrach sie ihn fauchend und er willigte schließlich ein. Sie wussten beide, dass dieses Versprechen im Zweifelsfall nichts wert war, aber eine weitere Diskussion auf dem Flur hätte sie weder vor noch zurück gebracht. Nach kurzem Zögern schloss Jenny darum hinter sich auf und ging zurück in die Wohnung. Sie bedeutete Ben, dass er an der Tür warten sollte, während sie hinüber zu ihrem Wohnzimmer ging. An der Zimmertür blieb sie stehen.

„Hey…“ begann sie langsam und Ben zuckte zusammen, als aus dem Raum tatsächlich Hellens Stimme erklang; leise, rau und abgekämpft.

„Ich hab ihn schon gehört“, murmelte sie und Jenny nickte, ehe sie Ben einen kurzen Blick zuwarf.

„Und? Kann er rein kommen oder soll ich ihn wegschicken?“, wendete sie sich zurück an Hellen und Ben spürte plötzlich, dass er nicht sicher war, welche Antwort er hören wollte.

10.5.2024: blitzschnell

„Also? Sagt ihr mir jetzt mal, was hier los ist?“, stand Ben neben der Couch und ließ den Blick von Jenny zu Hellen wandern. Die eine saß neben ihm auf dem Sessel und bedeutete ihm, sich wenigstens neben sie auf die Lehne zu setzen, während die andere am Fenster stand und ihm den Rücken zudrehte. Ihr sei es gleich, ob er da wäre, hatte sie gesagt und ihn bei Betreten des Zimmers nicht einmal gegrüßt. Blitzschnell war ihm beim Anblick des Raumes ein unangenehmes Gefühl in die Brust geklettert, das er nun versuchte zu verdrängen. Das Bettzeug auf dem Sofa und der Koffer in der Ecke sprachen Bände.

„Wieso pennt sie bei dir?“, fragte er harscher als gewollt an Jenny gewandt, als Hellen sich in Schweigen hüllte.

„Weil Richard denkt, ich hätte ihn mit dir betrogen“, brachte sie nun doch einige leise Worte über die Lippen und Ben verfiel in Gelächter.

„Soll das ein Witz sein?!“, rief er aus und zuckte zusammen, als er einen tadelnden Klaps am Oberschenkel spürte. Jenny funkelte ihn wütend an und stand auf.

„Setz dich, ich hol was zu trinken“, zischte sie und ließ keine Widerworte gelten; das konnte er ihr ansehen. Er seufzte aus und guckte ihr kurz nach, ehe er wieder auf Hellens Rückansicht schaute, während er sich auf dem Sessel niederließ. Er hatte eine Ahnung, warum sie sich gerade in dieser Situation wiederfanden, aber die wollte er nicht wahrhaben; genauso wenig wie die offensichtliche Anspannung in Hellens Körper, die durch sein Lachen noch gewachsen war.

„Bist du gekommen, um dich über mich lustig zu machen?“, fragte sie bitter und er spürte, wie Unruhe und Ungeduld in ihm anwuchsen.

„Nein, ich wollte nur nach meiner Freundin sehen! Dass du hier bist, wusste ich überhaupt nicht!“, knurrte er und fragte sich im selben Augenblick, warum er gerade so wütend auf Hellen wurde.

„Weißt du was?! Ich gehe!“, hielt es ihn nicht lang auf dem Sessel, aber dank Jennys Rückkehr zumindest weiterhin in deren Wohnung. Sie versperrte ihm den Weg, sodass er sich plötzlich wie ein eingesperrtes Tier fühlte; erst recht bei ihrem Anblick, der äußerlich zwar ruhig wirkte, aber ihre Wut und Enttäuschung trotzdem nicht verhehlen konnte. Sie drückte ihm die Colaflasche in die Hand und schnaubte dann aus.

„Du weißt, dass ich mich die ganze Zeit, so gut es ging, aus allem rausgehalten habe“, begann sie und sprach damit wohl die Worte aus, die er mit am meisten befürchtet hatte. Natürlich hatte er ihr von den Treffen und Gesprächen mit Hellen erzählt und natürlich wusste er durch Jennys kleine Nachfragen und kurze Einwänden, dass sie dem Ganzen von Anfang an skeptisch gegenüber gestanden hatte. Aber trotzdem hatte sie ihn gewähren lassen, die Beziehung in den Vordergrund gestellt und ihn nie richtig zur Rede. Musste sie ausgerechnet jetzt damit anfangen, das zu ändern?

„Ich dachte wirklich, dass du einfach nur mit mir befreundet sein wolltest“, hörte er nun auch noch hinter sich und presste die Kiefer aufeinander. Hellen drehte sich langsam zu ihm und lehnte sich an die Fensterbank. Ihr Anblick war furchtbar; sie war blass, die Augen gerötet, die Ringe unter ihnen tief und dunkel. Ben konnte sie nicht lange anschauen, starrte stattdessen zu Boden.

„Ich hab Richard nicht erzählt, dass ich mich mit dir getroffen habe, aber er hat es trotzdem gemerkt“, sprach sie weiter, räusperte sich immer wieder und kämpfte gegen die brechende Stimme an, während sie an die vergangenen Wochen zurückdachte. An die Momente, in denen ihr die Treffen mit Ben ein Gefühl der Leichtigkeit vermittelt hatten. In denen zur Abwechslung mal niemand von ihr erwartet hatte, eine Vorzeigestudentin und Vorzeigefreundin zu sein. In denen sie sich wieder ein bisschen wie zu Schulzeiten gefühlt hatte, rumalbern konnte und über Themen sprechen, die mal nichts mit Karriere, Ansehen und Beziehung zu tun hatten. Sie dachte aber auch an Richards wachsendes Misstrauen. Weil sie öfter zu Verabredungen mit angeblichen Kommilitoninnen gegangen war, weil sie manchmal nach Chlor gerochen hatte, wenn sie im Schwimmbad auf Ben gewartet hatte und nicht zuletzt, weil sie Richards Anweisungen ignoriert hatte.

„Ich hätte mich nie drauf einlassen sollen, ihn auf seine Kaufpläne anzusprechen. Und das auch noch mehrfach“, murmelte sie und hatte seine wachsende Wut über ihr zunehmendes Interesse an seinen Geschäften vor Augen.

„Musstest du doch nicht! Ich hab dich nicht dazu gezwungen!“, verteidigte Ben sich und sie nickte leicht, während sie gegen neue Tränen ankämpfte und die Lippen aufeinander presste. Sie schlang die Arme um den Oberkörper und hielt sich selber fest.

„Stimmt, aber du hast mir oft genug von deinen Sorgen um deine Großeltern erzählt und mir gesagt, dass ich als seine Freundin doch Einfluss auf Richards Entscheidungen haben müsste. Und du hast mir gesagt, dass ich doch nicht nur sein Anhängsel bin. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, euch nicht zu helfen“, wisperte sie und spürte wieder den Schmerz über die Erkenntnis, dass das alles nur gespielt gewesen war. Über die Enttäuschung, dass sie für Ben genauso Mittel zum Zweck gewesen war, wie für Richard: Der eine, der etwas zum Vorzeigen haben wollte und der andere, der nicht ihre Freundschaft, sondern nur ihre Unterstützung haben wollte. Der eine, der ihr geschmeichelt hatte, um sie ins Bett zu kriegen und der andere, der ihr Mut zugeredet und seine Sorgen mit ihr geteilt hatte, um sie auf seine Seite zu ziehen.

„Ich dachte, wir wären Freunde!“, rief sie aus und Ben meinte mit einem flüchtigen Schulterzucken, dass sie das doch auch irgendwie gewesen wären.

„Konnte ich doch nicht wissen, dass es sich so entwickelt!“, verteidigte er sich und verdrängte die besorgten Reaktionen von Hellen, wenn es ihn von Mal zu Mal mehr Überredungskunst gekostet hatte, um sie zu einem Gespräch mit Richard zu bewegen. Jenny aber schüttelte den Kopf und rang sich zu etwas durch, das sie aus jetziger Sicht schon viel früher hätte sagen sollen: „Ben, gibs zu, du hast mir von Anfang an gesagt, dass eine Freundschaft mit ihr womöglich auch gut wäre, damit sie ihn umstimmen kann. Selbst wenn das Thema da vielleicht noch nicht so im Vordergrund stand wie jetzt, hast du damals schon davon gesprochen“, verschränkte sie leicht die Arme vor der Brust und spürte den Stich in ihrem Herzen, als Ben sie wie eine Verräterin anschaute. Für sie war Hellen anfangs nur ein verwöhntes Luxusmädchen gewesen, das zwar keine ernstzunehmende Gefahr für ihre Beziehung mit Ben darstellte, aber offensichtlich etwas in ihren Treffen mit ihm suchte, das ihr eigener Freund ihr nicht geben konnte. Langeweile und Eintönigkeit hatte Jenny zunächst vermutet und den Kopf darüber geschüttelt, zu solchen Mitteln zu greifen, statt an der Beziehung zu arbeiten oder sie zu verlassen. Aber irgendwann, spätestens in den Gesprächen der letzten beiden Tage, hatte sie erkannt, dass Hellen vor allem durch Blauäugigkeit und dem Wunsch, nicht immerzu den Erwartungen anderer entsprechen zu müssen, geleitet worden war. Sie hatte sich ihr eigenes schlechtes Gewissen inzwischen eingestanden, aber konnte Ben das jetzt auch?

11.5.2024: trendy

Einfach mal nichts tun. Seit Monaten war es der erste Sonntag, an dem Steffen die Baustelle ruhen ließ, um sich eine kleine Auszeit zu gönnen. Kein Fegen, kein Vorbereiten, kein Aufräumen, kein Garnichts. Einfach nur auf der kleinen Fläche aus Waschbetonsteinen sitzen, die vor seinem Haus als Terrasse diente und auf das Gestrüpp und den Wildwuchs gucken, der irgendwann zu einem kleinen Garten werden sollte. Er nippte zufrieden an seinem Kaffee und legte den Kopf in den Nacken. Dünne Schleierwolken bedeckten den Himmel, die Temperaturen waren angenehm warm, aber nicht zu heiß und aus allen Ecken war das angeregte Gezwitscher der Vögel zu hören.

„Willst du das Ding nicht mal beiseite legen?“, murmelte er, ohne den Blick vom Blau über sich zu nehmen und trank einen weiteren Schluck Kaffee. Detlef hatte dieses Wochenende ausnahmsweise nicht bei Saskia verbracht, weil die zu einer zweitägigen Studienfahrt und erst am Samstagnachmittag wieder zuhause gewesen war. Nun saß er wie gebannt am Handy und tippte unablässig Nachrichten.

„Hey, wenn wir uns schon nicht sehen können...“, murmelte er und erinnerte Steffen daran, dass er sich extra mit den Videoanrufen zurückhielt, damit dem das Geturtel nicht so auf den Geist ginge. Steffen schnaubte belustigt aus.

„Mir ging weniger das Geturtel auf den Geist, sondern eher die Versautheiten, die ihr euch zugeraunt habt“, brummte er, während Detlef grinste.

„Wir vermissen uns halt!“, sprach er mit Unschuldsmiene, was Steffen ihm nur mit einem vielsagenden Seitenblick quittierte. Junge Liebe – sie konnte manchmal so nervig sein.

„Oh, guck mal, das sind die Mädels, von denen ich dir neulich erzählt hab“, meinte Detlef nach einem weiteren Blick aufs Handy und reichte es Steffen rüber.

„Die sich da so haben volllaufen lassen?“, murmelte der und betrachtete das Foto des letzten Abends, als Saskia mit Pia, Jasmin und Linda wieder einen Ausflug in die Bar gemacht hatten – aber nun deutlich kürzer und gesitteter.

„Ja, genau“, antwortete Detlef und erklärte kurz, wer wer war. Steffen nickte leicht, runzelte aber auch die Stirn.

„Was ist? Kennst du eine von denen etwa?“, wollte Detlef wissen, was Steffen mit einem Kopfschütteln verneinte.

„Das nicht, aber… sind die Klamotten etwa grad trendy?“, murmelte er irritiert und deutete auf Linda, die immer sehr darauf achtete mit der Mode zu gehen. Detlef grinste erst, dann lachte er los.

„Die Neunziger sind zurück!“, rief er aus, woraufhin Steffen die Augen verdrehte.

„Wenn ich das sehe, fühl ich mich in meine Schulzeit zurückversetzt“, schüttelte es ihn und er gab Detlef das Handy zurück, als wäre es plötzlich unangenehm und ekelig, es zu halten.

„Ich dachte, diese Klamottentrends hätten wir ein für allemal hinter uns“, seufzte er aus und verdrängte das aufkommende Bild seiner eigenen Stylings, die damals schwer angesagt und ihm heute einfach nur noch peinlich waren.

„Tja, kommt alles wieder“, grinste Detlef und tippte wieder fleißig los.

12.5.2024: schlemmen

„Wieder nur Rechnungen und Werbung“, meinte Steffen, als er mit einem Bündel Briefe und Prospekte vom Briefkasten kam und sie der Reihe nach durchsah. Detlef saß gerade noch beim Frühstück und vernichtete den Rest seines Brötchens, ehe die Beiden zur Arbeit mussten. Er schaute kurz zu Steffen, als der die Werbung in den Papierkorb beförderte und räumte dann den Tisch ab.

„Oh, was ist das denn?“, murmelte er bei einem zufälligen Blick in den Mülleimer und fischte einen der Prospekte heraus, um ihn Steffen kurz darauf wieder zu präsentieren.

„Wäre das nicht was?“

Der Angesprochene schaute von dem Brief auf, den er gerade geöffnet hatte und Detlef begann, die Rückseite der Werbung vorzulesen.

„Neueröffnung! Besuchen Sie unser Buffet!“, berichtete er und nannte einige gezeigte Speisen.

„Das wäre doch mal eine gute Abwechslung! Warum gehen wir da nicht mal hin und schlemmen was das Zeug hält? Immer nur Nudeln, Pizza und Kartoffeln wird irgendwann ein bisschen langweilig, findest du nicht?“, meinte er und begutachtete den Innenteil der Broschüre. Steffen aber verzog das Gesicht.

„Ich bin nicht so für Fisch“, murmelte er und Detlef las ihm weitere Gerichte vor. Doch Steffen blieb skeptisch. Er schüttelte den Kopf und legte seine Briefe beiseite, um stattdessen nach den Autoschlüsseln zu greifen.

„Esther hat mich mal überredet, mit ihr Sushi zu essen und hinterher hatte ich das drei Tage lang quer im Magen liegen. Wahrscheinlich lags daran, dass wir die Reste erst am nächsten Tag gegessen haben und es mitten im Sommer war, aber seitdem wird mir schon schlecht, wenn ich Sojasoße nur rieche“, nahm er Detlef den Prospekt aus der Hand und warf ihn im Vorbeigehen auf die Küchenzeile.

„Komm, wir sind spät dran“.

Ehe Detlef dazu etwas sagen konnte, war Steffen auch schon aus der Haustür verschwunden und startete bereits den Motor.

„Kann ich verstehen, dass du dann keinen Bock darauf hast“, meinte Detlef, als er kurz darauf auf dem Beifahrersitz Platz nahm und Steffen los fuhr.

„Vielleicht hat von den Kollegen ja einer Bock drauf“, schlug Steffen vor und Detlef nickte.

„Ich glaub, ich frag Betty“, dachte er an die Sekretärin, die ihn mit ihrer mütterlichen Art schnell unter ihre Fittiche genommen hatte. Steffen grinste. Er wusste um Bettys Vorliebe für Fischbrötchen und fragte sich, ob sie Sushi darum erst recht lieben oder es ihr zu sehr in eine andere Richtung gehen würde. Detlef allerdings war mit den Gedanken längst woanders. Er musterte Steffens Profil nachdenklich und stützte den Kopf auf eine Hand.

„Was ist?“, fragte der ihn schließlich, als Detlefs Blick ihm auffiel und Detlef meinte: „Esther ist deine Freundin, oder? Saskia hat sie ein oder zwei Mal erwähnt, aber ich hab sie in der ganzen Zeit bei dir noch nicht nicht gesehen. Was ist mit ihr?"

13.5.2024: Regenbogen

„Er hat meinen Großvater bis zum Herzinfarkt getrieben und wir können froh sein, dass er nicht über den Regenbogen gegangen ist!“, rief Ben verteidigend aus und ballte die Fäuste. Er zitterte vor Wut und Verzweiflung am ganzen Körper und Jenny dachte an den Moment zurück, in dem Bens Großmutter ihn angerufen und ihm gesagt hatte, dass sein Großvater ins Krankenhaus gekommen war. Innerhalb weniger Sekunden schien er um Jahre gealtert und all die frühere Fröhlichkeit aus ihm verschwunden - selbst jetzt noch, als der Schuster längst wieder im Laden stand. Jenny trat einige Schritte auf Ben zu und legte ihm die Hand an den Oberarm, aber er entzog sich ihrer Berührung. Hellen schaute ihn an und konnte in seinem Blick lesen.

„Sprich es aus: Deinen Vorwurf, dass nicht mal ich, als Richards Freundin, ihn stoppen konnte“, meinte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Ben funkelte sie an, aber er behielt seine Worte für sich.

„Es ist nicht meine Schuld“, sagte Hellen mit Nachdruck und er presste die Kiefer aufeinander, dass Jenny fürchtete, er würde sich dabei sämtliche Zähne brechen. Es kostete ihn einiges an Überwindung und tiefen Atem, um sich zu beruhigen und schließlich einzusehen, dass er jemandem die Verantwortung aufgedrückt hatte, der sie nicht verdient hatte.

„Du hast recht“, meinte er endlich und ließ den Kopf hängen, ehe er sich schwerfällig auf den Sessel fallen ließ.

„Ich hab dich im Endeffekt nur ausgenutzt, aber je schlechter es meinen Großeltern ging, desto mehr musste ich was an der Situation ändern. Nur waren mir die Hände gebunden!“, sprach er voll Kummer und rang die Hände. Er schaute zu Hellen, die noch immer unverändert am Fenster stand und erneut sank sein Kopf nach vorn.

„Aber das ist keine Entschuldigung“, murmelte er und ihm wurde bewusst, wie enttäuscht seine Großeltern wären, wenn sie von seinem Verhalten erführen. Scham kam in ihm auf und er musste sich eingestehen, dass er sich beim Blick in den Spiegel manchmal selbst nicht mehr erkannte. Er hatte immer gemerkt, dass Hellen nur aus dem Wunsch nach Freundschaft Zeit mit ihm verbracht hatte und es war ihm zunehmend recht gewesen. Trotzdem trafen ihn ihre Worte, weil sie das bestätigten, was er so lange aus seinem Selbstbild verdrängt hatte.

„Vielleicht bin ich sogar selbst Schuld. Du hast mir eigentlich ja schon vor unserem ersten richtigen Gespräch gezeigt, wie du drauf bist und ich war trotzdem so naiv, dir zu vertrauen. Das wird mir für die Zukunft eine Lehre sein“, kehrte sie ihm wieder den Rücken zu und schaute aus dem Fenster. Was für eine Ironie, dachte sie, dass sich in diesem Moment ein riesiger Regenbogen über die Stadt zog. Bunt und schön und scheinbar vollkommen. Ein Teil von ihr wünschte sich, dass er ein Zeichen war, dass sich nun alles zum Positiven wenden würde, aber der Rest von ihr war sicher, dass es nur noch weiter bergab gehen konnte. Sie schloss für einen Moment die Augen und schüttelte den Kopf, als Ben zu einer Entschuldigung ansetzte.

„Ich wills nicht hören“, murmelte sie und hörte sein Seufzen.

Jenny, die inzwischen auf der Sessellehne Platz genommen hatte, beobachtete die Situation stumm und fragte sich, welchen Ausweg es geben könnte. Ben verwandelte sich immer mehr in einen Menschen, von dem sie nicht wusste, ob sie wirklich eine Beziehung mit ihm führen wollte und Hellen hatte sich so abhängig von ihrem Exfreund gemacht, dass sie jetzt vor dem Nichts stand. Aber es war ja auch Dauerzustand, sie auf ihrer Couch schlafen zu lassen.

„Ich koch uns mal einen Tee“, erhob sie sich schließlich, um etwas gegen die Untätigkeit zu machen und blieb doch stehen, als Ben plötzlich wieder das Wort an Hellen richtete.

„Warum bist du jetzt hier? Was ist nach unserem Streit passiert?“, waren die Abwehr und Verzweiflung aus seiner Stimme verschwunden. Er klang ehrlich interessiert und auch besorgt.

14.5.2024: episch

„Das muss episch werden, hört ihr?!“

Sven stand an seinem Laptop und warf einen letzten kontrollierenden Blick auf die Präsentation zu ihrer Seminararbeit, an der sie in den vergangenen Wochen als Gruppe gearbeitet hatten. Er selbst war seine Notizen unzählige Male durchgegangen und so auch Jasmin. Eine gewisse Anspannung blieb natürlich immer, aber im Grunde wussten sie, dass bei ihrer gleich folgenden Vorstellung nichts schief gehen konnte – zumindest solange der Dritte im Bunde die Nerven behielte.

„Hast du gehört?“, stand Oberfelder so dicht hinter ihm, dass Sven dessen Atem im Nacken spüren konnte.

„Das muss…“

„Episch werden, ja, ich hab dich gehört“, murrte Sven und drehte sich genervt zu ihm um.

„Willst du...?“, deutete er auf den Laptop und trat beiseite, aber Oberfelder wehrte sofort ab.

„Nein, ist deiner, du kennst dich besser mit der Kiste aus!“, meinte er und schüttelte den Kopf. Sven seufzte aus – was war er froh, wenn diese Stunde vorbei wäre!

„Dann rück mir aber nicht so auf die Pelle, okay?“, murmelte er und machte sich wieder an die Arbeit. Jasmin ging währenddessen durch die Sitzreihen und verteilte die Handouts, die normalerweise während einer Präsentation durch die Kommilitonen weitergegeben wurden, aber so konnte sie Oberfelder wenigstens ein bisschen entgehen.

„Hast du dich vorbereitet?!“, rief er zu ihr hinüber und sie rollte mit den Augen.

„Natürlich hab ich das und du?“, konnte sie sich eine leichte Bissigkeit nicht verkneifen. Er war ihnen wochenlang auf den Geist gegangen, hatte sich am wenigsten von allen eingebracht, aber dafür die größte Klappe gehabt. Wie auch jetzt wieder.

"Selbstverständlich! Ich habe mich hervorragend auf alles vorbereitet! Jetzt hoff ich nur, dass ihr mir auch gut zuarbeiten könnt und euch nicht verhaspelt!", brauste er auf und fing ein weiteres Mal an, Anweisungen zu geben, wie gleich was ablaufen müsse - etwas, das Sven und Jasmin inzwischen auswendig mitbeten konnten. Dabei wendete er sich wieder Sven zu und bekam so Jasmins Kopfschütteln nicht mit. Sie guckte auf ihre Uhr und hatte das Gefühl, die Pause ginge niemals zu Ende. Konnte der Dozent nicht ausnahmsweise mal zu früh kommen? Ihm gegenüber verhielt sich ihr Kommilitone für gewöhnlich deutlich zurückhaltender, fast ängstlich, um es sich mit ihm nicht zu verscherzen. Aber statt ihm brachte ein anderer Oberfelder zum Stottern.

„Na? Bereit für den großen Auftritt?“, schallte es von der oberen Tür des Hörsaals herunter und alle drei rissen zeitgleich die Köpfe hoch. Dort stand er, die Arme vor der Brust verschränkt, ein zufriedenes Grinsen auf dem Gesicht und lässig an die Tür gelehnt.

„Detlef!“, rief Sven erfreut aus und winkte, was der Blonde mit einem Nicken beantwortete, während Jasmin nur schweigend lächelte. Aber Oberfelder hingegen sah erst aus, als habe er einen Geist gesehen und dann, als müsse er sich übergeben.

„Was machst du denn hier?!“, giftete er los und ging einige Schritte in Richtung Treppe, als wolle er sein Revier markieren. Detlef zeigte sich davon nur wenig beeindruckt. Er stieß sich leicht vom Türrahmen ab und schlenderte die Stufen hinunter.

„Ich hab mir nur ne kleine Auszeit genommen und bin ab heute wieder mit im Seminar, wusstest du das nicht?“, frotzelte er und sah mit einer gewissen Genugtuung, wie Oberfelder einen Moment lang alles aus dem Gesicht fiel.

„Das geht doch gar nicht!“, polterte er los, nachdem er sich wieder gefangen hatte und stemmte die Hände auf die Hüften. Detlef aber zuckte die Schultern.

„Klar geht das. Ich hab mit den Dozenten gesprochen und die verpassten Klausuren nachgeschrieben“, blieb er vor dem – wie er ihn nannte - Giftzwerg stehen und musterte ihn. Nein, dachte Detlef, diesen Anblick hatte er wirklich nicht vermisst, aber von Jasmin und Sven wusste er, wie der Kerl seinen Freunden das Leben schwer gemacht hatte und eine kleine Rache war da nur recht.

„Ich hab übrigens schon gefragt, ob ich die nächste Gruppenarbeit mit dir machen kann. Du bist immer so ein Vorzeigeschüler, dass ich es mir nicht nehmen lassen wollte, vom Besten zu lernen. Freust du dich? Wir sind bestimmt ein super Team!“, wurde sein Grinsen immer breiter, während Oberfelders Gesichtsfarbe der einer Tomate glich. Er knirschte mit den Zähnen und knurrte aus, weil er vor Wut nicht wusste, was er sagen sollte.

„Herr Meier, was treibt Sie denn hierher? Haben Sie sich das mit dem Studieren etwa noch mal überlegt?“, kam in diesem Moment der Dozent in den Raum und lief zu seinem Pult. Noch war die Pause nicht vorbei, aber offenbar hatte ihm die Suche nach seinem USB-Stick keine Ruhe gelassen. Mit einem zufriedenen Nicken fischte er ihn vom Pult und schob ihn in seine Hemdstasche.

„Nur ein kleiner Anstandsbesuch“, zwinkerte Detlef zu Oberfelder, der seine Wut in einem undefinierbaren Schrei raus ließ und dann aus dem Raum stapfte. Der Dozent guckte ihm irritiert nach, während Sven in Gelächter ausbrach und Detlef nur schulterzuckend meinte, dass da wohl jemand nervös sei.

„Hmm“, antwortete der Dozent schmunzelnd und nickte leicht.

„Dann wollen wir mal hoffen, dass sich die Nervosität gleich legt“.

„Keine Sorge, zum Ende der Pause verzieh ich mich wieder. Ich will den Armen ja nicht komplett aus dem Konzept bringen“, hob Detlef beschwichtigend die Hände und lachte dann bei Svens enttäuschtem Gesichtsausdruck.

„Ich dachte, du bleibst, um dir unsere Präsentation anzuschauen! Wenn Sie damit einverstanden wären?“, ergänzte er schnell an den Dozenten gerichtet, der bereits wieder auf dem Weg zur Tür war.

„Solange Sie nicht stören, hab ich nichts dagegen“, meinte er und verabschiedete sich bis in ein paar Minuten. Detlef aber schüttelte den Kopf.

„Ich will euch nicht den Vortrag versauen“, ging er zu Sven und zog den endlich in eine herzliche Umarmung.

„Das wärs mir wert!“, lachte der und klopfte seinem Kumpel kräftig auf den Rücken.

"Was machst du denn hier? Es ist erst Donnerstag!", betrachtete er den Blonden und stellte glücklich fest, wie zufrieden der aussah. Detlef gab Jasmin einen kleinen Klaps auf den Oberarm, als sie sich zu ihnen gesellte und schien kaum zu wissen, wo er mit seiner Energie hin sollte.

"Der Sohn vom Chef heiratet und zur Feier des Tages gibts heut und morgen Betriebsferien", antwortete er und freute sich sichtlich auf das lange Wochenende.

„Warum hast du nicht gesagt, dass du kommst?“, wollte Sven wissen und Detlef grinste wieder.

„Dann wärs ja keine Überraschung mehr gewesen!“

15.5.2024: Flammenblume

Bria konnte es gar nicht erwarten, dass der Pausengong endlich ertönte und sie sich wieder mit Laurin im Garten treffen konnte. Nach der anfänglichen Skepsis und dem Unbehagen war es inzwischen zu einem schönen Ritual geworden, die gemeinsamen Pausen dort zu verbringen – zumindest zum Teil.

„Musst du gleich wieder zu deiner Oma?“, flüsterte ihre Freundin Bria ins Ohr, während der Lehrer irgendwas über Mathematik an die Tafel schrieb, das beide nicht so recht verstanden. Bria nickte.

„Weißt du doch“, murmelte sie. Um kein Misstrauen und Fragen zu erwecken, wohin sie immer verschwand, hatte sie begonnen kurze Besuche bei ihrer Großmutter vorzuschieben, die nur wenige Häuser entfernt von der Schule wohnte. Das schien langsam aber auch für Missmut bei ihren Freunden zu sorgen, da immer öfter der Einwand kam, ob sie nicht lieber für längere Treffen nach der Schule dorthin gehen wolle.

„Kannst du nicht…“, setzte Brias Freundin an, wurde aber vom Lehrer ermahnt nicht zu schwatzen. Bria hob entschuldigend die Schultern und tat dann so, als würde sie sich auf die Matheaufgaben konzentrieren. Hoffentlich konnte Laurin ihr dabei wieder helfen. Er verstand etwas davon, während sie hoffnungslos aufgeschmissen war.

„Bis gleich!“, hielt es sie dann nicht mehr auf dem Stuhl, als endlich die Glocke ertönte und eiligen Schrittes verschwand sie aus dem Klassenraum über den Flur und vom Pausenhof. Dieses Mal war sie sogar vor Laurin im Garten und schlenderte zu der alten Holzbank hinüber, die vor der kleinen, zugewachsenen Gartenhütte stand, die Bria inzwischen schon so oft gesehen, aber noch nie betreten hatte.

„Guten Morgen Mäuschen“, lächelte sie den kleinen Nager an, der aus seinem Versteck gelaufen kam und sie ebenfalls freudig begrüßte.

„Schön, dass du wieder da bist“, ließ sich das Mäuschen auf die Hand nehmen und huschte dann über Brias Arm auf deren Schulter.

„Die Flammenblumen sind aufgeblüht“, berichtete es und wurde von Bria irritiert angeschaut.

„Die was?“, ließ sie den Blick schweifen und sah allerhand Blüten, ohne zu wissen, welche das Mäuschen konkret meinte.

„Der Phlox“, hörte sie hinter sich und winkte Laurin erfreut zu, als er ebenfalls auf sie zuging. Er hob die Hand und deutete auf ein Meer aus weißen, violetten und pinken Blüten.

„Die da“, meinte er und betrachtete die Blütenpracht voller Freude, ehe er seufzte und die Arme vor der Brust verschränkte.

"Was ist?", musterte Bria seinen nachdenklichen Gesichtsausdruck und schaute ihn verwundert an, als er seine Gedanken mit ihr teilte.

„Ich überleg langsam echt, ob wir nicht herausfinden sollten, wem das hier alles gehört und fragen, ob wir den Garten bearbeiten dürfen. Überall wachsen die schönsten Blumen, aber viele kann man kaum erreichen, weil alles so verwildert ist. Ich glaube, früher hat hier mal sehr viel Liebe drin gesteckt“, meinte er und ließ seinen Blick schweifen. Bria konnte ihm ansehen, wie seine Fantasie Purzelbäume schlug, während er sich vorstellte, wie das alles wohl einst ausgesehen hatte oder in Zukunft aussehen könnte.

16.5.2024: akustisch

„Ich habs erst gar nicht verstanden“, murmelte Hellen und schlang die Arme ineinander.

„Also akustisch schon, dafür war er ja laut genug, aber dass er das wirklich von mir denken konnte...“, sie schüttelte den Kopf und dachte an diesen verhängnisvollen Nachmittag vor wenigen Tagen. Erst hatte sie von Bens wahren Beweggründen für ihre Freundschaft erfahren und einen heftigen Streit mit ihm gehabt. Dann war sie stundenlang durch die Stadt gelaufen; erst nur strammen Schrittes, dann immer schneller, als hätte sie damit der Enttäuschung und ihrem Gefühlschaos davonlaufen können. Irgendwann war sie vor ihrer Wohnung zu stehen gekommen und nach der unfreiwilligen Sporteinheit schnurstracks unter die Dusche gegangen, um sich wenigstens in ihrem Körper wieder wohl zu fühlen, wenn ihr Kopf mit dem Schmerzen und Grübeln schon nicht aufhören wollte.

„Ich hab gar nicht gehört, dass Richard nach hause gekommen war. Als ich aus dem Bad kam, saß er auf der Couch und hielt mein Smartphone in der Hand. Das hab ich gar nicht sofort gemerkt; ich dachte, das wäre sein eigenes gewesen, aber als ich ihn ansprach, reagierte er gar nicht und starrte nur auf dieses blöde Teil“, sprach sie weiter und wurde mit jedem Wort leiser. Ihr Blick wurde trübe und Ben und Jenny waren unsicher, ob Hellen sie überhaupt noch wahrnahm oder viel zu sehr in Gedanken versank, während sie die Erlebnisse trotzdem noch in Worte fasste. Wie sie Richard darauf angesprochen hatte, was er mit ihrem Handy machte und wie dieser dann langsam den Blick zu ihr gehoben hatte; hasserfüllt und äußerlich ruhig, während es in ihm tobte. Diese Ader an seinem Hals, die sie früher kaum bemerkt hatte und die seit einigen Wochen immer öfter hervorgetreten war. Auch dieses Mal hatte sie sie wieder deutlich pulsieren sehen können. Und im nächsten Moment war es auch schon aus ihm herausgeplatzt.

„Er meinte, ich hätte ihn verarscht und betrogen. Dass ich ein billiges Flittchen und eine Schlampe wäre und er sich das nicht bieten lassen würde“.

Auch jetzt noch zuckte Hellen beim Gedanken daran zusammen, wie ihr Handy an der Wohnzimmerwand zerschellt war. Wie von der Tarantel gestochen war er aufgesprungen, hatte sie angeschrien, ihr Vorwürfe gemacht, deren Bestätigung er in Bens Nummer und den kurzen Chatnachrichten zwischen dem angeblichen Nebenbuhler und seiner Freundin gesehen hatte.

„Ich hab ihm zigmal gesagt, dass er sich irrt, aber er hat mir nicht geglaubt. Scheinbar hat auch ein Mitarbeiter oder Geschäftskontakt von ihm uns mal gesehen und ihn dann drauf angesprochen. Er fühlte sich regelrecht von mir vorgeführt. Als würde ich ihn vor der gesamten Stadt bloßstellen wollen“, murmelte Hellen und rieb sich das Gesicht.

„Er hat sich zwar in der letzten Zeit öfter mal aufgeregt, wenn in der Firma irgendwas nicht so lief, wie er sich das vorstellte, aber so wütend hab ich ihn noch nie gesehen“, strich sie sich über die Oberarme und schloss für einen Moment die Augen. Da waren sie wieder, die wüsten Beschimpfungen in ihren Ohren und seit zorniges Gesicht, die weit aufgerissenen Augen, die Spucke, die bei jedem Wort aus seinem Mund spritzte. Er wollte sie nicht einfach nur aus der Wohnung schmeißen, er wollte für diese angebliche Schmach ihr Leben zerstören. Nichts sollte ihr bleiben; so, wie er ihr alles gegeben hatte, konnte er ihr auch alles wieder nehmen.

„Er hat mir gerade mal fünf Minuten gelassen, um ein paar Sachen zu packen und mir meine Geldbörse weggenommen. Den Perso und die Krankenkassenkarte hat er mir vor die Füße geworfen, aber selbst die Stempelkarte vom Bäcker hat er behalten“, räusperte sie sich und presste die Lippen aufeinander. Ben starrte sie fassungslos an, dann wandte er den Blick zu Jenny und schien das Gehörte erst zu begreifen, als diese bestätigend nickte.

„Aber er hat dir nicht… also… er ist aber nicht handgreiflich geworden, oder?“, fiel es ihm schwer, die Frage auszusprechen, aber ein ungutes Gefühl drängte ihn dazu. Hellen schwieg. Ihre Lippen bildeten nur noch eine dünne Linie, aber der unbewusste Griff an die Wange sprach Bände.

"Dieses Schwein!"

17.5.2024: Zuckerdose

Jenny stand in ihrer Küche und ließ das Rauschen der Kaffeemaschine auf sich wirken. Gedankenverloren wanderte ihr Blick aus dem Fenster, während sie mit fahrigen Bewegungen Tassen, Milchkännchen und Zuckerdose auf ein Tablett stellte. Ihr ganzer Nacken und die Schultern taten weh und so langsam bereitete sich der Schmerz auch in ihrem Kopf aus. Die vergangenen Stunden waren anstrengend gewesen und die Tage davor nicht weniger. Mit einem tiefen, langen Atemzug füllte sie ihre Lunge und spürte die aufkommende Erschöpfung, als die Luft wieder entwich. Ihre Lider fühlten sich mit einem Mal furchtbar schwer an und sie ließ sich auf einen Stuhl sinken. Endlich ein wenig Ruhe ohne Geschrei, Tränen oder endlose Diskussionen.

„Wo bin ich da nur hineingeraten?“, dachte sie und betrachtete das Tablett. Die alte Zuckerdose erinnerte sie an ihre Kindheit; ein Geschenk ihrer Urgroßmutter, nachdem sie das mit Rosen bemalte Porzellan immer mit so viel Ehrfurcht bewundert und geliebt hatte. Hatte sie Ben deshalb so lange gewähren lassen? Weil sie wusste, wie wichtig einem die Familie sein konnte? Neben der Zuckerdose standen aber auch die gelb getünchten Kaffeetassen, deren Gestaltung überhaupt nicht zum restlichen Ensemble auf dem Tablett passte. Sie erinnerten Jenny an ihre beste Freundin, mit der sie sich vor gar nicht allzu langer Zeit auf den Umzug in diese Wohnung vorbereitet hatte. Ihre erste eigene Wohnung, für die sie damals vieles hatte neu kaufen müssen - so auch diese Tassen, die sie eigentlich so schäbig gefunden hatte und inzwischen doch liebte, weil ihre Freundin es geschafft hatte, sie ihr schön zu reden, nachdem alle anderen Services zu teuer gewesen wären. Wenn sie jetzt daran dachte, musste sie schmunzeln. Inzwischen hätte sie sich andere Tassen leisten können, aber diese gelben Dinger waren ihr mittlerweile zu sehr ans Herz gewachsen.

"Wir müssen bald mal wieder was zusammen machen", strich sie sich durchs Haar und dachte daran, dass das letzte Treffen bereits einige Wochen zurücklag. Automatisch griff sie zum Handy und sein Fehlen holte sie ins Hier und Jetzt zurück: Sie hatte es vorhin Hellen geliehen, damit diese versuchen konnte, die Kontaktdaten ihrer Familie zurück zu bekommen.

Jenny rieb sich den Nacken und stand auf, weil der Kaffee durchgelaufen war. Sie griff zur metallischen Warmhaltekanne und während sie sie befüllte, fragte sie sich, ob sie in ihrem Vergleich mit Tassen und Zuckerdosen diese Kanne war. Aber wofür stünde diese Kanne dann? Was machte sie aus? Dann aber schüttelte Jenny den Kopf und stellte die Kanne aufs Tablett.

„Ich bin echt durch, wenn ich uns jetzt schon für Geschirr halte“, murmelte sie und spürte ein Hadern, als sie sich zur Küchentür wendete. Sie seufzte aus. Konnte sie nicht einfach noch ein bisschen hier sitzen und ihren Gedanken nachhängen? Aber das nützte ja nichts. Irgendwie musste es weitergehen und sich in der Küche zu verstecken war keine Option. Also gab sie sich einen Ruck und kehrte ins Wohnzimmer zurück.

18.5.2024: glitzern

Das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit trat ein Funkeln in Hellens Augen und die Tränen, die in ihnen glitzerten, waren mit Freude gefüllt.

„Ich hab die Nummer meiner Schwester bekommen!“, rief sie erleichtert aus und begann vor Erregung am ganzen Körper zu zittern. Endlich fühlte sie sich nicht mehr von allem abgeschnitten!

„Darf ich?“, fragte sie Jenny und deutete einen Anruf an.

„Ja, na klar“, meinte die und Hellen verschwand mit einer Mischung aus Schluchzen und Lächeln auf dem Balkon, um ungestört zu sein. Jenny beobachtete sie einen Moment lang, wie sie das Handy an ihr Ohr presste, dann merklich erleichtert ausseufzte, als das Gespräch angenommen wurde und sich alle möglichen Emotionen in ihrem Gesicht spiegelten, während sie sprach. Mal nickte sie, dann schüttelte sie den Kopf oder presste sich die Hand auf den Mund, um gegen die Tränen anzukämpfen. Jenny lehnte sich auf dem Sessel zurück und ließ den Blick über ihr Wohnzimmer wandern. Die ganze Situation kam ihr noch immer surreal vor. Sie hing wieder ihren Gedanken nach, bis das Klingeln an der Tür sie aus ihnen herausriss.

„Na endlich“, murmelte sie und schlenderte hinüber.

„Hast du dich wieder beruhigt?“, öffnete sie und ließ Ben hinein. Nach Hellens Schilderungen über Richards Rauswurf war er so aufgebracht gewesen, dass er die Bewegung gesucht hatte.

„Geht so“, murmelte er jetzt und trat an Jenny vorbei in die Wohnung.

"Wie stehts?", nickte er zum Wohnzimmer und schien ehrlich erleichtert, als er von Jenny hörte, dass Hellen mit ihrer Schwester sprach. Ihm entging aber auch nicht, wie seine Freundin ihn musterte und er rollte die Augen.

„Nein, ich bin nicht zu ihm hin, um ihm eine zu verpassen!“, knurrte er, obwohl er das zu gern getan hätte. Jenny nickte zwar, aber sie kannte ihren Freund inzwischen auch zu gut.

„Weil du ihn nicht gefunden hast, stimmts?“

Bens finsterer Blick war ihr Antwort genug und sie seufzte aus.

„Na, zum Glück“, sprach sie trocken und lotste Ben in die Küche, als der sie irritiert anschaute.

„Meinst du vielleicht, ich hätte Lust gehabt dich von der Polizeiwache abzuholen? Oder im Krankenhaus zu besuchen?“, lehnte sie sich an die Arbeitsplatte und verschränkte die Arme. Ben stützte die Hände auf die Hüften.

„Krankenhaus?!“, antwortete er und sie schüttelte voller Unverständnis den Kopf.

„Was hast du dir denn gedacht, wie das abgelaufen wäre? Du gehst hin, haust ihm eine rein, er bedankt sich dafür und du gehst wieder?“, konnte sie sich einen leicht bissigen Unterton nicht verkneifen. Manchmal war Ben doch ein kleiner Kindskopf voller Impulsivität und mit der fehlenden Weitsicht.

„Wenn ich ihn sofort richtig erwischt hätte, hätte er erst mal Sternchen gesehen“, gab er fast trotzig zurück und Jenny dachte, sie hätte nicht richtig gehört.

„Überleg mal, was du da von dir gibst“, meinte sie und schaute in scharf an. Er konnte ihrem Blick nicht lange standhalten, aber sich auch nicht dazu durchringen, ihr recht zu gehen.

„Dass er gewalttätig war, gibt dir nicht das Recht, es auch zu sein“, sprach sie mit Nachdruck und er machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Ja, ist ja gut! Ich halt mich von ihm fern!“, knurrte er und war froh, als sie kurz darauf die Balkontür hörten und er der Situation entfliehen konnte.

„Hey, da bin ich wieder“, huschte er ins Wohnzimmer und schaute Hellen gebannt an.

„Und? Was hat deine Schwester gesagt?“

151: Pfingstsonntag

„Judith will schnellstmöglich her kommen und mich erst mal bei sich wohnen lassen. Aber sie kann erst Pfingstsonntag, weil mein Schwager grad auf Geschäftsreise ist und sie die Kinder nicht mit auf die lange Fahrt nehmen möchte. Kann ich bis dahin noch hier übernachten?“, gab Hellen Jenny das Handy zurück. Jenny zögerte. Sie wusste genau, dass Pfingsten in gut einer Woche stattfand, tat aber trotzdem so, als müsse sie das kurz im Kalender nachschauen, um sich so etwas Bedenkzeit zu verschaffen.

„Wie wärs denn, wenn du einfach solange bei mir unterkommst?“, warf da plötzlich Ben in den Raum und wurde von beiden Frauen überrascht angeschaut.

„So ganz unschuldig bin ich an dem Ganzen ja auch nicht“, hob er leicht die Schultern und rieb sich den Nacken. Jenny war hin und her gerissen von diesem Vorschlag. Es gäbe ihr einige Erleichterung, wieder Normalität in ihr Leben zu bringen, aber sie befürchtete auch, dass Ben dann erst recht auf dumme Ideen bezüglich Richard kommen würde. Hellen war in ihrer Entscheidung da allerdings deutlich klarer.

„Danke für das Angebot, aber ich würde eher die nächsten Tage unter einer Brücke schlafen“, sprach sie bitter und nahm eine abwehrende Haltung ein. Den Streit mit ihm hatte sie noch lange nicht vergessen. Eher im Gegenteil, sie erinnerte sich noch zu gut an diesen Moment, in dem ihr erste Zweifel an Bens Motiven gekommen waren. Als beim letzten Treffen wieder einmal Richard und seine Machenschaften zum Thema geworden waren und Ben energisch, fast ausfällig auf sie eingeredet hatte, dass sie doch dessen Freundin wäre und wie es da sein könne, dass sie so wenig für seine Großeltern tun könne. Ob sie sich überhaupt Mühe gäbe und was das für eine Beziehung wäre, in der sie so wenig Einfluss auf ihren Freund hätte. Da war es ihr aufgefallen, wie sehr Ben sie in den vergangenen Wochen mit diesem Thema bedrängt hatte und wie sehr ihre Treffen sich letzten Endes nur noch darum gedreht hatten. Sie hatte es zunächst zwar noch halb im Scherz gesagt, dass es schien, als würde er sich nur mit ihr treffen, um diesen Gefallen zu bekommen, aber seine kühle und abschätzige Reaktion hatte diesen Verdacht sogleich schmerzhaft bestätigt.

„Du hast mir sehr deutlich gemacht, dass ich für dich nur Mittel zum Zweck war“, sagte sie darum jetzt und blockte auch Bens Erklärungsversuche ab.

„Nein, red dich nicht wieder damit raus, dass du Stress hattest oder dir Sorgen um deine Großeltern gemacht hast! Die hab ich mir auch gemacht!“, sagte sie und spürte die Wut darüber, dass er bei all den Sorgen nicht auch ein wenig Mitgefühl für sie übrig gehabt hatte.

Wieder setzte Ben an, um etwas zu sagen, doch dieses Mal unterbrach Jenny ihn.

„Schon gut, ihr zwei. Hellen kann noch hier bleiben, bis ihre Schwester kommt und Ben, du könntest mir beim Einkauf helfen. Ich brauch einen starken Mann, der die Tüten trägt“, sagte sie rasch und zwinkerte ihm verschmitzt zu. Er war sichtlich unwillig und musste regelrecht von ihr aus dem Zimmer geführt werden.

„Findest du das jetzt nicht etwas unpassend?“, knurrte er und erschrak bei Jennys wütendem Blick.

„Nein, genau jetzt passt es! Ich hab nämlich keine Lust mehr auf diese ewigen Diskussionen zwischen euch! Ihr dreht euch nur noch im Kreis, falls es dir nicht aufgefallen ist! Los, jetzt komm“, griff sie ihre Jacke und das Portemonnaie, ehe sie sich bei Hellen kurz noch erkundigte, ob die etwas brauche und Ben dann aus ihrer Wohnung schob. Hellen ihrerseits war froh, ihn nicht mehr sehen zu müssen und ließ sich erschöpft auf die Couch fallen.

20.5.2024: Magie

„Bist du sicher, dass wir keinen Ärger kriegen?“, flüsterte Bria, als sie an diesem Abend zum versteckten Garten ging, vor dessen geheimen Eingang Laurin bereits auf sie wartete.

„Wer soll uns denn erwischen?“, fragte er mit einem kurzen Blick über die Schulter und über Brias Kopf hinweg und schob sich dann durch die Hecke. Sie zuckte leicht die Schultern, kontrollierte ebenfalls noch mal, ob sie niemand beobachtete und folgte ihm dann.

„Ein bisschen aufgeregt bin ich ja schon“, gestand sie, während die beiden sich ihren Weg zur Gartenhütte bahnten. Noch stand die Sonne am Himmel, aber die aufkommenden Nuancen von Rot und Orange kündigten bereits ihren Untergang an.

„Ist das deine erste Nacht unter freiem Himmel?“, meinte Laurin und stellte seinen Rucksack neben der alten Gartenbank ab.

„Na ja, ich bin mit meiner Familie schon mal zum Campen gewesen, aber das hier ist ja noch mal was anderes“, meinte Bria und kramte ihrerseits eine Decke aus ihrem Rucksack.

„Ich frag mich, ob es hier im Dunkeln nicht doch ein bisschen gruselig wird“, breitete sie die Stoffbahn auf den Terrassenplatten vor der Bank aus und begann, alles fürs Picknick vorzubereiten. Laurin schüttelte den Kopf.

„Keine Sorge, man gewöhnt sich schnell dran, dass die großen Koniferen im Dunkeln ein bisschen grausig aussehen. Wie Riesen, die einen beobachten und darauf warten, ihre großen Hände nach einem auszustrecken“, meinte er und fing an zu lachen, als er Brias entsetztes Gesicht sah.

„Mach ihr doch keine Angst!“, kam da das Mäuschen aus dem langen Gras hervor und gesellte sich zu ihnen. Laurin grinste und streckte ertappt die Zunge raus.

„Tschuldige“, schmunzelte er und half Bria mit dem Picknick, die dann doch zufrieden ausseufzte, als alles fertig hergerichtet war.

„Da haben wir heute Nachmittag wirklich ganze Arbeit geleistet, die Terrasse frei zu legen!“, machte sie es sich gemütlich und ließ den Blick hinüber zu einem Berg aus Grassoden und Unkraut wandern. Laurin nickte.

„Aber es hat sich gelohnt. Hoffe ich zumindest“, nahm er sich ein Stück Käse, brach sich etwas davon ab und gab dem Mäuschen den Rest.

„Dankeschön“, begann es direkt daran zu knabbern und ergänzte dann schmatzend: „Heute sieht es gut aus! Ich war vorhin schon am alten Teich und hab dort einige Glühwürmchen gesehen!“

Ein zufriedenes Lächeln legte sich auf Laurins Lippen und Brias wachsende Vorfreude machte ihn froh.

„Es ist wirklich die reinste Magie, wenn sie nachher durch die Luft schweben und als kleine Lichtpunkte über dem Garten schweben!“, erzählte er, woraufhin auch die letzten Zweifel in Bria verflogen und sie es kaum noch erwarten konnte, dass endlich Nacht wurde.

21.5.2024: Nettigkeit

„Ich hab ja schon immer gesagt, dass dieser Kerl nicht nur aus Nettigkeit handelt!“

Kaum hatte Hellen ihrer Schwester die Tür geöffnet, tat die auch schon ihre Meinung über den ehemaligen Schwager in spe kund.

„Wenn ich den in die Finger kriege, kann er was erleben, Kleines!“, zog Judith, die gut einen Kopf kleiner als Hellen war, ihre jüngere Schwester in die Arme.

„Ist das schön, dich zusehen!“, murmelte die und schmiegte sich an Judiths Lockenpracht. Wie oft hatten die Schwestern früher Auseinandersetzungen wegen Richard gehabt, weil Judith nie einen Hehl aus ihrer Abneigung gegen ihn gemacht hatte. Und genau das war jetzt, was Hellen unendlich gut tat. Judith sprach gewissermaßen das aus, was ihr an Worten fehlte oder was sie in den letzten Tagen schon so oft gesagt und gedacht hatte, dass sie sich inzwischen fühlte, als hätten die Worte an Bedeutung verloren.

„Danke, dass du gekommen bist“, löste Hellen sich aus der Umarmung und schaute Judith glücklich an. Die seufzte aber beim Anblick ihrer kleinen Schwester aus und schüttelte den Kopf.

„Was hat dieser Mistkerl dir nur angetan. Aber das kriegen wir schon wieder hin“, meinte sie und strich Hellen über die fahle Wange.

„Jetzt kommst du erst mal mit!“

Hellen nickte und führte Judith in die Küche, wo Jenny ihren Gästen etwas zu essen und zu trinken vorbereitete.

„Hallo“, ging sie auf Judith zu und die beiden Frauen reichten einander die Hände.

„Danke, dass Sie sich um Hellen gekümmert haben“, meinte Judith, aber Jenny winkte ab.

„Kein Problem“, sprach sie mit einem Lächeln und gemischten Gefühlen. Kaum war Hellen bei ihr untergekommen, hatte sie schon die sonstige Ruhe in ihrer Wohnung zurückgesehnt, aber jetzt, da sie sich ein wenig an die Mitbewohnerin auf Zeit gewöhnt hatte, war es doch seltsam, dass sie in Kürze wieder ausgezogen sein würde.

„Das würde sicherlich nicht jeder tun“, meinte Judith nun und betrachtete Jenny aufmerksam. Sie hatte wache Augen und schien deutlich resoluter als ihre Schwester.

„Natürlich komme ich für die Kosten auf. Was bekommen Sie?“, fragte sie und brachte damit sowohl Jenny als auch Hellen in Verlegenheit.

„Ich geb dir das Geld natürlich so schnell wie möglich wieder“, warf Hellen ein, aber Judith wehrte ab, dass das schon okay sei.

„Ach, ich weiß gar nicht… es waren ja nur ein paar Tage und Hellen hat wirklich wie ein Spatz gegessen“, zuckte Jenny leicht die Schultern und machte eine wegwerfende Handbewegung, während Hellen mit einem schiefen Lächeln antwortete. Ja, sie hatte wirklich kaum etwas herunter bekommen können, was auch Judith ihr ansah. Dennoch zückte die ihr Portemonnaie und legte Jenny einen Fünfzig Euro Schein auf den Küchentisch.

„Dann ist es damit hoffentlich abgegolten. Wenn es nicht reicht, melden Sie sich bitte“, sprach sie und erstickte den aufkommenden Protest sogleich im Keim, indem sie das Gespräch auf ein anderes Thema lenkte.

„Hast du alles gepackt?“, wendete sie sich an Hellen, die sie verwundert anschaute.

„Ja, viel war es ja nicht“, murmelte die und fragte dann verdutzt, ob Judith sich nach der langen Fahrt nicht erst mal ausruhen wolle. Die aber war das Energiebündel, das Hellen schon immer so bewundert hatte: Scheinbar niemals müde und mit der Fähigkeit, alles unter Kontrolle zu halten.

„Ich müsst nur mal kurz um die Ecke, dann können wir direkt los“, antwortete sie und bekam von Hellen die Badezimmertür gezeigt.

„Deine Schwester ist echt stark“, murmelte Jenny, als Judith die Tür hinter sich geschlossen hatte und Hellen nickte.

„Ich bin so froh, dass sie jetzt hier ist. Noch mal vielen Dank für deine Unterstützung“, sagte sie und wieder tat Jenny so, als wäre es nichts gewesen.

„Ich hoffe, du kannst dich bald von den Erlebnissen erholen“, antwortete sie stattdessen und Hellen nickte.

„Was hast du jetzt eigentlich vor?“, lehnte sich Jenny an die Arbeitsplatte und sprach den Punkt an, den sie aus unerfindlichem Grund in den letzten Gesprächen immer ausgelassen hatten. Vielleicht, weil sie beide ahnten, dass es den Abschied in dieser seltsamen neu heranwachsenden Freundschaft noch schwerer machen könnte?

„Wir haben beschlossen, dass ich nicht nur für ein paar Wochen bei Judith unterschlüpfe, sondern erst mal richtig bei ihr einziehe, um mir einen Nebenjob zu suchen und mein Studium dann an einer Uni in ihrer Nähe fortzusetzen. Hier würde mir Richard viel zu viele Steine in den Weg legen, das weiß ich. Aber über die Grenzen unserer Stadt hinaus, hat er ja zum Glück nicht sonderlich viel Einfluss und Judith wohnt weit genug weg. Vielleicht werde ich so ein, zwei Semester mehr brauchen, als ursprünglich geplant, aber das ist es mir wert. Ich bin Judith dankbar, dass ich bei ihr wohnen kann, aber ich hab auch meine Lektion aus dem Ganzen gelernt und will mich nicht mehr so abhängig machen. Rückblickend… war ich echt naiv, mich von ihm so aushalten zu lassen, auch wenns unter dem Argument war, dass ich mich voll auf meine Karriere fokussieren solle“.

Hellen schüttelte den Kopf über sich selbst und seufzte aus. Es war ein seltsames Gefühl, diese Stadt, in der sie so lange gelebt hatte, jetzt so kurzfristig hinter sich zu lassen, aber sie freute sich auch auf den Neuanfang. Es war fast, als würde sie endlich aus einem Albtraum aufwachen.

„Die letzten Tage hab ich zwar versucht mich mit Unisachen abzulenken, aber so wirklich geklappt hat das nicht“, warf sie einen Blick auf ihren Koffer, in dem sie all ihre Unterlagen und Bücher hatte und etwas Kämpferisches erschien in ihren Augen. Ja, Richard hatte ihr viel genommen, aber diesen Teil ihres Lebens würde er nicht zerstören!

„Bist du soweit?“, erschien in diesem Moment Judith wieder in der Tür und Hellen stimmte mit einem Nicken zu.

„Passt auf euch auf“, meinte Jenny und zog Hellen, überrascht von sich selbst, in eine Umarmung.

„Du aber auch!“, antwortete die und räusperte sich.

„Hätte nicht gedacht, das mal zu sagen, aber ich glaube, ich werd dich vermissen“, meinte Jenny und beide Frauen lächelten einander an.

22.5.2024: recyceln

„Was machst du mit den ganzen alten Dosen?“, stand Marie vor dem Mülleimer ihres Freundes Tom und schaute die Reste früherer Fertigmahlzeiten und Gemüseaufbewahrung an. Er schien die Dosen regelrecht zu sammeln.

„Ich will mal versuchen, dafür ein bisschen Geld zu kriegen“, antwortete Tom und ging in die Waschküche, um Marie kurz darauf voller Stolz einen halb gefüllten Müllbeutel mit zerdrücktem Metall zu zeigen. Sie runzelte die Stirn und schaute ihn irritiert an.

„Ein Kumpel sagte, dass er seine alten Dosen immer zum Schrotthändler bringt und dafür ein bisschen Geld kriegt“, erklärte er, während er die Dosen aus dem Mülleimer fischte und begann sie auszuspülen – der Eimer war voll und er brauchte dringend wieder neuen Platz für weitere „Sammelstücke“.

„Es ist zwar wohl nicht viel, aber ich dachte mir, ich versuch das auch mal. Die Müllabfuhr muss ich ja bezahlen und warum dann nicht versuchen, ein bisschen Geld zurück zu bekommen?“, grinste er, während Marie langsam nickte. Sie bezweifelte, dass sich das Aufwand lohnte, aber wenn es ihm Spaß brachte…?

„Ich dachte schon, du wolltest die recyceln“, meinte sie und schaute ihm dabei zu, wie er die Dosen nun zusammendrückte, um mehr von ihnen in den Beutel zu kriegen.

„Nein, ich wüsste nicht, was ich damit machen sollte“, hob er die Schultern und verzog ein wenig das Gesicht.

„Ich glaub, künftig wasch ich die sofort aus und pack sie in den Sack, statt sie erst in der Tonne zu sammeln“, murmelte er und Marie musste ihm beipflichten – der Duft war wirklich nicht der angenehmste und allein beim Gedanken, die Dosen jetzt wieder aus dem Eimer zu fischen, stellen sich ihr die Nackenhaare hoch.

„Ist noch nicht so ganz ausgegoren, dein System, was?“, grinste sie schief und beide lachten.

„Ich arbeite noch dran!“, zwinkerte Tom und fragte sich, wie lange er wohl noch brauchte, um den ersten Beutel komplett gefüllt zu bekommen.

„Wenn da eine hübsche kleine Dose bei ist, kannst du mir die geben“, meinte Marie plötzlich und Tom schaute sie verwundert an.

„Ich hab in einer Gartenzeitschrift gesehen, dass man die auch für Deko nehmen kann. Um da Teelichte oder andere Kerzen rein zu stellen“, erzählte sie und fing an, auf ihrem Smartphone zu scrollen, um Tom einige Bilder von der genannten Idee zu zeigen.

„Du hast doch gar keinen Garten“, schmunzelte er, aber sie ließ sich davon nicht beirren.

„Stimmt, aber ich hab einen Balkon!“, streckte sie ihm die Zunge raus und er hob die Augenbrauen.

„Willst du den jetzt doch endlich mal angehen?“, fragte er, woraufhin sie nickte. Bisher hatte sie den Balkon immer sehr stiefmütterlich behandelt, weil sie nicht recht wusste, was sie mit ihm machen sollte, aber dank einiger Inspirationen hatte sie nun Lust bekommen, ihn ein wenig aufzuhübschen.

23.5.2024: ändern

Ein frischer, klarer Duft lag in der Luft, als Hellen an diesem Morgen die Tür zum Balkon öffnete, der direkt an ihr Zimmer angrenzte. Judiths ältester Sohn hatte es für seine Tante räumen müssen und war nun beim Zweitältesten eingezogen – die Freude darüber hatte sich besonders zu Beginn sehr in Grenzen gehalten, aber inzwischen hatten sich die beiden Jungen mit der Situation arrangiert und Hellens schlechtes Gewissen sich beruhigt. Nun liebte sie es, sich morgens mit einer Tasse Kaffee auf den Balkon zu stellen und die erwachende Kleinstadt auf sich wirken zu lassen. Vieles hatte sie in den vergangenen Wochen geändert und so auch, dass sie nicht mehr vom Bett direkt in ihre Klamotten sprang und aus der Haustür eilte, um irgendwelchen Terminen oder Seminaren nachzugehen, sondern sich ein wenig Zeit für sich selbst nahm. Sie atmete die frische Morgenluft tief ein, streckte sich ausgiebig und beschloss, in den nächsten Morgen noch etwas früher zu starten, um auch eine kleine Sporteinheit mit einzubauen. Ein Gedanke, der sie an Jenny erinnerte, die dieser Routine auch immer nachging. Mit ihr war sie noch immer in Kontakt, wenn auch eher sporadisch. Wohin sich diese aufkeimende Freundschaft entwickeln würde? Sie wusste es nicht. Sie wusste auch nicht, ob sie überhaupt jemals wieder in ihre frühere Heimatstadt zurückkehren wollte. Spätestens, seit ihre Eltern vor einigen Jahren von dort weggezogen waren, gab es jetzt nichts mehr, das sie noch ernsthaft dorthin zurückziehen könnte. Aber darüber wollte sie sich jetzt auch keine Gedanken machen. Sie nahm noch einen tiefen Atemzug und spürte die Erleichterung darüber, jetzt nicht mehr so schnell Richards Gesicht in der Zeitung sehen zu müssen oder auf anderem Wege an ihn erinnert zu werden. Außerdem freute sie sich darüber, dass sich mittlerweile vieles weiter zum Positiven gewandelt hatte: Den Rest des Semesters pausierte sie mit der Uni, um sich stattdessen auf ihre Arbeit in einer Kleintierpraxis zu konzentrieren und hatte fast jeden Tag Spaß daran, dorthin zu gehen. Selbst, wenn es nur ein Studentenjob war, erfüllte sie diese Tätigkeit und bestärkte sie darin, ihren beruflichen Weg weiter in diese Richtung zu verfolgen. Sie hatte gleich nach ihrem Umzug die umliegenden Universitäten kontaktiert und zwar nicht den Platz an ihrer Wunschuni bekommen, dafür aber an einer, die ebenfalls einen guten Eindruck auf sie gemacht hatte. Und sie merkte, wie heilsam ihr Zusammenleben mit Judith und deren Familie war. Sie hatte nach den vielen Jahren der Zweisamkeit ganz vergessen, wie turbulent und lebhaft es früher immer im eigenen Elternhaus zugegangen war. Es war, als fülle sich nun alles mit neuem Leben. Aber trotzdem plante sie auch, mit Fortgang des Studiums nach eigenen vier Wänden zu suchen, um sich mehr aufs Lernen konzentrieren zu können und auch, um die Gastfreundschaft nicht auszureizen. Das zumindest redete sie sich selbst ein, wenn diese kleine Stimme in ihrem Kopf aufkam, die sagte, dass sie sich nicht wieder so abhängig machen dürfe…

Sie schaute auf ihre Uhr, leerte die Tasse und ging dann zurück ins Haus. Es wurde Zeit, dass sie Judith dabei half, die Kinder aus dem Bett zu werfen und zur Schule zu scheuchen, ehe sie sich danach selbst auf den Weg zur Praxis machte. Sie schloss die Balkontür hinter sich und musste beim Gedanken daran, wie viel sich geändert hatte, unwillkürlich lächeln.

24.5.2024: klimpern

„Puh, war das ein Tag“, verließ Detlef frisch geduscht das Badezimmer und visierte die gemütliche Couch an. Jetzt einfach nur noch mit Anlauf drauf werfen, die Fernbedienung von Steffen erkämpfen und dann bis zum Einschlafen vor der Glotze hängen. Als er in den Flur bog, blieb er allerdings irritiert stehen. Sein Mitbewohner hatte es sich nicht mit Chips und Bier im Wohnzimmer bequem gemacht, sondern schlüpfte gerade in seine Jacke und griff die Autoschlüssel.

„Willst du noch mal weg?“, fragte Detlef verwundert und Steffen nickte. Detlef musterte ihn und zog die Augenbrauen kraus.

„Ist was passiert?“

Steffen wirkte merkwürdig angespannt und unruhig, fast wie ertappt.

„Nein, nein, ich muss nur kurz was erledigen“, meinte er mit einer wegwerfenden Handbewegung und verschwand mit einem „Brauchst nicht auf mich warten!“ aus der Haustür, aber so einfach ließ Detlef sich nicht von ihm abwimmeln.

„Steffen!“, rief er ihm gedehnt nach und stellte sich in die Haustür. Die Arme vor der Brust verschränkt, eine Augenbraue gehoben und den Blick auffordernd auf den Angesprochenen gerichtet, der mit einem Seufzen die Schultern hängen ließ. Er schob die Hände in die Hosentaschen und drehte sich halb zu Detlef um.

„Ja, was? Ich hab n Anruf bekommen und muss noch mal los. Seit wann muss ich mich bei dir rechtfertigen?“, sprach er fast aufmüpfig und auch Detlefs Augenbraue Nummer zwei schoss in die Höhe.

„Ich hab da so ne Vermutung, wer der Anrufer war und wenn ich richtig liege, hast du mich neulich sogar selbst gebeten, dich am besten gar nicht mehr ans Telefon gehen zu lassen, wenn diese Dame sich meldet“, meinte Detlef und ging einige Schritte auf Steffen zu. Der war sichtlich hin- und hergerissen, aber letztlich siegte doch der Trotz.

„Ach, was! Ich war angetrunken, als ich das gesagt habe! Vergiss das einfach!“, knurrte er und stapfte weiter zu seinem Auto.

„Also gehts wirklich wieder um Estelle?“, fragte Detlef.

"Esther! Nicht Estelle!", brummte Steffen, was für Detlef nur die Bestätigung seiner Annahme war.

"Aha", stieß er aus und und bekam von Steffen ein genervtes „Jaha!“ zur Antwort. Der Blonde seufzte aus und schüttelte leicht den Kopf, als Steffen in den Wagen stieg und ihm einen letzten renitenten Blick zuwarf, ehe er losfuhr. Es war ihm ja egal, mit wem Steffen sich traf, solange er Spaß an dem Ganzen hatte. Aber genau das störte Detlef an der Sache: Für ein paar Stunden hatte sein Kumpel vielleicht Spaß, aber dann war er wieder niedergeschlagen, wenn er zurück auf dem Boden der Tatsachen landete.

„Dass du einfach nicht schlau draus wirst und immer wieder auf ihr Wimpernklimpern reinfällst“, murmelte er zu sich und schlappte langsam ins Haus zurück.

25.5.2024: Diamant

Ein leises Summen drang an Steffens Ohren und zog ihn genauso seicht aus dem Land der Träume, wie die Strahlen der Morgensonne. Von einer schönen Illusion rutschte er hinüber in die Realität und konnte das Erwachen auch nicht mehr verhindern, indem er sich zur Seite rollte. Langsam öffneten sich seine Lider. Er brauchte einen Moment zur Orientierung, doch als er zur Seite blickte, lichtete sich die Verwirrung und ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen. Er stützte den Kopf auf eine Hand und schaute hinüber zu Esther, die an ihrem Schminktisch saß. Während sie die Melodie vor Zufriedenheit fast schon schnurrte, bürstete sie ihr seidiges Haar, tauchte sich in betörenden Duft und griff routiniert zu ihrer Schminke.

„Guten Morgen“, murmelte Steffen und brachte sie zum Schmunzeln.

„Du bist eingeschlafen. Hatten wir nicht abgesprochen, dass du nicht bis zum Morgen bleibst?“, sprach sie dennoch kühl und verfiel dann wieder ins Summen. Steffen zuckte leicht die Schultern.

„Na ja, wenn du aber auch so ein weiches und bequemes Bett hast...“, meinte er und betrachte, wie sie zu einer Kette auf ihrer Schmuckablage griff. Ein kleiner Stein war in den Anhänger eingearbeitet und funkelte im Licht. Esther legte sich die Kette um ihren schlanken Hals und wartete dann geduldig, bis Steffen aufgestanden war, um ihr in aller Selbstverständlichkeit den Verschluss zu schließen.

„Hübsch. Ist die neu?“, betrachtete er das Schmuckstück und Esthers befriedigtes Nicken.

„Ein echter Diamant“, spielte sie mit dem Anhänger und begutachtete ihr Spiegelbild. Ja, es war offensichtlich, dass ihr gefiel, was sie sah. Auch, wenn Steffen sie nun etwas irritiert anschaute.

„Wo hast du den denn her? Sind die nicht sehr teuer?“, murmelte er und lehnte sich an den Schminktisch.

„Hast du ihn dir selbst gekauft?“

Er wusste, dass sie durchaus über das Geld verfügte, aber er wusste auch, dass Esther trotz aller Vorliebe für schöne Dinge auch mit Argusaugen auf ihren Kontostand achtete.

„Sagen wir einfach, ein Freund hat mir eine kleine Überraschung damit gemacht“, säuselte sie geheimnisvoll und stand auf, um ihren frisch geduschten Körper aus dem Bademantel zu schälen. Kurz stand sie zweifelnd vor ihrem geöffneten Kleiderschrank, um dann zielsicher nach einem Rock und dem dazu passenden Oberteil zu greifen.

„Ein Freund?“, runzelte Steffen die Stirn und versuchte trotzdem, seiner Stimme einen unbedarften Ton zu verleihen. Esther glitt mit katzengleichen Bewegungen in ihre Kleidung und drehte sich dann mit einem leichten Seufzen zu ihm um.

„Zerbrich dir nicht deinen Kopf. In dieser Stadt hab ich nur Augen für dich“, ging sie auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Brust, ehe sie ihren Lippenstift auf seiner Wange verewigte. Steffen aber zuckte zurück und schüttelte leicht den Kopf.

„In dieser Stadt?“, wiederholte er und blinzelte verständnislos. Esther aber verdrehte die Augen, weil er so schwer von Begriff war.

„Warum sollen nur die Männer in jedem Hafen eine andere haben dürfen? Ich finde, wir Frauen haben genauso das Recht dazu und deswegen sind wir trotzdem nicht weniger wert. Auch, wenns gern suggeriert wird“, meinte sie und griff nach ihrer Handtasche, die am Rand des Schminktischs lag. Sie kramte kurz darin, während Steffen noch immer nach Worten suchte.

„Wir sind nicht zusammen, also ist das doch kein Problem für dich, oder?“, hielt sie ihm einen Schlüssel hin und beobachtete Steffen fast schon lauernd.

„Nein, natürlich nicht“, brachte er stockend hervor, aber sein Gesichtsausdruck zeigte, dass er sich noch immer wie im falschen Film fühlte. Eher mechanisch als bewusst griff er nach dem Schlüssel und nahm den wiederkehrenden zufriedenen Ausdruck in Esthers Zügen kaum wahr.

„Ich muss jetzt los zu einem Termin. Schließ bitte ab, wenn du gehst und wirf ihn dann einfach durch den Türschlitz“, tätschelte sie ihm noch kurz den Arm und hauchte ihm einen weiteren Kuss auf die Lippen, ehe sie in den Flur huschte und in ihre Schuhe schlüpfte.

„Heute Abend kann ich leider nicht; ich muss nachher direkt wieder weiter. Aber wenn ich in ein paar Wochen zurück bin, melde ich mich“, zwinkerte sie ihm noch zum Abschied zu und verschwand dann aus der Wohnung. Steffen schaute ihr nur schweigend nach und ließ sich auf den Stuhl des Schminktischs sinken, als er die Tür hinter ihr zufallen hörte.

26.5.2024: Norddeutsch

„So ein Mist!“, keuchte Hellen, während sie durch die Fußgängerzone rannte. Ausgerechnet heute hatte sie verschlafen, ihr Fahrrad einen Plattfuß und sie auch noch den gesamten Weg quer durch die Stadt zum Bahnhof vor sich. Im Slalom wich sie Passanten und Aufstellern, Tischen und geparkten Fahrzeugen aus. Immer wieder schaute sie auf ihre Uhr und versuchte auszurechnen, ob sie es noch rechtzeitig schaffen würde, aber da lenkte sie schon wieder das nächste Hindernis ab.

„Dann anders“, murmelte sie schließlich resignierend und griff ihr Handy. Ihre Lunge brannte ohnehin und forderte einen langsameren Gang ein, also tippte sie ihrer Freundin flink eine Info, dass sie am Bahnsteig warten solle, falls Hellen es nicht schnell genug schaffte. Ein kleines Gefühl der Erleichterung stellte sich ein, auch wenn das schlechte Gewissen dadurch nicht vollends verschwand. Was hingegen auftauchte, war ein junger Mann, der sich von der Seite in ihr Gesichtsfeld schob und Hellen genauso spät sah, wie sie ihn.

„Hoppla, Vorsicht!“, rief er aus, als sie ineinander liefen und griff reflexartig nach ihrem Arm, damit Hellen nicht stürzte.

„Passen Sie doch… ich meine… Entschuldigung! Ich habs eilig!“, sprach sie hastig und schaute ihn verblüfft an. Er war ein kleines Stückchen größer als sie, scheinbar nicht viel älter und hatte ein freundliches Gesicht, in dem der schmerzliche Gesichtsausdruck vollends befremdlich wirkte.

„Haben Sie sich weh getan?“, fragte sie darum wie aus Reflex, aber der Mann schüttelte verwundert den Kopf.

„Nein, ich dachte eher, ob Sie…“, begann er, musste dann aber lachen.

„Ich glaub, wir sollten beide besser aufpassen, wo wir hingehen, was?“, scherzte er und Hellen nickte.

„Ja, das stimmt“, lächelte sie und wurde doch sofort wieder von der Hektik gepackt, als ihr der Grund ihrer Eile einfiel.

„Tut mir leid, ich muss los!“, setzte sie zum Sprint an, aber das „Warten Sie“ ihrer neuen Zufallsbekanntschaft ließ sie stocken.

„Keine Ahnung, wo Sie hin müssen, aber soll ich sie eben fahren? Geht vielleicht schneller?“, deutete er auf das Auto vor sich und hielt vielsagend seinen Schlüssel in die Höhe. Hellen starrte ihn irritiert an. Er machte zwar einen netten Eindruck, aber…

„Sorry“, winkte er ab und schüttelte den Kopf.

„Wir kennen uns ja gar nicht“, rieb er sich verlegen den Hinterkopf und lachte wieder. Hellen nickte langsam und konnte den Eindruck nicht los werden, dass dieser Mensch vor ihr gerade irgendwie einsam, fast verloren wirkte. Sollte es wirklich nur eine nette Geste sein und der Versuch, dabei einen kurzen Moment des Austausches zu finden? Die Gesellschaft mit jemandem, der ihn vielleicht auf andere Gedanken brachte? Hellen spürte in seiner Anwesenheit zwar keine Gefahr, aber sie wusste auch noch zu gut, wie sehr sie sich an anderer Stelle bereits in Menschen getäuscht hatte.

„Das ist wirklich nett von Ihnen, aber ja, wir kennen uns nicht“, sprach sie darum und verabschiedete sich mit einem leichten Schulterzucken, um dann ihren Weg fortzusetzen. Der Fremde hob etwas unbeholfen die Hand zum Abschied. Sie konnte spüren, wie er ihr noch einen Moment nachschaute, eher er sich ins Auto setzte und in anderer Richtung davon fuhr.

„Merkwürdig“, murmelte sie und wanderte in Gedanken immer wieder zu ihm zurück. Erst, als sie in den Bahnhof einbog, war sie wieder voll und ganz bei ihrer Freundin, die am Bahnsteig auf einer Bank saß.

„Annie!“, riss sie die Hand hoch und winkte ihr überschwänglich. Die Angesprochene sprang sogleich von der Bank auf und rannte ihr entgegen.

„Mensch, ist das schön dich zu sehen!“, rief Hellen aus und ließ sich in eine feste Umarmung fallen. Seit der siebten Klasse hatten sie sich nicht mehr gesehen und doch sofort wieder erkannt. Damals war Ann-Kristin mit ihren Eltern weggezogen und der Kontakt zwischen den beiden Freundinnen fast eingeschlafen, bis sie sich vor einiger Zeit zufällig auf einem Konzert wiedergetroffen hatten. Danach hatte ein regelmäßiger, wenn auch seltener Austausch stattgefunden, der in den vergangenen Wochen wieder angewachsen war. Und jetzt, nach einem eher spontanen Vorschlag von Annie, stand sie tatsächlich vor Hellen.

„Ist das komisch, sich wieder persönlich zu sehen“, meinte sie und Hellen nickte eifrig. Es war aufregend und schön zugleich.

„Wir haben uns so viel zu erzählen!“, sagte sie und half Annie, ihren Koffer zu tragen.

„Ja! Lass uns schnell meine Klamotten ins Hotel bringen und dann zeig mir deine Stadt, ja?“, antwortete die und schien die vielen neuen Eindrücke wie ein Schwamm in sich aufzusaugen. Hellen lächelte.

„Das mach ich! Und beim nächsten Mal zeigst du mir, was Norddeutschland zu bieten hat!“

27.5.2024: Planet

Jasmin saß auf ihrem Bett und schaute so gebannt auf den Laptop, dass sie Svens Klopfen gar nicht bemerkte. Selbst, als er vorsichtig die Tür öffnete und sie ansprach, reagierte sie noch nicht, sondern zuckte erst erschrocken zusammen, als er bereits vor ihr stand.

„Hast du mich erschreckt!“, hielt sie sich kurz die Brust und tippte dann ein Mal auf den Laptop, ehe sie sich die Kopfhörer abzog. Sven grinste und zuckte leicht die Schultern.

„Sorry, das wollte ich nicht, aber du hast mich nicht gehört“, meinte er und schaute neugierig zum Bildschirm.

„Was schaust du denn da Spannendes?“

Jasmin drehte das Gerät so, dass Sven das Display besser konnte.

„Eine Dokumentation über die Planeten unseres Sonnensystems“, erzählte sie und schwärmte von der gut gemachten Aufbereitung des Themas.

„Ich wusste gar nicht, dass du dich für so was interessierst“, antwortete Sven und musterte kurz das Standbild des Videos, ohne ihm allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken.

„An sich find ich das ganz spannend, ich hab nur selten die Zeit, mich damit zu beschäftigen“, antwortete Jasmin und fragte ihn, wie es mit ihm sei.

„Ich? Ich hab da nicht viel mit am Hut. Mir reicht das, was ich damals bei Sailor Moon über die Planeten gelernt hab“, scherzte er.

„Du hast Sailor Moon geguckt?“, fragte Jasmin verwundert und er nickte.

„Meine ältere Schwester hat mir als Kind einige Anime gezeigt. Sie meinte, die wären viel besser als der Kram…“

„… den die Kinder heutzutage zu sehen bekommen“, fiel Jasmin ihm ins Wort und nach einem verdutzten Blick fing er an zu lachen.

„Ja, genau!“

Jasmin schmunzelte und nickte.

„War bei mir und meinem Bruder genauso. Er hat mir Dragon Ball und all die anderen Serien gezeigt. Ich glaub, unsere Eltern hatten keine Ahnung, was das teilweise für Zeichentrickserien waren“, kicherte sie und Sven stimmte zu.

„Den Eindruck hab ich rückblickend aber auch“, meinte er und schüttelte den Kopf, wenn er daran dachte, was bei einigen Fernsehsendern damals als Kinderprogramm betitelt worden war.

„Na ja, aber geschadet hat es uns ja offenbar nicht“, sprach er mit einer wegwerfenden Handbewegung und schaute fragend, als er Jasmins nachdenklichen Gesichtsausdruck sah.

„Was?“, bezog er es auf seine Äußerung und schmälerte die Augen.

„Sag jetzt bloß nichts Falsches!“, drohte er in spielerischem Ernst, woraufhin Jasmin den Kopf schüttelte.

„Ich dachte nur gerade, dass wir jetzt schon so lang zusammenwohnen und du mich trotzdem immer noch überraschst“, meinte sie und lachte.

28.5.2024: Wortsalat

„Wie ist das eigentlich, habt ihr jetzt endlich die Note für euren Vortrag bekommen?“

Detlef saß gemeinsam mit Saskia bei Jasmin und Sven. Die letzten Tage hatten sich ganz besonders für ihn gezogen und er war froh, die Anreise für dieses Mal hinter sich zu haben. Jetzt wollte er ein paar schöne Stunden im Kreise seiner Freunde.

„Ja, gestern erfahren. Alles in allem hat er uns dafür noch ne Zwei berechnet“, antwortete Sven und kramte im Wohnzimmerschrank nach Knabberkram. Sie wollten einen Filmabend machen und da durfte die entsprechende Unterhaltung für Kaumuskeln und Kehle natürlich auch nicht fehlen. Detlef nickte. Er wäre mit dieser Zensur auf jeden Fall zufrieden gewesen, aber wie sah es mit seinem übereifrigen Kumpel aus?

„Ehrlich gesagt…“, begann Jasmin und räusperte sich, als alle Aufmerksamkeit plötzlich auf ihr lag.

„Ich hätte nicht damit gerechnet und bin sehr zufrieden mit der Zensur“, sagte sie und schaute trotzdem, ob Sven ihre Einschätzung teilte. Der seufzte aus und ging mit einer Schüssel voll Knabbereien zum Tisch.

„Oh ja!“, begann er alles um die Getränke herum zu verteilen.

„Wieso habt ihr denn nicht damit gerechnet?“, fragte Saskia irritiert und Detlef pflichtete ihr bei. Das schlechte Gewissen meldete sich bei ihm.

„Doch wohl nicht etwa, weil ich euch vorher einen Besuch abgestattet hab?“

Sven und Jasmin schüttelten wie auf Knopfdruck den Kopf.

„Oberfelder ist ne totale Niete bei Vorträgen. Der hätte es auch ohne dein Auftauchen versaut“, meinte Sven und Detlef konnte sich noch gut daran erinnern, wie genannter Kommilitone bei seinen Präsentationen gern in irgendwelche Diskussionen mit dem Publikum verfallen oder auf andere Weise vom Konzept abgewichen war. Trotzdem hatte er es immer wieder geschafft, seinen Hintern noch auf eine gute Note zu retten – reden konnte er schließlich wie ein Wasserfall und solange seine Ausschweifungen nicht zu weit vom Thema weg gewesen waren, hatte das scheinbar immer gereicht. Aber nun, gerade im Zusammenspiel mit Sven und Jasmin…

„Auf sich gestellt hätte er das vermutlich wieder super hinbekommen und seine Show abgezogen, aber solche Alleingänge kann man in einer Teamarbeit nicht gebrauchen“, stemmte Sven die Hände auf die Hüften und ließ seinem Unmut freien Lauf. Jasmin seufzte leise. Die beiden jungen Männer waren schon kurz nach dem Vortrag aneinander geraten und so ganz hatte Sven das Thema seitdem nicht los gelassen.

„Dieser Wortsalat, den der Typ da teilweise von sich gegeben hat…“, schüttelte er den Kopf und schnaubte aus.

„Jasmin und ich sind echt gut im Thema drin, aber stellenweise hab ich mich gefragt, wie wir an sein Palaver hätten anschließen sollen. Ich bin ja ganz froh, dass unsere beiden Teile direkt aufeinander aufbauten und er erst zum Schluss dran war, aber trotzdem“, murrte er und verschränkte die Arme vor der Brust. Saskia tat so, als müsse sie sich am Mund kratzen, um das leichte Grinsen zu verbergen.

"Von wegen zufrieden", dachte sie. Es war typisch für Sven, dass er sich mit dieser Zensur nicht zufrieden gab. Ein Gedanke, den Jasmin ihr scheinbar ansehen konnte.

„Ist halt ärgerlich, so viel Arbeit rein zu stecken und zu wissen, dass man bestimmt ne bessere Note hätte schaffen können“, meinte die hinzu und zuckte leicht die Schultern.

"Zumal ihr euch eine Zwei wahrscheinlich noch nie so hart erarbeiten musstet wie dieses Mal, was?", meldete sich nun auch wieder Detlef zu Wort und erneut nickten Sven und Jasmin wie auf Knopfdruck.

„Aber Hauptsache, wir haben sobald keine Gruppenarbeit mehr mit dem“, sprach Jasmin weiter und bekam von Sven ein noch heftigeres Nicken zu sehen.

„Oh ja! Wenn wir noch mal mit dem zusammen in ein Team sollen, weigere ich mich!“, sprach er entschlossen und stapfte dann zum Schrank, um weitere Behältnisse für Chips und Co. zu holen. Detlef warf Saskia einen kurzen Blick zu und schmunzelte.

„Du bist froh, dass du damit nix mehr zu tun hast, richtig?“, flüsterte sie und er grinste.

„Worauf du einen lassen kannst“, murmelte er, während er ihr leicht über den Oberarm strich. Unterdessen griff Jasmin nach der Fernbedienung.

"Was gucken wir denn gleich Schönes?", wollte sie das Gespräch endlich auf bessere Themen lenken, was angesichts Svens Laune wohl gar nicht so leicht war.

"Horror oder Thriller! Hauptsache schön blutig!", knurrte der und wollte von seinem Ärger offensichtlich noch nicht so ganz ablassen. Während Jasmin ihn fast schon entsetzt anguckte, war es bei Saskia eher Irritation.

Detlef reagierte darauf nur mit einem trockenen:"Vergiss es. Dann kotzt du uns nur die Bude voll", das Jasmins Gesichtsausdruck in Verwirrung änderte und Saskia lauthals zum lachen brachte.

"Stimmt! Du kannst ja nicht mal Filmblut sehen!", rief sie aus, woraufhin Sven die Hände in die Hüften stemmte und sauertöpfisch in die Runde guckte.

"Und so was nennt sich Freude! Ein bisschen mehr Unterstützung hätte ich von euch schon erwartet!", schnaubte er aus und schüttelte theatralisch den Kopf. Womit hatte er so was nur verdient? Statt Mitleid gab es von Detlef aber nur ein breites Grinsen.

"Na schön, dann gucken wir heute halt Saw", zuckte er die Schultern und plötzlich schien auch Sven sich wieder an seine Abneigung für gewisse rote Flüssigkeiten zu erinnern.

"Ach, weißt du, Fluch der Karibik würde mir schon reichen. Immerhin hat der eine Typ sein Holzauge verloren - wenn das nicht schon brutal genug ist!", ruderte er auf charmante Art und Weise zurück und stimmte in das Lachen seiner Freunde mit ein.

29.5.2024: legendär

Es war ein kalter und stürmischer Wintertag, an dem Marissa sich ihren Weg durch die fremde Innenstadt gekämpft hatte. Endlich, dachte sie, endlich ergab sich die Gelegenheit, auf die sie solange gewartet hatte. Wie viele Jahre hatte sie schon davon geträumt und alles, was sie irgendwie an Geld zur Seite hatte legen können, gespart, um sich diesen Traum zu erfüllen? Und nun stand sie wirklich da; vor dem uralten Gebäude aus rotem Backstein und mit der massiven Eingangstür, das sie auf Fotos und Bildern schon so viele Male gesehen hatte. Ihr Herz raste von dem strammen Fußmarsch und vor Aufregung, als sie durch die gelblich getünchten Schaufenster zur linken und rechten Seite schaute und die Reihen von Büchern entdeckte. Allein dieser Anblick wirkte auf sie wunderschön und magisch. Mit vor Ehrfurcht zitternder Hand griff sie nach der Klinke und zog die Tür mit ihren geschmiedeten Verzierungen vorsichtig auf. Beim Eintreten fühlte sie sich, als betrete sie eine fremde Welt. Sie atmete den Duft der Bücher tief ein, blickte sich gebannt um und ging in kleinen Schritten voran. Was durch die Fenster schon beeindruckend ausgesehen hatte, raubte ihr von Nahem fast noch mehr den Atem. Wie konnten so viele Regale und Bücher Platz in diesem Gebäude finden, das von außen so klein und unscheinbar aussah? Fasziniert fuhren ihre Finger über Buchrücken, lasen ihre Augen die Aufschriften und kleinen Wegweiser, die dem Besucher zur Orientierung dienen sollten. Dann blieb sie mit einem Mal wie gebannt stehen, als sie den Hinweis zur Abteilung mit den alten Schriften sah. Hier sollte es zu finden sein, das legendäre Buch, nach dem sie schon so lange suchte. Das Buch, das ihr ihre sehnlichsten Wünsche erfüllen sollte und von dem manch einer behauptete, dass es das letzte seiner Art sei. Ihre Kehle wurde trocken und gleichzeitig von den aufkommenden Tränen zugeschnürt. Wäre jetzt wirklich endlich der Moment erreicht, den sie so lange herbeigesehnt hatte? Würde sie einfach hinunter ins Kellergewölbe gehen und jenes Buch an sich nehmen können?

30.5.2024: Zahlenfolge

Es fühlte sich an, als habe sich ein riesiger Stein in Marissas Magen gelegt. Wie angewurzelt stand sie da, im schummrigen Licht des Kellergewölbes, das sich bei jeder Bewegung mit dem Staub der letzten Jahre oder Jahrhunderte zu vermischen schien. Er kratzte in ihrer Kehle und sie spürte die Tränen in den Augen. Doch sie rührten nicht vom unterdrückten Hustenreiz her. Fassungslos starrte sie auf den Bücherschrank vor sich und dessen Scheiben aus Sicherheitsglas. Wie konnte es sein, dass sie es so weit geschafft hatte und jetzt an einer einfachen Zahlenfolge scheiterte? Szenen aus Filmen und Serien schossen ihr durch den Kopf, in denen die Figuren solche Zahlenschlösser, wie das, das ihr nun den Weg versperrte, einfach geknackt hatten. Aber Marissa spürte, dass ihr der Versuch nicht gelänge. Zusätzlich nagte eine namenlose Angst an ihr, die stärker wurde, je länger sie dort stand. Das Licht tauchte jenes Buch, nach dem sie so lange gesucht hatte, in größere Schatten als es dem Auge geholfen hätte, die Schrift auf dem Einband zu entziffern und doch wusste Marissa, dass sie endlich am Ziel war. Ihr war, als könne sie seine Macht durch die Glasscheiben hindurch spüren. Es zog sie gleichzeitig an und stieß sie ab. Sie hätte den Besitzer einfach darum bitten können, ihr zu helfen, aber...

„Kann ich Ihnen helfen?“, riss sie seine alte tiefe Stimme plötzlich aus den Gedanken. Erschrocken fuhr sie herum und starrte ins Halbdunkel neben dem Treppenaufgang zum Erdgeschoss. Dort stand der alte Mann, an dem sie bereits bei Betreten des Gebäudes vorbeigegangen war. Seine Augen wirkten milchig und doch strahlten sie Wissen und Erkenntnis aus. Er war von hagerer, gebückter Gestalt und doch verstärkte sein Anblick diese Angst, die sich immer mehr in Marissas Bewusstsein schob. Sie öffnete den Mund und klappte ihn wieder zu. Sollte sie nach der langen Suche nicht mit beiden Händen zugreifen und alles daran setzen, das Buch zu bekommen? Ihre Kehle war wie ausgetrocknet und der versuch, Spucke zu schlucken, schmerzte. Der alte Mann hatte seinen Blick auf sie gerichtet, schien nicht ein Mal zu blinzeln und sie trotz seiner trüben Augen genau zu beobachten.

„Interessieren Sie sich für eines der weggeschlossenen Bücher?“

Marissa konnte seine Stimme nicht deuten. Lag etwas Lauerndes, Gefährliches darin oder nur ehrliches Interesse?

31.5.2024: Collage

Als das Mäuschen an diesem Tag von seinem mittäglichen Streifzug durch den Wildwuchs im geheimen Garten zurückkehrte, war es ganz verwundert.

„Nanu?“, flüsterte es bei sich und schaute überrascht zur kleinen Terrasse vor dem alten Gartenhäuschen. Bria, die in den vergangenen Wochen fast nur noch während der Pausen zu Besuch gekommen war, hatte es sich vor der Bank gemütlich gemacht. Während sie die Bank als Ablage für Stifte und Papier nutzte, hatte sie vor sich bereits eine große Sammlung von Blüten und Blättern verteilt.

„Hallo Bria, was machst du denn hier?“, lief das Mäuschen auf sie zu und kletterte auf die Bank. Bria hob nur kurz den Kopf und murmelte ein „Hallo“, um dann sogleich wieder murmelnd ihren Fundus zu betrachten. Sie schob einige Blüten von A nach B, legte Blätter dazwischen, änderte ihre Position dann wieder und seufzte schließlich doch zufrieden aus.

„Ja, so gefällt mir das“, fiel ihr Urteil aus und sie lächelte. Aber das Mäuschen verstand noch immer nicht, was sie da eigentlich gerade tat.

„Und was ist das?“, fragte es nochmals und bekam dieses Mal auch eine Antwort.

„Wir haben die Aufgabe bekommen, eine Collage zu etwas zu machen, das uns glücklich macht und da musste ich an den Garten denken“, lächelte sie, aber auch ein Hauch von Röte stieg ihr ins Gesicht. Jugendliche Menschenkinder waren manchmal schon seltsam…

Die Idee als solche fand das Mäuschen aber sehr schön.

„Das kann ich verstehen!“, freute es sich und setzte sich auf die Hinterfüßchen, während Bria einen Zettel griff und ihn vor sich legte.

„Jetzt muss ichs nur noch aufkleben und vielleicht noch ein bisschen dazu schreiben, um was für einen Ort es sich handelt“, erzählte sie und suchte einen Klebestift aus ihrem Federmäppchen. Das Mäuschen legte allerdings den Kopf schief und auch wenn es nicht sofort etwas sagte, konnte Bria ihm die Zweifel ansehen.

„Was ist?“, fragte sie und nahm es auf ihre Hand.

„Müssen die Sachen nicht erst trocknen, bevor du sie aufkleben kannst? Sonst schimmeln sie doch“, gab es zu bedenken und brachte Bria damit zum Grübeln. Offensichtlich hatte sie sich darüber noch keine Gedanken gemacht und schien jetzt abzuwägen, ob die Aufgabe diese Arbeit wert wäre.

„Du hast schon recht, aber das dauert ja ein paar Wochen“, murmelte sie und überlegte auch, ob das mit dem Abgabetermin der Aufgabe kollidieren könnte. Eine gewisse Resignation trat in ihr Gesicht, die kurz darauf aber auch wieder von Freude übertrumpft wurde.

„Ich könnte die Sachen auch abfotografieren und dann die Bilder zu einer Collage aufkleben!“, rief sie begeistert aus und strahlte. Doch wieder erhielt sie einen Dämpfer.

„Oder du lässt es ganz bleiben und suchst dir etwas anderes zum Aufkleben“, hörte sie plötzlich von der Hecke her und zuckte zusammen.

„Laurin!“, sprachen Bria und Mäuschen wie in einem Atemzug und schauten ihn verwundert an. Er bahnte sich seinen Weg zu ihnen und sein Gesicht war ungewohnt ernst; so ernst, wie sonst nur im Aufeinandertreffen mit ihren Mitschülern.

„Warum bist du so ärgerlich?“, fragte das Mäuschen und kletterte von Brias Hand auf deren Schulter. Laurin blieb vor ihnen stehen und schaute hinunter auf die gesammelten Blüten und Blätter. Er zog die Stirn in Falten und schüttelte den Kopf.

„Ich hab das mit der Collage gehört, als ich grad rein kam und finds keine gute Idee, wenn du ausgerechnet den Garten dafür wählst. Was, wenn Fragen aufkommen, wo dieser Garten ist, den du so toll findest und unser Geheimnis am Ende gelüftet wird? Ich hab jedenfalls keine Lust, mir in Zukunft einen anderen Platz für meine Pausen zu suchen“, verschränkte er die Arme vor der Brust und das Mäuschen konnte spüren, wie Bria die Schultern hängen ließ. Sie senkte den Blick auf ihre kleine Sammlung und kaute auf der Unterlippe.

„Na ja, aber du hattest doch auch überlegt, nach dem Eigentümer zu suchen und den Garten wieder auf Vordermann zu bringen…“, murmelte sie und Laurin runzelte noch mehr die Stirn.

„Das ist doch was ganz anderes, als unseren Mitschülern davon zu erzählen!“, zischte er und wendete sich ab, um einige Meter entfernt nach den Obstgehölzen zu schauen. Bria guckte ihm erst nachdenklich nach und dann das Mäuschen an.

„Kann es sein, dass er in der Schule noch mehr gehänselt wird, als er uns gegenüber erzählt?“, fragte das Mäuschen und hielt sich an Brias T-Shirt fest, als sie die Schultern hob und senkte.

„Mehr als die üblichen blöden Sprüche hab ich bisher nicht mitbekommen, aber wir sind ja auch nicht in einer Klasse“, betrachtete sie noch einen Moment lang Laurins Rücken, um dann wieder ihre Blätter zu mustern. Mit einem Seufzen schob sie sie von sich und packte ihre Sachen zurück in den Rucksack.

„Was hast du jetzt vor?“, fragte das Mäuschen und konnte sehen, wie Laurin den Kopf etwas mehr in ihre Richtung drehte.

„Meine Oma hat auch einen kleinen Garten und ein gemütliches Häuschen. Ich bin vielleicht nicht ganz so gern bei ihr wie hier bei euch, aber ich fühl mich da auch sehr wohl. Dann mach ich einfach dort ein paar Fotos und stell das als meinen Lieblingsplatz vor“, erzählte Bria und erwiderte schüchtern das Lächeln, das Laurin ihr schenkte.

1.6.2024: Original

„Es sind faszinierende Bücher, nicht wahr?“

In langsamen Schritten kam der alte Mann auf Marissa zu und stellte sich neben sie. Die Hände hielt er auf dem Rücken gefaltet, die Augen auf den Bücherschrank mit seinen Scheiben aus Sicherheitsglas gerichtet. Es waren dicke, alte Bücher darin; teilweise mit abgegriffenen Einbänden, teilweise mit offensichtlichen Beschädigungen und teilweise auch überraschend gut erhalten, fast so, als wären sie neu. Marissa spürte, wie ihr das Herz bis zum Halse schlug. Eine Mischung aus modrigem Geruch und Nuancen, die sie nicht zuordnen konnte, schlich sich in ihre Nase.

„Sie… sie sehen sehr alt aus. Und wertvoll. Ich habe mich nur gefragt, ob sie darum verschlossen sind“, sprach sie ausweichend und versuchte, die Intentionen des alten Mannes zu erkennen.

„Sind das kostbare Originale?“, sagte sie so beiläufig wie möglich und doch bedachte der alte Mann sie mit einem stechenden Blick. Er schien sie regelrecht fixiert zu halten, während auch sein Kopf sich immer mehr in ihre Richtung drehte.

„Sie sind keine allzu gute Lügnerin, Kindchen“, murmelte er leise und mit einem Hauch von Kälte. Es versetzte Marissa einen Stich.

„L...Lügnerin?“, wiederholte sie, um Zeit zu schinden, aber der alte Mann schien von diesem Spielchen schnell gelangweilt.

„Ein weiterer Kunde“, bemerkte er trocken und wandte ihr den Rücken zu, um wieder hinauf zu gehen. Marissa spürte zwar, wie ihre Anspannung mit jedem Schritt, den er sich weiter von ihr entfernte, etwas mehr wich, aber auch, dass sie die Verzweiflung zu überfallen schien.

„Ich glaub, ich muss hier raus“, wisperte sie und drängte sich am Ausgang des Kellergewölbes an dem alten Mann vorbei. Ohne darauf zu achten, ob sie ihn vielleicht ins Stolpern brachte oder sich für ihr Rempeln zu entschuldigen, eilte sie die Stufen hinauf und wollte nur noch weg von diesem Ort. Doch kaum hatte sie die Treppe verlassen, schien alle Orientierung verloren. Sie drehte sich um sich selbst und wusste nicht mehr, in welcher Richtung die massive, verzierte Tür und die gelb getünchten Fenster lagen.

„Kann ich Ihnen helfen, Kindchen?“, hörte sie stattdessen die Stimme des Alten wieder im Ohr und fuhr erschrocken herum. Wie war er so schnell die Treppe hinauf gekommen?

2.6.2024: wertvoll

Mit wankenden Schritten trat Marissa von dem alten Mann zurück.

„Gehts Ihnen nicht gut?“, fragte er sie und sie meinte, etwas Lauerndes in seiner Stimme zu hören. War es ihre Panik, die alles um sie herum ins Schwanken brachte oder der seltsame Geruch, der von dem Alten ausging?

„Ich muss jetzt gehen“, murmelte sie und kämpfte gegen die aufkommende Übelkeit an. Während ihre Knie immer schwächer wurden, stand der Alte gleich einer Statue da und betrachtete sie.

„Wo ist der Ausgang?“, fragte sie mit brüchiger Stimme und wiederholte ihre Frage energischer, als sie keine Antwort erhielt. Ihre Stimme brach vollends und sie fühlte sich klein und schwach.

„Ich will hier raus!“, wimmerte sie, während ihr der Schweiß aus jeder Pore brach und sie sich eine Hand auf den Bauch drückte.

„Nur zu“, hob der Alte seine knorrigen Finger und zeigte an Marissa vorbei. Sie drehte ihm den Rücken zu, taumelte in die gezeigte Richtung. Ein Fiepen begann in ihren Ohren zu tosen, das ihren Körper mit einem Gefühl der Taubheit belegte. Sie fühlte sich, als würde die Verbindung von Bewusstsein und Extremitäten immer mehr abreißen, die Füße mechanisch einen Schritt vor den anderen setzen, statt auf die Anweisungen ihres Kopfes zu reagieren. Hinter sich hörte sie den Alten, wie er in ruhigem Ton rief, sie solle ihn bald wieder beehren. Aber sie reagierte nicht auf ihn, sondern strebte auf das Licht zu, das durch die Eingangstür fiel. Plötzlich war sie ohne jeden Zweifel vor ihr zu erkennen, als habe sie sich nie versteckt. Sie schien regelrecht auf Marissa zu warten - wenn nur ihre Kraft nicht mit jedem Stück, das sie der Tür näher kam, weiter schwinden würde! Ihre Beine gaben nach, als der Ausgang zum Greifen nahe war und der Schwindel vernebelte ihren Kopf immer weiter. Die aufkommende Schwärze schob sich in ihr Sichtfeld – ebenso wie das verschwommene Gesicht eines Mannes und sein fester Griff, der sie vor dem Sturz bewahrte.

„Vorsicht“, hörte sie seine Stimme wie durch Watte und versuchte, sein Gesicht zu erkennen, das jedoch zu verschwommen war. Vor ihr stand nicht der Alte, das erkannte sie, aber wo kam der Fremde plötzlich her? Unwillkürlich krallte sie sich an ihm fest, um Halt zu finden und versuchte trotzdem, die letzten Kräfte zusammen zu raffen, um ihn von sich zu stoßen. Doch ohne Erfolg. Selbst ihre Zunge gehorchte ihr schon nicht mehr, als sie wissen wollte, was gerade vorging. Schwer und schlaff lag sie in ihrem Mund, genauso schwer, wie die Lider wurden und sich immer weiter schlossen. Nur die Ohren schienen trotz des Fiepens und Dröhnens noch zu arbeiten und ihr lang genug zu gehorchen, um sie noch die Worte des Mannes hören zu lassen: „War sie das? Hat sie die wertvollen Bücher aufgesucht?“

3.6.2024: schillern

Als Bria an diesem Nachmittag noch einmal zum geheimen Garten zurückging, stellte sie überrascht fest, dass auch Laurin da war. Er saß vorm Gartenhaus, hatte seine Unterlagen vor sich ausgebreitet und schaute konzentriert in eines seiner Bücher.

„Oh, hallo!“, rief Bria aus und Laurin hob kurz Kopf und Hand zum Gruße, ehe er weiter las.

„Hast du noch viel zu tun?“, ging sie auf ihn zu und er nickte leicht. Bria legte den Kopf schief und versuchte zu erkennen, für welches Fach er gerade die Hausaufgaben machte.

„Englisch?“, setzte sie sich neben ihn und wieder folgte nur ein kurzes Nicken. Für einen Moment musterte Bria ihn schweigend. In der Mittagspause war er noch deutlich aufgeschlossener gewesen als jetzt. Nun wirkte eher genervt und distanziert. Vielleicht wegen einer schwierigen Aufgabe?

„Englisch krieg ich recht gut hin. Kann ich dir vielleicht helfen?“, fragte sie, aber Laurin seufzte aus und murmelte ein „Nein, geht schon“. Ein weiterer Moment verstrich, in dem Bria sein Profil betrachtete und er den Blick stur aufs Buch gerichtet hielt. Die Anstrengung, die ihn das Lesen kostete, war nicht zu übersehen. Bria kaute auf der Unterlippe, während sie überlegte und ließ dann den Blick nach dem Mäuschen suchend schweifen. Vielleicht war es auf Wanderschaft?

„Sag mal, weißt du…“, begann sie von neuem, aber dieses Mal unterbrach Laurin sie.

„Nein, ich weiß nicht, wo das Mäuschen ist“, sprach er energisch und hob den Kopf zu ihr, ehe er hinzufügte: „Nichts für ungut, aber ich brauch grad ein bisschen Ruhe, okay?“. Bria spürte, wie sie unweigerlich zurückwich. Sie nickte leichte und stand mit einem „Tschuldige“ auf. Kurz folgte ihr Laurins Blick, um sich dann wieder auf das Buch zu heften. Bria begab sich auf einen kleinen Streifzug durch den Garten und blieb hinter einem großen Rhododendron stehen, der ihr Schutz bot, um Laurin unbeachtet zu beobachten.

„Hallo Bria“, kam in diesem Moment auch das Mäuschen zu ihr gelaufen und zauberte ihr ein Lächeln aufs Gesicht. Also gab es doch jemanden, der sich freute sie zu sehen.

„Hallo Mäuschen“, ging sie in die Hocke und nahm den Nager auf ihre Hand. Aber lange hielt die Freude nicht an und auch das Mäuschen schien betrübter als sonst.

„Weißt du, was mit Laurin los ist?“, fragte Bria und das Mäuschen schüttelte den Kopf.

„Nein, er war schon so kurz angebunden, als er vorhin kam“.

„Meinst du, ihn hat wieder einer der Mitschüler geärgert?“, überlegte Bria, aber nach kurzem Zögern schüttelte das Mäuschen den Kopf.

„Er kommt öfter mal nachmittags her, um die Hausaufgaben hier zu machen. Eigentlich glaub ich nicht, dass er dabei jedes Mal vor irgendwelchen Mitschülern flüchtet. Vielleicht…“, begann es, brach jedoch seinen Satz ab. Bria schaute es erst fragend an, aber dann erschrocken, als ihr eine Vermutung kam, worauf es hinaus wollte.

„Meinst du, dass er zuhause Stress hat?“, wollte sie wissen, aber das Mäuschen antwortete ausweichend.

„Ich finde, wir sollten warten, bis er uns von selbst erzählt, was ihn beschäftigt“, meinte es und auch wenn Bria es ungern zugab, musste sie dem Mäuschen recht geben.

„Wahrscheinlich würd ichs an seiner Stelle auch nicht wollen, dass man sich das Maul über mich zerreißt und Spekulationen aufstellt“, murmelte sie und das Mäuschen nickte. Dann reckte es allerdings das Näschen und schaute fragend zu Bria auf.

„Was machst du eigentlich hier? Wolltest du heute nicht zu deiner Oma gehen?“, erkundigte es sich und zauberte Bria damit wieder ein Lächeln auf die Lippen.

„Von der komme ich gerade. Sie hat mir was geschenkt, das ich dir gern zeigen wollte“, setzte sie das Mäuschen auf einen Ast des Rhododendrons und begann in ihrer Tasche zu kramen.

„Ich glaube, manchmal vergisst sie, wie alt ich inzwischen bin, aber das hier könnte dir gefallen!“, zog sie einen Behälter mit Seifenflüssigkeit hervor und hielt es dem Mäuschen hin. Das schaute sie aber eher irritiert an und konnte wenig mit ihrer Erklärung anfangen, dass man daraus Seifenblasen entstehen lassen könne.

„Warte, ich zeigs dir“, zwinkerte Bria dem Mäuschen zu, öffnete das Fläschchen und pustete gegen den Plastikring mit der schillernden Flüssigkeit, um viele glitzernde und bunte Seifenblasen zu erzeugen.

„Die sind aber hübsch!“, rief das Mäuschen erstaunt aus und sprang aufgeregt von Ast zu Ast, um den Blasen nachzulaufen, die in der Luft tanzten und dann zu Boden sanken, um irgendwo zu zerplatzen.

„Ich mach noch welche!“, lachte Bria und pustete erneut gegen den Plastikring. Wieder und wieder, begann dieses Spiel von vorn, bis schließlich auch Laurin auf ihr Treiben aufmerksam wurde und zu ihnen ging.

„Was macht ihr denn hier?“, fragte er erst skeptisch, doch beim Anblick der Seifenblasen hellte sich sein Gesicht auf.

„Hier, möchtest du auch?“, hielt Bria ihm den Behälter hin und nach kurzem Zögern kam er dem Angebot nach.

4.6.2024: flanieren

Die Hände auf die Hüften gestützt stand Steffen vor einem der vielen Klamottenläden und ließ den Blick über die ausgestellte Ware schweifen, ehe er sich Kopfschüttelnd abwendete. Mit einem Seufzen schaute er auf die anderen Geschäfte, die die Fußgängerzone noch zu bieten hatte und die regelrecht auf ihn zu warten schienen. Er solle mal auf andere Gedanken kommen, hatte Detlef ihm vorgeschlagen und dazu war von Saskia noch die Idee gekommen, einen kleinen Einkaufsbummel zu machen. Einfach ein wenig durch die Stadt spazieren, die Geschäfte begutachten und die Menschen um sich herum beobachten. Inspirationen und Anregungen holen, dem Kopf etwas Neues bieten, mit dem er sich beschäftigen konnte und das ihn von den Alltagssorgen ablenkte. Steffen aber merkte schon nach wenigen Metern, dass ihn dieses Umhergeschlendere von ohne festes Ziel eher nervte als erfreute. Klamotten hatte er genug, neue Töpfe brauchte er nicht und beim Friseur war er gerade erst gewesen. Die Eisdiele an der nächsten Ecke wäre in seinen Augen vielleicht noch interessant, aber die anderen Läden? Abermals schüttelte er den Kopf und setzte sich langsam in Bewegung, um sich eine kleine Leckerei zu gönnen. So war der Nachmittag wenigstens nicht komplett verschwendet, aber auch wenn er sich dagegen sträubte, musste er zugeben, dass seine Gedanken tatsächlich auf Wanderschaft gingen – wenn auch nicht auf einem Weg, der ihm gefiel. Er fing an sich zu fragen, warum ihm dieser kleine Stadtbummel so gegen den Strich ging. Lag es vielleicht daran, dass er genau wusste, wie sehr auch Esther dieses Flanieren und Begutachten diverser Auslagen liebte? Wie oft schon hatte sie ihm von ihren Shoppingtouren erzählt und ihn manches Mal sogar auf eine mitgeschleppt - sowohl in der Zeit, in der sie ihr Miteinander noch als Beziehung betitelt hatten und auch danach.

Steffen schob die Hände in die Hosentaschen und trat einen Kieselstein beiseite, der ihm im Weg lag. Detlef und Saskia hatten es ja gut gemeint und nicht ahnen können, dass ihr Vorschlag eher kontraproduktiv gewesen war. Andererseits… wieder entrann ein Seufzen seiner Kehle, während er gedankenverloren zum Schaufenster der Drogerie blickte. Erinnerte ihn im Moment nicht fast alles an Esther? Noch schlimmer als sonst, wenn er sich mit ihr getroffen hatte und wieder einmal mit der Unmöglichkeit einer Partnerschaft konfrontiert worden war?

„Wieso tu ich mir diesen ganzen Scheiß eigentlich an?“, murmelte er und rieb sich mit einer Hand übers Gesicht, als ein plötzlicher Krach seine Aufmerksamkeit erregte. Er richtete den Blick wieder hinüber zur Eisdiele und erkannte eine Schar Jugendliche und Kinder, die sich dort um etwas drängten.

„Wasn da los? Gibts heut Eis umsonst?“, fragte er sich und beschleunigte seinen Schritt etwas, um dann beim Näherkommen den wahren Grund der Aufregung zu erkennen: Ein Sportwagen hatte vor der Gelateria geparkt. Der Besitzer saß mit seiner Begleitung bei einem großen Eisbecher an einem der Außentische und stand der begeisterten Menge dann und wann Rede und Antwort. In seinen Bewegungen und seinem Gesicht schwang eine gehörige Portion Stolz mit, ohne dabei in Überheblichkeit umzuschwenken. Steffen konnte durchaus nachvollziehen, dass so ein Auto – besonders als Oldtimer – einen gewissen Reiz mit sich brachte, auch, wenn er selbst kein großes Interesse daran hatte. Er hörte die aufgeregten Fragen über Baujahr, Geschwindigkeit und vieles mehr, während er sich zum Schalter begab, um ein Eis zum Mitnehmen zu ergattern. Mit routinierten Bewegungen kam die Verkäuferin ihrer Arbeit nach, arbeitete einen Kunden nach dem anderen ab und schien trotz des Trubels vor ihrem Laden nur Augen für die Schlange an Süßmäulern zu haben. Fix wechselten Eisbecher und Münzen die Besitzer und nach wenigen Minuten konnte auch Steffen sich die fruchtige Erfrischung schmecken lassen. Damit hätte er eigentlich den Heimweg antreten können, aber die anhaltende Begeisterung der Kinder war irgendwie ansteckend, stellte er fest. Es tat gut, ihrer Unbeschwertheit zuzuschauen und so stellte er sich in einigen Metern Entfernung in den Schatten eines Baums und schaute ihnen noch ein wenig zu. Er fühlte sich an seine eigene Kindheit erinnert, als er für Fußball ebenso viel Enthusiasmus gehabt hatte und stellte sich vor, wie ihn damals das zufällige Aufeinandertreffen mit einem bekannten Spieler sicherlich in ähnliche Freudenstürme versetzt hätte. Diesen Gedanken hing er allerdings nicht allzu lange nach, denn plötzlich hörte er einen Ruf, der seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

„Tilo! Da steckst du! Was treibst du denn hier?!“, eilte eine junge Frau an Steffen vorbei zu der Horde Schaulustiger und stellte sich neben einem der Jungen auf. Der reagierte zunächst allerdings gar nicht und drängte sich lieber weiter um den Wagen.

„Tilo!“, wurde die junge Frau energischer und tippt dem Jungen auf die Schulter. Er war schätzungsweise um die zehn Jahre alt und reagierte fast so trotzig wie Steffens zweijähriger Neffe, der sich bei jeder Gelegenheit auf den Boden warf. Eine Diskussion zwischen den beiden begann, die Steffen mit einigem Interesse verfolgte. Schnell konnte er heraushören, dass die junge Frau wohl die Tante des Jungen war.

"Du kannst doch nicht einfach in die Stadt laufen! Ich hab mir Sorgen gemacht, als ich dich in der Schule nicht gefunden hab!", schimpfte die Frau und der Junge zuckte die Schultern.

"Die letzte Stunde ist ausgefallen. Ich bin doch nur mit meinen Freunden ein Eis kaufen gegangen", verschränkte der Knirps die Arme vor der Brust und schaute genervt zur Seite.

"Ja, hab ich dann auch erfahren, als ich zufällig eine Lehrerin getroffen hab. Warum rufst du dann nicht wenigstens kurz an? Was, wenn dir was passiert wäre?!"

"Was soll mir denn passieren? Die paar Meter Fußgängerzone... außerdem war ich ja auch nicht allein".

Noch immer schien der Junge nicht überzeugt. Viel zu spannend war der Oldtimer, zu dem er immer wieder sehnsüchtig hinüber schaute. Seine Tante seufzte und schüttelte den Kopf.

„Ich glaub, da muss ich noch mal mit deiner Mutter reden“, meinte sie und hielt dem Jungen die Hand hin, damit er sie ergriff und ihr folgte. Der aber sträubte sich und fragte stattdessen, ob er noch etwas bleiben dürfe.

„Nein, ich hab gleich noch einen Termin und will dich vorher Zuhause abliefern“, lehnte sie ab und zog auffordernd die Augenbrauen hoch, doch statt endlich ihre Hand zu nehmen, protestierte der Junge weiter.

„Nur zwei Minuten, bitte Tante Hellen! Ich kann doch auch allein nach hause gehen, das hab ich früher auch schon ein paar Mal gemacht“, bettelte er und schob dann schmollend die Unterlippe vor, als sie wieder verneinte. Steffen beobachtete das Spielchen eine Weile und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Hey, Kumpel, ich hab vorhin gesehen, dass in zwei Wochen eine Automobilausstellung in der Stadthalle stattfindet. Wie wärs, wenn ihr die besucht und du dafür jetzt brav mit nach hause gehst, hm?“, mischte er sich ein und wurde von beiden für einen Moment verdutzt angeguckt. Während der Junge kurz darauf zu strahlen anfing und seine Tante anflehte, dem Vorschlag nachzugeben, hatte die für Steffen nur einen finsteren Blick übrig.

„Ich frag deine Eltern“, meinte sie nach kurzem Zögern und tätschelte Tilo die Schulter, als er sich begeistert an ihren Bauch klammerte.

„Danke, danke, danke!“, freute er sich und lief in die Richtung los, aus der die junge Frau vorhin gekommen war.

„Das ist noch keine Zusage! Und lauf nicht so weit vor!“, rief sie ihm nach, doch schon wieder fanden ihre Worte kaum Gehör. Zumindest nicht bei ihrem Neffen.

„Was mischen Sie sich eigentlich in die Erziehung anderer ein?!“, fuhr sie zu Steffen herum, der sie verwundert anschaute.

„Es war doch nur ein Vorschlag“, hob er leicht die Schultern und meinte, dass die vorherige Diskussion für ihn nicht sonderlich zielführend ausgesehen hatte. Hellen schnaubte aus und stemmte die Hände auf die Hüften.

„Sie haben vermutlich keine Kinder, was?!“, meinte sie und verdrehte die Augen, als er den Kopf schüttelte.

„Ja, das sind immer die Schlimmsten! Die, die selbst keine…“, geriet ins Stocken und eine gewisse Röte stieg ihr ins Gesicht. Hatten sie und Judith nicht schon mal ähnliche Diskussionen über Kindererziehung geführt? Allerdings würde sie einen Teufel tun und diesem Kerl davon etwas verraten. Stattdessen wuchs ihre Empörung, als sie ihn etwas genauer betrachtete.

"Moment mal, Sie sind doch der Rüpel, der mich neulich fast umgerannt hätte!", verschränkte sie die Arme vor der Brust und und reckte das Kinn, während Steffen mit einem Lächeln reagierte.

"Ja, stimmt!", antwortete er und musterte sie eingehender. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, war er mit den Gedanken ganz woanders gewesen, aber wenn er sie jetzt genauer betrachtete…

"Was für ein Zufall!", streckte er ihr die Hand hin, um sich vorzustellen, aber Hellen machte keine Anstalten, darauf einzugehen.

"Ich muss jetzt los!", zischte sie und warf ihrem Neffen einen Blick über die Schulter zu, während aus Steffens Lächeln ein Grinsen wurde.

"Schon wieder?", schäkerte er und lachte bei Hellens Retourkutsche laut auf. Ohne zu zögern griff sie den Schirm seiner Cappie und zog sie ihm ins Gesicht, ehe sie sich abwendete und schwungvoll davon stapfte.

5.6.2024: Spiegelei

Als Steffen durch die Haustür kam, begrüßte ihn bereits das zischende Geräusch von heißem Fett in einer Pfanne und ein leicht angebrannter Geruch in der Luft.

„Bin wieder da!“, rief er beim Ausziehen der Straßenschuhe und während er in seine Pantoffeln rutschte. Wenig überraschend meldete Detlef sich aus der Küche.

„Was machstn da?“, gesellte Steffen sich zu dem Blonden, der mit skeptischem Blick am Herd stand.

„Bratkartoffeln und Spiegeleier, aber so richtig komm ich mit dem Herd noch nicht klar“, murmelte er und schob das Essen mit dem Pfannenwender von A nach B. Steffen hob belustigt eine Augenbraue und grinste.

„Grins nicht so doof, hilf mir lieber“, murrte Detlef, dem wohl nicht nur vom warmen Wetter der Schweiß auf der Stirn stand.

„Ach, das machst du schon ganz gut“, baute Steffen ihn mit einem Klaps auf die Schulter auf und lachte, als Detlefs Laune davon noch mehr in den Keller sank.

„Na schön, lass uns tauschen. Hier“, drückte Steffen ihm ein kleines Päckchen in die Hand und nahm Detlef den Pfannenwender ab. Mit wenigen Handgriffen war die Flamme reduziert und das Essen davor bewahrt, zu verbrennen.

„Oh, du hast Eis gekauft?“, schaute Detlef überrascht auf das Päckchen in buntem Papier und packte es aus.

„Ja, ich hoffe nur, es ist nicht geschmolzen“, meinte Steffen und musste schmunzeln, als er wieder an das verwunderte Gesicht der Eisverkäuferin dachte, weil er sich kurz hintereinander zweimal bei ihr angestellt hatte.

„Willst du nichts?“, wunderte Detlef sich über den einzelnen Eisbecher, den er ausgepackt hatte und Steffen schüttelte den Kopf.

„Ich hatte vorhin schon was“, rührte er in den Kartoffeln und konnte sich das Grinsen dabei nicht verkneifen. Während Detlef sich das Kirscheis schmecken ließ, beobachtete er seinen Kumpel und runzelte die Stirn.

„Irgendwas ist anders an dir“, lehnte er sich mit ausreichendem Abstand zur „Höllenmaschine“ Herd an die Arbeitsplatte und musterte Steffen abermals. Der zuckte nur die Schultern und pfiff ein wenig.

„Keine Ahnung, was du meinst“, griff er einen Untersetzer und zwei Teller aus dem Regal, um alles auf dem Tisch zu drapieren.

„Essen ist fertig“, trug er kurz darauf die Pfanne ebenfalls noch zum Tisch und vervollständigte das Ensemble mit Besteck und Getränken. Detlef aber war noch immer nicht überzeugt.

„Doch, doch, du grinst die ganze Zeit so komisch vor dich hin“, murmelte er und schmälerte die Augen.

„Sieh lieber zu, dass du dein Eis auf bekommst, sonst sind die Kartoffeln gleich kalt“, setzte Steffen sich hin und begann wieder zu schmunzeln, als er seine Mütze vom Kopf zog und neben sich auf den Tisch legte. Detlef aber war wenig zu Lachen zumute. Der seufzte stattdessen aus und ließ sich steinschwer auf seinen Stuhl sinken. Nun war es Steffen, der irritiert schaute.

„Was ist denn plötzlich mit dir los?“, fragte er den Blonden, der leicht den Kopf schüttelte.

„Du hast dich wieder mit Esther getroffen, stimmts?“, murmelte er missmutig und wirkte wenig überzeugt, als Steffen die Frage verneinte.

„Ehrlich nicht! Sie ist momentan überhaupt nicht in der Stadt!“, scheppte Steffen beide Teller mit Kartoffeln und Spiegeleiern voll und griff dann seine Gabel. Detlef aber schien der Hunger gewaltig vergangen zu sein. Er wollte nicht wieder mit ansehen müssen, wie sein Kumpel nach diesem kleinen Hoch zurück ins nächste Tief stürzte und auch Steffen schien so langsam zu dämmern, wie viele Sorgen der Blonde sich um ihn machte. Er legte die Gabel nieder und lehnte sich leicht zurück.

„Hey, wirklich, ich hab sie nicht getroffen“, sprach er nun ernster, aber noch immer mit einem Lächeln. Detlef schwieg, aber sein skeptischer Blick sprach Bände. Steffen seufzte aus und lachte dann leicht.

„Na schön, ich hatte gerade eine witzige kleine Begegnung“, gab er schließlich zu und grinste bei einem erneuten Seitenblick zu seiner Mütze. Detlefs Miene wurde weicher. Er schaute ihn erst verwundert an, dann fragend und brauchte nicht mehr viele Worte, um Steffen dazu zu bewegen, ihm von seinem Ausflug in die Innenstadt zu erzählen.

6.6.2024: fleckig

Nach Phasen großer Anstrengung und vieler Aufträge war es in dieser Woche etwas ruhiger. In wenigen Tagen würde der Trubel von neuem beginnen, aber jetzt blieb in der Schreinerei etwas Zeit zum Durchatmen. Zeit, um auch die Ecken aufzuräumen, die zuletzt vernachlässigt worden waren, Zeit, um die bereits notierten Kundenwünsche für die kommenden Tage vorzubereiten und auch Zeit, um ein paar Überstunden abzubummeln.

„Willst du echt noch hier bleiben?“, war Steffen darum recht überrascht, als er an diesem Tag mal etwas früher in den Feierabend starten wollte und Detlef keinerlei Anstalten machte, ihm zu folgen.

„Ja, ich hab was vor. Du könntest mich aber nachher hier wieder abholen. Wenn alles klappt, wie ich mir das vorstelle, dann brauchen wir dein Auto“, grinste der Blonde und schüttelte geheimnisvoll den Kopf, als Steffen erfahren wollte, was er vor habe.

„Na, meinetwegen“, zuckte er nach einigen Versuchen schließlich die Schultern und schlenderte zum Ausgang.

„Dann ruf einfach an, wenn ich dich einsammeln soll!“, hob er noch kurz die Hand und verschwand schließlich aus der Tür. Langweilig wurde ihm auch alleine sicherlich nicht. In seinem Haus war inzwischen sehr vieles fertig geworden und gerade die dringendsten Arbeiten endlich erledigt, aber trotzdem fand sich noch genug, das anstand. Kleinkram, der sich auf der To-Do-Liste tummelte und vor dem er sich teilweise auch schon seit ein paar Wochen drückte, weil er nicht so eilig war. Also stand auch auf der eigenen Baustelle an, einige Ecken aufzuräumen, einige Sachen zu reparieren und die Anschaffung anderer Sachen zu planen – etwas, das mehr Zeit fraß, als Steffen vorher gedacht hätte und so sprang der Zeiger seiner Uhr innerhalb eines gefühlten Augenblicks von mittags auf abends.

„Na, jetzt müsste er sich aber langsam mal melden“, murmelte er verwundert und kontrollierte, ob er Detlefs Anruf verpasst hatte. Nein, keine Nachricht wartete darauf, von ihm entdeckt zu werden und das, obwohl in der Schreinerei mittlerweile seit über einer Stunde Feierabend war. Ein wenig stutzig machte Steffen das schon, also begab er sich auf den Weg zurück. Immerhin musste er auch sicherstellen, dass alle Türen verschlossen waren. Obwohl Detlef inzwischen Azubi war, hatte er noch keine Schlüssel bekommen und somit lag diese Verantwortung immer bei Steffen und zwei anderen Gesellen oder dem Meister selbst. Gleich zwei Gründe, die bei Steffen für eine gewisse Erleichterung sorgten, als er bereits bei der Einfahrt auf den Hinterhof durchs Fenster die kräftige Rückansicht seines Kumpels sehen konnte.

„Willst du hier übernachten?“, rief Steffen ihm beim Aussteigen zu und musste feststellen, dass Detlef gar nicht reagierte. Er stand wie angewurzelt in der Werkstatt, die Hände hinterm Kopf gefaltet und starrte irgendetwas an.

„Hey, ich red mit dir“, lief Steffen auf ihn zu und bekam nur einen kurzen Seitenblick geschenkt. Detlef ließ mit einem Seufzen die Hände sinken und griff nach einer Flasche neben sich, die er erst betrachtete und dann missmutig zurückstellte.

„Sag mal, was treibst du denn hier?“, stellte Steffen sich neben ihn und schaute dann überrascht auf eine Gartenbank, die Detlef scheinbar in den letzten Stunden gebaut hatte.

„Hast du die gebaut? Die ist gut geworden!“, trat er näher an die Arbeit heran und betrachtete sie genauer, aber Detlef schien alles andere als begeistert.

„Ja, aber guck dir mal die Lasur an, die ist total fleckig!“, knurrte er und bedachte die Flasche wieder mit einem vernichtenden Blick.

„Was ist das denn für Zeug?“, wollte Steffen wissen und konnte mit dem Färbemittel herzlich wenig anfangen.

„Einer aus der Berufsschule hat mir das empfohlen. Ist hier wohl ziemlich neu auf dem Markt und in seiner Firma testen sie das gerade aus. Er hat mir ein paar Ergebnisse gezeigt, die echt super aussahen, aber ich komm da irgendwie nicht mit klar“, murrte Detlef und verschränkte die Arme vor der Brust. Steffen schmunzelte. Er kannte diesen Blick von seinem Kumpel, wenn der eine gefühlte Ewigkeit an etwas gearbeitet hatte und das dann nicht so wurde, wie er es sich vorstellte.

„Es ist nur ne Lasur, das kriegen wir schon gefixt. Entweder lässt du dir erklären, worauf du bei dem Zeug hier achten musst oder wir arbeiten mit anderer Farbe. Oder du bleibst jetzt noch drei Stunden hier stehen und schmollst“, grinste er erst und lachte dann auf, als Detlef ihm leicht auf den Oberarm boxte.

„Ja, ich glaub, dann teste ich das demnächst erst mal an Abfallholz, ehe ich da noch mal irgendwo anders mit dran gehe“, seufzte Detlef und schlenderte zu seinem Rucksack hinüber.

"Dann lass uns mal abhauen..."

„Wofür ist die Bank eigentlich gedacht? Geschenk für Saskia?“, meinte Steffen und betrachtete das gute Stück abermals.

„Nein, für dich. Du hast doch erzählt, dass deine Großeltern früher ne Holzbank vorm Haus stehen hatten und du dir das für dein Häuschen auch vorstellst“, lautete die Antwort, die Steffen nicht wenig überraschte.

„Das hast du dir gemerkt?“

Detlef grinste und nickte. Nach der vielen harten Arbeit war es auch mal Zeit für eine kleine Belohnung, hatte er sich gedacht und außerdem war er es leid, in den Pausen immer auf Steffens alten Klappstühlen zu sitzen.

„Nur mit der Farbe bin ich halt noch nicht zufrieden“, lautete sein abschließendes Resümee, das Steffen nur ein leichtes Schulterzucken entlockte.

„Das kriegen wir schon noch hin. Komm, wir gehen nach hause und gucken morgen noch mal drauf“, klopfte er seinem Kumpel auf die Schulter und konnte sich schon bildlich vorstellen, wie die hübsche Bank bald sein Häuschen noch etwas schöner machte.

7.6.2024: Euphorisch

„Boah! Mama! Guck mal!“

Kaum hatten sie den Baumarkt betreten, standen sie dank Tilos Ausruf sogleich im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit. Während Judith ihren Sohn mit einem „Nicht so laut, Schatz“, ermahnte und die teils neugierigen, teils skeptischen Blicke der anderen Kunden ignorierte, fühlte Hellen sich an unangenehme Situationen zurückerinnert. Sie senkte den Kopf und zog die Schultern hoch, während ihre Schwester erhobenen Hauptes ihren Einkaufswagen vor sich her schob.

„Mama, komm schnell und guck mal!“, zeigte Judiths Tadel wenig Wirkung und der Neunjährige schien vor Begeisterung fast zu zerplatzen. Immer wieder rannte er zwischen seiner Begleiterinnen und der Lampenabteilung am Anfang des Baumarktes hin und her und zeigte aufgeregt auf eines der Regale.

„Was ist denn los, mein Schatz?“, fragte Judith und folgte ihn, ohne dabei ihren Schritt jedoch zu beschleunigen.

„Darf ich die haben? Bitte, bitte, bitte! Ich hab doch bald Geburtstag!“, deutete Tilo auf eine Lampe, die zur Gänze aus Plastik zu bestehen schien und in Form eines Autos gegossen war. Judith zog die Augenbrauen zusammen und stemmte die Hände auf die Hüften. Hellen wusste, dass ihre Schwester von diesen billig gemachten Dingern, die viel zu viel Geld kosteten, gar nichts hielt. Aber sie wusste auch, wie Tilo manchmal aufdrehen konnte, wenn ihn die Euphorie packte und nun war sie entsprechend neugierig, wie dieses Gespräch wohl ausginge.

„Guck mal, da sind sogar Türen und Fenster dran. Und Scheinwerfer!“, begeisterte er sich, während seine Mutter die Lampe schweigend in den Hand nahm und begutachtete.

„Du hast erst in drei Monaten Geburtstag“, murmelte sie mit kritischem Blick und wusste genau, dass er dieses Gespräch schnell wieder vergessen haben würde, wenn die Lampe erst einmal bei ihm stünde – und dass es bis zu seinem Ehrentag sicherlich noch weitere Situationen gäbe, in denen er seinen Geburtstag als Grund nennen würde, weil er sich etwas wünschte. Auf eine Diskussion würde es früher oder später also ohnehin hinauslaufen, die Frage war nur, wann und ob sie bereits heute stattfände.

„Ich find die ganz schön billig gemacht. Und wenn ich überlege, was die kosten soll…“, schüttelte Judith den Kopf und betrachtete die Lampe abermals ausgiebig.

„Ach, bitte Mama! Die würde so toll an meinem Bett aussehen! Ich wünsch mir nichts mehr als diese Lampe!“, begann Tilo zu betteln und Hellen konnte sich ein kleines Schmunzeln aufgrund seiner wachsenden Theatralik nicht verkneifen. Trotzdem wollte sie sich der Situation aber gerne entziehen und ließ ihren Blick über die Hinweisschilder zu den verschiedenen Abteilungen schweifen. Am weitesten entfernt lag der Holzbereich und zu dem mussten sie eh noch. Wie passend!

„Ich schau schon mal nach den Regalbrettern“, warf sie schnell ein, als Tilo gerade Luft für weitere schlagende Argumente sammelte und huschte davon.

„Wir kommen auch gleich!“, hörte sie Judith zwar noch hinter sich, aber ganz so sicher wie ihre Schwester war sie sich da nicht. Irgendwie bewunderte Hellen es ja, dass Judith sich von den Blicken anderer nicht verunsichern ließ, wenn sie mit Tilo über etwas diskutierte, aber sie selber fühlte sich in solchen Situationen immer umso unwohler. Vielleicht noch Nachwirkungen von ihrer Zeit an Richards Seite, überlegte sie. Aber kaum hatte sie den Gedanken in ihrem Kopf zugelassen, spürte sie, wie ihr Magen sich zu verknoten schien und beschleunigte ihren Schritt, um sich mit der Suche nach den passenden Brettern abzulenken. Dabei stellte sie allerdings schnell fest, dass die Auswahl schier erschlagend war und sie keine Ahnung hatte, was sie nehmen sollte.

„Tja, und nun?“, verschränkte sie die Arme vor der Brust, kaute auf der Unterlippe und ließ immer wieder den Blick über die verschiedenen Hölzer, Bretter und Latten schweifen. Aber wenigstens schien sie nicht die Einzige zu sein, die unschlüssig durch den Baumarkt irrte.

„Sind das die richtigen Dübel?“, hörte sie in der Nähe jemanden rufen und zuckte zusammen, als die Antwort unweit von ihr fiel.

„Nein, das normale! Wir brauchen die für Trockenbau. Guck noch mal, die müssten auch da irgendwo sein. Ich such schon mal die Leisten zusammen!“, kam ihr die Stimme mächtig bekannt vor und mit entgleistem Gesicht sah sie eine inzwischen wohl bekannte Person den Gang betreten.

„Oh!“, hob Steffen überrascht die Augenbrauen und grinste, aber Hellen drehte wie ertappt den Kopf weg und verglich konzentriert die Bretter. Hoffentlich kamen Judith und Tilo nicht ausgerechnet jetzt zu ihr, sodass dieser Kerl dem Jungen wieder Flausen in den Kopf setzen konnte! Andererseits… irgendwie hätte sie auch gern gesehen, wie Judith auf sein freches Verhalten reagieren würde. Zunächst musste sie aber wohl selbst mit ihm fertig werden.

„Nun hab ich aber langsam den Eindruck, dass Sie mir heimlich nachlaufen“, scherzte er, während er sich neben sie stellte und lachte auf, als sie ihn wutentbrannt anfunkelte.

„Was fällt Ihnen…“, wollte sie ihn anzischen, doch Steffen unterbrach sie flott mit einer Gegenfrage.

„Der Kurze am Eingang kam mir gleich so bekannt vor. Und? Waren Sie noch auf der Automobilausstellung?“, schaute er sie kurz von der Seite an und zog dabei einen Zettel aus der Hosentasche. Hellen schnaubte aus und hätte am liebsten mit dem Fuß ausgestampft.

„Ich war nicht mit“, knurrte sie und wendete sich betont schwungvoll dem gegenüberliegenden Regal zu, um die dargebotenen Waren in aller Ausführlichkeit zu begutachten. Aus den Augenwinkeln konnte sie erkennen, wie Steffen sie einen Augenblick lang musterte, ehe er sich mit einem „Verstehe“ den Leisten vor sich zuwendete. Im Gegensatz zu Hellen schien er genau zu wissen, was er haben wollte und hatte die gewünschten Leisten in Windeseile zusammengesucht. Trotzdem fühlte sich die aufgekommene Schweigsamkeit für Hellen plötzlich wie eine Ewigkeit an und sie war froh, als ein weiterer Kunde in ihren Gang kam. Sie seufzte innerlich aus und zuckte dann doch wieder zusammen.

„Du meinst die hier“, stellte sich der junge Mann als Steffens Begleiter heraus und hielt ihm eine Packung Dübel vor die Nase.

„Ja, genau. Die anderen würden dir einfach ausreißen. Aber die hier darfst du auch nicht zu sehr belasten – Rigips ist nun mal kein Mauerwerk“, warf Steffen einen kurzen Blick auf das Päckchen und legte es dann in seinen Einkaufswagen.

„Ist ja klar, dass ausgerechnet in meinem Zimmer so gestümpert wurde und ich die billigen Trockenbauwände kriege“, hörte Hellen von dem zweiten Mann und musterte ihn vorsichtig.

„So billig sind die gar nicht mal!“, lachte Steffen und ging seinen Einkaufszettel wieder durch.

„Wenn du lieber eine krumme Wand für dein Regalbrett haben willst, kannst du den Rigips natürlich gern wieder abreißen, aber dann beschwer dich hinterher nicht, dass es blöd aussieht“, meinte er und trat ein paar Schritte zur Seite, um weiteres Material auszuwählen, wobei er etwas davon murmelte, dass sie gleich noch nach den passenden Schrauben gucken mussten.

„Ach, nachdem du dir schon so viel Mühe beim Einbau gegeben hast…“, zuckte Detlef gönnerhaft die Schultern und betrachtete anschließend Steffens Auswahl, vor allem die Zierleisten.

„Können wir die nicht über die Schreinerei günstiger bekommen als hier im Baumarkt?“

Steffen schaute zu seinem Begleiter hinüber und schmunzelte.

„Wie lang bist du jetzt bei uns? Dass wir solche Zierleisten nicht haben, hätte dir eigentlich schon auffallen müssen“, meinte er und lachte bei Detlefs Frage, ob sie die Leisten nicht einfach selbst herstellen könnten.

„Klar, du kannst auch in den Wald gehen und den Baum selbst fällen“, gab Steffen zurück und klopft Detlef herzhaft auf die Schulter.

„Siehst du? Darum bist du der Azubi und ich der Geselle.“

Detlef verdrehte genervt die Augen und brachte Steffen damit nur noch mehr zum Grinsen.

„Ich glaub, ich fahr gleich noch Saskia besuchen und du kannst deine Zierleisten alleine an die Decke zimmern“, knurrte er, aber Steffen gab zu bedenken, dass das ein sehr kurzer Besuch wäre, da sie am nächsten Tag wieder früh zur Arbeit müssten. Hellen fand das Gespräch der beiden zunehmend verwirrend, aber auch interessant und merkte nicht, wie sie ihnen immer offener bei den Frotzeleien zusah. Erst Detlef wies sie darauf hin, als er ihren fragenden Blick bemerkte und sie darauf ansprach.

„Brauchen Sie Hilfe?“, nickte er vielsagend zu den Brettern, vor denen sie stand und brachte sie damit in Verlegenheit.

„Nein, sie fragt sich nur, was wir für zwei Trottel sind“, warf Steffen ein, ehe sie antworten konnte und machte die Situation damit für sie noch unangenehmer. Detlef ließ sich davon aber nicht beirren.

„Hey, schließ nicht von dir auf andere“, grinste er Steffen an und wendete sich dann mit einem „Was suchen Sie denn? Vielleicht können wir Ihnen helfen“, wieder an Hellen.

„Ähm… ich äh möchte ein Regal bauen“, murmelte sie und fragte sich wieder, wo Judith und Tilo nur blieben.

„Oh, selber bauen statt einen fertigen Bausatz zu nehmen?“, nickte Detlef anerkennend, aber Hellen schüttelte schnell den Kopf.

„Nein, nein, ich meinte, ich möchte ein paar Regalbretter an die Wand hängen“, korrigierte sie und spürte, wie sie rot wurde. Sie hatte nicht viel Ahnung von handwerklichen Dingen und das jetzt so offen zu zeigen war ihr peinlich.

„Ah, verstehe, dann sind Sie hier schon mal auf der falschen Seite. Da vorn sind die Regalbretter“, zeigte Detlef zu der Stelle, an der Hellen zuerst gestanden hatte und begann dann, sie nach den gewünschten Maßen und der geplanten Konstruktion zu fragen.

„Man kann zum Beispiel frei schwebende Regalbretter machen“, schlug er vor und suchte auf dem Handy einige Beispiele raus, als Hellens fragender Blick ihm verriet, dass sie sich über die Art der Anbringung offensichtlich noch keinerlei Gedanken gemacht hatte.

„Sie… haben da wirklich viel Ahnung von, was?“, murmelte sie und Detlef grinste.

„Als angehender Holzwurm sollte ich das wohl“, zwinkerte er ihr zu und holte dann Steffen wieder ins Gespräch, der sich die Unterhaltung zwischen Detlef und Hellen bisher schweigend angesehen hatte.

„Du betonst doch immer, dass du hier der Geselle von uns beiden bist. Dann hilf mal mit! Was würdest du ihr raten?“, fragte er ihn und zählte ein paar der von ihm genannten Möglichkeiten auf. Steffen aber lächelte und schüttelte den Kopf.

„Du kriegst das schon hin. Deine Vorschläge waren gut und auf welche Dübel geachtet werden muss, weißt du jetzt auch. Ich hol schon mal die Schrauben. Wir treffen uns gleich an der Kasse“, packte er zu Detlefs großer Verwunderung die restlichen Leisten auf den Einkaufswagen und drehte Hellen und ihm mit einem „Man sieht sich“ den Rücken zu.

„Äh… einen Moment“, nuschelte Detlef zu Hellen und lief Steffen nach.

„Sag mal, was ist denn mit dir los?“, flüsterte er ihm zu und war noch irritierter, dass Steffen nicht einmal stehen blieb.

„Du erinnerst dich an das Mädel von der Eisdiele?“, murmelte er und Detlef nickte.

„Sie hat mir gerade ziemlich deutlich gezeigt, dass sie ihre Ruhe will, also halt ich mich auch daran“.

„Moment mal…“, riss Detlef die Augen auf und schaute abwechselnd zwischen Hellen und Steffen hin und her, während sein Kumpel langsam in den nächsten Gang einbog.

„Die machte doch einen ganz netten Eindruck! Was ist denn passiert?“, konnte Hellen den Blonden noch hören, ehe auch er aus ihrem Sichtfeld verschwand und sie sich plötzlich furchtbar mies fühlte.

„Da sind wir, hast du schon was gefunden?“, kam Judith in diesem Moment von der anderen Seite mit Tilo an der Hand und legte einen Karton in den Einkaufswagen, der verdächtig nach billiger Autolampe aussah.

„Hellen?“, richtete sie abermals das Wort an ihre Schwester, als die nicht reagierte und nur langsam Judiths Blick suchte.

„Findest du, dass ich mich manchmal ungerecht verhalte? Vor allem… in letzter Zeit?“

8.6.2024: grandios

„Grandios… wir haben wieder die halbe Stunde erwischt, in der gefühlt die ganze Stadt noch was aus dem Baumarkt braucht“, murrte Detlef, als er mit Steffen zur Kasse kam und bereits eine lange Schlange auf sie wartete.

„Ist doch fast immer so“, zuckte der Ältere die Schultern und stützte die Unterarme auf den Griff des Einkaufswagens. Ihm machte die Warterei nicht viel aus, aber Detlef fing schon nach wenigen Minuten an, von einem Bein aufs andere zu treten.

„Musst du aufs Klo oder was zappelst du so rum?“, murmelte Steffen, während er nochmals seine Einkaufsliste prüfte und sie zufrieden wieder einsteckte. Detlef verdrehte die Augen und seufzte aus. Wenn er die Wartezeit wenigstens mit ein paar Nachrichten an Saskia hätte überbrücken können, aber er wusste ganz genau, dass sie zu dieser Uhrzeit immer ihr Handy im Flugmodus hatte, um sich auf die Nachbereitung ihrer Seminare zu konzentrieren.

„Warum machen die nicht noch die dritte Kasse auf?“, reckte er den Kopf und hielt Ausschau nach weiteren Angestellten des Baumarkts.

„Wird wohl nicht genug Personal da sein“, murmelte Steffen unterdessen und erkundigte sich lieber, ob Detlef alles habe, was er besorgen wollte.

„Ja, ja“, nuschelte der und runzelte die Stirn. Interessiert folgte Steffen seinem Blick und sah, wie Hellen sich eilig an der Schlange der zweiten Kasse hindurchschob und mit leeren Händen Richtung Ausgang verschwand. Von Tilo oder Judith war unterdessen nichts zu sehen.

„Das war doch deine Freundin. Hatte es scheinbar sehr eilig“, murmelte Detlef und Steffen schnaubte verächtlich.

„Die hats immer eilig“, schob er den Wagen ein Stückchen weiter vor und begann die Preise seiner Einkäufe auszurechnen, um das Geld schon mal möglichst passend aus dem Portemonnaie zu suchen.

„N bisschen neugierig bin ich ja schon, was da los ist. Meintest du nicht, dass du ihren Neffen vorhin gesehen hattest?“, murmelte Detlef und verzog das Gesicht, als Hellen über den Parkplatz aus seinem Sichtfeld verschwand. Steffen warf ihm einen kurzen Seitenblick zu und streckte sich dann ausgiebig.

„Am besten gehst du ihr nach, wenn dich das so interessiert“, meinte er und zuckte gleichgültig die Schultern, als Detlef ihn genervt anblinzelte.

„Dafür, dass du sie erst so süß fandest, bist du jetzt aber ganz schön abweisend“, murrte der Blonde und kassierte abermals ein Schulterzucken.

„Ich hab dir doch vorhin was gesagt“, schob Steffen den Einkaufswagen weiter und war endlich nah genug an der Kasse, um seine Einkäufe aufs Band packen zu können.

„Auch wieder wahr“, nickte Detlef und fasste mit an. Auf ihn hatte die junge Frau einen netten Eindruck gemacht, aber wenn sie sich seinem Kumpel gegenüber so abweisend verhalten hatte, konnte er dessen Desinteresse durchaus verstehen. Ein wenig Neugierde schwang bei ihm aber trotzdem mit, als sie den Baumarkt endlich verlassen konnten und über den Parkplatz gingen. Hier und da ließ Detlef seinen Blick schweifen und musste schließlich feststellen, dass Hellen nicht mehr zu sehen war. Die kleine Enttäuschung darüber dauerte jedoch nicht allzu lange an, als ihm plötzlich siedend heiß einfiel, dass er etwas vergessen hatte.

„Scheiße! Saskia hatte mich gebeten, ihr Farbe mitzubringen!“, haute er sich vor die Stirn, als sie ihr Auto fast erreicht hatten und schüttelte den Kopf über seine eigene Schusseligkeit. Steffen verdrehte hingegen die Augen und kramte seinen Schlüssel hervor.

„Tja dann… du kennst ja den Weg“, schloss er den Wagen auf und begann, die Einkäufe einzuladen, während Detlef umdrehte und zurück zum Eingang rannte.

„Bin gleich zurück!“, rief er seinem Kumpel zu, der nur schweigend die Hand hob. Im Auto saß er ja warm und trocken, dachte sich Steffen und brachte gerade den leeren Einkaufswagen zurück, als Judith und Tilo den Baumarkt verließen.

„Oh, guck mal Mama! Das ist ja der Mann, der mir von der Automobilmesse erzählt hat!“, rief der Junge plötzlich aus und Steffen schaute verwundert zu ihm rüber.

„Hey, Kumpel!“, nickte der Angesprochene ihnen zu und lächelte. Er wartete, bis Judith und Tilo die paar Meter zwischen ihnen überbrückt hatten und der Junge ihm stolz seine neue Lampe präsentierte.

„Guck mal, was ich bekommen hab!“, strahlte er, aber Steffen konnte Judith gleich ansehen, dass sie nicht so ganz begeistert von der Situation war.

„Quatschen Sie immer fremde Kinder in der Stadt an?“, fragte sie den fremden Mann zur Begrüßung und wurde von ihm verdattert angeguckt.

„Äh… nein“, murmelte er und wusste nicht so recht, was er antworten sollte, während Judith die Arme vor der Brust verschränkte und ihn unverhohlen musterte.

„Tut mir leid, ich hab mir nichts dabei gedacht“, zuckte Steffen leicht die Schultern und versuchte die Stimmung mit einem schiefen Lächeln etwas aufzulockern, was ihm allerdings gehörig misslang. Judith verzog keine Miene und antwortete nur mit einem kurzen „Hmhm“. Unterdessen schien Tilo die Unzufriedenheit seiner Mutter ziemlich egal zu sein. Lieber präsentierte er Steffen stolz seine Lampe und drängte ihn, das gute Stück etwas genauer anzuschauen – selbst dann noch, als Judith ihm das versuchte zu untersagen. Wäre er nicht mitten in der Situation gefangen gewesen, hätte Steffen vermutlich herzlich darüber gelacht. So wägte er allerdings ab, ob er sich noch mehr in die Nesseln setzen sollte und entschied schließlich, dass er vermutlich nicht noch mehr in Ungnade fallen konnte.

„Sorry, wenn ich mich jetzt gleich noch unbeliebter mache, Kumpel, aber ich weiß nicht, ob du lange Freude an der Lampe haben wirst“, zuckte er entschuldigend mit den Schultern und wurde von Tilo mit großen Augen angeschaut.

„Die sieht ja echt cool aus, aber mein Neffe hatte auch so eine und die hielt nicht mal ein halbes Jahr. Das ist eigentlich ziemlicher Schrott, wenn ichs mal so sagen darf. Vielleicht guckst du noch mal nach einer anderen“, hob er den Blick vom Sohnemann zur Mutter und erwartete seine Standpauke, die zu Steffens Überraschung allerdings ausblieb. Fast schon dankbar schien Judith ihn anzuschauen, ehe sie sich an Tilo wendete und ihn an ihre vorherigen Worte zu seinem Geschenk erinnerte. Der Junge schmollte erst und seufzte dann schließlich aus.

„Aber sie ist so schön“, murmelte er und gab sich dann doch geschlagen, als Judith anbot, mit ihm im Internet nach einer besseren zu gucken.

„Komm, wir haben ja den Kassenbon noch und tauschen sie einfach fix um“, nahm sie ihrem Sohn die Lampe ab und warf Steffen ein leises „Danke“ zu, ehe sie sich auf den Rückweg machte. Der Retter ihres Geldbeutels antwortete nur mit einem Lächeln und Nicken und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Wagen.

„Was für ein Einkauf. Das brauch ich aber auch nicht jedes Mal“, murmelte er bei sich und konnte sich ein Lachen doch nicht verkneifen. Das schlug allerdings in Verwunderung um, als er eine Autotür hörte und kurz darauf Hellen an seinen Wagen herantrat. Ihre Augen waren gerötete und vor Nervosität spielte sie mit Judiths Autoschlüssel. Fast wirkte sie wie ein kleines Mädchen, als sie sich nach einem tiefen Atemzug räusperte und Steffen fragte: „Kann ich kurz mit Ihnen reden?“

9.6.2024: Dämon

Es waren nur ein paar Sekunden, in denen Steffen zögerte und Hellen schweigend betrachtete, aber diese Sekunden kamen ihr wie eine Ewigkeit vor. Sie konnte die Skepsis in seinem Blick lesen und fühlte eine Last von sich fallen, als er schließlich nickend einem Gespräch zustimmte. Sie tat es ihm gleich, wenn auch eher ihrer eigenen Überwindung zuliebe.

„Ich glaub, ich kämpf gerade gegen meine inneren Dämonen und hab Sie da mit reingezogen. Dafür möchte ich mich entschuldigen“, sagte sie und fühlte, wie ihre Nervosität wuchs. Es war nicht recht zu erkennen, was er darüber dachte. Er runzelte bei ihren Worten zwar die Stirn, aber ansonsten blieb er weitestgehend neutral.

„Übertreiben Sie nicht ein bisschen?“, ging er an ihr vorbei zur Hintertür seines Wagens und schloss sie auf, um eine Flasche aus seinem Rucksack zu holen.

„Das ist hier ein freies Land. Wenn Sie nicht mit mir sprechen wollen, ist das doch okay. Es zwingt Sie keiner dazu“, nahm er einen Schluck und musterte Hellen dabei aus den Augenwinkeln. Sie konnte ihm ansehen, dass er davon irritiert war, jetzt ihr Herz ausgeschüttet zu bekommen. Warum ging sie nicht einfach ihrer Wege und gut?

„Aber genau das mein ich ja“, setzte sie von neuem an und wischte sich schnell mit den Zeigefingern über die Augen.

„Eigentlich haben Sie ja nichts Schlimmes gesagt und ich war trotzdem sehr biestig zu Ihnen“, murmelte sie und spürte die aufkommende Verzweiflung, als Steffen sie noch immer skeptisch anschaute. Machte sie sich gerade lächerlich? Er allerdings zog nach kurzem Zögern ein Taschentuch aus der Hosentasche und hielt es ihr hin.

„Keine Sorge. Frisch gewaschen und unbenutzt“, zuckten seine Mundwinkel und Hellen schenkte ihm ein kleines Lächeln.

„Danke, aber das ist nicht nötig“, schüttelte sie leicht den Kopf, aber Steffen griff ihre Hand und legte das Taschentuch hinein.

„Ich hab noch mehr davon und bevor Ihnen gleich noch der Rotz aus der Nase läuft…“, sprach er fast beiläufig und brachte damit beide kurz zum lachen.

„Haben Sie immer eine Ladung Taschentücher auf Vorrat dabei, falls Ihnen eine Heulsuse über den Weg läuft?“, scherzte Hellen und erntete dafür einen überraschten Blick.

„Oho!“, grinste Steffen und verschränkte dann mit einer ausladenden Geste die Arme vor der Brust.

„Nein, ich würde es eher bezeichnen als: Für den Fall, dass ich eine Jungfer in Nöten treffe, der es nach einem Taschentuch beliebt“, deutete er den Hauch einer Verbeugung an und schmunzelte bei Hellens Kichern. Dann allerdings kehrte die Ernsthaftigkeit in sein Gesicht zurück.

„Na ja, aber mal Spaß beiseite. Auch, wenn jemand nett ist, heißt das nicht, dass Sie mit der Person reden müssen. Sie werden Ihre Gründe haben, warum Sie nicht mit mir sprechen wollten und das respektier ich. Von daher find ich es zwar nett von Ihnen, dass Sie sich bei mir entschuldigen wollen, aber ich seh ehrlich gesagt keinen Grund dafür. Außer vielleicht, dass mein Ego ein bisschen davon angekratzt ist, aber das ist wohl etwas, das ich selbst lösen muss“, schmunzelte er wieder und lehnte sich an sein Auto. Hellen nickte und nestele an dem Taschentuch herum. Sie kaute auf der Unterlippe. Er hatte ja recht mit dem was er sagte. Eigentlich konnte sie sich jetzt einfach umdrehen und gehen, aber trotzdem spürte sie das schlechte Gewissen und den Wunsch, mit ihm zu reden.

„Sie sind wirklich nett“, murmelte sie und er zuckte leicht die Schultern.

„Ich geb mein bestes“, witzelte er und musterte sie. Nicht aufdringlich oder anzüglich, sondern interessiert.

„Kann es sein, dass Sie jemanden zum reden brauchen?“

Hellen schaute ihn erst verdutzt an und verfiel dann in nervöses Lachen.

„Das wär schon ziemlich seltsam, wenn ich Ihnen jetzt meine Lebensgeschichte erzählen würde! Ich meine, wir sind hier mitten auf einem Parkplatz, in aller Öffentlichkeit und ich kenne Sie kaum!“, schüttelte sie energisch den Kopf, aber musste dann doch ihre Stimme mit einem Räuspern wieder beruhigen. Steffen zeigte sich davon hingegen unbeeindruckt.

„Manchmal redet sich besser mit einer fremden Person als mit jemandem, der alles über einen weiß“, schob er die Hände in die Hosentaschen und legte den Kopf leicht schief. Hellen nickte, aber dann lachte sie wieder.

„Sagen wir einfach, ich hab einige schwierige Monate hinter mir und bin wohl noch nicht wieder die Alte“, tupfte sie über ihre Augenwinkel und schluckte.

„Manchmal hat man das. Ich denke, das gehört zum Leben dazu“, antwortete Steffen und konnte Hellen die Erleichterung ansehen, dass er sich nicht über sie lustig machte.

„Jedenfalls wollte ich meine Laune nicht an Ihnen auslassen“, strich sie sich die Haare hinters Ohr und Steffen dankte ihr mit einem Nicken.

„Wissen Sie denn jetzt, was Sie für ein Regal wollen?“, wechselte er elegant das Thema und erntete ein Kopfschütteln.

„Das muss ich mir wohl noch mal durch den Kopf gehen lassen. Aber es war sehr nett von Ihrem … Freund? Dass er mich beraten hat“, meinte Hellen und nickte verstehend, als Steffen erklärte, wer Detlef war.

„Aber Sie können ihm auch selbst danken. Da kommt unser kleiner Schussel gerade angelaufen“, deutete er mit dem Kinn Richtung Eingang und grinste über Detlefs irritierten Blick.

„Oh, ich sehe meine Schwester auch grad raus kommen. Sie haben Tilo also diese komische Lampe ausgeredet?“, schlussfolgerte Hellen, als der Junge mit leeren Händen angetrottet kam und winkte ihrem Anhang zu. Zu einer Antwort von Steffen kam es allerdings nicht mehr, weil er Gelächter verfiel und Hellen damit ansteckte: Zuerst hatte Detelf sich von Hellens Winken angesprochen gefühlt und zögerlich zurückgegrüßt, um dann festzustellen, dass Judith erfreut auf ihre Schwester aufmerksam wurde und sich gleichzeitig wunderte, wer der blonde Mann war, der ihr zuwinkte.

„Was ist das heute für ein Einkauf?“, grölte Steffen und wischte sich Tränen aus den Augenwinkeln. Hellen konnte ihm nur mit einem Nicken zustimmen, weil ihr vor lauter Lachen die Puste ausging. So erleichtert und erheitert hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt.

„Muss man das verstehen?“, warf Detlef einen Blick zu Judith und deutete auf die beiden. Sie schüttelte den Kopf, aber ein Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Manchmal braucht man das“, meinte sie wissend und steuerte ihr Auto an, während Tilo sie ausfragte, was so lustig sei.

„Ich glaub, ich muss dann jetzt“, schnappte Hellen nach Luft und schaffte es endlich wieder, sich zu beruhigen. Im Gegensatz zu Steffen, der noch immer in leichtes Kichern verfiel; erst recht, als Detlef ihn auf gewohnt trockene Art fragte, ob er da Alkohol in seiner Wasserflasche habe und ihm die Autoschlüssel abnahm.

„Oh Gott, was für ein Tag!“, rieb Steffen sich das Gesicht und den Bauch. So hatte er auch schon lange nicht mehr gelacht.

„Danke, das tat echt gut!“, meinte er mit brüchiger Stimme zu Hellen, die ihm dabei nur zustimmen konnte.

„Ja“, räusperte sie sich und hielt ihm plötzlich ihre Hand hin, die Steffen verdutzt anguckte.

„Scheinbar laufen wir uns in letzter Zeit ja öfter über den Weg und vielleicht sollten wir uns dann duzen?“, meinte sie mit einem zuckersüßen Lächeln, bei dem Detlef sogleich erkannte, dass es seinen Kumpel um den Finger wickelte.

10.6.2024: Gigantomanisch - Archiv

„Ich kann gar nicht glauben, dass ich inzwischen schon seit einigen Jahren hier lebe und manche Ecken dieser Stadt trotzdem noch nie besucht habe“, schlenderte Sven durch eine abgelegene Gasse in der Innenstadt und ließ den Blick über die verwinkelten Häuschen und winzigen Gärtchen schweifen, die sich ihm hier darboten. Es war fast, als wäre er in eine andere Welt eingetaucht. Einerseits fügte sich dieses Gässchen gut ins Gesamtbild der Stadt ein, andererseits war es doch so viel anders; ruhiger, entschleunigter, fast wie aus einer anderen Zeit.

„Lohnt sich der Ausflug? Dann komm ich beim nächsten Mal mit“, hörte er Saskia durchs Handy und beschrieb ihr, was er sah. Sie hatte gerade Pause und Lust auf einen kleinen Plausch, während Sven sich die Zeit vertrieb, bis Jasmin von ihrem Seminar kam.

„Klingt lauschig“, meinte Saskia auf seine Schilderungen hin und dachte dann, das Gespräch sei abgebrochen, als Sven plötzlich nicht mehr zu hören war.

„Bist du noch da?“, fragte sie und nach kurzem Stocken antwortete er wieder.

„Wow, das musst du sehen“, murmelte er und lächelte ihr kurz darauf bei einem Videoanruf entgegen.

„Was hast du denn da?“, wollte Saskia wissen und bekam eine kleine Kirche gezeigt. Sie war nicht sonderlich beeindruckt davon und fragte sich, was Sven so faszinierend fand, aber dann betrat er das winzige Gebäude und auch ihr blieb die Luft weg. Was von außen so unscheinbar wirkte, war von innen nur so von Prunk durchzogen. Säulen, die im Vergleich zum Rest gigantomanisch wirkten, stützten das prächtig geschmückte und bemalte Deckengewölbe. An den Wänden reihten sich die Statuen verschiedener Engel und Heiliger aneinander, als strebten sie auf den reichlich verzierten Altar zu, wohingegen die Sitzbänke fast schon spartanisch wirkten. Überall waren Ornamente eingearbeitet und schimmerten Akzente aus Gold.

„Das ist ja Wahnsinn“, staunte Saskia, während Sven nur mit einem Nicken antwortete, weil ihn der Anblick noch immer so fesselte, dass er sich kaum sattsehen konnte.

„Was für ein Juwel“, brachte er schließlich gleich eines Flüsterns heraus und nahm sich vor, künftig mehr solcher Erkundungstouren zu machen, um noch weitere versteckte Plätze zu entdecken.

10.6.2024: Stimmung

„Haben Sie schon den Termin für die zweite Impfung?“, begleitete Hellen die Besitzerin ihrer kleinen Patienten vom Untersuchungsraum zum Eingangsbereich der Tierarztpraxis und öffnete ihr die Tür, kaum, dass ihre Frage bejaht wurde.

„Dann bis bald!“, lächelte sie und schaute noch einmal sehnsüchtig auf die Transportbox mit einem bunten Mix von Kitten darin.

„Das sind immer die schönen Momente, oder?“, hörte sie von der Tierarzthelferin hinterm Tresen, als Hellen die Tür gerade geschlossen hatte.

„Ja. Mir tuts immer leid, wenn sie gepiekt werden müssen, aber ich freu mich auch, wenn ich sie im Arm halten und kuscheln darf“, ging Hellen wippenden Schrittes zu ihrer Kollegin und lehnte sich neben ihr an den Tisch.

„Wäre schön, wenn der Tag so weiter ginge“, kicherte sie und zur Antwort nickte ihre Kollegin, aber ihr Blick verriet bereits, dass keine guten Nachrichten auf Hellen warteten.

„Ich hab vorhin gehört, dass es hier auf einmal kurz ziemlich laut wurde – ein Notfall, oder Sanne?“.

Wieder nickte ihre Kollegin und Hellen seufzte aus.

„Autounfall. Der Fahrer hat die Katze selbst her gebracht und Frau Doktor hat sofort alles stehen und liegen lassen, um sich um sie zu kümmern, aber die Kleine hat wohl ziemlich was abbekommen“, meinte sie und Hellen schüttelte bedauernd den Kopf.

„Tut mir leid, dass ich dir die Stimmung versaut hab“, stand Sanne auf und strich Hellen im Vorbeigehen über den Arm.

„Kannst du ja nichts für“, machte die eine wegwerfende Handbewegung und konnte ihre Enttäuschung doch nicht so recht verbergen.

„Ich informier den Doktor kurz, dass er den vorherigen Patienten von seiner Frau übernehmen soll, damit der nicht warten muss, bis sie die Katze versorgt hat. Willst du ihr über die Schulter gucken? Sie ist grad rüber zum Röntgen“.

„Lass mich noch einen kurzen Moment an die süßen Kleinen von vorhin zurückdenken, dann geh ich rein“, antwortete Hellen und trottete ihrer Kollegin langsam hinterher.

„Entschuldigen Sie bitte die Unterbrechung. Herr Doktor ist gerade mit anderen Patienten fertig geworden. Ich geb ihm Bescheid, dass er sich Wuffi weiter anschaut und hol Sie dann gleich“, warf Sanne kurz einen Blick ins Wartezimmer, ehe sie im Behandlungsraum verschwand und Hellen im Flur zurückließ. Die betrachtete abwechselnd die beiden Türen, hinter denen ihre Vorgesetzten waren und überlegte, ob sie nicht einfach der Routineuntersuchung des Dackels beiwohnen sollte. Allerdings würde sie bei der verunglückten Katze sicherlich viel lernen und sollte sich diese Chance daher vermutlich nicht entgehen lassen. Auch, wenn der Anblick alles andere als schön wäre - er gehörte nun mal zu ihrem Beruf dazu und so gab sie sich einen Ruck und ging weiter, als Sanne Wuffi samt Herrchen aufrief. Vorbei am Wartezimmer hatte Hellen für die andere Person, die dort saß, nur einen flüchtigen Gruß übrig. In Gedanken versuchte sie sich bereits auf das vorzubereiten, was sie gelich erwartete, doch dann wurde ihr bewusst, wem sie da gerade zugenickt hatte. Wie vom Donner gerührt blieb sie stehen und fuhr herum.

„Steffen?!“, eilte sie die wenigen Schritte zum Warteraum zurück und wurde von ihm ähnlich verwundert angeschaut, wie er von ihr.

„Hellen? Was machst du denn hier?“, sprang er regelrecht von seinem Stuhl auf und schien einen Moment zu brauchen, um ihre weiße Kleidung samt Namensschild mit ihrer Tätigkeit in Verbindung zu bringen.

„Ich arbeite hier neben meinem Studium“, trat sie näher auf ihn zu und schaute sich suchend nach seinem Tier um. Aber außer ihnen beiden war nichts und niemand mehr im Wartebereich zu sehen. Stattdessen fiel ihr Steffens Zittern und die Unruhe auf. Er presste die Kiefer aufeinander und seine Nerven schienen zum Zerreißen gespannt, während er Hellen erwartungsvoll anblickte.

„Bist du etwa der Autofahrer, der die Katze…“, begann sie und er nickte bereits eilig, kaum, dass Hellen die ersten Worte ausgesprochen hatte.

„Weißt du, was mit ihr ist? Ich will hier niemanden von der Arbeit abhalten und mit Fragen löchern, aber…“, er räusperte sich und brach den Blickkontakt ab. Erst verschränkte er die Arme vor der Brust, dann stützte er die Hände auf die Hüften. Hellen war beinahe entsetzt, ihn so aufgewühlt zu sehen.

„Hey...“, legte sie ihm die Hand auf den Oberarm und überlegte, wie sie ihn beruhigen konnte.

„Ich geh gucken, ob Frau Doktor schon was sagen kann und komm dann wieder her, okay?“, bot sie Steffen an, der dankbar nickte und sich dann wieder auf seinen Stuhl fallen ließ. Er stützte den Kopf auf seine Hände und seufzte tief aus. Für ihn war es wie eine Ewigkeit, die Hellen verschwunden blieb und auch Detlefs Nachrichten, wie der Stand der Dinge sei, machten es ihm nicht leichter.

„Ich weiß noch nichts“, murmelte er beim Tippen und sprang sogleich wieder vom Stuhl auf, als Hellen zurückkehrte.

Er hoffte das Beste, aber befürchtete das Schlimmste.

„Frau Doktor wollte gerade zu dir kommen. Sie sagte, die Kleine hat einige Blessuren und muss operiert werden, aber die Chancen stehen gut, dass sie es schafft“, antwortete sie und befürchtete, dass Steffen ihr jeden Moment aus den Latschen kippen würde. Er schloss die Augen, sackte in sich zusammen und ließ sich mit einem „Gott sei Dank“ zurück auf den Stuhl sinken.

„Ich komm natürlich dafür auf… Hauptsache, ihr gehts bald wieder gut“, murmelte er und stütze die Ellenbogen auf die Oberschenkel. Sein Kopf schien eine Tonne zu wiegen, als er ihn schwer nach vorn sinken ließ. Zögerlich nahm Hellen neben ihm Platz und betrachtete sein erschöpftes Profil.

„Ist das deine Katze?“, fragte sie und er schüttelte den Kopf.

„Nein. Keine Ahnung, wem sie gehört. Ich war mit Detlef aufm Weg zur Arbeit und auf der Bahnhofstraße zischte sie plötzlich unter einem geparkten Auto hervor. Ich hab zwar noch gebremst, aber…“, schüttelte er wieder den Kopf und rieb sich das Gesicht. Sofort waren er und Detlef aus dem Auto gesprungen und hatten mit einer Decke das verängstigte, aber wehrhafte Tier eingefangen. Während Steffen trotz Bissen und Kratzern alles daran setzte, dass die Katze nicht flüchten konnte, hatte Detlef das Steuer übernommen und sie zur nahegelegenen Praxis gebracht.

„Ich hab ihm gesagt, er soll zur Arbeit fahren und unseren Chef bitten, dass ich heut kurzfristig frei brauche. Ich könnt mich grad eh nicht auf die Arbeit konzentrieren und dann sollte ich wohl nicht unbedingt mit scharfem Werkzeug hantieren“, grinste er schief, aber Hellen konnte ihm ansehen, wie schwer die Last ihn immer noch drückte.

„Ich war nicht zu schnell, aber ich hab sie trotzdem nicht gesehen“.

Noch immer stand ihm die Fassunglosigkeit ins Gesicht geschrieben, aber Hellen legte ihm sanft die Hand auf den Rücken.

„So was kann passieren. Du hast das ja nicht extra gemacht. Und du hast sie sogar eingesammelt und her gebracht – das macht bei weitem nicht jeder. Leider“, versuchte sie ihn aufzumuntern, was jedoch nur wenig Wirkung zeigte. Vielleicht könnte sie ihn dann wenigstens ein bisschen ablenken?

„Du hast gesagt, dass sie dich gekratzt und gebissen hat – hat sich das schon jemand angeschaut?“, musterte sie seine Hände und Unterarme, die jedoch teilweise von seinen Ärmeln verdeckt waren.

„Ist nicht so wild“, murmelte er, aber Hellen schüttelte energisch den Kopf.

„Gerade Katzenbisse können gefährlich werden. Auch, wenn sie auf den ersten Blick vielleicht nicht so schlimm aussehen!“, ermahnte sie ihn und bat Steffen dann, ihr die Wunden zu zeigen.

„Hab ich ihm auch schon gesagt, aber er wollte nicht“, mischte sich da Sanne ein, die an die Wartezimmertür gelehnt stand.

„Willst du Frau Doktor helfen? Sonst geh ich jetzt rein und du könntest solange die Anmeldung im Blick behalten“, meinte sie und nickte verstehend, als Hellen das Angebot ablehnte.

„Danke, aber ich glaube, ich bleib lieber hier“, lächelte sie kurz und schaute Steffen dann wieder tadelnd an.

„Und jetzt kümmern wir uns erst mal um deine Verletzungen. Keine Widerrede!“

11.6.2024: Jubeln

„Und? Viel los gewesen in der Zwischenzeit?“, verließ Sanne das Sprechzimmer und ging zu Hellen an den Eingangstresen. Die saß gerade am PC und tippte einige Notizen ab.

„Nein, das Aufregendste war heute unser kleiner Notfall“, lehnte sie sich auf dem Stuhl zurück und schaute ihre Kollegin erwartungsvoll an.

„Wie ist es gelaufen?“

Sanne lehnte sich auf den Tresen und grinste.

„Der kleine Tiger hat sich wacker geschlagen – und Frau Doktor mal wieder Bestarbeit geleistet! Du hast echt was verpasst. Eine der Frakturen war ziemlich kniffelig. Nun heißts abwarten und schauen, ob alles ohne Komplikationen verheilt“, streckte sie sich ausgiebig und seufzte zufrieden aus.

"Wir haben sie auch schon zum Aufwachen rüber gebracht".

Hellen lächelte. Das waren gute Neuigkeiten, die Steffen bestimmte freuen würden!

„Habt ihr auch einen Chip oder ne Tätowierung gefunden?“, erkundigte sie sich weiter, aber Sanne schüttelte den Kopf.

„Also vermutlich ein Fall fürs Tierheim“, seufzte Hellen aus und Sanne nickte.

„Aber lieber Tierheim als unbehandelt oder tot“, ging sie um den Tresen herum und lehnte sich neben Hellen, um einen Blick auf den Computerbildschirm und die getippten Notizen zu werfen.

„Hey, schon alles fertig, wie ich sehe. Danke!“, klopfte sie Hellen auf die Schulter und fragte sie, ob sie auch eine Tasse Kaffee wolle.

„Ja, gute Idee. Ich komm auch mit in die Küche; nach der vielen Sitzerei kann ich einen kleinen Spaziergang gut gebrauchen“, meinte sie und schloss sich Sanne an.

„Apropos Spaziergang, hast du den schnuckeligen Handwerker wirklich zum Arzt schicken können?“, erkundigte sie sich nach einem flüchtigen Blick ins leere Wartezimmer und schmunzelte bei Hellens verdutzten Blick.

„Woher willst du wissen, dass er Handwerker ist?“, fragte die ausweichend und runzelte die Stirn, als Sanne meinte, man könne es Steffens kräftigen Händen ansehen.

„Da steht gewissermaßen drauf geschrieben, dass der Mann zupacken kann“, witzelte sie, woraufhin Hellen nur den Kopf schüttelte. Sie griff zwei Tassen aus dem Hängeschrank in der Küche und füllte sie mit dem Rest Kaffee, ehe sie neuen aufsetzte.

„Ich hab mir nur die Schrammen angeguckt, aber nicht, wie kräftig seine Hände sind“, murmelte sie und drückte ihrer Kollegin eine Tasse in der Hand.

„Und die Arbeitsklamotten hast du auch nicht bemerkt, was?“, spottete die und nahm einen großen Schluck Kaffee.

„Ehrlich gesagt: Nein. Ich hoffe nur, er ist wirklich zum Arzt gegangen und dass das Kätzchen wieder gesund wird. Mehr interessiert mich diesbezüglich nicht“, schlurfte Hellen aus der Küche und fragte die Tierärzte im Vorbeigehen, ob sie ihnen nachher eine frische Tasse Kaffee bringen solle.

„Aber ihr kennt euch doch, oder? Machte zumindest den Eindruck, vorhin“, hakte Sanne nach, als ihre Arbeitgeber außer Hörweite waren und bemerkte die leichte Röte in Hellens Gesicht.

„Wir sind kürzlich in der Stadt ineinander gerannt und daraus ergab sich dann ein Gespräch“, erklärte sie ausweichend und ließ den Blick aus dem Fenster wandern, um Sannes Schmunzeln zu ignorieren.

„So viel Glück möcht ich auch mal haben. Wenn mal jemand in mich rein rennt, dann eine alte Oma, die ihre Brille vergessen hat, aber nicht so ein schnuckeliger Typ“, grinste sie und lachte auf, als Hellen meinte, sie solle mit den Verkuppelungsversuchen aufhören.

„Er ist nett, aber ich will aktuell keine Beziehung. Also schmeiß du dich von mir aus an ihn ran“, machte sie eine wegwerfende Handbewegung und hustete fast ihren Kaffee aus, als Sanne weitersprach.

„Es muss ja nicht immer gleich ne Beziehung sein. Man kann auch einfach nur ein bisschen Spaß miteinander haben“, sagte sie lapidar und wurde von Hellen tadelnd angefunkelt. Sanne glich allerdings einer Heiligen und schaute, als könne sie kein Wässerchen trüben.

„Was?“, zuckte sie leicht die Schultern und Hellen schüttelte den Kopf.

„So was ist nichts für mich.“

„Hast du es denn schon mal ausprobiert?“

„Nein!“

Hellen verdrehte die Augen und nippte an ihrem Kaffee.

„Dann weißt du auch nicht, ob ein kleines Techtelmechtel mit unserer süßen Mumie nicht vielleicht doch was wäre“, zwinkerte Sanne und ließ sich auf ihren Stuhl sinken. Hellen aber stand kurz davor, sie zusammen zu falten.

„Was redest du denn jetzt schon wieder von Mumien?“, stellte sie missmutig die Tasse auf dem Tresen ab und stapfte zur Tür, als es klingelte.

„Und können wir das andere Thema jetzt bitte wechseln?“

Sie öffnete und schaute wie ertappt auf Steffen mit seinen bandagierten Armen. Sanne hatte nur ein breites Grinsen und vielsagenden Blick zum Fenster andreren übrig.

„Blöde Kuh“, nuschelte Hellen und trat beiseite, um Steffen rein zu lassen.

„Ich lass mich von dir nie wieder zum Arzt schicken“, murrte der zur Begrüßung und schlurfte an ihr vorbei. Hellen hob eine Augenbraue und schaute ihn fragend an.

„Zwei Stunden hab ich in der Notaufnahme wegen diesem Scheiß gesessen“, wollte er die Arme vor der Brust verschränken, aber das fühlte sich offensichtlich unangenehm an, sodass er sie doch wieder hängen ließ.

„Notaufnahme? Ich dachte, du wolltest zu deinem Hausarzt?“, meinte Hellen verwundert und bemerkte, wie Sannes Gesicht den Ausdruck einer Katze vor der offenen Milchpackung annahm.

„War wohl doch nicht so harmlos, was?“, schnurrte sie und grinste zufrieden, als Steffen ihr einen schmollenden Seitenblick zuwarf.

„Ich glaube, was der Herr gerade sagen wollte, war: Danke, dass du vermutlich dafür gesorgt hast, dass ich keine dicke Entzündung kriege“, stützte sie den Kopf auf ihre Hand und wippte zufrieden mit dem Fuß.

„Antibiotikum muss ich nehmen“, knurrte Steffen und schüttelte verständnislos den Kopf.

„Und das wirst du auch schön, bis die Packung leer ist und dein Arzt dir das OK gibt, dass du es absetzen kannst“, tippte Hellen ihm auf die Brust und zischte Sanne an, als die meinte: „Ja, sonst sorgt Schwester Hellen höchstpersönlich dafür!“

„Ich mich dir was in den Kaffee, wenn du nicht aufhörst!“, drohte Hellen, aber Sanne konnte sich damit aus der Affäre ziehen, dass gerade das Telefon klingelte und sich der nächste Patient ankündigte.

„Wie gehts denn der Katze inzwischen?“, wechselte Steffen das Thema und zog Hellens Aufmerksamkeit wieder auf sich. Sie lächelte und forderte ihn auf, ihr zu folgen.

„Sie ist hinten und hat da für die nächsten Tage ihr Quartier bezogen. Sanne hat mir grad schon erzählt, dass die OP gut verlief. Komm, wir gehen mal gucken. Danach frag ich Frau Doktor, ob sie kurz Zeit für ein Gespräch hat, wenn du möchtest“, erzählte sie und führte Steffen in einen Raum, zu dem eigentlich nur Personal Zutritt hatte. Es waren einige Käfige und Boxen darin aufgestellt, die für die operierten Tiere als Zwischenstation dienten.

„Schau mal, sie schläft sogar noch“, ging Hellen auf den einzig belegten Käfig zu und begutachtete das schwarze Knäuel mit Verband und Halskrause. Steffen stellte sich neben sie und betrachtete schweigend, was er sah.

„Dir ist gerade vielleicht noch nicht nach Jubeln zumute, aber die Kleine hat echt Glück gehabt. Lass ihr ein paar Tage Zeit, um sich von dem allen etwas zu erholen und dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus“, tätschelte Hellen ihm leicht den Arm und er nickte.

„Kann ich morgen vielleicht wieder kommen und schauen, wie es ihr geht?“, fragte er und lächelte, als Hellen ihm anbot, sich ansonsten auch bei ihm zu melden, falls in der Zwischenzeit etwas mit der Katze sein sollte.

„Ja, gern, danke. Du musst meine Nummer nur selbst tippen – ich kann das grad nicht so gut“, hielt er seine verbundenen Hände hoch und grinste schief.

„Krieg ich hin“, zwinkerte Hellen und zog ihr Handy hervor.

„Soll ich dir auch noch helfen, Detlef eine Info schicken, dass alles gut verlaufen ist?", bot sie außerdem an und ergänzte verwundert: "Was? Was schmunzelst du so?“

„Nichts. Ich dachte nur gerade, dass das sehr aufmerksam von dir ist“, zuckte Steffen leicht die Schultern und hatte trotzdem etwas im Blick, das Hellen nicht recht zu deuten wusste.

„Na ja, wenn du nicht willst…“, meinte sie, aber er nickte sogleich eifrig.

„Doch, doch, gern! Danke“.

12.6.2024: bunt

Eine angenehme Mischung aus Sonne und einem Hauch von Wind herrschte an diesem späten Nachmittag, als Steffen auf seiner neuen Bank vorm Haus saß. Er hielt die Augen geschlossen und ließ sich die Brise um die Nase wehen, als wartete er darauf, dass sie ihm ein wenig Leichtigkeit bescherte. Der Arzt hatte ihn ein paar Tage krankgeschrieben, damit seine Wunden sich – besonders mit Blick auf seine Arbeit und den anfallenden Holzstaub – nicht entzünden sollten. Diese Zwangspause war stinkend langweilig und er konnte es kaum erwarten, wieder zur Arbeit zu gehen. Aber trotzdem wünschte er sich jetzt, dass er nicht vor lauter Ödnis zum Handy gegriffen hätte, als Detlef vor knapp zwei Stunden zu Saskia losgefahren war. Seitdem drehten sich seine Gedanken und inzwischen auch einiges mehr. Er fühlte sich hundeelend und erst das Quietschen einer Fahrradbremse brachte ihn dazu, die Augen zu öffnen. Langsam richtete er den Blick auf die kleine Straße vor seinem Grundstück und betrachtete die Radfahrerin, die noch etwas unentschlossen da stand und das Häuschen betrachtete. Zögerlich schob sie ihr Fahrrad in die Einfahrt und kam näher. Als sie Steffen endlich entdeckte, legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen.

„Da bist du!“, führte sie der Weg an einem Strauch vorbei, der den jungen Mann zuvor größtenteils verdeckt hatte. Er hob die Hand zum Gruße, aber schwieg.

„Alles okay?“, ging sie bis zu ihm und stellte das Rad ab. Steffen schob die Unterlippe etwas vor und nickte.

„Ich… ich hab mich gewundert, dass du heute nicht gekommen bist, um das Kätzchen zu besuchen. Ich dachte, du wolltest zu Feierabend in die Praxis kommen und als auf meine Nachfrage keine Antwort kam, dachte ich, ich komm auf dem Rückweg mal kurz vorbei. Du hattest ja gestern deine Adresse auch mit angegeben. Das war hoffentlich okay?“, hielt Hellen sich noch immer am Lenkrad fest, um ihren Händen was zu tun zu geben. Wieder nickte Steffen und nuschelte ein kurzes „Bestens“, das Hellen irgendwie merkwürdig vorkam.

„Okay… ich dachte schon, es wäre was mit den Wunden oder so… na ja, jedenfalls… Der Kleinen gehts wirklich gut. Sie hat sich prima von der Operation erholt und frisst schon wieder. Nur ein bisschen kratzbürstig ist“, schmunzelte Hellen und wurde dann ernster, als sie Steffen länger betrachtete.

„Aber ist bei dir wirklich alles okay?“, musterte sie ihn und hatte den Eindruck, dass er etwas schwankte. Wieder nickte Steffen nur, aber als er sich vorbeugte, um unter die Bank zu greifen, dachte Hellen, sie sähe nicht richtig.

„Trinkst du gerade Bier, obwohl du Antibiotikum nimmst?“, fragte sie entgeistert, als er eine geöffnete Flasche hervorzog und sich wieder an Rückenlehne sinken ließ, damit sie ihn halten konnte.

„Und Schmerzmittel“, nuschelte er und setzte die Flasche an, aber Hellen riss sie ihm aus der Hand.

„Bist du verrückt geworden?!“, rief sie entsetzt aus und konnte nicht glauben, ihn jetzt so zu sehen. Er aber schien erst mal einen Moment zu brauchen, um zu begreifen, wohin seine Flasche verschwunden war.

„Oh, willsu auch eine?“, rappelte er sich mühsam auf und schaffte es nicht einmal, richtig zu stehen, als sein Magen plötzlich rebellierte. Hellen sprang beiseite und schüttelte verstört den Kopf. Sie ging in einem weiten Bogen zur Bank, um Steffens Handy zu greifen, das dort lag und entdeckte dabei weitere leere Flaschen.

„Hast du sie nicht mehr alle?!“, wurde es ihr langsam zu bunt und sie war geneigt, ihn einfach dort stehen zu lassen.

„Sag mir nicht, dass du die alle heute schon getrunken hast!“, machte sie ihrem Ärger Luft und spürte die wachsende Enttäuschung über Steffens Verhalten. Dabei hatte er bisher so einen sympathischen Eindruck auf sie gemacht… Angeekelt wendete sie sich ab, bis Steffen damit fertig war, sich seine Sauftour durch den Kopf gehen zu lassen. Als Ruhe einkehrte, warf Hellen zuerst einen Blick über die Schulter und drehte sich dann wieder zu Steffen, der auf die Knie gestützt da stand und keuchte. Scheinbar war er nicht ganz schlüssig, ob noch eine Ladung hinterher käme. Hellen schüttelte den Kopf.

„Ist...äh... Detlef noch auf Arbeit? Sag mir mal deine PIN, damit ich an seine Nummer komme! Ich will, dass er dich zum Arzt fährt. Das ist mir so zu gefährlich mit dir!“, knurrte sie und entsperrte das Handy, sobald Steffen ihrer Aufforderung nachkam. Sie ließ aber auch missmutig die Schultern hängen, als er ergänzte, dass der Blonde längst auf der Autobahn sei.

„Ganz toll! Weiß er, dass du dich hier besäufst?!“, knurrte sie und zischte aus, als Steffen den Kopf schüttelte.

„Dass ihr Kerle immer zum Alkohol greifen müsst!… Dann ruf ich halt nen Krankenwagen!“

Da sie Steffens Handy eh schon in der Hand hatte, wollte sei gleich damit anrufen, fluchte dann aber über die ungewohnte Handhabung und die vielen geöffneten Apps, die sich ihr in den Weg stellten. Sie warf es auf die Bank zurück und holte ihr eigenes hervor. Steffen aber fasste ihr Handgelenk mit der einen Hand und nahm ihr das Smartphone mit der anderen weg.

„Ich brauch keinen Arzt“, murmelte er und nahm auch sein eigenes Handy an sich, um dann ins Haus zu torkeln. Hellen schaute ihm fassungslos nach und zuckte zusammen, als die Tür geräuschvoll hinter ihm ins Schloss fiel.

13.6.2024: Replik

Die Kopfhörer auf den Ohren und die Augen geschlossen saß Dominik am Fenster im Flur zu den Atelierräumen. Er hing seinen Gedanken nach, die eigentlich nur die Worte der Musik wiedergaben; wie Sequenzen und Szenen aus einem Film, Erinnerungen an Erlebnisse oder das kurze Aufblitzen einstiger Träume, die immer mehr in den Hintergrund rückten, je mehr er sich in dieses Studium vertiefte. Eine Berührung am Arm ließ Dominik zusammenzucken. Er öffnete die Augen und sah Susis strahlendes Gesicht vor sich.

„Guten Morgen“, zog er mit einem verhaltenen Lächeln die Kopfhörer runter und schaltete seinen MP3-Player aus. Ja, er war noch eine dieser Personen, die nicht einfach ihr Smartphone für das Hören von Musik nutzten.

„Guten Morgen! Du bist mal wieder der Erste, was?“, grinste Susi und lehnte sich neben ihn ans Fensterbrett.

„Mein Rad wurde geklaut. Und mit dem nächsten Bus wäre ich zu spät gewesen“, antwortete Dominik und Susi runzelte die Stirn.

„Schon wieder? Ist das nicht letztlich schon mal passiert?“, fragte sie und er nickte.

„Ja, ist genau genommen sogar schon das dritte Mal, seit ich hier studiere“, murmelte er und zuckte die Schultern. Es war ärgerlich, aber sich darüber aufzuregen änderte ja auch nichts daran.

„Ich hör mal rum, ob in meinem Bekanntenkreis zufällig jemand ist, der sein Rad nicht mehr braucht und es günstig abgibt“, bot Susi an, die auch Kontakte zu älteren Studenten hatte. Einige von ihnen würden in Kürze das Studium abschließen und dann vielleicht umziehen - es wäre nicht das erste Mal, dass dabei ein Rad herrenlos zurückbliebe.

„Danke“, antwortete Dominik und drückte sich von der Fensterbank ab, als einem weiteren Tross Studenten der Dozent folgte, um ihnen das Atelier aufzuschließen. Susi grinste und Dominik stieß sie leicht mit dem Ellenbogen in die Rippen.

„Was denn?“, kicherte sie und antwortete mit einem fröhlichen „Guten Morgen!“ auf den allgemeinen Gruß des Dozenten.

„Ich find deine Schwärmerei etwas unpassend… Abgesehen davon, dass du seine Studentin bist, hast du auch einen Freund“, murmelte Dominik und folgte mit Susi in den Raum. Die aber zuckte die Schultern.

„Ich darf unseren neuen Pauker doch süß finden, wo ist das Problem? Heißt ja nicht, dass ich mich gleich an ihn ranschmeiße“, flüsterte sie und warf dem Objekt ihrer Begierde trotzdem ein zuckersüßes Lächeln zu, als sie an ihm vorbei zu ihrem Platz ging. Dominik seufzte aus und schüttelte den Kopf. Er fragte sich, wie Susi neben dem Studium überhaupt noch den Kopf für solche Sachen frei haben konnte. Ihm fiel es ja schon während seiner Nebenjobs schwer, nicht permanent an die Arbeit für die Uni zu denken. Er beobachtete Susi dabei, wie sie mit einigen Zetteln zu dem Dozenten ging und ihm darauf etwas zeigte. Es war nur ein kurzes Gespräch, aber es kam ein Gefühl in ihm hoch, das er nicht zuzuordnen wusste und das ihn irritierte. War das etwa Sehnsucht? Er schüttelte den Kopf und holte seine eigenen Unterlagen hervor, die er sorgsam neben sich ausbreitete und ausgiebig betrachtete, während er mit einem Ohr dabei zuhörte, wie der Dozent die Aufgabe für den heutigen Tag nochmals erklärte. Er hoffe, dass alle sich gut vorbereitet hätten, meinte er und rief dann dazu auf, mit der Arbeit zu beginnen. Dominik aber blieb wie festgewurzelt stehen und heftete seinen Blick auf die Unterlagen, während die anderen Studenten im eifrigen Treiben durcheinander liefen und sich ihre benötigten Materialien zusammensuchten.

„Was ist mit Ihnen? Wollen Sie nicht anfangen?“, stand plötzlich der Dozent neben ihm und Dominik nickte fast gedankenverloren.

„Ich warte kurz, bis der Bienenstock abgeebbt ist“, murmelte er und warf erst beiläufig einen Blick zur Seite, um dann erschrocken festzustellen, wie nah der Dozent wirklich neben ihm stand. Er war ein gutes Stück größer als der Student und konnte ihm mit Leichtigkeit über die Schulter schauen. Sein Profil war ebenmäßig gezeichnet, die Nase markant aber nicht zu prägnant und auf den Wangen bildeten sich feine Grübchen.

„Für Ihre Replik haben Sie sich ausgerechnet für eines von Michelangelos Meisterwerken entschieden“, schaute er fasziniert auf die Fotos und Zeichnungen des David und lachte dann herzlich auf, sodass Dominik davon zusammenzuckte.

„Aber was anderes war von Ihnen wohl nicht zu erwarten. Meine Kollegen haben mir schon in den höchsten Tönen von ihrem Können und Talent berichtet“, klopfte er Dominik leicht auf die Schulter und wendete sich mit einem „Ich freue mich auf das Ergebnis!“, von ihm ab, als ein anderer Student nach ihm rief. Dominik nickte leicht, obwohl der Dozent ihm längst den Rücken zugedreht hatte und fragte sich, woher dieses flaue Gefühl im Magen plötzlich kam.

„Ich hätte wohl doch eine Kleinigkeit zum Frühstück essen sollen“, murmelte er missmutig und visierte den Ton an, der darauf wartete, von ihm verarbeitet zu werden. Nun war keine Zeit für irgendwelche Überlegungen und Grübeleien.

14.6.2024: Edelstein

„Oh du Schöne, deine Augen leuchten wie Edelsteine, du Schönste unter den Schönen, du meine Sonne“, raunte Detlef und strich Saskia mit sanften Fingern über die Wange, während er ihr tief in die Augen blickte und sich die Lippen leckte. Sie aber lachte auf und schob ihn von sich.

„Du bist so ein Idiot! Jetzt lass mich noch kurz meine Serie zu Ende schauen und dann mach ich uns Abendessen!“, grinste sie und stellte den Ton des Fernsehers aus, weil gerade Werbung lief.

„Was denn?“, ließ Detlef sein Gesicht auf ihren Schoß sinken und umarmte ihre Hüften.

„Der wandelnde Schleimbeutel redet doch genauso geschwollen daher“, kommentierte er die schändlich von der Werbung unterbrochene Liebesszene bei Kerzenschein und klassischer Musik, die ihm kurz zuvor einen dezenten Brechreiz verpasst hatte. Saskia schüttelte den Kopf und seufzte über diesen Banausen.

„Da verstehst du nichts von!“, murmelte sie und konnte sich ein Grinsen trotzdem nicht verkneifen. Ja, „ihre“ Serie war ziemlicher Kitsch und schnulzig hoch zehn, aber sie liebte sie dennoch! Lange böse konnte sie Detlef für seine Sticheleien allerdings nicht bleiben. Als sie den Blick auf ihn richtete und sah, wie er sich gleich eines kleinen Kindes an sie kuschelte, umspielte ihre Lippen ein liebevolles Lächeln.

„War wieder ne lange Fahrt, was?“, kraulte sie ihm leicht durchs Haar und er nickte.

„Hmhm. Und den Rest des Abends bleib ich jetzt so liegen. Du bist n wunderbares Kissen“, murmelte er und grinste, als Saskia meinte, dass das schwierig würde, weil sie gleich mal für kleine Königspudel müsse.

„Wasserbett“, antwortete er darauf nur trocken und sie lachte auf.

„Du bist ein Ekel! Kommt das dabei raus, wenn man dich mit Steffen in eine WG ziehen lässt?!“, piekte sie ihm mit dem Zeigefinger zwischen die Schulterblätter, ohne ihn damit von sich herunter bewegen zu können.

„Vielleicht“, meinte er nur schmunzelnd und verzog dann das Gesicht, als sein Handy auf dem Wohnzimmertisch los bimmelte.

„Bin nicht da“, murrte er und drehte den Kopf weg, aber Saskia beugte sich vor und griff nach dem Störenfried.

„Wenn man vom Teufel spricht“, hielt sie Detlef sein Smartphone vor die Nase und der verdrehte die Augen. Er stützte sich auf und ging ran.

„Na, alter Mann? Vermisst du mich schon oder hast du mal wieder deine Chipspackung verlegt?“, murmelte er und ließ sich zurück auf Saskias Schoß sinken. Sie konnte sein Gesicht betrachten, wie er erst entspannt da lag und sich dann seine Augenbrauen immer mehr zusammenzogen.

„Wie bitte? Was?!“, riss er die Augen plötzlich auf und saß kerzengerade da.

„Was soll das heißen, mit Platzwunde am Kopf im Krankenhaus?!“, rief er aus und seine Augen schienen mit jedem Wort, das er hörte, immer größer zu werden.

„Bewusstlos?! Wie zum Henker…“, schaute er entsetzt zu Saskia, die ihn fragend anblickte und näher rutschte, um mitzuhören. Es war aber trotzdem nicht laut genug und in diesem Moment kamen beide nicht auf die Idee, den Lautsprecher anzustellen.

„Aber das kann nicht sein! Stef… ja, verstehe“, runzelte er die Stirn und schüttelte fassungslos den Kopf. Saskia betrachtete kummervoll, wie er mit jedem Wort mehr Farbe im Gesicht verlor und in sich zusammen sackte. Er stellte die Füße auf den Boden und lehnte sich vor, um die Ellenbogen auf seine Oberschenkel zu stützen.

„Nein, war absolut richtig, dass du mich angerufen hast… Ich mach mich auf den Weg, aber kann etwas dauern. Danke, ja, mach das. Bis später“, ließ er schließlich das Handy sinken und sich gegen die Rückenlehne fallen. Er brauchte einen Moment, um das Gehörte zu sortieren und den Blick zurück zu Saskias Gesicht zu finden.

„Was ist passiert?“, legte sie ihm die Hand an die Wange und streichelte leicht darüber.

„Steffen ist im Krankenhaus“, murmelte er noch immer leicht neben sich und schüttelte abermals den Kopf.

„Was?“, schlug sich Saskia eine Hand vor den Mund und er atmete tief durch.

„Das war grad Hellen, seine… seine Bekannte von der ich erzählt hatte…“, begann Detlef von vorn zu berichten.

„Nachdem ich weg war, hat er sich wohl volllaufen lassen und ist dann in der Küche gestolpert und mit dem Kopf auf die Tischplatte...“, schluckte er hart und spürte bei dem Gedanken die Übelkeit in sich aufsteigen.

„Und das so heftig, dass er bewusstlos wurde?!“, schloss Saskia aus dem Gehörte und schrak dennoch zusammen, als Detlef ihre Vermutung mit einem Nicken bestätigte.

„Ja, zum Glück war Hellen da und hat sofort den Krankenwagen gerufen“, rieb er sich übers Gesicht und sprang dann schlagartig auf.

„Sie sagte, er wird gerade untersucht und behandelt. Sie ist mitgefahren und will jetzt dort warten, bis ich zurück bin“, schob er sich das Handy in die Hosentasche und griff nach den Autoschlüsseln auf dem Tisch. Je mehr der erste Schreck verblasste, desto stärker packte ihn die Eile.

„Tut mir leid“, hielt er dennoch einen Moment inne und gab Saskia einen Kuss. Die aber griff seine Hand und schüttelte den Kopf.

„Ich komm natürlich mit. Lass mich nur kurz ein, zwei Sachen einpacken und zum Klo gehen“, stand sie auf und lief nach einem weiteren flüchtigen Kuss ins Badezimmer.

„Okay, ich hol schon mal den Wagen!“, rief Detlef ihr nach, aber er hatte noch nicht mal die Wohnungstür erreicht, als sie bereits wieder neben ihm stand und nach dem Schlüssel griff.

„Nichts da, du bist völlig erschöpft. Lass mich fahren“, meinte sie und wenige Minuten später befanden sie sich bereits auf dem Rückweg.

15.6.2024: obsolet

Das kalte Metall der Straßenlaterne drückte sich durch den dünnen Stoff der Jacke und Hellen spürte, wie sich eine Gänsehaut zwischen ihren Schulterblättern ausbreitete. Ihr Körper zitterte, aber sie wusste, dass nicht die Temperaturen Schuld daran waren. Immer wieder holte ihr Gedächtnis die Erlebnisse der letzten Stunden hoch: Die fast lähmende Angst, die sie plötzlich bei Steffens festem Griff und seiner Entschlossenheit gespürt hatte, als ihr von ihm das Handy weggenommen worden war. Der dumpfe Knall, nur wenige Momente später, kaum, dass er sich ins Haus verzogen hatte, um dann bei einem vorsichtigen Blick durchs Fenster festzustellen, dass der junge Mann bewusstlos neben einem umgekippten Stuhl am Boden lag. Die kurze Erleichterung, dass die Haustür zwar geschlossen, aber nicht verschlossen gewesen war, um dann beim Anblick des Blutes an der Ecke des Küchentischs in neue Angst zu verfallen. Die gefühlte Ewigkeit, bis der Krankenwagen eingetroffen war, während Steffen sich mehrmals übergeben hatte, verwirrt gewesen war und so benommen, dass er kaum auf Hellens Worte reagiert hatte. Die Fragen der Ärzte zu Ablauf des Unfalls, Vorerkrankungen und ähnlichem, die Steffen kaum beantworten konnte und Hellen erst recht nicht. Von dem Antibiotikum und dem Schmerzmittel hatte sie erzählt, aber was, wenn es noch weitere Medikamente gab, von denen sie nichts wusste und die Steffen nun zum Verhängnis werden könnten? Nicht einmal Detlef hatte dazu etwas gewusst.

Hellen schlang die Arme um den Oberkörper und schaute über die Straße hinweg zum Krankenhaus, diesem Kasten, der äußerlich so altmodisch, fast obsolet wirkte und innerlich alles andere als veraltet war. Nachdem sie alle Fragen so gut sie konnte beantwortet hatte, war sie eigentlich nur kurz vor die Tür gegangen, um Luft zu schnappen und Detlef zu informieren. Aber jetzt stand sie schon so lange an diese Laterne gelehnt, dass sie das Gefühl bekam, ein Teil von ihr zu werden. Sie stieß sich leicht von ihr ab, um zurück zum Eingang zu schlendern, aber je näher sie ihm kam, desto beklemmender wurde sein Anblick und im weiten Bogen schlug die den Rückweg ein. Immer in der Runde, in langsamen Schritten und mit dem Versuch, tief und ruhig zu atmen. Dabei klebte der Zeiger ihrer Armbanduhr scheinbar an seinem Platz fest und auch die Map, mit der sie zwischendurch Detlefs Fahrroute verfolgte, war alles andere als eine Erleichterung. Sollte sie Judith anrufen? Hellen schüttelte den Kopf. Die hatte wegen ihr schon genug am Hals und war fürs Erste mit der Nachricht beruhigt, dass Hellen noch in die Bibliothek gegangen sei.

Wieder hatte sie eine Runde über den Vorplatz des Krankenhauses hinter sich gebracht und spürte, wie aus Sorge langsam Unruhe wurde. Was, wenn es Neuigkeiten zu Steffen gab und sie war nicht da, um sie zu erfahren? Erst zögerlich, dann mit einem Ruck ging sie wieder hinein, steuerte das Zimmer an, in dem Arzt und Krankenschwester mit Steffen verschwunden waren und stellte bei einem erneuten Blick auf die Uhr fest, dass der Zeiger doch schon ein ganzes Stück weitergewandert war. Mit einer Mischung aus Erleichterung und Nervosität sah sie plötzlich den behandelnden Arzt über den Flur kommen. War es ein gutes Zeichen?

„Entschuldigung…“, lief sie auf ihn zu und wurde für einen Moment skeptisch angeschaut, bis er sich an sie zu erinnern schien.

„Ach, Sie wollen bestimmt wissen, was mit Ihrem Freund ist“, meinte er und rieb sich die Nasenwurzel.

„Die Untersuchungen haben soweit nichts Auffälliges ergeben. Wie eingangs vermutet scheint es nur eine Gehirnerschütterung zu sein. Inzwischen ist er auch wieder klarer und ansprechbar. Die Platzwunde haben wir mit einigen Stichen genäht; da dürfte nur eine kleine Narbe zurückbleiben. Zur Beobachtung will ich ihn trotzdem noch bis morgen hier behalten und danach braucht er ein paar Tage Ruhe. Aber das können wir morgen noch besprechen“, schloss er seinen Vortrag mit einem Nicken und rauschte an Hellen vorbei, ehe sie ihm danken oder gar fragen konnte, ob sie Steffen noch kurz besuchen dürfe.

„Ach ja und bringen Sie Ihrem Freund bei, dass man Tabletten nicht mit Alkohol runterspült!“, richtete er sich da plötzlich noch mal an sie, so laut, dass andere Patienten und Pflegepersonal aufschauten und Hellen sich fühlte, wie ein getadeltes Kind.

„Ab…“, versuchte sie zu protestieren, ohne dabei noch länger Beachtung geschenkt zu bekommen. Längst stapfte der Arzt weiter und auch die anderen Anwesenden waren schnell wieder bei ihren eigenen Problemen.

„Er ist nicht mein Freund und ich bin auch nicht sein Kindermädchen!“, wollte Hellen ihrem Frust dennoch Platz machen und schämte sich im nächsten Moment dafür. Es konnte ihr doch egal sein, was dieser Weißkittel oder sonst wer von ihr dachte! Vermutlich würde sie ihn und die anderen paar Leute nie wieder sehen! Aber mit Schrecken stellte sie fest, dass er tatsächlich stehen blieb und sich umdrehte. Allerdings kam er nicht zu ihr zurück, sondern guckte entgeistert in den Gang, an dem er gerade vorbeigelaufen war.

„Was wird das denn, wenns fertig ist?!“, rief er aus und verschwand durch die Glastür. Hellen schüttelte entmutigt den Kopf und schlurfte langsam in dieselbe Richtung, um wieder zum Eingang zu kommen. Sie war wütend und frustriert zugleich, aber auch froh, dass niemand ihr noch wegen der Worte des Arztes Aufmerksamkeit schenkte. Trotzdem hätte sie Steffen am liebsten den Kopf gewaschen! Dieser dämliche Idiot! Sollte sie an der Anmeldung nach ihm fragen oder Detlef einfach nur mitteilen, dass er seinen Kumpel am nächsten Tag abholen könne? Und wollte sie überhaupt noch auf sein Eintreffen warten? Er konnte zwar nichts für Steffens Dummheiten, aber spätestens nach der Ansage des Arztes hatte sie auch keine Lust, noch weiter hier zu bleiben.

„Gekümmert hab ich mich ja, so ist es nicht“, murrte sie in einem kleinen Anfall von Trotz und dachte auch daran, dass sie es Detlef immerhin versprochen hatte. Unschlüssig betastete sie Steffens Handy in ihrer Jackentasche und schlenderte dabei an der Glastür vorbei, durch die der Arzt gerade verschwunden war.

„Ich rate Ihnen dringend davon ab!“, hörte sie seine empörte Stimme und wurde von der Neugierde gepackt.

„Was ist denn da los?“, schwenkte sie ihren Blick und hatte den Türgriff schneller in der Hand, als sie denken konnte.

„Das kann doch wohl nicht wahr sein! Wieso liegst du nicht im Bett?!“, trat sie in den Flur und schaute entgeistert zu Steffen, der wenige Meter von ihr entfernt ans Fensterbrett gestützt stand und den Arzt genervt anstierte.

„Ihr Freund will unbedingt das Krankenhaus verlassen!“, stand der Arzt mit verschränkten Armen da und wusste den Blick ebenso gut zu erwidern. Hellen platzte der Kragen.

„Der Blödmann ist nicht mein Freund!“, ging sie auf die beiden zu und wurde von Steffen verwundert angeschaut.

„Was machst du denn hier?“, murmelte er und blinzelte einige Male.

„Ich hab dafür gesorgt, dass du nicht an deiner Kotze erstickst!“

Steffen wich leicht zurück und hob die Augenbraue. Noch immer schien er nicht zu begreifen.

„Ich hab den Notarzt gerufen, als du umgekippt bist, schon vergessen?!“, rief sie aus und er kniff die Augen zusammen.

„Herrgott, schrei doch nicht so“, murrte er und drückte sich eine Hand aufs Ohr.

„Bei so viel Unvernünftigkeit kann ich nur schreien! Erst lässt du dich volllaufen und jetzt rennst du hier durch den Flur, statt im Bett zu liegen?! Was soll das?!“, zeterte sie und der Arzt pflichtete ihr bei, dass er Steffens Verhalten nicht gutheißen konnte.

„Weil ich jetzt nach hause gehe“, murmelte Steffen und schob sich an den beiden vorbei, wankend und immer an die Wand oder das Fenster gestützt. Hellen schnaubte aus, während der Arzt meinte, dass es dann auf Steffens eigene Verantwortung geschähe.

„Ja, ja“, machte der aber nur eine wegwerfende Handbewegung und setzte seinen Weg fort.

„Dieser Idiot“, knurrte Hellen und stapfte Steffen nach. Dass der Arzt ihnen im sarkastischen Ton nachrief, dass sie den Weg ja kennen würden, wenn Steffen wieder zusammenklappte, ignorierte sie. Stattdessen wendete sie sich selbst an den Angesprochenen.

„Und wie willst du nach hause kommen? Laufen vielleicht?“, zischte sie, während Steffen sich zum Ausgang kämpfte.

„Ich ruf n Taxi“, murmelte er und blieb immer wieder kurz stehen, um die Augen zusammen zu kneifen oder durchzuatmen.

„Geht schlecht, ich hab dein Handy“, meinte Hellen triumphierend und erntete dafür ein leises Brummen.

„Frag ich halt an der Anmeldung“, murmelte Steffen und seufzte aus, als das Foyer endlich erreicht war. Jetzt hatte er es nicht mehr weit.

„Hat keine Eile. Detlef ist auf dem Weg hierher, also kannst du dich auch wieder ins Bett legen, bis er hier ist“, sagte Hellen mit triumphierender Note in der Stimme und trat bei Steffens verärgerten Blick doch einen Schritt zur Seite.

„Wie bitte?“, blieb er stehen und stierte sie an.

„Ich hab ihn angerufen“, spürte sie den kurzen Moment der Überlegenheit schwinden und zuckte erst recht zusammen, als Steffen die Stimme erhob.

„Was soll das denn?! Wieso mischst du…“, wollte er aufbrausen, aber der Kopfschmerz hielt ihn offensichtlich davon ab. Er kniff die Augen zusammen und presste sich eine Hand an den Kopf, während er leicht an die Wand sackte. Hellen kam zögerlich näher und hob die Hände, als könne sie ihn im Notfall auffangen, obwohl sie eigentlich genau wusste, dass er viel zu schwer für sie war.

„Steffen, bitte geh ins Bett!“, versuchte sie nochmals auf ihn einzureden, aber er ging gar nicht darauf ein.

„Der Junge hat doch schon eine stundenlange Fahrt hinter sich, da musst du ihn doch nicht für so einen Kleinkram wieder her rufen!“, murrte er und schob sich weiter voran.

„Sag ihm Bescheid, dass er nicht zu kommen braucht!“

Hellen aber schüttelte den Kopf.

„Ich hab ihn direkt nach der Ankunft im Krankenhaus angerufen. Er ist schon fast hier“, meinte sie und wurde von Steffen entgeistert angeschaut.

„Kümmer dich doch einfach um deinen Kram“, murmelte er und verdrehte die Augen, als er nochmals den Arzt rufen hörte.

„Auch das noch. Bleibt mir denn gar nichts erspart?“, seufzte er aus und guckte leicht über die Schulter, um dann verwundert zu Hellen zu schauen, als die ihm sein Handy an die Brust drückte.

„Hier. Und wenn du die Katze doch noch besuchen willst, dann tu mir den Gefallen und komm Dienstag. Da hab ich meinen freien Tag“, zischte sie und stapfte davon, während der Arzt Steffen gerade erreichte, um ihn ein Formular unterschreiben zu lassen.

„Hiermit erklären Sie, dass Sie sich auf eigene Verantwortung entlassen“, hielt er ihm Stift und Papier unter die Nase und beobachtete mit Argusaugen, dass Steffen auch ja seine Unterschrift verewigte.

„Bitteschön“, reichte der dem Arzt die Sachen zurück und nickte gelangweilt, als er nochmals zu hören bekam, dass er sich schonen solle.

„Ja, ja“, meinte er und ignorierte den abschätzigen Blick seines Gegenübers.

„Immer wieder interessant, dass die größten Idioten die attraktivsten Frauen an ihrer Seite haben“, nahm der Arzt den Zettel an sich und verstaute den Stift in seiner Kitteltasche, um sich dann wieder auf den Weg zu machen. Steffen runzelte die Stirn und schaute ihm nach. Moment mal...

„Haben Sie mich grad als Idioten bezeichnet?“, rief er ihm verdattert nach, ohne eine Antwort zu bekommen. Hatten sich denn gerade alle gegen ihn verschworen? Wieder machte sich sein Kopfweh bemerkbar und er konnte es gar nicht erwarten, die automatische Eingangstür endlich hinter sich zu lassen. Raus aus diesem Getümmel von Verletzten und weißen Kitteln und weg von dem Geruch der Sterilität und Krankheit. Gierig sog er die frische Luft in sich auf und torkelte hinüber zu einer Bank, die er gerade noch rechtzeitig erreichte, ehe seine Beine nachgaben. Er ließ sich mit einem Seufzen auf die Holzbretter fallen und stützte sich auf die Oberschenkel.

„Ich dachte, du wolltest nach hause“, murmelte er an Hellen gerichtet und hielt sich den Kopf. Fast einer Statue gleich saß sie neben ihm, die Arme vor der Brust verschränkt und die Beine überschlagen. Nur das nervöse Wippen ihres Fußes zeigte, dass sie nicht aus Stein oder Metall war.

„Mein Fahrrad steht noch bei euch. Ich konnte im Krankenwagen mitfahren und möchte jetzt nicht den ganzen Weg zu Fuß nach hause oder zurück, um das Rad zu holen“, antwortet sie verschnupft und Steffen nickte leicht, ehe er es schaffte, die Augen wieder zu öffnen.

„Würde ich allein im Dunkeln auch nicht wollen“, nuschelte er und spürte, wie die Erschöpfung an ihm nagte.

„Detlef fährt dich bestimmt nach hause. Wenn nicht mach ichs“, rieb er sich das Gesicht und kassierte einen vielsagenden Seitenblick von Hellen.

„Da fahr ich lieber selbst und bring euch den Wagen morgen zurück“, meinte sie und er zuckte leicht die Schultern.

„Wäre legitim“, murmelte er und lachte kurz auf, als sie trocken hinzufügte, dass sie keinen Führerschein habe. Von langer Dauer war das Lachen allerdings nicht, weil der Schmerz ihn wieder von hinten überfiel.

"Autsch, mein Kopf..."

"Selbst Schuld!"

16.6.2024: tänzeln

Seufzend und brummend rutschte Steffen auf der Bank herum. Sie war nicht unbedingt für langes Sitzen gemacht und es fiel ihm immer schwerer, eine Position zu finden, die seinem Kopf einigermaßen schmeichelte.

„So langsam könnte er kommen“, murmelte er und versuchte mit tiefen Atemzügen die Übelkeit zu unterdrücken, die der Kopfschmerz immer wieder hervorrief.

„Vielleicht sollten wir doch ein Taxi rufen“.

Hellen musterte ihn von der Seite, ohne, dass Steffen es mitbekam, weil er die Augen kaum noch offen halten konnte.

„Es erwartet ja keiner, dass du nach dem Sturz gleich wieder durch die Gegend tänzelst, aber du solltest dich wenigstens aufrecht und sicher von A nach B bewegen können – und das ist definitiv noch nicht der Fall. Ich versteh einfach nicht, warum du dich so weigerst, die Nacht über hier zu bleiben; besonders, wenns eh schon so spät ist“, meinte sie, aber Steffen schüttelte den Kopf, was inzwischen mehr einem Wanken als einer gezielten Geste gleichkam.

„Mein Großvater ist hier gestorben. Ich will hier nicht bleiben“, nuschelte er und rieb sich das Gesicht.

„Ich hasse Krankenhäuser“.

„Ich glaub, niemand ist gern im Krankenhaus, aber manchmal gehts nun mal nicht anders. Die Kratzer hast du doch auch behandeln lassen…?“, überschlug Hellen die Beine in anderer Reihenfolge und spürte, dass auch ihr das Sitzen langsam unbequem wurde. Steffens Mundwinkel zuckte.

„Auch nur, weil mein Hausarzt meinte, dass bei einer Entzündung meine Hände unbrauchbar werden können. Kommt bei nem Handwerker nicht so gut, oder?“, antwortete er sarkastisch und lehnte sich wieder vor, um den Kopf in die Hände zu stützen.

„Kommt wohl bei niemandem gut“, entgegnete Hellen und stand auf, um sich die Beine etwas zu vertreten, indem sie vor Steffen auf und ab ging. Mittlerweile fragte auch sie sich, wie lange Detlef wohl noch brauchen würde.

„Hat er sich noch mal gemeldet?“, fragte sie.

"Mein Arzt?"

"Nein, Detlef natürlich!"

Steffen zuckte die Schultern und zog sein Handy aus der Hosentasche, um es ihr hinzuhalten.

„Hier, ich kann das grelle Licht grad nicht haben“, nuschelte er und es schien ihn schon anzustrengen, für den kurzen Moment den Arm gehoben zu halten.

„Kipp mir bloß nicht noch mal um“, murmelte Hellen und nahm das Smartphone, um kurz darauf ernüchtert auszuseufzen.

„Was ist?“, wollte Steffen wissen und merkte, wie sie sich wieder neben ihm auf die Bank fallen ließ.

„Du hattest den Nicht stören-Modus drin…“, meinte sie und Steffen antwortete, dass der sich zur Schlafenszeit immer automatisch aktivierte.

„Detlef hat zweimal versucht anzurufen und dann ne Nachricht geschickt, dass er im Stau steht“, murmelte Hellen und bekam von Steffen ein „Ist nicht dein Ernst“ zu hören.

„Doch. Da war wohl kurz vor der Ausfahrt ein Unfall und er kam nicht mehr passend von der Autobahn runter.“

„Wann hat er geschrieben?“

„Vor ner halben Stunde“

„Na großartig.“

Steffen sackte weiter zusammen, während Hellen sich entschied, Detlef anzurufen.

„Hi, tut mir leid, dass ich mich jetzt erst melde“, sagte sie und berichtete ohne Umschweife von Steffens Dummheiten.

„Der kippt hier gleich wieder aus den Latschen, aber er will einfach nicht zurück ins Krankenhaus. Ich hab schon überlegt, ob man ihn nicht einfach am Bett festbinden kann“, sagte sie trocken und stand auf, als Steffen ihr das Handy wegnehmen wollte.

„Ich bin doch nicht unzurechnungsfähig, ich will einfach nur zuhause pennen!“, murrte er und versuchte ihr zu folgen, aber er musste sehr schnell feststellen, dass das nicht klappte.

„….Und offensichtlich einen Arschtritt von mir kassieren!“, polterte da Saskia durch den Lautsprecher los und Hellen hob fragend die Augenbrauen. Steffen aber wimmerte und schüttelte den Kopf.

„Detleeef! Wieso bringst du denn meine Cousine mit?“, jammerte er und Hellen begann bei deren Antwort zu schmunzeln.

„Weil er sich im Gegensatz zu dir nicht wie ein verantwortungsloser Trottel aufführt, der trotz Erschöpfung den ganzen Weg wieder zurück fährt und weil dir wohl mal jemand gehörig den Kopf zurechtsetzen muss!“

„Reicht das nicht vom Telefon aus? Musst du dafür extra her kommen?“, protestierte Steffen, so gut er konnte und kniff die Augenbrauen zusammen. Diese Kopfschmerzen!

„Damit du mich auf stumm stellst, während ich mir den Mund fusselig rede?! Vergiss es!“, zischte Saskia und Steffen fühlte sich schändlich verraten, als Detlefs Lachen zu hören war.

„Du bist genauso schlimm wie…“, begann er zu murren und verschluckte den Rest des Satzes bei einem ertappten Blick zu Hellen.

„Wie ich? Wolltest du das gerade sagen?“, schmälerte die die Augen und sein Schweigen war ihr Antwort genug.

„Sei lieber froh, dass sie sich um dich gekümmert hat, du Hornochse!“, zeterte Saskia und Hellen wich mit einem Schritt zur Seite Steffens erneutem Versuch aus, das Handy zu bekommen.

„Was ist eigentlich in dich gefahren?! Du bist doch sonst kein Schluckspecht! Gings mal wieder um Esther?!“, rief Saskia aus und weckte damit Steffens müde Geister.

„Okay, das reicht jetzt!“, wollte er mit Schwung aufstehen, verlor dabei aber nur das Gleichgewicht und sackte, an Hellen geklammert, auf die Knie.

„Pass doch auf!“, rief sie aus und versuchte, von ihm nicht mit zu Boden gezogen zu werden.

„Was ist los?“, wollten Saskia und Detlef wie aus einem Mund wissen, während Hellen froh war, dass gerade niemand sah, wie dieser erwachsene Mann so jämmerlich vor ihr kniete – das Gesicht an ihren Bauch gedrückt und einen Arm um ihre Hüften gewickelt, damit er irgendwie Halt fand, während seine andere Hand orientierungslos in der Luft nach dem Smartphone suchte, um dann doch erschöpft zu Boden zu sinken.

„Wunder Punkt, wie mir scheint“, meinte sie nur als Antwort und legte das Handy auf die Bank, als Steffen zur Seite sackte, um sich auf den Hosenboden zu setzen. Sie ging in die Hocke und versuchte ihn, so gut es ging zu halten, während er sich an die Sitzfläche lehnte.

„Ja, kann ich mir vorstellen!“, maulte Saskia und machte ihrem Ärger Luft.

„War dieses männermordende Miststück mal wieder in der Stadt und hat dich nach dem Vögeln rausgeschmissen?! Lass doch endlich die Finger von dieser blöden Kuh! Die spielt doch bloß mit dir!“, meckerte sie, während Detlef etwas diplomatischere Töne anschlug.

„Ich versteh zwar, dass du sie nicht leiden kannst, aber dass sie sich nur für das Eine bei ihm meldet, hat sie ihm offen gesagt. Wenn er sich trotzdem drauf einlässt…“, war sein gleichgültiges Schulterzucken regelrecht zu hören.

Steffen knurrte und bekam endlich sein Handy zu greifen.

„Könnt ihr euch mal aus meinem Liebesleben raushalten?!“, hielt er es fest umklammert, damit Hellen es ihm nicht wieder wegnehmen konnte und wies die beiden Plappermäuler zurecht, dass sie das nicht alles vor der jungen Frau breittreten mussten. Während Detlef Einsicht zeigte und von seinem schlechten Gewissen geplagt wurde, ließ Saskia sich allerdings noch lange nicht den Mund verbieten.

„Dann hättest du dich nicht so bescheuert aufführen sollen! Und schon mal dran gedacht, wer dein tagelanges Selbstmitleid immer abbekommt, wenn Esther dich mal wieder in den Wind geschossen hat?!“, keifte sie und ergänzte ein „Ist doch wahr!“, als Detlef meinte, dass es nun gut sei.

„Hey, der Stau löst sich langsam auf! Ich denke, wir sind spätestens in einer Stunde bei euch!“, versuchte er das Thema zu wechseln und die dicke Luft zu verscheuchen.

„Schon gut, ich laufe“, knurrte Steffen allerdings und bekam von seiner Cousine zu hören, dass er nicht die eingeschnappte Leberwurst spielen solle.

„Gut, dass du dich noch nie vor Liebeskummer abgeschossen hast“, verpasste er ihr eine Antwort, die ihre Wirkung dieses Mal nicht verfehlte. Er konnte sich bildlich vorstellen, wie Saskia einen ertappten Blick zu Detlef rüber warf und sich vielleicht auch an die vielen Nachrichten erinnerte, in denen sie Steffen während der Trennung ihr Herz ausgeschüttet hatte.

„Ja, wie gesagt, spätestens in einer Stunde sind wir bei euch“, meinte sie kleinlaut, aber Hellen grätschte plötzlich dazwischen, als Detlef gerade auflegen wollte.

„Ich glaub nicht, dass er noch so lange hier draußen sitzen kann. Ich bring ihn mit dem Taxi nach hause und warte dann da, bis ihr kommt, okay?“, schlug sie vor und hatte den Eindruck, dass alle drei mit diesem Vorschlag mehr als einverstanden waren.

„Okay, dann bis später. Und wenn er noch mal Blödsinn macht, verpass ihm einfach ne Kopfnuss. Du weißt schon: Leichte Schläge auf den Hinterkopf und so“, konnte Saskia sich eine kleine Stichelei zum Abschluss doch nicht verkneifen und untermalt von Detlefs Lachen verfiel das Handy in monotones Tuten.

„Das kann ja heiter werden. Habt ihr in der Praxis noch ein Körbchen frei, in dem ich mich vor ihr verstecken kann?“, ließ Steffen das Smartphone sinken und trotz des Scherzes zeigte das Zittern seines Arms, wie viel Anstrengung ihn die letzten Minuten gekostet hatten.

„Dafür ist Familie nun mal da: Um uns auf den Geist zu gehen und in schwierigen Zeiten zu unterstützen“, meinte Hellen und kontaktierte das Taxiunternehmen.

„Ich dachte, das wäre die Aufgabe von Freunden“, witzelte Steffen, als sie auflegte und grinste, weil er Hellen damit ein Schmunzeln abringen konnte.

„Idealerweise von beiden“, antwortete sie und legte sich seinen Arm um die Schultern.

„Was wird das?“, fragte er, verwundert über die wachsende Nähe und Hellen hob die Augenbraue.

„Ich glaub kaum, dass der Taxifahrer dich mit nimmt, wenn du hier aufm Boden rumhockst. Also los, hilf mal mit, dass wir dich wieder auf die Bank kriegen. Der in der Zentrale sagte mir grad, dass in spätestens fünf Minuten ein Wagen kommt. Du willst doch einen guten Eindruck machen, oder?“, meinte sie und bekam die kecke Rückfrage, ob er das nicht immer tue.

„Du hast dir echt böse den Kopf angestoßen, oder?“, konterte sie und war selber erstaunt, dass sie Steffen mit vereinten Kräften hoch gestemmt bekamen. Er aber lächelte.

„Danke“, murmelte er, während er sich zurücklehnte und die Augen wieder schloss.

„Nicht dafür. Aber ab morgen wirst du auf Diät gesetzt“, antwortete sie trocken und brachte ihn damit wieder zum lachen.

„Au! Gemein!“, hielt er sich den Kopf, um dann ernster zu ergänzen: „Nein, ich meins Ernst. Danke für deine Hilfe“. Hellen betrachtete ihn einen Moment schweigend und nickte schließlich. Sie öffnete die Lippen, um etwas zu sagen, doch dann hielt sie inne.

„Oh, da kommt das Taxi schon“, rutschte sie stattdessen wieder näher und legte sich erneut Steffens Arm um die Schultern.

„Na, dann wollen wir dich mal heile da rein bugsieren“.

17.6.2024: Münze

Völlig erschöpft sank Hellen auf den kleinen Hocker neben Steffens Bett, der normalerweise der Ablage seiner Klamotten diente. Die Schuhe hatte sie ihm noch ausgezogen, aber der Rest konnte so bleiben wie er war. Sie wunderte sich immer noch darüber, dass der Taxifahrer nach viel Skepsis dann doch auf ihre Geschichte eingegangen war, in der Steffen eine Flasche über den Kopf gezogen bekommen habe, wei er sie vor einem aufdringlichen Typen beschützen wollte...

„Das wärs noch gewesen, wenn der sich geweigert hätte, uns mitzunehmen, damit du ihm nicht im Suff ins Auto reiherst, du Schnapsleiche“, murmelte sie mit einem Blick zu Steffen, der gleich eingeschlafen war, als sein Körper die Matratze berührt hatte. Nun zeugten sein tiefer Atem und das gelegentliche leisen Schnarchen von einem festen Schlummer.

„Zum Glück dürften die Beiden auch gleich da sein“, warf Hellen einen Blick auf ihr Handy und spürte, dass ihre Müdigkeit inzwischen schon so groß war, dass sie Kopfschmerzen und Verspannungen davon bekam. Sie stand auf, rieb sich den Nacken und die Schultern und schlenderte dabei durchs Haus. Licht spendete ihr die Lampe in der Küche, deren Strahlen mehr oder minder auch in einige der anderen Räume fielen. Es war hell genug, um etwas zu sehen, aber auch nicht so grell, um Steffen womöglich wieder zu wecken. Vorbei an Detlefs Zimmer warf sie nur einen flüchtigen Blick in seine vier Wände. Ein wenig interessiert war sie zwar, wie das alte Häuschen jetzt nach der Renovierung aussah – bei einem Spaziergang war sie vor ein paar Wochen mal mit Judith hier vorbei gekommen und hatte von der gehört, um was für eine ehemalige Bruchbude es sich handelte – aber sie wollte auch Detlefs Privatsphäre nicht zu sehr stören. An der Wand gegenüber des Bettes sah sie das Regal, von dem er im Baumarkt gesprochen hatte und darauf einige Fotos und eine gerahmte Münze. Welche Bedeutung die wohl hatte? War sie besonders wertvoll oder erinnerte sie ihn an einen geliebten Menschen? Sie zuckte die Schultern und beschloss, sich nicht zu viele Gedanken darüber zu machen – schließlich ging es sie nichts an. Stattdessen erkundete sie das Wohnzimmer, indem sie diesen Raum sogar einige Schritte weit betrat und die Einrichtung genauer musterte. Überall war die Handschrift des Fachmanns zu erkennen. Es gab moderne Elemente, die sie an Richards Wohnung erinnerten, aber auch viele aus Holz gefertigte Möbelstücke. Vorsichtig fuhr sie mit den Fingern über den massiven Wohnzimmerschrank und fragte sich, ob Steffen oder Detlef den wohl auch selbst gebaut hatten.

„Wow, das ist schon bewundernswert…“, murmelte sie und erschrak beim Klang einer Autotür.

„Wir können die Sachen auch nachher aus dem Auto holen!“, war Saskia zu hören und stand bereits in der Küche, als Hellen um die Ecke bog.

„Hi! Au man, war das eine Fahrt!“, begrüßte sie die Retterin in der Not und stellte sich ihr mit Handschlag vor.

„Hellen“, nickte die Angesprochene und überlegte, ob sie fragen solle, wie die restliche Fahrt verlaufen sei. Sie entschied sich aber dagegen – allein der Stau dürfte schon nervig genug gewesen sein.

„Er ist direkt eingeschlafen“, fühlte sie sich ein wenig wie beim Babysitting und ging langsam hinterher, als Saskia zu Steffens Zimmer eilte. Kopfschüttelnd blieb die in der Tür stehen und lehnte sich an die Zarge.

„Der kann ja froh sein, dass er pennt, sonst hätte ich ihm jetzt gehörig den Marsch geblasen“, knurrte sie und seufzte aus.

„Wart da lieber noch mit. Er soll sich erst mal ein paar Tage schonen“, meinte Hellen und lehnte sich ihrerseits an die Wand.

„Dass du da so ruhig bleiben kannst…“, schaute Saskia sie verwundert an und Hellen zuckte die Schultern.

„Hauptsache ist doch, dass er sich jetzt erholt. Dass ich die Aktion nicht gut fand, weiß er, aber er hat jetzt die Kopfschmerzen, nicht ich“, antwortete sie und auch wenn Saskia ihr beim letzten Teil zustimmte, machte der erste sie trotzdem fuchsig.

„Wenn der Blödmann mal die Finger von diesem blonden Gift lassen würde, bräuchte er sich gar nicht von irgendwas erholen!“, konnte sie ihre Stimme nur mit Mühe gesenkt halten und stemmte die Hände auf die Hüften.

„So schlimm wie heute wars noch nie, aber das geht inzwischen so lange und immer wieder…“, wollte sie gerade anfangen vom Leder zu ziehen, als Hellen die Hände hob und sie mit einem „Stopp, stopp, stopp“ unterbrach.

„Ich wills nicht hören. Von dem, was ich so mitbekommen hab, kann ich deinen Ärger ja verstehen, aber es geht mich nichts an und…“, sie ließ die Hände sinken und war offensichtlich kurz unschlüssig, ob sie ihre Gedanken wirklich laut aussprechen sollte. Aber dafür hatte sie schon zu viel gesagt.

„Und?“, hakte Saskia nach, ohne dass Hellen einschätzen konnte, wie die wohl auf das reagieren würde, was nun kommen sollte.

„Ehrlich gesagt find ichs nicht gut, dass du ihn so vorführst“, murmelte sie und sah Saskias Augenbrauen nach oben schießen.

„Mir ist im Eifer des Gefechts auch schon mal was rausgerutscht, klar. Ich denke, das ist jedem schon mal passiert. Aber das jetzt… das geht echt zu weit. Ich würd auch nicht wollen, dass man mein Liebesleben einfach so vor anderen ausbreitet“, schob sie die Hände in die Gesäßtaschen und wurde von Saskia ausgiebig gemustert.

„Ärgert dich das denn nicht? Also… die ganze Sache heute?“, nickte die vielsagend zu Steffen und machte eine Trinkgeste. Hellen runzelte die Stirn und schüttelte leicht den Kopf.

„Na, ich hätte mir schon was Schöneres vorstellen können, als meinen Abend so zu verbringen. Aber das Eine hat doch mit dem Anderen nichts zu tun“, antwortete sie und stellte irritiert fest, dass Saskia plötzlich zufrieden grinste.

„Was ist?“

„Hut ab“, meinte Detlefs Freundin und stieß sich von der Zarge ab, um Hellen im Vorbeigehen auf die Schulter zu klopfen.

„Ich glaub, die Wenigsten hätten sich diese Gelegenheit jetzt entgehen lassen, um ihrem Ärger über den Dummkopf mal richtig Luft zu machen oder wenigstens ein bisschen Drama und Infos zu bekommen!“, kicherte sie und schlurfte zurück Richtung Küche, wobei sie fast in Detlef rannte, der um die Ecke im Flur stand und lauschte. Er runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf, wohingegen Saskia nur zuckersüß lächelte und unschuldig die Schultern hob.

„Drama hab ich selbst genug und wenn ich mir das Maul über andere zerreiße, ist damit auch keinem geholfen“, trottete Hellen hinterher und merkte in ihrer Müdigkeit nicht, dass sie Saskia die perfekte Steilvorlage für Fragen lieferte. Als auch sie um die Ecke bog und Detlef entdeckte, reagierte der aber schnell genug, um seiner Freundin zuvor zu kommen und das Thema umzulenken.

„Hi, Hellen! Danke für deine Hilfe!“, sagte er eilig und machte eine wegwerfende Handbewegung, als sie sich ihrerseits für seine Rückkehr bedankte.

„Das war ja wohl selbstverständlich, aber dass du dich die ganze Zeit so um ihn gekümmert hast – das hätte bestimmt nicht jeder für einen fast Fremden gemacht“, lächelte er, obwohl auch ihm die Müdigkeit anzusehen war.

„Ich hab dein Rad schon mal ins Auto gepackt. Komm, ich fahr dich fix nach hause“, sprach er weiter und Hellen schüttelte eilig den Kopf.

„Nein, das ist nicht nötig. Ich habs gar nicht so weit! Aber Danke für das Angebot“, lächelte sie beschämt und wurde noch roter, als Saskia das zum Anlass nahm, sie nach dem Grund ihres ursprünglichen Besuchs zu fragen.

„E… eigentlich wollte ich ihm nur von der Katze berichten und hab ihn dann auf der Bank…“, stotterte sie und Saskia nickte langsam.

„Das ist aber ein netter Service“, grinste sie und bekam von Detlef die Hände auf die Schultern gelegt.

„Das reicht jetzt, mein Schatz, dir steigt schon wieder der Energy zu Kopf“, murmelte er, gab ihr einen Kuss auf den Scheitel und unterbrach dann weitere Protestversuche ihrerseits.

„Ich fahr jetzt Hellen nach hause und du lauf mal kurz ein paar Runden ums Haus, damit du gleich nicht wie ein Duracellhase durchs Bett hüpfst. Wenn ich wieder komme, möchte ich nämlich schlafen“, schmunzelte er und schüttelte den Kopf, als Saskia vorschlug, dass sie doch fahren könne.

„Du bist ne gute Fahrerin, aber im Moment auch etwas aufgedreht und kratzbürstig", ließ er ein wenig durchblicken, dass die Fahrt - angetrieben von gehörig Koffein, um die vielen Stunden gut hinter sich zu bringen - wohl nicht unbedingt die erholsamste gewesen war. Saskia gab nur ungern nach, aber letztlich hatte sie auch keine Lust auf eine Diskussion mit ihrem Freund.

"Ich fahre und jetzt Schluss mit den Widerworten – gilt auch für dich!“, deutete der im gespielten Ernst auf Hellen, die abermals aufbegehren wollte und nickte dann mit einem „Komm“ zur Haustür. Seufzend gab sie sich geschlagen, verabschiedete sich kurz von Saskia und ging Detlef dann nach. Ganz wohl war ihr damit nicht, aber sie war auch froh, jetzt nicht noch die halbe Stunde mit dem Rad fahren zu müssen.

„Was hat eigentlich das Taxi gekostet?“, fragte Detlef auf dem Weg zum Auto und drückte Hellen den genannten Betrag in die Hand, als sie eingestiegen waren.

„Ich vermute mal nicht, dass Steffen das in seiner Verfassung noch geschafft hat“, grinste er schief und steckte das Portemonnaie zurück in die Hosentasche, während Hellen mit einem „Ist schon okay“ ablehnen wollte. Aber Detlef schüttelte den Kopf und startete den Motor.

„Nein, das ist das Mindeste. Genauso, wie es das Mindeste ist, dass wir dich jetzt nicht noch um die Uhrzeit mit dem Rad nach hause fahren lassen. Wo müssen wir hin?“, ließ er sich die Adresse nennen und fuhr los, während Hellen hoffte, dass dieser Tag nun endlich seinen Abschluss finden würde.

18.6.2024: virulent

Dominik lag in seinem Zimmer im ersten Stock und hatte das Gefühl, dass alle Möbel sich um ihn drehen würden. Er fühlte sich einerseits so heiß, dass es ihm klebrig und feucht aus jeder Pore drang und andererseits konnte ihn jeden Moment wieder die Kälte überfallen und ins Schlottern versetzen. Sein Mund war ausgetrocknet, aber es schien, als würde die Wasserflasche unendlich weit weg stehen.

„Ich muss aufstehen“, krächzte er und presste vor Halsschmerz die Augenlider zusammen.

„Komm… schon…!“, stützte er sich mit aller Kraft hoch, um wenigstens ins Sitzen zu kommen, aber sofort sackte er wieder ins Kissen. Sein Körper war nie der kräftigste gewesen, aber jetzt schien er weich wie Gummi und keinen einzigen Knochen mehr zu haben. Er spürte, wie er langsam ins Dämmern verfiel und sich wirre Gedanken in seinen Kopf schlichen. Irgendjemand rief seinen Namen und hämmerte auf etwas. Erst, als er wieder und wieder gerufen wurde, schreckte er hoch, um sich sogleich wieder wie im Traum zu fühlen.

„Dominik!“, stand Susi vor ihm und schaute ihn sorgenvoll an. Ihm war, als nicke sie jemandem an der Zimmertür zu – war das seine Vermieterin gewesen? Ehe er sie richtig erkennen konnte, war die Person verschwunden.

„Meine Güte, du siehst ja furchtbar aus!“, meinte Susi und eilte zum Fenster, um frische Luft rein zu lassen.

„Susi?“, fragte er und war noch immer unsicher, ob er nicht träumte.

„Ich hab mir Sorgen gemacht, weil du die letzten beiden Tage nicht in der Uni warst und auch nicht auf meine Nachrichten reagiert hast“, ging sie wieder näher auf ihn zu und fragte ihn, ob er etwas trinken oder essen wolle.

„Ich muss arbeiten“, brachte er irgendwie hervor und spürte abermals den Schmerz tausender Klingen im Hals.

„Arbeiten?!“, rief Susi aus.

„Du bist gar nicht in der Lage dazu! Und ansteckend bist du vermutlich auch!“, hielt sie immer ein wenig Abstand zu ihm und hatte schon bei Betreten des Zimmers eine Maske aufgesetzt.

„Ich bin nicht… virulent…“, versuchte er zu protestieren und endlich aufzustehen, doch noch immer war es nicht von Erfolg gekrönt. Susi schüttelte den Kopf und griff sein Handy.

„Ja, na klar... Nein, nein da, du kurierst dich erst mal aus! Welchen Hausarzt hast du? Dann bitte ich ihn, her zu kommen. In dem Zustand kann ich dich nicht durch die halbe Stadt in die Praxis schleppen! Hast du immer noch deinen Geburtstag als Pin?“, meinte sie und wollte auch gleich noch seinen Arbeitgeber informieren.

„Ist… nicht nötig“, murmelte Dominik, aber seine Vermieterin übertönte ihn mit Leichtigkeit.

„Doktor Hagedorn. Bei dem sind fast alle hier in der Gegend“, kam die ältere Dame mit einem Tablett bewaffnet ins Zimmer und gesellte sich zu ihnen. Plötzlich duftete es würzig und als sie den Deckel vom Topf hob, kam eine frisch gekochte Hühnersuppe zum Vorschein.

„Ich hab Sie die ganze Nacht husten hören und die heute Morgen ganz früh aufgesetzt, damit sie schön durchziehen kann. Jetzt stärken Sie sich erst mal, junger Mann“, meinte sie und befüllte einen Teller, während Susi sich um die Anrufe kümmerte und kurz darauf berichtete, dass der Arzt im Laufe des Nachmittags vorbeikommen werde.

19.6.2024: Lichterglanz - Archiv

Es war keine lange Fahrt, aber das schweigende Sitzen und Starren aus dem Fenster genügten bereits, um Hellens Kopf auf Reisen zu schicken. Immer wieder spannen sich neue kleine Gedankenfäden, die auf halbem Wege abrissen und ihr ihre Müdigkeit bewusst machten. Ihr Oberstübchen fühlte sich seltsam beduselt an und ihre Augen konnten sich nicht einmal mehr richtig auf den Lichterglanz der Sterne konzentrieren, den sie durch die Scheibe erahnte und in anderen Nächten stundenlang beobachtet hatte. Erst Detlefs Stimme zog sie aus diesem leichten Dämmerzustand und brachte sie dazu, sich noch einmal etwas mehr aufs Hier und Jetzt zu fokussieren.

„Ich glaube, ich muss mich entschuldigen“, meinte er plötzlich in die Stille hinein und Hellen drehte ihm verwundert den Kopf zu.

„Du hast doch nichts gemacht“, murmelte sie und betrachtete sein Profil, das sich nur schwerlich von den Schatten und Konturen außerhalb des Wagens abhob.

„Ich meine für Saskia und Steffen. Die Beiden haben heute vermutlich nicht den allerbesten Eindruck hinterlassen und das tut mir sehr leid. Normalerweise sind sie nicht so“, sprach er weiter und nachdem Hellen darauf nicht antwortete, ergänzte er: „Steffen ist eigentlich kein Trinker und Saskia ist eigentlich niemand, der so öffentlich schmutzige Wäsche wäscht oder…“

„… oder versucht fremde Leute auszufragen?“, unterbrach Hellen ihn und konnte schemenhaft sein Nicken erkennen.

„Ich denke, da sind die Emotionen ein bisschen hoch gekocht – und das Koffein“, feixte er, um dann ernster hinzuzufügen: "Du hast ja schon mitbekommen, dass das ein etwas schwieriges Thema ist“.

Hellen ließ das Gehörte ein wenig auf sich wirken und blickte dabei wieder aus dem Fenster.

„Warum erzählst du mir das?“, fragte sie schließlich und wendete sich wieder Detlef zu, der gerade die nächste Kreuzung durchfuhr und ihrem Zuhause immer näher kam.

„Tja, wie soll ich sagen? … Ich fänd es schade, wenn du nach heute ein schlechtes Bild von Steffen hättest und ihn nicht mehr sehen möchtest“, nahm er noch eine Kreuzung und drosselte dann das Tempo etwas, um das Gespräch nicht jäh mit Erreichen des Ziels abreißen zu lassen.

„Warum?“, wollte Hellen wissen und war noch immer nicht sicher, in welche Richtung Detlefs Ambitionen gingen. Der druckste ein wenig herum, ehe er ihr die Frage beantwortete.

„Du hast scheinbar einen guten Einfluss auf ihn“, kam er endlich mit der Sprache heraus und auch wenn Hellen zunächst schwieg, konnte er sich ihren skeptischen Gesichtsausdruck scheinbar bildhaft vorstellen, sodass er von selbst weitersprach.

„Dass du es sogar geschafft hast, ihn wegen der Kratzer zum Arzt zu schicken, ist schon was!“, meinte er und lachte.

„Als ich auf Arbeit Bescheid sagte, dass er ein paar Tage krankheitsbedingt ausfällt, sind die fast aus allen Wolken gefallen. Einer meiner Kollegen meinte sogar, dass Steffen sich vor ein paar Jahren wohl mal mit der Nagelpistole in die Hand geschossen hatte und selbst da erst zum Arzt ging, als der Chef darauf bestand“, gluckste er und schüttelte den Kopf über seinen Freund. Dass Hellens zeitweises Schweigen ihm unangenehm war, wurde zunehmend offensichtlicher. Es war fast, als könne er die Stille nicht mehr ertragen, nachdem er sie nun einmal gebrochen hatte.

„Von daher… ja, ich… ich denke einfach, dass der Kontakt mit dir Steffen gut tut und… und würd mich freuen, wenn der jetzt nicht abreißt, weil er sich so daneben benommen hat“, sprach er darum auch weiter und musste trotz seiner Verzögerungstaktik erkennen, dass Judiths Haus nun in Sicht kam. Es war das einzige in der Straße, bei dem um diese Zeit noch in einem Fenster Licht brannte und als Detlef davor hielt, konnte er erkennen, wie sich jemand im Zimmer bewegte.

„Ich glaube, du wirst erwartet“, wechselte er darum das Thema und obwohl er erwartet hätte, dass Hellen sofort aus dem Wagen gesprungen wäre, blieb sie sitzen. Nun fragte er sich, ob sie eingeschlafen war, aber da antwortete sie mit einem „Ja“. Beim Blick zur Seite konnte er erkennen, wie sie vorgebeugt da saß und zum Fenster hinauf schaute, ehe sie sich zurück gegen die Rückenlehne sinken ließ. Sie schaute auf ihre Hände auf dem Schoß und dann hinüber zu Detlef.

„Ich muss mir das alles erst mal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Und sacken lassen“, griff sie plötzlich das vorherige Thema wieder auf und er nickte eifrig.

„Ja, na klar!“, sagte er und konnte verstehen, dass dieser Abend etwas viel auf einmal gewesen war. Aber warum blieb sie noch immer sitzen?

„Eins sag ich aber sofort dazu“, begann sie von Neuem und versuchte ihre Gedanken geordnet und gebündelt wieder zu geben.

„Ich hab die Nase voll von Männern, die sich besaufen…“, meinte sie und hob die Hand, als Detlef Anstalten machte, sich dazu zu äußern – sie konnte sich schon denken, dass er es als Ausrutscher beteuern wollte.

„… und ich will aktuell definitiv keine Beziehung. Ich will mich auf meine Arbeit und mein Studium konzentrieren und mehr nicht“.

Sie ließ die Hand sinken und nach kurzem Zögern nickte Detlef.

„Es muss ja nicht immer gleich auf eine Beziehung hinauslaufen. Ich finde, eine Freundschaft ist doch auch was sehr Schönes. Im Gegenteil, ich hab das Gefühl, dass gute Freundschaften viel zu oft unterschätzt werden“, meinte er und dieses Mal war Hellen es, die nickte.

„Jedenfalls vielen Dank, dass du mich gefahren hast“, zeigte sie durch den Themenschwenk, dass die Unterhaltung für sie jetzt beendet war und sie stiegen aus, um das Rad aus dem Kofferraum zu holen.

„Hab ich gern gemacht“, meinte Detlef und klappte gerade die Kofferklappe hinunter, als die Haustür aufflog und Judith im Morgenmantel auf den Bürgersteig gelaufen kam.

„Was ist passiert?“, musterte sie erst ihre Schwester auf Verletzungen und warf Detlef dann einen skeptischen Blick zu. Der hob unbeholfen die Hand und grinste schief – wollte Hellen ihr die Wahrheit erzählen?

„Sein… sein Kumpel hat sich verletzt und ich hab ihn ins Krankenhaus gebraucht“, meinte die und Judith betrachtete den jungen Mann noch kritischer.

„Sind Sie auch Student?“, wollte sie wissen und hakte bei Detlefs verwunderten Kopfschütteln nach, ob er dann die Regale in der Bibliothek repariert habe.

„Da haben doch nur Studenten und Unipersonal Zutritt, soweit ich weiß“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und wurde von Detlef noch irritierter angeschaut. Hellen seufzte aus und legte Judith die Hände an die Oberarme.

„Ich war nicht in der Bib“, gestand sie und ihre Schwester schnaubte geräuschvoll aus.

„Und warum hast du mich dann belogen?“, wollte sie wissen.

„Weil ich dir das nicht alles am Telefon erklären wollte“, antwortete Hellen und Detlef bestätigte, dass Steffen sich tatsächlich verletzt hatte.

„Können wir da bitte nachher drüber reden, wenn ich etwas geschlafen hab? Und vor allem… drinnen? Die Nachbarn geht das ja nichts an“, fragte Hellen und trotz ihres Argwohns nickte Judith. Detlef konnte ihr ansehen, dass sie unschlüssig war, ob sie ihm fürs Heimfahren ihrer kleinen Schwester danken oder ihn verfluchen sollte. Mit bescheidenem Lächeln hob er die Hand zum Gruße und trollte sich zur Fahrertür.

„Also, dann gute Nacht“, meinte er und Hellen wünschte ihm eine gute Heimfahrt.

„Da bin ich ja mal gespannt“, murmelte Judith und griff das Fahrrad, um es in den Hausflur zu schieben. Hellen schaute dem Wagen noch kurz dabei zu, wie er wendete und dann kurz darauf hinter der nächsten Biegung verschwand.

„Endlich schlafen“, rieb sie sich das Gesicht, schloss die Haustür hinter sich und trottete Judith die wenigen Stufen hinterher, die sie jetzt noch von ihrem Bett trennten.

„Brauchst du irgendwas?“, musterte die ihre Schwester nochmals bei Licht und konnte ihre Besorgnis kaum verhehlen. Dass Hellen auch schon mal länger in der Bibliothek blieb oder sich kurzfristig mit einer Kommilitonin traf, war nicht ungewöhnlich – auch, wenn sie sich dann normalerweise bei Judith meldete, wenn es sehr spät wurde oder sie bis zum nächsten Tag weg blieb. Aber dass sie jetzt plötzlich mitten in der Nacht und ohne Vorwarnung von einem Fremden nach hause gefahren wurde?

„Mir gehts wirklich gut. Ich bin nur furchtbar müde. Morgen erklär ich dir alles, versprochen“, umarmte die Jüngere sie kurz und schleppte sich dann in ihr Zimmer. An der Tür stehend konnte Judith mit ansehen, wie Hellen gerade noch Jacke und Schuhe ausgezogen bekam, um dann in die Kissen zu sinken und sich in die Decke zu kuscheln.

„Wenn was ist, weißt du ja, wo ich bin. Du kannst mich auch gern wecken“, meinte Judith und griff nach der Türklinke, als Hellen nickte. Zögerlich zog sie die Tür bis auf einen kleinen Spalt zu.

„Na gut, dann… gute Nacht“, murmelte sie und ging zu ihrem eigenen Schlafzimmer, nachdem Hellen diesen Gruß erwidert hatte.

19.6.2024: Gaming

Der Schlaf war nicht unbedingt erholsam gewesen, aber dringend notwendig, um dem Körper ein wenig Ruhe zu gönnen. Immer wieder hatten ihn wirre Träume heimgesucht und halb zurück in die Wachwelt geholt, sodass es ihm jetzt umso schwerer fiel, sich vom Schlummer zu verabschieden. Er kniff die Augen zusammen, betastete den schmerzenden Kopf und fragte sich, ob die leise Melodie irgendeinem Traum geschuldet war, in dem er noch halb festhing. Es war kein Lied mit Instrumenten und Gesang, wie er es vom Radio aus der Küche gewohnt war, sondern eine Aneinanderreihung einfacher Töne, teils piepsig, teils laut wie direkt an sein Ohr gehalten. Unter leisem Brummen öffnete er ein Auge und erblickte den Störenfried.

„Wieder am Zocken?“, murmelte Steffen und schaute auf Saskia, die neben ihm im Sessel saß. Das schwere Ding konnte sie nur mit Detlefs Hilfe aus dem Wohnzimmer bekommen haben. Hoffentlich hatten sie keine Kratzer auf dem Dielenboden verursacht? Autsch, der Kopf tat wieder mehr weh…

Die Angesprochene schaute auf und grinste.

„Na? Willst du auch mal?“, streckte sie ihm ihr Handy entgegen, aber er schüttelte – so gut er konnte – den Kopf.

„Gaming ist nicht meins“, murrte er und Saskia zuckte die Schultern.

„Keine Ahnung, ob man Handyspiele unbedingt als Gaming bezeichnen kann…“, steckte sie ihr Smartphone in die Hosentasche und setzte sich auf die Bettkante.

„Wie fühlst du dich?“, fragte sie und strich Steffen leicht über den Rücken. Er hatte fast die ganze Zeit auf dem Bauch geschlafen und jetzt fühlte sich sein Nacken steif und schmerzend an.

„Wie seh ich denn aus?“, war seine Antwort eine Gegenfrage und als Saskia meinte „beschissen“, musste er leise lachen.

„Dann weißt du ja, wie ich mich fühle“, murmelte er und richtete sich langsam auf, um von seiner Cousine das Kissen am Kopfende hochgeschoben zu bekommen und sich vorsichtig mit dem Rücken daran zu lehnen.

„Wie spät ist es inzwischen?“, fragte er nach einigem Blinzeln und einem Blick aus dem Fenster. Es war taghell.

„Gleich Mittag“, meinte Saskia und Steffen nickte vorsichtig.

„Willst du was trinken? Bierchen vielleicht?“, wollte sie wissen und lachte, als er das Gesicht verzog.

„Bloß nicht!… Aber ein Wasser wäre schön“, murmelte er und rieb sich das Gesicht. Er hatte nie einen Kater gehabt und fragte sich jetzt, wie viel Schuld der Alkohol an seinem Zustand hatte und wie viel der Sturz.

„Du weißt noch, was passiert ist?“, fragte Saskia, während sie ihm von der Kommode Wasserflasche und Glas holte, die sie bereits vor Stunden bereitgestellt hatte und ihm nun eingoss. Wieder nickte er leicht.

„Ich denke schon“, meinte er und leerte das dargebotene Glas in tiefen Zügen. Saskia allerdings verschränkte die Arme vor der Brust und legte den Kopf schief.

„Dann weißt du also auch noch, dass du im Krankenhaus blankgezogen hast und mit einem Laken „Gespenst“ gespielt hast?“

Steffen verschluckte sich und begann zu husten.

„W...was?“, stammelte er, ehe der nächste Huster an seiner Lunge und seiner Wunde zerrte. Saskia konnte sich das Lachen nicht verkneifen.

„Tut mir leid!“, rieb sie ihm den Rücken und löste den bitterbösen Scherz auf.

„Warum tust du das?!“, röchelte Steffen und hielt sich den Kopf. Saskia packte zwar das schlechte Gewissen, aber das Kichern konnte sie sich trotzdem nicht verkneifen.

„Strafe muss sein!“, meinte sie schmunzelnd und ließ sich wieder neben ihm aufs Bett sinken, um dann die Arme um seine Schultern zu schlingen und ihn an sich zu ziehen.

„Du hast mich echt einen Schrecken eingejagt. Mach das nie wieder, verstanden?“, nuschelte sie, das Gesicht an seinen Oberarm gepresst und spürte, wie er ihren Unterarm tätschelte.

„Dafür versprichst du mir, keine solchen Scherze mehr mit mir zu treiben. Zumindest nicht im Moment“, antwortete er und fühlte seinerseits ihr Nicken.

„Abgemacht“, löste sie sich von ihm und musterte Steffens Gesicht, ehe sie ihm leicht über Wange und Verband strich.

„Den sollten wir wohl noch etwas dran lassen, was?“, fragte sie und Steffen runzelte die Stirn.

„Warum?“, wollte er wissen und wieder fing Saskia an zu grinsen.

„Weil der Rest von dir jetzt mal dringend ne Dusche gebrauchen könnte!“

20.6.2024: Phänomen

Lustlos saß Steffen am Küchentisch und rührte mit dem Löffel genauso desinteressiert in seinen Cornflakes herum. Er hatte kaum davon gegessen, noch immer ein flaues Gefühl im Magen und der platte Mais wurde zunehmend zu einer pappigen Masse. Immer wieder dachte er, alle Geschehnisse der letzten Nacht seien in sein Gedächtnis zurück gekehrt und musste dann doch wieder feststellen, wie weitere Puzzlestücke zurück in seinen Kopf purzelten. Puzzlestücke, deren Fehlen ihm vorher gar nicht bewusst gewesen war und die nicht nur schmerzten, sondern auch anstrengend und teilweise peinlich waren.

"Nicht zu fassen", murmelte er und rieb sich das Gesicht, weil ihm besonders sein Kniefall vor Hellen keine Ruhe ließ. So elend wie in diesem Moment hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt und seine Laune hob es auch nicht, als Detlef vom Einkauf zurückkam und Saskia von der Wäscheleine zu ihm rüber hüpfte wie ein verliebter Teenager.

„Viel los gewesen?“, konnte er sie durch die offene Hintertür hören und drehte den Kopf vom Fenster weg, als sie Detlef die Arme um den Hals schlang und ihn küsste.

„Ach, im Supermarkt selbst gings, aber die blöden Baustellen im Moment… Gerade bei der an der Bahnhofstraße staut sich momentan alles, aber die Umleitung über den Mühlenweg ist ja fast genauso lang“, meinte der Angesprochene und machte sich an der Kofferklappe zu schaffen.

„Soll ich dir auspacken helfen?“, fragte Saskia, aber Detlef lehnte ab.

„So viel ist es nicht. Kannst ruhig erst die Wäsche zu ende aufhängen“, antwortete er, um sich dann nach Steffen zu erkundigen.

„Unser Patient ist noch ein bisschen benommen und neben der Spur, aber er hat immerhin schon geduscht und saß vorhin am Küchentisch, als ich rausgegangen bin“, berichtete Saskia und sprach mit jedem Schritt, den sie sich von Detlef entfernte, lauter. Dessen Antwort war nicht zu hören – vermutlich nickte er nur und richtete stattdessen wenige Augenblicke später das Wort persönlich an Steffen.

„Na, alter Mann? Wie fühlst du dich?“, kam er in die Küche und stellte die Einkaufstüten auf den Tisch.

„Nenn mich nicht immer so“, knurrte der Ältere und verzog das Gesicht, aber Detlef ließ sich davon nicht beirren.

„Also meckern kannst du zumindest schon wieder“, stellte er zufrieden fest und begann, die Einkäufe wegzuräumen. Dabei führte ihn sein Weg allerdings auch an Steffen und dessen Schüssel vorbei.

„Cornflakes? Mit Milch?“, zog Detlef die Stirn in Falten und konnte Steffens Augenrollen erkennen.

„Na ja, mit Kaffee sicherlich nicht“, murrte er und stützte das Kinn auf eine Hand.

„Soll man bei Antibiotikum die Milch nicht weg lassen?“, wollte Detlef wissen, aber Steffen zuckte nur die Schultern.

„Keine Ahnung“, murmelte er und schob mit einem „Hab eh keinen Hunger mehr“ die Schüssel von sich. Detlef blieb neben ihm stehen und musterte seinen Kumpel, der bei Tageslicht nicht viel besser aussah als in der Nacht zuvor.

„Es ist wirklich ein Phänomen, dass du noch alle Gliedmaßen hast und aufrecht stehen kannst, so wie du manchmal auf deinen Körper achtest“, sagte Detlef und Steffen verdrehte erneut die Augen.

„Ich geh wieder ins Bett“, nuschelte er und stützte sich hoch, aber ehe er auch nur ansatzweise aufgestanden war, hatte Detlef ihn bereits gepackt und in eine Umarmung gezogen.

„Was zum…“, wollte Steffen im ersten Moment protestieren, doch dann begann er zu begreifen... Hatte der Jüngere sich so große Sorgen um ihn gemacht? Zögerlich hob Steffen die Hände und legte sie Detlef auf den Rücken. Es verging eine Weile, in der sie so dastanden und sich anschwiegen.

„Ich pass künftig besser auf mich auf“, murmelte Steffen schließlich und bekam ein zufriedenes Grinsen geschenkt, als Detlef die Umarmung löste.

„Ich erinner dich dran!“, meinte er und lachte, als Saskia mit dem leeren Wäschekorb ins Haus kam und wissen wollte, was los sei.

„Dein Cousin hat Besserung gelobt!“, grinste Detlef und wandte sich wieder den Einkäufen zu. Saskia zeigte sich allerdings skeptisch.

„Glaub ich erst, wenn ichs sehe“, streckte sie Steffen die Zunge raus und boxte ihm im Vorbeigehen leicht auf den Oberarm.

„Hey, ich bin verletzt. Etwas sanfter bitte!“, murrte der mit einem leichten Lächeln auf den Lippen und fragte Detlef, ob er ihm helfen solle. Der aber lehnte auch - oder erst recht - bei Steffen ab.

„Du sieh erst mal zu, dass du wieder auf die Beine kommst!“, hatte er die restlichen Einkäufe schnell verstaut und gönnte sich dann einen schönen Schluck Limonade. Steffen stand die ganze Zeit über nur schweigend an die Arbeitsplatte gelehnt und schaute abwechselnd zu Detlef und auf den Boden, während Saskia für einen Moment ins Badezimmer verschwunden war.

„Na los, raus mit der Sprache, was bedrückt dich?“, fragte Detlef schließlich und lehnte sich Steffen gegenüber an den Tisch. Wieder kehrte ein kurzer Moment der Stille ein.

„Hellen war vermutlich ziemlich sauer, oder?“, brach Steffen dann sein Schweigen und presste die Lippen aufeinander. Detlef wiegte den Kopf.

„Begeisterung sieht anders aus, aber ich glaub, sie war in erster Linie ganz schön müde“, antwortete er und beruhigte Steffen, als der besorgt fragte, ob sie etwa noch mit dem Rad nach hause gefahren sei.

„Ich hab sie gesund und munter bei ihrer Schwester abgeliefert. Und gleich noch ein gutes Wort für dich bei Hellen eingelegt“, zwinkerte Detlef und grinste, als Steffen ihn überrascht anschaute.

"Wirklich?... Danke!", blinzelte er einige Male ungläubig und wurde von Detlef schnell wieder auf den Boden der Tatsachen geholt.

„Ob es was geholfen hat, weiß ich allerdings nicht. Sie war sehr zurückhaltend“, sprach er weiter und klopfte Steffen aufmunternd auf die Schulter, als die Enttäuschung auf dessen Gesichtszüge zurückkehrte.

„Hey, Kopf hoch! Das wird schon!“, meinte Detlef und erntete nur ein halbherziges Nicken von Steffen.

„Ändern kann ichs jetzt eh nicht mehr“, murmelte er und seufzte. Detlef schüttelte den Kopf. Genug war genug! Sein Finger schnellte hoch und in Steffens Seite, sodass der zusammenzuckte.

„Meine Güte, bist du aktuell ein Miesepeter!“, tadelte er den Älteren und wiederholte das Manöver.

„Heh, lass das!“, beschwerte sich Steffen und wollte ausweichen, aber da stand schon Saskia mit einem dicken Grinsen neben ihm.

„Diese Stelle ist viel besser!“, meinte sie zu Detlef und fing an, Steffen mit beiden Händen zu kitzeln.

„Hör auf!“, versuchte der zwar noch zu protestieren, aber spätestens, als auch Detlef richtig loslegte, hatte er keine Chance mehr. Sie machten so lange weiter, bis Steffen Tränen lachte und kaum noch Luft bekam. Erst dann ließen sie von ihm ab, griffen ihm unter die Arme und bugsierten ihn zurück auf seinen Stuhl.

"So gefällst du mir schon viel besser!", grinste Saskia, während Steffen vor lauter Schnappatmung kaum ein Wort herausbekam.

„Ihr… Arschgeigen!“, japste er so gut es ging und wurde von den beiden wieder angegrinst.

„Immer zu Diensten!“, deutete Detlef eine Verneigung an, während Steffen erschöpft zusammen sackte und einige Male tief durchatmete. Sein Kopf!...

„Nie wieder! Sonst schlaft ihr demnächst in der Hundehütte!“, drohte er, aber sein Schmunzeln zeigte, dass sich seine Laune trotz der gestiegenen Schmerzen tatsächlich gebessert hatte.

"Na, dann streng dich mal an, alter Mann! Bevor du das schaffst, musst du wohl erst wieder richtig gesund werden, sonst kommst du gegen uns nicht an!", stützte Detlef die Hände auf die Hüften und schaute Steffen herausfordernd an. Der aber verschränkte die Arme vor der Brust und meinte schmunzelnd: "Warts nur ab, sobald ich wieder fit bin, kannst du was erleben!"

21.6.2024: kühlen

Im Vergleich zu seinem vorherigen Besuch fühlte Steffen sich an diesem Vormittag wie im Bienenstock. Im Minutentakt klingelte das Telefon, kamen Patienten in die Praxis oder verließen sie wieder, gab es große Freudenschreie und kleine Dramen. Er hatte keinen Termin und auch keine Priorität, sodass er bereits seit fast einer Stunde im Wartezimmer saß und zwischen dem aufmerksamen Beobachten seiner Umgebung und dem verträumten Rückzug in seine Gedankenwelt hin und her pendelte.

„Mist, ich hab mich verbrannt!“, war zwischen dem Getümmel an der Anmeldung und den wartenden Patienten auf dem Flur Sannes Stimme als einzig bekannte zu vernehmen.

„Wie ist das denn passiert?!“, rief ihre Kollegin hinterm Tresen quer über den Gang, während sie eine Abrechnung fertig machte und einen neuen Termin absprach.

„Bin blöd an die Kaffeemaschine gekommen“, murrte Sanne und lief zurück zur Anmeldung, wobei sie ihre Hand schüttelte und immer wieder auf ihren Finger pustete.

„Am besten kühlen“, antwortete ihre Kollegin, aber Sanne schien alles andere als begeistert.

„Ach, das war eigene Schusseligkeit!“, murmelte sie und steckte sich den Finger in den Mund.

„Du hast aber auch Katzenpfötchen!“, schmunzelte ihre Kollegin über Sannes empfindliche Hände und suchte dem nächsten Patienten das zuvor bestellte Medikament aus dem Schrank hinter sich.

„Dosierung ist ja bekannt, nicht wahr?“, wechselte die Packung den Besitzer und nach einem kurzen Austausch war bereits der nächste an der Reihe.

„Kommst du kurz ohne mich aus? Dann halt ich den Finger doch mal kurz ins Kühlfach“, meinte Sanne und eilte wieder über den Flur, um dann nur wenige Minuten später in der Tür zum Wartezimmer aufzutauchen und den nächsten Patienten herein zu rufen.

„Herr Römer? Sie können mit Daisy in Zimmer zwei“, sprach sie den älteren Herrn zu Steffens Linken an und schaute dann verwundert auf den jungen Mann.

„Oh! Auch wieder da?“, grinste sie und Steffen hob die Hand. Bisher hatte er an diesem Tag nur mit ihren Kolleginnen zu tun gehabt.

„Besuchen Sie die kleine Kratzbürste?“, huschte Sanne kurz zu Steffen rüber und er nickte.

„Wollt mal sehen, wie es ihr geht“, antwortete er und zog seine Mütze etwas tiefer, damit der Verband weiterhin verdeckt blieb.

„Im Moment gehts wie im Taubenschlag zu, aber wir haben in… einer dreiviertel Stunde Mittagspause. Spätestens dann wirds ruhiger“, warf Sanne einen flüchtigen Blick auf ihre Armbanduhr und lief dann Herrn Römer hinterher, um bei der Untersuchung seines Kaninchens zu helfen.

Steffen konnte sich gar nicht vorstellen, dass es in der kurzen Zeit tatsächlich möglich sein sollte, die restlichen Patienten zu bedienen, aber Sanne sollte recht behalten. Zwar gingen sie mit ein paar Minuten Verspätung in die Pause, aber als sie die Praxistür gegen 12 Uhr verschloss, war Steffen der Einzige, der noch im Wartezimmer saß. Ganz angenehm war ihm das allerdings nicht.

„Ich will Sie nicht von der Pause abhalten“, stand er auf und trat auf den Flur.

„Ich kann auch später wieder kommen“, bot er an, aber Sanne schüttelte den Kopf und machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Nein, ach was! Hellen freut sich bestimmt, Ihnen zu zeigen, wie gut Tiger sich gemacht hat!“, lachte sie und Steffen spürte, wie sich sein Magen verknotete.

„Hellen?“, murmelte er und fühlte sich, als wäre er gerade Zeuge eines Unfalls: Quälend lange Sekunden konnte er nur zuschauen und weder mit einer Bewegung noch mit Worten irgendetwas tun, während sich die Tür zu einem der Behandlungsräume öffnete und Sanne schon beim Betreten des Flurs Hellen hinüber rief.

„Du hast Besuch!“, war sie für alle Anwesenden gut zu vernehmen und verschwand dann wie ein Tornado, der alles in Chaos gestürzt hatte, mit einem Lächeln in einen der hinteren Räume. Steffen aber merkte, wie alle neugierig zu ihm und Hellen hinüberschauten und vor allem, dass Hellen offenbar alles andere als begeistert war. Sie stand einen Augenblick wie angewurzelt da, musterte Steffen und löste sich dann mit einem tiefen Atemzug aus ihrer Versteinerung. Sie ging direkt auf ihn zu, den Blick fest auf ihn gerichtet und ohne den Anflug einer Emotion im Gesicht. Steffen hob zögerlich, fast unbeholfen die Hand und murmelte ein leises „Hallo“, während er noch immer unsicher war, ob sie nicht vielleicht einfach wortlos an ihm vorbeirauschen würde.

„Hi“, blieb sie dann doch vor ihm stehen und schob die Hände in die Gesäßtaschen ihrer weißen Hose. In ihren Augen lag eine Mischung aus Neugierde und Aufforderung.

„Ich… ich dachte, du hast dienstags frei…“, nuschelte Steffen wie ein ertappter Schuljunge und sein Blick ging auf Wanderschaft nach einem Kalender an der Wand. Den fand er zwar nicht, aber zumindest stellte er erleichtert fest, dass nicht mehr alle Augen auf sie beide gerichtet waren.

„Hab ich mich im Tag vertan…?“

Hellen schüttelte den Kopf und Steffen schaute wieder sie an.

„Nein, das passt schon. Ich musste wegen der Uni kurzfristig die Schicht tauschen. War aber auch ganz gut, bei dem Andrang heute“, meinte sie und Steffen nickte leicht.

„Ja… ich hab schon gesagt, ich kann auch wann anders wieder kommen“, murmelte er, aber auch Hellen lehnte dieses Angebot ab.

„Ist ganz gut, dass du heut da bist. Allzu lange werden wir Tiger nicht mehr hier behalten“, deutete sie mit einem Nicken an, dass Steffen ihr folgen sollte und führte ihn zu dem bandagierten Fellknäuel.

„Hattest du den Unfall bei der Polizei gemeldet?“, fragte sie unterwegs und versicherte sich im Vorbeigehen kurz, ob noch irgendwo ihre Hilfe gebraucht wurde.

„Ja und im Tierheim hatte ich auch Bescheid gegeben, falls sich jemand meldet“, antwortete Steffen, was das Stichwort für die Tierärztin zu sein schien. Sie trat auf den Flur, begrüßte Steffen und begleitete die Beiden zu dem kleinen Patienten.

Inzwischen in Gesellschaft zweier anderer Katzen, eines Kaninchens und einer Ratte, saß Tiger in ihrem Käfig und maunzte zur Begrüßung, als sich die Zimmertür öffnete.

„Sie ist sehr gesprächig!“, schmunzelte die Tierärztin und erklärte Steffen, wie es dem Kätzchen inzwischen ginge. Noch müsse es sich schonen und dürfe nicht frei herum laufen, bis die Wunden verheilt wären, aber es bestand auch kein Anlass, die kleine Fellnase noch länger in der Praxis zu behalten.

„Ehrlich gesagt…“, deutete sie vielsagend auf die vollen Käfige und Boxen, die kaum noch Platz für Neuzugänge boten und Steffen nickte verstehend.

„Und wie gehts jetzt mit ihr weiter?“, fragte er und die Ärztin seufzte aus.

„Wenn sich der Besitzer nicht herausfinden lässt, dann müssen wir sie dem Tierschutz übergeben“.

Wieder nickte Steffen und schaute in Tigers Käfig. Ruhig saß das Kätzchen da, beobachtete ihn aus wachen Augen ganz genau und maunzte ab und an. Bei diesem Anblick war es ein Wunder, dass diese kleine Samtpfote ihn vor einigen Tagen noch so zerkratzt hatte.

„Und wenn ich mich um die Kleine kümmere?“, fragte Steffen plötzlich und konnte Hellens verwunderten Blick sehen. Die Tierärztin schmunzelte allerdings – es war nicht das erste Mal, dass sie sich in dieser Situation befand.

„Haben Sie denn Erfahrung mit Katzen?“, wollte sie wissen und Steffen zuckte leicht die Schultern.

„Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Eine Hauskatze hatte ich selbst zwar noch nicht, aber meine Schwester hat seit Jahren drei Stück und bei meinen Großeltern hab ich immer Hofkatzen um mich herum gehabt. Das war eigentlich schön…“, murmelte er und lächelte bei dieser Erinnerung leicht.

„Tiger ist auf jeden Fall eine Dame mit Charakter. Aber ich denke, Sie haben bereits festgestellt, dass nicht nur ein Schmusekätzchen ist, sondern auch zeigt, wenn ihr was gegen den Strich geht", betrachtete die Ärztin Steffens zermackte Arme.

"Wenn Sie sich um sie kümmern wollen, müssen Sie gut darauf achten, dass sie die nächste Zeit nicht das Haus verlässt. Und sie muss gechippt werden“, sagte sie außerdem und klärte Steffen über weitere Punkte auf, die es im Falle einer Adoption zu beachten gab. War er sich wirklich der Verantwortung bewusst, die er damit übernahm und konnte er dieser auch tatsächlich gerecht werden? Mit allem, was dazu gehörte?

„Ich denke, das schaffe ich“, sagte er schließlich, auch, wenn ihm ein bisschen schwindelig wurde, als er hörte, wie teuer die Operation und bisherige Behandlung der Verunfallten ausgefallen waren.

„Am besten erkundigen Sie sich für die Zukunft, welche Konditionen Sie bei einer Tierkrankenversicherung hätten. Wir können Ihnen dazu einige Infos mitgeben“, bot die Ärztin an und übergab den Rest vertrauensvoll in Hellens Hände.

„So, jetzt muss ich aber kurz noch was essen, bevor es gleich wieder los geht. Ich freue mich, dass Sie sich um Tiger kümmern möchten. Eine Transportbox können wir Ihnen leihen. Und kommen Sie die Tage noch mal zur Nachkontrolle und zum Fädenziehen rein – lassen Sie sich dazu am besten vorn einen Termin geben“, schüttelte sie Steffen die Hand und wünschte Hellen dann einen schönen Feierabend, ehe sie aus dem Raum verschwand.

„Danke! Bis morgen!“, rief Hellen ihrer Chefin nach und wendete sich Steffen zu, als sie sicher war, dass niemand sonst noch in Hörweite war. Er bemerkte ihre wachsamen Blicke zur Tür und wunderte sich, was sie ihm sagen wollte.

„Sicher, dass das im Moment nicht ein bisschen viel für dich ist?“, fragte Hellen dann mit einem Fingerzeig zu Tiger und Steffen nickte.

„Die nächsten Tage bin ich eh noch krank geschrieben und den ganzen Tag zuhause. Außerdem hab ich aktuell ja Unterstützung", grinste er schief und rieb sich den Nacken, ehe er eilig erwähnte, dass er natürlich nicht selbst zur Praxis gefahren sei.

"Saskia hat mich heute morgen erst zum Hausarzt geprügelt, damit er sich meine Rübe noch mal anguckt und danach hatte ich sie gebeten, mich hier abzusetzen", erzählte er mit einem Lächeln, das jedoch schnell wieder verschwand, als Hellen darauf keine Reaktion zeigte. Stattdessen musterte sie ihn und den Verband, der aus ihrem Blickwinkel unter der Mütze hervorblitzte. Auch fiel ihr auf, dass ihn das Gespräch mit der Ärztin offenbar erschöpft hatte. Sein Gesicht war fahl und sein Blick müde. Sie seufzte leicht aus und blickte hinüber zum Fenster.

„Da hinten haben wir eine kleine Sitzecke. Da ist momentan keiner meiner Kollegen. Was hältst du davon, wenn wir ein bisschen an die frische Luft gehen und uns unterhalten?“, schlug sie dann plötzlich vor und auch wenn Steffen darüber verwundert war, stimmte er sofort zu.

22.6.2024: gurren

„Geh schon mal vor. Ich hol uns noch was zu trinken. Cola oder Wasser?“, öffnete Hellen die Tür zu dem kleinen Garten hinter der Praxis und ließ Steffen an sich vorbei.

„Wasser, bitte“, antwortete der und schaute ihr kurz nach, als sie den Gang hinunter Richtung Küche lief. Er blieb einen Moment auf dem Rasen stehen, der in eine dichte Hecke überging und einige Meter entfernt dann mit einem gepflasterten Sitzplatz verschmolz. Langsam ging Steffen auf die beiden über Eck stehenden Holzbänke mit passendem Tisch zu, die im Schatten einer großen, alten Rotbuche standen. Ihre Äste und Blätter hingen ausladend hinunter - einige so tief, dass er sie mit der Hand berühren konnte. Imposant schob sich der Baumriese empor, rauschte im Wind und tauchte den Sitzplatz in ein Lichterspiel, wenn die Sonne durch die Blätter fiel. Steffen blieb am Rande des Sitzplatzes stehen und betrachtete die beeindruckende Baumkrone, die sicherlich nicht nur den beiden gurrenden Tauben als Zuhause diente. Bei diesem Anblick geriet er ins Träumen.

„Hier, wir haben allerdings keins mehr mit Kohlensäure. Ist stilles auch okay?“, hielt Hellen ihm plötzlich die Wasserflasche vors Gesicht und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

„Ja, klar, danke!“, lächelte er und nahm ihr die Flasche ab, um ihr dann langsam zu den Bänken zu folgen und sich ihr gegenüber zu setzen.

„Das ist wirklich ein schönes Eckchen“, murmelte er und betrachtete abermals den wunderschönen Baum in seinem Rücken. Hellen nickte.

„Stimmt, aber irgendwie sitzen wir hier viel zu selten“, schraubte sie ihre Flasche auf und nahm einen kräftigen Schluck. Den ganzen Vormittag über war sie nicht dazu gekommen und nun tat ihr das kühle Wasser umso besser.

„Das kenn ich“, lachte Steffen und erzählte davon, dass es ihm mit seiner Bank vor dem Haus ähnlich ginge.

„Ich nehm mir so oft vor, da mehr zu sitzen, aber meistens versumpfe ich dann nach der Arbeit doch mit einer Packung Chips auf der Couch“, nahm auch er einen Schluck, während Hellen ihn schweigend betrachtete und sich jeglichen Kommentar verkniff.

„Ich… ähm… ich hab vorhin schon überlegt, ob ich mir irgendwann auch mal so einen Sitzplatz im Garten anlege. Er erinnert mich ein wenig an den Hof meiner Großeltern. Die hatten auch eine Bank vor dem Haus, aber an anderer Stelle auch noch einen Hofbaum. Eine alte, riesige Eiche, unter der eine runde Bank stand, die mein Großvater damals selber gebaut hatte, weil die herkömmlichen Bänke gar nicht um den Baum gepasst hätten“, schwelgte er in Erinnerungen und versuchte zu verdrängen, in welchem Zustand Hellen ihn auf seiner Bank vorgefunden hatte. Die aber wusste das noch recht genau…

„Das klingt nach einem schönen Plan, aber dafür musst du erst mal wieder richtig auf den Beinen sein. Wie gehts dir inzwischen? Hast du noch große Schmerzen?“, fragte sie und er schüttelte den Kopf.

„Nicht, solange ich mich genug schone. Und darauf, dass ich das auch wirklich mache, achten Detlef und Saskia schon sehr genau“, grinste er schief und spielte mit seiner Wasserflasche.

„Schön, dass sie dich so unterstützen“, meinte Hellen, ohne dass es zweitdeutig oder spöttisch klang und Steffen stimmte ihr zu.

„Ja, manchmal schlagen wir uns zwar die Köpfe ein, aber im Großen und Ganzen sind wir ein ganz gutes Gespann“, lachte er auf und kratzte sich verlegen an der Wange. Tatsächlich schaffte er es damit, auch Hellen ein leichtes Lächeln auf die Lippen zu zaubern.

„Saskia hilft mir grad viel im Haushalt und Detlef ist mir schon seit Monate eine große Unterstützung“, begann er zu plaudern und berichtete ein wenig von der Renovierung seines Hauses.

„Der Junge hat echt ein gutes Händchen! Aus dem wird mal ein hervorragender Handwerker!“, sprach er fast so stolz wie ein Vater und erzählte dabei auch voller Freude davon, dass Detlef ihm seine Bank gebaut hatte.

„Also, wenn du noch mal Fragen zu deinem Regal hast, dann meld dich einfach!“, schmunzelte er und versuchte langsam auf sein eigentliches Anliegen zu kommen.

"Danke", nickte Hellen leicht und nippte an ihrer Flasche. Auch, wenn sie schwieg, hörte sie ihm aufmerksam zu und beobachtete, wie aus dem kurzen Moment der Leichtigkeit wieder eine gewisse Schwere entstieg.

„Aber… aber ich könnte dir auch gern dabei helfen, wenn du möchtest“, schlug er plötzlich ruhigere Töne an und schaute zurückhaltend zu Hellen, während er sich an seiner Wasserflasche festhielt, als gäbe sie ihm Halt.

„Vielleicht als kleine Wiedergutmachung?“, fragte er leise, als sie zögerte, auf seinen Vorschlag einzugehen. Sie tippte an ihre Flasche und senkte nachdenklich den Blick auf den Tisch.

„Ich weiß nicht recht“, murmelte sie und erst Steffens Seufzen brachte sie dazu, ihn wieder anzuschauen. Ihm fiel der Augenkontakt dafür umso schwerer. Er rieb sich den Nacken und räusperte sich.

„Ich bin nicht so gut in solchen Sachen“, nuschelte er und brauchte einen weiteren tiefen Atemzug.

„In welchen Sachen?“, fragte Hellen und hatte das Gefühl, mit einem Mal einen geprügelten Hund vor sich sitzen zu sehen. Steffen ließ den Kopf hängen und stütze die Hände neben sich auf die Sitzfläche.

„Einen guten Einstieg zu finden, um dir mein Verhalten von letztens zu erklären“, hob er langsam den Blick und schaffte es endlich, Hellen fester in die Augen zu schauen.

„Wärst du bereit… dir das auch anzuhören?“

23.6.2024: Märchenglanz

„Als Junge hab ich Fußball gespielt. Sogar einige Jahre und hier im Verein“, begann Steffen zu erzählen, nachdem Hellen sich einverstanden gezeigt hatte, seiner Geschichte zu lauschen.

„Ich hab dabei auch meinen besten Kumpel Nick kennen gelernt. Er war auf einer anderen Schule und ein Jahr älter als ich, deswegen hätten wir uns sonst wohl nie getroffen. Aber wir waren schnell ein ziemlich unzertrennliches Duo, das auch neben dem Fußball viel zusammen unternommen hat. Rückblickend wundert mich das“, schmunzelte er und stützte die Unterarme auf dem Tisch ab, wobei er seine Wasserflasche nie ganz aus der Hand gab.

„Er war zu der Zeit zum Beispiel schon total in ein Mädel verschossen, von dem er ständig schwärmte, auch wenn er mir nie Näheres erzählt hat und ich hatte zu dem Zeitpunkt mit Mädchen noch gar nichts am Hut. Konzerte und Festivals hab ich erst durch ihn kennen gelernt, während er beim ersten Mal, als ich ihn mit zu meinen Großeltern nahm, völlig verdattert war, dass man Erbsen erst döppen muss“, lachte Steffen auf und schüttelte den Kopf, als er an diesen Moment und Nicks verwunderten Gesichtsausdruck zurück dachte.

„Na ja, jedenfalls trennten sich unsere Wege ein bisschen, als wir mit der Schule fertig waren. Ich bin direkt nach der zehnten Klasse in die Ausbildung, während er erst noch sein Abi gemacht hat, um dann zu studieren. Später ist er dann wegen der Uni erst mal in die Nachbarstadt gezogen und anschließend verschlug es ihn für einen gut bezahlten Job in Richtung Hauptstadt. Wir haben bis heute Kontakt, aber manchmal sehen wir uns nur noch dreimal im Jahr“, legte sich eine gewisse Wehmut auf Steffens Züge und den Flaschenhals mit drei Fingern gegriffen, schwenkte er leicht sein Wasser.

„Ist schon verrückt, wie sich manche Freundschaften entwickeln. Während ich mit Nick immer noch im Austausch stehe, hab ich mit den Jungs aus meiner Berufsschulklasse gar keinen Kontakt mehr, obwohl ich damals fast jedes Wochenende mit ihnen unterwegs war in Bars oder Discos“, nippte er an seiner Flasche und schwenkte sie dann wieder. Plötzlich schnaubte er belustigt aus und Hellen konnte sehen, wie er rot wurde.

„Einmal… einmal hatte einer meiner Kumpel, der vorher eine andere Ausbildung angefangen hatte und darum etwas älter war, seine Schwester dabei. Zwei, drei Jahre jünger als er, aber genau in unserem Alter und so aufgedonnert, dass sie viel erwachsener und reifer aussah. Ich glaub, wir anderen waren alle auf einen Schlag in sie verknallt. Sie fand uns allerdings eher doof und ist schnell zu ihren Freundinnen verschwunden, aber um mich wars erst mal geschehen. Das war… man, klingt das jetzt bescheuert!… aber es fühlte sich an, als umgäbe sie eine Art Märchenglanz“, lachte er über sich und rieb sich das Gesicht. Etwas zögerlich schaute er zu Hellen auf, nachdem er während seiner Erzählung den Blick immer wieder hatte schweifen lassen, um seine Erinnerungen besser zu sortieren. Zu seiner Erleichterung lagen auf dem Gesicht der jungen Frau aber keine Langeweile oder gar Spott, sondern ein seichtes Lächeln.

„War das Esther?“, fragte sie und nach einem Moment der Irritation nickte Steffen. Ihm fiel wieder ein, dass sie ja die Diskussion zwischen ihm und Saskia mitbekommen hatte.

„Ja, genau. Aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Ich hab mich nicht getraut, sie anzusprechen und kam mir auch blöd vor, meinen Kumpel darauf anzuhauen. Er hatte wohl eh nicht viel Bock darauf gehabt, sie überhaupt mitzuschleppen und war froh gewesen, als sie nach ein paar Minuten zu ihren Freundinnen rüber war…“ zuckte er leicht die Schultern und stützte den Kopf auf eine Hand.

„Danach hab ich sie erst mal ein paar Jahre nicht mehr gesehen und irgendwann auch nicht mehr an sie gedacht. Ich war in zwei anderen Beziehungen, hatte beruflich viel um die Ohren und war… war sogar kurz davor, meiner zweiten Freundin einen Antrag zu machen. Dann ging die Beziehung allerdings vorher in die Brüche und ich wollte mich ablenken. Also holte ich mir nach Jahren das erste Mal wieder ne Konzertkarte und was soll ich sagen? Am Einlass stand diese junge Frau vor mir, die mir gleich ins Auge sprang, als sie sich suchend nach ihren Freundinnen umsah. Und dann trafen wir uns im Laufe des Abends immer wieder bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten, bis sie die Initiative ergriff und mich fragte, wann ich sie denn endlich auf nen Drink einladen würde“, schmunzelte er und lachte auf, als er Hellens irritierten Blick bemerkte.

„Ich glaub, es war ziemlich offensichtlich, dass ich Esther von Anfang an direkt wieder total zauberhaft fand, aber ich hab mich nicht so recht getraut, sie anzusprechen. Keine Ahnung, ob ihr meine interessierten Blicke aufgefallen waren oder ob sie das immer macht, wenn sie einen Mann ansprechend findet, aber ja, so sind wir dann nach dem Konzertbesuch noch Pommes essen gegangen und haben es in die Bar gar nicht mehr geschafft“, murmelte er und räusperte sich verlegen, obwohl Hellen sich schon denken konnte, wie der Abend weitergegangen war.

„Na ja, sagen wir einfach, wir sind damals sehr schnell zusammen gekommen und haben sehr viel Zeit zusammen verbracht, ohne dabei allzu viel zu reden“, schmunzelte er leicht und fragte sich, warum es plötzlich so warm wurde, wenn er daran zurückdachte. Allerdings wurde er auch schnell wieder ernster, fast traurig, als er weitersprach.

„Ich war so verschossen in sie, dass ich den ganzen Tag nur an sie denken konnte und hab gar nicht gemerkt, dass wir im Endeffekt nur eine Sache wirklich gemeinsam hatten. Wir hatten nicht die gleichen Interessen, nicht die gleichen Vorstellungen vom Leben. Ich wusste zum Beispiel damals schon, dass ich mir irgendwann ein Haus kaufen möchte und habe bereits seit der Ausbildung angefangen dafür zu sparen. Sie wollte hingegen die Welt sehen und viel herumreisen und hat beruflich immer drauf hingearbeitet, sich das irgendwann mit einer entsprechenden Position zu ermöglichen. Somit war nach einigen wilden Monaten ganz schnell der Ofen wieder aus und wir gingen getrennte Wege. Auch, weil sie dann das erste Mal beruflich längere Zeit ins Ausging ging“, zuckte Steffen leicht die Schultern und lehnte sich an die Rückenlehne, um dann aber doch schnell wieder den Halt der Tischplatte zu suchen. Er brauchte einen Moment, um seine Gedanken weiter zu sortieren. Die Erinnerungen beiseite zu schieben, die für seine Erzählung keine Relevanz hatten und die zu bündeln, die er mit Hellen teilen wollte.

„Sie hat ganz schön Eindruck bei dir hinterlassen, was?“, fragte die vorsichtig – unsicher, ob sie überhaupt ihr Schweigen brechen sollte und trotzdem mit dem Gefühl, dass sie ein wenig mehr auf das Gesagte eingehen wollte, als nur mit einem Nicken.

„Ja“, antwortete Steffen und Hellen bemerkte, wie sein Bein anfing zu wippen.

„Ich weiß nicht, was es war, aber ich konnte einfach nicht von ihr lassen. Obwohl ich wahrscheinlich damals schon gemerkt hab, dass sie mir eigentlich nicht gut tat. Oder wir uns nicht gut taten... Eines Abends, als ich nach unserer Trennung vor der Glotze saß und einen Typen in der Werbung sah, der mich an Nick erinnerte, fiel mir seine Schwärmerei von damals ein. Und weißt du was?“, schaute Steffen Hellen direkt an, die den Kopf schüttelte.

„Ich war zwar auf Wolke sieben gewesen, aber ich hab im Endeffekt keinem so richtig von Esther erzählt. Vielleicht mal angedeutet, dass ich keine Zeit hatte, weil ich mich mit jemandem traf, wenn ein Kumpel mit mir ein Bierchen trinken wollte oder so. Aber mehr nicht. Ich hatte nie den Wunsch, sie meinen Kumpels oder meiner Familie vorzustellen. So ähnlich wie Nick damals...“, murmelte er und runzelte die Stirn.

„Erst später hat Saskia durch Zufall davon erfahren. Als… als Esther zurück in der Stadt war und sich wieder bei mir meldete, um ein bisschen Zeit mit mir zu verbringen. Und wir uns vielleicht sogar beide einredeten, dass es doch irgendwie mit uns klappen musste, wenn wir die Finger nicht von einander lassen können, aber – oh Wunder! - dann ging es doch wieder in die Brüche. Wenn auch schneller als beim ersten Mal. Aber nicht weniger schmerzhaft. Eher im Gegenteil. Als sie mich nach einem Streit aus der Wohnung geworfen hatte, landete ich als Häufchen Elend auf dem Bürgersteig, wo Saskia plötzlich vor mir stand und ich ihr dann mein Herz ausgeschüttet hab. Ich war froh, dass meine Cousine so für mich da war, aber trotzdem…“, er brach ab und schluckte hart, um sich dann mit einem tiefen Seufzen wieder nach hinten zu lehnen. Ein leichter Glanz umspielte seine geröteten Augen, während er zur Seite blickte, weil er Hellen nicht mehr anschauen konnte.

„Trotzdem bist du auch danach wieder zu Esther gegangen, richtig?“, hob sie den Gesprächsfaden wieder auf und versuchte es ihm zu erleichtern, indem sie das aussprach, was ihm so schwer fiel. Er nickte und sein Blick wirkte, als würde er tief in Gedanken abdriften.

„Seit fast drei Jahren geht dieses On-Off-Ding jetzt“, murmelte er mit belegter Stimme und seine Schultern sackten ab.

„Manchmal haben wir auch versucht, einfach nur Freunde zu sein, aber letztlich ist es doch immer wieder darauf hinausgelaufen, dass wir uns alle paar Wochen – oder manchmal auch nur alle paar Monate – treffen und vögeln. Danach gehen wir wieder getrennte Wege, ich steh ein paar Tage vor meinem Scherbenhaufen und reparier ihn wieder, um in der Zwischenzeit zu vergessen, wie dreckig es mir ging. Und wenn sie sich dann wieder meldet, steh ich parat. Ich denk dann immer „Es ist ja nur Sex!“, aber hinterher fühl ich mich trotzdem mies, weil…“, er zuckte die Schultern und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich weiß gar nicht so richtig, warum… weil das jetzt schon so lange geht? Weil ich mir eigentlich eine Beziehung wünsche und mir nach den Treffen mit Esther dann bewusst wird, dass zumindest mit ihr nichts daraus wird? Keine Ahnung…“, schüttelte er den Kopf und hob erneut seine Schultern. Langsam und bedächtig nickte Hellen, während sie die Worte auf sich wirken ließ.

„Manchmal ist es nicht so leicht von jemandem los zu kommen, der einem nicht gut tut“, murmelte sie und Steffen stimmte ihr zu.

„Ja, da hast du recht“, lehnte er sich vor und griff seine Flasche, um den letzten Rest Wasser in einem Schluck hinunter zu kippen.

„Darf ich dir eine Frage stellen?“, meinte Hellen plötzlich und auch, wenn Steffen dabei ein mulmiges Gefühl hatte, in welche Richtung es gehen würde, stimmte er zu.

„Als wir bei unserer ersten Begegnung fast ineinander gerannt sind, hast du… hast du irgendwie so verletzt ausgesehen… war das…“

„Weil ich gerade von ihr kam, ja“, unterbrach er sie und bestätigte ihre Vermutung.

„Seitdem hab ich mich tatsächlich auch nicht mehr mit ihr getroffen, aber… wie soll ich sagen?… Sie hat mir an dem Tag erzählt, dass sie sich auch mit anderen Männern trifft und das hat mir dann ziemlich den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich war da wohl ganz schön durch den Wind, als wir uns das erste Mal getroffen haben, was?“, grinste er schief und konnte Hellen ansehen, dass ihre Neugierde wuchs. Überlegungen und Spekulationen bildeten sich in ihrem Kopf, die sie sich aus Höflichkeit wohl nicht auszusprechen traute – oder um ihn nicht weiter zu verletzen. Er aber entschied sich für schonungslose Ehrlichkeit.

„Ums vorweg zu sagen: Nein, ich besauf mich seitdem nicht ständig und renn die letzten Wochen quasi semi-blau durch die Gegend. Und normalerweise haben mich die Treffen mit ihr auch nie derart runtergezogen, dass ich sogar zur Flasche gegriffen hab. Als du mich letzte Tage gefunden hast, kamen allerdings mehrere Sachen zusammen“, räusperte er sich und zog sein Smartphone hervor. Unschlüssig hielt er es in der Hand und kaute auf der Lippe.

„Als… als du Detlef angerufen hast, hast du die anderen Nachrichten nicht gelesen, oder?“, fragte er und Hellen schüttelte den Kopf.

„Nein, ich finds nicht gut, bei anderen im Handy rum zu schnüffeln. Ich habs auch nur genommen, weil ich seine Nummer brauchte“, antwortete sie und Steffen nickte verstehend. Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen, weil Hellen sich so rücksichtsvoll verhalten hatte. Dann aber schnaufte er aus, tippte ein paar Mal aufs Display und hielt Hellen das Gerät hin.

„Vielleicht ist es am einfachsten, wenn du es selbst liest“, murmelte er und nickte zustimmend, als sie nur zögerlich seinem Angebot nachkam.

„Okay…“, nahm sie das Handy und begann zu lesen, wobei sie erst fragend schaute und dann erschrocken. Irritiert schüttelte sie den Kopf und runzelte die Stirn. Die Bewegung ihrer Finger zeigte, dass sie den Chatverlauf mehrfach hoch und runter schob, um ihn erneut zu lesen.

„Die blonde Frau… das ist deine Esther auf dem Bild, vermute ich?“, schaute sie Steffen schließlich an, der seinen Kopf wieder auf die Hand gestützt hatte und nickte.

„Ja, meine Esther und wohl auch seine. Das Mädel, in das er damals so verschossen gewesen war und das er jetzt nach einer halben Ewigkeit auf irgendeinem öden Jobevent an der Bar wiedergetroffen hat, um dann sein Glück kaum fassen zu können, dass sie ihn sogar mit aufs Zimmer genommen hat. Schönes Happy End, was? So schön, dass er mir sogar heimlich ein Foto von ihr schicken musste, weil er gar nicht fassen kann, wie viel Schwein er doch hat“, glichen seine Worte einem resignierten Murmeln, während er mit fahriger Bewegung das Handy wieder an sich nahm und ausseufzte, ehe er ergänzte: „Und nein, er hat keine Ahnung, dass ich sie überhaupt kenne…“.

24.6.2024: exemplarisch

„Willst du es ihm denn erzählen?“, lehnte Hellen sich zurück, überschlug die Beine und legte die Hände auf den Schoß, während sie Steffen betrachtete. Der scrollte ein wenig geistesabwesend durch seinen Chatverlauf mit Nick, ehe er sein Smartphone schließlich in der Hosentasche verstaute.

„Keine Ahnung… Vielleicht ist es besser, ich behalt das einfach für mich. Aber final entschieden hab ich mich noch nicht. Und… ehrlich gesagt will ich mir da grad auch keine Gedanken drüber machen. Für den Moment ist es okay so, wie es ist, denk ich“, rieb er sich das Gesicht. Er wirkte erschöpft, aber auch, als wäre eine Last von ihm gefallen – zumindest so lange, bis er wieder das Wort an Hellen richtete und die Nervosität zurückkehrte.

„Kannst du mein Verhalten von neulich denn jetzt besser verstehen?“, fragte er und umgriff wieder mit beiden Händen seine leere Wasserflasche. Hellen verschränkte die Arme vor der Brust und ließ den Blick nachdenklich zur Seite schweifen.

„Ich danke dir für deine Ehrlichkeit. Das ist bestimmt nicht leicht gewesen, mir das alles zu erzählen. Aber ich finde, dass es nicht wichtig ist, ob ich oder sonst jemand das verstehen kann“, antwortete sie und Steffen hob verwundert die Augenbrauen.

„Ich finde es viel wichtiger, was du nun aus der Situation machst“, lehnte sie sich wieder vor und legte ihrerseits die Unterarme auf dem Tisch ab. Langsam nickte Steffen und schien über ihre Worte nachzudenken. Sie ließ ihm einen Moment Zeit dafür, aber es nagte auch etwas an ihr, das sie nicht unausgesprochen lassen wollte.

„Ehrlich gesagt find ichs immer noch nicht gut, dass du dich deswegen so hast volllaufen lassen. Gefühle können einen manchmal sehr überrennen, aber Alkohol ist nie die Lösung oder ein guter Berater. Im Gegenteil. Der macht sehr schnell sehr viel kaputt“, sagte sie, wobei ihre Stimme mit jedem Wort leiser wurde und ihre Gedanken unweigerlich bei Richard endeten. Die Erinnerung an ihn war immer noch so schmerzhaft, dass es ihr den Magen zusammenzog und sie schnell in Steffens Versuch einer Antwort hinein grätschte.

„Manchmal muss man seine Gefühle für einen Moment beiseite schieben, um sich auf… auf das Wesentliche zu konzentrieren und darf sich nicht von ihnen mitreißen lassen“, zog sie die Hände vom Tisch und rieb sie über ihre Oberschenkel, als wären sie nass geworden und müssten jetzt getrocknet werden. Steffen runzelte die Stirn. Ihr verändertes Verhalten fiel ihm durchaus auf, aber er wusste es nicht recht einzuordnen. Darum sagte er nur: „Das ist manchmal leichter gesagt als getan, meinst du nicht?“

Hellen zuckte die Schultern.

„Ich hab nicht gesagt, dass es leicht ist. Aber manchmal ist es notwendig“, murmelte sie und sprang plötzlich mit der Begründung auf, dass sie ihnen noch etwas zu trinken holen wolle.

„Nicht nötig. Ich hab keinen Dur…“ wollte Steffen sie zwar mit Worten aufhalten, doch da war sie bereits wieder im Haus verschwunden. Irritiert, aber auch ein wenig verletzt schaute er ihr nach. Hatte seine Beichte sie so aufgewühlt? Oder war sie von seinem besoffenen Ich etwa so angeekelt, dass sie beim Gedanken daran die Flucht vor ihm ergreifen musste?

„Vielleicht war das keine so gute Idee gewesen“, murmelte er und erhob sich langsam von der Bank. Vielleicht war das jetzt der Zeitpunkt, um zu verschwinden…

Zögerlich ging er hinüber zur Praxis und überlegte dabei, was er falsch gemacht haben könnte. Unweigerlich verglich er dabei auch ihre Reaktion mit der, die er in dieser Situation von Esther erwartet hätte – und die wäre vermutlich nicht einmal darauf eingegangen, ihm so lange zuzuhören. Sah Hellen vielleicht einfach nur einen Waschlappen in ihm, der sich an den Rockzipfel seiner Ex klammerte, wie ein kleiner Junge es bei seiner Mutter tat? Dachte sie von ihm jetzt, er wolle nur ihr Mitleid erhaschen, obwohl es für ihn der Versuch einer Erklärung gewesen war? Und ein klein wenig Hoffnung auf etwas Verständnis?

Nun fühlte er sich noch mieser als vor diesem Gespräch und fing an zu überlegen, ob er die Frauenwelt vielleicht für eine Weile komplett abschreiben sollte. Doch dann öffnete er die Tür und sah Hellen. Den Rücken zu ihm gedreht, stand sie nur wenige Meter entfernt in dem Raum zum Garten; eine Hand auf den einem Tisch abgestützt, die leeren Flaschen daneben abgestellt und die andere Hand vor den Mund gepresst. Immer wieder schluchzte und hickste sie, währen sie versuchte, gegen die Tränen anzukämpfen.

„Hellen?“, trat Steffen vorsichtig näher und sie fuhr erschrocken herum.

„Sorry. Ich… ich bin nur umgeknickt. Moment, ich hol uns sofort das Wasser“, rieb sie sich eifrig über die Augen, aber Steffen schüttelte langsam den Kopf.

„Irgendwie glaub ich dir das nicht“, murmelte er und hob fast in Zeitlupentempo die Hand, als wäre Hellen ein scheues Tier, das bei einer zu schnellen Bewegung davon gescheucht würde. Er wollte sie am Arm berühren und ihr ein wenig Trost spenden, auch wenn er noch nicht recht wusste, wie, aber sie riss reflexartig und abwehrend die Hände hoch, als er näher kam. Sofort hielt er inne.

„Nein, lass!“, unterstrich sie ihre Geste und Steffen trat einen Schritt zurück.

„Ich versteh gar nichts mehr“, tat er seine Verwunderung kund und fühlte sich bei Hellens Antwort wie vor den Kopf gestoßen.

„Ich hab einfach die Nase voll von solchen Dreiecksgeschichten, Geheimnissen und Dramen! Und vor allem von versoffenen Typen, die kein Maß kennen und… und sich dann in aggressive Arschlöcher verwandeln!“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und presste sie fest an sich. Während sie die Nase immer wieder hoch zog, kaute sie auf der Unterlippe und schaute beinahe bockig zu Boden.

„Moment mal, ich bin kein Säufer…“, murmelte Steffen mit einer Mischung aus Enttäuschung und Ärger darüber, dass Hellen ihn so sah. Aber noch mehr schockierten ihn ihre anderen Worte.

„Und ein Schläger bin ich erst recht nicht! Ich hab noch nie jemandem was getan, egal ob nüchtern oder betrunken“, schüttelte er entsetzt den Kopf und verschränkte ebenfalls die Arme vor der Brust.

„Oder kam ich dir irgendwie aggressiv vor?“

Sie schwiegen sich einen Moment lang an, doch als Hellen seine Frage bestätigte, traf es ihn nochmals wie ein Schlag.

„Doch, ich hatte Angst vor dir, als du mir das Handy weggenommen hast“, hob sie den Blick zu ihm und beobachtete ihn dabei, wie er die letzten paar Schritte zum Tisch zurücklegte und sich dann schwer gegen das Möbelstück sinken ließ.

„Ich würd nie ne Frau schlagen. Oder sonst jemanden…“, guckte er sie fassungslos an und spürte den wachsenden Schmerz, als Hellen wenig überzeugt wirkte. Er lehnte sich mit Po gegen den Tisch und seine Hände krallten sich an die Kante der Tischplatte. Für einen Moment war er gewillt, der jungen Frau zu sagen, dass er sich diese Farce nicht länger antun würde. Doch dann fiel ihm auch ihr Gespräch vorm Baumarkt ein und er begann zu verstehen.

„Aber du hast schon andere Männer erlebt, die handgreiflich wurden, stimmts?“, fragte er behutsam und die Art, wie Hellen die Lippen aufeinander presste, war Bestätigung genug für ihn. Sie reckte das Kinn und blähte die Nasenflügel, während sie versuchte, sich weitere Tränen zu verbieten. Er seufzte innerlich aus und fühlte sich einfach nur hilflos.

„Normalerweise… hätte ich gefragt, ob ich dich in den Arm nehmen und trösten soll, aber das ist grad wohl nicht die beste Idee“, murmelte er und sah ein leichtes Kopfschütteln als Antwort. Er zuckte die Schultern und rutschte auf die Tischplatte, um sich zu setzen.

„Ehrlich gesagt bin ich grad überfordert“, gab er schließlich zu und musste ein wenig schmunzeln, als Hellen ihn wissen ließ, dass es ihr nicht anders ginge.

„Warum hast du dich überhaupt so um mich gekümmert, wenn du sogar Angst vor mir hattest?“, wollte er wissen und sie schnaubte belustigt aus.

„Hätte ich dich vielleicht da liegen lassen sollen?“, schwang ein Hauch von Spott in ihrer Stimme mit, den Steffen aber ignorierte.

„Das vielleicht nicht, aber du hättest ja nicht sogar mit ins Krankenhaus kommen müssen…?“, hakte er vorsichtig nach und zog ein Taschentuch hervor, um es Hellen zu reichen.

„Du hast wirklich n Monatsvorrat davon in der Tasche, oder?“, murmelte sie mit einem leichten Schmunzeln und drehte sich weg, um die Nase zu putzen.

„Na ja, das andere hast du mir ja noch nicht wieder gegeben“, meinte er und grinste Hellen an, als sie ihm einen kurzen Blick über die Schulter zuwarf.

„Du hast gesagt, ich darfs behalten“, sprach sie fast schmollend und wendete sich ihm wieder so zu, dass sie beide in dieselbe Richtung schauten. Dabei lehnte auch sie sich mit dem Po an den Tisch und als ihre Arme sich nun leicht berührten, machte sie keine Anstalten mehr, den Körperkontakt gänzlich zu unterbinden.

„Na ja, ein vollgerotztes Taschentuch will ich auch nicht“, lachte er auf und bekam Hellens Ellenbogen in die Rippen.

„Blödmann“, murrte sie und trocknete sich einige Tränchen. Er aber fragte sie in gedämpfterer Lautstärke, ob sie ihm die Frage nicht beantworten wolle.

„Du meinst, warum ich mich um dich gekümmert hab?“, hakte sie nach und rollte die Augen, als er nickte.

„Den Kopf hast du dir echt ganz schön doll angehauen, oder?“, murrte sie und hoppste ebenfalls auf den Tisch. Steffens fragender Blick war fast schon niedlich.

„Weil ich dich irgendwie mag, du Dämlack!“, maulte sie, während er anfing zu strahlen.

„Zumindest vor deiner Wochenendaktion…“, gab sie ihm auch sogleich wieder einen ordentlichen Dämpfer, der ihn mächtig auf den Boden der Tatsachen zurück holte.

„Ich weiß nicht, was ich von all dem halten soll. Und vor allem hab ich keine Lust, da in irgendwas reingezogen zu werden“, setzte sie sich in den Schneidersitz und lehnte die Ellenbogen auf die Oberschenkel. Steffen nickte. Ja, das konnte er durchaus verstehen…

„Meine Geschichte kennst du jetzt… aber willst du mir vielleicht auch deine erzählen?“, fragte er und zu seiner Überraschung schüttelte Hellen sofort heftig den Kopf.

„Nein, auf keinen Fall! Vor allem nicht hier und jetzt! Vielleicht – aber nur vielleicht! - erzähl ich dir das irgendwann später mal“.

Ein wenig enttäuscht war Steffen davon schon, aber er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen. Wer wusste schon, was sie womöglich bereits alles erlebt hatte? Nach kurzem Grübeln rutschte er vom Tisch und stellte sich vor sie.

„Weißt du was, ich schlag dir was vor“, meinte er und zog sein Handy hervor, während Hellen ihn fragend anschaute.

„Ich geb dir einfach mal meine Nummer. Und wenn du möchtest, dass ich dir bei deinem Regal helfe, dann meldest du dich einfach, okay?“, schlug er vor und nach einem Augenblick, den Hellen ihn angeschaut hatte wie eine Kuh wenns donnert, lachte sie plötzlich los.

„Ich hab ja jetzt mit vielem gerechnet, aber nicht damit!“, rief sie aus und dieses Mal war es eine kleine Lachträne, die sie sich aus dem Augenwinkel strich. Er schmunzelte und brachte sie noch mehr zum Lachen, als er zugab, dass er seine Handynummer nicht auswendig wisse.

„Was? Ich brauch die so selten! Warum sind die sonst extra unter "eigene Nummer" eingespeichert?!“, empörte er sich und forderte ihr Handy, damit er seine Nummer eintippen konnte. Sie aber griff stattdessen nach seinem.

„Machs doch nicht so kompliziert“, grinste sie, tippte eifrig und nachdem ihre Hosentasche kurz vibriert hatte, gab sie Steffen das Smartphone zurück. Der war davon ziemlich überrascht.

„Das ist jetzt aber ein Vertrauensbeweis“, wunderte er sich und Hellen grinste.

„Ich hoffe, du weißt ihn zu schätzen“, rutschte sie vom Tisch und erwiderte etwas verlegen sein Lächeln.

„Lass mir trotzdem Zeit, um mir über die ganze Sache klar zu werden und das alles etwas sacken zu lassen, okay?“, schob sie die Hände in die Gesäßtaschen und Steffen nickte.

„Gut. Dann lass uns jetzt mal wegen Tiger gucken… An der Anmeldung haben wir ein paar Infobroschüren. Die sind nur exemplarisch, du kannst dir also natürlich auch ne andere Tierkrankenversicherung aussuchen“, ging sie vor zum Eingangsbereich und Steffen meinte belustigt: „Aber ich wechsel die Themen zu abrupt, ja?“

25.6.2024: Fechsung - Archiv

Ariane saß auf der massiven Holzbank des Sitzplatzes, den der Heimatverein hier irgendwo im nirgendwo eingerichtet hatte und fragte sich noch immer, warum sie sich das alles eigentlich antat.

„Ist das nicht ein herrlicher Tag?“, hörte sie Matthis und quälte sich mehr schlecht als recht ein schiefes Grinsen ab.

„Ja, sehr schön…“, murmelte sie und nippte an ihrer Wasserflasche, während sie sich fragte, wie man so begeistert von Radtouren und vor allem dem Land sein konnte. Es war viel zu warm und auch nur der Hauch einer Bewegung ließ schon den Schweiß aus sämtlichen Poren schießen – da half auch der Fahrtwind nur herzlich wenig, wenn man wieder anhielt. Die Bäume spendeten zwar mehr kühlenden Schatten als die Gebäude in der Stadt, aber dafür war hier auch die Gefahr größer, dass sich irgendwelche Raupen aus ihnen abseilten oder einem ein Vogel auf den Kopf schiss. Das hohe Gras am Wegesrand sah nett aus, war aber kratzig und mit Zecken gespickt. Und nicht zuletzt die Pferdebremsen! Ständig umkreisten sie Ariane und wenn sie nicht früh genug deren Landung bemerkte, quittierten sie ihr das auf schmerzhafte Art und Weise.

„Autsch!“, hatte sie schon wieder so ein Biest attackiert. Wenigstens war es bei der Flucht nicht allzu weit gekommen…

„Wieso hast du da keine Last mit?! Die stechen immer nur mich!“, murrte sie und kratze sich den Arm, während Matthis entspannt auf der gegenüberliegenden Bank saß und den Blick über die Landschaft schweifen ließ.

„Ich hab dir nicht umsonst gesagt, dass du Insektenschutzmittel auftragen solltest“, schmunzelte er leicht und Ariane verdrehte die Augen. So weit kams noch!

„Das Zeug stinkt wie die Pest!“, knurrte sie und fluchte weiter über die juckenden Stiche.

„Keine Sorge, wenn die Getreide-Fechsung durch ist, verschwinden die wieder“, meinte Matthis und Ariane runzelte die Stirn.

„Was?“, wollte sie wissen und er lachte.

„Ein altes österreichisches Wort für Ernte. Hab ich neulich in einem Artikel aufgeschnappt“, korrigierte er und Ariane nickte verstehend, um dann aber auch lang und tief auszuseufzen.

„Na, da hab ich jetzt aber nicht allzu viel von“, stützte sie den Kopf auf die Hände und belustigte Matthis mit ihrem dadurch zerknüllten Gesicht.

„Ja, ja, lach du nur! Nächstes Mal machen wir wieder was, worauf ich Lust habe!“, murrte sie und war zufrieden, als Matthis dem zustimmte.

25.6.2024: pfui

„Ist das dein Ernst?“

„Nein, das ist ab morgen meine Tiger. Ist ein Mädchen.“

Detlef verdrehte die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Haha, sehr witzig“, knurrte er und lehnte sich an die Arbeitsplatte, während Saskia über Steffens Wortwitz schmunzelte.

„Du willst sie wirklich aufnehmen?“, hob er ungläubig die Augenbraue und schüttelte den Kopf, als Steffen bestätigte, dass bereits alles in trockenen Tüchern sei. Er hatte nur noch ein bisschen Zeit gebraucht, um das nötige Equipment für die neue Mitbewohnerin zu besorgen – sonst wäre sie bereits an diesem Tag eingezogen.

„Bist du gegen Katzen allergisch?“, war es nun an Steffen, die Fragen zu stellen und Detlef schüttelte den Kopf.

„Hast du etwa was gegen Katzen?“, schaute Steffen ihn empört an und Detlef schnaubte aus.

„Auch nicht! Ich find das nur etwas überstürzt! Wer soll ich denn um das Tier kümmern, wenn wir den ganzen Tag auf Arbeit sind?!“, murrte er und fragte sich, wann Steffen endlich wieder fit genug war, um die eine oder andere Kopfnuss wegstecken zu können.

„Reg dich nicht auf, ich hab an alles gedacht“, meinte Steffen entspannt und zu Detlefs Überraschung stimmte Saskia, die gerade das Abendessen vorbereitete, mit einem Nicken zu.

„Die nächsten Tage bin ich eh noch zuhause und Saskia hat angeboten, dass sie die Semesterferien über hier bleibt, um Tiger bei der Eingewöhnung zu helfen“, saß er am Tisch und hielt die Hände entspannt vor sich gefaltet. Detlef runzelte immer mehr die Stirn.

„Musst du nicht arbeiten?“, fragte er seine Freundin, die längst an alles geregelt hatte.

„Linda wollte sich ein bisschen was dazu verdienen, also hab ich abgeklärt, dass sie solange meine Stelle im Café übernehmen kann. Und ich hab heute Mittag beim Bäcker um die Ecke gefragt, ob die aktuell jemanden gebrauchen können, der die nächsten Wochen dort jobbt“, grinste sie, während Detlef das Gefühl hatte, dass sich die ganze Welt gegen ihn verschwor.

„Ja, bis dahin dürfte Tiger auch soweit wieder auf den Beinen sein, dass ich sie in den Auslauf lassen kann, den ich ihr bauen will“, meinte daraufhin Steffen und Detlef fühlte sich immer mehr wie im falschen Film.

„Wofür denn einen Auslauf?!“, blinzelte er ungläubig und dachte dann, er habe sich verhört, als Steffen meinte, um die Katze zu schützen.

„Wovor denn? Wir sind hier so ziemlich auf dem letzten Grundstück, das noch ansatzweise zur Stadt gehört; alles andere ist Wiese, Wald und Acker mit ein paar Bauernhöfen dazwischen. Was soll Tiger hier denn passieren?“, fragte er sich, ob sein Kumpel nun völlig übergeschnappt war. Für einen Zaun war aktuell kein Geld da, aber für einen völlig überflüssigen Auslauf?!

Steffen lehnte sich auf dem Stuhl zurück und seufzte aus. Detlef wartete darauf, dass er ihm jeden Moment verkündete, dass Saskia und er ihn verarscht hätten, aber seltsamerweise blieb sein Kumpel ausgesprochen ernst.

„Ich will nicht, dass sie den Hunden zum Opfer fällt, die hier rumlaufen“, antwortete er, ohne, dass sich Detlefs Gesichtsausdruck großartig änderte.

„Was für Hunde? Die zwei vom Bauern da hinten? Die sind doch eh immer am Hof. Solange Tiger da weg bleibt, kann ihr nichts passieren. Und ich schätze sie mal als schlau genug ein, dass sie nicht freiwillig mit den Hunden auf Kuschelkurs geht“, meinte er, aber Steffen schüttelte den Kopf.

„Von denen red ich nicht. Früher ist mir das auch nicht aufgefallen; da war ich ja auch den ganzen Tag auf Arbeit oder hier beschäftigt. Aber während ich die letzten Tage fast nur untätig draußen auf der Bank gehockt hab, ist mir mal aufgefallen, wie viele Leute aus der Stadt extra für ihre Gassirunde hierher kommen“, sagte er, was auch Saskia ihm bestätigte.

„Einige kommen immer zur gleichen Uhrzeit oder teilweise sogar zweimal am Tag. Die parken da hinten an der Brücke, lassen ihre Hunde dann aus dem Kofferraum und dann können die rennen, wie sie lustig sind“, erzählte sie von ihren Beobachtungen bei den letzten Joggingrunden.

„Bei einigen trau ich mich inzwischen nur noch im Schritttempo vorbei, weil die mir sonst nachjagen und ich hab auch gesehen, wie sie teilweise Hasen oder Fasanen aufgescheucht haben“, griff sie in den Gewürzschrank und salzte das Essen.

„Natürlich sind nicht alle so schlecht erzogen…“, versuchte Steffen es auf diplomatischem Wege, aber er musste auch nicken, als Saskia ergänzte: „Stimmt, aber leider sind es sehr viele“.

„Moment mal“, hob Detlef eine Hand und schien dem Ganzen nicht so ganz folgen zu können.

„Sind die Hunde denn nicht angeleint oder werden zurückgerufen?!“

Saskia und Steffen schüttelten beide die Köpfe.

„Das ist eher die Ausnahme…“, meinte Saskia und seufzte.

„Ich hab gestern früh zufällig eine Auseinandersetzung von dem Bauern da hinten mitbekommen. Da ist wohl ein Hund über den Zaun und hat seine Schafe gescheucht. Ein Lamm wurde dabei verletzt. Den Hundehalter hats kaum interessiert. Der meinte nur, wo das Problem sei; er würd ihm den Schaden ersetzen und er solle sich nicht so anstellen. Ich war echt schockiert, als ich das hörte“, erzählte sie und lehnte sich ebenfalls an die Arbeitsplatte.

„Der hat sich nicht mal entschuldigt und wie ich später im Gespräch mit dem Bauern erfahren hab, war das wohl kein Ausnahmefall. Eher im Gegenteil… gerade die Felder ohne Umzäunung werden wohl von vielen einfach als Hundewiese genutzt“, meinte sie und Detlef schüttelte den Kopf.

„Wie jetzt? Aber das ist doch fremdes Eigentum. Da rennt man doch nicht einfach ohne zu fragen drauf oder fänden die das auch lustig, wenn man ihnen ungefragt durch die Bude latschen würde?“

Saskia zuckte die Schultern.

„Tja, viele überlegen wohl gar nicht so weit, dass die Grundstücke hier auf dem Land ja auch wem gehören und dass die zumeist für landwirtschaftliche Zwecke genutzt werden. Keine Ahnung, wie es rechtlich aussieht; ob man theoretisch fremde Wiesen und Äcker einfach betreten darf, aber ich finde, dass einem schon der Anstand und ein Hauch von Empathie sagen sollte, dass das ne uncoole Aktion ist“, sprach sie weiter, während Detlef sich einen Stuhl ran zog und sich setzte.

„Jetzt versteh ich auch die „Betreten Verboten“-Schilder an einigen Stellen“, murmelte er und stützte den Kopf nachdenklich auf die Hand.

„Ich kann doch nicht einfach fremdes Eigentum so vereinnahmen. Und erst recht nicht meinen Hund frei laufen lassen, wenn der nicht richtig erzogen ist!“

Steffen seufzte und nippte an seinem Glas.

„Hab letzte Tage selbst so eine nette Begegnung gehabt“, murmelte er und wurde von beiden fragend angeschaut.

„Ich hatte mir zwischendurch was zu trinken aus dem Haus geholt und als ich wieder aus der Haustür kam, stand plötzlich ein Hund direkt vor mir. Zwar nur so ein halbgroßer, aber erschreckt hab ich mich trotzdem erst mal. Die Besitzerin stand ein paar Meter weiter an der Einfahrt und tippte auf ihrem Handy. Als ich ihr sagte, sie solle den Hund bitte zu sich nehmen, meinte sie nur, wenn mich das störe, müsse ich halt einen Zaun ziehen. Und anleinen werde sie ihn nicht, schließlich herrscht außerorts keine Leinenpflicht“, nahm er noch einen Schluck und wurde von Detlef fassungslos angestarrt, während Saskia sich an ihre eigenen unangenehmen Begegnungen erinnert fühlte.

„War das die mit dem schwarz-braunen Mischling mit dem blauen Halsband?“, fragte sie und Steffen nickte.

„Die hatte den überhaupt nicht im Griff… ich hab sie auch gesehen; da hinten am Wald. Da kam sie sich wohl unbeobachtet vor und hat den Hund zig Mal gerufen, aber der hat kaum gehört… ich schätze mal, die wollte sich vor dir nicht die Blöße geben und zugeben, dass sie mit ihrem Hund nicht umgehen kann.“

„Ja, durchaus möglich“, klang das auch für Steffen nach einer stimmigen Vermutung, während Detlef vor allem wissen wollte, ob seinem Kumpel irgendwas passiert sei.

„Nein, der Hund ist weggelaufen, als ich ihn scharf angezischt hab. Von ihr hieß es dann zwar noch, dass ich ein Arschloch sei, aber ich hatte keine Lust auf Diskussionen“, zuckte er leicht die Schultern und machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Mir gefällts hier unheimlich gut, aber ich werd auch so schnell wie möglich für einen Zaun sorgen. Und wenn ich erst mal rumfrag, ob mir jemand einen alten Bauzaun oder ähnliches leihen kann, bis ich das Geld für was Richtiges hab", meinte Steffen, was Saskia und Detlef sogleich befürworteten.

"Ich hör mich auch mal um", versprach Saskia und Detlef pflichtete ihr bei.

"Und bei so einem Verhalten wundern sich manche, dass Hundehalter teils so ungern gesehen werden... Wegen ein paar solcher Schwachmaten färbt der schlechte Ruf dann auf alle ab", rieb er sich das Gesicht und konnte beim besten Willen kein Verständnis für ein solch rücksichtsloses und ignorantes Verhalten aufbringen. Saskia aber begann zu Schmunzeln.

„Ich hab den Eindruck, dass man nicht nur den Hunden, sondern auch so manchem Hundehalter mal beibringen sollte, dass ihr Benehmen ganz schön „pfui“ ist!“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und verriet dann spitzbübisch: „Der Bauer will übrigens die Tage auf dem Acker am Wald Gülle ausbringen – da haben die Hundehalter dann wohl immer besonders viel Spaß, wenn ihre Lieblinge da drauf laufen“.

26.6.2024: blitzschnell

Bereits als die Praxis öffnete, standen Steffen und Saskia mit ihrer Transportbox bepackt vor der Tür und warteten darauf, Tiger in ihr neues Zuhause zu holen.

„Oh, guten Morgen! Da kann es jemand wohl gar nicht mehr erwarten!“, scherzte Sanne, die die Tür öffnete und ließ die beiden an sich vorbei eintreten.

„Na ja, ich hab ja beim Gespräch mit der Ärztin deutlich raushören können, dass der Platz benötigt wird, da wollte ich Tiger nicht noch länger als unbedingt nötig hier lassen. Und so haben wir auch umso mehr Zeit zusammen, damit sie sich an uns gewöhnen kann“, meinte Steffen nach einem gemeinsamen Morgengruß mit Saskia und folgte Sanne durch die Praxis.

„Hellen hat Ihnen schon alle Infos gegeben und Fragen beantwortet?“, wollte die wissen und Steffen nickte.

„Ja, ich fühl mich gut beraten… Ist sie heute gar nicht da?“, fragte er so beiläufig wie möglich und ließ den Blick schweifen, aber Saskia konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen.

„Doch, aber erst ab Mittag“, antwortete Sanne und betrat Tigers Zimmer. Steffens enttäuschten Gesichtsausdruck bemerkte sie zwar nicht, weil sie ihm in dem Moment den Rücken zugedreht hatte, aber dafür fielen Saskia die interessierten Blicke an ihrer Person auf.

„Hast du eigentlich auch schon einen Termin für die Nachkontrolle?“, hakte sie sich plötzlich bei ihrem Cousin unter und lehnte den Kopf gegen seinen Oberarm.

„Ja, gestern schon gemacht“, antwortete er und reichte Sanne die Transportbox. Auf einmal kam ihm die Tierarzthelfern ein wenig unterkühlt vor. Mit einem knappen „Danke“ nahm sie die Box an sich und holte aus einem der Schränke ein Handtuch hervor.

„Hast du keine Decke rein gelegt?“, murmelte Saskia.

„Doch“, antwortete Steffen und runzelte ein wenig die Stirn.

„Damit ich sie leichter in die Box bekomme. Tiger ist ein wenig launisch“, antwortete Sanne verschnupft, während sie dezent, aber für Saskia doch gut erkennbar, einen musternden Blick zu den Beiden hinüberwarf. Steffen nickte verstehend und Saskia dachte sich, dass er mal wieder gar nichts begreife.

„Holen wir gleich noch Brötchen auf dem Rückweg?“, wollte sie wissen, ohne Steffens Arm los zu lassen, aber der schaute sie eher etwas skeptisch an.

„Sicher, dass du nicht lieber auf direktem Wege zurück ins Bett willst?“, schob er die freie Hand in seine Hosentasche und Saskia antwortete mit einem: „Hä?“

„Cousinchen, du warst schon als kleines Kind so eine Klette, wenn du völlig müde warst“, antwortete er und Saskia ließ ihn los, um sich stattdessen die Hände auf die Hüften zu stemmen.

„Stimmt doch gar nicht!“, empörte sie sich, aber Steffen war davon wenig beeindruckt.

„Stimmt wohl. Müde wirst du anhänglich und zickig“, grinste er, woraufhin Saskia die Wangen aufblähte.

„Mach nur so weiter, dann kannst du gleich laufen!“, zischte sie, aber er zog viel sagend den Autoschlüssel aus seiner Hosentasche.

„Haben Sie vielleicht auch ein Handtuch, in das man meine Cousine einwickeln könnte? Ich glaub, sie wird grad zur Kratzbürste“, juxte er, während Sanne gerade die Klappe der Transportbox schloss und ihre Stimmung blitzartig wieder deutlich besser zu sein schien.

„Bedaure, aber wir haben ein paar große Hundekörbchen für ein Nickerchen“, feixte sie und brachte Steffen zum Lachen, während Saskia nur schmollend die Arme vor der Brust verschränkte.

„Hier, sie ist anfangs ein bisschen unleidlich, aber mit ein bisschen Geduld wird eine richtige kleine Schmusekatze aus ihr. Hellen hatte sie letzte Tage sogar während der Pause auf dem Schoß sitzen“, zwinkerte Sanne, als sie Steffen die Box übergab und der hob interessiert die Augenbrauen.

„Oh, na dann weiß ich ja, bei wem ich mir Tipps holen kann, um mich bei dir einzuschmeicheln“, witzelte er beim Blick in die Box und Tigers unzufriedenem Brummen.

„Ganz deiner Meinung“, pflichtete Saskia der Katze bei und schmälerte die Augen, als Steffen eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihr und der Samtpfote festzustellen glaubte.

„Arsch“, murmelte sie, was Steffen aber nur mit einem Lachen quittierte und sich dann bei Sanne bedankte.

„Kein Problem. Wenn noch was ist, melden Sie sich einfach“, meinte die und führte sie aus dem Raum raus.

„Hier, geh schon mal mit ihr zum Auto. Ich bezahl noch schnell die Rechnung“, gab Steffen Saskia die Box und steuerte mit Sanne die Anmeldung an, während Saskia sich verabschiedete und Richtung Ausgang abbog.

„Meine Cousine ist ein kleiner Morgenmuffel“, grinste Steffen, als sie die Praxis verlassen hatte und brachte Sanne zum Schmunzeln, während sie auf dem Computer Tigers Akte heraussuchte und die Rechnung fertig machte.

„So ist das mit den lieben Verwandten, was?“, antwortete sie und er nickte.

„Man kann manchmal nicht mit ihnen, aber auch nicht ohne sie“, antwortete er und hielt die Karte ans Lesegerät, um die Rechnung zu bezahlen. Sanne zuckte leicht die Schultern.

„So ist es zumindest wünschenswert“, reichte sie ihm die Quittung, deren Anblick ihm noch mal bewusst machte, wie viel leichter sein Bankkonto jetzt geworden war. Gleich, wenn sie nach hause zurückgekehrt waren, würde er einige Versicherungen anrufen.

„Ja, ist leider nicht in allen Familien so, aber ich hab glücklicherweise einen ganz guten Griff mit meiner gemacht“, verstaute er Karte und Quittung in seinem Portemonnaie und schob es zurück in die Gesäßtasche. Sanne hüllte sich in ein schweigendes Lächeln, das deutlich breiter wurde, als Steffen sie bat, Hellen einen Gruß von ihm auszurichten.

„Mach ich gern“, stimmte sie zu und begleitete ihn noch kurz zur Tür, wo gerade die ersten Patienten eintraten. Schnell verabschiedete Steffen sich, um Sanne nicht von der Arbeit abzuhalten und huschte dann zum Auto. Vor Vorfreude, Tiger ihr neues Zuhause zu zeigen, kribbelte es ihm fast im Bauch.

„Na? Vertrag ihr euch gut oder gabs schon das erste Handgemenge?“, nahm er auf dem Beifahrersitz Platz, während Saskia von der Rückbank kletterte, wo sie Tigers Box mit dem Gurt befestigt hatte und zur Fahrerseite ging.

„Im Gegenteil, wir haben uns darauf geeinigt uns gegen dich zu verbünden“, streckte sie ihrem Cousin die Zunge raus und schnallte sich. Steffen aber schmunzelte und hob die Augenbraue.

„Du bist manchmal ne kleine Ziege, weißt du das? Ich hab deine kleine Show da drin durchaus bemerkt“, murmelte er, während Saskia sich auf diesem Ohr taub stellte.

„Also? Holen wir noch Brötchen oder nicht?“

27.6.2024: Abbild

Es war einer der wenigen freien Tage, an denen Hellen weder zur Uni noch zur Arbeit musste. Stattdessen nutzte sie die Zeit, um ihren Pflichten im Haushalt nachzugehen und sich dann mit ihren Seminarsachen auf der Terrasse nieder zu lassen. Es war gerade noch warm genug, um selbst nach einer längeren Zeit des Sitzens nicht in einen Eiszapfen verwandelt zu werden und die Sonnenstrahlen animierten dazu, immer mal wieder den Blick für wenige Minuten vom Laptop zu heben und den Augen einen anderen Anblick zu gönnen. Am Vormittag waren das vor allem die Vögel und Schmetterlinge im Garten gewesen, die Hellens Aufmerksamkeit dann auf sich gezogen hatten, doch jetzt, am Nachmittag, beobachtete sie ihre Nichte und Neffen beim Spielen. Tilo trennten zwar nur wenige Jahre von seinen beiden jüngeren Geschwistern und doch war er sich seiner Rolle als Ältester durchaus bewusst. Mal passte er mit Argusaugen auf die beiden Kleinen auf, mal nahm er die Position des Anführers ein und verteilte Anordnungen, wie sie sich bei der Mischung aus Piratengeschichte und Vater, Mutter, Kind zu benehmen hätten. Es war schon putzig anzusehen, dachte Hellen sich und grinste, als sie beim Spiel der Kinder auch ein wenig ihre eigene Vergangenheit mit Judith und den anderen Geschwistern vor sich sah. Es war ein ständiger Wechsel aus Liebkosungen und Gezänk gewesen.

„Na, kommst du gut voran?“, holte Judith sie aus den Gedanken, als sie ebenfalls auf die Terrasse trat und ein Tablett mit Getränken neben Hellen auf dem Tisch abstellte.

„Ja, hab schon einiges geschafft, aber jetzt ist erst mal ein kleines Päuschen dran“, antwortete sie und lehnte sich seufzend auf ihrem Rattanstuhl zurück.

„Gute Idee, man kann auch nicht nur permanent lernen“, stimmte Judith zu, ehe sie den Kindern zurief, dass sie sich etwas zu trinken holen sollten. In wildem Getrappel kamen die ihrer Aufforderung nach, stürzten sich gierig auf ihre Schorlen und rannten dann wieder zurück in den Garten. Judith schüttelte leicht den Kopf.

„Diese Chaoten“, murmelte sie und griff sich ihr eigenes Glas, um dann Platz auf der Bank neben Hellen zu nehmen.

„Wir waren damals nicht viel anders“, meinte die und grinste, aber dann legte sie den Kopf schief und ein grüblerischer Ausdruck breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

„Worüber denkst du nach?“, fragte Judith, um dann ins Schmunzeln zu geraten, als Hellen ihre Gedanken mit ihr teilte.

„Ich hab nur gedacht, wie witzig es ist, dass deine Drei so unterschiedlich sind – genau wie bei uns“, murmelte sie und verschränkte leicht die Arme vor der Brust.

„Stimmt, du warst schon immer das genaue Abbild von Mama“, antwortete Judith, während Hellen lachend zurückgab, dass ihre ältere Schwester ganz auf den Vater herauskam.

„Ich hab dich immer um deine wilden Locken beneidet!“, beichtete sie, woraufhin Judith sie verwundert anschaute.

„Echt? Hast du mir nie erzählt! Ich hätte so gern deine oder Felicitas' Spaghetti-Locken gehabt! Da konnte man wenigstens was mit machen“, meinte sie und sorgte ihrerseits für eine Überraschung bei Hellen.

„Weißt du noch, als sie sich in der Drogerie heimlich dieses Lockenzeug geholt hat?“, fragte die und Judith rieb sich das Gesicht.

„Du meinst aber nicht das für die Dauerwelle, oder?“

Hellen nickte.

„Sie fand dich bei deinem Abschlussball so hübsch, dass sie unbedingt auch so eine Frisur wollte“, grinste Hellen und lachte los, als Judith den Kopf schüttelte.

„Ja und dafür hat sie dann wochenlang nur noch ein Kopftuch oder Mütze getragen, weil die Aktion so in die Hose ging… und ich hätte damals so gern meine Haare geglättet gehabt, aber Mama wollte das nicht“, erinnerte Judith sich, während Hellen mit einem Nicken zustimmte.

„Tja, von uns Mädchen bist du halt die Einzige mit der Löwenmähne. Das musste gut behütet werden!“, schmunzelte sie, während Judith nur genervt seufzte.

„Erinner mich nicht da dran… immer dieses Theater, wenn ich die mal schneiden wollte“, murmelte sie und musste dann doch kichern, als Hellen sie an diesen einen kleinen Unfall erinnerte, bei dem Judith einfach selbst zur Schere gegriffen hatte.

„Ich freu mich ja schon drauf, wenn Miriam mal in das Alter kommt“, nippte Judith an ihrem Glas und betrachtete dabei ihre Tochter, die ihre beiden Brüder gerade durch den Sandkasten jagte.

„Ja, das wird bestimmt noch spannend, wie die Drei sich entwickeln“, schmunzelte Hellen, was Judith einerseits bestätigte, andererseits aber auch mit ein wenig Wehmut betrachtete.

„Hoffen wir nur mal, dass sie in der Pubertät nicht so drauf sind, wie…“

„Mirco damals?“, warf Hellen den Namen des ältesten Bruders in den Ring und beide Schwestern mussten laut auflachen.

„Gott bewahre! Wenn das passiert zieh ich aus!“, rief Hellen aus und Judith meinte: „Ich auch!“

28.6.2024: biegen

Wie oft hatte Hellen ihrem Neffen schon gesagt, dass er beim Laufen nicht auf sein Handy gucken sollte? Und trotzdem ging sie selbst nicht gerade mit gutem Beispiel voran, als sie an diesem Nachmittag durch die Fußgängerzone lief und dabei sogar fast die Abzweigung verpasste, um Richtung Baumarkt abzubiegen. Weg steckte sie ihr Smartphone aber trotzdem erst, nachdem sie fast eine Laterne mitgenommen hatte und beim Gelächter der Umstehenden peinlich berührt davon gerauscht war.

„Hoffentlich hat das keiner gesehen, der mich kennt“, murmelte sie und zog die Schultern an die Ohren, während sie stur zu Boden starrte und in die nächste Seitengasse stapfte. Erst dort wagte sie, sich ein wenig umzublicken und festzustellen, dass wohl doch nicht gerade die gesamte Stadt über sie lachte, auch, wenn sie es im Moment des Malheurs gedacht hatte. Sie seufzte aus und ließ die Schultern sinken, aber von Entspannung konnte kaum die Rede sein. Als sie ihren Weg fortsetzte, fühlte sie sich fast wie in einem Déjà-vu, während sie die schmale Straße entlangging, die geparkten Autos dicht an dicht ihren Weg säumten und jenes Haus in Sichtweite kam. Da hinten hatte sie ihn zum ersten Mal gesehen und sich seit dem letzten Mal nicht mehr bei ihm gemeldet. Es rief ein wenig das schlechte Gewissen deswegen, aber sie wollte sich auch nicht für ihn oder sonst jemanden verbiegen. Sie wollte sich erst melden, wenn sie wirklich dazu bereit war und wusste, wohin das alles führen könnte. Und doch brachte es nicht nur ihren Magen in Aufruhr, als sie schon von weitem erkannte, wie sich bei eben jenem Haus die Eingangstür öffnete. Ausgerechnet ihn durch diese Tür treten zu sehen, versetzte ihr regelrecht einen Stich. Steffens Anblick klebte sie an Ort und Stelle fest, als wären ihr plötzlich Wurzeln aus den Füßen geschossen, um sie mit dem Pflaster zu verankern. Noch war sie ein ganzes Stück entfernt und er hatte sie noch nicht bemerkt, aber trotzdem hielt sie etwas davon ab, einfach umzudrehen oder sich wenigstens hinter einem der Autos zu verbergen. Während ein Teil von ihr über diese Gedanken empört aufschrie, dass das ja auch nicht nötig sei - sie konnte hier genauso entlang laufen wie jeder andere auch! - musterte der andere Teil von ihr wissbegierig Steffen. Welchen Gesichtsausdruck hatte er und wie war seine Körperhaltung? Um ersteres zu erkennen, war er noch zu weit entfernt und Zweiteres fiel fast schon enttäuschend entspannt aus. War er gar nicht ernüchternd, unzufrieden, unglücklich? Wo blieb endlich Hellens Bestätigung, dass es genau richtig gewesen war, ihn die ganze Zeit über auf Abstand zu halten? Warum war er nun scheinbar so gefasst?

Langsam und mit zittrigen Knien setzte Hellen einen Schritt nach vorn und dann noch einen weiteren. Zwei, vielleicht drei Meter brachte sie hinter sich, während Steffen unbewegt dort vor dem Haus stand, als warte er auf jemanden. Dann hob sich sein Brustkorb so stark, dass selbst Hellen es erkennen konnte und schließlich setzte auch Steffen sich in Bewegung. Doch er kam genauso schnell wieder zu stehen, als sich plötzlich nochmals die Tür öffnete – energischer, ungeduldiger und wütender als bei ihm. Noch ein Stich traf Hellen, als sie die blonde Frau von seinem Handy aus dem Haus rauschen sah und unweigerlich kam sie wieder zu stehen. Sie konnte den Blick nicht abwenden, als Esther auf Steffen zutrat, ihm ein Tuch oder ähnliches gegen die Brust knallte und ihm dann nach einem kurzen Ausruf den Rücken zudrehte. Sie knallte die Tür so laut hinter sich zu, dass er leicht zuckte, während eine Hand reflexartig nach dem Tuch griff, um es nicht zu Boden sinken zu lassen. Er blinzelte, schaute dann auf das Tuch, das sich beim auseinander falten als T-Shirt entpuppte und schüttelte leicht den Kopf. Mit leisem Lachen warf er es sich über die Schulter und wollte gerade im nächsten Anlauf die Biege zu seinem Auto machen, als er dieses Mal Hellen entdeckte. Perplex schaute er sie an, dann lächelte er und hob die Hand. Sie aber konnte es ihm nur zögerlich gleichtun und für einen Moment war ihr so, als hätte sie das Laufen verlernt, weil sich die ersten weiteren Schritte in seine Richtung so schwammig anfühlten.

„Hi! Was machst du denn hier? Wieder auf dem Weg zum Bahnhof?“, kam er ihr entgegen und begann schon von Weitem das Gespräch.

„Nein, Baumarkt“, murmelte sie und verschränkte die Arme vor der Brust, während sie seinen Gesichtsausdruck zu deuten versuchte. Warum wirkte er so gelöst, obwohl dieses Treffen mit Esther offensichtlich so alles andere als liebevoll abgelaufen war?

„Ah! Fürs Regal?“, grinste Steffen und kam vor ihr zu stehen, aber statt zu antworten schaute Hellen ihn nur skeptisch an. Eigentlich hatte es sie ja nicht zu interessieren, aber…

„Verstehe, du hast das grad gesehen“, nickte er leicht und aus dem Grinsen wurde ein Schmunzeln. Hellen wiederholte seine Geste zur Bestätigung und mit einem kurzen Seufzen warf Steffen einen Blick über die Schulter.

„Ich hab sozusagen Schluss gemacht und das kam offensichtlich nicht so gut an", schob er die Hände in die Hosentaschen und lachte bei Hellens erstauntem Gesichtsausdruck.

„Ja, so ungefähr hat sie im ersten Moment auch geguckt“, grinste er und zuckte leicht die Schultern. Ein wenig surreal schien ihm die Situation noch vorzukommen.

„Und ähm…“, warf Hellen einen vielsagenden Blick zu dem T-Shirt, der keiner weiteren Worte bedurfte. Steffen zog es sich von der Schulter, faltete es auf und sie konnte den Namen einer Band darauf prangern sehen.

„Das hatte ich mir damals auf dem Konzert gekauft. Du weißt schon... Anfangs war das mein Schlafshirt, wenn ich bei ihr übernachtet habe, aber nach der ersten Trennung meinte sie, sie hätte es weggeschmissen… hat sich wohl auf wundersame Weise wieder gefunden“, betrachtete er den bedruckten Stoff und warf ihn sich dann wieder über die Schulter. Hellen nickte langsam und warf einen Blick hinüber zu Esthers Wohnhaus.

„Sie… ist wohl mächtig sauer…?“, war ihre Frage mehr eine Feststellung, die Steffen ein schiefes Grinsen abrang.

„Ja, hat mich selbst überrascht“, rieb er sich den Nacken und lachte dann leicht auf.

„Ich bin übrigens ein blöder Hund“, hob er die Schulter auf der das Shirt hing und verschränkte leicht die Arme vor der Brust.

„Gehts dir denn gut damit?“, runzelte Hellen die Stirn über sein Verhalten. Hatte er nicht selbst beim letzten Gespräch erzählt, wie sehr ihn die Geschichte mit Esther schon seit Jahren mitnahm? Wäre so ein endgültiger Schritt dann nicht erst recht auslaugend?

„Damit, dass ich ein blöder Hund bin? Gibt schlimmere Beleidigungen“, machte Steffen auf Hellens Frage hin eine wegwerfende Handbewegung und schaffte es mit seinem Spruch dieses Mal nicht, ihr ein Schmunzeln oder ähnliches abzuringen. Eher im Gegenteil. Sie blieb bierernst, bis auch er sich das Grinsen verkniff. Stattdessen legte sich ein ehrliches Lächeln auf seine Lippen und er sagte: „Bin ich ein Arsch, weil es sich plötzlich so einfach angefühlt hat? Und befreiend?“

Hellen betrachtete ihn einen Moment, ehe sie den Kopf schüttelte.

„Nein, mich wundert es nur…“, murmelte sie und wurde ertappt rot, als Steffen feixte: "Dass ich nicht wieder ein Häufchen Elend bin?"

Hellen zuckte leicht die Schultern und wiegte den Kopf, unschlüssig, was sie darauf antworten sollte. Aber Steffen schien ihr das nicht krumm zu nehmen.

„Na, ich hab jetzt ja immerhin Verantwortung und eine gewisse Vorbildfunktion. Der muss ich doch gerecht werden!“, zwinkerte er und Hellen hob fragend die Augenbraue.

„Ich freu mich ja, dass du dir mit Tiger so viel Mühe gibst, aber ist das nicht ein bisschen übertrieben?“, konnte auch sie sich endlich zu einem kleinen Lächeln durchringen, das jedoch sofort wieder verschwand, als Steffen zu ihrer Verwirrung Detlefs Namen nannte.

„Der Junge ist ganz fertig, seit Saskia letzte Tage fürs neue Semester zurück nach hause musste und er sie jetzt wieder nur am Wochenende sieht. Jetzt überleg mal, wie das wäre, wenn ich jetzt auch noch so down wäre - wir würden ja beide im Selbstmitleid ersaufen!", stemmte er die Hände auf die Hüften und sah zufrieden, dass Hellen auflachte.

„Hängst du nicht ohnehin gern mal mit einer Chipstüte auf der Couch?“, gab sie zurück und grinste über Steffens Verwunderung, dass sie sich das gemerkt hatte.

„Ja, aber dann will ich nicht ständig meinen Kumpel seufzen hören, weil er seine Freundin vermisst“, zwinkerte er, was Hellen in gespielter Empörung als unsensibel betitelte.

„Hey, sag so was nicht!“, hob Steffen beschwichtigend die Hand und blickte sich dann kurz um, ehe er zu Hellen flüsterte: „Wenn ich ehrlich sein darf, waren die Beiden wohl nicht ganz unschuldig daran, dass ich mir endlich den nötigen Arschtritt wegen Esther gegeben hab".

„Inwiefern?“, fragte Hellen und griff nach dem T-Shirt, das sich plötzlich von Steffens Schulter verabschieden wollte.

„Weil ich... oh! Danke!… Na ja, weil die Zwei mir einfach vor Augen geführt haben, dass ich endlich ne richtige Beziehung und nicht mehr dieses... Techtelmechtel will. Und egal, wie lange ich mir auch was anderes einreden will: Mit Esther und mir klappt es einfach nicht auf der Ebene, die ich mir wünsche. Warum mir also das Leben weiterhin unnötig schwer machen?", nahm er Hellen das Shirt ab und betrachtete es nochmals, um es dann in einen nahe stehenden Mülleimer zu werfen.

"Zeit, nach vorn zu schauen!", klatschte er zufrieden in die Hände und zog seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche.

"So, ich muss jetzt los. Zum Baumarkt muss ich heute zwar nicht, aber wenn du willst, kann ich dich bis zum Supermarkt mitnehmen. Die haben diese Woche Katzenspielzeug im Angebot und ich muss die Königin doch weiterhin gnädig stimmen, damit sie mich nicht wieder kratzt", lachte er und schlenderte langsam auf seinen Wagen zu. Hellen stolperte fast, als sie sich nach kurzem Zögern dann doch einen Ruck gab, um ihm zu folgen.

"Steffen?", rief sie regelrecht aus, obwohl er nicht mal eine Armlänge von ihr entfernt ging und er schenkte ihr trotz einer leichten Verwunderung ein Lächeln.

"Ja, was ist?", fragte er und wendete sich kurz ab, um seinen Wagen aufzuschließen.

"Sag mal... steht dein Angebot noch, mir mit dem Regal zu helfen?"

29.6.2024: Brille

„Und dein Chef ist wirklich einverstanden? Nicht, dass du am Ende Ärger bekommst…“

Steffen lachte auf und brachte den Wagen an der Ampel zum Stehen.

„Warum sollte ich erzählen, dass wir dein Regal in der Werkstatt zusammenbauen dürfen, wenns nicht stimmt?“, griff er das Lenkrad mit beiden Bänden und lehnte sich vor, um die farbigen Lichter besser sehen zu können. Die Sonne stand gerade in so einem ungünstigen Winkel, dass sich das Umschlagen der Signale kaum erkennen ließ.

„Ich weiß nicht…“, murmelte Hellen und kaute leicht auf der Unterlippe. Sie hatte sich beim Surfen im Internet schlagartig in ein Designerregal verliebt, das im Kauf mehrere Tausend Euro gekostet hätte. Von Steffen Tipps zu bekommen, wie sie so etwas selbst nachbauen konnte und auf welches Material sie achten musste, wäre schon eine große Unterstützung gewesen, aber dass er sogar mit ihr im Baumarkt gewesen war und auch noch bei der eigentlichen Anfertigung half, war in ihren Augen ein sehr großer Gefallen.

„Das ist sehr hilfsbereit“, betrachtete sie kurz sein Profil, als er wieder anfuhr und warf dann einen Blick auf die Rückbank voller Schrauben, Holz und anderen benötigten Utensilien.

„Na ja, wenn ich selber schon nicht alles zuhause habe, was wir an Maschinen bräuchten, dann wage ich mal zu bezweifeln, dass du alles Nötige da hättest. Und alles ausleihen…“, schüttelte er leicht den Kopf und bog in die nächste Straße ein.

„… nenn mich eigen, aber ich arbeite lieber mit Maschinen, die ich kenne“.

Wieder klackte der Blinker und wieder bog er ab. Hellen nickte leicht und meinte, dass das verständlich wäre.

„Wenns dich beruhigt, ich hab auch für die Renovierung vom Haus einige Sachen von meinem Chef ausgeliehen oder konnte das Eine oder Andere in der Werkstatt vorbereiten. Im Moment fehlt mir einfach die Kohle, um mir alle Maschinen, die ich so bräuchte, selbst zu kaufen. Vor allem in der benötigten Qualität“, schaute er sich ausgiebig nach möglichen Spaziergängern oder Radfahrern um und durchfuhr den Kreisverkehr. Wieder nickte Hellen, aber als Steffen weitersprach, zuckte sie kaum merklich zusammen.

„Ehrlich gesagt hab ich aber das Gefühl, dass hinter deiner Frage noch mehr steckt. Also? Was ist los?“, fuhr er auf den Innenhof der Schreinerei und Hellen spürte, wie ihr Herz schneller schlug, als er dort nach einem ausladenden Bogen plötzlich den Arm hinter ihre Kopfstütze legte und sich nach hinten drehte, um den Wagen rückwärts vor die Werkstatt zu fahren. Als er geparkt hatte und von ihr noch immer keine Antwort gekommen war, schaute Steffen zu Hellen und erkannte die Nähe, die er gerade geschaffen hatte – genauso wie Hellens verunsicherten Blick.

„Sorry, Macht der Gewohnheit…“, murmelte er und zog den Arm weg, während Hellen allen Mut zusammennahm, um ihre Gedanken auszusprechen.

„Tust du das, weil du hoffst, dass aus uns was wird?“, fragte sie und spürte die Hitze im Gesicht. Steffen hob verwundert die Augenbrauen. Ihm war anzusehen, dass er nicht mit dieser Frage gerechnet hatte und auch nicht recht wusste, wie er nun richtig reagieren sollte.

„Na ja, eigentlich war das vor allem als Dankeschön für deine Hilfe gedacht…“, zuckte er leicht die Schultern und konnte sich ein Schmunzeln doch nicht verkneifen.

„Aber… ich finds auch schön, Zeit mit dir zu verbringen. Du meintest neulich, dass du mich magst und ich glaube, es ist ziemlich offensichtlich, dass ich dich auch gut leiden kann“, sagte er und lachte dann auf, weil er sich ein wenig wie in der Schule fühlte.

„Jetzt fehlt nur noch, dass ich dir einen Zettel gebe, auf dem steht, ob du mit mir gehen willst“, gluckste er und rieb sich das Gesicht.

„Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen“, murmelte Hellen, aber Steffen schüttelte den Kopf.

„Schon gut... Ich hab das Gefühl, es wurde langsam mal Zeit, dass wir darüber sprechen, oder?“, meinte er und nach kurzem Zögern nickte Hellen. Sie senkte aber auch den Blick und nestelte dabei am Saum ihres Pullovers, was Steffen zu einem tiefen Seufzen brachte.

„Versteh schon…“, nuschelte er und wendete den Blick zur Werkstatt.

„Du hast gesagt, dass du dir endlich eine richtige Beziehung wünschst und bei mir… ist es im Moment genau umgekehrt. Ich war… seit Ende meiner Schulzeit mit meinem Ex zusammen und wenn ich auf die letzten Monate unserer Beziehung zurückschaue, dann war da alles nur noch einengend und belastend. Das Vertrauen war weg. In gewisser Weise… spielten auch Betrug und Geheimnisse mit rein und… und noch viele andere Probleme, die dafür sorgen, dass mir allein der Gedanke an eine Beziehung aktuell die Luft abschnürt“, erzählte Hellen leise und schaute erschrocken auf, als Steffen plötzlich ihre Hand griff.

„Hey, du brauchst dich nicht zu erklären“, ließ er sie los und zuckte leicht die Schultern.

„Du willst nicht und das ist doch okay. Dafür musst du dich nicht rechtfertigen“, versuchte er ihr ein Lächeln zu schenken, auch wenn ihm das offensichtlich schwer fiel.

„Komm, bauen wir dein Regal“, versuchte er so fröhlich wie möglich zu sprechen und öffnete die Tür, aber Hellen griff seinen Arm.

„Nein, du verstehst nicht!“, rief sie aus und wartete, bis er die Tür wieder geschlossen hatte.

„Ich will was Lockeres und Leichtes ausprobieren. Was ohne Verpflichtungen oder Erwartungen… aber ich hab nicht gesagt, dass ich dich nicht will. Im Gegenteil, ich… ich könnte mir sogar gut vorstellen mit dir…“, brach sie ab, weil ihr die Worte so schwer über die Lippen gingen. Am liebsten hätte sie Steffen einfach an sich gezogen und ihn geküsst, aber sein Blick verriet ihr, dass das keine gute Idee war.

„Du suchst gerade nach jemandem, mit dem du Spaß haben kannst und der dir ein paar schöne Stunden bereitet. Irgendwas in Richtung Affäre oder Freundschaft Plus...“, meinte er und auch wenn es seltsam war, diese Begriffe jetzt ausgesprochen zu hören, nickte Hellen. Steffens Mundwinkel zuckten und als er Hellen leicht über die Wange und ihre Haare hinters Ohr strich, wollte sie sich am liebsten in seine Hand schmiegen, doch dafür zog er die Finger zu schnell wieder weg.

„Tja…“, lehnte den Hinterkopf an seine Kopfstütze.

„Ich befürchte, dann haben wir uns leider in zwei zu unterschiedlichen Phasen unseres Lebens getroffen“, seufzte er und räusperte sich.

„Das ist ein verlockendes Angebot und ich glaube, die meisten würden mich als Idioten betiteln, dass ich das nicht annehme...“, schaute er aus den Augenwinkeln zu Hellen und wieder zuckten seine Mundwinkel „… aber ich bin damit durch. Ich hatte bei Esther zu lange die rosarote Brille auf und du weißt selber, was dabei raus kam. Ich kann und will so was nicht mehr“.

Hellen nickte. Sie hatte mit dieser Reaktion rechnen müssen und doch traf sie die Zurückweisung wie ein Schlag. Gleichzeitig tat es ihr aber auch leid, dass sie gerade nicht für mehr bereit war.

„Hey… wein doch nicht“, sagte Steffen behutsam und zog sie in eine Umarmung, während er den Kopf schüttelte, weil sie sich entschuldigte.

„Manchmal laufen die Dinge halt nicht so, wie wir sie uns wünschen“, murmelte er und konnte ihr Nicken spüren. Wie gerne hätte er sie jetzt einfach geküsst, aber er wusste, dass das ein Fehler gewesen wäre. Darum schob er Hellen leicht von sich und meinte stattdessen mit einem Grinsen: „So langsam mach ich mir aber Gedanken, dass ich dich ständig zum Weinen bringe!“

Sie musste erst schmunzeln und dann lachen, als er ihr wieder ein Taschentuch reichte.

„Das wird zum Running Gag zwischen uns“, schniefte sie und er stimmte ihr zu.

„Ja und bevor mir die Taschentücher ausgehen, lass uns mit dem Regal anfangen“, zwinkerte er und stieg aus dem Wagen. Zögerlich tat Hellen es ihm gleich.

„Wirklich?“, stellte sie sich neben ihn, während er bereits die ersten Einkäufe auspackte.

„Was, wirklich?“, fragte er und zuckte die Schultern, als sie fragte, ob er ihr wirklich noch helfen wolle.

„Klar, warum nicht?“, knuffte er Hellen leicht den Oberarm und drückte ihr ein paar Sachen zum Tragen in die Hand, ehe die Situation wieder unangenehm werden konnte.

"Na, dann mal los. Und ganz wichtig: Gleich immer schön die Schutzkleidung tragen; also Brille, Handschuh etc.", schloss er die Tür zur Werkstatt auf und atmete den vertrauten Geruch von Holz, Maschinen und vielen anderen Nuancen ein.

"Nun denn: Willkommen in meinem kleinen Reich!"

30.6.2024: paranormal

„Hat n bisschen was von nem Ufo“, betrat Judith Hellens Zimmer und stellte sich vor das neue Regal, um es ausgiebig zu mustern.

„Ja, Tilo war auch schon ganz begeistert“, murmelte Hellen. Seit Steffen gegangen war, saß sie auf ihrem Bett und schien langsam aber sicher damit zu verschmelzen.

„Wundert mich nicht, so wie er aktuell auf Aliens und diesen ganzen Kram steht. Ich bin ja mal gespannt, wie lang die paranormale Phase anhält – Saurier fand er fast zwei Jahre lang total cool und Trecker ein halbes“, ging Judith um das Regal herum und betrachtete es von allen Seiten.

„Ist ja eigentlich wie mit Mirams Elfen und Feen – sind auch übernatürliche Wesen“, antwortete Hellen und setzte sich aus dem Schneidersitz so hin, dass sie die Knie anziehen und ihren Kopf darauf ablegen konnte.

„Stimmt schon, aber ich hab mit grünen Männchen irgendwie noch nie viel am Hut gehabt. Niedliche Feen sind mir da lieber“, meinte Judith und schüttelte sich leicht beim Gedanken an fliegende Untertassen.

„Aber ich muss sagen, das Regal ist wirklich gut gemacht“, strich sie über das Holz und nickte zufrieden. Hellen zuckte leicht die Schulter.

„Ist immerhin von einem Fachmann“, griff sie ihre Knöchel mit den Händen und wackelte leicht mit den Zehen.

„Da gibts auch genug, die man in der Pfeife rauchen kann. Handwerker ist nicht gleich Handwerker“, verschränkte Judith die Arme vor der Brust und schmunzelte.

„Wie würde Oma jetzt sagen?“, warf sie Hellen einen Blick über die Schulter zu, die sogleich die Augen verdrehte.

„Dass ich ihn mir warm halten soll?“, murrte sie und seufzte bei Judiths Lachen.

„Ja, ja und Opa hat sie ja damals direkt vom Fleck weg geheiratet deswegen“, legte Hellen die Wange ans Knie und schaute aus dem Fenster neben sich.

„Na ja, du musst ihn ja nicht gleich heiraten. Erst mal näher kennen lernen wäre doch auch schon ein guter Anfang“, schlurfte Judith hinüber zum Bett und ließ sich darauf nieder. Wieder zuckte Hellen nur die Schultern.

„Hat er dir das Ding versehentlich auf die Füße gestellt oder warum bist du so knurrig?“, rutschte Judith nach hinten, bis sie mit Hellen auf einer Höhe saß.

„Mhmh“, schüttelte die den Kopf und betrachtete ein Vögelchen im Baum vor ihrem Zimmer.

„Als ich vorhin zum Einkauf gegangen bin, hatte ich eigentlich den Eindruck, dass ihr euch gut verstanden habt“, murmelte Judith und betrachtete ihre Schwester, die wieder nur nickte.

„Hat er irgendwas gemacht?“

Kopfschütteln.

Judith seufzte aus und stupste Hellen an.

„Na los, lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Was ist los? Habt ihr euch gestritten? Gings wieder um seine Ex oder habt ihr etwa über deinen Ex gesprochen?“, griff sie sich das Kopfkissen und umarmte es, während Hellen langsam den Kopf in ihre Richtung drehte. Judith musterte sie und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht.

„Meine Güte… Du hast dich in ihn verliebt“, sprach sie sanft und musste schmunzeln, als Hellen die Stirn runzelte und den Kopf schüttelte. Sie sah aus wir ihr Neffe, wenn der bockig wurde.

„So weit kommts noch!“, murrte sie und umschlang wieder die Knie mit den Armen, während sie stur geradeaus schaute.

„Ich wollte… ich wollte einfach nur ein bisschen Spaß mit ihm – und was ist? Ständig hört man, dass Männer so was Zwangloses toll finden und er? Er will lieber ne Beziehung“, nuschelte sie und schob das Kinn vor, während Judith die Augenbrauen hob und sich fragte, ob da gerade wirklich ihre erwachsene Schwester neben ihr saß oder ein pubertäres Gör, das zum ersten Mal Erfahrungen mit Jungs sammelte.

„Verallgemeinerst du nicht ein bisschen?“, ließ Judith sich gegen das Kopfteil des Bettes sinken und wieder zuckte Hellen die Schultern.

„Ist doch eigentlich was Gutes, dass er nicht nur auf ne schnelle Nummer aus ist. Ich mein, gerade nach dem ganzen Theater mit Richard…“, begann die große Schwester, ohne, dass die kleine Schwester sie ausreden ließ.

„Gerade deswegen hab ich aktuell keinen Bock auf ne Beziehung!“, zischte sie und ließ sich ebenfalls nach hinten fallen. Die Arme vor der Brust verschränkt und den Blick so hoch an die Zimmerdecke geheftet, dass sie fast ihre eigenen zusammengezogenen Augenbrauen sehen konnte.

„Ich will… ich hab halt auch meine Bedürfnisse und will die manchmal mit einem Mann ausleben. Mehr nicht! Einfach nur Spaß zusammen! Von mir aus auch ins Kino gehen oder so – aber endlich mal ohne Verpflichtungen oder Druck!“, wackelte Hellen mit den Knien, bis Judith sie griff und festhielt.

„Ich hab ne ganz verrückte Idee: Wie wäre es, wenn ihr euch erst mal kennen lernt und auf euch zukommen lasst, wie es sich entwickelt?“, ließ sie Hellen wieder los, als die zu ihr rüber linste und setzte sich in den Schneidersitz.

„Wozu denn? Er will ne Beziehung und ich nicht“, murrte die und schaute wieder an die Decke.

„Ich versteh ja, dass du im Moment Angst davor hast, dich zu öffnen, aber…“, begann Judith und wurde wieder unterbrochen.

„Ich hab keine Angst! Ich hab nur keinen Bock!“, zischte Hellen, was Judith einen vielsagenden Blick ins Gesicht zauberte.

„Natürlich“, sagte sie trocken und zeigte sich von Hellens giftigem Funkeln unbeeindruckt.

„Dann mal anders gefragt: weiß er denn, warum du gerade „keinen Bock“ darauf hast?“, stützte sie den Kopf auf eine Hand und atmete tief aus, als Hellen verneinte.

„Deswegen will ich was Belangloses!“, setzte Hellen sich wieder auf.

„Weil ich keine Lust auf irgendwelche Erklärungen oder so was hab! Das machts doch bloß wieder kompliziert!“, murrte sie und haute Judith mit Miriams Stofftier, das die Nichte mal wieder in Hellens Zimmer vergessen hatte.

„Ja, ich merk schon. Ist grad offensichtlich sehr unkompliziert und wenn du mit ihm reden würdest, müsstest du dich ja vielleicht öffnen und dann könntest du vielleicht wieder verletzt werden – ey, halt Fräulein Schnuffi da raus!“, grinste Judith und nahm das quietschblaue Stoffkaninchen an sich.

„Nichts für ungut, Hellen, aber ich kenn dich und du bist kein Typ für Affären und One Night Stands“, setzte sie das Plüschtier auf den Nachttisch und schaute verwundert auf, als Hellen plötzlich vom Bett sprang.

„Woher willst du das denn wissen?!“, rief sie aus und stemmte die Hände auf die Hüften.

„Nur, weil ich früher nicht so war, heißt das doch nicht, dass ich mich nicht verändern kann. Ich hab mich gerade in den letzten Monaten sehr wohl verändert!“, meinte sie und hielt Judith mit einer Geste davon ab, sie zu unterbrechen.

„Ich war immer das brave Mädchen, das gute Noten geschrieben hat und dann die vorzeige Freundin für meinen ach so tollen Freund! Ich geh brav arbeiten, büffle brav für mein Studium, aber... aber ich hab… mich nie einfach mal ausgetobt! Ich hab immer nur geguckt, was andere von mir erwarten und mich danach gerichtet! Vielleicht ist genau jetzt der Zeitpunkt, um mich auch einfach mal auszuprobieren! Neues kennen lernen! Einfach mal frei sein und tun und lassen was ich will! Zumindest außerhalb von Praxis und Studium!“, stemmte sie die Hände auf die Hüften und schaute Judith dabei zu, wie sie zur Tür ging, sie schloss und dann meinte, dass die Kinder von dem Gespräch nichts hören müssten.

„Hat dir das denn früher gefehlt? Das Austoben?“, kam Judith zurück zum Bett und ließ sich wieder auf der Kante nieder. Etwas unsicher schüttelte Hellen den Kopf, aber Judith sah ihr auch an, dass der Trotz im Moment die Oberhand gewann.

„Da hatte ich aber auch keine Zeit, mir über so was Gedanken zu machen!“, wiegelte Hellen ab und stapfte hinüber zum Schreibtisch, um sie an die Tischplatte zu lehnen.

„Jetzt mal ehrlich, du hast in fünfzehn Jahren Beziehung doch bestimmt auch mal überlegt, wie es mit anderen wäre, oder nicht?“, fixierte sie ihre Schwester, die ebenfalls während der Schulzeit mit ihrem Mann zusammengekommen war und es versetzte Hellen einen kleinen Stich, als Judith nach kurzer Überlegung den Kopf schüttelte.

„Sechzehn Jahre. Und zugegeben, ich möchte Markus und die Kinder manchmal gern zum Mond schießen und ja, es war auch nicht ganz geplant gewesen, dass wir schon so früh Eltern wurden. Ich frag mich manchmal, wie es beruflich bei mir vielleicht noch weiter gegangen wäre, wenn wir die Familiengründung erst etwas später gestartet hätten. Aber ich hab nie dran gezweifelt, dass Markus der richtige für mich ist und ich hab auch nie was bei ihm vermisst. Oder das Gefühl gehabt, etwas zu verpassen. Selbst jetzt nicht, wo er noch die nächsten eineinhalb Jahre dienstlich für dieses blöde Projekt so viel unterwegs sein muss. Eher im Gegenteil: Ich vermisse ihn, wenn er die Woche über nicht da ist, aber ich hab nicht den Drang, etwas oder einen anderen auszuprobieren. Es ist sogar immer wieder aufs Neue schön, wenn er dann am Wochenende endlich wieder hier ist“, zuckte sie leicht die Schultern und stand auf, um zu Hellen hinüber zu gehen.

„Ist ja schön für euch, wenn das alles so gut läuft“, murrte die und blickte zu Boden, während Judith ihr die Hände an die Oberarme legte und leicht darüber rieb.

„Du hast viel durch und was du so erzählt hast, ist das bei deinem Steffen wohl nicht anders“, meinte sie und schüttelte den Kopf, als Hellen zum Protest ansetzte.

„Ich denke zwar, dass ihr euch vielleicht einfach nur ein bisschen Zeit geben solltet, um euch besser kennen zu lernen und über die Päckchen sprechen solltet, die ihr so mit euch tragt, aber letztlich ist das nicht meine Entscheidung. Wenn du wirklich das Gefühl hast, dass du dir die Hörner abstoßen musst, dann probier es aus. Versprich mir nur, dass du dabei vorsichtig bist und dich zu nichts drängen lässt, was du nicht möchtest, okay?“, tippte sie ihrer Schwester auf die Nase, als Judiths diplomatische Worte sie offensichtlich überraschten.

„Ist das wirklich okay für dich?“, fragte Hellen skeptisch und Judith lachte.

„Soll ich dich vielleicht im Zimmer einsperren?“, gluckste sie und klopfte Hellen auf die Schulter.

„Du bist alt genug! Und ja, du hast dich wirklich verändert in den letzten Monaten – vielleicht überseh ich das manchmal“, gab sie Hellen eine Umarmung und ging dann zur Tür. Doch ganz ohne einen kleinen Tadel verließ sie das Zimmer dann doch nicht.

„Aber eins klar: Mein Haus wird nicht zu einem Puff gemacht! Also schlepp nicht jedes Wochenende einen anderen Typen hier an!“, hob sie drohend den Zeigefinger und schaute Hellen eindringlich an, während die zu grinsen begann.

"Aye, aye, Mami!"

1.7.2024: effizieren

Sven saß in der Küche seiner kleinen WG und hatte verschiedene Unterlagen vor sich auf dem Tisch ausgebreitet. Den Kopf in die Hände gestützt hockte er da und sah aus, als zerschmelze sein Gesicht unter dem Druck der Finger immer mehr zu einer unförmigen Masse. Er hörte die Wohnungstür und drehte die Augen in ihre Richtung. Zu mehr schienen seine Kräfte gerade nicht mehr auszureichen.

„Da bin ich!“, rief Jasmin schon bei Betreten der Wohnung und wickelte sich aus Schal und Jacke, um beides an der Garderobe zu parken.

„Um diese Zeit einzukaufen ist wirklich ein Spießrutenlauf“, murmelte sie und betrat die Küche. Auf der Türschwelle blieb sie stehen und musterte Sven, der langsam den Blick von den Einkaufstüten in ihrer Hand zu ihrem Gesicht hob und sich dann mit einem gedehnten Seufzen gegen seine Rückenlehne sinken ließ.

„Was ist denn mit dir los?“, fragte Jasmin und trug die Einkäufe zur Arbeitsplatte, um sie von dort aus weiter zu verteilen.

„Warum bloß haben wir diesen furchtbaren Gastdozenten bekommen?“, jammerte Sven und ließ den Kopf hängen, der in monotoner Bewegung von links nach rechts schwang. Kurz hielt Jasmin beim Verteilen inne, musterte Sven abermals und runzelte die Stirn.

„Wieso, er ist doch ganz nett?“, meinte sie, während er nach vorn auf die Tischplatte sackte und die Hände unter dem Kinn verschränkte.

„Nett, ja, aber sooo anstrengend!“, murmelte er und verzog das Gesicht.

„Kann der nicht normal schreiben?“, schob er einen Arbeitszettel in Jasmins Richtung und legte dann die Stirn auf der Hand ab.

„Ich brauch länger dafür, die Aufgabenstellung zu verstehen, als ich fürs eigentliche Bearbeiten bräuchte“, murrte Sven, während Jasmin den Text überflog.

„Wer schreibt denn bitte „effizieren“ statt einfach „bewirken“ oder „auslösen“ zu nehmen? Und das ist ja nur ein Beispiel von vielen!“, stützte Sven wieder den Kopf auf die Hand und ließ den Blick missmutig über seine Unterlagen schweifen. Jasmin allerdings zuckte mit den Schultern.

„Tja, da wirst du dich wohl dran gewöhnen müssen“, meinte sie und gab ihm den Zettel zurück.

„Vielleicht kann man ihm ja mal einen dezenten Hinweis geben…“, schlug Sven stattdessen vor, aber Jasmin schüttelte den Kopf.

„Das macht er absichtlich“, drehte sie ihrem Kommilitonen den Rücken zu und packte weiter aus.

„Wie, absichtlich?“, fragte der und erwachte langsam aus seiner Lethargie.

„Oberfelder ist gestern nach der Vorlesung genau deswegen auch zu ihm hin und hat dafür nen kleinen Einlauf kassiert. Er solle nicht nur nach Schema F die Aufgaben abarbeiten, sondern auch mal um die Ecke denken. Und der neue Dozent meinte auch, dass er die Aufgabenstellung gern noch abstrakter stellen könne – also überleg dir lieber noch mal, ob du ihn wirklich drauf ansprechen willst“, warf sie Sven einen Blick über die Schulter zu, der das Gehörte erst einen Moment lang verdauen musste und dann wieder wie ein Häufchen Elend in sich zusammensackte.

„Dabei hat mir das Fach eigentlich so viel Spaß gemacht! Mussten wir den Kerl als Ersatz kriegen? Hätten wir das Modul nicht nächstes Semester wiederholen können?“, murrte Sven, worüber Jasmin allerdings den Kopf schüttelte.

„Nun übertreib mal nicht. Es ist ne kleine Umstellung, ja, aber nicht unlösbar“, meinte sie und verstaute die leeren Einkaufstüten.

„Warum sitzt du überhaupt hier in der Küche und nicht an deinem Schreibtisch?“, fragte sie dabei, obwohl sie es sich schon denken konnte.

„Damit wir die Aufgaben zusammen erledigen können. Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt man doch so schön“, murmelte Sven und starrte Jasmin entgeistert an, als sie sagte, dass sie die Aufgaben bereits fertig habe. Sein Anblick brachte sie zum Schmunzeln.

„Abschreiben lass ich dich nicht, aber ich kann dir ein paar Tipps geben“, grinste sie und musste lachen, als er eifrig nickte.

2.7.2024: Begrüßung

„Sieht aber nicht nach Uni aus!“, schlich es sich von hinten in Hellens Ohr und ließ sie zusammenfahren. Sie hatte gerade auf der kleinen Holzbank im Vorgarten der Praxis gesessen, die Ruhe des frühen Morgens genossen und dabei noch ein wenig schlaftrunken mit ihrer neuen Handyapp gekämpft – doch jetzt stand sie da, wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen und eine Hand auf die Brust gepresst.

„Man, erschreck mich nicht so!“, fuhr sie zu Sanne herum, die sie nur unschuldig anlächelte und mit leichtem Schulterzucken meinte, was das denn für eine Begrüßung sei.

„Mehr als Mecker hast du nicht verdient, wenn du mich so überraschst!“, murrte Hellen und trat trotzdem näher an sie heran, um ihr eine kurze Umarmung zu geben.

„Außerdem liest man nicht einfach bei anderen aufm Handy mit. Das ist ganz schön indiskret!“

Sanne lachte auf und holte ihren Praxisschlüssel aus der Hosentasche.

„Du warst so vertieft, da konnte ich nicht widerstehen“, gluckste sie und zog nach einem kurzen Klacken des Schlosses die Tür auf.

„Das Design kam mir so bekannt vor – hast du dir jetzt echt ne Datingapp runtergeladen?“, ließ sie Hellen an sich vorbei gehen und folgte ihr dann in die Praxis.

„Ja, warum so überrascht?“, fragte die und auch wenn sie sich vornahm, ihre frisch gestartete Suche nach Männern nicht als peinlich zu empfinden, machte sich ein wenig Nervosität in ihr breit. Sanne schlurfte durch die Flure und steuerte den Pausenraum an, während sie einen Lichtschalter nach dem anderen betätigte, sodass die Praxisräume langsam zu Leben erwachten.

„Weil ich eigentlich dachte, dass du dir diesen schnuckeligen Handwerker angeln würdest“, antwortete sie und warf ihre Tasche auf ihren Stammplatz im Pausenraum.

„Keine Ahnung, wen du meinst“, murmelte Hellen, aber Sannes Blick ließ keinen Zweifel übrig, wie wenig sie ihr diese Unwissenheit glaubte. Hellen seufzte aus und rollte mit den Augen.

„Es passt nicht mit ihm!“, murrte sie und verfrachtete ihre Jacke an die Garderobe, während ihr Rucksacks ebenfalls an seinen Stammplatz gewandert war.

„Wieso? Ihr habt euch doch eigentlich gut verstanden, hatte ich den Eindruck“, runzelte Sanne die Stirn, während sie aus dem Spind ihre Arbeitskleidung holte. Doch bevor Hellen antworten konnte, fuhr Sanne plötzlich dazwischen.

„Oh, Moment!“, hob sie die Hand und meinte, dass Hellen ihn doch wohl nicht etwa deshalb abgeschossen habe, weil er mit einer anderen Frau unterwegs gewesen sei.

„Wenn das so ne dunkelhaarige mit Pony und Pferdeschwanz war, dann war das seine Cousine! Ich hab auch erst gedacht, die beiden wären…“, begann sie zu erzählen und brach ab, als Hellen deutlich den Kopf schüttelte.

„Nein, nein. Saskia hab ich auch mal kurz kennen gelernt. Damit hat das nichts zu tun“, machte sie eine wegwerfende Handbewegung und schlüpfte in ihre Arbeitskleidung.

„Ja, ich dachte auch erst, dass es passen könnte, aber letztlich hat sich herausgestellt, dass wir doch zu unterschiedliche Vorstellungen haben“, sprach sie ausweichend und gab Sanne mit dem zugewandten Rücken zu verstehen, dass Fragen zu weiteren Details unerwünscht waren. Die seufzte leicht aus und wechselte ihr Shirt.

„Schade, ihr hättet ein süßes Pärchen abgegeben“, verstaute sie ihre private Kleidung im Spind und schloss die Tür.

„Du kannst ihn dir gern angeln“, zuckte Hellen die Schultern und hörte Sannes Lachen.

„Bring mich nicht auf Ideen!“, rief die aus und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Dann warte ich aber wenigstens, bis du dir einen anderen gesucht hast. Sonst käm ich mir irgendwie schäbig vor“, meinte sie und Hellen warf ihr einen verwunderten Blick über die Schulter zu.

„Wieso denn das?“, schloss auch sie ihren Spind.

„Keine Ahnung… Irgendwie hast du ihn ja doch ganz nett gefunden, das war ja nicht zu übersehen. Und da fänd ichs schon unpassend, mich jetzt einfach direkt an ihn dran zu hängen“, zuckte Sanne eine Schulter und stieß sich leicht vom Spind ab. Aber Hellen tat so, als wäre ihr das alles egal.

„Stört mich echt nicht“, murmelte sie und ging so beiläufig wie möglich zur Kaffeemaschine, um die erste Ladung heißes Koffein für den heutigen Tag vorzubereiten.

„Mag sein… aber ich kann ja trotzdem noch ein paar Tage warten, bevor mir zufällig seine Akte mit den Kontaktdaten in die Hände rutscht“, zwinkerte Sanne und stellte sich neben Hellen, die gerade das Pulver in die Maschine füllte.

„Ist auch schon wieder fast leer“, murmelte die und konnte aus den Augenwinkeln Sannes Nicken sehen.

„Manchmal hab ich das Gefühl, dass einige hier das Zeug intravenös zu sich nehmen“, schmunzelte sie und ging auf Suche nach Nachschub. In der Vorratskammer – einem kleinen Schrank neben der Spüle – wurde sie tatsächlich fündig.

„Der Tag ist gerettet! Wir müssen nicht an Kaffeeentzug sterben!“, hielt sie sich theatralisch die Hand vor die Stirn und reichte Hellen die neue Packung. Die nahm sie ihr lachend ab und beide horchten auf, als plötzlich ein Gruß von der Praxistür herübergeweht kam.

„Ah, Herr und Frau Doktor sind auch da!“, sagte Sanne und machte sich auf den Weg, um sie ebenfalls zu begrüßen. Doch kurz blieb sie stehen, um sich noch mal zu Hellen umzudrehen.

„Was mir grad noch einfällt: Die App, die du da hast, kann ich nicht so empfehlen. Die hatte ich auch mal… die meisten Männer dort wissen sich zwar zu benehmen, aber ich hab schnell gemerkt, dass sie größtenteils nur auf ne schnelle Nummer aus sind. Versuch es lieber hier mit“, zog sie fix ihr Handy hervor und schickte Hellen einen Screenshot.

„Den Namen haben sie leider nicht so gut gewählt; da weiß ich die richtige Schreibweise immer nicht… ich glaub, viele kennen die App bisher auch noch nicht; ist noch relativ neu. Aber auf mich macht sie soweit einen guten Eindruck. Kannst ja mal reinschauen“, zwinkerte sie Hellen zu und verschwand dann in den Flur, während Hellen nur nickte und erst nach ein paar Sekunden des Überlegens antwortete: „Danke für den Hinweis!“

3.7.2024: chiffrieren

Mit einem tiefen Seufzen betrat Sanne den Pausenraum und ließ sich erschöpft auf ihren Stuhl sinken. Jetzt nur noch sitzen, atmen und was essen!

„Heute ist es aber wieder besonders wiggelig!“, murmelte sie und kramte ihren Salat hervor, um dann einen erstaunten Blick durch den Raum zu werfen.

„Ist Hellen heut nicht den ganzen Tag da?“, schaute sie fragend zu ihren Kolleginnen und Vorgesetzten, die sich entweder unterhielten, stumm ihr Essen mümmelten oder gebannt auf ihre Smartphone schauten.

„Sitzplatz…“, schmatzte die Tierärztin und deutete mit dem Daumen zum Garten. Kurz überlegte Sanne, ob sie ihrem geschundenen Körper den weiten Fußweg von ca. zwei Minuten noch zumuten sollte, aber eigentlich...

„Eigentlich ne gute Idee!“, meinte sie dann doch und griff ihre Jacke, um sich bis zum Ende der Pause zu verabschieden. Es war inzwischen ein wenig zu kühl geworden, um im kurzen Shirt herumzulaufen, aber warm genug eingepackt konnte man es draußen noch sehr gut ertragen.

„Hier hast du dich versteckt!“, rief sie Hellen schon von weitem zu, die von ihrem Handy aufblickte und Sanne zuwinkte.

„Wieder am flirten?“, nahm die mit einem Grinsen neben Hellen Platz und fing an, in ihrem Salat zu stochern, während Hellen eher missmutig an ihrem Brötchen nagte und das Smartphone beiseite schob.

„Nicht ganz… was schreibst du einem Mann, den du nicht noch mal treffen möchtest, wenn er nach einem Wiedersehen fragt?“, lehnte sich sich zurück und rieb sich den Nacken.

„Hm…“, zuckte Sanne leicht die Schultern und schaute grübelnd nach oben.

„Kommt immer drauf an, wie der Abend so lief und warum ich ihn nicht mehr sehen will. Hat er sich irgendwie daneben benommen oder warum willst du ihm den Laufpass geben?“, stützte sie die Ellenbogen auf der Tischplatte ab und ließ den Blick auf Hellen gerichtet, während das Stochern im Salat zum Glücksspiel wurde.

„Nein, er war sehr nett und zuvorkommend. Der erste Teil des Abends hat auch echt Spaß gemacht. Wir waren im Kino und dann noch zu McDoof, aber beim anschließenden Spaziergang durch die Stadt hab ich gemerkt, dass unsere Interessen doch ziemlich auseinandergehen“, knabberte Hellen an ihrem Brötchen und schaute wieder unentschlossen auf ihr Handy.

„Kenn ich“, murmelte Sanne und nickte.

„Wenn man sich öfter mal auf Dates eingelassen hat…“

„entwickelt man irgendwann schon ein gewisses Bauchgefühl, obs passen könnte oder nicht“, ergänzte Hellen und wieder nickte Sanne.

"Du warst ziemlich lange mit deinem Ex zusammen, wenn ich das neulich richtig verstanden hab. Ist jetzt bestimmt wieder ne Umstellung, auf Männerfang zu gehen, oder?", fragte sie und fischte nach einem Salatstück, das ihr von der Gabel gefallen war, sodass sie nicht mitbekam, wie Hellen sich versteifte.

"Ja, ist noch etwas ungewohnt", antwortete sie und krallte die Finger in ihre Hose, als Sanne weiterfragte, warum die Beziehung eigentlich geendet sei.

"Auseinandergelebt", antwortete Hellen schnell und nahm einen großen Bissen, um sich etwas Zeit zu verschaffen, aber glücklicherweise bohrte Sanne nicht weiter in dem Thema herum.

„Kenn ich... das ist immer bitter", meinte sie und fügte dann hinzu: "Im Moment haben wir wohl beide nicht so ein Händchen für die Männerwelt“. Hellen seufzte aus und sackte leicht zusammen.

"Da sagst du was!", stimmte sie zu und spürte umso deutlicher, wie der Frust an ihr nagte.

„Irgendwie hab ich mir das einfacher vorgestellt…“, schob sie das Handy von sich und stützte den Kopf auf die Hand. Erst hatte es eine gefühlte Ewigkeit gedauert, um überhaupt ein paar sympathische Kontakte zu finden, dann war es zu ihrer großen Überraschung doch eine sehr große Überwindung gewesen, auf das erste Date zu gehen und seitdem fragte sie sich, wann endlich ein Mann dabei wäre, den sie auch außerhalb des Chats so anziehend fand, dass sie sich auf ihn einlassen konnte.

„Zwischendurch frag ich mich, ob ich zu wählerisch bin“, murrte sie und schmunzelte bei Sannes Antwort.

„Ich glaub, dann sind wir da schon zwei!“, rief die aus und berichtete über ihre eigene Flaute beim Dating.

„Manchmal hab ich das Gefühl, dass es so Phasen sind… mal hat man Phasen, in denen man so viele tolle Männer findet, dass man sich kaum für einen entscheiden kann und dann hat man wieder diese Phasen, in denen totale Flaute ist. Aber wie ich neulich schon sagte: Die App ist auch noch nicht so bekannt. Vielleicht sollten wir einfach etwas geduldiger sein!“, grinste sie und war glücklicherweise gerade so mit ihrem Salat beschäftigt, dass sie Hellens ertappten Blick nicht bemerkte.

„Ja, stimmt, Geduld ist immer so ne Sache bei mir“, lachte die leicht und zog das Smartphone an sich, damit Sanne auf keinen Fall zufällig einen falschen Blick auf das Display werfen konnte. Es war eine Sache, den anderen Kolleginnen zu verheimlichen, dass sie auf einer Datingapp unterwegs war, aber Sanne, die einzig „Eingeweihte“ musste auch nicht erfahren, dass sie deren Ratschlag bzgl. der passenden App in den Wind geschlagen hatte.

„Nun sag mir aber erst mal, wie ich mit ihm Schluss mache“, griff sie das eigentliche Thema wieder auf und nagte grübelnd an ihrer Unterlippe.

„Was stört dich denn an ihm? Die schlechten Tischmanieren waren es dieses Mal dann ja nicht, wenn ich das richtig verstanden hab“, meinte Sanne und schob zufrieden und gesättigt die leere Salatbox von sich, während Hellen noch nicht mal die Hälfte ihres Brötchens geschafft hatte. Auf Sannes Frage hin schüttelte sie den Kopf.

„Hat bestimmt nicht geschadet, dieses Mal auf Döner und Hähnchen zum Essen zu verzichten, aber dass er sich privat und beruflich fast nur für IT interessiert, war halt nicht so meins. Die anderen Hobbys, von denen er vorher erzählte, macht er wohl seit dem Studium gar nicht mehr so richtig. Hab ich aber vorher in den Chats nicht so herausgelesen... Ich finds toll, wie sehr er jetzt in dem IT-Thema aufgeht, aber mein Ding ist das halt überhaupt nicht“, murmelte sie und musste zugeben, dass sie vieles von dem, was er im späteren Verlauf des Abends noch so erzählt hatte, gar nicht verstanden oder sich gemerkt hatte.

„Irgendwas mit chiffrieren zum Beispiel. Ehrlich gesagt hat mir weder der Studiengang, in dem er jetzt seinen Master machen will, was gesagt, noch die Firma, zu der er anschließend unbedingt will, obwohl die scheinbar echt groß und bekannt ist“, gab sie zu und lachte, als Sanne meinte, dass sie also nur Bahnhof verstanden habe.

„Ja, so in etwa. Vielleicht ist Kino beim ersten Date doch keine so gute Idee. Da ist man erst mal ne Weile mit dem Film und dem Lamentieren darüber beschäftigt, ehe man wirklich ins Gespräch geht“, grübelte sie und war selber ein wenig verwundert über diesen Ausspruch. Reichte körperliche Anziehung für das, was sie suchte, nicht eigentlich aus? Aber ein paar Überschneidungen bei Interessen und Ansichten brauchte es vielleicht doch, wie sie langsam aber sicher feststellte... Trotzdem war sie in diesem Moment sehr froh darüber, dass ihre Kollegin mit Hauch einer Freundschaft von diesen Gedankengängen nichts ahnte.

„Würd ich nicht so sehen…“, antwortete Sanne auf den Punkt mit dem Kino und fand, dass ein ähnlicher Filmgeschmack sehr wichtig und ein guter Einstieg für spätere Gespräche sein konnte.

„Wenn das so überhaupt nicht harmoniert… das ist dann für mich wie mit der Musik: Wir müssen nicht die komplett gleichen Geschmäcker in allem haben, aber ich will mich mit meinem Freund auch ein Stück weit über meine Lieblingsfilme und -bands austauschen können. Dafür ist mir das einfach zu wichtig...“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und nickte zur Bestätigung ihrer Worte. Hellen hingegen merkte, dass sie sich über solche Art Details bisher kaum Gedanken gemacht hatte. Vielleicht auch, weil sie bei vielem einfach immer danach gegangen war, was Richard gefallen hatte? So langsam bekam sie das Gefühl, dass diese ganze Datingsache doch komplexer werden könnte, als sie vorher gedacht hatte – nicht nur in Bezug auf ihre körperlichen Wünsche. Mit einem tiefen Seufzen griff sie wieder ihr Handy und fing nach kurzem Zögern mit dem Tippen an.

„Na, Antwort gefunden?“, wollte Sanne wissen und schaute sie umso neugieriger an, als Hellen nickte.

„Ich werde einfach ehrlich sein… zu uns beiden“, meinte sie und Sanne fragte, wie sie diese etwas kryptische Info meine.

„Ich schreib ihm, wie es ist: Es war ein schöner Abend, aber ich möchte mich nicht noch mal mit ihm treffen, weil es für mich nicht gepasst hat“.

4.7.2024: Yankee Doodle

Ein wenig ungewohnt war es schon, an diesem Nachmittag mal nicht zu zweit nach hause zu kommen. Detlef hatte sich bereits am Morgen mit dem Rad auf den Weg begeben, um nach der Arbeit noch einen Abstecher ins Fitnessstudio zu machen. Ausgleich für die teils einseitige Belastung auf der Arbeit war es für ihn, während Steffen bereits die Arbeit als solche als gutes Training empfand.

„Dass der überhaupt noch so viel Power übrig hat“, murmelte er beim Verlassen seines Wagens und schloss die Autotür ab. Er warf sich den Riemen seines Rucksacks über die Schulter und während er so vor seinem Haus stand, stellte er fest, wie ruhig es in diesem Moment war. Ein wenig rauschten die Blätter in den Bäumen und waren die Vögel zu hören, aber ansonsten schien er ganz allein. Nur er und sein Häuschen.

An seinen Wagen gestützt stand er da und betrachtete sein Werk. Noch war nicht alles fertig, noch gab es viel zu tun. Aber das Wichtigste hatte er in den letzten Monaten geschafft – viel mit Unterstützung von Detlef und anderen Kumpels, aber auch in so mancher Stunde allein. Das Gebäude drohte nicht mehr unter morschen Balken einzustürzen, auf der Rückwand klaffte kein riesiges Loch mehr und auch das Dach war kein poröses Sieb mehr. Eine Bruchbude war es gewesen, dieses Häuschen, das er sich von seinem hart ersparten Geld für einen Spottpreis gekauft hatte, um den Großteil des Geldes in die Renovierung zu stecken. So viel Arbeit und Liebe steckten darin und trotzdem fühlte es sich manches Mal noch seltsam an, dass das Haus und sein verwildertes Grundstück wirklich Steffen gehörten. Er musterte die Fassade, an der noch einiges gemacht werden musste, die Mischung aus neuem Material und alter Substanz und er merkte, dass er erst jetzt so langsam begriff, wie sehr sich das Häuschen in den letzten Monaten verwandelt hatte. Vorher hatte er vor allem die einzelnen Renovierungsabschnitte im Blick gehabt, aber selten das große Ganze bewusst wahrgenommen. Die ausstehenden Ziele hatte er gesehen, aber die erreichten Erfolge nach einem kurzen Anflug von Stolz bereits wieder vergessen, um sich dem nächsten zu widmen. Es war ein seltsames Gefühl, sich das nun klar zu machen und er wusste nicht recht, was er von diesem Gefühl halten sollte…

Mit einem leichten Ruck ließ er den Wagen hinter sich und zückte den Haustürschlüssel, der inzwischen so routiniert seinen Weg kannte.

„Hallo Tiger“, begrüßte er die Katze, die verschlafen vom Kratzbaum in der Küche hochschaute, als Steffen das Haus betrat. Sie stand auf, reckte und streckte sich, gähnte ausgiebig und ließ sich dann gnädigerweise zu einer Begrüßung überreden.

„Na? Gut geschlafen?“, schmunzelte Steffen, der seinen Rucksack auf den Tisch stellte und Tiger im Vorbeigehen den Kopf kraulte. Inzwischen war es eine Selbstverständlichkeit, dass sie sich bei seiner Rückkehr an seine Hand schmiegte und begann zu schnurren, aber auch das hatte viel Zeit und Arbeit gekostet.

„Man, man… ich werd ja fast schon melancholisch“, murmelte Steffen und dachte an die Momente zurück, in denen er sogar überlegt hatte, ob die Entscheidung, Tiger bei sich aufzunehmen, eine gute gewesen war. Wie hatte sie ihn am Anfang immer angefaucht und angeknurrt, ihm die Krallen gezeigt, wenn er sie zum Tierarzt bringen musste und sich oft genug vor ihm und Detlef unterm Schrank oder Bett versteckt. Nur Saskia war zu dieser Zeit an sie herangekommen – zurückhaltend und vorsichtig zwar, aber doch genug, um sie mit Futter aus ihren Verstecken locken zu können und ihre heilenden Wunden betrachten zu dürfen.

„Ich hab noch ein bisschen was zu tun. Willst du mir Gesellschaft leisten, bis Detlef kommt und wir Abendessen machen?“, fragte Steffen und lachte, als Tiger wie zur Bestätigung vom Kratzbaum sprang. Ein wenig humpelte sie noch und das würde vielleicht auch nie ganz verschwinden, aber zu stören schien sie diese kleine Einschränkung nicht.

„Na, mit deiner Unterstützung kann ja nichts mehr schief gehen!“, grinste Steffen und ging in die Werkstatt. Doch auch hier schien die Stille nur darauf zu warten, an seinen Gefühlen zu rütteln. Ein schummriges Licht fiel durch die Fenster und ließ die Werkstatt wie im Schlummer wirken. Nur ein paar Tage waren vergangen, seit Steffen hier das letzte Mal etwas gearbeitet hatte und trotzdem fühlte es sich wie eine halbe Ewigkeit an. Fast bedächtig ging er zur Werkbank und kraulte Tiger gedankenverloren den Kopf, als sie neben ihm auf die massive Holzplatte sprang, um ihm bei der Arbeit zuzusehen – zumindest solange diese nicht zu laut oder zu staubig wurde.

„Irgendwann will ich hiervon leben können… kannst du dir das vorstellen? Das war schon immer mein Traum“, murmelte Steffen und spürte die aufkommende Wehmut beim Gedanken daran, wie viel noch fehlte, um diesem Ziel näher zu kommen. Ein bisschen blauäugig war er in die Renovierung gestartet und hatte im Verlauf des Ganzen immer mehr gemerkt, wie teuer das benötigte Material wirklich war – selbst, wenn man viel an den Arbeitskosten sparen und dank guter Beziehungen auch das eine oder andere günstiger oder in größeren Mengen bekommen konnte. Eigentlich hatte er das Haus renovieren und dann gleich seine eigene Schreinerei eröffnen wollen – aber inzwischen wusste er, dass er noch eine ganze Weile mit fremder Arbeit sein Geld verdienen musste, um überhaupt wieder die nötigen Rücklagen dafür zu schaffen. Und um sich überhaupt irgendwann die Geräte und Maschinen leisten zu können, die ihm momentan noch fehlten.

„Ein bisschen entmutigend, aber ich kann schlecht alles in reiner Handarbeit machen. Das würd ja ewig dauern und kein Kunde bezahlen“, stellte er fest und schluckte das bittere Gefühl der Enttäuschung runter.

„Aber vielleicht auch ganz gut, dass ich da so optimistisch dran gegangen bin… wer weiß, ob ich mich dem Ganzen hier gestellt hätte, wenn mir das vorher alles schon so bewusst gewesen wäre“, murmelte er und schenkte Tiger ein leichtes Lächeln, ehe er sich endlich an die Arbeit machte. Zwei Balken mussten noch getauscht werden, wenn auch nicht so eilig, wie es bei den anderen der Fall gewesen war. Doch so langsam wollte Steffen auch diesen Part endlich erledigt sehen.

„Na, dann wollen wir mal!“, holte Steffen die Holzböcke aus der Ecke, um die Balken auf angenehmer Arbeitshöhe bearbeiten zu können. Er musste sie nur noch vom Fußboden auf die Böcke hieven und schon konnte es los gehen. Es war für ihn längst Routine, selbst so schwere und wuchtige Eichenbalken mit gezielten Griffen und Bewegungen - erst eine Seite, dann die andere - auf die Böcke zu befördern. Doch dieses Mal lief etwas anders... Noch während er sich dachte, dass er den Balken vielleicht etwas zu mittig gegriffen hatte, peitschte ihm ein Schmerz in den Rücken und schoss durch den gesamten Körper. Mit unterdrücktem Schrei ließ Steffen augenblicklich den Balken fallen. Er sackte aus der Hocke auf die Knie, presste eine Hand auf seinen unteren Rücken und suchte mit der anderen irgendwie nach Halt, während er für einige Sekunden kaum Luft bekam.

„Scheiße!“, presste er heraus, während sein Körper vor Anstrengung zu zittern begann, weil er keine Position fand, die nicht so höllisch schmerzte, dass es seine Bewegungen blockierte. Es war kaum auszuhalten, sich abzustützen und noch viel mehr schien es ihm Stunden zu dauern, bis er es irgendwie schaffen konnte, sich an einem der Böcke ins Stehen zu ziehen. Immer wieder musste er inne halten, fluchte leise vor sich hin und hatte das Gefühl, dass ihn die Kraft verließ. Aber selbst, als er sich zu einem Stuhl rüber schleppen und darauf niederlassen konnte, hörte der Spuk nicht auf.

„Tiger, ich glaub, mein Kreislauf macht schlapp…“, keuchte er und lehnte den Kopf zurück; die Augen geschlossen, weil ihn immer mehr die Dunkelheit und ein Gefühl der Taubheit überfielen. Es schien, als würde die eingeatmete Luft gar nicht mehr seine Lungen füllen, sondern wie durch einen kaputten Ballon entweichen. Ihm wurde flau und die Schwäche zerrte so an seinen Gliedmaßen, dass er sich mit letzter Kraft zurück auf den Boden sinken ließ. Nur liegen, bevor der Absturz kam! Wie er es dann noch schaffte, sich auf den Rücken zu rollen, wusste er selbst nicht mehr, aber endlich spürte er dadurch einen Hauch der Erleichterung. Die Beine aufgestellt, lag er minutenlang da, fühlte, wie langsam die Taubheit verschwand, der Körper nicht mehr wie ein nasser Sack ohne Kontrolle war und sich auch die Atmung normal anfühlte. Er schüttelte leicht den Kopf und öffnete die Augen.

„Kann doch wohl nicht wahr sein…“, murmelte er und rieb sich das Gesicht. Erschöpft schaute er zur Werkbank auf, wo Tiger noch immer saß und ihn interessiert beobachtete.

„Du fandest das jetzt witzig, oder?“, nahm er einen tiefen Atemzug und versuchte sich aufzurichten, doch der scheinbare Frieden war sogleich wieder vorbei.

„Leck mich doch am...!“, ließ er sich vorsichtig zurücksinken, kniff die Augen zusammen und die nächste halbe Ewigkeit voller Schmerzen begann.

„Du hast nicht zufällig mein Handy gesehen, oder?“, murmelte er zu Tiger, als das Atmen wieder leichter fiel. Zumindest konnte Steffen den Arm heben und sich die Hand unter den Kopf schieben, ohne gleich wieder von Schmerz geplagt zu werden.

„Guck mal im Rucksack und brings mir. Sei ein gutes Kätzchen“, richtete er sich wieder an Tiger, die allerdings nur den Kopf schief legte und gähnte.

„Na, Danke“, murrte Steffen und verdrehte die Augen.

„Zur Strafe heute kein Abendessen für dich“, rieb er sich erneut das Gesicht und schloss resignierend die Lider. Also blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als so da zu liegen und auf Detlefs Rückkehr zu warten.

„Bloß gut, dass ich nicht auch noch pinkeln muss…“, murmelte er und legte die andere Hand auf seinen Bauch. Es war seltsam, plötzlich nur mit sich und den eigenen Gedanken allein zu sein. Keine Musik, keine Arbeit, keine Ablenkung. Nichts. Nichts als Gedanken, die sich meldeten und Gefühle...

„Scheiß Rückenschmerzen“, murrte er nach einer Weile in Stille und räusperte sich. Warum hörten seine Augen nicht endlich auf zu tränen?

„Meine Fresse!“, rieb er sich missmutig über die feuchten Lider und guckte entnervt zur Seite. Aber der Unmut war schnell verflogen, als er entdeckte, dass Tiger in der Zwischenzeit von ihrem Podest heruntergekommen war und nun direkt neben ihm saß.

„Na? Machst du dich über mich lustig, weil ich hier rumlieg wie ein Käfer auf dem Rücken?“, schmunzelte Steffen und streckte die Hand vorsichtig nach der Katze aus. Doch statt – wie sonst so oft – auszuweichen und elegant von dannen zu schreiten, nutzte Tiger plötzlich den frei gewordenen Platz auf Steffens Bauch, um es sich darauf gemütlich zu machen.

„Du verarschst mich grade, oder?“, murmelte der und glaubte seinen Augen kaum. Es war schon ein langes Stück Arbeit gewesen, sie überhaupt mal kraulen zu dürfen, aber an gemeinsames Kuscheln hatte er bisher nie auch nur zu denken gewagt. Und nun? Nun lag sie da, eingedreht und leise schnurrend, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt!

„Soll ich mich freuen oder nutzt du nur grad meine Notlage aus, hm?“, schmunzelte Steffen und versuchte nochmals, Tiger ein wenig zu kraulen. Doch kaum berührte seine Hand ihr Fell, schoss ihr Kopf auch schon in die Höhe, die Ohren wurden gespitzt und mit leisem Maunzen sprang sie auf, um in den Flur zu verschwinden.

„So viel dazu…“, murmelte Steffen und schaute ihr nach, während auch er nun die Haustür hörte.

„Schahatz! Ich bin Zuhauseee!“, rief Detlef gut gelaunt und brachte Steffen zum Seufzen. Das konnte jetzt ja lustig werden…

„Werkstatt!“, antwortete der kleinlaut und merkte schon beim ersten Versuch des Aufstehens, dass es alleine wieder eine Tortur würde, die er vor Detlef sicherlich nicht verstecken konnte. Also konnte er sich auch genauso gut dabei helfen lassen...

„Dann hat der Kleine wenigstens was zu lachen“, schob er sich seufzend auch noch die andere Hand unter den Kopf und wartete darauf, dass Detlef den Raum betrat.

„Hey, Yankee Doodle! Was wird das denn, wenns fertig ist?“, stand der auch prompt in der Tür und musterte belustigt seinen Kumpel.

„Yankee Doodle? Wieder zu viele Historienfilme aus Amiland geguckt?“, drehte Steffen den Kopf zu ihm, während Detlef näher trat.

„Als ob!“, grinste der und zählte einige Klamaukfilme auf, die er zuletzt mit Saskia geschaut hatte.

„Und was machst du da, wenn man fragen darf?“, lehnte er sich an die Werkbank und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Überleg mir grad was für die Decke“, antwortete Steffen und ließ seinen Blick schweifen.

„Und dafür musst du aufm Boden liegen?“, runzelte Detlef, dem es reichte den Kopf in den Nacken zu legen, die Stirn.

„Bringt ne ganz andere Perspektive“, meinte Steffen trocken und zuckte leicht die Schultern, als Detlef die Augenbraue hob.

„Sag mal, hast du gesoffen?“, schaute der sich nach einer verdächtigen Flasche um und guckte umso verdatterter, als er von Steffen plötzlich das Wörtchen „verhoben“ hörte.

„Doch nicht etwa an dem Balken?“

Schweigen im Walde und nur ein Nicken.

„Lass mich raten, du musstest dir selbst was beweisen und wolltest das Ding in eins hoch wuchten?!“, stemmte Detlef die Hände in die Hüften und schüttelte den Kopf – genau wie Steffen.

„Nope. Zu mittig gegriffen und zu spät gemerkt“, seufzte er und grinste schief, als Detlef fragte, warum er ihn dann nicht angerufen habe.

„Sag das Lassie und nicht mir“, linste er zu Tiger, die wieder auf der Werkbank platz genommen hatte und das Treiben beobachtete, bis sie die Fellpflege plötzlich als viel spannender erachtete und den beiden den Rücken zudrehte.

„Wer ist Lassie?“, meinte Detlef und während Steffen im ersten Moment noch empört über diesen Kulturbanausen reagieren wollte, dachte er sich im nächsten Augenblick, dass er diese Bildungslücke auch ein andern Mal schließen könnte. Jetzt musste er erst mal wieder auf die Beine kommen...

5.7.2024: Ojemine

„Ich… ich muss jetzt gehen“

„Was? Schon? Es ist doch noch gar nicht so spät“

„Ja, aber mein Bus… der hat zum Abend hin total lange Wartezeiten. Voll blöd gemacht…“

„Und wenn du noch ein bisschen bleibst und ich bring dich nachher mit dem Fahrrad nach hause? Du wohnst doch gar nicht so weit weg, oder? Wo wohnst du noch mal?“

„...Das ist lieb, aber wirklich nicht“

„Na schön… schade… Oh, hier, suchst du den?“

„Ja, Danke“

„… Weißt du, mir hat der Nachmittag echt gut gefallen… haha, nicht nur wegen des Endes! Auch so hats echt Spaß gemacht!“

„Ja… ich… fands auch schön“

„Wirklich?… Sehen wir uns dann wieder?“

„…Nein, ich glaube nicht. Tut mir leid.“
 

Fast mechanisch nahm sie eine Stufe nach der anderen, während ihre Hand über den hölzernen Handlauf des Treppengeländers rutschte, als hätte sie nie etwas anderes getan.

„Soll ich dich wirklich nicht…“, hörte sie noch einmal seine Stimme hinter sich und rang sich zu einem Lächeln durch, während sie über die Schulter zu ihm schaute. Unsicher stand er in seiner Wohnungstür, fuhr sich leicht mit den Fingern durch die Haare und trug noch immer einen Funken Hoffnung in sich - das war nicht zu übersehen.

„Nein, wirklich nicht, danke“, versuchte sie mit fester Stimme zu reden und konnte seine Enttäuschung vielleicht besser nachvollziehen, als er dachte.

„Ja… ja okay… dann komm gut nach hause! Und… und vielleicht sieht man sich ja doch irgendwann noch mal“, zuckte er leicht die Schultern und schenkte ihr ein schiefes Lächeln, während sie nur mit einem Nicken antwortete. Sie setzte ihren Weg fort, Stufe für Stufe, bis die Treppe eine Biegung machte und dann noch mal Stufe um Stufe, bis er und seine Wohnungstür nicht mehr zu sehen waren. Endlich hallte das Echo der zufallenden Tür durch das Treppenhaus des Altbaus und brachte Hellen damit eine gewisse Erleichterung, aber auch Übelkeit. Ihre Finger krallten sich um den Handlauf. Sie verharrte irgendwo zwischen dem dritten und vierten Stock, presste die Hand erst auf ihren Bauch, dann auf ihren Mund.

„Scheiße…!“, keuchte sie und begann plötzlich zu rennen, bis die Eingangstür in Sicht kam und die kleine Buchsbaumhecke neben ihr. Sie fühlte sich am Tiefpunkt ihres Lebens angekommen, während ihr die Reste der Brezel vom Kirmesbesuch entgegen lachten. Schnell wischte sie sich mit dem Handrücken über die Mundwinkel und schaute sich vorsichtig um, ob irgendjemand sie gesehen hatte. Kurz überlegte sie, bei dem jungen Mann zu klingeln, aus dessen Wohnung sie gerade gekommen war, aber sie kannte nur seinen Vornamen und außerdem schämte sie sich auch vor ihm zu sehr. Also verwarf sie ebenfalls die Idee, ihm über den Chat der Datingapp zu schreiben und hoffte, dass ihre Hinterlassenschaften für das Geschenk irgendwelcher besoffener Kirmesgänger gehalten würde. Das wäre gerade in dieser Ecke der Stadt, so nah am Ort des Geschehens, wohl gar nicht so unüblich, hatte ihr Date vor einigen Stunden selbst noch erzählt. Nun betete sie, dass dem wirklich so war, während sie sich eiligst von dannen machte – zumindest so weit, bis sie eine abgelegene kleine Gasse erreichte, in die sie hineinschlüpfen konnte, als sie nochmals das Gefühl der Übelkeit überkam. Wenigstens musste sie sich dieses Mal nicht übergeben. Doch dafür spürte sie die Tränen, die unaufhaltsam zu strömen begannen. Sie schüttelte den Kopf und ging in die Hocke, um sich zusammen zu krümmen, als ein Zittern ihren Körper ergriff. Sah so die große Freiheit aus, die sie sich gewünscht hatte?

„Ich versteh das nicht…“, schluchzte sie und presste sich eine Hand auf den Mund, um das Wimmern zu unterdrücken. Sie hatte es doch selber gewollt! Sie war ja bei den letzten paar Dates mit anderen Männern fast schon ungeduldig geworden, dass sie nie diesen Schritt gegangen war! Und jetzt, da sie endlich mal einen gefunden hatte, mit dem es auch zu einem zweiten Treffen gekommen war, hatte sie endlich Nägel mit Köpfen gemacht! Und es war ja auch nicht schlecht gewesen… Er hatte sich sehr aufmerksam und einfühlsam gezeigt, sie zu nichts gedrängt – eher im Gegenteil. Mit einem Likörchen für den Mut im Bauch war sie diejenige gewesen, die den ersten Schritt gemacht hatte und auch die, die ihn gefragt hatte, ob sie noch einen Abstecher zu ihm machen wollten. Warum fühlte sie sich dann jetzt so elend und schmutzig?

„Wenn Judith mich so sieht…“, murmelte sie und erschrak. Ihr BH! Hatte sie ihn etwa vergessen mitzunehmen? Erleichtert ertasteten ihre Finger unter der Bluse den Träger und ihr fiel auch wieder ein, dass der junge Mann ihn ihr sogar beim Anziehen gegeben hatte. Jetzt tat es ihr leid, vor allem für ihn. Er war so nett gewesen und hatte sich alle Mühe gegeben, während sie schon mitten im Liebesspiel einfach nur noch weg gewollt und darauf gewartet hatte, dass er endlich fertig wurde.

„Was ist bloß verkehrt mit mir?“, nuschelte sie voller Abneigung gegen sich selbst und stand langsam auf, um endlich weiter zu gehen. Wie bizarr, dass sie diese kleine menschenleere Gasse entlang wankte und versuchte wieder festen Schrittes zu laufen, während aus der Ferne die Musik und das Gelächter von der Kirmes zu hören waren.

Bis zum Ende der Gasse hatte sie sich wenigstens so weit beruhigt, dass ihre Augen nur noch gerötet, aber nicht mehr tränennass waren und sie einen sicheren Gang vortäuschen konnte. Die verschränkten Arme fest an den Oberkörper gepresst und den Kopf gesenkt, reihte sie sich in die belebtere Fußgängerzone ein und ging erst ziellos und dann langsam in Richtung ihres Zuhauses. Verschwinden wollten die unguten Gefühle durch diesen Marsch nicht, aber zumindest wurden sie mit der Zeit etwas leiser. Leise genug, dass sie sich irgendwann erschöpft in einem Wartehäuschen auf die Bank sacken ließ und ihr Handy aus der Hosentasche holte. Ein wenig angeekelt aber auch erleichtert bemerkte sie dabei, dass sie wohl in ihrer Eile die geöffnete Kondomverpackung mit eingesteckt hatte. Wenigstens war sie hierbei ganz sicher, dass kein Fehler passiert war, selbst, wenn alles andere sich gerade nach einem riesigen Irrtum anfühlte. Mit verstohlenem Blick prüfte sie, ob niemand in der Nähe war und warf die Verpackung dann eilig in den nahestehenden Mülleimer. Dann ließ sie sich wieder auf die Bank sinken. Unentschlossen schaute sie auf ihr Handy. Zu Fuß waren es vielleicht noch zehn Minuten, bis sie zuhause wäre. Aber wollte sie wirklich gerade dorthin? Wenigstens noch warten, bis die Kinder im Bett waren... Es war einfacher, sich nur an Judith vorbei schleichen zu wollen, statt einen Spießrutenlauf vorbei an den neugierigen Neffen samt Nichte zu haben.

Seufzend und mit fahrigen Bewegungen begann sie über das Display zu wischen und darauf zu tippen. Einerseits wünschte sie sich gerade jemanden zum Reden, andererseits wusste sie nicht, wen. Judith hätte sicherlich ein offenes Ohr gehabt, aber sie hatte Hellen ja gleich gewarnt. Bei diesem Gedanken meldete sich der Trotz wieder und ließ ihre Augenbrauen zusammenhuschen.

„Vielleicht wars auch einfach nur der Falsche!… Oder… ungewohnt nach der langen Pause und nach…“

Sie presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Nach ihrer Zeit mit Richard… Sofort waren da wieder diese Übelkeit und das Magenziehen beim Gedanken an den Mann, mit dem sie bisher als einzigem so innig zusammen gewesen war.

Es dauerte einige tiefe Atemzüge, bis sein Gesicht aus ihrem Gedächtnis verbannt war und sie sich wieder auf ihr Smartphone konzentrieren konnte. Wie gern hätte sie jetzt mit jemandem geredet… Aber mit wem? Beim Scrollen durch ihre Kontaktliste tauchten viele Namen auf, aber keiner, dem sie sich anvertrauen wollte. Entweder aus Scham oder weil man sich lange nicht gesprochen hatte. Weil es nur eine Bekanntschaft war oder weil sie der Person nicht schon wieder ihr ganzes Herz ausschütten wollte. Oder aus vielen anderen Gründen, die aus ihrer Sicht gegen einen Anruf sprachen. Sanne vielleicht? Aber die war ja eigentlich auch mehr eine Kollegin als eine Freundin. Das wäre unpassend, das Private und Berufliche noch mehr zu vermischen! Eine ihrer Mitstudentinnen? Nein. Einer ihrer Brüder? Auf keinen Fall! Jenny?… Zu groß die Angst, dass sie Ben davon erzählen könnte…

Und dann tauchte da plötzlich auch noch Steffens Name in der Liste auf. Seit er ihr vor einigen Wochen das Regal aufgebaut hatte, hatte sie nichts mehr von ihm gehört. Wie es ihm seitdem wohl ergangen war? Hellen kaute auf der Unterlippe, während ihr Daumen über seinem Namen kreiste und schließlich gab sie sich doch den Ruck, das Nachrichtenfenster zu öffnen.

»Hey, wie gehts dir? Lang nichts von dir gehört!«

Ihr Herz hämmerte, während sie auf den Chat starrte und erkannte, dass die Nachricht gelesen wurde. Ein paar Pünktchen tauchten auf und berichteten davon, dass er tippte.

»Werde gerade gefoltert…«, kam zurück und auch, wenn der Inhalt der Nachricht erschreckend war, löste sie dennoch ein kleines Glücksgefühl in Hellen aus.

»Wie bitte??«, schrieb sie zurück und wieder tauchten nach kurzer Pause die Pünktchen auf.

»Hatte n Hexenschuss und Detlef tritt mich jetzt ins Gym…Zur "Stärkung" und als "Ausgleich"«

»Ojemine! Wie gehts dir? Tuts noch sehr weh?«

»Rücken ist wieder ganz okay, aber ich hass alles daran, mich hier zum Affen zu machen!«

Hellen lachte auf. Sie konnte sich gut vorstellen, wie Detlef voller Enthusiasmus seinem Kumpel irgendwelche Geräte und Übungen vorstellte und der nur genervt nach der nächsten Fluchtmöglichkeit suchte.

»Du Armer! Aber wenns hilft ;)«

»Ich hab n Mords Muskelkater und muss trotzdem weiter auf die Folterbank!! :( Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen!«

Wieder schmunzelte Hellen. Sie biss sich kurz auf die Unterlippe und überlegte, was sie antworten sollte.

"Oh ja, genau…“, murmelte sie und tippte wieder: »Haha, ich kann ja vorbeikommen und dich massieren! ;)«

Mit einem Lächeln sah sie, dass Steffen ihre Nachricht sofort wieder las und auch direkt eine Antwort tippte. Doch dann erloschen die Pünktchen, ohne, dass eine weitere Nachricht folgte. Fünf Minuten saß Hellen da und fixierte das Display, aber nichts regte sich mehr im Nachrichtenfenster – nicht mehr in den nächsten fünf Stunden und auch nicht mehr während der kommenden fünf Tage.

6.7.2024: historisch

„Wow! Und du sagst immer, du kannst keine Flechtfrisuren!“, trat Judith in Hellens Zimmer und schaute ihr dabei zu, wie sie an ihrem kleinen Schminktisch saß und gerade die letzten Klämmerchen ins Haar schob.

„Hat mich auch genug Anläufe gebraucht, damit es so aussieht“, schmunzelte die und schaute etwas wehmütig auf die abgebrochenen Fingernägel. Na, wehe dieser Aufwand hatte sich nicht gelohnt und der Abend würde kein voller Erfolg!

„Kann ich mich so sehen lassen?“, stand sie auf und präsentierte Judith ihr Outfit, das entsprechend des Wetters zwar warm, aber dennoch chic ausfiel. Ihre Schwester musterte sie und nickte.

„Mehr als das!“, meinte sie zwinkernd und Hellen warf zufrieden einen Blick in den Spiegel. Ja, auch sie gefiel sich und fühlte sich wohl.

„Kann ich was von deiner Handcreme haben? Meine Finger sind schon wieder so trocken und rissig… ist wirklich die Pest“, murmelte Judith und ging zu Hellen, als die ihr die Tube mit der Creme reichte. Die Schwestern hatte beide schon immer mit trockener Haut zu kämpfen gehabt, aber Judith hatte es dabei noch schwerer erwischt.

„Meine Hände sehen aus wie von einer alten Frau“, murrte sie und seufzte, während Hellen noch ein wenig an ihren Haaren zupfte.

„Ach, was, das sind hart schuftende Hände, die jeden Tag Haushalt, Garten und drei Kinder wuppen! Ich find, auf die darfst du stolz sein!“, meinte sie und brachte Judith damit zum schmunzeln.

„Fänds trotzdem schön, wenn sie etwas eleganter wären oder der Nagellack nicht gleich nach zwei Tagen schon wieder abgebröselt wäre“, verteilte sie eine dicke Schicht Creme auf ihren Händen und massierte sie ein.

„Hey, meine Schwester ist ne verdammt hübsche Frau mit tollen Händen, also mach sie nicht so runter, verstanden?“, knuffte Hellen sie leicht in die Seite und entlockte Judith ein Lachen.

„Knalltüte!“, antwortete die und schaute Hellen nach, während die ihre Jacke vom Bügel am Kleiderschrank zog.

„Triffst du dich eigentlich wieder mit dem Typen von der Kirmes? Du hast mir noch gar nicht erzählt, wie es war“, fragte sie beiläufig und verzog leicht das Gesicht, als sie merkte, dass es doch ein wenig zu viel Salbe gewesen war.

„Hab schon wieder zu viel erwischt…“, murmelte sie und versuchte die Ärmel ihres Pullovers hoch zu schieben, ohne sie dabei mit Creme einzuschmieren.

„Die Kirmes selbst war gut, aber wir hatten uns nicht viel zu erzählen und sind dann auch ziemlich schnell wieder getrennte Wege gegangen“, nutzte Hellen Judiths Ablenkung für eine kleine Umschreibung der Ereignisse und half ihr mit den störrischen Ärmeln.

„Schade, hatte im Vorfeld ganz gut geklungen… Danke“, konnte die nun endlich die restliche Creme auf den Unterarmen verteilen, während Hellen in die Jacke schlüpfte und ihre Tasche nahm. Für Judiths Ausspruch hatte sie nur ein Schulterzucken übrig.

„Was habt ihr denn heute Schönes geplant? Kirmes ist ja vorbei“, wollte Judith wissen und ein ehrliches Lächeln kehrte zurück auf Hellens Gesicht.

„Karaoke!“, rief sie aus und lachte bei Judiths irritiertem Blick.

„Wie? So was kann man hier machen?“, meinte die und schmunzelte. Wie lange wohnte sie jetzt in dieser Stadt und kam sich trotzdem manchmal wie ein Tourist vor?

„Ja, die Bar hat wohl erst vor nem halben Jahr eröffnet. Bin mal gespannt!“, gluckste Hellen und warf einen Blick auf die Uhr.

„Oh, ich muss jetzt los! Hab mir überlegt, dass ich ein Stück zu Fuß gehe, weil ich momentan so wenig zum Sport komme… wenigstens ein bisschen Bewegung!“, warf sie noch einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel und gab Judith einen Kuss auf die Wange.

„Willst du nicht noch kurz was essen?“, meinte die mit schlechtem Gewissen, weil das Mittagessen vor lauter Terminen ausgefallen und stattdessen zu einem verfrühten Abendessen geworden war. Hellen aber schüttelte den Kopf, obwohl sie selbst von der Arbeit direkt unter die Dusche gesprungen war und sich dann um die Abendvorbereitung gekümmert hatte.

„Keinen Hunger, aber Danke. Bis später!“, machte sie sich auf den Weg und hob kurz die Hand, als Judith ihr zwischen Tür und Angel noch viel Spaß wünschte. Trotz eines anstrengenden Arbeitstages freute sie sich auf den Abend und ging beschwingten Schrittes los – nicht zuletzt auch wegen der Musik in ihren Ohren. Sanne und eine andere Kollegin hatten ihr einige Musiker empfohlen, durch die sie sich jetzt testete. Es war spannend, Neues zu entdecken, auch bei ihren Dates – selbst, wenn das letzte unschön geendet war. Aber davon wollte sie sich nicht unterkriegen oder es gar zu einem historischen Moment in ihrem Leben werden lassen. Krönchen richten und weitermachen! Schließlich musste sie bei dem heutigen Treffen ja auch nicht wieder so weit gehen... Sie konnte einfach einen schönen Abend genießen und mit Karaoke etwas kennen lernen, das sie bisher noch nicht gemacht hatte! Außerdem - sie seufzte aus, als ihr der folgende Gedanke kam und wieder ertappte sie sich dabei, dass sie einen Blick auf ihr Smartphone warf. Außerdem war es eine Ablenkung von Steffen, der sich seit inzwischen zweieinahlb Wochen nicht mehr gemeldet hatte und wohl auch nicht mehr melden würde. War ihr Witz mit der Massage zu aufdringlich gewesen? Oder hatte er vielleicht längst eine andere kennengelernt? Oder war zu Esther zurückgegangen?

Die Stirn gerunzelt schüttelte Hellen den Kopf und schob das Handy zurück in die Tasche. Sie beschleunigte ihren Schritt. Wieso machte sie sich überhaupt noch Gedanken wegen ihm? Es hatte doch eh nicht gepasst! So ein Blödsinn, dass sie ihn überhaupt noch mal angeschrieben hatte! Am liebsten hätte sie sich dafür jetzt in den Hintern getreten und es rückgängig gemacht. Also lieber schnell hin zu dem Date und alles andere vergessen, dachte sie sich. Aber je näher sie der Bushaltestelle am Bahnhof kam, desto mehr schwand ihre Vorfreude.

Schon von weitem sah sie die Reihe von Wartebänken und Aushängen mit Fahrplänen unter dem langgezogenen Vordach der angrenzenden Häuserreihe und spürte, wie ihre Schritte immer langsamer wurden. Jetzt im Feierabendverkehr herrschte auch hier reges Treiben. Busse reihten sich aneinander, Menschenmassen schoben sich über den Bürgersteig, versuchten ihre Busse zu erwischen oder sprangen aus ihnen raus und rannten in Richtung Bahnhof. Andere eilten gerade von dort zu den Bussen oder zu den nahegelegenen Fahrradständern und gefühlt war Hellen in diesem Moment die Einzige, die von der gegenüberliegenden Seite alles beobachtete und sich dabei plötzlich wie festgetackert fühlte. In der Ferne entdeckte sie auch ihren Bus, der gemächlich, aber unaufhaltsam immer näher kam. Er war ein paar Minuten zu früh, reihte sich erst in der Schlange ein und wartete dann an einer der Haltestellenmarkierungen. Es wäre ein Leichtes gewesen, ihn noch zu kriegen. Die Ampel war keine zehn Meter entfernt und sprang gerade für die Fußgänger auf Grün – aber Hellen stand nur da und schaute ihm zu, wie die letzten Fahrgäste gerade durch seine Türen huschten, diese sich dann schlossen und er kurz darauf anfuhr. Erst jetzt konnte sie sich aus ihrer Starre lösen, die Ampel nehmen und gemächlich zu den Bänken hinüberschlendern. Ein Blick auf den Fahrplan verriet, dass in gut zwanzig Minuten der nächste Bus fuhr und sie war ohnehin ein wenig zu früh. Noch konnte sie es also pünktlich schaffen! Darum suchte sie sich eine ruhige Ecke, nahm dort Platz und beobachtete wieder das rege Treiben. Ihr Handy meldete sich und sie sah eine Nachricht ihres Dates: Er freute sich schon auf den Abend. Hellen begann sofort zu tippen, dass es ihr auch so ginge, aber dann hielt sie inne. Ihr Daumen wollte einfach nicht auf „Senden“ tippen. Stattdessen schaute sie Minutenlang auf das Chatfenster und dachte dabei an den Kirmesbesuch zurück. Warum musste sie sich ausgerechnet jetzt daran erinnern? Sie hatte diesen Tag doch nach einem Zwiegespräch mit sich selbst als schlechte Erfahrung verbucht und beschlossen, sich davon nicht entmutigen zu lassen! Aber trotzdem konnte sie die Nachricht jetzt nicht abschicken. Trotzdem bekam sie ein flaues Gefühl, als auch der nächste Bus in Sichtweite kam und erschreckenderweise war da diese große Erleichterung, als auch der ohne sie abfuhr. Sie atmete tief durch und plötzlich löschten ihre Daumen wie von selbst die bisherige Nachricht, um stattdessen zu schreiben, dass sie es nicht schaffen könne, weil ihr etwas dazwischen gekommen sei. Sie sagte sich, dass sie jetzt ein schlechtes Gewissen haben müsse, aber in Wahrheit war sie einfach nur froh – selbst dann, als jetzt der angekündigte Regenschauer einsetzte und ihr einen trockenen Rückweg nach hause versperrte. Wobei man sie dort ja zu diesem Zeitpunkt eh noch nicht zurück erwartete. Dann konnte sie sich auch noch etwas Zeit mit der Rückkehr lassen und eine Ausrede überlegen, warum sie nicht zum Karaoke gegangen sei. Vielleicht einfach Kopfschmerzen? Verwunderlich wäre es nicht, bei dem vielen Stress in letzter Zeit, der Arbeit in der Praxis und ihrem Studium, das immer mehr in seine letzte Phase einbog. Da konnte man auch mal Kopfweh bekommen… Vielleicht fiel ihr aber auch noch was Besseres ein, bis sie sich auf den Rückweg machte. Jetzt saß sie erst einmal da, schaute einigen Leuten zu, die durch den Regen rannten und fluchten. Ihrerseits war sie froh, dass sie weit genug von der Fahrbahn entfernt saß, um vom umher spritzenden Wasser der Pfützen nicht erwischt zu werden, wenn die Autos durch sie hindurch fuhren. Während der Regen die Anderen in Aufruhr versetzten, sorgte er in Hellen für eine Ruhe und Entspannung, die sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Ihre Gedanken begaben sich auf Wanderschaft, untermalt vom Rauschen des Regens und der Musik. Ob Judith sich zwischendurch wohl auch mal einen Moment nehmen konnte, um dem Regen zu lauschen, fragte sie sich irgendwann und kam zu dem Entschluss: Vermutlich nicht. Vermutlich war sie wieder so eingespannt und mit den Kindern beschäftigt, dass sie nicht einmal mitbekam, wie es aus Kübeln goss und scheinbar kein Ende finden wollte. In den letzten Wochen hatte sie so furchtbar viel um die Ohren, weil Markus teilweise sogar an den Wochenenden hatte arbeiten müssen. Aber dafür würde das Projekt dann auch etwas früher abgeschlossen werden können, hatte er Judith versprochen. Stark, wie sie nun einmal war, biss Judith sich also auch durch diese Situation und Hellen unterstützte sie, so gut sie konnte – aber manchmal fragte sie sich auch, ob die Ehe ihrer Schwester das wirklich durchhalten könne… Sprachen da die eigenen schlechten Erfahrungen aus ihr? Sie seufzte aus und zuckte leicht die Schultern. Ihre Playlist war durch zu Ende und sie zog die Hörer aus den Ohren, um sie in ihrer Tasche zu verstauen. Ja, da waren ein paar gute Lieder bei gewesen, das musste sie Sanne bei Gelegenheit sagen. Aber jetzt...

„Ich sollte jetzt wohl langsam zurückgehen“, stand sie auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Es goss noch immer und ihre Jacke wäre innerhalb weniger Minuten völlig durchnässt. Einen Schirm hatte sie nicht eingepackt.

„Und nun?“, trat sie näher an den Rand der Überdachung und schaute zum Himmel auf. Sollte sie noch warten oder einen Bus nehmen, der nahe ihres Hauses hielt? Wenn sie sich richtig erinnerte, fuhr gleich noch einer, ehe dann auf Nachtverkehr umgestellt wurde. Nass würde sie allerdings trotzdem und eigentlich war es ihr freier Abend, an dem sie eh nicht da gewesen und vielleicht sogar über Nacht weggeblieben wäre. Auf der anderen Seite könnte sie aber Judith helfen, wobei ein Blick auf die Uhr auch verriet, dass die Kinder wohl längst im Bett wären, bis Hellen zurück war - selbst, wenn sie jetzt direkt los ginge. Unschlüssig schaute sie wieder hinauf zu der dunklen nassen Masse aus Wolken und nahm mit einem Schmunzeln wahr, dass sich noch immer ein paar Leute durch das Wetter kämpften, obwohl der Andrang des Berufsverkehrs inzwischen längst abgeebbt war.

„Verdammte Scheiße! Immer muss ich fahren!“, hörte sie neben sich jemanden fluchen und in schnellen Schritten auf sie zulaufen.

„Mistwetter!“

Hellen kicherte über die Schimpftirade, bis der Mann auf ihrer Höhe war und sie erkennen konnte, wer sich da unter dem Schirm verbarg.

„Steffen!“, rief sie ohne langes Nachdenken aus und erschrak, als er tatsächlich stehen blieb. Verdutzt trat er näher und ließ den Schirm sinken.

„Hi! Mit dir hab ich ja nicht gerechnet!“, lachte er und hob die Hand zum Gruß. Zögerlich und mit einem unsicheren Lächeln tat Hellen es ihm gleich.

„Ja, geht mir auch so“, meinte sie und beobachtete missmutig, wie er eilig auf seine Uhr schaute.

„Wenn du nicht mit mir reden willst…“, setzte sie an, ohne, dass Steffen es mitbekam. Er war scheinbar viel zu sehr in Gedanken und warf schon wieder mit einem kurzen Fluch um sich.

„Du, tut mir leid! Bist du gleich noch hier?“, unterbrach er sie und deutete die Straße runter.

„Ich muss noch schnell was zu essen holen und die machen gleich zu! Ich… ich bring dir was mit, okay? Bis gleich!“, rannte er los, ohne eine Antwort von ihr abzuwarten und begab sich wieder in den strömenden Regen. Einen Moment stand Hellen da und schaute ihm nach. Was war das denn jetzt gewesen, dachte sie und atmete tief durch. Wollte sie überhaupt noch mit ihm reden, nachdem er sich zweieinhalb Wochen nicht gemeldet hatte? Sie warf einen Blick auf den Fahrplan und erkannte, dass sie richtig gelegen hatte: In ein paar Minuten kam der nächste Bus. Von dessen Haltestelle aus musste sie zwar noch ein paar Minuten bis nach hause laufen und würde nass, aber nicht so sehr, dass sie dadurch eine Erkältung riskierte. Wenn sie den jetzt aber verpasste, musste sie eine Stunde auf den nächsten warten und dunkel wurde es auch langsam. Da wäre es doch Irrsinn, für ein paar kurze Worte auf Steffen zu warten!

7.7.2024: alternd

„Bah, das wird ja immer schlimmer!“, trat Steffen aus dem Dönerladen und verzog das Gesicht, weil sich in der letzten viertel Stunde auch noch Wind in den Regen gemischt hatte. Mit beiden Händen musste er seinen Schirm umklammern, damit er nicht weggerissen wurde und dabei immer wieder aufpassen, dass die Böen ihn nicht aus dem Gleichgewicht brachten. Einige Meter entfernt sah er die Bremslichter eines Busses. Er schloss gerade die Türen und fuhr dann an, während seine Fahrgäste sich in alle Himmelsrichtungen verstreuten. Zwei junge Männer standen noch einen Moment unentschlossen unter dem Abdach, das auch Steffen gerade ansteuerte, und schienen sich zu beratschlagen.

„Nützt ja nichts! Wir kommen sonst zu spät!“, hörte er von dem einen und mit murrendem Seufzen drehten sie sich in seine Richtung und rannten los.

„Vorsicht!“, rief Steffen noch aus, weil der eine ihn fast anrempelte.

„Sorry!“, drehte der sich im Lauf kurz zu ihm um und gab dann wieder Gas, um zu seinem Kumpel aufzuschließen. Steffen seufzte aus.

„Das wärs jetzt noch gewesen“, murmelte er und musterte die warme Tüte an seinem Unterarm. Zum Glück sah noch alles heile aus! Er erreichte das Abdach und konnte den Schirm wenigstens ein wenig aus dem Sichtfeld nehmen, auch, wenn der Regen inzwischen sogar bis hier drunter peitschte. Es war leer, stellte Steffen fest. Zu leer. Über die gesamte Länge von fast zehn Metern, die die Überdachung bedeckte, war keine Menschenseele mehr zu sehen und davor und dahinter war es erst recht wie leer gefegt.

„Hier bin ich!“, trat Hellen in diesem Moment aus einem Hauseingang und lief Steffen entgegen. Mit einem leichten Quietschen hielt sie sich die Hand vors Gesicht, als eine nächste Böe kam und sie anspritzte.

„Ich dachte schon, ich müsste deinen Döner selber essen!“, lachte Steffen auf und stellte sich so neben Hellen, dass sein Schirm auch sie schützte.

„Im Bus war einer, der hier wohnt und ich hab die Gunst der Stunde genutzt, als er da ins Haus ist. Teilweise haut der Regen bis an die Hauswand“, meinte sie und wie zum Beweis peitschte ihnen die nächste Ladung Wasser um die Ohren.

„Jetzt ist aber mal gut!“, zog Steffen die Schultern hoch und deutete mit einem Nicken zur anderen Straßenseite.

„Komm, ich hab da vorn geparkt! Ab zum Wagen, bevor wir völlig durchnässt werden! Oder wartest du hier auf jemanden?“

Kaum hatte Hellen den Kopf geschüttelt, drückte Steffen ihr den Einkauf in die Hand und legte den Arm um ihre Schultern.

„Vorsicht, Pfütze!“, rannte er mit ihr los und hielt den Schirm so gut es ging fest, der kurz vorm Wagen dann doch den Geist aufgab.

„Hieh!“, quietschte Hellen wieder auf und barg das Gesicht hinter den Armen, während Steffen leise fluchend den Autoschlüssel hervorkramte. Erst ließ er Hellen in den Wagen, dann rannte er auf die Fahrerseite und verteufelte seinen alternden Toyota dafür, dass er noch keine Zentralverriegelung hatte.

„Danke!“, sprang er ins Auto, als Hellen seine Tür von innen entsperrte, weil seine Hand gerade zu sehr zitterte, um das Schloss zu treffen.

„Ich lieb ja meinen Wagen, aber alle Türen einzeln aufschließen zu müssen, ist eine der Sachen, die mir manchmal echt auf den Sack gehen!“, murrte er, während er den Schirm halbwegs zusammengeschoben bekam und nach hinten auf den Rücksitz beförderte, damit auch er seine Tür endlich schließen konnte.

„Na, wunderbar, geduscht sind wir dann ja schon mal!“, knurrte er, während er seine Hände an der Hose abwischte und verzog das Gesicht, weil er damit nicht allzu viel Erfolg hatte.

„Das ist wirklich ein Mistwetter. Aber dem Essen gehts gut, soweit ich sehen kann“, antwortete Hellen und tupfte sich mit den Fingern übers Gesicht. Ihr Make-Up sah inzwischen bestimmt furchtbar aus, was sie auch in Steffens schiefem Grinsen bestätigt sah.

„Ja, apropos… ich hab dich gar nicht gefragt, was du möchtest und überleg jetzt grad, ob Döner wirklich so ne gute Idee war“, meinte der allerdings und rieb sich verlegen den Hinterkopf.

„Wieso?“, runzelte Hellen die Stirn und schaute ihn verdutzt an, als sie seine Antwort hörte.

„Na ja, du hast dich heut so hübsch gemacht... Vermutlich bist du grad auf dem Weg zu einer Verabredung und ob „mit extra Zwiebeln“ da dann so ne gute Wahl war… Ich hatte einfach dreimal das Gleiche genommen...“, murmelte Steffen und musterte Hellen. Die allerdings verschränkte die Arme vor der Brust und ließ sich gegen die Rückenlehne sinken.

„Ach, sonst bin ich nicht hübsch, oder was?“, murrte sie und schmälerte die Augen, während es Steffen für einen Moment den Atem verschlug.

„Alles klar!“, lachte er dann auf und drehte sich weiter zu ihr.

„Jetzt sag mir nicht, du bist eine von den Mädels, die ständig hören müssen, wie schön sie sind!“, grinste er und meinte den Anflug eines Schmunzelns bei Hellen zu erkennen.

„Also gut: Ich bin mir sicher, dass du selbst nachts um drei, nach durchzechter Nacht und mit verschmiertem Pandalook um die Augen wunderschön bist! Aber ich vermute auch mal, dass du dich nicht so herrichtest, wenn du einfach nur kurz beim Bäcker ein paar Brötchen kaufen gehst“, hob er beschwichtigend die Hände, ehe er sie in eine Verschränkung schob und mit gezuckten Schultern ergänzte: „Aber was weiß ich schon? Vielleicht lieg ich ja auch völlig falsch und…“

„Schon gut, schon gut!“, unterbrach Hellen ihn und lachte auf.

„Stimmt schon, ich wollte eigentlich zum Karaoke!“

Sie grinste, während er immer mehr das Gesicht verzog.

„Karaoke? Oh… da kommt Döner dann ja besonders gut“, murmelte er und musste trotzdem mitlachen.

„Ist schon okay… ich geh eh nicht mehr hin“, meinte Hellen und zuckte leicht die Schultern, als Steffen sie verdutzt anschaute.

„Aber doch wohl nicht etwa, weil ich dich zum Essen eingeladen hab? Also… das ist schon der beste Döner der Stadt! Da lohnt es sich sogar, Karaoke sausen zu lassen! Aber…“

„Jetzt hör schon auf!“, unterbrach sie ihn wieder und haute ihm leicht auf die Brust.

„Nein, ich hab vorher schon abgesagt!“, lachte sie und hielt sich den Bauch, als er nun auch noch mit theatralischem Blick meinte, dass er in seinem eigenen Wagen geschlagen würde.

„Ey, ich steig gleich aus, wenn du nicht aufhörst!“, konnte sie wenig überzeugend rüber bringen, während Steffen mit einem breiten Grinsen sagte, dass er nicht wisse, wovon sie rede.

„Du hast echt ein bisschen was von dem Sturz damals zurück behalten, oder?“, stichelte sie zur Strafe und kicherte doch von neuem los, als er mit einem Schulterzucken und süffisantem Lächeln antwortete, dass er schon immer so gewesen sei.

„Du weißt auch auf alles ne Antwort, was?“, schob sie die Unterlippe nach vorn und versuchte sich das nächste Lachen zu verkneifen, was allerdings nur sehr schwer gelang.

„Na, zumindest auf vieles!“, schäkerte Steffen und wackelte mit den Brauen, während Hellen anfing, sich Luft zuzufächern.

„Boah, wenn wir so weiter machen, ist gleich mein ganzes Make-Up im Arsch!“, tupfte sie sich mit den Fingerrücken einige Tränen ab und betrachtete die verschmierte Maskara, die daran hängen blieb.

„Geht schon los…“, verzog sie leicht das Gesicht, ohne sich in diesem Moment selbst allzu ernst nehmen zu können. Steffen allerdings zuckte nur die Schultern.

„Bestätigt meine Theorie von vorhin“, murmelte er mit einem Schmunzeln und zupfte Hellen eine störrische Strähne, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte, zur Seite.

„Welche Theorie?“, wollte sie wissen und hielt dabei den Blick abwechselnd auf Steffens Lippen und Augen geheftet, als eine plötzliche Ruhe das Gelächter verscheuchte. Hatten seine Augen schon immer diesen kastanienbraunen Ton gehabt oder wirkte es jetzt durch das einfallende Licht der angrenzenden Laternen und Häuser so?

„Dass du selbst als zerknitterter Panda hübsch bist“, strich er ihr leicht mit dem Daumen über den Kiefer hin zum Kinn, doch trotz dieser Geste war die Vorstellung von dem Gesagten so amüsant, dass Hellen wieder anfing zu lachen.

„Gut zu wissen! Wenns als Tierärztin nicht klappt, kann ich mich immer noch im Zoo bewerben!“, meinte sie und steckte Steffen mit ihrem Kichern an.

„Das hab ich echt vermisst!“, rieb er sich leicht die schmerzenden Wangen und schüttelte den Kopf.

„Herrlich!“

„Was? Dir mich als Panda vorzustellen?“, neckte Hellen ihn und riss in gespieltem Entsetzen die Augen auf, als er mit einem „Ja, auch“ antwortete.

„Boah, jetzt steig ich echt aus!“, drehte sie sich zur Tür und spürte Steffens Arm um ihren Bauch, kaum, dass sie den Türgriff gefasst hatte.

„Haalt! Kommt gar nicht infrage! Ich lass dich doch nicht durch den Regen rennen!“, gluckste er in ihr Ohr und ließ sie nur zögerlich los. Als Hellen sich wieder zu ihm drehte, schlug er ruhigere Töne an.

„Nein, ich… ich meinte… es ist schön, mal wieder mit dir zusammen zu sein. Das hat mir gefehlt“, murmelte er und kaute leicht auf der Unterlippe, während Hellens Gesicht noch immer nur wenige Zentimeter von seinem entfernt war. Wie lange war es jetzt her, dass er sie nicht nur in Gedanken so vor sich gesehen hatte? Diese aufmerksamen, blaugrünen Augen, die fein gezeichnete Nase und diese geschwungenen Lippen? Er spürte, wie sich ihre Fingerspitzen an seine Wange legten, kalt und doch so weich, dass es ihm eine Gänsehaut zauberte. Während er den Mund leicht öffnete, wanderten sie allerdings nach vorn und legten sich stoppend auf ihn.

„Und warum hast du dich dann nicht mehr gemeldet?“, schaute Hellen noch immer aufmerksam, aber das Schmunzeln und der Schalk waren verschwunden. Sie ließ die Hand sinken, während Steffen sie irritiert anblickte. Er runzelte die Stirn und blinzelte einige Male.

„Vor zwei Wochen. Auf meine Nachricht“, half sie ihm auf die Sprünge und spürte trotzdem das Stechen in der Brust, weil er nicht alleine darauf kam.

„Hä? Ich hab doch…“, murmelte er und zog sein Handy aus der Hosentasche, um nach kurzem Tippen erst die Augen aufzureißen und sie dann zusammen zu kneifen. Er ließ sich wieder vollends auf seinen Sitz sinken und wischte sich mit der freien Hand übers Gesicht.

„Ich hab vergessen abzuschicken!“, hielt er Hellen das Handy hin und schüttelte den Kopf, als sie meinte, dass er sie doch gerade veralbere.

„Ach, komm, das hast du doch vorhin getippt, als du auf deine Bestellung gewartet hast!“, fasste sie seine Hand, damit sie trotz seines Kicherns die Nachricht lesen konnte und schaute ihn dann skeptisch an.

„Ja, ne, klar... das glaubst du doch wohl selbst nicht, was du da geschrieben hast!“

„Doch, es stimmt!“, rief Steffen aus und konnte trotzdem nicht aufhören zu lachen.

„Das ist ja wie verflucht mit uns beiden!“, murmelte er halb in Verzweiflung und halb amüsiert, während er noch mal auf dem Handy herumtippte.

„Hier, ich kanns sogar beweisen! Foto mit Datum!“, zeigte er ihr wieder das Display und nickte bestätigend, als Hellen erst mit großen Augen sein Handy und dann ihn anschaute.

„Wie hat er das denn geschafft?!“, fragte sie entgeistert, während Steffen noch immer gegen sein Kichern ankämpfte. Er atmete tief durch und fragte sich, wofür er eigentlich bestraft wurde, dass er immer wieder in solche Situationen geriet.

„Eigene Dummheit war das!“, lehnte er sich zurück und schüttelte abermals den Kopf beim Blick auf sein Smartphone.

„Aber du hast gesehen, dass ich dir eigentlich geschrieben hab!…“, bestand er auf sein Recht und gab dann allerdings auch kleinlaut zu: „Wobei ich das versprochene Update dann tatsächlich vergessen hab, weil der mich momentan so auf Trab hält…“

Endlich verschwand die Skepsis aus Hellens Gesicht und machte stattdessen wieder Platz für ihr Lächeln. Sie wandte sich – so gut das auf einem Autositz halt ging – zu ihm und fasste seine Hand mit dem Smartphone darin.

„Zeig noch mal…“, flüsterte sie und lehnte den Kopf an Steffens Schulter, während sie das Bild betrachtete.

„Autsch…“, murmelte sie und er nickte leicht.

„Na, hoffentlich ist er ein besserer Patient als du“, hob sie den Blick zu ihm und grinste, als Steffen mit einem „Hey!“ antwortete. Er legte die Hand an ihre Wange und kniff im gleichen Moment die Augen zusammen.

„Oh, das darf doch jetzt nicht wahr sein“, murmelte er und ließ mit einem Seufzen die Stirn an ihre sinken.

„Ich glaub, du wirst angerufen…“, fühlte Hellen das nächste Glucksen in sich aufsteigen und konnte es nur schwerlich unterdrücken.

„Hrm… vielleicht freut sich auch nur mein Handy, mich grad zu sehen…“

„Na los, geh schon ran. Vielleicht ists ja wichtig“, flüsterte Hellen und spürte ein Kribbeln durch ihren Körper fahren, als Steffen ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn gab, um sich dann um den Störenfried zu kümmern.

„Was?!“, maulte er in den Lautsprecher und verdrehte die Augen, als er Detlef jaulen hörte, wo er mit dem Essen bliebe.

„Ja, bin aufm Weg. Du wirst schon nicht verhungern!“, meinte er, während er schuldbewusst zu Hellen hinüber grinste und beide sich das Kichern verkneifen mussten, weil sie die Döner völlig vergessen hatten.

„Was machst du denn so lange?!“, meldete Detlef sich, dessen größte Sorge gerade wohl war, dass sein Essen kalt geliefert wurde.

„Wir haben ne Mikrowelle!“, antwortete Steffen und ließ keinerlei Widerworte zu.

„Ne, kein Aber! Nächstes Mal kannst du ja fahren! Bis gleich!“, würgte er den Blonden ab und lachte dann los.

„Ey, wenn einer fragt: Ich stand im Stau!“, schüttelte er den Kopf und steckte das Handy weg.

„Ein bisschen ungehalten, was?“, grinste Hellen und Steffen verdrehte abermals die Augen.

„Wenn der Hunger hat, ist er unausstehlich!“

„Gib ihm n Snickers!“, schlug Hellen vor und einen Moment saßen beide da und schmunzelten sich an, bis sich leichte Wehmut auf ihre Züge legte.

„Wo… wo soll ich dich denn hin bringen? Die paar Minuten kann er jetzt auch noch warten und das Essen ist eh schon kalt. Und wie gesagt, ich schick dich doch nicht wieder in den Regen raus!“, brach Steffen schließlich schweren Herzens die Stille und betätigte die Zündung. Hellen zuckte leicht die Schultern und seufzte.

„Tja… na ja… mein Döner und ich haben heute nicht mehr viel vor. Und ich finde, als gute - wenn auch noch angehende - Ärztin sollte ich auch mal einen Blick auf den Patienten werfen“, legte sie die Schläfe an die Kopflehne und lachte, als Steffen mit spitzbübischem Grinsen meinte: „Joah… Tierärztin passt auf jeden Fall bei dem Esel, den er manchmal ist!“

8.7.2024: Spinnenbein

Wie ein kleiner Wächter stand er am Küchenfenster und behielt die Umgebung im Blick. Keine direkte Beleuchtung verriet seine Anwesenheit. Nur das aus dem Flur hereinfallende Licht ließ bei genauem Hinsehen seine Gegenwart erahnen – oder sein lautes Magenknurren, das gegen den jaulenden Wind anzubrüllen schien.

„Jetzt mach hinne!“, jammerte Detlef und rieb sich den Bauch. Was trieb Steffen bloß so lange? Bei einem Blick aufs Handy stellte er enttäuscht fest, dass der Anruf gerade einmal fünf Minuten her war und er wusste, dass Steffen mindestens zehn brauchte, um von Höhe Bahnhof bis nach hause zu kommen. Bei dem Wetter vielleicht auch eher fünfzehn, wenn er wegen schlechter Sicht langsamer fahren musste. Dass dann eventuell noch abgerissene Zweige oder andere Hindernisse den Weg versperren könnten und aus den fünfzehn Minuten sogar zwanzig und mehr werden konnten, wollte Detlef sich gar nicht vorstellen.

Mit tiefem Seufzen wendete er sich vom Fenster ab und schlurfte Richtung Flur und ins Wohnzimmer. Der Kaminofen, der dort stand, war nicht mehr der neueste und er wusste, dass Steffen ihn bei nächster Gelegenheit tauschen wollte, aber im Moment brachte er noch gute Dienste.

„Wehe, er bedankt sich nicht, dass ich dich schon mal angemacht hab“, murmelte Detlef, während er einen Holzscheit aus dem Korb neben dem Ofen nahm und das Feuerchen fütterte. Bei diesem Sauwetter war es tatsächlich eine Wohltat, nicht nur auf die Wärme der Gasheizung angewiesen zu sein. Kurz schaute Detlef den Flammen beim Tanz zu, ehe er sich wieder auf den Weg in die Küche machte. Alle hatten sie was zu Essen! Der Kamin, die Katze, nur er nicht! Apropos…

„Sag mal, Tiger, wo steckst du eigentlich?“, fragte er bei Betreten des Flurs und schlappte den schmalen Gang bis zu dem Punkt entlang, wo er zu den Schlafzimmern abbog. Dort stand in einer kleinen Nische auch ein weiterer Kratzbaum der Königin. Dieses Mal thronte sie allerdings nicht darauf, sondern saß vor ihm auf dem Boden und kaute auf irgendwas.

„Was hast du denn da?“, ging Detlef auf sie zu und erhielt zur Antwort ein tiefes Knurren, als er näher kam.

„Ja, keine Sorge, ich nehm dir schon nix weg“, murrte er und verzog angewidert das Gesicht, als er die Überreste ihrer Mahlzeit – zwei Spinnenbeine – entdeckte.

„Ne, das nehm ich dir wirklich nicht weg!“, schüttelte er sich und schlurfte zurück zur Küche. Das war der Nachteil an dem Ofen: Ständig saßen irgendwelche Insekten im Holz und machten sich dann auf den Weg durch die Wohnung. Die Katze freute es, aber Detlef überkam allein beim Gedanken an dieses Krabbelzeugs schon eine Gänsehaut. Da war dann tatsächlich auch kurz sein Hunger vergessen, als er in Lauerstellung ans Küchenfenster zurückkehrte und nach einigen weiteren Minuten die ersehnten Scheinwerfer auf der Straße erblickte.

„Na endlich“, schaltete er die Deckenleuchte an und öffnete die Haustür, damit Steffen vom Auto sofort ins Warme huschen konnte.

„Boah, was für ein Sauwetter!“, wurde es Detlef jetzt umso bewusster, als er selbst was davon abbekam. Er hielt sich den Unterarm schützend vors Gesicht und warf zwischendurch einen Blick Richtung Flur, damit Tiger nicht heimlich an ihm vorbei ins Freie konnte. Selbst, wenn das bei dem Wetter vielleicht unwahrscheinlich war...

Er hörte die Autotür, aber als er wieder raus schaute, war Steffen nicht auf direktem Weg zu ihm, sondern lief erst noch um den Wagen herum.

„Was macht der denn da?“, murmelte Detlef und schüttelte leicht den Kopf. Wie umständlich konnte man das Essen vom Beifahrersitz holen und wozu hielt Steffen sich die Jacke über den Kopf? Die hielt doch eh kaum was vom Regen ab! Detlef warf noch einen Blick Richtung Flur und als er nun wieder zum Wagen schaute, staunte er nicht schlecht, was – oder eher wen – Steffen da vom Beifahrersitz gepflückt hatte.

„Los, schnell rein!“

„Soll ich ich nicht eben die Schuhe…“

„Nein, nein! Das wisch ich gleich weg! Erst mal rein ins Trockene!“, huschten Steffen und Hellen an Detlef vorbei und schüttelten sich erleichtert, als sie endlich aus dem Unwetter raus waren.

„Bah, das hat ja gar nichts gebracht!“, warf Steffen seine durchnässte Jacke über eine Stuhllehne und strich sich das Wasser aus den Haaren, damit es aufhörte, über sein Gesicht zu rinnen.

„Das sind inzwischen aber auch Sturzbäche geworden!“, lachte Hellen und öffnete ihre Jacke, um die Tüte mit dem Essen darunter hervor zu holen.

„Die sind aber trocken geblieben!“, grinste sie und grüßte dann Detlef, der langsam die Tür schloss und die beiden verdattert anschaute.

„Hi…“, hob er die Hand und blinzelte einige Male, ehe er Steffen fragend anschaute. Der allerdings nahm Hellen nur die Tüte ab und gab sie stattdessen seinem Kumpel.

„Hier und keine Sorge, ich hab drei gekauft, damit du nicht vom Fleisch fällst“, schmunzelte der und seufzte erleichtert aus, als Detlef auf seine Frage, ob der Ofen schon an sei, nickte.

„Das kann ich jetzt gut gebrauchen!“, zog er den Blonden in eine kurze Umarmung und holte ihn damit aus seiner Schockstarre.

„Hieh, du Sau! Du bist völlig durchnässt!“, schob er den lachenden Steffen von sich, der sich sofort wieder Hellen zuwendete.

„Komm, erst mal ins Wohnzimmer mit dir, dann kannst du dich etwas aufwär… ich hab doch gesagt, du kannst die Schuhe anlassen“, trat er auf sie zu und schmunzelte, als sie feststellte, dass ihre Socken genauso nass wie die Schuhe waren.

„Sorry, ich wollte keine Sauerei veranstalten“, lächelte Hellen schief und hob ihre Schuhe auf, während Steffen ihr leicht die Hand auf den Rücken legte und sie zum Wohnzimmer führte.

„Ach, was! Detlef ist gleich gut gestärkt, dann kann er das sauber machen!“, grinste er den Angesprochenen über die Schulter hinweg an und stellte sich dann kurz drauf wohlig seufzend vor den Ofen.

„Scheiße sauber zu halten, aber bei so einem Wetter wirklich was wert!“, rieb er sich die Hände, während Detlef den beiden langsam folgte und sich an die Wohnzimmertür lehnte.

„Ja, das ist wirklich sehr angenehm!“, freute auch Hellen sich über die Wärme, obwohl sie trotzdem zitterte.

„Ich hol dir ein paar Sachen von mir, dann kannst du in was Trockenes schlüpfen“, meinte Steffen und drehte sich zur Tür, aber Hellen fasste seinen Arm.

„Nein, nein! Das ist nicht nötig! Meine Klamotten sind bestimmt gleich wieder getrocknet“, versuchte sie ihn aufzuhalten, aber er hob nur belustigt die Augenbrauen.

„Ja, ganz bestimmt, so durchnässt wie du bist“, ging er weiter und blieb neben Detlef stehen, als Hellen wieder zu Protest ansetzte.

„Mach dir bitte nicht so viel Mühe! Hier drin ist es doch schön warm. Wirklich, es geht schon!“, lächelte sie zuckersüß, während ihr bibbernder Körper eine andere Sprache sprach und Detlef sich fragte, ob er über ihr Verhalten gerade lachen oder weinen sollte.

„Ja, Steffen, sie hat recht“, meinte er stattdessen und wurde von seinem Kumpel irritiert angeschaut.

„Frauen sind doch eh nur ständig wandelnde Frostbeulen – was machst du dir da Sorgen, dass sie kalt werden könnte? Versteh ich nicht“, verschränkte er die Arme vor der Brust und grinste, als Steffen auflachte.

„Was er sagt!“, deutete der auf Detlef und verschwand in den Flur, während Hellen schuldbewusst die Unterlippe vorschob.

„Ich… ich will doch bloß nicht, dass er sich so viel Aufwand macht“, murmelte sie kleinlaut, als Detlef sich mit einem Seufzen von der Türzarge abstieß und näher zu ihr ging.

„N paar Klamotten aus dem Schrank fischen ist nun wirklich kein Aufwand. Und ich denk ja mal, dass er sich auch was anderes anzieht“, zuckte er leicht die Schultern und musterte Hellen.

„Du bist doch angehende Ärztin, oder?“, fragte er und auch, wenn sie etwas verwundert über diese Frage war, nickte sie.

„Dann solltest du es eigentlich besser wissen, dass man sich ordentlich einen wegholen kann, wenn man zu lange in nassen Klamotten rumrennt“, hob er tadelnd den Zeigefinger und schmunzelte, als Hellen loslachte.

„Ich glaub, Mediziner sind oft die schlimmsten Patienten!“, zwinkerte sie, aber Detlef schüttelte den Kopf.

„Nee, kann gar nicht sein! Der schlimmste Patient sucht grad Klamotten für dich raus!“, seufzte er und grinste, als Hellen sich offensichtlich nur mit viel Mühe einen Kommentar darauf verkneifen konnte.

„Versteh schon, er hat dich zum Döner eingeladen, da willst du es dir jetzt nicht mit ihm verscherzen“, zuckte Detlef die Schultern und lachte, weil Hellen sich auf die Lippen biss, um es ihm nicht gleich zu tun. Sie räusperte sich kräftig und wechselte dann lieber das Thema.

„Wie gehts dir denn inzwischen?“, wendete sie sich Detlef mehr zu und betrachtete sein Gesicht. Der zuckte kurz die Brauen und verdrehte dann die Augen.

„Ernsthaft?! Du musstest das weitertratschen?!“, brüllte er zum Flur und seufzte, als er Steffens Lachen hörte.

„Ja… geht schon… tat halt n bisschen weh“, hob er die Schultern und machte eine wegwerfende Handbewegung. Hellen musterte ihn und hatte das Gefühl, dass sich da vor allem auch ein schmerzendes Ego meldete.

„Ich hab mir die Nase zwar noch nicht gebrochen, aber es soll wohl nicht grad angenehm sein“, konnte sie noch einen leichten Schatten von dem Bluterguss unter Detlefs Augen erkennen. Der aber machte wieder nur eine wegwerfende Handbewegung.

„Ach! War ja nur angebrochen!“, grinste er schief und warf Steffen trotzdem einen finsteren Blick zu, als er neben ihn trat und ihm auf die Schulter klopfte.

„Sind ja ganz neue Töne! Die letzten beiden Wochen klang das aber noch deutlich wehleidiger!“, grinste er und bekam Detlefs Ellenbogen in die Seite.

„Wieso musst du das überhaupt weiterquatschen?!“, zischte er.

„Weil ich durch dein Gejammer vergessen hatte, ihr zu antworten und das nicht allein auf meine Kappe nehmen wollte! Außerdem war das die gerechte Strafe für deine blöden alter-Mann-Witze nach meinem Hexenschuss, mein Lieber!“, stützte Steffen die Hände auf die Hüften und baute sich vor Detlef auf, der leicht die Zähne knirschte, während er über eine Antwort nachdachte. Hellen kam es vor, als würde sie zwei Gockeln beim Hahnenkampf zuschauen.

„Na und? Meine Nase ist bald wieder die alte, aber du bist und bleibst ein alter Sack!“, schnaubte Detlef schließlich aus und schritt erhobenen Hauptes zur Tür, während Steffen ihm nur mit einem „Oh, wow, toller Konter!“ nachschaute.

„Ihr seid wie ein altes Ehepaar“, grinste Hellen und lachte, als beide sie ähnlich entgeistert anschauten.

„Komm, Tiger, so was müssen wir uns nicht bieten lassen!“, versuchte Detlef sich Verstärkung zu holen, doch statt zu ihm zu laufen, steuerte sie lieber den Korb mit Holz an.

„Verräterin“, knurrte er und stapfte von dannen, während sich bei Hellen das schlechte Gewissen meldete.

„Oh je…“, murmelte sie, aber Steffen meinte nur, dass der Blonde sich schon wieder einkriege. Doch da war sie schon an ihm vorbei gehuscht und stand an der Küchentür.

„Detlef?“, fragte sie vorsichtig, während er mit Tellern und Besteck hantierte und den ersten Döner in die Mikrowelle schob.

„Nein, ihr habt verschissen. Alle drei!“, stützte er sich auf die Arbeitsplatte und guckte konzentriert auf das Innenleben der Mikro.

„Einfach ignorieren“, lehnte Steffen sich neben Hellen an die Wand und schmunzelte über Detlefs Bockigkeit.

„Du, mein Bruder ist Kickboxer. Wenn du das wirklich mal ausprobieren willst, kann ich ihn gern fragen, ob er dir was zeigt“, schob Hellen die Hände in die Gesäßtaschen und wippte leicht von Ballen auf Ferse und zurück.

„Auf gar keinen Fall!“, schnellte Detlef herum, während Steffen loslachte und Hellen verdutzt zu dem Blonden schaute.

„Mirco ist Profi und hat sich das nicht nur in ein paar YouTubevideos angeschaut, so wie dein Kumpel. Der hat schon ein paar Titel geholt… also wenn einer Ahnung davon hat, dann er“, meinte sie, woraufhin Detlef sofort energisch den Kopf schüttelte.

„Ist nett gemeint, aber davon bin ich geheilt!“, hob er abwehrend die Hand und nahm dann Steffen ins Visier, der sich immer noch über ihn beömmelte.

„Ist jetzt gut?! Zieht euch endlich um und kommt essen, Mann!“, zerknüllte Detlef die mitgelieferten Servietten und versuchte Steffen damit abzuwerfen. Allerdings waren sie zu leicht und erreichten ihr Ziel nicht mal annähernd.

„Das hebst du selbst wieder auf!“, grinste Steffen und bedeutete Hellen mit einem leichten Nicken, ihm zu folgen.

„Ich hab dir ein paar Klamotten ins Bad gelegt. Wenn noch irgendwas fehlt, sag Bescheid. Vielleicht haben wir auch noch was von Saskia hier, das du dir ausleihen kannst“, führte er sie zur Badezimmertür und betätigte das Licht.

„Danke, das ist lieb“, lächelte Hellen und ging an ihm vorbei, aber Steffen schien noch etwas zu beschäftigen.

„Dein Bruder ist also Kickboxer?“, kam er mit der Sprache raus, nachdem Hellen ihn einen Moment fragend angeschaut hatte.

„Ja, also benehmt euch!“, juxte sie und schaute ihm dabei zu, wie er sich an die Türzarge lehnte. Steffen lachte auf.

„So hab ich das nicht gemeint!“, verschränkte er die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf.

„Wie dann?“, trat Hellen näher an ihn heran und betrachtete ihn aufmerksam. Steffen zuckte leicht die Schultern und seine Mundwinkel.

„Ich finds schön, mal wieder was Neues über dich zu erfahren, das ist alles“, lächelte er leicht, wobei es ihn auch etwas wehmütig machte, dass er das Gefühl hatte, inzwischen mehr über Hellens Familie als über sie selbst zu wissen. Die allerdings legte den Kopf schief und lehnte sich leicht zu ihm.

„Bin ich so geheimnisvoll?“, flüsterte sie, während ihre Finger an seine Unterarme wanderten und sie sich langsam auf die Zehenspitzen stellte. Steffen musste schlucken, als ihre Lippen immer näher kamen.

„Manchmal schon…“, murmelte er und legte einen Arm um sie. Er konnte ihr Parfüm riechen und ihren Atem spüren. Ihre Augen waren geschlossen, doch seine kniffen sich zusammen.

„Was wollt ihr eigentlich trinken?“, plärrte es plötzlich aus der Küche und Hellens Kichern zerriss das romantische Band zwischen ihnen.

„Ich bring ihn um!“, knurrte Steffen, während Hellen sich die Hand auf den Mund presste, um nicht laut los zu lachen.

„Habt ihr gehört?“, trat Detlef aus der Küche und mit einem „Oh!“ hob er die Augenbrauen, als er Hellen und Steffen aneinandergeschmiegt sah.

„Ja, wir haben gehört!“, maulte Steffen und schüttelte den Kopf, während Detlef sich mit einem breiten Grinsen zurück in die Küche verzog.

„Der Kerl ist unglaublich!“, murrte er und hielt die Küchentür fixiert, als würde der nächste, der durch sie hindurch trat, von seinem Blick tot umfallen.

„Wir sollten uns jetzt endlich mal umziehen“, hörte er Hellens Flüstern in seinem Ohr und fühlte ihre Hand an seiner Wange.

„Ja, ich weiß…“, murmelte er und konnte seinen Blick nur langsam von der Küchentür lösen.

Dieser verdammte Störenfried!“, ging es ihm noch durch den Kopf, während er sich längst eingestehen musste, dass die nächste Gelegenheit ebenfalls ungenutzt verstrichen war. Doch da spürte er plötzlich Hellens weiche Lippen auf seinen. Es war ein kurzer und schüchterner Kuss, aber vor allem einer, mit dem er an diesem Abend nicht mehr gerechnet hätte.

„Bis gleich“, lächelte sie leicht und sank von den Zehenspitzen runter, um Steffen die ganze Zeit über im Blick zu behalten, während sie ins Badezimmer ging, die Tür griff und sie zögerlich schloss.

„B...bis gleich“, brachte er nur heiser hervor und spürte, wie sich seine Mundwinkel zu einem breiten Grinsen verzogen. Er seufzte aus und trat langsam von der Tür zurück. Doch seine Hand hob sich und der Zeigefinger deutete drohend zur Küchentür.

„Kein Wort“, schmälerte er die Augen, als Detlef mit unschuldigem Lächeln um die Ecke linste und zwei Flaschen hoch hielt.

„Ich wollt nur wissen, ob Wasser oder Cola!“

9.7.2024: kritzeln

„Halt die Klappe und verschwind zurück in die Küche!“, warnte Steffen, wobei Detlef ihn mit seinem verknallten Schmunzeln nicht sonderlich ernst nahm.

„Gut. Dann organisiert euch halt selbst was zu trinken. Da will man einmal hilfsbereit sein...!“, trällerte der Blonde und beförderte die Flaschen zurück in den Kühlschrank, während Steffen ihm beschwingten Schrittes folgte. Er hatte die Hände in den Hosentaschen verstaut, lehnte sich an die Küchentür und warf immer wieder einen Blick Richtung Bad. Hellens Lipgloss hatte also Pfirsichgeschmack, stellte er fest, als er sich verstohlen über die Unterlippe leckte.

„Willst du dich nicht auch mal umziehen?“, meinte Detlef in keckem Tonfall, womit er Steffen aus seinen Gedanken riss.

„Hm?… Äh, ja ja“, murmelte der und trottete zurück in den Flur. Ein klein wenig hatte er die Hoffnung, dass Hellen schon fertig war und zeitgleich aus dem Bad kam, als er an der Tür vorbei ging, aber da wurde er leider enttäuscht. Stattdessen leistete Tiger ihm Gesellschaft, indem sie es sich auf seinem Bett und den darauf verteilten Klamotten gemütlich gemacht hatte. Jetzt wusste er wieder, warum er normalerweise die Tür geschlossen hielt...

„Ja, danke fürs Mithelfen…“, sammelte er seine Pullover und Hosen zusammen und stopfte sie zurück in den Schrank – er hatte Hellen ja nicht unbedingt irgendeinen alten löchrigen Lappen zum Anziehen geben wollen und genauso wenig eine der Jeanshosen, die selbst bei ihm teilweise nur dank Gürtel an Ort und Stelle blieben. Vielleicht sollte er doch mal ein bisschen mehr Ordnung im Kleiderschrank halten, so, wie seine Mutter es immer gepredigt hatte… Allerdings verschwand dieser Gedanke beim Schließen der Schranktür auch genauso schnell wieder, wie er vorher gekommen war. Immerhin hatte er ja ein grobes System und wusste in etwa, wo was lag!

„Und du bleibst aus der Sockenschublade raus!“, warnte er Tiger, die eben jenes Fach seiner Kommode schon wieder ins Visier nahm, während er in neue Klamotten schlüpfte. Die Lade klemmte ein wenig und er musste sich endlich mal darum kümmern, sie zu reparieren. Vorher komplementierte er allerdings die Katze nach draußen, holte den Wäscheständer aus der Waschküche und drapierte ihn dann vorm Ofen. Der brauchte schon wieder was zu Knabbern und während Steffen seine Klamotten über den Wäscheständer warf, war er froh, im Wohnzimmer keinen Holz- sondern Fliesenboden zu haben - den interessierte es schließlich herzlich wenig, wenn er nass getropft wurde.

„Na, dann erzähl mal! Wie kommen wir zu dem plötzlichen Besuch? Gesagt hast du mir jedenfalls nichts davon, dass ihr euch heut trefft. Oder dass ihr euch überhaupt noch trefft“, wurde Steffen von Detlef in Empfang genommen, als er wenig später zurück in die Küche kam. Der Blonde saß gerade am Tisch und machte sich schon über seinen Döner her.

„Kannst du nicht warten, bis alle am Tisch sitzen?“, meinte Steffen und nahm ihm gegenüber Platz. Detlef aber schmatzte irgendwas, das danach klang, dass er am verhungern sei und ja schon so lange habe warten müssen.

„Dann fährst du nächstes Mal am besten selbst“, grinste Steffen, was ihm allerdings schnell verging, als Detlef es ihm gleich tat und dabei die halb zerkauten Zwiebeln präsentierte – war vielleicht doch besser, dass er nicht bis zu Hellens Rückkehr gewartet hatte.

„War ne fair gewonnene Partie Schnick Schnack Schnuck!“, mampfte er und verteilte dabei einige Krümel auf dem Tisch. Steffen verdrehte die Augen.

„Wie wärs, wenn du erst mal runterschluckst?“, murrte er und schüttelte den Kopf. Manchmal hatte er wirklich das Gefühl, mit einem Zwölfjährigen zu hausen, der vorher von Wölfen aufgezogen worden war. Dass er selber sich mitunter nicht viel besser benahm, ignorierte er dabei geflissentlich und verstand auch Saskias gelegentliche Kritik an ihrem „Männerhaushalt“ nicht.

Wieder nuschelte Detlef irgendwas, das dieses Mal vollends unverständlich war.

„Was?“, hakte Steffen genervt nach und seufzte aus, als Detlef sich verschluckte.

„Siehste? Kommt davon“, stand er auf und klopfte dem Jüngeren auf den Rücken. Der brauchte ein, zwei Minuten, um sich wieder zu fangen und kippte dann gierig sein Glas Wasser runter.

„Falsche Tröte…“, röchelte er und räusperte sich einige Male. Nun hatte sein Gesicht einen herrlichen Rotton.

„Ich wollte… von dir eine Antwort auf meine Frage! Seit wann trefft ihr euch wieder?“, hustete er noch einige Male, aber es ging ihm offensichtlich schon wieder gut genug, um Steffen auszufragen. Der lehnte sich neben Detlef an den Tisch, musterte ihn kurz und grinste dann.

„Sag du mir mal lieber, ob du dein Berichtsheft für diese Woche schon fertig hast!“, verschränkte er die Arme vor der Brust und ließ keine Widerworte zu.

„Hey, lenk nicht ab!“, wollte Detlef protestieren, aber Steffen schüttelte nur den Kopf und forderte ihn auf, ihm die Unterlagen zu zeigen. Manchmal musste man halt den Gesellen raushängen lassen, damit die Jugend von heute nicht zu aufmüpfig wurde. Diese Überlegung im Geiste verzog er allerdings das Gesicht und fühlte sich gerade wirklich wie ein alter Mann. Glücklicherweise bekam Detlef davon nichts mit, weil der bereits missmutig zu seinem Zimmer trottete – Schwein gehabt, sonst wäre das wieder nur Wasser auf die Mühlen gewesen!

„Hier“, kam er kurz darauf zurück in die Küche, drückte Steffen den Ordner in die Hand und machte sich dann wieder über sein Essen her.

„Du hast aber auch ne Sauklaue!“, überflog Steffen das Gekritzel von dieser Woche und nickte trotzdem zufrieden.

„Ja, kannst du so vom Meister absegnen lassen…“, legte er die Mappe auf den Tisch. Detlef aber hob selbstsicher die Nase empor.

„Klar! Berichtsheft schreib ich schließlich nicht zum ersten Mal!“, kaute er mit süffisantem Grinsen, um dann kurz drauf wieder einen Hustenanfall zu bekommen. Steffen seufzte aus und schüttelte den Kopf, während er ihm wieder auf den Rücken klopfte.

„So viel dazu...“

10.7.2024: Derivativ

Während viele Kilometer entfernt das reinste Unwetter tobte, war es bei Jasmin und Sven bislang nicht viel mehr als ein guter Landregen, der alles mit seinem Schleier bedeckte. Erst im Laufe der Nacht sollte der Sturm auch zu ihnen hinüberziehen und Sven wusste schon, wer damit am liebsten davon geweht werden sollte – und dieses Mal war es nicht Oberfelder. Er saß immer noch am Schreibtisch über seine Aufgaben gebeugt und brummte dabei missmutig in seinen nicht vorhandenen Bart. Selbst kurz vor Ende des Semesters hatte er sich noch nicht an die Art des neuen Dozenten gewöhnt und fand ihn mit jedem Mal, das sie bei ihm im Seminar gesessen hatten, unausstehlicher. Da kam es ihm fast schon wie Verrat vor, dass Jasmin sich nach den Stunden sogar manchmal noch mit diesem Lackaffen unterhielt! Nur Oberfelder teilte die Abneigung, wobei Sven sich auch immer wieder bei der Frage ertappte, ob er das nun gut oder schlecht finden sollte.

„Das ist doch alles scheiße!“, ließ er seinem Ärger schließlich Luft und lockte Jasmin damit aus ihrem Zimmer.

„Hey, was ist los?“, schob sie die angelehnte Zimmertür auf und schaute auf Svens Rückansicht. Er hatte sich zum Fenster gedreht, die Arme vor der Brust verschränkt und stierte wütend in die hereinbrechende Nacht – oder vielleicht auch auf den Inhalt seines Federmäppchens, das er vor Wut gegen die Wand gepfeffert hatte.

„Wieder die Seminaraufgaben?“, fragte Jasmin.

„Ja!“

Sie hob die Augenbrauen und trat langsam näher.

„Soll ich dir helfen?“, bot sie an, aber dafür gab es von Sven nur einen finsteren Blick.

„Klar und in der Klausur machen wir ne Gruppenarbeit daraus!“, zischte er und fixierte wieder das Fenster.

„Hey, ich kann nichts dafür…“, ging sie zu seinem Bett, sammelte die Stifte, die darauf verteilt lagen, ein und setzte sich. Das Buch, das sie eigentlich gerade lesen wollte, hatte sie noch in der Hand und legte es nun neben sich ab.

„Ich weiß“, nuschelte Sven kleinlaut und schaute zu Boden. Für eine richtige Entschuldigung reichte es nicht, aber inzwischen kannte Jasmin ihn gut genug, um diese Trotzmomente von ihm einschätzen zu können. Das leichte Knirschen seines Kiefers zeigte, dass er gerade nach genügend Munition suchte, um seinen Frust raus zu feuern. Und da polterte er auch schon los.

„Ich hab die Schnauze voll davon, ständig irgendwelche Begriffe nachgucken zu müssen, weil der mit seinem Fachchinesisch daher kommt!“, sprang er auf und ließ eine Schimpftirade über den Dozenten los. Erst attestierte er ihm Unfähigkeit, dann wurde er zum arroganten Lackaffen gemacht und schließlich griff Sven sich den Aufgabenzettel, um über die Worte herzuziehen, die ihm quer lagen.

Derivativ… was soll der Scheiß zum Beispiel schon wieder sein?!“, rief er aus und guckte noch entgeisterter, als Jasmin es ihm ohne zu zögern als „Ableitung“ übersetzte.

„Kommt aus der Linguistik“, erklärte sie, was bei Sven allerdings nur die Wut schürte.

„Mir doch egal!“, zischte er aus und haute den Zettel zurück auf den Tisch.

„Ich finds ganz spannend, so noch ein bisschen mehr als das Standardzeug dazu zu lernen. Sind wir dazu nicht an der Uni? Um zu lernen und vielleicht auch mal neue Blickwinkel einzunehmen?“, versuchte sie es auf diplomatischem Wege, der bei Sven allerdings nicht allzu viel Gegenliebe fand.

„Ich bin da, um für mein Studienfach zu lernen, aber nicht für so einen… so einen Mist! Wenn mich Sprachwissenschaft interessieren würde, hätte ich das studiert!“, lief er von einer Seite des Zimmers zur anderen und wieder zurück.

„Du tust grad so, als hätten sie für das Modul irgendwen gewürfelt, dessen Fachrichtung überhaupt nicht zu unserer passt. Er bringt andere Ansätze rein, ja, aber die sind nicht völlig fachfremd. Die Themen als solche sind ja auch gleich geblieben, nur bereitet er sie anders auf“, gab Jasmin zu bedenken, woraufhin es von Sven allerdings nur ein weiteres patziges „Mir doch egal!“ gab. Sie seufzte aus.

„Kann es sein, dass du dich selbst blockierst, weil du dich zu sehr dagegen ansiehst?“, fragte Jasmin und zuckte leicht die Schultern, als Sven ihr wieder einen finsteren Blick zuwarf.

„Kann es sein, dass dieser Kerl bei uns einfach völlig fehl am Platz ist und sich zurück in sein… dämliches Institut für Sprachwissenschaften verpissen sollte?!“, fiel ihm kein besserer Konter ein und so konzentrierte er sich wieder auf wütendes umher Stapfen und darauf, Jasmin nicht mehr anzuschauen. Die schüttelte den Kopf und stützte die Ellenbogen auf die Oberschenkel, um das Kinn auf den Fingerknöcheln abzulegen. Hatte sie nicht genau darauf gerade schon ein Gegenargument gebracht?

„Also mal ehrlich… ja, anfangs haben sich auch ein paar andere daran gestört, aber inzwischen sind es eigentlich nur noch Oberfelder und du, die so wegen Herrn Hagenkamp meckern. Was ist denn euer Problem mit ihm? Ich finde, dass er den Stoff sehr gut vermitteln kann und hab tatsächlich Spaß dran, die Themen auch mal von anderen Seiten zu betrachten. Und da bin ich nicht die Einzige. Marie und Thorsten haben sogar überlegt, ob sie später nicht auch noch was in Richtung Linguistik studieren möchten und wenn ich ganz ehrlich bin…“, sinnierte Jasmin, die daraufhin fassungslos von Sven angeschaut wurde.

„Wie jetzt?! Willst du etwa wechseln?!“, rief er aus, aber sie hob sofort beschwichtigend die Hände.

„Nicht wechseln. Aber vielleicht noch ein zweites Studium dran hängen, mein ich. Wenn mans genau betrachtet, wäre es tatsächlich ne gute Ergänzung zu unserem jetzigen“, zuckte sie leicht die Schultern, doch das schien Sven auch nicht viel besser zu gefallen.

„Nur wegen diesem Fatzke?!“, schaute er Jasmin verstört an und schüttelte den Kopf. Die aber stand auf, stellte sich vor ihn und forderte ihn auf, mit dem Herumgerenne aufzuhören.

„Kannst du mir jetzt endlich mal sagen, was dieses ganze Theater soll?“, griff sie Svens Arm, als er nach kurzer Unterbrechung wieder los marschieren wollte und erschrak, weil er sich losriss.

„Ich komm mir vor wie n Idiot! Ich war immer einer der Besten und hatte nie solche Probleme! Jetzt sitz ich stundenlang an einem solchen dämlichen Zettel! Und ihr! Du!… Ihr habt nichts besseres zu tun, als nach dem Unterricht auch noch zu dem Affen hin zu dackeln, Schwätzchen zu halten und hinterher darüber zu schwärmen, wie "gebildet" und "kultiviert" er doch ist! Er ist ein aufgeblasener Sack! Mehr nicht!“, hob er in Hilflosigkeit und Wut die Arme, um sie dann resigniert wieder sinken zu lassen. Warum merkte Jasmin nicht, was für einen aufgeblasenen Pinsel sie da anhimmelte und guckte ihn, Sven, stattdessen so verständnislos an? Sie schüttelte den Kopf und ging zum Bett, um ihr Buch aufzusammeln.

„Du führst dich gerade wie ein Kleinkind auf…“, wendete sie sich wieder zu Sven und schaute ihn fest an, während der mit einem „Wie bitte?!“ reagierte.

„Ja, ganz recht!“, trat sie wieder vor ihn.

„Dir macht es zu schaffen, mal nicht in allem der Beste zu sein? Gut! Wird höchste Zeit, dass du das auch mal lernst! Für manches muss man sich eben etwas mehr anstrengen, um es zu erreichen! Und selbst dann klappts manchmal nicht, ja! Man muss auch mit Niederlagen umgehen können. Die sind nicht schön, aber sie gehören zum Leben dazu. Und wenn du mal deinen... deinen Stolz beiseite schieben könntest und ein vernünftiges Gespräch mit Herrn Hagenkamp führen würdest, wüsstest du, dass er kein Lackaffe ist. Im Gegenteil, er ist sehr intelligent und hat schon vieles gehört und gesehen. Man kann sich wunderbar mit ihm unterhalten, aber er drängt sein Ego dabei nicht so in den Vordergrund, wie die eine oder andere Person, die ich kenne! Aber vielleicht ist genau das das Problem: Dass er einfach ein charismatischer Mensch ist, der es nicht nötig hat, sich so aufzuplustern wie gewisse andere Leute, die sich seinetwegen in ihrer Eitelkeit verletzt fühlen!“, brach Jasmin den Augenkontakt, den Sven kaum auszuhalten schien, endlich ab und schob sich an ihm vorbei. Er stand wie vom Schlag getroffen da und brachte kein Wort mehr heraus. Selbst bei Jasmins Angebot, ihm später noch zu helfen, schwieg er sich aus.

"Sag Bescheid, wenn du dich wieder eingekriegt hast", meinte sie und ging in ihr Zimmer, als von Sven keinerlei Reaktion mehr kam. Erst, als das leise Klacken der Zimmertür verriet, dass sie ins Schloss gefallen war, löste er sich aus seiner Schockstarre und sackte schwer auf den Stuhl zurück. So elend, wie in diesem Moment, war ihm lange nicht gewesen...

11.7.2024: wirbeln

Es war wenig überraschend, dass Steffens Klamotten viel zu groß für Hellen ausfielen. Sein Pullover schlackerte an allen Ecken und Enden und seine Jogginghose blieb nur dank der Kordel an Ort und Stelle. Außer beim Sport mal nicht in Jeans oder vielleicht einem Rock zu sein, war unüblich für Hellen, aber sie hatte das Gefühl, sich daran schnell gewöhnen zu können. Besonders jetzt, da der Wind immer lauter durch die Ritzen pfiff und alles, was nicht fest genug stand, durch die Gegend wirbelte, hatte es etwas Gemütliches, sich in die weite Kleidung einzumummeln.

Hellen betrachtete sich im Spiegel und musste kichern. Ihre halb zerzauste, halb von Klämmerchen in Position gehaltene Frisur und das Make-Up passten so gar nicht mehr zum Rest ihres Looks. Die Klämmerchen waren eine Sache, aber was sollte sie mit dem Make-Up machen? Einfach nur mit Wasser und Seife wollte sie nicht an ihre empfindliche Gesichtshaut gehen.

„Dann muss das warten, bis ich zuhause bin… und bis dahin seh ich aus wie eine Mischung aus Vogelscheuche und Panda“, grinste sie schief und begann, ihre Haare zu befreien. Es war eine ähnliche Sisyphusarbeit wie vorher, als sie sie in Position gepinnt hatte und somit fanden ihre Gedanken Zeit, um auf Wanderschaft zu gehen. War diese Situation vielleicht sogar ein Glücksgriff gewesen? Nicht nur, dass sie Steffen wiedergetroffen und beide einander offensichtlich sehr vermisst hatten – Hellen ihn sogar noch mehr, als ihr vorher klar gewesen war. Nein, obendrein trat sie ihm in einem Aufzug unter die Augen, in dem sie sich Richard vermutlich nie freiwillig präsentiert hätte und konnte damit gleich herausfinden, ob er sie dann immer noch anziehend fand oder das Interesse gleich wieder schwinden würde.

Mit einem leichten Kloß im Hals ließ Hellen die Hände sinken und musterte sich wieder im Spiegel. Ein wenig erinnerte sie ihre jetzige Aufmachung an den Morgen, an dem sie von Bens Großeltern zu Richard zurückgegangen war. Sie dachte an seine abschätzigen Blicke, als er ihren verwaschenen Aufzug gemustert hatte und spürte diese nun im Rückblick viel deutlicher als in dem Moment selbst - damals hatten viel mehr der leichter Hauch von Sorge und die große Unverständnis über ihr Verhalten im Vordergrund gestanden. Oder hatte sie das andere nur verdrängt? Denn nun fiel ihr auch wieder ein, wie er sich immer beinahe abweisend verhalten hatte, wenn sie mal krank und "verlottert" auf der Couch gelegen hatte. Und das war nun wirklich nicht of vorgekommen. Dann hatte er teilweise sogar die Nächte im Büro verbracht; angeblich, um sich nicht anzustecken. Aber war das wirklich der einzige Grund gewesen? Und wie peinlich er es erst gefunden hatte, als sie dieses eine Karneval mal ein bisschen über den Durst getrunken und sich torkelnd von einem Kommilitonen nach hause hatte bringen lassen - verschwitzt vom Tanzen und mit verschmierter Faschingsschminke, während die billige Perücke auf halb acht hing...

Hellen legte sich die Hand auf den Bauch und atmete tief durch. Es begann schon wieder zu ziehen und zu stechen und sie wollte es schnellstens vergessen. Sie rieb sich über die feuchten Augen und betrachtete dabei wieder Steffens Pullover an ihrem Körper. Ein wenig verstohlen nahm sie ihn am Kragen und zog ihn an die Nase, um daran zu schnuppern. Frisch gewaschen war er, aber trotzdem fühlte sie eine Enttäuschung: Er roch nicht nach Steffen. Ihr Blick ging auf Wanderschaft und glitt über die Ablage über dem Waschbecken. Allzu viel stand dort nicht, nur zweierlei Zahnputzbecher und -creme, Haarwachs, Rasierer, zwei Deos, ein Rasierwasser – fertig. Die Seife lag mitsamt Wurzelbürste direkt auf dem Waschbecken und alles andere war entweder in der Dusche verteilt oder verbarg sich vermutlich im Badezimmer- oder dem Spiegelschränkchen. Einen der Schränke zu öffnen kam Hellen nicht in den Sinn, aber die Duftwässerchen weckten ihr Interesse. Ob es wohl auffiel, wenn sich die mal genauer anschaute? Ach was! So genau achteten Detlef und Steffen bestimmt nicht darauf, wie alles stand, solange es nur an seinem Platz war. Oder? Aber wenn sie da wieder an Richards penibel geordnete Pflegeutensilien dachte, bei denen selbst die Etiketten alle in Reih und Glied stehen mussten...

Nach kurzem Zögern griff Hellen den ersten Deoroller und drehte die Kappe ab. Es roch gut, aber nicht nach Steffen, definitiv. Und das Rasierwasser? Das war sicherlich von ihm. Sie konnte ihn sich gut als den Typ Mann vorstellen, der Rasierwasser nutzte und wurde überrascht, als auch dieser Duft ihr nicht bekannt vorkam. Zumindest nicht, wenn sie an Steffen dachte. Bei genauerer Überlegung hatte Detlef vorhin tatsächlich danach gerochen. Es blieb also nur noch das zweite Deo und kaum hatte sie dessen Deckel abgezogen, zog bereits ein Kribbeln durch ihren Bauch. Sie musste unwillkürlich lächeln und tupfte sich ein wenig von dem Duft auf den Kragen. Ja, viel besser! Noch besser roch er zwar auf Steffens Haut, aber so war es auch schon gut. Zumindest für den Moment. Zumindest, solange ihre Gedanken nicht wieder anfingen zu rotieren…

Was war das eigentlich für ein Deo, das Steffen da benutzte? Günstiger als die von Richard war es zweifelsohne, aber trotzdem wirkte und roch es nicht billig. Und bei weitem war es nicht in der vielfachen Ausführung vorhanden, wie ihr Exfreund sie immer zur Schau gestellt hatte. Rasierwasser, Parfüms, Deos… es war eine regelrechte Batterie an Gerüchen gewesen – für jeden Anlass eine andere Note. Aber Steffen begnügte sich mit nur einem Duft. Und das passte zu ihm. Sein Duft war angemessen und unterstrich seine Bodenständigkeit. Er drängte sich nicht in den Vordergrund, rieb anderen nicht wortwörtlich unter die Nase, wie teuer er gewesen war und er schrie beim Betreten eines Raumes auch nicht nach Aufmerksamkeit. Er war einfach er. Einfach Steffen. Einer, der einfach machte und nicht damit prahlen musste. Einer, der sich zwar nicht gehen ließ und definitiv gepflegt war, aber der sich dabei auch mit den einfachen Dingen zufrieden geben konnte. Für den Kleidung vor allem funktional sein musste und nicht in erster Linie chic. Der sich die Zeit für das Styling seiner Haare lieber sparte, indem er sie mit einer Mütze bedeckte und damit auch gleich die kleinen Geheimratsecken kaschierte. Oft, aber auch nicht immer, wie an diesem Abend erst zu sehen gewesen war - also war ihm dieser kleine Makel vermutlich bewusst, aber es schien ihn nicht immens zu stören. Richard hingegen… der hätte sich nie aus dem Haus getraut, ohne seine Markenkleidung, die entsprechende Frisur und seit ein, zwei Jahren auch nicht mehr ohne ein wenig Farbe gegen die ersten grauen Anzeichen im Haar. Und das war auch okay gewesen. So war Richard nun einmal. Er legte Wert auf diese Sachen und das konnte durchaus auch seinen Reiz ausmachen – aber Hellen merkte, wie gut es sich anfühlte, dass Steffen da ganz anders tickte. Es war auf seltsame Weise befreiend und unbeschwert, stellte sie fest und der Gedanke daran zauberte ihr ein Lächeln auf die Lippen, während sie fast liebevoll über den Deoroller strich, der so einfach und doch völlig ausreichend war.

12.7.2024: energisch

So ein Ofen war eine feine Sache: Gut gewartet tat er zuverlässig und allzeit bereit seine Arbeit. Er stellte nicht viele Ansprüche und je nach Ausfertigung spendete er nicht nur Wärme, sondern konnte auch noch beim Kochen unterstützen, Backen oder zumindest einfach gut aussehen. Die letzten Punkte trafen auf Steffens alten Ofen zwar nicht unbedingt zu, aber wenn er noch so lange hielt, bis der Kontostand einen neuen erlaubte, war sein Besitzer schon zufrieden. Wenn nur die ewige Rennerei nicht gewesen wäre, um den Wärmespender mit Futternachschub bei Laune zu halten. Da war so ein Ofen dann fast wie so ein Detlef: Ständig hungrig und verfressen.

„Kann ich mal kurz Holz nachlegen oder muss ich damit rechnen, dass du in der Zwischenzeit wieder halb den Erstickungstod findest?“, betrachtete Steffen die eine Fressmaschine, um sich mit einem Grinsen auf den Weg zur anderen zu machen.

"Hähä...", verdrehte Detlef die Augen und äffte Steffen nach. Längst hatte er seinen Hunger gestillt, pulte jetzt mit einem Zahnstocher einige hartnäckige Fleischstückchen aus seinen Zwischenräumen und summte dabei zur Musik aus dem Radio. Eigentlich hätte es so idyllisch sein können. Eigentlich - denn als Steffen kurz darauf wieder aus dem Wohnzimmer kam, sah er, dass Detlef nicht mehr an seinem vorherigen Platz war.

„Was wird das, wenns fertig ist?“, bemerkte er entgeistert, dass der Jüngere in der Zwischenzeit dazu übergegangen war, an der Badezimmertür herum zu lungern. Die vom Holz staubigen Hände abgeklopft, trat Steffen näher an ihn heran, doch Detlef reagierte nur mit einem "Scht!". Dann legte er wieder vorsichtig das Ohr an die Tür.

„Kann man dir helfen?!“, konnte Steffen seine Stimme nur schwerlich zurückhalten, während er den Blonden am Arm packte und energisch mit sich zog. Der aber machte sich sofort wieder los und meinte zu Steffen, dass er sich beruhigen solle.

„Ist dir mal aufgefallen, dass sie schon ganz schön lang da drin ist?“, murmelte er und schaute wieder zur Badezimmertür. Von dem Tumult im Flur war scheinbar nichts dort hindurch zu hören gewesen. Zumindest machte Hellen keine Anstalten, nach dem Rechten zu schauen.

„Du musst grad reden. Wer von uns blockiert denn sonst stundenlang das Bad?“, verschränkte Steffen die Arme vor der Brust und schüttelte verständnislos den Kopf. Detlef aber zuckte mit der Augenbraue.

„Ich brauch aber keine halbe Stunde, um mich umzuziehen, oder?“, schob er die Hände in die Hosentaschen und reckte das Kinn. Steffen schnaubte belustigt aus.

„Du hast ne Freundin und ne Schwester – du müsstest eigentlich wissen, wie lange Frauen mitunter im Bad brauchen“, meinte er salopp, woraufhin Detlef nur schief grinste.

„Selten so gelacht“, grummelte der, aber auch Steffens Laune wurde nicht gerade besser.

„Weißt du was? Wenn du so dringend zum Pott musst, hab ich draußen noch ein Plumpsklo für dich. Musst dir nur die Sense mitnehmen, um den Weg frei zu kriegen. Ansonsten stell dich halt an die Eiche neben der Hintertür – dann kannst du wenigstens nicht hinterher rumjammern, dass du n nassen Arsch gekriegt hast. Und jetzt hör auf, dich hier so rum zu drücken! Was macht das denn für einen Eindruck?!“, zischte er und stapfte zur Küche, aber Detlef machte gar keine Anstalten, auf ihn zu hören.

„Und wenn was passiert ist?“, kreuzte dieses Mal er die Arme und schaute Steffen auffordernd an, als der ihm einen genervten Blick über die Schulter zuwarf.

„Was denn? Dass sie vielleicht noch kurz unter die Dusche gestiegen ist? Ja, wäre wirklich hoch dramatisch“, spottete er und trottete dennoch zu Detlef zurück, als der sich noch immer nicht in Bewegung setzte.

„Was weiß ich… ausgerutscht und Kopf gestoßen zum Beispiel. Kann schnell passieren, wie du selber weißt“, murmelte der Blonde, woraufhin Steffen ihm den Vogel zeigte.

„Ich will dir ja nix, aber deine Fantasie geht grad echt mit dir durch! Selbst wenn, dann hätten wir das doch wohl gehört!“, murrte er, doch Detlef zeigte sich wenig überzeugt.

„Klar, stürmt und pisst wie aus Kübeln, das Radio dudelt und wir haben uns unterhalten – wie hätte man da was überhören können?!“, sprach Detlef mit vor Sarkasmus triefender Stimme und erkannte, dass Steffens genervte Fassade langsam Risse bekam. Er runzelte die Stirn und kaute auf der Unterlippe.

„Ich weiß ja nicht…“, murmelte er und musterte die Badezimmertür, während es sich wieder in sein Ohr schlich.

„Vielleicht ist es auch ne Frauengeschichte…“, flüsterte Detlef nachdenklich und bekam einen verwirrten Blick zugeworfen.

„Inwiefern?“, wollte Steffen wissen, woraufhin der Blonde sich in wage Andeutungen hüllte.

„Los, mach hier nicht die Pferde scheu und drucks dann rum!“, haute Steffen ihm aber auf den Arm und forderte eine Erklärung. Detlef schaute erst zur Tür, dann zu Steffen und noch mal zur Tür.

„Na schön…“, wendete er sich an den Älteren und senkte die Stimme noch etwas mehr, als ohnehin schon.

„Aber sag Saskia bloß nicht, dass ich dir das erzählt hab. Sie reagiert n bisschen empfindlich auf das Thema…“, flüsterte er und lehnte sich mit der Schulter an die Wand. Langsam bekam Steffen ein mulmiges Gefühl, weil Detlef sich so ungewohnt ernst benahm. Der seufzte aus und rückte nur zögerlich mit der Sprache raus.

„Wenn die ihre Tage kriegt, ist das wohl immer etwas schwierig… ich mein, was die Schmerzen angeht“, murmelte er und rieb sich den Nacken. Steffen schaute ihn immer verdatterter an.

„Ich geb zu, tauschen würd ich nicht wollen. Aber… ist das nicht bei den meisten Frauen so? Ich weiß noch ganz gut, wie ätzend meine Schwestern das immer fanden und bei meinen Freundinnen… Eine sagte mal, sie würde manchmal nicht mal merken, wenns soweit ist, weil sie so prima damit klar kommt. Aber die anderen lagen auch oft mit Wärmeflasche auf der Couch oder haben sogar Schmerzmittel genommen“, sinnierte er, während Detlef ausseufzte und eher vor Ironie nickte.

„Ja und sind die auch vom Klo gekippt, weils mal so schlimm war?“, wollte er wissen, woraufhin Steffen ihn entsetzt anstarrte.

„War vorn paar Wochen… Ist zum Glück nichts weiter passiert, aber ne Schrecksekunde war das trotzdem“, runzelte er die Stirn und schüttelte beim Gedanken daran leicht den Kopf.

„Meine Güte…“, murmelte Steffen und ließ sich an die gegenüberliegende Wand sinken.

„Ich hatte keine Ahnung, dass so was passieren kann“, sagte er mit betroffener Miene, aber Detlef zuckte die Schultern.

„Na, mal ehrlich: Viele Typen interessieren sich auch gar nicht dafür oder lassen noch blöde Sprüche los. Da würd ich das als Frau auch nicht unbedingt an die große Glocke hängen“.

Steffen nickte - und musste sich eingestehen, dass er diesbezüglich auch nicht gerade die reinste Weste hatte.

„Ich hab Sabine auch mal gesagt, sie soll sich nicht so anstellen. Da waren wir damals beide mitten in der Pubertät“, erinnerte er sich an eine Auseinandersetzung mit seiner jüngeren Schwester und gab mit schiefem Grinsen zu, sich dabei eine von ihr gefangen zu haben.

„Die war damals ständig behängt wie ein Christbaum und hat mir mit ihrem Ring noch eine Macke verpasst dabei“, strich er sich über die Wange und die winzige Narbe, die er von diesem Tag zurückbehalten hatte. Detlef allerdings hatte da wenig Mitleid. Er lachte lauthals los, was auch Hellen endlich aus dem Badezimmer lockte.

„Was ist denn hier los?“, fragte sie mit einem unbedarften Lächeln und zuppelte die letzten Klämmerchen aus ihrem Haar, während beide Männer den Eindruck auf sie machten, irgendwie erleichtert zu sein. Dabei war sie diejenige, die froh war, dass sie von Detlefs plötzlichem Gegackere nicht vor Schreck die Deoflasche hatte fallen lassen...

„Ach, Steffen wollte grad schon einen Suchtrupp los schicken, weil er dachte, du wärst ins Klo gefallen!“, grinste Detlef und sprang beiseite, als der Andere ihm an den Kragen gehen wollte.

„Du hast doch wohl n Ei am Wandern!“, brüllte Steffen den Jüngeren an, um dann an Hellen gewandt in sanfterem Ton zu ergänzen, dass sie das Gerede bitte nicht für bare Münze nehmen solle.

„Ich hab wohl ziemlich lang das Bad blockiert, was? Dauert immer ein bisschen, die Frisur wieder auf zu knödeln. Tut mir echt leid...“, redete Hellen sich raus und kämmte die zerzausten Haaren leicht mit den Fingern.

„Nein, nein, ach was! Hör nicht auf den! Ist alles okay! Lass dir so viel Zeit, wie du brauchst!“, versuchte Steffen die Situation irgendwie zu retten, aber Detlef legte jetzt erst richtig los.

„Siehste, Steffen? Ich hab dir doch sofort gesagt, dass du dir wieder viel zu viele Sorgen machst! Ist doch alles gut bei ihr!“, legte er seinem Kumpel lässig den Arm um die Schultern und grinste Hellen verschmitzt an. Die ahnte schon, dass das nicht glimpflich ausginge - zumal Detlef sich gerade in ihrer Anwesenheit wohl in trügerischer Sicherheit wähnte.

„Hmhm…“, nickte Steffen kurz und ehe Detlef reagieren konnte, landete er auch schon im Schwitzkasten.

„So war das also, ja?“, verpasste er dem Blonden eine neue Frisur, während der vor allem Angst um seine Nase hatte.

„Pass auf!“, quiekte er, aber Steffen stellte sich taub.

„Hast du alles, was du brauchst?“, sprach er stattdessen in höflichem und liebevollem Ton zu Hellen, die beim Anblick der beiden Streithähne gluckste und kicherte. Dafür, dass Detlef auch ein kräftiges Kerlchen war, hatte er gerade ziemliche Schwierigkeiten, Steffen wieder los zu werden.

"Alles gut", nickte Hellen erst, um sich dann doch noch an ihr Debakelt mit dem Make-Up zu erinnern.

„Oh, habt ihr zufällig was zum Abschminken da?“, fragte sie, obwohl sie kaum eine positive Antwort erwartete. Steffen schaute sie etwas verdutzt an, während Detlef den Moment nutzte, um sich zu befreien.

„Man, hast du Kraft!“, keuchte er und ging auf Abstand. Steffen grinste.

„Wohl doch nicht so ein alter schwacher Mann, wie du immer meinst, hm?“

„Von schwach hab ich nie gesprochen, du Sack“, rieb Detlef sich den Nacken und machte einen Satz nach hinten, als Steffen andeutete, ihn wieder packen zu wollen.

„Mach dich mal lieber nützlich und frag Saskia, ob sie irgendwas hier hat, das Hellen nutzen kann. Ich will nicht einfach in ihren Sachen rumwühlen“, wechselte Steffen aber sogleich das Thema und grinste Detlef nach, der zur Küche stapfte, um sein Handy zu holen und dabei immer wieder wachsame Blicke nach hinten warf.

„Sorry, das ist hier manchmal das reinste Irrenhaus“, meinte er dann an Hellen gewandt, die aber nur die Schultern zuckte.

„Du, ich bin mit drei Brüdern aufgewachsen. Ich kenn das“, grinste sie und lachte, als Steffen erstaunt die Augenbrauen hob.

„Drei Brüder und eine Schwester? Wow! Da kann ich nicht gegen anstinken“, schmunzelte er und war noch verdatterter, als sie korrigierte, dass sie sogar zwei Schwestern hätte.

„Sechs Kinder?!“, rief er aus und versuchte sich vorzustellen, was das für ein Gewusel gewesen sein musste.

„Und ich fand zwei Schwestern schon anstrengend…“, schüttelte er leicht den Kopf. Hellen aber meinte, sie kenne es ja nicht anders, wobei sie auch froh war, dass Judith noch nicht vollends die Nachfolge der Eltern angetreten hatte.

„Ich glaub, sonst wär ich schon ausgezogen!“

„Na ja“, antwortete Steffen „Aber bei euch war es wenigstens noch ausgeglichen! Ich bin in dem reinsten Weiberhaushalt aufgewachsen: Zwei Schwestern, Mutter und ne Katze!“

Hellen schmunzelte. Wurde das ein Wettlauf, wer die anstrengendere Familie hatte?

„Da hatten dein Vater und du nicht viel zu lachen, was?“, kicherte sie, aber obwohl Steffen sein Lächeln behielt, legte sich eine gewisse Traurigkeit auf seine Züge.

„Der war mir leider keine große Unterstützung. Als ich zwölf war, ist er gestorben“, murmelte er und Hellen verging das Lachen. Damit hatte Steffen dann wohl gewonnen... Doch ehe sie etwas sagen konnte, machte der eine wegwerfende Handbewegung und schäkerte, wie furchtbar es gewesen sei, ausgerechnet zu so einem Zeitpunkt gegen die ebenfalls pubertierenden Schwestern ankommen zu müssen.

„Ich wunder mich bis heute, dass unsere Mutter uns nicht irgendwo ausgesetzt hat! Wir waren die reinsten Nervensägen!“, lachte er und legte dann den Kopf schief, während er Hellen betrachtete. Das Lachen wich einem liebevollen Lächeln.

„Warte mal, da ist noch so ein Klämmerchen“, murmelte er und versuchte die Haarnadel vorsichtig aus der Strähne zu zupfen, was gar nicht so leicht war, wenn er Hellen dabei nicht ziepen wollte.

„Da bricht man sich ja die Finger…“, musterte er das verbogene und eng anliegende Stückchen Metall, ehe er es Hellen in die Hand legte.

„Stimmt, das ist manchmal eine Wissenschaft für sich“, lächelte die und schmiegte sich leicht an Steffens Hand, als er ihr über die Wange streichelte. Es war schon interessant, wie schnell er eine witzige Situation in so einen romantischen Moment umwandeln konnte, dachte sie. Aber sie ließ sich gerne darauf ein...

"Du bist schön warm", wollte sie gerade die Hand auf seine Brust legen, als ein plötzliches Klicken die Zweisamkeit unterbrach. Beide schauten sich kurz verwundert an und richteten ihre Blicke dann Richtung Küchentür, wo Detlef stand - das Smartphone auffällig hoch haltend und ihnen ein schiefes Grinsen schenkend.

„Äääh… Funkloch. Schlechter Empfang heut!“, hob er das Smartphone weiter hoch, um es suchend über seinem Kopf zu schwenken. Steffen aber drehte sich mit einem Räuspern in seine Richtung und nickte leicht.

„Weißt du…“, murmelte er und schob die Hände in die Hosentaschen, während er den Anderen für einen Augenblick bei seinem Treiben beobachtete. Langsam setzte er sich in Bewegung und fragte sich, wie lange Detlef noch das Lamm spielen wollte.

„Kleiner Tipp", murmelte Steffen und bekam von Detlef nur ein "Hm?" als Reaktion.

"Wenn du andere schon heimlich fotografieren willst, dann stell wenigstens den Ton aus!“

„Was?! Ab...!", wollte Detlef zum Protest ansetzen, doch da stürmte Steffen auch schon energisch auf ihn los.

"Wenn ich dich in die Finger kriege!!!"

13.7.2024: Rollerskate

„Na? Fündig geworden?“, saß Detlef am Küchentisch und schaute vom Smartphone auf, als Steffen gerade aus dem Badezimmer zurück kam.

„Ich denke schon. Auswahl genug gibts ja in Saskias Kulturtasche. Sag ihr noch mal Danke“, nahm der sich das leere Trinkglas von seinem Platz und füllte es mit Leitungswasser.

„Schon erledigt!“, meinte Detlef, der seinen Kumpel mit einem Schmunzeln dabei betrachtete, wie er etwas gedankenverloren aus dem Fenster schaute und leicht an der Unterlippe knabberte.

„Ihr Lipgloss steht dir. Habt ihr wieder rumgeknutscht?“, grinste er, als Steffen seinen Blick bemerkte und dessen Antwort überraschte ihn herzlich wenig.

„Halt die Klappe!“, brummte der Ältere in Detlefs Lachen hinein und wollte ihm im Vorbeigehen eine Kopfnuss verpassen, aber dieses Mal war der Blonde schneller und wich aus.

„Na, na!“, hob er lehrerhaft den Zeigefinger und meinte, dass Steffen doch bald mit gutem Beispiel vorangehen müsse. Der allerdings runzelte nur die Stirn und fragte seinen Kumpel, ob er an geistiger Umnachtung leide.

„Hast du etwa noch nicht in die Familien-WhatsApp geguckt? Es steht Nachwuchs an!“, trällerte Detlef, während Steffen sich setzte und sagte, dass er das Handy im Schlafzimmer liegen gelassen habe.

„Wer ist es denn diesmal? Meine Schwester wieder?“, nahm er einen Schluck und schaute erstaunt über den Rand seines Glases hinweg zu Detlef, als er dessen Antwort hörte.

„Timo wird Papa!“, grinste er und hielt Steffen sein Handy mit dem entsprechenden Chatverlauf samt Foto vom Ultraschallbild hin. Eine gewisse Skepsis lag in dessen Zügen, als er die freudige Nachricht seines Cousins las.

„Der Bombenleger? Das kann ja was werden…“, lehnte er sich auf dem Stuhl zurück und nahm einen weiteren Schluck, während Detlef scheinbar gar nicht mehr aus dem Grinsen heraus kam.

„Tante Saskia! Klingt doch schön, oder?“, schaute er abermals auf den Austausch zwischen deren ältesten Bruder und den anderen Familienmitgliedern, die ihm bereits fleißig gratuliert hatten.

„Dann kann sie schon mal üben!“, kicherte er und stützte den Kopf auf eine Hand. Steffen allerdings schaute ihn zweifelnd an.

„Inwiefern?“, wollte er wissen.

„Na… Babysitten!“, rief er über Steffens Begriffsstutzigkeit aus, ohne, dass der ihn allzu ernst nahm.

„Hat sie doch früher schon oft genug gemacht“, zuckte er die Schultern und hob mit einer Mischung aus Verwunderung und Ungläubigkeit die Augenbraue, als Detlef weiter sprach.

„Ja, aber nicht bei so kleinen Würmchen! Und nicht in den letzten paar Jahren! Wenn wir vom Kindermachen zum Kinderkriegen übergehen, kann es bestimmt nicht schaden, sein Wissen ein bisschen aufzufrischen“, schmunzelte Detlef mit verliebter Verklärung im Blick, bei der Steffen sich langsam fragte, ob sein Kumpel die Wasserflasche mit dem Doppelkorn verwechselt hatte.

„Sag mal, war da irgendwas im Döner?“, murmelte er und stellte verwundert fest, dass nicht wieder irgendein dummer Spruch von seinem Gegenüber kam. Stattdessen schüttelte der nur den Kopf und schaute wieder gerührt auf sein Handy.

„In letzter Zeit haben wir tatsächlich öfter mal über das Thema gesprochen… Stell dir das mal vor! Eine kleine Saskia oder einen kleinen Detlef!“, verfiel der Jüngere bei der Vorstellung in ein seliges Lächeln.

„Ist doch irgendwie schön, dass Timo jetzt aus ihrer Family den Anfang gemacht hat und dann sind wir vielleicht als nächstes dran… Nicht jetzt und sofort! Aber in ein paar Jahren dann…“, meinte er und Steffen stellte nicht wenig überrascht fest, dass dieser Kindskopf es scheinbar wirklich ernst meinte.

„Ich kann gern mal meine Schwester fragen, ob sie dir ihren Jüngsten für nen Nachmittag ausleiht. Dann bin ich mal gespannt, ob du danach immer noch so wild auf Nachwuchs bist“, sprach er mit dezentem Sarkasmus in der Stimme und musste feststellen, dass Detlef sich davon nicht eingeschüchtert zeigte.

„Ich bin doch selbst schon Onkel… selbst wenn ich meine Nichte nur an Weihnachten sehe“, zuckte er leicht die Schultern und erinnerte daran, dass er auch schon mal die Besuche von Steffens Schwester samt Anhang miterlebt hatte. Das zauberte zwar nur etwas Unbehagen auf sein Gesicht, doch dann begann er plötzlich wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen.

„Du, ich hab grad die Idee!“, rief er aus, wobei Steffen sich fragte, was nun wohl wieder käme.

„Jetzt stell dir mal vor, wenn es nicht nur einen kleinen Detlef und eine kleine Saskia gibt, sondern auch noch einen kleinen Steffen im gleichen Alter von denen!“, meinte er und hob schnell die Hand, als sein Gegenüber ansetzte, um etwas zu sagen.

„Wie gesagt: In ein paar Jahren erst! Bis dahin hast du dein Häuschen fertig, hast ne liebevolle Frau an deiner Seite…“, warf er einen vielsagenden Blick Richtung Tür und grinste.

„...und dann bekommen wir zusammen unsere Kinder! Das wärs doch! Die könnten dann zusammen aufwachsen und spielen! Gemeinsam in die Schule, in den Ferien hier alles auf den Kopf stellen…“, schwärmte er, während Steffen mit schiefem Grinsen und leichtem Nicken zuhörte, wie sein Kumpel immer mehr ins Träumen geriet.

„Hmhm… zusammen Fußball spielen, sich mit Rollerskates auf die Nase legen und die Knie aufschürfen, mir die Werkstatt mit Fingermalfarben dekorieren…“, begann Steffen aufzuzählen, was er schon alles bei den Kindern seiner Schwestern erlebt hatte und musste feststellen, dass er Detlefs Eifer damit nur noch schürte. Doch bevor der noch mehr Feuer und Flamme werden konnte, musste er ihn bremsen.

„Detlef… Detlef! Bevor du gleich los rennst, um uns schon mal die Plätze in der Kita zu sichern: Es wird keinen kleinen Steffen geben“, unterbrach er seinen Freund, der gerade wieder voller neuer Ideen aufsprudeln wollte und hob abwehrend die Hand. Detlef schaute ihn zwar kurz etwas irritiert an, aber seine Vorfreude wollte er sich dennoch nicht nehmen lassen.

„Ey, wie gesagt: In ein paar Jahren! Bis dahin hast du bestimmt die zukünftige Frau Bomhold gefunden!… Wer weiß, vielleicht steht sie ja auch gerade sogar schon in deinem Bad und schminkt sich ab… und dann...“, grinste Detlef, aber als er fortfahren wollte, unterbrach Steffen ihn wieder mit einem energischen Kopfschütteln.

„Nein. Zieh dir diesen Zahn mal ganz schnell wieder… Ich schieß nur noch mit Platzpatronen. Es wird keinen kleinen Steffen geben. Verstanden?“, schaute Steffen seinen Kumpel eindringlich an und konnte sehen, wie bei dem die Rädchen im Oberstübchen begannen zu rattern. Steffen seufzte aus und stützte die Unterarme auf den Tisch.

„Du erinnerst dich noch, dass ich verlobt war?“, fragte er und nickte leicht, als auch Detlef es tat.

„Dann weißt du jetzt auch, warum das damals in die Brüche ging…“, murmelte er und rieb sich übers Gesicht, als Detlef noch immer nicht recht verstand, worauf er hinaus wollte.

„Hä? Heißt das etwa, dass sie Schluss gemacht hat, weil du keine Kinder zeugen kannst?!“, rief er entsetzt aus, aber wieder schüttelte Steffen den Kopf.

„Nein, wir haben uns getrennt, weil ich keine Kinder zeugen will“, sagte er mit Nachdruck und noch immer schien Detlef nicht so recht zu begreifen.

„Aber… aber du liebst doch deine Neffen und Nichten, dachte ich…“, murmelte der entgeistert und sein Gesichtsausdruck spiegelte nur allzu deutlich, dass mit jedem Wort von Steffen ein Teil des Bildes, das er über den hatte, zerbrach.

„Tu ich auch. Generell mag ich Kinder und ich werd auch ein guter „Onkel“ für euren Nachwuchs sein. Aber trotzdem will ich keinen eigenen. Und wenn du es genau wissen willst: Ich war schon vor Jahren beim Arzt und hab das operativ regeln lassen, um auf Nummer sicher zu gehen. Hast du es jetzt endlich kapiert, wenn ich sage, dass es keinen kleinen Steffen geben wird?“, atmete Steffen schwer durch und leerte sein Glas. Detlef nickte zwar, aber er schaute ihn auch an, als hätte er plötzlich einen Fremden vor sich.

„Warum wusste ich das nicht…?“, murmelte er kleinlaut und schaute Steffen langsam hinterher, als der abermals zur Spüle ging. Der schnaubte aus und zuckte leicht die Schultern.

„Genau genommen gehts dich ja gar nichts an", murmelte er und überlegte, ob diese Antwort allein vielleicht zu harsch war. Eigentlich musste er sich ja nicht erklären, aber nach kurzem Zögern tat er es trotzdem.

"Ich hab keinen Bock auf irgendwelches Theater", meinte er und verschränkte die Arme vor der Brust, während er Detlef den Rücken zugedreht ließ.

"Meine Schwester - du weißt schon, Annegret, die, die sich eh in alles reinhängen muss – ausgerechnet die hat das damals zufällig mitbekommen, als ich mit nem auffälligen Humpeln vom Arzt kam. Sie dachte sofort wieder, Wunder, was los sei und bevor gleich in der halben Familie rumgeisterte, dass ich Krebs hätte oder sonst was Wildes, hab ich ihr gesagt, was Sache ist. Sie hat n riesen Fass aufgemacht, meine Mutter wollte ein halbes Jahr nicht mit mir reden, weil sie so enttäuscht war, dass ich ihr keine Enkelchen schenke und es wundert mich bis heute, dass das nicht auch in der Familien-WhatsApp gelandet ist!", seufzte er aus und schüttelte den Kopf.

"Wahrscheinlich auch nur, weil Annegret damals mit ihrem ersten Kind schwanger war und das dann doch etwas interessanter als meine Vasektomie war. Jedenfalls… ich hab keinen Bock auf weitere solcher Diskussionen, okay? Das reicht mir schon, wenn das irgendwann bei meiner künftigen Partnerin auf den Tisch kommt...“, stützte Steffen sich auf die Spüle und ließ den Kopf kurz hängen, als er sich plötzlich furchtbar erschöpft fühlte. Er atmete tief durch und betrachtete dann über das Fenster Detlefs Spiegelbild, das noch immer wie vom Donner gerührt und in sich zusammengesunken da saß. Steffen spürte, dass es ihm einen Stich versetzte und kurz, aber nur ganz kurz, kam der Gedanke in ihm auf, dass er auch darum bisher nie mit Detlef darüber gesprochen hatte: Weil er dessen Ablehnung nicht erleben wollte.

„Das macht mich nicht zu nem schlechteren Menschen“, murmelte er also und fragte sich, ob er vielleicht einfach die Klappe hätte halten und Detlefs vorheriges Geplänkel über sich ergehen lassen sollen. Der aber schüttelte leicht, wenn auch etwas fahrig, den Kopf und seufzte aus.

„Nein, ähm… macht es auch nicht… Das kam jetzt nur alles ziemlich unerwartet“, nuschelte er und hob den Kopf, als Steffen an ihm vorbei ging. Es war nur allzu offensichtlich, dass Detlef das Gehörte erst einmal verarbeiten und den neuen Eindruck, den er von seinem Kumpel bekommen hatte, in sein bisheriges Bild über den einweben musste.

„Unsere Kinder dürfen dir dann aber trotzdem die Werkstatt mit Farbe einschmieren, oder?“, schaffte er es dennoch, seine Unsicherheit mit einem flotten Spruch und schiefem Grinsen zu überspielen.

„Klar, wenn du das hinterher wieder sauber machst!“, lachte Steffen zwar, aber er fragte sich auch, ob sich jetzt etwas an seiner Beziehung zu Detlef – und vielleicht auch Saskia – ändern würde. Er spürte, dass er aus dieser Situation raus wollte.

„Ich guck noch mal nachm Ofen“, trat er darum aus der Küche, um ein wenig Abstand zu bekommen und durchzuschnaufen. Doch dabei sah er auch, wie sich gerade wieder eilig die Badezimmertür schloss…

14.7.2024: mitfühlend

Sieben… acht… neun… zehn. Mit einem tiefen Atemzug in der Lunge griff Hellen ihre Kleidung vom Waschbecken und fasste wieder die Türklinke. Sie atmete aus und nahm sich vor, möglichst unbedarft zu wirken. Und dennoch war sie froh, Steffen beim Betreten des Flurs nicht zu sehen. Der Stille nach zu urteilen war er bereits ins Wohnzimmer gegangen und sie konnte somit noch ein bisschen Zeit gewinnen, um sich hoffentlich nicht anmerken zu lassen, dass sie gelauscht hatte. Kurz überlegte sie, ihm direkt zu folgen, aber das wäre vielleicht doch etwas auffällig gewesen. Also ging sie erst einmal in die Küche, wo Detlef noch immer am Tisch saß. Er war gegen die Rückenlehne seines Stuhls gesunken und schob sein Smartphone stückchenweise von links nach rechts über die Tischplatte, während seine Augen gedankenverloren auf diese Bewegung gerichtet waren. Erst Hellens Räuspern holte ihn zurück ins Hier und Jetzt. Sie spürte, wie ihr Puls in die Höhe ging und versuchte, eine feste Stimme zu behalten.

„Hey, wo kann ich die denn lassen?“, hob sie vielsagend den Kleiderstapel auf ihren Armen und nickte, als Detlef meinte, dass Steffen einen Ständer im Wohnzimmer aufgestellt habe.

„Äh… den Gang runter, rechts. Gegenüber von der Badezimmertür quasi“, deutete Detlef erst in die besagte Richtung und schüttelte dann den Kopf.

„Ach, da warst du vorhin ja schon… sorry…“, grinste er schief und machte eine wegwerfende Handbewegung. Hellen lächelte und nickte. Sie wendete sich zum Gehen, aber dabei spürte sie auch, dass sie nicht einfach so tun konnte, als hätte sie nichts bemerkt.

„Ist alles okay?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort längst kannte und riss Detlef damit ein weiteres Mal aus seinen Gedanken.

„Hm?“, schaute er auf und lachte dann.

„Ja, ja! Nur zu schnell gegessen!“, klopfte er sich leicht auf den Bauch und zuckte die Schultern.

„Geht gleich schon wieder!“

Wieder nickte Hellen und lehnte sich dabei an die Türzarge.

„Das kenn ich noch zu gut! Mit sechs Kindern am Tisch und jeder wollte das beste abbekommen – da konnte Mama noch so oft sagen, dass genug für alle da ist und wir nicht so schlingen sollen: am Ende war es dann doch immer ein Wettessen. Vor allem für meine Brüder!“, lachte sie und stellte erleichtert fest, dass sie Detlef ein wenig aus seiner Grübelei holen konnte.

„Geschwister sind doch was Feines, oder?“, grinste er und stimmte Hellen vorbehaltlos zu, als die meinte, wie froh sie damals erst über den Auszug der ersten Geschwister und dann über ihren eigenen gewesen sei.

„Ich liebe meine Geschwister. Und ich liebe auch meine Neffen und meine Nichte, aber ich freu mich trotzdem drauf, wenn ich irgendwann meine eigene Wohnung hab“, trat sie näher und legte die Kleidung auf den Tisch.

„Stimmt, Steffen erzählte, dass du bei deiner Schwester wohnst. Wie alt sind ihre Kinder jetzt?“, wollte Detlef wissen und Hellen war erleichtert, dass er sich nicht näher nach den Umständen des Zusammenwohnens erkundigte.

„Der Älteste ist zehn, die anderen beiden fünf und zwei“, erzählte sie und nickte eifrig, als Detlef mit einem schelmischen Grinsen meinte, dass das ein „interessantes“ Alter sei.

„Oh ja… ich bin gerne Tante, aber ich bins noch lieber, wenn ich die Kleinen abends wieder bei ihren Eltern abgeben kann“, zwinkerte sie und stimmte mit ein, als Detlef lachte.

„Hat mein Onkel früher auch immer gesagt, wenn mal auf meine Schwester und mich aufgepasst hat!“, schwelgte er in Erinnerungen und schüttelte leicht den Kopf.

„Das war aber auch ein Miststück…“, meinte er dann plötzlich und wurde von Hellen verdutzt angeschaut.

„Ich mein meine Schwester… Hat ständig Scheiße gebaut und mir das dann in die Schuhe geschoben!“, verschränkte er die Arme vor der Brust und grölte los, als Hellen fragte, ob sie jünger sei.

„Im Gegenteil! Zehn Jahre älter! Das war ja das Perfide! Und erst recht, wenn es um Süßkram ging! Man, war ich froh, als die nach dem Studium endlich ausgezogen ist!“, schüttelte er den Kopf.

„Hä? Was hat sie denn gemacht?“, fragte Hellen und lehnte sich an die Tischplatte. Detlef aber seufzte aus und rieb sich das Gesicht.

„Okay, pass auf… Meine Eltern haben immer drauf geachtet, dass wir nicht allzu viele Süßigkeiten im Haus hatten. Wir konnten uns zwar von unserem Taschengeld welche kaufen, aber das wollte die liebe Bea natürlich gern für andere Dinge ausgeben. Also hat sie schon früh angefangen, mir bei jeder Gelegenheit den Süßkram zu klauen! Wenn wir… keine Ahnung... zum Beispiel an Weihnachten oder zum Geburtstag welchen geschenkt bekamen, konnte ich den nicht einfach in meinem Zimmer liegen lassen – dann war der weg. Und wenn ich meinen Eltern gesagt hab, dass Bea schon wieder an meinem Zeug gewesen war, hat sie denen so die brave Tochter vorgespielt, dass sie mir nicht glaubten!“, erzählte er und Hellen spürte dabei ein wenig Wehmut.

„Oh, das ist aber gemein“, murmelte sie und dachte an die vielen Auseinandersetzungen zwischen ihren Geschwistern, die zwar oft laut, aber nie so hinterlistig abgelaufen waren. Detlef aber schüttelte den Kopf.

„Wird ja noch besser!“, meinte er verschwörerisch und Hellen starrte ihn gespannt an.

„Ich hab irgendwann angefangen, meinen Süßkram zu verstecken. Dann ist sie heimlich in mein Zimmer und hat meine Verstecke durchwühlt. Also fing ich an, das Zeug sofort aufzuessen, wenn ich was bekommen hatte und selbst dann kam sie immer wieder auf irgendwelche Ideen, um mich abzulenken und mir zumindest einen Teil davon zu klauen… es war der reinste Wahnsinn!“, schüttelte er wieder den Kopf, wenn er daran zurück dachte.

„Warum hat sie das denn gemacht?“, wollte Hellen wissen und dachte, sie höre nicht recht, als sie Detlefs Antwort hörte.

„Sagen wir mal so: Bea kommt eher auf meine Großmutter mütterlicherseits raus und… ach, scheiß auf Diplomatie! Bea hatte schon als Kind n Arsch wie ein Brauereipferd und Mama hat immer versucht, dagegen zu steuern. Also wurd sie in irgendwelche Sportkurse gesteckt, es wurd drauf geachtet, dass sie nicht so viel Ungesundes isst und so weiter und so fort. Ende vom Lied war dann halt, dass sie mir heimlich meinen Süßkram geklaut hat und ich wiederum so fixiert darauf wurde, dass ich sogar anfing, mein ganzes Taschengeld dafür auszugeben. Dann bin ich nach der Schule zum Kiosk, hab meine ganze Kohle da gelassen und die Schoki und Gummitiere so schnell ich konnte aufgefuttert, damit sie mir ja keiner wegnehmen konnte“, grinste er schief, als Hellen ihm ein verstörtes Lächeln schenkte und zückte sein Handy, um ihr etwas zu zeigen.

„Hier“, hielt er es Hellen nach kurzem Tippen hin und seufzte aus.

„Der x-beinige Knubbel auf dem Foto, das bin ich. Da war ich… elf oder so?“, stützte Detlef den Kopf auf eine Hand und schaute zu seinem Smartphone. Hellen konnte ihre Verwunderung nicht verhehlen, weil heute nichts mehr an den pausbäckigen Jungen von damals erinnerte.

„Und dann wurdest du auch in Sportkurse gesteckt?“, fragte sie und gab ihm das Handy zurück, aber Detlef schüttelte den Kopf.

„Nein, zu dem Zeitpunkt lebte Bea noch zuhause und meine Mutter konnte an ihr rummäkeln. Ich lief da quasi so mit… Meinem Vater war das alles eh Wurst; der hat ständig im Büro gehangen… Na ja und Saskia war dann damals die treibende Kraft“, schob er das Smartphone in seine Hosentasche und grinste schief.

„Die war schon immer ein totales Sportass und hat sich angeguckt, wie die anderen Kinder mich in der Schule wegen meines Gewichts gehänselt haben. Eines Tages kam sie dann in der Pause zu mir und meinte »Hey, Schwabbel, du schnaufst wie eine Dampflok, wenn du zwei Treppen gelaufen bist – soll das so weiter gehen? Los, krieg den Arsch hoch! Wir gehen ab heute zusammen Joggen!« Tja und das haben wir dann tatsächlich gemacht. Und immer, wenn ich aufgeben wollte, hat sie mich getreten, dass ich weiter mache und nach und nach hab ich dann sogar Spaß am Sport gefunden“, erzählte er und lachte über Hellens Entsetzen, was Saskias rabiate Art anging.

„So ist sie halt!“, schmunzelte er, während Hellen mit einem Grinsen bemerkte, dass er offensichtlich nicht nur Spaß am Sport entdeckt hat.

„Hmmm… nicht ganz! Ich stand schon vorher auf sie, aber das hätte ich zu dem Zeitpunkt nie zugegeben!“, schäkerte er und dachte daran zurück, wie Saskia ihm später einmal gesagt hatte, dass auch sie ihn vorher schon gemocht hatte und diese Ansage ihr Weg gewesen war, um mehr Zeit mit ihm zu verbringen.

„Ihr tat das wohl echt leid zu sehen, dass die anderen mich immer geärgert haben und vor allem, dass ich mich selbst so durch den Alltag gequält hab, wegen der ganzen Extrapfunde…“, zuckte er etwas unbeholfen die Schultern und lächelte, als Hellen nickte.

„Hast du das Bild auf deinem Handy, um dich an damals zu erinnern?“, fragte sie, was Detlef ohne zu zögern bejahte.

„Der Sport fällt mir inzwischen nicht mehr schwer, aber das Essen… da muss ich echt drauf achten und ich glaub, das wird auch immer ein Stück weit so bleiben. Wenn ich dann zwischendurch mal das Foto angucke, weiß ich wieder, warum ich das mache und dass ich auf keinen Fall wieder so aussehen will – oder mich so schwerfällig wie damals fühlen will. Machts leichter, am Ball zu bleiben“, lehnte er sich wieder auf seinem Stuhl zurück und lachte auf, als Hellen erzählte, dass es bei ihr immer genau andersherum gewesen sei.

„Du bist also eine von denen, die immer alles essen können, ohne drauf achten zu müssen? Boah, wie ich euch manchmal hasse!“, schäkerte er zwar, aber trotzdem dachte er an so manch neidvollen Moment zurück.

„Na danke, sehr mitfühlend!“, stützte Hellen die Hände auf die Hüften und schaute ihn tadelnd an.

„Fändst du das auch noch so toll, wenn du ständig gefragt würdest, ob du magersüchtig bist, ob du ne Essstörung hast oder wenn du als wandelnder Kleiderhaken bezeichnet wirst? Ganz zu schweigen von den wertenden Blicken, wenn du in Gesellschaft anderer was essen sollst. Ich hab irgendwann sogar angefangen, extra viel in mich hinein zu stopfen, um nicht wieder blöde Fragen zu kriegen – dann kamen stattdessen die doofen Kommentare, à la »Oh! Das hätte ich ja nicht gedacht, dass du so einen guten Appetit hast!« bla, bla, bla“, erklärte sie und Detlefs Grinsen verschwand.

„Nee, das ist echt nicht cool…“, murmelte er und sie nickte. Da hatte wohl jeder sein Päckchen zu tragen, stellen sie unabhängig von einander fest und doch konnte Detlef nicht allzu lange ernst bleiben.

„Dann sollten wir unseren Groll auf Steffen richten“, juxte er sogleich wieder und lachte bei Hellens irritierten Gesichtsausdruck.

„Der gibt n Scheiß drauf, was andere sagen! Wenn er Hunger hat, isst er und wenn er satt ist, hört er auf. Der isst auch nur das, worauf er Bock hat. Da kann die Pizza noch so gut duften – wenn ihm nicht danach ist, rührt er die nicht an und umgekehrt kannst du ihn an anderen Tagen mit dem tollsten Salat jagen, wenn er den nicht will. Und Sport macht der inzwischen nur wieder, um seine alten Knochen in Schuss zu halten, aber nicht, weil er irgendwas an seiner Figur ändern will“, seufzte Detlef schwermütig aus und es war für Hellen leicht zu erraten, dass er diesbezüglich manchmal gern in der Haut seines Kumpels stecken würde.

„Vielleicht kann er uns ja mal ein paar Tipps geben“, grinste sie und lachte, als Detlef sofort energisch den Kopf schüttelte.

„Sag dem bloß nicht, dass ich ihm grad quasi ein Kompliment gemacht hab!“, sprach er halb entsetzt und halb im Scherz.

„Ich überlegs mir!“, zwinkerte sie und griff sich dann wieder ihre Kleidung.

„So, nun muss ich aber endlich mal sehen, dass ich das Zeug getrocknet kriege, sonst lauf ich morgen noch in Steffens Klamotten rum. Und wenn das aufgehängt ist, würd ich gern was essen. Von dem vielen Gerede über Pizza und Süßkram hab ich richtig Hunger bekommen…“

15.7.2024: brennen

Denkersessel hatte Detlef ihn mal genannt, den alten Sessel von Steffens Großvater. Früher, bei seinen Großeltern, hatte er neben der alten Kochmaschine gestanden, weil sein Großvater in den eisigen Winternächten von dort aus Wache gehalten hatte, damit die Flammen bis zum folgenden Morgen nicht aufhörten zu brennen. Doch als vor einigen Jahren eine neue Zentralheizung in das alte Bauernhaus gekommen war, hatte nicht nur die Kochmaschine ihren Auszug erlebt. Auch der alte Sessel mit den Flecken, den Macken und dem durchgesessenen Sitz sollte weg – aber das hatte Steffen nicht zugelassen. Zwischengelagert in seinem Elternhaus, war der Sessel eines der ersten Möbelstücke gewesen, die er in sein eigenes Häuschen gebracht hatte. Und dort stand er nun – wieder an einer Feuerstelle und darauf wartend, dass Steffen irgendwann ein wenig Geld „übrig“ hatte, um ihn neu polstern zu lassen. Er war nicht der gemütlichste, aber trotzdem hatte er etwas an sich, bei dem Steffen wunderbar die Gedanken schweifen lassen konnte, wenn er in diesem Sessel saß. So, wie auch jetzt, während er hinter sich die Wassertropfen an die Fenster prasseln hörte und durch die kleine schmale Scheibe des Ofens die Flammen tanzen sah – zumindest so gut das durch die vom Rus geschwärzte Scheibe noch erkennbar war. Trotz der Lautstärke des Unwetters blieb ihm aber auch nicht verborgen, wie Hellen sich mit Detlef in der Küche unterhielt. Er verstand zwar nicht ihre Worte, doch dafür hörte er ihr Lachen umso deutlicher und auch wenn er es nicht gerne zugab, rührte das Brennen in seinem Magen nicht von dem wachsenden Hunger her…

Er hatte seine Entscheidung damals bewusst gefällt und an ihr selbst wollte er auch nie etwas ändern, aber manchmal brachte sie ihm auch eine ungeahnte Einsamkeit. Wäre er in dieser Beziehung wie Detlef, wäre er inzwischen schon einige Jahre mit seiner damaligen Verlobten verheiratet und hätte sicherlich bereits eine kleine Kinderschar. Stattdessen hatten sie erst kurz vor der Hochzeit dieses wichtige Thema ernsthaft angesprochen und dabei festgestellt, wie unterschiedlich ihre Vorstellungen von der Zukunft waren: Während sie noch keine Kinder hatte haben wollen, war für ihn schon damals klar gewesen, dass er gar keine wollte und somit hatte er kurz nach der Trennung auch Nägel mit Köpfen gemacht.

Und dann war da ja auch noch Esther gewesen – dieses wilde Ding, bei dem er insgeheim schon früher ein wenig das Gefühl gehabt hatte, dass sie nicht die treueste gewesen war und die mit ihrem Fokus auf Job und Karriere nie viel über Familie gesprochen hatte. Aber selbst die hatte vor einiger Zeit mal gesagt, dass sie überlege ihre Eizellen einfrieren zu lassen, um jetzt, in ihren Dreißigern, noch mal so richtig Vollgas im Beruf geben zu können und sich dann in den Vierzigern keine Gedanken darüber machen zu müssen, dass sie mit dem Kinderkriegen zu lange gewartet hatte.

Und nun hatte er Hellen in seinem Leben, die nicht nur selber mit einer halben Fußballmannschaft aufgewachsen war, sondern auch noch ihre Schwester bei deren Brut unterstützte – da war doch längst klar, in welche Richtung sie tendierte, selbst, wenn Steffen und sie alles andere über den aktuellen Stand ihrer Beziehung noch nicht einmal im Ansatz besprochen hatten. Gab es denn überhaupt noch was zu bereden oder war der unvermeidliche Ausgang ihres Zusammenseins nicht längst klar? Und warum musste es im Leben nur manchmal so kompliziert sein, dachte er sich und ließ den Kopf nach hinten sinken. Und überhaupt... warum half ihm dieser Sessel zwar beim Grübeln, aber nahm ihm die Lasten dennoch nicht von den Schultern? Steffen seufzte aus und das Klopfen an der Türzarge zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Eigentlich war ihm nicht nach lächeln zumute, aber trotzdem konnte er nicht anders, als sich über Hellens Anblick zu freuen.

„Na, du?“, stand sie da und ging langsam auf ihn zu, während Steffen sich erhob und die Stehlampe auf der anderen Seite des Ofens einschaltete.

„Ich hab gehört, hier gibts ein Plätzchen, an dem ich meine Klamotten trocknen kann?“, lächelte sie, als nicht mehr nur die Deckenleuchte aus dem Flur das Wohnzimmer erhellte und sie Steffen besser betrachten konnte.

„Aber sicher doch!“, grinste der und streckte ihr die Hände entgegen, um die Kleidung an sich zu nehmen.

„Komm, ich mach das. Du kannst gern schon mal was essen“, meinte er, aber Hellen schüttelte den Kopf.

„Du willst doch bloß heimlich meinen BH begutachten“, legte sie den Stapel auf den Wäscheständer und zupfte die Socken von oberster Stelle, um sie aufzuhängen. Schmunzelnd nahm sie Steffens verdatterten Blick wahr.

„War n Scherz!“, knuffte sie ihm leicht den Ellenbogen in die Seite.

„Ich bin zwar gut nass geworden, aber so nass dann doch nicht!“, lachte sie und verfrachtete die zweite Socke auf den Ständer. Steffen hüllte sich zwar in Schweigen, aber nun grinste er – zumindest solange, bis er ihr Oberteil griff, um es aufzuhängen. Mit kritischem Blick begutachtete er den Mischmasch aus Stoff und Riemen und versuchte herauszufinden, wo Anfang und Ende war. Angezogen hatte das weit weniger kompliziert ausgesehen! Hellen beobachtete seine Bemühungen einen Moment lang, ehe sie anfing zu kichern und ihm das Shirt abnahm.

„Männer und Technik!“, grinste sie, während sie das Top mit wenigen Handgriffen in seine eigentliche Position zurückgebracht hatte.

„Hier: Vorne Wasserfallausschnitt, hinten Schnürung“, präsentierte sie es ganz selbstverständlich und warf es dann über den Kleiderständer. Steffen aber verschränkte die Arme vor der Brust und reckte das Kinn.

„Pf! Ich krieg einen BH mit zwei Fingern auf, das muss an technischem Wissen über weibliche Garderobe ausreichen!“, sagte er mit stolz geschwellter Brust, während Hellen ihm einen skeptischen Seitenblick zuwarf.

„Ganz schöner Macho, was?“, wandte sie sich zu ihm und äffte seine Körperhaltung nach. Das Spielchen gefiel ihm offensichtlich gut, aber geschlagen gab er sich trotzdem nicht so leicht.

„Ach ja? Als ob du Ahnung davon hättest, wie man… Fliegen oder Krawatten bindet!“, hob er herausfordernd die Augenbrauen, aber davon zeigte Hellen sich gänzlich unbeeindruckt.

„Was hättest du denn gern? Einen Four-in-Hand, einen Windsor oder einen Pratt?“, zählte sie mit keckem Lächeln diese und einige weitere Krawattenknoten auf, bei denen Steffens Gesichtsausdruck nur allzu deutlich zeigte, dass er einige von ihnen noch nie gehört hatte. Er stutzte einen Moment und runzelte die Stirn, ehe er wieder grinste.

„Ach komm, die hast du doch ausm Kreuzworträtsel!“, versuchte er zu triumphieren, aber da forderte Hellen ihn auch schon auf, ihr eine Krawatte zu bringen.

„Das lässt sich ja ganz leicht herausfinden, ob ich nur so tu als ob!“, schmunzelte sie und riss empört den Mund auf, als Steffen sogleich ablehnte.

„Kommt gar nicht infrage! Ich hab genau eine Krawatte und die hab ich mir damals extra im Geschäft noch binden lassen, damit die einigermaßen nach was aussieht! Wenn du mir die verknotest, krieg ich die nie wieder richtig hin!“, schüttelte er den Kopf und zuckte leicht die Schultern, als Hellen fragte, ob er ihr so wenig vertraue.

„Hat da nix mit zu tun“, grinste er und schob die Hände in die Hosentaschen.

„Ich frag mich nur, woher du so viel darüber wissen willst. Klar, können auch Frauen Krawatte tragen, aber ich kann mich nicht erinnern, dich bisher auch nur einmal damit gesehen zu haben. Klingt also doch ein biiisschen weit her geholt, dass du so viel darüber weißt, oder?“, zwinkerte er und lachte auf, als Hellen sich abwendete. Er hielt es im ersten Augenblick für Beschämung, weil er sie ertappt hatte, aber dann erkannte er, dass sie sich seine Bemerkung wohl ernstlich zu Herzen nahm; so fahrig und unruhig, wie sie plötzlich an ihrem Oberteil zupfte.

„Na ja… andererseits… irgendein komisches Hobby hat wohl jeder von uns, was? Und… bei dir ist es dann wohl das Krawattenbinden“, versuchte er die Situation zu entschärfen und griff nach der Hose, um sie auch noch aufzuhängen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Hellen auf der Unterlippe kaute und ihre Finger zitterten. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber er wusste nicht, was.

„Mein Exfreund hat öfter mal Krawatte getragen und ich hab ihm geholfen… da schnappt man das Eine oder Andere dann auf“, brach stattdessen Hellen das Schweigen. Sie schob die Finger ineinander, um sie zu beruhigen und straffte die Brust, um tief durchatmen zu können. Eine Falte zeichnete sich zwischen ihren Augenbrauen ab.

„Lass mich raten: Entweder Banker oder Pianist“, versuchte Steffen es mit einem Scherz, der seine Wirkung aber deutlich verfehlte. Hellen hob den Kopf und schaute ihn mit einem Blick an, den er kaum zu deuten wusste. Was es Unsicherheit? Nervosität? Furcht? Wut?

„Geht mich aber auch nichts an…“, wollte Steffen schnell die Wogen glätten, aber Hellen ging einfach darüber hinweg.

„Wenn dus genau wissen willst: Bauunternehmer und Immobilienmakler“, sprach sie mit rauer Stimme und räusperte sich. Steffen glaubte sich zu verhören und ihm fiel fast alles aus dem Gesicht. Er blinzelte einige Male und fing dann leise an zu lachen, wohingegen Hellen ihn immer verwirrter anschaute.

„Glaubst du mir das auch nicht?“, fragte sie mit einem Hauch von Kränkung in der Stimme, aber Steffen schüttelte den Kopf und hob beschwichtigend die Hand.

„Nein, nein, ich meine… doch, schon!… Ich äh…“, schüttelte er leicht den Kopf und rieb sich das Gesicht, ehe er sich an die Rückseite der Couch lehnte und Hellen fassungslos anschaute.

„Angehende Tierärztin… dein Ex ist Bauunternehmer… und ich bin ein einfacher Handwerker, der grad mal so das Dach passend fertig bekommen hat, damit wir jetzt nicht überall Eimer verteilen müssen… Ich frag ich grad nur: Was willst du mit einem wie mir? Ich mein… wir haben uns immerhin geküsst. Zweimal. Das hatte doch irgendwas zu bedeuten, oder?“, verschränkte er die Arme vor der Brust, aber es wirkte nicht abweisend und überlegen, sondern eher wie der Versuch, irgendwie sein Herz zu schützen. Doch nun war es Hellen, die ein paar Sekunden brauchte, um das Gehörte zu verstehen und zu verdauen. Immer mehr zog sich ihre Stirn in Furchen, bis ihr Ärger ohne jeden Zweifel zu erkennen war. Sie wollte in alter Manier die Hände in die Gesäßtaschen schieben, aber weil Steffens Hose keine hatte, stemmte sie sie dann doch auf die Hüften.

„Ist das grad dein Ernst?“, schnaubte sie aus und merkte, dass ihre Hände doch viel besser an Ort und Stelle aufgehoben waren.

„Ich dachte, du bist ein bodenständiger Mann, der zwar bescheiden ist, aber genau weiß, was er kann! Der es nicht nötig hat, sich mit anderen zu vergleichen! Zumindest nicht auf so eine Art und Weise! Und jetzt kommst du mir so?! Es gibt Leute, die nicht mal nen Nagel in die Wand kriegen und du hast ein ganzes Haus renoviert!“, wusste sie ihre Enttäuschung nicht zurück zu halten und spürte, wie ihr die Tränen in den Augen brannten.

„Nein, ich bin noch nicht fertig!“, fuhr sie auf, als Steffen ansetzte, um etwas zu sagen. Er klappte den Mund zu und nickte leicht, während sie die Nase hochzog und sich schwor, jetzt nicht wieder los zu weinen.

„Falls du es schon vergessen hast: Zumindest als angehende Ärztin leb ich gerade in sooo viel Luxus, dass ich bei meinem Neffen im Bett schlafe! Weil ich… weil ich ein paar dumme Entscheidungen getroffen habe und mir deswegen grad nicht mal eine eigene Wohnung leisten kann. Und ursprünglich wollte ich sogar Tierpflegerin werden, weil ich mir das Studium nicht zugetraut habe! Wäre das für dich dann auch noch so… so furchteinflößend und imponierend wie Tierarzt?!“, trat sie näher auf ihn zu und fixierte ihn wachsam. Dass er zur Antwort zaghaft den Kopf schüttelte war vielleicht ehrlich, aber es machte Hellen erst recht wütend.

„Tierärztin und Tierpflegerin sind beides wichtige Berufe und nur, weil das eine mit einem Studium und weißem Kittel verbunden ist, ist es mehr wert oder was?!“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und knirschte mit den Zähnen, als Steffen kleinlaut meinte, dass er das nicht gesagt habe.

„Aber so benimmst du dich gerade! Und nur damit du es weißt: Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass Geld unwichtig wäre – das ist es leider bei weitem nicht. Man kann sich viel mit Geld ermöglichen, ja, aber einen guten Charakter kann man sich davon nicht kaufen! Das sieht man oft genug bei irgendwelchen Promis und…“ - sie brach ab, rieb sich mit dem Handrücken über die Nase und schluckte einige Male.

„Ja, ich hatte ein paar Jahre lang ein scheinbar tolles und glamouröses Leben, aber ich fands scheiße! Ich hab mich in der Zeit total verloren und weiß heute nicht mal mehr, was ich eigentlich für Musik toll finde! Welche Klamotten ich gern trage, weil sie mir einfach gut gefallen und nicht, weil sie irgendwelchen Ansprüchen genügen müssen! Ob ich wirklich lange Haare tragen möchte oder die nur deshalb noch nicht kurzgeschnitten habe, weil immer von mir erwartet wurde, dass ich sie so trage“, sagte Hellen und räusperte sich, weil ihre Stimme mit jedem Wort brüchiger wurde. Steffen stützte sich von der Couch ab und stellte sich direkt vor Hellen, sodass er ihr geradewegs ins Gesicht schauen konnte.

„Im Moment bin ich so blank, dass ich gerade mal die Versicherungen und laufenden Kosten stemmen kann. Der Döner… der war genau genommen von Detlef bezahlt, weil der momentan fürs Essen aufkommt - im Ausgleich dafür, dass ich keine Miete nehme, nachdem er mir so viel hier geholfen hat und immer noch hilft. Er soll sein kleines Azubigehalt lieber in die Fahrten zu Saskia stecken… Hellen, ich könnte dich grad nicht mal irgendwohin chic ausführen“, hielt er noch immer die Arme schützend vor die Brust, während Hellen vor Frust und Ärger die Fäuste ballte.

„Hast du es immer noch nicht kapiert?! Das ist mir egal!“, rief sie aus und verstand seine fortwährende Zurückhaltung nicht.

„Ich hab fast das Gefühl, dass du grad plötzlich versuchst, mich von dir weg zu schieben!“, hob sie hilflos die Hände und schüttelte fassungslos den Kopf.

„Du hast damals gesagt, dass du eine Beziehung willst und jetzt, wo ich mich öffne, blockst du ab!“, hätte sie ihn am liebsten gepackt und geschüttelt. Aber geschüttelt wurde nur sein Kopf. Von ihm.

„Tu ich gar nicht…“, murmelte er und schaute zur Seite als Hellen ihn als Sturkopf betitelte.

„Ich will auch keine Kinder! Ist es das, was du von mir hören musst?!“, fing sie an, sich in Rage zu reden, während Steffen sie verwundert anstarrte.

„Oder dass es ein Fehler war, dich damals auf Abstand zu halten?! Dass die Dates und Schreiberei mit irgendwelchen Typen alles andere als befreiend war?! Dass es einfach nur anstrengend war und ich die immer heimlich mit dir verglichen hab? Dass ich mir dämlich vorkam, dir das zu sagen und dann doch froh war, als ich dich neulich angeschrieben hab? Oder… oder dass ich heute Abend eigentlich mit einem Kerl zum Karaoke verabredet war und es dann nicht mal geschafft hab, in den Bus einzusteigen, während es bei dir ganz gleich war, mitzukommen, weil ich dich so vermisst hab? Ist es das, was du hören musst?!“, schrie Hellen, ehe ihre Stimme brach und drehte Steffen den Rücken zu, damit er nicht sah, dass sie die Tränen doch nicht zurückhalten konnte. Unter leisen Flüchen rieb sie sich die Augen und nannte ihn einen Trottel, während er sie in eine Umarmung zog und mit belegter Stimme flüsterte: „Was hältst du davon, wenn wir uns mal in Ruhe unterhalten?“.

Hellen nickte; erst bockig und dann nach einigen tiefen Atemzügen und Steffens wohltuender Nähe deutlich zugänglicher und erleichterter. Sie drehte sich zu ihm, schmiegte sich an ihn und schloss die Augen, während er das Kinn auf ihren Scheitel stützte und sanft über ihren Rücken kraulte. Sie konnte spüren, wie er tief durchatmete und hörte sein Räuspern. Am liebsten wäre sie ewig so mit ihm zusammen gewesen, aber eine Sache drängte sich immer mehr auf... Hellen versuchte sie zu verdrängen, aber dann wurde sie doch zu stark.

"Du...?", fragte sie schließlich mit leichtem Zögern und schaute zu Steffen, der sie erwartungsvoll ansah.

"Können wir denn vorher was essen? Ich hab furchtbaren Hunger..."

"Äh... klar", flüsterte Steffen nach einem Moment der Verwunderung und sein Magenknurren brachte beide zum lachen.

"Kann es sein, dass du auch was vertragen könntest?", schmunzelte Hellen, während Steffen lieber mit einem Kuss antwortete.

16.7.2024: Parfüm

„Hast du das Essen in den Kühlschrank gestellt?“, kam Steffen mit Hellen an der Hand in die Küche. Detlef hatte sich scheinbar nicht allzu viel von der Stelle bewegt. Noch immer saß er am Tisch, wenn auch inzwischen in einer etwas anderen Position, bei der er den Knöchel des einen Beins auf dem Oberschenkel des anderen abgelegt hatte. Ihn aufs Handy fixiert zu sehen war für Steffen keine Seltenheit, aber dieses Mal schien er besonders konzentriert.

„Mikrowelle“, murmelte der Angesprochene darum auch nur ohne aufzuschauen und Steffen ging nach einem knappen Nicken zur Arbeitsplatte.

„Willst du das trinken?“, fragte er Hellen, nachdem er einen kurzen Blick in die Mikrowelle geworfen und sie angestellt hatte.

„Ich würd gern ein Wasser trinken. Ist das Glas da für mich?“, deutete sie rüber zum Tisch, wo neben Detlef, am Kopfende, ein benutztes Glas und ihm gegenüber ein frisches standen. Steffen nickte und tat es abermals, als Hellen fragte, ob sie ihm auch etwas einschenken solle.

„Willst du auch noch was?“, fragte er Detlef, der noch immer am Display klebte. Er schüttelte den Kopf und antwortete knapp in genuschelten Worten, dass er nicht wolle. Es war eigentlich eine Situation, in der Steffen ihn direkt darauf angesprochen hätte, was los sei, aber dieses Mal hielt ihn etwas zurück. Und das war nicht Hellen, die ihm sein Glas gab und sich dann an ihn schmiegte, nachdem sie selbst einen Schluck getrunken hatte. Mit leisem Seufzte legte sie die Wange an seine Brust und lächelte, als sie spürte, wie er sie in die Arme nahm und den Kopf an ihren lehnte. Sie wiegten sich leicht, während draußen die Welt unterzugehen schien und Hellen hatte das Gefühl vollkommener Geborgenheit.

„Ist das Parfüm?“, hörte sie Steffen nach einer kleinen Weile murmeln und schaute zu ihm auf.

„Dieser Zitronenduft?“

Hellen schüttelte den Kopf und schmunzelte – auch, weil sie an ihren Aufenthalt im Bad zurückdenken musste.

„Nein, mein Shampoo. Gefällts dir?“, säuselte sie und strahlte zufrieden, als Steffen bejahte.

„Zum Anbeißen!“, lehnte er sich runter, um ihr einen Kuss zu stehlen und grinste, als wie auf Kommando die Mikrowelle verkündete, dass sie ihre Arbeit getan hatte.

„Das nenn ich Timing!“, drückte Hellen mit einem Lachen ihre Lippen auf Steffens und half dann dabei, die Döner auf einzelne Teller zu verteilen und zum Tisch zu bringen.

„Die riechen echt gut!“, sog sie den Duft des Essens tief ein und fühlte, wie ihr das Wasser im Munde zusammenlief.

„Und schmecken noch besser!“, grinste Steffen, dem es nicht viel anders ging. Er nahm Platz und griff sofort den Brotmantel mit köstlicher Füllung, doch dann hielt er kurz inne und schien zu überlegen, wie er all das am elegantesten essen könnte – etwas, das auch Hellen sich fragte. Hunger auf der einen Seite und Tischmanieren auf der anderen; vor allem in Steffens Gegenwart. Doch der hatte eine Lösung, die es für Hellen umso entspannender machte.

„Sind wir mal ehrlich: Das ist nicht das ideale Essen für ein erstes Date… also was solls?“, stellte er mit einem Schulterzucken fest und biss einfach herzhaft zu, ohne auch nur ahnen, wie glücklich Hellen diese Lockerheit in diesem Moment machte.

17.7.2024: hinreißend

Oh, wie gern hätte Detlef es an die Wand geworfen, dieses verdammte Smartphone, das plötzlich nur noch schlechte Neuigkeiten für ihn hatte! Dumm nur, dass das eine sehr teure Art gewesen wäre, um seinem Groll Luft zu machen – also mussten mürrisches Starren und genervtes Seufzen wohl ausreichen. Dabei war er so sehr mit seinem Unmut beschäftigt, dass er gar nicht merkte, wie Hellen und Steffen ihn immer wieder taxierten. Besonders dem Älteren fiel es zunehmend schwerer, sich nicht zu einem Kommentar oder einer Frage hinreißen zu lassen – aber er ahnte, dass das nur in Ärger enden würde und gerade vor Hellen wollte er das nach Möglichkeit verhindern.

„Was ne Scheiße!“, brummte Detlef bei einem weiteren Blick aufs Handy und warf es auf den Tisch. Wenn schon nicht Wand, dann wenigstens das!

„Schon mitbekommen, dass es ne Unwetterwarnung gibt? Als wär der Abend nicht schon beschissen genug…“, knurrte er und wurde endlich etwas klarer dazu, was ihn beschäftigte. Während Steffen überrascht den Rest seines Döners auf den Teller sinken ließ, holte Hellen sogleich ihr eigenes Smartphone heraus, um sich beim Wetterdienst zu informieren.

„In knapp zwei Stunden soll es los gehen…“, flüsterte sie erschrocken und konnte sich gar nicht vorstellen, dass diese Sturzbäche an Regen und der jaulende Wind erst die Spitze des Eisbergs sein sollten.

„Zeig mal“, lehnte Steffen sich zur ihr und überflog die Meldung.

„Muss noch irgendwas rein oder angebunden werden oder so?“, wollte Detlef wissen, aber Steffen schüttelte den Kopf.

„Eigentlich nicht… könnte natürlich sein, dass wir ein paar Dachpfannen runter geweht kriegen oder Äste abreißen, aber dagegen können wir nichts machen. Da müssen wir dann morgen gucken – wenns wirklich so kommt. Ist ja nicht gesagt, dass das ausgerechnet hier so lang zieht“, meinte er und wieder merkte Hellen, wie er sich zusammenreißen musste, als Detlef in abfälligem Ton fragte, ob er schon mal aus dem Fenster geguckt habe.

„Na, wenigstens müssen wir dann heut nicht mehr aus dem Haus“, griff der Blonde wieder sein Handy und tippte ungeduldig darauf herum. Er wartete auf eine Antwort von Saskia, ob bei ihr alles okay war, während Steffen das Thema noch nicht als beendet ansah.

„Dann sollte ich dich jetzt wohl besser nach hause bringen, oder?“, fragte er an Hellen gewandt, während die bei Detlefs entgeistertem Blick nicht recht wusste, was sie antworten sollte.

„Hab ich mich grad verhört?!“, rief der aus und schien gar nicht zu merken, wie er an Steffens Geduldsfaden zerrte.

„Nur ein Bekloppter würde bei dem Wetter jetzt noch freiwillig vor die Tür gehen! Sie kann doch hier übernachten. Wo ist das Problem?!“, wollte Detlef wissen, während Hellen die Hand auf Steffens Unterarm legte und versuchte, ihn zu beruhigen.

„Das hast du wohl nicht zu bestimmen, oder?“, knirschte der und atmete tief durch.

„Lass sie das gefälligst selbst entscheiden! Die Warnung gilt erst für 22 Uhr und bis dahin wäre ich längst wieder zurück!“, sprach Steffen mit aller Ruhe, die er noch irgendwie aufbringen konnte. Natürlich war es eine hinreißende Vorstellung, mit Hellen die Nacht zu teilen, selbst, wenn es nur in enger Umarmung und mit innigen Küssen war. Aber er wollte sicherlich nicht, dass sie sich in irgendeiner Weise dazu gedrängt fühlte – erst recht nicht, weil sein Kumpel sich gerade aufführte, als wären bei ihm ein paar Drähtchen falsch verkabelt oder durchgeschmort.

„Hast du mal rausgeguckt?!“, sprang der auch sogleich auf und ging zur Haustür, um die Außenbeleuchtung anzuschalten. Steffen tippte ungeduldig mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte und Hellen spürte, wie sich sein Unterarm weiter anspannte.

„Soll ich dich mal für fünf Minuten da in den Regen stellen, damit du wieder klar im Kopf wirst? Du führst dich grad auf wie ein Geisteskranker!“, zischte Steffen und schüttelte langsam den Kopf, als Detlef mit einem „Leck mich doch am Arsch!“ an ihm vorbeirauschte.

„Beschwer dich bloß nicht, wenn du wieder beim Arzt landest!“, stapfte er aus der Küche, brüllte einen knappen Gute-Nacht-Gruß in den Flur und kurz darauf war das Knallen seiner Zimmertür zu hören. Steffen schloss die Augen und rieb sich die Nasenwurzel.

„Tust du mir n Gefallen und machst mir die Haustür auf, wenn ich ihn wirklich mal kurz da raus schleife?“, murmelte er und schüttelte leicht den Kopf, während Hellen aufstand und leicht die Arme um ihn legte.

„So ganz Unrecht hat er nicht“, hauchte sie in sein Ohr und lächelte, als Steffen sie anschaute.

„Mal abgesehen von der Hinfahrt – ich würd mich echt Sorgen machen, dass du wieder heile hier landest“, strich sie ihm über die Haare und ließ sich auf seinen Schoß ziehen.

„Sicher, dass du hier schlafen möchtest?“, fragte Steffen dennoch nach und konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen, als Hellen nickte.

„Ich hoff ja mal, dass ihr noch ne Zahnbürste für mich habt?“, grinste sie und haute Steffen leicht auf die Brust, als der meinte, dass sie eh alle nach Zwiebel stinken würden – das fiel also gar nicht weiter auf.

„Nein, wir haben bestimmt noch eine“, schmunzelte er dann und bestand darauf, dass Hellen aber sein Bett nehmen würde.

„Ich schlaf natürlich auf der Couch!“, gab er ihr einen Kuss auf die Wange, wohingegen Hellen mit einem Schmunzeln meinte, dass sie das ja auch später noch besprechen könnten.

„Ich ruf mal eben Judith an und sag ihr Bescheid, damit sie sich keine Sorgen macht“, rutschte sie von seinem Schoß und lehnte sich gegen die Tischplatte, während sie über das Handy scrollte. Steffen nickte.

„Falls die Verbindung zu schlecht ist, haben wir im Flur auch noch Festnetz“, stand auch er auf und warf einen Blick zur Küchentür, ehe er mit einem Seufzen meinte: „Und ich sprech noch mal kurz ein Wörtchen mit dem Hitzkopf. Das will ich jetzt nicht den Rest des Abends so stehen lassen…“

18.7.2024: denken

„Hast du n Moment?“, waren Steffens Worte zwar als Frage formuliert, aber sein Ton ließ keinen Zweifel daran, dass es sich viel mehr um eine Aufforderung handelte.

„Hmhm“, bekam er von Detlef lediglich als Antwort zu hören und so, wie er schon wieder auf sein Smartphone fixiert schien, war es fraglich, ob er überhaupt richtig zugehört hatte.

Steffen nahm einen tiefen Atemzug, betrat das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Noch immer hob Detlef nicht den Blick und schien ihn auch ansonsten kaum wahrzunehmen. Er saß nur auf der Kante seines Bettes, wippte mit einem Bein und stierte aufs Handy. Gelegentlich bewegte sich sein Daumen übers Display, um es wieder zu erhellen.

„Okay, jetzts reichts...“, murmelte der Ältere, nachdem er sich das Spielchen einen Moment angeschaut hatte und ging hinüber. Noch ehe Detlef wusste, wie ihm geschah, hatte Steffen ihm das Smartphone mit einer schnellen Bewegung entrissen.

„Ey, gib das wieder her!“, sprang er zwar sofort auf, um es sich zurück zu holen, aber Steffen drückte ihm die freie Hand auf die Brust und hielt ihn damit auf Abstand.

„Ich hab grad echt keinen Bock auf solche Spielchen!“, unternahm Detlef sogleich einen zweiten Versuch, der wieder nicht viel erfolgreicher ausfiel, weil Steffen einen Schritt zurückging und das Handy hinter den Rücken hielt.

„Kann ich mir denken“, meinte der zwar in ruhigerem Ton, aber nicht weniger verärgert. Er schaute Detlef fest an und behielt das Handy weiter bei sich.

„Du kannst dir das jetzt aussuchen: Entweder unterhalten wir uns zwei Minuten oder das Ding kann testen, wie wasserfest es ist!“, deutete er vielsagend Richtung Fenster und auch wenn Detlef die Stirn runzelte, schien er ihn noch immer nicht allzu ernst zu nehmen.

„Boah, gib schon her, ich wart auf Antwort von Saskia!“, ging er Steffen nach und wollte das Smartphone greifen, aber der wich aus und stand plötzlich gefährlich nahe am Fenster.

„Ist ja gut!“, rief Detlef aus und hob resignierend die Hände, als Steffen ihn über die Schulter musterte. Seine Finger waren bereits auf dem Weg zum Fenstergriff gewesen.

„Was ist denn so Dringendes?!“, guckte Detlef ihn verständnislos an und stützte die Hände auf die Hüften. Steffen schnaubte aus.

„Jetzt hörst du mir mal gut zu!“, trat er wieder auf den Jüngeren zu, der immer irritierter schaute.

„Dass du mit meiner Entscheidung nicht glücklich bist, ist eine Sache! Du kannst natürlich enttäuscht sein, das spricht dir keiner ab. Aber alles andere geht zu weit! Wie du dich gerade aufführst, das passt auf keine Kuhhaut mehr! Wenn du mich nicht verstehst, ist das okay, aber ich erwarte, dass du es wenigstens akzeptierst! Und wenn du dich noch mal so gegenüber Hellen aufführst, dann schwör ich dir, fliegst du wirklich raus! Zumindest für ne Nacht, damit du mal n bisschen frische Luft schnappen und die Birne durchlüften kannst! Hast du das verstanden?!“, verfiel er zwar nicht ins Schreien, aber sein Ton wurde dennoch merklich rauer. Es war selten, dass Detlef ihn so wütend gesehen hatte und es erschreckte den Blonden etwas, dass er dieses Mal der Auslöser dafür sein sollte.

„Jetzt mal halblang…“, hob der die Hände und schüttelte verwundert den Kopf.

„Wie, deine Entscheidung?! Was hast du denn mit der Absage zu tun?!“, zuckte er die Schultern und verstand noch immer nicht, während nun auch Steffen etwas verdattert guckte.

„Absage?“, wiederholte er.

„Ja! Für die Wohnung! Wir haben schon wieder ne Absage bekommen!“, meinte Detlef und Steffen spürte, wie seine Wut langsam abebbte.

„Deswegen meintest du, dass der Abend beschissen wäre?“, hakte er trotzdem nach, woraufhin Detlef seufzte.

„Ja, was dachtest du denn? Erst die Absage, dann die Unwetterwarnung und jetzt wart ich auch noch drauf, dass Saskia mir endlich ne Antwort schickt, ob bei ihrer Seminarfahrt alles gut gelaufen ist!“, zählte er auf, um dann die Hände sinken zu lassen und leicht die Schultern zu zucken.

„N bisschen viel auf einmal... Sorry, wenn ich da grad n bisschen ungehalten reagiert hab, als du meintest, dass du Hellen noch wegbringen willst. Aber ganz ehrlich? Du bist doch der König der Unfälle! Wenn einer bei dem Wetter n Ast um die Ohren kriegt, dann du! Und das brauch ich jetzt nicht auch noch…“, schob er die Hände in die Hosentaschen und hob abermals die Schultern. Er schaute nachdenklich zur Seite und schien erst jetzt richtig zu bemerken, wie er sich vorher verhalten hatte.

„Ich ähm… ich komm gleich noch mal rüber und entschuldige mich auch bei Hellen, okay?“, sagte er dann etwas kleinlauter und bekam von Steffen das Handy an die Brust gedrückt.

„Schon in Ordnung. Ich kann ihr das auch erklären. Ich glaub nicht, dass sie dir das krumm nimmt“, klopfte er ihm anschließend auf die Schulter und bekundete sein Bedauern über die Absage. Detlef nickte.

„Ja, die Wohnung wäre schon toll gewesen… Dass sich die Suche aber auch so schwer gestaltet…“, schüttelte er den Kopf und ließ sich schwerfällig zurück auf die Bettkante sinken, um im nächsten Moment kerzengerade da zu sitzen, als er endlich Saskias Antwort erhielt.

„Gut angekommen und alle sicher untergebracht… Netz teilweise echt beschissen… blöd wegen der Wohnung… weitersuchen“, überflog er die wenigen Sätze und atmete auf. Wenigstens eine gute Nachricht an diesem Abend!

„Na, siehst du?“, meinte auch Steffen und boxte ihm leicht auf den Oberarm. Er freute sich, den Jüngeren so erleichtert zu sehen – erst recht, als Steffen ihm dann noch bestätigte, dass er und Hellen den Rest des Abends brav im Haus bleiben würden.

„Ich will ja nicht, dass du in der Zwischenzeit wie Dorothy mit meinem Haus davon fliegst!“, grinste er und drehte sich zur Tür, während Detlef die Anspielung mal wieder nicht verstand.

„Der Zauberer von Oz!“, schüttelte Steffen den Kopf über diesen Kulturbanausen und musste trotzdem über ihn lachen.

„Also, ich geh dann mal wieder rüber“, griff er die Türklinke, aber Detlef rief plötzlich aus, dass er noch kurz warten solle.

„Sag mal, gings dann vorhin eigentlich echt nur darum, dass ich nicht wollte, dass ihr noch mal losfahrt? Ich mein… das war ja schon ne ziemliche Ansage von dir…“, fragte der Blonde und ihm war anzusehen, dass er hoffte, nicht wieder in ein Wespennest gestochen zu haben. Steffen aber schob die Hände in die Hosentaschen und lehnte sich gegen die Tür.

„Nein. Ich dachte du hättest dich in der Küche so aufgeführt, weil dir unser vorheriges Gespräch quer ging. Dass dich meine Info zum Thema Kinder – gelinde gesagt – verwundert hat, war ja nicht zu übersehen“, antwortete er und Detlef schien dabei alles aus dem Gesicht zu fallen. Fassungslos blinzelte er einige Male und sprang dann auf.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?! Für wie kleinlich hältst du mich denn bitte?! Ich dachte, du würdest mich besser kennen! Ich bin doch nicht deine Schwester oder deine Mutter!... Klar, war das ne gewisse Enttäuschung, aber deshalb reagier ich doch nicht eingeschnappt oder so was… Am Ende ists doch deine Sache!“, machte er seinem Ärger Luft und schaute Steffen verständnislos an, während der ihm ein Lächeln schenkte.

„Also ändert das nichts zwischen uns?“, fragte er und stützte sich von der Tür ab. Detlef aber verschränkte die Arme vor der Brust und drehte ihm den Rücken zu.

„Nach diesen Erkenntnissen muss ich mir das noch mal gründlich überlegen!“, maulte er und schüttelte den Kopf, während er sich weiter darüber beschwerte, dass Steffen ihn ausgerechnet mit dessen Schwester verglichen hatte.

„Und als nächstes sagst du mir noch, dass ich wie Bea wäre oder was?!“, zischte er verschnupft und ließ Steffen seinen Unmut spüren, während der ihn in eine Umarmung zog.

„Ja, ist ja gut! Jetzt hau ab zu deinem Mädel, du Armleuchter!“, klopfte Detlef widerwillig seinem Kumpel auf die Schulter und deutete einen Tritt in den Allerwertesten an, als Steffen von ihm abließ und lachend zur Tür verschwand.

„Vogel, ey!“

19.7.2024: Banknote

„Könntest du eigentlich auch Banknoten malen?“

Dominik hielt in seiner Bewegung – dem Führen des Pinsels – inne und drehte sich langsam zu Susi. Mit breitem Grinsen stand sie neben ihm, die Hände hinterm Rücken verschränkt und leicht auf den Zehen wippend, als wäre sie ein kleines Mädchen vorm Süßigkeitenladen.

„Also richtig realistisch meine ich!“, stützte sie die Hände auf die Hüften und warf einen Blick auf die Leinwand, an der Dominik gerade arbeitete. Der legte seinen Pinsel beiseite und runzelte die Stirn.

„Wie kommst du darauf?“, fragte er und betrachtete Susi dabei, wie sie sich einen Stuhl ran zog und neben ihm Platz nahm. Sie waren gerade die einzigen im Atelierraum und während Dominik an seinen Aufgaben arbeitete, wollte Susi offensichtlich ein wenig Zeit totschlagen, ehe sie zur nächsten Vorlesung musste.

„Hab ich online gesehen! Hier, auf Instagram, YouTube, TikTok… überall laden Künstler ihre fotorealistischen Bilder von irgendwelchen Alltagsgegenständen hoch! Da hab ich mir gedacht, dass du das doch bestimmt auch kannst!“, holte sie ihr Handy hervor und wollte ihm einige Beweisbilder zeigen, aber Dominik empfand diese Unterbrechung eher als störend.

„Und wie kommst du ausgerechnet auf Banknoten?“, nahm er wieder den Pinsel, tauchte ihn in ein wenig Farbe von seiner Mischpalette und lehnte sich vor, um weiter zu arbeiten.

„Weils unter eigen Beiträgen auch Diskussionen darüber gibt, ob das schon als Geldfälschen gilt, wenn die Künstler ausgerechnet Banknoten realistisch abbilden! Was ist deine Meinung dazu?“, schob sie ihm das Handy vors Gesicht, sodass Dominik leicht zurückschreckte. Er warf einen kurzen Blick aufs Display und bat Susi dann, es weg zu nehmen.

„Hab ich keine. Ich hab nicht vor, Banknoten zu malen, also kann mir das egal sein“, meinte er und setzte den Pinsel wieder an.

„Ich seh schon: Geht dir ziemlich am Arsch vorbei, was?“, fragte Susi mit einem Seufzen und scrollte ein wenig durch ihren Feed. Sie kannte es schon, wenn Dominik so oberflächliche Antworten gab. Man konnte durchaus tiefsinnige Gespräche mit ihm führen, aber wenn er nicht wollte, dann machte er es einem auch ohne direkte Worte auf seine Art sehr schnell deutlich.

„Wenn die Leute Spaß daran haben, sollen sie es machen, aber mich interessiert das nicht. Ich muss das Bild hier fertig bekommen“, murmelte Dominik, während er versuchte zu ignorieren, dass Susi nun anfing, ihn bei der Arbeit anzustarren.

„Wie wäre es denn, wenn du dir auch mal einen Account zulegst? Insta würde doch gut passen!“, schlug sie plötzlich vor und konnte sehen, wie in sekundenschnelle eine tiefe Furche zwischen Dominiks Augenbrauen auftauchte.

„Auf keinen Fall.“

20.7.2024: grübeln

Als Steffen in die Küche zurückkehrte, war er nicht wenig verwundert über Hellens Verschwinden. Die Teller und Gläser standen noch auf dem Tisch, das Radio dudelte auf der Fensterbank und die Haustür war fest verschlossen. Er runzelte die Stirn und warf einen Blick zurück in den Flur. Brannte das Licht im Badezimmer, grübelte er, aber sowohl die kleine Leuchte am Lichtschalter als auch der Schlitz unter der Tür waren dunkel. Dann hörte er ein leises Kichern und ging um den Küchentisch, wo sich des Rätsels Lösung fand.

„Ach, hier bist du!“, schmunzelte er und schaute Hellen dabei zu, wie sie auf dem Boden saß, die Hand ausgestreckt hielt und versuchte Tiger für sich zu gewinnen. Die flanierte im langsamen Slalom um die Tisch- und Stuhlbeine herum und hier und da ging sie sogar ein bisschen auf Tuchfühlung mit Hellens Fingerspitzen.

„Du weißt, dass du schön bist, oder?“, grinste Hellen, als Tiger wieder hoch erhobenen Hauptes von dannen schritt und am nächsten Stuhlbein entlang strich. Wie zur Bestätigung setzte sie sich dann hin und putzte sich elegant die Pfote.

„Sie ist eine Dame durch und durch und ich habe den Eindruck, dass ihr das mit zunehmendem Alter immer bewusster wird“, meinte Steffen, der in diesem Moment von Tiger gemustert wurde und ein kurzes Schnaufen zur Antwort bekam. Hellen lachte auf, während er den Kopf schüttelte.

„Was hab ich jetzt wieder falsch gemacht, Eure Hoheit?“, stützte er eine Hand auf die Hüfte, während Tiger ihm den Rücken zudrehte und sich wieder ihrer Körperpflege hingab.

„So was muss ich mir in meinem eigenen Haus gefallen lassen. Ist das zu fassen?“, schüttelte er den Kopf und reichte Hellen die Hand, um sie auf die Füße zu ziehen.

„Sicher, dass das dein Haus ist?“, grinste die und er verdrehte die Augen.

„Ja, ja, ich weiß, ich bin hier nur der Dosenöffner und Diener…“, seufzte er aus und lächelte Hellen dann an.

„Und, alles okay? Ist Judith einverstanden, wenn du hier übernachtest?“, legte er die Hand an Hellens Hüfte und strich ihr mit der anderen leicht über das Haar. Die Angesprochene runzelte erst die Stirn und hob dann eine Augenbraue.

„Also ich bin schon ein großes Mädchen und darf selbst entscheiden, wo ich schlafe“, sagte sie keck und tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Brust.

„Aber sie hat angemerkt, dass ich durchaus mal ein bisschen von meinem großen Bruder erzählen kann – oder von der neuen Heckenschere, die sie sich letztens gekauft hat“, meinte sie dann und schmunzelte, weil Steffen davon wenig überrascht schien. Auch, wenn er mit Judith bislang noch nicht allzu viel gesprochen hatte, schätzte er sie durchaus als Löwenmutter ein.

„Wie gesagt, ich schlaf freiwillig auf der Couch“, nickte er leicht und hob beschwichtigend die Hände, aber als Hellen ihn lachend umarmte, konnte er nicht anders, als es ihr gleich zu tun. Er schloss die Augen und atmete ihren Duft tief ein. Obwohl er Hellen nicht unbedingt als klein empfunden hätte, fiel ihm auf, dass sie eine gewisse Zartheit umgab. Oder lag das nur an seiner viel zu großen Kleidung? Nein, irgendwie hatte sie etwas Zerbrechliches an sich, grübelte er und öffnete einen Spalt weit die Lider, als er Hellens Stimme wieder hörte.

„Bei dir und Detlef alles wieder in Ordnung?“, fragte sie leise und hob den Kopf, als Steffen sich etwas zurücklehnte, um sie anzuschauen.

„Ja. Er und Saskia suchen gerade nach einer Wohnung, aber das gestaltet sich als ziemlich schwierig. Heute Abend gabs wohl schon wieder eine Absage und das – zusammen mit dem tollen Wetter – hat ihm dann wortwörtlich die Stimmung verhagelt. Ihm tuts leid, dass du das auch mit abbekommen hast“, antwortete Steffen, aber Hellen zuckte nur die Schultern.

„Jeder hat mal n schlechten Tag und ich hab das nicht persönlich genommen. Ich hatte eher den Eindruck, dass… ihr beide ein bisschen Stress miteinander hättet...?“, meinte sie und beobachtete Steffen aufmerksam, während der nickte und dann anfing zu schmunzeln.

„Wegen unseres Gesprächs über Kinder, hm? Ja, dachte ich auch erst…“, gab er zu und lachte, als Hellen sich unwissend stellen wollte.

„Du hast dich vorhin verplappert, schon vergessen?“, grinste er, während Hellen schuldbewusst die Schultern hob und sich leicht auf die Unterlippe biss.

„Tut mir leid… ich hatte euch nicht belauschen wollen…“, murmelte sie, aber er schüttelte leicht den Kopf.

„Eigentlich ist das nicht unbedingt etwas, das ich gleich beim ersten Date auf den Tisch bringe, aber… ganz unwichtig ist es ja nicht. Und vielleicht passt es sogar ganz gut, da jetzt schon drüber zu reden. Wir… wir wollten ja ohnehin noch ein paar Sachen besprechen, oder?“, strich er Hellen eine Strähne hinters Ohr und beide spürten, wie der andere sich ein wenig verspannte.

„Ja, ich denke auch, dass wir das dringend machen sollten…“, bestätigte sie und stimmte ebenfalls zu, als Steffen vorschlug, dafür ins Wohnzimmer zu gehen.

„Möchtest du den Rest jetzt noch essen?“, schaute er noch kurz zu den Tellern und stellte sie dann in den Kühlschrank, als Hellen verneinte und er ebenfalls gerade keinen Hunger mehr verspürte.

„Die Hoheit ist sich sicherlich viel zu fein für so was, aber man kann ja nie wissen!“, grinste er zwar, aber Hellen konnte ihm ansehen, dass er sich über den Verlauf und Ausgang des Gesprächs Gedanken machte – und ihr ging da nicht anders. Hoffentlich hatten sie sich in den letzten paar Stunden nicht im Rausch der Gefühle einer Illusion hingegeben, die die Realität nun jäh zerstören würde…

21.7.2024: Schönling

Es war ein angenehmer Sommertag mitten im Semester. Die Sonne schien, aber sie wurde von einer leichten Brise begleitet, die es sogar dann noch erträglich machte, wenn die aufgeheizten Universitätsgebäude auf dem Campus ihre Wärme abstrahlten. Besonders im Schatten gab es nun einige beliebte Sitzgelegenheiten – zumeist auf den kleinen Rasen- und Wiesenflächen, aber auch im Form einiger gut verteilter Bänke. Eine dieser Bänke hatte sich auch Herr Klimlau gesichert, um seine Pause dort zu verbringen. Versteckt von Büschen und Sträuchern konnte er sich für einen Moment von Fragen zurückziehen, ein Buch lesen und dabei trotzdem noch ein wenig mitbekommen, was den Campus gerade so bewegte. Einige Studierende saßen unweit von ihm auf einer eigens dafür mitgebrachten Picknickdecke und unterhielten sich. Sie gehörten zu seinem Kunstkurs und das Thema ihres Gesprächs überraschte ihn wenig. Seine neu gestellte Aufgabe kam bei einigen aus der Gruppe sehr gut an, während andere eher weniger zufrieden damit waren – wie so ziemlich jedes Mal.

„Mir fällt absolut nix dazu ein! Bin froh, wenn ich damit durch bin!“, hörte er einen Studenten murren, während andere davon berichteten, dass sie bereits angefangen seien.

„Ich hab neulich einfach einen langen Spaziergang durch die Stadt gemacht und dabei kamen mir dann einige Ideen“, berichtete eine Kommilitonin.

"Nun stehen zumindest schon mal die Skizzen!"

„Mir hilft Musik immer dabei!“, erklärte eine andere und erzählte von einer eigens dafür angelegten Playlist.

Herr Klimlau schmunzelte über die verschiedenen Herangehensweisen. Es gab so viele Wege, um sich Inspirationen zu suchen, aber nicht alles funktionierte für jeden auf gleiche Art – das hatte er selbst auch schon einige Male zu spüren bekommen.

„Habt ihr gesehen, dass Dominik bereits an der Ausarbeitung sitzt?“, meldete sich da ein anderer Student zu Wort und leises Raunen setzte ein.

„Wen wunderts? Unser Wunderkind ist doch immer der Überflieger“, meinte eine der Studentinnen und einstimmiges Brummen war von der Gruppe zu hören.

„So gut hätte ich es auch gern mal, auf Knopfdruck irgendwelche Meisterwerke rauszuhauen! Der könnt mir gern was von seinem Talent abgeben. Manchmal frag ich mich, was er eigentlich noch hier will – der kann doch längst auf Ausstellungen gehen!“, meldete sich eine andere zu Wort und sorgte damit für eine Mischung aus Gelächter und Neidbekundungen.

„Ach, nee, das klingt jetzt aber plötzlich nicht mehr so begeistert, was?“, rief einer der Studenten aus und die Angesprochene war davon offensichtlich irritiert.

„Du fandest den Schönling anfangs doch so niedlich!“, kam die Erklärung und brachte die restliche Gruppe zum lachen.

„Blödmann! Ich hab nur gesagt, dass er mit den dunklen Locken und grünen Augen ganz schön heraussticht. Mehr nicht! Konnt ja nicht wissen, dass er so arrogant ist!“, zischte diejenige, die nun im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, mit bockigem Ton und auch wenn Herr Klimlau nicht hinschaute, konnte er sich lebhaft vorstellen, wie sie mit verschränkten Armen und schmollend da hockte.

Arrogant“, dachte er sich „So, so. Es gibt sicherlich einige Worte, die ich für ihn finden würde, aber arrogant gehört nicht dazu“.

22.7.2024: Nachthimmel

Mit leisem Knistern und Knacken kaute das gute Feuerchen an seinem Holzscheit. Manchmal spuckte es kleine Funken, aber die meiste Zeit zuckten seine Flammen in gleichmäßiger Unregelmäßigkeit empor. Es verstrahlte Wärme und Gemütlichkeit, während draußen das Unwetter immer stärker tobte. Der Wind toste und pfiff durch jede Ritze, in den Regen mischte sich Hagel und die ersten Blitze zuckten über den zunehmenden Nachthimmel.

„Was für ein Wetter“, murmelte Steffen bei einem Blick aus dem Fenster, während er vom Ofen zur Couch ging. Hellen hatte es sich bereits auf der einen Seite gemütlich gemacht und hielt eines der Sofakissen umarmt. Steffen überlegte kurz, ob er sich direkt neben sie oder an die andere Seite des Möbelstücks setzen sollte und entschied sich letztlich für Option Nummer zwei. Trotz der vorherigen Annäherungen fühlte sich zu viel Tuchfühlung gerade nicht richtig an. Und da Hellen wenig überrascht und auch nicht enttäuscht schien, ging es ihr wohl ähnlich.

„Ich weiß gar nicht so richtig, wie wir das Gespräch beginnen sollen“, stützte Steffen einen Arm auf die Rückenlehne und winkelte ein Bein an. Hellen nickte.

„Ja, mir gehts ähnlich“, murmelte sie, die Knie an den Körper gezogen und den Kopf schief gelegt.

„Ich hab mich sehr gefreut, als du mich vor zwei Wochen plötzlich angeschrieben hast. Aber ein wenig überrascht war ich auch“, versuchte Steffen einen Anfang und entlockte Hellen damit ein weiteres Nicken. Sie ließ nachdenklich den Blick durch den Raum schweifen, ehe sie ihn an Steffen heftete.

„Sag mal… ist es ein Problem für dich, dass ich mich in den letzten Wochen mit anderen Männern getroffen habe?“, fragte sie vorsichtig und Steffens Augenbrauen schnellten hoch. Mit dieser Frage hatte er scheinbar nicht gerechnet. Er verschränkte die Arme vor der Brust und dachte einen Moment darüber nach.

„Na ja… sagen wir mal so: Es ist jetzt nicht so, dass ich deswegen in Jubelgeschrei ausbrechen würde, aber letztlich waren wir zu dem Zeitpunkt weder zusammen noch hatten wir Kontakt. In gewisser Weise hast du mir ja damals ein Angebot gemacht und da ich das ausgeschlagen habe, ist es ja kein Wunder, dass du geschaut hast, ob du jemand anderen findest. Ich denke, da kannst du dann tun und lassen, was du willst. Schwierig wärs für mich allerdings, wenn wir zusammen wären und du dann mit anderen auf Dates gehst“, sinnierte er, während Hellen ihm aufmerksam zuhörte.

„Und was hältst du davon, wenn deine Partnerin mit Männern befreundet ist?“, fragte sie, woraufhin er die Schultern zuckte.

„Also mir gings jetzt darum, dass ich in einer Beziehung nicht möchte, dass meine Freundin nebenher noch was mit anderen am Laufen hat. Aber mit Freundschaften hab ich keine Probleme. Das find ich auch ziemlich albern, wenn sich Leute darüber aufregen. In meinem Freundeskreis gibts auch ein paar Mädels, aber mit denen ist nie mehr als Freundschaft gewesen“, meinte er und ein leichtes Lächeln umspielte Hellens Lippen.

„Das find ich ne gute Einstellung“, antwortete sie und setzte sich aufrechter hin.

„Ich… ein bisschen was ist ja vorhin schon aus mir rausgeplatzt..“, murmelte sie kleinlaut, während Steffen anfing zu schmunzeln. Oh ja, das war durchaus eine Ansage von ihr gewesen!

„Ich… ich finds nicht unbedingt hilfreich, jetzt zu sehr ins Detail zu gehen, aber meine letzte Beziehung lief nicht so gut und hatte ein recht unschönes Ende. Deswegen wollte ich erst mal nichts Ernstes mehr… dachte ich zumindest. Ich glaub, ich hatte auch einfach Angst…“, kaute sie nachdenklich auf der Unterlippe und Steffen nickte.

„Du wolltest nicht wieder verletzt werden“, erwiderte er und Hellen stimmte ohne ein Zögern zu.

„Ja… stimmt…“, legte sie das Kissen auf ihren Knien ab und stützte dann ihr Kinn darauf.

„War nicht ganz einfach für mich… Irgendwie warst du mir zwar sympathisch, aber ich konnte mich trotzdem nicht so richtig drauf einlassen. Ich glaub, das hat unser Gespräch auf dem Baumarktparkplatz damals schon ein bisschen gezeigt. Egal warst du mir nicht, aber…“, brach Hellen ab, sodass Steffen den Gesprächsfaden wieder aufgriff.

„Aber manchmal kann man aus seiner Haut nicht raus“, versuchte er ihren Satz zu beenden und ihr Nicken bestätigte, dass er damit richtig lag.

„Ich hab in den letzten Wochen gemerkt, dass ich mir was vorgemacht hab. Ich hab dich immer mehr vermisst und das Schreiben und die Treffen mir anderen Männern waren zunehmend nervig“, runzelte sie die Stirn und seufzte aus.

„Aber da war keiner bei, der dir irgendwas getan hat, oder?“, horchte Steffen vorsichtig nach und atmete erleichtert aus, als Hellen sogleich verneinte.

„Beim Chatten erwischt man auch mal n faulen Fisch, aber mit denen hab ich mich nicht auf ein Treffen eingelassen! Nein, die, mit denen ich ausgegangen bin, waren nett, aber es hat einfach nicht gepasst. Und ich hab irgendwann gemerkt, dass ich sie immer mit dir verglichen hab“, gab Hellen zu und legte ihre Hand in Steffens, als er sie ihr reichte. Ein seichtes Lächeln umspielte seine Lippen, während er sie betrachtete und sein Daumen strich leicht über ihren Handrücken. Er hatte kräftige Finger, die zupacken konnten, aber auch wussten, wann sie vorsichtig und sanft sein mussten.

„Ich würd dich gern besser kennenlernen und herausfinden, ob aus uns was werden kann. Die eine oder andere unschöne Situation haben wir ja schon geteilt – wenn das mal keine gute Basis für eine Beziehung ist!“, scherzte Steffen ein wenig, um dann doch etwas ernster zu werden und Hellen fest anzuschauen.

„Ich möchte keine offenen oder halben Sachen mehr. Ist das für dich in Ordnung oder hast du das Gefühl, dass dir das zu viel wäre?“

23.7.2024: beherzt

Hellen betrachtete ihre Hand, die in Steffens lag. Sicher gehalten und warm umschlossen war es für sie ein Symbol dessen, was sie sich für ihr Leben wünschte. Sie spürte das leichte Kribbeln, das diese Geste verursachte, aber auch, wie ihr Puls bei seiner Frage in die Höhe stieg. Konnte und wollte sie sich wirklich wieder binden? Am liebsten hätte sie ihm eine beherzte Antwort entgegen gerufen und sich dann vollends in eine gemeinsame Zukunft mit ihm fallen lassen, aber ein Teil von ihr mahnte sie auch zur Vorsicht. Dieser Teil fragte sie ebenfalls, ob sie die letzten Stunden nicht etwas zu überstürzt angegangen und ob die Sehnsucht der letzten Wochen vielleicht eher einem Trugbild als echten Gefühlen entsprungen war. Was wusste sie in Wirklichkeit schon über diesen Mann, mit dem sie jetzt gemeinsam auf der Couch saß? Sie hatte ihn ein paar Mal getroffen und ein paar Stunden mit ihm verbracht – mehr nicht. Dadurch kannte sie ihn ja noch lange nicht! Wobei… genau genommen hatte er gerade ja nichts anderes als das selber angesprochen: Einander erst einmal kennenlernen. Schauen, ob das Kribbeln im Bauch ausreichend war, damit mehr daraus werden konnte oder ob es schnell wieder entfleuchte, wie ein Schmetterling, der mit dem Wind davon getragen wurde. Hatte sie so ein Kribbeln bei Richard eigentlich auch mal verspürt? Die letzte Zeit in ihrer Beziehung sicherlich nicht mehr, aber davor? Sie wusste es nicht mehr. Früher hätte sie ohne lange zu überlegen gesagt, dass aus Verliebtheit einfach Liebe geworden war und sich dieses Kribbeln deshalb verändert hatte. Aber inzwischen wusste sie nicht einmal mehr, ob sie ihn wirklich jemals richtig geliebt hatte – oder ob es eher ihre Vorstellung von einer Partnerschaft und einem gemeinsamen Alltag gewesen war.

Warum fiel es ihr so schwer, die eigenen Gefühle zu erkennen, fragte sie sich, während Steffen sie noch immer geduldig anschaute und auf eine Antwort von ihr wartete. Ihr Grübeln spiegelte sich in vielen kleinen Ausdrücken auf ihrem Gesicht wider und er ließ ihr die Zeit, die sie für eine Antwort brauchte. Dankbar war Hellen ihm dafür, aber ihr eigenes Hadern brachte sie auch zu der Überlegung, ob es im Moment überhaupt eine gute Idee war, sich auf jemand neues einzulassen. Hätte die ihr die Erwiderung nicht viel leichter fallen müssen? Hellen presste die Lippen zusammen und runzelte nachdenklich die Stirn.

„Ich… hab das Gefühl, dass ich mich selbst auch erst mal wieder richtig kennen lernen muss…“, brach sie nach einer scheinbaren Ewigkeit ihr Schweigen und hob den Blick zögerlich von ihren Händen zu Steffens Gesicht. Er schaute sie aufmerksam an, aber er schien auch unschlüssig, was ihre Worte zu bedeuten hatten. Also nickte er erst einmal langsam und gab ihr Raum, um weiterzusprechen.

„Mir fällt auf, dass ich in den vielen Jahren vieles gemacht habe, weil… weil mein Exfreund es so machte oder es gut fand oder… weil von mir erwartet wurde, dass ich mich auf diese Art verhalte und nicht auf jene. Oder dass ich eine Meinung in diese Richtung habe und nicht in die andere – oder manchmal auch am besten gar keine Meinung. Ich hab mich selbst dabei ziemlich aus den Augen verloren, glaub ich“, murmelte sie und je mehr sie diese Worte aussprach, desto stärker wurde der Kloß in ihrem Hals. Ein tiefes Gefühl der Wehmut überkam sie, wenn sie daran dachte, dass es nicht nur ihr Musikgeschmack oder ihre Frisur waren, die sie nach Richards Wünschen und Vorstellungen ausgerichtet hatte. Es war so selbstverständlich und schleichend gewesen, dass sie es gar nicht hinterfragt hatte und selbst nach über einem Jahr noch nicht richtig wusste, welche Teile von ihr das betraf. Viele kleine Schritte hatte es gebraucht, um die ersten Einsichten zu erhalten und vermutlich würde es noch viele weitere Schritte benötigen, bis sie wieder ganz zu sich gefunden hatte. Aber warum war ihr das all die Jahre vorher gar nicht aufgefallen? War es der stressige Alltag gewesen oder hatte sie das alles verdrängt? Je mehr sie nun darüber nachdachte, desto verlorener fühlte sie sich und desto stärker fing ihr Kopf an zu schmerzen.

„Gehts dir gut? Brauchst du was?“, durchbrach Steffens Stimme ihre Gedanken und sein besorgter Blick zeigte, dass ihm ihre inneren Qualen nicht verborgen blieben. Was sollte Hellen darauf antworten? Sie schloss einen Moment die Augen und atmete tief durch. Konnte er sie auf ihrem Weg unterstützen oder lief sie vielmehr Gefahr, sich wieder nach den Wünschen eines Mannes zu verbiegen, wenn sie sich jetzt auf ihn einließ?

„Ich glaube, ich trag einige Altlasten mit mir herum und bin mir über vieles noch gar nicht klar“, murmelte sie leise und öffnete langsam wieder die Augen. Ihr Herz raste so sehr, dass sie es an den Rippen spüren konnte und gleichzeitig waren ihre Finger so eiskalt, dass sie auch die zweite Hand in Steffens legte.

„Aber bei einer Sache bin ich mir sicher, nämlich, dass ich auch keine halben Sachen mehr möchte“, hob sie den Blick zu Steffens Gesicht und schaute ihm in die kastanienbraunen Augen.

„Ich möchte Stabilität und Vertrauen. Und Augenhöhe... Ich möchte das Alte hinter mir lassen und herausfinden, wer ich wirklich bin… Vielleicht ist das viel verlangt, aber sollen wir das zusammen versuchen? Das mit dem Kennenlernen? Ich mich und wir uns?“, flüsterte sie und fühlte dabei, wie ein leichtes Zittern von ihrem Körper Besitz ergriff. Steffen aber schenkte ihr ein Lächeln. Eines, das nicht neckisch war, sondern genauso liebevoll und warm wie seine Umarmung, als er Hellen an sich zog. Nicht beherzt, sondern behutsam legten sich seine Arme um sie und sein Griff war dabei nicht einengend und vereinnahmend, sondern einfach nur schützend und stützend - wie der Fels in der Brandung.

24.7.2024: Knödel

„Du hast deinen Hasen damals Knödel genannt?“

„Hmhmm“

Kopf und Rücken mit den Sofakissen ausgepolstert, hatte Steffen es sich gemütlich gemacht und kraulte Hellen gedankenverloren zwischen den Schulterblättern. Halb lag sie in seinem Arm und halb auf seiner Brust – so gut das die Sitzfläche eines einfachen 3-Sitzers eben hergab.

„Wie kamst du auf den Namen? Isst du so gern Knödel?“, beobachtete Hellen ihren Finger, der kleine Kreise über Steffens Brust fuhr. Das gleichmäßige Auf und Ab seiner Atemzüge hatte etwas Beruhigendes und wenn er sprach, hallte seine Stimme so angenehm tief in ihrem Ohr.

„Hm.. nein, eigentlich mag ich die gar nicht so gern… Ich ess sie, wenn sie auf den Tisch kommen, aber mehr auch nicht… Nein, als meine Großeltern mir damals erzählten, dass ihre Häsin geworfen hatte und ich die Kleinen das erste Mal sah, kamen sie mir so zusammengeknödelt vor, wie sie da auf dem Haufen lagen. Da war dann sofort klar, wie ich es nenne, als Opa mich fragte, ob ich eins der Kleinen haben möchte“, schmunzelte Steffen bei diesem Gedanken an seine Kindheit und senkte seinen Blick von der Decke zu Hellen, als er spürte, dass sie sich aufrichtete.

„Du erzählst mir jetzt aber hoffentlich nicht, dass es dann ein paar Monate später Hasenbraten gab und du dich gewundert hast, warum Knödel plötzlich aus seinem Gehege verschwunden war, oder?“, betrachtete sie sein Gesicht, während er bei ihrer Frage kurz auflachte. Dann aber schüttelte er den Kopf und strich ihr eine störrische Strähne hinters Ohr.

„Nein, Knödel hatte viele schöne Jahre, bis er dann eines Morgens starr und steif im Gehege lag. Falls wir… na ja, also falls du vielleicht mal irgendwann mit zu meinen Großeltern kommst, kann ich dir sogar noch die Stelle zeigen, wo ich ihn damals beerdigt habe“, fuhr er mit dem Daumen Hellens Kiefer entlang und grinste, als sie sich für einen Kuss hinunterbeugte, ehe sie sich wieder auf ihn legte.

„Ich mag deine Couch zwar, aber ein bisschen eng ist sie auf Dauer schon“, murmelte sie und bekam von Steffen in leises Brummen zur Bestätigung.

„Also ich finde, es spricht nichts dagegen, wenn wir in dein Zimmer gehen würden… Was machts schon für einen Unterschied, ob wir auf der Couch liegen und kuscheln oder auf dem Bett, wo wir n bisschen mehr Platz haben?“, sprach sie weiter und schaute zu Steffen hoch, der anfing zu schmunzeln.

„Hmhm… n bisschen kuscheln, dann n bisschen fummeln… und dann n bisschen mehr“, erwiderte er ihren Blick und lachte leise, als sie sich empört zeigte.

„Na, als ob wir das hier nicht auch könnten!“, stützte sie sich wieder hoch, während er zwar erst nickte, aber dann den Kopf schüttelte.

„Stimmt, aber hier ist mir die Gefahr zu groß, dass Detlef plötzlich in der Tür steht“, grinste Steffen, woraufhin sich Hellen mit einem Seufzen zurücksinken ließ.

„Hast ja recht…“, murmelte sie und strich ihm wieder über die Brust. Warum musste er bloß so vernünftig sein? Die Versuchung war groß, so, wie es nicht nur im Ofen knisterte. Aber Steffen hatte sich deutlich dafür ausgesprochen, erst einmal zu warten. Und dummerweise konnte Hellen seine Beweggründe nur allzu gut verstehen: Nachdem er es mit Esther damals so überstürzt hatte, wollte er das anfängliche Kennenlernen dieses Mal nicht nur auf Hellens Körper beschränken. Also hatten sie es sich nach dem ernsteren Teil des Gesprächs auf der Couch gemütlich gemacht und waren nach und nach zu immer seichteren Themen übergegangen – was teilweise gar nicht so leicht war, wenn einem die Fantasie immer wieder Streiche spielte. Aber zum Glück meldete sich Hellens Körper mit zunehmender Stunde auch auf andere Weise.

„Langsam werd ich echt müde“, gähnte sie und merkte, dass ihr Kopf allmählich aufhörte, Steffens Nähe mit versauten Gedanken zu verweben.

„Ja, ist auch schon ganz schön spät“, hielt der seine Armbanduhr mehr schlecht als recht ins Licht der Wohnzimmerlampe und konnte doch erst was erkennen, als Hellen ihm zur Hand ging, indem sie die Uhr ausrichtete.

„Geisterstunde…“, flüsterte sie und kicherte, als wie zur Bestätigung ein lauter Donner ertönte. Angst hatte sie davor eigentlich nicht, aber eine kleine Gänsehaut brachte es ihr schon.

„Hier spukts doch hoffentlich nicht, oder?“, grinste sie, während Steffen den Arm sinken ließ und leicht den Kopf schüttelte.

„Höchstens mal ein verwirrter Detlef im Flur, wenn die Nacht mal wieder zu kurz war“, murmelte er und schob sich die Hand wieder unter den Kopf. Seine Stimme wurde immer monotoner und seine Lider konnten sich kaum noch offen halten. Er merkte nicht einmal mehr, wie Hellen ihn beobachtete und dieser Anblick sie zum Lächeln brachte.

„Störts dich, wenn ich noch ein bisschen hier liegen bleibe?“, flüsterte sie und er schüttelte mit einem „Mhmh“ leicht den Kopf.

"Dann schlaf gut..."

25.7.2024: Zentimeter

Trotz seines festen Schlafes riss der laute Donner Steffen jäh aus seinem Schlummer und zog ihn aus seinen süßen Träumen. Mit einem unzufriedenen Brummen drehte er sich auf die Seite, um schnell wieder einzuschlafen, doch da meldete sich sein Rücken auch schon zu Wort und erinnerte ihn daran, wo er gerade lag. Er kniff die Augen zusammen und versuchte eine angenehmere Schlafposition zu finden, während seine Gedanken gleichzeitig ihren Weg zu Hellen suchten. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass sie die Couch verlassen hatte und fragte sich nun, was die Uhr eigentlich inzwischen sagte. Statt darauf eine Antwort zu bekommen, hörte er allerdings ein leises Fluchen und spätestens jetzt war er endgültig wach.

„Wasn…?“, stützte er sich auf und rieb sich über das Gesicht, um dann verwundert einen Lichtschein auf dem Boden zu bemerken und Hellen, deren Handy die Lichtquelle war.

„Was machst du denn da?“, murmelte er irritiert, während sie auf allen Vieren über den Boden wanderte und er sich fragte, ob er noch immer träumte.

„Tut mir leid, ich wollt dich nicht wecken“, schaute sie kurz zu ihm hoch und schenkte ihm ein schiefes Lächeln, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Boden richtete.

„Ich hab meine Kontaktlinse verloren... Kommt davon, dass ich zu faul war, ins Bad zu gehen und mir die über dem Waschbecken raus zu nehmen…“, murrte sie und schob ihre Hand langsam über den Teppich, um Zentimeter für Zentimeter des Bodens abzusuchen.

"Soll ich dir helfen?", fragte Steffen, aber Hellen verneinte. Sie hatte Sorge, dass er versehentlich auf die Linse treten könne und so begnügte er sich damit, im Schneidersitz Platz zu nehmen und Hellens Suche zu beobachten.

"Hast du schon unter der Couch geguckt?"

Frustriert seufzte Hellen aus und setzte sich auf.

"Nein, da kann sie eingentlich nicht sein", kratzte sie sich nachdenklich den Kopf und brachte Steffen damit zum Lachen.

„Meine Couch ist quasi das Bermuda Dreieck! Aus einem mir unerfindlichen Grund landet alles, was hier in der Nähe runter fällt, grundsätzlich da drunter!“, lehnte er den Kopf auf die Hand und schaute dabei zu, wie Hellen sich trotz ihrer Verwunderung auf den Bauch legte und unter die Couch vorarbeitete.

„Tatsächlich, da ist sie!“, rief sie nach kurzer Suche aus und setzte sich erleichtert auf.

„Das hätte noch gefehlt. Ich hab die grad erst neu…“, griff sie sich das Kontaktlinsendöschen vom Wohnzimmertisch und bugsierte den Ausreißer dort hinein.

„Auf alles vorbereitet, was?“, grinste Steffen bei diesem Anblick und Hellen nickte leicht.

„Vor ein paar Jahren ist mir mal unterwegs eine Kontaktlinse rausgefallen und ich hatte nur n Taschentuch, wo ich die reinwickeln konnte. War nicht so geil… seitdem hab ich immer so ein Teil in der Tasche. Einfach vorsichtshalber“, deutete sie auf das Döschen und setzte sich dann wieder auf die Couch, ehe sie besagtes Gefäß in ihre Tasche legte.

„Stell ich mir unangenehm vor, ständig was im Auge zu haben“, murmelte Steffen, aber Hellen meinte, dass man sich da schnell dran gewöhne.

„Ich finds praktischer, als immer mit der Brille rumrennen zu müssen. Dann bleibt die irgendwo hängen, beim Sport muss man mehr aufpassen und ständig muss ich sie putzen“, lehnte sie sich an Steffens Arm und lächelte, als er ihr einen seichten Kuss auf den Scheitel gab.

„Und ganz ohne Brille oder Kontaktlinse?“, fragte er, woraufhin sie leicht den Kopf schüttelte.

„Bin ich blind wie ein Maulwurf… Ich seh dann nur ein paar Meter weit wirklich scharf und brauch ne entsprechende Brille. Morgenfrüh werd ich also sehr sexy aussehen, wenn meine Augen dank der Gläser winzig klein aussehen“, meinte sie etwas unzufrieden, aber dass Steffen antwortete, sich darauf zu freuen, brachte sie tatsächlich zum Kichern.

„Das sagst du jetzt!“, stand sie auf und streckte sich ausgiebig, ehe sie Steffen plötzlich ihre Hand hinhielt. Der schaute sie etwas verwundert an - zumindest das konnte sie noch erkennen.

„Willst du meinen Blindenhund spielen und mir den Weg zum Schlafzimmer zeigen?“, grinste sie, was er lachend bejahte.

„So einer Einladung kann ich doch nicht widerstehen!“, griff er ihre Hand, erhob sich und führte Hellen in den Flur, um ihr dann vor seiner Zimmertür eine Verbeugung zu schenken.

"Nun, edles Fräulein, hier sind Eure Gemächer", sprach er mit ausladender Geste und zufriedenem Lachen, als er Hellen mit seinem Humor anzustecken wusste.

"Du bist wirklich ein Spinner!", kicherte sie und belohnte ihn mit einem Kuss. Doch als er sich dann ins Wohnzimmer zurückziehen wollte, hielt sie ihn plötzlich fest.

"Komm mit rein und schlaf hier", hielt sie sein Handgelenk mit der einen Hand gefasst, während sie mit der anderen die Tür öffnete.

"Ich hab normalerweise keine Rückenprobleme und selbst mir tut schon der Nacken weh. Wenn du den Rest der Nacht auf der Couch schläfst, hab ich wirklich n schlechtes Gewissen. Nicht, dass du wieder n Hexenschuss oder so was kriegst... Na komm... nur pennen, mehr nicht", lehnte sie sich leicht zurück, um Steffen dazu zu bewegen, ihr ins Zimmer zu folgen.

"Für mehr wäre ich grad ohnehin viel zu müde... Also? Einverstanden?"

26.7.2024: bravo

„Was für eine Nacht…“, brummte Detlef, als er an diesem Morgen erwachte. Nur langsam konnte er sich aus den Kissen wühlen und seinen Körper dazu bewegen, sich auf die Bettkante zu setzen. Sturm und Hagel – das wäre ja alles für ihn in Ordnung gewesen, aber Gewitter hatte er schon als kleines Kind gehasst und dementsprechend war sein Schlaf in den vergangenen Stunden auch gewesen. Nun fühlte er sich verspannt, sein Kopf dröhnte und alles in allem fühlte er sich, als hätte ihn ein Laster überfahren. Eigentlich war es – gerade an einem freien Tag – noch gar nicht seine Zeit, um aufzustehen, aber er fühlte sich so übermüdet, dass er einfach nicht mehr in einen richtigen Schlaf finden konnte. Die vergangene Stunde hatte er nur damit zugebracht, sich erfolglos von einer Seite auf die andere zu wälzen und das war inzwischen frustrierender, als einfach aufzustehen. Also gab er sich nun endgültig im wahrsten Sinne des Wortes einen Ruck, torkelte mit ausgiebigem Strecken und Gähnen zum Fenster und öffnete die Läden. Was hatte die Nacht von der Umgebung übrig gelassen? Viel erkennen konnte er von seinem Fenster aus nicht. Er schaute vor allem auf den Wildwuchs, den Steffen als Garten bezeichnete und sah, dass die Gräser und Wildkräuter ziemlich plattgedrückt worden waren. Hier und da lagen Zweige und Äste, etwas entfernter war jetzt der alte Apfelbaum freier zu erkennen und ihm schien ein größerer Ast ausgerissen zu sein. Außerdem hatten sie jetzt einen Teich – wenn auch vermutlich nur für wenige Tage. Es hatte fast etwas Hämisches an sich, dass der Regen jetzt nur noch monoton und in dünnen Fäden seinen Schleier übers Land legte.

„Hmm… okay…“, nahm Detlef den Anblick noch immer etwas benommen zur Kenntnis und rieb sich einige Male das Gesicht, ehe er zur Tür schlurte. Jetzt erst mal was trinken, damit wenigstens die Kopfschmerzen weniger wurden! War sonst noch jemand auf? Nein, im restlichen Haus herrschte Ruhe und Stille. Zumindest fast. Denn als Tiger sein Erscheinen bemerkte, kam sie sogleich freudig maunzend aus dem Wohnzimmer gelaufen und begleitete ihn in Richtung Küche.

„Guten Morgen, du kleine Verfressene“, murmelte er und versuchte wieder einmal vergebens, ihr eine kleine Streicheleinheit abzuringen. Ja, füttern durfte er sie, aber mehr auch nicht.

„Zicke“, knurrte er und schlappte ihr hinterher, während er kurz überlegte, einen Blick ins Wohnzimmer zu werfen. Vermutlich war der Ofen aber eh über Nacht ausgebrannt und er wollte nicht, dass Tigers aufgeregte Rufe Steffen weckten. Also trottete er ihr ohne Umwege brav nach.

„Ja, ist ja gut!“, pflückte er im Vorbeigehen Tigers Futternapf aus seiner Halterung neben der Küchentür und bugsierte ihn in die Spüle, um Wasser reinzustellen. Bis der ausgewaschen werden konnte, kam in der Zwischenzeit sein Ersatz aus dem Vorratsschrank zum Einsatz. Bei der Gelegenheit konnte Detlef auch gleich das Radio schon mal andrehen. Aber was war das? Er betätigte den Knopf und nichts tat sich. War es nicht richtig eingesteckt? Doch.

„Moment mal…“, murmelte er und ging zum Kühlschrank, dessen Beleuchtung aus blieb, als er die Tür öffnete und dann zum Lichtschalter, der ebenfalls keine Anstalten machte, den Raum zu erhellen.

„Na bravo…“, seufzte er schließlich aus und stützte die Hände auf die Hüften.

„Dann lass uns mal hoffen, dass es nur die Sicherung ist...“

27.7.2024: glühen

„So ne Scheiße…“, stapfte Detlef ins Wohnzimmer und riss auch dort die Fensterläden auf.

„Sorry fürs Wecken, aber ich glaub, du solltest dir das mal selbst angucken!“, rief er zur Couch und eilte dann zum Ofen. Erleichtert stellte er fest, dass in der Asche noch ein leichtes Glühen zu sehen war. Mit etwas Geschick ließ sich das Feuer also ohne viel Vorgeplänkel neu entzünden.

„Hey, hast du gehört? Steh mal auf!“, rief er nochmals, während er einen Teil der Asche aus dem Brennraum nahm und die Glut mit neuen Stückchen Holz und Baumrinde fütterte.

„Steffen?!“

Seufzend stand Detlef aus der Hocke auf, als der erste verhaltene Rauch aufstieg, lehnte die Ofentür bis auf einen dünnen Spalt an und ging zur Couch.

„Ey, jetzt wach mal auf!“, kam es ihm noch über die Lippen, ehe er verdattert feststellte, dass er die ganze Zeit Selbstgespräche geführt hatte.

„Hä?“, runzelte er die Stirn und überlegte, ob ihm sein Kumpel nicht hätte über den Weg laufen müssen.

„Vielleicht im Bad?“, murmelte er und begab sich auf eine Suche, die ihn durch sämtliche Räume des Hauses führte. Zum Glück war es kein riesiges Anwesen und die Zimmer damit schnell abgeklappert. Nur das von Steffen hatte er erst einmal ausgespart, um Hellen nicht zu wecken.

„Sag mal, Madame, hast du ihn gesehen?“, ging er zu Tiger in die Küche zurück und prüfte, ob die Haustür noch immer verschlossen war. Ja, die zeigte sich genauso wie vor einigen Minuten, als er vom Sicherungskasten zurückgekommen und ein paar Schritte vors Haus gegangen war.

„Der war doch selbst dran, dass er auf der Couch pennt, als ich gestern Abend noch mal kurz am Wohnzimmer vorbei bin…“, murmelte Detlef und stützte die Hände auf die Hüften. So langsam kam ihm ein Verdacht, wo er den Verschwundenen finden würde.

„Der kuschelt mit seinem Schätzchen, nicht wahr?“, warf er Tiger einen Blick zu, die ihn kurz anschaute und dann in betontem Desinteresse mit der Körperpflege begann. Ihr Hunger war gestillt, die obligatorischen zwei Häppchen vom Futter im Napf gelassen und nun musste das Fell wieder gerichtet werden.

„Du bist wirklich ne große Hilfe…“, trottete Detlef an ihr vorbei und steuerte Steffens Zimmertür an. Erst einmal lauschte er, um möglichst nicht in flagranti irgendwo rein zu rauschen. Zu hören war nichts, aber um auf Nummer sicher zu gehen, öffnete er ganz leise und vorsichtig die Tür, ehe er sie erleichtert vollends aufschob.

„Ich glaubs ja nicht!“, rief er betont laut aus und grinste, als die beiden Aneinandergeschmiegten aus dem Schlaf aufschreckten.

„Was ist denn?“, murmelte Hellen und wollte sich fester an Steffen schmiegen, während der sich verwirrt aufstützte und umschaute.

„Moin!“, verschränkte Detlef die Arme vor der Brust und musterte die Schlaftrunkenen. Steffen rieb sich das Gesicht und kniff die Augen zusammen. Da hatte offenbar noch jemand eine etwas zu kurze Nacht gehabt.

„Was ist denn?“, murrte er und konnte nur mit Mühe die Zeiger auf seiner Armbanduhr erkennen - was nicht an mangelndem Licht lag, da er für gewöhnlich bei geöffneten Fensterläden schlief. Vielmehr kam es daher, dass gerade einmal etwas über fünf Stunden vergangen waren, seitdem er und Hellen sich schlafen gelegt hatten.

„Ich weck dich ja nur ungern, aber wir müssen den Stromversorger kontaktieren“, meinte Detlef und wurde von Steffen immer verwirrter angeschaut, während Hellen wieder in Schlummer verfiel.

„Hä? Sag mal… hast du gesoffen oder ich?!“, warf Steffen auch einen Blick auf seinen Wecker, dessen Anzeige nicht viel anders ausfiel als die seiner Armbanduhr.

„Es ist mitten in der Nacht. Geh pennen!“, ließ er sich zurück ins Kissen sinken und legte einen Arm um Hellen, aber kaum hörte er Detlefs Worte, saß er senkrecht im Bett.

„An der Straße sind mehrere Bäume über die Stromleitung. Und dein Auto hat n paar Äste und Ziegel abbekommen. Wär also ganz gut, wenn du dir das mal selbst anschaust“.

28.7.2024: Silberfisch

Den Stimmen nach zu urteilen war wohl auch der zweite Mensch endlich aufgestanden. Sie konnte ihn mit dem Blonden reden hören und beschloss, einen kleinen Spaziergang in den Flur zu machen. Der Blonde sagte irgendwas, das sie nicht recht verstand und der andere kämpfte sich gerade in seine Kleidung. So ganz begriff Tiger das ja noch immer nicht: Wozu gab es denn Fell? Aber gut, diese Menschen hatten ja ohnehin die eine oder andere seltsame Angewohnheit an sich.

Unruhig war es, stellte sie fest und beobachtete das Treiben daher erst einmal aus einiger Entfernung. Während der Blonde sich umdrehte und auf sie zuging, huschte der andere noch einmal zurück zum Bett und kniete sich kurz darauf. Was tat er denn da? Warum beugte er sich über die Fremde? Tiger legte den Kopf schief und fand ihn, wie so oft, etwas merkwürdig. Ließ er wenigstens die Zimmertür offen, damit sie es sich in der Sockenschublade gemütlich machen konnte? Nein, leider nicht… Zumindest schenkte er ihr einen kurzen Gruß, als er an ihr vorbei lief. Das war auch das Mindeste! Und was tat er jetzt? Der Blonde war bereits in die Küche verschwunden und der andere steuerte das Badezimmer an. Eigentlich war das für Tiger das unattraktivste Zimmer im Haus, aber ein kleiner Blick hinein konnte manchmal doch ganz interessant sein. Sie ging ihrem Dosenöffner langsam nach und wartete dann an der Tür. Nicht lange blieb er dahinter und als er wieder raus kam, ließ er sie in seiner Eile ein Stück offen. Was für eine Einladung! War vielleicht mal wieder eins dieser kleinen wuseligen Tierchen zu finden, die Tiger hier schon mal aufgestöbert hatte? Silberfisch oder so… irgendwas in die Richtung hatte ihr Mensch dazu mal gesagt. Egal! Gab es denn heute welche? Sie begab sich auf die Suche und musste feststellen, dass von den kleinen Wuseln keine zu sehen waren. Aber dafür wenigstens eine Spinne in der Ecke! Ein kleiner Snack zwischendurch ging immer… Lange herrschte die Freude darüber allerdings nicht. Was war das plötzlich für ein furchtbarer Lärm von draußen? Es ging Tiger durch Mark und Bein und nur vorsichtig wagte sie einen Blick aus dem Badezimmer in den Flur. Von ihren Menschen war keiner zu sehen. Stattdessen öffnete sich die Tür, die vorhin geschlossen worden war und die Frau kam sehr müde und verschlafen in den Flur geschlurft. Auch sie begrüßte Tiger, aber Tiger war trotzdem skeptisch. Ein bisschen bekannt kam sie ihr zwar vor, aber man konnte ja nie wissen, also ging sie lieber erst mal auf Abstand.

„Sind das Motorsägen?“, fragte sie die Frau und Tiger wusste nicht, was sie von ihr wollte. Was sollte das sein und woher sollte sie ihr eine Antwort geben können? Menschen waren manchmal wirklich eigentümlich… Aber wenigstens hatte sie die Zimmertür offen gelassen und die Sockenschublade rief!

29.7.2024: mondlos

Tick, tack, tick, tack…

Auch, wenn sein digitaler Wecker keine Geräusche von sich gab, konnte er den Sekundenzeiger in seinen Gedanken unaufhörlich weiterwandern hören. Er wälzte sich von links nach rechts, vom Bauch auf den Rücken. Tick, tack… Er presste die Augen fest zusammen und blinzelte im nächsten Moment doch wieder zur rot leuchtenden Anzeige mit den gefürchteten Zahlen darauf. Wieder eine halbe Stunde vergangen. Wieder eine halbe Stunde ohne Schlaf. Ein tiefes Seufzen verließ seine Kehle. Er schaute an die Decke, ohne in der Dunkelheit etwas erkennen zu können. Draußen war das Zirpen der Grillen zu hören und drinnen herrschten Wärme und Schwüle. Trotz geschlossener Fenster waren die Temperaturen in seiner Wohnung über Tag immer höher geklettert und trotz weit geöffneter Fenster fehlte jetzt in der Nacht die nötige Brise, um ein wenig Abkühlung hinein zu tragen. Sein Ventilator lief, aber er hatte das Gefühl, dass er stickige Luft nur von A nach B schob, ohne sie dabei in irgendeiner Weise zu verbessern. Wieder schloss er die Augen und wieder begrüßten ihn nach einer weiteren Stunde die Zahlen auf seinem Wecker. Erschlagen und gleichzeitig wach quälte er sich aus dem Bett, schlurfte auf den Balkon und erhoffte sich wenigstens hier ein bisschen frische Luft. Sein Nacken schmerzte und der Kopf tat weh. Wie sollte er morgen das wichtige Meeting halten, wenn er sich so fühlte? Da würde wohl nur wieder viel Kaffee helfen. Zu viel, wie er eigentlich merkte… Schwerfällig stützte er sich auf das Metallgeländer seines Balkons und legte den Kopf in den Nacken. Mondlos war es in dieser Nacht. Ein seltsamer Anblick, dachte er sich und musste feststellen, dass auch die erhoffte Abkühlung nicht eintrat. Im Gegenteil. Tropisch war es. Die Feuchte in der Luft konnte er fast auf seinen Armen spüren und hatte das Gefühl, sie läge sich schwer auf seine Brust. Also ging er seufzend zurück in das Schlafzimmer, schleppte sich ins Bett und begann von Neuem damit sich hin und her zu wälzen.

30.7.2024: Schnurrbart

„Gut… das wars dann für heute. Gibt es noch Fragen? Nein? Dann entlass ich Sie in den Nachmittag. Bis zum nächsten Mal!“, schloss Herr Klimlau seine Präsentation und klappte den Laptop zu. Wie ein Schwarm Bienen begannen die Studenten mit dem summenden Geschwätz und geschäftigen Aufbruch in den Feierabend oder zumindest zur nächsten Vorlesung. Nur, dass Bienen dabei wohl etwas besser organisiert waren. Während die einen ihre Taschen bereits kurz vor Schluss gepackt hatten und jetzt nur noch rauseilen mussten, kramten die anderen ihre Unterlagen in aller Seelenruhe zusammen und verstauten sie. Einige hüllten sich in Stille, weil das Smartphone mit seinen Chatnachrichten nach ihnen rief und andere schnatterten angeregt mit ihren Kommilitonen. Worüber ihre Gespräche gingen, konnte er bei dem Durcheinander von Stimmen allerdings kaum verstehen.

„Hast du gesehen?“, tuschelte Susi zu einer Mitstudentin, während sie lächelnd an ihrem Dozenten vorbeigingen und ihm einen kurzen Gruß rüber warfen.

„Der Dreitagebart steht ihm echt gut!“

„Ja, irgendwie ungewohnt, aber es hat was“, antwortete die andere, wohingegen eine dritte da anderer Meinung war.

„Also ich finde, dass er glatt rasiert besser aussieht“, mischte sie sich ein und gesellte sich dazu.

„Na ja, ich mag Bärte ohnehin ganz gern und ich find, ihm stehts“, warf Susi einen vorsichtigen, aber, wenn man ihn zu deuten wusste, auch vielsagenden Blick zum Dozenten.

„Vielleicht macht er ja bei dieser Männeraktion mit!“, meinte eine der anderen und wurde von Susi und der zweiten Studentin fragend angeschaut.

„Ja, das, wo sie sich einen Monat lang einen Schnurrbart wachsen lassen, um auf Männergesundheit aufmerksam zu machen… oder so“, lautete die Antwort und einstimmiges Kopfschütteln war das Resultat.

„Du meinst den Movember – der ist aber im November. Ist also noch etwas hin“, klärte Susi auf und schlenderte mit den anderen auf den Flur.

„Dass du so was immer alles weißt!“, rief eine ihrer Kommilitoninnen aus und brachte den Rest der Gruppe damit zum lachen.

„Aber ich frag mich ja schon, wie es plötzlich zu dem Wildwuchs kommt. Sonst ist er ja doch immer sehr gepflegt“, warf die zweite ein und das gemeinsame Sinnieren ging weiter.

„Ungepflegt find ichs nicht“, meinte Susi, während auch sie sich fragte, woher die Veränderung kam.

„Vielleicht hatte er einfach keine Lust?“, schlug sie vor und eine andere Idee war, dass der Rasierer kaputt gegangen sein könnte.

„Aber die kriegt man doch in jedem Drogeriemarkt zu kaufen!“, warf eine ihrer Gesprächspartnerinnen ein und schlug stattdessen vor, dass er womöglich gerade privat viel um die Ohren habe.

„Ich finde, er sah heut auch irgendwie erschöpft und müde aus, oder?“

„Stimmt… hoffentlich ist da nichts Schlimmes passiert!“, pflichtete Susi ihr bei.

„Oder…“, wollte die dritte im Bunde gerade ansetzen, doch dann wurde sie jäh unterbrochen.

„Am besten fragt ihr ihn einfach selbst und hört mit den Spekulationen auf. Wie wär das?“, mischte sich plötzlich eine Stimme dazwischen, die sich am vorherigen Teil des Gesprächs noch nicht beteiligt hatte. Verwundert fuhren die drei Studentinnen herum und blickten zu Dominik, der die ganze Zeit über hinter ihnen gegangen war, ohne, dass sie es gemerkt hatten.

„Und könntet ihr jetzt mal etwas Platz machen? Ihr blockiert den halben Flur“, wartete er kurz, bis der Weg endlich frei war und verschwand dann ohne weiteres Wort Richtung Mensa. Susi und ihre beiden Gesprächspartnerinnen schauten ihm verdutzt hinterher.

„Der hat ja wieder eine Laune!“, meinte eine von ihnen, während Susi bemerkte, dass Dominik nicht als einziger den frei gewordenen Durchgang genutzt hatte, um seinen Schritt endlich etwas beschleunigen zu können.

„Mädels, ich glaub, wir haben wirklich den Verkehr aufgehalten…“, gab sie kleinlaut zu bedenken und lächelte schief, als schließlich auch Herr Klimlau an ihnen vorbei lief. Na, hoffentlich hatte er ihr vorheriges Gespräch nicht gehört!

31.7.2024: antik

„Äh… ich weiß nicht, wo er abgeblieben ist… Manchmal sitzt er hinten am Brunnen“

Mit einem Schulterzucken und leichtem Nicken deutete Susi in die besagte Richtung. Sie hatte wenigstens den Ansatz einer Antwort für ihn, während Herr Klimlau von den anderen Studierenden in ihrem kleinen Grüppchen nur stumm angeschaut wurde.

„Danke“, nickte er ihr und den anderen zu, um dann seine Suche fortzusetzen.

„Soll ich ihm was ausrichten?“, hörte er zwar noch Susis Stimme, als er einige Schritte gegangen war, aber dieses Angebot lehnte er schnell ab. Das wäre zu viel des Guten und wenn er Dominik jetzt nicht fand, dann sicherlich spätestens ab Vorlesungsende im Atelier. Sein Anliegen hatte zwar eine gewisse Dringlichkeit, aber so eilig, dass er die paar Stunden nicht notfalls warten konnte, war es nun auch nicht. Tratsch und Klatsch gab es jetzt bestimmt sowieso wieder – das musste nicht noch zusätzlich durch eine unbedachte Äußerung seinerseits verstärkt werden. Ohnehin wunderte es ihn, dass er Susi in der letzten Zeit so selten mit Dominik zusammen sah. Eigentlich hatte er den Eindruck gehabt, dass sie so etwas wie eine Freundschaft verband, aber in den letzten Wochen trübte sich diese Überlegung immer mehr. Trieb sie auch der Neid auf Dominiks Können von ihm weg? Oder legte der junge Mann inzwischen tatsächlich eine Arroganz an den Tag, die Herrn Klimlau einfach nur noch nicht aufgefallen war? Er ging in großen, aber gemächlichen Schritten zwischen den Gebäuden des Campus lang und hing seinen Überlegungen nach, bis er tatsächlich im Schatten einer Platane Dominik auf einer Bank entdeckte. Es war ein abgelegenes Plätzchen, umrandet von einer kleinen Hecke, die sich großzügig bis zu dem kleinen Brunnen zog. Einem Wasserspiel, das aus drei unterschiedlich großen Kugeln bestand und an manchen Tagen so wunderbar in der Sonne glitzerte. Saß der junge Mann deswegen hier und starrte auf die Kugeln? Weil ihn das Spiel der Lichter so fesselte? Er war ja sogar so darin versunken, dass er seinen Dozenten erst bemerkte, als der direkt neben ihm stand und ihn ansprach.

„Haben Sie einen Moment?“, holte er Dominik aus seinen Gedanken und die grünen Augen schauten ihn fragend, aber auch ein wenig vorausahnend an. Der junge Mann nickte knapp und schien unsicher, ob er aufstehen oder seinem Dozenten anbieten solle, sich neben ihn zu setzen.

„Sie haben sich noch nicht für die Studienfahrt eingetragen“, zog Herr Klimlau eine Mappe aus seiner Tasche und kramte darin, aber in den Augenwinkeln bemerkte er Dominiks Kopfschütteln.

„Ich komm nicht mit. Dass ich… mich extra abmelden muss, wusste ich nicht. Tut mir leid“, sagte er leise und richtete seinen Blick wieder auf das plätschernde Nass. Seine sich verkrampfenden Hände zeigten, dass er sich des verwunderten Ausdrucks seines Dozenten bewusst war, aber sein eigenes Gesicht blieb regungslos.

„Das überrascht mich jetzt aber sehr. Ich dachte, gerade Sie wären begeistert von der Fahrt nach Italien und den geplanten Führungen. Besonders die Werke Michelangelos und seiner Verbindung von klassischer Antike mit Renaissance dürften doch ganz nach Ihrem Geschmack sein, nicht wahr?“, klemmte sich Herr Klimlau seine Tasche unter den Arm und stützte die freie Hand auf seine Hüfte. Er konnte noch immer nicht ganz glauben, dass ausgerechnet Dominik sich diese Gelegenheit, die Kunst des großen Meisters in natura zu sehen, entgehen lassen wollte.

„Hab ich schon gesehen… vor ein paar Jahren. Privat. War ganz nett“, antwortete der und erhob sich von der Bank. Nun schnellten die Augenbrauen des Dozenten nach oben. Ganz nett? War das der Student, der sogar schon Werke Michelangelos als Vorbild für seine eigenen Arbeiten genommen hatte?

„Dominik, irgendwas stimmt doch da nicht… Was ist los? Liegt es an den Kosten für die Selbstbeteiligung?“, fragte Herr Klimlau und ein kurzer Ausdruck des Entsetzens schien über das Gesicht des Studenten zu huschen. Es waren nur wenige Sekunden, die er seinen Dozenten erschrocken anstarrte, aber die lieferten ihm Antwort genug.

„Hören Sie, wenn Sie das Geld im Moment nicht haben, finden wir eine Lösung. Es wäre wirklich schade, wenn Sie…“, sprach er weiter, doch Dominik schüttelte eilig den Kopf und hob abwehrend die Hände.

„Ich hab das Geld, aber ich will nicht!“, rief er schnell aus und griff seinen Rucksack.

„Diese alten Schinken interessieren mich nicht mehr. Ich… ich will eher in eine moderne Richtung gehen“, senkte er den Blick vor dem verwunderten Stirnrunzeln seines Dozenten und schulterte den Rucksack.

„Für die Zukunft weiß ich, dass ich mich von Studienfahrten aktiv abmelden muss, statt mich einfach nur nicht einzutragen. Tut mir leid, dass ich Ihre Zeit verschwendet hab. Ich muss jetzt los“, huschte sein Blick für den Bruchteil einer Sekunde noch mal zum Gesicht von Herrn Klimlau, ehe er ihn mit eiligen Schritten verließ. Der Dozent schaute ihm nach und war so verwundert, dass er seine Stimme erst wieder fand, als Dominik bereits sein Sichtfeld verlassen hatte.

1.8.2024: Gewitterluft

„Um Himmels Willen…“

Langsam, fast zögerlich trat Hellen aus dem Haus und betrachtete das, was das Unwetter übrig gelassen hatte. Ja, sie liebte die frische Luft nach einem guten Regenschauer; ganz besonders im Sommer, wenn der Abkühlung die Gewitterluft mit ihrer Schwüle vorangegangen war. Doch dieses Mal trieb sie ihr eher Kälte und eine Gänsehaut durch den Körper. Was Detlef beschrieben hatte, empfand sie noch als Beschönigung. Bei einem Blick zurück wunderte sie sich eher, dass dem Haus so wenig passiert und Steffens Wagen nach ihrer Vermutung kein Totalschaden war. Während früherer Fahrradtouren hatte sie sonst in einiger Entfernung einen kleinen Wald gesehen – nun war, zumindest von Steffens Haus aus, davon nichts mehr zu erkennen.

„Hoffentlich ist bei Judith alles in Ordnung“, murmelte sie und nahm sich vor, gleich als erstes ihre Schwester anzurufen, sobald sie wieder im Haus war. Nun ging sie aber erst einmal dem lauten Schreien der Motorsägen nach. Sie gehörten den anliegenden Bauern, die bereits in voller Montur und mit schwerem Gerät angerückt waren, um die Leitung zu befreien und die Straße leer zu räumen. Steffen sprach mit einem von ihnen, während Detlef daneben stand und sich die umgestürzten Bäume von näherem anschaute. Steffen nickte, gab Detlef dann einen Klaps auf den Arm und forderte ihn mit dieser Geste auf, ihm zu folgen.

„Hey, die Feuerwehr hat alle Hände voll zu tun. Wir ziehen uns kurz um und helfen dann beim Räumen mit“, kam Steffen auf Hellen zu und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Kann ich was helfen?“, fragte sie und folgte den Männern zurück ins Haus.

„Ich glaub, im Moment nicht. Zumal du keine Arbeitskleidung hast“, musterte Steffen sie mit einem schiefen Grinsen. Ihre Jeans trug sie bereits wieder, aber ansonsten hatte sie sich noch in seinen weiten warmen Pullover gehüllt.

„Hast du mal gefragt, ob du von dem Holz was für deinen Ofen haben kannst?“, mischte Detlef sich ein, aber Steffen schüttelte den Kopf.

„Ich weiß gar nicht, wem die Bäume gehören… Die Straße ist Stadteigentum, dann müsste ich vermutlich erst mal da fragen – nur, weil wir die jetzt weg machen, dürfen wir das Holz ja nicht einfach behalten. Ich hab auch noch gar nicht gefragt, wie weit Fritz und Herbert die Bäume heut auch schon kleinsägen wollen. Jetzt gehts ja erst mal nur drum, alles beiseite zu kriegen…“, überlegte er und machte dann eine wegwerfende Handbewegung.

„Ach, lass uns erst mal zusehen, dass wir alles freigeräumt kriegen! Den Rest können wir später klären“, gab er Hellen einen weiteren Kuss und eilte dann in sein Zimmer, um nach wenigen Minuten in Tischlermontur zurück zu kommen und sich seine Arbeitsschuhe anzuziehen.

„Gibts wirklich nichts, was ich helfen kann?“, fragte Hellen, die solange in der Küche geblieben war und sich bei Judith versichert hatte, dass es ihr gut ginge. Zum Glück hatte es nur einen alten Baum im Nachbarsgarten erwischt, aber sonst waren keine Schäden zu erkennen.

"Ich möchte nicht nur rumsitzen und Däumchen drehen", legte sie die Arme um Steffens Nacken, als er sich ihr wieder zuwendete.

„Frühstück wäre nicht schlecht. Ich denke mal, wir haben heute alle noch nichts gegessen… Im Schrank müsste noch Brot sein und Aufschnitt haben wir auch noch. Bei dem Wetter und nachdem der Kühlschrank die ganze Zeit geschlossen war, dürfte da noch nichts von schlecht geworden sein“, fasste er ihre Hüften und lehnte sich vor, um sich ihr etwas mehr als mit nur einem flüchtigen Küsschen zu widmen.

„Mach ich gern“, murmelte sie mit einem Lächeln und schloss die Augen, während sie die paar zweisamen Minuten genoss, ehe auch Detlef wieder in die Küche kam. Zur Abwechslung verkniff er sich sogar mal einen flapsigen Spruch und meinte nur, dass er aus der Werkstatt noch Gehörschutz und Handschuhe hole.

„Okay, wir treffen uns draußen!“, rief Steffen ihm nach und seufzte leicht aus, weil er nur ungern von Hellen abließ. Die aber wollte mit gutem Beispiel voran gehen und ihn nicht unnötig aufhalten.

„Ich bring euch das Essen gleich“, löste sie sich aus der Umarmung und wischte sich mit dem Daumen über die Mundwinkel.

„Seid vorsichtig, okay?“

Steffen nickte, aber ihm huschte auch ein verschmitztes Lächeln über die Lippen.

„Im Notfall haben wir ja zum Glück eine Ärztin im Haus!“, meinte er und lachte, als Hellen das Gesicht verzog.

„Hey, mach da keine Scherze mit!“, antwortete sie und schüttelte den Kopf über seinen Leichtsinn.

„Wird schon nix passieren!“, zwinkerte er und strich ihr sanft über die Wange. Zu schade, dass Detlef schon wieder durch die Haustür hinein kam und vielsagend mit der restlichen Schutzkleidung wedelte.

„Ja, ich komm…“, riss Steffen sich schweren Herzens nun endgültig los und trottete seinem Kumpel hinterher. So hatte er sich den ersten gemeinsamen Morgen sicherlich nicht vorgestellt…

2.8.2024: blitzschnell

Und der Ball rollte und rollte. Mit einer schönen Links-Rechts-Kombination gings quer durch den Raum und blitzschnell wieder in die andere Richtung. Ein kurzer Abprall an der Wand, dann hinüber in den Flur. Links, rechts, links, Wand! Pfeilschnell schoss er in Richtung Wohnzimmer, durch die weit geöffnete Tür, unter der Couch durch und – verdammt! Mit schlangengleichen Bewegungen ihres Schwanzes blieb Tiger vor dem Wohnzimmerschrank stehen und stierte in die dunkle Ecke, in der sich ihr Ball nun versteckte. Da konnte sie sich noch so recken und strecken, er wollte sich einfach nicht erwischen lassen! Vielleicht von der anderen Seite? Lauernd ging sie um das Möbelstück herum und suchte nach einem Winkel, von dem aus sie ihre Beute doch noch erwischen konnte. Dieser Ball war wirklich verflixt schlau, so, wie er sich dort vor ihr verstecken wollte!

„Soll ich es mal versuchen?“, hörte Tiger aus der anderen Zimmerecke und schaute hinüber, als Hellen aus dem Sessel aufstand, um sich zur Jägerin zu gesellen. Das Frühstück hatte sie schon vor einer Stunde raus gebracht und sich danach wieder ins Haus zurückgezogen, um nicht wie das fünfte Rad am Wagen bei der Räumaktion daneben zu stehen. Schön, dass sie zumindest Tiger ein bisschen Gesellschaft leisten konnte - oder eher: Ihr zuschauen durfte, da die König sie ziemlich kritisch beäugt hatte, als sie ihr ein gemeinsames Spiel angeboten hatte. Nun aber kam die Unterstützung ganz recht und die König forderte sie auch sogleich mit einem kurzen Maunzen dazu auf, sich gefälligst etwas zu beeilen.

„Das ist aber auch eng da drunter“, kniete Hellen sich hin und leuchtete mit dem Handy unter den Schrank.

„Und der reinste Spielzeugfriedhof, was?“

Sie richtete sich auf und tippte sich nachdenklich an die Unterlippe.

„Ist ja gut, ich muss erst was haben, mit dem ich da dran komme!“, lachte sie, als Tiger wieder maunzte und stand unter deren empörten Blicken einfach auf. Was? Erst Hilfe anbieten und sich dann verkrümeln? Kurz schaute Tiger dieser treulosen Tomate hinterher, um dann wieder zu versuchen, ihre Beute mit Anstarren aus ihrem Versteck zu locken.

„Vielleicht klappts ja damit!“, kam die junge Frau dann aber nach kurzer Zeit doch zurück und begab sich wieder auf den Boden. Unter Tigers neugierigen Blicken schob sie eine Fliegenklatsche unter den Schrank und fing dann an zu grinsen, als sie den Ball damit in Bewegung brachte.

„Das sieht doch gut aus!“, rief sie triumphierend und schaute zufrieden Tiger hinterher, die dem raschelnden Etwas sogleich einen Klaps mit der Pfote verpasste und ihm wieder nachjagte.

„Hab ich ja doch noch etwas mehr Beschäftigung, als dem Feuer beim Brennen zuzusehen, bis die Männer fertig sind!“, grinste Hellen und machte sich daran, auch die anderen Spielzeuge und einige von Saskias Haargummis aus ihrem Versteck zu holen.

3.8.2024: fahren

Links, rechts, links – Ruhe. Hellen hob den Blick von dem Buch, in dem sie mittlerweile las und schickte ihn auf die Suche nach Tiger. Ausgepowert und mit ihrem Tagewerk zufrieden, kam die gerade aus dem Flur geschritten und steuerte die Couch an.

„Na? Fertig mit spielen?“, schmunzelte Hellen und die Katze blieb tatsächlich stehen, als wolle sie sich auf ein Gespräch mit ihr einlassen. Oder um sie mit Blicken zu diskreditieren, weil sie es gewagt hatte, ihre wertvolle Arbeit als „Spielen“ abzutun – das konnte man bei Tiger nie so genau einschätzen. Ihr Schwanz zuckte einige Male, ehe er sich elegant empor reckte und sie ihren Weg fortsetzte. Zeit, sich auf ihren Thron zu begeben! Allerdings scheuchte sie die plötzliche Geräuschkulisse von draußen eher darunter und Hellen stattdessen vom Sessel auf.

„Oh, ich glaub, sie sind fertig!“, freute sie sich und eilte in die Küche, um dann verwundert festzustellen, dass die Traktoren nicht einfach nur an Steffens Haus vorbei fuhren, sondern anfingen, die Holzstämme zu seiner Einfahrt zu transportieren. Er selbst stand nahe der Haustür und deutete auf ein Fleckchen neben seinem Wagen. Ein kurzer Blickwechsel, ein Nicken und schon landete das erste Holz an seinem vorbestimmten Platz.

„Hey“, kam Hellen aus der Tür und stellte sich neben ihn. Er schenkte ihr ein kurzes Lächeln und einen Kuss auf die Wange.

„Bekommst du das Holz jetzt doch?“, beobachtete sie, wie die Bauern mit viel Geschick und Können die – in ihren Augen riesigen – Maschinen lenkten und bedienten. Es war schon faszinierend, was so ein Frontlader heben konnte und der andere Traktor mit dicker Kette hinter sich her zog.

„Sie fahren die Stämme erst mal hier her, damit sie aus dem Weg raus sind. So breit ist die Straße ja nicht und weiter vorne hatten wir noch einen Baum gesehen, der im Bach gelandet war. Den haben wir bei der Gelegenheit gleich mit genommen“, lief Steffen hinüber und löste die Kette vom Baumstamm. Dann wieder ein Nicken und ein zufriedenes Lächeln aller Beteiligten.

„Hat zum Glück gut geklappt. Das Zopfholz dürfte nicht stören, darum lassen wirs noch liegen und ich setz mich Montag mit der Stadt in Verbindung, um zu fragen, ob ich das Holz kaufen kann. Wenn die mir n guten Preis machen…?“, ging er zu Hellen zurück und zuckte leicht die Schultern.

„Was ist Zopfholz?“, wollte die wissen und hoffte ein wenig, dass es keine allzu dumme Frage war.

„Die Baumkrone. Also im Endeffekt die Äste und Zweige...", erklärte Steffen zwar mit aller Selbstverständlichkeit, aber trotzdem ohne jegliche Wertung in der Stimme.

"Tut mir leid, dass ich dich den halben Vormittag allein gelassen habe“, legte er einen Arm um sie und gab ihr einen weiteren Kuss, aber Hellen schüttelte den Kopf.

„Für das Wetter kannst du doch auch nichts. Und ich finds sogar toll, dass du so tatkräftig mit anpackst!“, strich sie ihm leicht über die Brust und auch wenn er von diesem Kompliment verwundert schien, antwortete er mit einem Lächeln. Er konnte ja nicht wissen, dass sie ihn mit Richard verglich, der in so einer Situation vermutlich nur meckernd daneben gestanden hätte, weil ihm die Aufräumarbeiten nicht schnell genug gegangen wären und er irgendeinen wichtigen Termin verpasst hätte…

„Ich muss gleich noch gucken, ob sonst noch Schäden zu sehen sind und die kaputten Dachpfannen tauschen, aber wenn du Lust hast, könnten wir danach einen kleinen Spaziergang machen. Wie wärs? Oder möchtest du lieber nach hause? Weißt du schon, ob bei Judith alles okay ist?“, fragte Steffen, während er immer wieder flüchtige Blicke zu den Traktoren und dem wachsenden Holzstapel warf.

„Ihr gehts gut, da ist zum Glück nicht viel passiert. Spaziergang klingt gut!“, freute sich Hellen und riss verwundert die Augen auf, als Detlef um die Ecke gebogen kam. Missmutig stapfte er voran und hinterließ dabei eine Spur aus Dreck und Schlamm.

„Was ist denn…“, wollte Hellen wissen, aber Steffen schüttelte eilig den Kopf, während er sich das Lachen offensichtlich verkneifen musste.

„Ich geh duschen“, murrte Detlef und verabschiedete sich mit einem Handgruß von den Bauern, wohingegen Steffen einen warnenden Blick kassierte. Der nickte nur und schaute demonstrativ zu den Traktoren, während Detlef sich vor der Tür nicht nur die Schuhe auszog, sondern auch gleich die nasse Hose samt Jacke. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, fragte Steffen erst, ob er weg sei und brach dann in schallendes Gelächter aus.

„Was ist passiert? Warum ist er völlig durchnässt und verdreckt?“, schaute Hellen irritiert zwischen Detlefs zurückgelassenen Klamotten und Steffen hin und her, bis sie einen tiefen Bass hinter sich hörte und erschrocken herumfuhr.

„Ist mitm Arsch im Bach gelandet!“, kam Herbert zu ihnen und stützte zufrieden die Hände auf die Hüften.

„So, alles abgeladen!“, deutete er mit dem Daumen auf den Holzstapel und Steffen nickte.

„Detlef wollte die Kette am Baumstamm befestigen und ist dabei ausgerutscht“, grinste Steffen, um sich dann bei seinem Nachbarn für die gute Zusammenarbeit zu bedanken.

„Kann ich euch noch auf ein Bier einladen?“, erhob er seine Stimme, damit auch Fritz ihn hören konnte, der gerade ebenfalls von seinem Traktor herüber kam, aber beide Männer schüttelten den Kopf.

„Muss nach meinen Viechern sehen! Aber wir haben mittwochs immer Kartenrunde – komm mal dazu, wenn du Lust hast!“, meinte Herbert und Fritz sagte, dass er gern ein andern Mal auf das Angebot zurückkäme.

„So machen wirs!“, schüttelte Steffen ihnen die Hände, während Hellen sich mit einem Lächeln verabschiedete.

„Schon beeindruckend“, schaute sie dabei zu, wie die Männer zurück auf ihre riesigen Maschinen kletterten und sich auf den Weg zu ihren Höfen machten. Steffen hob noch einmal die Hand zum Gruße.

„Haha, ja, nicht zu vergleichen mit dem kleinen Treckerchen, das meine Großeltern früher hatten!", grinste er und warf dann einen Blick zu seinem Haus.

"Na, dann werd ich mal gucken, ob noch mehr solche Überraschungen auf mich warten… Möchtest du mitkommen und ich zeig dir bei der Gelegenheit ein bisschen mehr vom Grundstück?“, fragte er und lächelte, weil Hellen zustimmte. Kein romantisches Date bei Kerzenschein, aber trotzdem war es eine schöne gemeinsame Zeit…

4.8.2024: messbar

„Nun, meine Damen und Herren, damit haben Sie dieses Semester fast geschafft. Willkommen in meiner letzten Vorlesung bei Ihnen. Ich weiß, dass einige von Ihnen sehr froh sein werden, mich im kommenden Semester nicht mehr sehen zu müssen“, trat Herr Hagenkamp flotten Schrittes in den Hörsaal, ging an den Sitzreihen vorbei und warf seine Tasche auf einen Tisch neben dem Pult. Dass einer der Studenten was von „wurd aber auch Zeit“ murmelte, ignorierte er dabei geflissentlich.

„Anstatt mich nur hier hin zu stellen und Ihnen was zu erzählen, würde ich die heutige Stunde gerne etwas anders aufziehen“, trat er an die Tafel und tat etwas, das wohl so gut wie niemand mehr machte: Er schrieb seine Frage tatsächlich mit Kreide an, statt sie über den Beamer an die Wand zu werfen.

Warum studieren Sie?“, landete in schwungvoller Schrift auf dem grünen Untergrund und wurde von ihm mit deutlicher Stimme laut vorgelesen. So energievoll, wie er geschrieben hatte, drehte er sich auch zu seinen Studenten, die teilweise etwas verwundert wirkten. Mit ihrem eigentlichen Seminarthema hatte die Frage eigentlich nicht viel zu tun. Während die einen interessiert schauten, war von zwei anderen ein genervtes Seufzen zu hören.

„Herr Oberfelder, was sagen Sie dazu?“, sprach Herr Hagenkamp den einen von ihnen direkt an und der schoss sofort erschrocken in eine kerzengerade Sitzposition.

„Na… um… um die nötigen Qualifikationen fürs Berufsleben zu bekommen!“, stammelte er und räusperte sich, woraufhin sein Dozent nur verstehend nickte.

„Und Sie?“, deutete er dann auf Sven, der die Augenbrauen zusammenzog und missmutig die neugierigen Blicke seiner Kommilitonen zur Kenntnis nahm.

„Das Studium bietet mir viele berufliche Möglichkeiten, die ich ohne Master oder zumindest Bachelor nicht einfach ergreifen könnte“, antwortete er und schaute wieder zu seinen Mitstudenten.

„Also bedeutet Studium für Sie auch beruflichen Erfolg?“, hakte Herr Hagenkamp nach und Sven reagierte mit einem knappen Nicken.

„Ich hab extra mein Abi gemacht, also will ich auch darauf aufbauen. Gute Noten, gute Praktika… und dann einen guten Arbeitsplatz“, verschränkte er die Arme vor der Brust und Oberfelder pflichtete ihn bei.

„Genau! Der Arbeitsmarkt in unserer Branche ist schließlich hart umkämpft!“, rief er aus und beide Studenten schauten sich etwas angewidert an, als sie feststellten, dass sie tatsächlich einer Meinung waren.

„Und was ist Ihnen bei Ihren Studium wichtig?“, fragte Herr Hagenkamp und beobachtete dabei auch die Gesichter der anderen Anwesenden.

„Na, dass es mich gut auf den Beruf vorbereitet“, sagte Oberfelder, der offenbar ein bisschen das Gefühl hatte, dass er sich mit seinen Antworten im Kreis drehte.

„Wäre dafür ein praktischerer Studiengang oder ein duales Studium nicht besser geeignet gewesen?“, warf Herr Hagenkamp eine steile These in den Raum und wurde für einen Moment wieder verdattert angeguckt.

„Also ich will später ohnehin in die Forschung gehen und da sind die wissenschaftlichen Methoden, die wir hier lernen, besonders wichtig!“, meinte Sven und schien sich immer mehr über dieses Verhör zu ärgern.

„Ja und wozu gibt es denn die Praktika?“, ergänzte Oberfelder, der die Schultern zuckte. Er verstand noch immer nicht, worauf ihr Dozent eigentlich raus wollte.

„Verstehe. Woran messen Sie denn, ob ein Studium erfolgreich war oder nicht?“, stellte der die nächste Frage und ein leises Raunen ging durch den Raum.

„An den Noten und dem Abschluss natürlich. Gerade die machen den Erfolg doch messbar!“, schüttelte Oberfelder den Kopf über diese, in seinen Augen, dämliche Frage. Der Dozent aber nickte.

„Im Arbeitsalltag haben Sie aber vielleicht keine Noten mehr – und dann?“

Jasmin konnte Sven ansehen, dass er immer genervter wurde.

„Dann gibts aber Projekte, die man abschließt. Aufgaben, die man erledigt!“, rief er aus und es war nur allzu offensichtlich, wie gern er diese Diskussion nun verlassen hätte. Wieder nahm Herr Hagenkamp die Antwort mit einem langsamen Nicken zur Kenntnis und öffnete den Mund für eine weitere Nachfrage, doch dieses Mal wurde er unterbrochen.

„Geht es denn wirklich nur um den beruflichen Erfolg?“, mischte sich nun Jasmin zu Wort und sackte ein wenig verlegen in sich zusammen, als sie von allen neugierig angeblickt wurde.

„Führen Sie Ihre Überlegung gern weiter aus“, ermutigte der Dozent sie und nach kurzem Zögern fuhr sie fort.

„Na ja, es gibt doch auch persönliche Erfolge. Zum Beispiel wichtige Fähigkeiten, die man im Studium lernt und die mit den Studieninhalten nichts zu tun haben… sich selbst organisieren zum Beispiel. Das kann man doch immer gut gebrauchen. Oder zu lernen, dass man sich Informationen auch selbst erarbeiten muss, anstatt sie – wie in der Schule – immer nur vorgekaut zu kriegen. Sachen kritisch hinterfragen… ist das nicht auch Erfolg?“, meinte sie und Herr Hagenkamp gab ihre Frage an die anderen Studenten weiter, von denen sich immer mehr zu Wort meldeten. Die einen sahen es ganz wie Oberfelder und Sven, während die anderen eher Jasmins Blickwinkel einnahmen. Wieder andere warfen aber auch ganz neue Perspektiven auf diese Frage und auch auf die Ausgangsfrage, warum sie studieren würden. Es begann eine Diskussion, die schon bald kaum noch die Moderation des Dozenten benötigte, sondern vom Austausch getragen wurde. Immer wieder wurden neue Fragen gestellt und unter einander beantwortet. Ohne es zu bemerken, ließen sich die Studenten so mitreißen, dass sie es nicht einmal das Ende der Stunde mitbekamen. Erst der nächste Dozent riss sie aus ihrem Redefluss und versetzte sie in Verwunderung.

„Wo ist denn Herr Hagenkamp?“, stand Jasmin auf und ließ den Blick schweifen. Doch er war nicht mehr zu sehen. Stattdessen tippte Sven sie an und nickte Richtung Tafel.

"Guck mal...", murmelte er und betrachtete die Worte, die da zu Beginn der Diskussion noch nicht gestanden hatten: Ich hoffe, ich konnte Ihnen etwas mit auf den Weg geben. Alles Gute für die Zukunft.

5.8.2024: Inspirationsquelle

Die Straßenlaternen hatten längst ihren abendlichen Dienst aufgenommen, als Herr Klimlau seinen Laptop zuklappte. Er massierte sich die Nasenwurzel und streckte sich unter tiefem Seufzen. Nur allzu deutlich ließ ihn sein Nacken wissen, dass es für heute reichte.

„Kein Wunder…“, warf er einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr, räumte seinen Laptop in die Tasche und verließ dann sein Büro, um sich auf den Heimweg zu machen. Dabei kam er allerdings auch am Atelier vorbei und stellte mit wenig Überraschung fest, dass dort noch Licht brannte. Leise stellte er sich in die Tür und schaute auf den wohl bekannten dunklen Lockenkopf, der wieder einmal an einem Bild arbeitete. Kam es ihm nur so vor oder war Dominiks Statur in den vergangenen Wochen noch schmaler geworden, fast schon schmächtig? Herr Klimlau rang mit sich, ob er den Studenten ansprechen sollte oder nicht. Schließlich gab er sich doch einen Ruck und betrat den Raum.

„Dominik, wo ich Sie gerade treffe…“, begann er zu sprechen und kramte dabei in seiner Tasche, sodass er das leichte Zucken des Angesprochenen nicht bemerkte. Erst übers Fenster hinweg und dann direkt schaute Dominik ihn an und beobachtete seine Bewegungen. Die gerunzelte Stirn zeigte, dass er unsicher war, was sein Dozent von ihm wollte.

„Schade, dass Sie nicht mit in Italien waren, aber vielleicht haben Sie ja Lust, sich einige Fotos anzuschauen“, stellte Herr Klimlau seine Tasche auf einem Stuhl ab und zog den Laptop hervor.

„Was für Fotos?“, legte Dominik seinen Pinsel nieder und wirkte noch immer skeptisch. Da änderte auch das leichte Lächeln seines Dozenten nichts dran.

„Von den alten Meistern“, tippte er einige Male auf das Touchpad und hielt Dominik dann den Laptop hin.

„Natürlich nicht so herausragend wie in natura, aber trotzdem eine Inspirationsquelle“, meinte er und betrachtete den Studenten dabei, wie er sich erst zögerlich und dann immer interessierter durch die Bilder klickte. Sehnsüchtig nahmen seine Augen jedes Detail in sich auf. Mal vergrößerte er die Fotos hier und mal dort. Er murmelte irgendetwas und legte den Kopf schief, um dann bei der nächsten Ansicht erstaunt die Augen aufzureißen.

„Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen eine Kopie geben. Bringen Sie mir das nächste Mal einfach einen USB-Stick mit“, meinte Herr Klimlau plötzlich und wurde beinahe fassungslos von Dominik angeschaut. Erst kaum erkennbar und dann immer deutlicher nickte er. Fast umspielte seine Lippen sogar ein Lächeln, während er seinem Dozenten den Laptop zurück gab.

„Gut, so machen wirs“, nickte Herr Klimlau und packte das Notebook in die Tasche zurück, um Dominik dann noch einen schönen Abend zu wünschen.

„Ihnen auch…“, murmelte der leise und schaute ihm dabei zu, wie er zur Tür ging. Warum blieb sein Dozent dort noch mal stehen und drehte sich zu ihm um? Herr Klimlau holte tief Luft und legte eine Hand an die Türzarge.

„Vielleicht erzählen Sie mir dann auch mal, was Ihr wirklicher Beweggrund war, um nicht an der Fahrt teilzunehmen“, formten seine Finger einen leichten Gruß und unter Dominks entgleisenden Gesichtszügen begab er sich zurück in den Flur und setzte seinen Weg fort.

6.8.2024: hahaha

Seine eiligen Schritte hallten durch den Flur und das Treppenhaus, um sich im nächsten Gang unaufhaltsam mit dem zunehmenden Mischmasch aus Stimmen zu verbinden.

„Ausgerechnet heute musste der Zug mal überpünktlich sein!“, knurrte er und folgte dem Geplauder. Eine halbe Stunde zu spät war er nun, nachdem er seinem ursprünglichen Zug nur noch hatte hinterherwinken können. Damit war auch der feierliche Beginn der Veranstaltung verpasst und alles bereits in vollem Gange, während er sich still und heimlich in den Ausstellungsraum schlich und hoffte, dass niemand sein Zuspätkommen bemerkte. Andere hätten sich daran vielleicht nicht gestört, aber für ihn war es eigentlich selbstverständlich, als Dozent mit gutem Beispiel voran zu gehen.

„Hahaha! So hab ich das vorher noch nicht gesehen!“, begrüßte ihn der ausgelassene Plausch einer Studentin, deren Kunstwerk nahe der Eingangstür hing und die bereits eifrig mit ihren Eltern darüber sprach. Der Stolz und die Freude über diesen Moment waren ihr ins Gesicht geschrieben und Herr Klimlau merkte bei diesem Anblick, wie sein Ärger langsam verflog. Ja, das war für ihn immer der schönste Teil eines Semesters: Die Ausstellung, in der die Studenten ihren Eltern, Geschwistern und Freunden ihre harte Arbeit und die Fortschritte der letzten Zeit präsentieren konnten. Dabei liebte er besonders den Ausstellungsbeginn immer sehr. Es war ein richtiges kleines Event, für das sich alle ins Zeug gelegt hatten, auf das alle hinfieberten und bei dem mit der Begrüßungsrede seines Kollegen immer merklich die Anspannung von den Studenten abfiel. Zudem war am ersten Tag immer besonders viel los. Manche Eltern und Geschwister nahmen sich extra frei, um mit dabei sein zu können und einige reisten von weit her an, damit sie ihre Kinder nach Wochen oder Monaten endlich wieder einmal sahen.

„Sieh an, wen haben wir denn da?“, schlich sich die Stimme einer anderen Dozentin in sein Ohr und mit einem schuldbewussten Lächeln zuckte er die Schultern.

„Tut mir leid, die Bahn mal wieder…“, murmelte er und sie machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Sag mir nichts, ich hab vorhin auch schon ne Stunde Verspätung gehabt“, schüttelte sie den Kopf und seufzte, um dann abermals den Kopf zu schütteln, als Herr Klimlau sich erkundigte, ob er viel verpasst habe.

„Nein, war das Übliche. Ein kurzes Hallo und herzlich Willkommen, tolle Studenten, Ausstellung eröffnet, da vorn ist das Buffet“, fasste seine Kollegin die Rede zusammen und brachte ihn mit ihrer pragmatischen Art zum Schmunzeln.

„Ich glaub, es hat auch keiner gemerkt, dass du zu spät bist. Zwei haben sich immerhin sogar ganz gedrückt“, zuckte sie die Schultern und wieder einmal merkte Herr Kimlau, dass es an seiner früheren Fachhochschule doch ein wenig anders zugegangen war.

„Dann misch ich mich mal unters Volk“, meinte er und hörte überrascht, dass seine Kollegin sich sogar bereits auf den Heimweg machte. Na, da hatte sich die lange Fahrt ja wirklich gelohnt…

„Bin ja immerhin gekommen und hab kurz Hallo gesagt. Außerdem haben die jetzt doch eh nur Augen für ihren Anhang – ob wir hier sind oder nicht interessiert die im Moment gar nicht“, grinste sie und schlenderte mit einem kurzen Gruß aus der Tür. Ein wenig schüttelte Herr Klimlau den Kopf über diese Einstellung, aber seine Laune wollte er sich davon nicht verderben lassen. Ganz im Gegenteil, er genoss die Atmosphäre und wünschte sich, noch viel mehr davon aufzusaugen. Also schlenderte er durch den Ausstellungsraum, betrachtete Kunstwerke, deren Entstehung er hatte mitverfolgen können, wurde einigen Eltern und Geschwistern vorgestellt und geriet von einem Gespräch ins nächste. Es war spannend zu sehen, wo seine Studenten ihre Wurzeln hatten. Einige glichen in Aussehen und Verhalten durch und durch ihren Eltern, während er bei anderen seine Überraschung nicht zu offen zeigen wollte, dass sie wirklich zusammengehören sollten. Manche Familienmitglieder hatte er auch im Verlauf des Semesters schon einige Male gesehen, weil sie ihre Lieben regelmäßig besuchten und andere traf er heute das erste Mal.

„Entschuldigen Sie mich, ich hol mir kurz was zu trinken“, zog er sich dann schließlich doch für einen Moment ans Buffet zurück, als er merkte, dass ihm von dem vielen Gerede langsam die Kehle trocken wurde. Und trotzdem trug ihn ein Glücksgefühl durch den Raum, während er die Getränke ansteuerte, im Vorbeigehen ein Häppchen in seinem Mund verschwinden ließ und erst dann Dominik bemerkte. Als Einziger stand er nicht irgendwo in einem kleinen Grüppchen und plauderte, sondern saß in der Ecke neben dem Buffet. Das dargebotene Obst an dieser Stelle wurde von den meisten ignoriert, aber beim Näherkommen meinte Herr Klimlau eine auffällige Wölbung in der Bauchtasche von Dominiks Hoodie zu erkennen.

„Ein schöner Abend, nicht wahr?“, gesellte er sich zu dem Studenten, der nur kurz die Schultern zuckte und sich die Hände auf den Bauch legte. Er schien dem Blick seines Dozenten auszuweichen. Vielleicht auch, weil er auf dessen Angebot mit den Fotos am Ende doch nicht mehr eingegangen war?

„Ihre Eltern sind sicherlich sehr stolz“, meinte Herr Klimlau und ließ den Blick über die Anwesenden schweifen, die sich langsam von Kunstwerk zu Kunstwerk bewegten und zunehmend auch mit einander ins Gespräch kamen.

„Keine Ahnung“, murmelte der Student und wurde von seinem Dozenten irritiert angeschaut. Herr Klimlau schaute zu einem Elternpaar, das gerade vor Dominiks Meisterwerk stand und angeregt darüber sprach. Ihre dunklen Haare passten durchaus zu denen ihres vermeintlichen Sohnes, doch als sie sich zu einer Studentin drehten, die gerade mit Getränken zu ihnen kam, war jegliche Ähnlichkeit dahin.

„Sind Ihre Eltern heute nicht gekommen?“, schaute Herr Klimlau sich nochmals im Raum um und fragte sich, ob das der Grund war, dass der junge Mann sich so absonderte.

„Nein“, antwortete der nur knapp, während er wie so oft versuchte, seinem Gesicht keinen Ausdruck zu verleihen.

„Und ich dachte, Ihnen wäre nur der Trubel etwas viel…“, murmelte Herr Klimlau, wobei er nicht mehr als einen kurzen Blick als Antwort bekam.

"Kommen Sie denn in den nächsten Tagen noch? Die Ausstellung dauert ja ein bisschen länger...", fragte er und Dominiks Kopfschütteln brach ihm das Herz. Ja, leider gab es auch die Eltern, die zu weit weg wohnten oder sich die Fahrt schlicht nicht leisten konnten... Aber ganz mussten sie diesen besonderen Moment ihres Kindes darum ja trotzdem nicht verpassen!

„Wissen Sie was?“, stellte Herr Klimlau sein Glas beiseite und lächelte Dominik an.

„Geben Sie mir mal ihr Handy und stellen Sie sich neben Ihr Gemälde. Ich fotografier Sie und dann können Ihre Eltern wenigstens auf diese Weise daran teilhaben“, schlug er vor, doch die erwartete Freude blieb aus. Dominik erhob sich zwar und schob die Hände in seine Bauchtasche, aber Anstalten, ein Handy hervorzukramen, machte er nicht.

„Wozu? Sie wohnen ne halbe Stunde von hier entfernt und haben um diese Zeit längst die Firma zu. Wenn sie gewollt hätten, wären sie hier“, schaute er seinem Dozenten fest in die Augen und doch konnte er den leichten Hauch von Schmerz nicht verbergen.

„Ich geh jetzt nach hause. Schönen Abend noch“, brach er den Blickkontakt dann ab und huschte aus dem Raum, ehe Herr Klimlau noch etwas sagen konnte. Dabei bemerkte er allerdings nicht, dass der ihm in den Nebenraum folgte, wo Dominik seinen Rucksack lagerte. Mit schnellen Bewegungen zog er drei Äpfel aus seiner Pullovertasche und ließ sie darin verschwinden – genau wie einige andere Obststücke, die er im Laufe des Abends unauffällig vom Buffet hierher gebracht hatte. Bei diesem Anblick knotete sich Herrn Klimlau der Magen zusammen, doch er entschied sich für gespielte Unwissenheit und zog sich wieder zurück, ehe Dominik ihn bemerkte.

7.8.2024: galaktisch

„Boah, das ist so unfair, dass ich immer auf ihn aufpassen muss!“, verschränkte Mila die Arme vor der Brust und stapfte mit dem Fuß auf. So gern wäre sie an diesem Abend mit ihren Freundinnen ins Kino gegangen, aber stattdessen durfte sie mal wieder auf ihren kleinen Bruder aufpassen.

„Ich versteh deine Enttäuschung, aber momentan übernehm ich ein paar Spätschichten extra, um uns in den Ferien mal wieder einen kleinen Ausflug zu ermöglichen. Und du weißt, dass Frederik noch nicht allein bleiben kann“, versuchte ihre Mutter besänftigend auf die Zwölfjährige einzureden, aber Milas Laune wollte sich trotzdem nicht bessern.

„Hättest du dich nicht von Papa getrennt, müsstest du nicht so viel arbeiten und ich könnte auch mal wieder was unternehmen!“, ließ sie ihre Wut raus und sagte sich selbst, dass es okay sei, ihre Mutter mit diesen Worten zu verletzen. Immerhin musste sie seit der Trennung ständig zurückstecken; bekam weniger Taschengeld und konnte sich kaum noch mit Freunden treffen, weil immer wieder irgendwas mit Frederik war.

„Ich geh auf mein Zimmer!“, machte sie auf dem Absatz kehrt und stapfte aus der Küche. Im Flur kam ihr der kleine Bruder entgegen und fragte, ob ihre Mutter schon zur Arbeit sei.

„Küche!“, knurrte Mila und knallte Sekunden später ihre Zimmertür hinter sich zu. Schluchzend warf sie sich auf ihr Bett und schaute aus dem Fenster. Überall funkelten und glitzerten die Sterne und erinnerten sie an den Film über galaktische Wesen, den sie heute eigentlich hatte schauen wollen.

„Manchmal wünschte ich, ich könnt bei Papa leben!“, murmelte sie und dachte an die neue Frau an seiner Seite. Wenn sie die bloß nicht so blöd finden würde…

„Du, Mila?“, hörte sie da von der Tür und schnauzte ihren Bruder an, ob er nicht anklopfen könne. Aber schnell war der Ärger auch wieder verflogen, als sie den fragenden Blick des Fünfjährigen sah, der seinen Teddy fest umklammert hielt und so verloren da stand. Sie seufzte aus und winkte ihn zu sich.

„Was ist denn?“, rieb sie sich über die Augen und nahm ihm den Teddy ab, damit Frederik zu ihr aufs Bett klettern konnte.

„Warum hatte Mama denn so rote Augen, als sie grad gegangen ist? Und warum habt ihr euch gezankt?“, wollte der Jüngere wissen und umarmte seinen Bären wieder, als er es sich neben seiner großen Schwester gemütlich gemacht hatte. Die kaute auf der Unterlippe und schaute aus dem Fenster.

„Ich glaub, ich war ein bisschen gemein vorhin…“, zuckte sie leicht die Schultern und atmete schwer aus, als das übliche „Warum?“-Gespräch mit ihrem Bruder begann.

„Hast du nicht auch manchmal einfach schlechte Laune?“, versuchte sie die Diskussion dieses Mal abzukürzen, indem sie Gegenfragen stellte und musste feststellen, dass die Taktik leider nicht sonderlich gut aufging.

„Nein, eigentlich nicht… warum hast du denn schlechte Laune?“, bohrte ihr Brüderchen weiter und Mila merkte, dass das ein langer Abend werden konnte.

8.8.2024: waschkörbeweise

„Irgendwie ja beneidenswert…“, musterte Mila ihren kleinen Bruder, der zusammengerollt auf dem Fußboden lag, seinen Teddy kuschelte und dabei seelenruhig schlief. Noch schaffte sie es, ihn hochzuheben und in sein Bett zu tragen, aber sie merkte auch, dass das bald wohl nicht mehr der Fall sein würde.

„Schlaf gut, du kleine Nervensäge. Und danke für deine Hilfe“, flüsterte sie, während sie ihn zudeckte, das Nachtlicht entzündete und sich auf Zehenspitzen zurückzog. Nicht, dass er doch noch aufwachte! Mit leisem Klacken zog sie die Schlafzimmertür ihrer Mutter ins Schloss und ging zurück zur Küche, in der sich immer mehr der Duft frisch gebackener Kekse verteilte. Auch, wenn sie sich den Abend anders vorgestellt hatte, musste sie jetzt zugeben, dass er doch ganz schön gewesen war. Frederik hatte sich durch ihren Vorschlag, Kekse zu backen, von seinen Fragen ablenken lassen und irgendwie hatte ihr die gemeinsame Backerei sogar Spaß gemacht. Wenn jetzt nur nicht waschkörbeweise Backutensilien auf und unterm Tisch verteilt gewesen wären, die sie möglichst schnell wegräumen wollte, ehe ihre Mutter von der Arbeit kam… Während sie aufräumte und putzte, drehten sich ihre Gedanken um das vorangegangene Gespräch mit ihrer Mutter und die gesamte Situation der letzten Monate. Ihr Trotz ließ es nicht gern zu, aber sie dachte daran zurück, wie ihr Vater sich in der vergangenen Zeit verändert hatte, wie ihre Mutter immer unglücklicher geworden war und da dieser große Streit stattgefunden hatte. Mila wusste nichts über den Auslöser, aber danach hatte ihre Mutter sie und Frederik geschnappt, war erst zu ihren Eltern gezogen und dann nach ein paar Wochen in diese neue Wohnung. Und ihr Vater? Den hatte sie seitdem nur wenige Male gesehen, weil er nie Zeit fand und wenn doch, war diese neue Frau an seiner Seite. Mila seufzte aus und feuerte den Küchenschwamm ins Spülwasser. Sie lehnte sich gegen die Arbeitsplatte und ließ den Blick durch die Küche wandern. Früher hatten sie ein eigenes Haus gehabt. Es war nicht riesig gewesen, aber groß genug, damit sie in der Küche nicht nur kochen und backen, sondern auch hatten essen können. Nun war selbst der Tisch zu klein für drei Leute; ganz zu schweigen vom restlichen Platz, den die passende Anzahl Stühle gebraucht hätte. Frederik hatte sein eigenes Zimmer gehabt und musste nicht im elterlichen Schlafzimmer unterkommen. Und auch ihr eigenes Zimmer war größer ausgefallen. Aber das musste Mila ihrer Mutter lassen: Sie hatte ihr Bestes gegeben, um wenigstens ihrer Ältesten wieder ein eigenes kleines Reich zu ermöglichen - obwohl der Start zurück ins Berufsleben nach den vielen Jahren als Hausfrau und Mutter vermutlich alles andere als leicht gewesen war. Manchmal erzählte sie was von Fortbildungen und Umschulungen, wenn sie sich mit Freundinnen unterhielt, aber das immer nur so lange, bis sie merkte, dass Mila zuhörte. Sie ging auch nicht richtig darauf ein, was sie nun arbeitete. Stimmte es, was Milas Freundin erzählt hatte? Dass ihre Eltern Milas Mutter als Bedienung in einem Lokal gesehen hatten? Mila seufzte aus und räumte den Rest der Küche auf, ehe sie die zweite Fuhre Teig in den Ofen schob und sich dann davor setzte, um ihm beim Wachsen und braun werden zuzusehen. Das hatte sie früher oft gemacht, als sie in Frederiks Alter gewesen war. Hatte sie dabei auch immer der Schlaf übermannt? Sie wusste es nicht mehr. Aber sie wusste, dass sie sich diese Zeiten oft zurückwünschte.

„Warum musste das bloß alles so kommen?“, murmelte sie und spürte, wie ihr Herzschlag in die Höhe ging, als sie plötzlich die Wohnungstür hörte. Sie stand auf und sah ihre Mutter, die sich abgekämpft und müde aus ihrem Mantel schälte. Sie war so erschöpft, dass sie erst nach einigen Momenten den Plätzchenduft und das Licht in der Küche bemerkte.

„Hi Mama…“, hob Mila leicht die Hand, als ihre Mutter näher kam und sie verwundert anschaute.

„Warum bist du denn noch nicht im Bett, Schatz?“, fragte die und war noch überraschter, als Mila ihr einen Teller mit Keksen entgegen hielt und sie kleinlaut um Entschuldigung bat.

„Ach, Liebling…“, zog ihre Mutter sie in eine Umarmung und strich ihr leicht über den Kopf.

„Weißt du, ich hab mir den ganzen Abend Gedanken gemacht und ich glaub, wir sollten uns morgen mal in Ruhe über alles unterhalten. Ich wollte dich nicht mit der Trennung von deinem Vater belasten, aber du bist auch kein kleines Kind mehr. Vielleicht verstehst du mich dann besser…“, schaute sie ihre Tochter mit gemischten Gefühlen an, als die nickte und hoffte, dass es ihr nicht zu sehr das Herz brechen würde, von der Fremdgeherei ihres Vaters zu erfahren.

9.8.2024: denken

Ein leichtes Lächeln umspielte Herrn Klimlaus Lippen, als er an diesem Nachmittag an seinem Bürofenster stand. Er hatte es weit geöffnet, um die leichte Brise willkommen zu heißen, die das Zirpen der Grillen und den Duft der Heu- und Strohernte zu ihm trug. Diese Mischung aus Stadttrubel und ländlicher Idylle war wohl das, was er seit seinem Umzug in diese Stadt am meisten liebte. Und gerade jetzt brachten ihm solche Momente noch einmal ein kleines Urlaubsgefühl, nachdem seine zweiwöchige Auszeit längst schon wieder vorbei war. Er vermisste die Tage in Griechenland, aber dank der Semesterferien war die Rückkehr in den Alltag wenigstens schonend. Ruhe herrschte, wenn er sein Büro verließ, um sich einen Kaffee zu besorgen und keine Menschenseele sprach ihn an, wenn er sich durch die Gänge und Flure bewegte. Es war ungewohnt aber auch erholsam. Außerdem machte er auf dem Rückweg gern immer noch einen kleinen Abstecher in die Ausstellung. Obwohl er die Bilder nun schon unzählige Male gesehen hatte, liebte er es nach wie vor, sie zu betrachten und da sie nun bald wieder abgehängt würden, wollte er die letzten Gelegenheiten umso mehr nutzen. Doch dieses Mal war er dabei nicht allein.

„Oh!“, ließ er seinem Staunen freien Lauf, als er den Raum betrat und eine Besucherin entdeckte. Sie zuckte erschrocken zusammen, als sie ihn bemerkte und drehte sich zu ihm um.

„Guten Tag“, grüßte er sie und konnte schnell ihre Unsicherheit erkennen.

„Guten Tag… Störe ich etwa?“, hielt sie sich an ihrer Tasche fest und ließ erleichtert die Schultern sinken, als Herr Klimlau verneinte.

„Ich bin nur überrascht hier jemanden zu sehen, weil jetzt in den Ferien so wenige Leute auf dem Campus sind. Das ist alles“, lächelte er und betrachtete die Frau, die er auf Mitte vierzig bis Anfang fünfzig schätzte. Gesehen hatte er sie noch nie, aber trotzdem kam etwas an ihr ihm bekannt vor. Leider erschwerte ihr großer Strohhut es, ihr Gesicht richtig zu erkennen und auch von den Haaren zeigten sich nur einige dunkle Strähnen.

„Ich war… zufällig in der Nähe und wollte wenigstens kurz mal einen Blick in die Ausstellung werfen. Sie wird bald wieder geschlossen, nicht wahr?“, sprach die Frau freundlich aber leise und trug etwas Wehmütiges in der Stimme, als Herr Klimlau nickte.

„Stimmt, zum Semesterstart werden sie wieder abgehängt, um Platz für neue zu machen. Einerseits schade, andererseits immer eine Freude, was die Studenten dann in den kommenden Wochen und Monaten wieder kreieren werden. Ich kann mir schon denken, dass gerade von diesem jungen Herrn wieder viele großartige Kunstwerke zu erwarten sind“, stellte er sich neben die Besucherin und schaute auf Dominiks Bild. Er war zwar nicht der Erschaffer, aber trotzdem spürte er einen gewissen Stolz, wenn er dieses Werk betrachtete. Der junge Mann war wirklich ein Ausnahmetalent und er freute sich schon darauf, was er noch alles erschaffen würde. Seine Gesprächspartnerin hingegen schien da gemischterer Gefühle. Interessiert war sie durchaus an dem Können des Malers, aber die Begeisterung, mit der sein Dozent sprach, sorgte bei ihr auch für eine gewisse Enttäuschung.

„Sie meinen, er wird also sicherlich an seinem Traum festhalten?“, fragte sie und schaute dabei mit sehnsüchtigem Blick auf das Gemälde. Hatte er sich gerade verhört?

„Also das hoffe ich doch sehr! Es wäre eine Schande, wenn er die Malerei aufgeben würde!“, sprach Herr Klimlau fast schon entsetzt, um dann aber auch sanftere Töne anzustimmen, als er feststellte, dass er sie damit verschreckte.

„Ich meine… so ein Können habe ich selten gesehen. Aber auch so viel Hingabe und Ehrgeiz. Alle Studenten hier lieben die Kunst, aber Dominik ist trotzdem etwas ganz Besonderes. Ich habe manchmal das Gefühl, dass er die Malerei braucht, wie die Luft zum Atmen. Ich denke, wenn er dieser Leidenschaft nicht mehr nachgehen könnte, würde etwas in ihm zerbrechen“, musterte er abermals die Besucherin und fragte sich zunehmend, wer sie war. Eine Vermutung regte sich in ihm, aber er wollte auch nicht indiskret oder neugierig wirken. Würde sich im Verlauf des Gesprächs noch die Gelegenheit bieten, mehr über sie zu erfahren?

10.8.2024: unwillkürlich

„Niemand will ihm verbieten, zu malen, aber warum muss es denn gleich auch beruflich sein? Als Hobby würde es doch voll und ganz reichen“.

Bei diesen Worten hob Herr Klimlau die Augenbrauen. Er war sich sicher, wenn jemand es schaffen konnte, von seiner Kunst zu leben, dann Dominik. Er musste vielleicht noch lernen, mehr auf Interessenten und potentielle Käufer zuzugehen und sich selbst besser zu „vermarkten“, aber an seinen künstlerischen Fähigkeiten bestanden keinerlei Zweifel.

„Ich versteh schon… In vielen Köpfen herrscht noch immer der Vorbehalt, dass die Malerei eine brotlose Kunst sein muss, aber…“, setzte er an, um dann jedoch durch das Kopfschütteln seiner Gesprächspartnerin ins Stocken zu geraten.

„Darum geht es mir nicht. Ich hab schon oft genug Leute gesehen, die ihm seine Bilder abkaufen wollten. Selbst die kleinen Skizzen und Kritzeleien fanden Gefallen. Um sein Können mach ich mir keine Sorgen, aber ich weiß, dass er auf Dauer nicht dafür geschaffen ist, die Kunst zu seinem Beruf zu machen. Es ist zu viel Druck“, meinte sie und schüttelte abermals den Kopf, als Herr Klimlau widersprach.

„Er wirkt vielleicht etwas schmächtig, aber ich habe nicht den Eindruck, dass er sich nicht durchzusetzen weiß. Ganz im Gegenteil, er hat einen starken Charakter und weiß seinen Weg zu gehen“, versuchte er seinen Glauben in den Studenten mit ihr zu teilen, doch der Funke wollte nicht recht überspringen. Sie atmete tief durch und setzte ihren Hut ab. Ja, jetzt, da das Licht sich noch stärker in ihren grünen Augen spiegeln konnte und ihre dunklen Locken wie ein Wasserfall über ihre Schultern und Rücken flossen, war die Ähnlichkeit unverkennbar.

„Verzeihen Sie, wenn ich das jetzt so deutlich sage, aber ich denke, dass ich meinen Sohn etwas besser kenne und einschätzen kann als Sie. Was das Malen angeht, war er als Kind schon wie besessen und irgendwann wird er daran zerbrechen, wenn er sich nur noch damit beschäftigt. Vor allem, wenn zu seinen eigenen hohen Ansprüchen auch noch die irgendwelcher Außenstehender kommen. Er macht sich mit seinem Ehrgeiz selber kaputt“, knetete sie den Rand ihres Hutes und wirkte innerhalb dieser wenigen Sätze plötzlich um Jahre gealtert. Viele schlaflose Nächte hatte sie wohl schon mit Sorgen gefüllt und bei einem Sturkopf wie Dominik vermutlich auch mehr als eine Diskussion über dieses Thema geführt. Herr Klimlau war einen Moment ratlos, was er darauf antworten sollte und rieb sich den Hinterkopf. Wie sollte er einer liebenden Mutter die Angst um ihr Kind nehmen? Er suchte nach den richtigen Worten, ohne sie zu finden und schalt sich innerlich selbst dafür, dass er dadurch das Gespräch abbrechen ließ.

„Ich muss jetzt auch gehen“, sprach sie das aus, was er befürchtet hatte und er nickte resigniert, während sie sich wieder ihren Hut aufsetzte.

„War schön, Sie kennen zu lernen“, schenkte er ihr trotzdem ein Lächeln und spürte einen Hauch von Freude, dass sie es erwiderte. Doch lange umspielte es ihre Lippen nicht, denn als sie sich dem Ausgang zuwendete, entdeckte sie, dass sie nicht allein waren.

„Dominik!“, rief sie erschrocken aus, sodass auch Herr Klimlau ihrem Blick folgte. Er wusste, dass sie nichts Schlimmes gesprochen hatten und trotzdem fühlte er sich ertappt, während der junge Mann schweigend in der Tür stand und sie musterte. Er schien unsicher, wie er darauf reagieren sollte, als seine Mutter auf ihn zulief und in eine Umarmung zog. Einen kleinen Hauch von Freude meinte Herr Klimlau in seinem Gesicht zu erkennen, aber dennoch konnte er sich nicht dazu durchringen, diese Geste zu erwidern. Stattdessen nahm er sie hin, solange sie andauerte und betrachtete seine Mutter dann wieder schweigend, als sie sich von ihm löste und stattdessen die Hände an seine Wangen legte.

„Du siehst ganz blass und dünn aus“, sprach sie sorgenvoll und strich ihm die Locken aus dem Gesicht.

„Liegt am Kunstlicht“, murmelte er und zuckte die Schultern, um dann den Kopf weg zu drehen, als ihm die Liebkosungen doch zu viel wurden. Herr Klimlau drehte ihnen den Rücken zu, als könne er damit zu einem Stillleben der Ausstellung werden, aber seine Ohren fingen dennoch jedes Wort aufmerksam auf.

„Isst und schläfst du genug?“, konnte er den sorgenvollen Ton in der Stimme der Mutter hören und eine gewisse Kühle in Dominiks Worten, als der darauf antwortete.

„Hab nicht gedacht, dass ihr noch kommt. Paps ist nicht mit, oder?“, fragte er, obwohl unüberhörbar war, dass er die Antwort längst kannte.

„Er musste noch zu einem Kunden… Tut mir leid, aber er wäre gerne mitgekommen“, antwortete seine Mutter und das leise Schnauben verriet Dominiks spöttisches Lächeln.

„Klar, ganz bestimmt…“, murmelte er, während seine Mutter darüber hinwegzugehen versuchte.

„Willst du uns nicht mal wieder besuchen kommen? Du warst so lang nicht mehr zuhause… In zwei Wochen hat dein Bruder doch Geburtstag. Wie wärs? Wir würden uns freuen“, schlug sie vor und als Herr Klimlau Dominiks Antwort hörte, verschluckte er sich beinahe an seinem Kaffee.

„Also hat Paps plötzlich nichts mehr dagegen, dass ich „nichts Richtiges“ lerne, um in die Firma einzusteigen und obendrein auch noch auf Männer stehe?“, konterte er, um kurz darauf auf das Schweigen seiner Mutter zu ergänzen: „Dachte ich mir“.

„Das… ist alles nicht so leicht für ihn…“, flüsterte sie und bat ihren Sohn mit lauteren Worten, zu warten, als der sich von ihr abwenden wollte.

„Sorry, aber ich muss zur Arbeit“, sprach er salopp daher und Herr Klimlau konnte sich lebhaft das gleichgültige Schulterzucken dazu vorstellen.

„Wo musst du denn hin? Vielleicht können wir ja ein Stück zusammen gehen“, schlug seine Mutter vor, aber wieder dachte Herr Klimlau, sich bei der Antwort des jungen Mannes zu verhören.

„Glaub nicht, dass du im Rotlichtviertel gesehen werden willst“, haute er raus und als Herr Klimlau nun doch einen vorsichtigen Blick über die Schulter warf, konnte er erkennen, wie Dominiks Mutter sich vor Entsetzen die Hand vor den Mund hielt. Ihr Sohn schenkte ihr allerdings nur ein trauriges Lächeln.

„Das war nicht mein Ernst, aber gut zu wissen, dass du mir das tatsächlich zutraust…“, murmelte er und Herr Klimlau erschrak, als in der nächsten Sekunde ein Klatschen ertönte und Dominik sich die Wange hielt. Sekunden, in denen niemand was sagte oder tat verstrichen zäh, ehe Dominiks Mutter sich als Erste von ihrem eigenen Schreck löste.

„Ich… tut mir leid, das wollte ich nicht!“, versuchte sie es ungeschehen zu machen und ging ihren Sohn nach, als er Abstand suchte.

„Bitte, Dominik, das war aus Reflex!“, sprach sie verzweifelt und fasste seinen Arm, aber er machte sich sofort wieder los.

„Klar, ich knall Leuten auch immer unwillkürlich eine…“, murmelte er und wich ihren Blicken aus, um wohl zu verbergen, dass ihre Geste ihn nicht nur physisch getroffen hatte.

„Du machst es einem manchmal aber auch wirklich nicht leicht“, schüttelte sie den Kopf und die flinken Bewegungen ihrer Hände zeigten, dass sie sich die Tränen weg wischte. Sie öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, aber mehr als ein Seufzen kam dabei nicht zustande. Noch einmal wollte sie ihrem Sohn über die Haare streichen, doch bei seinem erneuten Ausweichen ließ sie die Hand schließlich sinken.

„Es tut mir wirklich leid“, flüsterte sie und bekam von ihrem Sohn ein fahriges Nicken geschenkt.

„Ja, grüß Paps und die anderen…“, antwortete der, ohne sie anzuschauen und nickte abermals, als sie ihre Einladung zum Geburtstag seines Bruders wiederholte.

„Komm gut nach hause“, verschränkte er die Arme vor der Brust und schaute zur Seite, während seine Mutter mit einem resignierenden seufzen die Schultern sinken ließ und anfing in ihrer Tasche zu kramen. Erst, als sie Dominik etwas hinhielt, fanden seine Augen wieder den Weg zu ihr, aber seine ablehnende Haltung änderte sich nicht.

„Ich will dein Geld nicht“, sagte er und trat einen Schritt zur Seite, als seine Mutter ihm den klein gefalteten Schein zustecken wollte. Etwas zögerlich legte sie ihn stattdessen auf einen Tisch und bat ihren Sohn, sich davon was zu essen zu kaufen.

„Ich hab gesagt, ich…“, wollte er zu neuem Protest ansetzen, doch so flink, wie er manchmal ein Gespräch verließ, wusste auch seine Mutter aus dem Raum zu huschen.

„Pass auf dich auf, mein Schatz!“, strich sie ihm im Vorbeigehen über den Oberarm und für einen Moment waren nur noch ihre Schritte auf dem Flur zu hören, bis auch die verstummten und Stille einkehrte. Dominik schloss solange die Augen. Seine Kiefer pressten sich aufeinander und er wippte unruhig mit dem Fuß. Erst, als die schwere Eingangstür ins Schloss fiel und davon kündete, dass die Besucherin das Gebäude tatsächlich verlassen hatte, atmete er tief durch und wendete sich ebenfalls zum Gehen. Er versuchte zu ignorieren, dass sein Dozent die ganze Szene mitangesehen hatte und zuckte schmerzerfüllt zusammen, als der ihn doch noch ansprach.

„Nehmen Sie das Geld mit…“, meinte er Herr Klimlau, auch wenn es ihm einen wütenden Blick bescherte.

„Wir wissen beide, dass Sie es gut gebrauchen können“.

11.8.2024: Reagenzglas

Es waren zwar nur ein paar Meter, die ihn von seinem Zielort trennten, aber trotzdem lief Sven so schnell, dass er fast schon rannte. Im Slalom eilte er zwischen Fahrrädern, Passanten und Straßenlaternen durch die Innenstadt und wich sogar auf die Straße aus, solange kein Auto zu sehen war.

„Hey!“, riss er schon von weitem den Arm hoch und winkte Pia, als er sie am Eingang des Clubs entdeckte. Sie ging ihm entgegen und ließ ihm einen Moment Zeit, um wieder zu Luft zu kommen.

„Wo ist sie?“, fragte er schnaufend und wurde von ihr zu einer Bank geführt, die einige Meter entfernt stand.

„Alles gut, Linda ist ja mit dabei und hat auf sie aufgepasst“, sprach Pia beruhigend auf ihn ein und konnte ihm die Sorge damit doch nicht nehmen. Kaum hatte er Jasmin erkannt, eilte er zu ihr und ging vor ihr in die Hocke.

„Hey, wie gehts dir?“, musterte er ihren schläfrigen Gesichtsausdruck und rieb ihr leicht über den Arm, als sie irgendwas murmelte.

„Du bist ja völlig besoffen!“, sprach Sven erschrocken, während Jasmin sich enger an Linda kuschelte.

„Na, deswegen hatten wir dich ja auch angerufen: Damit du uns hilfst, sie nach hause zu bringen“, stupste die Jasmin nun etwas an und versuchte sie ein wenig wacher zu bekommen, damit sie gemeinsam auf die Beine gezogen werden konnte. Sven aber dachte, er habe sich verhört.

„Nach hause? Ich bring sie ins Krankenhaus! Nicht, dass sie eine Alkoholvergiftung hat!“, schüttelte er den Kopf und wollte keine Widerworte gelten lassen.

„Sagt mir mal lieber, wie das passieren konnte. Sonst trinkt sie doch auch nicht so viel!“, legte er sich Jasmins Arm um die Schulter und half Linda dabei, sie hoch zu ziehen.

„Ich glaub, das lag an diesem neuen Cocktail… So n Zeug in Reagenzgläsern. Widerlich süß; hat für meinen Geschmack was von Alkopops, aber Jasmin fand das total lecker. Keine Ahnung, wie viele Umdrehungen das hat, aber so ein Gläschen ist schnell geleert und sie hatte mehr als zwei, drei davon…“, meinte Pia, während Linda mit einem Nicken zustimmte.

„Und warum lasst ihr sie so viel davon trinken?“, knurrte Sven, der das Verhalten von Jasmins Freundinnen unverantwortlich fand. Sie waren jedoch beide der Meinung, dass Jasmin alt genug sei, um das selbst zu entscheiden.

„...Außerdem wussten wir selbst nicht, dass das so rein haut. Wir haben beide auch eins probiert, aber uns wars zu süß. Dann sind wir auf Bier umstiegen, aber Jasmin hat noch ein paar von den Dinger genommen und wir waren selbst erschrocken, wie schnell sie plötzlich blau war“, meinte Linda, um im nächsten Moment beiseite zu springen, als Jasmin sich plötzlich den Inhalt der Reagenzgläser noch mal durch den Kopf gehen ließ. Wenigstens hatte sie an diesem Abend die langen Haare zu einer Hochsteckfrisur gebunden und traf dadurch vornehmlich nur ihre Schuhe. Für Sven war das allerdings das kleinste Problem.

„Ist mir egal, was ihr sagt, ich bring sie jetzt ins Krankenhaus! Helft mir mal, sie Huckepack zu nehmen“, wies er die beiden Begleiterinnen an und war trotzdem ganz froh, dass sie ihn die zehn Minuten Fußweg begleiteten. Sicher war sicher.

12.8.2024: Taifun

„Boah… nein Danke! Taifun in Japan brauch ich jetzt echt nicht…“, zappte Detlef durch die Fernsehsender und ihre unzähligen Newssendungen um diese Uhrzeit. Er war froh, dass die Schäden des eigenen Unwetters vergleichsweise schnell beseitigt werden konnten und wollte jetzt erst mal nichts von weiteren Stürmen oder ähnlichem wissen. Einfach nur ein bisschen Entspannung und Idylle, das war alles, was er sich gerade wünschte – und wenn es im Notfall auf eine Folge von Löwenzahn oder der Sendung mit der Maus hinauslaufen würde.

„Nichts als Nachrichten, Nachrichten, Nachrichten…“, musste er allerdings feststellen und war froh, schließlich wenigstens auf einem der Musiksender auch noch was anderes zu finden. Also ließ er das Gedudel im Hintergrund laufen, während er die Füße auf dem Wohnzimmertisch parkte und sich eine Portion Nudeln zu Gemüte führte. Sollten Steffen und Hellen ruhig ihren Spaziergang machen! Er war grad froh, sich nach dieser Nacht und dem Morgen mal nicht bewegen zu müssen.

„Du findest es hier auch gemütlicher, was?“, warf er Tiger einen Blick zu, die sich auf der anderen Seite der Couch zusammengerollt hatte. Ihr Öhrchen zuckte, dann ein Gähnen und danach wurde Detlef wieder ignoriert.

„Ich hab dich auch lieb“, murmelte er und futterte weiter seine Nudeln. Zu schade, dass er Saskia dieses Wochenende nicht sehen konnte, aber abgesehen von ihrer Studienfahrt war er rückblickend auch ganz froh drüber, dass sein Auto ausgerechnet jetzt in der Werkstatt stand und nicht ebenfalls Dachpfannen und Co. abbekommen hatte.

„Hoff ich zumindest, dass sie den noch auf der Hebebühne haben und der nicht draußen stand…“, fiel ihm plötzlich ein und mit tiefem Seufzen fischte er nach seinem Handy, um sich Gewissheit zu verschaffen.

„Das würd jetzt auch noch fehlen…“

Er tippte mit der freien Hand ungeduldig auf seinen Oberschenkel und die Sekunden, bis sein Anruf entgegen genommen wurde, kamen ihm wie eine Ewigkeit vor. Doch dann kam zum Glück schnell die Erleichterung: Auto unbeschadet und bis Montag voraussichtlich schon wieder abholbereit. Wenigstens eine gute Nachricht an diesem Tag!

13.8.2024: Codieren

„Wie gesagt, bearbeitet bis morgen bitte Seite 50 bis 53 in eurem Arbeitsbuch!“, rief Frau Erlbach gegen das Läuten der Schulglocke und den Jubel über die beginnende Pause an.

„Dann bis… morgen…“

Sie seufzte aus und schaute ihren Schülern nach, die längst kein Gehör mehr für ihre Lehrerin zeigten und wie eine wilde Horde aus dem Klassenzimmer stürzten. Einige lieferten sich einen Wettlauf zum Schulkiosk, andere konnten gar nicht erwarten, sich mit ihren Freunden aus anderen Klassen auf dem Schulhof zu treffen und der Rest wollte einfach nur aus dem Zimmer raus, um sich ungestört den Themen zu widmen, die während des Unterrichts ausschließlich mit Hilfsmitteln besprochen werden konnten. Das Klassenzimmer glich einem Schlachtfeld, auf dem das Arbeitsmaterial über alle Tische und teilweise sogar den Boden verteilt lag.

„Wie war das mit den Trinkpäckchen…?“, entdeckte Frau Erlbach etwas Gelbes auf dem Boden und fragte sich, wie der- oder diejenige es geschafft hatte, den Orangensaft ohne ihr Wissen zu leeren. Sie stellte es auf den nächstgelegenen Tisch, damit die Reste bei der Rückkehr der Schüler nicht noch über den Fußboden verteilt wurden und sammelt auf dem Rückweg zum Pult einen zerknüllten Zettel auf.

„Und was ist das wieder?“, faltete sie ihn auseinander, um dann mit gerunzelter Stirn eine scheinbar sinnlose Abfolge von Buchstaben, Nummern und Satzzeichen zu entdecken. Einzig das Herzchen am Ende der Nachricht brachte die Vermutung nahe, dass es um Liebesdinge gehen könnte.

„Die lassen sich auch immer wieder was Neues einfallen, um ihre kleinen Botschaften zu codieren…“, murmelte sie und packte ihre Sachen in ihre Tasche. Das Zettelchen beschloss sie mitzunehmen und sich im Lehrerzimmer umzuhören, ob jemand was damit anzufangen wusste. Es konnte ja nicht schaden, auch selbst noch etwas Neues dazu zu lernen…

14.8.2024: abstinent

„...und dann sagt er mir, dass ich das Geld für die Kaffeekasse nehmen soll und haut ab, dieses kleine Wiesel!“

Kopfschüttelnd vor Unglaube griff er sein Weinglas und nahm einen kräftigen Schluck des süßen Roten. Selbst, wenn das Erlebte nun schon ein paar Tage zurücklag, ärgerte es ihn noch immer maßlos; da konnte auch der gemütliche Abend bei einer guten Partie Schach nichts dran ändern. Eher im Gegenteil.

„Du bist“, gab ihm sein Gegenüber zu verstehen und mit fahriger Bewegung schob er seinen Bauer aufs neue Feld, um sich direkt im nächsten Zug von ihm verabschieden zu können. Es war nicht die erste Figur, die er in diesem Spiel bereits geopfert hatte und während ihn das gerade wenig interessierte, fiel es seinem Gegner umso mehr auf.

„Mein lieber Friedrich Karl Klimlau, so sehr ich es auch genieße, gegen dich zu gewinnen: Tu wenigstens so, als würdest du dir Mühe geben“.

Während der eine in stoischer Gelassenheit da saß und über seine Brillengläser hinweg zu seinem Kontrahenten schaute, entglitten dem die Gesichtszüge zu einer angewiderten Grimasse.

„Hatten wir uns nicht auf was geeinigt, Ernie?“, knurrte er und nahm einen weiteren Schluck, als sein Gesprächspartner ihm ein verschmitztes Lächeln schenkte.

„Oh, du hörst du mir ja tatsächlich noch ein wenig zu, Frido“, griff nun auch er nach seinem Glas, schwenkte es ein wenig und nippte dann daran, während er beobachtete, wie Frido Klimlau immer irritierter schaute.

„Du merkst gar nicht, dass sich unsere Gespräche in den vergangenen Wochen fast nur noch um diesen Studenten drehen, oder?“, stellte er das Glas ab, gab seinem Gegenüber mit einem Nicken zu verstehen, dass er wieder am Zug war und schob dann nach kurzem Überlegen eine eigene Schachfigur auf ihre neue Position.

„Stimmt doch gar nicht…“, murrte Frido Klimlau, während er feststellen musste, dass sein Weinglas plötzlich schon wieder leer war. Sein Blick huschte zwar zur Flasche, aber dann zögerte er doch, einfach nachzufüllen. Einerseits war der gute Tropfen nicht gerade billig gewesen und etwas, das man eigentlich genießen sollte. Andererseits lebte er zwar nicht unbedingt abstinent, aber selbst ihm fiel auf, dass er bereits zwei Gläser in recht kurzer Zeit geleert hatte und ein drittes so schnell hinterher gekippt nun vielleicht etwas viel wäre. Zwei gute Gründe also, sich zu mäßigen, obwohl sein Gaumen da anderer Meinung war.

„Ich bin Dozent, da darf man sich doch wohl noch Gedanken um seine Studenten machen! Aber was weißt du schon davon, Ernest? Dir waren ja die Lehrhauer im Krankenhaus schon zu viel… “, brummte er und verschränkte die Arme vor sich auf dem Tisch, nachdem er dieses Mal ohne Aufforderung seinen Zug getan hatte.

„Und nicht zu vergessen, dass ich in der Privatpraxis noch deutlich besser verdiene“, nippte Dr. Ernest Landers an seinem Glas und setzte seinen Springer auf das nächste Feld.

„Dieser eine Student beschäftigt dich aber ganz besonders, nicht wahr?“, fragte er dann und betrachtete seinen alten Freund in gut bekannter Manier über seine Brillengläser hinweg. Der schnaubte aus und zog die Stirn in Falten.

„Mir gefällt dein Unterton nicht..“, murmelte er und schaffte es endlich auch einmal, eine gegnerische Figur einzuheimsen.

„Und mir gefällt es nicht, wenn du mit deinen Gedanken lieber bei deinem Schnuckelchen bist, statt sie auf unser Spiel zu richten. Aber so ist das manchmal: Man kriegt nicht immer das, was man sich wünscht, nicht wahr?“, schlich es spitzzüngig in sein Ohr und jagte einen Ruck durch den Dozenten.

„Jetzt hör aber auf!“, sprang er vom Stuhl und haute die Hände auf die Tischplatte, dass davon die Spielfiguren wackelten.

„Ich mache mir ernsthafte Sorgen um den Jungen! Er hat kaum Unterstützung von zuhause und wenn doch mal was kommt, dann ist er zu stolz, um das anzunehmen. Fünfzig Euro! Das ist für viele Studenten ne Menge Geld und ich denke, für ihn erst recht! Ja, die Ohrfeige war nicht in Ordnung, aber ich hab der Mutter auch angemerkt, dass sie völlig überfordert war! Die gesamte Situation ist blöd gelaufen…“, schüttelte er den Kopf und ließ sich zurück auf den Stuhl sinken, als der Anflug von Wut mit jedem Wort mehr verebbte.

„Irgendwie muss ich ihm doch helfen können“, seufzte er aus und schob die nächste Schachfigur in die Fänge seines Gegners. Der allerdings überschlug die Beine, griff sich ein Käsehäppchen und zuckte leicht die Schultern.

„Schick ihm eine Dankeskarte, weil er uns die nächste Flasche Wein spendiert hat“, schmunzelte er und gab sich noch süffisanter, als sein Spruch ins Schwarze traf.

„Ich wollte deinen Rat, wie ich ihm das Geld zurückgeben und vielleicht sogar generell etwas unterstützen kann. Also erspar mir bitte diese blöden Kommentare!“, knurrte Frido Klimlau und schob fast schon trotzig die nächste Schachfigur von links nach rechts. Dieses Mal tat Ernest Landers es ihm nicht so schnell nach. Trotz der Gedankenlosigkeit war dieser Zug gar nicht so schlecht gewesen und er musste aufpassen, sich nicht ebenfalls zu viel von ihrem Geplauder ablenken zu lassen.

„Will er denn überhaupt deine Hilfe? Den Eindruck hab ich bisher eigentlich nicht…“, beugte er sich vor und betrachtete aufmerksam das Spielbrett. Seine Finger wanderten erst auf die eine Figur zu, um dann doch im letzten Moment die andere zu verrücken.

„Ich sag doch, der Junge ist zu stur… Er merkt gar nicht, dass er sich selbst schadet, wenn er so weiter macht“, murmelte Frido und schenkte sich doch noch ein Gläschen voll ein.

„Na, was?“, bemerkte er den spitzbübischen Ausdruck auf dem Gesicht seines Freundes und lehnte sich auf dem Stuhl zurück.

„Und hast du denn schon bemerkt, dass du ihn immer „den Jungen“ nennst?“, faltete er die Hände und lehnte sein Kinn darauf, um den Dozenten dann umso wachsamer zu beäugen. Der allerdings zuckte die Schultern und nahm den Fuß des Glases zwischen Zeige- und Mittelfinger, um es dann im Kreis über den Tisch zu führen.

„Wo ist das Problem?“

„Nun… volljährig ist er doch, oder?“, hakte Ernest nach und weidete sich an dem irritierten Blick seines Freundes.

„Natürlich. Er hat nach der Realschule erst zwei Ausbildungen gemacht, ehe er an die Kunsthochschule gekommen ist. Na gut, die erste als Klempner hat er nach einem Jahr abgebrochen, aber die zweite hat er beendet. Und nebenher in der Abendschule noch das Abi nachgeholt! Obwohl ich mir sicher bin, dass er auch durch Feststellung seiner besonderen Kunstfähigkeiten einen Studienplatz bekommen hätte. Aber vielleicht wusste er nicht, dass das möglich ist…“, führte er das Glas an seine Lippen und murmelte ein „Florist“, als Ernest ihn fragte, welche zweite Ausbildung Dominik denn gemacht habe. Bei dem, was er dann hörte, verschluckte er sich jedoch so sehr, dass er den Wein nur mit Mühe nicht über den gesamten Tisch hustete.

„Du stehst auf den Kleinen“, schnurrte Ernest und stand auf, um Servietten aus der Küche zu holen. Seinen Weg begleitete das leise Kichern über Fridos Empörung und Entrüstung.

„Sag mal, bist du bekloppt?!“, röchelte der und hustete gegen den Reiz in der Kehle an. Sein Kopf wurde beinahe so rot wie der Wein, den er sich teilweise über die Hose geschüttet hatte. Ernest zeigte sich davon jedoch wenig berührt.

„Das machst du immer. Wenn dir einer gefällt, von dem du denkst, dass er dir nicht gefallen sollte, hältst du ihn auf diese Weise auf Abstand. Erinnerst du dich noch an Paul?“, nahm er wieder Platz und tupfte die Spritzer ab, die doch seinen edlen Holztisch erwischt hatten.

„Was soll mit dem sein?!“, fragte Frido mit belegter Stimme und räusperte sich. Sein Freund lehnte sich zurück und überschlug die Beine – es konnte durchaus elegant und anziehend wirken, aber im Moment ging er Frido mit diesem Getue einfach nur auf den Geist.

„Als du damals erfahren hast, dass er vergeben war, war er plötzlich nur noch „Toms Freund“ – und genauso machst du es bei deinem Studenten jetzt auch. Gibst ihm einen Kosenamen, der nach einem Kind klingt, obwohl er mit seinen Zweiundzwanzig doch schon längst ein erwachsener Mann ist. Liegts am Altersunterschied von acht Jahren oder bist du dir zu fein, als hoch gelobter Dozent dem jungen Gemüse nachzustellen?“, faltete Ernest die Hände in seinem Schoß und tippte die Daumen gegen einander, während sein Freund die Fäuste ballte und vor Ärger offensichtlich keine Worte fand. Wenn das Schachspiel Ernest schon keine große Freude bereitete, dann tat es wenigstens dieses Spielchen...

„Oder willst du mir erzählen, dass du von all deinen Studenten so gut über ihren bisherigen Werdegang Bescheid weißt?“, deutete er dann mit gönnerhafter Geste zum Spielbrett und schmunzelte über Fridos Ärger, während der seinen Zug machte.

„Also erstens: Er ist dreiundzwanzig!", fand er endlich seine Sprache wieder, obwohl nur allzu offensichtlich war, dass er das Gespräch jetzt am liebsten beendet hätte. Doch den Triumph wollte er Ernest nicht geben - erst recht nach so einer Unterstellung!

"Und zweitens: Ja, ich hab tatsächlich auch die Lebensläufe der anderen gelesen, als ich in den Kurs gekommen bin! Weil ich wissen wollte, mit wem ich es zu tun habe und was sie bewegt hat, dieses Studium anzutreten!“, knurrte er und sah seinen nächsten Bauern vom Feld fliegen.

„Na schön, na schön, dann hab ich mich geirrt und du schenkst all deinen Studenten so viel Aufmerksamkeit. Ehrenhaft, durchaus, aber ein wenig überrascht es mich trotzdem. Er scheint ja doch ein wenig eigenbrötlerisch zu sein, nicht wahr? Warum setzt du dich dennoch so für ihn ein?“, legte Ernest den Kopf schief und stützte die Schläfe an seinen Fingerspitzen ab. Er konnte den Argwohn in Fridos Augen sehen und sich das Lachen nur schwer verkneifen.

„Na sag schon, ich zieh dich auch nicht mehr auf, versprochen“, lockte er ihn, als sein Zögern andauerte und er sogar vorzog, sich wieder mehr auf das Schachspiel zu konzentrieren, statt eine Antwort zu liefern. Ein wenig unschlüssig leckte Frido sich die Unterlippe und ließ den Blick aus dem Fenster gleiten. Bei einem kurzen Seitenblick zu Ernest musste der ihn nochmals mit einem seichten Nicken auffordern, ehe Frido endlich den Mund öffnete.

„Es ist nicht einfach nur sein Können…", brach er sein Schweigen und seufzte lang aus.

"Es ist die Hingabe, mit der er malt. Ihm zuzusehen… das ist so eine Freude! Wie viel Herzblut er in die Bilder steckt! Die Feinheiten und Details, die Motive und teilweise auch die Größe der Leinwände! Viele trauen sich da anfangs gar nicht dran, aber bei ihm sah es vom ersten Tag an so leicht aus, haben mir meine Kollegen erzählt! Es ist, als wären er, die Farbe und die Leinwand eins… Und dann... nun... Er sitzt mit so viel Erhabenheit an der Staffelei und führt den Pinsel mit solch einer Eleganz und Sicherheit, wie ich es selten erlebt habe. Du müsstest ihn mal sehen…“, murmelte er und betrachtete gedankenverloren sein Spiegelbild in der Fensterscheibe, bis ihm auffiel, dass von Ernest keinerlei Erwiderung kam.

„Bin ich dran?“, wendete Frido sich wieder dem Spiel zu und musste erkennen, dass Ernests Dame an der Stelle stand, an der zuvor noch sein König gethront hatte, während dieser niedergestreckt zu ihren Füßen lag.

"Oh...", murmelte er und hob den Blick zu Ernest, als der sich vorbeugte, um die Unterarme auf dem Tisch abzulegen. Er faltete die Hände und schaute seinem Freund fest in die Augen.

„Und, ehemaliger Jugendmeister im Schach? Willst du mir immer noch weismachen, dass du nicht in den Kleinen verschossen bist? Oder gehts grad mehr darum, dass du dir das selbst noch nicht eingestehen willst?“

15.8.2024: fabelhaft

Hausarbeiten – als Student hatte er sie gehasst und als Dozent waren sie ihm noch immer ein notwendiges Übel. Es gab in seinem Beruf wahrlich schönere Tätigkeiten, denen er deutlich lieber nachkam, aber letztlich konnten auch die Hausarbeiten ihre positiven und erheiternden Seiten haben. Unabhängig davon, dass sie ihm ein Spiegel waren, wie gut seine Studenten im vergangenen Semester seinen Vorträgen gelauscht und das vermittelte Wissen angenommen hatten, konnte er sich auch ein herrliches kleines Spiel aus dem Lesen der Texte machen: Errate den Studenten anhand der Art, wie die Arbeit geschrieben war. Bei größeren Studiengängen wäre das sicherlich ein Ding der Unmöglichkeit geworden und er hätte vermutlich nicht einmal die Namen und Gesichter all seiner Studenten gekannt. Bei der recht kleinen Anzahl wissbegieriger, kreativer junger Menschen, mit denen er zu tun hatte, war dieses Spielchen aber durchaus machbar. Wobei er sich gerade auch durch die vorliegenden Texte manches Mal eingestehen musste, dass nicht jeder seiner Hörer wissbegierig oder kreativ war, selbst, wenn er es sich selbst immer wieder gern als Hauptgrund für seine Arbeit einredete…

„Diese geschwollene Art zu schreiben.. das kann doch nur…“, murmelte er, während er gerade einmal die ersten beiden Seiten der neuesten Hausarbeit durchgelesen hatte und verbuchte einen weiteren Triumph, als der Blick auf die Titelseite ihm seine Vermutung bestätigte. Ja, genau der Name, den er als Autor im Sinn gehabt hatte! Es war schon interessant zu sehen, dass manche Studenten so schrieben wie sie redeten, manche hochgestochen und ausladend zu Werke gingen, während sie sich mündlich in den einfachsten Formen äußerten und andere problemlos ganze Vorträge aus dem Stehgreif halten konnten, aber schriftlich offensichtlich kaum die Seiten gefüllt bekamen.

Fabelhaft… da hat scheinbar jemand ein neues Lieblingswort gefunden, um es inflationär auf jede Seite zu werfen… Interessante Wahl. Wenns so weitergeht, mach ich n Trinkspiel draus“, schmunzelte er beim weiteren Lesen des Textes über sein eigenes Witzchen und hob mahnend den Zeigefinger, als von der Tür plötzlich ein leises Klopfen zu hören war.

„Moment…“, fiel seine Antwort an den Gast deutlich lauter als das Gemurmel mit sich selbst aus und er ließ die Hand wieder sinken, während er die aktuelle Passage beendete.

„Bin ich ja mal gespannt, wie das weiter geht…“, nuschelte er, schrieb ein, zwei Bemerkungen zur Erinnerung auf einen Notizzettel und klebte diesen an die Stelle, an der er aufgehört hatte, ehe er sich endlich seinem Besucher widmete.

„Ja, was gibts?“, zog er seine Lesebrille ab und hob den Blick zur Tür, um mit Erstaunen feststellen zu müssen, dass dort jemand stand, mit dem er zwar nicht gerechnet hatte, aber dessen Erscheinen eigentlich auch keine große Überraschung war.

„Haben Sie n Moment?“, lehnte Dominik geduldig an der Türzarge, den Rucksack aufgeschnallt und die Hände in die Tasche seines Hoodies geschoben. Sein ernster Gesichtsausdruck machte es immer etwas schwierig zu erkennen, was in seinem hübschen Kopf gerade vor sich ging.

„Natürlich. Bitte“, nickte Herr Klimlau und deutete auf einen der Stühle, die vor seinem Schreibtisch für Besucher parat standen. Schweigen kehrte ein, während Dominik sich von der Tür abstieß, sie schloss und doch etwas zögerlich auf seinen Dozenten zu ging. Mit jedem Schritt wurde die kleine Falte zwischen seinen Augenbrauen tiefer und ihm war anzusehen, dass er nach den richtigen Worten zu suchen schien. Er zog einen Briefumschlag aus seiner Tasche – einst glatt und faltenfrei, aber nun, nachdem er wohl den gesamten Weg über in der Bauchtasche geparkt gewesen war, etwas zerknittert. Beschriftet war er nicht und doch wusste Herr Klimlau sofort, worum es ging. Er faltete die Hände vor sich auf dem Tisch, während er Dominik dabei zusah, wie er den Umschlag öffnete und etwas herauszog.

„Meine Familie kennt meine Adresse nicht. Und Sie sind der Einzige, der den Streit mit meiner Mutter mitbekommen hat, soweit ich weiß…“, schaute Dominik noch ein paar Sekunden nachdenklich auf den Geldschein, den er hervorgeholt hatte, ehe er ihn mitsamt Umschlag auf den Tisch legte und seinen Blick an den Dozenten heftete. Anstalten, sich zu setzen, machte er keine.

„Sie haben mir den in den Briefkasten geschmissen, oder?“, schob er beide Hände in seine Bauchtasche und beobachtete ansonsten regungslos sein Gegenüber. Herr Klimlau hob die Augenbrauen ein Stück weit und sein Zeigefinger begann zu zucken. Er atmete tief durch, während er seinen Blick vom Umschlag zum Gesicht seines Studenten hob und sich langsam gegen seine Rückenlehne sinken ließ.

„Stimmt. Ich hatte sogar kurz überlegt, im Sekretariat nach Ihrer Bankverbindung zu fragen, um es Ihnen auf die Weise zukommen zu lassen, aber letztlich wohnen Sie nur ein paar Kilometer von mir entfernt und das war dann doch die einfachere Lösung“, gab er zu, wobei Dominiks kurzer Seitenblick auf den Stapel mit Hausarbeiten verriet, dass er genau wusste, wie sein Dozent sich die Adresse besorgt hatte: Als pflichtbewusster Student schrieb er sie ja immer selbst mit auf den Titel.

„Ich geb allerdings auch zu, dass ich nicht unbedingt damit gerechnet hatte, Sie jetzt hier stehen zu haben“, fügte Herr Klimlau an, der Ernests Bemerkung über die Dankeskarte für den Wein im Nachgang doch noch als recht hilfreich empfunden hatte und sich jetzt aber zunehmend fragte, ob er sich damit wirklich einen Gefallen getan hatte. Denn auch wenn der junge Mann seine Emotionen nur ungern preisgab, war nicht zu übersehen, dass er alles andere als begeistert wirkte. Seine Augen schmälerten sich und seine Lippen bildeten nur noch eine dünne Linie.

„Ich hab gesagt, dass ich das Geld nicht will!“, zischte er und spannte sich merklich an. Herr Klimlau seufzte aus und erhob sich von seinem Stuhl.

„Dominik…“, ging er um den Tisch, aber der Student unterbrach ihn.

„Sind Sie mit meiner Arbeit unzufrieden?“, fragte er ihn in gemäßigtem Ton und brachte seinen Dozenten damit ins Stocken.

„Wie? Nein… nein, ganz im Gegenteil!“, antwortete Herr Klimlau verdattert und musste kurz schmunzeln, als ihm selbst dabei das Wörtchen fabelhaft über die Lippen glitt.

„Ich denke, Sie wissen, dass wir alle Ihr Können sehr Schätzen, Dominik“, sagte er und legte dem Studenten die Hand auf den Arm, nur, um sie nach einem vielsagenden Seitenblick sogleich wieder weg zu ziehen.

„Und stör ich den Unterricht? Bezahl ich meine Studiengebühren nicht rechtzeitig oder gibt es sonst irgendwas an meinem Verhalten zu bemängeln?“, warf Dominik weitere Fragen in den Raum, die seinen Dozenten zunehmend zum Stutzen brachten.

„Nein, nicht, dass ich wüsste… Sie könnten sich mündlich manchmal etwas mehr beteiligen, aber wenn Sie etwas beitragen, hat es immer Hand und Fuß. Genau wie Ihre schriftlichen Arbeiten“, murmelte Herr Klimlau nachdenklich und betrachtete den Stapel mit Hausarbeiten, während er sich an seinen Tisch lehnte. Als er Dominik wieder anschaute, nickte der langsam und bedächtig, als wäge er jedes der folgenden Worte genauestens ab.

„Dann erklären Sie mir jetzt mal eins: Wenns da überall nichts zu beanstanden gibt, warum nehmen Sie sich dann das Recht raus, sich in meine privaten Angelegenheiten einzumischen?“. Stechend fixierten seine Augen die seines Dozenten, der sich fragte, ob es wirklich aussprechen musste.

„Ihre Mutter hat recht: solange ich Sie kenne, waren Sie zwar immer schlank, aber in der letzten Zeit sind Sie regelrecht abgemagert. Und jetzt erzählen Sie mir bitte nicht, dass das Absicht wäre, weil Sie sich zu dick gefühlt hätten. Dann würden Sie wohl kaum bei der Ausstellungsfeier heimlich was vom Buffet einpacken, oder?“, schmerzte es ihn, seine Beobachtungen auszusprechen, aber der winzige Augenblick, in dem Dominik die Gesichtszüge entglitten, zeigte, wie richtig er lag.

„Meine Figur geht Sie gar nichts an!“, hatte er sich jedoch schnell wieder im Griff.

„Und was das Obst betrifft: Als ich zwei Tage später noch mal in der Ausstellung war, stand das immer noch da! Wärs besser, alles vergammeln zu lassen?!“, zischte er und Herr Klimlau erkannte, dass er vor Wut beinahe zitterte. Er selbst schüttelte den Kopf und hob hilflos die Hände.

„Dominik, seien Sie doch nicht so stur. Ich kann ja verstehen, dass Sie zu Ihrer Familie lieber auf Abstand gehen… nach dem, was ich neulich gesehen und gehört habe… aber deshalb sollten Sie nicht jegliche Unterstützung ablehnen, die man Ihnen anbietet“, zuckte Herr Klimlau die Schultern und überlegte, ob er noch einmal den Kontakt zu Dominik suchen sollte, während der so aufgebracht vor ihm stand, den Blick zu Boden gerichtet und von einem Bein aufs andere wippend. Doch er wollte nicht noch einmal eine Grenze übertreten, also ließ er seine Hände nur wieder sinken und stützte sie neben sich auf der Tischplatte ab. Vielleicht war es besser, dem jungen Mann einfach nur die Zeit zu geben, die er gerade brauchte. Viele Gedanken schossen Herrn Klimlau durch den Kopf, doch keiner kam auch nur annähernd an das heran, was Dominik dann sagte, als er den Mund wieder öffnete.

„Sie werdens also nicht lassen, stimmts?“, fragte er plötzlich und betrachtete den verdutzten Ausdruck seines Dozenten.

„Ich meine, sich einzumischen. Im Endeffekt ist es egal, was ich sage, Sie machen weiter, oder?“, wurde er konkreter und schnaufte aus, als sein Dozent sich ertappt räusperte und die Arme vor der Brust verschränkte.

„Ich… ich finde als Dozent hat man auch eine… eine gewisse Fürsorgepflicht seinen Studenten gegenüber…“, murmelte er fast kleinlaut und verdrängte dabei das Gespräch mit Ernest, das sich jetzt penetrant in seinen Kopf schob. Nein, er war einfach nur ein guter Dozent, mehr nicht, schalt er sich im Stillen und konnte den Augenkontakt zu Dominik dennoch nicht aufrecht halten. Fast hoffte er, dass der Student jetzt wieder einmal davon stürzen würde, doch stattdessen blieb er fest und entschlossen vor ihm stehen.

„Na schön, dann erleichtere ich Ihnen die Sache“, sagte er und noch während Herr Klimlau sich fragte, was diese Worte nun wieder zu bedeuten hatten, spürte er Dominiks zarte Hand an seinem Hinterkopf und seine rauen Lippen auf den eigenen. Es durchzog ihn wie ein Blitz, aber als er die Situation gerade so weit begriffen hatte, dass er sich entscheiden konnte, ob er darauf eingehen wollte, war sie auch schon wieder vorbei.

„Bitteschön. Jetzt können Sie mich in Zukunft guten Gewissens in Ruhe lassen. Gern geschehen“, ließ Dominik ihn los und wendete sich zum Gehen, aber Herr Klimlau griff reflexartig seinen Arm und starrte ihn verständnislos an.

„Was… was sollte das?“, stotterte er und schluckte, weil sein Inneres so in Aufruhr geriet. Dominik aber schenkte ihm ein Lächeln, bei dem er nicht sicher war, was es zu bedeuten hatte.

„Nichts für ungut… ich dachte anfangs ja, dass Sie auch vom andern Ufer wären, aber dann hab ich Sie letzte Tage mit ihrer kleinen Familie gesehen und gemerkt, dass Sie echt so was von nicht schwul sind. Ist zwar nett, dass Sie mir nicht gleich Eine reingehauen haben, aber wir wissen doch beide, wie die meisten Männer reagieren, wenn ihnen ein Schwuler zu nahe kommt. Von daher haben Sie jetzt ja n guten Grund, mir künftig aus dem Weg zu gehen…“, konnte er sich mit Leichtigkeit aus dem Griff seines Dozenten befreien, als dessen Hand kraftlos hinab sank und er seinen Studenten nur noch entgeistert anstarrte. Fast wie durch einen Nebel hörte Herr Klimlau, dass Dominik ihm noch einen schönen Tag wünschte, während er zur Tür ging. Doch als der junge Mann zur Klinke griff, hatten sich die Geister seines Dozenten wieder genug geregt, dass er mit wenigen Schritten hinter ihm stand und die sich öffnende Tür kraftvoll wieder zuknallte.

„Jetzt pass mal auf, du provokantes Früchtchen!“, war es dieses Mal er, der einen verwunderten Blick erntete, während er drohend mit dem Finger auf seinen Studenten zeigte.

„Ich bin nicht deine Mutter! Solche Spielchen lass ich nicht mit mir machen, hast du mich verstanden?! Du willst keine Hilfe? Na schön! Aber überleg dir mal ganz genau, wo das mit deinem falschen Stolz noch hingehen soll! Wenn deine Familie dich nicht unterstützt, solltest du dir wo anders Leute suchen, die für dich da sind! Früher oder später wirst auch du mal jemanden brauchen! Hör auf dich darauf auszuruhen, dass du ein guter Maler bist und mach dir langsam mal Gedanken darüber, ob du weiterhin alle Menschen von dir schieben willst! Und damit mein ich nicht nur mich! Seit Wochen sonderst du dich ab und selbst in den Pausen hockst du lieber allein irgendwo rum, statt wenigstens die Zeit weiterhin mit Susi zu verbringen! Wenn du so weitermachst, stehst du irgendwann ganz allein da! Und das hier...“, haute er ihm den Geldschein gegen die Brust, dass Dominik ihn vor Überraschung tatsächlich festhielt „… ist mir scheißegal, was du damit machst! Stell dich von mir aus auf die nächste Brücke und schmeiß es in den Fluss, aber nimm es mit! Es gehört mir nicht und ich will es auch nicht!“, schnaubte er aus und griff die Türklinke, ehe seine Gefühle noch mehr zutage brachen.

„Und jetzt hau ab!“, entließ er den jungen Mann dann schließlich unter mahnenden Blicken aus seinem Zimmer, um die Tür anschließend lauthals wieder hinter ihm zu schließen. Doch dann sackte Herr Klimlau in sich zusammen. Kaum hatte er seinem Ärger Luft gemacht, fühlte er sich schwach und kraftlos. Mit schweren Schritten schleppte er sich zu seinem Schreibtisch und ließ sich in seinen Stuhl sinken. Fahrig rieb er sich über das Gesicht, schüttelte langsam den Kopf und betrachtete die Bäume vor seinem Fenster. Und das, nachdem er sich fast auf den Kuss eingelassen hätte…

16.8.2024: illuminieren

So schnell konnten sich die Dinge ändern: Vor fast einer Woche hatte er sich noch darauf gefreut, dass das Abhängen der Bilder im Ausstellungsraum auch das baldige Ende der Semesterferien ankündigte und nun war er froh, noch gute vierzehn Tage mit der Rückkehr des regulären Studienbetriebs verschont zu bleiben. Dominik gehörte zwar leider zu den wenigen Studenten, die selbst in den Ferien beinahe täglich in der Hochschule vorzufinden waren, aber die Aufeinandertreffen gestalteten sich dabei glücklicherweise immer als recht kurz und beinahe schon vorhersehbar. Wenn Herr Klimlau am Vormittag den Campus betrat, war der junge Mann für gewöhnlich noch nicht zu sehen. Erst ab dem Nachmittag entdeckte er ihn dann im Atelier, wenn er selber das Gebäude für ein bis zwei Stündchen für eine Pause verließ und bei seiner Rückkehr nochmals kurz einen Blick auf Dominiks Rückansicht warf. Natürlich fiel ihm dabei auf, dass sein Student seit des gemeinsamen Vorfalls scheinbar keinen Pinselstrich mehr auf die Leinwand bekam. Vorher hatte es kaum mal einen Moment gegeben, in dem er Dominik nicht eifrig an Vorzeichnungen oder der Ausarbeitung seiner Bilder vorgefunden hatte. Manchmal war es ihm so vorgekommen, als hätte der junge Mann einen schier unerschöpflichen Vorrat an Ideen, die er auf Knopfdruck abrufen konnte, sobald er vor einem freien Fetzen Papier oder Stoff saß. Doch nun war er plötzlich ein ganz normaler Künstler, der auch mal nichts mit der weißen Leinwand anzufangen wusste und nur tatenlos da saß, um sie anzustarren – über Stunden und inzwischen sogar Tage hinweg. Ja, Herr Klimlau machte sich so seine Gedanken darüber; erst recht, als er an diesem Nachmittag einen zwischenzeitlichen Abstecher zur Bibliothek machte und dabei feststellte, dass das Atelier noch leer war.

„Na ja, sonst geh ich auch immer erst zwei Stunden später hier lang...“, warf er einen Blick auf seine Uhr und ärgerte sich im nächsten Moment darüber, dass seine Überlegungen doch wieder um den Lockenkopf schwirrten. Schluss! Blick nach vorn und ab in die Bibliothek! Genervt über sich selbst schob er die Hände in die Hosentaschen und stapfte weiter, um dann im Treppenhaus einen Schreck zu bekommen, als besagter junger Mann ihm dort entgegen kam. Die letzten Tage über seinen Rücken zu sehen war eine Sache gewesen, aber jetzt in sein Gesicht zu blicken, eine andere. Herr Klimlau spürte, wie sich seine Kiefer aufeinander pressten und alle Muskeln sich anspannten, als wollten sie einen Panzer um sein verletzliches Herz bilden. Er reckte das Kinn ein wenig mehr und presste ein kurzes „Tag“ heraus, unterstrichen von einem knappen Nicken, als er an dem jungen Mann vorbei ging. Und zwei Sachen musste er sich dabei eingestehen: Erstens war er gerade stolz auf sich selbst und zweitens konnte er die leichte Genugtuung nicht verleugnen, die ihm Dominiks jetziger Anblick dann doch brachte. Denn anders als sonst schien er nicht gefasst und unnahbar, sondern beinahe erschrocken, seinen Dozenten zu sehen. Unsicherheit lag auf seinem Gesicht und in seiner Stimme, als er mit einem leisen „Hallo…“ antwortete und im Augenwinkel war Herrn Klimlau sogar so, als würde Dominik ihm kurz hinterher schauen.

Hoffentlich…, dachte er sich ...ist er wirklich mal ans Überlegen gekommen. Dennoch war er auch froh, sich in der kommenden halben Stunde in der Bibliothek abzulenken.

„Mittelalterliche Handschriften… ich bin sehr gespannt, wer von ihnen mit dem Wörtchen illuminieren bereits was anfangen kann…“, hatte er die gesuchte Lektüre zur Vorbereitung auf das kommende Semester schnell gefunden und machte es sich erst einmal damit auf einem Sessel gemütlich, statt sogleich zu seinem Büro zurückzukehren.

„Die Buchmalerei ist schon ein interessantes Feld…“, murmelte er bei der Betrachtung der Bilder und schaffte es doch nicht, seine Gedanken mehr als ein paar Minuten am Stück auf die Literatur zu richten. Immer wieder gingen sie auf Wanderschaft, bis er sich schließlich dazu entschied, es ihnen gleich zu tun und in sein Büro zurück zu kehren. Vielleicht half der kleine Spaziergang ja, um den Kopf wieder freier zu bekommen, selbst wenn er genau wusste, dass er ihn unweigerlich auch am Atelier vorbeiführen würde. Schon von weitem zu sehen, dass die Glastür verschlossen war, nahm ihm dabei die erste Last von den Schultern, denn das bedeutete, dass Dominik zumindest nicht mehr durchs Gebäude geisterte. Und dann sah Herr Klimlau auch, dass der junge Mann, wie erwartet, wieder vor der Staffelei saß. Kein plötzliches aufeinander Stoßen also, dachte er sich, und konnte dieses Mal trotzdem nicht einfach an dem Raum vorbeigehen. Denn auch, wenn vieles den Anschein der vergangenen Tage trug – die weit aufgerissenen Fenster wegen des Geruchs der Ölfarben, die unberührte Palette und Farbensammlung zu Dominiks Rechten, die nur darauf warteten, dass der junge Mann sie ergriff – war etwas anders: Die Art, wie der Student dort vor seiner Staffelei saß. Ein Beben schüttelte seinen Körper, während er die eine Hand in sein Hosenbein krallte und sich die andre vors Gesicht presste. Er krümmte sich, raufte sich die Haare und schien doch keine Position zu finden, die ihm den Schmerz etwas erträglicher machte. Herr Klimlau spürte bei diesem Anblick ein Stechen in der Brust und trotzdem entschied er sich dagegen, die ergriffene Türklinke wirklich runter zu drücken. Nein, jeder Künstler hatte einmal mit Blockaden zu kämpfen und vielleicht war es an der Zeit, dass auch Dominik dieses Gefühl kennenlernte und selber einen Weg fand, um sich daraus zu befreien – auch, damit er für die Zukunft wusste, wie er damit umgehen musste. Also zog Herr Klimlau sich zurück in sein Büro, arbeitete mehr schlecht als recht sein Buch durch und war froh, als sein Magen sich pünktlich gegen achtzehn Uhr meldete. Endlich hatte er wieder einen Grund, das Zimmer zu verlassen und einen zufälligen Blick ins Atelier zu werfen. Und um festzustellen, dass sich doch wieder alles zum Guten zu wenden schien. Unwillkürlich legte sich ein leichtes Lächeln auf seine Lippen, als er sah, dass Dominik in gewohnter Manier vor der Leinwand saß, in gezielten Strichen eine Skizze anfertigte und bereits die Farben so sortiert neben sich stehen hatte, wie er sie im weiteren Verlauf brauchte. Ein Portrait sollte es scheinbar werden, auch, wenn noch nicht allzu viele Details zu erkennen waren und außerdem fiel dem Dozenten auf, dass sein Student neue Kopfhörer trug. Hatte er also vielleicht doch einen Weg gefunden, sich mit dem verhassten Geld seiner Mutter anzufreunden?

„Wär ja wünschenswert, wenn das Ganze am Ende wenigstens einen kleinen positiven Effekt hätte…“, murmelte Herr Klimlau und ging die kommenden zweieinhalb Stunden seiner Wege, denn dieses Mal begleitete ihn ein Mischmasch aus Gefühlen, die sich nicht recht einig werden wollten, ob er Dominiks Anblick an diesem Abend noch einmal ertrug oder einfach mal etwas früher nach hause ging.

Am Ende fand er sich dann aber doch wieder im altbekannten Flur wieder. Zu groß war die Neugierde, mit welchem Motiv der junge Mann seine Durststrecke überwunden hatte und noch größer der Schreck, als Herr Klimlau die Tür des Ateliers erreichte.

"Ist das dein Ernst...?", keuchte er aus und schnappte nach Luft. Wie ein Schlag in die Magengrube traf es ihn, sich in die eigenen Augen zu blicken und trotzdem brauchte er einen Moment, um es zu realisieren. Noch war das Gemälde nicht fertig, aber schon jetzt ließ sich unverkennbar sehen, dass Dominik ausgerechnet ihn malte. Besonders, wenn der Student sich zur Seite beugte, um weitere Farbe zu greifen und damit die Sicht noch mehr auf die Staffelei preisgab, bestand keinerlei Zweifel mehr. Ernst blickte sein Konterfei drein, wirkte angespannt aber auch verletzt. War das sein Gesichtsausdruck gewesen, als er Dominik nach dem Kuss die Leviten gelesen hatte? Wie gebannt blieb er an der Tür stehen und vergaß jegliche Zeit um sich herum, während der Künstler wie besessen an seinem Ölportrait arbeitete. Noch getriebener als sonst ging er zu werke, fast so, als säße ihm der Leibhaftige im Nacken. Erst, als nur noch der Hintergrund und die letzten Feinheiten fehlten, nahm er sich einen kurzen Moment um durchzuatmen, aufzustehen und den schmerzenden Nacken zu bewegen. Er trat zur Seite, um zwei Farbtuben zu greifen und scheinbar abzuwägen, welche er für den Hintergrund nehmen wollte und gab damit erstmals den Blick auf sein Werk vollends frei.

„Mein Gott…und das nur aus dem Gedächtnis heraus…?“, flüsterte Herr Klimlau und konnte die Genauigkeit kaum fassen, mit der er abgebildet worden war. Wie gut musste der junge Mann ihn in den vergangenen Wochen und Monaten beobachtet und studiert haben? Fassungslos legte er sich eine Hand an den Mund, um jeden Laut zu unterdrücken und den Künstler nicht noch auf sich aufmerksam zu machen. Er musste das Gespräch mit Dominik suchen, aber erst, wenn der mit seiner Arbeit fertig war! Also geduldete Herr Klimlau sich, während sein Student einen größeren Pinsel griff, grob ein Bordeauxrot auf dem Hintergrund des Portraits verteilte und dann einige Schritte zurücktrat, um das Ergebnis zu betrachten. Der Dozent fand die Farbe nur allzu passend; sie unterstrich bereits jetzt sein Antlitz perfekt. Aber sah der Künstler es auch so? Scheinbar nicht, denn langsam begann er den Kopf zu schütteln. Herr Klimlau fragte sich, welche Farbe er stattdessen nehmen wolle, aber Dominik machte gar keine Anstalten, eine andere zu greifen. Vielmehr glitt ihm der Pinsel aus der Hand und je länger er sein Bild anschaute, desto stärker zuckten seine Schultern.

"Was..?", murmelte Herr Klimlau und fuhr zusammen, als ein markerschütternder Schrei aus dem schmächtigen Körper herausbrach. Unwillkürlich wich der Dozent einen Schritt zurück, während Dominik auf die Knie sackte und begann zu schluchzen. Wie ein Häufchen Elend robbte er zur Staffelei, bis sie nah genug war, um die Hand auf die noch nasse Farbe zu legen und Frido Klimlau war davon so überfordert, dass er nichts weiter tun konnte, als die Szene anzustarren.

Er konnte genau sehen, wie Dominik erst von Trauer geschüttelt wurde und dann in Panik verfiel, als er auf die große Uhr an der Wand blickte, die schon längst den nächsten Tag verkündete. Das verzweifelte Streicheln der Leinwand zeigte, dass es ihm das Herz zerriss, das Bild zu zerstören, aber noch größer schien die Angst, dass irgendjemand es zu Gesicht bekommen könnte. Also griff er plötzlich wie von Sinnen die schwarze Farbe, spritzte sie direkt aus der Tube auf die Leinwand und begann sie mit den Händen darüber zu verteilen. So blindwütig, wie er das Gesicht seines Dozenten vorher gemalt hatte, tat er jetzt alles dafür, um es wieder zu verbergen. Immer wieder trat er zurück, um sich zu versichern, ob noch etwas zu erkennen war und ließ selbst dann nicht nach, als alles überdeckt war. In seinem Wahn griff er zum Schluss sogar das Glas mit Terpentin, in dem er die Pinsel reinigte und kippte es auf die Leinwand. Erst dann sackte er keuchend auf den Sattelhocker und ließ den Kopf erschöpft nach vorn sinken. Tief atmete er durch und strich sich mit dem Unterarm die Locken aus dem Gesicht, ohne, dass sie an ihrer neuen Position verharren wollten. Alle Energie schien aus ihm verschwunden. Er betrachtete seine verschmierten Hände und das leere Glas in der Rechten, um es dann mit einer schwerfälligen Bewegung zurück auf den Tisch zu stellen. Doch dabei war sein Schwung zu groß und die Kontrolle über den eigenen Arm zu klein. Kurz schrie er auf, ehe er die Hand an sich riss und fassungslos auf die Scherben darin starrte. Aber noch größer war sein Schock, als Herr Klimlau plötzlich in den Raum platzte und auf ihn zu lief.

„Was machen Sie denn hier?!“, schrie der junge Mann aufgelöst, während er am ganzen Körper zitterte und wirkte, als würden ihn jeden Moment auch noch die restlichen Kräfte verlassen.

„Um Himmels Willen!“, umfasste Herr Klimlau sofort das Handgelenk, um die Hand genauer betrachten zu können, während sein Student krähte, warum er noch da sei.

„Sie sind doch heut Nachmittag schon gegangen!“, rief er aus und ließ sich in seiner Überforderung dennoch bereitwillig von seinem Dozenten zum Waschbecken führen.

„Ich war nur kurz was essen… Los, rüber da, wir müssen das auswaschen!“, hielt Frido Klimlau weiter das Handgelenk, damit Dominik die Wunde nicht noch durch eine unbedachte Bewegung irgendwo anders anhauen konnte und legte ihm den freien Arm um die Taille, um ihn notfalls auffangen zu können.

„Können Sie stehen?“, schob er ihn ans Waschbecken, drehte den Hahn auf und stellte sich so dicht hinter ihn, dass seine Brust Dominiks Rücken berührte.

„Alles voller Ölfarbe… schöne Schweinerei! Da können wir doch nicht mit Seife dran...“, murrte er und hielt Dominiks Wunde unter den Wasserstrahl. Der zuckte zusammen und wollte die Hand wegziehen, aber sein Dozent hielt ihn davon ab.

„Ja, ich weiß, tut weh, aber wir müssen das jetzt möglichst gut auswaschen. Und zieh bloß nicht die feststeckenden Scherben raus! Was von selbst raus kommt, ist gut, den Rest sollen die Ärzte gleich im Krankenhaus machen!“, atmete er tief durch, während er sich befahl, jetzt die Ruhe zu bewahren. Es reichte schon, dass einer von ihnen gerade das totale Nervenbündel war!

„Haben Sies gesehen?“, hörte er Dominiks brüchiges Stimmchen und fühlte, dass der junge Mann noch immer wie Espenlaub zitterte.

„Das Bild! Haben Sies gesehen? Wie lang haben Sie da schon gestanden?!“, wurde er energischer, als er keine Antwort erhielt und Herr Klimlau ihm stattdessen die Ärmel hochkrempelte.

„Halt die Hand da drunter! Und gib die andere her, die kann ich wenigstens richtig waschen“, wollte der Dozent die Seife greifen und musste aber erst mal seinen Studenten festhalten, als der ruckartig zur Seite wich. Wie gut, dass er ihn eh schon halb im Arm hielt!

„Heh!“, hob er erstmals den Blick zu Dominiks Gesicht und sah mit vollem Bewusstsein dessen Blässe und die vor Angst geweiteten Augen.

„Sie habens gesehen, oder?“, flüsterte der fast atemlos, ehe ihm die Röte bis in den Haaransatz kroch und er nochmals versuchte los zu kommen.

„Schluss jetzt! Deine Hand ist grad wichtiger!… Dominik! Beruhig dich! Nein, du gehst jetzt nicht nach hause! Wir waschen das jetzt aus und dann bring ich dich ins Krankenhaus!“, zog Herr Klimlau den zappelnden Studenten an sich und war in diesem Moment sogar ein wenig froh darüber, dass er nicht nur einen halben Kopf kleiner, sondern auch deutlich schmaler als er selbst war. So konnte er ihn wenigstens festhalten, bis er sich wieder etwas beruhigte und aufhörte zu kämpfen.

„Denk an deine Hand… du willst doch weiterhin malen können, oder? Ich weiß, du hast Angst und das ist grad alles ein bisschen viel, aber lass mich dir helfen… wir kriegen das schon hin“, sprach er beruhigend auf ihn ein und lockerte langsam den Griff, als er spürte, dass die Gegenwehr abnahm.

„Hier… schön auswaschen… und die andere machen wir auch sauber“, fasste er Dominiks linke Hand, seifte sie ein und wusch sie sanft zwischen seinen eigenen Fingern, während er das Kinn auf Dominiks Schulter ablegte. Angesichts der Situation empfand er es als schäbig so zu denken, aber trotzdem genoss er diese Nähe auch ein wenig. Das weiche Haar an seiner Wange, der pudrige Duft von Dominiks Kleidung und Deo. Er musste schlucken, weil ihm all das ein Kribbeln durch den Körper jagte. Reiß dich zusammen!

„Tut mir leid…“, riss Dominiks Flüstern ihn aus seinen Gedanken und auch wenn er das Gesicht abwendete, wusste Frido Klimlau genau, wie es darin aussah.

„Das war ein Unfall… schlimm genug, aber dafür brauchst du dich wirklich nicht entschuldigen“, antwortete der Ältere sanft, während er die verletzte Hand etwas beiseite schob, um die andere unter dem Wasserstrahl abzuspülen. Doch Dominik schüttelte den Kopf.

„Ich mein den Kuss…“, wisperte er und brachte seinen Dozenten damit kurz ins Stocken.

„Ich hätte Sie nicht so überrumpeln dürfen“, murmelte er und schloss die Augen, als er spürte, wie der Andere das Kinn von seiner Schulter nahm, um sich aufzurichten.

„Das mit dem Überrumpeln hast du wirklich drauf“, raunte Frido Klimlau ihm ins Ohr und sein leichtes Kichern brachte Dominik eine Gänsehaut.

„Hören Sie doch endlich auf, so nett zu mir zu sein…“, flüsterte er und würgte den dicken Kloß in seiner Kehle runter, ehe er gebeten wurde seinen Dozenten anzuschauen. Nur zögerlich kam der junge Mann dieser Aufforderung nach.

„Die Frau mit der du mich gesehen hast…“, betrachtete Frido die verquollenen Augen und feuchten Wangen „… das war meine Schwester. Und das kleine Mädchen ist meine Nichte“. Dominiks Augenbrauen zogen sich zusammen und er schien das Gehörte nicht recht glauben zu können.

„Sie hat sich vor ein paar Wochen von ihrem Mann getrennt und ist erst mal zu mir gezogen. Deshalb auch… mein Dreitagebart, der unter euch Studenten so für Aufsehen gesorgt hat. Ne Zweijährige kann einen ganz schön auf Trab halten!“, schmunzelte Herr Klimlau und nahm einige Papierhandtücher, um Dominiks unversehrte Hand zu trocknen.

„Und dein erster Eindruck von mir…“, suchten seine Augen wieder die des Studenten.

„...als Jugendlicher hab ich es mal mit der Damenwelt versucht, aber sofort gemerkt, dass das einfach nichts für mich ist. Ich bin schwul und ich steh dazu. Nur muss ich das ja nicht gleich vor meinen Studenten ausbreiten oder sonst wie an die große Glocke hängen. Wozu auch? Die Heteros rennen für gewöhnlich ja auch nicht mit Infotafel um den Hals rum“, wurde das Schmunzeln zu einem Grinsen und ging in ein seichtes Lachen über, als Dominik verständnislos den Kopf schüttelte.

„Soll das n Scherz sein? Ist das grad ne Art Retourkutsche von Ihnen?“, stammelte er und ließ es trotzdem bereitwillig zu, als sein Dozent eine Hand an seine Wange legte. Unsicherheit und Sehnsucht lagen nah beieinander.

„Über so was mach ich keine Witze. Und erst recht nicht in so einem Moment, Dominik“, antwortete Frido Klimlau ernst und doch sanft, während er sich vorbeugte und nur darauf wartete, dass der junge Mann sich enger an ihn schmiegte, um zu zeigen, dass auch er den Kuss wünschte. Für einen Moment waren die Schmerzen und Ängste vergessen, während sie beide die Augen schlossen, Dominik seine zarten Finger kühl vom Wasser an Frido Klimlaus Unterarm legte und der ihn im Gegenzug fester an sich zog. Immer noch hatte der junge Mann raue Lippen und trotzdem schmeckten sie gut und nach mehr. Aber es wurde auch Zeit, sich der Realität zu stellen. Also überwand Frido sich und trat einen Schritt zurück, während er seine Gedanken zurück aufs Wesentliche brachte.

„Wir sollten dich jetzt endlich zum Arzt bringen“, räusperte er sich und hoffte, dass der Herzschmerz das größtes Problem gewesen sein sollte.

17.8.2024: Haferkakao

„Onkel Friiidoo!“

Im ersten Moment riss er die Augen auf, um im nächsten zu merken, wie sie ihm fast wieder zufielen.

„Oh Gott…“, murmelte er und rieb sich das Gesicht, während er es irgendwie schaffte, sich auf die Seite zu rollen und hinzusetzen. Draußen vor der Tür hörte er zwar schon seine Schwester, die ihre Tochter bat leiser zu sein, aber dafür war es jetzt auch zu spät. Zumal die Kurze auf ihrem gewohnten Tagesablauf bestand.

„Aber ich muss doch Tschüss sagen!“, protestierte sie, um dann fast in einen Heulkrampf auszubrechen, als ihre Mutter versuchte, sie von der Wohnzimmertür weg zu holen.

„Ich komm ja schon, ich komm ja schon…“, murmelte Frido Klimlau und bewegte sich – so gut er nach dieser viel zu kurzen Nacht gerade dazu fähig war – zur Tür, um die Katastrophe möglichst noch abzuwenden. Beim Griff zur Klinke hielt er allerdings kurz inne. Ach ja, seit die beiden eingezogen waren, sollte er ja nicht nur den Klodeckel runter klappen, sondern auch seine Vorliebe für die eigene Nacktheit auf sein „Schlafzimmer“ beschränken. So ganz war ihm das noch nicht in Fleisch und Blut über gegangen, aber glücklicherweise hatte er nicht nur sein Schlafquartier ins Wohnzimmer ausgelagert, sondern auch den Platz im Kleiderschrank geräumt. Also war es ihm jetzt ein Leichtes, eine frische Boxershorts zwischen den Wein- und Brandyflaschen aus der Wohnzimmerkommode hervorzukramen und dann wohl gekleidet in den Flur zu treten.

„Guten Morgen, Spätzchen“, schloss er die Tür hinter sich und schmunzelte, als er seine Nichte sogleich am Bein hängen hatte.

„Hoooch!“, befahl sie und er tat, wie ihm geheißen.

„Morgen Juli“, gab er seiner Schwester einen Kuss auf die Stirn, als die mit Handtasche und Kinderrucksack bepackt aus der Küche flitzte, während seine Nichte jauchzte, weil ihr die Aussicht von seiner Schulter aus so gut gefiel.

„Tut mir leid, hat sie dich geweckt?“, fragte die ältere der beiden Damen und schenkte ihrem Bruder ein schiefes Lächeln, als der mit deutlich zerknittertem Gesichtsausdruck meinte, dass er längst wach gewesen sei.

„Glaub ich dir aufs Wort..“, spöttelte sie und tätschelte ihm leicht die Brust, ehe sie ihm ihre Tochter abnahm, weil es Zeit für den Kindergarten wurde.

„Zieh schon mal Schuhe an“, stellte sie die Kurze auf den Boden und hob mahnend die Augenbrauen, um eine weitere Diskussion sogleich im Kern zu ersticken.

„Jaaa Mamaa“, trottete das kleine Energiebündel also Richtung Wohnungstür, wo alle Schuhe in Reih und Glied geparkt standen, während die beiden Erwachsenen sich ein Schmunzeln zuwarfen.

„Als ich gegen Eins zum Klo musste, war dein Auto noch nicht zurück… ist doch nichts passiert, oder?“, flüsterte Juliane, genannt Juli, und musterte ihren Bruder, der sich erst einmal ausgiebig streckte und gähnte.

„Halb so wild… Erklär ich dir später“, rieb er ihr über den Oberarm und schaute dann dabei zu, wie sie sich nach der Aufforderung „Mama, Schnürsenkel!“ wieder ihrer Tochter zuwendete. Nun folgte noch einmal ein kritischer Moment: Konnten sie die Diskussion darüber, warum Onkel Frido die kleine Lilli nicht zum Kindergarten brachte, abwenden oder endete es im Drama? Nun, ein paar Tränchen flossen und sie klammerte sich auch noch einmal herzzerreißend schniefend an ihm fest, aber dann ließ sie sich doch mehr oder minder anstandslos an der Hand ihrer Mutter aus der Wohnung führen. Auf der Treppe winkte sie ihrem Onkel noch ein paar Mal zu, der brav an der Wohnungstür wartete, bis die beiden die Haustür hinter sich gelassen hatten und dann kehrte endlich wieder Ruhe ein. Seufzend zog er sich in seine Wohnung zurück, schloss die Tür und lehnte sich einen Moment daran, während er sich den restlichen Schlaf aus dem Gesicht rieb. Er wollte gar nicht wissen, wie zerknautscht er gerade aussah und ging erst einmal in die Küche. War noch Kaffee da? Zum Glück! Er goss sich eine große Tasse voll ein, griff wie gewohnt nach der Milch in der Kühlschranktür und runzelte dann die Stirn, als der die Packung näher betrachtete.

„Haferkakao? Wasn das schon wieder?“, murmelte er und stellte wieder einmal fest, dass sich in den vergangenen Wochen einiges geändert hatte. Nun lag nicht nur überall Kinderspielzeug herum, sondern es fanden sich auch Produkte in seinem Kühlschrank, von denen er vorher teilweise noch nie gehört hatte. Zum Glück hatten sie seine Lieblinge aber nicht vollends verdrängt, sondern nur ergänzt. Also griff er dieses Mal die richtige Packung, gab einen guten Schuss Milch zum Kaffee und ließ sich dann am Küchentisch nieder. Er sackte gegen die Rückenlehne seines Stuhls, nippte an seiner Tasse und schaute dabei aus dem Fenster, während sein Kopf langsam anfing, die Ereignisse der vergangenen Nacht zu sortieren. Dominik erst so aufgebracht zu sehen, um ihn dann wenig später im Arm zu halten und zu küssen... was für ein Wahnwitz.

„Das ganze Theater nur, weil er sich vor Liebeskummer nicht anders zu helfen wusste… Da schwärmt er schon seit Monaten für mich und ich merk mal wieder nichts“, schüttelte er den Kopf und verzog das Gesicht, als er einen zu großen und heißen Schluck Kaffee erwischte. Er drückte sich den Handrücken an die Unterlippe und musste unweigerlich an Dominiks Verletzung denken. An die Erleichterung, dass die Notaufnahme mitten in der Nacht wie leer gefegt gewesen war, aber auch an die Angst vor der Diagnose, solange die Ärzte den jungen Mann behandelt hatten. Selbst jetzt noch spürte Frido Klimlau Dominiks Zittern, nachdem der ihn gebeten hatte, mit in den Behandlungsraum zu kommen. Am Ende der Liege hatte er dann gesessen, die Hand auf Dominiks Schienbein gelegt, während der nur schwer die Tränen zurückhalten konnte und sich trotzdem weigerte, etwas zur Beruhigung zu nehmen. Nur die Hand selbst durften sie ihm betäuben, obwohl ihm die Angst, dass er vielleicht nie wieder malen könnte, ins Gesicht geschrieben gestanden hatte.

„Gott sei Dank nichts Schwerwiegendes und vor allem keine Sehnen oder Nerven verletzt…“, schloss der Dozent nun für einen Moment die Augen und atmete die Erleichterung mit einem tiefen Seufzen aus. Er wollte gar nicht daran denken, was es für Dominik bedeutet hätte, wenn dieser Unfall anders ausgegangen wäre.

„Ich glaub kaum, dass er dann einfach als Dozent weiter machen könnte…“, murmelte er und schüttelte den Kopf, um die unliebsamen Gedanken zu verscheuchen. Da gab es doch noch deutlich schönere Erinnerungen, freute er sich im einen Augenblick, um dann im nächsten zu überlegen, ob sie denn überhaupt stimmten. Spielte ihm sein Kopf nach dieser aufregenden Nacht und dem abrupten Erwachen gerade vielleicht einfach nur einen Streich? Er schluckte und spürte, wie sein Herz anfing zu hämmern, während er sich vom Tisch erhob und langsam Richtung Wohnzimmertür ging. Hatte Dominik ihn nach Verlassen des Krankenhauses wirklich gefragt, ob er mit ihm kommen dürfte, weil er die Nacht, oder was davon noch übrig gewesen war, nicht hatte allein sein wollen? Und hatten - Frido fühlte, wie seine Ohren immer wärmer wurden - hatten sie sich danach tatsächlich noch geliebt? Ihm war, als würde ihm das Herz aus der Brust springen, während er die Klinke runter drückte und vorsichtig den Kopf durch die Tür steckte. Erst sah er nur seine Klamotten, die auf dem Boden verteilt lagen – nicht unbedingt ungewöhnlich. Dann aber wanderte sein Blick zu einer Hose, die nicht seine war und schließlich erkannte er auch das benutzte Kondom im schummrigen Licht, das durch die Vorhänge fiel. Sein Herz machte einen Hüpfer und er musste grinsen. Plötzlich war es so viel leichter, zum Schlafsofa zu gehen und die zerwühlten Kissen und Bettdecke ins Visier zu nehmen. Seicht ließ er sich auf der Kante nieder und betrachtete den Lockenkopf, der ihm den Rücken zugedreht hatte, eingerollt da lag und dessen leichte Bewegungen seinen ruhigen Atem unterstrichen.

Noch immer konnte Frido es nicht ganz glauben. Wenn ihm das jemand vor vierundzwanzig Stunden gesagt hätte! Aber trotzdem fühlte er auch, wie seine Freude plötzlich getrübt wurde. Er schluckte hart, als ihm klar wurde, dass die gesamte vergangene Nacht die reinste Ausnahmesituation gewesen war – für ihn, aber noch viel mehr für Dominik. Was, wenn der junge Mann es jetzt bereute, dass er sich auf ihn eingelassen hatte? Was, wenn er trotz seiner Gefühle im Rückblick feststellte, dass es ihm doch zu schnell und zu weit gegangen war? Diese Überlegungen brachten dem Dozenten Übelkeit und fast ängstlich schaute er hinüber, als er merkte, dass Dominik sich bewegte. Mit einem Brummen drehte der Dunkelhaarige sich auf die andere Seite und kniff die Augen zusammen, ehe er sie einen Spalt weit öffnete.

„Hey…“, rang Frido Klimlau sich dennoch ein Lächeln ab, auch wenn das nicht erwidert wurde. Dominik ließ seine Lider nur wieder zufallen und brummte abermals.

„Wie gehts der Hand?“, fragte der Ältere vorsichtig und eine Falte bildete sich zwischen Dominiks Augenbrauen.

„Tut weh…“, murmelte er und rollte sich auf den Rücken, als suche er nach einer Position, in der das Ziehen erträglicher wurde.

„Willst du ne Tablette? Der Arzt hat dir doch welche mitgegeben“, schlug der Dozent vor, aber Dominik schüttelte den Kopf.

„Geht noch… erst wenns schlimmer wird“, nuschelte er und streckte sich, um dann wieder in die Matratze zu sinken. Er seufzte lang aus und kratzte sich am Hals.

„Sind sie weg?“, murmelte er dann und linste wieder zu seinem Dozenten, der kurz überlegen musste, was sein Student meinte.

„Dein Anhang…“, machte der Jüngere einen fahrigen Fingerzeig Richtung Tür und streckte sich abermals, während der Ältere verstehend die Augenbrauen hob.

„Oh… äh.. ja! Tut mir leid, dass sie dich geweckt haben. Lilli will sich morgens immer von mir verabschieden, bevors zum Kindergarten geht“, antwortete er und musste ein wenig über Dominiks Morgenmuffeligkeit schmunzeln. Der nickte leicht, rollte sich wieder auf die Seite und hatte noch immer ganz kleine Augen.

„Wann kommen die denn wieder?“, wollte er nun wissen und antwortete mit einem „hmm“, als Frido erklärte, dass sie nicht vor fünfzehn Uhr zurück seien.

"Julchen muss bis vierzehn Uhr arbeiten, holt Lilli dann ab und ist dann noch n paar Minuten unterwegs, bevor sie wieder hier sind. Wenn sie Überstunden machen muss, wirds sogar manchmal erst sechzehn Uhr".

„Und musst du auch gleich zur Arbeit?“, hakte Dominik weiter nach, woraufhin sein Dozent etwas unschlüssig den Kopf wiegte.

„Na ja... also ich hab keine Termine oder so… das, was ich noch vorbereiten muss, könnte ich... sogar von zuhause aus erledigen“, wusste er nicht so recht, was sein Gegenüber hören wollte, denn Dominiks Gesichtsausdruck war wieder einmal sehr nichtssagend. Im verschlafenen Zustand war er sogar so ausdruckslos, dass Frido nicht einmal sicher war, ob der junge Mann ihm tatsächlich noch zuhörte oder bereits wieder ins Land der Träume abdriftete. Aber dann umspielte ein Lächeln Dominiks Lippen und er klopfte leicht neben sich auf die Matratze.

„Dann kannst du ja noch ein bisschen her kommen, oder?“, fragte er und verlor keine Zeit, um sich an Frido zu kuscheln, als der wieder neben ihn rutschte und ihn in den Arm nahm.

„Stimmt, ein bisschen Zeit hab ich noch…“, war er unendlich froh über diese Zuneigung und konnte gar nicht anders, als seine Erleichterung mit einem leisen Lachen zum Ausdruck zu bringen.

„Was ist so witzig?“, fragte Dominik eher interessiert als irritiert und fand den Älteren wohl doch etwas seltsam, als der zunächst nur mit einem Schulterzucken antwortete.

„Witzig nicht... ähm... klingt jetzt kitschig, aber ich freu mich grad einfach nur…“, grinste er nach einigem Überlegen wie ein Honigkuchenpferd und trotzdem konnte der Jüngere mit dieser Antwort offensichtlich mehr anfangen als mit der vorherigen Geste. Er nickte leicht, schmunzelte kurz und schmiegte sich dann wieder an die wohl geformte Brust. Gut, dass das Früchtchen nicht wusste, welche Gedanken den Älteren gerade noch beschäftigt hatten. Oder ahnte er etwa doch etwas?

„Frido…“, murmelte Dominik plötzlich, während sein Finger dessen Schlüsselbein entlang fuhr und die Bewegungen im Halsbereich zeigten, dass der Angesprochene den Kopf hob.

„Ja?“, fragte er, während seine Finger über Dominiks Rücken kraulten. Der Student legte seine Hand flach auf Fridos Brust, schob sie dann unter sein Kinn und schaute hoch.

„Irgendwie noch komisch, dich plötzlich nicht mehr Herr Klimlau zu nennen…“, murmelte er und grinste, als Fridos Lachen seine ganze Brust ins Schwanken brachte.

„Stimmt!“

18.8.2024: Mondlicht

Er lächelte im Schlaf. Noch einmal war er seinem Studenten ganz nah gekommen und konnte selbst jetzt in seinen Träumen die Finger nicht von ihm lassen. Seine Fantasie schickte sie beide auf eine einsame Wiese, wo sie sich zwischen Blumen und Gräsern liebten, während sich das Mondlicht über Dominiks Haut verstreute und in seinen Haaren verfing.

„Hmmm, komm mal her…“, murmelte Frido, als sich Traum und Realität zunehmend vermischten und sich immer mehr der Wunsch in ihm regte, die Vorstellungen in die Wirklichkeit zu ziehen. Wohlig seufzend drehte er sich vom Rücken auf die Seite und tastete nach Dominik, doch dabei ins Leere zu fassen, riss ihn jäh aus seinem Traum. Verwundert öffnete er die Augen, um festzustellen, dass seine Hand sich nicht geirrt hatte.

„Weißt du, wer das gemalt hat?“, hörte er vom Fußende des Schlafsofas her und richtete sich langsam auf. Fast wie eine Statue saß Dominik da, kerzengerade und den Blick gebannt auf ein riesiges Gemälde an der gegenüberliegenden Wand gerichtet. Selbst bei seinen Fragen schenkte er seinem Dozenten nicht mehr, als die Ansicht seines schönen Rückens.

„Gefällts dir?“, murmelte der und rutschte nah genug an seinen Studenten heran, um ihm die Schulter küssen zu können. Das leichte Nicken bewegte Dominiks Locken und ließ sie an Fridos Wange kitzeln.

„Gefallen ist gar kein Ausdruck…“, sprach der junge Mann fast ehrfürchtig, während es dem Älteren ein leises Lachen entlockte.

„Ich wusste gar nicht, dass du für einfache Landschaftsmalerei so viel übrig hast. Wundert mich, dass dich das Ding so begeistert“, arbeitete Frido sich mit den Lippen langsam in Richtung Oberarm vor, um dann inne zu halten, als Dominik sich ruckartig zu ihm umdrehte.

„Einfache Landschaftsmalerei? Das Ding?!“, fauchte er, als habe Frido gerade sein eigenes Gemälde beleidigt und stand abrupt auf.

„Wie kannst du so abwertend reden? Schau dir das doch mal an!“, trat er näher an das Bild heran und schüttelte fassungslos den Kopf.

„Nicht nur die Größe… Diese Perspektive in Kombination mit fotorealistischen Elementen auf der einen Seite und Surrealismus auf der anderen. Man sollte meinen, dass sich das beißen könnte, aber nein, die Elemente sind an den richtigen Stellen so gesetzt, dass sie den Blick des Betrachters perfekt lenken. Und teilweise auch bewusst ablenken! Da sind so viele Feinheiten und versteckte Details drin! Einiges erkennt man nur von weitem und anderes erschließt sich erst, wenn man ganz nah herangeht! Jedes Mal entdeck ich was Neues, wenn ich da drauf schaue… Und dann dieser plötzliche Bruch, hier an der Seite! Als hätte der Maler keine Lust mehr gehabt, es fertig zu stellen und einfach aufgehört. Selbst die Signatur hat er so versteckt eingearbeitet, dass ich sie bisher nicht finden konnte… Dass du so abschätzig über so eine Arbeit sprechen kannst!“, schüttelte Dominik abermals den Kopf und seine Bewegungen zeigten, dass er sich wieder auf die Suche nach weiteren Details machte. Frido Klimlau allerdings zuckte nur die Schultern.

„Liegt vielleicht dran, dass ichs jeden Tag sehe…“, murmelte er, winkelte ein Bein an und umarmte es, um sein Kinn auf dem Knie abzulegen.

„Weißt du, wer es angefertigt hat? Ich würd gern recherchieren, was der Künstler noch so gemalt hat und ob dieses Abbrechen der Arbeit ein häufiger genutztes Stilmittel von ihm ist. Die scheinbare Unwillkürlichkeit find ich wirklich interessant. Gerade in Kombination mit den anderen Bildelementen hab ich das so in der Form bisher noch nicht gesehen“, verschränkte Dominik die Arme vor der Brust und legte den Kopf schief, während er ihn noch immer zum Bild gerichtet hielt. Erst, als Frido ihm antwortete, schaute er wieder zu ihm, ja, fuhr regelrecht zu ihm herum.

„Das Bild wurde nicht fertiggestellt, deswegen wirkt es so abgehackt und hat auch keine Signatur. Bei den Arbeiten daran kam es zu einem Unfall“, antwortete der Dozent und hob beschwichtigend die Hände, als er den Schreck im Gesicht des Jüngeren sah.

„Keine Sorge, ist nicht weiter wild. Nur malt er seitdem halt nicht mehr“, zuckte er seine Schultern, während Dominiks erleichtert, aber auch ein wenig enttäuscht hinunter sanken.

„Schade… aber dann findet man bestimmt noch andere Werke“, sprach er dennoch hoffnungsvoll, während Frido leicht den Kopf schüttelte.

„Das ist während der Vorbereitungen auf die erste eigene Ausstellung passiert. Der hatte da noch keinen großen Namen oder so und das ist auch schon einige Jahre her. Du wirst nicht viel dazu finden“, hielt Frido sich noch immer an seinem Schienbein fest, während er mit der anderen Hand einladend neben sich klopfte. Dominik aber schaute ihn ärgerlich an.

„Nicht viel ist immer noch besser als nichts!“, lief er zu seinem Rucksack, der auf der anderen Seite des Sofas auf dem Wohnzimmertisch lag und kramte ein Notizbuch hervor.

„Sag mir endlich seinen Namen“, kniete er sich auf den Boden und schlug eine Seite auf, um seinen Stift ungeduldig darüber kreisen zu lassen. Der Ältere seufzte aus und wendete seinen Blick zum Fenster, das inzwischen nicht mehr von Vorhängen verdeckt war, sondern die strahlende Mittagssonne ins Zimmer hinein ließ.

„Fritz K Punkt... Klimlau“, gab er Dominik endlich die gewünschte Antwort, die der zunächst eifrig mitschrieb, ehe er bei Erreichen des Nachnamens ins Stocken geriet. Sein Stift haftete wie festgeklebt am Papier und er hob den Blick zu seinem Dozenten, dessen aufkommende Unruhe nur das Wippen seines Fußes bezeugte.

„Dein Vater?“, war Dominiks erste Annahme, die Frido ein amüsiertes Schnauben entlockte.

„Nein, nicht ganz…“, lächelte er schief, ohne seinen Studenten dabei anzugucken. Er konnte hören, wie Dominik das Notizbuch beiseite legte und aus den Augenwinkeln heraus erkennen, wie er sich erhob.

„Aber ihr seid schon verwandt, oder? Dein… Großvater also? Oder dein Bruder?“, trat er wieder näher an Frido heran und betrachtete ihn aufmerksam, als der endlich den Blick zu ihm hob.

„Ich bin Friedrich Klimlau.. Friedrich Karl Klimlau, um genau zu sein“, sprach er mit belegter Stimme und räusperte sich, während er Dominik ansehen konnte, wie es unter dessen hübschen Locken arbeitete. Er blinzelte einige Male und runzelte verständnislos die Stirn.

„Ich weiß, die meisten denken, dass Frido die Abkürzung für Fridolin wäre… ist mir auch ganz recht“, zuckte der Dozent erneut die Schultern und schaute Dominik dabei zu, wie er sich neben ihm nieder ließ.

„Ich wurd schon als Kind immer Fritz genannt und als ich dann mit der Malerei so richtig durchstarten wollte, fand ich es eine gute Idee, noch die Initiale von meinem zweiten Vornamen mit rein zu nehmen. Aber nach dem Unfall konnt ichs nicht mehr hören. Oder lesen... In der Lokalpresse gabs ein paar Berichte über mich… vorher über das hoffnungsvolle Talent und hinterher die sensationsgeilen Details und das dramatische Ende meiner Karriere. Es war zum Kotzen, also wollte ich mit dem Namen nicht mehr in Verbindung gebracht werden. Fritz K. Klimlau war ich früher, aber heute möchte ich lieber einfach nur Frido sein“, erzählte er, wobei er den Blick nachdenklich durchs Zimmer wandern ließ und schließlich doch an das Kunstwerk heftete, das diesen Wendepunkt in seinem Leben beschrieb.

„Was ist damals passiert?“, fragte Dominik leise und der Ältere schloss für einen Moment die Augen. Er straffte die Schultern und räusperte sich, ehe er darauf antworten konnte.

„Ich war auf dem Weg ins Atelier, um das Bild fertigzustellen. Das war das finale Werk meiner Ausstellung“, nickte er zu besagtem Gemälde an seiner Wand.

„Auf der Landstraße hat einer aus dem Gegenverkehr ein Überholmanöver gestartet, obwohl an der Stelle eigentlich Geschwindigkeitsbegrenzung und Überholverbot gilt. Ich konnte nicht mehr ausweichen und wir sind frontal zusammengestoßen. Rückblickend kann ich wahrscheinlich von Glück reden, dass ich damals nicht eine dieser heutigen Leichtbaukarren gefahren hab, sondern einen Wagen, der noch ein bisschen was abfangen konnte. Sonst wärs wahrscheinlich deutlich schlimmer ausgegangen... So hat es nur… meinen linken Arm und zum Teil die Schulter erwischt. Und ein paar kleinere Verletzungen an anderen Stellen, aber die waren nicht der Rede wert", machte er eine wegwerfende Handbewegung, ehe er weitersprach.

"Ich musste ein paar Wochen ins Krankenhaus, weil der Arm mehrfach gebrochen und das Handgelenk zertrümmert war. Plus… plus Schädigungen der Nerven und Sehnen“, schaute Frido seiner Hand dabei zu, wie sie sich einige Male öffnete und schloss.

„Die Ärzte haben echt gute Arbeit geleistet, das muss man ihnen lassen. Ich hab meinen Arm behalten und alles in allem find ich, man sieht heut auch nicht mehr viel davon. Bis auf ein paar Narben halt, aber die hab ich vor ein paar Jahren lasern lassen – dadurch sind sie gut verblasst. Na ja, bis auf die hier…“, löste er das Armband seiner Uhr, die er immer so trug, dass ihr Ziffernblatt auf der Innenseite seines Handgelenks lag und damit eine deutlichere Narbe verdeckte. Erst jetzt schien Dominik dieses Detail aufzufallen und er legte behutsam seine Hände um die seines Dozenten, während er das Überbleibsel des Unfalls betrachtete.

„Merkst du davon heut noch was?“, strich er sanft über die Handinnenfläche und küsste sie, als Fridos Mundwinkel zuckte.

„Die Nerven konnten nicht wieder komplett repariert werden. Seitdem hab ich nicht mehr so viel Gefühl in der Hand und die Feinmotorik hat auch gelitten. Aber ansonsten hab ich echt Glück im Unglück gehabt“, lächelte er leicht und hob die Hand, um Dominik damit durch die Haare zu fahren.

„Und der Schock damals war so groß, dass du seitdem nicht mehr malen kannst?“, fragte der junge Mann, der noch immer nach dem letzten Puzzleteil des großen Ganzen suchte und es wieder nicht gefunden zu haben schien.

„Nein…“, flüsterte Frido und schüttelte den Kopf, während er versuchte, seinem Liebsten irgendwie ein Lächeln zu schenken.

„Ich bin eigentlich Linkshänder und hab nach dem Unfall nur mit viel Müh und Not gelernt, auch mit rechts zu schreiben... ans Malen war da nicht mehr zu denken“, flüsterte er mit belegter Stimme und wendete sich ab, als Dominiks Gesichtszüge vor Entsetzen entgleisten und er spürte, wie seine eigenen Dämme drohten zu brechen. Er wollte das Mitleid und die bedauernden Blicke nicht mehr, die in seiner alten Heimat zum ständigen Begleiter geworden waren und fragte sich jetzt, warum er die Geschichte überhaupt geteilt hatte. Aber als der junge Mann hinter ihn rutschte und seine Arme um ihn schlang, spürte Frido Klimlau, dass es mehr als bloßes Bedauern war: Dominik bemitleidete ihn nicht einfach nur, sondern war seit langer Zeit vielleicht der erste, der ihn und seine Gefühle wirklich verstand.

19.8.2024: Achäne

Locker in eines von Fridos Oberhemden gehüllt, schritt Dominik langsam durch dessen Wohnzimmer und erkundete es immer mehr. Sonderlich nahrhaft war der Nutellatoast, den er währenddessen futterte, nicht, aber trotzdem genau das, worauf er gerade Lust hatte.

„Die Eier sind auch fertig und ich hab noch ein paar Scheiben getoastet“, kam der Dozent aus der Küche und stellte die restlichen Besorgungen auf dem Tablett ab, das bereits sein Sofa schmückte. Er fand es interessant, dass sein Student sich nicht so recht in die anderen Räumlichkeiten der Wohnung traute und selbst das Frühstück lieber in diesem bereits bekannten Zimmer einnehmen wollte.

„Danke“, nuschelte der, als er vor einer Vitrine mit Fotos stehen blieb und diese näher betrachtete. Frido fiel unterdessen etwas anderes auf.

„Oh, dein Notizbuch liegt da noch…“, ging er um die Couch herum und sammelte es auf. Die Seite, die noch aufgeschlagen war, zeigte einige Bleistiftzeichnungen.

„Löwenzahn…“, murmelte er und runzelte etwas die Stirn, als er das Wort entdeckte, das oben auf der Seite geschrieben stand.

„Achäne?“, wunderte er sich und warf Dominik einen fragenden Blick zu.

„Kommt aus der Botanik. Einsamige Schließfrucht, wie z. B. beim Samen vom Löwenzahn. Ich such mir manchmal Begriffe aus irgendwelchen Zeitschriften raus, um zu dem Thema dann Skizzen anzufertigen. Bringt neue Ideen und man kommt aus der Komfortzone raus“, mümmelte der Lockenkopf seinen ersten Toast auf und schlenderte zum Sofa, um noch einen weiteren zu ergattern. Da konnte der Dozent tatsächlich auch noch was von seinem Studenten lernen.

„Ja, gute Idee“, murmelte Frido, während er die Skizzen genauer betrachtete und spürte, wie seine Neugierde zunahm.

„Darf ich mir das Buch mal angucken?“, wuchs in ihm der Wunsch nach mehr und er verlor keine Zeit, als sein Student mit fast schon gleichgültigem Schulterzucken zustimmte.

„Wonach suchst du dir die Begriffe aus?“, ließ er sich auf die Couch sinken und blätterte durch die Seiten. Er war richtig fasziniert von den vielen Themengebieten, die er in diesem Büchlein vorfand.

„Völlig zufällig“, meinte Dominik und knusperte seinen Toast.

„Ich geh im Supermarkt durch die Abteilung mit den Zeitschriften, greif mir ohne langes Hinsehen das erstbeste Magazin, schlags auf und für das Thema der Seite google ich dann ähnlich unwillkürlich nach Referenzen“, kletterte er hinter den Dozenten und legte den Kopf auf dessen Schulter ab, um dann zu schmunzeln, als der die nächste Seite aufschlug und die Augenbrauen hob.

„Oh…“, betrachtete er nun einige nackte Tatsachen, die aufgrund ihrer Herkunft in Dominiks Buch vielleicht etwas verwunderten, aber dennoch gut getroffen waren.

„Playboy“, erklärte der Zeichner fachmännisch, während sein Dozent nickte.

„Der weibliche Intimbereich… ich wusste gar nicht, dass er so vielfältig ausfallen kann“, murmelte Frido und lachte bei Dominiks Antwort.

„Bist du überhaupt schon alt genug, dass du dir so was angucken darfst?“, fragte er keck und grinste frech, als sein Dozent ihm einen Blick zuwarf.

„Du kannst ja ein kleiner Witzbold sein!“, freute er sich, eine neue Seite an dem Lockenkopf zu entdecken und fand es gleichermaßen süß, ihm ein wenig Schokocreme vom Mundwinkel zu wischen.

„Oh… weg?“, leckte Dominik vorsorglich noch mal hinterher und schien zufrieden, als Frido nickte.

„Okay… müsste trotzdem mal ins Bad“, drückte er dem Älteren dann einen kurzen Kuss auf und rutschte vom Sofa.

„Auf der nächsten Seite findest du übrigens ein bisschen künstlerische Freiheit: Schmuddelheftchen in die andere Richtung hab ich im Supermarkt nicht gesehen, also hab ich mich spontan selber zum entsprechenden Pendant des Themas entschieden“, zwinkerte er und lachte über das zufriedene Grinsen seines Dozenten, als der weiterblätterte. Ja, mit diesen Darstellungen konnte er schon gewaltig mehr anfangen! Aber er merkte auch, dass der Jüngere noch immer da stand und etwas zögerte, ins Badezimmer zu gehen.

„Alles okay?“, fragte Frido und wunderte sich über Dominiks verlegenen Gesichtsausdruck. Er nickte zwar, brauchte aber trotzdem einen Moment, um mit der Sprache rauszurücken.

„Sag mal die Fotos da… erzählst du mir später, wer das alles ist?“, schien er ein wenig unsicher, ob seine Frage vielleicht wieder eine Wunde treffen könne, aber sein Dozent antwortete mit einem strahlenden Lächeln.

„Ja, gern!“, war er zwar einerseits überrascht, aber andererseits auch sehr erfreut zu merken, dass Dominik sich nicht nur für seine künstlerische Seite interessierte.

20.8.2024: Kochbox

„Wer ist das?“

„Meine Großeltern, Karl und Margarete“

„Und das?“

„Meine anderen Großeltern, Friedrich und Juliana“

„Aha… irgendwie erkenn ich da ein Muster“

Eng umschlungen standen Dominik und Frido vor der Vitrine und begutachteten die Ahnengallerie, wie der Dozent sie selber nannte. Es waren so einige Fotos und Gesichter, die ihnen da entgegen lachten und die verräterischen Fotoalben im Bücherregal ließen erahnen, dass es noch viel mehr davon gab.

„Darf ich raten? Deine Schwester hat auch einen Zweitnamen“, murmelte Dominik und schmunzelte, als Frido ihn davor warnte, das jemals in ihrer Gegenwart zu erwähnen.

„Sie findet „Juliane“ schon nervig, aber bei „Margarete“ geht ihr die Hutschnur hoch. Vielleicht auch, weil unser Cousin sie damit früher immer geärgert hat...“, grinste Frido, während er eine weitere Gemeinsamkeit seiner Familie verriet: „Lilli heißt übrigens eigentlich "Liliane", aber dreimal darfst du raten, warum wir sie nicht so nennen“.

Der Jüngere runzelte nachdenklich die Stirn und tippte sich an die Lippen.

„Wenn ich das so höre, komm ich mir ja beinahe seltsam vor, dass ich meinen Namen eigentlich ganz gut finde“, sinnierte er und grinste, als ihm ins Ohr geraunt wurde, wie gut der Name auch zu ihm passen würde. Allzu lange hielt er sich mit dieser Schmeichelei jedoch nicht auf, denn schließlich gab es noch ein paar weitere unbekannte Gesichter zu erkunden.

„Und wer ist das da?“, deutete er auf das nächste Foto, während seine freie Hand auf Fridos Unterarmen lag, die ihm den Bauch wärmten.

„Rate mal…“, hatte der Ältere sein Kinn auf Dominiks Schulter abgelegt und lächelte über dessen offensichtliche Ratlosigkeit.

„Keine Ahnung…“, murmelte er und schob den Kopf etwas vor, um das Foto genauer zu betrachten.

„Onkel und Tante von dir mit ihren beiden Töchtern vielleicht?“, mutmaßte er, woraufhin Frido ihn erst fassungslos anstarrte und dann in Gelächter verfiel.

„Töchter?! Mehrzahl?!“, rief er aus und ließ Dominik los, um das Bild aus der Vitrine zu holen.

„Glaub ich jetzt ja nicht! Das links ist doch wohl eindeutig ein Junge!“, hielt er Dominik den Bilderrahmen fast schon vorwurfsvoll hin, wobei sein anhaltendes Kichern zeigte, dass er die Falschannahme auch mit viel Humor nahm.

„Na ja, ich seh da ja nicht viel Unterschied zu dem anderen Mädel“, runzelte der Lockenkopf die Stirn und verschränkte mit beinahe trotzigem Schnaufen die Arme vor der Brust. Frido stützte die freie Hand auf seine Hüfte, schaute Dominik einen Moment lang schweigend an und schüttelte den Kopf. Wirklich keine bessere Idee?

„Der "Onkel" und die "Tante" sind meine Eltern. Und die beiden „Mädels“ sind meine Schwester und ich!“, lachte er abermals, als Dominik das Gesicht entgleiste und der ihm den Bilderrahmen aus der Hand nahm.

„Du verarschst mich doch!“, wechselten seine Blicke zwischen dem kleinen und dem großen Frido hin und her, während der sich wieder hinter ihn stellte und die Arme um ihn schlang.

„Nein, ist die Wahrheit. Ich war da acht und Juli fünf“, raunte er Dominik ins Ohr, ehe er einen Kuss darauf platzierte.

„Sag mal, färbst du die?! Sonst kann das doch gar nicht...“, starrte der Jüngere kritisch auf das recht kurz geschorene Haupthaar des Dozenten, das bei weitem nicht mehr an das Hellblond auf dem Foto heranreichte und die damaligen Engelslöckchen auch nur mit ganz viel Fantasie widerspiegeln konnte. Wieder brachte er den Älteren damit zum lachen. Er lehnte die Stirn an Dominiks Schulter und schüttelte den Kopf.

„Das wird ja immer besser!“, strich er sich einige Tränen aus dem Augenwinkel und hob beschwichtigend die Hände, als Dominik sich von ihm los machte und sein Blick nur allzu deutlich zeigte, dass er sich gerade kräftig vereimert vorkam.

„Gott, ich hab Bauchschmerzen…“, atmete Frido zweimal tief durch, bevor er ein anderes Foto hervorholte.

„Hier guck mal, das ist Juli mit Lilli, als die Kleine etwa ein Jahr alt war. Genauso blond wie die Mama damals, obwohl Juli inzwischen ja auch eher mittelblond ist. Glaubst du mir jetzt endlich? Früher waren unsere Haare tatsächlich so hell“, sprach er liebevoll und konnte sich das Schmunzeln noch immer nicht ganz verkneifen, als Dominik ihn zwar immer noch musterte, aber dabei nicht mehr ganz so kritisch aussah.

„Hmm… und die Locken hat sie offensichtlich auch noch…“, musterte er Fridos Schwester und wieder wuchs die Skepsis, als Frido meinte, dass auch seine Haare eigentlich bis heute diese Struktur hätten.

„Je länger die werden, desto mehr sieht mans. Auf dem Foto hab ich sie ja fast schulterlang, deswegen fällts da stärker auf“, nahm er beide Bilderrahmen und stellte sie zurück.

„Als junger Mann hab ich sie ne Weile länger getragen und dann immer geglättet. Das war vielleicht eine Scheißarbeit!“, schüttelte er den Kopf über sein vergangenes Ich und noch mehr, als Dominik auch davon einen Bildbeweis sehen wollte.

„Auf gar keinen Fall! Ich weiß bis heute nicht, was mich damals überhaupt geritten hat, so rumzurennen!“, wehrte er ab und brachte Dominik schnell mit einem Kuss zum Schweigen, als der zu Protest ansetzen wollte. Ein neckisches Spielchen zwischen ihnen begann, bei dem der eine halbherzig darauf bestand, weitere Fotos gezeigt zu bekommen, während der andere ebenso halbherzig verneinte und sie sich dabei schmunzelnd und kichernd in den Armen lagen. Doch auch wenn sie sich währenddessen langsam wieder in Richtung Couch bewegten, war diese mit einem Mal in weite Ferne gerückt.

„Warte, da war was…“, schob Dominik seinen Dozenten plötzlich von sich und lauschte, während der für einen Moment noch dachte, es sei Frotzelei. Gerade wollte er den Lockenkopf wieder näher an sich ziehen, als auch er aufschreckte und sie sich entgeistert anstarrten.

„Guck mal, Mama, seine Schuhe stehen auch noch da! Meinst du, er ist in Pantoffeln zur Arbeit gelaufen?“, schallte es von der Wohnungstür her und Frido klappte der Mund auf.

„Ich dachte, die kommen erst in zwei Stunden!“, zischte Dominik, während Frido hilflos und verständnislos die Schultern zuckte, ehe er zur Zimmertür eilte.

„Glaub ich kaum... Zieh dir schon mal die Schuhe aus und wasch dir die Hände. Ich guck mal, was mit ihm ist“, hörte er seine Schwester und wäre beinahe splitterfasernackt raus gerannt, wenn Dominik ihm nicht im letzten Moment die Unterhose um die Ohren geschmissen hätte.

„Komme schon!“, rief Frido zu seiner Schwester und warf Dominik ein geflüstertes „Danke!“ zu, während er in die Boxershorts sprang und dann aus dem Zimmer huschte.

„Du bist ja wirklich da…“, guckte seine Schwester ihn verdattert an, wobei er ihr ein schiefes Lächeln schenkte.

„Ich dachte erst, ob das Auto kaputt ist... Musst du nicht arbeiten?“

„Äh… doch, doch! Aber ich äh… hi Spätzchen!“, dauerte es natürlich auch nicht lange, bis die zweite Frau im Haushalt ebenfalls auf ihn zugelaufen kam und sich an ihn hängte. Während die eine sich freute ihn zu sehen, guckte die andere ihn skeptisch an.

„Spielst du mit mir?“, lautete die wichtigste Frage des Tages und mit großem Schmollen wurde zur Kenntnis genommen, dass Frido ablehnte.

„Tut mir leid, Spätzchen, aber… aber ich hab heute furchtbar Kopfweh! Deswegen bin ich auch noch nicht zur Arbeit!“, tätschelte Frido seiner Nichte den Kopf, die bei diesen Worten sogleich wieder nachsichtiger wurde.

„Soll ich mal ei machen?“, fragte sie und lachte, als ihre Mutter das vermutlich etwas fester übernahm, als Lilli es selbst getan hätte.

„Heh!“, rieb sich Frido die Stirn, nachdem Juliane ihm dagegen geschnippt hatte und schenkte ihr einen entgeisterten Blick auf die Frage, ob es ihm nun besser gehe.

„Was macht ihr überhaupt schon hier?“, moserte er, woraufhin sie ausseufzte.

„Ich hab doch gesagt, dass meine Vorgesetzten heute Nachmittag Meeting haben und ich deswegen früher komme“, verschränkte sie die Arme vor der Brust, während Frido erst vehement den Kopf schüttelte und dann die Augen aufriss, als ihm dämmerte, dass da ja tatsächlich was gewesen war.

„Wie toll! Dann können wir heute ja zusammen essen!“, ging Lilli über den kleinen Disput der beiden Erwachsenen hinweg und wollte Frido bereits in die Küche führen, als ihre Mutter jedoch plötzlich intervenierte.

„Schatz, mir ist grad eingefallen, dass ich noch was vergessen hab“, ging sie in die Hocke und legte ihrer Tochter die Hände an die Hüften.

„Zieh dir bitte noch mal die Schuhe an. Oma hat doch letzte Tage erzählt, dass sie uns eine Kochbox schicken lassen will und ich weiß gar nicht, ob die inzwischen nicht längst bei der Post angekommen ist. Lass uns mal fix gucken gehen, ja?“, schlug sie vor, was Lilli allerdings wenig gefiel.

„Kannst du nicht allein gehen?“, murrte sie und schob die Unterlippe vor, woraufhin Juli seufzte und betreten zur Seite schaute.

„Und ich dachte, ich hätte vielleicht eine tatkräftige Unterstützung, wenn ich die schwere Box her tragen muss…“, murmelte sie und schmunzelte, als ihre Tochter anbiss und ausrief, dass sie sehr kräftig sei.

„Also hilfst du mir?“

„Okee!“

„Prima! Und vorsichtshalber nehmen wir noch Herrn Hase mit, damit er auch noch tragen helfen kann, ja?“, schlug Juli weiter vor und Lilli verschwand nach einem kräftigen Nicken im Schlafzimmer.

„Gut…“, stand ihre Mutter dann auf und warf ihrem Bruder einen deutlich kühleren Blick zu, als sie es vorher noch bei ihrer Tochter getan hatte.

„Du hast ne halbe Stunde, um deinen Freund so herzurichten, dass meine Tochter ihn sehen kann oder um ihn hier raus zu schaffen!“, zischte sie und verpasste Frido einen Klaps auf den Oberarm, weil der sie so entsetzt anschaute.

„Was redest du denn da?! Ich hab wirklich Kopfweh!“, verteidigte er sich, um im nächsten Moment ganz kleinlaut zu werden.

„Aha. Deswegen hast du auch die Unterhose falsch rum an und das da auf deiner Brust ist kein Knutschfleck, sondern ein Mückenstich oder was?“, verschränkte Juli die Arme vor der Brust und fixierte Frido mit ihren Augen. Der schaute etwas verlegen auf besagte Stelle.

„Oh…“, murmelte er, während er noch bedröppelter guckte, nachdem seine Schwester mit der Ansprache fertig war.

„Außerdem bist du voller Krümel und klebst! Geh duschen!“, schaffte sie ihre Tochter schnellstens aus der Wohnung, als die mit ihrem Lieblingskuscheltier zurückkam und kaum schloss sich die Tür hinter ihnen, schnaufte Frido erleichtert aus. Wenn die Galgenfrist nur nicht so verdammt kurz gewesen wäre!

„Okay, wir haben ne halbe Stunde, um…“, platze er wieder ins Wohnzimmer, um verdattert zu Dominik zu starren, der auf dem Balkon gerade in Deckung ging, weil die beiden Mädels genau darunter entlang liefen. Er hatte sich notdürftig in seine Klamotten gewühlt und sich den Rucksack aufgeschnallt.

„Was machst du da?“, ging Frido zu ihm hinüber und nickte knapp, als Dominik ihn fragte, ob das sein Anhang gewesen wäre.

„Okay, gut!“, drückte er seinem Dozenten nun einen flüchtigen Kuss auf die Wange und wollte zur Wohnzimmertür eilen, aber Frido hielt ihn fest.

„Stopp, stopp, stopp! Jetzt erklär mir mal kurz, was das gerade werden sollte. Wolltest du etwa über den Balkon abhauen?“, zog der die Glastür hinter sich zu und blinzelte einige Male, als Dominik tatsächlich mit einem Nicken antwortete.

„Ja, ich wollt nicht, dass du Ärger kassierst, wenn sie mich hier sehen“, nutzte er den kurzen Moment des Durchschnaufens, um sein Shirt richtig in die Hose zu stopfen und zog sich den Pullover zurecht.

„Also, bevor sie wieder kommen…“, gab er seinem Dozenten noch einen Kuss und wollte wieder die Flucht antreten, aber auch dieses Mal hielt der ihn auf.

„Schluss jetzt!“, schob Frido ihn zum Sofa und ließ ihn Platz nehmen. Waren denn heute alle bekloppt?!

„Also erstens ist das hier immer noch meine Wohnung ich bestimme, wen ich mit her bringe und wen nicht! Zweitens… wir haben ne halbe Stunde, um dich entweder richtig anzuziehen oder auf gesittete Art und Weise aus der Tür zu schaffen! Ich ähm… kann mir aber vorstellen, dass es gerade noch etwas früh wäre, sie dir vorzustellen?…“, ging er vor Dominik in die Hocke und fasste seine Hände, als der mit einem Nicken zustimmte.

„Hmhm... kommt auch noch ein drittens?“, fragte der zwar, aber sein Blick zur Tür zeigte, dass er nur mit halben Ohr zuhörte und erst Fridos Hand an seiner Wange brachte dem wieder etwas mehr Aufmerksamkeit von seinem Studenten ein.

„Du hast schon verstanden, wie ich das mit dem Vorstellen meinte, oder? Meine Familie weiß Bescheid, dass ich auf Männer stehe. Zumindest der Großteil von ihnen. Und Juli war sogar so ziemlich die erste, die es mitbekommen hat. Und nein, sie hat kein Problem damit. Ganz im Gegenteil“, strich er mit dem Daumen über Dominiks Haut und konnte sehen, wie der sich langsam entspannte.

„Oh...Wär das... wär das echt okay für sie?“, verflog die Skepsis zwar nicht sogleich, doch sie wurde merklich kleiner, als Frido nickte.

„Definitiv. Juli ist die letzte, die da was gegen hätte. Sonst hätte ich sie auch kaum hier einziehen lassen, aber wegen der Kleinen sollte man natürlich trotzdem ein bisschen aufpassen...", meinte er und deutete mit schiefem Grinsen zu den "Luftballons", die hier und dort verstreut lagen.

"Kann ich verstehen!", lachte Dominik aus und die Anspannung fiel merklich von ihm ab. Doch ein wenig kehrte sie auch zurück, als Frido weitersprach.

"Also komm nicht noch mal auf die saudämliche Idee, hier aus dem Fenster oder vom Balkon zu klettern, okay? Selbst, wenns nur der erste Stock ist!“, schaute er den Jüngeren eindringlich an und richtete sich auf, als Dominik nickte. Anstalten, darüber hinaus eine Antwort zu liefern, machte er keine, aber Frido konnte sich auch so schon seinen Teil dazu denken.

„… Ich vermute mal, dass deine Reaktion ihre Gründe hatte, oder?“, hielt Frido Dominik die Hand hin, um ihn auf die Füße zu ziehen und biss sich auf die Unterlippe, als der Jüngere nach kurzem Zögern tatsächlich wieder mit einem Nicken antwortete.

„Kann ich vielleicht noch kurz duschen?“, schnitt er plötzlich ein anderes Thema an und schälte sich aus dem Rucksack, als Frido seine Frage etwas irritiert bejahte.

„Danke! Ich wollt gleich auf dem Rückweg noch eben bei der Arbeit vorbei, dann brauch ich nicht extra erst noch nach hause!“, eilte Dominik zur Tür und zog sich im Gehen bereits den Pullover aus. Doch dann hielt er kurz inne und warf seinem Dozenten einen Blick über die Schulter zu, der diesen mit fragendem Ausdruck erwiderte.

„Und das andere… mit uns und mit… mit dem Balkon und so… lass uns das die Tage besprechen, wenn wir mehr Zeit haben, okay?“, fragte Dominik zu Fridos Überraschung und der konnte ihm die Erleichterung ansehen, als er ohne zu zögern auf diesen Vorschlag einging. Dabei war er selber ja nur allzu froh, dass Dominik sich ihm auf diese Weise wieder ein Stückchen mehr geöffnet hatte.

21.8.2024: Tintenfraß

Ein leises Seufzen glitt ihr über die Lippen, als sie die Schlafzimmertür behutsam schloss und auf leisen Sohlen zur Küche schlich.

„Sie ist endlich eingeschlafen“, zog Juliane auch deren Tür hinter sich ran, aber dieses Mal blieb ein Spalt weit geöffnet. Ihr Bruder schenkte ihr zwar ein knappes Nicken, aber die fast einstudiert wirkende Geste und das Starren auf sein Handy zeigten, dass er kaum zugehört hatte.

„Alles okay?“, musterte sie seinen enttäuschten Gesichtsausdruck und räumte das restliche Geschirr weg, das erwartungsvoll vor Frido auf Spülablage stand. Eine Etage höher hatte er zwar bereits die Türen des Hängeschranks geöffnet, aber noch keine Anstalten gemacht, es auch dort hinein zu bugsieren. Zu wichtig schien ihm, was er auf dem Display seines Smartphones sah.

„Ja… nein… ach…“, schüttelte er leicht den Kopf und machte eine wegwerfende Bewegung mit der Linken, während die Rechte das Handy zurück in die Hosentasche gleiten ließ.

„Ich hatte dir doch erzählt, dass ich im kommenden Semester auch was zu mittelalterlichen Schriften machen und den Studenten gern mal ein Original zeigen will. Ausgerechnet das Werk, das ich mir ausgesucht hatte, stand jetzt wochenlang auf nicht verfügbar, darum hab ich die Unibib neulich mal angeschrieben und vorhin die Antwort bekommen. Das Buch ist nicht einfach nur verliehen, sondern hat wohl Tintenfraß… Keine Ahnung, wie schlimm es ist, aber das kann ich mir wohl erst mal von der Backe putzen.“, verschränkte Frido die Arme vor der Brust und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Julis leichtes Tätscheln seiner Schulter konnte ihm da nur ein halbherziges Lächeln entlocken.

„Heißt das, ihr könnt es euch gar nicht mehr anschauen?“, nahm sie ihm gegenüber Platz und stützte das Kinn auf ihre Hand. Ihr Bruder zuckte die Schultern.

„Ich hatte eigentlich gehofft, dass ich es mit in den Kurs nehmen könnte, aber das kann ich definitiv erst mal vergessen. Inwieweit wir - zumindest aktuell - da wenigstens vor Ort mal drauf schauen können, weiß ich nicht. Da muss ich noch mal nachfragen; das ging aus der Mail so jetzt nicht hervor", antwortete er, obwohl sein Gesichtsausdruck zeigte, dass er sich wenig Hoffnungen darauf machte. Für Juliane Grund genug, eine kleine List anzuwenden: Sie legte den Kopf schief, blähte die Wangen auf und begann zu schielen, bis Fridos Mundwinkel sich endlich in eine andere Position bewegten.

„Ah, das Grinsen gefällt mir doch schon viel besser!“, sagte sie dann voller Zufriedenheit und fragte ihn, ob er auch noch einen Kaffee trinken wolle.

„Danke, aber dann kann ich nicht schlafen…“, schaute er ihr beim Einschalten des Wasserkochers und anschließendem Einrühren des Instantpulvers zu, während er seine Schwester ein wenig darum beneidete, dass die quasi zu jeder Tages- und Nachtzeit problemlos Koffein in sich hineinkippen konnte.

„Was hältst du davon, wenn wir uns noch einen Film angucken?“, schlug er stattdessen vor und schob schnell hinterher, dass die Couch längst neu bezogen sei.

„Das will ich aber auch für dich hoffen, sonst kriegen mich keine zehn Pferde da drauf!“, schäkerte Juli, während sie darauf wartete, dass der Schaum etwas einsank und sie noch etwas einen Schluck Wasser in die Tasse kippen konnte.

„Alles klar, dann such ich uns schon mal was raus – irgendwelche Vorlieben?“, stand Frido auf und nickte, als Juli ihn um eher seichte Kost bat. Der Tag war anstrengend gewesen und ihr stand vor allem der Sinn nach leichter Unterhaltung. Aber auch nach Antworten, wie sich zeigte, als sie wenig später ins Wohnzimmer folgte.

„Ach ja, was ich dich noch fragen wollte…“, stellte sie ihre Tasse auf dem Wohnzimmertisch ab und beobachtete die Reaktion ihres Bruders, der am Regal stand.

„… haben wir eigentlich einen neuen Nachbarn im Haus oder gibst du neuerdings auch Privatunterricht?“

Frido stockte beim Sortieren seiner DVDs und drehte sich mit leicht ertapptem, leicht verwunderten Blick zu seiner Schwester um.

„Lilli hat ihn nicht bemerkt, weil wir noch ein ganzes Stück entfernt waren, aber als wir vorhin zurückkamen, ist gerade ein hübscher junger Mann aus der Haustür raus. Und soweit ich weiß, hat von unseren Nachbarn niemand einen Sohn oder Enkel in dem Alter“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und schmunzelte, als sie ergänzte, dass der junge Mann mit seinem federnden Schritt auch einen sehr glücklichen Eindruck gemacht habe. Ein wenig verlegen rieb Frido sich den Hinterkopf.

„Na ja, so solltet ihr ihn eigentlich nicht kennen lernen…“, murmelte und wunderte sich sichtlich über Julianes Lachen.

„Ach, so weit kommts noch, dass du mir deine Bettgeschichten vorstellen musst!“, ließ sie sich auf die Couch fallen und schüttelte den Kopf.

„Nach dem, was da zuletzt bei dir los war, freu ich mich einfach, dass du ein bisschen Ablenkung gefunden hast! Ich hab mir… das nach der Trennung von Tim auch mal gegönnt. Manchmal braucht man einfach ein bisschen Zerstreuung und Nähe. Aber deshalb würde ich Frederico auch nicht gleich mit zum Familienfrühstück schleppen!“, grinste sie und zwinkerte Frido zu, während der über diese Offenheit ein wenig überrascht schien. Oder ging ihm etwas anderes durch den Kopf, von dem er gerade überlegte, wie er es in Worte fassen sollte? Doch ehe er überhaupt dazu kommen konnte, etwas zu sagen, sprach Juli auch schon weiter.

„Also ich bin jedenfalls die Letzte, die darüber die Nase rümpft, wenn du dir ein bisschen Spaß holst!“, verschränkte sie die Hände hinter dem Kopf, um dann aber doch eine etwas ernstere Miene aufzusetzen.

„Nur pass bitte auf, dass du dich nicht ausnutzen lässt, okay?“

Frido zog irritiert die Augenbrauen zusammen. Er legte die DVDs aus der Hand und ging zur Couch, um sich auf deren Ecke nieder zu lassen.

„Wie meinst du das?“, fragte er.

„Na ja, der junge Mann sah mir schon so aus, als könnte das dein Student gewesen sein… und wenn ich damit richtig liege, dann hoff ich, dass er nicht nur mit dir schläft, um sich Vorteile dadurch zu verschaffen. Du hast ja selbst mal gesagt, dass du darum eigentlich nichts mit Studenten anfangen willst, aber ich kann auch verstehen, dass die besten Vorsätze manchmal nicht viel taugen, wenn die Anziehung zu groß ist“, zuckte sie leicht die Schultern und erwiderte Fridos Lächeln. Doch dann zu hören, dass ihn nicht einfach nur die Fürsorge seiner Schwester rührte, ließ Juli dieses Mal überrascht zurück.

„Stimmt, das hab ich gesagt… aber ich glaube, bei diesem Studenten brauch ich mir da wirklich keine Sorgen zu machen. Immerhin ist er ja auch ohne meine Hilfe schon der Beste des Kurses und wenn wir ganz ehrlich sind, dann zählt das nicht nur für seinen Jahrgang“, legte sich eine leichte Röte auf seine Wangen und es brachte ihn zum Lachen, als Juli nach kurzem Überlegen der Mund auf klappte.

„Moment mal… der Lockenkopf war aber nicht der Kleine, der dir in letzter Zeit so den Kopf verdreht und dann diese dämliche Aktion mit dem Kuss abgezogen hat, oder?“, rutschte sie in den Schneidersitz und beugte sich zu Frido, dessen Lächeln immer breiter wurde.

„Doch, genau der…“, schmunzelte er und lachte erneut, als Juli seinen Arm griff und ihn rüttelte.

„Wie ist das denn passiert?! Los! Erzähl mir alles! - Bis auf die schmutzigen Details. Die will ich wirklich nicht hören! - Aber den Rest!“, forderte sie, während Frido sie nur mit Mühe daran erinnert bekam, dass sie wegen Lilli ja leise sein wollten. Er tätschelte erst Julis Hand und machte sich dann sanft aus ihrem Griff los.

„Ich dachte, wir wollten uns einen Film angucken?“, fragte er mit engelsgleicher Miene, während seine Schwester wieder nach seinem Arm griff - aber dieses Mal für ihre berühmt berüchtigte Brennnessel.

„Fridooo!“, wrang sie seinen Unterarm, der inzwischen leider nicht mehr so empfindlich wie zu Kindertagen war.

„Okay, okay! Jetzt spring mir nicht gleich an die Gurgel!", hob der Dozent beschwichtigend die Hände und kicherte, ehe er weiter auf die Couch kletterte und es sich ebenfalls im Schneidersitz gemütlich machte.

"Also gut... ich mach doch nachmittags immer ne kleine Pause, um was zu essen und als ich gestern daraus zurück kam und am Atelier vorbei lief…“.

22.8.2024: Hundetagesstätte

Eiligen Schrittes lief er vom Parkplatz über das Campusgelände und sah schon von weitem, dass einer der Räume in dem Gebäude, das er aufsuchen wollte, noch hell erleuchtet war. Er zählte die Fenster - einmal, zweimal, dreimal – und jedes Mal war die Antwort dieselbe: Es konnte nur das Atelier sein.

„Verdammt… wenns der Hausmeister ist, wird er austicken…“, murmelte er und geriet beinahe ins Joggen, um dann im Treppenhaus immer gleich zwei Stufen auf einmal zu nehmen. Ein wenig hatte er dabei zwar noch die Hoffnung, dass es ein anderer Kunststudent war, der an einem Bild arbeiten wollte, aber spätestens bei Betreten des Flures wurden seine Befürchtungen Wahrheit. Schon von weitem konnte er die laute, kratzige Stimme des Hausmeisters hören und bereitete sich innerlich auf dessen Schimpftirade über die Sauerei vor. Doch zu seiner Überraschung hörte Frido Klimlau beim weiteren Näherkommen kein Gezeter und Gemecker, sondern Gelächter.

„… und jetzt arbeitet sie in einer „HuTa“… Wusste nicht mal, dass es so was gibt! Aber wenns sie glücklich macht!“, zuckte der Hausmeister die Schultern, als Frido den Raum betrat und hob sogleich warnend die Hand.

„Vorsicht! Is gewischt; legen Sie sich nicht lang!“, rief er aus, auf seinen Schrubber gestützt, während er den Blick noch mal kontrollierend über Fußboden und Waschbecken wandern ließ.

„Guten Abend, Herr Klimlau“, saß zu dessen großer Verwunderung Dominik auf einem der Tische und wippte leicht mit den Beinen.

„N`Abend zusammen…“, trat der Dozent langsam näher und wusste nicht so recht, was er sagen sollte.

„Herr Klimlau, haben Sie einen Moment Zeit?“, fragte stattdessen Dominik und hielt ihm seine bandagierte Hand entgegen.

„Mir ist gestern Abend ein Unfall passiert… Im Sekretariat hab ichs vorhin schon gemeldet, aber ich dachte, Sie sollten es auch wissen. Ich bin gestolpert und hab mich dabei an einem Glas geschnitten. Der Arzt hats genäht, aber ich soll die Hand schonen, bis sie richtig verheilt ist, darum muss ich aktuell mit dem Malen pausieren“, erklärte er, wobei sich der Dozent merklich entspannte.

„Oh, aber hoffentlich nichts Ernstes?“, versuchte er seiner Stimme einen besorgten Ton zu geben, während er mit einem Seitenblick wahrnahm, dass der Hausmeister seine Sachen zusammenräumte.

„Nein, zum Glück nicht, nur hab ich… mich dabei so blöd angestellt, dass am Tisch und auf dem Boden was dreckig wurd… und am Waschbecken auch, als ich die Wunde ausspülen wollte“, antwortete Dominik, um sich dann dem Hausmeister zuzuwenden.

„Danke noch mal, dass Sie mir beim saubermachen geholfen haben“, meinte er, woraufhin der Angesprochene eine wegwerfende Handbewegung machte.

„Wie gesagt, ich finds gut, dass Sie dazu stehen und sich nicht vorm putzen drücken wollten!“, nickte er dem Studenten und seinem Dozenten zu, um ihnen dann einen schönen Abend zu wünschen und sich auf den Weg in den wohl verdienten Feierabend zu machen. Einen Augenblick schwiegen die Beiden, während sie darauf lauschten, dass die Tür zum Treppenhaus hinter ihm zu fiel.

„Au man und ich dachte, dem fliegt die Hutschnur raus…“, ließ Frido dann den Kopf gegen Dominiks Schulter sinken, wohingegen der anfing zu kichern.

„War nah dran… vor allem, weil ich die Sauerei erst größer gemacht hab, beim Versuch, das weg zu wischen. War doch nicht so "mit Links" gemacht, wie ich dachte... Aber zum Glück war ich vor ihm hier und konnte die Wogen schnell glätten, als er plötzlich in der Tür stand und losbellte. Nachdem ich ihm erklärt hab, was passiert ist, meinte er, dass ich ihn das machen lassen soll und wir haben uns noch ein Weilchen unterhalten. Er ist zwar oft etwas grummelig, aber kann auch sehr nett sein. Und falls du deinen Hund mal zu einer Hundetagesstätte bringen willst, kann er dir bestimmt gern weiterhelfen. Seine Tochter arbeitet jetzt in einer“, grinste er, als Frido ihn anblinzelte und die Augenbrauen hob.

„Er hat mir ein bisschen von seiner Familie erzählt. Die Jüngste ist wohl ein bisschen das Sorgenkind und hat nach einigen abgebrochenen Ausbildungen und Nebenjobs jetzt hoffentlich endlich den richtigen Beruf für sich gefunden“, erzählte er weiter und Fridos langsames, verstehendes Nicken brachte ihn zum Schmunzeln.

„Ich hatte zwar nicht vor, mir einen Hund zu holen, aber gut zu wissen…“, grinste der dann mit schiefen Mundwinkeln, die sich zu einem Lächeln verzogen, als Dominik ihn fragte, was er zu so später Stunde noch in der Uni mache.

„Na ja, das was du auch vor hattest....“, schaute Frido sich vorsichtig um und klaute seinem Studenten dann einen kleinen Kuss.

„Als ich Juli erzählt hab, warum ich letzte Nacht erst so spät nach hause gekommen bin, fiel mir wieder ein, dass wir nach dem Krankenhaus ja direkt zu mir sind. Dass der Putztrupp in den Ferien nicht so oft kommt, wusste ich, aber ich hatte gehofft, dass der Hausmeister die Schweinerei nicht sieht…wie dem auch sei. Ist ja noch mal gut gegangen“, rutschte er neben Dominik auf den Tisch und verspürte ein Glücksgefühl, als der sich wie selbstverständlich an seinen Arm lehnte.

„Ging mir ähnlich… hatte auf der Arbeit Bescheid gesagt, dass ich grad nur eingeschränkt einsatzfähig bin und als eine Kollegin mich fragte, was passiert ist, fiel mir der Saustall ein, den ich hier hinterlassen hab“, legte er die Linke auffordernd auf Fridos Schoß und lächelte leicht, als der seine Finger mit Dominiks verwebte. In seine Freude mischte sich dann aber auch leichte Unsicherheit.

„Als ich im Sekretariat gefragt wurde, was genau passiert ist, hab ich übrigens gesagt, dass ich noch furchtbar dolle Schmerzen hätte und gebeten, dass ich das Formular zuhause selbst ausfüllen kann. Muss ich zwar zeitnah nachreichen, aber… ich wusste nicht, ob ich denen sagen soll, dass du auch dabei warst. Wollt ich erst mal mit dir absprechen... Hab ehrlich gesagt auch nicht mit gerechnet, dass die das so detailliert wissen wollen. Ich dachte, ne Info über Zeit, Ort und Verletzung als solche reicht“, schaute Dominik seinem Daumen dabei zu, wie er über Fridos Handrücken strich, ehe er den Blick zum Gesicht seines Dozenten hob. Der nickte leicht und atmete tief durch.

„Nachdem wir beim Hausmeister grad so getan haben, als wär ich ahnungslos gewesen, sollten wir die Version vielleicht auch beibehalten…“, murmelte er nachdenklich, wobei er Dominik einen Kuss auf die Schläfe gab.

„Generell… müssen wir uns überlegen, wie das mit uns jetzt weitergehen soll…“, fasste er seicht Dominiks Kinn und strich darüber, während er einen tiefen Atemzug nahm, um das eine Thema zu klären, das noch viel weiter am Anfang wartete.

„Aber… dass es mit einem uns weitergehen soll, steht außer Frage, oder?“, schaute er Dominik in die Augen und fühlte Übelkeit in sich aufsteigen, als der nicht sofort antwortete. Stattdessen blinzelte er erst, runzelte dann die Stirn und lehnte sich sogar leicht von seinem Dozenten weg.

„Ist das grad dein Ernst?“, hob er nicht nur kritisch seine Augenbraue, sondern auch vorwurfsvoll die rechte Hand.

„Sagt das hier nicht genug aus?!“, sprach er ruhig und kühl, aber sein Blick verriet dennoch die Empörung.

„Und außerdem: Für was für ein Flittchen hältst du mich denn bitte?! Seh ich vielleicht aus, als würd ich mit jedem gleich ins Bett steigen, der mich mal kurz nett anlächelt?“, zupfte er seine Finger aus Fridos heraus und rutschte vom Tisch, doch weit kam er nicht, denn sogleich fing der ihn wieder ein, indem er seine Arme um ihm schlang.

„So hab ich das nicht gemeint...“, murmelte er in Dominiks Locken und vergrub das Gesicht an seiner Schulter.

„Ich wollte doch nur sicher sein, dass du es dir nicht anders überlegt hast…“, flüsterte Frido und fühlte, wie Dominik die Hände auf seine legte.

„Weil du mein Dozent bist? Und weil es was anderes ist, ob man nur heimlich für jemanden schwärmt oder dem dann tatsächlich nahe kommt?“, sagte der Lockenkopf leise und spürte Fridos Nicken.

„Ich will nicht, dass du meinetwegen von den anderen Studenten ausgegrenzt wirst… oder dass deine Leistungen deshalb kleingeredet werden“, flüsterte der und dachte an die Sticheleien und Kommentare zurück, die er zufällig aufgeschnappt hatte – in der Öffentlichkeit eines Campus und nicht einmal in der gefühlten Anonymität von Chatnachrichten oder privaten Räumen, wo die Aussagen vielleicht noch viel biestiger ausfielen. Er wusste, dass Dominik es nicht nötig hatte, sich gute Noten zu erschlafen, aber was, wenn es ihm dennoch so ausgelegt wurde? Doch sein Student schnaubte belustigt aus und legte den Kopf in den Nacken.

„Ich weiß längst, dass einige mich für arrogant halten. Wenn ihr einziger Angriffspunkt ist, dass ich meine Prioritäten weniger auf Parties und mehr auf dem Verbessern meiner Fähigkeiten habe, dann kann ich da gut mit umgehen. Neider gibt es immer und wenn es arrogant ist, dass ich weiß, was ich kann, dann bin ichs gern“, zuckte er leicht die Schulter und Frido lockerte seinen Griff, als Dominik Anstalten machte, sich zu ihm umzudrehen.

„Aber was ist mit dir und deinem Ruf?“, legte er die Arme um Fridos Nacken und lächelte, als der sogleich den Kopf schüttelte.

„Wenn ich die Beurteilung von dir abgebe, kann keiner sagen, dass ich voreingenommen wäre. Außerdem gibt es in den anderen Fakultäten auch solche Fälle… Was ich bisher so mitbekommen habe, ist es eher so, dass die beteiligten Studenten oder Studentinnen schief angeguckt werden, aber weniger die Dozentinnen und Dozenten, die sich auf sie eingelassen haben. Zumindest hier am Campus… Also um mich brauchst du dir da wirklich keine Sorgen zu machen“, antwortete er und strich über Dominiks Rücken, der ihm ein keckes Lächeln schenkte.

„Na dann. Wenn andere das vor uns hinbekommen haben, kriegen wir das auch irgendwie hin“, klangen seine Worte fast schon lapidar, während er Frido für einen Kuss an sich zog und dann vorschlug, dass sie das restliche Gespräch vielleicht trotzdem lieber an einen anderen Ort verlegen sollten.

23.8.2024: Gedankenkarussell

„Mir raucht langsam echt der Kopf…“, meinte Dominik und Frido konnte ihm da nur zustimmen. Seit über einer Stunde saßen sie nun schon in seinem Wagen und auch wenn sie sich für das Gespräch ein lauschiges Plätzchen gesucht hatten, war von der Romantik am Vormittag gerade nicht viel zu merken. Stattdessen jonglierten sie wie in einem Gedankenkarussell ihre Argumente für und gegen das Veröffentlichen ihrer Beziehung hin und her. Beide fanden Vorteile darin, aber beiden fielen auch Nachteile ein. Ein großer Pluspunkt wäre sicherlich, dass sie durch ein Offenlegen verhindern konnten, in irgendwelche Versteckspielchen zu geraten und sich auch nicht in Gegenwart anderer verstellen mussten. Aber überwog das wirklich die Schattenseiten? Ihr Zusammensein war noch so jung, dass schwerlich bereits von einer richtigen Beziehung gesprochen werden konnte. Sie mussten erst einmal selber herausfinden, wohin die Reise wirklich gehen sollte und wie der jeweils andere außerhalb der Uni oder der zerknüllten Kopfkissen tickte. Konnte aus der Schwärmerei und Leidenschaft auch etwas Langfristiges werden? Kein schöner Gedanke, aber ein realistischer.

„In der Realschule hatte unsere Englischlehrerin mal was mit dem Sportlehrer… alle haben das mitbekommen und alle haben es dann auch gemerkt, als die sich nach ein paar Wochen getrennt haben. Man konnte ihr ansehen, dass es ihr danach nicht gut ging und jeder wusste, woran das lag… Will man das so offenkundig vor Kollegen und Schülern oder Kommilitonen ausgebreitet haben?“, war ein Einwurf von Dominik gewesen und Frido musste ihm da zustimmen. Wollten sie neben ihren eigenen Wünschen und Marotten auch noch die unzähligen Blicke und Erwartungen aus ihrem direkten Arbeitsumfeld auf sich lasten haben? Aber dann war da auch wieder die Sorge vor den Konsequenzen, wenn sie es geheim hielten und es zufällig ans Tageslicht kam. Und auch der Wunsch, sich öffentlich nahe sein zu können, statt, wie jetzt, irgendwo versteckt im Auto zu hocken. Sie drehten sich im Kreis und kamen zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis.

„Weißt du was? Wir holen uns jetzt erst mal was zu essen und lassen die Grübelei für einen Moment beiseite“, schlug Frido schließlich vor und mit fast schon seligem Lächeln stimmte Dominik ihm zu.

Auch ihm knurrte schon lange der Magen und er konnte ja ohnehin schon kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Aber dieser Vorschlag seines Dozenten barg auch direkt das erste Konfliktpotenzial: Wer sollte bezahlen? Frido hatte kein Problem damit, Dominik einzuladen, aber der war bei diesen Themen ja etwas eigen. Also erkundigte er sich erst einmal vorsichtig, wohin sie fahren sollten und ob er dem Jüngeren was ausgeben durfte, um sich gleichzeitig wieder zu fragen, ob er solche Themen künftig schlimmstenfalls unter Beobachtung seiner anderen Studenten regeln wollte.

„Was hältst du davon, wenn heute jeder für sich selbst zahlt und ich dich nächstes Mal einlade?“, schlug Dominik zu Fridos Überraschung vor und auch auf das Menü bei einer der beliebten Fastfoodketten konnten sie sich schnell einigen.

„Klingt gut“, betätigte Frido also die Zündung und machte sich auf dem Weg. Doch dabei merkte er auch, dass ihn Dominiks Kompromissvorschlag nicht nur beim Thema Essen weitergebracht hatte.

„Du, mir kommt da eine Idee…“, überlegte er laut und konnte aus den Augenwinkeln heraus sehen, wie Dominik ihm den Kopf zudrehte.

„Wie wäre es, wenn wir es erst mal halb-öffentlich machen?“

„Halb-öffentlich?“, wiederholte der Jüngere und konnte mit dem Vorschlag offensichtlich noch nicht allzu viel anfangen.

„Wie stellst du dir das vor?“, fragte er, während der Ältere darüber nachdachte, wie er seine Gedanken am besten in Worte gießen sollte.

„Indem… ich die Benotung des gesamten Kurses abgebe. Ich werde der Fakultät mitteilen, dass ich mit jemandem aus dem Studentenkreis zusammen bin, aber nicht, um wen es sich handelt. Zumindest vorerst. In der Uni versuchen wir eine professionelle Ebene beizubehalten und lernen uns privat besser kennen. Wir müssen uns ja nicht verstecken, aber am Anfang könnten wir Treffen vor allem auf unsere Wohnungen beschränken und Ausflüge in umliegende Städte legen. Letztlich… stellt man seinen neuen Partner in dieser Anfangszeit ja auch nicht zwingend sofort der Familie oder den Freunden vor. Ja, manche machen das, aber viele wollen die ersten Wochen auch erst mal für sich haben. Und warum sollten wir es mit der Uni anders handhaben?“, überlegte Frido. Aber er fand an seinem Konzept auch einen Haken: „Klar wirds Spekulationen geben, wenn ich sage, dass ich mit jemandem zusammen bin, aber…“

„… die würde es vermutlich so oder so geben, selbst wenn wir die Karten gleich komplett auf den Tisch legen“, griff Dominik den Gesprächsfaden auf und sein Dozent nickte.

„Eine Lösung, die zu hundert Prozent passt, gibt es wahrscheinlich kaum…“, murmelte er, was auch Dominik bejahte.

„Stimmt, aber das ist eine Idee, mit der wir arbeiten können und ich finde, die bringt uns schon mal ein ganzes Stück weiter“.

24.8.2024: Astronautennahrung

Es war ein kleines Dilemma: Direkt nach dem Unfall war Frido monatelang in Selbsthass versunken, weil sein Körper nicht mehr mit der Mühelosigkeit und Vollständigkeit funktioniert hatte, die er zuvor gewohnt gewesen war. An manchen Tagen hatte er seine unnütze linke Hand regelrecht verflucht und sich nur widerstrebend auf Rehabilitationsmaßnahmen und Physiotherapien eingelassen. Als witzlos hatte er sie empfunden und als Zeitverschwendung für einen Leib, der sich so gegen seinen Herrn richtete. Doch dann, nach den ersten kleinen Erfolgen und einer ordentlichen Standpauke seines Freundes Ernest, war die Stimmung langsam gekippt. Statt der Trauer über das Verlorene hatte allmählich die Dankbarkeit über das noch Erhaltene und das Zurückeroberte überhand gewonnen und sein Körper war für Frido Klimlau tatsächlich zu dem geworden, was in vielen Klatschblättchen so hochtrabend verbreiten wurde: Ein Tempel. Und diesen Tempel hatte er seitdem gehegt und gepflegt, ihm Bewegung und kleine Herausforderungen zum Wachstum geboten und gutes Essen, um all seine Anstrengungen und Mühen zu belohnen. Und nun saß er hier in seinem Auto, auf dem Parkplatz eines berühmten Billigfresstempels und betrachtete das Zeug, das die als „Essen“ verkauften. Während Dominik bereits herzhaft daran mümmelte und es in sich hineinstopfte, fragte Frido sich, wann er das letzte Mal so etwas gegessen hatte. Die eingetüteten Sößchen erinnerten ihn eher an Astronautennahrung und das trockene Fleisch auf seinem Brötchen verortete er in Richtung Dörrgut – nur, dass das beides wohl um Längen nahrhafter als sein Burger gewesen sein durfte. Wenn er wenigstens Appetit auf die matschigen Pommes gehabt hätte, aber schon der Geruch des Frittenfetts ließ seinen Magen beinahe Rückwärtssalto springen und erst jetzt wurde ihm bewusst, wie wenig er inzwischen mit Fastfood anzufangen wusste, obwohl er früher auch gern mal alle paar Wochen danach gegriffen hatte. Gleichzeitig wusste er aber auch, dass sein Student sich Ausflüge in Restaurants, die diesen Namen auch verdienten, nicht leisten konnte und überlegte daher, ob der Geschmack seiner Mahlzeit vielleicht gar nicht so schlimm war, wie Geruch und Aussehen es andeuteten. Also biss er einfach beherzt zu – und bereute es sogleich. Der Käse schmeckte wie eine alte Schuhsohle und die Soße, als wäre sie so mit Geschmacksverstärkern vollgepumpt, dass das Stück Fleisch darunter auch problemlos in Form gepresste Sägespäne hätten sein können.

„Du bist anderes gewohnt, oder?“, hörte er neben sich und zuckte zusammen. Mit den Gedanken war er so bei seinem Essen gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie Dominik ihn beobachtete. Frido würgte den Bissen runter.

„Nein, nein, ist ja nicht das erste Mal, dass ich hier esse…“, druckste er herum und versuchte seinem Gesicht einen überzeugenden Eindruck aufzudrücken, aber Dominik hatte ihn längst durchschaut.

„Hab mich ohnehin schon gewundert“, schob der sich genüsslich ein paar labberige Kartoffelreste in den Mund und grinste über Fridos Verwirrung.

„Du bist ziemlich durchtrainiert und ich hab noch nicht gehört, dass regelmäßige Toasts mit Nutella ein gutes Sportlerfrühstück sind. Eigentlich hast du heute Morgen nur zum Vollkornbrot und den herzhaften Belägen gegriffen, oder? Isst du das andere Zeug überhaupt?“, nahm Dominik einen Schluck Cola, während Frido seinen Burger sinken ließ.

„Um eins klar zu stellen: Ich achte nicht pingelig genau auf meine Ernährung oder verbiete mir irgendwas. Seit ich vor einigen Jahren angefangen habe, viel selbst zu kochen und frische Lebensmittel zu nutzen, schmeckt das andere einfach gar nicht mehr so gut. Und… ja… ich… ich achte auch ein bisschen mehr auf die Qualität als früher, weil ich merke, dass der Geschmack dann nicht nur oft ein besserer ist, sondern dass ich länger satt bleibe und manches auch besser vertrage. Bei Backwaren zum Beispiel“, murmelte Frido fast schon schuldbewusst, während er auch zugab, dass Weißtoast und Nutella eher auf Julis Mist als auf seinen gewachsen waren.

„Ich hab mich heute Morgen aber ehrlich gefreut, dass ich was da hatte, das dir geschmeckt hat. Da ist es dann doch egal, ob Juli oder ich das gekauft habe, oder? Und… und wenn dir der Burger schmeckt, dann umso besser! Ich geb dir gern meinen, wenn du möchtest“, lächelte Frido zwar, während er Dominik sein Essen hin hielt, aber er fürchtete auch, wie dessen Reaktion ausfiele. Der junge Mann sah nachdenklich aus, während er Frido die fettbeschmierte Tüte abnahm und sich auf den Schoß stellte.

„Hab ich dich vor den Kopf gestoßen?“, fragte der Dozent und sein Student schüttelte den Kopf. Aber trotzdem ließ er den Blick auf den Fußraum gerichtet.

„Ich kanns verstehen…“, murmelte er schließlich und atmete tief aus. Es war nicht zu übersehen, dass es ihn Überwindung kostete, weiterzusprechen.

„Im Moment arbeite ich nur im Blumengroßhandel, aber bis vor ein paar Wochen war ich auch noch ein paar Stunden die Woche im Supermarkt angestellt. Da durft ich mir von den aussortierten Lebensmitteln oft was mitnehmen. Mir haben die paar Druckstellen oder Flecken nichts ausgemacht. Die kann man ja einfach abschneiden. Aber... mir das jetzt regelmäßig zu kaufen, kann ich mir nicht leisten. Gerade Obst und Gemüse ist oft so teuer…“, schüttelte er den Kopf und sank immer mehr in sich zusammen.

„Du… du hast ja gesehen, wie das Verhältnis zu meinen Eltern ist. Sie haben eine eigene Firma und wenn ich richtig informiert bin, bekäme ich nicht mal BaFöG, weil ihr Einkommen hoch genug ist, dass sie mich unterstützen müssten. Und... einklagen will ich das nicht. Dafür ist unser Verhältnis schon angespannt genug... Aber selbst wenn ich doch Anspruch auf BaFöG hätte, will ich nicht mit Schulden aus dem Studium rausgehen, also arbeite ich lieber nebenher“, nuschelte er und nickte, als Frido laut aussprach, was Dominik in Gedanken noch ergänzte.

"In den Studentenjobs verdient man auch nicht riesig viel und gerade im Kunststudium hat man nicht nur den Semesterbeitrag, sondern auch die Materialkosten. Mit der Zeit kann sich das ganz schön läppern“, wusste er ja nur allzu gut, dass viele Studenten ohne Nebenjobs kaum über die Runden kamen. Aber nicht nur aus Sicht eines Dozenten verstand er Dominik besser, als der wohl ahnte.

„Du, ich hab mal ein halbes Jahr bei einem Kumpel auf der Couch gepennt, weil ich unbedingt an meiner damaligen Uni studieren wollte, aber damals kein bezahlbares Zimmer bekommen hab“, erzählte er und legte die Hand an Dominiks Wange, als der einen scheuen Blick zu ihm hinüber wagte.

"Wirklich?", fragte er vorsichtig und schien tatsächlich ein wenig erleichtert, als Frido nickte.

„Du kannst sehr stolz auf dich sein, Dominik. Das alles so zu stemmen, zeugt von großer innerer Stärke. Lass dich nicht unterkriegen, ja? Und… statt essen zu gehen, könnten wir künftig doch auch einfach zusammen kochen. Was hältst du davon? Nudeln mit Tomatensoße sind doch auch was Feines!“, lächelte der Ältere, doch der Jüngere hatte eine Bedingung: "Aber nur, wenn ich die Nudeln und Tomaten kaufe!"

25.8.2024: Ottifant

„Hältst du das wirklich für ne gute Idee? Ich will dich nicht wecken, wenn ich zur Arbeit muss“, flüsterte Dominik, während er mit Frido durchs Treppenhaus zu dessen Wohnung schlich.

„Was ist dir lieber? Ne Stunde früher aufstehen, um erst noch den ganzen Weg zu laufen oder dich darüber freuen, dass meine Bude nur zehn Minuten vom Großmarkt entfernt liegt?“, konterte der Ältere und schmunzelte, weil seiner Begleitung nur allzu offensichtlich anzusehen war, dass ein kürzerer Fußmarsch durchaus verlockend klang – besonders bei den Uhrzeiten, die ihn immer zur Arbeit trieben.

„Wir müssen nur leise sein, damit wir die Mädels nicht wecken“, schloss er also die Wohnungstür auf, warf einen Kontrollblick nach links und rechts und nickte Dominik dann zu, ihm zu folgen. Alles in seiner Wohnung war in Dunkelheit gehüllt, die nur das Licht einer kleinen Funzel im Flur durchbrach.

„Aha, Juli hat mal wieder vergessen, Licht aus zu machen“, murmelte der Hausherr, während er aus den Schuhen schlüpfte und bat Dominik, es sich schon mal im Wohnzimmer gemütlich zu machen.

„Ich hol uns noch schnell was zu trinken“, huschte er selber zur Küche und warf einen irritierten Blick zurück in den Flur, als er bemerkte, dass Dominik plötzlich wie angewurzelt in der Wohnzimmertür stehen blieb. Leise drangen Stimmen an sein Ohr und beim genauen Hinsehen stellte er fest, dass nicht nur von der Lampe im Flur ein Lichtschein zu sehen war. Fast hilflos schaute der Jüngere zu ihm rüber und nickte vielsagend ins Zimmer, als Frido zu ihm gelaufen kam.

„Die Kleine hält sich besser daran, dass sie nicht einfach ungefragt hier reinspazieren soll, als die Große..“, knurrte der und wollte gerade zur Couch stapfen, um seine Schwester zu wecken und vorm Fernseher weg zu holen, aber Dominik hielt ihn fest.

„Warte… was ist mit mir?“, fragte er unsicher und Frido seufzte aus. Er wollte den jungen Mann weder verstecken noch zu einen ersten Treffen mit seiner Schwester drängen.

„Was ist dir lieber?“, fragte er und konnte seine Enttäuschung nur schwerlich kaschieren, als Dominik sogar überlegte, wieder zu gehen.

„War vielleicht doch keine so gute Idee, uns wieder heimlich her zu schleichen…“, meinte er und zuckte die Schultern, als Frido vorschlug, ob er nicht einfach kurz im Bad warten wollte, bis er seine Schwester aus dem Wohnzimmer geschmissen hatte. Doch zu ihrer beider Überraschung mischte sich plötzlich die Dritte im Bunde mit einem „Habt ihrs bald?“ ein. Zerknautscht und zerknittert stützte Juli sich auf der Rückenlehne des Sofas ab, rieb sich das Gesicht, gähnte herzhaft und machte nicht einmal einen Versuch, ihre Mähne irgendwie zu richten. Stattdessen fand sie es belustigend, wie belämmert die beiden Männer sie anstarrten.

„Schon vergessen? Mutter einer Zweijährigen, da muss man selbst im Schlaf Ohren wie ein Luchs haben!“, grinste sie müde und kletterte von der Couch.

„Sorry, bin eingepennt…“, schlurfte sie zu ihrem Bruder hinüber und drückte ihm die Fernbedienung in die Hand. Aber der hatte nur ein „Hab ich gemerkt!“ für sie übrig.

„Machst du das öfter?“, brummte er und wieder musste seine Schwester schmunzeln.

„Hier heimlich fernsehen, solange du noch in der Uni hockst? Käme mir doch nie in den Sinn!“, hatte sie das gleiche freche Grinsen drauf, das Frido schon in ihrer Kindheit oft genug zur Weißglut getrieben hatte. Er setzte sogleich zu einer Antwort an, doch seine Schwester war schneller, indem sie Dominik plötzlich mit einem „Hi, ich bin übrigens Juli!“ die Hand hinstreckte und den verstimmten Frido ignorierte. Nur zögerlich kam der Dunkelhaarige ihrer Aufforderung nach. Es war nicht zu übersehen, dass die ganze Situation ihn überrumpelte.

„Mein Gott, Frido! Was hast du ihm denn über mich erzählt?! Der guckt ja, als würd ich ihn gleich fressen!“, tadelte Juliane ihren Bruder und fasste Dominiks Hand für einen vorsichtigen Handschlag, als der endlich Anstalten machte, ihre Vorstellung zu erwidern.

"Oh, sieht schmerzhaft aus, der Verband. Tuts sehr weh?", fragte sie mit ehrlichem Mitgefühl, aber dieses Mal kam ihr Bruder weiteren Antworten zuvor.

„Vielleicht haben wir nur nicht damit gerechnet, das Schlossgespenst anzutreffen!“, knurrte der Ältere und verschränkte die Arme vor der Brust, während er seine Schwester kritisch musterte.

„Ist das da mein T-Shirt?“

Juliane schaute an sich herunter und zuckte die Schultern.

„Für Ottifanten bist du eh zu alt und es hat die passende Größe für ein gemütliches Schlafshirt!“, war da schon wieder dieses nervtötende Grinsen. Frido schnaubte aus.

„Wir unterhalten uns morgen!“, zischte er und blähte noch mehr die Nüstern, als Juli ihm einen unschuldigen Blick zuwarf.

„Was bistn jetzt schon wieder so angefressen?“, trällerte sie, während Frido vielsagend zur Tür deutete. Juli seufzte aus und schüttelte den Kopf.

„Mach dir nichts draus… er ist manchmal ein bisschen knurrig, aber ansonsten echt ein Lieber!“, tuschelte sie Dominik zu und zwinkerte, als ihr Bruder mit einem „Juliane!“ dazwischen haute.

„Hey, weck mir nicht die Kleine!“, tadelte die sofort und konnte sich das Kichern doch nicht verkneifen, als Frido sie schließlich kurzerhand aus dem Zimmer schob.

„Gute Nacht!“, knurrte er und „Gute Nacht, ihr zwei!“, zwitscherte sie, während er sich gerade noch zügeln konnte, die Tür nicht lauthals hinter ihr zu schließen.

„Diese…“, schnaufte er dann aus und fuhr wie angestochen hoch, als Juliane nochmals den Kopf durch die Tür steckte.

„Ach und schließt am besten ab, damit Lilli nicht einfach hier reinplatzt!“, riet sie ihnen noch und ihr Lachen war durch die Tür zu hören, als Frido keine Zeit verlor, den Vorschlag in die Tat umzusetzen.

„Na, bei der Kleinen mach ich mir da weniger Gedanken, dass die plötzlich auf der Matte steht!“, maulte er, während er kurz die Augen schloss, durchatmete und überlegte, wie er die Situation jetzt noch retten konnte. Dominik war ohnehin schon unsicher gewesen und jetzt so eine Katastrophe!

„Hey… tut mir leid, ich wusste echt nicht, dass sie…“, drehte er sich langsam zu dem um, während er noch immer nach den richtigen Worten suchte. Aber er stellte überrascht fest, dass Dominik sich regelrecht dazu zwingen musste, nicht lauthals los zu lachen.

"Ach.. das findest du witzig, ja?", hob der Ältere die Augenbrauen und stützte die Hände auf die Hüften, aber sein Gesichtsausdruck zeigte sofort, dass er in keinster Weise böse auf Dominik war.

„Sorry, ich weiß wie nervig Geschwister sein können!“, kicherte der und schmiegte sich an Frido, als der die Arme und ihm legte. Musste er seiner Schwester am Ende sogar noch dankbar sein?

„Dann war das erste offizielle Treffen also gar nicht so schlimm wie befürchtet, hm?“, schmunzelte er und betrachtete zufrieden das Nicken seines Lockenkopfes. Eine kleine Retourkutsche bekäme Juli aber trotzdem noch…

26.8.2024: Tauchroboter

...diese Stelle ist allerdings so unzugänglich, dass die Forscher hier nur mithilfe eines Tauchroboters arbeiten können…“, wusste der Kommentator von Julianes Meeresdokumentation gerade noch zu berichten, ehe Frido ihn mit einem beherzten Druck auf die Fernbedienung zum Schweigen brachte.

„Wann genau musst du denn aus den Federn?“, strich er Dominik einige Locken aus dem Gesicht und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, als er was von halb vier Uhr hörte. Sein Student zuckte allerdings die Schultern.

„Man gewöhnt sich an alles“, scherzte er und erinnerte Frido daran, dass er sonst ja noch früher raus musste.

„Da ist das jetzt ja fast schon Luxus, dass ich ne Stunde länger pennen kann“, legte er die Arme um Fridos Nacken und schüttelte den Kopf, als der ihn nach einem Fahrrad fragte.

„Wurden mir mehrfach geklaut. Im Moment spar ich lieber auf ein Skateboard, das kann ich wenigstens mit ins Gebäude nehmen“, erzählte Dominik und wurde von Frido überrascht angeschaut.

„Du fährst Skateboard?“

Wieder grinste der Student.

„Ich hab sogar noch andere Interessen als nur Kunst“, meinte er und Frido lachte ein wenig ertappt.

„Irgendwie hätte ich eher gedacht, dass du nebenher vielleicht noch ein bisschen musizierst oder wenn Sport, dann Laufen, aber mit Skateboarden hatte ich wirklich nicht gerechnet“, gab er zu und dieses Mal verzog Dominik das Gesicht.

„Laufen im Sinne von Joggen? Auf keinen Fall!“, schüttelte er sich allein beim Gedanken daran und konnte Frido schon an seinem Grinsen absehen, dass er selbst da wohl deutlich anders eingestellt war.

„Wenn du früher schon Skateboard gefahren bist – was ist denn dann mit dem Board von damals?“, fiel Frido auf und Dominik schüttelte leicht den Kopf.

„Sagen wir so: Eigentlich wollte ich noch neue Rollen anbringen und hatte es darum im Keller liegen, aber dann ging mein Umzug so schnell vonstatten, dass ich keine Zeit mehr hatte, um es noch mitzunehmen“, grinste er schief und Frido hob verwundert die Augenbrauen.

„Deshalb die Balkonkletterei?“, vermutete er, aber Dominik schüttelte den Kopf.

„Nein, ähm… Ich hab meinen Eltern erst erzählt, dass ich Kunst studieren will, als ich die Zusage der Uni bekam – oder eher: So war mein Plan gewesen. Allerdings hat mein Vater den Brief vor mir gesehen, war so verwundert über den Absender, dass er ihn aufgerissen hat und als ich an dem Tag von der Arbeit kam, hatten wir den Streit unseres Lebens. Kurzerhand bin ich hoch in mein Zimmer, hab notdürftig gepackt und bin dann mit zwei Koffern und einem Rucksack im Schlepp abgedampft“, kratze er sich fast schon verlegen die Wange und erzählte, dass er die letzten Wochen bis zum Studienbeginn bei seiner Großmutter unter geschlüpft war.

„Sie hat nur ne kleine Rente, aber sie meinte, solang ich mein Essen selbst bezahle, ist das kein Problem, dass ich bei ihr schlafe. Gleichzeitig hab ich noch so viele Überstunden wie möglich gemacht, um mir ein kleines Polster anzulegen und bin über Bekannte von Oma an mein jetziges Zimmer gekommen. Bei meinen Eltern hab ich mich dann… tatsächlich erst wieder wegen der Ausstellung gemeldet. Obwohl ich vermute, dass Oma ihnen zwischenzeitlich schon erzählt hatte, wo ich abgeblieben bin…“, murmelte er und zuckte leicht die Schultern, als er auf diese Überlegung keine abschließende Antwort fand. Ihn schien das Erlebte kaum noch zu tangieren, aber Frido spürte, wie sich sein Magen beim dem Gehörten verknotete. Er konnte sich gar nicht vorstellen, wie es sich anfühlen musste, von der eigenen Familie so abgelehnt zu werden – auch, wenn er nach seinem Unfall selbst irgendwann entschieden hatte, mehr auf Abstand zu seiner Verwandtschaft zu gehen. Doch bei ihm waren die Gründe ganz andere gewesen.

„Du hast doch auch noch einen Bruder, oder?“, fragte er leise und Dominik korrigierte, dass es sogar zwei waren.

„Hast du denn zumindest zu ihnen noch Kontakt?“

„Kaum, aber mit denen bin ich nicht zerstritten. Wir hatten einfach nie so den Draht zu einander…“, zuckte er leicht die Schultern und lächelte zu Fridos Überraschung dann.

„Lass uns da morgen oder so drüber reden, ja? Dann erzähl ich dir auch das mit dem Balkon und so… jetzt bin ich ziemlich müde und würd gern noch ein bisschen mit dir kuscheln, bevor ich gleich wieder los muss“.

27.8.2024: matchen

Obwohl er noch eine halbe Stunde schlafen konnte, war er schon hellwach. Während er hörte, wie seine Schwester sich schwerfällig ins Bad schleppte, fühlte er sich bereits so energiegeladen, dass er regelrecht aus dem Bett hätte springen können. Doch er tat es nicht. Stattdessen lauschte er dem erwachenden Morgen und hing seinen Gedanken nach. Eigentlich war alles wie immer: Der kläffende Hund aus der Nachbarschaft, der um diese Zeit ausgeführt wurde, ehe sein Besitzer zur Arbeit musste. Die zunehmende Geräuschkulisse der Auto- und Radfahrer, die sich auf den Weg machten und einander dabei mit Rufen und Geklingel anpöbelten. Aber auch die dicken Tauben im Baum vor seinem Fenster, die gurrten und sich um den ganzen Trubel gar nicht scherten. Selbst die Position, in der Frido an diesem Morgen erwacht war, stimmte mit den meisten anderen Tagen überein und der Blick an seine Zimmerdecke erst recht. Aber trotzdem war etwas anders. Selbst, wenn das Laken neben ihm längst wieder kalt war, trug das andere Kopfkissen noch immer Dominiks Abdruck und einen Hauch seines Dufts. Wie tief musste Frido geschlafen haben, dass er gar nicht mitbekommen hatte, als Dominik aufgestanden und gegangen war? Einerseits war es natürlich schön, nicht aus dem Schlaf gerissen zu werden, aber andererseits fand er es auch ein wenig schade, nicht gemeinsam in den Tag gestartet zu sein. Vielleicht war er darum auch etwas früher als sonst aufgewacht? Weil er insgeheim gehofft hatte, Dominik noch zu erwischen?

„Vielleicht könnte ich…“, murmelte er und kaute leicht an der Unterlippe. War seine Idee zu viel oder genau richtig? Er schob sich die Hände unter den Kopf und dachte weiter auf dem Einfall herum, bis sein Wecker sich meldete und er ohne finale Entscheidung aus dem Bett schlüpfte.

„Morgen…“, kam Juli ihm aus dem Badezimmer entgegen und sah trotz Dusche und Make-Up noch immer zerknautscht aus, während er ihr ein Lächeln schenkte, für das er irritiert – ja, fast schon angewidert – angeschaut wurde.

„Wie kannst du so gut gelaunt sein? Du hast doch bestimmt auch kaum ein Auge zu getan…“, murrte sie und gähnte herzhaft, woraufhin Frido ein ernstes Gesicht aufsetzte.

„Warum sollte ich nicht geschlafen haben?“, fragte er und verschränkte die Arme vor der Brust, als Juliane vielsagend zum Wohnzimmer nickte.

„Ach, du meinst wegen Dominik? Den hast du doch gestern noch erfolgreich mit deinem Auftritt vergrault. Danke dafür übrigens“, schnaubte er aus und für einen kurzen Moment ging Juliane ihm tatsächlich auf den Leim. Dann aber runzelte sie die Stirn und haute ihm gegen die Brust.

„Da musst du schon früher aufstehen. Ich hab die zweite Zahnbürste in deinem Becher gesehen. Oder brauchst du neuerdings zwei?“, reckte sie das Kinn und schlurfte an ihm vorbei Richtung Küche.

„Klar, eine für den Ober- und eine für den Unterkiefer“, grinste er und lehnte sich an die Türzarge, während Juli den Kaffee aufsetzte.

„Wieso hast du denn so schlecht geschlafen? Hatte die Kleine wieder Alpträume?“, fragte er dann und seufzte, als Juli nickte.

„Ja, im Moment ists wieder schlimmer… Wundert mich fast schon, dass sie mir kein blaues Auge verpasst hat, so, wie sie aktuell im Schlaf um sich schlägt und tritt“, murmelte sie und lehnte sich an die Spüle.

„Meinst du, weil du ihr letzte Woche erzählt hast, dass ihr bald in eine eigene Wohnung zieht?“, erkundigte Frido sich, woraufhin seine Schwester erst unschlüssig den Kopf wiegte und dann leicht mit den Schultern zuckte.

„Kann gut sein… du hast ja gesehen, wie sie deshalb rumtheatert hat. Ich find unsere WG ja auch ganz schön, aber auf Dauer möchte ich schon wieder meine eigenen vier Wände und ich denke mal, du auch. Besonders jetzt… Und wenn ich bei der Wohnung jetzt nicht zugeschlagen hätte, wär ich echt verrückt. Tolle Lage, passende Größe und der Preis ist echt gut. Mich störts nicht, dass die Schule und der Kindergarten direkt daneben sind. Im Gegenteil, besser gehts für Lilli ja gar nicht und ich bin eh bis nachmittags arbeiten!“, meinte sie, woraufhin Frido leicht nickte. Er hatte zwar angeboten, dass die Beiden bei ihm bleiben konnten, solange sie wollten, aber ein wenig freute er sich auch darauf, künftig mit Dominik ungestörter sein zu können.

„Ein paar Wochen bleibt ja noch alles, wie es ist“, versuchte er etwas Aufmunterndes beizusteuern, das Juli allerdings nur nachdenklich stimmte.

„Ja… hoffentlich läuft mit der Renovierung wirklich alles gut über die Bühne“, murmelte sie und holte zwei Tassen aus dem Schrank. Für einen Moment schloss sie die Augen, als Frido hinter sie trat und ihr über die Oberarme rieb.

„Es wird schon alles gut gehen… und wenn nicht, bin ich ja auch noch da“, legte er die Wange an ihren Schopf und die Arme um ihre Schultern.

„Bin echt froh, dass wir uns so gut verstehen…“, flüsterte sie und lächelte bei seinem Nicken. Bei dem, was er teilweise schon von Dominik gehört hatte, wurde ihm bewusst, wie dankbar er für seinen familiären Zusammenhalt sein konnte.

„Duu, Frido?“, legte sich plötzlich etwas Zuckersüßes in Julis Stimme und er ahnte schon, was jetzt kam.

„Als liebender großer Bruder tust du mir doch bestimmt einen kleinen Gefallen, oder?“, säuselte sie weiter, während er ausseufzte und die Augen verdrehte.

„Wer spielt?“, brummte er und ließ Juli los, die sich sogleich strahlend zu ihm umdrehte.

„Heute matchen sich Bayern und Dortmund, das muss ich unbedingt sehen!“, faltete sie die Hände und schaute ihn flehend an, aber er verzog nur das Gesicht.

„Vielleicht bring ich Dominik nachher ja wieder mit?“, stützte er die Hände auf die Hüften und hob die Augenbraue, als Juli meinte, dass sie ja zusammen gucken könnten.

„Du weißt doch gar nicht, ob er Fußball überhaupt mag“, meinte er, woraufhin sie eine wegwerfende Handbewegung machte.

„Ach, komm, jeder mag Fußball!“, sprach sie siegessicher, was Frido allerdings nur noch weniger überzeugte.

„Ja, gut, du nicht, aber du warst ja schon immer etwas komisch!“, grinste sie und boxte ihm leicht auf den Oberarm, um mit jedem Wort mehr in Ungnade zu fallen.

„Du hast n Laptop“, murrte er, während sie anfing zu betteln.

„Der Monitor ist aber so klein!“

„Besser als nichts“

„Bitteeeee!“

Schließlich seufzte er aus und sie wähnte sich am Ziel, aber dann hob er warnend den Zeigefinger und schaute sie eindringlich an.

„Unter zwei Bedingungen: Falls Dominik mit kommt, entscheidet er, ob wir das Spiel gucken oder nicht. Wenn er nicht möchte, verziehst du dich ohne zu murren mit deinem Laptop in die Küche… und sollte er wirklich zustimmen, benimmst du dich. Sonst fliegst du auch raus, verstanden?“, sprach er zwar mit Nachdruck, aber Julis Grinsen und der dicke Schmatzer, den sie ihm auf die Wange drückte, zeigten, dass sie nur gehört hatte, was sie hören wollte.

„Ich muss jetzt die Kleine für die Kita fertig machen!“, trällerte sie und verschwand fix ins Schlafzimmer, ehe womöglich noch eine Diskussion aufkommen konnte. Frido hingegen wunderte sich immer wieder, wie sie beim Thema Fußball plötzlich so viel Energie entwickelte.

„Das kann ja was werden…“, schüttelte er den Kopf und begab sich dann zurück in seinen üblichen Tagesablauf, bei dem er seinen Mädels Gesellschaft beim Frühstück leistete, einen ersten Blick in die Zeitung warf, während Lilli im Bad gegen das Zähneputzen und Waschen ankämpfte und ein aufregender Morgen schließlich mit der Verabschiedung zur Kita endete. Und dann kam endlich seine eigentliche Zeit, in der Frido sein Frühstück vorbereitete, manchmal schon eine Kleinigkeit für unterwegs einpackte, sich in seine Sportkleidung warf und die nächsten anderthalb Stunden ganz für sich sein konnte. An manchen Tagen führte ihn der Weg dann in das nahegelegene Fitnessstudio, an anderen auf eine seiner Joggingrouten und oft vermischte er auch beides miteinander. Aber heute entschied er sich nur für eine ausgiebige Laufeinheit - und für eine, die ihn unweigerlich auf dem Hin- und Rückweg am Blumengroßhandel vorbeiführte.

28.8.2024: GDL

Verschwitzt und zufrieden bog Frido auf die Zielgerade seiner Runde ein und drosselte sein Tempo, um das letzte Stück für ein Cooldown zu nutzen. Er liebte es nach einer Laufeinheit immer, wenn er die große Brücke nahe seiner Wohnung erreicht hatte. Sie war lang genug, um beim langsameren Lauf ausreichend Strecke für das Runterfahren des Pulses zu bieten und während des Stretchings belohnte ihre Aussicht aufs Wasser ihn noch zusätzlich. Der Fluss war an dieser Stelle so breit, dass er sich manchmal fast schon ans Meer erinnert fühlte, solange er die Ufer links und rechts ausblendete. Frido genoss gleichermaßen die Tage, an denen die Sonne auf dem Wasser glitzerte als auch die, an denen der Fluss den Regen auffing. Er konnte zwar nicht recht beschreiben, warum, aber das Wasser hatte immer eine beruhigende und erfreuende Wirkung auf ihn. Selbst jetzt, da er zwar eine gute Laufeinheit gehabt, aber sein eigentliches Ziel – Dominik „zufällig“ zu begegnen – dabei leider nicht erreicht hatte. Es war schade, aber trotzdem hatte er einen guten Start in den Tag. Ganz besonders, wenn er daran zurückdachte, wie die Stimmung vorhin am Bahnhof gewesen war: Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, GDL, hatte zu einem Streik aufgerufen und die Laune der Reisenden fiel entsprechend aus. Einige hatten lautstark ihren Frust kundgetan, andere waren erleichtert gewesen, dass wenigstens der Schienenersatzverkehr in ihrem Falle zuverlässig fuhr, während manche sogar den Tränen nahe schienen, weil sie zu spät von den Ausfällen erfahren hatten und darum jetzt wichtige Termine verpassten. Frido war aber vor allem froh gewesen, sich schnell wieder von der Szenerie entfernen und für seinen Weg zur Arbeit gleich auf sein Auto zurückgreifen zu können. Bei all den Vorteilen, die die öffentlichen Verkehrsmittel mit sich bringen konnten, überwogen manchmal dann doch ihre Nachteile.

„Ich glaub, im Notfall würd ich dann noch eher aufs Rad umsteigen und dann als Sporteinheit nehmen…“, murmelte er und richtete seine Aufmerksamkeit mit einem zufriedenen Seufzen auf seinen restlichen Rückweg und die Aussicht auf eine schöne Dusche und gutes Frühstück. Noch erfreulicher war aber, dass er am Ende der Brücke eine recht bekannte Gestalt auf einer der Bänke sitzen sah.

„Dominik?“, sprach er, als er näher kam und der junge Mann hob verwundert den Blick zu ihm. Er runzelte die Stirn, schaute geradeaus die Straße entlang und guckte dann wieder zu Frido.

„Gehst du nicht immer in das Fitnessstudio da vorn?“, deutete er in die Richtung, die er zuvor auch fixiert hatte und erhob sich von der Bank.

„Schon, aber ich wollte heute lieber nur ne Runde Joggen“, antwortete Frido, der sich das breite Lächeln nicht verkneifen konnte.

„Hast du etwa auf mich gewartet?“

Verschwitzt wie er war, wollte er Dominik gerade nicht umarmen, aber als der antwortete, fiel es ihm immer schwerer, sich zurück zu halten.

„Na ja… ja… son bisschen. Ich dachte, vielleicht hast du Lust, dass wir uns noch kurz sehen, bevor du zur Uni fährst“, gab der zu und legte die Hand an Fridos Seite, um sie dann aber schnell wieder weg zu ziehen.

„Boah, bist du durchgeschwitzt… ein Grund mehr, warum ich mit Sport nicht viel am Hut hab“, grinste er schief und brachte den Älteren damit zum Lachen.

„Es gibt ja glücklicherweise so was wie Duschen!“, zwinkerte er und nickte Dominik zu, ihn zu seiner Wohnung zu begleiten. Der verschränkte die Hände hinterm Kopf und warf Frido einen schelmischen Blick zu.

„Stimmt… ne kleine Dusche könnte ich grad auch vertragen“.

29.8.2024: Bondage

Es hatte ein wenig gedauert, um die verträumten Gedanken und die Sehnsucht nach seinem Lockenkopf beiseite zu schieben, aber nun saß Frido bereits seit mehreren Stunden am Schreibtisch und hielt seine Nase erfolgreich in die Bücher. Ab und an griff er mal zur Seite nach seiner Wasserflasche oder hielt kurz inne, um etwas Gelesenes auf sich wirken zu lassen, aber ansonsten kam er inzwischen gut und ohne Verzögerungen voran.

„Und abgeschlossen…“, konnte er dadurch kurz nach Mittag das bearbeitete Buch zu klappen, die Brille abnehmen und sich mit einem zufriedenen Seufzen zurücklehnen. Er streckte sich ausgiebig und sackte dann tiefer in seinen Stuhl, während er die Augen geschlossen hielt, um sich einen Moment Ruhe zu gönnen.

„Jetzt ne kleine Massage…“, murmelte er und sein Glück wäre perfekt gewesen, aber stattdessen riss ihn ein belustigtes Schnauben aus den Gedanken. Die Stirn gerunzelt, öffnete er die Augen und warf dem Störenfried einen kritischen Blick zu, der sogleich viel weicher wurde, als er Dominik an der Tür erkannte. An die Zarge gelehnt stand er da, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und grinste schief, als Frido ihn verwundert fragte, wie lange er dort schon stehe.

„Du merkst auch gar nichts, oder?“, schmunzelte er, während der Ältere noch verdatterter guckte, weil sein Student ihn wohl schon eine ganze Weile bei der Arbeit beobachtete hatte.

„Hab ich echt nicht gemerkt…“, schüttelte der Dozent den Kopf und überlegte laut, ob er künftig lieber die Tür schließen sollte, wenn er am Schreibtisch war. Dominik aber grinste daraufhin noch mehr.

„Ich glaub, damit würdest du aber einige Herzen brechen, wenn deine Studenten nicht mehr „zufällig“ hier vorbei schleichen und einen Blick auf dich werfen können“, neckte er Frido und lachte, als der das Gesicht verzog.

„Die machen das extra?“, war ihm die teils hohe Fluktuation vor seinem Büro zwar hier und dort schon mal aufgefallen, aber einen solchen Zusammenhang hatte er dabei bis dato noch nicht erkannt.

„Ich dachte, das wäre einfach nur ne Abkürzung zur Mensa für die…“

Dominik schüttelte den Kopf, aber diese leichte Naivität schien ihm auch ein wenig zu gefallen.

„Du hast echt nicht gemerkt, dass einige für dich schwärmen, was?“, schmunzelte er und nickte leicht, als Frido mit einem „Na ja… offensichtlich nicht, oder?“ auf seinen Lockenkopf zeigte.

„Bei dir hats ja auch erst den Holzhammer gebraucht… Apropos, was machst du eigentlich hier?“, wollte er dann von Dominik wissen und schüttelte den Kopf, als der fragte, ob er Frido gerade bei irgendwas störe.

„Überhaupt nicht. Ich freu mich, dich zu sehen“, sprach er mit gedämpfter Stimme, während der Jüngere sich kurz nach hinten lehnte, um einen kleinen Kontrollblick in den Flur zu werfen und dann die Tür schloss, damit er mit Frido ungestört sein konnte.

„Mir hat das Atelier gefehlt, selbst, wenn ich grad nicht malen kann“, schlenderte er zum Schreibtisch hinüber und legte Frido eine Hand auf die Schulter, ehe er sich für einen Kuss zu ihm hinunterbeugte.

„Nur das Atelier?“, fragte der und fasste den Jüngeren leicht an der Hüfte, während der den Kopf schief legte und ihn mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht musterte.

„Vielleicht auch noch was anderes…“, schnappte er sich nochmals Fridos Lippen für eine ausgiebige Erkundungstour und seufzte aus, als der sich schließlich mit einem Räuspern von ihm los machen musste.

„Nicht in der Uni…“, stand dem Älteren bereits die Röte im Gesicht und Dominik lehnte sich nickend an den Schreibtisch.

„Ja, hast Recht“, schluckte er und wedelte sich mit dem Halsausschnitt ein wenig Luft in den Pullover.

„Ich könnt jetzt ne kalte Dusche vertragen…“, murmelte Frido und hob mit einem „Schluss jetzt!“, warnend den Zeigefinger, als Dominik schon wieder anfing, süffisant zu grinsen.

„Benimm dich, sonst fliegst du raus!“, verschränkte er zwar die Arme vor der Brust, aber bei Dominiks Lachen konnte er nicht allzu lange ernst bleiben. Der Lockenkopf schob Fridos Laptop ein Stück beiseite und rutschte auf die Tischplatte, um dann in gewohnter Manier die Beine baumeln zu lassen.

„Das ist aber okay, oder?“, grinste er und Frido nickte. Es war auch ganz nett, sich nur anzuschauen – selbst, wenn das nach dem Auftakt zugegebenermaßen etwas schwer fiel. So saßen sie also eine Weile da, bis Dominik schließlich den Blickkontakt abbrach und das Schweigen beendete.

„Dieses Mal hast du aber die lüsternen Blicke…“, lachte er leise und Frido wiegte mit einem Schmunzeln den Kopf.

„Ich geb zu, es ist grad gar nicht so einfach, die Finger still zu halten…“, legte er die Hand auf Dominiks Knie und strich leicht mit dem Daumen darüber.

„Soll ich lieber gehen?“, fragte der, aber Frido schüttelte sofort den Kopf.

„Wir müssen uns nur ein bisschen zusammenreißen…“, murmelte er und brachte den Jüngeren damit zum Lachen.

„Weil wir das ja auch so gut können!“

Wieder schmunzelte der Dozent, aber als er Dominik genauer anschaute, bemerkte er etwas Trauriges in dessen Zügen.

„Soll ich… vielleicht ne Geschichte erzählen, die die Stimmung runterkühlt?“, lag ein Hauch Unsicherheit in Dominiks Stimme, aber Frido nickte ohne ein Zögern.

„Was liegt dir auf dem Herzen?“, fragte er und hob die Augenbrauen, als Dominik meinte, dass er ihm ja noch die Hintergrundgeschichte zum Balkon schuldig sei.

„Oh… Ach so… hey, wenn du möchtest, dann brauchst du mir das nicht zu…“, wollte der Dozent abwehren, aber Dominik schüttelte den Kopf.

„Nein, ist schon okay, denk ich… vielleicht… vielleicht wirkt mein Verhalten von neulich dann nicht mehr ganz so seltsam“, murmelte er.

„Du hattest deine Gründe und wenn du mit mir nicht darüber reden möchtest, dann brauchst du das auch nicht zu tun“, tätschelte Frido sein Knie, aber Dominik schüttelte abermals den Kopf.

„Ich möchts dir schon erzählen… mir ists nur etwas peinlich…“, murmelte der Jüngere und schloss einen Moment die Augen, während er tief durchatmete und seine Worte sortierte.

„Also…“, begann er mit einem Räuspern und richtete den Blick auf den Boden.

„… meine Eltern haben eine Klempnerei. Hat mein Dad damals von meinem Opa übernommen und Traditionsunternehmen und blabla… jedenfalls wurd uns Kindern von klein auf eingebläut, dass wir nicht negativ auffallen dürfen. Wir sind ein Aushängeschild für die Firma, müssen jederzeit einen guten Eindruck auf die Kundschaft machen und so weiter… Na ja… ich hab nie so n gutes Verhältnis zu meinem Dad gehabt. Ich glaub, er fand mich immer etwas komisch, weil ich lieber Zeichentrickfilme geguckt und gemalt hab, statt mit ihm auf den Bolzplatz zu gehen. Das war so voll das Ding von ihm und meinen Brüdern… und ähm… jedenfalls… als ich dann irgendwann in der Pubertät merkte, dass ich mit Mädchen nichts anfangen kann, bin ich zu meiner Mutter gegangen, um mit ihr darüber zu reden. Damals hab ich nicht so richtig verstanden, warum sie deshalb so erschrocken guckte und meinte, ich solle meinem Dad davon nichts sagen und dass das bestimmt nur ne Phase sei…“, zuckte er leicht die Schultern und stützte die Hände neben sich auf die Tischplatte.

„Ähm… na ja, auf jeden Fall fragte mein Dad mich dann irgendwann, ob ich dem Sohn seines Kumpels nicht Nachhilfe in Englisch geben könnte. Ich war damals fünfzehn, er vierzehn und…“, fing Dominik an, ein wenig herumzudrucksen und nickte, als Frido vorsichtig fragte, ob die beiden Jungen sich ineinander verliebt hatten.

„Wir konnten das auch ne ganze Weile geheim halten“, grinste er sogar kurz, ehe er sich dann räusperte und wieder ernster wurde.

„Aber irgendwann sind wir dann ein bisschen unvorsichtig geworden… Eines Tages, als wir wieder in meinem Zimmer hockten, um zu „lernen“, stand dann plötzlich mein Vater in der Tür. Es war n warmer Tag, er wollte uns Limonade bringen und hatte nicht geklopft und uns darum beim Knutschen erwischt. Er schrie uns an, was uns einfallen würde und was seine Kunden von so einem widerwärtigen Verhalten denken sollten. Und… und dass wir uns nicht mehr treffen dürften, sonst würde er seinem Kumpel erzählen, was sein Sohn da treibt…“, holte Dominik tief Luft, ehe er weiter berichtete, wie sein Freund dann aus dem Haus geschmissen worden war und er seinem Vater das Versprechen geben musste, ihn nicht mehr allein zu sehen.

„Ich glaub, seinem Kumpel hat er erzählt, dass ich wegen meiner Vorbereitungen für die Abschlussarbeiten keine Zeit mehr für die Nachhilfe hätte und ansonsten durften wir nur noch zusammen sein, wenns im Rahmen irgendwelcher größerer Treffen war. Aber wir… haben uns natürlich nicht dran gehalten, sondern uns dann heimlich gesehen“, murmelte er, ohne Frido anzuschauen, obwohl dessen Hand auf Dominiks Knie immer steifer wurde.

„Und… und dann war da dieser eine Abend. Unsere Familien haben sich zum Grillen getroffen, die Stimmung war ausgelassen, die Erwachsenen haben Wein und Bier getrunken, wir Kinder sind ins Wohnzimmer, um ne Runde zu zocken… und… während die anderen mit Mario Card beschäftigt waren, haben wir zwei uns dann auf sein Zimmer geschlichen. Eigentlich nur ein Quickie… mal kurz allein sein und nach ein paar Minuten zurück schleichen, als wäre nichts gewesen…“, zuckte Dominik leicht die Schultern, während Frido verstehend nickte. Es fiel dem jungen Mann immer schwerer zu sprechen, aber Frido merkte, dass es ihm trotzdem ein Bedürfnis war, von den Geschehnissen zu berichten.

„Ab… A… als wir… mittendrin waren, flog plötzlich die Tür auf und unsere Väter standen da… Mein Dad schrie sofort los, wie dreckig und ekelig wir wären und mein Freund bekam von seinem Vater sogar eine geknallt“, flüsterte Dominik und schluckte hart, während er an diese Angst zurückdachte.

„Weil ich der Ältere war, haben sie mir die meisten Vorwürfe gemacht und sich so in Rage geredet, dass ich dachte, die verprügeln mich… Mein Dad hat mich nie geschlagen, das muss ich gleich dazu sagen, aber an dem Abend hätte ich ihm alles zugetraut. Also bin ich in meiner Panik vom Balkon runter, in so n scheiß Rosenbusch rein und bin abgehauen… oder habs versucht. Mein Freund kam gar nicht so weit und mich hatten meine Eltern ein paar Straßen weiter schon wieder eingeholt. Die Fahrt nach hause durfte ich mir ne Standpauke anhören, was ich für ne Schande wäre. Inklusive Hausarrest, Handy abgeben und allem. Aber das Schlimmste war, dass… mein Freund danach in ein Internat gesteckt wurde und als sein Vater mich dann noch mal zufällig in der Stadt traf, meinte er zu mir, dass ihm „diese Flausen“ da hoffentlich ausgetrieben würden, die ich ihm in den Kopf gesetzt hätte und dass ich… alles kaputt gemacht und die Freundschaft unserer Familien zerstört hätte…“, schüttelte Dominik den Kopf und seufzte aus, während er die Augen zusammen kniff. Er krallte die Finger an die Kante der Tischplatte und schluckte.

„Das war natürlich dummes Gelaber… Als er die Dreizehn fertig hatte, ist er zu meinem Bruder und hat über ihn ein Treffen mit mir abgesprochen. Wir haben ne ganze Weile gequatscht und ihm ists auf dem Internat zum Glück richtig gut ergangen… sogar seinen neuen Freund hat er damals dort kennen gelernt und ich glaub, die sind sogar inzwischen verlobt… Ich bin froh, dass es für ihn am Ende gut ausgegangen ist, aber… aber… nach dem ganzen Theater, das unsere Väter damals abgezogen haben, dachte ich wirklich, ich wäre das Widerwärtigste, was es gibt...“, rutschte er von der Tischplatte und fing an, durch den Raum zu laufen. Er räusperte sich, atmete tief durch und kreiste den Nacken.

„Das hat nachhaltig Eindruck bei dir hinterlassen…“, stand Frido zwar auf und ging um den Tisch herum, aber er wollte Dominik auch seinen Freiraum lassen. Doch auch, wenn der junge Mann nickte, wurde er immer aufgewühlter.

„Weißt du… wenn… wenn… wirs überall miteinander getrieben hätten! Da irgendwelche wilden Orgien gefeiert hätten! Oder… keine Ahnung… ne Sexschaukel im Keller aufgehängt und Bondage aufm Küchentisch!… Wenn wir… auf der Party vor den Augen aller übereinander hergefallen wären oder irgendwas in die Richtung! Dann hätte ichs ja irgendwo verstehen können. Aber das haben wir alles nicht gemacht! Wir waren immer nur auf unseren Zimmern und selbst dann… haben wir uns leise verhalten, die Türen zu gehabt und versucht, bloß keinen zu stören!“, rief er aus und raufte sich die Haare, während Frido langsam näher an ihn herantrat und ihn vorsichtig an sich zog.

„Selbst nach dem Gespräch… hab ich mich jahrelang nicht mehr getraut, einem Mann nahe zu sein, weil ich mich so ekelig und falsch gefühlt hab…“, schlang Dominik die Arme um Frido und krallte die Finger sein Hemd. Er zitterte am ganzen Körper und presste das Gesicht an die Schulter des Älteren, der zu Boden starrte und hart schlucken musste.

„Du bist nicht ekelig und an dir ist auch nichts falsch…“, flüsterte er, während er die Wut über das Gehörte nur schwer zurückhalten konnte. Sein Kopfschütteln unterstrich nicht nur seine Worte, sondern auch seine Fassungslosigkeit. Ja, seine erste Nacht mit Dominik hatte etwas sehr Begehrendes, fast Verzweifeltes an sich gehabt, aber nie wäre er darauf gekommen, wie tief dieser Wunsch nach Nähe wirklich in dem jungen Mann geschlummert haben musste. Für ihn selbst war es das Verlangen durch die vielen Monaten der stillen Entbehrung gewesen, das in den gemeinsamen Berührungen endlich seine Auflösung gefunden hatte und er konnte sich kaum ausmalen, wie groß Dominiks Sehnsucht dann erst gewesen sein musste. Wie gern hätte er ihm die Tränen einfach weggestrichen und ihm all den Schmerz damit genommen. Aber wenn er das schon nicht konnte, dann konnte er ihn wenigstens solange festhalten, wie sein Freund es brauchte und ihn wissen lassen, wie froh er über diesen verhängnisvollen Abend war, an dem er Dominiks wahre Gefühle endlich erkannt hatte.

30.8.2024: Nutri-Score

„Gehts wieder?“, lockerte Frido sachte seinen Griff, als Dominiks Schniefen und Zittern endlich verebbten. Er war sich so hilflos dabei vorgekommen, seinem Freund nicht viel mehr als diese Umarmung geben zu können, aber der schenkte ihm ein dankbares Lächeln.

„Sorry, hab selbst nicht gedacht, dass mich das immer noch so aus der Spur bringt…“, murmelte Dominik und verschränkte die Arme schützend vor der Brust, weil ihm dieser Ausbruch nur allzu offensichtlich unangenehm war. Aber Frido schüttelte den Kopf. Er strich einige Locken aus dem zarten, verquollenen Gesicht und fragte Dominik nach kurzem Zögern, ob er sonst noch nie mit jemandem darüber gesprochen habe.

„Na ja, wie gesagt, ich hatte noch mal ein Gespräch mit meinem Ex damals, aber sonst…“, zuckte der leicht die Schultern und schüttelte den Kopf, während es ihn fast zu überraschen schien, dass Frido ihn daraufhin nochmals an sich zog.

„Danke für dein Vertrauen“, sprach er leise, aber Dominik empfand die Situation zunehmend als beschämend.

„Ach was… das… ich… ich wollte dich nicht so vollheulen. Tut mir leid… langsam ists echt peinlich, dass ich ständig rumflenne und du mich trösten musst“, schob er den Älteren leicht von sich und versuchte, ihm ein unbeschwertes Grinsen zu schenken, das allerdings alles andere als Leichtigkeit ausstrahlte. Er trat ans Fenster und atmete tief durch, während Frido seine Rückansicht betrachtete.

„Wer hat dich denn früher getröstet?“, fragte er und ging hinüber zum Schreibtisch, um sich dagegen zu lehnen. Wieder zuckte Dominik leicht die Schultern.

„Als ich klein war meine Mum, aber sonst…“, sprach er fast lapidar und doch konnte Frido den Gedanken nicht beiseite schieben, dass auch da der Vater seine Finger im Spiel hatte. Und als Dominik nach einer Pause des Überlegens weitersprach, hätte der Ältere beinahe vor Bitterkeit aufgelacht.

„Als Junge weint man ja nicht… und als erwachsener Mann erst recht nicht mehr“, murmelte er nachdenklich, während Frido sich vom Tisch abstützte und auf ihn zuging.

„Nein, man frisst lieber alles in sich hinein und flippt irgendwann aus oder zerbricht daran“, knurrte er und hielt sich selber dazu an, einen anderen Ton anzuschlagen, als Dominik ihn beinahe erschrocken anschaute.

„Das war nicht gegen dich gerichtet… Mich kotzt es nur an, dass gerade bei uns Männern Stärke immer mit dem Unterdrücken von Gefühlen gleichgesetzt wird. Dabei sind Trauer und Schmerz doch was ganz Normales, das jeder mal erlebt“, schob er die Hände in die Hosentaschen und betrachtete Dominiks Profil, als der wieder aus dem Fenster schaute. Er schien nicht so recht zu wissen, was er darauf antworten sollte und wirkte immer verwirrter, als Frido ihm auch noch Anerkennung aussprach.

„Für mich zeugt es von Stärke, dass du trotz dieser ganzen Umstände deinen Weg so gegangen bist. Dass… dass dein Vater mit der Kunst auch nicht so recht einverstanden ist, hab ich ja neulich schon raushören können. Und trotzdem bist du jetzt hier und studierst“, meinte der Ältere, aber Dominik schaute ihn an, als habe er den Verstand verloren.

„Da ist doch nichts Starkes dran. Wenn ich sofort nach der Realschule in die Richtung weiter gemacht hätte, ja, aber ich hab stattdessen sogar ne Klempnerausbildung angefangen, ums ihm doch noch irgendwie recht zu machen… und meinst du, ich hab mich getraut, ihm dann zu sagen, dass ich die abbrechen will? Nein, das hab ich erst, als ich schon die neue Stelle sicher hatte. Und selbst bei der Abendschule hab ich ihm vorgelogen, dass ich damit später irgendwas in Richtung Betriebswirtschaft studieren will, weil ich wusste, dass er das als praktisch für die Firma ansehen würde. Das ist nicht stark, sondern ganz schön feige“, schüttelte er verständnislos den Kopf und Frido wünschte, dass Dominik sich mit den Augen sehen könnte, mit denen er ihn sah. Aber auch, wenn er ihm gerade noch so viel hätte sagen wollen, entschied er sich dagegen, weiter auf das Thema einzugehen. Die Mauer, die der junge Mann hoch zog, sollte nicht noch weiter wachsen – und vermutlich war seine Reaktion gar nicht mal verwunderlich, wenn er sich selbst bisher immer in so einem schlechten Licht gesehen hatte. Also schenkte Frido ihm ein Lächeln und stupste ihn leicht an.

„Ich hab ganz schön Hunger, du auch?“, versuchte er das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken und auch, wenn Dominik kurz zögerte, schenkte er ihm dann ein Nicken.

„Na komm, dann lass uns was essen“, schlug Frido vor und war froh, dass Dominik ohne Einwände auch darauf einging. Also schnappte er sich schnell seine Jacke und den Schlüssel, während der junge Mann bereits an der Tür wartete und verließ mit ihm das Büro. Es war nichts Verfängliches an dieser Situation, aber trotzdem war Dominik sogleich die Überforderung anzumerken, als plötzlich eine andere Dozentin über den Flur kam und Frido schon von weitem Ansprach. Sofort zog der Student die Schultern hoch und senkte den Kopf, damit seine Locken sein Gesicht verdeckten.

„Frido! Wir gehen nach der Arbeit mit ein paar Leuten was trinken. Kommst du mit?“, fragte sie und der Angesprochene sah ihren skeptischen Blick, mit dem sie den Studenten musterte.

„Danke, aber ich muss heut pünktlich los. Meine Schwester will unbedingt Fußball gucken und rate mal, bei wem sie sich einquartiert hat, weil sein Fernseher größer als ihrer ist“, scherzte Frido und seine Kollegin machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Fußball… lass mich bloß damit in Ruhe! Brauchst du dann nicht erst recht n guten Schluck, um das zu überstehen?“, feixte sie, aber Frido lehnte wieder ab.

„Ich lass meine Schwester doch nicht meine Bude auf den Kopf stellen!… Also so verlockend es klingt, aber heute komm ich wirklich nicht mit. Nächstes Mal dann vielleicht!“, lachte er und versuchte die Unterhaltung elegant zu beenden, aber dann stellte seine Kollegin die Frage, die Dominik wohl am meisten gefürchtet hatte.

„Ich nehm dich beim Wort, Frido! Nächstes Mal kommst du mit und gibst einen aus!“, grinste sie, um dann mit ernsterer Stimme zu ergänzen: „Aber ansonsten alles okay? Dein Student sieht ein bisschen mitgenommen aus“. Sie legte den Kopf schief und betrachtete den jungen Mann, der erschrocken zusammenzuckte, als Frido ihm den Arm um die Schultern legte.

„Trauerfall in der Familie…“, sprach er mit gedämpfter Stimme und die Augenbrauen seiner Kollegin schnellten in die Höhe.

„Oh, das tut mir leid… kann ich was helfen?“, frage sie sogleich, aber Frido schüttelte den Kopf.

„Danke, aber ich wollte ihn eh grad zu einem Freund bringen, der sich ein bisschen um ihn kümmert… Also, viel Spaß euch nachher“, lächelte er leicht und setzte sich in Bewegung, um so auch Dominik aus seiner Schockstarre zu befreien. Fast ein bisschen tapsig trottete er mit, während er den Atem angehalten hielt, bis die andere Dozentin nach kurzem Zaudern ebenfalls ihrer Wege ging. Erst da schnaufte Dominik aus und fand auch seine Sprache wieder.

„Du musst nicht für mich lügen…“, flüsterte er und hob erschrocken den Kopf bei Fridos Antwort.

„Ich hab nicht gelogen“, zuckte der die Schultern.

„Wer seine Kinder so behandelt, ist für mich ein Trauerfall“, zog er die Tür zum Treppenhaus auf und ließ Dominik voran gehen. Doch der machte keine Anstalten, dann auch die ersten Stufen zu nehmen, sondern blieb stehen und schaute Frido an. Der Ältere erwiderte den Blick und fragte sich, ob er mit seiner Aussage zu weit gegangen war. Aber dann blickte Dominik sich verstohlen um und griff für einen kurzen Moment Fridos Hand, um sie zu drücken.

„Was… sollen wir denn essen? Worauf hast du Lust?“, fragte er mit einem seichten Lächeln, das Frido nur allzu gern erwiderte.

„Ist mir ganz egal, ich richte mich da nach dir“, antwortete er und hielt auch dann noch an seinem Gesichtsausdruck fest, als Dominik ihn skeptisch musterte.

„Etwa auch, wenns wieder pappige Pommes mit dem unterirdischsten Nutri-Score aller Zeiten sind?“, nahm sein Blick fast schon etwas Perfides an, während Fridos Fassade langsam zu bröckeln begann.

„Klar, wenn du gern möchtest“, schlenderte er mit Dominik die Treppe hinunter und seufzte doch aus, als der auflachte und den Kopf schüttelte.

„Das tu ich dir nicht sofort wieder an!“, knuffte er seinen Dozenten in die Seite und vergewisserte sich zwischen zwei Stockwerken noch einmal, dass sie allein waren, um Frido einen Kuss auf die Wange zu hauchen.

„Heute ist Markt und da gibts einen Stand mit sehr leckeren Fischbrötchen“, schlug er stattdessen vor und Frido hob verwundert die Augenbrauen.

„Oh, das wusste ich gar nicht! Ich wollte eh mal wieder dorthin und gucken, was es so gibt“, meinte er und nickte, als Dominik einen Blick aufs Handy warf und sagte, dass sie es noch bis Marktschluss schaffen konnten, wenn sie sich ein wenig beeilten.

„Na dann, nichts wie los!“, zog Frido Dominik die restlichen Stufen mit und dann durch einen Nebenausgang, der näher am Parkplatz lag.

„Ich kenn da ne kleine Abkürzung, aber denk dran, traurig zu gucken, bis wir im Auto sind“, grinste er, wodurch es Dominik allerdings noch schwerer fiel, ernst zu bleiben. Er zog sich die Kapuze seines Hoodies über den Kopf und huschte Frido zwischen Beeten und Sträuchern hinterher, bis sie zwei Minuten später im Wagen saßen.

„Du bist vielleicht ein Vorbild! Einfach mitten durch die Hecke!“, lachte er dann los, wohingegen Frido sich ahnungslos gab und schwor, keine Hecke gesehen zu haben.

„Wir wollen doch nicht, dass die Fische zurück ins Meer springen, bevor wir da sind“, schmunzelte er und fuhr los. Er konnte im Augenwinkel erkennen, wie Dominik ihn anschaute und war nicht wenig erstaunt, als der plötzlich noch mal auf das Gespräch mit der Dozentin zu sprechen kam.

„Guckt ihr nachher wirklich Fußball?“, wollte er wissen und Frido seufzte aus.

„Juli will unbedingt, aber ich hab ihr sofort gesagt, dass ich dich erst frage, ob du heute Abend wieder mit zu mir kommen möchtest und ob du überhaupt Lust auf Fußball hast… Wenn nicht, fliegt sie ausm Wohnzimmer und muss mit ihrem Laptop vorlieb nehmen. Aber ich denke, die Antwort ist schon eindeutig, oder?“, grinste er fast triumphierend, um dann einen verdatterten Blick zu Dominik zu werfen, als der Interesse an dem Match bekundete.

„Ich hatte zwar nie viel Bock, selbst zu spielen, aber mit meiner Family vorm Fernseher zu sitzen und zuzuschauen, war eigentlich immer schön“, erzählte er und fragte dann, ob das seltsam klinge. Aber Frido schüttelte den Kopf.

„Nein, das klingt danach, dass zumindest nicht alles schlecht war“, antwortete er mit ehrlicher Freude und nahm Dominiks Nicken wahr.

„Na schön, dann gucken wir nachher Fußball…“, gab Frido sich also geschlagen und seufzte abermals, als Dominik fragte, ob das wirklich in Ordnung für ihn sei.

„Ganz ehrlich? Lieber guck ich euch neunzig Minuten dabei zu, wir ihr den Fernseher anbrüllt, als mir ne Woche Julis Laune zu geben, weil sie ihren Willen nicht bekommen hat“, murmelte er und verdrehte die Augen, als Dominik mit einem verschmitzten Grinsen feststellte, dass seine Schwester ihn ja gut im Griff habe.

„Hat da nix mit zu tun. Die kann einfach manchmal so eine nervtötende Zicke sein, dass nachgeben in solchen Fällen einfacher ist… aber sag ihr das bloß nicht!!“, warnte er und bog auf einen Parkplatz nahe des Marktplatzes ab, um dann beschwingt aus dem Auto zu springen. Doch zu seiner Verwunderung tat Dominik es ihm nicht gleich, sondern zögerte.

„Kommst du?“, beugte Frido sich wieder zum Innenraum und sah Dominik die Zweifel bereits am Gesicht an.

„Ist das ne gute Idee, wenn wir zusammen gehen? Vielleicht sind da Kommilitonen oder andere Dozenten von uns…“, murmelte er und Frido nickte.

„Ja, stimmt… weißt du was, dann geh ich schnell und hol uns was. Wo ist der Stand?“, fragte er, aber Dominik schüttelte den Kopf und schmälerte die Augen.

„Nichts da, du bleibst hier und ich gehe. Ich hab gesagt, nächstes Mal lad ich dich ein!“, bestand er auf sein Wort und verschwand kurz darauf zufrieden zwischen den Marktständen, als Frido wieder artig im Wagen saß und feststellen musste, dass er wohl nicht nur bei Juli manchmal den Kürzeren zog.

31.8.2024: Frugalistin

„Na schön… hören tu ich schon mal nichts“, murmelte Frido, während er sein Ohr sorgsam gegen die Wohnungstür drückte und lauschte.

„Die Chancen stehen gut, dass das kleine Monster immer noch schläft“, grinste er Dominik dann an und öffnete leise die Tür. Ein Kontrollblick in den Flur, dann ein Nicken und wenige Sekunden später standen sie wieder in seiner Wohnung.

„Stell deine gern dazu“, schlüpfte er aus seinen Straßenschuhen und parkte sie neben der Eingangstür und während Dominik sich noch etwas zurückhaltend in den fremden vier Wänden bewegte, schritt Frido umso schwungvoller zur Küche, wo Juli ihn längst erwartete. Sie klebte zwar mit der Nase am Laptop, aber immer wieder griff sie auch zum Handy auf dem Küchentisch und murmelte kleine Flüche, weil sie auf seine Antwort wartete.

„Ja, was ist denn jetzt?!“, murrte sie wohl nicht zum ersten Mal an diesem Abend und legte das Handy zurück auf den Tisch, um dann erschrocken herumzufahren, als sich das Gesicht des Erwarteten plötzlich in ihr Blickfeld schob.

„Mein Gott, schleich dich doch nicht so an!“, rief sie aus und zog sich die Kopfhörer aus den Ohren, aber Frido warf einen interessierten Blick auf ihren Monitor.

„Frugalismus… Was ist das denn?“, fragte er, während sie genervt den Laptop zuklappte und seufzte.

„Ne Möglichkeit, um durch planvolles Sparen finanziell unabhängig von Erwerbstätigkeit zu werden, sogar in recht jungen Jahren schon… Das Video hat mir ne Freundin empfohlen“, murmelte sie und schaute erwartungsvoll zwischen Frido und Dominik, der mit einem schnellen Nicken gegrüßt wurde, hin und her.

„Aha… kannte ich noch gar nicht. Hast du davon schon mal gehört?“, wendete Frido sich seinem Freund zu, als der langsam näher kam und die Hand zögerlich zum Gruß hob. Er schüttelte leicht den Kopf auf Fridos Frage hin und der erkundigte sich in aller Seelenruhe bei Juli, ob sie nun vorhabe ebenfalls Frugalistin zu werden.

„Keine Ahnung, klingt ganz interessant…“, antwortete sie knapp, während sie ungeduldig dabei zusah, wie Frido sich etwas zu trinken aus dem Kühlschrank nahm und Dominik ebenfalls was anbot.

„Möchtest du auch?“, warf er seiner Schwester einen Blick über die Schulter zu, die allerdings ablehnte. Sie wippte inzwischen schon mit dem Bein und tippte mit ihrem Zeigefinger auf den Küchentisch. Dominik konnte Fridos verschmitztes Grinsen sehen, als der sich wieder zum Kühlschrank drehte und wartete darauf, dass seine Schwester ihn jeden Moment ansprang.

„Und?“, übte sie sich noch in Zurückhaltung, aber ihr Blick wurde immer fuchtiger, als Frido nur mit einem „Hm?“ antwortete.

Juliane räusperte sich und sagte so freundlich wie möglich: „Als du geschrieben hast, dass Dominik mit kommt, hast du vergessen zu erwähnen, ob er auch Fußball gucken möchte. Und auf meine Nachfragen hast du nicht mehr reagiert“.

Dominik schob sich die Hände in die Hosentaschen und biss sich auf die Unterlippe. Da war wirklich so gar nichts mehr freundlich an Julis Ton und Frido machte es nicht unbedingt besser.

"Echt? Oh, hab ich wohl übersehen...", murmelte er nachdenklich, während Juli fast schon mit den Zähnen knirschte.

"Ja, offensichtlich...", knurrte sie und Dominik versuchte mit einem Räuspern gegen einen Lachanfall anzukämpfen.

"Also?", fielen Juli mittlerweile fast die Augäpfel aus den Höhlen. Ihr Gesicht glich immer mehr einer Grimasse.

„Ach so, ja, ich hab ihn gefragt…“, antwortete Frido nur knapp und widmete sich dann der Post, statt seine Schwester endlich von ihrer Unwissenheit zu erlösen. Die hielt es auch prompt nicht mehr auf ihrem Stuhl.

„Gucken wir nun Fußball oder nicht?!“, zischte sie, obwohl sie ihren Bruder offensichtlich am liebsten angebrüllt hätte. Der nahm den Blick kurz von seinem Brief, während er ihn in aller Seelenruhe ausbreitete und versuchte so zu tun, als könne er auch ohne die Lesebrille was erkennen.

„Dominik und ich gucken und wenn du lieb bist, darfst du dabei sitzen. Ansonsten kannst du vom Balkon aus zuschauen“, antwortete Frido zwar mit gespielter Gelassenheit, doch statt seine Schadenfreude über die kleine Retourkutsche richtig auskosten zu können, verdrehte er die Augen, weil Juli schon ab der Hälfte seines Satzes nicht mehr zugehört hatte. Sie war Dominik stattdessen quietschend um den Hals gefallen und lobte ihn, wie gut er das gemacht hätte. Wie ein Flummi sprang sie dabei auf und ab und der junge Mann war mit diesem Freudenausbruch offensichtlich ein wenig überfordert.

„Juliane!“, mahnte darum der Ältere und warnte seine Schwester, dass er sie immer noch jederzeit aus dem Wohnzimmer katapultieren könne. Also ließ sie Dominik los, zupfte ihm den Pulli etwas zurecht und säuselte ein „Tschuldigung!“, während sie immer noch von einem Ohr zum anderen grinste.

„Schon okay…“, murmelte Dominik und lachte, als sie regelrecht ins Wohnzimmer rannte. Frido aber schüttelte den Kopf und seufzte aus.

„Soll ich sie vielleicht doch auf den Balkon sperren?“, legte er einen Arm um Dominik und schien fast schon enttäuscht, als der schmunzelnd ablehnte.

„Wird bestimmt ein schöner Abend, selbst für einen Fußballmuffel wie dich. Bayern ist wie immer in Topform, da kann nichts schief gehen“, grinste Dominik, während er mit Frido Richtung Wohnzimmer schlenderte. Der nickte zwar und hob leicht die Mundwinkel, aber dann runzelte er die Stirn.

„Da kann Bayern ruhig in Topform sein, Dortmund wird sie trotzdem in den Boden stampfen!“, schob da auch schon Juli ihren Kopf durch die Tür und grinste siegessicher, während ihrem Bruder langsam das Gesicht entgleiste und er anfing, sich die Stirn zu reiben.

„Du bist für die Borussen?“, waren Dominiks Worte nicht nur eine einfache Frage, sondern hatten etwas Lauerndes an sich und schon fand sich Frido mitten in der ersten Diskussion wieder, obwohl das Spiel noch gar nicht angefangen hatte.

1.9.2024: Barfußschuh

Mitunter war es durchaus interessant zu hören, welch kreative Auswüchse Juli sich einfallen lassen konnte, wenn es um das Beleidigen gegnerischer Spieler ging – oder manchmal auch der eigenen. Besonders im Vergleich zu ihrer sonstigen Zurückhaltung bei diesen Themen, brachte es Frido das eine oder andre Mal zum Schmunzeln. Genauso, wie er kurz vor der ersten Halbzeit aufgegeben hatte, die beiden Kontrahenten zu seiner Linken und Rechten an die schlafende Lilli im Nebenzimmer zu erinnern, hatte er aber auch schnell wieder seine Idee verworfen, mal eine Bestenliste von Julis Formulierungen zu erstellen. Stattdessen scrollte er nun auf seinem Handy durch die Homepage seines Lieblings-Sportbekleidungsverkäufers und dachte über ein Gespräch mit einem Laufkumpel nach. Der hatte angefangen, Barfußschuhe nicht nur in seinen Alltag, sondern auch in seinen Sport zu integrieren und Frido überlegte, ob das wohl auch was für ihn sein könnte. Allzu weit kam er bei seiner Überlegung jedoch nicht, nachdem gerade ein Tor gefallen war, das Dominik zum Jubeln und Juli zum Fluchen gebracht hatte – und er hinter sich das längst erwartete „Mama?“ hören konnte. Er warf einen flüchtigen Blick zur Tür und dann zu seiner Schwester, die noch immer gebannt auf die Mattscheibe glotzte und nicht einmal merkte, wie er aufstand. Dominik zeigte da zwar etwas mehr Reaktion, aber das wohl auch nur, weil Frido ihm für einen winzigen Moment die Sicht nahm, als er an ihm vorbei musste.

„Hey, mein Schatz. Kannst du nicht schlafen?“, ging er zu Lilli und vor ihr in die Hocke. Das Mädchen stand in der Tür, rieb sich die müden Augen und umklammerte mit der anderen Hand ihr Kuscheltier, während es den Kopf schüttelte und sich dann an Fridos Brust drückte.

„Guckt Mama wieder Fußball?“, fragte die Kleine und brachte Frido zum Schmunzeln. Lilli verstand zwar nicht, warum ihre Mutter sich dabei so aufregte, aber zumindest den Zusammenhang kannte sie bereits.

„Stimmt, Schatz“, hob Frido seine Nichte auf den Arm und richtete sich auf.

„Sollen wir uns ein bisschen auf den Balkon setzen?“, fragte er sanft, während er einen großen Schritt nach hinten trat und Juli mit der freien Hand eine leichte Kopfnuss verpasste, als die schon wieder zu einer Schimpftirade ansetzen wollte. Erst empört, dann erschrocken guckte die ihn an, ehe sie ihm ein entschuldigendes Lächeln schenkte und kurz hinterher schaute. Im Vorbeigehen zog er eine Strickjacke vom Stuhl, öffnete die Balkontür und schmunzelte wieder, als Lilli ihn trotz ihres verpennten Zustands fragte, wer denn der Fremde auf dem Sofa sei.

„Das ist mein Freund“, warf er Dominik einen flüchtigen Blick zu, der gar nicht merkte, dass er gerade im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand und etwas unbeholfen nach der Schüssel mit dem Popcorn fingerte, während er den Blick nicht vom Spielgeschehen nehmen wollte. Frido wusste gar nicht, was er in diesem Augenblick niedlicher fand: Lillis glücklichen Ausspruch, dass sie auch einen Freund habe oder Dominiks Freude, als das nächste Tor fiel. Da damit aber auch Juli wieder voll in ihrem Element war, huschte er schnell auf den Balkon und schloss die Tür hinter sich, während er anfing, Lilli ein Schlaflied vorzusummen und hoffte, dass er ihre Mutter ausreichend übertönen konnte.

„Warum schreit Mama bei Fußball den Fernseher immer so an?“, fragte die Kleine allerdings und Frido konnte nur wahrheitsgemäß antworten, dass er das auch nicht so ganz verstehe. Er nahm auf seinem Liegestuhl platz, lehnte sich zurück, damit die Kleine auf seinem Bauch liegen konnte und deckte sie mit der Jacke zu, ehe er seine Arme zusätzlich wärmend und schützend um sie legte.

„Guck mal, heute sieht man sogar ein paar Sterne“, betrachtete er den Himmel und lächelte, als Lilli nickte.

„Wie heißt dein Freund?“, wollte sie dann wissen und schnell entstand daraus ein Gespräch, in dem sie von ihren Erlebnissen aus dem Kindergarten berichtete und dabei immer mehr Namen von Kindern aufzählte, die alle ihre Freunde waren. Es waren Geschichten, die Frido größtenteils bereits alle kannte und trotzdem hörte er ihr geduldig zu, stellte Nachfragen und ließ sie reden, bis Lilli darüber wieder in den Schlaf fiel. Dann schloss auch er die Augen ein wenig, bis der Jubel und die Rufe aus dem Wohnzimmer langsam verebbten und er stattdessen irgendwann die Balkontür hören konnte.

„Na? Verloren?“, murmelte er und öffnete verwundert die Augen, als er Dominiks statt Julis Stimme hörte.

„Im Gegenteil, haushoch gewonnen“, grinste der und trat leise auf den Balkon, um sich gegenüber Frido ans Geländer zu lehnen.

„Deine Schwester wollte sich kurz mit Aufräumen etwas abreagieren“, verschränkte er die Arme vor der Brust und musterte Frido mit einem Schmunzeln.

„Willst du auch? Bisschen Platz ist noch“, warf der einen vielsagenden Blick auf seinen Bauch, aber Dominik schüttelte den Kopf.

„Ich warte, bis da wieder frei ist“, grinste er und der neckische Ausdruck, der in sein Gesicht trat, als kurz darauf auch Juli zu ihnen kam, zeigte, dass Dominik sich gerade nur schwerlich eine Spitze gegen die gelbschwarzen verkneifen konnte. Doch des lieben Friedens Willen tat er es.

„Kann ich sie jetzt wieder ins Bett bringen oder wollt ihr noch ein bisschen rumbrüllen?“, fragte Frido an seine Schwester gerichtet und nickte, als die ihm fürs Babysitten dankte. Also erhob er sich vorsichtig und ging seichten Schrittes zurück in die Wohnung, während Juli und Dominik noch kurz auf dem Balkon verweilten.

„Ich find ja, dass da ein paar Spielzüge nicht ganz fair waren, aber das können wir auch morgen noch besprechen“, sprach sie in kritischem Ton, wohingegen Dominik belustigt ausschnaubte.

„Du bist ne schlechte Verliererin, kann das sein?“, meinte er fast süffisant und musste nach kurzem Grübeln doch zustimmen, als Juli eine Situation nannte, die sie während des Spiels als unfair empfunden hatte.

„Stimmt… ich denk zwar nicht, dass es am Ende was am Sieg geändert hätte, aber das war wirklich nicht so cool. Ich bin auch nicht ganz sicher, ob das an der einen Stelle nicht doch ein Handspiel war… aber das konnt ich nicht richtig erkennen“, murmelte er und lachte, als Juli sich sogar dafür bedankte, dass er ihre Einschätzung da teilte.

„Nicht wahr?!“, rief sie aus und schlenderte mit ihm langsam zurück ins Wohnzimmer.

„Und dann in Minute zweiunddreißig…“, wollte sie gerade mit der Fachsimpelei fortfahren, als Dominik sie leicht anstupste und Richtung Zimmertür nickte, wo Frido wieder erschien und den Beiden einen vielsagenden Blick zuwarf.

„Wie gesagt, morgen dann“, zwinkerte Juli und grinste, als Dominik sofort zustimmte.

„Gute Nacht, Schwesterherz“, trat Frido zur Seite, um Juli in den Flur zu lassen und verzog die Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln, als die ihm für den schönen Abend dankte.

„Hmhm… immer wieder gern“, seufzte er und rollte mit den Augen, weil Juli plötzlich noch mal zu Dominik zurück lief.

„Könnt ihr das nicht morgen besabbeln?“, murrte der Ältere, ohne dabei viel Gehör zu finden und musste doch schmunzeln, als er Julis Worte hörte.

„Dein Fußballgeschmack ist zwar echt scheiße, aber ansonsten scheinst du ein netter Typ zu sein. War ein lustiger Abend!“, boxte sie Dominik leicht auf den Oberarm und lachte, als der mit einem verschmitzten „Dito!“ antwortete.

„Also, dann schlaft gut, Jungs!“, verabschiedete Juli sich nun wirklich, drückte Frido im Vorbeigehen noch einen Schmatzer auf die Wange und verschwand dann ins Schlafzimmer, wobei Frido die Wohnzimmertür hinter sich schloss und schnellstens den Schlüssel umdrehte.

"Bloß kein Risiko eingehen...", murmelte er und lächelte, als er Dominiks Nähe spürte.

„Das hat Spaß gemacht… Danke“, umarmte der ihn von hinten und legte den Kopf an seine Schulter, während Frido ihm leicht über den Unterarm strich.

„Freut mich, dass es dir gefallen hat… und dass ihr euch auf eure Weise so gut versteht“, lachte er leise und drehte sich zu Dominik, um sich ihm endlich wieder etwas inniger zu widmen.

„Nächstes Mal gucken wir dann was, worauf du Lust hast“, legte der die Arme um Fridos Nacken und küsste seinen Hals.

„Klingt gut... Wie wärs mit nem Musical?“, raunte der zufrieden und hob die Augenbrauen, als Dominik von ihm abließ, um ihn stattdessen fasziniert anzuschauen.

„Echt? Die guckst du auch gern?“, fragte er und grinste noch mehr, als Frido nickte.

„Ich hab auch ein paar in meiner Sammlung“, deutete der stolz zu seinem Regal und lachte, als Dominik keine Zeit verlor, ihn dorthin zu ziehen und begeistert durch die DVDs zu stöbern.

„Hast du Lust, dass wir demnächst mal ein paar Filmabende machen?“, meinte er, wobei Frido sofort zustimmte. Zeit mit seinem Lockenkopf verbringen und dabei seine Lieblingsfilme gucken können, ohne – wie bei Juli – doofe Sprüche zu seinem Filmgeschmack zu kassieren? Das ließ er sich bestimmt nicht zweimal sagen!

2.9.2024: Merkliste

„Und erledigt…“, summte Frido zufrieden, als er eine weitere Aufgabe von seiner digitalen Merkliste strich und feststellte, dass diese in den letzten Tagen noch mal ordentlich geschrumpft war. Und das, obwohl er sich sogar den einen oder anderen freien Nachmittag gegönnt hatte, um Zeit mit Dominik zu verbringen.

„In vier Tagen startet ist die erste Vorlesung…“, schüttelte er den Kopf ungläubig darüber, wie schnell der Rest der Semesterferien nun vorangeschritten war und betrachtete dabei wieder seine Liste. Ein paar Kleinigkeiten fehlten noch und sie stand erst einmal wieder bei Null – wenn da nur nicht dieser eine Punkt gewesen wäre, den er zwar nicht auf seinem Handy festgehalten hatte, aber trotzdem omnipräsent im Hinterkopf spürte.

„So langsam aber sicher sollte ich mich drum kümmern…“, murmelte er und schob das Handy zurück in die Hosentasche, um gleichzeitig festzustellen, dass seine vorherige Freude über die fertiggestellte Aufgabe verdammt schnell verblichen war. Mit einem Seufzen ließ er den Blick über seinen Schreibtisch wandern und entdeckte die beiden Bücher, die er noch in die Bib zurückbringen musste. Er nickte leicht und erhob sich. Ja, wenn er zur Bib wollte, musste er auch an diesem einen Zimmer vorbei, von dem er sich in den vergangenen Tagen immer ferngehalten hatte.

„Na komm, keine Ausreden mehr…“, sagte er darum zu sich selbst, griff die Lektüren und verließ das Büro. In schnellen Schritten und mit klopfendem Herzen ging er seinen Weg, um dann aber bei einem flüchtigen Blick ins Atelier doch abzubremsen. Träumte er jetzt schon bei Tage? Er wendete sich ganz der Glastür zu und Dominik, den er durch sie hindurch sehen konnte. Anders als sonst saß er zwar nicht an der Staffelei, sondern am Tisch, aber er hatte tatsächlich wieder Papier vor sich liegen und einen Stift in der Hand. In der linken. Sein Gesicht war angespannt und es fehlte bei weitem die sonstige Leichtigkeit, die ihn beim Zeichnen begleitete. Die Bewegungen waren stockend, dem Handgelenk und den Fingern diese ungewohnten Abläufe noch sehr fremd. Immer wieder legte er den Stift kurz beiseite, um die Hand zu öffnen und zu schließen, weil sie sich scheinbar verkrampfte. Er schüttelte den Kopf, runzelte die Stirn und griff dann doch wieder zum Stift. Frust und Ehrgeiz lagen nah beieinander.

„Hey…“, betrat Frido den Raum und wurde von seinem Studenten doch erst wahrgenommen, als er näher an ihn heranging.

„Oh, hey“, nahm der dann seine Kopfhörer ab und lächelte, aber Frido war nicht sicher, ob er diesen Gesichtsausdruck wirklich teilen konnte.

„Gehts der Hand schlechter?“, deutete er auf Dominiks Rechte, die noch immer umwickelt war und spürte nur wenig Erleichterung, als sein Freund sofort mit einem Kopfschütteln antwortete.

„Der gehts prima! Ich war vorhin noch mal beim Arzt und der ist auch mit dem Heilungsprozess zufrieden“, lächelte Dominik, aber Frido schaute ihn noch immer skeptisch an.

„Und warum… quälst du dich dann hier grad so ab?“, legte der die Bücher auf dem Tisch ab, um die Hände frei zu haben, damit er die Arme ungestört verschränken konnte.

„Na ja, ich hab ja selbst gemerkt, wie schnell das gehen kann, dass meine rechte Hand ausfällt – oder ne Pause braucht. Und…“, der Lockenkopf schaute kurz zu Fridos Hand, ehe er seinem Dozenten wieder ins Gesicht blickte „… und du hast mich auf die Idee gebracht, dass es vielleicht nicht verkehrt ist, wenn ich die linke auch mal ein bisschen trainiere“. Der Angesprochene hob die Augenbrauen und sackte mit der Hüfte gegen den Tisch.

„Ich denke, es kann nicht schaden, mir auch mit links das Zeichnen beizubringen… vielleicht eröffnen sich damit sogar neue Möglichkeiten. Neue Stile oder Techniken… wer weiß?“, murmelte Dominik und zuckte leicht die Schultern, während Frido nur leicht nicken konnte. Er hatte es damals als Strafe und Qual angesehen, sich umschulen zu müssen und manchmal, in ganz heimlichen Momenten, empfand er seine rechte Hand noch immer als Stiefkind. Aber sein Freund erkannte darin sogar Chancen und ließ seiner schwachen Hand freiwillig solche Arbeiten zukommen? Frido war ja schon froh, dass vieles inzwischen digital ablief und er den analogen Stift häufig mal beiseite legen konnte…

„Alles okay?“, riss Dominik ihn aus seinen Gedanken und trug etwas Besorgtes im Blick, aber Frido nickte und lächelte.

„Du erstaunst mich nur immer wieder, das ist alles“, antwortete er ehrlich und drückte dem Jüngeren kurz den Unterarm. So recht schien der nicht zu wissen, was er darauf antworten sollte. Er zog zwar die Mundwinkel nach oben, aber es lag auch Irritation auf seinem Gesicht.

„Frido… ist das irgendwie n Problem für dich…?“, murmelte er und zuckte zusammen, als sein Dozent sich plötzlich straffte und nach den Büchern griff.

„Ganz im Gegenteil. Du hast mir grad nur den nötigen Arschtritt gegeben“, hauchte er seinem Freund einen schnellen Kuss auf die Locken und wendete sich zum Gehen.

„Ich hab jetzt leider noch ne Besprechung und muss direkt weiter… Sehen wir uns nachher?“, war er schon halb aus der Tür, während Dominik ihm noch immer verdattert nachguckte. Der nickte auf die Frage hin zwar, aber sein Blick sprach Bände.

„Prima!… Oh und überanstreng deine Hand nicht. Die muss sich erst mal dran gewöhnen! Ich sprech aus Erfahrung!“, warf Frido seinem Studenten noch zu und hatte das Atelier damit auch schon wieder verlassen, ohne eine Antwort oder sonstige Reaktion abzuwarten. Denn gewartet hatte er schon lang genug. Darum ging er jetzt auch nicht erst in die Bib, entschied er. Stattdessen ging er sofort zum Büro des Fachbereichsleiters, um endlich offen dazu zu stehen, dass so ein wunderbarer Mensch in sein Leben getreten war. Ein Mensch, der ihn nicht nur verstand, sondern auch zu neuen Denkweisen anregte. Der einerseits so viel neuen Wind in seinen Alltag brachte und andererseits bereits nach diesen wenigen Tagen schon kleine Routinen mit ihm teilte. Und ein Mensch, den er nicht mehr missen wollte, selbst, wenn er seinen Namen in der Uni noch nicht offen aussprechen wollte.

3.9.2024: Gojibeere

„Du bist also nach knapp zwei Wochen zum Dekan gegangen und hast ihm die Sache gesteckt?“, hob er Augenbraue und Glas, um letzteres mit gleichmäßigen Bewegungen zu schwenken.

„Und was hat er gesagt?“

Frido faltete die Hände vor sich auf dem Tisch und zuckte leicht die Achseln.

„Begeistert war er nicht unbedingt, aber letztlich sind wir beide erwachsen und es steht auch nichts in den Universitätsstatuten, das dagegen spricht. Zumal ich ja von selbst darauf angesprochen hab, dass ich nicht mehr unvoreingenommen an die Benotung rangehen kann. Ich glaub allerdings, dass ich diesbezüglich gleich den ganzen Kurs abgegeben hab, hat ihn am meisten genervt, aber er konnte mich auch nicht zwingen, einen Namen zu nennen. Es ist ja ein valider Grund, damit unsere Beziehung schützen zu wollen…“, antwortete er und musste sogar schmunzeln.

„Ich hatte den Eindruck, dass er mich am liebsten direkt in einen anderen Kurs gesteckt hätte, aber das war ihm kurz vor Vorlesungsstart wohl zu sehr übers Knie gebrochen. Vor allem, weil wir ja ohnehin nicht gerade einen Überschuss an Dozenten haben… Na ja, er spricht jetzt mit zwei Kollegen, wer die Benotung übernimmt und ansonsten läuft für mich das Semester jetzt erst mal wie geplant. Wie es dann nächstes Semester aussieht, müssen wir schauen“, nahm nun auch Frido sein Glas und tat einen Schluck, der ihm beinahe im Halse stecken blieb.

„Aha. Und danach hast du deinem Kleinen einen Ring an den Finger gesteckt und ihm den Schlüssel zu deiner Wohnung in die Hand gedrückt? Oh und was sagtest du, wann die Leihmutter euer Kind aus dem Ofen entlässt?“, sog Dr. Ernest Landers fachmännisch den Duft des Weins ein und befand ihn nach kurzem Abwägen für gut genug, um testweise seinen Gaumen berühren zu dürfen. Frido hingegen musste aufpassen, dass ihm der edle Tropfen nicht aus der Nase schoss, während er gegen seinen Husten ankämpfte.

„Du bist manchmal so ein Arsch!“, röchelte er, woraufhin sein Gegenüber sich reichlich ungerührt zeigte.

„Wieso? Bei unserem letzten Treffen hast du noch rumgeheult, dass dieses „Früchtchen“ dir das Herz gebrochen habe und jetzt erzählst du mir, dass du ihn ein paar Mal vögeln durftest und daraus gleich ne offizielle Sache machst?“, runzelte Ernest seine Augenbrauen auf diese bestimmte Weise, die nicht einfach nur Skepsis oder Irritation zeigte, sondern vor allem eines: Mitleid. Und in seinem Falle wohl auch ein wenig die Überlegung, ob sein alter Freund an geistiger Umnachtung litt. Aber der hatte offensichtlich nicht vor, sich so schnell geschlagen zu geben.

„Also erstens: Wir haben nicht einfach nur gevögelt, wir haben uns geliebt!“, knurrte Frido und sprach ungeachtet von Ernests Augenrollen weiter: „Und zweitens: Hast du mir in der letzten halben Stunde überhaupt zugehört?! Ich hab dir doch erzählt, wie wir zusammen gekommen sind und versucht klar zu machen, dass es eben nicht nur Sex ist! Dominik ist so viel mehr für mich!“, verschränkte er die Arme vor der Brust und folgte Ernest mit wütenden Blicken, als der sich nach einem Klingeln erhob und zur Wohnungstür ging. Ein kurzes Gespräch mit dem Lieferboten folgte, dann verschwand Ernest mit der Lieferung in der Küche und begann das Essen sorgfältig auf Tellern anzurichten.

„Vorher dachte ich, dass uns nur die Liebe zur Kunst verbindet, aber gerade durch diesen Unfall… hab ich jetzt auch auf anderer Ebene ein ganz anderes Verständnis für ihn. Und er für mich. Seit langer Zeit ist er der erste, der wirklich nachempfinden kann, wie einschneidend das damals für mich war“, tauchte Frido hinter ihm auf und klang fast schon verzweifelt, weil sein alter Freund so wenig Verständnis zeigte.

„Wenn du schon da stehst, kannst du dich auch nützlich machen“, drückte Ernest ihm dann auch den Teller in die Hand, als wären die letzten paar Sätze aus Fridos Mund nie an seine Ohren gedrungen.

„Du musst es nicht verstehen, aber respektier es wenigstens“, murmelte der, als er sich in seinem Gefühl bestätigt sah und kurz hielt Ernest tatsächlich inne, um ihn anzublicken.

„Nudeln mit Tomatensoße an Spinat mit Gojibeeren. Empfehlung des Hauses. Ich lass mich überraschen“, beschrieb der allerdings nur, was er ihnen gerade auf die Teller geladen hatte, um dann an Frido vorbei zurück zum Wohnzimmer zu gehen, während der den Kopf schüttelte und ihm langsam hinterher trottete.

„Vielleicht sollten wir den Abend an dieser Stelle beenden...“, murmelte er resignierend und erschrak beinahe, als Ernest ausseufzte und seinen Teller ungewohnt laut auf dem Tisch abstellte.

„Mein Gott, Frido! Lass doch diese Theatralik! Wenn das mit euch wirklich passt, dann wunderbar! Nur wird ein wenig Skepsis doch wohl erlaubt sein!“, stützte er eine Hand auf die Rückenlehne seines Stuhls und die andere auf seine Hüfte.

„Ich gönn dir dein Glück von ganzem Herzen und hoffe, dass es nicht so wie mit Patrick damals läuft. Aber wir wissen auch beide, wer sich deinen Liebeskummer angehört hat, als es mit Patrick dann nicht mehr lief, oder?“, hob Ernest die Augenbrauen, während Frido fast schon trotzig und mit einem Hauch von Scham seinen Teller auf den Tisch stellte.

„Das war doch was ganz anderes…“, nuschelte er und Ernest konnte noch immer die Verletzungen von damals in Fridos Blick sehen, als er mit einem „War es das wirklich?“ konterte.

„Nach dem Unfall war alles anders! Ja, anfangs hab ich mich selbst nur noch als Krüppel gesehen, aber sogar, als ich mich da wieder raus gekämpft hab, hat sein mitleidiger Blick nicht aufgehört! Er hat nur noch den gebrochenen Künstler in mir gesehen und mehr nicht! Und das war ich irgendwann leid, das weißt du ganz genau!“, schnaubte er aus und wieder schaffte Ernest es, einen wunden Punkt bei ihm zu treffen, als er ihn mit stoischer Gelassenheit musterte und dieser wissende Ton in sein „Ja, ich weiß…“ kroch.

„Na los, sag schon, was du zu sagen hast!“, verschränkte Frido die Arme vor der Brust, während Ernest sich wieder auf seinem Stuhl nieder ließ und Frido mit einer Handbewegung bedeutete, es ihm gleich zu tun. Dass dieser sich allerdings weigerte, entlockte Ernest ein Seufzen. Da war sie wieder, die Theatralik.

„Du möchtest hören, was ich zu sagen habe? Bitte. Ja, ich weiß, dass Patrick dich seit dem Unfall mit Samthandschuhen angefasst hat, aber an deiner Stelle würde ich den Mund nicht so aufreißen. Wie geht doch gleich der Spruch mit dem Glashaus und den Steinen?“, überschlug er die Beine und faltete die Hände in seinem Schoß, während Frido bei seiner Aussage die Augenbrauen hochschnellten und er sogleich zum Konter ansetzte. Doch die fast oberlehrerhafte Art, mit der Ernest die Hand hob und den Kopf schüttelte, ließ ihn innehalten.

„Mal ehrlich, Frido. Nach der Trennung bist du damals mit jedem ins Bett gestiegen, der nicht bei drei auf dem Baum war. Willst du mir heute immer noch weißmachen, dass du damit nur Patrick vergessen wolltest? Oder hast du inzwischen selbst gemerkt, dass du das auch brauchtest, um deine Unsicherheiten aus dem Weg zu räumen? Ich hab oft genug beobachtet, wie du dich sogar dann noch kritisch im Spiegel beäugt hast, als man deinem Gang und deinen Bewegungen längst nicht mehr die harte Arbeit ansah, die du reinstecken musstest, damit das alles wieder so flüssig und leicht aussieht. Du hast dir bei den ganzen Typen neues Selbstvertrauen und Bestätigung darüber geholt, dass sie dir deine Vorgeschichte nicht anmerkten und dich ganz normal behandelten. Das ist auch völlig in Ordnung. Nur gesteh deinem Ex wenigstens zu, dass er auch seine Zeit brauchte, um mit seinen Beklemmungen durch die neue Situation zurecht zu kommen“, faltete Ernest wieder die Hände in seinem Schoß und legte den Kopf schief, als er Frido betrachtete, der am liebsten gleich losgepoltert hätte. Doch stattdessen blickte er immer mehr wie ein begossener Pudel drein, je länger er die Worte auf sich wirken ließ. Seine Hände sackten hinunter und eine von ihnen griff die Lehne seines Stuhls, unschlüssig, ob sie ihn wirklich vom Tisch wegziehen sollte, damit er sich wieder setzen konnte.

„Schön und gut… Aber was hat das jetzt mit Dominik zu tun?“, murmelte er, wobei er nachdenklich mit den Zähnen knirschte und nun auch die zweite Hand auf die Lehne stützte. Er wusste, dass das, was jetzt käme, vermutlich unschön wäre, aber er konnte sich auch nicht einfach losreißen und gehen. Irgendetwas, von dem er nicht recht wusste, was es war, hielt ihn an Ort und Stelle. War es Neugierde? Unsicherheit? Beides?

„Es hat insofern mit ihm zu tun, dass mich bei deinen Erzählungen über ihn so viel an den damaligen Fritz erinnert, dass ich das Gefühl bekomme, du vögelst ne jüngere Version von dir“, verlor Ernest keine Zeit mit Umschreibungen und zeigte sich auch reichlich ungerührt, als Frido ihn entsetzt anstarrte. Sein Mund klappte auf, um etwas zu sagen, aber viel mehr als Gestammel kam dabei nicht heraus.

„D… das stimmt doch gar nicht!“, war alles, was ihm zu seiner Verteidigung einfiel und die konnte Ernest nur wenig überzeugen.

„Ach nein?“

„Nein!“

Der Arzt rollte mit den Augen, stützte die Ellenbogen auf dem Tisch ab und verwebte die Finger ineinander, um dann sein Kinn auf den Händen abzulegen.

„Er geht mit genauso viel Ehrgeiz und Elan an die Sache ran wie du damals. Du hast neulich selbst erzählt, wie viel Freude es dir bereitet, ihm beim Malen zuzusehen. Wie er darin aufgeht und diese… Lebendigkeit, die er dabei versprüht! Dass du dich fast so fühlst wie damals, als du selbst noch malen konntest, wenn du ihm zuschaust. Frido, bevor er zu dir ins Bett gestiegen ist, hast du dir schon den Kopf zerbrochen, wie man ihn am besten unterstützen und fördern kann. Was wird dann jetzt erst sein?“, hielt er einen Moment inne, um Frido die Gelegenheit zu geben, das Gehörte sacken zu lassen. Doch der zeigte wenig Einsicht oder Erkenntnis. Stattdessen zuckte er unwirsch die Schultern und fragte, wo das Problem sei.

„Es ist doch normal, den Partner zu unterstützen!“, rief er voller Unverständnis aus, wobei sich erstmals eine kleine Zornesfalte zwischen Ernests Augenbrauen bildete.

„Friedrich. Ich möchte nur nicht, dass du deinen damaligen Traum jetzt auf diesen jungen Mann projizierst und versuchst mit ihm das auszuleben, was dir kaputt gemacht wurde. Es wäre ihm gegenüber nicht fair und für dich selbst auch nicht. Ganz zu schweigen davon, dass ich wenig Lust hab, noch mal monatelang deine Scherben mit aufzusammeln, wenn diese Illusion dann irgendwann platzt und du feststellst, dass es nun mal nicht deine Hände sind, die die Kunstwerke erschaffen und nicht dein Kopf, der sie kreiert hat. Oder wenn – Gott bewahre – er dich abschießt, weil er merkt, dass es irgendwann nichts mehr gibt, das du ihn lehren kannst. Und seine Hand, anders als deine, in ein paar Monaten vielleicht nicht mal mehr durch eine kleine Narbe daran erinnert wird, wie gut er dich mal verstehen konnte. Mal ehrlich, was weißt du denn schon über ihn? Außer ein paar Geschichten aus der Vergangenheit, wie er sich als Student bisher gegeben hat und wo er seine Muttermale verteilt hat? Bisher verbindet euch vor allem die Kunst und was ist, wenn man die mal außen vor lässt? Also verzeih, aber mit Beziehung hat das für mich nun wirklich noch nicht viel zu tun“, ließ Ernest seine Hände sinken und richtete sich auf, während Frido um den Stuhl herum ging und sich darauf sacken ließ. Ihm fehlten offensichtlich die Worte, aber Ernest dafür umso weniger.

„Benotung hin oder her, wenn er eh so gut arbeitet, kann man dir wohl kaum ernsthaft Voreingenommenheit vorwerfen. Außerdem stehen die Benotungen ja eher zum Ende des Semesters an. Und wenn ich mich recht erinnere, hast du gesagt, dass das jetzt sein fünftes Semester ist. Dann hat er den Abschluss doch eh fast in der Tasche. Warum habt ihr also nicht einfach die paar Monate gewartet und euch erst mal weiter kennen gelernt?“, wollte er wissen und betrachtete Frido ruhigen Blickes, während der keine Anstalten machte, seinen Freund überhaupt anzuschauen.

„Wir haben acht Pflichtsemester… irgendwann wärs also ohnehin rausgekommen… Ich glaub kaum, dass wir das Ganze zwei Jahre verheimlichen könnten. Und ich wollte ganz gern selbst bestimmen, wann und wie es publik wird und unnötige negative Konsequenzen für ihn vermeiden… Den einen richtigen Moment hätte es in unserem Fall vermutlich eh nicht gegeben“, murmelte er und ließ die Augen auf seinen Händen ruhen, die er regungslos auf den Oberschenkeln liegen hatte.

„Eine gewisse Geheimnistuerei haben wir nun auch, ja, aber ein Teil des Drucks ist jetzt trotzdem weg. Vielleicht machen wir es ja auch irgendwann komplett öffentlich, wenn wir länger zusammen sind… Aber ansonsten gehts jetzt halt erst mal darum, dass wir uns gegenseitig besser kennen lernen. Das ist die Hauptsache…“, sprach Frido weiter und schloss einen Moment die Augen, während er Ernests Worte weiter verdaute und feststellen musste, dass es wohl noch mehr zu verdauen geben würde. Als der Arzt nämlich nach einer kleinen Pause des Schweigens und Nippens an seinem Wein wieder ansetzte, legte er den Finger in die nächste Wunde.

„Apropos Kennenlernen… du hast vorhin so betont, dass dein Kleiner dich viel besser versteht, weil er jetzt ja selbst einen Unfall hatte – aber wie viel weiß er überhaupt über deinen? Hast du ihm wenigstens alles erzählt oder nur die beschönigte Version?“, lehnte er sich vor und nahm seine Gabel, während Frido ihm einen giftigen Blick zuwarf und keinerlei Anstalten machte, sich ebenfalls dem Essen zu widmen.

„Du sollst ihn nicht immer „Kleiner“ nennen und ich hab ihm das Wichtigste über den Unfall erzählt!“, knurrte er und sein Blick gab Ernest schnell die Antwort auf seine anschließende Frage.

„Also auch die angerissene Milz oder die Beinbrüche?“, stützte er seinen Kopf auf eine Hand und folgte Frido mit den Augen, als der aufsprang.

„Wen interessieren die Details denn heute noch?! Das ist über zehn Jahre her und das Wichtigste weiß er! Dass ich selbst mal Künstler war und es seit dem Unfall und wegen meines Arms nicht mehr bin! Es ist alles gerichtet und verheilt! Du hast grad doch selbst gesagt, dass man mir heute gar nichts mehr ansieht! Wozu soll ich ihn dann unnötig damit belasten?!“, war es ihm nun endgültig zu viel und er fuhr herum, um zur Wohnungstür zu stapfen, aber Ernests Worte ließen ihn stocken.

„Deine Angst ist nicht, dass du ihn damit belastest, sondern dass er dich auch so anschaut wie Patrick! Oder wie deine buckelige Verwandtschaft! Deswegen bist du doch extra hierher gezogen, weil du das nicht mehr ertragen hast: Die besorgten Blicke, selbst nach so vielen Jahren und bei jeder Gelegenheit die Frage, wie es dir denn geht, ob dir noch was weh tut und so weiter“, ließ Ernest Landers seine Gabel über dem Teller kreisen, ohne dabei den Blick von Fridos Rückansicht abzuwenden. Er konnte sehen, wie sich dessen Schultern hoben und er die Fäuste ballte.

„Dir ist schon klar, dass es online immer noch Berichte von damals gibt, oder?“, sprach Ernest weiter und seufzte, als Frido ihm einen giftigen Blick über die Schulter zuwarf.

„Ich hab ihm die Geschichte erzählt – warum sollte er dann noch nach Berichten suchen?!“, zischte er zwar, aber die aufkommende Panik in seinen Augen zeigte, dass er tatsächlich nicht daran gedacht hatte.

„So neugierig ist er nicht! Dominik gehört nicht zu den Studenten, die sich sogar… über… über die Länge meines Barts das Maul zerreißen!“, schnaufte er aus, während Ernest sich erhob und zu ihm hinüber ging.

„Mit Maul zerreißen hat das wenig zu tun, Frido“, stellte er sich ihm gegenüber und schob die Hände in die Hosentaschen.

„Sieh es als Test“

„Als Test? Ob er mich googlet oder wie?“

„Nein“, schüttelte Ernest den Kopf.

„Ob er auf die ganze Wahrheit wirklich so reagiert, wie du es gerade fürchtest oder ob er darüber hinwegsehen und dich so erkennen wird, wie du heute bist. Wäre das nicht eine bessere Basis für eine Beziehung, als dieses halbgare Verschleiern? Oder willst du wirklich mit jemandem zusammen sein, bei dem du Angst hast, gewissermaßen du selbst zu sein?“

Langsam sanken Fridos Schultern hinunter und er ließ sich von Ernest zurück zum Tisch führen.

„Musst du immer so deutlich sein?“, murmelte der Dozent und entlockte seinem Freund damit ein leises Lachen.

„Deswegen sind wir mittlerweile seit über zwanzig Jahren befreundet: Weil du manchmal einfach klare Worte und einen kleinen Arschtritt brauchst!“, grinste der Arzt und füllte Fridos Glas auf, ehe er wieder um den Tisch herum ging und Platz nahm.

„Na, was ist jetzt? Wenn wir nicht bald essen, ist es gänzlich abgekühlt“, forderte er Frido dann mit einer Geste auf, sich auch endlich wieder hinzusetzen und seufzte, als der meinte, dass es noch etwas gäbe, das er berichten wolle.

„Was denn jetzt noch? Hast du auch noch deine Wohnung abgefackelt oder so was?“, griff Ernest sein Weinglas und genehmigte sich einen kräftigen Schluck, während Frido sich mit einem leichten Lächeln niederließ.

„Nicht ganz… ich hab überlegt, auch wieder mit der Malerei anzufangen“, sagte er vorsichtig und musste doch grinsen, als auch er es endlich einmal schaffte, seinem Freund einen verdutzten Blick abzuringen.

„Wie das?“, ließ der sein Glas sinken und verschränkte die Arme vor der Brust, als Frido von Dominiks neuerlichen Ambitionen sprach.

„Tja… du irrst dich also: Es geht nicht nur darum, was er vielleicht von mir lernen kann, sondern auch umgekehrt. Das wird bestimmt nicht leicht, aber ich will es wenigstens versuchen“, betrachtete Frido seine rechte Hand und hob den Blick zurück zu Ernest, als der belustigt ausschnaubte.

„Hatte ich dir das nicht auch schon vorgeschlagen? Mehrfach sogar? Und du wolltest immer nichts davon wissen?“, schwang ein Hauch von Kränkung in seiner Stimme mit, aber dieses Mal war Frido es, der sich davon nicht tangieren ließ.

„Wie gesagt: Er kann mich ganz anders verstehen als du. Und mich diesbezüglich auch ganz anders motivieren“, grinste Frido erst und lachte dann, als Ernests Augenbraue einen empörten Sprung tat. Doch so schnell, wie der Ärger sich gezeigt hatte, verschwand er auch wieder, um etwas Spitzbübischem Platz zu machen.

„Was ist jetzt wieder?“, griff Frido seine Gabel und ließ sich sein Essen schmecken – bis er sich wieder verschluckte.

„Ich glaub, ich würde den jungen Mann gern mal kennenlernen, der so einen guten Einfluss auf dich hat, Frido“, säuselte Ernest wie eine Katze vor der Maus und nippte an seinem Wein, während Frido vehement den Kopf schüttelte und zwischen seinen Hustenanfällen ein „Dich lass ich bestimmt nicht auf in los!“ herauspresste.

4.9.2024: Dampfgarer

Es war einer dieser herrlich sonnigen Tage, die einem manchmal sogar im Oktober noch ein Gefühl von Sommer brachten, obwohl der Herbst eigentlich bereits in vollem Gange war. Überall verfärbten sich die Blätter und erstrahlten die Hagebutten als Vorboten für den Winter. Walnussbäume in den Vorgärten waren für manche nun die größte Freude, während andere sie für die Raben verfluchten, die ihre Früchte aus großer Höhe auf Autos und Asphalt fallen ließen, um sie zu knacken. Wie froh war Dr. Ernest Landers da, dass er sein Statussymbol mit der nicht ganz alltäglichen Kühlerfigur sicher in der Tiefgarage seiner Praxis stehen hatte und die paar Meter zu seinem Stammlokal fürs Mittagessen auch gut zu Fuß bewältigen konnte. Und das an diesem Tag sogar etwas früher, als gedacht. Dieses Mal war er nämlich derjenige, der zuerst eintraf, sich einen der Außentische aussuchte und bereits in der Karte stöberte, als wenige Minuten später etwas seinen Arm berührte und sich als Fridos Hand herausstellte.

„Hey, du bist ja schon da!“, ging der um den Tisch herum und setzte sich gegenüber Ernest hin.

„Unser sonstiger Platz war schon besetzt, aber dieser hier tut es auch. Ich bin ja immer noch dafür, dass sie auch Reservierungen für die Außentische anbieten sollten“, zeigte der Arzt sich ein wenig unleidlich und schob Frido die Menükarte rüber. Der schmunzelte, während er sie entgegen nahm und aufschlug.

„Ich glaube, du wirst es überleben, mal wo anders zu sitzen. Alternativ können wir ja auch rein gehen“, schlug er vor und schmunzelte abermals, als Ernest ablehnte.

„Ich bin jetzt schon an dem Punkt, an dem ich im Dunkeln zur Arbeit fahre und erst im Dunkeln wieder heim komme. Das wird die nächsten Monate ja nicht besser. Ein bisschen Sonne wäre mir also ganz lieb – nur hat unser sonstiger Platz nun mal den Vorteil, dass wir etwas geschützter sitzen und ich weniger Gefahr laufe, von irgendwelchen Patienten gestört zu werden, weil sie sich ja so darüber freuen, mich hier zufällig anzutreffen“, verschränkte er die Arme vor der Brust und nahm Fridos amüsiertes Kopfschütteln zur Kenntnis.

„Dir würde es also gefallen, wenn deine Studenten plötzlich hier anmarschiert kämen?“, fragte er verschnupft, woraufhin Frido die Schultern zuckte.

„Nichts für ungut, aber wir sitzen hier mitten in der Fußgängerzone – da muss man damit rechnen, mal von jemandem erkannt zu werden. Der Campus liegt zwar ein ganzes Stück entfernt, aber wenn wirklich mal zufällig einer meiner Studenten vorbeikäme und Hallo sagt, würd ich mich kurz mit ihm unterhalten und gut. Da ist doch nichts dabei“, klappte Frido die Karte zu und bedeutete dem Kellner, ihre Bestellung aufzunehmen. Doch selbst jetzt wollte Ernests Laune sich nicht merklich bessern.

„Ich weiß, du willst in deiner Pause deine Ruhe haben, aber dann sollten wir uns halt ein anderes Lokal suchen“, schlug Frido vor, um sich dann kurz dem Kellner zuzuwenden und anschließend wieder auf Ernest einzugehen, dessen Gesicht einen fast schon angewiderten Ausdruck annahm.

„Du weißt selber, dass mir die anderen Lokale in dieser Gegend noch weniger zusagen“, ließ er einen unterkühlten Blick zu „seinem“ Tisch wandern und nahm mit gerümpfter Nase zur Kenntnis, dass er noch immer besetzt war.

„Machst du dich über mich lustig?“, musterte er dann mit verkniffenem Blick Fridos Grinsen und schnaubte verachtend aus, als der zwar den Kopf schüttelte aber auch dabei lachte.

„Würde ich mir doch nie erlauben! Ich genieße einfach nur deine Gesellschaft!“, grinste er und dankte dem Kellner, der ihnen schon einmal ihre Vorspeise brachte. Auch Ernest nahm dies mit einem Nicken zur Kenntnis und amüsierte seinen Freund dann erneut, weil er doch wieder einen kurzen kritischen Blick über den Salatteller wandern ließ, obwohl sie hier nun bereits schon so viele Mal gegessen hatten.

„Nun gut, dann erzähl mir doch mal, wie deine Studenten reagiert haben. Du hattest deine Vorlesung heute doch schon, nicht wahr?“, wurde es dem Arzt langsam zu viel und er versuchte Frido mit einer kleinen Spitze in die Schranken zu weisen. Nur dieses Mal verfehlte sie leider ihr Ziel. Statt sich zu verschlucken oder bedröppelt zu schauen, zuckte der Dozent die Schultern und grinste weiterhin.

„Sie habens gut aufgenommen. Ein paar irritierte Blicke und kurzes Gemurmel gab es zwar, aber das wars“, erzählte er und begann seinen Salat zu essen, wohingegen Ernest sich erst einmal mit seiner Tasse Kaffee beschäftigte.

„Was hast du ihnen denn gesagt?“, erkundigte er sich und nickte leicht auf Fridos Antwort hin.

„Nur, dass ich die Benotung aus persönlichen Gründen abgebe und meine Kollegin das künftig übernimmt. Ich dachte, da bricht sofort das Kreuzverhör los, aber nein, sie haben sich alle sehr zurückhaltend gezeigt“, freute Frido sich, während Ernest eher mit einem „Kann noch kommen…“ darauf reagierte. Der Dozent lachte und schüttelte den Kopf.

„Heut bist du wirklich ein bisschen muffelig!“, grinste er und zog sein Handy hervor, um Ernest auf andere Gedanken zu bringen.

„Hier, dein fachmännischer Rat ist gefragt!“, schob er Ernest das Smartphone nach kurzem Tippen zu und beobachtete seine Reaktion. Wie zu erwarten beugte der Arzt sich leicht vor, runzelte kurz die Stirn und rümpfte dann die Nase.

„Ich hab mir überlegt, einen Dampfgarer zu kaufen. Welchen davon würdest du mir empfehlen?“, meinte Frido und war wenig überrascht, dass Ernest mit einem „Keinen davon“ reagierte. Stattdessen tippte er ein anderes Gerät in die Suchleiste ein und schob das Smartphone dann zurück zu Frido. Der hob die Augenbrauen und pfiff aus.

„Holla, das ist aber ein stolzer Preis…“, murmelte er und griff sein Handy, während Ernest die Schultern hob.

„Du wolltest meine Expertise, da hast du sie“, nahm er seine Gabel und seufzte aus, als genau das passierte, was er befürchtet hatte.

„Oh, hallo Herr Klimlau!“, ertönte es in Ernests Rücken und der Angesprochene hob kurz die Hand. Er lächelte zwar, aber es lag auch ein kleiner Hauch von Unsicherheit in seinen Zügen, die nun doch Ernests volle Aufmerksamkeit weckten, nachdem er eigentlich vor gehabt hatte, Fridos unliebsame Anhängsel einfach zu ignorieren.

„Hallo Susi“, schob Frido sein Handy zurück in die Hosentasche, während zwei Gestalten in Ernests Blickfeld traten und am Tisch stehen blieben.

„Haben Sie hier schon mal das Vanille-Parfait probiert? Große Empfehlung!“, strahlte die junge Frau, während ihr Begleiter sich in Schweigen hüllte und den Arzt mit einem flüchtigen Blick musterte.

„Danke für den Tipp, ich bin bisher meistens an der Schokomousse hängen geblieben“, grinste Frido und erkundigte sich, ob seine Studenten eine kleine Shoppingtour unternähmen. Die eine strahlte, der andere zuckte unwillig die Schultern.

„Ich hab ihn schon ein paar Mal gefragt, aber da wollte er immer nicht, weil er ja ständig an einem Bild sitzt. Tja, aber im Moment hat Dominik ja wegen seiner Hand nicht so viele Ausreden, also hab ich die Chance genutzt!“, lachte Susi triumphierend, während der Lockenkopf murrte, dass er Shopping doof fand und nur mitgekommen sei, weil seine Kommilitonin eigentlich was von Künstlerbedarf gesagt habe. Die hakte sich bei ihm unter und freute sich sichtlich darüber, mal wieder etwas mehr Zeit mit ihm zu verbringen, während Ernest etwas anderes viel mehr ins Auge stach: Dass Frido kurz die Gesichtszüge entglitten waren.

„Frido, wie unhöflich von dir. Möchtest du uns nicht vorstellen? Immerhin schwärmst du doch immer so von deinen Studenten und da ist es doch eine schöne Gelegenheit, dass ich sie jetzt auch mal selber kennenlernen kann“, schnurrte der Arzt, als sein Freund gerade versuchte das Gespräch schnell mit einem „Na, dann noch viel Spaß!“ zu beenden. Der Dozent warf ihm einen erschrockenen Blick zu, während Susi juchzte und sich sichtlich geschmeichelt fühlte. Dominik hingegen schien die Situation etwas dubios zu finden, erst recht, als Ernest sich auch noch erhob und ihm die Hand reichte.

„Ernest, ich glaub, die zwei wollen jetzt wirklich weiter. Gleich ist doch wieder Unterricht – wir sollten ihnen nicht ihre Zeit stehlen!“, griff Frido zwar seinen Unterarm, aber der Arzt ließ sich nicht abwimmeln.

„Ach, die fünf Minuten können Sie doch sicherlich erübrigen, nicht wahr?“, schenkte er den Studenten ein bezauberndes Lächeln, entwand sich elegant aus Fridos Griff und hielt Dominik nochmals auffordernd die Hand hin.

„Dr. Ernest Landers. Sehr erfreut“, schmälerten sich seine Augen ein wenig, während er den jungen Mann dezent musterte und dessen Unsicherheit nur allzu deutlich erkennen konnte. Dominik zögerte damit, seine Hand aus der Tasche des Hoodies zu ziehen und zuckte zusammen, als Susi in einem erstaunten Ausruf Ernests Namen wiederholte.

„Susanna Schmidtnagel, ich bin die Tochter von…“, griff sie stattdessen Ernests Hand und nickte eifrig, als der ihren Satz vervollständigte.

„Dr. Heinrich Schmidtnagel. Ein alter und geschätzter Kollege, selbstverständlich! Er erwähnte mal, dass seine Tochter hier studiert. Wie konnte mir das entfallen! Besonders bei dieser Familienähnlichkeit!“, rief er erfreut aus und schmunzelte noch mehr, als Susi losplauderte, welch große Stücke ihr Vater auf seinen Kollegen hielt.

„Bestellen Sie ihm unbedingt Grüße von mir“, bat Ernest und warf Frido einen triumphierenden Blick zu, als seine Falle sogar noch eleganter zufiel, als er es selbst geplant hatte.

„Oh, Herr Dr. Landers, mein Vater schwärmt immer davon, dass Sie so ein Experte auf Ihrem Gebiet sind! Wäre es… wäre es vielleicht möglich, dass Sie mal einen Blick auf Dominiks Hand werfen?“, fragte Susi vorsichtig an, während der Patient zwar mit einem „Wie bitte?!“ dazwischen grätschte, aber kaum Gehör bekam, weil seine Kommilitonin dem Arzt längst von dem Unfall erzählte. Frido hingegen rieb sich übers Gesicht und ließ schnell die Hand sinken, um sich nichts anmerken zu lassen, während Dominik wie ein geblendetes Reh von einem zum anderen guckte.

„Er ist zwar in Behandlung, aber es geht ja immerhin um seine Hand…“, schaute Susi Ernest mit Dackelblick an und strahlte, als der ohne Murren zustimmte.

„Selbstredend schaue ich mir das an“, meinte er und nahm voller Genugtuung Fridos entsetzten Blick wahr und Susis Ellenbogen in Dominiks Seite, als der versuchte abzuwiegeln.

„Die Hand ist doch fast schon wieder verheilt!“, protestierte er und schüttelte den Kopf.

„Bist du bekloppt?! Ich hab dir heute Morgen schon gesagt, dass du lieber noch zu einem Experten hättest gehen sollen und nicht nur zu deinem Hausarzt! Wenn da irgendwas nicht richtig genäht wurde oder falsch verheilt, bist du am Arsch, Dominik! Du hast grad n riesen Glück, ey!“, zischte sie und stemmte die Hände auf die Hüften.

„Aber ich hab kein Geld dafür!“, murrte er und starrte Ernest an, als der seine Hand an Dominiks Oberarm legte.

„Aber, aber. Sie sind Student meines Freundes. Natürlich brauchen Sie meine Untersuchung nicht zu bezahlen“, sprach er gönnerhaft, während Frido die Zähne knirschte und seine Fassung offensichtlich nur noch schwerlich beibehalten konnte. Erst recht, als Ernest ihn auch noch fragte, ob er nicht ebenfalls seiner Meinung sei, dass eine Zweiteinschätzung in Dominiks Fall sicherlich nicht verkehrt wäre.

„Natürlich…“, presste er heraus und quälte sich ein Lächeln ab, als Susi sich überschwänglich bei Ernest bedankte.

„Ich geb ihm deine Karte. Jetzt lass die beiden endlich weiter shoppen“, murrte Frido und griff sich seinen Kaffee, um ihn sich dann fast auf die Hose zu schütten.

„Ach was! Meine Praxis ist doch gleich um die Ecke und mein Terminkalender ist gerade so überfüllt… da kommt meine Pause doch wie gerufen!“, trällerte Ernest, während Susi es kaum fassen konnte und Dominik zutuschelte, dass das Wort, das er suche „Danke“ sei.

„Vielen, vielen Dank!“, bedankte auch sie sich noch einmal und verabschiedete sich dann plötzlich, um ihren Einkaufsbummel allein fortzusetzen.

„Sag mir nachher, wie es gelaufen ist!“, tätschelte sie Dominiks Arm, aber der Lockenkopf schaute sie nur entgeistert an.

„K… Kommst du nicht mit?“, stotterte er, woraufhin sie den Kopf schüttelte, das Gesicht verzog und eine wegwerfende Handbewegung machte.

„Arztpraxen sind nicht so meins“, zuckte sie die Schultern und antwortete mit einem „Deswegen ja“, als Dominik einwarf, dass ihr Vater doch selbst Arzt sei.

„Ich musste als Kind immer mit, wenn Mama ihn von der Arbeit abgeholt hat… Diese ganzen Gerätschaften und die kranken Leute… Nee, ich weiß schon, warum ich nicht Medizin studiere… Also bis später!“, winkte sie und hopste gut gelaunt zum nächsten Klamottenladen, während Dominik anzusehen war, dass er sich wie in den Fängen einer Spinne fühlte. Erst hatte sie ihn in dieses Netz geschmissen und ließ ihn jetzt einfach dort baumeln?!

„Du kommst aber sicherlich mit, oder?“, kroch ihm da auch schon die Stimme des Arztes kühl über den Nacken, selbst wenn die Frage nicht an ihn, sondern an seinen Dozenten gerichtet war. Der hingegen versuchte nun gar nicht mehr, seinen Unmut mit irgendwelchen Grimassen zu verschleiern. Stattdessen pfefferte er seine Serviette auf den Tisch und stand auf.

„Das war ne miese Nummer. Ich hab dich einen Tag nach dem Unfall angerufen und dich gefragt, ob du irgendwelche Bedenken wegen der Behandlung, dem Arzt im Krankenhaus oder seinem Hausarzt hast und du warst mit allem einverstanden. Und jetzt ziehst du hier so ne Show ab!“, knurrte er und schob die Hände in die Hosentaschen, während Ernest diesen Zwergenaufstand nur belächelte.

„Als du mich damals angerufen hast, wusste ich ja noch nicht, um welchen Studenten es geht und nachdem ich es wusste, wolltest du ihn mir plötzlich nicht mehr vorstellen“, schnurrte er und schob seine Hand auf Dominiks Rücken, um ihn mit sich zu führen, aber der tat einen Schritt zur Seite und wand sich somit aus der Berührung.

„Könnt ihr mal aufhören so zu tun, als wär ich nicht anwesend?“, sagte er, nachdem Frido gerade noch zischen konnte, dass Ernest dieses kleine Detail auch gar nichts anginge und der Arzt wiederum just in diesem Augenblick zu einer Antwort darauf ansetzen wollte. Doch nun betrachtten die beiden Älteren den Dritten im Bunde und schienen beinahe verdutzt, dass er sich selbst auch zu Wort meldete.

„Ich steh hier, falls ihrs noch nicht bemerkt habt“, tat er seinen Unmut kund, aber damit warf er Ernest nur noch weiteres Futter zu.

„Wirklich ein kleiner Trotzkopf“, meinte der lapidar und schmunzelte darüber, dass er von Dominik nun erst recht ein renitentes Funkeln erntete, während Frido ihm am liebsten an den Hals gesprungen wäre.

„Ich hab noch was zu erledigen. Schönen Tag noch“, zischte der Lockenkopf und drehte den beiden den Rücken zu, woraufhin Ernest die Schultern zuckte und Frido zunickte, dem Abtrünnigen zu folgen.

„Das Angebot war ernst gemeint, also sammel ihn ein und bring ihn in meine Praxis. Du willst doch nicht Schuld sein, dass am Ende wirklich was übersehen wird und er in eine Fußstapfen tritt“, zückte er sein Portemonnaie, um ihr Essen zu bezahlen, während Frido unwillig seiner Aufforderung nachkam. Er verabscheute Ernest gerade ein wenig, aber er wusste auch, dass er nicht ganz Unrecht hatte.

„Dominik, warte…“, war sein Freund nach wenigen Metern schnell wieder eingeholt und Frido wollte den Arm um ihn legen. Aber nicht zuletzt Dominiks fuchtiger Blick ließ ihn von dieser Idee Abstand nehmen.

„Der ist nicht nur n bisschen schwierig, der ist einfach nurn Arsch! Und ich hab keine Lust mich weiter von ihm vorführen zu lassen!“, machte der Lockenkopf keine Anstalten, seinen Schritt zu verlangsamen und hielt erst an, als Frido sich vor ihn stellte.

„Ja, er hat ne etwas eigene Art an sich, aber er ist wirklich n guter Arzt. Ich… sprech da aus Erfahrung. Lass ihn drauf gucken und uns versichern, dass wirklich alles in Ordnung ist“, hob er beschwichtigend die Hände und zuckte leicht die Schultern.

„Du weißt jetzt, was ich neulich damit meinte, dass ich euch eigentlich noch nicht einander vorstellen wollte… aber… das Kind ist doch jetzt quasi schon in den Brunnen gefallen. Da können wir sein Angebot auch annehmen, oder?“, grinste er schief, um dann das Gesicht zu verziehen, weil Dominiks Miene so gar keinen Versuch machte, sich aufzuhellen. Eher das Gegenteil war der Fall.

„Du hast doch grad bloß n schlechtes Gewissen, weil er dir diesen blöden Spruch reingewürgt hat! Ja, guck nicht so. Ich bin schließlich erst n paar Meter weit gekommen – natürlich hab ich das noch gehört!“, zischte er und stierte Frido an, damit er ihm endlich aus dem Weg ging, aber der seufzte aus und stützte die Hände auf den Hüften ab.

„Hast du vielleicht nicht ganz unrecht mit… aber wie gesagt, schaden kanns ja eigentlich nicht. Vorsicht ist besser als Nachsicht, oder?“, murmelte er kleinlaut und trat ein Steinchen beiseite, ehe er Dominik die Hand an die Wange legen wollte und es dann doch unterließ.

„Du musst ihn ja nicht leiden, aber…“, versuchte er die Wogen etwas zu glätten, um noch vor Vollendung seines Satzes festzustellen, dass das vergebliche Liebesmüh war.

„Tu ich auch nicht!“, haute Dominik dazwischen und setzte sogar noch nach.

„Ich frag mich grad eher, was du an diesem arroganten Affen leiden kannst, wenn ihr schon so lang befreundet seid!“, murrte er und guckte noch entgeisterter, als Frido anfing zu kichern. Es war nicht der richtige Zeitpunkt dafür, aber genau die Frage, die er nicht zum ersten Mal hörte und sich auch schon selbst so manches Mal gestellt hatte.

„Es ist meine liebenswürdige Art“, antwortete statt seiner aber Ernest und schlenderte an ihnen vorbei, ohne dabei von Dominiks Blicken tot umzufallen, obwohl der sich gerade größte Mühe dabei gab.

„Kommt ihr jetzt? Meine Pause dauert nicht ewig! Oh und für den kleinen Hunger zwischendurch hab ich auch ein bisschen Obst in der Praxis. Bananen zum Beispiel“, warf er ihnen stattdessen ein süffisantes Grinsen über die Schulter zu und hatte schon jetzt diebische Freude an seinem neuen Spielkameraden.

5.9.2024: Gemüsekiste

„Keine Sorge, ich bin ja auch noch da“, murmelte Frido und schenkte Dominik ein Lächeln, während dem offensichtlich nicht nur die Fahrt mit dem Aufzug Unwohlsein bereitete. Er hatte zwar die Treppe nehmen wollen, sich dann aber doch Ernests Argument gebeugt, ob der seine kostbare Zeit mit der Warterei auf Dominiks erfolgreichen Aufstieg in den siebten Stock vertrödeln sollte. Frido hingegen wunderte sich noch immer ein wenig, dass der junge Mann seine Sturheit am Ende überhaupt hinter die Sorge über seine Hand gestellt hatte – also waren seine Ängste wohl doch größer, als es dem Dozenten bisher bewusst gewesen war…

„Wie gesagt, ein falsches Wort und ich bin weg“, murrte Dominik trotzdem und schien fast auf ein passendes Stichwort durch Ernest zu warten. Der aber beschäftigte sich mit seinem Handy und tat so, als hätte er das Getuschel hinter sich gar nicht mitbekommen.

„Michelle, ich möchte nicht gestört werden“, erhob er erst die Stimme, als sich die Fahrstuhltüren wieder öffneten und sie damit sogleich im Empfangsbereich der Praxis landeten. Die angesprochene Arzthelferin war zwar sichtlich überrascht über seine frühe Rückkehr, enthielt sich aber jeglicher Kommentare dazu. Stattdessen nickte sie, grüßte die Überraschungsgäste und schenkte dem jungen Mann mit den Locken einen interessierten Blick, während Ernest ihn an ihrem Tresen vorbei zum ersten Behandlungsraum führte. Ihr kurzes Lächeln an Frido zeigte, dass sie ihn offenbar schon kannte und vielleicht auch deshalb nicht mehr so viel Neugierde für ihn übrig hatte.

„Kann ich Ihnen was helfen?“, fragte sie stattdessen ihren Chef, der Dominik durch die Tür schob und dann stehen blieb, als sei ihm gerade etwas eingefallen.

„Gut dass Sie fragen… Seien Sie doch bitte so nett und bringen Sie Herrn Klimlau einen Kaffee und etwas Gebäck in Behandlungsraum zwei, während er wartet. Danke“, legte er eine Hand an die Türzarge, um nicht nur durch seinen Körper, sondern auch diese Geste den Durchgang zu versperren und hörte sich geduldig Fridos wenig überraschenden Protest an.

„Was soll das? Davon war nicht die Rede!“, hielt er die Stimme zwar gesenkt, aber seine Körpersprache verriet der Arzthelferin auch so den schwelenden Unmut. Sie huschte an den beiden vorbei zur Küche, biss sich dabei auf die Lippen und konnte sich ein Kichern nur schwerlich verkneifen. Ihr Chef nahm es unkommentiert zur Kenntnis und wartete mit seiner Antwort, bis die Tür hinter ihr zugefallen war.

„Ich hätte auf meine Fragen gerne ehrliche Antworten und kein beschämtes Rumgedruckse von ihm, weil du ihm währenddessen auf dem Schoß hockst“, hob er den Blick dann wieder zu Frido, der bei diesen Worten belustigt ausschnaubte.

„Ich bezweifle ja, dass du ohne meine Anwesenheit überhaupt irgendeine Antwort aus ihm rausbekommen wirst! Außerdem wüsste ich nicht, warum er sich in meiner Gegenwart für irgendwas schämen sollte. Also was soll der Quatsch jetzt schon wieder?“, verschränkte er die Arme vor der Brust und warf Dominik an Ernest vorbei einen Blick zu. Der stand ein wenig verloren in dem Behandlungszimmer, hielt die linke Hand schützend auf die rechte gedrückt und schaute nicht nur fragend, sondern auch etwas überfordert.

„Ich habe vor, meine Arbeit zu tun, also stör mich nicht und warte drüben“, antwortete der Arzt zwar ruhig, aber dann verzog er das Gesicht und schaute angeekelt an Frido vorbei.

„Was zum…“, murmelte er und der Dozent folgte seinen Blicken. Doch als er sich umdrehte, entdeckte er nichts als weiße Wand und die Tatsache, dass Ernest ihn reingelegt hatte. Die Tür fiel ins Schloss und das Klacken verriet, dass es verriegelt wurde.

„Ist das jetzt dein Ernst?!“, rief Frido aus und mäßigte sich dann doch, als sich die Küchentür öffnete und die Arzthelferin fragte, ob es ein Problem gebe.

„Alles bestens, Danke…“, murrte Frido und trollte sich ins Nebenzimmer, während Ernest längst an dessen Verbindungstür stand und auch diese versperrte.

„Und lass die Lauscher von der Tür weg. Das hier ist ein vertrauliches Gespräch!“, ließ er seinen Freund noch wissen und wendete sich dann endlich der eigentlichen Hauptperson zu. Die allerdings starrte ihn wenig begeistert an.

„Was wird das, wenns fertig ist? Wieso haben Sie uns hier eingesperrt? Was sind Sie fürn komischer Arzt?!“, ging Dominik auf Abstand und entschied, dass er die Behandlung doch lieber nicht wollte. Der Schlüssel steckte in der Tür, also konnte Ernest ihn nicht aufhalten. Oder doch?

„Bitte sehr, wenn du deine Hand verlieren willst“, zuckte er die Schultern und brachte den jungen Mann damit wie erwartet zum Stocken.

„Deswegen hast du dich doch entschieden her zu kommen: Weil da doch ein bisschen Unsicherheit ist, ob wirklich alles richtig verheilt“, schob der Arzt die Hände in die Hosentaschen, während Dominik ihm einen ertappten Blick über die Schulter zuwarf.

„Mein Hausarzt hat gesagt, dass alles gut aussieht“, murmelte Dominik und senkte den Blick, als Ernest nachfragte, ob wirklich von „gut“ oder nur von „ganz in Ordnung“ die Rede gewesen sei.

„Für meine Verhältnisse gut…“, nuschelte der junge Mann und Ernest hob die Augenbraue.

„Bisschen konkreter, bitte“, nickte er auffordernd zur Liege und trat näher, als Dominik widerstrebend darauf platz nahm.

„Ich hab halt nicht so gutes Heilfleisch… da dauert das manchmal etwas länger“, gab der junge Mann kleinlaut zu und reichte Ernest zögerlich seine Hand, als der mit einer Geste danach verlangte.

„Aha, so nennt man das also“, murmelte der, während er den Verband löste und Dominik ihn fragend anguckte.

„Immer schon gehabt oder erst neuerdings?“, forschte Ernest weiter nach und konnte sich ein genervtes Schnauben nur schwerlich verkneifen, als Dominik keine zufriedenstellende Antwort darauf wusste.

„Keine Ahnung… So oft verletz ich mich nicht“, murmelte er.

„Aber offenbar oft genug, um zu wissen, dass das bei dir halt „manchmal etwas länger“ dauert. Noch nie auf die Idee gekommen, das mal abklären zu lassen?“, fragte der Arzt dann eine Spur zu überheblich und Dominiks Lippen pressten sich wieder zusammen. Er drehte den Kopf zur Seite und fragte, ob es noch lange dauere, aber Ernest entgegnete, dass er noch gar nicht angefangen habe.

„Wenn Frido dich an dem Abend nicht ins Krankenhaus geschleppt hätte, wärst du dann überhaupt zum Arzt gegangen oder hättest du dir irgendeinen alten Lappen um die Wunde gewickelt und gehofft, dass das schon wieder wird?“, warf er den alten Verband in den Müll und reinigte sich dann die Hände. Dominik aber schaute ihn empört an.

„Natürlich wär ich zum Arzt gegangen! Ich bin doch nicht dämlich!“, war er fassungslos über das Gehörte und riss die Augen bei Ernests Konter auf.

„Nein, aber arm. Hast du vorhin selbst zu deiner Freundin gesagt“, griff der sich Handschuhe und schob seinen Hocker Richtung Liege, von der Dominik gerade erbost aufsprang.

„Ich bin krankenversichert, nur damit Sies wissen!“, rief er aus und verzog das Gesicht, als er vor Ärger kurz die Fäuste geballt hatte und seine Wunde ihn diesen Übermut nun spüren ließ.

„Hinsetzen“, wies der Arzt ihn an und ließ sich ihm gegenüber nieder.

„Ja, du bist krankenversichert und wir leben in einem Land, in dem man oft monatelang auf einen Facharzttermin wartet, das gesamte Gesundheitssystem überlastet ist und jede kleine Zusatzleistung ganz schön teuer werden kann. Besonders, wenns sich dann läppert. Und mit Verlaub, du machst mir nicht den Eindruck, dass du dir großartig Hilfe oder Beratung in solchen Sachen holst, sondern froh bist, wenn du deine Ruhe hast und keiner irgendwelche unangenehmen Fragen stellt. Kann das sein?“, desinfizierte er die Wunde und schmunzelte, als Dominik antwortete, dass er selbst doch gerade schon genug Fragen stelle.

„Und ich hab noch eine für dich: Wann hast du dich das letzte Mal richtig untersuchen und ein Blutbild machen lassen?“, hob Ernest kurz den Blick, um dann in aller Ausführlichkeit Dominiks Wunde zu betrachten. Kurz schwieg der junge Mann, dann zog er die Hand an sich und presste sie schützend unter seinen linken Arm. Eines hatte er damit nun definitiv geschafft: Auch einem Ernest Landers mal einen irritierten Blick abzuringen.

„Worum gehts Ihnen eigentlich wirklich?“, zog Dominik die Augenbrauen zusammen und hielt den Blick auf sein Gegenüber gerichtet.

„Meine Hand oder ich sind Ihnen doch eigentlich scheißegal, stimmts? Sie versuchen grad nur rauszufinden, ob ich gut genug für Frido bin, oder?“, sprach er gefasst und doch messerscharf, woraufhin Ernest die Augenbrauen hob und sich etwas zurücklehnte.

„Hm. Interessanter Gedankengang… sprich weiter“, unterstrich er seine Worte mit auffordernder Geste, woraufhin Dominik kurz die Kiefer aufeinander presste und schluckte.

„Ja, ich bin arm, aber das heißt nicht, dass ich mich von ihm aushalten lassen will oder so was… Und was… und was die Blutuntersuchungen angeht: Ich hab keine Krankheiten! Ich weiß sehr wohl, wie man verhütet und hab mich nach meiner letzten Beziehung testen lassen. Da ist nichts, womit ich Frido anstecken könnte, verstanden?!“, stand er auf und knirschte mit den Zähnen, während er nach Worten suchte.

„Nur weil ich… nicht in so einem chicen Lokal essen gehen kann und alte Klamotten trage, bin ich nicht automatisch verlottert! Ich arbeite für meinen Lebensunterhalt! Wohnung, Studium, Essen… ich bezahl das alles selbst!“, machte er eine abwehrende Handbewegung, obwohl Ernest nach wie vor auf seinem Hocker saß. Der faltete zwar die Hände auf seinem Schoß und schmunzelte, aber mehr tat er vorerst nicht.

„Das finden Sie witzig, oder?“, schluckte Dominik hart, woraufhin der Arzt ausseufzte und die Arme vor der Brust verschränkte.

„Ein wenig erheiternd vielleicht. Aber vor allem finde ich deine Interpretation meiner Fragen interessant – und wie bereitwillig du mir gerade preisgegeben hast, was du offenbar für ein Selbstbild spazieren trägst“, hatte sein Ton fast etwas Süffisantes und dieses Mal bedeutete er Dominik nur mit einem Fingerzeig, sich wieder zu setzen. Doch der weigerte sich.

„Angenommen, es wäre mir wirklich nur darum gegangen herauszufinden, ob du ein armer Schlucker bist, der sich von meinem Kumpel ein bisschen den Hintern pudern lassen will: Schätzt du mich wirklich so ein, dass ich mich das in Fridos Anwesenheit nicht trauen würde zu fragen? Oder dir zu sagen, dass du nicht gut genug für ihn bist?“, stand Ernest nun doch auf und musterte Dominik von oben bis unten.

„Glaub mir, wenn es mir darum gegangen wäre, hätte ich dir das sogar vorhin mitten in der Fußgängerzone vor den Latz geknallt“, zuckte er die Schultern und Dominiks Blick zeigte, dass er ihn durchaus für so unsensibel hielt.

„Abgesehen davon hab ich nicht nur Ohren am, sondern auch Augen im Kopf. Die alten Klamotten brauchst du nicht extra betonen, die seh ich selber“, legte er die Hände auf Dominiks Schultern und drückte ihn zurück auf die Liege.

„Ich bin vielleicht ein arroganter Affe, aber ich sehe auch, dass du was an dir hast, das meinem Freund sehr viel Freude bereitet. Und damit mein ich nicht nur deine hübschen Augen und die Löckchen. Also wollte ich dich gerne in bisschen besser kennen lernen“, hielt er ihm wieder die Hand hin, um seine Arbeit fortzusetzen und hob fordernd die Augenbrauen.

„Schön für Sie, aber ich hab da keinen großen Bedarf… ich kann Sie nicht leiden“, murmelte Dominik und schaute erschrocken, als Ernest dessen Hand dieses Mal überraschend fest packte, damit er sie nicht noch mal so einfach wegziehen konnte.

„Gut zu wissen, da wäre ich gar nicht drauf gekommen“, trällerte der Arzt, ehe er Dominik einen warnenden Blick zuwarf.

„Und jetzt bleibst du mal ruhig hier sitzen und hörst auf meine Arbeit zu sabotieren, verstanden?“, desinfizierte er abermals die Stelle und ließ sich zurück auf seinen Hocker sinken. Der Jüngere schwieg.

„Nun aber zurück zu meiner eigentlichen Frage: Hast du deine Blutwerte in letzter Zeit mal kontrollieren lassen, um Mängel oder anderes auszuschließen?“, setzte Ernest dann sein Verhör fort und bekam wenig überraschend ein Kopfschütteln von Dominik zu sehen, bevor er dann mit kritischem Blick dessen Wunde betrachtete.

„Gut genäht und versorgt… keinerlei Infektion oder ähnliches... aber für einen jungen Mann deines Alters ist das für meinen Geschmack wirklich noch nicht gut genug verheilt“, murmelte er und runzelte die Stirn, ehe er sich daran machte, die Hand wieder zu verbinden.

„Du bist abgemagert und blass. Wirklich ausgeschlafen siehst du auch nicht unbedingt aus, sondern eher etwas erschöpft... Ist das wieder irgendein Schönheitstrend?“, fragte er Dominik dann auf den Kopf zu und nickte verstehend, als der verneinte und beschämt zu Boden schaute.

„Kein Appetit oder kein Geld?… Deinem Blick und unserem vorherigen Gespräch nach zu urteilen kein Geld. Ich tippe darauf, dass deine verlangsamte Wundheilung was mit Nährstoffmangel zu tun hat, aber um herauszufinden, ob da eine einfache Gemüsekiste reicht, damit wir dich wieder aufgepäppelt kriegen, müssten wir erst mal einen Blick auf deine Werte werfen. Es kann natürlich auch immer was Ernsteres dahinter stecken“, klebte er das Ende des Verbands fest und warf Handschuh und Verpackungsmaterial dann in den Müll. Dominik aber zeigte sich so unwillig wie eh und je, obwohl die zunehmende Blässe seines Gesichts zeigte, dass ihn das Gehörte nicht gerade kalt ließ.

„Danke, aber ist echt nicht nötig. Mir gehts gut“, rutschte er von der Liege und schaute erschrocken auf, als Ernest ihn plötzlich fragte: „Also willst du lieber aus den Latschen kippen?“

Der Arzt schmälerte die Augen und legte den Kopf schief, während er den jungen Mann aufmerksam beobachtete.

„Oder bist du längst schon mal abgeklappt?“, verschränkte er die Arme vor der Brust und lehnte sich mit der Hüfte gegen seinen Schreibtisch, wohingegen Dominik zurück auf die Liege sank und fahrig die Schultern zuckte.

„Jedem ist doch mal schwindelig…“, murmelte er und schaute nachdenklich zu Boden, ehe er energisch den Kopf schüttelte und sich wieder hinstellte.

„Ach, das ist doch grad Blödsinn, was Sie da von sich geben! Ich… das war, als ich noch im Supermarkt gearbeitet hab und da hab ich noch mehr zu essen gehabt! Also kann das gar nichts miteinander zu tun haben! Sie.. Sie wollen mir doch grad bloß Angst machen!“, versuchte Dominik Ernests Worte und erst recht seine bohrenden Blicke abzuwehren, während ihm anzusehen war, dass er sich immer mehr wie auf dem Seziertisch fühlte.

„Sind Sie fertig? Dann kann ich jetzt ja endlich gehen.“

„Gleich“, antwortete der Arzt und hob wie ein Stoppsignal seine Hand.

„Eine Frage noch: Was arbeitest du jetzt?“, wollte er wissen und auch wenn Dominik ihn noch immer argwöhnisch anschaute, traute er sich nicht recht, einfach davon zu stürmen.

„Immer noch im Blumengroßmarkt…“, murmelte er irritiert.

„Immer noch… heißt das, du hast vorher im Supermarkt und im Großmarkt gearbeitet?“

Der junge Mann nickte leicht und zuckte die Schultern.

„Ja, hab ich und das waren jetzt sogar zwei Fragen. Also Danke, aber…“, versuchte er das Gespräch an dieser Stelle nun wirklich zu beenden und wurde doch hellhörig, als Ernest plötzlich Fridos Namen nannte.

„Frido hat mir monatelang von einem Studenten vorgeschwärmt, der mit so viel Elan und Eifer an seinen Bildern sitzt. Oft bis mitten in die Nacht hinein. Und dabei ist er wohl auch immer brav zu allen Kursen und Vorlesungen gekommen. Ich frag mich nur grade, wann dieser Student es dann geschafft hat, auch noch zwei Jobs nachzugehen“, legte er den Kopf auf die andere Seite und musterte Dominik abermals.

„Indem er nach den Kursen im Supermarkt gearbeitet hat, dann zurück in die Uni ist, um an den Bildern zu arbeiten, anschließend ein paar Stunden gepennt hat und dann zur Schicht im Großmarkt ist. Und dann je nach Unterrichtsbeginn noch mal ne Stunde pennen gehen oder direkt wieder zur Uni. So hat er das geschafft“, verschränkte Dominik die Arme vor der Brust und das erste Mal war so etwas wie Stolz in seiner Haltung zu sehen. Ernest allerdings hob nur die Augenbrauen und blinzelte.

„Und das hast du über mehrere Monate durchgezogen?“

„Ja“

Der Arzt nickte leicht und seine Mundwinkel zuckten.

„Beeindruckend“, murmelte er, wofür Dominik ihm zwar ein „Danke“ schenkte, aber dann merken musste, dass eher der Sarkasmus aus Ernest gesprochen hatte.

„Beeindruckend dämlich. Bei deiner finanziellen Not vielleicht nachvollziehbar, aber mit Blick auf deine Gesundheit einfach nur dämlich. Du betreibst Raubbau an deinem Körper und wunderst dich dann, dass der irgendwann streikt?“, stieß er sich von seinem Tisch ab und ging hinüber zu einem der Hängeschränke. So schnell konnte er dem anderen seinen Stolz aus dem Gesicht wischen.

„Dass der Körper bei Stress auch mehr Nährstoffe benötigt, hast du aber schon mal gehört, oder? Und das, was du da gerade aufgezählt hast, ist purer Stress. Zumindest für mich wärs das… Mal ganz zu schweigen von dem Schlafmangel“, holte er ein Schälchen heraus und ordnete einige Kanülen darauf an.

„Aber soll mir auch egal sein. Mach gern so weiter, nur pass beim nächsten Mal vielleicht auf, dass du nicht mit dem Kopf auf ne harte Kante schlägst, wenn dein Kreislauf sich mal wieder verabschiedet… gibt so unschöne Flecke, hab ich gehört und ich weiß nicht, ob dein Chef Bock darauf hat, das hinterher weg zu wischen!“, schloss er die Tür des Schranks und wendete sich seinem Patienten wieder zu, um mit einem Hauch von Genugtuung zu erkennen, dass seine Worte Wirkung gezeigt hatten. Wie ein Häufchen Elend saß Dominik zusammengesunken auf der Liege und presste die Lippen aufeinander.

„Ich kann den anderen Job nicht auch noch verlieren...“, flüsterte er und wischte sich mit dem Pulloverärmel über die Nase, was Ernest angewidert zur Kenntnis nahm.

„Hier!“, drückte er ihm einen Taschentuchspender in die Hand und blickte für dieses Benehmen das erste Mal wirklich auf Dominik herab. Doch allzu lange hielt sein Ärger auch nicht an und er nutzte Dominiks wankende Abwehr lieber für weitere Fragen.

„Also zwischen den Zeilen gelesen… kann es sein, dass du im Supermarkt rausgeflogen bist, weil du da Schwächeanfälle hattest?“, hakte Ernest nach und war wenig überrascht, seine Annahme durch ein kurzes Nicken bestätigt zu bekommen.

„Na ja, wer will seinen Auspacker schon ohnmächtig unter drei Kartons Ware weg holen? Arbeitssicherheit freut sich da bestimmt“, schob er die Hände in die Hosentaschen und verdrehte die Augen, als Dominik die Frage, ob Frido davon wisse, verneinte.

„Ihr ergänzt euch ja wirklich hervorragend…“, murmelte der Arzt, während er zu seinem Schrank zurückging und das Schälchen griff. Dominiks fragenden Blick auf seine Bemerkung hin ignorierte er hingegen.

„Also? Lässt du mich jetzt n bisschen Blut abzapfen oder wie ist das? Langsam geht mir dieses Hin und Her ein wenig auf den Geist“, trat er an die Liege und stellte das Schälchen neben Dominik ab, welches der junge Mann skeptisch beäugte.

„Aber…“, wollte er zu neuem Einwand ansetzen, den Ernest dieses Mal sofort unterband.

„Aber es ist scheißegal, ob du da was für zahlen müsstest oder nicht! Ein bisschen was übernimmt die Krankenkasse dann ja doch und den Rest regle ich schon! Abgesehen davon haben wir ein verstopftes Rohr in der Küche und kriegen keinen Klempner ans Hörnchen! Frido meinte, dass du dich mit so was auskennst – dann wirfst du gleich mal kurz n Blick da drauf und wir sind quitt! Einverstanden? Und jetzt schieb endlich den Ärmel hoch!“, wurde Ernest allmählich ein wenig ungehalten und Dominik schien fast überrascht, dass er ihm die Spritze dennoch sachte und kaum spürbar setzte. Stille kehrte ein, die nur vom leisen Rauschen des Blutes und dem Knacken der Röhrchen unterbrochen wurde, wenn Ernest ein gefülltes gegen ein leeres Tauschte.

„Drauf drücken und Arm beugen, bis ich sage, dass du aufhören kannst“, verpasste er Dominik dann schließlich einen Tupfer auf die Einstichstelle, als er ihn genug angezapft hatte und beschriftete die Röhrchen, um sie anschließend in einem Kühlschrank zu verstauen.

„Gut, das reicht..“, ging er dann zu seinem Patienten zurück und klebte den Tupfer fest, um mit einem Nicken zur Kenntnis zu nehmen, dass der Lockenkopf sich erstmals aufrichtig bei ihm bedankte.

„Du wirst schon deine Gründe haben, warum du dir nicht gern helfen lässt, aber wenns aus bloßem Desinteresse deiner eigenen Gesundheit gegenüber wäre, wärst du wohl nicht mit her gekommen und erst recht nicht so lang geblieben, oder? Also, wenn dein Macker schon mit einem Arzt befreundet ist, dann nutz es künftig auch, du Dummkopf!“, rügte Ernest und schnaubte aus, ehe er die Tür zum Flur aufschloss und seiner Arzthelferin zurief, dass er Blutproben fürs Labor im Kühlschrank habe. Doch noch bevor die überhaupt antworten konnte, stand Frido bereits parat und drängte darauf, nicht mehr ausgeschlossen zu werden. Ernest aber zuckte nur die Schultern und trat gleichgültig beiseite.

„Wir sind eh fertig“, schaute er dabei zu, wie sein Freund zu dem Lockenkopf hineilte und ihn kritisch beäugte.

„Wieso hast du ihm Blut abgenommen?!“, fragte er entsetzt und rief ein „Hey!“ hinterher, weil Ernest kommentarlos aus dem Zimmer schlendern wollte.

„Damit er einen Grund hat, in drei Tagen noch mal her zu kommen!“, frotzelte der Arzt, während er zum Empfang ging und seine Arzthelferin um einen Termin für Dominik bat.

„Krankenkassenkarte reicht er dann nach und wenns Rechnungen für ihn gibt, laufen die über meinen Tisch“, wies er sie zudem an und nickte, als sie sagte, dass sie zwischenzeitlich einen Termin beim Klempner bekommen habe.

„Klappt allerdings leider erst nächste Woche, weils ja kein Notfall ist“, meinte sie und er seufzte aus.

„Gut, dann weichen wir halt solange auf die anderen Waschbecken aus… Hängen Sie bitte ein Hinweisschild auf, damit keiner mehr was da reingießt“, stützte er die Hände auf die Hüften und seine Augenbraue schnellte hoch, als sich das Wörtchen „Aber“ aus Dominiks Mund an sein Ohr schlich.

„Aber was? Deine Hand gehört geschont, schon vergessen? Komm nicht auf die Idee, unter meiner Spüle rumzukriechen! Also verzieht euch jetzt, damit ich wenigstens noch ein paar Minuten meiner Pause genießen kann. Und vergiss deinen Termin nicht!“, mahnte der Arzt und zeigte sich gleichermaßen überrascht als auch belustigt, dass Dominik nicht sogleich die Flucht antrat, sondern sich nach kurzem Zögern plötzlich an Frido wendete.

„Vielleicht muss nur mal der Siphon ab und gereinigt werden. Ich wills mir zumindest mal angucken… Kannst du mir helfen?“, murmelte er und sein Dozent schien aus allen Wolken zu fallen, während sich Ernest mit dem Rücken an den Tresen lehnte, um das nun folgende Spektakel zu beobachten.

„Habt ihr euch plötzlich angefreundet? Was war da drinnen los?“, blinzelte der Dozent einige Male verständnislos und ihm entgleisten endgültig die Gesichtszüge, als Dominik mit leichtem Schulterzucken meinte: „Na ja… vielleicht ist er ja doch nicht so übel“. Das war zu viel des Guten! Frido schüttelte den Kopf und nahm den Arzt kritisch ins Visier.

„Was hast du mit ihm gemacht?“, murrte er argwöhnisch, aber der Angesprochene zog nur belustigt Augenbrauen und Mundwinkel nach oben und verschränkte süffisant die Arme vor der Brust. Er atmete für die passende Brise voller Spannung tief durch und antwortete dann: „Ärztliche Schweigepflicht, mein Lieber“.

6.9.2024: Tahin

Da war sie nun, eine dieser Situationen, die für Frido eigentlich immer zu den Gründen gezählt hatten, sich nicht auf seine Studenten einzulassen: Das Seminar hatte vor einer halben Stunde angefangen, alle waren konzentriert bei der Sache und dann platzte ausgerechnet Dominik als Nachzügler in den Raum.

„Tschuldigung…“, murmelte er und quetschte sich an den anderen vorbei zu seinem Platz neben Susi. Und wie sollte Frido sich jetzt verhalten? Bei einer Vorlesung mit mehreren Hundert Studenten hätte er ja vielleicht einfach so tun können, als wäre ihm der Zuspätkömmling gar nicht aufgefallen, aber er unterrichtete in einen Kurs, der locker in einen normalen Klassenraum mit einfachen Stühlen und Tischen statt der üblichen Hörsäle passte.

„Dominik, das ist jetzt schon das vierte Mal, dass Sie zu spät kommen. Warten Sie nach der Stunde bitte, ich möchte mit Ihnen reden“, kündigte der Dozent an und konnte seine Enttäuschung über Dominiks Nachlässigkeit nur schwer verbergen. Der wiederum nickte zwar, aber er machte auch den Eindruck, als hätte er kaum zugehört. Stattdessen strich er sich fahrig durchs Gesicht und maulte Susi an, als die irgendwas zu ihm sagte.

„Hey, was ist denn das für eine Unruhe?!“, erhob Frido darum die Stimme und fragte sich, ob sein Freund jetzt anfing, irgendwelche Grenzen und besonderen Freiheiten austesten zu wollen.

„Man, lass mich in Ruhe!“, murrte der und wendete sich ab, als Susi ihm an die Stirn fassen wollte.

„Mensch, du glühst!“, flüsterte sie erst an ihn gerichtet und schaute dann erschrocken zu ihrem Dozenten.

„Herr Klimlau, Dominik gehts nicht gut!“, rief sie aus, aber der Lockenkopf stürzte sich genervt am Tisch hoch.

„Hör jetzt auf!“, pflaumte er sie an und wollte den Platz wechseln, doch in dem Moment gaben seine Beine nach. Kurz verschwand er aus Fridos Sichtfeld und nur das erschrockene Raunen der anderen Studenten war zu hören. Sie alle saßen da und starrten auf den jungen Mann, während einzig Frido zu ihm hineilte.

„Dominik!“, kniete er sich neben ihn und tätschelte sein heißes Gesicht, ohne, dass der Lockenkopf darauf reagierte. Frido spürte, wie ihm der Puls in die Höhe schoss und seine Hände nass wurden.

„Ruft einen Arzt! Ich bring ihn ins Krankenzimmer!“, befahl er den anderen Anwesenden, während er Dominik auf seine Arme hob und mit ihm in den Flur lief. Eigentlich war das Krankenzimmer genau am Ende des Ganges und schnell zu erreichen, aber Frido kam es so vor, als zöge sich der Weg ewig. Er lief und lief, dann rannte er sogar und konnte die Tür doch nicht erreichen.

„Wo bleibt der Arzt?!“, rief er in seiner Sorge nach hinten, aber niemand war mehr da. Alle Türen waren verschlossen und eine glich der anderen. Er wusste nicht mehr, hinter welcher sein Kurs gewesen war und niemand hörte seine Schreie.

„Halt durch, Dominik!“, schaute er verzweifelt zu dem Leib in seinen Armen und hätte ihn vor Schreck beinahe fallen lassen, als er nicht mehr Dominik, sondern sich selbst dort sah. Der Fritz K. Klimlau, der er einmal gewesen war. Der Lulatsch mit den rot gefärbten Haaren, dem Pferdeschwanz und dem Ziegenbärtchen.

„Dominik?!“, riss Frido den Blick hoch und drehte sich auf der Suche nach dem jungen Mann im Kreis, ohne ihn zu entdecken.

„Dominik!!“…
 

Frido schoss vom Kissen hoch und starrte auf die Umrisse seines unvollendetes Gemäldes. In seiner Brust hämmerte es und auf ihr war alles nass geschwitzt. Flach und schnell ging sein Atem, während er sich fassungslos in der Dunkelheit umschaute, die die Laternen vor dem Fenster durch die Vorhänge hindurch in leichtes Grau tünchten. Seine Hände zitterten und hielten nichts mehr fest.

„Was ist los?“, hörte er stattdessen verschlafen neben sich und kniff kurz die Augen zusammen, als die Nachttischlampe entzündet wurde.

„Dominik…“, flüsterte Frido, während er dessen wilde Mähne und das zerknautschte Gesicht betrachtete.

„Ja?“, murmelte der Lockenkopf, doch statt einer Antwort bekam er nur Fridos Hand über Stirn und Gesicht gestrichen. Erleichtert keuchte der Ältere aus und ließ sich zurück auf die Matratze sinken, während der Jüngere ihn immer verwirrter anschaute.

„Tut mir leid, ich hab nur schlecht geträumt… schlaf einfach weiter“, lachte Frido leise und rieb sich das Gesicht, um dann ein wenig angewidert festzustellen, wie nass er war. Dominik aber setzte sich auf. Er musterte Frido und runzelte die Stirn.

„Und was war das für ein Traum, in dem du meinen Namen brüllst und danach so fertig bist?“, fragte er und schaute seinem Dozenten dabei zu, wie er sich nach kurzer Überlegung aufrichtete und die Beine in den Schneidersitz schob.

„… Du bist zusammengebrochen und ich konnte dir nicht helfen… Ich glaub, diese Warterei, bis die verdammten Ergebnisse da sind, macht mich echt fertig“, schloss er kurz die Augen, um sie dann verwundert wieder aufzuschlagen, als Dominik sich mit einem genervten Seufzen ins Kissen sinken ließ.

„Mach doch nicht so einen Aufriss darum!“, rieb er sich die Lider und starrte Frido einen Moment düster an, als der meinte, dass er sich doch einfach nur sorge.

„Boah, Frido, das ist wahrscheinlich nur ein kleiner Mangel! Du tust grad so, als wär ich todsterbenskrank!“, murrte er und schüttelte den Kopf, als Frido seine Ärgen noch immer nicht beiseite schieben konnte.

„Du hast vermutlich recht, tut mir leid… Ich… Ich denk mir nur, ob ich nicht früher was hätte merken und mich besser um dich kümmern müssen…“, murmelte Frido, woraufhin Dominik sich auf die Unterarme stützte und ihn entgeisterte anschaute.

„Kümmern?! Das ist doch überhaupt nicht deine Aufgabe und ich bin auch kein Pflegefall!“, ließ er seinen Ärger raus und verdrehte bei Fridos Gegenargument die Augen.

„Das weiß ich doch, aber dass du sogar zusammengebrochen bist…“

„Hätte ich dir das mal nicht erzählt!“, unterbrach ihn der junge Mann ungeachtet von Fridos verletzten Blick auf diese Reaktion.

„Ganz ehrlich! Wenn ich gewusst hätte, dass du dich dann so aufführst, dann hätte ichs für mich behalten! Du machst aus ner Mücke n Elefanten!“, schlug Dominik die Decke auf und setzte sich auf den Rand des Sofas.

„Was machst du?“, fragte Frido, obwohl er sehen konnte, dass Dominik in seine Jeans schlüpfte.

„Ich geh nach hause. Ich hab keinen Bock mehr auf diese Diskussion! In zwei Tagen sind die Ergebnisse da und bis dahin will ich nix mehr davon hören!“, schnappte er sich Pullover und Rucksack und ging um die Couch herum, aber Frido rutschte ans Fußende und streckte die Arme nach Dominik aus.

„Hey, es ist mitten in der Nacht. Bleib hier, bitte“, fasste er ihn an Bauch und Hüfte und schluckte bei Dominiks unterkühlten Blick.

„Nur, wenn du endlich aufhörst, mich mit Samthandschuhen anzufassen!“, forderte der und Frido fühlte, wie es ihm schwer in den Magen schoss. Erst starrte er zu Dominik hinauf, dann ließ er den Blick zu Boden wandern, während auch seine Hände hinabsanken und er aus dem Kniestand zurück auf seinen Po sackte. Langsam begann sein Kopf sich zu schütteln und ein tiefer Atemzug füllte seine Lunge.

„Ich benehm mich wie Patrick…“, murmelte er und hob den Blick endlich wieder zu Dominik, der ihn irritiert anschaute.

„Wer?“

Frido wischte sich mit einer Hand übers Gesicht und setzte sich so hin, dass er die Füße auf den Boden stellen konnte.

„Mein Ex… nach meinem Unfall… Sein ständiges Mitleid ging mir so auf den Sack und jetzt benehm ich mich bei dir genauso“, murmelte er und betrachtete Dominik, dessen Ausdruck ihm nicht verriet, was er gerade dachte. Bisher hatte er es noch nicht angesprochen, aber nun...

„Kann ich dir was erzählen? Über meinen Unfall?“, fragte Frido und auch wenn Dominik noch immer unterkühlt reagierte, legte er zumindest seinen Rucksack und den Pulli ab. Er verschränkte die Arme vor der Brust und hörte Frido schweigend dabei zu, wie er ihm die Details verriet, die er zuvor verschwiegen hatte. Die Brüche, Operationen und vielen Monate der Reha, aber auch das elendige Gefühl, von seinem Umfeld immer nur Mitleid gespiegelt zu bekommen.

„Deswegen bin ich am Ende sogar hierher umgezogen…“, schloss er seine Erzählung schließlich, ohne, dass sich derweil viel an Dominiks Ausdruck geändert hatte.

„Das Problem ist, dass die meisten Mitgefühl mit Mitleid verwechseln und sich lieber mit in den Kummer einer Person setzen, statt sie aufzubauen und zu stärken“, meinte der daraufhin und auch wenn er sich noch immer distanziert zeigte, schien er etwas weniger unterkühlt.

„Ich glaub, da ist was dran“, murmelte Frido und stützte die Ellenbogen auf sein Oberschenkel, während er Dominik betrachtete, der fast wie eine Statue vor ihm stand.

„Was denkst du über die Sachen, die ich dir grad erzählt hab? Das ist ja doch etwas mehr als nur… ein kleiner Armbruch gewesen“, grinste Frido schief und ein wenig unbeholfen, aber Dominik zuckte nur leicht die Schultern, ehe er mit einem lapidaren „Wusst ich längst“ antwortete. Dem Dozenten entgleisten die Gesichtszüge. Fragend und auch ein wenig verständnislos schaute er den Lockenkopf an, ehe er sich wieder sammelte.

„Was hat Ernest…“, wollte er gerade seinen Verdacht äußern, aber Dominik schüttelte den Kopf.

„Über deinen Unfall haben wir gar nicht gesprochen. Ich hab nach unserem Gespräch darüber eigentlich Aufnahmen deiner früheren Bilder gesucht, aber dabei nur Berichte über den Unfall gefunden. Bei den meisten sind inzwischen zwar die Fotos gelöscht worden, aber in einem konnte ich noch was von dem Wrack sehen. Und ein paar Details über Hergang, Geschwindigkeit… dass du mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden musstest“, zuckte er abermals die Schultern und atmete lang aus.

„Abgesehen davon… du hast die Narben zwar lasern lassen, aber wenn man mal etwas genauer hinguckt, dann kann man durchaus erkennen, dass du damals wohl nicht nur ein, zwei kleine Schrammen davon getragen hast“, verlagerte er sein Gewicht von einem Bein aufs andere und ließ seinen Blick noch immer auf Frido ruhen, als der einen Moment brauchte, um das Gehörte zu verdauen.

„Und es stört dich nicht?“, fragte der dann unsicher, woraufhin Dominik leicht die Stirn runzelte.

„Wieso sollte es? Solangs dich nicht stört… Abgesehen davon hab ich dich nicht anders kennen gelernt. Keine Ahnung, wie die Situation heut für mich wäre, wenn ich das damals alles miterlebt hätte, aber das hab ich nun mal nicht. Klar war das scheiße, was dir passiert ist und mir tut es leid, dass du dadurch so viele Schmerzen hattest und bis heute Probleme mit der linken Hand hast. Aber der Rest ist doch zum Glück gut ausgegangen. Du bist nicht gelähmt, sitzt nicht im Rollstuhl, hast keine Gliedmaßen verloren… und vor allem kannst du jetzt hier vor mir sitzen, anstatt auf dem Friedhof zu liegen“, antwortete der Lockenkopf auf eine sachliche Art und Weise, die andere vielleicht als empathielos empfunden hätten, aber für Frido genau das war, was er hören musste. Er nickte leicht und lächelte, während er eine Hand an Dominiks Seite legte und sacht darüber strich.

„Und ich hab mir Gedanken gemacht, wie du das wohl aufnimmst, wenn ich dir das alles erzähle..“, murmelte er und nickte wieder, als Dominik darum bat, dass er ihn nicht mehr in Watte packe.

„Versprochen… aber… warum hast du mich eigentlich nicht drauf angesprochen, wenn du es schon gelesen hast?“, sprach Frido seine aufkommenden Überlegungen laut aus und wieder zuckte der Jüngere die Schultern.

„Wozu? Du wolltest offensichtlich nicht näher drauf eingehen, also muss ich dann doch nicht anfangen, rumzuprokeln. Wir sind hier doch nicht beim Reality TV, wo man sich am Leid anderer aufgeilt und künstlich Drama erzeugt. Und nach dem, was ich da gelesen hab, kann ich auch verstehen, dass man eigentlich keinen Bock hat, sich da im Detail noch mal dran zu erinnern. Eigentlich hast du ja damit abgeschlossen und ein neues Leben angefangen. Also muss man das ja nicht alles wieder hoch kramen. Was hätte das also gebracht, dich damit zu löchern?“, antwortete Dominik und schien ein wenig unsicher zu werden, als Frido ihn betrachtete und dabei erst lächelte, ehe sein Gesicht nachdenklichere Züge annahm.

„Was ist?“, fragte der Jüngere und bei Fridos Antwort trat wieder eine gewisse Härte auf die zarten Züge.

„Mir fällt grad nur mal wieder auf, dass du viel mit dir selbst ausmachst. Das mein ich nicht böse! Ich… es ist nur ungewohnt, weil die meisten ja eher den Austausch suchen, wenn sie etwas beschäftigt… Da muss ich mich erst dran gewöhnen, dass du da anders tickst“, sprach Frido zwar liebevoll, aber trotzdem trat Dominik von ihm weg und entzog sich damit auch seiner Berührung.

„Mit wem hätte ich denn reden sollen? Susi? Damit die ganze Uni gleich über uns Bescheid weiß?“, stellte er sich vor die Fensterfront zum Balkon und schaute hinaus.

„Oder mit meinen Eltern vielleicht? Oder mit meinen Brüdern? Ich hab dir erzählt, dass wir uns nie viel zu sagen hatten. Und Oma war eh schon immer zwischen den Stühlen… Frido, ich bins eigentlich nicht anders gewohnt, als so was mit mir selbst zu klären. Entweder war ich komisch, weil ich lieber gezeichnet hab, statt mit den anderen Kindern zu spielen oder ich war ekelig, weil ich auf Männer stehe. Beim Zeichnen gabs zwar ne gewisse Anerkennung, weil der eine oder andere mal was von mir gemalt haben wollte, aber mehr hat die da auch nicht dran interessiert. Und was das andere angeht… natürlich hat die Nachbarschaft damals das Theater mitbekommen, als mein Ex und ich erwischt wurden, aber offen angesprochen hat das keiner. Es wurd hinter vorgehaltener Hand über uns getuschelt und dann war ich halt nicht mehr nur der Komische, der wenigstens Talent für irgendwas hat, sondern der Perverse mit seinen seltsamen Anwandlungen. Ich glaub, ohne meinen Dad hätte ich damals die erste Ausbildungsstelle nicht so einfach bekommen und weil ich mich in der Zeit danach dann „normal“ verhalten habe, wurd ich mit Blick auf die zweite Ausbildung und die Abendschule dann auch wieder mehr akzeptiert. Aber sonst… Also ja, abgesehen von meinem Ex hatte ich eigentlich nie so richtig jemanden zum Reden“, wendete er sich Frido wieder zu und lehnte sich mit dem Rücken an die kühle Glasscheibe, die er auch durch den Vorhang hindurch spüren konnte.

„Du guckst mich schon wieder so mitleidig an, aber ich finde, dass es auch Vorzüge hat, nicht jeden Gedanken gleich laut rauszublasen“, stellte er dann unzufrieden fest und Frido wiegte unschlüssig den Kopf.

„Freiwillig Dinge für sich behalten ist eine Sache, aber… ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie das sein muss, wenn man so… im Stich gelassen wird und sich das dann gezwungenermaßen angewöhnt“, murmelte er und rieb sich den Nacken, aber wieder zuckte Dominik nur die Schultern.

„Musst du auch nicht. Sei froh, dass es bei dir anders lief und dass du viel Unterstützung bekommen hast. Du hast auch viel Mist erlebt, aber du bist nach wie vor ein offener Mensch und kannst auf Leute zugehen, ihr Interesse wecken und sie im Unterricht begeistern. Das ist doch gut. Ich mag deine lockere Art, die du meistens hast, wenn du… nicht gerade so tust, als wär ich kurz vorm abnippeln!“, schlich sich ein kleines Grinsen auf Dominiks Lippen, das auch Frido zum Lachen brachte.

„Okay, okay, ich habs ja verstanden!“, stand er auf und ging langsam auf Dominik zu, um dann wieder seine Hände auf dessen Hüften abzulegen.

„Aber kannst du denn dann wenigstens ein bisschen nachvollziehen, dass ich deine Stärke und dein Durchhaltevermögen wahnsinnig bewundernswert finde? Egal… ob du beruflich erst in eine andere Richtung gegangen bist oder nicht: jetzt stehst du genau da, wo du stehen wolltest und kämpfst dafür, deinen Weg so zu gehen, wie du ihn dir vorstellst“, strich er Dominik die Locken aus dem Gesicht und fragte sich, was in diesem hübschen Kopf jetzt wieder vor ging, während die grünen Augen ihn musterten und einerseits ruhig blickten, andererseits aber auch oft etwas Verborgenes in sich trugen.

„Was wäre denn die Alternative?“, sprach Dominik gefasst und Frido war sich nicht sicher, wohin dessen Laune sich nun bewegen würde. Bliebe er so sachlich wie bisher oder bräche sein Ärger wieder aus ihm heraus, wie die letzten Male, wenn er seine Gefühle nicht mehr zu unterdrücken wusste?

„Soll ich zu meinen Eltern zurückgehen? Mich wieder jeden Tag mit meinem Vater zoffen, in seine Firma einsteigen und mir bei Familienfesten ständig von allen die Frage anhören, wann ich mir endlich ne Frau suche und Kinder kriege? Dafür hab ich nicht so hart gearbeitet. Ich bin nun mal keine Susi, deren größte Sorge ist, ob in ihr Salatdressing besser Tahin oder Cashewmus passt oder ob es das tolle neue Shirt auch in einer anderen Farbe gibt, die besser ihren Augen schmeichelt. Wenn ich… wenn ich meinen Weg nicht endlich gehen würde, dann würde ich auf Dauer daran zerbrechen. Ich habs ja versucht, mich einfach… anzupassen. Aber das bin nicht ich gewesen; der angehende Klempner oder der Florist. Ich brauch die Kunst und das nicht nur als Hobby nebenher“, schüttelte er leicht den Kopf und hob dann die Augenbrauen.

„Und hey, versteh mich nicht falsch: Susi hat zwar nicht meine Geldprobleme, aber ich glaub, ihr Leben ist im Endeffekt auch nicht immer leichter als meins. Sie hat so viele Möglichkeiten, dass sie sich gar nicht entscheiden kann, was sie sich tatsächlich wünscht. Heute Kunststudium ausprobieren, morgen vielleicht was anderes… Stell ich mir auf Dauer auch anstrengend vor, wenn man gar nicht richtig weiß, welchen Weg man wirklich gehen und welche Chancen man tatsächlich ergreifen will, weil einen dieses riesige Angebot regelrecht erschlägt. Da bereiten mir meine Sorgen am Ende des Tages vielleicht sogar weniger Kopfschmerzen“, schmunzelte er und lachte sogar leicht.

„Boah, wenn ich mir vorstelle, ich wär jetzt noch in der Phase, in der ich nicht wusste, wie es beruflich weitergehen soll…“, schüttelte er dann den Kopf und riss fast schreckgeweitet die Augen auf.

„Nein, Danke!“

Tatsächlich umspielte ihn bei diesem Gedanken eine tiefe Erleichterung und Zufriedenheit, die Frido genauso in ihren Bann rissen wie zuvor Dominiks Worten zu lauschen. Worte, die er bisher kaum geteilt hatte und die ihm in Fridos Gegenwart doch so einfach über die Lippen gekommen waren, dass sie dem Dozenten wieder einmal bewusst machten, wie viel Vertrauen dieser sonst so verschlossene junge Mann ihm schenkte. Genau das machte es ihm aber auch so schwer, darauf zu antworten. Er wollte den Moment nicht mit einem falschen Wort zerstören, also schaute er Dominik einfach nur an und genoss es, bei ihm zu sein. Doch trotzdem hielt dieser Augenblick nicht mehr lange an. Mit schiefem Grinsen zog Dominik nämlich sein Handy aus der Hosentasche und warf einen Blick auf das Display.

„Apropos Arbeit… ich muss in drei Stunden los. Können wir uns also bitte noch ein bisschen schlafen legen und kannst du bitte aufhören seltsame Dinge von mir zu träumen?“, hatte er offensichtlich doch nicht mehr den Drang, davon zu stapfen und Frido verlor bei diesem Wunsch keine Zeit, um seinen Sturkopf zurück ins Bett zu schaffen. Ein Vorteil hatte das Fliegengewicht schließlich: Man konnte es einfach schultern.

7.9.2024: Balkonkraftwerk

Nach links, nach rechts, nach links, nach rechts. Seit zehn Minuten war Frido jetzt schon bei Ernest in der Praxis und tigerte an der Fensterfront von Behandlungsraum Drei auf und ab. Mal verschränkte er die Arme dabei vor der Brust, dann flocht er die Hände hinter dem Rücken ineinander, dann blieb er kurz stehen, um auf den Zehenspitzen zu wippen und marschierte schließlich nach einem flüchtigen Blick zur Uhr wieder los.

„Die geht immer noch richtig…“, meinte Ernest, als ihm ein Seitenblick ein weiteres Mal verriet, dass Frido seine Armbanduhr mit der Wanduhr verglich. Er saß am Tisch und studierte einige Unterlagen, während er sich einen Kaffee genehmigte. Den Termin für Dominik hatte er extra außerhalb der üblichen Sprechzeiten legen lassen und konnte sich daher bis zu dessen Eintreffen mit anderen Dingen beschäftigen.

„Wenn du dir solche Sorgen machst, dass er zu spät kommt, hättest du ihn vielleicht einfach sofort mitbringen sollen...“, murmelte er zwischen dem Lesen zweier Zeilen und hob den Blick kurz über seine Brille hinweg zu Frido. Der stand gerade wieder mit verschränkten Armen da und funkelte ihn böse an.

„Und wenn du mir endlich mal sagen würdest, ob es Entwarnung gibt, dann gings mir auch schon besser!… Dass wir nicht unnötig viel Aufsehen erregen sollten, weißt du ganz genau. Kommt n bisschen komisch, wenn sein Dozent jetzt jedes Mal mit zu seinen Arztterminen dackelt, oder?“, murrte er und verdrehte die Augen, als Ernest ihn erneut darauf hinwies, dass er ja überhaupt nicht der Patient sei.

„Du bekommst aus meinem Mund erst was zu seinem Zustand zu hören, wenn er hier ist und einverstanden damit, dass du überhaupt anwesend sein darfst. Ansonsten trollst du dich schön ins Wartezimmer. Das kennst du doch schon, oder nicht?“, schmälerte Ernest leicht die Augen und ein leichtes Schmunzeln umgab seine Mundwinkel, wohingegen Frido aussah, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen.

„Es wird doch wohl nicht gegen die Schweigepflicht verstoßen, wenn du mir schon mal sagst, ob ich mir gerade unnötige Gedanken mache, oder?“, knurrte er, aber Ernest seufzte aus und schaute zurück auf seine Unterlagen.

„Was wiegst du?“, fragte er und blätterte die Seite um, während Frido die Stirn runzelte.

„Woher soll ich wissen, was er wiegt?“, murmelte er und zuckte die Schultern.

„Du. Nicht er. Was wiegst du?“, wiederholte Ernest seine Frage und betrachtete, wie Frido ihn immer irritierter anschaute.

„Wozu willst du das wissen?“, schob er die Hände die Hosentaschen und brummte aus, als er die Antwort hörte.

„Um die korrekte Menge an Narkosemittel zu berechnen, weil ich dich gleich schlafen schicke, wenn du nicht endlich aufhörst, mir auf die Nerven zu gehen“, nahm er einen Schluck Kaffee und blickt eher gelangweilt drein, als Frido triumphierend entgegnete, dass der Arzt das doch gar nicht so einfachen dürfe.

„Mag sein, aber alternativ kann ich dich auch der Praxis schmeißen, wenn dir das lieber ist“, zuckte Ernest leicht die Augenbrauen und nahm zufrieden zur Kenntnis, dass Frido sich das Grinsen aus dem Gesicht wischte.

„Er muss in zwölf Minuten hier sein, solange wirst du dich wohl noch gedulden können“, wollte Ernest sich dann wieder über seine Unterlagen beugen, wobei ihn allerdings ein Klopfen an der Tür unterbrach.

„Herein?“, rief er, während Frido fast schon zur Tür hechtete und dann enttäuscht feststellen musste, dass es gar nicht Dominik war, der angekündigt wurde.

„Die Handwerker sind jetzt hier“, streckte die Arzthelferin den Kopf durch herein und nickte, als Ernest anwies, in welche Räume sie gehen sollten.

„Hast du schon wieder n Rohr verstopft?“, verschränkte Frido die Arme vor der Brust und lehnte sich leicht mit dem Rücken gegen das Fenster, als sich die Tür schloss und sie wieder allein waren.

„Es wäre mir zwar eine Freude, dich wieder auf Tauchstation zu schicken, aber nein. Wir lassen ein paar Balkonkraftwerke installieren“, antwortete Ernest ohne seinen Freund dabei anzuschauen und konnte sich wohl auch so dessen überraschten Ausdruck vorstellen.

„Gibts da bei Hochhäusern nicht besondere Vorschriften? Ein befreundeter Architekt hat mir da mal was zu erzählt“, meinte Frido, aber Ernest schüttelte sachte den Kopf.

„Ein Gebäude zählt ab 22 Metern als Hochhaus; wir sind knapp darunter“, erklärte er und schaute auf, als Frido mit einem „Oh! Ich glaub, da kommt er!“ die Nase an die Scheibe drückte.

„Na, ein Glück!“, spöttelte Ernest und griente, als Frido erkennen musste, dass er sich vertan hatte.

„Bist du dem Kleinen die letzten paar Tage auch so auf den Geist gegangen?“, stichelte der Arzt nun und lachte, als Fridos Blick Bände sprach.

„Was hast du gemacht? Ihn in ein paar Kissen und Decken gewickelt, damit er sich nicht wehtun kann?“, war seine Neugierde geweckt und er bohrte weiter, bis sein Freund mit der Sprache über diese eine unruhige Nacht rausrückte.

„Danach hab ich mir aber nichts mehr anmerken lassen!… Glaub ich zumindest. Sonst hätte er mir das bestimmt gesagt“, kaute er leicht auf der Unterlippe und musterte Ernest dann skeptisch.

„Was? Kein dummer Spruch deswegen?“, hob Frido die Augenbraue, aber der Arzt lehnte sich auf dem Stuhl zurück, überschlug die Beine und verschränkte die Hände ineinander.

„Du hast mich noch gar nicht gefragt, was ich von ihm halte“, stellte er fest und Frido schnaubte belustigt aus.

„Weils mir egal ist? Außerdem wirst du mir noch früh genug auftischen, was dir an ihm nicht gefällt. Ich kenn dich doch. Bei Patrick hast du quasi keine Gelegenheit ausgelassen, um mir das unter die Nase zu reiben, wie sehr er dich nervt. Und auch bei jedem anderen, der mir gefiel, gabs irgendwas, das dir gegen den Strich ging“, murmelte er und nahm wieder die Straße ins Visier.

„Weil Patrick mit seinem ständigen Gelaber auch die reinste Nervensäge war. Und weil dein Männergeschmack bisher gern mal ein Griff ins Klo war“, verdrehte Ernest die Augen, wohingegen Frido einwendete, dass der Arzt seinen Ex zuletzt sogar noch in Schutz genommen habe.

„Du müsstest mich eigentlich gut genug kennen, um zu wissen, dass es wenig über meine Sympathien und Antipathien aussagt, ob ich jemandem seine Unsicherheiten zugestehe oder mich anderweitig für ihn ausspreche. Ja, ich habe gesehen, dass die Situation für ihn damals schwierig war, aber das ändert nichts daran, dass er ein furchtbarer Quälgeist war und ich den Tag gefeiert hab, an dem ihr endlich getrennte Wege gegangen seid“, griff er wieder zu seiner Tasse und zeigte sich ungerührt über Fridos sarkastischen Ausspruch, ob Ernest seine Worte nicht noch ein bisschen deutlicher hätte wählen können.

„Und du wunderst dich, dass ich gar nicht hören will, was du von Dominik hältst…“, murmelte er dann und runzelte die Stirn bei Ernests Antwort.

„Bisher gefällt er mir gut“, sprach der geradewegs aus und sonnte sich in Fridos Skepsis.

„Aber?“

„Kein Aber. Auf seine Weise hat er Feuer im Arsch und ich glaube, damit wird er dich noch ordentlich auf Trab halten“, grinste Ernest zufrieden über Fridos Augenrollen.

„Und seine ruhige Art macht dir vermutlich Spaß, weil du ausprobieren kannst, wie lang er sich von dir provozieren lässt, bevor ihm die Hutschnur platzt, nicht wahr?“, zischte Frido und der Arzt lachte leise.

„Dass er mich nicht leiden kann, hat er mir schon gesagt“, zuckte er die Augenbrauen, woraufhin Frido nickte.

„Ist auch richtig so!“, murrte er, um dann festzustellen, dass er dieses Mal wirklich Dominik entdeckte.

„Ich geh ihm entgegen!“, eilte er aus dem Zimmer und stand schon am Aufzug, als Ernest ihm noch ein „Tür zu!“ nachrief.

„Komm schon…“, drückte er stattdessen lieber ungeduldig auf den Fahrstuhlknopf, bis sich endlich die Türen öffneten und dann eine halbe Ewigkeit verging, ehe die Zahl auf der Anzeige auf Null rutschte. Vermutlich stand Dominik bereits auf der anderen Seite der Tür und wartete, doch als die sich öffnete, war niemand zu sehen. Überrascht trat Frido in die Eingangshalle und schaute sich um. Hatte der junge Mann das Gebäude noch nicht betreten? Er ging zur Eingangstür, trat ein paar Schritte auf den Bürgersteig und schaute sich um, aber noch immer konnte er ihn nicht entdecken.

„Hä, aber…“, schaute er auf seine Uhr und schickte Dominik dann eine Nachricht, wo er stecke. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis die Antwort kam und der Dozent hastete zurück ins Gebäude. Vorbei am Fahrstuhl führte ihn der Weg ins Treppenhaus, wo er immer zwei Stufen auf einmal nahm, bis er zwischen dem zweiten und dritten Stock seinen Lockenkopf eingeholt hatte. Der saß auf dem Podest, hatte sich gegen die Wand gelehnt und öffnete die Augen, als er Frido hörte.

„Hi…“, brachte er ein klägliches Lächeln zustande, als Frido neben ihm in die Hocke ging und gab selber zu, dass seine Idee, bis in den siebten Stock zu laufen, vielleicht nicht die beste gewesen war.

„Kreislauf?“, fragte Frido und Dominik nickte.

„Ich mag Aufzüge nicht… Das Gefühl, wenn sie sich in Bewegung setzen und dann bei vielen nicht sehen zu können, was um einen herum passiert… Und wenn ich dran denke, dass die manchmal stecken bleiben, krieg ich Platzangst“, murmelte er und schloss kurz wieder die Augen, ehe er den Handlauf griff und sich hoch zog.

„Okay, geht wieder…“, klammerte er sich an dem Metall fest und atmete tief durch, aber Frido schüttelte den Kopf.

„Los, steig auf“, drehte er Dominik den Rücken zu und breitete leicht die Arme aus, aber der Jüngere guckte ihn nur irritiert an.

„Ich nehm dich Huckepack“, erklärte Frido, aber Dominik schüttelte den Kopf.

„Bist du bekloppt? Dann lass uns lieber im nächsten Stock den Fahrstuhl nehmen“, meinte er, was dieses Mal bei seinem Dozenten auf taube Ohren stieß.

„Du musst in fünf Minuten oben sein und Ernest hasst es, wenn man zu spät kommt. Also hopp jetzt. Ich hab morgen eh Beintraining, dann zieh ich das jetzt einfach vor“, grinste er leicht, als Dominik endlich seiner Aufforderung nachkam und sich an ihn schmiegte.

„Dass das grad unnötig und umständlich ist, weißt du aber schon…?“, murmelte Dominik und schaute beschämt zur Seite, als Frido ihn daran erinnerte, wer die Idee mit dem Treppenhaus ursprünglich hatte.

„Außerdem… machen wirs beim nächsten Mal einfach umgekehrt! Wenn du wieder richtig auf den Beinen bist, trägst du mich mal hier hoch“, meinte der Ältere und grinste zufrieden, als er seinem Päckchen damit ein Lachen entlocken konnte.

„Da muss ich dann aber wohl erst noch ein bisschen trainieren!“, rief der Lockenkopf aus, wodurch Frido sogleich die Chance auf ein weiteres gemeinsames Interesse witterte.

„Och, ich kann dir gern ein paar Übungen zeigen, wenn du möchtest“, trällerte er und zu seiner Überraschung ging sein Freund nicht sofort vollends auf Abstand von dieser Idee.

„Solang du nicht versuchst, mich zum Yoga zu schleppen…“, zeigte er hingegen einen Hauch von Interesse und Frido runzelte ein wenig die Stirn.

„Wie kommst du ausgerechnet auf Yoga?“, fragte er und nickte verstehend bei Dominiks Erklärung.

„Eventuell ist es doch ein bisschen anstrengender als gedacht, mir mit der anderen Hand das Zeichnen beizubringen und eventuell bin ich momentan ein wenig verspannt deshalb… und ganz eventuell hat Susi das mitbekommen und wollte mich mit in ihren Yogakurs schleppen…“, seufzte er aus und Frido erkundigte sich weiter, was sein Freund denn gegen diese Sportart hatte.

„Mal abgesehen davon, dass ich mir das eh nicht leisten kann, find ich die Übungen auch ein bisschen… affig. Also wenn man sich die Verrenkungen teilweise so anschaut…“, schüttelte er den Kopf, aber Frido schmunzelte.

„Ich bau nach dem Krafttraining ganz gern mal eine Yogaeinheit ein“, verriet er und einen Moment lang kehrte Stille ein, in der Dominik scheinbar abwägte, was er von dem Gehörten halten sollte.

„Du verarschst mich doch grad“, fiel sein Urteil dann aus, aber Frido lachte und beteuerte, dass es stimmte.

„Ich find, man sollte nicht nur an seiner Kraft arbeiten, sondern auch an der Flexibilität!“, sagte er und wieder hüllte sich Dominik einen Moment in Schweigen.

„Na ja… wenn du mir das zeigst, überleg ichs mir vielleicht noch mal…“, flüsterte er dann und es brachte Frido eine leichte Gänsehaut, wie der junge Mann ihm sacht mit dem Daumen über das Schlüsselbein strich und seine Locken an seinem Hals kitzelten. Da waren die Sorgen und Ängste für einen kurzen Moment tatsächlich vergessen und der Aufstieg hatte fast etwas Schönes an sich, wenn nicht mit jeder weiteren Stufe die Beine lauter geschrien hätten. Doch trotzdem hielt Frido tapfer an seinem Vorhaben fest und setzte Dominik erst auf dem letzten Podest wieder ab.

„Gehts?“, fragte der junge Mann daraufhin, aber Frido machte nur eine wegwerfende Handbewegung, ehe er den Arm schützend auf Dominiks Rücken legte, weil er dessen Kreislauf noch immer nicht ganz traute.

„Das Bisschen Treppe steigen!“, zuckte er die Schultern, um doch ein wenig angefressen zu gucken, als sie in die Praxis kamen und Ernest ihn unverholen fragte, warum er so schnaufe.

„Halt die Klappe und sag endlich, was der Test ergeben hat!“, murrte der Dozent und schloss die Tür des Behandlungsraums hinter sich, während Dominik den Arzt mit einem kurzen „Hi“ grüßte und die Hand hob.

„Was denn nun? Klappe halten oder was zu den Ergebnissen sagen? Und außerdem hab ich dir vorhin schon gesagt, dass der Patient zu entscheiden hat, ob du überhaupt dabei sein darfst“, deutete Ernest auf einen der Stühle vor sich und ließ Dominik Platz nehmen. Er konnte sich die Frage nicht verkneifen, ob er Frido rausschmeißen dürfe und antwortete mit einem „Schade“ als Dominik verneinte.

„Na schön…“, griff er sich dann mit einem Seufzen Dominiks Akte und klappte sie vor sich auf, während er mit einem kurzen Blick beobachtete, wie der Jüngere Fridos Hand suchte, kaum, dass der sich neben ihn gesetzt hatte.

„Ich hab ne gute und ne schlechte Nachricht“, eröffnete der Arzt und wollte wissen, welche er zuerst verkünden sollte. Frido drückte Dominiks Hand und krallte seine anderen Finger in die Lehne des Stuhls, wohingegen der Lockenkopf nur durch ein kurzes Schlucken seine wachsende Nervosität preisgab.

„Erst die schlechte, bitte…“, murmelte Dominik, was Ernest mit einem Nicken zur Kenntnis nahm, während er einen Zettel aus der Akte griff und sich auf seinem Stuhl zurücklehnte.

„Die schlechte Nachricht ist, dass du wohl weiterhin mit mir Vorlieb nehmen musst. Abgesehen von den vermuteten Mängeln sind nämlich alle Werte in Ordnung und ich hab mich auch noch mal mit einem Kollegen kurzgeschlossen, wie wir dich am besten schnell wieder auf den Beinen kriege. Es besteht also kein Grund, dich noch zu einem anderen Arzt zu schicken. Es sei denn, du willst unbedingt, dass dein Hausarzt das übernimmt“, schaute er über den Zettel und seine Brillengläser hinweg von einem Zuhörer zum anderen und beobachtete deren Reaktionen. Während sich bei Dominik langsam ein Lächeln bildete, das immer breiter wurde und erst das Absacken seiner Schultern zeigte, wie angespannt er wirklich gewesen war, sank Frido in den Stuhl, ließ den Kopf in den Nacken sinken und betitelte Ernest als „Arsch“, weil der ihn so auf die Folter gespannt hatte. Ein Ausdruck vollster Genugtuung legte sich auf Ernests Gesicht und er beugte sich zur Seite, um ein Tütchen hervorzuholen und auf den Tisch zu stellen.

„Hier sind schon mal ein paar Nahrungsergänzungsmittel – die kannst du selber tragen. Frido sagte mir, dass du morgen frei hast, also spricht ja nichts dagegen, dass du heute Abend unserer Verabredung beiwohnst. Dein Freund darf sich nützlich machen und uns was Schönes kochen, während ich die Ergebnisse im Detail mit dir durchgehe und dir erkläre, worauf du die nächsten Wochen zu achten hast. Ich dachte mir, das ist dann doch eine etwas angenehmere Umgebung für das Gespräch“, faltete er die Hände in seinem Schoß und tippte die Daumen aneinander, während er zufrieden Dominiks Nicken sah.

„Na, das hast du ja schön eingefädelt…“, murmelte Frido hingegen und fragte, was er denn kochen solle.

„Zettel und Rezept liegen bei. Allergien hast du ja keine, oder?“, sagte er an den einen und fragte er an den anderen gewandt. Der eine verdrehte die Augen und murrte ein „Klar, was auch sonst…“, während der andere den Kopf schüttelte und die Tüte vom Tisch nahm.

„Gut, dann wäre das geklärt und wir sehen uns heute Abend. Jetzt schaff diesen Plagegeist aus meiner Praxis“, meinte Ernest dann zu Dominik und nickte dabei vielsagend in Fridos Richtung, der daraufhin das Gesicht verzog und sich seufzend aus seinem Stuhl erhob.

„Ich misch dir Abführmittel ins Essen…“, nuschelte er und grinste schief, als Ernest ihn aufforderte, seine Worte noch mal laut zu wiederholen.

„Herr Dr. Landers…“, verschaffte sich da allerdings Dominik Gehör, während auch er aufstand und langsam um den Tisch herumging. Zögerlich nahm er seine Hand aus der Tasche und streckte sie dem Arzt hin, der sich ihm zuwendete und die Augenbrauen zusammenzog.

„Gibts Probleme? Hat sich doch noch was entzündet?“, kehrte sogleich die notwendige Ernsthaftigkeit in seine Stimme zurück, aber Dominik schüttelte den Kopf.

„Nein, ich würd mich gern bedanken…“, murmelte er und der Arzt hob überrascht die Augenbrauen, als er das eigentliche Anliegen begriff. Er stand auf, fasste vorsichtig Dominiks Hand und schüttelte sie sacht, während er seine freie in die Hosentasche schob und schmunzelte.

„Gut… und… wenn ihr schon zum Essen zu mir kommt, schlag ich vor, dass du mich dann künftig beim Vornamen nennst“, meinte der Arzt daraufhin mit leicht gönnerhaftem Ton, was Dominik ihm allerdings mit einem skeptischen Blick quittierte. Ernest war anzusehen, dass er auf dessen Antwort gespannt war, doch was er dann zu hören bekam, war offensichtlich eine Überraschung.

„Na, so gut kennen wir uns nun auch wieder nicht…“, murmelte der Lockenkopf und fing an zu grinsen, als Ernest ihn anstarrte und Frido in Gelächter ausbrach.

„Das hast du verdient!“, rief der Dozent aus, wohingegen Ernests Finger hochschnellte und er mit einem „Raus. Alle beide.“ zur Tür zeigte. Frido aber tat nicht im Geringsten, wie ihm geheißen. Er schlenderte um den Tisch herum, strich Dominik im Vorbeigehen über den Arm und packte Ernest dann, um ihn an sich zu ziehen.

„Erspar mir bitte…“, wollte der zwar aufbegehren, ließ sich dann aber doch widerwillig auf die Umarmung ein. Was man nicht alles für seine Freunde tat…

„Ja, ja, ist ja gut…“, tätschelte er Frido leicht den Oberarm, während der ihm etwas herzlicher auf den Rücken klopfte und sich bedankte.

„Ich meins ernst“, löste der Dozent sich dann und schaute Ernest eindringlich an, aber der verdrehte nur die Augen und machte eine wegscheuchende Handbewegung.

„Ich auch. Jetzt verzieh dich und nimm dein Früchtchen mit“, zischte er und hörte dann mit einiger Freude, wie Dominik nach der Verabschiedung und im Rausgehen zu Frido meinte: „Sag mal… du hast mich doch auch mal Früchtchen genannt… hast du ihm etwa davon erzählt?“

8.9.2024: Falschbehauptung

Auf einem seiner Barhocker hatte er es sich an seiner Kücheninsel gemütlich gemacht, während er den Wein in seinem Glas noch atmen ließ und dabei der Diskussion des jungen Paares lauschte.

„Du bestehst also drauf?“

„Jap“

Der Ältere hatte eine Hand auf seiner Hüfte abgestützt und die andere auf der Spüle, während er seinen Freund betrachtete und leicht den Kopf schüttelte.

„Ernest wollte doch mit dir die Ergebnisse besprechen. Warum setzt ihr euch nicht zusammen und ich kümmer mich währenddessen ums Essen?“, versuchte er Dominik noch einmal zu überzeugen und stieß dabei wieder auf taube Ohren.

„Weil ich mich einbringen will. Du hast schon den Kassenbon „verloren“ und „vergessen“, wie viel der Einkauf gekostet hat, dann lass mich wenigstens beim Schnibbeln helfen. Außerdem gehts grad nicht um Raketenwissenschaften, sondern Gemüse waschen – ich glaub, das krieg ich grad noch so hin, während ich ihm zuhöre“, verschränkte Dominik die Arme vor der Brust und warf dem Ältesten im Raum einen kurzen Blick zu.

„Oder spricht aus ärztlicher Sicht irgendwas dagegen, dass ich ihm helfe, während wir uns unterhalten?“, war die mangelnde Ernsthaftigkeit seiner Frage nur allzu deutlich zu vernehmen und brachte den Angesprochenen zum Schmunzeln.

„Solange du dir nicht in den Finger schneidest und deine Wunde sauber und trocken hältst…“, zuckte er die Schultern und grinste über Fridos verkniffenes Gesicht, weil der sich offensichtlich in den Rücken gefallen fühlte, aber dann auch einen Nutzen aus Ernests Worten ziehen konnte.

„Das war doch schon das Stichwort: Sauber und trocken halten. Wie willst du das mit nur einer Hand denn hinkriegen, das Gemüse zu waschen und klein zu schneiden – vor allem, wenn du fürs Schneiden das Messer in die verletzte Hand nehmen müsstest?“, triumphierte er kurz auf, als Dominik das Gesicht verzog und zugab, dass ihm das Schneiden vielleicht wirklich noch etwas schwer fiele.

„Aber waschen ist kein Problem!“, grinste er dann und huschte zu seinem Rucksack, den er neben der Küchentür abgestellt hatte. Frido verschränkte die Arme vor der Brust und schaute ihm irritiert hinterher, um dann noch verdutzter dreinzublicken, als Dominik mit einer Packung Arzthandschuhe zurückkam und sie stolz auf die Arbeitsfläche stellte.

„Man muss sich nur zu helfen wissen!“, kommentierte Ernest, der sich einen Lacher nur schwerlich verkneifen konnte, während Dominik zufrieden in einen der Handschuhe schlüpfte und Frido aufforderte, ihm endlich was zu geben, das er waschen konnte.

„Und ich dachte, meine Nichte wäre eigensinnig…“, murrte der zwar, aber dann beugte er sich doch seinem Freund.

„Hast du ihm die gegeben?“, gab er Dominik einige Tomaten in die Hand, während er Ernest mit einem kritischen Blick bedachte. Der schüttelte allerdings den Kopf und genehmigte sich ein Schlückchen Wein.

„Susi hat die mir geschenkt“, erklärte Dominik stattdessen und ihm war anzusehen, dass es ihn mit einer gewissen Freude erfüllte, sich an den Kochvorbereitungen zu beteiligen. Frido fand das zwar ganz niedlich anzusehen, aber etwas skeptisch war er noch immer.

„Einfach so?“, hakte er nach und lehnte sich mit der Hüfte leicht gegen die Arbeitsplatte, während Dominik eine Tomate nach der anderen abwusch.

„Jap. Sie wollte mir unbedingt was schenken und hat nicht locker gelassen, also hab ich eigentlich eher aus Spaß gesagt, dass ich ein paar Handschuh gebrauchen könnte. Aber die Dinger sind echt ganz praktisch!“, griff er sich als nächstes an Frido vorbei die Möhren und machte mit ihnen weiter, wohingegen sein Dozent noch immer etwas irritiert wirkte.

„Eure Freundschaft trägt manchmal echt komische Früchte…“, murmelte er und packte die nächsten Einkäufe aus, um dann aufzulachen, als Dominik feststellte, dass man das von ihm und Ernest wohl auch behaupten könne.

„Da ist was dran!“, grinste Frido zu dem Arzt hinüber, der mit süffisantem Grinsen da saß, das Glas schwenkte und Frido durch seinen wissenden Blick offensichtlich verwirrte.

„Was?“, stutzte der Dozent und runzelte die Stirn, als Ernest leicht die Schultern hob und den Kopf schüttelte.

„Gar nichts…“, nahm er wieder einen Schluck und nickte dabei zur gegenüberliegenden Wand, ehe er Dominik anschaute. Frido folgte seinem Blick, betrachtete kurz den Kalender, der dort hing und schaute Ernest dann wieder fragend an. Der aber rollte die Augen über dessen Begriffsstutzigkeit und entschied, ihm keine weiteren Hinweise zu geben, wenn er auf so einer langen Leitung stand. Doch dann begann der Groschen zu fallen – wenn auch in kleinen Etappen, wie Fridos Gesichtskirmes zeigte.

„Oh, Scheiße…“, schlug er sich dann schließlich mit der Hand gegen die Stirn und ließ sie langsam über sein Gesicht gleiten, während Dominik den Kopf hob und ihn fragte, was los sei.

„Du hattest vor ein paar Tagen Geburtstag, stimmts?“, murmelte er kleinlaut, aber der Jüngere zuckte desinteressiert die Schultern.

„Na und?“, kümmerte er sich wieder um das Gemüse, während Ernest ein böses Funkeln kassierte.

„Patientenakte“, schmunzelte der und bekam ein „Ja, war mir schon klar!“ von Frido zu hören. Dominik aber guckte von einem zum anderen und schüttelte den Kopf über dieses kleine Gezänk.

„Das ist ein Tag wie jeder andere, jetzt macht doch nicht so ein Fass auf…“, äußerte er sein Unverständnis und hielt in seiner Bewegung inne, als Frido die Hände an seine Oberarme legte und ihn leicht zu sich drehte.

„Ich hätte dir aber gern eine kleine Freude gemacht… zumindest nachträglich. Was wünschst du dir von mir?“, lächelte er leicht und konnte sich das Kichern nicht verkneifen, als Dominik wenig überraschend meinte, dass er kein Geschenk von seinem Freund haben wolle.

„Du machst mich echt fertig…“, schmunzelte Frido und hob überrascht die Augenbrauen, als Dominik sich plötzlich mit einem Räuspern zu Ernest drehte.

„Hören Sie… hör du mal kurz weg, okay?“, murmelte er und eine leichte Röte umgab seine Wangen, als er sich Frido wieder zuwendete und zögerlich seine Hand auf dessen Brust legte.

„Du merkst es echt nicht, oder?“, fragte er und Fridos Gesichtsausdruck war Antwort genug. Der Jüngere seufzte aus und räusperte sich nochmals.

„Du… bist doch schon mein Geschenk“, murmelte er und biss sich kurz auf die Lippen, als Fridos ihn erstaunt anstarrte.

„Ja, guck nicht so! Ich mein… obwohl… du viel um die Ohren hast, eh schon auf der Couch pennst und deine Nichte dich ziemlich auf Trab hält, lässt du mich sogar jede Nacht bei dir schlafen, damit ich nicht so weit zur Arbeit muss. Und… und dann schleppst du mich auch noch zum Arzt, weil du dir Sorgen machst und so… Da sind so viele Kleinigkeiten, mit denen du mir eh schon jeden Tag ne Freude machst“, nuschelte er und schaute beschämt zu Boden, während Frido immer breiter grinste und anfing zu lachen, als Dominik sich mit hochrotem Kopf wieder an die Arbeit machen wollte.

„Hey, nicht so schnell!“, fasste Frido aber sein Gesicht und beugte sich zu Dominik runter, der sich zwar kurz auf den Kuss einließ, seinen Freund dann aber doch von sich schob.

„Gott, wie kitschig…!“, murrte er, als er wieder mit dem Gemüse hantierte und zog die Schultern bis an die Ohren, aber Fridos leises Lachen und dass er ihm den Rücken kraulte, schien ihn nicht zu stören. Gestört fühlte sich hingegen scheinbar ein anderer.

„Hmm… ein Geschenk, das seinen Lebenslauf in- und auswendig kann und trotzdem nicht weiß, wann er Geburtstag hat“, ließ Ernest beiläufig fallen, während er die Ellenbogen auf der Tischplatte abstützte und sein Glas schwenkte, um dann und wann daran zu nippen. Dominik hielt inne und hob langsam den Blick zu Frido, während der ertappt die Augen aufriss und den Kopf schüttelte.

„Hey! Ich hab von allen Studenten die Lebensläufe gelesen, nicht nur von dir! Und natürlich hab ich mir ein paar Details gemerkt, aber alle Geburtstage konnte ich da wirklich nicht behalten!“, rief er beschwichtigend aus, ehe er an Ernest gewendet ergänzte: „Also setz hier keine Falschbehauptungen und Halbwahrheiten in die Welt, die mich wie einen zwielichtigen Typen dastehen lassen!“. Der Arzt grinste, aber Dominik hob nur die Augenbraue und wendete sich dann mit leichtem Kopfschütteln wieder seiner Arbeit zu.

„Ihr seid manchmal echt merkwürdig…“, stellte er fest und fragte dann: „Wird man im Alter so?“.

Ein Moment der Stille kehrte ein, die nur das Rauschen des Wassers unterbrach. Ernest hob die Augenbrauen und blinzelte einige Male, während Frido verdattert von einem zum anderen guckte. Nur Dominik machte weiter wie gehabt.

„Äh… was schätzt du denn, wie alt ich bin?“, wollte sein Freund dann wissen und stützte sich wieder auf die Arbeitsplatte neben der Spüle, wohingegen Dominik gar nicht erst zu schätzen brauchte.

„In dem Bericht stand, dass du damals Zwanzig warst und der Unfall ist jetzt fast elf Jahre her. Also bist du Dreißig oder Einunddreißig“, hatte er schnell eine Antwort parat, die Frido mit langsamen Nicken bestätigte oder zumindest zur Kenntnis nahm.

„Und er?“, deutete er dann zu Ernest, der offensichtlich auch ein wenig Interesse an Dominiks Einschätzung hatte und bei dessen Erwiderung laut auflachen musste.

„Zwei, drei Jahre älter als du?“, konstatiere Dominik nach einem flüchtigen Blick zu dem Arzt und schien nicht so ganz zu verstehen, warum der sich amüsierte, während seinem Freund derweil das Gesicht entgleiste.

„Willst du mich grade beleidigen oder dich bei ihm einschleimen?“, fragte der entgeistert, nachdem er sich wieder gefasst hatte und tatsächlich schien Dominik seine Bestürzung nicht recht zu verstehen.

„Der ist fünfundvierzig!“, rief Frido darum aus und wieder beäugte Dominik den Arzt.

„Echt?“, fragte er, ohne darauf von Ernest mehr als ein Schmunzeln zu bekommen, aber von Frido dafür ein inbrünstiges „Ja!“

„Botox?“, fragte Dominik dann und Ernest hob die Augenbraue.

„Könnte ich das dann?“, wollte er wissen, aber der Jüngere zuckte leicht die Schultern.

„Wenns gut gemacht ist vielleicht?“

Der Arzt rutschte von seinem Hocker und ging mit leichtem Seufzen zu seinem Küchentisch.

„Ich hab gute Gene und im Gegensatz zu einem gewissen anderen Anwesenden achte ich auf ausreichend Schlaf, gutes Essen und eine angemessene Menge Hydration“, holte er Dominiks Unterlagen aus einer Mappe hervor und schlenderte dann zurück zu seinem Hocker.

„Jap, am liebsten Hydration in Form von Wein!“, konnte Frido sich eine kleine Spitze nicht verkneifen und legte dann noch einen nach: „Und vergiss deine Besuche im Spa und die Gesichtsbehandlungen nicht!“

Zufrieden mit seiner Offenlegung schob Frido die Hände in die Hosentaschen und grinste, aber Ernest zeigte sich gänzlich unbeeindruckt davon.

„Darf ein Mann sich nicht um sein Äußeres kümmern? Oder ist das nur den schwulen Männern vorbehalten?“, überschlug er die Beine und legte die Unterlagen vor sich ab.

„Mir ist durchaus aufgefallen, dass da früher immer ein paar störrische Härchen aus deinem Ausschnitt ragten, die seit geraumer Zeit auf wundersame Weise verschwunden sind. Also, Frido, entfernst du die oder ist das eine Art von Haarausfall, die ich noch nicht kenne?“, stützte er das Kinn auf eine Hand und Frido musste trotz seines Schmunzelns kleinlaut zugeben, dass er vielleicht ein bisschen doppelmoralisch gesprochen hatte.

„Tja, wenn du mich in einer Diskussion schlagen willst, musst du schon früher aufstehen“, nahm der Arzt das Eingeständnis zufrieden zur Kenntnis, aber auch Frido ging nicht ganz als Verlierer aus dem Ganzen hervor. Denn auch wenn es ihm vielleicht an den schlagenden Argumenten gefehlt hatte, hatte er dafür eine ganz andere Art der Unterstützung auf seiner Seite.

„Na ja…“, musterte Dominik ihn mit einem kecken Blick und grinste, ehe er ihm über die Brust strich.

„In deinem Gesicht mag ich den Dreitagebart zwar lieber, aber die glatte Brust gefällt mir“, schmunzelte er, um bei Ernests genervten Seufzen zu lachen.

„Gut, nachdem wir das dann auch geklärt hätten, kann dein Adonis sich ja endlich um den Lachs kümmern und wir sprechen über deine Hühnerbrust“.

9.9.2024: Fördermittelbescheid

„...Soweit zumindest die Theorie. Je schneller du das auch in der Praxis anwendest, desto besser. Aber lass die Informationen jetzt erst mal auf dich wirken und überleg dir dann in Ruhe, wie du sie umsetzen kannst. Dass du Frido nicht auf der Tasche liegen willst, hab ich ja schon mitbekommen, also werden wir andere Wege finden, damit du nicht mehr nur von Nudeln und Ketchup lebst“, schloss Ernest seinen Vortrag ab, als sie bereits beim Essen saßen und lehnte sich zufrieden auf seinem Stuhl zurück. Dominik nickte langsam und schaute auf die Unterlagen neben sich, die sie gemeinsam durchgegangen waren und die jetzt wieder als gebündelter Stapel da lagen. Nun hatte er seine Werte, wusste, welche kritisch waren, welche er mit welchen Lebensmitteln bestmöglich anheben konnte und an welchen Stellen Ergänzungsmittel aktuell noch zu empfehlen waren. Er hatte Hinweise zu Verarbeitung und Kombination von Lebensmitteln bekommen oder wie er seine Tabletten am effektivsten zu sich nehmen sollte, aber auch Rat zu anderen Aspekten seines aktuellen Lebensstils, die sich bisher negativ auf seine Gesundheit auswirkten.

„Ganz schöner Berg an Arbeit…“, murmelte er fast gedankenverloren, während er die Unterlagen etwas weiter an den Rand des Tisches schob, um sie vor möglichen Essensflecken zu schützen und zuckte zusammen, als er Fridos Ellenbogen in der Seite spürte. Mit fragendem Blick drehte er den Kopf zu ihm und sah das leichte Lächeln auf seinen Lippen.

„Das kriegen wir schon hin“, sprach er leise und knuffte seinen Freund abermals leicht, als der nickte und seine Mundwinkel zuckten.

„Und Dominik?“, verschaffte sich dann auch Ernest noch einmal Gehör und wurde von seinen beiden Gästen, die ihm gegenübersaßen, angeschaut.

„Wenn noch Fragen auftauchen, dann frag. Verstanden?“, sprach er mahnend und zeigte sich doch zufrieden, als Dominik mit einem „Mach ich“ antwortete.

„Gut“, nahm der Arzt seine Gabel wieder in die Hand und wendete sich dem Essen zu, während Frido seine Aufmerksamkeit ohnehin schon die ganze Zeit über gleichmäßig auf seinen Teller und dem Zuhören aufgeteilt hatte. Nur Dominik stocherte noch ein wenig grüblerisch zwischen Salat und Fisch herum.

„Ich hab tatsächlich ne Frage, aber die hat nicht mit mir, sondern mit euch beiden zu tun“, murmelte er dann und fand mit der Gabel endlich den Weg zu seinem Mund. Frido schaute ihn überrascht an, wohingegen Ernest um keine Antwort verlegen war und seinen alten Kumpel damit zum Lachen brachte.

„Ja, ich war schon immer der intelligentere von uns beiden und hab auch schon immer besser ausgesehen. Da ich allerdings nicht an Männern interessiert bin, wirst du aber wohl weiterhin mit ihm Vorlieb nehmen müssen, tut mir leid“, sprach er lapidar dahin, wohingegen Frido meinte, dass er dann ja Glück gehabt habe. Dominik aber grinste und schüttelte den Kopf.

„Du hast neulich mal erwähnt, dass ihr schon über zwanzig Jahre befreundet seid – woher kennt ihr euch überhaupt? Bei vierzehn Jahren Altersunterschied dann wohl nicht unbedingt durch die Schule“, meinte er und beobachtete, wie die beiden Älteren sich kurz anschauten und Frido dem Arzt mit einem Fingerzeig bedeutete, sich der Frage anzunehmen.

„Wir waren früher Nachbarn. Als Schüler hab ich mein Taschengeld aufgebessert, indem ich den Babysitter für ihn gespielt hab und während meiner Ausbildung habe ich zeitweise nebenher noch zwei, drei Kindern aus dem Bekanntenkreis Nachhilfe in Mathematik gegeben. Da hat er ebenfalls zu gehört“, erklärte Ernest, was Frido mit einem Nicken bestätigte.

„Das war eigentlich ganz cool. Ich war auf derselben Schule, auf der er früher auch gewesen war und dadurch kannte er ja die Pauker ganz gut und konnte mir ein paar Tipps geben, wie ich mich für bessere Noten ein bisschen einschleimen konnte“, grinste er erst und lachte dann auf, als Dominik mit einem „So einer warst du also?“ darauf reagierte.

„Da kannst du mal sehen, wie seine Noten ausgefallen sind und wie nötig er die Schleimerei hatte“, ließ Ernest auf seine bekannt charmante Art verlautbaren und die beiden Älteren schmunzelten sich an.

„Konnt halt nicht jeder so ein Einserkandidat wie du sein! Außerdem musstest du dich für deinen blöden Facharzt ja ausgerechnet dann ins Ausland verkrümeln, als ich in Mathe immer weiter abgesoffen bin!“, verschränkte Frido die Arme vor der Brust und schüttelte lachend den Kopf, wenn er daran zurückdachte. Ernest aber hob eine Augenbraue und schaute ihn kritisch an.

„Wie war das vorhin mit den Halbwahrheiten?“, sagte er tadelnd und kümmerte sich sogleich um eine Richtigstellung.

„Ich habe erst meine Facharztausbildung absolviert und bin dann für zwei Jahre in die USA gegangen, um dort auch in Verfahren reinschauen zu können, die zu dem Zeitpunkt in Deutschland noch gar nicht durchgeführt wurden. Und für deine Zahlenschwäche kann ich nun wirklich nichts“, tupfte er sich mit einer Serviette die Mundwinkel ab, während Frido die Augen verdrehte und mit dem Kopf wippte, während er was von „Korinthenkackerei“ murmelte. Dominik hingegen schien ehrlich beeindruckt vom Werdegang seines Gastgebers.

„Klingt sehr zielstrebig“, meinte er und Ernest nickte.

„Sollte man im Medizinstudium auch sein“, bestätigte er und erzählte noch von ein paar anderen Etappen seiner beruflichen Reise, die schließlich vorerst in seiner eigenen Praxis endete.

„Es war sehr lehrreich und ich habe viele wichtige Kontakte geknüpft, die ich bis heute noch hege und pflege, aber ich wollte auch endlich ein bisschen mehr Kontinuität in meinem Leben. Also habe ich mich hier nieder gelassen. Vielleicht wird sich das irgendwann wieder ändern und ich möchte noch mal was Neues sehen, aber momentan bin ich recht zufrieden mit meinem Leben“, griff er sein Glas und schaute kurz zu Frido, als Dominik meinte: „Und die ganze Zeit seid ihr trotzdem irgendwie in Kontakt geblieben… Ist schon cool!“.

Doch schnell wurde aus seiner Freude Skepsis, als er Fridos schiefes Grinsen und das leichte Schulterzucken sah.

„Na ja, eigentlich hatten wir nach seinem Wegzug erst mal ein paar Jahre gar keinen Kontakt mehr...“, legte er seine Gabel beiseite, lehnte sich zurück und stützte einen Fuß auf das gegenüberliegende Bein, während er die Arme wieder vor der Brust verschränkte.

„Stimmt, aber unsere Familie“, überschlug Ernest die Beine, ehe er seine Hände ineinander webte und auf dem Schoß ablegte. Dominiks Blick glitt vom einen zum anderen.

„Durch meine Eltern haben seine Eltern auch immer ganz gut Bescheid gewusst, wie der Stand der Dinge bei mir gerade war und nach Friedrichs Unfall haben sie mich kontaktiert. Die Erstversorgung war hervorragend, das will ich sofort dazu sagen! Aber es war natürlich trotzdem eine sehr verunsichernde Situation, in der sie froh über ein bekanntes Gesicht und eine zweite Meinung waren. Ich habe mich daher mit verschiedenen Kollegen in Verbindung gesetzt, Kontakte vermittelt und ihn in eine Fachklinik verlegen lassen, damit ihm die bestmögliche Behandlung zuteil wurde“, erklärte Ernest und Dominik schaute zu Frido, der die Augen geschlossen hielt.

„Zufällig die, in der du damals gearbeitet hast“, murmelte er mit einem leichten Lächeln, was Ernest schulterzuckend bestätigte.

„Über mangelnde Chefarztbetreuung konntest du dich jedenfalls nicht beschweren“, meinte er und Frido lachte auf.

„Und über mangelnde Standpauken von dir auch nicht!“, blinzelte er zu seinem alten Freund rüber, um dann kichernd den Kopf zu schütteln, als dieser ihn als „furchtbaren Patienten“ betitelte.

„Du hast dich nur beschwert. Ständig tat dir was weh, dann waren die Operationen ätzend, du hattest keine Lust auf die Physio und die Behandlungen, weil die ja eh nichts brachten und nur wieder weh taten… Also so ein selbstmitleidiges Häufchen wie dich hab ich wirklich selten erlebt“, stellte Ernest fest und Frido musste ihm beipflichten, als er Dominiks ungläubigen Blick sah.

„War wirklich so… Aber dann hat er mir wortwörtlich den Kopf gewaschen“, lachte er auf, während Ernest sich schmunzelnd enthielt.

„Ich saß im Rollstuhl auf dem Flur und sollte eigentlich gerade wieder zur Physio geschoben werden. Da kommt er plötzlich angerauscht, als wir auf den Aufzug warten, sagt dem Krankenpfleger, dass er noch kurz was zu erledigen habe, schiebt mich raus in den Innenhof, wo es gerade wirklich geschüttet hat und hat mich zusammengeschissen! So hab ich den noch nicht erlebt!“, deutete Frido zu seinem Kumpel hinüber und rieb sich das Gesicht, weil er das Erlebte selbst jetzt noch nicht richtig fassen konnte, obwohl er selber dabei gewesen war.

„Tja, ich dachte mir, dass ihm eine kleine Abkühlung vielleicht dabei helfen könnte, den Kopf mal wieder frisch zu kriegen und damit lag ich dann ja auch richtig“, sprach Ernest genussvoll und schnaubte dann aus, als Dominik murmelte, dass das aber mal recht unorthodoxe Herangehensweisen seien.

„Fand mein Vorgesetzter auch. Der hat das dummerweise auch mitbekommen und – um es mit Fridos Worten zu sagen – mich danach ordentlich zusammengeschissen. Aber, na ja, der Zweck heiligt die Mittel und die Hauptsache ist ja, dass das Mittel seine Wirkung nicht verfehlt hat“, seufzte Ernest und gönnte sich ein Schlückchen aus seinem Glas, während Frido schmunzelte und erst ihn und dann seinen Freund betrachtete.

„Ich hab ihm schon ein bisschen was zu verdanken…“, murmelte er und strich Dominik dann leicht über die Wange.

„Genau genommen sogar dich“, lächelte er und grinste über den irritierten Blick seines Freundes, der durch ein gekonnt gesetztes „Hä?“ komplettiert wurde. Frido legte die Unterarme auf den Lehnen seines Stuhls ab und wippte leicht mit dem Fuß.

„Nach der Genesung hab ich mein Studium ja wieder aufgenommen und mit anderem Schwerpunkt abgeschlossen, um dann in die Lehre zu gehen. Da wars anfangs auch ganz schön, dass ich das alles in meiner Heimatstadt und an meiner früheren Uni machen konnte, um irgendwo wieder mehr gewohnte Strukturen um mich herum zu haben. Aber letztlich hat mich da auch immer alles an früher erinnert und das ging mir dann auf Dauer doch auf den Geist“, murmelte er und verschränkte die Arme wieder vor der Brust, während er nachdenklich auf den Tisch schaute.

„Und dann meinte Ernest eines Tages plötzlich, dass er vielleicht eine Stelle an der hiesigen Uni für mich wüsste und ob ich nicht herziehen will“.

„Ja, weil ich die Nase davon voll hatte, mir ständig deine Jaulerei anzuhören“, seufzte der aus und zog, wie erwartet, Dominiks Aufmerksamkeit auf sich.

„Wie du sicherlich gemerkt hat, sind wir auch nach seiner Genesung in regem Kontakt geblieben. Das hieß dann allerdings auch, dass irgendwann der Punkt kam, an dem er sich in unseren Gesprächen immer wieder über seine damalige Fakultät beklagte. Beziehungsweise darüber, dass ihm die Arbeit als Dozent eigentlich Spaß machte, aber sein Unfall im Endeffekt dennoch bei jeder Gelegenheit wieder auf den Tisch kam“, erklärte Ernest und Frido warf ein „Es war halt ätzend…“ in den Raum. Kurz musterte der Arzt ihn, dann wendete er sich wieder an Dominik.

„Oh ja, ätzend war das Gejaule wirklich“, murmelte er, um dann an seine eigentliche Erzählung anzuknüpfen.

„Wie dem auch sei. Dadurch, dass ich in der Kulturförderung tätig bin – und nein, bevor wieder irgendwelcher Blödsinn erzählt wird: ich bin nicht für die Erstellung irgendwelcher Fördermittelbescheide zuständig, sondern unterstütze bei der Beschaffung von Fördermitteln!“, warf er Frido einen warnenden Blick zu, der jedoch schnell wieder mehr Güte annahm, als er zu Dominik zurückkehrte.

„Durch meine Tätigkeit dort hatte ich auch Kontakt zu eurem früheren Dozenten und der erwähnte in einem damaligen Gespräch mal, dass er seinen Ruhestand plane und noch kein Nachfolger gefunden sei“.

Bei diesen Worten weiteten sich Dominiks Augen und sein Mund klappte auf.

„Du kennst Herrn Peters?“, fragte er ungläubig und lächelte, als Ernest nickte.

„Sehr gebildet und von uns allen sehr geschätzt, aber in meinen Augen auch manchmal eine ähnliche Nervensäge wie sein Nachfolger, wenn es darum geht, seine Schützlinge über den grünen Klee zu loben“, seufzte der Arzt aus und musste doch schmunzeln, als er Dominiks ungetrübte Freude über den Namen seines früheren Lieblingspaukers sah.

„Sein Unterricht hat immer viel Spaß gemacht… Weißt du, wie es ihm inzwischen geht?“, fragte er und schien umso erfreuter, dass Ernest nur gute Nachrichten diesbezüglich für ihn hatte.

„Bestens! Reist mit seiner Frau um die Welt und lässt es sich gut gehen. Manchmal schickt er uns Ansichtskarten aus aller Herren Länder“, meinte er und musste daran denken, dass die Grußbotschaften natürlich auch immer kleine Anekdötchen zu irgendwelchen Kunstwerken enthielten, die er dort vor Ort zu Gesicht bekam.

„Das ist typisch für ihn!“, lachte Dominik und wieder nickte Ernest.

„Ja. Nun… jedenfalls erfuhr ich durch diesen glücklichen Zufall also von der bald frei werdenden Stelle und teilte meinem lieben Freund Frido mit, dass es vielleicht eine gute Gelegenheit wäre, um neue Zelte aufzuschlagen“, kam er dann auf das eigentliche Thema des Gesprächs zurück und brachte den Genannten damit zum Prusten.

„Man könnte auch sagen, er hat mir Feuer unterm Arsch gemacht, dass ich mich hier auf der Stelle bewerben soll, weil er meinen Namen schon ins Gespräch gebracht hätte und ich das bloß nicht versauen soll!“, grinste der und Ernest zuckte die Schultern.

„Du brauchst halt manchmal einen kleinen Schubser in die richtige Richtung“, stellte er fest, wobei er an Dominiks Schmunzeln ablesen konnte, dass er diese Erfahrung vielleicht ein wenig teilte.

„Er ist manchmal ein wenig begriffsstutzig, nicht war?“, fragte der Arzt an den Lockenkopf gewandt und kassierte von Frido ein „Hey!“ dafür. Dominik aber schüttelte den Kopf, ohne dabei sein Grinsen zu verlieren.

„Ich halt mich da raus“, murmelte er, um Frido stattdessen einen vielsagenden Blick zuzuwerfen. Der aber rollte mit den Augen und schüttelte den Kopf.

„Klar, weil ausgerechnet du ja auch so einfach zu lesen bist“, murrte er und tippte seinem Freund leicht auf die Nase, der nun ebenfalls die Arme verschränkte und anfing, die beiden Älteren zu mustern.

„Was kommt denn jetzt wieder?“, stützte Frido seinen Kopf auf eine Hand, wohingegen Ernest sich in Schweigen hüllte und nur interessiert auf Dominiks Antwort wartete. Der wiegte leicht seinen Kopf und ließ nachdenklich seinen Blick wandern, ehe er zu einem Ergebnis kam.

„Also kann man eigentlich sagen, dass du sogar Schuld an meiner Verletzung bist, weil du ihn damals her geholt hast und ich mich ansonsten ja vermutlich nie in ihn verliebt hätte, richtig?“, fasste er seine Beobachtungen dann an Ernest gewandt zusammen, dessen Augenbrauen in die Höhe schnellten, während er einige Male ungläubig blinzelte.

„Ich finde, dann ist es auch nicht mehr als recht, dass du mir jetzt auch dabei hilfst, sie schnell wieder zu heilen“, grinste der Jüngste im Bunde anschließend frech, während sein Freund in Gelächter ausbrach und der Älteste von ihnen kopfschüttelnd zu seinem Glas griff.

„Wegen euch werd ich noch zum Alkoholiker…“.

10.9.2024: Fleischersatz

Eingehüllt in die leise Melodie seiner Schallplatte saß er da, ließ das köstliche Essen nachwirken, das ihm ein angenehm gesättigtes Gefühl bescherte und betrachtete dabei seine Gäste. Während der eine an der Spüle stand und die Teller wusch, saß der andere ihm noch immer gegenüber. In bereits bekannter Manier flätzte der sich auf seinen Stuhl, hatte einen Arm über die Rückenlehne gehängt und hielt mit dem anderen die Auflistung an Lebensmitteln weit von sich gestreckt.

„Soll ich dir den Zettel abnehmen, damit du ihn noch weiter von dir weghalten kannst?“, hatte er die Finger ineinander gewebt und sein Kinn darauf abgelegt, um mit einem Schmunzeln Fridos Seitenblick zu ihm aufzufangen.

„Geht schon… Nächstes Mal vielleicht in einer etwas größeren Schriftart ausdrucken“, murmelte der und runzelte die Stirn, als er abermals versuchte, den Text vor sich zu lesen. Dann ließ er ihn doch mit einem Seufzen auf den Tisch sinken und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Hast du deine Brille sonst nicht eigentlich immer dabei?“, fragte Ernest und grinste, als Frido ihn immer begeisterter anschaute.

„Nur, wenn ich weiß, dass ich sie brauche. Aber ich bin nicht davon ausgegangen, dass man mich vom Spülen verbannt und ich meine Zeit jetzt irgendwie totschlagen muss, bis ein gewisser jemand damit fertig ist“, murrte er und drehte den Kopf zu Dominik, der ihm kurz ein zufriedenes Grienen schenkte, ehe er seiner Arbeit weiter nachkam. Frido seufzte wieder aus und nickte zu dem Zettel.

„Ich hab verschiedene Fleischsorten entziffern können. Wie sieht es mit Fleischersatz aus? Juli hat das Zeug grad für sich entdeckt, aber ich bin da ehrlich gesagt etwas skeptisch“, meinte er dann und Ernest lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.

„Nun, es kommt immer auf das jeweilige Produkt an. Generell würde ich empfehlen, nicht zu sehr auf Ersatzprodukte und Fertiggerichte zu setzten – ganz gleich, welcher Art sie sind. Frisch zubereitet aus möglichst unverarbeiteten Zutaten ist immer noch am besten. Aber es spricht sicherlich nichts dagegen, auch mal Fleischersatz zu nutzen. Da gibt es inzwischen ja unzählige Versionen und Varianten. Schau einfach, was die Zutatenliste sagt und wenn du dich gar nicht damit anfreunden kannst, gibt es ja auch noch Alternativen. Hülsenfrüchte sind beispielsweise eine gute Eiweißquelle“, antwortete Ernest und Frido nickte.

„Ja, die nutz ich eh schon gern. War anfangs nur etwas ungewohnt…“, grinste er kurz und tätschelte sich dabei vielsagend den Bauch „… aber mittlerweile komm ich prima damit klar“. Ernest schnaubte belustigt aus und nickte.

„Der Körper braucht manchmal ein bisschen Zeit, um sich umzustellen und wenn ich an dein früheres Essverhalten denke, wundert es mich nicht, dass deiner von Bohnen erst mal irritiert war“, frotzelte er, um Frido damit zum Lachen zu bringen.

„Hey, ich hab nicht nur Fertigpizza und Spiegelei gegessen, sondern auch Eintöpfe! Das möchte ich aber mal festhalten!“, grinste er und lachte abermals, als Ernest ergänzte: „Hmhm. Eintöpfe aus der Dose“.

„Was ist mit dir?“, wendete Frido sich dann lieber an seinen Freund und wollte wissen, wie er zu Hülsenfrüchten stand. Der hielt kurz beim Abtrocknen inne und dachte über die Frage nach.

„Ich mag Linseneintopf. Meine Oma hat früher mal öfter welchen gekocht, wenn wir bei ihr zu Besuch waren. Den konnte sie dann gut vorbereiten und hatte gleich ne gute Menge parat, um alle Mäuler satt zu kriegen“, lehnte er sich leicht gegen die Arbeitsplatte und drehte sich halb in Richtung des Tisches.

„Erbsen find ich aber auch gut. Vor allem im Nudelsalat.“

„Na, das ist doch schon mal was“, grinste Frido zufrieden über die Antwort und Dominiks Lächeln, um dann zu seufzen, als auch sein letzter Versuch, dem mit dem restlichen Geschirr zu helfen, abgelehnt wurde. Rutschte er stattdessen halt noch tiefer in seinen Stuhl und kam sich noch überflüssiger vor…

„Es ist wirklich faszinierend…“, betrachtete Ernest ihn und Frido schnaubte belustigt aus.

„Dass ich schon so unterm Pantoffel stehe?“, murrte er, um als Antwort von Dominik das Trockentuch um die Ohren geschmissen zu bekommen, ehe der wortlos anfing, die Teller zurück in den Schrank zu räumen. Frido platzierte es mit vielsagendem Blick und energischer Geste auf dem Tisch, während sein Freund ihm einen kecken Seitenblick zuwarf und sein anderer Freund leise kicherte.

„Das auch“, witzelte Ernest und schüttelte den Kopf.

„Nein, ich meinte eigentlich, wie faszinierend ich es finde, dass du deinen Körper inzwischen so gestärkt und gestählt hast, aber immer noch wie ein Sack Kartoffeln am Tisch sitzt“, schmunzelte er, um Frido dann mit einem „Wag es ja nicht“ zu ermahnen, als der nochmals nach dem Geschirrtuch griff. Der Dozent öffnete den Mund für eine Erwiderung, aber Dominik kam ihm zuvor.

„Da kann er nichts für. Das liegt bestimmt auch an seiner Krankheit“, murmelte er und fing an zu grinsen, als Arzt und Dozent ihn irritiert anschauten.

„Was für ne Krankheit?“, runzelte Frido die Augenbrauen und Ernest stand die Frage auf die Stirn geschrieben, ob Frido ihm da etwas verheimlicht hätte. Dominik aber lachte auf und ging hinüber zum Tisch, um sich hinter Frido zu stellen und ihm die Arme umzulegen.

„Das ist die neueste Spekulation: Du hast die Benotung abgegeben, weil du schwer krank bist“, strich er ihm leicht übers Schlüsselbein und Frido seufzte aus.

„Wie war das? Deine Studenten haben die Info so galant und zurückhaltend aufgenommen?“, schnurrte Ernest, der derlei Reaktionen schon vorausgesehen hatte.

„Na ja, in meiner Gegenwart haben sie das auch, aber hinter meinem Rücken…“, verdrehte Frido die Augen und schüttelte den Kopf, während Dominik leicht die Schultern zuckte.

„Das kommt davon, wenn du nicht offen zu deiner schwangeren Frau stehst“, hauchte er ihm einen Kuss auf die Schläfe und Frido schaute ihn noch entgeisterter an.

„Nicht dein Ernst!“, rief er aus, aber Dominik zuckte abermals die Schultern.

„Haben die sonst kein Thema?!“, rieb Frido sich das Gesicht und warf Ernest einen müden Blick zu, als der meinte, dass die Verkündung der Info ja gerade erst ein paar Tage alt sei.

„Im Laufe des Semesters werden sie bestimmt ihr Interesse daran verlieren. Oder auch nicht“, grinste er, während Dominik sich wieder auf seinem Stuhl niederließ und Frido sich die Stirn massierte, als bekäme er gerade Kopfweh.

„Will ich wissen, welche Gerüchte aktuell alle über mich kursieren?“, murmelte er und schloss die Augen, als könne er das Elend ansonsten regelrecht vor sich sehen. Dominik faltete derweil die Hände vor seinem Bauch und dachte kurz nach.

„Wie gesagt… entweder, weil du krank bist und bald ausfallen wirst, uns die schlechte Neuigkeit aber noch nicht mitteilen willst. Oder weil du eigentlich schon eine andere Stelle hast und dann mitten im Semester gehen wirst. Und das aber auch noch nicht offen mitteilen willst. Erste Stimmen haben auch verlautbaren lassen, dass es bestimmt einen Vorfall gab – aber wie der aussehen soll, wussten sie selbst noch nicht. Ähm… Kurz stand auch die Überlegung im Raum, dass du einfach keinen Bock auf die Benotung hast und sie darum abgegeben hast. Hmm… ja und zum Leid einiger Mädels halt noch die Annahme, dass du ne schwangere Frau hast, um die du dich kümmern musst“, zählte er auf und grinste, als Frido fast schon angewidert den Kopf schüttelte.

„Und wo ist da die Logik? Warum sollte ich die Benotung abgeben, wenn meine Frau schwanger wäre?“, murrte er, um bei Dominiks Antwort wieder auszuseufzen.

„Weil du natürlich in Elternzeit gehst, wenn das Kind da ist“, erklärte der und lachte über Fridos trockenes „Ja. Klar. Wie konnt mir das entfallen“. Ernest aber interessierte etwas anderes viel mehr.

„Wäre der wahre Grund nicht viel naheliegender? Und da sind die bisher noch nicht drauf gekommen?“, hob er eine Augenbraue und nahm interessiert zur Kenntnis, wie Dominiks Grinsen immer breiter wurde.

„Daaas… war sogar eine der ersten Überlegungen“, druckste er ein wenig herum, um dann mit einem gewissen Stolz zu ergänzen: „Aber ich hab dann einfach mal gefragt, warum Herr Klimlau denn die Benotung von uns allen abgeben sollte, wenns im Endeffekt nur um eine einzelne Studentin ginge. Das macht doch eigentlich nicht so viel Sinn“.

Kurz kehrte Schweigen ein und die beiden Älteren musterten den Jüngeren, dem anzusehen war, dass er am liebsten mit den Beinen gewippt hätte, wenn die Höhe seines Stuhls es hergegeben hätte.

„Studentin, hm? Gibts da was, das du mir sagen möchtest?“, stützte Frido den Kopf auf eine Hand und fuhr Dominik mit der anderen durchs Haar. Der aber zuckte die Schultern.

„Ja, was? War doch ein gutes Ablenkungsmanöver!“, schmunzelte er und lachte dann auf, als Frido sich an Ernest wendete.

„Erst dichtet er mir an, dass Juli und Lilli meine Frau und Tochter sind und jetzt verpasst er mir ne Freundin. Was soll ich davon halten?“, schüttelte er leicht den Kopf, aber Ernest drehte nur die Daumen und ließ den Blick von einem zum anderen schweifen, anstatt sich an der allgemeinen Heiterkeit zu beteiligen.

„Ihr solltet das Thema vor allem im Auge behalten, damit das Getratsche am Ende keine noch unliebsameren Auswüchse annimmt. Wenn die Gerüchteküche zu sehr brodelt, kann es womöglich unschön werden. Schlimmstenfalls sogar nachhaltig, das ist euch doch hoffentlich bewusst? Manch unbestätigte Meldung hält sich auch dann noch, wenn sie eigentlich längst widerlegt worden ist. Und Dominik? Das war ne gewagte Aktion. Glücklicherweise haben deine Kommilitonen das gefressen, aber es hätte auch nach hinten losgehen können“, schaute er den Lockenkopf ernst an, bis der den Blick senkte und nickte. Aber dann hatte Ernest auch wieder ein Lächeln für ihn.

„Das Positive ist aber, dass ihr ein Spitzel auf eurer Seite habt und es somit hoffentlich früh genug mitbekommt, falls Herr Klimlau seinen Studenten wirklich mal eine Ansage machen muss“, sprach er nun deutlich milder und ein kleines Grinsen stahl sich zurück auf Dominiks Lippen.

„Das ist ein schöner kleiner Nebeneffekt daran, dass Susi und ich jetzt wieder mehr Kontakt haben“, gab er zu und nickte, als Frido meinte: „Ist generell schön, dass du wieder mehr aus deinem Schneckenhaus raus kommst… Und ja, wenn die Herrschaften mit dem Geschnatter nicht bald aufhören, werd ich mal den Dozenten raushängen lassen“.

11.9.2024: NFT

„Das war ein schöner Abend“, murmelte Dominik, während er Arm in Arm mit Frido die Straße entlang schlenderte und sie Ernests Wohnung immer weiter hinter sich ließen. Die Luft war frisch und kühl, aber sie wärmten sich gegenseitig und genossen diese Gelegenheit, bei der sie mal nicht viel darüber nachdenken mussten, wo sie sich zusammen sehen lassen konnten und auch keine Rücksicht auf schlafende Nichten oder andere nehmen mussten. Sie spazierten durch schlecht beleuchtete Gassen und kleine Straßen, die um diese abendliche Zeit kaum besucht waren, weil sie weit genug vom bunten treiben der Lokale, Nachtclubs und Bars entfernt lagen. Wenn ihnen danach war, blieben sie einfach stehen, schmiegten sich noch enger aneinander und küssten sich, um dann ihren Weg fortzusetzen – genauso wie jedes andere normale Paar es auch tat.

„Ich freu mich, dass es dir gefallen hat. Obwohl ihr beim Thema NFT ja doch einen kleinen Disput hattet“, grinste Frido und kraulte seinem Freund leicht die Schulter, um dann leise in sich hineinzuschmunzeln, als bei dem Stichwort sofort wieder ein Anflug von Trotz in Dominiks Gesicht zurückkehrte.

„Schön und gut, dass bei NFTs die Bilddateien so gesichert werden, dass man sie nicht mehr verändern kann und dass man ne digitale Besitzurkunde für die Dateien bekommt, aber für mich hat das mit Kunst einfach nicht mehr viel zu tun. Nenn mich altmodisch, aber ich steh nicht auf diesen digitalen Kram. Ich will meine Bilder mit echter Farbe und auf echten Leinwänden malen und nicht in irgendwelchen Programmen“, murrte der Lockenkopf und brachte seinen Freund damit wieder zum Schmunzeln. Ja, er hatte durchaus schon bemerkt, dass Dominik ein wenig eigen sein konnte und nicht einmal beim Skizzieren etwas von Tablets und ähnlichem wissen wollte, wohingegen viele seiner Kommilitonen bei der Vorarbeit an ihren Bildern ganz selbstverständlich darauf setzten.

„Am Ende habt ihr euch ja dann doch noch darauf einigen können, dass ihr euch nicht einig wart“, grinste er und klaute Dominik wieder einen Kuss, ehe der ihn ein weiteres Mal amüsierte.

„Ja und du hast dich aus der Diskussion komplett rausgehalten“, mäkelte Dominik, aber Frido zuckte nur die Schultern.

„Weils mir tatsächlich egal ist. Ich beschäftige mich nicht mit NFTs und wenn mich ein Thema nicht interessiert, kann ich es wunderbar ignorieren“, antwortete er, um sich dann wieder jemandem zuzuwenden, der ihn sehr wohl interessierte.

„Sollte ich mir vielleicht auch mal ne Scheibe von abschneiden“, legte Dominik die Arme um Fridos Hals und rieb die Nasenspitze leicht an seiner, wohingegen der Ältere ihn durch halb geöffnete Augen betrachtete.

„Irgendwie glaub ich nicht, dass du das so einfach kannst“, grinste er und Dominik lehnte sich leicht nach hinten, um ihn zu mustern.

„Was soll das denn heißen?“, runzelte er die Stirn und hielt Frido bei sich, als der kichernd weitergehen wollte.

„Sagen wir einfach, du bist nicht unbedingt jemand, der schnell von seiner Meinung abweicht. Und selbst wenn du dich meistens damit zurückhältst, sie offen zu teilen, kann man dir bei gewissen Themen durchaus anmerken, dass sie dir gegen den Strich gehen. Dann hast du diesen Blick“, tippte er Dominik leicht auf die Nase und zog ihn mit sich, indem er ihn erst bei der Hand nahm und dann den Arm um ihn legte.

„Ach, ich dachte, man kann mich nicht so gut lesen? Hast du vorhin selbst noch gesagt“, beäugte der Jüngere seinen Dozenten, woraufhin der nickte.

„Meistens ist es auch so, aber wenn du deinen kritischen Blick aufsetzt, fällt die Fassade. Oder… vielleicht fällt auch nur mir das inzwischen auf“, streichelte Frido durch die glänzende dunkle Mähne, in der sich der Schein einer angrenzenden Laterne fing.

„Dass du Ernest anfangs überhaupt nicht leiden konntest, war zum Beispiel nur allzu offensichtlich“, schmunzelte er und Dominik musste diesen Eindruck mit einem schiefen Grinsen bestätigen.

„Ehrlich gesagt…“, murmelte er und schlenderte mit Frido an einer Pfütze vorbei, ehe sie in eine andere Seitenstraße einbogen und von weitem die Lichter in Fridos Wohnung erblicken konnten.

„… bin ich froh, dass du mich da umgestimmt hast. Nicht nur wegen seiner ärztlichen Hilfe, sondern auch sonst. Wir sind nicht immer einer Meinung, aber bisher hab ich den Eindruck, dass wir sehr interessante Gespräche führen können und ohne dein Zutun hätte ich ihm wohl kaum die Chance dazu gegeben“, strich Dominik nachdenklich über Fridos Brust.

„Ich glaub, ich bin manchmal etwas zu voreingenommen, wenn mir jemand beim ersten Kennenlernen nicht gleich in den Kram passt und geh der Person dann künftig lieber aus dem Weg, anstatt zu prüfen, ob mein erster Eindruck wirklich immer der richtige ist. Da bist du deutlich offener“, murmelte er und schloss kurz die Augen, als Frido ihm einen Kuss auf die Schläfe gab.

„Na ja, als Dozent sollte ich meine Schützlinge ja möglichst gleich behandeln und neutral und sachlich an ihre Leistungen herangehen. Klar gibts auch unter den Lehrkräften solche und solche, aber ich finde, dass ich schon von Berufswegen her nicht so deutlich meine Sympathien und Antipathien zeigen sollte“, meinte er und lachte, als Dominik mit einem kecken Blick fragte: „Aha, alle gleich behandeln, ja?“

„Ausnahmen bestätigen die Regel“, schnurrte Frido, ehe er sich Dominiks Lippen ein weiteres Mal schnappte und dann zufrieden grinste.

„Mir ist da grad was aufgefallen“, stellte er fest und Dominik hob fragend die Augenbrauen.

„Also wenn du so voreingenommen bist, heißt das ja auch, dass du mich schon von Anfang gut fandest, hm?“, strich er dem Jüngeren übers Kinn, um dann verdutzt auf Abstand zu gehen, als der ihm ein schiefes Grinsen zusammen mit der Beichte „Nee, eigentlich nicht“ schenkte.

„Ich fand dich anfangs sogar ziemlich blöd und wenn du nicht mein Dozent wärst, hätte ich dich vermutlich gar nicht erst mit dem Arsch angeguckt“, gab Dominik kleinlaut zu und musste trotzdem lachen, weil Frido die Gesichtszüge so entgleisten.

„Warte, lass mich erklären!“, hob er beschwichtigend die Hände und fasste Frido am Arm, als der mit einem „Nö, kein Problem…“ weiterstapfen wollte.

„Du konntest ja nicht mal was dafür… Herr Peters war früher mein absoluter Lieblingsdozent und als er uns sagte, dass er in den Ruhestand geht, hätte ich jeden seiner Nachfolger erst mal doof gefunden“, hakte Dominik sich bei Frido unter und lehnte den Kopf an dessen Schulter, während er weitererzählte.

„Als du am ersten Tag in unseren Kurs kamst, war mein erster Gedanke: „Ach du Scheiße, der ist doch selbst grad frisch von der Uni. Was will der uns schon großartig beibringen?“ und ich fand dich erst recht doof“, murmelte er und schaute auf, als Frido abrupt stehen blieb.

„Moment mal…“, runzelte der nachdenklich die Stirn und senkte den Blick dann zu Dominik.

„Du bist mir damals sofort aufgefallen, weil du mich mit fachlichen Fragen regelrecht gelöchert hast, sobald ich meine Vorstellung durch hatte. Ich fand das toll, weil ich dachte, da würde der Eifer und die Wissbegier aus dir sprechen, aber… du wolltest mich einfach nur als Idioten entlarven. Kann das sein?“, hob er die Augenbrauen und der Mund klappte ihm auf, als Dominik wieder mit einem schiefen Grinsen antwortete.

„Ja, das… war in etwa der Plan…“, gab er zu und schaute Frido entschuldigend an, als der fassungslos über diese Eingeständnisse den Kopf schüttelte. So unterschiedlich konnte man das erste Aufeinandertreffen also wahrnehmen und interpretieren… Und zu allem Überfluss konnte Dominik nicht mal ernsthaftes Bedauern vorgaukeln.

„Hey, aber deine Antworten haben mir dann ja gezeigt, dass du gar nicht so ein Blödmann bist, wie ich anfangs dachte!“, ergänzte Dominik zwar schnell, aber genauso fix musste er auch auflachen, als Frido mit einem sarkastischen „Da hab ich aber Glück gehabt!“ antwortete. Sein Lockenkopf war wirklich ein Früchtchen durch und durch. Aber auch eines, das offenbar nicht zu sehr in Ungnade bei ihm fallen wollte.

„Nein, im Ernst…“, strich Dominik über Fridos Brust hinauf, bis seine Hand dessen Wange erreichte und über die leichten Stoppeln streicheln konnte. Sein Grinsen verschwand und machte Platz für ein ehrliches Lächeln, bei dem Frido ihm das Gehörte kaum noch krumm nehmen konnte.

„Ich musste ziemlich schnell merken, dass ich mich da mächtig in dir getäuscht hatte, Frido… Durch deine Antworten auf meine Fragen, durch die Art, wie du uns die Themen näher gebracht hast. Ich dachte vorher, dass du bestimmt nur stumpf irgendwelche Theorie runter beten würdest, aber da hab ich mich geirrt. Du hast so viele Details und Anekdoten einfließen lassen und irgendwie auch einen künstlerischen Blick, den ich total spannend fand. Gut, heute weiß ich, wo der her kommt, aber zu dem Zeitpunkt hat es mich einfach begeistert, wie sehr du Theorie und Praxis miteinander verbinden kannst und in deiner Arbeit aufgehst. Und eigentlich auch, wie du auf uns Studenten eingehst...“, schob er die Hände in Fridos Nacken und betrachtete seinen Freund nachdenklich, während der den Kopf schief legte und Dominik an der Hüfte zu sich zog.

„Eigentlich?“, wiederholte er das für ihn prägnanteste Wort aus dem letzten Satz und der Jüngere nickte.

„Ja… wenn dein Fanclub nicht gewesen wäre. In den Pausen nichts anderes, als das Gelaber darüber, wie gut du duftest, wie toll dir dein Hemd an dem Tag wieder saß und wie knackig dein Arsch in der Hose war. Und weil du zu allen immer so nett bist, haben die Mädels sich ständig irgendwelche Vorwände gesucht, um deine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das ging nicht nur mir auf den Geist, aber…“, senkte er den Blick und biss sich auf die Unterlippe.

„Aber nach ein paar Wochen hab ich gemerkt, dass ich dieses Getue vor allem deshalb ätzend fand, weil… weil ich mich nicht viel anders verhalten hab, als sie… Ich war vielleicht nicht so auffällig wie sie, aber im Endeffekt….“, zuckte er leicht die Schultern und seufzte aus, als Frido ihn bat, weiterzusprechen.

„Im… im Endeffekt hab ich mich auch immer wieder dabei erwischt, wie ich dich beobachtet hab. Statt mit dem Kopf voll bei der Uni und beim Unterricht zu sein, hab ich mich gefragt, wie es wohl wäre, dir das Hemd aufzuknöpfen oder wie es sein muss, dich zu küssen. Und… wenn du mir in einem Gespräch mal auf die Schulter geklopft hast, hatte ich davon eine Gänsehaut und musste mir im nächsten Moment wieder bewusst machen, dass du ja bei all deinen Studenten eher so eine kumpelhafte Art an den Tag legst“, schüttelte er leicht den Kopf und schluckte, während er an diese Zeit zurückdachte. Er schloss die Augen, als Frido die Hand an seine Wange legte und schmiegte sich in die Wärme seiner Finger.

„Deswegen hast du dich auch so zurückgezogen… Nicht nur von mir, sondern auch von den anderen“, murmelte Frido und Dominik nickte leicht.

„Mit den meisten Kommilitonen hab ich, abgesehen von irgendwelchen Pflichtsachen, ja nicht viel am Hut. Und da Susi als Einzige so was wie eine Freundin für mich ist und auch zu deinem Fanclub gehört… Ich konnte ihr ständiges Palaver über dich rgendwann einfach nicht mehr ertragen. Da wars einfacher, allein zu sein“, antwortete er und schmunzelte leicht, als er die Augen öffnete und Fridos verdutzten Blick sah.

„Die auch?!“, verzog der das Gesicht bei Dominiks Nicken und seufzte aus.

„Und ich dachte, sie wäre einfach nur eine Labertasche… das wird ja immer besser...“, legte er das Kinn auf Dominiks Schulter ab, während der ihm die Haare kraulte und leise lachte.

„Du hast echt keine Antenne für so was, oder?“, amüsierte der Jüngere sich, um dann etwas stiller zu werden, als Frido ihm ins Ohr flüsterte.

„Stimmt…“, murmelte er, wobei er Dominik fester an sich zog.

„… für so was hab ich keine Antenne, aber ich hab ganz gute Ohren“, küsste er seinen Hals und zwinkerte Dominik zu, als der ihn verdutzt anschaute.

„Was meinst du?“, fragte er und wurde dann rot, als er Fridos Antwort hörte.

„Na, dass du vorhin im Gespräch mit Ernest das erste Mal ausgesprochen hast, dass du in mich verliebt bist“, richtete der Ältere sich mit einem Lächeln auf und fasste Dominiks Gesicht, um ihm dieses Mal mehr als nur einen flüchtigen Kuss zu schenken.

12.9.2024: Schwiegerfamilie

„Möchtest du noch was essen?“, fragte Frido, während er die Haustür aufschloss und sie Dominik offen hielt, damit er hindurchhuschen konnte. Der schüttelte jedoch sofort den Kopf, dass seine Haare davon wippten und hielt sich vielsagend die Hand auf den Bauch.

„Danke, aber ich hab mich eh schon überfressen!“, schnaufte er leicht aus, ehe er die Hände an Fridos Seiten legte und sich ein kleines Grinsen auf seine Lippen stahl.

„Im Moment brauch ich eigentlich nur dich. Und vielleicht noch ein kleines Schlückchen zu trinken“, säuselte er, wobei sein Freund natürlich keine Zeit verlor, auf diese Einladung einzugehen.

„Hmm… ich glaub, das lässt sich organisieren“, hing er an Dominiks Lippen, um dann seine Hand zu fassen und ihn die letzten paar Stufen zu seiner Wohnung mit zu ziehen. Wie gut, dass sein Sofa jetzt nur noch weniger Meter entfernt war! Und doch rückte es erst einmal in unerreichbare Weiten, als er die Wohnungstür öffnete.

„Da bist du ja endlich!“, stand Juli schon im Flur, kaum, dass Frido ihn betreten hatte und ihr hibbeliges Grinsen verriet ihm sogleich, dass es für ihn und seine erhoffte Zweisamkeit nichts Gutes bedeuten konnte.

„Hi Schwesterherz“, zog er sich seine Schuhe aus, während Juli auch Dominik einen aufgeregten Gruß zukommen ließ und regelrecht darauf zu lauern schien, dass ihr Bruder auch die Jacke an ihren Platz gehängt hatte.

„Ich hab großartige Neuigkeiten!“, tuschelte sie dabei bereits und ihre Stimme nahm einen piepsigen Ton an, weil sie ihr Jauchzen kaum unterdrücken konnte. Frido aber seufzte und hob abwehrend die Hand.

„Was auch immer es ist: Können wir das nicht morgen besprechen? Es ist spät und Dominik und ich würden es uns jetzt gern gemütlich machen“, murmelte er, aber Juli sah seine Geste eher als Einladung, seine Hand zu packen und ihn mit in die Küche zu zerren. Er verdrehte die Augen, seufzte abermals und warf Dominik einen Blick zu, während der schmunzelnd und Schultern zuckend hinterher trottete. Juli aber feuerte ihren Bruder mit einem „Komm schon! Komm!“ an, als wäre er ein Ochse, den sie einen Berg hinauftreiben wollte.

„Ich hab großartige Neuigkeiten!“, wiederholte sie dann, als sie in der Küche standen und Dominik die Tür schloss, wohingegen Frido mit einem deutlich weniger enthusiastischen „Sagtest du schon“ antwortete.

„Also, was gibts so Dringendes?“, schlenderte er zum Kühlschrank und holte zwei Wasserflaschen heraus. Wenn er eh schon hier war, konnte er sich auch gleich darum kümmern.

„Ich kann zum 1. einziehen!“, rief Juli in einer Tonlage aus, die Gläser zum springen bringen konnte und Frido einen Tinnitus bescherte. Dabei klatschte sie wie ein zu stark aufgezogenes Spielzeugäffchen mit Becken in die Hände und hüpfte auf der Stelle, als sei sie der Duracell Hase.

„Ist das nicht großartig?!“, kicherte sie, während er einige Male blinzelte und langsam die Wasserflaschen auf der Arbeitsplatte neben dem Kühlschrank abstellte.

„Noch mal…“, murmelte er, als er die Kuhlschranktür schloss und hob verwundert die Augenbrauen, weil die Info, die er erhielt, noch immer die gleiche war.

„Ich kann nächsten Monat einziehen! Mein Vermieter hat sich vorhin gemeldet und Bescheid gesagt, dass die Renovierungsarbeiten früher fertig werden, als gedacht! Bei einer der anderen Wohnung spielen wohl die Lieferzeiten für irgendwelches Material nicht so mit, weshalb sie meine grad vorziehen!“, rief sie aus und fiel ihrem Bruder um den Hals, als der endlich die Hände wieder frei hatte.

„Oh!“, war der einen Moment sprachlos, ehe er Juli ebenfalls umarmte und ihr dann mit einem warmen Lächeln seine Glückwünsche mitteilte.

„Das sind ja gute Nachrichten. Und du hattest neulich noch Angst, dass sich die Renovierung ewig raus zieht“, rieb er ihr den Rücken, bis sie ihn los ließ und freudig in die Hände klatschte.

„Ja! Und du hast jetzt bald deine Bude wieder für dich! Und dein Bett! Ist das nicht herrlich?!“, wippte sie auf den Füßen und strahlte ihn auch dann noch an, als er sie nach ihren Möbeln fragte.

„Ich hab Tim schon bei unserem Auszug gesagt, dass ich die Sachen, die ich damals mitgebracht habe, auch zurück haben will. Er soll also gar nicht versuchen, sich zu weigern, sonst mach ich ihm die Hölle heiß! Und das weiß er auch! Abgesehen davon hab ich schon mit Mama gesprochen, dass ich meinen alten Kleiderschrank holen möchte. Der steht ja noch auf dem Dachboden. Wäre nur die Frage, ob sich vielleicht ein großer kräftiger Kerl finden lässt, der sich als Möbelpacker anbieten würde“, tippte sie Frido mit einem schelmischen Grinsen auf die Brust und klimperte zuckersüß die Wimpern, als Frido die Augen verdrehte.

„Möbelpacker kann man mieten, Schwesterherz…“, murmelte er, um sich dann aber doch geschlagen zu geben .

„Meinetwegen, aber wenns unter der Woche ist, kann ich erst nach den Seminaren“, seufzte er aus und verdrehte abermals die Augen, als Juli ihn noch einmal herzte.

„Du bist der Beste!“, jubelte sie und erntete dafür ein „War ich schon immer. Vor allem, wenn deinen Willen bekommen hast“.

Frido verschränkte die Arme vor der Brust, als Juli von ihm abließ und hob eine Augenbraue. Doch seine Schwester sah die Unterhaltung an dieser Stelle längst für beendet an.

„Das wollte ich dir vor dem Schlafengehen unbedingt noch erzählen! Aber jetzt muss ich auch ins Bett. Morgen früh ist die Nacht rum!“, verpasste sie Frido noch einen Schmatzer auf die Wange und huschte dann zur Küchentür – aber nicht, ohne auch Dominik in ihrem Freudentaumel kurz um den Hals zu fallen.

„Gute Nacht ihr Zwei!“, trällerte sie dann und bekam von Frido ein „Weck die Kleine nicht“ zu hören, das Juli sichtlich nur schwer umzusetzen wusste. Sie biss sich auf die Lippen und ging wippenden Schrittes zur Schlafzimmertür, die sie erst öffnete, nachdem sie einige Male tief durchgeatmet und sich ausgiebig geschüttelt hatte. Geschüttelt wurde bei diesem Anblick aber auch Fridos Kopf, der mit einem Seufzen zu Dominik meinte, dass dies noch die harmlose Variante sei.

„Jetzt stell dir vor, wie das erst ist, wenn sie Kaffee oder Cola hatte“, griff er die Wasserflaschen und verschwand mit seinem Freund im Wohnzimmer, kaum, dass die Schlafzimmertür hinter Juli geschlossen war. Dominik aber amüsierte das ganze Szenario.

„Sie freut sich halt“, grinste er und lachte auf, als Frido mit einem Hauch Sarkasmus meinte: „Ja, vor allem, dass sie mich als Packesel einspannen kann“. Dominik aber zuckte die Schultern und stellte seinen Rucksack neben der Tür ab, ehe er seine Jacke über einen Stuhl daneben hängte.

„Da bist du doch mit bei, ob du zusagst oder nicht“, meinte er, während er seinen Pullover auszog und zum Sofa hinüberging, wohingegen Frido die Wasserflaschen bereits auf dem Wohnzimmertisch abstellte und sich sein Hemd aufknöpfte.

„Stimmt schon… Ich will aber auch sicher sein, dass alles klappt und dass die Kleine einen möglichst reibungslosen Umzug hat. Irgendwelche Scherereien mit unzuverlässigen Helfern oder ähnliches braucht keiner. Lilli wird eh nicht gerade positiv reagieren, also muss man den Rest ja nicht noch schlimmer machen“, warf er im Gegensatz zu Dominik seine Klamotten einfach auf den Boden und schlurfte dann in Unterhose an ihm vorbei, um noch kurz im Bad zu verschwinden.

„Frido?“, sagte der Lockenkopf, als der Angesprochene bereits die Tür erreicht hatte und sich dann fragenden Blickes zu ihm umdrehte.

„Bist n guter Onkel und n guter Bruder“, lächelte er, was Frido mit einem schiefen Grinsen und einem „Und manchmal etwas zu gutmütig“ beantwortete. Ein wenig seltsam war die Vorstellung schon, dass er bald nicht mehr aufpassen musste, nicht auf irgendwelches Kinderspielzeug zu treten oder dass sein Kühlschrank nicht mehr vor Produkten auseinanderplatzte, von denen er die Hälfte eh nicht aß.

„Ich kann bald wieder in meinem eigenen Bett schlafen…“, murmelte er, als er bereits wieder im Wohnzimmer war, es sich auf der Couch gemütlich gemacht hatte und Dominik gerade vom Zähneputzen zurückkehrte. Der schlüpfte noch aus seiner Jeans und kletterte dann in Boxershorts und T-Shirt auf das Sofa, um sich zu ihm zu legen.

„Ja, aber so richtig begeistert wirkst du nicht darüber. Wärs dir lieber, wenn sie nicht ausziehen würden?“, legte er eine Hand und den Kopf auf Fridos Brust, während der seinen freien Arm um Dominik schlang und den anderen als Kopfkissen nutzte. Er schaute an die Decke und schüttelte leicht den Kopf.

„Nein… kam jetzt nur etwas überraschend, dass es dann doch so schnell vonstatten geht. Ich mein, die sind jetzt seit fast einem halben Jahr hier und die Vorstellung, dass ich die Wohnung in ein paar Wochen wieder ganz für mich hab, ist einfach noch etwas ungewohnt. Bis zum 1. ist es ja nicht mehr so lange hin“, murmelte er und spürte Dominiks Nicken.

„Aber du kannst sie ja jederzeit sehen. Hast du nicht gesagt, dass es mit dem Rad gerade mal ne viertel Stunde ist?“, fragte er, was Frido ein kleines Lächeln zauberte.

„Stimmt… aber sag meiner Schwester bloß nicht, das sich sie vielleicht ein bisschen vermissen könnte!“, schäkerte er, ehe er sich zu Dominik beugte und ihn küsste.

„Werd ich nicht“, versprach der und rutschte etwas höher.

„Dann sind wir demnächst ganz ungestört“, strich Frido Dominik durchs Haar und begann immer mehr die Vorteile an Julis Auszug zu erkennen, bis sein Lockenkopf allerdings die aufkeimende Stimmung mit seinem Kommentar zerstörte.

„Hmhm oder es geht ihr wie dir und sie steht jeden Abend auf der Matte“, grinste er und lachte, als Frido sich mit einem Seufzen zurück nach hinten sinken ließ.

„Viel schlimmer: Ich seh schon kommen, wie ich die Kleine jeden Abend zu Mama zurückbringen muss!“, murrte er und schüttelte den Kopf, während Dominik ihm sachte über den Bauch strich.

„Sag mal…“, wurde der dann etwas ernster und presste leicht die Lippen zusammen, ehe er sich traute, seine Frage laut auszusprechen.

„Warum ist Juli überhaupt mit ihrem Mann auseinander?“

Unter seinen Fingern wölbte ein tiefer Atemzug Fridos Bauch, ehe er mit dem Ausatmen wieder zusammen sank. Er stützte sich auf die Ellenbogen und schaute Dominik an, während er zu überlegen schien, wie er die Geschichte zusammenfassen sollte.

„Ich glaube, auseinandergelebt triffts am besten“, murmelte er nachdenklich und hob die Schultern.

„Vielleicht war es in dem Fall auch einfach keine so gute Idee, dass sie und Tim sich nach der Hochzeit keine eigene Wohnung genommen haben, sondern Juli zu ihrer Schwiegerfamilie gezogen ist. Seine Mutter hat zwar was Fürsorgliches an sich, aber das ist manchmal auch sehr bevormundend und damit kam Juli von Anfang nicht so gut klar. Zumal… ehrlich gesagt hängt Tim auch noch ziemlich an ihrem Rockzipfel und generell war die Schwangerschaft dadurch schon nicht ganz einfach, aber die Zeit danach erst recht nicht. Insgesamt gings Juli nicht so gut und dann musste sie sich ständig irgendwelche klugen Ratschläge anhören. Die waren ja vielleicht gut gemeint, aber ihr wurds zu viel. Vor allem, weil Tim sich oft auf die Seite seiner Mutter stellte und alles in allem hat Juli irgendwann gesagt, dass sie das zu sehr erdrückt. An dem Punkt hatte sie sich auch wohl schon zu sehr von ihm entfremdet, um noch darauf einzugehen, dass er mit ihr dann eine eigene Wohnung suchen wollte. Sie sagte, sie hat einfach gemerkt, dass es nicht mehr passt und da hätte der Umzug dann auch nichts mehr geändert“, setzte er sich auf und legte einen Arm auf seinem Knie ab, während er sich mit der anderen Hand auf der Matratze abstützte.

„Und sie hat jetzt das alleinige Sorgerecht?“, fragte Dominik, aber Frido schüttelte den Kopf.

„Eigentlich nicht. Eigentlich teilen sie es sich, aber im Moment ist es für Lilli besser, dass sie nicht ständig zwischen den Wohnungen hin- und herpendeln muss. Selbst, wenns nur ne Stunde Autofahrt ist… Sie schläft so ja schon sehr unruhig und man merkt einfach, dass sie gerade etwas mehr Konstanten in ihrem Leben braucht. Deshalb kommt Tim regelmäßig zu Besuch und dann unternehmen sie was zusammen. Auf Dauer wollen sie ein Wechselmodell versuchen, aber im Moment soll Lilli sich erst mal richtig in der neuen Situation eingewöhnen. Wie gesagt, wird bestimmt auch noch mal spannend, wenn sie hier ausziehen“, hob er leicht die Schulter und nickte, als Dominik fragte, ob Tim die Begleitung gewesen sei, mit der er Juli und Lilli vor ein paar Tagen aus dem Haus hatte gehen sehen.

„Genau, an dem Tag sind sie in den Tierpark“, sagte Frido und lachte ertappt auf.

„Ach, darum wolltest du unbedingt mit mir über die Kirmes, als ich vorgeschlagen hab, dass wir uns den Park auch mal ansehen. Du wolltest ihnen aus dem Weg gehen!“, schmunzelte er und Frido ließ sich zurück nach hinten sinken.

„Irgendwann können wir ja gern auch mal einen Familienausflug machen, aber im Moment bin ich gern auch mal ein bisschen mit dir allein“, raunte er, während er Dominiks Arm fasste und seinen Freund an sich zog.

13.9.2024: Sushireis

Bruder und Schwester standen einander zugewandt in der Küche. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt, er stützte sich auf der Arbeitsfläche ab, aber beide betrachteten dasselbe: Einerseits das, was sie gerade in mühevoller Arbeit und mit vielen unterdrückten Flüchen auf die Teller gezaubert hatten und andererseits die Bilder im Kochbuch, wie ihr Ergebnis eigentlich hätte aussehen sollen.

„Muss das so?“, musterte Juli den selbstbetitelten „Unfall aus Reis, Gemüse und Norblättern“, während Frido seinen Blick über das Chaos in der Küche wandern ließ.

„Ja, ich glaub schon. In dem letzten Abstand steht extra, dass bei der Zusammenarbeit mit kleinen Kindern darauf zu achten ist, dass nur die Hälfte des Sushireises auch wirklich in den Rollen landet, weil die andere Hälfte gleichmäßig auf Haare, Gesicht und Klamotten des Kindes verteilt werden soll“, antwortete er in fachmännischem Ton, während sein verzweifelter Gesichtsausdruck verriet, dass er fürs Aufräumen der Küche gerade mindestens so viel Zeit einplante, wie für die Zubereitung ihres verunglückten Sushis.

„Zieht nicht so ein Gesicht, ihr zwei. Bestimmt schmeckts gut!“, schien Dominik unter den Erwachsenen gerade der Einzige, dem noch etwas von seiner Zuversicht geblieben war – oder es fiel ihm einfach nur leichter, in Lillis Gegenwart gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Denn während das Geschwisterpaar die kleine Köchin irgendwann hatte aus ihrem Dienst entlassen müssen, damit nicht auch noch die restlichen Zutaten gleichmäßig auf dem Boden verteilt wurden, war Dominik zu deren Alleinunterhalter geworden. Nun saß er mit Lilli auf dem Boden, verfütterte den verteilten Reis an ihr Kuscheltier und zeigte sich immer wieder aufs Neue fasziniert davon, wie viel Herr Hase in seinen plüschigen Bauch bekam.

„Ist er immer noch nicht satt?“, wunderte er sich und erhielt ein knappes, aber bestimmtes „Nein!“, ehe er selbst den Kopf schüttelte, weil er auch beim vierten Anlauf noch immer nichts von Lillis Reiskuchen mit Fusseln und Staubkörnchen probieren wollte.

„Sieht wirklich lecker aus, aber ich kann leider nicht so viel essen wie Herr Hase“, log er bedauernd und grinste, als Lilli dann weiter gutmütig ihr Kuscheltier fütterte.

„So, ich glaub, bevor Herrn Hase das Essen gleich aus den Ohren wieder raus kommt und ich ihn wirklich noch in die Waschmaschine stecken muss, bring ich meine Tochter mal ins Bett“, seufzte Juli bei diesem Anblick und stieß Frido den Ellenbogen in die Seite, als der sich einen kleinen Kommentar dazu erlaubte.

„Wieso? Steck doch einfach beide in die Waschmaschine“, grinste er und schaute Juli dann dabei zu, wie sie Lilli davon überzeugen wollte, sich von ihrem neuen Spielkameraden zu trennen.

„Will aber noch nicht ins Bett!“, protestierte die natürlich und zog sogleich eine Schmollschnute, die aber schnell verschwand, als Dominik sie an den Seiten fasste und anfing, sie durchzukitzeln.

„Hey, ich mach dir einen Vorschlag: Wenn du jetzt in die Wanne gehst und dann schön schläfst, helf ich dir morgen wieder dabei, Herrn Hase zu füttern, okay?“, schlug er einen Kompromiss vor, den Lilli jauchzend annahm – vielleicht auch, weil er sie dabei noch immer kitzelte.

„Na gut, dann mal los!“, hob Juli ihre Tochter schnell auf den Arm und trug sie ins Bad, ehe die nächste Protestwelle im Anmarsch war. Frido aber grinste Dominik an, als der aufstand und sich einige verirrte Reiskörner vom Pullover strich.

„Du kannst echt gut mit Kindern. Die Kleine hat schon einen Narren an dir gefressen“, stellte er fest, nachdem die bisherigen Aufeinandertreffen von Nichte und Freund bisher immer reibungslos und zumeist zur Erheiterung der kleinen Dame ausgefallen waren.

„Na ja, ich war ja auch mal klein“, nahm Dominik das Lob hingegen mit leichtem Schulterzucken zur Kenntnis und meinte, dass er Lillis Alter noch relativ einfach zu händeln fand.

„Notfalls wird einmal gekitzelt und schon sind sie wieder happy. Ich find ältere Kinder da mitunter echt schwieriger zufrieden zu stellen, wenn ihre Laune erst mal im Keller ist“, grinste er und betrachtete Fridos und Julis Kochexperiment nun von Nahem. Seine Augenbrauen wanderten nach oben und langsam legte er den Kopf schief.

„Was hat das arme Essen euch denn getan?“, schnappte er sich dann eines der Gurkenstücke, die übrig geblieben waren und mümmelte es.

„Wenn ich vorher gewusst hätte, dass es so ausartet, hätte ich Juli vorhin gesagt, dass wir heute alle Reisbrei kriegen und nicht nur die Kurze. Dann wären wir schon satt und zufrieden und meine Küche würde nicht aussehen wie ein Saustall“, seufzte Frido und öffnete bereitwillig den Mund, als Dominik ihm ein Stück Möhre anbot.

„War aber auch sehr optimistisch von euch, dass ihr echt dachtet, sie würde nach dem Abendessen direkt schlafen gehen und euch nicht noch helfen wollen“, grinste der und Frido rollte mit den Augen.

„Ganz ehrlich? Nachdem sie an den Noriblättern geschnuppert hat und meinte, dass das total ekelig riechen würde, wär ich nicht auf die Idee gekommen, dass sie trotzdem noch mitmischen will…“, murmelte er und schüttelte den Kopf über seine eigene Naivität.

„Na ja, glücklicherweise hat sie erst ihr Abendessen bekommen, bevor wir uns um unseres gekümmert haben. Sonst hätte das noch spaßig werden können“, schmunzelte Dominik stattdessen und lachte über Fridos Gesichtsentgleisung.

„Hungriges Kind und Sushi selber machen?! Da hätte Juli aber allein gucken können, wie sie das auf die Reihe kriegt! Fand die Idee ja eh bekloppt, dass sie das unbedingt mal selbst versuchen musste. Nächstes Mal kaufen wir fertiges und gut!“, murrte er und stellte seine Kreationen in den Kühlschrank, um Dominik dann beim Aufräumen zur Hand zu gehen, bis Lilli frisch gebadet im Bettchen landete und die drei Erwachsenen endlich einen entspannten Abend einläuten konnten. Mitsamt der Erkenntnis: „Unser Sushi sieht war nicht sonderlich appetitlich aus, aber essen kann mans“.

14.9.2024: Granola

„Mhh…“, mit einem tiefen Seufzen ließ er sich in seinen Stuhl sinken, schloss die Augen und genoss den Geschmack seines Frühstücks. Endlich ein paar Minuten Ruhe und vor allem endlich die Gelegenheit, um etwas zu essen. Sein Magen hing ihm bereits in den Kniekehlen und er konnte es kaum erwarten, sich den nächsten Löffel voll Müsli zu gönnen, doch genau da störte ein Klopfen an seiner Tür den gerade eingekehrten Frieden.

„Oh, bitte nicht…“, murmelte er und ließ den Löffel in die Schüssel sinken, um dann doch mit einem lauten „Herein!“ zu antworten. Wer wollte denn jetzt schon wieder was, dachte er sich und Erleichterung war kein Ausdruck, als ausgerechnet Dominik den Kopf durch die Tür steckte.

„Hey, stör ich?“, fragte er und Frido forderte ihn sofort auf, einzutreten.

„Du nicht, aber alle anderen grad schon“, scherzte er und genehmigte sich schnell den nächsten Bissen, ehe doch noch etwas dazwischen kommen konnte. Dominik aber schmunzelte leicht über Fridos gehetztes und ausgehungertes Verhalten.

„Wir haben fast Mittag – hast du heut noch nichts gegessen?“, schloss der die Tür hinter sich und schlenderte zum Schreibtisch, um seinem Freund einen Kuss auf die Stirn zu geben und dann überrascht die Augenbrauen zu heben, als gab der zur Antwort wirklich den Kopf schüttelte.

„Sei froh, dass du heute Morgen schon zur Arbeit warst… Die Kleine hat über Nacht Schnupfen und leichtes Fieber bekommen und ab halb sechs die ganze Bude zusammengebrüllt, weil sie so unleidlich war. Und dann hab ich um kurz vor acht auch noch n Anruf bekommen, ob ich kurzfristig einspringen kann, weil die Kollegin Bachmüller sich das Bein verstaucht hat und erst mal zum Arzt musste“, schnaufte Frido aus und murmelte, dass er nicht mal Zeit gehabt hatte, um zum Sport zu gehen. Dominik runzelte die Stirn und strich Frido kurz durchs Haar.

„Als ich heute Morgen gegangen bin, hatte ich Lilli weinen gehört, aber ich dachte, sie hätte nur wieder schlecht geschlafen. Ist aber nichts Ernstes, oder?“, griff er dann Fridos Schlüssel vom Tisch und ging zurück Richtung Tür.

„Nein, Juli meinte, solange es nicht schlimmer wird, besteht kein Grund zur Sorge. Sie bleibt aber heute lieber mit der Kleinen zuhause. Heißt leider auch, dass ich nicht sicher bin, ob wir uns einen Gefallen tun, wenn du nachher mit zu mir kommst… Was machst du da?“, reckte Frido den Kopf und beobachtete, wie Dominik die Tür abschloss, ehe er wieder zu ihm kam.

„Dafür sorgen, dass du mal ein paar Minuten in Ruhe essen kannst“, schmunzelte der und setzte sich Frido gegenüber auf den Tisch, während sein Freund ihm ein schiefes Grinsen schenkte.

„Ist ja löblich, dass deine Tür immer für jeden offen ist, aber der Campus wird es wohl überleben, wenn du dir mal ein Momentchen Ruhe gönnst. Sonst liegst du am Ende noch als nächster flach – ich kenn da einen Arzt, der mal zu mir meinte, dass Stress so was durchaus begünstigen kann“, gab er zum besten und brachte Frido damit zum Lachen.

„Hört, hört! Solche Sprüche ausgerechnet aus deinem Mund!“, bot er Dominik etwas von seinem Essen an und lächelte, als der ohne ein Zögern darauf einging.

„Mh! Was ist denn das knusprige?“, murmelte der, kaum, dass er probiert hatte und war sichtlich angetan.

„Granola. Schmeckt gut, oder? Hat Juli letztens angeschleppt und ich glaube, das behalt ich bei“, grinste Frido, um dann die Augen zu verdrehen, als es schon wieder an der Tür klopfte. Dominik aber legte ihm den Finger auf die Lippen und schüttelte leicht den Kopf.

„Herr Klimlau?“, klopfte es abermals, gefolgt von einem enttäuscht gemurmelten „Ist nicht da…“ als auch das Drücken der Türklinke ohne Erfolg blieb.

„Jeanette kann bestimmt noch einen Moment warten, ehe sie wieder versucht, sich an dich ran zu machen“, flüsterte Dominik und grinste, als Frido von ihm wissen wollte, ob er selbst denn auch noch vorhabe, damit zu warten.

„Hey, die Rede war von Jeanette, nicht von mir“, protestierte Dominik sogleich und fand offensichtlich nicht nur Fridos Frühstück zum Anbeißen, sondern auch ihn selbst. Wenn da nur nicht dieser kleine Hinweis auf das erkrankte Kind im Hinterkopf geschwebt hätte…

„Heißt das eigentlich, dass wir uns dann heut gar nicht mehr privat sehen, wenn die Kleine zur Bazillenschleuder mutiert ist?“, löste er sich mit leichtem Brummen von Fridos Lippen und der Angesprochene zuckte leicht die Schultern.

„Ich fürchte, viel Zeit für uns hätten wir heute nicht… Wenn ich zuhause bin, wird Juli mich bestimmt mit einspannen wollen, dass ich die Kurze betüddel. Und es würd mich auch nicht wundern, wenn sie mich nachher selbst schon mit Schniefnase und Kratzen im Hals begrüßt… Das Wunder ist wohl eher, dass sie trotz Kita bisher größtenteils ohne nennenswerte Krankheiten und Wehwehchen davon gekommen ist – wenn man mal die Windpocken vor ein paar Wochen außen vor lässt“, meinte er, um dann zustimmend zu nicken, als Dominik feststellte, dass Herbst und Winter ja ohnehin die Zeit für Erkältungen und Schnupfen seien.

„Und mit Kleinkind erst recht…“, seufzte der Ältere aus und genehmigte sich einen weiteren Löffel Müsli, ehe er den nächsten seinem Lockenkopf anbot.

„Wie wärs denn eigentlich, wenn wir zu dir gehen? Bisher kenn ich ja nur deinen Briefkasten“, fiel Frido dann plötzlich ein, aber so richtig begeistert schien Dominik von der Idee nicht. Fast ein bisschen ertappt und erschrocken schaute er ihn an, ehe er den Kopf wiegte und seine Schultern hob.

„Ich weiß nicht, ob das so ne gute Idee ist…“, murmelte er und stützte die Ellenbogen dabei auf seinen Oberschenkeln ab, wohingegen Frido fragend die Stirn runzelte.

„Ich hab ja gesagt, dass ich bei einer Bekannten meiner Oma wohne und ich hab da nur mein Zimmer für mich. Bad und Küche darf ich mitbenutzen, aber selbst, um in mein Zimmer zu kommen, hab ich keinen separaten Eingang oder so. Wenn ich abends nach hause komme, kann es also zum Beispiel durchaus passieren, dass sie mir grad im Nachthemd über den Weg läuft oder nebenan im Wohnzimmer so laut ihren Krimi guckt, dass ich ohne meine Kopfhörer zwangsläufig mithören müsste. So wirklich seine Ruhe hat man da also nicht, bis sie ins Bett geht, zumal sie oft auch vorm Fernseher einpennt und erst nachts irgendwann wieder wach wird“, erklärte er und nickte, als Frido ihn fragte, ob er darum sonst auch oft so lange im Atelier sei.

„Ja, ist mit ein Grund. Abgesehen davon, dass ich da alle Materialien und besseres Licht zum Arbeiten hab… Na ja und was meine Vermieterin angeht: Selbst wenn wir ihre Schlafenszeit gut abpassen können, ist da auch noch ihr Dackel. Nerviger kleiner Hackenbeißer, der für jeden Furz anfängt zu kläffen“, zuckte er leicht die Schultern und hob die Mundwinkel zu einem wenig überzeugenden Lächeln an, während Frido bei dem Gehörten tief ausseufzte.

„Das klingt noch anstrengender als mein zweibeiniger Hackenbeißer…“, murmelte der, aber immerhin brachte er Dominik mit dem Ausspruch zum Lachen.

„Da ist was dran! Lilli muss ja eh immer früh ins Bett und Juli hält sich alles in allem auch sehr zurück, wenn ich da bin. Zumindest empfind ich das so, dass sie zwar Spaß an unseren gemeinsamen Abendessen und kleinen Gesprächen hat, sich dann aber auch zurückzieht, um uns Zeit zu zweit zu lassen. Aber bei mir ists ja umgekehrt: Ich hab niemanden für ein paar Wochen bei mir unterschlüpfen lassen, sondern bin selber froh, dass ich das Zimmer bekommen hab. Da kann ich nicht erwarten, dass meine Vermieterin sich nach mir richtet, find ich“, nahm er Fridos Hand und küsste ihre Innenfläche, während der Ältere mit einem traurigen Nicken zustimmte.

„Ja, da ist was dran… und ich würd dich im Moment ungern mit zu mir nehmen. Reicht schon, wenn einer von uns beiden morgen über seine Augenringe stolpert und sich vielleicht noch ansteckt. Das müssen wir uns nun wirklich nicht beide antun“, murmelte er und strich mit dem Daumen über Dominiks Lippen, während er die Hand auf dessen Wange schob. Beide seufzten aus und schauten sich an, wobei Dominik ihm ein dezentes Nicken schenkte und seicht über Fridos Unterarm kraulte.

„Na, dann hoffen wir mal, dass die Kleine wirklich nur einen leichten Schnupfen hat und deine Bude in ein paar Tagen nicht mehr keimverseucht ist. Und bis dahin schleich ich mich einfach so gut es geht in den Pausen hierher“, schlug er dann schließlich vor, was auch Frido im Moment schweren Herzens als besten Kompromiss ansah.

15.9.2024: Verschwörungsmythos

„Ich hab es ja für den Verschwörungsmythos einiger Kollegen gehalten, aber Sie sehen heute wirklich beschissen aus“.

Ein leises Schnauben und den Hauch eines Lächelns konnte dieser Ausspruch ihm entlocken, während er das Hustenbonbon mit seiner Zunge beiseite schob, um Platz für eine Antwort zu schaffen.

„Morgen, Frau Bachmüller. Willkommen zurück. Wie gehts dem Bein?“, drehte Frido den Kopf zu seiner Kollegin und durfte bei deren Anblick auch gleich feststellen, dass das dumpfe Klopfgeräusch keine Einbildung seiner Kopfschmerzen gewesen war, sondern nur der Gehstock auf dem Boden des Flurs.

„Besser als Ihnen, wenn ich Sie mir so ansehe, aber ein paar Wochen darf ich wohl noch dieses hübsche Accessoire spazieren führen. Wenigstens lässt sich der elegante Schwarzton gut auf meine Kleidung abstimmen“, hob seine Kollegin demonstrativ ihren Stock, ehe sie sich wieder darauf abstützte und Frido musterte. Der nickte leicht.

„Wenn jemand das tragen kann, dann Sie“, deutete das Zucken seiner Mundwinkel wieder ein Lächeln an, während sein müder Blick und die Hände in den Hosentaschen auch auf eine gewisse Gleichgültigkeit hindeuten konnten. Zumindest seine Nachfrage zeigte dann aber doch ein wenig Interesse an seiner Gesprächspartnerin.

„Was war das grad mit den Kollegen und irgendwelchen Verschwörungen?“, wollte er wissen und schnaubte bei der Antwort erneut aus.

„Na, dass ausgerechnet der sonst so vor Energie und Elan strotzende Liebling unserer Studentinnen und einiger Kolleginnen heute aussehen soll wie gekaut und ausgespuckt. Ich dachte, da spricht nur der Neid der Kollegen, die bei ihrer Kneipentour gestern zu tief ins Glas geguckt haben und selbst noch halb im Salz liegen. Aber ich geb zu, selbst die machen heute einen besseren Eindruck als Sie, Klimlau“, stützte sie die freie Hand auf ihre Hüfte, wohingegen Frido nur leicht die Schultern zuckte.

„Bin ein bisschen erkältet…“, murmelte er und konnte seiner Kollegin schon am Gesicht ablesen, dass sie dies nicht unkommentiert lassen würde.

„Bisschen ist gut! Sie sehen aus wie der Tod auf Raten! Meiner Meinung nach gehören Sie ins Bett!“, ließ sie ihn mit einem Quäntchen Überheblichkeit wissen, während sie den Kopf über ihn schüttelte und ihn ein weiteres Mal kritisch betrachtete.

„Unterrichten kann ich noch“, zuckte Frido nur wieder die Schultern und lutschte sein Bonbon.

„Apropos unterrichten, danke, dass Sie die letzten beiden Tage für mich eingesprungen sind“, gab es zu Fridos Überraschung neben den Sticheleien auch ein paar nette Worte, die er mit einem Nicken zur Kenntnis nahm.

„Ihre Studenten sind schon fleißig bei der Arbeit“, murmelte er und wendete sich damit endlich wieder dem eigentlichen Grund für seinen Aufenthalt im Flur zu: Einen Blick ins Atelier zu werfen. Emsig saßen dort die Studenten verschiedener Semester an Tischen und Staffeleien und kümmerten sich um Aufgaben oder persönliche Projekte. Einige von ihnen hatte er bisher nur so kurz kennengelernt, dass er nicht einmal deren Namen wusste und über andere wusste er dafür umso besser Bescheid.

„Ist das da vorn nicht der Preuss? Ich dachte, unser Wunderkind fällt aktuell verletzungsbedingt aus?“, trat Frau Bachmüller näher, wenn auch nicht zu nah, an Frido heran und folgte seinem Blick zu Dominik und Susi, die nebeneinander saßen und beide an einem Stillleben arbeiteten. Während die eine direkt auf der Leinwand malte, saß der andere über ein Blatt Papier gebeugt. Sie plauderten dabei und schwatzten. Mal kicherten sie, dann gingen sie wieder konzentrierter zu Werke.

„Er schult aktuell seine schwache Hand“, zog Frido seine eigenen aus den Hosentaschen, um die Arme vor der Brust zu verschränken und reckte das Kinn in Dominiks Richtung, als der wie zur Bestätigung seine Skizze hoch hielt. Sie war krakelig und bei weitem nicht mit seinen sonstigen Fähigkeiten vergleichbar, aber sie stellte auch keine absolute Katastrophe dar. Frido erkannte schnell, dass mit etwas mehr Übung auch diese Hand einiges leisten konnte und immerhin konnte Dominik selber darüber lachen, dass seine Bemühungen bisher noch etwas Kindliches hatten. Schließlich schenkte er Susi nicht nur ein kleines Grinsen, als die offensichtlich eine Bemerkung zu seiner Arbeit abließ, sondern prustete mit ihr so laut los, dass beide von den restlichen Studenten einen genervten Seitenblick für die Störung erhielten.

„Ist ja ganz nett, ihn auch mal so gelöst zu sehen, aber bei dieser eigenwilligen Interpretation einer Obstschale hoff ich ja, dass er bald wieder richtig arbeiten kann. Sonst befürchte ich, dass er nicht mehr lang so viel zu lachen hat“, murmelte Frau Bachmüller allerdings und schüttelte den Kopf, als Frido sich erkundigte, ob sie Dominiks in diesem Semester auch habe.

„Nein, erst nächstes wieder. Und das ist dann auch mein Stichwort! Ich muss ins nächste Seminar. Man sieht sich!“, wendete sie sich dann zum Gehen, ohne zu bemerken, wie Frido ihr einen Moment nachschaute.

„Ja, bis später“, rief er zwar laut genug, damit sie es noch hören konnte, aber das „Dann hat er ja noch ein bisschen Ruhe vor dir. Alte Gewitterziege“ brummte er lieber nur in seine Bartstoppeln. Leider verrutschte ihm dabei auch der mickrige Rest seines Hustenbonbons und bewirkte dadurch das genaue Gegenteil von dem, wofür es eigentlich gut war. In Sekundenschnelle schoss Frido der Hustenreiz durch die Kehle und bestrafte ihn auch dann noch für seine Unachtsamkeit, als der Übeltäter längst ordnungsgemäß heruntergeschluckt war.

„Meine Güte…“, drehte sich dadurch auch nicht nur Susi zur Tür um, als das Gebell ihres Dozenten durch den Flur schallte und alle im Atelier auf den Zuschauer aufmerksam machte.

„Find ich ja schon ein bisschen fahrlässig, dass er so erkältet hier auftaucht…“, schüttelte sie den Kopf, während Dominik seinen Freund schweigend betrachtete.

„Hab vorhin schon von Melinda gehört, dass er heut echt fertig sein soll, aber das war ja noch untertrieben. Will der so nachher unser Seminar abhalten und uns alle anstecken?“, runzelte sie die Stirn und verschränkte die Arme vor der Brust, um dann doch lieblich zu lächeln, als Frido in einer kurzen Hustenpause den Blick hob und feststellen musste, dass er vom Beobachter zum Beobachteten geworden war. Entschuldigend hob er die Hand und ging seiner Wege, um die Studenten nicht weiter zu stören, aber dennoch blieb ihr Interesse an ihm hängen – zumindest das von einigen.

„Ich find ja, der gehört ins Bett“, sanken Susis Mundwinkel wieder hinab und stattdessen schnellte ihr Kopf erschrocken hinauf, als Dominik plötzlich aufstand.

„Weißt du was? Du hast Recht“, meinte er und sie fragte, was er vorhabe.

„Ihm sagen, dass er nach hause gehen soll“, machte er sich auf den Weg zur Tür, wobei Susi ihm ein erschrockenes „Das kannst du doch nicht machen!“ nachrief. Dominik aber zuckte die Schultern.

„Siehst du doch, dass ich das kann“, griff er die Türklinke, wobei Susi fast der Mund offen stehen blieb und ehe sie die Sprache wiederfand, war er auch schon aus dem Raum verschwunden.

„Herr Klimlau?“, ging er seinem Dozenten eiligen Schrittes nach, während der sich in Richtung seines Büros bewegte.

„Später, ich muss zum Kurs“, röchelte der Ältere und räusperte sich, um die letzten Anflüge seines Hustenanfalls in den Griff zu bekommen. Dominik aber zog sich einen Mundschutz aus der Hosentasche, hielt ihn sich vors Gesicht und schloss zu seinem Freund auf.

„Ich muss Sie kurz sprechen. Bitte“, sprach er mit Nachdruck, wodurch Frido mit einem leicht genervten Schnauben stehen blieb und ihn anschaute.

„Was soll die Maske?“, murmelte er, ehe er sich nach kurzer Irritation nach Dominiks eigentlichem Anliegen erkundigte.

„Können wir kurz in Ihr Büro gehen?“, fragte der aber und schmälerte die Augen, als ihm ein Blick zurück zum Atelier wenig überraschend zeigte, dass einige Studenten ausgerechnet jetzt für eine kleine Pause auf den Flur schlenderten.

„Machs doch nicht so spannend…“, seufzte Frido aus und rieb sich leicht das Gesicht, weil durch den Husten auch seine Kopfschmerzen stärker geworden waren.

„Bei allem Respekt…“, begann Dominik laut und gut hörbar für alle Neugierigen, um sie dann wissen zu lassen, dass er das Thema nicht in aller Öffentlichkeit besprechen wolle. Damit schien auch Frido endlich zu begreifen und gab sich geschlagen.

„Na schön… aber nur zwei Minuten. Ich hab echt nicht viel Zeit“, murmelte er und schlurfte die letzten paar Meter zu seinem Büro, um sich fast schon dankbar in seinen Schreibtischstuhl sinken zu lassen, als er es endlich bis dorthin geschafft hatte.

„Was ist denn so Wichtiges?“, seufzte er dann aus, während er sich die Stirn rieb und Dominik fein säuberlich die Tür hinter ihnen zuzog.

„Herr Klimlau, ich find Ihr Verhalten völlig verantwortungslos! Sie haben ne dicke Erkältung und rennen hier in der Uni rum! Finden Sie das gut?!“, sprach Dominik zu Beginn noch laut und deutlich, um dann immer gedämpftere Töne anzuschlagen, je näher er dem Schreibtisch kam.

„Wie bitte?“, blinzelte Frido, ehe er verstand, was sein Freund mit diesem Theater bezweckte und etwas energischer ergänzte: „Dominik, mäßigen Sie sich!“

Der aber legte jetzt eigentlich erst so richtig los.

„Kannst du mir mal sagen, was du hier willst?! Wieso bist du nicht im Bett und kurierst dich aus?!“, glich seine Stimme nur noch einem Zischen und Flüstern, als er sich neben Frido an die Schreibtischplatte lehnte und voller Unverständnis den Kopf schüttelte. Sein Dozent aber runzelte die Stirn und meinte, er solle die Maske vom Mund nehmen, weil er kaum was verstehe. Erst Dominiks Ausspruch, dass er keine Lust habe sich anzustecken, ließ ihn etwas aufhorchen.

„Das ist nur ne kleine Erkältung und ich hab mich vorhin verschluckt. Mehr nicht“, murmelte er und traf damit auf wenig Verständnis.

„Ja, klar, deshalb hast du auch so glasige Augen und bist völlig erschöpft! Hast du Fieber?“, wollte Dominik Fridos Stirn berühren, aber der drehte den Kopf weg und schob Dominiks Hand beiseite.

„Nein, hab ich nicht… War das alles?“, murrte er und verdrehte die Augen, als Dominik feststellte, dass er trotzdem nicht gut aussehe.

„Grüße an Frau Bachmüller. Ich muss jetzt zum Kurs…“, knurrte Frido und wollte aufstehen, aber als Dominik ihm eine Hand auf die Brust legte, hielt er inne.

„Und da auch alle anstecken? Du hast mir gestern Abend selbst geschrieben, wie beschissen es Juli und der Kleinen inzwischen geht und dass sie doch noch beim Arzt waren. Ist also doch nicht ganz so harmlos, was? Aber erzähl mir noch mal, dass ich besser auf mich achten soll! Frido, du bist schlapp und – sorry, wenn ich es so deutlich sage – total verschwitzt und völlig im Arsch! Dir gehts überhaupt nicht gut! Wieso bleibst du nicht zuhause? So hilfst du grad doch keinem!“, hatte der Lockenkopf zwar nicht die Kraft, seinen Freund mit dieser kleinen Geste zurück in den Stuhl zu befördern, aber der ließ sich trotzdem zurücksinken.

„Jetzt sag mir bitte nicht, dass du so unvernünftig bist, weil du mich unbedingt sehen willst“, verschränkte Dominik die Arme vor der Brust und kniff die Augenbrauen zusammen, als Frido zunächst nur leicht den Kopf wiegte.

„Na ja, auch… Wir kommen nicht mal zum Videotelefonieren und chatten nur nebenher ein bisschen. Aber ich will auch meine Kurse nicht ausfallen lassen und außerdem krieg ich zuhause grad eh keine Ruhe. Die Kleine ist unleidlich, die Große ist unleidlich… ich hab die letzten beiden Nächte kaum geschlafen, weil ständig eine gehustet oder geheult hat… okay, geheult hat eher Lilli als Juli, aber du weißt schon, was ich meine… Da kann ich besser hierhin kommen und zwischendurch ein kleines Nickerchen auf meiner Couch machen“, nuschelte er und schloss die Augen, während Dominik einen vielsagenden Blick zu besagtem Zweisitzer an der Wand warf. Er atmete tief durch und griff dann seine Kopfhörer, die er um den Hals trug.

„Hier“, drückte er sie Frido in die Hand und wurde von dem verdattert angeschaut.

„Die sind mit Noise Cancelling. Du schläfst doch eh meist auf dem Rücken, dann dürften sie dich nicht weiter stören“, meinte er und schüttelte den Kopf, als Frido protestieren wollte.

„Nein, kein aber. Desinfizier sie einfach, bevor du sie mir wieder gibst“, grinste er schief und lehnte sich vor, um Frido über die Wange zu streicheln.

„Und du hast definitiv erhöhte Temperatur. Also geh jetzt bitte nach hause und leg dich schlafen, bevors noch schlimmer wird. Oder muss ich erst Ernest herholen?“, drohte er, um dann zu schmunzeln, als Frido erklärte, dass Dominik dabei wohl nicht allzu viel Erfolg haben würde.

„Vergiss es. Das war einer der Gründe, warum er auf keinen Fall in der Allgemeinmedizin stranden wollte: Um während der Erkältungswellen nicht zwangsläufig Kontakt mit den Bazillenschleudern zu haben“, kicherte Frido leicht, ehe das wieder einen Husten bei ihm auslöste. Dominik aber fragte nur trocken, warum ihn das jetzt wenig überrasche.

„Siehst du endlich ein, dass du ins Bett gehörst?“, murrte er und nahm zufrieden zur Kenntnis, dass Frido doch noch klein beigab und nickte.

„Fein, dann bring ich euch auch nachher ne Hühnersuppe vorbei. Und wenn ihr noch was aus der Apotheke braucht, schreib mir einfach ne Nachricht“, stützte er sich vom Tisch ab und hob warnend die Hand, als Frido schon wieder protestieren wollte.

„Keine Widerrede! Meine Vermieterin hat da ein gutes Rezept und das Geld für die Medis kannst du mir auch später noch irgendwann wieder geben. Jetzt zisch endlich ab! Ich geb dir ne viertel Stunde, um dich abzumelden und vielleicht noch kurz was wegen Vertretung zu besprechen und wenn du dann immer noch hier bist, schleif ich dich eigenhändig zum Auto und fahr dich heim!“, stemmte er die Hände auf die Hüften und nickte, als Frido ergeben die Hände hob.

„Okay, okay… ich geh ja“, nuschelte der und konnte sich erstmals zu einem ehrlichen Lächeln durchringen, als Dominik vielsagend erst den Zeigefinger auf die eigenen Lippen unter der Maske und dann auf Fridos legte.

„Gut… und jetzt geh ich gucken, ob die Hyänen immer noch den Flur belagern und sich die Ohren an deiner Bürotür platt drücken oder ob ihnen das dann doch zu blöd war“, seufzte der Jüngere aus und wollte sich abwenden, aber Frido fasste seine Hand und schüttelte den Kopf.

„Ich regle das schon“, murmelte er und rappelte sich auf, um dann als Erster leise an die Tür zu treten und sie mit Wucht aufzureißen.

„Susi? Jeanette? Kann ich Ihnen behilflich sein?“, musterte er die beiden Studentinnen kühl, die dabei zum Vorschein kamen und ihn entsetzt anstarrten.

„Ha...hast du deinen Ohrring wieder gefunden?“, war das Erstbeste, was Susi einfiel, aber Frido schnaubte aus.

„Hören Sie auf mit dem Theater!“, forderte er und kniff leicht die Augen zusammen.

„Sie können sich freuen, dass mein Schädel grad zu sehr dröhnt, um Ihnen die Leviten richtig zu lesen. Aber ich will so was nicht noch mal erleben! Verstanden?!“, erhob er die Stimme und zeigte doch keine Milde, als die beiden Studentinnen sogleich nickten. Im Gegenteil war seine Ansprache damit noch nicht beendet.

„Wenn Sie grad schon hier stehen, können Sie Ihren Kommilitonen von mir ausrichten, dass ich versuche für das Seminar heute Nachmittag noch kurzfristig eine Vertretung zu finden. Der Kurs für die Viertsemester muss heute ausfallen. Und noch was: Nehmen Sie Herrn Preuss mit und verschwinden Sie alle Drei zurück an Ihre Aufgaben!“, knirschte er, um dann auch Dominik einen abweisenden Blick zuzuwerfen.

„Ich hoffe, ich war deutlich genug, dass ich so einen Tonfall von Ihnen nicht noch mal erleben will!“, verschränkte er die Arme vor der Brust und schaute Dominik dabei zu, wie der mit gesenktem Kopf und leisem „Tschuldigung“ an ihm vorbei in den Flur trottete. Seufzend und Kopfschüttelnd guckte Frido den Dreien nach, wie sie sich langsam trollten und nur Dominik es wagte, noch einmal kurz über die Schulter zu blicken. Ein kaum erkennbares Zwinkern schenkte er dem Dozenten, während dem die Mundwinkel zuckten und er Dominik kurz darauf zu Susi murmeln hörte: „Von wegen, der ist immer so nett…“. Sie aber sagte, dass Dominik Herrn Klimlau wenigstens zur Vernunft gebracht habe und stieß Jeanette den Ellenbogen in die Seite, als die meinte, dass dem Lockenkopf dieser Anpfiff ganz recht geschehen sei.

16.9.2024: Trash

Ein befreundeter Arzt hatte Frido Klimlau mal gesagt, dass er ein furchtbarer Patient sei – und das ließ sich nicht nur auf dessen damaligen Zustand nach dem Unfall beziehen. Während er die ersten beiden Tage als Bazillenschleuder noch ganz gut hatte durchstehen können, indem er viel geschlafen hatte, war ihm bereits ab dem dritten Tag fast die Decke auf den Kopf gefallen. Einerseits hatte sein Rücken schon an diesem Punkt vom vielen Liegen geschmerzt, andererseits war jedes Aufstehen aber auch eine Tortur gewesen. Der Körper schrie nach weiterer Ruhe, während der Kopf dachte, er würde durchdrehen. Erst recht, als der Gang zum Arzt unumgänglich wurde und dieser dem Patienten auch nur wieder viel Ruhe verschrieb. Es war, als hätte sich in dem Moment alles gegen Frido Klimlau verschworen gehabt. Also war er eine Woche fast nur ans Bett gefesselt gewesen und hatte sich von Juli irgendwann dazu breitschlagen lassen, wenigstens zusammen in die Glotze zu gucken, um das auch schnell wieder zu verteufeln, weil sie sich als große Trash-TV-Liebhaberin herausstellte. Lilli war in dieser Zeit entweder deshalb zur Nervensäge geworden, weil sie sich über ihre eigenen Symptome beschwerte oder weil es ihr irgendwann schon wieder gut genug ging, um die Erwachsenen mit ihrer Langeweile auf Trab zu halten, aber noch nicht wieder so gut, dass Mama sie auch in die Kita bringen konnte. Einziger Lichtblick in dieser Zeit war Dominik gewesen. Die Nachrichten mit ihm, zwischenzeitliche kurze Anrufe, wenn die beiden Damen des Hauses Frido mal genug Ruhe dafür gönnten und dass er ihnen sogar mehrfach was zu Essen vor die Tür gestellt hatte. Wermutstropfen daran war allerdings gewesen, dass er seinem Freund in dessen ansteckenden Zustand die Lieferung nicht mal persönlich in die Hände drücken wollte, sondern sein Eintreffen immer erst durch das Klingeln an der Tür bekanntgab und dann schon wieder verschwunden war, wenn die geöffnet wurde. Dadurch und weil er Frido selbst in der letzten halben Woche, die der noch wegen milderer Symptome krankgeschrieben wurde, nicht besuchen wollte, hatten sie einander also fast zwei Wochen so gut wie gar nicht gesehen. Es war eine nervenzehrende Zeit gewesen und ein Zustand, den Frido normalerweise mit besonders langen Sportrunden bekämpft hätte. Doch selbst das war ihm ja verwehrt geblieben. Aber nun, an diesem Montagmorgen, hatte der Spuk endlich ein Ende! Selbst, wenn er seine Sehnsucht nach Dominik noch ein wenig länger aushalten musste, konnte er wenigstens seiner zweiten großen Leidenschaft schon wieder nachgehen.

„Übertreibs aber nicht!“, hatte Juli ihm noch gesagt, als sie mit Lilli zur Kita verschwunden war und zehn Minuten später hatte er auch schon im Fitnessstudio gestanden. Natürlich ging er das erste Training nach der Pause etwas ruhiger an, aber allein schon die Anwesenheit in den heiligen Hallen des Körperkults war bereits eine Wohltat für ihn. Bekannte Gesichter, die sich freuten ihn wieder zu sehen, die Geräte, die ihm ein Gefühl von Routine und Normalität gaben und selbst der würzige Geruch, den er an der einen oder anderen Stelle wahrnahm, erfüllte ihn dieses Mal mit purer Freude. Da konnte nicht einmal das graue und trübe Wetter etwas dran ändern, das sich ihm bereits bei seiner Abschlussrunde auf dem Laufband wieder durch die Fensterfront des Fitnessstudios präsentierte – erst recht, als sich dann auch noch ein Lichtblick aus den Menschenmengen hervortat, die größtenteils ungeachtet seiner Aktivitäten an Frido vorbeiliefen. Denn einer von ihnen warf einen besonders interessierten Blick durch die Scheibe und blieb abrupt stehen, als er seinen Dozenten erkannte. Langsam, fast ungläubig schüttelte er den Kopf und es brachte Frido zum Lachen, als er Dominik sogar ansehen konnte, wie er einen tiefen Seufzer ausstieß. Er hob selbst die Hand und bedeutete seinem Lockenkopf zu warten, während er das Laufband hinter sich ließ und in die Umkleide eilte, um seine Sachen zu holen. Schnell verabschiedete er sich im Vorbeigehen von einigen Bekannten und dann hatte er seinen Geliebten endlich wieder bei sich; ohne Scheiben dazwischen und ohne ihn nur über ein kleines Display sehen zu müssen.

„Warst du nicht eigentlich bis gestern noch krankgeschrieben?“, murrte Dominik zur Begrüßung und wirkte wenig begeistert, wohingegen sein Dozent von einem Ohr zum anderen strahlte.

„Hey…“, zog er den Jüngeren in eine kurze Umarmung, obwohl er sich kaum zurückhalten konnte, ihn nicht sogleich stürmisch zu küssen.

„Krankgeschrieben war ich bis Freitag und heute ist Montag!“, grinste er dann und legte kurz die Hand auf Dominiks Rücken, während sie sich auf den Weg zu Fridos Wohnung machten.

„Klar und morgen liegst du wieder flach“, war der Lockenkopf noch immer wenig überzeugt und wollte an seiner Einstellung auch nicht viel ändern, als Frido ihm versprach, sich nicht zu überanstrengen.

„Ich hab nicht mal richtig geschwitzt! Außerdem muss ich jetzt eh wieder fit sein, um beim Umzug zu helfen. Du weißt doch, Mittwochnachmittag ist das große Möbelschleppen angesagt!“, trumpfte der er, aber Dominik hob dafür nur vielsagend seine Augenbraue.

„Komm, sei nicht so grummelig. Ich pass schon auf mich auf, versprochen!“, legte Frido dann den Arm um Dominiks Schultern und gab ihm einen Kuss auf die Schläfe, weil sie endlich die kleine Seitengasse mit weniger Menschenandrang erreichten.

„Ich nehm dich beim Wort. Sonst kannst du dir künftig jemand anderen suchen, der dir Essen liefert“, murmelte der Jüngere und lehnte seinen Kopf leicht an Frido. Er wirkte erschöpft und müde, aber als Frido ihn fragte, ob alles in Ordnung sei, nickte er.

„Ja… Frühschicht halt“, nuschelte Dominik, während er sich über das Gesicht rieb und das Thema lieber zurück auf den Umzug schob.

„Was macht ihr denn in der Zeit mit Lilli? Wird das nicht etwas anstrengend, wenn sie euch währenddessen zwischen den Beinen rumrennt?“, wollte er wissen, woraufhin Frido leicht seufzte.

„Eigentlich wollten meine Eltern für den Nachmittag her kommen und auf sie aufpassen, aber mein Vater muss kurzfristig für einen kleinen Eingriff ins Krankenhaus. Keine Sorge, nichts Schlimmes und eine reine Routinegeschichte, aber Mama will natürlich bei ihm sein. Wir hatten dann kurz überlegt, ob Tim solange auf sie aufpassen soll, aber das wäre Juli an dem Tag zu viel Fahrerei geworden, weil er bestimmt bei sich zuhause sein will, wenn sie die Möbel von dort holt. Also machen wir halt eine Abenteuerreise für die Kleine daraus“, grinste er schief und lachte, als Dominik bemerkte, dass das Unterfangen ganz bestimmt abenteuerlich ausfallen würde.

„Und wenn ich solange her komm und sie bespaße?“, schlug er dann ganz selbstverständlich vor, aber Frido war die Überraschung deutlich anzusehen.

„Echt? Das würdest du machen?“, fragte er.

„Klar, warum nicht? Wir können ja Plätzchen backen… damit sind wir schon mal gut beschäftigt“, meinte er und schnaubte belustigt, als Frido ihn vor Freude an sich zog.

„Danke, das erleichtert uns die Sache wirklich enorm“, strich er Dominik über die Haare.

„Dacht ich mir“, nickte der mit einem Grinsen und nickte abermals, als Frido wissen wollte, ob er heute auch wieder mit in seine Wohnung käme. Konnte es denn noch schöner werden?

„Der Tag wird immer besser! Und keine Sorge: Alle Keimherde sind auch schon wieder entfernt! Am Wochenende haben wir überall klar Schiff gemacht, alle Bettbezüge gewaschen und deine Kopfhörer hab ich – wie versprochen – desinfiziert. Keine Gefahr von Ansteckung mehr. Juli und die Kleine sind heute ebenfalls wieder los. Und das heißt auch, wir haben gleich sogar sturmfrei“, küsste Frido Dominiks Stirn, ehe er sich weiter nach unten vorarbeitete. Der Jüngere aber schmunzelte.

„Dass wir nachher zur Uni müssen, weißt du aber, oder?“, meinte er und schloss leicht die Augen, als Frido die Hände an seine Wangen legte.

„Ja, aber ein bisschen Zeit haben wir noch, bevor wir los müssen…“, raunte der Ältere und konnte es gar nicht erwarten, endlich wieder Dominiks Lippen zu kosten. Doch dabei spürte er nicht nur Dominiks Mund, sondern auch seine Finger, die sich sanft auf seine Unterarme legten und sie kraulten.

„Moment mal…“, löste Frido sich und schaute von Hand zu Hand, um seinen Freund dann verwundert anzublicken.

„Hey, der Verband ist ja ab!“, sprach er das Offensichtliche überrascht aus, wohingegen Dominik nur mit einem Schulterzucken reagierte.

„Joah, seit Anfang letzter Woche schon“, meinte er und schlenderte langsam weiter, während er Frido sagte, dass er nicht stolpern solle, weil der mit seiner Aufmerksamkeit noch immer voll und ganz bei Dominiks Hand war.

„Es ist alles wieder in Ordnung? Tut nichts mehr weh?“, hielt er sie in den eigenen Händen und strich vorsichtig über die Innenfläche, während er die letzten Anzeichen der Wunde betrachtete.

„Alles bestens. Ernest ist auch zufrieden. So zufrieden, wie ein Ernest halt sein kann“, grinste Dominik und wieder zuckte er die Schulter, als Frido ihn fragte, warum er davon in ihren Telefonaten und Chats nichts erwähnt hatte.

„Ist ja nicht so, als hätte ich grad ein Kind entbunden“, scherzte Dominik und webte die Finger in Fridos, wobei sie die Stufen zu Fridos Wohnung erklommen und der den Schlüssel aus der Tasche zog. So eine Neuigkeit und der Lockenkopf ging einfach so darüber hinweg.

„Ich bin froh, dass alles gut verheilt ist. Dann kannst du jetzt endlich wieder richtig loslegen mit der Malerei“, strich Frido ihm über die Wange, als die vor der Wohnungstür hielten und bekam ein zurückhaltendes Lächeln geschenkt, wohingegen Frido seine Erleichterung und Freude kaum in Worte fassen konnte.

„Du hast es wahrscheinlich kaum noch erwarten können, was?“, schloss er die Tür auf und lachte über Dominiks scheinbaren Gleichmut.

„So lang hat es jetzt ja auch nicht gedauert“, zuckte er die Schultern und zog seinen Rucksack aus, während Frido seine Schuhe von den Füßen streifte und die Sporttasche in die Ecke pfefferte.

„Diese Begeisterung!“, frotzelte der Ältere und zog seinen Freund in eine Umarmung, während der schmunzelte.

„Sorry, bin nur müde“, murmelte er und nickte dankbar, als Frido ihn fragte, ob er im Wohnzimmer warten wolle, solange er sich frisch machte.

„Nächstes Mal begleite ich dich, aber heut mach ichs mir in der Zwischenzeit ein bisschen gemütlich“.

„Okay, ich beeil mich. Und wenn du Hunger hast, bedien dich einfach“, gab Frido ihm noch zwei schnelle Küsse, ehe er ins Bad huschte und unter die Dusche sprang. Zu zweit den Wasserstrahl zu genießen wäre zwar noch schöner gewesen, aber er freute sich auch schon darüber, seinen Lockenkopf überhaupt wieder bei sich zu haben. Also verlor er auch keine Zeit. Schnell wurde alles eingeseift und abgewaschen, dann schnappte er sich im Vorbeigehen ein Handtuch, rubbelte erst die Haare einigermaßen trocken, kümmerte sich dann um den restlichen Körper und ignorierte dabei, dass er eine Spur aus Wassertropfen hinterließ.

„Wie versprochen, da bin ich schon wieder!“, hatte seine Rückkehr zu Dominik gerade viel höhere Priorität und doch stellte er fest, dass er noch zu langsam gewesen war. Eingerollt lag sein Freund bereits auf der Couch und bekam nicht einmal mehr mit, dass Frido näher an ihn herantrat.

„Da war aber wirklich jemand müde…“, flüsterte der und zog sachte die Decke über Dominik, ehe er – nun auf Zehenspitzen – zu seinem Schrank schlich, sich in neue Kleidung hüllte und dann vorsichtig mit auf die Couch rutschte. Er legte sich Dominik gegenüber, hielt genug Abstand, um ihn nicht mit einer unachtsamen Bewegung zu wecken und war doch nah genug, um jedes Detail seines hübschen Gesichts betrachten zu können. Die Locken, die es wie immer einrahmten und es teilweise versteckten, die dunklen Augenbrauen, zwischen denen sich eine kleine Falte bildete und die langen Wimpern dazu. Seine Lippen, so zart geschwungen, dass sie zum Küssen einluden und den Betrachter nur schwerlich davon abhielten, sie nicht wenigstens mit der Fingerspitze zu berühren. Frido hörte im Geiste aber auch die Worte, die Dominik manchmal mit solcher Selbstverständlichkeit daraus vernehmen ließ und sah die anderen Dinge, die er stattdessen verschwieg und lieber mit Gesten von sich gab.

„Ich glaub, wenn ich nicht schon in dich verliebt wäre, dann wär ichs spätestens jetzt“, flüsterte er und stützte seinen Kopf auf eine Hand, während er der anderen verbot, sich dem Jüngeren zu sehr zu nähern – wenigstens so lange, wie er ihm diese Ruhe noch gönnen konnte. Sollte er sich ausruhen, anstatt von einem verknallten Impuls geweckt zu werden! Da half es auch, dass Fridos Magen sich meldete und ihn in die Küche trieb, auch, wenn er das Frühstück bei weitem nicht so ruhig und entspannt einnehmen konnte wie sonst. Viel zu sehr drängte es ihn, sich noch ein paar Minuten zu Dominik zu legen und zusätzlich pochte die Uhr darauf, dass sie sich ohnehin bald auf den Weg machen mussten. Also ging er wenig später gut gestärkt und schweren Herzens zurück zu seinem Freund, legte sich wieder neben ihn und begann, seicht über dessen Haare zu streichen.

„Hey, wir müssen bald los… Besonders, wenn du von der Hafenstraße aus noch den Rest zur Uni laufen willst“, murmelte er und rutschte noch etwas näher, um Dominik kleine Küsse auf den Schopf hauchen zu können. Der aber zeigte sich äußerst unwillig. Er legte lieber einen Arm um Frido und kuschelte sich an ihn, statt Anstalten zu machen, aufzustehen. Irgendwas brummte er, das der Ältere gar nicht entziffern konnte, ihn aber trotzdem zum kichern brachte.

„Na schön… fünf Minuten noch“, nahm er Dominik in die Arme und erwischte sich für einen kleinen Moment dabei, dass er über eine spontane Verlängerung seiner Krankmeldung nachdachte.

17.9.2024: Arbeitstag

„Ich hab das Gefühl, der Staub der letzten tausend Jahre klebt an mir“.

Mit schweren Schritten schleppten Juli und Frido sich die Stufen zur Haustür hinauf und nahmen dann noch die verdrießliche Reise bis zur Wohnungstür auf sich.

„Wem sagst du das? Ich hatte gar nicht mehr in Erinnerung, dass der Dachboden so dreckig und staubig ist…“, seufzte Juli, während Frido nickte.

„Und ich nicht, dass dein verdammter Schrank so schwer ist. Sollten wir jemals wieder so eine Umräumaktion machen, dann nur noch am Wochenende oder im Urlaub. Erst n langer Arbeitstag und dann noch diese Packerei... Ich will nur noch unter die Dusche und dann was Essen“, murmelte er, während er sein Handy hervorkramte, weil es vibriert hatte.

„Ich auch… Füße hochlegen und für heute nichts mehr tun… hoffentlich lässt die Maus sich heute gut ins Bett bringen. Für lange Diskussionen fehlt mir grad wirklich die Kraft“, legte Juli den Kopf in den Nacken und wimmerte, während Frido schon jetzt um seine schöne Küche trauerte.

„Die wird bestimmt aussehen wie nach einem Bombeneinschlag“, murrte er schwermütig und nickte ergeben, als Juli meinte, dass sie den Saustall auch am nächsten Tag angehen könnten.

„Dominik hat übrigens geschrieben. Wir sollen leise sein, wenn wir reinkommen“, schob er sein Handy zurück in die Hosentasche und schloss die Wohnungstür auf, während Juli ihm einen skeptischen Blick zuwarf.

„Du willst mir grad doch wohl nicht etwa sagen, dass…“, streckte sie den Kopf an Frido vorbei durch die Tür und ließ ihm dann dennoch den Vortritt. Alles war ruhig und in gedimmtes Licht gehüllt. Nur der Duft frischer Plätzchen schwebte bis in den Flur, um die Ankömmlinge zu begrüßen.

„Wohnzimmer“, murmelte Frido und nickte zur offen stehenden Tür des Raums, den Juli sogleich auf Zehenspitzen betrat. Auch hier brachte nur eine dezente Beleuchtung Licht ins Dunkel und erst, als Juli dem Sofa näher kam, regte es sich darauf.

„Hi“, setzte Dominik sich vorsichtig etwas weiter auf, um die schlafende Lilli in seinem Arm nicht zu wecken. Juli aber war von diesem Anblick so verdattert, dass ihr die Worte fehlten. Sie starrte auf ihr Kind, das den Kopf auf Dominiks Brust liegen hatte und seine – im Verhältnis viel zu großen – Kopfhörer trug. Schweigend hielt er sein Smartphone hoch und zeigte ihr, was er ihre Tochter gerade hören ließ. Juli aber nickte nur, schaute dann zu Frido, der hinter sie trat und schüttelte anschließend verblüfft den Kopf. Frido hingegen grinste und steckte damit auch Dominik an.

„Wolltest du nicht duschen?“, stupste Frido seine Schwester an und riss sie damit aus ihrem Bann.

„Äh.. äh, ja!… Ist es okay, wenn ich noch schnell…?“ fragte sie Dominik mit weit aufgerissenen Augen und klatschte leise in die Hände, als er mit einem „Ja, na klar“ antwortete.

„Bin gleich zurück!“, flüsterte sie und huschte aus dem Zimmer, während Frido näher ans Sofa herantrat und in die Hocke ging.

„Willst du dich dazulegen?“, murmelte Dominik, aber der Ältere musste ablehnen.

„Nachher gerne, aber im Moment bin ich schmutzig und klebe. Wenn das Bad wieder frei ist, bin ich als nächster an der Reihe“, antwortete er und kicherte, als Dominik das Gesicht verzog.

„Ja, okay, dann bleib lieber da“, murmelte er und rümpfte das Näschen, als Frido ihm leicht da rauf tippte.

„Wie hast du es geschafft, sie so müde zu kriegen?“, musterte er dann mit einem seligen Lächeln seine Nichte, um Dominik im nächsten Moment entsetzt anzugucken.

„In den Plätzchen ist Rum und den Rest aus der Flasche hab ich ihr für die nötige Bettschwere gegeben“, sagte der Bierernst, um seinen offensichtlichen Scherz erst einige Sekunden später auch mit einem Grinsen zu unterlegen. Aber Frido schüttelte trotzdem den Kopf.

„Sag so was in Julis Gegenwart nicht mal zum Witz. Die versteht bei dem Thema gar keinen Spaß. Schon als Jugendliche war ihr das zuwider, wenn ihre Mitschüler sich am Wochenende zum Saufen getroffen haben und seit Lilli auf der Welt ist, reagiert sie erst recht empfindlich darauf. In der Kitagruppe gabs letztens wohl ein, zwei Eltern, die nach dem Besuch einer Gartenparty noch mit leichter Fahne beim Elternabend waren und sie hat sich da tierisch drüber aufgeregt“, warnte er seinen Freund, der zwar etwas überrascht wirkte, aber trotzdem sofort mit einem Nicken antwortete.

„Okay, wusste ich nicht… Wie ist das bei dir? Ist das für dich auch ein rotes Tuch?“, fragte er, aber Frido verneinte.

„Sich sinnlos volllaufen lassen ist auch nicht meins, aber mal ein Bierchen oder n Kurzen in Gesellschaft trink ich wohl… Nächstes Wochenende bin ich auf einen Junggesellenabschied eingeladen, da trink ich bestimmt auch ein paar Gläschen. Oh! Wir sind übrigens in dieser schnuckeligen kleinen Bar in deiner Nähe“, schmunzelte er und dachte dann selbst mit einem „Da war ja was…“ an den Dackel von Dominiks Vermieterin zurück.

„Jap, da war ja was“, bestätigte auch Dominik und hob dann den Kopf, als Juli nach wenigen Minuten schon wohlig seufzend und in ihren Bademantel gewickelt zurückkam. Als Mutter hatte sie gelernt, sich auch in Windeseile frischmachen zu können.

„Ich fühl mich wie ein neuer Mensch!“, lächelte sie und klopfte Frido leicht auf den Rücken, als der aufstand und an ihr vorbeiging.

„Bis gleich“, hob er dabei leicht die Hand und genoss es wenige Momente später ebenfalls, sich unter die warme Brause zu stellen und zu spüren, wie die Seife seinen Körper Stück für Stück vom Schmutz befreite. Ob nach anstrengender Arbeit oder einem guten Training: Dieser Moment des Tages war eigentlich immer noch der beste. Obwohl er bei seiner Rückkehr aus dem Bad feststellen durfte, dass noch mehr schöne Momente auf ihn warteten.

„Hey, habt ihr den kleinen Gremlin etwa ungestört ins Bett schaffen können?“, sah er schon bei Verlassen des Bades, dass Juli und Dominik sich inzwischen in der Küche befanden und nahm dann aber noch verdutzter wahr, dass diese nicht wie ein totaler Saustall aussah. Kein dreckiges Geschirr, das sich stapelte, nichts war auf dem Boden verteilt und nur die drei Teller mit verschiedenen Keksen berichteten überhaupt von der Backaktion.

„Gott, sind die gut!“, mümmelte Juli bereits die Plätzchen, während Frido noch immer der Mund offen stand und er fast schon erschrak, als Dominik das Einladung sah, ihn zu füttern.

„Du hast auch noch aufgeräumt?“, murmelte er und hielt sich schnell eine Hand unter das Kinn, damit sie die Krümel auffangen konnte.

„Wir haben zwar fast zwei Stunden gebraucht, weil Lilli immer wieder neues Chaos geschaffen hat, aber ja“, grinste der Lockenkopf und verschränkte leicht die Arme vor der Brust. Zufrieden hörte und sah er, dass auch sein Freund die Rezepte seiner Mutter und Großmutter zu schätzen wusste und sich genussvoll einen weiteren Keks einverleibte.

„Wundert mich, dass ihr das nicht viel zu langweilig war. Bei mir verteilt sie immer lieber alles auf dem Boden, statt beim Aufräumen mitzuhelfen“, nuschelte Frido und Dominik zuckte die Schultern.

„Zwischendurch hatte sie dann auch keine Lust mehr, dann haben wir erst was in ihrem Märchenbuch angeschaut oder mit den Bauklötzen gespielt. Aber ich hab versucht, da irgendwie auch n Spiel aus dem Aufräumen zu machen und immer wieder ein bisschen weiter gerödelt, bis alles fertig war. So gings dann. Und müde bekommen hab ich sie damit auch noch“, meinte er und nickte, als Juli sagte, dass sie sich um diese Sachen meist erst kümmere, wenn die Kleine schon im Bett sei.

„Na ja, ich hatte jetzt ja eh nichts anderes zu tun, aber im normalen Tagesablauf hat man da bestimmt nicht immer die Zeit für“, hob er leicht die Schultern und lächelte, als Juli ihm den Arm tätschelte.

„Da ist was dran… Auf jeden Fall noch mal ein ganz großes Dankeschön für deine Hilfe!“, umarmte sie ihn, ehe sie sich auch noch mal bei ihrem Bruder bedankte und sich dann ins Bett verabschiedete.

„Und die Kekse sind echt mega! Lasst mir bloß noch welche übrig!“, grinste sie und lachte, als Frido meinte, dass er das nicht versprechen könne.

„Nacht, Schwesterherz. Wir sehen uns dann morgen“, schaute er ihr nach, bis sie im Schlafzimmer verschwunden war und zog dann Dominik an sich.

„Da waren heute Abend echt ein paar schöne Überraschungen bei“, rieb er leicht die Nasenspitze an der seines Freundes und betrachtete dann wieder dessen Gesicht, als der anfing zu grinsen.

„Das war der Plan“, meinte Dominik und legte ihm die Hände in den Nacken, ehe er fragte, wann der offizielle Umzug denn stattfinden solle. Leicht zuckte Frido die Schulter und wiegte den Kopf.

„Die nächsten Tage will Juli immer mal wieder mit Lilli zur Wohnung und schon ein paar Sachen mit nehmen… Umzug in kleinen Etappen quasi, damit das nicht so abrupt wie ihr Auszug bei Tim damals abläuft. Die Kleine soll sich langsam eingewöhnen, Zeit dort verbringen und dann schauen wir mal, ob es in einer oder eher zwei Wochen soweit ist. Aber bald hab ich mein Bett wieder für mich. Versprochen“, raunte er und lehnte sich vor, um Dominik zu küssen.

„Klingt vielversprechend“, murmelte der in den Kuss und zog Frido näher an sich, aber bevor ihr Kuss zu intensiv wurde, schob er ihn auch wieder leicht von sich.

„Was ist?“, hob Frido überrascht die Augenbrauen und rieb Dominik leicht über die Seiten.

„Ich… wollte heute Abend gern noch ins Atelier, um meinen Rückstand weiter aufzuholen… ist das okay?“, fragte Dominik und auch wenn Frido sich den Abend anders erhofft hatte, nickte er.

„Klar, das kann ich nachvollziehen“, schenkte er Dominik trotzdem ein verständnisvolles Lächeln und strich ihm über die Wange.

„Neben Plätzen backen und Kind bespaßen war bestimmt nicht viel Zeit für Skizzen und Bilder“, meinte er und brachte beide damit zum Schmunzeln.

„War aber auch ein schöner Zeitvertreib“, schob Dominik die Hände in Fridos Gesäßtaschen, ehe er ergänzte, dass er aber auch nicht unbedingt jeden Tag Kindermädchen spielen wolle. Wieder schmunzelte der Ältere.

„Das kann ich mir lebhaft vorstellen!“, gab er seinem Freund einen weiteren Kuss, von dem er sich nur schwerlich wieder lösen konnte.

„Kommst du denn nachher noch mal her?“, hatte er noch ein wenig Hoffnung auf ein späteres Wiedersehen an diesem Tag, aber Dominiks Antwort überraschte ihn auch nicht.

„Kann ich noch nicht sagen… vielleicht… Rechne am besten nicht damit, okay?“, meinte der und Frido nickte. Er wusste ja, wie lange Dominik manchmal im Atelier versinken konnte…

„Soll ich dich denn wenigstens fahren? Zumindest ein Stück?“, schlug er dann noch vor, aber Dominik lachte von dem Vorschlag auf.

„Ich glaub, du bist heute schon genug gefahren, oder? Ruh dich aus, sonst pennst du morgen am Pult ein“, spöttelte er und zog Frido noch einmal an sich, ehe er sich endgültig aus der Umarmung löste.

„Na ja, so weit ist der Weg zur Uni jetzt ja auch nicht…“, trottete Frido seinem Lockenkopf in den Flur nach, als der seinen Rucksack holte und anschließend die Wohnungstür ansteuerte.

„Wir sehen uns. Spätestens morgen“, beendete der das Thema aber auf seine Weise und brachte Frido schnell mit einem Abschiedskuss zum Schweigen, ehe er noch weitere Gegenargumente liefern konnte.

„Also… schlaf schön“, löste Dominik sich dann mit einem Lächeln von ihm und ging aus der Tür, während Frido ihm noch nachblickte, bis er den Hauseingang hinter sich ließ und dabei murmelte: „Ja… du auch“.

18.9.2024: Berliner

Es war ein später Freitagnachmittag. Mit einem zufriedenen Gefühl klappte er seinen Laptop zu, verstaute ihn in seiner Tasche und schnappte sich im Vorbeigehen die Jacke vom Kleiderhaken an der Wand, um sie sich schwungvoll über den Unterarm zu hängen. Schnell das Licht im Büro ausgemacht und die Tür abgeschlossen, um sich dann in den wohlverdienten Feierabend zu begeben. Viele Studenten und andere Dozenten waren schon längst ins Wochenende gestartet, der Flur wie leer gefegt und einzig in zwei anderen Büros und dem Atelier herrschte noch Betrieb. Wenig überraschend war auch Dominik hier wieder einmal vorzufinden, aber weil noch ein anderer Student im Raum saß, wollte Frido dieses Mal eigentlich stillschweigend weitergehen. Aber dann fing sein Freund seine Aufmerksamkeit doch wieder zu sehr ein.

„N´Abend zusammen“, öffnete der Dozent nach kurzem Zögern die Tür und nickte dem anderen Studenten zu, während er seinen Lockenkopf zielstrebig ansteuerte.

„Hi, Herr Klimlau“, nahm der seine Kopfhörer ab, um sich seinem Dozenten zuzuwenden. Er saß an einem der Tische, hatte sein Skizzenbuch vor sich liegen und war gerade dabei gewesen, seine Hand zu zeichnen. Seine rechte Hand.

„Hallo, Dominik, ich wollte mich nur mal erkundigen, wie es aktuell voran geht“, schob Frido die Hände in die Hosentaschen, während er sich mit dem Po an den Tisch lehnte und erst Dominiks Gesicht anschaute, ehe er das Skizzenbuch betrachtete und dann wieder seinen Studenten.

„Ganz gut. Bisschen eingerostet noch, aber sonst…“, zuckte Dominik die Schultern und nickte leicht, während er bemerkte, wie Frido einen flüchtigen Blick zu dem anderen Studenten warf, der gerade dabei war, seine Sachen zu packen.

„Und Ihre Hand? Wie gehts der inzwischen?“, fragte er dennoch ohne Umschweife. Wieder zuckte Dominik die Schultern.

„Bestens. Alles wieder in Ordnung“, lächelte er schief und schien ein wenig irritiert, als er feststellen musste, dass Fridos Nachfrage wohl nicht nur Geplänkel war, um Zeit zu schinden.

„Mir war nur aufgefallen, dass Sie immer noch viel mit der linken zeichnen…“, murmelte er und verschränkte die Arme vor der Brust, während der trotzdem darauf wartete, dass sie endlich allein wären. Ihm fiel nicht nur auf, dass der andere Student fast fertig gepackt hatte, sondern auch, wie Dominik auf seinen Kommentar hin unwillkürlich die Schultern anzog.

„Ach, das… Na ja, ich wollts mit dem Üben nur nicht wieder einschlafen lassen. Und da mein Bild im Moment eh trockenen muss, ehe ich daran weiterarbeiten kann, hab ich mir gedacht, nutz ich die Zeit halt für ein kleines Training“, lächelte er und deutete zu einer der Staffeleien hinüber, bevor er seinem Kommilitonen nachschaute, der an ihnen vorbeiging und sich mit einem Gruß verabschiedete.

„Ihnen auch ein schönes Wochenende“, wünschte Frido ihm und betrachtete Dominik aufmerksam, als sich ihre Blicke wieder trafen.

„Ist wirklich alles in Ordnung?“, schlug er einen persönlicheren Ton an, als er hören konnte, wie die Tür geschlossen wurde. Dominik aber schmunzelte und rollte leicht mit den Augen.

„Ja, wirklich alles in Ordnung“, seufzte er aus und deutete abermals zur Staffelei.

„Ich hab mir immerhin ein Bild von Da Vinci ausgesucht, um wieder richtig rein zu kommen. Also, wenn der Bacchus nicht zeigt, dass es meiner Hand wieder gut geht, weiß ich auch nicht“, schenkte er Frido ein verschmitztes Grinsen und schüttelte über dessen Sorge den Kopf.

„Du bist nach deiner dicken Erkältung ja auch nicht sofort einen Marathon gelaufen, oder?“, kannte er ein Argument, das Frido durchaus zu überzeugen wusste.

„Ja, hast recht…“, murmelte der und lächelte leicht.

„Wenn ich so drüber nachdenk… ich weiß von früher noch, dass es manchmal schon komisch war, wenn ich nach ein, zwei Wochen Pause den Stift wieder in die Hand genommen hab, aber du hast ja wirklich sehr gut drauf geachtet, bloß kein Risiko einzugehen und dich sogar fast vier Wochen geschont“, nickte er und legte seine Hand auf Dominiks, als der Fridos Unterarm tätschelte.

„Mir gehts gut. Aber es ist trotzdem lieb, dass du dir Sorgen machst“, warf der einen Kontrollblick zur Tür hinüber und stand dann schnell auf, um Frido einen kleinen Kuss zu geben.

„Und mit deinen Aufgaben und Uniprojekten kommst du auch gut voran?“, fragte der dann, ohne dass dabei so richtig deutlich wurde, ob gerade der Dozent oder der Freund aus ihm sprach. Und wenig überraschend antwortete Dominik mit einem „Jap“, einem Schulterzucken und einem Grinsen, als Frido anfing zu lachen.

„Wieso frag ich überhaupt?“, gab er ihm einen Kuss auf den Schopf und schüttelte den Kopf über diese typische Reaktion.

„Ich frag auch gar nicht erst, ob du nachher noch zu mir kommst“, grinste er dann und bemerkte überrascht, dass Dominiks Mundwinkel davon nach unten sanken.

„Tut… mir leid, dass ich grad so viel Zeit hier…“, begann er eine Entschuldigung, bei der Frido sofort abwehrend die Hände hob.

„Hey, so war das nicht gemeint!“, fasste er leicht Dominiks Kinn und lächelte wieder.

„Das war nicht als Kritik gedacht. Natürlich vermiss ich es grad, abends neben dir einzuschlafen, aber ich glaub, du wärst nicht der Dominik, den ich kenne, wenn du dich jetzt nicht wieder hier drin verschanzen würdest“, grinste er und strich mit dem Daumen über Dominiks Lippen.

„Danke, dass du das verstehst…“, murmelte der und brachte Frido damit sogar wieder zum Lachen.

„Ganz ehrlich? Wenn ich jetzt plötzlich wieder malen könnte, würden mich keine zehn Pferde mehr von der Leinwand wegbekommen! Also wenn das einer versteht, dann ich!“, zwinkerte er und strich über Dominiks Wange, als er in dessen Lächeln traurige Züge zu erkennen glaubte.

„Du hast… im Moment einfach ein bisschen was aufzuholen und auf Dauer wird sich das mit uns schon einpendeln. Wir sehen uns ja wenigstens noch hier in der Uni regelmäßig und ansonsten gibts auch noch die Wochenenden“, zuckte Frido leicht die Schultern, während Dominik mit einem leichten Nicken antwortete.

„Apropos… war der Junggesellenabschied heute oder morgen Abend?“, fragte der dann, was Frido ein Stichwort war, um einen Blick auf die Uhr zu werfen.

„Heute und… ich muss jetzt auch langsam los. Wollt mich noch ein bisschen frisch machen und was essen, bevor ich mich mit den Jungs treffe“, murmelte er und grinste, als Dominik fragte, ob das seine Umschreibung für „eine gute Basis schaffen“ war.

„Wie gesagt, ich schieß mich nicht total ab, aber schon ein bisschen was Festes im Bauch zu haben, kann trotzdem nicht schaden“, schmunzelte der Ältere und kaute leicht auf der Unterlippe, als er Dominik betrachtete.

„Was?“, legte der mit skeptischem Blick den Kopf schief und hob die Augenbrauen, als Frido anfing herumzudrucksen.

„Ich… na ja… ich hab nur grad überlegt, ob es seltsam wäre dich zu fragen…“, murmelte er und schob fast schon verlegen die Hände in die Hosentaschen.

„Mich was fragen?“

„Wir haben uns alle teilweise einige Jahre nicht mehr persönlich gesehen und ich kann mir gut vorstellen, dass es nachher ganz schön spät wird. Wenn du nach hause musst, kommst du ja eh an der Bar vorbei und… krieg ich bei der Gelegenheit dann vielleicht einen kleinen Gute-Nacht-Kuss von dir?“, fragte Frido zuckersüß, um dann aufzulachen, als von Dominik wieder eine staubtrockene Antwort kam.

„Mitten vor deinen halb angesoffenen Kumpels, die ich noch nie getroffen hab? Bin begeistert“, hob der eine Augenbraue, während Frido den Kopf schüttelte.

„Ich dachte eher daran, dass du mir ne Nachricht schickst und ich dann kurz raus komme, um frische Luft zu schnappen“, kicherte er, was Dominik mit einem skeptischen Seitenblick quittierte.

„Da guck ich aber vorher durch die Scheibe, wie angeduselt du schon bist“, murmelte er und ließ sich dennoch bereitwillig von Frido küssen, als der sich nach einem flüchtigen Blick über die Schulter zu ihm beugte.

„Na, dann nehm ich mir den vorsichtshalber schon mal mit“, flüsterte er in den Kuss hinein und löste sich dann mit bedauerndem Seufzen wieder von Dominiks Lippen.

„Du musst los, also hau schon ab“, grinste der leicht und legte seine Hand auf Fridos Brust.

„Ja… dann bis später vielleicht“, nickte der Ältere, um sich dann schweren Herzens auf den Weg zu machen.

Er vermisste Dominik schon beim Verlassen des Ateliers, aber trotzdem wurde es ein schöner Abend und eine feuchtfröhliche Nacht. Kaum sah er seine Freunde wieder, war es, als hätten sie sich erst gestern noch getroffen. Sie plauderten über alte Zeiten, über ihr heutiges Leben und künftige Pläne. Sie ließen den baldigen Gatten mehr als nur einmal hochleben, überschütteten ihn mit Glückwünschen und sich selbst mit dem einen oder anderen Tropfen, der daneben ging. Dennoch war es ein rundum gelungener Abend voller Spaß und Freude, der erst durch den Barkeeper beendet wurde, als er um halb eins auch die letzten Stühle hochstellen wollte.

„Gehen wir noch woanders hin?“, stand es zwar kurz im Raum, aber spätestens die Position in der totalen Aufrechten ließ sie merken, dass das nicht mehr die beste Idee wäre.

„Ich bin echt nix mehr gewohnt!“, scherzte der Eine und „Du wirst alt!“ der andere, um dann im Kollektiv festzustellen, dass sie alle gut einen im Kahn hatten und die Aussicht auf ein gemütliches Bett immer verlockender wurde. Also verabschiedeten sie sich von einander; einmal, zweimal, dreimal, bis sie wirklich getrennter Wege gingen – einige im Grüppchen, andere allein – und Frido erstmals wieder an seinen Lockenkopf dachte, als er noch einen Moment vor der Bar stand um sich für den Heimweg zu orientieren.

„Was machst du denn hier?“, sah er dabei allerdings, wie Dominik aus einer kleinen Seitengasse ins Licht einer nahestehenden Laterne trat und sich ihm zu erkennen gab.

„Dich mit nach hause nehmen“, ging er zu seinem Freund hinüber und rieb sich dabei über die verschränkten Arme.

„Wie lang hast du denn da schon gestanden?“, fragte er, aber Dominik griff als Antwort nur seine Hand, um ihn mitzuziehen. Seine Finger waren Eiszapfen.

„Deine Freunde machen einen netten Eindruck“, warf er Frido dabei ein leichtes Lächeln zu und achtete darauf, dass er nicht ins Stolpern kam.

„Oh ja, das sind sie auch!“, strahlte der, um dann etwas enttäuscht festzustellen, dass er sie einander bei dieser Gelegenheit gleich hätte vorstellen können. Dominik aber schmunzelte.

„Genau deshalb hab ich gewartet, bis sie weg waren. Ich lern sie gern mal kennen, aber nicht, wenn ihr dabei alle so angetrillert seid“, hakte er sich bei Frido unter und lehnte seinen Kopf an dessen Schulter. Der musste kurz überlegen, was Dominik mit dieser Aussage wohl meinte, ehe er seine Überlegung vergaß und stattdessen selig über die Nähe zu seinem Freund lächelte. Zumindest, bis ihm eine andere Überlegung kam.

„Was ist mit deiner Vermieterin? Und dem Hund?“, nuschelte er und hob überrascht die Augenbrauen bei Dominiks Antwort.

„Die ist für zwei Wochen bei ihrer Tochter zu Besuch. Mitsamt Hund“, zog er seinen Schlüssel aus der Hosentasche und hielt Frido davon ab, einfach an seinem Haus vorbei zu laufen.

„Hier müssen wir lang“, führte er ihn zur Haustür, brachte ihn irgendwie unversehrt in den zweiten Stock und bugsierte ihn dann in die Wohnung, von der Frido in seinem momentanen Zustand nicht mehr allzu viel mitbekam. Im Gegensatz zu draußen war es hier wunderbar warm und der Alkohol tat sein übriges. Er schaffte es noch, sich die Schuhe und die Jacke auszuziehen und Dominik in dessen Zimmer zu folgen – aber kaum saß er auf dem Bett, überkam ihn auch schon die Müdigkeit.

„Nur kurz Augen zu machen…“, murmelte er noch und sackte ins Kissen, um dann erst wieder am nächsten Morgen vom eigenen Schnarchen geweckt zu werden.
 

Lider und Augenbrauen zusammengekniffen, drückte er sein Gesicht ins Kissen und murrte über die störende Helligkeit.

„Wir haben fast zehn“, konnte ihn erst Dominiks Stimme weiter aus dem Schlummer holen. War sein Lockenkopf gestern doch noch zu ihm gekommen? Langsam öffnete Frido die Augen und drehte den Kopf zur Seite, um seinen Blick über ein fremdes Zimmer schweifen zu lassen. Er lag auf dem Bauch und stützte sich beschwerlich auf die Unterarme, als er die unbekannte Kommode an der gegenüberliegenden Wand betrachtete, daneben die Zimmertür und an der angrenzenden Wand, unterm Fenster, der Schreibtisch, an dem Dominik saß. Er hatte sich ihm zugewendet, die Arme vor der Brust verschränkt und einen Fuß auf dem anderen Bein abgelegt.

„Guten Morgen. Filmriss oder weißt du noch, dass ich dich mit zu mir gebracht hab?“, schmunzelte der, während Frido leicht den Kopf schüttelte und sich mit einer Hand übers Gesicht rieb.

„Nein, so besoffen war ich nicht…“, murmelte er, als zeitgleich seine Erinnerungen immer mehr zurückkamen.

„Du hast vor der Bar auf mich gewartet…“, schaute er Dominik wieder an und blinzelte einige Male, als der nickte.

„Und deine Vermieterin ist bei ihrer Tochter…“, murmelte er, wobei er den Blick nachdenklich durch den kleinen Raum wandern ließ. Abgesehen von dem Bett war dort nur noch der Kleiderschrank – voll gestellt mit zahlreichen Leinwänden, die den Zugang zu den Schranktüren versperrten.

„Jap. Wir sind also ungestört“, stand Dominik auf und ging zu ihm hinüber, um sich auf die Bettkante zu setzen. Aber Frido war noch immer etwas irritiert.

„Warum hast du das denn vorher gar nicht erzählt?“, fragte er und drehte sich auf die Seite, um Dominik besser anschauen zu können und eine Hand auf dessen Bein zu legen.

„Na ja, wirklich einladend find ichs hier trotzdem nicht… Du siehst ja, was ich für ne kleine Hucke hab und der Rest der Wohnung riecht nach Hund und ist total voll gestellt mit Gerümpel und Klimbim. Ich wollt dich heute Nacht aber auch nicht allein nach hause wackeln lassen“, zuckte er die Schultern und schmunzelte, als Frido ihn daran erinnerte, dass sie bei ihm gerade auch nur auf einer Couch nächtigten.

„Die breiter und bequemer als das Bett hier ist“, grinste er und Frido musste ihm zustimmen, dass die ein Meter breite Matratze wirklich nicht ganz so viel Platz bot.

„Hab ich mich sehr breit gemacht?“, fragte er mit schiefem Lächeln und guckte Dominik entgeistert an, als er sagte, dass er nicht mit im Bett geschlafen habe.

„Ich hab gezeichnet, bin irgendwann eingepennt und dann irgendwann wieder wach geworden und hab noch ein bisschen gezeichnet“, zuckte er die Schultern und ging darüber hinweg, als Frido wissen wollte, ob das gerade ein Scherz gewesen sei.

„Willst du erst was essen oder erst duschen?“, stand er wieder auf und ging zu der Kommode, während Frido sich hinsetzte und erst jetzt erkannte, dass er nur noch in seine Unterhose gekleidet war.

„Hast… du mich ausgezogen?“, murmelte er verwundert und schaute auf den leeren Eimer, der neben dem Bett stand.

„Sonst hätte ich deine Klamotten schlecht waschen können. Du hast dir irgendwas übers Hemd und auf die Hose gekippt… Gin oder so“, antwortete Dominik und nickte, als Frido korrigierte, dass es Whisky gewesen sein müsste.

„Und der Eimer?“

„Vorsichtshalber. Hast du aber zum Glück nicht gebraucht“

Der Ältere nickte und streckte die Hand aus, als Dominik ihm eine Zahnbürste hinhielt.

„Danke…“, murmelte er noch immer etwas benommen und stand dann auf, während Dominik ihm erklärte, hinter welcher Zimmertür sich das Bad versteckte.

„Okay…“, ging Frido an ihm vorbei in den Flur und blieb dann aber doch kurz stehen, als sich der Nebel immer mehr lichtete. Dominik hatte in der Kälte auf ihn gewartet, um ihn in Sicherheit zu wissen, hatte seine Kleidung gewaschen und das alles wieder mit solcher Selbstverständlichkeit, obwohl es ihm offensichtlich unangenehm war, ihn mit zu sich zu nehmen…

„Du, ganz im ernst, Danke“, schaute er seinen Freund an, aber der schmunzelte nur und zuckte – wie so oft – die Schultern.

„Von mir sind übrigens das zwei-in-eins-Duschgel und die blauen Handtücher, damit du nicht die falschen Sachen erwichst“, strich er Frido kurz über den Arm, ehe er selbst zum Bett schlurfte. Wieder nickte der Ältere und trottete ins Bad. Er spürte, dass sein Kopf noch immer ein bisschen beduselt war und die Dusche an diesem Morgen darum um so kühler ausfallen sollte. Es war eine Überwindung, den Hahn bei dieser Aussicht überhaupt aufzudrehen, aber es brachte auch die gewünschte Klarheit und alles in allem fühlte er sich viel wacher und frischer, als er nach dem Bad zurückkam. Dabei musste er schmunzeln, weil er sich an ein Ereignis vor ein paar Tagen erinnerte. Wieder lag Dominik zusammengerollt da und hielt die Augen geschlossen, doch dieses Mal öffnete er sie, als er Frido näher kommen hörte.

„Na? Besser?“, grinste er leicht und drehte sich auf den Rücken, während Frido sich neben ihn auf die Bettkante setzte.

„Besser“, nickte der und kicherte, als Dominik lobte, wie gut ihm dessen Handtuch um die Hüften stehen würde.

„Meine Klamotten sind noch nicht richtig trocken“, zuckte er entschuldigend die Schultern und beugte sich zu Dominik hinunter, der einen Arm um Fridos Nacken legte und mit der anderen Hand über seine Seite strich.

„Wie schade…“, murmelte der Lockenkopf und fügte ein kleines „Ups“ an, als er versehentlich das Handtuch löste und es verrutschte.

„Ups…“, bestätigte da auch Frido. So entblößt wurde es ihm doch ein wenig kühl und er legte sich schnell zu Dominik, um die Decke über sie zu schlagen. Dumm nur, dass dem das Ganze etwas zu warm war und er sich erst mal von seinen Klamotten befreien musste. Aber glücklicherweise war Frido ja zur Stelle, um ihm dabei zu helfen.
 

„Das hab ich echt vermisst…“, flüsterte Frido, als sie anschließend einander zugewandt und aneinandergeschmiegt zwischen der zerknüllten Decke lagen, Dominiks Kopf auf seinem Arm ruhte und dessen Finger über seinen Rücken kraulten.

„Den Sex?“, fragte der Jüngere mit einem kecken Grinsen und brachte Frido zum Kichern.

„Ja, den auch…“, beugte er sich runter, um die vom Schweiß noch etwas salzigen Lippen zu küssen und sich dann mit einem leichten Kopfschütteln wieder zu lösen.

„Nein, ich meinte vor allem, einfach so mit dir da zu liegen. Dich im Arm zu halten, mit dir zu kuscheln…“, murmelte er und lächelte, als auch Dominik es tat.

„Ja“, nickte der und kuschelte sich noch etwas näher an Frido, der dabei merkte, dass Dominik ihm seit Tagen das erste Mal wieder so gelöst und entspannt vorkam. Es fühlte sich wie in den ersten Tagen ihres Zusammenkommens an, als Unistress und Arbeitsalltag noch keine Rolle gespielt hatte.

„Dann… haben wir den Tag heute ganz für uns? Oder wolltest du nachher noch ins Atelier?“, fragte Frido darum auch und einen Moment kehrte Stille ein, die allerdings nicht von Dominiks Antwort, sondern dem Klingeln an der Tür unterbrochen wurde.

„Oh, der Postbote!“, sprang Dominik aus dem Bett und griff sich das Handtuch, um sich einigermaßen darin einzuwickeln, während er zur Tür huschte. Frido konnte hören, wie sein Freund was von gutem Timing sagte, weil er gerade auf dem Weg unter die Dusche gewesen sei und ließ dabei den Blick noch einmal durch Dominiks Zimmer wandern. Interesse weckten dieses Mal vor allem die Leinwände am Schrank, selbst, wenn er nur die Bemalung der Seiten erkennen konnte, weil sie ansonsten ihre Rückseiten präsentierten.

„Hatte ich ganz vergessen, dass ich was für sie entgegennehmen sollte…“, murmelte Dominik, nachdem er die Wohnungstür wieder geschlossen hatte und musterte kurz das Päckchen in seinen Händen. Mit einem „Bestimmt wieder Hundespielzeug“ legte er aus einem kleinen Tisch im Flur ab und kam zurück ins Zimmer.

„Gut, dass der nicht ein paar Minuten früher war“, meinte Frido hingegen und lachte, als Dominik sich nur vielsagend räusperte. Er ließ das Handtuch zu Boden sinken und krabbelte zurück ins Bett, um dann interessiert die Augenbrauen zu heben, als Frido langsam begann, eine Frage zu formulieren.

„Weißt du… ich hab mich grad gefragt, ob ich mir die nachher wohl mal angucken darf… Bei der Menge sind das bestimmt nicht nur welche, die du für die Uni gemalt hast, oder?“, murmelte er und fuhr mit dem Finger über Dominiks Schlüsselbein, während der Richtung Schrank schaute, als er die Anspielung begriff.

„Klar, tu dir keinen Zwang an. Drinnen sind noch mehr Bilder“, antwortete er lapidar und wollte von Frido wissen, ob der inzwischen hungrig sei. Aber der schüttelte den Kopf.

„Ein bisschen halt ichs noch aus. Es ist grad so schön gemütlich“, strich er Dominik über die Brust bis zum Bauch und schmunzelte, als der diesen Wink auf seine Weise interpretierte und auf Fridos Schoß kletterte, um dann die Arme um seinen Nacken zu legen.

„Gut, dann können wir ja noch ein bisschen kuscheln“, schien er an diesem Fortgang ihrer Unterhaltung gerade viel mehr interessiert, als am vorherigen Thema und Frido ließ sich nur allzu gern darauf ein.

Umso größer war Fridos Überraschung dann auch, als er nach einer weiteren Runde der Zweisamkeit aus dem anschließenden Nickerchen erwachte – denn Dominik lag nicht mehr bei ihm. Er saß auch nicht am Schreibtisch oder war irgendwo sonst in der Wohnung zu hören. Stattdessen wartete nur ein Tablett auf der Kommode auf ihn – gespickt mit Leckereien zur Stärkung und einem Zettel daneben.

Hey, bin ins Atelier gegangen und wollt dich nicht wecken. Die Tür kannst du nachher einfach hinter dir zuziehen, wenn du gehst. PS: Hier sind die Berliner, von denen du im Schlaf gesprochen hast. Lass sie dir schmecken“, stand darauf und Frido spürte, wie ihn dieses Erwachen schwermütig machte.

„Eigentlich hatte ich von meinem Kumpel aus Berlin geträumt. Und davon, wie du deine Werke in seiner Galerie ausstellst…“, murmelte er und legte den Zettel beiseite, um beim Blick zum Tablett dann doch über Dominiks liebevolle Geste lächeln zu müssen.

19.9.2024: Kichern

Es war das dritte Treffen in Folge und es wurde mit jedem Mal deutlicher. Erst hatte sie sich nur dezent im Hintergrund aufgehalten, doch nun war sie präsenter denn je: Die Stille. Selbst in Fridos schlimmsten Zeiten hatte Ernest ihn nicht so schweigsam gesehen. Sonst brauchte es meist nicht einmal einen konkreten Anstoß, um dessen Gedanken und Gefühle zu erfahren, aber jetzt brachte ihn nicht einmal die gezielte Nachfrage zum Reden. Also nahm Ernest die Stille hin; das Beieinandersitzen und das gegenseitige Anschweigen, das nur dann und wann mal von irgendwelchen Floskeln unterbrochen wurde.

„Ich hab heute übrigens in diesem neuen indischen Restaurant bestellt, über das wir neulich gesprochen haben. Sie bieten auch Lieferungen an – nun, für ein entsprechendes Trinkgeld zumindest – und ich habe sie gebeten, unser Essen zu acht Uhr zu liefern. Das ist dir doch recht, oder?“, fragte Ernest mit einem Blick zur Uhr und stand vom Tisch auf, während Frido noch immer das Schachbrett anstarrte, als würden dadurch die Figuren zum Leben erwachen.

„Ja… klar…“, murmelte er, ohne zu zeigen, ob er den Inhalt von Ernests Worten überhaupt wahrgenommen hatte. Und auch sein Nicken auf die Frage hin, ob er lieber Wasser oder Wein trinken wolle, war nicht sonderlich zielführend.

„Ich habe hier einen ganz edlen Tropfen. Er ist extra mit Uran angereichert, für die besondere Würze. Empfehlung eines Freundes aus der Forensik – möchtest du auch?“, ging Ernest zu seinem Weinregal, zog einen Burgunder hervor und schlenderte zur Schublade mit dem Korkenzieher darin. Er wusste ja ohnehin, was für eine gleichgültige Antwort käme, also braucht er Frido gar nicht erst zu fragen, ob ihm eine andere Sorte lieber wäre. Vermutlich hätte der es ja nicht einmal bemerkt, wenn man ihm drei Tage altes Bier, das bei vierzig Grad im Schatten gestanden hatte, vorgesetzt hätte.

„Ich hab das Gefühl, dass er sich mir entzieht…“.

Ernest stockte in seiner Bewegung und ließ den Korkenzieher sinken. Hatte er sich gerade verhört?

„Willst du mir endlich sagen, was los ist?“, fragte er mit einem Blick zu Frido und jeglicher Sarkasmus war aus seiner Stimme verschwunden. Der Dozent aber schluckte und schien mit sich zu kämpfen.

„Über ihn zu sprechen, als wir noch nicht zusammen waren, war eine Sache, aber jetzt… Ich finds nicht okay, mit dir über unsere Probleme zu reden. Das fühlt sich irgendwie falsch an“, murmelte er und seufzte tief aus, während sein Gegenüber ihn geduldig betrachtete und gemächlichen Schrittes zu ihm ging.

„Kannst du denn mit ihm über eure Probleme sprechen?“, fragte Ernest und Frido schüttelte den Kopf.

„Und es geht gerade auch nicht darum, dass du gern mal eine andere Stellung im Bett ausprobieren würdest, aber ansonsten alles bestens bei euch ist, oder?“, nahm Ernest wieder Platz, um wieder Fridos Kopfschütteln zu betrachten – auch, wenn es dieses Mal von einem irritierten Blick begleitet wurde.

„Nun… ohne zu wissen, was genau vorgefallen ist, wirkt es mir gerade nicht nur nach einer kleinen Lappalie, Friedrich. Besonders, wenn ich bedenke, wie nachdenklich du in letzter Zeit bist“, überschlug Ernest die Beine und nahm seine Brille ab, um sie zu putzen.

„Mit ihm kannst du nicht reden und allein kommst du mit deiner Grübelei offenkundig gerade nicht weiter… Was bleibt dann noch viel anderes übrig, als einen Blick von außen mit rein zu bringen? Und dass ich mit dem, was du mir anvertraust, nicht hausieren gehe, weißt du. Ich bin nur ehrlich überrascht, dass du auf einmal den Eindruck hast, er würde sich von dir distanzieren. Hattest du nicht neulich noch erzählt, dass er dich nach dem Junggesellenabschied sogar zu sich nach hause gebracht hat? Was ist seitdem passiert?“, prüfte er die Gläser der Brille, ehe er sie wieder aufsetzte und den Blick dann zurück auf Frido richtete. Der seufzte aus und strich sich übers Gesicht.

„Eigentlich nicht erst seitdem, aber danach ist es mir umso deutlicher aufgefallen…“, murmelte er. Kurz wiegte er den Kopf und kaute auf der Unterlippe.

„Seit seine Hand wieder in Ordnung ist, hat er sich verändert, aber immer, wenn ich versuche mit ihm zu reden, spielt er es runter. Beziehungsweise… es kommt gar nicht erst soweit, dass wir wirklich reden. Er wimmelt mich immer gleich ab“, rieb er sich Nacken und Hinterkopf und seufzte erneut aus. Unsicher suchte sein Blick den von Ernest und nach langem Zögern entschied er sich, weiterzureden.

„Es ist ganz seltsam… Er ist wie ausgewechselt. Dass er die paar Wochen, die er nicht malen konnte, aufholen will, war mir ja klar, aber wie er sich jetzt benimmt…“, schüttelte er den Kopf und stützte ihn dann auf seine Hand.

„Du hast grad auf den Junggesellenabschied vor einem Monat angesprochen und das war eigentlich das letzte Mal, dass wir wirklich zusammen waren. Weißt du… einerseits holt er mir Berliner, andererseits geht er mir seitdem immer mehr aus dem Weg… ich verstehs einfach nicht“, zuckte er eine Schulter und schaute nachdenklich zur Seite, während Ernest weiterhin geduldig lauschte und ihm die Zeit ließ, die er zum Formen seiner Gedanken und Worte brauchte.

„Er sitzt im Atelier und wenn ich zu Feierabend frage, ob wir uns später noch sehen, dann sagt er erst zu, um dann doch nicht mehr zu kommen und mir am nächsten Morgen zu erzählen, dass er mich nicht wecken wollte. Oder er sagt sofort ab... Privat sehen wir uns eigentlich gar nicht mehr und in der Uni auch nur noch ganz flüchtig. Eine flüchtige Berührung auf dem Flur, wenn wir zufällig gerade allein sind oder dass er in der Pause kurz in mein Büro kommt und mir einen Kuss gibt… Und wenn ich ihn dann frage, ob alles okay ist und wie es ihm geht, meint er, alles sei bestens und wie sehr er sich freue, wieder zu malen. Aber irgendwie glaub ich ihm das nicht… gerade das mit dem Malen“, murmelte er und hob den Blick zu Ernest, der die Daumen aneinander tippte und seinen Blick erwiderte.

„Wie kommts, dass du ihm das nicht glaubst?“, fragte er und Frido zuckte wieder die Schultern.

„Die ganze Art… Ich hätte zum Beispiel gedacht, dass er es gar nicht erwarten kann, dass der Verband abkommt und du ihm grünes Licht gibst. Stattdessen hat er die ersten Tage gar keine Anstalten gemacht, mit rechts zu malen, sondern weiter nur mit links geübt. Er meinte, er wolle die rechte noch nicht wieder zu sehr belasten. Und als er sich dann doch endlich getraut hat, hat er mit dem Abmalen irgendwelcher anderer Kunstwerke begonnen. Großartig gemacht, wie immer! Aber ich hätte gedacht, dass er nach der Pause doch vor Ideen sprühen muss und es gar nicht erwarten kann, sie umzusetzen… Ich hab die letzten Wochen nichts eigenes von ihm gesehen, wenn man die kleinen Übungskritzeleien mit der Linken mal außen vor lässt“, murmelte er und schüttelte leicht den Kopf, wohingegen Ernest seinen schief legte und das Gehörte kurz auf sich wirken ließ.

„Hast du ihn darauf angesprochen?“, fragte er und Frido nickte.

„Ja, mehrfach… er meinte, dass er erst mal wieder reinkommen müsse. Das versteh ich auch, aber… wie viel will er denn noch abmalen? Er macht fast nichts anderes mehr… Soweit ich gesehen hab, hat er mit den eigentlichen Aufgaben, die ihnen bisher gestellt wurden, noch gar nicht richtig angefangen. Ich hatte mir ja die Bilder angesehen, die in seinem Zimmer stehen und das waren alles ältere Werke. Und als ich gehen wollte, fiel mir ein zerknülltes Blatt auf, das neben den Mülleimer gefallen war. Ja, ich geb zu, auf das hab ich geschaut, ehe ich es dann wirklich weggeworfen habe… Da war ne Skizze zu meinem Unterrichtsthema drauf, von der ich bis heute keine Ausarbeitung gesehen hab. Und ich vermute, das war nicht die einzige… Sein Papierkorb war randvoll! Auch, wenn ich natürlich nicht weiß, von wann das alles stammte, was sich da angesammelt hat. Aber es kommt mir trotzdem so untypisch vor. Eigentlich arbeitet er viel mit Skizzenbüchern und kaum auf losem Papier… Es ist… wie soll ich sagen? Als hätte seine Kunst keinen so hohen Stellenwert mehr für ihn. Und gleichzeitig kommt er kaum noch aus dem Atelier raus...“, schüttelte er den Kopf und lehnte sich zurück, um die Arme vor der Brust zu verschränken. Er runzelte die Stirn und betrachtete das Schachbrett vor sich.

„Immer hat er irgendwelche Ausflüchte, was seine Arbeit betrifft und Gründe, warum wir uns nicht sehen können…“, fasste er das Erzählte zusammen und ließ dann erneute Stille einkehren, in der sein Blick gedankenverloren durch den Raum schweifte und Ernests Augen auf ihm ruhten. Erst, als Fridos Augen zurück zu seinem Freund fanden, öffnete er wieder die Lippen.

„Weißt du, ich will ihn nicht bedrängen. Wenn er gerade seinen Freiraum braucht, dann soll er ihn auch haben und vielleicht interpretier ich in seine veränderte Arbeitsweise auch zu viel rein…“, murmelte er mit rauer Stimme und schluckte, während Ernest langsam nickte. Sein Fuß wippte leicht, während er ansonsten wie eine Statue da saß.

„Nun ja, es betrifft ja nicht nur seine Arbeitsweise… Und du weißt nicht, was du mit der Situation gerade anfangen sollst, weil er dir nicht klar genug zu verstehen gibt, was er von dir braucht oder erwartet“, sprach er und Frido stimmte ihm zu.

„Ja… Ich kann ihm ja Zeit und Raum lassen, nur… nur soll er mir das doch einfach so sagen. Dann kann ich darauf eingehen, statt zu raten und zu hoffen, dass ich mich richtig verhalte. Aber im Moment hab ich einerseits das Gefühl, ihn von mir weg zu treiben, wenn ich zu sehr die Nähe suche und andererseits, dass ich ihn ganz verliere, wenn ich nicht dann und wann die Initiative ergreife“, leerte er seine Lungen mit einem tiefen Ausatmen und rieb sich über das Gesicht. Verzweiflung stand auf seinen Zügen und Ernest schien einen Augenblick zu überlegen, ob er ihn ablenken oder ihm einen Rat geben sollte. Letztlich entschied er sich für die zweite Option.

„Wo ist er jetzt?“, fragte er und Frido schaute auf die Uhr.

„Bestimmt noch im Atelier“, antwortete er, was Ernest mit einem Nicken zur Kenntnis nahm, ehe er weitersprach.

„Gut, dann geh zu ihm. Rede mit ihm und lass dich nicht wieder mit irgendwelchen Ausflüchten abspeisen. Er muss dir ja nicht sein ganzes Seelenleben offenlegen, aber er sollte dir wenigstens ehrlich beantworten, woran du gerade bei ihm bist“, sagte er und Fridos Zögern legte dessen größte Angst offen.

„Und wenn er sich wirklich dafür entschieden hat, die Beziehung zu beenden, dann solltest du es lieber früher als später erfahren“, lehnte er sich vor und schaute Frido eindringlich an, ehe sein „Oder?“ wie eine Initialzündung für den Dozenten wirkte. Er sprang auf und eilte zur Tür.

„Ich meld mich bei dir!“, griff er seine Jacke im Vorbeigehen von der Garderobe und ließ die Wohnungstür hinter sich zuknallen, während Ernest nur nickte und sich auf seinem Stuhl zurücklehnte.

„Das Essen wird sicherlich auch aufgewärmt noch genießbar sein…“, murmelte er zu sich und betrachtete die Zeiger der Uhr, die das baldige Eintreffen des Lieferanten ankündigten. Leider wäre es etwas zu kurzfristig gewesen, um das Essen noch abzubestellen, obwohl ihm der Appetit gerade gehörig vergangen war. Also harrte er an seinem Platz aus, bis es an der Tür klingeln würde, während Frido gerade auf dem schnellsten Wege zur Uni fuhr.

Er parkte so nah es ging am Fakultätsgebäude, eilte über den Campus und sah schon von weitem Licht im Atelier. Erleichterung paarte sich mit Nervosität. Sein Atem und seine Schritte hallten durch die Gänge, als er sich dem Raum näherte – und dann war sie da wieder, diese Blockade. Sinnbildlich für die Mauer zwischen ihnen, blieb er vor der Glastür stehen, die ihm den Blick auf Dominiks Rückansicht frei gab und ihn trotzdem von ihm weg hielt. Sein Anblick war so bekannt und doch so fremd geworden. Er saß an der Staffelei, hatte ein Gemälde von Michelangelo abgemalt und alles schien normal. Doch Frido spürte immer mehr die Übelkeit in seinem Magen. Nur zögerlich konnte er an die Tür klopfen und sie öffnen und fast hatte er sogar gehofft, dass Dominik es überhören würde. Doch der drehte sich unmittelbar zu ihm um.

„Hey“, schenkte Dominik ihm sogleich ein Lächeln, das Frido erst recht in Unsicherheit stürzte.

„Hey…“, wiederholte der und nickte, als der Lockenkopf etwas verwundert fragte, ob er nicht eigentlich mit Ernest verabredet gewesen sei.

„Stimmt, aber… ich wollte mit dir reden“, antwortet er und schloss die Tür hinter sich, um näher auf Dominik zuzugehen. Während er selber spürte, wie ihm die Hände feucht wurden, saß Dominik völlig ruhig da. Er schaute seinen Dozenten offen und interessiert an, sodass der immer verunsicherter wurde. Hatte Frido sich all das, was er Ernest vorhin berichtet hatte, nur eingebildet?

„Dominik… sag mal, ist alles in Ordnung zwischen uns?“, sprach er mit klopfendem Herzen und musste einen tiefen Atemzug tun, ehe er näher an den Lockenkopf herantrat. Der wiederum blinzelte einige Male und schien verwundert. Doch dann lächelte er wieder und nickte dabei, dass seine Locken davon sprangen.

„Aber ja, natürlich“, sagte er und legte die Hand an Fridos Seite, als der nahe genug an ihn herangetreten war. Er streichelte den Älteren, als wäre er ein Kind, das getröstet werden müsste.

„Wirklich?“, fragte der dennoch und wieder nickte der Jüngere.

„Klar. Es ist alles gut“, meinte er und warf dann einen Blick auf sein Bild.

„Ich möchte das heut nur gern noch fertig machen… Lass uns morgen reden, okay? Vielleicht könnten wir auch mal wieder einen kleinen Ausflug machen. Was meinst du?“, fragte er und lächelte wieder, als Frido nach kurzem Zaudern nickte.

„Ja… na klar…“, flüsterte er und spürte, wie der Kuss, den Dominik ihm flüchtig zuhauchte, bitter und schmerzhaft schmeckte. Aber trotzdem rang auch er sich ein Lächeln ab – so lange, bis er Dominik eine gute Nacht gewünscht hatte, sich umgedreht hatte und das Zimmer verlassen hatte. Erst dann sackten seine Mundwinkel hinab, als hätten sie gerade Tonnen an Gewicht tragen müssen und wären nicht mehr in der Lage dazu, sich auch nur noch ein Millimeterchen in die Höhe zu recken. Ganz besonders, als Frido dann auch noch erkennen musste, dass Dominik ihm längst wieder den Rücken zugedreht hatte. Hatte er ihn so dringend wieder loswerden wollen? Frido wusste gerade nicht, was ihn an diesem Treffen am meisten schmerzte. Er musste erst tief durchatmen und hart schlucken, ehe er sich mit schweren Schritten wieder in Bewegung setzten konnte. Er schleppte sich den Flur entlang, hievte sich durch die Tür zum Treppenhaus und klammerte sich an den Handlauf, während er die Stufen hinter sich brachte. In seinem Kopf rasten die Gedanken und Fragen. Doch dann, als die Hälfte des Treppenhauses geschafft war, blieb er plötzlich stehen, weil ihm Ernests Worte wieder in den Sinn kamen. Er presste die Lippen aufeinander, holte tief Luft und kehrte um.

„Das Bild war doch längst fertig!“, murmelte er zu sich und schüttelte den Kopf. Genug war genug! Dieses Mal griff seine Hand ohne zu Klopfen und ohne zu Zögern nach der Türklinke des Ateliers und riss sie an sich. Und dabei war sie sogar noch schneller als seine Augen, die erst jetzt erkannten, dass Dominik nicht mehr auf seinem Hocker saß. Stattdessen stand er nun vor dem Gemälde. Mit wütenden Strichen schmierte er die Reste auf seiner Farbpalette über die Leinwand und knurrte leise, als wolle er damit die lauten Schreie in sich unterdrücken.

„Was…?“, flüsterte Frido, der noch immer in der Tür stand, ohne, dass Dominik ihn bemerkt hatte. Fassungslos sah er dabei zu, wie der Jüngere nach dem Palettemesser griff und vor Erregung regelrecht zitterte, während er sein Gemälde anstierte.

„Dominik!“, rief Frido aus, aber nicht einmal damit schaffte er es, den jungen Mann auf sich aufmerksam zu machen. Ungehindert begann er stattdessen auf das Gemälde einzustechen. Wieder und immer wieder, wie im Wahn. Selbst, als Frido ihn griff und von der Leinwand wegzerrte, wollte er sich nicht stoppen lassen.

„Hör auf!“, rief der Ältere aus und musste gleichzeitig feststellten, dass inzwischen tatsächlich wieder mehr Kraft in dem schlanken Leib steckte, als damals am Abend des Unfalls. Nur mit Mühe konnte er Dominik so weit von der Staffelei wegbekommen, dass der sie nicht mehr erreichte. Erst dann hielt der junge Mann inne und ließ keuchend die Hand sinken.

„Verdammt noch mal, beruhig dich!“, herrschte Frido ihn an und schüttelte fassungslos den Kopf.

„Kann ich dich jetzt los lassen?!“

Langsam lockerte er seinen Griff, als Dominik nickte und trat einen Schritt zurück, um seinen Freund zu betrachten. Der starrte auf den Boden, während er den Kopf hängen ließ, die Hände auf die Oberschenkel stützte und schnaufte. Ein tiefes Seufzen verließ Fridos Kehle, gefolgt von einem Räuspern – dann strafften sich seine Schultern.

„Das reicht. Komm mit in mein Büro. Ich will mit dir reden. Als dein Dozent“, forderte er und hielt Dominiks Blick stand, als der ihn langsam zu Frido hob.

„Wasch dir die Hände und dann komm!“, duldeten Fridos Wortwahl, Stimmlage und Haltung keine Wiederworte mehr und doch war er ein wenig überrascht, dass Dominik ihnen mit einem kurzen Nicken Folge leisteten. Schweigend ging er hinüber zum Waschbecken, drehte den Wasserkran auf und stützte sich dann auf den Beckenrand. Er betrachtete sich im Spiegel, schaute auf seine Hände und fing dann plötzlich an zu lachen. Frido aber verschränkte die Arme vor der Brust. Die Kiefer aufeinander gepresst, schaute er Dominik an.

„Was ist so lustig?“, knurrte er, doch statt einer Antwort bekam er weiteres Kichern zu hören. Kurz hielt Dominik inne. Und dann lachte er wieder auf. Frido aber spürte, wie davon langsam die Wut in ihm emporwuchs. Er schnaufte aus und stapfte auf Dominik zu. Eigentlich wollte er ihn an den Schultern fassen und rütteln, doch dann erkannte er, dass sich immer mehr Tränen in dessen Gackern mischten. Voller Unverständnis starrte er den jungen Mann an. Frido schüttelte den Kopf, aber der Andere schien aus seinem Anfall gar nicht mehr raus zu kommen, obwohl er es nun ernstlich versuchte.

„Ich kanns nicht los lassen!“, prustete er und reckte demonstrativ das Palettenmesser empor, das er noch immer fest umklammert hielt.

„Ich will ja, aber ich kann nicht!“, wurde sein Kichern immer hysterischer, während er anlief wie eine Tomate und sich über dem Waschbecken zusammenkrümmte. Er schüttelte den Kopf und schnappte nach Atem, während sich immer wieder neues Hicksen und Kichern dazumischten. Solange, bis Frido sein Handgelenk griff und die freie Hand unter das Messer hielt.

„Gib her.“, forderte er und Dominik drehte den Kopf in seine Richtung. Statt jedoch in sein Gesicht zu blicken, betrachtete er Fridos Hände.

„Dominik, gib mir das Palettenmesser!“, wiederholte der seinen Appell und warf das Malutensil mit Leichtigkeit auf den nächstbesten Tisch, als der Lockenkopf sich endlich davon trennte. Einen Moment lang schaute der seinem kurzzeitigen Begleiter nach, ehe er Frido anblickte und dessen kühler Ausdruck ihn endgültig davon abzuhalten schien, wieder loszuprusten. Er schluckte und nickte leicht, als sein Dozent die vorherige Anweisung wiederholte.

„Jetzt wasch dir endlich die Hände und dann komm!“, griff er sich ein Tuch, mit dem er sich einige Farbreste von der Hand putzte und damit verfielen die Beiden in Stille.

Stille, die andauerte, während Dominik seine Finger säuberte; die andauerte, als Frido ihn über den Flur zu seinem Büro brachte und selbst dann noch bestehen blieb, als er dessen Tür hinter ihnen schloss.

„Setz dich.“, war Frido auch der erste, der wieder etwas sagte und Dominik ließ sich von ihm bereitwillig zu einem der Stühle am Schreibtisch führen. Frido blieb hingegen stehen und lehnte sich ihm gegenüber an den Tisch. Er verschränkte die Arme vor der Brust und musterte den jungen Mann, dessen Blick ausdruckslos vor sich gerichtet war.

„Willst du mir immer noch weiß machen, dass alles in bester Ordnung ist?“, fragte Frido, nachdem ein tiefer Atemzug seine Lunge gefüllt hatte und schluckte, als Dominik es endlich fertigbrachte, müde zu ihm hinauf zu schauen. Dunkle Schatten hingen unter seinen Augen und Frido fragte sich, wie lange Dominik nicht mehr richtig geschlafen hatte. Aber auch, warum er darauf vorher nicht bewusster geachtet hatte. Doch im Moment erlaubte er sich diese Sentimentalität nicht, sondern blieb äußerlich hart und unnahbar.

„Was war das da grad für ne Aktion? Kannst du mir mal erklären, was das sollte?“, runzelte er die Stirn und Dominiks Blick wanderte zurück in die Leere. Sein Kopf sackte nach vorn und er hielt die Hände so, dass er ihre Innenflächen betrachten konnte. Aber erkannte er sie wirklich?

„Ich hab überlegt, obs reicht, wenn ich es nur lang genug und fest genug halte…“, murmelte er nun endlich mit heiserer Stimme, aber Frido verstand immer weniger.

„Was soll das heißen?“, hakte er nach und mit jedem der nun folgenden Worte weiteten sich seine Augen mehr.

„Das Messer… ich hab überlegt, ob ichs nur fest genug drücken muss, damit… meine Hand wieder weh tut oder ob… ichs mir erst da reinrammen muss“, fuhr Dominik mit einem Finger seicht über die noch sichtbare Narbe der ursprünglichen Wunde, ehe er eine Faust bildete und sie damit versteckte. Ein kurzes Lächeln schlich sich auf seine Lippen, aber das Lachen blieb dieses Mal aus.

„Gott, wie erbärmlich… Du wärst froh, wenn du mit deiner Hand wieder alles so wie früher machen könntest und ich…? Es tut mir leid“, flüsterte er und langsam schoben sich seine Hände am eigenen Oberkörper empor, um sich mitsamt der Arme schützend an ihn zu schmiegen. Wieder kehrte ein Moment Stille ein und ein Moment, in dem Frido versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn dieses Geständnis aufwühlte. Alarmglocken schrillten in ihm und jagten seinen Puls in die Höhe, aber mit tiefen Atemzügen versuchte er ihn unter Kontrolle zu bringen. Es strengte ihn so an, dass Dominik ihn falsch verstand, als er endlich den Kopf wieder hob und Frido anschaute.

„Du bist wütend… tut mir leid, dass ich dich damit verletzt hab“, murmelte er und schien zu überlegen, ob er seine Hand an Fridos Arm legen durfte, aber dann entschied er sich doch dagegen und behielt sie bei sich.

„Wieso wolltest du das tun?“, schaffte der es hingegen endlich, einen halbwegs sinnvollen Gedanken zu fassen und herauszubringen. Ihm wurde schlecht und er hatte das Gefühl, dass der Tisch ihn stützten musste, weil seine Beine sich zunehmend weich anfühlten. Dabei versuchte er noch immer, sich nichts anmerken zu lassen. Dominik aber schaute erst ihn an und dann wahllos durch den Raum, wobei seine Züge immer gequälter wurden.

„Frido, ich bin ein Versager… Ein Hochstapler und Lügner“, schluckte er hart und räusperte sich, während seine Schultern sich müde hoben und dann wieder schwer hinabsanken.

„Ich tu so, als wär ich der große Künstler, aber eigentlich mach ich nur irgendwelche Stile nach, lern Techniken auswendig und mal irgendwas, das ich schon mal irgendwo gesehen hab. Entweder einzelne Elemente davon oder gleich ganze Werke… Aber ich erschaff nichts Neues. Da ist nichts eigenes! Nichts… das es nicht schon in irgendeiner Form so gab! Ich kupfer einfach nur ab!“, heftete er seine Augen wieder an Frido und schaute ihn verzweifelt an.

„Ich hab das ganze Lob nicht verdient! Und das Stipendium! Anerkennung für mein Können… Was für ein Können denn?!“, sprang er auf, nur, um sich dann wieder schwer auf den Stuhl sinken zu lassen.

„Ich muss besser sein, aber ich schaff es einfach nicht… Meine Bilder sind vielleicht technisch ganz okay gemacht, aber sie sind nicht innovativ. Sie sind einfach nur langweilig… Nichts Herausragendes und nicht mal perfekt ausgearbeitet“, murmelte er und schüttelte erschöpft den Kopf, wohingegen Frido so angespannt war, dass ihm die Kiefer schon schmerzten vom starken aufeinander Pressen.

„Dann frag ich mich grad, warum du die letzten Wochen so eifrig mit links geübt hast, wenn du eigentlich eh nicht malen willst“, sprach er heiser und entlockte Dominik mit seinen Worten wieder ein leises Lächeln.

„Das war doch nur Spielerei…“, betrachtete er seine linke Hand, um dann mit deutlich kälterem Blick auf die rechte zu schauen.

„Aber ich kann mir eigentlich keine Spielereien erlauben. Das darf nicht mein Anspruch sein“.

Fridos Hand donnerte flach auf die Tischplatte und Dominik starrte seinen Dozent erschrocken an, während der einen tiefen Atemzug nehmen musste, ehe er sprechen konnte.

„Solange deine Werke nicht absolut außergewöhnlich sind, bist du wertlos und hast hier nichts verloren. Du nimmst hier jemandem den Platz weg, der viel mehr Ehrgeiz und Kreativität mitbringt, nicht wahr?“, fragte er kühl und schneidend, um zu schlucken, als Dominik ohne ein Zögern nickte.

„Tut mir leid…“, flüsterte er und schaute dabei mitleidig auf Fridos Hand. Der aber knirschte leicht mit den Zähnen, ehe er verstehend nickte und weitersprach.

„Und dann bist du auch noch so erbärmlich und undankbar, dir lieber eine verletzte Hand zu wünschen, statt vernünftige Arbeit abzuliefern – obwohl du im Gegensatz zu mir endlich wieder malen kannst!“, lehnte er sich zu Dominik und starrte ihn an, um keine Regung in dessen Gesicht zu verpassen.

„Aber du bist du feige, mir das wenigstens ins Gesicht zu sagen und gehst mir lieber aus dem Weg, oder?“

Er konnte die Scham in Dominiks Augen sehen, ehe der Fridos Blick auswich. Der Lockenkopf presste die Lippen aufeinander und rang sich trotzdem zu einem Nicken durch.

„Wie hätt` ich dir das denn sagen sollen? Ich mein… Du kannst nicht mehr malen, obwohl du es so gern würdest und ich… ich hab einfach keinen Bock drauf, obwohl ichs wieder problemlos könnte. Das ist doch nicht fair! Und… und völlig gefühllos, dir das dann auch noch zu sagen“, wimmerte er und wischte sich mit den Handrücken die Tränen von den Wangen, obwohl sie nicht aufhören wollten zu laufen. Wieder stammelte er eine Entschuldigung, aber Frido schüttelte energisch den Kopf.

„Hör endlich auf damit, mich um Verzeihung zu bitten!“, fasste er Dominiks Arm und seine Wange, um sein Gesicht zu sich zu drehen.

„Verdammt noch mal!“, schnaufte er aus und endlich konnte er seine eisige Fassade bröckeln lassen.

„Wenn du dich bei jemandem entschuldigen solltest, dann bei dir!“, strich er mit seinem Daumen sanft über Dominiks Wange, während er nicht fassen konnte, was er gerade hatte beobachten müssen.

„Das, was ich da über dich gesagt habe… das denkst du wirklich über dich, oder?“, sprach er leise und sank in sich zusammen, als Dominik keine Sekunde zögerte, seine Frage zu bestätigen.

„Es stimmt doch…“, murmelte er und zuckte zusammen, als Frido etwas lauter als beabsichtigt ausrief: „Nein, es stimmt nicht!“.

Wieder seufzte er aus und schüttelte leicht den Kopf, während er Dominiks Gesicht in beide Hände nahm.

„Es ist doch ganz normal, dass du Dinge in deinen Bildern verarbeitest, die du schon mal gesehen hast. Ein… ein Musiker arbeitet ja auch mit den Tönen, die es schon gibt, anstatt immerzu neue erfinden zu müssen. Und ein Schriftsteller nimmt Worte, die bereits existieren. Es kommt doch immer darauf an, wie man das, was es schon gibt, auf eigene Weise neu zusammensetzt. Dominik, es gibt so viele Stile, Techniken, Bilder, Skulpturen… Du kannst das Rad doch nicht jedes Mal neu erfinden und das erwartet auch niemand von dir! Und es erwartet auch niemand, dass alles an deinen Bildern absolut perfekt ist. Denk doch an mein Gemälde – gerade das Unperfekte hat dich daran doch so in den Bann gezogen, nicht wahr?“, fragte er sanft und nickte, als auch Dominik es tat.

„Kann es sein, dass du deshalb so gern mit links experimentiert hast, weil du da ohne Erwartungen rangehen konntest? Weil du einfach experimentieren und… frei in deinem Tun sein konntest? Egal, wie das Resultat am Ende ausfällt?“, strich er Dominik einige Locken aus dem Gesicht und nickte wieder leicht, als der mit einem leisen „Kann sein…“ antwortete.

„Kunst ist nicht perfekt. Und niemand verlangt, dass du es bist – außer dir selbst im Moment, Dominik. Und glaub mir, deine Bilder sind vieles, aber langweilig bestimmt nicht. Da steckt so viel Leben drin! So viel… Herzblut und Gefühle! So viel, das den Betrachter mitreißt!“, geriet Frido ins Schwärmen, wenn er an einige von Dominiks Arbeiten dachte und doch konnte er den jungen Mann nicht mit seiner Euphorie anstecken. Ganz im Gegenteil. Er schien immer trauriger, je entzückter sein Dozent wurde und als er den Mund öffnete, traf es den Älteren wie einen Schlag.

„Und warum fühl ich dann nichts, wenn ich sie ansehe oder daran arbeite? Warum fühl ich mich dann so leer?“, flüsterte er und schaute Frido hilfesuchend an, während der langsam seine Hände sinken ließ und sie neben sich abstützte. Jetzt war ihm nicht mehr übel, sondern nur noch so, als hätte er einen gigantischen Stein im Magen liegen. Fieberhaft suchte er nach einer Antwort, aber er fand keine Worte, sondern nur aufkommende Überforderung.

„Ich äh…“, waren seine Gedanken wie blockiert und gleichzeitig schrie alles in ihm, dass er Dominiks Frage nicht einfach so unbeantwortet stehen lassen durfte. Aber wie sollte er ihm helfen? Helfen… das Stichwort, das er gesucht hatte!

„Ich… bring dich jetzt erst mal zu mir“, nickte er langsam zur Bestätigung für sich selbst und fühlte einen Hauch der Erleichterung, als die Knoten in seinem Kopf sich ein wenig lockerten.

„Ja, genau… wir fahren jetzt zu mir und… und dann ruf ich Ernest an und wir reden noch mal in Ruhe über alles, okay?“, legte er eine Hand auf Dominiks Schulter und atmete tief durch, als der zwar fahrig, aber dennoch zustimmend nickte.

„Gut, dann… dann lass mich nur noch kurz zum Klo gehen. Ich bin sofort wieder da, ja?“, stützte Frido sich leicht vom Tisch ab und eilte aus dem Büro, kaum, dass Dominik noch einmal genickt hatte.

Er wusste nicht, ob er sich übergeben musste, aber er brauchte zumindest einen Moment, um seiner Panik Raum zu geben, ehe sie drohte, ihn völlig zu überrollen. Um ungestört zu sein, stolperte Frido tatsächlich in die Toiletten und stützte sich auf einem der Waschbecken ab. Während er das Handy hervorkramte und über Lautsprecher Ernest anrief, spritzte er sich Wasser ins Gesicht und keuchte aus, als er hörte, wie sein Freund abnahm.

„Du musst zu mir nach hause kommen. Bitte!“, kam er ohne Umschweife zum Punkt und während diese Worte noch Sinn ergeben hatten, verfingen sich die übrigen in unverständlichem Gestotter. Er bekam solche Angst, auf den letzten Metern noch irgendwas zu sagen oder zu tun, das Dominik in die Flucht trieb, dass Ernest auf ihn einreden musste, um ihn zu beruhigen.

„Friedrich, du bekommst das hin. Bring ihn einfach zum Auto und fahr mit ihm nach hause. Da kann absolut nichts schief gehen. Aber fahr langsam und vorsichtig! Ich brauch eh ein paar Minuten, bis ich bei dir bin, also übereil nichts. Oder soll ich lieber zu euch in die Uni kommen?“, fragte Ernest, aber Frido schüttelte hastig den Kopf, obwohl sein Freund es nicht sehen konnte.

„Nein, auf keinen Fall! Am Ende kriegt das noch einer mit und das… das brauchen wir grad echt nicht noch…“, atmete er auf Ernests Anweisung hin tief durch, bis er tatsächlich wieder das Gefühl hatte, Herr seiner Sinne und Gedanken zu sein.

„Gut, dann sehen wir uns gleich. Und falls noch irgendwas ist, melde dich“, mahnte Ernest, der wieder nicht das Nicken seines Freundes vor Augen hatte.

„Ja… Danke…“, meinte der, während er sich noch etwas Wasser ins Gesicht spritzte, es dann mit Papierhandtüchern abtupfte und das Gespräch beendete. Jetzt musste er sich noch mal kurz zusammenreißen, bis sie bei ihm waren, sagte er sich und straffte die Schultern, während er das Handy in die Hosentasche schob. Doch kaum hatte er die Toiletten verlassen und sein Büro wieder betreten, war die scheinbare Ruhe schon wieder dahin. Dominik war nicht mehr da und Frido spürte seinen Puls zurück in die Höhe schießen.

„Dominik?!“, brüllte er los, ohne, dass es ihn kümmerte, wer oder was ihn hören konnte und schrak auf, als den Flur runter ein zurückhaltendes „Ja?“ ertönte. Er fuhr herum und sah, wie der Gesuchte verunsichert den Kopf aus dem Atelier streckte. Frido aber sackten die Schultern hinab und der Kopf in den Nacken.

„Was machst du denn da?“, schnaufte er aus, während er hinüberging und sich das Gesicht rieb.

„Aufräumen…“, murmelte Dominik, zwei Pinsel und Reinigungsmittel in den Händen haltend, während dieses Mal Frido derjenige war, der kichern musste.

„Aufräumen… klar, was sonst…“, wurde aus Verzweiflung Unglaube und er zog seinen Freund in eine feste Umarmung, während er den Schreck für einen Moment sacken lassen musste. Die schlimmsten Bilder waren bereits im Kopfkino an ihm vorbeigerast und mussten jetzt wieder beiseite geräumt werden.

„Nein, hast recht… ist ne gute Idee, das eben wieder weg zu räumen. Ich helf dir dabei. Und das Bild entsorgen wir einfach über den Container im Innenhof. Viel ist ja nicht mehr übrig davon…“, richtete Frido sich nach einem tiefen Atemzug wieder auf und strich Dominik mit einem leichten Lächeln über die Oberarme. Doch der stand wie festgefroren da und betrachtete gequält das Gesicht seines Dozenten.

„Was ist?“, fragte Frido und hielt Dominiks Oberarme nur noch seichte fest.

„Warum tust du dir das eigentlich an?“, flüsterte der und Frido hob die Augenbrauen, ehe er fragend blinzelte.

„Was meinst du?“

„Mich… Seit wir… uns kennen mach ich dir doch nichts als Ärger“, murmelte Dominik und wieder glitzerten die Tränen in seinen Augen. Einen Moment lang konnte Frido ihn nur fassungslos anstarren, ehe er den Kopf schüttelte und wieder sanft über Dominiks Arme rieb.

„Jetzt hör mir mal gut zu: Wir müssen dringend was an deinem Selbstwertgefühl ändern“, schaute er Dominik eindringlich an und schob eine Hand in dessen Haar, ehe er mit liebevollem Ton weitersprach.

„Ja, du bist manchmal ein kleiner Querulant, aber ich verstehe auch immer mehr, woher das rührt. Ich bin fasziniert von deinem künstlerischen Können, ja, aber verliebt hab ich mich in den Menschen und nicht in den Künstler, okay? Und der Mensch, den ich sehe, ist so viel mehr als seine Kunst und vor allem viel mehr, als diese… Leere, die du gerade siehst. Ich weiß, dass da so viel mehr Emotionen und Gefühle in dir stecken, selbst wenn du sie im Moment nicht erkennen kannst. Und egal, ob es jetzt nur eine Phase oder ein langfristiger Teil von dir ist – du bist nicht nur diese eine Seite von dir. Dominik, du bist absolut liebenswert! Du… erkennst es nur leider im Augenblick noch nicht selbst“, schüttelte Frido leicht den Kopf und wünschte, dass Dominik ihn mit seinen Augen hätte sehen können.

„Ich seh nicht die Stolpersteine, die wir teilweise schon hatten, sondern vor allem, wie wir uns dadurch näher gekommen sind. Dass du mir Dinge erzählt und gezeigt hast, die sonst kaum jemand über dich weiß. Und… dass ich dir Dinge erzählen konnte, die ich am liebsten ganz weit von mir wegschieben wollte und die du dir trotzdem urteilsfrei angehört hast. Ich hab doch selbst meine dunklen Zeiten gehabt und weiß, dass man manchmal etwas Hilfe braucht, um da raus zu kommen. Also warum sollte ich dich deshalb fallen lassen? Und dass du nur Ärger machst, stimmt nicht! Im Gegenteil… Du spielst zum Beispiel mit Lilli, wenn Juli und ich grad keine Lust darauf haben. Die Ausgelassenheit, mit der ihr rumalbern könnt find ich einfach herzerwärmend. Und überleg mal, wie selbstverständlich du neulich auf sie aufgepasst hast… oder auf mich, damit ich nicht besoffen zu meiner Wohnung torkel. Du fängst sogar nach einem langen Tag noch an, meine Bude aufzuräumen, obwohl du auch hundemüde bist oder bringst uns was zu Essen, wenn wir mit dicker Erkältung flachliegen. Und überleg mal: Selbst… als es dir die letzten Wochen über offensichtlich immer schlechter ging, hast du dir noch Gedanken um mich gemacht. Es hätte dir auch egal sein können, was meine Hand und ich davon halten, dass du gerade mit deiner Malerei so strauchelst, aber das wars nicht…“, tätschelte er seinen Freund, als müsse er auf diese Weise die vielen Stücke von Dominik zusammenhalten, die gerade drohten auseinander zu brechen.

„Und wenn wir schon bei dem Thema sind: du bist eine Inspiration für mich. Selbst wenns für dich nur Spielerei war, hab ich durch dich den Mut gefasst, wieder mit dem Zeichen anzufangen. Und nicht nur das. Du bist in deinem Leben auch schon mehrfach auf die Nase gefallen, aber immer wieder aufgestanden. Du hast nicht den Kopf in den Sand gesteckt, sondern dich aufgerappelt. Im Gegensatz zu mir damals. Ich brauchte damals erst mal einen ordentlichen Arschtritt von Ernest, wenn du dich erinnerst. Aber du hast das bisher immer allein geschafft und das würdest du auch jetzt wieder allein schaffen, hörst du?“, musste er unbedingt Dominiks Nicken als Bestätigung dafür sehen, dass seine Worte nicht ins völlige Nichts fielen, ehe er weitersprechen konnte.

„Aber… dieses Mal musst du das nicht. Dieses Mal können wir das zusammen durchstehen“, lehnte Frido dann seine Stirn an Dominiks und schloss die Augen, ehe er einen Kuss auf die seidigen Löckchen hauchte und seinen Freund nochmals an sich zog. Dominik aber legte nur schweigend den Kopf an Fridos Schulter. Er schien so unendlich müde und erschöpft, dass er im Moment nicht einmal mehr Worte fand. Oder musste er das Gehörte nur erst einmal auf sich wirken lassen?

„Dominik?“, fragte Frido dennoch und seine Mundwinkel zuckten, als der Angesprochene mit einem leisen „Hm?“ antwortete.

„Du hast mir mal gesagt, dass ich dich nicht in Watte packen soll, als es um meinen Unfall ging… Dann mach du das bitte auch nicht, okay?“, murmelte er und schob Dominik leicht von sich, um ihn anschauen zu können. Endlich war da ein ehrliches, wenn auch müdes kleines Lächeln auf Dominiks Gesicht zu erkennen.

„Okay…“, nickte er und schloss die Augen bei Fridos Kuss auf seine Schläfe, ehe er wieder nickte, als sein Dozent meinte, dass sie jetzt schnell den Rest aufräumen und die Uni dann endlich verlassen sollten.

20.9.2024: haarig

„Danke, dass du gekommen bist“, sagte Frido bereits beim Öffnen der Autotür und nicht nur seine Worte, sondern auch sein Ausdruck zeigten die Erleichterung über Ernests Erscheinen. Der hatte bereits vor dem Haus gewartet.

„Natürlich“, sprach er ruhig und sachlich und hielt sich im Hintergrund, während Frido aus dem Wagen sprang, um ihn herumging und Dominik beim Aussteigen half. Der junge Mann verhielt sich schweigsam und in sich gekehrt, schenkte Ernest ein leise gemurmeltes „Hi…“ als er an ihm vorbei geführt wurde, aber er hob dabei nicht einmal seinen Blick vom Boden.

„Oh, du hast sogar das Essen mitgebracht“, versuchte Frido ein wenig Smalltalk, während er Dominik zur Haustür brachte und neben Ernests Arztkoffer auch einen Korb mit der Bestellung entdeckte.

„Ja, es ist sogar fast noch warm“, ging der Arzt langsam hinterher, sammelte seine Sachen ein und folgte ihnen in die Wohnung, wobei er Dominik die ganze Zeit über im Blick behielt. Der kam zwar bereitwillig mit, aber es wurde nicht recht ersichtlich, ob er gedanklich wirklich bei ihnen war. Beispielsweise stand er nach Betreten des Flurs erst etwas verloren da, während Frido aus Jacke und Schuhen schlüpfte und machte erst dann Anstalten, sich von seinem Rucksack zu trennen, als der Ältere ihn darauf ansprach.

„Hey, willst du den nicht abstellen?“, fasste Frido einen der Riemen, während Dominik sein Gepäck mit beiden Händen am Griff haltend vor sich trug. Wie aus Gedanken gerissen zuckte er leicht zusammen, schaute Frido fragend an und nickte dann, als der seine Frage wiederholte. Seine Finger lösten die Verankerung und seine Augen folgten Fridos Bewegung beim Abstellen des Rucksacks, ehe sie sich wieder auf den Boden richteten. Selbst beim Ausziehen der Schuhe und Jacke brauchte er eine kleine Aufforderung seines Freundes.

„Wir hatten noch schnell das Atelier aufgeräumt“, erklärte Frido, während er Dominik aus seiner Jacke half und sie an die Garderobe hing. Ernest nickte und sein Freund konnte nicht nur sehen, wie er die Wohnungstür hinter sich schloss, sondern sie auch verriegelte.

„Möchtet ihr erst etwas essen?“, fragte er und zog unter Fridos erschrockenem Blick den Schlüssel ab.

„Ich äh… keine Ahnung… Was ist mit dir? Möchtest du was essen?“, murmelte der und wendete sich an Dominik, aber der zuckte nur die Schultern.

„Dominik, dann schlag ich vor, dass du schon mal ins Wohnzimmer gehst und Frido, du könntest mir kurz mit meinen Sachen helfen“, ging Ernest in die Küche, stellte das Essen auf dem Tisch ab und seinen Arztkoffer daneben. Er wartete geduldig, während Frido seinen Freund auf die Couch verfrachtete und ihn in heiterem Ton wissen ließ, dass er sofort zurück sei, ehe er mit tiefem Seufzen zu Ernest trat. Der Dozent rieb sich das Gesicht, schaute einen Moment zögernd auf den Schlüssel, als Ernest ihn ihm reichte und nickte dann, als der erklärte, dass es nur eine Vorsichtsmaßnahme sei.

„War er schon die ganze Zeit so abwesend?“, flüsterte Ernest, während Frido den Schlüssel in seiner Hosentasche verschwinden ließ und nickte verstehend, als der die Frage verneinte.

„Ganz im Gegenteil: Erst hatte er einen regelrechten Ausbruch und danach wurde er immer stiller. Seit…“, flüsterte er und warf einen Blick über die Schulter zur Wohnzimmertür, ehe er noch gedämpfter weitersprach.

„Seit wir zum Auto gegangen sind, ist es fast so, als wäre er gewissermaßen „runtergefahren“ und reagiert kaum noch auf irgendwas“.

Wieder nickte Ernest. Er legte eine Hand an Fridos Schulter und drückte sie leicht.

„Das hast du gut gemacht“, flüsterte er und ließ seinem Freund einen Moment, um die aufsteigenden Tränen zu verarbeiten.

„Ich geh jetzt schon mal rüber und versuch mit ihm zu reden. Komm einfach nach, wenn du dich in der Lage dazu fühlst“, sprach er in leisem Ton, während er eine Wasserflasche aus dem Kühlschrank nahm, sich drei Gläser aus dem Schrank griff und dann die Küchentür hinter sich zu zog. Ob Dominik etwas von ihrem Gespräch mitbekommen hatte, wusste Ernest nicht zu sagen. Denn er saß völlig teilnahmslos auf der Couch, als der Arzt das Zimmer betrat. Seine Schultern hingen schwer hinunter, er hielt sich an den Bündchen seiner Ärmel fest, war an die Rückenlehne gelehnt und starrte leeren Blickes auf seine Finger.

„Möchtest du etwas trinken?“, stellte Ernest Gläser und Flasche auf dem Wohnzimmertisch ab, ehe er Dominik gegenüber darauf Platz nahm, sodass Frido neben ihm sitzen konnte. Wieder zuckte der junge Mann nur die Schultern und als Ernest ihm ein Glas in die Hand drückte, starrte er fortan eben dieses statt seiner Finger an.

„Du siehst ein wenig erschöpft aus“, war Ernests ungewohnt zurückhaltende Umschreibung dafür, dass Dominik nur noch einen Schatten seiner selbst darstellte. Er schien ja inzwischen regelmäßiger zu essen, aber was den Schlaf anging…

„Wie schläfst du im Moment?“, fragte der Arzt und musste schnell erkennen, dass er wohl auf Fridos Dazustoßen warten musste, um mehr zu erfahren. Denn selbst Dominiks Schulterzucken auf die Frage hin war kaum noch zu erkennen. Also tat Ernest sich damit hin, dass sie sich gegenseitig anschwiegen, er an seinem Glas nippte, während Dominiks so schwer zwischen dessen Fingern lag, dass es beinahe umzukippen drohte und nach einer gefühlten Ewigkeit endlich das Öffnen der Küchentür erklang.

„Tut mir leid, dass ihr warten musstet“, kam Frido hinzu und ging zu dem freien Platz neben Dominik, als Ernest es ihm mit einer Geste bedeutete. Seine Augen waren noch gerötet, aber ansonsten strahlte er äußerlich wieder Ruhe aus.

„Und? Wie… wie läufts bei euch?“, fragte er etwas unsicher und sah das dezente Kopfschütteln des Arztes.

„Ich hatte überlegt, ob Frido mir vielleicht ein bisschen darüber erzählen kann, was heute Abend passiert ist. Wärst du damit einverstanden, Dominik?“, lehnte er sich vor und legte die Hand auf Dominiks Unterarm, um ihn dazu zu animieren, ihm einen Moment der Aufmerksamkeit zu schenken.

„Darf er mir erzählen, was dich beschäftigt?“, wiederholte er den Inhalt seiner Frage, als Dominik den Blick hob und schenkte ihm auf sein Nicken hin den Hauch eines Lächelns.

„Danke“, tätschelte er seinen Patienten noch kurz, ehe er sich wieder aufrichtete, Dominiks Blick zurück nach unten glitt und Ernest Frido bat, mit der Erzählung zu beginnen. Der atmete tief durch. Er brauchte einen Augenblick, um seinen Vortrag gedanklich vorzubereiten und lehnte sich mit den Ellenbogen dann auf die Oberschenkel, als die ersten Worte seinen Mund verließen. Die Anstrengung war ihm förmlich anzusehen, alles Relevante zusammenzutragen und dabei Worte zu finden, die der Situation gerecht wurden. Er suchte immer wieder nach einer Reaktion von Dominik, die zeigte, ob das Geschilderte auch seiner eigenen Wahrnehmung entsprach oder ob Frido die richtigen Umschreibungen traf, aber der junge Mann erweckte den Anschein, als sei er ein völlig Unbeteiligter. Erst als Frido eher in einem Nebensatz fallen ließ, dass sie nach dem Aufräumen des Ateliers noch die kaputte Leinwand entsorgt hatten, zuckten Dominiks Augenbrauen leicht und sein Gesicht nahm einen nachdenklicheren Ausdruck an.

„Ich glaub, ich muss jetzt gehen…“, murmelte er plötzlich, stellte das Glas neben Ernest ab und stand auf.

„Was? Ab…“, war Frido sofort wieder alarmiert und schon halb aufgesprungen, aber Ernest hob abwehrend die Hand und schüttelte den Kopf, damit der Dozent sich wieder setzte.

„Dominik, wo willst du denn jetzt hin?“, stand er selber, der Frido fast die ganze Zeit über hatte kommentarlos reden lassen, ebenfalls auf und nahm wieder eine aktivere Rolle in diesem Gespräch ein. Er trat näher auf Dominik zu, der sich neben die Couch gestellt hatte und etwas unschlüssig durch das Zimmer schaute.

„Ich muss ins Atelier…“, murmelte er, ehe er fragte, wo sein Rucksack geblieben sei.

„Ist es nicht schon etwas spät?“, fragte Ernest, aber der Jüngere schüttelte den Kopf.

„Ich muss weiterarbeiten…“, meinte er und setzte sich in Bewegung, als er seinen Rucksack im Flur entdeckte.

„Dominik“, stellte Ernest sich ihm in den Weg, fasste vorsichtig seine Arme und bat ihn, ihn anzuschauen. Fragend wanderten die Blicke des Lockenkopfs immer wieder zwischen Rucksack und Ernests Gesicht hin und her.

„Sag mal, wie viel schläfst du eigentlich in letzter Zeit?“, fragte er und holte Dominiks Aufmerksamkeit immer wieder zu sich, während der die Schultern zuckte und murmelte, dass er das nicht wisse.

„Keine Ahnung… kommt drauf an, ob ich in der Uni schlaf oder zuhause…“, murmelte er und Ernest konnte aus dem Augenwinkel heraus erkennen, wie Frido schon wieder zappelig wurde.

„Du schläfst in der Uni?“, fragte er dennoch ruhig an Dominik gewandt und versuchte ihn langsam wieder zur Couch zu führen.

„Ja… manchmal…“, murmelte der und ließ nur widerwillig seinen Rucksack aus den Augen.

„Wo denn da? Habt ihr einen Ruheraum?“, wollte Ernest wissen und war wenig überrascht, als Frido bei einem Kontrollblick mit Kopfschütteln antwortete.

„Nein, ich… wenn ich weiß, dass ich im Atelier penn, stell ich mir den Wecker einfach passend, um den letzten Nachtbus Richtung Industriestraße zu kriegen und zeichne dann so lang, bis ich am Tisch einschlaf…“, meinte Dominik und schien fast etwas irritiert, dass Ernest bei so einer logischen Antwort extra nachfragen musste, wie sie zustande kam.

„Und das machst du jeden Abend?“, erkundigte der sich ungerührt davon und nickte, als Dominik den Kopf schüttelte.

„Nein… auf Dauer tut mir der Rücken weh… dann fahr ich nach hause und leg mich ins Bett“, zuckte er die Schultern und tat es abermals, als Ernest noch einmal versuchte herauszufinden, wie viel Schlaf der junge Mann in den letzten Wochen ungefähr bekommen hatte.

„Weiß nicht…“, murmelte er wieder und sackte in sich zusammen, als Ernest es endlich schaffte, ihn wieder zum Sitzen zu bewegen.

„Ich bin eigentlich nicht müde…“, sagte Dominik, während Ernest wieder vor ihm Platz nahm.

„Obwohl du so wenig schläfst, bist du nicht müde?“, fragte er und überschlug die Beine, um dann die gefalteten Hände auf sein Knie zu legen. Er ließ sich seine Gedanken nicht anmerken, was Frido hingegen umso schwerer fiel.

„Ich muss doch malen…“, murmelte der Student und seinem Dozenten schnellten die Augenbrauen hoch, als er auf Ernests Nachfrage hin Dominiks Begründung für diesen Zwang hörte.

„Ich muss doch endlich erfolgreich werden, damit meine Eltern mich nicht mehr hassen. Wenn ich… gut genug bin, dann akzeptieren sie mich endlich. Und… Frido muss dann auch nicht mehr ins Internat“, nuschelte er, wobei jedes seiner Worte leiser wurde und zeigte, dass er allmählich wieder in seine Lethargie abzurutschen drohte.

„Ins… Internat also…“, murmelte Ernest verstehend und warf dem Dozenten trotzdem einen fragenden Blick zu, den der mit leichtem Nicken beantwortete. Es ergibt also in irgendeiner Weise Sinn, schien Ernests Seufzen zu sagen, ehe er sich weitere Gefühlsregungen dieser Art verbot und wieder zurück auf die sachliche Ebene kam.

„Dominik, was hältst du denn davon, wenn du dich einen Moment hinlegst?“, fasste er dessen Arm, als er wieder Anstalten machte, aufzustehen und ins Atelier zu gehen.

„Aber…“, wollte er protestieren und ließ sich nur widerwillig zurück in den Sitz sinken, als nun auch Frido seine Hände auf Dominiks Schultern legte.

„Du, der nächste Bus fährt doch ohnehin erst in einer Stunde. Bis dahin kannst du dich doch einen Augenblick ausruhen, hm?“, redete Ernest beschwichtigend auf seinen jungen Patienten ein und tätschelte ihm leicht die Hand, als er trotz seines Zögerns nickte.

„Okay… ich… stell mir nur kurz den Wecker…“, murmelte Dominik und tastete seine Hosentaschen auf der Suche nach dem Handy ab. Frido aber legte eine Hand auf seine.

„Du hast es vorhin beim Aufräumen in deinen Rucksack getan. Ich brings dir gleich, okay? Geh schon mal ins Schlafzimmer und leg dich hin“, sagte er schnell und lächelte, als Dominik wieder nickte. Er ließ sich von seinem Freund auf die Füße ziehen und langsam in den Flur führen, während der ihn mit Fragen über die Fahrzeit des Busses ablenkte und ins Schlafzimmer brachte. Dabei folgte Ernest ihnen erst, ehe er in die Küche huschte, seinen Arztkoffer griff und gerade passend ins Schlafzimmer kam, als Dominik sich über die Anzeige auf Fridos Wecker wunderte.

„Ach, Lilli war heute Nachmittag hier und hat schon wieder an den Knöpfen herumgespielt… ich hab ihr schon so oft gesagt, dass sie nicht immer alles verstellen soll“, seufzte der Dozent aus und drückte Dominik leicht auf die Bettkante, während der zwar noch immer auf die Uhrzeit schaute, aber trotzdem nickte. Derweil öffnete Ernest seinen Koffer und holte etwas daraus hervor.

„Dominik, ich hab hier übrigens noch ein paar Vitamine für dich… Wenn ich schon mal da bin, kann ich dir die bei der Gelegenheit auch schnell geben, oder?“, ging er zu dem Lockenkopf hinüber und vor ihm in die Hocke, um ihm das Mittel dann zu verabreichen, nachdem er zugestimmt hatte.

„Gut, dann ruh dich jetzt aus… Und ja, dein Handy bekommst du sofort“, tätschelte er ihm anschließend das Bein, während er dabei zuschaute, wie Dominik immer schläfriger wurde und Frido ihm half, sich aufs Bett zu legen. Er zog ihm Jeans und Pullover aus, deckte ihn zu und blieb so lange bei ihm sitzen, bis er zweifelsfrei eingeschlafen war. Erst dann und auch nur mit viel Überwindung konnte Frido sich von ihm losreißen, um Ernest zurück in den Flur zu folgen und sich dort mit tiefem Seufzen gegen die Wand zu lehnen.

„Haarige Angelegenheit…“, murmelte der Arzt und brachte seinen Koffer zurück in die Küche, um dann dort Platz zu nehmen.

„Was hast du ihm da gegeben?“, fragte Frido, der ihm folgte und sich zu seiner rechten niederließ.

„Keine Sorge, nur ein leichtes Mittel, das ihm beim Einschlafen hilft und hoffentlich auch dafür sorgt, dass er die nächsten Stunden erst mal durchschläft“, setzte Ernest seine Brille ab und rieb sich das Gesicht, während er von Frido eine Erklärung zu Dominiks Aussage verlangte.

„Ich glaub, er hat mich da mit seinem Exfreund durcheinander geschmissen…“, murmelte der und entschied sich nach langem Zögern, Ernest auch die Sachen über Dominiks Vergangenheit anzuvertrauen, die er bisher wie ein Schatz gehütet hatte – so wenig wie möglich, aber doch so viel wie nötig.
 

„Wenn… wir ihm helfen wollen, solltest du das vermutlich auch wissen..“, schloss er seine Erzählung schließlich und musste erkennen, dass sogar ein Dr. Ernest Landers mal von etwas Gehörtem mitgenommen und erschöpft sein konnte.

„Na, da war dein „Nicht ganz glücklich über seine Homosexualität“ aber noch hart untertrieben, als du damals von deinem kleinen Aufeinandertreffen mit seiner Mutter erzählt hast!“, rieb er sich Augen und Nasenwurzel und bat Frido darum, das Essen aufzuwärmen. Eine kleine Stärkung konnte er nun doch gebrauchen und auch etwas Zeit, um die Ereignisse des heutigen Abends zu verdauen.

„Wie ist denn dein Eindruck von ihm? Meinst du, es geht ihm bald besser?“, fragte der Dozent, während er den ersten Teller in die Mikrowelle stellte und den zweiten schon einmal füllte. Ernest verschränkte die Arme vor der Brust, überschlug auf altbekannte Art die Beine übereinander und sackte untypischer Weise gegen seine Rückenlehne. Er nahm sich die Zeit, über die Frage nachzudenken, bis Frido die Getränke aus dem Wohnzimmer geholt, noch einen prüfenden Blick ins Schlafzimmer geworfen und sich dann zurück in die Küche begeben hatte.

„Ganz ehrlich? Als er plötzlich mit dem Gebrabbel über das Internat anfing, dachte ich, jetzt ist es soweit – wir können ihn in die Psychiatrie bringen“, seufzte der Arzt und hob beschwichtigend die Hand, als Frido bei dieser Aussage in seiner Bewegung stoppte und Ernest fassungslos anstarrte.

„Friedrich, guck mich nicht so an, als hätte ich gerade vorgeschlagen, ihn in irgendein dunkles Loch zu stecken, mit Tabletten vollzupumpen und den Schlüssel weg zu werfen! Selbst wenn es dazu käme, spricht keiner davon, dass er auf ewig dort bleiben müsste oder dass überhaupt ein stationärer Aufenthalt notwendig wäre. Es gibt ja auch ambulante Möglichkeiten… Das kann jemand, der darauf geschult ist, besser beurteilen als ich. Und du hast ja selbst schon im engsten Kreis erlebt, dass Therapie durchaus ein unterstützendes Mittel sein kann“, lehnte er sich vor und legte die Hände gefaltet vor sich auf den Tisch, während Frido sich langsam aus seiner Starre löste und die Gläser abstellte.

„Ja… Juli hat das damals sehr geholfen…“, murmelte er und tauschte die Teller in der Mikrowelle, um Ernest den ersten vorzusetzen und ihnen noch Messer und Gabeln aus der Schublade zu holen.

„Ich hab… nur grad überlegt, ob ich nicht früher was hätte merken müssen… beziehungsweise, ob ich ihn nicht mehr hätte drängen müssen, mit mir zu reden“, gab er Ernest sein Besteck, aber der schaute ihn eindringlich an und schüttelte den Kopf.

„Friedrich, zwei Sachen will ich jetzt mal ganz deutlich festhalten: Erstens ist es nicht deine Aufgabe, seinen Therapeuten zu spielen! Du bist sein Partner und es ist gut, dass du ihn unterstützt, aber alles weitere musst du schon Experten überlassen – und letztlich auch ihm selbst, inwieweit er überhaupt für solche Themen empfänglich ist. Und damit wären wir auch schon beim zweiten Punkt: Psychologie und alles, was damit zusammen hängt, ist nicht mein Fachgebiet. Ich hatte das Feld zwar auch im Studium, aber mehr auch nicht. Ich kann dir also eine gewisse Einschätzung geben, wie ich die Situation gerade beurteile, aber ich bin kein Fachmann in diesem Bereich. Ich kann keine Diagnose stellen und würde dringend empfehlen, dass da noch mal jemand drauf guckt, der auch dafür ausgebildet ist“, stellte er durch einen Griff an Fridos Unterarm sicher, dass der mit seiner vollen Aufmerksamkeit bei Ernest blieb, bis er ausgesprochen hatte und ihn wieder los ließ.

„Okay…“, nickte der Dozent und lehnte sich an die Arbeitsplatte neben der Mikrowelle, wobei er die Arme vor der Brust verschränkte und nachdachte.

„Und… wie ist deine generelle Einschätzung? Ich mein, bis man beim Therapeuten was kriegt, kann es Monate dauern und…“, murmelte er, um ins Stocken zu geraten, als Ernest wieder die Hand hob.

„Du bist dir aber schon noch bewusst, dass du hier einen Arzt mit guten Kontakten sitzen hast, oder?“, fragte er beinahe gekränkt, um dann mit etwas mehr Wohlwollen seine Gabel zu greifen, als Frido entschuldigend nickte. Er wartete, bis auch der sich mitsamt Essen an den Tisch setzte und ging dann wieder auf Fridos Frage ein.

„Nun… Wenn ich alle Informationen, die mir bisher vorliegen, betrachte, dann ergibt seine Aussage mit dem Internat ja doch in gewisser Weise Sinn. Zumal... auch, wenn er es jetzt lang genug recht gut verbergen konnte, hat er die vergangenen Wochen definitiv viel zu wenig geschlafen. Schlafmangel allein kann schon sehr negative Auswirkungen mit sich bringen; dazu dann der Nervenzusammenbruch, den er vor unserem Gespräch noch hatte… ich könnte mir vorstellen, dass die Welt morgen schon wieder viel anders aussieht. Wir sollten erst mal abwarten, wie es ihm nach einer guten Mütze Schlaf geht“, kostete er von seinem Essen und nahm zufrieden zur Kenntnis, dass es auch wieder aufgewärmt noch seine Ansprüche decken konnte. Frido hingegen stocherte auf seinem Teller herum, als wäre er ein kleines Kind, dem sein Brokkoli nicht schmeckte.

„Also könnte der Schlafmangel allein schon alles erklären…?“, murmelte er und schaute Ernest hoffnungsvoll an, um schnell erkennen zu müssen, dass der bei weitem skeptischer als sein Freund war.

„Friedrich, deinen Optimismus in allen Ehren und auch wenn ich positiv gestimmt bin, dass es ihm dadurch schon deutlich besser gehen wird, löst ein gutes Nickerchen noch nicht die Grundproblematik. Es ist ja nicht nur so, dass sein Umfeld ihn einfach nur nicht unterstützt hat, sondern dass ja auch gegen ihn gearbeitet wurde. Und das bei so grundlegenden Dingen wie seiner Sexualität…“, legte er seine Gabel beiseite, während er kaute, die Finger verwebte und weiter überlegte.

„Das, was du mir erzählt hast, ist ja nur das, was er bereit war mit dir zu teilen. Oder was du durch Zufall mitbekommen hast…“, dachte er laut und hob den Blick vom Teller, als Frido ihn bat, konkreter zu werden.

„Wenn ichs mir recht überlege… Du sagtest, dass du seit diesem Vorfall mit seinem Exfreund der Erste warst, auf den er sich wieder eingelassen hat. Das zeigt ja, wie sehr ihn das alles damals geprägt hat. Und als ihr zusammengekommen seid, war er ähnlich aufgewühlt wie heute… Ich weiß es natürlich nicht, aber ich kann mir ganz gut vorstellen, dass er sich dir in einem stabileren Zustand nicht so weit geöffnet hätte oder zumindest nicht so schnell. Weder damals noch heute Abend. Das konnte man ja schon daran erkennen, dass er sich die letzten Wochen auch wieder zurückgezogen hat.Da erkenn ich schon gewisse Parallelen. Bisher hat er immerhin alles immer irgendwie allein mit sich ausgemacht und es spricht wohl für einen sehr hohen Leidensdruck, wenn er dann so aus dem Muster fällt“, sprach er weiter und griff seine Gabel, um einen neuen Bissen zu nehmen. Frido aber ließ seine Gabel sinken und schüttelte den Kopf.

„Also soll ich mich darüber freuen, wenn mein Freund regelmäßig Nervenzusammenbrüche hat, weil er dadurch dann zugänglicher wird?“, schnaubte er verbittert aus, während Ernest die Stirn runzelte.

„Ich wollte damit lediglich aufzeigen, dass es vieles gibt, das er zu verarbeiten hat und dass du vermutlich noch gar nicht alles weißt, was ihn geprägt hat und belastet. Dass es also vermutlich auch nicht ausreichen wird, wenn er künftig nur mehr schläft und gesund isst!“, sagte er in fast schon schnippischem Ton, um nach einem Seufzen doch etwas mehr Gnade walten zu lassen.

„Deine Unterstützung ist wertvoll, keine Frage und du hast heute Abend absolut richtig reagiert, mich dazu zu holen. Ich denke, es gibt aber auch einfach Dinge in Dominiks Leben, die er noch nicht richtig verarbeiten konnte und die ihm früher oder später wieder auf die Füße fallen könnten, wenn er sich nicht endlich mal damit auseinandersetzt. Du wolltest meine Einschätzung hören und das ist sie. Ich denke, es wächst ihm langsam alles über den Kopf und das wundert mich wenig. So ganz unrecht hatte seine Mutter vielleicht nicht, als sie meinte, dass die Kunst ihn auf Dauer zu sehr belastet. Ich stelle allerdings die Frage in den Raum, ob wirklich die Kunst das Problem ist oder eher das, was er damit inzwischen verbindet“, führte er seine Überlegungen dann weiter aus und leerte den Teller immer mehr, während Fridos Mahlzeit stattdessen fast unberührt abkühlte.

„Im Endeffekt wünscht er sich nur die Anerkennung und Liebe seiner Familie und weil er die nicht kriegt, setzt er für sich Maßstäbe, die er nicht erreichen kann...“, murmelte der Dozent nach einer langen Zeit des Schweigens und als Ernest gerade die letzten Reste verspeist hatte. Der Arzt griff sich einer Serviette und tupfte sich den Mund ab, während der Dozent sich die Haare raufte.

„Aber wenn die nie anfangen, ihn so zu akzeptieren, wie er ist? Soll das dann immer so weiter gehen?“, schaute er Ernest verzweifelt an, der einen Schluck trank und die Servierte auf seinen Teller legte.

„Selbst, wenn sie ihn auf einmal mit offenen Armen begrüßen würden, würde das wohl nichts an seinen Minderwertigkeitskomplexen ändern. Dafür sitzen die meiner bescheidenen Meinung nach viel zu tief; sonst würde er sich wohl kaum so in die Arbeit stürzen, obwohl seine Eltern sich die Werke ja nicht mal wirklich angucken“, meinte er und stellte das Glas beiseite.

„Es ist wichtig, dass er auf Dauer einen gesunden Weg für sich findet, um mit dieser Belastung umzugehen, ganz gleich, wie seine Familie oder andere Außenstehende sich weiter verhalten oder auf ihn reagieren“, atmete er tief aus und stand auf.

„So, für heute haben wir uns aber genug den Kopf darüber zerbrochen und den Mund fusselig geredet. Wie gesagt, lass ihn erst mal schlafen und sieh zu, dass du selbst auch Schlaf kriegst. Morgen sehen wir weiter. Ruf mich auf jeden Fall an und sag mir, wie es ihm geht und ob ich noch mal vorbeikommen soll. Und die nächsten Schritte besprechen wir dann mit Dominik zusammen, einverstanden?“, trat Ernest um den Tisch herum, um Frido die Hand auf die Schulter zu legen und lächelte, als der nickte.

„Danke für deine Hilfe“, erhob auch er sich und trottete Ernest in den Flur nach, während der mit einem zufriedenen Blick ins Schlafzimmer zur Kenntnis nahm, dass Dominik noch immer schlief.

„Also… wenn noch was ist, weißt du, wo du mich erreichst“, zog er dann seine Jacke an, wobei Frido die Tür entriegelte und fragte, ob er noch etwas beachten solle.

„Behandel ihn rücksichtsvoll, aber nicht wie ein rohes Ei. So, wie ich ihn einschätze, ist Mitleid gerade das Letzte, was er will und du kannst das, glaub ich, ganz gut nachvollziehen, oder?“, betätigte Ernest die Klinke und nickte Frido aufmunternd zu, ehe er in die Nacht verschwand. Eine Nacht, die für Frido überraschenderweise erholsamer ausfiel, als er gedacht hätte.

Obwohl er manchmal wach wurde, weil Dominik im Schlaf irgendwas Unverständliches murmelte, schlief er immer wieder ein und fühlte sich am nächsten Morgen ausgeruht. Bewusst rutschte er nicht zu dicht an Dominik heran, um ihn nicht dadurch zu wecken und war froh, dass auch sein Bett trotzdem genug Platz bot, um ihm dennoch nah sein zu können. Aber auch, dass sein Bett inzwischen nicht mehr von Juli und Lilli benötigt wurde und die Beiden den vergangenen Abend nicht miterlebt hatten. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie das dann wohl gelaufen wäre… Stattdessen richtete er seinen Blick auf das Hier und Jetzt. Gleich nach dem Aufstehen ließ er Ernest mit einer kurzen Nachricht wissen, dass die Nacht entspannt gelaufen war und Dominik noch immer selig schlief. Sein Sportprogramm verlegte er an diesem Tag in seine Wohnung, um dann im Eiltempo unter die Dusche zu springen, einen Abstecher in die Küche zu machen und anschließend wieder ins Schlafzimmer zu gehen. Fertig angezogen nahm Frido auf dem Bett Platz, lehnte sich am Kopfteil an und beschäftigte sich mit seinem Laptop, bis kurz vor seiner geplanter Mittagspause das erste richtige Lebenszeichen von Dominik zu sehen war. Er rollte sich von einer Seite auf die andere, legte den Arm über Fridos Schoß und runzelte die Stirn, als er dessen Notebook dabei ertastete.

„Guten Morgen…“, flüsterte Frido ungeachtet der tatsächlichen Tageszeit und verfrachtete den technischen Störenfried auf den Nachttisch, während Dominik nur langsam weiter zu sich kam.

„Soll ich mich wegsetzen?“, fragte Frido, aber sein Lockenkopf schüttelte leicht den Kopf, ehe er irgendwas brummte und näher an ihn heranrutschte.

„Wie spät ist es?“, nuschelte er verschlafen und öffnete die Augen einen Spalt weit, als Frido ihm sagte, dass es kurz vor halb drei Uhr nachmittags war. Es dauerte einen Moment, bis Dominik die Information verarbeitet hatte.

„Wie lang hab ich denn geschlafen?“, murmelte er dann und blinzelte einige Male, als Frido ihm die noch recht frühe Uhrzeit des gestrigen Abends nannte, zu der sie Dominik ins Bett gebracht hatten.

„Wie fühlst du dich denn jetzt?“, legte der Ältere den Arm leicht um seinen Freund und kraulte ihm die Schulter, während Dominik noch immer nicht so recht wach schien.

„Weiß nicht…“, zog er sich etwas höher, um den Kopf an Fridos Brust zu legen und rieb sich dann die Augen.

„Ich glaub, schon ein bisschen besser…“, gähnte er und brummte wieder, als Frido ihm einen Kuss auf den Schopf gab.

„Erinnerst du dich noch an gestern?“, fragte der und spürte das leichte Zucken von Dominiks Schulter.

„Teilweise…“, murmelte er und fragte, ob Ernest wirklich da gewesen sei oder ob er das nur geträumt habe. Frido schüttelte den Kopf und lachte leise, als Dominik feststellte, dass er ja zum ersten Mal in dessen Bett lag.

„Stimmt, inzwischen sind Lilli und Juli fertig umgezogen…“, flüsterte Frido, ehe er auf die eigentliche Frage zurückkam.

„Ernest war wirklich da. Dir gings nicht gut und ich hab ihn gebeten, dazu zu kommen“, erklärte er und schloss vorsichtig und langsam Dominiks Erinnerungslücken. Immer wieder nickte der dabei, hörte viel zu, stellte aber auch Nachfragen und atmete tief durch, als Frido mit seiner Schilderung zum Ende kam.

„Verstehe…“, meinte Dominik dann und rieb die Wange leicht an Fridos Brust, während der ihm über den Rücken kraulte.

„Frido?“

„Hmm?“

„Ich hab dich vermisst… und ich bin froh, grad nicht wieder allein in meinem Zimmer zu hocken“, murmelte er und schloss die Augen, als der Ältere ihm wieder den Schopf küsste und sagte, dass es ihm genauso gehe.

„Heute ruhst du dich einfach mal aus und wir machen uns einen gemütlichen Tag, okay?“, schlug der Ältere vor, aber auch wenn Dominik nickte, beschäftigte ihn doch eine Frage.

„Und wie gehts dann weiter?“, wollte er offensichtlich nicht nur mit Blick auf das angebrochene Wochenende wissen und stellte Frido damit vor den Teil des Gesprächs, den er gern noch etwas herausgezögert hätte. Vor allem konnte er Dominik doch jetzt nicht vertrösten, bis Ernest eintreffen würde…

„Weißt du… vielleicht wäre es gut, wenn du mal mit einem Experten sprechen würdest. Ernest könnte da bestimmt zeitnah was ermöglichen“, suchte er nach einer vorsichtigen Umschreibung, für die Dominik allerdings sofort mehr Klarheit wollte.

„Was für ein Experte?“, hob er den Kopf und runzelte die Stirn, als das Wort Psychologe fiel. Ein schiefes Grinsen verzog seine Mundwinkel und er rutschte von Frido weg.

„Ey, Moment mal, mir gehts doch schon wieder besser…“, versuchte er abzuwiegeln und schüttelte den Kopf, als Frido ihn an seine Pläne mit dem Palettenmesser erinnerte.

„Das… du hast selbst gesehen, dass ich einfach nur Schlaf brauchte“, rutschte Dominik vom Bett und schaute sich suchend um, während Frido an der anderen Seite vom Schlafmöbel stieg und langsam dort herum ging.

„Dominik, es ist doch nichts dabei… Du kannst ja einfach mal hingehen und dir anhören, was der zu sagen hat. Ich komm auch mit, wenn du möchtest. Hm?“, blieb Frido einige Schritte entfernt stehen, als Dominik seine Kleidung auf der Fensterbank entdeckte und sich fast schon ungehalten in die Jeans kämpfte.

„Und wozu?!“, keifte er über die Schulter.

„Damit ich nicht nur der brotlose, schwule Künstler bin, sondern auch noch der mit dem Dachschaden?!“

Wieder schüttelte er energisch den Kopf und fluchte, weil er sich in seinem Pullover verhedderte. Doch als Frido hinter ihn trat und ihn umarmte, hielt er inne.

„Kann es dir nicht egal sein, was deine Familie von dir denkt? Vor ihrer Reaktion hast du doch die meiste Angst, oder? Aber gerade auf deren Meinung solltest du pfeifen. Die haben dich doch nie richtig unterstützt… Was wissen die schon? Außerdem müssen sie ja auch gar nichts davon erfahren, wenn du es nicht möchtest“, sprach er beruhigend und legte den Kopf auf Dominiks Schulter. Doch das Argument allein überzeugte den noch lange nicht.

„Warst du auch schon mal in Therapie?“, wollte er wissen und nach kurzem Zögern musste Frido diese Frage verneinen.

„Aber Juli. Sie hatte eine Wochenbettdepression und das hat ihr wirklich geholfen“, fügte er schnell an, ohne dass es auf viel Gehör stieß.

„Ich hab aber keine Wochenbettdepression und auch sonst keine!“, murrte Dominik und bohrte weiter nach, warum Frido nicht selbst solche Unterstützung in Anspruch genommen habe, als er mit den Folgen seines Unfalls zu straucheln hatte.

„N.. na ja, ich hab nie gesagt, das beste Vorbild in allem zu sein!“, versuchte der kurz zu scherzen, aber der Spaß verging ihm gehörig bei Dominiks stechenden Blick über die Schulter. Er machte sich aus der Umarmung los und wühlte sich weiter in seinen Pullover.

„Dominik…“, seufzte Frido aus und stützte die Hände auf die Hüften.

„Ich hab damals… den Sport für mich entdeckt. Und solange trainiert, bis es mir auch mental besser ging. Das war mein Weg da raus, aber ich hab bei Juli gesehen, dass auch Therapie ein guter Weg sein kann. Es will dir auch keiner eine Depression andichten. Ich… ich wollte damit nur sagen, dass jeder mal in einem Loch steckt und dem einen dies hilft, um da wieder raus zu kommen und dem anderen das… Es sagt ja keiner, dass du dabei bleiben musst, wenn eine Therapie nichts für dich ist. Geh einfach mal hin, schau dir eine Sitzung lang an, ob es dir helfen könnte und wenn nicht, dann… dann finden wir was anderes“, versuchte er die Hand an Dominiks Schulter zu legen, doch der entzog sich ihm.

„Ich hab keinen Bock auf die Scheiße! Immer ist alles anstrengend und mühsam! Ich will es auch einfach mal leicht haben und nicht immer für alles erst kämpfen müssen!“, zeterte er und schob sich an Frido durch, um den Flur zu gehen, aber der fasste seine Hand und hielt ihn fest.

„Wird es denn leichter, wenn du weiterhin die Päckchen und Probleme mit dir herumträgst, die vor allem andere dir aufgebürdet haben?“, fragte er sanft und tatsächlich schien sein Lockenkopf sich etwas zu beruhigen. Er seufzte aus und zog seine Hand deutlich weniger energisch an sich, um sie dann mit der anderen in die Tasche seines Hoodies zu schieben. Auch ließ er es zu, als Frido sich vor ihn stellte, ihm über die Oberarme strich und seine Stirn küsste. Doch dann schüttelte er den Kopf.

„Das geht mir grad alles zu schnell…“, murmelte er und runzelte die Augenbrauen, während Frido ihm übers Haar strich.

„Versteh ich… das war alles ein bisschen viel in letzter Zeit“, antwortete der, woraufhin Dominik nickte.

„Ja, ich brauch ein paar Tage, um mir mal ein paar Gedanken darum zu machen, was ich wirklich will und wie es weitergehen soll…“, kaute er leicht auf der Unterlippe und hob dann den Blick, um von Frido ein Lächeln geschenkt zu bekommen. Doch er selbst blieb ernst.

„Ich will nicht ungerecht sein… Ich bin dir wirklich dankbar für deine Hilfe… und Ernest auch… aber ich brauch jetzt erst mal Zeit für mich“, murmelte er und Frido nickte verstehend, bis er das Ausmaß dieser Worte wirklich begriff.

„Ich geh jetzt erst mal nach hause… Wir sehen uns, okay?“, fragte Dominik und sein Freund ließ allmählich die Hände sinken.

„Oh… ja… ja klar…“, musste Frido hart schlucken, während Dominik sich nach kurzem Zögern von ihm abwendete und zur Wohnungstür ging. Nur langsam konnte Frido ihm nachgehen, während er noch immer versuchte zu verstehen, was gerade geschah.

„Wenn… wenn irgendwas ist, dann…“, sprach er fast ferngesteuert und musste tatenlos dabei zusehen, wie Dominik in Jacke und Schuhe schlüpfte, um dann auch noch seinen Rucksack zu schultern.

„Ich meld mich bei dir. Versprochen“, ging er noch einmal kurz zurück, um Frido einen Abschiedskuss auf die Wange zu hauchen, doch als der mit einem „...okay“ antwortete, fiel die Tür bereits hinter seinem Lockenkopf ins Schloss.

21.9.2024: Ochsenfrosch

In kleinen Wölkchen stieg der heiße Dampf des frisch aufgebrühten Tees empor. Er vermischte auf dezente Art und Weise seine herbe Note mit dem süßlichen Duft des Gebäcks, das neben ihm stand. Es war eine Komposition aus Gaumenfreuden, die ihren Betrachter lockten und doch eigentlich viel zu schade waren, um sie mit ein paar gierigen Happen zu verspeisen. Aber zum Glück war Dr. Ernest Landers nicht gierig. Er verspürte zwar eine gewisse Vorfreude beim Blick auf seinen Tisch, aber er konnte dem Tee auch seine Zeit gönnen, die der brauchte, um sein volles Aroma zu entfalten. In kleinen Stücken würde er sich das Törtchen gönnen, Häppchen für Häppchen und Krümel für Krümel. Eine Untermalung beim Lesen des Buches, das er sich für den heutigen Nachmittag ausgesucht hatte und das sich inhaltlich natürlich bestens mit der leisen Musik verband, die mit ihren Klängen den Raum erfüllte. Vielleicht würde er sich für den nächsten Nachmittag dieser Art auch noch ein, zwei Sträußchen Blumen organisieren, überlegte er, während er sich auf seinem Lesesessel zurücklehnte und das Buch aufschlug. Ja, mit ein paar frischen Farbtupfern wäre die Zusammenstellung an Dingen, die ihm den Nachmittag verschönerten, perfekt.

„Blumenstrauß besorgen“, zog er daher noch kurz sein Smartphone hervor und teilte seinem zukünftigen Ich diese wichtige Memo mit, ehe die vollkommene Ruhe und Entspannung beginnen konnte. Zumindest hätte sie beginnen können, wenn es nach Herrn Dr. Ernest Landers gegangen wäre, doch just in diesem Moment wagte irgendein Störenfried es doch tatsächlich, seine Klingel zu bedienen! Mit einem erbosten Schnauben hob Ernest seinen Blick von der Buchseite zur Wohnungstür und klappte geräuschvoll die Lektüre zu. Er stand auf, legte das Buch auf seinen Sessel und nutzte das offene Raumkonzept seiner Wohnung, um in nur wenigen Schritten den Wohnbereich zu verlassen, die Küche zu durchqueren und die Wohnungstür zu erreichen, ohne dabei auch nur einmal die Richtung wechseln oder eine Klinke anfassen zu müssen. Erst an die der Wohnungstür legte er die Finger, aber nicht, ohne vorher einen prüfenden Blick durch den Türspion zu werfen. Seine Stirn runzelte sich, dann sprang seine Augenbraue empor. Wie ein Schuljunge, der etwas ausgefressen hatte und den Anschiss des Lehrers erwartete, stand Frido Klimlau vor seiner Tür. Und gerade wollte er noch einmal die Klingel betätigen, als Ernest doch so gnädig war, ihn nicht länger warten zu lassen.

„Hast du deiner Mitschülerin einen Ochsenfrosch auf den Tisch gesetzt?“, sagte Ernest zur Begrüßung und ließ offen, ob ihn vielleicht ein Ereignis aus der eigenen Schulzeit auf diese Idee brachte.

„Äh… Ochsenfrosch?“, murmelte Frido verdattert, aber Ernest winkte nur ab.

„Ochsenfrosch.. Unke… alles das gleiche“, trat er beiseite und bat seinen ungeplanten Gast mit ausladender Geste, seine heiligen Hallen zu betreten. Der kam der Aufforderung zwar sogleich nach, doch noch immer zog er die Schultern auffällig hoch und hielt die Hände in den Hosentaschen verborgen.

„Nun…“, schloss der Arzt die Tür und musterte Frido, während der nur zögerlich Anstalten machte, sich seiner Jacke zu entledigen.

„Hi… stör ich?“, fragte er unsicher und ohne, dass Ernest darauf einging.

„Da du nicht angerufen hast, sondern persönlich hier auftauchst, kann die Angelegenheit nicht von enormer Dringlichkeit sein. Und da du aber auch ohne Dominik gekommen bist, schließe ich mal darauf, dass er gegangen ist. Es würde mich zumindest äußerst wundern dich hier zu sehen, wenn er noch in deiner Bude säße“, fasste der Arzt seine Beobachtungen und Vermutungen stattdessen zusammen, ehe er sich in seine Küche begab und dabei fragte, was passiert sei.

„Er… hat es nicht ganz so gut aufgefasst, als ich ihm vorgeschlagen hab, mal zum Therapeuten zu gehen…“, gab Frido kleinlaut zu und ging Ernest langsam nach, bis der sich wieder zu ihm umdrehte und sein abschätziger Blick bereits Bände sprach.

„So viel dazu, dass wir das eigentlich gemeinsam mit ihm bereden wollten“, stellte er fest, um sich dann wieder dem Wasserkocher und seiner Teesammlung zuzuwenden.

„Er hat mich gefragt, wie es nun weitergeht und da konnte ich ihm doch schlecht sagen, dass er auf die Antwort warten muss, bis ich dich angerufen hab und du da bist“, murmelte Frido und trat an die Kücheninsel heran, während Ernest eine Tasse griff und mit Beutel versah.

„Nun… ich seh da eigentlich Problem, ihm zu sagen, dass dich die Frage etwas überfordert und du mich gerne bei dem Thema mit zu Rate ziehen würdest, wenn er damit einverstanden wäre“, sagte er ruhig und sachlich und doch schwappte das heiße Wasser fast aus der Tasse, als er sie Frido geräuschvoll vor die Nase setzte.

„Deine Lieblingssorte. Trags selber und bring dir einen Stuhl mit“, wies er seinen Gast in kühlem Ton an und ging an ihm vorbei zu seinem eigenen Platz. Die Aussicht auf einen gemütlichen Nachmittag war damit wohl gestorben. Plötzlich ging Ernest sogar das leise Gedudel auf den Geist und er stellte es ab. Frido hingegen schien diese einkehrende Stille noch belastender zu finden, während er Ernest nachging und dabei aussah, als wäre er gerade auf dem Weg zum Schafott.

„Also?“, setzte Ernest sich kerzengerade hin, überschlug die Beine und legte die Hände auf seinem Oberschenkel ab.

„Mein letzter Kenntnisstand war, dass er gegen zehn immer noch tief und fest geschlummert hat. Wie war sein Zustand nach dem Aufwachen und vor allem: Was hast du ihm gesagt und wie hat er reagiert? Abgesehen vom Offensichtlichen“, forderte er jedes Detail der vergangenen Stunden von Frido ein und legte größten Wert darauf, dass der bei seiner Erzählung ja nichts ausließ. War Dominik wieder richtig ansprechbar gewesen? Hatte er einen verwirrten Eindruck gemacht? Konnte seine Entrüstung mit normaler Empörung verglichen werden oder kam sie wieder einem Ausbruch gleich? Erst, als Ernest alles gehört hatte, griff er seine Tasse, verzog etwas das Gesicht, weil ihr Inhalt inzwischen abgekühlt war und lehnte sich in seinen Sessel.

„Hätte ich ihn aufhalten sollen?“, rang Frido seine Hände, während sein Fuß nervös wippte und er auf der Unterlippe kaute.

„Ich hab… überlegt ob ich nachher mal bei ihm vorbeigehen soll, um zu gucken, ob auch wirklich alles in Ordnung ist“, murmelte er und schaute Ernest fragend an, während der noch einen Schluck nahm und ihm bei Fridos Überlegungen die Augenbraue empor kroch.

„Empfehlenswert. Besonders, wenn er dich vorher um Abstand bittet. Dich dann an ihn dran zu hängen wird sicherlich keine negative Reaktion hervorrufen. Wenn du ihn also unbedingt von dir wegtreiben möchtest, dann nur zu“, schwang ein dezenter Sarkasmus in Ernests Worten mit und sein Nicken unterstrich die leise Aufforderung, die er eingewoben hatte. Seltsamerweise sprang Frido aber nicht sogleich auf, um zu seinem Lockenkopf zu eilen, sondern sank nur mit tiefem Seufzen weiter in seinen Stuhl.

„Du hast ihn doch gestern erlebt… Ich mach mir einfach nur Sorgen, dass er irgendeine Dummheit anstellt. Ich möcht ihm ja vertrauen, aber was, wenn ich… wieder zu blauäugig bin und die Folgen dieses Mal….“, murmelte er und brach den Satz ab, weil er ihn nicht beenden konnte. Zu groß wurde der Kloß in seinem Hals und er musste sich räuspern.

„Friedrich“, stellte Ernest seine Tasse ab und bat seinen Freund, ihn anzuschauen.

„Ich hab ihn heute nicht gesehen und ich kann auch nicht in seinen Kopf rein gucken, aber das, was du mir vorhin erzählt hast, klingt mir nicht unbedingt danach, als wäre er gerade unzurechnungsfähig. Oder würde aktuell eine Gefahr für sich selbst darstellen. Es klingt mir eher nach einer durchaus nachvollziehbaren Reaktion. Und… trotz einer gewissen Impulsivität, wirkt er mir dabei auch nicht kopflos. Er konnte recht klar benennen, warum er sich gerade zurückziehen möchte und es dir, im Gegensatz zu vorher, auch mitteilen“, meinte er und erinnerte Frido daran, dass er damals trotz Ernests Ansprache im Krankenhaus auch nicht postwendend seine Ansichten geändert hatte.

„Deine erste Reaktion war, dass du mich als Quacksalber betitelt hast und am gleichen Tag noch in eine andere Klinik verlegt werden wolltest! Schon vergessen?“, stand er auf, um sich einen neuen Tee zu holen und nahm mit einer gewissen Zufriedenheit wahr, dass Frido anfing zu schmunzeln.

„Stimmt… ich hab der Krankenschwester, die mir geholfen hat die nassen Klamotten zu wechseln, in den Ohren gelegen, dass sie meine Eltern verständigen soll, weil sie mir eine andere Klinik raus suchen sollten. Stattdessen sagte sie mir, dass du dich damals wohl sehr dafür eingesetzt hattest, damit ich überhaupt einen Platz in deiner Klinik bekommen habe. Und dass dass du wegen deines Einlaufs gerade zum Chef gerufen worden warst...Dann drückte sie mir das Telefon in die Hand, meinte, ich könne meine Eltern gern selbst benachrichtigen und dass sie sich um die anderen Patienten kümmern müsse“, murmelte Frido und lachte, als Ernest spöttelte, ob er sich dann erst mal bei Mami und Papi ausgeheult habe, weil die Krankenschwester auch so gemein zu ihm gewesen sei.

„Nein, ich… na ja, gut, vielleicht hab ich ganz kurz daran gedacht, aber… dann hab ich mir deine Worte mal richtig durch den Kopf gehen lassen“, gab er kleinlaut zu und betrachtete Ernest, während der zurück an den Tisch kam.

„Ich hab damals… Zeit zum Nachdenken gebraucht und die sollte ich Dominik auch geben, nicht wahr?“, murmelte Frido und nickte, als Ernest meinte, dass er die Antwort doch längst selbst kenne.

„Dieses Mal hat er dich sogar offen darum gebeten“, gab er zu bedenken und Frido stimmte ihm zu. Aber sein Freund konnte auch die Sorge des Dozenten verstehen.

„Sieh es mal so: Montag steht wieder Uni an und solltest du dann immer noch nichts von ihm hören, kannst du dich auch noch auf die Suche nach ihm machen. Aber du sagst ja selber oft, wie zuverlässig er ist. Also glaub ich nicht, dass eine Suchaktion nötig sein wird“, schlug er vor und bot Frido sogar etwas von seinem Törtchen an. Der wusste diese Geste zwar zu schätzen, aber er lehnte trotzdem ab.

„Mir ist grad nicht nach was Süßem, aber ich würd mich gern noch etwas unterhalten, wenn du einverstanden bist“, meinte er und lächelte, als Ernest ohne zu Zögern zustimmte. Es war untypisch für die beiden, sich an einem Samstagnachmittag zu treffen und doch wurde es ein schöner Austausch. Sie schafften es, ihre Gespräche nicht nur um Dominik kreisen zu lassen, sondern über Gott und die Welt zu philosophieren und Frido damit am frühen Abend mit dem Gefühl nach hause zu entlassen, als wäre es ein ganz normaler Tag gewesen.

Erst die Rückkehr in seine Wohnung brachte Frido dann wieder ins Grübeln. Er hing bis spät in die Nacht seinen Gedanken nach, schlief dann irgendwann ein und beschloss bereits beim Aufwachen, den Sonntag so viel und lange wie möglich mit Lilli und Juli zu verbringen. Was ihn beschäftigte verriet er ihnen nicht, aber trotzdem – oder gerade deshalb – lenkten sie ihn den ganzen Tag über wunderbar ab; selbst, wenn er dabei immer mal wieder einen kleinen Blick auf sein Smartphone warf. So richtig waren seine Gedanken dann aber trotzdem erst am Abend zurück bei Dominik und hierbei konzentrierte er sich vor allem darauf, dass nach der anstehenden Nacht schon der Montag auf ihn wartete.

An dessen Morgen kam er seinen Routinen nach und war trotzdem einer der Ersten, die nach dem Wochenende zurück auf den Campus fanden. Bis er zum ersten Kurs musste, verbrachte er seine Zeit am Fenster seines Büros und war froh, dass sein zweiter Kurs der von Dominik war. Damit war das Warten und Hoffen vielleicht nicht leicht, aber zumindest leichter, als wenn er sich bis zum Nachmittag oder gar bis zum nächsten Tag hätte gedulden müssen. Umso schwungvoller marschierte er darum auch zum Unterrichtsraum, als es endlich soweit war. Im Atelier hatte er Dominik nicht gesehen, also konnte der junge Mann nur hier sein – doch bei Betreten des Kurses musste Frido feststellen, dass sein Lockenkopf nirgends zu entdecken war.

„Guten Morgen“, grüßte er die restlichen Studenten und heftete seine Hoffnung an die Zeiger der Wanduhr, die darauf verwiesen, dass er ein paar Minuten zu früh war. Dominik konnte also noch kommen, ohne dabei unpünktlich zu sein. Aber Susi musste Frido eines Besseren belehren.

„Herr Klimlau?“, trat sie vorsichtig an seinen Pult heran, als er gerade seine Tasche auspackte und schaute ihn mit diesen Dackelaugen an, wie sie es seit seines Anpfiffs wegen ihrer kleinen Lauschaktion nun immer tat.

„Ja?“, hob er Blick und Augenbrauen, während sie ein wenig schüchtern die Hände hinter dem Rücken zusammenbrachte.

„Wir haben zwar keine Anwesenheitspflicht, aber Dominik hat mich gebeten, dass ich trotzdem Bescheid sage, dass er krank geworden ist. Er wusste noch nicht, wie lange, aber könnt wohl ein paar Tage dauern“, erklärte sie, während Fridos Mund trocken wurde und er mit einem kurzen Nicken antwortete.

„Danke Susi…“, flüsterte er, als sie bereits zu ihrem Platz zurückging und war froh, dass er selbst bereits auf seinen vier Buchstaben saß. War das nun ein gutes Zeichen oder ein schlechtes? Es musste doch ein gutes sein, dass Dominik sich sogar bei seiner Kommilitonin meldete, oder?

Nach einem Gespräch mit Ernest, der Dominiks Reaktion ebenfalls als positiv einstufte, beschloss Frido, Susi am nächsten Tag noch einmal anzusprechen. Er wollte sein Interesse auf seine Sorge um Dominiks Hand schieben, doch noch bevor er diesen Plan in die Tat umsetzen konnte, musste er ihn schon wieder zerschlagen.

„...Weiß nicht, was mit ihm ist. Ich war gestern Abend bei ihm, weil ich gucken wollte, wie es ihm geht, aber seine Vermieterin meinte, dass er gestern Morgen weggefahren ist. Wohin konnte sie mir nicht sagen… Aber behaltet das bitte für euch. Ich möcht nicht, dass er Ärger kriegt, weil er schwänzt“, erwischte er sie im Gespräch mit zwei Kommilitoninnen und ging mit flauem Gefühl an ihnen vorbei, als sich die Diskussion dahin drehte, ob Dominik ohne Anwesenheitspflicht überhaupt Ärger drohe.

Am Mittwoch sprach er Susi dann doch an, um zu erfahren, dass sie scheinbar noch immer nichts Neues wusste. Sein freier Nachmittag fiel dann so aus, dass er immer wieder Nachrichten an Dominik tippte, die er doch nicht abschickte und ein reges Interesse für die lokale Presse entwickelte. War irgendwo ein junger Mann gefunden worden, dessen Beschreibung auf Dominik zutraf? Inzwischen fiel es auch Ernest immer schwerer, seinen Freund zu beruhigen und sie fanden sich in einem endlosen Hamsterrad aus Argumenten wieder, ob Frido den Lockenkopf nun kontaktieren sollte oder noch nicht. Am Ende tat er es, aber erst, nachdem sich bei einem flüchtigen Blick aufs Smartphone herausstellte, dass nicht Juli – wie vermutet – geschrieben hatte, sondern Dominik.

„Gute Nacht. Schlaf schön“, las Frido um kurz vor zweiundzwanzig Uhr vor, um Ernest das Smartphone dann in die Hand zu drücken, damit er ihm bestätigte, nicht unter Halluzinationen zu leiden.

„So langsam frag ich mich, ob du vielleicht auch mal ein bisschen was aufzuarbeiten hast…“, murmelte der und gab seinem Freund das Handy zurück, um dann nur ein „Haha, sehr witzig!“ für seinen durchaus ernst gemeinten Rat zu erhalten.

„Du auch“, konzentrierte Frido sich lieber auf die Antwort an Dominik und schaffte es nach diesem Lebenszeichen tatsächlich, den Donnerstag etwas entspannter anzugehen. Er war konzentrierter bei der Arbeit, ignorierte die Presse größtenteils und konnte sogar lächeln, als Dominik ihm auch an diesem Abend einen kleinen Gruß schickte. Da überlegte er dann, ob er ihm schreiben sollte, dass er ihn vermisse oder nur eine gute Nacht wünschen sollte? Frido entschied sich für Letzteres und doch war es das Erste, was er Ernest erzählte, als er am folgenden Abend für ihr Schachspiel durch dessen Wohnungstür spazierte.

„Er hat mir gestern wieder geschrieben!“, platzte es aus ihm heraus und wurde von Ernest nickend zur Kenntnis genommen.

„Dir auch einen guten Abend“, schenkte er ihnen etwas zu trinken ein und bat Frido, Platz zu nehmen.

„Hey, etwas mehr Begeisterung bitte! Er schreibt zwar nicht viel, aber er meldet sich wieder bei mir!“, erinnerte der Dozent gerade auffällig an seine Schwester, wenn die etwas erfreute und Ernest wünschte sich inständig, dass Frido jetzt nicht auch noch anfangen würde, zu hopsen.

„Ich weiß“, stellte er ihre Gläser auf den Tisch und wiederholte dann seine Aufforderung.

„Setz dich bitte, Friedrich“, holte er Teller und Besteck für die heutige Bestellung, während Frido erst lachte und dann etwas zurückhaltender wurde.

„Du… nennst mich meistens nur Friedrich, wenns was Ernstes gibt…“, fiel ihm auf und er versuchte das aufkommende flaue Gefühl weg zu kichern. Doch dann musste er schlucken, als Ernest in seiner Bewegung innehielt und nachdenklich zur Decke schaute.

„Ist das so?“, schien er ernsthaft zu überlegen und bedeutete Frido dann ein drittes Mal, sich zu setzen. Nun kam er der Aufforderung endlich nach, doch seine Anspannung wuchs immer mehr, während Ernest das Geschirr auf dem Tisch platzierte und sich dann gegenüber seines Freundes auf dem Stuhl niederließ. Er faltete die Hände vor sich auf dem Tisch und schaute Frido geradewegs an.

„Ich weiß, dass er dir geschrieben hat, weil er es mir selbst erzählt hat. Er war heute Mittag in meiner Praxis…“, begann Ernest und hob sogleich die Hand, als Frido die Farbe aus dem Gesicht wich.

„Lass mich ausreden, bevor du in Ohnmacht fällst“, spöttelte Ernest, ehe er zurück zum Thema kam.

„Es geht ihm soweit gut. Er ist unversehrt und hatte mich nur um ein – sagen wir – kleines privates Gespräch gebeten. Er hat mir aber auch versichert, sich in Kürze auch bei dir zu melden. Mit mehr als nur einem kleinen Gruß“, griff er sein Glas und schmunzelte, als Frido wenig überraschend wissen wollte, was Dominik dem Arzt gesagt habe. Doch der schüttelte den Kopf und erinnerte ihn an das Patientengeheimnis.

„Ich fürchte, da wirst du warten müssen, bis er dich zum Gespräch bittet, mein lieber Friedrich“.

22.9.2024: obsiegen

Am Samstag fühlte er sich von alles und jedem verraten. Er hatte Frido beim Verlassen der Wohnung zwar gesagt, dass er sich melden würde, aber mit jedem Schritt mehr, den er sich entfernte, wuchs der Wunsch, seinen Dozenten nie wieder sehen zu müssen. In Dominiks Augen hatte sein Freund ihn hintergangen – genauso wie Ernest! Die taten doch nur so, als wollten sie ihm helfen, aber im Endeffekt hielten sie ihn für einen Spinner – genau wie alle anderen! Er war nicht verrückt und er gehörte nicht in die Klapse! Mit dieser Wut im Bauch stapfte er nach hause, war froh, dass seine Vermieterin gerade ihren Hackenbeißer Gassi führte, als er wieder kam und er sich dadurch ungestört in sein Zimmer zurückziehen konnte. Der Anblick des Schreibtischs ätzte ihn an, also warf er sich aufs Bett, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte an die Decke. Seine Gedanken kreisten dabei um die vergangenen Wochen und letzten Stunden. Mal fühlte er Ärger, dann Trauer, dann Verzweiflung. Mal war er hellwach und mal wurde ihm bewusst, dass er weggedämmert war. Die Nacht überfiel ihn mit wilden Träumen und hinterließ ihn mit einem Haufen Fragen.
 

Schon früh schlich er sich am Sonntagmorgen aus dem Haus, um sich auf die Suche nach Antworten zu begeben und tigerte dabei durch die ganze Stadt. Er fand sich beim Campus wider und spürte, dass er hier nicht weiter kam. Er schlenderte an bekannte Orte und entlegene Ecken, holte sich zwischendurch eine Kleinigkeit zu essen, weil er vergessen hatte, sich was einzupacken, setzte sich dann für eine Pause auf eine Bank, beobachtete das Geschehen um sich herum und tigerte dann weiter. Er kam an Susis Zuhause vorbei, ohne zu klingeln oder sie zu fragen, ob sie überhaupt da sei. Er kam auch an Fridos Wohnung vorbei, ohne zu klingeln – aber doch mit einem großen Zaudern, ob er es nicht tun sollte. Sein Ärger war längst der Sehnsucht gewichen, aber noch viel stärker spürte er, dass er endlich Antworten finden musste. Also ging er weiter. Vorbei am Fitnessstudio und einer leisen Hoffnung, die sich nicht erfüllte und hin zum Blumengroßmarkt, wo er die erste wichtige Entscheidung für sich traf. Und dann kehrte er um, lief wieder Zickzack und kreuz und quer durch die halbe Stadt, bis es schon Abend war, als die Fußhupe ihn an der Wohnungstür lautstark begrüßte. Er ging zu seiner Vermieterin in die Küche, half ihr mit dem Abendessen und spürte die Erschöpfung nach dem langen Tag. Nach etwas seichter Unterhaltung und mit gut gefülltem Bauch ließ er sich ins Bett fallen und war sofort eingeschlafen.
 

Ob er geträumt hatte, wusste er am nächsten Morgen nicht mehr. Dass er aber dringend mit seinem Chef reden musste, stand zweifelsfrei fest, als der Wecker ihn aus dem Schlaf riss. Er spürte eine gewisse Nervosität, als er zur Arbeit kam und die Missbilligung über sein Anliegen war nur allzu offensichtlich, denn von jetzt auf gleich bat er plötzlich um ein paar freie Tage. Die Kurzfristigkeit dieser Frage ärgerte seinen Chef, aber er war sich auch durchaus noch bewusst darüber, dass Dominik zuvor sogar mit verletzter Hand weitergearbeitet hatte. Außerdem schien er bei dessen Dringlichkeit und der Erwähnung, dass er ein privates Anliegen zu klären habe, von einem Trauerfall auszugehen. Also gestand er ihm ein paar Urlaubstage zu und Dominik verließ mit Dank, aber ohne weitere Infos zu seinem privaten Anliegen, den Großhandel. Auf seinem Weg zurück nach hause blieb er wieder vor Fridos Haus stehen und entschied sich wieder dagegen, bei ihm zu klingeln. Stattdessen suchte er das Gespräch mit seiner Vermieterin und guter Bekannter seiner Großmutter, als die pünktlich um halb sieben aus ihrem Schlafzimmer schlurfte. Grob erklärte er ihr seine Pläne und bat sie um Verschwiegenheit, was die näheren Details betraf. Er wusste, dass Susi bei ihm aufschlagen würde – ganz gleich, ob er sich bei ihr abmeldete oder einfach so der Uni fern blieb. Also wollte er sie zwar nicht vollends im Unklaren lassen, aber auch nicht zu viele Spekulationen und Gerüchte anheizen. Außerdem hoffte er, dass Frido sein kleines Lebenszeichen verstand, wenn er Susi bat, ihn in der Uni zu entschuldigen. Immerhin war sein Ärger inzwischen der Einsicht gewichen, dass der Ältere sich vermutlich wirklich einfach nur sorgte – nur spürte Dominik auch, dass er selbst gerade nicht in der Lage dazu war, sich schon wieder bei ihm zu melden. Dankbar war er darum, als Susi ihre Unterstützung nicht nur zusagte, sondern die Überbringung der Nachricht an alle Dozenten jedes Mal mit einer kurzen Nachricht bestätigte. Und wenig überrascht war er, als sie ihm am Abend eine etwas eingeschnappte Rückmeldung schickte, weil sein kleiner Schwindel aufgeflogen war. Er bat Susi um Entschuldigung und beschloss, ihr ein kleines Souvenir von seiner Reise mitzubringen – zur Wiedergutmachung und auch als Anerkennung dafür, dass sie inzwischen regelmäßig „versehentlich“ zu viel Essen mitbrachte oder zu große Portionen in der Mensa kaufte, um ihm dann einen Teil davon aufzudrängen, weil ihr nach den Semesterferien wohl nicht nur der desolate Zustand seiner Hand aufgefallen war. Offenbar hatte der ferienbedingte Abstand bei beiden dafür gesorgt, den jeweils anderen in einem etwas anderen Licht zu sehen… Dass sie sich in dieser Woche wohl keine Sorgen um seinen Appetit machen musste, erzählte Dominik ihr trotzdem nicht. Vielleicht würde es nach seiner Rückkehr machen und nach Gesprächen, die gerade größeren Vorrang hatten. Doch bevor die an der Reihe waren, verbrachte er den Rest des Tages erst einmal mit zwanglosem Geplauder mit seiner Großmutter. Auf ihrer Couch durfte er sich die kommenden Tage einquartieren und hatte schon fast befürchtet, sie an einen Herzinfarkt zu verlieren, weil ihre Freude so groß gewesen war, als er überraschend vor ihrer Tür gestanden hatte. Er ahnte zwar, dass dies die einzig positive Reaktion der nächsten Tage sein würde, aber er spürte auch, wie wohl er sich immer noch bei seiner Oma fühlte. Sie bot ihm dieses kleine Nest, in das er selbst dann zurückkehren konnte, wenn die weiteren Tage so katastrophal verlaufen würden, wie er es befürchtete. Und sie bot ihm die Gelegenheit, sich langsam wieder in seiner alten Heimatstadt einzufinden.
 

Denn es war fast wie in seiner Kindheit, als er sie am Dienstagmorgen zum Einkauf begleitete. Viele Geschäfte und Ecken waren noch so wie früher und andere völlig fremd geworden. Es war ein seltsames Gefühl, sich durch diese vertrauten und doch unbekannten Straßen zu bewegen und Dominik spürte, dass seine Großmutter ihm dabei so viel mehr Halt gab, als sie vermutlich ahnte. Außerdem wusste sie noch, welche Süßigkeit er als Kind immer geliebt hatte und auch wenn er ablehnte, schenkte sie ihm eine kleine Tüte davon.

„Na, na“, tätschelte sie seine Wange mit ihren von Gicht verformten Fingern, als seine Augen von ihrer Geste glasig wurden und er war froh, sich wenigstens dadurch erkenntlich zeigen zu können, dass er ihr die Einkäufe nach hause trug. Als sie sich gegen Mittag schlafen legte und er eines der Bonbons probierte, musste er sich tatsächlich auf den Balkon schleichen, weil er die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte und er nicht wollte, dass seine Großmutter es doch mitbekam. Nachdem seine Wangen wieder getrocknet waren, entschied er, dass es Zeit für sein eigentliches Ziel war. Also schrieb er seiner Großmutter einen kurzen Zettel, dass er sich die Gegend noch ein wenig anschauen wolle und lief los. Doch schon wenige Meter nach Verlassen ihrer Wohnung spürte er, wie sein Mut langsam sank. Statt den direktesten Weg zu nehmen, begab er sich darum auf eine Reise, die ihn nur über Umwege zu seinem Bestimmungsort führte und dabei mit anderen Plätzen seiner Vergangenheit konfrontierte. Er kam vorbei an dem Spielplatz, auf dem er während der Besuche bei seiner Oma manchmal gespielt hatte und blieb vor seiner Grundschule stehen, an der gerade reger Betrieb herrschte, weil die Kinder vom Unterricht abgeholt wurden. Das, was er von außen vom Schulhof erkennen konnte, hatte noch viel Ähnlichkeit mit dem, was er als Kind dort vorgefunden hatte, aber die Gebäude erinnerten inzwischen kaum noch an damals. Er dachte daran, wie er dort gespielt hatte und fand den Gedanken plötzlich seltsam, dass er so lange nicht mehr auf dieser Schule war und trotzdem noch immer eine Art Schüler – auch, wenn er sich inzwischen Student nannte. Ähnliche Überlegungen kamen ihm auch, als er seinen Weg fortsetzte und dabei die Bushaltestelle sah, von der aus er immer zu seinem Ausbildungsbetrieb und der Berufsschule gefahren war. Es fühlte sich noch seltsam frisch an, als wäre er erst letzte Woche noch dort gewesen und lag doch schon so viele Jahre zurück. Kurz blieb er auch hier stehen und betrachtete den Aushang der Buslinien. Auch hier vermischten sich wieder Bekanntes und Neues miteinander, aber vor allem überlegte er, in welche Richtung er weitergehen wollte. War er jetzt bereit für den direkteren Weg? Nein. Er schob die Hände in die Jackentaschen und bog erst in eine entgegengesetzte Straße. Dabei war er so in Gedanken, dass er kaum auf seine Umgebung achtete und als er sie wieder bewusster wahrnahm, traf es ihn wie der Schlag. Nur wenige Meter entfernt kam einer seiner Mitschüler aus der Realschule auf ihn zu; er war natürlich ebenfalls älter geworden und in Begleitung einer Frau, aber sofort fühlte Dominik sich wie damals auf dem Pausenhof. Wenn eben jener – manchmal auch in Begleitung von anderen – ihn mal wieder für seinen Zeitvertreib ausgewählt hatte. Dann war er froh gewesen, wenn nur seine Schulsachen durch die Gegend geschmissen wurden oder dumme Sprüche fielen, aber hin und wieder, wenn der Andere einen besonders schlechten Tag gehabt hatte, war Dominik auch mit einem blauen Auge nach hause gekommen. Zugegeben hatte er es gegenüber seinen Eltern nur einmal und dann nie wieder, weil ihr Gespräch mit der Klassenlehrerin erst recht schmerzhafte Konsequenzen mit sich gebracht hatte. Unauffälliger zwar und nur für wenige Wochen, da anschließend ein anderer Schüler zum Spielball auserkoren wurde, aber diese Erinnerung reichte aus, um selbst jetzt noch für nasse Hände und weiche Knie bei Dominik zu sorgen. Ringsherum waren in dieser Straße nur Wohnhäuser, sodass ihm entweder die Flucht oder der Weg nach vorne blieb. Doch was, wenn sein Widersacher die ganze Zeit über in dieselbe Richtung müsste? Also zog Dominik seine Kapuze tief ins Gesicht, senkte den Kopf, hob die Schultern und ging so schnell, aber dennoch unauffällig wie er konnte, an dem Gespann vorbei. Er fing Fetzen ihres Gesprächs auf, ohne sie bewusst zu hören, weil der Puls in seinen Ohren raste und als er die nächste Abzweigung erreichte, rannte er los, bis ihm die Lunge davon schmerzte und er an einem anderen Spielplatz auf eine der Schaukeln sackte. Er zitterte und klammerte sich an den Seilen der Schaukel fest. Empörte Blicke von Eltern trafen ihn und kaum dass er wieder etwas zu Luft gekommen war, flüchtete er erneut. Er wusste doch, wie nah die Klempnerei seiner Eltern inzwischen war und dass unter den Eltern vielleicht auch Kunden steckten, die ihn womöglich erkannten. Und er wollte doch nicht, dass seine eigenen seinetwegen wieder in Verruf gerieten! Doch so aufgewühlt, wie er inzwischen war, fiel ihm das Denken immer schwerer. Er lief Wege, die er auch ohne lange Überlegung fand und endete damit letztlich genau vor dem Ort, um den er die ganze Zeit einen Bogen gemacht hatte. Groß stand dort sein Nachname auf dem zweistöckigen Gebäude und sprang ihm mit der Ergänzung „und Söhne“ bereits von Weitem ins Gesicht. Die Schriftart des Schriftzugs hatte sich nicht verändert, aber ihr Inhalt inzwischen schon. Und damit befand er sich in bester Gesellschaft. Das alte Backsteinhaus war noch immer dasselbe wie zu der Zeit, als Dominik es noch regelmäßig gesehen hatte, aber es standen mehr Firmenwagen vor ihm geparkt und auch die Beete, die es einfassten, waren inzwischen anders gestaltet. Zwei der Firmenautos wurden mittlerweile von seinen Brüdern gefahren; das sah Dominik, als sie in kurzen Abständen aus dem Gebäude kamen und mit Auftragszetteln bepackt den Innenhof der Klempnerei hinter sich ließen. Ihn selber sahen seine Brüder allerdings nicht, denn noch immer stand ein alter Rhododendron auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Klempnerei und bot dem Lockenkopf seinen Schutz. Dadurch bemerkten auch seine Eltern ihn nicht, während er sie umso genauer betrachtete. Durch die Fensterfront an der einen Seite des Gebäudes konnte er das Büro erkennen, in dem sein Vater trotz Arbeitsmontur am Schreibtisch saß, um zu telefonieren und seine Mutter ihm Unterlagen brachte, die sie gerade dem Postboten abgenommen hatte. Dann ging auch sie zu ihrem Arbeitsplatz, nickte kurz, als ihr Mann ihr etwas zurief und griff sich dann Papier und Stift für Notizen. Es war noch genauso wie früher. Wie oft hatte Dominik dieser Anblick begrüßt, wenn er nachmittags von der Schule gekommen war und erst einen Abstecher zu den Eltern gemacht hatte, ehe er dann in die Seitenstraße eingebogen war, in der ihr Haus lag? Damals war es ganz einfach gewesen, diese paar Schritte über den Innenhof zu tun und die Eingangstür der Klempnerei aufzudrücken, aber jetzt schnürte ihm allein schon der Gedanke daran die Kehle zu. Als seine Mutter dann noch einen zufälligen Blick in seine Richtung warf, schrillte ein Alarm in ihrem Sohn auf und er konnte nur noch daran denken, so schnell wie möglich von hier weg zu kommen.

„Nicki, was bist du durchgeschwitzt?“, wunderte sich seine Großmutter, als er nach einem Dauerlauf, der ihn dieses Mal ohne irgendwelche Zwischenhalte oder Ablenkungen direkt zu ihr zurückführte, wieder vor ihrer Tür stand.

„Ich äh… ich hab mit Joggen angefangen und grad ein bisschen geübt…“, log er, um dann unter ihren verwunderten Blicken ins Bad zu verschwinden, sich unter die Dusche zu schleppen und sich dabei so elend wie lange nicht mehr zu fühlen. Er hatte sich nicht getraut und war wie ein Feigling davon gelaufen.

„Verdammt!“, haute er mit der flachen Hand gegen die Duschfliesen und verschränkte dann die Arme vor der Brust, während er die Lippen aufeinander presste und sich Schweigen verordnete, bis er sich beruhigt hatte. Erst dann wollte er seiner Großmutter wieder unter die Augen treten, ihr was von einem schönen Spaziergang erzählen und sich dann von ihr in eine warme Decke aus Erzählungen aus ihrer eigenen Jugend hüllen lassen. Er war so erschöpft, dass er an diesem Abend sogar während des Gesprächs am Küchentisch einschlief. Erst in der Nacht wurde er wieder wach, nahm die Decke mit, die seine Großmutter über ihn gelegt hatte und ging zur Couch, um dort weiterzuschlafen.
 

Als der Mittwoch anbrach und Dominik aus dem Land der Träume holte, fühlte er sich bleischwer und beschloss, den ganzen Tag nur auf der Couch verbringen zu wollen. Doch ihm fiel auf, wie ruhig es in der Wohnung war.

„Oma?“, quälte er sich von seiner Schlafstätte runter und schlurfte durch die Wohnung. Alles war leer. Nur auf dem Küchentisch wartete ein Zettel auf ihn und bat ihn darum, einige Besorgungen zu erledigen, die sie am Vortag vergessen hatten. Geld für den Einkauf lag in kleinen Scheinen daneben. Seine Großmutter war zu einem Arzttermin, aber sie hatte nicht erwähnt, bei welchem Arzt oder warum. Also wusste er nicht einmal, wie lange der Termin wohl dauern würde.

„Scheiße…“, zerknüllte er den Zettel und tapste zurück zur Couch. Musste er heute wirklich wieder vor die Tür? Nur widerwillig und nur, um seiner Oma diesen Gefallen zu tun, wühlte er sich in seine Klamotten, mümmelte ohne großen Hunger eine Scheibe Brot und stapfte aus dem Haus. Erst da fiel ihm auf, dass er ja gar keinen Wohnungsschlüssel hatte und bis zur Rückkehr seiner Großmutter nicht mehr ins Haus kam.

„… Scheiße“, stellte er ein zweites Mal fest und auch ein drittes, als er nach einer guten halben Stunde zurück war. Offensichtlich hatte er sich zu sehr beeilt und musste jetzt warten, bis seine Oma zurückkam.

„Na toll…“, setzte er sich also vor die Tür, stützte den Kopf auf die Hände und blies Trübsal. Konnte der Tag noch beschissener werden? Ja, denn das Nichtstun erinnerte ihn an die Ereignisse des Dienstags und immer mehr ärgerte er sich über sich selbst und seine Feigheit. Eigentlich war er zwischendurch sogar der festen Überzeugung gewesen, nicht noch einmal zu seinen Eltern hinzugehen. Aber jetzt? Jetzt spürte er, wie die Wut in ihm hochstieg. Wut über seinen Mitschüler, über seine Eltern – über alle, die so selbstverständlich durch die Straßen dieser Stadt flanierten und in ihr lebten, während er sich wie ein Aussätziger fühlte. Also fällte er den nächsten Entschluss: Dieses Mal würde er nicht weglaufen! Er packte seine Einkäufe, stapfte los und warf der Realschule, an der er auf seiner heutigen Route vorbeikam, einen vernichtenden Blick zu, ohne dabei stehen zu bleiben. Ansonsten ignorierte er Bushalteschilder und Spielplätze und drückte sich nur einmal kurz in eine Nische, als er dachte, wieder auf einen früheren Mitschüler zu treffen. Dieses Mal war es ein Irrtum. Also ging er mit flauem Gefühl, aber immer noch entschlossen weiter. Nicht nur bis zu dem großen Rhododendron, sondern bis in den Innenhof. Erst dort blieb er stehen und fühlte, wie ihm die Knie weich wurden. Seine Eltern sahen ihn gerade, richtig? Sie konnten ihn genauso erkennen, wie er sie, oder? Es war seinetwegen, dass seine Mutter nach einer Schrecksekunde aus dem Büro laufen wollte, aber sein Vater sie aufhielt und den Kopf schüttelte, nicht wahr? Dominik fühlte, wie schwer es ihm fiel, tief einzuatmen und trotzdem kämpfte er darum, seine Lunge mit Luft zu füllen. Er schluckte, öffnete dann die Lippen, um die Luft wieder entweichen zu lassen und spürte, dass seine Ängste dieses Mal nicht obsiegen würden. Einen Fuß, dann den anderen, dann wieder den ersten setzte er vor einander – erst stockend, dann immer selbstverständlicher, bis er die Eingangstür der Klempnerei erreicht hatte.

„Sieh an, wer sich die Ehre gibt! Ist dir das Geld ausgegangen? Lebst du jetzt schon aus irgendwelchen Einkaufstüten heraus?“, hallte die strenge Stimme seines Vaters ihm schon bei Betreten des Geschäfts entgegen und Dominik fühlte sich wie eine der Ratten, die dem Älteren manchmal bei seiner Arbeit begegneten.

„Hi Mama, Papa…“, brachte er trotzdem hervor und sagte kleinlaut, dass er nicht wegen des Geldes gekommen sei.

„Was willst du dann?“, verschränkte sein Vater die kräftigen Arme vor der Brust und musterte seinen Sohn abschätzig, während seine Frau schweigend daneben stand und scheinbar noch immer nicht richtig fassen konnte, dass sie Dominik wirklich gerade vor sich sah. Der hingegen zweifelte immer mehr an seinem Verstand, weil er sich dieser Begegnung aussetzte. Aber nun war er schon so weit gekommen, dass er nicht einfach aufgeben wollte.

„Ich würd gern… k… können wir reden?“, stammelte er und räusperte sich, als der Blick seines Vaters immer kritischer wurde.

„Reden? Worüber? Willst du jetzt doch endlich noch was Vernünftiges machen?!“, meinte er und ignorierte das leise „Hinrich…“ seiner Frau.

„Nein, ich… Paps, das… das kann doch so nicht weitergehen mit uns. Ich verlang ja nicht, dass du mit all meinen Entscheidungen einverstanden bist…“, versuchte Dominik seine Bitte zu äußern, was angesichts des belustigten Schnaubens seines Vaters nicht gerade leicht fiel.

„… aber können wir nicht wenigstens normal miteinander umgehen?“, schluckte der Lockenkopf gegen die aufkommende Verzweiflung an und klammerte sich an seine Einkaufstüten, um sein Zittern zu unterdrücken. Sein Vater hingegen war ruhig, fast wie aus Stein.

„Du bleibst also bei diesem Quatsch?“, fragte er mit schneidendem Ton und schob den Unterkiefer vor, als Dominik antwortete: „Wenn du die Kunst meinst, dann ja…“.

„Gut!“, nickte sein Vater und ging zurück zu seinem Schreibtisch.

„Nicht jeder kann sich solche Hirngespinste leisten! Es gibt auch noch Leute, die von echter Arbeit leben müssen. Wenn der werte Herr Student also sonst kein Anliegen mehr hat…!“, griff er vielsagend einen Auftragszettel und den Telefonhörer, um dabei auch das zweite, etwas lautere „Hinrich!“ seiner Frau zu ignorieren. Dominik aber nahm noch einmal all seinen Mut zusammen. Er murmelte etwas und zuckte zusammen, weil sein Vater ihn anfuhr, deutlicher zu sprechen.

„Ich hab gefragt, ob ich dann wenigstens kurz meine Sachen holen kann“, wiederholte er, ohne seinen Vater weiter anschauen zu können und nickte resignierend bei dessen Antwort.

„Deine Sachen?! Meinst du, wir konnten dein Zimmer nicht besser nutzen, als es über Jahre vollgerümpelt zu lassen, weil du nicht aus dem Quark gekommen bist, um deinen Kram zu holen?! Der Scheiß ist längst auf der Müllkippe, wo er hingehört!“, brüllte er.

„Hinrich! Es reicht!“, verschaffte sich seine Frau da das erste Mal wirklich Gehör und wurde von ihrem Mann verständnislos angeschaut. Dominik aber schüttelte sofort den Kopf.

„Ist schon gut, Mama! Ich hätte nicht herkommen sollen. Tut mir leid!“, rief er aus und eilte zur Tür, aber dann hörte er die fassungslose Frage seines Vaters und drehte sich noch einmal um.

„Rosanna, was soll das werden?!“, wollte er seine Frau am Arm fassen, weil die ihrem Sohn nachlief und anstatt sich von ihrem Mann aufhalten zu lassen, griff sie Dominiks Schulter.

„Du meinst bestimmt deine Kunstsachen, nicht wahr?“, fragte sie den Lockenkopf und lächelte, als er irritiert nickte.

„Die sind im Keller. Komm, ich geh mit“, sagte sie sanft zu ihm, aber für ihren Mann fand sie deutlich harschere Worte, als er noch einmal empört ihren Namen rief.

„Hinrich! Du weißt, dass ich dich liebe, aber hör endlich auf damit, unseren Sohn aus dem Haus zu jagen! Wie lange soll dieser Irrsinn denn noch gehen?!“, schüttelte sie den Kopf und fasste dabei Dominiks Arm, als hätte sie Sorge, dass er ansonsten doch noch weglaufen könnte.

„Ich mache jetzt Pause“, hielt sie fest und öffnete trotz der Wiederworte ihres Mannes die Tür.

„Das hättest du nicht tun brauchen… jetzt mault er dir wieder tagelang die Ohren voll“, murmelte Dominik, während seine Mutter sich beim Weg über den Innenhof richtig bei ihm unterhakte und er bei einem Blick zurück ins Büro sehen konnte, wie sein Vater ihnen entsetzt nachstarrte.

„Er hat doch immer was zu maulen. Aber ich weiß auch, dass er es nicht so meint“, antwortete sie und tätschelte Dominik mit der freien Hand den Oberarm, um ihn dann mit liebevollem Lächeln wissen zu lassen, wie sehr sie sich über sein Erscheinen freute. Er nickte und auch seine Mundwinkel zogen sich empor, aber der wachsende Kloß in seiner Kehle machte es unmöglich, etwas zu antworten. Also gingen sie einfach schweigend ein Stück des Weges, bis das Haus, das einmal Dominiks Zuhause gewesen war, in Sichtweite kam.

„Möchtest du was essen oder trinken? Oder dass ich deine Brüder anrufe, ob sie zwischen ihren Terminen mal kurz vorbeikommen können?“, löste Dominiks Mutter dann die Stille auf und holte zeitgleich ihren Haustürschlüssel hervor. Ihr Sohn aber schüttelte den Kopf.

„Nein, heut lieber nicht…“, murmelte er und konnte sehen, dass seine Mutter ihn verstand.

„Hat du Einkäufe für Oma besorgt?“, fragte sie stattdessen und lächelte, als sie feststellen durfte, dass ihr Sohn ihr noch nicht vollends fremd geworden war.

„Woher weißt du…?“, wunderte der sich zwar, aber er musste auch lachen, als sie zu bedenken gab, dass er bei seiner Großmutter doch immer Unterschlupf gefunden hatte.

„Ich hab gestern Kuchen gebacken. Kannst du bei der Gelegenheit was für euch mitnehmen?“, schloss seine Mutter die Haustür auf, ließ ihn eintreten und Dominik traf es noch einmal wie ein Schlag, weil sich so wenig verändert hatte. Noch immer standen die altbekannten Möbel im Eingangsbereich, Fotos, die er schon von klein auf kannte, hingen an den Wänden und selbst der Duft war noch derselbe.

„Du siehst blass aus. Möchtest du dich einen Moment setzen?“ fragte seine Mutter besorgt, doch Dominik schüttelte sofort den Kopf.

„Nein, geht schon… kann… kann ich dann kurz in den Keller, bitte?“, murmelte er und spürte, dass seine Mutter ihn immer noch am Arm hielt, obwohl er bereits los eilen wollte. Es war fast, als hatte sie Angst, dass ihn sonst seine Kräfte verließen.

„Natürlich“, blieb sie die ganze Zeit über bei ihm, während sie den Flur bis zur Kellertreppe entlanggingen und selbst die Stufen hinunter lockerte sie ihren Griff nicht.

„Wunder dich nicht über die vielen Kartons, wir haben vor ein paar Wochen insgesamt mal aufgeräumt. Die Kisten da hinten sind deine. Da müsste alles drin sein; schau einfach mal“, entzündete sie in einem der Kellerräume Licht und ließ ihren Sohn vorgehen, der erst nur zaghaft und dann immer schneller auf seine Habseligkeiten zulief.

„D… das sind ja sogar meine CDs! Und… und meine Klamotten!… Und… meine Zeichnungen...“, stellte er die Einkaufstaschen ab und sackte auf die Knie, während er die Kartons und Kisten durchstöberte, auf denen sein Name stand oder deren Inhalt ihm bereits auffällig bekannt entgegen lachten.

„Ich dachte mir, dass du es vielleicht irgendwann noch haben möchtest“, stellte seine Mutter sich einige Schritte entfernt hinter ihn und lächelte traurig, als Dominik völlig überrascht davon war, dass sein Vater die Kartons trotzdem nicht schon längst entsorgt hatte. Noch verwunderter aber war Dominik, als er erkannte, worauf eine der Kisten stand.

„Mein Board!“, befreite er es von seiner Last und starrte seine Mutter an, als er feststellte, dass es neue Rollen trug.

„Wie gesagt… er meint es oft nicht so“, sagte sie leise und ging neben ihm in die Hocke, während Dominik sie erst ungläubig anstarrte und dann den Kopf schüttelte.

„Paps hat die…?“, murmelte er und schluchzte auf, als seine Mutter den Arm um ihn legte.

„Ich weiß, es ist nicht immer ganz leicht mit ihm… Aber ich bin froh, dass du trotzdem heute hergekommen bist. Ich hoffe, dass ihr irgendwann doch noch irgendwie zueinander finden könnt. Und das neulich… die Ohrfeige tut mir wirklich sehr leid“, flüsterte sie, während Dominik sie an sich zog und den Kopf an ihre Schulter drückte. Auch, wenn er gerade keine Worte über seine Lippen bringen konnte, konnte er ihr wenigstens auf diese Weise zeigen, dass auch er froh war, im Moment bei ihr zu sein. Doch dabei behielt er auch den kurzen Geduldsfaden seines Vaters im Hinterkopf. Für Diskussionen hatte er ohnehin schon gesorgt, also wollte er nicht auch noch ernsthafte Streitigkeiten zwischen seinen Eltern provozieren, indem er die Zeit seiner Mutter zu lange in Anspruch nahm.

„Kann ich schon mal einen Teil mitnehmen und den Rest dann die Tage noch holen?“, fragte er darum, als er wieder dazu in der Lage war und grinste schief, als seine Mutter wissen wollte, wie er überhaupt alles zu sich bringen wollte.

„Na ja, ich hab ein Abo für den Bus und muss dann nicht jede Fahrt extra bezahlen… ich dachte, ich hol die Sachen dann nach und nach, wenn das okay ist…?“, schlug er vor, aber seine Mutter schien etwas skeptisch.

„Das klingt aber sehr umständlich. Und gerade bei den Bücherkisten tust du dir nun wirklich keinen Gefallen, die auch noch zur Haltestelle zu tragen“, meinte sie und schüttelte den Kopf, als Dominik stolz feststellte, dass er jetzt ja sein Skateboard wieder habe und das notfalls als Sackkarre nutzen konnte.

„So, wie ich dich kenne, setzt du dich dann noch oben drauf und polterst den Berg runter…“, murmelte sie und schob das Bündchen ihrer Strickjacke hoch, um einen Blick auf die Uhr zu werfen.

„Heute ist es schon relativ spät…“, sagte sie mehr zu sich als zu Dominik und wurde von dem trotzdem fragend angeschaut. Erst recht, als sie dann noch wissen wollte, ob er am nächsten Morgen noch einmal wiederkommen könne.

„Äh… ja, ich hab diese Woche frei bekommen“, antwortete er und hob die Augenbrauen, als seine Mutter weitersprach.

„Du kennst ja deinen Vater… er verlässt das Haus immer schon gegen halb sieben. Dann… komm morgen am besten zu viertel vor. Ich brauch immer bis sieben, halb acht, um das Mittagessen vorzubereiten… oder hast du noch deinen Haustürschlüssel? Dann kannst du natürlich auch etwas später kommen“, stand sie auf und strich ihren Rock glatt, während Dominik sie noch immer verständnislos anschaute.

„Dominik, der Autoschlüssel liegt immer auf der Anrichte. Du musst mir nur versprechen, dass du Papas Wagen früh genug wieder her bringst, damit er nichts merkt. Das heißt, spätestens um halb eins muss der Wagen wieder in der Einfahrt stehen. Und keine Kratzer!“, sagte sie erst tadelnd, ehe sie mit einem Lächeln hinzufügte, dass sie von ihrem Sohn ja wusste, dass er ein umsichtiger Fahrer sei. Dem allerdings fiel alles aus dem Gesicht, als der das hörte und er wollte anfangen zu protestieren. Doch seine Mutter fasste seinen Arm und schüttelte den Kopf.

„Versteh mich nicht falsch, ich freue mich über jeden deiner Besuche. Aber komm doch dann lieber mal wieder zu Kaffee und Kuchen her, anstatt dich mit den Kisten abzuschleppen. Ich denke, die kriegst du mit einer Fahrt mit, wenn du sie vernünftig packst“, ließ sie den Blick über Dominiks gesammelte Vergangenheit schweifen und strich ihrem Sohn dann über die Wange, als der sie noch immer verdattert anguckte.

„Ab… Danke...“, murmelte er und nickte dann leicht, während er sich aufrappelte, seiner Mutter wieder nach oben folgte und etwas von ihrem Kuchen einpackte.

„Ach, und Mama? Ich würd übrigens gern mal wieder mit dir einen Kaffee trinken“, sagte er dann noch zur Verabschiedung und versprach seiner Mutter, sich diesbezüglich wieder bei ihr zu melden. Danach machte er sich auf den Rückweg zu seiner Großmutter – aber nicht, ohne wenigstens schon mal sein Skateboard mit zu nehmen. Ein ungewohnter Schwall des Übermuts packte ihn dabei und ließ ihn eine Probefahrt machen – die nach ein paar Metern bereits wieder endete, weil er doch etwas aus der Übung war und feststellen musste, dass seine Einkäufe nicht sonderlich gut in der Kurve lagen. Also schob er es den Rest des Wegs vor sich her und durfte feststellen, dass seine Großmutter bei seiner Rückkehr endlich zurück war. Aufgeregt erzählte sie von der aufregenden Fahrt in die große weite Welt – sie war in der Nachbarstadt gewesen, um ein Rezept für ihre Gichttabletten zu holen – und an diesem Abend fühlte Dominik sich zum ersten Mal wieder bereit, sich auch persönlich bei Frido zu melden. Er war einen kleinen Schritt weiter gekommen und wollte das auf seine Weise mit seinem Freund teilen.
 

Am Donnerstag erwachte Dominik bereits weit vor dem Wecker, denn eigentlich hatte er gar nicht richtig geschlafen. Er schlich sich aus der Wohnung, fuhr das erste Stück mit seinem Board und lief die restlichen Meter dann zu Fuß. Dabei pilgerte er schon eine halbe Stunde vorm vereinbarten Termin in der Nähe seines früheren Zuhauses herum, suchte sich ein Versteck, um zu beobachten, wann sein Vater das Haus verließ und überraschte seine Mutter damit, keine zwei Minuten später ans Küchenfenster zu klopfen. Noch einmal musste sie ihm versichern, dass sie den gefassten Plan für sinnvoll hielt und während sie dann ihrem üblichen Alltag nachkam, begann er mit dem Beladen des Wagens. Ein wenig mutete das Bepacken des Kleinwagens wie ein Tetrisspiel an und er fragte sich, wie er das alles hinterher in seinem kleinen Zimmer unterbringen sollte. Aber für den Moment war er vor allem froh, seine Habseligkeiten mit nur einer Fuhre wegbringen zu können. Wenig überraschend zeigte seine Vermieterin sich sehr verwundert, als er schwer beladen zurück in die Wohnung spazierte und Kiste für Kiste neben seinem Bett stapelte, sodass er künftig keine Gefahr mehr lief, dort zufällig mal rausfallen zu können. Als alles fertig verstaut war und doch noch Platz blieb, das Bett wenigstens ohne aufwendige Klettertouren erreichen zu können, gönnte er sich eine kurze Pause, in der er seiner Vermieterin ein paar Details über die Herkunft des Gepäcks mitteilte. Die tränenreichen Infos ließ er aus, aber er berichtete davon, dass es seiner Großmutter vergleichsweise gut ginge, sie ihre alte Freundin gern auch mal wieder persönlich sehen würde und dass er plante, im Laufe des Nachmittags wieder zurück zu sein. Danach begab er sich auf den Rückweg, füllte für wenige Euro das verbrauchte Benzin wieder auf, stellte das Auto zurück in die Einfahrt und brachte den Schüssel weg. Dabei überlegte er kurz, ob er eine kleine Tour durch das Haus machen sollte, aber letztlich entschied er sich dagegen und stattdessen für etwas anderes. Denn mit klopfendem Herz begab er sich zur Klempnerei. Einen Augenblick stellte er sich in die Einfahrt und wägte ab, aber als seine Mutter ihn erblickte und raus kommen wollte, ging er ihr stattdessen entgegen.

„Hi“, drückte er sie kurz und flüsterte ihr ein leises „Danke“ zu.

„Dominik…?“, schaute sie ihn erst recht fragend an, als er daraufhin nicht einfach umkehrte und ging, sondern das Büro betrat und auf den Schreibtisch seines Vaters zusteuerte. Der saß gerade über Unterlagen gebeugt und lehnte sich mit einem Seufzen im Bürostuhl zurück, als er seinen Sohn entdeckte. Seine Lippen schwiegen, aber sein Blick fragte, was Dominik jetzt schon wieder wollte.

„Hi Paps… Ich hab meine Sachen geholt“, sagte er und zog seinen Schlüsselbund hervor, als er das Stirnrunzeln seines Vaters sah.

„Hier, den… brauch ich dann nicht mehr…“, murmelte er und fummelte den alten Haustürschlüssel ab, um ihn nach all den Jahren seinem Besitzer zurückzugeben.

„Und Danke, dass du mein Board repariert hast…“, flüsterte er, während er den Schlüssel auf den Tisch seines Vaters legte und ihn in dessen Richtung schob. Der jedoch schnaubte aus und schüttelte den Kopf.

„Ich brauch den nicht, ich hab selber einen! Also steck ihn wieder ein!“, murrte er, die Arme vor der Brust verschränkt, um sich dann wieder seiner Arbeit zu widmen, nachdem Dominik auf die Frage, ob sonst noch was sei, nur den Kopf schüttelte.

„Rosanna, hast du die Abrechnung für Friesemanns schon fertig? Die hatten sich vorhin wegen einer Nachfrage gemeldet…“, ignorierte er, dass Dominik nach kurzem Zögern den Schlüssel wieder an sich nahm, sich von ihm verabschiedete und seine Frau sogar mit nach draußen ging, um noch ein paar Worte mit ihrem Sohn zu sprechen.

„Komm gut nach Hause, mein Schatz“, zog sie ihn fest an sich und er versprach, sich bald wieder zu melden. Sie strich ihm über die Wangen und stellte fest, dass er inzwischen einen besseren Eindruck als bei ihrem letzten Treffen vor einigen Monaten machte und auch ohne ein entsprechendes Wort, verriet schon sein verliebtes Grinsen, dass wohl nicht nur etwas mehr Essen ein Grund dafür war. Darum verlor er auch keine Zeit, Frido wieder zu schreiben, als er nach ein paar weiteren Stunden bei seiner Oma wieder im Bus saß und sich auf den Weg zurück nach hause machte. Er spürte, wie er seinem Dozenten sofort von allem berichten wollte, was er die letzten Tage erlebt hatte, aber er sagte sich selber, dass das noch etwas warten musste. Denn schon während er am Vormittag seine Habseligkeiten von A nach B gebracht hatte, war nicht nur eine weitere Entscheidung in ihm gereift, sondern auch der Wunsch, erst mit vollendeten Tatsachen wieder zu Frido zu gehen. Als wandelndes Fragezeichen hatte er ihn vor einigen Tagen verlassen und nun wollte er erst wieder vor ihn treten, wenn er Antworten hatte – zumindest so viele, wie er im Moment bereits haben konnte.
 

Am Freitag beschloss Dominik daher, sich noch etwas Zeit für sich zu nehmen. Die letzten Tage Revue passieren zu lassen, seine bisherigen Entscheidungen zu überdenken, in seinen Kisten zu stöbern und sich dann auf den Weg zu Ernests Praxis zu machen. Er hatte keinen Termin und das Wartezimmer war voll, aber abwimmeln lassen wollte er sich dennoch nicht.

„Es geht um eine private Angelegenheit… könnten Sie Herrn Landers vielleicht kurz fragen, ob er nachher einen Moment Zeit für mich hat oder ob ich… ihn eventuell nach Feierabend sprechen kann?“, fragte er in ein ihm unbekanntes Gesicht hinein, das ihn ebenso wenig zuzuordnen wusste.

„Herr Dr. Landers ist sehr beschäftigt und er macht auch keine Hausbesuche“, zweifelte man offensichtlich daran, dass Dominik wirklich zu Ernests Bekanntenkreis gehörte und war umso überraschter, als der Arzt just in diesem Moment einen Patienten verabschiedete und dann erfreut an den Tresen trat.

„Dominik! Schön dich zu sehen! Ich muss doch hoffentlich nicht schon wieder was flicken?“, musterte er den Lockenkopf sofort kritisch und nickte zufrieden, als sein junger Patient ihm sagte, dass es ihm gut gehe.

„Ich hatte gehofft, dass wir uns vielleicht kurz unterhalten könnten… Hast du nachher ein paar Minuten Zeit?“, fragte Dominik und lächelte, als Ernest ihm anbot, nach Praxisschluss Gehör für ihn zu haben.

„Gut, freitags schließen wir schon um drei… wenn du möchtest, kannst du solange im Wartezimmer Platz nehmen oder du kommst einfach nachher noch mal wieder“, schaute Ernest auf seine Armbanduhr, die ankündigte, dass es gerade viertel nach zwei war. Dominik aber schüttelte den Kopf.

„Nee, ich warte solange“, meinte er und wieder nickte der Arzt.

„In Ordnung. Wenn du was brauchst, meld dich einfach“, klopfte er vielsagend auf den Tresen und verschwand dann zu seinem nächsten Patienten, während Dominik sich ins Wartezimmer trollte und die Zeit mit kleinen Plaudereien mit Susi vertrödelte. Sie war noch immer etwas angefressen, aber die Aussicht auf ein Geschenk stimmte sie bereits deutlich genügsamer. Nur, dass Dominik nicht damit rausrücken wollte, was er ihr gekauft hatte, sorgte schon wieder für Unmut. Zu dumm, dass die Warterei ausgerechnet dann ein Ende hatte, als sie Dominik tatsächlich soweit breitgeschlagen hatte, dass er schon überlegte, Hinweise auf das Geschenk einzustreuen.

„Na schön… es hat was zu tun mit…“, tippte er bereits, als Ernest mit befriedigtem Blick feststellte, dass im Wartezimmer nur noch ein Stuhl besetzt war und Dominik aufforderte, mit ihm zu kommen.

„Also gut, dann bin ich ja mal gespannt, was dich zu mir führt“, zog er sich unterwegs den Kittel aus, um ihn dann in Sprechzimmer Eins über die Rückenlehne seines Stuhls zu werfen und Dominik mit einer Geste den Stuhl daneben anbot.

„Ja… also es ist so…“, schloss der junge Mann die Tür hinter sich und steuerte den Stuhl an, um dann verwundert stehen zu bleiben, als Ernest plötzlich die Hand hob.

„Entschuldige die Unterbrechung, aber eine Sache vorweg: Wenn du vorhast, dich von Friedrich zu trennen, dann sag es mir bitte, damit ich mich schon mal darauf vorbereiten kann. Du kannst dir ja sicherlich vorstellen, wer in dem Fall sein Gejaule an den Ohren haben wird“, ließ Ernest nicht recht durchblicken, ob seine Worte Ernst oder als Spaß gemeint waren und doch lächelte er, als Dominik nach einem Augenblick der Irritation loslachte.

„Was?! Nein! Ich will mich nicht von ihm trennen!“, schüttelte er energisch den Kopf und trotzdem klappte ihm der Mund von dem Gehörten noch immer etwas auf. Wurde aus Ernests Lächeln nun etwa ein Schmunzeln? So ganz durchschauen konnte Dominik ihn noch immer nicht.

„Ähm… Nein, ich bin aus einem anderen Grund hier… Erst mal möcht ich dir danken, dass du letzte Woche für mich da warst und… und dann war ich die letzten Tage in meiner Heimatstadt, und mir sind dabei ein paar Sachen klar geworden, bei denen ich gern deinen Rat hätte“, nahm Dominik Platz und Ernests Nicken war gleichsam Aufforderung, weiter zu sprechen als auch Zeichen dafür, dass er ihm aufmerksam zuhören würde, während Dominik sein Anliegen vortrug.

23.9.2024: Quaken

„Willst du mich jetzt den ganzen Abend zappeln lassen?“, fragte Frido den Arzt verständnislos, während er zeitgleich einen Blick auf sein Handy warf. Der Eine meldete sich nicht und der Andere spielte Spielchen mit ihm…

„Friedrich, was ist an dem Begriff Arztgeheimnis eigentlich so schwer zu verstehen?“, entgegnete Ernest, um dann zu seufzen, als Frido auffiel, dass er bei seinem richtigen Vornamen genannt wurde.

„Es ist dein Name, oder nicht? Interpretier da nicht so viel rein“, nahm Ernest einen Schluck Wein und linste dabei zur Wanduhr – hoffentlich war der Lieferdienst pünktlich, um diesem Geplänkel ein Ende zu machen.

„Als es damals um seine Blutwerte ging, hast du mich auch so hingehalten… Wenns irgendwas gäbe, worüber ich mir Sorgen machen muss, dann würdest du es mir doch sagen, oder?“, lehnte Frido die Ellenbogen auf den Tisch und schaute Ernest an, während der sein Glas schwenkte und fast schon etwas Gelangweiltes im Blick trug.

„Ich habe dir gesagt, dass er sich bei dir melden wird. Nun lass es gut sein“, zog er eine Braue empor und rollte mit den Augen, als Frido antwortete.

„Mir gehts grad nicht um die medizinischen Details, aber wenn er dir erzählt, dass er sich bei mir gemeldet hat, dann habt ihr doch auch über mich gesprochen… oder über unsere Beziehung…? Ich mein, er schreibt zuerst Susi, um sich abzumelden und geht dann zuerst zu dir, um irgendwas zu bereden… Ich will nur wissen, ob er mit dir auch über uns gesprochen hat“, zuckte Frido hilflos die Schultern und schluckte, als Ernests Antwort für seinen Geschmack zu lange auf sich warten ließ.

„Also hat er mit dir über uns geredet…“, stellte er fest, während der Arzt seufzte.

„Du willst also wirklich den ganzen Abend von nichts anderem mehr Quaken?“, war er dankbar über das Klingeln an der Tür und fast schon traurig, dass dieser Lieferant nicht zu denen gehörte, die ihm gern noch kurz ein Ohr abkauten. Stattdessen gab er brav sein Essen ab, nahm das Geld entgegen und verschwand mit einem höflichen Gruß den Flur entlang. Ernest schloss die Tür, drehte sich um und schon der Blick zurück in Fridos Gesicht verriet, dass das Thema noch lange nicht vom Tisch wäre.

„Na schön“, seufzte der Arzt darum aus und ging zu seiner Kücheninsel.

„Er hat mich gebeten, ihn bei der Auswahl deines Hochzeitskleides zu beraten, weil er so viel Wert auf meine Meinung und meinen Geschmack legt. Stehst du mehr weiß, creme oder doch rosa?“, stichelte er, während er das Essen auspackte und nahm erleichtert wahr, dass Frido sich tatsächlich schweigend abwendete. Endlich ein Moment Ruhe – der jedoch nicht allzu lange anhielt.

„Zu Anfang hast du mal einen ähnlichen Kommentar losgelassen… mit über die Schwelle tragen und Kinder kriegen, um mir zu zeigen, wie schnell wir uns in die Beziehung gestürzt haben…“, murmelte Frido nachdenklich, während Ernest kurz innehielt.

„Hab ich das? Dann sollte ich mir wohl mal neue Vergleiche ausdenken…“, meinte er erst lapidar, um dann mit einem flüchtigen Blick zu Frido festzustellen, dass ihm dessen Gesichtsausdruck gar nicht gefiel.

„Friedr… Frido, es war nur ein Spruch. Weil du mir gerade ein bisschen auf den Geist gehst. Mehr nicht“, sprach er mahnend, aber die Unsicherheit in seinem Freund war längst geweckt.

„Du bist aber auch gut darin, kleine Hinweise in deinen Aussagen zu verstecken und wir wissen beide, dass ich nicht immer gut darin bin, die auch sofort zu finden“, murmelte der Dozent und rieb sich über den Oberarm, während der Arzt ihn nachdenklich betrachtete.

„Zugegeben, die vergangenen Tage waren auch nicht ganz leicht für dich…“, murmelte er und atmete schwer aus, ehe er fast schon tadelnd den Finger hob.

„Zu den medizinischen Aspekten werde ich mich nicht äußern und das Folgende gebe ich nur deshalb ausnahmsweise weiter, weil ich genau weiß, dass er es in Kürze ohnehin mit dir besprechen wird und ich für dich als meinen Patienten ebenfalls ein Stück weit Verantwortung trage… oder wie auch immer man das jetzt schönreden will. Aber danach will ich nichts mehr davon hören. Hast du mich verstanden?“, stützte er die Hände auf die Hüften und schüttelte leicht den Kopf, wohingegen Frido nickte. Er wendete sich dem Arzt weiter zu und schaute ihn gebannt an.

„Dominik hat unter anderem deswegen mit mir gesprochen, weil er überlegt, mit dir zusammen zu ziehen und gerne meine Einschätzung wollte, wie du wohl auf diesen Vorschlag reagieren könntest. Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht weiß und dass er es am besten einfach offen ansprechen soll. Bist du jetzt zufrieden?“, schaute er Frido eindringlich an und war nicht wenig überrascht, als der nach einem Moment Stille erst prustete und dann losgackerte.

„Zusammenziehen?“, kicherte er erst noch, um dann die Lippen aufeinander zu pressen und ruckartig aufzustehen.

„Danke für den kleinen Hinweis auf Patrick. Jetzt hab ichs verstanden“, sprach er bitter und während Ernest zunächst noch irritiert war, fiel es ihm dann umso deutlicher wieder ein. Er nahm die Brille ab und rieb sich das Gesicht.

„Friedrich, nein! Das sollte keine Anspielung darauf sein!“, schüttelte er den Kopf, aber Frido hob abwehrend die Hand.

„Ist schon okay… Mal ehrlich, wir haben das Ganze ohnehin überstürzt und… sind letztlich vielleicht auch zu verschieden. Ganz zu schweigen davon, dass unsere Ausgangssituation nicht gerade die beste Basis für eine stabile Beziehung bildet. Er trägt so schon genug Päckchen mit sich herum, da braucht er nicht auch noch diesen ständigen Druck, dass wir auffliegen könnten… Ich kanns verstehen“, sprach er das aus, worüber er sich die letzte Zeit ohnehin schon den einen oder anderen Gedanken gemacht hatte und nickte leicht, während Ernest um die Kücheninsel herumging.

„Friedrich, du irrst dich!“, rief er aus, aber der Dozent unterbrach ihn.

„Er hat es doch eigentlich längst gesagt!“, meinte er und wieder schaute Ernest ihn fragend an.

„Dass er mit mir nicht reden kann, weil er wegen meiner Hand ein schlechtes Gewissen hat… Es ist im Endeffekt wie mit Patrick. Eigentlich lief es nicht mehr richtig und trotzdem wollte er aus Pflichtgefühl bei mir bleiben, bis ich dann den Schlussstrich gezogen hab. Ich habs begriffen… Schweigepflicht und so; du darfst mir das nicht so deutlich sagen…“, machte er eine wegwerfende Handbewegung, aber Ernest schüttelte ungläubig den Kopf.

„Das ist doch wohl nicht dein Ernst! Du solltest mich eigentlich besser kennen, um zu begreifen, dass ich gerade direkter kaum sein könnte!“, zischte er und verschränkte die Arme vor der Brust, während Frido ihm nur ein trauriges Lächeln schenkte.

„Mal abgesehen davon, dass wir erst ein paar Wochen zusammen sind: Wir reden hier gerade von Dominik! Dem Dominik, der Diskussionen dadurch löst, dass er wortwörtlich vor ihnen wegrennt und der lieber im Atelier pennt, als mit mir zu reden… Also lass einfach gut sein, okay?“, schüttelte er den Kopf, während Ernest nicht glauben konnte, wie wenig er gerade zu seinem Freund durchdrang.

„Muss ich dich erst wieder in den Regen schieben?“, murmelte er und fand es wenig erheiternd, als Frido in einem kleinen Scherz meinte, dass es gerade nicht regnete. Doch dann wurde er auch wieder ernster und legte die Hand auf Ernests Schulter.

„Versprich mir nur eins…“, meinte er und schaute den Arzt eindringlich an.

„Das Wichtigste ist im Moment, dass Dominik wieder auf die Beine kommt. Und wenn er dafür jemand anderen als mich braucht, dann ist das so… oder wenn er im Moment gar keine Beziehung will, weil er sich erst mal auf sich konzentrieren will. Also wenn er schon zu dir kommt, dann hilf ihm auch, so gut du kannst, okay? Lass… meine Gefühle da außen vor“, sagte er und ließ die Hand sinken, als Ernest seine wieder auf die Hüften stützte.

„Friedrich der Märtyrer“, spöttelte er erst, ehe er mit kühlem Unterton zu verstehen gab, dass er immer das Beste für seine Patienten gab; ganz gleich, welche Hintergrundgeschichte sie mit sich herumtrugen. Doch dann wurde er auch etwas gnädiger.

„Du bleibst also dabei und lässt dich im Moment nicht umstimmen?“, musterte er Frido, der ausseufzte und sich wegdrehte.

„Ich sag doch, es ist schon okay…“, murmelte er resignierend und ging langsam Richtung Tür, um seine Jacke von der Garderobe zu pflücken.

„Willst du nicht mal zum Essen bleiben?“, blieb Ernest an Ort und Stelle stehen, während Frido sich schwerfällig in seine Jacke begab. Er schüttelte den Kopf und schob die Hände in die Hosentaschen.

„Ich glaub, grad bin ich mal der, der etwas Zeit für sich braucht“, meinte er und bat Ernest um Entschuldigung, aber er griff auch im gleichen Moment zur Türklinke. Der Arzt atmete tief durch, schüttelte den Kopf und ging Frido doch noch eiligen Schrittes nach.

„Dann tu mir nur einen Gefallen“, legte er die Hand an die Tür, damit sie noch solange geschlossen blieb, bis ihr Gespräch wirklich beendet war.

„Wenn er zu dir kommt, dann hör ihm erst zu, bevor du voreilige Schlüsse ziehst und alles kaputt machst. Tu wenigstens das, wenn du mir grad schon nicht glauben willst“, sprach er bestimmt und konnte damit endlich einen Funken Zweifel in Fridos Gesicht erkennen. Der Dozent nickte nach einem Zögern und runzelte nachdenklich die Stirn. Er wollte jetzt zwar trotzdem weiterhin für sich sein, aber zumindest nutzte er seinen Heimweg für Überlegungen und Grübeleien. Nur, dass die ihm wenig Antworten brachten, sondern vor allem das Gefühl, gar nichts mehr zu verstehen.

„Das ergibt doch alles keinen Sinn…“, murmelte er in den Abend hinein, während er ein Steinchen beiseite trat und betrachtete, wie sein Schatten sich mit Abstand von der einen Laterne und Näherkommen der nächsten Laterne veränderte. Er war einfach nur noch verwirrt und wusste nicht mehr, was er glauben sollte. Und als er seinem Haus näher kam, wusste er auch nicht mehr, was er fühlen sollte.

„Blöde Kuh…“, hörte er diese bekannte Stimme schon, ehe seine Augen ihren Besitzer entdeckten und dann erklang dieses glockenhelle Lachen. Jetzt erkannte er ihn auf der Treppe vor seinem Haus sitzend, das Smartphone in der Hand und eifrig tippend, um dann nach kurzer Pause wieder zu kichern und dann wieder zu tippen.

„Ach, ist das so?“, murmelte er dieses Mal etwas leiser und verfasste eifrig die nächste Antwort, um dann aufzuschauen, als jemand sich in sein Sichtfeld schob. Sein freches Schmunzeln verwandelte sich in ein Lächeln, weil er Frido als diesen jemand erkannte.

„Hey, da bist ja schon!“, schob er das Handy in die Jackentasche und stand auf, um dann zu witzeln, dass er Grüße von Susi bestellen sollte. Frido hingegen lachte leise, obwohl er noch immer nicht sicher war, ob er wirklich lachen wollte.

„Ist das n neues Hobby von dir? In der Kälte auf mich warten und dir dabei den Arsch abfrieren?“, schmunzelte er und setzte einen Fuß auf die unterste Stufe, während Dominik ihm die restlichen entgegen kam.

„Ich kenn deine Nachbarn nicht und wollt darum nicht klingeln, um im Treppenhaus zu warten… Ich war nicht sicher, wie die das finden oder… wie du das findest… Bin nur überrascht, dass du schon da bist. Triffst du dich heute nicht eigentlich mit Ernest?“, legte er vorsichtig die Hände auf Fridos Brust und schob sie dann unter seiner Jacke auf seine Seiten. Sein Lächeln wirkte ehrlich erfreut, aber er schien auch unsicher, ob er den Älteren umarmen sollte. Und dem ging es nicht viel anders, während er eine Hand zwar noch in der Tasche hielt, aber mit der anderen durch Dominiks Haar kämmte.

„Ja, von dem komm ich grade… Irgendwie war mir heut nicht danach“, zuckte er eine Schulter und schüttelte den Kopf, als Dominik fragte, ob er den Abend lieber allein verbringen wollte.

„Nein, es ist gut, dass du da bist“, murmelte er und schluckte, als Dominik die Wange an seine Hand schmiegte.

„Ich hab dich vermisst…“, flüsterte er und legte seine Finger auf Fridos, dem die Kehle eng wurde und der Dominik zur Antwort an sich zog. Erst nickte er, dann schüttelte er den Kopf, weil er noch immer nicht glauben konnte, was Ernest ihm da gesagt hatte. Das ergab doch immer noch keinen Sinn… Was sollte das für eine komische Umschreibung gewesen sein?

„Komm, lass uns rein gehen, bevor wir uns wirklich noch was abfrieren…“, nuschelte er in Dominiks Locken hinein und räusperte sich, um dann überrascht zu sehen, wie der Jüngere nach einem leisen „Gern“ nicht nur seinen Rucksack ansteuerte, sondern auch ein Skateboard daneben.

„Ich… ich war bei meinen Eltern…“, grinste er verlegen, als er Fridos verwunderten Blick sah und lachte, als der meinte, dass er damit jetzt nicht gerechnet habe.

„Ja, ich musste ein paar Dinge klären“, meinte er und war dieses Mal derjenige, der überrascht wurde.

„Ich hab von Susi zwar gehört, dass du verreist warst, aber ich hätte eher gedacht, dass du dir vielleicht eine andere Uni ansehen wolltest“, ging Frido dem Jüngeren nach und zog seinen Schlüssel hervor, um ihnen die Haustür aufzuschließen.

„Dann würden wir uns ja gar nicht mehr sehen“, antwortete der Lockenkopf verständnislos und schüttelte den Kopf. Vor der untersten Stufe des Treppenhauses hielt Frido kurz inne und schaute Dominik an.

„Stimmt…“, murmelte er und schluckte.

„Aber ich weiß ja selbst, dass man manchmal so einen Tapetenwechsel braucht…“, flüsterte er, ehe er sich wieder in Bewegung setzte. Dominik hingegen blickte ihm nach, bis der Ältere bereits die Wohnungstür erreichte und ihn fragte, ob er nachkomme. Er nickte knapp und tapste hoch, um die Tür hinter sich zu schließen, als Frido bereits im Flur die Jacke aufhing und seine Schuh auszog. Er konnte hören, wie Dominik seine Sachen ablegte und spürte dann dessen Hand auf seinem Rücken.

„Es war vielleicht nicht fair, dass ich mich die letzten Tage so wenig bei dir gemeldet hab, aber Danke, dass du mir trotzdem diese Zeit gelassen hast…“, flüsterte er und strich über Fridos Wange, als der ihn mit geröteten Augen anschaute und nickte.

„Ja, war nicht ganz leicht für mich, geb ich zu… Vor allem nach letzter Woche…“, murmelte er und wischte sich über die Lider, um dann die Hände fest auf Dominiks Rücken zu drücken, als der ihn an sich zog.

„Ich bin nur froh, dass es dir gut geht und dass du wieder da bist…“, flüsterte er und konnte das Nicken des Lockenkopfes spüren.

„Hat Ernest dir erzählt, dass ich heute Mittag bei ihm war?“, fragte er und entlockte Frido damit ein leises Lachen.

„Oh ja!“, löste er sich und steuerte die Küche an.

„Er hat mir schon berichtet, dass du mich im rosa Hochzeitskleid sehen willst!“, spöttelte er, um dann zu grinsen, als Dominik nach kurzer Irritation mit einem „Der spinnt doch…“ antwortete.

„Willst du auch was Warmes trinken? Kaffee, Tee?“, befüllte Frido den Wasserkocher und hob verwundert die Augenbrauen, als Dominik von heißer Schokolade sprach.

„Als ich… bei meiner Oma war, hab ich mich wieder dran erinnert, wie gern ich die früher getrunken hab…“, murmelte er und lehnte sich mit einem verlegenen Grinsen neben Frido an die Arbeitsplatte.

„Du hast Glück, wir haben immer eine kleine Notfallration da, falls Lilli spontan Lust darauf hat!“, griff der Dozent an Dominik vorbei zur nächstliegenden Schranktür und blieb dabei versehentlich mit seinen Lippen an dessen hängen.

„Ich will der Kleinen aber nichts wegnehmen…“, flüsterte Dominik in den Kuss hinein, während er die Arme um Fridos Schultern legte und den zum Schmunzeln brachte.

„Sie wirds überleben. Die 500g-Packung ist grad erst angebrochen“, murmelte er und zog besagtes Gefäß im Blindflug aus dem Schrank hervor, während er sich weiter mit Dominik beschäftigte.

„Mit Milch oder Wasser?“, wollte er wissen, als er dessen Hals liebkoste und musste bei dessen Antwort wieder grinsen. Worüber hatte er sich vorhin eigentlich noch Gedanken gemacht? Jetzt gerade spürte er nur noch das Verlangen, sich Dominik mit Haut und Haar hinzugeben und dem schien es nicht anders zu gehen, so, wie er sich an Fridos Hemd zu schaffen machte.

„Ich fürchte, die Milch braucht einen Moment, bis sie heiß ist… Fällt dir was ein, wie wir die Zwischenzeit überbrücken könnten?“, löste der sich mit keckem Schmunzeln und holte die angefangene Milchpackung aus dem Kühlschrank, während Dominik ihn beobachtete und sich leicht auf die Unterlippe biss.

„Na ja, Ideen hätte ich schon, aber wir können den Topf schlecht aus den Augen lassen. Hinterher kocht die noch über“, stellte er sich hinter Frido und schmiegte sich an ihn, während der die Milch in einen Topf füllte und den auf den Herd stellte. Aber der erkannte in Dominiks Argument kein großes Problem.

„Wieso? Da steht doch n Küchentisch“, schäkerte er und lachte, als Dominik ihn als versaut betitelte. Er drehte sich um und küsste den Lockenkopf wieder, während er ihn zu besagtem Möbelstück schob.

„Sagt der Richtige… wer hat denn seine Finger nicht im Griff?“, raunte er und ergänzte: „Außerdem will ich doch nur mal testen, ob der auch was taugt oder ob ich vorher noch einen neuen besorgen muss!“

Dominik kicherte und schüttelte leicht den Kopf, um die Augen zu schließen, als er Fridos Lippen wieder an seinem Hals spürte.

„Was redest du denn da?“, murmelte er und kraulte Frido durchs Haar, doch bei dessen Antwort geriet Dominiks Hand ins Stocken.

„Na, wenn Ernest schon prophezeit, dass wir bald zusammen wohnen, dann will ich auch sicher sein, dass meine Möbel das auch alle mitmachen“, feixte Frido und öffnete den Knopf von Dominiks Hose, um dann inne zu halten, als der keine Anstalten machte, weiter auf das Spielchen einzugehen. Stattdessen presste er die Lippen aufeinander und schaute Frido unsicher an, als der den Blick hob.

„Das war doch nur wieder ein blöder Scherz von ihm“, meinte Frido mit schiefem Grinsen und langsam entglitten ihm die Gesichtszüge, weil Dominik immer verlegener guckte.

„M… Moment mal…“, schluckte er gegen die trockene Kehle an und spürte, wie sein Mund aufklappte.

„Ich… was hältst du davon, wenn wir uns erst mal unterhalten, bevor wir hiermit weitermachen?“, murmelte der Lockenkopf und schloss sich die Hose, während Frido leicht nickte und einen Schritt von Dominik weg trat.

„Ja… ja, ich glaub, das sollten wir…“, räusperte er sich, um dann zu merken, dass Dominiks Vorschlag, sich zu setzen, vielleicht gar nicht mal so schlecht war. Frido fiel wie ein Stein auf seinen Stuhl, während er Dominik dabei zuschaute, wie er seinen direkt vor Frido zog und dann darauf Platz nahm. Der junge Mann atmete tief durch und stützte die Hände auf seine Oberschenkel.

„Nach letzter Woche…“, begann er zögerlich und dachte über seine Wortwahl nach.

„Frido, ich war in meiner Heimatstadt, weil ich gemerkt hab, dass ich hier nicht weiterkomme. Ich musste noch mal die Orte sehen, die mich am meisten geprägt haben, um wieder zu wissen, warum mir die Kunst immer so viel bedeutet hat. Ich wollte mir alte Zeichnungen anschauen, um wieder das zu fühlen, was ich damals gefühlt hab. Und… ich glaub, ich hab einfach die Kunst irgendwann aus den Augen verloren. Ich hab nur noch Erwartungen und Leistungen gesehen, obwohl gerade das Malen und Zeichnen so lange ein Zufluchtsort für mich war. Ich hab erkannt, dass ich früher auch deshalb viel gemalt hab, um Dinge zu verarbeiten, um meine Gefühle zu spüren und zuzulassen, aber das hab ich irgendwann verloren… Ich weiß zwar noch nicht so richtig, wie ich es schaffe, wieder mehr für mich zu malen, aber immerhin hab ich da schon was Wichtiges erkannt… Ich glaub, deswegen gings mir die letzte Zeit über auch so schlecht“, erzählte er und Frido nickte verstehend, um dann Dominiks Hände zu fassen, als er sah, wie dem die folgenden Worte immer schwerer über die Lippen kamen.

„Na ja… Das mit dem Malen würd ich vielleicht auch noch allein irgendwie schaffen… aber ich hab bei meinem Besuch auch gemerkt, dass nicht nur das Malen mir momentan Probleme macht… Da gabs so ein paar Begegnungen und Erinnerungen, die mir doch noch mehr zu schaffen machen, als ich früher dachte. Und ich… ich glaub, vielleicht könnte ich etwas Hilfe dabei brauchen, um mit denen klar zu kommen. Darum hab ich… Ernest gebeten, mir bei der Suche nach einem Therapeuten zu helfen…“, berichtete er weiter und war froh, als Frido seine Hände seicht drückte und ihm ein Lächeln schenkte.

„Das klingt doch nach einem guten Plan“, sagte er sanft und beugte sich weiter vor, um Dominik über die Wange zu streicheln, als der nickte.

„Ich hatte gehofft, dass du das sagst..“, murmelte er und schmiegte sich wieder an Fridos Finger.

„Deswegen… wollte ich auch ein bisschen für mich sein und erst mit Ernest sprechen… Weil ich mir über das alles klar werden musste und dir sagen können wollte: „Hier, schau, das und das hab ich erkannt und mir Folgendes überlegt, um aus diesem Loch wieder raus zu kommen. Das hier schaff ich allein und da brauch ich vielleicht noch Hilfe, aber ich weiß wenigstens schon mal, wo ich die bekomme oder wer mir da zumindest einen Rat zu geben kann“ – anstatt wieder nur heulend vor dir zu hocken und die ganze Last dabei auf dich abzuwälzen…“, sagte er und schloss die Augen, während Frido Dominiks Gesicht in beide Hände nahm, um ihm einen Kuss aufzuhauchen.

„Ich bin stolz auf dich“, flüsterte er und lachte leise, als Dominik ihn anstrahlte und sich auf seinen Schoß setzte, um die Arme um Fridos Schultern zu legen.

„Danke… ich auch irgendwie…“, murmelte er und seine Wangen wurden dabei immer röter.

„Was… hatte Ernest dir eigentlich schon gesagt?“, fragte er dann, wobei Frido den Kopf schüttelte.

„Eigentlich nicht viel, das ist es ja… Er hat immer wieder seine Schweigepflicht betont und nur das mit dem Zusammenziehen fallen lassen…“, antwortete er und grinste ertappt, als Dominik den Kopf schief legte und ihn fragte, ob er dem Arzt wieder mit seiner Fragerei auf den Geist gegangen sei.

„Eventuell fiel so ein Wortlaut“, gab er kleinlaut zu und entschuldigte sich bei Dominik für seine Ungeduld.

„So ganz konnte ich meine Sorgen dann doch nicht beiseite schieben… obwohl ich wirklich froh bin, dass du mir dieses Mal so offen sagen konntest, dass du den Abstand gebraucht hast und nicht einfach wieder in der Versenkung verschwunden bist“, grinste er schief, aber Dominik lachte.

„Ich find, du warst sehr geduldig mit mir! Immerhin hab ich dir ja nicht mal gesagt, wo ich war oder was ich vor hatte… geschweige denn, wie lang ich mich nicht melde. Da kann ich verstehen, dass du dir Gedanken gemacht hast“, murmelte er nachdenklich, um dann zu lächeln, als Frido ihm für seine Nachrichten dankte.

„Gemeldet hast du dich ja… und Hauptsache, du bist jetzt wieder da und es geht dir soweit gut“, sagte er und musste dann doch schmunzeln.

„Und… ist da an Ernests Gerede echt was dran?“, fragte er, um dann trotzdem die Augenbrauen verwundert hoch zu ziehen, als Dominik sich vielsagend räusperte und anfing, an Fridos Hemdkragen herumzuspielen.

„Weißt du… mir ist in den letzten Tagen auch aufgefallen, dass ich es in unserer aktuellen Situation echt schwierig finde, uns besser kennen zu lernen. Die Uni frisst viel Zeit, dann müssen wir auch noch ständig aufpassen, dass uns keiner zusammen sieht… Außerdem hab ich ja durchaus meine Marotten, die es nicht ganz so leicht machen, mehr über mich zu erfahren. Ich versuch da auch dran zu arbeiten, aber das wird nicht von heut auf morgen klappen. Andererseits… war es zu Beginn ja sogar so, dass ich fast jeden Abend hier war und hier übernachtet habe… ein bisschen wie Zusammenwohnen ist das ja. Und… also… ich weiß, dass das sehr überraschend kommt und ziemlich früh, aber… ich hab mich tatsächlich gefragt, ob ein Zusammenleben nicht am Ende die beste Möglichkeit wäre, um wirklich herauszufinden, wie der andere so tickt, weißt du? Klar, kann das tierisch nach hinten losgehen, aber vielleicht… wäre es auch eine kleine Erleichterung für uns?“, hob er schüchtern den Blick zu Fridos Gesicht und nicht zuletzt sein Zittern zeigte seine Nervosität.

„Es.. es muss ja nicht sofort sein! Aber vielleicht so als generelle Überlegung!“, ergänzte er schnell, während Frido noch immer nicht recht glauben konnte, auf welchem Holzweg er früher am Abend noch gewesen war.

„Mein Gott…“, flüsterte er, als ihm dämmerte, wie nah er daran gewesen war, aus einer irrigen Annahme heraus die Beziehung als beendet anzusehen, obwohl das Gegenteil der Fall war.

„Findest du die Idee so furchtbar?“, ließ Dominik doch ein wenig enttäuscht die Hände sinken, aber Frido schüttelte sofort den Kopf.

„Soll ich ehrlich sein?“, murmelte er und schluckte hart, als Dominik nickte.

„Ich… ehrlich gesagt… als Ernest mir davon erzählt hat, hab ich es für eine seiner komischen Anspielungen gehalten, um mir klar zu machen, dass du dich von mir trennen willst“, gab er leise zu und spürte sein schlechtes Gewissen, als er in Dominiks entsetztes Gesicht guckte.

„Aber warum sollte ich denn mit dir zusammenziehen wollen, wenn ich vor hab Schluss zu machen?“, fragte er verständnislos, wohingegen Frido nur fahrig antwortete, dass es mit einer schlechten Erfahrung aus seiner früheren Beziehung zusammenhänge. Doch ehe er weiter darauf eingehen konnte, sprang Dominik plötzlich von seinem Schoß.

„Die Milch!“, rief er aus und riss den Topf auf die Seite, als er das Zischen des überkochenden Lebensmittels hörte. Damit verteilte er allerdings noch mehr Inhalt auf dem Cerankochfeld. Eilig stellte er den Herd aus und griff einen Lappen, um ihn nass zu machen und vorsichtig einen Teil der Sauerei aufzuwischen. Frido aber stand auf, zog seinen Freund an seine Brust und legte den Kopf seine Schulter.

„Lass, das machen wir, wenns abgekühlt ist. Nicht, dass du dich noch verbrennst“, nahm er ihm den Lappen aus der Hand und warf ihn auf die Arbeitsplatte.

„Schöne Sauerei…“, murrte Dominik hingegen und seufzte aus.

„Hoffentlich ist der Rest nicht auch noch angebrannt…“

Frido aber zuckte die Schultern und legte seine Arme locker um Dominiks Bauch.

„Ich hab grad übrigens beschlossen, dass du auf der Couch schläfst“, murmelte er und konnte Dominiks verdutzten Blick sehen, während er selbst noch immer die Augen auf den Herd gerichtet hielt.

„Na… genau genommen haben wir doch beide grad nicht richtig aufgepasst…“, meinte der Jüngere, aber der Ältere schüttelte den Kopf.

„Ich meine, wenn wir uns mal streiten. Früher oder später passiert das bestimmt mal. Dann schläfst du auf der Couch. Ich hab das jetzt ein halbes Jahr gehabt, also lass ich mich so schnell nicht wieder aus meinem Bett schmeißen“, drehte Frido den Kopf ein wenig, um Dominik besser anschauen zu können und fuhr dann fort.

„Punkt Nummer zwei: Vor und nach meinen Sporteinheiten kannst du mich so viel du willst haben – aber diese eine Stunde am Morgen ist mir heilig“, löste er die Umarmung, um Dominik zu sich zu drehen und dann mit sich zu ziehen, als er sich gegen den Küchentisch lehnte.

„Und drittens: Egal, ob WM, EM, Länderspiel oder sonst was… ich nehm gern die Kleine in der Zeit, aber die Spiele guckt ihr euch gefälligst bei Juli an. Unsere Wohnung wird, besonders während der Meisterschaften, nicht zum Clubhaus, verstanden?“, hob er die Augenbrauen, wohingegen es bei Dominik die Mundwinkel waren. Er blinzelte einige Male, während er immer mehr anfing zu strahlen.

„Heißt das, dass du…?“, grinste er und schüttelte dann lachend den Kopf, als Frido meinte: „Was? Hast du es dir jetzt plötzlich anders überlegt?“.

„Nein!“, rief Dominik aus und hatte nur einen kleinen Verbesserungsvorschlag: „Was hältst du eigentlich davon, wenn wir das Bett erst mal richtig einweihen? Immerhin muss der Herd ja noch abkühlen, bevor wir ihn sauber machen können“.

24.9.2024: vierteln

War es ein bisschen albern? Vielleicht. Aber er konnte nicht anders, als immer wieder festzustellen, wie attraktiv er seinen Freund fand. Nicht nur, wenn er ihn aus seinem Hemd schälte oder ihm dabei zusah, wie er es selber tat, sondern gerade auch, wenn sie erschöpft und zufrieden beieinander lagen. Er häufig mit dem Kopf auf dieser wohl geformten Brust, die sich in gleichmäßigen Atemzügen hob und senkte, während er unter der glatten Haut den Herzschlag wahrnehmen konnte und ihm gleichzeitig das Kraulen auf seinem Rücken oder im Nacken eine wohlige Gänsehaut brachte. Dann ließ er gern seine Fingerspitzen über die kleinen Berge und Täler von Fridos Muskeln fahren und dachte dabei manchmal an die Spekulationen seiner Kommilitoninnen, die nur davon träumen konnten, diese Pracht einmal so zu sehen oder gar berühren zu dürfen. Und dann fühlte er sich wieder wie ein verknalltes Schulmädchen, das sich früher nur in seinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte, mal so einen Adonis in seinem Bett zu haben. Schließlich wusste er nur allzu gut, dass sein eigener Körper bei weitem nicht mit so einer Optik mithalten konnte. Und dann wurde er ein wenig traurig. Nicht, weil es jemals sein Wunsch gewesen wäre, so breite Schultern wie Frido zu haben oder seine kräftigen Arme – ganz zu schweigen davon, dass er auf dessen sportliche Plackerei so gar keine Lust hätte. Nein, weil er sich selbst einfach immer noch zu dünn fand. Auch, wenn es nicht mehr so schlimm wie in den schlimmsten Zeiten war, mochte er seinen Anblick im Spiegel momentan noch immer nicht. Und manchmal schämte er sich auch vor Frido dafür, zog beim Schlafen gern Shirt und Boxershorts über, um sich ein bisschen zu verstecken und wenn die Klamotten im Laufe der Nacht doch auf wundersame Weise aus dem Bett verschwanden, wunderte er sich hinterher immer wieder, wie leicht der Ältere es ihm gemacht hatte, sich vollends vor ihm zu entblößen. Frido hatte so eine Art an sich… Einerseits vorsichtig, als müsse er aufpassen, an dem zerbrechlichen Dominik nichts kaputt zu machen und andererseits auch so leidenschaftlich, dass der Jüngere sich zumindest in Gegenwart seines Freundes begehrlich fühlte. Eben auch irgendwie attraktiv… Was für ein alberner Gedanke, dachte er sich, während er über Fridos Bauchnabel hinweg strich und trotzdem über seine Überlegungen schmunzeln musste.

„Was ist los?“, bemerkte der Ältere das leichte Amüsieren seines Freundes und gab ihm einen Kuss auf seinen Schopf, um dann nicht mehr Dominiks Rücken, sondern seine Schulter zu kraulen, als der den Kopf hob und ihn anschaute.

„Ach, gar nichts… ich ähm… ich hab mich nur gefragt, ob du dir das mit dem Zusammenziehen wirklich gut überlegt hast. Schließlich war das grad ja doch alles ein bisschen holterdiepolter“, flunkerte er, weil ihm seine eigentlichen Gedanken zu peinlich waren, um sie mitzuteilen und weil ihm diese Überlegung tatsächlich schon gekommen war. Er legte den Unterarm auf Fridos Brust und nutzte seine Hand als Stützte fürs Kinn, während der Ältere den Arm so unter seinen Kopf schob, dass er Dominik bequemer betrachten konnte. Die andere Hand fuhr dabei unablässig in rhythmischen Bewegungen mit dem Kraulen fort, wenn auch jetzt wieder über Dominiks Rücken hinweg.

„Seit Juli ausgezogen ist, fühl ich mich hier tatsächlich manchmal ein bisschen einsam. Und es hat mir die letzten Wochen sehr gefehlt, nicht die Abende mit dir zu verbringen und nicht neben dir einzuschlafen“, antwortete Frido und betrachtete dabei Dominiks Gesicht, während der ihn aufmerksam anschaute.

„Und was du vorhin über deine Gründe fürs Zusammenziehen gesagt hast…“, nickte er dann und strich Dominik einige Locken aus dem Gesicht.

„Manchmal hab ich das Gefühl, dass wir so sehr damit beschäftigt sind, bloß nicht aufzufallen, dass wir kaum noch ein Wort miteinander reden. Und wenn dann ein langer Arbeitstag oder Stress in der Uni dazu kommt…“, schüttelte er leicht den Kopf und seufzte aus.

„Ich… frag mich nur, ob du dir das wirklich gut überlegt hast. Im Moment kannst du einfach in deine Wohnung beziehungsweise dein Zimmer gehen, wenn du für dich sein willst und hast eine ganz andere räumliche Trennung, als das hier möglich wäre. Klar können wir Regelungen finden. Zum Beispiel, dass du das Wohnzimmer für dich hast, wenn du allein sein möchtest und ich dann da auch nicht reingehe solange. Aber es ist schon was anderes. Ich werd schneller mitbekommen, wenn irgendwas ist und vielleicht werde ich dich dann auch darauf ansprechen“, murmelte Frido, während Dominik langsam nickte und sich räusperte.

„Du meinst so was wie demolierte Leinwände zum Beispiel…“, nuschelte er.

„Ja…“

Dominik presste die Lippen aufeinander, setzte sich auf und ließ den Blick nachdenklich durchs Zimmer schweifen, ehe er ihn auf Fridos Bauch richtete.

„Das… das ist mit ein Grund, warum… ich mir das überlegt hatte… Damit… damit ich mir abgewöhnen muss, dich immer so aus allem auszuschließen“, räusperte er sich erneut und schaute beschämt zur Seite.

„Ich find, auf… auf Dauer wär das keine gute Basis für ne Beziehung“, murmelte er und schloss die Augen, als Frido sich aufrichtete und einen Arm um ihn legte.

„Mir ist nur wichtig, dass du dich zu nichts gedrängt fühlst. Das wäre auf Dauer auch nicht gut“, flüsterte der und sein Lockenkopf nickte.

„Willst du mir eigentlich erzählen, warum das Thema Zusammenziehen bei dir und deinem Exfreund nicht so gut gelaufen ist?“, schaute Dominik den Älteren zögerlich wieder an und sah, wie dieses Mal er den Blick abwendete. Er stellte ein Bein auf, um den freien Arm auf dem Knie abzulegen und eine kleine Falte bildete sich zwischen seinen Augenbrauen.

„...Weil er fremdgegangen ist und dann nicht mal dazu stehen konnte“, murmelte er und gab Dominik einen Kuss auf die Schläfe, um dann vom Bett zu rutschen und in seine Unterhose zu steigen.

„Ich hab ganz schön Hunger bekommen… Möchtest du auch was? Ich schmeiß uns schnell ein paar Sachen in die Pfanne“, meinte er und verschwand mit einem Nicken aus dem Schlafzimmer, als Dominik mit einem leisen „Ja...gern“ antwortete. Nur zögerlich stieg auch er aus dem Bett, zog sich an und ging Frido nach. Er war nicht sicher, ob der seine Gesellschaft gerade wollte; besonders, als er sah, mit wie viel Eifer und Energie er die eingebrannte Milch vom Herd putzte. Doch als Frido Dominik in der Tür sah, rief er ihn sofort zu sich.

„Hey, da sind noch frische Champignons im Kühlschrank. Kannst du die schon mal vierteln? Und vielleicht auch ne Zwiebel schälen?“, meinte er, als wäre nichts gewesen und wienerte weiter den Herd, als Dominik zum Kühlschrank ging. Er wusch die Pilze und trug sie zum Tisch, holte dann noch Brettchen und Messer und als er sich gerade gesetzt hatte, hörte er Frido seufzen und sah, wie er den Lappen in die Spüle pfefferte.

„Wir waren schon vor dem Unfall zusammen…“, begann er plötzlich und drehte sich zu Dominik, um sich mit dem Po an den Herd zu lehnen.

„Ich muss ihm zugute halten, dass er mich wirklich fast jeden Tag besucht hat, während ich im Krankenhaus und später in der Reha war. Du hast ja von Ernest schon gehört, dass ich nicht immer der beste Patient war und Patrick ist trotz meiner Launen bei mir geblieben und hat mir immer wieder gesagt, dass ich bald wieder der Alte sein werde“, verschränkte er die Arme vor der Brust, während Dominik ihn aufmerksam anschaute.

„Heute glaub ich, dass er damit vor allem ausdrücken wollte, dass er sich den alten… Fritz zurück wünschte“, murmelte er und seine Mundwinkel zuckten.

„Ich war anfangs ja selbst sehr wehleidig, aber irgendwann kam der Punkt, an dem ich Fortschritte gesehen hab. Es waren erst nur Kleinigkeiten, aber ich hab gemerkt, dass es langsam besser wurde. Kleine Spaziergänge oder überhaupt wieder ohne Hilfe die Treppen hoch und runter kommen. Aber ich konnte Patrick dabei immer ansehen, wie mitleidig er war. Weil ich zu dem Zeitpunkt eben noch nicht wieder lange Wandertouren machen konnte. Und ganz zu schweigen davon, dass ich anfangs schon froh war, als ich mit der Hand überhaupt wieder was greifen und halten konnte“, kratzte er sich kurz den Kopf, ehe er die Arme wieder verschränkte.

„Eigentlich… wenn man ganz ehrlich ist, war da schon zu sehen, dass es mit uns nicht mehr klappte, aber er ist trotzdem bei mir geblieben. Hat mir Mut zugeredet, während ich ihm ansehen konnte, dass er mich eigentlich aufgegeben hatte. Und dann sprach er plötzlich davon, dass er mit mir zusammenziehen wollte, wenn ich aus der Reha käme“, erzählte er und schüttelte leicht den Kopf.

„Und… hast du es gemacht?“, fragte Dominik leise, woraufhin Fridos Augenbrauen hochschnellten und er nickte.

„Oh ja! Ich war so dämlich!“, sagte er und schüttelte wieder den Kopf darüber.

„Ich… mir ist es ja auch nicht gerade leicht gefallen, mich von meinem früheren Leben zu verabschieden und ich glaub, während er aus Pflichtgefühl heraus an unserer Beziehung festhielt, hab ich es, um… nicht noch mehr von früher zu verlieren… Verstehst du, was ich meine?“, fragte er und nickte leicht, als Dominik antwortete.

„Ja, ich glaub schon… Du hast dich an so viel Neues gewöhnen müssen, dass du dir wahrscheinlich auch ein bisschen… Stabilität von dem gewünscht hast, was dir von früher noch geblieben war, oder?“, äußerte der seine Vermutung, die recht gut zu Fridos Gefühlsleben passte.

„Ja, das triffts…“, murmelte er und ging zum Tisch, um sich auf dem Stuhl nieder zu lassen, der am nächsten zu Dominiks stand.

„Ich hab ein bisschen gedacht, wenn wir zusammenziehen, wird es so wie früher. Dass wir unsere Beziehung wieder richtig aufleben lassen – immerhin hatte er ja auch die ganze Zeit über zu mir gestanden, statt einfach zu gehen. Aber im Endeffekt haben wir uns immer mehr entfremdet. Es war fast so, als hätte er mit dem Zusammenziehen seine Pflicht getan gehabt. Danach hatte er ständig Termine, war lange auf der Arbeit und wollte sich am Wochenende mit Freunden treffen. Das waren zwar teilweise gemeinsame Freunde, aber meistens hat er irgendwelche Aktivitäten vorgeschlagen, an denen ich nur eingeschränkt teilnehmen konnte. Dann ist er zum Beispiel mit einem Teil der Gruppe auf ne Radtour gefahren, während ich mit den anderen im Park beim Picknick war. Und… eines Tages nahm mich dann eine unserer Freundinnen mal beiseite und meinte, dass ihr aufgefallen war, wie viel Zeit Patrick mit einem unserer Kumpel verbrachte. Dass sie die beiden sogar mal zusammen im Kino gesehen hatte und… ich wollte davon zwar nichts hören, aber dann erzählte Juli mir einige Zeit später, dass sie die beiden ebenfalls zufällig getroffen hatte. Irgendwo in nem Café in ihrer Stadt. Sie war noch ganz überrascht gewesen, dass ich nicht mit dabei war, weil sie erst dachte, dass wir sie spontan besuchen würden“, stützte er die Unterarme auf den Tisch und knirschte leicht mit den Zähnen.

„Weißt du… wir haben fast anderthalb Jahre zusammen gewohnt und er wollte nie mit mir schlafen, weil er immer Sorge hatte, er könnte mir mit einer falschen Bewegung weh tun und meinen Fortschritt kaputt machen… Obwohl es mir längst wieder richtig gut ging. Und obwohl ich ihm das auch immer wieder gesagt habe. Selbst an den Radtouren konnte ich ja irgendwann wieder teilnehmen, aber trotzdem…“, seufzte er aus und schüttelte den Kopf, um dann mit einem Hauch Verbitterung zu schmunzeln.

„Komischerweise hatten die Kerle, mit denen ich nach der Trennung ins Bett gegangen bin, nie die Sorge, dass was kaputt gehen könnte. Und es ist auch nichts kaputt gegangen… Aber immerhin konnte er danach endlich offen zu seiner neuen Beziehung stehen“, murmelte er und schaute an die Wand, ehe sein Blick zu Dominik glitt.

„Jetzt versteh ich, warum du Ernests Worte in den falschen Hals bekommen hast…“, antwortete der und legte die Hand auf Fridos, als der sie ihm auffordernd hinhielt.

„Ja, ich glaub, er hat da in dem Moment gar nicht mehr dran gedacht…“, meinte der Ältere und verwebte die Finger mit Dominiks, um sich dann zu räuspern und mit schiefem Grinsen zu ergänzen: „Und ich glaube, da ist morgen ne kleine Entschuldigung bei ihm fällig…“.

25.9.2024: Style

Mit einem tiefen Seufzen und Gähnen streckte Frido sich, als er an diesem Morgen erwachte und dann wieder schwer ins Kissen sank. Bis in die Nacht hinein hatte Dominik ihm von seiner Reise in die alte Heimat erzählt und ihn dabei mehr als einmal überrascht. Nicht nur die Offenheit, die er teilweise an den Tag legte, obwohl ihm das Erzählen einiger Erlebnisse sichtlich schwer fiel, sondern vor allem auch, was das Zusammentreffen mit seinen Eltern betraf. Das Verhalten der Mutter rührte Frido und er war glücklich, dass sie einander etwas näher gekommen waren. Bei Dominiks Vater allerdings… nun, trotz der wenigen positiven Gesten fiel es Frido schwer, ihn nicht einfach nur als totales Arschloch abzustempeln. Darum konzentrierte er sich lieber darauf, dass dieser Mann immerhin daran beteiligt gewesen war, ihm diesen wundervollen Menschen zu schenken. Eine Sache hatte er also zumindest gut hinbekommen. Aber apropos: Wo war diese gute Sache eigentlich abgeblieben, fragte er sich, als er die Augen öffnete und alleine im Bett lag. Musste Dominik heute arbeiten? Kurz überlegte Frido und schüttelte dann den Kopf, während er sich langsam aufsetzte.

„Wie spät ist es überhaupt?“, murmelte er und hob verwundert die Augenbrauen, als sein Wecker verriet, dass es schon nach zehn war. Wieder gähnte er, rutschte dabei zur Bettkante und dieses Mal zogen sich seine Augenbrauen zusammen. Roch es nach Vanille? Jetzt war ihm auch so, als würde er etwas aus der Küche hören.

„Spinn ich jetzt?“, stand er auf, zog sich notdürftig die Unterhose an – eine Marotte aus der Zeit mit Juli und Lilli, die er noch nicht wieder ganz losgeworden war – und schlurfte zur Tür. Eigentlich erwartete er ja, dass der süßliche Duft verschwand, sobald er diese öffnete, doch stattdessen wurde er noch intensiver und vermischte sich mit noch anderen Gerüchen. Verdattert trat Frido in den Flur und sah noch verdatterter, dass seine Küche sich in eine Bäckerei verwandelt hatte. Chaotisch war es nicht, aber überall standen Backzutaten bester Qualität, dazu neu gekaufte Gewürze wie die Vanille und Zimt. Er selber hatte von der Nutzung von Gewürzen nämlich nicht allzu viel Ahnung, wenn man Salz, Pfeffer und Paprikapulver mal absah. Oder vielleicht noch Basilikum für die Pizza. Dementsprechend fragte er sich, was das alles war und was in den beiden Töpfen wartete, die auf dem Herd warteten, bis ihr Inhalt verarbeitet wurde, während Dominik zwischen all dem stand und am Küchentisch mit Schüssel und Sieb hantierte.

„Guten… Morgen…“, trat Frido näher an ihn heran und erkannte dabei, dass der Jüngere gerade Vanillepudding durchs Sieb strich.

„Morgen!“, lächelte der Lockenkopf und drückte seinem Freund einen Kuss auf, um dann voller Tatendrang weiter zu arbeiten. Er hatte ein Tuch zusammengerollt und sich ins Haar gebunden, um es nicht die ganze Zeit ins Gesicht fallen zu lassen. Ein bisschen erinnerte er Frido damit an einen Rockstar, nur, dass Dominik seine Variante dezenter trug. Vor allem aber war es das erste Mal, dass er ihn so sah.

„Sag mal, was machst du denn hier?“, schaute er Dominik über die Schulter und merkte, wie ihm bei dem leckeren Duft das Wasser im Mund zusammenlief. Und damit meinte er ausnahmsweise mal nicht Dominiks Duft.

„Backen“, antwortete der ganz selbstverständlich und brachte Frido zum Lachen.

„Ja, das seh ich… aber warum?“, überlegte er, ob er sich ein klein bisschen Pudding abzwacken konnte und bekam dafür sofort eins auf die Finger.

„Du meintest neulich mal, dass Ernest diese Plunderteilchen aus dem Café da hinten so toll findet… Ich hab mir die mal angeschaut und find die völlig überteuert. Außerdem: Kaufen kann jeder“, murrte Dominik erst, um dann inne zu halten und Frido doch etwas unsicher anzuschauen.

„Ich dachte, vielleicht wäre es eine nette Geste, ihm… welche zu backen. Als Entschuldigung und als Dankeschön. Du wolltest doch nachher zu ihm“, murmelte er und schien dann doch nicht mehr so überzeugt davon, dass seine Idee die beste war.

„Er freut sich bestimmt darüber. Wenn nicht, dann nehm ich sie““, rieb Frido ihm aber aufmunternd über den Rücken und grinste, was Dominik mit einem Schmunzeln beantwortete.

„Probier erst mal, ob sie überhaupt was geworden sind“, meinte er, kratzte noch etwas Pudding von der Unterseite des Siebs und schob die Schüssel mit dem fertig bearbeiteten Pudding dann beiseite. Das Sieb bekam Frido und durfte schon mal die Reste des Puddings probieren, um ganz fasziniert nach der Marke zu fragen, während Dominik zum Kühlschrank ging.

„Die Sorte müssen wir öfter kaufen! War das Fertigpulver oder ne Packung?“, murmelte Frido, während er nur schwer die Finger von der Teilchenfüllung lassen konnte und Dominik wieder zum Schmunzeln brachte.

„Weder noch“, antwortete der, während er ein Päckchen hervorholte, es aus seiner Klarsichtfolie befreite und dann auf der bemehlten Tischplatte platzierte.

„Pudding kann man eigentlich ganz leicht selbst machen, auch ohne Fertigpulver“, verriet Dominik und zählte Frido die Zutaten auf, während er das Nudelholz griff und anfing, den Teig auszurollen.

„Den hast du selbst gemacht?“, war Frido noch immer etwas perplex. Er kochte zwar gern und viel, aber Pudding von Grund auf selbst zusammen zu rühren, war ihm bisher noch nicht in den Sinn gekommen. Dominik aber antwortete mit einem selbstverständlichen „Jap“, während er den Teig in die gewünschte Größe brachte und dann wieder schmunzelte, als Frido so eine Ahnung überkam.

„Das da ist aber Fertigteig, oder?“, murmelte er und riss die Augen auf, als Dominik den Kopf schüttelte.

„Du… Ist Plunderteig nicht der, den man auch zig mal falten und ausrollen muss? So ähnlich wie Blätterteig?“, starrte Frido seinen Freund an, während der die Verwirrung offensichtlich putzig fand.

„Man braucht ein bisschen Geduld, ja, aber es ist kein Hexenwerk“, meinte Dominik hingegen und teilte den Teig dann in kleinere Stücke ein, um einige anschließend in eine Brezelform zu bringen und andere als Vierecke zu lassen.

„Sag mal, wie lange werkelst du hier denn schon rum?“, wollte Frido wissen, während er verwundert feststellte, dass sein Haushalt jetzt auch einen Spritzbeutel besaß, der mit der Vanillecreme gefüllt wurde.

„Mir fiel das heute Nacht spontan ein… Ich bin dann um sieben aufgestanden und zum Café hin, um mir die Auslage mal anzuschauen. Das ist ja Wahnsinn, dass um die Uhrzeit schon ne Schlange da ansteht!… Na ja, erst hatte ich tatsächlich überlegt, mich auch anzustellen und ein paar Teilchen zu kaufen, aber so besonders sehen dir mir gar nicht aus, um ehrlich zu sein. Meine Oma hat so schöne Rezepte, bei denen ich ihr früher immer helfen durfte und die einfach großartig schmecken, find ich… Da dachte ich, dass Ernest sich vielleicht auch darüber freut. Und du natürlich“, erzählte Dominik über seine Planänderung, während er die Brezeln mit Pudding befüllte und dann nach einem der Töpfe griff, um einen Klecks Kirschfüllung in die Mitte einiger Brezeln zu geben.

„Die werben im Café ja damit, dass das Danish Style ist… als wärs was ganz Neues und noch nie dagewesenes. Soll ich dir was verraten? Oma hat früher schon Plunderteig nach Dänischer und Deutscher Variante gebacken. Der Unterschied besteht halt unter anderem in der Buttermenge“, zuckte Dominik die Schultern, um dann wieder zum Kühlschrank zu gehen und ein Schälchen mit Marmelade zu holen. Einige Kleckse davon verteilte er auf den Vierecken, ehe auch diese mit Vanilletupfern versehen wurden und dann in den Ofen wanderten. Frido aber war ein wenig sprachlos, während er sich auf einem Stuhl niederließ, kurz einen Finger in die Marmelade dippte, als Dominik gerade nicht hinsah und auch bei der feststellen musste, dass sie offensichtlich frisch hergestellt worden war und himmlisch schmeckte.

„Hey!“, rügte der Jüngere, als sein Freund sich mit einem „Mhhh“ selbst verriet und lächelte dann doch verlegen, weil sein Essen so gut gefiel. Zu viel Blöße wollte er sich aber offensichtlich doch nicht geben.

„Wolltest du nicht zum Sport?“, grinste er stattdessen und lachte auf, als Frido das Gesicht verzog.

„Man soll auch mal n Ruhetag einlegen…“, nuschelte er, woraufhin Dominik die Arme vor der Brust verschränkte.

„Hast du mir nicht gestern noch gepredigt, dass dir deine Sporteinheit heilig ist? Außerdem müssen die Teilchen eh erst noch fertig backen und abkühlen“, lehnte er sich mit kessem Blick gegen die Arbeitsplatte und musterte seinen Freund, der gerade aussah, als hätte man ihm saure Milch vorgesetzt.

„Noch nicht eingezogen und ich steh schon unter der Knute…“, murrte er und erhob sich vom Tisch, um dann mit einem „Nichts!“ aus der Küche zu verschwinden, als Dominik wissen wollte, was er gesagt hatte.

„Meine große Klappe immer…“, trollte Frido sich also zum Sport, fand das Training dieses Mal ätzend und viel zu lang und musste seinem knurrenden Magen kleinlaut zustimmen, als er anschließend zurück nach hause kam und ihn dieser verführerische Duft sogar schon im Treppenhaus begrüßte.

„Boah, das kann doch gar nicht echt sein…“, schwebte er regelrecht in den Flur und zur Küche hinüber. Dort erwarteten ihn zwei Belche voll köstlichster Teilchen mit verschiedener Füllung, von denen das eine gerade abkühlte, während das andere darauf wartete, bald aus dem Ofen geholt zu werden. Es roch nicht nur nach der Vanille und Kirsche, sondern auch Äpfeln und Zimt waren jetzt umso präsenter. Ganz zu schweigen von dem köstlichen Boden, der sich unter den Füllungen versteckte.

„Da kommt bei einigen gleich noch Glasur drauf“, ließ Dominik ihn wissen, der gerade die restlichen Zutaten wegräumte und schon einen Teil des Equipments gespült hatte. Ein wenig unsicher schien er noch immer, was er von seinen Kreationen halten sollte, aber ihn umgab auch ein seliges Lächeln. Besonders, als Frido ihn fragte, ob er das alles wirklich noch von seinen früheren Backaktionen mit seiner Oma wusste.

„Na ja, die genauen Mengen wusste ich nicht mehr, deswegen hab ich sie heute Morgen angerufen und mir die Rezepte noch mal geben lassen. Aber sonst… Vor allem, dass sie immer Butter genommen hat, werd ich wohl nie vergessen!“, lachte Dominik, während er einen Blick in den Ofen warf, um zu kontrollieren, ob die Teilchen raus konnten.

„Nicki, hat sie immer gesagt, wichtig ist die Butter! Nimm nicht die Margarine, sondern nur gute Butter!“, hob Dominik den Zeigefinger und äffte seine Großmutter nach, während er ihre Lehre an Frido weitergab und dann wieder darüber lachen musste.

„Hat echt Spaß gemacht, mit ihr zu backen! Kochen auch, aber vor allem das Backen. Sie hatte früher auch einen kleinen Schrebergarten mit Obst und Gemüse und da durfte ich ihr dann auch bei helfen, das zu verarbeiten“, nahm Dominik auf einem Stuhl Platz und ließ dabei den Blick auf die Ofentür gerichtet.

„Ich sag dir, über frische Zutaten geht wirklich nichts!“, schwärmte er, ohne es zu merken und seufzte leicht, wenn er daran zurückdachte.

„Vielleicht könnten wir nächstes Jahr ja ein paar Tomaten und Paprika auf dem Balkon anpflanzen…“.

Frido hingegen schüttelte ungläubig den Kopf.

„Wow…“, murmelte er und lehnte sich an den Tisch, während Dominik ihn fragend anschaute.

„Dass du tolle Kekse hinbekommst, hab ich ja neulich schon gemerkt, aber ich wusste gar nicht, dass du so in dem Ganzen aufgehst. Gerade backen! Kochen tu ich ja auch ganz gern, aber backen war nie so meins… Da war ich immer nur ne Hilfe, wenns ums Teig Naschen ging“, grinste er und Dominiks Schmunzeln verriet, dass er von dieser Offenbarung nicht allzu überrascht schien.

„Na ja, was soll ich für mich allein backen? Meine Vermieterin isst ja auch keine Unmengen. Das hat sich also bislang nur bedingt gelohnt. Und… wie gesagt, es müssen gute Zutaten sein, find ich…“, antwortete er dann kleinlaut, ehe er aufstand und auch die zweite Fuhre Gebäck aus dem Ofen nahm. Frido aber nickte leicht. Er verschränkte die Arme vor der Brust und schwor sich im Stillen, nie wieder ein Wort mit Ernest zu sprechen, wenn der Dominiks Backkünste und das Geld, was der in den Kauf der Zutaten gesteckt haben musste, nicht zu schätzen wusste. Aber gerade interessierte ihn etwas anderes noch viel mehr.

„Nicki…“, flüsterte er und schmunzelte, als Dominik ihn überrascht anschaute.

„Du hast grad erzählt, dass deine Oma dich so nennt… Gar nicht gemerkt?“, grinste Frido und der Jüngere schüttelte etwas verlegen den Kopf.

„Nee, ist mir tatsächlich nicht aufgefallen…“, lachte er leise und löste das Tuch aus seinen Haaren. Frido aber gefiel diese Offenheit.

„Ich hab mich tatsächlich schon mal gefragt, ob du nicht auch einen Spitznamen hast. Aber wenn selbst Susi nicht auf den Trichter kommt, dich anders zu nennen, dachte ich, magst du das vielleicht nicht so gern… Und ich hatte auch ein bisschen die Vermutung, dass du mir vielleicht die Augen auskratzt, wenn ich dich einfach „Löckchen“ nenne“, meinte er und lachte, als Dominik ihn daraufhin prompt düster anschaute.

„Wehe!“, warnte er und haute Frido spielerisch mit dem Tuch, um dann leicht die Schultern zu zucken.

„N paar Deppen aus der Schule haben mich zwar mal „Locke“ genannt, aber ansonsten hab ich eigentlich nie einen Spitznamen gehabt. Nicki sagt nur meine Oma und manchmal ein Onkel von mir“, erzählte er und betrachtete dabei die Plunderteilchen. Frido aber runzelte die Stirn.

„Warum deine anderen Familienmitglieder nicht? Es ist doch ein süßer Spitzname. Oder magst du ihn nicht?“, wollte er wissen und lehnte sich neben Dominik an die Arbeitsplatte. Der grinste schief und hob die Augenbrauen.

„Mir ist das an sich egal, aber es gibt oder gab wohl ne Schlagersängerin die so oder so ähnlich heißt…“, deutete er an und nickte bestätigend, als Frido seine Vermutung dazu äußerte.

„Jetzt sag mir aber nicht, dass dein Vater sich daran auch stört…“, meinte er und verdrehte die Augen.

„Ist n Mädchenname und sein Sohn ist kein Mädchen. Deswegen fand ers auch immer doof, dass ich lieber Oma im Haushalt geholfen hab, statt mit Opa im Garten zu sein oder ihm dabei zuzugucken, wie er irgendwas in der Werkstatt gemacht hat. Alles viel zu weibisch!… Und mein Onkel hat mich dann immer nur Nicki genannt, um Paps auf die Palme zu bringen“, schmunzelte Dominik erst, um dann tatsächlich darüber lachen zu müssen, wie Vater und Onkel sich deswegen oft genug in den Haaren gelegen hatten.

„Dass es aber auch einen Rennfahrer gab, der so hieß, weiß er aber schon?“, murrte Frido, wohingegen Dominik das Ganze mal wieder nicht viel mehr als ein Schulterzucken abringen konnte.

„Vielleicht wird man irgendwann so, wenn man als Stammhalter für die Familie und Firma geboren wird“, murmelte er und lächelte Frido dann an.

„Oma hat sich das ja trotzdem nicht nehmen lassen. War vielleicht auch mein kleiner Vorteil als Nesthäkchen und als ihr… als ihr Lieblingsenkel, dass sie das Gemaule dann erst recht ignoriert hat. Ich glaub, sie hat sich einfach über mein Interesse an diesen Dingen gefreut. Die anderen hatten da nicht viel mit am Hut. Und ich fands schön, nicht nur Zeit mit ihr zu verbringen, sondern auch noch was zu lernen“, schwang ein gewisser Stolz in seiner Stimme mit, ehe er eines der zuerst gebackenen Teilchen auf einen Teller setzte, um ihm Frido doch mit einer gehörigen Portion Unsicherheit zu reichen.

„Okay, dann probier mal. Aber sei bitte ehrlich…“.

26.9.2024: Offspace

„Kennst du eigentlich schon den Offspace in der Vollenstraße?“, fragte Dominik, während er mit Frido durch die Fußgängerzone schlenderte und Ernests Wohnung ansteuerte. Der Ältere runzelte die Stirn und ließ nachdenklich den Blick schweifen.

„Offspace in der Vollenstraße…“, murmelte er und nickte dann, als Dominik die alte Drogerie nannte.

„Ja, klar, die kenn ich! Stand die nicht die letzten Monate leer?“, überlegte der Dozent und sein Student bestätigte es.

„Ich glaub, der Bau soll nächstes Jahr renoviert oder sogar neugebaut werden, aber als ich heute Morgen einkaufen war, hab ich gesehen, dass die Räumlichkeiten grad übergangsweise als Ausstellungsfläche genutzt werden“, erzählte er und Frido hob überrascht die Augenbrauen.

„Find ich ne gute Idee, daraus solange einen Projektraum zu machen! Gerade für junge und unetablierte Künstler ist das immer eine schöne Möglichkeit“, meinte er und fragte dann mit einem Zwinkern, ob sein Freund überlegt habe, da auch mal anzufragen. Der schüttelte jedoch sofort den Kopf und brachte Frido damit zum Lachen. Es fiel Dominik ja schon immer schwer, seine Werke zu präsentieren, wenn es im Rahmen der fakultätseigenen Ausstellungen passierte. Da hätte es Frido schon ein wenig überrascht, wenn er plötzlich von selbst so aus sich herausgekommen wäre – besonders in der aktuellen Situation.

„Ich hatte eher überlegt, ob du vielleicht Lust hast, dass wir nachher mal dort vorbeigehen“, schlug Dominik stattdessen vor und nur schwerlich konnte Frido sich davon abhalten, als Antwort darauf seine Hand zu greifen.

„Du meinst, Student und Dozent haben sich zufällig getroffen und dasselbe Ziel gehabt?“, grinste er und Dominik wiegte mit gespielter Ahnungslosigkeit den Kopf.

„Das wäre eine schöne und unauffällige Möglichkeit für einen gemeinsamen Nachmittag“, ließ der Ältere keinen Zweifel daran, dass ihm die Idee gefiel und warf dann einen prüfenden Blick in die Gegend, als sie das anvisierte Mehrparteienhaus erreichten. Niemand Bekanntes war zu entdecken und auch sonst schien sich niemand für das Duo zu interessieren, also verschwand es unbemerkt ins Treppenhaus und konnte endlich wieder etwas mehr auf Tuchfühlung gehen.

„Genau, ich dachte, es ist einerseits interessant und andererseits aber auch was, das wir endlich mal problemlos gemeinsam machen können“, schmiegte Dominik sich an seinen Freund, kaum, dass der den Arm um ihn gelegt hatte und hob sich den Korb mit Gebäck vor den Bauch, nachdem er ihn vorher nur am Henkel getragen hatte. Ein wenig unsicher wurde er nun doch wieder, auch, wenn Frido ihm versichert hatte, dass er seine Pluderteilchen köstlich fand. Aber er war auch immerhin sein Freund...

„Er wird sie lieben“, schien Frido Dominiks Gedanken zu lesen und gab ihm einen Kuss auf die Schläfe, während der Jüngere schüchtern lächelte.

„Ich nehm dich beim Wort“, murmelte er und stieg in den ersten Stock, wo ihnen die Tür geöffnet wurde, noch ehe sie geklingelt hatten.

„Du bist also gekommen, um dich zu entschuldigen?“, verschränkte Ernest die Arme vor der Brust und nickte dem Jüngsten mit einem knappen „Dominik?“ zu, ehe er den Mittleren wieder kühlen Blickes musterte. Die Pünktlichkeit der Beiden wusste er zwar durchaus zu schätzen, aber ansonsten war er so distanziert, dass Dominik sogar daran zweifelte, gerade wirklich willkommen zu sein.

„Hi Ernest. Soll… soll ich vielleicht doch erst mal draußen warten, während ihr euch unterhaltet?“, fragte er, noch ehe sie vom Gastgeber in die Wohnung gelassen wurden und bekam von dem jetzt auch einen kritischen Blick serviert. Frido hingegen seufzte aus und verdrehte leicht die Augen, weil ihm Ernests Getue etwas zu übertrieben war.

„Hör auf, ihn zu verunsichern…“, murmelte er nach kurzer Begrüßung, ohne dabei von Ernest beachtet zu werden.

„Ich habe gesagt, dass du gerne mitkommen kannst, als Friedrich mich fragte, ob er sich hier noch mal blicken lassen darf. Also wirst du nicht wie ein Hund, der das Feinkostgeschäft nicht betreten darf, vor der Tür warten!“, trat Ernest kopfschüttelnd zur Seite und gewährte ihnen endlich Einlass. Frido schob Dominik vor und blieb dann selber neben Ernest stehen, als der die Tür schloss.

„Was? Willst du nicht ablegen?“, musterte der den Dozenten, während er selbst von ihm angeschmunzelt wurde.

„War nicht so gemeint gestern. Tut mir leid…“, knuffte Frido ihn leicht auf den Oberarm, aber Ernests Blick verriet, dass er sich solcherlei Gesten doch wohl sehr verbat.

„Ich hoffe für dich, dass dein Wiedergutmachungsgebäck wirklich so herausragend ist, wie du vorhin so großspurig am Telefon verkündet hast. Sonst kannst du gleich wieder gehen!“, rümpfte Ernest die Nase und hob interessiert die Augenbraue, als statt Frido ausgerechnet Dominik die Gesichtszüge entgleisten. Er packte seinen Freund am Arm, als der gerade antworten wollte und starrte den fragend an.

„Was denn?“, hob Frido die Schultern, während Ernest sich langsam in Richtung Küche begab und dabei durchaus nicht gewillt war, das Lauschen zu unterlassen.

„Was hast du ihm erzählt?“, konnte er das fast schon panische Flüstern von Dominik vernehmen und ein „Spinnst du?!“ auf Fridos Antwort hin, dass er Ernest gesagt hatte, er habe noch nie so gute Plunderteilchen gegessen wie die, die sie ihm heute mitbringen würden.

„Preis die doch nicht so an!“, zischte Dominik, während Frido sich aus seiner Jacke schälte und die Sorge seines Freundes offensichtlich nicht verstand.

„Ich hab nur die Wahrheit gesagt“, legte er die Hände an Dominiks Oberarme, wohingegen der aussah, als müsste er sich gleich übergeben.

„Und ich hab dir gesagt, lass ihn erst mal probieren, obs ihm überhaupt schmeckt!“, schluckte er und klammerte sich am Korb fest, als der Dritte im Bunde die Aufmerksamkeit nun auf sich zurück holte.

„Seid ihr bald mal fertig mit der Tuschelei oder soll ich noch mal neuen Tee aufsetzen?“, lehnte er sich an die Kücheninsel und betrachtete, wie Frido seinem Freund zwar dessen Jacke abnahm, ihn dann aber auch auffordernd anstupste, um schon mal das Gebäck zu Ernest zu tragen. Dominik lief daraufhin wie ein verschüchterter Schuljunge zum strengen Direktor, stellte den Korb vor ihm ab und versuchte dann herauszufinden, ob er seine Hände lieber in die Hosentaschen schob, im Hoodie versteckte oder doch mitsamt der Arme vor der Brust verknotete. Ernest hingegen reckte ein wenig den Hals, beäugte das Mitbringsel und musterte dann den Boten.

„Hmm… die sehen nicht aus, wie aus den Cafés hier in der Nähe. Besonders nicht wie aus den beiden guten Cafés am Markt und im Villenviertel… Wo habt ihr die her?“, wollte er wissen, wobei Dominik entmutigt die Schultern hinunter sackten.

„Sehen sie so schlecht aus?“, flüsterte er und zuckte leicht zusammen, als Frido mit einem „Nein, sehen sie nicht!“ neben ihn trat und den Arm um ihn legte. Ernest aber ging über diesen Einwurf hinweg.

„Ich sagte nicht, dass sie schlecht aussehen. Ich wollte wissen, wo sie her sind. Ihre Machart unterscheidet sich ein wenig von den mir bekannten und es hängen auch nirgends diese penetranten Aufkleber und bedruckten Schokoladentaler und Oblaten dran, die die Bäckereien da sonst immer so gerne draufklatschen“, ließ er den Blick noch einmal über das Gebäck wandern, um dann einige Male zu blinzeln, als Dominik sich als Bäcker preisgab.

„Die sind von mir…“, ließ er kleinlaut vernehmen und ergänzte noch leiser, dass es Rezepte seiner Oma seien.

„Die… diese beiden sind mit Dänischem Plunderteig und die da mit Deutschem… Ich find, sie sind ganz gut geworden, aber ich glaub, Frido hat vielleicht ein bisschen übertrieben“, murmelte er, wohingegen der Angesprochene den Kopf schüttelte.

„Darf ich es nicht sagen, wenn mir was schmeckt? Stell dein Licht nicht immer so unter den Scheffel!“, begriff er Dominiks kritisches Denken nicht, wohingegen sein Verhalten eher Ernest zum Schmunzeln brachte.

„Back dir doch das nächste Mal einen Freund mit mehr Feingefühl“, spöttelte er und griff den Korb, um seinen Inhalt auf Tellern zu drapieren, während Frido ihn entgeistert anguckte und Dominik gespannt dabei zusah, wie Ernest diese Gelegenheit natürlich für weitere eingehende Betrachtungen nutzte.

„Sehr gleichmäßig gearbeitet… Ein schönes Verhältnis zwischen Teig und Belag, die Bräune genau auf den Punkt – nicht zu hell, nicht zu dunkel… Optisch wirklich sehr ansprechend und der Duft ist ebenfalls einladend…“, stellte er anerkennend fest, wohingegen Frido sich wie beim Leichenbeschau vorkam.

„Jetzt hör auf, sie zu sezieren und probier einfach“, murmelte er unter Augenrollen und hob beschwichtigend die Hände bei Ernests Antwort.

„Ich hab deine Entschuldigung noch nicht angenommen, Friedrich, also halt die Füße still“, gab er Frido einen entsprechenden Seitenblick und Dominik mit deutlich wohlgesonnener Miene einen der Teller, damit er ihm beim Tragen half. Der Bäcker selbst hielt sich dabei aus der kleinen Diskussion raus. Er tat, wie ihm aufgetragen, setzte sich dann und beobachtete Ernest, der seinen Stammplatz an der gegenüberliegenden Tischseite einnahm. Als guter Gastgeber befüllte er zunächst seinen Gästen die Teller, ehe er sich selbst eines der Puddingteilchen nahm.

„Guten Appetit!“, wünschte Frido und griff sogleich zu seiner Gabel, um dann doch inne zu halten, als vor allem Dominik sich noch immer sehr zurückhaltend zeigte. Er erwiderte zwar die netten Worte, aber mehr auch nicht. Viel zu sehr war er auf Ernests Reaktion gespannt und Frido erkannte erst jetzt, wie sehr sein Freund die Antwort des Arztes tatsächlich fürchtete. Denn während man ihm selbst bei Verkündung seiner Blutergebnisse damals die Nervosität kaum hatte ansehen können, zitterte er jetzt sogar. Und der Arzt machte keine Anstalten, sich mit dem Probieren mal etwas zu beeilen. Nein, lieber zerteilte er sein Plunderstück und begutachtete auch noch einmal ausführlich die einzelnen Bestandteile.

„Ist das selbstgemachter Vanillepudding?“, hob er den Blick zu Dominik, der nur mit einem schnellen Nicken antworten konnte.

„Mein Gott, machs nicht so spannend…“, murrte dafür Frido, ehe er Dominik leicht anstupste und ihn wissen ließ, dass der Arzt diese Marotte immer an den Tag legte, wenn er ein Gericht erstmals bei einem neuen Anbieter kostete.

„Selbst im Restaurant… also denk dir nichts dabei, dass er jetzt so eine Show abzieht“, murmelte er, ohne, dass Ernest sich daran störte. Aber Dominik konnte wieder nur mit einem leichten Nicken antworten, um dann kerzengerade da zu sitzen, als Ernest endlich einen Bissen nahm. Langsam kaute er, ließ dabei die Gabel sinken und verschränkte die Hände ineinander, während er nachdenklich den Blick an die Decke richtete.

„Hm…“, schluckte er und kostete noch ein Stück, das weniger Füllung und mehr Teig hatte. Dann begann das Spielchen von vorne, nur, dass er dieses Mal leicht mit der Augenbraue zuckte.

„Du sagst, dass das Rezept von deiner Großmutter ist?“, erkundigte er sich und faltete die Hände vor sich, während Dominik eilig nickte.

„Dann sei so gut und richte ihr meinen Dank aus, dass sie dich das Backen so hervorragend gelehrt hat“, gab er nun endlich sein Urteil ab, das Dominik verdutzt blinzeln ließ und Frido ein Seufzen entrang.

„Das war seine Art zu sagen, dass es ihm schmeckt“, murrte er und fasste unter dem Tisch Dominiks Hand, die schwitzig und eiskalt war, aber wenigstens sein Gesicht schaffte es zu lächeln, als er begriff, dass er gerade gelobt wurde.

„Danke… ich hab ne Weile nicht mehr so richtig gebacken und war ein bisschen unsicher…“, murmelte er verlegen, während Frido fast schon gelangweilt zu ihm rüberlinste.

„Ich hab dir mehr als ein Mal gesagt, dass es gut geworden ist“, murrte er, aber Ernest machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Der junge Mann hat schon Recht, Friedrich. Als ob du Ahnung davon hättest“, ließ er den Dozenten wissen, der verächtlich ausschnaubte und dann in sein Plunderteilchen biss. Er murmelte dabei irgendwas, das verdächtig nach „Du mich auch“ klang, aber in seinem Knuspern doch zu sehr unterging. Ernest aber wirkte nun endlich etwas gütiger. Er ging darüber hinweg, dass Dominik sich gerade bei Frido entschuldigen wollte, weil er das Gefühl hatte, ihn gekränkt zu haben und der wiederum versicherte, dass sein Geknurre eher dem Gastgeber gegolten hatte. Lieber holte der Arzt mit einem gut hörbaren „Dominik“ die Aufmerksamkeit zu sich zurück.

„Hat deine Großmutter in einer Bäckerei oder Konditorei gearbeitet?“, erkundigte er sich und schien etwas verwundert, als der Lockenkopf verneinte.

„Sie hat zwar früher bei einem Bäcker im Haushalt geholfen, aber ich wüsste nicht, dass sie auch in der Backstube war… Müsst ich sie noch mal nach fragen. Aber sie hat schon immer gern gekocht und gebacken und sich sehr dafür interessiert. Ich könnt mir vorstellen, dass sie dadurch trotzdem das Eine oder Andere aufschnappen oder in Gesprächen mit dem Bäcker erfahren konnte“, wurde er endlich etwas gelöster und erzählte auf Ernests Nachfrage hin auch voller Freude, dass seine Großmutter ihm noch weitere Rezepte beigebracht hatte.

„Gerade zu Weihnachten und zu Geburtstagen oder Familienfesten hat sie immer viel gebacken. Mmmh… Lebkuchen zum Beispiel! Die hat sie bereits Wochen vorher angesetzt, bevor sie dann wirklich gebacken wurden. Oder ihre Linzertorte war auch immer toll. Da hat sie ihr eigenes Pflaumenmus mit Zwetschgen aus dem Garten für genommen“, verriet er, was Ernest mit langsamem Nicken bedachte, während er ebenso langsam die nächsten Häppchen zu sich nahm. Frido hingegen war ein wenig überrascht über das rege Interesse. Der Arzt war zwar für seinen erlesenen Geschmack bekannt, aber die Hintergrundgeschichten der Gerichte interessierten ihn normalerweise wenig. Hauptsache, das Ergebnis entsprach seinen Erwartungen.

„Klingt wirklich vielversprechend…“, befand er stattdessen und der Dozent wurde dabei immer skeptischer, wohingegen Dominik sich über die Anerkennung endlich freuen konnte. Solange, bis sie ihm fast die Sprache verschlug.

„Also, wenn ich das richtig verstanden habe, bereitet dir das Backen viel Freude und die Ergebnisse können sich auch noch sehen lassen… Zumindest, wenn ich nach diesen Kreationen gehe“, murmelte Ernest, während er wieder einmal die Hände faltete und Dominik betrachtete.

„Ja, stimmt“, lächelte der und schüttelte dann den Kopf, als Ernest sich erkundigte, ob der junge Mann schon mal daran gedacht hatte, beruflich in diese Richtung zu gehen.

„Willst du ihm jetzt vorschlagen, ein eigenes Café aufzumachen?“, argwöhnte Frido und schmälerte die Augen, während er Ernest immer genauer ins Visier nahm. Der jedoch schüttelte den Kopf.

„Ich traue ihm nach dieser Kostprobe zwar zu, dass er durchaus das Zeug dafür hat, auf seinem Können entsprechen aufzubauen. Aber mir kam eher etwas anderes in den Sinn…“, sagte er verschwörerisch und überschlug die Beine, während er sich offensichtlich an Fridos Skepsis und Dominiks Irritation ergötzte.

„Die Idee mit den Plunderstückchen rührte nicht zufällig daher, dass ich unserem lieben Frido neulich mal erzählt habe, dass ich mir eben jene ganz gerne mal in einem Café hier in der Nähe kaufe, oder?“, fragte er, obwohl er die Antwort längst kannte und war dementsprechend wenig überrascht, als Dominik die Annahme bestätigte.

„Nun… Die langen Schlangen dort stören mich schon seit einer Weile. Zumal die Warterei nicht immer von Erfolg gekrönt ist. Erst heute Morgen musste ich wieder feststellen, dass die von mir gewünschten Gebäckstücke bereits ausverkauft waren. Und obendrein sind die Preise – wenn wir es mal so ausdrücken mögen – versaut. Wie du gemerkt hast, bin ich aber durchaus bereit, sie zu bezahlen“, teilte er seine Überlegungen, was Frido zum Stirnrunzeln brachte.

„Sag mal, worauf willst du eigentlich hinaus?“, verschränkte er die Arme vor der Brust, wobei Ernest kurz zu ihm blickte, ehe er wieder Dominik anschaute.

„Das Café versteht sicherlich sein Handwerk, aber ich bin geneigt zu sagen, dass wenigstens dein Plundergebäck durchaus mit ihrer Arbeit mithalten kann. Wärst du daher interessiert, dir ein bisschen was dazu zu verdienen, indem du das eine oder andere Gebäck für mich anfertigst? Gerne regelmäßig, aber selbstverständlich auch mit ausreichend Rücksichtnahme auf dein Studium und das dortige Zeitpensum“, schlug er vor und Dominik schaute ihn an, als hätte Ernest ihn gerade gefragt, ob er morgen mal bei einer von dessen Operationen assistieren wollte. Frido aber hob nur die Augenbrauen und schaute aufmerksam von einem zum anderen.

„Meinst du das echt?“, fragte Dominik nachdem er einen Moment brauchte, um das Gehörte sacken zu lassen und schluckte, als Ernest nickte.

„Selbstverständlich würde ich die Zutaten bezahlen und dir eine großzügige Aufwandsentschädigung zukommen lassen. Du würdest mir auf diese Weise eine Menge Zeit ersparen, die ich sonst beim Anstehen verplempern muss und es hätte natürlich auch den Vorteil, dass ich vielleicht den einen oder anderen Wunsch äußern dürfte“, schmunzelte er leicht, wohingegen Frido nun erst recht die Stirn in Falten legte.

„Hey, versuch ihn nicht dafür einzuspannen, dir jetzt jede Woche ne dreistöckige Torte zu backen!“, schaltete er sich ein, aber Dominik legte die Hand auf Fridos Brust und brachte ihn so zum Schweigen, während er Ernest hingegen ganz aufgeregt anschaute.

„Ich könnte die Tage noch mal zu Oma fahren und sie bitten, mir ihre Rezeptsammlung zu geben, um mit dir durchzugehen, was dich davon vielleicht interessiert. Und… und ansonsten kann ich mich bestimmt auch in neue Rezepte reinfuchsen“, schlug er vor, was Ernest mit einiger Genugtuung zur Kenntnis nahm.

„Mir gefällt deine Art zu denken“, nickte er, während Frido den Kopf schüttelte.

„Bist du sicher, dass du ihn da als Chef haben willst?!“, tuschelte er zu Dominik, aber der schaute ihn eindringlich an.

„Hey, das ist doch ne super Gelegenheit! Die Miete für deine Wohnung ist doch bestimmt um einiges höher als das, was ich grad für mein Zimmer zahle. Dann könnte ich mich besser beteiligen! Das Angebot kommt wie gerufen!“, fasste er Fridos Unterarm und schien ganz begeistert, wohingegen der Ältere das Gesicht verzog.

„Ähm…“, begann er und Dominik schüttelte sofort den Kopf.

„Keine Widerrede! Wenn ich bei dir einziehe, dann beteilige ich mich auch an den Kosten!“, forderte er, woraufhin Frido leicht die Schultern zuckte.

„Na ja, ich zahl keine Miete“, grinste er schief und zuckte erneut die Schultern, als Dominik verwirrt blinzelte.

„Das ist ne Eigentumswohnung… Deswegen hab ich auch gesagt, dass der Vermieter kein Problem mit deinem Einzug haben wird“, murmelte Frido, während Dominik seine Hände und Schultern sacken ließ und nur mit einem ernüchterten „Oh…“ antwortete. Frido aber tätschelte ihm den Rücken.

„Ich hab das Geld auch nur gehabt, weil das Schmerzensgeld damals entsprechend ausfiel und ich die Kohle die ersten Jahre gut angelegt hab, bevor ichs dann wirklich brauchte. Das ist dann der einzige wirkliche Vorteil daran, wenn dir dein halbes Korsett auf links gedreht wird“, sagte er beschwichtigend und hielt bewusst außen vor, dass er trotzdem auch ein kleines Darlehen für die Wohnung aufgenommen hatte, an dem theoretisch eine Beteiligung seitens Dominik möglich gewesen wäre. Aber auch ohne diese Info kehrte die Euphorie bei dem zurück.

„Nebenkosten hast du aber trotzdem. Und bei den Lebensmitteln kann ich mich auch besser beteiligen, wenn ich Ernests Angebot annehme!“, sprach er energisch, ehe er auch noch festlegte, dass er sich künftig um den Haushalt kümmern werde.

„Was? Moment mal…“, hob Frido zwar die Hände und versuchte abzuwiegeln, aber Ernest fand die Szene herrlich.

„Freu dich! Ich muss meine Putzfrau extra bezahlen“, grinste er und nippte an seiner Tasse, während dieses Mal Frido ihm einen vielsagenden Seitenblick zuwarf.

„Dominik, lass uns das nachher noch mal besprechen“, wollte er seinem Freund dann gut zureden, doch für den war die Sache bereits gegessen. Er sprang auf, lief eilig um den Tisch und streckte Ernest die Hand entgegen, um die Abmachung zu besiegeln.

„Klär erst mal die Details!“, rief Frido zwar noch dazwischen, doch da schlugen die Hände bereits ein. Zwei grinsten sich zufrieden an, während der Dritte die Augen verdrehte und in sein Plunderstückchen biss – mit der bösen Ahnung, dass das für lange Zeit das Letzte war, was er von seinem Freund bekam, wenn der nun erst einmal unter Ernests Fittichen stand.

27.9.2024: verscherzen

„Ich glaube, wenn ihr euch heute noch diese Ausstellung anschauen wollt, dann solltet ihr euch langsam auf den Weg machen“, schlug Ernest nach fast dreistündigem Beisammensein vor und brachte Frido damit zum Schmunzeln.

„Das ist seine Art uns zu sagen, dass er die Nase von uns voll hat und jetzt für sich sein will“, frotzelte er zu Dominik und lachte, als Ernests Blick verriet, dass der die getroffene Wortwahl zwar missbilligte, aber deren Inhalt durchaus so unterschreiben konnte.

„Ihr seid echt wie Katz und Maus…“, grinste der Jüngste im Bunde und fing an, Teller und Tassen zusammen zu räumen, aber Ernest hielt ihn mit einer Geste davon ab.

„Sehr aufmerksam von dir, aber angesichts dessen, dass ich gleich etwas unhöflich sein muss, fände ich es unpassend, dich das erst noch machen zu lassen“, meinte er und sah, dass Dominik zwar irritiert war, aber ansonsten entspannt wirkte.

„Nachteil an diesem Raumkonzept ist, dass ich Friedrich schon unauffällig ins Badezimmer oder Schlafzimmer bugsieren müsste, um ungestört einen Augenblick mit ihm allein zu sprechen. Und wie dezent das in der Umsetzung wirklich wäre, muss ich wohl nicht extra dazu sagen… Ich muss dich daher doch bitten, kurz im Flur zu warten“, erklärte er und während Frido vor allem so aussah, als hätte er sich gerade verhört, nahm Dominik den Wunsch mit einem Nicken und Lächeln hin.

„Ja, na klar. Dann noch mal Danke, auch für den Termin. War n schöner Nachmittag“, meinte er, ohne, dass es gestellt wirkte und drückte Frido kurz die Schulter.

„Ich wart unten“, ging er zur Garderobe, nachdem Frido genickt hatte und wollte sich diskret von dannen machen, aber natürlich ließ Ernest es sich nicht nehmen, ihn wenigstens anständig zu verabschieden.

„Auch von mir noch mal größten Dank und herzlichste Grüße an deine Großmutter. Es war ein überraschender Besuch und das meine ich durchaus positiv“, schmunzelte er und reichte Dominik zum Abschied die Hand, ehe er ihn aus der Wohnung entließ und die Tür hinter ihm schloss.

„Unhöflichkeit mit Ansage… das erlebt man auch nicht alle Tage“, meinte Frido hingegen, während Ernest zu ihm zurückging und setzte dabei Dominiks Aufräumarbeiten fort. Doch als Ernest sich neben ihm an den Tisch lehnte, hielt er inne und richtete sich auf.

„Jetzt bin ich ja mal gespannt, was du so Dringendes mit mir besprechen möchtest, dass es nicht bis zu unserem nächsten regulären Treffen warten kann“, schob er die Hände in die Hosentaschen und schaute Ernest fragend an, wohingegen der die Arme vor der Brust verschränkte und eine gewisse Ernsthaftigkeit auf dem Gesicht stehen hatte.

„Frido, dein Beschützerinstinkt, wenn es um Dominik geht, ist durchaus ehrenwert und gerade in der aktuellen Situation sicherlich nicht verwunderlich. Versuch dabei aber auch, nicht nur auf deine Gefühle zu hören, sondern dir ebenfalls bewusst zu machen, wen du gerade als Gefahr für ihn empfindest“, mahnte er, woraufhin der Angesprochene erst einmal die Augenbrauen zusammenzog, ehe er verstehend nickte und seine Vermutung äußerte.

„Bezieht sich darauf, dass ich nicht so begeistert davon bin, wenn er für dich arbeitet, oder?“, murmelte er und der Arzt stimmte ohne Umschweife zu.

„Ja, es war nicht zu übersehen, dass du von der Idee nicht gerade angetan bist“, bestätigte er und Frido hob abwehrend die Hand.

„Hey, tut mir leid, wenn ich da nicht vor Freude aus dem Häuschen bin, aber ich glaub echt nicht, dass das im Moment ne gute Idee ist. Du hast hohe Ansprüche und das ist prinzipiell auch kein Problem, aber in diesem Fall… Er macht sich eh schon Druck, weil er mit seiner Kunst nicht so zufrieden ist und jetzt dann noch der Druck, deinen Maßstäben genügen zu müssen? Das war zwar heut seine eigene Idee, aber trotzdem war er wahnsinnig angespannt“, seufzte er aus und schüttelte den Kopf, während er die Arme vor der Brust verschränkte.

„Ernest, aktuell ist er einfach zu labil für so was“, sprach er eindringlich, aber der Arzt schnaubte nur belustigt aus.

„Er ist labil? Was du nicht sagst“, griff er sich die Teller und trug sie zur Kücheninsel.

„Ob ich deshalb vielleicht auch seine Reaktion beobachten wollte, als er schon wie Rotkäppchen im Angesicht des bösen Wolfs hier rein geschlichen kam?“, nahm er zur Kenntnis, dass Frido ihm nicht nur die Tassen nachtrug, sondern auch einen verwirrten Blick.

„Frido, auch wenn dir nicht schmecken wird, was ich jetzt sage: Abgesehen davon, dass ich mich – wie du weißt – immer eingehend damit auseinandersetze, was mir aufgetischt wird, hatte ich auch ein wenig die Hoffnung, ihn aus der Reserve locken zu können. Bisher kenne ich ihn nur als Trotzkopf, als etwas zugänglicheren Trotzkopf oder als nicht ansprechbares Häufchen Elend. Diese Nervenzusammenbrüche, von denen du gesprochen hast, kenne ich nur aus deinen Erzählungen und hätte gerne mal einen persönlichen kleinen Eindruck davon bekommen. Natürlich nicht bis zum äußersten gehend, so wie letzte Woche, aber schon klar erkennbar“, erklärte er und auch wenn Frido die Stirn runzelte, schien er ehrlich interessiert an den Beweggründen des Arztes.

„Ich sag dir ganz ehrlich: Ich dachte, es wäre vor allem gewesen, um mich auf die Weise ein bisschen zu triezen, nachdem ich es mir gestern mit dir verscherzt hab. Warum wolltest du sehen, wie Dominik ausflippt oder in Tränen ausbricht?“, zuckte er verständnislos die Schultern und seufzte leicht aus, als Ernest natürlich zunächst nur auf den ersten Teil von Fridos Worten einging.

„Hältst du mich wirklich für so kleinlich?“, schmälerte er die Augen und reckte das Kinn, als er zu hören bekam, ob er wirklich eine Antwort auf diese Frage wolle.

„Wenn dir danach ist, kannst du ein ziemliches Arschloch sein“, stellte Frido mit leichtem Schmunzeln fest und lachte auf, als Ernest ihn dafür nur einen Augenblick lang schweigend fixierte.

„Nun…“, ging er dann elegant über das Gehörte hinweg und knüpfte an Fridos vorherige Frage an.

„Frido, auch wenn es positiv zu bemerken ist, dass Dominik sich heute im Verlauf des Treffens sehr gefangen hat und insgesamt scheinbar etwas gestärkter aus seinem kleinen Ausflug der letzten Tage herausgegangen ist, bin ich nicht so naiv zu denken, dass er schon aus dem Gröbsten raus wäre. Da ändert auch die Tatsache nichts dran, dass er Ende nächster Woche ein Gespräch mit meinem Kollegen führen wird. Im Gegenteil, ich denke, bei dem ersten Gespräch – oder vielleicht auch bei den ersten Gesprächen – wird nicht viel rum kommen“, stützte er eine Hand auf seine Hüfte und die andere auf die Kücheninsel, während Frido nickte und dann erkennen musste, dass seine Vermutung falsch war.

„Du meinst, weil Therapie immer ihre Zeit braucht, bis sie Erfolge zeigt?“

„Nein, weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass er bei einer ihm völlig fremden Person die Zähne auseinander bekommt und mehr als sein Schulter Gezucke oder Nicken an den Tag legt. Von dem, was du so erzählst, kann er sich dir gegenüber ja einigermaßen öffnen, aber es liegen immer noch Welten zwischen dem, was er dir anvertraut und dem, was er mit mir teilt. Obwohl er mich ja inzwischen auch kennt und sogar um Unterstützung gebeten hat. Daher hätte ich meinem Kollegen gern einfach ein paar eigene Beobachtungen geschildert, statt nur auf das zurückzugreifen, was du mir anvertraut hast… Ich denke, ich hätte da einfach einen etwas neutraleren Blick drauf als du“, erklärte er, was Frido mit tiefem Durchatmen auf sich wirken ließ und dann doch wieder aufmerksam zu Ernest schaute, als der weitersprach.

„Sollte ich mit meiner Vermutung allerdings falsch liegen und Dominik fängt tatsächlich schon bei seinem ersten Termin an zu zwitschern wie ein Vögelchen, dann wäre es im Anschluss sicherlich nicht verkehrt, wenn ein paar starke Arme auf ihn warten und ihn trösten“, ließ er Frido wissen, der erst nickte und sich dann an den Herd lehnte.

„Hatte ich ohnehin vor, ihn zu fragen, ob ich ihn begleiten soll“, murmelte er und wurde zusätzlich durch ein „Ich denke, es kann nicht schaden. Wenn er dann doch für sich sein möchte, kann er es dich ja wissen lassen“ bestärkt. Wieder nickte der Dozent.

„Danke für den Tipp… und auch Danke, dass du dir sogar zweimal nacheinander an deinem freien Samstag Zeit für ein Treffen genommen hast“, schob er mit einem leichten Lächeln die Hände zurück in die Hosentaschen und ging langsam Richtung Garderobe, als Ernest ihn mit einer Handbewegung aus dem Gespräch entließ.

„Ja, wir müssen das jetzt nicht zur Gewohnheit machen, aber von Zeit zu Zeit kann ich damit leben“, sprach er dabei gönnerhaft, während er Frido begleitete und mit seinem Ausspruch zum Lachen brachte.

„Schon verstanden! Wir sehen uns dann nächsten Freitag zur üblichen Zeit“, grinste er und hielt doch kurz beim Anziehen der Jacke inne, als er Ernests Antwort hörte.

„Schau, wie es ihm – oder vielleicht auch euch – nach dem Termin geht. Falls ihr Zeit für euch braucht, hab ich da vollstes Verständnis für und falls er abends mit hierher kommen möchte, ist er selbstverständlich herzlich willkommen“, gab der Arzt zu bedenken und drückte seinem Freund dann den leeren Korb in die Hände.

„Und was das Backen anbelangt, brauchst du keine Sorge haben, dass ich ihn über Gebühr beanspruchen werde“, ließ er Frido wissen, der wieder leicht anfing zu grinsen.

„Ich werd dich dran erinnern. Spätestens, wenn du anfängst, ihn wie einen deiner Lehrhauer im Krankenhaus zu behandeln!“, hob er warnend den Zeigefinger und schüttelte Ernest zum Abschied die Hand, als der mit einem beherzten Öffnen der Tür zu erkennen gab, dass das Gespräch nun endgültig beendet war.

„Auf wiedersehen, Friedrich“, entließ er seinen Gast in den Flur und schmunzelte, als der sich offenkundig darüber wunderte, jetzt so häufig bei seinem richtigen Vornamen genannt zu werden.

„Das machst du, um mich zu ärgern, oder?“, wollte er wissen und musste doch lachen, als er von Ernest nur ein „Bis Freitag“ zu hören und die Tür vor der Nase geschlossen bekam.

„Na, ich hab dich auch lieb“, grinste er und schüttelte den Kopf, um dann den Flur entlang zu schlendern und Dominik zu suchen. Der hatte sich vor der Haustür auf den Bordstein gesetzt und scrollte durch sein Handy.

„Da steckst du“, trat Frido neben ihn und lächelte, als der Jüngere das Smartphone in die Hosentasche schob, aufstand und sich den Hosenboden abklopfte.

„Dachte, die Nachbarn findens vielleicht etwas seltsam, wenn ich bei ihnen im Treppenhaus rumlungere“, grinste er schief und schob die Hände in seine Jackentasche, während er mit Frido langsam losging.

„So viel dazu, dass er immer so einen großen Wert auf Benimm und Anstand legt“, feixte Frido und war glücklich darüber, dass Dominik den Nachmittag dennoch als angenehm bezeichnete.

„Willst du den Korb eigentlich erst nach hause bringen oder nehmen wir den mit?“, fragte er und Frido zuckte die Schultern.

„Ach, der stört mich nicht… Wiegt ja auch nicht viel und vielleicht entdecken wir ja unterwegs noch was Schönes“, schmunzelte er und hob die Augenbrauen, als er Dominiks aufmerksamen Blick auf sich ruhen sah.

„Was ist los?“, wollte der Ältere wissen und überlegte bei der Antwort, ob er sich die Frage vielleicht lieber verkniffen hätte.

„Erzählst du mir, was ihr über mich gesprochen habt?“, wusste Dominik durchaus einzuschätzen, warum er hatte gehen sollen, obwohl Fridos Hoffnung gewesen war, dass sein Freund das Gespräch noch auf den gestrigen Zwist zwischen Dozent und Arzt bezogen hatte.

„Ich… war ihm zwischenzeitlich wohl ein bisschen zu beschützerisch, wenns um dich geht. Und er hat mir nahegelegt mit dir darüber zu reden, ob ich dich nächste Woche zu dem Termin begleiten soll“, sagte er und Dominik nickte verstehend.

„Ja, ist mir auch aufgefallen“, meinte er und schaute die Straße entlang, ehe er den Blick zurück zu Frido wandern ließ.

„Mir ist aber auch was anderes aufgefallen…“, sagte er dann und der Dozent legte den Kopf schief, während er seinen Freund fragend betrachtete.

„Du hast mir heute zigmal gut zugeredet und es kam in dem Moment überhaupt nicht bei mir an. Ich hab mir die ganze Zeit nur Gedanken darüber gemacht, dass ich Omas Rezept verhauen haben könnte, aber gar nicht gehört, wie sehr du es gelobt hast. Das wurd mir allerdings erst im Nachgang klar… und das war nicht okay von mir. Ich hätte mich nicht so auf Ernests Meinung fixieren dürfen, selbst, wenn ich die Teilchen in erster Linie für ihn gebacken hatte“, überraschte er Frido mit seiner Reflektiertheit und nickte, als der ihm leicht die Schulter drückte.

„Ich glaub, wir können beide noch einiges lernen“, sagte der Ältere sanft und schob die Hand zurück in seine Hosentasche, während Dominik wieder nickte.

„Ja… und was das andere angeht, würd ich mich sehr freuen, wenn du mitkommen könntest… Oder ist dir das zu viel? Dann musst du mir das bitte offen sagen. Ich will dich auch nicht mit irgendwas überfordern“, antwortete er und beobachtete Fridos Reaktion wieder ganz genau. Der hob kurz die Hand, um Dominiks zu greifen, aber dann tat er doch so, als wolle er sich nur durchs Haar streichen.

„Was hältst du davon, wenn wir das Ganze auf uns zukommen lassen? Ich begleite dich am Freitag auf jeden Fall und dann finden wir für die Zukunft heraus, wie wir am Besten damit umgehen können“, schlug er vor und dieses Mal war Dominik es, der nur schwerlich seine Hand bei sich behalten konnte. Er lächelte und nickte, während er einen unauffälligen Schwenk zur Seite machte, um dabei kurz Fridos Arm mit dem eigenen zu berühren.

„Find ich ne gute Herangehensweise“, sagte er und reckte dann plötzlich das Kinn.

„Hey, wolltest du nicht da hinten in dem Laden nach einem Geschenk für Lilli gucken?“, deutete er zu einem Kinderbekleidungsgeschäft und Fridos Augenbrauen schnellten hoch.

„Ja, stimmt! Gut, dass du mich dran erinnerst!“, warf er einen schnellen Blick nach hinten, um beim Wechseln des Bürgersteigs niemanden anzurempeln.

„Sollen wir zusammen gucken?“, fragte er, aber Dominik wiegte unsicher den Kopf.

„Weiß nicht, ob das ein bisschen zu viel des Guten wird…“, murmelte er und entschied, sich lieber die Schaufenster der Geschäfte auf ihrer jetzigen Straßenseite anzuschauen.

„Okay, dann bis gleich. Und vielleicht kriegt mein Korb dann ja doch noch Beschäftigung!“, grinste Frido, ehe er mit wenigen Schritten die schmale Einkaufsstraße überquerte und dabei nicht einmal mehr mitbekam, wie Dominik ihm schmunzelnd nachschaute. Eigentlich interessierten ihn die Auslagen der zahlreichen Klamottengeschäfte für jede Gelegenheit so überhaupt nicht, aber trotzdem wendete er sich ihnen zu. Er machte sich einfach ein Spielchen daraus, die bekloppteste Werbung oder den bescheuertsten Fashiontrend zu finden, um Frido dann den Gewinner dieses Contests präsentieren zu können. Doch als sein Name nach wenigen Minuten wieder gerufen wurde, geschah das weder mit Fridos liebevollem Tonfall noch mit dessen anziehender Stimme.

„Dominik Preuss!“, schrillte es stattdessen durch die halbe Fußgängerzone und ließ den Angesprochenen nicht nur zusammenzucken, sondern lenkte auch die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf das Geschehen. Während nicht nur Frido, der gerade vorm Laden die Kleiderständer durchsah, verdutzt den Blick hob, kniff Dominik erst einmal mit einem Seufzen die Augen zusammen und legte den Kopf in den Nacken.

„Hi Susi…“, schaute er dann langsam zu seiner Kommilitonin, die mit so energischen Schritten auf ihn zukam, dass davon ihr Rock und die Flechtfrisur nur so wippten.

„Hab ich also richtig gesehen, dass du das bist!“, plusterte sie sich auf, wohingegen Dominik zwar einerseits ertappt schaute, andererseits aber auch etwas irritiert.

„Du brüllst hier alles zusammen, obwohl du nicht mal sicher warst?“, murmelte er und ergänzte ein „Au!“, als Susi ihm zur Begrüßung auf den Oberarm boxte.

„Du schuldest mir ne Erklärung!“, baute sie sich vor ihm auf und verschränkte die Arme vor der Brust, wohingegen Dominik ehrlich überrascht war, dass so viel Kraft in ihrer Faust steckte.

„Ähm… Ne Entschuldigung ja, aber ne Erklärung?“, fragte er kleinlaut, während er über seinen Oberarm rieb und lieber einen Schritt mehr Abstand zwischen sie brachte. Sie aber blähte die Wangen und schnaubte dann aus.

„Deinetwegen hab ich unsere Dozenten angelogen! Da darf ich dann ja wohl wenigstens erfahren, warum, wenn ich meinen guten Ruf schon aufs Spiel setze!“, zeterte sie und schmälerte die Augen, als Dominik sie bat, etwas leiser zu sprechen.

„Hey, es tut mir echt leid, okay? Kommt nicht wieder vor… Versprochen“, versuchte er sie zu beschwichtigen, aber Susis Blick ließ keine Zweifel offen, dass sie sich damit nicht zufrieden geben würde. Es lag also an ihm, ob er freiwillig beichtete oder sie noch mehr Aufmerksamkeit auf sie beide ziehen würde. Also wählte Dominik das kleinere Übel – dachte er zumindest.

„Ich war ein paar Tage bei meiner Familie“, murmelte er, wobei Susis Augenbrauen hochsprangen und sie ihn verdattert anstarrte.

„Du hast ne Familie?!“, rief sie, als sei es das Ungewöhnlichste auf der Welt und nun war es an ihm, irritiert zu gucken.

„Äh… ja? Dachtest du, ich wäre Vollwaise und hätte früher irgendwo in nem Zelt gehaust?“, antwortete er und kam sich wie im falschen Film vor, als Susi diesen Vergleich gar nicht mal so übertrieben fand.

„Du redest ja nie über deine Familie! Und wenn ich mir deine Bude so angucke, ist das mit dem Zelt nun wirklich nicht allzu weit hergeholt“, schlussfolgerte sie, ehe sie ungeachtet von Dominiks entgleistem Gesichtsausdruck nachbohrte, warum er seine Eltern plötzlich besucht habe.

„Gehts ihnen gut? Sie sind doch hoffentlich nicht krank, oder?“, wollte sie wissen und Dominik fühlte sich ein wenig wie beim Verhör.

„Nein, alles bestens. Ich war nur beim Geburtstag meines Bruders und hab dann einfach ein paar Tage dran gehängt, weil ich sie schon so lang nicht besucht hab. Mehr nicht“, grinste er schief und versuchte mit wegwerfender Handbewegung das Thema als beendet zu erklären, doch da kannte er Susi schlecht.

„Du hast einen Bruder?“, wollte sie sofort wissen und schien plötzlich umso interessierter.

„Älter oder jünger als du?“, trat sie näher an ihn heran, wohingegen Dominik nicht so recht wusste, wie er diese Frage einordnen sollte.

„Ähm… älter, warum?“, fragte er verwundert und wurde umso skeptischer, als Susi sich nach dem genauen Alter erkundigte und ob sein Bruder ihm ähnlich sähe und wie dessen Charakter sei.

„Sag mal, warum willstn das alles wissen?“, zuckte er leicht die Schultern, ohne eine Antwort auf die Frage zu liefern und bei Susis Rückmeldung fiel ihm wieder alles aus dem Gesicht.

„Na ja, du bist schon n Augenschmaus, aber dein Künstergehabe wäre halt auf Dauer nix für mich. Also dieses Schwermütige und Verschlossene, was du oft an den Tag legst. Als Kumpel völlig okay, aber ansonsten schon ein bisschen abturnend… Genauso wie deine Verklemmtheit, wenns allein schon darum geht, dass wir unserem Dozenten ein paar nette Komplimente machen. Wenn dein Bruder aber optisch in deine Richtung ginge und dabei etwas offener wäre…“, grinste sie vielsagend und tippte sich ans Kinn, während sie Dominik musterte.

„Wie ist er so? Und hat er ne Freundin oder ist er noch zu haben?“, startete sie noch einen Anlauf, während Dominik der Mund offen stand und er erleichtert ausseufzte, als das Gespräch endlich auf ein anderes Thema gelenkt wurde.

„Na, also wenn das so weitergeht, dann haben wir hier ein Kurstreffen!“, mischte Frido sich plötzlich mit einem Lachen ein und trat mit zwei Kleiderbügeln bewaffnet an seine Studenten heran. Während der eine ihm einen stillen Dank für die Unterbrechung schickte, fuhr die andere erschrocken herum und starrte ihn an, als wäre er ein Geist.

„Herr… Herr Klimlau!“, entfuhr es ihr noch schriller als zuvor bei Dominik und dann schoss ihr die Röte ins Gesicht. Frido aber ging gar nicht darauf ein, dass er sie offenbar bei einem dummen Kommentar ertappt hatte.

„Hallo Susi! Erst Dominik und jetzt Sie – sind Sie auch auf dem Weg zur Ausstellung?“, fragte er und nickte in Richtung alter Drogerie, wohingegen sie erst ein „Nein“ stammelte und dann kleinlaut erklärte, auf dem Weg zum Jahrmarkt zu sein.

„Ach und ich dachte, wir hätten noch jemanden für Fachsimpeleien aufgegabelt!“, lachte Frido und ließ Dominik wissen, dass er gleich mit seinem Einkauf fertig sei.

„Tut mir leid, dass ich Sie solange warten lasse, aber ich kann mich einfach nicht entscheiden“, hielt er vielsagend die Kleiderbügel mit zwei Kleidchen – das eine rosa, das andere gelb – in die Höhe.

„Susi, was meinen Sie? Dominik hat mir grad schon gesagt, dass er beide gleich quietschig findet“, grinste er und beschaute seine engeren Favoriten, während Susi immer entsetzter schaute.

„F… Für wen ist das denn?“, flüsterte sie und musste bei Fridos Antwort schlucken.

„Für meine Kleine! Weihnachten rückt ja immer näher“, scherzte er und lehnte sich dann mit verschwörerischer Geste etwas zu seiner Studentin.

„Sie sagt mir zwar immer, dass ich keinen Geschmack habe, aber ich hab den Laden vorhin entdeckt und würd ihr gerne eine Freude machen. Das muss doch auch mal klappen, ohne ihre Mutter extra wieder mit zu schleppen!“, zwinkerte er und richtete sich mit einem seligen Lächeln wieder auf, das noch breiter wurde, als Susi ein heiseres „Ihre Kleine?“ zustande brachte.

„Ja, mein ganzer Stolz. Und sie wird bald schon drei. Ist das zu glauben? Nicht mehr lange und sie geht in die Schule...“, murmelte er unter echter Rührung und während Dominik einerseits über die Szene schmunzeln musste, machte es ihn andererseits auch glücklich, Fridos Liebe für seine Nichte zu beobachten.

„Also? Was meinen Sie? Gelb oder rosa?“, wiederholte er seine Frage an Susi, die endlich ihre Stimme nach einem Räuspern wieder zurückholen konnte.

„Ich würd gelb nehmen. Ist nicht so klischeehaft“, sprach sie leise und nickte, als Frido sich bei ihr bedankte. Dominik konnte sehen, wie es immer schwerer fiel, sein Lächeln zu erwidern und wie ihr die Schultern hinabsanken, als er sich wieder zum Laden begab, um das Kleidchen zu kaufen.

„Der hat ne Tochter! Wusstest du das?!“, fuhr sie dann aber wieder etwas energiegeladener zu Dominik herum, als Frido außer Hörweite war und starrte ihren Kommilitonen an. Der jedoch zuckte die Schultern.

„Na ja, so ungewöhnlich ist das jetzt auch nicht, oder? Was hast du erwartet? Er ist wie alt? Irgendwas um die Anfang, Mitte Dreißig wahrscheinlich? Und ihr sagt doch selbst immer, was für eine gute Partie er ist“, meinte er lapidar, während Susi eine Schnute zog.

„Da hat er aber nie was von erzählt!“, zischte sie, als wäre sie persönlich beleidigt worden und zog die Augenbrauen kraus. Dominik jedoch zog seine in die Höhe.

„Ja, warum sollte er auch? Der tut doch eh nicht viel Privates raus und es geht uns auch nichts an, oder? Mir reichen schon immer die Labereien von der Bachmüller…“, schaute er kurz in Richtung Laden und dann wieder zu Susi, die gequält ausseufzte und kurz davor schien, schmollend auf den Boden zu stapfen.

„Das ist so ne Sauerei! Alle attraktiven Kerle sind entweder zu alt, vergeben, schwul oder bringen Nachwuchs mit!“, murrte sie und machte eine wegwerfende Handbewegung, als Dominik sich erkundigte, ob sie nicht gerade in einer Beziehung sei.

„Ach, das! Ist doch längst wieder Schnee von gestern!“, schüttelte sie den Kopf mit einem Blick, als habe ihr Gegenüber eine Zeitung von vor zwei Jahren rausgekramt.

„Also, jetzt mal Butter bei die Fische: Was ist mit deinem Bruder?“, war das aber natürlich leider auch wieder der perfekte Anknüpfungspunkt für ihr vorheriges Thema und Dominik schüttelte dieses Mal eilig den Kopf.

„Sorry, ist stockschwul!“, war er beim zweiten Anlauf ja glücklicherweise nicht mehr so verdattert und ein bisschen tat Susi ihm schon leid, als sie wieder gequält ausseufzte.

„Was hab ich gesagt?!“, sah sie ihre vorherige Aussage bestätigt und warf Frido fast schon einen missmutigen Blick zu, als sie ihn durchs Schaufenster zur Eingangstür gehen sah.

„Ich hau dann ab, Jeanette und die anderen warten schon. Willst du nicht lieber mit kommen? Ich hab die Ausstellung schon gesehen und find sie total öde“, murrte sie und zuckte die Schultern, als Dominik ablehnte.

„Nee. Ich will sie mir wirklich gern angucken und außerdem hab ich Herrn Klimlau grad schon gesagt, dass ich aufm Weg da hin bin, als ich am Bahnhof in ihn reingerannt bin. Fänd ich scheiße, dann jetzt einfach abzuhauen“, schüttelte er erst den Kopf und nickte dann, als Susi sich von ihm verabschiedete.

„Na schön, du Spaßbremse, dann sehen wir uns Montag“, meinte sie und setzte ihren Weg fort, um Frido nur noch einen kurzen Handgruß zukommen zu lassen, als er aus dem Laden trat.

„Warum hat sie es denn so eilig?“, schaute er ihr nach, während er zu Dominik herüberging, der ihm auf halbem Wege entgegen kam und anfing zu schmunzeln.

„Na, sie muss doch allen erzählen, dass ihr geliebter Dozent Frau und Kind hat!“, kicherte er, wobei Frido leicht die Schultern hob, als hätte er keine Ahnung, wie seine Studentin auf diese Idee kommen könnte.

„Hab ich nie was von gesagt, oder?“, sprach er lapidar, während Dominik sein Schritttempo an das seines Freundes anpasste.

„War auf jeden Fall ne gute Idee!“, meinte er und bedankte sich bei Frido, dass er ihm während des peinlichen Gesprächs zur Hilfe gekommen war. Doch der schien nun wirklich unwissend.

„Ich hab zwar gesehen, dass du ziemlich geplättet warst, aber abgesehen von ihrer Schreierei war der Abstand zu euch so groß, dass ich nicht wirklich viel hören konnte. Was wollte sie denn, außer dich auf diese liebreizende Art wissen zu lassen, dass du es dir lieber nicht mit ihr verscherzen solltest?“, fragte er und hob die Augenbrauen bei Dominiks Antwort.

„Och, sie hat mir nur gesagt, dass ich ihr zu schüchtern und verklemmt bin“, grinste er und biss sich leicht auf die Unterlippe, als Frido nach einem Moment Pause meinte: „Verklemmt? Ich find dich eigentlich ziemlich gelenkig“.

Wieder stieß der Jüngere bei einem versehentlichen Schlenker an Fridos Oberarm und beide fingen an, über den schlechten Wortwitz und die gesamte Situation zu lachen.

28.9.2024: spurlos

Schon durchs Schaufenster warfen sie einen neugierigen Blick auf die Ausstellung und verspürten eine Mischung aus Verwunderung und Faszination. Einerseits erinnerten nicht zuletzt das noch vorhandene Namensschild, die Raumaufteilung und die Beleuchtung zweifelsfrei an die Drogerie. Andererseits war inhaltlich alles spurlos verschwunden, was den Fachhandel einst ausgemacht hatte.

„Interessant gemacht. Hier vorn ist überall Ausstellungsfläche und im hinteren Teil befindet sich ein kleines Atelier“, meinte Frido mit Blick auf eine Infotafel im Schaufenster, die das Konzept des Offspaces mitsamt Ausstellungsdauer und den vertretenen Künstlern vorstellte. Dann runzelte er kurz die Stirn und lachte plötzlich auf. Dominik schwieg, aber seine Blicke sprachen Bände.

„Die Beiden hier sind auch Studenten von mir!“, deutete Frido auf zwei Namen und schüttelte grinsend den Kopf.

„Tessa bereitet sich jetzt so langsam auf ihren Abschluss vor und Nikolas ist im Jahrgang unter dir“, erklärte er und Dominik nickte, nachdem er sich die Tafel einen Augenblick länger angeschaut hatte.

„Ja, stimmt, die Namen kommen mir von einigen Bildern aus der Uni bekannt vor“, murmelte er und schlüpfte an Frido vorbei durch die Tür, als der sie ihm einladend aufhielt. Auch jetzt ließen sie den Blick noch einmal über die gesamte Ausstellung schweifen, ehe sie näher an das erste Kunstwerk herantraten.

„Dass hier kaum was los ist…“, wunderte Dominik sich über die wenigen anderen Anwesenden und musste Frido zustimmen, als der vermutete, dass der Besucherandrang sich aktuell wohl eher auf den Jahrmarkt konzentrierte.

„Da machen ja selbst meine Kommilitonen keine Ausnahme“, murmelte er und verschränkte die Arme vor der Brust, während er Frido auch dabei zustimmte, dass es für ihren eigenen Besuch ja ganz gut war.

„Bisschen blöd für die Aussteller, aber ich finds angenehm, dass wir uns in Ruhe alles anschauen können“, gab er zu bedenken und es dauerte gar nicht lange, bis die Beiden in Fachsimpeleien verfielen. Da war sie wieder, diese Leidenschaft für die Kunst, die sie von Anfang an miteinander verbunden hatte und selbst nach den Schwierigkeiten der letzten Zeit nicht verschwunden war. Ganz im Gegenteil wirkte gerade Dominik so gelöst wie lange nicht mehr, wenn es um dieses Thema ging. Er und Frido waren zwar nicht immer einer Meinung, aber sie beiden genossen es, sich bei jedem Kunstwerk ausführlich darüber auszutauschen; die jeweiligen Eindrücke davon, seine Machart, die verwendeten Techniken und was sie selber besonders daran ansprach oder eben auch nicht.

„Ja, seh ich nicht so…“, war es Dominiks übliche Art, ohne ein Blatt vor dem Mund zu sagen, wenn ihm an einem Bild etwas nicht gefiel und seine Gründe dafür auf sachliche Weise darzulegen. Er stand zu seiner Meinung und vertrat sie auch in Gegenwart seiner Dozenten – und dieser eine besondere Dozent musste mit einem Schmunzeln wieder feststellen, wie sehr ihm diese Eigenschaft seines kleinen Trotzkopfs schon von Anfang an gefallen hatte.

„Könnte man es nicht vielleicht auch so betrachten, dass…?“, warf er ein und musste lachen, als Dominik nach kurzer Überlegung nickte und trotzdem neue Argumente hervorbrachte, warum er bei seiner Meinung blieb.

„Da wärs jetzt spannend, den Künstler selbst mal dazu zu befragen, aber den hier kenn ich leider nicht“, warf Frido einen Blick auf die Signatur und schlenderte mit Dominik dann zum nächsten Bild, das ihm bereits auf Anhieb ein Schmunzeln entlockte.

„Tessas Handschrift! Das seh ich sofort!“, kicherte er und wollte gerade auf die typischen Punkte ihres Stils eingehen, als plötzlich sein Name erklang und er sich überrascht umdrehte.

„Herr Klimlau!“, kam eine junge Frau auf die Beiden zugelaufen und Dominik stellte nach kurzer Überlegung fest, dass ihm ihr Gesicht schon mal auf dem Campus begegnet war.

„Hallo, Tessa! Sie haben mir überhaupt nicht erzählt, dass Sie hier ausstellen!“, ging der Angesprochene lächelnd auf seine Studentin zu und drückte ihr herzlich die Hand, während sie offensichtlich über sein Erscheinen erfreut war.

„Ich wollte mal gucken, wer alles aus der Uni hier vorbeikommt, wenn wir nicht extra Werbung dafür machen“, grinste sie und zwinkerte, wobei sie sich neugierig umsah und dann die Hand hob, um noch jemanden hinüber zu winken.

„Ich war hinten und hab gar nicht sofort mitbekommen, dass Sie hier sind!“, meinte sie, während sich ein junger Mann am anderen Ende des Ausstellungsraums aus seinem Gespräch mit drei anderen Besuchern löste und ebenfalls hoch erfreut auf seinen Dozenten zugelaufen kam.

„Hallo, Herr Klimlau!“, drückte auch der ihm die Hand und hob die Augenbrauen, als Frido einen Schritt zur Seite tat, um so den Blick auf Dominik freizugeben.

„Tessa, Niko, das ist ein anderer Student von mir, Dominik“, stellte er die Drei einander vor und Dominik beugte sich auf seine übliche zurückhaltende Weise zu seinen Kommilitonen, um ihnen mit lang ausgestrecktem Arm die Hände zu schütteln.

„Hi“, lächelte er leicht, wohingegen Niko laut auflachte.

„Sie nutzen auch jede Gelegenheit, um Ihren Studenten was beizubringen, oder?“, schäkerte er und flüsterte Dominik zu, dass er ihm ein Zeichen geben solle, falls er eigentlich gar keine Lust auf den Besuch der Ausstellung habe.

„Dann lenk ich ihn ab und du kannst verschwinden!“, zwinkerte er, aber Frido schüttelte grinsend den Kopf.

„Die Idee ist auf seinen Mist gewachsen!“, gab er zu verstehen und Dominik nickte.

„Die anderen wollten lieber auf den Jahrmarkt, aber da hatte ich keinen Bock drauf und finds ganz schön, jetzt nicht allein über die Künstler und ihre Intentionen bei der Erstellung ihrer Werke zu spekulieren“, schmunzelte er, während er sich im Stillen fragte, was Susis Problem mit der Ausstellung gewesen sein mochte. Er empfand sie jedenfalls nicht als langweilig, sondern als große Freude. Tessa aber ließ vernehmen, dass die meisten eher in Richtung der geschwätzigen Kommilitonin gingen.

„Da bist du aber die Ausnahme! Seit der Jahrmarkt gestartet ist, haben wir kaum noch Besucher. Aber ist auch mal ganz schön, dann kommen wir mehr zum Malen“, lächelte sie und deutete in den hinteren Bereich, wo sich das Atelier befand.

„Ihr malt hier, obwohl euch die ganze Zeit Besucher dabei über die Schulter gucken können?“, fragte Dominik und sein schiefes Grinsen verriet bereits seine Abneigung dafür, während Tessa und Niko deutlich entspannter reagierten.

„In der Uni können uns ja auch ständig andere dabei zugucken. Und ob das nun Kommilitonen und Dozenten sind oder Oma Schulze, die grad vom Einkauf einen kleinen Abstecher hier rein macht…“, zuckte Tessa die Schultern und auch, wenn Dominik nickte, war er noch immer wenig überzeugt.

„Fand ich anfangs zwar auch komisch, weil im Atelier nicht so viele Zwischenfragen gestellt werden, aber man gewöhnt sich dran“, meinte hingegen Niko und schlenderte im kleinen Grüppchen mit den Anderen nach hinten, als Frido sich erkundigte, ob er mal einen Blick auf die gerade entstehenden Werke werfen dürfe.

„Klar! Immer nur zu!“, lächelte Tessa und berichtete ihm, woran sie gerade arbeitete, um bei Betreten des Atelierbereichs anzumerken, zu welchen anderen Künstlern die weiteren angefangenen Werke gehörten.

„Wir teilen uns die Zeit hier immer ein bisschen auf, deswegen sind nicht immer alle von uns vor Ort. Aber wir lassen trotzdem alles so stehen, wie es ist. Dann kann man beim nächsten Mal sofort weitermachen. Und es können sich die Besucher die Werke in der Entstehung anschauen und vielleicht findet sich dabei auch schon der eine oder andere Abnehmer“, verriet sie, während sie an ihr eigenes Gemälde trat und mit Frido darüber ins Gespräch kam. Niko hingegen beschäftigte etwas anderes.

„Sag mal…“, blieb er neben Dominik stehen, der sich das Portrait eines anderen Künstlers beschaute und dann fragend den Blick zu Niko hob.

„Sorry, wenn ich so mit der Tür ins Haus falle, aber du bist nicht zufällig Dominik Preuss?“, erkundigte Niko sich und nachdem der Angesprochene einen Moment irritiert blinzelte, antwortete er mit einem Nicken. Er warf einen flüchtigen Blick zu Frido, der zu sehr in sein Gespräch mit Tessa vertieft war und erschrak, als Niko plötzlich jauchzte und die Hände zusammen klatschte.

„Das gibts doch nicht!“, rief er aus und wurde nun auch von Tessa und Frido angeschaut.

„Ich hab dich neulich noch im Atelier gesehen und wusste nicht, dass du das bist!“, schüttelte er den Kopf, um dann auf sein eigentliches Anliegen zusprechen zu kommen.

„Du hattest bei deinem Gemälde in der letzten Ausstellung so einen Effekt eingearbeitet, den ich total klasse fand, aber ich komm einfach nicht dahinter, wie du den gemacht hast! Und Öl ist leider nicht so Tessas Steckenpferd...“, erklärte er und zeigte Dominik ein Foto seiner Arbeit, um zu verdeutlichen, was er meinte.

„Kannst du mir erklären, wie du das gemacht hast?“, schaute er ihn mit großen Augen an und zu Fridos Überraschung zögerte sein Freund kaum damit, zuzustimmen. Er schien zwar etwas verwundert, aber nicht abgeneigt, sein Wissen zu teilen.

„Klar, kein Problem“, deutete er auf eine unbenutzte Leinwand und fragte, ob er die zu Anschauungszwecken verwenden konnte, um sie dann auf eine Staffelei zu stellen und sich einige Farben raus zu suchen. Tessa aber schmunzelte.

„Vorsicht, wenn du einmal anfängst, ihm Tipps zu geben, wirst du ihn nicht mehr los! Ich sprech da aus Erfahrung!“, kicherte sie und erhielt ein wenig ernst gemeintes „He!“ von Niko. Dann aber setzte er sich grinsend zu Dominik, der Platz auf einem Hocker genommen hatte.

„Ich hab sie damals das erste Mal im Park gesehen, als sie am Teich saß und Enten in Aquarell gemalt hat. Eigentlich wollte ich echt nur wissen, wie sie die Nass-in-Nass-Technik anwendet, weil mir ihr Stil so gefiel, aber am Ende des Tages hab ich ihr dann ein Eis ausgegeben und versucht, an ihre Nummer zu kommen“, schmunzelte er, um dann abwehrend die Hände zu heben.

„Keine Sorge, solche Hintergedanken hatte ich bei dir jetzt nicht!“, lachte er und riss bei Dominiks Antwort die Augen auf.

„Wär eh nix draus geworden. Ich hab schon n Freund“, schmunzelte der und tatsächlich konnte Niko auch ihm ein leichtes Lachen abringen, als er sich daraufhin theatralisch an die Brust fasste und meinte: „Autsch! Das war jetzt aber ne Abfuhr!“. Tessa aber schüttelte den Kopf.

„Er ist manchmal so ein Quatschkopf!“, grinste sie zu Frido, wohingegen ihr Dozent nur lachen konnte, weil er seinen einen Studenten nicht anders kannte und sich darüber freute, wie locker sein anderer Student die Situation gerade nahm. Ganz zu schweigen davon, dass Dominik auf diese Weise so offen zu ihrer Beziehung stand.

„Das ist doch Niko, wie wir ihn kennen und lieben: Immer ein Spruch auf den Lippen und immer sehr wissbegierig“, zwinkerte Frido zu seiner Studentin und erntete von dem Genannten ein schelmisches Grinsen.

„Geht aber auch nicht jeder Dozent so locker mit um wie Sie, Herr Klimlau!“, meinte er und kicherte, als Frido antwortete, dass er diesen Kommentar jetzt mal dezent überhört habe.

„Ich habe auch keine Ahnung, welchen Kollegen oder welche Kollegin von mir Sie meinen könnten“, sprach er professionell und lenkte sein Gespräch mit Tessa zurück auf deren Gemälde, wobei er sich ein Schmunzeln trotzdem nicht verkneifen konnte.

„Bachmüller?“, fragte Dominik hingegen geradeheraus, während er die erste Farbschicht auftrug und Niko erste Tipps gab, was er bereits dabei beachtete.

„Hör bloß auf… im zweiten Semester hatte sie in der Stunde vor uns wohl einen Kurs, der ihr ein bisschen auf den Geist ging und als ich dann was zu unserem Thema wissen wollte, zeterte sie plötzlich: „Wollen Sie mir heute alle ein Loch in den Bauch fragen?!“. Ich glaub, seitdem bin ich ein bisschen bei ihr unten durch. Sie will auch einfach nicht in den Kopf kriegen, dass ich nicht Niklas, sondern Nikolas heiße“, tuschelte Niko, ehe er etwas lauter verkündete, dass er selbst seine Fragerei ganz und gar nicht penetrant fand.

„Ich will halt dazu lernen!“, erklärte er, aber Tessas Schmunzeln sprach Bände. Dominik hingegen fragte, ob die Dozentin auch erwähnt hatte, welches Thema der vorherige Kurs gehabt habe und nickte dann, als Niko es nach kurzer Überlegung tatsächlich noch nennen konnte.

„Tja… Dann hast du ihre schlechte Laune an dem Tag wohl mir zu verdanken. Ich geh unseren Dozenten auch gern mal mit meinen Fragen auf den Senkel“, verriet der Lockenkopf mit schiefem Grinsen, aber Niko amüsierte sich eher darüber.

„Die hat doch immer irgendwas zu meckern. Selbst, als sie Tessa und mich mal Händchen haltend auf dem Campus gesehen hat, gabs n doofen Kommentar, ob wir unsere Aufgaben auch nicht vernachlässigen würden“, verdrehte er die Augen und machte eine wegwerfende Handbewegung, ehe er das Wort an Frido richtete und sich erkundigte, ob ihn die Fragerei seiner Studenten auch manchmal so nerven würde.

„Merkst du nicht, wie er schon immer Reißaus nimmt, wenn er dich nur auf dem Flur sieht?“, schäkerte Tessa, aber Frido schüttelte den Kopf.

„Es kommt ja auf die Art der Fragen an. Bei Ihnen kann ich ohne Übertreibung sagen, dass Ihre Fragen bislang immer Hand und Fuß hatten und dass man merkt, dass echtes Interesse dahinter steckt und nicht nur der Versuch, Zeit totzuschlagen. Oder dass Sie vorher nicht zugehört haben und deshalb Dinge nachfragen müssen, die ich längst erklärt hatte“, schmunzelte er und genoss einerseits das Gespräch mit Tessa, während er andererseits immer wieder etwas zu Dominiks und Nikos Austausch beitragen konnte. Vor allem aber erfüllte es ihn mit großer Freude, seinen Freund an der Leinwand zu beobachten und etwas von der Leichtigkeit zu erkennen, die der solange nicht mehr verspürt hatte. Was er dabei allerdings bemerkte, war, dass er zeitweise auch unbemerkt Teil von Dominiks und Nikos Gespräch wurde.

„Das mit dem echten Interesse bei den Nachfragen war nicht auch ein bisschen auf seinen Fanclub gemünzt?“, tuschelte der Jüngere nämlich spitzbübisch zu Dominik, während der ihm die nächsten Schritte an der Staffelei erklärte und ihn dann irritiert anschaute.

„Habt ihr die etwa auch im Kurs?“, murmelte er und seufzte, als Niko die Augen verdrehte.

„Die Frage ist wohl eher, in welchem Jahrgang die nicht sind… Es ist manchmal echt so nervig und ich sag das als einer von denen, die sich das Theater nur begucken müssen. Will nicht wissen, wie ätzend es erst ist, derjenige zu sein, der ständig angegeiert wird. Bei Tessa ist sogar eine im Kurs, die schon angekündigt hat, ihn bei der Abschlussfeier zum Tanz aufzufordern“, schüttelte er den Kopf und Dominik hob verwundert die Augenbrauen.

„Man kanns auch übertreiben...“, murmelte er, aber Niko fing plötzlich an zu kichern und warf einen vorsichtigen Blick zu Frido, ehe er sich näher zu Dominik lehnte.

„Weißt du, was ich ja feiern würde?“, tuschelte er und guckte noch mal über die Schulter, als Dominik den Kopf schüttelte.

„Wenn er an dem Abend mit seiner Partnerin da aufkreuzen würde. Oder noch besser mit seinem Partner! Die würden alle so blöd aus der Wäsche gucken!“, gackerte er erst, um dann mit engelsgleichem Lächeln den Kopf zu schütteln, als Tessa ihn fragte, welcher Schalk ihm nun wieder im Nacken säße.

„Er hat nur gesagt, dass er sich schon drauf freut, Frau Bachmüller beim Abschluss im Abendkleid zu sehen“, meinte Dominik stattdessen und ließ sich von Nikos Kichern anstecken, während Tessa und Frido sich einen Seitenblick zuwarfen, der sagte: Da hatten sich ja die beiden Richtigen gefunden.

29.9.2024: Wörterbuch

„Wow…“, keuchte Frido, als Dominik sich von ihm runter rollte und sich mit einem zufriedenen Grinsen und Seufzen neben ihm räkelte, während er selbst sich fragte, wie das jetzt so plötzlich passiert war. Gerade hatte er noch darüber nachgedacht, dass Dominik mit Verlassen des Ateliers schlagartig einsilbig geworden war und trotz eines leichten Lächelns kaum noch etwas von seiner Gedankenwelt preisgegeben hatte. Und kaum war unten die Haustür hinter ihnen ins Schloss gefallen, hatte er mit einem Mal nicht mehr die Hände bei sich lassen können. Frido wusste ja, dass sein Freund ihn gern mal an- und auch ausziehend fand, aber so begehrt hatte er sich noch nie gefühlt! Nicht mal alle Klamotten waren sie bei der plötzlichen Eile losgeworden, wie er durch einen zufälligen Blick zu seinen Füßen feststellte, von denen nur noch einer in seinem Socken steckte. Es grenzte für ihn fast an ein Wunder, dass sie überhaupt noch das Schlafzimmer erreicht hatten…

„Versteh mich nicht falsch, ich will mich auf keinen Fall beschweren! Ich frag mich nur, wo das jetzt auf einmal herkam… Was ist das für ein Knopf, den man bei dir drücken muss und wo sitzt der?“, schmunzelte er und schob sich einen Arm unter den Kopf, während er zu Dominik schaute, der an ein zufriedenes Kätzchen vorm Kaminofen erinnerte. Der Jüngere grinste noch immer.

„Ich hab mich einfach lang nicht mehr so wohl gefühlt“, raunte er und rollte sich auf die Seite, um ein Bein über Fridos zu legen und die Decke ein Stückchen über sie zu ziehen, damit sie nach der schweißtreibenden Arbeit nicht auskühlten.

„Der Nachmittag hat so viel Spaß gemacht und dann war ich auch noch in Begleitung von diesem scharfen Kerl, der die ganze Zeit im Gespräch mit seiner Studentin so schlaue Dinge von sich gegeben hat, dass ich ihn am liebsten gleich vor Ort mit in eine stille Ecke gezogen hätte…“, murmelte er, während er über Fridos Brust strich und schmunzelte, als der die Augenbrauen hob.

„Dann hast du das den ganzen Rückweg über schon geplant, ja?“, fragte er und lachte, als Dominik grinste und nickte.

„Und ich hab mich noch gefragt, warum du auf einmal so schweigsam wurdest!“, legte er seinen freien Arm leicht Dominik, während sie sich anschauten und anlächelten.

„Schon mal ein bisschen Kopfkino... ich wollte doch nicht Gefahr laufen, dass da plötzlich wieder ne Susi hinter uns steht, während ich dir einen hochroten Kopf verpasse und dir verrate, was ich mit dir vorhab, wenn wir endlich zuhause sind“, zuckte Dominik die Augenbrauen und lachte auf, als Frido bei dem Gedanken daran leicht das Gesicht verzog.

„Das wärs noch gewesen…“, seufzte er und schüttelte sich beim Gedanken daran, aber Dominik schien gar nicht mal so abgeneigt von der Idee.

„Wenn ichs mir recht überlege… vielleicht sollte ich genau das einfach mal machen und dich vorm gesamten Kurs vernaschen“, kicherte er plötzlich in Erinnerung an Nikos Worte und amüsierte sich köstlich über Fridos verwirrte Miene.

„Bitte, was?“, blinzelte der und nickte leicht, als Dominik ihn um etwas bat.

„Ich erzähl dir was, aber du musst mir versprechen, dass du dir das als mein Freund und nicht als unser Dozent anhörst“, kletterte er auf Fridos Schoß, als wolle er von dieser Position aus einen besonders guten Blick auf dessen Gesichtsausdruck erhaschen, wenn er ihm von dem Gespräch mit Niko erzählte. Wie zu erwarten entgleisten dem Älteren dabei die Züge und wenn er nicht schon gelegen hätte, wäre er vermutlich jetzt ins Kissen gesunken. Während Dominik auflachte, verdrehte er die Augen und schüttelte den Kopf.

„Ist doch nicht dein Ernst…“, murmelte er und rieb sich das Gesicht, ehe er sich ruckartig aufsetzte und die Arme um Dominik legte.

„Eins ist ja wohl klar…“, sprach er plötzlich sehr ernst und Dominik seufzte aus.

„Hey, so schlimm fand ich seinen Witz echt nicht… nimm ihm das nicht krumm“, interpretierte der Fridos Reaktion als die eines Dozenten, dessen Grenzen überschritten worden waren. Musste er wirklich künftig auch im Privaten darauf achten, was er mit seinem Freund über die Uni besprechen durfte und was nicht? Doch der schüttelte den Kopf.

„Darum gehts nicht… Hör zu: Ich habe keine Ahnung, wann die nächste Abschlussfeier ist, aber dass du dir den Abend jetzt schon freihalten wirst, ist ja wohl klar“, schaute er Dominik eindringlich an und erntete einen verdutzten Blick, ehe der Lockenkopf bei der folgenden Erklärung auflachte.

„Du musst nicht mit mir tanzen, aber du wirst den ganzen Abend bei mir bleiben – von mir aus auch Huckepack oder indem du dich von vorn an mich klammerst wie ein Äffchen. Halt mir bloß diese Irren vom Leib!“, forderte er und legte das Gesicht an Dominiks Halsbeuge, während der ihm durchs Haar kraulte.

„Haben die alle nichts besseres zu tun, als ihren Dozenten abschleppen zu wollen?“, murrte er und musste dann selbst schmunzeln, als Dominik ihn daran erinnerte, dass er gerade den Falschen dazu befragte.

„Vielleicht hilfts ja wirklich schon was, dass Susi dich mit Lillis Kleidchen gesehen hat“, fasste er Fridos Gesicht, als der ihn wieder anschaute und gab ihm einen Kuss.

„Wollen wirs hoffen…“, seufzte der, aber dann lächelte er auch.

„Abgesehen von ihrem Auftritt wars wirklich ein schöner Nachmittag. Ich hab gar nicht gemerkt, dass wir über zwei Stunden mit Tessa und Niko gequatscht haben“, meinte er und Dominik nickte.

„Die aber auch nicht!“, grinste er und erinnerte daran, dass sie sogar später als geplant die Ausstellung für diesen Tag geschlossen hatten, weil sie so mit ihrem Gespräch beschäftigt gewesen waren. Und dann durfte Frido erleben, wie es in seinem stillen Wässerchen plötzlich anfing zu sprudeln und es begann zu reden, als hätte es ein ganzes Wörterbuch verschluckt.

„Man, das hat heute so viel Spaß gemacht!“, war der Knoten, der das Schweigen löste und einen Dominik hervorzauberte, den Frido so noch nicht erlebt hatte. Voller offener Begeisterung fing er an über die Ausstellung zu schwärmen, über die Bilder, die Atmosphäre, aber vor allem auch den Austausch mit seinen Kommilitonen.

„Das war so entspannt mit den Beiden! Ich mag Susi auch; das soll jetzt nicht falsch rüber kommen, aber bei Niko hatte ich das Gefühl, dass ich nicht ständig aufpassen muss, was ich sage oder mache, weil da sonst gleich wieder nachgebohrt wird oder morgen die ganze Uni Bescheid weiß. Klar, bei Tess auch nicht, aber mit ihr hab ich mich ja nicht so viel unterhalten wie mit ihm… Das war einfach so locker und angenehm! Auch beim Malen! Keine riesigen Erwartungen, dass ich abliefern muss, sondern einfach nur die Frage, ob ich ihm ne Technik erklären kann“, schüttelte er fast ungläubig den Kopf und lächelte wieder.

„Die Voreingenommenheit von manchen geht mir so auf den Sack, wenn sie mitkriegen, dass ich der Dominik Preuss bin… Dann bin ich der Arrogante, weil mir mein Talent zu Kopf gestiegen ist oder das Wunderkind, dem alles in den Schoß gefallen ist. Der durchgeknallte Künstler, der nur für seine Arbeit lebt oder was auch immer die alles über mich erzählen… Klar, ich machs den Leuten nicht immer leicht, mich kennen zu lernen.. weiß ich schon. Aber es nervt halt trotzdem, wenn ich merke, dass manche mich plötzlich anders behandeln, weil sie auf einmal meinen Namen kennen oder wissen, welche Bilder von mir sind“, gab er erstmals preis, dass ihm das Gerede wohl doch nicht so egal war, wie er immer tat und fing dann doch wieder an zu schmunzeln.

„Niko und Tessa sind da echt cool! Das war einfach auf Augenhöhe! Die machen ihr Ding und konzentrieren sich auf ihre Sachen, statt sich mit mir messen zu wollen oder meine Bilder als Maßstab dafür zu nehmen, wie irgendwelche Aufgaben umgesetzt werden müssen. Ich hab schon andere Studenten über mir erlebt, die mich als Gefahr gesehen haben – wie bekloppt ist das denn? Aber bei Tessa ist das nicht so! War zumindest mein Eindruck… Und ich glaub, Niko gings weniger darum, mir nachzueifern, sondern dass er echt einfach nur was dazu lernen wollte! Und die Atmosphäre im Atelier hat mir gefallen! Einfach nur drauf los malen, ohne irgendwelche Vorgaben oder so!“, strahlte er und fuhr über Fridos Schlüsselbeine, um dann die Lippen zusammen zu pressen und den Kopf zu senken, als ihm bewusst wurde, wie der Ältere ihn anstarrte.

„Sorry, ich laber dich ganze Zeit voll…“, murmelte er, aber Frido schüttelte sofort den Kopf.

„Wa…? Nein, nein, nein! Ich bin grad einfach nur baff, dich so glücklich und gelöst zu sehen. Erzähl weiter!“, ermutigte er ihn und fühlte, wie sein Herz einen Sprung tat, als Dominik ihn wieder anstrahlte.

„Ich weiß nicht, ob die da auch Bock drauf hätten, aber ich glaub, ich würd die Beiden gern n bisschen besser kennen lernen… Sie meinten ja, dass sie morgen auch noch mal in der Ausstellung sind… Kommt das komisch, wenn ich noch mal vorbei gehe und Niko frag, wie er mit der neuen Technik zurecht kommt?“, kaute er leicht auf der Unterlippe und Frido fragte sich, ob er versehentlich Dominiks Zwillingsbruder aufgegabelt hatte, von dem er noch nicht wusste, dass es ihn gab.

„So wie ich Niko kenne, wird er dich früher oder später ohnehin noch mal anquatschen, wenn er dich auf dem Campus erwischen kann“, grinste er trotzdem, um Dominik mit seiner Verwunderung nicht wieder zu verunsichern und sein Herz tat den nächsten Sprung, als sein Freund erst nicht nur lächelte, sondern ihm jetzt auch noch um den Hals fiel.

„Danke, dass wir in der Ausstellung waren! Ich bin grad richtig glücklich!“, flüsterte der Lockenkopf und Frido nickte leicht, während er ihm den Rücken kraulte.

„Das merk ich…“, war er ganz verzaubert von dem Moment und wünschte, ihn noch etwas andauern lassen zu können.

„Wärs dann nicht vielleicht doch eine Idee, wenn du auch mal fragst, ob du dich zum Malen mit dazu gesellen kannst?“, schlug er vorsichtig vor, aber Dominik schüttelte sofort den Kopf.

„Neeein… also… ich sag mal so: Heut ohne großes Konzept nur ein bisschen Farbe auf die Leinwand zu bringen hat mir mehr Spaß gemacht, als ich gedacht hätte. Und vielleicht versuch ich das künftig öfter mal, mehr in Richtung Expressionismus zu gehen, obwohl das bisher ja gar nicht meins war... Und ich hab auch gemerkt, dass ich mich dort im Atelier deutlich freier gefühlt hab als in dem der Uni“, brach er kurz ab, um zu überlegen, wie er seine Empfindungen am besten in Worte fassen könnte und strich dabei nachdenklich über Fridos Brust, ehe er die Lippen etwas aufeinander presste und den Kopf leicht sinken ließ.

„Weißt du… wenn ich… bei uns ins Atelier gehe, dann seh ich da momentan nur noch Aufgaben. Aufgaben, die wir in früheren Semestern bearbeiten mussten und die die unter uns jetzt haben. Aufgaben, die wir jetzt bearbeiten müssen und mit denen die anderen aus dem Kurs längst angefangen haben, während ich höchstens n paar Skizzen aufs Papier bringen konnte. Oder Aufgaben, die in den nächsten Semestern noch auf mich warten werden“, murmelte er und nickte, als Frido die Worte Erwartungshaltung und Druck fallen ließ. Er bekam ja auch mit, wie einige Leute sich das Maul darüber zerrissen, dass Dominik nicht mehr so wie vorher funktionierte und nicht mehr ein Meisterwerk nach dem anderen ablieferte. Einige, die den aufgehenden Stern schon als erloschen ansahen, während andere überlegten, ob er jetzt irgendwelche Marotten entwickelte, weil ihm sein Ansehen zu Kopf gestiegen sei. Leider, so musste Frido jetzt feststellen, war von dem Gerede aber offensichtlich auch der eine oder andere Fetzen an Dominik heran geweht worden, obwohl er sein Bestes getan hatte, es von seinem Freund fernzuhalten.

„Ich… ich hab nicht das Gefühl, dass ich gerade wirklich frei in Gegenwart anderer malen kann. Mich, wenns für die beiden okay ist, mal mit dazu setzen und ein bisschen quatschen oder Tipps austauschen – voll gern! Aber ich glaub, um wirklich auch wieder Kunst für mich schaffen zu können, wär das im Moment nichts.. Egal, ob ich mit ihnen im Atelier der Uni wäre oder zur Drogerie gehen würde. Zumal da ja dann auch wieder Fremde sind, die uns über die Schulter gucken…“, schüttelte er leicht den Kopf und ließ nachdenklich den Blick schweifen.

„Also wäre eigentlich ein eigenes Atelier das, was du gerade bräuchtest“, murmelte Frido und zögerlich nickte Dominik. Ihm waren aber auch seine Zweifel anzusehen.

„In meiner Bude hab ich ja keine Staffelei, sondern nur den Schreibtisch und n paar Bücher, die notfalls mal ne Leinwand stützten können… Vielleicht kann ich mir irgendwo ja günstig mal eine gebrauchte Staffelei besorgen und mir damit ne richtige Malecke einrichten. Zu deiner Wohnung gehört doch bestimmt auch ein Kellerraum, oder? Brauchst du den im Moment oder… oder kann ich da vielleicht rein?“, fiel es ihm offensichtlich nicht leicht, die Fragen zu stellen und ein „Oh, stimmt…“ huschte über seine Lippen, als Frido ihn an die Kartons erinnerte, die er von seinem Ausflug nach Hause mitgebracht hatte.

„Ich weiß nicht, ob die alle in meinen Kleiderschrank passen. Wenn nicht, ist der Keller vermutlich ziemlich voll“, gab er zu bedenken und Dominik nickte.

„Ja, hast recht, die Sachen müssen auch noch irgendwo hin. Sorry, da hab ich gar nicht mehr dran gedacht“, meinte er kleinlaut und lachte verlegen, aber Frido schüttelte leicht den Kopf, nachdem er einen tiefen Atemzug getan hatte.

„Den Keller fänd ich eh nicht so passend… Im Winter frierst du dir da unten den Arsch ab und das Licht ist auch beschissen“, murmelte er und meinte plötzlich, dass er eine bessere Idee habe. Er bat Dominik, von seinem Schoß runter zu gehen und stand auf, um seinen Freund dann mit einem „Komm mal mit“ aufzufordern, ihm zu folgen. Es ging raus aus dem Schlafzimmer und unterwegs sammelten sie ihre Klamotten vom Boden und schlüpften hinein, bis sie sich an der Stelle wiederfanden, an der sie mit dem Ausziehen begonnen hatten.

„Was hast du denn vor?“, fragte Dominik, während er sich seinen Pullover überzog und Frido den Wohnungsschlüssel von der Kommode griff. Der Ältere aber nickte nur auffordernd Richtung Tür und ging in den Hausflur, um dann an der Wohnungstür seines Nachbarn vorbei die Treppe nach oben anzusteuern. Anders als im ersten Stock und dem Erdgeschoss erwarteten sie an deren letzter Stufe aber keine Wohnungstüren, sondern nur ein kleiner Vorraum, von dem zwei Türen abgingen. Die erste, so erklärte Frido, führte aufs Dach und eine Art kleine Dachterrasse und war für sie nicht weiter von Relevanz. Für die zweite aber zückte er seinen Schlüssel, um sie öffnen zu können, betätigte dann den Lichtschalter im Inneren des Raums und trat dann beiseite, damit Dominik ihm folgen konnte.

„Meine Nachbarn hatten kein Interesse am Dachboden. Denen reichten ihre Keller, der Garten und die Balkone oder Terrassen ihrer Wohnungen. Deswegen konnte ich damals aushandeln, dass ich nicht nur die Wohnung, sondern auch den Boden kaufen konnte“, schob Frido die Hände in die Hosentaschen und ließ den Blick über den großzügigen Raum schweifen, der zwar noch nicht vollends ausgebaut, aber zumindest gedämmt und mit zwei Fenstern versehen war.

„Die Funzel da oben müssten wir natürlich gegen ne richtige Lampe tauschen und Fußboden verlegen. Wie das mit Heizung aussieht, weiß ich so noch nicht, aber da gibt es bestimmt Möglichkeiten – sonst ist das hier oben im Winter auch zu kalt. Aber gerade die Schrägen eigenen sich gut, um dein Material da zu verstauen und in der Mitte ist genug Platz, dass du dich bei der Arbeit frei bewegen kannst, ohne dir den Kopf zu stoßen. Nur ein kleines Eckchen für meinen Kram müsstest du mir lassen. Aber die… alte Staffelei von mir kannst du nutzen, wenn du möchtest“, nickte er zu einem abgedeckten Stapel in einer der Ecken, an dem eine Staffelei in durchsichtige Folie gewickelt lehnte und einige andere Künstlerutensilien davor erkennbar waren. Er schaute zu Dominik, der nur zögerlich wagte weiter in den Raum hinein zu gehen und Frido dabei immer wieder ungläubig anstarrte. Erst war er überwältigt von der Möglichkeit, die sich ihm da plötzlich bot und dann von der Vermutung, was den abgedeckten Stapel betraf. Frido aber zuckte die Schultern.

„Na ja, so riesig ist der Keller nicht, als dass ich alles, was unten und hier oben steht, da rein bekommen hätte. Da kam mir der zusätzlich Platz dann gelegen. Und ich wollte ganz gern sicher sein, dass ich nicht plötzlich mein Zeug hier wieder rausräumen muss, weil einer der Nachbarn den Platz für sich beansprucht. Oder… dass jemand ungefragt in meinen Sachen rumwühlt“, erklärte er seine Kaufentscheidung, was aber wohl eher dazu diente, keine Stille aufkommen zu lassen – immerhin war er seit seinem Einzug nicht mehr hier oben gewesen.

„Also, guck dich in Ruhe um und überleg dir, ob du was damit anfangen kannst. Ich schließ dann nachher wieder ab, wenn du fertig bist“, drehte er sich dann eilig um und stapfte aus dem Raum, aber als Dominik seinen Namen rief, blieb er stehen. Er ballte die Fäuste in seinen Hosentaschen und kniff die Augen zusammen, während er die Lippen aufeinander presste, als er Dominiks Hand an seinem Arm spürte. Vorsichtig legten sich die Arme des Jüngeren um seine Schultern und zogen ihn tröstend an sich, bis Frido sich gegen ihn lehnte und anfing zu schluchzen.

„Ich konnts damals nicht wegwerfen, aber es ist auch immer noch nicht so leicht, mir die Sachen wieder anzusehen…“, flüsterte er, während er den Kopf auf Dominiks Schulter und die Hände auf dessen Rücken legte. Er war selbst von dieser überwältigenden Reaktion überrascht und selbst, wenn sein erster Impuls ein anderer gewesen war, spürte er jetzt große Erleichterung darüber, dass Dominik ihn aufgehalten hatte.

„Bist du sicher, dass du mir den Raum trotzdem für ein Atelier geben möchtest? Und vor allem deine Staffelei?“, sprach der vorsichtig, während er Frido über den Rücken strich, aber der Angesprochene nickte.

„Ja… eigentlich find ichs schade, dass die jetzt schon so lange ungebraucht hier rumsteht“, räusperte er sich und richtete sich wieder auf, um sich dann mit dem Handrücken über die Lider zu streichen.

„Geht schon wieder…“, atmete er tief durch, ehe er einen Blick zurück warf und Dominik dann wieder anschaute, der ihn liebevoll betrachtete. Wenn sein Freund sich seiner Vergangenheit stellen konnte, musste er es doch auch, nicht wahr?

„Vielleicht können wir uns die Bilder ja mal zusammen anschauen…“, zuckte er leicht die Schultern und seine Mundwinkel zuckten, als Dominik ihn fragte, ob er sich damit sicher sei.

„Na ja, eigentlich sollte man ja beim Anblick eines einfachen Dachbodens nicht in Tränen ausbrechen, oder? Also wirds Zeit, dass ich da was dran ändere“, scherzte er leicht und auch wenn er spürte, dass er an diesem Tag noch nicht bereit dazu war, seine Bilder wieder zu enthüllen, konnte er zumindest schon mal ein bisschen mit Dominik darüber fantasieren, wie sie sein Atelier gestalten würden – und sich von dessen wachsender Vorfreude darauf mittragen lassen.

30.9.2024: Superheldin

Am Ende hatte er sich doch nicht getraut. Er war noch hoch motiviert zur alten Drogerie hingegangen, hatte das erste flaue Gefühl beim Anblick des Gebäudes bekommen und spätestens bei Betrachten des Schaufensters waren die guten Vorsätze dahin gewesen. Während auf der anderen Seite der Glasfront gelacht und die Eröffnung der Ausstellung an diesem Tag vorbereitet wurde, fragte er sich plötzlich, was er hier überhaupt wollte.

„Als ob die nur drauf gewartet haben, dass ausgerechnet ich hier vorbei schneie…“, murmelte er und setzte seinen Weg eilig fort, ehe er sich noch mehr blamieren konnte, indem auffiel, wie er da rumstand und die Gruppe junger Künstler angaffte. Aber wo wollte er nun stattdessen hin? Als er aufgestanden war, hatte er die Wohnung bereits ohne Frido und dessen Sporttasche vorgefunden. Er wusste allerdings nicht, wie lange sein Freund noch weg sein würde und ihm stand wenig der Sinn danach, wieder bis zu dessen Rückkehr auf der Treppe zu hocken – besonders am hellichten Tag. Theoretisch hätte er ihn ja einfach anschreiben oder im Fitnessstudio vorbeigehen können, um sich den Schlüssel zu organisieren, aber auch das wollte Dominik nicht. Und das war auch das Problem, was ihn eigentlich schon seit dem Aufstehen begleitete: Er wusste nicht so richtig, was er wollte. Von der Euphorie des letzten Tages war nichts mehr zu spüren, fast so, als würde etwas in ihm sagen, dass er sich nicht zu sehr daran festklammern durfte, weil er ja eh nur wieder auf die Nase fallen würde. Stattdessen dachte er zunehmend daran, dass er am kommenden Tag ja wieder in die Uni musste, sein Kurzurlaub vorbei war und ob es nicht eine völlige Schnapsidee gewesen sei, mit Frido zusammenziehen zu wollen. Wo war die vermeintliche Klarheit der letzten Tage jetzt plötzlich wieder hin? Er seufzte aus und spürte, dass er nicht einmal Lust hatte, sich aufs Board zu stellen. Stattdessen trug er es weiter unter den Arm geklemmt mit sich herum, obwohl er das Gefühl, auf ihm durch die Straßen zu gleiten, doch so viele Jahre vermisst hatte.

„Wasn das heute fürn beschissener Tag?“, murmelte er zu sich und als er dann auch noch erkannte, dass ihm zwei bekannte Gesichter entgegen kamen, überlegte er ernsthaft, ob er sich irgendwo verstecken sollte. Aber damit war er zu langsam und die Hand der Älteren bereits von weitem in die Höhe gereckt, um ihn zu grüßen.

„Hallo Dominik!“, rief Juli und lächelte ihn an, während Lilli um sie herumsprang und -rannte und dabei ein selbsterfundenes Lied zum besten gab.

„Hey“, lächelte auch er und obwohl er im ersten Moment innerlich ausseufzte, spürte er, dass ihm Julis gute Laune auch irgendwie ganz gut tat.

„Falls ihr aufm Weg zu Frido seid, der ist gerade beim Sport“, schlenderte er den beiden Mädels weiter entgegen und nickte verstehend, als Juli erzählte, dass sie eigentlich erst mal zum Spielplatz wollten.

„Ich dachte mir, er freut sich mehr über unseren Besuch, wenn ich sie vorher ein bisschen müde kriege“, zwinkerte sie verschwörerisch und ermahnte ihre Tochter dann, nicht zu weit von ihr weg zu laufen.

„Na, Prinzessin? Alles klar bei dir?“, fragte Dominik, während das Mädchen in großen Kreisen um die beiden Älteren herumlief und hob dann beschwichtigend die Hände, als seine Falschannahme richtiggestellt wurde.

„Ich bin eine Superheldin!“, ließ Lilli ihn wissen und zeigte auf ein Tuch, das sie sich als Umhang umgebunden hatte, ehe sie ihn und ihre Mutter wieder umrundete.

„Oh, sorry, wie konnte ich das verwechseln!“, meinte Dominik mit ernster Miene, um Juli dann anzugrinsen, die bestätigend nickte.

„Sie hofft drauf, unterwegs ein paar Bösewichte zu bekämpfen, aber bisher haben wir leider noch keine gefunden“, schmunzelte sie und fragte Dominik dann, was ihn gerade umtreibe.

„Ähm…“, schaute er sich auf der Suche nach einer Antwort um und musste schnell feststellen, dass die Ausrede mit dem Einkauf an einem Sonntag vielleicht nicht die allerbeste wäre.

„Ich… ich hatte überlegt, mir die Ausstellung in der Drogerie anzugucken, aber die eröffnen erst in einer halben Stunde“, erklärte er und es zog sich gleichzeitig in ihm zusammen, weil ihm keine bessere Ausrede eingefallen war. Juli aber nahm es so hin. Sie nickte und sagte, dass sie sich die Kunstwerke zwar auch gern mal anschauen würde, aber der vielsagende Fingerzeig zu ihrer Superheldin erklärte im gleichen Atemzug, warum sie dieses Unterfangen lieber nicht in Angriff nahm. Und da schoss es auch schon aus ihm heraus, ohne, dass er lange darüber nachgedacht hatte.

„Wenn du willst, kann ich ja mit ihr zum Spielplatz gehen und du guckst dir stattdessen die Ausstellung an“, schlug er vor und fragte sich selbst, ob er besoffen war, als Juli die Stirn runzelte.

„Hattest du nicht gesagt, dass du da selber gern hin möchtest?“, verstand sie die Logik hinter seinem Angebot nicht so recht und er stellte fest, dass es ihm selbst nicht viel anders ging.

„Ja, schon, aber… ich war gestern schon da und die findet ja auch noch etwas länger statt“, sagte er und spürte dabei, wie er sich selbst immer mehr in was reinredete. Was war denn heute bloß los mit ihm? Das schien auch Juli sich zu denken, denn sie legte den Kopf schief und schaute ihn irritiert an. Ihre Lippen öffneten sich, um etwas zu sagen, doch dann rief sie stattdessen Lillis Namen und lief ihr nach, weil sie sich zu weit von ihnen entfernte. Also fasste sie ihre Tochter jetzt bei der Hand, auch, wenn die kleine Heldin das doof fand. Und offensichtlich musste in Julis Augen nicht nur ihre Tochter ein wenig angeleitet werden.

„Hey, Dominik“, rief sie den jungen Mann zu sich, als er schon dachte, dass das Gespräch nun beendet wäre und er ging ihr nach.

„Ja?“, fragte er unsicher und musste merken, dass er aus seiner Schwindelei nicht mehr rauskäme.

„Ich hab grad gesehen, dass sie öffnen“, nickte Juli Richtung Drogerie, wo die Eingangstür zum Durchlüften einige Minuten aufgestellt wurde und Dominik konnte Fridos Schwester ansehen, dass sie voller Selbstverständlichkeit darauf wartete, von ihm den weiteren Weg über begleitet zu werden.

„Oh… cool“, log er darum und schloss sich ihr an, während er fieberhaft nach einer Ausrede suchte, um doch nicht weiter mitkommen zu können. Dabei wurden seine Gedanken jedoch von Julis Frage unterbrochen, ob alles in Ordnung sei und während er nun auch noch darauf eine Antwort finden musste, gingen ihm vollends die Worte aus.

„Ja… ich äh… äh…“, stammelte er und zuckte wie ertappt zusammen, als Tessa mit einem Mülleimer bewaffnet aus der Drogerie gelaufen kam, um ihn ums Eck im Hinterhof auszuleeren. Erst bemerkte sie das Dreiergespann nicht, aber dann musste Juli sie auch noch auf sie aufmerksam machen.

„Entschuldigung?“, rief sie der jungen Frau nämlich hinterher und erhaschte damit ihre Aufmerksamkeit.

„Ist schon geöffnet?“, fragte sie, als Tessa sich neugierig zu ihr umdrehte und sofort anfing zu strahlen.

„Offiziell erst in ein paar Minuten, aber Sie können gern schon mal reingehen. Oh! Hallo Dominik!“, lächelte sie und fragte, ob er heute wieder auf einen kleinen Abstecher vorbei käme. Er hob die Hand und nickte zögerlich, während er sich wie bei einem Autounfall fühlte, den er zwar anschaute, aber nicht aufhalten konnte: Denn kaum wusste Tessa, dass er auf dem Weg zu ihnen war, meinte sie, dass Niko schon drinnen wäre und der wurde durch die Erwähnung seines Namens aufmerksam auf das Geschehen. Er winkte schon weitem zu ihnen rüber, kam dann raus und mit seinem „Hey, schön, dass du wieder da bist!“ war es plötzlich so leicht, die Drogerie doch noch zu betreten.

1.10.2024: herbstlich

„Komm schon…“, murmelte sie, während sie versuchte trotz Kind auf dem Arm die Tür aufzuschließen und lächelte dann doch dankbar, als die sich wie von Zauberhand plötzlich öffnete.

„Hey, ich hab auch ne Klingel“, zwinkerte Frido und ließ seine beiden Mädels an sich vorbei in die Wohnung, um ihnen dann zur Begrüßung einen kleinen Schmatzer aufzudrücken. Die eine freute es, die andere drehte genervt den Kopf weg.

„Oha, da ist aber wirklich jemand müde“, stellte er fest, während Juli ihrer Tochter die Schuhe auszog und sie von ihrem Umhang befreite.

„Ja, deswegen wirds jetzt auch Zeit, dass sie ins Bett kommt… Du weißt ja, nach müde kommt quengelig“, grinste sie schief und trug die Kleine ins Bad, um ihr noch die Hände zu waschen, ehe sie dann auf direktestem Wege ins Schlafzimmer bugsiert wurde.

„Ich koch uns schon mal einen Tee“, verkündete Frido, während er in die Küche schlenderte und sich zum Wasserkocher begab. Er holte Tassen raus, füllte seine mit dem Teebeutel seiner Wahl und stellte neben Julis eine Auswahl der Teesorten, von denen er wusste, dass es ihre liebsten waren. Und kaum hatte der Wasserkocher seinen Dienst getan, zog sie auch schon mit einem zufriedenen Seufze die Schlafzimmertür hinter sich zu.

„Das ging schnell“, stellte Frido überrascht fest, als er das Wasser eingoss und im Augenwinkel Julis Nicken sehen konnte.

„Zum Glück den richtigen Zeitpunkt abgepasst. Wenn ich sie erst nach hause gebraucht hätte, wäre der restliche Nachmittag wohl seehr ungemütlich geworden“, seufzte sie aus und legte den Arm um Frido, um ihn erst mal richtig zu begrüßen.

„Danke, dass wir vorbeikommen durften und danke fürs Tür öffnen“, grinste sie, um dann nach kurzer Überlegung eine Teesorte auszuwählen und Frido dabei zuzusehen, wie er die Packungen zurück in den Schrank räumte.

„Kein Problem. Du weißt, dass ihr hier jederzeit Willkommen seid und wie gesagt, du kannst auch gern klingeln“, meinte er, woraufhin sie leicht den Kopf wiegte.

„Na ja, unten hats ja noch geklappt… außerdem wartet zuhause leider auch kein automatischer Türöffner auf mich“, schmunzelte sie und trug ihre Tasse zum Tisch, während Frido seine zwar auch griff, aber erst noch das Handy hervorholte, ehe er Juli folgte.

„Apropos klingeln, ich geb Dominik eben Bescheid, dass er mir ne Nachricht schicken soll, wenn er kommt, damit er die Kleine nicht wach macht“, murmelte er und hob überrascht die Augenbrauen, als Juli ihn wissen ließ, dass sie seinen Freund bereits getroffen hatte.

„Ja, heute Vormittag auf dem Weg zum Spielplatz. Er wollte zur Ausstellung in der alten Drogerie… oder hat das zumindest behauptet. Ich glaub, so ganz sicher war er sich da selbst noch nicht mit“, meinte sie und erzählte Frido auf dessen irritierten Blick hin von der Begegnung.

„Ist alles okay bei ihm? Er hat mir einen etwas verwirrten Eindruck gemacht“, stützte sie nachdenklich ihren Kopf auf eine Hand, aber Frido nickte sofort.

„Ja, er ist nur manchmal ein bisschen schüchtern. In der Ausstellung hat er gestern zwei Kommilitonen kennengelernt und sich gut mit denen verstanden, aber wahrscheinlich hat er sich heute einfach nur nicht auf Anhieb getraut, direkt wieder zu ihnen hin zu gehen“, zog er den Stuhl zu Julis Linken vom Tisch und nahm darauf Platz, während sie leicht nickte.

„Sag bloß… ich hab ihn bisher zwar als ruhig, aber nicht unbedingt als schüchtern wahrgenommen“, murmelte sie und musste Frido zustimmen, dass sie seinen Freund bisher ja immer in seiner Begleitung getroffen hatte.

„Da kannst du mal sehen, wie Furcht einflößend du bist, wenn man dir allein begegnet, Schwesterherz“, juxte er und sprang auf, als sie Anstalten machte, ihn zu zwicken.

„Hör bloß auf! Deine Finger sehen zwar nicht danach aus, aber die können verdammt fies zupacken!“, wusste er aus zahlreichen Kindheitserinnerungen noch allzu genau und lehnte sich darum lieber für etwas mehr Abstand an die Arbeitsplatte, wohingegen Juli ihn zufrieden angrinste.

„Du weißt doch, wenn du frech zu mir bist, kann ich mich wehren!“, streckte sie die Zunge raus und lachte, als Frido auch noch gut wusste, dass sie ansonsten aber auch nie verlegen darum gewesen war, ihn bei ihrer Mutter anzuschwärzen – egal, ob er wirklich was verbrochen hatte oder nicht.

„Du warst n kleines Biest. Und wenn Lilli diesbezüglich auf dich rauskommt, wünsch ich dir jetzt schon mal viel Spaß mit der Pubertät“, lachte er, während Juli die Augen verdrehte und ausseufzte.

„Dann mach ich in der Zeit ein Wechselmodell, bei dem sie bis zum Achtzehnten komplett bei ihrem Vater lebt…“, murrte sie und nickte, als Frido sich erkundigte, wie seine beiden Mädels sich denn inzwischen eingelebt hätten.

„Als wir uns letzte Woche gesehen haben, machte sie mir ja einen guten Eindruck, aber ich krieg das jetzt ja nicht mehr jeden Tag so mit, wie es läuft“, nahm er wieder Platz und nippte an seinem Tee. Jetzt, da die Tage immer kühler wurden, brachte das Getränk eine herrliche Wärme in den Bauch.

„Hier und da hat sie zwar auch noch mal einen blöden Tag, aber alles in allem fühlt sie sich inzwischen wohl. Tim war jetzt auch schon ein paar Mal zu Besuch und das hat gut geklappt. Wann sie das Wochenende dann auch mal mit zu ihm fährt, haben wir aber noch nicht besprochen“, erzählte Juli und lächelte, als Frido meinte, dass das nach einer guten Entwicklung klinge.

„Ja, bin echt froh, dass es im Moment so gut läuft“, stimmte sie zu, um dann ebenfalls ihren Tee zu genießen und fragend die Augenbrauen zu heben, als Frido sich leicht aber vielsagend räusperte.

„Was ist los?“, forschte sie nach, während er etwas zögernd mit seiner Tasse spielte und sie hin und her schob.

„Ich… wollt dich fragen, ob du mir deinen Schlüssel für ein paar Tage geben kannst. Bislang hab ich nur den als Ersatzschlüssel und würd gern noch einen nachmachen lassen. Ich hab mich noch nicht erkundigt, wie lange das dauert, aber wir haben ja hier ne Schließanlage und ich glaub, da ist das nicht in ein paar Minuten fertig, sondern kann auch mal ne Stunde oder zwei dauern… Dann könnt ich den Zweitschlüssel einfach beim Schlüsselmacher abgeben und bei Gelegenheit wieder abholen“, erklärte er und musste leicht schmunzeln, als Juli ihn mit wissendem Blick musterte.

„Na, für wen der neue Schlüssel wohl sein könnte?“, trällerte sie und holte ihren Schlüsselbund hervor, um Frido dann das Objekt der Begierde zu geben.

„So muss er bei der nächsten Erkältungswelle auch nicht mehr extra klingeln, um dir die Hühnersuppe vorbei zu bringen!“, kicherte sie und griff nach ihrer Tasse, aber irgendetwas an Fridos Lächeln machte sie stutzig.

„Ich kenn dich doch, Bruderherz… irgendwas kommt doch jetzt noch“, schmälerte sie die Augen, um sie dann kurz drauf aufzureißen, als Frido ihr die ganze Neuigkeit erzählte.

„Er soll mich nicht nur jederzeit besuchen können, sondern er soll den Schlüssel vor allem deshalb haben, weil wir zusammenziehen werden“, verkündete er etwas kleinlaut, weil er Julis Reaktion schon ahnte. Ihr klappte erst der Mund auf, ehe sie sich auf dem Stuhl zurücklehnte und Frido irritiert anblinzelte. Ja, damit hatte er in etwa gerechnet…

„Du weißt, dass ich ihn mag und dass es mir nicht darum geht, dir hier irgendwas schlecht zu reden… aber geht das nicht ein bisschen schnell?“, gab sie vorsichtig zu bedenken, wohingegen er die Schultern zuckte.

„Es gibt Leute, die sich nach der Silberhochzeit plötzlich scheiden lassen und andere, die gleich beim zweiten Date in eine gemeinsame Wohnung ziehen und bis an ihr Lebensende zusammen bleiben. Ja, es ist etwas flott und wenn die Umstände andere wären, würde ich auch sagen, dass wir uns erst mal näher kennen lernen sollten. Aber genau das ist der Punkt bei uns: Durch die Uni ist das Kennenlernen nicht so einfach und ich möchte nicht, dass das nur ne Affäre bleibt. Lockere Sachen und Bettgeschichten hatte ich in den letzten Jahren genug, jetzt möchte ich endlich wieder was Festes. Und ich glaube, er auch“, warf er einen Blick aus dem Fenster und verzog das Gesicht, weil es anfing wie aus Kübeln zu gießen.

„Die Kürbisse und bunten Blätter mag ich ja, aber auf ein paar der herbstlichen Seiten könnt ich auch verzichten… Gut, dass ihr da nicht noch reingekommen sein“, murmelte er und schüttelte leicht den Kopf, um ihn dann wieder zu Juli zu drehen, als die gar nicht darauf einging. Stattdessen saß sie da, das Kinn nun auf die andere Hand gestützt, und betrachtete ihren Bruder.

„Was?“, runzelte er die Stirn und einer ihrer Mundwinkel zog sich nach oben.

„Und du hältst es für eine gute Idee, ausgerechnet mit einem Künstler zusammen zu ziehen?“, fragte sie, woraufhin er sie noch skeptischer anschaute.

„Ich meine… du wirst ihn dann ja zwangsläufig auch bei seinem beruflichen Weg begleiten oder zumindest einiges davon mitbekommen. Willst du dir das wirklich antun?“, wurde sie konkreter, aber er schnaubte belustigt aus.

„Als Dozent begleite ich meine Studenten doch auch und bekomm zumindest bei einigen auch im Nachgang noch mit, was aus ihnen wird“, zuckte er die Schultern und verschränkte die Arme vor der Brust, aber Juli zeigte sich wenig überzeugt.

„Hat mich damals ja ohnehin gewundert, als du dich doch noch dazu entschieden hast, wieder in diese Richtung zu gehen, nachdem du eigentlich schon die Anmeldung für Sportwissenschaften durch hattest…“, murmelte sie und spielte mit dem Zettelchen ihres Teebeutels, während Fridos Blick verriet, dass ihm ihre Andeutungen nicht so recht gefielen.

„Fängt das schon wieder an?“, murrte er und wendete den Blick erneut aus dem Fenster, während er Julis Seufzen hören konnte.

„Als du hergezogen bist, hast du sogar deinen ganzen alten Kram weggeworfen, anstatt die Bilder wenigstens noch zu verkaufen. Mit Ausnahme von dem im Wohnzimmer… Und da willst du mir sagen, dass du wirklich über alles hinweg bist?“, fragte sie im Irrglaube über das, was Frido ihr bei ihrem ersten Besuch in der neuen Wohnung und ihre damalige Verwunderung über den Verbleib einiger seiner Sachen erzählt hatte. Er aber verdrehte nur die Augen, was sie selbst beim Blick auf sein abgewandtes Gesicht noch erkennen konnte.

„Ich hab dir damals schon gesagt, dass hier einfach kein Platz war und dass Verkaufen nicht gelohnt hätte. Dafür war und bin ich nicht bekannt genug, als dass mehr als ein paar hundert Euro dabei rausgekommen wären. Wenn überhaupt jemand Interesse dran gehabt hätte. Und ich hab dir auch gesagt, dass ich die Sachen weggeworfen hab, weil ich den alten Kram einfach nicht mehr mit mir rumschleppen wollte. Sonst würd ich mir doch das eine Gemälde nicht auch noch ins Wohnzimmer hängen, oder?“, war nicht zu überhören, wie sehr Frido das Thema nervte, aber Juli wiegte den Kopf und schien noch immer zu zweifeln.

„Na, du warst selbst mal Künstler und ihr seid manchmal echt ein seltsames Völkchen, wenn ich dir das mal so sagen darf. Manchmal hab ich den Eindruck, dass du vor allem deshalb Dozent in dem Bereich geworden bist, um so weiterhin ne Verbindung dazu zu haben, obwohl du gar nicht mehr so richtig dazu gehörst“, murmelte sie und erschrak, als er sich plötzlich zu ihr drehte und ernstlich verletzt von ihrer Aussage schien.

„Ja, ich bin Dozent geworden, weil mir die Kunst nach wie vor wichtig ist! Aber nur, weil ich selbst kein Künstler mehr bin, heißt das doch nicht, dass ich nicht mehr dazu gehören kann! Ein Galerist ist ja auch nicht zwangsläufig Künstler und umgekehrt hat nicht jeder Dozent automatisch auch selber ein künstlerisches Händchen. Im Gegenteil! Ich hab Kollegen und Kolleginnen, die mit der Praxis gar nichts am Hut haben und sich nur auf die Theorie stützen! Warum redest du das so schlecht?!“, rief er aus und konnte seine Stimme nur schwerlich gesenkt halten. Juli aber eilte zur Zimmertür und zog sie zu, damit sie Lilli nicht weckten, um dann zu Frido zurück zu gehen und seinen Unterarm zu fassen.

„Weil ich nicht will, dass du noch mal so verletzt wirst! Weder von einem anderen noch von dir selber! Bist du wirklich sicher, dass du dich am Ende nicht damit quälst, wenn du Dominik – oder wem auch immer – tagtäglich dabei zusehen wirst, wie er das lebt, wovon du mal geträumt hast? Und zwar nicht nur in der Uni, sondern auch noch privat?“, sprach sie eindringlich und musste erkennen, wie ihre Worte ihn trafen. Aber statt ihr zu antworten, zog er sein Handy hervor und stand auf.

„Dominik ist gleich hier. Ich mach ihm auf“, zischte er und wollte sich an ihr vorbeischieben, aber Juli stellte sich ihr in den Weg.

„Frido, du bist ein Kümmerer, aber kümmer dich dabei nicht nur um alle anderen, sondern auch um dich!“, beschwor sie ihn, um dann festzustellen, dass sich sein Handy nun erst mit auffälligem Vibrieren meldete.

„Oh, du bist also unter die Hellseher gegangen…“, erhaschte sie einen Blick aufs Display, als Frido seinen Chatverlauf öffnete, bei dem die vorletzte Nachricht von ihm selbst stammte und erst die jetzt eingetroffene von Dominik geschrieben worden war. Ihrem Bruder aber platze die Hutschnur.

„Juliane!“, konnte er nicht mehr an sich halten.

„Du bist meine Schwester und ich liebe dich und ich weiß auch zu schätzen, dass du dich um mich sorgst, aber lass mich endlich mit diesem Thema in Ruhe! Wir hatten dieses Gespräch als ich mein Studium wieder aufgenommen hab, als ich meine erste Dozentenstelle angetreten hab, als ich diese hier angenommen hab und jetzt führen wir es schon wieder. Hör endlich auf damit! Ich hab die Schnauze voll davon! Weißt du, wo die Bilder abgeblieben sind?! Die stehen auf dem Dachboden, wenn du es genau wissen willst! Weil ich dachte, dass du es endlich gut sein lässt, wenn ich dir sage, dass ich sie weggeschmissen habe. Aber du findest immer wieder einen neuen Grund, um das aufs Tablett zu bringen! Mir ist egal, was du von Dominiks und meiner Beziehung hältst oder davon, dass er hier einzieht oder sonst was. Behalt es für dich! Wenn ich damit wirklich auf die Schnauze fliege, dann ist es so! Aber das ist dann mein Problem! Und jetzt geh beiseite oder ich schulter dich und du kannst unten mit Dominik Plätze tauschen!“, stierte er sie an und stürmte an ihr vorbei, als sie entsetzten Blickes zur Seite trat.

„Ab… Frido…“, stammelte sie und starrte ihm nach, während er die Wohnungstür aufriss und in den Flur verschwand. Sie konnte seine Schritte auf der Treppe hören und ging dann ins Schlafzimmer, um zu prüfen, ob Lilli von ihm wach geworden war. Frido jedoch atmete währenddessen einige Male tief durch, ehe er die Haustür deutlich ruhiger öffnete und bei Dominiks Anblick sofort ein schlechtes Gewissen wegen der Verzögerung bekam.

„Du bist ja völlig durchnässt!“, zog er ihn in den Hausflur, ehe der Jüngere ihn überhaupt grüßen konnte und schüttelte eilig den Kopf, weil Dominik sich die Schuhe erst noch ausziehen wollte.

„Ich sau doch alles ein“, meinte er, obwohl er am ganzen Körper zitterte und aus jeder Faser nur so triefte.

„Scheiß egal, ich wisch das gleich eben weg und gut. Los, raus aus den nassen Klamotten, du holst dir ja den Tod!“, griff Frido sich Dominiks Board und schob seinen Freund die Treppe hinauf in die Wohnung.

„Bloß gut, dass ich nicht noch ne Kiste mitgeschleppt hab…“, murmelte der, während er im Wohnungsflur den Rucksack zu Boden sinken ließ und sich aus seiner dünnen Übergangsjacke schälte.

„Kiste?“, fragte Frido, stellte das Board in einer Ecke des Flurs ab und zog gleichzeitig die Wohnungstür zu, um dann auf den prall gefüllten Rucksack zu gucken.

„Sag mal, was schleppst du denn da alles mit dir rum?“, wollte er erst wissen, um dann schnell wieder von der Frage Abstand zu nehmen, als Dominik anfing, den Rucksack zu öffnen.

„Können wir doch gleich noch besprechen, jetzt dusch erst mal und zieh dir was Trockenes an“, musste er gerade wirklich an sich halten, Dominik nicht einfach zu packen und ins Bad zu tragen.

„Ich hab n paar Klamotten geholt… aber die sind alle nass geworden“, fischte der in seinem Rucksack herum, seufzte aus und schickte dann einen überraschten Gruß an Juli, als die aus dem Schlafzimmer zurück kam.

„Oh hey! Habt ihrs noch trocken hierher geschafft?“, fragte er eilig an sie gewandt und meinte im nächsten Atemzug zu Frido: „Ich war noch bei meiner Wohnung, um schon mal mit meiner Vermieterin zu reden und ein paar Sachen mitzubringen, aber das ist alles nass geworden… Zum Glück nur Klamotten, aber jetzt hab ich nichts anzuziehen. Hätte das nicht zehn Minuten später anfangen können zu regnen?“.

Dem Jüngeren war die Enttäuschung anzusehen, aber dem Älteren zuckten die Mundwinkel und er machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Ich hol dir was von mir. Da passt du ja problemlos rein“, schmunzelte er und war froh, dass Dominik nach einem kurzen Nicken nun doch endlich ins Bad verschwand, während er selbst dann das Schlafzimmer ansteuerte und seine Schwester dabei fast übersah.

„Frido, lass uns bitte noch mal in Ruhe reden“, flüsterte sie ihm zu, aber sein Blick war so eindeutig wie seine Worte.

„Da gibts nichts mehr zu bereden. Ich war doch wohl deutlich genug, oder nicht?!“, zischte er, woraufhin sie beschwichtigend die Hände hob.

„Ich… wollte mich bei dir entschuldigen“, sprach sie vorsichtig, aber er nickte nur knapp.

„Dann ist das jetzt geklärt und beendet. Vor allem vor Dominik. Der hat schon genug Probleme, da muss er jetzt nicht auch noch das Gefühl bekommen, dass meine Schwester was gegen unsere Beziehung hat“, fixierte sein Blick Juli, die ihn hingegen eher entsetzt anguckte.

„Ich hab doch gar nichts gegen eure Beziehung!“, zeigte sie sich über seine Wortwahl verletzt und schüttelte den Kopf. Aber Frido atmete tief aus.

„Verstehst du das grad echt nicht? Es könnte aber auf ihn so wirken, wenn er mitbekommt, wie du zu unserem Zusammenziehen stehst“, stützte er eine Hand auf die Hüfte und nahm noch einmal tief Luft, ehe er Juli vor die Entscheidung stellte.

„Hör zu. Ich bring ihm jetzt was Trockenes zum Anziehen und helf ihm, die nassen Klamotten alle auf den Wäscheständer zu kriegen. Und du kannst dir in der Zwischenzeit was überlegen: Entweder ist dieser kleine Disput vergessen und wir zwei gehen wieder normal miteinander um, wenn ich gleich zurückkomme. Oder wenn du das nicht schaffst, dann empfehl ich dir, dass du plötzlich ganz dringend zu einem Termin musst, der dir grad wieder eingefallen ist. In dem Fall kannst du die Kleine nachher wieder abholen oder ich bring sie dir vorbei und natürlich leih ich dir dann auch meinen Schirm“, deutete er zu seinem Schirmständer unter der Garderobe und griff die Klinke der Schlafzimmertür, ehe er Juli mit einem „Das überlass ich dir“ stehen ließ.

2.10.2024: Regenschauer

Er stand unter der Dusche, hielt die Augen geschlossen und das Gesicht in die warmen Tropfen der Brause. Es war eine Wohltat, wie die Kälte des Regenschauers aus seinem Körper gespült wurde, auch, wenn er sich wunderte, dass die paar Minuten kaltes Nass ihn so ausgekühlt hatten. Ein Klopfen zog seine Aufmerksamkeit auf sich und mit einem kurzen „Ja?“ neigte er den Kopf zur Seite, um einen Blick zur Tür zu werfen. Sie öffnete sich ein Stück, um Frido hindurch schlüpfen zu lassen und auf Dominiks Lippen bildete sich ein Lächeln.

„Danke“, murmelte er, als der Ältere vielsagend einen kleinen Stapel Klamotten hochhielt, ehe er ihn auf den Rand des Waschbeckens legte. Dann fielen Dominiks Lider wieder zu und er genoss weiter das wärmende Wasser, doch nur wenige Augenblicke später hörte er erneut etwas.

„Hey, brauchst du nicht… ich mach das gleich schon“, meinte er, als er sah, wie Frido den Wäscheständer aus seiner Ecke kramte und aufstellte, um dann die nasse Kleidung vor der Dusche aufzusammeln.

„Ich weiß, dass ich das nicht machen muss, aber ich möchte gerne“, lächelte der und statt ihm Widerworte zu schenken, schmunzelte Dominik nur.

„Na gut…“

Er wusste ja, dass er nicht ewig unter der Dusche bleiben würde. Dann konnte er sich ein, zwei Minütchen mehr ja vielleicht doch noch erlauben und sich ein bisschen verwöhnen lassen. Das aber ging noch weiter, als Dominik erwartet hatte.

„Was ist damit? Irgendwas, das ich nicht sehen soll?“, deutete Frido kurz drauf auf Dominiks Rucksack, den er bereits mit ins Badezimmer gebracht und neben der Tür deponiert hatte.

„Du meinst irgendwelche Spitzenhöschen?“, juxte der Jüngere und brachte den Älteren zum lachen.

„Nein, nichts Verbotenes oder Geheimes“, grinste er dann, um Frido einen Moment beim Aufhängen zuzusehen, ehe er ihm den Rücken zudrehte, um sich auch dort einen wortwörtlich warmen Schauer zu gönnen.

„Bin aber auch gleich fertig und helf dir…“, murmelte er, während er den Kopf nach vorn sinken ließ und das Prasseln der Tropfen auf seinem Nacken genoss. Ein Anblick, der durchaus auch seinem Freund gefiel.

„Lass dir ruhig Zeit und werd erst mal wieder richtig warm“, meinte er, während er seinen Lockenkopf mit verstohlenem Blick musterte und spürte, wie sich etwas in ihm regte. Er spürte aber auch, dass sein Verlangen dieses Mal von einem gewissen Trotz durchzogen war, der sich fragte, ob er Dominik wohl so laut zum singen bringen konnte, dass auch Juli sein liebliches Stimmchen hörte. Nein, so tief wollte er nicht sinken! Also schüttelte er den Kopf und entschied sich dagegen – und wie zur Bestätigung, dass er aus den falschen Gründen gehandelt hätte, verschwand jegliches schweinisches Gedankengut auch sogleich aus seinem Kopf, als es erneut an der Tür klopfte und dieses Mal sein Name ertönte.

„Moment, ich komme!“, legte er die Hose, die er gerade ausschlagen wollte, auf den Wäscheständer und schlüpfte aus dem Badezimmer. Wenig überraschend wartete Juli vor der Tür und ebenso verwunderte es ihn nicht, dass sie seinen Schirm in der Hand hielt.

„Okay..“, murmelte er und wollte sich wieder abwenden, aber sie murrte ihm ein „Hey!“ entgegen.

„Du weißt ganz genau, dass ich nach einem Streit nicht einfach so tun kann, als wäre nichts gewesen!“, zischte sie mit einer Mischung aus Wut und Widerwille. Und auch, wenn sie trotz dieser Erkenntnis einige Minuten gebraucht hatte, um zu ihrer Entscheidung zu kommen, schien sie von Frido enttäuscht, dass er sie wider besseren Wissen überhaupt vor diese Wahl gestellt hatte.

„Dann ist das deine Sache…“, murmelte er hingegen müde vom Gezänk und konnte sehen, wie sein Gleichmut sie noch mehr erzürnte. Sie presste die Kiefer zusammen und suchte nach einer guten Entgegnung, aber die fiel ihr nicht so prompt ein. Stattdessen fragte er sie, ob sie Lilli dann nachher abholen wolle oder ob er sie zu ihr bringen sollte. Sie schnaubte aus. Woher sollte sie das denn wissen? Er hatte sie doch in diese missliche Lage gebracht, schien ihr Blick zu schreien, aber trotzdem wählte sie ihre Worte leise.

„Keine Ahnung. Ich meld mich später“, murrte sie und als Frido stumm nickte, wartete sie noch einen kleinen Augenblick, ob er sie doch noch zurückhalten würde. Aber er schaute sie nur schweigend an, bis die Tür hinter ihr zufiel und mit ihrem Knall ein wenig von Julis Ärger preisgab.

„Au man…“, rieb er sich dann übers Gesicht und seufzte aus, um einen Blick ins Schlafzimmer zu werfen, ehe er wieder zu Dominik zurückging.

„Juli ist grad eingefallen, dass sie noch dringend irgendwohin musste… Keine Ahnung, sie meldet sich nachher und hat Lilli noch ein bisschen hier gelassen“, kam er zurück ins Bad, wo Dominik sich bereits abtrocknete und ihn überrascht anschaute.

„Hab mich schon gewundert.. Aber bei dem Wetter? Oh je...“, warf er einen Blick aus dem Fenster und stellte fest, dass es immer noch goss. Frido aber nickte.

„Ja, sie hat sich meinen Schirm geliehen“, kümmerte er sich weiter um Dominiks Klamotten, während der sich die Haare trocken rubbelte.

„Oh, hier sind tatsächlich noch ein, zwei trockene Sachen…“, stellte Frido beim nächsten Griff in den Rucksack fest und hielt Dominik eine Boxershort hin.

„Danke“, warf der sich das Handtuch über die Schultern und schlüpfte in seine Unterhose, um dann eine Hand auf Fridos Rücken zu legen. Kurz schenkte der ihm einen Blick und ein Lächeln, ehe er weiter Klamotten sortierte. Aber er konnte im Augenwinkel auch erkennen, wie sein Freund ihn betrachtete.

„Habt ihr euch gestritten?“, sprach er seine Beobachtungen endlich an und Frido seufzte aus.

„Geschwister untereinander halt…“, murmelte er und drapierte die nächsten Shirts auf dem Wäscheständer.

„Kennst du das nicht auch, dass manchmal irgendeine alte Kamelle aufgetischt wird, die eigentlich längst Geschichte ist? Da hat Juli durchaus ein Händchen für…“, erklärte er vage und strich Dominik leicht über den Unterarm, als er spürte, wie der Jüngere sich an seinen Rücken schmiegte und die Arme um ihn legte.

„Du meinst, sie ist nachtragend?“, fragte er und Frido wiegte leicht den Kopf.

„So ein bisschen… Vielleicht passt besserwisserisch auch noch ganz gut“, antwortete er und schaute über die Schulter, als Dominik nach kurzer Überlegung meinte, dass er das auch kenne.

„In dem Fall bin ich aber wohl der Nachtragende“, gab er kleinlaut zu und Frido hob überrascht die Augenbrauen.

„Na ja… Mein Opa hatte damals das Puppenhaus meiner Mutter für mich wieder hergerichtet, weil meine Brüder an so was kein Interesse hatten. Neu anmalen wollte ich es selber und dabei flog plötzlich ein Fußball in das Häuschen, weil diese beiden Deppen mal wieder nicht hören konnten und im Wohnzimmer gespielt haben. Gab zwar n riesen Anschiss, aber für mein kaputtes Häuschen haben sie sich bis heute nicht bei mir entschuldigt. Eventuell ist mir darum auch schon mal versehentlich beim Familienfest ein Stück Torte auf ihren Schoß gefallen oder das Wasserglas umgekippt“, murrte er und nach einem kurzen Moment der Stille brach Frido in schallendes Gelächter aus. Für so hinterlistig hatte er Dominik gar nicht gehalten!

„Weißt du eigentlich, wie süß du manchmal bist?“, drehte er sich zu ihm um und zog ihn an sich, obwohl der Lockenkopf ihn für dieses Kompliment fast schon beleidigt anguckte. Widerwillig ließ er sich von Frido herzen und schluckte seine Empörung runter – zumindest solange, bis der ihn auch noch als niedlich betitelte.

„Okay, jetzt reichts aber!“, drückte Dominik ihm dann aber das nasse Handtuch ins Gesicht und schob ihn von sich, um dennoch auch mit einem Schmunzeln wahrzunehmen, dass sein kleines Aufbegehren der gelösten Stimmung keinen Abbruch tat.

„Sorry, aber das hab ich jetzt gebraucht!“, gackerte der Ältere und grinste seinen Freund an, der nun betont das Kinn reckte, während er selbst anfing seine Kleidung zu sortieren.

„Aha. Auf meine Kosten. So so“, murrte er zwar, aber trotzdem ließ er sich von Frido bereitwillig knuddeln, als der die vorherigen Positionen tauschte. Kichernd schmiegte er sich an Dominiks Rücken und legte den Kopf mit einem zufriedenen Seufzen auf Dominiks Schulter ab.

„Danke…“, lächelte er und fühlte sich nicht nur erleichtert, sondern auch froh, dass er jetzt einen viel erfüllenderen Moment mit Dominik teilen durfte, als ein kleiner Quickie unter der Dusche es in diesem Fall gewesen wäre.

3.10.2024: backen

Als es klingelte und er die Tür öffnete, stand sie wieder da. Sie machte diesen kleinen Schmollmund, wie sie ihn schon als Kind immer gemacht hatte, wenn sie sich mit jemandem gut stellen wollte. Es wirkte irgendwie niedlich – selbst jetzt noch, da sie längst eine erwachsene Frau war – und sie wusste wohl noch immer, dass man ihr bei diesem Anblick nicht lange böse sein konnte.

„Ich mags nicht, wenn wir uns streiten…“, murmelte sie dann auch wenig überraschend zur Begrüßung und streckte Frido fast schon schüchtern den geborgten Regenschirm hin.

„Vertragen wir uns wieder?“, legte sie jetzt auch noch ihren Dackelblick auf und hoppelte an Frido vorbei, als der zur Seite trat, um sie in die Wohnung zu lassen.

„In meinen Augen war das kein Streit. Ich hab dir nur einfach mal die Meinung gegeigt“, murmelte er noch immer etwas unterkühlt, während er den Schirm zurück an seinen Platz stellte und das leichte Zucken seiner Mundwinkel dann aber doch verriet, dass auch er die dicke Luft zwischen Juli und ihm nicht mochte. Langsam fingen sie an, einander anzulächeln, bis ein leises Lachen daraus wurde und Juli die Arme um Frido schlang, um sich an ihn zu drücken.

„Nervensäge…“, murmelte er und klopfte ihr auf den Rücken, während sie versprach, sich zu bessern – oder es zumindest zu versuchen.

„Glaub ich erst, wenn ichs seh“, grinste Frido und schon wurde er von seiner Schwester wieder empört angeguckt. Aber dann legte sie mit einem Schmunzeln den Kopf an seine Brust und ging umso überraschter seinem Hinweis nach, mal einen Blick ins Wohnzimmer zu werfen. Und was sie dort zu sehen bekam, war so niedlich, dass sie sich die Hände vor den Mund hielt, um nicht laut aufzuquietschen: In einer Höhle aus Decken und Stühlen saßen Dominik und Lilli beim Licht der stibitzten Flurlampe auf einem Kissen und erzählten sich gegenseitig Geschichten. Dominik hatte sich so in den Schneidersitz gesetzt, dass das Mädchen bequem Platz auf seinem Schoß hatte und er das Kinn vorsichtig auf der kleinen Schulter ruhen lassen konnte, während vor ihnen Blätter und Buntstifte lagen.

„Die Prinzessin hatte gaaanz langes Haar…“, berichtete er gerade, während er Lilli eine Zeichnung eben jener Prinzessin anfertigte und mit ihr dann gemeinsam entschied, welche Farben sie zum Anmalen der Prinzessin wählten. Juli aber verstand, dass es Frido nicht nur darum ging, ihr zu zeigen, wie gut sein Freund seiner Nichte das Malen beibrachte.

„Er ist nicht nur ein guter Künstler…“, flüsterte sie und schaute zu ihrem Bruder hinauf, der ihr ein seichtes Lächeln schenkte.

„Ja, genau. Er ist viel mehr“, stellte er fest und schlenderte mit Juli zur Couch, um sich leise zu setzten und mit ihr diesen Augenblick des Friedens und der Idylle zu genießen. Ein Augenblick, von dem er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte, wie lange es dauern würde, bis er ihn das nächste Mal so erlebte. Denn dann begann Dominiks Therapie und sie holten nach dem ersten Termin seine restlichen Sachen in Fridos Wohnung – und ab da fragte Frido sich nicht nur einmal, wie sie aus dieser Situation herausgehen würden.

Wie von Ernest prophezeit, war Dominik die ersten Termine über sehr schweigsam und in sich gekehrt. Er sah die Therapie als nutzlos und Zeitverschwendung an, aber dadurch, dass Frido ihn anfangs mit in die Gespräche begleitete, konnte er sich dem Ganzen allmählich doch etwas mehr öffnen. Der Therapeut wurde zu jemandem, den er nicht mehr als Bedrohung ansah und während Frido es zunächst noch als gutes Zeichen angesehen hatte, als sein Freund sagte, dass er künftig allein zu den Sitzungen gehen wolle, überlegte er danach mehr und mehr, ob das der erste Sargnagel für ihre Beziehung gewesen war. Denn auch, wenn Dominik sich einerseits scheinbar mehr öffnen konnte, verschloss er sich andererseits zunehmend – besonders in Fridos Gegenwart. Erst langsam und unauffällig und dann immer mehr, sodass er sogar anfing, ganze Nächte im Wohnzimmer zu verbringen. Manchmal hörte Frido ihn weinen und wenn er zu ihm gehen wollte, um ihn zu trösten, fand er die Tür abgeschlossen vor und wenn er am nächsten Tag das Gespräch suchte, dann zog der Jüngere sich noch weiter zurück. Dazwischen gab es dann zwar auch die Tage und manchmal Wochen, in denen alles in Ordnung schien und Dominik tatsächlich gelöster wirkte, aber trotzdem hatte Frido zunehmend das Gefühl, dass sie sich in einer Abwärtsspirale befanden. Denn, wenn die Traurigkeit nicht schon präsent gewesen wäre, so wurde die Wut es auf jeden Fall, die erst leise und dann sehr deutlich die Trauer ablöste. Sie zeigte sich in zunehmenden Streitigkeiten über die belanglosesten Dinge. Manchmal hatte Frido das Gefühl, dass Dominik regelrecht nach Gründen suchte, um sich zu zanken und manchmal musste er feststellen, dass sein Freund selbst in der Uni nicht davor zurückschreckte. Mehr als ein Mal musste er ihm seine Grenzen aufzeigen und ihn wissen lassen, dass sie auf dem Campus immer noch Student und Dozent waren – nur, um dann festzustellen, dass Dominik zuhause erst recht schlecht gelaunt war. Während er sich in dieser Zeit immer mehr ins Wohnzimmer zurückzog, weil das Atelier auf dem Dachboden ohne Heizung bei der voranschreitenden Kälte noch keine Option war, wurde für Frido das Fitnessstudio mehr denn je zum zweiten Zuhause. Manche bewunderten seine Ausdauer und seine Disziplin, aber für ihn war es die einzige Möglichkeit, um den ständigen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen und seinen Frust nicht nur bei Ernest abzuladen. Denn mit Dominik ein vernünftiges Gespräch führen konnte er schon lange nicht mehr. Und andererseits wollte er seine Beziehung nicht in allen Einzelheiten vor dem Arzt breittreten – selbst, wenn er befürchtete, dass sein Freund bei seinem Therapeuten wenig zurückhaltender war. Aber was sie wirklich besprachen, wusste er nicht. Also klammerte er sich an seinen Sport, wie er sich wortwörtlich an die Hanteln klammerte, um sich weder auf der Arbeit noch bei privaten Treffen mit Freunden und Bekannten anmerken zu lassen, wie unglücklich ihn die Situation Zuhause zunehmend machte. Selbst Weihnachten und Silvester verbrachten sie nicht gemeinsam, sondern Frido bei seiner Familie, während Dominik sich in seinem Wohnzimmer verschanzte.

„Und trotzdem hältst du weiter an ihm fest“, gab Ernest einmal im neuen Jahr zu bedenken, als Frido dann doch ein wenig von seiner Unzufriedenheit teilte.

„Ja… weil ich weiß, wie lange es manchmal dauern kann, um aus so einem Loch raus zu kommen und dass es wichtig ist, Unterstützung dabei zu bekommen“, war Fridos Antwort darauf, obwohl er sich selbst inzwischen fragte, aus welchen Gründen er Dominik überhaupt noch unterstützte. Aber darauf konnte selbst ein Ernest ihm keine Antwort gegeben, genauso wenig wie auf die Frage, ob ihre Beziehung diese Entwicklung wohl verkraften würde – schließlich wusste Frido selbst, dass jede Beziehung aus einer Therapie anders herausginge und Pauschalaussagen nicht möglich waren. Und dass nur er selbst herausfinden konnte, was er für seinen Freund noch empfand, wusste er auch. Also behielt er diese Überlegungen für sich und sprach auch nicht mehr Dominik darauf an, ihn noch einmal zu einem Termin zu begleiten, nachdem der wenig Verständnis für diesen Vorschlag gezeigt hatte. Stattdessen gelangten sie an einen Punkt, an dem sie sich selbst dann kaum noch sahen, obwohl sie bereits seit Wochen zusammenwohnten. Denn nachdem Dominik zwischenzeitlich wenigstens noch den Kontakt zum Streiten gesucht hatte, zog er sich dann sogar dafür ins Wohnzimmer zurück. Was genau er da machte, wusste Frido nicht, aber er erkannte inzwischen diesen Blick, der Dominiks Ärger preisgab und sich nun halt nicht mehr in Sticheleien oder offenem Gezänk entlud. Eigentlich hätte er darüber vielleicht auch froh sein können, dass sein Freund seinen Ärger nicht mehr an ihm ausließ, aber letztlich fühlte er nur noch mehr die Distanz. Emotional und körperlich erst recht. Er wusste schon gar nicht mehr, wann er den Lockenkopf das letzte Mal nackt gesehen hatte und spürte, dass er auch zunehmend das Verlangen danach verlor. Selbst, wenn er Dominik dabei zuschaute, wie er in der Küche Ernests Gebäck vorbereitet, überkamen ihn keine Ideen für kleine Spielereien mehr. Vielmehr zog es ihn dann wieder ins Fitnessstudio, um sich an den Geräten auszutoben, so, wie es Dominik mit dem Hefeteig machte, den er per Hand knetete und walgte, als hätte der arme Teig ihm irgendwas getan. Aber nicht nur für seine körperliche Fitness und um den Kopf ein wenig frei zu bekommen, tat Frido das Training gut. Nein, sondern auch, weil er neben dem Abstand zu den Alltagssorgen auch jemanden für Unterhaltungen fand. Ein Bekannter, mit dem er zwar früher auch schon mal den einen oder anderen Plausch gehalten hatte, aber der nun zunehmend auch so etwas wie ein Freund für ihn wurde, da sie sich jetzt noch öfter über den Weg liefen. Er tauschte keine tiefgreifenden Themen mit ihm aus, sondern eher Belanglosigkeiten, aber gerade das tat ihm gut. Erst im Fitnessstudio und dann, recht spontan, auch mal bei einem kleinen Spaziergang und Abstecher ins Café. Mit diesem Mann konnte er so locker plaudern, wie schon lange nicht mehr und über Themen, die sich zur Abwechslung mal nicht um Beziehung, Unfälle oder die Uni drehten. Selbst mit den Gesprächen mit Ernest war es nicht zu vergleichen, denn der wusste ja so vieles über Frido und konnte ihm ansehen, wenn ihn etwas beschäftigte. Aber dieser andere war einfach eine Ablenkung und Leichtigkeit, die er für die Dauer ihrer Gespräche sehr genoss. Und die ihn selbst an diesem einen Tag im Januar begleiteten, als er von einem weiteren Treffen im Café zurück nach hause kam und Dominik ihn dort bereits erwartete. Frido war zwar überrascht, dass er den Jüngeren nicht im Wohnzimmer verschanzt vorfand oder irgendeinen armen Teig verprügelnd, aber er spürte auch, dass er keine Erwartungen an das hatte, was wohl käme. Stattdessen schälte er sich in Ruhe aus seinem Mantel, hängte ihn und die Mütze an die Garderobe und ging ungerührt in die Küche zum Wasserkocher.

„Möchtest du auch einen Tee?“, fragte er Dominik, während er ihm den Rücken zudrehte. Der Jüngere stand an den Küchentisch gelehnt, hielt die Hände neben sich abgestützt und nur seine Augen hatten sich bewegt, während sie Frido Schritt für Schritt fixiert und sein Gesicht gemustert hatten.

„Hast du was mit ihm? Ich hab euch zusammen gesehen...“, fragte er plötzlich wie aus dem Nichts heraus, statt auf Fridos Worte einzugehen und kurz kehrte Stille ein. Stille, in der Dominik auf eine Antwort wartete und Frido selber überlegte, was diese Frage gerade mit ihm machte. Er fühlte sich weder empört, dass Dominik so etwas denken konnte noch ertappt, weil er sich selbst als betrügerisch empfand. Also konnte er mit gutem Gewissen und ohne weitere Gefühlsregung mit einem „Nein“ antworten. Auch, weil es egal war, welche Begleitung Dominik vielleicht gesehen hatte, denn er wusste, dass er ihm immer treu gewesen war. Also bereitete er sich seinen Tee vor und lehnte sich dann mit dem Po an die Arbeitsplatte, während er auf das heiße Wasser wartete. Gleichzeitig erwartete er aber auch, dass Dominik wieder aus der Haut fahren würde – doch zu seiner Überraschung tat er es nicht. Stattdessen hatte er Frido jetzt den Kopf zugedreht und betrachtete ihn wieder aufmerksam, um dann zu nicken und den Blick sinken zu lassen.

„Ich glaub dir…“, murmelte er und nickte wieder, als Frido an seiner Aussage noch etwas ergänzte.

„Ich schätze mal, du beziehst die Frage auf Bernd, mit dem ich einen Kaffee trinken war. Ich weiß selber, wie das ist, wenn man betrogen wird. Wenn da mehr als freundschaftliche Gefühle für ihn wären, hätte ich dir das längst gesagt, anstatt mich so offensichtlich mit ihm ins Café zu setzen, dass du es früher oder später zwangsläufig sehen musst“, sagte er und spürte mit einem Mal, dass es ihn tatsächlich überraschte, dass Dominik das Thema überhaupt zu beschäftigen schien.

„Er sieht sehr sportlich aus… Kennst du ihn aus dem Gym?“, erkundigte er sich und nickte wieder, als Frido seine Annahme bestätigte. Es klang nicht vorwurfsvoll, sondern ehrlich interessiert.

„Ja, wir sind ein paar Mal ins Gespräch gekommen und haben gemerkt, dass wir uns gut unterhalten können“, antwortete Frido und griff den Wasserkocher, um seine Tasse zu befüllen. Und dabei rauschte Dominik aus der Küche raus, schnurstracks ins Wohnzimmer, wie Frido es längst erwartet hatte. Also nickte er leicht, denn selbst ein Seufzen hatte er für diese Szenen nach all den Wiederholungen nicht mehr übrig. Und selbst, dass Dominik dann mit dem Rucksack in der Hand zurückkam, konnte Frido schon nicht mehr überraschen. Früher oder später hatte es wohl so kommen müssen. Also zog er den Stuhl vom Tisch und nahm darauf Platz, um dann die Tasse vor sich abzustellen und darauf zu warten, dass Dominik das aussprach, was er die letzten Wochen über so sorgfältig vorbereitet hatte. Und dabei runzelte Frido die Stirn, aber nicht, weil er sich verletzt fühlte oder darauf wartete, dass Dominik sie endlich erlöste, sondern weil er merkte, dass er gerade gar keine Gefühlsregung in sich wahrnahm. Hatte ihn das alles so abstumpfen lassen? Da riss es ihn fast schon aus den Gedanken, als Dominik sich plötzlich zu seiner Rechten niederließ und sich den Rucksack auf den Schoß stellte.

„Ich war ein Arschloch“, sagte er mit einem Mal und auch wenn Frido diese Erkenntnis verwunderte, nickte er.

„Stimmt, das warst du wirklich“, antwortete er sachlich, obwohl die Antwort eigentlich kaum emotionslos hätte sein können. Und wieder machte Dominik keine Szene, sondern nickte und wirkte beschämt.

„Als ich euch das erste Mal zusammen gesehen hab, war ich so eifersüchtig, dass ich fast zu euch rüber gerannt wär und dich angeschrien hätte“, gab Dominik zu und Frido hob überrascht die Augenbrauen. Erst recht, als er hörte, wann und wo Dominik ihn das erste Mal mit dem vermeintlichen Nebenbuhler gesehen hatte.

„Ich… ich glaub, wenn ich nicht auf dem Weg zur Therapie gewesen wäre, hätte ich das tatsächlich gemacht. Aber stattdessen hab ich mich dann in der Sitzung ausgekotzt darüber… Und wir haben da das erste Mal auch über meine Beziehung zu dir gesprochen und nicht nur über die zu meinen Eltern und so weiter…“, erzählte er und krallte die Finger in seinen Rucksack. Frido schaute ihn interessiert an und fragte sich, in welche Richtung diese Unterhaltung gehen würde.

„Ich ähm… ich hab in den letzten Wochen gelernt, dass ich meine Gefühle früher viel zu sehr verdrängt und runtergeschluckt hab. Und dass da viel Trauer und Wut in mir sind, mit denen ich nie so richtig gelernt hab umzugehen. Wie soll ich sagen? Nachdem ich jetzt einmal angefangen hab, die mehr rauszulassen, fällts mir schwer, da sozusagen ne Balance zu finden… Und… und in meinem Gespräch mit dem Therapeuten hab ich dann erkannt, dass ich dabei sehr viel an dir ausgelassen hab“, sagte er kleinlaut und musste merklich schlucken, als Frido seine Worte mit einem Nicken bestätigte.

„Im… im Moment ist das so, als würde alles, was ich früher weggeschoben hab, auf mich einstürzen und nur so aus mir rausschwappen. Zumindest im Privaten. In der Uni kann ichs noch halbwegs zurückhalten, aber wenn ich dann zuhause bin, da gibts dann kein Halten mehr.. Wahrscheinlich weil ich mich hier irgendwie sicher genug fühl, das so raus zu lassen, aber trotzdem...“, schüttelte er den Kopf und räusperte sich, um dann wieder seinen Rucksack zu kneten.

„Mir war das lang nicht bewusst, wie ich dich behandelt hab und dass wir irgendwie kaum noch miteinander reden. Ich war so mit mir beschäftigt…“, murmelte er und schluckte wieder, als Frido seine Worte mit einem erneuten Nicken bestätigte.

„Ich taste mich grad da ran, wie ich meine Gefühle zulassen und trotzdem kontrolliert rauslassen kann. Zum Beispiel auch wieder in meinen Bildern, aber wir… haben festgestellt, dass das vielleicht noch nicht reicht und deswegen hat mein Therapeut mir vorgeschlagen, dass ich so ne Art Tagebuch führe. Und da einfach alles aufschreib, was mich so beschäftigt“, erzählte er weiter und öffnete seinen Rucksack, um dann den Blick zu heben, als Frido dieses Mal nicht nur mit einem Nicken antwortete.

„Und? Hast du das Gefühl, dass es dir hilft?“, erkundigte er sich und schaute kurz auf das Buch, das Dominik aus seinem Rucksack zog, ehe er ihn auf den Boden gleiten ließ.

„Sag… sag dus mir. Hab ichs in letzter Zeit besser hinbekommen, dich nicht mehr so anzuzicken?“, fragte er voller Selbstzweifel und Unsicherheit, während Frido erst einmal darüber nachdenken musste.

„Wenn ich jetzt merke, dass ich wieder auf Krawall gebürstet bin, versuch ich mich stattdessen zurück zu ziehen und meine Gedanken aufzuschreiben, aber ich bin mir gar nicht sicher, ob das wirklich klappt oder ob ich mir das nur einbilde“, meinte Dominik und Frido glich im Kopf einige Zeitpunkte ab.

„Deswegen rauschst du neuerdings ins Wohnzimmer ab, wenn dich schon wieder irgendwas wurmt…“, murmelte er und auch wenn Dominik glasige Augen bekam, schien er erleichtert über Fridos Beobachtung.

„Ja, ich… krieg diese Wut zwar immer noch nicht so richtig in den Griff, um sie gar nicht erst so weit an die Oberfläche kommen zu lassen, aber wenigstens lass ich sie dann nicht mehr an dir aus. Und ich… ich merk auch, dass das Aufschreiben tatsächlich was hilft, um mir bewusster zu werden, warum ich in der jeweiligen Situation grad wütend war“, sagte er und schaute Frido dabei zu, wie der den Kopf auf eine Hand stützte und ihn musterte. Er wusste, dass er mit seinen Worten vielleicht in ein Wespennest stechen würde, aber er wollte trotzdem eine Antwort, also sprach er sie aus.

„Und warum bist du eifersüchtig, wenn du siehst, dass ich mit Bernd einen Kaffee trinken gehe?“, fragte er gerade heraus, ohne sich dieses Mal von Dominiks Tränen mitreißen zu lassen. Viel mehr berührten ihn seine Worte, die er nach einigem Schniefen und Räuspern fand.

„Ich glaub, weil ich gemerkt hab, dass ich grad einen ziemlichen Keil zwischen uns schieb. Und weil das bei euch so locker und leicht aussieht, während das bei uns grad überhaupt nicht der Fall ist. Aber vor allem, weil mir das gezeigt hat, wie wenig wir im Moment reden oder überhaupt Zeit miteinander verbringen. Und ich glaub, da ist mir auch ein bisschen die Sicherung rausgeflogen, weil ich plötzlich Angst hatte, dass ich dich verliere und nicht weiß, was ich dagegen machen soll“, kaute er auf seiner Unterlippe und versuchte gegen die Tränen anzukämpfen. Frido aber spürte, dass sich da tatsächlich ein zarter Hauch von Zuneigung und Hoffnung in ihm regte.

„Na ja, jetzt gerade reden wir und das ist doch schon mal ein Anfang, oder?“, fragte er ruhig und sanft, auch wenn er seine Gefühlslage äußerlich nicht zu erkennen gab und trotzdem brachte es seine Mundwinkel zum Zucken, als Dominik eifrig nickte.

„Ja, stimmt“, schniefte er und lächelte dann leicht, ehe er tief durchatmete.

„Das ist aber auch so ne Sache… Ich ähm… ich arbeite gerade daran, meine Gefühle und Bedürfnisse schneller erkennen und direkter benennen zu können, um solche Konfliktsituationen nicht so entstehen zu lassen. Da hilft das Aufschreiben zwar, aber dass ich merk, dass ich trotzdem zu wenig mit dir über alles rede… Entweder, weil ich mich schäme oder weil ich mir teilweise selbst noch nicht so richtig über Sachen klar war oder bin oder… weil ich mich so lang im Wohnzimmer verschanzt hab, dass ich dann nicht weiß, wie ich wieder an das Gespräch anknüpfen soll, oder, oder oder… Da weiß ich einfach noch nicht so richtig, wie ich da ne Balance reinkriegen soll…“, kratzte Dominik sich am Kopf und kaute wieder auf der Lippe, als Frido sich erkundigte, ob sein Therapeut dazu nicht auch einen Tipp habe.

„Schon… er meinte, dass Sport vielleicht helfen könnte, aber Joggen hab ich jetzt zwei, drei Mal ausprobiert und das ist nichts für mich…“, murmelte er, um dann fragend zu Frido zu schauen.

„Und ne andere Sportart?“, schlug der vor, aber Dominik zuckte die Schultern.

„Ich weiß nicht, was…“, gab er zu und schaute den Älteren überrascht an, als er begann zu Schmunzeln.

„Weißt du… ich hab dich beim Backen beobachtet und da kommt mir so eine Idee, was dir vielleicht helfen könnte“, nahm er einen Schluck aus seiner Tasse und stand dann auf, ohne direkt auf Dominiks Nachfrage, was er vorhabe, einzugehen.

„Komm mal mit. Wir machen einen kleinen Spaziergang zum Gym“, sagte er stattdessen und hielt Dominik die Hand hin, wobei er endlich wieder ein kleines Glücksgefühl verspürte, als der vertrauensvoll und ohne zu zögern danach griff.

„Die sind rauer als früher… und du hast noch mehr Kraft, kann das sein?“, stellte der Lockenkopf fest, während er sich auf die Füße ziehen ließ und Frido seit Wochen das erste Mal wieder bewusster betrachtete.

„Keine Ahnung, da achte ich im Moment nicht drauf“, gab der wahrheitsgemäß zurück und musste zugeben, dass Dominik recht haben könnte, als er beim Weg durch den Flur seine Handinnenflächen näher betrachtete. Vielleicht hatte er doch mehr Zeit im Fitnessstudio verbracht, als ihm selbst bisher klar gewesen war.

„Hier“, nahm er die Jacken von der Garderobe und warf Dominik seine zu, ehe er ihn an sich vorbei aus der Tür ließ, sie hinter ihnen abschloss und beim Weg durchs Treppenhaus seinen eigenen Mantel anzog. Dabei liefen sie schweigend nebeneinander her und schienen unsicher, ob sie die Hand des jeweils Anderen greifen sollten. Also schob Frido seine schließlich in die Manteltaschen und Dominik ließ seine tatenlos hängen, bis das Fitnessstudio in Sichtweite kam. Erst dann verschränkte der Jüngere die Arme vor der Brust und versuchte wieder herauszufinden, was sein Freund geplant hatte.

„Meinst du, ich soll Kraftsport ausprobieren?“, erkundigte er sich, um dafür ein Schmunzeln von Frido zu ernten.

„An deiner Kraft kannst du mit meiner Idee bestimmt auch arbeiten, aber ich bin mir nicht sicher, ob bloßes Gewichte Stemmen für dich wirklich das Richtige ist. Ich glaub, ne Kombination aus Kraft und Ausdauer wäre für den Anfang hilfreicher für dich“, gab er vage preis und bat Dominik bei Betreten des Fitnesstempels, kurz zu warten, während er mit einem der Trainer sprach. Immerhin war seine Begleitung ja kein Mitglied und das gerade nur ein kurzer Testlauf. Also machte Frido es sich zu Nutze, dass man ihn bereits gut kannte und für ein halbes Stündchen darüber hinwegsehen konnte, dass das gerade kein offizielles Probetraining werden sollte.

„Komm, wir müssen in den Keller“, winkte er Dominik dann zu sich und führte ihn zur Treppe, um dabei auch zu bemerken, wie der Lockenkopf immer nervöser wurde – auch, wenn er seine Gedanken erst bei Erreichen des Zielorts teilte.

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“, guckte er entgeistert auf die Sandsäcke und den Boxring, die sich ihnen beim Gang durch die letzte Tür offenbarten und noch weniger glücklich schien es ihn zu machen, wem Frido dabei erfreut zurief.

„Bernd, hey, das trifft sich ja gut!“, hob er dem Arm und lächelte, als der Angesprochene ihm schnaufend und schwitzend zunickte. Offensichtlich war er gerade mit seinem Training fertig geworden und schälte sich nun aus den Boxhandschuhen heraus. Ohne zu Zögern steuerte Frido auf ihn zu, aber Dominik packte ihn am Arm.

„Frido, was soll ich hier? Ich will doch keinen verdreschen!“, zischte er fassungslos, aber der Ältere lachte auf.

„Sollst du auch nicht! Du sollst nur ein Ventil haben, an dem du dich abarbeiten kannst – so wie beim Backen. Der arme Hefeteig tat mir teilweise echt schon leid, wenn du ihn in die Mangel genommen hast“, zwinkerte er und wurde von Dominik verdattert angeguckt.

„Ist dir auch nicht aufgefallen, hm?“, schmunzelte Frido und legte Dominik die Hand auf den Rücken, als der den Kopf schüttelte.

„Bernd, das ist mein Freund Dominik. Dominik, das ist Bernd“, nahm er ihn dann mit zu dem vermeintlichen Nebenbuhler und stellte sie einander vor, um nun auch zu offenbaren, warum er sich so über den Anblick seines Kumpels freute.

„Boxen und Co. waren nie so meins… Kannst du ihm vielleicht kurz ein, zwei Tipps geben, worauf er beim ersten Training achten muss, damit er sich nicht verletzt? Wir wollen mal ausprobieren, ob das was für ihn sein könnte“, erklärte er und zog sich den Mantel aus, ehe er auch Dominik seine Jacke abnahm, die der nur etwas widerwillig auszog. Ja, seine Kleidung war nicht gerade dem Anlass entsprechend, aber das störte ihn gerade am Wenigsten… Auch ohne diesen Punkt war er noch immer nicht recht überzeugt und das änderte sich auch nicht, als Bernd mit ihm an einen der Sandsäcke ging, ihm die passenden Boxhandschuh aussuchte und ihm die Hände bandagierte. Zwar hörte er den Anweisungen und Tipps aufmerksam zu, aber seine Blicke huschten auch immer wieder zu Frido, der neben Bernd stand und zufrieden dabei zuschaute, wie sein Freund zumindest optisch in einen kleinen Sportler verwandelt wurde. Nur an der richtigen Einstellung musste offensichtlich noch gearbeitet werden, denn die ersten Schläge, die Dominik dem Sandsack verpasste, waren mehr als halbherzig.

„Ich glaub nicht, dass das was für mich ist…“, murrte er, weil er sich etwas veräppelt und vorgeführt vorkam. Da standen diese beiden durchtrainierten Sportskanonen und guckten ihn erwartungsvoll an, während er nicht mal wusste, was er von den ungewohnten Handschuhen halten sollte.

„N bisschen Elan brauchts dann aber schon“, stellte Bernd fest, ohne sich bei Dominik dabei beliebter zu machen und auch Frido stieg mit seinem Kommentar nicht unbedingt in dessen Ansehen.

„Das wird schon noch… Er muss sich erst mal dran gewöhnen“, war seine Einstellung, während er Bernd für dessen Unterstützung dankte und ihm nach einem „Üb schon mal weiter. Ich komm gleich zurück“ an Dominik zu der Bank folgte, auf der er sein Handtuch, die Wasserflasche und die eigenen Handschuhe deponiert hatte.

„Na toll…“, murmelte Dominik und schaute ihnen nach, während er nur deshalb ein paar weitere müde Schläge auf den Sandsack tat, um sich nicht so dämlich vorzukommen, wie er es beim bloßen Dastehen getan hätte. Doch das, was er dann mitbekommen musste, verpasste ihm selbst einen ordentlichen Hieb. Denn während das vertrauliche Plaudern und Gackern der beiden Älteren noch eine Sache war, war ihre Verabschiedung eine ganz andere.

„Ach so ist das!“, hörte er Bernd lachen und sah Frido mit einem schelmischen Grinsen nicken.

„Wie gesagt, spätestens bis die Tage und Danke noch mal“, klopfte der Dozent seinem Gesprächspartner zwar auf die Schulter, aber dem rutschte die Hand bei ähnlicher Geste verdammt tief nach unten.

„Kein Problem!“, gab er Frido einen ganz selbstverständlichen Klaps auf den Allerwertesten, ehe er Dominik einen schönen Abend wünschte und Frido dann auch noch zuzwinkerte, als er sich zur Tür drehte. Und Frido? Der amüsierte sich auch noch und kam mit einem breiten Grinsen zu Dominik zurück.

„Na, wie siehts aus?“, stellte er sich hinter den Sandsack, als wäre nichts gewesen und endlich kassierte einer der beiden Säcke einen Schlag, der sich gewaschen hatte. Obwohl Dominiks Blick nur allzu deutlich verriet, dass er lieber dem anderen eine ordentliche Tracht Prügel verpasst hätte.

„Was war das grad?“, zischte er und fokussierte seine Wut wohl nur deshalb weiter auf den Boxsack, weil noch andere Sportinteressierte im Raum waren.

„Stell dir nicht Bernds Gesicht vor, wenn du da drauf hast, sondern meins“, sprach Frido aber ruhig und fasste den Sandsack, um an ihm vorbei weiter Dominik anzuschauen. Dem wurde schlecht, als die Befürchtung in ihm hochkroch, dass Frido ihn vorhin in der Küche nur zum Narren gehalten hatte.

„Ich hab ihn gebeten, dich damit ein bisschen aus der Reserve zu locken, damit du endlich mal in die Pötte kommst und richtig drauf haust“, gab er stattdessen zu und so, wie Dominik ihn nun anstarrte, überlegte er kurz, ob er den Bogen vielleicht doch überspannt hatte und sein Lockenkopf entrüstet aus dem Raum rennen würde. Doch der fing nach einem Moment der Fassungslosigkeit erst recht an, die Wut aus sich herauszuprügeln.

„Du bist so ein Arsch!“, schnaubte er und sein Blick verriet nur allzu deutlich, dass er Fridos Gesicht nicht ohne Grund vor jedem erneuten Schlag wieder ins Visier nahm. Er hatte ihn auf die Palme bringen wollen? Das war ihm definitiv gelungen! Es überraschte den Älteren selber, wie viel Kraft und Energie da auf den armen Sandsack prallten, aber vor allem konnte erkennen, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlten. Während er diese Gelegenheit nutzte, um Dominik endlich wieder einmal genauer zu betrachten, fiel ihm nicht nur auf, dass dessen Haare länger geworden waren und er einen leichten Schatten auf Wangen und um die Lippen trug, sondern auch, wie sein Blick sich veränderte, je länger er die Fäuste sprechen ließ. Selbst, wenn seine Brauen zusammengekniffen blieben, zeigten seine Augen, wie seine Wut abebbte, um stattdessen dem Ehrgeiz platz zu machen, der ihn auch dann noch antrieb, als er längst keuchte und schnaufte. Erst, als auch der nicht mehr ausreichte, kniff der die Lider zusammen und sackte auf die Knie.

„Scheiße… ist das anstrengend!“, ließ er sich zur Seite sinken und rollte sich auf den Rücken, während Frido neben ihm in die Hocke ging und die Unterarme auf den Oberschenkeln ablegte.

„Und wie fühlst du dich jetzt?“, fragte er mit einem leichten Schmunzeln und musste lachen, als er von Dominik ein „Beschissen!“ zu hören bekam.

„Boah, meine Arme sind wie Pudding“, murmelte er und schaute Frido dabei zu, wie er ihn aus dem ersten Handschuh holte.

„Aber hat auch ganz gut getan oder?“, grinste er ohne großes Mitleid und wickelte Dominiks Hand aus, um sich dann zu vergewissern, dass der Lockenkopf sich bei seiner ersten Trainingseinheit nicht zu sehr verausgabt hatte.

„Ich glaub, ich hab morgen tierischen Muskelkater, aber ansonsten… gehts mir grad echt ganz gut“, gab der zu und schien selbst ein wenig überrascht. Frido aber spürte in diesem Moment etwas, das er lange nicht mehr gefühlt hatte: Stolz auf seinen kleinen Kämpfer und auch ein wenig Stolz auf sich selbst, dass er ihn bis jetzt nicht einfach aufgegeben hatte.

„War also doch nicht so ne blöde Idee, hm?“, lächelte er leicht, um Dominik dann auch aus dem zweiten Handschuh zu befreien und ihm tief in die Augen zu schauen, als der Jüngere plötzlich seine Hand griff und mit dem Daumen über Fridos Handrücken strich.

„Vielleicht solltest du mal drüber nachdenken, das jetzt regelmäßig zu machen, um insgesamt ausgeglichener zu werden. Als Ergänzung zum Malen und Schreiben“, murmelte er und auch wenn er spürte, dass durch diesen kleinen gemeinsamen Augenblick noch nicht alles vergessen und wieder im Lot war, fühlte er sich gegenüber Dominik zumindest nicht mehr vollends gleichgültig. Im Gegenteil, als der nickte, spürte Frido echte Freude und war verwundert über dessen Lob.

„Ja, ich glaub, das ist ne gute Idee“, gab Dominik zu und überraschte Frido noch mehr, als er ihn ohne Umschweife fragte, ob er ihn künftig vielleicht ins Fitnessstudio begleiten könne.

„Na klar“, lächelte der Ältere und zog seinen Freund mit einem „Hoch mit dir“ zurück auf die Füße, ehe er die Boxutensilien aufsammelte und ihren angestammten Platz zurückbrachte.

„Und jetzt sieh zu, dass du unter die Dusche kommst, damit du dich nicht verkühlst, wenn du so verschwitzt bist“, ließ er sich dann im Gegenzug von Dominik seinen Mantel geben und schaute ihn fragend an, als dessen Blick verriet, dass ihm noch etwas auf dem Herzen lag.

„Was ist?“, machte er ihm den Einstieg etwas leichter und wurde dafür noch einmal mit Erstaunen beschenkt.

„Sag mal… hast du was dagegen, wenn ich mal wieder mit im Bett schlafe?“, fragte Dominik leise und nach kurzem Blinzeln fing Frido an zu schmunzeln.

„Überhaupt nicht. Die letzte Zeit über hast du dir den Rauswurf aus dem Schlafzimmer ja eher selbst verordnet“, meinte er und dieses Mal bestand kein Zweifel, dass sie das Fitnessstudio Hand in Hand verließen.

4.10.2024: Landschaftsaquarell

Als er an diesem Morgen die Augen öffnete, musste er tatsächlich kurz überlegen, ob der vergangene Abend Realität oder nur ein Wunschtraum seines einsamen Herzens gewesen war. Er drehte den Kopf zur Seite und sah, dass der Platz neben ihm leer war. Aber er warf auch einen Blick unter die Bettdecke und erkannte, dass er nicht vollends unbekleidet da lag. Also stimmte es wirklich… Weit füllte sich seine Lunge mit Luft und er schob die Hände unter seinen Kopf, während er die Zimmerdecke betrachtete und seinen Gedanken nachhing. Gemeinsam waren sie nach hause gegangen, hatten gemeinsam das Abendessen gekocht und gegessen und waren gemeinsam ins Schlafzimmer gegangen – so selbstverständlich für ein Paar, das zusammenwohnte und in ihrem Fall doch inzwischen so ungewohnt. Sie hatten geredet; viel und lange, über ernste Themen, aber auch über witzige Momente. Und auch kleine Zärtlichkeiten hatten sie ausgetauscht, vorsichtig und behutsam, als wären sie sich vorher noch nie näher gekommen und wussten noch nicht, was dem Anderen gefiel und was nicht. Es hatte sich angefühlt wie das erste richtige Treffen, nachdem man sich vorher nur aus der Ferne gesehen hatte oder nie persönlich begegnet war. Und vielleicht war es das auch? Ein neues Kennenlernen der Person, die nach den Wochen der Distanz nun vor einem saß. Nicht die großen Gefühle und die Leidenschaft hatten in dieser ersten gemeinsamen Nacht im Vordergrund gestanden, sondern überhaupt wieder einen Blick für einander zu entwickeln – und für sich selbst und die eigenen Gefühle. Ein langer Weg, den sie da wohl noch vor sich hatten, dachte Frido, aber zumindest der erste Schritt war getan, um den Rest hoffentlich ebenfalls gemeinsam zu bestreiten. Und während er nun hier lag und darüber nachdachte, merkte er auch, wie dringend diese kleine Kursänderung hatte kommen müssen – denn viel länger hätte er die Entfremdung nicht mehr ausgehalten. Das erkannte er auch an der eigenen Zurückhaltung und Vorsicht, die ihm zuflüsterten, erst einmal zu beobachten und sich nicht wieder so in das Zusammensein mit Dominik hinein zu stürzen wie er es am Anfang getan hatte. Und er wusste, dass es dem Jüngeren genauso ging. Denn das hatten sie geschafft einander unverhüllt mitzuteilen, auch, wenn Frido diese Offenheit noch immer nicht recht glauben konnte. Anstatt es für das Ende ihrer Beziehung zu halten, dass sie an dem ersten gemeinsamen Abend seit Wochen nicht sofort wieder übereinander hergefallen waren, hatten beide genau diese Zurückhaltung als richtig empfunden. Sie hatten zusammen geschlafen, aber nicht miteinander und darum trug er jetzt auch seine Unterhose: Weil es sich falsch angefühlt hätte, völlig blank neben Dominik zu liegen, selbst, wenn der ja längst von Fridos Vorliebe für Textilfreiheit im Schlafzimmer wusste. Also hatte es diese gemeinsame Nacht tatsächlich gegeben, kam er gedanklich an den Anfang seiner Überlegungen zurück und stützte sich auf die Ellenbogen. Dabei fühlte er aber auch die Unsicherheit, ob Dominik wohl nur das Bett für den Weg zur Arbeit verlassen hatte oder ob er vorher schon wieder unbemerkt ins Wohnzimmer verschwunden war. Eine ehrliche Antwort auf diese Frage konnten Frido wohl nur die Zeit und seine Beobachtungen bringen, dachte er sich und rutschte mit einen Seufzen aus dem Bett. Er musste geduldig sein, aber das hatte er gerade in den vergangenen Wochen ja umso besser gelernt. Also wollte er sich jetzt auf seinen üblichen Ablauf am Morgen konzentrieren und die Grübeleien beiseite schieben. Doch als er die Tür erreichte, kehrten sie sofort wieder zurück, wenn auch in anderer Form. Was war das für ein Klacken, das er aus dem Flur hörte? Er verließ leisen Schrittes das Schlafzimmer und sah, dass das Geräusch vielmehr aus der Küche kam und dass es dem Messer entstammte, mit dem Dominik gerade Obst auf einem Brettchen klein schnitt. Im ersten Moment dachte Frido, es sei wieder für eine von Ernests Bestellungen – was ihn so mitten unter der Woche und um diese frühe Uhrzeit zwar ein wenig gewundert hätte, aber bei diesen beiden Kauzköpfen konnte ihn eigentlich gar nichts mehr überraschen. Aber nein, beim zweiten Blick fiel ihm dann auch die Schüssel neben der Obstparade auf, die bereits mit seinem Müsli gefüllt war und nun noch fein säuberlich mit den bunten Farbtupfern verschönert wurde. Fast schon akribisch sortierte Dominik die Orangenstücke, Erdbeerscheiben und Weintrauben, ehe noch ein bisschen Banane dazu kam, um das Ganze abzurunden. Dann nickte er kurz und schien trotzdem nicht recht zufrieden. Denn jetzt kam die Entscheidung, vor der er sich wohl schon die ganze Zeit gedrückt hatte.

„Also was jetzt? Haselnuss oder Mandel?“, murmelte er mit kritischem Blick zu zwei Schraubgläsern mit Nussmus, die beide angefangen waren und nicht verrieten, welche Sorte sein Freund gerade mehr bevorzugte. Die richtige Wahl konnte das Frühstück jetzt perfekt abrunden und die falsche das genaue Gegenteil bewirken. Sein Gesichtsausdruck verriet aber auch, dass er nicht einfach beide Gläser rüber tragen und Frido fragen wollte, sondern dieses Müsli als Möglichkeit sah, um zu zeigen, dass er seinen Freund beachtete und sah.

„Ich glaub…“, griff er die Mandelvariante und erschrak, als er plötzlich aus seiner Überlegung gerissen wurde.

„Das ess ich im Müsli aktuell lieber. Und Haselnuss nehm ich gern mal im Kaffee“, lehnte Frido mit einem seichten Lächeln im Türrahmen, während Dominik ihm ein schiefes Grinsen schenkte.

„Mist, ich wollt dich eigentlich überraschen“, meinte er und schob die Schüssel leicht in Fridos Richtung, als wolle er dessen Bestätigung hören, dass auch die restliche Zusammenstellung des Frühstücks ihm gelungen war.

„Warst du heute Morgen extra schon einkaufen?“, fragte der aber stattdessen, während er langsam auf Dominik zuging und das frische Obst betrachtete.

„Ja, ich bin vom Großmarkt direkt weiter. Ich dachte, das ist vielleicht mal ne schöne Abwechslung zu den gefriergetrockneten Sachen, die du momentan hauptsächlich kaufst. Zumal du ja heut erst etwas später los musst. Dann kannst du erst mal in Ruhe essen und musst dir das nicht wie montags und mittwochs in einer Tupperdose mitnehmen“, meinte Dominik und drehte sich vollends auf dem Stuhl zu Frido, als der neben ihm stehen blieb und nickte.

„Das ist auch so eine sehr schöne Überraschung…“, murmelte er und ging dann plötzlich vor Dominik in die Hocke, um die Arme um ihn zu legen und den Kopf an seinen Bauch zu lehnen. Mit einem Mal spürte er, wie erschöpft er war und wie die letzten Wochen an ihm gezehrt hatten.

„Nurn kurzen Moment…“, schloss er die Augen und fühlte, wie die Anspannung aus seinen Gliedern entwich, während Dominik anfing, ihm durchs Haar zu streichen, als wäre er eine Mutter, die ihr Kind tröstete. Vielleicht benahm er sich gerade albern, aber Frido spürte, wie sehr er diese Zuwendung gerade brauchte. Und scheinbar nicht nur er.

„Was hältst du davon, wenn du dich heute krankmeldest und wir bleiben beide zuhause?“, fragte der Lockenkopf plötzlich und zu seiner eigenen Überraschung brauchte Frido gar nicht lange, um mit einem Nicken zu antworten.

„Ja, lass uns das machen“, nuschelte er und nickte wieder, als Dominik vorschlug, ins Wohnzimmer zu gehen. Er rappelte sich auf und lehnte sich an den Tisch, während der Jüngere ein Tablett aus dem Schrank holte und das restliche Frühstück vorbereitete. Warum war er nur mit einem Mal so ausgelaugt, dass Dominik ihm sogar sein Handy holen und ihn an den Anruf erinnern musste? Dieses Ausgebrannte und Unkonzentrierte war doch sonst nicht seine Art…

„Danke…“, murmelte er, während er die Nummer wählte und seine Gesprächspartnerin ließ ihn nur Augenblicke später wissen, dass er wohl so abgekämpft klang, dass ihm seine vermeintliche Krankheit sofort geglaubt wurde. Und als wolle sein Körper dafür sorgen, dass er auch kein schlechtes Gewissen wegen dieser Schwindelei bekäme, sorgte er kurz drauf dafür, dass er wirklich einen Grund zum Ausruhen bekam. Denn während er sich den Flur entlang schon schwindelig fühlte, kamen im Wohnzimmer dann auch noch Kopfschmerzen dazu. Ohne sein Essen anzurühren, wollte er sich einfach nur noch hinlegen, an Dominik schmiegen und schlafen.

„Ich mach nochn kurzes Nickerchen…“, murmelte er noch und bekam nicht einmal mehr mit, wie er zugedeckt wurde. Erst Stunden später wachte er wieder auf, fühlte sich zwar noch etwas schläfrig dabei, aber sein Blick war wieder klar und der Kopfschmerz weg. Erst jetzt bemerkte er, dass er fast die gesamte Couch für sich in Anspruch nahm, während Dominik nur ein kleines Eckchen zum Sitzen blieb und er dabei auch noch Fridos Kopfkissen war. Und trotzdem saß er geduldig da, kraulte Frido unablässig den Kopf, während er den eigenen auf die freie Hand gestützt hielt und beim Blick aus dem Fenster seinen Gedanken nachhing. Dass der Ältere wieder wach war, bemerkte er erst, als Frido sich aufstützte und das Gesicht rieb.

„Hey, wie fühlst du dich?“, erkundigte Dominik sich mit einem Lächeln und betrachtete ihn trotzdem aufmerksam, während Frido nickte und ein „Besser“ murmelte.

„Brauchtest du einfach nur Schlaf oder soll ich Ernest bitten, mal vorbei zu kommen?“, fragte der Lockenkopf, aber Frido schüttelte den Kopf.

„Nein, war nur müde. Alles okay“, antwortete er und ein Moment der Stille entstand, in dem er langsam wacher wurde und Dominik ihn weiterhin achtsam musterte. Ja, er machte den Eindruck, als wäre er wirklich einfach nur etwas erschöpft gewesen.

„Das hat dir die letzten Wochen einiges abverlangt…“, stellte der Jüngere fest, als sein Freund sich hinsetzte und strich ihm mit nachdenklichem Blick über die Wange. Und wieder nickte der Ältere.

„War vielleicht doch alles n bisschen stressig…“, murmelte und rieb sich abermals das Gesicht, ehe er selber nach einer Antwort suchte, was vorhin mit ihm geschehen war.

„Das war grad so, als wär… da irgendwas von mir abgefallen, als ich dich in der Küche gesehen hab. Mit dem Frühstück für mich und dass du dich um mich kümmern wolltest, anstatt dass wir nur wieder drauf gewartet haben, wann der nächste Streit kommt…“, überlegte er laut und dieses Mal nickte Dominik.

„Oder dass jeder sich in seinem Bereich der Wohnung verschanzt…“, ergänzte er und lächelte leicht, als Frido mit einen „Ja“ antwortete und den Kopf zu ihm drehte.

„Deswegen hatte ich auch vorgeschlagen, dass wir mal wieder zusammen ins Wohnzimmer gehen. Ich glaub, hier warst du jetzt schon ewig nicht mehr drin, oder?“, fragte der Lockenkopf dann und schmiegte sich für eine kurze Umarmung an Frido, während der den Kopf auf Dominiks Schulter legte und dabei den Blick durch den Raum wandern ließ. Erst noch etwas benommen und dann immer klarer betrachtete er die Leinwände und Zettel, die überall im Zimmer verteilt lagen und standen. Einige abstrakt und nur mit einer oder zwei Farben und undefinierbaren Strichen und Formen versehen. Andere fein und detailliert ausgearbeitet. Manche eine Mischung aus beidem, aus verschiedenen Materialien und Themen. Andere strikt und fast schon pedantisch gehalten. Ein Landschaftsaquarell neben einem Acrylbild, das nicht erahnen ließ, wo oben und unten war. Ein Portrait, das Stunden der Arbeit verriet neben einer Collage aus Zeitschriftenschnipseln und Farbtupfern, die gefühlt keine zehn Minuten zur Anfertigung gebraucht hatte. Gemälde, die Dominik eindeutig mit seiner rechten Hand gemalt hatte und Zeichnungen, bei denen die Linke am Werke gewesen war.

„Das hast du alles in den letzten Wochen gemacht?“, murmelte Frido ungläubig und hob die Augenbrauen, als ein Blick zur anderen Seite des Raums noch mehr Bilder freigab. Jetzt wusste er auch, was der Jüngere die ganze Zeit in diesem Zimmer getrieben hatte.

„Ich hab ein bisschen was ausprobiert…“, meinte der mit einer gewissen Bescheidenheit und musste doch schmunzeln als Frido antwortete: „Bisschen was ist gut…“. Bei diesem Anblick wunderte er sich ja, dass er der Erschöpfte von ihnen beiden war und nicht Dominik das Nickerchen gebraucht hatte.

„Möchtest du sie dir angucken und ein bisschen was darüber erfahren?“, schien er zu ahnen, welche Fragen in Fridos Kopf aufploppten und lächelte, als der ohne zu zögern nickte.

„Okay… Aber iss erst mal was, ja?“, strich Dominik ihm dann über die Brust und reichte ihm die Müslischale, ehe er für einen Moment aus dem Zimmer verschwand und dann mit Fridos gemütlichstem Pullover und Jogginghose zurückkehrte.

„Was ist denn das für ein Service?“, schmunzelte der Ältere, während er sein Essen genoss und hob bei Dominiks Antwort verwundert die Augenbrauen.

„Du kümmerst dich immer um alle anderen und ich möchte mich auch mal um dich kümmern“, meinte er und schmiegte sich an Frido, als wäre ihm die letzten Stunden über noch so einiges bewusst und klar geworden – nicht nur, wie kostbar sein Partner ihm war. Der Ältere aber hatte da eine etwas andere Vermutung.

„Sag mal, hast du mit Juli gesprochen?“, argwöhnte er und musterte Dominik skeptisch, als der ihn irritiert anschaute.

„Nein, wir haben uns schon ne Weile nicht mehr gesehen… Wieso? Hat sie das etwa auch gesagt?“, fragte er, aber Frido machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Irgendwann mal so was in der Art… Egal, ist schon ewig her“, murmelte er und beschäftigte sich schnell wieder mit seinem Müsli, um dann inne zu halten und hart zu schlucken, als er Dominiks folgende Worte hörte.

„Frido, ich hab dich die halbe Nacht beim Schlafen angeschaut und du hast nicht mal gemerkt, dass das Licht an war… Dir gehts im Moment nicht gut, das hab ich gesehen und wir wissen beide, woran das liegt. Du hast… meinetwegen viel durchgemacht und ich will dir einfach was zurückgeben. Nur, weil du der Ältere von uns beiden bist und von der Statur her größer und kräftiger bist, heißt das nicht, dass du alles allein schultern musst. Also sag mir, was du brauchst, damit ich dich genauso unterstützen kann wie du mich und falls ich mich noch mal zu sehr zurückziehe, dann sag mir das auch, damit es mir wieder bewusst wird“, schaute er Frido ernst und doch liebevoll an, um dann die Arme um ihn zu legen, als seine starke Schulter sich nach kurzem Zögern gegen ihn lehnte und an ihn klammerte.

5.10.2024: buchen

Buch – ein Wort mit vier Buchstaben und mindestens drei Bedeutungen. Es konnte in Wörtern wie buchen oder verbuchen auftauchen, aber auch für ein Werk aus digitalen oder analogen Seiten stehen. Manchmal waren diese Seiten bereits mit Inhalt gefüllt und manchmal dazu gedacht, sie selber mit Gedanken, Bildern und Texten zu versehen. Und manchmal konnte Buch auch für eine Aufforderung stehen. So zum Beispiel im Hause Klimlau und Preuss. Denn wenn Dominik diesen einen bestimmten Blick auflegte und deutlich wurde, dass ihm wieder etwas quer ging, war Buch inzwischen zu dem Codewort der Beiden geworden. Dann zog er sich ins Wohnzimmer zurück, ließ seinen Frust in Texten – oder mitunter auch Malereien und Zeichnungen – ab und gleichzeitig wusste Frido, dass der Lockenkopf nach dieser kleinen Auszeit ins Gespräch zurückkehren würde und er wieder normal mit ihm reden konnte. Zusätzlich wusste er in solchen Fällen sofort, dass Dominik gerade im Grunde nicht von ihm genervt war, sondern andere Dinge hatte, die ihn störten. Buch sorgte also nicht für bessere Laune, sondern war auch zu einem Weg geworden, das ganze Thema besser zu händeln – manchmal ebenso für Frido. Denn auch wenn sein Freund inzwischen meist selbst sehr gut spürte, wann es Zeit für ihn war, sich zurückzuziehen, gab es natürlich auch mal die Situationen, in denen Frido es als Erster erkannte. Dann genügte ein kurzes „Dominik? Buch!“ mitsamt auffordernder Geste und selbst wenn Dominiks Blick davon im ersten Moment noch fuchtiger wurde, trollte er sich für gewöhnlich trotzdem ohne weitere Diskussion zu seiner Kladde. Das waren dann auch immer die Augenblicke, die Frido trotz der dicken Luft zum Schmunzeln brachten, weil er sich ein bisschen vorkam, als würde er sein Haustier erziehen. Da konnte er es sich manchmal auch nicht verkneifen, Dominik bei dessen Rückkehr mit einem „brav“ zu loben, für das er für gewöhnlich zwar zunächst einen unterkühlten Blick kassierte, dann aber doch herzlich mit seinem Freund darüber lachen konnte. Ja, es war ein Arrangement, das nach außen hin vielleicht seltsam wirkte, für sie beide aber funktionierte. Denn zumeist half dieser kleine Zwischenstopp dabei, dass die Beiden sich im Anschluss umso besser unterhalten konnten. Dominik konnte sich dann ohne übersprudelnde Emotionen zu seinen Gefühlen und Gedanken äußern, sie viel klarer benennen und die aufkommenden Erkenntnisse halfen Frido nicht nur dabei, seinen Freund besser zu verstehen, sondern lieferten ihm manches Mal auch eigene Denkanstöße. Und wenn der Auslöser für die dicke Luft wirklich mal direkt zwischen ihnen zu finden war, schafften sie es inzwischen auch, sachlicher und konstruktiver darüber zu sprechen, statt nur ihre verletzten Gefühle zu sehen. Das wurde auch generell zu einem sehr wichtigen Punkt in ihrem Miteinander: miteinander sprechen. Sie achteten beide darauf, dass sie nicht nur den Alltag vor sich hinplätschern ließen, sondern dabei auch immer wieder bewusst in den Austausch gingen. Meistens ergab sich das zwar von selbst, aber wenn ihre Terminkalender und To-Do-Listen sehr voll waren, planten sie notfalls auch eigene kleine Pausen dafür ein. Und wenn es die wortwörtlichen Pausen in der Uni waren, in denen Dominik dann zu Frido ins Büro ging, sie gemeinsam aßen und redeten. Oder dass sie sich nach einem langen Arbeitstag auch mal trauten, die Uni im Schutze der Dunkelheit gemeinsam in Fridos Wagen zu verlassen, um nicht wieder unnötige Zeit mit Versteckspielchen und Umwegen zu verplempern.

Aber in seltenen Fällen halfen selbst diese kleinen eingespielten Muster und Abläufe nicht. Dann war Dominik vielleicht in der Pause schon muffelig und saß zuhause über eine Stunde an seinem Notizbuch, ohne dass sich an seiner Laune großartig etwas änderte. Vielleicht konnte er dann zwar zumindest etwas klarer benennen, was ihn gerade störte, aber trotzdem blieb er so auf Krawall gebürstet, dass nur noch ein anderes Schlagwort half, um einen unnötigen Streit zwischen ihnen zu vermeiden: Sandsack. Wenn das passierte, lag der Lockenkopf Frido schon auf dem Weg zum Fitnessstudio über das in den Ohren, was ihn ärgerte und beschwerte sich teilweise auch noch darüber, während er den armen Boxsack in die Mangel nahm. Doch spätestens dann wurde er immer ruhiger, wenn er Schlag um Schlag verteilte und schließlich irgendwann erschöpft auf den Boden sank. Dann konnte er endlich wieder durchatmen und zufrieden lächeln, wenn Frido nach der Zeit des stillen Beobachtens oder einer eigenen kleinen Sporteinheit zu ihm ging und ihm aus den Handschuhen half.

„Besser?“, fragte der Ältere dann meist und schmunzelte, wenn sein Freund mit einem „Besser“ antwortete.

„Brav!“, ließ er dann gern mal wieder fallen und hob beschwichtigend die Hände, wenn seine Kratzbürste spielerisch andeutete, ihm auch noch einen kleinen Haken zu verpassen. Und dann kam der Teil, den sie am meisten genossen: Dass sie wieder gemeinsam lachen konnten; über ihre Blödeleien, über die teils unwichtigen Dinge, denen Dominik vorher noch so viel Bedeutung beigemessen hatte und über den einen oder anderen irritierten Blick, den ihr Gegacker mit sich brachte. Genauso konnten sie aber auch über die lobenden Worte schmunzeln, die Dominik hier und da nach so einer zusätzlichen Trainingseinheit von anderen boxaffinen bekam. Denn das machte ihnen eine Sache wieder ganz besonders bewusst: Auch, wenn Dominik mittlerweile regelmäßig mit zum Sport ging und seine positiven Effekte für sich nutzen konnte, reichte das hin und wieder eben doch nicht aus – aber sie kannten beide inzwischen die nötigen Mittel und Wege, um dann auf diese Situationen zu reagieren und wurden dabei zunehmend zu einem eingespielten Team, das nicht mehr nur die Liebe zur Kunst oder die körperliche Nähe verband.

6.10.2024: entdecken

„So, wir sehen uns übermorgen wieder. Ich wünsch Ihnen noch einen schönen Tag!“, schloss Frido an diesem Montagmorgen seine ersten beiden Stunden ab, um sich dann nach einer kurzen Frage-Antwort-Runde mit zwei Studenten auf den Weg in seine Freistunde zu begeben. Gut gelaunt und beschwingten Schrittes lief er dabei durch die Flure im Erdgeschoss, grüßte entgegenkommende Studenten oder Dozenten mit einem Nicken oder kurzen „Hallo“ und steuerte das Treppenhaus im nahegelegenen Foyer an. Dabei führte ihn der Weg auch an ein paar Sitzgelegenheiten vorbei und das Grüppchen Studenten, das sich dort gerade niederließ, brachte ihn schon von weitem zum Schmunzeln. Wie war das damals noch gleich gewesen, als Dominik am ersten Tag nach seinen Ausstellungsbesuchen aus der Uni heim gekommen war? Regelrecht überwältigt hatte ihn, dass Niko auch auf dem Campus zu ihm hingegangen war, um ihn mit zu seiner Clique zu nehmen, die nicht nur aus Tessa und Studenten ihrer beiden Semester bestand, sondern der auch zwei, drei Leute aus Dominiks Kurs angehörten. Überrascht hatte er damals festgestellt, dass diese Kommilitonen wohl nur deshalb bisher so wenig Kontakt zu ihm gesucht hatten, weil sie von seinem zurückhaltenden Verhalten her dachten, dass seinerseits kein Interesse daran bestünde. Und nun, einige Wochen später, war er so selbstverständlich Teil dieser Ansammlung, als hätte er schon immer dazugehört.

„Morgen, Herr Klimlau!“, riefen einige von ihnen, während andere nickten oder die Hand hoben, als ihr Dozent an ihnen vorbeilief und sie ebenfalls mit einem kurzen Wort grüßte.

„Mensch, ich freu mich drauf, dass ich jetzt bald fertig bin, aber der Unterricht bei ihm wird mir tatsächlich ein bisschen fehlen. Hat immer viel Spaß gemacht!“, hörte er Tessa zu einer Kommilitonin sagen und konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen, während er die Tür zum Treppenhaus aufschob und darin verschwand. Was er dadurch allerdings nicht mehr mitbekam, war, dass nicht nur er eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich zog. Denn Niko, der neben Dominik saß, hatte etwas entdeckt, das ihm offenkundig nicht so recht gefiel.

„Ey, der Fanclub ist da hinten“, murmelte er und stieß Dominik mit dem Ellenbogen an, während dessen Blick noch immer auf die zufallende Tür des Treppenhauses gerichtet war.

„Hm?“, schaute der Lockenkopf seinen Kommilitonen an, ohne dabei das Grinsen aus dem Gesicht zu nehmen, das er seit Fridos Erscheinen trug. Niko seufzte aus und schüttelte den Kopf.

„Nix für ungut, aber so, wie du ihn grad angeschmachtet hast, könnte man meinen, dass du auch auf ihn abfährst“, tuschelte er so leise wie möglich, um nicht die Ohren aller anderen Anwesenden auf ihr Gespräch zu ziehen. Dominiks Grinsen wurde davon allerdings nicht weniger, sondern höchstens ein wenig verlegen und Niko entglitten langsam die Gesichtszüge. Er fasste den Lockenkopf am Arm und zog ihn unauffällig ein Stück mit sich in den Flur, um sich dann mit einem „Ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“ vor ihn zu stellen. Dominik aber zuckte leicht die Schultern und schob die Hände in die Hosentaschen.

„Soll ich dir was sagen?“, meinte er und warf dabei einen Blick über den Flur, ehe er mit der Sprache vollends rauskam.

„Ich bin total in ihn verschossen“, gab er ohne lange Umschweife zu, wohingegen Niko ihn ungläubig anguckte, ehe er die Stirn runzelte und den Kopf schüttelte.

„Sag mal, findest du das nicht etwas unpassend?“, meinte er und schüttelte abermals den Kopf, als Dominik ihm versprach, ihn jetzt nicht pausenlos von Frido vorzuschwärmen.

„Darum gehts mir nicht. Zugegeben, mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit etwas offener geworden bist und auch mal ein bisschen was von dir erzählst, aber ich geh trotzdem nicht davon aus, dass du jetzt plötzlich nur noch über deine Schwärmereien redest. Das würd mich bei dir dann doch stark wundern…“, sagte Niko, um dann auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen zu kommen.

„Nein, ich mein, dass inzwischen ja selbst bei mir die Info angekommen ist, dass er Frau und Tochter hat. Sogar die vom Fanclub halten sich mittlerweile mehr oder weniger zurück und… sagtest du nicht eigentlich, dass es mit deinem Freund gut läuft? Setz doch für so einen Quatsch nicht deine Beziehung aufs Spiel“, sagte er eindringlich und seufzte, als er erkennen musste, dass Dominik trotz seines Nickens die genannten Bedenken offenbar nur halbherzig wahrnahm.

„Ja, hast ja recht..“, meinte er lapidar und konnte mit dem Schmunzeln doch erst aufhören, als Niko das Gesicht entglitt und ein „Oh nein…“ über seine Lippen glitt. Der Lockenkopf schaute ihn fragend an und musste nun wirklich an sich halten, das kleine Geheimnis nicht zu teilen, als er entdeckte, wie besorgt sein neuer Freund um ihn war.

„Das ist nicht nur ne kleine Schwärmerei… Du bist richtig in ihn verknallt, oder?“, sagte er nämlich fast schon mitleidig und legte Dominik die Hand auf die Schulter, um dann wieder den Kopf zu schütteln.

„Ey, Dom, verrenn dich da nicht in irgendwas! Am Ende gehst du noch mit nem gebrochenen Herzen da raus“, meinte er und Dominik konnte nicht abstreiten, dass er von Nikos Verhalten ehrlich gerührt war. Wenn er es ihm doch nur einfach hätte erzählen können… Es war gar nicht so leicht, einerseits mehr zu sich zu stehen und andererseits so einen wichtigen Teil seines Lebens derart geheim zu halten.

„Ja, stimmt schon… Ich pass auf mich auf. Aber hey, Danke und so, ja?“, knuffte er seinen Kumpel darum leicht auf die Brust und zeigte sich etwas geläuterter, um Niko wenige Momente später dann aber doch wieder ein Kopfschütteln abzuringen. Während der sich nämlich wieder zu den anderen setzte, griff Dominik seine Sachen und meinte, dass er noch kurz was mit ihrem Dozenten besprechen müsse.

„Ist wirklich nur was für die Uni“, beschwor er Niko, der davon allerdings wenig überzeugt schien.

„Ja, bis später…“, antwortete er zwar, aber seine Tonlage verriet, dass er eher ein „Du rennst mit offenen Augen ins Verderben“ im Sinn gehabt hatte. Aber zumindest beendete er das Thema damit und trat es, wie Dominik seinen Kumpel einschätzte, nicht noch hinter seinem Rücken breit. Also achtete er beim Verlassen des Foyers nur darauf, nicht allzu übermütig dem Objekt seiner Begierde nachzuhoppeln, um weiteren Unterhaltungen dieser Art künftig aus dem Weg zu gehen. Doch zum Glück musste er Frido gegenüber dann nicht mehr so zurückhaltend sein.

„Ich glaub, ich bin untervögelt“, lautete seine Begrüßung, als er nur Augenblicke später dessen Büro betrat und der irritierte Blick seines Gegenübers machte es dem Jüngeren nicht unbedingt leichter, sich das schelmische Grinsen zu verkneifen.

„Dir auch Hallo“, nahm Frido seine Brille ab und legte die Unterlagen nieder, die er gerade studierte, während Dominik die Tür schloss und sich mit solchen Lappalien wie einer Begrüßung gar nicht weiter aufhielt.

„Das ist doch Absicht, dass du heute in diesem hautengen Fummel rumrennst, oder?“, stellte er Skateboard und Rucksack neben der Tür ab und schlenderte zu Frido hinüber, wobei „Fummel“ seine Umschreibung für dessen Figur betonenden Rollkragenpullover war.

„Ähm… eigentlich trag ich den, weil ein gewisser jemand aktuell so mit seinen Semesterarbeiten beschäftigt ist, dass er die Wäsche vergessen hat und ich da am Wochenende auch nicht mehr nach geguckt hab. Meine Hemden sind grad alle reif für die Waschmaschine“, grinste der Dozent schief, während er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und Dominik auf seinem Schreibtisch Platz nahm.

„Tja und ich hab dich deswegen wohl vorhin so lüstern angeguckt, dass Niko mich sogar drauf angesprochen hat und jetzt weiß, dass ich ziemlich in dich verschossen bin“, schmunzelte der und lachte auf, als Frido doch etwas verwunderter die Augenbrauen hob. Dominik machte aber eine wegwerfende Handbewegung.

„Keine Sorge, ich hab ihm nicht zu viel erzählt. Er denkt jetzt nur, dass ich einer von deinen Groupies wäre. Aber ich frag mich grad echt, wie ich dir gleich im Kurs zuhören soll, wenn du so aussiehst. Du weißt, dass du mir in dem Pullover sogar noch besser als in deinen Hemden gefällst“, ließ er die Beine baumeln und legte den Kopf schief, während er Frido ungeniert musterte und feststellte, dass auch dessen Hose heute wieder einmal tiptop saß. Der Ältere fand das hingegen recht amüsant.

„Und bei dir ist es Zufall, dass du heute diesen neckischen Haarreifen trägst und man damit einerseits dein hübsches Gesicht ungehindert betrachten kann und es andererseits immer noch von deiner Mähne, ja, regelrecht umrahmt wird?“, beugte er sich vor, um mit einer von Dominiks Strähnen zu spielen, die dem inzwischen sogar schon etwas über die Schultern reichten. Dabei bedeckten sie diese nicht nur, sondern wippten auch leicht mit, wenn er sie hob und senkte.

„Eigentlich hab ich den nur drin, weil ich mein Haargummi heute Morgen nicht gefunden hab und mir dann nur noch Julis kleines Juxgeschenk von neulich blieb, damit mir die Zotteln nicht ständig im Weg hängen. Die müssen echt dringend mal wieder ab, aber wie du vorhin schon so schön sagtest: Die Semesterarbeiten...“, lehnte Dominik sich dem Älteren ebenfalls entgegen, bis ihre Gesichter nicht mehr weit voneinander entfernt waren.

„Wir haben in den letzten Wochen echt viel an unserer Beziehung gearbeitet und viel geredet…“, gab Frido mit einem Murmeln zu bedenken, woraufhin Dominik nickte.

„Ja… geredet und geredet und geredet… und brav die Finger bei uns gehalten, um nicht schon wieder alles zu überstürzen und uns erst mal auf die wichtigeren Dinge zu konzentrieren...“, stimmte er zu, während er die Hand auf Fridos Wange legte und mit dem Daumen über seine Lippen fuhr.

„Das war wirklich vorbildlich von uns, findest du nicht?“, fragte der und beide mussten Schmunzeln, als Dominik nickte.

„Stimmt. Aber ich glaub, so langsam ist uns beiden mal wieder danach, uns einfach nur wie verknallte Teenies zu benehmen, oder? Ich würd deinen Körper jedenfalls gern mal wieder ein bisschen mehr entdecken und in Action sehen, ohne, dass er dabei grad irgendwelche Gewichte stemmt“, flüsterte er und kicherte, als Frido zu bedenken gab, dass die Erwachsenen oft noch schlimmer als die Teenies seien, ehe er dann abrupt von seinem Stuhl aufstand und von Dominik fragend angeschaut wurde.

„Das ist die absolute Ausnahme, verstanden? Weil… ich mich sonst nach dieser Unterhaltung wohl auch nicht mehr auf den Unterricht konzentrieren kann. Künftig bleiben wir in der Uni wieder schön gesittet!“, sagte er mit dem nötigen Nachdruck eines Dozenten und eilte dann doch wie ein frisch Verknallter zur Tür, um sie abzuschließen, ehe noch irgendjemand dazwischenfunken konnte. Dominik starrte ihm dabei ungläubig nach.

„Wirklich?“, fing er erst an zu lachen und biss sich dann auf die Lippen, als Frido mit süffisantem Grinsen zum Fenster ging und die Rollos schloss.

„Du hast doch auch grad Freistunde, oder?“, fragte er, aber da stand Dominik auch schon bei ihm und zog ihn zur Antwort an sich.
 

„Ich finde, diese Belohnung haben wir uns redlich verdient“, murmelte Frido mit einem zufriedenen Lächeln, als sie nach einer ausgiebigen Kuscheleinheit aneinander geschmiegt auf der Couch lagen und die letzten freien Minuten genossen, ehe der Unialltag wieder nach ihnen rief.

„Absolut“, pflichtete Dominik ihm bei und amüsierte sich noch immer darüber, wie gut sie es doch geschafft hatten, sich zu zweit auf das eigentlich viel zu kleine Möbelstück zu flätzen, ohne dabei vom Sofa zu fallen.

„Können wir nicht einfach die nächste Stunde schwänzen?“, schlug er vor, weil es gerade so gemütlich war und brummte ein wenig, als nicht nur Frido – als vorbildlicher Dozent, der er war – diesen Vorschlag ablehnen musste, sondern auch noch sein Handy bimmelte.

„Tja, das war dann wohl ein Zeichen“, schmunzelte Frido, während sein Freund nach seiner Hose fischte und kraulte ihm solange den Rücken, bis Dominik sich aufsetzte.

„Oh“, entdeckte er mit einiger Überraschung, wer sich da bei ihm meldete und grinste zu Frido, während er den Anruf entgegen nahm.

„Hi, Mama. Sorry, ich weiß, ich hab mich schon wieder ewig nicht gemeldet. Wie gehts euch?“, fragte er noch locker flockig, doch dann konnte Frido ihm regelrecht dabei zusehen, wie die Freude langsam aus seinem Gesicht verschwand. Erst schaute er Frido dabei noch an, aber dann wendete er sich langsam ab, während der Ältere sich fragenden Blickes aufsetzte und seinen Freund beobachtete. Seine Mundwinkel sackten hinab, seine Augenbrauen zuckten, dann kniff er sie zusammen, um sie kurz drauf hoch zu ziehen und dann wieder zusammenzukneifen.

„Was?“, flüsterte er dabei ungläubig und schüttelte den Kopf, um dann schnell zu ergänzen „Nein, ich… ich habs verstanden…“ und „Ja, okay…“. Was seine Mutter sagte, konnte Frido nicht verstehen, dafür aber das leise „Danke“, ehe Dominik das Smartphone allmählich sacken ließ und den Anruf beendete.

„Hey, was ist los?“, fragte Frido behutsam, aber sein Freund reagierte gar nicht. Er schaute nur zu Boden und ließ dabei die Augen in kleinen Bewegungen wandern, als müsse er erst verarbeiten, was er gerade gehört hatte.

„Ich muss nach hause…“, murmelte er dann plötzlich und stand auf, um sich in seine Klamotten zu wühlen und schien Frido erst wieder wahrzunehmen, als der ihn am Arm fasste.

„Dominik, was ist passiert?“, versuchte er noch einmal zu ihm durchzudringen und musste schlucken, als er dessen Antwort hörte.

„Mein Onkel hatte einen Herzinfarkt“, war seine Stimme mit einem Mal nicht mehr viel mehr als ein Flüstern und wurde zu einem Wimmern, als er sagte, dass er sofort ins Krankenhaus müsse.

„Ich fahr dich“, ließ Frido keine Zweifel und schnappte sich sofort seine Klamotten, aber Dominik schüttelte den Kopf.

„Geht schon… du musst in den Unterricht“, murmelte er und schaute sich dann suchend im Raum um, bis er merkte, dass er das Smartphone ja noch immer in der Hand hielt.

„Der Bus fährt jede halbe Stunde. Ich muss nur gucken, wann der nächste…“, fing er fahrig an, auf dem Display herumzuwischen, um dann aufzuschluchzen.

„Onkel Jannis… Du weißt schon, der, der mich auch manchmal Nicki nennt... Ich wollte ihn eigentlich schon längst mal wieder besucht haben!“, presste er sich eine Hand auf den Mund, während die andere so stark zitterte, dass er unmöglich noch etwas auf dem Handy erkennen konnte. Frido aber zögerte nicht lange.

„Manfred?“, hatte er sein Smartphone ebenfalls längst gegriffen und bereits die Nummer eines Kollegen gewählt.

„Du, ich muss einen Studenten ins Krankenhaus bringen. Kannst du meinen restlichen Kursen bitte sagen, dass der Unterricht heut ausfällt?… Was? Ja, noch besser! Danke! Ich meld mich, wenn wir zurück sind“, verlor er keine Zeit, als der Angerufene sich meldete und richtete unterdessen seine restliche Kleidung. Er sorgte dafür, dass Dominik nicht halb angezogen aus seinem Büro stürmte und trug sogar das Board, während der Jüngere sich an Rucksack und Smartphone krallte. Sein verstörter Gesichtsausdruck sprach Bände und wenn das nicht gereicht hätte, ließ spätestens Fridos Blick keinen Zweifel daran, dass gerade nicht die Zeit war, um sie wegen irgendwelcher Kinkerlitzchen aufzuhalten. Also brachte er seinen Freund auf schnellstem Wege und ungeachtet einiger fragender Blicke zum Auto, ließ sich erklären, wie er zum Krankenhaus kam und fuhr ihn zügig, aber doch aufmerksam dorthin.

„Ich wart da hinten auf dem Parkplatz“, sagte er nach etwas über einer halben Stunde, während er vor den Eingang der Klinik fuhr und Dominik bereits aus dem Wagen sprang, ehe der richtig zum Stehen gekommen war. Er sah noch, wie sein Freund in die Eingangshalle rannte und nach einem kurzen Gespräch am Informationsschalter weiter ins Gebäude eilte und dann begann für Frido der wohl schwierigste Part: Das Warten. Einerseits überlegte er zwar, ob er Dominik nicht besser unterstützen konnte, wenn er mit ihm reingegangen wäre, aber andererseits wusste er ja auch um das schwierige Verhältnis zu seinem Vater. Und da jener Onkel dessen Bruder war, standen die Chancen hoch, dass Vater und Sohn im Krankenhaus aufeinandertreffen würden – und ob es da von Vorteil wäre, ausgerechnet Hand in Hand mit Dominik dort aufzukreuzen? Wohl eher nicht. Also vertrieb Frido sich erst die Zeit mit einem kleinen Spaziergang über den Parkplatz, bei dem er auch zwei Firmenwagen erblickte, deren Aufschriften verdächtig nach Dominiks Familie klangen und sich dann wieder ins Auto setzte, um dort zu warten, bis er seinen Freund nach über einer Stunde endlich zurückkommen sah. Wenig überraschend war er aufgelöst, aber umso verwunderter entdeckte Frido, dass er nicht allein zum Parkplatz kam. Die Frau bei ihm erkannte er sofort und bei den drei Männern konnte er sich nur allzu gut denken, wer sie waren. Besonders beim Ältesten der Drei. Obwohl er nie ein Bild von Dominiks Vater gesehen hatte, strahlten allein schon seine Körperhaltung und sein Blick all das aus, was Frido sich bei Dominiks Erzählungen immer vorgestellt hatte. Er war reserviert, streng und verzog nicht einmal eine Miene, während seine anderen beiden Söhne den Jüngsten leicht tätschelten oder ihm die Haare etwas verwuschelten. Es waren Geschwister, die sich lange nicht gesehen hatten und trotz der Tragik ihres Zusammentreffens versuchten, einander und sich selbst einen Hauch von Leichtigkeit zu schenken, ehe ihnen die ganze Dramatik der Situation wieder den Boden unter den Füßen wegriss. Der Mutter fiel das offensichtlich schwerer. Ihr war anzusehen, dass sie über Dominiks Erscheinen froh war, aber sie tupfte sich auch unablässig die Augen trocken, während ihre beiden älteren Söhne tapfer gegen die Tränen ankämpften. Sie kamen wohl nicht nur von der breiteren Statur und der Arbeitsmontur her mehr auf den Vater heraus. Kurz blieben sie auf dem Parkplatz stehen und Frido konnte sehen, wie die Mutter etwas zu ihrem Jüngsten sagte, das er mit einem Nicken und offensichtlichem „Okay“ beantwortete. Dann aber schüttelte er leicht den Kopf, sagte noch etwas, das Frido nicht einzuordnen wusste und machte eine fahrige Bewegung in die Umgebung. Hatte seine Mutter sich vielleicht erkundigt, wie er wieder nach hause käme? Gut möglich, denn kaum war Dominiks Antwort gefallen, schien das für seinen Vater der Anstoß, weiterzugehen und seinen Wagen anzusteuern, während die restliche Familie den Lockenkopf wenigstens noch mit einer kurzen Umarmung verabschiedete, ehe sie dem Oberhaupt folgten. Und damit war auch für Frido der Zeitpunkt gekommen, um nicht länger im Wagen sitzen zu bleiben. Er überließ es zwar Dominik, ob der sofort wieder in seine Arme kommen oder warten wollte, bis die Autos seiner Eltern und Brüder weggefahren waren, aber zumindest sollte er schon mal sehen, wo der Ältere sich gerade befand. Und welche Erleichterung seine Anwesenheit für Dominik war, spürte er nur Augenblicke später. Denn kaum hatte der Jüngere ihn erblickt, hielt ihn nichts mehr an seinem Platz. Es schien nur noch die starke Brust seines Freundes zu geben, an die er sich drücken wollte, ehe die nächste Welle an Tränen ihn übermannte. Ein flaues Gefühl schlich sich dabei in Fridos Magengegend, aber dem wollte er sich nicht einfach hingeben.

„Hey… Und? Kommt er wieder auf die Beine?“, klammerte er sich stattdessen an diesen kleinen Hauch von Hoffnung, der noch in ihm war, doch der wurde nicht nur von Dominiks Kopfschütteln zerschmettert, sondern erst recht von seinem „Ich konnt mich nicht mal mehr richtig verabschieden“.
 

Für diesen Tag waren das die letzten Worte, die Frido aus Dominiks Mund zu hören bekam. Danach hüllte er sich nur noch in Schweigen oder Schluchzen, ließ sich gleichgültig nach hause fahren, aß widerwillig ein paar kleine Happen und fand in der Nacht scheinbar nicht einen Moment Ruhe. Zumindest lag er jedes Mal, wenn Frido aufwachte, mit tränennassen Augen da und starrte auf die kleine Lampe auf der Schlafzimmerkommode, die sie angelassen hatten, weil Dominik die Dunkelheit nicht ertrug. Am nächsten Tag erfuhren sie nicht nur, dass die Beerdigung bereits am Freitag derselben Woche stattfinden würde, sondern Dominik begann auch wieder, etwas mehr zu reden – nur, um sich dabei Vorwürfe zu machen, dass er sich bei seinem Onkel solange nicht mehr gemeldet hatte, obwohl er immer gern bei ihm gewesen war. Er hatte ein Treffen immer wieder vorgehabt und dann doch Gründe gefunden, es nicht zu tun.

Zur Arbeit und in die Uni schleppte er sich in den kommenden Tagen zwar, aber dabei war er immer ein Schatten seiner selbst, während Frido sein Bestes gab, um sich nichts von seiner Verwicklung in die ganze Angelegenheit anmerken zu lassen. Schwierig war das vor allem, als er sich eine Ausrede einfallen lassen musste, um am Tag der Beerdigung frei zu bekommen – also schob er kurzerhand einen Arttermin vor. Denn eins war für ihn klar: Selbst, wenn Dominik ihn bei der Trauerfeier vielleicht nicht dabei haben wollte, bestand er darauf, ihn wenigstens zu fahren. Und so kam es dann auch.

„Er hatte viele Freunde und Bekannte… war in mehreren Vereinen und ich denke, da werden auch Kunden aus dem Geschäft bei sein, die in noch von früher kennen. Ich kann da nicht einfach mit meinem Freund aufkreuzen. Das würd n riesen Theater geben“, meinte Dominik nach tagelanger Überlegung, als sie auf dem Parkplatz des Friedhofs standen und er seine Entscheidung fällen musste.

„Okay. Falls irgendwas ist, hast du ja meine Nummer und ich bin sofort bei dir. Ich vertret mir in der Zwischenzeit einfach ein bisschen die Beine und schau mir den Friedhof an“, fasste Frido seine Hand und küsste sie, um Dominik dann ein leichtes Lächeln zu schenken, als der nickte. Heute trug er die Haare nicht keck zurückgesteckt, sondern einfach nur ins Haargummi gepfercht. Und das wohl auch nur, weil er nicht damit negativ auffallen wollte, dass er sie wie einen Schleier vom Gesicht trug. Also musste er irgendwie erhobenen Hauptes zur Trauerhalle gehen und versuchen, die Trauerfeier zu überstehen, ohne dabei das heulende Häufchen Elend in der letzten Reihe zu sein. Denn weiter als dorthin traute er sich schon nicht mehr, nachdem Frido mit Betreten des Friedhofs eine andere Richtung eingeschlagen hatte und nun vollends aus seinem Sichtfeld verschwunden war. Zu erschlagend war die Menge an Menschen, die bereits die Bänke besetzten und die ihn alle angeschaut hätten, wenn er nun bis nach vorn zu seiner Familie gegangen wäre. Und was hätten die wohl alle von ihm gedacht? Er wusste doch, wie wichtig seinem Vater das Ansehen der Familie und der Firma war und da sollte er sich als schwarzes Schaf einfach so dazu gesellen? Auf keinen Fall! Er wollte zwar an der Beerdigung teilnehmen, aber dabei wollte er so unauffällig wie möglich bleiben. Also machte er sich so klein und unscheinbar, wie er konnte. Nur hatte er bei all dem eine Sache nicht bedacht: Dass der Trauerzug ja auf dem Weg zum Grab an ihm vorbei musste. Und da quälte er sich nun die ganze Messe über durch Anekdoten und Erinnerungen an seinen Onkel, durch Orgelklänge, die ihm durch Mark und Bein gingen, als wollten sie ihn für seinen Rückzug von der Familie an den Pranger stellen, um dann festzustellen, wie sich doch alle Augen auf ihn richteten. Oder zumindest viele. Denn natürlich wurde er erkannt; von manchen überrascht, von manchen kritisch. Sein eigener Vater runzelte die Stirn, als er im Trauerzug an ihm vorbeikam und schüttelte sogar leicht den Kopf. Waren es die langen Haare, die ihn störten? Dass Dominik im Gegensatz zu Vater und Brüdern keinen Anzug trug, weil er einfach nie einen besessen hatte und ihm auch das Geld fehlte, um sich nun extra einen zu kaufen? Seine Brüder gingen ausdruckslos in Begleitung ihrer Freundinnen an ihm vorbei und nur seine Mutter streckte kurz die Hand nach ihm aus. Doch er war wie festgewachsen und konnte sich nicht von ihr mitziehen lassen. Also blieb er an Ort und Stelle stehen, bis sich die vorderen Reihen zunehmend lichteten und nur noch eine handvoll Menschen fehlten, die sich allmählich auch noch in den Leichenzug einreihten. Erst dann schloss auch er sich an und bereute mit jedem Schritt mehr, dass er Fridos Hand jetzt nicht in seiner spürte. Er fühlte sich so einsam und verlassen ohne ihn, dass er sogar stehen blieb, als er seinen Freund einige Gräberreihen entfernt vor dem riesigen Denkmal einer Familiengruft stehen und dessen kunstvolle Ausarbeitung betrachten sah.

Hatte er seinen Lockenkopf trotz der Entfernung bemerkt oder den Trauerzug ohnehin die ganze Zeit über unauffällig im Blick behalten? Denn so oder so drehte er sich jetzt offen in Dominiks Richtung und ging auf ihn zu, als der keine Anstalten machte, die letzten Meter bis zum Grab hinter sich zu bringen. Erst mit Frido bei sich fand er die Kraft dazu, auch, wenn er nicht den Mut hatte, bis ganz nach vorn zu treten. Nein, stattdessen stellte er sich in der hintersten Reihe auf und so versteckt, dass sie nicht auffielen, während vorne die letzten Worte an den Verstorbenen gesprochen wurden und sich sein Sarg in die Erde begab. Dieser Moment war es, in dem Dominik Frido noch einmal ganz besonders brauchte. Erst, um sich an ihm festzuhalten und dann, um sich von ihm wegbringen zu lassen, als er spürte, dass er die Situation nicht länger aushielt. Er weinte so bitterlich, wie die gesamten letzten Tage zusammen nicht und klammerte sich an Frido, als wolle er ihn nie wieder loslassen, während der ihn schweigend im Arm hielt.

„Komm, setzen wir uns einen Augenblick“, war alles, was er sagte, als er Dominik zu einer entlegenen Bank führte. Er nahm mit ihm Platz und achtete darauf, dass er seinen Freund bestmöglich mit seinem Körper verdeckte, um ihm so gut es ging Schutz vor neugierigen Blicken zu gewähren. Dabei ließ er Dominik all die Zeit, die der brauchte, um sich zu beruhigen und zu sammeln und schließlich nicht mehr krampfhaft an Frido festzuhalten, sondern erschöpft gegen ihn zu sinken. Erst dann lockerte auch der Ältere die Umarmung und schaute seinen Lockenkopf aufmerksam an.

„Gehts wieder ein bisschen?“, strich er ihm leicht über die Wange und schenkte ihm sein seichtes Lächeln, als Dominik nickte.

„Möchtest du dann noch zum Trauercafé oder lieber nach hause?“, fragte Frido zudem, obwohl er sich die Antwort schon denken konnte.

„Nein, nicht zum Leichenschmaus…“, murmelte Dominik wenig überraschend und schnäuzte sich, um dann tief durchzuatmen. Wieder hielt er sich an Frido fest, während sie aufstanden und langsam Richtung Parkplatz gingen und der Dozent hatte in diesem Augenblick das Gefühl, dass Dominik nicht viel mehr als ein kleines Blättchen war, das bei einem zu festen Windstoß davon geweht würde, wenn er es nicht mit seinem starken Arm bei sich hielt. Und da verwunderte es ihn umso mehr, als der Jüngere plötzlich eine Bitte an ihn richtete.

„Können wir vielleicht noch kurz bei meiner Oma vorbeifahren?“, fragte er kurz bevor sie das Auto erreicht hatten und trotz seiner Irritation nickte Frido sogleich. Dann aber verstand er.

„Ich hab sie nicht bei der Trauerfeier gesehen… Wahrscheinlich nur wieder die Gicht, aber ich würd gern schauen, obs ihr sonst soweit gut geht“, murmelte Dominik und seine Mundwinkel zuckten, als Frido mit einem „Ja, natürlich, das machen wir“ antwortete. Also ließ er sich auch diese Adresse nennen und eine kleine Wegbeschreibung von Dominik geben, um dann gar nicht mal so viel später vorm Haus der Oma zu halten. Ja, so hatte er es sich von Dominiks Erzählungen her vorgestellt und während er es sich schon auf dem Fahrersitz gemütlich machen wollte, um zu warten, überraschte sein Freund ihn ein weiteres Mal.

„Kommst du mit?“, fragte er, als wäre es bei seiner Familie völlig normal, dass der Sohnemann mit seinem Freund heranspaziert kam und nachdem Frido kurz dachte, sich verhört zu haben, nickte er und stieg ebenfalls aus.

„Keine Sorge, sie ist ganz lieb“, lächelte sein Freund leicht und nahm seine Hand, als wäre dieses Mal Frido derjenige, der etwas Halt gebrauchen konnte. Dabei war er vor allem verwundert und auch ein bisschen neugierig auf die alte Dame, die er gleich kennenlernen würde.

Eine alte Dame, die im ersten Moment dann doch sehr mit ihrer Skepsis auffiel. Denn nachdem Dominik geklingelt hatte und im Inneren der Wohnung Leben aufkam, riss die gute alte Frau nicht gleich die Wohnungstür auf, um ihren Enkel in die Arme zu schließen, sondern schob erst mal argwöhnisch die Türkette vor.

„Ja, bitte?“, wurde die Tür nur einen Spalt weit geöffnet und ein faltiges Gesicht mit grauen Augen musterte die Gestalten auf der Türschwelle.

„Oma, ich bins!“, grinste Dominik schief und auch ein wenig überrascht über die Zurückhaltung, um dann sogar kurz lachen zu können, als die Angesprochene ihn erkannte.

„Ach, Nicki!“, rief sie aus und löste die Barriere, um ihn dann anzulächeln und sein Gesicht zu tätscheln.

„Mit dem Zopf und dem Bart hab ich dich gar nicht erkannt!“, stellte sie fest, wobei Bart ihre Umschreibung für den kleinen Schnäuzer war, den er momentan trug, während alles andere wieder glatt rasiert war. Der Enkel schmunzelte und nahm die alte Frau in den Arm.

„Ja, ich muss mal wieder zum Friseur“, meinte er und fragte dann, ob sie eintreten dürften.

„Ja, natürlich! Ich koch uns einen Kaffee“, beschloss seine Großmutter, ohne viel Interesse an Dominiks Begleitung zu zeigen und ging lieber mit Gehstock bewaffnet in die Küche. Das war für Dominik schon das Zeichen, das er erwartet hatte.

„Ich hab gesehen, dass du nicht auf der Beerdigung warst…“, begann er vorsichtig und nickte, als seine Großmutter darauf einging.

„Ja, meine Gicht wieder! Dieses kalte Wetter ist das reinste Gift, sag ich dir. Und dann noch stundenlang auf diesen unbequemen Bänken in der Trauerhalle oder Kirche hocken…“, schüttelte sie den Kopf, während sie die Kaffeemaschine befüllte.

„Nein, das wär heute nichts geworden. Hab ich Rosanna heute Morgen auch schon gesagt, als sie mich abholen wollten“, erzählte sie und scheuchte Dominik zum Tisch, als der ihr mit den Tassen helfen wollte.

„Ich bin doch keine alte Schachtel! Das krieg ich schon noch hin!“, stellte sie klar, um damit ihre Gäste zum Schmunzeln zu bringen, ehe sie etwas irritiert schauten, weil Oma Trudel sich erkundigte, ob es denn eine schöne Beerdigung gewesen sei.

„Beerdigungen sind doch nie schön…“, murmelte Dominik, der wieder die Trauer aufsteigen spürte, während er Frido mit einer Geste bedeutete, in der Ecke Platz zu nehmen, damit er sich neben ihn setzen und trotzdem bei Bedarf schnell seiner Oma unter die Arme greifen konnte. Und die bewies nicht nur, dass sie noch immer gut mit Tassen und Untertassen hantieren konnte, sondern dass sie auch einen gewissen Sinn für Humor hatte.

„Sag das nicht! Die Beerdigung von meinem Winfried war damals sehr schön! Aber als der alte Kaspers gestorben ist… ja, da hast du schon Recht. Da war der Pfaffe so besoffen, dass er den ganzen Trauerzug erst zum falschen Grab gelotst hat. Und bei Mitzi Langenberg ist damals einer der Sargträger über eine dieser blöden Baumwurzeln gestolpert und da hätten die fast noch den Sarg fallen lassen. Da hinten im alten Teil vom Friedhof, wo die Wege noch schmaler sind! Stell dir mal vor, die alte Mitzi wär da noch rausgeflogen gekommen!“, haute sie ohne viele Umschweife raus, sodass Frido sich ein Grinsen verkneifen musste und auch Dominik etwas amüsiert schien. Weil ihm das aber wohl doch etwas unpassend war, versuchte er noch einmal seiner Oma beim Tischdecken zu helfen und wurde wieder an seinen Platz verbannt.

„Gebacken hab ich heut nicht, das machen meine Finger einfach nicht mit. Aber ich hab noch ein paar Plätzchen“, machte sie sich an ihrem Hängeschrank zu schaffen und gab ihrem Enkel dann endlich eine Aufgabe: Tüte öffnen und Kekse in der Dose verteilen. Sie selbst balancierte dabei die Kaffeekanne zum Küchentisch und schien dann auch endlich zu bemerken, dass sie ja nicht nur zu zweit waren – und das wieder auf ihre unverblümte Art, die Frido ja inzwischen schon ein wenig kennenlernen durfte.

„Und das ist dein Mann?“, fragte sie plötzlich zwischen dem Einschenken von Tasse Nummer eins und zwei und wurde von den beiden Männern kurz verdattert angeguckt. Von dem einen, weil das so aus dem Nichts kam und von dem anderen, weil er genau wusste, welche Bedeutung das Wörtchen Mann in diesem Kontext für seine Oma hatte.

„Äh, sozusagen. Frido ist mein Freund“, stellte Dominik seinen Partner mit etwas Verspätung vor und der erhob sich, um der Oma brav die Hand zu geben. Die runzelte allerdings die faltige Stirn.

„Warum haben Sie ihm denn noch keinen Ring an den Finger gesteckt? Das geht doch inzwischen, oder nicht?“, wollte sie wissen, woraufhin von Frido nur verdutztes Schweigen folgte und von Dominik ein erschrockenes „Oma!“. Die aber verstand die Empörung offensichtlich nicht.

„Was? Das ist doch gut, dass Schwule jetzt auch heiraten dürfen! Ich hab das sowieso nie verstanden, warum das früher so verpönt war. Dass die Kirche sich da immer so dran gestört hat…“, schüttelte sie den Kopf und befüllte die letzte Tasse, während es sie wenig zu interessieren schien, dass Dominik davon sprach, noch gar nicht so lange mit Frido zusammen zu sein.

„Ach, ihr jungen Leute lasst euch immer viel zu viel Zeit! Als ich in deinem Alter war, hatte ich schon mein erstes Kind“, war die Antwort, ehe sie wieder etwas vom Stapel ließ, das ihren Gästen kurz drauf wieder die Sprache verschlug.

„Kaplan oder Pfarrer sind Sie ja nicht, oder?“, fragte sie noch recht unverfänglich, um dann zufrieden zu nicken, als Frido erklärte, dass er Dozent sei.

„Na, dann steht euch ja nichts mehr im Wege! Sonst wärs schwierig. Da ist die Kirche ja immer noch so eigen mit… Hat man ja im Nachbardorf beim Pfaffen und seinem Kaplan gesehen. Die durften immer nur heimlich! So ein Blödsinn! Aber ist schon Jahrzehnte her… Ich weiß gar nicht, o die beiden da überhaupt noch arbeiten“, schüttelte sie den Kopf und griff sich einen Keks, um ihn in den Kaffee zu tunken, während Dominik erst mal nach Worten suchen musste.

„Ähm… woher weißt du das denn?“, fragte er nach einem Räuspern und nickte leicht bei der Erklärung.

„Ach, mein Winfried hat doch früher die Orgel gespielt und die Beiden dann mal erwischt, als er zur Probe wollte. Aber ich find, das war auch so offensichtlich, wenn man da mal ein bisschen drauf geachtet hat. Man merkt doch, ob welche ein Paar sind oder nicht“, zuckte sie die Schultern, als wäre ihre Geschichte das Normalste der Welt und seufzte ein „Das waren noch Zeiten“, worauf Frido mit einem etwas irritierten „Joah, das glaub ich gern antwortete“. Dominik hingegen mümmelte einen Keks, weil er mit der Wendung der Unterhaltung offensichtlich etwas überfordert war. Er wusste ja, dass seine Oma manchmal den einen oder anderen Knaller raushauen konnte, aber das waren jetzt Themen…

„Wie gehts dir denn, Oma? Also abgesehen von der Gicht?“, versuchte er das Gespräch nun in eine etwas andere Richtung zu lenken und lächelte leicht.

„Ach, man wird ja nicht jünger“, machte seine Großmutter eine wegwerfende Handbewegung, um ihn dann abermals daran zu erinnern, dass er ja auch nicht mehr der Jüngste sei. Dominik aber kniff mit einem „Oma!“ die Augen zusammen und grinste, während Frido anfing zu kichern.

„Ich bin doch keine alte Schachtel!“, empörte er sich, um wieder mit einem energischen „Oma!“ zu reagieren, als die alte Frau ihren liebsten Satz brachte: „Also, als ich in deinem Alter war…“. Frido hingegen genoss es, die beiden schweigend zu beobachten und zu sehen, wie gelöst Großmutter und Enkel miteinander umgingen. Auch ihn tat es gut, dass Dominik wieder ein bisschen lachen konnte – zumindest solange, bis sie hörten, dass die Wohnungstür aufgeschlossen wurde und zwei Stimmen ertönten. Denn da wurde Dominik mit einem Schlag blass und sehr unruhig.

„Mama! Paps!“, sprang er auf und rannte in den Flur, noch ehe seine Großmutter und Frido so recht verstanden hatten, wer gerade gekommen war.

„Dominik! Hier bist du, ich hab mich schon gefragt, wo du plötzlich abgeblieben bist!“, konnte Frido Dominiks Mutter hören, um dann zu spüren, wie sich selbst ihm alles zusammenzog, als der Vater das Wort erhob.

„Kannst du mir mal sagen, warum du dich in der Trauerhalle da hinten rumgedrückt hast und nicht mal mit zum Kaffee gekommen bist?“, forderte er in strengem Ton und rauschte dann mit einem „Papperlapapp!“ in die Küche, als Dominik kleinlaut zugab, unsicher gewesen zu sein, ob seine Anwesenheit erwünscht gewesen sei.

„Du bist genauso sein Neffe wie deine Brüder und seine anderen Nichten und Neffen!“, ließ er seinen Sohn wissen, um dann zu stutzen, als sein Blick zum Tisch hinüberglitt. Während Großmutter Trudel lächelte und aufstand, um auch den Nachzüglern ein Tässchen zu spendieren, sah ihr Schwiegersohn ziemlich unterkühlt aus.

„Paps, das ist…“, ging Dominik ihm schnell nach und wollte Frido vorstellen, doch sein Vater übertönte ihn durch ein „Ich weiß wer das ist!“ mit Leichtigkeit.

„Ich hab Sie am Montag schon auf dem Parkplatz gesehen. Ich hab zwar nie studiert, aber gehört das bei deutschen Universitäten zum guten Ton, dass die Dozenten ihre Studenten rumkutschieren und sogar bis nach hause begleiten oder gilt das nur für die besonders talentierten?“, verschränkte er die Arme vor der Brust und musterte Frido, der sich langsam von seinem Platz erhob.

„Hinrich, jetzt lass doch gut sein…“, sagte Dominiks Mutter erschöpft und ihr Sohn konnte sich nur allzu gut vorstellen, wie lange sein Vater sich über den fremden Mann an der Seite seines Sohnes aufgeregt hatte, bis Rosanna Preuss schließlich doch das Geheimnis gelüftet hatte. Und er konnte sich auch vorstellen, wie sein Vater sich anschließend noch darüber mokiert haben musste, dass sie heimlich hinter seinem Rücken zu der Ausstellung gekommen war. Doch jetzt gerade ging es darum, seinem Freund beizustehen. Also machte er sich los, nachdem seine Mutter sich gerade noch bei ihm untergehakt hatte und stellte sich seinem Vater in den Weg.

„Paps, hör auf, bitte“, sagte er, was genauso überhört wurde, wie das „Hinrich, jetzt stänker nicht schon wieder rum“ von seiner Großmutter und sogar deren leichter Knuff mit dem Knauf des Gehstocks gegen den Rücken ihres Schwiegersohns. Der stand weiter ungerührt da und fixierte den Dozenten, als stünde sein Sohn gar nicht zwischen ihnen.

„Also? Ich wart noch auf ne Antwort!“, fordert er, sodass Frido Dominik die Hand auf die Schulter legte, als der wieder intervenieren wollte und seinem Vater stattdessen die andere Hand hinstreckte.

„Friedrich Klimlau. Mein aufrichtiges Beileid zu Ihrem Verlust“, versuchte er es auf diplomatischem Wege, doch die einzige, die die Geste nach einer gefühlten Ewigkeit des Wartens erwiderte, war Dominiks Mutter – mit der Bitte um Entschuldigung für das schlechte Benehmen ihres Mannes. Der war jedoch ganz anderer Meinung.

„Rosanna, du brauchst dich nicht für mich zu entschuldigen!“, machte er seinen Standpunkt klar, sodass es seinem Sohn nun langsam zu viel wurde.

„Paps, es reicht! Lass meinen Freund in Ruhe!“, hob er abwehrend die Hand und hatte dieses Mal die Ohren auf Durchzug, als seine Mutter meinte, dass sie aufhören sollten zu streiten. Sein Vater aber schnaubte aus und schaute immer verkniffener. Er musterte Frido und Dominik, um dann einen Gesichtsausdruck anzunehmen, der aussah, als hätte er gerade Galle im Mund.

„Junge, ich will, dass du ehrlich zu mir bist! Verkaufst du dich an den Kerl?“, knallte er Dominik vor den Kopf und jegliches schockiertes „Hinrich!“ der anwesenden Frauen prallte an ihm ab, genauso wie der entgleisende Gesichtsausdruck seines Sohnes. Frido aber pfiff bei diesem Verhalten auf seine gute Manieren.

„Das reicht. Komm, wir gehen!“, fasste er Dominik an den Schultern und wollte ihn zur Tür schieben, aber zu seiner Überraschung sperrte er sich dagegen. Stattdessen schüttelte er den Kopf und schaute seinen Vater fassungslos an.

„W… was redest du denn da? Hast… hast du grad ernsthaft gefragt, ob ich… mich prostituiere?“, glaubte er seinen Ohren offensichtlich nicht und war gleichzeitig geschockt, dass sein Vater noch schlechter von ihm dachte, als er es ohnehin schon gewusst hatte. Der aber sah nicht die kleinste Kleinigkeit an seinem Verhalten als falsch an.

„Ja, meint ihr denn, dass ich keine Zeitung lese oder mal in die Nachrichten gucke?!“, stemmte er die Hände auf die Hüften und knirschte mit den Zähnen, während Dominik ihn immer verständnisloser anstarrte.

„Ich red von den ganzen Berichten über Studenten! Dass der Wohnraum teilweise so knapp ist, dass die irgendwo auf dem Campingplatz hausen müssen! Dass gerade die Studentinnen irgendwelche unmoralischen Angebote kriegen, wenn sie ne Wohnung suchen oder sich sogar freiwillig als Hostessen verkaufen, um damit über die Runden zu kommen! Dann dieses Containern, oder wie das heißt und, und, und! Und dann muss ich sehen, wie dein Pauker sich an dich ran macht! Dominik, du kannst mir doch nicht erzählen, dass das legal ist! Der macht dich doch mit Schmu besoffen oder setzt dich unter Druck, damit du Angst hast, von der Uni zu fliegen! Oder weiß der Geier, was der mit dir anstellt! Du warst schon immer so ein Sensibelchen und kommst von euch dreien auch noch am meisten auf deine Mutter raus! Ich bin doch nicht blind! Als ob der kleine Schnörres da groß was dran ändert! Ich hab deiner Mutter früher nicht umsonst gesagt, dass sie dir die Haare bloß nicht zu lang werden lassen soll, weil du sonst aussiehst wie ein Mädchen. Gibt doch genug Typen, die auf sowas abfahren. Erst recht, wenn sie dann noch so ein labiles Jüngelchen wie dich vor sich haben! Also sag mir die Wahrheit! Was macht der Kerl mit dir?!“, schob er das Kinn vor und verschränkte die Arme vor der Brust, während Dominik dachte, er sei im falschen Film – genauso wie seine Mutter und Großmutter, wenn man ihre Blicke richtig interpretierte.

„Hören Sie…“, wollte Frido sich einmischen, aber nach kurzem Sackenlassen fasste Dominik seine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Stattdessen richtete er das Wort an seinen Vater.

„Paps, wir reden hier nicht davon, dass ein minderjähriger Schüler sich auf seinen Lehrer eingelassen hat, sondern von einer Beziehung zwischen Student und Dozent. Wir sind beide volljährig und keiner zwing hier irgendwen zu irgendwas. Da ist absolut nichts illegal dran und es missbraucht auch keiner seine Position oder setzt den Anderen für irgendwas unter Druck oder was auch immer du dir da gerade ausmalst. Ganz im Gegenteil: Frido hat extra die Benotung unseres Kurses abgegeben, damit man ihm keine Voreingenommenheit vorwerfen kann, okay?“, stützte er die Hände auf die Hüften und schaute seinen Vater eindringlich an, ohne, dass der sich wirklich überzeugt zeigte.

„Du hast dich doch schon immer zu so was überreden lassen! Du lässt einfach viel zu viel mit dir machen! Das ist nicht in Ordnung!“, verteidigte der seine Ansicht und wäre die Situation nicht so absurd gewesen, hätte Dominik vermutlich laut losgelacht. Ausgerechnet er, der mit Frido das erste Mal seit Jahren jemanden an sich heranließ, wurde wie ein kleiner Lustknabe hingestellt, bei dem ein passendes Wort reichte, um ihn ins Bett zu kriegen?

„Ey, Paps, jetzt mach mal halblang…“, schüttelte er den Kopf und musste sich räuspern, als tatsächlich der Anflug eines Kicherns in ihm hochstieg.

„Ich werd hier zu gar nichts überredet, okay? Ich bin weder von ihm abhängig noch werd ich zu irgendwas gezwungen. Ich bin aus freien Stücken mit ihm zusammen und ja, wir haben auch Sex, aber das geht dich überhaupt nichts an“, stellte er klar, selbst, wenn seinem Vater fast die Augen aus dem Kopf fielen, als sein Sprössling so unverblümt mit dieser Info um sich warf.

„Frido und ich lieben uns, ob du das nun wahrhaben willst oder nicht. Und im Übrigen hab ich schon vor unserer Beziehung für mich selbst sorgen können. Ich arbeite seit Beginn des Studiums im Großmarkt, um mir damit mein Zimmer und Essen zu finanzieren. Und ich hab ein Stipendium. Und n bisschen was von meiner früheren Arbeit hatte ich ja auch gespart… Hast du das jetzt verstanden?“, schaute er seinen Vater eindringlich an, ohne überrascht zu sein, dass der davon nicht allzu viel hören wollte.

„Rosanna, wir gehen!“, schnaubte er aus und tat es erneut, als seine Frau den Kopf schüttelte.

„Hinrich, jetzt setz dich doch einfach hin und trink eine Kaffee mit uns“, versuchte sie ihn zu beschwichtigen, aber das Gegenteil war der Fall.

„Ich muss arbeiten! Wenn du hier bleiben willst, hol ich dich eben nachher wieder ab!“, drehte er sich auf dem Absatz um und stapfte zur Tür, als seine Frau nur resignierend die Hände hob und dann anfing, sich aus ihrem Mantel zu schälen. Ihre Mutter machte sich längst daran, noch eine Kanne Kaffee aufzusetzen und eine weitere Tasse aus dem Schrank zu kramen, aber Dominik wollte das Ganze nicht einfach so stehen lassen.

„Paps!“, lief er seinem Vater zu Fridos Überraschung nach und fasste ihn kurz am Arm, um ihn dann sogleich wieder loszulassen, als der Ältere sich erbost zu ihm umdrehte.

„Es… Es ist lieb, dass du dir auf diese echt seltsame Art Sorgen um mich machst, aber ich bin wirklich keiner dieser Studenten, die du da in den Berichten siehst. Ich komm gut über die Runden und Frido ist ein toller, liebevoller Mann. Wenn ich… deine Tochter wäre, wärst du froh, ihn an meiner Seite zu sehen. Das kannst du mir glauben. Gerade im Moment ist er so für mich da und versucht alles, um mir irgendwie zu helfen. Er wäre sogar mit mir auf die Beerdigung gekommen, obwohl er weiß, wie du dazu stehst. Nicht, um dich zu ärgern, sondern um für mich da zu sein!“, legte er sich die Hand auf die Brust und presste die Lippen aufeinander, als sie anfingen zu zittern.

„Ich vermisse Onkel Jannis und du bestimmt noch viel mehr“, flüsterte er und dann geschah etwas, mit dem wohl kaum jemand im Raum gerechnet hatte: Denn auch wenn der Ausdruck von Hinrich Preuss unverändert ernst blieb, schaffte er es für einen flüchtigen Moment sich dazu durchzuringen, seinem Sohn die Hand auf die Schulter zu legen und sie zu drücken. Vielleicht war es die Anerkennung für dessen Worte, vielleicht war es aber auch, dass er die Tränen weinen konnte, für die sein Vater zu stolz war. Vielleicht war es aber auch einfach die einzige Möglichkeit, die dieser Mann sah, um Dominik seine Zuneigung entdecken zu lassen, ehe er sich in gewohnter Manier abwendete und davon ging.

7.10.2024: Loveparade

„Dieser Hitzkopf!“, schüttelte Großmutter Trudel beim Blick aus dem Fenster den Kopf, während ihr Schwiegersohn gerade in seinen Wagen stieg und sie noch eine Tasse für ihre Tochter aus dem Schrank holte. Rosanna aber hatte in diesem Moment nur Augen für ihren Sohn. Schweigend ging sie zu ihm hinüber und schloss ihn in die Arme, um ihn erst zu trösten und dann verwundert anzuschauen, als er plötzlich anfing zu kichern. Eine Schrecksekunde für Frido, der sich an diesen einen furchtbaren Abend erinnert fühlte.

„Er hat mich grad gewissermaßen als Nutte bezeichnet. Das war echt der bisherige Höhepunkt“, schüttelte Dominik ungläubig den Kopf und rieb sich über die Wangen, um dann tief durchzuatmen – genauso wie Frido, als er erkannte, dass sein Freund wohl nicht noch mal dem Wahn verfiel. Obwohl er es nach diesem Aufeinandertreffen sogar hätte nachvollziehen können.

„Ich weiß, das war nicht in Ordnung…“, sagte Dominiks Mutter leise, aber ihr Sohn zuckte leicht die Schultern.

„Stimmt, wars nicht. Aber… irgendwie war das wohl seine Art mir zu sagen, dass ich ihm nicht total am Arsch vorbeigehe. Immerhin“, meinte er mit schiefem Grinsen, während seine Mutter ihm mit einem traurigen Lächeln über die Wange strich.

„Du bist ihm nicht egal. Er interessiert sich dafür, was du machst. Er kann es nur nicht so zeigen… Seit du letztes Jahr zu Besuch warst, schaut er immer mal wieder auf die Webseite deiner Uni, um sich die Fotos zu euren Ausstellungen anzugucken“, verriet sie und nickte, als Dominik überrascht die Augenbrauen hob.

„Ja, als deine Brüder gehört haben, dass du da warst, kam Heiner auf die Idee und seitdem hab ich schon ein paar Mal gesehen, wie er dein Vater einen Blick auf die Seite geworfen hat“, erzählte sie und hakte sich bei Dominik unter, um langsam mit ihm zurück Richtung Küche zu gehen.

„Dabei hat er sich wohl auch die Fotos der Dozenten angesehen…“, richtete sie dann vielsagend das Wort an Frido und bat ihn abermals um Entschuldigung für das Verhalten ihres Mannes.

„Nicht doch…“, machte der Dozent eine wegwerfende Handbewegung und war ganz froh, als Dominik sich wieder einbrachte.

„Dann hast du ihm gar nicht erzählt, dass du in unserer Ausstellung warst?“, fragte er und seine Mutter schüttelte den Kopf.

„Nein. Vielleicht kann er es sich denken – immerhin hab ich ihn gefragt, ob wir zusammen dorthin gehen wollen – aber noch mal drauf angesprochen oder ihm von meinem Besuch erzählt hab ich nicht, nachdem er damals meinte, dass er nichts davon wissen wolle“, sagte sie und lächelte, als ihr Sohn nach kurzem Überlegen plötzlich anfing zu strahlen.

„Okay, ähm… das ist jetzt irgendwie ne komische Situation und eigentlich kennt ihr euch ja schon, aber…“, schaute er zwischen seiner Mutter und Frido hin und her, um ihn dann mit einer Geste zu bitten, näher zu kommen.

„Also… Mama, das ist mein Freund“, legte er seinen Arm leicht um Frido und lächelte verlegen, um dann leise zu lachen, als seine Mutter mit einem Schmunzeln meinte, dass sie sich das schon gedacht habe.

„Ich hab euch am Montag auch gesehen“, verriet sie, um Frido dann nachdenklich zu betrachten und seine Hand zu greifen.

„Achten Sie bitte gut auf meinen Jungen“, blicke sie den Dozenten eindringlich an und während ihrem Sohn die Bitte offensichtlich peinlich war, verlor Frido keinen Moment, um zu nicken und ihr ein ernstes „Versprochen“ zu schenken.

„Jetzt übertreibt doch nicht so!“, murrte der Jüngste und verdrehte die Augen, aber seine Großmutter bewies, dass sie ihn noch mehr in Verlegenheit bringen konnte.

„Ich sag ja, dass ihr endlich heiraten sollt!“, rief sie aus, während sie die nächste Ladung Kaffee verteilte und dann eine wegwerfende Handbewegung machte, weil ihr Enkel schon wieder mit einem genervten „Oma!“ reagierte. Ihre Erklärung für die genannte Eile war aber durchaus nachvollziehbar – zumindest für ihr Verständnis.

„Willst du warten, bis dein Vater ihn vergrault hat?“, gab sie zu bedenken und Dominiks Blick verriet, dass er bei diesem Ausspruch gar keinen Spaß verstand.

„Wenn ers drauf anlegt, sorg ich dafür, dass es keine Gelegenheit zum Vergraulen mehr geben wird!“, stellte er klar und Frido konnte spüren, wie sein Freund sich versteifte. Ihm fiel es hingegen aber etwas leichter, die Situation nicht allzu ernst zu nehmen.

„Ich geb zu, er hinterlässt einen gewissen Eindruck, aber so leicht lass ich mich nicht ins Bockshorn jagen. Außerdem möchte ich ja mit seinem Sohn zusammen sein und nicht mit ihm“, grinste er schief, um Dominik dann einen Kuss auf den Schopf zu geben und sich zurück an den Tisch zu gesellen, als Großmutter Trudel fragte, ob sie den Rest des Nachmittags in der Küche rumstehen wollten.

„Der Kaffee wird noch kalt“, gab sie zu bedenken und goss allen etwas nach, egal, ob ihre Tassen schon leer waren oder nicht oder ob Dominik meinte, dass er so viel Koffein nicht vertrage.

„Oma, du machst mich fertig…“, murmelte er und schaute dann fragend zu seiner Mutter, als die einen Stoffbeutel hervorholte, den sie mitgebracht hatte.

„Mutti, ich hab dir noch ein bisschen Kuchen geholt“, sagte sie und lachte über die Antwort ihrer Mutter.

„Aber hoffentlich nicht diesen trockenen Beerdigungskuchen? Danach hat man ja für drei Tage keine Spucke mehr im Mund!“, meinte sie und schaute entzückt auf die Backwaren, die ihre Tochter extra beim Lieblingsbäcker um die Ecke gekauft hatte.

„Ich wusste zwar nicht, dass ihr auch da seid, sonst hätte ich noch ein paar Stücke geholt. Aber wenn wir die Teilchen durchschneiden, bekommt jeder was ab“, meinte Dominiks Mutter, während sie trotz des Protests der Oma selber Teller und Messer holte und der Ältesten im Bunde sagte, dass sie stattdessen schon mal die Küchlein aus ihrer Verpackung holen solle.

„Hast du deiner Oma eigentlich erzählt, dass jetzt auch mit Backen dein Geld verdienst?“, schmunzelte Frido währenddessen und rutschte damit in ein kleines Kreuzverhör der beiden Damen über das aktuelle Leben ihres Lockenkopfes. Wie ging es ihm? Was machte er? Wie kam er in der Uni zurecht? Hatte er Freunde gefunden und schlief er auch genug? Alles, was das liebende Herz einer Mutter und Großmutter so interessierte. Egal, was der, der im Mittelpunkt stand, davon hielt.

„Heh, ich sitz doch auch hier! Wieso fragt ihr mich das nicht selbst?“, murrte Dominik dann irgendwann auch, als ihm die Fragerunde zu bunt wurde und verschränkte die Arme vor der Brust, weil ihm die Antwort auf seine Frage offensichtlich nicht schmeckte.

„Weil du ein ziemlicher Geheimniskrämer sein kannst, mein Lieber“, ließ seine Mutter ihn wissen und schmunzelte, als Dominik versuchte, den Spieß umzudrehen.

„Ach ja? Schön, nachdem ihr meinen Partner jetzt so ausgequetscht habt, erzähl du mir doch auch mal was über deinen. Wie hast du Paps denn damals zum Beispiel kennengelernt?“, wollte er wissen und schüttelte knapp den Kopf, als seine Mutter verwundert fragte, ob sie ihm das noch nie erzählt habe.

„Nö. Du hast nur mal gesagt, dass das auf irgendeiner Feier war, aber mehr auch nicht. Dann haben Heiner und Basti wieder irgendeinen Scheiß gebaut oder Paps wollte irgendwas und damit war das Thema wieder vom Tisch“, meinte er und war nicht schlecht erstaunt, als sich ein verliebtes Lächeln auf das Gesicht seiner Mutter zauberte.

„Das war auf der Loveparade“, antwortete und kicherte, als nicht nur ihrem Sohn ein wenig die Augen aus dem Kopf sprangen.

„Loveparade?“, tat Dominik seine Verwunderung offener kund als Frido, der sich Dominiks Vater allerdings auch nur schwerlich auf diesem Event vorstellen konnte.

„Nicht die, die du jetzt meinst“, stützte Rosanna Preuss die Ellenbogen auf den Tisch und schmunzelte ihren Sohn an.

„Im Nachbarort gabs früher eine Disco in der wir uns immer getroffen haben und da waren auch oft Themenabende. Einer davon hieß Loveparade und da hab ich Hinrich das erste Mal getroffen. Er war mit Jannis und ein paar Freunden dort und ich mit einigen Freundinnen. Mir hat damals gleich gefallen, dass er nicht so schüchtern war, sondern ganz offen auf mich zukam, um mich zum Tanz aufzufordern. An dem Abend und auch an den folgenden Samstagen. Nach ein paar Wochen war dann schon klar, dass die anderen Männer mich gar nicht erst zu fragen brauchten, weil ich eh immer nur mit deinem Vater tanzen wollte“, erzählte sie und schüttelte amüsiert den Kopf, als ihr Sohn das Gesicht verzog.

„Papa und tanzen? Kann ich mir überhaupt nicht vorstellen…“, murmelte er, wobei er den Kopf auf die Hände stützte und die Augenbrauen kraus zog.

„Na hör mal, wir waren auch mal jung! Aber nein, tanzen kann er wirklich nicht. Das hast du eindeutig von ihm geerbt. Du hast die gleichen Plattfüße wie er“, nippte sie an ihrem Kaffee, während Dominik ein empörtes „Ey!“ entfleuchte, Frido auflachte und Oma Trudel nur meinte: „Ich war früher eine tolle Tänzerin. Ihre Eleganz hat meine Rosi von mir!“.

8.10.2024: murmeln

„Ich glaub, wir machen uns dann mal auf den Weg, bevor wir Paps noch mal in die Arme rennen. Ein Aufeinandertreffen für heute reicht wohl erst mal“, grinste Dominik leicht bei seinem Blick zur Küchenuhr und tätschelte seiner Großmutter die Hand, als er ihr enttäuschtes Gesicht sah.

„Ach, lass dich doch von seinem Gehabe nicht Bange machen!“, meinte sie zwar, aber ihre Tochter pflichtete Dominiks Anliegen auf dezente Weise bei.

„Ihr müsst ja noch ein Stückchen fahren und jetzt beginnt langsam der Feierabendverkehr. Da wird aus einer halben Stunde auch gern mal eine ganze“, stand sie auf, als die Aufbruchstimmung anwuchs und es ihren Sohn nicht mehr auf seinem Stuhl hielt.

„War schön, mal wieder mit euch zusammen zu sitzen und zu quatschen. Das müssen wir viel öfter machen“, ging er um den Tisch herum, um Großmutter und Mutter nacheinander in seine Arme zu schließen und sie an sich zu drücken. Seine Mutter nickte und sagte, dass sie froh über sein Kommen war, auch, wenn sie sich einen anderen Anlass dafür gewünscht hätte. Seine Großmutter dachte hingegen viel pragmatischer.

„Ich weiß ja jetzt, dass ihr ein Auto habt, dann kommt ihr in Zukunft einfach regelmäßig zum Kaffee her“, entschied sie und gab nicht viel auf Dominiks Einwände.

„Na ja, das ist Fridos Wagen, da hat er dann schon noch ein Wörtchen mitzureden, wo wir hinfahren, oder?“, schmunzelte er und lachte, als seine Großmutter auch dafür einen einfachen Lösungsvorschlag parat hatte.

„Wieso? Du hast doch einen Führerschein. Wenn er nicht mitwill, kommst du halt allein und gibst ihm hinterher das Geld für den Sprit wieder“, war ihre Ansicht, aber so weit musste es in Fridos Augen gar nicht erst kommen.

„Ich komm nächstes Mal gerne wieder mit. Es war ein wirklich schöner Nachmittag und ich freue mich, dass ich Sie beide kennenlernen durfte“, sprach er achtungsvoll und reichte den Damen zum Abschied die Hand, aber so ganz konnte er es der Oma damit wohl auch nicht recht machen.

„Mensch, Jungchen, du gehörst doch jetzt zur Familie, also hör auf mit den Förmlichkeiten!“, winkte sie ihn zu sich, damit er sich ebenfalls eine Umarmung abholen konnte. Die Kraft, um ihn selber an sich zu ziehen, fehlte ihr inzwischen schließlich, also musste er schon ein bisschen mithelfen. Und das tat er nur allzu gern.

„Danke“, sprach er fast schon gerührt und lächelte, als die alte Dame mit einem selbstverständlichen Nicken antwortete. Sein Freund hingegen war da heute offensichtlich deutlich näher am Wasser gebaut und hielt schon wieder ein Taschentuch in der Hand, als Frido sich aufrichtete und zu ihm schaute.

„Nicki, jetzt wein doch nicht! Wird doch alles gut!“, schüttelte seine Oma irritiert den Kopf, aber er konnte nicht anders.

„Ich glaub, das war heute alles ein bisschen viel für ihn, Mutti“, zeigte ihre Tochter da deutlich mehr Verständnis, was Frido aber auch nicht überraschte: Er wusste ja, dass Dominik immer versucht hatte, möglichst wenig von den Streitereien mit seinem Vater bis zu seiner Großmutter durchdringen zu lassen. Dennoch hatte sie zwar so einiges mitbekommen, aber vermutlich nie das ganze Ausmaß, wie ihre Tochter es kannte. Und jetzt prasselte ja auch noch der Verlust seines Onkels auf ihn ein.

„Ich freu mich grad nur, dass ihr euch so gut versteht…“, murmelte Dominik und musste tatsächlich lächeln, als seine Oma ihn tadelte, dass er dann lieber lachen statt weinen sollte.

„Ja, hast ja recht..“, nickte er und drückte sie noch einmal, während Frido seiner Mutter die Hand reichte. Vielleicht auch durch das Verhalten ihres Mannes war er unsicher, ob ihr eine Umarmung ebenfalls genehm gewesen wäre und ihr schien es nicht viel anders zu gehen. Sie griff zwar seine Hand und schenkte ihm ein warmes Lächeln, während sie die andere Hand an seinen Arm legte, aber zu mehr war sie im Moment noch nicht bereit. Und das war für alle Anwesenden in Ordnung. Sie konnten sich von einander verabschieden, ohne, dass einer sich vor den Kopf gestoßen fühlte und sich die Zeit lassen, die sie jeweils brauchten, um in dieser neuen Familienkonstellation anzukommen.

„Der Besuch hier hat dir noch richtig gut getan, oder?“, legte Frido den Arm um Dominik, als er hörte, wie die Wohnungstür hinter ihnen geschlossen wurde und zog seinen Autoschlüssel hervor.

„Ja“, nickte der Jüngere und während er gerade noch etwas zurückhaltend gewesen war, verlor er mit Erreichen des Wagens keine Zeit mehr, um Frido auszufragen, wie der seine Familie fand. Ein Thema, das definitiv genug Gesprächsstoff für ihre Heimfahrt bot und sie selbst bei der Rückkehr in die Wohnung und beim Abendessen noch begleitete. Sie tauschten sich über die Ereignisse des heutigen Tages aus, über Geschichten, die beim Besuch der Oma aufgekommen waren oder über Erinnerungen, die Dominik damit verband. Seit Tagen konnte er das erste Mal wieder nicht nur herzzerreißend weinen, sondern auch aus voller Kehle lachen. Trauer und Anspannung fielen von ihm ab und ließen ihn erstmals wieder einen geruhsamen Schlaf finden, der ihn nicht mit Schuldgefühlen und Alpträumen plagte. Doch trotzdem brauchte er seine Zeit, um den Verlust richtig zu verarbeiten – selbst, wenn er es sich in den folgenden Tagen nicht immer so ganz eingestehen konnte. Er versuchte möglichst gut in den Alltag zurückzukehren und der Trauer nur dann ihren Platz zu geben, wenn sie auf Biegen und Brechen gespürt werden wollte. Meistens klappte das auch, nur ereignete sich dann gute zweieinhalb Wochen später noch einmal etwas, das ihn völlig aus der Bahn warf.

Dank ihres freien Nachmittags traf er sich mit Niko im Atelier, um an ihren Semesterarbeiten weiter zu machen, ehe abends auf den einen noch eine Unterrichtsveranstaltung wartete und auf den anderen der Feierabend seines Freundes. Schon den ganzen Tag war Dominik unkonzentriert und schweifte mit den Gedanken immer wieder zu Frido ab. Vielleicht wurde seine Sorge dabei auch dadurch verstärkt, dass sein Onkel in genau einem Monat Geburtstag gehabt hätte. Er hörte nur mit halbem Ohr zu, wenn Niko etwas sagte und nickte knapp, als der nach mehreren Anläufen schließlich fragte, ob ihm immer noch der Tod seines Onkels zu schaffen mache.

„Ja… zwischendurch hab ich mal so einen Tag, an dem mich das doch noch mal ziemlich erwischt“, erklärte Dominik und stieß damit auf Verständnis bei seinem Kumpel. Immerhin hatte auch er schon mal einen Familienangehörigen verloren und wusste, wie das war.

„Brauchst du n bisschen Ablenkung? Sollen wir einen kleinen Abstecher in die Stadt machen?“, schlug er darum vor, aber Dominik lehnte ab. Er wollte nicht vom Campus runter oder weg von einem bestimmten Dozenten.

„Hast du Herrn Klimlau heute eigentlich schon gesehen?“, fragte er plötzlich, obwohl er in der Pause selbst bei seinem Freund im Büro gewesen war und Niko sagte, dass er am Vormittag noch Kurs bei ihm gehabt hatte. Kurz nickte Dominik und hing für einen Moment seinen Überlegungen nach, ehe er wieder das Wort an Niko richtete.

„Kam er dir nicht auch ein bisschen blass vor?“, meinte er und der Andere zuckte nach kurzer Irritation die Schultern.

„Eigentlich nicht. Er hat heut halt dunkle Klamotten an, da kann das auch schon mal so wirken“, rief er sich seinen heutigen Eindruck des Dozenten vor Augen und konnte nichts Auffälliges an ihm erkennen.

„Also auf mich hat er wie immer gewirkt. Bisschen müde vielleicht, aber hat doch jeder mal“, murmelte er und runzelte die Stirn, als das ein regelrechtes Stichwort für Dominik war.

„Ja, hab ich auch gedacht! Das sollten wir auf jeden Fall im Blick behalten…“, murmelte er und Niko echote ein ungläubiges „Im Blick behalten? Wir?“.

„Ja, falls das nicht besser wird, schick ich ihn auf jeden Fall zum Arzt! Guck dir doch meinen Onkel an! Klar, der war bei weitem nicht so sportlich wie Frido und hat geraucht, aber Mitte Fünfzig ist doch kein Alter! Und dann kippt der einfach um und ist tot!“, schüttelte er den Kopf, aber Niko tat es noch viel mehr und legte dabei eine Hand auf Dominiks Schulter.

„Äh… Dominik?“, schaute er ihn eindringlich an, wohingegen sein Gesprächspartner offensichtlich überrascht von dem ernsten Tonfall war.

„Was? Ist dir noch was anderes an ihm aufgefallen?“, fragte er unruhig, aber wieder schüttelte Niko den Kopf.

„Nee, an ihm nicht, aber an dir!“

„Hä?“

Niko seufzte aus und brauchte einen Moment, um seine Worte zu sammeln.

„Ey, Dominik, du sprichst grad von Herrn Klimlau, als wäre ein Kumpel von dir und redest auch noch davon, dass du ihn zum Arzt schleppen willst!“, sprach er mahnend, woraufhin Dominik ertappt die Augen aufriss und nickte.

„Oh… äh.. ja… ja das kam jetzt echt n bisschen komisch rüber“, grinste er schief und versuchte abzuwiegeln, aber Niko hob nur die Augenbraue.

„Bisschen ist gut! Dass du wegen deinem Onkel angeschlagen bist, okay, aber ich hab das Gefühl, dass du dich so langsam in was reinsteigerst, wenns um unseren Dozenten geht“, sagte er und folgte Dominiks Blick, als der plötzlich zum Fenster starrte.

„Ist das n Krankenwagen?“, ging er dem Lockenkopf nach, als der mit wenigen Schritten die Scheibe erreichte und eine Hand an sie legte, während er das Geschehen vor dem Gebäude ins Visier nahm. Einige Studenten waren auf dem Innenhof versammelt und drehten sich neugierig um, als Frau Bachmüller aus einem Nebengebäude gelaufen kam und dem Fahrer des Einsatzwagens bedeutete, ihr zu folgen.

„Wasn da wohl passiert?“, murmelte Niko, aber sein Blick zu Dominik ließ ihn gleich Ungutes erahnen. Der stand nämlich wie gebannt da und wurde immer blasser.

„Ey, Dom…“, versuchte er ihn am Arm zu fassen, aber da wendete er sich schon ab und eilte zur Tür, ungeachtet dessen, dass sein Name nochmals gerufen wurde.

„Dominik!“, schloss Niko zu ihm auf, während er fast schon rannte und begann auf ihn einzureden.

„Du willst jetzt doch wohl nicht da hin?!“, sprach er fassungslos, aber der kurze Blick von Dominik zu ihm zeigte, dass der ernsthaft an Nikos Verstand zweifelte, wenn er so eine dämliche Frage stellte.

„Er hatte heute früh ein Ziehen in der Schulter und meinte, dass gestern nur zu viel trainiert hat. Und was, wenns nicht nur das war?!“, wuchs langsam die Panik in ihm und er stoppte nur für einen Moment, als Niko sich vor ihn stellte und ihn an den Schultern fasste.

„Dominik, das geht dich nichts an! Halt dich da raus! Du weißt doch gar nicht, weswegen der Krankenwagen hier ist und hör vor allem auf, dich da so reinzusteigern, wenns um den Klimlau geht! Das ist doch nicht mehr normal!“, versuchte er seinen Kumpel zu Verstand zu bringen, aber der trieb es immer bunter.

„Wenns um Tessa ginge, würdest du doch auch nicht so reden!“, machte er sich los und stapfte weiter, um Niko dann sofort wieder neben sich zu haben.

„Ja, weil Tessa meine Freundin ist! Das ist doch was völlig anderes!“, fiel es ihm zunehmend schwerer, seinen Kumpel nicht einfach anzuschreien, damit der mal wieder aus seinem Film rauskam. Und was machte der? Setzte wieder einen obendrauf.

„Das ist nichts anderes! Wir sind seit nem halben Jahr zusammen und er will mich Ostern seinen Eltern vorstellen. Wenn der Krankenwagen wegen ihm hier ist, muss ich zu ihm!“, riss Dominik die Tür zum Treppenhaus auf und erschrak, als Niko sich noch einmal vor ihn stellte und „Hör auf!“ schrie.

„Merkst du nicht, wie du hier grad jeglichen Sinn zur Realität verlierst?! Er ist verheiratet und hat n Kind! Dominik, ihr seid nicht zusammen! Hör auf, dir das die ganze Zeit einzureden! Das ist doch Wahnsinn!“, fasste er ihn an den Armen und schüttelte ihn, um dann genauso zusammenzuzucken wie der Lockenkopf, als plötzlich dessen Name auf dem Flur ertönte. Der eine drehte sich um, während der andere an ihm vorbeischaute und beide sahen, wie Susi auf sie zugelaufen kam.

„Dominik, hey!“, hob sie die Hand, um ihn aufzufordern, auf sie zu warten, bis sie zu ihm aufgeschlossen hatte.

„Hast du mitbekommen, was da passiert ist? Ich hab nur gehört, dass einer der Dozenten zusammengebrochen ist“, wollte sie wissen und nachdem der Angesprochene sie eine Sekunde lang entsetzt angestarrt hatte, gab es für ihn kein Halten mehr. Er riss sich los und rannte die Treppe runter, während Niko Susi noch ein kurzes „Ja, ganz toll gemacht!“ schenkte und sie dann verwirrt zurückließ, um Dominik zu folgen.

„Wasn mit euch los?!“, rief sie ihnen zwar nach, aber keiner schenkte ihr mehr Gehör. Stattdessen preschte Dominik im Tunnelblick ins Foyer und von dort aus durch einen der Ausgänge raus auf den Hof. Er schrie Fridos Namen und dachte kurz, sein eigenes Herz würde stehen bleiben, als er sah, wie die Sanitäter aus dem Gebäude kamen und ihren Patienten zum Krankenwagen schoben. Er konnte sein Gesicht nicht erkennen, aber er war sich sicher, dass Frido auch so ein Oberhemd besaß.

„Nein…“, flüsterte er erst aus Entsetzen und brüllte es dann noch einmal, als Niko ihn dieses Mal nicht nur packte, sondern sich regelrecht an ihn klammerte, um ihn aufzuhalten.

„Lass mich los! Lass mich los!“, forderte Dominik, während ihm die Panik in die Höhe schoss, wegen Niko nicht mehr früh genug den Krankenwagen zu erreichen. Er versuchte sich loszumachen und schaffte es einfach nicht.

„Hör auf mit dem Scheiß!“, drängte sein Kumpel stattdessen, aber erst eine andere Stimme konnte zu dem Lockenkopf durchdringen.

„Was ist denn hier los?!“, kam Frido hinter den Sanitätern und Frau Bachmüller aus dem Gebäude und steuerte die beiden Studenten an, während seine Kollegin mit zum Krankenwagen ging.

„F… Frido…“, stotterte Dominik ungläubig, aber Niko seufzte genervt aus.

„Jetzt haben wir den Salat…“, murmelte er und zischte Dominik noch einmal an, dass er aufhören solle. Der nutzte diesen Moment der Unachtsamkeit aber, um sich loszureißen und Frido entgegen zu laufen.

„Gehts dir gut?“, legte er sofort die Hände an Fridos Brust und musterte besorgt sein Gesicht, während der Ältere ihn leicht an den Oberarmen fasste und nickte.

„Ja, alles bestens. Aber wieso bist du denn so aufgebracht?“, nuschelte er irritiert und nahm mit einem gewissen Unwohlsein die neugierigen Blicke der Schaulustigen wahr, um dann verwirrt zu blinzeln, als er Dominiks Antwort hörte.

„Ich hab gehört, dass ein Dozent zusammengebrochen ist und dachte, du wärst das! Dir gings doch heute Morgen nicht so gut!“, stammelte er und nickte, als Frido ihm sagte, dass er versuchen solle, tief durchzuatmen.

„Dominik, ich habs gestern einfach nur etwas mit dem Training übertrieben und deshalb nicht so gut geschlafen und heute Muskelkater. Mehr nicht, okay? Mir geht es gut. Wirklich!“, schaute er ihn eindringlich an und blickte dann zu Niko, als der plötzlich neben Dominik auftauchte.

„Herr Klimlau, sorry! Er… er hat vor kurzem seinen Onkel verloren und ist noch etwas durch den Wind! Ich kümmer mich um ihn!“, grinste er schief und fasste Dominiks Schulter, um ihn zum Mitgehen zu bewegen.

„Ja, danke Niko…“, murmelte Frido, während er die Hände langsam von Dominiks Armen nahm und seinen Begleiter dann noch mal kurz um Aufmerksamkeit bat.

„Ach, Niko! Ihr habt doch nachher noch Kurs bei Herrn Talert, oder?“, fragte er und der Angesprochene bestätigte mit einem kurzen „Ja“.

„Der Unterricht muss heute leider ausfallen und ich weiß noch nicht, wie es den Rest der Woche aussieht…“, sagte er vage und nickte, als sein Student sich erkundigte, ob es Probleme mit dem Diabetes seines Dozenten gäbe.

„Ja, aber er ist bald wieder auf den Beinen, keine Sorge“, lächelte Frido leicht, während er mit einem kurzen Seitenblick wahrnahm, dass auch Dominik endlich deutlich erleichterter aussah.

„Okay, danke, ich sag den Anderen schon mal Bescheid“, meinte Niko und zog seinen Kumpel mit sich, während Frido sich seiner Kollegin zuwendete und ihr mit kurzer Geste zu verstehen gab, dass alles in Ordnung sei.

„Was ist denn mit dem Preuss schon wieder?“, ließ sie es sich trotzdem nicht nehmen, zu ihm hinüber zu kommen und kopfschüttelnd den beiden Studenten nachzugucken, die sich zurück Richtung Foyer trollten.

„Er hat vor Kurzem jemanden verloren, also seien Sie etwas nachsichtig mit ihm“, meinte Frido nur und wendete sich mit einem „Ich muss jetzt zurück in den Unterricht“ von ihr ab, als sie einen schnippischen Kommentar dazu ablassen wollte, wen – oder in ihrem Wortlaut eher was – der junge Mann wohl verloren habe. Dieses dumme Geschwätz musste er nun wirklich nicht hören, aber dafür die Worte Nikos, als der sich weit genug von seinem Dozenten entfernt wähnte.

„Bist du eigentlich von allen guten Geistern verlassen?!“, hielt er Dominiks Arm gefasst, als wäre er sein Gefängniswärter und zog ihn mit sich, damit er bloß nicht noch mal abhaute.

„Du kannst doch nicht zu ihm hinrennen und so eine Szene machen! Brüll das nächste Mal doch gleich oben aus dem Fenster, dass du in ihn verschossen bist! Dann wissen wenigstens alle Bescheid!“, redete er auf Dominik ein, der nur nickte und versuchte ihn zu beschwichtigen, aber Niko ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen.

„Nein, nicht „Tut mir leid“! Man, Dom! Schlimm genug, dass du dich in ihn verguckt hast, aber du kannst dich doch nicht so aufführen! Willst du unbedingt, dass er es merkt? Und was dann? Was erwartest du? Dass er plötzlich schwul wird und seine Familie für dich verlässt? Das wird nicht passieren, also wach endlich auf!“, drängte er und hoffte, dass sein Kumpel endlich zur Besinnung käme, aber auch wenn der nickte und wieder klarer bei Verstand schien, musste Niko merken, dass das Thema damit längst noch nicht vom Tisch war.

„Niko? Dominik?“, hörte er hinter sich und erkannte mit einem entgeisterten Blick über die Schulter, dass Frido die ganze Zeit hinter ihnen gelaufen war.

„Oh Scheiße…“, murmelte er und schluckte, um dann zu irgendeiner Ausrede anzusetzen, aber der Dozent überholte sie nur kopfschüttelnd.

„Kommen Sie bitte mal mit in mein Büro. Beide“, sagte er dabei und forderte sie mit einem zusätzlichen Fingerzeig auf, ihm zu folgen, während er das Treppenhaus ansteuerte. Dominik nickte nur stumm, während Niko nervös auf der Unterlippe kaute.

„Meinst du, er hat das gehört?“, tuschelte er zu Dominik, aber Fridos fast schon belustigter Blick nach hinten war ihm Antwort genug.

„Na ja, laut genug warst du ja…“, murmelte der Lockenkopf, wohingegen Nikos Gesichtsausdruck eindeutig nach einem „Wessen Schuld ist das denn?!“ schrie. Er hielt sich aber zurück und trottete stattdessen den Rest des Weges schweigend hinter Frido her. Nur, als der die Tür aufschloss, sie an sich vorbei ins Zimmer gehen ließ und Dominik dann stehen blieb, um seinem Dozenten ein kleines Lächeln zu schenken, gabs leicht einen mit dem Ellenbogen in die Rippen.

„Setzt euch bitte“, nickte Frido zum Schreibtisch rüber und schüttelte mit einem Schmunzeln den Kopf, während er die Tür hinter ihnen schloss.

„Ihr seid schon ein Gespann…“, gab er seinen Studenten mit auf den Weg, während sie sich zu ihren Stühlen trollten und darauf Platz nahmen, ehe er sich ihnen gegenüber an den Schreibtisch lehnte.

„Herr Klimlau, der Auftritt grad tut uns leid! Wir wollten Sie nicht in Verlegenheit bringen oder so“, versuchte Niko es mit einer Entschuldigung und war fast ein bisschen erleichtert, dass endlich mal etwas Sinnvolles aus Dominiks Mund kam.

„Ja, mir auch… ich hab wohl ein bisschen überreagiert“, gab er kleinlaut zu und damit hätte es genügen können, aber stattdessen strich er Frido mit einer kurzen Bewegung über die Hand, ehe er sich wieder zurücklehnte und gegen seine Rückenlehne sinken ließ. Niko riss entsetzt die Augen auf und Frido musste gerade ernsthaft dagegen ankämpfen, nicht los zu lachen. Was hatte er sich da für zwei Querulanten ins Zimmer geholt? Frido räusperte sich und atmete tief durch, was Niko nur noch einen mitleidigen Blick für seinen Kumpel abrang. Er hatte ja alles versucht, aber jetzt konnte er ihm auch nicht mehr helfen…

„Ihr seid gute Freunde geworden, nicht wahr?“, begann Frido und betrachtete einen nach dem anderen, als sie fast simultan nickten.

„Niko, ich merke, dass Dominik eure Freundschaft sehr gut tut und generell das Zusammensein mit eurer Clique. Und da vorhin so für ihn in die Bresche zu springen, fand ich sehr loyal. Es hätte bestimmt nicht jeder versucht, ihn da so vor einer möglichen Dummheit zu beschützen. Erst recht, wenn die halbe Uni dabei zuguckt“, schaute er zu dem Jüngeren der beiden, der zwar durchaus etwas geschmeichelt wirkte, aber auch unsicher, weil sein Versuch ja nicht von allzu großem Erfolg gekrönt gewesen war. Vor allem, wenn seine Rüge an Dominik ausgerechnet von dem gehört worden war, der es eigentlich als Letzter hatte mitbekommen sollen...

„Na ja, wie gesagt, er ist grad n bisschen durch den Wind wegen seinem Onkel…“, meinte er darum auch nur und zuckte leicht die Schultern, während er zunehmend an Dominiks Oberstübchen zweifelte, weil der bei diesen Worten zwar etwas trauriger wurde, aber immer noch ganz ruhig da saß und seichte lächelte.

„Niko, ähm… was ich da vorhin gesagt hab… dass Frido und ich zusammen sind…“, sagte er jetzt auch noch und der Angesprochene saß sofort kerzengerade auf seinem Stuhl, um die Hände in die Armlehen zu krallen.

„Mein Gott, Dom! Halt doch endlich mal die Klappe!“, zischte er und guckte mit weit aufgerissenen Augen zu Frido, als der die Arme vor der Brust verschränkte und kichernd den Kopf schüttelte.

„So viel dazu..“, schien er sich ernsthaft zu amüsieren, während Dominik schief grinste und versuchte sich zu erklären.

„Ich… ich war so aufgebracht durch den Krankenwagen und dann wollte Niko mich die ganze Zeit abhalten, da hin zu gehen… Da ist mir das halt rausgerutscht!“, zuckte er leicht die Schultern, wohingegen Niko einfach nur noch den Kopf schütteln konnte.

„Ich gebs auf…“, sank er in seinen Stuhl und rieb sich das Gesicht, um dafür zu beten, dass sich ein Loch unter ihm auftäte, damit er dieser furchtbaren Situation endlich entfliehen konnte. Stattdessen machte sein Dozent es sich jetzt aber auch noch bequem, indem er auf den Tisch rutschte und die Ellenbogen auf den Oberschenkeln abstützte.

„Also… wenn ich das alles so höre und sehe, dann hab ich ehrlich gesagt etwas die Sorge, dass am Ende eure Freundschaft daran kaputt geht, weil der Vertrauensbruch wegen dieser... Geheimniskrämerei zu groß wird. Und das fänd ich sehr schade“, sagte er vorsichtig und schaute zu Dominik, der sofort nickte.

„Ja, ich auch!“, bestätigte er Fridos Bedenken und drehte sich dabei zu Niko.

„Du hast ja echt versucht, mir den Arsch zu retten… auch als du mir neulich schon ins Gewissen reden wolltest. Und ich hab n ziemlich mieses Gewissen, weil ich dir das nicht so offen sagen konnte… Na ja, beziehungsweise versteh ich schon, dass das für dich total absurd klang, als ichs getan hab“, murmelte er, während Niko nur die Brauen hob und langsam von einem zum anderen zu guckte, ehe er die Augen aufriss, als dieses Mal Frido die Hand in Dominiks Richtung ausstreckte und der Jüngere sie ganz selbstverständlich ergriff.

„Ist das hier versteckte Kamera?“, guckte er die Beiden entgeistert an und kam sich noch verarschter vor, als sie anfingen zu schmunzeln und die Köpfe schüttelten.

„Niko, ich war nie verheiratet und hab auch keine Kinder. Ich hab dieses kleine Gerücht einfach nur dankend angenommen, um meine Ruhe zu haben und unsere Beziehung zu schützen“, sagte Frido ruhig und doch konnte Dominik ihm ansehen, dass er sich bei dieser plötzlichen Offenbarung gegenüber seines Studenten nicht gerade wohl fühlte.

„Wie gesagt, wir sind erst ein halbes Jahr zusammen und wollen das nicht direkt vor der ganzen Uni breittreten. Na ja und du und ich kennen uns jetzt ja noch nicht so lange… Da… da musste ich erst mal gucken, wie sich unsere Freundschaft entwickelt, bevor ich dir das anvertrauen wollte“, murmelte Dominik, ehe er kleinlaut die Frage ergänzte, ob Niko ihn ein bisschen verstehen könne. Der ließ nach einem erneuten skeptischen Blick zu den Beiden allerdings erst mal den Kopf in den Nacken fallen und stöhnte: „Alter, wegen dir krieg ich noch graue Haare!“.

9.10.2024: Respektvoll

Wenn man ihn gebeten hätte, sich selbst zu beschreiben, hätte Nikolas unter anderem die Worte offen, locker und respektvoll gewählt. Dabei mochte die eine oder andere Dozentin die letzten beiden Begrifflichkeiten vielleicht manchmal im Gegensatz zu einander sehen, aber jener Dozent, den er jetzt vor sich hatte, wusste seine Worte sicherlich richtig einzuordnen – und wenn nicht, so wäre es Niko in diesem Augenblick bei allem Respekt vor dem Anderen vielleicht sogar egal gewesen. Während er nämlich so auf seinem Stuhl saß, den Ellenbogen auf die Armlehne gestützt und die dazugehörige Hand als Halterung für seinen Kopf nutzend, konnte er nicht anders, als den Worten freien Lauf zu lassen, die in eben jenem gerade herumschwirrten.

„Herr Klimlau, ich kann Sie ja gut leiden, aber sollte hier gleich einer aus dem Schrank springen und „Rein gefallen!“ rufen oder der halbe Kurs mich vor der Tür mit nem entsprechenden Banner erwarten, dann guck ich Sie mit dem Arsch nicht mehr an. Nur, damit Sies wissen… Das ist hier also grad kein Aprilscherz, ja?“, wollte die Skepsis noch immer nicht recht aus seiner Stimme und seinem Blick weichen, während er vor allem seinen Dozenten anvisiert hielt. Dessen Reaktion interessierte ihn gerade viel mehr. Denn bei Dominik war er im Moment ja ohnehin nicht ganz sicher, ob er eventuell unter einem leichten Anfall von geistiger Umnachtung litt, wenn es um den Mann ging, der sein Händchen hielt. Doch der griff bei Nikos Frage erst einmal verdutzt seinen Tischkalender und ließ dann die Augenbrauen hochschnellen.

„Stimmt, heut ist der erste…“, stellte er fest, ehe er den Kopf schüttelte und den Kalender wieder wegstellte.

„Nein, das ist wirklich kein Witz oder Versuch Sie reinzulegen“, sagte er ernst, um dann nach kurzem Zögern sein Handy hervorzuholen, etwas herauszusuchen und es Niko zu präsentieren. Der beugte sich ihm neugierig entgegen und während Dominik im ersten Moment noch verwundert war, nickte er dann verstehend, als auch er das gezeigte Bild zu Gesicht bekam.

„Meine angebliche Frau mit meiner angeblichen Tochter und meinem gar nicht mal so angeblichen Freund beim gemeinsamen Spaziergang im Park“, lächelte Frido, weil das Foto auch gleichzeitig bewies, dass es wohl nicht erst kurz vorher für einen kleinen Aprilscherz aufgenommen worden sein konnte.

„Ist das Ihre Schwester?“, fragte Niko, der eine gewisse Familienähnlichkeit zu erkennen meinte und konnte sich ein kleines Schmunzeln nicht mehr verkneifen, als Frido nickte.

„Ach, verstehe, da hat irgendeiner aus der Uni Sie mal zusammen gesehen und nicht näher hingeguckt, sondern sofort voreilige Schlüsse gezogen“, meinte er und brachte Frido und Dominik damit ein wenig zum Kichern.

„Na ja, so in der Art… ich hatte ein Weihnachtsgeschenk für meine Nichte gekauft…“, begann Frido und lachte, als Dominik seinen Satz mit „Und dabei geschwärmt, wie stolz er auf seine Kleine ist“ beendete. Er stand auf und stellte sich neben Frido, um ihn leicht zu umarmen, während der das Smartphone zurück in die Hosentasche schob und grinste.

„Was? Ich bin auch stolz auf sie und ich hab nie behauptet, dass sie meine Tochter wäre! Selbst du hast das ja am Anfang gedacht! Wenn ihr alle nicht richtig gucken könnt…“, verteidigte er sich mit einem Schulterzucken und legte den Arm um Dominiks Rücken, während der ertappt schmunzelte.

„Ja, da hätte ich uns ein bisschen Drama ersparen können…“, gab er kleinlaut zu, ehe er Niko anschaute und ergänzte: „Ich hab anfangs nämlich genau das gedacht, wovor du mich warnen wolltest: Er ist schon vergeben, also schlag ihn dir aus dem Kopf. Hat sich dann ja zum Glück noch als Irrtum rausgestellt“. Dominiks Blick wanderte zurück zu Frido und so liebevoll, wie sie sich anschauten, während der Lockenkopf seinem Dozenten leicht übers Haar strich, blieb wohl kein Platz für Zweifel an ihrer Geschichte mehr.

„Da habt ihr n Händchen für, oder?“, stellte Niko bei dieser Beobachtung allerdings fest und beide schauten ihn fragend an.

„Ich mein für so Andeutungen, die einen in die Irre führen… Du hast letztens mal erzählt, dass du deinen Freund über die Uni kennengelernt hast, aber dass er inzwischen nicht mehr studiert“, murmelte er mit leichtem Schmunzeln und brachte Dominik damit zum Lachen.

„Na ja, stimmt doch! Ich hab halt nur offen gelassen, ob er ein ehemaliger Student ist oder mein Dozent“, grinste er und Niko musste amüsiert den Kopf schütteln. Für Frido war das allerdings sein Stichwort.

„Ich hab eigentlich gerade Unterricht und hatte den Kurs nur zur Versorgung des Kollegen Talert verlassen“, warf er einen Blick auf seine Armbanduhr und rutschte vom Tisch, ehe er ein wenig ins Stocken geriet.

„Tja… Ich kann mir vorstellen, dass da noch ein bisschen Redebedarf herrscht, aber… ist vielleicht sogar ganz gut, wenn ihr das erst mal allein klärt“, schaute er von einem seiner Studenten zum anderen und schmunzelte, als Niko in etwa das bestätigte, was er auch im Sinn hatte.

„Ja, ist schon etwas komisch, wenn ich ehrlich bin. Immerhin sind Sie ja auch mein Dozent und… ein bisschen fühlt sich das grad so an, als würd ich meinen Eltern beim Turteln und Knutschen zusehen“, gab er mit leicht angewidertem Blick und auf seine unverblümte Art zu verstehen, was Dominik zum Lachen brachte und Frido ein leichtes Kopfschütteln abrang.

„Ihr seid wirklich zwei Knaller…“, murmelte er, während er sich für ein kurzes Küsschen so stellte, dass er Nikos Aussicht mit seinem Rücken verdeckte und dann die Tür ansteuerte.

„Wenn ihr wollt, könnt ihr euch hier unterhalten… ist vielleicht etwas ungestörter“, gab er zu bedenken, während er die Klinke griff und hielt dann noch kurz inne, als ihm eine Idee kam.

„Oh und apropos erster April: Falls einer was zu eurem Auftritt da draußen sagt, wisst ihr Bescheid!“, hob er mahnend den Zeigefinger und verschwand dann aus dem Zimmer, wobei Dominik langsam auf den Tisch rutschte und den Blick zu Niko senkte, als die Tür sich geschlossen hatte.

„Du… Du behältst das doch für dich, oder?“, fragte er, weil ihm bewusst wurde, dass sie Niko ja ziemlich an der Nase herumgeführt hatten und nicht verlangen konnten, dass er ihr Geheimnis nun mitschulterte. Sein Kommilitone zuckte allerdings mit der Augenbraue und seufzte.

„Nee, mir hat das vorhin so gut gefallen, von allen angegafft zu werden, dass ich direkt Bock auf die nächste Runde hab. Ich bastel mir jetzt ein Schild, auf dem ich alles verrate und renn damit gleich durch die Flure. Ist dann ne Kunstinstallation“, triefte seine Antwort nur so vor Sarkasmus und brachte Dominik zum Schmunzeln.

„Dann musst du dich aber auch noch anmalen. Sonst ist das Konzept nicht bis zum Schluss durchdacht“, grinste er, was Niko dazu brachte, die Arme vor der Brust zu verschränken und den Kopf zu wiegen.

„Na ja… wenn ich bewusst von dem Erwarteten abweiche, ist das schon wieder was anderes“, gab er zu bedenken und Dominik musste ihm beipflichten.

„Frau Bachmüller wäre stolz drauf! So um die Ecke gedacht!“, lobte er, um dann bei Nikos Antwort aufzulachen.

„Ja, oder sie würde im Strahl kotzen, weil sie es so einfallslos findet. Du weißt doch, die reagiert grundsätzlich anders, als man meint. Nur auf die bissigen Kommentare kann man sich verlassen“, meinte er mit einem Grinsen, um dann aber doch auch etwas ernster zu werden.

„Nee, du, ganz ehrlich, ich quatsch das jetzt nicht weiter, aber Tessa ist immerhin meine Freundin und vor ihr möchte ich da keine Geheimnisse haben. Du weißt aber, dass sie auch keine Tratschtante ist…“, zuckte er leicht die Schultern, woraufhin Dominik nickte.

„Klar, das versteh ich“, setzte er sich in den Schneidersitz und stützte die Ellenbogen auf den Beinen ab, während der Niko etwas unsicher anschaute.

„Was?“, wollte der wissen und hob die Augenbrauen, als Dominik mit der Sprache rausrückte.

„Ist zwischen uns denn… noch alles in Ordnung?“, fragte er vorsichtig und Niko ließ den Blick nachdenklich durch den Raum schweifen.

„Eigentlich gehts mich ja überhaupt nichts an, mit wem du was hast. Außer, ich hätte den Eindruck, dass dir die Beziehung nicht gut tut, dann würd ich dir ins Gewissen reden, wie du ja jetzt gemerkt hast. Aber ansonsten…“, überlegte er laut und blies einen tiefen Atemzug hinaus.

„Na ja, zugegeben, da kam ich mir vorhin doch erst mal ziemlich verarscht vor, aber ich glaub, ich kanns nachvollziehen. Ist bei euch ja noch mal was anderes als bei Tessa und mir“, zuckte er leicht die Schultern und Dominik nickte, ehe sein Kumpel wieder etwas raushaute, das ihm erst die Sprache verschlug und ihn dann losprusten ließ.

„Bin ja nur froh, dass ich dich jetzt doch nicht einweisen lassen muss… Als du da vorhin so aufgedreht hast, dachte ich echt kurz, ich müsste die Herren mit den Habmichlieb-Jacken holen“, sprach er salopp daher und grinste trotzdem schief, als Dominik zu bedenken gab, wie ihr „Auftritt“ wohl von außen betrachtet ausgesehen haben musste.

„Och, keine Sorge, da gibts bestimmt genug, die uns darauf ansprechen und uns das erzählen werden“, seufzte Niko und rieb sich das Gesicht, um dann zu schmunzeln. Aber Dominik wurde wieder etwas zurückhaltender.

„Ähm… Was das mit dem Einweisen lassen angeht…“, begann er vorsichtig, um dann schnell beschwichtigend die Hände hochzunehmen und abzuwiegeln.

„Also nicht, dass es bei mir tatsächlich schon so weit gekommen wäre!… Aber… mal generell gefragt: Es ist für dich doch kein Problem, wenn jemand zur Therapie geht, oder?“, wurde er mit Beginn seiner Frage wieder leiser und lächelte leicht, als Niko den Kopf schüttelte und die Schultern zuckte.

„Nö, wieso? N Beinbruch schienst du dir ja auch nicht selbst und wenn du merkst, dass deine Psyche n kleinen Gips gebrauchen könnte, holst du dir halt dafür entsprechende Hilfe“, meinte er lapidar und boxte Dominik leicht aufs Knie, um dann zu scherzen, was das denn gerade für tiefgreifende Themen zwischen ihnen wären. Der Lockenkopf grinste und nickte.

„Und das alles wegen nem blöden Krankenwagen…“, murmelte er und schüttelte über sich selbst den Kopf.

„Du hast doch gesagt, dass du noch zum Krankenhaus gefahren bist, als dein Onkel umgekippt ist… vielleicht hast du da ja vorhin irgendwie was miteinander vermischt oder so“, zuckte Niko leicht die Schultern und wieder nickte Dominik.

„Gut möglich… Krankenhäuser find ich eh bedrückend und als wir gegangen sind, wurd da auch schon wieder jemand mit Blaulicht eingeliefert… Und als Susi dann vorhin auch noch meinte, dass da ausgerechnet ein Dozent zusammengebrochen wäre…“, murmelte er und schluckte, wohingegen Niko ausseufzte.

„Ja, konnt ich sehen… Da sind dir alle Sicherungen durchgebrannt. Aber jetzt rückblickend kann ichs verstehen. Heute deine Reaktion aber auch insgesamt. Du hattest dich ja zwischendurch son bisschen abgekapselt und bist dann vor ein paar Wochen wieder mehr auf uns zugegangen und hast erzählt, dass du ein paar Probleme angehen musstest… stell ich mir ganz schön anstrengend vor, dabei dann auch immer drauf zu achten, dass gerade so Leute wie Susi nicht zu viel davon mitbekommen. Selbst zu mir ist ja durchgedrungen, was das für eine Labertasche ist, besonders, wenn sie mit dieser Jeanette zusammenhängt“, sagte er und nachdem Dominik genickt hatte, rieb sich der Lockenkopf erschöpft den Nacken.

„Da ist echt was dran… Susi ist zwar ne Liebe, aber die kann ihre Klappe einfach nicht halten. Ich hab sogar extra meine frühere Vermieterin gebeten, dass ich ihre Adresse weiterhin als meine angeben darf, damit nichts rauskommt und dass sie Susi nichts von meinem Auszug verrät, falls sie mal wieder unangekündigt dort auftaucht“, erzählte er und auch, wenn Niko kurz stutzte, zeigte er sich verständnisvoll bei der Antwort auf seine Frage, wo Dominik denn jetzt wohne.

„Ist vermutlich echt das Beste, was ihr machen konntet“, sinnierte er, um dann anzufangen zu schmunzeln. Dominik musterte ihn und legte den Kopf schief.

„Los, raus damit, was hast du jetzt wieder für ne Schnapsidee?“, grinste er, aber sein Kumpel machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Ich finds grad nur witzig, welche Details einem im Nachhinein jetzt auffallen…“, überlegte er und stützte den Kopf wieder auf eine Hand, während der Lockenkopf ihn fragend anschaute.

„Na ja, als es dir zwischendurch nicht so gut ging, war der Klim… war Herr Klimlau auch nicht so locker flockig wie sonst unterwegs. Und ich hab gehört, dass du ihn teilweise wohl ganz schön angezickt haben sollst“, meinte er, um dann aufzulachen, als Dominik sich beschämt räusperte.

„Ja, das waren nicht unbedingt meine Glanzzeiten…“, gestand er, aber mit einem Lächeln stellte er auch fest, dass die ja zum Glück vorbei waren und dass es gut tat, mit Niko jetzt so ehrlich sein zu können.

10.10.2024: Leitfaden

„Da steckst du“, schmunzelte Frido, als er an diesem Abend von der Arbeit kam und Dominik in der Küche antraf.

„Hattest du keine Lust mehr aufs Atelier, nachdem Niko den Rest des Nachmittags auch nicht mehr für sein Seminar überbrücken musste?“, entledigte er sich seiner Schuhe und Jacke und ging zu seinem Lockenkopf hinüber, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. Dominik war gerade dabei das Abendessen vorzubereiten und schnibbelte Kartoffeln.

„Ich hatte vor allem keine Lust mehr auf Susis Gemaule…“, murrte er und warf Frido einen genervten Blick zu, während der eher fragend schaute.

„Fand sie euren „Aprilscherz“ nicht so lustig?“, ging er an den Kühlschrank, um sich etwas zu trinken zu holen und prustete bei Dominiks Antwort los.

„Nicht so lustig ist noch stark untertrieben. Die hat sich aufgeführt, als wäre das ein persönlicher Angriff auf sie gewesen, dass wir sie nicht „mit einbezogen“ haben. Und nein, witzig fand sie es auch nicht gerade… Die hat mir ernsthaft ne Standpauke gehalten, weil sie so in Sorge war, nachdem sie vom Fenster aus alles beobachtet hat und uns dann aber nach deinem vermeintlichen Anschiss nicht mehr finden konnte“, erklärte er und ging dabei für Fridos Geschmack doch etwas zu grobschlächtig mit dem Messer um.

„Zeig mal her, bevor es nachher eine unfreiwillige Fleischbeilage gibt…“, murmelte der Dozent und nahm seinem Freund das Werkzeug erst mal aus der Hand.

„Sie kam mir auf dem Weg zum Kurs auf dem Flur entgegen und wollte wissen, wo ihr abgeblieben seid. Ich hab ihr gesagt, ihr wärt in die entgegengesetzte Richtung gegangen…“, erzählte er, während er weiter schnitt und Dominik die Gelegenheit gab, erst mal unbewaffnet mit seinem Bericht fortzufahren.

„Sie war so angepisst, dass sie sogar meinte, hoffentlich hättest du uns so richtig den Kopf gewaschen. Ach ja und dass ich die Doppelmoral in Person wäre. Weil ich ihr und den anderen Mädels mal gesagt hab, sie sollen mit ihrer ständigen Schwärmerei für dich aufhören und dir jetzt selbst in die Arme renne“, verschränkte Dominik seine vor der Brust und seufzte wieder genervt aus.

„Im Moment führt die sich echt manchmal wie ne Furie auf!“, war seine Feststellung, die Frido ein wenig zum Schmunzeln brachte.

„Nur, weil sie dich gestern auch schon für deinen kleinen Stunt zusammengefalten hat?“, erkundigte er sich und Dominik blinzelte einige Male irritiert, ehe er aufbrausen wollte und dann doch kleinlaut wurde.

„Nein, sie hat dich nicht verpetzt. Ernest und ich hatten uns für eine kleine Kaffeepause getroffen und sind dabei zufällig passend vorbeigekommen, als Susi deinetwegen mal wieder die halbe Fußgängerzone zusammengekreischt hat. Kannst dich übrigens auch schon auf einen Einlauf von Ernest freuen, wenn wir uns Freitag wieder mit ihm treffen. Komischerweise reagiert er immer ein bisschen allergisch darauf, wenn er seine Patienten bei irgendwelchen Dummheiten erwischt“, verriet Frido in aller Seelenruhe, während Dominik das Gesicht verzog.

„Ihr habt das gesehen?“, murmelte er und wieder schmunzelte Frido.

„Ja, ab dem Zeitpunkt, an dem Susi dich angeblökt hat, dass du „die Scheiße“ sein lassen sollst. Wir standen auf der anderen Straßenseite, als du dich grinsend aufs Skateboard gestellt hast, Susi dich noch mal als „Vollidioten“ bezeichnete und du dann laut jubelnd die gesamte Bergstraße bis kurz vor der Kreuzung runtergebrettert bist. Was die gute Frau Schmidtnagel dir dann noch nachgebrüllt hat, als sie dir hinterher gelaufen ist, konnten wir allerdings nicht mehr verstehen. Dafür wart ihr dann zu weit weg“, hob er nun den Blick zu Dominik und musterte ihn, während der sich etwas unbehaglich räusperte – erst recht, als Frido ihm noch einen gut gemeinten Rat gab.

„Kleiner Tipp: Wenn du schon solche Manöver veranstaltest und nicht möchtest, dass Ernest was davon mitbekommt, dann mach es nicht unbedingt direkt um die Ecke von seiner Praxis, hm?“, lehnte er sich zu Dominik und zwinkerte, um dann aufzulachen, als der die Schultern hochzog und irgendwas davon nuschelte, dass er daran in dem Moment nicht gedacht hatte.

„Eigentlich wollte ich Susi nur ein bisschen ärgern, weil kurz vorher welche mit so altmodischen Tretrollern an uns vorbei sind und sie meinte, dass sie nicht mal mit dem Fahrrad da runterfahren würde. Das ist so steil und wenn man dann vor der Hauptstraße nicht schnell genug bremsen kann oder übers Lenkrad absteigt… würde, hätte, könnte...“, nörgelte er, um sich dann darüber zu wundern, dass Frido ihn nicht schon am Vortag darauf angesprochen habe. Der aber zuckte die Schultern und kümmerte sich weiter ums Essen.

„Ich bin doch nicht dein Erziehungsberechtigter. Du bist alt genug, um dir die Konsequenzen von solchen Aktionen selbst zu überlegen. Und es ist ja auch nicht so, als hättest du tagtäglich ein passendes Beispiel für den Folgen von Unfällen im Straßenverkehr vor Augen“, sprach er lapidar, wohingegen Dominik brummend den Kopf in den Nacken warf.

„Gratuliere! Schlechtes Gewissen einreden übertrumpft Anschiss!“, murrte er und holte sich trotzde von Frido einen Kuss auf die Schläfe ab, ehe er ihm wieder beim Kochen half.

„War zwar nicht meine Intention, aber wenn du dadurch künftig etwas umsichtiger bist…“, meinte Frido und beförderte die Kartoffel ins Kochwasser.

„Gerade die Bergstraße hat ein paar kleinere Schlaglöcher auf der Straße und auf dem Bürgersteig, die meiner Meinung nach schon längst mal hätten saniert werden müssen. Gestern bist du denen zwar schön im Slalom ausgewichen, aber ich würd ungern einen Anruf von der Polizei kriegen, falls du beim nächsten Mal doch eins übersiehst. Ich glaub, dann bräuchten wir das hier nämlich auch nicht mehr“, zog er dann sein Handy aus der Tasche und zeigte Dominik eine Homepage, die er rausgesucht hatte.

„Was ist das?“, fragte der Jüngere und las in der Überschrift etwas von Leitfaden für die Verlegung von Fußbodenheizungen.

„Wir sollten doch bald mal überlegen, wie wir dein Atelier auch im Winter warm bekommen, also wollte ich schon mal gucken, welche Optionen es da so gibt und welche für uns am ehesten infrage kommen. Auch, damit der restliche Ausbau sich nicht ewig verschiebt, falls es wirklich eine Fußbodenheizung wird“, meinte Frido und dieses Mal war Dominik es, der schmunzelte.

„Dass ich aus einer Familie von Klempnern komme, weißt du aber schon?“, gab er zu bedenken und schüttelte trotzdem schnell den Kopf, als Frido überrascht fragte, ob er das etwa selbst machen wolle.

„Ob das so ne gute Idee wäre, weiß ich nicht, aber… ich hab überlegt, ob wir dafür vielleicht Heiner oder Basti mal ansprechen?“, schlug er etwas unsicher vor und auch wenn Frido dieser Vorstoß verwunderte, nickte er ohne zu zögern.

„Klar, wenn du das möchtest, frag sie gern“, lächelte er und lachte dann wieder, als Dominik meinte: „Vielleicht erst mal klein anfangen, anstatt direkt mit Paps zu starten...“.

11.10.2024: einsammeln

„Bitte…“, stellte er sich hinter Frido und schlang die Arme um ihn, ehe er versuchte ihn noch mehr zu bezirzen.

„Bitte, bitte, bitte“.

Wie schön diese von langen Wimpern umrahmten grünen Augen doch funkeln konnten, wenn sie den Dozenten so musterten und dabei für einen Kuss auch noch immer näher kamen. Nur dummerweise schlich sich ein Grinsen auf die Lippen des Älteren, kurz, bevor der Mund des Jüngeren sie erreicht hatte und die gerade noch so romantische Atmosphäre fand ihr jähes Ende.

„Vergiss es“, raunte Frido und lachte auf, als Dominik seufzend von ihm abließ und sich fast schon trotzig an den Küchentisch lehnte. Er verschränkte die Arme vor der Brust, presste die Lippen und Augenbrauen zusammen, um dann einen widerwilligen Blick zum Korb auf dem Tisch zu werfen.

„Hör auf zu schmollen, mein Schatz. Er wird dir den Kopf schon nicht abreißen“, trällerte Frido und konnte sich das Grinsen einfach nicht verkneifen, während er Dominik nachging und die Hände neben ihm abstützte. Der Lockenkopf allerdings schmälerte nur die Augen – immer noch wunderschön, aber nun auch ein wenig kratzbürstig.

„Sag doch einfach, dass ich heute nicht mitkomme, weil ich mich nicht so gut gefühlt hab… Ernest ist immerhin Arzt, der wird das verstehen!“, argumentierte er nun, nachdem andere Manöver schon keine Wirkung gezeigt hatten, aber wieder schüttelte sein Freund den Kopf.

„Du bringst ihm das Gebäck schön selbst vorbei. Immerhin bist du der Bäcker, da möchte er mögliche Fragen und Anregungen fürs nächste Mal bestimmt gern mit dir selbst besprechen“, säuselte Frido, während Dominik wieder seufzte.

„Du gehst doch heute eh zu ihm hin und müsstest den Korb einfach nur mitnehmen. Ich hab dich nicht mal um einen Umweg oder so gebeten. Und wenn er wirklich was am Gebäck zu mäkeln hat, kann er mir auch ne Nachricht schreiben“, protestierte Dominik, um dann die Augen zu verdrehen, als Frido ihn daran erinnerte, dass er ja nicht allein eingeladen sei.

„Dir macht das grad richtig Spaß, oder?“, murrte der Lockenkopf und setzte einen tödlichen Blick auf, als sein Freund es jetzt auch noch wagte, zu kichern.

„Sieh es mal so: Immerhin bist du jetzt ja doch noch vorgewarnt und kannst dich drauf einstellen, dass gleich ein Rüffel kommt“, zwinkerte er, woraufhin Dominik nach kurzer Überlegung das Gesicht entgleiste.

„Moment mal… Was heißt hier „doch noch“ vorgewarnt? Hast du mir deshalb auch nicht sofort gesagt, dass ihr mich gesehen habt? Du wolltest mich da heute völlig ahnungslos hindackeln lassen, stimmts?!“, starrte er Frido entgeistert an, der sich leicht auf die Unterlippe biss und abwendete, als er wieder kichern musste.

„Sagen wir einfach, ich hab schon vermutet, dass du dich drücken willst und es auf diese Diskussion hinauslaufen wird. Aber ich hab mir dann ja noch ein Herz gefasst, mein Liebling“, schmunzelte er und tippte Dominik leicht auf die Nase, wobei der aussah, als wolle er ihm in den Finger beißen.

„Deine Kosenamen kannst du für dich behalten! Ihr habt euch doch alle gegen mich verschworen!“, murrte er und stützte sich vom Tisch ab, um dann Fridos Arm auszuweichen, als der ihn gerade für eine kleine Kuscheleinheit an sich ziehen wollte.

„Ach, komm, jetzt sei nicht eingeschnappt! Er wird dir sagen, dass er deine Aktion verantwortungslos fand und gut! Schlimmer als Susis Gemecker wirds nicht werden“, meinte Frido, ohne, dass er sich wenigstens selbst davon überzeugen konnte und erst recht misslang der Versuch bei Dominik.

„Wovon träumst du nachts? Der wird mir n einstündigen Vortrag halten!“, prophezeite er und wollte seltsamerweise nicht mitlachen, als Frido scherzte, dass es bestimmt nur auf eine halbe Stunde hinausliefe.

„Außerdem…“, ergänzte Frido dann noch „hast du es dann wenigstens hinter dir, wenn du heut mitkommst. Schließlich reden wir hier von Ernest. Der vergisst das nicht so schnell und würde selbst in drei Jahren noch eine Gelegenheit finden, um dir das unterzujubeln, wenn er vorher nicht dazu käme“, fasste er Dominiks Gesicht, um ihn zu küssen und mit tiefem Seufzen ergab sich der Lockenkopf in sein Schicksal.

„Meinetwegen…“, griff er also den Korb, schlüpfte in seine Jacke und trottete mit Frido seinem Anschiss entgegen. Aber vielleicht konnte er den ja ein bisschen abmildern?

„Hallo Ernest, es tut mir leid, dass ich euch letzte Tage Angst eingejagt hab“, zeigte er sich bereits reumütig, als der Gastgeber ihnen die Tür öffnete und während Frido anfing zu schmunzeln, verzog der Arzt keine Miene.

„Tag zusammen. Überraschenderweise konnte der gute Friedrich die Klappe also doch nicht halten“, lautete seine Begrüßung, ehe er beiseite ging und seine Gäste eintreten ließ. Der Dozent klopfte Ernest bei Vorbeigehen auf die Schulter und sein Student zeigte sich noch immer schuldbewusst.

„War wirklich ne blöde Aktion von mir… Kommt nicht noch mal vor, versprochen“, gelobte er, während er aus seiner Jacke schlüpfte und dann die diesmalige Bestellung zur Kücheninsel trug.

„Löblich“, nickte der Arzt und schaute ihm nach, aber Fridos Blick fiel hingegen ins Wohnzimmer.

„Was hast du da denn?“, musterte er den Vorhang, der eine der Wände beinahe über die gesamte Länge an der oberen Hälfte bedeckte. Er ging hinüber, aber Ernest bat ihn, noch nicht unter die Abdeckung zu schauen.

„Oh, ich hatte da eine kleine Idee. Ihr als Künstler kennt euch mit Ausstellungen sicherlich besser aus als ich, daher würde ich gern eure Meinung dazu hören“, trat er ebenfalls ruhigen Schrittes an jene Wand heran und forderte auch Dominik auf, sich erst einmal zu ihnen zu gesellen, ehe er den Korb weiter auspackte. Neugierig kam der junge Mann näher und schaute Ernest erwartungsvoll an, während Frido eher etwas skeptisch wirkte.

„Hast du dir überlegt, mal ein paar deiner Fotografien aufzuhängen?“, fragte er und der Arzt schmunzelte.

„So in der Art…“, griff er ein Seil am Rand des Vorhangs und betrachtete die beiden ersten Besucher seiner kleinen Vernissage, ehe ein beherzter Ruck am Seil den Vorhang zu Boden fallen ließ und die Kunstwerke freigab. Der eine Ausstellungsbesucher wurde blass, während der anderen langsam die Augen schloss und den Kopf schüttelte.

„Musste das sein?“, fragte Frido leise, wohingegen Ernest beschwingten Schrittes zu ihnen ging und sich zwischen ihnen einreihte, um die Gesamtinstallation zu betrachten.

„Zugegeben, der Vorhang wirkt im ersten Moment vielleicht etwas übertrieben, aber es war eine kleine Vorsichtsmaßnahme. Ich weiß auch nicht, warum, aber ich hatte ein wenig die Befürchtung, dass unser guter Herr Preuss heute vielleicht etwas unpässlich sein könnte und darum erst beim nächsten oder übernächsten Mal wieder mitgekommen wäre. Da wollte ich doch gern dafür sorgen, dass du in dem Fall nicht auch diese kleine Überraschung ausplapperst, Frido“, lächelte er über die Ansammlung von Leinwänden unterschiedlicher Größen, die die Resultate von Verkehrsunfällen in Form von Fotos und Röntgenbildern zeigten. Es waren Abbildungen, die nichts beschönigten oder verharmlosten und dem Betrachter noch deutlich schonungsloser ins Gesicht sprangen, als die Bilder auf den Zigarettenpackungen an der Supermarktkasse.

„Das mein ich nicht und das weißt du auch“, brummte Frido und drehte sich zu Ernest, der entspannt die Hände hinterm Gesäß gefaltet hielt und fast schon vor Freude auf den Zehenspitzen wippte, während Dominik neben ihm nicht einmal mehr an die Wand schauen konnte.

„So, wie ich dich einschätze, bist du eher der visuelle Lerntyp nicht wahr? Daher dachte ich mir, verschwende ich gar nicht erst meine Zeit mit langen Worten“, flüsterte Ernest beinahe frohlockend, wobei er Dominik einen leichten Klaps auf den Rücken gab und bei einem genüsslichen Seitenblick erkennen durfte, wie der schwer schluckte. Worte fand er keine, nur nicken konnte er. Dafür verschlug es Frido hingegen nicht so die Sprache.

„Ernest, das geht zu weit!“, stapfte er an die erste Leinwand, um sie abzuhängen, aber der Arzt ging ihm nach und fasste ihn am Unterarm.

„Aber, aber! Vielleicht möchte unser junger Künstler sich noch ein paar Inspirationen holen?“, fragte er scheinheilig, wohingegen Fridos Antwort so aussah, dass er den Keilrahmen übers Knie brach, ehe er an den nächsten herantrat. Der Arzt schmunzelte und schüttelte den Kopf.

„Du tust ja gerade so, als hätte ich ihm ein paar alte Aufnahmen von dir gezeigt“, schwang etwas Wissendes in seiner Stimme mit, das Frido das Blut in den Adern gefrieren ließ. Er starrte zu Ernest, der über die Schulter zu ihm schaute, während er zurück zu Dominik schlenderte und sich hinter ihn stellte.

„Ich habs verstanden…“, flüsterte der Student nun endlich und räusperte sich, um dann fast zu stolpern, als Ernest ihn plötzlich an den Schultern packte und zur hintersten Leinwand schob.

„Du hast es verstanden? Wie schön! Dann können wir den langweiligen Teil ja überspringen und gleich die interessanten Themen besprechen!“, rief er aus und schrie Dominik fast schon an, dass er sich die dort gezeigte Collage ansehen solle – und zwar ganz genau.

„Das reicht!“, ging Frido ihnen nach einer Schrecksekunde nach und streckte die Hand bereits nach dem Rahmen aus, aber als er die darauf gezeigten Aufnahmen erkannte, geriet selbst er ins Stocken. Ernest schien sich hingegen zu fühlen wie ein Zirkusdirektor in der Manege.

„Und hier, meine Damen und Herren, präsentieren wir Ihnen den perfekten Vorher-Nachher-Vergleich! Ist es nicht großartig, was die moderne Medizin so alles leisten kann? Hier erkennt man wunderbar, wie sehr sich der menschliche Körper erst auf links drehen lässt…“, trat er mit weit ausgebreiteten Armen an die Leinwand, um auf die abgebildeten Röntgenbilder mit den zahlreichen Brüchen zu deuten, ehe sein Zeigefinger Frido anvisierte.

„… und dort sehen wir am lebenden Beispiel, was sich mit ein paar kleinen Operationen, etwas Geduld und nur wenigen Monaten voller Rehabilitationsmaßnahmen daraus formen lässt. Faszinierend, nicht wahr? Fast wie neu!“.

Bei diesen Worten erinnerte der Zirkusdirektor auch ein wenig an einen Staubsaugervertreter, der die neueste Version irgendeines Putzteufels andrehen wollte, wohingegen Frido mit einem Ruck fast so wirkte, als sei der Leibhaftige selbst in ihn gefahren. Er stampfte mit bebenden Nüstern auf Ernest zu und schob ihn beiseite, um dann diesen verfluchten Schandfleck von dessen Wand zu reißen. Doch als ausgerechnet Dominik „Warte!“ rief und seine Unterarme fasste, hielt er inne. Fassungslos schaute Frido ihn an, als er ihm die Leinwand behutsam aus der Hand nahm, um sie detaillierter zu betrachten. Ernest stellte sich hingegen so hinter Dominik, dass er ihm über die Schulter schauen konnte und verschränkte dabei die Arme vor der Brust.

„Ja, ganz recht, das in der Mitte ist Friedrich nach der ersten Notoperation. Kann man ganz gut an den knallroten Haaren erkennen. Früher trug der Künstler von Welt so was noch. Heute mag der Herr es etwas dezenter“, murmelte er, um dann den Blick zu Frido zu heben und ihn zu fragen: „Die Aufnahmen hast du ihm vermutlich noch nicht gezeigt, oder?“. Als Antwort nahm Frido seinem Freund den Keilrahmen nun doch aus der Hand und verfuhr mit ihm wie mit dem ersten.

„Aufsammeln kannst du den Müll selber“, knurrte er, während er den kaputten Rest zu Boden warf und sich an die anderen Kunstwerke begab. Ernest aber zuckte nur die Schultern.

„Mit Vergnügen. Wenn diese kleine Präsentation dafür gesorgt hat, dass wir sobald nicht mehr Gefahr laufen, dich auf der Straße einsammeln zu dürfen…?“, schob er die Hände in die Hosentaschen und schaute Dominik eindringlich an, der den Blick vom kaputten Keilrahmen hoch zu Ernest wandern ließ. Langsam, fast schüchtern nickte er und schluckte, ehe er zu Frido gehen wollte. Aber Ernest hielt ihn am Arm und schüttelte den Kopf.

„Lass ihn sich austoben…“, flüsterte er zu Dominik und bedeutete ihm mit einem Fingerzeig, dass er ihm stattdessen in die Küche folgen sollte. Dort ließ er den jungen Mann auf einem der Stühle an der Kücheninsel Platz nehmen und bereitete ihm einen Tee, während Dominik den Blick nicht von Frido abwenden konnte.

„Hier spielt die Musik“, holte Ernest daraufhin seine Aufmerksamkeit zu sich zurück und musterte den jungen Mann kurz über seine Brillengläser hinweg.

„Weißt du…“, begann er dann in beinahe väterlichem Ton.

„Eigentlich könnte mir das ja egal sein, wenn du den Asphalt mit deinen Einzelteilen verschönerst. Entweder würdest du mir neue Arbeit und neues Geld einbringen oder wenigstens einigen Leuten einen Gefallen tun, die aktuell auf ein neues Organ warten…“, goss er das heiße Wasser in die Tasse und schob sie Dominik hinüber, der gerade wie ein Schluck Wasser in der Kurve da saß.

„Aber…?“, fragte er mit belegter Stimme und schaute auf den zarten Dampf, der aus der Tasse emporstieg, während Ernest leicht den Kopf wiegte.

„Aber dummerweise kann ich dich irgendwie ganz gut leiden“, ging er um die Kücheninsel herum zurück zu Dominik und schmunzelte, als der etwas fahrig witzelte, dass der Arzt ja nur Sorge hätte, sich einen neuen Bäcker suchen zu müssen.

„Stimmt, das kommt auch noch dazu…“, hob der Ältere die Augenbrauen und legte die Hand auf Dominiks Schulter, während er sich neben ihm an die Kücheninsel lehnte. Schweigend schaute der junge Mann zu ihm auf und brachte den Arzt zum Seufzen.

„Ich bin bis vor einigen Jahren selbst Motorrad gefahren. Und mir ist auch klar, dass du früher manches vielleicht nicht so ausleben konntest, wie du wolltest und jetzt gern das Eine oder Andere nachholen möchtest. Mir gehts also nicht darum, dir alles zu verbieten, was Spaß macht. Ich hab nur keine Lust darauf, dass du mutwillig irgendwas machst, das dich so wie Frido damals enden lassen könnte. Such dir also einfach Strecken, bei denen du dich nicht so leicht in Einzelteile hauen kannst und versuch es zur Abwechslung vielleicht auch mal mit Schutzkleidung. Wie wärs?“, schlug er vor, um dann Frido anzuschauen, als der mit seiner Verschönerung der Kunstwerke fertig war und noch immer etwas verstimmt zu ihnen stieß.

„Ein oder zwei Stück Zucker in deinen Tee?“, fragte Ernest und steuerte wieder die andere Seite der Kücheninsel an, während er hören konnte, wie Frido die Hände kraftvoll auf die Arbeitsplatte haute.

„Arschloch!“, lautete seine präzise Mengenangabe und der Arzt zuckte nach einem flüchtigen Blick zu dem Wüterich die Schultern.

„Gut, heute also keinen Zucker für dich“, meinte er lapidar, während er in aller Seelenruhe einen Teebeutel in Fridos Tasse sinken ließ und ihn mit heißem Wasser überbrühte. Er stellte sich schon auf weitere kleine Entgleisungen dieser Art ein, aber stattdessen blieb es überraschend still.

„Keine Widerworte?“, fragte er darum und drehte sich zu seinen Gästen, um mit einem kleinen Schmunzeln zu betrachten, wie sie in enger Umarmung da standen. Hatten vielleicht sogar beide ein bisschen was aus dieser kleinen Konfrontationstherapie mitnehmen können? Seufzend schob Ernest auch Fridos Tasse an ihren vorherbestimmten Platz und meinte dann: „Was haltet ihr davon, wenn wir unser heutiges Treffen hierher verlegen? Mein Wohnzimmer ist bedauerlicherweise ein wenig unordentlich“. Er konnte Frido ansehen, wie dem noch ein paar Beleidigungen durch den Kopf schossen, aber statt sie auszusprechen atmete er tief durch, schaute Dominik kurz an und als von dem keine Widerworte kamen, setzte er sich auch endlich dazu.

12.10.2024: Einkaufsbummel

„Ich glaub, ich muss mich bei dir entschuldigen“, sprach Frido in die Nacht hinein, als er mit Dominik von Ernests Wohnung zurück zu ihrer eigenen schlenderte. Trotz des holprigen Starts in das Treffen waren der restliche Nachmittag und Abend noch entspannt verlaufen und dennoch hatte Dominik schon mit Verlassen der Wohnung bemerkt, dass sein Freund stiller geworden war.

„Wofür? Du hast doch nichts gemacht“, antwortete er, als der Ältere nun sein Schweigen brach und langsam damit herausrückte, was ihn zu beschäftigen schien.

„Wie lange kenn ich Ernest jetzt?“, warf er Dominik einen Blick zu, ehe er die Augen wieder auf die Straße richtete.

„Ich hätte wissen müssen, dass dem nicht nur eine kleine Standpauke reicht, aber mit so was hätte ich trotzdem nicht gerechnet“, schüttelte er den Kopf, um dann wieder Dominik anzuschauen, als der seine Hand griff und die Finger mit seinen verflocht.

„Wir reden hier von Ernest. Wenn er nicht immer noch eine Möglichkeit finden würde, selbst dich an der Nase herumzuführen, müssten wir uns wohl ernsthafte Sorgen um ihn machen“, schmunzelte er, was selbst Frido ein belustigtes Schnauben entlockte.

„Und außerdem…“, stellte Dominik sich dann vor seinen Freund und legte ihm die Arme um die Schultern.

„… Ich gebs nur ungern zu, aber diese kleine Schocktherapie war vielleicht gar nicht mal so verkehrt“, gestand er, woraufhin Frido die Augenbrauen hob und ihn an den Hüften fasste.

„Aha, unsere kleine Unterhaltung hatte also wohl doch nicht so einen durchschlagenden Erfolg, wie du erst gesagt hast?“, murmelte er und legte den Kopf schief, während er seinen Freund und dessen Grinsen betrachtete, das eine Mischung aus verschmitzt und ertappt darstellte.

„Na ja… Klar weiß ich von deinem Unfall und hier und da sieht man noch ne kleine Narbe, aber im Alltag merkt mans dir halt echt nicht an und da vergess ich dann auch ganz gern mal, wie so was enden kann…“, gab er kleinlaut zu, ehe er mit belegter Stimme ergänzte, dass Ernests kleiner Trick wortwörtlich Augen öffnend für ihn gewesen sei. Frido schmunzelte und strich ihm mit dem Daumen über den Unterkiefer.

„Wolltest du nicht morgen ohnehin einen kleinen Einkaufsbummel mit Susi machen? Dann kannst du ja gleich mal nach ein paar Schonern und nem Helm gucken“, tippte er Dominik auf die Nasenspitze, die der daraufhin kraus zog.

„Mal gucken, wie lange die Shoppingtour anhält! Ich hab ihr schon gesagt, wenn sie wieder anfängt mich anzuzicken, dann hau ich ab“, murrte er und brachte Frido damit zum Lachen.

„Ihr seid schon ein Gespann!“, küsste er den Lockenkopf auf die Wange und zog ihn dann mit sich, um weiter ihr Zuhause anzusteuern.

„Ach, wenn sie sich im Moment nicht so aufführen würde, wäre ja alles entspannt… Ich weiß gar nicht, was in sie gefahren ist“, seufzte der Jüngere aus und runzelte die Stirn, als er diese wissende Note in Fridos Blick erkannte.

„Kann es sein, dass sie ein bisschen eifersüchtig ist?“, gab er zu bedenken und schmunzelte über Dominiks irritiertes „Hä?“. Der Dozent zuckte leicht die Schultern und schob die freie Hand in seine Hosentasche.

„Früher habt ihr ne Zeit lang ziemlich viel zusammengehangen, aber mittlerweile ziehts dich eher zu Niko und den anderen hin“, sagte er und noch immer schien Dominik nicht recht überzeugt.

„Ja, aber sie hat doch auch noch andere Freunde. Ist ja nicht so, als wär ich ihr einziger Kontakt in der Uni – eher im Gegenteil! Die kennt doch gefühlt jeden…“, murmelte er, um Frido dann entgeistert anzuschauen, als der nach einem Moment der Stille wieder das Wort ergriff.

„Stimmt, aber… es war früher schon auffällig, dass sie gerne deine Gesellschaft wollte und auch immer versucht hat, dich irgendwie bei sich zu haben. Und das, was sie da neulich bei unserem kleinen Aufeinandertreffen zu dir gesagt hat… dass sie dich attraktiv findet, aber dass du ihr zu schüchtern wärst und so…“, stellte er sich dieses Mal Dominik in den Weg und betrachtete ihn.

„Ich glaube nicht, dass nur mir aufgefallen ist, wie du dich in der letzten Zeit verändert hast. Du bist zwar kein Niko, was das angeht, aber für deine Verhältnisse bist du deutlich lockerer geworden. Du lachst viel mehr, kommst gerade in Gesellschaft deiner Freunde viel mehr aus dir raus und zeigst ja durchaus auch mal die eine oder andere Seite, die man von dir vorher nicht so kannte. Wenn man dich vorher schon toll fand, kann einem diese Entwicklung vielleicht sauer aufstoßen, oder – was ich eher vermute – sie sorgt dafür, dass man sich erst recht zu dir hingezogen fühlt“, lehnte er sich wie zum Beweis dafür, welche Einstellung er bei diesem Thema vertrat, zu Dominik, aber der drehte den Kopf weg und schlüpfte an Frido vorbei.

„Mir gefällt überhaupt nicht, was du da andeutest!“, hob er in abwehrender Geste die Hand und stapfte weiter, während sein Freund ihm nachging.

„Die hat doch eh ständig n anderen Typen! Als ob ich da jetzt die große Ausnahme wäre! Außerdem… ach das ist doch eh Blödsinn! Susi braucht nur einen, den sie bevormunden kann und der ihr die Einkaufstüten trägt! Mehr nicht!“, brauste er auf, während Frido ihn ruhig anschaute.

„Und bei dem sie sich immer so schön unterhaken kann…“, murmelte er leise, um dann erst recht einen fuchtigen Blick von Dominik zu ernten. Er öffnete den Mund für Widerworte, doch sie fielen ihm scheinbar nicht ein – etwas, das ihn offensichtlich noch mehr ärgerte. Seinem Freund fiel das Reden dabei deutlich leichter.

„Jetzt sag mir nicht, dass sie das bei allen macht. Außer bei ihren Mädels hab ich das bisher nur bei dir beobachtet. Obwohl sie, wie du schon sagst, ja mit vielen Leuten auf dem Campus Kontakt hat“, zuckte Frido leicht die Schultern und blieb stehen, als auch Dominik es tat. Der schüttelte nun vehement den Kopf.

„Ich war nie der Typ, auf den irgendwelche Mädels abgefahren sind! Da hatte ich zum Glück immer meine Ruhe vor! Du sagst es doch grad selbst: Susi behandelt mich einfach wie eine ihrer Freundinnen. Die zicken sich ja auch ständig an und hängen dann doch wieder zusammen!“, stellte er klar und nickte eifrig, als Frido zugab, dass es nur sein Eindruck gewesen sei und dass der auch falsch sein könne.

„Ja, ganz genau! Du hast dich geirrt!“, forderte Dominik und schnaubte aus, als Frido zur Bestätigung nickte. Damit war das Thema für seinen kleinen Sturkopf scheinbar erledigt, aber sein strammer Gang zeigte, dass es ihn trotzdem noch aufwühlte. Frido hingegen schlenderte ihm langsam nach. Er nutzte diese Gelegenheit, um ihn zu beobachten und seinen Gedanken nachzuhängen, ehe er mit einem leichten Kopfschütteln zu dem Entschluss kam: „Als ob nur ich dich so anziehend finde…“. Vielleicht war es aber für die Zukunft besser, Dominik in diesem Glauben zu lassen, wenn er es offensichtlich selbst so wollte.

13.10.2024: Radiomusik

Hatte wohl schon mal jemand bleibende Schäden davon getragen, weil er zu lange vor einer dieser Umkleiden hocken musste und sich dabei diese omnipräsente Radiomusik mit dem überspitzt fröhlichen Gesabbel der Moderatoren zu sehr in seine grauen Zellen gefressen hatte? Diese Frage stellte Dominik sich an diesem Vormittag ernsthaft, während er in bester Gesellschaft einiger anderer Shoppingbegleitungen darauf wartete, dass sich der Vorhang „seiner“ Umkleidekabine endlich öffnete. Hoffentlich hatte Susi nach über einer Stunde in diesem Laden nun doch noch etwas Passendes gefunden und hoffentlich konnten sie dann bald weiterziehen, ehe ihm das Gedudel aus den Lautsprechern mehr als nur einen Ohrwurm verpasste. Er seufzte schon erleichtert aus, als Susis liebliches „Na? Was meinst du?“ an seine Ohren drang, aber als er dabei den Blick vom Smartphone hob, blieb ihm kurz die Spucke weg. Sein Sprachzentrum setzte zwar für einen Moment aus, aber zum Glück arbeiteten andere Funktionen seines Kopfes und Bewegungsapparats noch tadellos. Also verlor er gar nicht viel Zeit.

„Steht mir das? Für den Sommer ist das doch eigentlich n süßes Kleid, oder?“, betrachtete Susi sich gerade noch in einem der Spiegel vor den Umkleiden, um dann erschrocken aufzublicken, als Dominik plötzlich vor ihr stand und ihr seine Jeansjacke um die Hüften band.

„Was machst du denn da?“, legte sie zwar ihre Hand an seine Brust, aber ernsthafte Anstalten, ihn von sich zu schieben, machte sie dabei nicht. Stattdessen schaute sie irritiert zwischen seinem Gesicht und seinen Händen, die gerade einen Knoten in die Ärmel zauberten, hin und her.

„Willst du, dass man deinen halben Arsch sehen kann?“, deutete er vielsagend zu einem der Spiegel hinter Susi und stützte die Hände auf die Hüften, während sich eine leichte Röte auf die Wangen seiner Begleiterin legten.

„Störts dich, wenn eine Frau sich freizügig kleidet?“, tippte sie ihm leicht auf die Brust, während sie seine Reaktion beobachtete und die im ersten Moment vor allem aus einem Stirnrunzeln bestand.

„Du, von mir aus kannst du auch nackt rumrennen, das stört mich nicht…“, begann er dann, um sofort abwehrend die Hand zu heben, als Susi schon zu einem empörten Ausruf ansetzte.

„Ich wollte damit sagen: Mir ist egal, was du trägst! Ich war mir nur nicht sicher, ob dir bewusst ist, wie kurz dieses… „Kleidchen“ ausfällt. Vor allem hinten. Wenn es dich nicht juckt, dass das Teil mehr freilegt, als es bedeckt, dann okay! Gib mir die Jacke wieder und gut“, zuckte er dann die Schultern, um kurz drauf erneut die Stirn zu runzeln.

„Du findest es also nicht zu nuttig und das war auch nicht deine Art mir zu sagen, dass ich zu dick bin, um so was zu tragen?“, meinte Susi jetzt nämlich mit einem putzigen Schmunzeln, während ihr Finger scheinbar noch immer nicht davon müde wurde, Dominiks Brust anzustupsen.

„Du müsstest eigentlich wissen, dass ich kein Freund davon bin, die Körper oder das Aussehen anderer zu bewerten. Soll doch jeder tragen, worauf er oder sie Bock hat! Wenn du dich in dem Fummel wohl fühlst, dann kauf ihn dir und wenn nicht, dann häng ihn wieder weg und such dir was anderes“, war seine recht pragmatische Antwort, die Susi zum kichern brachte.

„Elegant um die Antwort herumgeschifft, mein Lieber!“, schmunzelte sie und tippte ihm auf die Nase, als Dominik zu Widerworten ansetzen wollte.

„Vielleicht überleg ich mir das noch mal und probier erst mal das andere Kleid an. Aber Danke für deine ritterliche Geste“, drehte sie dann allerdings mit einem schelmischen Grinsen zur Umkleide um, sodass Dominik es dabei beließ. Er schüttelte nur den Kopf und seufzte, um dann mit einem „Weiber!“ zurück an seinen Platz zu trotten und sich auf die nächste gefühlte Ewigkeit der Warterei einzustellen. Den Rücken dieses Mal zu den Umkleiden gedreht, ließ er sich auf einem der Hocker nieder und musste zugeben, dass zur Abwechslung gerade sogar mal ein gutes Lied gespielt wurde. Wenigstens ein Lichtblick! Vor allem in Anbetracht dessen, was er kurz darauf wieder zu sehen bekam. Erst waren es zwar nur die schlanken, gut manikürten Finger von Susi, die sich vor seine Augen legten, aber als er die dann wegschob und sich zu ihrer Besitzerin umdrehte, war er dem Ausschnitt einer Frau wohl so nah, wie zuletzt als Säugling. Und Susis Ausschnitt musste man zugute halten, dass manch anderer Mann ihn sicherlich sehr ansprechend gefunden hätte. Dominik hingegen war ganz froh, dass Susi sich nach dieser Schrecksekunde schnell wieder aufrichtete und mit einem fast schon kindlich naivem „Was hältst du hiervon?“ um ihn herumtänzelte. Der Rock des Kleides umspielte seidig ihre Beine und war trotzdem lang genug, um nicht wieder bei der kleinsten Bewegung alles zu entblößen. Der obere Teil mit den dünnen Trägerchen lag schmeichelnd an und zumindest aus dieser Entfernung wirkte das Dekolletee nun auch nicht mehr so erschlagend. Und ein passendes Accessoire hatte Susi auch schon gefunden.

„Steht dir, aber meine Jacke krieg ich trotzdem wieder“, schlussfolgerte Dominik, weil Susi sich für seinen Geschmack schon etwas zu wohl in der Kombination aus Kleidchen und zu großer Jeansjacke fühlte, bei der wohl nur noch die passenden Schuhe gefehlt hätten.

„Aber hat doch was…“, betrachtete sie sich in einem der Spiegel und schmunzelte dann, als Dominik mit einem dezenten aber bestimmten „Susi?“ an sie herantrat.

„Ja, ja“, schlüpfte sie grinsend aus der Jacke, um sie ihm zurückzugeben.

„Ich glaub, mein Bruder hat ne ähnliche. Dann klau ich mir die einfach“, zwinkerte sie und lachte, als Dominik leicht den Kopf schüttelte.

„Verwöhnte Göre“, grinste er und nickte, als sie meinte, dass sie sich fix umziehen und bezahlen würde.

„Alles klar, ich wart dann schon mal draußen“, antwortete er und wurde doch kurz nachdenklich, als sie ihm im Weggehen noch schnell über den Arm strich. War an Fridos Worten vielleicht doch was dran gewesen?

„Ach, Quatsch…“, murmelte er und schüttelte den Kopf über sich selbst, während er aus dem Laden schlenderte, nur, um kurz darauf in die nächsten Shoppinghallen geschleppt zu werden. Wie viel Kleidung konnte ein Mensch brauchen? Es überraschte ihn immer wieder und nachdem zwei weitere Stunden der Klamottenjagd hinter ihm lagen, war er froh, endlich auch mal einen anderen Vorschlag aus Susis Mund zu hören.

„Oh, die Eisdiele da hinten ist gut! Sollen wir da reingehen?“, fasste sie ihn am Arm und deutete aufgeregt zu eben jener Gelateria, bei deren Anblick Dominik schon von weitem die Augenbrauen hochschnellten.

„Die nehmen fast vier Euro für eine Kugel Eis!“, wusste er von Ernest um die übliche Kundschaft des Ladens und schüttelte den Kopf.

„Ey, du kannst dir gern was holen, aber für mich nicht“, meinte er und ließ sich auch nicht überreden, als Susi ihm anbot, ihn einzuladen. Immerhin hatte er sie ja so tapfer begleitet und trug jetzt sogar ihre Taschen, aber trotzdem wollte er sich nicht darauf einlassen.

„Na gut…“, seufzte sie darum, als sie merkte, dass sie auf Granit biss.

„Dann hol ich mir was und wir setzen uns da hinten auf die Bank, okay?“, war ihr Gegenvorschlag, mit dem Dominik sich dieses Mal sofort einverstanden zeigte, auch, wenn er nicht darauf einging, welche Eissorte er denn heute – rein hypothetisch – ausgewählt hätte. Ein wenig musste er darüber schon schmunzeln und das erst recht, als Susi einige Minuten später mit ihrer Beute zu ihm zurückgeschlendert kam.

„In der Waffel statt im Becher, hm?“, hatte er Susis Einkaufstaschen neben sich deponiert, aber sie ging um ihn herum und setzte sich an seine freie Seite.

„Becher waren aus“, ließ sie ihn dabei wissen und schleckte zufrieden ihr Himbeereis, ehe sie mit einem Seufzen den Kopf an Dominiks Schulter lehnte. Nach all dem Gedudel aus irgendwelchen Lautsprechern und dem Geschnatter über Klamotten kehrte an diesem Tag nun das erste Mal so etwas wie Ruhe ein. Schweigend saßen sie da, beobachteten die Menschen in der Fußgängerzone und Susi ließ sich ihr Eis schmecken, bis nur noch das Hörnchen übrig war.

„Hier“, bot sie es Dominik dann ganz selbstverständlich an und brachte ihn wieder zum Schmunzeln.

„Ist aber schon ein Witz, dass die so viel Geld für ihr Eis nehmen und dann nicht mal genug Becher auf Lager haben… mag ja nicht jeder die Waffeln“, murmelte er und nahm Susi das Hörnchen ab, um dann doch kurz etwas irritiert zu sein, als sie ihm die Arme um Bauch und Rücken legte und sich noch etwas mehr an ihn schmiegte.

„Oh ja, das hab ich auch gedacht… Gut, dass du heut mit dabei bist, um mir das abzunehmen“, schaute sie ihn dabei allerdings nicht an, sondern ließ den Blick in die Ferne schweifen, sodass Dominik nach einem kurzer Überlegung doch davon absah, ihr Verhalten anzusprechen. Vielleicht hatte sie sich einfach nur gerade mal wieder von ihrem Freund getrennt und brauchte etwas Nähe… Also fing er an, das Hörnchen zu mümmeln und musste zugeben, dass Ernest und Susi doch einen guten Geschmack bewiesen – auch, wenn ihm selbst der viel zu teuer gewesen wäre.

„Weißt du…“, begann Susi dann leise und er schaute fragend zu ihr rüber, bis sie ihre Worte über die Lippen gebracht hatte.

„… Das war heut ein richtig schöner Vormittag“.

Dominik schnaubte belustigt aus und richtete den Blick wieder nach vorn, während er im Augenwinkel erkennen konnte, wie Susi den Kopf hob, um ihn anzugucken.

„Stimmt, du hast wieder einen Deppen zum Tüten Tragen und bis jetzt hast du mich auch noch nicht angezickt!“, witzelte er und lachte, als sie ihm mit einem „Hee!“ auf die Brust haute.

„Du machst die ganze Stimmung kaputt!“, empörte sie sich, um dann den Kopf wieder an Dominiks Schulter zu legen, wohingegen der erst recht belustigt war.

„Was für ne Stimmung? Da vorn kackt grad n Hund mitten auf den Bürgersteig“, amüsierte er sich über Susis angewiderten Gesichtsausdruck und ihre Verständnislosigkeit, dass er trotz dieses Schauspiels noch seelenruhig seine Eiswaffel knuspern konnte.

„Du bist manchmal echt ein Idiot…“, murrte sie, was ihm nur ein Schulterzucken und Grinsen entlocken konnte, das allerdings verschwand, als sie weitersprach.

„Aber ich glaub, ich werd dich trotzdem vermissen“, murmelte sie dann und hob den Blick wieder zu ihm, als Dominik ihr irritiert den Kopf zudrehte.

„Wie meinst du das?“, fragte er, die Augenbrauen erst zusammengekniffen und dann emporgezogen, als er ihre Antwort hörte.

„Ich werd das Studium nach dem Sommersemester abbrechen“, sagte sie mit einem Seufzen und zuckte die Schultern, um dann anzufangen, über Dominiks Brust zu streichen. Doch dieses Mal hielt er ihre Hand fest.

„Hey, jetzt… jetzt hör mal auf, mich so anzufummeln!… Wie, du brichst das Studium ab?“, musste er für einen Moment seine Gedanken sammeln und starrte Susi dabei verständnislos an. Sie aber zuckte abermals die Schultern.

„Ach, komm, das Kunststudium war doch von Anfang an nur zum Überbrücken da… Damit meine Eltern mir nicht mehr mit Medizin in den Ohren liegen. Na ja und eigentlich dachte ich, ich würd in der Zeit auch rausfinden, was ich stattdessen machen will, aber war doch nicht so…“, meinte sie, während Dominik irritiert blinzelte.

„Na ja, du hockst entweder in der Uni oder auf irgendwelchen Parties… wie willst du da auch rausfinden, was du stattdessen beruflich machen möchtest? Drinktesterin vielleicht?“, schüttelte er verständnislos den Kopf, aber Susi musste über seinen Ausspruch schmunzeln.

„Ja, hab ich auch gemerkt. Deswegen hab ich überlegt, dass ich ein Auslandsjahr mache. Nach dem Abi bin ich direkt ins Studium gegangen, also hol ich das einfach jetzt nach“, erklärte sie und fing dann plötzlich an zu grinsen.

„Du könntest doch mitkommen! Als Straßenkünstler! Dann lernst du ferne Länder kennen, wir teilen uns ein Zelt…“, schlug sie vor und lachte, als von Dominik sofort ein „Auf gar keinen Fall!“ kam. Sie meinte zwar, er könne es sich ja überlegen, aber für ihn gab es da gar keine Diskussion.

„Ja, ist ja gut…“, tätschelte sie ihm beschwichtigend die Brust, während er vehement den Kopf schüttelte und dann kehrte wieder ein Moment der Stille ein, in dem Susi sich an ihn klammerte und Dominik versuchte, das Gehörte zu verarbeiten.

„Und… und wenn du das eine Jahr noch dran hängst, um deinen Abschluss wenigstens zu machen? Dann hast du den zumindest schon mal in der Tasche“, fragte er, aber Susi schüttelte leicht den Kopf.

„Ich würd mir gern am Ende des Semesters noch die Feier des Abschlussjahrgangs angucken. Das ist der einzige Grund, warum ich überhaupt noch das Sommersemester mitnehm… Na ja und damit wir vielleicht noch ein bisschen Zeit zusammen haben… Sonst wär ich jetzt schon weg. Kommst du dieses Mal zur Abschlussfeier mit?“, legte sie das Kinn auf Dominiks Schulter und betrachtete ihn, während er langsam nickte.

„Ja… hatte ich überlegt…“, murmelte er, obwohl der ausschlaggebende Grund für ihn eigentlich Tessas Verabschiedung gewesen war. Aber nun…

„Hey, das nimmt dich ja richtig mit“, stellte Susi gerührt fest, während sie ihn so anschaute und lächelte, als er den Kopf zu ihr drehte.

„Klar find ich das schade! Du bist zwar manchmal ne ziemliche Nervensäge, aber irgendwie mag ich dich auch! Ich mein… auf deine abgedrehte und teils echt aufdringliche Art hast du immer versucht, mich zu unterstützen… Und das kam jetzt ziemlich unerwartet“, zuckte er leicht die Schultern und stützte die Ellenbogen auf die Oberschenkel, wohingegen Susi anfing, ihm über den Arm zu streichen.

„Tja, weibliche Intuition! Ich hab halt sofort gesehen, dass da mehr als der grummelige kleine Künstler in dir steckt!“, kicherte sie und legte den Kopf schief, als Dominik ihr einen skeptischen Seitenblick schenkte.

„Das mein ich grad! Dieser Blick! Den hattest du anfangs immer drauf!“, lachte sie erst, um dann etwas seichter zu ergänzen „Aber inzwischen hast du dich echt gemausert…“.

Nun wanderte ihre Hand auch noch an seine Wange und dieses Mal hielt Dominik sie reflexartig fest. Aber Susi schmunzelte nur.

„An der Schüchternheit müssen wir vielleicht noch etwas arbeiten...“, war ihre Hand dabei trotz seiner Unterbrechung noch immer nah genug, dass sie zumindest mit den Fingerspitzen über seine Haut streichen konnte und doch schaute sie etwas irritiert, als Dominik plötzlich aufsprang. Er wollte etwas sagen, aber mehr als ein Räuspern brachte er nicht zustande – und das wiederum fand Susi offensichtlich nur allzu entzückend.

„Du bist manchmal echt süß!“, kicherte sie und wollte Dominiks Hand greifen, aber da ertönte sein Name von der anderen Seite der Fußgängerzone her. Und er war nicht sicher, ob das die Situation nun verbesserte oder nicht. Denn ausgerechnet Lilli hatte ihn entdeckt und lief mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu, während Juli ihr langsam folgte.

„Äh… Hey Prinzessin!“, legte er schnell ein Lächeln auf und ging in die Hocke, um das Mädchen auf den Arm zu heben, währen das Mädchen, in dessen Begleitung er war, offensichtlich etwas verwundert war. Sie stand ebenfalls auf und stellte sich neben ihn, als Dominik Juli grüßte und sich dann bei seinem kleinen Gepäckstück erkundigte, was sie denn gerade machen würden.

„Einkaufen!“, lautete die Antwort und schmunzelnd stellte Juli fest, dass Dominik gerade wohl auch auf Einkaufstour war, als ihr Blick zu Susis Tüten wanderte.

„Äh ja, Susi brauchte mal wieder Klamotten!“, grinste er schief und stellte die beiden Frauen schnell mit Vornamen vor, während ihm schon auffiel, dass seine Kommilitonin gerade ausgesprochen ruhig war. Sie musterte Juli und Lilli ausgiebig, um der Älteren dann die Hand hinzustrecken.

„Susi Schmidtnagel“, ergänzte sie Dominiks Vorstellrunde und der kniff einen Moment die Augen zusammen, als Lillis Mutter natürlich höflich mit „Juli Klimlau“ darauf antwortete. Wie gut, dass die Scheidung inzwischen durch war und sie wieder ihren Mädchennamen trug…

„Klimlau?“, fragte Susi dennoch überrascht und ihr entglitten ein wenig die Gesichtszüge.

„Wir haben einen Dozenten, der so heißt…“.

Juli aber zuckte nur die Schultern und lächelte.

„Zufälle gibts“, sprach sie mit wegwerfender Handbewegung und bat Lilli dann, von Dominiks Arm runter zu kommen.

„Komm, Spatz, wir müssen nach hause. Papa kommt gleich“, tätschelte sie ihrer Tochter den Kopf, aber die zog die Nase kraus.

„Will aber noch Kekse!“, lautete ihr Gegenargument, das Dominik zum Schmunzeln brachte.

„Hey, kleine Maus, was hältst du davon, wenn ich euch morgen mal wieder besuchen komme und wir dann wieder zusammen backen?“, schlug er vor und auch wenn Lilli darauf einging, gab es noch eine Bedingung: Wenigstens bis zur nächsten Kreuzung musste er sie tragen. Also gab er sich dabei besonders viel Mühe, ein ausführliches Gespräch mit Lilli zu führen und die beiden erwachsenen Damen bestmöglich zu ignorieren, bis sie die Ampel erreicht hatten. Juli amüsierte sich über das Gespann, während Susi sich weiterhin auffällig still verhielt. Dabei saßen ihre Blicke Dominik regelrecht im Nacken – und nicht nur dem.

„War schön euch zu sehen“, nickte Juli der Studentin zu, als Dominik ihr Lilli wieder überreichte und lächelte, als auch Susi es tat. Sie nahm Lilli bei der Hand und lief über die Kreuzung, während Dominik der Kleinen kurz nachwinkte und sich dann langsam zu Susi drehte.

„Sollen… wir dann noch in den Laden von dem du gerade gesprochen hast?“, bot er an, aber das Interesse an Klamotten war ihr längst vergangen.

„Raus damit! Waren das seine Frau und Tochter?“, forderte sie ohne Umschweife und Dominik gab ihr eine zumindest wahre Antwort.

„Das ist seine Familie“, murmelte er und räusperte sich, als Susi natürlich keine Zeit verlor ihn auszufragen, woher er die Beiden so gut kenne.

„Zufällig mal gesehen, als ich noch im Atelier war und sie Frid… Herrn Klimlau abgeholt haben“, meinte er und hätte sich dann fast vor die Stirn geschlagen, als Susi ihm die Geschichte nicht recht glauben wollte.

„Ach und dann besuchst du sie nach einmal kurz Sehen direkt, um mit der Kleinen Kekse zu backen?“, stellte sie ihre Einkaufstaschen ab und verschränkte die Arme vor der Brust, während sie Dominik ansehen konnte, dass er immer nervöser wurde.

„Ähm…“, stammelte er und Susi forderte ihn abermals auf, mit der Wahrheit rauszurücken.

„Ich… ich… na schön! Ich hab zufällig mal mitbekommen, dass er n Babysitter brauchte und mich angeboten!… Jetzt zufrieden?! Ist n nettes kleines Taschengeld nebenher!“, platzte es aus ihm raus und Susi schossen die Augenbrauen hoch.

„Babysitter? Du? Bei Klimlaus Tochter?“, fragte sie und er zuckte unwirsch die Schultern.

„Ja, warum nicht?! Hat sich halt so ergeben!“, versuchte er sich zu verteidigen und verdrehte innerlich die Augen, als er merken musste, dass Susi ihn so schnell nicht mehr vom Haken lassen würde. Erst schmälerte sie die Augen und musterte ihn, dann legte sich ein zuckersüßes Lächeln auf ihre Lippen.

„Dominik…“, säuselte sie, wobei sie auf ihn zutrat und ihn noch mehr aus dem Konzept brachte, indem sie ihm die Arme um den Hals legte und mit den Fingern seinen Nacken kraulte.

„Erzählst du mir freiwillig, wie er privat so ist und wie er wohnt und was du sonst so über ihn mitbekommst, wenn du auf seine Kleine aufpasst oder muss ich das erst aus dir herauskitzeln? Weiß er zum Beispiel, dass seine Frau ihn betrügt?“, lehnte sie sich leicht zurück, sodass Dominik im ersten Moment erschrak und sie reflexartig an der Hüfte griff. Susi aber schmunzelte, während er nicht wusste, was er gerade unangenehmer fand.

„B… betrügt?“, stotterte er und starrte sie an, als Susi nickte.

„Ich hab sie neulich mit einem anderen im Kino gesehen“, verriet sie und hob die Augenbraue, als Dominik zur Erklärung einfiel, dass es vielleicht nur ein Bekannter gewesen sei.

„Mit dem sie da Händchen haltend herumläuft und den sie auch noch küsst? Auf den Mund und mit Zunge?“, beschrieb sie das Gesehene, wobei Dominik angeekelt das Gesicht verzog. So genau wollte er das bestimmt nicht wissen, was die Schwester seines Freundes trieb!

„Ihre Zwillingsschwester!“, brachte ihm das aber auch die Lösung aus dieser Bredouille.

„Sie hat ne Zwillingsschwester! Bestimmt hast du die gesehen!“, griff er nun Susis Unterarme, um sich aus ihrem Griff zu befreien, während sie zu überlegen schien, ob sie ihm die Geschichte abkaufte.

„Zwillinge, hm? Wird ja immer besser… wirkt so schon, als wär er mit seiner Schwester zusammen, aber wenn seine Schwägerin ihm auch noch so ähnlich sieht… das muss immer ein interessantes Sippentreffen sein“, sinnierte sie, um sich dann kichernd an Dominiks Arm zu hängen, kaum, dass er sich von ihr befreien konnte.

„Der hat doch bestimmt auch ein paar Familienfotos an der Wand hängen! Kannst du da mal heimlich n paar Bilder von machen? Das würd mich ja echt interessieren!“, grinste sie schelmisch, wohingegen Dominik sofort den Kopf schüttelte.

„Lass… lass gut sein! Ich pass nur manchmal auf die Kleine auf und mehr nicht! Ins Wohnzimmer komm ich dabei gar nicht und mit Klimlau selbst hab ich dabei eigentlich kaum was zu tun. Der braucht mich ja nur, wenn er nicht da ist…“, zuckte er die Schultern und seufzte, als Susi dennoch weiter bohrte, dass er doch bestimmt trotzdem auch mal das eine oder andere Gespräch mitbekäme.

„Erzähl schon, jetzt hab dich nicht so!“, grinste sie und tippte ihm wieder auf die Brust, aber dieses Mal wurd es ihm zu viel.

„Susi… Sorry, aber ich muss jetzt zu nem Date!“, fasste er ihre Hand, damit sie aufhörte, ihn anzutatschen und konnte sehen, wie seine Worte ihr langsam die Mundwinkel nach unten sinken ließen.

„Ja… ich… ich hab nicht auf die Uhr geachtet und muss jetzt los. Wir treffen uns schon um zwei!“, log er, aber Susi schüttelte leicht den Kopf.

„Du hast grad Date gesagt… da dachte ich schon….“, blinzelte sie irritiert und versuchte wieder zu schmunzeln, aber dieses Mal gelang es ihr nicht so ganz. Stattdessen lockerte sie ihren Griff um seinen Arm, als er antwortete.

„Ja, n Date halt… man trifft sich und wenns gut läuft, dann… dann knutscht man vielleicht auch n bisschen rum… oder n bisschen mehr… Ich mein hey, wir sind nicht mehr im Kindergarten. Du weißt doch selbst, wie das abläuft!“, lachte er leicht, obwohl ihm nicht danach zumute war und Susis entgeisterter Gesichtsausdruck verriet ihm, dass sie sich wohl kaum seiner scheinbaren Freude anschließen würde. Stattdessen nickte sie nur leicht und trat langsam von ihm zurück.

„Ja… klar… ich wusste nur nicht, dass du überhaupt… Ich dachte, du… keine Ahnung… wärst da viel zu schüchtern für oder… bist eh nicht interessiert an so was, weil du nur deine Kunst im Kopf hast…“, murmelte sie und schluckte, während sie ihre Einkaufstüten griff. Dominik spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

„Scheiße…“, flüsterte er so leise, dass Susi ihn nicht hörte, aber als er laut genug ihren Namen nannte, schüttelte sie sofort den Kopf.

„Nein, schon gut! Geht mich ja auch nichts an! Außerdem wartet mein Freund schon. Ich hab ihm versprochen, dass wir uns heute noch treffen!“, sagte sie eilig und flüchtete an Dominik vorbei über die Kreuzung, als die Fußgängerampel gerade grün wurde. Er hob noch die Hand und wollte ihr nachrufen, aber was hätte er sagen sollen? Also seufzte er nur und ließ die Hand sinken – genauso wie seine Schultern und den Kopf, als er sich langsam auf den Weg nach hause machte. Ein Weg, der ihm wenig neue Erkenntnisse brachte und ihn nur mit einer Aussage zurückließ, als er die Wohnungstür öffnete, sich zu Frido ins Wohnzimmer schleppte, wo der gerade mit einem Buch auf der Couch saß und dann zu ihm sagte: „Ich glaub, ich hab grad richtigen Mist gebaut…“.

14.10.2024: feiern

Geduldig saß er da. Erst hatte er Dominiks Schilderung der jüngsten Ereignisse gelauscht und nun schaute er ihm dabei zu, wie er durchs Wohnzimmer tigerte. Dabei war der Lockenkopf längst von einem Dialog zu einem Monolog übergegangen und der richtete sich wohl inzwischen vornehmlich an sich selbst statt an seinen Zuhörer.

„Ich bin so ein Idiot! Du hast mir sogar noch gesagt, dass sie auf mich steht und ich hab trotzdem versucht, das einfach weg zu ignorieren. Was für ein Arschloch kann man eigentlich sein?! Ich… ich mein, ich weiß doch selber, wie das ist, wenn man sich Hoffnungen macht und dann nichts draus wird! Das war so ne feige Aktion von mir! Und dann bin ich ihr nicht mal nachgelaufen! Und Juli hab ich auch noch da mit rein gezogen!“, blieb er kurz stehen und raufte sich die Haare, um dann nach einem tiefen Seufzen weiter zu tigern, während Frido noch immer ruhig auf dem Sofa saß, den Arm auf der Rückenlehne abgestellt, um mit der Hand seinen Kopf zu stützen und die Beine überschlagen, wobei der Fuß des oberen leicht wippte.

„Ich mach nichts als Ärger! Früher bei meiner Familie und jetzt bei euch! Bei Ernest, bei Niko, jetzt bei Susi und was du meinetwegen schon mitmachen musstest, da… da fang ich gar nicht erst mit an! Wie kann ein Mensch nur so viel Scheiße bauen?!“, lamentierte er und schaute verdutzt auf, als Frido sich nun doch erhob.

„Du hast vergessen, dir noch die Schuld fürs Ozonloch und den ständigen Bahnverspätungen zu geben“, trat er an Dominik heran, aber der konnte über diesen Spruch nicht lachen, sondern schien ernstlich verletzt. Seine Lippen zitterten und er senkte den Blick und Frido konnte ihm ansehen, dass er kurz davor stand, aus dem Zimmer zu flüchten.

„Hey“, fasste er ihn darum am Kinn und bat Dominik, ihn wieder anzuschauen.

„Ich weiß, alte Muster legt man nicht so leicht ab und dass das selbst mit Therapie seine Zeit braucht. Dass dich die Situation heut aufgewühlt hat, ist offensichtlich, aber fang deswegen nicht wieder an, dich so schlecht zu machen. Genau das machst du nämlich grade und du redest dich dabei immer mehr in was rein. Ja, das mit Susi ist blöd gelaufen und es immer doof, wenn Gefühle verletzt werden. Aber hast du auch mal dran gedacht, dass du vielleicht auch einfach überfordert warst? Erst recht, als Juli dann auch noch dazu kam?“, gab er zu bedenken, aber wirklich einsichtig konnte und wollte Dominik sich nicht zeigen. Da half in diesem Fall auch kein Buch und auch kein Sandsack.

„Ja, aber ich hätte ihr wenigstens nachgehen sollen!“, meinte er und Frido musste ein wenig schmunzeln.

„Und dann? Hättest du es damals gut gefunden, wenn ich dir nach unserem ersten Kuss nachgelaufen wäre? Und damit mein ich jetzt nicht, dass ich das ja tatsächlich gemacht habe, um dir dann die Leviten zu lesen. Ich meine, als du noch dachtest, dass du bei mir eh abblitzt“, argumentierte er, was wieder auf ziemlich taube Ohren stieß.

„Ja, nur ich hab dir vorher auch nicht so deutlich gezeigt, dass ich dich mag! Susi hat ja wirklich bei jeder Gelegenheit an mir gehangen!“, hielt Dominik dagegen, was Frido ein kleines Seufzen stahl.

„Und ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass dir das die längste Zeit gar nicht bewusst war. Dominik, als ich dich neulich drauf angesprochen hab, war das sehr offensichtlich. Und es gibt ja wirklich Menschen, die sehr schnell sehr stark auf Tuchfühlung gehen, ohne da irgendwelche Absichten mit zu haben… Du hast doch selbst vorhin erzählt, dass es vorher noch nie so heftig wie heute war, mit Susis Annäherungsversuchen. Hinterher ist man immer schlauer. Du bist doch auch nur ein Mensch und Fehler gehören zum Leben nun mal dazu. Das ist jetzt alles blöd gelaufen, ja, aber gib euch einfach ein paar Tage Zeit, um das alles sacken zu lassen und dann redet ihr noch mal in Ruhe, hm?“, schlug er vor und nun dachte Dominik zumindest etwas länger über Fridos Worte nach. Er kaute auf der Unterlippe und ließ den Blick schweifen, um dann leicht zu nicken.

„Ja… ja ich sollte mit ihr reden!“, entschied er und eilte zur Tür, wobei Frido ihn nur knapp am Arm fassen und aufhalten konnte. Er hatte also wieder nur das gehört, was er hören wollte…

„Du willst aber nicht jetzt gleich zu ihr hin, oder? Du bist grad noch aufgebracht, sie bestimmt auch – das endet doch nur wieder in einer Katastrophe“, mahnte er, aber Dominik schüttelte den Kopf.

„Nein, ich darf da nicht erst wieder tagelang mit warten! Ich muss das jetzt klären, sonst wirds doch noch schlimmer! Spätestens… spätestens Montag in der Uni muss sie mir wieder über den Weg rennen und das will ich ihr nicht noch unangenehmer machen, als es eh schon ist!“, schien er fest entschlossen, sodass Frido mit einem Seufzen die Hand sinken ließ und die Schultern hob.

„Tu, was du nicht lassen kannst…“, murmelte er und zuckte leicht die Mundwinkel, als er von Dominik einen schnellen Kuss bekam, ehe der aus der Tür rauschte und ihr Zufallen für die nächsten Stunden das Letzte war, was Frido von seinem Freund hören würde. Denn der musste sich jetzt erst einmal auf die Suche machen. Wenig überraschend war Susi an seinem Vorschlag für eine Unterhaltung nämlich nicht sonderlich interessiert. Sie las seine Nachricht mit der entsprechenden Frage zwar, aber sie beantwortete sie genauso wenig wie die, wo sie gerade sei. Also begab er sich auf eine Suche durch die Innenstadt. Er visierte ihr Haus an und klapperte unterwegs alle möglichen Ecken ab, an denen sie sich manchmal aufhielt. Das kleine Café in das sie so gern ging, der Buchladen, diverse Einkaufshallen… überall warf er einen Blick hinein, ohne Susi zu entdecken. Und dann stand er schließlich vor dem großen, schmiedeeisernen Tor, das ungebetene Gäste davon abhielt, das Grundstück der Familie Schmidtnagel zu betreten. Mit klopfendem Herzen und schweißnassen Händen drückte Dominik nach einem tiefen Atemzug auf die Klingel und fühlte, wie sein Puls noch mehr raste, als nach kurzer Pause ein Rauschen in der Gegensprechanlage erklang. War es Susi? Nein, ihr Vater. Und wirkte er wütend, weil da gerade dieser Arsch vor seinem Tor stand, der seiner Tochter das Herz gebrochen hatte? Nein. Zumindest nicht im ersten Moment. Da nervte ihn eher die Tonqualität der Gegensprechanlage, sodass er das Haus verließ und zu Dominik raus kam.

„In letzter Zeit macht das Ding ständig Probleme. Ich muss dringend mal eine neue einbauen lassen!“, gab er seinem Besucher zu verstehen und erkundigte sich dann noch mal nach dessen Anliegen. Sie kannten einander nicht gut, aber zumindest hatten sie sich schon ein paar Mal gesehen, sodass Susis Vater nicht völlig überrascht schien, dass Dominik sich nach seiner Tochter erkundigte.

„Da kommst du ein bisschen zu spät. Sie hat vor einer guten halben Stunde das Haus verlassen“, verriet der Arzt und schien noch immer nicht wütend auf Dominik zu sein. Hatte Susi ihm vielleicht gar nichts von dem Vorfall erzählt?

„Wissen Sie denn, wo sie hin ist?“, erkundigte Dominik sich, aber sein Gegenüber schüttelte den Kopf.

„Sie war ein bisschen kurz ab und hat nur gesagt, dass sie feiern gehen will… Vermutlich mal wieder Streit mit irgendeiner Freundin. Da halt ich mich raus. Das sollen die untereinander klären“, erklärte er und Dominik nickte leicht. Wie vermutet konnte er keine weiteren Infos bekommen, welche Location Susi vielleicht ausgewählt hatte, also bedankte er sich für die Auskunft und tat dann das, was er schon auf dem Weg hierher getan hatte: Suchen. Er hoffte darauf, dass es Susi nicht mit dem Bus oder der Bahn in eine der Nachbarstädte verschlagen hatte und pilgerte wieder los, um im Umkreis von Susis Zuhause in jede kleine Bar und jede Kneipe einen Blick zu werfen. Welche sie dabei normalerweise bevorzugte? Er hatte keine Ahnung. Vereinzelt kamen ihm Namen von Susis Erzählungen her bekannt vor, aber da er nie zum Feiern mitgegangen war, hatte er sich all die Details von früheren Ausflügen nicht gemerkt. War dieses Wirtshaus nun besonders gut oder grottenschlecht gewesen? Er wusste es nicht mehr, also ging er hinein, um es wenige Minuten später wieder zu verlassen. So lange, bis es längst dunkel wurde und er immer mehr in Richtung Hafen kam. Nun würden auch noch bald die Discos öffnen – das konnte ja was werden! Und Susi reagierte noch immer nicht auf seine Nachrichten.

„Au man…“, seufzte er aus und rieb sich übers Gesicht, um dann die Stirn kraus zu ziehen, als sein Blick auf die nächste Bar fiel. Ja, den Namen hatte er definitiv schon mal von Susi gehört und wenn er sich recht erinnerte, dann auch nicht nur einmal.

„Oh, bitte…“, startete er also den nächsten Versuch und da! Endlich entdeckte er sie! An einem der Tische stand sie, hatte vor sich ein Glas Bier und neben sich einen Kerl stehen. War das ihr Freund? Sollte Dominik sich vielleicht doch lieber für den Rest des Tages zurückziehen? Unschlüssig stand er neben der Tür und beobachtete, wie Susi und ihr Freund scheinbar gerade eine Diskussion führten. Sie wirkte ablehnend, aber er schien davon nicht sehr beeindruckt. War das wirklich ihr Freund? So oder so, als ihr Bier in seinem Gesicht landete, hielt Dominik nichts mehr an seinem Platz und er ging zu ihnen rüber – nur, um sich wenig später in einer Seitenstraße auf dem Bürgersteig wiederzufinden, in gekrümmter Haltung und die Hände auf den Bauch gepresst.

„Tuts sehr weh?“, hockte Susi neben ihm und strich ihm über den Rücken, während Dominik gegen die Übelkeit und Schmerzen ankämpfte.

„Geht schon… ich hoff nur, dass ich nicht noch mal kotzen muss…“, murmelte er und schaute müde zu Susi, die ihn besorgt betrachtete.

„Ich bin immer noch der Meinung, dass wir die Polizei rufen sollten! Ich kann bezeugen, dass der mich belästigt hat und dass du ihm nur gesagt hast, dass er verschwinden soll! Du hast ihn nicht mal angefasst und er haut dir gleich so dermaßen eine rein!“, schüttelte sie fassungslos den Kopf, aber Dominik lehnte ab.

„Er ist rausgeflogen und hat jetzt Hausverbot… das reicht doch. Lass uns da kein Fass aufmachen. Mir… mir gehts auch schon wieder gut“, rappelte er sich wie zum Beweis für seine Worte tapfer auf, obwohl er es nicht einmal schaffte, gerade zu stehen. So wirklich überzeugen konnte er Susi damit also auch nicht.

„Du siehst richtig beschissen aus…“, schob sie vorsichtig ihren Arm unter seinen, um ihn irgendwie stützen zu können, aber Dominik konnte sogar ein leichtes Schmunzeln aufbringen.

„Liebenswürdig…“, murmelte er und grinste schief, um dann doch wieder die Augen zusammenzukneifen.

„Vielleicht sollte ich künftig beim Boxen nicht nur gegen den Sandsack antreten…“, scherzte er mit gepresster Stimme, wohingegen Susi das Gesicht entgleiste.

„Du boxt?!“, starrte sie ihn fassungslos an und er nickte leicht.

„Ja… kleiner Ausgleich zum Malen… aber ich steig nicht in den Ring“, murmelte er und fühlte, wie sie seine Wange fasste, um sein Gesicht zu sich zu drehen.

„Ja, besser ist das auch! Hat dir das hier jetzt nicht gereicht?!“, schaute sie ihn eindringlich an und fand es gar nicht witzig, als er scherzte, dass er sich nach Erfahrungen mit richtigen Sparringspartner vielleicht besser hätte verteidigen können.

„Red nicht so einen Blödsinn, sonst verpass ich dir gleich auch noch eine! Boxen ist doch das Letzte! Sich freiwillig aufs Maul hauen zu lassen…“, schüttelte sie den Kopf und fragte ihn dann, ob er wohl bis zu ihrem Zuhause laufen könne.

„Ja, ich glaub das geht schon… Meinst du, der Kerl ist weg?“, interessierte ihn allerdings viel mehr, denn Susis Verehrer hatte auf seinen Rausschmiss natürlich nicht allzu erfreut reagiert. Noch während er in ein hitziges Gespräch mit dem Barkeeper und einigen anderen Gästen verstrickt gewesen war, hatte Dominik sich mit Susis Unterstützung davon geschleppt. Sie wollten diesem sympathischen Wesen nicht unbedingt noch mal vor der Bar über den Weg laufen und sein anschließendes Geschrei auf der Straße hatte sie in ihrer Entscheidung bestätigt. Da hatte jemand nicht nur Schwierigkeiten, seine Fäuste bei sich zu behalten, sondern auch ein Repertoire an Schimpfworten auf Lager, die seinesgleichen suchten. Doch nun war es seit ein paar Minuten ruhig. Vermutlich hatte er sich längst in die nächste Bar verzogen und randalierte nun dort, aber trotzdem ging Susi erst einmal mit vorsichtigen Schritten aus der Seitenstraße heraus und kontrollierte, ob die Luft rein war. Sie wollte Dominik unmöglich den Umweg durch die Nebenstraße zumuten und ihn lieber auf kürzester Strecke zu sich nach hause bringen.

„Sieht gut aus! Das Arschloch ist weg!“, rief sie ihm in dem einen Moment noch zu, um im nächsten erschrocken aufzuschreien, als hinter ihr jemand schrie, wen sie gerade als Arschloch betitelt habe. Sie sah, wie sich eine Gestalt aus dem Schatten eines naheliegenden Hauseingangs löste und auf sie zustapfte, doch bevor die Faust dieses Mal sie treffen konnte, wurde sie nach hinten gerissen und musste mit ansehen, wie Dominik erneut zu Boden ging. Für ihn wurde es danach erst einmal schwarz und still. Er kam erst wieder zu sich, als um ihn herum verschiedene Lichter die Gegend erhellten und verschiedene Menschen um ihn herum waren. Susi kniete neben ihm und hielt seine Hand, während ihr ganzes Make-Up von ihren Tränen verschmiert war. Sie schaute ihn nicht an, sondern zu einem Mann, der neben ihr in der Hocke saß und mit ihr Sprach. Der Mann trug eine Uniform. Genauso wie ein anderer, der Dominik vorsichtig an der Schulter berührte, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der junge Mann runzelte die Stirn und blinzelte verwirrt.

„Bernd?“, murmelte er verständnislos.

„Dominik, der Krankenwagen ist gleich hier. Hörst du?“, sprach der Ältere behutsam und doch eindringlich, ehe er Susi davon abhalten musste, ihrem Freund um den Hals zu fallen, als sie dessen Erwachen bemerkte. Sein Kollege nahm sich ihrer wieder an und er fand erneut die Möglichkeit, mit Dominik zu sprechen.

„Du warst bewusstlos. Deine Lippe hat was abbekommen und du hast dir beim Sturz den Kopf angeschlagen, aber der Arzt muss auf jeden Fall noch mal drauf gucken, dass nicht mehr passiert ist. Bleib also bitte liegen, bis der Krankenwagen da ist“, beschwor Bernd den jungen Mann, der nur leicht nickte. Nach Aufstehen wäre ihm gerade sowieso nicht zumute gewesen.

„Stimmt ja, du bist Polizist...“, murmelte er stattdessen verwirrt und merkte, wie seine grauen Zellen langsam wieder anfingen zu arbeiten. Sein Bekannter war zwar nicht sicher, ob seine Worte gerade wirklich ihr Ziel erreichten, aber trotzdem erzählte er Dominik davon, dass Susi es wohl geschafft hatte, den Angreifer mit einem gezielten Tritt in die Weichteile für einen Moment außer Gefecht zu setzen und der Tumult die Aufmerksamkeit einiger Gäste auf sich gezogen hatte. Sie waren dazwischen gegangen und hatten nicht nur Dominik vor weiteren Blessuren bewahrt, sondern auch die Polizei gerufen. Nun saß der Hitzkopf bereits in einem der Wagen und konnte sich auf eine Nacht hinter schwedischen Gardinen freuen.

„Ich bin noch nicht dazu gekommen, Frido zu informieren. Soll ich ihm sagen, dass er ins Krankenhaus kommen soll oder willst du ihm selbst Bescheid geben?“, erkundigte sich Bernd und hielt Dominik fest, als der sich aufrichten wollte.

„Kann ich nicht jetzt einfach nach hause gehen?“, murmelte er, aber das wurde sofort abgelehnt. Stattdessen wurde er in den Krankenwagen verfrachtet, der in diesem Moment eintraf. Bereitwillig ließ er alles mit sich machen, was das Fachpersonal für notwendig ansah. Er hinterfragte nicht, er beschwerte sich nicht, er war nur froh, dass Susi dabei die ganze Zeit an seiner Seite war. Sie fuhr im Krankenwagen mit, begleitete ihn zu den Untersuchungen und wenn sie nicht mit ins Zimmer durfte, wartete sie zumindest davor. So lange, bis er endlich von der letzten Untersuchung kam und sich neben sie setzte.

„Und? Wie siehts aus?“, fragte Susi sofort und fasste dabei vorsichtig Dominiks Unterarm, aber er konnte ihr trotz seiner Blessuren sogar ein kleines Lächeln schenken – wenn auch etwas schief dank der aufgeplatzten Unterlippe an der linken Seite.

„Ich werd wohl noch ein paar Tage mit diesen hübschen Andenken rumlaufen, aber das sieht schlimmer aus, als es ist. Der Schlag in den Bauch tat zwar scheiße weh, hat mir aber nur einen schönen blauen Fleck verpasst und beim Knutschen mit dem Asphalt ist meinem Dickschädel auch nichts passiert. Ich muss jetzt nur noch warten, bis ich den Entlassungsbrief bekomme, dann kann ich gehen. Aber heute Abend ist wohl einiges in der Notaufnahme los – kann also noch etwas dauern, bis sie dazu kommen. Soll ich dir n Taxi rufen? Wär mir ganz lieb, wenn du nicht zu Fuß nach hause gehst“, sagte er, aber Susi schüttelte sofort den Kopf.

„Nein, ich warte“, meinte sie und betrachtete die Krankenschwestern und Ärzte, die wie fleißige Bienen um sie herumschwirrten, von Behandlungsraum zu Behandlungsraum, mal mit Patienten im Schlepptau und mal ohne.

„Ich hab großen Respekt vor der Arbeit, aber da siehst du einen der Gründe, warum ich das nicht machen will…“, murmelte sie dabei, um dann wieder Dominik anzuschauen.

„Aber… jetzt mal was anderes: Was hast du da heute Abend eigentlich in der Bar gemacht? Das ist doch eigentlich gar nicht dein Ding und du wolltest doch auf ein Date? Hat deine Freundin dich versetzt? Oder hat sie das etwa falsch aufgefasst, als du mir mit dem Typen helfen wolltest?“, musterte sie mit mitfühlendem Blick die Macken an Dominiks Lippe und Stirn und etwas Reumütiges trat auf ihr Gesicht. Er aber schüttelte den Kopf.

„Du hast ja nicht auf meine Nachrichten geantwortet, also hab ich erst bei dir Zuhause geklingelt und als dein Dad sagte, dass du ausgegangen bist, hab ich die Gegend nach dir abgesucht“, grinste er schief und musste kurz lachen, als Susi ihn fassungslos anstarrte. Das Lachen verging ihm jedoch schnell wieder, weil sein Bauch das gar nicht lustig fand.

„Autsch… da hab ich noch ein paar Tage Freude dran…“, kniff er die Augen zusammen und atmete langsam aus, wobei ihn ein auffälliges Schluchzen dazu brachte, die Lider wieder zu öffnen.

„Ey, jetzt heul doch nicht…“, murmelte er und tätschelte Susis Hand, während die gerade alles dafür tat ihr Make-Up noch mehr zu zerstören.

„Du alter Blödmann!“, schniefte sie und boxte ihm leicht auf den Oberarm, aber Dominik grinste nur wieder schief.

„Für meine klugen Entscheidungen bin ich wohl nicht unbedingt bekannt“, schmunzelte er, um dann doch wieder ernster zu werden. Er atmete so tief es ging durch und drehte sich dann etwas mehr zu Susi.

„Hör mal… ich möcht mich dafür entschuldigen, wie das heute gelaufen ist. Ich war zu feige, um dir von Anfang an zu sagen, was Sache ist und damit hab ich dir sehr weh getan… Es tut mir leid“, schaute er sie an und sie nickte, aber Dominik spürte auch, dass er wieder Gefahr lief, ihr falsche Hoffnungen zu machen.

„Was die Freundin angeht, die du grad angesprochen hast… Sie hat mich nicht versetzt und ich hab auch keine Freundin. Aber einen Freund. Und… ich hab ihm erzählt, was passiert ist, bevor ich die halbe Stadt nach dir abgesucht hab… Da fällt mir ein, dass ich mich mal bei ihm melden sollte… So langsam macht er sich vermutlich Gedanken, wo ich bleibe“, murmelte er und schluckte, als Susi ihn schon wieder so entgeistert wie zuvor am Mittag anschaute.

„Du stehst auf Kerle?“, blinzelte sie einige Male und Dominik konnte ihr ansehen, wie ihr der eine oder andere glücklose Annäherungsversuch nun offensichtlich noch peinlicher wurde als ohnehin schon. Doch dann trat ein anderes Thema gleich viel mehr in den Vordergrund.

„Aber warum hast du mir das denn nicht schon viel früher gesagt? Dachtest du etwa, ich hätte ein Problem damit?!“, runzelte sie die Stirn und Dominik zuckte leicht die Schultern.

„Nicht du persönlich, aber generell… hatte ich ein paar schlechte Erfahrungen und arbeite gerade daran, offener zu meiner Homosexualität zu stehen. Aber um ehrlich zu sein… ich hab dir auch deshalb nichts gesagt, weil du eine ziemliche Labertasche bist“, gab er zu, was Susi fassungslos den Mund aufklappen ließ und sofort nahm er abwehrend die Hände hoch.

„Ich… ich hatte einfach Sorge, dass du mir ständig Löcher in den Bauch fragst! So wie heute Mittag, als es um das Babysitten ging! Ich… so lange sind wir noch nicht zusammen und da wollte ich einfach nicht, dass du mich sofort ausfragst, wie er so ist, wie wir zusammen gekommen sind und weiß der Geier…“, sagte er und rechnete damit, dass Susi aufspringen und eingeschnappt abdampfen würde, so angesäuert, wie sie schaute, aber anstatt aus dem Krankenhaus zu eilen, verzog sie sich erst einmal nur aufs Klo. Dominik aber sank im Stuhl zusammen und schüttelte den Kopf.

„Und schon wieder geschafft…“, murmelte er, um dann zusammenzuzucken, als Susi plötzlich wieder vor ihm stand – und zwar noch wutentbrannter als vorher.

„Sag mal, wie lässt du mich eigentlich die ganze Zeit hier rumrennen?!“, echauffierte sie sich und pflanzte sich wieder neben ihn, um dann Spiegel und Abschminktücher aus ihrer Tasche zu kramen und das Chaos erst mal wieder zu richten. Dominik aber musste kichern und bereute es sofort wieder.

„Autsch…“, murmelte er und kassierte dafür ein „Geschieht dir recht!“ von Susi. Doch dann legte sie nach einigen Minuten des eisernen Schweigens und Abschminkens auch sanftere Töne an den Tag. Sie stopfte den Spiegel zurück in das Täschchen, schmiss die gebrauchten Tücher in den Müll und setzte sich zurück zu Dominik, um dann fast kleinlaut mit ihm zu reden.

„Bin ich echt so schlimm, dass du sogar Angst hattest, mir von deinem Freund zu erzählen?“, fragte sie und presste leicht die Lippen zusammen, als Dominiks zuckende Mundwinkel eigentlich schon Antwort genug waren.

„Ich glaub zwar nicht, dass du es mit Absicht gemacht hättest, aber ich denke früher oder später hättest du dich verplappert und dann wäre es in Windeseile durch die ganze Uni gewandert. Und da… bin ich echt noch nicht bereit zu“, murmelte er, um dann zu schmunzeln, als Susi wie aus der Pistole geschossen fragte, ob sie seinen Freund etwa kenne.

„Ist es Niko? Es ist Niko, stimmts?“, war ihre Neugierde sogleich wieder entfacht und sie verzog das Gesicht bei Dominiks Antwort.

„Nein, Niko ist echt mit Tessa zusammen und da läuft auch keine Dreiergeschichte oder so was… aber deine Reaktion jetzt grade ist der Grund, warum ich mich so bedeckt halte“, sagte er und auch, wenn Susi im ersten Moment schlucken musste, musste sie dann auch nicken.

„Verstehe…“, seufzte sie und lehnte sich an Dominik, um den Kopf wieder an seine Schulter zu legen. Doch dann wich sie schnell wieder zurück.

„Sorry…“, murmelte sie, aber er schüttelte den Kopf.

„Nein, schon okay…“, bedeutete er ihr, sich wieder anzulehnen und lächelte leicht, als sie dem Angebot ohne langes Zögern nachkam. Sie atmeten beide tief aus und während der Eine den Kopf in den Nacken legte, richtete die Andere ihren Blick auf den Boden.

„Schwul also… Na, da kann das ja auch nichts mit uns werden“, murmelte sie dann nach einigen Minuten der Stille und entlockte Dominik damit ein belustigtes Schnauben.

„Fürchte ja… aber im nächsten Leben wird bestimmt was aus uns“, scherzte er und grinste, als Susi ihn als „Spinner“ bezeichnete. Sie hob den Kopf, um ihn zu betrachten und presste dabei leicht die Lippen aufeinander. Er aber zeigte sich noch immer amüsiert.

„Was? Wenn du mir jetzt irgendwelche versauten Fragen stellen willst, kannst du dir das gleich von der Backe putzen. Gibt genug Filmchen im Internet, in denen du dir angucken kannst, wie zwei Männer es miteinander treiben“, neckte er sie und bereute sein Lachen sogleich wieder – vor allem, weil Susi dieses Mal auch noch mit einem gezielten Fingerdruck nachhalf.

„Das war fies!“, krümmte er sich, wohingegen Susi die Arme vor der Brust verschränkte.

„Selbst Schuld! Ich wollte dich was ganz anderes fragen, du Depp!“, murrte sie und funkelte ihn wütend an, während er sich wieder aufrichtete und sich vorsichtig den Bauch rieb.

„Raus damit, bin ganz Ohr“, lehnte er sich zurück und runzelte die Stirn, als Susi plötzlich überraschend zurückhaltend war. Sie kaute auf der Unterlippe und wenn er sich nicht täuschte, waren ihre Wangen röter als zuvor. Oder kam das vom Abschminken? Mit einem Räuspern rutschte Susi näher an ihn heran und fasste seinen Unterarm, während sie anfing mit den Falten seines Ärmels zu spielen.

„Klingt jetzt vielleicht bescheuert und ich hab ja auch verstanden, dass aus uns nix wird, aber…“, begann sie langsam, um dann zu ihrem eigentlichen Anliegen zu kommen.

„… aber ich würd dich trotzdem gern einmal küssen. Nur, um zu wissen, wie das ist… Vielleicht so was wie ein Abschiedskuss?“, schaute sie ihn schüchtern an, während Dominik irritiert blinzelte und nicht sicher war, ob er gerade richtig gehört hatte.

„Abschiedskuss?“, wiederholte er und schien seinen Ohren noch immer nicht recht zu trauen.

„Na ja, ich hab mich das jetzt schon ne ganze Weile immer mal gefragt, wie das wohl wäre, dich zu küssen!… Hattest du das noch nie?“, schob sie schnell zu ihrer Verteidigung hinterher und Dominik merkte, dass er gar nicht lange überlegen musste.

„Doch, kenn ich…“, murmelte er in Gedanken an seine frühere Schwärmerei für Frido und ließ kurz den Blick zur Decke schweifen, ehe er ihn wieder zu Susi lenkte. Was sollte er von Susis Bitte halten? Es fühlte sich an wie ihre Kuschelei: Solange sie es nicht übertrieb, war es wohl etwas, das er über sich ergehen lassen konnte.

„Ich würds dir nicht empfehlen, jemanden zu küssen, von dem du genau weißt, dass er nicht weiter drauf eingehen wird, aber wenn du es dir unbedingt noch schlimmer machen willst…“, murmelte er und zuckte leicht die Schultern, während er wieder daran dachte, wie sehr ihn damals dieser erste, scheinbar aussichtslose Kuss mit Frido im Nachgang mitgenommen hatte. Sollte er Susi davon abhalten oder war es vielleicht genau das, was sie für einen Abschluss brauchte? Oder machte er ihr damit doch nur wieder Hoffnungen? Er wusste es nicht und während er versuchte zu einem Entschluss zu kommen, war ihrer längst gefallen.

Es war ein seltsames Gefühl für ihn, als Susi ihre Hände sachte an seine Wangen legte und ihr Gesicht dabei immer näher kam. Er konnte spüren, dass sie aufgeregt war, während er sich über seine eigene Ruhe wunderte. Vielleicht, weil er endlich reinen Tisch gemacht hatte? Fast schon interessiert beobachtete er, wie sie vorsichtig die Lippen auf seine legte, dabei darauf bedacht, nicht zu nah an seine Wunde zu kommen und die Augen geschlossen, während seine weiterhin geöffnet waren. Es war ein schüchterner und zurückhaltender Kuss, der nicht lange andauerte und bei dem ihm doch ihre zarten weichen Lippen auffielen. Vielleicht sollte er Frido mal einen Pflegestift schenken, dachte er und schmunzelte dann doch über seine eigene Frage an Susi, als die sich wieder von ihm löste und zurücklehnte.

„Na? So grandios, wie du es dir vorgestellt hast?“, witzelte er und musste aufpassen, bei ihrer Antwort nicht laut aufzulachen.

„Na ja… du hast ganz schön raue Lippen und dein Bart kratzt. Und du könntest ein bisschen mehr an der Leidenschaft arbeiten… das ließ echt noch zu wünschen übrig“, fiel ihr vernichtendes Urteil aus, das aber noch um einen weiteren Ausspruch ergänzt wurde: „Außer natürlich, dein Freund steht drauf, einen toten Fisch zu küssen“.

Dominik riss die Augen auf.

„Toter Fisch?!“, rief er aus und hielt sich den Bauch, während Susi anfing zu grinsen.

„Du Ziege! Da tut man dir ein Mal einen Gefallen!“, jammerte er theatralisch, weil ihm jetzt nicht nur der Bauch weh tat, sondern auch das Ego, aber schnell war er wieder gesund und ernsthaft, als der Arzt, mit dem er zuletzt gesprochen hatte, auf ihn zukam. Er hatte nicht viel Zeit, aber zumindest den Entlassungsbrief und ein paar Genesungswünsche für Dominik, ehe er zu seinem nächsten Patienten musste. Also war auch das erledigt und sie konnten nach hause. Endlich.

„Na komm, hauen wir ab“, rappelte Dominik sich mit einem Seufzen auf und faltete das Papier, um es sich in seine Hosentasche zu schieben. Schnell warf er einen Blick zu Susi und fragte sie, ob sie all ihre Habseligkeiten beisammen hatte und als sie nickte, legte er leicht den Arm um sie. Dann musste er sich jetzt ja nur noch was überlegen, wie er Frido möglichst schonend beibrachte, dass er mit einigen Blessuren nach hause kam. Sollte er ihn vielleicht auf dem Heimweg schon mal anrufen und vorwarnen? Oder wühlte ihn das zu sehr auf?

Noch während er so darüber nachdachte und sich etwas orientierungslos von Susi durch die Gänge führen ließ, musste er bei Betreten des Wartebereichs allerdings feststellen, dass seine Überlegungen längst wieder obsolet waren. Denn da stand er plötzlich, aufgesprungen von seinem Stuhl, kaum dass er seine Studenten durch die Tür hatte kommen sehen und dabei mit einer Ernsthaftigkeit im Gesicht, die Dominik nicht oft bei Frido erleben durfte.

„Herr Klimlau?“, wunderte Susi sich über sein Erscheinen und starrte ihn verdutzt an, während er auf die beiden zustapfte.

„Abgesehen von den beiden Schrammen alles gut?“, fragte er knapp und deutete auf Dominiks Wunden, um dann zu nicken, als Susi bestätigte, dass sie unversehrt war und Dominik erwähnte, dass er noch eine kleine Macke am Bauch habe. So knapp, wie Fridos Frage ausgefallen war, erschien auch jetzt sein verstehendes Nicken und die darauf folgende Aufforderung, ihm zum Wagen zu folgen.

„Du müsstest mal den Anderen sehen“, ließ Dominik sich dabei zu einem Witz hinreißen, für den Susi ihn mitleidig belächelte und den Frido aber leider so gar nicht lustig fand. Er nickte noch einmal leicht und knirschte dabei bereits die Zähne, ehe ihm im nächsten Moment die Hutschnur rausflog.

„Tickst du eigentlich noch ganz frisch?!“, fuhr er zu seinen Studenten herum und hob beschwichtigend die Hand, als vom Krankenhauspersonal sogleich um mehr Ruhe gebeten wurde.

„Hey, das war doch nur ein Scherz“, grinste Dominik schief, aber Frido hatte sichtlich Mühe, nicht wieder laut zu werden.

„Scherz?! Ich hab gedacht, das wär ein schlechter Scherz, als ich Bernd am Telefon hatte! Und ich hab gedacht, ich hör nicht richtig, als er was von einer Kneipenschlägerei sagte!“, brach es wieder aus ihm heraus und nach einer erneuten Ermahnung verließ er schnellstens das Krankenhaus, um davor weiter sein Hühnchen mit den Beiden zu rupfen.

„Herr Klimlau, Dominik hat sich nicht geprügelt! Er hat nur leider alles abbekommen!“, versuchte Susi diese kleine Unterbrechung zu nutzen, um ihrem Freund zur Seite zu springen, aber damit erreichte sie eher das Gegenteil.

„Oh! Na das machts natürlich besser! Dass er sich nicht nur mit irgendwelchen Kerlen anlegt, sondern dann auch noch an welche gerät, die ihn krankenhausreif prügeln!“, wies er erst Susi in ihre Schranken, um sich dann wieder Dominik vorzuknöpfen.

„Bist du eigentlich bescheuert?! Ich sag dir noch, lass ein paar Tage Gras über die Sache wachsen und klärt das dann in Ruhe, aber nein! Du hast nichts Besseres zu tun, als in die nächste Bar zu marschieren und da eine Schlägerei anzuzetteln! Wie alt bist du eigentlich?! Meine Nichte benimmt sich erwachsener als du und die wird drei!“, gab es für Dominik zu hören und ein „Halten Sie sich da jetzt raus!“ für Susi, als sie noch einmal Partei für den Lockenkopf ergreifen wollte.

„Wozu machst du eigentlich Therapie, gehst boxen und weiß der Geier was noch alles, wenn du dich jetzt sogar zu so einer hirnverbrannten Scheiße hinreißen lässt?!“, schrie er Dominik an, der die Worte nur mit gesenktem Blick hinnahm und den einzig darum hob, weil Susi noch einmal dazwischen ging.

„Herr Klimlau, jetzt hören Sie auf!“, stellte sie sich wortwörtlich vor Dominik und fasste ihren Dozenten an den Oberarmen, um sich endlich Gehör zu verschaffen.

„Er hat nichts angezettelt und auch keinen angefasst oder geschweige denn geschlagen! Dominik hat nichts falsch gemacht! Der Kerl hat mich belästigt und Dominik wollte mir einfach nur helfen! Er hat ihm höflich gesagt, dass er mich in Ruhe lassen soll und der ist gleich ausgetickt und hat ihm eine verpasst! Nicht umgekehrt! Und die zweite hat er sich nur eingefangen, weil ich die Klappe nicht halten konnte!“, redete sie auf ihn ein und ließ ein wenig vor den Kopf gestoßen die Hände sinken, als Frido ein sarkastisches „Ist ja ganz was Neues, dass Sie die Klappe nicht halten können“ entfleuchte. Aber trotzdem gab Susi nicht auf, wenn auch etwas kleinlauter als zuvor.

„Ich sag die Wahrheit! Mir gehts nicht drum ihn zu decken, sondern dass es unfair ist, wenn er zu unrecht so einen Anschiss von Ihnen kassiert! Er hat sich nichts zu Schulden kommen lassen und auch niemanden provoziert! Er wollte mir einfach nur helfen! Wenn Sie mir nicht glauben, dann fragen Sie doch in der Bar, da waren genug Leute, die das mitbekommen haben!“, ballte sie die Fäuste auf trotzige Art und Weise, während Frido tief schnaubend den Blick zwischen einem und anderem wechseln ließ, ehe er ihnen wieder den Rücken zudrehte und weiter Richtung Auto stapfte. Dominik trottete ihm schweigsam hinterher, doch Susi sah das Gespräch nach kurzer Überlegung noch nicht für beendet an. Sie überholte den Lockenkopf und schloss zu ihrem Dozenten auf, so gut sie das mit ihren deutlich kleineren Schritten konnte.

„Herr Klimlau, ich will nicht respektlos oder undankbar klingen, aber was machen Sie überhaupt hier?“, wollte sie wissen und lief fast an ihm vorbei, als er abrupt stehen blieb.

„Ich mein… warum ruft der Polizist nicht meine Eltern oder Dominiks an, sondern unseren Dozenten? Woher weiß der überhaupt, dass wir Ihre Studenten sind?“, schüttelte sie verständnislos den Kopf, während Dominik seinen Schritt nun beschleunigte und sie mit einem „Ist doch egal“ am Arm fasste, aber Frido kniff die Augen zusammen und rieb sich übers Gesicht, um dann eine abwehrende Geste mit den Händen zu machen.

„Ich bin nicht mehr euer Dozent!“, sprach er fast heiser, um dann auf die fragenden Blicke seiner Studenten hin zu ergänzen: „Ich werde gleich Montag darum bitten, dass ich zum Ende des Semesters hin euren Kurs ganz abgeben kann. Nicht nur die Benotung, sondern komplett“.

Susi runzelte verständnislos die Stirn, während Dominik aussah, als hätte Frido ihm damit gerade noch eine verpasst.

„Aber…“, flüsterte er und zuckte zusammen, als sein Freund mit einem deutlich lauteren „Kein Aber!“ antwortete.

„Ich bin diese ganze Geheimniskrämerei und die bescheuerten Gerüchte leid! Über den angeblichen Zwilling meiner Schwester kann ich ja noch lachen, aber wenn mich die Polizei anruft, weil mein Freund zusammengeschlagen wurde, hört der Spaß für mich auf! Und ohne dieses ganze Affentheater, was wir da seit Monaten spielen, wär das heute doch gar nicht alles so gekommen! Oder seh ich das falsch?! Dann hättet ihr euch nicht gestritten, dann wärst du ihr nicht nachgerannt und ich würde nicht schon wieder mit dir vorm Krankenhaus stehen!“, stützte er die Hände auf die Hüften und starrte Dominik an, der etwas sprachlos von ihm zu Susi schaute, der die Augen fast aus den Augenhöhlen fielen. Und doch erschrak sie, als sie dann plötzlich zum Zentrum der Aufmerksamkeit wurde.

„Ja, richtig gehört! Der Klimlau ist schwul! Der brauchte Dominik nicht als Babysitter, sondern ist mit ihm zusammen! Der Klimlau hat auch keine Frau und keine Tochter, der hatte einfach nur die Schnauze voll von diesen ständigen Schmachtereien gewisser Studentinnen! Denn ja, das hat er sehr wohl mitbekommen! Der hat nicht nur n knackigen Arsch, der hat auch gute Ohren und ein funktionierendes Köpfchen! Erschreckend, ich weiß!“, fixierte er seine Studentin, deren knallroter Kopf sogar im Schein der Straßenlaternen zu erkennen war. Sie zog die Schultern an die Ohren und schluckte, während Frido noch ein paar weitere gut gemeinte Worte an sie richtete.

„Mir ist schon klar, dass Sie diese Info sowieso nicht für sich behalten können, also bitte: Tun Sie sich keinen Zwang an und verbreiten Sie die frohe Kunde in der gesamten Uni, dass der Klimlau mit einem Studenten zusammen ist! Aber denken Sie dann bitte auch daran zu erwähnen, dass der ganze andere Quatsch über meine angebliche Frau nur Gerüchte waren und behalten Sie im Hinterkopf, was Dominik heut für Sie getan hat. Also zerreißen Sie sich meinetwegen das Maul über mich, aber haben Sie wenigstens so viel Anstand, ihn da raus zu halten! Und jetzt rein ins Auto mit euch! Ich hab die Schnauze voll für heute!“, forderte er und schnaufte aus, um dann die letzten Meter bis zu seinem Wagen hinter sich zu bringen und endlich diesen furchtbaren Abend als annähernd abgeschlossen anzusehen. Jetzt nur noch Susi wegbringen, Dominik nach hause schaffen und dann einfach vergessen, dass es diesen Tag überhaupt gegeben hatte.

15.10.2024: Traumhaft

Eigentlich wäre es eine traumhafte Nacht gewesen: Die Straßen waren leer, der Himmel sternenklar und die Temperaturen recht angenehm. Doch spätestens, wenn Frido beim Blick in den Rückspiegel Susi sah, wurde ihm wieder klar, dass er gerade nicht nur zum Spaß durch die Gegend fuhr. Ungewohnt schweigsam saß seine Studentin auf dem Rücksitz hinter Dominik, hielt den Blick aus dem Fenster gerichtet und was Frido sonst als traumhafte Ruhe empfunden hätte, war jetzt eher beklemmende Stille. Und Dominik? Der hatte die Augen geschlossen und Frido wusste nicht einmal, ob er überhaupt noch wach war. Eigentlich, so musste er sich eingestehen, wusste er ja insgesamt nicht allzu viel über die vergangenen Stunden. Was war das für eine Macke am Bauch, die Dominik nur kurz erwähnt hatte und die ihm trotzdem unangenehm genug war, um die ganze Zeit über den Gurt ein wenig von sich weg zu halten? Und hatte er Medikamente bekommen? Leichte Schmerzmittel, um ihm bei der Behandlung der Platzwunden nicht noch mehr Schmerzen zuzufügen, sicherlich, aber darüber hinaus? Und welche Untersuchungen waren überhaupt gemacht worden? Ihm hatte man das alles ja nicht sagen wollen. Er hatte weder zu Dominik gedurft noch Informationen darüber bekommen, was mit seinem Freund gewesen war, solange er selbst nur im Wartebereich hatte sitzen und Nichtstun dürfen. Da war selbst Ernest dieses Mal keine Hilfe gewesen…

„Da hinten die Straße runter ist es schon. Sie können mich hier raus lassen“, riss Susi Frido aus seinen Gedanken und er schüttelte den Kopf.

„Nein, nein, ich bring Sie schon bis zu ihrem Haus“, murmelte er und visierte die genannte Hausnummer an, um Susi dann zu bitten, noch kurz zu warten, als er den Wagen anhielt. Das Licht im Innenraum verriet, dass sie den Türgriff bereits betätigt hatte und eher unwillig ging sie auf seine Bitte ein. Aber sie tat es. Also betätigte er seinerseits den Schalter der Innenbeleuchtung, als Susi die Tür wieder richtig zuzog und drehte sich zu ihr, um sie dieses Mal nicht nur über den Spiegel hinweg anschauen zu können. Dabei erkannte er auch, dass Dominiks Augen noch immer geschlossen waren.

„Hören Sie…“, begann er und konnte Susi ansehen, wie unwohl sie sich fühlte und das machte ihm das Weitersprechen nicht unbedingt leichter.

„… ich hab mich vorhin im Ton vergriffen. Meine Wortwahl war an einigen Stellen mehr als unpassend und mein ganzes Verhalten insgesamt viel zu aufbrausend. Ich hätte euch beiden erst mal in Ruhe zuhören sollen, anstatt voreilige Schlüsse zu ziehen. Es tut mir leid, was ich euch da teilweise vor den Kopf geknallt habe. Das ging definitiv zu weit…“, sprach er und musste fast schmunzeln, als er Susis Antwort darauf hörte.

„Danke, aber sagen Sie das auch Dominik. Der hat ja deutlich mehr kassiert als ich“, sagte sie und Frido entgegnete ein leises „Ganz bestimmt“, aber er erkannte auch, dass sie dieses Mal mit dem Aussteigen zögerte.

„Herr… Herr Klimlau, eine Sache würde mich ja doch interessieren…“, murmelte sie und er nickte ihr aufmunternd zu, ihre Frage auszusprechen.

„Ist das, was Sie da vorm Krankenhaus gesagt haben, alles wahr oder waren Sie da einfach nur sauer?“, ließ sie ihn an ihren Gedanken teilhaben und er bekam den Eindruck, dass für sie eine andere Frage viel mehr mitschwang: Konnte es wirklich sein, dass ihr geliebter Dominik mit jemandem zusammen war, der ihn privat derart behandelte? Frido atmete tief durch.

„Er ist eigentlich der ruhige und besonnene Part von uns beiden. Dir bleibt also einiger Stress meinetwegen erspart“, murmelte nun Dominik und drehte das Gesicht zu ihnen, als er merkte, wie Susi den Kopf zwischen den Sitzen nach vorn schob.

„Ich dachte, du schläfst!“, murrte sie, aber er zuckte leicht die Schultern.

„Und jetzt bin ich wieder wach“, meinte er und schmunzelte, als Susi ein „Kann man glauben oder auch nicht“ murmelte.

„Hey..“, fasste er dann ihre Hand, die an seinem Sitz lag, als sie wieder weg rutschten wollte.

„Ich versteh schon, dass sein Anschiss nach dem vorherigen Abend noch der krönende Abschluss war, aber versuch auch dran zu denken, wie die letzten Stunden für Frido waren… Du hast mehr oder weniger alles direkt mitbekommen und wusstest, dass uns beiden nichts weiter passiert ist, aber er hatte nur die Info, dass ich wegen ner Prügelei im Krankenhaus gelandet bin. Da können die Nerven auch mal blank liegen…“, murmelte er und nach kurzem Zögern nickte Susi.

„Ja…“, nuschelte sie und zog ihre Hand weg, um wieder an die Tür zu rutschen. Ob sie ihr Urteil wirklich noch mal überdachte?

„Kommt gut nach hause und danke noch mal, dass Sie mich her gefahren haben“, hob sie dann den Blick zu Frido, der kurz nickte, ehe er irritiert die Augenbraue runzelte, weil Susi seinen Freund zum Abschied als kalten Fisch betitelte und der sie grinsend eine blöde Kuh nannte.

„Muss man das verstehen?“, fragte Frido, aber Dominik legte nur wieder den Kopf an die Lehne und schloss mit einem Schmunzeln die Augen, während der Dozent das Licht im Innenraum löschte und los fuhr.

„Du hast alles mit angehört?“, erkundigte der Ältere sich dann kurz bevor sie in seine Einfahrt einbogen und musste über Dominiks Antwort ein wenig schmunzeln.

„Klar… so bequem ist dein Auto nun auch nicht, dass ich grad ernsthaft hier drin pennen könnte und von den Schlaglöchern, die du zwischendurch mitgenommen hast, ist mir eher schlecht geworden“, murmelte er und schnallte sich mit einem Seufzen ab, als der Wagen zum Stehen kam und er vor sich endlich ihr Haus sah. Langsam und schwerfällig stieg er aus, trottete die Treppen hinauf und spürte zunehmend, wie sehr ihm die vergangenen Stunden in den Knochen saßen. Eigentlich wollte er nur noch ins Bett, aber trotzdem rang er sich noch zu einem kleinen Abstecher unter die Dusche durch, bei dem Frido ihn dieses Mal nicht begleitet, sondern stattdessen auf der Couch Platz nahm. Erst schickte er Ernest Entwarnung und legte er den Kopf in den Nacken. Die gefalteten Hände noch immer vor den Augen saß er da, als Dominik aus dem Badezimmer kam und die Hände über Fridos Schultern nach vorn auf seine Brust gleiten ließ. Er lehnte den Kopf an Fridos, während der seine Finger löste und den brennenden Augen wieder etwas Licht der Wohnzimmerlampe gönnte. Dominik fühlte sich nach der Dusche besser, aber er sich nur noch hundsmiserabel.

„Erzähl mir, was da heute Abend passiert ist“, murmelte Frido und ließ seine Hände sinken, während er den Kopf zu Dominik drehte und der ihn einen Augenblick schweigend musterte.

„Damit du heute Nacht gar nicht mehr schläfst?“, fragte der Lockenkopf. Dann aber ging er leise seufzend und mit einem „Aber das wirst du so oder so wohl nicht, hm?“ auf den Lippen um die Couch herum und setzte sich neben Frido in den Schneidersitz.

„Na schön…“, rieb er sich so gut es ging das Gesicht und stützte dann die Hände auf die Hüften, während er seine Gedanken sortierte und Frido sich ihm zuwendete. Die nachmittägliche Suche nach Susi und das Gespräch mit ihrem Vater hakte er mit zwei kurzen Sätzen ab, um dann in eine detaillierte Erzählung einzusteigen, als er auf jene Bar zu sprechen kam. Er erzählte das, woran er sich selbst erinnerte, das, was ihm von Erzählungen noch im Kopf geblieben war und das, was er Susi in den kommenden Tagen selbst noch mal fragen musste. Von den Behandlungen im Krankenwagen berichtete er genauso wie von denen im Krankenhaus und endete schließlich damit, dass er Frido die Prellung am Bauch zeigte, die inzwischen schon erahnen ließ, wie farbenreich sie in den kommenden Stunden und Tagen wohl noch werden konnte. Und Frido? Der nahm das Ganze erst einmal schweigend zur Kenntnis. Er hörte ohne Zwischenworte oder Fragen zu, ließ Dominik die Zeit für Überlegungen, wenn er seine Gedanken zwischenzeitlich erst wieder sortieren musste und selbst, als der sein Shirt hob, verzog er kaum eine Miene. Doch dann lehnte er sich langsam zu ihm hinüber, legte behutsam die Hand auf Dominiks Bauch und strich sanft darüber hinweg, bis seine Finger den Rücken seines Freundes erreichten und er ihn an sich ziehen konnte.

„Lass uns schlafen gehen…“, murmelte er erschöpft und spürte, wie Dominiks Locken sich bei seinem Nicken an seine Wange schmiegten. Frido stand auf und fasste Dominiks Hand, um ihn mit sich zu ziehen. Er fühlte, wie sein Kopf anfing zu hämmern und er einfach nur noch ins Bett wollte. Aber dann erinnerte er sich wieder daran, mit welchem Querulanten er unter einem Dach wohnte.

„Findest du eigentlich, dass ich wie ein kalter Fisch küsse?“, haute Dominik nämlich plötzlich raus, als sie gerade dabei waren, sich auszuziehen und Frido dachte für einen Moment, sein Verstand spiele ihm Streiche. Und die Erklärung, die dann auf dem Fuße folgte, machte die Sache nicht unbedingt besser.

„Abschiedskuss?“, murmelte er irritiert und rieb sich die Nasenwurzel, während Dominik laut aussprach, dass er nun darüber nachdachte, seinen Bart wieder abzurasieren.

„Was meinst du?“, stand er dabei vorm Spiegel des Schlafzimmerschranks und betrachtete sich darin, ehe er den Kopf zu Frido drehte. Der hatte noch immer die Stirn gerunzelt.

„Was ich meine? Dass du an Verhütung denken solltest, falls Susi dich auch noch zu ner Runde Abschiedssex überredet, weil sie so gern wüsste, wie das wohl so ist... Bei deinem Talent darfst du dich ansonsten garantiert um Alimente kümmern“, seufzte er und warf seine Hose über einen Stuhl, um dann inne zu halten, als er Dominiks schelmisches Grinsen sah.

„Und? Kurz auf andere Gedanken gekommen?“, meinte der und nun musste Frido doch ein wenig über dieses kleine Ablenkungsmanöver schmunzeln.

„Was hab ich mir da bloß angelacht?“, schüttelte er den Kopf und gab seinem Lockenkopf einen vorsichtigen Kuss, um sich dann ins Bett fallen zu lassen und den Arm um Dominik zu legen, als der sich an ihn schmiegte. Er löschte das Licht und sie wünschten sich eine gute Nacht, aber auch, wenn Dominik es gut gemeint hatte, konnte die kleine Ablenkung leider nicht dafür sorgen, dass Frido tatsächlich ohne Gedanken an diesen Abend in den Schlaf fand.

16.10.2024: waagrecht

Zu Beginn der Nacht hatte er ja noch recht einfach eine gute Schlafposition gefunden, aber in den folgenden Stunden war es ihm immer schwerer gefallen und am Morgen fühlte er sich einfach nur noch erschlagen. Die Platzwunde an der Stirn ziepte, die geschwollene Lippe schmerzte und von der Prellung am Bauch wollte er gar nicht erst anfangen. Vor allem aber merkte er, dass die waagrechte Position nicht einmal die schlimmste war: Als er aufwachte und sich aus dem Bett quälen musste, weil seine Blase äußerst dringlich nach einer Leerung rief, hatte er das Gefühl von einem Zug überrollt worden zu sein.

„Boah, das gibts doch nicht…“, kam er nur langsam in die Gänge und war doch überrascht zu sehen, dass Frido bereits aufgestanden war. Dann hatte er zwischenzeitlich wohl doch noch tiefer in den Schlaf gefunden, als ihm selbst bewusst gewesen war. Das merkte er auch daran, als er die Schlafzimmertür öffnete und zwei Stimmen aus dem Wohnzimmer hörte, obwohl es gerade erst zehn Uhr morgens war. Wollte er sich jetzt wirklich durch den Flur und an der guten Stube vorbei schleppen oder doch noch mal ins Bett verkriechen? Zu dumm, dass seine Blase von Option zwei nichts wissen wollte, also musste er sich wohl oder übel dem unerwarteten Besucher stellen – oder wenigstens versuchen, unbemerkt an ihm vorbei zu kommen. Dabei enttarnte er sich allerdings selbst, als er einen vorsichtigen Blick durch die Wohnzimmertür warf und erkannte, mit wem Frido da auf der Couch saß.

„Bernd?“, murmelte er und die beiden Älteren drehten sich zu ihm um. Warum schauten sie ihn beide so mitleidig an?

„Moin, Dominik! Na, wie ist es?“, fragte Bernd und der Angesprochene nickte leicht.

„Ich muss mal kurz ins Bad… Bin sofort wieder da, okay?“, antwortete er und brachte die letzten Meter hinter sich, um an diesem Morgen wenigstens etwas Erleichterndes zu spüren: Seine Blase, die endlich Ruhe gab. Jetzt fühlte er sich schon etwas besser – zumindest, bis er ans Waschbecken trat, um sich die Hände zu waschen und dabei auch einen Blick in den Spiegel warf.

„Ach du Scheiße…“, murmelte er, als er sich selbst anschaute und die auffälligen Blutergüsse sah, die sich über Nacht gebildet hatten. Hätte dieser Kerl ihm nicht eine aufs Auge geben können? Dann wäre wenigstens der Griff zur Sonnenbrille möglich gewesen, aber nun hätte er sich schon vermummen müssen, um diese Landkarten im Gesicht zu verstecken. Und sein Bauch? Den bedeckte er nach einem flüchtigen Blick schnell wieder, weil er genauso aussah, wie er sich auch anfühlte.

„Das hat ja grad noch gefehlt…“, schüttelte er leicht den Kopf und trollte sich ins Wohnzimmer, um Bernd dieses Mal anständiger zu begrüßen. Er gab ihm die Hand, setzte sich neben Frido und schmiegte sich leicht an ihn, während er mit kritischem Blick die beiden Sporttaschen neben dem Tisch musterte.

„Wart ihr etwa schon im Gym?“, murmelte er und verzog bei dem Gedanken daran das Gesicht. Sein Freund tätschelte ihm die Hand und sein Bekannter grinste mitleidig.

„Fällt für dich die nächsten Tage wohl erst mal aus. Wie gehts dir denn heut?“, erkundigte Bernd sich noch einmal, was bei Dominik für ein leichtes Wiegen seines Kopfes sorgte.

„Na ja, Frido schläft immer so unruhig – da fühl ich mich am nächsten Morgen manchmal, als hätte mich jemand verprügelt“, scherzte er mit schiefem Grinsen.

„Witze reißen kann er zumindest schon mal wieder!“, schmunzelte Bernd, während Frido mit den Augen rollte.

„Ja, auf meine Kosten“, ließ sich sein Kommentar vielleicht auch auf Dominiks Griff ins Fettnäpfchen am vorherigen Abend beziehen. Er schüttelte den Kopf über seinen Freund und gab ihm trotzdem einen Kuss auf die Schläfe.

„Jetzt mal ehrlich, wie ist es heute Morgen? Du hast heute Nacht schon zwischendurch so gewirkt, als könntest du nicht richtig zur Ruhe finden“, murmelte er dann und Dominik musste ihm da zustimmen.

„Ich dachte der Schlag selbst wäre schon das Schlimmste gewesen, aber jetzt weiß ich, was der Arzt damit meinte, dass die nächsten Tage noch lustiger werden könnten“, antwortete er und rieb sich vorsichtig den Bauch, während Bernd ihm ein schiefes Grinsen schenkte.

„An Prellungen hast du wirklich länger Freude!“, rief er aus und nickte, als Frido sich erkundigte, ob er Erfahrungen aus dem Boxring mit sich herumtrüge.

„Das und im Einsatz kann das natürlich auch mal passieren“, antwortete er und nach kurzer Überlegung drehte Frido sich zu Dominik, um ihn um etwas sehr Wichtiges zu bitten: „Tu mir den Gefallen und komm niemals auf die Idee auch zur Polizei zu wollen“.

Sein Freund schaute ihn entgeistert an, während sein Bekannter auflachte.

„Im Moment zweifel ich dran, überhaupt je wieder diese Wohnung zu verlassen. Hast du mich mal angeguckt?“, murrte Dominik und lehnte den Kopf an Fridos Schulter, um bei Bernds Hinweis noch missmutiger zu gucken. Der erinnerte ihn nämlich dran, dass man ihn noch für seine Aussage auf dem Revier erwartete. Blieb ihm denn gar nichts erspart?

17.10.2024: Knopfdruck

„Komm, ich mach uns erst mal was zu essen“, trat Frido zurück an die Couch, nachdem er Bernd bis zur Wohnungstür begleitet und verabschiedet hatte. Noch immer saß Dominik wie ein kleines erschöpftes Häufchen Elend da, hatte es sich halbwegs gemütlich gemacht und nickte bei Fridos Worten leicht. Er selbst war im Verlauf des Gesprächs sehr schweigsam geworden und hing jetzt seinen Gedanken nach. Natürlich hatte Bernd sich mit Details sehr zurückgehalten, aber doch war herauszuhören gewesen, dass es sich bei Susis Verehrer wohl nicht unbedingt um ein unbeschriebenes Blatt handelte – und das machte Dominik die möglichen Ausmaße des vergangenen Abends jetzt noch bewusster als ein Blick in den Spiegel oder eine unbedachte Bewegung.

„Kannst du mir gleich mal mein Handy mitbringen?“, rief er Frido zu, als der anfing in der Küche zu hantieren und schenkte ihm ein kleines Lächeln, als er keine zwei Minuten später wieder vor ihm stand und es ihm gab.

„Du willst Susi fragen, wie es ihr heute geht, oder?“, schmunzelte der Ältere leicht und sein Freund nickte.

„Ja, wenn man mal ein wenig drüber nachdenkt, was da gestern so abging, dann wird einem doch ein bisschen anders zumute“, murmelte Dominik und Frido konnte ihm die Erleichterung ansehen, als er mit einem Knopfdruck auf die Taste des Smartphone schon erkannte, dass Nachrichten von Susi aufploppten. Sofort nahm er sein Gerät in beide Hände und ein wildes Tippen der Daumen begann.

„Sie will nachher auch aufs Revier“, erzählte er, als er wenig später zu Frido in die Küche kam und sich an den Tisch setzte. Sein Freund schaute ihn über die Schulter hinweg an und fragte, wie es der Studentin ginge. Die erste Antwort von Dominik war ein Schulterzucken.

„Sie meinte, ihr wär ja nichts passiert… War zwar alles in allem heftig gestern, aber als Frau kennt man Belästigungen ja und davon will sie sich die Lust am Feiern gehen nicht nehmen lassen…“, murmelte er dann und rieb sich den Nacken, während Frido langsam nickte.

„Juli hat mir auch schon mal von der einen oder anderen unangenehmen Begegnung erzählt…“, meinte er und stellte Dominik sein Essen hin, obwohl den der Appetit so ziemlich verlassen hatte.

„Für Susi wars wichtiger, dass der Kerl meinetwegen einen am Arsch kriegt, als dass er sie ja auch belästigt hat… Ich find, der sollte mal lernen, dass beides nicht okay war“, meinte er und legte das Smartphone an den Rand des Tisches, während er den Kopf auf seine Hand stützte und Frido dabei beobachtete, wie er mit seiner Müslischüssel bewaffnet neben ihm Platz nahm.

„So, wie du mir den Kerl beschrieben hast und was ich bei Bernd raushören konnte, glaub ich leider nicht, dass der sonderlich gelehrig ist. Aber ich geb dir natürlich Recht. Gewalt ist nie eine Lösung und wenn man es nötig hat, anderen so den eigenen Willen aufzuzwingen, hat man meiner Meinung nach ganz schöne Probleme, an denen man mal arbeiten sollte“, tauchte er seinen Löffel ins Essen und knusperte die Mischung aus Nüssen, Obst und Haferflocken, während Dominik eher lustlos seine Schnitte hin und her schob.

„Können wir nach dem Frühstück zur Polizei fahren? Ich hätte das Thema gern hinter mir...“, meinte er unwillig und seine Mundwinkel zuckten, als Frido nickte.

„Willst du denn nachher trotzdem zu Lilli und Juli?“, erkundigte er sich und bekam seinerseits dieses Mal ein Nicken geschenkt.

„Habs der kleinen Maus versprochen… Ich hoff nur, sie erschreckt sich nicht zu sehr vor mir“, murmelte Dominik und lächelte leicht, als Frido sicher war, dass er sich darüber bestimmt nur unnötige Sorgen mache.

„Die hat nur ihre Plätzchen im Sinn. Keine Sorge! So, wie ich sie kenne, fällt ihr das nicht mal auf“, zwinkerte er und grinste, als Dominik endlich etwas gelöster wirkte. Und siehe da, die Aussicht auf einen ablenkenden Nachmittag mit Fridos Anhang half tatsächlich auch, damit er es schaffte, sich etwas hinter die Kiemen zu schieben. Er hatte zwar noch immer nicht den größten Hunger, aber irgendwie bekam er sein Brot schon runter und auch beim Duschen ging es ihm so: viel Lust hatte er an diesem Vormittag nicht darauf, aber als er es hinter sich gebracht hatte, fühlte er sich besser. Und dann konnte es endlich los gehen, obwohl er es die ganze Fahrt über und selbst bei Ankunft vor dem Präsidium äußerst surreal fand, dass er überhaupt dorthin musste. Kurz musste er sogar einen Blick in den Spiegel seiner Sonnenblende werfen, um sich zu vergegenwärtigen, dass der gestrige Abend tatsächlich passiert war. Und auch, wenn er das Gespräch mit den Polizeibeamten so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte, war er doch ein wenig dankbar über die Verzögerung, als er bei Verlassen des Wagens sah, wie Susi gerade aus dem Gebäude kam. Im ersten Moment reckte sie noch erfreut die Hand und winkte ihnen zu, um sie sich im nächsten Moment erschrocken vor den Mund zu legen, als sie mit Näherkommen erkannte, wie Dominiks Gesicht inzwischen aussah. So viel dazu, dass es kaum auffallen würde…

„Gott! Das nennst du ein bisschen geschwollen und verfärbt?!“, beschleunigte sie ihre Schritte und fasste Dominik vorsichtig an den Schultern, kaum, dass sie ihn erreicht hatte. Sie musterte ihn kritisch und er machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Ach, so wild ist das doch gar nicht…“, murmelte er, aber Susis gehobene Augenbraue sprach Bände.

„Und wie gehts dem Bauch?“, enthielt sie sich aber netterweise weiterer Kommentare zu seinem Gesicht und lenkte das Thema auf Dominiks Körpermitte. Der grinste schief.

„Ich zieh mich jetzt bestimmt nicht hier aufm Parkplatz aus!“, scherzte er und tätschelte Susi leicht den Rücken, als sie ihn seichte umarmte, um dann ein leises „Geht schon. Mach dir keinen Kopf“ hinterher zu schieben. Doch auch davon wollte sie sich nicht so recht überzeugen lassen.

„Sie… Sie haben doch einen Blick auf ihn, dass er im Moment keinen Blödsinn macht und sich erst mal richtig erholt, oder?“, wendete sie sich an Frido, als der zu ihnen aufschloss und zuckte leicht die Mundwinkel bei seinem Nicken. Dominik hingegen verdrehte die Augen.

„Du kommst aber nicht nachher vorbei, um mich ins Bettchen zu stecken und mir eine Gutenachtgeschichte vorzulesen, oder?“, seufzte er und löste sich von Susi, die drohend ihren Finger auf seinen Bauch richtete und dabei die Augen schmälerte.

„Ey, hör bloß auf!“, wich er dabei sofort zurück und zauberte ihr damit ein Grinsen auf die Lippen.

„Ja, ja, aber erst große Klappe haben“, hieß ihre Antwort, die ihm wieder nur ein Seufzen entlockte und Frido ein kleines Schmunzeln. Diese Kindsköpfe… aber ganz so locker flockig, wie Dominik tat, war er wohl doch nicht.

„Wie… wie war das denn so?“, nickte er nämlich plötzlich zum Polizeigebäude und tat es erneut, als Susi fragte, ob er das Abgeben ihrer Aussage meinte.

„Ach, das ist nicht weiter schlimm! Du erzählst halt, was gestern passiert ist und musst vielleicht noch ein paar Fragen beantworten. Soll ich mitkommen und Händchen halten?“, frotzelte sie, um dann aufzulachen, als Dominik als Resultat davon brummend an ihr vorbei stapfte.

„Man sieht sich!“, murrte er und warf ihr doch einen kurzen Blick über die Schulter zu, als sie fragte, ob sie solange draußen auf ihn warten solle. Seine Lippen blieben stumm, aber sein Blick sagte scheinbar genug, also lächelte sie und deutete zu einer nahegelegenen Bank.

„Keine Sorge, das wird schon! Wir sehen uns gleich!“, faltete sie lächelnd die Hände hinterm Rücken und schaute Dominik nach, wie er weiterging.

„Bis später“, schmunzelte Frido und ging ebenfalls an ihr vorbei, aber da hielt sie ihn plötzlich auf.

„Herr Klimlau… kann ich nachher kurz mit Ihnen sprechen?“, fragte sie zu seiner Überraschung und auch, wenn er mit dieser Reaktion nicht gerechnet hatte, nickte er sofort.

„Ja, natürlich“, antwortete er und schaute noch verdutzter, als Dominik sich einmischte und ihnen zurief, dass er das Gespräch mit den Beamten auch allein hinter sich bringen könne.

„Bin ja kein Kleinkind! Quatscht euch ruhig aus. Wir sehen uns nachher“, hob er die Hand und stieg die Treppen zur Eingangstür hinauf, während Frido überlegte, ob er ihn wirklich allein gehen lassen sollte.

18.10.2024: Fliegengesumme

„Wie gehts Ihnen heute, Susi?“, ging Frido zu seiner Studentin und nahm neben ihr Platz, nachdem Dominik definitiv allein ins Revier hatte gehen wollen. Erst jetzt fiel Frido dabei auf, dass sein Freund ihn fast schon gedrängt hatte, Susi währenddessen Gesellschaft zu leisten. Sprach da vielleicht die Sorge aus Dominik, dass seiner Freundin selbst am hellichten Tag etwas passieren könnte? Oder war das ein Resultat davon, dass er die Ereignisse immer mehr sacken ließ und begriff, was ihnen zugestoßen war? Solange es nicht gerade um Dominiks Blessuren ging, wurde Susi in diesem Moment hingegen weniger von Ängsten begleitet, sondern vor allem von Ärger – und den teilte sie auch offen mit.

„Mich kotzt es an, dass manche Menschen scheinbar nicht viel mehr als Fliegengesumme in ihrem Kopf haben“, überschlug sie die Beine und verschränkte die Arme vor der Brust, während ihr Blick auf das Gebäude vor ihnen gerichtet war.

„Fliegengesumme im Kopf?“, fragte Frido und stützte die Ellenbogen auf seine Oberschenkel.

„Ist doch so! Statt grauer Zellen haben manche Leute wohl nur einen großen Hohlraum zwischen ihren Ohren, in dem es ganzen Tag nur rauscht, anstatt sie ihn auch mal zum Nachdenken nutzen! Und das vor allem, wenn sie mit Frauen zu tun haben!“, murrte sie und schien sich fast schon verteidigen zu wollen, aber Frido hob sofort beschwichtigend die Hand.

„Das war keine Kritik. Ich fand Ihren Ausspruch nur interessant, weil ich den so noch nicht gehört vorher gehört hatte…“, erklärte er und nach einem kleinen skeptischen Blick nickte Susi leicht.

„Mich ärgert dieser ständige Sexismus einfach so… Mal ehrlich, wenn der Kerl gestern sofort mein Nein akzeptiert hätte, wäre die Situation gar nicht so eskaliert. Es kann doch nicht sein, dass ich als Frau nicht allein rausgehen kann oder ständig drauf achten soll, was ich anziehe, weil manche das sonst als Freifahrtschein sehen. Und es kann auch nicht sein, dass ich am besten nur noch in männlicher Begleitung unterwegs sein darf, wobei ja selbst das dann nicht heißt, dass ich wirklich sicher wäre… Wann kommt das bloß endlich in den Köpfen mancher Leute an, dass das nicht okay ist? Sind ja nicht nur Typen wie der gestern, die es dann echt auf die Spitze treiben, sondern es fängt schon viel kleiner und dezenter an. Und auch von Frauen! Das erste, was meine Mutter mich heute Morgen gefragt hat, als ich ihr das von gestern erzählte, war, welches Kleid ich denn an hatte… Das ist doch völlig egal! Selbst, wenn ich nackt gewesen wäre, wäre das doch keine Einladung zu irgendwas gewesen!“, zog sie die Stirn in Falten und schüttelte energisch den Kopf, um dann seufzend gegen die Rückenlehne der Bank zu sinken. Fast konnte Susi Fridos irritierter Gesichtsausdruck zum Verhalten ihrer Mutter ja sogar ein Schmunzeln abringen, wenn das Thema als solches nicht so ein ernstes gewesen wäre…

„Aber am meisten ärgert es mich, dass Dominik dann auch noch so viel abbekommen hat… Ich mein, selbst wenn man die Grenzen einer Frau nicht respektieren will, sollte einem doch spätestens dann klar sein, dass man zu weit geht, wenn man zu körperlicher Gewalt greift, oder?“, legte sie den Kopf schief und Frido nickte sofort.

„Definitiv. Gewalt ist nie okay, egal, ob sie körperlich ausgeübt wird oder seelisch. Aber ich denke, dass Leute wie dieser Kerl sich da gar keine Gedanken drüber machen, was ihr Verhalten für andere bedeutet. Im Endeffekt ist das ein armes Würstchen, aber das ändert nichts an dem Schaden, den er verursacht“, murmelte er nachdenklich und hatte den Eindruck, dass Susi sogar etwas dankbar war, diese Einschätzung aus seinem Mund zu hören.

„Ich hoffe, der kriegt ne dicke Strafe und wird erst mal ne Weile weggesperrt. Dann kann er mal in sich gehen und ans Überlegen kommen“, sagte sie und wieder war Frido ihrer Meinung.

„Ich bin auch froh, dass der direkt verhaftet werden konnte... Will mir gar nicht vorstellen, wie das für Sie oder Dominik wäre, dem jetzt beim Spaziergang durch die Stadt womöglich wieder über den Weg zu laufen“, runzelte er die Stirn und Susi schüttelte sich direkt bei dem Gedanken daran.

„Bloß nicht!“, rief sie aus und rieb sich über die Gänsehaut an den Armen, um dann noch einmal tief zu seufzen und Frido einen weiteren Moment nachdenklich zu mustern, ehe sie weitersprach.

„Wissen Sie, Herr Klimlau, ich bin froh, dass wir da einer Meinung sind, aber das war eigentlich gar nicht das Thema, über das ich mit Ihnen sprechen wollte“.

19.10.2024: liken

„Ich glaub, wenn wir auf Instagram und Co. wären und die Dozenten unseres Studiengangs liken sollten, würden Sie zu den Top 3 gehören, die die meisten Herzchen bekämen. Und das nicht nur, weil einige von uns Sie attraktiv finden…“, suchte Susi nach einem guten Einstieg ins Thema, der bei Frido allerdings für ein gewisses Unbehagen sorgte. Irgendwie war es doch etwas anderes, wenn ein gewisser Lockenkopf ihm solche Sachen sagte oder wenn es von einer anderen Studentin kam.

„Herr Klimlau, mir war nicht klar, dass unsere Schwärmereien so auffällig waren und teilweise wohl auch etwas übers Ziel hinaus geschossen sind… Und ich glaub, den anderen war das auch nicht bewusst. Jetzt versteh ich aber, warum Dominik ein paar Mal meinte, dass wir damit aufhören sollen. So, wie ich ihn kenne, hat er versucht unser Verhalten Ihnen gegenüber zu entschuldigen und gleichzeitig musste er mit unseren Rückfragen rechnen, wenn er offen gesagt hätte, dass Sie das mitbekommen haben… Der Arme tut mir echt immer mehr leid“, gab sie kleinlaut zu und tippte sich mit den kühlen Fingerspitzen an die errötenden Wangen, während sie die Schultern hochzog und den Blick zu Boden senkte. Zum Glück, denn ein kurzes Schmunzeln huschte über Fridos Gesicht, als er ihre Fehlinterpretation hörte. Bei ihrem folgenden schüchternen Seitenblick zu ihm nickte er aber natürlich verstehend und mit einem neutralen Gesichtsausdruck.

„Ich ähm… also die ganze Sache ist mir ziemlich peinlich. Und generell hab ich mich wohl etwas dämlich verhalten, wenn Dominik sich nicht mal getraut hat, mir von der Beziehung oder seinen Gefühlen für Sie zu erzählen. Ich fand Ihren Anschiss gestern zwar völlig daneben, aber ich glaub, so ganz unschuldig war ich an Ihrer Reaktion auch nicht und…“, fing sie an, auf ihrem Platz herumzurutschen und schaffte es nur schwerlich, Frido für ihre folgenden Worte geradewegs ins Gesicht zu schauen.

„Ich fänds schade, wenn Sie meinetwegen den Kurs abgeben. Sie sind ein toller Dozent, gerade auch fachlich gesehen. Zum Ende des Semesters hin werde ich das Studium eh beenden und bis dahin schaff ichs schon irgendwie, dass mir euer Geheimnis nicht rausrutscht. Es wäre also schön, wenn Sie Ihre Entscheidung noch mal überdenken“, schloss sie ihre Ansprache und lächelte entschuldigend, während Frido ein vielsagendes Schmunzeln auf den Lippen hatte. Susi und sich nicht verplappern? Das wäre ja mal was ganz Neues… Aber statt diese Gedanken mit ihr zu teilen, sagte er nur: „Danke für Ihre Worte, das weiß ich sehr zu schätzen. Und ja, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie es uns überlassen, das Ganze öffentlich zu machen. Was den Kurs angeht… das hab ich gestern recht spontan gesagt und werde nachher erst noch mal in aller Ruhe mit Dominik darüber sprechen, was wir nun letztlich tun wollen“, erklärte er und sie nickte. Einerseits konnte er ihr die Erleichterung ansehen, aber andererseits wirkte sie auch etwas unsicher, wie sie unschlüssig mit den Falten ihres Rocks spielte und fast schon fahrig die Schultern zuckte.

„Boah, ehrlich gesagt… fanden Sie unsere letzten Gespräche auch so unangenehm wie ich?“, rückte sie dann mit der Sprache raus und brachte Frido mit dieser Frage zum Lachen.

„Ja, unangenehm triffts wirklich ganz gut!“, schüttelte er leicht den Kopf, ehe er ihn den Nacken legte und die leichten Wolken am Himmel betrachtete.

„Lassen Sie uns künftig gern wieder über andere Themen sprechen, Susi“.

20.10.2024: kochecht

„Dominik, wir brauchen das heut nicht zu machen. Ich geb Juli einfach kurz Bescheid und dann fahren wir wieder“, sagte Frido, als er den Wagen vor Julis neuem Zuhause parkte und Dominik nun auch ungehindert betrachten konnte. Der war die Fahrt über sehr schweigsam gewesen. Auf sein Gespräch im Revier war er nur dank Susis Nachfragen knapp eingegangen und seit er mit Frido ins Auto gestiegen war, hatte er eigentlich gar keinen Ton mehr von sich gegeben. So war sein „Hm?“ die erste richtige Reaktion, die Frido wieder von ihm bekam – selbst, nachdem er ihm die Fahrt über von seinem Gespräch mit Susi erzählt hatte.

„Vielleicht solltest du dir ein bisschen Ruhe gönnen und erst mal versuchen, alles etwas sacken zu lassen. So richtig Zeit dafür hattest du bisher ja noch gar nicht. Ich geh schnell hoch und sag Juli, dass es heut nicht so passt und dann fahren wir wieder, okay?“, wiederholte Frido sein Anliegen, aber Dominik schüttelte den Kopf.

„Nein, ich glaub, ein bisschen Ablenkung tut mir ganz gut. War nur anstrengend, für die Aussage alles noch mal im Detail durchzukauen“, murmelte er und Frido bekam eine Ahnung davon, dass sein Freund ihm gestern Abend nur die abgespeckte Version der Ereignisse berichtet hatte – die für ihn schon erschreckend genug gewesen war.

„Okay, wie du möchtest. Wenns dir doch zu viel wird, kannst du mir das jederzeit sagen, einverstanden?“, fasste er Dominiks Hand und der schenkte ihm ein leichtes Lächeln, aber als Frido aussteigen wollte, hielt er ihn trotzdem fest.

„Ist hier im Auto etwas unbequem, aber kannst du mich gleich vielleicht mal in den Arm nehmen, wenn wir ausgestiegen sind?“, murmelte er auf Fridos fragenden Blick hin und lächelte wieder ein wenig, als sein Freund sofort darauf einging. Fast schon schmunzeln musste Dominik, als er bemerkte, wie Frido regelrecht aus dem Wagen sprang und um ihn herum eilte, damit er bereits parat stand, als auch Dominik ausstieg.

„Kein Grund zur Hektik“, grinste der Lockenkopf leicht und schmiegte sich doch sofort an Frido, als der die Arme um ihn legte. Sachte strich der Ältere ihm über den Rücken und Dominik schloss die Augen, um für einen Moment nur noch Fridos Duft und Berührung wahrzunehmen. Er schob seine Nase genauso in Fridos Hemd wie seine Finger und für ein paar Sekunden fühlte er nichts als Geborgenheit. Endlich ein Hauch von Normalität.

„Okay… lass uns hoch gehen“, löste er sich dann und folgte Frido zur Wohnungstür seiner Schwester. Er hoffte, dass Lilli gerade Mittagsschlaf hielt und sie erst Juli allein auf sein Aussehen vorbereiten konnten.

„Hey, da sind wir“, schloss Frido die Tür auf und grüßte in die Wohnung hinein, um zu schmunzeln, als von Juli sofort ein Zischen ertönte.

„Mittagsschlaf!“, reckte sie flüsternd den Kopf aus dem Badezimmer und winkte ihre Gäste zu sich, noch ehe sie vollends die Wohnung betreten hatten.

„Frido, du hattest mir doch diesen Pulli zu Weihnachten geschenkt. Weißt du noch, ob der kochecht ist?“, war Juli gerade mit der Wäsche beschäftigt und schaute etwas unglücklich auf das Stück Stoff in ihren Händen.

„Ist da kein Wäscheetikett drin?“, nahm Frido seine Schwester zur Begrüßung in den Arm und lachte, als sie zugab, dass sie es raus geschnitten hatte.

„Du weißt doch, wie schnell die Dinger mich immer kratzen. Ich habs extra nicht weggeworfen, um die Pflegehinweise nachgucken zu können, aber…“, erzählte sie und ihr Bruder vervollständigte den Satz: „...Du hast es dabei mal wieder so gut weggelegt, dass du es jetzt nicht wiederfinden kannst“. Juli nickte und Frido schmunzelte.

„Tja, so genau weiß ich das nicht mehr, aber Kochwäsche wars bestimmt nicht“, zuckte er leicht die Schultern und seine Schwester seufzte aus. Dann musste sie wohl doch erst noch mal das Etikett suchen. Aber das war nur noch Nebensache, als sie auch Dominik entdeckte, der sich ebenfalls zu ihnen gesellte.

„Hi…“, hob er zögerlich die Hand, weil Juli bei seinem Anblick bereits das Gesicht entgleiste und wenig überraschend war ihre erste Reaktion kein Gruß, sondern ein entsetztes: „Wie siehst du denn aus?!“.

21.10.2024: Tatsächlich

„Jetzt guck mich doch nicht so mitleidig an…“, grinste Dominik schief, während er mit Juli am Küchentisch saß und Frido ihnen einen Tee bereitete. Im Moment war es wohl das Beste, wenn die Gastgeberin das nicht selbst tat, sondern sich voll und ganz auf die Erzählung des Lockenkopfs konzentrieren konnte. Immerhin hatte Frido weder Lust auf einen Tee, bei dem das Mischverhältnis von Blättern und Wasser jenseits von Gut und Böse ausfiel noch darauf, zur Abwechslung mal Juli ins Krankenhaus zu bugsieren, nachdem die sich mit dem Kochwasser verbrüht hatte – denn das und noch viel mehr hätte er ihr in diesem Moment zugetraut. Nur, welche Reaktion er nun auf Dominiks Geschichte zu erwarten hatte, war ihm noch nicht ganz klar. Würden Julis gerötete Augen in Tränen ausbrechen oder setzte sie gleich zu einem Rüffel für den Lockenkopf an, weil er sich – wenn auch unwissend – in Gefahr begeben hatte? Weder noch. Nachdem sie das Gehörte mit einem tiefen Seufzen und wortwörtlich herunterschluckte, legte sie die Hände behutsam an Dominiks Wangen. Sie schaute ihn an wie eine Mutter ihren Sohn, bei der Liebe und Sorge nah beieinander lagen und stand dann auf, um ihn vorsichtig zu umarmen.

„Ist schon okay. Mir gehts gut“, murmelte er, während die Falten von Julis Pulli sein Gesicht einhüllten und ihre Finger sanft mit seinen Locken verschmolzen. Ja, es hatte wirklich etwas von einer Mutter, die ihr Kind tröstete und für einen Moment fragte Frido sich, ob jetzt der Punkt käme, an dem Dominik seine Gefühle endlich rauslassen könnte. Denn im Gegensatz zu einer Susi hatte er bisher nicht einmal seinen Ärger geäußert, geschweige denn gezeigt, dass ihn das Erlebte sicherlich nicht nur körperlich verletzt hatte. Doch sein Freund blieb noch immer ungerührt.

„Hoffen wir, dass er seine gerechte Strafe bekommt…“, flüsterte Juli hingegen und lockerte ihren Griff, als Dominik nickte und den Kopf zu ihr hob. Seine Mundwinkel zuckten und er tätschelte ihr den Arm, als wäre sie diejenige, die nun Trost benötigte.

„Sag mir mal lieber, wie deine Tochter wohl reagiert, wenn sie mich so sieht. Meinst du, sie kriegt Angst? Dann geh ich vielleicht lieber wieder“, meinte der Lockenkopf und seine Ansprechpartnerin schien ein wenig unschlüssig.

„Könnte tatsächlich sein, dass sie sich erschreckt…“, gab sie kleinlaut zu, um Dominik dann aber doch auf den Stuhl zu drücken, als er den Ausspruch als Verabschiedung auffasste und aufstehen wollte.

„Nicht so schnell! Das war jetzt kein Rauswurf!“, sprach sie fast schon mahnend und grinste dann.

„Wenn dir der kleine Wirbelwind heute nicht zu unruhig ist, hab ich da schon ne Idee, wie wir einen lustigen Nachmittag verbringen können, ohne, dass Lilli großartig was von deinen Schrammen merkt!“.

22.10.2024: Kaktusgewächs

„Was soll das darstellen?“, verschränkte Frido die Arme vor der Brust und legte den Kopf schief, während er das bunte Bildchen in Dominiks Hand betrachtete.

„Vielleicht ne Schlumbergera?“, mutmaßte der Lockenkopf und wurde von Bruder und Schwester fragend angeschaut.

„Weihnachtskaktus“, erklärte er darum und schob schmunzelnd hinterher: „Auf jeden Fall ein Kaktusgewächs“.

Juli aber schüttelte den Kopf und seufzte aus.

„Könnt ihr nicht lesen? Auf der Verpackung steht extra, dass es niedliche Tiere sind! Das ist eindeutig ein Flamingo auf einer Wiese!“, nahm sie Dominik das Pflaster aus der Hand und klebte es ihm ins Gesicht, während die beiden Männer sich skeptisch anguckten.

„Dann hatte der Flamingo aber wohl auch einen bösen Unfall, was?“, legte Frido den Kopf auf die andere Seite und zeigte sich herzlich ungerührt von Julis stechendem Blick.

„Hör auf, meine Pflaster schlecht zu reden! Die sind süß!“, zischte sie, um den Überraschungsmoment zu nutzen, damit sie auch ihren Bruder damit verschönern konnte. Der wollte sich das unliebsame Anhängsel zwar sofort wieder abziehen, aber seine Schwester hielt ihn auf.

„Denk dran: Wir haben Krankenhaus gespielt! Also lass es kleben!“, griff sie seine Hand und er verdrehte die Augen.

„Reicht es nicht, wenn einer von uns aussieht wie ne verunglückte Mumie? Du weißt, dass ich von diesen Billigpflastern Ausschlag kriege und gerade im Gesicht würd ich da gern drauf verzichten“, meinte er, was Juli jedoch nur ein sarkastisches Schnauben abringen konnte.

„Billig?! Alles, was du für Kinder kaufst, ist so einiges, aber ganz bestimmt nicht billig! Wegen der doofen Viecher war das Pflaster drei Euro teurer als das normale!“, murrte sie und Frido grinste.

„Ich dachte, die sind so niedlich?“, frotzelte er, um dann auszuweichen, als Juli ihm auch noch einen verunglückten Flamingo auf den Mund kleben wollte.

„Vorsicht, Schwesterchen, ich sag nur Kaugummi!“, warnte er, um dann die Augen zu verdrehen, als Juli seinen dargebotenen Zeigefinger nutzte, um ihn mit einem Pflaster zu versehen und dann zufrieden nickte.

„Jap, müsste gehen“, betrachtete sie vor allem Dominik noch einmal kritisch, der jetzt nicht nur wegen der Blutergüsse schön bunt war und entschied dann, dass er ihrer Tochter so unter die Augen treten konnte.

„Ich guck mal, ob sie schon wieder wach ist“, sagte sie anschließend, gefolgt von einem „Und lass die bloß sitzen, wo sie sind!“ an Frido, als sie ihren beiden Gästen den Rücken zudrehte. Ihr Bruder dachte allerdings nicht im Traum dran. Kaum war Juli im Kinderzimmer verschwunden, verfrachtete er die Pflaster auf sein Oberhemd und befand, dass sie dessen Tasche viel besser stehen würden – ein Ausspruch, der in gewisser Weise auch Dominiks Stichwort war.

„Und? Wie bescheuert seh ich aus?“, murmelte er und sah nicht sonderlich begeistert aus, als Frido ein Foto von ihm machte und es ihm zeigte.

„Besonders putzig sind ja die pimpernden Marienkäfer auf deiner Nase“, schmunzelte der Ältere und lachte auf, als sein Freund ihm das Handy wegnehmen wollte.

„Die pimpern nicht, die kuscheln! Und jetzt gib her, das wird sofort wieder gelöscht!“, fischte er nach dem Smartphone, um dabei allerdings nur in Fridos Arm zu landen.

„Na, du Käferchen?“, grinste der und stupste seine Nasenspitze an Dominiks, ganz gleich, wie angepieselt der ihn dafür gerade anschaute. Allerdings wurde er damit leider auch etwas unvorsichtig und sein Smartphone landete doch noch in Dominiks Fingern.

„Ach komm, sieht doch gar nicht so schlimm aus“, versuchte Frido ihn zwar noch dazu zu überreden, das Foto nicht zu löschen, aber da war es auch schon irgendwo ins Nirgendwo verschwunden. Ein bisschen schade, aber Frido war auch froh, Dominiks üblichen Starrsinn zu entdecken – und einen überraschenden Kompromiss.

„Okay, du verrätst mir, was „Kaugummi“ für ein Codewort zwischen euch beiden ist und ich überleg mir, ob du doch noch ein Foto von mir machen darfst“, legte er Frido die Arme um den Nacken, um dann die Augenbrauen bei dessen Antwort hochziehen.

„Na ja, ganz einfach: Einmal ging Juli mir so dermaßen auf den Zeiger, dass ich ihr ein Kaugummi in die Haare geklebt hab. Danach hatte sie das erste und letzte Mal eine Kurzhaarfrisur“, grinste er leicht und wiegte den Kopf, als Dominik fragte, ob sie da noch Kinder gewesen seien.

„Sagen wir einfach, „noch nicht volljährig“ trifft es auf jeden Fall“.

23.10.2024: vindizieren

Eines musste man Juliane Klimlau lassen: Sie konnte ihre Tochter nicht verleugnen. Nicht nur hatten beide die gleichen Gesichtszüge und Mähnen, sondern auch mitunter den gleichen Blick. Denn während erst Lilli diejenige gewesen war, die ihre Besucher mit einem skeptischen Mustern begrüßt hatte, war es nun Juli, die ihren Bruder auf diese Weise anschaute.

„Das hast du dir doch ausgedacht!“, murrte sie und schmälerte die Augen, während sie zwischen Frido und dem Wort, das er gerade in ihr Scrabble-Spiel gelegt hatte, hin und her schaute.

„Gucks nach, wenn du mir nicht glaubst“, zuckte Frido jedoch unbeeindruckt die Schultern und schmunzelte, als Juli prompt ihr Handy hervorholte. Sie fing eifrig an zu tippen und er nutzte die kleine Unterbrechung für einen Blick zur Arbeitsplatte, wo Dominik und Lilli hoch konzentriert an ihren Plätzchen arbeiteten.

„Du sollst aufhören den Teig zu naschen“, stupste Dominik die Kleine sachte mit der Hüfte an, während er einen Teil der vorbereiteten Masse gerade ausrollte, damit sie ausgestochen werden konnte. Lilli aber war der Auffassung, dass sich die ganze Arbeit nur lohnte, wenn sie sich im Vorfeld schon mal davon überzeugte, dass sie auch das richtige Mischverhältnis von Mehl, Zucker und Milch erwischt hatten.

„Hey! Das hab ich genau gesehen!“, betrachtete Dominik seine Assistentin höchst kritisch, ohne, dass sie sich wirklich davon beeindruckt zeigte. Stattdessen lachte sie lieber über seinen Rüffel – oder doch noch immer über seine Bepflasterung? Denn die hatte sie zwar nicht dazu animieren können, auch eine Runde „Krankenhaus“ zu spielen, aber zumindest war das bunte Durcheinander nach den ersten skeptischen Blicken der angehenden Ärztin in spe gut gewesen, um ihr ein Grinsen inklusive „Du siehst komisch aus!“ abzuringen. Jetzt pantschten sie aber lieber mit bunten Lebensmittelfarben statt Pflastern und Frido war froh, dass dafür nicht seine Küche herhalten musste.

„Vindizieren…“, holte Juli da seine Aufmerksamkeit zu sich zurück.

„… also wenn der Eigentümer von etwas verlangt, dass der momentane Besitzer es herausgibt. Beispielsweise ein Autovermieter, der vom zahlungsunfähigen Mieter verlangt, dass er den Sportwagen rausrückt…“, murmelte sie und ließ das Handy sinken, während ihre Augenbraue sich hob.

„Woher kennst du das denn?“, forderte sie eine Erklärung von ihrem Bruder, der allerdings wieder darüber schmunzeln musste.

„Allgemeinbildung, Schwesterchen“, flachste er süffisant, während er den Begriff selber erst vor wenigen Tagen in einem Gespräch mit Bernd aufgeschnappt hatte. Eingeschnappt war hingegen eher das Wort, das auf Juli zutraf. Sie äffte Frido nach und verschränkte die Arme vor der Brust, während sie die Buchstaben vor sich ins Visier nahm. Frido aber konnte sich nicht vom Anblick der beiden kleinen Bäcker losreißen. Anfangs hatte er sich ja Gedanken gemacht, ob dieser Spielenachmittag wirklich so eine gute Idee wäre, aber Dominik schien darin wirklich aufzugehen. Er und Lilli neckten sich immer wieder, während er gleichzeitig aber auch einen feinen Blick dafür hatte, dass seine Assistentin es nicht zu bunt trieb und sich dabei womöglich noch verletzen konnte.

„Lass mich mal kurz da drauf“, hob er sie beispielsweise schwungvoll von ihrem Hocker, der eigentlich dabei half, dass sie besser auf die Arbeitsplatte greifen konnte. Er sprang locker flockig drauf, um aus dem obersten Fach des Hängeschranks die verschiedenen Streusel zu holen und verfrachtete Lilli dann genauso schwungvoll wieder auf den Hocker – aber los ließ er sie erst, als er sicher war, dass sie auch wirklich wieder festen Stand hatte. Nach außen wirkte es alles spielerisch, aber Frido erkannte genau, wie sorgsam Dominik mit seiner Nichte umging.

„Herzchen oder Perlen?“, wollte der Lockenkopf dann wissen und stützte die Hände auf die Hüften, als Lilli schon wieder anfing zu naschen.

„Also, das glaub ich ja nicht!“, ging er vor ihr in die Hocke und schüttelte den Kopf, während Lilli anfing zu lachen und sich mit spitzbübischem Grinsen noch etwas Teig in den Mund schob.

„Du bist ne freche Biene!“, tadelte er und auch, wenn er scheinbar auf ihren Bestechungsversuch, ihn ebenfalls mit Teig zu füttern, einging, fing er dann an sie durchzukitzeln. Strafe musste schließlich sein!

„Du kriegst noch Bauchweh, wenn du so weiter naschst!“, rief er in ihr Gackern hinein und schaute zu dem Geschwisterpaar, als Frido sich einen Kommentar nicht verkneifen konnte.

„Ist halt ganz die Mama!“, grinste er und wich aus, als Juli über den Tisch langte, um ihn zu boxen, wohingegen Dominik sich eines Ausspruchs zwar enthielt, dafür aber mit seinem Blick Bände sprach. Wer schlich denn sonst immer auffällig viel in der Küche herum, wenn er mal wieder was für Ernest vorbereitete?

„So! Den Rest gibts erst, wenn die Plätzchen auch gebacken sind! Jetzt hilf mir mal mit den Streuseln“, ließ Dominik dann von Lilli ab und tätschelte ihr den Kopf, als sie noch immer lachte.

„Also? Herzchen oder Perlen?“, griff er die beiden Gläschen mit farbigem und teils glitzerndem Inhalt und musste einen Moment innehalten, als Lilli plötzlich seinen Baum umarmte. Sie gluckste und schmiegte sich an ihn, während er kurz die Augen zusammenkniff.

„Vorsicht, Spätzchen, du schmeißt mich ja fast um…“, meinte er gepresst und drückte ihr mit schiefem Grinsen die Perlen in die Hand, um sich dann kurz an die Arbeitsplatte zu stützen und durchzuschnaufen, als Lilli anfing das Zuckerzeug auf dem Teig zu verteilen.

„Kann ich vielleicht auch mithelfen?“, erschreckte Lillis Onkel den Lockenkopf kurz drauf auf ähnliche Weise, als er plötzlich hinter ihm stand und behutsam die Hände an Dominiks Hüften legte. Der musste allerdings über seinen besorgten Freund schmunzeln.

„Alles okay“, murmelte Dominik und gab Frido ein Küsschen auf die Wange, ehe er sich Lilli wieder zuwendete, damit sie ihre Deko nicht durch die halbe Küche verteilte. Immerhin konnte er dabei schon wieder lachen und schenkte Frido ein Lächeln, als der sich von ihm löste und mit leichtem Nicken zurück zum Tisch ging.

„Irgendwie seid ihr Zwei schon süß“, grinste Juli, aber Frido meinte nur, dass ihre Tochter den gleichen Dickschädel wie ihre Mutter habe, um dann zu genießen, dass der Rest des Nachmittags ohne weitere Zwischenfälle vonstatten ging. Während er Juli so lange im Scrabble besiegte, bis die keine Lust mehr hatte, stapelten sich allmählich die Kekse auf den Tellern. Zum Leidwesen der drei Klimlaus verbot Dominik allerdings ein Zugreifen, bis die Küche wieder aufgeräumt und sauber war, sodass es ihn sogar zum Lachen brachte, wie schnell Bruder und Schwester plötzlich zu Spüllappen und Trockentuch greifen konnten. Er ließ sie hantieren und lenkte Lilli noch ein wenig damit ab, dass sie einige Kekse zusätzlich mit Zuckerguss verschönern durfte, um dann alle paar Sekunden zu fragen, ob der denn nun endlich getrocknet sei. Und dann endlich konnten sie es sich alle im Wohnzimmer gemütlich machen, mit Tee, Milch oder Kakao und Keksen, bei Musik und Gesprächen am Anfang und einem kindgerechten Film zum Einläuten der Abendzeit.

„Komm, Schatz, ich glaub, es wird Zeit für dich“, nahm Juli die schläfrige Lilli dann aus Dominiks Armen und trug sie zum Badezimmer, während die beiden Männer ihnen nachwinkten und Lilli fast schon auf Julis Arm einschlief.

„Die Kleine hat inzwischen echt einen Narren an dir gefressen. Ich glaub, so langsam muss ich mir was einfallen lassen, um nicht den Status als Lieblingsonkel Nummer 1 zu verlieren“, schmunzelte Frido, als die Badezimmertür ins Schloss fiel und wendete den Blick zu Dominik, dem plötzlich alle Dämme brachen, als sie allein waren. Er schluchzte auf und sackte in sich zusammen, um dann die Finger in Fridos Hemd zu krallen, als der ihn an sich zog.

„Hey… tut dein Bauch wieder weh?“, fragte er leise, aber der Lockenkopf schüttelte sein Haupt.

„Frido, was, wenn der kleinen Maus irgendwann was passiert? Da ist so viel, wovor wir sie nicht beschützen können!“, schniefte er und presste das Gesicht an Fridos Schulter, während der ihm leicht über die Locken strich und nickte. Daher wehte also der Wind…

„Ich weiß… Die Sorge begleitet einen wohl immer, wenn man Kinder hat… oder Nichten und Neffen. Aber bei aller Vorsicht darf man sich davon nicht zu sehr vereinnahmen lassen. Wir müssen einfach darauf vertrauen, dass wir sie bestmöglich auf diese Welt vorbereiten und alles andere sich von allein in die richtige Richtung entwickelt. Selbst… wenn das heißt, dass Lilli im schlimmsten Fall einen Freund an ihrer Seite hat, der ihr beisteht, wenn irgend so ein Arschloch sie belästigt“, murmelte er und stand kurz auf, um die Tür zu schließen. Er war froh, dass er Dominik die Möglichkeit bieten konnte, seine Gefühle raus zu lassen, während Lilli von dessen Tränen nicht verschreckt wurde und auch Juli nicht mit anhören musste, worüber sie gerade sprachen. Wusste er doch, dass auch ihr solche Gedanken wie Dominiks nicht nur einmal in den Kopf gekommen waren und noch mehr beunruhigen wollte er seine Schwester nicht. Gleichzeitig musste er aber auch lächeln, als er seinen Lockenkopf wieder im Arm hielt und von Juli eine Nachricht auf sein Smartphone flatterte, ob der Nachmittag doch ein bisschen viel für Dominik gewesen sei. Auch, wenn sie die falschen Beweggründe für dessen Tränen vermutete, ließ sie ihm die Zeit, die er brauchte, bis er wieder mit einem gefassten Gesichtsausdruck das Wohnzimmer verlassen konnte.

„Ich glaub, wir machen uns dann auch mal auf den Weg“, meinte Frido leise, während Juli aus der Küche zu ihnen kam und Dominik schüttelte den Kopf, als sie fragte, ob sie sich einige Kekse mitnehmen wollten.

„Ich hab Lilli versprochen, dass wir genug backen, damit sie ihren Freunden morgen noch welche mitnehmen kann“, schmunzelte er und musste dann sogar lachen, als Juli sich eine Spitze gegen ihren Bruder nicht verkneifen konnte.

„Du hast Angst, dass er bei deinen Backkünsten irgendwann wie ein Hefekuchen auseinander geht, oder?“, grinste sie und amüsierte sich über Fridos empörten Blick.

„Das hab ich jetzt ja wohl überhört!“, stützte er die Hände auf die Hüften und sein Mund klappte auf, als Juli dann auch noch andeutete, dass er ein Pläuzchen bekommen habe.

„Jetzt reichts aber!“, schnappte er sich seinen Freund und stapfte zur Wohnungstür, während Dominik die Lippen aufeinander presste, um nicht loszuprusten.

„Was? Willst du lieber hier pennen?“, erklang es warnend von Frido, während der Lockenkopf sein Haupt schüttelte und doch kichern musste, als Juli keine Zweifel daran ließ, dass ihre Couch durchaus auch bequem sei.

„Außerdem hab ich ein schönes großes Bett, wenn er nicht allein schlafen möchte“, sagte sie voller Selbstbewusstsein, das nicht mal durch Fridos kühlen Blick angekratzt wurde.

„Um mal eins klar zu stellen: Wir reden hier grad nicht von dem Teddy, den du mir als Kind geklaut hast, sondern von meinem Freund. Such dir deinen eigenen!“, hielt er fest, ohne dabei von Juli oder Dominik allzu ernst genommen zu werden.

„Da hab ich ja ohnehin noch ein Wörtchen mitzureden, oder?“, schmunzelte der Lockenkopf, aber für das Argument war Frido nun wirklich nicht empfänglich.

„Ach, du! Manchmal bist du doch viel zu gutmütig!“, murrte er und ließ sich nur widerwillig von Juli zu einer Abschiedsumarmung überreden, während Dominik da deutlich aufgeschlossener war.

„Bis die Tage!“, grinste er, als Juli sich von ihm löste und lachte auf, weil Frido derweil noch immer nichts an seinem unterkühlten Gesichtsausdruck geändert hatte.

„Na komm, du Brummbär“, schob er seine Hand zwischen die verschränkten Arme seines Freundes und folgte ihm, als Frido ohne weitere Worte die Haustür ansteuerte.

„Gute Nacht ihr beiden!“, rief Juli ihnen noch nach und kicherte, als Dominik ihr einen Blick über die Schulter zuwarf, aber Frido nur die Hand hob. Solange er sie noch an der Tür stehen sah, schenkte Dominik ihr ein Lächeln, aber als er mit Frido endgültig allein war, schaute er ihn nachdenklich an.

„Sag mal, war das grad… auf Susis Kuss gemünzt? Hat… hat dir das wirklich was ausgemacht?“, musterte er ihn und hob die Augenbrauen, als Frido abrupt stehen blieb, um den Kopf zu ihm zu drehen. Er stellte sich vor Dominik, löste die Arme aus der Verschränkung und legte sie stattdessen um ihn, damit er seine Hände in dessen Gesäßtaschen schieben konnte. Ein kleines Schmunzeln umspielte seine Lippen und er gluckste fast, während er seinen Freund betrachtete.

„Also ich wär jetzt nicht unbedingt begeistert, wenn du dich künftig ständig von irgendwelchen Weibern abknutschen lässt. Aber dass ich mir da wegen gestern keine Gedanken machen muss, hab ich schon gemerkt. Das allerdings…“, nickte er dann in Richtung seiner Schwester und schaute Dominik dann wieder an.

„Das war grad was unter Geschwistern. Juli hat manchmal ein sehr einnehmendes Wesen. Und auch wenn ich dir das jetzt ungern so sage: Es ging grad weniger darum, dass sie jemanden fürs Bett sucht – den hat sie nämlich schon – sondern darum, dass sie gegen einen fleißigen Wichtel im Haushalt sicherlich nichts hätte. Und ja, mein Schatz, was das angeht, kann ich mir tatsächlich vorstellen, dass sie dich um den kleinen Finger wickeln könnte“, zupfte er ihm vielsagend das Pflaster von der Nase, um dann schmunzelnd zu ergänzen: „Dass du ein toller Onkel bist, hat inzwischen nicht nur die Kleine gemerkt oder was meinst du, warum Juli fast jede Woche fragt, ob wir uns treffen? Und ob du dann mit dabei bist?“.

24.10.2024: juhu

Gute zwei Wochen hatte Dominik sich kaum unter Leute getraut. Danach waren die Blutergüsse größtenteils verschwunden und die restlichen Spuren verdeckten seine Haare und der zwischenzeitlich wieder gezüchtete Bart. Susi wusste natürlich um seine eigentlichen Beweggründe fürs Fernbleiben der Uni, aber die schien sie tatsächlich für sich behalten zu haben. Denn Frido bemerkte weder auffällige Blicke seiner Studenten noch kam ihm irgendetwas zu Ohren, als Dominik den ersten Tag wieder auf seine Kommilitonen stieß. Niemand von ihnen schien zu ahnen oder gar zu wissen, dass er gar nicht wegen einer Grippe ausgefallen war. Das erleichterte Frido einerseits natürlich für Dominik, aber andererseits auch, weil er von seinem Plan, den Kurs gänzlich abzugeben, doch erst einmal Abstand genommen hatte – nach Dominiks gutem Zureden, der Susi die nötige Zurückhaltung in dieser Angelegenheit zutraute. Oder eher: weil die Studenten wohl beide wussten, was es für die Zukunft ihrer Freundschaft bedeuten würde, wenn Susi die Plapperei selbst bei diesem Thema nicht unterlassen würde…

Alles in allem war es also ein guter Start in die letzten Tage vor Ostern, die Dominiks Rückkehr einläuteten. Vormittags hatte Frido ihn im Kurs gehabt, mittags ein paar Minuten Pause mit ihm verbracht und am späten Nachmittag wartete er eigentlich nur noch drauf, dass sein Lockenkopf sich von seinen Freunden losreißen konnte, um endlich nach hause zu fahren. Die Studenten hatten sich natürlich einiges zu erzählen, nun, da sie wiedervereint waren und ein kleines Projekt wartete ebenfalls noch, das sie bis zum Abend abgeschlossen sehen wollten. Also dachte Frido sich erst einmal gar nichts dabei, als es erst relativ spät an seiner Tür klopfte. Nur statt Dominik streckte Niko dann den Kopf ins Büro und sogleich hatte Frido ein komisches Gefühl im Bauch.

„Hi, Herr Klimlau! Stör ich?“, begann der Student völlig unverfänglich, als er hereingebeten wurde und sein schiefes Grinsen verriet, dass er trotzdem sofort wusste, dass er unter Verdacht stand.

„Hi Niko… nein, komm rein…“, murmelte Frido in skeptischem Ton und bot seinem Studenten mit einer Geste an, sich zu setzen, aber der blieb lieber stehen. Der Dozent klappte seinen Laptop zu und seufzte aus, während Niko noch immer ein wenig um den heißen Brei herumredete, wobei er feststellte, dass er ja lange nicht mehr in diesem Büro gewesen sei.

„Niko?“, unterbrach Frido ihn also und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, als ein neugieriges „Ja?“ erfolgte.

„Was habt ihr jetzt schon wieder angestellt?“, verschränkte Frido die Arme vor der Brust, aber Niko riss seine sofort abwehrend hoch.

„Gar nichts! Ehrlich!“, schwor er, ohne Frido so recht überzeugen zu können und musste selber grinsen, als der mit einem müden Ton in der Stimme wissen wollte, wo sein Freund steckte.

„Also es ist so…“, begann Niko und druckste ein wenig herum, während er offensichtlich Schwierigkeiten hatte, nicht los zu lachen.

„Marita wollte heut ihre Fotos machen und eigentlich sollte Dom nur beim Licht helfen… aber, na ja, weil Tessa ja kurzfristig diese Woche in Berlin ist und Marita unbedingt ein Model mit Locken haben wollte…“, murmelte er und biss sich wieder auf die Lippen, als ihm ein Kichern aus der Kehle entfleuchen wollte, wohingegen Frido die Stirn in Falten zog und dann langsam seine Augenbraue hob.

„Moment mal… Reden wir gerade davon, dass ihr Dominik dazu überredet habt, euer Model zu spielen?“, fragte er und wusste nicht, was er gerade verstörender fand: Nikos Nicken oder sein breites Grinsen.

„Selbst ich hab kaum Bilder von ihm, weil er es so hasst, wenn er abgelichtet wird und du willst mir grad erzählen, dass er sich freiwillig für ne Ausstellung knipsen lässt?“, fragte Frido und dachte bei Nikos Antwort nicht zum ersten Mal, dass Dominik manchmal wirklich zu gutmütig war.

„Na ja… Marita tat ihm so leid, weil sie ja schon auf Tessa verzichten musste und da war er halt echt die perfekte Alternative! Außerdem steht der Keller nächste Woche nicht mehr zur Verfügung, um da alles aufzunehmen und Dominik ist schlank genug, um in den Hosenanzug zu passen, den Marita für ihr Projekt vorbereitet hat. Da hat er dann doch zugestimmt“, zuckte Niko leicht die Schultern, wohingegen Frido unwillkürlich „schlechtes Gewissen“ in den Kopf schoss, gefolgt von einem „Wusst ichs doch“ als Niko weitersprach.

„Gab halt nur ein Problem, ähm…“, murmelte er und hob die Schultern erneut, um Frido dann schon einmal vorsorglich mit einem breiten Grinsen zu beschwichtigen. Die erwünschte Nachfrage, was dieses Problem sei, ersparte Frido sich. Sein Blick sagte wohl auch so schon genug, damit Niko ihn nicht mehr länger auf die Folter spannte – oder zumindest die Umwege zur Erklärung etwas abkürzte.

„Also… ich sag mal so: Dass Dom sich vor der Kamera so unwohl fühlt, sorgt nicht unbedingt dafür, dass er fotogener wird“, meinte er, woraufhin Frido leicht nickte und aufstand.

„Aha, also soll ich ihm jetzt gut zureden, damit er sich doch noch knipsen lässt, oder was?“, trennte er seinen Laptop vom Strom und hielt dann in seiner Bewegung inne, als Niko den Mund abermals öffnete.

„Nee, das haben wir schon geregelt bekommen. Ich wollte nur sicher gehen, dass Sie ihn mit nach hause nehmen, damit er nicht so angezwitschert aufs Skateboard steigt“, ließ er die Bombe platzen, die bei Frido allerdings für noch mehr Fragen als Antworten sorgte.

„Angezwitschert?“, richtete er sich langsam auf, während das Grinsen seines Studenten inzwischen immer mehr zeigte, dass er sich eigentlich alles andere als wohl fühlte.

„Na ja… Jacob hat an der Tanke ne Flasche Wodka besorgt und ihm zwei Kurze gegeben, damit er etwas locker wird. Hat auch geklappt, aber Dom verträgt ja echt nicht viel. Marita braucht zwar noch ein paar Fotos, aber ich glaub nicht, dass er wieder richtig nüchtern ist, bis wir fertig sind“, rieb er sich den Hinterkopf, wohingegen Frido sein Haupt nur schütteln konnte.

„Nicht viel ist gut! Der hat schon einen im Kahn, wenn er ein paar Löffel Herrencreme intus hat!“, schob er seinen Laptop in die Tasche und wollte wissen, in welchem der Kellerräume die Studenten sich befanden.

„Danke fürs Bescheid sagen, ich komm in fünf Minuten nach“, erklärte er dann und seufzte aus, als Niko zur Tür huschte.

„Alles klar, ich muss auch langsam zurück, sonst denken die Anderen noch, ich wär ins Klo gefallen“, grinste er leicht und verschwand wieder, während Frido sich fragte, was ihn wohl erwarten würde. Bei Dominik war das nämlich nicht immer ganz so leicht zu sagen, zumal Frido ihn bisher wirklich nur sehr selten angeheitert erlebt hatte. Einmal war sein Freund dabei einfach am Tisch eingepennt, weil das versprochene „Alkoholfreie“ sich doch als normales Bier herausgestellt hatte und einmal hatte er die halbe Nacht die Finger nicht bei sich halten können, nachdem es bei Susis Geburtstag einen Cocktailworkshop gegeben hatte. Was war nun die bessere Aussicht? Die Schnapsleiche irgendwie unbemerkt zum Auto schaffen oder auf die Couch umziehen, weil Frido auf einen Kuschelkurs dieser Art wenig Lust hatte?

„Beides beschissen…“, befand er und machte sich auf den Weg nach unten, um bereits im Flur von Lachen, Musik und etwas begrüßt zu werden, das wie ein jaulender Hund klang. Oder wie sich beim Näherkommen herausstellte: Ein betrunkener Dominik, der versuchte, auch nur ansatzweise den Text des Liedes zu erwischen. Eingehüllt in etwas, das irgendwann mal ein Hosenanzug gewesen war, wankte er inmitten von bunten Lichtern hin und her, schwang die Arme und präsentierte allen Zuschauenden, dass seine Tanzkünste sich im angeheiterten Zustand auch nicht gerade verbesserten. Selbst, wenn er das im Moment scheinbar dachte.

„N´Abend zusammen!“, trat Frido ein und hoffte beim Blick auf die Wodkaflasche, dass die restlichen fehlenden Schlucke nicht auch noch im Magen seines Freundes gelandet waren. Doch schon die ersten Worte aus Jacobs Mund brachten ihm diesbezüglich Erleichterung.

„Hallo Herr Klimlau, was machen Sie denn hier?“, lächelte er und auch wenn Stimme und Gang nichts anzumerken waren, sprach seine Fahne für sich.

„Hab Musik gehört und wollte mal gucken, wie die Arbeit so läuft“, erklärte Frido, um dann ohne viele Umschweife zu ergänzen: „Haben Sie sich etwa auf dem Campus volllaufen lassen?“. Zack! So schnell konnte man gar nicht gucken, wie einer der anderen Studenten die Flasche versteckte und sie alle einstimmig den Kopf schüttelten. Nur Fotografin und Model waren so in ihrem Element, dass sie von dem kleinen Eklat nichts mitbekamen.

„Ich glaub, das ist Martens Rasierwasser! Ich hab dem schon zig mal gesagt, dass er stinkt wie ne Kornbrennerei, wenn er das trägt!“, fand Jacob schnell einen Schuldigen für den Geruch, aber auch, wenn Frido sich fragte, ob seine Studenten ihn wirklich für so bescheuert hielten, sparte er sich weitere Kommentare. Stattdessen beobachtete er Dominik dabei, wie er eher schlecht als recht Maritas Anweisungen folgte und etwas rammdösig in die Kamera grinste. Die Fotografin schien es nicht allzu sehr zu stören, aber Frido konnte sich schon denken, dass Dominik dieser Abend vielleicht ein unschönes Erwachen brächte. Also stellte er sich unauffällig neben Niko, tuschelte kurz etwas mit ihm und erntete gerade noch ein knappes Nicken seines Studenten, ehe auch Model und Fotografin endlich auf ihn aufmerksam wurden.

Mit einem begeisterten „Juhuuuu!!!“ riss Dominik die Arme hoch, als er Frido erkannte und wankte lachend auf ihn zu, ohne dabei Nikos energisches Kopfschütteln wahrzunehmen.

„Machstn du hier?“, hängte er sich trotz versuchter Gegenwehr an Frido, dessen Blick zu Niko sehr eindeutig ausfiel: Nie wieder Alkohol für Dominik!

„Herr Preuss, sind Sie etwa betrunken?“, sagte Frido eindringlich und hielt seinen fummelnden Freund so gut es ging auf Abstand, während der anfing zu gackern.

„Bistn so förmlisch?“, kicherte er und schmiegte sich halt mal kurz an Niko, als der ihn von Frido weg zog. Doch seinen Dozenten ließ er darum keineswegs aus den Augen.

„Issa nichn schöner Mann?“, säuselte er Niko voll, während er Frido über den Rücken strich und eine Schnute zog, als ein gekonnter Schritt zur Seite dem Spielchen ein Ende setzte.

„Dominik!“, wollte er gerade zu einer kleinen Standpauke ansetzen, doch dann fiel ihm auf, dass Marita auffällig grinsend die Kamera sinken ließ, als ein zufälliger Blick von ihm sie traf. Na, das machte die Sache, die er gerade mit Niko betuschelte hatte, ja noch leichter…

„Ich glaub nicht, dass ich mein Einverständnis gegeben habe, abgelichtet zu werden“, streckte er die Hand aus und ging auf die Studentin zu, um dann sofort den Kopf zu schütteln, als sie ihn um den Finger wickeln wollte.

„Aber Herr Klimlau, das brachte grad noch mal ganz neue Elemente rein, mit Ihnen und Niko dabei! Alles für die Kunst, nicht wahr?“, lächelte sie zuckersüß, um damit trotzdem nur auf Granit zu beißen.

„Hmhm und trotzdem gibts so was wie das Recht am eigenen Bild. Also los, Speicherkarte her. Ich geb sie Ihnen morgen oder übermorgen zurück“, forderte er, um auch nicht einzulenken, als sie vorschlug, dann einfach selbst die Bilder zu löschen, auf denen er mit drauf war.

„Mal abgesehen von meinen Bildern bin ja nicht so sicher, ob unser Herr Preuss wirklich so einverstanden mit den Aufnahmen ist, wenn er im nüchternen Zustand sieht, wie er sich hier aufgeführt hat“, erklärte er und ließ auch keine Einwände zu, dass Dominik sich die Fotos ja zusammen mit seiner Kommilitonin anschauen konnte.

„Sollen wir uns noch mal über die Wodkaflasche unterhalten, die Marten da gerade unter seiner Jacke versteckt oder schnappen Sie sich jetzt eine neue Speicherkarte und machen vorsichtshalber noch ein paar Aufnahmen mit einem neuen Model?“, war sein Angebot an die Studenten, um sich dann noch Niko für ein paar Minuten auszuleihen, damit er ihm half, Dominik zurück in seine eigenen Klamotten zu kriegen. Was interessierte es ihn, ob die anderen Studenten in den Hosenanzug passten oder nicht? Und zumindest lief er nicht Gefahr, seinen Freund aus den Augen zu verlieren, so, wie der an ihm hing. Tja, und wenn man sich eh schon bei allen anderen unbeliebt gemacht hatte…

„Ich bring Ihren Kommilitonen jetzt nach hause. Und Sie anderen schießen sich bitte nicht auch noch so ab!“, nahm er seinem anderen Studenten dann doch vorsichtshalber noch die Flasche ab und bugsierte Dominik Richtung Ausgang – natürlich nicht ohne ein gut hörbares „Herr Preuss! Behalten Sie ihre Finger jetzt mal bei sich oder muss ich Sie erst noch unter die Dusche stellen?!“ für die restlichen Anwesenden.

25.10.2024: googeln

Ach, was hatte er gut geschlafen! Tief und fest und alle Viere von sich gestreckt, als wäre es ganz selbstverständlich, dass er das komplette Bett in Beschlag nahm. Selbst, als Dominik an diesem Morgen aufwachte, war er davon noch nicht sofort irritiert. Ja, er musste sich für die Arbeit fertig machen, aber vielleicht hatte Frido einfach eine zu volle Blase aus dem Schlaf getrieben? Da war es bei Betreten des Flurs dann allerdings doch etwas verwunderlich, dass er kein Licht unter der Badezimmertür hinweg scheinen sah, sondern unter der Wohnzimmertür.

„Hä?“, grinste der Lockenkopf verwundert und schmunzelte, als er einen Blick durch die Tür warf und Fridos Rückansicht auf der Couch entdeckte; gehüllt in den sanften Schein der Stehlampe neben dem Sofa. Also beim Fernsehen war Frido nicht eingeschlafen, denn die Flimmerkiste lief nicht. Aber es wäre tatsächlich nicht das erste Mal gewesen, dass er seine Arbeit mit nach hause genommen hatte.

„Konnte sich da wieder jemand nicht losreißen?“, schlich Dominik auf leisen Zehen zur Couch und runzelte die Stirn, als er entdeckte, dass Frido zwar tatsächlich mit Laptop auf dem Schoß eingeschlafen war – aber in einer anderen Kulisse, als erwartet. Warum hatte er sich die Couch zum Schlafen hergerichtet und war offensichtlich nur deshalb noch in Shirt und Jogginghose, weil ihn wohl der Schlaf übermannt hatte, ehe er vollends bereit fürs Bett gewesen war? Dominik stützte die Unterarme auf die Rückenlehne und betrachtete seinen Freund, der tief und gleichmäßig atmete und manchmal ein bisschen schmatzte.

„Schnarch ich etwa, wenn ich was getrunken hab?“, stützte Dominik den Kopf auf eine Hand und dachte an den vorherigen Nachmittag zurück – zumindest an die Version, die sein Verstand ihm ausspielte. Gestritten hatten sie doch nicht, oder? Nein, ganz bestimmt nicht! Er hatte nur ein bisschen getanzt und gelacht, Frido kurz und freundschaftlich umarmt, als der zum Shooting dazugestoßen war und dann ganz entspannt das Set mit ihm verlassen! Kein Grund also für diesen temporären Auszug seines Freundes.

„Oder hast du da irgendwelchen Schweinkram drauf, den ich nicht sehen soll?“, grinste er dann und nahm behutsam den Laptop von Fridos Schoß.

„Beim Googeln eingepennt, was?“, scherzte er gerade noch, um dann bei einem beherzten Druck auf die Tastatur hart zu schlucken, als sich der Monitor von seinem Schwarz trennte.

„Ach du scheiße…“, starrte er auf sein völlig beduseltes Antlitz. Ja, jetzt wusste er wieder, warum er sich nicht gern ablichten ließ – und mit jedem weiteren Bild, das er anschaute, auch, wie der Nachmittag und vor allem der Abend wirklich abgelaufen war. Er schüttelte den Kopf über sich selbst und dass er sich überhaupt dazu hatte überreden lassen, etwas von dem Alkohol anzurühren.

„Was für ne Peinlichkeit…“, rieb er sich das errötete Gesicht und klappte den Laptop wieder zu, um ihn dann auf den Tisch zu stellen. Doch neben all der Beschämung spürte er auch etwas anderes, als er Frido betrachtete, der noch immer völlig ahnungslos da saß und schlummerte.

„Danke…“, umarmte er ihn von hinten und schmiegte sich an ihn, bis Frido davon aufschreckte.

„Was…?“, murmelte der Ältere verschlafen, aber von seinem Freund bekam er nur einen Kuss und ein Lächeln.

„Geh ins Bett oder leg dich wenigstens hin, sonst tut dir nachher der Nacken weh. Wir sehen uns später, ich muss jetzt zur Arbeit“, strich Dominik Frido über die Wange und ging zur Tür, um dann bei einem Blick über die Schulter schmunzelnd festzustellen, dass der Ältere unverrichteter Dinge wieder eingeschlafen war.

26.10.2024: Nachrichtenmagazin

Was gab es Neues in der Welt? Mit einem zufriedenen Seufzen ließ Frido sich in seinen Bürostuhl sinken und zückte das Handy. Wie gut, dass es die diversen Nachrichtenmagazine inzwischen auch in digitaler Form gab und er nicht mehr extra zum Kiosk um die Ecke latschen musste. Zumal ihm das auch wertvolle Zeit seiner kostbaren Mittagspause sparte. Und zumindest die Hälfte des ersten Artikels schaffte er auch zu lesen – es konnte also niemand behaupten, er würde sich nur für Kunst und Sport interessieren, ohne sich auch anderweitig zu bilden. Dass es dann allerdings schon wieder bei ihm klopfte, war ja nicht seine Schuld…

„Na, du?“, lehnte ein gewisser Lockenkopf an der Zarge, als Frido vom Handy aufschaute und zog die Tür nach einem kurzen Blick in den Flur hinter sich zu. Sofort war das Mobiltelefon vergessen und Frido sank schmunzelnd gegen die Rückenlehne, während er Dominik betrachtete.

„Wieder nüchtern?“, scherzte er, als der Jüngere zu ihm rüber ging und ihm gegenüber auf den Schreibtisch rutschte. Ein schiefes Grinsen schenkte Dominik seinem Freund, gefolgt von einem fast schon scheuen Einwurf, dass er so betrunken doch gar nicht gewesen sei.

„Aber was macht denn dein Nacken? Deine Schlafposition war ja nicht grad die bequemste, oder?“, schmunzelte er dann, woraufhin Frido sich leicht die genannte Stelle rieb.

„Könnte schlimmer sein… Heute Nacht schlaf ich auf jeden Fall wieder im Bett. Oder hast du vor, dir wieder einen zu zwitschern?“, stupste er Dominik an, der auflachte und den Kopf schüttelte.

„Nee, Danke! Vor allem keinen Wodka mehr! Das Zeug schmeckt widerlich!“, wehrte er sofort ab und wurde etwas kleinlaut, als Frido ihn daran erinnerte, dass er „das Zeug“ wohl nicht ganz unfreiwillig getrunken hatte.

„Wenns wenigstens was gebracht hätte…“, murmelte der Lockenkopf und rieb sich das Gesicht, um dann aufzuseufzen.

„Ich hab mir heute Morgen ein paar von den Fotos angeguckt. Furchtbar! Ich seh ja aus wie der letzte Idiot!“, gruselte es ihn allein bei dem Gedanken daran und Frido musste schmunzeln, weil es Dominik offensichtlich auch peinlich war, dass er ihn so gesehen hatte. Der Dozent lehnte sich vor und legte die Hände auf Dominiks Oberschenkel, während er versuchte, eine nette Umschreibung für das Gesehene zu finden.

„Zugegeben, die gestellten Fotos waren… ähm… nicht unbedingt vorteilhaft…“, begann er und lachte, als Dominik ein trockenes „Danke, aber sag ruhig Scheiße“ dazwischen schob. Der Jüngere verzog das Gesicht und der Ältere nickte.

„Ja, sie sind echt mies geworden“, grinste er, um dann aber auch etwas Positives beisteuern zu können.

„Aber bei den Aufnahmen vom Setaufbau sind ein paar gute Fotos bei, find ich. Dieses Ungestellte passt mehr zu dir“, strich er über Dominiks Bein und Fridos Blick verriet, dass es sich nicht nur um Schmeichelein handelte. Aber sein Lockenkopf runzelte trotzdem die Stirn.

„Na ja, das, auf dem du zwischen diesen ganzen Tüchern sitzt und lachst zum Beispiel“, erklärte Frido, wobei es ihm gar nicht leicht fiel, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn dieses Foto ansprach. Dominik hingegen zuckte die Schultern.

„Die hab ich mir gar nicht angeguckt… Mir haben schon die gereicht, die du zuletzt aufm Laptop offen hattest“, gruselte es ihn noch immer bei dem Gedanken daran und brachte Frido zum Schmunzeln.

„Was hältst du davon, wenn wir uns die Fotos mal zusammen angucken und alles, womit du nicht glücklich bist, sofort aussortieren? Marita wartet ja eh noch auf ihre Speicherkarte“, schlug er vor und tätschelte Dominik das Knie, ehe er sich zu seiner Tasche beugte, um den Laptop hervorzuholen.

„Ist aber irgendwie auch scheiße, wenn ich mich erst einverstanden erkläre, dass sie mich knipsen darf und dann alles lösche, oder?“, plagten den Lockenkopf schon wieder Gewissensbisse und Frido tippte ihm leicht in den Bauch.

„Also willst du dir lieber irgendwann Fotos von dir im Großformat anschauen, mit denen du überhaupt nicht glücklich bist? In einer Ausstellung der Uni und wahrscheinlich spätestens im Nachgang auch im halben Internet verteilt, dank Instagram und Co?“, nannte er Dominik recht schonungslos die Alternative, bei der es seinem Freund sofort wieder die Schamesröte ins Gesicht trieb.

„Dacht ich mir“, schmunzelte der Dozent also und klappte den Laptop auf. Außerdem hatte er ja wohl weißlich vorgesorgt.

„Ich hab ihr geraten, dass sie noch ein paar Fotos mit einem anderen Model machen soll… So oder so konnte sie das Ganze bestimmt noch retten“, fasste er Dominik leicht am Kinn und lächelte, als der ihm ein schiefes Grinsen schenkte.

„Danke, dass du ihr die Karte abgenommen hast…“, nahm er Fridos Hand und strich mit den Fingern über die Innenseite, um dann bei Fridos Worten aufzulachen.

„Na ja, genau genommen war das Teamarbeit. Dass du dich plötzlich wie ein Äffchen an mich gehängt hast und Marita den Finger nicht vom Auslöser lassen konnte, hat die Sache enorm vereinfacht. Sonst hätte Niko sich irgendwas einfallen lassen müssen, damit ich ungesehen an die Karte komme“, zuckte er die Schultern und grinste, während er sich wünschte, gerade selbst unbemerkt diesen unbeschwerten Moment seines Freundes einfangen zu können. Als Model war Dominik wirklich grottenschlecht, aber wenn er nicht merkte, dass er geknipst wurde, konnte er regelrecht hinreißend sein. Und selbst diese Art von Aufnahmen würde Dominik vermutlich nicht gut finden – aber musste Frido ihm denn verraten, dass er alle Fotos von Maritas Speicherkarte vorausschauenderweise erst mal auf seinen Laptop gezogen hatte? Nun, das konnte er sich ja später noch überlegen. Jetzt ging es erst einmal darum, das Kärtchen um das zu erleichtern, was die Studentin definitiv nicht wieder zurückbekommen sollte. Und das würde bestimmt so einiges sein…

„Oh Gott, geht ja schon gut los…“, seufzte Dominik bereits beim ersten Foto, obwohl Frido dieses gar nicht mal so schlecht fand.

„Löschen?“, fragte er trotzdem und konnte gar nicht so schnell gucken, wie Dominik anfing zu nicken.

„Definitiv!“, meinte er kritisch und verzog auch beim zweiten Bild sogleich das Gesicht.

„Boah, wenn Marita mir noch mal mit ihrer Kamera zu nahe kommt!“, rutschte er vom Tisch auf Fridos Schoß, um dann bei fast jedem Bild Grimassen zu ziehen – besonders dann, als die Fotos begannen, bei denen er ein wenig Nachhilfe in flüssiger Form gehabt hatte.

„Das wird ja immer schlimmer!“, jammerte er und vergrub das Gesicht an Fridos Schulter, wohingegen der eher darüber lachen musste.

„Och, der Silberblick hat irgendwie was…“, scherzte er, während Dominik nur noch mehr das Gesicht verzog.

„Scheiß Wodka! Nie wieder!“, murrte er, aber Frido sah das Ganze recht pragmatisch.

„So lernt man am besten draus, die Finger davon zu lassen“, grinste er und zuckte die Schultern, als Dominik ihn daran erinnerte, dass er ja auch schon mal zu tief ins Glas geguckt hatte.

„Stimmt, aber ich hab mich dann nicht wie ein explodiertes Sofakissen zurecht gemacht und ablichten lassen“, zwinkerte Frido und lachte über Dominiks Augenrollen.

„Ja, nur weiter so…“, murmelte der und seufzte aus, um Frido dann eher neugierig als wehleidig anzuschauen.

„Was ist?“, schmunzelte der Ältere und hob die Augenbrauen bei Dominiks folgenden Worten.

„Schnarch ich eigentlich so schlimm, wenn ich getrunken hab?“, wollte der Lockenkopf plötzlich wissen und Frido überlegte einen Moment, wie er darauf nun am besten antworten sollte.

„Du meinst, weil ich im Wohnzimmer gepennt hab?“, kicherte er leicht und musste erst recht grinsen, als Dominik nickte.

„Das Schnarchen ist nicht das Problem, aber das Fummeln“, gab der Dozent dann zu bedenken und wieder amüsierte der verwirrte Blick seines Freundes ihn.

„Angeschäkert bist du n bisschen anhänglich, um es mal jugendfreundlich zu formulieren“, grinste er und lachte auf, als Dominik erst irritiert schaute und dann erschrocken.

„Moment mal, ich hab aber keinen der anderen angebaggert und deshalb wolltest du dann nicht mit mir im Bett schlafen, oder?“, befürchtete er, was Frido aber sofort verneinte.

„Nee, nee, du wusstest schon ganz genau, wessen Hintern du unbedingt antatschen wolltest. Ich glaub, sonst hätte ich dir tatsächlich n Eimer kaltes Wasser über den Kopf gekippt, wenn du da wahllos jedem an die Wäsche gegangen wärst“, konnte er Dominik beruhigen, aber so ganz waren dessen Fragen damit doch noch nicht geklärt.

„Okay, gut…“, lehnte er sich an Frido, um erst über seinen Arm zu streichen und ihn dann nachdenklich anzuschauen.

„Aber… irgendwie versteh ich immer noch nicht so ganz, warum du dann nicht bei mir geschlafen hast… oder viel mehr mit mir. Ich mein… sooo besoffen war ich ja nun auch nicht, dass ich von dem bisschen Wellengang alles vollgekotzt hätte, oder? Was genau hat dich denn gestört? War meine Fahne so schlimm?“, wollte er wissen und schien mit Fridos Antwort erst mal nicht viel anfangen zu können.

„Ich hätte sofort mit dir geschlafen, aber ich finds nicht gut das auszunutzen, wenn du einen im Tee hast. So viel Selbstbeherrschung hab ich wohl noch, dass ich warten kann, bis wir beide wieder richtig nüchtern sind“, meinte er, was Dominik eher noch mehr verwirrte.

„Wie gesagt, ich war ja nicht sturzbesoffen und bin immerhin dein Freund und nicht irgendeine Bekanntschaft, die du aus nem Club abgeschleppt hast. Wenn dann die Initiative sogar von mir ausgeht, versteh ich das Problem nicht so ganz…“, grinste er schief, wohingegen Frido eher ernst schaute.

„Trotzdem kann es sein, dass du am nächsten Morgen nicht ganz so glücklich mit der Entscheidung bist und das möchte ich nicht. Betrunken hält man gern mal das eine oder andere für eine gute Idee, was man nüchtern dann bereut. Wenn beide was getrunken haben, ist das eine Sache, aber wenn einer nüchtern ist, hat der auch ne entsprechende Verantwortung dem anderen gegenüber, find ich. Und da ist es mir egal, ob du in dem Moment mein Freund bist oder ne lockere Sache“, sagte er, wofür Dominik ihn nachdenklich anschaute. Er legte den Kopf schief und fuhr mit den Fingern Fridos Haarlinie nach.

„...Ich war damals zwar nicht angetrunken, aber hast du darum bei unserem ersten Mal so oft gefragt, ob ich das wirklich will und mit allem so einverstanden bin, wie wir das gemacht haben?“, murmelte er, worauf dieses Mal Frido derjenige war, der schief grinste.

„Na ja, ich denke, man sollte generell immer gucken, dass beide oder alle Beteiligten sich wohl fühlen, oder?“, versuchte er ein wenig abzulenken, um dann an Dominiks Blick zu erkennen, dass der sich mit dieser Antwort wohl nicht so recht zufrieden geben würde. Also seufzte er aus und schüttelte schnell den Kopf, als die Frage aufploppte, die von Dominik ein Stück weit zu erwarten gewesen war: ob er irgendwas falsch gemacht hatte.

„Quatsch, du hast nichts falsch gemacht!“, sagte er sofort und atmete dann tief durch.

„Du weißt doch, dass ich nach meiner Trennung von Patrick erst mal nur lockere Bettgeschichten und Affären hatte, bevor ich überhaupt wieder ansatzweise was in Richtung Beziehung versucht hab“, begann er mit seiner Erklärung und Dominik nickte, genauso wie auf Fridos Hinweis hin, dass ihm Verhütung ja sehr wichtig war.

„Klar, find ich auch gut, dass du da so drauf achtest. Rückblickend bin ich ja echt froh, dass mein Ex und ich uns damit nicht in die Nesseln gesetzt haben…“, murmelte der Lockenkopf und Frido zuckte leicht die Schultern.

„Bei euch kann man in dem Alter damals ja vielleicht noch von jugendlichem Leichtsinn sprechen. Vor allem, weil ihr ja wusstet, dass ihr nicht schwanger werden könnt. Das hat man ja meist doch eher noch im Kopf als mögliche Krankheiten. Aber in meinem Fall reden wir nicht von zwei unreifen Teenagern, sondern von zwei eigentlich erwachsenen und verantwortungsbewussten Männern…“, meinte er und die Falte zwischen seinen Augenbrauen zeigte nur allzu deutlich, dass ihn das Thema bis heute beschäftigte.

„Ich hatte damals über ein paar Monate was mit einem Kerl und dadurch, dass das nicht nur was Einmaliges war, wusste er ganz genau, dass ichs nur mit Kondom mache und dass es mir auch egal ist, ob wir im Vorfeld schon ein paar Mal im Bett waren. Er hatte aber immer nicht viel Bock da drauf und als ich nach einer durchzechten Nacht neben ihm wach wurde, hab ich gemerkt, dass das Gummi schön verpackt auf dem Boden lag… Und nein, das konnte man auch nicht damit schön reden, dass er selbst angetrunken gewesen wäre. Er ist an dem Abend nämlich gefahren und das musste man ihm lassen: Wenns darum ging, war er wirklich verantwortungsvoll. Der hat nicht einen Tropfen angerührt, wenn er gefahren ist. Nur beim Sex war er leider nicht so umsichtig. Und glaub mir, diese Situation, danach dann alles testen zu lassen und bis zum Erhalt der Testergebnisse darauf zu hoffen, dass ich mir nicht irgendwas von ihm eingefangen habe, war verdammt heilsam, was das Thema Alkohol und Sex angeht… oder generell mit Typen ins Bett zu steigen, die ich erst überreden muss, dass wir ein Kondom benutzen“, schaute Frido nachdenklich auf den Tisch, während Dominik sein Profil betrachtete. Jetzt verstand er auch, warum es Frido so wichtig gewesen war, dass sie sich trotz Beziehung und Monogamie erst beide hatten ärztlich untersuchen lassen, ehe kürzlich ein weiterer Schritt in ihrer Partnerschaft gefolgt war. Generell hatte er Fridos Vorschlag hierzu ja sinnvoll gefunden, aber mit diesem Hintergrundwissen wurde ihm auch ein bisschen anders, wenn er daran dachte, wie schnell so ein Fehltritt einem ne Menge Ärger einhandeln konnte.

„Kein Alkohol mehr, versprochen“, strich Dominik Frido darum über die Brust und der Ältere schmunzelte leicht.

„Du kannst dir gern weiterhin einen hinter die Binde kippen, aber dann schläfst du künftig in solchen Nächten auf der Couch. Oder wir drucken dir das Foto hier als Verhütungsmittel aus, wenn du angepichelt wieder fummeln willst“, öffnete er eine besonders schöne Aufnahme von Dominik und lachte auf, als der sich vor Scham erst wand und dann fast in den Laptop sprang, um diese Scheußlichkeit schnellstmöglich ins Nirvana zu schicken.

27.10.2024: dekolorieren

Zusammengekniffen waren ihre Augenbrauen eigentlich immer, wenn Marita an der Nachbearbeitung ihrer Bilder saß. Sie legte den Kopf dann mal auf deine und mal auf die andere Seite, kaute auf den Lippen oder murmelte irgendwas Unverständliches. Vor allem aber wurde ihr Blick äußerst stechend, wenn jemand sich während dieser Arbeit herausnahm, sie stören zu wollen.

„Hm?“, hob sie genervt die Augen vom Tablet, als sie merkte, wie sich jemand vor sie stellte und keine Anstalten machte, von dannen zu ziehen.

„Ach, du bists.. Hi“, zog sie dann ihre Kopfhörer ab und schaute Dominik doch etwas freundlicher an, als sie ihn erkannte.

„Hey, Herr Klimlau hat mir die hier gegeben“, streckte er ihr die Speicherkarte hin und nahm neben Marita Platz, als sie sich das Kärtchen in die Hand fallen ließ.

„Lass mich raten, du hast nicht mehr viel übrig gelassen, oder?“, meinte sie und lachte über Dominiks schiefes Grinsen.

„Sorry, aber…“, wollte er beginnen, aber sie schüttelte den Kopf.

„Danke, dass du gestern einspringen wolltest, aber als Model bist du echt beschissen. Hab ich ja bei den Aufnahmen schon gesehen und gehofft, dass dazwischen vielleicht doch noch ein, zwei brauchbare Bilder sind“, stupste sie ihn an und drückte ihm ihr Tablet in die Hand.

„Hier, guck mal… wir mussten zwar ein paar Nähte öffnen, um Jacob in den Anzug zu kriegen, aber das hat mich noch mal auf ne neue Idee gebracht…“, zeigte sie ihm einige Aufnahmen, die im Nachgang noch entstanden waren und schon auf den ersten Blick waren beide sich einig, dass diese Fotos viel besser passten. Egal, wie sehr Kunst auch im Auge des Betrachters lag, in diesem Fall wären weder Model noch Fotografin mit den vorherigen Ergebnissen zufrieden gewesen und sehr froh über Fridos Intervenieren.

„Muss ich dem Klimlau und Tessa ja fast schon dankbar sein“, grinste Marita, während sie durch die Bilder swipte und dann zu ihrem Tabletstift griff.

„Guck mal, ich hab auch mal getestet, wie dekolorieren wirkt…“, zeigte sie Dominik einige der Resultate und er nickte.

„Hat entfärbt auch was…“, murmelte er und wollte gerade so richtig ins Fachsimpeln einsteigen, als plötzlich eine andere Studentin seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

„Oh, ich muss kurz was besprechen!“, sprang er auf und eilte den Flur entlang.

„Susi!“, riss er den Arm hoch und rief schon von weitem deren Namen. Überrascht drehte die Angesprochene sich um und nicht minder verwundert schaute die Gruppe Studentinnen, zu der sie eigentlich gerade hatte aufschließen wollen. Die konnten zwar nicht verstehen, was Dominik so Dringendes mit Susi besprechen wollte, aber umso deutlich vernehmbarer war ihre Reaktion.

„Echt?!“, rief sie sofort aus und griff Dominiks Arm, kaum, dass er genickt hatte.

„Na, dann nichts wie los!“, zerrte sie sofort an ihm, obwohl er eher etwas irritiert schaute.

„Was? Jetzt sofort? Ich dachte, wenn du nach dem Seminar Zeit hast…“, versuchte er sie zu stoppen, aber da kannte er Susi schlecht.

„Damit du es dir noch mal anders überlegst? Vergiss es! Die Gelegenheit krieg ich nie wieder!“, grinste sie und zog ihn mit sich, während er jetzt schon bereute, sie gefragt zu haben…
 

Es war nur ein leises Klacken und ohne das vorherige verdächtige Klimpern des Schlüssels im Schloss der Wohnungstür hätte Frido es vielleicht sogar überhört.

„Dass ich euch nicht wieder im Krankenhaus einsammeln musste und wir noch ne vernünftige Uhrzeit haben, wert ich schon mal als gutes Zeichen“, kicherte er, ohne dabei den Blick von seinem Handy zu nehmen oder sich von der Couch zu erheben.

„Sorry, ich wollt das Seminar nicht schwänzen…“, hörte er Dominik kleinlaut hinter sich und musste schmunzeln.

„Hab ja gesehen, welcher Wirbelsturm dich da aus der Uni gezerrt hat… Was hatte Susi denn dieses Mal?“, scrollte er zum nächsten Bericht, den er lesen wollte und freute sich jetzt schon auf die Wahnsinnsgeschichte, die nun bestimmt wieder folgte. Sitzen tat er ja schon mal, von daher konnte nicht mehr viel passieren. Allerdings zeigte Dominik sich äußerst zurückhaltend. Er sagte nichts mehr und räusperte sich nur, um dann fast schon erschrocken vom Boden aufzugucken, als Frido sich doch noch zu ihm umdrehte.

„Na komm schon, schlimmer als ne Kneipenschlägerei kanns doch wohl nicht mehr werden! Oder hat sie dich jetzt auch noch zu einem Raub überred…“, grinste er noch, während er den Satz begann, aber als er Dominik erblickte, rutschten ihm die Mundwinkel hinunter. Gleichzeitig klappte ihm der Mund auf und sackte seine Hand mit dem Smartphone aufs Sofa, während er Dominik anstarrte und musterte.

„So schlimm…?“, flüsterte der, aber seinem Freund fehlten die Worte, als er sich langsam erhob und um die Couch herumging, um Dominik in voller Gänze anschauen zu können.

„Ähm…“, räusperte der sich abermals und schob sich fahrig die Hände in die Hosentaschen.

„Eigentlich wollte ich nur n neues Shirt für Ostern, damit deine Familie nicht meint, ich wär nem Lumpensack entsprungen… Susi sollte mir da nur ein, zwei Tipps zu geben und gut… Von Haare schneiden war erst gar keine Rede! Sonst… ach, komm, du weißt doch inzwischen, dass ich das normalerweise immer selbst mach…“, murmelte er und guckte wieder zu Boden, weil sein Freund aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Wo war der Lockenkopf geblieben, der sich in der vergangenen Zeit immer so gern hinter seiner Mähne versteckte, wenn er sie nicht gerade mit einem Zopfgummi im Zaum hielt? Ja, umrahmt wurde sein Gesicht noch von den unbändigen Spitzen seiner Haare, aber verstecken konnten sie nichts mehr – nur noch umschmeicheln und die hohen Wangenknochen und feinen Züge zusätzlich hervorheben. Die Ohren waren frei geschnitten und der Nacken ausrasiert, um einen perfekten Übergang zu dem schwarzen Oberhemd zu schaffen, das Susi für Dominik ausgesucht hatte. Leger trug Dominik es, sodass die geöffneten oberen Knöpfe ein wenig Einblick auf seine Schlüsselbeine gaben und anders als bei seinen Shirts trug er das Hemd jetzt in die neue, dunkelblaue Jeans gesteckt. Nur, dass er die Ärmel etwas unbeholfen hochgeschoben hatte, statt sie zu krempeln, war ein kleines Manko. Aber das war ein Kniff, den Frido ihm mit Leichtigkeit zeigen konnte. Ansonsten sahen diese Klamotten und Frisur so aus, als hätten sie einfach nur darauf gewartet, endlich von Dominik getragen zu werden.

„Ich wollte eigentlich n guten Eindruck machen, wenn du mich deinen Eltern vorstellst…“, murmelte Dominik beschämt und Frido musste schlucken, als er Dominiks Kinn fasste, damit er den Kopf etwas hob und er ihn noch besser betrachten konnte. Ohne Bart sah er in Kombination mit der neuen Frisur ja sogar noch jünger aus. Sollte er einen kleinen Scherz machen, dass Dominik künftig beim Kauf von Alkohol wohl wieder nach dem Ausweis gefragt würde? Nein, das war gerade wohl nicht unbedingt der richtige Augenblick dafür.

„Du hast das meinetwegen gemacht?“, fragte er stattdessen und Dominik zuckte leicht die Schultern, ehe er seinem Blick wieder auswich.

„Na ja, nachdem ich die Fotos gesehen hab, dachte ich, dass ich im Moment doch n bisschen wie Schlumpi rumrenn und das ja immerhin ein Familienfest ist… mit deinen Eltern, die mich vorher noch nie gesehen haben…“, schaute er zur Seite und grinste schief, um dann zu erschaudern, als Frido seine Finger in Dominiks Nacken schob.

„Ich bin grad nicht sicher, ob sie uns jetzt zu Ostern überhaupt noch zu Gesicht bekommen…“, raunte der und legte die Stirn an Dominiks, als der ihn erschrocken anschaute. Aber dann schmunzelte Frido und schob eine kleine Ergänzung hinterher.

„Dafür müssten wir es bis dahin erst mal wieder aus dem Schlafzimmer rausschaffen und wenn ich seh, wie schön ich jetzt an deine empfindlichen Öhrchen ran komme… und dein Hals erst…“, grinste er anzüglich und begann Dominiks Hals zu liebkosen, als der kicherte.

„Also gefällt dir das etwa?“, machte der Lockenkopf einen kleinen Schritt zurück und zeigte vielsagend auf sich, während Frido aus dem Schmunzeln nicht herauskam.

„Nein, sieht furchtbar aus. Also schnell raus aus den Klamotten mit dir! Und wehe, du ziehst die Ostern noch mal an, dann schäl ich dich da sofort wieder raus“, ging er ihm nach und schaute Dominik in die Augen, während er anfing, ihm das Hemd aufzuknöpfen. Dieses kleine Lächeln, das dessen Lippen nun umspielte, machte ihn ja noch verführerischer. Ganz zu schweigen von dem, was sein hübscher Mund dann noch von sich gab.

„Ich wollt mal kurz unter die Dusche, um die ganzen Stoppeln abzuwaschen… Kommst du mit und guckst, dass ich nichts überseh?“, grinste er und lachte bei Fridos Antwort auf – nämlich Dominik zu schultern und ins Badezimmer zu tragen.

28.10.2024: asymmetrisch

Er konnte einfach nicht aufhören zu grinsen, während er so am Küchentisch saß, seinen morgendlichen Kaffee genoss und den Blick dabei aus dem Fenster schweifen ließ – wobei seine Augen eigentlich gar nicht richtig wahrnahmen, was dort vor seiner Wohnung passierte. Viel zu sehr hingen seine Gedanken beim vergangenen Abend und Dominiks neuem Erscheinungsbild. Frido hatte zuvor nie darüber nachgedacht, wie kürzere Haare seinem Freund wohl stehen könnten und nun ertappte er sich dabei, dass er hoffte, Dominik würde vielleicht auch selbst ein wenig Gefallen daran finden und sie nicht mehr ganz so lang wie zuletzt wachsen lassen. Doch ob die Chancen dafür wirklich gut standen? Das war wohl zu bezweifeln; besonders, als sich die Wohnungstür öffnete und sein Liebling von der Arbeit nach hause kam.

„Guten Morgen“, drehte Frido sich zu ihm und musste nun erst recht schmunzeln. Warum nur überraschte Dominiks Aufmachung ihn herzlich wenig?

„Morgen…“, schlüpfte der junge Mann aus seinen Schuhen und schlurfte mit einem herzhaften Gähnen zu Frido, um sich dann an den Tisch zu fläzen, die Arme darauf zu verschränken und als Kissen für seinen Kopf zu nehmen. Sofort fielen ihm die Augen zu und auf Fridos Worte hin gab es erst einmal nur ein leises Brummen.

„Kommst noch nicht so ganz mit deinen neuen Haaren zurecht, hm?“, lächelte Frido und tippte Dominik leicht auf die Cap, die der verkehrt herum trug. Ein paar Strähnen lugten darunter hervor, besonders am Bändchen auf der Stirn, aber ansonsten verbarg die Mütze wunderbar den kürzlich erfolgten Friseurbesuch.

„Ich hab die ewig nicht mehr so kurz gehabt…“, murmelte Dominik mit etwas Verspätung und gähnte ein weiteres Mal, um dann angewidert den Kopf weg zu drehen, als Frido ihm einen Schluck Kaffee anbot. Auf nüchternen Magen immer eine etwas schwierige Sache für den Lockenkopf.

„Meinte dein Vater nicht, dass er da immer viel Wert drauf gelegt hat, dass deine Haare nicht zu lang sind?“, fiel dem Dozenten wieder ein und Dominik drehte den Kopf zurück zu ihm.

„Hmhm… aber spätestens mit dreizehn, vierzehn hab ich mich geweigert, mit zum Friseur zu dackeln“, murmelte er, was Frido zum Schmunzeln brachte.

„Lass mich raten: Gab wieder großes Theater, hm?“, strich er ihm leicht über die Wange, aber Dominik zuckte nur die Schultern.

„Wann mal nicht?… Meine Musik war ja eh schon scheiße, das Malen erst recht und von meinen Klamotten oder den Bandpostern an meiner Wand fang ich gar nicht erst an. Da hat mich das Gemecker wegen meiner Frisur dann auch nicht mehr gejuckt“, meinte er, um dann plötzlich zu grinsen.

„Die Locken sind ja auch ganz praktisch, damit mans nicht sofort sieht, wenn ich mich n bisschen verschneide und es asymmetrischer ist, als beabsichtigt. Also konnte er mir mit dem Argument dann erst recht nicht kommen, dass es ja sooo auffällig wäre, dass ich selbst Hand angelegt hab und ich deshalb wie der letzte Depp aussehen würd“, triumphierte er, was Frido zum Lachen brachte.

„Ganz schön aufmüpfig, was?“, lehnte er sich vor, um Dominik einen Kuss zu geben und der ergriff die Gelegenheit sofort am Schopfe – oder eher am Kragen – um Frido noch etwas bei sich zu halten.

„Nur, damit wir uns richtig verstehen: Selbst das hier wäre ihm damals noch zu lang gewesen“, ließ er Frido nach einigen weiteren Küssen dann wieder los und zog sich vielsagend die Cap vom Kopf, um sie dann wieder aufzusetzen, als Frido ihn ziemlich perplex anschaute. Da hatte der Vater dann aber alle Register gezogen…

„Ich frag Oma Ostermontag, ob sie n paar alte Fotos von mir hat, dann kannst du dir das Elend mal angucken“, stand Dominik anschließend auf und holte sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank, wobei Frido ihn schweigend anschaute.

„Klingt ein bisschen nach einem Befreiungsschlag, dass du jetzt in eine deutlich andere Richtung gehst“, sagte er dann, als Dominik die Flasche zur Hälfte geleert hatte und wieder wegstellte, um wenig überraschend mit einem Schulterzucken auf Fridos Vermutung zu reagieren.

„Was sollte er machen? Mich an nen Stuhl fesseln und selbst zur Schere greifen?“, rutschte er neben Frido auf den Tisch. Sie schmunzelten einander an und trotzdem wurde Frido ein wenig nachdenklich.

„Ich hatte keine Ahnung, dass dir deine Haare so viel bedeuten und dann hast du sie extra für mich abgeschnitten?“, legte er den Arm locker über Dominiks Schoß, um mit der Hand über dessen Hüfte zu streichen. Aber sein Freund zuckte wieder die Schultern.

„Das hab ich freiwillig gemacht, das ist ganz was anderes. Außerdem wollte ich sie eh längst mal wieder geschnitten haben… ist jetzt halt nur etwas kürzer ausgefallen, als geplant“, meinte er und rieb sich den Nacken, um dann den Kopf schief zu legen und Frido anzugrinsen.

„Ich hatte aber den Eindruck, dass dir das ganz gut gefällt, oder?“, wollte er wissen und rang Frido damit ein ertapptes Lachen ab.

„Zugegeben, ich find es sehr ansprechend, aber am meisten gefällst du mir, wenn du dich in deiner Haut wohl fühlst“, langte er hoch und klaute Dominik die Cap, um sie ihm dann richtig herum aufzusetzen und so tief ins Gesicht zu ziehen, dass nur noch seine Nasenspitze und das Grinsen zu sehen waren.

„Die Antwort gefällt mir“, gab es daraufhin zur Belohnung einen Kuss und Dominik rutschte vom Tisch, um zur Tür zu schlendern und sich an die Zarge zu lehnen.

„Na ja, mal gucken… dauerhaft werd ich sie wohl nicht ganz so kurz lassen wie jetzt. Da komm ich mir doch n bisschen nackig vor und irgendwann würd mir das zu sehr ins Geld gehen, alle paar Wochen zum Friseur zu rennen. Aber ein bisschen länger, um sie wieder selbst gut schneiden zu können, reicht mir schon“, meinte er und Frido nickte, um dann zu kichern, als Dominik ergänzte, dass er sich ansonsten wohl irgendwann zwischen Friseurbesuchen und denen im Fitnessstudio entscheiden müsse.

„War das grad n Wink mit dem Zaunpfahl, dass wir langsam los müssen?“, stand er auf und leerte seinen Kaffee, um sich dann von Dominik zur Wohnungstür ziehen zu lassen. Dass er das noch erleben durfte, den kleinen Morgenmuffel so sportbegeistert zu sehen, dass er lieber mit ihm ins Gym ging, statt sich ein zusätzliches Stündchen Schlaf zu gönnen. Da freute er sich jetzt schon darauf, wenn Dominik am Abend wieder beim Fernsehen auf der Couch einschlafen und sich an ihn kuscheln würde.

29.10.2024: Biskuit

Ein Auto, vier Insassen, zwei Stunden reguläre Fahrt, dazu eine halbe Stunde Verspätung und alles untermalt von unzähligen Wiederholungen diverser Kinderlieder – da konnte selbst der stärkste Geist rammdösig werden.

„Da vorn ist die Ausfahrt. Wir sind fast da“, seufzte Frido und betätigte den Blinker, während auch Juli keinen Hehl aus ihrer Erleichterung machte. Statt, wie geplant, die Fahrt über ein Schläfchen zu halten, war Lilli nämlich die ganze Zeit über wach gewesen und nun entsprechend unleidlich. Das würde ihren Besuch bei den Eltern zwar nicht unbedingt zu einem Highlight machen, aber wenigstens konnten sie nun bald aus dem Auto aus.

„Guck mal, da ist schon das Ortsschild!“, zeigte sie ihrer Tochter voller Begeisterung, doch Lilli mäkelte nur, dass ihr schlecht sei.

„Ich weiß, Spatz, aber wir sind ja gleich da…“, versuchte sie ihre Kleine ein bisschen zu trösten und bei einem kurzen Seitenblick zu Dominik fragte Frido sich, ob Juli bei dem Lockenkopf vielleicht gleich weitermachen konnte. Der war nämlich die ganze Fahrt über bereits auffällig ruhig gewesen, starrte aus dem Fenster und wippte mit dem Bein, als wäre er bei Familie Feuerstein im Auto und wollte beim Bremsen helfen. Schon am Morgen hatte er keinen Bissen seines Frühstücks runter bekommen und stattdessen stundenlang mit seinen Haaren gekämpft, um irgendwann resigniert aufzugeben. Nun lagen sie halt, wie sie lagen – in Fridos Augen gut und ansprechend, aber in Dominiks offensichtlich viel zu kurz, um sich dahinter angemessen verstecken zu können.

„Hey…“, legte er ihm die Hand aufs Knie und spürte, wie Dominik davon erschrocken zusammenzuckte.

„Ganz ruhig. Keiner frisst dich hier“, lächelte Frido seicht, woraufhin sein Freund wenig überzeugend grinste und nickte.

„Ja, ich freu mich, dass wir gleich da sind“, log er, während er aussah, als müsste er sich übergeben und die Arme vor der Brust verschränkte, um dann plötzlich kerzengerade da zu sitzen, als Juli ausrief, dass das Haus ihrer Eltern endlich zu sehen sei.

„Guck mal, Lilli, da vorn wohnen Oma und Opa!“, freute sie sich und Frido hoffte, dass keiner der beiden jüngeren Passagiere ihm auf den letzten Metern noch den Wagen verschönern würde.

„Aha…“, setzte er noch einmal den Blinker und nahm die Einfahrt seines Elternhauses ins Visier, um in dem Moment auch schon zu sehen, wie die Haustür aufgerissen wurde und zwei ihm wohl bekannte Gesichter erschienen.

„Hab ich doch gesagt, dass sie schon hinterm Fenster lauern“, grinste Juli und versuchte noch einmal, ihrer Tochter wenigstens ein bisschen Begeisterung abringen zu können. Als Frido anhielt, verlor seine Schwester keine Zeit, aus dem Auto zu springen und ihren Eltern in die Arme zu fallen, während ihr Bruder es etwas ruhiger angehen ließ.

„Sie werden dich mögen. Ganz bestimmt. Sei einfach du selbst“, nahm er Dominiks Hand und strich ihm mit dem Daumen aufmunternd über den Handrücken.

„Ich hätte wenigstens gern einen Kuchen mitgebracht, um mich ein bisschen einzuschleimen“, versuchte der Lockenkopf zu scherzen und musste doch schlucken, als Frido amüsiert den Kopf schüttelte.

„Wie gesagt, da würde sich Mama in ihrer Ehre als gute Gastgeberin gekränkt fühlen, wenn ihre Gäste selber den Kuchen mitbrächten. Bei dem, was sie immer auffährt, wirst du eh gleich denken, es käme noch ne Fußballmannschaft zum Essen“, grinste er und stieg aus, wobei Dominiks Magen sich noch mehr verkrampfte, als dann auch noch Juli hinter ihm die Tür aufriss, um Lilli vom Rücksitz zu holen. Während Dominik hinter sich schon die kräftige Stimme von Fritz senior hörte, der sich darüber freute, sein Enkelchen zu sehen, sah er vorm Auto, wie Frido von seiner Mutter geherzt und sorgenvoll betrachtet wurde.

„Juli hat doch Bescheid gesagt, dass wir im Stau stehen“, lachte er und umarmte seine Mutter, um dann die Augen zu verdrehen, als sie eine Salve an sorgenvollen Nachfragen losließ. Sie musterte ihren Sohn ganz genau und schien kaum zu wissen, ob sie sich mehr darüber freuen sollte, dass er wohlbehalten zu ihr zurückgekehrt war oder dass ihre Tochter mitsamt Enkelkind wieder einmal zu Besuch kam. Es war für Dominik fast schon faszinierend mit anzusehen, dass sie es schaffte, ihre liebevolle und herzliche Art dennoch so gleichmäßig an ihre drei Nachkommen zu verteilen und trotzdem fühlte er sich sofort unter Beobachtung, als auch er endlich aus dem Auto stieg. Ganz genau wurde gemustert, wen Frido da mitgebracht hatte und ob der sich für ihren kleinen Prinzen wohl als angemessen erweisen konnte. Und zusätzlich stand Dominik jetzt auch noch Fridos Vater gegenüber. Was erwartete der vom Partner seines Sohnes? Einen festen Händedruck oder eher einen zurückhaltenden? Wieso hatte er Frido das vorher nicht gefragt?!

„Ah und du musst Dominik sein!“, zog es ihm durch Mark und Bein und er verteufelte sich im Stillen dafür, dass seine Hand nicht aufhörte zu zittern.

„Guten Tag, Herr Klimlau“, hob er sie dennoch tapfer in die Höhe und erschrak, als Fridos Vater nach kurzem Stutzen anfing zu lachen.

„Mein Junge, sag Fritz zu mir!“, amüsierte er sich über Dominiks Zurückhaltung und griff seine Hand nur, um ihn in eine Umarmung zu ziehen und ihm anschließend auf die Schultern zu klopfen.

„Der erste Antrittsbesuch bei den Schwiegereltern ist immer etwas heikel, was?“, lachte er und schien es noch erheiternder zu finden, dass sein junger Gast nur mit einem schüchternen Nicken antwortete. Lag es vielleicht auch daran, dass die Augen von Fridos Mutter noch immer an ihm klebten?

„Danke für die Einladung“, sagte er, während Lilli vom Arm der Oma auf den des Opas wanderte und die Herrin des Hauses auf ihn zutrat.

„Junger Mann, untersteh dich bloß, mich zu siezen!“, sagte sie im ersten Augenblick streng, um Dominik im nächsten herzlich anzulächeln und dann doch die Mundwinkel nach unten sinken zu lassen, als von Frido ein geseufztes „Mutter…“ zu vernehmen war.

„Friedrich!“, wusste sie den Spieß schnell umzudrehen und der Angesprochene grinste, während er erklärte, dass sie sich alt vorkäme, wenn ihre Lendenfrüchte diesen Kosenamen für sie benutzen würden. Seine Mutter hatte dafür allerdings nur eine wegwerfende Handbewegung übrig, die fließend darin überging, Dominik ebenfalls mit einer Umarmung zu begrüßen.

„Sag Marianne zu mir. Die Freunde meiner Kinder dürfen mich natürlich duzen“, hatte sie etwas sehr Liebevolles an sich, das aber auch in Sekundenbruchteilen umschwenken konnte. Zum Beispiel, wenn ein gewisser jemand genannt wurde.

„Och, ich kann mich aber noch ganz gut dran erinnern, dass du Patrick anfangs fast um den Tisch gejagt hast, wenn er dich versehentlich geduzt hat“, grinste Juli, um dann die Lippen zusammenzupressen, als ihre Mutter sie wütend anfunkelte.

„Den Namen will ich in meinem Haus nicht hören!“, zischte sie und auch wenn Frido sich eines Kommentars verweigerte, zeigte sein Seitenblick zu Juli, dass er dieses Gesprächsthema nun wirklich nicht weiter ausgeführt brauchte. Sie verkniff sich weitere Aussprüche und schon war ihre Mutter wieder wie ausgewechselt. Ganz selbstverständlich hakte sie sich bei Dominik unter, während sie alle den Weg zur Haustür einschlugen und nutzte die Gelegenheit, um Fridos Herzblatt gleich mal etwas auf den Zahn zu fühlen.

„Also? Ihr kennt euch aus der Uni?“, erkundigte sie sich und reckte den Kopf zu Frido, als der sich einmischte.

„Du weißt ganz genau, dass er mein Student ist, Mami“, schob er die Hände in die Hosentaschen und schaute sie vielsagend an.

„Na und? Alles erzählt ihr Kinder mir auch nicht! Da werd ich doch wohl noch nachhaken dürfen, ob das mit eurem Kennenlernen so stimmt, wie du es mir erzählt hast“, konterte sie, was ihn aber erst recht zum Grinsen brachte.

„Natürlich stimmt es, dass wir uns auf der Titanic getroffen haben und ich dann am letzten Abend ne chice Hebefigur mit meinem Baby gemacht hab, ehe wir auf unserem weißen Ross in den Sonnenuntergang geritten sind. Was gibts denn da zu bezweifeln?“, schüttelte er leicht den Kopf, wohingegen seine Mutter wieder eine wegwerfende Handbewegung machte.

„Alter Quatschkopf!“, lautete ihr Urteil und Dominik war regelrecht froh, dass Lilli sich jetzt mit einem lautstarken Heulkrampf in das Geschehen einmischte.

„Oh je, das hab ich befürchtet…“, nahm Juli sie auf den Arm und versuchte sie beruhigen, während sie kurz von der unglücklichen Schlafsituation im Auto berichtete.

„Ich versuch mal, ob ich sie hier noch ein bisschen zum Schlafen krieg…“, seufzte sie aus und verabschiedete sich gedanklich schon mal von dem entspannten Nachmittag im Kreise der Familie.

„Soll der Opa mal versuchen, ob er sie beruhigt bekommt?“, bot ihr Vater an, aber Juli schüttelte den Kopf.

„Danke, Paps, aber wenn sie so gelaunt ist, kann das Stunden dauern, bis man sie wieder mit der Kneifzange anfassen kann… Geht ihr mal Kaffee trinken, ich mach das schon“, lächelte sie leicht, um dann irritiert zu Dominik zu gucken.

„Juli, darf ichs versuchen?“, bot er schnell an und fühlte, wie ihm schon wieder anders wurde, weil alle Augen plötzlich auf ihn gerichtet waren.

„Ich… ich mein ihr habt euch so lang nicht gesehen und bestimmt viel zu erzählen… Wenn ich sie nicht zum Schlafen krieg, kannst du dich ja immer noch selbst drum kümmern“, zuckte er leicht die Schultern und lächelte, als Juli nach einem Moment des Zögerns Lilli an ihn weiterreichte. War sie jetzt ne schlechte Mutter, weil sie diese undankbare Aufgabe ausnahmsweise mal abgab? Aber wenn er sich schon selbst anbot… Frido hatte allerdings eine etwas andere Auffassung der Dinge.

„Gut gemacht, Mutter. Hast ihn schon in die Flucht geschlagen“, grinste er mit leicht spöttischem Unterton, um dann aufzulachen, als er dafür prompt bei seinem vollen Namen gerufen wurde. Der andere Fritz Klimlau half Dominik hingegen dabei, das Schlafzimmer zu finden.

„Denk dir nichts dabei, mein Junge. Hier gehts immer etwas chaotisch zu. Da gewöhnt man sich dran!“, klopfte er ihm auf den Rücken und tätschelte seiner Enkelin die Wange.

„Du musst das wirklich nicht übernehmen. Ich kann mich auch zu ihr setzen. Ihr wart jetzt so lang unterwegs und habt noch nicht mal zu Mittag gegessen, oder?“, sagte er dann mit liebevoller Strenge, aber Dominik lehnte ab.

„Danke, das macht mir wirklich nichts. Ich weiß doch, dass Frido zuletzt an Weihnachten hier war. Da haben Sie… da habt ihr euch bestimmt einiges zu erzählen. Und Juli ist ja auch nicht ständig hier. Machts euch schon mal gemütlich. Wir kommen auch gleich wieder dazu“, lächelte er und nickte, als Fridos Vater sich mit der Entscheidung dann doch einverstanden zeigte. Auch er konnte sich vermutlich etwas Schöneres vorstellen, als sich von seiner Enkelin anbrüllen zu lassen, egal, wie gerne er sie ansonsten auch um sich hatte. Also gesellte er sich zur restlichen Familie ins Wohnzimmer, tauchte ein ins rege Geplapper, zahllose Frotzeleien und Kindereien sowie den Austausch alter und aktueller Geschichten.

„Boah, langsam hab ich echt Hunger…“, meinte Juli irgendwann, nachdem sie schon eine gute Stunde beieinander gesessen hatten und lauschte ins Haus hinein, das auffällig ruhig war, wenn alle am Tisch mal kurz still waren.

„Ich geh mal gucken, was die Schläfchenfront macht“, stand sie auf und schlich zum Schlafzimmer, während ihre Eltern die Situation nutzten, um sich bei Frido zu erkundigen, wie es seiner Schwester wirklich in den letzten Monaten ergangen war und wie gut sie als alleinerziehende Mutter klar kam.

„Sie macht ihre Sache echt gut und normalerweise klappt das mit Lillis Mittagsschlaf inzwischen viel besser. Heut kam nur blöderweise alles zusammen…“, seufzte er und zuckte leicht die Schultern, um dann zu schmunzeln, als seine Mutter anmerkte, wie Dominik vorhin in die Bresche gesprungen sei.

„Mama, ich hab dir vorher schon gesagt, dass er n bisschen schüchtern ist und du ihn nicht sofort so löchern sollst“, verschränkte er die Arme vor der Brust und lachte über den unzufriedenen Gesichtsausdruck seiner Mutter.

„Ist ja nicht so, als hätte ich ständig Gelegenheit, ihn kennen zu lernen! Dafür müsstest du vielleicht mal öfter herkommen und ihn dann auch mitbringen, Frido“, meinte sie, aber der Angesprochene rieb sich den Nacken.

„Na ja, hin und zurück sinds ohne Stau immerhin schon vier Stunden Fahrt…“, murmelte er und seufzte, als seine Mutter ihn nicht zum ersten Mal daran erinnerte, dass keiner von ihm verlangte, am gleichen Tag wieder nach hause zu fahren.

„Ich bin ja immer noch der Meinung, dass ihr hier übernachten und morgen erst zurückfahren solltet! Vor allem, wenn du die ganze Strecke allein fahren willst!“, schwang ein Hauch Beunruhigung mit, den Frido seit seines Unfalls nur allzu gut kannte. Und auf den hatte er nun wirklich keine Lust, sodass er froh war, als Juli wieder zurückkam.

„Na, wie siehts aus?“, kündigte sein Vater ihr Erscheinen bereits an, ehe Frido, der mit dem Rücken zur Tür saß, sie durch einen kräftigen Fausthieb auf seinen Arm bemerkte.

„Was hab ich denn jetzt schon wieder gemacht?!“, rieb er sich die Stelle und Juli schnaubte aus.

„Und ich wunder mich, dass ich meine Tochter nicht mehr in den Schlaf singen darf! Das hättest du mir auch mal sagen können, dass er nicht nur euer Oberstreber am Pinsel ist!“, zischte sie, wohingegen Frido nur irritiert den Kopf schüttelte.

„Hast du gesoffen?“, entfleuchte es ihm ungeachtet des Rüffels seiner Mutter.

„Ist das Singen nur sein Hobby oder will er das auch beruflich machen?“, forderte Juli hingegen eine Erklärung, um Frido mit der Frage allerdings noch mehr zu verwirren.

„Singen?“, blinzelte er ungläubig und lachte auf, als Juli behauptete, dass Dominik ihre Tochter damit scheinbar beruhigt bekommen habe.

„Zugegeben, er hatte damals einen im Kahn, aber ich hab Dominik bis jetzt nur ein einziges Mal singen gehört und… ich sag mal so: Wenn Lilli sich davon zum Einschlafen bringen lässt, hat sie wohl mehr von dem schlechten Musikgeschmack ihrer Mutter geerbt, als ich dachte!“, grinste er und hielt Julis Faust fest, als sie ihn schon wieder boxen wollte.

„Hört auf zu zanken, ihr zwei!“, mischte ihre Mutter sich ein, aber das Töchterchen war jetzt erst recht auf Krawall gebürstet.

„Ich hab beim Karaoke vielleicht keine Schnitte, aber meine Ohren funktionieren einwandfrei! Und ich hab sehr wohl n guten Musikgeschmack!“, meckerte sie, um dann die Hände auf die Hüften zu stützen, als Frido schmunzelnd aufstand.

„Aha. Na, da bin ich jetzt ja mal gespannt“, machte er sich auf den Weg zum Schlafzimmer und gab Juli ein „Ja, ja“ zu hören, als sie meinte, er solle leise sein.

„Dominik und gut singen… bei aller Liebe…“, schnaubte er belustigt aus, während er die Treppe in den ersten Stock nahm und schlich auf leisen Sohlen an die Zimmertür. Erst lauschte er durch das Holz hindurch, um dabei die Augenbrauen zusammen zu kneifen und sie dann ungläubig hochzuziehen, als er die Tür sachte öffnete.

Da lag er also, mitten auf dem Bett, Lilli im Arm und den Blick verträumt aufs Fenster gerichtet. Während das Mädchen fast regungslos seinen Bauch als Kissen nutzte, strich er gedankenverloren über den blonden Lockenschopf und hielt in der anderen Hand den MP3-Player. Sein Zeigefinger wippte leicht im Takt der Musik und manchmal tat es auch sein Kopf, während er scheinbar einem der Gitarrensolos in den Stücken lauschte, die für seine Lieblingsmusik so typisch waren. Inhaltlich waren ihre Texte als Schlaflieder für eine Dreijährige vielleicht nicht gerade geeignet, aber noch konnte sie mit den englischen Worten nicht allzu viel anfangen. Sie ließ sich einfach von Dominiks warmer Stimme und dem melodischen Summen einhüllen, mit dem er die Abschnitte überbrückte, in denen kein Gesang erklang – auch, wenn es ihm nicht immer ganz leicht fiel, die eigenen Emotionen beim Hören der Musik so unter Kontrolle zu halten, dass er nicht zu laut mit einstimmte.

Frido holte tief Luft und schluckte, während er fassungslos den Kopf schüttelte und spürte, wie eine Gänsehaut über seinen Körper wanderte. Ja, von Dominiks Bildern wusste er, dass sie ihn so mitreißen konnten, aber er konnte nicht glauben, dass es noch eine andere Form der Kunst gab, mit der sein Freund ihn so zu berühren wusste. Das, was er jetzt aus Dominiks Mund hörte, war nicht vergleichbar mit dem Popsong, den er vor ein paar Tagen gejault hatte. Aber woran lag es? War es der Alkohol gewesen? Das falsche Lied oder viel mehr das falsche Publikum? Sprachen diese Lieder und ihre Texte vielleicht noch einmal auf ganz andere Weise das aus, was Dominik sonst kaum auszudrücken wusste oder konnte? War die Musik für ihn nicht nur Quell der Inspiration und Unterstützung, um in seine eigenen Welten abzutauchen, wenn er über seinen Bildern saß? Eine ganz andere Symbiose aus Augen, Ohren und Hand, als Frido sie bisher erahnt hatte?

Er schlich aus dem Zimmer, zog vorsichtig die Tür zu und schnaufte dann aus, weil seine eigenen Gefühle ihn zu übermannen drohten. So viel Leidenschaft, Schmerz und Sehnsucht strömten auf ihn ein, wenn er Dominik diese Zeilen singen hörte und im Gegensatz zu Lilli jedes Wort davon verstand.

„Na, was hab ich gesagt?“, riss Juli ihn jedoch jäh aus seinen Überlegungen und verpasste Frido einen Schreck, bei dem er kurz dachte, ihm springe das Herz aus der Brust.

„Man, schleich dich nicht so an!“, zischte er und schob sie zur Treppe, während sie darauf bestand, dass er etwas zu Dominiks Gesangskünsten sagen sollte.

„Ja, ja, jetzt geh! Er muss nicht mitkriegen, dass ihr hier alle rumlungert!“, knurrte Frido allerdings erst mal und scheuchte seine Eltern gleichermaßen ins Wohnzimmer zurück – irgendwo musste Juli ihre neugierige Ader ja her haben.

„Junge, was ist los?“, fragte Fridos Vater, als er erkannte, dass sein Sohn einen etwas verstörten Eindruck machte. Der schüttelte allerdings den Kopf und setzte sich wieder hin.

„Nichts, ich… ich wusste nur nicht, dass er so singen kann…“, murmelte er erst, um seine Familie dann vorsorglich schon mal einzunorden, als er sich etwas gefasst hatte.

„Tut mir einen Gefallen und sprecht ihn nicht drauf an!“, schaute er eindringlich von einem zum anderen und in ziemlich verdatterte Gesichter.

„Hä? Was ist denn jetzt los?“, runzelte Juli die Stirn und auch ihre Eltern verstanden Fridos Verhalten nicht so recht, aber der atmete tief durch und verschränkte die Arme auf dem Tisch. Er warf einen Blick über die Schulter und haderte ein wenig mit sich, was er darauf antworten sollte.

„Also…“, er schüttelte den Kopf und schaute sich abermals um, ehe er mit erneutem Seufzen wieder seine Familie anblickte.

„Sagen wir einfach, er hat ein paar schlechte Erfahrungen gemacht und ich hab den Eindruck, dass das Singen da auch zu gehört und er nicht unbedingt möchte, dass man davon was mitbekommt“, murmelte er, um die Augen zu verdrehen, als Juli zu bedenken gab, dass er vor Lilli ja auch sang.

„Ja, was weiß ich? Vielleicht fühlt er sich in ihrer Gegenwart ja sicher genug? Ich mein, sie ist ein kleines Kind, was soll da schon passieren?“, murrte er und rieb sich das Gesicht, als er merkte, dass er damit seine Familie eher noch neugieriger stimmte.

„Was hat der arme Junge denn durch?“, fragte prompt seine Mutter und brachte ihren Jungen damit langsam zum Verzweifeln.

„Mama, ist doch egal…“, versuchte er abzuwiegeln, aber Juli verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf.

„Ey, Frido, bei deinen Andeutungen kann man ja alles und nichts denken! Dominik passt immerhin manchmal allein auf meine Tochter auf! Wenn da irgendwas ist, das ihn vielleicht so traumatisiert hat, dass er eine Gefahr für mein Kind werden könnte, wüsste ich das gern! Muss ja nicht mal absichtlich sein, dass er austickt oder so! Aber… was war da mit der Schlägerei? Hat er wirklich nur eingesteckt oder doch auch ein bisschen provoziert?“, sagte Juli und Frido guckte sie entgeistert an, weil bei ihren Eltern natürlich alle Alarmglocken schrillten. Sofort erfüllten Raunen und Fragen den Raum, die Frido mit einem energischen „Stop!“ unterbrach.

„Juli!“, wendete er sich dann wieder an seine Schwester.

„Meinst du allen Ernstes, ich würde meine Nichte mit jemandem allein lassen, bei dem ich auch nur den Hauch einer Sorge hätte, dass er ihr schaden könnte?! Bist du eigentlich bescheuert?!“, zischte er und interessierte sich auch herzlich wenig dafür, dass seine Mutter mit seiner Wortwahl nicht ganz einverstanden war. Seiner Schwester hingegen war die Verunsicherung anzusehen. Einerseits mochte sie Dominik ja auch, aber andererseits ging es immerhin ihr Kind.

„Er ist nicht gefährlich oder irgendwas! Er ist… er ist einfach nur... verstört! Ängstlich! Unsicher! Such dir einen der Begriffe aus, bei dem du kapierst, dass er schlichtweg nicht immer so aus sich rauskommen kann, wie er vielleicht möchte! Oder dass ihm Sachen peinlich sind, für die du dich nicht mal jucken würdest! Es traut sich nicht jeder, vor anderen auf dem Tisch zu tanzen und es traut sich auch nicht jeder, vor anderen zu singen – egal, wie gut er das vielleicht kann!“, schaute er seine Familie eindringlich an und seufzte tief aus.

„Ich will einfach nur, dass ihr ihn nicht bedrängt und ihm die Zeit lasst, die er braucht, um auf euch zuzugehen“, meinte er und schüttelte wieder den Kopf, als seine Mutter dieser Ausspruch nun wirklich nicht gefiel.

„Wer bedrängt ihn denn hier? Wir haben ihn doch ganz herzlich in der Familie willkommen geheißen! Wie unseren eigenen Sohn! Und du weißt, du hast hier auch schon ein, zwei Kandidaten angeschleppt, bei denen das nun wirklich nicht der Fall war! Von dem, was du bisher von ihm erzählt hast und so, wie er auf mich wirkte, als ihr hier angekommen seid, machte er einen sympathischen Eindruck auf mich. Vielleicht etwas schüchtern, aber nett. Und du tust gerade so, als hätten wir sonst was mit ihm gemacht! Er hat selber angeboten, sich um Lilli zu kümmern, wir haben nicht gesagt, dass er nicht mit uns am Tisch sitzen darf! Und eigentlich hatte das auch einen guten Eindruck gemacht, dass er sich so einbringt!“, verschränkte sie die Arme vor der Brust. Aber Frido seufzte aus.

„Mama, ich bin wirklich froh, dass ihr ihn mit so offenen Armen empfangen habt und nicht so abweisend wie bei Patrick oder Thorsten wart. Ich… mir gehts doch nur darum, dass vielleicht nicht jeder es so gewohnt ist, direkt beim ersten Treffen überschwänglich begrüßt zu werden und erst mal lernen muss, damit umzugehen“, schaute er zu seiner Mutter, um dann seine Schwester anzublicken.

„Mir ist schon klar, dass du es als Kompliment meinst, wenn du ihm sagst, dass er gut singen kann, aber ich schätz ihn bei dem Thema ehrlich gesagt so ein, dass es ihm furchtbar peinlich sein könnte, dass wir ihn gehört haben. Egal, wie gut sein Gesang war“, hoffte er inständig, dass seine Familie nun endlich sein Anliegen begriff, ohne weiter darauf einzugehen. Allerdings waren die Drei in diesem Moment sogar noch ruhiger, als Frido es sich gewünscht hätte und ihr gemeinschaftlicher Blick an ihm vorbei ließ ihn Schlimmes erahnen.

„Die Maus ist eingeschlafen…“, hörte er leise hinter sich und schloss schmerzvoll die Augen, um dann ruckartig aufzustehen und sich umzudrehen, aber als er den Mund öffnete, um etwas zu sagen, hob Dominik sofort abwehrend die Hand und schüttelte den Kopf.

„Juli, ähm… ich bin kein Schläger oder so was. Wirklich nicht“, sagte er, während sie auf der Unterlippe kaute und ihn schweigend betrachtete. Er atmete tief durch, schluckte und räusperte sich, ehe er nacheinander die vier Klimlaus anschaute und dann langsam nickte.

„Ich geb zu, dass ich ganz froh war, mich vorhin ein bisschen rausziehen zu können, indem ich mich erst mal um die Kleine kümmer..“, schob er die Hände in die Hosentaschen und trat langsam näher, während er nur schwerlich den Blick vom Boden fernhalten konnte.

„Fritz, nicht jeder Vater geht so locker damit um, wenn sein Sohn schwul ist…“, murmelte er und kam neben Frido zu stehen, um dann mit einem Räuspern zu ergänzen, dass er so eine herzliche Umarmung von seinem eigenen Vater noch nie erlebt hatte.

„Wie, euer Vater nimmt seine Jungs nicht auch mal in den Arm, nur weil ihr Jungs seid?“, schüttelte da auch Mutter Marianne den Kopf, aber Dominik zuckte nur die Schultern.

„Na ja, er ist halt so…“, meinte er und seufzte, als er die erbarmungsvollen Blicke der anderen sah.

„Hey, ich sag das grad nicht, weil ich Mitleid will. Ich versuch nur zu erklären, warum ich manchmal… vielleicht n bisschen komisch rüber komm“, grinste er schief und kratzte sich unschlüssig am Kopf.

„Das… mit dem Singen ist einfach ne sehr… ähm… intime Sache für mich. Und ich kanns nicht gut haben, wenn mir jemand dabei zuguckt oder zuhört. Ich… das Malen ist eine Sache. Da kann ich mich voll austoben, aber wenn ich nicht will, dass jemand weiß, was hinter einem Bild steckt, dann kann ich das einfach für mich behalten. Aber beim Singen geht das nicht. Dafür verraten die Texte zu viel…“, murmelte er und zuckte leicht die Schultern, ehe er wieder Juli anschaute.

„Dass ich Lilli was vorsing ist auch nur aus der Not heraus passiert… Als ich neulich auf sie aufgepasst hab, ist mir der MP3-Player leer gegangen und sie wollte einfach nicht schlafen, also hab ichs mit Schlafliedern versucht und als mir keine mehr einfielen, hab ich halt das gesungen, was ich noch so kannte. Hat sie scheinbar ganz gut gefunden… Und jetzt vorhin konnte ich ihr ja schlecht meine In-Ears geben und die anderen hab ich heut nicht bei“, machte er eine fahrige Bewegung mit der Hand und erschrak, als Juli plötzlich aufstand und ihn umarmte.

„Tut mir leid…“, flüsterte sie und er nickte leicht, als sie ihn wieder los ließ.

„Ja, mir auch… ich wollte euch nicht den Nachmittag ruinierten“, murmelte er und tätschelte ihr hastig den Arm und wiegelte ab, als sie seine Worte zurückweisen wollte.

„Dominik…“, versuchte da Frido sein Glück, aber auch bei ihm schüttelte der Lockenkopf nur eilig seinen Schopf, um ihn zum Schweigen zu bringen.

„Hey, ich… ich geh mal ein paar Minuten an die frische Luft, okay?“, meinte er und warf ein kurzes Lächeln in die Runde, um dann doch schneller als geplant aus der Situation zu flüchten, nachdem er von allen ein leichtes Nicken erhalten hatte. Frido wollte ihm nach, aber als er seinen Namen aus dem Mund seines Vaters hörte, hielt er inne.

„Ich glaub, hier brauchts gerade eher eine Vaterfigur als einen Freund“, stand er auf und klopfte seinem Sohn im Vorbeigehen auf die Schulter, ehe er ebenfalls das Haus verließ und Dominik nach kurzer Suche im hinteren Teil des Gartens entdeckte. Dort saß er auf einer Bank, hielt den Blick gesenkt und krallte die Finger an die Bretter des Sitzes. Seine Lippen bebten und doch versuchte er sich unter Kontrolle zu halten. Leichter wurde das allerdings nicht für ihn, als Fridos Vater sich neben ihn setzte und erst zögerlich und dann umso bestimmter den Arm um seine Schultern legte und ihm über den Oberarm rieb. Der Lockenkopf kniff die Augen zusammen, während der alte Klimlau ausseufzte und auf das Blumenbeet vor ihnen schaute.

„Mein Gott, was hab ich früher oft so da gesessen…“, schwelgte er in Erinnerungen und schnaubte belustigt aus.

„Ich kann dir sagen: Wenn du dir Kinder anschaffst, dann lass etwas mehr Zeit dazwischen als bei meinen beiden. Als die in der Pubertät waren, musste ich ständig Streit schlichten oder trösten. Mal den einen und mal die andere“, meinte er und schmunzelte, als Dominik den Anflug eines kleinen Lachens hatte.

„So schlimm?“, schluchzte er und rieb sich über die Augen, ehe er Fritz anschaute und der eine wegwerfende Handbewegung machte.

„Ich könnt dir Geschichten erzählen!“, verriet er, um dann auch schon damit zu beginnen, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Herzzerreißend ging es zwar los, doch schnell kam er zu den Anekdoten, die Juli und Frido wohl heute noch unangenehm waren. Fehltritte der einen Art und Dummheiten der anderen. Typisches Gezänk zwischen Geschwistern und peinliche Wendungen, wenn zwei solche Sturköpfe aufeinanderprallen konnten.

„Und dann immer dieses Neunmalkluge! Wissen in dem Alter alles besser und bautz! Wieder auf die Nase gefallen und dann doch ganz froh, wenn Mama und Papa da sind!“, zwinkerte er und schmunzelte, als Dominiks Tränen immer mehr vom Lachen herrührten.

„Das hätte ich ja zu gern gesehen…“, grinste er erst ein wenig und dann noch mehr, als Fritz meinte, dass es zu der eben genannten Peinlichkeit über Frido noch irgendwo ein Foto geben müsste.

„Wettschulden sind nun einmal Ehrenschulden“, zuckte Fritz die Schultern ohne viel Mitleid mit seinem Sohn und tätschelte seinem plötzlichen Ziehsohn dabei den Rücken.

„Hat er mir gar nicht erzählt, dass er mal im Minirock zur Schule musste“, gluckste Dominik, wohingegen Fritz der Auffassung war, dass es wohl die bessere Alternative zum Besen gewesen sei, den Frido ursprünglicherweise wortwörtlich hatte fressen wollen.

„Auch wieder wahr“, nickte Dominik und rieb sich die Tränen weg, um dann zu grinsen, als Fritz ihm anbot, dass er ihm auch gern Fragen über seinen Sohn stellen konnte. Der Vorschlag war wirklich verführerisch, aber trotzdem fiel seine Auswahl eher sachte aus.

„Ich hab mich ehrlich gesagt gefragt, wie das dann früher war, als Frido auch noch Fritz gerufen wurde… habt ihr euch dann immer beide angesprochen gefühlt?“, wollte er wissen und sein Gesprächspartner wiegte leicht den Kopf.

„Zeitweise… Wobei Marianne sehr feine Nuancen drauf hat, wer gemeint ist“, antwortete er vielsagend, was Dominik schon wieder zum Schmunzeln brachte.

„Und außerdem möchte ich mal eins festhalten…“, ergänzte Fritz dann noch, wobei er sich verschwörerisch zu Dominik hinüber lehnte.

„Genau genommen war ich immer Fritz und er Fritzi. Auch, wenn er das uncool fand und als aufstrebender Künstler dann lieber ein seriöses „Fritz K.“ daraus gemacht hat“, verriet er, was ihm von Dominik erst ein stummes Starren und dann ein lautes Prusten einbrachte.

„Fritzi?“, wiederholte er und wurde angegrinst.

„Manchmal auch Fritzchen“, antwortete er und nickte, als Dominik sofort an die gleichnamigen Witze denken musste.

„Der Arme!“, zeigte er ehrliche Anteilnahme für seinem Freund und lächelte, als Fritz ihm noch einmal auf den Rücken klopfte.

„So… den Rest kann er dir dann selbst erzählen, hm?“, meinte er dann und sah zufrieden Dominiks Nicken.

„Dann lass uns mal wieder reingehen. Marianne hat ihre berühmte Biskuitrolle gebacken!“, strich er sich vielsagend über den Bauch und stand auf, während Dominik noch einmal nickte und ihm folgte, nachdem er sich die Nase geschnäuzt hatte. Er dankte ihm, als Fritz ihm die Tür aufhielt und sie wussten beide, dass damit viel mehr gemeint war. Und trotzdem war da wieder diese Nervosität in Dominik, als sie das Wohnzimmer betraten und alle Blicke sich auf ihn richteten. Die erste kleine Erleichterung brachte Lilli, die inzwischen auf Julis Schoß saß, um Kuchen zu löffeln und erfreut Dominiks Namen ausrief, als sie ihn eintreten sah. Für die zweite Erheiterung sorgte dann Fritz.

„Tu nicht so, ich hab gesehen, dass du am Fenster gehangen hast“, klopfte er seinem Sohn im Vorbeigehen auf die Schulter und das, obwohl Frido sich so bemüht hatte, einigermaßen lässig und entspannt zu wirken! Kurz brummte der irgendwas und schob Dominik den freien Stuhl dann auffordernd hin, während er ihn genau musterte.

„Hey…“, lächelte der Lockenkopf ihn leicht an und setzte sich, um sich dann mit einem Räuspern an die Chefin des Hauses zu wenden.

„Ich hab gehört hier gibts Biskuitrolle…?“, fragte er vorsichtig und die Gastgeberin war sofort wieder in ihrem Element.

„Wurd aber auch Zeit, dass ihr endlich zum Essen kommt!“, verteilt sie sogleich die Stücke auf die leeren Teller, während Frido natürlich keine Zeit verlor, um Dominik zu fragen, worüber sein Vater mit ihm gesprochen hatte. Aber der Ältere kam ihm zuvor.

„Fritzi, in welchem Jahr war eigentlich das mit dem Minirock? Da hatten wir doch noch ein Foto von“, verkündete er, wobei Juli auflachte und Frido die Gesichtszüge entgleisten.

„Du hast ihm nicht…“, begann er, aber da stand seine Mutter auch schon auf und machte sich auf den Weg zum Bücherregal.

„Warte mal, ich hab das Album letzte Tage noch in der Hand gehabt!“, stemmte sie die Hände auf die Hüften und suchte mit den Augen die Buchrücken ab, um Dominik dann ein verschmitztes Grinsen zuzuwerfen.

„Das musst du dir unbedingt ansehen! Unser Junge hat hübsche Beine, das muss man ihm lassen!“, verriet sie schon einmal im Vorfeld, wobei ihr Junge wie von der Tarantel gestochen aufsprang und ihr nacheilte – inklusive eines empörten „Mutter!“.

30.10.2024: griesgrämig

Es war schon drollig anzusehen, wie zwei erwachsene Männer um ein dreijähriges Mädchen herumsprangen und mit ihm seinen Osterkorb füllten.

„Da hinten ist der Osterhase!“, rief Opa Fritz aus und zeigte aufgeregt hinter seine Enkelin, die sich sofort begeistert umdrehte und sich mit staunenden Augen umschaute.

„Wo denn? Wo denn?“, wollte sie wissen und strahlte ihren Großvater an, als er meinte, dass das plüschige Wesen gerade hinter dem alten Apfelbaum verschwunden sei.

„Geh schnell gucken, ob er da was für dich versteckt hat!“, gab Frido ihr einen kleinen Stupser und ging ihr schmunzelnd nach, als sie zu besagtem Baum lief, um ihn unter die Lupe zu nehmen.

„Da fragt man sich, wer der größte Kindskopf von den dreien ist“, beschaute Oma Marianne sich das Treiben aus ein paar Metern Entfernung und schüttelte den Kopf, um dann sofort einzuschreiten, als sie fürchtete, dass ihrem Jungen was zustoßen könne.

„Frido, du kletterst nicht auf den Baum!“, mahnte sie, als Lilli zwischen den Ästen etwas auffällig Buntes entdeckte, das sie selbst unmöglich erhaschen konnte und selbst ihr Opa nur dank einer Leiter dort oben hatte platzieren können. Der kassierte dann auch sofort von seiner Frau einen dezenten, aber bestimmten Rüffel, dass er das zuckerige Hasentier so weit oben versteckt hatte.

„Marianne, früher haben die Beiden doch ständig da oben drin gesessen“, versuchte er seine Frau zu beruhigen, aber wurde eher noch fuchtiger davon.

„Dominik, komm mal her!“, wählte Frido daher eine andere Herangehensweise, ehe seine Mutter noch einen Herzinfarkt bekam, aber auch sein neues Vorgehen sorgte bei ihr nicht unbedingt für Jubelschreie.

„Pass auf, nicht, dass du dir den Rücken verrenkst!“, rief sie sofort, als Frido Anstalten machte, seinen Freund auf die Schultern zu nehmen, damit er stattdessen den Schokohasen vom Ast pflücken konnte. Ihr Sohnemann seufzte aus und sein Freund schaute ihn fragend an.

„Ihr habt doch bestimmt ne Leiter. Soll ich…“, wollte Dominik sich gerade erkundigen, aber Frido schüttelte sofort den Kopf und ging in die Hocke.

„Auf keinen Fall, du könntest ja runter fallen und dir den Hals brechen..“, spöttelte er, gefolgt von einem „Komm, steig auf!“, an dem er auch festhielt, obwohl seine Mutter ihn schon wieder rügte.

„Jammer bloß nicht, wenn du dich verhebst!“, mahnte sie, aber er lachte nur, während er Dominiks Oberschenkel fasste und sich aufrichtete.

„Hast du dir das Federgewicht mal angeguckt? Da stemm ich ja zum Aufwärmen schon mehr“, trat er näher an den Baum heran und schmunzelte, als nun auch noch von oben gemosert wurde.

„Ey, so dünn bin ich gar nicht mehr!“, murrte Dominik und streckte sich nach dem Hasen, um dann etwas empört zu Frido runter zu blicken, als der mit einem Hauch von Süffisanz in der Stimme bemerkte, dass er ihn noch immer wunderbar schultern könne. Natürlich wussten sie beide, was ihm dabei im Sinn war und auch Juli, die nah genug daneben stand, um das Getuschel zu verstehen, schien da so eine Ahnung zu haben.

„Hier ist n Kind anwesend, also nehmt euch n Zimmer!“, zischte sie Frido an, der nur grinste und fragte, ob sie neidisch sei. Seine Schwester aber schmälerte die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Sei froh, dass du grad bepackt bist, sonst könntest du was erleben!“, knurrte sie und schnaubte aus, als sich jetzt auch noch ihre Mutter einmischte.

„Müsst ihr zwei euch schon wieder behagen? Worüber zankt ihr denn jetzt schon wieder?!“, kam sie näher und guckte ihre Sprösslinge auffordernd an, aber der eine grinste und die andere wartete nur darauf, dass ihr Bruder Dominik wieder absetzte, um ihm doch noch eine zu verpassen. Der Lockenkopf kam ihr allerdings zuvor und knuffte Frido leicht in die Seite, wobei allein sein Blick schon reichte um zu verraten, dass einer von ihnen diese Nacht auf der Couch verbringen würde. Zu einem Wortwechsel kam es allerdings nicht mehr, dann da klebte Lilli auch schon an Dominiks Bein und forderte ihre Jagdtrophäe ein.

„Hier, Spatz“, gab er sie ihr und tätschelte die blonde Mähne, während das Mädchen vor Freude über die große Schokofigur gluckste.

„Aber nicht alles auf einmal, sonst kriegst du Bauchweh“, gab er noch zu bedenken, aber bei Lillis schelmischen Grinsen, das als Antwort kam, wusste er schon, dass Hopfen und Malz verloren waren. Und das scheinbar nicht nur bei ihrer Vorliebe für Süßkram, sondern auch beim Frieden zwischen ihrer Mutter und ihrem Onkel. Denn schon wieder ertönte die Stimme von Oma Marianne und ermahnte ihre beiden Nachkömmlinge, dass sie mit dem Streiten aufhören sollten, was noch immer daraus bestand, dass der eine seine Schwester angrinste und die andere verfluchte, ihren Bruder grad in Anwesenheit ihrer Tochter nicht in die Mangel nehmen zu können. Dominik verspürte allerdings einen Hauch von Wehmut, wenn er das bunte Treiben der Klimlaus so beobachtete und darüber nachdachte, wie unterschiedlich die Beweggründe für Fridos und seine eigene Mutter ausfielen, wenn sie in ihren Familien mit solchen Aussprüchen den Frieden wieder herstellen wollten – und wie lockerflockig in diesem Fall zum Alltag zurückgefunden werden konnte. Denn während Juli zwar noch ein bisschen schmollte und sich für ein paar Minuten auf die Gartenbank verzog, war Frido sofort wieder in seinem Element, als Vater und Nichte ihn aufforderten, weitere Süßigkeiten mit ihnen zu sammeln. Somit begann das Spielchen von neuem, bei dem Mutter Marianne das Dreiergespann erst als Rabauken einstufte und ihnen dann wie eine Glucke hinterher lief, damit sich bloß niemand unter ihrer Aufsicht verletzte. Dominik aber beschloss, sich dem bunten Treiben im Moment nicht wieder anzuschließen, sondern stattdessen zu Juli rüber zu schlendern. Eingeschnappt sah sie schon längst nicht mehr aus. Viel mehr konnte sie ihr kleines Schmunzeln kaum noch verbergen, das umso größer wurde, je länger sie ihre Familie beobachtete.

„Das sind manchmal solche Chaoten!“, schüttelte sie erst den Kopf und nickte dann, als Dominik bemerkte, dass sie sich trotzdem gut ergänzen würden.

„Ja, irgendwie muss man sie lieb haben“, sagte Juli daraufhin mit einem Hauch Sarkasmus und grinste, als ihr Ausspruch den Lockenkopf zum Lachen brachte.

„Ihr seid beide eher Papakinder, oder?“, stellte er dann auf Basis seiner bisherigen Beobachtungen eine Vermutung auf, die Juli zu seiner Überraschung verneinte.

„Eigentlich war das schon immer ziemlich ausgeglichen. Tendenziell bin ich vielleicht einen Ticken mehr Papakind und Frido eigentlich eher das Muttersöhnen. Ich versteh schon, dass das nach außen nicht unbedingt so wirkt, weil sie sich grad ständig behagen, aber das ist so ihre Art. Wenn wir alle zusammen kommen, entsteht immer ne ganz eigene Dynamik“, sagte sie und grinste, als Dominik bemerkte, dass sie und Frido sich sonst nicht so viel in die Wolle kriegen würden, wie an diesem Nachmittag.

„Wir wissen ja beide, wie es gemeint ist… Haben deine Brüder und du euch nie gegenseitig aufgezogen?“, fragte sie und betrachtete Dominik, während der den Kopf auf die Hand stützte und über die Frage nachdachte.

„Na ja, als Kinder war es eher so, dass die beiden sich ständig gerauft haben und ich außen vor war. Heiner ist acht Jahre älter als ich und Basti sieben. Als die zwei dann in die Pubertät kamen, haben sie sich meistens zusammengetan, um mich aufzuziehen und ich hab sie dafür bei Mama verpetzt. Und als ich in die Pubertät kam… hab ich mit ihnen eigentlich kaum noch gesprochen, weil ich eh die meiste Zeit in meinem Zimmer saß oder aufm Skateboard unterwegs war“, murmelte er und zuckte leicht die Schultern, als Juli fragte, wie es dazu gekommen sei.

„Die wollten halt nicht zwischen die Fronten geraten… Na ja, kann ich auch verstehen. Paps und ich haben uns zeitweise täglich gestritten. Meine Zimmertür hat irgendwann schon gar nicht mehr richtig geschlossen, weil ich die so oft geknallt hab. Da hatte ich dann keinen Bock auf ihre blöden Ratschläge, dass ich mich nicht immer mit ihm zoffen soll und sie hatten irgendwann auch kein großes Interesse mehr dran, was bei mir so los war. Waren dann ja auch arbeiten, hatten Freundinnen, Kumpels et cetera. Generell war unser Verhältnis nie sonderlich enge. Richtig gestritten haben wir zwar nicht unbedingt, aber son wirklichen Draht zueinander gabs halt auch nicht. Wir haben quasi nebeneinander her gelebt… War auch für alle okay so. Außer wahrscheinlich für Mama… Die saß immer zwischen den Stühlen“, meinte er und schaute nachdenklich zu dem Chaotenhaufen, der den Garten weiter unsicher machte. Ein wenig musste er ja schon schmunzeln, wenn er sich vorstellte, dass sein Vater so zwischen irgendwelchen Sträuchern herumkriechen würde, um mit seinen Kindern oder Enkeln Ostereier zu suchen.

„Ostern und Weihnachten habt ihr aber schon gefeiert, oder?“, schien Juli zu ahnen, in welche Richtung seine Gedanken gingen und brachte Dominik mit ihrer Frage zum Lachen.

„Ja, das schon! Ist jetzt nicht so, als wär ich bei Wölfen aufgewachsen“, scherzte er und nickte, als sie sagte, dass sie das so nicht gemeint habe.

„Weiß ich ja…“, murmelte er und ging dann etwas mehr auf ihre Frage ein.

„Ostern war bei uns auch so, dass wir einen Tag bei den einen Großeltern und einen Tag bei den anderen waren. Eiersuche gabs Ostersonntag immer bei Mamas Eltern, Ostermontag waren wir dann nur bei Papas Eltern zu Kaffee. Lag aber vielleicht auch dran, dass Paps und Opa eh oft nicht dabei waren oder zwischendurch weg mussten, weil wieder irgendwo ne verstopfte Toilette auf sie wartete. Ums mal mit Opas Worten zu sagen: Geschissen wird immer…“, grinste er schief, als Juli das Gesicht verzog und auch, wenn an den Ausspruch was dran war, schüttelte es sie ein wenig.

„Klingt ja nach einem richtig gemütlichen Beisammensein…“, murmelte sie, aber Dominik lachte.

„Wars tatsächlich! Zumindest Ostersonntag immer! Mama hat uns drei vormittags schon eingepackt und dann waren wir bis abends bei Oma und Opa, haben Ostereier gesucht, zusammen gekocht, Kaffee getrunken… das war echt schön!“, lächelte er und schüttelte den Kopf, als Juli fragte, ob sein Vater gar nicht mitgekommen sei.

„Nö, hätte ja ein Notfall reinkommen können… aber wahrscheinlich war er einfach froh, wenn er mal n bisschen seine Ruhe hatte“, zuckte er die Schultern und grinste, als Lilli gerade voller Stolz einen anderen kräftigen Osterhasen in die Höhe reckte, die sie mit Onkels und Opas Hilfe gefangen hatte.

„Ihre Handlanger rumkommandieren kann sie gut“, schmunzelte er und schaute wieder zu Juli, die zwar die Mundwinkel hob, aber trotzdem nachdenklich wirkte.

„Darf ich dich mal was fragen?“, meinte sie dann und auch, wenn Dominik verwundert war, nickte er.

„Wie ist er so?“

„Wer?“

„Dein Vater“

Dominik blinzelte einige Male und richtete den Blick auf den Boden, während er über diese Frage nachdachte und Juli sie noch weiter ausführte.

„Ich mein… ihr habt euch viel gestritten und er hatte ja scheinbar ständig was an dir auszusetzen, aber ich kann mir gar nicht vorstellen, was er für ein Mensch ist. Verhält er sich seinen Kunden gegenüber auch so rabiat? Dann wäre der Laden doch schon längst dicht, oder?“, murmelte sie, während Dominik sich an die Rückenlehne der Bank sinken ließ und die Hände auf dem Bauch faltete. Er kaute leicht auf der Unterlippe und schüttelte den Kopf, als Juli auf sein Zögern hin schließlich meinte, dass die Frage vielleicht doch ein bisschen zu persönlich gewesen sei.

„Ich überleg nur grad, wie ich ihn am besten beschreiben soll… Griesgrämig triffts vielleicht ganz gut…“, begann er langsam und dachte weiter über die Frage nach.

„Ich hab ihn immer als ziemlich ernst erlebt. Aber auch professionell, wenn du schon nach der Firma fragst… Er behandelt die Kunden höflich, aber nicht unbedingt herzlich. Knappe, präzise Antworten, schnelle Lösungen, gute Arbeit, kein Blabla oder drumherum Reden. Die Firma war ihm aber auch immer schon wichtig. Als Kinder wurd uns schon eingetrichtert, dass wir immer auch die Firma repräsentieren und uns bloß nicht daneben benehmen sollen. Dementsprechend wurden besonders Basti und Heiner auch immer ordentlich eingenordet, wenn sie mal wieder irgendeinen Scheiß gebaut haben… Das Einzige, wo er auch mal etwas aus sich herausgekommen ist, ist aufm Bolzplatz oder beim Fußballgucken. Ansonsten…“, zuckte er die Schultern und seufzte aus, ehe er den Kopf schief legte und die Wolken betrachtete.

„Ich hab mich schon mal gefragt, ob er vielleicht einfach nur unzufrieden ist. Dass er vielleicht auch gern was anderes machen wollte, aber als ältester Sohn war immer klar, dass er die Firma irgendwann übernehmen würde und ich glaub, da hat mein Opa auch nicht mit sich reden lassen. Opa war relativ streng und Paps ist das auch… Guter Chef sein, Mitarbeiter im Griff haben, den Laden führen und die Familie versorgen… Opa hat sich die Firma und seinen guten Namen damals hart erarbeitet und das wollte und durfte Paps nicht vor die Wand fahren. Und… da war dann auch oft nicht unbedingt die Zeit, um Sachen in Ruhe zu erklären. Die Aufträge kamen rein und mussten zeitnah bearbeitet werden. Klare Anweisungen und auch da kein drumherum Reden“, überlegte er, was bei Juli eher für Stirnrunzeln sorgte.

„Aber das ist doch kein Grund, seine Kinder so anzuschnauzen“, meinte sie, worüber Dominik jedoch nur die Schultern zuckte.

„An wem soll er sonst seinen Frust ablassen? An den Kunden kann ers schlecht und bei den Mitarbeitern muss er auch aufpassen, dass er es nicht zu doll treibt, sonst suchen die sich was Anderes, selbst, wenn Gehalt und so bei ihm gut sind“, sah er es recht pragmatisch, was die Sache für Juli aber nicht unbedingt besser machte.

„Ja, ganz toll, dann hätte er es mit der Familie vielleicht lieber lassen sollen!“, platzte es aus ihr heraus, nur, damit ihr die Worte sogleich wieder leid taten und sie sich bei Dominik entschuldigte. Ohne seinen Vater würde er hier nun schließlich auch nicht sitzen. Er aber zuckte nur wieder die Schultern.

„Wie gesagt, die Firma war immer das Wichtigste und da konnte er es sich nicht leisten, dass einer seiner Söhne so quer schießt und ein schlechtes Bild auf die Klempnerei Preuss wirft…“, murmelte er und runzelte die Stirn, als Juli fragte, warum seine Mutter sich dann nicht stärker für ihre Söhne – oder vor allem ihren Jüngsten – eingesetzt hatte. Wenn sie da an ihre eigene Mutter dachte… Dominik aber schüttelte den Kopf.

„Ich sag ja, sie hat eh schon ständig zwischen den Stühlen gesessen… Zuhause, weil ich immer irgendwie für Ärger gesorgt hab, in der Firma, weil Paps teilweise ganz schön an den Sprüchen zu knacken hatte, die ihretwegen mitunter gefallen sind“, meinte er und seufzte, als Juli ihn fragend anschaute.

„Sie hat ihm manchmal Essen auf die Baustelle gebracht, damit er den ganzen Tag über nicht nur von Schnitten leben musste und einige Bauarbeiter sind halt echt dieses typische Klischee mit blöden Sprüchen und so. Zumal Mama ne sehr hübsche Frau ist… Einerseits konnte Paps da ja schlecht Streit anfangen, andererseits gings da immerhin um seine Frau. Ich… ich hab mal zufällig mitbekommen, wie er ihr deshalb auch mal gesagt hat, dass sie nicht mehr zur Baustelle kommen soll, aber sie meinte, dass er vernünftig essen muss, wenn er den ganzen Tag hart arbeitet und hat dann irgendwann angefangen, ihm das Essen in so einem… so einem Henkelmann mitzugeben. Ne Art Thermoskanne, aber für Essen“, erzählte er und schnaubte dann belustigt aus.

„Ich weiß noch, einmal hatte er das Teil Zuhause vergessen und war auf einer großen Baustelle, bei der klar war, dass er definitiv ordentlich Überstunden schieben musste, weil in der Woche auch noch ein Mitarbeiter von ihm ausgefallen war! Mama hatte mich dann gebeten, dass ich ihm mittags das Essen eben bringe, weil sie nicht aus dem Laden raus konnte. Als ich da an kam, pfiff mir einer der Typen hinterher und meinte, dass ich aber ein ganz schönes Hühnerbrüstchen wär. Der hat vielleicht blöd geguckt, als ihm einer seiner Kollegen sagte, dass ich der Sohn vom Preuss wär…“, schüttelte er den Kopf.

„Ich war damals… vierzehn? Oder so? Was hat der erwartet? Dass ich rumrenn wie Schwarzenegger in dem Alter? Mit solchen Deppen muss Paps sich da teilweise rumschlagen...“, schaute er fast schon belustigt zu Juli, die ziemlich das Gesicht verzog und plötzlich sehr unbehaglich wirkte.

„Ähm… Dominik, ich glaub nicht, dass das darauf gemünzt war…“, nuschelte sie und presste die Lippen zusammen, als der Lockenkopf fragend die Stirn runzelte.

„Worauf n dann? Meine Brüder sind zwar auch nicht dick, aber ich war halt immer der schlankste von uns dreien…“, zuckte er die Schultern, während Juli ihre immer weiter an die Ohren zog.

„Du… hast doch heute Morgen erzählt, dass die kurzen Haare noch voll ungewohnt für dich sind… Hattest du sie damals auf der Baustelle auch länger?“, fragte sie, woraufhin er nickte und sie vor Unbehagen die Arme vor der Brust verschränkte.

„Tja, wenn du dann nicht unbedingt mit Vollbart da aufgekreuzt bist, vermute ich eher, dass… der Kerl dich damals fürn Mädchen gehalten hat“, sagte sie kleinlaut und lächelte ihn entschuldigend an, während Dominik das Gesicht entgleiste. Er richtete den Blick von Juli zum Boden und blinzelte einige Male, während er ihre Worte auf sich wirken ließ.

„Wow…“, murmelte er dann, woraufhin Juli zappelig wurde.

„Na ja, also das ist nur ne Vermutung von mir! Ich kann mich auch irren! Nur… ich bin ja auch schon oft genug an Baustellen vorbei gegangen und hab Sprüche dieser Art zu hören bekommen, deshalb wirkts auf mich schon so, als wär das eher in die Richtung gedacht gewesen… Aber wie gesagt, vielleicht vertu ich mich da auch!“, versuchte sie die Situation irgendwie zu wenden, aber Dominik sackte längst in sich zusammen und beugte sich vor, um den Kopf wieder auf die Hand zu stützen. Er nickte erst leicht, ehe er Juli anschaute und ihr dann ein schiefes Grinsen schenkte.

„Nee, ich glaub, du hast sogar Recht…“, murmelte er, woraufhin sie nur Augenbrauen und Lippen kraus zog.

„Mein Paps wollte immer, dass ich die Haare raspelkurz trag, damit ich nicht so „weibisch“ aussehe… Jetzt weiß ich auch, warum“, meinte er, um sich dann vor Ekel zu schütteln, als er mit diesem Wissen an die damalige Situation zurückdachte.

„Keine zehn Pferde würden mich dazu kriegen, mit dem Kerl…!“, verzog er das Gesicht und rieb sich gegen die Gänsehaut über die Arme, um dann aufzuspringen und sich noch mal zu schütteln.

„Tja, willkommen in meiner Welt“, grinste Juli schief, weil sie offensichtlich nicht recht wusste, was sie sonst dazu sagen sollte. Dominik aber schaute sie kurz schweigend an.

„Weißt du was?“, verschränkte er dann die Arme vor der Brust und wendete sich ab, woraufhin Juli ihn fragend anguckte.

„Gegen diese Ekelpickel brauch ich erst mal was Starkes!“, beschloss er und während sie im ersten Moment dachte, er wolle jetzt einen Kurzen, lachte sie im nächsten Moment auf, als klar wurde, dass sein Heilmittel vielmehr jemand Großes war.

„Hoppla, was ist denn mit dir los?“, lachte Frido, als er plötzlich von hinten in eine feste Umarmung genommen wurde und das dieses Mal nicht seine schokoladenversessene Nichte war. Ja, das war für Dominik schon eine viel angenehmere Begegnung!

31.10.2024: in puncto

„Kriegt der Opa auch eins?“

„Nein!“

Nun hatte Lilli so viel Mühe und Zeit investiert, um ihr Osternest mit leckeren Schokoeiern zu füllen und ihr Großvater wollte was ab haben? Da war ihre Antwort auf diese unverschämte Frage eigentlich sofort klar, aber wenn sie es sich recht überlegte, wollte sie mal nicht so sein.

„Na gut…“, wickelte sie also doch eine der Süßigkeiten aus dem bunten Papier und schob es ihrem Opa zwischen die Lippen, um dann zu lachen, als er genüsslich schmatzte.

„Ich geb zu, manchmal fehlts mir schon, einfach mal kurz fürn Kaffee oder Plausch hierher kommen zu können“, grinste Juli bei diesem Anblick und lehnte sich an Frido, der sich mit Dominik ein wenig im Hintergrund hielt, während Opa und Enkelin die Suche erfolgreich beendet hatten und nun auf der Bank saßen, um ihre Beute zu begutachten. Ihr Bruder nickte und nachdem er den einen Arm schon um Dominik gelegt hatte, umfasste er mit seinem anderen jetzt auch noch seine Schwester.

„Stimmt, manchmal wärs echt schön, nicht immer diese Fahrerei zu haben..“, gab er zu und schüttelte doch sofort den Kopf, als seine Mutter wie aufs Stichwort an sie herantrat.

„Neeein! Versuch gar nicht erst, mich zu überreden! Ich zieh nicht wieder her!“, stelle er klar und hob vielsagend die Augenbraue, als seine Mutter sich auf diese versteckte Unterstellung hin fast schon beleidigt zeigte.

„Mein Gott, nur weil ich ein, zwei Mal gesagt habe, dass wir uns freuen würden, wenn ihr nicht so weit weg wohnen würdet?“, verschränkte sie die Arme vor der Brust, aber Frido konnte sich seinen Kommentar dazu natürlich nicht verkneifen.

„Ein, zwei Mal bei jedem Besuch, ja“, entfleuchte es ihm, wodurch er nun wirklich in Ungnade fiel.

„Juli, Schatz, guck mal im Gartenhäuschen, ich glaub, da hat der Osterhase noch was für dich versteckt“, wendete Mutter Marianne sich an ihre Tochter, die sofort anfing zu grinsen und los lief, während Frido schmunzelte und seiner Mutter einen Kuss auf die Wange gab, als die sich doch gnädig ihm gegenüber zeigte.

„Na los, geht schon…“, nickte sie ihrer Tochter nach und seufzte, um Dominik dann eindringlich anzuschauen, als der erst gar keine Anstalten machte, sich ebenfalls in Bewegung zu setzen.

„Komm, du bist auch gemeint“, hielt Frido ihm die Hand hin und zog ihn mit sich, als Dominik noch immer etwas irritiert war.

„Äh… was ist denn mit Lilli?“, fragte er und schaute über die Schulter zu dem kleinen Mädchen, das noch immer ins Begutachten ihrer Beute vertieft war und gar nicht mitbekam, wie ein Teil der Erwachsenen hinters Haus verschwand.

„Hat eh schon mehr als sie tragen kann, also mach die kleine Elster bloß nicht drauf aufmerksam, dass da noch was versteckt ist“, flüsterte Frido Dominik ins Ohr und gab ihm einen Kuss auf die Wange, um dann zu schmunzeln, als Juli ihnen schon freudestrahlend aus dem Gartenhaus entgegen kam.

„Weiße Schoki!“, tuschelte sie begeistert und hielt einen Osterhasen in Zellophan hoch, ehe sie Frido ein Körbchen mit zwei weiteren Hasen darin gab.

„Für Lilli wird natürlich immer groß aufgefahren, aber wir gehen auch nicht ganz leer aus. Mama besorgt uns immer unsere Lieblingssorten. Weiße Schokolade für Juli und… aaah… Nussnougat für mich!“, grinste er und zog einen der Hasen hervor, um Dominik dann das Körbchen hin zu halten.

„War gar nicht so leicht, unauffällig aus dir raus zu bekommen, was du am liebsten magst, Mister Ich-hab-nicht-son-süßen-Zahn. Dunkle Schokolade mit Kirsch ist doch richtig, oder?“, grinste Frido, während Dominik ihn noch immer ungläubig anschaute und dann langsam den Blick zum Osterkörbchen senkte.

„Extra für mich?“, fragte er leise, während Juli einen mahnenden Blick von ihrem Bruder erhielt, weil sie anbot, Dominiks Hasen auch gern nehmen zu können, wenn er ihn nicht wollte.

„Ich mein ja nur! Bevor er schlecht wird!“, grinste sie und reckte dann den Kopf an Frido vorbei, als Opa und Enkelin sich lautstark darüber freuten, wie viele Ostereier und Schokohasen sie zusammengekratzt hatten.

„Oha, ich geh mal wieder zurück, bevor sie Lunte riecht!“, schob sie sich ihr Geschenk unauffällig unter den Pullover, während Frido darüber lachte, dass Körperwärme in Verbindung mit Schokolade immer eine großartige Idee sei. Zur Antwort streckte Juli ihm die Zunge raus und stapfte los, während Dominik sich endlich traute, seine kleine Gabe aus dem Korb zu nehmen.

„Das wär doch nicht nötig gewesen…“, murmelte er gerührt und betrachtete den Hasen, ehe er zu Frido aufblickte, der den Korb beiseite stellte und die Arme um seinen Freund legte.

„Tja, egal, wie alt, die Kinder in dieser Familie bekommen zumindest ne Kleinigkeit zu Ostern. Und das zählt halt auch für die… potentiellen Schwiegerkinder. War bei Tim auch so, als Juli und er noch zusammen waren. Und wenn er heute mitgekommen wäre, hätte er bestimmt auch was bekommen“, betrachtete er Dominik liebevoll, ehe er ihm eine Hand die Wange legte und mit dem Daumen darüber strich.

„Sieh es als kleine Bestechung, damit dich der erste Besuch hier hoffentlich nicht so sehr verschreckt hat, dass du nie wieder mitkommen willst“, grinste er dann schief, aber Dominik schüttelte sofort den Kopf.

„Quatsch, warum sollte ich nicht mehr mitkommen wollen?“, räusperte er sich, aber Frido überspielte gar nicht erst, was er bei seinem Ausspruch im Hinterkopf gehabt hatte.

„Ach, komm, das war heute Mittag echt ne blöde Situation. Besonders für dich. Da könnt ichs verstehen, wenn du erst mal die Schnauze voll hast“, zuckte er gleichermaßen Mundwinkel und Schultern, um dann zu lächeln, als auch Dominik es tat.

„Du, ich fand den Besuch tatsächlich schön. Ja, bisschen peinlich zwischendurch, aber alles in allem würd ich gern wieder her kommen“, meinte er und gab Frido einen Kuss, um dann zu nicken, als der sagte, dass seine Eltern sich bestimmt darüber freuen würden.

„Ich bin froh, dass sie dich nicht komplett abgeschreckt haben…“, legte er Dominik den Arm um den Rücken und ging mit ihm langsam vom Gartenhaus weg, da es bei aller Geselligkeit auch allmählich Zeit wurde, dass sie sich auf den Heimweg machten. Also brach nun der Teil des Besuchs an, bei dem sich alle noch einmal in die Arme fielen, ihre sieben Sachen zusammensuchten und dann abermals in die Arme fielen. Besonders der Opa konnte sich von seinem Enkelchen gar nicht losreißen, während die Oma ihren beiden Sprösslingen noch mal einimpfte, auf sich aufzupassen und einen letzten Versuch wagte, sie zum Bleiben zu überreden.

„Ihr könnt doch morgen früh zurückfahren“, schlug sie vor, aber Frido blieb eisern.

„Mama, ich hab dir gesagt, dass wir auch noch zu Dominiks Oma fahren und er vorher noch einen Kuchen backen möchte“, erinnerte er sie, um zu lachen, als sie auch darauf natürlich eine pragmatische Antwort wusste.

„Ich hab alles hier, was man für einen Kuchen braucht. Er kann den auch hier backen! Der Kuchen muss dann ja eh erst noch abkühlen – warum nicht während der Autofahrt?“, schlug sie vor, aber Frido schüttelte den Kopf, nahm sie in den Arm und gab ihr einen Kuss.

„Ein andern Mal vielleicht“, schmunzelte er, was seiner Mutter nur ein Seufzen abringen konnte.

„Manchmal bist du aber auch eigensinnig.. Ich frag mich, von wem du das hast!“, meinte sie, worüber er herzlich lachte.

„Wenn ich das bloß wüsste!“, grinste er, während Dominik sein Schmunzeln etwas subtiler trug. Wenn der Sohnemann für diesen Ausspruch schon einen skeptischen Blick bekam, wollte er nicht auch noch in Ungnade fallen. Aber stattdessen wurde er mit etwas anderem überrascht.

„Na ja…“, seufzte Mutter Marianne noch einmal und strich ihrem Ältesten über die Brust.

„Aber spätestens übernächsten Monat seh ich beide dann doch wieder, oder?“, sprach sie fast schon mahnend, woraufhin Frido wachsam die Augen schmälerte.

„Uns beide?“, fragte er fast schon lauernd und seine Mutter stützte die Hände auf die Hüften.

„Natürlich! Dominik und du! Dass Juli und Lilli kommen, stand doch wohl außer Frage, oder?“, sprach sie ganz selbstverständlich, worauf Frido langsam nickte und Dominik nur noch Bahnhof verstand.

„Hast dus dir also doch noch überlegt?“, fragte der Ältere in warmem Ton und doch schaute seine Mutter ihn ein wenig verschnupft an.

„Ich hab nur gesagt, dass ich ihn vorher wenigstens mal kennen lernen will, bevor ich ihn zu unserem Hochzeitstag einlade!“, stellte sie klar und Frido nickte wieder.

„Ich weiß. Ist auch dein gutes Recht. Genauso darf ich aber auch die Entscheidung treffen, dass ich in puncto Familienfeiern keine Kompromisse mehr eingehe, wenns um meinen Partner geht. Selbst Daniel war damals eingeladen, obwohl ich nur ein paar Wochen mit ihm gegangen bin und Patrick wurde sogar dann nicht gefragt, als wir schon zusammengewohnt haben… Bei Dominik mach ich das nicht mit. Er gehört zu mir und damit ist er auch Teil dieser Familie“, sagte er ruhig und sie beide schauten in Dominiks Richtung, als der davon erschrak, dass Vater Fritz plötzlich neben ihm stand, die Hand auf seine Schulter legte und das Wort ergriff.

„Das gab an Weihnachten ein paar Diskussionen, mein Junge“, lachte er und drückte Dominik seicht die Schulter, während er etwas mehr Licht ins Dunkel brachte.

„Am zweiten Juniwochenende feiern wir Rubinhochzeit. Vierzig Jahre mit dieser wunderbaren Frau an meiner Seite! Hast du Zeit und Lust, uns an dem Tag Gesellschaft zu leisten?“, fragte er und auch, wenn Dominik sofort nickte, verriet sein Blick wohl nicht nur Frido, dass er sich gerade etwas überfahren fühlte.

„Ich glaub, er braucht mal einen kurzen Moment, um das sacken zu lassen. Sagt ihr doch noch mal eurem Enkelchen auf Wiedersehen – wir kommen gleich wieder, hm?“, fasste Frido Dominik leicht am Arm und nahm ihn einige Meter mit sich, während der noch überlegte, ob er das alles jetzt richtig verstanden hatte.

„Noch mal langsam und zum Mitschreiben… Was war das jetzt grad?“, guckte er Frido ungläubig an und der wiegte den Kopf.

„Meine Mutter ist sehr eigen, wenn es um die Familienfeste geht und das hieß in der Vergangenheit schon öfters, dass Juli und ich nicht unbedingt immer unsere Partner mitbringen durften, wenn sie Mama nicht in den Kram passten. Früher hab ich das dann so hingenommen, aber als es jetzt um den Hochzeitstag ging, war für mich klar, dass ich nicht mehr damit einverstanden bin, wenn mein Freund auf einer Familienfeier nicht eingeladen ist. Besonders nicht, wenn es sogar ernst genug ist, dass wir zusammen wohnen. Wenn du nicht mitkommst, weil du keine Lust drauf hast, ist das völlig okay, aber ich will, dass du wenigstens gefragt wirst“, legte er die Hände an Dominiks Oberarme und strich sanft darüber. Das erklärte für Dominik zwar einiges, aber es warf auch neue Fragen auf.

„Und warum hast du mir das nicht erzählt?“, fragte er darum, woraufhin Frido leicht die Schultern und Mundwinkel zuckte.

„Damit du wieder n schlechtes Gewissen hast, wenn ich nicht zur Feier gegangen wäre? Oder noch nervöser geworden wärst, wenn du gewusst hättest, dass das heute… so ne Art Test auf Herz und Nieren wird? Dass Mama dir sofort das Du angeboten hat, war schon mal ein guter Anfang, aber viel aussagekräftiger ist die Einladung. Ich wollte nicht, dass du dich noch mehr unter Druck setzt, als du es heut eh schon getan hast und ich wollte auch nicht, dass du enttäuscht bist, falls sie nicht mehr auf das Thema zu sprechen gekommen wäre“, erklärte er und nickte, als Dominik nachhakte, ob Frido ihm etwa die Feier verschwiegen hätte, wenn er nicht dorthin gegangen wäre.

„So war der Plan… Dann hätte ich mir einen gemütlich Tag mit dir gemacht und gut“, gab Frido zu, aber Dominik schaute ihn noch verständnisloser an.

„Aber das kannst du doch nicht machen. Das ist doch deine Familie!“, meinte er und schüttelte den Kopf, woraufhin Frido nur die Schultern zuckte.

„Du bist jetzt aber auch Teil meiner Familie…“, murmelte er und Dominik schaute immer ungläubiger.

„Aber… aber ihr versteht euch so gut! Da darfst du doch nicht meinetwegen so was machen…“, guckte er fast schon schuldbewusst zu Fridos Eltern, ehe er seinen Freund wieder anschaute.

„Und ausgerechnet an Weihnachten!“, konnte er gar nicht glauben, was er gerade gehört hatte und schüttelte energisch den Kopf, als Frido scherzte, dass deshalb das Fest der Liebe ja für die Klimlaus nicht ins Wasser gefallen sei.

„Wir haben ein paar Minuten diskutiert, gemerkt, dass wir bei dem Thema nicht auf einen Nenner kommen und dann unseren Braten gegessen“, witzelte er, aber Dominik schaute fast schon verzweifelt.

„Das mein ich doch nicht!“, fasste er Fridos Arm und schluckte.

„...Gerade zu Weihnachten hatten wir… doch so Probleme“, murmelte er und schluckte abermals. Frido aber antwortete mit einem leisen „Ich weiß“. Er legte eine Hand an Dominiks Wange und schenkte ihm ein warmes Lächeln, während der ihn immer mehr anschaute, als sei er von allen guten Geistern verlassen.

„Aber…“, begann er, ohne zu wissen, wie er den Satz weiterführen sollte und musste tief durchatmen, als Frido stattdessen sprach.

„Es war ne schwierige Zeit und ich weiß, dass du damals dachtest, du würdest alles vor die Wand fahren, aber ich hab fest dran geglaubt, dass wir das irgendwie überstehen. Und ich bin sehr stolz darauf, wie du das alles gemeistert hast…“, zog er Dominik an sich und nickte, als der ein leises „Wir…“ ergänzte.

„Wir“, flüsterte Frido und lächelte, während Dominik die Arme um seine Schultern schlang und sich an ihn drückte. Einerseits rührte es Frido zu spüren, wie sehr Dominik das alles bewegte, aber andererseits tat es ihm auch leid, dass sein Freund nun schon zum zweiten Mal an diesem Tag den Tränen nahe war – und das bemerkte nicht nur er.

„Der Junge ist aber nah am Wasser gebaut… Meine Güte. Frido meinte zwar, dass er etwas schüchtern ist, aber Dominik scheint ja sehr sensibel zu sein“, flüsterte Mutter Marianne zu ihrer Tochter, auch, wenn sie die Worte zwischen Dominik und Frido nicht gehört hatte. Juli aber schüttelte leicht den Kopf.

„Ist das erste Mal, dass ich ihn so erlebe. Normalerweise lässt er das nicht so raus – zumindest, wenn ich bislang dabei war. Aber… nach dem, was er mir vorhin erzählt hat, kann ich verstehen, dass das heut wohl ziemlich emotional für ihn war... Lass uns beim nächsten Telefonat drüber sprechen, okay? Lilli muss das nicht unbedingt mitbekommen“, schlug sie vor und musste dann lächeln, als sie Frido und Dominik länger beobachtete.

„Irgendwie schon niedlich die Beiden“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und knuffte ihre Mutter in die Seite, als die zwar zustimmte, aber trotzdem ergänzte: „Wehe, er bricht meinem Jungen das Herz!“. Ihrem Jungen war die allgemeine Aufmerksamkeit an seiner Person allerdings durchaus bewusst und so langsam wurde sie ihm zu viel.

„Ich merke, dass ihr uns anstarrt!“, rief er rüber und warf einen mahnenden Blick zu seiner Familie, die schnell so tat, als könnte sie gar nicht gemeint sein. Die Damen unterhielten sich über die Blumenbeete und der Opa war ohnehin mit seiner Enkelin beschäftigt. Und die war die Einzige, die eine ehrliche Reaktion zeigte, als Frido den Moment der Zweisamkeit noch mit einem kleinen Kuss besiegeln wollte, ehe der Familientrubel sie wieder hatte.

„Iiiieh! Die knutschen!“, fiel Lillis Urteil aus, das die romantische Stimmung schlagartig dahin fegte, die Erwachsenen – ausgerechnet angeführt von Dominik – losprusten ließ und Frido zum Kopfschütteln brachte. Womit hatte er das nur verdient?

„Ab nach hause…“, seufzte er also aus, gab seinen Eltern noch eine letzte herzliche Umarmung zum Abschied und trollte sich ins Auto, um dann doch mit einem warmen Gefühl in der Brust zu sehen, wie Dominik noch ein paar Worte mit seinen Eltern wechselte. Er bedankte sich für den heutigen Tag und schien sich ehrlich darauf zu freuen, an den Hochzeitsfeierlichkeiten teilzunehmen. War das der Lockenkopf, der ihm vor ein paar Stunden fast noch ins Auto gespuckt hatte, vor Nervosität?

„Na, was schmunzelst du?“, schlich sich da Julis Stimme in Fridos Ohr, als sie gerade Lilli angeschnallt hatte und er warf einen Blick nach hinten.

„Kannst du schweigen?“, fragte er und sie nickte eifrig, um dann aber schmollend die Tür zu schließen, als er lachend anfügte: „Gut. Ich auch“.

1.11.2024: Ammenhai

Ein bezaubernder Duft weckte ihn an diesem Morgen aus seinen Träumen und ließ ihn bereits lächeln, als er sich noch im Halbschlaf befand. Wie schön, dass er heute seinen Ruhetag hatte. Kein Workout wartete und musste früh genug absolviert sein, um dann parat zu stehen, wenn sie sich auf den Weg zu Dominiks Großmutter machten. Und obendrein war er froh, dass der Weg zu ihr deutlich kürzer ausfiel als der zu seinen Eltern, denn der gestrige Tag hatte doch ein wenig geschlaucht. Längere Autofahren war er einfach nicht mehr gewohnt und die zu bespaßende Ladung auf dem Rücksitz hatte das ihre dazu beigetragen, dass er am Abend ganz schön kaputt ins Bett gefallen war. Also war es mehr als willkommen, jetzt so entspannt in den Tag zu starten. Erst gähnte und streckte er sich ausgiebig, um sich dann aus dem Bett zu rollen, in seine Unterhose zu schlüpfen und zur Tür zu schlurfen.

„Hmmm“, erfreute ihn das süßliche Aroma aus Nüssen und anderen Backzutaten noch mehr, als er den Flur betrat und ganz besonders brachte es ihn zum lächeln, den Bäcker am Küchentisch zu erblicken. Den Rücken zur Tür gewendet und den Kopf auf eine Hand gestützt, saß er über seinem Skizzenbuch und zeichnete mit flinken Bewegungen die Abbildung auf seinem Smartphone ab. Kurz griff er es dann und kontrollierte, was der Timer sagte, um dann das Bild wieder aufzurufen und weiter zu zeichnen. Mit seinen Kopfhörern auf den Ohren bekam er gar nicht mit, wie Frido sich an ihn heranschlich und erschrak leicht, als er dessen Hände auf den Schultern spürte.

„Hey..“, lächelte er dann und zog die Kopfhörer ab, um sich an seinen Freund zu lehnen und die Hände auf dessen Unterarme zu legen, als er ihn umarmte.

„Guten Morgen“, küsste Frido seine Wange, ehe er den Kopf auf Dominiks Schulter legte und einen Blick auf seine Zeichnung warf.

„So früh schon so fleißig?“, murmelte er, aber Dominik zuckte die freie Schulter.

„Bei Nusskuchen hab ich ja nicht ewig viele Schüsseln und anderes Zeug zu spülen, also dachte ich mir, kann ich die restliche Zeit auch sinnvoll nutzen, bis der Kuchen fertig ist“, meinte er und schmunzelte, als Frido laut überlegte, dass er vielleicht auch noch eine andere Möglichkeit gewusst hätte, um die Zeit runzukriegen.

„Klar und wenn mir deshalb der Kuchen anbrennt, kannst du Oma erklären, warum ich nicht besser auf den Ofen geachtet hab“, war sein Gegenvorschlag, bei dem Frido etwas das Gesicht verzog.

„Ich glaub, das möchte ich lieber nicht müssen…“, gab er kleinlaut zu und brachte Dominik damit zum lachen.

„Dacht ich mir. Ich auch nicht“, strich er über Fridos Arm hinauf und kraulte ihm den Nacken, während der sich noch immer interessiert am Skizzenbuch zeigte.

„Was hast du dir denn dieses Mal für ein Thema geschnappt?“, fragte er und Dominik deutete zur Fernsehzeitung.

„Unterwasserwelten… Hab mir ein paar Haie rausgesucht. Das hier istn Ammenhai, kannte ich noch gar nicht“, griff er das Skizzenbuch und hob es hoch, um dann zu nicken, als Frido fragte, ob er mal wieder ein wenig darin blättern dürfe.

„Klar, ich guck mal, wie weit der Kuchen ist“, stand Dominik währenddessen auf, sodass Frido mit ihm Plätze tauschte. Als sein Freund wenige Momente später zurückkam und sich auf seinen Schoß setzte, legte er den Arm um ihn.

„Ich hab ihn mal vorsichtshalber abgedeckt, damit er nicht zu dunkel wird, aber der muss auf jeden Fall noch etwas“, lehnte Dominik sich an Frido und schaute ihm dabei zu, wie der sein Skizzenbuch begutachtete.

„Man merkt, dass dir das Zeichnen wieder viel leichter von der Hand geht“, hob der den Kopf und Dominik nickte leicht.

„Stimmt… obwohl diese Skizzen eigentlich nie so das Problem waren. Da zeichne ich ja nur ab, was ich sehe, aber trotzdem hab ich das Gefühl, dass ich inzwischen nicht mehr so verkrampfe, wie zwischendurch teilweise“, murmelte er und blätterte einige Seiten zurück, um Frido ein Beispiel von vor einigen Wochen zu zeigen.

„Ja, ich seh, was du meinst. Eigentlich absolut einwandfrei gezeichnet, aber wenn man dich kennt, sieht man, dass du da so deine Schwierigkeiten hattest“, sagte er und wieder nickte Dominik, um dann den Blick vom Skizzenbuch zu Frido wandern zu lassen.

„Wie ist es eigentlich mit dir? Ich hab jetzt schon ne ganze Weile nicht mehr gesehen, dass du geübt hast. Willst du mit der Kunst doch nicht wieder anfangen?“, fragte er und Frido lachte leicht.

„Doch, doch, ich komm im Moment nur nicht so dazu. Irgendwie haben die Tage grad zu wenig Stunden“, grinste er und gab Dominik einen Kuss, um ihn dann zu bitten aufzustehen, weil er unter die Dusche gehen wollte. Der Lockenkopf nickte und schaute ihm hinterher, als Frido ins Bad verschwand. Kurz hing er dabei seinen Gedanken nach, ehe er sich die Kopfhörer wieder aufsetzte und weiter an seinen Skizzen arbeitete.

2.11.2024: einzig

„Jetzt bin ich ja mal gespannt, was Oma sagt…“, schwang ein Hauch Unsicherheit in Dominiks Stimme mit, als er die Klingel betätigte, sodass Frido den Arm um ihn legte und ihm einen Kuss gab.

„Machst du dir schon wieder Sorgen?“, schmunzelte er und rieb seinem Freund leicht über den Arm, während sie hören konnten, dass im Inneren der Wohnung Unruhe aufkam.

„So, wie ich sie einschätze, freut sie sich einfach, dich zu sehen“, sagte Frido noch, als sich auch schon die Tür öffnete und das skeptische Paar Augen sie in bereits bekannter Manier musterte.

„Hi, Oma“, grinste Dominik und auch Frido hob die Hand zum Gruße, aber während der Dozent sofort wohlgesonnen angeschaut wurde, fiel Oma Trudels Blick noch kritischer aus, als er ihren Enkel genauer betrachtete.

„Nicki! Was hast du denn mit deinen Haaren gemacht?“, rief sie fast schon entsetzt aus und zog die Tür auf, um dann die Hände an Dominiks Wangen zu legen, als der einen Schritt auf sie zu tat, um sie zu umarmen.

„Oma, ich hab die doch nur n bisschen geschnitten“, lächelte er schief, aber seine Großmutter schüttelte nur fassungslos den Kopf.

„Die schönen Löckchen!“, seufzte sie und rief dann ein erstaunlich energisches „Rosanna! Sieh dir das nur mal an!“ in die Wohnung hinein.

„Mama ist auch da?“, fragte Dominik überrascht, ohne viel Gehör zu erhalten. Oma Trudel schüttelte immer noch mit einem „Ne, ne, ne!“ den Kopf, während ihre Tochter erst neugierigen Blickes an die Tür trat und dann ebenso erschrocken schaute wie ihre Mutter.

„Dominik…“, flüsterte sie und hielt sich die Hände vor den Mund, ehe sie die Herrin der Wohnung daran erinnerte, die Gäste wenigstens erst mal eintreten zu lassen und Frido dann mit einem schnellen Handschütteln begrüßte. Doch auch wenn sie sich Mühe gab höflich zu sein, konnte sie nicht verhehlen, dass sie nur Augen für ihren Sohn hatte.

„Meine Güte…“, landeten auch sogleich ihre Hände in seinem Gesicht, kaum, dass Oma Trudel von ihm abgelassen hatte. Doch im Gegensatz zu seiner Großmutter schien Dominiks Mutter nicht ganz so abgeneigt vom Anblick ihres Sohnes.

„Gut siehst du aus“, lächelte sie und kämmte ihm mit den Fingern durchs Haar, während Dominik seine Überforderung noch immer mit einem Grinsen zu überspielen versuchte.

„Hi, Mama“, murmelte er, während Frido die Oma zur Begrüßung zwar drücken durfte, aber auch sofort einen Rüffel kassierte, dass er seinen Freund von dieser „Dummheit“ nicht abgehalten hatte.

„Der einzige von den drei Jungs, der die schönen Haare meiner Rosanna geerbt hat und dann schneidet er sie sich so kurz!“, ging sie kopfschüttelnd Richtung Küche, während Frido darüber schmunzeln musste, wie unterschiedlich die Ansichten doch sein konnten. Gleichzeitig hörte er nämlich auch, wie Dominiks Mutter weiter mit ihm sprach.

„Wenn der Papa dich jetzt sehen würde…“, sprach sie voller Wärme in der Stimme, um ihren Sohn dann noch mehr in Verlegenheit zu bringen, als ihr einfiel, dass sie ja ihr Handy dabei hatte.

„Och, Mama…“, murrte der und trottete ihr trotzdem brav in die Küche nach, wo ihre Handtasche am Stuhl baumelte, während sein Freund sich dort bereits einem nicht unbekannten, aber doch noch sehr fremden Gesicht gegenüber sah.

„Oh“, entfleuchte es ihm, als er beim Blick zum Tisch erkannte, dass Dominiks Mutter heute in Begleitung von einem der beiden älteren Söhne war und auch wenn der ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen trug, fragte der Dozent sich, wie dessen Reaktion wohl ausfallen würde.

„Frido Klimlau“, trat er mit ausgestreckter Hand an den Tisch, während Dominiks Bruder sich erhob und konnte nur schwerlich die Überraschung verbergen, dass dieser, im Gegensatz zu seinem Vater, den Gruß sofort erwiderte.

„Joah, ich weiß, wer Sie sind“, amüsierte ihn die Situation offensichtlich und trotzdem zögerte er nicht, Fridos Hand zu schütteln und sich als zweitältester Sohn der Familie Preuss vorzustellen.

„Hab schon n bisschen was von Ihnen gehört“, verschränkte er dann mit einem Grinsen die Arme vor der Brust und schien eine gewisse Schadenfreude zu verspüren, als Frido murmelte: „Soll ich fragen, ob es hoffentlich nur Gutes war oder mir den Spruch lieber verkneifen?“. Statt darauf einzugehen hielt Dominiks Bruder es allerdings nach dem Motto „Keine Antwort ist auch eine Antwort“ und wendete sich lieber dem Nesthäkchen der Familie zu, als es ihn entdeckte.

„Basti!“, freute Dominik sich im ersten Moment, um dann wieder daran erinnert zu werden, wie schön Geschwisterliebe doch sein konnte, als sein Bruder auf ihn zuging.

„Na, Kleiner?“, verlor der nämlich keine Zeit, ihn leicht in den Schwitzkasten zu nehmen und seine Haare durcheinander zu wuscheln, um ihn dann lachend in eine kurze Umarmung zu ziehen.

„Blöder Esel!“, ließ Dominik sich höchst widerwillig auf den Rücken klopfen und erinnerte seinen Bruder schnell daran, dass sie nur gute zwei Zentimeter trennte.

„Was machst du überhaupt hier?“, murrte er dann, während er die Augen verdrehte, weil seine Mutter schon ihr Handy gezückt hatte, um das innige Beisammensein ihrer Sprösslinge für die Nachwelt festzuhalten.

„Lächelt mal!“, hielt sie das Handy hoch und während ihr mittlerer Sohn der Aufforderung sofort nachkam, konnten Dominiks hochgezogene Mundwinkel kaum darüber hinweg täuschen, wie doof er die Situation gerade fand.

„Ach, komm…“, meinte seine Mutter zwar, aber letztlich war sie wohl froh, überhaupt eine kleine Aufnahme von ihm machen zu können und musste doch amüsiert den Kopf schütteln, als er nach den ätzenden Sekunden des Stillhaltens auf Abstand zu seinem Bruder ging, ehe der ihm wieder zeigen konnte, wer der Stärkere war.

„Du weißt, dass ich Fotos hasse“, murmelte Dominik zu seiner Mutter und seufzte erleichtert aus, als dieses Mal Frido den Arm um ihn legte, während er sich noch immer über die Anwesenheit seines Bruders wunderte.

„Ostermontag war die letzten Jahre doch immer für deine Freundin reserviert?“, runzelte er die Stirn und Frido konnte ihm seine Befürchtung anmerken, aber Sebastian schmunzelte darüber nur.

„Du meinst wohl meine Verlobte?“, sagte er besserwisserisch und lachte, als sein Bruder ehrlich überrascht schien.

„Ey, das wusste ich noch gar nicht!“, ging er wieder zu ihm, um dieses Mal von sich aus eine Umarmung anzubieten und schaute doch vielsagend, als sein Bruder sich einen kleinen Seitenhieb auf die Häufigkeit von Dominiks Besuchen nicht verkneifen konnte.

„Christina hat heute Schicht. Deswegen hab ich Mama angeboten sie zu fahren“, erklärte Sebastian dann aber und zuckte die Schultern, als Dominik sich erkundigte, ob Vater und ältester Bruder wieder mal die Firma hüteten.

„Dreimal darfste raten“, lautete die Antwort, wobei er sich langsam auf den Rückweg zu seinem Platz begab und dabei passend an seiner Oma an der Arbeitsplatte vorbeiging, um ihr einen Keks vom gerade vorbereiteten Teller zu stibitzen.

„Na! Dass ihr nie warten könnt, bis alles auf dem Tisch steht!“, gabs dafür von Oma Trudel eins auf die Finger, aber allzu lange konnte sie ihrem Enkel wohl doch nicht böse sein, als der ihr über den Rücken rieb und lachte.

„Hast du die selber gebacken?“, interessierte ihr jüngstes Enkelchen vielmehr und schon stand es zu ihrer anderen Seite parat, um ihr zu helfen, alles auf den Tisch zu bekommen.

„Ja, nur ein paar Kekse, aber besser als gar nichts Selbstgebackenes“, erklärte seine Oma und ihm fiel es plötzlich wie Schuppen von den Augen.

„Scheiße, ich hab doch auch noch was mitgebracht!“, rief er aus, bekam einen Rüffel für das Schimpfwort und huschte schon zu Frido, um ihm den Autoschlüssel abzunehmen, als der gerade anbot, den vergessenen Kuchen fix von der Rückbank zu holen.

„Nee, ich geh schon!“, eilte er aus der Küche, ohne die amüsierten und teils irritierten Blicke zu bemerken, die ihn begleiteten.

„So aufgedreht hab ich ihn lange nicht erlebt“, schmunzelte seine Mutter, während Frido überlegte, ob er vielleicht zur allgemeinen Leichtigkeit des Besuchs etwas beisteuern konnte.

„Frau Preuss…“, lehnte er sich zu ihr und behielt dabei die Tür im Blick.

„… wenn meine Nichte schlecht gelaunt ist, hat Dominik so einen kleinen Trick, dass er sie durchkitzelt, um sie zum Lachen zu bringen. Wenn Sie möchten…“, deutete er vielsagend zu ihrem Handy und auch wenn ihr Blick zeigte, dass sie so einen Komplott natürlich eigentlich nicht für gut heißen konnte, verriet ihr Kichern, dass sie durchaus nicht abgeneigt war. Ihrem älteren Sohn rang der Vorschlag allerdings ein belustigtes Schnauben ab.

„Wenn Sie n Kinnhaken wollen“, nahm er auf seinem Stuhl platz und grinste, während Frido offensichtlich nicht so recht wusste, was er von dieser Aussage jetzt halten wollte. Ehe er nachfragen konnte, war Dominik allerdings schon wieder zurück und stellte seiner überraschten Oma den Kuchen hin.

„Nicki, hättste doch nicht machen müssen!“, tätschelte sie ihm die Hand und freute sich dennoch ehrlich über sein Mitbringsel.

„Ich weiß, wollte ich aber gern“, grinste er und ließ sich nur widerwillig von ihr weg scheuchen, als sie dann wieder das Ruder übernahm und sich selbst ums Anschneiden kümmern wollte.

„Kann ich wenigstens die Plätzchen und den Kaffee schon mal rüber tragen?“, bot er darum an und griff brav nur die Tassen, als Oma Trudel darauf bestand, dass die Kaffeekanne ihr Aufgabengebiet sei.

„Die Kekse kannst du hinstellen, aber pass auf, dass Sebastian die Finger davon lässt, bis wir alle am Tisch sitzen!“, mahnte sie dann noch, worauf der eine Enkel die Augen verdrehte und der andere grinste.

„Na? Konntest dus mal wieder nicht lassen?“, stichelte er beim Hinstellen des Tellers, aber seinen Bruder interessierte etwas anderes viel mehr.

„Weißt du eigentlich noch, wie du mir als Kind eine verpasst hast, als ich dich kitzeln wollte?“, stützte Sebastian den Kopf auf eine Hand und Dominik zuckte ungerührt die Schultern.

„Selbst Schuld! Heiner und du habt mich ständig geärgert, das war dann die Strafe dafür!“, streckte er ihm triumphierend die Zunge raus, um dann erhobenen Hauptes zu Frido zu gehen und sich vor weiteren Hinterlistigkeiten vermeintlich in Sicherheit zu bringen.

„Ich wusste ja gar nicht, dass du so rabiat warst“, meinte der und strich Dominik leicht über den Rücken, während der die Arme um ihn gelegt hatte und Sebastian anvisierte, dessen Gesichtsausdruck ein wenig die Überraschung über diese innige Geste preisgab.

„War zwar nurn Versehen, aber geschadet hats nicht! Danach habt ihr mich wenigstens erst mal ne Weile in Ruhe gelassen, weil Heiner Schiss hatte, dass er auch noch eine gelangt kriegt“, grinste er, ohne zu bemerken, wie Frido leicht nickte und dann seiner Mutter zuzwinkerte. Viel zu sehr hing Dominiks Aufmerksamkeit an seinem Bruder, dem ein süffisantes Grinsen ins Gesicht kroch, während er die Arme vor der Brust verschränkte und auf das wartete, was nun kam. Dabei war allerdings nicht zu erkennen, ob es nur um Dominiks Überraschung und sein Gackern ging, als Frido seinen Hinterhalt in die Tat umsetzte und selbst Rosanna Preuss auflachte, während sie ihren Sohn fotografierte oder ob Sebastian darauf wartete, dass auch Frido von dem Lockenkopf eine verpasst bekäme. Das passierte zwar nicht, aber dafür waren Mutter und Freund bei Dominik erst einmal unten durch, als er sich von Frido befreien konnte und sich hinterm Tisch in Sicherheit brachte.

„Alle gegen einen ist unfair! Oma!“, hoffte er, wenigstens bei einer Anwesenden noch Unterstützung zu finden, aber die interessierte sich herzlich wenig dafür, wie sich alle gegen ihren Nicki verschworen.

„So, hier ist der Kuchen. Dann setzt euch und lasst es euch schmecken“, kredenzte sie das Mitbringsel, während der eine Enkel lachte und der andere schmollte, ihre Tochter zufrieden das Handy einpackte und der Unruhestifter erst einmal von seinem Liebsten mit einer kalten Schulter bestraft wurde. Zumindest solange, bis Frido ihm im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange gab und Dominik seufzend feststellen musste, dass er ihm einfach nicht böse sein konnte, wenn er ihn so anlächelte.

„Kriegste wieder!“, murrte er trotzdem und nahm neben ihm Platz, um seine Mundwinkel dann doch nicht unten halten zu können, als Frido unterm Tisch seine Hand nahm. Plötzlich wirkte der Lockenkopf gleich wieder viel zugänglicher und konnte sich wieder ehrlich darüber freuen, seine Familie zu sehen.

„Als du letzte Tage angerufen hast, hat Rosanna sofort gesagt, dass sie heute auch kommt!“, verriet Oma Trudel, als wäre das vorherige Geplänkel gar nicht gewesen, während sie ihren Gästen Kaffee und Kuchen servierte und damit in einen Nachmittag voller Plaudereien, Anekdoten und Frotzeleien überleitete, der wirkte, als wäre er das normalste der Welt im Hause Preuss.

3.11.2024: peripher

Unterschiedlicher hätten die beiden Brüder wohl kaum sein können. Während Dominik beinahe schon auf dem Stuhl herumzappelte, ausgiebig mit Mutter und Großmutter schnatterte und sofort aufsprang, sobald er seiner Oma irgendwie unter die Arme greifen konnte, saß Sebastian fast wie eine Statue da. Eine Statue, die durchweg ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen trug, die Arme trotzdem vor der Brust verschränkt hielt und besonders Frido und Dominik, die ihm gegenübersaßen, genauestens beobachtete. Er trug nicht die Abscheu zur Schau, die ein Hinrich Preuss sicherlich beim Anblick der kleinen Liebkosungen zwischen Dominik und Frido kundgetan hätte. Aber war er wirklich damit einverstanden? Als sein Bruder einmal aufstand und Frido kurz von hinten umarmte, ehe er sich dann für einen Moment ins Badezimmer verabschiedete, tat Sebastians Augenbraue einen Sprung und nachdem seine Mutter nur mit einem seligen Lächeln diese Lockerheit ihres Jüngsten beobachtet hatte, war es für ihn endlich ein Grund, sein Schweigen zu brechen.

„Jetzt mal unter uns, Frido: was ham Sie dem denn ins Essen gemischt?“, fragte er den Dozenten, der seinem Freund kurz nachgeblickt hatte und dann feststellen musste, wie er von dessen Bruder taxiert wurde.

„Wie bitte?“, wusste der nicht so recht, was er von der Frage halten sollte und während Rosanna Preuss leise mahnend den Namen ihres Sohnes nannte, zeigte der sich nur wenig davon beeindruckt.

„Na, mal ehrlich, so gut gelaunt hab ich den ja ewig nicht erlebt!“, guckte Sebastian erst zu seiner Mutter und dann wieder zu Frido, der noch immer nach einer Antwort suchte.

„Was soll ich sagen…?“, versuchte er das Thema zu umschiffen, das doch so klar auf der Hand lag und war noch irritierter, als Sebastian sich plötzlich erhob.

„Nichts für ungut. Wollte keinen in Verlegenheit bringen“, grinste der und zog vielsagend eine Packung Zigaretten aus der Hosentasche, um seiner Oma dann im Vorbeigehen die Schulter zu tätscheln, als die wenig Begeisterung für dieses Laster aufbringen konnte.

„Hast du dir das immer noch nicht abgewöhnt? Das tut deiner Gesundheit nicht gut, Basti!“, tadelte sie ihn, um damit wohl nicht zum ersten Mal auf taube Ohren zu stoßen, denn viel zu einstudiert wirkte es, wie er ihr dann noch einen Kuss auf die Wange gab und lachend rausging, während sie den Kopf über ihn schüttelte.

„Rosanna, da haben sich deine Männer was angewöhnt!“, murrte sie, um kurz etwas milder gestimmt zu sein, als Frido auf ihre Nachfrage hin verneinte, ebenfalls am Glimmstängel zu hängen. Doch dann fiel sie fast vom Glauben ab, als Dominik zurückkam.

„Wo ist Basti?“, wollte der nämlich wissen und verabschiedete sich sofort ebenfalls nach draußen, als er hörte, dass der Ältere sich ein Lungenbrötchen schmecken ließ.

„Jetzt sag mir nicht, dass du auch damit angefangen hast!“, rief seine Großmutter entsetzt aus und auch ihre Tochter schien von dieser Vorstellung nicht allzu angetan, aber Dominik konnte sie beide schnell beschwichtigen.

„Nein, nein, ich wollt nur kurz was mit ihm besprechen. Gespräch unter Brüdern“, grinste er die beiden Damen an, um Frido dann einen vielsagenden Blick zuzuwerfen und Sebastian nachzugehen. Ein wenig unangenehm war die Situation zwar für Frido, weil er sich denken konnte, worum es in der Unterhaltung gehen sollte und sich trotzdem mit Äußerungen zurückhielt, während Mutter und Großmutter sich darüber wunderten. Dann aber wanderte ihr Interesse schnell wieder zu einem anderen Thema und sie konnten selbst zu dritt problemlos miteinander plaudern, als wäre es noch nie anders gewesen.

„Na?“, trat Dominik unterdessen zu Sebastian vor die Tür und schüttelte den Kopf, als der ihm die Zigarettenschachtel hinhielt. Sein Bruder zuckte die Schulter, steckte die Schachtel ein und lehnte sich auf das Geländer neben der Treppe, während er den Blick in die Ferne richtete. Dominik tat es ihm gleich und einen Moment standen sie schweigend nebeneinander, während der Ältere die ersten Züge tat und dann die Stille brach.

„Und das ist also dein Zuhälter?“, grinste er und lachte auf, als Dominik das Gesicht entgleiste, um den Lockenkopf dann schnell wieder zu beruhigen, ehe die Situation eskalieren konnte.

„Reg dich ab, warn Scherz“, schmunzelte er, was überraschenderweise für wenig Lachen bei seinem Gegenüber sorgte, denn eine Sache zeigte der Kommentar ja sehr deutlich.

„Paps hat kein gutes Haar an Frido gelassen, stimmts?“, murmelte er und presste die Lippen aufeinander, als sein Bruder die Schultern zuckte.

„Sieh es mal positiv: Nachdem er euch aufm Parkplatz am Krankenhaus Händchenhalten gesehen hat und eine kleine Recherche auf der Unihomepage ihm noch mal bestätigt hat, woher er „diesen Typen“ kannte, hat er noch bereut, ihm aufm Parkplatz nicht gleich eins mit der Rohrzange verpasst zu haben, weil er sich so ungeniert an seinen wehrlosen Studenten ranmacht. Danach war dein Frido erst mal nur noch „das notgeile perverse Arschloch“, aber scheinbar hast du nach Onkel Jannis’ Beerdigung irgendwas zu Paps gesagt, wodurch dein Schnuckelchen jetzt nur noch „der Kerl“ bei ihm ist. Zum Kotzen findet er ihn zwar immer noch, aber nicht mehr ganz so beschissen wie vorher. Leider ist er aber nicht näher drauf eingegangen, was da genau zwischen euch los war und Mama hat sich auch ziemlich zurückgehalten“, zog er an seiner Zigarette, während Dominik tief durchatmete und den Kopf schüttelte. Das hieß dann wohl, dass auch vom Nesthäkchen nicht allzu viele Informationen zu bekommen waren.

„Und du?“, fragte Dominik stattdessen und schaute seinen Bruder aufmerksam an, wobei der kurz seinen Blick erwiderte und dann dem Rauch nachschaute, der aus seinen Nasenlöchern quoll.

„Solange er dich nicht beim Tag der offenen Tür vor allen Kunden im Ausstellungsraum flachlegt, tangiert mich das nur peripher, was ihr treibt“, hatte er eine recht nüchterne Antwort, die Dominik trotz der etwas unangenehmen Vorstellung doch in gewisser Weise erleichterte.

„Keine Sorge, hatten wir nicht vor“, grinste er schief, woraufhin sein Bruder belustigt ausschnaubte.

„Wär auf jeden Fall n Spektakel. Besonders, wenn Paps das dann sehen würde. Damit wär die Firma in aller Munde“, konnte er sich das Schmunzeln nicht verkneifen, wohingegen Dominik sich fragte, ob sein Bruder das auch so witzig fänd, wenn ihrer beider Rollen vertauscht gewesen wären. Doch diesen Gedanken auszusprechen verkniff er sich. Dafür war er gerade nicht hier und das wussten sie wohl auch beide.

„Jetzt mal Butter bei die Fische: Dir gehts grad doch nicht darum, dass ich euch meinen Segen gebe, oder? Warum willst du mit mir allein sprechen?“, musterte Sebastian seinen Bruder und schmunzelte wieder, als er merkte, dass er mit seiner Vermutung richtig lag.

„Wo wir schon über die Firma reden… wie läufts denn so? Habt ihr viel zu tun?“, tastete Dominik sich langsam ran und sein Bruder lachte auf.

„Wieso? Suchst du nach nem Job?“, wollte er wissen und zog wieder an seiner Zigarette, während Dominik den Kopf schüttelte.

„Nee, das nicht direkt“, grinste er schief, um dann zu nicken, als Sebastian ihm erklärte, dass sie gut zu tun hatten.

„Wir können uns nicht beklagen. Vor zwei Monaten haben wir erst noch wieder jemanden eingestellt“, sagte er, was Dominik mit einem ehrlichen Lächeln beachtete, ehe er mit seinem Anliegen endlich rausrückte.

„Weißt du… Frido und ich sind zusammengezogen und haben überlegt den Dachboden seiner Wohnung auszubauen. Da fehlt unter anderem noch ne Heizung und ich dachte, vielleicht kannst du mal vorbeikommen, damit wir uns zusammen angucken, was für ein System da am besten passen würd“, erklärte er, um schnell zu ergänzen „Den Auftrag wollen wir dann natürlich auch über euch laufen lassen“, damit kein falscher Eindruck bei seinem Bruder entstand. Doch der musterte ihn mit einem ähnlichen Schmunzeln wie bereits zuvor in geselliger Runde am Tisch.

„Auch wenn „Preuss und Söhne“ über der Ladentür steht, ist Paps immer noch der Chef – das ist dir doch wohl klar, oder? Meinst du vielleicht, ich kann mal eben für ne Beratung ne Stunde oder anderthalb von der Arbeit verschwinden, ohne, dass er wissen will, wo ich war? So was wird normalerweise mit ihm abgesprochen oder von ihm angeordnet“, schien er äußerst belustigt über Dominiks plumpen Versuch, den Vater ein wenig bei dem ganzen Thema außen vor zu lassen. Und während der eine Bruder amüsiert über den Verlauf ihres Gesprächs war, ließ der andere Bruder nur schweigen den Kopf hängen und nickte. Da war er wohl doch etwas zu naiv gewesen und er wusste nur zu gut, dass er dem ältesten Bruder gar nicht erst mit so einer Frage kommen brauchte, wenn schon der mittlere so reagierte.

„Ja, okay…“, murmelte er also resigniert und zuckte leicht die Schultern, als sein Bruder sich dennoch erkundigte, warum er kein Unternehmen aus seiner neuen Heimatstadt engagierte.

„Ihr werdet doch wohl auch Klempnereien in eurer Nähe haben, oder?“, wollte er wissen und nahm den letzten Zug seiner Zigarette.

„Klar, aber bei euch weiß ich, dass ihr uns nicht übern Tisch holen würdet und dass ihr gute Arbeit macht. Die anderen Firmen kenn ich nicht. Da gibts ja auch solche und solche. Und ich bin selbst nicht mehr genug im Thema drin, um das selbst zu machen...“, antwortete Dominik und bemerkte dabei, wie sein Bruder mit einer Mischung aus Anerkennung und Süffisanz die Augenbrauen hob. Er selbst runzelte darüber allerdings nur die Stirn.

„Hey, ich hab Paps’ Arbeit oder die Firma nie bemängelt. Du weißt ganz genau, dass es bei unseren Streitereien immer um was anderes ging“, murmelte er und musste seine Verletzung über den Überheblichen Ausdruck seines Bruders runterschlucken. Ja, er würde wohl auch bei seinen Brüdern immer nur der dumme kleine Junge bleiben und das ließ Sebastian noch einmal spüren.

„Tja, wie gesagt: Ich werd mich für dich bestimmt nicht einfach auf der Arbeit wegschleichen und Paps dann darüber anlügen“, drückte er den Zigarettenstummel sorgfältig am Geländer aus und verfrachtete ihn in seine Hosentasche, während Dominik mit einem bitteren Gefühl in der Magengegend nickte und sich abwendete.

„Ja, schon verstanden… vergiss, dass ich gefragt hab, okay? War ne blöde Idee…“, murmelte er und schluckte gegen den Kloß in seinem Hals an. Er kam sich so dämlich vor, dass er überhaupt diesen Einfall gehabt hatte und fühlte sich wieder wie das kleine Kind, das nie ernst genommen wurde. Für seinen Bruder war das Gespräch damit aber scheinbar noch nicht beendet.

„Bring mir mal meine Jacke mit, wenn du reingehst“, meinte Sebastian, als Dominik den Wohnungsschlüssel griff, um sich die Tür zu öffnen und sein Schmunzeln verriet, dass er dem Jüngeren genau ansehen konnte, wie ihm ein „Hol sie dir doch selbst!“ auf den Lippen lag.

„Ohne Autoschlüssel kommen wir schlecht zu eurer Bude, oder?“, ergänzte er also und war noch belustigter, als Dominik ihn jetzt irritiert anschaute.

„Wie jetzt?“, murmelte der Lockenkopf und sein Bruder zuckte die Schultern.

„Ich hab gesagt, dass ich nicht einfach während der Arbeitszeit abhauen kann. Jetzt grad hab ich aber Freizeit, oder?“, verschränkte er die Arme vor der Brust und lachte, als Dominik nach kurzem Zögern fragte, ob das sein Ernst sei.

„Na ja, ich bin eh neugierig, wie mein Brüderchen jetzt lebt und kann mir bei der Gelegenheit ja auch mal euren Dachboden angucken. Aber dass Paps spätestens mit Auftragsstellung und Bestellung der Materialien auch Bescheid wissen muss, ist dir hoffentlich klar, oder?“, lehnte er sich mit den Rücken an das Geländer und schmunzelte darüber, dass Dominik gerade zwischen Überraschung, Freude und einem Tropfen Wehmut hin und her schwankte.

„Ja, klar“, nickte er und der Gedanke daran brachte ihm Bauchweh, aber im Moment wollte er vor allem daran denken, dass der erste Schritt geschafft war: Seinen Bruder überhaupt um Hilfe zu bitten. Also eilte er in die Wohnung, erzählte schnell, was sein Bruder und er vorhatten, um dann dessen Jacke zu schnappen und Frido mit der Aufgabe zurückzulassen, Oma Trudel und ihre Tochter die knappen Infos der Lockenkopfes mal in eine verständlichere Version zu übersetzen. Böse war Frido ihm für diesen Alleingang jedoch nicht, sondern musste darüber schmunzeln, wie aufgeregt er war und fühlte den Stolz für Dominiks bisherige Entwicklung.

4.11.2024: Rentier

„Mama, Mama, Mama, da sind Rentiere!“, platzte es plötzlich aus der kleinen Lilli heraus und sie rannte los, hin zu der Gruppe aus mehreren Familien, die einige Meter entfernt am Gehege stand und die Tiere fütterte. Ihre Mutter musste über die Begeisterung ihrer Tochter schmunzeln, auch, wenn sie jetzt schon überlegte, wie sie ihr gleich erklären durfte, dass die Rentiere in Wirklichkeit Damhirsche waren. Bis dahin nutzte sie die zusätzlichen paar Meter Abstand zu Lilli aber, um ein paar Worte an Frido zu richten, die endlich mal nicht nett umschrieben und kindtauglich ausfallen mussten.

„Hab ich das jetzt alles richtig verstanden? Dominiks Vater hat sich immer wie das größte Arschloch aufgeführt und trotzdem holt ihr ausgerechnet den jetzt für den Einbau eurer Heizung?“, guckte sie ihren Bruder an, als würde er an geistiger Umnachtung leiden und erhielt dafür ein schiefes Grinsen.

„Na ja, wie gesagt, sein Vater kommt nicht, sondern Dominiks Bruder…“, fing er an zu erklären und wurde von Juli sofort damit unterbrochen, dass sie klarstellte, dass eben jener Bruder aber doch auch in der väterlichen Firma arbeitete.

„Stimmt schon, aber Sebastian hat ja extra angeboten, dass alles über ihn läuft. Sein Vater fands zwar scheiße, dass Dominik mit der Frage nicht direkt zu ihm gekommen ist, aber mal ehrlich: Als ob der freiwillig auch nur einen Fuß in unser Haus setzen würde. Wahrscheinlich hätte der Dominik nicht mal zu Ende ausreden lassen, wenn er mit der Anfrage zu ihm gekommen wäre… Wundert mich nicht, dass Sebastian im Nachgang erzählt hat, dass der alte Preuss erst mal wieder den halben Nachmittag irgendwelche Schimpftiraden losgelassen hat, als er ihm von dem Auftrag berichtete. Aber Hauptsache, er war dann am Ende doch einverstanden… auch wenns noch mal die Ansage gab, dass aller Papierkram jah brav über seinen Tisch zu laufen hat“, schüttelte er den Kopf und verdrehte die Augen, um dann doch auch zu lächeln.

„Aber überleg mal, wie viel Überwindung es Dominik gekostet hat, so auf seine Familie zuzugehen. Klar, ich hab mir im Vorfeld auch so meine Gedanken gemacht, ob das wirklich ne gute Idee ist, aber ich glaube, das war sehr wichtig und richtig für ihn. Er hat sich echt gemausert, dass er sich das jetzt so traut“, dachte er an das erste Zusammentreffen zwischen Dominik und seiner Mutter gelaufen war, das er mitbekommen hatte und wie sehr sein Student inzwischen für seine Verhältnisse aus sich herauskommen konnte. Juli war da allerdings etwas zwiegespaltener.

„Ich wünsch euch – oder vor allem ihm – ja echt, dass das alles so positiv läuft. Ich hoff nur, dass am Ende nicht irgendein Scheiß passiert und er wieder so richtig runter gezogen wird. Zu seinen Brüdern hatte er ja auch nicht unbedingt das innigste Verhältnis, oder? Und wenn ich ehrlich sein darf, find ich diesen Sebastian von deiner Beschreibung her auch nicht unbedingt super sympathisch“, verzog sie leicht das Gesicht, wobei Frido die Schultern zuckte.

„Er soll ja nicht mit bei uns einziehen oder künftig jeden Sonntag zum Kaffee kommen. Ich geb zu, er hat… einen etwas speziellen Humor, aber man muss ihm auch zu Gute halten, dass er Dominik bei seinem Vorhaben unterstützt. Der älteste Bruder hätte ihm wohl einfach platt vor den Kopf gesagt, dass er das mit dem Vater klären soll und sich da rausgezogen…“, schob er die Hände in die Hosentaschen und lachte, als Juli bemerkte, wie diplomatisch er an die Sache heranginge.

„Bringt mein Job mit sich“, schmunzelte er, während er mit Juli neben Lilli in die Hocke ging und sie sich daran erfreuten, wie sie ihre „Rentiere“ zum Lachen und Glucksen brachten.

„Guck mal, wie die springen!“, deutete die Kleine zu einigen Jungtieren, die in ein paar Metern Entfernung um die Wette rannten und tobten, während ihre Eltern sich lieber von den Besuchern des Tierparks füttern ließen.

„Ich muss sagen, das gefällt mir an diesem Park so richtig gut: Man sieht zwar nur ein paar einheimische Tierarten, aber die Gehege sind richtig schön groß“, ließ Juli den Blick über die Anlage schweifen und Frido nickte.

„Stimmt. Wir sind mitten im Wald und trotzdem sind die Tiere zahm genug, dass man sie sehen und teilweise sogar füttern kann“, bestätigte er, um dann zu lachen, als Juli zugab, bei den Wildschweinen trotzdem froh zu sein, dass ihre Tochter – bisher – keinen so großen Drang hatte, mit denen auf „Kuschelkurs“ zu gehen.

„Die machen mit ihren Hauern schon Eindruck.. wobei die Frischlinge echt niedlich sind“, grinste er und lachte dann wieder, als er mit dieser Vorstellung doch sogleich Julis Herz erwärmen konnte.

„Jaa, die sind so süß!“, seufzte sie und gab ihrer Tochter ein bisschen Geld, um ebenfalls eine Tüte voll Leckereien aus dem Futterautomaten zu holen, während sie ihr mit Frido wieder langsam hinter ihr her schlenderte. Sie hakte sich bei ihm unter und legte den Kopf an seinen Arm, wie sie es nicht selten bei ihm tat und trotzdem war es dieses Mal irgendwie anders.

„Findest dus auch komisch, dass wir heute nur zu dritt sind?“, murmelte sie nach einem Moment der Überlegung und sah bei einem Blick nach oben Fridos Nicken.

„Ja, ist ganz schön ungewohnt, dass er heute gar nicht mit dabei ist…“, antwortete er und dachte daran, dass es in den letzten Monaten fast schon zum ungeschriebenen Gesetzt geworden war, dass Dominik bei ihren Treffen mit Lilli und Juli wenigstens ein, zwei Stündchen mit seiner Anwesenheit glänzte, ehe es für ihn wieder ins Atelier ging. Aber da hatten sich auch nicht mehrere Tage Arbeit auf einer Baustelle für ihn angekündigt, die so einiges an Zeit fressen würden.

„Das ist mein kleiner Dickkopf“, schmunzelte Frido.

„Er will unbedingt so viel wie möglich selbst machen und ansonsten wenigstens mithelfen, also wird jetzt schon mal für die Tage vorgearbeitet, an denen er nicht zum Malen kommt. Wäre natürlich gut gewesen, wenn der Einbau mit den nächsten Semesterferien zusammengefallen wäre, aber mitten im laufenden Betrieb kann ich mir schlecht einfach frei nehmen…“, erzählte er und nickte leicht, als Juli ihn fragte, ob er ein schlechtes Gewissen deshalb habe.

„Na ja, schon… Ich versteh, dass Dominik durch sein Eigenengagement Geld sparen möchte, aber letztlich bauen wir den Dachboden ja nicht nur für ihn aus. Ich bekomm auch eine kleine Büroecke, damit ich nicht immer am Küchentisch oder auf der Couch sitzen muss, wenn ich mal was im Homeoffice mache. Und selbst wenns nur sein Atelier werden würde: Ich hab ihm das ja angeboten, dass er den Dachboden nutzen kann und hätte ihn gern mehr dabei unterstützt, als nur im Einkauf zu helfen und nachher das Laminat hoch zu tragen. Außerdem kann man bestimmt auch einiges lernen, wenn man bei solchen Arbeiten mithilft“, zuckte er leicht die Schultern, worüber seine Schwester allerdings schmunzelte.

„Jap. Und nachdem du dir so lange keine Blessuren mehr zugezogen hast, wirds auch mal wieder Zeit, dass du dich handwerklich austobst, hm?“, neckte sie ihn, woraufhin Frido stehen blieb und sie anlinste.

„Hey, ich bin handwerklich gar nicht mal so unbegabt! Oder zumindest früher… Feinheiten krieg ich vielleicht nicht mehr so gut hin, aber jetzt tu mal nicht so, als hätte ich zwei rechte Hände! Estrich anrühren oder Laminat zuschneiden krieg ich bestimmt auch noch irgendwie hin!“, stellte er klar, wobei Julis Blick verriet, dass sie nicht so ganz überzeugt schien. Trotzdem stimmte sie natürlich brav zu – immerhin waren sie mit Fridos Auto angereist und sie hatte keine Lust, den Rückweg zu Fuß antreten zu müssen. Besonders nicht, nachdem die folgende Diskussion vielleicht für ein paar Krokodilstränchen sorgen würde. Denn bevor sich ihre Tochter noch mehr daran festbiss, dass sie jetzt die „Rentiere“ füttern würde, war es wohl so langsam an der Zeit für eine kleine Richtigstellung...

5.11.2024: endgültig

„So, spätestens am Wochenende bist du endgültig kein schnöder, oller Dachboden mehr!“, erklärte Dominik seinem neuen Arbeitsplatz, während er das Handy gezückt hielt und ein paar letzte Vorher-Aufnahmen machte. Heute würde er mit Sebastian die Heizung verlegen, sich von ihm dann noch ein paar Tipps zum Verfüllen des Estrichs geben lassen und diesen Part morgen angehen, um nach der Trocknung endlich auch das Laminat zu verlegen. Selbst gemacht hatte er das zwar noch nie, aber mit Niko einen Kumpel, der ebenfalls aus einem „Stall von Handwerkern“ kam und ihm notfalls unter die Arme greifen konnte. Ob er darauf wirklich zurückgreifen musste, würde sich also in den kommenden Tagen zeigen, aber viel wichtiger war ihm etwas anderes: Dass möglichst viel fertig wurde, ohne Frido um Hilfe bitten zu müssen. Denn der brachte sich schließlich schon beim Großteil der Kosten ein, also wollte Dominik wenigstens so gut es ging die praktische Umsetzung übernehmen – selbst wenn das bedeutete, dass er die Uni schwänzte und einen Großteil der Arbeiten unter der Woche erledigte.

„Da bin ich ja mal gespannt, wie das alles so klappt…“, murmelte er und fragte sich, wie wohl vor allem die Zusammenarbeit mit seinem Bruder laufen würde. Nachdem er sich erst so lange davor gedrückt hatte, Sebastian überhaupt auf das Thema anzusprechen und dann noch gute drei Wochen Lieferzeit in die Quere gekommen waren, stand der große Tag nun so plötzlich vor der Tür, dass es fast ein wenig surreal für ihn war. Und als wäre das alles nicht schon aufregend genug für ihn gewesen, ließ sein Bruder ihn dann auch noch zappeln.

„Musste kurzfristig noch zu ner anderen Baustelle. Komm ca. ne Stunde später…“, meldete sich nämlich plötzlich sein Smartphone, als es vom Geknipse des Dachbodens wohl die Nase voll hatte und entlockte Dominik ein Seufzen. Sollte er Sebastian dafür Überstunden androhen, damit sie trotzdem alles an einem Tag schaffen würden? Ja, konnte bestimmt nicht schaden, da er von ihm sicherlich auch die eine oder andere Fopperei zu erwarten hatte.

„Kostet extra!“, hieß es darauf auch sogleich und brachte Dominik zum Lachen, während er erst einmal zurück in die Wohnung ging und es sich noch ein paar Minuten auf der Couch gemütlich machte. Denn das heiß ersehnte Klingeln ließ nur eine gute halbe Stunde auf sich warten und brachte ihn damit wieder zum Schmunzeln.

„Na? Doch keinen Bock auf Überstunden?“, konnte er sich einen weiteren Scherz nicht verkneifen, als er die Tür öffnete und spürte, wie ihm dieser sofort im Halse stecken blieb. Denn wer ihm da in die Augen guckte, war definitiv nicht sein Bruder.

„Paps…“, schluckte Dominik und zuckte kaum merklich zusammen, als sein Vater gleich seine gewohnt harsche Tonlage anschlug.

„Bastian sagte, dass du heute mithilfst?“, war seine Frage eher eine Warnung, diese Worte lieber nicht zu verneinen und kaum hatte Dominik artig genickt, schoss Hinrich Preuss’ Daumen schon in Richtung seines Wagens.

„Dann hör auf, Löcher in die Luft zu starren und pack mit aus! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!“, stapfte er voraus und riss die Autotüren auf, um Dominik sofort die ersten Teile in die Hände zu drücken, während der immer noch versuchte, sich nicht wie ein geblendetes Reh zu fühlen.

„Wo… wo ist denn Basti?“, traute er sich zu fragen und bereute es sofort wieder.

„Cluburlaub in der Karibik! Was glaubst du wohl?! Auf Baustelle!“, schüttelte sein Vater den Kopf über diese scheinbar selten dämliche Frage und schnappte sich selbst so viel er tragen konnte, um Dominik dann zu folgen. In Schweigen gings durchs Treppenhaus und mit Übelkeit zeigte Dominik ihm den plötzlich wahnsinnig winzig wirkenden Raum, in dem sie die nächsten Stunden allein sein würden.

„Dein Macker nicht dabei, um mit anzupacken?“, war es dabei nur die passende Einleitung, als Hinrich Preuss einen kurzen Blick auf das Arbeitsfeld geworfen hatte und offensichtlich kein Frido Anstalten machte, sich dazu zu gesellen.

„Nein, er arbeitet…“, murmelte Dominik und folgte seinem Vater artig wieder nach unten, als der für die Antwort nur ein verächtliches Schnauben übrig hatte und dann seiner eigenen Arbeit wieder nachging. War das ernsthaft Sebastians Rache für den kleinen Witz mit den Überstunden? Dominik fühlte sich wieder wie zu seiner Schulzeit, als er in den Ferien oft mal seinem Vater bei kleineren Baustellen unter die Arme hatte greifen müssen und es ihm dabei nur selten hatte recht machen können. Ungeschickt war sein Sohn nicht, das wusste wohl selbst ein Hinrich Preuss, aber immer hatte er es geschafft, ihn so aus dem Konzept zu bringen, dass Dominik am Ende des Tages ein zitterndes Bündel gewesen war. Und da sollte er ihm jetzt auch noch den ganzen Tag bei seiner eigenen Baustelle zur Hand gehen?

„Wie… wie gehen wir jetzt am besten vor?“, fragte er darum, in der Hoffnung, sich so schon auf die einzelnen Arbeitsschritte vorbereiten und vorausschauend mit anpacken zu können, damit es nicht sofort die nächsten Rüffel gab, doch da hatte er seinen Vater wohl deutlich unterschätzt.

„Indem du endlich mit dem Gestotter aufhörst und gerade Sätze bildest!“, fand der nämlich auch hier wieder einen Grund für einen kleinen Anschiss, auf den dann aber – oh Wunder – tatsächlich so etwas wie eine Erklärung folgte. Kurz, knapp, aber trotzdem verständlich bläute er seinem Sohn ein, wie die kommenden Schritte aussehen würden, was er allein machen würde und wo Dominik ihm zur Hand gehen oder was er vorbereiten konnte. Und natürlich wehrte auch hier der Frieden nicht allzu lange, aber zumindest wagte dieses Mal nicht Dominik, seinen Vater in dessen Erklärungen zu unterbrechen.

„Was denn jetzt schon wieder?!“, knurrte der, als sein Smartphone sich plötzlich mit lautem Gebimmel meldete und ein genervtes „Ja?!“ folgte dem energischen Antippen des Hörersymbols.

„Bastian hier! Sag mal, hast du gesehen, wo die Sachen für Dominiks Heizung hingekommen sind?“, schallte es mit einem Mal aus dem Lautsprecher und Dominik starrte ungläubig auf das Smartphone.

„Hat bei Knellmeyer alles geklappt?“, wollte sein Vater allerdings erst mal wissen und nickte zufrieden, als sein älterer Sohn kurz ausführte, wie der Auftrag gelaufen sei.

„Gut, dann fahr zu Roterst. Auftrag liegt aufm Tisch“, wies Hinrich Preuss seinen Sohn dann an und hatte fast schon aufgelegt, als der dazwischen grätschte, was mit Dominiks Auftrag sei.

„Ich hab ihm doch versprochen, dass ich das heut mache. Wenn ich jetzt erst noch Roterst einschieb, schaff ich das nicht mehr oder muss morgen noch mal für den Rest in“, gab er zu bedenken und Dominik spürte eine ungeahnte Erleichterung, als er feststellen durfte, dass es wohl doch kein abgekartetes Spiel zwischen seinem Vater und seinem Bruder war, das da gerade gegen ihn gespielt wurde. Sebastians knappes „Hä?“ klang nämlich ähnlich überrascht, als er hörte, wer für ihn eingesprungen war.

„Ich hab dich nur für heute hier eingeplant! Wenn Knellmeyer länger gedauert hätte, wär mir die restliche Planung zerschossen worden! Ich brauch dich morgen mit auf der Großbaustelle!“, gönnte Hinrich Preuss seinem Sohn noch eine kurze Erklärung, um dann ohne Zeit für weitere Einwände oder eine kleine Verabschiedung das Gespräch zu beenden und sein Handy zurück in die Tasche zu schieben. Das Gesabbel ging ihm offensichtlich schon wieder auf den Geist und er schien regelrecht darin aufzugehen, nun richtig mit der Arbeit loszulegen. Seine Handgriffe saßen wie im Schlaf und auch wenn kein Wort des Lobes über seine Lippen kam, verriet das kaum vorhandene Gemecker in den kommenden Stunden, dass sein Sohn sich wohl nicht allzu dämlich anstellte. Mit Argusaugen schaute Dominik seinem Vater zu, ging dabei seine vorherigen Erklärungen immer wieder im Kopf durch und tat sein Bestes, um sich als sinnvoll zu erweisen. Er beschwerte sich nicht über Staub, jammerte nicht, als er sich einmal den Finger klemmte und sagte nicht ein Mal, wie trocken seine Kehle war, als ihm im Verlauf des Vormittags auffiel, dass er zwar für Sebastian – oder seinen Vater – eine Wasserflasche bereitgestellt, seine eigene aber vergessen hatte. Erst, als sein Vater um halb eins die Arbeit niederlegte und seine Brotdose hervorholte, traute sein Sohn sich, wieder mehr als ein knappes „Okay“, „Verstanden“ oder „Ja“ einzubringen.

„Hey, was hältst du davon, wenn wir runter gehen und ich koch uns schnell was?“, schlug er vor und fragte sich im gleichen Augenblick, ob er eigentlich bescheuert war. Gastfreundschaft hin oder her: Jetzt lud er seinen Vater selbst in die Wohnung ein, nachdem er zuvor noch froh gewesen war, dass sie für den Anschluss der Heizung nicht in selbige mussten, sondern auf andere Anschlüsse zurückgreifen konnten? Und sein alter Herr ging auch noch darauf ein – wenn auch etwas skeptisch und mit einem Blick, der nur allzu gut verriet, dass er ohne zu zögern wieder sein Brot ergreifen würde, falls Dominiks Essen ihm nicht mundete. Also ging es an den nächsten Spießrutenlauf.

„Du kannst die Schuhe natürlich gern anlassen“, wagte Dominik zu bemerkten, während er die Wohnungstür aufschloss und schluckte, als sein Vater ihn dafür schon wieder fixierte. Dennoch ging er ihm schweigend hinterher, blieb einen Moment im Flur stehen, um ihn zu mustern und folgte Dominik dann ins Bad, nachdem der sich schnell die Hände gewaschen und seinem Vater ein Gästehandtuch auf den Rand des Waschbeckens gelegt hatte.

„Ich dachte an Nudeln mit Tomatensoße – ist das okay?“, ging er dann an seinem Vater vorbei Richtung Küche und atmete kurz durch, als von dem nur ein „Von mir aus“ erwidert wurde. Mal nichts zu kritisieren? Dominik holte eilig Topf und Pfanne aus dem Schrank und nutzte dann doch den kleinen Moment, in dem sein Vater ihm beim Begutachten des Badezimmers den Rücken zudrehte, dafür, sich einen kräftigen Schluck Wasser für die staubige Kehle zu gönnen.

„Willst du auch was trinken?“, fragte er seinen Gast dann, während er den Topf unter den Wasserhahn hielt und ihn auf den Herd stellte, ehe das Öl in die Pfanne kam. Sein Vater murmelte was von Kaffee, wobei er langsam die Küche ansteuerte und dabei doch keinen Hehl darum machte, dass seine Augen alles genauestens musterten, das nicht von Türen oder Laden verdeckt war. Zu schade, dass die Schlafzimmertür nicht auch offen stand…

„Warum ist dein Name nicht am Klingelschild?“, trat er dann in die Küche und verschränkte die Arme vor der Brust, während Dominik gerade ein Brettchen heraus kramte und anfing eine Zwiebel zu schälen. Nun kam wohl der härteste Teil des ganzen Tages.

„… Weil wirs in der Uni noch nicht offiziell gemacht haben, dass wir zusammen sind und nicht wollen, dass es zufällig rauskommt. Ich hab meine frühere Vermieterin gebeten, dass ich ihre Adresse noch ein bisschen nutzen darf“, gab er wahrheitsgemäß zu und hoffte, dass das Kreuzverhör damit beendet wäre, als erst nur ein „Hmhm“ von seinem Vater kam. Aber scheinbar fing es gerade erst an.

„Also habt ihr euch zusammen diese Wohnung gesucht oder bist du bei ihm eingezogen?“, hakte er nach und beobachtete sehr genau, wie routiniert sein Sohn weitere Zutaten aus den Schränken holte. Scheinbar kannte er sich hier also tatsächlich ein bisschen aus.

„Ähm… nein, das hier ist Fridos Wohnung. Sie… war groß genug für uns beide. Und ich hab ja auch nicht so viel Kram mitgebracht, also brauchten wir keine größere Wohnung“, erklärte Dominik, um sich für den Moment aber noch dagegen zu entscheiden, seinem Vater auch zu erzählen, dass es sogar eine Eigentumswohnung war. Der hatte zwar erst mal wieder nur ein „Hmhm“ dafür, aber trotzdem verspürte Dominik den Drang für weitere Erklärungen und ehe sein Kopf ihn stoppen konnte, fing sein Mund auch schon wieder an zu reden.

„Wir haben alles fair aufgeteilt. Ich bring mich im Haushalt ein und beteilige mich an den Kosten“, plapperte er und bekam dann den verbalen Schlag, mit dem er schon längst gerechnet hatte.

„Und du stehst dann ohne Dach über dem Kopf da, wenn er sich überlegen sollte, dich an die frische Luft zu setzen“, wusste Hinrich Preuss wirklich auf charmante Art und Weise zu verdeutlichen, wie wenig er vom Partner seines Sohnes hielt. Und kurz überlegte Dominik, ob er das einfach schlucken und schweigen sollte, um wenigstens dieses unangenehme Gespräch zu beenden. Aber dann entschied er sich dagegen.

„Wenn er das wollte, könnte er das auch in einer Wohnung tun, die wir uns gemeinsam gesucht haben, oder? Schlösser lassen sich in Null Komma nichts austauschen. Aber warum sollte Frido das überhaupt machen?“, gab er zu bedenken, auch, wenn er genau wusste, dass das die Diskussion nur noch mehr anheizte.

„Was weiß ich? Weil er sich vielleicht einen anderen Studenten geangelt hat? Immer mal was Neues, damit keine Langeweile aufkommt…“, argumentierte sein Vater auch prompt und Dominik biss sich auf die Lippen, während er den Kaffee vorbereitete und die Maschine anstellte. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Wie konnte es sein, dass sich ihre Diskussionen immer so im Kreis drehten und sie doch nie an einen gemeinsamen Punkt kamen?

„Dacht ich mir, dass dir dazu nichts mehr einfällt“, stellte sein Vater auf die kurze Unterbrechung hin fest, aber da hatte er sich dieses Mal gewaltig geirrt. Dominik brauchte zwar noch ein paar tiefe Atemzüge, um sich auf das vorzubereiten, was er nun sagen würde, aber eins war für ihn klar: Nun gab es kein Zurück mehr.

„Weißt du was?“, warf er die Zwiebelstücke in die Pfanne und schwenkte sie etwas im Fett, ehe er eine Dose Tomaten öffnete und einige frische Tomaten abwusch, um sie noch als Ergänzung zu nutzen.

„Ich hab lange über unser letztes Gespräch nachgedacht und dass du mich ernsthaft gefragt hast, ob ich anschaffen geh. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann gab es tatsächlich mal eine Situation, in der ich darüber nachgedacht habe“, hielt er dabei kurz inne und schaute seinen Vater direkt an, um zu erkennen, was das Gehörte in ihm auslöste. War das nur wieder Ekel vor dem eigenen verkommenen Kind oder doch so etwas wie Entsetzen über seine ungeahnten Abgründe? So oder so war es zumindest etwas, das ihm scheinbar wirklich mal die Sprache verschlug; zumindest lange genug, damit Dominik ohne Unterbrechung weitersprechen konnte.

„Als ich mit dem Studium anfing, hatte ich noch ein paar Ersparnisse und hab die erste Zeit nicht nur im Blumengroßhandel, sondern auch noch im Supermarkt gearbeitet…“, kümmerte er sich dann weiter um die Zutaten und spürte, wie eine seltsame Ruhe in ihn einkehrte – fast so, als wäre das, was er nun preisgeben würde, nicht ihm, sondern irgendeinem anderen passiert.

„Irgendwann war die ganze Belastung mit zwei Jobs und Uni aber zu groß. Klingt vielleicht verweichlicht, aber ich bin im Supermarkt mehrmals umgekippt und dann da rausgeflogen. War nicht nur wegen der Kohle mies, sondern auch, weil ich mir da vorher von den aussortierten Lebensmitteln immer was hatte mitnehmen können. Und dann… gabs da diesen einen Monat, in dem ich die neuen Studiengebühren bezahlen musste, einiges an neue Materialien für die Uni brauchte und meine Schuhe endgültig so im Arsch waren, dass ich mir neue kaufen musste. Damit waren dann alle meine Ersparnisse aufgebraucht und ich hatte ab Mitte des Monats kein Geld mehr für Essen“, erzählte er und musste doch noch einmal einen tiefen Atemzug nehmen, ehe er weitersprechen konnte.

„Containern wollte ich nicht, weil ich Angst hatte, dann einen am Arsch zu kriegen. Um eine Strafe zu bezahlen, hatte ich keine Kohle und ich wollte euch auch nicht in Verruf bringen, indem raus kommt, dass euer Sohn verhaftet wurde. Also hab ich gehungert“, löschte er die Zwiebeln mit den Dosentomaten ab und schnitt die frischen in Hälften.

„Die… letzten Tage, bevor ich endlich neuen Lohn auf dem Konto hatte, war es so schlimm, dass ich vor Hunger und Magenschmerzen teilweise nicht mal mehr schlafen konnte und… einmal verschimmeltes Brot, das meine Vermieterin weggeworfen hatte, aus dem Müll geholt hab. Ich… ich hatte dann das Glück, dass in dem Monat unsere Ausstellung startete und ich mir vom Buffet noch was mitnehmen konnte, um die restlichen Tage zu überbrücken, aber ich wusste ja auch, dass wahrscheinlich trotzdem wieder so ein Moment käme, an dem ich ohne Geld dagestanden hätte…“, fielen ihm die letzten Worte dann doch wieder überraschend schwer und er musste schlucken, wenn er daran zurück dachte, wie elend und verzweifelt er sich damals gefühlt hatte. Und wie nah seine scheinbare Provokation für seine Mutter in Wahrheit an dem dran gewesen war, was er zu dem Zeitpunkt tatsächlich überlegt hatte. Doch statt wie sie damals entsetzt zu sein, reagierte sein Vater jetzt wenig überraschend mit Wut.

„Und warum hast du dann nicht mit uns gesprochen, wenns dir so beschissen ging?!“, rief er aus und knirschte mit den Zähnen, als er Dominiks Antwort hörte.

„Weil ich genauso stolz und stur wie du bin, Paps. Ihr hättet mich ja vielleicht wieder einziehen lassen, aber wir wissen doch beide, dass du mich niemals beim Kunststudium unterstützt hättest“, sagte er und zuckte dieses Mal nicht, als sein Vater seinen Ärger sogar damit entlud, die flache Hand auf die Arbeitsplatte zu schlagen.

„Also musstest du deinem alten Herrn eins reinwürgen, indem du dich prostituierst?!“, schien er kurz davor, Galle zu spucken und drehte Dominik den Rücken zu, um aus der Wohnung zu stürmen, aber sein Sohn war schneller und stellte sich ihm in den Weg.

„Nein! Ich hab gesagt, dass ich darüber nachgedacht hab, aber ich bin nie so weit gegangen!“, riss er gleichermaßen beschwichtigend als auch abwehrend die Hände hoch und war selber überrascht, dass er seinen Vater tatsächlich stoppen konnte. Der kochte zwar noch immer vor Wut, aber scheinbar gab es gerade dennoch etwas, das ihn mehr beschäftigte.

„Und wieso erzählst du mir das dann?“, forderte er eine Erklärung für Dominiks Offenbarung, statt ihn einfach nur wieder in seine Schranken zu weisen und spätestens jetzt spürte sein Sohn wieder, dass diese Geschichte sich wirklich um ihn selbst drehte.

„Weil ich will, dass du weißt, dass… es vielleicht nur nicht so weit gekommen ist, weil ich das Glück hatte, dass zur passenden Zeit der passende Mann auf mich zugekommen ist. Frido hat keine Ahnung, wie schlecht es mir damals wirklich ging und er wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht mal, wie sehr ich ihn bereits mochte, aber er hat trotzdem versucht für mich da zu sein. Und das, obwohl ich mich dafür nicht gerade dankbar gezeigt hab. Eher im Gegenteil. Aber er hat gesehen, dass ich… immer mehr abgebaut hab und ist trotzdem auf mich zugegangen. Und ja, es hat mich auch so schon angewidert, mir vorzustellen, dass ich für Geld… du weißt schon… aber wenn ich dann auch noch darüber nachgedacht habe, dass dieser Mann vielleicht was davon mitbekommen könnte, hab ich mich noch mehr geschämt. Ich… ich hätte es einfach nicht ertragen, wenn Frido mich so… so angeguckt hätte, wie du, Paps“, schluckte er und sprach schnell weiter, ehe sein Vater dazwischen fuhr, obwohl er das Gefühl hatte, dass ihm die Luft immer knapper wurde.

„Und nein, mir gehts nicht darum, dir ein schlechtes Gewissen zu machen oder irgendwelche Schuldzuweisungen rauszuhauen! Ich wünsch mir einfach nur, dass du erkennst, was für ein lieber Mensch Frido ist und dass du aufhörst, so schlecht über ihn zu denken! Wenn es ihm wirklich nur darum ginge, sich einen Studenten zu angeln, dann hätte er sich bestimmt nicht auf mich eingelassen! Bei uns laufen genug gutaussehende Kerle am Campus rum, von denen einige definitiv auch schwul sind und wahrscheinlich um einiges umgänglicher als ich. Du weißt selber, wie bockig ich sein kann und Frido hat es zeitweise echt nicht leicht mit mir gehabt, aber trotzdem ist er die ganze Zeit an meiner Seite geblieben!“, brach seine Stimme zum Schluss doch, wenn er daran dachte, was Frido mit ihm schon alles erlebt hatte und erst recht, wenn er sich wieder bewusst machte, wie froh er über diesen Mann in seinem Leben war. Konnte sein Vater das denn nicht wenigstens ein bisschen erkennen, während er seinen Sohn nun so anstierte?

„Das Nudelwasser kocht“, stellte er aber nur mit einem Seitenblick zum Herd fest und ging dann an Dominik vorbei, der für diesen Hinweis einzig ein schweigendes Nicken hatte. Resigniert trat er an seine Arbeit zurück, salzte das Wasser und holte die Nudeln aus ihrer Packung, um zwischendurch noch mal kurz die Tomatensoße durchzurühren. Doch während er die Nudeln in ihr Bad entließ und einen Timer stellte, bemerkte er auch, dass sein Vater zwar an der Wohnungstür stand und die Klinke in der Hand hielt, aber scheinbar doch zu verärgert war, um einfach hinaus zu stapfen. Stattdessen polterte er plötzlich zu seinem Sohn zurück, schnaubte aus wie ein wütender Stier und riss seine aufeinander gepressten Kiefer auseinander.

„Ihr drei habt einigen Blödsinn angestellt und dafür gabs von mir nie einen auf den Arsch! Aber wenn ich noch einmal mitkriege, dass du auch nur daran denkst, so eine Dummheit zu machen, dann leg ich dich höchstpersönlich übers Knie! So was will ein erwachsener Mann sein! Ich glaub, ich spinne! Wir sind eine Familie und falls du noch mal in so eine Situation kommst, dann meldest du dich gefälligst bei uns! Hast du mich verstanden?!“, schnauzte er seinen Sohn an und schnaubte abermals aus, als der mit einem überrumpelten, aber doch eiligen Nicken antwortete. Dann drehte Hinrich Preuss sich um, knurrte auf seinem Weg zurück zur Tür, dass das doch wohl alles nicht wahr sein könne und schüttelte den Kopf über seinen Sohn. Doch der fand kaum die Zeit, um einen klaren Gedanken zu fassen und rief seinem Vater eine Frage hinterher, die dem erst recht wieder quer kam.

„Wo… wo willst du denn jetzt hin?“, wollte Dominik wissen, ehe sein Vater aus der Wohnung verschwunden war und der schaute ihn an, als sei ihm das letzte Bisschen Verstand abhanden gekommen.

„Weiterarbeiten, bis das Essen fertig ist! Was dachtest du denn?!“, schüttelte er den Kopf und knallte Sekunden später die Tür hinter sich, während Dominik einen Moment auf einen Stuhl sackte und die Wohnungstür anstarrte, als wäre er nicht sicher, ob er das gerade alles nur geträumt hatte.

„Was zum…“, murmelte er zwar, aber viel Zeit für Grübeleien blieb ihm nicht, denn dann hätte er die Nudeln vom Herd sammeln können und die Tomatensoße aus der Pfanne kratzen. Also versuchte er sein aufgewühltes Inneres genauso beiseite zu schieben wie Sebastians Nachricht, die ihn zwischendurch erreichte und fragte, ob Vater und Nesthäkchen sich bereits die Köpfe eingeschlagen hatten. Er brachte mit zitternden Händen das Essen auf den Tisch, probierte mit flauem Magen mehr als einmal, ob sein Vater mit der Mahlzeit wohl einverstanden sein würde und erklomm dann mit wackeligen Beinen die Treppe zum Dachboden. Erst dort schaffte er es wenigstens, seine Stimme fest genug klingen zu lassen, als er seinen Vater informierte, dass das Essen fertig war und zwang sich dazu, die Stufen ruhig wieder hinunter zu gehen, obwohl ihm eher nach Rennen zumute gewesen wäre. Er füllte den Kaffee in eine Tasse, stellte sie neben den Teller des Vaters und Nudeln und Soße auf die Untersetzer, während er hörte, wie sein alter Herr die Wohnung wieder betrat.

„Guten Appetit“, wünschte Dominik dann, obwohl sein Magen fast streikte und griff dennoch tapfer zur Gabel, als auch sein Vater am Tisch saß und sich den Teller beladen hatte. Immerhin gab es ein kurzes Brummen als Erwiderung und scheinbar schmeckte das Essen seines Sohnes gut genug, um es nicht sofort wieder zu bemäkeln. Und so saßen sie dann erst einmal schweigend beisammen, richteten ihre Aufmerksamkeit auf ihre Teller und waren vielleicht beide froh über diesen Moment der Ruhe. Doch ausgerechnet Hinrich Preuss erhob das Wort dann wieder und tat es dieses Mal in einer Art, die sein Sohn nicht recht einzuschätzen wusste.

„Versorgt bist du aber im Moment, oder?“, wollte er plötzlich wissen und auch wenn Dominik diese Frage verunsicherte, nickte er. Und traute sich sogar, näher darauf einzugehen.

„Ja… ich arbeite ja immer noch im Großmarkt und verdien mir noch ein bisschen was dazu, indem ich für einen Bekannten manchmal was backe“, erzählte er, um bei der erneut aufkommenden Skepsis seines Vaters sogleich weiter ins Detail zu gehen.

„Ein befreundeter Arzt, den ich über Frido kennen gelernt hab. Ich hatte ihm mal eins von Omas Rezepten gebacken und das hat ihm so gut gefallen, dass er mich gebeten hat, das öfter zu machen. Gegen Bezahlung natürlich und ich muss sagen, da lässt er sich nicht lumpen“, huschte ihm ein kleines Grinsen über die Lippen, wohingegen sein Vater jetzt noch mehr die Augenbrauen runzelte.

„Hat der zu viel Geld?“, murrte er und auch, wenn Dominik sich das bei Ernest auch schon mal gefragt hatte, hielt er sich natürlich tunlichst zurück, das so offen hinauszuposaunen.

„Würd ich so nicht sagen… Er arbeitet halt viel und gönnt sich dann zur Belohnung gern auch mal was. Familie hat er keine. Von daher kann er sich dann an anderer Stelle mal das Eine oder Andere leisten“, sagte er mit einer Diplomatie, die Frido sicherlich stolz gemacht hätte und seinen Vater doch wenig überzeugen konnte.

„Also hat er zu viel Geld“, schlussfolgerte er nur trocken und schüttelte den Kopf, während Dominik sich auf die Lippen biss, um nicht zu schmunzeln. Schnell spießte er einige Nudeln auf und schob sie sich in den Mund, um sich dann aber fast daran zu verschlucken, als sein Vater tatsächlich noch eine Frage stellte, die nicht aus Anschnauzen oder Vorwürfen bestand.

„Aber jetzt sag mir mal, wieso du nicht einfach deine Bilder verkaufst, um an Geld zu kommen. Wozu malst du denn sonst?“, guckte er seinen Sohn verständnislos an und Dominiks erste Reaktion war ein Schulterzucken.

„Na ja… ich find sie noch nicht so gut…“, murmelte er dann und erschrak, als er zur Antwort ein gereiztes „So ein Unsinn!“ erhielt. Wieder schüttelte sein Vater den Kopf und schnaubte aus.

„Die hättest du früher schon verkaufen können!“, entfuhr es ihm und sein Sohn starrte ihn an, bis auch das Hinrich Preuss natürlich verstimmte.

„Was?!“, knurrte er, während Dominik seine Nudeln runter würgte, um sie nicht doch noch in die falsche Tröte zu bekommen.

„Du… du findest meine Bilder gut?“, wagte er seine Frage kaum zu stellen und konnte sehen, wie sein Vater daraufhin schon wieder die Kiefer zusammenpresste.

„Ich hab mit dem ganzen Quatsch nichts am Hut, aber trotzdem seh ich doch, ob ein Bild was geworden ist oder nur irgendeinen Kuddelmuddel darstellt, bei dem kein Arsch weiß, ob das Kunst sein soll oder ob da nur irgendein Depp gegen nen Farbeimer gerannt ist!“, stellte er klar und schaufelte sich weitere Nudeln in den Mund, damit sein Kiefer auch noch etwas anderes zu tun bekam. Sein Sohn aber fragte sich, ob seinem Vater irgendwas auf den Kopf gefallen war, während sie vorhin getrennte Wege eingeschlagen hatten. Und doch fasste er sich ein Herz und sprach das aus, was ihn in diesem Moment noch mehr bewegte.

„Das ist das erste Mal, dass du meine Arbeit lobst…“, gab er leise von sich und spürte, dass es ihn dieses Mal nicht traf, als Hinrich Preuss ihm wieder einen seiner fuchtigen Blicke zuwarf. Hatten sie endlich so etwas wie einen Moment von Augenhöhe erreicht und sorgte das auch dafür, dass sein Vater zwar in bekannter Manier moserte, aber zumindest die Stimme ungewohnt gesenkt hielt? Fast so, als würde er endlich einsehen, dass er nicht mehr seinen kleinen Sohn, sondern einen erwachsenen Mann vor sich hatte?

„Ich hab nie gesagt, dass deine Bilder schlecht sind! Ich hab nur gesagt, dass du was Vernünftiges lernen sollst, statt dir diese Flausen in den Kopf zu setzen! Gute Handwerker werden immer gebraucht, aber für Kunst muss man Geld übrig haben und wer hat das schon?“, knurrte er, um dann doch wieder in gewohnte Weisen zu verfallen.

„Und jetzt sieh zu, dass du was in den Magen kriegst und dann zurück an die Arbeit. Wir haben noch genug zu tun!“, beförderte er die letzten Nudeln in seinen Mund und spülte sie mit dem Kaffee runter, um dann aufzustehen und an Dominik vorbei zu stapfen. Doch als der ihm sofort folgen wollte, gab es wieder einen mahnenden Blick.

„Du isst erst mal den Teller leer! Ich brauch das auch nicht, dass du mir mitten bei der Arbeit aus den Latschen kippst! Wer vernünftig arbeiten will, muss auch vernünftig essen!“, guckte er seinen Sohn warnend an, bis der sich brav wieder auf den Stuhl sinken ließ und seine Gabel griff. Erst dann setzte Hinrich Preuss seinen Weg fort und ging zurück an die Arbeit, wohingegen Dominik sich vorkam, wie in zwei Zeitdimensionen gefangen. Erst fühlte er sich wie in Zeitlupe, während er versuchte, das eben Gehörte zu verarbeiten und dann schlang er eilig sein Essen runter, als ihm klar wurde, dass er einige Minuten nur tatenlos vor sich hingestarrt hatte. Wenn man schon mal so was wie ein Kompliment aus Hinrich Preuss hervorkitzeln konnte, musste man ihm mit Trödelei ja nicht gleich wieder den nächsten Anlass für einen Einlauf liefern…

6.11.2024: flackern

Es war wieder so typisch: Um Sebastian wenigstens noch kurz verabschieden zu können, hatte er sich extra vorgenommen, sofort nach seinem letzten Seminar am Nachmittag Feierabend zu machen. Und was war? Dann hatte er sich doch dazu breitschlagen lassen, die Abendveranstaltung eines Kollegen zu übernehmen. Kein Wunder also, dass von „Preuss und Söhne“ nicht mehr viel zu sehen war, als er an diesem Abend in seine Einfahrt einbog und mit einem erschöpften Seufzen die Wagentür hinter sich schloss. Eigentlich war er hundemüde und wollte nur noch auf die Couch, aber die Neugierde war dann doch zu groß. Also gings in großen Schritten die Treppe hinauf und entgegen der ersten Überlegung nicht für einen kurzen Abstecher in die Wohnung, sondern direkt zum Dachboden.

„Nicht schlecht…“, ließ er anerkennend den Blick über den Fortschritt der Bauarbeiten wandern und fragte sich jetzt schon, wie das fertige Ergebnis in einigen Tagen wohl aussehen würde. Auch, wenn er wusste, welches Laminat es werden sollte, war es dann ja doch noch mal was anderes, das nur als Muster oder später auch verlegt im Raum zu sehen. Darüber hinaus fiel ihm bei dieser Gelegenheit aber auch noch ein weiteres To-Do für den geplanten Baumarktbesuch auf, nämlich die Beschaffung einer neuen Deckenleuchte.

„Das Flackern, bevor die richtig leuchtet, geht einem auf Dauer ja echt auf den Geist.. und wirklich schön ist die alte Funzel auch nicht unbedingt“, murmelte er zu sich selbst und betätigte den Schalter, um das Lichtlein wieder von seiner anstrengenden Arbeit zu entbinden und sich dann endlich in seiner Wohnung einzufinden.

„Hey, da bin ich! Tut mir leid, dass es so spät geworden ist. Hast du meine Nachricht bekommen?“, fragte er, kaum, dass er bei Betreten des Flurs seinen Lockenkopf auf dem Sofa erkannte und lächelte, als er zur Antwort ein Nicken erhielt.

„Hab grad schon geguckt – sieht gut aus, was ihr da gemacht habt! Also… soweit ich das einschätzen kann!“, lachte Frido, während er aus seinen Schuhen schlüpfte und die Tasche abstellte und dann zu Dominik ging, um ihm einen Kuss auf die frisch gewaschenen Haare zu geben. Ziemlich erschöpft wirkte der, als er den Kopf zu Frido hob und seine Mundwinkel versuchte zu überreden, dass sie sich mal ein bisschen heben sollten. Sie taten ihr bestes, auch, wenn sie nicht unbedingt überzeugen konnten. Aber Frido brachte das trotzdem zum Schmunzeln.

„War ein langer Tag, was?“, strich er Dominik über die Wange, wohingegen der nur leicht die Schultern zuckte.

„Im Kühlschrank steht noch was vom Mittagessen, wenn du Hunger hast… Nudeln mit Tomatensoße“, murmelte er und ließ sich noch einen Kuss auf die Lippen geben, ehe Frido von dieser Aussicht aus dem Zimmer gelockt wurde.

„Kommt wie gerufen! Eigentlich wollte ich mir in meiner unfreiwilligen Extrapause ja noch was geholt haben, aber da haben mich dann noch ein paar Studenten aufm Flur abgefangen und schon musste ich weiter zur Vorlesung!“, rief er beim Weg durch den Flur und in die Küche, um sich dann schon mal in Vorfreude den Bauch zu reiben, als er die Schüssel mit Essen in die Mikrowelle bugsierte. Nach diesem langen Arbeitstag hatte er sich nicht nur eine gute Mahlzeit, sondern auch bequemere Kleidung verdient! Also verschwand er noch kurz ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen, während die Mikrowelle mit ihrer Arbeit beschäftigt war.

„Seid ihr denn planmäßig mit allem durchgekommen?“, ging er dann zurück ins Wohnzimmer und setzte sich zu Dominik, der noch immer im Schneidersitz da hockte.

„Ja, beim Anschluss passte zwar erst was nicht, aber hat dann doch noch alles geklappt…“, nickte er mit Blick auf die Nachfrage, aber als Frido ihm was vom Essen anbot, schüttelte er den Kopf.

„War bestimmt nicht das erste Mal, dass Sebastian sich da einen Plan B überlegen musste. Ich kann mir vorstellen, dass das öfter vorkommt“, grinste Frido und ließ sich die Nudeln schmecken, während er mit vollem Mund erklärte, dass er Dominiks Bruder gern noch angetroffen hätte.

„Ich hoff mal, das nimmt er mir nicht krumm, dass ich mich nicht hab blicken lassen“, hielt er sich die Hand vor den Mund, um unterwegs nicht die Hälfte seiner Mahlzeit wieder auszuspucken, aber Dominik konnte seine Sorge schnell beiseite wischen.

„Kein Problem, er war gar nicht da…“, zog er die Knie an und legte den Kopf auf ihnen ab, um ihn dann langsam zu Frido zu drehen und dessen irritierten Gesichtsausdruck zu betrachten.

„Wie, der war nicht da?“, murmelte er und hob die Augenbraue.

„Ich wollte grad erst fragen, ob du das dann allein gemacht hast, aber du hattest ja nicht mal die Materialien und Werkzeuge hier… Wer ist denn dann gekommen? Heiner etwa?“, schmunzelte er erst, um sich dann fast an seinen Nudeln zu verschlucken, als er die Wahrheit erfuhr.

„Nö… Paps“, lautete die knappe und doch vielsagende Antwort, bei der Dominik die Arme um seine Schienbeine legte und den Blick wieder gedankenverloren von Frido abwendete. Der ließ seine Gabel sinken und starrte Dominik erst einmal an, um dabei zu erkennen, dass er wohl offensichtlich nicht nur von der harten und ungewohnten Arbeit so erschöpft und ausgelaugt aussah.

„Dein Vater war hier?“, wiederholte er dennoch ungläubig und stellte die Schüssel mit dem restlichen Essen auf den Tisch, als ihm bei Dominiks Nicken schlagartig der restliche Appetit abhanden kam.

„Ihr… ihr habt den ganzen Tag da oben aufeinander gehockt und die Heizung eingebaut?“, wollte er trotzdem noch immer nicht recht wahrhaben, welche Konsequenzen Dominiks Offenbarung mit sich brachten und schluckte hart gegen die Übelkeit auf, die sich schlagartig meldete, als sein Freund noch einmal nickte. Umso überraschter war er da, als ausgerechnet Dominik sagte, dass die Zusammenarbeit gar nicht mal so schlecht gelaufen war.

„Natürlich hat er zwischendurch auch mal was zu mosern gehabt, aber das war dann nicht, weil ich mich blöd angestellt hab, sondern als die Technik nicht gleich so wollte wie er…“, ließ Dominik ihn wissen, was ja schon für Verwunderung bei Frido sorgte, aber erst recht stand ihm der Unglaube ins Gesicht geschrieben, als Dominik dann auch noch weitersprach.

„Er hat mich sogar gelobt…“, murmelte er und schaute Frido wieder an, um tatsächlich den Hauch eines Lächelns zu bekommen, als er dessen verdatterten Gesichtsausdruck sah – der nicht mehr getoppt werden konnte, als Dominik dann auch noch verriet, dass es nicht für sein handwerkliches Geschick, sondern für seine Kunst gewesen war.

„Er… er hat deine Bilder gelobt?“, fiel Frido fast vom Glauben ab und ließ sich kurz gegen die Rückenlehne sinken, während er sich sammelte.

„Es geschehen noch Zeichen und Wunder…“, malte sich dann ein schiefes Grinsen auf seinem Gesicht ab, das immer mehr zu einem ehrlichen Lächeln wurde, als er Dominik wieder anschaute und ihm leicht über den Rücken strich.

„Aber das ist doch dann endlich mal was Positives…“, empfand er einerseits Freude für seinen Freund und hatte andererseits trotz dieser guten Nachricht das Gefühl, dass der eine Aufmunterung brauchte. Und dieser Eindruck wurde auch nicht kleiner, als Dominik zwar nickte, aber trotzdem auch etwas Gequältes im Blick hatte. Wieder schaute er nachdenklich vor sich und spielte mit seinen Fingern, die bei genauem Hinsehen etwas zitterten.

„Das… war alles bestimmt ziemlich aufwühlend für dich, oder?“, war Frido in diesem Moment nicht ganz sicher, ob Dominik nur die geballte Ladung Hinrich Preuss verarbeiten musste oder ob nicht doch noch mehr hinter seinem gedankenvollen Verhalten steckte. Also tastete er sich erst einmal vorsichtig heran und als der Lockenkopf ihn jetzt anschaute, trat plötzlich etwas Ertapptes in dessen Blick, das Frido bereits ahnen ließ, dass noch mehr passiert war.

„Frido, ich hab… wieder Scheiße gebaut…“, waren Dominiks Worte da nur Bestätigung und Einleitung dazu, dass noch mehr kommen sollte und auch, wenn der Lockenkopf es offensichtlich anders sah, konnte sein Freund sich nicht vorstellen, dass er wirklich eine Dummheit angestellt hatte. Besonders keine, die es unter den genannten Umständen nicht ganz leicht zu verzeihen gab. Also brauchte es Frido auch nicht die geringste Anstrengung, näher an ihn heran zu rutschen, den Arm um ihn zu legen und ihn mit sanfter Stimme zu fragen, was passiert sei – auch, wenn er das Gefühl bekam, dass gerade diese liebevolle Art es seinem Freund noch schwerer machte, mit der Sprache rauszurücken. Er wendete den Blick nämlich wieder ab und presste die Lippen aufeinander, während er sich fahrig die Hand ins Haar schob und einige Sekunden brauchte, um mit seiner Beichte fortzufahren.

„Paps war mal wieder Paps und ich hab dann was zu ihm gesagt, über das ich nicht lang genug nachgedacht hab… Das war zwar eigentlich gut von mir gemeint, aber im Nachgang hab ich gemerkt, dass ich ihm damit vielleicht erst recht wieder was geliefert hab, um über dich vom Leder zu ziehen oder um dir das bei nächster Gelegenheit um die Ohren zu hauen…“, begann er langsam und schüttelte den Kopf, während Frido ihn fragend anschaute. Dominik setzte sich zurück in den Schneidersitz und wendete sich Frido mehr zu, auch wenn es ihm schwer fiel, ihn anzuschauen.

„Es gibt da ne Sache, die ich dir nicht erzählt hab, weil sie mir ziemlich peinlich ist und weil ich ja weiß, dass du dir damals eh schon so viele Gedanken um mich gemacht hast und dir nicht noch mehr Sorgen bereiten wollte…“, murmelte er, um dann zögerlich und stockend mit dem heraus zu kommen, was er Stunden zuvor seinem Vater bereits gesagt hatte. Und dabei spürte Dominik auch, wie viel schwerer es ihm fiel, dieses Geheimnis vor Frido preis zu geben und nicht vor dem alten Preuss, dessen Reaktion er ja theoretisch in etwa hatte erahnen können. Dessen Enttäuschung kannte er ja schon zur Genüge, aber Fridos wollte er nicht erleben…

„Hoffentlich dreht er sich das jetzt nicht wieder irgendwie so zurecht, wie es ihm in den Kram passt, um gegen dich zu wettern. Ich hätte einfach die Klappe halten sollen…“, schloss er seine Erzählung darum und ließ den Kopf hängen, weil er sich so dafür genierte, was er Frido gerade gesagt hatte. Doch auch wenn der ehrlicherweise einen Moment brauchte, um das Gehörte sacken zulassen, fasste er dann Dominiks Hand und bat ihn, ihn anzuschauen.

„Also um eins mal klarzustellen: Selbst wenn du das wirklich gemacht hättest, wäre das nichts gewesen, wofür du dich schämen müsstest. Ich… zugegeben, das ist vielleicht nicht unbedingt der Traumjob, den ich mir für meinen Partner wünschen würde, aber trotzdem ist es letztlich einfach nur eine Art, sein Geld zu verdienen. Das heißt ja auch nicht umsonst ältestes Gewerbe der Welt. Da sieht man ja, dass schon immer eine gewisse Nachfrage danach herrschte und ich finds eher albern, wenn irgendwelche Moralapostel sich darüber aufregen wollen. Es ist dein Körper und wenn du dich damit wohl gefühlt hättest und auf entsprechende Sicherheit geachtet hättest, wäre doch alles in Ordnung gewesen“, legte er Dominik die Hand an die Wange und strich ihm durchs Haar, um dann wieder seine Wange zu liebkosen. Doch der Jüngere schmunzelte.

„Sehr diplomatisch, Herr Dozent…“, räusperte er sich und legte zögerlich die Hand auf Fridos Oberschenkel, während er offensichtlich noch immer an seiner Erzählung zu knabbern hatte. Frido aber schüttelte den Kopf.

„Nein, ich mein das ernst. Du wärst deswegen nicht weniger für mich wert gewesen. Erschreckend find ich nur, dass du… aus Verzweiflung fast diesen Schritt gegangen wärst. Niemand sollte an den Punkt kommen, an dem er das als letzten Ausweg für sich sieht, sondern es nur aus freien Stücken tun“, seufzte er aus und zog Dominik an sich, als er plötzlich das tiefe Bedürfnis spürte, ihn so nah wie möglich bei sich zu spüren. Er wollte gar nicht dran denken, wie knapp Dominik wohl an der Umsetzung dieses Plans vorbeigeschlittert war, wobei es auch ein seltsames Gefühl war zu hören, dass ausgerechnet er, Frido, ihn davon abgehalten hatte. Und das nicht einmal wissentlich.

„Wenn ich das so höre… war wohl doch ganz gut, dass ich dir mit meiner penetranten Unterstützung so auf den Sack gegangen bin, hm?..“, war darum auch die Schlussfolgerung, die er nach außen daraus zog und die Dominik ein wenig zum schmunzeln brachte.

„Schade. Ich dachte, du hättest jetzt gesagt, dass du mein bester Kunde gewesen wärst“, scherzte er, um die trübe Stimmung wieder etwas aufzulockern und murmelte doch ein leises „Sorry..“, als Frido ihn erst mal etwas irritiert anschaute. Doch dann schüttelte der Dozent den Kopf.

„Nee, ich glaub, da ist tatsächlich was dran…“, meinte er und dieses Mal war Dominik es, der verwundert die Augenbrauen hob und sofort wieder ein Kopfschütteln kassierte, als Frido das Resümee erkannte, das Dominik daraus ableitete.

„Quatsch! So mein ich das nicht! Wenn ich so was bei dir mitbekommen hätte, hätte ich dir einfach das Doppelte von deinem üblichen Preis geboten, damit du stattdessen die Abende bei mir verbringst und ich dich… unauffällig satt füttern kann, während ich mir irgendwas aus den Finger ziehe, bei dem ich unbedingt deine Hilfe brauche. Unterrichtsvorbereitung oder weiß der Geier… Irgendwas wär mir da schon eingefallen, um deinen Hintern von irgendwelchen wollüstigen Typen fern zu halten, bis du wieder genug angespart gehabt hättest, um das nicht mehr machen zu müssen! Wobei mir unsere jetzige Lösung dann doch besser gefällt...“, murrte er und errötete etwas, als Dominik auflachte und ihm ein etwas eigenartiges Kompliment machte.

„Das klingt schon eher nach dem Frido den ich kenne“, tippte er ihm auf die Nase und hielt an seinem Grinsen fest, obwohl Frido ihm ansehen konnte, dass ihm das gerade gar nicht so leicht fiel. Da überraschte es ihn auch nicht, dass Dominiks folgende Worte ernsthafter klangen, als sie vermutlich gemeint waren.

„War ja zum Glück nicht nötig… Du hast mich auch so wieder ganz gut aufgepäppelt gekriegt“, rutschte er dann nämlich bei Frido auf den Schoß, um sich noch etwas mehr an ihn zu schmiegen und der Ältere nickte leicht.

„Stimmt. Und wenn du das nächste Mal einen Schokoladentoast von mir möchtest, sag es einfach. Da brauchst du dir dann auch nicht vorher extra die Hand kaputt hauen“, sagte er dann lapidar und schmunzelte, als der makabere Witz seinem Freund wieder ein Lachen entlockte.

„Das war jetzt fies!“, meinte Dominik und legte doch die Arme um Fridos Nacken und das Gesicht an seine Schulter, während der ihn weiter fest bei sich hielt. Sein wertvolles kleines Bündel, das manchmal noch immer nicht erkannte, wie viel es ihm bedeutete…

„Du kannst mit mir über alles reden und es gibt nichts, für das du dich vor mir schämen musst. Und was dein Vater über mich denkt, geht mir am Arsch vorbei. Also mach dir meinetwegen mal keine Sorgen, dass ich da irgendwie ein Problem mit hätte, was du ihm das erzählt hast“, strich er Dominik übers Haar und lächelte, als der leicht nickte, ehe er sich wieder an ihn schmiegte und erleichtert ausseufzte. Und in gewisser Weise hatte das Ganze ja sogar wirklich einen positiven Effekt gehabt.

„Freu dich einfach drüber, dass er dadurch ja scheinbar wirklich ein bisschen ans Überlegen gekommen ist und dir endlich auch mal so was wie ein Kompliment machen konnte“, murmelte Frido und spürte, wie sein Freund wieder nickte, ehe sein leises Stimmchen ein „Danke“ flüsterte und er es nach Abfallen dieser Last endlich schaffte, die Müdigkeit dieses anstrengenden Tages zuzulassen. Frido spürte, wie die Atemzüge seines Freundes langsam immer tiefer wurden, sein Körper schwerer und er noch ein wenig mehr in seine Arme sank. Er selbst fühlte hingegen seine Erleichterung darüber, ihn jetzt so halten zu können, während ihn diese Unterhaltung an die Zeit vor Beginn ihrer Beziehung erinnerte. Er ließ das Gehörte sacken, war froh über Wege, die sich nicht ergeben hatten und dankbar für die Richtung, in die sie sich stattdessen bewegten. Dabei sortierte er auch ein wenig seine Gefühle – die negativen wie die positiven und genauso die, die Dominik längst kannte und die, die er sich noch nicht traute, ihm offen zu verraten.

7.11.2024: florieren

Nein, eigentlich wäre es nun wirklich kein Grund zum Schmunzeln gewesen. Immerhin handelte es sich um ein ernstes Thema, das sein Freund ihm da gerade nahebrachte und auch dessen Aufgewühltheit war alles andere als zur allgemeinen Belustigung gedacht. Und doch konnte Ernest nicht anders, als dezent darüber zu grienen, mit welcher Frage ausgerechnet ein Frido Klimlau in diesen Gesprächsfaden gestartet war.

„Du möchtest Dominiks Vater also gern mal eine reinhauen?“, nippte er an seinem Weinglas, während sein Freund in unwillig ansah.

„Ich hab nicht gesagt, dass ich das möchte. Ich hab nur gefragt, ob das wohl sehr verwerflich wäre, wenns mir versehentlich beim nächsten Aufeinandertreffen passieren würde!“, murrte er und schob seine Schachfigur weiter, ehe er wenig galant zum Häppchenteller neben sich griff und das Dasein eines unschuldigen Stücks Käse beendete.

„Mal ehrlich, wir reden hier nicht von einer bettelarmen Familie, die nicht die finanziellen Mittel gehabt hätte, um ihren Sohn zu unterstützen! Ich weiß ja inzwischen, dass die durchaus ein florierendes Geschäft führen und trotzdem hat das eigene Kind Angst, um Hilfe zu bitten! Stell dir das mal vor! Es geht gerade ja nicht um die Studierenden, die sich freiwillig als Escort was dazu verdienen und das machen, weil ihnen das Ganze sogar Spaß macht. Und die sich ihre Klientel genau aussuchen und die nebenher einen guten Stundensatz für diese Arbeit rauskriegen! Dominiks Vater hat ihn einerseits so… so kaputt gemacht, dass er sich jahrelang nicht getraut hat, überhaupt wieder jemanden an sich ran zu lassen. Und andererseits hat der ihn aber auch so mit seiner Ablehnung in eine Ecke getrieben, dass er in seiner Verzweiflung das letzte bisschen Würde über Bord geschmissen hätte, um an ein bisschen Geld zu kommen. Als er mir das erzählt hat, konnte ich ihm ansehen, wie wenig Selbstwertgefühl er damals hatte! Lass dir das mal auf der Zunge zergehen: Es wäre ihm lieber gewesen, irgendwelchen Kerlen seinen Körper wie ein Stück Dreck vor die Füße zu werfen, statt Gefahr zu laufen, dass er beim Containern erwischt wird! Weil seine Familie das ja vielleicht verstimmt hätte!“, starrte Frido seinen Freund an und schüttelte ungläubig den Kopf, um dann verbittert aufzulachen.

„Ernest, dass er nicht gerade das größte Selbstvertrauen hat, wusste ich ja, aber damals… wäre er ernsthaft froh darüber gewesen, wenn sich überhaupt irgendeiner dazu durchgerungen hätte, ihn anzufassen und ihm dafür ein paar müde Scheine zu geben. Durchringen – das Wort ist tatsächlich gefallen!“, schüttelte er wieder den Kopf, um Ernest dann böse anzufunkeln, als der sich einen kleinen Seitenhieb natürlich nicht verkneifen konnte.

„Und das, während sein Dozent Schwänchen wedelnd hinter ihm stand und nur darauf wartete, dass er endlich von der Leine gelassen wurde…“, schmunzelte er und hob beschwichtigend die Hand, ehe er zugab, dass dieser Kommentar vielleicht ein wenig unpassend gewesen sei.

„Ja, allerdings!“, knurrte Frido und fegte zur Strafe Ernests Bauern vom Feld, kaum, dass er eine neue Position gefunden hatte. Ernest hingegen zeigte sich davon nur wenig beeindruckt.

„Mein lieber Friedrich, auch wenn ich deine Entrüstung ein Stück weit nachvollziehen kann und trotz meiner kleinen Frotzelei ehrlich froh darüber bin, dass es bei euch beiden dann doch anders gekommen ist: Warum regst du dich so sehr auf? Es ist ja glücklicherweise nicht so gelaufen, wie Dominik es befürchtet hatte. Konzentrier dich doch lieber auf seine und eure positive Entwicklung. Ihr habt euch, ihr seid zwei Chaoten vorm Herrn und wenn ich es mal so formulieren darf: Ihr passt wirklich wie Arsch auf Eimer“, zog er seine nächste Figur, die dieses Mal etwas länger überlebte, während Frido offensichtlich hin- und hergerissen war, was er von Ernests Ausspruch halten sollte. Ja, Recht hatte er, aber trotzdem…

„Der Kerl wird immerhin mal mein Schwiegervater!“, murrte er und schnappte sich das nächste Käsehäppchen, um dann deutlich kleinlauter zu werden, als sich dieser lauernde Ausdruck auf Ernests Gesicht legte.

„Hab ich da irgendwas nicht mitbekommen?“, hob er die Augenbraue und schob die Finger ineinander, während er Frido über seine Brillengläser hinweg musterte. Der räusperte sich und rutschte etwas unbehaglich auf dem Stuhl herum.

„Halt bloß die Klappe! Vor allem vor Dominik oder falls du Juli mal über den Weg laufen solltest!“, mahnte er und rieb sich den Nacken, während Ernest das Kinn reckte und die Daumen aneinander tippte.

„Friedrich…“, begann er, aber sein Freund schüttelte sofort den Kopf.

„Nein! So überstürzt geh ich das nun wirklich nicht an! Wir sind zusammengezogen und damit ist erst mal gut!“, rief er aus und doch forderte Ernersts Blick ihn auf, mit dem Aber herauszurücken, das sich da noch verbarg. Und das machte Frido verlegener, als der Arzt gedacht hätte.

„Wehe, du lachst mich aus!“, griff der Dozent sich eine der ausgeschiedenen Spielfiguren und drehte sie zwischen seinen Fingern, während er merkte, wie ihm immer wärmer wurde, als er es zum ersten Mal laut aussprach.

„Als wir Ostern bei meinen Eltern waren, gab es diesen einen Moment, in dem ich ihn angeschaut hab und wusste: Den werd ich heiraten. Nicht heute und nicht morgen, aber irgendwann führ ich ihn zum Standesamt“, schluckte er und konnte plötzlich nicht mehr aufhören zu lächeln, als er daran dachte, wie dieser Tag wohl sein würde, an dem aus einem vagen Traum die Realität wurde. Doch natürlich ließ Ernest ihn nicht Gefahr laufen, zu sehr in diese Fantasie abzudriften.

„Ob er will oder nicht“, erklärte er trocken und zuckte kokett mit der Augenbraue, während er zu seinem Weinglas griff und sein Schmunzeln damit kaschierte, dass er einen kleinen Schluck nahm.

„Ich frag ihn natürlich vorher, ob er will!“, murrte Frido und tappte Ernest damit sogleich gutmütig in die Falle.

„Aha, und wenn er nicht will, ziehst du ihm eins über. Gibs zu: Deswegen willst du auch schon mal einen Testlauf bei seinem Vater starten, damit der passende Griff dann sitzt, oder?“, hatte er wieder eine diebische Freude daran, seinen Freund aufzuziehen und nahm es mit einem Schmunzeln zur Kenntnis, als er zum Dank als „Blöder Idiot“ bezeichnet wurde.

„Wieso red ich mit dir überhaupt über so was?“, verschränkte Frido die Arme auf dem Tisch und schenkte Ernest einen recht skeptischen Blick, als der plötzlich versöhnlichere Töne anschlug.

„Weil du weißt, dass ich mich im Grunde meines pechschwarzen Herzens für euch beide freue und ein hervorragender Trauzeuge sein werde. Ein so guter, der notfalls deinem störrischen Schwiegervater was ins Essen mischt, damit die Feierlichkeiten ohne Störfälle von statten gehen“, erklärte er gönnerhaft und hatte für Fridos Geschmack ein bisschen zu viel Freude an dieser Vorstellung.

„Aber mir einen erzählen, wenn ich ihm eine verpassen will, ja?“, grinste er schief, während Ernest die Beine überschlug und mit dem oberen Fuß wippte.

„Du weißt, dass ich Hochzeiten stink langweilig finde – da darf ich mir doch wenigstens eine kleine Erheiterung suchen!“, zuckten seine Schultern in einem Anflug von Euphorie empor und brachten Frido damit tatsächlich zum lachen – wenn auch zu einem etwas verzweifelten.

„Wir haben beide einen an der Klatsche, oder?“, schüttelte er den Kopf und lehnte sich auf den Stuhl zurück, während Ernest anfing zu schmunzeln.

„Schließ nicht immer von dir auf andere!“, gab er zu bedenken, um dann aber doch auch etwas ernster zu werden.

„Nun versteh ich das Ganze auch besser…“, erklärte er, um bei Fridos fragendem Blick seine Worte weiter auszuführen.

„Dein kleiner Trotzkopf ist dir ganz schön ans Herz gewachsen und kaum wird dir bewusst, wie sehr, kommt kurz drauf wieder die Erkenntnis, durch was für Ungerechtigkeiten er schon durch musste. Das ist nicht fair und es kann einen wütend machen, aber es ist leider manchmal das Leben. Also ja, ich kann nachvollziehen, dass sein Vater nicht gerade hoch in deiner Gunst steht, aber machs euch allen nicht noch schwerer, indem du deine Wut über sein Verhalten auch noch mit in den Ring wirfst. Die Situation ist so schon emotional genug“, trat etwas väterliches in seine Worte, das Frido zum Nicken brachte.

„Du kennst mich, ich bin kein Schläger… Ich wollte es mir nur mal so richtig von der Seele reden und das konnte ich gegenüber Dominik schlecht tun. Der ist zwar ziemlich verunsichert, weil sein alter Herr plötzlich so was wie Freundlichkeit für ihn entdeckt hat, aber ich merk auch, dass ihm das echt viel bedeutet. Und das will ich ihm nicht kaputt machen…“, seufzte er, was wiederum Ernest ein Nicken entlockte.

„Du traust dem Frieden nicht unbedingt… Würd ich an deiner Stelle auch wohl auch nicht“, tauschte er mit Frido die nächsten Züge aus und gönnte sich selbst auch ein Stückchen Käse, während sein Freund überlegte, welche Figur er als nächste bewegen wollte.

„Ich wünschte, ich könnte verhindern, dass nach diesem kleinen Hoch vielleicht wieder der totale Tiefschlag kommt, wenn der Alte beim nächsten Mal doch wieder meint, ihm irgendwas an den Kopf knallen zu müssen…“, murmelte er und tat seinen Zug, wobei Ernest die Schultern zuckte.

„Tja, das kannst du aber leider nicht abwenden. Wenn es wirklich so kommt, kannst du ihm nur deine Schulter anbieten und für ihn da sein“, gab er zu bedenken, was Frido wohl oder übel bestätigen musste.

„Stimmt schon… und stolz drauf sein, dass Dominik sich da bisher immer wieder so aufgerappelt hat. Wenn ich mir vorstelle mit meinen Eltern wär das ständig so abgelaufen…“, verschränkte er wieder Arme, wenn auch dieses Mal vor der Brust und seufzte aus, während Ernest aufstand und an ihm vorbeiging.

„Stells dir lieber nicht vor“, tätschelte er ihm dabei die Schulter und steuerte die Küche an, um dann verwundert zur Tür zu schauen, als es plötzlich klingelte.

„Hast du Essen bestellt?“, drehte Frido sich zu ihm und schaute ihm fragend nach, als Ernest den Kopf schüttelte und dem Überraschungsgast entgegen ging.

„Oh“, entfleuchte es ihm dabei beim Blick durch den Türspion und mit einer Mischung aus Irritation und einem Hauch Abwertung für das etwas unpassend gewählte Outfit seines Gegenübers öffnete er die Tür.

„Hi Ernest!“, stand Dominik in eine dezente Nuance von Staub und Estrichresten der letzten Tage gehüllt vor ihm, während seine Wangen vielleicht nicht nur rot vom Rennen waren.

„Dominik?“, erkannte natürlich auch Frido sofort die Stimme seines Freundes und stand auf, aber während er für das plötzliche Erscheinen im ersten Moment ein ungutes Gefühl verspürte, verriet schon Dominiks Strahlen, dass er scheinbar mit guten Neuigkeiten gekommen war.

„Sorry, dass ich so reinplatze!“, keuchte er und nickte Ernest zu, als der ihn nicht nur in die Wohnung ließ, sondern auch fragte, ob er etwas trinken wolle. Frido war hingegen noch immer etwas unsicher, was ihn erwartete.

„Was ist denn los? Du bist ja ganz aufgedreht“, ging er Dominik entgegen und legte seine Hände an dessen Oberarme, während er noch immer nach Luft schnappte.

„Ich… Danke..“, nahm er das Glas von Ernest entgegen und trank ein paar hastige Schlucke, um dabei auch den Kopf zu schütteln, als Frido ihn fragte, ob er sich nicht setzen wolle.

„Ne, ich bin noch nicht mitm Abschleifen fertig, aber ich wollte dir unbedingt die gute Nachricht schon mal sagen!“, erklärte er, um dann tief durchzuatmen und mit der Sprache rauszurücken.

„Mir ist vorhin eingefallen, dass ich mit Paps nicht mehr drüber gesprochen hatte, dass dein Name auf die Rechnung soll, damit du die von der Steuer absetzen kannst. Also hab ich ihn angerufen und… und…“, schüttelte er ungläubig den Kopf und strahlte Frido dabei doch noch immer an. Der blieb geduldig, während Ernest die Augen verdrehte und Dominik ein herzliches kleines „Nu machs nicht so spannend!“ zu murrte.

„Er schenkt uns die Heizung!“, platzte es mit diesem kleinen Anstubser dann endlich vollends aus ihm raus und bescherte ihn dafür etwas irritierte Blicke. Während Ernest sich in Schweigen und eine erhobene Augenbraue hüllte, tat Frido seine Verwunderung mit einem „Was?“ kund. Dominik aber lächelte ihn noch immer an und nickte eifrig.

„Ja, kein Scheiß! Gab zwar eins auf den Deckel, als ich nachgefragt hab, ob er das ernst meint, aber er hat tatsächlich gesagt, dass ich das quasi als Ausgleich dafür sehen soll, dass ich die letzten Jahre keine Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke mehr bekommen hab… D..dabei war ich ja derjenige, der den Kontakt abgebrochen hatte!“, hob er ungläubig die Hände und ließ sie wieder sinken, um dann aufzulachen.

„Ich glaub, das letzte Mal wurd ich so mit nem Geschenk überrumeplt, als meine Vermieterin die Kopfhörer beim Kreuzworträtsel gewonnen hat und nichts damit anfangen konnte!“, schaute er von einem zum anderen und nickte, als Frido leise murmelte: „Ach da hast du die her…“.

„Ja, sie wollte eigentlich den Schnellkochtopf gewinnen und dann sinds halt die Kopfhörer geworden“, erklärte er schnell, um dann eine wegwerfende Handbewegung zu machen und den Kopf zu schütteln, weil er abdriftete.

„Ach, ist jetzt auch grad egal!… Sind das nicht tollte Neuigkeiten?“, schien seine Euphorie kein Ende zu finden, während Frido noch immer etwas skeptisch war, ob er sich wirklich freuen durfte.

„Auf jeden Fall.. aber… gibts da auch wirklich keinen Haken?“, wollte er Dominik weder die Freude nehmen noch, dass für ihn doch wieder das böse Erwachen kam. Das aber würde wohl eher ihn selbst betreffen, wenn die Bedingung einträfe, die Hinrich Preuss natürlich doch in sein großzügiges Geschenk hatte einfließen.

„Na ja…“, wurde aus Dominiks Strahlen nun doch ein schiefes Grinsen, das aber wohl eher daher rührte, dass ihm die folgende Info etwas unangenehm war.

„Er meinte, wenn er rausfindet, dass du mich nur vorgeschickt hast, um dir seine gute Arbeit zu ergaunern, kriegst du doch noch ne dicke Rechnung von ihm“, gab er zu und drückte Frido schnell einen Kuss auf die Wange, als der unter Ernests kurzem, aber ausbrechendem Lachen die Augen rollte und ausseufzte.

„Ja, damit hab ich schon eher gerechnet…“, murrte der Dozent, während der Arzt schnell wieder so tat, als wäre dieser Laut nicht seiner Kehle entsprungen. Frido schüttelte den Kopf, aber irgendwie konnte er dann auch nicht anders, als sich von Dominiks Freude mitreißen zu lassen.

„Sag ihm Danke von mir“, war dieses Lächeln doch zu ansteckend, auch, wenn Ernest ein wenig das Gesicht verzog, als der Lockenkopf seinem Freund in einem Überschwall der Gefühle noch um den Hals fiel und ein bisschen Estrichstaub auf dessen Kleidung verteilte.

„Ich muss noch ein bisschen was schleifen und wills mir mit den Nachbarn nicht verscherzen“, löste er sich dann aber fast genauso schnell wieder mit einem Abschiedsküsschen und einem energischem „Neein! Du hast deinen Abend mit Ernest!“, als Frido noch einmal den Vorschlag einfließen lassen wollte, dass die Arbeit zu zweit vielleicht schneller von der Hand ginge.

„Wir sehen uns nachher!“, gab es darum nur noch ein weiteres kleines Abschiedsküsschen für seinen Freund und ein „Ciao, Ernest, schönen Abend noch!“ für den Arzt, ehe der dunkelgelockte Wirbelwind wieder aus der Wohnung stürmte und die beiden Älteren für einen Moment erstaunt zurück ließ.

„Weg ist er…“, seufzte Frido, während Ernest das geleerte Glas auf die Kücheninsel stellte und seitlich in eine der Schubladen griff. Sein Freund schob derweil die Hände in die Hosentaschen und schaute noch immer etwas nachdenklich zur Wohnungstür.

„Was soll ich davon halten?“, wendete er den Blick dann an Ernest, der wieder zu ihm hinübertrat und ihn musterte.

„Wäre ich sarkastisch, würde ich jetzt sagen, dass du deine Pläne für einen gezielten Kinnhaken bei Vater Preuss damit wohl über Bord werfen darfst“, schmunzelte er, was ihm von Frido ein trockenes „Ha.ha“ bescherte.

„Willst du jetzt putzen?“, warf er dann einen Blick auf den Handfeger, den Ernest plötzlich spazieren trug und ein kleines, aber feines Grinsen legte sich auf dessen Züge.

„Nur ein bisschen was abstauben“, verkündete er und nachdem Frido im ersten Moment noch irritiert war, begann im nächsten ein das Katz- und Mausspiel zwischen den beiden, als ihm klar wurde, dass damit Dominiks staubige Hinterlassenschaften auf ihm gemeint waren.

8.11.2024: Dilettant

„Hallo, zusammen“, trat er an diesem Vormittag vor seinen zweiten Kurs und sah sofort, dass seine Studenten vollzählig waren – oder zumindest fast. Ein Gesicht fehlte und Frido konnte sich das kleine Schmunzeln kaum verkneifen, als ihm auffiel, wer da gerade mit Abwesenheit glänzte. Wo der Vermisste wohl stecken mochte? Ihm kam da so eine Idee und wie der Zufall es so wollte, hatte er für mittags eh einen kleinen Abstecher nach hause geplant. Also achtete er darauf, dass ihn dieses Mal niemand abfing oder aufhielt und stand gute zwanzig Minuten nach Beginn seiner Pause an der Tür zum Dachboden. Und prompt: Da kniete der Verschwindibus vor einigen Laminatbrettern, setzte Markierungen für Zuschnitte und schnatterte und lachte, ohne zu bemerken, dass er längst aufgefallen war.

„Animierst du deinen Kumpel etwa zum schwänzen?“, verschränkte Frido die Arme vor der Brust und grinste, als ihn zwei Augenpaare erschrocken anschauten. Da waren die beiden Richtigen ja wieder zusammen.

„Hi, Herr Klimlau!“, grinste Niko sofort und trug die markierten Bretter zur Kappsäge, während Dominik sich deutlich schüchterner zeigte. Fast hatte sein verstohlenes Grinsen etwas Ertapptes an sich und Frido konnte bei diesem Chaosduo nicht anders, als sofort zu überlegen, ob das wohl nur daran lag, dass Dominiks ursprünglicher Plan offensichtlich nicht geklappt hatte.

„Also doch Fischgrätenmuster?“, schob Frido die Hände in die Hosentaschen und schlenderte zu den beiden Handwerkern rüber, während Dominik zu Niko aufschloss, um ihm die Zuschnitte abzunehmen und mit dem Verlegen weiterzumachen.

„Ja, ich find, das sieht halt besser aus…“, murmelte er, ohne seine Unzufriedenheit dabei so recht kaschieren zu können und kniete sich zu den bereits fertig platzierten Brettern. Ein bisschen tat er Frido ja schon leid, als der bemerkte, wie geknickt sein Lockenkopf mit einem verstohlenen Blick zu dem Haufen verschnittener Bretter linste, der unweit von Dozent und Kommilitone lag. Wenn sie nur nicht im Vorfeld lang und breit darüber geredet hätten, ob es wirklich so eine gute Idee wäre, als absoluter Laminat-Neuling gleich alleine mit einem aufwändigeren Muster als der Standardverlegung starten zu wollen – und Dominik nach seiner vorherigen scheinbaren Einsicht, es sich nicht unnötig schwer zu machen, nun augenscheinlich doch wieder seinem Dickkopf gefolgt wäre...

„Reicht das restliche Laminat denn noch oder soll ich mal schnell in den Baumarkt und noch ein, zwei Pakete holen?“, richtete Frido daher das Wort lieber an Niko, um nicht noch mehr Salz in die Wunde zu streuen, aber das gelang auch ganz gut ohne sein Zutun.

„Nö, müsste reichen! Unser Dilettant hat sich dann doch noch früh genug bei mir gemeldet, damit ich ihm helfe!“, grinste der Blondschopf und erntete dafür einen beleidigten Blick, während Frido gegen sein Schmunzeln ankämpfte. Niko zeigte sich dabei allerdings deutlich weniger mitfühlend.

„Ey, ich hab dir sofort gesagt: Meld dich, wenn du mit dem Laminat anfängst und ich helf dir! Also schmoll jetzt nicht drüber, dass du den Anfang verkackt hast!“, zuckte er die Schultern und gab Dominik die nächsten Zuschnitte, um dann zufrieden zu nicken, als er sah, dass sein Kumpel mit dem Verlegen nun besser zurecht kam. Doch glücklich machte den das noch lange nicht, eher im Gegenteil.

„Ja, aber so blöd kann sich doch eigentlich keiner anstellen, dass er fast n ganzes Paket fürn Ofen schneidet und es dann immer noch nicht selbst hinkriegt!“, murrte er und stapfte zu den Vorräten rüber, um die nächsten Bretter zu organisieren, aber Niko sah das Ganze eher von der lockeren Seite.

„Du hast doch selbst gesagt, dass alles mit Holz nicht deins ist! Dafür brech ich mir einen ab, wenn ich was schweißen soll – ist halt so! Man kann nicht alles können!“, knuffte er Dominik in die Seite und grinste, als Frido bestätigend nickte.

„Ja…“, murrte Dominik und gab kleinlaut zu, dass Niko vielleicht recht hatte, um ihm dann offensichtlich nicht zum ersten Mal an diesem Tag für seine spontane Unterstützung zu danken. Der amüsierte sich nämlich und schüttelte den Kopf.

„Jetzt lass endlich stecken! Ich sag doch, dafür hast du mir letztens mit dem beschissenen Referat bei der ollen Bachmüller geholfen! Äh… ich meine: Der höchst anspruchsvolle Vortrag für die geschätzte Dozentin Bachmüller“, fiel ihm im letzten Zug wieder ein, dass sie ja nicht mehr allein waren und statt wenigstens ein schlechtes Gewissen vorzuheucheln, grinste er sofort wieder, als Frido nur mit einem „Ja, ja, hab ich jetzt nicht gehört“ reagierte.

„Habt ihr eigentlich schon was gegessen?“, lenkte er das Gespräch dann mal elegant auf ein anderes Thema und sofort leuchteten Nikos Augen.

„Nee, was zwischen die Kiemen wäre jetzt genau das Richtige!“, rief er aus und schien recht angetan von der Vorstellung, dass sein Dozent sich extra in die Küche stellen wollte, um ihm was zu kredenzen. Frido zögerte nämlich nicht eine Sekunde, Nudeln mit Spiegelei vorzuschlagen und war seinerseits begeistert, dass Dominik mal wieder vorgesorgt hatte.

„Wir könnten auch Bratkartoffeln essen, wenn ihr wollt. Ich hatte heute früh schon mal welche vorbereitet und in den Kühlschrank gestellt, als ich auf Niko gewartet hab. Müssten nur noch eben in die Pfanne“, verriet er und ein Blick reichte, damit Niko und Frido sich einig waren: Bratkartoffeln mit Spiegelei!

„Bin schon auf dem Weg!“, drehte Frido sich auf dem Absatz um und huschte zur Wohnungstür, während Niko auflachte und Dominik den Kopf schüttelte.

„Ihr seid manchmal ein verfressenes Pack…“, murmelte er und musste trotzdem schmunzeln, als Niko grinste.

„Du weißt, dass Bratkartoffeln mein Leibgericht sind!“, lief ihm schon beim Gedanken daran das Wasser im Mund zusammen, während Dominik den Eindruck bekam, dass sein Kumpel bei der Aussicht auf diese Belohnung jetzt sogar noch fleißiger wurde.

„Hatte ich ja den richtigen Riecher“, grinste er und zog dann eine mitfühlende Schnute, als Niko plötzlich ausseufzte.

„Ja! Und dreimal darfst du raten, was Tessa mir als erste gemeinsame Mahlzeit versprochen hat, wenn sie endlich aus Berlin zurück ist!“, ließ er erkennen, dass er sich gerade nicht nur nach dem Kartoffelgericht sehnte, weil es seine Leibspeise war. Und Dominik verstand seine Sehnsucht nur zu gut.

„Hey, die Hälfte vom Praktikum hat sie ja geschafft und die letzten paar Wochen gehen jetzt schneller um, als du gucken kannst!“, versuchte er seinen Kumpel aufzumuntern und lachte, als der zugab, dass die gemeinsame Handwerkerei gerade eine willkommene Ablenkung für ihn sei.

„Na, wenn du das mal sofort gesagt hättest, dann hätte ich nicht erst ein Paket verhunzen müssen,!“, grinste Dominik, während Niko einen Blick zur Tür warf und sich dann mit verschwörerischem Ton an seinen Kumpel richtete.

„Wo wir grad schon über unsere Liebchen reden: Unser Gespräch grad war übrigens noch nicht zu Ende!“, grinste er und knuffte Dominik in die Seite, als der sich unwissend stellte.

„Du weißt ganz genau, wovon ich rede! Wir hatten darüber gesprochen, dass ich dir erzähl, was meine Tessa so besonders für mich macht und du verrätst mir, wie der Klimlau dir das Herz stehlen konnte. Und jetzt sag mir bloß nicht wieder, dass es nur an seinem tollen Hinterteil gelegen hat! Davon will ich nach deinem Schnapsauftritt von neulich übrigens nie wieder was hören!“, forderte Niko, während Dominik allein beim Gedanken daran schon die Röte ins Gesicht stieg.

„Ich erwart auch nicht so einen Roman, wie du ihn grad von mir zu hören bekommen hast“, zwinkerte Niko daraufhin und lachte über Dominiks fast schon schüchternes Nicken. Es war das Eine, wenn er dazu stand, wie attraktiv er Fridos Aussehen, seinen Gang oder seine Stimme fand – aber auch noch offen über die Gefühle sprechen, die über die reine Anziehung für seinen Freund hinaus gingen? War das nicht einfach nur kitschig und peinlich? Da half es ihm auch wenig, dass Niko so frei weg von der Leber über Tessas viele tolle Eigenschaften hatte reden können. Bei dem war das irgendwie was anderes, fand er und trotzdem schuldete er ihm jetzt eine Antwort.

„Er ist… liebevoll und warmherzig. Und aufmerksam“, begann er also langsam mit seiner Aufzählung und sofort schmälerte sein Kumpel die Augen.

„Sag mal, wiederholst du grad einfach nur das, was ich vorhin gesagt hab?“, prangerte er an und Dominiks ertappter Blick verriet, dass er damit wohl nicht ganz falsch lag. Er hob aber auch beschwichtigend die Hand, als Niko dafür zu Protest ansetzten wollte und schüttelte leicht den Kopf.

„Bisschen vielleicht…“, gab er kleinlaut zu und seufzte, während er mit der Verpackung des Laminatpakets herumspielte.

„Obwohls auch stimmt… Frido ist wirklich so. Er kümmert sich ganz großartig um seine Familie und wird zum richtigen Beschützer, wenn es um seine Lieben geht. Ich find das auch immer süß, wie er mit seiner Nichte umgeht und seine Schwester unterstützt. Die beiden haben ein echt schönes Verhältnis und… und vielleicht beschreibts am besten, dass ich mich einfach geborgen bei ihm fühle“, kaute er auf der Unterlippe und schluckte, als ihm von der Beichte immer wärmer wurde. Niko aber grinste von einem Ohr zum anderen.

„War das jetzt so schwer?“, meinte er und lachte, als Dominik ihn mit einem „Ach, halt doch die Klappe!“ auf den Oberarm boxte und dann das nächste Paket Laminat holen ging. Er murrte irgendwas in seinen nicht vorhandenen Bart und als jetzt auch noch Frido zurückkehrte, glich sein Teint endgültig dem einer Tomate.

„Kommt essen!“, verkündete der Dozent erst zufrieden und runzelte dann die Stirn, als er schon wieder das Gefühl hatte, etwas unpassend zu kommen. Denn während sein einer Student wie ein Honigkuchenpferd aussah, wollte sein anderer Student ihn nicht einmal mehr anschauen und rauschte stattdessen schweigend an ihm vorbei. Oder versuchte es zumindest.

„Mooooment!“, fasste Frido ihn noch schnell genug am Arm und hielt ihn bei sich, um dann von einem zum anderen zu gucken.

„Was habt ihr zwei jetzt schon wieder ausgefressen?“, fragte er und beobachtete wachsam, wie Dominik immer mehr versuchte, sich hinter seinen wieder etwas längeren Haarspitzen zu verstecken, wohingegen Niko locker flockig zu ihnen herüberschlenderte.

„Nix, Herr Klimlau! Wir haben nur ein bisschen gequatscht!“, schmunzelte er, ohne Fridos Skepsis damit so recht verscheuchen zu können und lachte, als ein argwöhnisches „Aha. Und worüber, wenn ich fragen darf?“ darauf folgte.

„Dass Niko sich auf die Bratkartoffeln freut! Jetzt lasst uns endlich essen! Du musst doch gleich wieder zur Arbeit!“, grätschte Dominik fix dazwischen und entwand sich Fridos Griff, um ihn dann erschrocken anzugucken, als der schnell genug nachfasste, um stattdessen den Arm um seinen Bauch zu legen.

„Irgendwas verheimlicht ihr mir doch…“, murmelte der Ältere und ging im Kopf bereits die möglichen Dummheiten durch, in die die zwei sich womöglich wieder hineinmanövriert hatten. Fußbodenheizung mit dem Laminat ausgehebelt? Versehentlich ne Farbbombe in der Uni gezündet? Dem Langhaardackel von Frau Bachmüller einen Vokuhila verpasst? Die Palette an Möglichkeiten war schier unendlich lang und Dominiks ertappter Blick in Kombination mit dem Totschlagargument „Quatsch! Was sollen wir dir denn verheimlichen?!“ machte Fridos Argwohn da nicht gerade kleiner. Nur Niko fand die Situation herrlich amüsant.

„Wir haben nur darüber geplaudert, was wir an unseren Herzblättern besonders lieben!“, trottete er mit einem breiten Grinsen an den Beiden vorbei zur Tür, während Dominik die Augen rollte und Frido seinem Studenten kurz irritiert nachguckte.

„Ich hab gesagt, dass ich mich bei dir geborgen fühle! Jetzt zufrieden?!“, murrte Dominik mit hochrotem Kopf, um die Situation endlich zu beenden und da entfleuchte Frido der wohl schlimmste Satz, der ihm in den Sinn hätte kommen können.

„Das ist alles?“

Und damit war er unten durch… Natürlich bezogen sich seine Worte nur darauf, dass die beiden Querulanten ihrem Namen mal nicht alle Ehre gemacht hatten, aber für Dominik war das als Antwort auf sein Eingeständnis offensichtlich Majestätsbeleidigung. Da hatte er mit so viel Überwindung heraus gestottert, was er für diesen einfühlsamen und gefühlvollen Mann empfand und der wagte es, nun so lapidar darauf zu reagieren? Er schnaubte aus und wollte sich von Frido losmachen, während der erleichtert grinste.

„Ey, ich meinte, dass ihr mal nicht das Abrisskommando gespielt habt!“, legte er die freie Hand an Dominiks Wange und lächelte selbst dann noch, als der ihm einen eisigen Blick schenkte. Gnädiger wurde der erst, als Frido sich zu Dominik lehnte und seine Lippen an dessen Ohr legte, um ihm zuzuflüstern: „Ich weiß, wie schwer es dir fällt, das auszusprechen… Danke, dass du es trotzdem gemacht hast“.

Über die zurückkehrende Röte auf Dominiks Wangen behielt Frido dann natürlich Stillschweigen und grinste stattdessen, als Niko das ganze Treppenhaus wissen ließ, dass das Essen kalt wurde.

„Recht hat er. Komm, wir gehen auch runter“, schlug er also vor und versuchte Dominik mit sich zu ziehen, doch der zeigte sich noch bockiger als erwartet. Nicht einen Schritt tat er und hielt ihn sogar bei sich. Aber wie hätte er ihm sonst auch seinen Kuss aufdrücken sollen?

9.11.2024: Inkrafttreten

Eins musste man ihm lassen: Er hatte seinen eigenen Kopf. Aber manchmal trug der Eigensinn seines Freundes auch interessante Früchte, wie Frido wieder feststellen durfte, als er an diesem Abend nach hause kam. Dominik im neuen Atelier vorzufinden war ja keine Überraschung, weil es inzwischen soweit eingerichtet war, dass Staffelei und Farbe schon für ihren Einsatz bereit standen. Aber dass der Künstler den Pinsel nicht auf der Leinwand schwang, sondern offensichtlich die schmale Zimmerwand vor Kopf in Angriff nehmen wollte?

„So viel dazu, dass du in deiner Freistunde nur mal kurz die Bausätze abgeholt hast… Ich hab ja damit gerechnet, dass mich heute Abend schon ein fertig aufgebauter Schreibtisch oder Materialschrank erwartet, aber wie sind denn unterwegs noch Malutensilien im Auto gelandet?“, schlenderte Frido zu Dominik, nachdem er einen Moment in der Tür gestanden und dabei zugesehen hatte, wie sein Freund den Boden fertig mit Folie ausgelegt hatte und die Ecken jetzt noch mit Malertape versah.

„Jetzt, wo der Ausbau fertig ist, sieht man erst so richtig, dass hier einfach noch etwas Farbe fehlt, findest du nicht?“, grinste Dominik und Frido schnaubte belustigt aus.

„Macht man das nicht eigentlich vorm Bodenverlegen?“, stellte er sich neben seinen Freund und hob die Augenbraue, als der den Kopf leicht wiegte.

„Schon… aber ich musste ja erst mal warten, wie das Laminat final aussieht, um die Farbnuancen aufeinander abzustimmen“, gab er zu bedenken und verriet sich damit selbst, sodass Frido auflachte.

„Dann war das also von Anfang an geplant gewesen!“, knuffte er ihn in die Seite, aber Dominik schüttelte den Kopf, auch wenn er dabei an seinem Grinsen festhielt.

„Geplant nicht! Ich hab nur zwischendurch schon mal drüber nachgedacht!“, verteidigte er sich wenig überzeugend und Frido schüttelte den Kopf über ihn.

„Wird schon so sein…“, gab er ihm einen Kuss und drehte sich mit einem „Dann tob dich mal aus“ zum Gehen, aber Dominik hielt ihn mit einer überraschenden Frage auf.

„Willst du mir nicht vielleicht helfen?“, nickte er vielsagend zu den beiden Pinseln, die bereits parat lagen und Frido glaubte, sich verhört zu haben.

„Jetzt auf einmal? Du hast mich doch die ganze Zeit weg gescheucht?“, hob er die Augenbrauen, aber Dominik zuckte leicht die Schultern.

„Na ja, ich dachte, dann kannst du mir erzählen, wie dein Tag so war und was eure Konferenz heute so gebracht hat. Also, falls mir gegenüber schon was darüber raus tun darfst… und… ich würd auch gern eine Kleinigkeit mit dir besprechen“, lächelte er und auch, wenn Frido noch immer etwas irritiert war, stimmte er zu.

„Okay.. ich ess nur fix was und zieh mir nur eben was anderes an…“, schlug er vor und war überrascht, wie sehr Dominik sich darüber zu freuen schien. Er klebte in der Zwischenzeit die Ecken zu Ende ab und wartete dann sogar mit dem Aufrühren der Farbe, bis Frido wieder zu ihm stieß, um ihm diese Aufgabe zu überlassen.

„Ich hab gedacht, alle Wände zu streichen wird zu viel, aber diese eine wäre noch mal ein Hingucker“, erklärte er, während er Frido beim Rühren zusah und der nickte. Um das kräftige Grün über den gesamten Raum zu verteilen, wäre es ihm auch zu intensiv gewesen, aber als kleines Highlight konnte er sich gut vorstellen und musste zugeben, dass Dominik da wieder einen guten Blick fürs Detail zeigte. Auch, wenn die Reihenfolge der Arbeit wohl etwas eigensinnig ausfiel, würde sich dieser kleine Extraschritt am Ende vermutlich sehr auszahlen.

„Hast du eigentlich mal über ein Auslandssemester nachgedacht?“, fragte er dabei plötzlich, während seine Hand den Stock durch die Farbe führte und sein Freund lachte auf.

„Ich? Wie kommstn darauf?“, stellte er die Farbschalen neben den Eimer und schaute dabei zu, wie Frido sie befüllte.

„Ich hab heut erfahren, dass wir gerade dabei sind, noch eine weitere Partnerschaft mit einer Uni im Ausland aufzubauen. Im Endeffekt sinds wohl nur noch ein paar Formalien und sobald die Inkrafttreten und alles offiziell ist, unterstützen wir unsere Studenten dann auch bei Aufenthalten in England“, erzählte er von seiner nachmittäglichen Dienstbesprechung und Dominik konnte ihm die Freude darüber ansehen, mit wie vielen Ländern die Fakultät inzwischen verpartnert war.

„Die Auslandsaufenthalte empfind ich ja als eins der großen Highlights im Studium. Wenn man die Möglichkeit dazu hat, würd ichs jedem empfehlen, wenigstens ein Auslandssemester mitzunehmen und in fremde Kulturen und Unibetriebe rein zu gucken“, verfiel er fast schon ins Schwärmen, während sie die Farbschalen aufsammelten und Dominik die Pinsel griff, um einen von ihnen ganz selbstverständlich in Fridos Hand zu drücken.

„Also, ich glaub, mich würd das nicht unbedingt reizen. Vom Geld her wars ja eh so ne Sache, aber auch sonst hab mir da bisher keine ernsthaften Gedanken zu gemacht. Ich fühl mich hier inzwischen sehr wohl. Das ist meine neue Heimatstadt geworden und da ziehts mich eigentlich auch nicht weg. Außerdem… Du kennst mich, mir gehts beim Studium ja eher um meine künstlerischen Fertigkeiten und nicht darum, fremde Kulturen kennen zu lernen. Mal ganz zu schweigen davon, dass wir dann ein halbes Jahr getrennt wären“, fing Dominik nebenher an, die Farbe aufzutragen, während er sich laut seine Gedanken zu dem Thema machte und Frido auch ganz arglos fragte, ob der denn ebenfalls ein Auslandssemester gehabt habe. Erst, als der darauf nicht sofort antwortete, schaute Dominik ihn an und erkannte, wie er auf den Pinsel in seiner Hand starrte. War es seit damals etwa das erste Mal, dass er einen hielt?

„Hey, alles okay?“, fragte Dominik daher vorsichtig und Frido wirkte, als würde er davon regelrecht aus den Gedanken gerissen.

„Was? Äh… ja! Klar!… Was hattest du gerade gesagt?“, zuckte er zusammen und nickte dann, als Dominik seine Frage wiederholte, ob Frido selber auch Auslandserfahrungen gemacht habe.

„Ja… ich hab sogar ein ganzes Jahr draus gemacht. Erst war ich ein Semester in Frankreich und dann noch eins in Italien“, murmelte er, wobei er den Pinsel zögerlich in die Farbe eintauchte und es scheinbar nur mit viel Überwindung schaffte, ihn auch an die Wand zu bringen. Fast ungläubig schaute er dann auf den Strich, den er damit hinterließ und ließ den Pinsel wieder sinken.

„… Im ersten Studium hatte ich auch geplant, nach England zu gehen, aber dazu ist es dann nicht mehr gekommen“, erzählte Frido dann noch, obwohl Dominik nicht sicher war, ob die Worte sich wirklich an ihn richteten oder nur ausgesprochene Erinnerungen waren. Doch dann wendete Frido sich zu ihm, als wäre er gerade erwacht und müsste noch etwas Dringendes erledigen.

„Du hattest vorhin gesagt, dass du was mit mir besprechen willst. Worum gehts denn?“, entledigte er sich der Farbschale und des Pinsels, damit sie ihm beim Zuhören nicht störten, während Dominik sich nur schwerlich traute, jetzt noch mit seiner Überlegung rauszurücken.

„Ach… so wichtig ist das nicht… Komm, lass uns erst mal hier weiter machen“, lächelte er und versuchte Frido dezent dazu zu bringen, den Pinsel wieder zu greifen, ohne, dass der darauf einging. Stattdessen grinste er und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Na los, raus mit der Sprache! Was wolltest du mit mir bereden? Gefällt dir das Laminat jetzt doch nicht mehr?“, ließ er seinen Blick über den Boden wandern und sah, wie Dominik leicht den Kopf schüttelte, als Frido ihn wieder anschaute.

„Nein, ich… ich hatte überlegt, ein paar meiner Bilder zu verkaufen und ob… du mir vielleicht dabei helfen kannst…“, gab er kleinlaut zu und schluckte, weil er sich gerade so elend dabei fühlte, Frido ausgerechnet jetzt um diesen Gefallen zu bitten. Doch auch wenn dessen Augenbrauen im ersten Moment verwundert empor sprangen, lächelte er sofort und nickte ganz selbstverständlich.

„Da hab ich jetzt nicht mit gerechnet! Aber klar! Gern! Find ich gut, dass du dich das endlich traust!“, fasste er Dominik an den Oberarmen und gab ihm einen Kuss, um dann plötzlich von ihm weg zu eilen.

„Ich hab da direkt ein paar Leute von früher im Kopf! Die Nummern müsste ich unten noch irgendwo in meinen alten Unterlagen rumfliegen haben! Ansonsten… ansonsten weiß ich aber auch ein, zwei Freunde, die den Kontakt bestimmt wieder herstellen können!“, steuerte er geradewegs die Tür an, während er gedanklich schon voll mit der Planung beschäftigt war und fuhr überrascht herum, als Dominik seinen Namen rief.

„Hm?“, blieb er also stehen und hob fragend die Augenbrauen, als sein Freund ihm nachlief und seine Hand fasste. Nun war Dominik es, der gehetzt wirkte.

„Hey, das eilt doch nicht!“, grinste er schief und schüttelte den Kopf, als Frido mit Begründungen kam, warum er das Anliegen so dringend angehen wollte.

„Nein, wirklich, das muss heute Abend doch nicht mehr sein!… Ich… ich dachte, wir gucken die Tage mal zusammen, welche Bilder überhaupt infrage kämen und überlegen dann, wen die vielleicht interessieren, hm?“, wollte er den Weg von der anderen Seite aus beschreiten und versuchte Frido dabei langsam mit sich zu ziehen. Der schien allerdings eher amüsiert.

„Du, die Frage wird nicht sein, wer sie kaufen will, sondern wer am besten zahlt!“, grinste er und schmunzelte über Dominiks bedrücktes Lächeln, ohne zu merken, welchen Ursprung es wirklich hatte.

„Ich weiß, das Thema sorgt bei dir für einiges Unwohlsein, aber mach dir keine Sorgen! Jetzt am Anfang ist die Vorstellung vielleicht erst mal beängstigend, aber nachdem du die ersten paar Bilder verkauft hast, wird sich das völlig normal für dich anfühlen. Und ich bin ja auch noch da! Ich achte drauf, dass wir nur seriöse Interessenten für deine Werke finden“, versuchte er Dominik zu beruhigen und strich ihm sanft über die Wange, aber auch wenn sein Freund nickte, wollte er Frido noch immer nicht gehen lassen.

„Ja, das klingt gut, aber lass uns das doch morgen angehen, okay?“, fasste er ihn auch mit der zweiten Hand und brachte Frido damit zum Lachen.

„Sei doch nicht so nervös deswegen“, ging er endlich einen Schritt auf Dominik zu und legte den freien Arm um ihn, wobei er es gleichermaßen süß als auch zum Schmunzeln fand, dass sein Freund sich sofort an ihn schmiegte. Doch die Worte, die dann aus dessen Mund kamen, waren für Frido schon ein wenig irritierend.

„Ich bin nicht nervös, ich möcht nur gern erst mal mit dir die Wand fertig streichen“, murmelte Dominik nämlich und schaute Frido bittend an, als der sich aufrichtete und ihn betrachtete.

„Warum ist dir das denn so wichtig?“, grinste er daraufhin schief und sein Freund versuchte wieder, ihn mit sich zu ziehen.

„Weil ich es schön fänd, wenn du dich auch noch etwas einbringen kannst. Irgendwie hab ich die ganze Renovierung doch ziemlich an mich gerissen“, erklärte Dominik, was Frido zum Schmunzeln brachte. Unrecht hatte er zwar nicht, aber…

„Letztlich ist es ja dein Atelier. Und du hattest ja ziemlich genaue Vorstellungen, was du haben willst und wie du es umsetzen willst. Also mach ruhig dein Ding“, grinste er und ließ sich dennoch von Dominik zurück zur Wand führen.

„Schon… aber du kriegst ja auch ne Büroecke – also ist das nicht nur mein Zimmer“, gab er zu bedenken und hielt Frido auffordernd wieder den Pinsel hin. Der ergriff ihn zwar, aber während diese Geste Dominik ein Lächeln auf die Lippen zauberte, sorgte sie bei seinem Freund für eine nachdenkliche Miene. Er betrachtete erst den Gegenstand in seiner Hand und dann seinen Freund.

„Sag mal… war das alles nur ein Vorwand, um mich zum Malen zu kriegen?“, deutete er dann auf die Wand und Dominiks Lächeln verblasste langsam. Um die Vermutung abzuschmettern brauchte er eindeutig zu lange und das merkte er wohl auch selber.

„Versuchs doch einfach…“, murmelte er, statt nach Ausflüchten zu greifen und fasste lieber Fridos Hüften, als der einen tiefen Seufzer tat und die Augen verdrehte.

„Fängst du jetzt auch noch an?“, wollte er wissen, aber Dominik schüttelte den Kopf.

„Du warst anfangs so euphorisch, aber jetzt hast du ewig nicht mehr geübt und das lag doch nicht nur an der Zeit, oder? Wenns das wäre, könntest du auch einfach abends beim Fernsehen ein paar Skizzen machen, aber das tust du auch nicht“, gab er zu bedenken und schluckte, als er die Falte sah, die sich zwischen Fridos Augenbrauen bildete.

„Ich hab das Skizzenbuch gesehen, das du mir da unauffällig auf den Couchtisch gelegt hast und dass du mir ein paar geometrische Figuren zum Nachzeichnen reingezeichnet hast. Wahrscheinlich hast du aber auch zwischendurch mal rein geguckt, wie meine Fortschritte sind und selbst gesehen, dass das nur Kraut und Rüben war, oder?“, sagte der und lachte verbittert auf, als sein Freund ihn daran erinnerte, dass gerade Kreise mit ihrer Gleichmäßigkeit ja nicht unbedingt einfach zu zeichnen seien.

„Klar, wär aber ganz nett, wenn sie zumindest schon mal an Eier erinnern würden und wenn ein Quadrat zur Bruchbude wird, ist das auch ganz normal, oder was?“, fasste er Dominiks Hand, um ihm den Pinsel zurück zu geben, doch der zog sie weg.

„Dann ist Zeichnen vielleicht nicht mehr das Richtige für dich. Oder das Format war das falsche. Kann doch sein! Warum probierst du dich nicht einfach mal mit dem Pinsel aus, hm? Lass die Farbe sprechen, statt die Formen. Genieß die Bewegung und das Gefühl. Guck nicht drauf, wie das Endergebnis aussieht, sondern lass dich auf den Prozess ein“, hob er die Farbschale auf und hielt sie Frido auffordernd hin, wohingegen dem das Unwillige noch immer ins Gesicht geschrieben stand. Er presste die Kiefer zusammen und atmete schwer, während Dominik ihm ein verzweifeltes Lächeln schenkte.

„Probiers doch wenigstens aus und gib dem Ganzen ne Chance. Was kann denn schlimmstenfalls passieren? Dass es fleckig wird? Na und? Vielleicht bringt es dir ja auch Freude! Und… ich fänds wirklich schön, wenn wir das zusammen machen würden…“, sagte er und schien trotzdem überrascht, als Frido nach einigem Zögern tatsächlich die Farbschale ergriff. Verletzt und beinahe angewidert sah er aus, als er sie betrachtete und seiner eigenen Hand dabei zusah, wie sie den Pinsel wieder in die Farbe bewegte. Aber sie tat es und schmierte mit den Borsten anschließend auch noch über die Wand. Was für eine Schmach: Einst hatte er kleinste Details zu Papier gebracht und nun wusste er nur noch schwerfällig diesen grobschlächtigen Malerpinsel zu führen? Am liebsten hätte er ihn im hohen Bogen von sich geworfen und die Farbschale gleich hinterher. Wenn da nur nicht dieser hoffnungsvolle Blick gewesen wäre, der auf ihm ruhte und ihn liebevoll betrachtete, als er sich Dominik wieder zu wendete. Also seufzte Frido aus, tunkte den Pinsel noch einmal in die Farbe und murmelte: „Meinetwegen“.

10.11.2024: Onlinerecherche

Mit einem Schmunzeln auf den Lippen stand er am Fenster, hatte die Hände in die Hosentaschen geschoben und beobachtete das kleine Grüppchen in der Nähe seines Büros. Sein Vorgänger, Herr Peters, war auf Stippvisite vorbei gekommen und nachdem er ein paar Worte mit Frido gewechselt hatte, war der dezent in den Hintergrund getreten, um ihm Zeit und Raum für eine Unterhaltung mit dem Kollegen Talert zu geben. Immerhin wusste er, dass die Beiden während ihrer gemeinsamen Dienstjahre immer ein freundschaftliches Verhältnis verbunden hatte und es sicherlich einiges zwischen ihnen auszutauschen gab. Und dann war da ja auch noch ein gewisser Student, der Frido anfangs sogar auf die Probe gestellt hatte, weil er ihm nicht zugetraut hatte, ein ebenbürtiger Nachfolger für seinen einstigen Lieblingsdozenten zu werden.

„Dacht ich mir, dass du dich freust, ihn zu sehen“, grinste er darum, wenn er jetzt sah, mit wie viel Euphorie Dominik sich an dem Gespräch der beiden Dozenten beteiligte und richtig darin aufging, während andere Studenten nur schweigend daneben standen oder nach wenigen Worten wieder ihres Weges gingen. Er konnte sich gut vorstellen, dass sein Freund nachher einiges zu erzählen hätte und war trotzdem überrascht, mit wie viel Begeisterung Dominik ihn begrüßte, als Frido später am Tag die gemeinsame Wohnung betrat. Denn kaum schloss er die Tür hinter sich, wurde er auch schon umarmt und bekam einen dicken Schmatzer, ehe Dominik ihm ein breites Lächeln schenkte, das Frido nur zu gern erwiderte.

„Sieht so aus, als hättest du heute einen richtig guten Tag gehabt. Hab ich verpasst, dass die Kollegin Bachmüller kurzfristig ausgefallen ist?“, frotzelte er und grinste, als Dominik sofort eifrig den Kopf schüttelte.

„Nö, die war mal wieder die alte Gewitterziege und hat ihre blöden Sprüche rausgehauen, aber das ging mir heut echt am Arsch vorbei. Danke, dass du mir Bescheid gegeben hast, dass Herr Peters da war“, legte er die Arme um Fridos Nacken und küsste ihn noch einmal, um dann zu lachen, als der Ältere sich über das vermeintliche Eigenleben seines Smartphones wunderte.

„Ich hab dem Ding schon so oft gesagt, dass es nicht einfach irgendwelche Nachrichten an meine Studenten schicken soll“, schob er die Hände auf Dominiks Rücken und hob interessiert die Augenbrauen, als sein Lockenkopf erwähnte, dass er sich zum Abendessen eine kleine Überraschung für ihn überlegt habe.

„Was könnte das wohl sein?“, ließ der Ältere erst seinen Blick schweifen, um sich beim weiteren Grübeln dann plötzlich an Dominiks Halsbeuge wieder zu finden.

„Ziehen wir heute vielleicht den Nachtisch vor?“, war eine Idee, die ihm durchaus gefallen hätte, aber als Dominik ihm kichernd die richtige Antwort verriet, war er ernstlich hin- und hergerissen.

„Sagtest du gerade Königsberger Klopse?“, hob er den Kopf und schluckte, als ihm zunehmend nicht mehr nur Dominiks pudriger Duft in die Nase stieg.

„Dein Papa hatte mir Ostern erzählt, dass du dir die früher immer zum Geburtstag gewünscht hast und dann hab ich letzte Tage einfach mal deine Mama angerufen und gefragt, ob sie mir ihr Rezept gibt“, verriet er und grinste, als Frido fast schon sehnsüchtig zur Küche schaute.

„Aber ich hab doch gar nicht Geburtstag…“, murmelte er und merkte, wie ihm das Wasser immer mehr im Mund zusammenlief. Dominik aber zuckte die Schultern.

„Ich kann dir ja auch so mal eine kleine Freude machen, oder? Hast du ja heute auch“, schmunzelte er und fasste Fridos Hand, um ihn mit sich zu ziehen, obwohl das kaum nötig war. Eher hing sein Freund bereits an ihm und schaute erwartungsvoll über Dominiks Schulter, als der sich wieder an den Herd begab, wo das Essen nur noch auf den passenden Garpunkt wartete.

„Also wenn das so ist, bitte ich Herrn Peters, jetzt öfter mal wieder vorbei zu kommen“, murmelte er und brachte Dominik damit zum Lachen.

„Probier erst mal, ob sie auch was geworden sind“, gab er zu bedenken, aber allein beim Anblick und Duft der Leckereien hatte Frido keinen Zweifel.

„Du hast aber hoffentlich Juli nichts davon erzählt? Sonst kriegen wir nichts ab…“, war seine einzige Sorge, die Dominik ihm sofort nehmen konnte. Also konnte Frido in aller Ruhe seine Schuhe loswerden, sich die Hände waschen und in ein paar gemütlichere Klamotten schlüpfen, während Dominik den Tisch deckte. Er drapierte alles liebevoll, füllte beiden die Teller und wartete doch gebannt darauf, wie Fridos Urteil wohl ausfallen würde, ehe er selbst den ersten Bissen tat.

„Mmh! Großartig!“, zauberte sein Freund ihm ein Lächeln aufs Gesicht und erleichtert griff er dann auch zur Gabel, während sie anfingen, sich über ihren Tag zu unterhalten. Viel Neues oder Spannendes gab es bei Frido nicht zu berichten, sodass der umso interessierter am regen Austausch zwischen Dominik und den beiden Dozenten war. Wie nicht anders zu erwarten hatten sie einige Fachsimpeleien ausgetauscht, den Berichten über Herrn Peters’ Reisen gelauscht und über das allgemeine Treiben in der Uni gesprochen. Natürlich war dabei auch die Sprache auf die neue Partnerschaft mit der renommierten Hochschule in England gefallen und plötzlich hatte Dominik sich gleich zwei Dozenten gegenüber gesehen, die ihm zuredeten, diese Chance zu ergreifen.

„Herr Talert ist ja auch so n Engagierter, wenns ums Fördern seiner Studenten geht und meinte, dass ich das unbedingt nutzen soll. Er war fast schon persönlich gekränkt, als ich gesagt hab, dass mich das nicht interessiert“, grinste er schief und zuckte leicht die Schultern, als Frido anregte, dass er sich das Ganze ja noch einmal überlegen könne.

„Langsam krieg ich den Eindruck, du willst mich loswerden“, flachste er daraufhin, aber Frido schüttelte sofort den Kopf.

„Ich fänds nur schade, wenn du in ein paar Jahren vielleicht bereust, das nicht gemacht zu haben. Wenn du wirklich kein Interesse dran hast, dann vergiss das Thema einfach, aber wenns doch eher am Geld liegt, findet sich ne Lösung. Ich hab meinen Freund wegen deiner Bilder kontaktiert und er will sich im Laufe der Woche zurückmelden. Außerdem weißt du, dass ich dich da unterstützen würde und es gäbe auch einige Fördermöglichkeiten“, gab er zu bedenken und Dominik nickte leicht.

„Ja… sagte Herr Talert auch. Er meinte, dass aktuell die Fristen fürs nächste Sommersemester laufen und ich mich unbedingt bewerben soll. Gerade mit meinem Talent wäre es ein Unding, diese Gelegenheit nicht zu nutzen…“, schmunzelte er leicht und schüttelte den Kopf, ehe er seufzte.

„Aber das wäre dann auch mein Abschlusssemester. Zumindest hatte ich eigentlich nicht vor gehabt, über die Regelstudienzeit raus zu gehen und ich weiß nicht, ob mir Abschluss und Auslandsaufenthalt in einem Semester nicht ein bisschen zu viel auf einmal wären. Wenn hätte sich da eher das anstehende Wintersemester angeboten, aber dafür hätte ich mich spätestens am Jahresanfang schon bewerben müssen…“, murmelte er und schaute Frido an, als der seine Hand ergriff.

„Was hältst du denn davon, wenn du jetzt einfach mal deine Bewerbung einreichst und dir dann in Ruhe überlegst, ob du es wirklich machen möchtest? Du hast ja den Rest von diesem Semester und das nächste Wintersemester Zeit dafür, dich zu entscheiden und wenn du es definitiv nicht machen möchtest, ziehst du die Bewerbung einfach wieder zurück. Ich hab den Eindruck, dass du vielleicht doch nicht ganz abgeneigt bist und so könntest du dir dann erst mal alle Optionen offen halten, hm?“, strich er leicht mit dem Daumen über Dominiks Handrücken und lächelte, als der den Kopf unschlüssig wiegte.

„Ehrlich gesagt… ich hab nach dem Gespräch mit den Beiden mal son bisschen Onlinerecherche betrieben und das klang echt nicht schlecht, was die Uni so bietet…“, murmelte er kleinlaut und legte mit einem unwilligen Seufzen den Kopf in den Nacken.

„Aber ich will nicht n halbes Jahr von dir getrennt sein!“, murrte er dann und schaute unglücklich zu Frido, während der seinen Handrücken küsste und streichelte.

„England ist ja nicht aus der Welt… Ich könnte am Wochenende zu dir fliegen und unter der Woche würden wir einfach jeden Tag telefonieren. Außerdem geht so ein Semester um wie nichts…“, murmelte der, obwohl ihm anzusehen war, dass auch ihm die Vorstellung nicht gefiel, Dominik so lange nicht bei sich zu haben. Aber er wollte ihm und seiner Entwicklung auch nicht im Wege stehen und wusste ja aus eigener Erfahrung, wie sehr er damals die eigenen Auslandsaufenthalte genossen hatte. Doch während für ihn bereits zu Beginn seines Studiums die Entscheidung festgestanden hatte, seine Ausbildung nicht nur in Deutschland zu absolvieren, fiel Dominik diese Entscheidung trotz der gezeigten Unterstützung deutlich schwerer. Wieder seufzte er aus und kaute auf der Unterlippe, ehe er meinte: „Na schön… ich reich die Bewerbung ein und guck, ob ich überhaupt genommen werde… Aber selbst wenn es klappt, heißt das nicht, dass ich wirklich gehe!“.

11.11.2024: Quarzuhr

„...Ja, so machen wirs! Ich freu mich!… Ja, genau! Bis nächste Woche!“, schlenderte Frido durch die Küche und seufzte zufrieden aus, als er das Telefonat beendete. Mit einem Grinsen auf den Lippen betrachtete er erst sein Smartphone und dann den Zettel auf dem Tisch, den er zwischenzeitlich mit einigen Notizen versehen hatte. Er war so gut gelaunt, dass er sogar summte, als er das Stückchen Papier ergriff, flotten Schrittes zur Wohnungstür ging und dann nur wenig später das Atelier betrat. Wie sein Lockenkopf wohl reagieren würde? Jetzt war er jedenfalls erst einmal damit beschäftigt, ein neues Bild auszuarbeiten, während er im Takt seiner Musik wippte und zwischendurch immer wieder den Pinsel in die Luft riss, als wäre er ein Drumstick. Ja, dass ihm das Atelier als kreativer Rückzugsort gefiel, war nicht zu übersehen.

Ein wenig musste Frido schon darüber kichern, ihn dabei zu beobachten, wie er so aus sich herausging, aber natürlich ließ er sich das nicht zu sehr anmerken, als er näher an Dominik herantrat. Seicht und darauf bedacht, nicht versehentlich vom Pinsel erwischt zu werden, legte er eine Hand auf seinen Rücken und lächelte, als der Lockenkopf sich erschrocken zu ihm umdrehte.

„Oh, hey…“, grinste er schief und nahm die Kopfhörer ab, während Frido sich den Stuhl vom Schreibtisch rüber zog.

„Ich hab vorhin mit meinem Bekannten telefoniert…“, begann er dabei und setzte sich, um dann doch darüber zu schmunzeln, wie sein Freund zwischen peinlich berührt und neugierig interessiert schwankte.

„Er kommt nächste Woche in die Stadt und möchte die Bilder und dich dann gern auch mal persönlich kennen lernen“, erzählte Frido währenddessen weiter und fand es nur allzu süß, wie Dominik vor Aufregung die Augen aufriss.

„Also findet er sie ganz gut?“, fragte er und nahm irritiert Fridos Zettel entgegen, als der ihn ihm auffordernd hinhielt.

„Was ist das?“, legte er den Kopf schief und las die vermerkten Zahlen, um dann ungläubig den Kopf zu schütteln.

„Final festlegen will er sich erst, wenn er die Bilder auch mal in den Händen halten und von Nahem begutachten konnte, aber in der Spanne bewegen wir uns gerade. Dass du nicht darunter gehen wirst, weiß er, aber ich bin optimistisch, dass er sein finales Angebot noch etwas höher ansetzen wird. Dafür hat er zu viel Expertise und wird ein zu großes Interesse daran haben, auch künftig mit dir zusammen zu arbeiten“, lehnte Frido sich gegen die Rückenlehne und verschränkte mit einem zufriedenen Lächeln die Arme vor der Brust, während Dominik ihn noch immer verdattert anguckte.

„Allein für die vier kleinen schon so viel Geld und dann auch noch dieser Preis für die beiden großen?“, flüsterte er fast ehrfürchtig und rieb sich leicht über den Mund, während er den Zettel wieder betrachtete. Frido aber musste beinahe lachen.

„Damit wir uns nicht falsch verstehen: Das ist je Bild und nicht für alle zusammen“, stellte er klar, weil er so eine Vermutung hatte, dass Dominik sich gerade etwas auf dem Holzweg befand und als dem daraufhin die Augen fast aus den Höhlen fielen, bekam er die Bestätigung.

„Pro Bild?! Überleg mal, wie lang ich dafür im Blumengroßmarkt arbeiten müsste!“, rief er aus und schluckte, als würde ihm gerade schlecht. Frido schüttelte allerdings sofort den Kopf, als seinem Freund obendrein noch ein intervenierendes „Aber…“ entfleuchte und legte ihm eine Hand aufs Knie.

„Ja, ganz genau: Du hast da ne Menge Arbeit reingesteckt. Von klein auf hast du hunderte Stunden investiert, um so gut zu werden, wie du heute bist. Vergiss das nicht. Und ich weiß ja selbst, dass man beim Malen keinen linearen Lernprozess hat, sondern immer wieder Rückschläge kommen können. Außerdem musst du ja auch bedenken, dass du nicht jeden Monat mit einem festen Einkommen rechnen kannst. Und dass ein Teil vom Verkauf deiner Bilder ans Finanzamt geht. Der Preis da ist absolut gerechtfertigt und dürfte auf Dauer noch ordentlich in die Höhe gehen. Zu recht! Also verkauf dich bloß nicht unter Wert, mein Lieber“, zwinkerte er und lachte, als Dominik noch immer recht verdattert war.

„Schon, aber ich bin doch noch total unbekannt… dass der dann gleich so viel zahlen will“, schüttelte er den Kopf. Frido aber hatte eine recht simple Erklärung.

„Weil er n guten Riecher hat, wessen Bilder später mal ordentlich was wert sein werden. Der weiß genau, dass das Geld gut angelegt ist und die Chancen sehr hoch stehen, dass du dir in ein paar Jahren einen entsprechenden Namen gemacht hast. Dann kann er deine Bilder für ein Vielfaches weiterverkaufen“, gab er zu bedenken, was Dominik vielleicht hätte freuen soll, doch stattdessen verzog er das Gesicht. Seine Bilder als Wertanlage… dieser Aspekt seiner Malerei hatte ihm noch nie gefallen, auch, wenn er wusste, dass es nun einmal dazu gehörte. Und dass er so dachte, wusste natürlich auch Frido.

„Hey, ärger dich nicht drüber, dass nicht jeder Käufer deine Werke auf die Weise schätzen wird, wie du oder ich es tun. Dafür hast du doch mich als Puffer. Du konzentrierst dich aufs Malen und ich kümmer mich um den Rest“, stupste er den Künstler an und lächelte, als der die Mundwinkel endlich etwas heben konnte. Der Lockenkopf nickte und atmete tief durch, während er noch einmal auf den Zettel blickte. Irgendwie überwog dabei die Freude dann ja doch und je länger er die Zahlen betrachtete, desto breiter wurde sein Grinsen, bis er schließlich aufsprang, um Frido um den Hals zu fallen.

„Das war die Reaktion, die ich erhofft hatte!“, lachte der auf und zog Dominik auf seinen Schoß, während der schon anfing zu überlegen, wie er seinen ersten Verkauf angemessen feiern wollte. Doch seine Ansprüche waren dabei recht bescheiden.

„Ich lade dich zum Essen ein! Zu deinem Lieblingsitaliener!“, entschied er sich für ein Wirtshaus, das sicherlich nicht unbedingt von einem Ernest gewählt worden wäre, aber bei dem wer wusste, dass es wenigstens seinen und vor allem Fridos Geschmack traf.

„Oder doch lieber was dekadenteres wie Kaviar und Trüffel?“, hakte er dennoch nach und musste lachen, als Frido sofort das Gesicht verzog und den Kopf schüttelte.

„Nein, ein Abend mit dir bei Alfonso wäre wundervoll“, gab er seinem Lockenkopf einen Kuss und schmiegte sich an ihn, um dann aber auch den weisen alten Mann heraushängen zu lassen, der er in seinem tiefsten Inneren war und der Dominik dazu riet, nicht all seinen Verdienst sofort zu verplanen. Doch die Gefahr war bei seinem Freund wohl auch nicht allzu groß. Er nickte zwar über Fridos Worte, aber er scherzte auch, dass der Italiener seine Preise erheblich angehoben haben müsste, wenn dafür die gesamten Einnahmen drauf gingen.

„Ich glaub, da bleibt dann noch genug übrig, das in den Sparstrumpf wandern kann“, grinste er und kraulte Frido über den Arm, während der ihm zuflüsterte, wie stolz er auf ihn war. Doch was sollte sein Lockenkopf mit diesem Kompliment anfangen?

„Du hast mir aber auch sehr geholfen… vergiss das mal nicht“, redete er es natürlich klein und grinste schief, als Frido darüber den Kopf schütteln musste.

„Na, diese Art Diskussionen mit dir kenn ich ja inzwischen“, scherzte er und nickte dann rüber zur Leinwand.

„Willst du mir stattdessen erzählen, woran du gerade arbeitest?“, lenkte er also elegant zu einem anderen Thema und sah überrascht Dominiks schüchternes Lächeln. Bisher hatte er nur die Leinwand grundiert und erste Linien gezogen, die erahnen ließen, dass es sich um ein Portrait handelte, aber um wen es ging, konnte man noch nicht erkennen.

„Du hast mir doch neulich diese tollen Metallicfarben mitgebracht und ich hatte jetzt endlich eine Idee, wofür ich die verwenden könnte… Ich glaub, die würden sich am Ende richtig gut für einige Highlights machen. Aber bevor ich mich da dran setze, wollte ich von dir und Juli eh erst mal hören, was ihr davon haltet…“, zog er sein Handy hervor und zeigte Frido das Referenzbild, das er beim Stöbern in dessen Fotoalben gefunden hatte.

„Du malst meine Eltern?“, guckte der verdutzt auf das Smartphone und dann zu seinem Freund, der etwas unschlüssig die Schultern zuckte.

„Ich würd gern was Persönlicheres schenken, als mich nur mit Geld zu beteiligen. Aber so gut kenn ich sie jetzt ja auch noch nicht und da ich ja weiß, wie deine Mutter reagieren würde, wenn ich da mit was Selbstgebackenem aufschlagen würde, war das meine einzige Idee… Ist das blöd? Oder… zu anmaßend?“, fragte er unsicher und nachdem Frido ihn einen Moment angestarrt hatte, lachte er auf.

„Anmaßend? Meine Mutter wünscht sich das schon seit Jahren! Sie hat mir früher immer damit in den Ohren gelegen und ich hatte nie Lust, ihr ein Portrait zu malen. Das war ja nie so mein Steckenpferd… Dominik, die beiden werden begeistert sein und Juli erst recht! Die jault mir schon seit Wochen was vor, dass wir unbedingt was Ausgefallenes besorgen müssen, aber ganz ehrlich? Ich hab keine Ahnung, was! Kann ich mich am Bild beteiligen, indem ich den Rahmen zusteuer?“, grinste er schief und küsste Dominik auf die Schläfe, als der sich erleichtert gegen ihn sinken ließ.

„Den Rahmen… ne Schleife… ganz wie du willst. Wenn es für euch beide okay ist, kann das gern ein Geschenk von uns dreien zusammen sein“, lächelte er und fand es dennoch amüsant, dass Frido mit diesem Vorschlag ernstlich eine Last von den Schultern zu fallen schien.

„Wenn ich dich nicht hätte!“, gab er ihm also noch mal einen Kuss und nickte, als Dominik meinte, dass er sich dann mal wieder an die Arbeit begeben würde. Doch so ganz ohne Hintergedanken war das in diesem Fall auch nicht.

„Willst du mir nicht noch ein bisschen Gesellschaft leisten? Da hinten steht noch ne leere Leinwand und das Streichen hat neulich doch gut geklappt“, deutete er zu seinem Materialfundus, aber Frido schüttelte den Kopf.

„Ein andern Mal. Heut ist mir nicht danach. Der Nachmittag mit dem kleinen Kobold war ganz schön anstrengend. Ich machs mir noch ein bisschen auf der Couch gemütlich, damit ich morgen nicht am Pult einschlaf“, verabschiedete er sich mit einem Kuss in seinen Fernsehabend. Er schenkte Dominik ein Lächeln, als der meinte, dass er auch bald folgen würde und trug es ehrlichen Herzens durch den Flur, bis in seine Wohnung und empfand es selbst dann noch, als er das Wohnzimmer betrat.

„Ihr werdet staunen!“, wurde es zu einem Grinsen, als er sich vor seine Ahnengalerie stellte und die Fotos von seinen Eltern und die festgehaltenen Kindheitserinnerungen mit ihnen, Juli und ihm betrachtete. Doch je länger er sie anschaute, desto mehr spürte er, wie sein Lächeln langsam verblasste. Er musterte das lachende Gesicht seiner Mutter, während sie ihn und Juli als Kinder herzte und hörte dabei wieder ihre Stimme, die ihn in dem Alter bereits für sein Talent gelobt hatte. Und dann erinnerte er sich an eines der letzten Gespräche, das er kurz vor seinem Unfall mit ihr geführt hatte. Angesichts ihres baldigen Geburtstags war seine Frage damals gewesen, was sie sich wünschte und nicht zum ersten Mal war die Wahl dabei auf ein Portrait gefallen. Doch er hatte keine Lust darauf gehabt; hatte das stupide Abmalen von Fotos als zu langweilig empfunden.

„Im Moment schaff ichs nicht, weil ich die Deadline für die Ausstellung im Nacken hab. Aber danach! Zu Weihnachten!“, hatte er sie damals vertröstet und das Thema schnell wieder vergessen. Warum auch nicht? Er hatte ja gewusst, dass ihm noch alle Zeit der Welt blieb, um sich an dieses Projekt zu begeben. Um sich etwas zu überlegen, das aus einem öden Portrait doch noch etwas Spannendes, Herausragendes machen konnte. Und nun? Nun stand er da, blickte auf seine Hand und löste das Armband seiner Quarzuhr, die mit ihrem Ziffernblatt diese eine, besonders auffällige Narbe verdeckte. Im warmen Schein der Wohnzimmerleuchte betrachtete er das verfärbte Gewebe an seinen Handgelenk und spürte die Wehmut, als er dann wieder auf die Fotos blickte. Erst hatte er es vor sich hergeschoben und jetzt konnte er diesen Gefallen nicht mehr in die Tat umsetzen. Einfach so. Von einer Sekunde auf die andere.

„Tut mir leid…“, flüsterte er und zog die Nase hoch, während er gegen den Kloß in seinem Hals ankämpfte. Er schüttelte den Kopf und rieb sich über die Augen, ehe er die Uhr wieder anlegte. Dankbarkeit für seinen Freund spürte er, der nicht nur sein Leben bereicherte, sondern jetzt auch noch seiner Mutter diesen Wunsch erfüllen wollte. Es konnte doch kein Zufall sein, dass ihm ausgerechnet dieser Mensch über den Weg gelaufen war! Und doch spürte Frido dieses bittere kleine Stechen in der Brust, das sich einfach nicht in Luft auflösen wollte...

12.11.2024: harren

Kneten, walken und immer wieder von vorn, bis ein Teig entstand, der seines Namens und der selbst hergestellten Kräuterbutter würdig sein konnte. Mit dieser Arbeit vertrieb Dominik sich die restliche Zeit bis zum Nachmittag und tauchte dabei immer mehr in sein Tun ein. Äußerlich wirkte es dabei vielleicht so, als würde ihn das Formen des Baguettes ablenken und beruhigen, doch innerlich wurde es mit jeder weiteren Stunde zunehmend zu einem Harren der Dinge, die da kommen sollten. So viel stand für ihn auf dem Spiel und so wenig gab es aus seiner Sicht, um das anstehende Gespräch zu beeinflussen. Also musste wenigstens das Essen perfekt sein. Frido hatte er dafür bereits am Morgen zum Markt geschickt, um möglichst frischen Fisch und Käse zu holen, während er selbst mit wackeligen Knie und einem flauen Gefühl im Magen den Supermarkt geplündert hatte. War auch alles von seinem Zettel im Einkaufswagen gelandet und hatte er beim vorherigen Anfertigen seiner Liste wirklich nichts vergessen? Das fragte er sich selbst jetzt noch, da sein Baguette endlich im Ofen war und die selbstgemachte Kräuterbutter in der Kühlung lag. Der Salat lag ohnehin längst im Dressing und die Käsehäppchen schnitt er natürlich auch selbst. Nur die Zubereitung des Fischs war wieder Fridos Aufgabe, weil Dominik wusste, dass sein Freund ein besseres Händchen dafür hatte. Nicht umsonst war er schon viel öfter durch Ernests strenge Schule gegangen oder hatte dessen Tipps und Hinweise eingeimpft bekommen, wenn sie gemeinsam Fisch bestellt oder Restaurants besucht hatten. Da konnte Dominiks Wissen in diesem Bereich nicht mithalten und das machte ihn nicht minder nervös wie die Tatsache, dass er von der Auswahl des passenden Weins in etwa so viel Ahnung hatte, wie ein Schwein vom Fliegen.

„Wenn der Fisch und das Baguette fertig sind, haben wir alles, oder?“, stand er an den Tisch gelehnt und stierte die schmorende Backware an, als wäre sie dadurch schneller gar. Hatte er auch wirklich nichts vergessen? Noch einmal zählte er auf, was alles vorbereitet stand und was noch fehlte, während Frido von einer kleinen Aufräumaktion im Wohnzimmer zu ihm trat und mit einem Schmunzeln die Augen verdrehte, als sein Freund plötzlich wie ein aufgescheuchtes Huhn an ihm vorbeirannte, um das Ergebnis seines Wirkens zu begutachten. Zu schade, dass es kein Silberbesteck gab, das noch gewienert werden könnte. Also musste Frido seinen Lockenkopf wohl auf andere Weise etwas ablenken.

„Ich glaub, das Baguette brennt an!“, rief er plötzlich aus und biss sich auf die Lippen, als der Jüngere mit einem lautstarken „Was?!“ zurückgerannt kam, um sich eiligst die Backhandschuh zu schnappen und dann inne zu halten, weil ihm kurz vorm Aufreißen der Ofentür nicht nur einfiel, dass er den Teig gerade erst in die Röhre geschoben hatte, sondern auch auffiel, wie unschuldig und hell er noch so auf seinem Rost lag.

„Oh, hab mich verguckt“, grinste Frido nun, aber das Unglück hatte er bereits angerichtet: Er war unten durch und das nicht zu knapp. So fuchtig hatte Dominik ihn vielleicht zuletzt bei seinem ersten Boxtraining angeguckt und selbst damit war Frido sich nicht mal so sicher, als sein Freund ihm die Backhandschuhe vor die Brust pfefferte, um dann zurück zum Wohnzimmer zu stapfen.

„Hey, war doch nur ein kleiner – uff!“, fasste Frido zwar aus Reflex die Handschuh, damit sie nicht zu Boden fielen, aber dann guckte er Dominik erst mal etwas sprachlos nach. Da war die Idee, ihn ein bisschen abzulenken, wohl gewaltig nach hinten losgegangen. Und warum vergaß er nur bei solchen Späßchen immer mal wieder, dass sein Freund ja längst nicht mehr so schmächtig wie früher war?

„Man, hat der inzwischen einen Wumms drauf…“, bedauerte er also sich selbst, während er Dominik nachging und schaute dem einen Moment dabei zu, wie er um den Wohnzimmertisch herum huschte.

„Jetzt mach dir nicht so einen Kopf. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass er die Bilder doch nicht kaufen will. Wäre zwar blöd, aber kein Weltuntergang. Ich kenn noch genug andere Leute, die ich kontaktieren kann“, versuchte Frido dann auf andere Weise, Dominik nicht nur seine Sorgen zu nehmen, sondern auch die Wogen zu glätten, um sich damit gleich wieder in die Nesseln zu setzen.

„Ach, ja?“, zischte der nämlich sofort und schnaubte aus, als sein Freund sich an die Türzarge lehnte, während er selbst das Geschirr fein säuberlich drapierte.

„Du hast selbst gesagt, wie gut er vernetzt ist! Dann spricht sich das doch sofort rum, wenn heute irgendwas schief läuft!“, stürzte er sich anschließend auf das Falten der Servietten und rang Frido ein mitleidiges Lächeln ab, weil er sich natürlich eine der schwierigeren Falttechniken aus dem Internet rausgesucht hatte, die er hatte finden können – ohne viel Vorerfahrung mit Origami und dergleichen zu haben. Also stützte Frido sich erst einmal auf die Rückenlehne der Couch und schaute Dominik beim Werkeln zu, während es nur eine Frage der Zeit war, bis der sich die Finger so verknotete, dass ihm die Nerven völlig blank lagen. Er knüllte die Serviette zusammen, warf sie zur Seite und griff die nächste, während er die Nase hochzog und vehement den Kopf schüttelte, weil Frido es wagte zu fragen, ob ein leichteres Design es nicht vielleicht auch täte.

„Nein, das muss alles perfekt sein!“, sträubte er sich und ballte trotzig die Fäuste, als Frido ihm dann auch noch die Hände auf die Schultern legte. Wie konnte sein Freund in dieser Situation bloß so entspannt bleiben?!

„Ich hab ne Idee. Mach mal das nach, was ich dir jetzt erkläre“, beugte der sich nun auch noch in aller Seelenruhe zu ihm runter und legte den Kopf auf Dominiks Schulter, während der genervt ausseufzte.

„Jetzt lenk mich nicht schon wieder ab!“, murrte er, aber Frido schmunzelte.

„Vertrau mir und probiers einfach aus. Wenn dir das Ergebnis nicht gefällt, kannst du dir immer noch die Zähne an dem komischen Pinguin ausbeißen“, drückte er Dominik schnell einen Kuss auf die Wange und lachte, als der mit einem energischen Unterton festhielt, dass der Pinguin ein Schwan sein sollte – und zwar eines der schwierigeren Modelle, natürlich. Kein Wunder, dass Dominiks Blick da regelrecht „Banause!“ schrie.

„Auch gut“, grinste Frido aber ungerührt, um dann auf die Ecke der Serviette zu deuten, mit der Dominik anfangen sollte.

„Falt die da rüber… und diese von dort nach dort“, erklärte er, während sein Freund den Anweisungen zunächst nur recht widerwillig folgte und wohl vor allem aus dem Grund, um danach wieder in Ruhe seiner eigenen Tüftelei nachgehen zu können. Was wusste sein Dozent denn schon übers Serviettenfalten?! Vor allem, wenn er sich zumeist nicht einmal die Mühe machte, überhaupt welche zu nutzen, sondern nur zu Küchentüchern griff? Aber zu Dominiks Überraschung nahm das Gebilde auf seinem Schoß immer mehr Formen an, je länger Frido ihn anleitete und dann – siehe da! – hielt er plötzlich ein schön gefaltetes Papiertüchlein in den Händen, das sich durchaus sehen lassen konnte.

„Wenn du die Spitzen noch etwas auseinander zupfst, kommen die Blütenblätter mehr zur Geltung, aber fürs erste Mal sieht die doch gut aus!“, richtete Frido sich dann unter einem zufriedenen Grinsen auf, während Dominik ihn verdattert anguckte.

„Woher weißt du denn, wie man Papierblumen faltet?“, murmelte er ungläubig und brachte seinen Freund damit zum Schmunzeln.

„Was meinst du, wer früher bei den Familienfesten immer dazu verdonnert wurde, bei der Deko mitzuhelfen? Und wenns um ihre geliebte Tischdeko geht, ist meine Mutter genauso bekloppt wie du“, schob er die Hände in die Hosentaschen und erinnerte Dominik dann daran, dass er jetzt vielleicht tatsächlich mal nach dem Baguette gucken musste, ehe es an die anderen Servietten ging.

„Scheiße, stimmt!“, sprang der vom Sofa auf und wollte sofort aus dem Zimmer stürmen, aber dann lief er doch einen kleinen Bogen, um Frido an sich zu ziehen und ihm einen Kuss aufzudrücken.

„Wenn das hier vorbei ist, verhalt ich mich wieder normal. Versprochen!“, stolperte er dann unter Fridos Gelächter aus dem Zimmer und eilte den Flur entlang, um sich noch fünf lange Minuten vorm Ofen zu postieren und das Brot konzentriert anzustieren, bis es endlich fertig war. Frido aber schaute ihm nur kurz schmunzelnd dabei zu, ehe er das Wohnzimmer noch einer kleinen Veränderung unterzog, damit der Raum auch in seinen Augen wirklich bereit für ihren Gast war.

13.11.2024: munkeln

Extravagant – das war das Erste, was Dominik in den Sinn kam, als Frido die Tür öffnete und seinem alten Bekannten Einlass zu ihrer Wohnung gewährte. Sein Freund hatte ihm im Vorfeld schon einiges über diesen Mann, der einst Hans-Peter geheißen hatte und sich nun bereits viele Jahre Jean-Pierre nannte, erzählt und doch stellte der Lockenkopf schnell fest, dass man diesen Menschen kaum in Worte fassen konnte. Er war kein Künstler und trotzdem selber eine Art Kunstwerk, das alle möglichen Arten der freien und angewandten Kunst in sich vereinte. Bei ihm verschmolzen das Wissen und Interesse an Gemälden, Skulpturen und Fotografien mit einer Leidenschaft für Textil- und Schmiedekunst, die Dominik so noch nicht erlebt hatte. Äußerlich war an Jean-Pierre alles perfekt aufeinander abgestimmt und gleichzeitig so mondän gewählt, dass er selbst wie eine wandelnde Installation wirkte, die man am liebsten sofort mit dem Handy festgehalten hätte. Aber natürlich verkniff der Lockenkopf sich derlei Entgleisungen. Stattdessen saß er fasziniert da – ein wenig erleichterter, nachdem mit dem reibungslosen Auftragen des Essens die erste kleine Last von seinen Schultern gefallen war – und hing seinem Gast und seinem Freund an den Lippen. Wo dieser Jean-Pierre nicht bereits überall gewesen war und welche Persönlichkeiten in der Kunstszene er nicht schon kennengelernt oder zuweilen sogar gefördert hatte! Wäre Frido nicht zugegen gewesen und hätte mit seinen Reaktionen bestätigt, dass an den Erzählungen durchaus etwas dran sein konnte, dann hätte Dominik das Gehörte mitunter wohl für die Geschichten eines Aufschneiders und Klischees gehalten. Doch damit wurde ihm auch umso bewusster, welches Schwergewicht da neben ihm auf der Couch saß, das sich so locker leicht mit Frido auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches unterhielt. Und noch viel mehr erkannte Dominik, wie sehr er sich bislang in seiner kleiner Welt und seiner Komfortzone bewegt hatte, wenn es um die Kunst gegangen war. Andere Künstler und deren Werke hatten ihn zwar schon immer als Quell der Inspiration und Studienobjekt interessiert, aber Kunstkenner, -kritiker, Galeristen und wer nicht sonst noch alles zur Kunstszene gehörte und einem kreativen Geist ungeahnte Türen öffnen oder vor der Nase zuschlagen konnte? Das war für ihn nie von Bedeutung gewesen. Und auch, wenn er vorher schon gewusst hatte, dass es wichtig war, einen Fuß in die Tür zu bekommen und das heutige Treffen dabei ein ausschlaggebender Punkt sein konnte, dämmerte ihm erst jetzt so richtig, was es hieß, sich selbst auch gut verkaufen zu können. Er hatte bislang keinerlei Ambitionen gehabt, sich über Vernissagen und andere Veranstaltungen ins Gespräch zu bringen oder seine Kunst auf den sozialen Medien zu präsentieren, um Interessenten und Kontakte zu sammeln?

„Fritz, da kann sich jemand aber noch einiges von dir abschauen!“, stellte Jean-Pierre auf diese Erkenntnis hin amüsiert fest und ließ trotzdem nicht recht erkennen, was er über Dominiks fehlenden Ehrgeiz diesbezüglich wirklich dachte. Darum war der Lockenkopf auch gemischter Gefühle, als ihr Gast dieses Thema zum Anlass nahm, noch ein wenig in Erinnerungen zu seiner und Fridos Vergangenheit zu schwelgen. Einerseits war Dominik unsicher, ob von ihm ein ähnlicher Wetteifer erwartet wurde und andererseits gaben Jean-Pierres Erzählungen ihm Einblicke über einen Frido, den er so nicht eingeschätzt hätte.

„Dein künstlerisches Treiben ist mir damals natürlich aufgefallen, aber es war auch immer wieder interessant zu sehen, wie du dich ins Gespräch bringen konntest. Du hast ja wirklich keine Gelegenheit ausgelassen, um auf dich aufmerksam zu machen!“, musterte Jean-Pierre mit einer Mischung aus Belustigung und Anerkennung sein Gegenüber und schien dabei etwas von dem Fritz K. Klimlau wiederentdecken zu wollen, das ihm von damals in Erinnerung geblieben war. Optisch fand sich davon vielleicht nicht mehr allzu viel, aber eine Kleinigkeit doch und die erheiterte ihn umso mehr.

„Ja, ja, dieses Grinsen wieder! Genau wie damals!“, stellte er fest, während Frido ihm schweigend zuhörte und ihm die ungeteilte Bühne für seine Erzählungen ließ.

„Es gab ja bald kein Event, auf dem man dich nicht vorgefunden hat! Du warst wirklich penetrant, aber du hast es mit deinem Charme auch immer geschafft, den schmalen Grat zwischen anbiedernd und auffallend zu deinen Gunsten zu beschreiten. Das muss man dir lassen. Ich erinner mich noch gut, wie du auf dieser einen Vernissage als Kellner gearbeitet hast, um überall deine kleinen Leinwände und Visitenkarten zu verteilen“, hob er mahnend den Zeigefinger und nahm doch schmunzelnd einen Schluck aus seinem Weinglas. Frido aber lächelte ihn nur unverändert an und zuckte die Schultern.

„Ich hab ja nur dezent hier und da mal was fallen lassen, ohne mich dabei in den Vordergrund zu spielen“, stellte er fest, was Jean-Pierre zum Lachen brachte.

„Das meine ich! Du nutzt einfach die Ausstellung eines anderen, um auf deine Werke aufmerksam zu machen und warst dabei trotzdem charmant genug, um nicht sofort an die frische Luft gesetzt zu werden!“, schüttelte er den Kopf, wenn er daran zurückdachte und lobte Frido dennoch für seinen Ideenreichtum und Hartnäckigkeit. Der gab sich hingegen geläutert und bescheiden.

„Na ja, ich würds heute wohl nicht mehr unbedingt so machen und vielleicht auch nicht empfehlen, sich ein Beispiel daran zu nehmen. Die Gefahr, sich bei so was ordentlich in die Nesseln zu setzen, ist ja durchaus vorhanden, aber ich geb auch ehrlich zu, dass ich das damals sehr erfolgreich ausgeblendet habe. Ich wusste, dass meine Gemälde gut waren, also wollte ich auch, dass sie die nötige Aufmerksamkeit und Wertschätzung bekamen“, plauderte er ein wenig aus dem Nähkästchen, wobei Dominik nicht sicher war, ob das Erzählte seinem Freund wirklich so leicht über die Lippen kam, wie es gerade den Anschein machte. Und störte es ihn tatsächlich nicht, dass Jean-Pierre nicht davon ablassen wollte, Frido bei seinem früheren Namen zu nennen?

„Mein lieber Fritz, ich gebe es ganz offen zu: ein paar Stimmen munkelten nach deinem Unfall, ob das nicht in Wirklichkeit alles Teil einer großen Performance war, mit der du deine anstehende Ausstellung noch mehr publik machen wolltest. Wie Phönix aus der Asche gewissermaßen! Und anfangs hab ich diesen Stimmen sogar noch recht gegeben! Es ist wirklich eine Schande, dass du uns dann eines Besseren belehrt hast!“, seufzte Jean-Pierre bedauernd aus, während Dominik spürte, wie ihm diese Worte einen Schlag in die Magengrube verpassten, obwohl sie ja gar nicht an ihn gerichtet waren. Er starrte zu Frido, der seine Miene nicht verzog und doch meinte der Lockenkopf hinter der Maske des Lächelns zu erkennen, dass sein Freund getroffen war.

„Tja, da muss ich dich leider enttäuschen“, ging er dennoch seichte darüber hinweg und auch über Jean-Pierres Frage, ob er nicht inzwischen wieder mit dem Malen angefangen habe. Das Interesse an Fritz K. Klimlau war unübersehbar noch vorhanden, aber der Künstler selbst wollte davon leider nichts mehr wissen. Stattdessen nutzte er die Gelegenheit, um über seinen Werdegang als Dozent das Gespräch auf den eigentlichen Star des heutigen Treffens zu lenken. Und plötzlich fand Dominik sich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wieder.

„Ja, ich habe schon gesehen…“, stand Jean-Pierre auf und trat hinüber zur Wand, wo normalerweise Fridos Gemälde hing, das nun stattdessen Platz für eines von Dominiks Werken gemacht hatte. Frido hatte die eindrucksvollste von Dominiks Malereien dort besonders gut in Szene gesetzt, während die anderen unter ihr drapiert standen, damit der geneigte Interessent sie in aller Seelenruhe begutachten konnte. Und das tat er nun auch. Während seine Blicke natürlich schon während des Gesprächs immer wieder zu den Kunstwerken gewandert waren, widmete er sich ihnen jetzt noch intensiver. Doch auch den Künstler selbst ließ er dabei nicht aus den Augen – oder viel mehr Ohren. Mit scheinbar zwanglosem Geplauder wollte er offensichtlich mehr über Dominik erfahren, während er dessen Arbeiten eingehend betrachtete. Wer war der Mensch hinter dem Pinsel und was trieb ihn an? Oder um es weniger blumig zu formulieren: Standen die Chancen gut, dass künftig noch mehr solcher Meisterwerke von ihm zu erwarten waren? Und auch, wenn Jean-Pierre sich Zeit mit seiner finalen Entscheidung ließ, prasselten auf Dominik so viele Fragen und Rückmeldungen ein, dass für ihn plötzlich alles ganz schnell ging. Auf einmal, ohne es sofort so richtig zu begreifen, besiegelten sie zwischen zwanglosem Geplauder und Verkaufsargumenten ihren Tausch mit einem Handschlag und seine ersten Bilder waren offiziell verkauft.

„Und du hast wirklich nicht noch eins deiner Bilder irgendwo im Keller stehen, Fritz?“, zeigte Jean-Pierre sich dann noch immer in Käuferlaune, als alle Modalitäten für die Abholung von Dominiks Werken geklärt waren und sie sich für die Verabschiedung im Flur wiederfanden. Oder war es von Fridos Bekanntem nur das Festhalten an alten Zeiten? Die Hoffnung, dass der einstige Künstler sich doch wieder von seiner Passion mitreißen ließ? Den Traum von der strahlenden Rückkehr in die Kunstszene doch noch in die Realität umsetzte, selbst, wenn es nicht im Rahmen einer Ausstellung, sondern auf anderem Wege wäre? Doch Frido schüttelte den Kopf.

„Nein, ist tatsächlich alles weg und ich geh inzwischen voll und ganz in der Lehre auf“, sagte er, während sie sich langsam das Treppenhaus hinab begaben und lachte auf, als Jean-Pierre darauf bestand, als Erster informiert zu werden, falls es doch ein Comeback von Fritz K. Klimlau gäbe. So ganz wollte er also doch nicht locker lassen.

„Sollte ich herausfinden, dass du mir heute nur eine Show vorgespielt hast, um Dominiks Arbeit voran zu treiben, wäre ich schmerzlich getroffen, mein Lieber!“, warnte er Frido mit einem Augenzwinkern, doch der beteuerte, dass er einen Teufel tun würde.

„Ich hab früher ja vielleicht die eine oder andere waghalsige Aktion gebracht, aber mit dir würd ichs mir bestimmt nicht verscherzen!“, grinste er und reichte Jean-Pierre zum Abschied die Hand, als sie dessen Auto erreichten – ein Oldtimer in nicht alltäglicher Farbgebung, der natürlich perfekt zu seinem außergewöhnlichen Auftreten passte. Was dieser Wagen wohl einst gekostet haben durfte, wollte Dominik sich gar nicht vorstellen und konzentrierte sich lieber darauf, bis zum Schluss einen guten Eindruck zu machen. Also bedankte auch er sich natürlich noch einmal für den Besuch und dass ihr Gast seine wertvolle Zeit erübrigt hatte, um ihm dann dezent nachzuwinken, als er einstieg und den perfekten Abgang unter den erstaunten Blicken einiger Schaulustiger hinlegte. Auf seine Weise war Jean-Pierre wirklich eine Erscheinung und eine Art Kunstwerk. Und während Dominik nicht verhehlen konnte, dass er einen gewissen Eindruck bei ihm hinterlassen hatte, schob Frido die Hände in die Hosentaschen und schaute seinem alten Bekannten nach, als wäre dessen Auftauchen das Normalste der Welt gewesen. Doch als das Auto hinter der nächsten Kreuzung aus ihren Augen verschwand und Dominik seinen Blick nun an seinen Freund heftete, war ihm so, als würde sich eine ungeahnte Müdigkeit in dessen Lächeln mischen, das zwar selbst jetzt noch bestand, aber kaum noch zu überzeugen wusste. Stattdessen verschwand es endgültig, als er einen tiefen Atemzug nahm und kehrte erst zurück, als er sich Dominik zuwendete.

„Du hast dich gut geschlagen. Jean-Pierre kann ein wenig exzentrisch sein und ich war nicht sicher, ob er jemanden erwartet, der ähnlich forsch wie ich früher ist. Aber ich glaube, deine schüchterne Art hat ihm gefallen“, blickte er seinen Freund liebevoll an und beugte sich für einen Kuss zu ihm, ehe er seine Hand griff, um langsam wieder zurück zur Wohnung zu schlendern.

„Und? Wie fühlt sich der erste Verkauf deiner Werke an?“, erkundigte er sich dann, was Dominik eine eher zögerliche Antwort entlocken konnte. Freude verspürte er natürlich, aber es war auch immer noch etwas schwer für ihn zu realisieren.

„Ich glaub, ich muss das noch ein paar Tage sacken lassen…“, gab er darum zu und brachte Frido damit zum Schmunzeln. Etwas anderes hatte der wohl auch nicht von seinem Lockenkopf erwartet. Und doch stellte er sich vor ihn und legte die Hände an seine Wangen, als sie die Wohnungstür wieder erreicht hatten.

„Genieß, was du erreicht hast. Du kannst sehr stolz auf dich sein, Dominik. Ich bins auf jeden Fall“, sprach er und schenkte dem Jüngeren noch einen Kuss, als der leicht nickte und sich an ihn schmiegte, bis Frido den Wohnungsschlüssel zückte, um ihnen Einlass zu gewähren.

„Dann gucken wir die Tage mal nach passendem Papier für die Echtheitszertifikate und Verpackungsmaterial, damit deine Bilder auch heile bei ihm ankommen. Aber jetzt haben wir uns erst mal einen gemütlichen Abend auf der Couch verdient!“, stellte er zufrieden fest, während er anfing den Wohnzimmertisch abzuräumen und Dominik ihm dabei zuschaute. Da waren so viele Gedanken in ihm und so viel Gehörtes der letzten Stunden.

„Da sind heute ja einige bekannte Namen gefallen…“, murmelte er und brachte Frido damit zum Grinsen.

„Stimmt, aber lass dich davon nicht verunsichern. Die kochen auch nur alle mit Wasser!“, gab er zu bedenken, doch dann musste er erkennen, dass Dominiks Interesse wohl nicht unbedingt daher rührte.

„Ich wusste gar nicht, dass du mit einigen von ihnen sogar studiert hast“, stellte der nämlich fest, während er die Teller vom Tisch nahm und Frido in die Küche nach trug. Die Worte waren vorsichtig gewählt, aber trotzdem war der Lockenkopf unsicher, wie sein Freund darauf wohl reagieren würde. Doch der zuckte nur die Schultern.

„Stimmt schon. Einige waren Kommilitonen, andere Mentoren. Ist an einer Kunsthochschule aber auch nicht unbedingt ein Ding der Unmöglichkeit“, zwinkerte er Dominik zu und verfrachtete die Essensreste in den Kühlschrank, während der Jüngere die Spülmaschine bestückte. Ja, Unrecht hatte Frido damit sicherlich nicht und doch musste Dominik daran denken, wie sein Dozent im Unterricht bereits den einen oder anderen Namen seiner früheren Wegbegleiter genannt hatte. Nur war dabei nie ersichtlich gewesen, dass er sie mehr als bloß aus der Ferne kannte und mit einigen sogar bis heute losen Kontakt pflegte. Es fühlte sich ein wenig an, als hätte das Gespräch mit Jean-Pierre Seiten von Frido offen gelegt, die Dominik vorher nicht gekannt hatte und bei denen er sich fragte, ob das bloßer Zufall war.

„Irgendwie schon witzig, dass du uns mal Fotos gezeigt hast und keinem aufgefallen ist, dass du da selbst als Teil der Perfomance zu sehen warst“, dachte er an das erste Semester bei seinem Freund und eine kleine Anekdote des heutigen Nachmittags zurück, um Frido damit ein belustigtes Schnauben abzuringen.

„Na ja, ich hatte ja auch genug Farbe im Gesicht. Ein Grund, warum ich selbst wohl kein Performancekünstler geworden bin: Ich verteil die Farbe lieber auf der Leinwand als auf mir“, witzelte er und ging zurück ins Wohnzimmer, um Dominiks Bilder bis zu ihrem Weitertransport wieder ins Atelier zu tragen, damit kein dreijähriger Wirbelwind sie versehentlich beschädigen konnte. Doch während er beschwingt hantierte und leichtfüßig durchs Treppenhaus lief, folgte Dominik ihm nur langsamen Schrittes. Zu schwer wogen seine Gedanken und Überlegungen und die Frage, ob er sie offen ansprechen sollte.

„War echt nett von dir, dass du deinem Kumpel trotzdem dabei geholfen hast…“, begab er sich darum vorsichtig an das Thema und beobachtete Fridos Reaktion, die wieder recht belustigt ausfiel.

„Gab damals nicht so viele, die Bock drauf hatten, sich bunt anmalen zu lassen und sich halb nackt über Stunden hinweg mit Schnüren und Tüten verbunden dem Publikum präsentieren wollten. Da konnt ich ihm das nicht antun, dass auch noch meine Unterstützung wegbricht. Und letztlich wars auch wieder ne Möglichkeit, in den Pausen mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen. Uund im Anschluss hat er uns zum Dank zu Fritten und Currywurst eingeladen!“, verriet er mit einem Lachen, während er seine Leinwände abstellte und Dominik seine Fracht abnahm, um sie daneben in bester Gesellschaft zu platzieren. Dabei schlich sich noch einmal ein gewisser Stolz auf sein Gesicht, wenn er daran dachte, dass diese Bilder nun alle einen neuen Besitzer bekamen und sich im Gespräch mit Jean-Pierre noch einige weitere Möglichkeiten aufgetan hatten. Aber Dominik hatte den Kopf dafür gerade kaum frei.

„Die Ausstellung war damals sein Durchbruch, oder?“, kam er dem Kern seines eigentlichen Anliegens immer näher und entlockte Frido damit ein Seufzen. Sein Blick war weiter auf Dominiks Kunstwerke gerichtet, während er die Hände in die Hosentaschen schob und erst, als die Finger es sich in ihren Stoffhüllen gemütlich gemacht hatten, zu ihm hinüberschaute.

„Jap, war es. Und ja, der Performancekünstler Patrick Kosanowski ist mein Ex. Wir hatten uns schon vorm Studium kennengelernt und sind dann gemeinsam an die Uni gegangen. Unsere Kunstrichtungen waren unterschiedlich, aber wenns drauf ankam, hat er mir bei meinen Arbeiten geholfen und umgekehrt. Er hat teilweise für mich Modell gestanden oder ist mir bei Referenzfotos zur Hand gegangen. Ich hab mich von ihm anmalen und in Kostüme stecken lassen oder mich um andere Elemente seiner Perfomances gekümmert, wenn er meine Unterstützung brauchte. So einfach, so unspektakulär“, zuckte er die Schultern und ging auf Dominik zu, dessen Magen sich anfühlte, als wolle er sich verknoten.

„Ich…“, öffnete er den Mund, um etwas zu sagen, doch ehe er aussprechen konnte, stand Frido bereits bei ihm und brachte ihn mit einem Kuss zum Schweigen.

„Tu mir den Gefallen und freu dich jetzt endlich über deinen Erfolg. Du hast deine ersten Bilder verkauft, also guck nicht wie sieben Tage Regenwetter, okay?“, scherzte der Ältere, als er sich wieder löste und schmunzelte bei Dominiks Nicken. Doch auch wenn Frido dann beschwingt zurück zur Wohnung ging, konnte der Lockenkopf dieses beklemmende Gefühl im Bauch einfach nicht abschütteln – besonders, als er den Flur betrat und sah, wie Frido gerade mit seinem Gemälde aus dem Schlafzimmer kam, um es wieder im Wohnzimmer aufzuhängen. Hatte sein Freund es wirklich nur zur Präsentation der heutigen Exponate abgenommen? Je mehr Dominik diesen Tag Revue passieren ließ, desto mehr zweifelte er daran.

14.11.2024: Ginkgo

„Ja doch… Ich habs ihm gesagt. Macht er bestimmt… Nein, mal eben spontan ins Atelier kommen und gucken find ich nicht gut, wenn die Kleine dabei ist. Dominik ist aktuell eh unter Zeitdruck, weil er nach der Umbauerei auch noch einiges für die Uni nachholen muss und du weißt selbst, wie schnell wir uns immer verquatschen. Außerdem stehen da oben noch andere Bilder und genug Farbe, um eine kleine Katastrophe anzurichten, falls Lilli die unbemerkt in die Finger kriegt. Warte einfach noch die zwei, drei Tage, bis er fertig ist und dann hol ichs ins Wohnzimmer. Dann könnt ihr euch das Portrait in aller Seelenruhe angucken, während er sich weiter um die Uni kümmert, okay?“, spazierte Frido mit seinen Einkäufen in der Hand die Fußgängerzone Richtung Zuhause entlang, während sein Nacken sich dafür bedankte, dass er das Smartphone zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt hielt – normalerweise kein Problem, aber in letzter Zeit fühlte er sich etwas verspannt, wenn er mal genauer darüber nachdachte. Vielleicht sollte er bei Gelegenheit mal zur Massage gehen oder Ausschau nach einem neuen Kopfkissen halten? Doch bevor er sich darum kümmern konnte, musste er erst einmal Juli abwimmeln und kaum war das geschehen, hatte sich der zwischenzeitliche Gedankengang mit Wegstecken des Handys auch schon wieder erübrigt. Stattdessen freute er sich darüber, dass nach einem erfolgreichen Arbeitstag und einem reibungslosen Einkauf nun ein gemütlicher Abend auf ihn wartete, an dem er endlich richtig mit Dominik anstoßen wollte. Denn nachdem sich am frühen Nachmittag auch noch Jean-Pierre bei ihnen gemeldet hatte, um zu bestätigen, dass die Bilder sicher bei ihm gelandet waren, gab es nun wirklich nichts mehr, das einer kleiner Siegesfeier im Wege stand. Also verfrachtete er neben den üblichen Besorgungen an diesem Tag auch ein kleines Fläschchen Sekt und eine Flasche Orangensaft im Kühlschrank, ehe er gut gelaunt die Stufen zum Atelier hinter sich brachte.

„Hey, da bin ich endlich! Grüße von Juli! Ich hatte sie gerade am Hörnchen und sollte dich unbedingt noch mal an die Ginkgoblätter erinnern!“, sprudelte es schon bei Betreten des Raumes aus ihm raus, als er Dominik – wie auch nicht anders zu erwarten – vor der Staffelei sitzen sah und erkannte, dass der zur Abwechslung mal nicht seine Kopfhörer trug.

„Wenn die mir noch mal mit den Dingern kommt, sag ich ihr, sie soll den Beiden noch n vierten Baum für den Garten kaufen. Mehr Ginkgo geht dann bald nicht!“, grinste er, während er auf Dominik zuging und schon von weitem sah, dass der Julis Auftrag für den Hintergrund des Gemäldes längst umgesetzt hatte. Doch dann stutzte Frido, als er erkannte, wie sein Freund sich eilig übers Gesicht wischte und einige Male dezent räusperte.

„Ich bin soweit eigentlich fertig. Die letzten Blätter hab ich vorhin noch gemacht und ein paar Früchte ergänzt, damit das Motiv nicht ganz so standardmäßig ist. Nur die Blätter sieht man ja ziemlich oft irgendwo auf Bildern und in Werbung und weiß der Geier… Vielleicht kann Juli ja morgen mal vorbei kommen und ihr guckts euch zusammen an, ob ich noch was ändern soll“, schlug er vor und hob lächelnd den Kopf zu Frido, doch der runzelte sofort die Stirn, als auch Dominiks gerötete Augen seine Vermutung bestätigten.

„Wieso hast du geweint?“, ging er darum neben ihm in die Hocke, ohne sich zum Bild zu äußern und legte die Hände auf Dominiks Schoß, während er hoffte, die Antwort bereits zu kennen. War es die abgefallene Anspannung, weil die Gemälde sicher gelandet waren? Oder bereute Dominik den Verkauf nun etwa doch? Aber zu Fridos Überraschung hatte dessen Antwort nur entfernt mit diesen Vermutungen zu tun.

„Wir sind nicht mal ein Jahr zusammen und ich glaub, ich realisier jetzt erst so langsam, was das eigentlich für mich bedeutet“, atmete er tief durch und fasste Fridos Hand, um sie zu halten und zu streicheln.

„Ist dir mal aufgefallen, wie viel sich in den paar Monaten für mich verändert hat?“, murmelte er, während Frido merkte, dass Dominiks Vergangenheit natürlich auch immer mal wieder Thema gewesen war, aber sein eigener Fokus dabei trotzdem eher auf dem Jetzt oder der gemeinsamen Zukunft gelegen hatte. Doch auch, wenn er froh über Dominiks Entwicklung war, erkannte er auf diese Frage hin, dass er sich keine Vorstellung davon machen konnte, welchen Weg sein Freund wirklich zurückgelegt hatte – und wie sehr der ihn innerlich wohl tatsächlich durchgerüttelt hatte.

„Als ich vorhin mit dem Bild fertig geworden bin, hab ich mal den Blick durch den Raum schweifen lassen und gedacht: Das kann doch nicht sein… Das muss doch ein Traum sein! Der Mann, in den ich heimlich verliebt war, ist jetzt mein Freund. Ich leb nicht mehr in irgendeinem Zimmerchen bei meinen Eltern oder meiner Vermieterin, sondern in einer eigenen Wohnung. Selbst wenn ich zwischendurch noch Zweifel oder Blockaden hab, läufts mit meiner Kunst wieder wesentlich besser, als vor ein paar Monaten noch. Obendrein hab ich neue Freunde gefunden, die Uni macht Spaß und sogar mein Verhältnis zu meiner Familie ist um Längen besser! Und… jetzt hab ich auch noch meine ersten Bilder verkauft. Plus Jean-Pierres Anregungen, wie ich auf lange Sicht wirklich Fuß als Künstler fassen könnte…“, murmelte Dominik und schüttelte ungläubig den Kopf, als er erneut den Blick durch den Raum schweifen ließ, um dann das festzustellen, was all diese Überlegungen wohl am besten für ihn zusammenfassten und greifbar machten: „Das ist hier nicht nur n alter Schreibtisch oder ein Raum aus der Uni, Frido. Das ist mein eigenes kleines Atelier“.

Dabei senkte er den Blick wieder zu seinem Freund und betrachtete das Lächeln in dessen Gesicht. Doch begriff Frido wirklich, was Dominik ihm sagen wollte?

„Ist dir eigentlich klar, wie viel du für mich getan hast?“, sprach er es darum laut aus und wollte nichts davon hören, als Frido versuchte es klein zu reden. Nein, es war nicht nur eine Kleinigkeit gewesen und in Dominiks Augen auch nichts, was er nur durch seine eigene harte Arbeit geschafft hätte. Zumindest bei weitem nicht in der Kürze dieser Zeit.

„Ich würd dir so gern irgendwie was zurückgeben“, murmelte er darum und lachte, als Frido scherzte, dass er das doch beinahe jede Nacht täte.

„Blödmann! Ich meins ernst!“, knuffte Dominik ihm leicht den Oberarm, während Frido erst grinste und dann das Portrait auf der Staffelei betrachtete. Da war wieder Mutter Mariannes Stimme mit ihrer Bitte in seinem Kopf, doch das bittere Gefühl, das sie mit sich brachte, schob er schnell von sich.

„Weißt du was?“, fragte er stattdessen und schaute Dominik wieder an, der seine Unwissenheit mit erhobenen Augenbrauen zum Ausdruck brachte.

„Ich glaube, dir ist manchmal nicht bewusst, was du alles für mich tust, oder?“, stand er auf und beugte sich zu Dominik, um ihm die Hand an die Wange zu legen, während der recht unschlüssig wirkte. Ja, er kümmerte sich um den Haushalt und passte manchmal auf Lilli auf, aber was war das schon?

„Das ist schon so einiges“, erklärte Frido ihm allerdings, ehe er sich dazu durchringen konnte, mit Dominik ein wenig von dem zu teilen, was ihn wirklich bewegte – wenn auch auf seine Art.

„Dass du meinen Eltern dieses Portrait angefertigt hast, bedeutet mir sehr viel“, warf er noch einen Blick zur Staffelei und hielt fest, dass das Bild in seinen Augen längst fertig sei, ganz gleich, was Juli dazu vielleicht sagen würde.

„Ich finde, es muss noch trocknen und versiegelt werden“, richtete er sich auf und schwenkte dabei langsam wieder in eine andere Richtung, ehe ihm das Thema doch zu viel wurde. Sollten sie sich doch lieber darauf konzentrieren, dass es was zu feiern gab!

„Was hältst du davon, wenn wir den Rest des Tages entspannt ausklingen lassen und endlich mal auf die Erfolge der letzten Zeit anstoßen? Ich hab da ne Kleinigkeit mitgebracht“, zog er Dominik auf die Füße und legte die Arme um ihn, während der ernstlich überrascht wirkte.

„Du weißt aber schon noch, was passiert, wenn ich Alkohol hatte, oder?“, strich er über Fridos Brust und schob die Hände in seinen Nacken. Der Ältere aber schenkte ihm ein verschmitztes Grinsen und verriet mit leisem Säuseln: „Sags nicht weiter, aber von Sekt werd ich auch immer ein bisschen anhänglich“. Na, dann stand einem gelungenen Abend ja nichts mehr im Wege..

15.11.2024: krakeelen

Er hatte es gewusst. Eigentlich hatte er genau gewusst, dass es so laufen würde und sich trotzdem darauf eingelassen. Warum nur, fragte Frido sich, hatte er dem Bitten seiner Mutter dieses Mal nachgegeben? Ausgerechnet nach so einem Tag und obwohl mit dieser katastrophalen Nacht zu rechnen gewesen war? So wunderschön die Hochzeitsfeier seiner Eltern auch gelaufen war: Er hätte sich niemals darauf einlassen dürfen, danach tatsächlich mal wieder in seinem alten Zimmer zu übernachten, statt abends noch die Heimfahrt anzutreten. Denn jetzt lag er da, völlig übermüdet, in einem Bett, das für zwei Leute eigentlich viel zu schmal war und mit Lillis lieblichem Stimmchen aus dem Nebenzimmer im Ohr. Die Kleine war vom Tag und den vielen Eindrücken so aufgedreht, dass sie scheinbar die ganze Nacht krakeelen wollte – und für ihn und sein Nervenkostüm war keine Rettung in Sicht.

„Vielleicht sollte ich doch mal versuchen…“, meldete sich da auch Dominiks leises Nuscheln in das Geschrei und Fridos Gedankenwelt hinein, um von ihm sogleich mit einem „Nein“ gestoppt zu werden.

„Ihre Mutter ist da. Ihr Vater ist da. Sollen ihre Erzeuger sich wenigstens jetzt mal nützlich machen, nachdem du dich den ganzen Nachmittag um die Bespaßung der Blagen gekümmert hast!“, murrte der Ältere etwas pampiger als beabsichtigt, aber gerade hatte er einfach keine Energie mehr für nette Worte und geflügelte Sätze. Bei anderen Leuten folgte auf zunehmende Müdigkeit das Stadium „dumm“ und bei ihm eher das Stadium „angepisst hoch zehn“. Er wollte doch einfach nur noch schlafen! Und er wusste genau, dass es seinem Freund da nicht anders ging, selbst, wenn der jetzt noch kleine Witzchen riss.

„Ach, ich fands eigentlich ganz gut. Mit den Kindern musste ich wenigstens keinen Smalltalk halten“, scherzte er, was Frido nur ein mitleidiges Seufzen entlocken konnte.

„Ich wusste ja, dass Mama und Papa einige Verwandte und Freunde einladen, aber ich hab nicht damit gerechnet, dass am Ende gefühlt jeder kommt, der wenigstens noch über hundert Ecken zum Stammbaum gehört! Oder irgendwann vor zehn Jahren mal den Zählerstand hier abgelesen hat. Dieses Mal haben sies echt übertrieben… So viele neue Gesichter auf einen Schlag hätten mich an deiner Stelle auch überfordert“, murmelte er und dachte daran, wie seine Eltern ihre Leibesfrüchte samt Anhang obendrein noch voller Stolz in den Vordergrund des Geschehens gerückt hatten. Wie gut waren ihre Kinder doch geraten und wie niedlich ihr Enkelchen! Tim der wundervolle Papa und Dominik, den es gleich doppelt schwer getroffen hatte, weil er nicht nur als Fridos neuer Freund in den Fokus gerückt war, sondern spätestens mit Auspacken der Geschenke wohl auch seine Idee mit dem Portrait bereut hatte. Und trotzdem wusste er selbst das jetzt noch schön zu reden.

„Na ja, früher oder später musste ich den Rest deiner Familie ja mal kennen lernen. Und jetzt waren es halt alle geballt auf einmal. Aber waren ja auch ein paar schöne Gespräche dabei. Mit deiner Tante Erna zum Beispiel“, spaßte er, aber seine Stimme verriet nur allzu deutlich, wie erschöpft er wirklich war. Und trotzdem ließ er seinen Kopf nicht einfach auf Fridos Brust liegen, sondern stützte sich auf.

„Ich glaub, ich geh doch mal gucken, ob ich nicht helfen kann…“, unternahm er noch einen Anlauf und tastete in der ungewohnten Umgebung nach dem Lichtschalter, um – genauso wie Frido – im ersten Moment die Augen zusammen zu kneifen, als es vom Nachttischchen plötzlich gefühlt gleißend hell ins Zimmer schien.

„Dauert bestimmt nicht lang“, sprach er ihnen beiden dabei Mut zu, aber Frido legte den Arm um seinen Bauch und schüttelte den Kopf.

„Dominik, wir wissen beide, dass dich so viel Trubel ganz schön auslaugt. Ich bin von der Plärrerei auch müde und genervt, aber ich seh dir genau an, wie dir schon der Kopf schwirrt. Übertreibs nicht. Was du grad brauchst ist Erholung und nicht auch noch ne Stunde oder länger bei der Kurzen zu liegen und ihr was vorzusingen“, gab er zu bedenken, was Dominik mit einem Seufzen quittierte, um dann eilig den Kopf zu schütteln, als Frido sich plötzlich ebenfalls mit einem Vorschlag aufsetzte.

„Weißt du was? Ich geh mal kurz rüber und hol dir deinen MP3-Player. Die Kleine lässt sich davon grad eh nicht besänftigen, also kannst du ihn auch genauso gut zurück bekommen! Dann kriegt wenigstens einer von uns etwas Ruhe…“, schlug er die Decke auf, aber Dominik hielt seinen Unterarm fest.

„Nein, komm, das find ich auch nicht okay! Du kannst dann immer noch nicht schlafen und vielleicht wird sie dann noch quengeliger. Ich weiß ja nicht, ob sies immer noch mit der Musik versuchen und den doch noch brauchen…“, meinte er, was dieses Mal Frido zum Schmunzeln brachte.

„Noch quengeliger? Wie soll das denn gehen?“, schwang ein Hauch Sarkasmus in seinen Worten mit, während er aus dem Bett stieg und um das Fußende herum Richtung Zimmertür ging. Doch dann hielt er plötzlich inne und schaute mit einem nachdenklich „Hm“ zu Dominik, dem ins Gesicht geschrieben stand, dass er trotz seines schlechten Gewissens auch ein wenig froh über Fridos Einsatz war.

„Was ist los?“, fragte er bei Fridos Zögern jedoch und runzelte die Stirn, als der mit einem Mal anfing zu grinsen. Daran, dass Lilli just in diesem Moment Ruhe gegeben hätte, konnte es allerdings nicht liegen, denn sie beschallte noch immer das gesamte Haus.

„Schnapp dir das Kissen, wir ziehen um“, lautete stattdessen Fridos kryptische Erklärung, wobei er an seinen alten Kleiderschrank ging, um darin zu stöbern. Er hatte noch so eine Ahnung, wo er gucken musste und ja! Da war es auch schon! Triumphierend zog er eine Tasche mit unbekanntem Inhalt hervor, während Dominik ihn noch immer verständnislos anschaute.

„Du willst aber nicht im Auto schlafen oder jetzt doch noch nach hause fahren, oder?“, fragte er skeptisch und schien erleichtert, dass sein Freund sofort verneinte.

„Im Auto hab ich ein einziges Mal gepennt – nie wieder! Vor allem nicht in meinem Wagen! Aber fahren würd ich wirklich am liebsten, wenn ich mich nicht vorhin noch drauf eingelassen hätte, ein Weinchen auf den gelungenen Tag zu trinken. Ich Esel…“, verteufelte er gerade selber sein Verantwortungsbewusstsein, während er aber auch keinen Hehl darum machte, dass er Dominik in dessen aktuellem Zustand ebenfalls nicht unbedingt hinter einem Lenkrad sehen wollte. Es musste also eine andere Idee her, um Ruhe zu finden und die war ihm ja glücklicherweise noch früh genug gekommen, ehe er endgültig die Wände hochging.

„Nein, wir verziehen uns ins Gartenhaus. Da kriegt man den Krach nicht so mit“, wusste er zu erklären, während er sich in seine Klamotten wühlte und dann die Decke unter den Arm klemmte. Aber Dominiks Blick verriet, dass diese Info eher weitere Fragen bei ihm aufwarf.

„Klingt fast so, als hättest du das schon mal gemacht…?“, hatte auch er sich etwas mehr als T-Shirt und Boxershorts übergezogen und griff sein Handy, um es als Taschenlampe zu benutzen, damit sie nicht alle im Haus durch diverse Deckenbeleuchtungen auf ihre kleine Flucht aufmerksam machten. Er wirkte ein wenig zweifelnd, aber Frido war sich seiner Sache ganz sicher.

„Ich sag nur kleine Schwester und Pubertät! Wenn unsere Eltern übers Wochenende mal nicht da waren, hat sie sich immer im Zimmer verbarrikadiert und die halbe Nacht die Musik aufgedreht! Da hab ich mich dann mehr als ein Mal ins Gartenhaus gerettet. Man muss sich nur ein kleines Nest bauen, dann ist es sogar ganz gemütlich. Auflagen für die Gartenstühle liegen da eh drin, dann haben wir hier noch Luftmatratzen und das Bettzeug – damit kommen wir gut über die Nacht! Dass ich da nicht früher dran gedacht hab!“, grinste er und schlich frohen Mutes zur Tür. Nun war der Schlaf endlich nicht mehr allzu weit!

16.11.2024: Rhetorik

Ein tiefer Atemzug weitete seine Brust. Nur zögerlich wollte sich sein Unterarm in Bewegung setzen, um die Augen wieder frei zu geben und das Morgenlicht an die Lider zu lassen. Hatte er es vergangene Nacht wirklich noch für eine gute Idee gehalten, sich für erholsameren Schlaf auf eine Ansammlung von Luftmatratzen, Isomatten und Gartenstuhlauflagen zu betten? Zumal er für die Suche nach den Isomatten noch mal in den Keller gemusst hatte, nachdem ihm beim elendig langen Aufblasen der Luftmatratzen wieder eingefallen war, dass er die eigentlich nach dem letzten Campingausflug vor über zehn Jahren schon wegen ihrer Löcher hatte wegwerfen wollen. Wenn er in solchen Dingen nur nicht manchmal so faul wäre! Dann täte ihm jetzt auch nicht der Rücken weh. Oder er wurde einfach nur alt…

„Mein Gott…“, murmelte er über seine eigenen höchst optimistischen Gedankengänge zu diesem Erwachen und seufzte aus. So schlimm wars doch eigentlich gar nicht. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, er hatte frische Luft um sich rum und vor allem seinen Schatz im Arm. Und dessen Anblick entlockte ihm tatsächlich ein Lächeln, während er die freie Hand unter seinen Kopf schob und Dominik dabei betrachtete, wie er an ihn gekuschelt da lag. Wenigstens einer, der schlafen konnte, dachte Frido und hoffte im nächsten Moment, dass es auch noch ein Weilchen so bliebe. Denn jetzt meldete sich auch noch seine Blase und machte ihm ziemlich deutlich klar, dass sie ihm nicht allzu viel Wahl ließ. Also musste er versuchen, irgendwie so aufzustehen, dass Dominik davon nicht wach wurde, obwohl Fridos Brust ja gleichzeitig auch dessen Kopfkissen war. Aber auch wenn dieses kleine Manöver für gerunzelte Augenbrauen und ein unzufriedenes Brummen bei dem Jüngeren sorgte, war sein Schlummer doch tief genug, dass er sich einfach umdrehte und weiterschlief. Wie konnte man diesen Mann nicht lieben, dachte Frido mit einem Schmunzeln, als er ihn noch einen Augenblick betrachtete und wurde dann doch etwas nervös, weils im Unterbauch immer mehr zwickte.

„Ja doch!“, nuschelte er darum zu sich selbst, während er nach kurzem Zweifel doch mit etwas mehr Bekleidung als nur seiner Unterhose aus dem Gartenhaus trat und die leise Überlegung verwarf, einfach Mutter Mariannes Rosenbüsche zu wässern. So, wie er sein Glück kannte, würde ausgerechnet die Herrin des Hauses das dann mitbekommen oder er hätte plötzlich das kleine Monster mit seinen neugierigen Fragen neben sich stehen. Also trollte er sich doch brav durch die Hintertür zurück ins Haus, wo er schon von weitem das Getummel im Wohn- Esszimmer hörte. Scheinbar waren schon alle wach und bester Laune, während er zehn Uhr dreißig nach so einer Nacht noch viel zu früh für dieses Gesabbel fand. Also hieß es jetzt, möglichst ungesehen an dem Tor zur schnatternden Hölle vorbei zu kommen, wenn es am Ende nicht doch die Rosenbüsche werden sollten. Und tatsächlich schaffte er es unbemerkt ins Badezimmer. Dort bereute er allerdings sofort wieder, dass er auch noch Licht angemacht hatte, als er mit einem Gefühl der Erleichterung und Glückseligkeit ans Waschbecken trat, um sich die Hände zu waschen. Wie konnte er denn noch beschissener aussehen als er sich fühlte?

„Au man…“, betrachtete er sein zerknautschtes Gesicht und war fasziniert davon, dass seine Haare es schafften, trotz ihrer Kürze strubbelig und zerzaust auszusehen. Vielleicht brachte wenigstens etwas kaltes Wasser im Gesicht Besserung und zumindest eine Katzenwäsche war angesagt, als ihm dann noch auffiel, dass sein Hemd nach dem gestrigen Tag und einigen Tanzeinlagen nicht mehr unbedingt das frischeste war. Wenigstens war an seiner Hose nichts auszusetzen, aber er hatte bei Antritt der Reise ja auch nicht damit gerechnet, dass Ersatzklamotten vielleicht von Vorteil gewesen wären.

„Besser wirds heut nicht mehr…“, stellte er dann fest, als er einige Minuten später das Handtuch an seinen Platz zurück hängte und sich zumindest ein wenig erfrischter fühlte. Seife, Vaters Deo und Zahnpasta konnten manchmal Wunder wirken und trotzdem wünschte er sich gerade nur, mit Dominik im eigenen Bett zu kuscheln. Das war zwar nur zum Teil möglich, aber wenigstens nicht vollends abwegig. Also bestand die Aufgabe nun darin, es auch ein zweites Mal unbemerkt am Wohnzimmer vorbei zu schaffen – nur leider machte ihm dieses Mal der kleine Wachhund mit den bunt geschmückten Zöpfchen einen ordentlichen Strich durch die Rechnung.

„Da ist Onkel Frido!“, rief Lilli nämlich aus, während sie darauf wartete, dass Mama ihr die Scheibe Brot fertig belegte und wohl nichts besseres zu tun hatte, als in der Zwischenzeit die Umgebung nach gesuchten Objekten abzuscannen und sie zu verpfeifen. Somit schnellten auch sofort alle Köpfe in Fridos Richtung und der Ertappte trottete wohl oder übel zur Begrüßung ins Zimmer.

„Morgen zusammen…“, lehnte er sich an den Wohnzimmerschrank neben der Eingangstür, schob die Hände in die Hosentaschen und ließ den Blick über die Kaffeetafel schweifen. Ja, sie waren alle da: Mutter, Vater, Schwester, ehemaliger Schwager, kleine Petze und – oho! – der Meister der Rhetorik und faulen Ausreden! Na, da konnte dann ja nichts mehr schief gehen, dachte Frido sich, während seine Mutter auch schon aufsprang und zu ihm eilte.

„Junge, wie läufst du denn rum?! Wir haben Besuch!“, tadelte sie ihn für sein offenstehendes Hemd und machte sich sofort daran, es zu schließen. Da fand er es einen kurzen Moment lang tatsächlich schade, dass er nicht einfach in Unterhose reingekommen war.

„Ich glaub, der hat mich schon in schlimmerer Verfassung gesehen“, sagte er allerdings nur, ehe er an den Gast gerichtet ergänzte: „Morgen, Ernest. Na? Endlich aus dem Stau raus?“. Doch während der Angesprochene nur schmunzelte und an seiner Teetasse nippte, gabs von Mutter Marianne den nächsten Rüffel für den unüberhörbaren Zynismus ihres Sohns.

„Was bist du denn so muffelig? Du weißt ganz genau, dass er gestern noch zu einem Notfall musste! Und trotzdem hat er abends noch den Weg hierher auf sich genommen, um uns heute seinen Präsentkorb zu bringen! Das war wirklich sehr zuvorkommend von ihm!“, schimpfte sie, um Ernest dann anzubieten, beim nächsten Mal einfach bei ihnen zu übernachten, statt ins Hotel zu gehen. Nur seltsam, dass der sich auf den Hinweis und Fridos belustigtes Schnauben hin lieber noch mal mit seiner Tasse beschäftigte, statt das Angebot sofort dankend anzunehmen. Oder lag es vielleicht daran, dass er nicht zu offen sein Amüsement über das kleine Theater zwischen Mutter und Sohn zeigen wollte? Denn nachdem das Hemd gerichtet war, sollten jetzt auch noch Fridos Haare folgen. Dem Betüddelten wurde das nun allerdings doch langsam etwas zu viel.

„Mutter, jetzt hör auf an mir rum zu zuppeln!“, trat er darum von Marianne weg, als ihre Finger auf die Jagd nach seinem blonden Schopf gingen und fing sich sofort wieder einen empörten Ausspruch darüber ein, dass er sie nicht „Mama“ oder „Mami“ genannt hatte.

„Ich kann dich künftig auch gern Großmütterchen nennen“, murrte er allerdings nur und verdrehte die Augen, als jetzt auch noch die Nächste anfing, ihm auf den Geist zu gehen.

„Mensch, Frido, was bist du denn heut so zickig?“, mischte sich nun nämlich auch noch Juli ein und machte keinen großen Hehl daraus, dass sie eine gewisse Freude am Anblick ihres genervten Bruders verspürte. Besonders, als der auch noch um den Tisch herum flüchtete, damit seine Mutter ihn endlich in Ruhe ließ. Aber sicherlich sprach aus Julis Gefrotzel nur die Erleichterung darüber, dass ihr Bruder wohlbehalten wieder aufgetaucht war. Denn natürlich hatte sie sein Verschwinden längst bemerkt gehabt.

„Sag mal, wo kommst du jetzt eigentlich plötzlich wieder her? Ich wollte euch vorhin zum Frühstück holen und das halbe Zimmer ist leer geräumt“, fragte sie jetzt auch noch ganz unschuldig, obwohl ihr Grinsen verriet, dass sie sich gut vorstellen konnte, wohin sie – oder vielmehr ihre Tochter – Frido wieder vertrieben hatte.

„Scheinheiliges Biest“, murrte er darum und verschränkte die Arme vor der Brust, als Juli ihn entsetzt anschaute und Mutter Marianne wohl nur deshalb nicht dazwischen funkte, weil er zu leise gesprochen hatte, um seine Worte bis an ihre Ohren dringen zu lassen. Juli ergötzte sich hingegen umso mehr an ihrer Rolle als braves Töchterlein.

„Mami hat sich echt Sorgen gemacht, als ihr nicht aufzufinden wart! Wenn dein Wagen nicht noch in der Einfahrt gestanden hätte…“, führte sie ihr Schmierentheater fort und konnte die besorgte Miene doch nicht allzu lange aufrecht halten, als Frido sie unterbrach.

„Ja, ja, dann hätte sie schon n Suchtrupp losgeschickt, ich weiß!“, knurrte er, was zumindest Vater Fritz ein lautes Lachen abringen konnte, sodass nun wenigstens beide mit Namen Friedrich einen pikierten Blick der Hausherrin kassierten. Dennoch erhielt nur der jüngere von den Beiden auch eine entsprechende Belehrung von ihr, denn die Sache mit dem kleinen Versteckspiel konnte sie natürlich nicht einfach so stehen lassen.

„Ihr habt uns allein einen Schrecken eingejagt! Nicht nur mir! Juli hat das ganze Haus nach euch abgesucht. Vom Dachboden bis zum Keller! Kannst du nicht wenigstens kurz Bescheid sagen, wenn ihr mitten in der Nacht ins Hotel geht?! Wobei ich das auch wirklich etwas übertrieben finde! So eng ist dein Bett nun auch nicht, dass ihr da nicht zu zweit reinpasst“, schüttelte sie den Kopf, während Frido sie ungläubig anblinzelte. Hatte er zu viel Schmalz in den Ohren oder war das tatsächlich gerade aus dem Mund seiner Mutter gekommen?

„Soll das n Witz sein? Das Hotel ist vier Kilometer von hier weg. Als ob wir mitten in der Nacht zu Fuß da hin latschen und dann auch noch das Bettzeug mitschleppen! – Nein, Mutter, nicht „Du warst schon immer ein bisschen eigen, Junge!“. Das schmale Bett war nun wirklich das kleinste Problem! Schön, wenn du von Paps Geschnarche inzwischen total abgestumpft bist und er ja ohnehin in allen Lebenslagen problemlos pennen kann! Aber wir haben draußen geschlafen, damit wir überhaupt ein bisschen Ruhe kriegen bei dem ganzen…“, wollte er gerade seinem Ärger Luft machen, als sein Blick auf die kleine Unruhestifterin fiel, die ihn mit großen Augen anstarrte. Dabei war Lilli natürlich nicht die Einzige mit schockierter Miene, aber Frido interessierte im Moment weder das gezischte „Friedrich!“ seiner Mutter noch Julis Kuhaugen, die verrieten, dass ihr Bruder mit seiner Ansprache ein wandelnder Unfall für sie war: Sie sah und hörte ihn, aber in Anwesenheit ihrer Tochter konnte sie nicht einfach dazwischen grätschen und die Situation damit vielleicht noch verschlimmern. Da schien sie trotz ihrer vorherigen Fopperei dann doch ziemlich erleichtert, als er sich von selbst zur Raison rief.

„Tut mir leid, Spätzchen. Dein Onkel ist ein bisschen müde. Ich zieh mich noch mal n Moment zurück, okay?“, wusste er im Grunde ja selbst, dass Lilli das Haus nicht aus Böswilligkeit beschallt hatte und beschloss, dass wenigstens einer von ihnen beiden die eigenen Emotionen etwas besser im Griff behalten sollte. Außerdem musste man ja nicht unbedingt dafür sorgen, dass der Morgen so weiterging, wie die Nacht geendet hatte. Also hob er beschwichtigend die Hand, als Lilli leicht nickte und kehrte der illustren Runde mit einem kurzen „Bis später“ den Rücken zu. Er zog sich lieber erst mal wieder zurück, ehe ihm doch noch die Hutschnur rausflog – auch, wenn er sich zugestand, trotzdem noch genervt seufzen zu dürfen, als er beim Weg zur Hintertür hörte, wie seine Mutter sich bei Ernests für das Verhalten ihres Sohnes entschuldigte.

„Ihr wollt mich echt verarschen, oder?“, murmelte er daraufhin kopfschüttelnd zu sich selbst und stapfte unter dem schallenden Gelächter seines Vaters zurück in den Garten. Na, wenigstens einer, der Spaß hatte, dachte er sich, während für ihn selbst gerade nur eines zählte: Sich an Dominik zu schmiegen und ihn in den Arm nehmen. Wenigstens hier war die Welt noch in Ordnung, zwischen kaputten Luftmatratzen und auf unbequemen Isomatten.

„Jetzt versteh ich, warum du hier nicht übernachten wolltest…“, schien sein Freund an diesem Morgen nämlich der Erste, der wirklich Verständnis für ihn zeigte und Frido konnte gar nicht in Worte fassen, wie gut ihm das tat. Endlich mal echtes Mitgefühl! Und sein Lockenkopf, der sich im Halbschlaf wieder zu ihm drehte, um noch enger in seine Umarmung zu rutschen. Herrlich, dieser Morgenmuffel, der noch genervter in diesen Tag startete als er selbst und dann zu allem Überfluss auch noch die Worte sagte, für die Frido ihn am liebsten sofort voller Überschwang abgeknutscht hätte: „Nächstes Mal schlafen wir wieder zuhause“.

17.11.2024: Toleranzgrenze

Vielleicht war er gerade ein bisschen wehleidig, aber nach der letzten Nacht durfte er das auch.

„Wir hätten auch ins Hotel gehen können?“, ließ Dominik sich die Erzählung von Fridos kleinem Ausflug ins Haus noch einmal auf der Zunge zergehen und wimmerte leise auf, wenn er an das sicherlich kuschlig weiche Bett dachte, das da auf sie gewartet hätte.

„Schieben wirs bitte auf die Müdigkeit, dass ich da letzte Nacht nicht mehr drauf gekommen bin...“, pflichtete Frido ihm bei, um seinen ganzen Hass dann in Form eines abschätzigen Blickes an demjenigen auszulassen, der für ihre Misere zwar am wenigsten konnte, aber mit seinem süffisanten Grinsen umso gelegener kam.

„Na, ihr habt euch aber ein hübsches Nest gebaut“, gesellte Ernest sich mit einem Mal zu dem verliebten Pärchen und nahm auf einem der Gartenstühle Platz, nachdem er ihn mit einem Taschentuch versehen hatte.

„Hi Ernest..“, murmelte Dominik wenigstens zur Begrüßung, wohingegen Frido seinen alten Freund nur als Schleimer betitelte.

„Was warn das für ein dringender Notfall, zu dem du gestern noch hin musstest?“, spöttelte er, um genervt zu seufzen, als Ernest wieder einmal auf seine Schweigepflicht verwies.

„Ja, schon klar… Und im Hotel wars bestimmt auch schön, was?“, murrte Frido dann, um sich doch etwas überrascht über Ernests anschließende Antwort zu zeigen.

„Oh, ich bin tatsächlich am späten Abend noch her gefahren und habe dort genächtigt, um mir die überfüllte Autobahn zu ersparen“, verriet er, um dann mit einem Ausspruch zu enden, den Frido schon eher erwartet hatte: So ganz genügte das Hotel dann doch nicht Ernests Ansprüchen und beim nächsten Mal suchte er sich eine andere Unterkunft.

„Hättest ja auch bei deinen Eltern schlafen können“, grinste Frido nun und endlich war Ernest mal derjenige von ihnen beiden, der eine sauertöpfische Miene zog.

„Liebend gern, wenn ich mir vorher beide Trommelfelle durchstoße“, kroch der Ekel regelrecht aus seiner Stimme heraus, während er die Beine überschlug und Dominik irritiert zwischen den beiden Älteren hin und her schaute.

„Sein Bruder wohnt mitsamt Göttergattin bei den Eltern und Ernest ist von seiner Schwägerin nicht ganz so angetan“, wusste Frido zu berichten, wohingegen der Arzt ein pikiertes Schnauben entfuhr.

„Nicht so angetan? Bei dieser geistigen Umnachtung, die sie permanent in Form dümmlicher Aussprüche von sich gibt, wundert es mich jedes Mal aufs Neue, dass offenbar doch noch immer genügend funktionierende Zellen in ihrem Hirn vorhanden sind, die sich erfolgreich um den Fortbestand ihrer Atmung kümmern. Alles andere scheint längst einen furchtbaren Tod in den Tiefen ihres Sprachzentrums gestorben zu sein!“, gab er angewidert von sich und verdrehte kopfschüttelnd die Augen, als Frido Dominik erklärte, dass er eben jene Schwägerin gestern sogar kurz kennen gelernt hatte. Sie war eines der vielen Gesichter gewesen, die ihm bei einem erneuten Treffen vielleicht noch bekannt vorkämen, aber wohl kaum mit der Erinnerung an den dazugehörigen Namen glänzen konnten, weil die Begegnung so kurz ausgefallen war.

„Du Glückseliger! Sei froh, dass du ihrem grausigen Palaver aus Halbwahrheiten, Behauptungen und Vermutungen noch mal entkommen bist! Sie muss zu allem ihren Senf abgeben und hat dabei von nichts eine Ahnung!“, schien Ernest ernstlich am Verstand und Geschmack seines Bruders zu zweifeln, wohingegen Fridos Schmunzeln und leichtes Nicken verrieten, dass der Herr Doktor gerade vielleicht auch einfach ein wenig übertrieb.

„Sie ist Homöopathin, musst du wissen und die beiden geraten bei beruflichen Themen gern mal aneinander“, verriet er, um sich dann nur schwerlich das Lachen verkneifen zu können, als bereits das schon wieder ein passendes Stichwort für Ernest war.

„Homöopathin! Da fängts ja schon wieder an! Homöopath ist keine geschützte Berufsbezeichnung! Sieglinde ist Heilpraktikerin, die sich auf Homöopathie spezialisiert hat! Man beachte die Nuancen der Wortwahl!“, wetterte er sogleich mit einer Inbrunst los, die Dominik bei ihm niemals so erwartet hätte. War das gerade der Ernest, der sich sonst immer so in Zurückhaltung übte?

„Ach, bist du deshalb gestern nicht gekommen? Um ihr aus dem Weg zu gehen?“, war darum auch seine eigentlich wertfrei gemeinte Frage, die Ernest zwar von weiteren Schimpftiraden abhielt und ihm trotzdem noch einen abschätzigen Blick für den Lockenkopf abringen konnte.

„Als ob ich es nötig hätte, mich vor dieser Person zu verstecken!“, schnaubte er aus und reckte das Kinn, wohingegen Frido aus dem Grinsen nicht mehr raus kam.

„Gibs doch zu, du hattest auf die ganze Feier keinen Bock, oder?“, neckte er und auch, wenn Ernest sich einen Augenblick in Schweigen hüllte, war das kurze Hüpfen seiner Augenbraue eigentlich schon Antwort genug.

„Mein lieber Friedrich, du kennst meine Toleranzgrenze, was dummes Gerede, Kindergeschrei und jegliche andere Unannehmlichkeiten, die derlei Feierlichkeiten mit sich bringen können, betrifft. Wir sind beide hier aufgewachsen – muss ich dich wirklich an den einen oder anderen Nachbarn erinnern, die gestern sicherlich ebenfalls zugegen waren? Ich habe auf der Arbeit genügend Gejaule über Wehwehchen, da brauche ich nicht auch noch Oma Schmidt mit ihrer kaputten Hüfte oder den guten Herrn Walters, der mich zwischen Kaffee und Kuchen bittet, mal einen Blick auf seinen Ellenbogen zu werfen!“, stellte er seines Empfindens nach sicherlich nur sachlich klar, auch wenn Dominik ihn noch immer als ein wenig gereizt empfand. Frido diente der Ausspruch hingegen vor allem zur Belustigung und er hatte obendrein so eine Vermutung, warum der Herr Doktor momentan in Wirklichkeit so unleidlich reagierte.

„Mama hat deinen Eltern Bescheid gegeben, dass du hier bist und jetzt hast du keine Ausrede, um dich nachher ungesehen wieder zu verpieseln, hm?“, grinste er, woraufhin Ernest ihn taxierte, dass Dominik sich nicht gewundert hätte, wenn sein Freund vom nächsten Schachabend wahlweise mit den Nebenwirkungen von Schlaf- oder Abführmittel zuhause ankäme. Und statt es nun dabei zu belassen, setzte Frido schob Frido sogar eine weitere Frage hinterher.

„Wieso bist du überhaupt noch her gekommen, wenn du dich gestern schon so erfolgreich drücken konntest?“, erkundigte er sich, ohne recht erkennen zu lassen, ob es echtes Interesse war oder nur der Versuch, Ernest noch etwas angesäuerter zu sehen. Doch statt verbaler Entgleisungen wie seine Schwägerin sie abbekam, hatte Ernest für diese Frage eher Verachtung übrig.

„Friedrich, über gutes Benehmen muss man dir wirklich noch einiges beibringen, nicht wahr? Es wäre doch äußerst unhöflich gewesen, gar nicht zu erscheinen, wenn deine Eltern immerhin ihre Rubinhochzeit feiern!“, gab er zu bedenken, was Frido aber eher mit Spott durchzog.

„Du meinst wohl, du wolltest dir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, dich mal wieder als mein Held und Retter feiern zu lassen, oder? Wenn schon nicht gestern vor versammelter Mannschaft, dann wenigstens heute im kleinen Rahmen“, grinste er, als Ernests Mundwinkel verdächtig zuckten und Dominik nun im Nachgang auffiel, dass Fridos Mutter wirklich äußerst enttäuscht über Ernests Anruf zum „Verschieben seiner Ankunft“ gewirkt hatte.

„Ja, Mama liebt es nicht nur, mit Juli und mir anzugeben, sondern auch, bei jeder Gelegenheit noch mal drauf hinzuweisen, wie dramatisch das mit meinem Unfall war. Und wie froh sie ist, dass Ernests damals zur Stelle war, um mich wieder zusammen zu flicken. Es könnte in der Zwischenzeit ja jemand vergessen haben“, schwang ein dezenter Hauch der Ironie in Fridos Stimme mit, wohingegen sich in Ernests Gesicht endlich so etwas wie Zufriedenheit abzeichnete.

„Nun, Recht hat sie ja durchaus. Ich bin ein hervorragender Arzt und du kannst dankbar sein, dass ich mich so für dich eingesetzt habe“, schmunzelte er, was Frido ein ziemliches Seufzen abrang.

„Du weißt, wie dankbar ich dir und deinen Kollegen bin, aber deshalb brauch ich das nicht ständig wieder aufs Tablett kriegen“, meinte er und zu Dominiks Überraschung folgte darauf von Ernest mal kein überheblicher Spruch oder dergleichen, sondern ein verstehendes Nicken. Bei den ständigen Katz- und Mausspielchen der Beiden war es ja fast schon eine Wohltat, sie jetzt auch mal einen Moment so einträchtig beieinander zu sehen. Und dieser Zustand hielt sogar noch an, als Frido sich erkundigte, warum Ernest überhaupt ins Gartenhaus gekommen sei.

„Versuchst du noch ein bisschen deinen Besuch bei Sieglinde rauszuzögern oder hat meine Mutter dich geschickt, damit du ihrem Sohn mal zeigst, wie man sich niveauvoll verhält?“, scherzte er, was Ernest tatsächlich ein belustigtes Schnauben entlockte.

„Was das Niveau angeht, ist bei dir doch längst alles zu spät“, entgegnete er trocken, um dann aber auch noch den eigentlichen Grund für sein Erscheinen zu nennen.

„Eigentlich wollte ich mich nur vor einem erneuten Wutausbruch deiner Nichte retten…“, begann er, um sogleich den Kopf zu schütteln, als Fridos betroffener Ausdruck verriet, dass er die Schuld dafür bei sich suchte.

„Nein, nein, es lag daran, dass ihr Vater ihr zum Spaß was vom Frühstück geklaut hat und sie das nicht sonderlich erheiternd fand“, erklärte er, um dann zu nicken, als Frido die Vermutung anstellte, dass Tim sich an der Kruste von Lillis Schnitte vergriffen hatte – eine Todsünde, von der selbst Dominik schon wusste, dass man sie nicht begehen durfte. Und doch brachte ihn diese Szenerie auch zum Grinsen, wenn er mal etwas genauer darüber nachdachte.

„Wisst ihr was?“, fiel ihm nämlich etwas auf.

„Ich glaub ja langsam, dass das in Wirklichkeit ein perfider Plan von der Kleinen ist, um sich das Haus unter den Nagel zu reißen. Erst schreit sie alle raus und dann wechselt sie heimlich die Schlösser aus“, stellte er eine steile These auf, die bereits für Belustigung sorgte, aber dann noch von Ernest getoppt wurde.

„Gut möglich, aber ihr erwartet hoffentlich nicht, dass ich mich auch noch in euer kleines… Liebesnest… begebe, falls der Rest der Familie hier gleich ebenfalls Unterschlupf sucht und der Platz eng wird“, hielt er mit bierernster Miene fest, während Dominik und Frido diese Vorstellung zum Grölen brachte.

„Aber Gruppenkuscheln ist doch schön!“, gab Frido zur Antwort, um dafür wieder einen abwertenden Blick zu ernten. Doch allzu lange versank er nicht in Ernests Ungnade, denn der entdeckte just in diesem Moment auch, dass er dieses Gespräch durchaus für seinen Vorteil nutzen konnte.

„Friedrich, nachdem ich schon diese Anstrengungen auf mich genommen habe, um deiner Familie eine Freude zu bereiten, könntest du dich im Gegenzug eigentlich auch ein bisschen erkenntlich zeigen, indem du mich nachher zu meiner Familie begleitest“, verschränkte er die schlanken Finger ineinander, um sie dann elegant auf seinem Knie abzulegen, während er Frido musterte, der ihn erst einen Augenblick anstarrte und dann losprustete. Dominik ruhte sich derweil darauf aus, dass er ja nicht angesprochen worden war und das Geschehen daher unbeteiligt beobachten konnte – zumindest bis Ernest ihn gönnerhaft dazu einlud, ebenfalls dem Miteinander beiwohnen zu dürfen. Was sollte er auf diesen verlockenden Vorschlag nun antworten? Zum Glück übernahm Frido das.

„Ernest, du brauchst nicht so um den heißen Brei rum reden! Frag einfach, ob wir mitkommen, damit du dich nicht allein mit deiner Schwägerin rumärgern musst!“, grinste er und kicherte über Ernests verschnupftes Räuspern, das einer solchen Frage wohl noch am nächsten kam.

„Ich glaub, Mama und Papa freuen sich, wenn sie ihr Enkelchen bis zur Abfahrt noch ein bisschen länger hier haben. Ich müsste mir von Paps aber ein frisches Hemd leihen. Dann komm ich gern für n Stündchen oder zwei mit“, bot Frido an – vielleicht auch, weil die Diskussionen zwischen Ernest und Sieglinde immer ein kleiner Spaß für ihn waren? So oder so war damit die erste Zusage schon einmal gesichert und Ernest einigermaßen zufrieden gestimmt. Aber was war nun mit Dominik?

„Ähm… Ich würd wohl mitkommen, aber ich hab auch keine frischen Sachen bei. Und ich glaub, die Klamotten von deinem Dad sind mir dann doch etwas sehr groß“, gab er an Frido gerichtet zu bedenken. Aber wo war das Problem?

„Ich leih dir was“, schlug ausgerechnet Ernest vor und wurde von seinen beiden Gesprächspartnern überrascht angeschaut. Wobei sie dann auch beide zugeben mussten, dass die folgende Erklärung bei Ernest nun wirklich auf der Hand lag: „Was guckt ihr so? Selbstverständlich habe ich immer Wechselkleidung und einen Kulturbeutel im Auto. Man sollte doch für alle Eventualitäten gewappnet sein!“.

18.11.2024: Lizenzfrei

„Ja, bis nächste Woche!“, hob Frido die Hand und grüßte seine Studenten, die sich im Vorbeigehen von ihm verabschiedeten, während er nach getaner Arbeit seine Sachen in die Tasche verfrachtete. Ein guter Tag mit gutem Wetter, guter Laune und bereits zwei guten Unterrichtseinheiten. Da konnte ja nichts mehr schief gehen! Zumal obendrein auch noch sein kleiner Plausch zum Start in die Mittagspause wartete.

„Kommen Sie heute mal mit in die Mensa?“, lehnte Niko an einem der Tische und schloss zu Frido auf, als der an ihm vorbei die Tür ansteuerte. Allzu deutlich ließen sie es sich natürlich nicht anmerken, aber inzwischen war es zu einer schönen Routine geworden, bei Gelegenheit zusammen in die Pause zu starten oder wenigstens auf dem Weg zu Fridos Büro noch ein bisschen zu schnattern. Schließlich hatten Dozent und Student sich schon vor Dominiks Zutun gemocht, aber spätestens durch Nikos Unterstützung beim Ausbau des Dachbodens war ihr Verhältnis noch intensiver geworden. Von freundschaftlich zu sprechen wäre dabei wohl noch etwas übertrieben gewesen, aber als guten Bekannten sah Frido seinen Studenten inzwischen durchaus und er hatte den Eindruck, dass es Niko umgekehrt ähnlich ging.

„Ich hab mir noch gar nicht angeguckt, was auf der Speisekarte steht“, antwortete Frido wahrheitsgemäß auf dessen Frage und schmunzelte, als Niko natürlich schon eine Empfehlung für ihn parat hatte.

„Hähnchen mit Pommes und süß-saurer Soße klingt zwar verlockend, aber ich glaube, mir steht der Sinn heute doch nach etwas mit mehr Gemüse drin“, meinte Frido darauf allerdings, obwohl er Nikos Begeisterung ja durchaus von früheren Zeiten her nachvollziehen konnte. Trotzdem lachte ihn die Reispfanne, die er beim Scrollen durch die Mensa-App entdeckte, inzwischen dann doch etwas mehr an – auch, wenn Niko sich redlich Mühe gab, ihn noch vom Gegenteil zu überzeugen.

„Aber Pommes sind doch aus Kartoffeln und Kartoffeln sind Gemüse! Nur halt in seiner besten Form, wenn man von Chips mal absieht!“, lieferte er wirklich stichfeste Argumente, die seinem Dozenten unverständlicherweise dennoch nur ein Schmunzeln und Kopfschütteln abringen konnten – was wiederum für ein Kopfschütteln beim Studenten sorgte.

„Sie wissen ja nicht, was Sie verpassen…“, schaute Niko Frido fast schon mitleidig an, weil der sich so eine Gelegenheit einfach entgehen ließ. Das Highlight der gesamten Woche und er wollte nicht mal probieren?

„Na, da lässt Ihre bessere Hälfte mich aber hoffentlich nicht so hängen!“, seufzte er also resignierend aus und grinste sofort entschuldigend, als es von Frido für diesen verbalen Ausrutscher einen mahnenden Blick gab.

„Hat ja keiner gehört“, versicherte Niko sich trotzdem schnell mit einem Rundumblick und nickte dann Richtung Fenster, als er dabei auch zufällig den Lockenkopf auf dem Campus entdeckte.

„Na, wenn man vom Teufel spricht…“, reckte er den Hals und schob die Hände in die Hosentaschen, während er mit Frido den Ausgang ansteuerte. Der musste allerdings grinsen, als er sah, dass sein Freund schon wieder von Susi in Beschlag genommen wurde. Seitdem Dominik wusste, dass sie zum Ende des Semester hin gehen würde, verbrachte er auffällig viel Zeit mit ihr und noch mehr fiel auf, dass sie diese Aufmerksamkeit offensichtlich genoss. So oft, wie in den vergangenen paar Wochen, hatte sie ihn wohl in der gesamten Zeit zuvor nicht dazu überreden können, mit ihr shoppen und ins Kino zu gehen. Was so ein bisschen Abschiedsschmerz doch für Früchte tragen konnte – nur brachten die sein Früchtchen hoffentlich nicht wieder auf dumme Gedanken. Denn als Frido kurz vor Erreichen der Sitzgruppe, auf der Susi und Dominik es sich gemütlich gemacht hatten, mitbekam, wie seine Studentin plötzlich aufjubelte und ihrem Kumpel um den Hals fiel, schwante ihm schon wieder Böses. Und nicht nur er schien verwundert, wie ein Blick zu Niko verriet.

„Was ist denn mit der los?“, grinste der zwar, aber die Irritation stand ihm trotzdem ins Gesicht geschrieben.

„Man, wie cool ist das denn?!“, kamen sie derweil nah genug an Susi und Dominik heran, um etwas mehr von deren Gespräch mitzubekommen, wobei allein Dominiks Versuch, Susi von seinem Hals los zu werden, schon Bände sprach.

„Ist doch halb so wild…“, murmelte der und seufzte, als Susi ihn an den Schultern packte und schüttelte.

„Halb so wild?! Wurd Zeit, dass du endlich den Arsch mal hoch kriegst!“, rief sie aus und teilte die frohe Kunde auch sofort mit Niko, als er und Frido sich zu ihnen gesellten.

„Hast du schon gehört? Dominik hat seine ersten Bilder verkauft!“, platzte es so voller Begeisterung aus ihr raus, dass der Angesprochene sich kurzerhand dazu entschied, sich unwissend zu geben.

„Echt? Cool!“, grinste er nur, um der Freudenstimmung keinen Abbruch zu tun. Er konnte sich ja denken, wie Susi wohl auf die Info reagiert hätte, dass er es nach Frido als Erster erfahren hatte und sie hingegen erst einige Wochen später. Frido war hingegen froh, dass sein Freund sich nicht wieder zu irgendeiner Dummheit hatte anstiften lassen und konnte somit ganz entspannt mittrotten, als die beiden Sechstsemester ihre Sachen schnappten, um sich dem hungrigen Duo anzuschließen. Sein Gespräch mit Niko war damit allerdings auch beendet, denn nun übernahm das Reden definitiv eine andere.

„Hast du dir jetzt doch endlich Instagram zugelegt? Gib mir mal deinen Account!“, fing sie sofort mit ihrem Interview an und zückte dabei das Handy, um es dann verwundert sinken zu lassen, als Dominik meinte, dass auf genannter Plattform nicht aktiv sei.

„Wo dann? YouTube? TikTok?“, hakte sie nach und guckte ihn noch irritierter an, als Dominik all das verneinte.

„Hat sich über n Bekannten ergeben…“, meinte er kleinlaut und sofort drehten Susi und Niko ihre Köpfe mit vielsagenden Blicken zu ihrem Dozenten.

„Mensch, wer könnte das nur sein. Haben Sie ne Idee?“, fragte Niko trocken, wohingegen Susi lieber zu einer kleinen Standpauke ansetzte und Frido sich in schmunzelndes Schweigen hüllte.

„Du kannst dich aber nicht nur darauf verlassen! Ohne Social Media geht heute nichts mehr!“, las seine Studentin Dominik die Leviten, während dem anzusehen war, dass er schon wieder bereute, ihr überhaupt von dem Verkauf erzählt zu haben. Hätte sie doch bloß nicht versucht, ihm ausgerechnet eines dieser Bilder – eine frühere Seminararbeit, die schon seit deren Entstehung Susis Liebling von Dominiks Werken gewesen war – als Abschiedsgeschenk abzuschwatzen.

„Du brauchst auf jeden Fall Instagram!“, beschwor sie ihn, um dann auf die Vorteile, Formate und Handhabung dieser App einzugehen, bis Dominik davon die Stirn runzelte und sogar stehen blieb.

„Ich bin da zwar nicht angemeldet, aber vieles kann man sich da auch ohne Account angucken! Genauso wie auf den meisten anderen Plattformen! Ich weiß, welche Formate es da gibt!“, verschränkte er die Arme vor der Brust, aber Susi zeigte sich davon gänzlich unbeeindruckt.

„Ich würd dir ja empfehlen, dass du nicht nur Posts mit den fertigen Bildern hochlädst, sondern auch Reels erstellst. Ist immer spannend, wenn man auch den Entstehungsprozess sehen kann, find ich. Aber pass auf, dass du lizenzfreie Musik verwendest“, machte sie mit ihrer Erklärung weiter, als hätte Dominik nie einen Einwand geäußert. Dem armen Tropf musste man noch so viel beibringen, schien sie zu denken, wohingegen er sich fragte, ob sie ihm überhaupt zugehört hatte.

„Ey, hör auf so zu tun, als würd ich unter nem Stein hausen!“, guckte er fassungslos, während ihre beiden Begleiter schweigend grinsten und Susi ihn nun fast schon bedauernd anschaute.

„Ich sag nur: MP3-Player“, fiel ihr kritisches und doch trocken formuliertes Urteil aus, das Dominik ein abwertendes Schnauben entlockte, ehe er sich wieder in Bewegung setzte, um den Anschluss nicht zu verlieren.

„Ich hab den seit fast neun Jahren und der funktioniert immer noch tadellos! Und der Akku hält gefühlt ewig! Ganz im Gegensatz zu deinem blöden Smartphone, was du jede halbe Stunde ans Kabel hängen musst, wenn du Musik gehört hast!“, verteidigte er sein geliebtes Gerät und schaute Susi erst recht entsetzt an, als die jetzt noch einen drauf setzte.

„Wundert mich ja, dass du überhaupt schon weißt, was ein Smartphone ist. Du hast doch zuhause bestimmt noch son altes Telefon mit Wählscheibe stehen“, seufzte sie bedauernd, um dann zu grinsen, als Niko auflachte, Frido auffällig die Lippen aufeinander presste und es Dominik fast die Sprache verschlug.

„Jetzt reichts aber langsam mal! Du tust grad so, als wär ich im letzten Jahrhundert hängen geblieben!“, echauffierte er sich, wofür Susi den perfekten Konter parat hatte.

„Bist du auf Insta oder TikTok?“, wendete sie sich an Niko, der sofort schulterzuckend und schmunzelnd bejahte, um dann all die hübschen Plattformen zu nennen, auf denen er sich so herumtrieb. Hatte er Dominik auch schon mal einen dezenten Hinweis in diese Richtung gegeben? Vielleicht. Und war der bisher auf taube Ohren gestoßen? Möglicherweise. Doch das behielt er für sich, denn auch so hatte Susi ja schon bekommen, was sie wollte.

„Siehst du? Niko zeigt da viel mehr Eigeninitiative. Du hättest ja auch mal versuchen können, was in der alten Drogerie auszustellen, aber wolltest du bislang auch nicht. Und wenn man mal überlegt, wie lang du jetzt für den ersten Verkauf gebraucht hast und dass Niko schon seit dem ersten Semester seine Arbeiten bewirbt und anbietet…“, zuckte sie die Schultern und erklärte dann auch ganz selbstverständlich, dass sie ihrem Kommilitonen natürlich längst folge, als Dominik äußerst verwundert nachfragte, woher Susi so gut über Nikos Vita Bescheid wusste. Dass dieses Interesse erst aufgekeimt war, seitdem sie von Dominiks Freundschaft zu ihm wusste, behielt sie dabei allerdings für sich.

„Ich will ja nicht kleinreden, dass du ganz tolles Vitamin B hast…“, schenkte sie Frido dann kurz ein bezauberndes Lächeln, um sich anschließend wieder ihrem eigentlichen Publikum zu widmen.

„… aber ruh dich darauf nicht aus! Komm endlich aus den Puschen und geh mal ein bisschen mehr mit der Zeit!“, hakte sie sich bei Dominik unter, um Frido dann noch einmal lieblich anzulächeln – natürlich waren die Worte gerade nicht gegen ihn gerichtet, sondern dienten nur dazu, Dominik ein bisschen auf die Sprünge zu helfen. Der wunderte sich allerdings eher darüber, dass sie ihn nicht nur am Arm hielt, sondern auch noch vorwarnte, als sie Treppe zur Mensa erreichten.

„Nicht, dass du noch stolperst und dir die Hüfte brichst!“, gab sie dabei liebevoll zu bedenken und während Frido über diesen Kindergarten den Kopf schüttelte, grölte Niko über den Kommentar los.

„Oh, da hinten ist ja Tessa!“, fand er dann schnell eine Entschuldigung, um sich Dominiks eisigem Blick zu entziehen und verabschiedete sich mit einem flotten „Bis gleich!“. Dabei verpasste er allerdings auch, dass nun endlich Dominiks Moment kam, um zurück zu schlagen.

„Hüfte brechen, ja? Schon vergessen, wer von uns den alten Berg runter gefahren ist und wer nur kreischend hinterher gerannt ist?“, zischte er, um sich dann ertappt umzudrehen, als auch Frido sich nun endlich mal zu Wort meldete.

„Ich glaub, das ist uns allen noch gut in Erinnerung“, schaute er seinen Freund mahnend an, wohingegen dessen Blick verriet, dass er kurz vergessen hatte, wer sein Geplänkel mit Susi noch anhörte. Musste Ernest noch mal seine kleine Galerie aufbauen, schien Fridos Gesichtsausdruck zu fragen, aber Dominik zeigte sich schon reumütig.

„Susi, hör auf mich zu kneifen, das warn Scherz!“, machte er sich aus deren Umklammerung los und seufzte, als jetzt auch noch zwei wachsame Augenpaare auf ihn gerichtet waren.

„Jetzt guckt mich nicht so an! Wenn ich mich künftig mehr ums Verkaufen kümmer, hab ich gar keine Zeit mehr für son Scheiß, oder?“, sprach er fast lapidar daher und seufzte abermals, als Susi die Augenbraue hob und ihn auffordernd anguckte.

„Ja, was? Ich kenn mich mit Insta und Co. noch nicht soo gut aus! Da muss ich mich erst mal reinfuchsen!“, zuckte er die Schultern, woraufhin auch Susis zweite Augenbraue empor kroch.

„Hab ich mich grad verhört?“, legte sie den Kopf schief und starrte Dominik fassungslos an, als der seine Entscheidung noch mal deutlicher bestätigte.

„Ja, ich leg mir halt auch n Account zu… Kann ja nicht schaden“, murmelte er nicht nur mit Susis Vortrag, sondern auch Jean-Pierres und Nikos Hinweisen im Hinterkopf und zückte nach kurzem Zögern sogar sein Smartphone, um es Susi in die Hand zu drücken.

„Tob dich aus, da bist du doch schon die ganze Zeit scharf drauf… aber es werden noch keine Bilder hochgeladen! Das mach ich selbst!“, zog er es dann doch noch mal zurück, aber nun gab es längst kein Entrinnen mehr. Kaum hatte Susi diesen Freifahrtschein bekommen, hielt sie nichts mehr auf.

„Lass mich nur machen!“, rief sie aus und entriss es ihm, um sogleich blindwütig drauf los zu tippen und so scrollen, während sie anfing die Plattformen aufzuzählen, die Dominik ihrer Meinung nach jetzt unbedingt brauchte. Der war allerdings nicht ganz sicher, ob er sich gerade verhört hatte.

„Hä? Moment mal! Ich meinte erst mal nur Instagram!“, wollte er sie dann nach kurzem Stutzen zwar stoppen, aber da huschte sie auch schon kichernd in die Mensa zu Niko. Sofort wurde dem von ihrem Sieg berichtet und sogleich Kriegsrat mit ihm abgehalten, wie sie Dominik am besten unterstützen konnten. Der war für den ersten Moment allerdings einfach nur perplex über das, was da gerade geschah.

„Die sollte doch nur Ruhe geben und jetzt nicht auch noch völlig eskalieren…Und wieso machen die jetzt plötzlich gemeinsame Sache?“, guckte er Frido fassungslos an, um dann mit einem Ruck und einem herzhaften „Hey!!“ los zu rennen und sich das Handy zurück zu holen, ehe alles zu spät war. Und Frido? Der nutzte Dominiks Ablenkung, um seinerseits das Smartphone zu zücken und das kleine Tohuwabohu für die Nachwelt festzuhalten, das aus einem lachenden Niko bestand, einem empörten Dominik und einer zufriedenen Susi, die sich kurzerhand das Smartphone in den Ausschnitt schob, damit sein Besitzer es nicht zu fassen bekam. Erst Tessa sorgte für Ruhe, indem sie Susi ziemlich schnell klar machte, dass sie weit weniger Probleme mit einem beherzten Griff hätte als Dominik und sich dann zufrieden auf Nikos Schoß setzte, nachdem sie den erröteten Dominik aus seiner Misere befreit hatte. Und während Susi ein wenig schmollte, verstaute Frido sein Smartphone wieder und schlenderte pfeifend zur Theke. Schön, zur Abwechslung mal nicht selber das Kindermädchen für diese Chaostruppe spielen zu müssen.

19.11.2024: morgendlich

Wie idyllisch das Flussufer am Morgen sein konnte hatte er schon mehrfach gehört, aber es selbst zu erleben, war noch einmal eine ganz andere Erfahrung. Nicht nur die Ruhe faszinierte ihn, sondern auch das Farbenspiel des Sonnenaufgangs, das den Himmel und das Wasser bedeckte. Was für ein traumhafter Augenblick! Besonders mit den leichten Nebelfeldern dazu, die den Fluss aussehen ließen, als würde er kochen. Wenn da nur eine Sache nicht gewesen wäre…

„Und? Auf den Geschmack gekommen? Du bist herzlich eingeladen, mich jetzt öfter auf meinen morgendlichen Touren zu begleiten!“, grinste Bernd, während sie ihre Joggingrunde langsam ausklingen ließen und vom Ufer den Weg zurück zur Straße nahmen.

„Es ist auf jeden Fall ein Erlebnis…“, bestätigte Frido, um dann mit dem großen Aber fortzufahren.

„… aber ich glaub, wenn ich noch mal bei Sonnenaufgang mitkomme, dann nur noch im Winter!“.

Er grinste schief, während sein Kumpel auflachte. Bei aller Liebe: So schön dieser Start in den Tag auch gewesen war, es hatte sich wie eine Tortur angefühlt, dafür extra schon weit vor fünf Uhr aufzustehen. Da erstaunte es Frido einmal mehr, dass Dominik für die Arbeit sogar regelmäßig noch früher aus den Federn kroch und wie die verschiedenen Schichten für Bernd sein mussten, wollte er sich nicht mal vorstellen. Nein, dachte er, für ihn wäre das auf Dauer wirklich nichts gewesen.

„Man gewöhnt sich dran!“, versuchte Bernd ihn zwar zu locken, aber irgendwie wollte Frido nicht recht anbeißen. Stattdessen sorgte sein skeptischer Gesichtsausdruck eher für weiteres Amüsement bei Bernd, der ihn aber zumindest auch lobte, dass er gut mitgezogen habe.

„So zerknautscht, wie du heute Morgen ausgesehen hast, dachte ich schon, ich muss alle fünf Meter Pause machen, weil du im Stehen eingepennt bist!“, grinste er, um dann zufrieden zu seufzen und mit einem Blick auf seine Armbanduhr festzustellen, wie lange sie für ihre Runde gebraucht hatten.

„Und?“, zeigte Frido sich ebenfalls daran interessiert und nickte, als er die Dauer hörte. Vielleicht nicht seine Bestzeit, aber er war definitiv auch schon mal langsamer gewesen.

„Weißt du was? Dafür haben wir uns gleich erst mal ein schönes Frühstück verdient!“, schlug er zur Feier des Tages vor und Bernd ließ sich das nicht zweimal sagen. Besonders nicht, als Frido auch noch anbot, ihn einzuladen. Da erfreute es sie gleich doppelt, dass die näher kommende Brücke die letzten Meter ihrer Laufeinheit einläutete. Nur erspähte Bernd dann etwas, das ihn ganz und gar nicht erheiterte.

„Was ist denn da los?“, entdeckte er als Erster das kleine Grüppchen aus drei Frauen, die auf der anderen Straßenseite am Anfang der Brücke standen und sich aufgeregt unterhielten. Sie waren ihm schon bekannt, weil sich ihre Joggingrunden öfter mal kreuzten und dass sie jetzt hier standen und diskutierten, statt zu laufen, irritierte ihn doch sehr. Aber dann erkannte er im gleichen Augenblick wie Frido, was – oder vielmehr wen – die Frauen in ihrer Aufregung beobachteten und ein erschöpftes Seufzen entrang seiner Kehle. Sein Dienst hatte noch nicht mal angefangen und schon so was.

„Ist der bescheuert?“, schüttelte er den Kopf über eine Gestalt, die gerade dabei war, den Bogen der Brücke zu erklimmen und warf schnell einen Blick nach links und rechts, um dann mit Frido die Straße zu überqueren.

„Hey!“, rief Bernd dem Kletterer nach, kaum, dass er nahe genug war, aber der Angesprochene reagierte gar nicht. Stattdessen kraxelte er immer weiter und scherte sich nicht weiter um die Unruhe, die er verursachte. Der Polizist brummte genervt aus und wechselte ein paar Worte mit den Frauen, deren größte Sorge war, dass dem jungen Mann etwas zustoßen könne.

„Wir hatten ihn sogar noch angesprochen, als er über das Geländer geklettert ist, um da hin zu kommen. Aber das ließ den völlig kalt! Er hat uns kurz angeguckt, die Schultern gezuckt und sich dann seine Kopfhörer wieder in die Ohren gesteckt. Und dann gings los…“, schüttelte eine von ihnen fassungslos den Kopf, während die andere sagte, dass sie die Polizei schon angerufen hatten.

„Hoffentlich fällt der da nicht runter! Es wird doch jedes Jahr aufs Neue davor gewarnt, dass das Brückenspringen so gefährlich ist und der klettert jetzt auch noch auf den Bogen!“, meinte dann die Dritte und äußerte ihre Sorge, ob der junge Mann womöglich vorhatte, sich etwas anzutun.

„Können Sie mir ein paar Details zu ihm nennen?“, fragte Bernd, ohne auf die Unkenrufe einzugehen und während er beobachtete, wie der Ausflügler fast schon den höchsten Punkt erreicht hatte. Leider lieferte er mit seiner Jeans und dem Kapuzenpullover aus dieser Entfernung nicht allzu viele Anhaltspunkte. Doch auch die Frauen konnten kaum Angaben machen. Ein junger Mann, vielleicht Anfang bis Mitte zwanzig und offensichtlich schlank, aber sonst? Nicht einmal die Haare hatten sie aufgrund der Kapuze sehen können und dass es erst früh am Morgen war, tat das seinige dazu.

„Wie kriegt man den da jetzt wieder runter?“, erkundigte eine von ihnen sich, aber Bernd reckte seine Hand den eintreffenden Kollegen entgegen und ging auf sie zu, um sie vom Geschehen in Kenntnis zu setzen. Die drei Frauen blieben dabei an Ort und Stelle stehen, um weiter mitzubekommen, was nun geschah. Und Frido? Der ging dem jungen Mann plötzlich nach. Natürlich nicht auf dem Bogen, sondern unten auf dem Fußgängerweg, aber für ihn stand fest, dass er so nah wie möglich bei ihm sein musste – jetzt, da er diese furchtbare Gewissheit in sich spürte. Die ganze Zeit hatte er der Unterhaltung gelauscht und dabei gehofft ein Detail, nur ein winziges Detail aus dem Mund dieser Frauen zu hören, das sein ungutes Gefühl nicht bestätigt hätte. Aber mit jedem Wort mehr war ihm klarer geworden, wem er da beim Aufstieg zugesehen hatte. Und jetzt musste er diesen verdammten Dummkopf so schnell es ging da runter bekommen! Unbeschadet! Ohne hinterher zu springen und ihn aus dem Wasser zu holen, weil er in seinem Leichtsinn abgerutscht oder umgeknickt war!

„Dominik!“, stellte er sich darum direkt unter seinen Freund und brüllte hinauf, so laut er konnte, doch der Jüngere reagierte auch darauf nicht. Stattdessen hockte er da, nun endlich am höchsten Punkt angekommen und ließ den Blick in die Ferne schweifen. Diese verfluchten Kopfhörer immer! Wenn das hier gut ausging, würde Frido sie eigenhändig in die Tonne kloppen!

„Verdammt noch mal… Dominik!“, versuchte er es trotzdem noch einmal und schnaubte aus, als statt der Antwort seines Lockenkopfs nur Bernds Worte zu ihm durchdrangen.

„Frido, bist du sicher?“, stand er plötzlich wieder neben seinem Kumpel und murmelte ein „Scheiße, du könntest recht haben…“, als der Dozent aufzählte, wie gut all die Details zusammenpassten.

„Guck dir nur mal die Statur an und den Hoodie… das blöde Ding trägt er ständig, wenns nicht grad in der Wäsche ist, er zum Sport geht oder es vielleicht doch mal etwas zu warm wird! Wieso ist der nicht auf der Arbeit, sondern klettert hier auf irgendwelchen Brücken rum?!“, schüttelte Frido fassungslos den Kopf, um dann sein Handy zu zücken.

„Ich ruf ihn an!“, beschloss er, als selbst die Lautsprecherdurchsagen von Bernds Kollegen ignoriert wurden. Doch während er gerade anfing, auf seinem Smartphone herum zu tippen, um Dominiks Nummer rauszusuchen, erreichte ihn auch schon die nächste Hiobsbotschaft.

„Was macht er denn jetzt schon wieder?“, starrte Bernd noch immer hinauf und als Frido seinem Blick folgte, spürte er, wie ihn immer mehr die Sorge packte.

„Dreht der jetzt völlig ab?!“, musste er tatenlos dabei zusehen, wie Dominik sich jetzt auch noch aufrichtete und dann sein Handy zückte, um es mit ausgestreckten Armen von sich zu halten. Nichts und niemand bot ihm noch Halt, während er in aller Seelenruhe die Gegend fotografierte!

„Hat er Vibrationsalarm an oder Klingelton?“, fragte Bernd und Frido zuckte die Schultern.

„Mal so, mal so…“, murmelte er mit trockener Kehle und nickte bei Bernds Hinweis, dass ein plötzliches Losrattern des Smartphones seinen Freund vielleicht erschrecken und ins Wanken bringen könnte. Aber was sollte er dann tun? Däumchen drehen?! Nein, wenigstens eine kleine Nachricht schreiben! Ein kleines, unauffälliges Pling mit hoffentlich großer Wirkung! Also tippte Frido schnell die Bitte, nein, den Befehl, dass sein Freund auf der Stelle von der Brücke runter kommen solle. Zittrig huschte sein Daumen über das Smartphone und sofort warf er den Kopf wieder in den Nacken, als die wenigen Worte abgeschickt waren.

„Willst du mich verarschen?“, konnte er nicht glauben, dass sich Dominik selbst davon nicht stören ließ. Er öffnete ja nicht einmal die Nachricht! Weder die erste noch die zweite, in der Frido ihn abermals aufforderte, da oben runter zu kommen. Stattdessen fing er jetzt auch noch an Selfies zu machen! Und während oben das obligatorische Peace-Zeichen erschien, war Frido unten vor lauter Verzweiflung kurz davor, diesen Narren eigenhändig da runter zu holen.

„Guck endlich in den verdammten Chat!“, schrie er hoch und startete nach kurzem Zögern doch einen Anruf, um dann fast ungläubig hinauf zu starren, als er scheinbar endlich bemerkt wurde. Dominik nahm den Anruf zwar nicht entgegen, aber er ließ das Smartphone zumindest sinken, um darüber zu wischen. Las er nun wenigstens die Nachrichten? Nein. Er brachte seine Kamera wieder in Position, um weitere Aufnahmen von sich zu machen und verschlug Frido damit dieses Mal endgültig den Atem. Denn als dieser Trottel da oben nun auch noch die Kapuze vom Kopf zog, damit er sich besser in Szene setzen konnte, erschien kein dunkel gelockter Schopf, sondern eine raspel kurze Frisur.

„Hat er die Haare ab?“, fragte Bernd sofort und ohne ein Zögern schüttelte Frido den Kopf, obwohl sein Verstand noch immer nicht sicher war, ob er sich gerade wirklich erleichtert fühlen durfte.

„Gestern Abend definitiv noch nicht. Und ich glaub kaum, dass er heute Nacht plötzlich spontan Lust darauf hatte, sich fast ne Glatze zu verpassen“, blinzelte er und starrte so lange weiter angestrengt hinauf, bis der junge Mann nach erfolgreicher Fotosession schließlich doch bemerkte, dass er aufgeflogen war. Denn während er im ersten Moment noch voller Zufriedenheit das Handy weg steckte und hinunter auf die Straße schaute, war im nächsten auch schon beim Anblick der Polizei das böse Erwachen zu erkennen – und auch sein Gesicht endlich so deutlich, dass kein Zweifel mehr bestand.

„Definitiv nicht Dominik“, grinste Bernd und klopfte Frido auf den Rücken, wobei dem vor Erleichterung fast die Beine nachgaben. Und trotzdem konnte er es noch gar nicht so richtig glauben. Nur zögerlich wollte er sich vom Fleck lösen, als Bernd meinte, dass sie sich das Frühstück jetzt aber wirklich mehr als verdient hätten und langsam seine Kollegen ansteuerte. Zwar folgte Frido ihm dabei, aber sein Blick huschte auch immer wieder zurück zu dem jungen Mann. Unwillig begab der sich nun auf den Rückweg, als ihm dämmerte, dass das Risiko wohl doch zu hoch war, sich mit einem Sprung einer Strafe entziehen zu wollen. Also blieb ihm nicht viel anderes übrig, als sich von den Polizisten regelrecht in Empfang nehmen zu lassen. Spiegelte sich bei ihnen deshalb eine gewisse Genugtuung im Gesicht? Vielleicht. Frido spürte sie jedenfalls umso deutlicher, als der Unruhestifter wieder sicheren Boden unter den Füßen hatte und er ihn einmal aus nächster Nähe betrachten konnte. Diese unsägliche Dumpfbacke, wegen der er so in Aufruhr war! Mitte zwanzig? Höchstens Anfang zwanzig und eher noch gerade erst der Pubertät entsprungen! Und der Hoodie? Bei genauem Hinsehen war nicht schwarz, sondern dunkelblau und trug auf der Vorderseite einen Druck spazieren, den Dominiks definitiv nicht hatte. Aber gerade das Gesicht und die Frisur hätten nicht weiter weg von denen seines Freundes sein können. Da war er ja plötzlich fast geneigt, dem Kerl vor Erlösung um den Hals zu fallen. Aber auch nur fast. Stattdessen legte er lieber Bernd den Arm um die Schultern und schlenderte mit ihm vom Ort des Geschehens weg.

„Ich sags dir, nie wieder geh ich so früh mit dir joggen! Das ist mir echt zu stressig!“, scherzte er dabei und je mehr Ruhe in ihm einkehrte, desto mehr sackte das Adrenalin auch wieder ab. Er spürte, wie er aus seiner Ungläubigkeit erst in einem Zustand der Euphorie und Freude andete und dann langsam in eine tiefe Entspannung sank, die ihren Höhepunkt darin fand, dass er frisch geduscht und gestärkt am Küchentisch einnickte. Er hörte nicht einmal die Wohnungstür bei Dominiks Rückkehr und erwachte erst wieder, als sich plötzlich zwei Arme von hinten um ihn legten.

„Na? Wie wars, mit Bernd in den Sonnenaufgang zu laufen? Willst du das jetzt öfter machen?“, konnte er das Schmunzeln schon in Dominiks Stimme hören, während der sein Kinn auf Fridos Schulter ablegte.

„Auf gar keinen Fall“, murmelte er und legte die Hände auf Dominiks Unterarme, während er seine Wange an dessen schmiegte. Wie gut das jetzt tat!

„Hätte mich auch gewundert. Alles vor sechs Uhr ist bei dir ja schon immer hart an der Grenze, aber sogar vor fünf?“, grinste der Jüngere allerdings und ließ Frido wieder los, um scheinbar völlig unbedarft die Einkäufe aus seinem Rucksack zu räumen, während sein Freund ihn liebevoll musterte und mit der Hand auf Dominiks Rücken noch ein wenig Nähe schaffte.

„Schön, dass wir beide heute erst etwas später los müssen“, murmelte er und lächelte, als Dominik sich für einen Kuss zu ihm beugte.

„Ja, ich glaub, ein kleines Nickerchen tät dir noch ganz gut. Du siehst n bisschen zerknautscht aus“, grinste er dann und kümmerte sich um das restliche Innenleben seines Rucksacks, während Frido die Schultern zuckte und meinte, dass eine kleine Kuscheleinheit ihm aber auch schon ganz gut täte. Doch statt diese Einladung sofort anzunehmen und sich an ihn zu schmiegen, runzelte Dominik erst einmal die Augenbrauen. Allerdings nicht wegen der gehörten Worte, sondern wegen der Nachrichten, die ihn erwarteten, als er zuletzt auch noch sein Handy aus dem Rucksack zog und mit einem kurzen Antippen kontrollierte, was er in der Zwischenzeit verpasst hatte.

„Sag mal, schlafwandelst du beim Joggen?“, blickte er Frido fast schon mitleidig an, dem erst jetzt auffiel, dass er sich im Nachgang ja gar nicht mehr darum gekümmert hatte, ob seine Nachrichten doch noch von Dominik gelesen worden waren. Also erzählte er ihm jetzt, was er ihm früher oder später ohnehin berichtet hätte und grinste schief, als Dominik sich mit Beendigung der Geschichte doch noch lachend auf seinem Schoß niederließ.

„Was soll ich denn davon halten, dass du deinen eigenen Freund nicht mehr erkennst?“, lehnte er sich an Frido, während der die Arme um ihn legte und leicht die Schultern zuckte.

„Wie gesagt, die Figur war ziemlich ähnlich und dann hatte er auch noch ne Kapuze auf… Von weitem dachte ich echt, du wärst das. Aber eigentlich hätte mir sofort klar sein sollen, dass du so einen Schwachsinn nicht machst. Aber nach der Aktion mit dem Skateboard damals…“, seufzte er aus und guckte mit aufs Smartphone, während Dominik noch einmal seine Nachrichten las und sich darüber amüsierte.

„Keine Sorge, son Quatsch mach ich nicht mehr und auf Brücken kletter ich auch nicht mehr“, grinste er dabei und äußerte mit einem Hauch von Ironie sein Bedauern darüber, dass er ausgerechnet in so einem Moment das Handy im Rucksack verstaut gehabt hatte. Frido rutschte hingegen etwas anderes viel stärker ins Bewusstsein.

„Auch nicht mehr?“, wiederholte er einen Teil von Dominiks Worten und hob die Augenbrauen, als der leicht die Schultern zuckte.

„Joah. Im ersten Semester wollte ich das auch mal machen, um ein paar gute Panoramaaufnahmen zu kriegen. Hab aber beim hochklettern den Fehler gemacht, runter zu gucken und dann war nach zwei, drei Metern schon Schluss. Bin vor lauter Höhenangst fast nicht wieder runter gekommen. Keine Ahnung, wie lang ich mich da festgeklammert hab, bis ich mich so weit wieder beruhigen konnte, dass ich doch den Abstieg geschafft hab“, meinte er und nickte, als Frido sich erkundigte, ob keinem Passanten etwas aufgefallen sei.

„Doch, ein älterer Herr kam da lang und hat mir zugeredet. Ich hab fast geheult, als er zwischendurch die Polizei rufen wollte“, erzählte er, um dann zu schmunzeln.

„Der war echt nett! Klar, als ich wieder unten war gabs auch n kleinen Rüffel, aber alles in allem hatte der so was großväterliches an sich. Ich glaub, der hat sogar zwischendurch noch ein, zwei andere Passanten weiter geschickt, die dazu kamen. Aber so richtig dran erinnern kann ich mich nicht… dafür war ich zu sehr im Tunnel und hab eigentlich nur auf seine Stimme gehört. Hab den hinterher leider nicht noch mal getroffen. Schade!“, tätschelte er Fridos Hand und schmunzelte leicht, als er dessen zurückhaltenden Gesichtsausdruck betrachtete. Doch viel sagte der Ältere nicht zu dem Gehörten. Einzig ein „Und du wunderst dich, dass ich heute Morgen sofort an dich dachte…“ seufzte er, ehe er sein grinsendes Früchtchen noch etwas fester an sich zog und die Augen schloss. Nie wieder so ein Grauen am frühen Morgen!

20.11.2024: nichtsdestotrotz

„Ach, sieh an“, bildete sich ein Grinsen auf seinen Lippen, als er beim Betreten des Ateliers einen inzwischen recht selten gewordenen Gast erblickte und das dieses Mal auch noch in völliger Einsamkeit. Kein Geplapper drang von dem Stuhl neben ihm, der nichtsdestotrotz verriet, dass diese scheinbare Ruhe nur trog. Denn auch, wenn er gerade nicht besetzt war, stand eine recht bekannte Umhängetasche neben ihm, die mit ihren bunten Anhängern und Klimbinseln ihrer Besitzerin eindeutig zuzuordnen war. Doch solange sie sich nicht blicken ließ, störte es sie bestimmt auch nicht, wenn ihr Platz für den Moment von jemand anderem genutzt wurde.

„Dass man dich hier auch mal wieder antrifft“, klopfte Niko seinem Kumpel auf die Schulter und grinste abermals, als Dominik ein wenig erschrocken von seiner Leinwand aufblickte und die Kopfhörer runter nahm. Er schaute dabei zu, wie Niko sich neben ihn setzte und lachte auf, als der dabei seine Worte wiederholte.

„Ja, na ja… mein eigenes Atelier ist schon cool, aber ich glaub, wenn ich nur noch da drin arbeite, fall ich bei der Bachmüller bald noch mehr in Ungnade…“, warf er einen vorsichtigen Blick zur Tür, um sich nicht beim Tratschen erwischen zu lassen und gab dann auch noch schnell zu, dass er Susi nicht unbedingt mit dorthin nehmen wolle.

„Also dass du Susis neugieriges Näschen nicht unbedingt in eure gemeinsame Bude lassen willst, kann ich ja noch verstehen, aber was hat die Bachmüller damit zu tun?“, runzelte Niko die Stirn und verschränkte die Arme vor der Brust, um dann bei Dominiks Erklärung die Augenbrauen zu heben, als hätte sein Kumpel gerade von fliegenden Kühen gesprochen.

„Die hat mir letztens erst wieder eins reingewürgt, ob ichs nicht mehr nötig hätte, mich in der Uni blicken zu lassen. Und dann noch son blöder Spruch von wegen „Herr Preuss, da kann ja jeder mit nem fertigen Bild angelaufen kommen und behaupten, er hätte das gemalt!“. Als ob ausnahmslos alle Studenten nur hier in der Uni ihre Werke anfertigen. Ich frag mich manchmal echt, was die fürn Problem hat“, seufzte er und zuckte die Schultern, wohingegen Niko den Kopf schüttelte.

„Ich glaub, das weiß die selbst nicht. Mir hat sie damals während der Ausstellung auch mal gesagt, ob ich mich nicht lieber auf die Uni konzentrieren wolle, statt nebenher so viel anderes zu machen. Ich meine: Hä? Ich nehm an den Veranstaltungen hier teil, liefer meine Aufgaben ab und wenn ich nebenher noch Zeit für private Projekte finde, ist das doch meine Sache. Zumal die Uni und mein privater Kram ja sogar Hand in Hand geht. Wobei es auch immer noch mein Bier wäre, wenn ich privat ganz anderes Zeug machen würde“, meinte er, was Dominik wieder ein Schulterzucken entlockte.

„Bei mir kann ichs ja sogar noch n Stück weit nachvollziehen, dass sie so angepisst reagiert. Ich muss ja zugeben, dass ich in den letzten Monaten hier und da mal n kleinen Durchhänger hatte und dann auch schon mal ne Woche oder zwei gar nicht hier war. Oder halt wegen den Ausbauarbeiten – da hab ich mich ja auch n paar Tage nicht blicken lassen…“, murmelte er und nickte, als Niko einwarf, dass er aber trotzdem an seinen Bildern gearbeitet habe.

„Schon… das könnte sie mir aber vielleicht sogar erst recht krumm nehmen: Dass ich an ihrem Unterricht nicht teilgenommen hab, aber dafür dann abends zum Malen hergekommen bin. Aber bei dir hat sie doch echt keinen Grund, sich so aufzuführen“, gab er zu bedenken, was Niko allerdings recht wenig zu jucken schien.

„Nicht ärgern, nur wundern“, zuckte er die Schultern und grinste, als sich auch Dominiks Mundwinkel nach oben zogen.

„Ist auf jeden Fall schön, dich auch mal wieder außerhalb der Pausen aufm Campus zu sehen. Ich wunder mich nur, wo dein Anhängsel abgeblieben ist“, frotzelte er dann, um es überaus erheiternd zu finden, wie Dominik auf diesen Ausspruch hin das Gesicht verzog.

„Anhängsel… wir verbringen halt die letzten paar Wochen bis zum Semesterende noch n bisschen Zeit miteinander. Du weißt doch, dass Susi dann das Studium abbricht“, tunkte er seinen Pinsel in die Farbe, um nebenher weiter an seinem Bild zu arbeiten und doch kam er nicht allzu weit damit.

„Na ja, wenn ichs nicht besser wüsste, würde ich ja denken, dass ihr ein frisch verliebtes Pärchen seid, so, wie sie immer an dir klebt und dich überall mit hin schleppt“, brachte Niko ihn nämlich zum Stocken und zuckte mit einem entschuldigenden Grinsen die Schultern, als Dominik den Kopf wieder zu ihm drehte.

„Sie weiß, dass ich… mit wem ich zusammen bin“, sagte er ernst und ließ doch nachdenklich den Pinsel sinken. Machte er ihr ungewollt wieder falsche Hoffnungen? Niko aber schmunzelte.

„Ich denke mal, das hat sie auch kapiert. Mir gings eher darum, dass ich immer noch nicht so ganz dahinter bin, was da bei euch beiden eigentlich abgeht“, meinte er und lachte über Dominiks verwirrten Gesichtsausdruck.

„Na, einerseits hängt ihr ständig zusammen, andererseits geht sie dir aber oft genug ganz schön auf den Geist und du hast ihr noch nicht mal verraten, dass du mit du-weißt-schon-wem sogar zusammen wohnst. Passt irgendwie nicht so ganz zusammen, oder?“, gab er zu bedenken, woraufhin Dominik noch grüblerischer wirkte.

„Wirklich nerven tut sie mich nicht. Ihre aufgedrehte Art überfordert mich nur manchmal…“, murmelte er, was Niko zum lachen brachte.

„Manchmal ist gut! Du guckst oft genug wie ein geblendetes Reh, wenn sie wieder einen raus haut!“, grinste er, was Dominik nicht so recht dazu bringen konnte, sich ihm anzuschließen. Wer den Schaden hatte, brauchte für den Spott nicht zu sorgen, oder wie hieß es so schön?

„Schön, ich gebs zu: Bei ihrem vielen Geplapper und ihrer ständigen Neugierde hatte ich einfach bis jetzt die Sorge, dass ihr am Ende doch noch rausplatzt, mit wem ich liiert bin… Die ersten Tage, nachdem sie Bescheid wusste, hab ich ständig drauf gewartet, dass doch die Gerüchteküche los geht oder mich sogar jemand drauf anspricht, aber das ist ja offensichtlich nicht passiert. Trotzdem fühlts sich immer noch ungewohnt an, dass sie sich so diskret verhält und das will ich dann auch nicht überstrapazieren, indem sie am besten sogar mit zu uns nach hause schleppe. Im Endeffekt sprechen wir über das Thema eigentlich gar nicht mehr und ich hab das Gefühl, dass das auch ganz gut so ist“, meinte er und Niko nickte leicht. Er erkundigte sich aber auch, wie Dominiks und Fridos Pläne diesbezüglich überhaupt weiter aussahen.

„Ehrlich gesagt find ichs schön, wie es gerade ist. Es war… zwischendurch ein wenig turbulent, aber momentan genieß ich die Zweisamkeit mit ihm einfach und würd gern noch ein bisschen warten, bis wir es an die große Glocke hängen. Und ihm gehts da genauso. Wir haben überlegt, ob wir es dann im neuen Semester vielleicht öffentlich machen, aber momentan möchten wirs gern noch für uns behalten. Zumal sich das irgendwie auch gut eingespielt hat, mit unserem Alltag und dass wir uns regelmäßig sehen können, aber trotzdem unauffällig dabei sind“, antwortete er mit einem dezenten Schulterzucken und lächelte, als Niko entgegnete, dass das doch nach einem guten Plan klinge.

„Ich mach mich dann auch mal an die Arbeit, bevor die Bachmüller hier vorbei kommt und sieht, dass ich hier nur rumhocke, statt was zu tun“, grinste er dann und stand auf, um sich seinen eigenen Arbeitsplatz einzurichten. Doch auch, wenn Dominik im ersten Moment nickte, hielt er Niko trotzdem noch auf.

„Ach und was Susi betrifft…“, begann er, sodass sein Kumpel innehielt und ihn fragend anschaute.

„… Ich glaub, „kleine Schwester“ trifft die Sache eigentlich am besten. Sie kann eine wahnsinnige Nervensäge sein, aber ich hab sie trotzdem auch sehr gern und… ja, ich glaub, ich werd sie ganz schön vermissen, wenn sie weg ist“, seufzte er leicht und schmunzelte, wohingegen Niko bereits wieder ein breites Grinsen auf den Lippen trug. Besonders, als Dominik auch noch eine Frage an ihn richtete.

„Hat nicht jeder irgendwie jemanden in seinem Freundeskreis, bei dem es nach außen hin vielleicht etwas überraschend wirkt, dass man mit der Person abhängt?“, wollte er wissen, um dann die Augen zu verdrehen, als das natürlich die perfekte Steilvorlage für seinen Freund war.

„Klar, hab ich auch! So’n entfernter Kumpel von mir… Ist n bisschen komischer Kauz, aber eigentlich ganz nett. Dominik heißt der. Vielleicht hast du den sogar mal aufm Campus gesehen… der ist manchmal hier!“, frotzelte er und fing anschließend auch noch an, die Optik dieses ominösen Kumpels zu beschreiben, sodass Dominik aufstand und ihn knuffte.

„Ja, ja, schon klar, du Sack! Mit dir kann man echt nicht reden!“, lachte er und begrüßte Susi umso besser gelaunt, als sie in diesem Augenblick zurückkam und seinen Namen rief.

„Ich hoffe, du hast meinen Schokoriegel unterwegs nicht schon aufgefuttert! Wenn der Depp hier in der Nähe ist, brauch ich definitiv Nervennahrung!“, deutete er mit einem Grinsen auf Niko, der ihn prompt in den Schwitzkasten nahm. Doch als er Susis Ausdruck erkannte, ließ er ihn wieder los.

„Dominik, die Schwester von Herrn Klimlau ist hier!“, keuchte sie, weil sie sich wohl nicht nur beeilt hatte, um schnell wieder bei ihrem Lockenkopf zu sein.

„Was?“, guckte der Angesprochene sie irritiert an und lief zu ihr hinüber, damit die neugierigen Ohren der anderen Studenten nicht zu viel Futter bekamen. Sein Gespräch mit Niko war dezent genug gewesen, um niemandes Interesse zu wecken, doch kaum war der Name eines Dozenten lautstark gefallen, sorgte nicht zuletzt seine aufgeregte Überbringerin umso mehr für Aufsehen.

„Ich hab sie auf dem Campus getroffen, als ich zur Mensa wollte..“, erklärte Susi und nickte eifrig, als Dominik nachhakte, ob es wirklich Juli sei.

„Ja, definitiv! Ich hab ja mit ihr gesprochen! Und ihre Tochter hat sie auch dabei!“, begann sie zu erklären, während Dominik sie auf den Flur schob und Niko ihnen folgte, um die Glastür zu schließen und den Schaulustigen ein wenig den Ausblick zu nehmen, indem er ihnen die Sicht versperrte.

„Dominik, ihr geht’s nicht gut. Herr Klimlau muss auf die Kleine aufpassen, aber sie konnte ihn nicht erreichen“, sprach Susi weiter, wobei der Lockenkopf sie sofort erschrocken anschaute und wissen wollte, was passiert sei.

„Sie muss dringend ins Krankenhaus“, antwortete Susi, was Dominik in Sekundenbruchteilen eine ungesunde Blässe ins Gesicht zauberte, die auch nicht recht verschwinden wollte, als Susi sofort versuchte, ihn ein wenig zu beruhigen.

„Ist nur ne Blinddarmentzündung! Im Moment ist noch alles okay, aber sie sollte halt nicht zulange warten“, schob sie schnell hinterher, doch ihr Kommilitone war längst alarmiert.

„Wo ist sie jetzt?“, wollte er wissen und rannte sofort los, als Susi das Foyer nannte.

„Ich kümmer mich um eure Klamotten und komm gleich nach!“, rief Niko ihm hinterher und nickte auch Susi zu, dass sie Dominik folgen solle, während der mit einem „Danke!“ im Treppenhaus verschwand. Unterwegs warf er einen Blick auf sein Handy, ob er Julis Anruf verpasst hatte und spürte eine kleine Erleichterung, als er mit Betreten des Foyers schon Lillis Lachen hörte.

„Domi!“, lief sie ihm gleich entgegen und ließ sich von ihm auf den Arm heben.

„Hey, Spätzchen“, gab er ihr einen ganz selbstverständlichen Kuss auf den Schopf und ignorierte die neugierigen Blicke einiger anderer Studenten, als er das Kind an ihnen vorbei trug.

„Juli, hey!“, eilte er schnellen Schrittes zu Lillis Mutter, die auf einer der Bänke saß und auch, wenn sie ihm ein Lächeln schenkte, war nicht zu übersehen, dass es ihr alles andere als gut ging.

„Tut mir leid, ich wollte eigentlich mit Frido sprechen“, murmelte sie, als Dominik sich neben sie setzte und bedankte sich kurz bei Susi, die nur Sekunden später zu ihnen aufschloss.

„Warum hast du mich denn nicht angerufen?“, fragte Dominik, aber Juli lächelte schief.

„Ich war nicht sicher, ob du vielleicht Ärger kassierst, wenn ich dich aus dem Unterricht hole. Oder ob ich euch beiden damit irgendwie Schwierigkeiten bereite“, nuschelte sie, aber er schnaubte nur aus.

„Ist doch wohl meine Sache, wenn ich die Kleine von unserem Dozenten manchmal babysitte, oder?“, fasste er Julis Hand und drückte sie, um sie dann zu fragen, warum sie nicht schon früher gesagt hatte, dass es ihr nicht gut ging. Doch die zuckte die Schultern.

„Ach, ich hab gedacht, das wären nur n paar Frauenbeschwerden oder dass Lilli wieder irgendwas aus der Kita mitgeschleppt hat. Ihr gehts aber soweit gut, also dachte ich, dann bin ich auch schnell wieder aufm Damm. Aber inzwischen fühl ich mich so bescheiden, dass ich vorhin doch mal zu Arzt bin und der hat mich gleich weiter geschickt.Der Blinddarm muss raus“, seufzte sie und rieb Lilli über den Rücken, die auf Dominiks Schoß herumhopste und lachte, weil Susi Grimassen für sie zog.

„Ich darf wohl nicht sofort nach der OP wieder raus. Könnt ihr vielleicht ein paar Tage auf sie aufpassen? Tim ist aktuell auf Montage und ich will sie nicht so gern allein zu ihren Großeltern geben. Sie ist es gewohnt, dass mit dabei bin, wenn sie dort übernachtet und ich will ihr auch ungern noch mehr Routine nehmen, indem ich sie aus der Kita lasse“, fragte sie dann mit belegter Stimme und wendete den Kopf ab, sodass ihre Tochter nicht mitbekam, wie elend ihr gerade zumute war.

„Klar, überhaupt keine Frage!“, antwortete Dominik hingegen ohne zu Zögern, doch als Juli dann meinte, sie wolle sich auf den Weg zum Krankenhaus machen, schüttelte er sogleich energisch den Kopf.

„Ich lass dich bestimmt nicht allein da hin laufen! Reicht schon, dass du Lilli jetzt noch her gebracht hast. Ich hol Frido, der fährt dich!“, setzte er Lilli auf die Bank und bat Susi, sich noch einen Moment um Mutter und Kind zu kümmern. Doch seine Kommilitonin beschäftigte dabei eine andere Überlegung.

„Die Dozenten haben doch grad ne Besprechung… Und wenn ihr mit dem Taxi fahrt? Ich kann gern solange auf die Kleine aufpassen und ihm nachher Bescheid geben“, bot sie an, was Dominik allerdings umgehend ablehnte.

„Ich glaub nicht, dass er begeistert wäre, wenn erst im Anschluss erfährt, was hier los ist. Und das wär ich an seiner Stelle auch nicht“, entschied er und tätschelte Juli nochmals die Hand.

„Nicht, dass du Ärger kriegst, wenn du da jetzt störst“, gab sie zwar zu bedenken, aber er schüttelte wieder den Kopf.

„Den würd ich eher kriegen, wenn ich nicht störe“, grinste er leicht und verschwand mit einem „Bin gleich zurück!“ zum Treppenhaus. Eiligen Schrittes bahnte er sich seinen Weg und warf Lilli dennoch ein Lächeln zu, als er sie seinen Namen rufen hörte.

„Ich komm gleich wieder, Spätzchen!“, rief er und winkte ihr, um dann Niko fast umzurennen, der gerade aus der Tür trat.

„Hi, Spätzchen. Wo willst du hin?“, fragte der belustigt und nickte, als Dominik ihn schnell in Kenntnis setzte.

„Alles klar, ich warte hier mit den Anderen“, meinte er und sah den Lockenkopf zum zweiten Mal an diesem Tag ins Treppenhaus verschwinden, während er auf die Mädelstruppe zusteuerte. Das war also Frido Klimlaus Anhang, den er bislang nur vom Foto kannte, dachte er, während zwei Stockwerke über ihm der Dozent just in diesem Moment niesen musste.

„Danke“, flüsterte er zum Kollegen Talert, der ihm Genesungswünsche zutuschelte und wendete sich dann für ein unauffälliges Schnäuzen ab. Gut, dass er die Gräserallergie aus seiner Kindheit nicht mehr hatte – sonst wäre die Besprechung bisher wohl nicht so störungsfrei von statten gegangen. Doch dann, kaum, dass er diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, klopfte es an der Tür und Frido musste schmunzeln. Wenn man vom Teufel sprach, dachte er belustigt, um schnell das Grinsen zu verlieren, als er erkannte, wer dieser „Teufel“ war.

„Entschuldigen Sie bitte die Störung“, öffnete Dominik die Tür, als er von einem der anderen Dozenten mit einem „Herein!“ dazu aufgefordert wurde. Er setzte dazu an, weiter zu sprechen, aber dabei wurde ihm sofort über den Mund gefahren.

„Der Herr Preuss! Wer auch sonst?!“, seufzte Frau Bachmüller aus, als sie ihn entdeckte und wies ihn darauf hin, dass er gerade mitten in die Besprechung platzte.

„Hat das nicht Zeit bis nachher?“, zischte sie, als er meinte, dass es nur kurz dauern würde und reckte verschnupft das Kinn, als Dominik ihre Frage verneinte.

„Herr Klimlau, haben Sie einen Moment?“, ignorierte er dann ihr genervtes Schnauben, das direkt noch einmal ertönte, als der Angesprochene ohne zu Zögern aufstand.

„Klimlau, gehört das bei Ihnen zum guten Ton, dass die Studenten Ihnen so auf der Nase rumtanzen?“, verzog sie das Gesicht, aber Frido schaute sie nur fest an.

„Herr Preuss würde hier bestimmt nicht reinplatzen, wenns nicht wichtig wäre. Sie können gern schon mal ohne mich weitermachen“, verließ er unter dem erbosten Zischen seiner Kollegin den Raum, nur, um wenige Augenblicke später gleich noch mehr bei ihr in Ungnade zu fallen, als er die Tür wieder aufriss und zu seinem Platz zurückeilte.

„Ich muss mich entschuldigen. Ich muss zu einem Notfall!“, griff er seine Jacke und knurrte ein leises „Verdammt!“, als er bei einem kurzen Blick aufs Handy die verpassten Anrufe von Juli sah. Verdammter Flugmodus!

„Macht denn heute jeder, was er will? Was soll das denn jetzt plötzlich für ein Notfall sein?!“, rief Frau Bachmüller dabei allerdings aus und guckte ihn entgeistert an, um sich noch weiter zu echauffieren, als einige der Kollegen sie versuchten zu beruhigen.

„Ist doch wahr! Der Herr Preuss hat mal wieder eine seiner kleinen Sinnkrisen und muss seinen Lieblingsdozenten jetzt auch noch dafür aus einer Besprechung holen?! Langsam ist aber wirklich mal gut mit seinen Auftritten! Der hat doch gefühlt jede Woche was anderes, das ihm quer sitzt und der Kollege Klimlau unterstützt das auch noch, indem er die Hand drüber hält! Finden Sie das den anderen Studentinnen und Studenten gegenüber vielleicht fair?“, warf sie einen empörten Blick in die Runde. Der ein oder andere schien ihre Worte tatsächlich abzuwägen, aber es gab auch mehrere Dozentinnen und Dozenten, die sofort zu einem Konter ansetzten. Doch Gehör wurde dabei demjenigen geschenkt, der nicht nur der schnellste, sondern auch lauteste von ihnen war.

„Frau Bachmüller!“, erhob Frido die Stimme und baute sich vor seiner Kollegin auf.

„Möchten Sie meine Schwester gern ins Krankenhaus fahren und ich setz mich derweil hier hin, um unsachliche Kommentare los zu lassen? Ich halt Ihnen auch gern so lange den Platz warm, wenn Sie mögen! Nein? Dachte ich mir! Dann wäre das ja geklärt!“, warf er sich das Jackett über den Unterarm und stapfte zur Tür, während er den Kollegen zunickte, die gute Besserung wünschten und ihn baten, sich schnellstmöglich mit einem Update zu melden.

„Ich denke, ich komm nachher noch mal rein. Bis später!“, rauschte er aus dem Besprechungsraum und eilte mit Dominik den Flur entlang.

„Sind solche Kommentare in deine Richtung schon öfter gefallen?“, fragte der dabei, aber Frido schaute ihn nicht einmal an.

„Was die alte Schnepfe da von sich gegeben hat, vergiss mal ganz schnell wieder. Und falls die dir gegenüber noch mal so was los lässt, sag mir Bescheid. So geht man in meinen Augen nicht mit Studenten um. Egal, obs dabei um dich geht oder um andere!“, zog er die Tür zum Treppenhaus auf, um Dominik vorgehen zu lassen und dann selbst die Stufen hinter sich zu bringen, als wäre er gerade auf der Flucht.

„Juli!“, rief er schon von weitem und wurde ebenfalls von Lilli in Empfang genommen. Während die Erwachsenen um sie herum in Sorge waren, war es für sie heute das reinste Fest, so oft auf den Arm genommen und umhergetragen zu werden.

„Hallo Mäuschen“, klemmte Frido sie dieses Mal wortwörtlich unter den Arm und ihr Gackern stand im direkten Kontrast zu seinem besorgten Gesichtsausdruck, als er Juli näher betrachtete.

„Hi Frido…“, murmelte seine Schwester und grinste schief, während er vor ihr in die Hocke ging und sich Lilli auf den Schoß setzte.

„Du bist ganz blass… und hast Fieber“, legte er seine Hand an Julis Stirn und schüttelte den Kopf.

„Tut mir leid, ich hatte das Handy auf stumm“, sagte er dann und übergab seine Nichte an Dominik. Dank ihm wusste er ja zum Glück schon, was Sache war und musste es nicht aus Juli herausbekommen, die ohnehin schon immer mehr damit beschäftigt war, sich ihre Schmerzen vor Lilli nicht allzu deutlich anmerken zu lassen.

„Wollt ihr hier warten oder soll ich dir Geld fürs Taxi geben? Zu Fuß mit der Kleinen zur Wohnung ist viel zu weit und ich möchte ungern sehen, dass du mit ihr aufs Skateboard steigst“, meinte er darum ohne Umschweife und strubbelte Dominik durchs Haar, als der scherzte, dass Frido ihn bei der Aktion ja nicht sehen würde, wenn er selbst jetzt mit Juli unterwegs wäre.

„Das hab ich jetzt aber überhört“, murmelte er und spürte doch ein wenig Erleichterung, weil Dominik versuchte, die angespannte Situation etwas zu erleichtern.

„Wir warten hier und machen uns einen lustigen Nachmittag, bis du zurück bist. Das ist ne Kunsthochschule! Wenn ich hier nix finde, mit dem sie sich beschäftigen kann, weiß ich auch nicht“, antwortete der dann und lächelte, als auch Niko und Susi ihre Unterstützung anboten.

„Dann kann ja nix mehr schief gehen. Ihr habt was gut bei mir!“, hätte Frido seinem Freund am liebsten einen Kuss aufgedrückt, aber stattdessen klopfte er ihm nur kurz auf den Rücken, ehe er Juli fasste, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Richtig aufrecht zu stehen oder gehen war ihr schon nicht mehr möglich und er ärgerte sich darüber, dass er von ihrem Zustand nicht früher erfahren hatte. Aber daran ließ sich jetzt nichts mehr ändern. Also konnte er nur zusehen, dass er sie nun schnellstmöglich zum Krankenhaus brachte und versuchte, sie dabei zu beruhigen. Denn schon die Verabschiedung von Lilli war schwer für sie, weil die Kleine nicht verstand, warum Mama und Onkel Frido sie nicht auf ihren Ausflug mitnahmen. Aber während Juli in dem Moment noch stark sein konnte und Dominik die Kurze mit seinen Freunden erfolgreich ablenkte, bis Juli und Frido gegangen waren, brachen spätestens mit Verlassen des Gebäudes die Tränen vollends los.

„Frido, wenn mir was zustößt und ich nicht wieder aufwache…“, machte sie sich die größten Sorgen und lehnte sich schluchzend an ihren Bruder, der sie fest im Arm hielt und sofort gegen ihre Ängste ansprach.

„Juli, da wird alles super über die Bühne gehen! Das ist ne totale Standardoperation! Ich geb dich da gleich ab, hol in der Zwischenzeit ein paar Klamotten und Duschzeug für dich und wenn ich zurück bin, ist die OP schon gelaufen! Vielleicht gehst du den Ärzten auch so auf den Geist, dass sie dich anschließend sofort wieder gehen lassen und du nicht mal über Nacht da bleiben musst“, grinste er und war froh, als er sie damit tatsächlich etwas zum lachen bringen konnte.

„Du bist echt n Blödmann!“, meinte sie, um sich dann doch wieder den Bauch zu halten und die Augen zusammen zu kneifen, während Frido mit ihr den Wagen ansteuerte. Er seufzte aus und schüttelte den Kopf.

„Weißt du was?“, murmelte er dann und hob Juli kurz entschlossen auf die Arme, um sie einfach den Rest des Weges zu tragen. Wenn er das bei Dominik schaffte, dann bei Juli erst recht. Und wieder einmal erinnerte ihn dieser Moment daran, wie froh und dankbar er über Dominiks gute Beziehung zu Lilli war. Wenigstens um sie musste er sich gerade keine Gedanken machen – und ahnte dabei nicht einmal, was seinem Freund durch das Hüten der Kleinen noch bevorstand.
 

„Das macht ihr aber öfter, oder?“, grinste Susi, als sie nach einer kleinen Tour durch die Uni zur Sitzgruppe nahe der Mensa gingen und es sich dort gemütlich machten. Sie hatten unterwegs einige Utensilien für Aquarellmalerei eingesammelt, die Dominik vor sich ausbreitete, damit Lilli sich kreativ austoben konnte und dabei machte die kleine Künstlerin es sich bereits zwischen seinen Beinen gemütlich.

„Ja, das hat sich ganz gut bei uns eingespielt. Wir malen öfter mal zusammen an den Bildern und kommen so beide gut an die Stifte und wenn sie nebenbei ein bisschen kuscheln möchte, kann sie sich einfach nach hinten fallen lassen“, stellte Dominik die Beine auf, um seine Arme auf den Knien abzulegen und das Kinn vorsichtig auf Lillis Schulter, während er ihr dabei zuschaute, wie sie sofort energisch zum Pinsel griff und die erste Farbe auf dem Blatt verteilte.

„Hey, nicht die Bank anmalen“, murmelte er dabei, ohne zu bemerken, wie seine Freunde sich gegenseitig angrinsten. Diese Szene schrie doch danach, festgehalten zu werden, dachte Susi offensichtlich und zog vorsichtig ihr Handy hervor.

„Wenns mit dem Bilder Verkaufen nicht mehr klappt, kannst du Kunstlehrer werden“, scherzte Niko derweil, aber jemand anderes hatte zu Dominiks beruflicher Zukunft offensichtlich noch weitere Ideen und schaffte es binnen Sekunden, die heitere Stimmung auf den Nullpunkt zu bringen.

„Oho, jetzt ist unser Herr Preuss auch noch unter die Kindergärtner gegangen!“, entlockte es den drei Älteren schon von weitem ein Seufzen, während die Kleinste noch immer ungestört ihr künstlerisches Talent entdeckte.

„Auch das noch…“, flüsterte Susi und ließ das Handy sinken, während Dominik einen tiefen Atemzug nahm, ehe er sich dieser Konfrontation stellen wollte.

„Hallo, Frau Bachmüller…“, hob er den Kopf zu seiner Dozentin, wohingegen Susi ihr ein leises „Hallo“ schenkte und Niko ihr zunickte.

„Besprechung schon beendet?“, fragte er betont beiläufig und wurde dafür von seiner Dozentin auch ebenso als nebensächlich ignoriert.

„Beeindruckend, dass im Kindergarten heutzutage schon so hochpreisige Künstlerfarben verwendet werden!“, betrachtete sie stattdessen höchst aufmerksam Lillis Treiben und verschränkte die Arme vor der Brust, während Susi schnell in die Bresche sprang.

„Ich hab ihr die geschenkt! Mal die ehrlich, die Wasserfarbkästen, mit denen die Kinder arbeiten müssen, sind doch das Letzte. Wie soll man da Spaß am Malen entwickeln, wenn die Farben so besch...eiden sind?“, grinste sie schief, was ihr allerdings nur einen unterkühlten Blick bescherte. Außerdem stand ja auch nicht sie im Fokus, sondern offensichtlich ein anderer.

„Herr Preuss, nichtsdestotrotz ist das hier kein Spielplatz“, taxierte sie den Lockenkopf wieder und schmälerte die Augen, als der kleinlaut zu bedenken gab, dass Lilli doch niemanden störe und der eine oder andere Student auch schon mal sein Kind mitgebracht habe.

„Herr Preuss, wir sind hier an einer Hochschule!“, ließ sie diese Antwort jedoch nicht gelten und erhob nicht nur die Stimme, sondern untermauerte ihr Argument noch mit der passenden Körperhaltung.

„Ich finde es wirklich unter aller Kanone, was Sie sich hier immer rausnehmen!“, stützte sie die Hände auf die Hüften, während Lilli den Kopf hob und sie verwundert anschaute. Doch Dominik versuchte schnell, sie wieder abzulenken und auch Susi half dabei, indem sie die Kleine fragte, ob sie nicht auch mal eine andere Farbe ausprobieren wolle.

„Mal schön weiter…“, tätschelte Dominik ihr den Schopf und stieg von der Bank, während er seine Dozentin bat, mit ihm ein paar Schritte außer Hörweite des Kindes zu gehen. Bei der stieß das allerdings auf wenig Gegenliebe.

„Nicht nötig, sagen Sie mir gern vor versammelter Mannschaft, was Sie zu sagen haben. Ich bin ganz Ohr!“, forderte sie stattdessen und er konnte sich ein Seufzen nur schwerlich verkneifen.

„Frau Bachmüller…“, versuchte nun auch Niko, sich an dem Gespräch zu beteiligen, doch Dominik schüttelte leicht den Kopf. Es war nett gemeint, aber es würde die Situation wohl nur schlimmer machen.

„Frau Bachmüller, nichts für ungut, aber das ist die Nichte von Herrn Klimlau…“, begann er stattdessen, ohne seinen Satz beenden zu dürfen.

„Ach so! Jetzt werden die Studenten auch noch vom Lernen und Arbeiten abgehalten, um auf die Kinder ihrer Dozenten aufzupassen?! Das wird ja immer besser!“, schüttelte sie fassungslos den Kopf, wobei Dominik zu Lilli schaute und froh war, dass Susi weiterhin ihr Bestes tat, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

„Frau Bachmüller, jetzt übertreiben Sie aber“, wollte auchNiko sich noch einmal einmischen und stellte sich neben Dominik, der ihm sofort stoppend die Hand auf die Brust legte und dazwischen grätschte, als seine Dozentin nach einer Schrecksekunde aufbegehren wollte.

„Lassen Sie die Kleine da raus!“, unterbrach dieses Mal er sie und schaute sie fest an, während sie ungläubig die Augen aufriss.

„Was erlauben Sie sich eigentlich? Wie reden Sie denn mit mir?!“, wurde ihre Stimme vor Wut zu einem Zischen, während Dominik äußerlich ganz ruhig blieb.

„Keine Ahnung, was Sie für ein Problem mit mir haben, aber das ist grad auch egal. Sie haben mitbekommen, dass Herr Klimlau seine Schwester ins Krankenhaus gebracht hat und wenn ich dann sage, dass die Kleine seine Nichte ist, können Sie sich doch wohl denken, wer die Mutter ist, oder? Also nehmen Sie bitte etwas Rücksicht darauf, dass die grad eh schon ne blöde Zeit durchmacht. Jetzt hat sie ja vielleicht noch Spaß, hier ein bisschen mit den Aquarellfarben rum zu pantschen, aber spätestens heute Abend wird ihr dämmern, dass was anders ist. Keine Mama, die ihr ne gute Nacht wünscht und auch keine Mama, die sie morgen früh wie immer zur Kita bringt. In ein paar Tagen ist wieder alles beim alten, aber im Moment wird sie bestimmt erst mal verwirrt sein, sich vielleicht auch Sorgen machen oder Angst haben“, sagte er und auch, wenn Frau Bachmüllers Nachfrage, was denn mit dem Vater des Kindes sei und warum der sich gerade nicht kümmere, dafür sorgte, dass er kurz mit sich haderte, fiel Dominiks Antwort dann umso deutlicher aus.

„Das geht Sie nichts an“, sagte er, obwohl ihm bewusst war, dass er damit noch mehr in das Wespennest stach. Ein Wespennest, das nun mit einem Mal gespenstig ruhig wurde, während es den Studenten anstierte.

„Wissen Sie, Herr Preuss…“, begann seine Dozentin dann in fast schon sachlichem Ton, während sie das Kinn reckte.

„Ich hoffe ja, dass der Kollege Klimlau sich allen Studenten gegenüber so zugeneigt verhält, wie er es bei Ihnen immer. Es wäre doch wirklich bedenklich, wenn er einige bevorzugt behandeln würde. So was führt – verständlicherweise – zu Unmut bei den anderen Studenten“, stellte sie plötzlich fest, wobei Niko am liebsten losgelacht hätte, aber seinem Kumpel stattdessen wieder zur Seite sprang.

„Keine Sorge, Frau Bachmüller. Herr Klimlau ist echt n netter! Neulich hat er unserem ganzen Kurs Pizza spendiert. Das macht nicht jeder Dozent“, schob er die Hände in die Hosentaschen und grinste, obwohl seine Dozenten auch ihm jetzt einen unterkühlten Blick schenkte. Ja, er hatte sich jetzt auch nicht unbedingt beliebter gemacht…

„Dann bin ich ja beruhigt“, antwortete sie trocken, ehe sie ihr eigentliches Ziel wieder ins Visier nahm.

„Ich freue mich übrigens schon darauf, Ihre Arbeiten dieses Semester zu bewerten. Der Kollege Klimlau hat wegen seiner „persönlichen Gründe“ ja leider die Benotung in Ihrem Kurs noch immer abgegeben. Ich hoffe nur, dass die persönlichen Gründe diesen Einsatz wirklich wert sind“, sprach sie lauernd und musterte Dominik, während sie auf eine Antwort von ihm wartete. Doch er hüllte sich in Schweigen und einen nichtssagenden Gesichtsausdruck. Wenn sie ihn provozieren wollte, musste sie schon früher aufstehen! Selbst vor Frido hatte er seinerzeit seine Gefühle verborgen gehalten und das war um einiges schwerer gewesen, als bei dieser Gewitterziege – auch, wenn die ihm ein triumphierendes Lächeln schenkte, als sie sich mit einem „Schönen Tag noch!“ von ihm und den Anderen abwendete. Sie konnte sich vielleicht ihren Teil denken, aber mehr auch nicht, dachte er sich, während er ihr schweigend nachschaute.

„Deshalb also…“, murmelte er dann, als sie ein gutes Stück entfernt war und schloss kurz die Augen, während er tief durchatmete.

„Was war das denn jetzt für ne Aktion? Die hat doch den letzten Schuss nicht gehört“, hörte er dann allerdings Niko sagen und schaute ihn wieder an, während der ihrer Dozentin kopfschüttelnd nachschaute.

„Ich schätze mal, sie wollte rauskriegen, ob ich der Student bin, mit dem Frido was hat“, murmelte er und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Frido hat ja damals keinen Namen genannt. Aber nach dem Auftritt grad hat sie wohl so ne Vermutung…“ ging er dann langsam mit Niko zur Bank zurück, während der unwillig den Kopf schüttelte.

„Meine Fresse, ist doch eure Sache. Was hängt die sich denn da überhaupt rein?“, ließ er sich auf den Sitzplatz sinken und betrachtete Dominik, der dieses Mal Schulter an Schulter mit ihm Platz nahm und Lilli den Kopf tätschelte, während er weiter mit Niko sprach.

„Was weiß ich, warum sie das so stört. Vielleicht geht ihr das mit der Benotung quer oder sie hat generell n Problem damit, wenn Dozenten was mit ihren Studenten anfangen“, zuckte er die Schultern, um dann aber auch beinahe schon belustigt auszuschnauben.

„Na ja, zumindest weiß ich jetzt, warum sie mich so auf dem Kieker hat“, stieg er wieder hinter Lilli und legte seicht die Arme um sie, wobei Nikos Kommentar ihm ein leichtes Schmunzeln entlockte.

„Wenn du mich fragst, hast die prinzipiell an jedem Studenten was auszusetzen, wenn ihr grad mal wieder irgendwas quer kommt“, meinte der nämlich, aber während Susi dann sogar vorschlug, dass sie sich über die Dozentin offiziell beschweren sollten, zuckte Dominik nur die Schultern.

„Soll ich euch mal was sagen? Die kann mich mal“, murmelte er und schloss die Augen, während er sich an Lilli schmiegte. Im Moment gabs wirklich Wichtigeres für ihn.

21.11.2024: Annalen

Manchmal saß er einfach nur so da und hing seinen Gedanken nach. Meistens war das abends der Fall, wenn er es sich mit Dominik auf der Couch gemütlich gemacht hatte und sein Freund dachte, Frido wäre mit voller Aufmerksamkeit beim Fernsehprogramm. Doch dem war nicht immer so. Besonders, wenn der Lockenkopf sich nicht sofort an ihn schmiegte und von der Anstrengung des Tages binnen weniger Minuten wegdöste, sondern sich noch ein wenig mit seinem Skizzenbuch beschäftigte. Und genau so ein Abend war es auch heute. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass dieses Mal noch ein kleines, schlafendes Bündel an Fridos Brust lehnte, das er sanft mit einem Arm stützte, damit es ihm nicht vom Schoß rutschte. Glücklicherweise war Julis Operation gut verlaufen und voraussichtlich durfte sie in zwei, maximal drei Tagen das Krankenhaus schon wieder verlassen. Ein paar Tränchen waren gekullert, weil sie Lilli nur über das Telefon eine gute Nacht hatte wünschen können – aber die waren größtenteils von Julis Seite aus gewesen, weil Frido und Dominik es geschafft hatten, ihrer Tochter mit einer Übernachtungsparty den plötzlichen Einzug bei ihrem Onkel wieder schmackhaft zu machen. Natürlich hatte es dazu wieder selbstgebackene Kekse gegeben und ein paar bunte Luftballons, deren Restbestände Frido noch vom letzten Kindergeburtstag in der Schublade gefunden hatte. Und dann hatte sie Dominik dazu genötigt, der kleinen Hauptperson etwas vorzusingen, obwohl sie dieses Mal nicht sein einziges Publikum gewesen war. Das hatte eigentlich als Einstimmung für den darauf folgenden Lieblingsfilm von Lilli dienen sollen, aber am Ende war der Tag doch schon so anstrengend für den kleinen Ehrengast gewesen, dass er von seinem Gesang auf Fridos Schoß eingeschlafen war. Also konnte Dominik jetzt seine beschämte Nase ins Skizzenbuch stecken, um sich von der Blamage, vor Frido zu singen, zu erholen, während der so tat, als würde er sich mit dem Fernsehprogramm beschäftigen. Doch in Wirklichkeit dachte er an früher zurück. Gut hatte er noch in Erinnerung, wie er immer am Atelier vorbei gegangen war, um dem Können dieses jungen Künstlers ein wenig beizuwohnen. Ausreden und Gründe hatte er für seine Stippvisiten gefunden, selbst wenn er meistens nur an der Tür stehen geblieben war. Anfangs war es nur die ehrliche Begeisterung für diesen begabten jungen Mann gewesen, von dem er sich manches Mal sogar fragte, ob er nicht vielleicht irgendwann in die Annalen der Kunstgeschichte eingehen könnte; mit seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Aber dann, still und heimlich, hatte die Fantasie angefangen sich mit in seine Bewunderung zu mischen. In kleinen Fetzen hatten sich Gedanken mit in seine Beobachtungen und Überlegungen gewoben, die über die reinen künstlerischen Aspekte hinaus gegangen waren. Die Frage, wie Dominiks seidige Haare wohl dufteten oder ob seine Finger sich so zart anfühlten, wie sie aussahen. Und dann waren Fridos Vorstellungen langsam immer mehr mit den Bildern verschmolzen, die seine Augen ihm wirklich präsentierten. Während er unbewegt an der Tür gestanden und Dominik beobachtet hatte, war er in Gedanken an ihn herangetreten, um ihm die Hände auf die Schultern zu legen. Ihm ganz nahe hatte er sein wollen, während Dominik den Pinsel schwang und von seinen grünen Augen hatte er noch mehr in seinen Bann gezogen werden wollen, wenn der junge Mann sich dann umgedreht hätte, um seinen Dozenten anzublicken. Und wenn Fridos Kopf damals schon an diesem Punkt angekommen war, war es auch nur ein kleiner Schritt gewesen, um sich vorzustellen, wie er sich zu Dominik hinunter gebeugt hätte, um ihn zu küssen. Erst seine Lippen, dann seinen eleganten Hals. Doch immer, wenn ihm diese Gedanken bewusst geworden waren, hatte er sie sich verboten. Erst recht, als ihm diese Vorstellungen nach Dominiks ersten Kuss sogar in seine Träume nachgeschlichen waren. Was hatte er seinen Kopf damals verflucht, dass er ihm einfach nachts die Bilder in den Verstand setzen wollte, gegen die er am Tag umso mehr angekämpft hatte. Und jetzt? Jetzt waren diese Bilder so selbstverständlich zu seiner Realität geworden, dass es ihn manchmal noch immer ungläubig den Kopf schütteln ließ. Besonders, wenn aus dem Dominik, der wie in seiner Erinnerung mit kritischem Blick an seinen Zeichnungen saß und dabei so unnahbar wirkte, plötzlich mit Zuklappen des Skizzenbuches sein zugänglicher Freund wurde. Der ihn anlächelte, wie Frido es sich früher nie erträumt hätte und dann an ihn rutschte, um ihn zu küssen und sich an ihn zu lehnen, weil die Müdigkeit sich immer mehr bemerkbar machte. Und dann saß Frido plötzlich so da, gleich mit zwei seiner liebsten Menschen im Arm, und spürte dieses unglaubliche Gefühl der Glückseligkeit.

22.11.2024: verkaufen

Ganz allein stand er in dem großen Raum mit den ausgestellten Werken und auch, wenn äußerlich alles ruhig erschien, tobte es in ihm. Das konnte doch nicht sein, dass dieser Tag jetzt so plötzlich da war! Er hatte Susi doch gestern noch erzählt, dass Juli wohl behalten aus dem Krankenhaus gekommen war und jetzt lag das mit einem Mal schon wieder so viele Wochen in der Vergangenheit? Mit einem Gefühl der Sehnsucht betrachtete er das Werk vor sich und schüttelte leicht den Kopf. Tessas letztes Gemälde, das sie für die Uni angefertigt hatte, ehe jetzt, an diesem Tag, in wenigen Stunden, mit der Absolventenfeier auch dieser Teil ihres Lebenslaufs offiziell für beendet erklärt wurde. Und damit in gewisser Weise nicht nur ihrer.

„Wehe, du kommst wieder in deinem ollen Hoodie angewackelt!“, hatte Susi ihm letzte Woche noch gedroht und nun stand er da, gekleidet in sein bestes Hemd, das er zwar schon einige Monate besaß, aber so gut wie nie trug und damit wie frisch dem Klamottenladen entschlüpft schien. Feierlich sah es aus, obwohl ihm gar nicht so recht zum Feiern zumute war. Erst Tessa und jetzt auch noch Susi. Er wusste, dass es kein Abschied für immer war, aber trotzdem fühlte es sich gerade danach an. Vielleicht auch, weil die letzten Vorbereitungen zur Feier in der Luft lagen? Eine dezente Anspannung, die durch die Flure zog und dabei weniger von den Dozenten und anderen Mitarbeitenden herrührten, die diese Veranstaltung auf die Beine stellten, als vielmehr von den Studenten, die diesem Event teilweise schon seit Wochen entgegenfieberten. Manche von ihnen hatten hart darauf hingearbeitet, während es für andere immer der willkommene Abschluss eines Semesters war, den sie jetzt teilweise zum letzten Mal erleben würden. Zumindest zum letzten Mal als Studenten dieser Hochschule und dieses Studienganges. Für sie begann jetzt der Ernst des Lebens noch einmal auf ganz andere Weise, egal, in welche Richtung sie ihr Weg führte und auf welche Weise sie künftig ihre Kunst und ihr Können verkaufen würden. Und damit hielten sie Dominik nur allzu deutlich vor Augen, was auch ihn in etwa einem Jahr erwarten würde. Weg von diesem behüteten Ort, der trotz einiger Anstrengungen und Querelen eine Art Nest für ihn war; mit seinen bekannten Gesichtern und Abläufen, den vertrauten Räumlichkeiten und vor allem seinem Frido. Wie das wohl erst sein würde, ihn nicht mehr tagtäglich im Unibetrieb zu sehen?

Noch einmal schaute Dominik bewusst auf Tessas Bild und wendete sich dann mit leichtem Herzschmerz von ihm ab. Wie sollte er den anstehenden Abend denn bitte genießen, wenn er sich gleichzeitig so melancholisch fühlte? Konnte er nicht einfach hause gehen? Aber er hatte Tessa und Niko und einigen anderen Kommilitonen aus ihrer Freundesgruppe versprochen dabei zu sein, und nicht zu vergessen Susi. Die würde ihm die Hölle heiß machen, wenn er sich jetzt einfach so davonstehlen würde! Also trat er hinaus auf den Flur, schob die Hände in seine Hosentaschen und schlenderte langsam Richtung Ausgang. In gut zwei Stunden ging es erst los, aber er war heute so unruhig gewesen, dass ihm jeglicher Fokus aufs Malen gefehlt hatte und er nach dreimaligem Aufräumen und Putzen der Wohnung dann einfach schon mal zum Campus gegangen war. Ein bisschen brachte ihn der Gedanke daran zum Schmunzeln. Ein bisschen war es ihm aber auch peinlich, sich selbst so zu erleben. Schließlich war er lange nicht mehr so ein unkonzentriertes Bündel gewesen, das – typisch für ihn! – ausgerechnet beim Weg vorbei an den bekannten Räumlichkeiten und den vertrauten Gerüchen seine Entspannung wiederfand. Jetzt fühlte er sich wieder so, als wäre er gerade einfach nur zum nächsten Seminar unterwegs und vor allem, als hätte man ihn in die Zeit von Fridos erstem Semester zurückversetzt. Denn nicht nur er war schon auf dem Campus und wartete auf den Beginn der Feierlichkeiten, sondern auch ein kleines Grüppchen der heutigen Ehrengästen – und die verhielten sich für seinen Geschmack wenig ehrenhaft.

„Du willst das also echt machen?“, hörte er sie bereits tratschen, als er um die Ecke bog und entdeckte sie einige Meter entfernt am Fenster sitzen. Offenbar wollten auch sie noch einmal die Vertrautheit dieses Ortes und des Miteinanders in sich aufsaugen und sich gleichzeitig auf den Abend einstimmen, indem sie sich ein gemeinsames Fläschchen Sekt gönnten.

„Definitiv! Ich geh einfach zu ihm hin und frag ihn, ob er mit mir tanzt!“, prahlte die eine von ihnen und Dominik verdrehte bei dem Gehörten die Augen. Ach ja, da war ja was gewesen mit dieser Melinda, die er zwar nicht persönlich kannte, aber von der er durch Niko und Tessa schon mal etwas gehört hatte, das sich leider nicht nur auf ihr künstlerisches Können bezog. Und während er bei diesem ersten Ausspruch noch relativ ungerührt den Kopf schütteln konnte, brachte ihn der folgende ins Stocken.

„Mädels, ich hab inzwischen aber auch überlegt, ob ich die Gelegenheit nicht mehr auskosten sollte!“, schallte es nämlich plötzlich ziemlich verschwörerisch und Dominik fing an sich zu fragen, ob da gerade nur der Sekt aus ihr sprach. Doch wenn er betrachtete, wie sie sich an der gespannten Aufmerksamkeit ihrer Zuhörerinnen weidete, wurde ihm schnell klar, dass er sie wohl auch außerhalb einiger prickelnder Perlchen im Getränk eher unsympathisch finden würde – ganz zu schweigen davon, was die Auflösung ihres kleinen Rätsels in ihm auslöste.

„Ich werd ihm auch einen Kuss klauen!“, verkündete sie nach einigem Drängen ihrer Kommilitoninnen mit stolz geschwellter Brust und nippte an der Sektflasche, um sich entweder selbst für diesen grandiosen Einfall zu feiern oder sich ein bisschen Mut für dessen Umsetzung anzutrinken. Was davon nun eher der Fall war, konnte Dominik nicht einschätzen, aber er war ganz froh zu hören, dass Melindas Gesprächspartnerinnen wenigstens nicht alle bei dieser Idee in Jubelstürme ausbrachen.

„Geht das nicht etwas zu weit?“, war wenigstens eine von ihnen noch bei klarem Verstand, wohingegen die zweite Melinda sogar noch anstacheln wollte und die dritte sich in Schweigen hüllte. Sie selbst schien hingegen vollends von sich überzeugt.

„Was ist denn schon dabei? Herr Klimlau wird gegen ein kleines Küsschen auf die Wange schon nichts haben!“, sprach sie triumphierend, wobei Dominik dem Grüppchen nicht nur immer näher kam, sondern auch überlegte, was er von dem Gehörten halten und wie darauf reagieren sollte. Vorbeigehen und ignorieren? Frido vorwarnen und ihm damit vielleicht die Vorfreude auf den Abend nehmen? Eigentlich tendierte er ja dazu, einfach nur langsam weiter zu gehen, die Ohren noch ein wenig zu spitzen und diese dumme Pute am Abend im Blick zu behalten. Doch dann blieb er doch abrupt stehen. Wurde jetzt ernsthaft auch noch dazu angestachelt, Frido sogar auf den Mund zu küssen?

„Wie wärs mit einer Wette?“, rief Melindas deutlichste Befürworterin aus und schon hörte Dominik etwas von Wetteinsätzen und Abwägungen, wie weit Melinda gehen würde oder ob sie am Ende doch gänzlich kniff.

„Ganz klar: Tanz und Kuss auf den Mund! Und was danach passiert, liegt dann ganz an ihm, wenn ihr versteht!“, war sie ihrer Sache sicher und stimmte in das Gekicher über ihre frivole Anspielung an, die für Dominik nun allerdings endgültig dem Fass den Boden ausschlug.

„Fändet ihr das auch so witzig, wenn jemand das einfach bei euch machen würde?“, hielt er ein paar Meter Abstand zu der Gruppe, die ihn teilweise ertappt, teilweise irritiert musterte.

„Bei einem attraktiven Typen würd ich nicht nein sagen“, scherzte die eine, während Melinda wissen wollte, was Dominik das eigentlich anginge und der Rest sich in Schweigen und Zuhören hüllte.

„Es ist doch inzwischen überall rund, dass er in festen Händen ist. Was soll der Blödsinn also?“, stellte er allerdings eine Gegenfrage, die ihm ein genervtes Seufzen einbrachte.

„Das ist der Klugscheißer aus dem 6. Semester, von dem Jeanette schon mal erzählt hat“, tuschelte eine von ihnen, während besonders Melinda Dominik abschätzig musterte.

„Ach, du meinst den arroganten Schönling. Versteh, was sie meint. Nett anzusehen, aber leider sehr unsympathisch“, verschränkte sie die Arme vor der Brust, wohingegen Dominiks Blick nur allzu deutlich zeigte, dass es ihm herzlich egal war, was diese Zicke von ihm hielt.

„Ich hab gefragt, warum du Herrn Klimlau so vorführen willst“, wies er hingegen darauf hin, dass er noch keine Antwort bekommen hatte und erhielt erst einmal ein genervtes Seufzen, ehe doch noch so etwas wie Rückmeldung folgte.

„Meine Güte, jetzt spiel dich nicht so auf! Ich hab ja nicht vor, ihm gleich einen Heiratsantrag zu machen oder ihm vor versammelter Mannschaft an die Wäsche zu gehen! Ein harmloses kleines Küsschen, mehr nicht! Wir sprechen hier immerhin von Herrn Klimlau! Der ist so entspannt, dass den das überhaupt nicht jucken wird!“, schüttelte sie abwertend den Kopf, um dann die Augenbrauen hochschnellen zu lassen, als eine ihrer Begleiterinnen Dominik fragte, ob er nicht der Student sei, der damals am Krankenwagen so eine Szene gemacht habe.

„Ja, stimmt! Da waren die Haare noch länger, aber das warst du, oder?“, rief eine andere aus und fing an zu kichern, als sich eine dezente Röte auf Dominiks Wangen schlich und das Zusammenpressen seiner Lippen schon Antwort genug darstellte.

„Na, so viel dazu, wer Herrn Klimlau hier wirklich in peinliche Situationen bringt, was?“, grinste Melinda hingegen und schnaubte belustigt aus.

„Ich glaub, du kümmerst dich mal lieber um deinen Kram“, riet sie ihm dann noch, ehe sie ihm den Rücken zukehrte und sich wieder der Unterhaltung mit ihren Freundinnen hingab. Für einen Moment machten sie sich noch über ihn lustig, aber dann schwappte ihr Gespräch schnell wieder zu Frido über, als hätte Dominik nie ein Wort an sie gerichtet. Er hingegen stand noch einen Moment da, schaute das Grüppchen an und schluckte das bittere Gefühl der Niederlage runter, während er tief durchatmete. Er war wirklich geneigt, ein paar der Ausdrücke, die ihm für diese Puten gerade in den Sinn kamen, laut fallen zu lassen, aber auf das Niveau wollte er nicht hinabsinken. Gut, dachte er sich stattdessen, irgendwie würde er es schon schaffen, dass Frido einen schönen Abend hätte und bestenfalls nicht einmal mitbekam, wie er dieser Melinda dabei in die Parade fuhr. Doch dazu jetzt einfach das Offensichtlichste auszusprechen und ihr damit jeglichen Wind aus den Segeln zu nehmen, war für Dominik nicht das Mittel der Wahl. Erst recht nicht nach diesem Gespräch. Ihm würde bestimmt noch etwas Besseres einfallen, dachte er sich und ging weiter seines Weges.

23.11.2024: gewinnbringend

Sollte Susi etwa recht gehabt haben, dass sich ein paar Aktivitäten auf Social Media für Dominik gewinnbringend auswirken könnten? So ganz wollte er sich mit dieser Idee ja noch nicht anfreunden. Trotzdem musste er aber auch zugeben, dass er in den ersten Wochen seiner Präsenz dort bereits ein paar interessante Leute gefunden und sogar erste Kontakte geknüpft hatte. Er folgte selber einigen Künstlern und war ganz überrascht gewesen, als sich ausgerechnet Jean-Pierre auf diesem Wege noch mal bei ihm in Erinnerung gerufen hatte. Andererseits war es aber wohl auch kein Wunder, dass der seine Fühler nach potentiellen Geschäftsaussichten nicht nur auf althergebrachte Weise ausstreckte. Wenn er jungen Talenten wie Dominik riet, sich auf den diversen Plattformen ins Gespräch zu bringen, lag es ja nur allzu nahe, dass er dort ebenfalls unterwegs war. Und dabei gab er durchaus nicht nur den stillen Beobachter.

„Schön wärs…“, murmelte Dominik, als er Jean-Pierres neueste Nachricht las, die nichts Geringeres als die Frage enthielt, ob er auch zu der Vernissage eines seiner favorisierten Künstlers eingeladen sei. Dominik freute sich ja schon, dass er sich über Instagram einige Werke dieses Künstlers aus der Ferne anschauen konnte, aber wie hätte er schon ein ernsthaftes Gespräch mit ihm beginnen oder gar eine Einladung von ihm erhalten sollen? Schließlich wollte er sich nicht wie einer der vielen anderen Fans anbiedern, indem er dem Künstler einfach nur ins virtuelle Gesicht posaunte, wie begeistert er von seinen Werken war. Hätte er seine Bilder nicht gemocht, wäre er ihm wohl kaum gefolgt, war Dominiks logische Erklärung, die er Jean-Pierre allerdings nicht auf die Nase band. Stattdessen begnügte er sich mit der kurzen Info, dass er die Arbeiten des Künstlers sehr schätzte, aber kein persönlicher Kontakt bestand. Interesse, im Nachgang noch auf die Ausstellung zu gehen, hatte er hingegen durchaus – und nahm diese Zeilen sogleich als Anlass, um bei einer kleinen Recherche herauszufinden, wie lange er dafür eigentlich unterwegs wäre.

„Gute zwei Stunden…“, stand wenig später fest und er überlegte, ob Frido wohl Lust auf einen kleinen Ausflug nach Frankfurt hatte. In dem Fall könnten sie sich die Fahrzeit ja teilen oder ansonsten würde er mit dem Zug fahren. Wie waren da die Verbindungen, fragte Dominik sich und wollte gerade lostippen, als Jean-Pierre sich noch einmal zu Wort meldete. Und was er dieses Mal schrieb, musste Dominik sich erst mehrfach durchlesen, bis er es begriffen hatte oder gar darauf antworten konnte.

„Ist nicht dein Ernst?!“, starrte er die Buchstaben an, die ihn und Frido allen Ernstes zu besagter Vernissage einluden. Einfach so. Fast beiläufig. Und als wäre das nicht schon genug des Guten, ploppte im nächsten Moment auch noch die Benachrichtigung auf, dass jener Künstler Dominik nun ebenfalls folgte. So schnell konnte es gehen, wenn man wie Jean-Pierre ein Händchen für das gezielte Verweben von Kontakten hatte.

„Wow…“, murmelte Dominik und stand von der Bank im Foyer auf. Eigentlich hatte er sich nur ein bisschen ablenken wollen, bis seine Freunde eintrafen und jetzt so was? Am liebsten wäre er sofort zu Frido gerannt, um ihm die Neuigkeiten persönlich mitzuteilen, aber wo steckte der eigentlich? Wollte er nicht bei den Vorbereitungen zur Abendveranstaltung mithelfen? Da konnte Dominik ihn jetzt ja schlecht mal eben beiseite nehmen, wenn noch andere Studenten und Dozenten anwesend waren. Das wäre dann vielleicht doch ein wenig zu auffällig gewesen. Also beschloss er, sich schon einmal für diese großartige Möglichkeit zu bedanken und Frido später von seinem Glück zu berichten. In diesem Fall war er ja hoffentlich einverstanden, wenn Dominik die Zusage über seinen Kopf hinweg entschied.

„Ausstellungen zu besuchen liebt er ja auch…“, murmelte er darum, während er seine Antwort schickte und ließ sich dann mit einen breiten Grinsen zurück auf die Bank sinken. Da war der Tag ja vielleicht doch nicht so blöd, wie er zwischendurch gedacht hatte und plötzlich verspürte er sogar Vorfreude auf den Abend, als er Niko und Tessa mit einigen anderen Studenten über den Campus laufen sah. Wieder gings zurück auf die Füße und dieses Mal setzte er sich sogar in Bewegung.

„Hi zusammen!“, lief er dem Grüppchen entgegen und musste dabei wieder an Susis Worte denken: War vielleicht doch ganz gut, dass er nicht nur seinen Hoodie angezogen hatte.

„Ihr seht toll aus!“, galt sein Kompliment zwar vor allem den Frauen mit ihren Kleidern und hochgesteckten oder anders wie gestylten Haaren, aber auch die Männer wussten mit Hemd und teilweise sogar im Anzug zu überzeugen. Es war eine Freude zu sehen, wie sie dem Abend entgegenfieberten und trotzdem auch ein wenig Wehmut mit sich trugen.

„Kommst du mit? Wir wollen noch mal eine kleine Runde über den Campus drehen, bevors richtig losgeht und unsere Eltern auch noch dazu stoßen“, fragte Tessa und Dominik schloss sich ihnen ohne zu Zögern an. Wenn die wüssten, dachte er sich und genoss, dass dieser Spaziergang nun deutlich erheiternder ausfiel als der erste an diesem Tag. Sie schwelgten in Erinnerungen, lachten und manchmal glitzerte auch ein kleines Tränchen im Augenwinkel. Unterwegs liefen sie immer mehr anderen Ankömmlingen über den Weg, von denen sich einige noch ihrem Trüppchen anschlossen, bis sie am Ende ihrer Route mit den anderen Wartenden im Foyer verschmolzen.

„In zehn Minuten gehts los“, warf Tessa dabei einen Blick auf ihre Armbanduhr und Dominik zog sich für einen Augenblick von der Gruppe zurück, als er beim Blick aus dem Fenster Susi entdeckte.

„Ich wollte dich grad schon anrufen und fragen, wo du bleibst!“, begrüßte er sie und lachte auf, als sie ihm eines ihrer liebenswürdigen Komplimente schenkte.

„Wow! Ich hab ja nicht damit gerechnet, dass du tatsächlich auf mich hörst und dich so chic machst!“, umarmte sie ihn und schien ehrlich geschmeichelt, als er diese Anerkennung an sie zurückgab.

„Du musst grad reden… Das Kleid steht dir sehr gut“, sagte er mit einem ehrlichen Lächeln und schlenderte mit Susi zurück zum Foyer, während sie sich bei ihm unterhakte und leicht an ihn lehnte.

„Kann ich gar nicht glauben, dass heute schon die Absolventenfeier ist“, murmelte sie dabei und er nickte.

„Ja, hab ich auch gedacht…“, gab er zu und schloss gemeinsam mit ihr zu den anderen Gästen auf, die sich nun in den Festsaal begaben. Irgendwie war er ja froh, dass es noch nicht sein eigener Abschluss war. Vielleicht auch, weil er gar nicht wusste, was ihn dabei erwartet hätte?

„Wie läuft das heute eigentlich alles ab?“, fragte er darum zu Susis Belustigung und blieb erst einmal nahe des Eingangs mit ihr stehen.

„Siehste? Wärst du die letzten Male doch mitgekommen!“, grinste sie triumphierend, um ihm dann trotzdem den groben Ablauf zu nennen. Erst kam der formelle Teil mit Ansprachen, kleinen Reden und vielleicht sogar Auszeichnungen und dann, nach gut einer Stunde, würden sie zum eigentlichen Highlight des Abends übergehen: Musik, Tanz und dem Buffet.

„Herr Talert mimt dann immer den DJ und Frau Lammers ist die erste von den Dozenten, die sich heimlich davon schleicht, weil sie keinen Bock mehr hat. Genau wie bei den Ausstellungseröffnungen immer“, verriet Susi als alte Abschlussabend-Veteranin, um dann noch einen anderen Glanzpunkt dieser Veranstaltungen zu nennen.

„Oh und natürlich nicht zu vergessen, dass Herr Klimlau immer im Anzug aufkreuzt!“, grinste sie, als besagter Dozent wie aufs Stichwort durch einen der anderen Eingänge trat und dabei, vertieft ins Gespräch mit der Kollegin Lammers, plauderte und lachte. Dominik stand bei diesem Anblick hingegen erst einmal der Mund offen, ohne, dass ein Ton daraus hervorkam.

„Was? Hast du ihn heut noch nicht gesehen?“, fragte Susi und kicherte, als er nur geistesabwesend den Kopf schütteln konnte. Seit wann war sein Freund James Bond? Und wie schaffte er es, jetzt sogar noch attraktiver als sonst auszusehen? Vor allem aber: Warum hatte er selbst sich vorher nie mit auf diese doofen Feiern schleppen lassen? Wenn er das gewusst hätte, dass die Schwärmereien über seinen Dozenten und die Absolventenfeiern mehr als das übliche Geplänkel gewesen waren!

„Wow…“, murmelte er und schluckte, als Frido ihn bemerkte und ihm von Weitem auch noch ein Lächeln zuwarf, ehe er weiter mit seiner Kollegin plauderte. Jetzt hätte Dominik sich am liebsten in den Hintern gebissen, weil er bei der Frage, ob er auch bei den Vorbereitungen unterstützen wollte, abgelehnt hatte. Beim nächsten Mal würde er das garantiert tun – besonders, wenn er Frido im Nachgang noch dabei helfen konnte, sich für den Abend umzuziehen.

„Verdammt, sieht er gut aus…“, musste er sich nun aber damit begnügen, ihn von der Ferne anzuschmachten. Es war eine Schande!

„Brauchst du n Sauerstoffzelt?“, scherzte Susi hingegen und zog Dominik mit sich, um einen Platz mit etwas besserem Blick auf das folgende Geschehen zu ergattern. Sie war ja schließlich nicht nur gekommen, damit sie ihrem Kumpel dabei zusehen konnte, wie er seinen Freund anhimmelte. Selbst, wenn das zumindest während des offiziellen Teils so ziemlich seine liebste Beschäftigung war, besonders, als Frido zwischendurch auch noch eine kleine Rede hielt. Das wertete die ganze Veranstaltung doch noch mal ganz anders auf!

„Die Absolventenfeiern sind echt nicht uninteressant“, gab Dominik darum auch später zu, als sie nach dem offiziellen Teil kurz an die frische Luft gingen, während im Saal ein paar kleine Umbauten stattfanden, um Platz für die anstehende Party zu schaffen. Von Susi erhielt er dafür nur ein trockenes „Schon klar“ und sie schaute ihn fast schon mitleidig an, als Frido dann auch noch einen kleinen Abstecher zu ihnen machte.

„Hey, ihr zwei! Wie gefällt euch der Abend bisher?“, lächelte er und klopfte Dominik seicht auf den Rücken, als der kleinlaut herausgepresst bekam, wie gut dem Älteren sein Anzug stehe und Susi fröhlich wissen ließ, dass sie bisher ganz gut zufrieden sei.

„Dann wird euch der Rest des Abends bestimmt noch besser gefallen!“, grinste Frido auf Susis Worte hin und schenkte Dominik ein „Danke!“, ohne sich bewusst zu sein, was er bei seinem Freund gerade auslöste – besonders, als er ihm dann auch noch zuraunte, dass er ebenfalls sehr gut aussehe.

„Schön, dass du dein Hemd wieder angezogen hast“, ließ er ihn wissen, um dann mit einem „Wir sehen uns gleich!“ weiter ins Getümmel abzutauchen, als jemand seinen Namen rief.

„Er trägt auch noch sein gutes Parfüm für besondere Anlässe…“, war alles, was Dominik als Antwort zustande brachte, während Susi ungläubig den Kopf schüttelte.

„So hab ich dich ja noch nie erlebt…“, stellte sie fest und musste schmunzeln, als Dominik sich räusperte und ein leises „sorry“ nuschelte.

„Da hinten sind Niko und die anderen. Sollen wir rüber gehen?“, wechselte er lieber schnell das Thema und fasste Susis Hand, um sie mit sich zu ziehen. Jetzt ein bisschen in der Gruppe zu stehen und zu quatschen täte ihm sicherlich ganz gut, dachte er sich und für den Moment war es auch eine ganz nette Ablenkung. Doch dann kam der Teil des Abends, der wohl die größte Herausforderung für Dominik werden sollte und das aus anderen Gründen, als er gedacht hätte.
 

Dass Frido Klimlau ein guter Tänzer war, wussten zumindest jene Studenten, die schon früher an den Abschlussveranstaltungen teilgenommen hatten und selbst für Dominik war es seit der Hochzeit von Fridos Eltern kein Geheimnis mehr. Während er selbst sich am liebsten irgendwo an der Wand herumdrückte oder besser noch auf einem Stuhl saß und nur dezent im Takt wippte, sah man seinem Freund wahrlich nicht mehr an, dass das Tanzen ursprünglich nur Mittel zum Zweck gewesen war. Was vor vielen Jahren nur dazu gedient hatte, ihm ebenfalls beim Wiedererlangen seiner Beweglichkeit und Koordination zu unterstützen, war ihm im Laufe der Zeit so in Fleisch und Blut über gegangen, dass er heutzutage kaum noch stillhalten konnte, sobald er die passende Musik hörte. Dabei brauchte er zwar kein passendes Gegenstück zu seinen Bewegungen, aber je länger Dominik ihm zuschaute, desto weniger wunderte es ihn, dass so einige sich wünschten, einmal Fridos Tanzpartnerin zu sein. Und an diesem Abend hatte er tatsächlich jemanden gefunden, der dieser Bezeichnung mehr als würdig war.

„Glaub ich ja immer noch nicht…“, kam Susi mit einigen Häppchen vom Buffet zurück zu Dominik, der etwas abseits nahe des Eingangs saß und sich das bunte Treiben auf der Tanzfläche beschaute, während er tunlichst Abstand dazu hielt.

„Sie hat ja schon mal erzählt, dass sie leidenschaftlich gern tanzt, aber das hätte ich auch nicht erwartet“, grinste er, während Susi ganz selbstverständlich auf seinem Schoß Platz nahm und fassungslos dabei zuschaute, wie Frido mit seiner Kollegin Lammers übers Parkett wirbelte.

„Ist das Discofox?“, nuschelte sie, während sie gebannt zu ihren ehemaligen Dozenten stierte und nur mit Mühe die Häppchen unfallfrei dorthin bugsiert bekam, wo sie hin sollten.

„Keine Ahnung, sieht aber gut aus“, antwortete Dominik und merkte dabei gar nicht, wie sehr er von Fridos Anblick lächeln musste. Er selbst konnte ihm diesen Paartanz zwar nicht bieten, aber dafür freute es ihn umso mehr, dass Frido gerade so viel Spaß hatte. Und obendrein hatte es den Vorteil, dass dieser Anblick einige Avancen verhinderte. Denn Melinda war nur allzu deutlich anzusehen, dass sie mit so einem Können wohl kaum aufwarten konnte und sich daher trotz der großspurigen Reden nun doch nicht mehr traute, nach einem Tanz zu fragen. Dafür traute eine andere sich leider umso mehr und formulierte ihren Wunsch dabei nicht mal als Frage.

„Los, komm! Ich will auch tanzen!“, sprang Susi plötzlich auf und packte Dominiks Hand, um sich mit ihm in die Riege derer einzureihen, die weit weniger aufwändig, aber nicht minder ausgelassen das Tanzbein schwangen. Es reichte ja, die Hüfte ein bisschen zu bewegen und sich gelegentlich dabei zu drehen, aber selbst das sorgte bei Dominik schon für blankes Grauen.

„Du, ich kann nicht tanzen!“, wehrte er darum schnell ab, nur, dass Susi dafür leider nicht sonderlich empfänglich war.

„Ach, jetzt stell dich nicht so an!“, zog sie so lange an ihm, bis er ihr – stocksteif und bierenst – nachging. Auf der Tanzfläche stand er damit also schon mal und vielleicht gab Susi nun ja Ruhe? Nein, stattdessen fasste sie erst auch noch seine zweite Hand, um ihn dazu zu bringen, wenigstens den Oberkörper etwas zu bewegen und als das nicht fruchtete, war die Hüfte dran.

„Oh je, der Arme kann einem ja leid tun“, zog das ungleiche Duo dabei auch die Aufmerksamkeit des Tanzpaares auf sich und entlockte Frido bei dem Anblick mitsamt des Ausspruchs seiner Kollegin ein Lachen. Einerseits war es ja schon ein bisschen zu bewundern, dass Susi seinen Freund überhaupt so weit gekriegt hatte, aber andererseits war das grad wohl leider vergebliche Liebesmüh. Somit wusste Frido nicht so recht, mit wem er mehr Mitleid haben sollte: Mit Susi, die so krampfhaft versuchte, Dominik zum Tanzen zu bewegen oder mit seinem Lockenkopf, von dem er ja wusste, wie wenig er damit am Hut hatte. Und in dieser Situation konnte er ihm auch schlecht zur Hilfe kommen. Zumal er merkte, dass er nun nach mehreren Liedern mit ausgelassenem Drehen und Schreiten langsam selbst mal ein Päuschen brauchte.

„Du, ich hol mir kurz was zu trinken. Soll ich dir was mitbringen?“, fragte er seine Tanzpartnerin also und nickte, als die zwar ablehnte, dafür aber einen Abstecher an die frische Luft vorsah.

„Alles klar, bis später“, grinste er und schob sich zwischen den anderen Tanzenden Richtung Buffet durch. Vielleicht sollte er gleich auch mal vor die Tür gehen und konnte Dominik dabei noch irgendwie aus seiner Misere retten? Mit zunehmender Stunde wurde es ja doch ein bisschen stickig im Raum und die viele Bewegung tat ihr Übriges dazu. Erst einmal musste er aber gegen seine trockene Kehle angehen und staunte nicht schlecht, als dabei plötzlich auch sein Freund wie aufs Stichwort neben ihm erschien.

„Möchtest du auch?“, schmunzelte er und hielt dem Jüngeren eine der kleinen Wasserflaschen hin, die der zwar annahm, aber wohl eher, um sich daran festhalten zu können und Frido unauffällig näher zu kommen.

„Hilf mir, sie los zu werden!“, zischte er und kniff die Augen zusammen, als just in diesem Moment Susis Stimme auch schon hinter ihm ertönte.

„Also nix für ungut…“, ging sie auf ihn zu und zog ihm die Flasche aus der Hand, um sich selbst was von deren Inhalt zu genehmigen.

„...aber erklären Sie ihm bei Gelegenheit doch bitte mal, dass auch Männer ihre Hüfte durchaus bewegen dürfen!“, richtete sie das Wort zu Dominiks Überraschung allerdings nicht an ihn, sondern an seinen Freund – wobei sein Gesichtsausdruck verriet, dass er nicht recht wusste, ob er diese Alternative nun wirklich besser finden sollte.

„Ey, ich hab dir gesagt, dass ich nicht tanzen kann!“, murrte er, während Frido sich erst einmal in dezentes Schmunzeln und Schweigen hüllte. Susi aber seufzte aus und schüttelte den Kopf.

„Es erwartet ja niemand, dass du gleich son Discofox wie Herr Klimlau und Frau Lammers hinlegst!“, erklärte sie, um dann knapp zu nicken, als der Tänzer selbst einwarf, dass es sich bei dem vermeintlichen Discofox um Salsa gehandelt habe.

„Ja, oder Salsa… Na, jedenfalls, n bisschen Hüftschwung wirst doch wohl selbst du auf die Reihe kriegen! Ich geh jetzt zum Klo und wenn ich wieder komm, dann üben wir das noch mal!“, entschied sie, um dann die Flasche geräuschvoll auf dem Tisch abzustellen und erhobenen Hauptes an Dominik vorbei zu schreiten. Der guckte ihr jedoch nur unwillig nach und seufzte.

„Kannst du mir mal kurz was vors Bein hauen?“, murrte er und verschränkte die Arme vor der Brust, während Frido sich grinsend zu ihm beugte.

„Also wenn ich nicht aus zuverlässiger Quelle wüsste, dass du durchaus einen bezaubernden Hüftschwung hast…“, schmunzelte er und nippte an seiner Flasche, wohingegen Dominik ihn kühlen Blickes taxierte. Vielleicht hätte Frido davon jetzt tot umfallen sollen, doch stattdessen amüsierte es ihn.

„Na, ich mein vom Skateboardfahren! Da braucht man doch auch ne gewisse Körperbeherrschung“, zwinkerte er Dominik zu, der daraufhin allerdings die Augen schmälerte und noch immer keine Anstalten machte, zu lachen. Heute war er ein wahrlich schwieriges Publikum.

„Willst du gleich noch mal mit Frau Lammers tanzen?“, fragte er hingegen ungerührt und warf an Frido vorbei einen kurzen Blick zu Melinda, die offensichtlich darauf wartete, dass der Störenfried endlich verschwand. Frido war jedoch völlig unbedarft. Er zuckte leicht die Schulter und lächelte.

„Lust hätte ich schon! Mal gucken, was mit ihr ist! Ich war sowieso ganz überrascht, dass sie auch so gern tanzt! Und sie umgekehrt wohl auch, dass ich mehr als nur einen einfachen Takt mit zwei Schritten vor und zwei zurück kann“, lachte er, um dann zu erzählen, dass seine Kollegin und er zufällig während der Vorbereitungen auf das Thema zu sprechen gekommen seien.

„Ich hab mich ja schon gewundert, dass Bettina bei den Veranstaltungen immer so schnell weg ist, aber sie meinte, ihr wär das einfach zu öde gewesen. Besonders bei den Absolventenfeiern fehlten ihr in den letzten Jahren vernünftige Tanzpartner. Einfach nur für sich selbst zu tanzen ist wohl nicht so ihrs. Wenn ich das mal früher gewusst hätte! Macht echt Spaß mit ihr!“, grinste er und nickte besagter Kollegin zu, als die von ihrem Päuschen wieder zurückkehrte.

„Ich frag sie mal, ob wir noch ein Tänzchen wagen“, leerte er seine Flasche, um sich dann in seinem Übermut einen weiteren kleinen Scherz mit Dominik zu erlauben.

„Es sei denn natürlich, du würdest mir den nächsten Tanz schenken“, zwinkerte er Dominik zu und schmunzelte. Doch damit schien er ihn nun ernstlich getroffen zu haben. Denn Dominiks Blick war nicht mehr nur unterkühlt, sondern regelrecht nachdenklich, als er ihn zu Boden richtete und die Stirn runzelte.

„Hey, tanzen ist nicht jedermanns Sache. Ist doch auch nicht schlimm. Dafür sing ich grottenschlecht. Kannst Lilli fragen“, stupste er seinen Freund also mit dem Ellenbogen an und versuchte ihn aufzumuntern, aber als der ihn wieder anschaute, lag mit einem Mal etwas überraschend Entschlossenes in seinem Blick.

„Komm in ein, zwei Minuten nach. Ich wart im Flur. Und sag Melinda, sie soll jemand anderes nerven!“, sagte er plötzlich und machte auf dem Absatz kehrt, um zum Ausgang zu gehen und Susi dabei einfach mit sich zu ziehen, als die ihm entgegen kam und offensichtlich fragte, wohin er gerade entschwinden wollte. Frido aber schaute ihm überrascht nach. Was war denn das jetzt gewesen, dachte er sich, während es ihn wunderte, dass Melinda tatsächlich kurz drauf neben ihm auftauchte.

„Herr Klimlau!“, schenkte sie ihm ein zuckersüßes Lächeln, das etwas anfing zu bröckeln, als er ihrer Frage zuvor kam und das leider nicht so, wie sie es sich wohl gewünscht hätte.

„Hallo Melinda, einen Moment bitte, ich muss mal dringend wohin! Wir reden gleich weiter!“, lächelte er entschuldigend und ließ sie stehen, um sich stattdessen auf die Suche nach Dominik zu machen. Denn der stand nicht einfach nur, wie erwartet, direkt am Eingang, sondern hatte sich einige Meter entfernt ums Eck ein ruhiges Fleckchen gesucht, an dem Susi auf der Fensterbank Platz saß, während ihr Kumpel nervös vor ihr auf und ab tigerte.

„Ist das ne blöde Idee? Sei ehrlich“, murmelte er dabei und schaute Susi skeptisch an, als sie den Kopf schüttelte.

„Aber du guckst so skeptisch“, stellte er hingegen fest und wieder schüttelte sie den Kopf.

„Nee! Die Idee ist schön!… Ich bin nur so überrascht“, gab sie zu und schaute zur Seite, als sie bemerkte, dass Frido sich näherte.

„Da ist er. Dann viel Glück“, rutschte sie dabei von der Fensterbank und lächelte Dominik an, der tief durchatmete und nickte.

„Kann ich brauchen…“, nuschelte er, um sie sogleich wieder entgeistert anzustarren, als sie meinte, dass definitiv ein paar Aufnahmen machen würde.

„Auf gar keinen Fall!“, rief er aus, aber sie kicherte nur und lief mit einem „Oh doch!“ an Frido vorbei, der ihr kurz nachschaute und dann vor Dominik zu stehen kam. Der schien im ersten Moment ernsthaft geneigt, Susi wieder einzufangen und besann sich dann doch auf sein eigentliches Anliegen, als Frido sich erkundigte, was los sei.

„Was gibts denn so Wichtiges, das du unbedingt unter vier Augen mit mir besprechen möchtest? Dass das gerade nicht böse von mir gemeint war, weißt du, oder? Hat dich das wirklich verletzt?“, fragte er und vergewisserte sich kurz, dass niemand ihn dabei beobachtete, wie er Dominik mit einer kleinen Geste über die Wange strich. Doch statt auf dieses kleine Zeichen der Zuneigung einzugehen, fasste der Jüngere sein Handgelenk und schaute Frido ernst an.

„Zeig mir, wie man tanzt“, forderte er plötzlich, wobei Frido überrascht die Augenbrauen hob. Ein Anschiss für die kleinen Neckereien hätte ihn ja schon verwundert, aber diese Wendung erst recht.

„Jetzt mal eben?“, fragte er und Dominik schien ein wenig unschlüssig zu werden.

„Ja! Nein… also…“, wiegte er den Kopf und seufzte.

„Nur ein, zwei einfache Schritte, damit… ich mich nicht total blamiere, wenn ich Herrn Talert bitte, ein langsames Lied zu spielen und meinen Freund dann zum Tanz auffordere“, räusperte er sich beschämt, als Frido ihn noch erstaunter anschaute. Hatte er sich gerade verhört?

„Natürlich nur, wenn du einverstanden bist…“, schob der Lockenkopf bei Fridos Zögern schnell hinterher, doch der begann zu lächeln und griff zur Antwort Dominiks Hände, um sie an die richtige Position zu legen.

„Das kriegen wir schon hin…“, sprach er leise, während er seinen Freund seicht an sich zog und anfing, sich mit ihm im Takt einer nicht bekannten Melodie zu wiegen. Hölzern waren Dominiks Bewegungen dabei zunächst und immer wieder schaute er besorgt zu Boden, damit er seine Füße nicht an die falsche Stelle setzte. Doch genauso oft fasste Frido geduldig sein Kinn und erinnerte ihn daran, den Blick bei seinem Tanzpartner zu halten.

„Und selbst wenn du mir auf den Fuß trittst, ist das doch überhaupt nicht schlimm“, sprach er sanft und lächelte, als er spürte, dass Dominik langsam etwas entspannter wurde und sich für seine Verhältnisse zunehmend auf diese Art der Zweisamkeit einlassen konnte. Ein famoser Tänzer würde er vermutlich nicht unbedingt werden, aber das war auch völlig egal. Die Geste zählte für Frido viel mehr – nur hatte Dominik sich die auch tatsächlich gut überlegt?

„Möchtest du das wirklich machen?“, fragte er darum und konnte selbst nur mit einem Kuss antworten, als Dominik sich wiederum bei ihm danach erkundigte. Seit einer gefühlten Ewigkeit redeten sie immer wieder über den passenden Zeitpunkt und waren die Sache dabei bisher viel zu verkopft angegangen?

„Okay, dann machen wir das heute…“, atmete der Lockenkopf tief durch, als Fridos Lippen sich von seinen lösten und brachte seinen Freund zum Schmunzeln, als diese Entschlossenheit in seinen Blick zurückkehrte. Wenn es nach Frido gegangen wäre, hätten sie auch einfach den Rest des Abends auf dem Flur verbringen können.

„Hast du n Wunsch für das Lied?“, fragte Dominik allerdings und wurde sogleich wieder knallrot, als Frido „You are so beautiful“ nannte. Wollte sein Freund denn, dass er vor Scham im Boden versank? Trotzdem nickte Dominik eifrig und schüttelte anschließend genauso tapfer den Kopf, als Frido anbot, dass er auch gern ein anderes Lied auswählen könne.

„Nein, wenn Herr Talert das da hat, dann nehmen wir das!“, beschloss Dominik und ließ Frido los, um seinen Siegeszug zu beschreiten. Jetzt gab es kein Zurück mehr, erklärte seine Körperhaltung und mit energischen Schritten machte er sich auf den Weg, während Frido ihm langsam nachschlenderte. Wenn dieser Trotzkopf doch nur geahnt hätte, wie bezaubernd er ihn gerade wieder fand! Und auch ein wenig amüsant, als Melinda die lange Warterei wohl langsam doch zu viel wurde.

„Herr Klimlau!“, kam sie ihnen nämlich entgegen und rief schon von weitem seinen Namen, um statt seiner zuerst Dominiks Antwort zu erhalten.

„Stell dich hinten an!“, rauschte er an ihr vorbei und während sie ihm verdattert nachguckte, musste Frido beinahe loslachen. Was war das denn jetzt gewesen, dachte er im ersten Augenblick, um sich dann immer mehr der Hintergründe bewusst zu werden, als Melinda sich fasste und noch einmal das Wort an ihn richtete.

„Herr Klimlau, würden Sie mir den nächsten Tanz schenken?“, sprach sie endlich aus, worauf sie solange hingearbeitet hatte und er kämpfte ernstlich dagegen an, ein belustigtes „Ach deshalb!“ auszuposaunen. Stattdessen zeigte er sich deutlich dezenter.

„Tut mir leid, aber den hab ich schon jemandem versprochen. Vielleicht ja danach“, bot er höflich an, auch, wenn er nicht davon ausging, dass seine frühere Studentin dann wirklich noch Interesse daran haben würde. Die konnte angesichts ihres missmutigem Ausdrucks nicht verhehlen, dass ihr diese Antwort wenig gefiel, aber trotzdem dankte sie Frido mit einem knappen Lächeln und sagte, dass sie gern darauf warte. Für ihn war das allerdings das Stichwort, nicht noch mehr Zeit auf dem Flur zu vertrödeln.

„Dann bis später“, nickte er ihr zu und ging schnell weiter, um Dominiks Plan nicht noch durch Unpünktlichkeit zu vereiteln. War das wirklich zu fassen? Dass ausgerechnet sein Dominik mit so einer Idee um die Ecke kam? Frido schüttelte den Kopf und trug trotzdem schon ein breites Lächeln spazieren, als er den Saal wieder betrat. In diesem Moment hatte er nur Augen für seinen Lockenkopf, der sich tapfer zum DJ vorarbeitete, ein paar Worte mit ihm wechselte, nickte, einen Blick auf den Laptop des Dozenten warf und dann noch einmal nickte, um kurz darauf den Rücktritt anzutreten. Die Nervosität stand ihm ins Gesicht geschrieben und sich durch die tanzende Menge zurück zu kämpfen, machte es offensichtlich nicht viel besser. Also blieb Frido am Eingang stehen, falls Dominik noch mal kurz vor die Tür wollte. Allerdings begrüßte er ihn dann nicht mit einem gespannten „Und?“, als er den gefühlten Spießrutenlauf hinter sich gebracht hatte, sondern Susi.

„Ja, er hat das Lied und spielts gleich im Anschluss“, war die knappe Antwort, während Dominik die Hände in seinen Hosentaschen zu Fäusten ballte, um das Zittern etwas unterdrücken. Und während Susi vor Vorfreude fast quietschte, weil sie die Idee so romantisch fand, sah er aus, als müsse er sich jeden Augenblick übergeben.

„Hey, wir müssen das nicht…“, trat Frido daher näher an ihn heran und legte die Hand vorsichtig an seinen Oberarm, aber von Dominik kam wie aus der Pistole geschossen ein „Doch!“. Er schaute Frido fest an, während der anfing zu schmunzeln und dann nur den Blickkontakt abbrach, weil sein Name plötzlich erklang.

„Ach, hier steckst du! Wie siehts aus? Nehmen wir noch ein Liedchen oder zwei mit?“, kam Frau Lammers auf ihn zu und musterte irritiert das Trio. Irgendwas lag doch in der Luft, schien sie zu denken, während Frido ganz unverfänglich auf ihre Frage einging.

„Im Moment muss ich dich leider vertrösten. Ich hab schon jemandem versprochen, gleich mit ihm zu tanzen. Aber wir gucken nachher noch mal, okay?“, grinste er vielleicht nicht nur über das verwunderte Schmunzeln seiner Kollegin, die erst recht die Augenbrauen hob, als er sich wieder Dominik zuwendete und ihm plötzlich seine Hand anbot.

„Moment mal…“, guckte sie dabei von einem zum anderen und schließlich zu Susi, während die Partystimmung abebbte und Platz für Joe Cocker machte. Wurde das gerade zu einer Showeinlage, von der sie nichts wusste und war Dominiks missglückte Tanzeinlage mit Susi vorher nur eine Finte gwesen?

„Nee, ne?“, verschränkte die Dozentin grinsend die Arme vor der Brust, als ihr Student nicht nur Fridos Hand griff, sondern auch mit ihm auf die Tanzfläche ging. Das war doch jetzt ein Scherz, weil ihr Kollege die Gerüchte und Schmachtereien leid war, die es teilweise ja sogar unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit ins Kollegium geschafft hatten, oder? Ein kurzes Tänzchen zur Verwirrung und um sich einen Spaß zu erlauben. Doch dafür wirkte es zu innig. Besonders, als Dominik trotz der anderen Paare mit zunehmender Aufmerksamkeit der Umstehenden immer nervöser wurde und sich fester an Frido schmiegte. Er pfiff auf die richtige Position seiner Hände und den passenden Abstand, um das Gesicht an Fridos Schulter zu verbergen und die Hände unter sein Jackett zu schieben, damit er ihn umarmen konnte. Liebevoll lachte der Ältere dabei und hielt seinen Studenten schützend bei sich, um ihn zu beruhigen. Es wirkte so vertraut, wie er ihm dabei etwas zuflüsterte und damit nicht nur schaffte, dass Dominik ihn wieder anschaute, sondern auch noch die Hand an seine Wange legte, ehe er sogar die Initiative für einen Kuss ergriff. Und zwar einer, der nicht nur flüchtig und gehuscht war, sondern innig, liebevoll und vertraut. Spätestens jetzt wurde auch dem letzten Skeptiker klar, wie ernst es ihnen war und ein Schwall verschiedenster Emotionen brach los, während das Lied im direkten Gegensatz dazu in den letzten Zügen lag. Pikierte Blicke einer Frau Bachmüller mischten sich in das ungläubige Glotzen derer, die gerade ihre Hoffnungen begraben mussten oder aus anderen Gründen mit dieser Partnerschaft nicht einverstanden waren. Viel lauter aber waren diejenigen, die wie Niko und Frau Lammers anfingen zu pfeifen und zu klatschen.

„Wurd aber auch mal Zeit!“, rief der eine lachend, während die andere meinte, dass sie ehrlich überrascht sei.

„Das habt ihr aber gut verheimlicht!“, knuffte sie ihrem Kollegen in die Seite, als er mit den letzten Klängen des Liedes seinen Freund unter Klatschen und einigen Schulterklopfern von der Tanzfläche führte. Er nahm es mit Humor und lachte, während Dominik das Gesicht wieder an ihm vergrub.

„Haben wir das grad wirklich gemacht?“, nuschelte er dabei und drückte sich an Frido, der ihm über den Rücken strich, als Herr Talert zur Bestätigung auch noch einen freudigen Ausruf durchs Mikrofon tat, um seine Begeisterung über die verliebten Pärchen kund zu tun. Auch, wenn sie alle ihre Zweisamkeit genossen hatten, stand wohl völlig außer Frage, wer mit seiner Darbietung gerade die meisten Blicke auf sich gezogen hatte.

„Wenn mir heute Morgen jemand gesagt hätte, dass mich ausgerechnet der größte Tanzmuffel, den ich kenne, heute auffordert, mit ihm das Tanzbein zu schwingen…“, sagte Frido liebevoll zu seinem Freund, der ihn dafür jedoch fast schon bockig anguckte.

„Tanzbein schwingen ist gut! Ich hab die ganze Zeit gehofft, dass ich dir nicht doch noch auf die Füße trete!“, murrte er und schien dennoch erleichtert, dass genau das nicht passiert war. Peinlich war ihm die ganze Sache ja so schon! Wobei er auch zunehmend entspannter wurde, je länger er an Frido gekuschelt da stand und nur zuhörte, wie der sich mit seiner Kollegin unterhielt. Nun war sie ja doch ein wenig neugierig, wie sie ihre Beziehung bisher so gut geheim halten konnten.

„Du hast zwar gesagt, dass du mit jemandem zusammen bist, aber damit hab ich jetzt nicht gerechnet! Ich dachte immer, die Bachmüller spinnt sich da was zusammen!“, lachte sie, während Frido schief grinste. War ganz schön zu hören, dass es scheinbar doch nicht für alle an der Uni so offensichtlich gewesen war, wie genannte Kollegin es seinem Freund hatte glauben machen wollen. Der kam gerade allerdings gar nicht dazu, sich Gedanken über seine Dozentin zu machen.

„Das war echt süß!“, hielt Susi ihm nämlich die Aufnahme ihres Tanzes unter die Nase und brachte Dominiks Gesichtszüge damit zum Entgleisen.

„Ey, du hast das nicht wirklich gefilmt…“, murmelte er erst fassungslos, um Susi dann aufzufordern, das Video sofort zu löschen. Sie grinste allerdings und schüttelte den Kopf. Die beiden waren doch so niedlich zusammen, kicherte sie, wobei Dominik das Gesicht noch mehr verzog.

„Ich bin nicht niedlich. Jetzt gib her!“, versuchte er ihr Smartphone zu erwischen und guckte Frido entgeistert an, als der Susi auch noch fragte, ob sie ihm die Aufnahme zuschicken würde.

„Wa… nein!“, wollte er protestieren, dass das auch noch vervielfältigt wurde, aber da hatte Susi längst zugestimmt.

„Klar! Kein Problem! Schick ich Ihnen per Mail!“, versprach sie, um dann fast im gleichen Atemzug plötzlich allen eine angenehme restliche Feier zu wünschen.

„Ich mach mich langsam mal auf die Socken. War ein schöner Abend! Passt auf euch auf! Ich komm bestimmt mal wieder vorbei!“, lächelte sie und reichte Frido und Frau Lammers die Hand, während sie sich von Dominik mit einer Umarmung verabschieden wollte. Doch der war so perplex, dass er sie kaum erwidern konnte.

„Wie, du willst jetzt abhauen?“, murmelte er und war ehrlich überrascht, als sie ihn darauf hinwies, wie spät es inzwischen war.

„Ihr habt ja den halben Abend auf dem Flur geprobt!“, lachte sie und knuffte ihm leicht den Arm, um dann noch mal zum Abschied die Hand zu heben und schließlich den Ausgang anzusteuern. Dominik aber guckte ihr ungläubig nach und Frido konnte sich denken, was sich gerade in seinem Kopf abspielte.

„Na los, das kriegt ihr Zwei doch besser hin. Lasst euch Zeit. Ich wag solang einfach noch ein Tänzchen mit Bettina“, schmunzelte er und nickte, als Dominik etwas zögerlich fragte, ob das gerade wirklich okay wäre, wenn er Frido jetzt einfach stehen ließ. Und kaum hatte er sich das auch selbst zugestanden, lief er Susi nach, um nach wenigen Metern schon wieder zu ihr aufzuschließen.

„Ich lösch das Video nicht!“, grinste sie, aber er schüttelte den Kopf.

„Das war doch grad keine richtige Verabschiedung!“, murmelte er und schluckte, als Susi anfing zu kichern.

„Dominik, ich bin doch nicht aus der Welt!“, meinte sie und schüttelte den Kopf, als er mit einem „Ja, aber…“ anfangen wollte zu protestieren.

„Kein Aber! Du hast doch meine Nummer und ich deine! Ich bombardier dich einfach jeden Tag mit Nachrichten!“, grinste sie, um dann ehrlich gerührt zu sein, als Dominik kleinlaut sagte, dass das aber nicht dasselbe wäre.

„Willst du nicht doch noch ein bisschen bleiben?“, wollte er nicht wahrhaben, dass das gerade für einige Zeit das letzte persönliche Gespräch mit Susi sein sollte, ehe sie ins Ausland startete. Und das wurde ihm mit ihrer Antwort umso bewusster.

„Mein Flieger geht morgen ziemlich früh und ein bisschen Schlaf brauch ich dann doch… Ich hab Jens auch extra gebeten, dass er mich um diese Zeit abholt, damit ich mich nicht doch noch verfranse“, zuckte sie leicht die Schultern und schmunzelte über Dominiks Antwort.

„I..ich tanz auch mit dir! Ich kann dir nur nicht versprechen, dass deine Zehen dabei unbeschadet bleiben!“, entgegnete er schnell, um zu seufzen, als Susi ihm mitleidig den Oberarm tätschelte. Das war ja nett gemeint, aber…

„Nix für ungut, aber ich glaub, ohne Herrn Klimlau hättest du dir da vorhin echt einen abgebrochen“, lächelte sie schief, während Dominik das mit einem belustigten Schnauben und einem Nicken bestätigen musste.

„Ist wohl was dran…“, murmelte er und guckte Susi ungläubig an, als sie ihm scheinbar ernsthaft für den schönen Abend dankte.

„Machst du dich grad über mich lustig?“, runzelte er die Stirn, aber sie schüttelte den Kopf.

„Nein, als ihr draußen wart, hab ich einfach mit ein paar anderen Leuten getanzt. Ich kenn ja genug von den Nasen, die da heute Abend waren!“, grinste sie, um dann etwas ernster zu ergänzen: „Dass du heute überhaupt her gekommen bist, find ich schön. Der Dominik, den ich im ersten Semester kennen gelernt hab, hat sich damals mit Händen und Füßen gewehrt, als ich ihn mitschleppen wollte, schon vergessen?“.

„Haha, ja, da ist wohl was dran!“, brachte sie ihn mit diesen Worten tatsächlich zum Schmunzeln, auch, wenn sie ihn im nächsten Moment wieder verwunderte.

„Er hat viel bei dir bewirkt, oder?“, fragte sie ihn nämlich und Dominik schaute sie daraufhin fragend an. Manchmal war es schon drollig, dass er einerseits so aufmerksam und andererseits so belämmert sein konnte.

„Ich sprech von Herrn Klimlau, du Esel! Dass du ihn sogar zum Tanz aufgefordert hast, hätte es früher ja im Leben nicht gegeben!“, schüttelte sie den Kopf über ihn und schmunzelte, als Dominik schon wieder errötete. Noch etwas, das er ihr früher wohl nie so freiwillig gezeigt hätte.

„Ja, ich glaub, da ist was dran…“, rieb er sich nun aber nur den Nacken, statt sich beschämt abzuwenden und grinste schief, als Susi ihn weiter neckte.

„Du bist wohl doch nicht so ein toter Fisch, wie ich dachte“, stellte sie fest, was ihm ein unschlüssiges Schulterzucken entlockte. Was sollte er dazu jetzt sagen? Erst einmal nichts, denn statt näher auf das Thema einzugehen, fragte Susi ihn, ob er sie noch zum Auto ihres Bruders begleiten würde und Dominik stimmte ohne zu Zögern sofort zu. Er hielt Susi die Tür auf, als sie das Gebäude verließen und beim Weg über den Campus hakte sie sich wieder ganz selbstverständlich bei ihm unter.

„Fühlt sich schon ein bisschen seltsam an, dass ich das ab morgen erst mal nicht mehr machen kann“, sprach sie dabei das aus, was er auch er dachte und schmiegte sich etwas fester an ihn, weil die Nächte nun doch schon deutlich kühler waren, selbst, wenn die sonnigen Tage noch gut darüber hinwegtäuschen konnten.

„Du zitterst ja. Kein Wunder, mit deinem schulterfreien Kleidchen!“, meinte er, während sie den Parkplatz ansteuerten und zog den Arm aus Susis Umklammerung, um ihn stattdessen um sie zu legen. Leider hatte er keine Jacke bei, die er ihr leihen konnte, aber es schien Susi auch schon zu genügen, sich an ihn zu kuscheln und dabei seinen Bauch und Rücken zu umarmen.

„Ich glaub, das hab ich gebraucht…“, murmelte sie dabei und brachte ihn damit zum Lachen.

„Jens hat doch bestimmt ne Heizung im Auto“, antwortete er, als er den Wagen ihres Bruders bereits von weitem entdeckte. Aber Susi schüttelte den Kopf.

„Das mein ich nicht…“, flüsterte sie und strich Dominik leicht über die Brust, als der sie fragend anschaute.

„Ich meinte, ich glaub, ich habs gebraucht, euch beide heute so zu sehen“, sagte sie und blieb so abrupt stehen, dass Dominik wohl nur deshalb passend abbremsen konnte, weil er sie noch im Arm hielt.

„Was redest du denn da?“, murmelte er und war nicht sicher, ob es gerade wirklich in Susis Augen glitzerte oder ob die Beleuchtung des Parkplatzes seinen Sinnen Streiche spielten. Doch dann legte Susi auch noch ihre Hände an seine Wangen und strich mit den Daumen leicht darüber. Sie wollte doch nicht etwa…? Unschlüssig und ein wenig überfordert stand Dominik da, aber dann zog Susi ihn in eine Umarmung, bei der sie das Kinn auf seine Schulter legte, um ihm noch etwas mitzuteilen, das sie sich von Angesicht zu Angesicht wohl nicht traute laut auszusprechen.

„Du hast dich sehr verändert, Dominik. Und heute ist mir klar geworden, dass ich diesen Knoten bei dir wohl nie zum Platzen gebracht hätte. Schade…“, flüsterte sie, während er nicht wusste, ob es gerade richtig war, die Umarmung zu erwidern oder nicht.

„Aber… du wusstest doch, dass ich mit ihm zusammen bin…“, stammelte er stattdessen und schluckte, als er Susis Nicken spüren konnte.

„Ja… ist aber noch mal was ganz anderes, das nur zu hören oder dazu zuzusehen, wie ihr euch so verliebt ihn den Armen liegt…“, löste sie die Umarmung, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben und ihm ein Lächeln zu schenken.

„Pass auf dich auf, du toter Fisch!“, wollte sie sich dann mit einem kecken Grinsen von ihm verabschieden, aber noch mal wollte Dominik nicht so lange zögern, bis sie fast weg war. Also ergriff er dieses Mal die Initiative und nahm sie richtig in den Arm.

„Pass auf dich auf, du alte Zicke“, drückte er sie sanft an sich und tätschelte ihr den Rücken, als er spürte, wie sie anfing zu schluchzen. Er hielt sie solange fest, bis sie sich wieder gefasst hatte, um sie erst dann langsam wieder los zu lassen.

„Jetzt seh ich bestimmt aus wie ein Panda“, schniefte sie dabei und brachte ihn zum Lachen, als sie meinte, dass sein Hemd bestimmt was von ihrer Maskara abbekommen habe. Er aber hatte nur eine wegwerfende Handbewegung dafür.

„Ist ja eh schwarz. Fällt also gar nicht auf!“, meinte er und grinste, als sie darüber kichern musste, ehe sie tief seufzte und dann wirklich die letzten paar Meter allein zum Auto ihres Bruders ging.

„Ich schreib dir, wenn ich in Spanien angekommen bin!“, rief sie Dominik dabei zu, während sie die Wagentür öffnete und lachte über sein „Will ich aber auch hoffen!“. Er hob die Hand, während ihr Bruder den Wagen startete und blieb so lange stehen, bis sie vom Parkplatz gefahren waren. Erst dann ließ er sie sinken und atmete die kühle Nachtluft ein.

„Jetzt ist sie weg…“, murmelte er dabei und schluckte, als es an der Zeit war, seine eigenen Tränen fließen zu lassen. Still und heimlich wollte er es tun, um dann wieder beherrscht zurück zur Party zu gehen, doch dann legten sich zwei Hände warm auf seine Schultern und zogen ihn sanft an sich, als er sich umdrehte.

„Ich dachte, du wolltest tanzen…“, murmelte er, während er sich an Frido drückte und der ihm ein leises Lachen schenkte.

„Das kann ich später doch immer noch“.

24.11.2024: Bundesbank

Frankfurt am Main also. Eine Stadt der Hochhäuser, Bundesbank und Börse, aber natürlich auch des kulturellen Lebens. Für Frido war sie nie so ein enger Freund wie Berlin gewesen, das er regelmäßig, manchmal fast wöchentlich besucht hatte. Aber trotzdem hatte es eine Zeit in seinem Leben gegeben, in der er Frankfurt zumindest als guten Bekannten betrachtet hätte. Nicht magisch davon angezogen und doch eine willkommene Einkehr, wenn es ihn mal dorthin verschlagen hatte. Und trotzdem wusste er jetzt nicht einmal mehr, wann oder warum das zum letzten Mal der Fall gewesen war. Gleichermaßen mit Erschrecken und Erstaunen stellte er fest, dass erst einiges Überlegen und Nachrechnen vonnöten war, um diese Fragen beantworten zu können – und dennoch verspürte er bei seiner Rückkehr diese gewisse Vertrautheit. Natürlich hatte Frankfurt sich in all den Jahren verändert und war ihm an einigen Stellen beinahe gänzlich fremd geworden, aber nichtsdestotrotz fanden sich auch jene Ecken, die ihn binnen Sekunden wieder an einst erinnerten. Ein bisschen war es, als würde er jemanden nach vielen Jahren mal wieder besuchen und feststellen, dass der zwischenzeitlich einiges an seinem Inventar geändert hatte: Die Wohnung war dieselbe, aber viele der Möbel und Dekorationen neu oder an einen anderen Platz gewandert. Es brauchte also durchaus ein wenig, um sich zu orientieren, aber im Großen und Ganzen fand er sich gut zurecht. Ganz im Gegensatz zu Dominik, der diese Großstadt bisher nur von mehr oder weniger bewegten Bildaufnahmen kannte. Es war für ihn ewig her, dass er – mit Ausnahme von den Besuchen bei Fridos Eltern – so eine lange Fahrt unternommen hatte und über die Grenzen seiner früheren und seiner jetzigen Heimatstadt hinausgekommen war. Die imposanten Bauten Frankfurts und seine Skyline waren nichts, was in Dominik den Wunsch geweckt hätte, in diese Stadt zu ziehen und doch wussten sie ihn zu beeindrucken. Welchen Eindruck würde Berlin dann erst auf ihn machen, dachte Frido sich und überlegte gleichzeitig, ob er sich bei seinem ersten Besuch in der Stadt am Main ebenso gefühlt hatte wie sein Freund jetzt. Er wusste es nicht mehr. Er erinnerte sich nur noch daran, wie ihn die Mythen über Frankfurts einzigartige Kunstszene so gefesselt hatten, dass er mit Patrick spontan für einen Kurztrip dorthin gefahren war. Ein Festival, mehrere Museen und natürlich alle Kunstgalerien hatten sie damals in einer knappen Woche besichtigt. Sie hatten Frankfurts Kultur in sich aufsaugen wollen, so gut sie es konnten. Aber vielleicht war ihm dieser Ausflug auch nicht nur wegen der vielen Inspirationen und Anregungen so gut im Gedächtnis geblieben? Denn ausgerechnet bei dieser Hinfahrt hatte auch Patricks alter VW-Bus einen Abstecher in die Werkstatt gefordert. Sie waren ja schon froh gewesen, zeitnah ein freies Plätzchen zu finden und sogar einen Leihwagen zu bekommen. Doch ihr finanzieller Puffer war damit auf einen Schlag weg gewesen und ihre Schlafmöglichkeit gleich auch. Schließlich hatte der alte VW nicht nur immer wunderbar beim Transport unterstützt, sondern auch häufig als Camper gedient.

„Wir haben ja so ziemlich jede Möglichkeit genutzt, um an interessanten Events teilzunehmen. Und klar, Sprit mussten wir natürlich auch rechnen, aber es hat sich schon gelohnt, nicht ins Hotel oder in die Pension zu gehen, sondern irgendwo einen Parkplatz oder ein anderes abgelegenes Eckchen für die Nacht zu suchen und dann im Bus zu pennen. Blöd war nur, dass wir durch die benötigte Reparatur entweder beim Essen was hätten abknapsen müssen oder bei den Eintritten, um noch Geld für eine billige Absteige zu haben. Das wollten wir natürlich nicht und haben deshalb fast die komplette Woche in dieser Schrottkarre gepennt, bei der man weder die Sitze richtig umklappen konnte noch genug Platz hatte, um sich auszustrecken“, erinnerte er sich an die höllischen Rücken- und Nackenschmerzen zurück, mit denen er aus diesem Ausflug heimgekehrt war und musste über sein früheres Ich lachen.

„Aber es hat sich gelohnt! Wir haben viele spannende Eindrücke mitnehmen können. Und ne kleine Anekdote zum Erzählen“, grinste er, während er die Tiefgarage ihres Hotels ansteuerte und Dominik ein verstehendes Nicken entlockte. Ach, deshalb war es Fridos erste Amtshandlung gewesen ein Hotel rauszusuchen, als er von der heutigen Vernissage erfahren hatte. Es war nichts mit fünf Sternen geworden, aber auch nicht die letzte Absteige. Etwas im Mittelmaß, das ihnen ein Bett, ein Bad und etwas Privatsphäre bot. Klein und fein und für Dominik trotzdem erstaunlich. Zum ersten Mal würde er in einem richtigen Hotel nächtigen. Keine Jugendherberge und kein Camping, bei denen für ihn immer die Strapazen überwogen hatten, sodass seine liebsten Urlaubserfahrungen bisher die an die mehrtägigen Besuche bei seinen Großeltern gewesen waren. Kein Wunder also, dass für ihn alles, was mit diesem Ausflug zusammenhing, aufregend und neu war. Und kein Wunder, dass seine Antwort nur allzu deutlich ausfiel, als Frido sich erkundigte, ob er nach der Autofahrt lieber ein Päuschen einlegen oder noch etwas Sightseeing machen wollte, ehe es zur Vernissage ging.

„Zeigst du mir ein paar Ecken, die du noch von früher kennst?“, lautete sofort die Gegenfrage und er strahlte wie ein Honigkuchenpferd, als Frido nickte. Das war wieder einer dieser Momente, in denen Frido noch immer nicht so recht glauben konnte, dass dieser aufgedrehte junge Mann einst jener verschlossene Student gewesen war. Vielmehr erinnerte er ihn jetzt an seine Nichte, als sie das Hotel wieder verließen und mehr oder minder ziellos durch die Gegend streiften. Grob hatte Frido zwar einige Orte im Kopf, die er Dominik zeigen wollte oder bei denen er sich selber fragte, ob sie wohl noch existierten, aber eine feste Route hatten sie dabei nicht. Sie ließen sich treiben und wenn sie an ihren Zielen ankamen, war es gut und wenn nicht, dann auch. Denn so oder so schien alles Neue, das Dominik entdecken konnte, eine kindliche Neugierde und Faszination bei ihm zu wecken. Und in einer Stadt, die er das erste Mal persönlich besuchte, gab es schließlich sehr viel Neues zu sehen. Doch seine Begeisterung dafür war noch nichts im Vergleich zu dem Überschwall an Gefühlen, die auf ihn zurollten, je näher sie dem Abend und dem Beginn der Vernissage kamen. Die erste richtige Ausstellungseröffnung, die nicht nur seine und die Werke der anderen Studenten in der Uni präsentierte! Was musste er beachten? Wie sollte er sich benehmen? Fragen über Fragen sprudelten aus ihm heraus, während Frido über diese Wissbegier beinahe lachen musste – und sich ein weiteres Mal fragte, ob es ihm bei seiner ersten Vernissage auch so ergangen war. Aber auch das wusste er nicht mehr. Er wusste ja nicht einmal mehr mit Sicherheit, welche Kunstveranstaltung überhaupt seine allererste gewesen war. Wurde man so, wenn man schon an so vielen Ausstellungen und Veranstaltungen teilgenommen hatte? Dass man sie irgendwann als eine Masse an Erlebnissen empfand, aus der nur noch besondere kleine Lichtblicke und Momente herausstechen konnten? Und beantwortete das auch schon die Frage, die er sich beim Erhalt der Einladung genauso wie in den Tagen danach immer mal wieder gestellt hatte? Die Frage, wie er sich wohl fühlen würde, beim Besuch seiner ersten Vernissage seit diesem verhängnisvollen Tag vor inzwischen über zehn Jahren. Denn auch das hatte er mit Erstaunen festgestellt: In vielen Ausstellungen und Museen war er seitdem noch gewesen, aber mit Ausnahme der Universitätsfeierlichkeiten nie mehr am Tag der Eröffnung selbst.

„Wenn du da vorne reinbiegst und zurück Richtung Innenstadt gehst, kommst du zwangsläufig an der Galerie vorbei“, hatte er am Nachmittag bei einem kleinen Spaziergang den Main entlang erzählt und dabei das erste Mal dieses Gefühl wahrgenommen. Ein Gefühl, das mit voranschreitender Stunde immer häufiger auftauchte und seinen Höhepunkt fand, als sie jene Galerie in ihrem festlichen Gewandt am Abend tatsächlich betraten. In diesem Moment stürzten so viele Erinnerungen an vorherige Ausstellungseröffnungen auf Frido ein, dass er sich einige Sekunden lang fragte, ob diese hier gerade wirklich der Realität entsprang oder nur Produkt seines verwirrten Verstandes war. So vertraut fühlte es sich an, wieder hier her zu kommen, Gesichter zu sehen, die er teilweise vor über zehn Jahren schon gesehen hatte und diese so wohl bekannte Atmosphäre wieder in sich aufzusaugen. Und dann war da ja auch noch Jean-Pierre, der ihn mit seinem früheren Namen begrüßte.

„Dominik! Fritz! Schön euch zu sehen!“, schwebte er auf sie zu, um nach kurzem Geplänkel auch schon zu den nächsten Gästen zu verschwinden und die letzten Minuten vorm Beginn der Vernissage bereits für ein klein wenig Netzwerken zu nutzen. Genauso, wie er es auch früher schon immer getan hatte. Doch dann begann Fridos Traum zu bröckeln und der Wirklichkeit Platz zu machen. Nicht nur, weil es nicht Patrick war, der sich bei ihm unterhakte, als der Künstler ins Rampenlicht trat, um seine Ausstellung zu eröffnen. Nein, vor allem verdeutlichten die anderen Anwesenden, die er einst gut gekannt hatte, Frido, dass inzwischen etwas anders war. Dass er inzwischen ein anderer war. Denn während er ihre Gesichter und Namen noch allzu gut zuzuordnen wusste, war er für sie zu einem Fremden geworden. Nur einer von ihnen musterte ihn bei einem kurzen Gespräch auffällig oft, als versuchte er die Erinnerungen an Frido aus einer verstecken Ecke seines Kopfes holen und sich darauf festzulegen, ob wirklich noch genug optische Ähnlichkeiten zum Fritz von damals vorhanden waren. Doch scheinbar war dem nicht so, denn er sprach Frido nicht darauf an und seinerseits machte er auch keine Anstalten, sich zu erkennen zu geben. Schließlich amüsierte ihn dieses kleine Versteckspielchen auch, bei dem er seinen einstigen Bekannten als neuer Mann entgegentreten konnte. Es machte Spaß, ihre Reaktionen zu testen und die Kunst des Ausstellenden voll und ganz in den Fokus zu rücken. Nicht so wie früher, als bei solchen Veranstaltungen andere Dinge für ihn im Vordergrund gestanden hatten. Aber warum spürte er dann dieses kleine Zwicken in der Brust, wenn er doch voller Begeisterung über Motive und Techniken fachsimpeln konnte? Wieso war es bei früheren Anlässen, die er nur als Patricks Begleitung besucht hatte, einfacher gewesen, nicht selber als Künstler dieses Faches, sondern eher als Beobachter zu agieren? Anders als jetzt, wenn er Dominik dabei zusah, wie er es nach der anfänglichen Zurückhaltung langsam schaffte, auf die anderen Gäste zuzugehen, vorsichtige Gespräche zu beginnen und zarte Kontakte zu knüpfen? Immerhin spürte Frido doch auch die ehrliche Freude darüber, dass sein Freund zunehmend im Geschehen des Abends aufging und davon so getragen wurde, dass er selbst zurück im Hotel noch davon sprach. Bis in den frühen Morgen sprudelte seine Begeisterung aus ihm raus und hielt Frido an seinen Lippen, während der schweigend neben ihm lag und aus dem Schmunzeln kaum rauskam, weil Dominik so viel gestikulierte und plapperte. Es war fast, als musste er sich all die Erlebnisse des Tages erst von der Seele reden, ehe er doch noch müde wurde und nicht mehr wie ein zappeliges Duracellhäschen da saß, sondern in die Federn sackte, um doch noch etwas Schlaf zu finden. Und dabei fühlte Frido sich das erste Mal an diesem Tag an den Fritz von früher erinnert. Der Fritz, der nach solchen Events auch immer noch stundenlang aufgedreht gewesen war.

25.11.2024: weltweit

„Was darfs sein?“, mischte sich seine Stimme in die leise Melodie um sie herum und mit einem Nicken nahm er die Bestellung entgegen, um sie nur Augenblicke später zu servieren.

„Bitte sehr, Ihr Wasser“, stellte er das Glas vor seinem Gast auf der Steinplatte des Tresens ab und ging ein paar Schritte zu einem anderen Neuankömmling in seinem Arbeitsbereich. Nun waren es also schon zwei, die zu so später Stunde noch nicht auf ihre Zimmer gingen. Und plötzlich schoss Frido die Frage in den Kopf, ob es wohl eine Art weltweiten Codex gab, der dafür sorgte, dass sich Leute des nachts lieber an Hotelbars begaben, um ihren Gedanken nachzuhängen, anstatt grübelnd in ihren bequemen Betten zu liegen. War es also doch nicht nur ein billiges Klischee aus einfallslosen Filmen, wie er bisher immer gedacht hatte? Oder war er einfach selbst zu einem billigen Klischee geworden? Hatte Berlin ihn vielleicht dazu gemacht? Seine alte zweite Heimat, in die ihn die zweite Vernissage binnen weniger Wochen geführt hatte? Wochen, die viel mehr in Dominiks Leben auf den Kopf gestellt hatten, als in seinem und trotzdem auch Einfluss auf Frido nahmen. Spätestens jetzt, als es ihn wieder nach Berlin geführt hatte. Regelrecht angestachelt durch Jean-Pierre war Dominiks Neugierde auf die Hauptstadt erblüht gewesen und durch Fridos Antworten auf seine Fragen noch genährt worden. Aber was hätte man auch anderes erwarten sollen, wenn Dominik der Ausflug nach Frankfurt schon so gut gefallen hatte und er genau wusste, wie bedeutungsvoll Berlin für Fritz K. Klimlau gewesen war? Wer konnte es ihm da verdenken, dass er auch einmal dorthin wollte? Um in das kulturelle Leben einzutauchen – und bei einem kleinen Galeriebesuch mit einem der Galeristen ins Gespräch zu kommen, von denen Jean-Pierre versprochen hatte, sie ihm zu gegebener Zeit vorzustellen.

„Fast so, als würd er ihm die Welt zu Füßen legen wollen…“, murmelte Frido, während er sein Glas fasste und schwenkte, während er gedankenverloren auf dessen Inhalt starrte. So viele Parallelen trafen hier in dieser Stadt aufeinander, dass er ein wenig das Gefühl bekam, sie würden sich wie Schnüre um seinen Hals legen. Mit jeder Erinnerung, die ein Gebäude, ein Treffen oder ein Satz aus Jean-Pierres Mund in ihm weckte, war es für Frido, als zögen sich diese Schnüre fester und fester. Wollten sie ihm nur ein beklemmendes Gefühl verursachen oder gar einschneidend ihre Spuren hinterlassen? Noch wusste er es nicht. Nur, dass er froh war, wenigstens in diesem Hotel einen Ort gefunden zu haben, den er von früher noch nicht kannte, wusste er. Und dass er es gerade nicht ertrug, weiter neben Dominik zu liegen, während der seelenruhig schlief. Erschöpft von der Aufregung des Tages und davon, dass Frido ihn auf seine Weise zum Schweigen gebracht hatte. Mehr als ein Mal, damit er auch wirklich einschlief und vor allem, damit er endlich die Klappe hielt. Zärtlich und liebevoll war Frido dabei zwar gewesen, aber getrieben hatte ihn der Wunsch, nichts mehr über die künstlerischen Glanzpunkte Berlins hören zu müssen oder darüber, wie dankbar sein Freund ihm doch war. Hätte er ihn nicht so unterstützt! Hätte er ihn nicht immer wieder ermutigt und ihm sogar Jean-Pierre vorgestellt! Den ach so tollen Jean-Pierre mit seinen vielen Kontakten und Fäden, die er zog, um diese Kontakte auch möglichst gewinnbringend zu kombinieren! Was hätte sein vor Dankbarkeit überschwappender Dominik ohne die Hilfe seines Freundes doch nur gemacht? Eine Antwort auf diese Frage hatte Frido zwar nicht, aber dafür eine darauf, was er nun am liebsten beim Gedanken an diese Lobhudeleien an seine Person getan hätte: Gekotzt. Und gleichzeitig tat es ihm leid, dass er so dachte. Er verstand sich selbst nicht, dass Dominiks Entwicklung ihn einerseits so glücklich machte und andererseits das Schlechteste in ihm zu wecken schien. Ihm selbst hatte es doch auch gefallen, am gestrigen Abend noch einmal auf eine Vernissage zu gehen und dabei anregende Gespräche zu führen. Auch, wenn sie anders als zu der Zeit gewesen waren, als er sich noch selbst Künstler geschimpft hatte. Selbst, wenn er nicht mehr malte, konnte er doch noch immer problemlos beim Fachsimpeln mithalten, hatte manchmal sogar den Vorteil, mit etwas mehr Abstand auf Dinge zu blicken, als die Künstler, die mitunter wie gefangen von ihrer Kunst waren. Und auch das heutige Treffen mit dem Galeristen war doch gut gelaufen. Ganz selbstverständlich hatte er Dominik begleitet und dabei nie einen Zweifel daran verspürt, dass er seinen Freund auch bei dieser Sache unterstützen wollte. Im Gegenteil, ermutigt hatte er ihn sogar noch voller Inbrunst!

„Der Galerist war nicht abgeneigt von deinen bisherigen Bildern. Das war ein guter Anfang! Jetzt arbeite in Ruhe ein Konzept aus und bleib mit ihm in Kontakt. Du musst nicht alle Bilder neu malen. Überleg dir, welche du in einer Ausstellung präsentieren wollen würdest und welche Bilder dir aktuell noch fehlen. Wichtig ist der rote Faden!“, hatte er nach dem Gespräch zu ihm gesagt und ihm dabei auch verraten, wie er damals bei der Vorbereitung auf seine erste Ausstellung vorgegangen war.

Was also störte Frido jetzt so daran, dass Dominik sich von dieser Euphorie anstecken ließ? Dass ausgerechnet seine Worte ihn wirklich hatten ermuntern können, nachdem Jean-Pierres den Lockenkopf eher eingeschüchtert hatten. Nicht wegen ihrer Härte, sondern wegen ihrer Größe. Nichts weniger als weltweiten Ruhm könne er sich für den jungen Künstler vorstellen, wenn er nur hart genug daran arbeitete und die richtigen Personen kannte. Solche Sätze ausgerechnet für einen Skeptiker und Selbstkritiker wie Dominik, der von der Vorstellung einer eigenen Ausstellung zwar begeistert, aber gleichzeitig auch noch immer viel zu unsicher dafür war? Da musste man behutsam vorgehen. Mit Samthandschuhen und in kleinen Schritten, statt gleich mit der Tür ins Haus zu fallen! Das wusste Frido ganz genau – genauso, wie er wusste, dass er derjenige war, der diese Samthandschuhe am gekonntesten trug. War es vielleicht das, was ihm zu schaffen machte? Das Bewusstsein darüber, welche Verantwortung er damit trug, dass er Dominik so beeinflussen konnte? Er seufzte aus und stellte sein Glas ab, ohne einen Schluck getrunken zu haben.

„Möchten Sie etwas anderes?“, fiel seinem Gegenüber diese Tatsache viel mehr auf als ihm selbst und die Worte rissen ihn aus seinen Gedanken.

„Wie bitte?“, war er im ersten Moment so irritiert, dass die Frage wiederholt werden musste und lachte dann ertappt auf.

„Oh! Hab ich gar nicht gemerkt!“, leerte er den Inhalt nun in einem Zug, als müsse er sich auf diese Weise für seine Trödelei entschuldigen und nickte, als der Barkeeper ihn fragte, ob er nachfüllen solle.

„Ja, bitte…“, murmelte Frido und hob dann schnell die Hand, als der Mann eine Wasserflasche hervorzog.

„Dieses Mal vielleicht doch etwas mit ein paar Umdrehungen. Haben Sie Whisky?“, fragte er und sie schmunzelten einander an, weil dem einen schon beim Aussprechen der Frage auffiel, wie dumm sie angesichts der präsentierten Flaschen im Regal hinter seinem Gegenüber war und der andere sich höflich eines Kommentars enthielt.

„Jetlag vom Flug?“, fragte er stattdessen und Frido schüttelte den Kopf.

„Nein, ich bin mit dem Auto. Und war nur ein paar Stunden unterwegs. Keine Weltreise also. Ich glaub, ich bin einfach nur ein bisschen unausgeglichen, weil ich heute Morgen nicht beim Sport war“, scherzte er und ehe er sich versah, fand er sich in einer netten kleinen Unterhaltung mit dem Barkeeper wieder. Ein Smalltalk über Gott und die Welt, in dem die Kunst nur eine winzige Rolle spielte und sie stattdessen alle möglichen anderen Themen fanden, über die es sich zu reden lohnte. Ein bisschen wie die Unterhaltungen mit Bernd fühlte es sich an und doch ganz anders. Vielleicht wegen der Uhrzeit oder wegen der Anonymität im Gespräch mit einem eigentlich völlig fremden Menschen? So oder so trotzdem plauderten sie los, über Urlaubsziele, die sie bereits besucht hatten oder noch besuchen wollten. Über Automarken, Sportarten, Gerichte und Rezepte oder Kaffeesorten und vieles mehr. Scherzen und sich austauschen konnten sie sich und sich die Zeit dabei so gut vertreiben, dass Frido nach seinem zweiten Glas Whisky und einem Blick auf die Uhr ganz überrascht war, wie lange er bereits hier saß. Als einziger Gast inzwischen, wie er feststellte und das nicht nur am Tresen, sondern auch an den angrenzenden Tischen, die bei seinem Eintreffen noch teilweise besetzt gewesen waren.

„Oh, ich hoffe, ich halte Sie nicht vom Feierabend ab!“, meinte er dabei mit einem entschuldigenden Lächeln und spürte sogleich sein schlechtes Gewissen verschwinden, als sein Gegenüber ebenso lächelnd den Kopf schüttelte.

„Keine Sorge, meine Schicht endet erst in einer guten halben Stunde. Sie versüßen mir also die Zeit bis dahin. Die Gläser sind leider immer etwas einsilbig, wenn Sie verstehen“, scherzte er mit einem vielsagenden Blick zu dem frisch gespülten Glas in seiner Hand, das er gerade mit einem Tuch trocken rieb und brachte Frido damit zum Lachen.

„Wenn das so ist: Immer wieder gern!“, juxte er und leerte den Rest seines Whiskys, um dann unschlüssig den Kopf zu wiegen, als die Frage erklang, ob er noch einen dritten wolle.

„Ich weiß nicht, ob das nicht ein bisschen viel wird. Hinterher tanz ich hier noch aufm Tisch!“, grinste er und schob das leere Glas dann mit einem Kopfschütteln von sich.

„Nein, lieber nicht…“, beschloss er und war weniger abgeneigt, als ihm stattdessen eine Tasse Kaffee angeboten wurde.

„Ja, das klingt schon besser! Nach schlafen ist mir eh nicht zumute“, stellte er fest und wunderte sich selbst darüber. Lag es vielleicht an dem anregenden Gespräch und der momentanen Leichtigkeit? Seine Grübeleien hatten ihn jedenfalls die letzten beiden Stunden über nicht mehr wach gehalten und er fand es beinahe schon schade, dass sein Gesprächspartner in einer halben Stunde die Schürze an den Nagel hängen wollte.

„Was machen Sie denn mit der angebrochenen Nacht, Mike? Direkt nach hause oder noch auf eine Veranstaltung? Immerhin sind wir hier in Berlin!“, erkundigte er sich, während er sich mit einem Nicken für den Kaffee bedankte und dabei feststellte, dass er jetzt zum ersten Mal auf das Namensschild des Barkeepers achtete. Auch seinem Gegenüber schien das aufzufallen und ein kleines Grinsen aus ihm herauszukitzeln, das zwar nicht das erste an diesem Abend war, aber dafür ein ausgesprochen charmantes. Nun war es an ihm, den Kopf zu wiegen, während er überlegte, ob er noch in diese kleine Bar gehen wollte, die er so gern besuchte.

„Welche denn?“, fragte Frido wie aus der Pistole geschossen und schmunzelte in seinen Kaffee hinein, als er den Namen hörte. Denn der kam ihm nur allzu bekannt vor.

„Oh, da war ich früher auch oft! Sehr entzückendes Plätzchen. Hat mir immer sehr dort gefallen!“, plauderte er aus dem Nähkästchen und verriet damit mehr als nur seine Vorliebe für kleine, eher gemütlich gehaltene Gaststätten.

„Ach, Sie waren da schon öfter?“, fragte Mike mit einem verstehenden Nicken und einem noch aparteren Grinsen, als Frido die Frage bejahte.

„Als Student war ich fast schon Stammgast da! Na ja, so gut die Ersparnisse das halt mitgemacht haben“, schmunzelte er und verriet mit einem Zwinkern, dass er auch manchmal das Glück gehabt hatte, von jemanden eingeladen worden zu sein.

„Ist aber schon ewig her!“, machte er dann eine wegwerfende Handbewegung und schaute mit einem Schmunzeln auf seinen Kaffee. Seit Stunden war das gerade die erste Erinnerung an Berlin, die ihn einfach nur mit Glückseligkeit erfüllte, stellte er fest und schüttelte den Kopf, als Mike sich erkundigte, was ihn gerade so erfreue.

„Ich hab grad nur gedacht, dass das ein sehr schönes Gespräch ist… oder war“, zuckte er leicht die Schulter und sah mit einem Blick auf die Uhr, dass die Zeit immer weiter voranschritt. Schade, dachte er sich, aber so war es nun mal.

„So langsam sollte ich mal zum Ende kommen, damit du pünktlich Feierabend machen kannst“, prostete er Mike daraufhin mit seiner Kaffeetasse zu und bemerkte gar nicht, wie einfach er vom „Sie“ ins „Du“ gerutscht war. Mike schien es jedoch nicht zu stören.

„Lass dir Zeit. Für nette Gäste häng ich auch gern mal ein paar Minuten dran“, schmunzelte er und nahm die leere Tasse an sich, als Frido sie ihm rüber schob.

„Bring mich nicht auf Ideen, sonst bestell ich doch noch einen! Der ist echt gut! Verrätst du mir die Marke?“, zückte er sein Portemonnaie und sein Smartphone, um sofort aufzuschreiben, nach welchen Kaffeebohnen er demnächst mal Ausschau halten musste.

„Was schuld ich dir?“, wollte er dann wissen und zog neben der eigentlichen Summe noch ein gutes Trinkgeld mit hervor, das er Mike mit einem „Passt so. Danke für den schönen Abend!“ gab. Doch auch, wenn der es sofort dankend entgegen nahm, zögerte er damit, es einzustecken. War es doch schon so spät, dass Frido sich mit den Scheinen vertan hatte?

„Nein, nein…“, antwortete Mike auf die gleichlautende Frage hin und schüttelte den Kopf, um sich dann leicht auf den Tresen zu stützen und Frido in die Augen zu schauen.

„Hast du Lust, dass ich dich noch auf einen Kaffee einlade? Oder auf einen Drink?“, fragte er dann mit Worten, die unverfänglicher kaum sein konnten, aber mit einer Körperhaltung, einem Blick und einem Raunen in der Stimme, das keine Zweifel an seinen Intentionen ließ. Selbst für einen Frido, der in diesen Dingen manchmal etwas auf dem Schlauch stand und sich eingestehen musste, dass dieser Mike wirklich ein attraktiver Mann war – äußerlich und auch durch die Kurzweil, die ihr Gespräch ihm beschert hatte.

26.11.2024: Stürmisch

Ein Recken und Strecken begleitete sein Erwachen, um dann mit einem tiefen Seufzen zurück ins Kissen zu sinken. Ein bisschen zu kurz war die Nacht gewesen und trotzdem fühlte er sich zufrieden – besonders, als er die Augen öffnete und dabei seinen Liebsten entdeckte.

„Hey, da bist du ja wieder“, murmelte Dominik und lächelte, als er auf Fridos gut gebaute Rückansicht blickte, die sich so wunderbar vorm Fenster abzeichnete.

„Guten Morgen“, schaute der Ältere bei diesen Worten über die Schulter zum Bett und hob die müden Mundwinkel. Nur allzu offensichtlich verrieten seine Augenringe, dass er noch weniger Schlaf als der Lockenkopf bekommen hatte und trotzdem lehnte er ab, als Dominik fragte, ob er sich nicht noch ein bisschen hinlegen wolle.

„Nein, nein, ich hab dir versprochen, dass wir uns heut noch ein bisschen die Stadt angucken, bevor wir nachher wieder fahren“, gähnte Frido und schlurfte zum Bett hinüber, um sich dann auf die Kante nieder zu lassen. Sofort setzte Dominik sich auf, damit er ihn von hinten umarmen und den Kopf an seine Schulter schmiegen konnte.

„Hast du denn heut Nacht noch was zu essen gefunden?“, fragte er dabei und entlockte dem Älteren ein belustigtes Schnauben. Immerhin waren sie in Berlin! Wenn man da keinen nächtlichen Imbiss finden konnte, wo dann, schmunzelte er, während er über Dominiks Unterarm strich. Und der Jüngere fühlte sich dabei wahrlich wie ein Touri.

„Warst du in einem dieser Spätis?“, fragte er, was Frido mit einem Nicken beantwortete, ehe er ihn mit seiner Antwort aber auch zum Lachen brachte.

„Hab zwar unterwegs auch noch ne Dönerbude gefunden, aber den Gestank wollte ich dir nun wirklich nicht antun“, grinste er schief, während sein Lockenkopf die Vorstellung amüsierte, wie Frido mitten in der Nacht mit einer großen, würzig gefüllten Teigtasche ins Zimmer zurückkehrt wäre. Es gab zwar sicherlich Schöneres, als von Zwiebelduft geweckt zu werden, aber dieses Erwachen wäre wohl trotzdem deutlich angenehmer gewesen. Denn einen Schreckmoment hatte er durchaus erlebt, als er vom Drücken seiner Blase aufgewacht war und das Zimmer völlig leer vorgefunden hatte. Mitten in der Nacht und ohne eine Idee, wo er nach Frido hätte suchen sollen.

„Wenn du das nächste Mal spontan einen Mitternachtssnack holst, sag mir Bescheid, okay?“, dachte er nun daran zurück, wie er auf seine Nachfrage hin die ersten Minuten gebannt aufs Smartphone gestarrt hatte, bis Fridos erlösende Antwort gekommen war. Umso mehr genoss er es da jetzt, ihn einfach im Arm zu halten, die Augen zu schließen und seinen Duft tief einzuatmen. Frisch geduscht war er bereits, während Dominik sich noch ein wenig vor dem nassen Wasser scheute und am liebsten ein weiteres Stündchen oder zwei mit Frido im Bett geblieben wäre. Doch der hatte schon viel zu viel Rücksicht auf ihn genommen.

„Ich wollt dich nicht wecken“, sagte Frido und für Dominik war es das beste Beispiel für dessen achtsames Verhalten – sowohl, beim Verlassen des Zimmers als auch bei seiner Rückkehr, die so lange gedauert hatte, dass Dominik in der Zwischenzeit doch wieder eingeschlafen war. Dabei hatte Frido sich so leise verhalten, dass er den Jüngeren nicht einmal dadurch geweckt hatte, ihm das Smartphone aus der Hand zu nehmen und zurück auf den Nachttisch zu legen. Das sorgte bei Dominik nun einerseits für ein schlechtes Gewissen, aber andererseits entlockte es ihm auch ein besonnenes Lächeln. Dieses Verhalten war einfach so typisch für Frido.

„Machs das nächstes Mal gern. Dann komm ich mit und wir holen uns zusammen nen Döner“, scherzte Dominik darum und lachte auf, als Frido meinte, dass es hoffentlich kein nächste Mal gäbe. Gut, das war dann wohl ein Wink mit dem Zaunpfahl!

„Schon verstanden! Künftig pack ich uns ein paar Snacks für die Ausflüge ein!“, grinste er deshalb und gab Frido einen Kuss auf die Wange, um allmählich der Dusche ins Auge zu blicken. Wenn selbst sein Freund sich nach der unruhigen Nacht schon aus dem Bett gequält und fertig gemacht hatte, durfte es an ihm doch erst recht nicht scheitern, dass sie sich auf ihren heutigen Ausflug durch die Stadt begaben!

„Wird Zeit, dass ich mich auch mal fertig mache, sonst ist gleich Mittag“, stieg er darum aus den Federn und ging zum Koffer, um sich frische Kleidung rauszusuchen. Ein wenig tat ihm Frido für seine Müdigkeit ja leid, aber an einen der Gründe dafür dachte Dominik umso lieber zurück.

„Ich glaub, als wir gestern fertig waren, bin ich so schnell eingepennt, dass ich dir gar nicht mehr sagen konnte, wie gut mir das gefallen hat“, sprach er mit einem kecken Grinsen und ging noch einmal zu Frido zurück, um ihm einen Kuss auf die Lippen zu hauchen. Er strich ihm durch die Haare und schmunzelte, während der Ältere ihm ein müdes Lächeln schenkte. Nach so viel Anstrengung hätte eigentlich Frido derjenige von ihnen sein sollen, der fast den halben Tag verschlafen hatte, dachte Dominik und dachte über einen kleinen Ausgleich nach.

„Ich schlag vor, dass ich dann nachher die Rückfahrt übernehme, damit du dich etwas ausruhen kannst“, bot er darum im Gegenzug an und lachte, als Frido mit wegwerfender Handbewegung meinte, dass er so was früher doch ständig gemacht habe.

„Die Anfahrt hierher war zwar kürzer, aber meinst du, dass ich meine Zeit hier dann mit Schlafen verplempert hab? Drei, vier Stunden für einen längeren Powernap und dann gings weiter! Außerdem hab ich bei vielen der Events ja auch noch nebenher ein bisschen gekellnert oder anders wie ausgeholfen, um mir neben der Netzwerkerei möglichst auch eine müde Mark oder zwei dazu zu verdienen. Da komm ich mit dem bisschen Schlafmangel nun wirklich bestens zurecht!“, scherzte er und erinnerte Dominik daran, dass er schon schlimmere Nächte, wie die im alten Leihwagen damals, überstanden hatte. So schnell haute einen Frido Klimlau das nun wirklich nicht aus den Latschen! Und das musste wohl auch ein Dominik einsehen.

„Na schön, na schön!“, gab der Jüngere sich darum geschlagen und rieb die Nasenspitze an Fridos.

„Dann mach ich mich jetzt mal schnell fertig, bevor du noch ohne mich losgehst!“, grinste er in einen kleinen Abschiedskuss hinein und verschwand ins Bad. Er würde Frido schon noch dazu bekommen, sich auszuruhen und zu erholen, nahm er sich vor, um dann trotzdem überrascht zu sein, wie tapfer der Ältere den Tag hinter sich brachte, obwohl ihm die Erschöpfung teilweise deutlich anzusehen war. Unterstützt von einigen Tassen Kaffee To-Go und im Café zeigte er seinem Freund all die Eckchen ihres Bezirks, die er ihm am Vortag noch versprochen hatte. Wenn sie schon mal hier waren, sollte sich das schließlich lohnen! Und dabei konnte es Frido nicht einmal schrecken, als aus einem lauen Lüftchen langsam stürmischer Wind wurde. Er spielte so lange weiter den Fremdenführer und ignorierte sogar die Kälte, die der Wetterumschwung mit sich brachte, bis Dominiks Bibbern ihn darauf aufmerksam machte. Erst dann kehrte er mit ihm um, holte ihnen unterwegs noch einen heißen Kakao und brachte Dominik dann zurück aufs warme Hotelzimmer. Zumindest für den Moment. Denn der Zeitpunkt zum Auschecken rückte immer näher. Oder wollten sie einfach versuchen, es zu verschieben?

„Sollen wir vielleicht mal an der Rezeption fragen, ob wir die Nacht noch dranhängen können und morgenfrüh zurückfahren?“, schlug Dominik plötzlich vor, als Frido gerade die restlichen Sachen im Koffer verstaute und noch einmal einen Kontrollblick durchs Zimmer warf, um nichts zu vergessen. Der Ältere schaute ihn einen Moment schweigend an und schnaubte dann belustigt aus.

„Du kannst gern auf der Rückfahrt schlafen, wenn du möchtest. Ich bin topfit!“, grinste er und griff den Koffer, während Dominik wenig überzeugt wirkte. Da sprachen Fridos Augenringe aber eine ganz andere Sprache für ihn.

„Hey, die Extrakosten würd ich natürlich übernehmen. Ist ja schließlich meine Idee. Wir könnten es uns heute Abend ja gemütlich machen und…“, wagte Dominik darum noch einen Vorstoß, der jedoch sofort wieder ein Kopfschütteln erntete.

„Gemütlich machen können wirs uns auch Zuhause“, tippte Frido ihm auf die Nase und schlenderte zur Tür. Wie es schien, wollte er partout nicht länger bleiben, also gab Dominik sich geschlagen – sowohl bei der weiteren Übernachtung als auch bei Steuern des Wagens. Denn, auch wenn er Frido gern etwas abgenommen hätte, war an dessen Argument, dass er den Berliner Verkehr deutlich besser kannte, durchaus was dran. Dominik sollte deshalb erst später das Lenkrad übernehmen, doch wenigstens eine kleine Aufmerksamkeit wollte er Frido jetzt schon zukommen lassen. Darum schlich er sich unter einem kleinen Vorwand weg, als sie an der Rezeption standen, um zu bezahlen und huschte noch schnell zur Bar rüber. Gab es auch die Möglichkeit, einen Kaffee zum Mitnehmen zu bekommen?

„Wir müssen jetzt los, aber mein Freund würd gern noch einen Kaffee trinken“, erklärte er dem Barkeeper und grinste verlegen, als der ein wenig irritiert, aber nicht vollends verwundert wirkte. Vermutlich war er nicht der Erste, der mit so einer Bitte zu ihm kam.

„Ich glaube, für solche Fälle haben wir ein paar Einwegbecher auf Vorrat. Ich schau kurz hinten“, bot er an und verschwand fast im fliegenden Wechsel aus Dominiks Sichtfeld, wie Frido wieder dort hinein trat.

„Hier steckst du. Kommst du?“, fasste er seine Hand und schien nun doch etwas ungeduldig zu werden. Kein Wunder, wenn der Feierabendverkehr immer stärker wurde! Aber da brauchte er ja erst recht etwas zur Stärkung, war Dominik sich sicher.

„Ja, sofort, ich wart nur kurz auf meine Bestellung“, machte er sich also los, um schon mal den passenden Betrag aus seiner Geldbörse zu suchen und lächelte, als der Barkeeper in diesem Moment mit seinem Fund zurückkehrte.

„Einmal Kaffee zum Mitnehmen, der Herr“, sagte er dabei und bedankte sich für das Geld, aber er schien auch überrascht, dass sein Gast plötzlich nicht mehr allein am Tresen stand.

„Er gehört zu mir“, erklärte der darum schnell, damit keine Missverständnisse aufkamen und nahm den Becher, um ihn Frido anzubieten.

„Hier, ich dachte mir, den kannst du jetzt gut brauchen“, grinste er und wollte Kaffee gegen Koffer tauschen, während Frido die Anstrengungen der letzten Stunden nun wohl doch bemerkte. Denn mit einem Mal schien er ein wenig blass um die Nase und griff deutlich zögerlicher zu dem Kaffee, als die vorherigen Male an diesem Tag. Hatte er sich vielleicht doch etwas viel zugemutet? Die Annahme beschlich Dominik durchaus, aber Fridos Entschluss schien wie in Stein gemeißelt. Er wollte keine weitere Nacht bleiben und sich erst recht nicht dazu überreden lassen, einen Augenblick an den Tischen im Barbereich zu entspannen. Da half es auch nichts, dass Dominik mit Engelszungen versucht hatte auf ihn einzureden.

„Sie wirken ein wenig erschöpft und Ihr Begleiter scheint sich zu sorgen. Außerdem ist um diese Uhrzeit sehr starker Verkehr, wenn ich das anmerken darf“, versuchte sogar der Barkeeper, Frido vom Gegenteil zu überzeugen, doch Dominik schien, dass das erst recht den Unwillen seines Freundes beschwor. Er blieb zwar höflich, aber man musste Frido Klimlau wohl nicht so gut wie sein Freund kennen, um zu sehen, dass das Maß nun wirklich voll war. Die Stirn gerunzelt, die Kiefer aufeinander gepresst und jede Faser seines Körpers so angespannt, dass die Knöchel vom Umklammern des Koffergriffs weiß hervortraten, stand er da, während er den Mann hinter dem Tresen betrachtete.

„Danke, aber wir gehen jetzt“, stellte er ein letztes Mal klar, wobei er Dominik am Arm fasste und dem Barkeeper zum Abschied knapp zunickte. Er hielt seinen Freund bei sich, als hätte er Sorge, dass er ihm sonst wieder abhanden kommen könnte und das selbst dann noch, nachdem sie sich bereits in Bewegung gesetzt hatten.

„War echt nett, dass er uns den Kaffee zum Mitnehmen eingepackt hat, findest du nicht?“, versuchte Dominik darum, die Wogen etwas zu glätten, wohingegen Fridos Antwort recht eindeutig ausfiel.

„Der macht nur seinen Job“, murmelte er und blieb abrupt stehen, als Dominik sich plötzlich vor ihn stellte. Was war denn jetzt schon wieder, schien sein Blick zu sagen, doch seine Lippen blieben stumm. Stattdessen legte sich auf Dominiks ein liebevolles Lächeln, als er ihm noch einmal den Kaffeebecher anbot und ihn aufforderte, ihm den Koffer zu geben.

„Na komm…“, lockte er und kicherte, als der Ältere sich endlich auf den Tausch einließ. Dabei warf Dominik dem Barkeeper auch noch einen kurzen Handgruß entgegen, ehe er sich bei Frido unterhakte und den Kopf an seine Schulter legte, während sie sich wieder in Bewegung setzten. Doch was er währenddessen nicht ahnte, war, wie sehr sein Freund sich in diesem Moment einen ordentlichen Schuss Whisky in diesem verfluchten Kaffee wünschte. Oder besser noch, dass er sich gar nicht erst an Mikes Tresen verirrt gehabt hätte.

27.11.2024: Beifall

Behutsam nippte er an seinem dampfend heißen Getränk, um festzustellen, dass er sich noch einen Moment gedulden sollte. Darum setzte er die Tasse sorgfältig zurück auf ihre Untertasse, ehe er den kleinen Tropfen Tee mit einer Serviette von seiner Oberlippe tupfte und dann endlich auf das Gehörte einging. Seicht klopften dazu die Fingerspitzen der einen Hand gegen den Ballen der anderen und erzeugten dabei den Hauch eines Applauses. Derlei Begeisterungsstürme durfte man von ihm sonst wohl nur erwarten, wenn eine Operette soweit seinen Ansprüchen genügt hatte, dass er sie nicht mitten in der Aufführung verließ, aber bei der Darbietung oder dem Inhalt des Stücks durchaus noch Platz nach oben war. Doch was sonst Ausdruck einer gewissen Anerkennung war, trug nun diese sarkastische Note in sich und rang seinem Gegenüber nicht nur deshalb ein irritiertes Stirnrunzeln ab.

„Was wird das, wenns fertig ist?“, fragte er, um dann bei Ernests Antwort tief zu seufzen.

„Oh, ich gratuliere dir nur dazu, dass du es immer noch drauf hast, selbst die schwulen Barkeeper so zu bezirzen, dass sie dir einen ausgeben wollen. Auch, wenn du scheinbar ein wenig eingerostet bist. Aber du kannst ja noch ein bisschen an den Feinheiten arbeiten, damit sie es künftig auch wieder während der Arbeitszeit machen und nicht erst danach. Dann ist die Wartezeit nicht so lang. Du toller Hecht“, trieften seine Worte vor Ironie und anderen Nuancen, die sich schlecht einschätzen ließen, aber durchaus in Richtung Geringschätzung und Ablehnung gingen. Zugetan war er hingegen dem Baguette, das Dominik seinem Freund für den Schachabend mitgegeben hatte. Eine kleine Entschuldigung dafür, dass er Frido in der vergangenen Woche nach Berlin entführt und sein Treffen mit Ernest dadurch durchkreuzt hatte. Nur wusste der Dozent jetzt nicht recht, ob er jenen Freitagabend oder diesen unangenehmer finden sollte.

„Mir gings bestimmt nicht darum, anzugeben!“, murrte er darum auch und verschränkte die Arme vor der Brust, als Ernests Augenbrauen nach oben schnellten und er noch einen Finger in die Wunde legte.

„Pardon, dann habe ich das wohl falsch verstanden…“, sagte er zwar zunächst, um dann allerdings noch hinterher zu schieben: „Wenn das so ist, gilt mein Beifall natürlich der Tatsache, dass du es geschafft hast, dich ausreichend unter Kontrolle zu halten. Ich zolle dir meinen größten Respekt dafür, dass du dich so weit beherrschen konntest, weder ein spontanes Schäferstündchen mit diesem Barkeeper abzuhalten noch bei deinem anschließenden Spaziergang an Berlins klarer, erfrischender Nachtluft von einem anderen Notgeilen aufgegabelt zu werden. Es muss sicherlich mit sehr viel Anstrengung einher gehen, sich so zusammen zu reißen. Besonders, wenn man es vorher nicht nur geschafft hat, den eigenen Freund bis zur Bewusstlosigkeit zu vögeln, sondern die Chancen vermutlich auch gut gestanden hätten, dass er dir trotzdem noch dabei zur Hand gegangen wäre, deine Triebe wieder in den Griff zu kriegen. Ein wahrlich hartes Los, mein lieber Friedrich und durchweg verständlich, dass du dich bei dieser Auswahl an Möglichkeiten lieber an Hotelbars und auf vollgepissten Straßen herumdrückst, anstatt bei Dominik zu liegen“, wagte er einen weiteren Vorstoß bei seinem Tee und nahm zufrieden zur Kenntnis, dass der nun eine angenehme Trinktemperatur erreicht hatte. Freude war bei seinem Gegenüber hingegen keine zu erkennen. Eher im Gegenteil.

„Wieso erzähl ich dir das überhaupt?“, sprach Frido beinahe heiser, um dann mit einem „Ich hab doch überhaupt nichts gemacht!“ die Arme gleichermaßen abwehrend als auch hilflos in die Luft zu reißen und im nächsten Moment wieder sacken zu lassen.

„Ich hab Mike sofort gesagt, dass ich n Freund hab! Und ich hab mich sogar entschuldigt, dass ich ihm scheinbar falsche Signale gesendet hab! Du kannst mir jetzt doch kein schlechtes Gewissen dafür machen, dass ich im Vorfeld nicht mal selber gemerkt habe, dass mein Verhalten scheinbar flirtend rüber kam“, seufzte er aus und schüttelte den Kopf, während er die Unterarme auf den Tisch stützte und das Schachbrett betrachtete.

„Ursprünglich wollte ich mich ja nicht mal mit jemandem unterhalten… Deshalb bin ich ja überhaupt nur an die Bar gegangen: Um einfach für mich zu sein und nachzudenken… Genauso wie danach! Ich brauchte einfach Zeit für mich! Ich war ja sogar noch mal im Hotelzimmer und hab überlegt, mich wieder hinzulegen, aber ich hatte das Gefühl, dass ich keine Luft kriege! Ich musste da raus! Ich… brauchte Bewegung! Kein Wunder nach zwei Tassen Kaffee! Die haben mich bis zum nächsten Morgen wach gehalten!“, zuckte er unwillig die Schultern und schob seinen Springer auf eine neue Position, um dann den Kopf auf eine Hand zu stützen und mit den Fingern der anderen auf den Tisch zu tippen. Er seufzte tief aus, während Ernest ihn schweigend beobachtete und dann das Kinn reckte, um sich der Entscheidung seines nächsten Zuges bewusst zu werden.

„Ist es möglich, dass du dir das angesprochene schlechte Gewissen selber machst, Friedrich?“, fragte er dabei und ließ seinem Turm in aller Ruhe dessen neues Plätzchen zukommen, wohingegen bei Frido wieder ein ablehnendes Zucken durch den Körper fuhr, als er diese Worte hörte.

„Ich hab mir nichts zu schulden kommen lassen! Warum sollte ich dann ein schlechtes Gewissen haben?! Das macht doch überhaupt keinen Sinn!“, pfefferte er seine nächste Schachfigur wenig elegant von A nach B und rollte genervt die Augen, als sie nur Sekunden später Ernests Dame zum Opfer fiel. Aber immerhin konnte Ernest bei dieser Geste auch mal wieder ein bisschen von dem, was manche Leute als Blickkontakt bezeichneten, von ihm erhaschen. Denn der war an diesem Abend auffällig rar gesäht, ganz besonders, wenn Frido ihm etwas erzählte oder sich verteidigte. Dagegen zogen das Spielbrett oder die Fensterscheibe ihn beinahe magisch an. Doch Ernest wäre nicht Ernest gewesen, wenn er ihn nicht wenigstens kurzzeitig zu besseren Manieren hätte drängen können.

„Verstehe…“, murmelte er dazu in einem wissenden Ton und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, während Frido ihn fragend anblickte.

„Was verstehst du?“, wollte er mit einer Mischung aus Ungeduld und böser Vorahnung wissen, um dann genervt zu brummen, als sein Freund seinen Gedankengang weiter mit ihm teilte.

„Dominik hast du das Ganze sicherlich auch schon erzählt, oder?“, stellte er dabei allerdings eine Gegenfrage und verschränkte die Finger ineinander, als Frido ihn anblickte, als wäre der Arzt von allen guten Geistern verlassen.

„Wozu? Da gibts nichts zu erzählen! Hab ich doch schon gesagt! So langsam frag ich mich eher, warum ich das überhaupt vor dir breitgetreten hab...“, murrte er und griff sein Weinglas, um Ernest über dessen Rand hinweg anzufunkeln, als der sich erkundigte, ob Frido seine bescheidene Meinung zu dem Ganzen hören wollte. Eigentlich verriet Fridos Blick schon, dass er nicht erpicht darauf war, aber wir sprachen hier immerhin von Ernest – der würde seinen Kommentar eh nicht für sich behalten…

„Kann es sein, dass du dir die Sache von der Seele reden wolltest?“, lautete seine Feststellung, die Frido erneut zum Ausschnauben brachte.

„Von der Seele reden… Das war n harmloser Abend! Da gibts nichts von der Seele zu reden!“, knurrte er, um dieses Mal Ernest ein Seufzen zu entlocken.

„So langsam drehen wir uns im Kreis, Friedrich“, tat er seinen nächsten Zug und gönnte sich einen weiteren Schluck Tee, während Frido nun wie ein bockiges Kind aussah, das kurz davor stand, das Schachbrett durch die Wohnung zu katapultieren.

„Tu dir keinen Zwang an. Aber das räumst du schön wieder auf, wenn du jetzt den Tisch leer fegst. Und für Weinflecken auf meinem Teppich kommst du selbstverständlich auf, mein Lieber“, warnte Ernest darum und musste dennoch schmunzeln, als er Fridos angefressenen Blick sah, der eine Mischung aus ertappt und missmutig darstellte. Statt diesem Impuls zu folgen, ging er also einem anderen nach, der weniger kindisch ausfiel und weniger Arbeit mit sich zog.

„Ich hab kurz drüber nachgedacht…“, sagte er nach einer Weile des Schweigens und stand ruckartig auf, um ans Fenster zu treten, die Hände in die Hosentaschen geschoben und den Blick stur auf die Scheibe gerichtete, über die er zu dieser Uhrzeit Ernest wie in einem Spiegel betrachten konnte.

„Worüber nachgedacht?“, fragte der, ohne Anstalten zu machen, sich ebenfalls zu erheben und wendete sich nur so weit auf dem Stuhl um, dass er Frido weiterhin anschauen konnte. Ihn, seinen breiten Rücken und den tiefen Atemzug, der dessen Brustkorb noch mehr weitete.

„Mitzugehen…“, gab der nun so kleinlaut zu, dass seine Stimme einem Flüstern glich und er durch Ernests Reaktionslosigkeit unsicher war, ob der ihn überhaupt gehört hatte. Aber noch einmal konnte Frido es nicht über sich bringen, dieses Wörtchen auszusprechen.

„Es war nur für den Bruchteil einer Sekunde! Und das Wichtigste ist doch, dass ich nicht drauf eingegangen bin! Ich hab abgelehnt und ihm gesagt, dass ich n Freund hab! Treuer gehts doch gar nicht!“, versuchte er lieber wieder, sich zu verteidigen und wendete seine Aufmerksamkeit von Ernests Antlitz auf die Straßenlaternen und Reklameschilder, die sich von der Dunkelheit der Nacht abhoben. Erst als Ernest in Bewegung geriet, lenkte Frido seinen Blick wieder zu ihm.

„Klammern wir das „Danach“ für den Moment mal aus und beschäftigen uns erst einmal mit dem „Davor“ – Auch ein Tässchen?“, ging er zur Kücheninsel, um sich noch einen Tee zu bereiten und nickte verstehend, als Frido den Kopf schüttelte. Er wollte keinen Earl Grey und auch keine Westenstaschenpsychologie. Aber natürlich stieß das auf taube Ohren.

„Wieso bist du an dem Abend überhaupt an die Bar gegangen? So, wie das klang, hättest du doch eigentlich auch Grund genug gehabt, um glücklich und zufrieden im Bettchen zu liegen und einen Blitzstart ins Land der Träume zu wagen. Oder irre ich mich da?“, wollte Ernest wissen und erntete erst einmal ein harsches Schulterzucken.

„Was weiß ich!“, murrte Frido und verschränkte die Arme vor der Brust. Wie er es manchmal hasste, dass Ernest diese Art an sich hatte, bei der er anfing, über alles und nichts zu plappern, obwohl er genau wusste, wie diese Gespräche am Ende für ihn ausgingen! Er hätte einfach die Klappe halten sollen! Aber obwohl er sich in der einen Sekunde noch über seine eigene Geschwätzigkeit ärgerte, ließ er ihr in der nächsten Sekunde doch wieder freien Lauf.

„Ich wollte einfach ein bisschen für mich sein… Nicht hören, wie aufregend und toll gerade alles ist. Oder an irgendwelche Gespräche mit irgendwelchen Künstlern und Kritikern denken, die ich früher teilweise sogar als Freunde und gute Bekannte gesehen hab und die heute größtenteils nicht mal mehr wissen, dass ich existiere. Dabei ist der Austausch mit ihnen nicht mal das Problem! Ich hab ja selbst genug Expertise, um mich da entsprechend einzubringen! Aber…“, brach er ab, um dann leicht zu nicken, als Ernest seinen Satz beendete.

„Aber du bist trotzdem kein Teil dieser Szene mehr. Zumindest nicht mehr so, wie du es früher einmal warst. Während Dominik zunehmend in diese Welt mit ihrer besonderen Sorte Mäuse eintaucht, fühlst du dich wie ein Außenseiter, der zwar nach wie vor die Theorie beherrscht, sie aber nicht praktisch anwendet“, goss er seinen Tee auf und ging zurück zum Tisch, wobei er beobachten konnte, wie Frido nicht nur die Schultern hinab sanken, sondern er auch den Kopf hängen ließ.

„Nach dem ganzen Firlefanz über Kunst war es schön, auch mal ein Weilchen nur über belangloses Zeug zu reden. Mal nicht alle zwei Minuten durch irgendwas oder irgendwen an früher erinnert zu werden… Ich war einfach nur ein Kerl an einer Hotelbar, die zufällig in Berlin stand“, murmelte er und schluckte, um dann entsetzt herumzufahren, als Ernest etwas so Utopisches von sich gab, dass Frido nun ernsthaft an dessen Verstand zweifelte.

„Dann ist es vielleicht wirklich mal an der Zeit, dass du mit Dominik darüber sprichst. Immerhin wird er dir zukünftig vermutlich noch mehr den Spiegel vorhalten und wenn du dich jetzt schon so elendig dabei fühlst…“, gab er zu bedenken, um Frido damit sofort ein inbrünstiges „Spinnst du?!“ zu entlocken.

„Ich bin froh, dass er sein Können und seine Bilder endlich nicht mehr vor der ganzen Welt versteckt hält! Das war so ein langer Weg, bis er mal den Hauch von Vertrauen in seine Fähigkeiten gefasst hat und eingesehen hat, dass ihm das Malen nicht nur wichtig ist, sondern dass er auch verdammt gut darin ist! Und damit meine ich, sich langsam ernsthaft mit diesem Gedanken anzufreunden, anstatt es nur als bloße Schutzbehauptung gegenüber seiner Familie oder anderen Studenten zu nutzen! Er muss unbedingt weiter an sich glauben! Es wäre furchtbar, wenn er sich jetzt wieder in sein Schneckenhaus zurückziehen würde. Da steckt so viel Potenzial in ihm! Wozu soll ich jetzt die Hunde scheu machen?!“, ging er zurück zum Tisch und stützte die Hände auf der Rückenlehne seines Stuhls ab, während er Ernest eindringlich anguckte.

„Ich hatte mal n schlechten Abend, ja, kann passieren! Aber ich werd n Teufel tun, Dominik damit jetzt unnötig zu belasten, indem ich die Sache größer aufbausche als sie ist! Er soll sich auf seine Kunst und seine Karriere konzentrieren und sich nicht den Kopf über so einen Kille-fit zerbrechen! Du weißt doch, wie sensibel er manchmal ist! Am Ende nimmt er sich das wieder zu Herzen, obwohl er überhaupt nichts falsch gemacht hat und… obwohl genau genommen niemand was falsch gemacht hat!“, sprach er mit Nachdruck, während Ernest die Beine überschlug und ihn über die Gläser seiner Brille hinweg anschaute.

„Du willst ihn also lieber in Watte packen, anstatt ihn wie deinen ebenbürtigen Partner zu behandeln? Und deine Gefühle kannst du dabei auch gleich mit wachsender Begeisterung verdrängen. Wie praktisch! Warum solltet ihr auch wie zwei erwachsene Menschen agieren, die sich in einem Gespräch über die aktuelle Lage austauschen und dabei herausfinden, wie sie die Situation künftig handhaben wollen?“, spottete er, um dann doch etwas verwundert zu sein, als Frido in einem Nebensatz seinen letzten Zug ankündigte, mit dem er Ernests König schlagen konnte. Das hatte der Arzt nicht kommen sehen, musste er feststellen, aber noch weniger hatte er damit gerechnet, dass Frido statt zur Schachfigur lieber zu seiner Jacke griff.

„Da gibts nichts zu bereden! Ich war ein bisschen aufgewühlt und mehr nicht! Also stecken wir unsere Energie in sinnvolle Sachen, wie Dominiks weiteres Vorankommen oder wie es die letzten Semester noch mit der Uni läuft, nachdem unsere Beziehung jetzt öffentlich ist! Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich für ihn freue und wie stolz ich auf ihn bin! Ich will ihn unterstützen und ihm nicht mit irgendwelchen Lappalien Knüppel zwischen die Beine werfen! Also komm bloß nicht auf die Idee, dir wieder eine deiner Fisimatenten einfallen zu lassen, um ihn zu verunsichern!“, wusste Frido schließlich auch bei einem Ernest, wie er im Notfall ein Gespräch beendet bekam, das er nun endgültig leid war. Also warf er sich die Jacke über, fasste die Türklinke und verschwand mit einem „Schönen Abend noch!“.

28.11.2024: Bravoruf

„Endlich…“, seufzte er erleichtert aus und richtete sich auf, um all die Zettel um ihn herum zu betrachten. Noch lange war diese lose Papiersammlung nichts, was beim Betrachter Bravorufe hervorlocken würde, aber für ihn war damit der erste wichtige Schritt getan. Fast drei Wochen mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass er niemals auch nur im Ansatz an ein Konzept herankommen würde, hatten ihn fast wahnsinnig werden lassen. Warum hatten andere Künstler so klare Vorstellungen von ihren Ausstellungen und er nicht einmal eine grobe Richtung? Und wieso war er früher beim Malen immer nur seinen Impulsen und der Wissbegier gefolgt, statt schon viel eher eine Vision für sein künstlerisches Schaffen zu entwickeln? Das waren nur zwei Fragen, mit denen er sich gegeißelt hatte, ohne, dass Fridos gutes Zureden daran etwas geändert hätte. Druck hatte Dominik aus dem Ganzen nehmen sollen, war einer seiner Ratschläge gewesen, aber mit jedem Tag, an dem seinem Lockenkopf nicht die zündende Idee gekommen war, hatte er sich umso nutzloser gefühlt. Da war es ihm auch egal gewesen, ob andere Künstler Monate oder Jahre brauchten, um eine neue Ausstellung auf die Beine zu stellen. Sein Papierkorb war übergequollen vor verworfenen Skizzen und Zeichnungen, die ihn beinahe zur Verzweiflung gebracht hätten. Er kannte dieses Gefühl der Belanglosigkeit noch zu gut und wollte auf keinen Fall wieder darin versinken! Und dann, heute in der Früh bei der Arbeit, war ihm plötzlich dieser Einfall gekommen. Eine Idee, die noch ganz grob war, aber trotzdem etwas, von dem er endlich die Empfindung hatte, dass es sich lohnte es auszuarbeiten. Der Hauch einer Ahnung, aus dem ein richtiges Konzept erwachsen konnte und für den sich die Strapazen gelohnt hatten. Zumindest fühlte es sich im Moment so an, auch, wenn es morgen vielleicht wieder ganz anders aussah. Aber allein dieses kleine Glücksgefühl war schon mehr, als er mit Blick auf seine Kunst in den letzten Wochen verspürt hatte. Da war ihm auch egal, dass in der kommenden Woche sicherlich wieder einige biestige Kommentare von Frau Bachmüller auf ihn warteten, weil er heute ihren Kurs geschwänzt hatte. Sie hatte ihn ja ohnehin schon auf dem Kieker – erst recht, seit ihre Vermutung über Frido und ihn bestätigt war – also war es die Wahl zwischen Pest und Cholera gewesen: Hin gehen und sich wieder wie den letzten Idioten behandeln lassen oder schwänzen, um die Zeit stattdessen für seine Skizzen zu nutzen. Und da war ihm die Entscheidung nun wirklich alles andere als schwer gefallen! Besonders, weil er ja wusste, dass sein anderer Dozent an diesem Tag vollstes Verständnis haben würde. Immerhin hatte der ihm bei seiner Rückkehr von der Uni ja sogar noch was zu Essen gebracht, weil Dominik nach seiner Arbeit sofort im Atelier versunken war. Wie besessen hatte er seine Skizzen angefertigt und sich dabei Nacken und Rücken geschunden, weil er in den unmöglichsten Positionen auf dem Boden gekauert hatte. Der Schreibtisch bot ihm einfach zu wenig Platz, um seine Ideen so vor sich auszubreiten, wie er es gebraucht hatte! Also war alles andere nebensächlich gewesen. Doch nun konnte er sich eine Stärkung holen, den trockenen Mund durchspülen und sich vielleicht auch einfach mal ein paar Minuten auf den großen Teppich im Wohnzimmer legen, um den Rücken ein bisschen zu entlasten. Und danach würde er wieder ins Atelier zurückkehren, die Skizzen noch mal sichten, überlegen, ob er etwas vergessen hatte und dann womöglich mit der ersten Ausarbeitung anfangen. Oder sollte er die bisherigen Ergebnisse vielleicht erst mal mit Frido besprechen? Der Gedanke lag nahe, aber er wusste ja, dass heute wieder Schachabend war und sein Freund wohl erst zu späterer Stunde wieder da wäre. Warum also untätig sein, wenn man die Zeit bis dahin auch besser nutzen konnte? Drum schnappte er sich den leeren Teller vom Mittagessen, schlenderte aus dem Atelier und bemerkte beim Durchqueren des Treppenhauses erst so richtig, wie hungrig er inzwischen wieder war. Wie gut, dass sie für solche Fälle eigentlich immer ein paar Nudeln oder Reis und Pesto oder Dosentomaten im Haus hatten. Auch, wenn er sie dieses Mal nicht benötigte.

„Was machst du denn hier?“, stellte er mit Betreten der Wohnung nämlich verwundert fest, dass Frido gerade in der Küche stand und das Abendessen vorbereitete.

„Kochen“, grinste der, während er in der Pfanne rührte und schmunzelte darüber, wie sein Freund ihm im Vorbeigehen gierig über die Schulter schaute. Die kalte Flasche Wasser aus dem Kühlschrank lockte ihn zwar, aber noch mehr taten es Fridos Kochkünste.

„Solltest du um diese Zeit nicht eigentlich bei Ernest sitzen und Rotwein trinken?“, zog er sein Handy hervor, um sich der Uhrzeit zu vergewissern und gönnte sich dann einige kräftige Schlucke, damit seine Zunge nicht mehr am Gaumen klebte. Was für eine Wohltat, das kühle Nass die Kehle hinunterfließen zu fühlen und zum Nachgang auch noch Fridos Lippen zu schmecken.

„Ist heut ausgefallen“, nutzte der sogleich, dass sich der scheue Künstler aus seinem natürlichen Habitat gewagt hatte und nun auch mal unter dem künstlichen Tageslicht der Deckenlampe blicken ließ. So eine Gelegenheit musste man am Schopfe packen, ehe das schüchterne Wesen sich wieder in seine Höhle verzog! Drum wurde es kurzerhand geschnappt und an sich gezogen, während die Pfanne auch allein ihrer Arbeit nachgehen konnte.

„Musste zu einer Veranstaltung…“, murmelte Frido, während er anfing Dominiks Hals zu liebkosen. Vielleicht war es ein wenig perfide, auf solche Tricks zurückzugreifen, aber er wusste ja nicht, dass sein Freund ohnehin gerade ein Päuschen geplant hatte und sich ebenso freute, ihn nun etwas länger als für ein kurzes „Hallo“ und „Tschüss“ zu sehen. Doch trotzdem konnte der Lockenkopf sich nicht so recht fallen lassen, obwohl Fridos Küsse eigentlich herrlich verführerisch waren.

„Schade, dass er heute schon wieder keine Zeit hat…“, kreisten seine Gedanken offensichtlich um ganz andere Themen und entlockten Frido damit ein belustigtes Schnauben.

„Willst du mich los werden?“, hielt er in seinem Tun inne und richtete sich auf, um Dominik in die Augen zu blicken und doch sogleich wieder dessen Hals anzuvisieren, als er den Kopf schüttelte.

„Ich hab nur grad gedacht, dass das ein Jammer ist, dass momentan ständig was dazwischen kommt. Erst unsere Fahrt nach Berlin, dann letzte Woche sein Kongress und heute schon wieder eine Veranstaltung. Immer ausgerechnet freitags… Aktuell seht ihr euch ja kaum noch…“, strich er Frido über die Brust und schmunzelte, als der meinte, dass ihm viel wichtiger sei, ihn nicht aus den Augen zu verlieren.

„Kann nun mal passieren, dass sich Termine mal verschieben. Es kommen auch wieder andere Zeiten“, sagte er, während er wichtigeren Dingen nachkam und seine Hände unter Dominiks Pullover schob.

„Seit Berlin bist du ja unersättlich“, kicherte der dabei und schlang die Arme um Fridos Nacken, um sich dann mit einem genussvollen Seufzen dessen Lippen zu schnappen. Beschweren würde er sich über diese Zuwendung ganz sicher nicht! Und auch, wenn die Zwiebeln in der Pfanne etwas sehr kross wurden, genoss er es, dass Frido an anderer Stelle nichts anbrennen ließ. Darum freute es ihn auch umso mehr, als sie es sich später mit ihrer Gemüsepfanne mit extra viel Röstaromen auf der Couch gemütlich machten und er beim Blick aufs Smartphone eine kleine Überraschung für seinen Freund entdeckte.

„Hey, Ernest hat geschrieben, ob ich ihm morgen noch mal was von dem Teegebäck bringen kann“, las er die edel gewählten Zeilen seines Auftraggebers vor, die seinem Freund hingegen beinahe im Hals stecken blieben.

„Bisschen kurzfristig, oder nicht?“, röchelte er, als sich eins der Reiskörner in die falsche Röhre verirren wollte und nickte knapp, weil Dominik keinen allzu großen Aufwand darin sah.

„Die sind eigentlich schnell gemacht. Ich muss nur morgen früh noch kurz neues Mehl besorgen“, meinte er, während er von Fridos Schoß kletterte, um stattdessen neben ihn zu krabbeln und ihm auf den Rücken zu klopfen. Der räusperte sich und nickte wieder dann, als der Hustenanfall sein Ende fand.

„Danke… Aber hast du nicht grad genug Anderes um die Ohren, als dich jetzt auch noch so auf den letzten Drücker für seine kulinarischen Vorlieben einspannen zu lassen? Eigentlich war die Abmachung doch, dass er dich mit seinen Aufträgen nicht so überfällt. Dann sollte er sich auch daran halten“, gab er zu bedenken, was Dominik jedoch nur ein Grinsen entlocken konnte.

„Ich bin heut gut voran gekommen – zeig ich dir nachher gern noch, wenn du möchtest. Und im Moment kommt mir das Geld ziemlich gelegen. Erst unsere Ausflüge, dann jetzt das Material für die neuen Bilder, mit denen ich bald anfangen werde… Da freu ich mich über jeden Auftrag! Besonders, wenns so kleine, feine Rezepte wie das Teegebäck sind. Die bereiten nicht viel Aufwand und dann kann ich auch mal ein Auge zudrücken“, gab der kleine Pfennigfuchser seinem Schmusebären einen Kuss, ehe er ihm wieder auf den Schoß kletterte und sich seinen Teller schnappte.

„Außerdem ist das ne schöne Gelegenheit, damit ihr euch diese Woche doch noch seht. Du begleitest mich morgen doch wieder, oder?“, meinte er dabei und schob die Gabel auf ihrer Jagd durchs Gemüse über den Teller. Zufrieden lächelte er bei Fridos Nicken und ebenso zufrieden ließ er sich das Essen schmecken.

„Man, ich hab echt Hunger!“, murmelte er dabei und schaute Frido überrascht an, als ihm auffiel, dass der nur noch lustlos in seiner Mahlzeit herumstocherte.

„Bist du schon satt?“, fragte Dominik darum etwas verwundert, weil sein Freund kaum etwas gegessen hatte. Aber dem war der Appetit plötzlich wohl ziemlich vergangen.

„Die Zwiebeln sind mir doch zu sehr durch…“, murmelte er und schüttelte den Kopf, als sein Liebster sofort vorschlug, ihm schnell etwas anderes zuzubereiten.

„Ich hab wirklich keinen Hunger mehr. Mich wunderts eher, dass du so begeistert davon bist. Sollen wir nicht lieber dir was neues kochen?“, legte er die Arme um Dominik und schnaubte bei dessen Antwort amüsiert aus.

„Quatsch! Ich finds lecker!“, sagte er im Brustton der Überzeugung und liebäugelte unter den genannten Umständen sogar mit Fridos Portion. Sofern er nichts dagegen habe, fühlte Dominik der Höflichkeit halber nach und grinste, als Frido belustigt die Schultern zuckte.

„Klar, bedien dich“, lehnte er dabei den Kopf auf Dominiks Schulter und schloss die Augen bis auf einen Spalt breit, während sein Freund es sich schmecken ließ. Wenigstens seiner Unbeschwertheit hatte diese Wendung keinen Abbruch getan.

29.11.2024: zollen

„Was ist los?“, brachte ihn das amüsierte Grinsen seines Freundes selbst zum schmunzeln, während sie so beieinander lagen und sich anschauten. Er, wie meistens, auf dem Rücken und die Hände unter den Kopf geschoben, während Dominik ihm zugewandt war; den Kopf auf eine Hand gestützt und mit der anderen auf Fridos Brust. Er trug etwas Keckes im Blick, das angesichts des vorherigen Stelldicheins nicht sehr verwunderte, aber da lag auch eine Zufriedenheit in seinen Zügen, die über das normale Maß hinaus zu gehen schien. Fast wie Erleichterung wirkte es. Vielleicht, weil er mit den Überlegungen zu seiner Ausstellung nun doch endlich etwas weitergekommen war? Doch zu Fridos Überraschung war die Antwort eine andere.

„Als du die ersten Tage so nachdenklich warst, hatte ich ja ehrlich gesagt so ein bisschen Sorge gehabt, ob Berlin wirklich eine gute Idee gewesen ist oder… ob unser Ausflug zu viele alte Erinnerungen mit sich gebracht hat. Aber inzwischen hab ich ja eher den Eindruck, dass die Stadt das reinste Aphrodisiakum für dich war!“, beobachtete er seine Finger dabei, wie sie die Schweißperlen auf Fridos Brust verstrichen und begann zu kichern, als der Ältere sich wie zum Beweis aufstützte, um sich Dominiks Lippen zu holen.

„Das liegt doch nicht an Berlin, sondern an dir…“, murmelte er dabei und fuhr mit den Fingern durch diese samtige Lockenmähne, die inzwischen wieder lang genug war, damit sie diesen zarten, empfindlichen Nacken bedeckte. Wie gemein, dass der Ältere so gut wusste, welche Knöpfe er bei seinem Freund drücken musste, schien dessen Seufzen zu verraten, aber trotzdem wollte er dieses Mal standhaft bleiben.

„Hey, die Stunde ist gleich rum… Ich muss mich wieder um die Plätzchen kümmern, sonst sind sie nicht rechtzeitig fertig. Und du weißt, wie Ernest auf Unpünktlichkeit reagiert…“, murmelte er, während er spürte, wie er unter Fridos gekonnten Griffen schon wieder zu Wachs wurde. Der sah allerdings keinen Widerspruch zwischen seinen Plänen und denen seines Freundes.

„Zehn Minuten haben wir noch…“, raunte er in seine Küsse und Dominiks Halsbeuge hinein und kicherte erfreut, als der davon eine Gänsehaut bekam. Doch dann fasste der Jüngere ihn an den Schultern und schob ihn von sich.

„Frido, ich kenn dich! Wenn du so anfängst bleibts nicht bei einem Quickie!“, schüttelte er den Kopf und schluckte, als der Ältere ihm ein entschuldigendes und trotzdem äußerst charmantes Lächeln schenkte. Manchmal war dieser Kerl wirklich Fluch und Segen zugleich!

„Wir machen später weiter!“, rutschte Dominik darum schnell aus dem Bett, bevor er sich doch noch bezirzen ließ und schlüpfte auf dem Weg zur Tür in seine Boxershorts und Jeans.

„Du bist echt unmöglich!“, schmunzelte er, als er beim Verlassen des Schlafzimmers einen Blick zurück zum Bett warf und Fridos süffisantes Grinsen sah, das durch ein einladendes Klopfen auf die Matratze komplettiert wurde. Doch dieses Mal blieb der Jüngere erbarmungslos.

„Nein!“, sagten sein Mund und das energische Schließen der Tür, selbst, wenn er zurück in der Küche erst einmal tief durchatmen musste und sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht spritzte, um wieder klaren Verstandes zu werden. Vielleicht sollte er sich auch einfach einen Moment mit zum ruhenden Teig im Kühlschrank setzen, dachte er sich, während er sich Hände und Gesicht trocknete, um dann schon mal das Nudelholz herauszukramen und die Arbeitsfläche zu bemehlen. Jetzt musste er sich wieder konzentrieren, auch, wenn das Ausrollen und Ausstechen von Keksen nun wirklich keine schwere Aufgabe war. Doch immerhin waren sie für Ernest und dessen feinen Gaumen gedacht! Also war Unaufmerksamkeit fehl am Platz und das wurde auch Frido noch einmal eingebläut, als der plötzlich im Türrahmen lehnte, nur mit seiner Unterhose bekleidet und die Arme vor der Brust verschränkt, während er Dominik zufriedenen Blickes bei der Arbeit beobachtete.

„Vergiss es!“, hob der jedoch sofort mahnend den Finger und ging zum Kühlschrank, um den Teig raus zu holen. Er behielt Frido genau im Blick, während der mit scheinbarer Ahnungslosigkeit die Hände beschwichtigend empor reckte und dann zum Badezimmer schlenderte, um sich ein wenig frisch zu machen.

„Ich mach doch gar nichts“, schienen sein Grinsen und sein Gang zu sagen, um dann völlig überrascht zu tun, als kurz vor Erreichen der Badezimmertür plötzlich sein Name erklang. Noch ehe er sich vollends zu Dominik umgedreht hatte, fasste der sein Gesicht und gab ihm einen Kuss, bei dem dieses Mal Frido weiche Knie bekam.

„Kleiner Vorgeschmack auf später“, löste der Lockenkopf sich dann allerdings ebenso abrupt wieder, als Frido anfing, ihm die Hände auf den Rücken zu schieben und ihn näher an sich ziehen wollte. So flink, wie dieses kleine Wiesel ihn sich geschnappt hatte, huschte es wieder in die Küche zurück, wusch sich die Hände und begab sich dann an den Teig, als wäre nie etwas etwas gewesen.

„Aber ich bin unmöglich, was?“, grinste Frido dabei und strich sich über den Mund, um dann wohl doch alleine unter die Dusche zu gehen. Eigentlich ja durchaus ein Ort, an dem man auch ganz gut Zeit allein verbringen konnte, nur stand ihm nicht mehr der Sinn danach, als er am Waschbecken vorbeiging und dabei einen Blick auf sein Spiegelbild warf. Hatte Dominik ausgerechnet von Berlin sprechen müssen? Den Kopf gesenkt, wendete Frido sich von seinem Konterfei ab, sprang unter die kühle Brause und schrubbte sich eilig sauber. So schnell es ging wollte er wieder aus dem Badezimmer raus und weg von seinem Spiegelbild, das ihn so vorwurfsvoll anschaute. Es gab ja nicht einmal Ruhe, wenn er ihm sagte, dass es die Klappe halten oder ihn nicht so angucken sollte!

„Und dann gleich auch noch zu Ernest…“, murmelte er, während er sich notdürftig abtrocknete und mit einem Seufzen das Badezimmer wieder verließ.

„Wow, das ging schnell!“, begrüßte Dominik ihn dabei mit einiger Verwunderung und lachte, als Frido spöttelte, ob er jetzt doch bereue, nicht mitgekommen zu sein.

„Weißt du ganz genau!“, grinste der Jüngere und wies trotzdem mit einiger Zufriedenheit darauf hin, wie gut ihm der Teig dieses Mal wieder gelungen sei.

„Willst du ausstechen helfen?“, lenkte er dabei das Gespräch auch gleich auf unverfänglichere Themen und Frido musste zugeben, dass ihm diese Form der Zweisamkeit ebenfalls gefiel. Sie plauderten, er konnte naschen – mal am Bäcker und mal am rohen Teig – und am Ende wurde die harte Arbeit obendrein mit köstlichem Duft und Gebäck belohnt.

„Natürlich hab ich ein bisschen mehr eingeplant“, war dabei längst selbstverständlich geworden, dass nicht nur für Ernest etwas abfiel und zumindest, bis sie sich zu eben jenem auf den Weg machten, war Frido bester Laune gewesen. Nur dann wurde er ein wenig einsilbig und nachdenklich.

„Ach, mir ist grad eingefallen, dass ich nächste Woche noch n Gespräch mit der Kollegin Bachmüller führen muss… Ist jetzt ja nicht mehr notwendig, dass sie eure komplette Benotung übernimmt…“, meinte er auf Dominiks Nachfrage hin, was los sei und schüttelte den Kopf, als der sich erkundigte, ob er mit in das Gespräch kommen solle.

„Nein, ach was. Sie tut ja gern mal so, als wäre ich unprofessionell, aber wenn sie wieder n blöden Kommentar über uns loslassen will, werd ich sie mal an ihre Professionalität erinnern!“, grinste er und gewährte Dominik beim Betreten von Ernests Haus den Vortritt. Wie immer war es ruhig und keiner der anderen Bewohner zu sehen. Fast schon schade, dachte Frido, dass keiner von ihnen einfach mal spontan die Wohnungstür öffnete und ein kleines Schwätzchen mit ihnen begann. Einfach so, aus einer Laune heraus, selbst, wenn man sich bislang höchstens vom Sehen und einem kurzen Gruß im Flur kannte. Aber dafür kannte Frido denjenigen, der ihnen tatsächlich die Tür öffnete, ja umso besser.

„Hi Ernest! Einmal Teegebäck, wie bestellt!“, grinste Dominik dabei und hielt sein Körbchen empor, während Frido sich mit einem kurzen Nicken und schüchternen Handgruß begnügte. Warum fühlte er sich gerade wie Rotkäppchens Begleiter, der dem gutmütigen Dummerchen auch noch sehenden Auges in den Bau des Wolfes folgte? Zumindest waren sie dabei allerdings an einen Wolf mit guten Manieren geraten.

„Guten Tag, Dominik“, grüßte er den einen und warf dem anderen dann ein fast schon anerkennendes „Frido?“ zu, das noch durch sein dezentes Nicken unterstrichen wurde. Er trat beiseite, um ihnen Einlass zu gewähren und nahm Dominik dabei den Korb ab.

„Ich zolle dir meinen Dank, dass du so kurzfristig einspringen konntest. Eigentlich wollte ich dich mit so einer Lappalie nicht belästigen, aber da mein Bäcker, bei dem ich solches Gebäck früher immer gekauft habe, aktuell wegen Renovierungsarbeiten geschlossen hat, blieb mir nicht viel anderes übrig. Frido sagte bei unserem letzten Treffen, dass du über eine eigene Ausstellung nachdenkst? Ich hab dich dabei doch hoffentlich nicht von etwas Wichtigem abgehalten?“, erkundigte er sich, während er zur Kücheninsel hinüberging und die wertvolle Fracht auf die bereits vorbereiteten Teller verteilte. Dominik aber machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Ach, Quatsch! Ist überhaupt kein Problem! Meld dich gern weiterhin, wenn ich dir was backen soll. Das krieg ich irgendwie unter!“, lehnte er sich gegen die Kücheninsel und schaute Ernest beim Auspacken zu, während Frido sich schweigend neben ihn stellte.

„Du benötigst sicherlich einiges neues Material, wenn du wirklich eine Ausstellung planst, nicht wahr?“, bemerkte der Arzt dabei scheinbar beiläufig, aber das ertappte Grinsen des Studenten war ihm schon Antwort genug.

„Na ja, so weit bin ich noch lange nicht… Im Moment steht erst mal das Konzept an“, gab er sich jedoch bescheiden und meinte zu Frido, dass er seine Ideen im Laufe des Nachmittags gern noch mit ihm durchgehen würde, nachdem sie am vorherigen Abend nicht mehr dazu gekommen waren. Der antwortete sofort mit einem Nicken und strich seinem Freund lächelnd über den Rücken. Eine Geste, die er nur allzu gerne an den Tag legte, aber bei der er dieses Mal tunlichst darauf achtete, dass kein zufälliger Blickkontakt mit Ernest entstand. Schließlich war ihm durchaus bewusst, dass der seine Gäste aufmerksam beobachtete und man musste ihn ja nicht unnötig zu einer unbedachten Äußerung provozieren – wie unbedacht die im Falle eines Ernest Landers auch in Wirklichkeit sein möge. Nur musste Frido dann feststellen, dass er sich eher um das Mundwerk seines Freundes sorgen sollte und daran nicht einmal ganz unschuldig war.

„Wie war die Veranstaltung gestern eigentlich?“, erkundigte er sich nämlich plötzlich und brachte Ernest damit zum Stocken. Er richtete seinen Blick vom Teller zu Dominik und dann zu Frido, der die Augen weit aufgerissen hatte, wohingegen Ernest seine minimal schmälerte.

„Die Veranstaltung…“, begann er seichte, während er sich wieder dem Gebäck widmete.

„Sie war sehr lehrreich“, erklärte er dann, wobei er Frido kurz ein Funkeln zuwarf, das ihn an Ort und Stelle hätte festnageln können. Doch dann nahm sein Ausdruck wieder etwas mehr Güte an, als er seine Aufmerksamkeit zurück auf Dominik legte, der sich interessiert an der Art der Veranstaltung zeigte.

„Nun…“, ließ der Arzt sich wieder einen Moment der stillen Einkehr, ehe er darauf einging und gab dem Lockenkopf stattdessen in der Zwischenzeit schon einmal seinen Korb wieder.

„Es handelte sich um ein Theaterstück. Sehr klein gehalten, aber mit einer famosen Darbietung aus Trug und Schauspiel“, griff er den ersten Teller, um ihn zu seinem Wohnzimmertisch zu tragen und es klang, als gäbe er einen belustigten Laut von sich, als Dominik dann auch noch fragte, welchen Titel das Stück denn trage.

„Die Leiden des jungen Narren!“, kam es dieses Mal wie aus der Pistole geschossen und der Jüngste im Raume hob nachdenklich den Blick zur Decke.

„Sagt mir erst mal nichts… Wo läuft das denn aktuell? Vielleicht könnten wir uns das auch mal anschauen?“, guckte er dann erst zu Frido und anschließend zu Ernest, der sich mit einem „Bedaure“ wieder aufrichtete und zurück zur Kücheninsel ging.

„Es handelte sich dabei leider um eine private Vorführung“, erklärte er und griff sich den zweiten Teller, um Dominik dann plötzlich die Hand auf die Schulter zu legen. Der junge Mann zuckte bei dieser recht untypischen Geste seines Gastgebers leicht zusammen, doch dessen Worte zauberten ihm schnell wieder ein Lächeln auf die Lippen, auch, wenn er ein wenig verdutzt war.

„Sollte es noch einmal aufgeführt werden, lade ich dich ein, meine Begleitung zu sein“, versprach Ernest und nickte leicht, als Dominik ihm dankte.

„Meinst du, Frido könnte dann auch…“, erkundigte er sich natürlich sogleich und strahlte seinen Freund an, als Ernest prompte Antwort lautete: „Oh, selbstverständlich würde er dem Ganzen ebenfalls beiwohnen! Die Ehre würdest du uns doch erweisen, nicht wahr, Friedrich?“. Der Angesprochene nickte brav und quälte sich durch ein Lächeln, während sein Freund von diesem Mitleid erweckenden Anblick losprustete.

„Hey, jetzt guck nicht so! Ich weiß, Musicals sind mehr deins, aber wenn Ernest so begeistert davon war, sollten wir uns das bei Gelegenheit auch unbedingt mal anschauen!“, tätschelte er Frido die Wange und lief dann um die Kücheninsel herum zum Schrank, als Ernest ihn bat, ihm mit dem weiteren Decken des Tisches zu helfen.

„Wärst du so nett, mir schon mal den Kaffee aufzusetzen? Ich merke gerade, dass ich ein bisschen knapp in der Zeit liege“, kam er aus dem Wohnzimmer zurück und ging mit einem kleinen Schwenk an Frido vorbei.

„Ich hoffe auf ein Ausbleiben der Wiederholung!“, zischte er dem dabei zu, ehe er sich Dominik widmete, der ja gerne unterstützt hätte, aber gerade ein bisschen an der Kaffeemaschine verzweifelte.

„Ehrlich gesagt kenn ich mich mit Siebträgermaschinen nicht aus…“, murmelte er und schaute den Arzt hilflos an, als er neben ihn trat. Sollte er nicht stattdessen schon mal die Tassen und Servietten rüberbringen? Doch diesen Vorschlag lehnte Ernest ab.

„So schwer ist das gar nicht… Hier, sieh zu“, gab er ihm lieber eine spontane Unterrichtsstunde, die Dominik zwar aufmerksam verfolgte, aber bei der seine Begeisterung nicht unbedingt geweckt wurde.

„Na ja, Kaffee trink ich ja ohnehin nicht so viel…“, murmelte Dominik nach der Vorführung und brachte Ernest zum Schmunzeln, als er wenig Zweifel daran ließ, dass ihm Fridos Filtermaschine voll und ganz ausreichte, so es ihm überhaupt mal nach dem Koffeinlieferanten gelüstete.

„Da mein Besuch in wenigen Minuten vor der Tür stehen dürfte, muss ich euch jetzt leider bitten zu gehen. Aber beim nächsten Mal koch ich dir einen Kaffee und du wirst feststellen, dass dieser „Aufwand“, wie du es nennst, durchaus lohnenswert ist“, griff er ein Tablett aus dem Schrank und stellte die restlichen fehlenden Utensilien für ein gelungenes Kaffeekränzchen darauf.

„Das war dann wohl der Wink mit dem Zaunpfahl, dass wir verschwinden sollen“, schmunzelte Frido dabei und wischte sich das Grinsen aus dem Gesicht, als Ernest ihm auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer einen strengen Blick zuwarf.

„Was für ein Wink? Ich habe es klar und deutlich geäußert!“, stellte er nämlich fest, wobei sein kühler Unterton auch Dominik einen irritierten Ausdruck aufs Gesicht zauberte. Erst schaute er Frido verwundert an und dann zu Ernest, der ihnen allerdings den Rücken zugedreht hatte.

„Nein…“, dachte Frido dabei und atmete tief durch „… du bist nicht der Grund für seine schlechte Laune“. Also biss er in den sauren Apfel und fiel lieber noch etwas mehr in Ungnade, ehe die Situation noch verzwickter wurde.

„Jetzt bin ich aber doch neugierig! Was ist das für hoher Besuch? Deine Samstage sind dir doch sonst so heilig!“, schäkerte er in scheinbarer Plauderlaune, während Dominik zu ihm ging und leicht den Kopf schüttelte.

„Lass uns gehen..“, flüsterte er ihm zu und schob ihn zur Tür, aber zu ihrer beider Überraschung ignorierte Ernest ihren Abgang nicht einfach kommentarlos.

„Meine Exfrau hat sich mal wieder angekündigt“, antwortete er beinahe beiläufig und beäugte dabei kritisch, ob er alles zu seiner Zufriedenheit angerichtet hatte. Ja, diesen Anblick konnte man einem Gast durchaus anbieten, bestätigte sein knappes Nicken dann, ehe er sich den beiden Besuchern wieder zuwendete, die eigentlich gerade auf dem Sprung waren – und ihn zu seinem Missfallen nun ziemlich verdattert anguckten. Bei dem einen konnte man das ja noch akzeptieren, aber bei dem anderen?

„Mein Gott, Friedrich! Dass ich geschieden bin, dürfte selbst dir bekannt sein!“, seufzte er aus und schüttelte den Kopf, während er das Tablett zurück an seinen angestammten Platz brachte.

„Äh… ja… ich wusste nur nicht, dass ihr noch trefft“, murmelte Frido dabei und schenkte Dominik ein leichtes Schulterzucken, als ihre Blicke sich trafen. Ernest empfand ihre Reaktion allerdings offenbar als übertrieben.

„Nun, jetzt weißt du es“, ließ er ihn wissen, während er seinerseits die Tür ansteuerte.

„Ich will wirklich nicht unhöflich sein. Mir steht nur nicht der Sinn danach, ein Familientreffen daraus werden zu lassen“, ergänzte er dann in betont neutralem Ton und griff die Klinke, ehe er Dominik noch einmal einen ehrlichen Dank für seine Bemühungen schenkte.

„Die Einladung zum Kaffee war selbstverständlich nicht nur so daher gesagt!“, hielt er zudem mit Nachdruck fest und nickte, als der Lockenkopf ihm ein Lächeln schenkte.

„Klar, das Angebot lass ich mir nicht entgehen!“, antwortete er dann mit einiger Erleichterung und verabschiedete sich, während Ernest ihnen die Tür öffnete.

„Danke, wünsch ich euch auch…“, antwortete der und noch einmal schlich sich ein Hauch Kälte in seinen Blick, als es an Frido war, an ihm vorbei zu schlüpfen.

„Wir sehen uns…“, nickte er dem Arzt dabei zu und versuchte sich nicht allzu sehr anmerken zu lassen, wie mit Schließen der Tür auch die Anspannung von ihm abfiel.

„Das waren ja überraschende Neuigkeiten!“, verpackte er sein tiefes Seufzen stattdessen elegant und legte den Arm um Dominik, während sie das Treppenhaus ansteuerten.

„Ich wusste, dass er mal verheiratet war, aber das ist ewig her. Er hatte zwar mal ihren Namen erwähnt, aber ich kenn sie nicht und hab auch nicht damit gerechnet, dass die Beiden überhaupt noch Kontakt haben“, erzählte er dabei und zuckte die Schultern, als Dominik sich nach dem Grund der Trennung erkundigte.

„Keine Ahnung. Da hat er sich nie zu ausgelassen“, meinte er auf dem Weg die Treppe hinunter und Dominik nickte, während dieses Mal er die Tür öffnete und Frido vorgehen ließ. Er schmunzelte, als der Ältere meinte, dass es ein lustiger Zufall wäre, wenn sie in diesem Moment auch auf Ernests Exfrau getroffen wären, doch diese Gelegenheit blieb leider aus. Also stellte sich nur beim Weg zurück nach hause die Frage, ob jene Dame wohl in einem der Autos saß, die an ihnen vorbeifuhren. Vielleicht würde sich bei einem nächsten Treffen mit Ernest ja die Möglichkeit ergeben, noch ein bisschen näher auf das Thema einzugehen. Doch vorher gab es eine andere Kleinigkeit, die Dominik gerne klären wollte. Nämlich nichts geringeres als die Frage, warum zwischen Arzt und Dozent eigentlich so dicke Luft herrschte.

30.11.2024: Rechtschreibung

Seine Träume waren in dieser Nacht vielleicht nicht die besten gewesen, aber dafür empfand er das Erwachen als umso schöner. Denn schon im Halbschlaf erkannte er, dass sein Dominik neben ihm saß, anstatt schon wieder in der Küche oder im Atelier zu rödeln.

„Guten Morgen“, murmelte Frido darum mit einem Lächeln, das etwas zurückhaltender wurde, als seine Augen klarer sahen und auch Dominiks „Morgen“ nicht so herzlich ausfiel, wie eigentlich erwartet.

„Was ist los?“, schaute Frido ihn und vor allem seinen ernsten Blick irritiert an. Hatte er im Schlaf irgendwas Dummes gesagt oder getan?

„Ich hab Christstollen angesetzt“, hieß allerdings die Antwort, die wohl wenig mit Fridos nächtlichen Aktivitäten zu tun hatte und auch, wenn ihn das im ersten Moment erleichterte, weckte es im nächsten erst recht seine Skepsis.

„Einer ist für Ernest und ich möchte, dass du ihm den nachher bringst“, lag etwas ungewohnt Forderndes in Dominiks Stimme, das schon verriet, wie wenig er an Wiederworten interessiert war.

„Hab ich gar nicht mitbekommen, dass er dich darum gebeten hat…“, ließ Frido seiner Verwunderung dennoch vollen Lauf und war umso erstaunter, als Dominik den Kopf schüttelte.

„Hat er auch nicht. Ist ne kleine Überraschung“, erklärte er, was bei seinem Herzblatt für noch mehr Irritationen sorgte. Vielleicht lags auch daran, dass der Dozent gerade erst aufgewacht war, aber so richtig wollte sein Oberstübchen diese Informationen noch nicht verarbeitet kriegen.

„Heute ist doch Samstag…“, waren seine Worte daher auch eine Mischung aus Feststellung und Frage, während er sich auf die Ellenbögen stützte und Dominik nickte.

„Ich weiß, gestern hab ichs zeitlich nicht geschafft“, verschränkte er die Arme vor der Brust und seufzte, als Frido mit einer Mischung aus Verwunderung und Amüsement fragte, was das eigentlich werden solle. Es lag was in der Luft und er wollte nun doch gern mal wissen, was es war.

„Irgendwas hast du doch vor…“, murmelte er darum und hob verwundert die Augenbrauen bei Dominiks Antwort.

„Dass du mit mir nicht darüber reden möchtest, warum ihr euch gestritten habt, ist okay. Aber dann red wenigstens mit ihm darüber und versuch es aus der Welt zu schaffen“, sagte er, woraufhin Frido ausseufzte. Die alte Leier schon wieder…

„Ich hab doch neulich schon gesagt, dass wir uns nicht gestritten haben. Das war nur ne kleine Meinungsverschiedenheit! Von Streit kann man da nun wirklich nicht reden…“, murmelte er, was seinem Freund allerdings nur ein Stirnrunzeln abringen konnte.

„Du hast eure Treffen letzte Woche und gestern schon wieder abgesagt und jetzt erzähl mir bitte nicht noch mal, dass er keine Zeit hatte. So langsam glaub ich dir das nicht mehr“, sagte er, um dann Fridos Hand zu fassen, als der offensichtlich nach einer Antwort rang.

„Hey…“, guckte Dominik ihn dabei eindringlich ein und schüttelte leicht den Kopf.

„Wie gesagt, du musst es mir nicht erklären. Aber wir reden hier von Ernest. Ihr seid doch schon so lang befreundet… Was kann denn da so schlimmes passiert sein, dass ihr euch nicht wieder zusammenraufen könnt, hm? Keine Ahnung, von wem eure Meinungsverschiedenheit ausgegangen ist, aber was spricht denn dagegen, dass du derjenige bist, der den ersten Schritt macht und es aus der Welt schafft? Na komm, gib dir n Ruck! Er ist einer deiner ältesten und besten Freunde. Und immerhin ist auch bald Weihnachten! Fest der Liebe und so“, schmunzelte er, um Frido dann einen Kuss zu schenken, als der sich mit einem Seufzen zurücksinken ließ.

„Meinetwegen…“, betrachtete er Dominik und rieb sich dann das Gesicht.

„Du gibst eh keine Ruhe, oder?“, murmelte er dabei und bekam zur Antwort ein vielsagendes Grinsen. Was hatte er auch anderes erwartet, dachte Frido sich, aber ganz so erbarmungslos, wie es auf den Blick scheinen mochte, war sein Dominik dann doch nicht mit ihm.

„Kriegst auch ne Belohnung!“, schlüpfte er nämlich zu Frido unter die Decke und bewies ihm, dass er ebenfalls ganz gut wusste, was seinem Liebsten so gefiel. Nur zeigte es dieses Mal leider keine Wirkung, auch wenn er sich redlich Mühe gab. Und das war wirklich frustrierend – vor allem für denjenigen, der eigentlich beglückt werden sollte.

„Hey, ist doch nicht schlimm… kann jedem mal passieren“, zeigte der andere nämlich durchaus Verständnis und sah es als einen Grund mehr, die Luft zwischen Frido und Ernest zu bereinigen. Wenn diese Sorge aus der Welt wäre, hätte sein Freund den Kopf bestimmt auch wieder für andere Dinge frei. Doch in Wirklichkeit lag es wohl eher an dem Stein in Fridos Magen, der sich bei Dominiks vorherigem Ausspruch gebildet hatte. Denn womit hatte er schon eine Belohnung verdient?

„Ich geh ne Runde aufs Laufband, um den Kopf frei zu kriegen..“, setzte er sich auf und gab Dominik einen Kuss, um dann zu nicken, als der meinte, dass er sich in der Zwischenzeit weiter um die Weihnachtsbäckerei kümmern würde. Der Ältere lächelte leicht und verließ das Bett, während ihm vom Anblick seines Spiegelbildes am Kleiderschrank beinahe schlecht wurde.

„Dominik..“, drehte er sich abrupt um, als er urplötzlich das Gefühl bekam, dass ihm etwas die Luft abschnürte. Doch dann sah er diesen erwartungsvollen und gleichzeitig vertrauensseligen Blick seines Lockenkopfes und jeglicher Mut kam ihm abhanden. Nachdem er diese Sache, die eigentlich keine war, nun so viele Wochen mit sich herumgetragen hatte, fühlte er sich plötzlich wie der größte Verräter. Wie sollte er erklären, dass es im Grunde bedeutungslos gewesen war, wenn er die Aussprache so lange vor sich hergeschoben und dadurch auch noch diese Eiszeit mit Ernest verursacht hatte? Er hatte es nicht aufbauschen wollen und nun war durch sein Schweigen genau das passiert. Und plötzlich war da nicht nur diese Scham, die er schon die ganze Zeit über gespürt hatte, sondern auch die Angst, Dominik zu verlieren, wenn er erst jetzt reinen Tisch machte. Was, wenn für seinen Freund das lange Schweigen schlimmer als die Wahrheit gewesen wäre? Also entschied Frido sich doch dagegen und schüttelte nur den Kopf.

„Ich werd mit Ernest reden..“, sagte er stattdessen und verließ das Schlafzimmer, um sich im nächsten Moment selbst für seine Feigheit zu hassen.

Er fühlte sich so mies, dass nicht einmal sein Training oder Bernds lockere Sprüche etwas daran ändern konnten, egal, wie lange er es auch versuchte. Vielmehr war es für ihn wie der Weg zum Schafott, als er an diesem Tag nach sogar fast zwei Stunden wieder den Heimweg antrat und erst recht, als er die Batterie frisch gebackener Stollen sah, die sein Freund in der Zwischenzeit produziert hatte. An alle, die eine wichtige Rolle in seinem und Fridos Leben spielten, hatte er dabei gedacht.

„Die für meine Familie wollt ich nächste Woche eben persönlich hinbringen. Sollen wir deinen Eltern vorher schon per Post einen schicken oder ihn erst zu Weihnachten mitnehmen?“, fragte Dominik und nickte, als Fridos Entscheidung auf Weihnachten fiel.

„Okay, ich hab dann noch einen für Niko und Tessa gebacken und einen will ich Susis Eltern bringen. Sie war sich in ihrer letzten Nachricht zwar noch nicht ganz sicher, aber ich geh ja mal fest davon aus, dass sie Weihnachten wieder hier ist“, schmunzelte er und präsentierte Frido dann den Stollen, den er für Ernest ausgesucht hat.

„Wenn er richtig abgekühlt ist, streu ich noch etwas Traubenzucker drüber. Der schmilzt nicht so schnell wie Puderzucker“, verriet er dabei mit einem Zwinkern und grinste, als Frido erwähnte, dass er die Zuckerschicht nicht zu dick machen solle.

„Er steht da nicht so drauf, wenn die Zentimeterdick ist… genau wie bei Berlinern… beziehungsweise Krapfen“, murmelte er und ließ sich auf einen Stuhl sinken, um die Augen zu schließen, als Dominik sich auf seinen Schoß setzte und ihm durch die vom Duschen noch feuchten Haare strich.

„Hey, das wird schon…“, flüsterte er dabei aufmunternd und auch, wenn Frido ihn nicht anschaute, konnte er sich denken, dass sein Freund gerade ein seliges Lächeln auf den Lippen trug. Er hingegen fühlte sich davon so elend, dass er nicht anders konnte, als die Arme um Dominik zu schlingen und sich an ihn zu drücken.

„Ich hab dich gar nicht verdient…“, nuschelte er, das Gesicht an Dominiks Schlüsselbein gepresst und die Finger in seinen Pullover gekrallt, während der Lockenkopf ihm ein liebevolles Kichern schenkte.

„Ach, Blödsinn, du hast mir damals auch gesagt, dass ich mit Susi reden soll. Tu mir nur den Gefallen und lass dich nicht in ne Kneipenschlägerei verwickeln“, scherzte er, um Frido dann seicht wie ein kleines Kind zu liebkosen, als sein Witz bei dem eher für ein Schluchzen als für einen Lacher sorgte.

„Ich hab mich da in was verrannt“, gab der nun endlich kleinlaut zu und spürte den Stein im Magen zum Kloß im Hals werden, als Dominik sein Gesicht fasste und ihn liebevoll anschaute.

„Dann machst du jetzt halt n Schritt oder zwei zurück und gehst in die richtige Richtung“, lautete sein Rat. Doch war es so einfach?

„Und wenn das nicht klappt? Wenn ichs zu sehr verbockt hab?“, fragte Frido darum, was Dominik allerdings ein belustigtes Schnauben entlockte.

„Selbst mein Vater und ich haben uns angenähert… irgendwie… auf unsere Art… und du weißt, was wir alles durch haben. Es gibt immer n Weg, wenn man will!“, meinte er und schmunzelte, als Frido endlich nickte. Wenn auch nur leicht und zögerlich, aber endlich schien etwas Hoffnung in ihn zurückzukehren. Ja, da war was dran, dachte Frido. Im Endeffekt ging es ihm gerade doch nur deshalb so schlecht, weil das ganze Thema in seinem Kopf ein zu großes Ausmaß angenommen hatte. Letztlich rührte ja auch die Funkstille mit Ernest nur daher, dass er etwas zu emotional reagiert hatte. Also musste er nur durch dieses Gespräch mit dem Arzt durch und dann aufhören, sich so viele Gedanken über ungelegte Eier zu machen. Schließlich hatte er ja nichts Unrechtes getan!

„Hast recht…“, murmelte er also und fühlte sich tatsächlich erlöst – auch, wenn er sich später noch einmal wie Rotkäppchen fühlte, als er mit seinem Körbchen an die Tür des bösen Wolfes trat.

Doch der schien in erster Linie irritiert, wer es da wagte, ihn in seiner samstäglichen Ruhe zu behelligen.

„Friedrich…“, sprach er mit einiger Verwunderung, als er dem Störenfried die Tür öffnete und schaut ihn einen Augenblick lang schweigend an, ehe er beiseite ging, um ihn mit einem „Welch Glanz in meinen bescheidenen vier Wänden“ eintreten zu lassen.

„Hallo Ernest…“, murmelte der Dozent dabei und entschied sich dafür, seine Jacke erst einmal nicht abzulegen. Nur für den Fall, dass er eh sofort wieder im hohen Bogen rausfliegen würde. Stattdessen steuerte Ernest jedoch ganz selbstverständlich die Küche an.

„Was verschafft mir die Ehre? Hat Dominik dich an die frische Luft gesetzt, damit du seinem Allerwertesten endlich mal ein paar Minuten Ruhe gönnst?“, konnte er sich dabei eine kleine Spitze zwar nicht verkneifen, doch die sorgte bei Frido eher für Erstaunen, als dass er sich ernsthaft davon gekränkt gefühlt hätte.

„Was soll das denn heißen?“, grinste er schief und ging Ernest nach, um dann doch etwas das Gesicht zu verziehen, als er dessen Antwort hörte.

„Frido, ich kenne deine Verdrängungsmechanismen ganz gut. Im Endeffekt gibt es da nur zwei und da Dominik mir bei eurem letzten Besuch nicht den Eindruck machte, als würde er sich gerade vernachlässigt fühlen, gehe ich mal davon aus, dass du dich gerade nicht wieder bei deinen Fitnessgeräten verschanzt. Oder?“, warf Ernest einen Blick über die Schulter und machte sich dann wieder an seinem Teevorrat zu schaffen, als Fridos Gesichtsausdruck ihm Antwort genug war.

„Aha. Bist du also hier, um dir Empfehlungen zu holen, welche Salben bei wunden Stellen helfen?“, stichelte er trotzdem noch ein wenig weiter und hob die Augenbraue, als Frido seufzend den Korb auf die Kücheninsel stellte.

„Nein, ich bin hier, weil Dominik dir einen Stollen gebacken hat!“, schob er die Hände in die Jackentaschen und nickte auffordernd zum Korb, als Ernest ihn skeptisch betrachtete.

„Ich habe keinen Stollen bestellt…“, hielt er dabei fest und trat langsam näher, als habe er Sorge, dass im nächsten Moment irgendetwas aus dem Korb gesprungen käme. Frido aber nickte.

„Weiß ich… Ist ne kleine Aufmerksamkeit von ihm. Unsere Eltern bekommen auch welche und noch ein paar mehr Verwandte und… Freunde“, gab er kleinlaut zu, wobei dieses Mal er derjenige war, der einen skeptischen Blick erntete, als das Wörtchen „Freunde“ aus seinem Mund kam. Einen kleinen Augenblick ließ Ernest den Ausspruch sacken, ehe er sich wieder dem Körbchen zuwendete.

„Gibs zu: Dir gehen langsam die Ausreden aus, warum du unsere Schachabende sausen lässt und Dominik hat sich von dir nicht mehr länger an der Nase herumführen lassen“, holte er das Mitbringsel hervor und auch, wenn er seine Rührung über diese Geste nicht offen zeigen konnte, war der Ton seiner Worte mit Blick auf Fridos Verhalten wohl deutlich genug.

„Hast du also endlich mit ihm gesprochen und diesen Firlefanz aus der Welt geschafft?“, fragte er schneidend und atmete tief aus, als er nur ein Kopfschütteln erntete.

„Er weiß nicht, worums geht, aber er hat mich her geschickt, damit wir beide endlich reden, Ernest… Und ich muss zugeben, dass ich mich wohl ein bisschen idiotisch verhalten habe…“, gestand Frido und stützte die Unterarme auf die Kücheninsel, während Ernest einen Teller hervorholte und sein Geschenk darauf ablegte.

„Klingt fast so, als hättest du mal wieder ein schlechtes Gewissen“, schnaubte er dabei belustigt und verachtend aus und schüttelte den Kopf, als Frido seine Annahme mit einem leichten Nicken bestätigte. Mit einem triumphierenden Kommentar hätte Frido ja infolgedessen gerechnet, aber nicht mit dem, was stattdessen aus Ernests Mund kam.

„Wird das nicht langsam anstrengend? Erst schlechtes Gewissen wegen dem Barkeeper, jetzt wegen mir… Hast du keine anderen Hobbies mehr?“, spöttelte er und griff den Wasserkocher, um die Teetasse zu befüllen, wobei Frido den Kopf zwar etwas hängen ließ, seine Mundwinkel jedoch trotzdem leicht nach oben wanderten.

„Ich hatte irgendwie eher mit einer Standpauke gerechnet…“, gab er zu, um dann doch noch den verbalen Haken zu bekommen, auf den er seit Betreten der Wohnung gewartet hatte.

„Sind wir denn hier im Kindergarten? Frido, du bist ein erwachsener Mann und ich hab dir doch wohl schon deutlich genug gesagt, was ich von deinem Verhalten in Bezug auf deinen Ausflug an die Hotelbar halte, oder irre ich mich? Wenn du das Ganze also lieber unnötigerweise in dich reinfrisst und dich stattdessen mit Sex ablenkst oder damit, unliebsamen Wahrheiten aus dem Weg zu gehen, dann ist das dein Problem. Nur tu uns allen den Gefallen und bleib mit deiner Libido im heimischen Bett! Oder beende die Sache! Aber spiel keine Spielchen, sonst bist du genauso ein – verzeih meine Wortwahl – armseliges und erbärmliches Arschloch wie dein Exfreund damals. Und erwarte in so einem Fall bitte nicht, dass ich auch nur den Hauch von Mitleid mit dir hätte!“, stellte er seinen Standpunkt recht klar hervor, wohingegen Frido ihn beinahe erschrocken anguckte, als Ernest andeutete, dass er sich von Dominik trennen solle.

„Ernest, ich werd doch nicht Schluss machen! Erst recht nicht wegen so einem Kinkerlitzchen!“, starrte er ihn fassungslos an und schüttelte den Kopf, während der Arzt sich auf der Kücheninsel abstützte und Frido eindringlich anblickte.

„Jetzt ist es plötzlich wieder nur ein Kinkerlitzchen… Friedrich, dieses Theater langweilt mich allmählich. Wir wissen doch beide, dass da mehr als nur ein kurzes Zucken in der Hose mit reingespielt hat, dass du dich gerade so aufführst. Der Barkeeper war vielleicht ein Symptom, aber die Ursache ist doch wohl eine ganz andere. Letztendlich hast du es neulich schon ganz passend auf den Punkt gebracht: Es war eine dumme kleine Fantasie und mehr nicht. Du bist ihr nicht nachgegangen und hast sofort eine mehr als eindeutige Grenze gesetzt. Eigentlich ist da nichts, was du dir vorzuwerfen hättest und trotzdem nagt es an dir“, stellte er fest, um dann ungeduldig mit dem Finger auf die Arbeitsplatte zu tippen, als Frido schluckte und zu Boden guckte. Wieder zeigte er dieses vermaledeite Schulterzucken, das er bei ihrem letzten richtigen Gespräch schon zur genüge zur Schau gestellt hatte! Doch dann trug er auch endlich mal was Hilfreiches zur Konversation bei. Auch, wenn es so leise ausfiel, dass der Arzt ganz genau die Ohren spitzen musste, um es vernehmen zu können.

„Ich kenn das von mir nicht…“, flüsterte Frido und schüttelte leicht den Kopf, um dann die Finger einander zu flechten und zu ringen.

„Solang es nichts Ernstes ist, bin ich kein Kind von Traurigkeit, ja. Aber in Beziehungen hatte ich nie so einen Moment, in dem ich ernsthaft darüber nachgedacht hab, mit einem anderen ins Bett zu steigen… Und jetzt… Ich bin zwar nicht mit ihm mitgegangen, aber ich fühl mich trotzdem wie ein Betrüger“, sprach er bitter und presste die Lippen aufeinander, während seine Augen auf die eigenen Hände gerichtet waren. Er wollte nicht sehen, was sich jetzt in Ernests Blick spiegelte und es reichte ihm schon, dessen Worte hören zu müssen. Denn die waren noch gnadenloser, als Frido erwartet hätte.

„Dann wirds Zeit, dass du endlich aus deinem Selbstmitleid raus kommst und mal in dich gehst! Hast du nicht noch vor einiger Zeit so vollmundig verkündet, dass du Dominik zum Traualtar schleppen willst? Wird ein bisschen schwierig, wenn du die Beziehung vorher vor die Wand fährst, nicht war? Heiratet sich so schlecht, wenn der Partner weg ist, du verdammter Esel! Ich sag dir nicht umsonst schon seit Jahren, dass du endlich dein Trauma aufarbeiten sollst!“, machte Ernest seinem Ärger Luft, doch so richtig einsichtig wollte Frido sich nicht zeigen.

„Ich hab kein Trauma…“, war seine Antwort, die Ernest nur wieder ein ungläubiges Kopfschütteln abringen konnte.

„Da hab ich jetzt ja drauf gewartet, dass das wieder kommt!“, stellte er ihm etwas ungalant den Tee vor die Nase und ließ Frido dann in der Küche zurück, während er sich an seinen Platz auf dem Sofa zurückzog, von dem Fridos Klingeln ihn aufgescheucht hatte. Dort griff er sich die Mappe, die er zuvor studiert hatte und stellte missmutig fest, dass sein eigener Tee inzwischen natürlich kalt war. Doch für den Moment gab er sich damit hin. Vielleicht, um endlich seine Unterlagen fertig durchzugehen oder damit sein Gast noch ein wenig im eigenen Saft schmoren konnte – natürlich am besten, indem er dazu noch die letzte passende Würze erhielt.

„Ach übrigens!“, richtete Ernest nämlich plötzlich noch einmal das Wort an ihn, ohne dabei den Blick von seinen Unterlagen zu nehmen und ein wenig gereizt zwischen ihnen zu blättern.

„Lass dir nicht noch mal einfallen, mich in deine Lügereien mit rein zu ziehen! Besonders, wenns dabei um Dominik geht! Dass ich beim letzten Mal mitgespielt habe, war nicht, um dir einen Gefallen zu tun, sondern seinetwegen! Ich mag den Jungen und ich dachte ja eigentlich, du hättest danach endlich reinen Tisch gemacht und dich nicht noch mehr in die Scheiße geritten! Also nimm dir lieber mal ein Beispiel an ihm! So, wie du es doch eigentlich die ganze Zeit schon machen wolltest! Was ist aus deinen vollmundigen Versprechungen geworden, dass du wieder mit dem Zeichnen anfangen wolltest? Da hab ich in den letzten Monaten nicht mehr viel von gehört oder gesehen!“, warf er nun doch einen Blick zu Frido hinüber, der noch immer beinahe bewegungslos da stand. Nur sein leichtes Nicken verriet, dass er die Worte wahrgenommen hatte, während das Starren ins Nichts offen ließ, ob sie ihren Zielort auch wirklich erreicht hatten. Die Vermutung lag jedoch nahe, als er dann mit müder Stimme fragte, ob Ernest endlich fertig sei.

„Für den Moment, ja“, lautete dessen Antwort, während er Frido dabei beobachtete, wie er sich nun doch von seinem Platz löste, die Teetasse mit beiden Händen griff und dann schleppenden Schrittes zu Ernest ging. Er setzte sich mit etwas Abstand zu Ernest auf die Couch, nippte an seinem Tee und stellte ihn dann auf den Tisch, wohingegen der Arzt seine anhaltende Anwesenheit schweigend zur Kenntnis nahm. Vielmehr gab er sich wieder dem Lesen hin und den genervten Kommentaren, die die Unterlagen ihm entlockten.

„Wie kann man eigentlich nur so einen Schund schreiben?“, murrte er dabei und schüttelte den Kopf, um sich durch den nächsten Zettel zu kämpfen, der offenbar ähnlich furchtbar wie der vorherige ausfiel.

„Was hastn da eigentlich?“, traute Frido sich nach dem vierten Murren zu fragen und hob verwundert die Augenbrauen, als das Wörtchen „Bewerbungsunterlagen“ fiel.

„Schülerpraktikanten…“, konkretisierte Ernest dann noch und schüttelte wieder den Kopf.

„Lernen die heutzutage eigentlich nichts mehr über Rechtschreibung? Von gewissen Formalien, die einige dieser Herzchen wirklich auf spannende Weise neu zu interpretieren wissen, fang ich gar nicht erst an!“, seufzte er aus und hielt Frido dann, zu dessen Überraschung, die Mappe hin.

„Sieh dir das mal an! So was will später mal Medizin studieren und auf die Menschheit losgelassen werden!“, stand Ernest dann auf, als der Dozent sich den Anschreiben widmete und ging in die Küche, um seine Tasse mit neuem Tee zu bestücken.

„Auch noch?“, fragte er dabei und Frido schüttelte den Kopf.

„Danke, hab noch…“, antwortete er, während ihn zumindest der erste Schrieb eher amüsierte als verärgerte. Hier zeigte sich für ihn eher wieder, wie anspruchsvoll Ernest manchmal sein konnte, denn an sich hätte er selbst an dem Text nichts auszusetzen gehabt. Da sah er es so, wie auch bei seinen Studenten: Den einen fiel das mit den Formulierungen leichter als den anderen, aber solange es inhaltlich stimmte, konnte er über kleine Fauxpas durchaus hinweg sehen. Beim nächsten Text musste er Ernest hingegen vorbehaltlos zustimmen. Das war wirklich eine textliche Vollkatastrophe. Wobei selbst das für Frido noch kein Grund war, vollends an dem Bewerber zu zweifeln.

„Der hat hier zwar schon einige Schnitzer eingebaut, aber letztlich sagt das ja nicht unbedingt was darüber aus, ob er ein guter Arzt wäre…“, gab er zu bedenken, was ihm von Ernest hingegen nur einen abwertenden Blick einbrachte.

„Dass es beim Medizinstudium gewisse Ansprüche gibt, um überhaupt einen Studienplatz zu bekommen, ist dir aber schon klar, oder? Was soll ich meine Zeit damit verschwenden, solchen Pappnasen einen Blick in meine Arbeit zu ermöglichen, wenn ihre Noten wohl nur schwerlich dazu genügen dürften, überhaupt den NC zu erreichen?“, verschränkte er die Arme vor der Brust, während Frido den Kopf wiegte.

„Ja, schon…“, murmelte er, um dann zu bedenken zu geben, dass eben jenes Praktikum aber vielleicht auch den nötigen Ansporn bieten könne, um sich in der Schule noch einmal so richtig auf den Hosenboden zu setzen. Er fand sein Argument äußerst stimmig, wohingegen Ernest ihm nur ein kühles Zucken der Augenbraue schenkte, ehe er sich wieder seinem Tee widmete.

„Mich wunderts ja grad eher, dass du dir das überhaupt antust, Praktikanten zu nehmen. Und dass du die Bewerbungen nicht einfach alle ungeöffnet in den Papierkorb feuerst. Ich weiß doch, dass du es mit Lehrhauern nicht so hast“, meinte Frido dann mit einem leichten Schmunzeln, das er sich natürlich schnell wieder verkniff, als Ernest ins Wohnzimmer zurückkehrte.

„Wundert mich auch immer wieder. Deshalb hab ich eine kleine Erinnerung an der Mappe hängen“, erklärte er, um Frido dann anzuweisen, einen Blick auf den Brief zu werfen, der mitsamt Umschlag an das Deckblatt der Mappe geheftet war.

„Was ist das?“, fragte er, während er den Zettel hervorzog und obwohl die handschriftlichen Zeilen seine Frage eigentlich schon beantworten konnten, gab Ernest ihm dennoch ein wenig zusätzliche Aufklärung.

„Manchmal findet man unter all diesen Kieselsteinen doch mal eine Perle. So wie diese. Sie erinnert mich immer daran, warum ich mir diesen Blödsinn eigentlich durchlese, wenn ich mal wieder kurz davor bin, die Mappe einfach aus dem Fenster zu werfen“, nahm er wieder Platz, während Frido den Dankestext einer jungen Frau las, die wohl einst Praktikantin bei Ernest gewesen war und ihm nun von ihrem Werdegang berichtete, bei dem sie nicht nur erfolgreich das Medizinstudium bestritt, sondern von ihrer Zeit bei ihm so beeindruckt gewesen war, dass sie anstrebte, irgendwann in seine Fußstapfen zu treten.

„Für solche Schüler opfere ich dann tatsächlich gerne diese drei, vier Wochen, die sie für ihre Praktika immer brauchen“, entgegnete er, um sich hingegen in vornehmes Schweigen zu hüllen, als Frido wissen wollte, wie oft es überhaupt vorkäme, dass Ernest sich einen Praktikanten ans Bein band.

„Verstehe. Die Wahrscheinlichkeit geht dann wohl eher gegen Null“, grinste er dann und tütete den Brief sorgsam wieder ein, ehe er Ernest die Mappe zurückgeben wollte. Doch der schüttelte den Kopf und meinte, er solle sie stattdessen auf den Tisch legen.

„Für heute hab ich die Nase voll davon, mich mit so was rum zu kriegen“, seufzte er und verschränkte die Arme vor der Brust, um das Gespräch endlich auf angenehmere Themen zu lenken.

„Dominik ist also neben der Uni und Arbeit und allem immer noch nicht genug ausgelastet und versorgt die halbe Stadt mit Stollen, wenn ich das richtig verstanden habe?“, erkundigte er sich und brachte Frido damit zum Schmunzeln.

„Die halbe Stadt nicht unbedingt, aber Familie und Freunde“, antwortete er, wobei Ernest verstehend nickte und dann natürlich auf die allerwichtigsten Punkte zu sprechen kam.

„Welches Rezept hat er dafür denn verwendet? Mit Marzipan oder ohne? Und welche weiteren Füllungen?“, erkundigte sich, was bei Frido für ein belustigtes Schnauben sorgte.

„Fragst du ihn am besten selbst…“, antwortete er und zog einen Zettel aus der Hosentasche, um ihn Ernest hin zu halten.

„Was ist das?“, war diese Frage nun an ihm und mit äußerst großem Interesse studierte er die Zutatenliste, die beim Aufklappen des Papiers zum Vorschein kam.

„Eingelegte Früchte statt Orangeat und Zitronat… interessant… und sogar Niederegger-Marzipan… Traubenzucker statt Puderzucker…“, las er halblaut vor, was Frido dazu verleitete, sich ein wenig in die Lesestunde einzumischen.

„Wusstest du, dass Traubenzucker nicht so schnell schmilzt wie Puderzucker?“, gab er sein neu errungenes Wissen weiter und stützte das Kinn auf seine Hand, wobei Ernest ihm einen kurzen Seitenblick schenkte.

„Selbstverständlich war mir das bekannt“, ließ er dabei verlautbaren, ehe er seine Studien mit einem „So, so“ abschloss und den Zettel fein säuberlich auf den Tisch legte.

„Dann kann ich Dominik ausrichten, dass sein Christstollen Anklang gefunden hat?“, grinste er und beobachtete Ernest dabei, wie er die Beine überschlug, die Hände faltete und sie auf seinem Knie ablegte, während er sich die Frage durch den Kopf gehen ließ.

„Du kannst ihm ausrichten, dass die Zutatenliste höchst ansprechend aussieht und mit Freuden herausfinden werde, wie mir die Umsetzung zusagt“, lautete seine elegant gewählte Antwort, die Frido hingegen nur ein Prusten entlockte.

„Alles klar!“, grinst er und fläzte sich auf die Couch.

„Ich werd ihm sagen, dass es genehm war!“.

1.12.2024: Storchennest

Was wäre in diesem Augenblick besser gewesen? Eine dieser furchtbar lauten Uhren, deren Sekundenzeiger einem bei zu viel Stille den letzten Nerv raubte oder gerade gar keine Geräuschkulisse zu haben, die gegen diese Lautlosigkeit ankämpfte? Wenn man mal absah vom leisen Rascheln seiner Hose, verursacht durch das nervöse Wippen seines Fußes und dem Ratschen der Pappefetzen, die ursprünglich als Karton gedacht und nun zu seinem Stressball geworden waren?

„Willst du n Storchennest bauen?“, riss ihn da Dominiks Stimme aus seinen Gedanken, die in seinem Kopf gerade wohl am lautesten von allem waren und schlagartig schwiegen, als er den Blick mit einem irritierten „Hm?“ zu seinem Freund hob. Der machte allerdings eine unwirsche Handbewegung und nahm Frido die Reste des Kartondeckels weg.

„Hör auf, mein Verpackungsmaterial zu schreddern. Ich brauch das noch für die Päckchen an deine Großeltern und deine Tante Erna“, warf er das geschundene Stückchen dicken Papiers hinter sich auf die restlichen Kästen, die er während Fridos Ausflug zu Ernest von der Post geholt und am Wohnzimmertisch zusammengebaut hatte. Er betrachtete seinen Freund, der nur stumm nickte und nun stattdessen seine Finger ineinander schob und rang, wenn er sonst nichts mehr hatte, an dem er sich festklammern konnte. Er versuchte zwar, Dominiks Blick dabei stand zu halten, aber das misslang immer wieder, sodass er am Ende doch nur seine Finger anstarrte, die sich kneten und verformten, als wollten sie herausfinden, wie weit sie sich verbiegen konnten.

Warum sagte sein Lockenkopf jetzt nichts zu der Offenbarung, mit der Frido bei seiner Rückkehr durch die Tür getreten war? Hatte er doch einen riesigen Fehler begangen, auf Ernest zu hören, anstatt zu schweigen und allein einen Weg aus dieser Situation raus zu finden? Wieder begann das Gedankenkarussell und wieder wurde es von Dominik unterbrochen. Dieses Mal durch ein tiefes Seufzen, während er von der Kante des Wohnzimmertischs auf die Couch rutschte und sich in den Schneidersitz setzte.

„Also hab ich das jetzt richtig verstanden?“, begann er dann, wobei er nachdenklich zur Seite blickte und Frido es endlich schaffte, ihn länger anzuschauen.

„Weil du nicht schlafen konntest, bist du runter an die Bar, hast ne Weile mit dem Barkeeper gequatscht und als der dich abschleppen wollte, hast du ihm ne Abfuhr verteilt. Und als ich dich nachts angeschrieben hab, warst du an der Spree unterwegs, um den Kopf frei zu kriegen und bist dann bis zum Sonnenaufgang durch Berlin gelatscht…?“, fasste er das Gehörte noch einmal zusammen und schaute Frido fragend an, als der nickte und ein leises „Ja“ flüsterte. Und sich fragte, was sich wohl schlimmer anfühlte: Dominik reinen Wein eingeschenkt zu haben, während der nur ruhig dagesessen und ihn angeschaut hatte oder der Teil ihres Gesprächs, der jetzt stattfand. Frido fürchtete, dass es dieser war. Denn jetzt kamen die Fragen und vielleicht auch die Vorhaltungen – je nachdem, wie Dominik im Verlauf ihrer Aussprache noch reagieren würde. Doch erst einmal blieb der weiterhin ruhig sitzen. Womöglich auch, weil er noch etwas brauchte, um Fridos Worte richtig zu begreifen.

„Es ist also im Endeffekt gar nichts Schlimmes passiert und trotzdem hast du mich deswegen angelogen und sogar Streit mit Ernest gehabt…? Ich kapier das nicht. Wenn dir das so unangenehm war, dass dieser Mike dir Avancen gemacht hat, warum hast dus mir nicht einfach erzählt und gut? Als… als Susi mir ihre Gefühle gestanden hat, hab ich dir das doch auch gesagt. Wo war da jetzt das Problem?“, legte er den Kopf schief und schaute Frido verständnislos an, während der nicht wusste, ob er seine Hände weiter ringen oder lieber in seine Hose krallen sollte.

„Das Problem ist, dass ich drüber nachgedacht hab, es zu tun! Dass ich… dass ich vielleicht wirklich mitgegangen wäre, wenn ich noch ein oder zwei Whisky mehr intus gehabt hätte! Du hättest Susi aber in hundert Jahren nicht angerührt, egal, wie oft sie dir sagt, dass sie dich mag oder dir beim Shopping halb ihre Brüste ins Gesicht drückt! Aber ich… ich hab mich einfach geschämt, Dominik!“, guckte er ihn verzweifelt an, um sich dann die Haare zu raufen und die Hände wieder zu ringen, als er sah, wie Dominiks Schultern langsam hinab sanken und er schluckte. Genau das hatte er doch nicht gewollt! Diese Enttäuschung zu erleben, wenn sein Lockenkopf erkannte, dass sein Freund nicht der große Held war, für den er ihn scheinbar oft hielt! Und es wurde sogar noch schlimmer.

„Frido…“, murmelte er und der Ältere hoffte beinahe schon, dass er jetzt einen Anschiss kassieren und den Kopf gewaschen bekommen würde. Aber nein!

„… du weißt, dass ich nicht so viel Erfahrung hab, wie du. Wenn du… dir was anderes im Bett wünschst, können wir das gern ausprobieren. Und… aber… also… wenn du ne offene Beziehung oder so was brauchst, dann müssen wir darüber reden…“, stammelte er, sodass Frido im ersten Moment der Mund aufklappte, ehe er im nächsten energisch den Kopf schüttelte.

„Nein! Nein, nein, nein! Dominik, unser Sexleben gefällt mir, wie es ist! Ich steh nicht auf offene Geschichten oder Dreier oder so was! Wirklich nicht! Ich will nur dich! Sonst keinen!“, fasste er Dominiks Hände, um sie dann Sekunden später wieder los zu lassen, als er erkannte, wie der Jüngere ihn immer fragender anschaute.

„Ich versteh langsam gar nichts mehr…“, murmelte er und stand auf, um dann ein paar Schritte am Tisch entlang zu laufen und die Arme dabei vor der Brust zu verschränken, während Frido nicht sicher war, ob er ihm folgen oder sitzen bleiben sollte.

„Wenns dir mit uns so gefällt, warum dann dieses ganze Trara mit dem Barkeeper und… was war das dann eigentlich die letzten Wochen über? Musstest du da was kompensieren, indem wirs bei jeder Gelegenheit getrieben haben, oder wie?“, runzelte er die Stirn und schaute wieder zu Frido, der hart gegen das flaue Gefühl in seinem Magen anschluckte.

„Nein, das… das war wohl eher das schlechte Gewissen, warum ich dir ständig an die Wäsche bin…“, murmelte er und erschrak dann selbst über seine Worte, die so unüberlegt aus seinem Mund gekommen waren. Und über Dominiks Reaktion. Fassungslos starrte er ihn an, während Frido beschwichtigend die Hände hoch riss und sich nur noch mehr reinredete.

„So mein ich das nicht! Ich hätte auch sonst mit dir geschlafen!“, sprang er auf und lief auf Dominik zu, der jedoch zurückwich und leicht den Kopf schüttelte.

„Da kann einem dein Penis ja richtig leid tun, dass er das die ganze Zeit ertragen musste…Kein Wunder, dass er jetzt ne Auszeit will“, murmelte er und entwand sich der Berührung, als Frido versuchte, ihn am Arm zu fassen.

„Das… ich hab mich falsch ausgedrückt, tut mir leid! Dominik, du weißt wie sehr ich dich begehre! Und dass ich ganz verrückt nach dir bin! Ich.. ich war die letzten Wochen einfach ein Idiot! Der sich geschämt hat für diese Situation an der Hotelbar und es irgendwie wieder gut machen wollte!“, rief er aus und ließ sich dann mit einem tiefen Seufzen auf den Wohnzimmertisch sinken.

„Ich sag doch, ich hab mich da in was verrannt… Ich hatte n schlechtes Gewissen, weil ich in einer Beziehung eigentlich niemand bin, der auch nur im Ansatz daran denkt, auf fremde Angebote einzugehen. Ich… kenn mich so nicht. Deswegen diese Scham… und ich glaube, danach wollte ich es einerseits einfach vergessen, dass es diese Situation überhaupt gab und andererseits das irgendwie, ja, auch wieder gut machen. Ich wollte einfach zeigen, dass ich es nicht nötig hab, mich auf so einen Scheiß einzulassen!… Und dir auch auf die Art beweisen, wie viel du mir bedeutest und dass für mich gar kein anderer mehr infrage kommt!“, murmelte er, während Dominik ihn noch immer schweigend betrachtete. Sein Blick und seine Körperhaltung waren distanziert und trotzdem trat er näher an Frido heran, nachdem er ein kleines Weilchen über dessen Worte nachgedacht hatte.

„Du hättest auf Ernest hören und sofort mit mir reden sollen, anstatt das so auf die lange Bank zu schieben“, sagte er dabei, ohne seine Verärgerung zu verschleiern und doch fand er auch Worte, die verständnisvoller waren.

„Ich finds scheiße, wie das gelaufen ist. Sag ich dir ganz ehrlich… Aber ich weiß ja selber, wie schwer das manchmal ist, mit sich klar zu kommen und das dann auch noch irgendwie verständlich nach außen hin zu kommunizieren. Da haben wir zwei ja mit mir auch schon genug durch…“, stellte er sich vor Frido und wich dieses Mal nicht aus, als der ihm vorsichtig die Hände an die Hüften legte. Er traute sich nicht, etwas zu sagen und war schon froh, dass Dominik seine Nähe zuließ. Doch dafür sprach der weiter und ließ seinen Gedanken freien Lauf.

„Ich würd mir zwar wünschen, dass du früher mit mir geredet hättest, aber ich bin schon froh, dass wenigstens mit Ernest gesprochen hast. Letztlich kennt ihr euch viel länger und besser… da ist es vielleicht ganz normal, dass es dir in manchen Situationen einfacher fällt, erst mal mit ihm das Gespräch zu suchen, statt mit mir. Mir ist trotzdem wichtig, dass wir dran arbeiten, da noch mehr aufeinander zuzugehen und uns auszutauschen“, sagte er, wofür Frido sofort nickte und sich dann in einer erleichterten Umarmung an Dominiks Bauch drückte. Der schüttelte jedoch den Kopf und seufzte aus.

„… Dachtest du wirklich, ich würde wegen so was gleich Schluss machen?“, fragte er und schüttelte abermals den Kopf, als er erst Fridos unschlüssiges Schulterzucken und dann das leichte Nicken spürte.

„Sei in Zukunft einfach ehrlich mit mir. Ich hab dir schon mal gesagt, dass du mich nicht in Watte packen sollst“, forderte er und legte nach einigem Zögern die Hand auf Fridos Kopf, der wieder mit einem Nicken, aber auch mit einem Zittern antwortete.

„Schon gut…“, flüsterte der Jüngere dabei und strich ihm beruhigend durchs Haar.

„Berlin war n ziemliches Brett für dich, kann das sein?“, fragte er dann behutsam, während Frido noch immer keine Worte zustande brachte und Dominik genau darauf achten musste, was Schluchzen und was Nicken war.

„Bestimmt viele Erinnerungen von früher…“, murmelte er also für ihn und nickte selber leicht, als er Fridos Antwort spürte. Er atmete tief durch und kraulte Frido weiter durchs Haar, bis der sich von ihm löste und die Hände auf seine Oberschenkel stützte.

„Ja, das hat mich doch mehr überwältigt, als ich vorher gedacht hätte…“, gab er nun endlich zu, während er sich räusperte und die Nase hochzog und sich immer wieder mit den Handrücken über die Augen rieb.

„Gerade die Vernissage… Ich hab einfach gemerkt, wie viel sich verändert hat und… dass ich irgendwie kein Teil mehr von dem Ganzen bin. Da waren zig Bekannte von früher…“, sagte er und nickte leicht, als Dominik erstaunt die Augenbrauen hob.

„Ja, wirklich… Die haben mich nur alle nicht erkannt, weil ich nicht mehr Fritz bin… Und mit dem Galeristen wars ähnlich. Ich bin ehrlich froh, dass Jean-Pierre bei dem Treffen nicht dabei war, sondern nur im Nachgang angerufen hat, um zu hören, wie es gelaufen ist. Sonst hätte er das bestimmt nicht so kommentarlos stehen lassen, dass ich mich als Frido vorgestellt hab“, murmelte er und schaute beschämt zu Boden, als Dominiks Stirnrunzeln verriet, dass er den letzten Teil von Fridos Worten nicht recht zuzuordnen wusste. Doch als der weitersprach, schüttelte sein Freund nur fassungslos den Kopf.

„… Meine Ausstellung damals war in derselben Galerie geplant gewesen und so wie ich Jean-Pierre kenne, hat er das bestimmt mal erwähnt, dass… der gute, alte Fritz ihm diesen vielversprechenden Nachwuchskünstler vorgestellt hat“, gab er kleinlaut zu, wobei er die Finger ineinander schob und die Daumen aneinander tippte.

„Hat Anton deswegen so irritiert geguckt, als wir uns vorgestellt haben? Weil er dich mit roten Haaren und so wie früher erwartet hat?“, fragte Dominik und ging in Gedanken das Treffen mit dem Galeristen noch einmal durch, um Frido dann mahnend anzuschauen.

„Hey, guck mich mal an!“, forderte er dann und hob die Augenbraue, sein Freund der Aufforderung zögerlich nachkam.

„Ich musste doch vor Aufregung zwischendurch einmal zum Klo und ihr habt euch in der Zwischenzeit weiter unterhalten. Wen hat Anton eigentlich damit gemeint, als er dir sagte, dass du ihm schöne Grüße ausrichten sollst?“, hatte er da plötzlich so eine Vermutung und guckte Frido entgeistert an, als der die auch noch bestätigte.

„Ähm… Fritz… meinen Bruder… Anton war der Nachname und eine gewisse Familienähnlichkeit aufgefallen…“, gab er kleinlaut zu und hob die Schultern zu den Ohren, als die berechtigte Frage kam, was wohl wäre, wenn Anton und Jean-Pierre zufällig auf den plötzlichen Zuwachs im Hause Klimlau zu sprechen kämen.

„Ja, so weit hab ich in dem Moment nicht überlegt, als er fragte, ob wir zufällig verwandt sind… Und da fiel mir dann die Geschichte mit Julis angeblicher Zwillingsschwester ein…“, murmelte er und räusperte sich, als Dominik vor ihm in die Hocke ging und dabei die Hände auf die Hüften stützte.

„Warum hast du denn nach der Vernissage nichts gesagt, wenn dir das alles so zugesetzt hat? Ich hätte dich doch dann nicht noch zur Galerie und durch die halbe Stadt geschleppt!“, seufzte er aus und schüttelte hilflos den Kopf, als Frido die Schultern zuckte.

„Ich habs ja selber nicht sofort gemerkt… Erst im Nachgang. Als ich nach dem Galeriebesuch im Bett lag und nicht schlafen konnte… deswegen bin ich ja auch überhaupt nur an die Bar gegangen…“, murmelte er und gestand sich dann wohl zum ersten Mal das ein, was die letzten Wochen über das eigentliche Problem gewesen war: „Und bei dem Gespräch mit Mike tats einfach gut, mal für einen Moment alles, was irgendwie mit Kunst zu tun hatte, zu vergessen…“.

„Selbst mich…“, flüsterte Dominik daraufhin und auch, wenn sein Blick den Schmerz verriet, blieb er bei Frido und schaute ihm dabei zu, wie er nickte, die Lippen aufeinander presste und sich die Hand auf die Augen drückte.

„Es tut mir leid…“, flüsterte er, aber sein Freund schüttelte wieder den Kopf.

„Frido, ich kling vielleicht wie ne kaputte Schallplatte von Ernest, aber wie lang willst du jetzt noch dein schlechtes Gewissen mit dir rumschleppen?“, meinte er und zog Frido die Hand von den Augen, um seine eigenen stattdessen an dessen Wangen zu legen.

„Hör auf dich zu entschuldigen und mach es jetzt nicht schon wieder dramatischer, als es wirklich ist! Ja, es war scheiße und vor allem diese Lügen will ich nicht noch mal, sonst werd ich echt sauer! Aber am Ende des Tages ist eigentlich nichts passiert! Nur das in deinem Kopf! Also hör auf dich zu quälen, wasch dir mal das Gesicht und dann hilfst du mir mit dem Einpacken. Ohne wieder Storchennester zu produzieren! Okay?“, sprach er eindringlich und seine Mundwinkel zuckten, als Frido nickte.

„Okay..“, flüsterte er und fasste Dominiks Hand, als der sich aufrichtete und sie ihm reichte, damit ihm das Aufstehen leichter fiel.

„Ich finde, morgen oder die Tage sollten wir noch mal darüber sprechen und vor allem darüber, was wir künftig anders machen können, damit du nicht wieder so einen miesen Moment hast. Aber für heute ists gut gewesen… Wir machen uns gleich einen gemütlichen kleinen Bastelabend und du kannst noch ein paar nette Worte an Tante Erna und Co. schreiben“, schlug Dominik vor und grinste, als Frido nicht nur nickte, sondern auch endlich ein kleines Lächeln auf seinen Lippen erschien.

„Ja, klingt gut“, zog er Dominik für einen Moment an sich und atmete tief durch, als er spürte, wie sein Lockenkopf es nicht nur erduldete, sondern sich auch an ihn lehnte und über seinen Rücken rieb. Am Ende war die Angst viel schlimmer als das eigentliche Gespräch gewesen, musste er sich eingestehen und konnte sogar lachen, als Dominik ihn mit einem „Na los, jetzt ab ins Bad mit dir! Wasch dir den Schnodder ab!“ zur Tür schob.

„Aye, aye!“, grinste Frido dabei und trollte sich, um im ersten Augenblick wieder das Gesicht zu verziehen, als er am Waschbecken sein Spiegelbild betrachtete. Doch dieses Mal rührte es nicht von Selbstvorwürfen und Reue her, sondern nur von seiner verheulten Erscheinung.

2.12.2024: admieren

Es hätte alles so schön sein können und dann das! Gerade war er noch behände mit seinem Skateboard in die Einfahrt eingebogen, hatte es sich unter den Arm geklemmt und flotten Schrittes die Treppe hinauf getragen und nun stand er da, starrte auf den Schlüsselbund in seiner Hand und das ganze Kartenhaus brach zusammen.

„Scheiße…“, murmelte er und kniff mit einem wehleidigen Brummen die Augen zusammen, als er den Ersatzschlüssel für Fridos Auto entdeckte. Stimmte ja! Sie hatten so schön abgestimmt gehabt, dass der Dozent heute früh alleine zur Uni fuhr, weil er wegen eines Ausflugs schon früher dort erscheinen musste und Dominik für den Hinweg sein Skateboard nutzte. Zurück sollte es dann mittags nach seinem zweiten, und an diesem Tag letzten, Seminar mit dem Wagen gehen, weil er noch die Weihnachtseinkäufe erledigen wollte, ehe er die Christstollen zu seiner Familie brachte und Frido abends wieder einsammelte. Alles passend durchgetaktet, um vor der großen Rundreise noch schnell was zu essen und dank ausreichend groß gekochter Portion auch schon mal das Abendessen zu sichern. Aber dann war vormittags Julis Nachricht in WhatsApp aufgeploppt: Vor zwei Wochen hatte er ihr schon versprochen gehabt, dass er Lilli heute vom Kindergarten abholen würde, weil sie wegen eines geschäftlichen Termins länger arbeiten musste. Zum Glück hatte er durch ihre kleine Erinnerung siedend heiß daran gedacht – und dabei seine anderen Pläne völlig vergessen. Und sogar Fridos Wagen.

„Au man…“, murrte der Lockenkopf nun, als er daran dachte, dass er den ganzen Weg noch mal zurück musste. Vielleicht mit Fridos Fahrrad? Bekam er aber nicht in den Kofferraum, um es hinterher wieder nach hause zu kriegen und Frido hatte neulich noch gesagt, dass er den Schlüssel fürs Vorhängeschloss verbummelt hatte. Das neue war eines der geplanten Geschenke, doch das brachte Dominik gerade herzlich wenig.

„Kann ich nicht einfach da stehen lassen, wenns nicht mal abgeschlossen ist…“, nuschelte und sah bei einem Blick aufs Handy, dass der passende Stadtbus natürlich auch gerade vor zwei Minuten abgefahren war, der nächste aber erst in zwanzig eintraf.

„Scheiß drauf!“, musste halt doch wieder sein treues Skateboard herhalten. Dann fiel sein Mittagessen einfach aus und er würde nachher schnell was vorbereiten, ehe er Frido abholte. Bei Oma gäbs eh wieder Kaffee und Kuchen und bis dahin würde sein Magen sich wohl gedulden können. Jetzt nur schnell das Auto holen, dann die Einkäufe erledigen, dann zur Familie – stopp! Lilli!

„Moment mal, wie mach ich das denn jetzt?“, murmelte er und schüttelte energisch den Kopf, als ihm Fridos Worte vom vorherigen Abend wieder einfielen: Wäre das nicht schon so ein straffer Zeitplan, alle Geschenke besorgen und anschließend noch seine Familie besuchen zu wollen? Immerhin hatte er darauf bestanden auch gleich Fridos Besorgungen, so gut ihm das möglich war, zu übernehmen. Er wäre ja eh in der Einkaufspassage unterwegs – und dank Einkaufsliste musste er nur Laden für Laden abklappern. Gar kein Problem also! Außerdem mussten spätestens übermorgen die Päckchen mit den Stollen zur Post und alles, was noch zusätzlich als kleine Überraschung in die Kartons wandern sollte, gehörte nun endlich fertiggestellt! Schlimm genug, dass er durch Arbeit für Uni und Ausstellung die letzten Wochen über noch nicht dazu gekommen war, alle Weihnachtskarten zu basteln. Denn selbstverständlich wollte er die nicht einfach nur schnöde kaufen. Genauso wie die kleinen Glücksbringer, deren Anleitung ihm im Internet über den Weg gelaufen war. Angefangen hatte er ja auch schon damit, nur war ihm dann das Material ausgegangen. Also musste er heute die fehlenden Utensilien kaufen, um heute Abend oder spätestens morgen die restlichen Aufmerksamkeiten zu basteln und alles in die Kartons zu packen. Schließlich wollte er auch sicher gehen, dass noch alles pünktlich bei den Beschenkten ankäme! Lieber ein paar Tage zu früh, als erst nach Weihnachten!

„Na schön, dann hol ich erst die Kurze ab, besorg alles, was nicht für sie gedacht ist und hol ihre Geschenke morgen… nein, übermorgen, wenn ich die Päckchen zur Post gebracht hab! Ja. Genau… Von wegen, ich übernehm mich! Alles bestens organisiert und geplant!“, lobte er sich selbst mit stolz geschwellter Brust, um dann doch das Grinsen zu verziehen, als ihm wieder einfiel, dass er Lilli ja nicht nur abholen musste.

„Scheiße, wo bleib ich denn dann mit ihr, wenn ich rüber fahr? Oma weiß schon, dass ich heute kommen wollte. Das kann ich jetzt nicht einfach verschieben…“, murmelte er und überlegte, ob es wirklich eine gute Idee wäre, Lilli mit zu seiner Familie zu nehmen. Sein Vater würde sich in Gegenwart der Kleinen doch wohl nicht zu seinen üblichen Kommentaren hinreißen lassen, oder? Ach, was! Dann würd er genauso ein paar Takte zu hören bekommen, wie die blöde Bachmüller damals!… Nur standen die Chancen bei seinem Vater leider gut, dass es dann erst recht in einem handfesten Streit enden würde.

„Nein, das wird schon gutgehen!“, schob Dominik diesen Gedanken jedoch schnell wieder beiseite und mit ihm auch gleich die Einsicht, dass er sich aktuell vielleicht doch ein wenig zu viel aufhalste. Das wollte er selbst dann noch nicht wahrhaben, als er endlich im Wagen saß und vor dieser verdammten Baustelle am Bahnhof festhing, die er mit seinem Skateboard zwar immer so schön umfahren konnte, aber an die er auf dem Weg zum Kindergarten zu spät gedacht hatte. An der letzten Kreuzung links und mit einem kleinen Umweg hätte er sie hinter sich gelassen, aber jetzt stand er erst mal im Stau und konnte auch nicht mehr wenden.

„Oh Gott, das darf doch nicht wahr sein…“, murmelte er dabei und seufzte tief aus, während er zum Handy griff, um die Uhrzeit zu kontrollieren. Na, wenigstens war er noch im Zeitfenster. Juli konnte ja auch nicht immer auf die Minute genau pünktlich sein. Da würde Lilli es hoffentlich verzeihen, dass er gute zwanzig Minuten später vorgefahren kam, als eigentlich erwartet.

„Hi! Sorry, ich stand im Stau! Ist Lilli fertig?“, rannte er darum etwas abgehetzt auf die Kindergärtnerin zu, die gerade an der Tür stand und einige der anderen Kinder verabschiedete. Und ehe er eine Antwort bekam, wurde er erst mal irritiert angeschaut – von der Kindergärtnerin, den Kindern und ihren Eltern.

„Äh… ich… Tschuldigung! Dominik Preuss, ich soll Lilli Klimlau abholen! Hat Juli Bescheid gesagt?“, versuchte er es jetzt etwas höflicher und weniger hektisch, aber das Lächeln fiel ihm nicht unbedingt leichter, als er merkte, dass die Kindergärtnerin sein Erscheinen offenbar noch immer etwas befremdlich fand.

„Können Sie sich ausweisen?“, fragte sie und nahm Dominiks Ausweis an sich, als er ihn zückte.

„Ist Pia heute auch da? Sie kennt mich! Ich hab Lilli schon ein paar Mal abgeholt!“, erzählte er dabei im Plauderton und hoffte, dadurch schneller ans Ziel zu kommen, aber das Gegenteil war der Fall.

„Ich klär das ab. Warten Sie hier bitte“, antwortete die Kindergärtnerin mit einem Blick, der sagte, dass mit so einer Erklärung ja jeder daher gelaufen kommen könne und verschwand dann zurück ins Innere des Kindergartens.

„Ja, ganz toll…“, seufzte Dominik dabei und schenkte den beiden Müttern, die etwas entfernt standen und ihn beobachteten, doch ein schiefes Grinsen.

„Hi..“, hob er zusätzlich die Hand und seufzte wieder, als die beiden wie auf Kommando ihre Kinder auf die Arme hoben und sich mit einem „Komm, Schatz!“ entfernten.

„Großartig… Was kommt als nächstes?“, ließ Dominik die Hand sinken und schob sie stattdessen in die Hosentasche. Er malte sich schon mal aus, wie das Spielchen nun wohl weitergehen würde: Vielleicht war Lilli so mäkelig, weil sie hatte warten müssen, dass sie aus Trotz nicht mit ihm gehen wollte und gleich einen riesigen Aufstand machte. Oder keiner im Kindergarten konnte bestätigen, dass Onkel Dominik längst bekannt war – natürlich inklusive der Tatsche, dass just heute auch noch Julis Nummer verloren gegangen war oder irgendwas anderes dazwischen kam, sich noch mal die Zustimmung der Mutter zu holen. Wie spät war es eigentlich inzwischen? Er zog das Handy hervor und bekam ein leicht flaues Gefühl im Magen, als er sah, wie viel Zeit ihm jetzt noch für den Einkauf blieb. Sportlich, aber noch war es zu schaffen! Und immerhin war das Glück jetzt auch mal auf seiner Seite! Denn da konnte er durch die Glastür gerade nicht nur Lilli lachend und winkend angelaufen kommen sehen, sondern auch die Kindergärtnerin Pia.

„Hallo, Dominik!“, öffnete sie die Tür und lächelte, als ihm das Mädchen sofort um den Hals fiel.

„Hi Mausezähnchen.. Hi Pia!“, herzte er die Kleine und hob sie dann auf den Arm, während die Kindergärtnerin ihm seinen Personalausweis entgegen streckte.

„Tut mir leid, die Kollegin ist noch neu. Und Juli hatte auch extra heute Morgen schon Bescheid gesagt, als sie Lilli gebracht hat. Natürlich kannst du sie mitnehmen“, schmunzelte sie bei seinem erleichterten Gesichtsausdruck und hob die Augenbrauen, als Lilli plötzlich „Mein Teddy!“ schrie.

„Wo hast du den denn?“, fragten Dominik und Kindergärtnerin in einem Atemzug und er wusste nur zu gut, was das jetzt wieder bedeutete: Erst mal den Plüschbären suchen gehen. Also musste ein halber Nervenzusammenbruch der Bärenmutter verhindert werden, während die Erwachsenen den Innen- und Außenbereich des Kindergartens auf den Kopf stellten. Am Ende fand sich Teddy dann fein säuberlich ins Bett verfrachtet, denn natürlich hatte er beim Mittagsschlaf nicht fehlen dürfen. Und weil die Freude über Teddys Rückkehr so groß war, nahm Lilli sich natürlich die Zeit, noch einmal all ihren Freunden auf Wiedersehen zu sagen. Es war zum Mäusemelken.

„Ja und noch mal winke, winke an Pia… Die anderen beiden Male sind schon so lange her...“, murmelte Dominik, als er Lilli endlich im Auto sitzen hatte und sie anschnallte. Wenigstens hatte der Kindersitz seinen festen Stammplatz und konnte nicht auch noch auf irgendeine Weise für Ärger sorgen. Doch das war im Moment auch der einzige Lichtblick, denn ein erneuter Blick aufs Handy verriet sofort, dass Dominik die Einkaufspläne für den frühen Nachmittag nun streichen konnte.

„Okay… dann Geschenke alle übermorgen und bevor ich Frido abhol, nachher eben schnell den Bastelkram besorgen…“, änderte er also mal wieder seinen Plan und versuchte sich den Frust nicht zu sehr anmerken zu lassen. Besonders nicht, als er einstieg und die kleine Passagierin ihm aufgeregt von ihrem Tag erzählte. Ausführlich und gerne auch mehr als einmal, damit ihr Fahrer es wirklich verstand. Aber das war wohl immer noch besser als ein Heulkonzert. Und immerhin gab es auch etwas Gutes über die Rückfahrt zu berichten: Dieses Mal dachte Dominik früh genug daran, die Baustelle zu umgehen und obendrein hatte Lilli nicht nur im Kindergarten ihr Schläfchen gemacht, sondern auch bereits gegessen. Eigentlich konnte es damit auch direkt zum nächsten Punkt auf der To-Do-Liste weitergehen.

„Hey, Mäusezähnchen, was hältst du davon, wenn wir heute meine Oma besuchen?“, tastete er sich vorsichtig an die Thematik heran, während er Lilli aus dem Auto half und bekam wenig überraschend die prompte Antwort, dass die Idee auf wenig Gegenliebe stieß.

„Nein!“, murrte die Kurze, als es die Treppe hinauf ging und sie selbstverständlich darauf bestand, dass sie nicht getragen werden wollte und auch keine helfende Hand benötigte, weil sie schon ein großes Mädchen sei.

„Aber warum denn nicht da hin fahren?“, erkundigte Dominik sich nach außen hin geduldig, wohingegen es in ihm schon schrie, was er denn machen sollte, wenn Lilli ihre Meinung nicht änderte. Viel mehr Möglichkeiten, als sie trotzdem mitzunehmen, gab es nicht, aber was würde das wohl für eine Stimmung mit sich bringen?

„Ich will nicht so weit fahren! Das ist doof!“, war indes ihre Antwort auf seine Frage und er runzelte die Stirn.

„Bei meiner Oma warst du doch noch nie. Woher willst du denn wissen, wie weit das ist?“, hielt er Lilli die Tür auf und schmunzelte, als die Kleine den Kopf schief legte und ihn musterte.

„Du hast auch ne Oma?“, fragte sie dann und brachte ihn zum Lachen.

„Ja, ich hab auch ne Oma! Du dachtest, ich will gleich zu deinen Großeltern fahren?“, grinste er und spürte eine gewisse Erleichterung, als Lilli nickte. Dann konnte er das Ruder ja vielleicht doch noch rumreißen.

„Nein, die Fahrt wär mir auch zu lang… Aber die zu meiner Oma ist viel, viel kürzer! Versprochen!“, machte er ihr den Besuch also schmackhaft – auch damit, dass Oma Trudel zur Weihnachtszeit immer Plätzchen im Haus hatte und die tollsten Keksausstecher weit und breit.

„Da sind ganz schöne Formen bei! Engel und Nikoläuse und Tannenbäume…“, berichtete er, während er Lilli in die Wohnung brachte und grinste, als sie meinte, dass ihre Mama auch Ausstecher habe.

„Aber nicht so tolle wie meine Oma! Die hatte ihre Mama schon! So alt sind die!“, grinste er und sein Gesichtsausdruck glich dem eines Honigkuchenpferds, als Lilli wissen wollte, ob seine Oma nett sei.

„Sehr…“, nickte er und holte den Korb mit den Christstollen, die er glücklicherweise am Morgen schon eingepackt hatte. Wenigstens das lief mal wie geplant und auch die Fahrt in seine alte Heimat ging überraschend reibungslos vonstatten. Der Verkehr war fließend, die Wetterverhältnisse gut und die Laune der kleinen Beifahrerin erst recht, weil sie die ganze Zeit Geschichten über Dominiks Kindheit und die liebe Oma erzählt bekam, auf die er sich so freute. Doch bevor sie die auch endlich kennenlernen konnte, stand erst noch ein anderer Abstecher an: Der zu Dominiks Eltern. Es hieß ja nicht umsonst, dass man die unangenehmen Aufgaben zuerst erledigen sollte und wenn Lilli dabei war, galt das erst recht. Im Notfall musste der Besuch bei Oma Trudel nicht nur ihren Nicki wieder aufbauen…

„Hier wohnt deine Oma?“, fragte Lilli schon beim Verlassen des Wagens und klammerte sich an Dominiks Bein, als sie die Fensterfront der Klempnerei sah. So einladend, wie Dominik das Zuhause seiner Großmutter beschrieben hatte, war das aber nicht, schien ihr Blick zu sagen und die Skepsis wollte auch nicht so recht bei Dominiks Antwort weichen.

„Nein, das hier ist die Firma meiner Eltern. Ich hab ihnen auch was gebacken“, erzählte er und nickte Lilli aufmunternd zu, die nur zögerlich mit ihm weitergehen wollte. Damit wurde ihm die Trödelei dann doch ein wenig viel, also hob er sie auf den Arm und trug sie den Rest des Weges, um sich dabei ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen zu können. In der ungewohnten Umgebung war ihr der Halt ihres „Domi“ dann wohl doch wichtiger als die eigene Unabhängigkeit unter Beweis zu stellen. Erst recht, als dann auch noch eine fremde Frau an der Tür erschien und ihnen öffnete.

„Dominik! Was…?“, wusste seine Mutter nicht so recht, ob sie sich mehr über seinen Besuch freuen oder über sein Mitbringsel wundern sollte.

„Hallo Mama! Ich hab euch was mitgebracht!“, grinste er allerdings und hielt dann lachend den Korb hoch, als seiner Mutter kurz die Gesichtszüge entgleisten.

„Du!“, knuffte sie ihn zur Antwort und schmunzelte dann, als er lachte und ihr erklärte, wen er da spazieren trug.

„Der kleine Weihnachtswichtel hilft mir beim Geschenke ausliefern“, grinste er wieder und fragte Lilli, ob sie nicht mal Hallo sagen wolle. Doch die drehte nur den Kopf weg und schlang die Ärmchen um seinen Hals, sodass er seiner Mutter ein entschuldigendes Seufzen schenkte.

„Der kleine Wichtel ist leider manchmal etwas schüchtern…“, gab er zu, aber seine Mutter hatte dafür nur warmes Lächeln.

„Ach, das kenn ich noch gut von dir. Du hast in dem Alter auch immer schnell gefremdelt“, sagte sie und stellte sich der Begleitung ihres Sohnes trotzdem vor, als Lilli doch einen vorsichtigen Blick wagte.

„Das ist meine Mama“, flüsterte Dominik dabei und erntete einen ähnlich skeptischen Blick wie Rosanna.

„Deine Mama ist ja viel älter als meine“, stellte Lilli fest und zeigte sich nicht so recht überzeugt, als Dominik erklärte, dass er ja auch einige Jährchen älter als sie sei.

„Da kann meine Mama ja eigentlich gar nicht so alt wie deine sein, oder?“, schmunzelte er, während er nachfasste, weil Lilli ihm langsam etwas schwer wurde.

„Spätzchen, ich glaub, ich muss dich mal runter setzen“, ließ er sie also zu Boden, auch, wenn sie nicht recht einverstanden war und gab seiner Mutter dann den Korb, während Lilli sich wieder an sein Bein klammerte.

„Ich hab euch was gebacken“, meinte er währenddessen und grinste, als diese Überraschung offensichtlich auch gelungen war.

„Nach Omas Rezept“, war zwar selbstverständlich und trotzdem erwähnte er es, um damit auch gleich die Sorge seiner Mutter aus der Welt zu räumen, dass er Weihnachten wieder nicht im Kreise der Familie verbringen wolle.

„Doch, ich komm dieses Jahr. Versprochen. Ich dacht mir nur, so heiß begehrt, wie Omas Christstollen früher immer waren, bring ich euch schon mal ein verfrühtes Geschenk. Ist außerdem auch gleich ein bisschen Nervennahrung in der Vorweihnachtszeit. Und ne kleine Wiedergutmachung, weil ich mich die letzten Jahre nicht hab blicken lassen…“, zuckte er leicht die Schultern und lächelte, als seine Mutter ihm eine Umarmung gab.

„Das ist lieb von dir, danke. Aber gleich vier Stück?“, fragte sie, während sie ihren Besuch langsam ins Büro führte und den Korb auf ihrem Tisch abstellte.

„Ja, einer für euch zwei, einer für Basti und einer für Heiner. Den anderen bring ich Oma gleich noch“, verriet er und grinste, als Rosanna ihm kurz durchs Haar strich.

„Sie freut sich bestimmt, dich zu sehen!“, meinte sie dabei und er verriet, dass er sich vorher bereits telefonisch angekündigt hatte.

„Ich wollte sicher sein, dass sie auch zuhause ist. So, wie ich die beiden Pappnasen kenne, wäre der Stollen sowieso nicht heile bei Oma gelandet, wenn ich ihn hier abgegeben hätte“, meinte er und schaute überrascht hinunter, als Lilli plötzlich sein Bein los ließ, um zu dem großen Weihnachtsbaum in der anderen Ecke des Raums zu laufen. Bewundernd riss sie die Augen auf und staunte über die vielen Lichter, Anhänger und künstlichen Schnee, die den Tannenbaum zu einem kleinen Kunstwerk machten. Und nicht nur sie erfreuten.

„Ein Freund von uns würde jetzt wohl sagen: Die junge Dame admiriert das stimmige Ensemble“, lachte Dominik und verschränkte die Arme vor der Brust, während er daran zurückdachte, wie er als Kind auch oft so dagestanden hatte.

„Ihr macht das also immer noch jedes Jahr? Find ich schön…“, lächelte er, als seine Mutter ihn seicht umarmte und den Kopf an seine Schulter legte, wobei ihre Antwort nur ein sanftes Nicken war.

„Wie kommts eigentlich, dass du Fridos Nichte dabei hast?“, fragte sie dann, doch ehe Dominik antworten konnte, zog das Geräusch einer knallenden Autotür ihre Aufmerksamkeit auf sich.

„Oh, Heiner ist schon wieder da… Das hat ja fix geklappt“, sagte Rosanna mit einem Blick auf die Uhr, während Dominik mal lieber zu Lilli ging.

„Gefällt dir das?“, ging er neben ihr in die Hocke und legte ihr die Hand auf den Rücken, während sie so gebannt war, dass sie nur leicht nickte.

„Guck mal!“, riss sie dann erstaunt den Finger hoch und zeigte auf die Lichterkette, die plötzlich ihre Farbe geändert hatte.

„Hmhm“, schmunzelte Dominik erst, um dann zu grinsen, als er sah, wie sein ältester Bruder das Büro betrat.

„So, die Anlage steht endlich. Vatter hat schon gesagt, dass wir bei der Firma künftig nicht mehr bestellen! Wenn die Kunden die Marke unbedingt wollen, dann sollen sie halt zu nem anderen Heizungsbauer gehen. Das war vielleicht eine Scheiße, das Ding richtig eingebaut zu kriegen!“, warf er sich in einen Stuhl und seinen Stundenzettel auf den Schreibtisch, ehe er die Mütze vom Kopf nahm und sich seufzend übers Gesicht rieb.

„Heiner, achte ein bisschen auf deine Wortwahl. Du bist hier nicht allein“, sagte Rosanna hingegen und schmunzelte, als ihr Ältester ihr einen irritierten Blick zuwarf.

„Ja, weiß ich selber, dass ich keine Selbstgespräche führ!“, meinte er im ersten Moment, ehe er den Hals reckte, weil ihm eine Bewegung am Weihnachtsbaum auffiel. Dominik hatte sich auf den Boden gesetzt und den Arm um Lilli gelegt, weil sie zwar noch immer vom Baum fasziniert war, aber auch etwas eingeschüchtert von seinem Bruder.

„Na, du alter Stinkstiefel?“, grinste der Lockenkopf, während sein Bruder aufstand und näher kam, um das ungewöhnliche Duo mit gerunzelter Stirn zu betrachten.

„Ist die Lütte etwa deine?“, war Heiners erste Reaktion, die er noch mit einem vielsagenden Fingerzeig auf Lilli unterstrich. Er schaute so schon entgeistert und das erst recht, als dann noch Dominiks Antwort folgte.

„Klar! Ich wollte dir mal zeigen, wie das geht! Du kommst ja nicht ausm Quark!“, schäkerte er und amüsierte sich noch mehr, als er sah, welchen Blick Lilli seinem Bruder zuwarf. Nein, den Onkel mochte sie definitiv nicht! Erst recht nicht, als der ihren Dominik dann noch als Idioten bezeichnete, nachdem Rosannas Kopfschütteln ihm bestätigt hatte, dass der Lockenkopf sich einen Scherz mit ihm erlaubte.

„Ist die Nichte von meinem Freund“, erklärte Dominik daraufhin wahrheitsgemäß und entlockte seinem Bruder damit ein Schnauben.

„Also immer noch ne Schwuchtel“, murmelte der und ging zum Schreibtisch zurück, um sich seine Mütze zu schnappen und den Stapel mit Aufträgen durchzugehen.

„Was hat der gesagt?“, wusste Lilli mit dem abwertenden Begriff glücklicherweise noch nichts anzufangen und nickte, als Dominik sie bat, ihn wieder zu vergessen.

„Das kann Leuten sehr weh tun, wenn man das zu ihnen sagt…“, erklärte er ihr und kämmte ihr mit den Fingern durchs Haar, während er darüber hinwegging, dass nun auch noch ein abfälliges „Unser Sensibelchen!“ von seinem Bruder folgte.

„Heiner…“, legte seine Mutter ihm die Hand auf den Unterarm, aber er entzog sich ihr und knurrte stattdessen, dass er kurz ne Pause machen würde, ehe er zum nächsten Auftrag führe. Damit verließ er das Büro und verschwand in einen der hinteren Räume, untermauerte dabei seinen Standpunkt noch kurz mit einem energischen Schließen der Türe und ließ seine Familienmitglieder schweigend zurück.

„Er meint es nicht so…“, sagte Rosanna dann und Dominik nickte leicht.

„Ja, ich weiß. Da kommt er ganz auf Paps raus“, murmelte er und stand auf, um Lilli dann auf den Arm zu heben, aber Rosanna fasste seine Schulter und schüttelte den Kopf.

„Warte…“, schaute sie zwischen ihm und Lilli hin und her und eilte dann zum Schreibtisch, um einen leeren Schmierzettel zu greifen, den sie mit einigen Worten versah und ihrem Sohn dann hinhielt. Der runzelte erst die Stirn, aber als er ihn las, begriff er, warum seine Mutter die Worte nicht laut ausgesprochen hatte.

„Was ist das?“, fragte Lilli natürlich dennoch und nach kurzem Schlucken lächelte er sie an.

„Ein Brief für den Weihnachtsmann, aber den darfst du jetzt noch gar nicht sehen, Spätzchen. Deswegen versteck ich den jetzt, damit seine fleißigen Wichtel heute Nacht her kommen und ihn abholen. Da steht nämlich ein Wunsch drauf, den meine Mama für dich hat und der soll doch in Erfüllung gehen, oder?“, fragte er und grinste, als Lilli sofort aufgeregt nickte. Damit war sie plötzlich auch sehr viel angetaner, als Rosanna vorschlug, sich ein wenig zu ihr zu setzen und weiter den Baum zu bewundern, während Dominik den Brief verstecken ging.

„Danke“, flüsterte der ihr dabei zu und atmete auf dem Weg zum Aufenthaltsraum tief durch. Er klopfte an und trat vorsichtig ein, als keine Antwort kam.

„Heiner?“, steckte er erst den Kopf durch die Tür und ging dann näher an seinen Bruder heran, als er ihn am Tisch sitzen sah.

„Was willst du?“, murrte der, während er auf seine Tasse Kaffee stierte und den Kopf abwendete, als Dominik ihm gegenüber Platz nahm.

„Ich wusste nicht, dass Martina ne Fehlgeburt hatte…“, sprach er leise und bekam dafür wenig überraschend ein „Jetzt weißt dus!“ zu hören.

„Tut mir leid…“, flüsterte Dominik dennoch und schaute seinen Bruder schweigend an, als der aufsprang und sich mit einem „Ja, mir auch!“ wutentbrannt auf den Tisch stützte. Doch dann ließ er sich wieder sinken, riss die Mütze vom Kopf, um sie in die Ecke zu pfeffern und rieb sich übers Gesicht.

„Ist jetzt schon das zweite Mal…“, murmelte er dabei und Dominik nickte verstehend.

„Das ist scheiße…“, flüsterte er und war dieses Mal derjenige, der ein Nicken bekam. Er stand auf und sammelte die Mütze wieder ein.

„Lasst euch nicht unterkriegen…“, murmelte er, als er seinem Bruder die Mütze zurückgab und seine Mundwinkel zuckten, als Heiner sagte, dass es gar nicht so einfach sei, in so einer Situation die richtigen Worte zu finden. Da war was dran, dachte Dominik. Was sollte man schon sagen, außer einige Floskeln zu dreschen?

„Wenn ich… irgendwas tun kann…“, versuchte er es dennoch und erntete dafür den typisch Preuss’schen Blick von seinem Bruder.

„Also das mit dem Schwängern klappt ja, nur der Rest noch nicht. Von daher keine Ahnung, was du da großartig helfen willst“, meinte Heiner trocken, wobei Dominik die Augen zusammenkniff und seine Lippen aufeinander presste, damit er nicht auflachte.

„So hab ich das bestimmt nicht gemeint!“, sagte er dann mit einem Räuspern und erlaubte sich doch ein kurzes Kichern, als sich wenigstens einer von Heiners Mundwinkeln nach oben bewegte.

„Ja, ich auch nicht… Also das mit der Schwuchtel…“, sagte der dann und zuckte leicht die Schulter. Es war schon das höchste der Gefühle, was man bei ihm für eine Entschuldigung erwarten konnte und das war seinem kleinen Bruder natürlich nur allzu bewusst.

„Danke“, lehnte der sich sich an den Tisch und schob die Hände in die Hosentaschen, wohingegen bei seinem Bruder der Mechanismus einsetzte, den er bei unangenehmen Themen am liebsten an den Tag legte: Nachdem er kurz seinen Frust abgelassen hatte, wurden sie erst einmal wieder ignoriert, bis das Maß irgendwann wieder voll war.

„Was machstn eigentlich hier?“, erkundigte er sich darum schnell, ehe das Gespräch doch noch zu emotional wurde und schien nicht wenig überrascht, als er Dominiks Antwort hörte.

„Christstollen?“, hob er verwundert die Augenbrauen und Dominik nickte.

„Hmhm. Für jeden einen eigenen. Ich kenn euch doch, ihr verfressenen Säcke“, grinste er dann und wich aus, als sein Bruder aufstand.

„Sucht unser Hänfling mal wieder Streit oder wie ist das?“, reckte er das Kinn und ging um den Tisch herum, während Dominik zur Tür flüchtete.

„Ey, bloß kein Schwitzkasten, du stinkender Ochse! Geh erst mal duschen, bevor du näher kommst!“, mahnte er und rannte mit einem „Mama!“ aus dem Raum, als Heiner nun erst recht den Schritt beschleunigte. Doch statt dann, wie erwartet, auf seine Mutter zu treffen, die dem spielerischen Treiben ihrer Söhne auf liebevolle Weise ein Ende bereitete, begrüßte ihn ein harsches „Was ist denn hier los?!“. Sein Vater stand mitten im Raum, starrte auf seine Söhne, dann auf seine Frau am Weihnachtsbaum, die ein erschrockenes kleines Mädchen im Arm hielt und dann wieder auf seine Söhne.

„Wie weit ist Mirko bei Kellermanns? Wird der heute fertig?“, ging Heiner ungerührt an Dominik vorbei und nickte, als sein Vater murmelte, dass auf besagter Baustelle alles gut laufe.

„Alles klar, ich mach mich dann auf den Weg zu Truchowsky“, schnappte er sich dann den dazugehörigen Auftragszettel und stiefelte zum Ausgang, während Dominik mit einem leisen „Hi, Paps“ unter dessen stierendem Blick zu Lilli huschte und sie auf den Arm nahm.

„Ey, Kleiner! Sehen wir uns Weihnachten?“, zog Heiner dann noch mal die Aufmerksamkeit auf sich und tippte sich anschließend auf Dominiks Nicken hin gegen die Mütze und verschwand aus der Tür. Doch kaum war sein Bruder nur noch von hinten zu sehen, schaute der Lockenkopf wieder zu seinem Vater und fragte sich plötzlich, warum er es ernsthaft für eine gute Idee gehalten hatte, Lilli ausgerechnet hierher mitzunehmen. Da konnte es auch nichts ändern, dass seine Mutter liebevoll auf die Kleine einredet und ihr seicht über den Rücken streichelte – man konnte fast einen Countdown einstellen, in wie vielen Sekunden der Damm brechen würde.

„Ich hab gefragt, was hier los ist“, forderte Hinrich Preuss noch immer eine Erklärung und auch, wenn die Lautstärke dieses Mal geringer ausfiel, konnte man seinen Tonfall kaum als herzlich betiteln.

„Ich wollte nur kurz Christstollen vorbeibringen… Bin auch schon wieder weg“, antwortete Dominik darum und wiegte Lilli, als die nun prompt anfing zu schluchzen. Er schloss die Augen und seufzte aus. Blieb ihm denn heute gar nichts erspart?

„Gib sie deiner Mutter. Die kann gut mit Kindern“, kam da ein unerwarteter Rat, während Hinrich Preuss zum Tisch ging und die Mitbringsel begutachtete. Ein schiefes Grinsen konnten seine Worte Dominik zwar entlocken, aber mehr auch nicht.

„Nichts für ungut, Paps, aber Lilli kennt mich besser“, meinte er und hätte sich am liebsten zu Lillis Gemecker hinzugesellt, als sein Vater sich jetzt demonstrativ zu ihm umdrehte, die Arme vor der Brust verschränkte und sich an den Tisch lehnte, während er sich das Schauspiel, wie sein Sohn das weinende Kind beruhigt bekam, von der ersten Reihe aus anschauen wollte.

„Im Wagen kriegt sie sich schon wieder ein…“, murmelte der allerdings und wollte seinen Korb holen, um schnell in Oma Trudels wohliges Nest zu flüchten. Doch sein Vater war da offensichtlich anderer Meinung.

„Willst du mir erzählen, dass du konzentriert fahren kannst, wenn die Kurze auf der Rückbank Theater macht?“, fasste er seinen Sohn am Arm und zog ihn zurück Richtung Tannenbaum, während seine Frau leise fragte, was er vorhabe.

„Das Gleiche wie bei ihm früher, wenn er brammelig war!“, lautete die Antwort und mit einem beherzten Griff holte er die Fernbedienung der Lichterkette aus dem Baum, um Lilli dann anzustupsen und ihre Aufmerksamkeit auf den Baum zu lenken.

„Da, guck mal!“, deutete er hinüber und tippte dann auf den Schalter, wodurch sich die Farbe der Lichter änderte. Und dann noch einmal und noch einmal.

„Versuch mal“, hielt er Lilli die Fernbedienung anschließend hin und nickte auffordernd, als sie zögerte.

„Nimm ruhig“, unterstützte dann auch Dominik und lächelte sein kleines Bündel an, als es ihn fragend anschaute. Erst durch seine Ermunterung und weil er seinem Vater die Fernbedienung abnahm, um sie Lilli hinzuhalten, fasste sie genug Vertrauen. Doch kaum war die Skepsis über Bord geworfen und das erste vorsichtige Tippen erfolgt, strahlte das kleine Gesichtschen auch schon bald voller Freude über das neu gefundene Spielzeug. Mit Juchzen und Begeisterung bestaunte Lilli, wie sie die Farben der Lichterkette verändert bekam und jedes Mal eine etwas andere Stimmung entstand.

„Siehste?“, schien der Blick seines Vaters dabei zu sagen, während Dominik vielmehr ihn verwundert anschaute.

„Das hast du bei mir früher auch gemacht? Weiß ich gar nicht mehr…“, meinte er dann und bekam dafür ein belustigtes Schnauben.

„Du warst doch ständig am Flennen, weil die beiden Bombenleger dich geärgert haben“, verschränkte Hinrich Preuss die Arme vor der Brust und nickte dann mit der Frage, woher Dominik das Kind habe, zu Lilli.

„Fridos Nichte. Ihre Mama muss heute länger arbeiten, deswegen hab ich sie vom Kindergarten geholt und pass ein bisschen auf sie auf“, erklärte er und war nicht sicher, was er darauf antworten sollte, als sein Vater feststellte, dass er das wohl offensichtlich nicht zum ersten Mal mache.

„Ach, die Kleine mag mich halt…“, murmelte er darum und erntete sofort ein kritisches Stirnrunzeln.

„Erzähl mir doch nix! Du spielst öfter den Babysitter für die Kurze! Das sieht n Blinder mit Krückstock!“, bekam Dominik dafür zu hören und zuckte leicht die Schultern.

„Ist das so schlimm?“, fragte er und wieder schnaubte sein Vater aus.

„Wer hat denn gesagt, dass das schlimm ist? Du sollst bloß nicht versuchen, mich zum Narren zu halten. Da musst du schon früher aufstehen, Freundchen!“, hielt er fest, ohne so recht verstehen zu wollen, was seine Frau an dem kleinen Geplänkel so amüsant fand.

„Ich koch uns mal neuen Kaffee“, schlug sie hingegen vor, ohne näher darauf einzugehen und verschwand nach hinten, während ihre beiden Männer am Baum stehen blieben und dabei zusahen, wie Lilli sich mit der Fernbedienung austobte.

„Was ist mit dem Vater?“, fragte Hinrich Preuss dann nach einem Moment der Stille und nickte vielsagend zu Lilli, während Dominik kurz überlegte, wie er am besten antworten sollte.

„Ist wie bei Onkel Jannis erster Ehe…“, umschrieb er die Situation deshalb dezent und wieder nickte sein Vater.

„Immer blöd für die Kinder“, meinte er und ging zu seinem Schreibtisch, um sich an der Schubladen zu schaffen zu machen. Dieses Mal stimmte sein Sohn ihm mit einer Geste zu und musste auch ein wenig Lächeln, als er so verhältnismäßig viel Anteilnahme bei seinem Vater erkannte.

„Und sonst? Heizung tuts noch?“, erkundigte der sich zudem nebenbei und schien zufrieden, als Dominik freudig erzählte, dass alles prima laufen würde. Und dass er inzwischen sogar seine ersten Bilder verkauft habe.

„Wurd aber auch mal Zeit!“, äußerte Hinrich Preuss seine Anerkennung dafür natürlich auf seine Weise und wollte ebenso wenig überraschend wissen, wie viel Dominik eingenommen hatte. Konnte man wenigstens ein paar Scheiben Brot von dem Verdienst kaufen? Sein Sohn grinste und nannte ihm die Summe – durchaus genug, um auch wohl ein paar Laibe Brot daraus zu machen.

„Und wehe, du fragst jetzt wieder, ob ich dafür noch was anderes verkaufen musste!“, warnte er allerdings ebenso und runzelte die Stirn, als sein Vater ihm plötzlich einen Schokoweihnachtsmann in die Hand drückte.

„Äh… Danke…“, murmelte er irritiert, aber sein Vater schüttelte den Kopf.

„Für die Kleine. Viel Spaß damit, ihr die Fernbedienung wieder weg zu nehmen. Und wenn sie dabei was kaputt macht, ersetzt du das, Krösus“, klopfte er ihm spöttisch auf die Schulter und schlenderte zurück an seinen Platz, um sich an den unliebsamen Papierkram zu begeben. Dominik aber schnaubte belustigt aus. Wäre doch gelacht!

„Hey, Spätzchen, guck mal! Möchtest du?“, hielt er ihr den Schokokumpan hin und grinste, als Lilli im Handumdrehen großes Interesse zeigte.

„Okay, du kriegst den hier, wenn du mir die Fernbedienung gibst“, schlug er also vor und nickte triumphierend, als Lilli den Weihnachtsmann sofort an sich nahm. Mit dem Rausrücken der Fernbedienung war sie zwar etwas zögerlich, aber das würde etwas gutes Zureden sicherlich schnell ändern.

„Prima, dann musst du mir nur noch die Fernbedienung geben“, erinnerte er sie noch mal daran, dass es ja ein Tausch war – und erntete ein sehr entschiedenes „Nein“, ehe Lilli sich wieder von ihm abwendete und weiter mit der Lichterkette spielte. Also versuchte er es noch einmal – mit dem gleichen Erfolg und so langsam schwante ihm, dass er eventuell etwas anders an die Sache hätte herangehen sollten. Besonders nach dem dritten glücklosen Versuch und dem amüsierten Ausspruch seines Vaters: „Immer erst die Belohnung geben, wenn du den Lütten das Spielzeug abgenommen hast“.

3.12.2024: Donnern

Dunkel war der Abend und gab den Blick auf alle Nuancen und Farben von Beleuchtung innerhalb und außerhalb der Häuser frei, die ihren Weg auf der Heimfahrt säumten. Straßenlaternen vermischten sich mit Scheinwerfern, Fahrradlampen und den vielen verschiedenen Weihnachtsbeleuchtungen in Vorgärten und hinter Fensterscheiben. Einige ganz dezent und spartanisch und andere so überbordend, dass es beinahe wirkte, als hätte Weihnachten selbst sich auf diese Fleckchen Erde übergeben. Bewundernswert und kitschig zugleich war es anzusehen, wie viel Liebe da in einigen Details steckte, aber vor allem faszinierte es ihn immer wieder, wie unterschiedlich der Anblick einer Stadt bei Tag und bei Nacht sein konnte.

„Sag mal, die Klempnerei da vorne, ist das eigentlich Verwandtschaft mit unserem Preuss?“, holte die Stimme seiner Kollegin ihn aus seinen Gedanken, während der Busfahrer für einen kleinen Zwischenstopp abbremste. Es wohnten ja nicht alle Studenten auch in Campusnähe. Einige pendelten aus den anliegenden Städten jeden Tag zur Uni und diejenigen, deren Heimatstädte auf dem Weg zwischen Campus und Ausflugsziel durchquert werden mussten, durften zumindest auf der Rückfahrt etwas individueller aussteigen. Ein kleines Entgegenkommen der Dozenten, nachdem diese Studenten wenigstens am Morgen gesammelt mit allen anderen hatten starten müssen.

„Ja, sind Dominiks Eltern…“, murmelte Frido, während er Bettinas Blick zur gegenüberliegenden Straßenseite folgte und kurz daran dachte, wie ironisch es eigentlich war: Jetzt hatte ihn der Weg bei Besuchen von Dominiks Oma oder selbst für einen Studienausflug schon mehrfach an dem Betrieb vorbeigeführt und trotzdem war er noch nie über die Türschwelle getreten.

„Ach, sag bloß!“, meinte seine Kollegin überrascht, wohingegen er nur die Schultern zuckte. Vielleicht aus Müdigkeit nach dem vielen Laufen, Reden und Sitzen im Bus, aber vielleicht auch, weil ihm Hinrich Preuss egaler kaum sein konnte. Doch dann entdeckte er etwas, das ihm ganz und gar nicht einerlei war.

„Moment mal, mein Auto!“, erkannte er plötzlich, dass der Wagen, der da vor der Klempnerei stand, ihm verflucht bekannt vorkam.

„Bist du sicher?“, fragte Bettina, aber für ihn bestand kein Zweifel.

„Ja, ganz sicher! Dominik wollte zwar heute her kommen, aber warum ist er um diese Zeit noch hier?“, murmelte er, während er einen Blick auf seine Uhr warf und noch verwirrter war, weil sie sogar bereits über die ursprünglich angesetzte Zeit zur Rückkehr hinaus waren.

„Willst du ihn anrufen und fragen, was los ist?“, fragte Bettina, aber er schüttelte den Kopf.

„Solange wartet der Bus nicht…“, nuschelte er und saß noch mehr auf glühenden Kohlen, als ein Blick aufs Handy verriet, dass von Dominik keinerlei Nachricht eingegangen war.

„Ja los, dann steig aus und guck, ob alles in Ordnung ist! Notfalls nimmst du n Taxi zurück!“, schien seine Kollegin zu ahnen, was ihm im Kopf herumging und rief dem Busfahrer zu, dass er noch kurz warten solle, als der gerade die Türen schloss und weiterfahren wollte. Begeistert war er von der zusätzlichen Verzögerung nicht, aber trotzdem ging er darauf ein, während Frido seine Jacke und Tasche aus dem Gepäckfach über seinem Sitz zog.

„Und du bist sicher, dass ich euch allein lassen kann?“, fragte er dabei und erntete dafür ein belustigtes Schnauben seiner Kollegin.

„Na, die paar restlichen Meter komm ich schon allein klar. Das sind ja keine kleinen Kinder mehr, sondern erwachsene Leute!“, spöttelte sie und grinste, als er mit einem „Danke! Hast was gut bei mir!“ aus dem Bus sprang. Er konnte zwar noch hören, dass sie ihm etwas nachrief, doch das wurde von den sich schließenden Türen halb verschluckt und von den Autos, die gerade am Bus vorbeifuhren. Während Frido wartete, dass er die Straße überqueren konnte, zog er sich die Jacke über und ging dann eiligen Schrittes zur anderen Straßenseite. Schon vor Betreten des Firmengeländes konnte er erkennen, dass Dominiks Vater noch am Schreibtisch saß und Telefonate führte, wohingegen alles andere bei Preuss und Söhne längst zappenduster war. Nur die angrenzende Straßenlaterne spendete ausreichend Licht zur Orientierung. Doch offensichtlich verbarg sich auch noch irgendwo ein Bewegungsmelder, der zuverlässig seine Arbeit tat, als Frido den Gehweg verließ und ihm mit einem Scheinwerfer die letzten Meter bis zur Ladentür ausleuchtete. Damit hatte sich dann wohl auch die Frage erübrigt, ob er Dominik erst einmal anrufen wollte, ehe er sich auf das Wagnis einließ, Hinrich Preuss gegenüber zu treten. Denn natürlich war der sofort auf den vermeintlichen Eindringling aufmerksam geworden und reckte bereits den Hals.

„Das kann dann ja wieder ein Donnern und Zetern geben…“, seufzte Frido, während er im Vorbeigehen einen ersten Blick zu seinem Wagen warf und dabei nicht feststellen konnte, dass irgendetwas beschädigt schien. Vielleicht ein Motorschaden? Oder vergessen zu tanken? Wäre ihm nicht das erste Mal passiert, wenn er ehrlich war. Und auch, wenn Dominik normalerweise besser auf so was achtete, war der aktuell so am rotieren, dass Frido so ein Versäumnis selbst bei ihm nicht verwundert hätte. Aber das bekäme er dann sicherlich gleich direkt als Erstes brühwarm aufs Brot geschmiert. So schätzte er seinen künftigen Schwiegervater zumindest durchaus ein.

„N´Abend Herr Preuss…“, zeigte Frido sich dennoch von seiner höflichen Seite, als er die Tür erreichte und der Firmeninhaber bereits parat stand, um sich den ungebetenen Gast mal etwas genauer anzugucken.

„Machen Sie denn hier?“, wusste er dabei wie immer mit seiner lieblichen Art zu verzaubern und Frido freute sich schon jetzt auf den weiteren Verlauf dieses Gesprächs.

„Ich hab gesehen, dass mein Auto da noch steht. Ist Dominik hier?“, ging der Dozent trotzdem über den freundlichen Tonfall seines Gegenübers, das ihn jetzt erst einmal einen Moment schweigend anschaute, hinweg.

„Sehen Sie ihn hier irgendwo? Ich nicht“, ließ er dann demonstrativ den Blick über seine Geschäftsräume wandern, ehe er ihn wieder an Frido heftete und die Arme vor der Brust verschränkte, als müsse er gerade den Türsteher mimen.

„Schon verstanden…“, hatte Frido allerdings wenig Interesse daran einzutreten und zog lieber sein Handy hervor.

„Ich werd ihn schon finden. Schönen Abend noch“, wünschte er also und wendete sich ab, doch so weit, dass er Dominiks Nummer heraussuchen konnte, kam es gar nicht.

„Bei meiner Schwiegermutter“, antwortete Hinrich Preuss plötzlich, als sein kleines Katz- und Mausspielchen ein jähes Ende finden sollte und bekam von Frido darauf einen nicht wenig verwunderten Blick. Einerseits hätte er ihm zugetraut, dass er ihm einen Bären aufbinden wollte, andererseits ergab es durchaus Sinn, dass Dominik noch bei seiner Oma war und ohnehin hatte Frido ja die Möglichkeit, ihn zu kontaktieren, ehe er sich an die Schnitzeljagd begab.

„Danke…“, nickte er also und verkniff sich die Frage, warum sein Wagen dann noch an der Firma stand. Das konnte er auch später noch herausfinden.

„Wie gesagt, einen schönen Abend noch“, wollte er dann seinen Weg fortsetzen, aber die Sache mit dem Bären war offensichtlich noch nicht gegessen. Zumindest in einem anderen Sinne.

„Ihre Kleine hat ihr Kuscheltier hier vergessen! Wollen Sie das nicht mitnehmen?!“, erklang es nämlich plötzlich in ganz selbstverständlicher Manier und ließ Frido stocken, während der erst einmal das Gehörte sortieren musste.

„Wie, meine Kleine hat ihr… Moment mal… Er hat Lilli mit hierher gebracht?!“, fiel es ihm dann nur allzu schwer, sein Entsetzen nicht vollends heraus zu posaunen, wohingegen Hinrich Preuss mit einer Mischung aus Belustigung und Abwertung ausschnaubte.

„Ja, meinen Sie vielleicht, ich spiel noch mit Teddys?“, spottete er und ging in sein Büro, während Frido zwar wieder etwas näher an die Eingangstür herantrat, aber trotzdem draußen stehen blieb. Er war nicht sicher, ob er diese Grenze wirklich überschreiten sollte und vor allem wurde ihm gerade ein bisschen schlecht bei dem Gedanken daran, dass seine geliebte kleine Nichte auf dieses Ekelpaket getroffen war. Wenn er sie auch nur im Ansatz so wie Dominik behandelt hatte! Und was war dem eigentlich in den Sinn gekommen, dass er – Moment! Da fiel Frido das Gespräch mit Juli vor zwei Wochen ein und er seufzte resigniert aus. Stimmte ja, er hatte ihr sofort gesagt, dass er wegen des Ausflugs keine Zeit hatte und Dominik war mal wieder eingesprungen…

„Danke…“, murmelte er daher ein wenig reumütig, als Hinrich Preuss wieder vor ihm stand und ihm Lillis Kuscheltier unter die Nase hielt. Er wollte sich gar nicht ausmalen, was Dominik schon wieder hatte durchstehen müssen, weil sein Vater jetzt auch noch mitbekommen hatte, dass er manchmal den Babysitter für die Nichte seines verkommenen Freundes spielte. Er nahm also das Kuscheltier und wollte jetzt noch schneller zu seinem Dominik, um ihn in die Arme zu schließen und zu trösten, doch dessen Vater war da offensichtlich anderer Meinung. Er hielt den Teddy nämlich weiterhin fest, bis Frido ihn fragend anschaute und er sicher sein konnte, dass der Dozent mit seiner Aufmerksamkeit auch wirklich wieder bei ihm war.

„Sie sollten die Kleine übrigens nicht so verhätscheln“, ließ er erst dann los und verschränkte die Arme wieder vor der Brust, während Frido ihn perplex anstarrte.

„Wie bitte?“, murmelte und zweifelte im ersten Moment an seinen Ohren.

„Ist schlimm genug, wenn die Eltern sich trennen, aber man tut den Kindern keinen Gefallen damit, sie dann wegen irgendwelcher Schuldgefühle zu verziehen. Die Kleine hat längst raus, dass sie nur einmal päpen muss, damit alle Erwachsenen um sie herum sofort springen. Damit erziehen Sie sie aber zur Unselbstständigkeit! Wie soll die denn später mal auf eigenen Beinen stehen, wenn sie jetzt so verwöhnt und bepudert wird?“, schaute er Frido eindringlich an, während der gerade nicht wussten, ob er lachen oder wütend werden sollte.

„Nichts für ungut, Herr Preuss, aber ich glaube kaum, dass wir Ihre Erziehungstipps brauchen. Bei allem gebührenden Respekt!“, wurde es eine Mischung aus beidem, bei der Frido zwar schmunzelte, es aber eher eine Übersprungshandlung für seinen Ärger darstellte. Ausgerechnet dieses kaltschnäuzige Arschloch wollte ihm was über Kindererziehung erzählen? Jetzt schwankte er doch wirklich zwischen der Überlegung, ihn einfach stehen zu lassen und zu gehen oder sich auf eine richtige Diskussion einzulassen, bei der er ihm mal ordentlich die Meinung geigen konnte.

„Was kommt denn heute bei diesen ganzen Helikoptereltern raus? Die Blagen müssen inzwischen doch schon bis ins Klassenzimmer gefahren werden und teilweise machen die Alten auch noch ihre Hausaufgaben! Die werden zur Unselbstständigkeit erzogen und meinen gleichzeitig, alles würde immer nur nach ihrer Pfeife tanzen! Ihre Kurze hat keine Lust das Stück bis zu meiner Schwiegermutter mit dem Auto zu fahren, also wird solange gequengelt, bis Dominik sich breitschlagen lässt und zu Fuß mit ihr da hin geht. Und wir wissen doch wohl beide, wie weit Kinder in dem Alter schon laufen können! Also wird er sie nach den ersten paar Metern auf den Arm genommen und getragen haben, so wie ich den einschätze! Finden Sie das gut?! Wie soll Ihre Lilli sich später mal auf dem Arbeitsmarkt zurecht finden, wenn Sie ihr beibringen, dass sich immer alles nur um sie dreht?“, geigte nun hingegen erst einmal ein anderer die Meinung und ließ sich davon auch nicht abbringen, als Frido versuchte, dagegen zu sprechen.

„Herr Preuss…“, begann er zwar, aber ohne überhaupt dazwischen zu kommen.

„Ich bin für ne Firma mit sechs Mitarbeitern verantwortlich, meine Söhne nicht eingerechnet. Und hatte früher n Stall mit drei Kindern. Was meinen Sie wohl, was von meiner Firma und meinem Haus übrig geblieben wäre, wenn ich die alle mal so hätte machen lassen, wie sie wollten? Genau! Nicht viel! Die beiden Bombenleger zuhause hätten mir wahrscheinlich bei einer ihrer blöden Aktionen die Hütte abgefackelt und mit Angestellten muss man auch immer aufpassen, dass die einem nicht auf der Nase rumtanzen! Sonst fährt man die Karre irgendwann vor die Wand! Mir ist schon klar, dass das kleine Sensibelchen mit meinen Erziehungsmethoden nicht immer einverstanden war, aber Fakt ist, dass trotzdem selbstständige Männer aus meinen Jungs geworden sind! Die haben nicht erst mit Auslandsreisen und irgendwelchen Selbstfindungsphasen rumgeeiert, bis es ihnen dann doch mal genehm war, ins Berufsleben einzusteigen! Nein, die sind alle drei mit sechzehn in die Ausbildung gestartet und haben was aus ihrem Leben gemacht!“, platzte es in seiner Rage aus ihm heraus und plötzlich hielt er einen Moment inne, während Frido erstaunt die Augenbrauen hob. Wie war das grad gewesen?

„Alle drei? Etwa auch der Jüngste?“, konnte er sich eine kleine Stichelei und ein Schmunzeln nun doch nicht mehr verkneifen, wohingegen sein Gegenüber zunehmend aussah, als schwappe ihm gerade die Galle in den Mund.

„Den Hochmut können Sie sich klemmen! Früher oder später werden Sie noch merken, dass ich recht hatte!“, war jedoch alles, was er Frido noch entgegenbrachte, ehe er ihm die Tür vor der Nase zuknallte und wegging. Ja, dachte Frido sich, es war die richtige Entscheidung gewesen, die Schwelle nicht zu übertreten. Und trotzdem spürte er, wie die Worte von Hinrich Preuss noch nachwirkten, während er zum Auto ging, während er die Adresse von Dominiks Großmutter ansteuerte und auch noch, während er die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufstieg. Erst, als er dort gerade die Klingel betätigen wollte und sich just in dem Moment die Tür öffnete, war er wieder voll und ganz mit seinen Gedanken im Hier und Jetzt.

„Oh, hallo Frau Preuss!“, erfreute ihn diese Begegnung nun deutlich mehr als die vorherige und sorgte trotzdem für einige Irritation bei ihm.

„N´Abend Frido. Kommen Sie rein. Aber leise“, flüsterte sie und hielt sich vielsagend den Finger vor die Lippen, während sie beiseite trat und ihn in die Wohnung ließ. Fragend schaute er sie an, während sie ihn ins Wohnzimmer führte und er nicht recht wusste, ob er bei dem Anblick, der ihm dort geboten wurde, auflachen oder vor Glückseligkeit dahinschmelzen sollte. Dort saßen sie alle beisammen auf der Couch, ganz rechts Oma Trudel mit einem Fotoalbum auf dem Schoß, daneben Lilli und zur Linken Dominik – die Augen genauso geschlossen wie die beiden Damen.

„Mutti hat ihr ein paar Kinderfotos von Dominik gezeigt und ihr Geschichten von früher erzählt und dabei hat sie sich selbst mit in den Schlaf geredet“, schmunzelte Rosanna und fragte Frido, ob er noch etwas von dem Kuchen wolle, den Oma Trudel extra für den heutigen Besuch gebacken hatte.

„Oder lieber ein paar Schnitten? Wir hatten schon Abendbrot, aber es ist noch genug da, wenn Sie mögen“, bot sie an hielt sich kichernd die Hand vor den Mund, als Fridos Magen schon für ihn antwortete.

„Wenns nicht zu viel Mühe macht gerne erst was vom Abendbrot und dann ein Stück Kuchen“, grinste er schief und folgte ihr in die Küche, wo er als Erstes sein Handy hervorholte, während Rosanna sich um das Essen kümmerte.

„Ich ruf mal eben meine Schwester an… Die macht sich bestimmt langsam Sorgen“, murmelte er dabei, aber seine Gastgeberin schüttelte den Kopf.

„Dominik hat ihr heute Nachmittag schon Bescheid gesagt“, brachte sie ihn auf den neuesten Stand und beantwortete dabei auch seine Frage, warum er bei seinem Eintreffen kein Auto gesehen hatte, das er der Familie Preuss zugeordnet hätte.

„Hinrich hat mich gebracht und holt mich nachher wieder ab. War er noch in der Firma, als Sie Ihren Wagen geholt haben?“, wollte sie hingegen wissen und ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie auch keine andere Antwort erwartet hatte, als die, dass ihr Mann noch immer mit der Arbeit beschäftigt war.

„Jetzt wissen Sie, woher Dominik dieses Arbeitswütige hat“, schmunzelte sie dabei und erkundigte sich, wie Fridos plötzliches Erscheinen zustande kam.

„Wollten Sie ihn nicht eigentlich anrufen, wenn er sich auf den Weg machen soll, um Sie abzuholen?“, fragte sie und trug das Frühstücksbrettchen mit belegtem Brot zum Tisch, um sich dann Frido gegenüber zu setzen und ihm beim Essen Gesellschaft zu leisten.

„Ja, hatte sich eher durch Zufall ergeben…“, erzählte er ihr dafür von seiner spontanen kleinen Planänderung und auch, wenn er sich in Zurückhaltung übte, als seine Geschichte sich um ihren Mann drehte, trug Rosanna Preuss wohl nicht umsonst den aufmerksamen Blick ihres Sohnes.

„Was hat er sich dieses Mal wieder geleistet?“, fragte sie überraschend direkt und auch, wenn Frido einen Moment über die Frage nachdachte, beantwortete er sie schließlich doch mit einem Schmunzeln.

„Ihm ist rausgerutscht, dass er seine Söhne recht gut geraten findet. Alle drei, wohlgemerkt. Und ich glaube, das war ihm in meiner Gegenwart etwas unangenehm“, antwortete er und konnte sich ein Lachen dann doch nicht mehr verkneifen, als Rosanna herausrutschte, dass er ihren Mann für so eine Äußerung wohl ziemlich verstimmt haben musste.

„Da war er dann aber brastig, wenn er Dominik in Ihrer Gegenwart so offen gelobt hat. Womit haben Sie ihn denn geärgert?“, erkundigte sie sich, woraufhin Frido am liebsten gesagt hätte: „Mit meiner Gegenwart!“, aber stattdessen besann er sich auf das eigentliche Thema der Diskussion. Oder zumindest wollte er das, denn da brach ihr Gespräch durch ein Klingeln an der Wohnungstür jäh ab.

„Wer ist das denn jetzt?“, sprang Rosanna auf und huschte in den Flur, während Frido ihr langsam folgte und bei einem Blick ins Wohnzimmer mit Bedauern sehen musste, dass alle drei müden Geister aus ihren Träumen gerissen worden waren. Verschlafen und orientierungslos rieben sie sich die Augen und gähnten, während Frido bei einem Blick zu Rosanna deren Mann schon das zweite Mal an diesem Abend in einem Türrahmen stehen sah.

„Hinrich, ich hab doch noch gar nicht angerufen…“, meinte sie verwundert, aber der rauschte bereits an ihr vorbei, versah Frido kurz mit einem tödlichen Blick, ehe er erst suchend in die Küche schaute und dann ins Wohnzimmer stapfte, wo er Rosannas Handtasche auf einem Sessel liegen sah.

„Ich hab n Notfall reingekriegt! Wasserrohrbruch! Ich weiß nicht, wie spät das wird! Entweder fahr ich dich erst eben nach hause oder du musst hier übernachten!“, schnappte er sich die Tasche und drückte sie seiner Frau in die Hand, um seinem Sohn dann einen zweifelnden Blick zuzuwerfen, als der ihn plötzlich fragte, ob er Hilfe brauche.

„Du bist völlig verpennt! Geh schlafen!“, lautete die Antwort, während fast im gleichen Atemzug die Frage kam, ob Rosanna nun bleiben oder mitkommen wolle.

„Nein, ich komm mit…“, winkte sie kurz in die Runde und folgte ihrem Mann dann zur Tür, doch dieses Mal stoppte Frido ihn.

„Wenn Sie möchten, können wir Ihre Frau auch nachher mitnehmen. Wir müssen auf dem Nachhauseweg eh in die Richtung“, rief er ihm nach und schenkte Dominik ein kurzes Lächeln, als der an der Wohnzimmertür erschien und ihn mit einem verwunderten „Wo kommst du denn her?“ begrüßte. Vielleicht nicht unbedingt verwundert, dafür aber äußerst skeptisch fiel der Blick seines Vaters hingegen aus. Ihm war anzusehen, dass ihm die Zeitersparnis durchaus gelegen käme, aber hier ging es immerhin um das Wohlergehen seiner Frau!

„Hinrich, fahr ruhig. Ich nehm das Angebot gerne an“, legte die ihm allerdings lächelnd die Hand an den Arm, ehe sie fragte, was mit den beiden älteren Söhnen sei.

„Brauchst du Unterstützung? Hast du einen von den beiden schon angerufen oder soll ich das für dich machen?“, wollte sie wissen, während er noch immer Frido fixiert hielt.

„Die haben Feierabend! Das krieg ich alleine hin!“, murrte er und hob dabei den Finger, um mit der Genauigkeit einen Dartspfeils auf Frido zu deuten.

„Meine Frau kommt wohlbehalten zuhause an, sonst lernen Sie mich kennen! Verstanden?“, zischte er und schmälerte die Augen, während Frido eher belustigt war und Rosanna ihrem Brummbären einen Kuss auf die Wange gab.

„Ist schon gut. Nun fahr“, tätschelte sie ihm den Arm und kicherte leise, als er sich murrend umdrehte und genauso elegant die Wohnung verließ, wie er sie betreten hatte.

„Sonnenscheinchen…“, murmelte Frido dabei, doch überraschenderweise zeigte ausgerechnet Dominik sich sehr verständnisvoll.

„Er weiß halt, dass Mama nicht gern Auto fährt und sich bei ihm am sichersten fühlt…“, zuckte er leicht die Schultern und lächelte, als Frido verwundert die Augenbrauen hob. Die Frage dahinter war nur allzu offensichtlich, aber trotzdem schüttelte sein Freund den Kopf.

„Erklär ich dir später…“, meinte er und fasste Fridos Hand, um ihn ins Wohnzimmer zu führen, wo Lilli juchzend von der Couch rutschte und auf ihn zugelaufen kam, während Oma Trudel sogleich das Album beiseite legte.

„Hast du schon was gegessen?“, war ihre erste und wichtigste Frage an ihn, um dann ihrer Tochter einen Rüffel zu verpassen, als sie erfuhr, dass die sich bereits um den Überraschungsgast gekümmert hatte.

„Was, und da weckst du mich nicht?!“, meinte sie fassungslos, während Dominik in die Küche flitzte, um Fridos Essen zu holen und der mit einem Schmunzeln feststellte, dass er da eine gewisse Familienähnlichkeit erkennen konnte.

4.12.2024: Glanznummer

Weihnachten. Das Fest der Liebe, der Geschenke und der geschmückten Tannenbäume. Eine Beschreibung, die zwar nicht für alle Familien galt, aber durchaus für die Familien Klimlau und Preuss. Da durfte dann natürlich auch das obligatorische Sippentreffen an den einzelnen Weihnachtsfeiertagen nicht fehlen, bei denen die Besuche fein säuberlich so aufgeteilt wurden, dass keiner der jeweiligen Verwandten sich benachteiligt fühlte. Und damit die festliche Stimmung nicht vollends in die Binsen ging, stand für Dominik und Frido zuerst die Reise ins Elternhaus des Lockenkopfes an. Der Grund für dieses Timing war zwar ein anderer, aber trotzdem fühlte Frido sich nicht wenig erleichtert, dass die Fahrt zu seinen Eltern erst am kommenden Tag folgte. So konnte er sich immerhin noch die restlichen Festtage über an Weihnachten erfreuen, nachdem Dominiks Vater sicherlich den Grinch spielen und die allgemeine Stimmung in Windeseile auf den Nullpunkt katapultieren würde. Erst recht, weil das Aufeinandertreffen nicht erst abends, sondern schon am frühen Nachmittag begann.

„Eigentlich schade, dass Lilli heut nicht mitkommt. Sie fand den Baum in der Firma ja schon super, aber der ist nichts gegen bei uns Zuhause!“, erfüllte Dominik bereits am Frühstückstisch eine gewisse Vorfreude, während Frido noch immer etwas mit der Vorstellung haderte, dass Familie Preuss für geselliges Beisammensein zusammenkam, um gemeinschaftlich den Baum zu schmücken – in früheren Jahren bereits zum ersten Advent, doch seit die Kinder aus dem Haus waren, indem sich am Heiligen Abend frühzeitig für dieses Event getroffen wurde.

„Kann ich mir irgendwie gar nicht ausmalen, dass dein Vater beim Baumschmücken hilft“, murmelte Frido und musste schnell feststellen, dass es nicht vonnöten war, sich mit der Ausarbeitung dieses Hirngespinst weiter abzuplacken.

„Na ja, wie mans nimmt… Früher hat er meistens daneben gestanden und aufgepasst, dass Mama nicht von der Leiter fällt, wenn sie den oberen Teil geschmückt hat. Seit Heiner und Basti älter waren, haben die den Teil dann übernommen und er hat sich nicht mehr darum gekümmert. Seitdem macht ers wie mein Großvater früher: Um halb zwei wird die Firma geschlossen und er ist meist noch bis halb drei, drei Uhr da, ehe er das Telefon auf Zuhause umstellt und dann auch rüber kommt“, erklärte sein Lockenkopf, während er Frido eine Weintraube aus dem Müsli klaute und dann den restlichen Vormittag damit verbrachte, der Abfahrt entgegen zu fiebern.

„Haben wir alles?“, hieß es dann pünktlich um ein Uhr, als sie geschniegelt und gekämmt an der Wohnungstür standen, die Geschenke unter den Arm geklemmt hatten und sich auf den Weg machen wollten.

„Ja..“, antwortete Dominik, um dann doch noch einmal zu kontrollieren, dass keines der Präsente vergessen worden war und sein bestes Hemd, das bei dieser Gelegenheit endlich mal wieder Ausgang bekam, auch wirklich keine Flecken spazieren trug.

„Ich wusste gar nicht, dass dir der Tag heute so wichtig ist…“, murmelte Frido, während er ihm dabei zuschaute und erst jetzt so richtig erkannte, dass sein Freund die letzten Wochen über wohl nicht nur von seiner allgemeinen Vorfreude auf Weihnachten angetrieben worden war.

„Ich war jetzt ja ein paar Jahre nicht mehr mit dabei… und die beiden Pappnasen sollen mal sehen, dass ich inzwischen nicht mehr „der Kleine“ bin, der sich immer ihre blöden Sprüche anhören durfte, weil er in Jogginghose und Pulli am Esstisch gehockt hat“, strich er sich das Hemd noch einmal glatt und zog dann seine Jacke an, während Frido etwas überrascht wirkte.

„Klingt ja fast so, als hättet ihr einen Dresscode mit Anzug und Krawatte“, scherzte er, um dann das Grinsen zu verlieren, als er hörte, dass die Annahme vielleicht nicht allzu weit weg war.

„Krawatte nicht, aber Anzug oder zumindest Hemd schon… Deswegen hab ich früher ja auch immer Mecker gekriegt. Aber soll ich dir was sagen? War mir egal“, gab Dominik zu, wobei die feine Nuance in seiner Stimme verriet, dass seine Kleidung damals vielleicht nicht nur der Gleichgültigkeit, sondern auch einer Spur Aufmüpfigkeit geschuldet gewesen war. Bei seinem Freund war er hingegen alles andere als renitent, als der sich erkundigte, ob er sich lieber noch etwas besser kleiden solle.

„Jetzt hab ich noch Zeit dafür, aber wenn wir erst mal im Auto sitzen…“, murmelte er, während er einen Blick in den Spiegel warf und Dominik ihn lachend umarmte.

„Du trägst n Hemd, n Sakko und die passende Hose dazu. Das reicht! Anzug ist echt nicht nötig!“, gab er ihm einen Kuss auf die Wange und zog ihn dann aus dem Schlafzimmer. Nun hatten sie wirklich genug getrödelt. Immerhin sollte Oma Trudel ja nicht unnötig auf sie warten müssen, nachdem sie schon angeboten hatten, sie mitzunehmen. Die freute sich allerdings nicht nur darüber, dass zwei so galante Herren sie an der Tür abholten und dann zu ihrer Kutsche geleiteten, sondern vor allem, dass einer von ihnen ihr Nicki war.

„Ach, ist das schön, dass du dieses Jahr wieder mit uns allen zusammen feierst!“, tätschelte sie ihm die Wange, während er ihr half einzusteigen und er nickte leicht. Ja, dachte Frido, da war die Reue nur allzu offensichtlich, weil der Lockenkopf sich in den vergangenen Jahren nur bei seiner Oma hatte blicken lassen und beim vorherigen Weihnachtsfest sogar nur mit einem kurzen Anruf bei ihr geglänzt hatte. Und er hoffte, dass die restliche Familie seinen Freund dieses Fehlen nicht zu sehr spüren ließ. Doch zumindest bei dessen Mutter erwies sich diese Sorge als unbegründet.

„Was hast du dich chic gemacht!“, war das Erste, was ihr auffiel, als ihr Sohnemann nach der Begrüßung aus seiner Jacke schlüpfte und sie an der Garderobe aufhing. Er grinste, wohingegen Rosanna Preuss selbst in einem festlich eleganten Kostüm zu glänzen wusste. Und während Frido mit Oma Trudel am Arm im Eingangsbereich des Hauses stand, konnte er schon ein bisschen erahnen, was Dominik damit gemeint hatte, dass seine Mutter Weihnachten liebte. Eine Girlande schmückte den Treppenaufgang in den ersten Stock, Winterbilder hingen an der Tür, davor begrüßten bereits Holzaufsteller den Besucher und von den vielen kleinen weiteren Details, die überall standen und hingen, brauchte man gar nicht erst anzufangen. Und da kam dann auch schon die nächste Weihnachtsbegeisterte die Treppe hinunter, die zwar nicht so feierlich, dafür aber herrlich kitschig gekleidet war; mit Nikolausmütze, rot-weißer Jogginghose und passendem Pullover, der vor besinnlichen Motiven nur so platzte.

„Dominik! Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen!“, strahlte sie ihn schon von weitem an und verlor keine Zeit, erst die Oma und dann den Lockenkopf zu umarmen, ehe sie Frido die weihnachtlich lackierte Hand entgegen streckte.

„Hi! Ich bin Martina, Heiners Frau! Er duscht noch eben und kommt dann auch gleich!“, stellte sie sich vor und schien nicht so abgeneigt wie andere Familienmitglieder aus dem Hause Preuss, den neuesten Zuwachs willkommen zu heißen.

„Du hast dich ja fertig gemacht…“, zeigte sich hingegen Oma Trudel etwas verwundert und schaute ihre Tochter bei Martinas Erklärung ratlos an.

„Der Arzt hat gesagt, ich soll mich nicht stressen und drauf achten, was mir gut tut. Und zu viele Kekse essen und mich in völlig bescheuerte, aber total bequeme Klamotten zu werfen tut mir gerade sogar sehr gut!“, grinste Martina und nahm ihre Worte als Begründung für einen kleinen Abstecher in die Küche, hinüber zur Plätzchendose, während der Rest der Familie das Wohnzimmer ansteuerte. Und dort verstand Frido nun auch, was Dominik über den Tannenbaum gesagt hatte: Die Zimmerdecke war gute drei Meter hoch und der Baum gleich auch. Oder zumindest fast, da ja noch ein paar Zentimeter Luft für die Christbaumspitze bleiben mussten.

„Warten wir, bis Christina und Basti kommen oder fangen wir schon mal mit dem Schmücken an?“, fragte Dominik, während Frido seine Oma zu deren Stammplatz auf einem der Sessel führte und Rosanna leise Weihnachtsmusik anstellte. Martina teilte ihre frisch gefangenen Kekse und hatte eine recht pragmatische Ansichtsweise: Es war genug Baum da, damit die Nachzügler auch noch was zu tun bekamen. Also stürzten sie sich auf die Kartons mit Lichterketten, Anhängern und anderem Schmuck, die bereits vor dem Baum und auf dem Wohnzimmertisch parat standen, während Oma Trudel Geschichten erzählte, hier und da vor Freude mit den Beinen wippte und Frido schnell seinen Stammplatz an ihrer Seite bekam.

„Willst du auch?“, hatte Dominik ihn zwar gefragt, aber schon das strategische Vorgehen beim Öffnen der Verpackungen hatte dem Dozenten verraten, dass hier Profis am Werke waren, die genau wussten, welche Kugel wohin gehörte. Da hielt er sich mal lieber dezent im Hintergrund, um nicht versehentlich in ihre Pläne zu pfuschen und fand sich dabei auch relativ schnell in bester Gesellschaft wieder. Während nämlich auch Sebastians Verlobte, Christina, eifrig beim Verschönern des schnöden Grüns unterstützte, steuerten ihr Zukünftiger und dessen Bruder nach der Begrüßung sogleich die Couch an und ließen sich mit zufriedenem Seufzen darauf nieder. Ein wenig wirkte es, als wolle man schon einmal für die Zeit nach dem Festmahl proben und beweisen, dass die Hemden und Hosen zumindest vor dem großen Schmausen auch im Sitzen noch saßen.

„Wer hätte das gedacht! Unser Kleiner hängt mal nicht im Gammellook am Tisch und murrt rum, weil ihm bis zur Bescherung alles auf den Sack geht!“, entging dem Mittleren dabei allerdings auch nicht, dass Dominik dieses Mal deutlich besser in die Kleiderordnung passte und lachte auf, als es von Oma Trudel einen Rüffel für seine wenig weihnachtliche Wortwahl gab.

„Na, im Gegensatz zu dir passt mir das Hemd wenigstens noch richtig!“, wusste der Jüngste sich aber auch selbst zu wehren und deutete mit einem breiten Grinsen auf diesen einen Knopf, der auf Sebastians Bauch schon deutlich zu kämpfen hatte. Doch der Angesprochene nahm es locker.

„Als einfacher Handwerker verdient man halt nicht so viel, wie ihr extravaganten Künstler! Da kann ich mir nicht ständig neue Klamotten leisten!“, verschränkte er süffisant die Arme vor der Brust und schien recht zufrieden, als sein älterer Bruder ihm nicht nur zustimmte, sondern auch für einen kleinen Ausflug auf die Terrasse zu haben war.

„Kommst du mit? Eine rauchen?“, lud Sebastian dabei auch Frido ein, der zwar kein Lungenbrötchen benötigte, aber trotzdem überlegte, ob es strategisch sinnvoll sein konnte, sich einfach mal den Beiden anzuschließen.

„Ich rauch zwar nicht, aber ich leiste gern Gesellschaft“, stand er darum auf und wurde gleich Teil der brüderlichen Sticheleien.

„Hätt’ mich auchn bisschen gewundert, wenn du rauchen würdest. Das hätte unser Kleiner dir doch bestimmt längst abgewöhnt, weils ihm zu sehr stinkt“, murmelte Heiner, der die Parade zur Terrassentür anführte und grinste, als Dominik die Gelegenheit nutzte, um Sebastian noch einen kleinen Seitenhieb zu verpassen.

„Wenn du nicht so viel qualmen würdest, hättest du auch Geld für Klamotten, Basti!“, grinste er mit einem Zähnefletschen, während sein Bruder eine wegwerfende Handbewegung machte und lachte. Draußen drehten sich die Themen dann vor allem um die Arbeit – die eigene und die des Dozenten – ehe es nach einem guten Durchatmen und leichtem Bibbern wieder rein ging. Und so plätscherte der Nachmittag dann vor sich hin, untermalt von Musik, Geschichten und Kebbeleien der drei Brüder, die eigentlich nur dann Unterbrechung fanden, wenn mal wieder ein kurzer Ausflug an die frische Luft anstand. Doch dann kam der große Moment, auf den sie alle gewartet hatten. Nicht nur der, in dem Hinrich Preuss im Anzug und mit bester Sonntagsstimmung das Wohnzimmer betrat, um seine Gäste zwar nicht überschwänglich zu begrüßen, aber zumindest mit einem allgemeinen Nicken deren Anwesenheit zur Kenntnis zu nehmen. Nein, vor allem der, in dem der Baum endlich geschmückt da stand und nur noch die Spitze fehlte.

„Ich kann dich ja wieder auf die Schultern nehmen“, scherzte Frido dabei, als Dominik die Leiter holte und brachte sich damit mehr in den Mittelpunkt, als er geahnt hatte. Sofort gab es einen kritischen Blick des Familienoberhauptes, während Oma Trudel bei der Vorstellung ganz nervös wurde, ob Frido ihren Nicki auch nicht fallen lassen würde und der anfing zu grinsen, weil sein Freund ihn auf dumme Ideen gebracht hatte.

„Immer noch besser, als wenn er die Äste hochklettert!“, trug Sebastian zur allgemeinen Erheiterung bei und musste erst recht lachen, als Heiner etwas trocken, aber nicht unbedingt bierernst daran erinnerte, dass das zu Kindertagen doch die Glanznummer des Zweitältesten gewesen sei.

„Wie oft hat Opa dir dafür den Arsch voll gehauen, bis du es dann doch mal gelassen hast?“, zuckte sein Mundwinkel, während der Jüngere grinste und stattdessen seine Schultern hob.

„Solange, bis ich den verdammten Baum an der Wand angeschraubt hab, damit er wenigstens nicht mehr umkippen konnte! Vier Jahre in Folge neuen Schmuck kaufen deswegen!“, gab die Antwort hingegen Hinrich Preuss, der die Arme vor der Brust verschränkte und sich ansonsten mit einem Kopfschütteln begnügte, als sein Jüngster tatsächlich darauf bestand, dass sein Freund ihn in luftige Höhen befördern solle. Doch der wählte lieber einen Vorschlag zur Güte.

„Ich halt die Leiter fest“, ging er hinüber und schmunzelte, als er erkennen konnte, wie seinem Lockenkopf der Schalk im Nacken saß. Ja, auch wenn er sich früher oft nicht so getraut hatte, es offen zu zeigen, hatte da wohl schon immer ein kleines Früchtchen in ihm gesteckt, dachte Frido. Aber auch ein sehr liebebedürftiges, wie sich zeigte, als alle Kartons weggeräumt waren, die Leiter wieder an ihrem Platz stand und sich – mit Ausnahme von Oma Trudel, die lieber in ihrem Sessel blieb – die ganze Familie um den Baum versammelte, während Rosanna die Lichterketten einschaltete. Und da war er, dieser eine verzaubernde Augenblick, in dem sie alle einmal schwiegen, ihre Partner in die Arme nahmen und auch Dominik sich an Frido schmiegte. Es war nicht zurückhaltend und ängstlich, sondern ganz selbstverständlich. Genauso selbstverständlich wie bei Sebastian und Christina und bei Heiner und Martina, die ihrem Mann etwas zuflüsterte, das ihm ein leichtes Lächeln und Nicken entlockte. Und selbst Hinrich Preuss nahm es hin, dass seine Rosanna sich vor allen Anwesenden bei ihm unterhakte, den Kopf an seine Schulter legte und ihm seicht über die Brust strich, während sein Blick wachsam auf der Familie ruhte. Ein Augenblick wie im Bilderbuch…

„Wann essen wir eigentlich? So langsam krieg ich Hunger!“, beendete Oma Trudel dann aber die besinnliche Stimmung und brachte die anderen zum lachen. Wie jedes Jahr. Es war fast schon so eine Tradition wie das Schmücken selbst, dass die Großmutter mit ihrem Ausruf zum nächsten Programmpunkt überleitete. Aber entgegen der letzten Jahre half nun auch wieder Dominik seiner Mutter bei den letzten Vorbereitungen und nicht nur ihre Schwiegertöchter. Und das sogar mit Freuden und nicht nur murrend, weil er lieber auf seinem Zimmer gehockt hätte. Und währenddessen deckten die beiden älteren Söhne den Tisch, half Hinrich Preuss seiner Schwiegermutter vom Sessel hinüber zum Stuhl und nahm selbst als Oberhaupt der Familie am Kopf der Tafel Platz. Frido drapierte derweil die Geschenke unter den Baum, nun, da sie dort endlich Einzug halten durften und dann konnte das große Schmausen endlich beginnen. In mehreren Gängen stellte Rosanna Preuss unter Beweis, was sie von ihrer Mutter gelernt hatte und sah beim Ende des Nachtischs voller Freude und Glückseligkeit, dass sie ihre Liebsten wieder einmal erfolgreich satt bekommen hatte.

„Mutti, ich pack dir nachher was für morgen ein“, bot sie an, als sie sich ans Abräumen des Tisches machte und dabei der eine Teil der Familie mithalf, während der andere auch noch seinen Lungenschmacht füttern ging. Dieses Mal begleitete dabei aber nicht Frido die beiden Brüder, sondern ihr Vater.

„Das ist eine Unart, diese ständige Qualmerei!“, schüttelte Oma Trudel über diesen Anblick den Kopf und ermahnte die beiden übriggebliebenen Männer, sich dieses Laster ja nicht noch anzugewöhnen.

„Hab ich nicht vor, Oma!“, grinste Dominik, als er das hörte und auch Frido schloss sich ihm an.

„Als Jugendlicher hab ichs mal versucht, aber das hat mir überhaupt nicht geschmeckt“, erzählte er und schmunzelte, als prompt ein „Ist auch besser so!“ von Oma Trudel kam.

„Wenigstens gehen sie dabei vor die Tür“, gab hingegen Christina zu bedenken, was ihrer baldigen Schwiegermutter ein wissendes Grinsen abrang.

„Hinrich und sein Vater wollten da früher nichts von wissen, aber als Heiner unterwegs war, hab ich drauf bestanden, dass im Haus nicht mehr geraucht wird“, verriet sie, was Oma Trudel wieder mit einem „Ist auch richtig so!“ untermauerte. Gegen einen kleinen Eierlikör hatte sie hingegen nichts einzuwenden. Von dem probierte sie auch schon mal vorsorglich einen Schluck, ehe die Männer zurückkamen. Immerhin musste einer von ihnen sich ja opfern und sicher gehen, dass am Ende nicht alle einen verdorbenen Magen hätten, weil das Likörchen schon verdorben war!

„Oma! Lass das Saufen!“, schallte es dafür aber durch Raum, als Sebastian zurück ins Wohnzimmer kam und sein Lachen erfüllte das Zimmer ebenso wie das der anderen Anwesenden. Nur das von Heiner und Hinrich fehlte noch, die außergewöhnlich lange auf der Terrasse blieben. Und dann geschah das, was zur Verwunderung der gesamten Runde führte.

„Frido? Vatter will dich mal sprechen“, kehrte Heiner nämlich zurück und nickte vielsagend zur Terrassentür, während er seinen Platz am Tisch ansteuerte und sich die Hände rieb, weil es doch ein wenig kühl geworden war. Doch Frido sprang nicht sofort auf, sondern schaute ihn erst einmal irritiert an, während Dominik die Frage aussprach, die vermutlich nicht nur ihm und seinem Freund durch den Kopf ging.

„Was will er denn mit ihm besprechen?“, wollte er wissen, aber sein Bruder zuckte nur die Schultern.

„Keine Ahnung“, murmelte er und wusste doch ganz genau, dass Hinrich nur mit dem Dozenten und nicht mit seinem jüngsten Sohn sprechen wollte, als der sich mit Frido erhob.

„Kurzer, bleib du mal hier“, bedeutete Heiner ihm darum und doch kam Dominik der Aufforderung nur zögerlich nach, während Frido ebenso zögerlich zur Terrasse ging. Dort stand Hinrich Preuss auf das Geländer gestützt, das diese Ebene vom etwas niedriger gelegenen Garten trennte und hielt den Blick auf sein Grundstück gerichtet.

„Sie wollten mich sprechen?“, trat Frido an ihn heran und warf einen Blick hinauf zum Himmel, der sternenklar über ihnen thronte.

„Ich kann Sie nicht leiden“, sprach Hinrich Preuss in die Stille hinein, während in den Fenstern der umstehenden Häuser das friedliche Beisammensein ihrer Bewohner zu erkennen war. Doch Frido konnte diese obskure Situation nur ein Schmunzeln entlocken. Hatte er doch schon damit gerechnet, dass der Besuch früher oder später solch eine Wendung nehmen würde und nun war es halt später dazu gekommen.

„Oh, gut, dass Sies sagen. Das wäre mir sonst gar nicht aufgefallen“, sprach er daher mit leichtem Sarkasmus, für den er nur einen finsteren Blick erntete. Doch auch das konnte ihn wenig einschüchtern.

„Wenn das alles war, kann ich ja wieder reingehen“, sagte er darum und schob die Hände in die Hosentaschen, während er sich umdrehte. Und trotzdem blieb er stehen, als sein Gastgeber das Wort wieder an ihn richtete.

„Sie sind n aufgeblasener Schnösel!“, gab er dabei bekannt und bekam von Frido ein belustigtes Schnauben.

„Sie Kennen mich doch überhaupt nicht“, schüttelte er den Kopf und schaute über die Schulter zu seinem Gegenüber, das es ihm gleich tat.

„Wollen jungen Leuten was beibringen und kriegen wahrscheinlich nicht mal n Nagel in die Wand! Oder irre ich mich?“, knurrte der Ältere, während der Jüngere sich dachte, dass er es sich mit seiner Einschätzung wirklich leicht machte. Und doch wählte er den diplomatischen Weg.

„…Ich bin handwerklich vielleicht nicht so versiert, aber dafür hab ich andere Fähigkeiten“, murmelte Frido und ließ es einen Moment auf sich wirken, als zur Antwort kam: „Oh ja, das kann ich mir denken, was das für Fähigkeiten sind!“.

Er atmete tief durch und überlegte, ob er dieser Farce weiter beiwohnen sollte oder lieber wieder rein ging, um zumindest zu versuchen, wenigstens noch ein paar kleine Augenblicke das Zusammensein mit den Anderen zu genießen, ehe Hinrich Preuss die Hutschnur vielleicht sogar so rausflog, dass er ihn sogar an die frische Luft setzen würde. Zuzutrauen wäre es ihm ja durchaus gewesen. Und doch entschied Frido sich nicht aus diesem Grund dafür, dem Gespräch weiter beizuwohnen.

„…Herr Preuss, worum gehts hier eigentlich grade? Nur darum, mich zu beleidigen? Das könnten Sie auch am Tisch und ohne, dass wir uns dabei den Hintern abfrieren. Sonst sind Sie ja auch nicht unbedingt so zurückhaltend damit“, versuchte er dem Grund ihrer Unterhaltung und vielleicht auch dem Ursprung von Hinrich Preuss’ großer Abneigung endlich mehr auf den Grund zu gehen. Also stellte er sich wieder zu ihm, während der Ältere wie festgewachsen an dem Geländer schien.

„Sie haben offensichtlich Einfluss auf meinen Sohn und das gefällt mir nicht!“, knurrte er, während er den Blick weiter über seinen Garten schweifen ließ und wendete ihn erst an Frido, als er dessen unwissenden Ausspruch hörte. Oder das, was er ihn aussprechen ließ.

„Ich hab…?“, begann er nämlich und wurde sogleich wieder unterbrochen.

„Tun Sie nicht so! Ich bin doch nicht bescheuert! Ich seh doch, wie er Sie anhimmelt! Der soll seine eigenen Entscheidungen treffen und seinen eigenen Weg gehen und nicht einfach kopflos irgend so einem Fatzken hinter rennen!“, richtete Hinrich Preuss sich nun auf und verschränkte wieder einmal die Arme vor der Brust, während er den vermeintlichen Kontrahenten versuchte in Grund und Boden zu stieren. Doch der ging auf das provozierende Gebaren nicht ein, sondern versuchte es lieber mit sachlicher Art.

„Nichts für ungut, aber da unterschätzen Sie Ihren Sohn mal wieder gewaltig. Wenn Sie mit anhimmeln meinen, dass wir den einen oder anderen verliebten Blick austauschen, dann ja, das kann bei einem sich liebenden Paar durchaus mal vorkommen. Und wenn ich nichts mit den Augen hab, ist mir das sogar bei Ihren anderen Söhnen aufgefallen und mit Verlaub, selbst zwischen Ihnen und Ihrer Frau gabs die eine oder andere liebevolle Geste“, sprach er stattdessen ruhig und hob sogleich beschwichtigend die Hand, als sein Gesprächspartner jetzt auch noch die Kiefer aufeinander presste und seine Nase kraus zog.

„Das war kein Angriff, das war nur ne Beobachtung von mir. Vielleicht hab ich mich auch verguckt…“, war Frido sich seiner Beobachtung zwar sicher, aber er wollte die Situation nicht unnötig eskalieren lassen. Und scheinbar zeigte das sogar Wirkung. Oder sammelte Hinrich Preuss gerade nur ausreichend Munition für den totalen verbalen Rückschlag, der seinen Gegner ein für allemal zum Schweigen bringen würde? So oder so donnerte er jedenfalls nicht sogleich wieder los, sondern ließ Frido zu dessen Überraschung Zeit, um weiter zu sprechen. Und auch, wenn der seine Worte zögerlich äußerte, weil er jederzeit mit einer Unterbrechung rechnete, floss keineswegs Unsicherheit in ihren Inhalt.

„Womit ich mir aber ganz sicher bin, dann, dass Ihr Sohn einiges ist, aber ganz bestimmt nicht kopflos. Und der rennt mir auch nicht einfach nach. Dominik hat seine gutmütigen Seiten, ja, aber der kann auch ein ziemlicher Sturkopf sein. Besonders, wenns um Dinge oder Menschen geht, die ihm wichtig sind... Keine Ahnung, von wem er das wohl hat“, erklärte er mit einem leichten Hauch Sarkasmus zum Ende hin und schenkte seinem Dominik ein Lächeln, als er bei einem Blick nach hinten bemerkte, dass der noch immer beobachtete, was da auf der Terrasse so vor sich ging.

„Die Weihnachtskarten zum Beispiel. Ich hab ihm gesagt, er kann doch auch welche kaufen. Nein, wollte er partout nicht“, erzählte er dabei noch ein wenig amüsiert und richtete sich wieder an seinen künftigen Schwiegervater, um ihn nun ernst anzublicken, als die folgenden Worte aus seinem Mund kamen.

„Er lässt er sich bei so was schon nicht reinreden, ob Sies mir glauben oder nicht. Und bei größeren Themen erst recht nicht. Der Einzug bei mir war seine Idee und wegen der Fußbodenheizung bei Ihnen anzufragen, auch. Das waren alles seine freien Entscheidungen… Oder seine Bilder… Ich versuch oft genug, ihn aus dem Atelier zu kriegen, wenn er wieder bis tief in die Puppen da sitzt und malt, aber wenn er nicht will, dann will er nicht. Dann kann ich nur versuchen, ihm zwischendurch was zu essen und trinken zu bringen, damit er wenigstens darauf achtet…“, sagte er, um dann plötzlich die Augenbrauen zu runzeln und nachdenklich zur Seite zu schauen.

„Oder ist das das Problem? Dass ich ihn bei seiner Kunst unterstütze?“.

Er blickte Hinrich Preuss wieder an und ein Moment der Stille entstand, in dem der Ältere nur die Augen schmälerte.

„Ich finds lachhaft, dass Typen wie Sie darüber urteilen wollen, ob andere gut malen können oder nicht! Soweit ich weiß, sind Sie selber überhaupt kein Künstler! Wie wollen Sie das dann beurteilen, was mein Sohn da aufs Papier gebracht hat und ob das seinen Preis wert ist, den irgend so ein anderer Kasper ihm da weismachen will? Ich weiß, dass Sie Ihre Finger bei dem Verkauf mit im Spiel hatten! Und bei seiner… seiner Ausstellung, die er machen will! Der ist viel zu vertrauensselig bei Ihnen! Wer sagt mir denn, dass Sie ihn nicht nur ausnutzen und übern Tisch holen?!“, spie er dann beinahe aus und rümpfte die Nase, wohingegen nun Frido derjenige war, der die Arme vor der Brust verschränkte. Und noch einmal ließ er seinen Blick dabei nachdenklich schweifen.

„… Es gibt in der Kunstbranche viele Leute, die nicht selber künstlerischem Schaffen nachgehen. Und letztlich ist es dort wie überall: Angebot und Nachfrage. Das ist alles andere als fair, ich weiß. Vor allem, weil es nicht unbedingt nur auf Talent ankommt, aber das ist nun mal die Branche. Aber nur, weil ich selber nicht male, heißt das ja nicht, dass ich keine Ahnung davon habe. Und so leid es mir tut, das mal so sagen zu müssen: Gerade in unserer Branche sind Kontakte und Selbstvermarktung teilweise wichtiger als das bloße Können der Künstler. Irgendwie muss man die potenziellen Käufer ja auf sich aufmerksam machen und für sich begeistern können. Natürlich gibt es auch die Käufer, die vor allem auf den Stil eines Bildes oder einer Statue achten. Aber häufig kaufen sie eben nicht nur das Kunstwerk, sondern auch den Namen, der darauf steht. Und trotzdem muss man in beiden Fällen auf sich und seine Arbeiten aufmerksam machen – und ja, wenn es darum geht, hab ich durchaus einige hilfreiche Kontakte und kann Dominik unterstützen. Und gerade, weil ich mehr Erfahrung habe, achte ich darauf, dass genau das, was Sie vorhin angesprochen haben, nicht passiert. Nämlich, dass er von irgendeinem über den Tisch geholt wird. Und zwar weder von anderen noch von mir. Das Geld, was er verdient, ist seins und bleibt seins. Das steck ich mir doch nicht in die Tasche!“ schüttelte er den Kopf und runzelt die Stirn, um dann etwas zu sagen, was sein Gegenüber beinahe auf die Palme brachte.

„Ist bei Ihnen und Ihrer Frau doch ähnlich“, wagte Frido zu bedenken zu geben und erntete dafür ein „Wie bitte?!“ das trotz geschlossener Tür die Blicke aller im Wohnzimmer auf das Gespräch lenkte. Und während vor allem Verwunderung herrschte, war Dominik schon auf dem Sprung, um Frido zur Seite zu eilen. Doch der hob abwehrend die Hand in seine Richtung, während er gleichzeitig versuchte, seinen Vater wieder zu beruhigen.

„Ich meine damit, dass Sie sich gegenseitig unterstützen! Ihre Frau trägt doch einen großen Teil dazu bei, dass es in der Firma läuft, oder? Sie kommt ja auch nicht mit auf die Baustellen, sondern agiert an anderer Stelle. Und das ist mit Dominik und mir ähnlich. Oder… oder vergleichen Sie es vielleicht mit ihren anderen beiden Söhnen! Die mussten damals auch erst mal von Ihnen lernen, was es für den Beruf alles zu wissen gibt. Und genauso versuch ich Dominik dabei zu helfen, in der Kunstwelt Fuß zu fassen: Indem ich mein Wissen mit ihm teile und ihn bestmöglich unterstütze. So gut ich das kann und so weit er das möchte. Ich biete es ihm an und wenn er es nutzen möchte, dann helf ich ihm gerne, aber ich zwing ihn ja zu nichts“, versuchte er seinen Standpunkt näher zu bringen, während Dominik sich langsam wieder auf seinen Stuhl sinken ließ, weil sein Vater nun gerade doch nicht mehr den Anschein machte, als wolle er seinem Freund an die Gurgel springen. Stattdessen wirkte er sogar fast milde gestimmt und fragte für seine Verhältnisse beinahe höflich, ob Frido nun fertig sei. Doch dann, kaum, dass Frido mit einem vorsichtigen „Ja“ geantwortet hatte, ging es los.

„Dann sag ich Ihnen jetzt mal was!“, hob Hinrich Preuss den Zeigefinger, um ihn mahnend auf Frido zu richten.

„Nur Idioten bilden Ihre Kinder selbst aus! Die sollen was dazu lernen und nach Möglichkeit auch neues Wissen mit in die Firma bringen! Neue Abläufe kennen lernen, Verbesserungsvorschläge einbringen oder eben auch erkennen, was in der eigenen Firma besser als beim Ausbilder läuft. Statt einfach nur stumpf das nachzumachen, was ihr alter Herr ihnen zeigt! Der wird zwangsläufig früher oder später auch mal betriebsblind! Arbeiten heißt auch immer wieder Neues dazu lernen! Das wird bei Ihnen doch wohl nicht anders sein! Oder beschäftigen Sie sich ausschließlich mit irgendwelchen alten Schinken von vor tausend Jahren?!“, rief er aus und guckte wie auf Absprache im gleichen Moment mit Frido zur Tür, als Dominik sie aufschob.

„Was ist denn hier schon wieder los?“, wollte er wissen und vielleicht war es ein kleiner Test von Hinrich Preuss, dass er sich nun in Schweigen hüllte und lieber beobachtete, wie Frido reagierte. Nutzte er die Gelegenheit zur Flucht? Oder um wenigstens die Verstärkung seines Lockenkopfes einzufordern? Nein, er tat beides nicht. Stattdessen sprach er ihm gut zu, dass sie sich nur unterhalten würden und er guten Gewissens wieder ins Haus gehen könne.

„Wir kommen gleich wieder rein. Geh schon mal vor“, lächelte er ihn an und strich ihm über die Wange, während Dominiks Blick in diesem Moment nur zu sehr dem eines anderen Preuss glich, als er seinen Vater fixierte und nur zaghaft Fridos Aufforderung nachkommen wollte. Und da dachte sein alter Herr wirklich, dass sein Spross keinen eigenen Kopf hatte?

„Ich wollte Ihnen bestimmt nicht zu nahe treten“, sagte Frido allerdings, als die Tür wieder geschlossen war und er sich zurück an seinen eigentlichen Gesprächspartner wendete.

„Ich habe selber keine handwerkliche Ausbildung gemacht und war mir da über die Regeln und Gepflogenheiten nicht im Klaren…“, sagte er ruhig, um dafür ein „Merkt man!“ zu hören zu kriegen. Und dann kehrte ein Moment der Stille ein, in dem Vater Preuss sich wieder auf das Geländer stützte, den Blick von Frido abwendete und schließlich mit einem Mal ganz ungewohnte Töne anschlug.

„Was haben Sie eigentlich für Absichten mit meinem Sohn? Ist Ihnen das ernst mit ihm?“, sprach er ungewöhnlich ruhig, sodass Frido auch davon überrascht die Augenbrauen hob.

„Na ja, ernst genug, dass wir zusammen wohnen und ich an Weihnachten mit zu seiner Familie komme…“, grinste er schief, um dann doch wieder nüchterner zu werden, während er einen Blick ins Wohnzimmer warf, wo Dominik gerade durch seine Brüder abgelenkt wurde und er selbst sich dann mit einem tiefen Atemzug an dessen Vater zurückwendete.

„… Auch auf die Gefahr hin, dass Sie mich jetzt gleich mit Ihrer Rohrzange verdreschen wollen oder gleich den ganzen Werkzeugkoffer nach mir schmeißen: Es ist mir so ernst mit Dominik, dass ich ihm irgendwann einen Ring an den Finger stecken möchte und ihn fragen werde, ob er mein Mann wird. Nicht heute oder morgen, aber dieser Tag wird kommen. Ob Ihnen das gefällt oder nicht…“, ging er das Wagnis ein, dass ein Tobsuchtsanfall seines zukünftigen Schwiegervaters diese Überraschung verderben konnte, ehe er sich überhaupt schon genauere Gedanken dazu gemacht hatte, wann und wie er um Dominiks Hand anhalten wollte. Doch vielleicht begriff dieser alte Esel nun endlich, wie viel sein Sohn diesem Frido Klimlau bedeutete, selbst, wenn er ihn noch so verachtete. Und wenig überraschend fiel auch der Blick von Hinrich Preuss aus, als er den Kopf zu Frido drehte und ihn anstarrte.

„Bist du von allen guten Geistern verlassen?“, schien er zu sagen, während aus seinem Mund die Worte kamen: „Ich hab noch nie irgendwas irgendwem hinterher geschmissen! Und verdroschen hab ich auch noch niemanden! Ist das klar?!“.

Mit so einigem hätte Frido ja gerechnet, aber nicht mit dieser Reaktion. Und doch nickte er brav, während er versuchte, Dominik mit einer Geste davon abzuhalten, wieder an der Tür zu erscheinen. Hinrich Preuss würde doch bestimmt nicht ausgerechnet jetzt eine Ausnahme von dieser gerade noch geäußerten Regel machen, oder? Doch der zeigte sich nun beinahe in sich gekehrt, als er die Schultern zuckte, ein wenig mehr auf das Geländer sank und den Rhododendron betrachtete, der bis zu seinen Füßen reichte.

„Na ja… lässt sich nicht ändern. Ich muss mich wohl damit hintun, wie es nun ist und dass er sich ausgerechnet einen Kunstheini mit zwei linken Händen ausgesucht hat…“, murmelte er dabei, während Frido sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen konnte.

„Ich fürchte, ja“, antwortete er und schob die Hände zurück in seine Hosentaschen, wohingegen sein Blick eher von den Sternen angezogen wurde. So langsam wurde es doch ein wenig frisch, dachte er sich, als er seinen Atem dabei beobachten konnte, wie er in kleinen Wölkchen empor stieg. Aber konnte er jetzt vorschlagen, dass sie sich wenigstens ihre Jacken holten? Erst bezweifelte er es nur und als er die folgenden Worte von Hinrich Preuss hörte, war er sich ganz sicher.

„…Ich will, dass Sie mir was versprechen“, sagte er nämlich plötzlich überraschend leise und sein Gesicht nahm eine Ernsthaftigkeit an, die mit seinem sonstigen Griesgram nicht zu vergleichen war.

„Kümmern Sie sich um ihn, wenn mir was passiert. Und… versuchen Sie vielleicht auch die Jungs ein bisschen dabei zu unterstützen, für meine Frau da zu sein…“, wurden seine Worte zu einem Flüstern, das sich auf obskure Weise mit dem Lachen aus einem der Nachbarhäuser vermischte. Doch Frido war dabei längst nicht mehr zu kleinen Späßen zumute.

„Wieso sagen Sie das?“, fragte er stattdessen mit der notwendigen Ernsthaftigkeit und schaute Hinrich Preuss erwartungsvoll an, als der den Kopf langsam wieder zu ihm drehte.

„Weil ich im neuen Jahr ins Krankenhaus muss. Nur n Bypass, aber Eingriff am Herz bleibt Eingriff am Herz. Und wir haben ja bei meinem Bruder gesehen, wie schnell es vorbei sein kann“, murmelte er und wendete sich wieder ab, während er aus seiner Hosentasche eine Packung Zigaretten hervorholte. War das gerade Zynismus?

„Dann sollten Sie vielleicht nicht unbedingt…“, wollte Frido zu bedenken geben, aber natürlich konnte ein Hinrich Preuss auch in dieser Situation nicht aus seiner Haut.

„Das weiß ich selbst! Meinen Sie, dass man so einfach ein Laster über Bord wirft, das man Jahrzehntelang mit sich rumschleppt?!“, keifte er, nachdem er lange genug ruhig gewesen war und schien jetzt erst recht eine rauchen zu müssen, während es Dominik nun wohl wirklich zu viel wurde.

„Hier, zieht euch wenigstens eure Jacken an!“, stand er schon wieder an der Tür und schaute vor allem Frido eindringlich an. Musste er intervenieren? Doch der Ältere schmunzelte eher über seinen besorgten Lockenkopf.

„Keine Sorge, er hat mich noch nicht gefressen“, grinste er und strich Dominik wieder über die Wange, während er ihm die Jacke abnahm und hinein schlüpfte. Doch so ganz überzeugt war der Lockenkopf noch nicht. Stattdessen linste er zu seinem alten Herrn und schien zu überlegen, ob der eventuell noch mal böse angefunkelt werden musste. Möglicherweise, ja. Bei genauerer Betrachtung vielleicht sogar ganz bestimmt. Aber dafür hätte Dominik wohl erst einmal verstehen müssen, was der meinte, als er murrte: „Ich glaub, das mit der Rohrzange überleg ich mir noch mal“.

5.12.2024: Mondenergie

Erst schienen sich ja alle gegen ihn verschworen zu haben, aber dann hielt sein treuester Begleiter doch noch zu ihm. Das billige Zippo, das er mal als kleines Werbegeschenk zu einer Packung Zigaretten dazu bekommen hatte und das oft besser funktionierte als manch teures Feuerzeug. Oft, da es dann und wann auch mal seine kleinen Momente hatte, in denen es sich etwas bitten ließ. So wie jetzt, als er sich gerade in seinen Mantel geworfen hatte und dabei zugucken durfte, wie sein Sohn erst ins Haus verschwand, nachdem dieser Fatzke ihm gut zugeredet hatte.

„Wer von uns hat den Bengel eigentlich groß gezogen?“, nuschelte er derweil mit der Zigarette im Mundwinkel und nahm einen tiefen Zug am Glimmstängel, als sein geliebter Feuerspender endlich aus dem Winterschlaf erwachte, um ein kleines Lichtchen und große Erleichterung zu spenden. War das eine Wohltat, der Lunge und dem Kopf jetzt vorzugaukeln, dass es einem schon viel besser ginge. Damit konnte man sich auch wieder auf seinem alten Freund, dem Geländer, abstützen und ein bisschen der Vorstellung nachhängen, wie man diesen Schnösel einfach ins angrenzende Gebüsch bugsierte, wenn er einem zu sehr auf den Geist ging. So wie jetzt zum Beispiel.

„Wann wollen Sie es ihm sagen?“, schloss er sich Dominik mit der Rückkehr ins kuschelige Wohnzimmer nämlich nicht an, sondern leistete dem Eigenbrötler auf der Terrasse noch ein wenig Gesellschaft. Und dabei interessierte es ihn auch nicht, dass allein schon der Blick von Hinrich Preuss verriet, dass er die Unterhaltung nun eigentlich endlich mal als beendet ansehen wollte.

„Wem was sagen?“, murrte er daher in betontem Desinteresse und schaute lieber der Asche zu, wie sie von seiner Zigarettenspitze hinunter rieselte, statt seinem Gesprächspartner etwas Blickkontakt zu schenken. Doch der ließ sich von diesem Getue nicht so einfach vertreiben.

„Dass Sie operiert werden. Wann sagen Sie Dominik…“, fühlte Frido sich zwar gerade wie im Gespräch mit einem Kleinkind, aber gut, damit hatte er ja durchaus Erfahrung. Allerdings wusste selbst seine Lilli inzwischen, dass man andere ausreden ließ. Ganz im Gegensatz zu Hinrich Preuss.

„Gar nicht!“, fuhr er dazwischen und ein Moment des Schweigens entstand, in dem die beiden Männer einander nur anstarrten und anstierten. Und in dem Frido zunehmend am Verstand des garstigen Mannes zweifelte, der sich nun lieber wieder seiner Kippe zuwendete und beobachtete, wie ihr herrlicher Qualm zum Sternenhimmel emporstieg, wenn er seine Lunge verließ. Fast schon romantisch hätte es sein können, wenn sein Atemorgan dank eben jenem Rauch nicht vermutlich inzwischen wie unter die Teermaschine geraten ausgesehen hätte. Aber viel störender war wohl, dass Frido nun erst recht keine Anstalten mehr machte, zu gehen.

„Herr Preuss…“, brach er stattdessen die Stille und ein mahnender Ton lag dabei in seiner Stimme, der dem Älteren jedoch eher ein belustigtes Schnauben entlocken konnte, anstatt ihn zu beeindrucken.

„Hör`n Sie! Der Kleine braucht das nicht zu wissen und meine Frau oder Bastian auch nicht! Verstanden?! Heiner weiß nur Bescheid, damit er sich solange um die Firma kümmert und Sie… Sie sind n notwendiges Übel! Damit sich der kleine Schwachkopf nicht wieder monatelang irgendwo verkriecht und keiner weiß, wo er abgeblieben ist! Und erst hinterher damit raus kommt, wie beschissen es ihm ging, statt vorher mal’s Maul aufzumachen und seiner Familie zu sagen, dass er bis zum Hals in der Scheiße sitzt! Herrgott noch mal! Ist doch wohl nicht so schwer zu verstehen…“, deutete er warnend, die Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt, auf Frido und schüttelte den Kopf, als dessen Ausdruck mit jedem weiteren Wort fassungsloser wurde.

„Ich hab mich wohl grad verhört…“, murmelte der und hielt sich mit einer Hand am Geländer fest, als würde ihm sonst der Boden unter den Füßen weggerissen.

„Und was erzählen Sie Ihrer Frau und Sebastian, wo Sie die ganze Zeit sind? Nach einem Bypass muss man doch erst n paar Tage im Krankenhaus bleiben, soweit ich weiß“, runzelte er die Stirn und bekam zunächst einmal ein belustigtes Schnauben zu hören.

„Bin n paar Tage auf Fortbildung, Sie Schlaumeier“, folgte dann noch, ehe der eigene Konter mit einem kräftigen Atemzug durch die Zigarette zelebriert wurde. Frido hob allerdings die Augenbraue.

„Aha…“, tat er es Hinrich Preuss dann gleich und stützte sich ebenfalls aufs Geländer, während er sich noch immer fragte, ob er gerade im falschen Film war.

„Dass Sie nach’m Krankenhaus nicht einfach so weitermachen können wie bisher und Ihre Familie spätestens dann merkt, dass was nicht stimmt, ist Ihnen aber schon klar, oder?“, meinte er dann und wieder begann ein kleines Wettstarren, als Hinrich Preuss ihm ein „Lassen Sie das mal meine Sorge sein!“ um die Ohren haute. Ja, hatte der denn auch schon vom Likör genascht, dachte Frido sich und schüttelte langsam den Kopf, als er jetzt auch noch aufgefordert wurde reinzugehen.

„Gespräch ist beendet“, meinte Hinrich Preuss und schnippte seinen Zigarettenstummel in eine alte Blechdose, um dann halt selbst den Rückweg anzutreten, wenn Frido sich weigerte. Doch dieser Fatzke brachte ihn nicht nur zum Stocken, sondern langsam aber sicher auch zur Weißglut.

„Ich werde Dominik nicht anlügen!“, stellte Frido klar und schaute Hinrich Preuss eindringlich an, als der sich langsam wieder zu ihm wendete.

„Erwartet auch keiner! Reicht schon, wenn Sie einfach die Klappe halten!“, zischte er dabei und schob die Hände in seine Jackentaschen, während sein Blick nur allzu deutlich verriet, dass er sich die Schweigepflicht gerne allumfassend wünschte. Nur leider war er da bei Frido an der falschen Adresse.

„Herr Preuss, der kleine Schwachkopf, wie Sie ihn gerade so liebevoll betitelt haben, stand vorhin schon Spalier! Natürlich wird er mich fragen, was Sie mit mir besprechen wollten! Er weiß doch ganz genau, dass da irgendwas im Busch ist, wenn Sie mich plötzlich um ein Gespräch bitten!“, gab er zu bedenken und seufzte aus, als wieder eine typisch patzige Antwort seines Gegenübers kam.

„Dann versauen Sie ihm halt Weihnachten, wenn Sie`s unbedingt weitertratschen müssen! Ich lass mich von Ihnen doch nicht unter Druck setzen!“, spie er beinahe aus und schaute Frido erst recht giftig an, als der auch noch wagte, ihn am Arm zu fassen, damit er nicht von dannen trottete. Doch natürlich zog er seine Finger sofort zurück und hob sie stattdessen beschwichtigend, während er noch einmal versuchte, an den gesunden Menschenverstand dieses Griesgrams zu appellieren.

„Mir gehts nicht darum, Sie unter Druck zu setzen, Herr Preuss…“, sprach er sachte und wurde die Diskussion langsam leid, als der Angesprochene sich vor ihm aufbaute, die Arme vor der Brust verschränkte und eine Erklärung forderte, worum es ihm denn dann ginge. Und natürlich wurde Dominik im Hintergrund von diesem Gebaren schon wieder unruhig.

„Können wir ein paar Schritte zur Seite machen? Sonst haben wir ihn gleich wieder hier stehen…“, deutete Frido also dezent an Vater Preuss vorbei und verdrehte die Augen, als Dominik prompt aufstand und sich auch nicht davon aufhalten lassen wollte, dass Heiner ihn am Arm fasste.

„Kannst du mit deinem Arsch mal da sitzen bleiben?!“, hieß dafür zur Begrüßung von seinem Vater, als der Lockenkopf die Tür öffnete, doch den interessierte das herzlich wenig. Er gesellte sich dazu, verschränkte seinerseits die Arme vor der Brust und guckte von einem zum anderen.

„Ich will jetzt wissen, was hier los ist. Was veranstaltet ihr die ganze Zeit hier draußen?!“, forderte er, woraufhin sein Vater ausschnaubte und Frido seufzte.

„Gratuliere. Haben Sie gut hingekriegt“, wendete Hinrich Preuss sich ab und wollte an Dominik vorbei, um dann wütend herumzufahren, als Frido es schon wieder wagte, ihn am Arm zu greifen. Einen passenden Ausruf hatte er auf die Schnelle zwar nicht, aber dafür seine Mimik. Es war nur allzu offensichtlich, dass Frido gerade dabei war, den Bogen zu überspannen. Und trotzdem ließ er ihn dieses Mal nicht sofort los.

„Es geht mir nicht nur um Ihre Familie, sondern auch um Sie! Nach der Operation werden Sie froh sein, nicht in nem leeren Krankenzimmer oder in Gesellschaft fremder Gesichter aufzuwachen. Glauben Sie mir, es ist besser, wenn da jemand sitzt, den Sie kennen. Und damit mein ich nicht Ihren Arzt oder eine der Krankenschwestern, mit denen Sie vorher kurz gesprochen haben!“, schaute er ihn feste an und wendete den Blick dieses Mal nicht einmal ab, als Dominik sich einmischte.

„Was für eine Operation?!“, wollte er natürlich wissen und guckte fassungslos zwischen den beiden Älteren hin und her, ohne richtig am Gespräch beteiligt zu werden.

„Wollen Sie auch noch rein marschieren und den Rest in Kenntnis setzen?!“, zischte sein Vater stattdessen und machte sich mit einem Ruck los, um Frido dann entgeistert anzugucken, als der tatsächlich an ihm vorbei zur Tür stürmte. Jedoch platzte er nicht ins Wohnzimmer, sondern versperrte dem Sturkopf nur den Weg.

„Sind Sie bei nem guten Kardiologen? Fühlen Sie sich über alles gut aufgeklärt oder wollen Sie vielleicht eine Zweitmeinung einholen?“, erkundigte er sich mit aller ihm möglichen Ruhe und erhielt zum Dank nun auch noch ein spöttisches Lachen.

„Zweitmeinung?! Klar! Man kommt ja auch so schnell an Facharzttermine ran! In was für ner Welt leben Sie eigentlich?!“, rief er beinahe aus und sein Zähnefletschen zeigte nur allzu deutlich, wie schwer er gerade an sich halten konnte, um die restliche Familie nicht ebenfalls aufmerksam zu machen. Es genügte schon, dass nun auch noch Dominik seine Oberarme fasste und auf ihn einredete, ihm endlich die Wahrheit zu sagen.

„Mensch, jetzt mach nicht son Theater! Das ist ein Routineeingriff und mehr nicht!“, schnauzte der alte Preuss darum, aber sein Sohn ließ sich nicht abwimmeln.

„Routineeingriff? Und was hat Frido dann damit zu tun? Der ist kein Arzt und Heilen durch Handauflegen kann er auch nicht! Oder… oder Mondenergie beschwören oder weiß der Geier! Hör auf, mich wie ein kleines Kind zu behandeln!“, forderte er und presste die Lippen aufeinander, als er zu hören bekam, dass er dann auch aufhören solle, sich wie eines zu benehmen.

„Es ist ein einfacher Bypass, also mach hier nicht so einen Aufstand!“, zischte sein Vater ihn an und riss sich unwillig los, während Frido versuchte zu intervenieren.

„Dein Vater wollte nur sichergehen, dass mit dir alles in Ordnung ist! Natürlich gehen wir fest davon aus, dass der Eingriff gut verläuft, aber er hatte Sorge, was mit dir ist, falls ihm was passieren würde. Wirklich, das ist alles!“, sprach er beschwichtigend auf Dominik ein, um damit natürlich wieder den Zorn seines Vaters auf sich zu ziehen.

„Jetzt passen Sie mal auf!“, rief er aus, um Zähneknirschend an ihm vorbei zu gucken, als die Tür aufging und jetzt auch noch Sebastian auf der Bildfläche erschien.

„Sagt mal, was wird das hier eigentlich, wenn’s fertig ist?“, guckte er halb irritiert und halb belustigt von einem zum anderen, wobei Dominik seinem Vater ansehen konnte, wie der sich noch mehr versteifte. Doch statt seiner richtete Frido das Wort an den Zweitältesten.

„Wir schaffen grad unsere Differenzen aus der Welt“, sprach er diplomatisch, woraufhin Sebastian recht amüsiert schien.

„Na, so wirkt das nicht unbedingt, aber wenn ihr meint… Kann ich wenigstens nebenher eine rauchen?“, grinste er, um wohl das erste Mal an diesem Abend so etwas wie Einigkeit zwischen den Dreien herzustellen.

„Kann das noch einen Moment warten?“, fragte Frido nämlich, während Dominik meinte: „Ist grad schlecht, Basti“ und sein Vater die deutlichsten Worte von allen fand.

„Geh vorne rauchen! Wir ham hier was zu klären!“, riss er ihm die Tür vor der Nase zu und schnaufte mit einem Kopfschütteln, wie sehr ihm das alles gerade auf den Geist ging.

„Wo war ich gerade…?“, hatte ihn die Unterbrechung sogar genug aus dem Konzept gebracht, um Frido damit ein kleines Freispiel zu verpassen.

„Sie wollten mir mal wieder die Leviten lesen, aber jetzt hören Sie erst mal mir zu!“, forderte er und fuhr sogleich fort, als dies natürlich nicht unkommentiert bleiben sollte.

„Sie werden sich nach der OP beschissen fühlen!“, grätschte Frido über den aufkommenden Aufstand hinweg und nutzte den kleinen Schockmoment, den er geschaffen hatte. Immerhin hätte dieses ganze Gespräch überhaupt nicht stattgefunden, wenn da nicht ein wenig oder ein wenig mehr Angst in Hinrich Preuss schlummern würde. Und wenn gutes Zureden nichts half, musste halt die Brechstange her.

„Ich hab schon genug Operationen in meinem Leben gehabt! Ich weiß, wie das ist! Wenn Sie aufwachen, ist alles fremd! Vielleicht sind Sie erst mal orientierungslos oder hatten unter der Narkose irgendwelche scheiß Alpträume, aus denen Sie aufwachen! Dann hängen da Schläuche an Ihnen und vielleicht irgendwelche Geräte, die piepen! So oder so werden Sie froh sein, wenn Sie nicht allein sind und eine vertraute Person bei sich haben! Und wenns nur ist, weil Sie gerade Durst haben und keine Krankenschwester da ist, um Ihnen was zu trinken zu bringen! Soll ich Ihnen was verraten? Ich hab mich nach meinen OPs zweimal fast eingepinkelt, weil an den Tagen so viel los war, dass ich trotz Klingeln immer wieder vertröstet wurde, weil andere grad ne höhere Priorität hatten! Sie glauben gar nicht, wie dankbar ich war, als dann meine Eltern nachmittags zu Besuch kamen und mir aufs Klo halfen!“, teilte er einige seiner unschönen Erfahrungen und seufzte innerlich aus, als Hinrich Preuss nicht sofort wieder aufbrauste.

„Was warn da los, dass Sie angeblich so viele Operationen hatten?“, lag zwar eine gewisse Skepsis in seiner Stimme, als er die Arme vor der Brust verschränkte und Frido musterte, aber immerhin sprach er auch mal in normaler Tonlage.

„Schwerer Autounfall mit zig Knochenbrüchen. Wohl gemerkt war ich nicht der Verursacher, um das sofort mal vorweg zu nehmen! Mir ist einer ausm Gegenverkehr in die Karre gefahren“, erklärte Frido schnell und musste dann trotzdem ein wenig schmunzeln.

„Als Handwerker wären Sie damals echt neidisch gewesen, wie viele Schrauben und Nägel ich zeitweise spazieren getragen hab! Und ich brauchte dafür nicht mal einen Werkzeugkoffer!“, wurde daraus dann sogar ein schiefes Grinsen, bis er Dominiks Kopfschütteln sah und dass der dieses kleine Witzchen gerade überhaupt nicht lustig fand. Er schien hingegen eher zwischen wütend und traurig zu schwanken und nicht sicher, ob er losschreien oder weinen sollte. Also hoffte Frido, dass er mit seinen folgenden Worten auch den Lockenkopf besänftigen konnte.

„Herr Preuss, jetzt mal im Ernst. Ich halt mich da raus, ob Sie mit Ihrer Frau oder Sebastian darüber reden. Aber reden Sie wenigstens mit Dominik. Er weiß es jetzt eh schon und wenn Sie sich wünschen, dass er bei Problemen zu seiner Familie kommt, dann sollten Sie ihn nun auch nicht so außen vor lassen, oder?“, gab er zu bedenken und dann geschah vielleicht so etwas wie ein Weihnachtswunder. Natürlich nicht so eines, bei dem Hinrich Preuss wirklich sofort offen mit Dominik gesprochen hätte. Aber zumindest so eines, bei dem der Lockenkopf ihn umarmte und sein Vater es erst einmal einige Sekunden hinnahm, ehe er ihn von sich schob. Und selbst dabei murmelte er nur ein „Ja, ja, ist ja gut…“, anstatt ihn sofort wieder anzupampen.

„Jetzt verschwind wieder ins Haus. Du frierst dir sonst noch den Arsch ab…“, meinte er dann allerdings und damit war der Waffenstillstand beendet.

„Nö, erst mal erklärst du mir in Ruhe, was da bei dir los ist und warum du überhaupt die OP brauchst. Und wenn nicht, dann erzähl ich Mama, dass du ihr was verschweigst!“, stellte Dominik sich neben Frido und schob die Hände unter seine Jacke, um sich an ihm zu wärmen, während der Ältere den Arm um ihn legte. Der Dozent wendete den Kopf ab und biss die Lippen zusammen, um sich das Schmunzeln zu verkneifen, während Hinrich Preuss wieder diesen nach Galle spuckenden Gesichtsausdruck bekam.

„Ihr geht mir beide auf den Geist!“, murrte er und zog seine Zigarettenpackung hervor, um dabei das „Echt jetzt?!“ von Dominik zu ignorieren und stattdessen erleichtert zu sein, als nun endlich auch jemand Vernünftiges die Terrasse betrat.

„Habt ihrs jetzt bald mal?“, dürstete es nämlich auch Heiner so langsam aber sicher mal wieder nach einem Lungenbrötchen und mit einem „Halt den Sabbel!“ trat er aus der Tür, als Sebastian sich darüber beschweren wollte, dass er vorhin an die Haustür verscheucht worden war.

„Du weißt Bescheid?“, fiel natürlich auch Dominik sofort auf, dass der Älteste unbehelligt dazukommen konnte und er fixierte seinen Vater nun erst recht, als vom Ältesten ein trockenes „Klar“ zur Antwort kam. Das wiederum sorgte natürlich auch mal wieder für ein genervtes Brummen von Hinrich Preuss. Doch dann nickte er mit einem Seufzen Richtung Geländer, nahm dort seinen Stammplatz wieder ein und stützte sich auf dem alten Kumpan ab, während sein ältester Sohn sich zu seiner Linken aufstellte und sein jüngster sich mitsamt Freund zu seiner Rechten. Wie idyllisch war doch das Bildchen, das daraus entstand. Mit glimmenden kleinen Lichtern, Rauchwölkchen, die zum Himmel stiegen und einträchtigem Gemurmel, das mal nicht von Zank und wildem Gebaren unterbrochen wurde. Weihnachten konnte doch so schön sein!

6.12.2024: Nikolaus

„So. Jetzt zufrieden?“, murmelte Hinrich Preuss, nachdem er seinem Jüngsten endlich reinen Wein eingeschenkt hatte und war selbst alles andere als begeistert, als der beherzte Griff zu Zigarettenschachtel verriet, dass er sie bereits erfolgreich geleert hatte.

„Hier, Vatter“, wusste ihm glücklicherweise sein ältester Sohn aus der Patsche zu helfen, indem er die eigene Schachtel brüderlich mit ihm teilte. Alles unter den skeptischen Blicken Dominiks, dem Frido anmerken konnte, dass er gerade nur schwerlich an sich zu halten wusste. Darum rieb er ihm über den Rücken, während der Lockenkopf immer noch an ihm geschmiegt da stand, um sich aufzuwärmen und an ihm festhalten zu können. Frido versuchte ihn nicht nur vor der Kälte zu schützen, sondern auch, ihm ein wenig Trost zu spenden, wenn er schon tatenlos bei der Unvernunft seines Bruders und Vaters zugucken musste. Aber der Lockenkopf wusste ja zu gut, dass eine Diskussion über deren Kippenkonsum zu nichts geführt hätte. Ein anderes Thema wollte er allerdings nicht einfach so unkommentiert stehen lassen.

„Ich finds trotzdem nicht gut, dass du Mama nix davon erzählen willst. Auch, wenns wirklich nur ne Routinesache ist“, sagte er und hielt dem Blick seines Vaters stand, als der ihn genervt anfunkelte.

„Deine Mutter hat sich erst jahrelang Sorgen um dich gemacht und jetzt um Heiner und Martina. Reicht das nicht schon?!“, fragte er patzig, woraufhin sein Jüngster die Lippen zusammenpresste. Da war es wieder, das schlechte Gewissen. Und das konnte sein Vater ihm wohl nur allzu gut ansehen, als er noch ein leises „Ja, dacht ich mir auch…“, hinterher schob und sich dann lieber wieder auf den Garten konzentrierte. Zumindest solange das möglich war. Denn auf einmal löste Dominik sich von Frido und klammerte sich stattdessen an den Arm seines Vaters, während er den Kopf an dessen Schulter drückte.

„Wasn jetzt los?!“, murrte der daraufhin irritiert und schenkte seinem Ältesten einen fragenden Blick, den der genauso mit einem Schulterzucken beantwortete wie der Jüngste. Allerdings grinste Heiner dabei, während Dominik mit ernster Miene da stand und seinen Gedanken nachhing.

„Da hat wohl nicht nur unser Frido seine Kurze ein bisschen zu sehr verhätschelt, was?“, war Heiner wohl der Einzige, der sich gerade herrlich amüsierte, während der Dozent es zumindest mit einem schiefen Grinsen versuchte und Hinrich Preuss offensichtlich ein wenig überfordert war. Und jetzt auch noch angepieselt von der Frotzelei.

„Hol dir ne Jacke, wenn du frierst oder geh rein!“, murrte er darum und machte sich von Dominik los, um ihn zurück zu Frido zu schieben. Wo kämen wir denn da hin, wenn auch Männer ihre Gefühle offen zeigen dürften? Nun, dem Dozenten fiel es deutlich leichter. Der hatte wenig Probleme damit, seinen Schatz wieder in die Arme zu schließen. Eher im Gegenteil. Und dabei musste er auch noch darauf achten, nicht lauthals über das peinlich berührte Verhalten von dessen Vater loszulachen. Aber da das ihrem Verhältnis sicherlich den Todesstoß gegeben hätte, war er sogar ganz froh, dass Dominik wieder ernstere Themen aufs Tablett brachte.

„Paps, was ich immer noch nicht so ganz versanden hab, ist, warum das unbedingt am offenen Herzen gemacht werden muss. Gibts dabei nicht inzwischen auch minimal-invasive Methoden?“, fragte er, als er weiter über das Erzählte nachdachte und erntete dafür dieses Mal ein AChselzucken seines Vaters.

„Was weiß ich? Bin ich Arzt?“, murmelte der, während er sich wieder auf sein geliebtes Geländer stützte und schnaubte belustigt aus, als ein irrwitziger Vorschlag seines Sohnes kam.

„Und wenn du wirklich noch ne Zweitmeinung einholst?“, schlug der nämlich vor und wurde dafür erst mal angeschaut, als leide er unter geistiger Umnachtung und spräche gerade von weißen Mäusen, die nur er sehen konnte.

„Hast du nicht zugehört? Ich musste schon n halbes Jahr warten, bevor ich überhaupt mal untersucht wurde! Und die OP ist auch erst Ende Januar!“, spöttelte Hinrich Preuss dann, woraufhin Dominik Frido los ließ und die Arme vor der Brust verschränkte, um sich seinem Vater vollends zuzuwenden.

„Ja, aber der Unterschied ist ja schon mal, dass du damals nur los gegangen bist, weil Mama dir nach Onkel Jannis’ Tod in den Ohren gelegen hat, dass du dich mal durchchecken lassen sollst! Jetzt liegt aber ne konkrete Diagnose vor. Da sollten die die Dringlichkeit doch sehen“, argumentierte er, wohingegen der Blick seines Vaters wohl eher so etwas wie „Der arme Tropf“ sagte.

„Soll ich dir mal was sagen? Auf Baustelle hatte letztens einer von den Trockenbauern n Unfall. Hat geblutet wie n Schwein und musste trotzdem zwei Stunden in der Notaufnahme hocken, bis er dann mal dran kam! So viel zum Thema Dringlichkeit!“, höhnte sein Vater, unterstrichen vom Nicken des Ältesten, während Dominik sich damit noch immer nicht zufrieden geben wollte.

„Ja, aber Frido und ich sind zufällig ganz gut mit nem Arzt befreundet. Der ist zwar kein Kardiologe, kennt aber bestimmt welche und kann sich mal nach einem Termin für dich umhören. Und Ernest ist wirklich ein hervorragender Mediziner. Wenn er mir einen Kollegen vorschlagen würde, würd ich darauf vertrauen, dass der gut ist“, schlug er vor und hob auffordernd die Augenbrauen, als sein Vater ihn skeptisch musterte. Frido musste sich hingegen wieder ein Lachen verkneifen, wenn er sich vorstellte, wie ein Aufeinandertreffen der beiden Charakterköpfe Preuss senior und Landers aussehen würde. Da würde ein Preuss sich den Bypass vermutlich lieber selbst verpassen, statt unnötig eine Sekunde länger mit dem guten alten Ernest den Raum zu teilen…

„Ernest… ist das dieser feine Pinkel, der sich zu schön ist, um mal selbst einen Fuß in die nächste Bäckerei zu setzen?“, bestätigte er auch sogleich Fridos Kopfkino und brachte den nun doch zum Kichern, während er von Dominik einen empörten Blick für dieses wenig hilfreiche Verhalten bekam.

„Ernest ist der Freund, für den ich manchmal was backe, ja – Heiner, verkneifs dir!“, deutete er warnend am Vater vorbei auf den Ältesten, der beschwichtigend die Hände hob und dann wieder still in sich hinein grinste, während Dominik versuchte, seinem Vater den „feinen Pinkel“ doch noch schmackhaft zu machen.

„Jedenfalls… Das tut ja grad überhaupt nichts zur Sache, ob er privat die eine oder andere Marotte hat! Und wie gesagt, er soll sich ja nur mal umhören, ob er zeitnah einen Termin zu einem anderen Herzspezialisten vermitteln kann. Mehr nicht“, erklärte er dann weiter, um sich dieses Mal entzürnt zu seinem Freund umdrehte, weil der Dominiks diplomatische Umschreibung für Ernests Eigenbrötlerei nur allzu putzig fand.

„Hör auf zu kichern! Du hast selber deine Schrullen, oder nicht?“, murrte der Lockenkopf darum und entlockte seinem Frido damit einen erstaunten Blick.

„Schrullen? Ich?“, schien er sich tatsächlich keiner Schuld bewusst und fiel damit gerade wohl noch mehr in Ungnade.

„Wer betont denn immer so, dass er keinen Zucker im Tee will, weil er auf seine Figur achten muss und steht mir dann aber fast auf den Füßen, wenn ich mal wieder was backe? Meinst du, ich krieg das nicht mit, dass sich der Teig immer auf wundersame Weise verkleinert?“, murrte Dominik, um dann wieder seinem Bruder einen tödlichen Blick zuzuwerfen, als dem der Ausruf „Ärger im Paradies!“ entfleuchte. Aber was war das? Trug Vater Preuss zwischen all dem Gezänk etwa den Hauch eines Schmunzelns auf den Lippen? Jedoch wurde nicht ganz eindeutig, ob es daran lag, dass Frido gerade in seine Schranken verwiesen worden war oder an Dominiks scheinbarem Wahnwitz.

„Von mir aus“, lag nämlich ein bisschen zu viel Süffisanz in seiner Stimme, als er Dominik wieder musterte.

„Dann ruf deinen Wunderheiler an, wenn du das unbedingt meinst. Ich kann dir aber jetzt schon versprechen, dass der an den Wartezeiten auch nicht viel drehen kann!“, kehrte damit allerdings die alte Miesepetrigkeit zurück, unterstrichen vom obligatorischen Verschränken der Arme, um den eigenen Standpunkt noch mal zu untermauern. Dominik interessierte das Getue hingegen nicht. Er war im ersten Moment zu überrascht und im nächsten zu erfreut über diese Worte.

„Echt? Wir dürfen ihn fragen?“, erstrahlte sein Gesicht und ließ sich davon nicht einmal abhalten, als sein Vater das Ganze natürlich mit einer Bedingung versah.

„Tut, was ihr nicht lassen könnt. Aber damit eins klar ist: Ich verschieb meinen Termin deswegen nicht! Ich bin froh, wenn ich die Scheiße hinter mir hab! Und es ändert auch nichts daran, dass das Thema unter uns bleibt!“, grummelte er und schaute ähnlich überrascht wie Dominik, als Frido dem plötzlich seine Jacke über die Schultern legte.

„Was machst du?“, drehte der Lockenkopf sich um und hob die Augenbrauen, als Frido grinsend sein Smartphone hervorholte.

„Na, bevor dein alter Herr es sich anders überlegt…“, zwinkerte er und deutete an, dass er sich für das Telefonat mal kurz etwas zurückziehen wollte. Doch Dominik schüttelte beinahe schon entsetzt den Kopf.

„Wir haben Heilig Abend!“, rief er aus, was Frido ein Lachen entlockte.

„Ja und wir sprechen hier gerade von Ernest! Der sitzt jetzt bei klassischer Musik und einem guten Weinchen auf der Couch und liest ein Buch, bis das Restaurant seiner Wahl ihm den Lieferdienst vorbeigeschickt hat. So spät haben wirs aber noch nicht. Also kann ich ihn gerade guten Gewissens stören“, verriet er und zuckte leicht die Schultern, als Dominik mit einer enttäuschten Note fragte, ob Ernest Weihnachten denn nicht bei seiner Familie verbringe.

„Ersten Feiertag gehts zu seinen Eltern. Aber auch nur, weil sein Bruder samt Anhang bei der Familie seiner Frau sind“, schmunzelte er und verzog sich ein paar Schritte Richtung Gartentreppe, um auf Nummer sicher zu gehen, dass Hinrich Preuss vom freundschaftlichen Geplänkel nicht abgeschreckt wurde. Man durfte den kleinen Erfolg ja nicht sofort wieder kaputt machen – und war trotzdem noch immer Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

„Stimmt das eigentlich, was er da vorhin erzählt hat? Mit dem Unfall?“, murmelte Vater Preuss nämlich, während er Frido beobachtete und dann den Blick zu seinem Sohn wandern ließ.

„Ja, wie er gesagt hat: Aus dem Gegenverkehr ist ihm einer frontal ins Auto gefahren. Der wollte wohl überholen und hat sich dabei verschätzt. Und Frido konnte nicht mehr ausweichen… Aber Ernest hat damals viel für ihn getan. Von daher… wenn einer einschätzen kann, wie gut Ernest seine Arbeit macht, dann Frido. Obwohl er meine Hand ja auch gut unter die Lupe genommen hat. Das muss ich ihm lassen. Aber kann man ja beides gar nicht vergleichen“, schmunzelte er und schaute seinen Vater fragend an, als der ihn plötzlich äußerst kritisch beäugte und selbst Heiner den Kopf zu ihnen drehte.

„Wie, deine Hand? Was ist damit?!“, stellte jedoch der Ältere von ihnen die Frage, die wohl beide gerade interessierte und Dominik machte eine wegwerfende Bewegung.

„Ach, ich war so trottelig, ein Glas zu zerdeppern und hab mir dabei ein paar Scherben eingefangen. War aber halb so wild“, murmelte er und warf Frido einen verstohlenen Blick zu, der gerade lachte und scherzte, ehe er nickte und mit einem „Ja, alles klar… So machen wirs.. Danke!“ langsam zu der kleinen Gruppe zurückkehrte.

„Und?“, war Dominik dabei der Erste, der sich erkundigte, als Frido das Smartphone einsteckte und begann bereits zu lächeln, als er dessen Grinsen sah.

„Versprechen konnte er natürlich noch nichts, aber er hatte sofort zwei Kollegen im Kopf, die er nach Weihnachten anrufen wird. Und dann gibt er uns Bescheid. Aber er klang recht optimistisch“, stellte er sich hinter Dominik und umarmte ihn, während Vater Preuss das Kinn reckte und den Mund verzog.

„Ja, ja, nicht zu früh freuen…“, murrte er dabei, wohingegen Heiners Mundwinkel zuckten und Dominik triumphierend lachte.

„Übersetzt soll das wohl heißen: Danke, Lieber Frido, dass dir die Mühe gemacht hast“, grinste er erst zu seinem Freund und dann zu seinem Vater, dessen letzter Zug an der Zigarette wohl einen komischen Beigeschmack hatte, wie sein Gesichtsausdruck verriet.

„Papperlapapp!“, warf er sie dann in die alte Blechdose, schob die Hände in die Hosentaschen und stapfte Richtung Terrassentür, an der in diesem Moment auch Martina erschien.

„Kommt ihr heute auch noch mal wieder rein? Wir wollen endlich Bescherung feiern!“, grinste sie und zog hinter ihrem Rücken einige Nikolausmützen hervor, die nur auf ihre neuen Träger gewartet hatten. Ein kleines Ritual, das alle, die schon mal öfter mit ihr Weihnachten gefeiert hatten, bereits allzu gut kannten.

„Hau bloß ab mit dem Ding!“, knurrte Hinrich Preuss darum auch in bekannter Manier und wich wie jedes Jahr ihrem Versuch aus, ihm eine davon auf den Kopf zu setzen.

„Aber Schwiegerpapi!“, zog sie daraufhin wieder einmal eine Schnute und schaute ihm enttäuscht hinterher, als er an ihr vorbei ins Wohnzimmer ging. Doch wenigstens war ihr Heiner nicht so muffelig. Gutmütig trottete er zu ihr hin, ließ sich verschönern und trollte sich dann ins Warme.

„Man, siehst du bescheuert aus!“, höhne dafür natürlich sofort der Zweitälteste und bekam die Antwort „Guck mal in den Spiegel!“ zu hören.

„Hey! Die sind sehr schön, ja?!“, mischte Martina sich in das Geplänkel ein und ließ wie eine kitschig getünchte Türsteherin auch Dominik und Frido erst an sich vorbei, als sie sich brav hatten einkleiden lassen. Und damit stand der Bescherung nun endlich nichts mehr im Wege. In besinnlicher Eintracht gesellten sie sich wieder um den Weihnachtsbaum und die Gaben, verteilten die Geschenke, lachten und umarmten einander, als wäre es den ganzen Abend über nicht anders gewesen. Und während Hinrich Preuss seine Familie dabei wieder wachsamen Auges beobachtete, konnte ein wenig der Eindruck entstehen, als hätte es unter ihnen nie einen unerwünschten Eindringling gegeben.

7.12.2024: Adventszeit

Wie konnte das nur sein? So einen Schmerz und so ein Elend zu fühlen, das auch noch mit jeder Bewegung schlimmer wurde? Er versuchte sich aufzustützen und sackte doch sofort wieder hinab.

„Wie konntest du das bloß zulassen?“, wimmerte er dabei, während er die Augen zusammenkniff und die Hände zu seinem Kopf schob. Stechend und dröhnend zugleich zog sich das Leid durch den gesamten Schädel und schien keinerlei Erbarmen zu kennen. Genauso wie dieses belustigte Grinsen, das auf ihn hinab strahlte, als er endlich die Augen einen Spalt breit offen halten konnte – trotz dieses gleißend hellen Lichts, das ihm durchs Fenster in die Pupillen stach.

„Jammer nicht. Ich hab dir sofort gesagt, du sollst die Finger von Omas Aufgesetzten lassen“, kannte der Lockenkopf keinerlei Erbarmen und schnaubte auch noch belustigt, als sein Freund wehleidig das Kissen über den Kopf zog, um wieder für Dunkelheit zu sorgen. Dabei nuschelte er irgendwas in die Matratze und brummte gepeinigt, als ihm seine kleine Zufluchtsstätte jäh entrissen wurde.

„Was murmelst du da?“, legte Dominik das Kissen beiseite und sich stattdessen auf Fridos Rücken, als der versuchte, sein empfindliches Haupt nun eben mit den Händen abzuschirmen.

„Ich hab gefragt, ob das Absicht war…“, murrte er und brummte erst recht, als er nun auch noch dieses süffisante kleine Kichern im Ohr hörte.

„Was? Dich abzufüllen, damits dir heut so beschissen geht?“, amüsierte Dominik sich für Fridos Geschmack ein wenig zu sehr und trotzdem hatte er gerade nur die Kraft, um mit einem Nicken zu antworten.

„Also erstens: Ich hab dich gewarnt, dass man sich mit den Umdrehungen schnell vertut, weil der Walnusslikör so süß ist. Und zweitens: Basti und Heiner sind viel besser im Training als du. Wenn du unbedingt mit ihnen mithalten willst, bist du selbst Schuld. Sei froh, dass der Schlehenlikör noch nicht richtig durchgezogen ist und noch ein paar Wochen braucht. Der haut selbst die zwei ordentlich aus den Latschen“, hauchte Dominik seinem armen Schatz einen Kuss auf die Schulter und grinste, als der wieder brummte. Noch mehr amüsierte es ihn aber, als Frido jetzt auch noch mit kleinen Verschwörungstheorien um die Ecke kam.

„Dein Vater hat gar nichts getrunken, oder?… Das war n abgekatertes Spiel, gibs zu!“, murrte er und schob die Augenbrauen noch ein bisschen mehr zusammen, während er abermals versuchte, auf seine Unterarme zu kommen. Wenn Dominiks Lachen nur nicht so in seinem Ohr gedröhnt hätte!

„Hey, jetzt gibt ihm nicht die Schuld! Oma hat ausgeschenkt, nicht er! Und da steckt auch nichts Abgekatertes hinter. Er hat seit Jahren Magenprobleme und verträgt einfach manche Sachen nicht mehr so gut. Wenigstens ist er beim Alkohol vernünftiger als bei den Zigaretten“, erklärte er und schmunzelte, als Frido es nun endlich schaffte, ihm einen leicht verkaterten und ziemlich skeptischen Blick zuzuwerfen.

„So hab ich mir die Adventszeit nicht vorgestellt!“, murrte er und sackte dann zurück in die Matratze. Und wieder kannte sein Freund keine Gnade mit ihm.

„Korrigiere, Herr Dozent! Advent ist die Zeit vor Weihnachten und die ist schon wieder vorbei“, säuselte er ihm ins Ohr und lachte, als Frido mit einem „Klugscheißer!“ den Kopf zur anderen Seite drehte. Und als wäre es nicht schon anstrengend genug, fing Dominik jetzt auch noch an, ihn zu rütteln.

„Los, jetzt steh endlich mal auf. Vergiss nicht, dass wir nachher noch eine schöne lange Autofahrt zu deinen Eltern vor uns haben“, piesackte und neckte Dominik ihn, bis Frido das andere Kissen griff und versuchte, ihn damit zu verscheuchen. Doch damit bekam er den Lockenkopf nur von seinem Rücken runter und wurde nun stattdessen seitlich von ihm geknufft und gepiekt und obendrein auch noch ausgelacht.

„Erbarmungsloser!“, moserte der Dozent dabei und drehte sich mit einem tiefen Wimmern auf den Rücken. Womit hatte er das nur verdient? Und jetzt kam auch noch eine Androhung…

„Ich kann dich auch hier liegen lassen und warten, bis Lilli und Juli da sind. Wenn dir das lieber ist, dass die dich aus dem Bett zerren?“, kletterte Dominik jetzt obendrein auf seinen Schoß und malträtierte mit seinen schlanken Fingerspitzen Fridos Bauch und Seiten. Doch damit war er zu unachtsam geworden.

„Schluss jetzt!“, setzte Frido sich nämlich ruckartig auf und schlang die Arme um den Quälgeist, um sogleich mit lautem Jammern den Kopf an dessen Schulter sinken zu lassen.

„Mein Kopf…“, beklagte er sich, während Dominik die Arme um seinen Nacken legte und ihm seicht durch die Haare kraulte.

„Hör auf zu knurren. Ich hab dir da n Glas Wasser mit ner Aspirin hingestellt“, war er scheinbar doch nicht ganz so herzlos, wie es den Anschein gemacht hatte. Doch in Wirklichkeit hatte er gerade viel zu viel Spaß an Fridos misslicher Lage.

„Ich kann dir natürlich auch ein paar schöne saure Gurken oder Rollmops holen, wenn du willst. Oder soll ich lieber Ernest rufen?“, war da schon wieder dieses genüssliche Grinsen auf seinem Gesicht, als Frido sich etwas von ihm löste, um ihn anschauen zu können. Und für den war das Maß nun endgültig voll.

„Das reicht!“, zog er Dominik jetzt nicht nur mit sich hinunter, als er sich plötzlich wieder nach hinten fallen ließ, sondern rollte sich dann auch einfach auf ihn. Wenn er ihn schon nicht aus dem Bett vertreiben konnte, machte er es sich halt auf ihm gemütlich und schlief einfach wieder ein. So konnte man auch seine Ruhe bekommen. Na ja, oder es zumindest versuchen…

8.12.2023: bescheren

Immerhin. Immerhin saß er inzwischen frisch geduscht am Küchentisch, hatte eine gute Tasse Kaffee vor sich stehen und fühlte sich nicht mehr ganz so wie gekaut und ausgespuckt. Und immerhin war es noch ein ordentliches Stündchen hin, bis Juli und Lilli eintreffen würden und die große Reise losging. Genug Zeit also, um sich noch etwas mehr in die Riege der Lebenden zurückzukämpfen und die Ruhe auf sich wirken zu lassen. Denn allzu viel würde er den Rest des Tages davon wohl nicht mehr bekommen. Und darum hatte er auch ausgeschlagen, Dominik bei seinem Spaziergang zu begleiten. Das Fitnessstudio war zu und sein Lockenkopf hatte wenigstens auf die Weise noch ein bisschen Bewegung und vor allem frische Luft bekommen wollen, ehe sie die gut zweistündige Fahrt über nur im Heizungsklima saßen. Eigentlich eine gute Idee, dachte Frido sich nun. Aber jetzt noch zu Dominik aufzuschließen machte wohl nicht mehr viel Sinn. Der war vermutlich eh längst auf dem Rückweg nach Hause, mutmaßte Frido bei einem Blick auf die Uhr. Also schloss er die Augen und existierte einfach nur ein bisschen vor sich hin, ehe der ganze Trubel von Neuem begann. Und wie er feststellen musste, war das leider deutlich früher als erwartet der Fall. Die Stirn gerunzelt, öffnete er seine Lider daher nach wenigen Sekunden bereits wieder, als er aus dem Treppenhaus auffällige Geräusche hörte. Stimmen, die ihm verdächtig bekannt vorkamen und vor allem ein Kinderlachen, das unverkennbar einer gewissen kleinen Dame zuzuordnen wusste.

„Ist die Batterie alle?“, murmelte er irritiert und warf einen erneuten Blick auf seine Uhr, um dann leicht den Kopf zu schütteln, als er eindeutig das Ticken des Sekundenzeigers wahrnehmen konnte. Oder war sie einfach nur altersschwach und deshalb hinter der eigentlichen Zeit? Er stand auf, um zu kontrollieren, was sein Wecker im Schlafzimmer sagte, doch da öffnete sich bereits die Wohnungstür und Dominik trat mit seiner Begleitung ein.

„Hey, da ist er ja schon“, grinste der Lockenkopf zu Juli, während die darauf wartete, dass ihre Tochter auch die letzten Stufen noch selbstständig erklomm und ihren Onkel dann mit einem erfreuten Quietschen begrüßte.

„Hallo, Spatz…“, murmelte der und kniff dennoch die Augen zusammen. Jetzt dröhnte ihm nicht nur der Schädel, sondern auch das Trommelfell…

„Du hast aber auch schon mal frischer ausgesehen“, gab es dafür die herzliche Begrüßung von Juli, gefolgt von einer kurzen Umarmung und deutlich mehr Begeisterung seitens ihrer Tochter, die ihren Onkel anstrahlte und von ihm sofort auf den Arm genommen werden wollte.

„Erst die Jacke und die Schuhe aus, bevor ich dich hochhebe“, forderte der allerdings und stützte kopfschüttelnd die Hände auf die Hüften, als Lilli darauf nicht so recht eingehen wollte, sondern lieber weiterhin die Arme in seine Richtung ausstreckte.

„Nein, Spatz. Von dem matschigen Wetter sind deine Schuhe ganz dreckig und die Jacke ist auch nass. Zieh die Sachen bitte erst aus, damit du mich nicht schmutzig machst“, blieb er dieses Mal hartnäckig und wurde nicht nur von Lilli skeptisch angeguckt.

„Sag mal, waren wir nicht erst in einer Stunde verabredet?“, wendete er sich dann wieder seiner Schwester zu, die sich gerade aus Schal und Jacke schälte. Wachsam schaute sie von ihrem Bruder zu ihrer Tochter und beobachtete mit Erstaunen, dass der es ignorierte, wie Lilli ihn immer grantiger anschaute.

„Du bist doof!“, machte sie ihrem Ärger dann doch endlich Luft und verschränkte die knubbeligen Ärmchen vor der Brust, während Frido die Schultern hob und mit einem ruhigen „Das macht nichts“ darauf reagierte. Ja, das würde ihnen jetzt vermutlich eine grauenhafte Fahrt bescheren, dachte er sich. Aber vor allem musste er sich eingestehen, dass ein gewisses Gespräch ihm doch nicht mehr so ganz aus dem Kopf gegangen war. Und nein, sicherlich stimmte er in Sachen Kindererziehung – und erst recht bei anderen Themen – Dominiks Vater nicht vollends zu. Aber was das Setzen gewisser Grenzen anging, hatte der alte Kauz vielleicht gar nicht mal so unrecht gehabt. Nur kam es ja auch immer darauf an, wie man diese kommunizierte.

„Wie gesagt, sobald du die Schuhe und die Jacke aus hast, nehm ich dich gern auf den Arm. Aber ich möchte nicht, dass du mich dreckig machst“, erklärte er Lilli darum noch einmal seinen Standpunkt, während sie zu hadern schien, ob sie nun wirklich los kreischen wollte oder doch erst einmal dabei blieb, ihn wütend anzuschauen. Doch dann erzählte Juli ihm, warum sie tatsächlich eine Stunde zu früh waren und plötzlich fiel es ihm gar nicht mehr so leicht, Lillis Schnute stand zu halten, statt sofort auf die Knie zu fallen und sie an sich zu drücken.

9.12.2024: Sprachwissenschaft

Es gab da dieses Phänomen, das man bei so manchem Erwachsenen beobachten konnte, wenn er etwas erzählen wollte, das anwesende Kinder nicht verstehen sollten: Prekäre Worte wurden einfach buchstabiert. Bei einzelnen Begrifflichkeiten und ausreichend jungem Alter der Kinder stellte dieses Vorgehen durchaus eine Möglichkeit dar. Schwierig wurde es nur, wenn gleich ganze Sachverhalte beschrieben werden sollten. Und noch schwieriger wurde es, wenn eine Juli Klimlau sie darlegen wollte – und dabei innerlich auch noch so aufgewühlt war, dass sie am liebsten einige Teller gegen die Wand geschmissen hätte. In so einem Fall fragte ihr Bruder sich dann so manches Mal, ob er neben seinem eigentlichen Studium vielleicht auch noch ein paar Semester Sprachwissenschaften hätte dranhängen sollen, damit es ihm jetzt leichter gefallen wäre, Wortneuschöpfungen und Umschreibungen besser zu verstehen.

„Okay, stopp…“, unterbrach er daher bereits im Flur Julis Versuch, mit übertrieben freundlicher Miene und einer Stimmlage, bei der einem jedes Glas leidtun konnte, über die Geschehnisse des gestrigen Abends zu berichten. Ihr Exmann, Tim, hatte es offenbar nicht nur geschafft, sie zu verärgern, sondern dabei auch noch so eine Dummheit angestellt, dass er Lilli damit enttäuschen würde – so viel hatte Frido begriffen. Aber damit hörte es dann auch schon auf.

„Können wir irgendwo anders darüber sprechen? Ich versteh grad, ehrlich gesagt, kein Wort…“, zuckte er leicht die Schultern und schüttelte den Kopf, während seine Schwester in diesem Augenblick erstaunlich gut darin war, den schmollenden Gesichtsausdruck ihrer Tochter nachzuahmen. Da gibt man sich so viel Mühe mit den Erklärungen und dieser Tropf kapiert mal wieder nichts!

„Komm, Spätzchen, wir gehen ein bisschen ins Wohnzimmer“, brachte sich da auch Dominik ein, der Lilli bereits dabei unterstützte, aus aus den nassen Klamotten zu schlüpfen. Vielleicht ließ sie sich damit ein wenig besänftigen und eine launenhafte Vollkatastrophe konnte noch abgewendet werden. Doch wie realistisch das wohl war? Immerhin hing ihre Stimmung hartnäckig am Nullpunkt, seit Onkel Frido sich zunächst geweigert hatte, sie auf den Arm zu nehmen. Da konnte es auch nichts mehr ändern, dass er sogar anbot, sie nun zur Couch zu tragen, nachdem der kleine Dreckspatz kein Dreckspatz mehr war.

„Ich will nicht!“, murrte sie also auf Dominiks Vorschlag und Fridos Versöhnungsgeste hin und presste bockig Lippen und Augenbrauen zusammen. Und nun? Die beiden Männer schauten einander fragend an, während Juli inzwischen kurz vor einem Dammbruch stand. Sie gab sich ja redlich Mühe, ihre Emotionen in Lillis Gegenwart nicht zu sehr hochkochen zu lassen, aber das war leichter gesagt als getan.

„Können wir euch einen Moment allein lassen und kurz vor die Tür gehen?“, schlug Frido daher an Dominik gewandt vor und fühlte einen Hauch Erleichterung, dass wenigstens der sich kooperativ zeigte, wohingegen es von Lilli ein störrisches „Ist mir egal!“ gab.

„Vergiss deinen Schlüssel nicht“, erinnerte er ihn sogar und lächelte, als Frido ihm kurz zuzwinkerte. Juli gingen diese kleinen liebevollen Gesten gerade aber scheinbar völlig gegen den Strich, sodass sie sich bereits an Frido vorbei aus der Tür zwängte. Das konnte ja was werden, schienen Dominiks und Fridos Blicke einander zu sagen, während Frido die Tür hinter sich zuzog und Dominik es sich neben Lilli auf dem Boden gemütlich machte. Dann leistete er ihr halt einfach Gesellschaft, bis sie sich beruhigt hatte und harrte der Dinge, die da kämen.

„Lass uns ins Atelier gehen“, nickte Frido unterdessen in besagte Richtung, doch so lange wartete Juli gar nicht erst.

„Er ist so ein Arsch!“, brach es bereits im Treppenhaus aus ihr heraus und damit ließ sie allem Lauf, was offenbar schon seit Stunden in ihr gearbeitet hatte.

„Ich könnte grad so kotzen! Und die ganze Zeit musste ich vor Lilli gute Miene zum bösen Spiel machen! Obwohl er das Arschloch ist!“, knirschte sie und stapfte schnaubend an Frido vorbei, kaum, dass der die Tür zum Atelier geöffnet hatte und ihr Einlass gewährte. Schade, dass er hier keinen Sandsack hatte oder zumindest ein Kissen, in das sie hinein brüllen konnte. Also zog er stattdessen seinen Pullover aus und hielt ihn Juli auffordernd hin.

„Was soll ich damit?!“, fragte sie zunächst wohl etwas harscher als gewollt und zögerte doch keinen Moment, als sie seine Erklärung hörte.

„Schrei den Frust erst mal raus und dann erklär mir noch mal, was gestern passiert ist“, lehnte er sich an den Schreibtisch und schaute Juli dabei zu, wie sie erst in ihren Schalldämpfer schrie, ehe aus dem Kreischen ein Schluchzen wurde.

„Ich komm mir so bescheuert vor…“, lehnte sie sich dann neben Frido und gab ihm seinen Pullover wieder, während er seinen Arm um sie legte.

„Tim hat mir in der letzten Zeit doch öfter mal erzählt, dass er Lilli an den Wochenenden nicht holen konnte, weil er angeblich auf Montage war… Jetzt rate mal, was tatsächlich dahinter steckte“, murmelte sie und nickte, als Frido nach kurzer Überlegung das Gesicht entgleiste.

„In Wirklichkeit ist er mit einer aus der Nachbarschaft angebandelt. Und weißt du, was das Beste ist?“, fragte sie dann und seufzte, als Frido leicht den Kopf schüttelte.

„Er hat mir das gestern nicht nur dadurch verkündet, dass er sie mit zum Weihnachtsessen geschleppt hat. Nein! In einem Nebensatz hat er mir auch noch berichtet, dass er heute nicht mit zu Mama und Papa kommt, weil er lieber mit zu ihrer Familie dackelt! Also darf ich unseren Eltern nachher den ganzen Schlamassel erklären! Oh, und dann wollte Tim auch noch, dass ich Lilli heute noch bei ihm lassen sollte, damit die „ganze Familie“ zusammen wäre! Er hätte sie dann auch morgen früh wieder her gebracht… Ist das zu fassen?!“, stieß sie sich vom Schreibtisch ab und stapfte durchs Atelier, während Frido sie anschaute, als hätte nicht er, sondern sie zu tief in Oma Trudels Schnapsglas geguckt.

„Was? Das… Aber wie haben deine ehemaligen Schwiegereltern darauf reagiert? Die waren doch gestern mit dabei, oder nicht?“, blinzelte er irritiert, während Juli höhnisch auflachte.

„Die unterstützen das auch noch! Seine Mutter hat ständig irgendwelche Bemerkungen fallen lassen, dass seine Anna ja sooo gut zu ihm passen würde. Und sie so ein schönes Pärchen wären. Endlich wäre da wieder ein richtiges Familiengefühl! Immerhin – nicht zu vergessen – ist die gute Anna ja so eine liebevolle Mutter! Das ist so eine der Sachen, die mich am meisten ankotzen: Lilli hat es mir im Endeffekt schon vor Wochen erzählt, dass da was läuft, aber ich dumme Kuh hab es nicht kapiert! Ich hab echt gedacht, die gemeinsamen Spielnachmittage wären nur, weil Anna zwei Kinder halt praktischerweise in Lillis Alter sind. Wir wissen ja alle, dass es manchmal wirklich eine Wohltat ist, die Kinder nicht allein bespaßen zu müssen. Ich war so naiv, ey! In Wirklichkeit lief da wohl schon längst was zwischen ihr und Tim! Und die Wochenenden, an denen er angeblich auf Montage war, waren dann die, an denen sie ihre Kinder beim Vater geparkt hatte! Dieser Sack hat lieber mit seiner Neuen rumgevögelt, statt sich um seine Tochter zu kümmern!“, hob sie die Hände und ließ sie wieder sacken, während sie den Kopf schüttelte und weiter durch das Atelier trabte.

„Aber es wird noch besser!“, hob sie dann noch den Zeigefinger und schenkte Frido ein Lächeln, das er seinem schlimmsten Feind nicht gewünscht hätte.

„Weißt du, was seine wunderbare Mutter dazu meinte, als ich ihn gefragt hab, ob er das gut findet, Lillis Wochenenden für so was ausfallen zu lassen?“, schaute sie ihn auffordernd an, wohingegen Frido nur die Schultern zucken und den Kopf schütteln konnte. Was sollte denn jetzt noch folgen?

„Im Endeffekt war das ja meine Schuld!“, stützte Juli die Hände auf die Hüften, während Frido langsam aber sicher der Mund offen stand und er zunehmend an seinem Verstand zweifelte.

„Wie? Deine Schuld?“, konnte er jedoch nur murmeln, wobei Juli energisch nickte.

„Ja, die Trennung ohnehin und dass ihr armer Tim nun endlich wieder glücklich werden muss! Da kann ich ja nicht erwarten, dass sich immer alles nur um meinen Terminkalender dreht! Und außerdem war es ein Fehler, weil ich Lilli damals die erste Zeit ja erst mal nur hier bei mir hatte und er dann zu Besuch kam, anstatt, dass wir sofort ein Wechselmodell gemacht haben…“, zischte sie erst, um dann „Aber das war alles mit ihm so abgesprochen!“ zu brüllen.

„Wir haben das damals gemeinsam für Lilli entschieden! Und dieses Schwiegermonster tut jetzt so, als hätte ich ihnen ihnen Enkelkind vorenthalten, nur, weil die werten Großeltern es nicht so oft sehen konnten, wie es ihnen genehm gewesen wäre!“, stapfte sie wieder los und konnte sich nicht recht entscheiden, was sie mit ihren Händen machen sollte. Fäuste ballen? Rumfuchteln? Die Arme vor der Brust verschränken? Es fühlte sich alles nicht richtig an. Genauso wie diese Situation.

„Ey, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie die mich gestern zeitweise unter Druck setzen wollten, dass ich Lilli da lasse… Tim hätte ja der heutige Tag gereicht, aber seine Alten wollten sie am liebsten gleich bis Neujahr behalten! Und währenddessen hat Annalein mit den Kindern schön unterm Baum gespielt, um sie zu bespaßen… Ich hätte so kotzen können! Dieses scheinheilige Flittchen! Und da muss man dann auch noch ruhig bleiben, damit ich nicht noch mehr als hysterische Kuh dastehe! Ich sag dir, als meine Schwiegermutter dann zum Abschied auch noch anfing, auf Lilli einzureden, ob sie nicht da übernachten will, hätte ich der alten Schachtel am liebsten eine geklatscht!“, knurrte Juli und presste die Zähne aufeinander, um im nächsten Moment auf die Knie zu sacken und zu schluchzen.

„Hey…“, löste Frido sich daraufhin von seinem Platz und ging neben ihr in die Hocke, um sie in den Arm zu nehmen und ihr über die Oberarme zu streichen. Kein Wunder, dass Juli das alles nicht länger für sich hatte behalten wollen und endlich eine Möglichkeit gebraucht hatte, sich das alles von der Seele zu reden. Erst recht bei den Sorgen, die von dieser Wut und Enttäuschung noch begleitet wurden.

„Frido, ich glaub, die wollen mir meine Kleine wegnehmen… Die Alte hat gestern ständig so Andeutungen gemacht, was das doch wieder für ein schönes Familienleben wäre, seit Tim mit Anna zusammen ist…“, wimmerte sie obendrein noch und lehnte sich an ihren Bruder, als der energisch den Kopf schüttelte.

„Ach, was! Dafür gibts doch gar keine Veranlassung! Du bist eine gute Mutter! Warum sollte man dir die Kleine wegnehmen?!“, sprach er eindringlich, doch Juli schien davon wenig überzeugt.

„Weil bei ihnen ja viel mehr Zusammenhalt herrscht… Die Großeltern sind direkt vor Ort, einige andere Verwandte auch und nicht zu vergessen, wie gut die Kinder sich doch verstehen… Fast wie Geschwister… Und dagegen hab ich hier nur meinen Bruder, wenn was ist. Und ein paar Freundinnen, aber Mama und Papa wohnen zwei Stunden von hier weg… Von Dominik hab ich ihnen zum Glück nichts erzählt, sonst wäre das am Ende wohl noch ein gefundenes Fressen!“, rieb sie sich die Augen, wohingegen Frido ausschnaubte. Er wusste, dass seine Schwester eine Löwenmutter sein konnte, wenn es sein musste, aber auch die Stärksten konnten mal ins Wanken geraten. Und sie jetzt so zu sehen, ließ ihn nur erahnen, wie schlimm der gestrige Besuch wirklich gewesen sein musste.

„Dass ich schwul bin, weiß Tim doch…“, murmelte er unter dem Versuch, sie ein bisschen zu beruhigen, aber das schien im Moment nicht allzu viel Wirkung zu zeigen.

„Stimmt. Aber er weiß nicht, dass du mit deinem Studenten zusammen bist. Einem Schutzbefohlenen quasi… Wie verantwortungslos! Von dir und erst recht von mir, dass ich einen „Wildfremden“ manchmal auf Lilli aufpasse!“, zischte sie, weil sie genau wusste, wie ihre Schwiegermutter diese Infos für sich auslegen würde und zog trotzig die Nase hoch, ehe sie weitersprach.

„Frido, du kennst die Alte! Die ist so was von konservativ und würde sich das bestimmt so zurecht drehen, wie ihr das in den Kram passt! Und ganz ehrlich? Das Schlimmste ist, dass es ihr im Endeffekt nicht mal um Lilli geht! Es geht ihr viel mehr darum, mir eins reinzuwürgen, weil ich mich von ihrem geliebten Sohnemann getrennt habe! Und weil sie Lilli die ersten Monate nach der Trennung so wenig gesehen haben. Sie, sie, sie! Lillis Wohl ist völlig egal! Die sehen nur, dass nicht so lief, wie sie es gern gehabt hätten! Das wurd gestern so deutlich! Sonst hätte sie ihm auch mal ins Gewissen geredet, aber nein, sie unterstützt das ja auch noch!“, haute sie mit der Faust auf den Boden, um dann wieder gegen ihren Bruder zu sacken.

„Und die wissen ganz genau, dass ich um jeden Preis verhindern will, dass da irgendein Rosenkrieg ausbricht und Lilli noch mehr leiden muss… Also werd ich erst mal den Teufel tun, das alleinige Sorgerecht zu beantragen und kann nur drauf hoffen, dass das gestern nur blödes Gerede von ihr war…“, pendelte sie zwischen Wut und Verzweiflung, wohingegen Frido da eine ganz eindeutige Meinung zu hatte.

„Du bist eine gute Mutter und lässt dir von dieser alten Schachtel auch nichts anderes einreden! Und wenn sie wirklich Ärger machen will, dann sagst du mir Bescheid! Wir haben bis jetzt schon so viel durchgestanden, Schwesterchen, dann schaffen wir das auch!“.

10.12.2024: honorieren

Es war schon ein wenig seltsam: Eigentlich hatte er nie viel mit Kindern zu tun gehabt oder sich jemals Gedanken über eine eigene mögliche Familienplanung gemacht. Wenn er mal zufällig bei Familienfeiern oder anderen Gelegenheiten die Kinder ihm bekannter Leute getroffen hatte, waren sie für ihn immer eher ein Hintergrundrauschen gewesen, aber nichts, wofür er sich wirklich interessiert hatte. Und nun saß er hier auf dem Boden, lehnte an der Flurkommode und beobachtete diese kleine schmollende Dame, die ihm den Rücken zugedreht hatte. Eine junge Dame, die vielleicht nicht unbedingt den Wunsch in ihm weckte, selber irgendwann eine Familie mit Frido zu gründen, aber die er wahnsinnig ins Herz geschlossen hatte. Und die ihm zeigte, wie lieb man so einen kleinen Menschen haben konnte, aber wie herausfordernd es zugleich auch war, ihn durch dieses Leben zu führen, bis er irgendwann auf eigenen Beinen stehen würde. Selbst kleine Entscheidungen konnten da verunsichern. So wie diese: Sollte er einfach nur schweigen, bis Lilli von allein wieder mit ihm sprach oder lieber sachte auf sie einreden? Wie zeigte er ihr gerade am besten, dass er für sie da war?

„Mäusezähnchen, dein Onkel wollte dich nicht ärgern. Das weißt du, oder?“, brach er nach einiger Zeit sein Schweigen und legte ihr sanft die Hand auf den Rücken. Und immerhin: Sie blieb stehen, statt sofort angesäuert weg zu stapfen. Aber was sich im ersten Moment wie ein kleiner Sieg anfühlte, wurde im nächsten zur herben Enttäuschung, als das Mädchen sich zu ihm umdrehte und er die dicken Krokodilstränchen sah, die da in den großen Augen glitzerten.

„Hat Onkel Frido mich auch nicht mehr lieb?“, schluchzte Lilli und Dominik spürte, wie ihm von diesen Worten ganz flau im Magen wurde.

„Schätzchen, doch, natürlich hat er dich lieb!“, zog er die Kleine vorsichtig an sich und ließ sie auf seinem Schoß Platz nehmen, ehe er sie sachte umarmte.

„Lilli, dein Onkel hat dich sehr lieb. Und das ändert auch nichts daran, dass er dich vorhin nicht sofort auf den Arm nehmen wollte“, strich er ihr übers Haar und wiegte sie leicht, während er inständig hoffte, jetzt nicht die falschen Worte zu wählen.

„Du hast doch dieses Prinzessinnenkleid, das du nur ganz selten anziehst, weil du nicht möchtest, dass es schmutzig wird oder kaputt geht, richtig?“, murmelte er und nickte leicht, als auch Lilli es tat.

„Schau und für deinen Onkel sind die Sachen, die er heute trägt, vielleicht nicht so kostbar wie dein Kleid für dich, aber er trägt sie trotzdem sehr gerne. Er fühlt sich wohl in ihnen und möchte sie nachher auch anziehen, wenn wir deine Oma und deinen Opa besuchen. Und deshalb wollte er nicht, dass sie dreckig werden…“, erklärte Dominik, während er einen von Lillis Stiefeln griff und ihn ihr vor Augen hielt.

„Guck mal, da ist ganz schön viel Schlamm dran. Da bist du wieder ordentlich durch die Pfützen und matschigen Stellen gelaufen, kann das sein?“, fragte er und begann zu schmunzeln, als er die große Freude in Lillis Gesicht sehen konnte, wenn sie daran zurück dachte.

„Siehst du? Und Frido wollte nur nicht so gern diesen vielen Schlamm an seiner Kleidung… Dafür sind deine Stiefelchen ja auch da! Damit sie den Dreck abbekommen und die restlichen Klamotten sauber bleiben“, stellte er den nassen Treter wieder fort und fühlte sich für seinen waghalsigen Versuch honoriert, als Lilli sich fester an ihn schmiegte und noch einmal leicht nickte. Auch brachte es ihn im ersten Moment zum Kichern, als sie sich tatsächlich noch versichern wollte, dass ihr Onkel sie wirklich lieb hatte.

„Natürlich hat er dich lieb! Wir haben dich alle lieb!“, knuddelte Dominik sie und grinste, als sie den Blick zu ihm hob. Doch das erwartete Lachen blieb aus. Stattdessen stellte sie eine Frage, bei der selbst seine Mundwinkel langsam wieder hinabsanken.

„Und warum ist Papa dann lieber bei seiner neuen Familie?“, wollte sie von ihm wissen, ohne, dass Dominik eine Antwort darauf wusste. Stattdessen ploppten dutzende Fragen in seinem Kopf auf, die alle so schnell wieder ins Nichts verschwanden, ehe er sie zu fassen bekam.

„Eine… eine neue Familie?“, war alles, was er ausformulieren konnte und spürte, wie die Überforderung ihn langsam übermannte. Tim hatte eine neue Familie? Wusste Juli davon? War sie deshalb so aufgebracht? Und wie viel hatte Lilli darüber bereits mitbekommen? Nun stürzten all diese Überlegungen plötzlich auf ihn ein und trotzdem waren es Fragen, die er dem kleinen Mädchen kaum stellen konnte. Waren Juli und Frido wenigstens auf dem Rückweg? Er hoffte es zwar inständig, aber zu hören oder zu sehen war davon nichts. Stattdessen schauten ihn diese großen blauen Augen hilfesuchend an, ehe Lilli ihre kleinen Fingerchen in seinen Pullover krallte und den Kopf mit einer Mischung aus Resignation und Trotz sinken ließ.

„Ich find Anna doof! Aber Oma hat gesagt, Papa war wegen Mama ganz lange ganz doll traurig. Und dass er sich wegen Anna jetzt wieder freut. Darum soll ich lieb sein, damit er nicht wieder traurig wird. Also hab ich das gemacht! Ich hab mit Anna und Hans und Paul gespielt! Ich war gestern extra ganz brav, aber Papa kommt heute trotzdem nicht mit! Und mit Mama hat er auch wieder gestritten!… Glaub ich… Aber geweint hat Mama ganz bestimmt! Das hab ich genau gehört!“, schob die die Unterlippe vor und zog die Nase hoch, während Dominik tief durchatmete. Viel geweint? Er vermutete zwar, dass Lilli das eigentlich gar nicht hatte mitbekommen sollen, aber sicher war er sich nicht.

„Wann war das denn, dass deine Mama geweint hat?“, fragte er darum nach und nickte, als Lilli seine Vermutung bestätigte.

„Heute Nacht…“, murmelte sie, während er ihr über den Kopf strich und seine Wange seicht an ihren Scheitel legte. Was war da am heiligen Abend bloß los gewesen? Und vor allem: wo hatten die Erwachsenen das kleine Mädchen da bloß mit hinein gezogen? Konnten die ihren Scheiß nicht klären, ohne, dass sie noch mehr in Mitleidenschaft geriet? Waren die Trennung ihrer Eltern und der Umzug nicht schon genug gewesen? Am liebsten hätte er sie alle vor sich versammelt und ihnen gesagt, dass sie mal ihr Verhalten hinterfragen sollten. Dass sie mal ihre Probleme und Unzulänglichkeiten aus der Welt räumen sollten, ehe sie etwas davon auf Lilli abwälzten. Doch stattdessen konzentrierte er sich auf den kleinen Lockenkopf in seinen Armen.

„Mäuschen…“, sprach er liebevoll und bat Lilli, ihn anzugucken, während er versuchte die Stimme zu ignorieren, die in seinem Hinterkopf rief, dass ihn das doch alles gar nichts anginge.

„Ich weiß nicht, warum dein Papa das macht. Oder warum deine Eltern sich gestritten haben. Aber eins weiß ich ganz sicher: Es war nicht deine Schuld! Und es ist auch nicht deine Aufgabe dafür zu sorgen, dass deine Eltern sich vertragen, okay?“, sagte er und seine Mundwinkel zuckten, als Lilli offensichtlich nicht so recht wusste, was sie von seinen Worten halten sollte. Skeptisch schaute sie ihn an und ihre Lippen zuckten von links nach rechts, während sie weiter die Nase hoch zog. Doch Dominik lächelte sie dafür erst recht an.

„Lilli, du bist ein wundervolles Mädchen! Und ich finde es völlig in Ordnung, dass es auch Leute gibt, die du nicht so magst. Das sucht man sich ja nicht unbedingt aus… Ich hab auch die eine oder andere Person in meinem Leben, die ich nicht so toll finde. Aber es kommt ja auch immer drauf an, wie man damit dann umgeht… Verstehst du, was ich meine? Wenn du jemanden nicht magst, kannst du ja trotzdem höflich zu der Person sein. Ihr zum Beispiel guten Tag sagen oder dich bedanken, wenn sie nett zu dir ist“, erklärte er seine Sicht der Dinge und tippte Lilli auf die Nasenspitze, als sie nachdenklich nickte. Doch dann zog sie den Mund wieder kraus.

„Muss ich dann auch weiter mit Anna spielen?“, fragte sie, ohne die Abscheu verbergen zu können, die dieser Gedanke in ihr auslöste und entlockte Dominik damit ein tiefes Seufzen. Er wusste ja, dass er nicht ihr Elternteil oder wenigstens ein nahe Verwandter war. Was nahm er sich heraus, sich in ihre Erziehung einzumischen? Aber war es in Ordnung, wenn die Erwachsenen so viel Druck auf dieses kleine Mädchen ausübten? Es formen und in Richtungen drängen wollten, anstatt dabei auch darauf zu hören, was Lilli sich wünschte? War sie vielleicht auch deshalb oft so eigensinnig? Nicht nur, weil sie mitunter ein wenig verhätschelt wurde, sondern auch, weil in ihrem jungen Alter bereits so vieles über ihren Kopf hinweg entschieden worden war, das sicherlich alles für sie aus den Fugen gerissen hatte? Die Überforderung eines kleinen Menschen, der zu jung war, um eigene Entscheidungen treffen zu dürfen und dem dadurch oft nur der Trotz blieb, um wenigstens ein bisschen aufzubegehren? Vor allem aber ein Kind, das offensichtlich nicht von all den Menschen, die ihm nahe standen, wirklich so akzeptiert wurde, wie es war? Und eines, das vielleicht auch ein Stück weit als Spielball bei den Auseinandersetzungen der Erwachsenen genutzt wurde, dachte Dominik, je länger er über die Situation nachdachte. Und dann schüttelte er einfach den Kopf. Er vertröstete Lilli nicht damit, auf ihre Mutter zu warten, damit die ihre Frage beantwortete. Er dachte einfach daran, wie er sich in ihrer Situation gefühlt und was er sich an ihrer Stelle gewünscht hätte.

„Nein, ich finde nicht, dass du mit ihr spielen musst, wenn du das nicht willst. Und das ist dann auch nicht frech oder gemein von dir. Du kannst ja höflich sagen, dass du nicht möchtest und ich finde, dass… sogar deine Oma das dann akzeptieren muss. Du darfst eigene Vorstellungen und Wünsche haben, Lilli. Und das müssen nicht immer die Vorstellungen sein, die deine Eltern oder Großeltern haben“, erklärte er, um dann aber auch ein wenig das Gesicht zu verziehen und unschlüssig die Schultern zu heben.

„Aber das ist natürlich gerade sehr einfach gesagt von mir. Besonders, wenn du das Gefühl hast, dass deine Oma oder dein Papa traurig sind, weil du ihnen eine Bitte abschlägst… Du möchtest sie ja auch nicht enttäuschen...“, murmelte er und tat es Lilli gleich, als sie nickte. Ja, der Zwiespalt zwischen dem eigenen Charakter und den Erwartungen der Erwachsenen, den kannte er ja auch nur zu gut. Doch brachte sie der nicht sogar ein Stück weit zum Anfang ihres Gesprächs zurück?

„Weißt du… wenn ichs mir recht überlege, dann ist das so ähnlich wie mit deinen Stiefelchen vorhin: Du fandest es doof, dass dein Onkel dich nicht sofort hochheben wollte. Aber obwohl er mal Nein zu etwas gesagt hat, hat er dich ja trotzdem immer noch lieb. Und du ihn doch auch noch, oder?“, fragte er und grinste, als Lilli nach kurzem Überlegen und Wiegen des Kopfes doch eifrig nickte.

„Siehst du?“, sprach er dann weiter und zwirbelte ihre Zöpfchen dabei um seine Finger.

„Und wenn du sagst, dass du mit dieser Anna nicht spielen möchtest, dann hast du deine Oma oder deinen Papa ja trotzdem noch lieb. Und sie dich bestimmt auch! Also ist es auch nicht deine Schuld, wenn dein Papa heute nicht kommt!“, wippte er leicht mit den Beinen und grinste, als Lilli davon anfing zu lachen. Ja, dachte er, so gefiel sie ihm schon viel besser! Nur hoffte er, dass er ihre Situation mit seinen Worten nicht noch verschlimmert hatte. Denn schließlich war es ja nicht sein kleines Mädchen, das er wie ein Vater behüten und beschützen konnte. Am Ende des Tages war er nur ein Außenstehender, dessen Meinungen und Ansichten für Lillis Leben eigentlich keinerlei Bedeutung hatten. Aber wenigstens für den Moment konnte er für sie da sein, sie umarmen und versuchen, ihr ein bisschen dieser Last von den zarten Schultern zu nehmen. Ganz gleich, ob das jemals jemand honorieren würde.

11.12.2024: Wetterfrosch

Auf Zehenspitzen traten sie an die Tür heran und legten ihre Ohren an das Holz. Ruhig war es, fast still. Nur der Hauch eines Murmelns drang bis zu ihnen durch und entlockte ihnen ein leichtes, gegenseitiges Nicken.

„Okay… Bereit?“, flüsterte er also und erhielt abermals ein Nicken, während sie sich aufrichteten. Noch einmal strich sie sich mit den Daumen über die unteren Wimpernkränze und noch einmal nahm sie einen tiefen Atemzug.

„Seh ich noch sehr verheult aus?“, tuschelte sie und ließ erleichtert die Schultern sinken, als er den Kopf schüttelte. Na, dann konnte es ja losgehen! Er zog also den Schlüssel aus der Hosentasche, öffnete die Tür und während sie beide noch damit rechneten, dass es nur die Ruhe vor dem Sturm war, wurden sie nur Sekunden später eines Besseren belehrt. Denn ja, es gab zwar Geschrei, als man auf ihre Rückkehr aufmerksam wurde, doch das sah anders aus als gefürchtet.

„Mama! Onkel Frido!“, rief Lilli aus und rutschte vom Sofa, um ihnen entgegen zu laufen und lachend vor ihnen stehen zu bleiben.

„Hey, Mäuschen, da sind wir wieder“, ging Frido vor ihr in die Hocke und hob verwundert die Augenbrauen, als sie ihm nicht sofort in die Arme sprang.

„Nimmst du mich jetzt hoch, bitte?“, fragte sie stattdessen und wippte leicht hin und her, während sie ihre Hände schüchtern hinterm Rücken verbarg. Doch vielleicht trog der Schein auch, wenn man sich das verschmitzte Grinsen ansah, das sie Dominik zuwarf, als er zu ihnen stieß. Hauptsache war aber wohl, dass ihr Onkel dieses Mal nicht zögerte, sie auf den Arm zu nehmen.

„Rauf mit dir!“, schmunzelte er dabei und stand auf, um noch überraschter als zuvor zu schauen, weil Lilli nicht nur von ihm getragen und in die Luft geworfen werden wollte.

„Mama!“, reckte sie sich obendrein zu Juli hinüber und schlang die Ärmchen um ihren Hals, als sie näher trat.

„Oh, womit hab ich das denn jetzt verdient?“, sprach Juli zwar eher im Scherz, als sie ihr den Rücken tätschelte und die weichen Haare ihrer Tochter an der Wange spürte. Doch bei Lillis Antwort schaute sie ganz und gar nicht mehr amüsiert.

„Damit du nicht mehr weinst“, lautete der Ausspruch, der Juli ein Entsetzen aufs Gesicht zauberte, bei dem sie froh war, dass die Kleine ihren Gesichtsausdruck gerade nicht sehen konnte.

„Aber… ich hab doch gar nicht…“, wollte Juli stammeln, während Frido nun einen wütenden Blick kassierte, weil er sie so verheult in die Wohnung hatte gehen lassen. Doch Dominik legte ihr schnell eine Hand auf die Schulter und schüttelte sachte den Kopf.

„Lilli macht sich nur Sorgen, weil du letzte Nacht so traurig warst. Aber wenn Tim heute unbedingt mit dieser Anna feiern will, dann machen wir uns ohne ihn einen schönen Tag. Nicht wahr?“, sprach er ruhig und warf Juli dennoch einen eindringlichen Blick zu, als der das Gesicht noch weiter entgleiste und sie Frido nun erst recht mit Schreck anschaute.

„Ja, natürlich, Spätzchen…“, murmelte sie also, während ihre Kehle immer trockener wurde und zwang sich ein Lächeln auf die Lippen, als Lilli sich von ihr löste und sie anschaute.

„Haben wir heute ganz viel Spaß?“, fragte ihre Tochter dann und entlockte Juli damit ein sehr viel ehrlicheres Lächeln.

„Oh ja, heute werden wir einen ganz wundervollen Tag haben!“, strich sie ihr mit beiden Händen über die Wangen und rieb die Nasenspitze an ihrer, bis Lilli anfing zu juchzen. Und auch Dominik und Frido konnten nicht anders, als zu schmunzeln.

„Freust du dich schon auf Oma Marianne und Opa Fritz?“, grinste der Ältere von ihnen und lachte, als Lilli eifrig nickte.

„Auf Oma Marianne, Opa Fritz und Oma Trudel!“, strahlte seine Kleine ihn an und brachte sein Grinsen langsam in Schieflage, wohingegen Julis Gesichtsausdruck einige irritierte Nuancen annahm und Dominik eher amüsiert wirkte. Er verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete, wie Frido verwundert die Augenbrauen zusammenzog.

„Wie kommst du denn auf Oma Trudel, Spätzchen?“, fragte er und schaute zu Dominik, der sich in schmunzelndes Schweigen hüllte.

„Sie kommt doch auch mit! Oder nicht?“, wusste Lilli den Dozenten viel besser auf die richtige Fährte zu lenken, während sein Freund die Hände nun in die Hosentaschen schon und langsam von den Fußspitzen auf die Fersen wippte und zurück. Doch so richtig wollte der Groschen wohl noch immer nicht fallen.

„Wie kommst du denn darauf?“, schnaubte Frido eher belustigt aus und warf Dominik einen Blick zu, der wohl so viel aussagen sollte, wie „Kinder und ihre Fantasie manchmal!“. Lillis Blick an den Lockenkopf war hingegen alles andere als belustigt. Sie kam sich scheinbar langsam etwas vereimert vor. Also löste Dominik das Rätsel mal lieber auf, ehe das nächste Drama ins Haus stand.

„Du hast Oma gestern auf der Rückfahrt gefragt, ob sie uns heute begleiten will, weil Mama und Papa meinen Großvater in der Seniorenresidenz besuchen und ich ja mit euch komme. Schon vergessen?“, schaute er seinen Freund an, der kurz über den vergangenen Abend nachdenken musste und dann auflachte.

„Ach, das! Ich hab mich schon gewundert!…“, rief er dann aus und strich Lilli seicht über die Wange.

„Spätzchen, wir können Dominiks Oma gern noch mal besuchen fahren, aber heute kommt sie nicht mit. Tut mir leid. Das war alles nur ein bisschen Herumgejuxe!“, meinte er, ohne dafür viel Verständnis von seiner Nichte zu erhalten.

„Aber du hast sie doch gefragt, oder nicht?!“, runzelte sie nun beinahe schon beleidigt die Stirn und schob seine Hand weg, während Frido noch einmal ein wenig in sich gehen musste.

„Ja, schon… aber das hat sie bestimmt nicht ernst genommen! Ich mein, ich… ähm…“, begann er zu stammeln und überlegte, wie er seiner Nichte erklären sollte, dass er zu besagtem Zeitpunkt schon ordentlich einen im Kahn gehabt hatte. Doch glücklicherweise war Dominik ja auch noch da. Liebevoll legte er Frido die Hand auf die Schulter und fand die passenden Worte.

„Liebling, du hast sie gestern regelrecht dazu gedrängt, dass sie heute mitkommen soll. Solange, bis sie zugestimmt hat. Und sie hat es zumindest ernst genug genommen, um mich vorhin anzurufen, weil der Wetterfrosch im Fernsehen Schnee angesagt hat. Und sie meinte, wir sollten dann lieber etwas früher losfahren. Und ja, die Betonung lag dabei auf wir“, gab Dominik seinem Liebsten einen Kuss auf die Wange und tätschelte ihm kurz den Rücken, ehe er die Küche ansteuerte.

„Passt also, dass ihr etwas früher gekommen seid! Proviant hab ich auch schon mal vorbereitet! Muss noch jemand zum Klo? Sonst können wir in zwei Minuten los!“, rief er in aller Seelenruhe aus, während er die vorbereiteten Leckereien aus dem Kühlschrank in seinen Rucksack packte und aus den Augenwinkeln das Klimlausche Trio beobachtete.

„Also kommt Oma Trudel doch mit?“, jubelte Lilli und klatschte begeistert in die Hände.

„Na, da hast du aber gut den Ahnungslosen gespielt! Bist halt immer wieder für eine Überraschung gut!“, grinste Juli und tätschelte Frido mit einem schwesterlichen Fausthieb den Oberarm, ehe sie Dominiks Aufforderung nachkam und wirklich noch einmal in die geflieste Abteilung verschwand. Und Frido? Der behielt tapfer sein Grinsen bei, verlor es nicht einmal bei Julis kleiner Attacke und wünschte sich, dass ihm der gestrige Abend so klar in Erinnerung geblieben wäre, wie es wohl bei der alten Dame der Fall war.

„Tja, sieht wohl ganz so aus…“, konnte man seine Antwort dabei sowohl als Reaktion auf Lillis, als auch als Reaktion auf Julis Worte sehen. Aber vor allem gab es da eine Sache, die er sich an diesem Tag zum wiederholten Male schwor: Nie wieder Oma Trudels Aufgesetzter!

12.12.2024: basteln

Tief erklang das Seufzen, das ihre Lunge leerte und ihren Körper für einen kurzen Moment in sich zusammensacken ließ. Fast war es, als hätte das Schließen der Autotür alle Kraft aus ihr entweichen lassen. Sie schüttelte leicht den Kopf, während sie ihrer Tochter und Dominik nachblickte. Doch während sie im einen Augenblick noch erschöpft schien, saß sie im nächsten wieder hellwach und kerzengerade da, als sie die Nähe ihres Bruders spürte.

„Hey, lass dir von gestern nicht das gesamte Weihnachtsfest versauen. Wir lassen uns die Stimmung davon nicht vermiesen! Über die Situation grübeln und Lösungen suchen können wir nach Weihnachten immer noch. Heute haben wir erst mal einen schönen Tag bei Mama und Papa und dann sehen wir weiter, hm?“, tätschelte er ihre Hand und versuchte Juli ein wenig aufzumuntern, nur bewirkte er damit eher das Gegenteil. Statt sich an ihn zu lehnen und in Besinnlichkeit zu verfallen, schien Juli durch Fridos Geste eher grantig zu werden.

„Frido, ich will, dass du ehrlich zu mir bist! Und ich schwöre bei Gott, wenn ich merke, dass du geflunkert hast, dreh ich dir den Hals um!“, entzog sie ihre Hand seiner Berührung und richtete den Zeigefinger lieber drohend auf ihn.

„Was ist denn jetzt los?“, wendete er dabei seinen Blick von Oma Trudels Haus hinüber zu seiner Schwester. Zuzusehen, wie ihre Tochter dickköpfig die Hand von Dominik abgelehnt hatte und sich trotzdem an seinem Hosenbein festklammerte, während sie die Einfahrt entlang stapften, war ja durchaus niedlich gewesen. Aber Julis Gesichtsausdruck strahlte in diesem Moment nicht einmal mehr den Hauch von Putzigkeit aus und ein bisschen bereute Frido es gerade, dass er sich bereits beim Weg zur Oma mit auf die Rückbank gesetzt hatte.

„Du weißt, dass ich Dominik mag, aber wir wissen wohl auch alle, dass seine Familie teilweise echt einen an der Klatsche hat! Also will ich, dass du mir ehrlich sagst, ob seine Oma wirklich nett ist! Freiwillig tu ich mir so eine Scheiße wie gestern nämlich nicht noch mal an! Ist mir dann grad auch egal, ob alle enttäuscht sind und Lilli mir bis Silvester in den Ohren liegt: Eher trag ich sie gleich nach hause und lass die Feier ausfallen, als mich über Stunden mit einer Schreckschraube ins Auto zu quetschen und am Tisch gute Laune zu heucheln!“, warnte sie, wodurch Frido zunächst zwar verblüfft war, aber dann lauthals auch loslachen musste.

„Im Moment seh ich hier nur eine Schreckschraube!“, konnte er diese Steilvorlage nicht liegen lassen und fasste Juli an den Schultern, als sie tatsächlich Anstalten machte, aus dem Wagen zu springen.

„Hey, hey, hey! Das war ein Witz! Jetzt beruhig dich!“, kicherte er dabei und räusperte sich, als noch deutlicher wurde, dass seine Schwester den Ausspruch gerade wenig amüsant fand. Sie hätte ihm wohl am liebsten ein paar deftige Beleidigungen verpasst, wenn nicht gleichzeitig der Impuls so groß gewesen wäre, Lilli zu holen. Also nickte Frido und hob beschwichtigend eine Hand, während er die andere noch immer auf Julis Schulter liegen ließ.

„Tut mir leid. Das war etwas unsensibel… Ich versteh ja, dass die gesamte Situation gerade ziemlich bescheiden für dich ist. Erst dieses bescheuerte Verhalten von Tims Sippe und dann auch noch, dass Lilli scheinbar einiges von der dicken Luft gestern mitbekommen hat“, sprach er sachte, während Juli die Arme vor der Brust verschränkte und sich gegen den Rücksitz sinken ließ.

„Ganz zu schweigen davon, dass mein Bruder ein Depp ist!“, kaute sie auf der Unterlippe und beobachtete an den Kopfstützen der Vordersitze vorbei, wie Lilli jetzt auch noch die Treppe zum ersten Stock erklomm. Den Angesprochenen brachte ihr Ausspruch zum grinsen, doch sie selbst wirkte immer verletzter.

„Wenn ich wenigstens wüsste, was sie alles gehört hat! Warum erzählt sie Dominik das und nicht mir?!“, schien sie verzweifelt, aber zugleich auch überfordert. War sie denn so eine schlechte Mutter, dass ihre Tochter sich ihr nicht anvertrauen wollte? Doch Frido schenkte ihr ein seichtes Lächeln, während er sich abschnallte und näher an sie heran rutschte.

„Kann es sein, dass deine Kleine dich einfach nicht damit belasten wollte? Du hast ja auch versucht, vor ihr zu verbergen, dass es dir nicht gut ging. Ich weiß ja nicht, was sie Dominik alles erzählt hat, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das gemacht hat, um dich damit vor den Kopf zu stoßen. Ich denke eher, dass das Gegenteil der Fall war. Und manchmal ist es ja auch einfacher, mit jemandem zu sprechen, der nicht direkt beteiligt ist, oder?“, gab er zu bedenken, wobei Juli nur die Schultern zuckte. Vielleicht war an seinen Worten ja was dran, aber trotzdem spielten sicherlich auch ein wenig die gekränkte Eitelkeit mit rein. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass der Depp doch nicht plötzlich so richtig mit seinen Aussprüchen liegen durfte, wenn er sich vorher so idiotisch verhalten hatte. Also zeigte Juli sich noch etwas zurückhaltend mit ihrer Zustimmung, während Frido einfach liebevoll weitersprach.

„So oder so ist die Hauptsache doch, dass Lilli sich überhaupt mitgeteilt hat. Und du weißt, sobald sich die passende Gelegenheit ergibt, wird Dominik uns sagen, was die Kleine ihm noch erzählt hat. Er lässt dich da genauso wenig hängen wie ich“, legte er den Arm um Juli und zog sie an sich, während er beobachtete, wie der Lockenkopf das kleine Mausezähnchen gerade hoch nahm, damit es besser an die Türklingel langen konnte. Doch offensichtlich war dabei nicht nur der kleine Dickkopf ein wenig nervös, sondern auch der große.

„Also, was ist jetzt mit der Oma?“, murmelte Juli darum und spannte sich so sehr an, dass Frido es selbst durch ihre dicke Winterjacke hindurch spüren konnte.

„Ist wirklich ne ganz Liebe“, antwortete er dieses Mal ohne Umschweife und lächelte abermals, als Juli skeptisch zu ihm hinüber linste. Er rieb ihr über den Arm und stützte sich dann auf der Rückenlehne ab.

„Das ist doch die Oma, zu der Dominik unser Mäuschen letztens schon mitgenommen hat. Ich hab dir ja erzählt, dass sie es sogar geschafft hat, alle drei mit ihren Geschichten in den Schlaf zu reden“, schmunzelte er, um dann ertappt zu grinsen, als Juli recht gute Argumente vorbrachte, warum das allein nicht sonderlich überzeugend für sie war.

„Ja und du weißt so gut wie ich, dass du manchmal Sachen etwas zu sehr beschönigst, Bruderherz! Oder wie war das vorhin im Atelier, als ich dich gefragt hab, wie euer Heilig Abend gelaufen ist? Ja, jetzt stell dich nicht dumm! Du hast mir neulich nur erzählt, dass der alte Griesgram dir beim Wagen Abholen gesagt hast, wo du Lilli und Dominik findest. Aber dass er sich vorher erst wieder wie der letzte Arsch aufgeführt hat, ist dir vorhin erst rausgerutscht!“, murrte sie, wobei Frido den Kopf wiegte und dann wieder grinste.

„Na ja, es ist mir aber auch nur deshalb rausgerutscht, weil es gestern deutlich besser lief, als die Male davor! Das wollte ich nur damit herausstellen“, antwortete er, wobei Juli ihn anschaute, als leide er an geistiger Umnachtung.

„Das ist der Restalkohol, oder?“, unterstrichen ihre Worte noch ihren Ausdruck und entlockten Frido ein wahrhaftiges irritiertes Blinzeln.

„Du brauchst mich gar nicht so anzugucken! Wir reden gerade davon, dass dieser Grinch dir selber gesagt hat, wie wenig er dich leiden kann und dann auch noch wollte, dass du deinen Partner für ihn anlügst. Ganz zu schweigen davon, wie er sich beim Rest der Familie aufführt! Also, wenn du das als „deutlich besser“ empfindest, tust du mir echt leid!“, schüttelte sie ungläubig den Kopf – erst recht, als Frido jetzt auch noch anfing zu kichern.

„Immerhin hat er mir gestern zum Abschied zugenickt! Das ist bei Hinrich Preuss in etwa mit einer herzlichen Umarmung gleichzusetzen!“, stupste er Juli an, deren Blick immer biestiger wurde. Nun wirkte sie sogar schon so, als wolle sie ihrem Bruder gleich die Augen auskratzen.

„Okay, das reicht! Wir bleiben hier!“, machte sie sich jedoch stattdessen am Türgriff zu schaffen und war wirklich geneigt, Frido den Ellenbogen in die Rippen zu hauen, als der sie wieder zurückhalten wollte.

„Ey, ich meins ernst!“, fauchte sie dabei und krallte die Nägel in Fridos Arm, als der ihr diesen um die Schultern legte. Doch statt von dem Manöver das Gesicht zu verziehen, nahm Frido es mit stoischer Gelassenheit und deutete stattdessen zur Wohnungstür.

„Jetzt guck mal genau hin“, sprach er dabei ruhig und ein sanftes Schmunzeln umspielte seine Lippen, als er beobachtete, wie Großmutter und Mäusezähnchen aufeinander reagierten. Dass Dominik sich freute, die alte Dame wiederzusehen, war ja kein Wunder, aber Lilli?

„Sie will sogar umarmt werden… Und du weißt, wie schnell sie momentan fremdelt“, murmelte Juli ungläubig darüber, dass ihre Tochter sich beinahe noch mehr über das Wiedersehen mit der fremden Oma zu freuen schien, als es manchmal bei Treffen mit den eigenen Großeltern der Fall war. Und obendrein lief ihre Kleine ganz selbstverständlich in die Wohnung, als Oma Trudel etwas zu Dominik sagte und selber noch einmal mit ihm im Flur verschwand.

„Ah, ich schätze mal, er hilft ihr noch kurz in den Mantel. Da hatte sie gestern auch etwas Schwierigkeiten mit“, erklärte Frido dabei und schaute zu Juli, die nun endlich etwas weniger besorgt schien. Vollends überzeugt war sie zwar wohl noch immer nicht, aber zumindest bestand sie nicht mehr darauf, dass er sie aussteigen ließ.

„Also, wenn Lilli sich so freut, sie wiederzusehen…“, murmelte sie stattdessen und ließ sich sogar etwas gegen Frido sinken, der nickte und die Schläfe gegen ihre lehnte. Da war wohl doch nicht mit einer Schreckschraube an Bord zu rechnen, aber konnte Julis erste Reaktion wirklich verwundern? Nicht nur, wenn man überlegte, was sie am Vortag alles erlebt hatte?

„Vielleicht bin ich nicht ganz unschuldig, dass du so ein schlechtes Bild von Dominiks Familie hast…“, murmelte Frido daher und schaute Juli bei deren fragendem Blick schuldbewusst an.

„Gerade von seinen Eltern hatte ich anfangs ja einen sehr schlechten Eindruck und mit Sebastian musste ich auch erst mal warm werden. Du meinst zwar, dass ich oft mal was beschönige, aber ich befürchte eher, dass meine Abneigung durchaus mit eingeflossen ist, wenn ich mal was über Dominiks Familie erzählt hab. An Ostern hätte ich da zum Beispiel deutlich souveräner reagieren können. Aber ich geb zu, dass ich gerade den alten Preuss schon frühzeitig als Arschloch abgestempelt hab…“, meinte er und schaute dann wieder zur Tür, die noch immer offen stand, ohne zu verraten, was im Inneren der Wohnung vor sich ging. Doch während Frido ein wenig reumütig war, schnaubte seine Schwester mit einem Hauch Zynismus aus.

„Was heißt hier abstempeln? Er hat sich doch auch immer wie eins verhalten! Hat selbst Dominik erzählt! Und ich bleib dabei: Das gestern war der Grinch, aber kein Familienvater, der mal ein bisschen seine weiche Seite gezeigt hat! Also echt! Wenn er euch in den Arm genommen oder endlich mal offen ausgesprochen hätte, dass er nix gegen den Werdegang seines Sohnes oder eure Beziehung hat! Aber so…“, schüttelte sie den Kopf und musterte ihren Bruder, der sie anschmunzelte und dafür ein skeptisches „Was?“ kassierte.

„Ich glaub, wir können einfach froh sein, dass wir anders aufgewachsen sind“, gab er zu bedenken und atmete tief durch.

„Durch Dominiks Therapie hab auch ich gemerkt, wie schwer es manchmal ist, aus eingefahrenen Mustern auszubrechen. Und inzwischen denke ich, dass ich diesbezüglich seinem Vater zu kurz getan hab. Er hat definitiv seine Macken, aber er ist nicht so ein herzloser Mistkerl, wie ich anfangs dachte. Mein Eindruck von ihm ist mittlerweile, dass er eigentlich nur versucht für seine Familie und seine Firma da zu sein und dabei selbst nur das anwendet, was er irgendwann mal gelernt hat. Im Endeffekt weiß er es nicht besser und kann gleichzeitig aus seiner Haut nicht raus…“, murmelte er und zuckte leicht die Schultern, als er Julis nachdenklichen Blick erkannte.

„Das ist keine Entschuldigung für sein Verhalten, aber eine Erklärung. Und ich hab ehrlich das Gefühl, dass er versucht, mehr auf Dominik zuzugehen – und in gewisser Weise vielleicht sogar auch auf mich. Er macht es halt im Rahmen seiner Möglichkeiten… Das ist mir auch im Umgang mit seiner Frau aufgefallen. Er kann es nicht so deutlich zeigen, aber ihr Wohlergehen liegt ihm sehr am Herzen… und damit mein ich jetzt nicht, dass er sie wegen der Operation anlügt. Aber das ist was, das Dominik dir vielleicht mal bei Gelegenheit erzählen kann“, murmelte er und reckte dann mit einem „Oh! Da kommen sie!“ den Hals. Endlich tat sich wieder was an der Wohnungstür. Erst erschien Dominik, der seiner Großmutter den Arm anbot und sie dann vorsichtig vor die Tür geleitete, während sie selbst vor allem Lilli im Blick behielt.

„Was hat sie denn da?“, murmelte Juli verwundert, als sie sah, wie ihre Tochter einige Tüten trug. Stolz ging sie ihrer Aufgabe nach, passte akribisch auf, dass ihr nichts wegfiel und nickte eifrig, als die Großmutter etwas zu ihr sagte. Vielleicht war es, dass sie nicht über die Türschwelle stolpern sollte, vielleicht aber auch die Anweisung, dass sie so bepackt nicht alleine die Treppe hinunter gehen möge. So oder so hörte das Mädchen auf die Worte und wartete brav, während es grinste, weil Dominik ihm ein Lächeln schenkte und seiner Großmutter dann dabei zusah, wie sie die Tür abschloss.

„Ich glaub, da helf ich jetzt aber doch mal mit“, meinte Frido bei diesem Anblick und griff den Türgriff genauso wie seine Schwester.

„Ich komm auch mit“, sprach sie noch im Auto und eilte dann schnell um den Wagen herum, um wieder zu Frido aufzuschließen. Weit war ihr Weg nicht, aber eine Sache gab es dennoch, die Juli vor ihrem Aufeinandertreffen mit dem Trio noch geregelt wissen wollte.

„Was erzählen wir Mama und Papa eigentlich, warum Tim sich plötzlich in Dominiks Oma verwandelt hat? Basteln wir uns eine Ausrede zusammen oder sagen wir ihnen heute schon, was ihr ehemaliger Schwiegersohn sich da geleistet hat?“, tuschelte sie, wobei Frido sie kurz anschaute und sich dabei etwas sehr Selbstsicheres auf seine Züge legte.

„Ich ruf sie gleich von unterwegs schon mal an und sag ihnen, dass Tim heute kurzfristig verhindert ist, aber dafür eine sehr nette ältere Dame seinen Platz eingenommen hat, die sonst den ersten Weihnachtstag ganz allein verbracht hätte. Und wenn wir ankommen, gucken wir einfach, was sich im Gespräch so ergibt“, entschied er und beschleunigte mit Juli den Schritt, als das Trio nun wirklich dazu ansetzte, die Treppe in Angriff zu nehmen.

„Frohe Weihnachten zusammen!“, rief Oma Trudel dabei aus und lächelte, als Frido sie mit einem herzlichen „Frohe Weihnachten, Gertrude! Schön, dass du uns heute wieder Gesellschaft leistest!“ begrüßte. Sofort bot er Lilli an, ihr die bunte Last abzunehmen, doch die wollte davon nichts wissen.

„Das kann ich selber!“, bestand sie auf ihrer Tätigkeit und duldete es gnädigerweise, dass ihr Onkel trotzdem schützend die Hände nach ihr ausstreckte, während er sie die Stufen hinunter begleitete.

„Frohe Weihnachten, Frau Preuss. Ich bin Juli...ane Klimlau“, stellte seine Schwester sich unterdessen vor und streckte Dominiks Großmutter die Hand entgegen. Doch auch, wenn die alte Frau den Gruß sofort erwiderte, musste sie dabei herzlich lachen.

„Frau Preuss sind meine Tochter und ihre Schwiegertöchter. Ich gehöre zur anderen Seite der Familie! Aber machen wir es nicht so förmlich: Sag einfach Trude zu mir“, zwinkerte sie und schien sehr zufrieden, als Juli mit einem Nicken und Grinsen darauf bestand, dass auch sie in diesem Fall nur bei ihrem Kosenamen gerufen wurde.

„Einverstanden!“, nickte Oma Trudel zunächst ernst, um dann zu grinsen und offensichtlich bereits jetzt viel Freude an dem kleinen Ausflug zu haben, der ihnen nun bevorstand.

„Ist das schön, dass ich jetzt auch die Mama von der kleinen Lilli kennenlerne! Sie hat mir bei ihrem Besuch neulich ganz viel über dich erzählt“, plauderte sie darum auch sogleich aus dem Nähkästchen und versetzte Juli damit in Erstaunen.

„Echt? Was denn?“, wollte sie natürlich wissen und schaute gleichermaßen überrascht zu der Ältesten im im Bunde und zur Jüngsten, die die letzte Stufe gerade hinter sich brachte, um dann auf den Wagen zuzueilen.

„Dass du ihr fast jeden Abend eine Geschichte vorliest, obwohl du oft viel zu tun hast. Und wie gern sie mit dir am Wochenende bastelt. Besonders jetzt zu Weihnachten. Nur beim Backen kann dir mein Nicki wohl noch ein paar Tipps geben, meinte sie“, schmunzelte Gertrude, um Juli mit ihrem Ausspruch ein schiefes Grinsen abzuringen und Dominik ein verwundertes Stirnrunzeln.

„Ja… Backen ist nicht so meine Stärke, das stimmt“, lachte die eine verlegen, wohingegen der andere sich fragte, wann Lilli all das gesagt hatte.

„Kann ich mich gar nicht dran erinnern…“, murmelte er, während er seiner Oma dabei half, langsam zu dem kleinen Wirbelwind aufzuschließen.

„Ach, Junge, du bist doch neulich sofort auf der Couch eingeschlafen! Aber wir Mädels haben uns noch ein Weilchen unterhalten!“, bekam Dominik den Arm getätschelt und war dieses Mal derjenige, der mit einem ertappten Grinsen reagierte.

„Ich hab nicht geschlafen! Ich hab nur n bisschen Augenpflege betrieben…“, nuschelte er dennoch und schaute dezent zur Seite, als seine Großmutter darüber lachte, dass ihr Winfried das früher wohl auch immer gesagt habe.

„Was die Kinder sich manchmal bei uns abgucken!“, schüttelte sie dann schmunzelnd den Kopf und lehnte sich plötzlich in verschwörerischer Geste zu Juli hinüber, als Lilli und Frido beinahe das Auto erreicht hatten. Natürlich kam Juli ihr dabei entgegen, aber auch ihre Neugierde war nicht zu übersehen. Was hatte die alte Dame wohl ausgerechnet mit ihr zu besprechen?

„Hör mal, Kind, ich weiß, dass Lilli meine Haselnusskekse so gern isst und hab ihr heute früh noch schnell ein paar gebacken. Sie sehen nicht so gut aus wie früher, aber schmecken tun sie trotzdem hervorragend!“, verriet sie, wobei Juli überrascht die Augenbrauen hob.

„Oh, das wär aber nicht nötig gewesen! Vielen Dank!“, tuschelte sie zurück und lächelte, als die alte Dame den Kopf schüttelte.

„Doch, doch! Wir haben immerhin Weihnachten! Und sie ist so ein liebes Kind!“, bestand sie auf dem Geschenk und schien zufrieden, als keinerlei Wiederworte mehr kamen.

„Ihre Kekse sind in der blauen Tüte und in den anderen sind noch ein paar Kleinigkeiten für eure Eltern und euch! Lilli sagte grad schon, dass ihr Papa heute nicht kommt? Dann bekommt Frido einfach seine Flasche. Oder wir gönnen uns nachher alle gemeinsam ein Schlückchen!“, plapperte sie munter weiter, während Dominik versuchte, sich mit einem dezenten Räuspern Gehör zu verschaffen.

„Oma, du sollst nicht wieder alle abfüllen. Und Juli hat mit Alkohol sowieso nicht so viel am Hut!“, murmelte er, um dafür einen ungewohnt entrüsteten Blick seiner Großmutter zu erhalten.

„Du redest ja schon wie dein Bruder! Das ist doch kein Saufgelage, sondern nur ein kleines Gläschen unter Freunden! Außerdem dient der Alkohol ja nur dazu, dass der Likör länger haltbar ist“, stellte sie klar und verpasste ihrem Lieblingsenkel einen tadelnden Fingerzeig, bis der anfing zu grinsen und brav nickte.

„Klar, Oma…“, meinte er also, während Juli wieder ins Visier genommen wurde.

„Ich hab natürlich auch ein, zwei alkoholfreie Varianten gemischt. Das gehört sich schließlich so, wenn kleine Kinder mit dabei sind! Die wollen natürlich auch mal probieren, was die Erwachsenen da trinken. Ich find, da ist es dann viel schöner, wenn sie ihr eigenes kleines „Likörchen“ bekommen, anstatt nur zu hören, dass sie noch zu jung für die anderen sind. Aber die Vanille- und Schokocreme müssen nachher am besten direkt wieder in die Kühlung. Da ist Milch mit drin“, verriet sie, was Juli zwar schon sehr aufmerksam fand, doch dann kam ein Ausspruch, der wohl auch den letzten Zweifel an Dominiks Großmutter hinfort fegte.

„Ach, übrigens…“, hielt die alte Dame sie nämlich plötzlich fest, ehe sie zu nah am Auto waren und Lilli sie doch noch hören konnte.

„Ich hab ihr noch nicht gesagt, dass die eine Tüte für sie ist und dass ich ihr ein paar Kekse gebacken habe. Ich find, das sollte man den Kindern nicht einfach in die Hand drücken, sondern erst mal die Eltern fragen, ob sie einverstanden sind“, sagte sie mit überraschender Ernsthaftigkeit und tätschelte Juli verwundert den Arm, als die plötzlich wie vom Donner gerührt schien und dann ein verdächtiges Glitzern in den Augen bekam. Doch als Oma Trudel sie fragte, was los sei, schüttelte sie nur den Kopf und schenkte ihr ein breites Lächeln.

„Ich finds nur schön, dass du an alles gedacht hast“, bildeten Julis Worte auf so viele Weisen ihre Gefühlswelt ab und eifrig nickte sie, als nicht nur Lilli fragte, wo sie blieben, sondern auch Dominik mit einem Schmunzeln verkündete, dass einem richtig schönen Weihnachtsfest nun nichts mehr im Wege stand.

„Proviant hab ich uns auch eingepackt! Ist in der schwarzen Tüte!“, komplettierte Oma Trudel das Ganze und schaute fragend in die Runde, als ihr Ausruf für allgemeines Gelächter sorgte.

„Ganz die Oma!“, grinste Frido dabei und Juli scherzte, dass sie bei all den Vorräten aufpassen mussten, noch genug Platz für Mutter Mariannes Essen zu lassen. Doch Oma Trudel schien vor allem stolz auf ihren Enkel.

„Ja, das hat er von mir!“, tätschelte sie ihm die Wange, während er ihr die Autotür öffnete und ihr dann eine überraschende Umarmung schenkte.

„Nicki, was ist denn los?“, fragte sie dabei und rieb ihm mit einem seligen Lächeln über den Rücken, als er antwortete, dass er sich einfach nur über das gemeinsame Beisammensein freute.

13.12.2024: emsig

Emsig war das bunte Treiben um sie herum, während sie Kilometer für Kilometer ihrem Ziel näher kamen. Emsig bereiteten sich die Menschen hinter den Fenstern ihrer Wohnungen auf die heutigen Weihnachtsbesuche vor – ob nun bei ihnen daheim oder um sich zu ihren Liebsten auf den Weg zu machen. Emsig waren auch die vielen anderen Autos auf der Straße, die mit den unterschiedlichsten Insassen glänzten. Und emsig waren erst recht die Schneeflocken, die zu Beginn noch zögerlich, doch nun immer dicker und prächtiger vom Himmel fielen. Noch waren sie nicht so dicht, dass sie die restliche Weiterfahrt ernstlich behindern konnten, doch trotzdem fühlte wohl nicht nur Dominik eine gewisse Erleichterung, als der Wegweiser am Straßenrand anzeigte, dass sie nur noch gute zwanzig Kilometer hinter sich bringen mussten.

„War, glaub ich, ganz gut, dass wir heute nicht die Autobahn genommen haben. Da ist wohl schon wieder stockender Verkehr…“, murmelte Frido bei einem Blick aufs Handy und betrachtete seinen Freund dann aufmerksam, als er das Smartphone wieder wegsteckte. Eigentlich hatte Oma Trudel ja auf dem Beifahrersitz Platz nehmen sollen, doch der gefiel es auf der Rückbank besser. Und wenn Frido ganz ehrlich sein durfte, dann war er über diese Entwicklung sogar ganz froh. So konnte er Dominik etwas besser im Blick behalten, denn auch, wenn er ihn für einen guten Fahrer hielt, waren solch lange Strecken bei dieser Wetterlage ja keine alltägliche Aufgabe für ihn.

„Wenn wir tauschen sollen, sag Bescheid“, bot er darum an, aber auch, wenn der Lockenkopf leicht nickte, murmelte er nur ein leises „Geht schon“. Seine Konzentration war nur allzu offensichtlich und das zeigte sich nicht nur an seinem Gesichtsausdruck, sondern auch an der Zurückhaltung, mit der er sich am Gespräch beteiligte. Und das, obwohl es ihn in gewissem Sinne auch selbst betraf.

„Ach, jetzt versteh ich das… Ein bisschen verwundert war ich schon, als die Beiden mir heute Vormittag sagten, dass du uns begleitest. Aber ich finds eine schöne Idee“, lächelte Juli Dominiks Großmutter an, während sie ihre schlafende Tochter halb im Arm hielt. Im Gegensatz zum letzten Mal hatte ein kleines Schlafliedchen heute wieder Wunder gewirkt und nicht nur deshalb war Juli ganz froh über Lillis Mittagspäuschen. Auch die Themen wären vielleicht ein wenig zu ernst gewesen, selbst, wenn Oma Trudel sie mit einer erstaunlichen Leichtigkeit erzählte.

„Ja, da war ich auch ganz überrascht, als Frido gestern plötzlich fragte, ob ich heute nicht mitkommen will! Ich wusste gar nicht, dass Nicki ihm davon erzählt hat, dass er mich sonst am ersten Feiertag immer besuchen kommt“, lachte die alte Dame und tätschelte ihrem Enkel so gut es ging die Schulter. Und auch, wenn er den Blick nicht von der Straße nahm, so löste er zumindest kurz seine Hand, um die Geste seiner Großmutter zu erwidern.

„Natürlich hab ich ihm das erzählt, Oma…“, murmelte er dabei, woraufhin Frido nickte und sich nach hinten drehte, als die Großmutter sich wieder zurücklehnte.

„Wir hatten auch kurz überlegt, ob er heute überhaupt mitkommt oder dich stattdessen wieder besuchen fährt. Oder ob wir zumindest ein, zwei Stündchen am Vormittag zu dir kommen, bevor es weiter geht“, verriet er und schmunzelte, als Oma Trudel entgeistert den Kopf schüttelte.

„Darfst du doch nicht machen, Nicki! Nicht wegen mir! Das ist doch die Familie von deinem Freund. Und ich hatte schon so viele schöne Weihnachten, da kann ich auch mal einen Tag allein bleiben“, lächelte sie dann trotzdem gütig, aber Frido konnte sich schon denken, dass genau dieses Verhalten seinem Freund wieder zusetzte. Denn das, so hatte Dominik mal erzählt, war typisch für seine Großmutter: Diese Nachsicht, wenn es um ihre Liebsten ging und die Bescheidenheit, wenn es sie selbst betraf. Diese Attribute hätte man bei seinem anderen noch verbliebenen Großelternteil wohl vergebens gesucht und nicht umsonst war das nun schon seit Jahren kein Gast mehr bei den Treffen am heiligen Abend.

„Nein, Oma, ist schon gut so, dass wir jetzt eine andere Lösung gefunden haben und du trotzdem mit dabei sein kannst“, sagte Dominik darum auch und dachte für einen Augenblick an seinen Großvater. Wie viele Jahre hatte er den jetzt schon nicht mehr gesehen oder seine Eltern beim Pflichtbesuch in der Seniorenresidenz am ersten Weihnachtstag begleitet? Zwiegespalten war er, wenn er darüber nachdachte. Denn immerhin gehörte auch dieser alte Mann zur Familie. Doch sprach es nicht schon Bände, dass selbst ein Hinrich Preuss erleichtert beim Auszug seines Vaters gewesen war und Dominik sich bildlich vorstellen konnte, wie leer dessen Zigarettenschachtel am heutigen Abend sein würde? Und trotzdem hatte Dominik bei seiner emsigen Stollenbäckerei auch seinen Großvater bedacht – wenn auch nicht mit persönlicher Lieferung, sondern in die vertrauensvollen Hände derer übergeben, die dafür bezahlt wurden. Würde sein Großvater sich dazu wohl noch äußern? In Form eines Kommentars oder gar eines kleinen Zettels, den er Dominiks Eltern mitgab? Denn zumindest war das Präsent an der gewünschten Adresse angekommen, soviel wusste er dank Sendungsverfolgung. Aber eigentlich war es auch egal! Es ging jetzt nicht um den mürrischen Griesgram, gegen den sein Vater selbst früher schon regelrecht umgänglich gewesen war! Also schüttelte Dominik den Kopf, um seine Gedanken zu verscheuchen und klammerte die Finger fester ums Lenkrad. Er musste sich auf den Verkehr konzentrieren, rügte er sich selbst im Stillen und schüttelte abermals den Kopf, als Frido noch einmal fragte, ob er tauschen wolle.

„Nein, geht schon…“, murmelte Dominik dabei und konnte trotzdem nicht verbergen, wie ihm etwas Schmerzvolles ins Gesicht trat, als er hörte, wie das Gespräch zwischen Juli und seiner Großmutter weiterging.

14.12.2024: eifrig

Eifrig hatte sie erzählt. Von ihrer Jugend, ihrer Ehe mit ihrem Winfried und über die Liebe für ihre Familie. Getragen von diesen Hochgefühlen hatte sie dabei manchmal gewirkt, als wäre sie plötzlich um Jahre jünger geworden und eine frühere Version von Gertrude König geb. Bolten hätte auf dem Rücksitz des alten Mercedes Platz genommen. Doch dann war da auch dieser Moment der Stille gewesen. Ein Moment der Melancholie und des schweigenden Lächelns, das so viel verbarg und zugleich so viel verriet. Das war der Moment gewesen, an dem Juli sie wohl an eines ihrer schmerzhaftesten Erlebnisse erinnert hatte.

„Du hast grad erzählt, dass dein Sohn nach Schweden ausgewandert ist. Kommt er euch denn an Weihnachten trotzdem mal besuchen?“, fragte sie voller Ahnungslosigkeit über den Hinweis, den Trudel eigentlich nur am Rande hatte fallen lassen und ließ damit diese kurze Stille eintreten. Dabei schaute sie unschlüssig von einem zum anderen, um selber wieder diejenige zu sein, die das Schweigen beendete.

„Tut mir leid, hab ich was Falsches…“, glich dieser Versuch jedoch eher einem Stottern und beinahe schon erschrocken blickte sie zu Dominik, als er statt seiner Großmutter antwortete.

„Nein, Onkel Erik lässt sich schon seit Jahren nicht mehr blicken! Der war nicht mal auf Opas Beerdigung!“, fielen seine Worte wohl harscher aus, als eigentlich gewollt und er schüttelte seufzend den Kopf, als ihm das selber bewusst wurde.

„Sorry, ich habs nicht so gemeint…“, murmelte er also und warf einen Blick in den Rückspiegel, über den er sehen konnte, wie seine Großmutter einmal tief durchatmete, ehe die vorherige Leichtigkeit zu ihr zurückkehrte.

„Na, na, Kinder! Ist schon alles gut!“, tätschelte sie erst Juli und dann ihren Enkel, um doch noch auf die ursprüngliche Frage einzugehen. Selbst, wenn Juli versuchte, sie davon abzuhalten, um nicht noch mehr alte Wunden aufzureißen.

„Nein, ist schon gut“, meinte Oma Trudel aber und nickte nach kurzer Überlegung, als ihr scheinbar klar war, wie sie ihre Erzählung fortsetzen wollte.

„Das war alles ein etwas schwieriges Thema für die Familie. Meine Rosanna… wisst ihr, eigentlich ist sie die Tochter meiner Schwester gewesen. Hilde und ihr Adalberto, ein echter Italiener, müsst ihr wissen! Das war in unserer Gegend damals wirklich noch etwas Besonderes und ich weiß noch wie heute, als Hilde mir erzählte, dass er ihr Avancen machte. Da gab es einige Leute in der Nachbarschaft, die das nicht gut fanden, aber ich hab zu ihr gesagt: „Hilde, wenn er dir gefällt, dann hör nicht auf das Gerede der anderen!“. Und das tat sie dann auch nicht. Nein, irgendwann haben sie sogar geheiratet und ein Jahr später Rosanna bekommen und alles war wunderbar“, sprach sie noch mit einem Lächeln, das jedoch immer mehr verblasste, je näher sie dem nächsten Teil ihrer Geschichte kam. Ein Teil, bei dem Frido seinem Freund die Hand auf den Oberschenkel legte und tief durchatmete, als er endlich den Blinker setzte, um an einer Haltestelle rechts ranzufahren.

„Ich glaub, ich brauch doch ne kleine Pause…“, murmelte er dabei und stellte den Motor ab, um dann die Arme vor der Brust zu verschränken, während seine Großmutter sich zu ihm lehnte.

„Es war ein Abend kurz vor Weihnachten, an dem die beiden zu einer Feier eingeladen gewesen waren und Rosanna deswegen zu uns brachten. Später, kurz vor Mitternacht, klingelte es an der Tür und die Polizei sagte uns, dass sie auf dem Rückweg von der Feier durch Blitzeis von der Straße abgekommen waren…“, legte sie ihrem Enkel die Hand wieder auf die Schulter, während sie weitersprach und er schweigend ihre Finger griff, um sie mit dem Daumen zu streicheln. Und während Frido seichte nickte, weil er das Gehörte bereits kannte, hielt Juli sich entsetzt den Mund zu. Ihre Augen waren weit geöffnet und sie schüttelte den Kopf, doch trotzdem sprach Oma Trudel das aus, was wohl unvermeidbar war.

„Adalberto war sofort tot und Hilde starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Dadurch, dass wir nicht sofort bemerkt haben, dass Rosanna vom Klingeln wach wurde, hat sie Details vom Unfall gehört, die eine Fünfjährige nun wirklich nicht hören musste… Und Erik – er ist etwas älter als sie – ich glaube rückblickend, dass wir ihn damals zeitweise vernachlässigt haben und er uns deswegen bis heute böse ist. Wir waren so mit unserer Trauer beschäftigt und mit dem Versuch, Rosanna ein neues Zuhause zu bieten – was ja auch nicht ganz leicht war. Da musste auch einiges mit dem Jugendamt geklärt werden! Ich glaube, da ist Erik manchmal zu kurz gekommen“, meinte sie und schaute Juli mütterlich an, als die ihre Tränen nicht mehr zurückhalten konnte und energisch den Kopf schüttelte.

„Aber das war doch für alle eine schwierige Situation und ihr habt doch bestimmt versucht, für alle das Beste daraus zu machen, oder?“, murmelte sie und räusperte sich, während Oma Trudel seichte nickte.

„Ja, das haben wir. Aber es ist nicht nur wichtig, dass man gute Intentionen hat, sondern auch das richtige Handeln an den Tag legt. Und das haben wir damals nicht geschafft“, sprach sie weise und gab Juli ein Taschentuch, während sie weitersprach.

„Ich hoffe, dass mein Erik mir das irgendwann doch noch verzeihen kann, aber wenn nicht, dann muss ich damit leben. Darum bin ich auch so demütig für die, die mir noch geblieben sind“, drückte sie voller Wärme Dominiks Hand und schenkte ihnen allen ein seichtes Lachen, als sei es ihre ureigenste Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alle sich behütet und umsorgt fühlten.

„Also hört jetzt auf zu weinen und freut euch lieber, dass wir zusammen sind!“, tätschelte sie also auch Julis Wange und Fridos Schulter, um dann ihre Worte noch einem herzhaften Nicken zu untermauern. Und natürlich sorgte sie dabei auch noch für Recht und Ordnung. Immerhin hatte sie noch vieles vor!

„So, und bevor wir weiterfahren, tauscht ihr zwei erst mal Plätze! Ich will ja schließlich noch viele schöne Weihnachten erleben und nicht auch gleich im Straßengraben landen!“, forderte sie also und lehnte sich zufrieden zurück, als ihr Enkel nun endlich klein beigab und sich vom Fahrersitz trollte. Kurz ließ er sich dabei in Fridos Umarmung fallen, als der ihm beim Tausch auf halben Wege begegnete und holte sich einen Kuss für die letzten Meter zum Beifahrersitz ab. Und dann atmete er tief durch, schaute lächelnd zu allen Insassen des Wagens und rief seiner Großmutter ein neues Stichwort zu, mit dem sie wieder für heitere Stimmung sorgte.

15.12.2024: schneeblind

Eine Sache musste man Marianne Klimlau lassen: Feiern vorzubereiten lag ihr im Blut. Und diese dann auch noch mit kleinen und größeren Überraschungen zu garnieren erst recht. Manche von ihnen waren dabei so dezent, dass sie dem geneigten Beobachter kaum auffielen und trotzdem für ein rundum gelungenes Bild sorgten. Die ideale Musikauswahl beispielsweise, bei der jedes Lied eine eigene kleine Botschaft für die einzelnen Gäste parat hielt. Oder Platzkärtchen mit individuellen Zeilen. Immer fielen ihr Möglichkeiten ein und auf, mit denen sie unterstreichen konnte, wie sehr ihr jene am Herzen lagen, die sie eingeladen hatte. Und manchmal, in besonderen Fällen, tat sie das dann eben nicht nur durch verborgene kleine Aufmerksamkeiten, sondern durch die ganz großen Gesten. So, wie auch an diesem ersten Weihnachtstag, an dem sie mit ihren Kindern und ihrem Enkelchen für das gesellige Miteinander zusammenkam. Eine schöne Tradition, die sie sich wohl alle nicht mehr wegdenken konnten und die durch Lillis Geburt einige neue Nuancen hinzubekommen hatte. Doch leider war dadurch auch eine bedeutsame Änderung mit einher gegangen, die ihre gemeinsamen Weihnachtsfeste seitdem sehr deutlich in ein neues Licht getüncht hatten: Der Ort, an dem sie feierten. Viele Jahre waren Marianne und Fritz nämlich mit ihren Kindern an Weihnachten immer in ihre alte Heimatstadt gefahren, aus der es sie vor Fridos Geburt einst wegen der Arbeit weggeführt hatte. Dort waren sie bei ihren Besuchen dann im Haus seiner Eltern unter geschlüpft und hatten aus dieser Reise einen Kurzurlaub gemacht. So war es ihnen möglich gewesen, den einen Weihnachtstag mit ihrer und den anderen Weihnachtstag mit seiner Familie zu feiern und obendrein noch etwas Zeit im Kreise der Liebsten zu verbringen, bis Silvester vorbei gewesen war. Denn auch, wenn ihr damaliger Umzug beruflich große Vorteile gebracht hatte, war der große Nachteil damit einhergegangen, dass sie seitdem weit entfernt von ihren Familien waren. Und während sie die langen Wege nach Fridos und Julis Geburt in den ersten Jahren noch dadurch ausgeglichen hatten, dass dann ihre Eltern stattdessen zu ihnen gekommen waren, ließ sich das nun, nach Lillis Geburt, kaum noch umsetzen. Denn schließlich wurden nicht nur die Kinder älter, sondern auch die Eltern und inzwischen hatten diese einen Punkt im Leben erreicht, an denen ihnen Fahrten von über sechs Stunden zu lang geworden waren. Erst recht im Winter und ganz besonders, wenn sie sich dafür selber hinters Lenkrad setzen sollten, anstatt – wie zum Hochzeitstag von Marianne und Fritz – mit anderen Verwandten oder Freunden mitfahren zu können. Da waren auch Bus und Bahn aus den verschiedensten Gründen keine Optionen für sie. Also hatten sie die Weihnachtstage in den vergangenen Jahren nur noch mit ihren anderen Kindern verbracht, um darauf zu warten, dass Lilli endlich auch bereit für die langen Anreisen war. Doch dieses Jahr war es anders. Denn dieses Jahr waren sie eine dieser großen Überraschungen, die Marianne manchmal zauberte. Dieses Jahr konnten Frido und Juli ihre Großeltern an Weihnachten endlich einmal wieder richtig umarmen, anstatt ihnen nur über das Smartphone frohe Festtage zu wünschen. Und die betagten Herrschaften konnten Zeit mit dem Urenkelchen verbringen, nachdem sie es bislang kaum persönlich getroffen hatten.

„Ich glaubs immer noch nicht, dass Papa sie am 22. extra schon abgeholt hat und meine Tante an Neujahr her kommt, um sie wieder nach hause zu bringen“, murmelte Frido, als er am frühen Abend mit Dominik ans Fenster trat und die Beleuchtung in der Einfahrt betätigte.

„Das war auf jeden Fall eine schöne Überraschung von ihnen. Und ich glaub, Oma hat es auch gut gefallen, nicht nur mit uns zu feiern, sondern auch noch jemanden in ihrem Alter dabei zu haben. Ich hab gemerkt, dass der Austausch da doch noch mal ein ganz anderer ist“, lehnte Dominik sich an Fridos Schulter und legte die Arme um ihn, während sie gemeinsam auf die dicke weiße Decke blickten, die nun sanft und ruhig über allem lag.

„Eine Überraschung war das definitiv! Zumal Mama vorher sagte, dass die Familie ihnen dieses Jahr eine kleine Reise schenken will, anstatt irgendwelchen Klimbim zu kaufen. Und dann war das Geld am Ende für ihre Hotelzimmer gedacht!“, lachte Frido und schüttelte den Kopf über Mutter Mariannes Hinterlistigkeit.

„Ich muss sie bei Gelegenheit mal fragen, wen sie mit ihrer Ausrede noch hinters Licht geführt hat“, grinste er dabei und warf einen Blick Richtung Wohnzimmer, wo immer noch ausgelassene Stimmung herrschte, die im direkten Gegenteil zur Stille vorm Fenster stand.

„Du würdest gern noch bleiben, oder?“, beobachtete Dominik seinen Freund dabei und legte den Kopf schief, als Frido sofort verneinte.

„Nein, ach, Quatsch! War zwar schön, sie mal wieder zu sehen, aber wir müssen langsam los. Das hat in den letzten Stunden so viel geschneit, dass wir ohnehin länger brauchen werden und ich glaub nicht, dass Lilli und Trudel begeistert sind, wenn wir erst mitten in der Nacht zuhause ankommen. Das können wir echt nicht machen…“, murmelte er und legte den Arm ebenfalls um Dominik, während er noch ein wenig die weiße Schicht betrachtete, die im Licht der Außenlampen schimmerte und funkelte. So schön es auch aussah, so ungemütlich würde die Fahrt und mit voranschreitender Nacht und fallenden Temperaturen täten sie sich bestimmt erst recht keinen Gefallen. Besonders, wenn sie durch die Nebenstraßen mussten, die vermutlich noch nicht geräumt waren.

„Nein, das wäre keine gute Idee, wenn wir später losfahren…“, bestätigte Frido seine Überlegungen also noch einmal mit einem Seufzen und nickte Dominik zu, dass sie zurück ins Wohnzimmer gehen sollten. Doch der hielt ihn fest und schaute ihn nachdenklich an, während Frido eher fragend blickte.

„Was heckst du aus?“, grinste er dann und der Jüngere verzog beinahe schon schmerzerfüllt das Gesicht.

„Du, ich glaube, bei dem Wetter ausgerechnet jetzt im Dunkeln zu fahren, ist eine ganz schlechte Idee. Ich hab mal gehört, dass die Gefahr dann besonders hoch ist, dass man durch das Scheinwerferlicht schneeblind wird. Der Schnee wirft die Strahlen dann ja die ganze Zeit Richtung Auto zurück und nachts mit Sonnenbrille zu fahren ist aber auch schwierig…“, wiegte er erst den Kopf, um ihn dann zu schütteln und während Frido ihm im ersten Moment noch irritiert anschaute, lachte er im nächsten laut los.

„Was ist das denn für ne wilde Story?!“, rief er dabei aus und prustete erst recht, als Dominik zwar versuchte, ernst zu bleiben, es aber offensichtlich nicht so recht schaffte.

„Doch, ganz bestimmt! Frag Ernest, wenn du mir nicht glaubst!“, grinste er, um dann die Lippen wieder aufeinander zu pressen. Aber dafür hatte Frido eher nur ein mitleidiges Lächeln übrig.

„Schatz, das mit dem Pokerface hast du aber auch schon mal besser hinbekommen“, gab er ihm einen Kuss und grinste, als auch Dominik es tat. Nur mischte sich dann auch etwas Sehnsüchtiges in Fridos Blick und er schaltete das Licht wieder aus.

„Du schlägst mir also gewissermaßen gerade vor, dass wir hier wieder übernachten?“, murmelte er dabei und seine Mundwinkel zuckten, als Dominik nickte.

„Ich hab gemerkt, wie sehr ihr euch gefreut habt, die Drei zu sehen. Und dass du deinen verstorbenen Opa immer noch vermisst… Ich glaub, da täts euch allen besonders gut, wenn ihr noch etwas mehr Zeit zusammen verbringen könntet, oder?“, meinte er und dieses Mal antwortete Frido mit einem Nicken.

„Ja, das stimmt schon…“, gab er zu und seufzte, um dann aber doch den Kopf zu schütteln.

„Aber das geht nicht. Mal abgesehen davon, dass es schlimmstenfalls wie an Ostern läuft, ist deine Oma ja auch noch da. Meine Eltern haben zwar ein Gästezimmer, aber Trudel braucht ja auch was zum Anziehen. Und hat sie vielleicht Medikamente, die sie morgens nehmen muss?… Das können wir echt nicht so einfach übers Knie brechen“, gab er zu bedenken und wendete sich um, als er mitbekam, wie Juli zu ihnen stieß.

„Und? Wie ist das Wetter?“, fragte sie und hob erstaunt die Augenbrauen, als ihr Bruder mit Unterstützung des Lichtschalters die Frage auch ohne Worte beantwortete.

„Uff, das kann ja spaßig werden…“, meinte sie dabei und lachte, als Frido sie auf die tückische Schneeblindheit hinwies, die besonders des nachts lauerte.

„Eigentlich hat Dominik recht!“, stellte sie dann fest und verschränkte die Arme vor der Brust, um bei Fridos Bedenken nur die Schultern zu zucken.

„Na, und? Trudel ist kleiner als Mama und könnte problemlos einen ihrer Schlafanzüge nehmen. Zahnbürsten und Co. sind ja eh immer genug da… Warum fragen wir sie nicht einfach, was sie davon hält? Und ob es wegen ihrer Medikamente was zu beachten gibt, kann sie uns dann ja auch sagen“, schlug sie vor und grinste, als Dominik keine Zeit verlor, um wieder ins Wohnzimmer zu verschwinden. Frido aber schob die Hände in die Hosentaschen und musterte seine Schwester, die noch ein wenig die weiße Pracht bestaunte.

„Bist doch ganz froh, dass du mitgekommen bist, oder?“, murmelte er dabei und schmunzelte, als sie ihn anstrahlte und nickte.

„Ja und wenn wir wirklich hier übernachten, könnten wir morgen mit allen zusammen noch einen Schneemann bauen!“, grinste sie dann verschwörerisch und knuffte ihren Bruder in die Seite, als Dominik wenig später den Kopf wieder durch die Tür steckte und sein Gesichtsausdruck bereits den Ausgang der Unterhaltung verriet.

16.12.2024: Eisbar

„Morgen sieht alles anders aus“ – dieser und ähnliche Aussprüche versprachen in der Theorie gerne, dass sich Dinge mit der aufgehenden Sonne zum Besseren wendeten. Nicht selten sollten sie helfen Kraft zu schöpfen, motivieren und denjenigen, an den sie gerichtet waren, aufbauen. Doch leider war man bei ihm mit solchen Weisheiten an der falschen Adresse. Ganz besonders an diesem Morgen!

Ließ man mal außer Acht, dass er überhaupt in seinem Elternhaus hatte übernachten müssen, war die nächtliche Zeit auf der unbequemen Schlafcouch wenigstens noch vom Vorteil der Ruhe und Stille geprägt gewesen. Doch damit war nun längst Schluss und seit Erwachen seiner Familienmitglieder nahm der neue Tag ähnlich katastrophale Züge wie der vorherige Abend an. Das Kindergeschrei war ohnehin nervtötend und dabei interessierte es ihn herzlich wenig, ob ihr grauenvolles Gequäke von einem Abendritual oder dem Gruß zum neuen Morgen herrührte. Sie waren genau solche Quälgeister wie ihre Mutter und daran änderte für ihn auch der Unglücksfall ihrer verwandtschaftlichen Verbandeltheit nichts. Ganz im Gegenteil! Eher wurde dieses Fiasko dadurch noch abgerundet, dass er die Stimme seiner Schwägerin nun bereits am Anfang dieses Tages ertragen musste, obwohl sie ihm ja per se schon die Nackenhaare hochstehen ließ. Und von der Marotte seines Bruders, mit Kosenamen um sich zu schmeißen, fing er gar nicht erst an.

„Guten Morgen, Ernie! Gut geschlafen?“, begrüßte der ihn auch direkt beim ersten Aufeinandertreffen mit dieser Unart und ließ den Angesprochenen für einen Moment überlegen, ob er für seinen Kaffee nicht einen besseren Aufbewahrungsort als seine Tasse fand. Diese grinsende Visage zum Beispiel, die es auch noch wagte, über den triefenden Zynismus eines Dr. Ernest Landers fröhlich zu lachen, anstatt ihn als das zu sehen, was er in Wirklichkeit war: Die Warnung, ihm nicht zu sehr auf den Geist zu gehen.

„Vorzüglich. Das Ritz-Carlton wäre neidisch“, antwortete er also so trocken wie die Wüste Sahara und spürte sein Auge zucken, als das schallende Gelächter des Jüngeren losbrach. Warum nur erinnerte er ihn in solchen Augenblicken manchmal an einen gewissen Dozenten, fragte Ernest sich und schaute dabei über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg aus dem Fenster auf diesen widerlich nervigen Schnee. Wie schön, dass die Straße inzwischen geräumt war! Und trotzdem saß er hier fest – umzingelt von Geschrei und Gekicher und den furchtbarsten Weihnachtsliedern, die seine Schwägerin hatte ausgraben können. Und als wäre das nicht schon genug, bot ihm sein Bruder jetzt auch noch an, bei Tageslicht mal einen Blick auf den kaputten Reifen zu werfen, wenn vom Pannendienst gerade noch immer nichts zu sehen war.

„Gott bewahre!“, entfuhr es Ernest bei dieser Vorstellung allerdings sofort. Sein Bruder war Versicherungsmakler und hatte handwerklich noch weniger auf dem Kasten, als dieser eine Kindheitsfreund, der ihm gerade wieder in den Sinn kam. Nur, dass Ferdinand nicht einmal einen verheerenden Unfall als Entschuldigung für diese Tatsache vorschieben konnte!

„Ich zahle gutes Geld für die monatlichen Mitgliedsbeiträge, also darf ich doch wohl auch gewisse Gegenleistungen dafür erwarten. Die eine Stunde mehr oder weniger, die ich jetzt noch warten muss, macht auch keinen großen Unterschied“, umschrieb er seine Ablehnung jedoch auf diplomatische Weise und warf dabei einen Blick auf seine Uhr. Dass er beim erneuten Anruf in den frühen Morgenstunden tatsächlich geneigt gewesen war, einen dringenden Notfall zu erwähnen, um den er sich umgehend kümmern müsse, verschwieg er allerdings geflissentlich. Genauso wie die Überlegung, sich das Trommelfell mit dem Kaffeelöffel zu durchstoßen, damit er nicht mehr ungewollter Weise der Unterredung zwischen seiner Mutter und ihrer Schwiegertochter beiwohnen musste.

„Ich glaub, Mama hat mal wieder vergessen, die Batterien vom Hörgerät zu wechseln“, stellte Ferdinand diesbezüglich in der Zwischenzeit fest, während er den Kindern beim Decken des Tischs half und es nur allzu amüsant fand, dass sein Vater ebenso mit Schwerhörigkeit glänzte.

„Was du nicht sagst“, war hingegen alles, was Ernest antwortete, während er an die Arbeitsplatte gelehnt da stand und das zunehmende Treiben am und um den Küchentisch herum betrachtete. Nein, was waren sie alle fröhlich! Ihm wäre beinahe der Kaffee wieder hochgekommen. Und gleichzeitig stellte das koffeinhaltige Heißgetränk gerade den einzigen kleinen Strohhalm dar, an den er sich noch zu klammern wusste. Besonders, als nun auch noch Schwägerin Sieglinde das Wort direkt an Ernest richtete und wissen wollte, wie er sein Frühstücksei bevorzugte. Blieb ihm denn gar nichts erspart? Diese Pute würde den korrekten Garzeitpunkt doch ohnehin nicht treffen, selbst, wenn er ein Scheunentor wäre und sie nur zwei Meter von ihm entfernt!

„Bedaure, ich muss heute leider verzichten“, erklärte er darum und erkannte endlich einen Lichtblick, als sein Bruder die Tür vom Küchenschrank öffnete, hinter der sich die Batterien verbargen. Und ein Thermosbecher.

„Du erlaubst?“, griff Ernest den kleinen Rettungsanker also sogleich und versah ihn mit seinem restlichen Kaffee, während Ferdinand überrascht vom Hörgerät seiner Mutter aufblickte.

„Was hast du vor, Ernie?“, fragte er verwundert und schaute den Angesprochenen noch dösbaddeliger an, als er dessen Antwort hörte.

„Einen kleinen Spaziergang absolvieren. Das gehört zu meiner Morgenroutine“, lautete die höflich verpackte Lüge und wurde von einem etwas weniger galanten „Auf gar keinen Fall!“ ergänzt, als Sieglinde allen Ernstes auf die Schnapsidee kam, dass man das ja auch nach dem Frühstück in geselliger Runde vollbringen könne. Doch Ernest wäre natürlich nicht Ernest gewesen, wenn er nicht sogleich wieder die Fasson gewahrt hätte, noch ehe ihn die ersten verwunderten Blicke trafen.

„Ich bevorzuge mein Frühstück erst einzunehmen, nachdem ich ein wenig frische Luft geschnappt habe“, erklärte er also und ließ die Mundwinkel zucken, als Sieglinde augenzwinkernd zu bedenken gab, ob sein Kaffee nicht gegen diesen Grundsatz verstoße.

„Wir sehen uns später“, ging er jedoch freundlich darüber hinweg und verdrehte die Augen erst, nachdem er die Küche bereits verlassen hatte – untermauert von Sieglindes Echo, das ihren Schwiegereltern versuchte verständlich zu machen, wohin ihr Ältester denn nun plötzlich verschwand. Und als wäre das nicht schon genug des Guten, erschien just in dem Moment, in dem Ernest nur noch das Zuknöpfen seines Mantels vom Verlassen dieses Irrenhauses fernhielt, auch noch sein Bruder im Flur, um seine Flucht weiter hinaus zu zögern. Ja, war denn nun endlich mal gut?

„Ernie, pass auf, dass du nicht ausrutschst. Ich hab die Einfahrt noch nicht gestreut!“, sprach der Jüngere dabei das Offensichtliche an und entlockte dem Arzt damit ein kurzes Nicken.

„Selbstredend…“, griff er sich dann die Thermosflasche und flüchtete aus der Haustür, um davor einen kurzen Moment innezuhalten und die eisige Luft einzuatmen. Dabei konnte er sich jetzt schon einmal darauf freuen, wie der Schnee auf dem Grundstück und das Salz auf dem Bürgersteig seine Schuhe mit grausigen Flecken versehen würden und was der Anblick seines zugeschneiten Wagens in ihm auslöste, war ohnehin nicht mehr in Worte zu fassen. Und obendrein hörte er bereits von dieser Stelle aus, dass ihm die erhoffte Ruhe wohl auch außerhalb des Hauses verwehrt bliebe. Großartig! Alle hatten sie sich zum Schneeschippen und Toben versammelt. Es wurde ja immer besser… Da regte sich beim Weg die Einfahrt entlang tatsächlich kurz der Gedanke in ihm, sich absichtlich einmal ordentlich auf den Hintern zu setzen. So könnte er wenigstens seinen Bruder verklagen, weil er seiner Pflicht zum Räumen nicht pünktlich nachgekommen war! Nur leider wusste Ernest nicht, ob der überhaupt schon als Eigentümer im Grundbuch stand oder ein entsprechender Schrieb dann stattdessen ihre Eltern träfe. Denn auch, wenn das kleine Häuschen nicht vererbt war, gab es ja auch noch andere Optionen, um einen Wechsel der Besitzer vorzunehmen. Also beschränkte der Arzt sich darauf, seiner Abneigung für diesen Morgen auf anderem Wege zum Ausdruck zu bringen. Einen verachtenden Blick hier, ein Seufzen dort, während er erhobenen Hauptes durch seine frühere Nachbarschaft schritt und nun erst recht feststellen musste, dass es hier ebenso strapaziös wie bei seinen Eltern war. Bekannte Gesichter, die bei seinem Anblick erstrahlten und ihm freudig zuwinkten waren ja noch halbwegs erträglich, doch wollten sie dann zumeist auch gern noch ein kleines Schwätzchen mit ihm halten. Wie es ihm ergangen war, wohin es ihn getrieben hatte und wie sein Werdegang beruflicher und vor allem privater Natur denn inzwischen aussah. Ach, was waren sie doch mitunter an ihm interessiert und das teilweise erst recht, wenn sie hörten, dass noch nicht wieder ein Ring an seinem Finger glänzte. Konnte er vielleicht eine gute Partie für die eine oder andere Tochter oder Enkelin, Cousine oder Schwester werden? Von Seiten der Interessierten sicherlich, doch Ernest konnte sich auch unbekannterweise lebhaft vorstellen, warum genannte Damen augenscheinlich noch immer auf der Suche waren. Also ging er schnell dazu über, sich die Kapuze seines Mantels überzuziehen, um wenigstens eine Spur von Anonymität zu erhaschen. Und in Teilen half ihm das sogar, bis er selbst derjenige war, der für einen Stopp bei seiner kleinen Rundreise sorgte. Denn was war das bloß für eine Überraschung, dass natürlich auch beim Hause Klimlau reges Treiben im Schnee herrschte? Da hätte ja niemand mit rechnen können, dass Frido und Dominik es am Vorabend ebenfalls nicht mehr zurück geschafft und stattdessen hier übernachtet hatten! Drum reihten sie sich jetzt in die Riege derer, die ihre Vorgärten mit schief gebauten Schneemännern und anderen Fantasiefiguren verunstalteten. Welch Freude! Wenigstens hatte Ernest noch seinen Kaffee. Oder die Plörre, die sich als solches betitelte. Also würgte er den nächsten Schluck dieses Gebräus hinunter, während er dabei zuschaute, wie der jüngere Teil der Familie Klimlau nun auch noch eine Schneeballschlacht startete. Erwachsene Männer, die gackernd und hopsend durch den Garten sprangen und Vater Fritz war dabei sogar noch der drolligste von ihnen. Die werten Großeltern, wie Ernest ein Blick zum Wintergarten vermuten ließ, hatten wenigstens den Anstand, im Warmen zu sitzen und das Winterwunderland nur durch die Scheiben hindurch zu bestaunen. Genügte das denn nicht auch? Musste man sich gegenseitig Schneebälle ins Gesicht werfen, mit Schneeengeln noch mehr gefrorenes Wasser unter die Kleidung befördern und dann anschließend das halbe Haus einsauen, wenn es durchgefroren und nass wieder zurück an den Kamin ging? Allein bei der Vorstellung zog Ernest bereits die Nase kraus und obendrein seine Augenbraue empor, als er nun auch noch Zeuge wurde, wie Dominik sich erst an Frido heranpirschte, um ihm etwas Schnee in den Kragen zu reiben und der ihn dann durch den Garten jagte, bis er ihn zu fassen bekam und sie beide feixend in ein weißes Bettchen fielen. Ja, hatten sie denn alle einen an der Klatsche, schoss es ihm durch den Kopf und noch während er sich in diesem Gedanken befand, geschah das Ungeheuerliche: ein Schneeball, der sich in seine Richtung verirrte. Und auch, wenn er ihn nicht traf, sondern vor seinen Füßen landete, zeigte sich alsbald, dass es sich dabei nicht einmal um ein Versehen handelte! Stattdessen hopste Lilli hinter den Strauch zurück, der ihr gerade noch Deckung geboten hatte und begann zu lachen, als ihr Großvater sie mit einem „Aha! Hab ich dich!“ nun doch zu fassen bekam. Auch, wenn offensichtlich war, dass sie aus seiner Perspektive heraus vorher wohl kaum zu übersehen gewesen wäre. Aber man wollte seinem Enkelchen den Glauben an seine Versteckkünste ja nicht nehmen, wie auch das Grinsen der stolzen Mutter verriet, die nun aus einem Hinterhalt heraus den Rücken ihres Vaters mittig mit geformtem Schnee versah.

„Oh, das kriegst du wieder!“, rief der daraufhin aus, aber zunächst trat er mit Lilli auf dem Arm zum Eingangstor und wünschte dem Besucher ein frohes Fest.

„Ernest, mit dir hab ich um die Zeit ja gar nicht gerechnet!“, sorgte er dabei mit seiner kräftigen Stimme auch sofort dafür, dass niemandem im Garten das Erscheinen des Arztes entging. Also musste er jetzt nicht nur brav lächeln und zusätzlich nicken, weil Juli ihm zuwinkte, sondern obendrein versuchen, einen gewissen Gleichmut an den Tag zu legen, als auch noch Dominik und Frido dazu stießen und selber ein wenig wie Lillis Schneemänner aussahen.

„Hübsch habt ihr euch gemacht“, konnte er sich einen kleinen bissigen Kommentar aber bei aller Liebe doch nicht verkneifen und präsentierte den entsprechenden Blick, als Frido ihn fragte, ob er mitspielen wolle.

„Verzichte“, glich die Temperatur seiner Antwort in etwa jener der Eiszapfenparaden an den Regenrinnen von Haus und Gartenschuppen, während Fridos Lachen ihn unwillkürlich an einen anderen Quälgeist von diesem Morgen erinnerte.

„Was machst du denn hier? Besuchst du deine Eltern sonst nicht schon am ersten Feiertag?“, erkundigte Frido sich hingegen arglos ob der Gedankengänge seines Gegenübers, das eine ehrliche Erleichterung spürte, als Opa Fritz sich aus dem Gespräch zurückzog, weil Lilli weiter mit ihm spielen wollte. Endlich, dachte Ernest, konnte er sich das Lächeln aus dem Gesicht wischen und den Mundwinkeln nicht mehr so eine schwere Arbeit aufbürden.

„Nun, das habe ich auch…“, begann er dabei noch höflich, wobei Dominik bereits die Augenbrauen hob. Da mischte sich so eine schneidende Nuance mit in Ernests Worte, die erst vielleicht noch dezent war, doch spätestens, als er weitersprach, wahrlich unüberhörbar wurde.

„Dummerweise hatte mein Bruder die grandiose Idee, seinen Lendenfrüchten zu Weihnachten ein Spielhaus für den Garten zu schenken und damit die lieben Kleinen es auch in vollen Zügen genießen können, hat er es bereits zum Ferienstart mit ihnen aufgebaut. Nur leider haben diese drei Intelligenzbestien dabei allesamt nicht darauf geachtet, ob die Schrauben und Nägel auch wirklich alle im Holz und nicht daneben gelandet sind! Und nun darfst du raten, weshalb ich seit gestern Abend auf den Pannendienst warte. Der selbstverständlich durch den plötzlichen Wintereinbruch gerade alle Hände voll zu tun hat… Mit irgendwelchen „Notfällen“. Wobei ich immer noch der Meinung bin, dass diejenigen, die sich erst Gedanken um Winterreifen machen, nachdem sie ihre Karre schon im Graben geparkt haben, aus Prinzip die niedrigste Priorität haben sollten!“, zischte und murrte er und schnaubte aus, ehe sein eisiger Blick Frido für dessen Grinsen traf.

„Na ja, die einen parken im Graben, die anderen auf Nägeln und Schrauben…“, ließ der obendrein noch mit einem Schulterzucken verlauten und schien sich für äußerst witzig zu halten. Doch dann ging er trotzdem lieber hinter Dominik in Deckung, als Ernest den Anschein erweckte, in der nächsten Sekunde übers Gartentor zu springen. Zumal Dominik dann auch noch die dümmliche Frage stellte, warum der Arzt seinen Reifen nicht selber reparierte.

„So, wie ich dich kenne, bist du doch bestimmt bestens ausgerüstet, oder?“, mutmaßte er und Ernest wusste nicht, was er gerade beleidigender finden sollte: Die Spekulation als solche oder den Vorschlag, er solle selber Hand anlegen.

„Mein Wagen ist doch keine fahrende Werkstatt! Und wofür gibt es wohl Dienstleister, die auf eben solche Fälle spezialisiert sind? Ganz zu schweigen davon, dass wir hier von den kostbaren Händen eines Arztes – eines Chirurgen – sprechen! Machst du dir überhaupt eine Vorstellung davon, was es bedeuten könnte, wenn ich mir bei so einem Unterfangen eine Verletzung zuzöge? Frag deinen Freund, wie das ist!“, murrte er und wurde nun von seinen beiden Gegenübern staunend angeschaut. Oha, da hatte wohl jemand einen schwierigen Start in den Tag gehabt. Und selbst, wenn diese Erkenntnis ihre Gesichter umspielte, wagte Frido auch noch, loszugrölen. Dominik hatte ja wenigstens noch den Anstand, zu überlegen, welche Reaktion gerade am angebrachtesten war! Doch damit war die Laune des Arztes wohl auch nicht mehr zu retten. Das zeigten nicht nur sein Blick und das ungeduldige Tippen mit dem Zeigefinger gegen die Thermoskanne, sondern ganz besonders sein Ausspruch.

„Nein, was sind wir heute aber wieder witzig! Habt ihr neben verkorksten Schneemännern auch noch irgendwo eine Eisbar hingebastelt und euch den Inhalt in Gänze zu Gemüte geführt?“, zischte er, woraufhin Dominik nun auch noch die Lippen aufeinander pressen musste, um sich das Grinsen zu verkneifen. Doch dafür hatte Ernest nur noch ein trockenes „Tu dir keinen Zwang an“ übrig, während er sich abwendete, um wieder seines Weges zu gehen. Hatte das Wetter denn ihnen allen die Inhalte ihrer Köpfe einfrieren lassen? Da konnte es ihn auch nicht locken, dass der Lockenkopf in bittendem Tonfall seinen Namen sprach und Frido die letzten Schritte zum Gartentor überbrückte, um ihm nachzugehen.

„Ach, komm, jetzt hau nicht so muffelig ab! War das Hotel wirklich so schlimm oder hat deine Schwägerin dich heute früh schon wieder geärgert?“, überholte er Ernest und stellte sich vor ihn, um schon wieder so ein penetrantes Schmunzeln spazieren zu tragen. Zumindest, bis er Ernests Antwort hörte.

„Hotel? Welches Hotel? So kurzfristig waren alle in der näheren Umgebung ausgebucht und selbst die Pensionen hatten nichts mehr verfügbar! Auf einer Schlafcouch habe ich genächtigt! Im Wohnzimmer meiner Eltern! Und ja, Sieglinde und ihre Brut haben mich heute bereits wunderbar auf den Tag eingestimmt, Danke! Nicht einmal vernünftigen Kaffee haben die im Haus!“, schnaubte er und warf einen biestigen Blick über all jene Vorgärten, die sich in sein Blickfeld schoben und von Schneetieren, bunter Dekoration oder – Gott bewahre! – lachenden Menschen gesäumt waren. Beinahe war es Frido, als könne er bereits einen grünlichen Schimmer auf Ernests Haut erkennen.

„Jetzt geh mir aus dem Weg!“, fiel da auch die Aufforderung an den Dozenten wenig herzlich aus, doch der hatte nicht einmal den Anstand, Ernests Worten Bedeutung zu schenken.

„Na los, komm mit!“, sagte er stattdessen mit einem Grinsen und nickte in Richtung seines Elternhauses, als der Arzt ähnlich harsch wissen wollte, wohin die Reise gehen sollte.

„Mama bereitet gerade das Frühstück vor und wenn ich mir die Uhrzeit angucke, glaub ich kaum, dass du heute schon was gegessen hast, oder? So, wie ich dich kenne, klammerst du dich gerade nicht umsonst an deinem Kaffee fest. Also sag deinem Bruder Bescheid, dass er sich melden soll, wenn der Pannendienst bei euch aufschlägt. Bis dahin kommst du mit rein, setzt dich schön an den Kamin und isst was mit uns. Und keine Sorge: Hier gibts nur eine Lendenfrucht, die ohnehin so schnell wie möglich wieder mit Opa in den Schnee will und den vier netten älteren Herrschaften, die wir gerade zu Besuch haben, können sich auch wunderbar ohne dich über ihre Wehwehchen unterhalten. Ich sag Mama und Papa auch Bescheid, dass sie das Thema nicht extra anschneiden sollen und falls meine Großeltern doch dran denken, dass du Arzt bist, lenk ich sie einfach ab“, zwinkerte Frido und nickte Ernest noch einmal zu, ihm zu folgen, während er an ihm vorbei zurück zum Tor ging. Und nicht nur er versuchte ihn zu locken, sondern auch Dominik.

„Wenn du willst, frag ich Marianne, ob sie Zutaten für Quark-Ölteig da hat. Dann back ich uns ein paar schnelle Brötchen“, schlug er vor und schmunzelte, als zunächst Ernests Mundwinkel zuckten, ehe er so gnädig war, Kehrt zu machen. Und wenn er nur die Plörre im Becher gegen den zugegebenermaßen vorzüglichen Wachmacher von Mutter Marianne tauschte…

„Meinetwegen. Aber wehe, ich krieg auch nur einen Schneeball ab!“, stellte er dennoch zur Bedingung, ehe er das Schlachtfeld betrat, das noch immer emsig von Juli, Lilli und Opa Fritz verteidigt wurde.

„Wir gehen einfach hinten rum“, wusste Frido jedoch einen todsicheren Plan, um einem möglichen Angriff zu entgehen – zumindest dachte er das. Denn kaum waren sie hinter dem Haus verschwunden und der Hintertür bereits erfolgreich nahe, erwischte es ihn selbst mitten zwischen die Schulterblätter. Und Dominik konnte es nicht gewesen sein, denn der lief sogar ein paar Schritte vor ihm. Drum drehte er sich auch umso verwunderter um und schaute erstaunten Blickes hinter sich. Doch da war keine Juli zu sehen, die sich heimlich angeschlichen hatte und Opa Fritz samt Enkelin konnte er von hier aus noch laut und deutlich auf der anderen Seite des Gartens hören. Nur Ernest war noch da, der erhobenen Hauptes und ohne eine Miene zu verziehen an ihm vorbei ging, zu Dominik aufschloss und seichte nickte, als der ihm bei Betreten des Hauses den Vortritt gewährte. Konnte da vielleicht sogar in dem größten Grinch noch etwas Kindliches verborgen sein?

17.12.2024: Weihnachtsbaum

Eine illustre Runde war es, die sich inzwischen im Hause Klimlau eingefunden hatte. Sie alle verbanden mal offensichtlichere, mal unscheinbarere Fäden miteinander und auch, wenn sie das Beisammensein einte, gingen sie dabei auch immer wieder ein Stück weit ihrer Wege. Es war ein Spiel unterschiedlicher Anziehungen und Anknüpfungspunkte, das beinahe einer Komposition glich: Mal saßen sie zusammen um den großen Tisch, speisten und tranken oder genossen einfach nur den Austausch mit der wachsenden Anzahl Leute und mal wehten sie in kleinen Grüppchen auseinander. Grüppchen, die jedes Mal andere Konstellationen annahmen und sich in ihre eigenen kleinen Eckchen zurückzogen, um trotz dieser Distanz die Nähe zu den restlichen Anwesenden nicht vollends zu verlieren. So wie auch jetzt wieder. Gemeinsam hatten sie das Frühstück eingenommen und den Neuankömmling dabei herzlich in ihrer Mitte aufgenommen, um sich nun wieder ein wenig zurück zu ziehen. Dabei eilten Juli, Lilli und Großvater Fritz schnellen Schrittes zurück in den Schnee, während die betagteren Herrschaften es sich wieder im Wintergarten gemütlich machten. Nur wurden sie dieses Mal auch von Frido begleitet, der gern noch etwas mehr Zeit mit seinen Großeltern verbringen wollte, ehe in ein paar Stunden bereits wieder der Abschied nahte. Ein gar putziges Bild, das dieser Anblick abgab, wie Ernest bemerkte. Denn während Fridos eigene Kleidung nun zum Trocknen neben dem Kamin hing, saß er in einen Jogginganzug seines Vaters gehüllt da – weit genug für seinen Sohnemann und doch an allen Ecken und Enden zu kurz. Dominik hatte es dabei schon besser getroffen. Er konnte einfach auf Fridos früheren Kleiderschrank zurückgreifen, bis auch seine Anziehsachen hoffentlich in Bälde nicht mehr auf den Aufnehmer unter ihnen tropften. Und damit sorgte sein Anblick bei Mutter Marianne nicht nur für Entzückung, weil er ihr obendrein noch half, die Kaffeetafel zurück in die Küche zu räumen.

„Dass ich den noch mal angezogen sehe…“, schwelgte sie beim Anblick des Pullovers, den Dominik sich übergangsweise ausgesucht hatte, in Erinnerung.

„Meine Schwester hat ihm den mal gestrickt. Aber heute passt er da ja bei weitem nicht mehr rein“, strich sie erst über die dunkelblaue Wolle und drückte Dominik dann mit einem Lächeln die Schulter. Erinnerte sie der Anblick vielleicht an sorgenfreie Zeiten? Oder war es auch die weihnachtliche Stimmung, die sie trug? Vorstellbar war beides, so, wie sie in ihrer Rolle als Weihnachtself aufging, der emsig von Gast zu Gast huschte, damit auch niemandem etwas fehlte. War es hier warm genug? Wünschte dort noch jemand einen Tee? Kaffee? Glühwein mit Schuss? Vielleicht doch eine Decke, damit die Beine nicht kalt wurden?

„Ich glaub, Lilli hat das Quirlige nicht nur von ihrem Opa“, grinste Dominik, als er sich zu Ernest setzte, der sich mit einer Tasse Tee am Kamin niedergelassen hatte. Ein gemütlicher Wärmespender, den er bei dieser Gelegenheit nicht missen wollte. Es war schon was dran, dass Opa Fritz mit stolz geschwellter Brust erzählt hatte, dass solch ein Kamin doch eine andere Wärme als ein schnöder Heizkörper lieferte. Und doch schenkte Ernest dem plötzlichen Gesprächspartner ein belustigtes Schnauben, als der fragte, ob er sich nicht auch einen Ofen in die Wohnung stellen wolle.

„Auf gar keinen Fall. Bei aller Behaglichkeit wäre mir der Dreck viel zu lästig, den das Holz mit sich bringt. Ganz zu schweigen von der Asche und der Tatsache, dass so ein gutes Stück auch regelmäßige Reinigung benötigt“, schüttelte er den Kopf und nippte an seiner Tasse, während er über ihren Rand hinweg den Tannenbaum betrachtete, der unweit von ihm zwischen zwei Fenstern platziert stand. Bei weitem konnte er nicht mit der zimmerhohen Erscheinung mithalten, die sich im Hause Preuss fand und doch strahlte er Liebe und Charme aus. Mit vielen selbst gebastelten Anhängern, kleinen Fotos und echten Kerzen, die zwar nicht entzündet wurden, aber dennoch zauberhaft ins Bild passten.

„Ist nicht so dein Ding, oder?“, mischten sich dabei Dominiks Worte in seine Betrachtung und Ernest wendete seinen Kopf so weit zu ihm, dass er ihn gerade etwas mehr als nur im Augenwinkel betrachten konnte.

„Ich meinte Weihnachten… Ich hab den Eindruck, dass du nicht so viel damit am Hut hast“, legte Dominik den Ellenbogen an die Rückenlehne seines Sessels, um seiner Hand hierdurch etwas Unterstützung beim Halten seines Kopfes zu geben, während er Ernest aufmerksam betrachtete.

„Nun…“, stellte der seine Tasse zurück auf das kleine Tischchen zwischen ihnen und überschlug die Beine, ehe seine Augen wieder auf dem dunklen Grün mit bunten Akzenten und Lichterkette ruhten.

„Gegen die Festlichkeit als solche habe ich nicht generell etwas einzuwenden. Nur geht mit ihr leider einher, dass viele Menschen sich im Vorfeld fast in den Wahnsinn stürzen, wenn es die perfekte Dekoration und das gegenseitige Überbieten beim Geschenkekauf betrifft. Ganz zu schweigen davon, dass solche Festivitäten leider auch gerne mal mit dem Aufeinandertreffen auf Leute verbunden sind, die – sagen wir – nicht unbedingt meinem Gusto entsprechen“, legte er die Hände auf dem Knie ab und nickte seicht, als Dominik grinsend Ernests geliebte Schwägerin nannte.

„Wie du dir denken kannst, hat es Gründe, dass ich meine Besuche bei meinen Eltern für gewöhnlich so lege, dass ich der herzallerliebsten Sieglinde dabei möglichst nicht unter die Augen treten muss“, seufzte er und sein Gesichtsausdruck sprach Bände, als er kontrollierte, ob sein Bruder sich inzwischen gemeldet hatte und das offensichtlich nicht der Fall war.

„Können sich freuen, dass ich hier warm und trocken sitze…“, murrte er beim Wegstecken des Smartphones und wendete sich fragenden Blickes wieder Dominik zu, als er bemerkte, dass der ihn immer noch zu mustern schien.

„Spucks schon aus“, lehnte er sich dabei tiefer in seinen Sessel und hob die Augenbraue, als der Lockenkopf von einem Schmunzeln zu einem Grinsen überging.

„Hast du eigentlich noch mehr Geschwister?“, fragte er und Ernests Gesicht nahm einen Ausdruck an, der mit seinen Abstufungen nur schwer zu deuten war. Spiegelten sich dort etwa Zuneigung und der Hauch eines Lächelns wider, um fließend zu Antipathie und schließlich Gleichmut hinüber zu wechseln?

„Ja und wir sind alle recht unterschiedlich“, war die höfliche Umschreibung für die offensichtlich recht nuancierte Verbundenheit zu seinen Geschwistern. Und auch, wenn es Dominik unter den Nägeln brannte, weitere Details zu erfahren, entschied er sich für ein seichtes Lachen und gegen plumpe Fragen.

„Kommt mir bekannt vor! Die einen kommen mehr auf die Mama und die anderen mehr auf den Papa raus“, teilte er stattdessen seine eigenen Beobachtungen, was Ernest zunächst nur ein leichtes Wiegen des Kopfes abringen konnte.

„Das ist durchaus nicht verkehrt. Einige von uns tragen eher die Züge unserer Eltern, andere erinnern in Teilen sogar eher an unsere Großväter und Großmütter…“, murmelte er dann, während er wieder geradeaus blickte und die Augenbrauen diskret zusammenschob. Ein kurzer Augenblick des Schweigens entstand, in dem er mit einem tiefen Atemzug seine scheinbare Gleichgültigkeit aufs Gesicht zurückholte.

„Der Vollständigkeit halber muss ich allerdings anfügen, dass die Verschiedenheiten in unserem Fall auch daher rühren, dass meine älteste Schwester und ich eine andere Mutter haben. Bedauerlicherweise starb sie bei ihrer Geburt und mein Vater heiratete etwas später ein zweites Mal“, sprach er dann weiter und nickte leicht wie zur Bestätigung seiner Worte. Doch Dominiks Reaktion rang ihm dagegen eher ein Schulterzucken an.

„Oh, das tut mir leid…“, meinte der nämlich ehrlich betroffen, während Ernest recht ungerührt schien.

„Muss es nicht. Ich kann mich ja nicht einmal an sie erinnern, weil meine Schwester und ich so – wie sagt man? – flott aufeinander kamen. Letztlich kenne ich nur meine Stiefmutter und sie war zumindest stets bemüht“, antwortete er und griff dabei wieder seine Teetasse, um deren Inhalt mehr liebevolle Worte als seiner Familie zu schenken. Ja, bei dieser Sorte war er durchaus geneigt, sie auch in seinen Fundus einziehen zu lassen. Und trotzdem verschluckte er sich beinahe daran. Wenn auch nicht wegen des Tees, sondern wegen Dominik.

„Bist du deshalb Arzt geworden? Wegen dieser Erfahrung?“, spekulierte der nämlich plötzlich und Ernest schien im ersten Moment nicht sicher, ob er darüber lachen oder den Kopf schütteln sollte.

„Dass ich weder Geburtshelfer noch Gynäkologe bin, hast du aber schon mitbekommen, oder?“, entschied er sich stattdessen für den zynischen Zwischenweg und lachte dann doch kurz auf, als Dominik seine irrwitzige Annahme noch weitersponn.

„Ja, schon, aber da war ja offensichtlich generell der Wunsch, den Menschen zu helfen. Sonst wärst du wohl kaum Arzt geworden“, sprach er mit einer herrlichen Naivität, die ein Ernest Landers wahrlich nur belächeln konnte.

„Nein, es liegt eher daran, dass man sich als Arzt durchaus eine gewisse finanzielle Sicherheit zu eigen machen kann. Vielleicht nicht immer, aber zumindest in vielen Fällen“, stellte er sein Tässchen dieses Mal beinahe behände zurück auf seine Untertasse und faltete genüsslich die Hände auf dem Schoß, ehe dieser Lockenkopf es schaffte, diesen Freudentaumel mit wenigen Worten wieder hinfort zu wischen.

„Mh… das glaub ich dir irgendwie nicht so richtig…“, wagte er allen ernstes zu zweifeln und schmunzelte auch noch, als Ernest ihm einen Blick zuwarf, der einerseits dessen Verachtung und andererseits dessen Neugierde für den Grund dieser Aussage preisgab.

„Ich find, dafür hast du ein bisschen zu viel Interesse an deinen Mitmenschen. Mal abgesehen davon, wie nett du zu mir warst und dass du meinem Paps helfen willst… Ich hab gesehen, dass du ganz genau zugehört hast, als unsere Omas sich über ihre Gelenkerkrankungen und vor allem über ihre Medikamente und Therapieversuche unterhalten haben. Aber ich wüsste nicht, dass du neuerdings unter die Rheumatologen gegangen bist“, grinste er, was seinem Gegenüber ein ungeduldiges Tippen der Daumen abverlangte.

„Apropos Interesse: Wieso interessierst du dich eigentlich plötzlich so für meine Angelegenheiten?“, wurde er nun ein wenig spitzfindig und reckte das Kinn, während Dominik leicht die Schultern zuckten.

„Na ja, mir ist in letzter Zeit einfach aufgefallen, wie wenig ich eigentlich über dich als Mensch weiß. Obwohl ich mal behaupten würde, dass wir recht häufig Kontakt miteinander haben und ich dich als Freund sehe… Du bist ein toller Arzt, ja, aber sonst? Ich hab mehr Ahnung davon, welchen Zuckerguss du gern auf deinen Teilchen magst, als darüber, was dich so bewegt oder wie deine Familie ist. Wenn man deine Schwägerin mal ausklammert… Ich wusste bis vor kurzem ja nicht mal, dass du schon mal verheiratet warst“, lächelte er leicht und zuckte abermals die Schultern, während Ernest die Augen schmälerte und langsam seinen Blick über dieses neugierige Früchtchen wandern ließ. Wo war der störrische Bursche von einst abgeblieben, der in seiner Gegenwart am liebsten gleich fluchtartig den Raum verlassen hätte? Musste da mal jemand in seine Schranken verwiesen werden?

„Zunächst einmal lässt sich die Frage danach, was mich bewegt, recht simpel klären: Für gewöhnlich mein unterer Bewegungsapparat, wenn ich nicht gerade sitze und ansonsten mein Wagen, sofern er nicht auf die Reparatur seines Reifens wartet“, stellte er fest, während er sich Dominik weiter zuwendete, um ihn direkter anblicken zu können und dabei anfänglich auch noch ein Schmunzeln erhielt. Aber das konnte man ja glücklicherweise recht einfach ändern.

„Und was das andere betrifft…“, fuhr er also fort und war dieses Mal derjenige, der ganz genau betrachtete. Nämlich, wie Dominiks Grinsen immer mehr verschwand, als Ernest ihm sagte: „Zu meinem Friseur pflege ich ebenfalls regelmäßigen Kontakt und trotzdem ist es ausreichend, dass er weiß, wie er mir die Haare zu schneiden hat. Ich habe ihm zwar mal den Hinweis zukommen lassen, dass er die auffällig verfärbte Warze an der Wage von einem Dermatologen begutachten lassen sollte. Wenn du jetzt allerdings der Auffassung bist, dass das aus Sympathie geschehen wäre oder weil mir in irgendeiner anderen Weise menschlich gesehen so viel an ihm läge, dann muss ich dich leider enttäuschen. Ich mag es, dass er seine Arbeit versteht und es war eine löbliche Anerkennung von ihm, dass er mir ein paar Mal kostenlos die Haare geschnitten hat, nachdem sein Hautkrebs glücklicherweise frühzeitig erkannt und entfernt werden konnte. Trotzdem ist es nicht so, als verbände uns nun eine innige Freundschaft oder als träfen wir einander seitdem sonntäglich auf einen Kaffee“.

Der Arzt tippte noch einmal seine Daumen aneinander und wendete sich dann wieder dem Weihnachtsbaum zu, während Dominik seine Hand langsam sinken ließ und sich wie ein getadeltes Kind in sich zurückzog.

„Tut mir leid, ich wollte dir mit meinen Fragen nicht zu nahe treten… Fühlt sich nur n bisschen komisch an, dass du inzwischen so viel über mich und meine Familie weißt, aber ich eigentlich kaum was über dich...“, hob er die Schultern dieses Mal, ohne sie wieder sinken zu lassen und sah davon ab, Ernest weiter zu betrachten. Stattdessen begutachtete er zuerst das Muster der Bodenfliesen, ehe seine Aufmerksamkeit von den Schneeverrückten gefangen wurde, deren Toben nun doch langsam etwas an Schwung verlor. Noch hielten sie tapfer durch, aber es war ihnen anzusehen, dass sie wohl bald eine Pause benötigten. Und so überraschte es kaum, dass Mutter Marianne ein weiteres Mal durch das Wohnzimmer zur Küche huschte, um heißes Wasser anzustellen, ehe sie wieder an die Tür des Wintergartens eilte, damit die Frierenden ihre Getränkebestellungen aufgeben konnten.

„Ist gut! Ich lass euch jetzt auch heißes Wasser für ein Bad ein! Bevor ihr fahrt, müsst ihr euch wieder richtig aufwärmen! Nicht, dass ihr euch noch erkältet! Besonders mein Enkelchen!“, rief sie dann noch und verschwand wieder in den Flur, wobei Ernest ihrem Hin und Her schweigend nachblickte, bis seine Augen an Dominik hängen blieben, der trotz dieser Zurückweisung noch immer tapfer neben ihm saß. Er vermied dabei zwar, den Arzt wieder mit seinen Augen zu löchern, aber schon das gedankenverlorene Zuppeln am Bündchen seines Pullovers verriet, dass er vom Treiben im Schnee wohl nicht so viel mitbekam, wie es zunächst den Anschein machte. Und dass es wohl auch eher einem Reflex geschuldet war, als er bei einem besonders lauten Lachen im Wintergarten den Kopf in die Richtung des ausgelassenen Grüppchens drehte. Denn dafür ließ es ihn zu sehr zusammenzucken, als Ernest plötzlich wieder das Wort an ihn richtete.

„Sie ist ebenfalls Ärztin. Fachlich gesehen zweifelsohne mit meinem Können vergleichbar und vielleicht sogar noch etwas geschickter durch ihre zarten Hände. Es sind nun einmal die Finger einer zierlichen Frau, selbst, wenn sie sich nicht dafür zu schade ist, sie auch außerhalb eines Operationssaals schmutzig zu machen“, sprach er Dominik direkt an, bis der ihm wieder all seine Aufmerksamkeit schenkte und Ernest guten Gewissens erneut den Weihnachtsbaum ins Visier nehmen konnte, ohne die Gefahr einzugehen, dass seine Worte ins Leere laufen würden.

„Menschlich gesehen könnte man womöglich sogar behaupten, dass sie mir um Längen voraus ist. Ihr wohnt diese Eigenschaft inne, die weithin als Empathie bezeichnet wird. In unserem Beruf kann das Fluch und Segen zugleich sein, aber ich denke, in ihrem Fall war das sehr maßgebend für ihren Werdegang“, erzählte er weiter, um dann eine kurze Pause einzulegen und seinen Gedanken nachzuhängen.

„Habt… ihr euch bei der Arbeit kennengelernt?“, fragte Dominik dabei vorsichtig und erst wiegte der Arzt unschlüssig den Kopf, ehe er leicht nickte.

„Gewissermaßen…“, murmelte er dabei, bevor er konkreter wurde.

„Sofern man das Studium da auch schon mit einschließen will, kann man sagen: Ja, wir haben uns bei der Arbeit kennengelernt. Und nein! Um die Frage vorweg zu nehmen: Es war nicht wie bei Friedrich und dir. Wir waren beide Studenten im selben Jahrgang und hatten dementsprechend zunächst dieselbe Laufbahn. Später verlagerten sich unsere Schwerpunkte dann in unterschiedliche Richtungen, was letztlich auch zur Trennung führte“, sagte er und wiegte abermals den Kopf, als Dominik sich an eine weitere Nachfrage herantraute.

„Bei so einem zeitintensiven Job ist es wahrscheinlich gar nicht so leicht, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bekommen, oder? Du… du hast ja einiges an Arbeit investiert, um da hin zu kommen, wo du heute stehst. Und deine Exfrau dann wahrscheinlich auch?“, erkundigte er sich behutsam, wobei er seine Stimme senkte, als wolle er Ernest damit zusätzlich gnädig stimmen. Doch der benötigte trotzdem einen weiteren Augenblick für sich und seine Gedanken, ehe er antwortete.

„Ja, das könnte man wohl so sagen…“, sprach er dann, ohne, dass der nachdenklich Ausdruck von seinem Gesicht verschwand.

„Am besten beschreibt es wohl, dass wir uns einfach zu sehr in unterschiedliche Richtungen entwickelt haben und dann irgendwann feststellen mussten, dass unsere Verbindung auf Dauer keinen Bestand hatte. Nicht nur, weil wir im späteren Verlauf unseres Werdegangs häufig über Wochen und Monate räumlich voneinander getrennt waren, sondern auch, weil es für mich auf Dauer kein Zustand wäre, immerzu darauf zu hoffen, dass meine Frau gesund und munter aus dem nächsten Krisengebiet zurückkehrt“, sagte er dann und drehte den Kopf zurück in Dominiks Richtung, während der erstaunt die Augenbrauen hob. Doch Ernest wollte keinerlei Gefühlsregung preisgeben.

„Wie gesagt, ihr Mitgefühl kann man als Fluch und Segen betrachten. Es ist sicherlich ehrenwert, dass sie ihren Dienst in die Arbeit bei Ärzte ohne Grenzen und andere Organisationen dieser Art gestellt hat. Aber damit bei so einem Engagement die eigene Beziehung nicht auf der Strecke bleibt, braucht es den richtigen Partner. Und der war ich offensichtlich nicht“, sprach er scheinbar ungerührt, wobei er seine Tasse griff und einen weiteren Schluck daraus tat. Doch auch, wenn dieses Wendung ein gewisses Bedauern auf Dominiks Züge zauberte, brachte ihn das Gehörte auch zum Lächeln.

„Schade, dass es sich so entwickelt hat. Aber… ich finds schön, dass ihr trotzdem noch Kontakt habt“, murmelte er dabei und Ernest hielt inne, um ihn tatsächlich eine Sekunde verwundert anzublicken.

„Selbstverständlich“, antwortete er dann und stellte seine Tasse nieder.

„Ich sehe sie nach wie vor als geschätzte Kollegin und besonders im beruflichen Kontext haben wir durchaus noch mehr oder minder regelmäßig Kontakt. Es ist ja auch nicht so, als wären wir im Groll auseinander gegangen oder hätten so einen Rosenkrieg, wie er meines Eindrucks nach derzeit bei Fridos Schwester herrscht – sofern ich das zwischen den Zeilen richtig heraushören konnte“, sprach er weiter und nickte gütig, als Dominiks Gesichtsausdruck verriet, dass der Arzt mit seiner Vermutung wohl richtig lag.

„Ja… da gibts nach Weihnachten wohl noch das eine oder andere zu bereden“, gab der Lockenkopf kleinlaut zu und seufzte, ehe er versuchte, das Gespräch wieder auf ihr eigentliches Thema zurück zu lenken.

„Sag mal… du hast nicht zufällig ein Foto von ihr?“, fragte er darum und schnaubte kurz, als Ernest den Inhalt dieser Wort im ersten Augenblick verkehrt deutete.

„Nein, ich mein nicht von Juli, sondern von deiner Exfrau“, erklärte er darum, obwohl er nicht sicher war, ob der Arzt seine Intention wirklich falsch verstanden hatte. Gewagt war dieses Herantasten sicherlich, doch auch, wenn Ernest ihn wieder musterte, sah er dieses Mal davon ab, ihn zurecht zu stutzen.

„Bedaure…“, sagte er stattdessen, während er abermals sein Smartphone hervorholte und kontrollierte, ob ihm ein Anruf entgangen war.

„Das wäre wohl auch etwas unpassend, wenn man bedenkt, dass ihr letzter Besuch nur daher rührte, dass sie zufällig in der Gegend war und mir bei der Gelegenheit erzählen wollte, dass sie wieder heiraten wird“, stand er dann auf und trat ans Fenster, während er die altbekannte Nummer des Pannendienstes wählte.

18.12.2024: Schneeeule

Diskret war er, das wollte wohl kaum jemand bestreiten. Diese Eigenschaft zeigte sich bereits, als er für das erste Telefonat ans Fenster trat und spätestens bei seinem zweiten Anruf dürfte auch der letzte Zweifler von Ernest Landers Zartsinn überzeugt gewesen sein. Auch, wenn Dominik sich zugegebenermaßen ein wenig verwundert zeigte, dass der Arzt sich dieses Mal sogar in die Küche zurückzog und die Tür hinter sich schloss. Aber was wusste er schon? Vielleicht war ja auch noch eine dienstliche Angelegenheit auf Ernests Handy geflattert, vermutete er und trat seinerseits ans Fenster. Wenn das Gespräch zumindest für den Moment ohnehin beendet war, konnte er ja auch den drei Generationen der Familie Klimlau dabei zuzusehen, wie sie ihren kleinen Zoo aus Schneetieren fertigstellten, ehe Mutter Marianne sie endgültig wieder ins Haus scheuchte.

„Das Badewasser ist fertig! Kommt rein!“, zwitscherte sie und es war nicht zu übersehen, wie sehr ihr das Herz aufging, als Lilli sich nur schwerlich von ihren neuen Haustieren trennen wollte.

„Schätzchen, du kannst dir das Schweinchen und den Igel doch auch gleich noch vom Fenster aus ein wenig ansehen“, schlug sie darum vor, um schief zu grinsen, als Lilli ihre Oma wissen ließ, dass ihre Augen wohl nicht mehr die besten waren.

„Das sind ein Hase und eine Schneeeule!“, stellte sie klar, während ihr Großvater sie auf den Arm hob und anfing zu lachen.

„Also, Marianne! Das sieht man doch!“, rief er zur Belustigung der anderen Anwesenden aus und ein herzliches Gelächter erfüllte den Wintergarten. Und auch Dominik schloss sich im Wohnzimmer dem Freudentaumel an, unter dem die Schneetierbauer ins Warme zurückkehrten. Doch dann riss sein Schmunzeln jäh ab und das nicht, weil es ihn ebenso wie einen Ernest abschreckte, wie viel vom Draußen die Rückkehrer ins Drinnen trugen. Sondern vielmehr wegen Ernests Ausruf.

„...selbst amputieren!“, schallte es durch die verschlossene Küchentür und auch, wenn Dominik den Arzt wohl nur vernehmen konnte, weil er näher am Ort des Geschehens stand, brachte ihn das Gehörte zum Stutzen. Verdutzt drehte er sich um und nahm die Tür ins Visier, während hinter ihm noch immer gejuxt und gefeixt wurde. Die drei wandelnden Eiszapfen schlüpften aus den oberen Schichten ihrer Kleidung, damit auch sie am Kamin ihren Platz fanden und das bunte Sammelsurium damit komplettiert war. Doch während sie dann wetteiferten, wer von ihnen als erster die warme Wanne erreichen würde, huschte Dominik zur Küchentür. Eilig klopfte er an und schlüpfte bereits in den Raum, noch ehe Ernest seinem Eintreten stattgegeben hatte.

„Hey, ich wollt dir nur kurz Bescheid sagen, dass jetzt wieder alle im Haus sind. Also wunder dich nicht, wenn Marianne gleich für die nächste Versorgungsrunde rein kommt“, erklärte er und wollte eigentlich sofort wieder verschwinden, aber irgendetwas an Ernests Verhalten hielt ihn zurück. Zwar nickte der Arzt, während er am Fenster stand und ihm den Rücken zudrehte, aber dabei benahm er sich auch auffällig schweigsam. Statt Worte gab es nur Gesten. Langsam wippte er auf den Füßen immer wieder vor zu und zurück und hielt die Hände hinterm Rücken verschränkt, fast so, als untermauere seine Körperhaltung das versunkene Betrachten der Landschaft vor dem Haus. Doch wollte in dieses scheinbar stimmige Gesamtbild nicht so recht passen, dass sein Zeigefinger dabei nervös zuckte und beim genaueren Hinsehen hatte Dominik auch den Eindruck, dass Ernest mit den Zähnen knirschte.

„Sag mal, ist alles okay?“, fragte er darum seichte und zuckte zusammen, als der Arzt wie von der Tarantel gestochen zu ihm herumfuhr. Hätte er doch bloß nicht gefragt, dachte er sich, während er sich unwillkürlich mit dem Rücken an die Tür drückte. Aber auch, wenn er schon mit einer erneuten Ansage von Ernest rechnete, übte der sich noch in Zurückhaltung und tiefen Atemzügen, bei denen er sogar die Augen schloss.

„Ich wollt dich nicht stören…“, murmelte Dominik dennoch und griff nach der Türklinke, doch das fast schon geträllerte „Nein, nein. Du störst nicht“, von Ernest ließ ihn innehalten. Selbst, wenn er sich dabei nicht sonderlich wohl fühlte, denn inzwischen nahm der Ausdruck des Arztes Züge an, die dem Lockenkopf eine Gänsehaut zauberten. Erst wirkte er mit seinem steifen Lächeln, als studiere er eine passende Grimasse fürs nächste Halloweenfest ein und als dann auch noch seine Mundwinkel hinab rasten, war der Kinderschreck perfekt.

„Ich habe gerade mit meinem Bruder telefoniert…“, glich seine zitternde Stimme dabei einem Flüstern, während er sich vom Fenster löste.

„Rate mal“, hatte sein Ton noch immer etwas Eisiges, das ganz besonders obskur wirkte, wenn man dabei seinen federnden Schritt betrachtete, mit dem er – wenn auch langsam und bedacht – die Küche durchquerte.

„Du meinst, was er gesagt hat?“, murmelte Dominik verstört und wusste nicht recht, ob er tatsächlich erleichtert sein durfte, als Ernest ihm ein gnädiges Nicken schenkte.

„Ja, ganz recht. Rate mal, was er mir gerade verkündet hat“, mischte sich in dessen Worte nämlich wieder etwas Bedrohliches, bei dem der Lockenkopf sich kaum an eine Antwort heranwagte. Und scheinbar fiel auch seinem Gegenüber inzwischen durch diese offensichtliche Zurückhaltung auf, was er bei ihm auslöste. Also atmete er noch einmal tief durch und hob dabei beschwichtigend die Hände.

„Ich bitte um Verzeihung. Du bist sicherlich nicht der Grund, dass ich gerade am liebsten in Rage verfallen möchte“, wurde aus seiner versuchten Atemtechnik dann ein wütendes Schnauben, während Dominik zögerlich nickte.

„Sag nicht, an deinem Wagen ist doch mehr dran als der Platten…?“, wagte er dann eine vorsichtige These, bei der Ernest die Fäuste ballte und seine Lippen für einen Augenblick nur noch einen dünnen Strich bildeten, so fest, wie er sie aufeinander presste. Doch dann schüttelte er den Kopf und zwang sich dazu, die vor Wut zitternden Arme ineinander zu verschränken, um wieder etwas mehr die Beherrschung über seinen Körper zurück zu gewinnen.

„Nicht ganz. Zumindest hoffe ich das. Für ihn!“, zischte er dabei und Dominik war froh, nicht der unsichtbare Fleck auf dem Fußboden zu sein, den Ernest nun fixierte, während er weitersprach.

„Ich war gar verwundert, als ich mich bei der Hotline nach dem Stand der Dinge erkundigen wollte und man mir dort mitteilte, dass der Auftrag doch längst erledigt wäre. Angeblich hätte ich die Kollegen unverrichteter Dinge wieder weggeschickt, um mich selber der Reparatur hinzugeben, hieß es. Und dass ihr unnötiges Ausrücken nicht gerade positiv aufgefasst wurde, muss ich wohl nicht extra dazu sagen, oder?“, erklärte er, um Dominik damit jedoch eher noch weiter zu verwirren. Er runzelte die Stirn und Ernest nickte wieder.

„Ja, das hab ich auch gedacht!“, schien er zu ahnen, was der Lockenkopf sich dachte und schnaubte erst belustigt, ehe er sein Blick wieder Bände sprach.

„Es war wirklich äußerst amüsant, dass ich ihnen erst Unfähigkeit bescheinigt habe, um dann feststellen zu dürfen, dass sie tatsächlich vor Ort waren und mit einem Herrn Landers gesprochen haben. Dummerweise war das aber – du ahnst es vielleicht schon – nicht ich, sondern mein Bruder! Der die grandiose Idee hatte, sich selber an meinem Wagen zu schaffen zu machen, als ihm einfiel, dass er ja noch Reifendichtmittel im Keller herumstehen hat. Und das, obwohl ich ihm mehrfach gesagt habe, dass er die Finger von meinem Reifen lassen soll!“, fiel es ihm offensichtlich immer schwerer, die Contenance zu wahren und wieder setzte er sich für ein Auf und Ab in Bewegung.

„Und während der Pannendienst eintraf, war Ferdinand also wohl schon damit beschäftigt, meinen Wagen zu misshandeln und hat die Männer großkotzig unverrichteter Dinge weggeschickt. Wer braucht die schon, wenn man YouTube-Tutorials hat?!“, kniff er die Augen zusammen und probierte sich ein weiteres Mal in Atemübungen, die jedoch nur wenig von Erfolg gekrönt waren. Kein Wunder, denn der beste Teil stand ja auch noch aus!

„Dominik“, schaute er dem jungen Mann also fest in die Augen und sammelte sich, um weitersprechen zu können.

„Ferdinand hat es fertiggebracht, das Dichtmittel nicht im Reifen, sondern drum herum zu verteilen und sich dann auch noch – frag mich nicht wie – die Hand am Wagenheber zu klemmen! Also hat er mich gerade obendrein gebeten, ob ich nicht schnell nach hause kommen könne, um einen Blick auf seine zarten Fingerchen zu werfen. Die Praxen haben heute ja geschlossen und er möchte ungern stundenlang in der Notaufnahme hocken, der Arme!“, schnaubte er dann und eine gewisse Genugtuung trat auf sein Gesicht, als er daran zurückdachte, wie er seinem Bruder geraten hatte, sich doch auch Tutorial für die Behandlung von Quetschungen zu suchen. Oder besser noch gleich eines, um demolierte Gliedmaßen fachmännisch zu entfernen.

„Bestimmt hat er auch noch irgendwo eine alte Säge im Keller herumfliegen!“, murrte er dann allerdings auch wieder und linste zu Dominik, der ihm ein schiefes Grinsen schenkte.

„Na ja, ähm…“, versuchte der eine Antwort zu finden und nickte, als Ernest mit wegwerfender Handbewegung meinte, dass er sich keine Mühe geben solle. Immerhin schien es ihm schon etwas geholfen zu haben, sich den Frust von der Seele zu reden und so konnte er zumindest wieder die übliche Freundlichkeit heucheln, als Mutter Marianne Dominik mit einem beherzten Zug an der Küchentür ins Straucheln brachte.

„Nanu, was macht ihr denn hier?“, wunderte sie sich darüber, dass ihr Schwiegersohn in spe beinahe in ihre Arme gefallen kam und schien auch über den zweiten Gast in der Küche reichlich irritiert.

„Verzeihung, ich hatte gerade ein Gespräch mit Ferdinand. Wie mir scheint, muss ich mich kurzfristig verabschieden und mal nach dem Rechten gucken“, war Ernest in ihrer Gegenwart wie ausgewechselt und lachte dezent, als Marianne sich ernstlich besorgt zeigte.

„Es ist doch hoffentlich nichts passiert?“, erkundigte sie sich darum ohne Umschweife. Doch ob Ernests Antwort darauf wirklich hilfreich war?

„Oh, keine Sorge, nichts, was ein kleiner Luftröhrenschnitt nicht regeln könnte“, sprach er beinahe säuselnd, während er sich an ihr vorbeischob und ungeachtet ihres irritierten Blicks seinen Mantel ansteuerte.

„Herzlichen Dank für die Einladung und die vorzügliche Bewirtung. Es war mir wie immer eine große Freude“, ließ er sie dann wissen, während er in seinen Mantel schlüpfte und sich mit einem ausladenden Nicken von denen verabschiedete, die noch immer im Wintergarten saßen. Und auch, wenn die Großeltern darüber lächelten und winkten, war Frido eher verwundert.

„Ich komm gleich wieder…“, sagte er darum in die Runde und ging zu Dominik, als der nun auch noch seine klamme Jacke vom Kleiderbügel holte, während Ernest bereits seiner Wege ging.

„Sag mal, was ist denn hier los?“, wollte der Ältere wissen und hob irritiert die Augenbraue, als er zu hören bekam, dass sein Freund den Arzt begleiten wollte.

„Es gab Probleme mit dem Pannendienst. Ich guck mal, ob ich den Reifen vielleicht wechseln kann“, schlüpfte er in seine Schuhe, ehe er Marianne ein „Bin gleich zurück!“ zurief, als auch die sich über seinen Aufbruch wunderte. Doch Frido war eher skeptisch ob Dominiks Mission dabei.

„Hast du das denn schon mal gemacht?“, fragte er und erhielt dafür ein – wer hätte es gedacht? – gleichgültiges Schulterzucken.

„Klar. Hat Paps mir das schon gezeigt, bevor ich den Führerschein gemacht hab. Er meinte immer, gerade auf Baustelle musst du damit rechnen, dir auch mal n Nagel einzufangen“, gab er Frido einen Kuss auf die Wange und verschwand aus der Tür, um Ernest nachzueilen. Und damit war er nicht der Einzige.

„Hey, Ernest, hast du auch ein Reserverad?“, rief er dem Arzt nach und wendete sich verwundert um, als er hinter sich Marianne mit ihrem Ältesten schimpfen hörte.

„Zieh dir wenigstens Strümpfe an! Deine Knöchel werden doch ganz kalt!“, stand sie kopfschüttelnd neben ihm, während Frido sich auf der Türmatte etwas unbeholfen in seine Schuhe zurückkämpfte und dabei fast noch das Gleichgewicht verlor.

„Ja, ja, Mama. Bis gleich“, war allerdings nur seine Antwort, ehe er mit offenen Schnürsenkeln Dominik nachlief und sie beide gleichermaßen skeptisch vom Dritten im Bunde gemustert wurden.

„Was wird das, wenn es fertig ist?“, hatte er bereits einige Meter Vorsprung und hob auch die zweite Augenbraue, als Dominik verkündete, dass er ihm helfen wolle.

„Reifen wechseln kann ich! Hast du n Reserverad im Wagen oder nur Reparaturset?“, wollte er wissen und grinste zufrieden, als er hörte, dass Ernest durchaus noch zu den Autofahrern gehörte, die ein Reserverad ihr eigen nannten. Angesichts der geplanten Fahrzeit vertraute er dieser Variante wohl mehr als der, die Ernests Bruder vorgesehen hatte.

„Nein, einen Kreuzschlüssel besitze ich nicht“, musste der Ältere die nächste Frage allerdings verneinen und verschränkte die Arme vor der Brust, während auch Dominik es tat. Grüblerisch runzelte der Lockenkopf die Stirn, während der Arzt offensichtlich noch nicht recht überzeugt schien, was er von dessen Hilfsangebot überhaupt halten sollte. Doch dann mischte sich auch noch Frido ein, der felsenfest davon überzeugt war, mit dem reichen Werkzeugfundus seines Vaters Abhilfe schaffen zu können.

„Brauchen wir noch was anderes? Wagenheber? Kompressor?“, fragte er und grinste, als Ernest wahrlich erstaunt schien, dass der Dozent diese Begrifflichkeiten überhaupt kannte.

„Schon vergessen, dass ich in Patricks VW-Bus damals fast gewohnt hab? Klar mussten wir da auch mal n Reifen wechseln oder ne Roststelle ausbessern!“, lachte er und machte auf dem Absatz kehrt, um ihnen die benötigten Materialien zu besorgen. Musste Ernest seinem Bruder also vielleicht doch nicht den Hals umdrehen oder bis zum kommenden Tag warten, dass die nächstgelegene Werkstatt wieder öffnete?

19.12.2024: plätschern

In inniger Dreisamkeit standen sie beieinander. Die Arme in gleicher Pose vor der Brust verschränkt, nebeneinander aufgereiht, fast so, als wären sie Orgelpfeifen. Wenn nur nicht dadurch ein Bruch in dieser Optik entstanden wäre, dass der Längste von ihnen den Platz in der Mitte eingenommen hatte. Und auch, wenn es wie ein harmonisches Miteinander wirkte, als sie in diesem Moment schwiegen, fand dieser Eindruck im nächsten Augenblick ein jähes Ende.

„Tu nicht so, als hättest du Ahnung davon. Du wirst ihm wohl vertrauen müssen, dass er den richtig angebaut hat“, grinste Frido, nachdem er eine Weile beobachtet hatte, wie Ernest seinen Wagen und vor allem den neu angebrachten Reifen kritisch beäugte. Mal legte er den Kopf dafür auf die eine Seite, mal auf die andere und mal tat er einen Schritt zur Seite oder ging in die Hocke, um auch keinen Blickwinkel auszulassen.

„Was soll diese Unterstellung? Natürlich verstehe ich etwas davon!“, murrte der allerdings und ließ seinen kritischen Blick vom Wagen zu Frido wandern, ehe er doch noch einmal das Kinn reckte und den Reifen betrachte.

„Wie n altes Ehepaar…“, stellte Dominik daraufhin fest, doch auch, wenn Ernest nun ernstlich verschnupft wirkte und sein Freund lauthals loslachte, schien der Lockenkopf einfach nur zufrieden mit sich und seiner Arbeit. Bei einer besonders störrischen Mutter hatte er Fridos Hilfe zwar benötigt, aber ansonsten war ihm das Wechseln des Reifens ganz allein von der Hand gegangen. Und das, obwohl diese Tätigkeit ja nicht unbedingt zu seinen alltäglichen Aufgaben gehörte. Da durfte man also durchaus ein wenig stolz auf sich sein. Besonders, wenn man unter solch erschwerten Bedingungen hatte arbeiten müssen, wie er sie vorgefunden hatte: Erst war das Geplärr von Ernest und seinem Bruder seine Hintergrundbeschallung gewesen und dann die ständigen Sticheleien zwischen Frido und dem Arzt. Der hatte es dabei sogar einmal so weit getrieben, dass Frido Dominik bereits schulterte, um ihn zurück nach hause zu tragen. Grund dafür war Ernests Ausspruch gewesen, ob Frido den Reifenwechsel nicht lieber übernehmen wolle, weil dessen Hände schließlich nicht mehr auf die Feinmotorik eines Malers angewiesen wären und er ohnehin längst ein wandelndes Ersatzteillager darstelle. Dass dieser Aussage jedoch auch schon entsprechende Kommentare und Nickeleien des Dozenten vorausgegangen waren, musste an dieser Stelle allerdings wohl nicht noch einmal extra hervorgehoben werden. Somit passte Dominiks Vergleich mit einem lang verbandelten Pärchen also durchaus auf die Gesamtsituation, in die er sich durch sein Hilfsangebot und Fridos Unterstützung begeben hatte. Und das änderte sich erst recht nicht, als Ernest sich trotz seiner leichten Verstimmung noch zu einer Dankesgeste der ganz besonderen Art hinreißen ließ.

„Diese kleine Spöttelei habe ich mal nicht gehört, sonst müsste ich vielleicht noch ernstlich überlegen, ob ich daran festhalten werde, dir anzubieten, zum Dank für deine Unterstützung mal mit einem richtigen Wagen mitzufahren. Ich vermute doch, dass eure Pläne immer noch stehen, heute ebenfalls wieder den Heimweg anzutreten?“, sprach er gönnerhaft, woraufhin Dominik zunächst einmal verwundert schien und Frido voller triefender Ironie lachte.

„Also mein Wagen war ja wohl nicht der, der auf einem Nagel geparkt hat! Meiner war bisher immer zuverlässig wie ein Uhrwerk!“, triumphierte er, sodass Ernest die Lippen schürzte. Und damit erinnerte er wieder an den Moment, in dem er hatte erkennen müssen, dass er und seine Schwägerin tatsächlich einmal einer Meinung gewesen waren. Denn während sein Bruder sich ob seines kleinen Arbeitsunfalls schon in einer Notoperation gesehen hatte, fiel Ernests nüchterne Diagnose so aus, dass es sich nur um eine leichte Quetschung mit zu vernachlässigenden Schürfwunden handelte. Ein paar Tage hätte sein Bruder sicherlich Freude an einigen Hämatomen, aber mehr war nicht zu befürchten. Und ja, dessen war Ernest sich ganz sicher. Schließlich hatte er ihn ausführlich und mit allem nötigen Feingefühl in Augenschein genommen. Und auch, wenn Sieglinde von der teils etwas ruppigen Untersuchungsmethode ihres Schwagers nicht ganz so angetan gewesen war, stimmte sie seinem Urteil dennoch zu – nicht zum ersten Mal an diesem Tag, wie ihr geseufztes „Ferdinand, ich hab dir doch sofort gesagt, dass das halb so wild ist“ verraten hatte. Also war alles Unheil beiseite geräumt und der Arzt bereit zur Abfahrt, ehe die nächste Katastrophe auf ihn hinein brach. Und Dominik? Auch, wenn der dessen Angebot als Mitfahrgelegenheit zu schätzen wusste, weil sie so ein seltenes Phänomen darstellte, lehnte er dankend ab.

„Ich fahr lieber wieder mit Frido. Dann können wir bei Bedarf zwischendurch tauschen“, lächelte er und stieß Frido dezent den Ellenbogen in die Seite, als der etwas zu selbstbewusst über diese Entscheidung grinste. Da konnte auch sein Unschuldsblick nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihm schon wieder der nächste Spruch auf der Zunge gelegen hatte.

„Nun gut, dann werde ihr dir eben auf anderem Wege meinen Dank erweisen. Schließlich möchte ich nicht in deiner Schuld stehen“, nickte Ernest also und zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche, doch Dominik legte die Hand auf seine und schüttelte den Kopf.

„Jetzt übertreib mal nicht. Ich sehs als Freundschaftsdienst und außerdem hast du mir schon viel öfter geholfen“, schmunzelte er und wendete sich mit einem kleinen Gruß zum Gehen.

„Komm gut nach hause! Und wenn du mir wirklich einen Gefallen tun willst, dann leg dir einen Kreuzschlüssel zu. Einfach nur für den Notfall“, zwinkerte er dabei noch und schnappte sich gleichnamiges Werkzeug, um es seinem Besitzer zurück zu bringen, während auch Frido seinem alten Freund eine gute Heimreise wünschte. Doch statt dann direkt zu Dominik aufzuschließen, verweilte er noch einen Moment bei Ernest. Drum war der Lockenkopf auch etwas irritiert, als er bereits den Bürgersteig erreichte und Frido noch immer keine Anstalten machte, ihm zu folgen.

„Ich komm gleich! Geh ruhig schon mal vor!“, rief er ihm stattdessen nach und grinste, als Dominik nach kurzem Zögern die Schultern zuckte und der Aufforderung nachkam. Er musste sich ja nicht eilen, dachte er und schritt langsam voran, sodass Frido ihn mit Leichtigkeit wieder einholen konnte. Und das tat er auch, als sein Freund die Hälfte des Weges beinahe schon hinter sich gebracht hatte.

„Na? Musstest du ihn noch ein bisschen ärgern?“, fragte Dominik darum, als Frido sich bei ihm unterhakte und grinste, als der sich vollends unwissend stellte.

„Wie kommst du denn darauf?“, konnte allerdings auch der Ältere seine Mundwinkel kaum im Zaum halten und gab seinem Liebling einen Kuss auf den Schopf, als der sich an ihn lehnte.

„Ich hab mir gedacht, dass wir uns gleich erst mal noch einen schönen Tee gönnen sollten. Oder eine heiße Schokolade. Die haben wir uns jetzt verdient“, schmunzelte Dominik, ohne weiter auf das vorherige Thema einzugehen und kicherte, als Frido mit einem glücklichen Seufzen meinte, dass er das wohlige Plätschern des heißen Wassers beim Eingießen in die Tasse bereits vor sich sah. Doch noch eher sahen sie Ernest, der sie kurz vor Erreichen von Fridos Elternhaus überholte und in deren Einfahrt hielt.

„Oh“, richtete Dominik sich bei diesem Anblick überrascht auf, während Frido so ein wissendes Grinsen auf dem Gesicht trug, das ihm einen verwunderten Blick seines Freundes einbrachte.

„Was ist denn hier los?“, murmelte er skeptisch und piekte Frido mit dem Finger auf die Brust, als der sich zunächst ahnungslos geben wollte. Doch dann nahm er Dominiks Hand, gab dem störrischen Finger einen Kuss und meinte: „Ich hatte den Eindruck, dass Trudel ziemlich angetan war, als Ernest über seinen chicen Wagen erzählt hat. Besonders von seiner Sitzheizung… Ich gebs nicht gern zu, aber da kann mein Auto tatsächlich nicht mithalten. Also dachte ich mir, wenn du lieber mit uns fährst, könnte er ja stattdessen ihr eine kleine Freude machen. Hat auch vergleichsweise wenig Überredungskunst benötigt, um ihn davon zu überzeugen“.

20.12.2024: sternenklar

Ein wenig chaotisch waren die Festtage vielleicht gewesen und trotzdem fühlte er sich wunderbar erfüllt vom Zusammensein mit seinen Liebsten. Getragen hatte ihn diese besondere Stimmung, die an Weihnachten nicht nur durch das Miteinander herrsche, sondern auch der Jahreszeit, den Lichtern und Düften zu verdanken war. Wie sehr erhoffte er sich da, dass er dieses tiefe Gefühl der Glückseligkeit noch etwas länger beibehalten konnte. Drum war er auch umso dankbarer für die weiteren freien Tage, die noch vor ihm lagen, ehe dieses Jahr in der Silvesternacht seinen großen Abschluss fand. Und zumindest, als er in den frühen Morgenstunden des 27. Dezember erwachte und ihm der Blick aus dem Fenster die letzten leuchtenden Überbleibsel einer sternenklaren Nacht präsentierte, fühlte er sich noch im Weihnachtszauber gefangen. Lächelnd schlich er also aus dem Bett zur Tür und huschte ins Bad, um dann auf schnellstem Wege wieder zu seinem Liebling unter die Decke zu krabbeln. Schließlich gab es kaum etwas Schöneres, als sich zu so früher Stunde noch ein wenig aneinander zu kuscheln und es zu genießen, dass mal keine Termine auf ein pünktliches Aufstehen pochten. Wenn sie wollten, konnten sie den ganzen Tag einfach im Bett verbringen, weiterschlafen, sich vergnügen, die Bettdecke mit Krümeln vom Essen versehen und weitere kleine Nickerchen einstreuen, die in den vergangenen Wochen definitiv oft genug zu kurz gekommen waren. Doch leider wurde Frido jäh aus dieser Traumvorstellung gerissen, als er bei seiner Rückkehr ins Schlafzimmer bemerkte, dass er es nicht so vorfand, wie sein Kopf es ihm zuvor im Halbschlaf noch hatte glauben machen können. Erst zweifelte er dabei ja noch an seinen Augen und verließ sich stattdessen auf seine Hand, als er zurück ins Bett rutschte und sie auf die Suche schickte. Doch spätestens, als sie den Rand der Matratze ertastete, ohne dabei wenigstens ein Fitzelchen von Dominik zu erhaschen, bestand kein Zweifel mehr, dass der wohl schon längst auf den Beinen war. Und da änderte sich auch nichts dran, als Frido nun zusätzlich die Nachttischlampe betätigte und damit auch das letzte Bisschen Besinnlichkeit hinfort wischte. So schnell hatte der Alltag sie also wieder und da er wusste, dass Dominik sich ganze zwei Wochen Pause vom Blumengroßmarkt gönnte, gab es nur eine Erklärung, wo er ihn zu so früher Stunde finden würde. Drum war es auch keine Überraschung, dass er im Hausflur schon den dünnen Lichtschein unter der Tür des Ateliers sehen konnte, die mit ihrem Öffnen jeglichen winterlichen Zauber hinfort fegte. Denn viel zu wichtig war schließlich eine gute Beleuchtung, die die Gemälde bei der Betrachtung am Tage nicht plötzlich in ein vollends anderes Licht rückte. Gemütlicher Kerzenschein war hier fehl am Platze. Zudem lenkten unnötige Stehrümchen den Künstler eher ab, statt ihm Inspirationsquell zu sein, wenn er sich an die Ausarbeitung seiner Werke begab. Also war hier auch kein Platz für Deko – selbst dann nicht, wenn sie ein bisschen Gemütlichkeit verbreitete. Und zuletzt natürlich nicht zu vergessen der Künstler selbst, wie er in gewohnter Manier an der Staffelei saß, mit dem Fuß im Takt wenig besinnlicher Melodien wippte und sich manchmal sogar von einem Gitarrensolo mitreißen ließ. Er war voll in seinem Element und Frido fast ein wenig verwundert, dass Dominik auf die Familienfeiern nicht einfach Leinwand und Farbe mitgenommen hatte. Scheinbar hatte ihm das Malen in diesen wenigen Tagen ohne Pinsel und Farbe mehr gefehlt, als es dem Dozent bewusst gewesen war. Denn das Bild, an dem er gerade saß, zeigte deutlich, dass Dominik mitten in der Nacht aufgestanden sein musste. Oder vielleicht sogar noch früher? So oder so hatte es zuletzt jedenfalls noch nicht so viel Fortschritt aufweisen können. Also zog Frido die Tür behutsam wieder zu, ließ Dominik den Raum, den er jetzt brauchte und legte sich alleine zurück ins Bett. Denn auch, wenn sein Freund schon wieder eifrig bei der Arbeit war, wollte er wenigstens in seinen Träumen noch ein wenig an der besinnlichen Stimmung festhalten. Schließlich konnte sie schneller wieder verschwinden als eine sternenklare Nacht, wie er jetzt wusste.

21.12.2024: Hygge

Manchmal war es etwas, das nur auf kleinsten Nuancen beruhte. Auf winzigen Details, die weder greifbar genug noch ausreichend augenfällig waren, um sie beschreiben oder vom Unterbewusstsein ins Bewusste klettern zu lassen. Sie waren so vage, dass man sie mitunter selbst im Nachgang nicht bemerkte oder eine lange Zeit brauchte, um sich ihrer doch noch klar zu werden. Und dann gab es diese anderen Situationen. Die, die vielleicht auf den nuancierten aufbauten, aber spätestens mit ihren überwältigenden Hinweisen keinen Zweifel mehr daran ließen, woher es kam – das ungute Gefühl. Und auch, wenn Frido sich fragte, ob er es früher hätte spüren sollen, war sein Kopf gerade viel zu sehr mit dem Verarbeiten von dem beschäftigt, was nun auf ihn einprasselte.

„Wow…“, raubte es ihm im ersten Moment so den Atem, dass er kaum mehr als dieses Wörtchen hervorbrachte. Und leider musste er sich dabei eingestehen, dass es kaum ein Ausruf der Anerkennung war, sondern eher einer der Überforderung. Hyggelig, wie Juli aktuell gerne sagte, wenn sie etwas sehr heimelig fand, war es im Atelier zwar ohnehin nicht unbedingt, aber das, was den unvorbereiteten Besucher hier aktuell begrüßte, konnte man nicht einmal mehr als einladend bezeichnen. Stattdessen war bedrückend wohl eher das richtige Wort. Obwohl sie inzwischen schon nach Mittag hatten, wollten die Rollläden am Fenster noch immer kein Fitzelchen Sonnenlicht hindurch lassen und selbst die Deckenleuchten waren in eine Pause versetzt. Statt ihrer sorgte jetzt nur noch die kleine Schreibtischlampe für Erhellung – oder viel mehr für tiefe, lange Schatten, die aus jeder Ecke des Raumes und seiner Einrichtung auf den Betrachter zuzukriechen schienen. Oder trog der Schein und in Wirklichkeit setzten sie gerade dazu an, den Leib zu verschlingen, der da so wehrlos vor ihnen auf dem Boden lag? Fast wäre Frido in Panik auf ihn zugestürzt, wenn er nicht bemerkt hätte, dass Dominik sich einfach nur seiner Musik hingab. Vermutlich erschöpft und definitiv heiser, aber noch immer nicht still. Nun verstand Frido auch, was seine Nachbarin bei Betreten des Hauses mit der Bitte gemeint hatte, dass sie die Musik nicht so laut aufdrehen mögen. Während er nach einem gemütlichen Start in den Tag erst das Fitnessstudio und dann den Supermarkt mit einem kurzen Abstecher zu Juli aufgesucht hatte, musste Dominik sich im Atelier wortwörtlich ausgetobt haben. Und auch, wenn Frido sich schon lange wünschte, dass sein Freund ihm öfter mal seine hübsche Singstimme präsentierte, konnte er gerade kein Bedauern darüber verspüren, dieses Privatkonzert verpasst zu haben. Zu bizarr war der Anblick der Leinwand auf der Staffelei, für die das Gemälde von letzter Nacht inzwischen Platz gemacht hatte. Den lockigen Überresten nach zu urteilen sollte es wohl ein Selbstportrait werden, das dann aber anscheinend einem schwarz getünchten Wutanfall des Künstlers zum Opfer gefallen war. Genauso wie der Badezimmerspiegel. Hier war er also abgeblieben. Frido hatte sich bei einer kurzen Einkehr in die Wohnung und zum Waschbecken schon über das Verschwinden gewundert, ehe es für ihn in die obere Etage gegangen war. Obwohl er sich nun, da der Schreck allmählich sackte, ernstlich fragte, wie er erst jetzt kapieren konnte, dass etwas nicht stimmte. Eigentlich war es gleich etwas auffällig gewesen, wie kurz angebunden Dominik sich gestern Abend plötzlich gezeigt hatte. Nach einer feiertäglichen Handypause der erste Blick in die neuesten Chatnachrichten und mit einem Mal hatte ihn die Müdigkeit von den zurückliegenden Besuchen schlagartig übermannt? Nun überlegte Frido vielmehr, ob sein Freund in der vergangenen Nacht überhaupt ein Auge zugetan oder nur auf sein Wegdämmern gewartet hatte, um unbemerkt aus der Wohnung zu schleichen.

„Dominik?“, schaffte er es mittlerweile auch, sich aus seiner Starre zu lösen und langsam auf den Angesprochenen zuzugehen. Aber statt einer Antwort kam nur der leise Gesang, den er seinen Stimmbändern weiterhin zumutete, obwohl ihm die Kehle längst schmerzen musste. Zumindest vermutete Frido das, wenn er hörte, wie Dominik zunehmend ins Krächzen verfiel, während er noch immer auf dem Boden lag. Die schweren Kaliber also, dachte der Dozent, als er einige Textstellen erkannte. Denn es gab einige Interpreten und Lieder, die Dominik eigentlich in allen Lebenslagen hören konnte und dann waren da jene, zu denen er gezielt griff, wenn er besondere Unterstützung brauchte, um seinen Schmerz herauszulassen. Teilweise eigentlich schöne Stücke, die es zuweilen sogar in die Radios geschafft hatten und die Frido früher gerne mal willkommenes Hintergrundgeplänkel gewesen waren. Doch jetzt verabscheute er sie fast, wenn er sah und hörte, wie sie Dominik aus jeder Pore krochen, während er gleichzeitig in ihnen versank. Für ihn waren sie vielleicht etwas, durch das er sich verstanden und gehalten fühlte, aber Frido sorgte sich gerade ernsthaft, ob sein Freund bereits so in diesen Texten gefangen war, dass er die Verbindung zu allem um sich herum verloren hatte. Wie konnte es auch anders sein, wenn er so leblos dalag, an die Decke starrte und seine einzigen Regungen die Bewegungen seiner Lippen und ein gelegentliches Zucken der Finger waren, die den MP3-Player schützend auf seinem Bauch hielten? Und trotzdem beendete er seinen Gesang augenblicklich, als er Frido in seinem Sichtfeld erkannte und lenkte sogar die Pupillen in dessen Richtung. Aber erkannte er ihn auch wirklich? Es fiel dem Älteren nicht leicht, ihm ein unbeschwertes Lächeln zu schenken, während sie einander schweigend anschauten und er in die Hocke ging, um sich schließlich neben Dominik nieder zu lassen. Er legte die Arme auf den Knien ab und betrachtete den Lockenkopf, der noch immer keine Miene verzog oder Anstalten machte, sich zu bewegen. Aber immerhin folgte sein müder Blick den Bewegungen seines Freundes und tatsächlich schien der musikalische Zauber gebrochen, als Frido ihm sachte die Kopfhörer abzog.

„Ah, Linkin Park…“, hielt er sie sich selbst ans Ohr und bestätigte das, was er längst wusste. Bewegende Musik, in der Tat, und trotzdem spürte er gerade nur Erleichterung, als Dominik seinen Player ausstellte und sich wie an unsichtbaren Schnüren emporgezogen in den Schneidersitz setzte. Wie konnte ein Leib sich im einen Augenblick noch so schwerfällig der Erdanziehung geschlagen geben, um im nächsten voller selbstverständlicher Leichtigkeit in Bewegung zu geraten? Er gab Dominik den Kopfhörer wieder und schaute ihm dabei zu, wie er ihn beiseite legte, während er gegen Frido sackte.

„Den Spiegel mach ich wieder sauber…“, murmelte er dabei und schloss für einen Moment die Augen, als Frido ihm einen Kuss auf den Schopf gab.

„Ich hab eh über einen neuen nachgedacht…“, antwortete der jedoch und schmunzelte sachte, als Dominik den Kopf zu ihm hob. Nachdenklich und noch ein wenig weggetreten betrachtetet er seinen Partner, während der ihm durchs Haar strich und scherzte, dass der Boden dank ihrer Fußbodenheizung wirklich sehr bequem sei.

„Hyggelig, würd Juli jetzt sagen“, grinste er dann und legte den Arm um Dominik, als der zwar recht trocken entgegnete, dass Fridos Schwester das in dieser Situation wohl kaum von sich geben würde, aber trotzdem auch mit einem leichten Zucken seiner Mundwinkel auf Fridos Scherz reagierte.

„Machst du dir Sorgen um deinen Vater?“, fragte der dann und kraulte seinem Freund sanft den Rücken, als der erst die Schultern zuckte und dann nickte.

„Auch…“, murmelte er dabei und schaute skeptisch auf sein verunstaltetes Konterfei, ehe er das Smartphone aus der Hosentasche zog und es Frido hin hielt.

„Guck mal in Nikos Chat…“, meinte er und zog die Knie an, um Unterarme und Kopf darauf abzulegen, während er Frido beobachtete. Der war zunächst verwundert, was ihn erwarten würde und musste dann schmunzeln, als er die Nachricht seines Studenten las.

„Das nenn ich mal ein Weihnachtsgeschenk“, sagte er anschließend und gab Dominik sein Handy zurück, das er nicht sofort wieder verstaute, sondern selber noch einmal betrachtete. Dabei nickte er und schien trotzdem alles andere als zufrieden.

„War ne blöde Idee, das Ding aus zu lassen…“, murrte er dann und verfrachtete es recht lieblos zu seinen Kopfhörern, um im Gegensatz zu Frido die Stirn zu runzeln.

„Damit du dich die ganzen Weihnachtsfeiertage über hier verschanzt hättest?“, hob er hingegen die Augenbrauen und stupste Dominik leicht an, als der scheinbar erst jetzt diese Möglichkeit in Betracht zog. Doch viel zu ernst war ihm dieses Thema, um sich jetzt auf kleine Späßchen einzulassen.

„Nein, weil ich mir dann schon früher Gedanken zu den Bildern gemacht hätte. Überleg mal, die müssen bis nächste Woche fertig sein. Wenigstens zwei, damit ich schon mal was zum Vorzeigen hab“, murrte er und ließ sich mit einem Seufzen zurück auf den Boden sinken, um dann gleichermaßen Arme und Beine zu kreuzen. Da war wieder dieses Störrische, fiel Frido auf und brachte ihn zum schmunzeln.

„Wieso hab ich das Gefühl, dass du dich noch nicht so richtig über seine Überraschung freuen kannst? Ist doch eigentlich eine schöne Gelegenheit, dass er dich mit in der neuen Ausstellung untergebracht hat. Die alte Drogerie kennst du, ihn und ein paar der anderen Künstler kennst du… Fühlt sich das nicht angenehmer an, als gleich mit einer komplett eigenen Ausstellung in einer fremden Galerie und einer fremden Stadt zu starten? Oder ist so ein Kleinkram inzwischen unter deinem Niveau?“, frotzelte er und lachte, als es für den Abschlusskommentar einen fuchtigen Blick gab.

„Jetzt fang du nicht auch noch an, mich als arroganten Pinsel hinzustellen!“, murrte Dominik und drehte sich auf die Seite, um Frido seine hübsche Kehransicht zu präsentieren und den damit noch mehr zum Lachen zu bringen. Gab er ihm halt einen Klaps auf den Po und grinste, als er dafür erst recht ein empörtes Funkeln kassierte. Doch dann zeigte sein Freund sich auch wieder gnädiger, als er zu bemerken schien, was Frido mit dieser Aktion bezweckte.

„Ich freu mich ja und er hat auch Recht, dass das ne gute Generalprobe ist, aber das geht jetzt einfach so schnell…“, murmelte er dann, während er sich wieder aufsetzte und zuckte die Schultern, als Frido zu bedenken gab, dass er an der Ausstellung in Berlin doch auch schon seit Wochen arbeite.

„Ja, schon… Aber da hab ich noch keinen festen Termin für. Ich will die zwar im Abschlusssemester eröffnen, aber das ist halt alles noch viel vager. Kann im Mai so weit sein oder auch erst im Juli. Vielleicht merk ich sogar im Februar schon, dass ich viel besser mit allem durchkomme – ganz egal! Aber das jetzt…“, setzte er sich wieder auf und rieb sich die Schienbeine. Frido nickte derweil und stützte den Kopf auf eine Hand, um Dominik dabei fortwährend zu betrachten.

„Du meinst, bei deiner eigenen Ausstellung kannst du gerade noch wunderbar verdrängen, dass da auch der Moment kommen wird, an dem deine Bilder dem Publikum zugänglich gemacht werden und du wenigstens während der Vernissage im Mittelpunkt stehen wirst. Aktuell konzentrierst du dich ja erst mal nur auf die Bilder selbst“, schlussfolgerte er und strich Dominik wieder durchs Haar, als der zögerlich nickte.

„Außerdem muss ich in der Drogerie nicht nur ausstellen, sondern auch noch vor Ort malen…“, murmelte der dann und verzog wieder das Gesicht, als Frido das verneinte.

„Müssen nicht. Du kannst natürlich auch nur deine Bilder dort aufhängen und dann hier an den anderen weiterarbeiten. Eine gute Gelegenheit, um mit Interessenten ins Gespräch zu kommen, ist es aber definitiv, ja“, meinte er und legte den Kopf schief, als Dominik noch immer zauderte.

„Und wenn ich da mitmache und dann was mit Paps ist?“, fragte er leise, was seinem Freund erst einmal ein Schulterzucken abrang. Dachte Dominik etwa ernsthaft, dass in so einem Fall das Verständnis fehlen würde, wenn er lieber im Krankenhaus statt an der Staffelei saß?

„Kann es sein, dass du gerade einfach Angst hast? Wegen deines Vaters sowieso, aber auch, weil du dir schon wieder zu viele Gedanken machst, dass die Ausstellung gut laufen muss? Ich hab gesehen, dass du zu Niko meintest, du müsstest unbedingt noch neue Bilder anfertigen – aber wir wissen doch beide, dass du eigentlich genug hier herumstehen hast, die du problemlos nehmen könntest, oder?“, fragte er behutsam und lächelte, als Dominik ihn zweifelnd ansah.

„Theoretisch könntest du ja auch von den Bildern welche nehmen, die du für Berlin geplant hast. Ich hab ja ohnehin schon gesagt, dass du bei den vielen Ideen am Ende vielleicht sogar ein paar aussortierten musst, weil die nicht alle Platz in der Galerie finden“, schlug er obendrein vor und seine Mundwinkel zuckten, als ein tiefes Seufzen verriet, dass Dominik langsam die Gegenargumente ausgingen.

„Ich sollte mich einfach freuen, oder?“, murmelte er darum und brachte Frido zum Kichern.

„Ich glaub, du wärst nicht du, wenn du das so einfach könntest“, stupste er ihn abermals an und gab ihm einen Kuss auf die Wange, ehe er ihn an sich zog.

„Was hältst du davon, wenn du jetzt erst mal was isst, vielleicht eine Mütze Schlaf nachholst und mir danach dann noch erzählst, was es mit dem Selbstportrait auf sich hat, hm?“, gab er dabei zu bedenken und lächelte wieder, als Dominik mit einem Nicken antwortete. In diesem Licht betrachtet fühlte es sich im Atelier schon viel angenehmer an. Beinahe hyggelig.

22.12.2024: Winterabend

Konnte Liebe wirklich alles überwinden? Eine Überlegung, deren Antwort für Frido Klimlau zu vielen Zeiten außer frage stand und an manchen Tagen doch so schwer wiegte, dass er sich dabei an seine Hoffnung klammern musste. Das waren dann die Situationen, in denen er erkannte, wie weit Dominiks Weg wirklich noch war – und in denen er sich eingestehen musste, dass niemand ihnen garantieren konnte, ob sein Freund es tatsächlich eines Tages schaffen würde, seine Altlasten vollends über Bord zu werfen. Anstrengend war es, wenn er trotz seiner bisherigen Fortschritte wieder in einen seiner Abgründe schlitterte und von neuem aufbauenden Zuspruch benötigte, um ihn beim Kampf gegen diese Dunkelheit zu unterstützen. Aber wie kraftraubend musste es für den Lockenkopf dann erst sein? Ein falsches Wort, wusste Frido, konnte das fragile Geflecht der mühsam geklebten Scherben in Dominiks Inneren erneut auseinanderreißen. Dagegen brauchte es manchmal ganze Wörterbücher, um selbst klein wirkende Beschädigungen abzufedern und Dominik zu helfen, sich wieder hoch zu kämpfen. Und auch, wenn er froh war, dass diese Phasen weniger wurden und Dominik inzwischen schneller und offener mit ihm über seine Gefühlswelt sprechen konnte, spürte Frido auch die Belastung und Beklemmung, die es in ihm selbst auslöste. Immerhin war es mit viel Verantwortung verbunden, die richtigen Worte statt flapsiger Sprüche zu finden und das ausgerechnet bei jemandem wie Dominik, der mitunter ein sehr feines Gespür für andere an den Tag legte, wenn er nicht gerade zu sehr mit sich selbst beschäftigt war. Da musste man einerseits überzeugend sein, aber andererseits auch aufpassen, dem Lockenkopf die eigenen Gefühle nicht überzustülpen. Wobei genau das etwas war, das Frido sich manchmal ersehnte: Dominik einfach die nötige Selbstliebe in die Brust setzen zu können. Sie mit dem Stolz auf das, was er bereits geschafft hatte, zu unterfüttern und dabei alle Zweifel und Ängste im gleichen Zuge hinfort fegen. Doch das ging nicht und stattdessen versuchte er dann daran zurück zu denken, wie es ihm selbst ergangen war, als er wieder lernen musste, mit beiden Füßen fest im Leben zu stehen. Es war kein konstanter Aufstieg gewesen, sondern ein Weg mit Hürden und Steinen, mit Höhen und Tiefen. Ein Weg, bei dem man sich die bisherigen Erfolge immer wieder vor Auge hatte führen müssen, ganz gleich, wie klein sie manchmal ausfielen. Und ein Weg, auf dem kein Platz für Ungeduld gewesen war. Selbst, wenn sie noch so laut im Hinterkopf rumorte. Damals wie jetzt stellte das manchmal vielleicht sogar die größte und schwerste Aufgabe dar: Sich in Geduld zu üben. Und dabei war es für Frido nicht einmal so, dass ihn die Rückschläge nervten, die Dominik manchmal erlitt oder dass ihm die Herausforderungen lästig wurden, die seinen Freund zwangen, sich nach ruhigeren Phasen wieder intensiver mit sich selbst auseinander zu setzen. Nein, was ihn am meisten beschäftigte, war, dass er seinem Lockenkopf diese Arbeit nicht abnehmen konnte. Dominik musste selbst da durch und gleichzeitig wollte Frido ihn nicht spüren lassen, wie sehr es ihn mitnahm, wenn er seinen Freund leiden sah. Schließlich war das Letzte, was es brauchte, neue Unsicherheiten, ausgelöst vom Gefühl, Frido eine Last zu sein. Oder der Eindruck, nicht mehr mit ihm über die eigenen Dämonen reden zu können, weil dadurch Fridos Ärger auf die geschürt wurde, die diese Dämonen überhaupt einst gerufen hatten. Dafür war Dominiks Vertrauen viel zu wichtig, egal, wie sehr Frido in manchem Augenblick wünschte, die Verursacher dieser Selbstzweifel und des Selbsthasses zur Rede zu stellen. Ihnen klar zu machen, was sie dereinst in der jungen Seele angerichtet hatten, dass es einen inzwischen erwachsenen Mann zuweilen noch immer in ein verstörtes, ängstliches Kind verwandeln konnte. Auch, wenn Frido zumindest von einem der Verursacher ja inzwischen wusste, dass er wohl nur aus der eigenen verkorksten und unreflektierten Kindheit heraus gehandelt hatte. Aber trotzdem führte es den Dozenten zu seiner Ausgangsfrage zurück: Konnte Liebe wirklich alle Abgründe und vermeintlichen Grenzen überwinden, um eines Tages als Selbstliebe zu erstrahlen? Mit dieser Frage im Kopf lag er nun da, gekleidet in Jeans und Pullover, während sein Freund sich nur in Shirt und Boxershorts in die Federn hüllte, um ein wenig Schlaf nachzuholen. Ganz ruhig wirkte er dabei, aber die dünne Falte zwischen seinen Augenbrauen verriet, dass ihn selbst im Schlaf noch immer beschäftigte, was er Frido zuvor erzählt hatte. Wie er nach Nikos Nachricht ins Atelier gegangen war, um eigentlich die Ablenkung in der Arbeit am ersten Gemälde zu suchen und seine Gedanken dabei immer mehr ins Kreisen gerieten. Gedanken, die anfangs noch gutmütig feststellten, dass er bereits Ideen für die Ausstellung in der alten Drogerie hatte und diese auch noch zeitnah umgesetzt bekäme. Doch dann fanden sie diesen Tunnel, an dem sie sich immer weiter festbissen und in den sie sich zunehmend hineinzwängten, egal, wie düster und kalt es in ihm wurde. Was, wenn die geplanten Bilder nicht gut genug waren? Was, wenn sie den Betrachter langweilten? Wenn es kein großartiges Debüt im wohligen Rahmen, sondern eine Vollkatastrophe würde? Wenn er sich nicht nur in einer entfernten, fremden Stadt zum Gespött machte, sondern ausgerechnet dort, wo er studierte, arbeitete, lebte? Wo auch noch sein Partner lebte? Wenn es so schlecht liefe, dass sogar Niko es anschließend bereute, ihm diese Möglichkeit geboten zu habe? Wenn das dann womöglich ihre Freundschaft belastete? Was sollte er machen, wenn ihm angesichts eines Publikums, das auch seinetwegen käme und nicht nur Teil der Ausstellungseröffnung war, in dem er sich selbst frei bewegen konnte, ein Fauxpas passierte? Wenn er kein Wort heraus bekam? Vor Aufregung stolperte und etwas umriss oder ihm durch das Lampenfieber sogar so schlecht wurde, dass er sich übergab? Er musste sich den Käufern doch irgendwie präsentieren! Einen guten Eindruck vermitteln! Also hatte er sich dieser aufkommenden Panik auf seine Weise stellen wollen: Durch die Kunst. Er hatte seine vorherigen Ideen für die Bilder verworfen und beschlossen, sich so der Welt zu präsentieren, wie er es vorher noch nie getan hatte: Durch ein Selbstportrait. Sollten alle sehen, wer er war und ihm damit endlich diese Ängste nehmen; ganz gleich, ob in der kleinen alten Drogerie oder im großen weltweiten Netz der sozialen Plattformen. Schließlich konnte er inzwischen viel selbstbewusster hinter seiner Kunst stehen, anstatt diesen Ausspruch nur als Schutzschild zu nutzen. Und er traute sich, keine Angst mehr vor seiner Sexualität zu haben und vor möglichen negativen Reaktionen, die sie in anderen hervorrief. Denn er wusste inzwischen, dass so etwas nicht sein Problem war, sondern in Wirklichkeit das Problem derjenigen, die es ihm aufbürden wollten. Aber auch, wenn ihm diese Erkenntnisse und Entwicklungen eine gewisse Stärke verliehen, war ein bewusster Blick in den Spiegel noch einmal etwas ganz anderes. Plötzlich sah er nicht nur diese eine gerötete Stelle, die sich auch nach der Pubertät manchmal noch auf seine Wange oder Stirn schlich. Da waren nicht nur die Haare, die hin und wieder auf ihre Länge kontrolliert wurden – ob auf dem Kopf oder bei der Rasur um die Mundpartie herum. Nein, mit einem Mal blickte ihn dieses Gesamtbild an, das er war. Das nicht nur aus Sexualität und künstlerischer Leidenschaft bestand. Das ihm so intensiv in die Augen blickte, wie er es noch nie getan hatte. So detailliert, wie er andere beobachten und abbilden konnte, so verschwommen war bislang das Bild gewesen, das er von sich selbst im Kopf getragen hatte. Natürlich wusste er um die Struktur seiner Haare und die Farbe seiner Augen, aber erst jetzt, durch dieses Portrait, hatte er begonnen, sie bewusst zu betrachten. Plötzlich war da wieder diese kleine Narbe von der Kneipenschlägerei an seiner Stirn, die er mit zunehmendem Verblassen längst vergessen hatte. Der Mann war auch dank anderer Vergehen nun erst einmal hinter Gittern und das Thema eigentlich abgeschlossen. Aber diese Narbe warf Dominik genauso in die Vergangenheit, wie die an der Oberlippe. Der dünne, helle Strich vom Unfall mit dem Skateboard, als er zwölf gewesen war. Und dann dieser eine Punkt auf der Wange. Eine Pore, an der er als Jugendlicher so lange gekratzt und gequetscht hatte, um den Pickel los zu werden, dass sein Andenken ihn jetzt wohl sein restliches Leben lang begleiten würde. Und dann seine Augen. Grün wie die seiner Mutter, ja, aber bei genauem Hinsehen ließen sich auch ein paar braune Sprenkel erkennen. War es der gleiche Braunton wie in der Regenbogenhaut seines Vaters? Oder seines Großvaters? Und warum fiel ihm erst jetzt auf, dass seine Nase ja viel mehr der seines Vaters glich, obwohl er immer davon ausgegangen war, ein Abbild von Rosanna zu sein? Aber viel wichtiger noch: Warum schrie ihm sein Spiegelbild trotz geschlossener Lippen entgegen, dass er als Sohn eine Enttäuschung war? Machte sich Gedanken über ein bisschen Farbe auf einer Leinwand, anstatt alle Hebel in Bewegung zu setzen, damit es seinem Vater gut ginge. Hätte er nicht tatsächlich was Sinnvolles lernen können? So etwas, wie den Arztberuf zum Beispiel? Damit es noch viele Gelegenheiten gäbe, in denen sie sich annähern könnten. Solange, bis sich dieser Kontakt nicht mehr seltsam anfühlte und solange, bis es ihn insgeheim nicht mehr so unendlich viel Überwindung kostete, seinen Vater einfach mal in den Arm zu nehmen. Oder sich wenigstens bei ihm unterzuhaken, wie an heilig Abend auf der Terrasse. Und überhaupt: Was war eigentlich verkehrt mit ihm, dass er sich nicht einfach darüber freuen konnte, dass Hinrich Preuss diese Nähe für einen Moment zugelassen hatte? Stattdessen spürte er beinahe schon ein Unbehagen, weil es sich so fremd anfühlte, nicht schon im Vorfeld auf genügend Abstand gehalten worden zu sein, um diese Berührung zu unterbinden. Und das brachte ihn dann zu seiner Angst zurück, dass sein Vater vielleicht nur deshalb weich geworden war, weil es schlechter um ihn stand, als er zugab. Und dann hatte Dominik ihm beim Einbau der Heizung auch noch so furchtbare Geschichten erzählt! Hatte er der Familie nicht schon genug Sorgen bereitet? Warum konnte er nicht ein bisschen mehr wie Heiner sein? Eine Stütze, der man sich anvertraute und ein Preuss, der nicht ständig aus dem Rahmen fiel. Einer, der nicht zart und schmächtig war und bei allen den Impuls weckte, ihn entweder dafür beschützen oder deshalb hänseln zu wollen. Und gleichzeitig ploppten die Erinnerungen an frühere Auseinandersetzungen in ihm auf. Die vielen Male, in denen die beiden Dickköpfe im Hause Preuss die Wände zum wackeln gebracht und einander mit Worten verletzt hatten. Da war dann wieder die Enttäuschung darüber, nicht akzeptiert zu werden, wie man war und die Sehnsucht nach Wärme und Liebe, um im nächsten Moment vom Hass auf sich selbst beiseite gefegt zu werden. Wie konnte er sich in dieser Situation so im Selbstmitleid verlieren?! Seine Befindlichkeiten waren gerade doch wirklich mehr als zweitrangig! Immerhin ging es um die Gesundheit seines Vaters! Bei dem er gerade nicht viel mehr machen konnte, als auf Ernests Rückmeldung zu warten und gleichzeitig den Ärger darüber zu verspüren, dass Hinrich Preuss seiner Familie nicht reinen Wein einschenkte. Was, wenn es nicht gut ausginge und Dominik dann allen gestehen musste, dass er es längst gewusst hatte? Dass er ihnen nicht wenigstens zugeredet hatte, die kommenden Wochen umso bewusster mit ihrem Vater, Schwiegervater und Mann zu gestalten? Und wieso hockte er überhaupt noch hier im Atelier, um irgendwelche blöden Ausstellungen zu planen, anstatt genau diesem Rat selbst nachzugehen? Zeit mit seinem Vater, seiner Familie zu verbringen! Auch außerhalb von Weihnachten! Doch dann war da wieder diese Angst in ihm aufgekommen, dass er damit alles schlimmer machen würde, wenn er jetzt spontan die Autoschlüssel schnappte und zu seinen Eltern fuhr. Was, wenn er damit eher für Skepsis sorgte und sogar einen Streit vom Zaun brach, weil durch ihn Hinrichs Geheimnis ungewollt ans Licht käme? Und zwischen all diesen Überlegungen und vieler weiterer Gedanken hatte er zu dem gegriffen, was in der Verzweiflung oft sein letzter Strohhalm gewesen war: Dem Pinsel. Dieses Mal, weil er sein Spiegelbild einfach nicht länger ertragen hatte und das, was es in ihm auslöste. Er sah darin nichts Bezauberndes oder Wundervolles und manchmal fühlte es sich eher wie Hohn an, wenn Frido meinte, derlei Eigenschaften in ihm erkennen zu wollen. Erst recht, wenn er das nicht nur Dominiks künstlerischen Fähigkeiten zusprach, sondern ihm als Menschen. Außer seiner Fertigkeiten mit Stift und Pinsel gab es an ihm doch nichts Besonderes. Da fragte er sich nicht zum ersten Mal, warum Frido sich diesen Klotz eigentlich ans Bein band und spürte gleichzeitig diese Dankbarkeit, dass der Ältere eben genau das tat. Dass er es schaffte, ihm vor Augen zu halten, was er bereits erreicht hatte, wenn Dominik es wieder einmal nicht sehen konnte. Dass er ihn aus diesem Tunnel zog, wenn er zu tief dort hineingekrochen war und drohte festzustecken. Oder dass er ihn einfach daran erinnerte, dass es auch seinem Kopf besser ging, wenn er seinen Körper gut behandelte. Wenn er ihm Essen gab, Wasser, Bewegung und vor allem ausreichend Schlaf. Denn dann schaffte Dominik es inzwischen manchmal, es sogar selbst zu glauben, dass er für Frido nicht nur eine Last, sondern eine kleine Bereicherung sein konnte. Dass nicht nur er den Dozenten begehrenswert und wohl tuend fand, sondern auch umgekehrt. Er verstand zwar nicht, was Frido in ihm sah, aber allmählich schaffte er zumindest zu akzeptieren, dass da irgendwas sein musste, das andere an ihm mochten. Er versuchte sich zuzugestehen, dass nicht nur er die Blödeleien und Gespräche mit einem Niko genoss, sondern dass der auch etwas daraus zog. Denn sonst würde er keine Zeit mit ihm verbringen. Ebenso wie die anderen Leute aus ihrer Freundesgruppe, mit denen ihn vielleicht nicht so viel verband wie mit Niko und die ihn trotzdem duldeten, wenn er sich ihnen anschloss. Auch an Tagen, an denen Niko – oder früher Tessa – nicht anwesend war. Ganz zu schweigen von Susi, bei der er zwar noch immer nicht begriff, was sie an ihm eigentlich so toll gefunden hatte, wenn er ja noch nicht einmal auf Frauen stand. Aber scheinbar hatte er ihr trotzdem etwas geben können, das sogar ausreichte, um selbst nach ihrem Studienabbruch noch weiter in Kontakt zu bleiben. Diese Leute verbrachten freiwillig Zeit mit ihm und nicht nur, weil verwandtschaftliche Verknüpfungen sie in gewisser Weise dazu zwangen. Dann war er ja vielleicht doch nicht so ein Versager? Und womöglich mochten sogar Menschen wie seine Oma Trudel ihn tatsächlich, weil er etwas Liebenswürdiges an sich hatte und nicht nur, weil sie versuchte, das wiedergutzumachen, was bei ihrem Erik damals schief gelaufen war? Sprach nicht zuletzt auch eine Juli für diese Annahme, die ihn sogar auf ihr Kind aufpassen ließ? Oder war sie einfach nur völlig von Sinnen, ausgerechnet ihm die Verantwortung für Lilli manchmal zu übertragen? Die Kleine sogar vertrauensvoll mit ihm allein zu lassen, während in ihm alles danach schrie, bloß nichts falsch zu machen? Spürte wirklich nur er die Panik, die ihm zuweilen bis in die Kehle kroch, wenn er sich um Lilli kümmerte und dabei versuchte, gegen seine eigenen Ängste anzubrüllen? Immerhin sang er ihr die Lieder doch vor, um sich dabei selbst zu beruhigen und versuchte im Umgang mit der Kleinen einfach nur das zu sein, was er sich in ihrem Alter gewünscht hätte. Machte ihn das zu einem Heuchler, der im Endeffekt nur sein Wohlergehen im Blick hatte und nicht das des kleinen Mädchens? Frido meinte, nein. Er sprach ihm Anerkennung dafür zu, dass Dominik sich diesen Aufgaben trotz seiner Ängste stellte und fand es reflektiert, weil er aus seinen eigenen Erfahrungen Verhaltensweisen schöpfte, mit denen er Lilli zu unterstützen versuchte. Es war nichts Verkehrtes daran, sich auch selbst in einer Situation zu beruhigen, in der man ein weinendes Kind im Arm hielt. Schließlich konnte man kaum die starke Schulter zum Anlehnen sein, wenn man gerade selber in Tränen ausbrach und Halt benötigte. Instinktiv, meinte Frido, würde Dominik sehr vieles im Umgang mit seiner Nichte richtig machen und sich alles weitere durch seine aufmerksame Haltung und Beobachtung abschauen. Und auch, wenn Frido sich von Anfang an gefreut hatte, wie gut Dominik und Lilli harmonierten, versetzte es ihm einen Stich, als er nun so neben dem Schlafenden lag und ihn betrachtete. Er hatte keine Ahnung gehabt, wie es in Dominik aussah, wenn er mit Lilli zusammen war und wie viele Ängste er dabei immer von sich schieben musste, um für das kleine Mädchen zu funktionieren. Tatsächlich hatte er sogar immer den Eindruck gehabt, dass Dominik sich wohl fühlte und auch die Zeit mit Lilli und Juli ihm half, mehr aus sich heraus zu gehen. Vielleicht war das auch so und der junge Mann konnte es selbst einfach noch nicht so greifen oder in Worte fassen. Denn das brauchte ja auch manchmal seine Zeit, um wirklich im Bewusstsein anzukommen oder ernsthaft akzeptiert zu werden. Genauso wie seine konträren Gefühle im Bezug auf seinen Vater. Wer konnte schon erwarten, dass diese paar Monate der vorsichtigen Annäherung alles beiseite wischten, was vorher über Jahrzehnte einen Keil zwischen sie getrieben hatte? Kein Wunder, dass Dominik sich erst einmal an diesen neuen Zustand gewöhnen musste und gleichzeitig die Sorge hatte, wieder in alte Zustände zu verfallen. Für Frido war das selbstverständlich, aber Dominik brauchte erst den Austausch, um diese Offensichtlichkeit zu erkennen. Genauso wie Frido das vorangegangene Gespräch wieder einmal zeigte, dass er eben doch noch nicht so viel über Dominik wusste und von dessen Gedankengängen begriff, wie er bisher vermutet hatte. Wie anstrengend musste es sein, ständig von Angst begleitet zu werden und sich nach außen hin dennoch unbeteiligt zu geben, um dann selbst die schönen Momente im Nachgang manches Mal dann doch wieder zu überdenken und anzuzweifeln? Sich selbst immer wieder aktiv bei Dingen bestärken zu müssen, die für andere ganz natürlich waren und die Dominik dennoch so behände umgesetzt bekam, dass man ihm diese Zweifel häufig nicht einmal unbedingt ansah? Selbst ein Frido, der von sich selbst behauptet hätte, durchaus inzwischen ein Auge für seinen Freund entwickelt zu haben. Stattdessen waren für ihn die Abgründe, die sich mit Dominiks Vergangenheit verknüpften, mitunter noch immer erschreckend. Aber viel stärker erstrahlte über ihnen die Tatsache, dass sein Freund es trotz aller Anstrengung schaffte, seine Schwächen zunehmend anzugehen und auch mit Frido zu teilen. Vermutlich anders, als mit seinem Therapeuten, aber doch auf eine Weise, die dem Älteren dabei half, seinen Freund besser zu verstehen und zu unterstützen. Aber neben diesen positiven Nuancen und Entwicklungen schwang für Frido auch etwas Negatives mit, das ihm bitter auf der Zunge lag und seinen Magen verknotete. Und je länger er Dominik betrachtete und dessen Worte auf sich wirken ließ, desto klarer wurde ihm, dass es so nicht weitergehen konnte. Er war nicht bereit dazu, beschloss er. Also richtete er sich vorsichtig auf, glitt behutsam aus dem Bett und schlich aus dem Schlafzimmer, um den Schlafenden nicht zu wecken. Sogar die Wohnzimmertür schloss er hinter sich, damit Dominik wirklich nichts davon mitbekam, wie Frido das Handy herausholte und dieses Telefonat tätigen würde. Den Blick aus dem Fenster gerichtet lauschte er dem leisen Tuten und betrachtete das Farbspiel des Himmels, das mit der untergehenden Sonne diesen Winterabend einläutete. Er atmete tief ein, als er hörte, wie sein Anruf entgegen genommen wurde und wusste, dass es jetzt kein Zurück mehr gab. Denn auch, wenn er stolz auf Dominik war, machte ihm sein Freund eine Sache umso bewusster: Noch einmal durfte es nicht soweit kommen. Auf keinen Fall wollte er zulassen, dass auch Lilli sich eines Tages ebenso mühsam in ein unbeschwertes Leben zurückkämpfen musste, weil die Erwachsenen um sie herum es jetzt verpassten, angemessen für sie da zu sein.

23.12.2024: zelebrieren

Still war es geworden, im Wohnzimmer wie im Rest seiner vier Wände. Noch immer schlief sein Liebster im Nebenzimmer, während er selbst auf dem Sofa saß, um Zeuge zu werden, wie die Dunkelheit den Tag langsam zur Nacht übergehen ließ. Längst waren die Grenzen verwischt und das Zeitgefühl verschwommen. Und auch, wenn die Beleuchtung vor und in den Häusern der voranschreitenden Stunde zu trotzen versuchte, hätte ihm dieser Anblick in diesem Moment wohl kaum egaler sein können. Sonst führte es ihn an manchem Abend genau wegen diesem Spielchen aus verschiedenen Helligkeiten und Lichtfarben ans Fenster, doch jetzt nahm er sie nicht einmal richtig wahr, obwohl seine Augen sie unablässig betrachteten. Viel zu sehr hing er seinen Gedanken nach, hielt den vom Denken schwer gewordenen Kopf dabei gestützt und wirkte wie eine Statue seiner selbst. Nur das gelegentliche Blinzeln und die Bewegungen seines Brustkorbes verrieten, dass er der echte Frido Klimlau war, der dort zunehmend mit der Rückenlehne seiner Couch Eins wurde. Treu hielt sie ihn, während er nachdachte und ebenso, als ein leises „Hey“ ihn aus seinen Gedanken riss. Mit einem Blinzeln drehte er sich daraufhin zur Tür und entließ seinen Arm aus der Denkerpose, um ihn stattdessen auf die Lehne zu betten.

„Hey“, erwiderte er dabei und schenkte Dominik ein Lächeln, als der den Kopf ein Stückchen weiter ins Zimmer steckte.

„Willst du lieber für dich sein?“, fragte der Jüngere behutsam und zögerte doch keinen Moment, als Frido ihn einladend zu sich rüber winkte. Unsicherheit verwandelte sich eine Selbstverständlichkeit, mit der er zur Couch lief, schon über die Armlehne hinweg auf ihr Platz nahm und an Frido heranrutschte, bis er den Kopf auf dessen Brust und die Arme um ihn schmiegen konnte. Und genauso selbstverständlich ließ auch Frido seinen Arm von der Lehne auf Dominiks Rücken sinken, gab ihm einen Kuss auf den Schopf und griff mit der freien Hand die Wolldecke hinter sich.

„Ich hab kurz mit Juli telefoniert und wollte dich nicht wecken“, sagte er dabei und strich Dominik durchs Haar, während der sich die Decke über die nackten Beine warf. Wohlig kuschelte er sich noch ein kleines Bisschen mehr an seinen Frido und schien recht amüsiert, als der sich erkundigte, ob es ihm nach dem ausgiebigen Nickerchen nun besser gehe.

„Na klar!“, antwortete Dominik mit einem kecken Grinsen, das zunehmend in ein verstohlenes Lächeln hinüberglitt, je länger Frido ihm diesen liebevollen Blick schenkte. Aufmerksam betrachtete er ihn, geduldig und auch ein bisschen, als könne er genau erkennen, was gerade in seinem Lockenkopf vor sich ging. Und auch, wenn sie beide genau wussten, dass dem nicht so war, brachte es Dominik ein wenig in Verlegenheit.

„Mir gehts gut. Ehrlich.“, ruderte er darum ein wenig zurück und ergänzte mit einem unsicheren Kichern „Du hast dir aber jetzt keine Sorgen wegen mir gemacht, oder?“. Ein schiefes Grinsen umspielte seine Lippen, während Frido ihn noch immer ruhig betrachtete und dabei seine Haare mit den Fingern kämmte. Zur Antwort bewegte ein leichtes Schütteln seinen Kopf.

„Sorgen hab ich mir nicht gemacht, nur ein paar Gedanken“, sprach er währenddessen und seine Mundwinkel zuckten, als Dominik das Kinn an seine Brust legte und ihn interessiert betrachtete.

„Was denn so für Gedanken?“, wusste er es jetzt wieder besser mit einem Grinsen zu überspielen, falls dieser Ausspruch ihn verunsicherte und verzog dennoch Sekunden später den Mund.

„Mir ist mal wieder aufgefallen, wie sehr du mich manchmal erstaunst“, verriet Frido nämlich und schüttelte abermals den Kopf, als Dominik wissen wollte, ob das nun etwas Gutes oder Schlechtes sei.

„Das mein ich völlig ohne Wertung“, antwortete der Ältere jedoch und sein Gesicht nahm beinahe gedankenverlorene Züge an. Ganz genau prägte er sich wieder einmal Dominiks Antlitz ein, während der diesem direkten Blickaustausch tapfer stand hielt. Noch immer fiel es ihm deutlich leichter, die Position des Betrachters einzunehmen, als selber derart in den Fokus zu geraten. Auch, wenn er durch Frido inzwischen gelernt hatte, sich damit nicht vollends unwohl zu fühlen.

„Ich merk immer wieder, wie sehr ich bei dir manchmal auf dem Holzweg bin. Dass du ein guter Beobachter bist, weiß ich ja von deinen Bildern, aber ich bin nie auf die Idee gekommen, dass das auch so ein wichtiger Schutzmechanismus für dich ist. Ich stell mir das auf Dauer ganz schön kräftezehrend vor… Du achtest ja sehr darauf vor, nicht zu sehr aus der Rolle zu fallen und wenn doch, hinterfragst du es anschließend, ob das auch wirklich okay war und was andere darüber gedacht haben könnten. Besonders, wenn „die anderen“ Leute sind, die dir viel bedeuten. Ich… ich bei der Berlinsache ja selber erlebt, wie schwer so ein starkes Schamgefühl wiegen kann, aber du trägst das ja schon seit klein auf mit dir rum“, sagte er nachdenklich, wohingegen Dominik eher schief grinste und die Schultern zuckte.

„Im Endeffekt spielt doch jeder von uns eine gewisse Rolle, oder? Und ich find, wenn einer von uns zum Lachen in den Keller geht, dann ist Ernest das!“, winkte er ab und kicherte, als Frido ihm mit einem belustigten Schnauben zustimmen musste. Ja, was das anging war Ernest wirklich noch mal ein ganz anderes Kaliber. Und trotzdem…

„Ich hab dich oft für deutlich abgeklärter gehalten, als du in Wirklichkeit scheinbar warst“, sagte er, ohne, dass Dominik so recht wusste, was er von diesen zweifelhaften Kompliment halten sollte und dann erst recht die Gesichtszüge verlor, als Frido weitersprach.

„Aber du kannst dich mitunter so gut verstellen… Was Lilli betrifft, hätte ich vielmehr nachfragen müssen, ob es dich wirklich nicht überfordert, auf sie aufzupassen. Ich weiß ja selber, wie anstrengend so ein kleines Kind sein kann und welche Sorgen man sich...“, meinte er und wurde dabei von Dominiks vehementen „Nein!“ unterbrochen.

„Hey…“, rutschte der daraufhin in den Schneidersitz und hob abwehrend die Hände.

„Also jetzt versteh da mal nichts falsch! Ich spiel nicht ständig was vor! Spätestens im Bett hättest du das ja wohl schon gemerkt, oder? Ist schließlich der Nachteil bei uns Männern, dass wir das nicht so gut vortäuschen können“, witzelte er, woraufhin Fridos Lippen ein seichtes Schmunzeln umspielten, ehe er genauso zur Ernsthaftigkeit zurückfand wie Dominik.

„Ja, ich hab hier und da Sorge um sie, aber mir machts doch trotzdem auch Spaß, mit Lilli Zeit zu verbringen“, klangen seine Worte in ausgeschlafenem und geerdeten Zustand schon deutlich anders als zuvor. Und trotzdem verspürte er das Bedürfnis, seine Sicht noch stärker zum Ausdruck zu bringen

„Das ist genauso wie mit Niko zum Beispiel. Wenn ich rumblödel und lache, dann ist das ja nicht gespielt, sondern echt“, meinte er deshalb, um dann etwas stiller zu ergänzen: „Und ich… freu mich auch drüber, dass Paps mittlerweile zugänglicher geworden ist. Nur mach ich mir dann halt manchmal im Nachgang so meine Gedanken dazu. Ist doch eigentlich normal. In gewisser Weise macht das bestimmt jeder. Nur die einen vielleicht etwas ausgeprägter als die anderen. Von daher wüsst ich nicht, was da anstrengend dran sein soll“.

Er runzelte die Stirn und blickte auf seine Hände, die inzwischen in seinem Schoß ruhten. Doch dann geschah wohl das, worüber sie die ganze Zeit sprachen und was er gerade noch versucht hatte, zu relativieren. Plötzlich durchzog es Dominik und er schaute Frido erschrocken an.

„Jetzt sag mir nicht, dass ich deswegen nicht mehr auf sie aufpassen soll“, war ihm die Enttäuschung nur allzu deutlich anzusehen, doch Frido schüttelte sogleich den Kopf.

„Davon spricht keiner“, antwortete er sanft und lächelte, während Dominik noch immer ein wenig skeptisch wirkte.

„Die Kleine hat einen Narren an dir gefressen und ich bin froh, dass ihr euch so gut versteht. Ich möchte einfach nur, dass du es mir künftig sagst, wenn es dir zu viel wird. Du weißt ja, ich find es bewundernswert, wie du oft trotz deiner Zweifel in Situationen rein gehst und dich ihnen stellst. Aber bei Lilli gilt wie bei allem anderen, dass du um Hilfe fragen kannst. Das macht dich nicht zu einem schlechteren Onkel. Und in gewisser Weise lernt sie dadurch ja auch, dass selbst wir Erwachsenen nur Menschen sind, die nicht immer alles wissen und können“, legte er die Hand an Dominiks Wange und strich mit dem Daumen über seinen Wangenknochen. Ein leichtes Nicken bewegte dessen Kopf und seine Schultern sanken unter der Erleichterung hinab. Und dann konnte Frido ihn sogar ein kleines Schmunzeln abluchsen.

„Mir ist es wichtig auf deine Bedürfnisse einzugehen. Und damit mein ich nicht nur die im Bett“, frotzelte er und grinste, als Dominik anzusehen war, wie er ihn im Geiste gerade als Idioten betitelte. Doch statt es auch auszusprechen, lehnte er sich vor und schmiegte sich wieder an Frido.

„Ist manchmal gar nicht so einfach mit mir, oder?“, murmelte er dabei und dieses Mal war es der Ältere, der die Schultern hob.

„Du machst dir manchmal zu viele Gedanken und ich bin ich manchmal vielleicht ein bisschen zu unbedarft. Ich find, damit gleichen wir uns ganz gut aus“, schmunzelte er, um dabei die Arme um Dominik zu legen und ihm einen Kuss auf die Stirn zu geben, ehe er ihm sagte, dass er recht habe.

„Der grüblerische Dominik ist nur eine Seite von dir. Aber da gibts ja noch ganz viele andere. Zum Beispiel den, der wie ein Irrer irgendwelche Talfahrten mit seinem Skateboard hinlegt. Oder den, der seinen Brüdern freche Kommentare um die Ohren haut“, stellte er grinsend fest, während Dominik auflachte.

„Ey, komm! Du weißt selber, dass man sich gegen seine Geschwister behaupten können muss!“, stellte er schnell klar. Doch so fix, wie er der Heiterkeit verfallen war, tauchte er dann auch wieder in die Gemütlichkeit ab, bei der er erst über Fridos Brust strich und dann sein Schlüsselbein mit Zeige- und Mittelfinger nachfuhr.

„Mir fällt auch was auf…“, umspielte dabei ein seichtes Lächeln seinen Mund und er spürte, wie Frido sich etwas nach hinten lehnte, um ihn besser anschauen zu können.

„Was denn? Dass ich mich mal wieder rasieren muss?“, fragte er und schmunzelte über Dominiks Kopfschütteln. Doch als er dessen Antwort hörte, verschwand der Schalk, um einer tiefen Rührung platz zu machen.

„Dass ich mich bei dir noch wohler und geborgener fühle als am Anfang schon“, glich Dominiks Stimme beinahe einem Flüstern und mit leisem Murmeln ergänzte er „Und inzwischen ist das sogar was Gutes“.

Kurz kehrte eine Stille ein, die nicht unangenehm war, sondern einfach Raum ließ, um das Gehörte vollends zu begreifen.

„Inzwischen?“, löste Frido sie dann auch schon wieder auf und legte mit verwundertem Blick den Kopf schief, als Dominik zu ihm hoch sah.

„Ja, weil ich mich inzwischen darauf einlassen kann“, antwortete er, sodass Frido einerseits gerührt war und andererseits auch eine gewisse Melancholie spürte. Doch es war nicht seine eigene, sondern die, die Dominik dieses Mal nicht vertuschen konnte oder wollte, als er den Kopf auf Fridos Brust bettete. Stattdessen nickte er sogar, als Frido ihn fragte, ob er seine Gedanken mit ihm teile.

„Ich hab vorhin ziemlich viel wirres Zeug geträumt und stand am Ende plötzlich in der Uni, wo alle Türen verschlossen waren. Aber ich konnte sehen, dass ihr draußen gestanden habt. Alle zusammen. Niko, du, meine Eltern, sogar Ernest und Susi… Und ich hab die ganze Zeit gegen die Türen gehämmert und geschrien, aber ihr habt mich nicht gehört. Stattdessen hab ich euch gehört und ihr habt alle so geredet, als wär ich ein Fremder für euch. Ihr habt über eine Ausstellung von mir gesprochen, auf der ihr scheinbar gewesen seid. Die Kunst hat euch gefallen, aber jeder von euch sagte etwas darüber, warum ich in seinen Augen bemitleidenswert wäre oder warum er mich nicht mag. Niko zum Beispiel, dass er auf der Eröffnung gewesen wäre und ich da ganz allein war, ohne Freunde oder wenigstens Bekannte, die sich für mich mit gefreut haben. Ernest meinte, dass er mich durch seine Kulturförderung kennengelernt habe und ich einem ja leid tun könne, weil ich nur meine Arbeit im Kopf hätte. Und du… du hast gesagt, dass ich im Traum an deiner früheren Uni studiert hab und du dich deshalb sogar manchmal über deinen Wechsel geärgert hättest, weil du mich gern unterrichtet hättest. Aber dann wärst du bei einer meiner früheren Ausstellungen mal mit mir ins Gespräch gekommen und froh gewesen, dass wir uns doch nicht näher kennengelernt haben. Weil ich wohl so schwierig und anstrengend im Umgang gewesen sei…“, murmelte er, wobei Frido die Augenbrauen hob und schluckte, als Dominik erzählte, wie einsam er sich gefühlt habe, als er aus diesem Traum erwacht sei.

„Aber dann musste ich an unsere erste gemeinsame Nacht denken und wie froh ich bin, dass das alles so gekommen ist, wie es jetzt ist“, sagte er dann allerdings und sie lächelten einander an, während Frido ihm mit den Fingern durchs Haar kämmte.

„Oh ja, das hab ich auch schon so manches Mal gedacht“, murmelte er dabei und lachte auf, als er an dieses Chaos zurückdachte, das ihrer ersten Vereinigung vorangegangen war.

„Jetzt kann ichs ja sagen: Nach der ganzen Aufregung in der Nacht und durch Lillis gnadenloses Weckkommando war ich damals im ersten Moment gar nicht mehr sicher, ob du wirklich vom Krankenhaus aus noch mit hierher gekommen bist oder ob ich mir das als feuchten Traum zusammenphantasiert hab“, schüttelte er den Kopf und grinste schief, als Dominik nach einem ungläubigen Moment auflachte.

„Also dass du verpennt warst, hab ja gemerkt, aber das?!“, rief er aus und lachte abermals, als Frido unschuldig die Schultern zuckte. Was sollte er machen? So war es eben gewesen.

„Aber für den Einstieg in eine Beziehung hab ich das etwas uncool gefunden, darum dachte ich mir, behalt ich das mal lieber für mich. Außerdem wollte ich ja nicht, dass du wutentbrannt aus dem Bett springst, wenn du hörst, dass ich dich gewissermaßen vergessen hab“, juxte er und erwartete eine empörte Reaktion oder zumindest eine belustigte. Doch stattdessen schenkte Dominik ihm ein gnädiges Lächeln.

„Immerhin hast du nicht geheult“, tätschelte er ihm großmütig die Brust, wobei Frido ein wenig irritiert wirkte. Warum hätte er das auch machen sollen? Es war doch eher ein erfreuliches Erlebnis gewesen, besonders nach der vielen Aufregung in den Stunden und Tagen zuvor. Doch Dominik schüttelte den Kopf – erst, bevor er zugab, dass er mit dieser kleinen Anspielung indirekt über sich selber sprach und dann, bevor er gestand, dass ihm nicht wegen seiner verletzten Hand die Tränen gekommen seien.

„Na schön, Butter bei die Fische…“, spielte er dabei mit Fridos Kragen und musste doch kurz über sich selbst lachen, ehe er mit seiner Erzählung begann.

„Ich hab dich früher zwar auch schon attraktiv gefunden, aber zusätzlich hattest du bereits was an dir, bei dem ich mich in deiner Nähe geborgen gefühlt hab. Und das hats mir dann doppelt schwer gemacht, dich so auf Abstand zu halten, dass du das nicht merkst. Aber an dem Abend damals war ich ja so durch den Wind, dass ich nicht mehr drüber nachgedacht hab, ob das gerade eine gute Idee ist, dich zu küssen oder dir zu sagen, dass ich mehr will. Ich wollte einfach endlich diese Nähe spüren und so viel von dir kriegen, wie ich konnte“, murmelte er und während Frido ihm ein seichtes Lächeln schenkte, zuckte Dominik die Schultern. Doch er schaute Frido dabei nicht an, sondern ließ seinen Blick gedankenvoll durch den Raum schweifen.

„Aber nachdem du eingeschlafen warst musste ich heulen, weil dieser Zauber plötzlich verflogen war. Ich hab fast schon mit Sicherheit gewusst, dass du spätestens am nächsten Morgen merkst, was das für ein Fehler war. Und gleichzeitig hab ich mich gefragt, warum ich so dämlich war, da mitzumachen. Ich mein, ich hab dich vorher ja schon nicht mehr aus dem Kopf gekriegt und dann steig ich auch noch mit dir ins Bett?“, wagte er es nun doch, Frido anzublicken, aber sein eigener Ausdruck verriet, dass er auf dessen Reaktion nicht nur gespannt war, sondern auch ein wenig Besorgnis davor verspürte. Und ja, diese Erkenntnis ließ Frido nicht unbedingt in einen Freudentaumel verfallen. Doch er hörte weiterhin aufmerksam zu und ließ auf sich zukommen, was Dominik ihm noch zu berichten hatte. Besonders, als sich bei ihm ein leichtes Lächeln auf die Lippen schlich.

„Ich hab kurz überlegt, ob ich einfach abhaue und wir so tun, als wäre nie was passiert. Aber dann dachte ich, dass das Kind ja schon in den Brunnen gefallen war. Also konnte ich es auch noch genießen, bei dir zu liegen, bis du mich dann vielleicht am nächsten Morgen rauswirfst oder peinlich berührt abhaust“, sprach er weiter und grinste schief, als Frido entsetzt nachhakte, ob Dominik tatsächlich so von ihm gedacht habe.

„Na ja, vergiss nicht, dass mein Selbstbild damals sogar noch schlechter war als heute“, gab der allerdings zu bedenken, wobei die Fortführung seiner Erzählung die Sache für Frido auch nicht unbedingt besser machte. Denn der damalige Dominik hatte sogar ernsthaft damit gehadert, ob Frido ihn wohl nur aus Mitleid geküsst und mit sich genommen hatte.

„Aber dann dachte ich, dass das doch Wahnsinn wäre, wenn du nur deshalb so weit gegangen wärst. Und… dann kam mir dieser kleine Gedanke, dass ich mich nicht nur so geborgen bei dir fühle, weil du einfach nur wie bei deinen anderen Studenten nett zu mir bist, sondern mich tatsächlich mögen könntest“, gab er zu und musste selber lachen, als Frido mit einiger Ironie meinte, dass diese Erkenntnis ja glücklicherweise noch früh genug gekommen sei.

„Also bei aller Liebe, ich tu ja wirklich gern was für meine Studenten, aber irgendwo hörts dann auch auf!“, sprach er fassungslos über Dominiks Worte, aber noch mehr über das, was sie aussagten. Denn selbst mit dieser Erkenntnis hatte Dominik seine Zweifel damals nicht beiseite schieben können. Stattdessen waren sie nur mit ihm schlafen gegangen, bis er am folgenden Morgen durch Fridos Anhang aufgeweckt worden war. Nicht wie der Dozent erst, als dessen Name lautstark ertönt war, sondern bereits im Vorfeld, als sich die ersten Lebenszeichen in der Wohnung geregt hatten. Somit war vor der Wohnzimmertür alles für den Aufbruch zum Kindergarten und zur Arbeit vorbereitet worden, während hinter der Wohnzimmertür das bange Warten begonnen hatte. Wann, hatte Dominik sich gefragt, käme wohl der Augenblick, in dem Frido ebenfalls erwachte und ihm sagte, dass er gehen solle?

„Aber gleichzeitig wollte ich selbst da noch ein bisschen an dieser Wunschvorstellung, mit dir zusammen zu sein, festhalten. Also hab ich dir einfach den Rücken zugedreht und mich schlafend gestellt, weil ich dachte, dass ich dann noch etwas länger bleiben kann. Und dann bin ich tatsächlich noch mal so richtig tief weggepennt und erst wieder aufgewacht, weil meine blöde Hand so Mucken gemacht hat“, grinste er verlegen, während Frido nur ungläubig den Kopf schütteln konnte. War die Geschichte damit endlich zu Ende, fragte er gequält und rieb sich übers Gesicht, als Dominik obendrein noch zugab, dass er ihm damals eine Möglichkeit zur Flucht hatte bieten wollen.

„Na ja, ich dachte, nachdem ich deine Freundlichkeit so überstrapaziert hatte, mach ichs dir ein bisschen leichter, mich los zu werden. Du erinnerst dich an meine Fragen, wann Juli und Lilli wiederkommen und ob du an dem Tag noch arbeiten musst?“, wollte Dominik wissen und lachte, als Frido auf seine Erklärung hin das Gesicht verzog.

„Du wolltest mir ne Vorlage bieten, damit ich dich elegant vor die Tür setzen kann?!“, schien er sich allmählich zu fragen, ob es damals wirklich darum gegangen war, dass er Dominik loswerden wollte oder eher umgekehrt. Doch dessen Begründung war gar nicht mal so unverständlich.

„Na ja, wenn du mich nicht gerade wegen blöder Witzchen im Krankenhaus zusammenfaltest, bist du ja nicht unbedingt der Typ, der sofort klare Ansagen raushaut. Deshalb dachte ich, mit so einer Vorlage kannst du mich dann guten Gewissens abservieren, ohne, dass es für einen von uns übermäßig peinlich wird. Wie du schon sagst, das war alles ne sehr emotionale Angelegenheit. Da… wäre ich nicht mal sauer gewesen, wenn du offen heraus gesagt hättest, dass unser Sex auch ein Stück weit der Situation geschuldet war“, meinte er und zum ersten Mal konnte Frido seine Worte nachvollziehen. Ähnliche Sorgen hatten ihn ja auch bewegt.

„Und ich war eher unsicher, was du bei Tageslicht wohl von dem Ganzen hältst, weil dein Gesichtsausdruck im ersten Moment so nichtssagend war, als du aufgewacht bist. Zumindest bis du mich endlich angelächelt hast“, meinte er und seine Mundwinkel zuckten bei Dominiks Nicken.

„Ja… Ich geb zu, weil du nicht so richtig auf meine Steilvorlagen eingegangen bist, hatte ich den Eindruck, dass du mir vielleicht doch die Tür offen hältst, um noch bisschen zu bleiben. Und dann dachte ich, jetzt setz ich alles auf eine Karte und frag dich, ob du noch mal ins Bett kommst“, sagte er und grinste, als Frido sich erkundigte, ob er an dem Punkt dann endlich daran geglaubt habe, dass auch er ihn mochte.

„Ich mein… immerhin haben wirs wie die Karnickel getrieben. Spätestens da war dann doch wohl hoffentlich deutlich, dass ich mich nicht nur aus Mitleid noch mal zu dir gelegt hab, oder?“, fragte er halb im Scherz und halb aus Verzweiflung, während Dominik darüber lachen musste.

„Ja, das war recht überzeugend. Das und dass du anschließend bei deinem kleinen Erholungsnickerchen auch noch meinen Namen gesäuselt hast“, legte er noch etwas offen, das Frido in Staunen versetzte.

„Ach, ich hab im Schlaf geredet? Lass mich raten und du hast daneben gelegen und dich scheckig gelacht“, frotzelte er, was Dominik dieses Mal mit einem Kopfschütteln beantwortete.

„Nein. Ich war… in dem Moment zu beschäftigt damit, dämlich zu grinsen und mich zu fragen, ob ich wohl ein bisschen durch die Wohnung schleichen soll, um etwas mehr über dich zu erfahren. Nicht rumschnüffeln, sondern nur das anschauen, was offen rumsteht, weil ich doch ziemlich neugierig war, wie du privat wohl so bist. Aber dann ist mein Blick ja an seinem Gemälde hängen geblieben und der Rest ist Geschichte“, schmunzelte er, während Frido mit einem tiefen Seufzen sein Gesicht rieb und den Kopf anschließend auf eine Hand stützte. Waren das jetzt endlich alle Offenbarungen? Na, ein Glück!

„Ende gut, alles gut. Aber meine Güte, das war ja der reinste Krimi, der sich da abgespielt hat, während ich nichtsahnend neben dir gepennt hab…“, murmelte er daraufhin und schüttelte noch einmal den Kopf, als er darüber nachdachte.

„Ich sag ja, du hast mitunter ein ganz schönes Pokerface… Das hab ich dir echt nicht angemerkt, dass du dir solche Gedanken gemacht hast“, meinte er dann und ein fast schon stolzes Grinsen schlich sich auf Dominiks Gesicht.

„Na, du sollst ja auch nicht zu überheblich werden, indem du weißt, wie sehr du mich mitunter aus dem Konzept bringst! Und irgendwie ists auch niedlich, dass du manchmal so ne lange Leitung hast. Oder wenn du mal wieder nicht mitbekommst, wie ich dich bei der Arbeit beobachte“, amüsierte er sich köstlich über Fridos zunehmende Gesichtsentgleisung bei diesen Worten.

„Ja, Danke auch…“, murrte der also wenig überraschend.

„Du bist manchmal ein Buch mit sieben Siegeln und ich so ne offene Lektüre, dass Ernest mich damals sogar schon auf meine Gefühle für dich angesprochen hat, bevor sie mir selbst bewusst waren. Das ist ganz schön unfair!“, tippte er Dominik auf die Brust, um dann nach kurzer Überlegung den Kopf schief zu legen.

„Moment mal. Steht die Staffelei deswegen immer weiter hinten als sonst, wenn ich am Schreibtisch was arbeite, weil…“

„Ich dann einen besseren Ausblick auf dich habe und dich unauffälliger beobachten kann. Klar“.

Der Eine ließ seufzend den Kopf in den Nacken fallen, während der andere lauthals darüber gackerte.

„Was hab ich mir da eigentlich angelacht?“, murrte Frido mit einem tiefen Seufzen und angestrengten Blick zur Decke. Doch die Worte, die Dominik ihm jetzt ins Ohr flüsterte, stimmten ihn nicht nur versöhnlich, sondern ließen ihn regelrecht dahinschmelzen und brachten ihm weiche Knie. Es waren die drei Worte, die er seit Ostern in noch viel größeren Dimensionen in sich trug und bei denen er trotzdem nicht sicher gewesen war, ob ein Aussprechen von ihnen Dominik bislang noch zu viel wäre. Schließlich hatten sie ihre Gesten, Berührungen und Aufmerksamkeiten, mit denen sie sich ihre Gefühle immer wieder bewiesen, doch sie so in Worte zu fassen fiel gerade dem Lockenkopf ja noch immer recht schwer. Wenn, dann rutschte es ihm eher versehentlich mal raus in abgeschwächter Form und war dann ein peinlich berührtes Eingeständnis, das ihm schnell wieder die Schamesröte ins Gesicht trieb. Doch jetzt schlang er dabei die Arme um Fridos Nacken und schmiegte sich umso enger an ihn, als der leise „Ich dich auch“ antwortete. Und dann kam Dominik eine Idee, die ihnen beiden nur allzu gut gefiel.

„Ich finde, das sollten wir dringend mal wieder richtig zelebrieren, nachdem die letzten Tage so trubelig waren, dass nur ein kleines Gutenachtküsschen drin war“, löste er sich ein wenig, um Frido besser anschauen zu können und schmunzelte den Älteren genauso an, wie er ihn. Besonders, als dem auch schon eine Idee kam, wie sich dieses Vorhaben am besten umsetzen ließe.

„Weißt du, was wir schon lange nicht mehr gemacht haben? Ein schönes Bad genommen und einfach stundenlang in der Wanne gelegen“, schlug er vor und Dominik rutschte von der Couch, um im nächsten Moment Fridos Hand zu fassen und ihn ebenfalls auf die Füße zu ziehen.

„Holst du die Kerzen und ich mach uns schnell einen Happen zu Essen?“, arbeitete er den Plan dabei weiter aus und lächelte, als Frido ihn vorher noch für einen innigen Kuss an sich zog. Ja, das klang nach einer guten Idee.

24.12.2024: Heiligabend

Ja, dachte Frido sich an diesem Morgen, das war ein Erwachen nach seinem Geschmack! Die vorangegangene Nacht war herrlich erholsam und die Träume noch würzig von ihrem gemeinsamen Badespaß durchzogen gewesen. Und dann blieb er auch noch mit dem ersten Augenaufschlag an diesem schönen Anblick hängen.

„Guten Morgen“, murmelte er zufrieden, während Dominik schmunzelnd neben ihm lag und es recht offensichtlich war, dass er ihn im Schlaf beobachtet hatte. Drum erwiderte er den Gruß des Älteren mit seinen hübschen Lippen, die nicht nur die passenden Worte, sondern auch einen minzigen Kuss für ihn fanden. Was hatte er während Fridos Schlummer wohl noch alles ausgeheckt, außer sich die Zähne zu putzen, dachte der Dozent. Aber noch viel wichtiger: Konnte ein Tag schöner beginnen? Ja, durfte er feststellen, als Dominik sich dann auch noch um sein leibliches Wohlergehen kümmerte. Erst mit einer feurigen Vorspeise und anschließend mit Frühstück im Bett, um wieder zu Kräften zu kommen. Es war perfekt und Fridos Wunsch umso größer, dass der Tag einfach so weitergehen könne. Doch während sie so kuschelten und genossen, fiel ihm leider wieder ein, dass da ja noch ein anderer Tagesordnungspunkt auf seiner Agenda stand.

„Ich hab ja gestern mit Juli telefoniert…“, begann er also und verteufelte sich selbst dafür, dass er die schöne Stimmung nun vermiesen musste. Und dann schaute Dominik ihn auch noch so aufmerksam und liebevoll dabei an. Es war zum Mäuse melken.

„Heiligabend lief bei ihr ja nicht sonderlich gut und wir wollen uns heute mal zusammen setzen und besprechen, wie es jetzt wegen Lilli weitergehen soll“, verriet er schweren Herzens, doch statt enttäuscht zu wirken, schenkte sein Lockenkopf ihm ein Lächeln.

„Kein Problem. Ich pass solange auf die Kurze auf. Die freut sich bestimmt, Oma Trudel noch mal Hallo zu sagen“, antwortete er frohen Mutes und voller Selbstverständnis, während Frido nicht nur ein wenig wehmütig über das baldige Ende ihrer Kuscheleinheit, sondern auch dezent verdattert ob dieser Aussage war.

„Hä?“, untermauerte er seine Irritation also, obwohl sie auch so schon mehr als offensichtlich war. Und da konnte auch Dominiks Kuss auf die Wange nicht mehr viel dran ändern.

„Oma hat mich heute Morgen angerufen und nach Ernests Adresse gefragt“, erklärte er, während er anfing, das Tablett mit den Resten ihres Frühstücks zu bestücken und spätestens jetzt verstand Frido nur noch Bahnhof. Selbst für einen entsprechenden Ausruf der Verwunderung reichte es bei ihm gerade nicht mehr aus. Stattdessen blinzelte Dominik nur noch ungläubig an. Ja, das war dieser Gesichtsausdruck, den sein Freund manchmal so putzig fand, verriet Dominiks Grinsen, während er sich dazu bereiterklärte, mal ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

„Der Gute hat ihr wohl den Tipp gegeben, sich wegen ihrer Gicht nicht nur von ihrem Hausarzt beraten zu lassen, sondern auch mal zum Rheumatologen zu gehen. Wollte sie auch längst mal machen, hat aber ewig keinen Termin gekriegt. Und dreimal darfst du raten: Ernest hat ihr die Praxis eines guten Bekannten empfohlen und als sie da heute Morgen angerufen hat, haben die quasi schon drauf gewartet, dass sie sich meldet. In gut zwei Wochen ist der Termin“, stellte er das Tablett zurück auf den Nachttisch und lehnte sich wieder an Frido, der nun zumindest im Ansatz verstand, was Sache war.

„Und was hat das mit seiner Adresse zu tun?“, fehlte allerdings noch das letzte Puzzleteil, obwohl es eigentlich nicht offensichtlicher hätte sein können, wie er bei Dominiks Antwort feststellte.

„Als Dankeschön möchte sie ihm was backen. Und vielleicht auch eine kleine Flasche von ihrem Aufgesetzten schenken. Weil er fahren musste, konnte er den ja an Weihnachten nicht probieren“, erklärte er und Frido schmunzelte wieder einmal über diese Familienähnlichkeit im Hause Preuss.

„Ich hab allerdings gesagt, dass ich einfach auf einen kurzen Besuch vorbeikomme und die Sachen dann mitnehme. Ist doch okay, wenn ich mir den Wagen dafür leihe, oder?“, war das allerdings noch nicht alles gewesen und zufrieden lächelte Dominik, als Frido ohne zu Zögern zustimmte. Nur einen kleinen Einwand hatte er.

„Wenn ich nicht wüsste, dass du mich öfter mal mit Frühstück am Bett überraschst, hätte ich jetzt gefragt, ob du dich damit einschleimen wolltest, um den Wagen zu kriegen“, juxte er und hob die Augenbrauen, als Dominik ziemlich keck meinte, dass er sich dafür dann was anderes hätte einfallen lassen.

„Was denn?“, war da natürlich die Neugierde geweckt, aber so einfach ließ der Lockenkopf sich leider nicht in die Karten gucken.

„Merkst du dann, wenn ich mich wirklich mal einschleimen muss“, grinste er also nur und strich Frido großmütig über die Wange. Niedlich war dessen Mischung aus Trotz und Belustigung, mit der er Dominik anschaute. Doch auch, wenn der seinen Liebling vielleicht gern noch ein wenig geneckt hätte, kam er auf ihr vorheriges Thema zurück.

„Find ich übrigens auch wichtig, dass ihr das zeitnah besprecht. Und euch vielleicht auch mal mit Lillis Vater und den Großeltern an einen Tisch setzt“, schaute er Frido plötzlich überraschend ernst an und erzählte ihm das, was im weihnachtlichen und sonstigen Trubel noch nicht an dessen Ohren gedrungen war. Und ja, mit Blick auf die Besinnlichkeit war das durchaus richtig gewesen. Denn als er nun hörte, was Lilli seinem Freund am ersten Weihnachtsfeiertag noch alles erzählt hatte, ging er beinahe die Wand hoch.

„Die Alte hat was zu ihr gesagt?!“, wählte er seine Worte wenig mit Bedacht und dafür umso energischer. Besonders die, die dann noch am geistigen Zustand von Julis ehemaliger Schwiegermutter zweifelten. Und ja, beste Freunde waren er und sie noch nie unbedingt gewesen, aber wenn er nun hörte, was sie Lilli eingetrichtert hatte, wäre er am liebsten ans Telefon gesprungen, um ihr ohne weitere Umschweife den Marsch zu blasen. Und vielleicht hätte er das sogar getan. Doch da war ja auch noch Dominik. Und auch, wenn Frido es ungern zugab, hatte der ja recht damit, dass er ihm zu etwas mehr Umsicht riet.

„Stimmt schon. Erst mit Juli reden und dann weitersehen…“, murrte er also und hatte tatsächlich eine gewisse Achtung davor, dass Dominik selbst dann noch ruhig blieb, als er seinerseits von Julis heiligem Abend berichtete. Der Lockenkopf hob zwar mit einer ordentlichen Portion Verwunderung die Augenbrauen, aber ansonsten fühlte er sich nun erst recht darin bestätigt, dass ein unbedachtes Aufbrausen nicht sehr zielführend wäre.

„Die Fronten verhärten sich eh schon, wenn ich mir das so anhöre. Ich denke zwar auch, dass ihr zeitnah handeln solltet, bevor Lilli noch mehr in Mitleidenschaft gezogen wird, aber geht dabei auch bedacht vor. Es geht am Ende ja darum, dass sich die Situation am besten für alle, aber in erster Linie für Lilli verbessert. Also schlagt euch nicht auch noch die Köpfe ein. Damit ist keinem geholfen. Und vergiss nicht, dass du sonst der diplomatischere von uns beiden bist. Versuch das also zu nutzen und zu vermitteln“, stellte er fest und seine Mundwinkel zuckten, als Frido einmütig nickte, ehe er ihm einen Kuss auf die Wange gab.

„Ja, stimmt schon… Mal gucken, was das Gespräch mit Juli nachher bringt. Wir haben gestern auch überlegt, ob wir Mama und Papa mit dazu schalten. Die wissen ja noch nichts davon“, legte er das Kinn auf Dominiks Schulter und seufzte, während der ihm durchs Haar kraulte.

„Könnt ihr ja dann überlegen, wann ihr sie mit ins Boot holen wollt“, murmelte er und Frido nickte, um kurz darauf zu schmunzeln, als Dominik einen Aspekt zwischen all diesen Unsicherheiten festhielt, der für ihn schon jetzt gewiss war.

„Wenns nachher zu Juli und Lilli geht, fahr ich übrigens. Du bist mir grad zu grummelig für den Straßenverkehr“.

Wenn doch nur bei allem so eine einfache Einigung zu erlangen wäre.

25.12.2024: Weihnachten

Manches Mal war es wirklich die Pest: Da hatte man die Praxis zwischen den Jahren extra geschlossen und seinen Angestellten frei gegeben, um sich abseits jeglicher Störung in seinen Unterlagen vergraben zu können und dann fand man trotzdem so einen Unruhestifter auf der Matte vor. Und dabei waren es nicht einmal die drei Ausgesandten, deren Besuch man zu Jahresbeginn dank einer Flucht in die Praxis oder stillschweigender Ignoranz in den eigenen vier Wänden zu übergehen wusste. Nein, stattdessen hatte man auch noch selber preisgegeben, wohin man verschwunden war, weil das Klingeln an der Wohnungstür in diesem Fall nicht mit Absicht unbeantwortet blieb.

„Haben wir denn schon wieder Weihnachten?“, öffnete er also die Tür zum Treppenhaus und bekam vom kurzfristig angekündigten Überraschungsbesuch zur Begrüßung eine bunt verzierte Tüte vor die Nase gehalten.

„Hi, Ernest“, erfolgte er dann die redselige Komplementierung dieses Grußes und reihte sich in das Grinsen des Lockenkopfes mit ein. Und noch während er darauf wartete, dass der unverhoffte Gastgeber beiseite ging, um ihm Einlass zu gewähren, schien der Arzt abzuwägen, wie sinnvoll er diese Überlegung tatsächlich fand.

„Hallo, Dominik. Wenn die kleine Bazillenschleuder Hustensaft benötigt, muss ich dich leider enttäuschen. Ich bin kein Kinderarzt“, stellte er nämlich wenig begeistert fest, dass der Lockenkopf – entgegen seiner bisherigen Annahme – nicht alleine oder mit dem großen Klimlau erschien, sondern stattdessen die Miniaturversion von dessen Schwester im Schlepptau hatte. Und die fand ihn ihrem Blick nach zu urteilen im Speziellen wohl in etwa genauso erquickend, wie er die Gegenwart von Kindern im Allgemeinen. Na, wenigstens waren sie sich in diesem Punkt ja einig. Und Dominik fiel somit die ehrenhafte Aufgabe zuteil, Ernest davon zu überzeugen, dass er sie eintreten ließ und Lilli, dass sie dabei auch mitkam.

„Sie ist putzmunter und kerngesund. Also hab dich nicht so“, sagte er also zu dem Einen und „Komm, Spätzchen, der guckt n bisschen grimmig, aber eigentlich ist er ein ganz Lieber. Du hast ihn doch schon ein paar Mal gesehen, oder?“ zu der Anderen. Doch während Ernest nach Dominiks Kommentar über seinen angeblichen Gemütszustand nun noch etwas verschnupfter wirkte, drückte Lilli nur das Gesicht an dessen Hosenbein und klammerte sich daran fest. Also bekam der Eine die Tüte in die Hand gedrückt und wurde die Andere kurzerhand auf den Arm gehoben. Besser so als umgekehrt, dachte Dominik sich und schenkte Ernest ein fast schon mitleidiges Lächeln, als der sich nun endlich doch noch zur Seite bewegte. Man konnte es auch übertreiben, verriet der Blick des Lockenkopfes, aber der des Arztes zeigte eher, dass wenig geneigt war, an seiner Einstellung etwas zu ändern. Immerhin schloss er aber die Tür hinter ihnen ab und verriet damit, sie wenigstens nicht postwendend zurück ins Treppenhaus zu befördern. Dann war er ja zumindest geneigt, ihnen etwas mehr als diese paar Sekunden von seiner kostbaren Zeit zu schenken. Oder er hatte sich einfach nur darauf besonnen, dass er für gewöhnlich ja so viel Wert auf gutes Benehmen legte.

„Verzeiht die Unannehmlichkeiten, aber da die Praxis offiziell geschlossen ist, steuert der Fahrstuhl diese Etage heute nicht an“, erwähnte er also das Offensichtliche, während er sich in sein Schicksal ergab und führte seine Gäste ins Büro.

„Was hat es hiermit auf sich?“, wendete er sich dann wieder dem zu, was hoffentlich etwas erfreulicher als Dominiks zweibeiniges Mitbringsel ausfiel und linste bereits in die Tüte, ehe er sie öffnete. Und nun entschied sich wohl auch, ob er dem Lockenkopf künftig noch einmal auf eine kurzfristige Nachfrage zu seinem Aufenthaltsort antworten würde.

„Kleines Dankeschön von Oma. Sie freut sich, dass das mit dem Termin so schnell geklappt hat und hat auch noch mal erzählt, wie toll sie die Fahrt mit dir fand. Ihr habt euch wohl gut unterhalten, wie ich gehört hab“, grinste der, während Lilli den Arzt noch immer skeptisch beäugte und den Kopf dann wegdrehte, als der den Blick wieder zu ihnen hob.

„Deine Großmutter ist eine angenehme Gesprächspartnerin“, gab er zu und schaute dennoch in etwa so zweifelnd wie sein kleines Gegenüber, während er noch die Bitte ergänzte, dass Dominik seiner Oma für diese Aufmerksamkeit seinen Dank ausrichten möge.

„Ihr habt also einen kleinen Ausflug zu ihr gemacht und das Präsent dabei mitgebracht?“, ließ er dann durchblicken, woher sein Argwohn rührte und bekam auch noch das zu hören, was er schon befürchtet hatte.

„Nö. Wir sind extra hingefahren, damit sies nicht per Post schicken musst. Lilli hat sich gefreut und Oma konnte sicher sein, dass auch alles heile ankommt. Schließlich hat meine kleine Helferin während der Rückfahrt gut drauf aufgepasst“, grinste Dominik darüber, dass Ernest sein abweisendes Verhalten vom Anfang nun wohl doch ein bisschen bedauerte und sogar mit leisem Seufzen fragte, ob sie sich nicht setzen wollten.

„Ich glaube, wir haben in der Küche noch Trinkschokolade. Weiß der Geier, was meine Mitarbeiterinnen daran finden, aber der Kleinen kann man damit bestimmt eine Freude machen, oder?“, bot er dann sogar noch an und ließ Dominik mit passendem Blick dennoch wissen, dass auf dessen verwundert gehobene Augenbrauen nun lieber nicht noch ein frecher Spruch folgen sollte. Also begnügte der Lockenkopf sich mit einem Dank – auch für die ihm angebotene Tasse Tee – und einem Grinsen, während er Platz nahm und Lilli auf seinem Schoß sitzen ließ.

„Können wir gehn?“, murrte die allerdings, kaum, dass Ernest das Zimmer verlassen hatte und ließ sich von Dominik nur widerwillig überzeugen, wenigstens die angebotenen Getränke noch abzuwarten.

„Außerdem würd ich ihn gern noch was fragen…“, gab er obendrein zu und wenig überraschend schenkte Lilli ihm einen neugierigen Blick mitsamt entsprechender Frage.

„Mein Papa muss demnächst mal zum Onkel Doktor und Ernest, ähm, wollte gucken, ob er vielleicht einen früheren Termin für ihn bekommen kann. Damit Papa nicht so lange warten muss“, erklärte er und lachte, als Lilli wissen wollte, wer denn sein Papa sei.

„Den hast du doch schon kennengelernt! Neulich in der Klempnerei!“, erinnerte er sie und fand es noch erheiternder, als dieser kleine Anflug von Freude in Lillis Gesicht sich schlagartig in Missmut verwandelte, als ihr bewusst wurde, wen er meinte.

„Das ist dein Papa?“, sprach sie fast schon entsetzt, wohingegen Dominik grinsend die Schultern zuckte.

„Ja, das ist mein Papa“, bestätigte er und tat es auch, als Lilli zusätzlich fragte, ob das etwa auch sein echter Papa wäre.

„Warum überrascht dich das so?“, stellte er dann zur Abwechslung mal eine Frage und hob verwundert die Augenbrauen bei Lillis Erklärung.

„Ich hab gedacht, Mamas und Papas sind immer nett und nur ihre neuen Freunde sind doof“, runzelte sie nämlich die Stirn, während er den Kopf schief legte und sie nachdenklich betrachtete.

„Sag mal, du sprichst nicht zufällig von Anna?“, fragte er dann und tippte Lilli auf die Nasenspitze, als sie die Lippen zusammenkniff und den Blick senkte.

„Spätzchen, was ist los?“, fragte er darum und nickte verstehend, als das kleine Mädchen seinem Ärger nach kurzem Zögern doch noch Luft machte.

„Anna hat gesagt, dass ich auch Mama sagen kann, weil wir jetzt eine Familie sind. Aber Mama ist meine Mama und ich find Anna blöd!“, murrte sie und schob die Unterlippe vor, während Dominik behutsam versuchte weitere Details zu erfahren.

„Wann war das denn? Auch an Heiligabend?“, wollte er gern wissen und nickte wieder, als Lilli den Kopf schüttelte. Wie sich herausstellte, war es wohl bei einem der letzte Besuche gewesen, bei dem Tim seine Tochter ohne Julis Beisein zu sich geholt hatte. Na, das war ja höchst interessant!

„Und hat Anna noch was gesagt, das doof war?“, erkundigte Dominik sich darum, während er mit dem Reißverschluss von Lillis Jacke spielte und nickte erneut, als sie dieses Mal den Kopf schüttelte. Wenigstens etwas, dachte er sich und musste doch feststellen, dass er sich zu früh gefreut hatte. Denn offensichtlich fand Lilli nicht nur ihre neue Stiefmutter in spe doof, sondern auch deren Söhne.

„Wenn ich allein mit denen spielen soll, sagen die immer, ich darf nicht mitmachen. Weil ich ein Mädchen bin und das nicht kann. Ich find das gemein!“, murrte sie und guckte genauso erschrocken wie Dominik, als Ernest plötzlich mit zwei Tassen und einem „Ist es auch“ zurück in den Raum marschiert kam.

„Lass dir bloß nicht einreden, dass Jungs automatisch besser in was wären, nur weil sie Jungs sind. Oder dass Mädchen irgendwas nicht können, bloß, weil sie Mädchen sind“, stellte er die Tassen ab und schenkte seinen Gästen ein kühles „Was?“ als er sich zu ihnen umdrehte und gleichermaßen irritiert angeschaut wurde. Doch auch, wenn Dominik von diesem Einwand des Arztes ehrlich erfreut schien, konnte er in Lillis Gunst damit nicht unbedingt steigen. Sie drückte sich an ihren Dominik und schaute den Arzt noch immer skeptisch an. Doch wirklich störend war das für den wohl kaum.

„So, du kannst also nicht abwarten, bis ich mich bei dir melde und willst mir lieber wegen deines Vaters auf den Geist gehen?“, hatte er wenige Probleme damit, Lilli fortan mit Ignoranz zu begegnen und sich lieber wieder einem Gesprächspartner zuzuwenden, der seiner üblichen Wortwahl wohl um Längen besser folgen konnte. Doch der reagierte plötzlich deutlich zurückhaltender als zu Beginn ihres Besuchs und schenkte Ernest erst einmal ein ertapptes Lächeln.

„Oh, du hast das gehört?“, murmelte er dann und hob entschuldigend die Schultern, während Ernest es ihm mit seiner Augenbraue gleichtat.

„Ich… hab nur gedacht, wenn wir eh schon mal hier sind, könnt ich mich ja mal erkundigen, wie der Stand der Dinge ist“, gab der Lockenkopf dann kleinlaut zu, wohingegen der Arzt nur das Kinn reckte und wortwörtlich auf ihn hinabblickte. Für diese Dreistigkeit schien er keine Worte übrig zu haben und änderte seine Meinung diesbezüglich auch nicht, als Dominik beteuerte, ihn nicht drängen zu wollen. Stattdessen schritt er hoch erhobenen Hauptes um seinen Schreibtisch herum, griff ein paar Unterlagen, die er mit betonender Geste begutachtete und hüllte sich dabei in eisernes Schweigen.

„Bist du jetzt echt sauer deswegen?“, fragte Dominik unterdessen, während er gleichzeitig versuchte, Lilli ihren Kakao schmackhaft zu machen. Immerhin wusste er ja, dass die junge Dame diese schokoladenhaltigen Getränke recht gerne mochte. Da blieb jetzt nur die Frage, ob sie ihre Tasse auch selber leeren würde oder ob diese Ehre am Ende ihm zuteil wurde. Schließlich wollte er Ernest ja nicht noch mehr erzürnen als ohnehin schon, indem die angebotenen Aufmerksamkeiten unangetastet blieben. Zumal der Arzt noch immer keine Anstalten machte, ihm wieder ein Wort oder gar seine Aufmerksamkeit zu schenken. Stattdessen warf er das Bündel Zettel recht lieblos auf den Tisch zurück, nachdem er offenbar gefunden hatte, wonach er suchte. Und dann ging es ebenso hoheitlich um den Tisch herum zurück zu seinen Gästen, wie zuvor in umgekehrter Richtung.

„Hier. Und wehe dir, er erscheint nicht!“, versah er Dominik noch immer mit seinem kühlen Blick, während er ihm zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt einen gelben Klebezettel entgegenstreckte. Dabei wurde beinahe er noch ungeduldig, als der Jüngere ihn erst irritiert anschaute und dann nur zögerlich zu dem Papier griff, anstatt es ihm sofort aus den Händen zu reißen.

„Was…?“, murmelte Dominik unterdessen und seine Augen weiteten sich, als er las, was darauf geschrieben stand.

„Du hast schon…?“, hob dann ungläubig den Blick wieder zu Ernest, wohingegen der sich scheinbar nur mit Mühe ein empörtes Schnauben verkneifen konnte.

„Selbstredend. Gestern bereits. Eigentlich war es als kleine Überraschung zu Silvester gedacht, aber wenn du es einfach nicht abwarten kannst. Also sieh bloß zu, dass er pünktlich ist. Immerhin hab ich meinen guten Namen dafür ins Spiel gebracht!“, rümpfte er die Nase und verschränkte die Arme vor der Brust, während Dominik noch einmal auf den Zettel schaute und dabei endlich anfangen konnte zu lächeln.

„Was ist das?“, erregte das natürlich auch Lillis Aufmerksamkeit und sie nickte, als Dominik sie bat, kurz von seinem Schoß runter zu gehen.

„Das ist der Termin für meinen Papa“, erklärte er dabei und als er sich aufrichtete, trug er ein Strahlen im Gesicht, das wohl den gesamten Raum erhellen konnte. Zumindest, wenn es sich nur auf die Wände und das Inventar bezog. Denn Ernest zeigte sich eher argwöhnisch.

„Wag es nicht“, schwante ihm, was der Lockenkopf nun womöglich vorhatte und er reagierte in etwa so begeistert wie ein Hinrich Preuss, wenn man ihm einfach um den Hals fiel.

„Ja, ist ja gut!“, fauchte er also und versteifte sich, als Dominik es trotz seiner Warnung tat und sich obendrein gleich mehrfach bei ihm bedankte. Dabei klopfte er dem Arzt auch noch auf den Rücken, bis dem diese Form der Lobhudelei nun wirklich zu viel wurde.

„Du zerknitterst mein Hemd!“, gab er also zu bedenken und schob Dominik trotzdem vergleichsweise seichte von sich, um anschließend den Kopf zu schütteln, als der dann zwar von ihm abließ, aber dabei nicht minder glücklich schien. Stattdessen brachte er sogar noch Lilli damit zum Lachen, dass er sie im Austausch für Ernest schnappte und knuddelte.

„Du hast was gut bei mir!“, rief er dabei aus, wohingegen der Arzt nur eine wegwerfende Handbewegung machte.

„Ja, ja, schon gut…“, murmelte er, während er diesen Schrecken damit überwand, dass er endlich einmal genauer betrachtete, was die Katze ihm denn da in Form dieser bunten Tüte ins Haus geschleppt hatte. War es dieses furchtbare Gedrücke wenigstens wert gewesen? Er zog die Mitbringsel behutsam aus ihrer Verpackung und hob dabei anerkennend die Augenbrauen. Das hatte Dominiks Großmutter also trotz ihrer teilweise steifen und schmerzenden Finger für ihn zubereitet? Da konnte man die kleine Bazillenschleuder ja vielleicht doch ein wenig erdulden, wenn sie sogar darauf aufgepasst hatte, dass das Gebäck heile bei ihm ankam. Und wenn man einen ganz besonders guten Moment hatte, konnte man sich möglicherweise sogar dazu hinreißen lassen, die herrlich duftenden Gaben mit seinen Gästen zu teilen. Selbst, wenn man diesen Tag eigentlich nur ganz allein in der Einöde seiner Praxis hatte verbringen wollen.

26.12.2024: wünschen

Sie waren so wünschenswert, diese Momente voller Eintracht, Friede und Glückseligkeit. Niemand verlor ein böses Wort oder verspürte Groll. Doch warum waren es dann oft nur so kurze Augenblicke der Harmonie, die schnell wieder von den nächsten Streitigkeiten hinfort gefegt wurden?

„Gute Nacht, ihr zwei. Schlaft gut!“, tätschelte Frido seiner Schwester zur Verabschiedung den Oberarm und seiner Nichte das pfirsichzarte Pausbäckchen. Müde war sie inzwischen geworden und schmiegte sich schweigsam an ihre Mutter. Im Hauch eines Winkens bewegten sich ihre Fingerchen, während ihre Äuglein schon ganz klein waren und Juli sie somit zur wohlverdienten Nachtruhe trug, kaum, dass sie Dominik und Frido verabschiedet und ihr Bruder die Wohnungstür zugezogen hatte.

„Ist alles gut gelaufen?“, wendete er sich dann seinem Freund zu und nickte verstehend, als der von seinem kleinen Ausflug mit Lilli erzählte.

„Jap. Lilli hat sich gefreut Oma zu sehen, Oma hat sich gefreut Lilli zu sehen und Ernest… war Ernest. Er hat sich zumindest über den Kuchen gefreut und ich glaub, als wir weg waren, dann auch über den Likör“, scherzte er und brachte Frido damit erst zum Lachen und anschließend sogar zum Staunen, als er weitererzählte, dass Ernest ihnen Getränke und was von seinem Präsent angeboten hatte.

„Bei so einem Spontanbesuch hätte ich ja eher vermutet, dass er euch nicht mal rein kommen lässt. Besonders, wenn er sich extra in seiner Praxis verkrochen hat und du dann auch noch mit einem kleinen Kind bei ihm aufschlägst. Warum hast du ihm die Tüte nicht einfach an die Wohnungstür gehängt?“, fragte der Ältere und kurz dachte Dominik über seine Antwort nach, während sie den Flur entlang liefen und das Treppenhaus ansteuerten.

„Hättest dus gemacht?“, entgegnete er dann mit einer Frage und allein Fridos Grinsen verriet schon, dass er wohl genauso gehandelt hätte.

„Siehst du? Dacht ich mir. Außerdem, wenn er mich mit seinem Friseur vergleicht, dann kriegt er das zurück!“, lautete Dominiks Fazit, gefolgt von einer wegwerfenden Handbewegung, als Frido sich recht irritiert über den Ausspruch mit dem Coiffeur zeigte.

„Was hat der denn damit zu tun?“, wollte er zwar wissen, aber statt darauf einzugehen, berichtete Dominik ihm während des Treppenabstiegs von dem Termin für seinen Vater. Und dann, als sie den Hauseingang gerade hinter sich ließen und das Auto ansteuerten, war der Moment gekommen, um die dünnwandige Fassade der Ruhe und des Einklangs mit dem Vorschlaghammer einzureißen.

„Was hat die gesagt?“, fiel dementsprechend auch Fridos erste Reaktion aus, nachdem er von Annas Vorstoß in Sachen Mutterrolle erfahren und sich die Worte einen schweigenden Moment lang durch den Kopf gehen lassen hatte. Und auch, wenn sein Ton dabei noch recht bedacht klang, war das folgende „Die hat sie ja wohl nicht alle!“ schon deutlich energischer. Obendrein machte er auch noch auf dem Absatz kehrt und Anstalten, zu Julis Wohnung zurück zu eilen.

„Wo willst du denn jetzt wohl hin?!“, stellte Dominik sich ihm allerdings in den Weg und nach einem kurzen Wettstarren musste Frido mit einem resignierenden Seufzen einsehen, dass der Jüngere recht hatte.

„Ruf sie morgen an und erzähl ihr das dann in Ruhe. Ich kann mir vorstellen, dass die letzten Stunden nicht unbedingt ein Kaffeekränzchen für euch waren. Du siehst zumindest ziemlich kaputt aus und bei Juli hatte ich auch den Eindruck. Also gib euch beiden etwas Zeit, um durchzuschnaufen… Wie ist es überhaupt gelaufen? Habt ihr euch was überlegt?“, fasste Dominik ihn daraufhin am Arm und schob ihn zurück Richtung Auto, wobei er ehrlich verwundert war, dass Frido trotz seiner offensichtlichen Erschöpfung noch so energiegeladen reagierte. Wenn er das geahnt hätte, wäre er wohl seinem eigenen Rat gefolgt, es dem Älteren erst am anderen Morgen zu berichten. Doch wie der nun offenbarte, hätte sich die passende Gelegenheit dafür dann eventuell nur noch zwischen Tür und Angel ergeben.

„Mama und Papa kommen morgen früh her und dann fahren wir direkt zu Tim, um das zu klären. Juli hat ihn zwischendurch angerufen, ob er morgen zuhause ist. Begeistert klang er zwar nicht von dem kurzfristigen Besuch, aber das ist uns egal! Entweder finden wir da morgen eine Lösung oder sonst gehts im neuen Jahr direkt zum Anwalt“, war plötzlich nichts mehr von Müdigkeit und schwirrendem Kopf bei Frido zu erkennen. Stattdessen strahlte er eine Entschlossenheit aus, die beinahe in Ungeduld überschwappte, die Fahrt zu seinem Schwager nicht schon jetzt antreten zu können. Und gleichzeitig war Dominik froh darüber, dass er bei ihrer jetzigen kleinen Autoreise trotzdem ihm das Steuer überließ.

„Das ging ja echt schnell…“, murmelte er, während er den Wagen startete und losfuhr. Ein wenig flau wurde ihm in der Magengegend, weil er sich fragte, ob dieser Schritt denn wirklich gut überlegt wäre und Fridos Haltung ihn dabei erahnen ließ, dass es mit der Diplomatie gerade vielleicht nicht allzu weit her war. Da hoffte er nur, dass eine Mütze voll Schlaf die Gemüter doch ein wenig beruhigen konnte und trotzdem stimmte er natürlich ohne ein Zögern zu, als Frido ihn fragte, ob er noch einmal auf Lilli aufpassen würde.

„Ja, klar. Ich ähm… ich geh einfach mit ihr auf den Spielplatz. Oder in die Spielhalle. Ist vielleicht noch besser bei dem Wetter. Juli meinte doch, dass die Kurze da im Moment so viel Spaß dran hat, im Bällebad und an den Klettertürmchen zu toben“, antwortete er, um den Rest der Fahrt über Stille einkehren zu lassen, in der er versuchte, seine Gedanken zu sortieren und Frido wie der Fels in der Brandung neben ihm saß. Und auch, wenn es nur wenige Minuten waren, in denen sie sich so anschwiegen, fühlte es sich für ihn wie eine halbe Ewigkeit an. Aber trotzdem reichte es aus, damit auch Dominik zu einer Entscheidung gelangte. Selbst, wenn er ahnte, dass er sich einen entspannten Ausgang ihres anstehenden Gesprächs nur wünschen konnte.

„Und ihr seid sicher, dass ihr nicht doch noch ein, zwei Tage warten wollt?“, begann er also vorsichtig, nachdem er extra bis zum Betreten ihrer Wohnung gewartet hatte und bekam wenig überraschend einen verständnislosen Blick von Frido.

„Na ja, du bist ziemlich aufgebracht und ich kann mir vorstellen, dass eure Gemüter gerade insgesamt etwas erhitzt sind. Bei Juli ganz bestimmt und zumindest deine Mutter schätz ich auch so ein…“, versuchte Dominik also vorsichtig zu erklären, während er sich aus seiner Jacke und den Schuhen schälte, aber Frido runzelte eher noch mehr die Stirn.

„Dominik, du hast mir grad selbst erzählt, dass diese Anna sich schon als Lillis Mutter aufspielen will! Es wird allerhöchste Eisenbahn, dass wir das regeln! Und nein, mit bitte, bitte und lieb schauen ist da nicht mehr viel! Das hat Juli die ganze Zeit über versucht! Bloß keinen Rosenkrieg vom Stapel brechen! Und was hat sie jetzt davon?!“, machte Frido seinen Standpunkt recht deutlich und schüttelte ungläubig den Kopf, als sein Freund jetzt auch noch versuchte, Tims neue Freundin in Schutz zu nehmen.

„Ich versteh ja, dass du sauer bist und dass sie Lilli einfach vorgeschlagen hat, Mama zu sagen, war nicht okay. Das ist was, das sie erst mal mit Juli absprechen muss, schon klar. Ich will das auch gar nicht gutheißen oder klein reden. Ich hab nur einfach das Gefühl, dass da gerade n bisschen zu viel Schwarz-Weiß-Denken herrscht. Eigentlich ist es doch ein gutes Zeichen, dass Anna versucht, Lilli als Teil ihrer Familie zu behandeln. Die Art, wie sie es macht, ist Scheiße, ja, aber der Ansatz ist doch schon mal ein guter, oder nicht? Und ich glaub auch nicht, dass es hilfreich ist, wenn du oder ihr so deutlich eure Abneigung gegen sie zeigt. Immerhin ist sie nun mal Tims neue Freundin“, fand Dominik sich plötzlich in der Rolle des Vermittlers wieder und musste erkennen, dass er sich damit einen wenig wertgeschätzten Job eingebrockt hatte.

„Sag mal, auf wessen Seite stehst du eigentlich?!“, zog er dadurch jetzt nämlich auch noch Fridos Ärger auf sich und noch härter als dessen Worte traf ihn dieser Blick, mit dem der Ältere ihn anschaute, als habe er gerade einen Fremden vor sich stehen. Doch auch, wenn es Dominik schmerzte, dass Frido in seinen Worten nur einen Angriff sehen konnte, wich er nicht zurück.

„Ich steh auf Lillis Seite. Es ging doch darum, für sie die beste Lösung zu finden, oder?“, antwortete er stattdessen entschlossen, wenn auch ruhig, und war bereit Fridos Worten stand zu halten, selbst, wenn er jetzt vielleicht den ganzen Frust abbekäme, der eigentlich für Tim und dessen Anhang bestimmt war. Und ja, es war nur allzu deutlich, wie es in dem Älteren brodelte, wie er die Zähne knirschte und aufeinander presste und sich alles in ihm anspannte. Aber auch, wenn er dabei Galle im Mund zu schmecken schien, nickte er schließlich, seufzte aus und wendete seinen Blick ab.

„Du hast ja recht. Tut mir leid“, murmelte er dabei und rieb sich die Nasenwurzel, um im nächsten Augenblick die Augen zusammen zu kneifen und noch einmal zu seufzen. Er zog Dominik an sich, als er spürte, wie der behutsam die Hand an seine Brust legte und gestand sich ein, dass ihm etwas Ruhe und Schlaf wohl wirklich gut täten. Schließlich war ihr Unterfangen in der Tat nur dann zielführend, wenn wenigstens einer von ihnen mit einem kühlen Kopf in das Gespräch reinginge und da musste er Dominiks Einschätzung leider bestätigen: Juli und seine Mutter wären das in diesem Fall sicherlich nicht. Dafür waren sie beide zu sehr Löwenmütter und er fragte sich jetzt sogar, ob es nicht ein Fehler war, ihre Eltern an dieser Stelle mit einzuweihen. Doch schließlich war da ja auch noch sein Vater. Der, der sich im Notfall hoffentlich Gehör verschaffen und alle zur Ruhe ermahnen würde, wenn die Situation wirklich zu eskalieren drohte. Doch auch, wenn er sich mit dieser Hoffnung schlafen legte, musste er einige Stunden später feststellen, dass diese Aufgabe ausgerechnet ihm zufallen würde. Als nach einer bereits angespannten Fahrt die Fronten ohnehin mit Betreten des gegnerischen Hauses feststanden und scheinbar nur noch zu klären galt, wer in diesem Rosenkrieg die härteren Geschütze aufzufahren wusste. Großmutter gegen Großmutter, Exmann gegen Exfrau und er mit seinem Vater abwechselnd gegen Lillis anderen Großvater oder Tims neue Freundin. Ein jeder wollte den anderen übertönen und bei diesem Mischmasch aus Stimmen und Anschuldigungen ging es schon nach kürzester Zeit nicht mehr darum, die Argumente der Gegenseite wahrnehmen, geschweige denn verstehen zu wollen. Es ging nur noch ums Gewinnen und einen größtmöglichen Schaden beim Gegenüber. Und ausgerechnet da, am gegnerischen Wohnzimmertisch, zwischen Kaffeetassen und wütenden Hieben auf die Tischplatte, meldete sich Fridos Handy zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Und auch, wenn er es zunächst noch gekonnt ignoriert bekam, wurde das Gebimmel und Vibrieren in seiner Hosentasche schnell so penetrant, dass er sich dem Störenfried doch noch zuwendete. Eigentlich, um ihn einfach stumm zu schalten, indem er einfach das gesamte Gerät schalfen schickte, doch glücklicherweise waren seine Augen dabei schneller als seine Hand und sein Verstand noch aufmerksam genug, um das Gesehene im Strudel der Konfrontation zu verarbeiten. Denn auch, wenn es bedeutete, dass er seinem Vater für einen Moment die Rückendeckung entziehen musste, wusste er sofort, dass Dominik ihn nur aus gutem Grund ausgerechnet jetzt anrufen würde. Also nahm er das Gespräch endlich entgegen, eilte dabei vom Trubel weg in den Flur, um Dominiks Worte überhaupt vernehmen zu können und spürte, wie es ihm den Boden unter den Füßen wegzog, als er sie endlich verstand. Seine Kehle wurde trocken und sein Gesicht so fahl, dass er es selber spüren konnte. Und obwohl Dominik ihn gerade nicht sehen konnte, schien er es zu spüren oder sich vielleicht auch nur selber beruhigen zu wollen, als er es auch bei Frido versuchte. Er redete also auf ihn ein, bis der Ältere es schaffte, einen tiefen Atemzug zu tun, zu nicken und ihm zu versichern, dass er trotz der Aufregung vorsichtig fahren würde. Und dann steckte er das Handy wieder weg, ging zurück ins Wohnzimmer, beobachtete einen Moment lang die Streithälse und fasste einen Entschluss.

„Hey!“, versuchte er es zunächst und als das nicht fruchtete, pfiff er durch die Zähne, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Erschrocken, empört und irritiert wurde er angestarrt, aber binnen weniger Sekunden verwandelten sich die Blicke aller in Sorge, als Frido das Wort dieses Mal an sie richtete.

„Lilli ist im Krankenhaus“, schaute er einen jeden der Reihe nach an und konnte ihnen ansehen, dass dem einen oder anderen die Knie nachgegeben hätten, wenn ihr Stuhl sie nicht schon längst stützen würde.

„Oh mein Gott!“, war Juli die Erste, die sich aus ihrer Schockstarre löste und aufsprang, um damit die nächste Welle von Gemurmel und Rufen auszulösen, die durchzogen war von Nachfragen. Doch dieses Mal reichte es, dass Frido lautstark das Wort ergriff, um sich Gehör zu verschaffen.

„Es geht ihr den Umständen entsprechend gut, aber ich hab Dominik gesagt, dass wir auf der Stelle kommen! Juli, Tim, ich fahr euch!“, teilte er mit, ohne darauf einzugehen, was genau passiert war und ohne einen Hehl daraus zu machen, dass er nicht vorhatte, diese Diskussion ins Krankenhaus zu verlegen.

„Nein, wir fahren jetzt nicht alle da hin! Ihr macht euch Sorgen, ja, versteh ich! Aber die Kleine will ihre Eltern sehen und braucht grad ein bisschen Ruhe! Also wartet bitte hier. Wir melden uns schnellstmöglich bei euch. Versprochen!“, hob er abwehrend die Hände, als alle vom Tisch aufstehen wollten und fand sich erstmals Rücken an Rücken mit Tim wieder, der vor allem seiner Mutter und seiner Freundin zuredete, auf Frido zu hören, während es bei den Klimlaus Mutter Marianne war, die sich wohl notfalls oben am Autodach festgehalten hätte, um mitzufahren. Nur widerwillig ließen sie sich überreden, während Juli längst ihre Jacken holte, mit einem energischen „Verdammt noch mal, kommt ihr jetzt endlich?!“ vom Flur ins Wohnzimmer zurückgelaufen kam und dann raus zum Wagen rannte. Ein Glück, dass Vater Fritz die Autoschlüssel bei sich trug, sonst hätte sie wohl nicht einmal gewartet, bis Frido und Tim zu ihr aufschlossen und wäre erst recht nicht so vorschriftsmäßig wie ihr Bruder gefahren. Geschwindigkeitsbegrenzungen waren ihr genauso egal wie die Tatsache, dass Frido das Auto nicht kannte. Sie wollte nur so schnell wie möglich zu ihrer Tochter und da konnte weder Tims gutes Zureden, das bestimmt alles gut würde noch Fridos Beteuerung, dass Lilli nicht ernsthaft verletzt sei, etwas dran ändern. Aber wen konnte das schon verwundern, wenn man bedachte, dass Frido längst viel mehr über Lillis Zustand wusste, als er bereits verkündet hatte?

„Jetzt hört mir mal zu“, sagte er also und nun würde sich wohl herausstellen, ob sein kleiner Plan Wirkung zeigen konnte oder er alles sogar noch verschlimmert hatte.

„Sie ist beim Spielen vom Klettergerüst gefallen und hat sich den Arm gebrochen. Ansonsten ist wirklich alles in Ordnung. Sie wurde längst untersucht und versorgt. Und Dominik ist bereits mit ihr auf dem Weg nach Hause“, gab er endlich zu und erhielt dafür wenig überraschend nicht einmal den kleinsten Hauch von Verständnis.

„Und wieso sagst du das nicht sofort?!“, riefen Juli und Tim stattdessen wie aus einem Mund und Frido konnte wohl froh sein, dass er gerade der Fahrer war. Denn sonst wäre ihm vermutlich nicht nur seine Schwester, sondern auch sein früherer Schwager an die Gurgel gegangen.

„Damit ihr endlich aufhört, euch anzukeifen! Oder besser gesagt, damit wir alle mal aufhören, uns die Köpfe einzuschlagen! Habt ihr eigentlich gemerkt, dass wir uns seit Stunden nur im Kreis drehen? Ich jedenfalls nicht! Mir ist das erst aufgefallen, als ich vom Telefonat zurück ins Wohnzimmer kam!“, gab er zu bedenken und warf einen Blick in den Rückspiegel und zur Beifahrerseite.

„Als Dominik mir gesagt hat, dass er mit der Kleinen im Krankenhaus ist, hats mich im ersten Moment genauso aus den Latschen gehauen wie euch. Aber ich hab dadurch auch erkannt, dass wir bei unseren Streitereien Lilli schon wieder viel zu sehr aus den Augen verloren haben. Es geht doch um ihr Wohlergehen und nicht darum, wer von uns dem anderen nun am besten sagen kann, dass er ihn oder sie blöd findet! Und inzwischen mischen da auch viel zu viele Leute mit, findet ihr nicht auch?“, sprach er dann weiter und war sogar froh, dass er kurz an einer roten Ampel halten musste, um Juli und Tim noch einmal eindringlicher anschauen zu können.

„Ey, ihr zwei seid ihre Eltern. Die ganze Situation ist teilweise schon festgefahren, ja, aber versucht bitte trotzdem, vernünftig mit einander zu reden. Unter vier Augen und ohne, dass die halbe Verwandtschaft dabei hockt! Das führt zu nix! Das haben wir doch vorhin ganz deutlich gemerkt, oder?“, versuchte er sie zu überzeugen und war nicht sicher, ob seine Worte aktuell überhaupt auf fruchtbaren Boden fallen konnten. Denn für Juli zählte noch immer nur, dass Lilli keine weiteren Schäden als den gebrochenen Arm davon getragen hatte und während sie sich das von Frido gleich mehrfach versichern ließ, hüllte Tim sich vollends in Schweigen – für den Moment, aber auch die restliche Fahrt über. Genau, wie Frido und Juli, nachdem er sie mit einem letzten „Ja, der Arzt sagt, dass es ein glatter Bruch ist und Lilli in gut drei Wochen wieder ganz die Alte ist“ beruhigt hatte. Und während sie die letzten Kilometer auf diese Weise in scheinbarem Frieden zubringen konnten, war die Ruhe auch sogleich wieder gebrochen, als Frido den Wagen vor seinem Haus zum Stehen brachte. Noch ehe er den Motor abstellen konnte, sprang Juli bereits aus dem Auto und während er die Handbremse anzog, hatte Tim schon zu ihr aufgeschlossen. Unmöglich, sie passend einzuholen oder gar als Erster an der Wohnungstür zu sein. Also schickte er Dominik wenigstens eine schnelle Vorwarnung, damit der nicht vollends überrumpelt wurde, wenn Juli von ihrem Ersatzschüssel Gebrauch machte. Und kaum hatte er selbst die Wohnungstür erreicht, hörte er auch schon den Tumult im Wohnzimmer. Besorgt nahmen die Eltern ihre Kleine unter die Lupe, während Dominik mit ihr auf der Couch saß und versuchte sich zu erklären.

„Es… es tut mir leid! Wir waren im Spieleparadies und da war heute so viel los, dass ich sie für einen kurzen Moment aus den Augen verloren hab. Und… und da ist sie in der Zwischenzeit mit ein paar anderen Kindern an der Kletterwand hoch und dabei so blöd gefallen, dass sie trotz der Matten falsch auf dem Arm aufgekommen ist. Oder auf der Hand… Ich schätze, sie wollte sich abstützen. Der Bruch ist knapp überm Handgelenk“, sagte er eilig, während Juli ihm ihr Kind weg nahm und Tim ihn anfuhr, dass man als Aufsichtsperson genau aus diesem Grund ein Auge auf die Kinder haben müsse. Doch während Frido bereits zu einem „Hey!“ ansetzte, schüttelte Juli den Kopf und sagte Tim, dass er aufhören solle.

„Du weißt doch selber, wie voll es da manchmal ist. Gerade im Spieleparadies und gerade bei so einem Wetter. Wir haben sie mal ne halbe Stunde im Bällebad gesucht, schon vergessen?“, sprach sie beschwichtigend auf ihren Exmann ein, der ihr nach kurzem Zögern zustimmte. Vielleicht spielte auch mit rein, dass er Fridos neuen Freund bisher noch nicht einmal namentlich gekannt hatte und nun erfuhr, dass der sogar Lillis Babysitter spielte. Und die war zu Fridos Überraschung und im Gegensatz zu den restlichen Anwesenden wohl die Einzige, die sogar Spaß an der Situation hatte. Immerhin war sie ein ganz tapferes Mädchen gewesen! Sie hatte vor ihrem Unfall sogar mit ein paar älteren Jungs gespielt, die nicht so blöd wie ihre Stiefbrüder in spe gewesen waren und hatte dann sogar in einem echten Krankenwagen fahren dürfen. Die Sanitäter waren lieb zu ihr gewesen und im Krankenhaus hatte man sie sogar gelobt, weil sie alle Untersuchungen mutig über sich hatte ergehen lassen. Nur ein bisschen waren die Tränen geflossen, aber dafür war Dominik ja zur Stelle gewesen, um sie aufzufangen. Und dann hatte sie sogar aussuchen dürfen, welche Farbe ihr Gips haben sollte. Da wären einige der Kinder in der Kita bestimmt richtig neidisch auf ihr neues blaues Accessoire! Und während Dominik ihren Eltern noch ein paar Details zum Ablauf gab, wäre Lilli am liebsten direkt wieder ins Spieleparadies gegangen. Aber ein bisschen Zeit zum Ausschnaufen musste man den Erwachsenen dann wohl doch lassen, wenn sie mit dem stetigen Abfall ihrer Sorgen plötzlich so erschöpft und erleichtert auf die Couch sanken. Dankbar lehnten sie sich aneinander und umarmten ihre Tochter, während Frido ihnen etwas zur Stärkung anbot und die Gelegenheit gleich auf zweifache Weise nutzte. Einerseits konnte er Tim und Juli so ein wenig Familienzeit ermöglichen, aber vor allem wollte er Dominik aus der Situation herausholen. Schließlich hatte nicht nur Lilli an diesem Tag alles tapfer durchgestanden. Genauso viel Kraft, wenn nicht noch mehr, war von Dominik abverlangt worden. Jede tränenreiche Sekunde hatte er an ihrer Seite verbracht und angesichts der Fahrtzeit von Fridos Familie mit seinem Anruf solange gewartet, bis er mit Sicherheit berichten konnte, was Lilli wirklich fehlte – und dass es glücklicherweise alles in allem gut ging. Also hatte er alleine gebangt, ob wirklich nur ihr Arm in Mitleidenschaft gezogen worden war oder gar Schlimmeres und auch, welche Ausmaße ihr Bruch hätte. Nur, als er für das Telefonat aus dem Untersuchungsraum gegangen war, hatte er sich einen kurzen Moment der Schwäche erlaubt. War auf einem Stuhl zusammengesackt, hatte einige Tränen fließen lassen und sich dann doch wieder zusammengerissen – mit der Unterstützung einer Krankenschwester, die ihm etwas Beistand geschenkt hatte, bis er wieder in der Lage gewesen war, für Lilli und ihre Familie stark zu sein. Doch genauso holte es ihn jetzt von den Beinen, als Frido ihn in die Küche führte und die Tür hinter ihnen schloss.

„Es tut mir so leid. Ich hätte besser aufpassen müssen!“, schluchzte er, während er auf den Stuhl sank und vergrub das Gesicht in den Händen. Doch Frido ging vor ihm in die Hocke und schüttelte den Kopf.

„Schau mich mal an“, bat er ihn und fasste Dominiks Wangen, um sie liebevoll zu streicheln. Er lächelte, während für den Jüngeren feststand, dass er wohl nie wieder auf die Kleine aufpassen durfte. Doch auch, wenn diese Entscheidung natürlich nicht bei Frido lag, sah er das letzte Wort in diesem Fall noch nicht gesprochen.

„Hey, so was kann passieren, okay? Natürlich ist das blöd, aber man kann die Kinder auch nicht in Watte packen und vor allem beschützen. Weißt du was? Als Juli und ich letztes Jahr mit ihr auf dem Weihnachtsmarkt waren, ist sie uns plötzlich mitten im Getümmel abgehauen. Obwohl wir sogar zu zweit waren! Wir haben sie dann am Süßigkeitenstand gefunden – und zwar ohne, dass sie überhaupt gemerkt hat, dass wir nach ihr gesucht hatten! Wir haben geheult wie die Schlosshunde und sie war happy, dass sie Erdbeeren in Schokolade bekommen hat“, erzählte er und nickte, als Dominik zu bedenken gab, dass Lilli sich in dem Fall aber keine Verletzungen zugezogen habe.

„Stimmt“, gab Frido zu „das hat sie zum Glück auch nicht, als sie Tim als Baby mal vom Wickeltisch gefallen ist. Dafür hat Juli sich als Kind mal das Bein gebrochen, als sie vom Pferd geflogen ist und ich bin mit ordentlichen Prellungen und Schürfwunden wieder unten angekommen, als ich mit neun Jahren die glorreiche Idee hatte, in die Tanne zu klettern, die früher bei uns hinterm Haus stand. Solche Sachen passieren und sie können jedem passieren. Egal, wie gut man aufpasst. Ist bei euch drei Chaoten doch bestimmt auch mal vorgekommen“.

Er legte den Kopf schief und betrachtete Dominik liebevoll, während der schluchzte und schniefte und erst recht reumütig blickte, als es plötzlich an der Tür klopfte und Juli den Kopf ins Zimmer steckte.

„Was… was ist los?“, war der Anlass ihres Erscheinens vermutlich nicht der, sich nach Dominiks Befinden zu erkunden und trotzdem zog er mit seiner Verfassung ihre Aufmerksamkeit auf sich. Und während er schon wieder anfangen wollte, sich zu entschuldigen, ergriff Frido auf andere Weise das Wort für ihn.

„Muss er sich Sorgen machen, dass ihr ihm Lilli künftig nicht mehr anvertraut?“, fragte er und auch, wenn Juli ob dieser Worte im ersten Moment irritiert schien, schüttelte sie den Kopf.

„Nein, natürlich nicht!“, trat sie dann ein und schloss die Tür hinter sich.

„Hey, Tim hats nicht so gemeint! Wir sind beide froh, dass du dich so gut um sie gekümmert hast. Ich… frag mich grad eher, ob du überhaupt noch Lust hast, noch mal auf sie aufzupassen“, grinste sie schief, ehe sie ihrerseits eine kleine Anekdote zu Lilli zum Besten gab.

„Ich war einmal mit ihr im Krankenhaus, weil ich dachte, sie hätte eine Nadel verschluckt, die meine Schwiegermutter verbummelt hatte. Stellte sich zwar zum Glück hinterher raus, dass das blöde Ding vom Abnähen noch in der Gardine steckte, aber trotzdem lagen die Nerven erst mal blank!“, gab sie zu und rieb Dominik über den Arm, als er sich ein wenig zu beruhigen schien. Er zitterte zwar von der abfallenden Aufregung, aber er nickte auch und war sichtlich froh, als Juli ihn fragte, ob sie ihn mal umarmen dürfe. Ihm war die Erleichterung anzusehen, dass sie ihm nicht böse war und ihr, dass dieses Erlebnis ihn nicht so traumatisiert hatte, dass nie wieder etwas von ihrer Tochter wissen wollte. Oder zumindest davon, mal ein Auge auf sie zu werfen. Denn um auf dieses Thema anzusprechen, war sie eigentlich in die Küche gekommen, wie sie zugab, als Dominik wieder etwas gefasster wirkte.

„Was du da vorhin im Auto gesagt hast…“, wendete sie sich allerdings Frido zu und lehnte sich dabei gegen die Arbeitsplatte.

„Tim und ich haben gerade beschlossen, dass wir uns gern noch ein bisschen allein unterhalten würden, bevor es für ihn zurück nach Hause geht und Mama und Papa abgeholt werden müssen. Könntet ihr vielleicht noch ein Stündchen oder zwei auf Lilli achten, während wir einen Spaziergang machen? Jetzt ist grad eigentlich ne gute Gelegenheit dazu. Vor allem, bevor doch wieder alle anfangen, sich einzumischen“, erkundigte sie sich und lächelte, als Frido nickte.

„Find ich ne gute Idee“, bestärkte er sie und betrachtete dann Dominik. Wollte er noch ein wenig für sich sein? Dann würde Frido einfach schon mal allein zurück ins Wohnzimmer gehen und auf Lilli achten, damit alle anderen etwas Zeit für sich haben konnten. Doch der Lockenkopf lehnte ab.

„Nein, ich komm mit“, stand für ihn fest. Also erhob er sich, tat einen tiefen Atemzug und folgte den Geschwistern dann in den Flur zurück. Und während Frido seine Nichte von ihrem Vater übernahm und das getrennte Paar sich bis später verabschiedete, konnte Dominik schon wieder ein wenig lächeln. Denn ja, begann er sich schüchtern einzugestehen, vielleicht hatte auch er sich heute ein bisschen wacker geschlagen.

27.12.2024: Feuerschein

So manch interessante Wendung und Konstellation hielt das Leben mitunter bereit. In der gesamten Zeit, die Juli ihren Exmann kannte und mit ihm zusammen gewesen war, hatte Frido hier und da vielleicht mal gute zehn Minuten allein mit Tim in einem Raum verbracht. Und nun würde er sogar eine ganze Stunde oder länger das Auto mit ihm teilen, weil Juli sich den Rückweg zugunsten ihrer Tochter ersparen wollte. Viel zu erzählen hatten die beiden Männer sich dabei nicht unbedingt, aber zumindest einte sie die Frage, was sie bei der Rückkehr in Tims Zuhause wohl erwarten würde. Einigkeit und Friede oder doch wieder Streit und Gezänk? Sie würden es erfahren. Und egal, was da käme, wusste Frido, dass er sich während seiner Reise wenigstens keine Gedanken über Dominiks Gemütszustand machen musste. Denn der hatte nicht nur bereits wieder ausgelassen mit Lilli spielen können, als Tim und Juli spazieren waren, sondern wurde auch jetzt noch mit geballter Frauenpower auf Trab gehalten. Schließlich war so sicher wie das Amen in der Kirche, dass Marianne und Fritz darauf bestehen würden, sich noch von ihrem Enkelchen zu verabschieden, wenn sie Frido vor ihrer Weiterfahrt wieder Zuhause absetzten. Also konnten Juli und Lilli auch einfach in dessen Wohnung darauf warten, anstatt den Großeltern einen weiteren Schwenk zu Julis vier Wänden abzuverlangen. Genug Fahrerei für einen Tag hatten sie schließlich auch so schon. Und als wäre es für Dominik nicht bereits überraschend, dass er abseits der üblichen Kinderbespaßung mal ohne Fridos Beisein so viel Zeit mit dessen Anhang verbrachte, klingelte es dann auch noch an der Tür.

„Die können doch eigentlich noch nicht zurück sein… und Frido hat seinen Schlüssel bei“, tauschte er daraufhin mit Juli irritierte Blicke aus, ehe er aufstand und in den Flur ging. Doch während Juli noch scherzte, dass ihre Eltern bestimmt schon zu Fuß den Rückweg eingeschlagen hatten, öffnete Dominik bereits mit einem verwunderten „Was macht ihr denn hier?!“ die Tür. Denn dort standen – die eine lächelnd und der andere breit grinsend – niemand geringeres als Niko und Tessa auf der Matte und bereits Nikos Gepäck beantwortete die Frage eigentlich von selbst.

„So, wie ich dich kenne, kannst du dich nicht entscheiden, was mit auf die Ausstellung darf. Also dacht ich, lad ich mich einfach fürs Fachsimpeln ein und arbeite nebenher an meinem eigenen Bild weiter“, hielt Niko im Zuge seiner Begrüßung einen Künstlerkoffer mit integrierter Staffelei hoch, wohingegen Tessa nur schmunzeln und den Kopf schütteln konnte. Und als wäre diese Situation nicht schon eigentümlich genug, fanden sie sich wenig später auch noch alle im Atelier wieder. Denn entgegen Nikos Annahme musste Dominik ja gestehen, dass er noch gar nicht so richtig mit vorzeigbaren Vorbereitungen begonnen hatte und so langsam aber sicher drückte der Termin dann doch ein wenig. Denn nein, auf „alten Kram“ wollte er nun wirklich nicht einfach zurückgreifen!

„...Nur war ich die letzten Tage kaum Zuhause. Wir waren fast ständig unterwegs“, erklärte er mit schiefem Grinsen und ließ den Part über seine ersten holprigen Schritte in Richtung Vernissage dabei geflissentlich aus. Gut nur, dachte er sich, dass er den Schlamassel in der Zwischenzeit wenigstens schon wieder aufgeräumt hatte. Somit konnte tatsächliche eine gewisse Gemütlichkeit einkehren, als sie kurzerhand die Matratze mitsamt einiger Kissen und Decken aus dem Schlafzimmer ins Atelier trugen und die dezenteren Flur- und Wohnzimmerleuchten an einen neuen Platz beförderten. Irgendwie musste sich in dem eher pragmatisch gehaltenen Raum doch ein Ambiente erschaffen lassen, bei dem alle, die nicht auf einen Platz an Schreibtisch oder Staffelei angewiesen waren, es ebenfalls bequem hatten. Drum setzten auch ein paar Kerzen mit ihrem Feuerschein die entsprechenden Akzente und das Gedudel einer Playlist untermalte die fröhliche Stimmung. Obwohl die Lieder bei all dem herrlichen Geschnatter kaum zu hören war. Schließlich gab es viel über die vergangenen Weihnachtstage zu berichten und einander besser kennen zu lernen, nachdem Juli und Niko sich nur einmal kurz und Tessa der Schwester ihres früheren Dozenten noch gar nicht begegnet war. Gleichzeitig schafften Dominik und Niko es aber trotzdem, auch ein bisschen an ihren Kunstwerken zu arbeiten. Wenn die redseligen Nachmittage im Atelier der Universität da mal keine gute Übung gewesen waren! Und wie schon Lillis kleiner Überraschungsbesuch dank Julis Blinddarmoperation bewiesen hatte, fanden sich in einem künstlerischen Umfeld eigentlich immer ein paar Utensilien zur Kinderbespaßung. Somit herrschte wenigstens hier ausgelassene Stimmung, während Frido und Tim derweil in ein Haus zurückkehrten, das von schneidender Stille durchzogen wurde. Da fragte man sich tatsächlich, was im Augenblick ihres Eintreffens mehr überwog: Die Erleichterung, noch einmal im Detail zu hören, dass Lilli auch wirklich wohlauf war oder das innerliche Ausschnaufen, nun endlich wieder getrennter Wege gehen zu können. Wobei Frido nach der scheinbaren Einigkeit von Tim und Juli bei deren Rückkehr vom Spaziergang hoffte, dass wenigstens sie aus dieser Situation wirklich etwas für sich mitnehmen würden. Aber da immerhin sein früherer Schwager und er es ohne Probleme schafften, einander zum Abschied die Hände zu reichen, entschied Frido, mit deutlich mehr Optimismus in die Zukunft zu schauen, als er es wohl noch zu Beginn dieses Tages getan hatte.

28.12.2024: brillieren

Und mit einem Schlag war das Chaos perfekt. Hatte er sich nicht gerade noch einen entspannten Ausklang dieses Tages erhofft, nachdem seine Eltern gleich im Anschluss an die Verabschiedung von ihrem Enkelchen wieder ihrer Wege gehen würden? Kein Gezeter mehr von seiner Mutter, das den gesamten Rückweg über noch einmal die Dummheit und Unmöglichkeit dieser „grenzdebilen Hornochsen“ hervorgehoben hatte. Kein resigniertes Aufdrehen des Radios durch seinen Vater mehr, der ja mittlerweile genau wusste, dass er bei solch einem Stimmungstief mit Beschwichtigungsversuchen nur auf Granit beißen würde – erst recht, nachdem Marianne sich angesichts Lillis „prekärer Lage“ bis zu Fridos Rückkehr in Zurückhaltung hatte üben müssen. War es also nach so einer Heimfahrt denn wirklich zu viel verlangt, sich auf die Couch fallen lassen und die Füße hochlegen zu wollen? Scheinbar ja, dachte Frido, als er jetzt in der Tür zum Atelier stand und erkennen musste, dass seine Ohren ihn nicht getäuscht hatten. Tatsächlich war das dumpfe Lachen und Geschnatter, das er schon beim Betreten des ersten Stocks vom Flurende her vernommen hatte, nicht aus der Nachbarswohnung gedrungen. Und selbst wenn seine Eltern in der Theorie vorher vielleicht wirklich noch vorgehabt hätten, sich nach einem kurzen „Tschüss“ direkt zu trollen, war dieser Plan nun definitiv hinfällig. Schließlich musste seine Mutter sich jetzt ja nicht nur auf Lilli stürzen, um ihren Arm und die Arbeit der Ärzte mit wenig fachmännischem Blick zu begutachten. Nein, ihr Enkelchen hatte in der Zwischenzeit ja auch ein bisschen Aquarellfarbe auf Blätter verteilt, die nun genauestens analysiert und gelobt wurden. Und obendrein musste man sich ja auch noch den unbekannten Gesichtern, die teilweise amüsiert, teilweise verwundert über das Erscheinen der Familie Klimlau schauten, vorstellen. Erst recht, wenn ihr Sohnemann zu unhöflich war, um das seinerseits zu tun! Ganz gleich, ob es daran lag, dass er erst einmal verdauen musste, in welcher Situation er sich nun wiederfand und was seinem Bauchgefühl deswegen bereits schwante. Und da begann es auch schon, was Frido befürchtet hatte: Die große Freude darüber, dass sich herausstellte, wer Niko und Tessa waren und das Palaver der stolzen Mutter im Angesicht der Studenten ihres Sohnes. Und inmitten dieser aufziehenden Katastrophe musste Frido beinahe loslachen. Nicht, weil es so amüsant gewesen wäre, sondern weil er sich innerlich selbst als Narren bezeichnete. Hatte er bisher wirklich gedacht, dass nur dieser eine Tag in der fünften Klasse peinlich gewesen wäre, an dem er sein Sportzeug vergessen hatte und Mutter Marianne dafür extra in seine Englischstunde gerauscht war? Dem war ja wenigstens noch gefolgt, dass danach nie wieder ein Sportlehrer einen so akribisch gehüteten Turnbeutel wie den des jungen Friedrich Klimlau gesehen hatte! Aber was brachte das jetzt? Gar nichts. Zumal er noch nicht einmal auf ein Klingeln zur Pause als Unterbrechung hoffen konnte. Stattdessen fühlte er sich selbst wie ein Lehrer, der einer Horde Schüler auf dem Pausenhof zuschaute und gleichzeitig derjenige war, auf den alle mit dem Finger zeigten. Selbst, wenn er nicht die ganze Zeit über Hauptthema ihrer Gespräche war. Aber überhaupt in den Fokus zu rücken war in dieser Konstellation und nach dem bisherigen Tagesverlauf schon hart an der Grenze von dem, was Frido noch ertragen konnte. Alle schnatterten sie durcheinander, fanden sich in kleinen Grüppchen wider, um dieses und jenes Thema zu bereden und durchmischten sich für den nächsten Diskussionsfaden dann wieder von neuem. Wie ging es Lilli? Wie fühlte sich Juli? Was war Frido denn für ein Dozent? Diese und andere Fragen verwebten sich im perfekten Themenbruch mit denen zum Ausbau des Dachbodens. Schließlich hatte Vater Fritz schon so einiges darüber gehört oder auf dem Smartphone gesehen, aber jetzt sah er zum ersten Mal auch live und in Farbe, was sein Sohnemann und Dominik da wirklich fabriziert hatten! Oh und das auch noch mit Unterstützung von Niko? Das wurde ja immer interessanter! Da konnte Fritz sich ja kaum entscheiden, ob die beiden jungen Männer in seinen Augen mehr durch ihr handwerkliches oder malerisches Geschick brillierten. Auf jeden Fall schien er begeistert.

„Ich hab ja gesagt, der Junge ist ne gute Partie! Halt den bloß gut fest, mein Sohn!“, schaffte er es drum auch im Alleingang, Dominik in Verlegenheit zu bringen und Frido vor dessen Studenten so zu loben, dass er sich fühlte, wie nackt vors Klassenzimmer drapiert. Doch weil das natürlich noch nicht reichte, musste jetzt auch noch Mutter Marianne ihrem Mann zur Seite springen, indem ihr auffiel, an wessen Staffelei Dominik da eigentlich saß. Und auch, wenn sie dabei noch kurz Interesse an dem entstehenden Kunstwerk auf dem hölzernen Gestell heuchelte, war schnell klar, dass es eigentlich nur um eines ging: Fridos Malerei. Wie tragisch, dass er damit hatte aufhören müssen, fing sie an und erinnerte sich daran zurück, wie gern sie ihm dabei zugeschaut hatte, als er noch selber an dieser Staffelei gestanden hatte. Und er? Was sollte er tun? Ihr etwa vor versammelter Mannschaft den Mund verbieten? Tessa und Niko schauten ja auch so schon verwundert von einem zum anderen und auch, wenn er deren Zurückhaltung kannte, war ein Aufbrausen gerade trotzdem nicht angemessen. Viel Lust, auf dieses leidige Thema einzugehen, hatte er aber auch nicht. Also versuchte er es mit kurz angebundenen Antworten und hoffte, dass sie eindeutig genug waren. Doch glücklicherweise war ja auch noch Juli da, die sich jetzt schützend vor ihn stellte, nachdem sie früher ja selber ins gleiche Horn wie ihre Mutter geblasen hatte.

„Ihr habt meine neue Küche noch gar nicht in echt gesehen! Und im Wohnzimmer hab ich auch ein paar Sachen umgestellt. Wollt ihr nicht noch einen kurzen Abstecher zu uns machen? Lilli muss ja auch eh bald ins Bett“, rief sie nämlich plötzlich aus und glücklicherweise lockte die Aussicht, das Enkelchen schlafen zu bringen, noch mehr, als den eigenen Sohn bloßzustellen. Also rissen Marianne und Fritz sich los – nicht sogleich, aber zumindest in Etappen – und im Gänsemarsch und nach vielen Verabschiedungen ging es aus dem Atelier heraus. Und so plötzlich, wie Dominik sich in diesem Tumult wiedergefunden hatte, saß er jetzt nur noch mit Tessa und Niko in dem Raum, während Familie Klimlau sich den Weg durchs Treppenhaus bahnte. Wie der Wirbelwind, der vor ein paar Minuten durch die Tür geweht kam, verschwanden sie jetzt wieder, um eine Schneise der Verwüstung – oder zumindest der verdatterten Blicke – zurück zu lassen.

„Kannst aufhören, so belämmert zu gucken. Sonst frieren dir noch die Mundwinkel fest“, bemerkte Niko darum auch lachend, als Dominik noch immer an diesem ganz natürlich wirkenden Grinsen festhielt, mit dem er sich über sein Unwohlsein hatte hinwegretten wollen. War es wirklich vorbei, schien er zu denken, während er nun mit einem Seufzen zusammensank und Tessa darüber nur schmunzeln konnte.

„Sorry… ich mag Fridos Eltern echt gern, aber…“, wollte er dann sagen, doch Niko unterbrach ihn.

„Sie sind echt gut darin, ihren Sohn vorzuführen?“, lachte er abermals, als sich da schon wieder dieses schiefe Grinsen auf Dominiks Gesicht schlich. Doch Tessa sah das Ganze recht pragmatisch.

„Was meinst du wohl, warum ich fürs Studium eine Uni ausgesucht hab, die möglichst weit von Zuhause weg liegt? Und warum Niko meine Eltern erst kennengelernt hat, als wir schon fast ein Jahr zusammen waren?“, gab sie zu bedenken und zuckte die Schultern, als Dominik sie verwundert anschaute. Na, das war natürlich auch eine interessante Erklärung für ihren früheren Ausspruch, dass es sich um ihre favorisierte Hochschule gehandelt habe.

„Da tun sich Abgründe auf, wie du merkst“, scherzte Niko hingegen und schien der Einzige in der Runde, der nicht peinlich berührt war, wenn es um seine Familie ging. Doch was sie alle einte war die Verwunderung bei der Entdeckung von Fridos künstlerischer Ader.

„Hat der noch nie gezeigt oder erzählt, dass er auch malt! Wusstest du das?“, fragte Niko drum unverhohlen und Dominik tat einen tiefen Atemzug, während er an die Situation zurückdachte, in der auch er diese Entdeckung gemacht hatte. Vor allem aber war es ein Seufzen darüber, dass Fridos frühere Werke selbst nach dem Ausbau des Dachbodens noch immer unangetastet und abgedeckt in der Ecke lagen – unbeachtet und inzwischen auch noch von Dominiks Bildern und Leinwänden zugestellt.

„Ja, ich wusste es, aber das ist etwas, über das er nicht gern spricht… Können wir vielleicht einfach das Thema wechseln, bitte?“, versuchte er also Fridos Wünschen gerecht zu werden und seine Freude trotzdem nicht vor den Kopf zu stoßen. Doch erleichtert durfte er wieder einmal feststellen, dass auf die Beiden wirklich Verlass war. Denn sie reagierten nicht eingeschnappt oder bohrten trotzdem nach, sondern fragten stattdessen, ob sie sich für heute vielleicht lieber zurückziehen sollten. Und während Niko bereits anfing, seinen Kram einzuräumen, war es ausgerechnet Frido, der sie vom Gehen abhielt.

„Ich muss mich für diesen Auftritt entschuldigen…“, kam er von der Verabschiedung zurück und lehnte sich erschöpft in den Türrahmen. Um Jahre gealtert wirkte er, als er sich das Gesicht rieb und dennoch schüttelte den Kopf, als Tessa meinte, dass sie sich auch auf den Heimweg machen wollten.

„Also meinetwegen müsst ihr das nicht. Ich hab grad eher gedacht, ob ich uns fix was von Albertos hole. Wär das was?“, zeigte er in Richtung genannter Pizzeria und musste schmunzeln, als vor allem Niko sofort von einem Ohr zum anderen strahlte. Na, das ließ er sich doch nicht zweimal sagen!

„Soll ich tragen helfen?“, war die geplante Abreise da ganz schnell in den Hintergrund gerückt und der Fokus auf wichtigere Dinge gelegt. Aber Frido lachte.

„Ich glaub, das schaff ich grad noch allein. Oder soll ich den ganzen Laden für dich leer kaufen?“, scherzte er und da rutschte Niko etwas heraus, das zum ersten Mal zwischen all diesem Chaos wirklich für einen Moment der Stille sorgte.

„Na, Tessa muss aktuell immerhin für zwei essen!“, scherzte er nämlich gerade noch, um dann ertappt in seiner Bewegung – dem erneuten Auspacken seiner Farbtube – innehielt. Sollte er das Tannengrün vielleicht doch ganz schnell wieder in seinen Künstlerkoffer schaffen, um schnellstens den Heimweg antreten zu können? Mit dieser Frage im Blick drehte er sich wie in Zeitlupe zu Tessa, der anzusehen war, dass seine Plapperei sie alles andere als begeistert stimmte. Doch trotzdem bestand sie nicht darauf, dass sie auf der Stelle gingen oder verpasste ihm gleich im Beisein von Frido und Dominik einen Rüffel. Nein, sie schloss nur einen Moment die Augen und atmete tief durch, ehe sie sogar einen Vorschlag zur Güte machte.

„Bis das erste Trimester überstanden ist, reden wir nicht über meine Schwangerschaft und im Gegenzug verkneifen wir uns die Frage, warum Sie nicht mehr malen, okay?“, blickte sie vor allem Frido an und auch, wenn der kurz brauchte, um trotz all seiner Verwunderung mit mehr als einem irritierten Starren zu reagieren, brachte er doch noch ein Nicken über sich.

„Ja… ja, klingt fair, find ich“, folgten dem dann auch noch ein paar Worte, während Dominik hingegen der Mund offen stand. Zumindest so lange, bis Niko ihm ein „Klappe zu! Sie meints ernst!“ zutuschelte und trotzdem einen scheinbar unbeobachteten Augenblick nutzte, um seine Freude mit einem kurzen High five teilen zu wollen. Doch die Strafe folgte auf dem Fuße.

„Wissen Sie was? Eigentlich kann Niko die Pizzen auch holen gehen“, meinte Tessa, während ihr Freund ertappt grinste und kleinlaut die Bestellungen aufnahm. Und auch, wenn er sich dann artig trollte, ohne weitere Faxen zu machen, war das Schmunzeln, das Frido und er sich im Vorbeigehen zuwarfen, mehr als eindeutig. Und obwohl es einen Moment brauchte, um nach dieser Unterbrechung wieder in ein entspanntes Geplänkel einzusteigen, durfte Frido feststellen, dass der restliche Nachmittag und Abend tatsächlich noch die Entspannung bereithielten, die er sich erwünscht hatte. Wenn auch nicht mit den Füßen auf der Couch, sondern zu Tessa auf die Matratze gelümmelt und statt durch die Berieselung vom Fernsehen durch den angenehmen Austausch mit seinen Studenten unterhalten zu werden.

29.12.2024: Generationswechsel

„Kommt gut nach hause!“

Mit einem Lachen verabschiedete er seine Gäste und schaute seinem Freund noch einen kurzen Augenblick lang dabei zu, wie er sie den Flur entlang und zur Haustür begleitete. Ein wenig eigentümlich fühlte es sich noch immer an, wenn seine Studenten ihn in seinen vier Wänden besuchten, auch, wenn es dabei vornehmlich um Dominik ging. Drum hielt der Dozent sich bei diesen geselligen Aufeinandertreffen meist auch im Hintergrund. Zwar versteckte er sich nicht oder verließ fluchtartig das Haus, wenn Niko und manchmal auch Tessa sich ankündigten, aber während er ihnen jetzt so nachblickte, stellte er fest, dass er sich zum ersten Mal so intensiv an einem dieser Treffen beteiligt hatte. Und wie gut es ihm getan hatte. Trotz der späten Uhrzeit fühlte er sich frisch und beflügelt und zugleich geerdet und entspannt. Lange hatte er diese Gefühle in dieser Konstellation und Intensität nicht mehr so gespürt wie jetzt. Selbst bei seinem geliebten Sport nicht oder beim Unterricht mit seinen Studenten und wenn er ehrlich war, unterschied sich dieses Hochgefühl sogar von dem, das beim Zusammensein mit Dominik verspürte. Wobei er das eine nicht mit dem anderen aufwiegen oder gar abwerten wollte. Sie waren verschieden, dachte er, und trotzdem spürte er, wie sehr es ihm gefehlt hatte, wieder so fühlen wie in diesem Augenblick. Doch statt sich der Melancholie und Sehnsucht hinzugeben, verfiel er sogar in ein Lächeln, als er sich von der Tür weg drehte. Es war wie früher, dachte er unwillkürlich beim Anblick der Matratze und Pizzakartons, die deren Ecken säumten. Selbst, wenn die Matratze früher eine senfgelbe Couch mit Flicken an den Armlehnen gewesen war und die Pizzakartons zumeist Alufolie von Dönerkäufen oder Kartons vom Chinarestaurant. Aber das Gefühl war das gleiche gewesen. Genauso wie im Studium, als er mit seinen Freunden zusammengesessen und philosophiert hatte. Sich über Projekte ausgetauscht, garniert von Anekdoten über Freunde, Familie, Dozenten und Kommilitonen. Eine Idee hatte die andere gejagt und trotz ihrer Blödeleien waren sie immer mit neu gefüllten Seiten in den Skizzenbüchern oder Kreationen auf den Leinwänden aus diesen Treffen heraus gegangen. Und selbst wenn die angefangenen Werke bei frischer Betrachtung am nächsten Morgen vielleicht nicht immer die herausragendsten gewesen waren, hatten sie oftmals einen wichtigen Grundstein für die spätere Ausarbeitung gelegt. Da musste Frido sogar jetzt noch drüber lachen, wenn er daran dachte, wie er sich nach so manch verqualmter und von schiefen Gitarrenmelodien begleiteter Nacht auf dieser potthässlichen Couch wiedergefunden hatte. Inmitten seiner Freunde, zu denen er zwar bis heute mitunter sporadischen Kontakt hatte – aber wie er jetzt feststellte, nur zu jenen, die wie er den künstlerischen Weg nicht mehr verfolgten. Und so wurde aus seinem gelösten Lachen ein zurückhaltendes Lächeln, an dem er allerdings weiterhin tapfer festhielt, als er mit einem Blick auf die Staffelei noch einmal in seine Erinnerungen abtauchte. Ein wenig absurd war es schon, dachte er sich, als er näher an sie herantrat. Hätte man ihn damals gefragt, wer sein treuester Begleiter wäre, hätte er ohne zu zögern den Namen seines Exfreundes genannt. Und nun war es ausgerechnet diese Ansammlung von Holzlatten geworden? Ein Geburtstagsgeschenk, das er einst von seinen Eltern bekommen hatte und das er vor lauter Kratzern, Macken und Farbflecken eigentlich nach seiner Ausstellung gegen eine neue Staffelei hatte tauschen wollen. Da empfand er es fast schon als grotesk, wenn er seine frühere Habseligkeit nun betrachtete und tatsächlich bei der einen oder anderen Schramme noch wusste, wie sie entstanden war. Hier von einem unvorsichtigen Transport mit Patricks VW-Bus, dort, als sie ihm beim Schleppen durch ein Treppenhaus weggefallen war, weil er sich mit anderen Utensilien übernommen hatte. Ja, er war nicht unbedingt immer pfleglich damit umgegangen, musste er sich jetzt eingestehen und erkannte dafür umso mehr, wie kostbar sie für Dominik war. Der hielt an dem alten Ding fest, obwohl Frido ihn sogar schon mal gefragt hatte, ob er sich nicht eine neue wünsche. Viel zu wertvoll schien sie für Dominik, fast so, als wäre sie ein altes Erbstück. Und plötzlich kam Frido der Gedanke, ob diese Staffelei nicht sinnbildlich für den Generationenwechsel stand, den er in seiner Beziehung erlebte. Einst hatte er voller Aufregung seiner ersten Ausstellung entgegengefiebert und jetzt tat Dominik es. Nur mit dem Unterschied, dass es dem deutlich leichter fiel, auf Ratschläge zu hören, die man ihm diesbezüglich gab. Denn was das anging, musste Frido zugeben, war er deutlich eigensinniger gewesen. Er hatte nicht nur beim Malen seinen eigenen Kopf gehabt, sondern auch bei seinen Vorstellungen, wie er seine Werke, aber auch sich selbst, dem Publikum zeigen wollte. Und während er sich im Geiste als rot gefärbten Lulatsch an der Staffelei stehen sah, verschwamm für einen Moment das Bild, an dem Dominik gerade arbeitete, mit dem, das Frido von einem seiner früheren Werken gerade in den Sinn kam. Er spürte sogar kurz einen Anflug von Ärger, als er seinen Pinsel greifen wollte und feststellen musste, dass einer seiner Freunde ihm wieder durch das Umplatzieren seines Handwerkszeugs einen Streich gespielt hatte. Doch als er dann zu dem scheinbar verlegten Pinsel auf seiner rechten Seite griff und beim Anheben spürte, dass die einstige Leichtigkeit in seinem Handgelenk verschwunden war, wurde der Zauber gebrochen. Ach ja, fiel es ihm wieder ein und mit einer tiefen Schwere, die all die erhellenden Gefühle von zuvor mit einem Streich hinweg wischte, ließ er den Pinsel sinken. Fast lieblos warf er ihn auf die Palette zurück, um sich davon zu befreien und seine Finger zu bewegen, damit sie mit dem Zittern aufhörten. Er presste die Lippen und Augenbrauen zusammen und wollte dieser Ansammlung aus Holz den Rücken zukehren, ehe seine Wut darauf zu groß würde. Doch bereits im Augenwinkel sah er ihn dabei dort im Türrahmen stehen, schweigend und den aufmerksamen Blick an ihn geheftet. Nicht wachsam, weil er um sein Gemälde besorgt schien, sondern fast schon darauf wartend, dass Frido es mit einem unbedachten Pinselstrich tatsächlich ruiniert oder zumindest die Arbeit von Stunden zurück auf den Anfang geworfen hätte. Doch bei genauerem Hinsehen meinte Frido zu erkennen, dass Dominiks Blick gar nicht wartend, sondern regelrecht lauernd war. So, wie bei allen anderen, die einst von Fritz K. Klimlau gewusst hatten! Also musste er schnell von sich ablenken, bevor Dominik tatsächlich noch den Mund öffnete und etwas zu seinem Treiben an der Staffelei sagte!

„Hast du deinem Vater eigentlich schon von dem Termin erzählt?“, wendete er seinen Blick zurück auf die Pizzakartons, die plötzlich danach schrien, weggeräumt zu werden. Genauso wie die Trinkgläser und das Besteck. Er wollte weder sehen, ob Dominik nun überrascht schaute, noch, ob seine Frage ihn womöglich sogar getroffen hatte. Er wollte nur hören, dass sein Freund darauf einging, während er selbst vor der Matratze in die Hocke ging und aufräumte. Und auch, wenn der Lockenkopf sich noch einen weiteren Moment lang in Schweigen hüllte, antwortete er dann tatsächlich, als wäre nichts gewesen.

„Nein, ich habs ihm noch nicht gesagt“, schob er die Hände in die Hosentaschen, während er sich an die Zarge lehnte und Frido beim Hantieren zuschaute.

„Ich trau mich nicht“, gab er dann zu, als der Ältere sich mit vollen Händen erhob und ihn endlich wieder anblickte.

„Wenn ich einfach anrufe, muss ich damit rechnen, dass Mama ans Telefon geht oder zumindest meine Nummer sieht. Ich weiß ja nie, wann Paps auf Baustelle ist und im Büro hat er sein Smartphone meistens nur auf dem Schreibtisch liegen. Und wenn ich hinfahre, dann muss ich erst recht davon ausgehen, dass Mama was mitbekommt“, sprach er weiter, während Frido näher auf ihn zuging und nickte.

„Und wenn du Heiner anrufst?“, schlug er stattdessen vor und blieb dabei vor Dominik stehen, der nun seinerseits nickte und nachdenklich zur Seite schaute.

„Hab ich auch schon überlegt. Der kann mir wahrscheinlich am besten sagen, wann ich Paps mal alleine erwischen kann. Und…“, er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich statt seitlich nun mit dem Rücken an die Türzarge „…und vielleicht ist die Chance dann auch größer, dass Paps tatsächlich zu dem Termin hingeht, wenn Heiner auch davon weiß“. Er seufzte aus, während Frido nickte.

„Ja, war recht deutlich, dass er dem Vorschlag mit einer Zweitmeinung eigentlich nur zugestimmt hatte, weil er eh nicht dachte, dass das zeitnah was wird“, murmelte er unter Dominiks bejahender Geste und schob diesen leisen Gedanken beiseite, der ihn daran erinnern wollte, wer von ihnen dieses Thema überhaupt gerade aufgemacht hatte.

„So oder so muss er sich der Sache ja stellen und wenn das erst Ende Januar bei der OP der Fall ist. Aber bei einer Zweitmeinung besteht ja die Chance, dass sie deutlich günstiger für ihn ausfällt – also spricht ja eigentlich nichts dagegen, sich das Ganze zumindest mal anzuhören. Die OP am offenen Herzen steht eh bereits im Raum, also kanns doch nur gleich bleiben oder sich sogar zum Besseren für ihn wenden, oder?“, konzentrierte er sich also lieber auf konstruktive und aufbauende Worte und konnte sogar lächeln, als Dominik wieder zustimmte.

„Siehst du? Und wenn er sich wirklich quer stellt, sagst du ihm das einfach genau so“, fand Frido damit auch einen treffenden Abschluss für seine Problemlösung, die ihn erleichtert und zuversichtlich stimmte. Nur leider musste er dann auch feststellen, dass man seine Worte durchaus nicht nur auf einen Hinrich Preuss anwenden konnte.

„Stimmt. Nur leider fällts manchen Menschen echt schwer, sich ihren Problemen zu stellen. Und dann haben sie so viel Angst davor, dass ihr Zustand sich vielleicht nicht ändern könnte, dass sie lieber gar nicht erst an einer Verbesserung arbeiten“, schwang da nämlich so eine Nuance in Dominiks Worten mit, bei der Frido nicht ganz sicher war, ob es sie wirklich gab oder ob er sie sich nur einbildete. So oder so sorgte sie allerdings dafür, dass er nun schnellstens diese verdammten Pizzakartons loswerden wollte.

„Hilfst du mir gleich mit der Matratze?“, fragte er also, während er sich an Dominik vorbeischob und wurde den Flur entlang von dessen „Klar“ begleitet. Er trug die Kartons in die Küche und rieb sich in einer unbeobachteten Sekunde das Gesicht, wohingegen sein Freund noch immer unverändert am der Türzarge lehnte, als er zurückkam. Dominik schaute ihn nur schweigend an, als Frido ein weiteres Mal an ihm vorbeiging und folgte ihm anschließend unter dessen Geplauder. Denn irgendetwas sagte ihm, dass er gerade keine Stille zwischen ihnen einkehren lassen durfte.

„Ich hab übrigens überlegt, dass wir uns noch eine kleine Couch hierfür holen sollten. Was hältst du davon?“, schlug er also vor, während sie die Matratze zurück an ihren angestammten Platz brachten und nickte zufrieden, als Dominik mit einem „Klar, können wir machen“ zustimmte. Und dann musste er kurz schmunzeln. Denn plötzlich kam ihm die Idee, dass es sogar ein senfgelbes Sofa werden könnte, das zwar schauderhaft hässlich wäre, aber mit all den gesammelten Erinnerungen trotzdem furchtbar liebenswert würde.

30.12.2024: Feuerwerk

Ausgeglichenheit – wichtig für die menschliche Psyche und auch für funktionierende Beziehungen. Oder nicht? Brauchte es nicht eine gewisse Ausgewogenheit, ob nun in Freundschaften, Familien oder Partnerschaften? Und wo fing Gleichgewicht an und wo hörte es aus? Musste es in allen Belangen vorhanden sein, stets und zu jeder Zeit? Oder war es nicht vielmehr normal, dass sich die Balance in Beziehungen wie auf einer Waage verhielt, in der mal die eine Waagschale und mal die andere etwas über oder unter dem Nullpunkt lag? Am Ende zählten doch nicht die einzelnen kleinen Fitzelchen, die zeigten, ob alles austariert war, sondern das große Ganze, das sich in Summe aus ihnen ergab. Oder nicht? Das war zumindest sein Gedankengang zu diesem Thema, aber was wusste ausgerechnet er schon von diesen Dingen, wenn man mal ehrlich war? Gegen ihn und seine Eigenbrötlerei wirkte doch selbst sein Vater mit dessen Vielzahl an berufsbedingten Kontakten wie ein Meister der sozialen Interaktion. Oder ein Dr. Ernest Landers, der die Menschen zuweilen sogar spielte wie ein Instrument. Wenn diese Männer sich nun Gedanken über ihr Beziehungsleben gemacht hätten und ob damit alles in Ordnung war – aber dass ausgerechnet er das nun tat? Schließlich konnte er ja schon froh sein, überhaupt eine Liebesbeziehung zu führen. Und dann auch noch eine mit diesem tollen Mann, der gerade so unbedarft neben ihm lag und schlief, währen er selbst schon wieder seinen Grübeleien nachhing. Was war eigentlich verkehrt mit ihm, dass er ständig alles und jeden hinterfragen musste?

„Halt die Klappe!“, rügte er sich darum im Geiste, aber sein Kopf wollte nicht gehorchen. Stattdessen fragte er sich jetzt sogar noch, ob es ihre Beziehung auf Dauer zu sehr belasten könnte, dass Frido nicht mehr malte. Ähnlich, wie nach der Sache mit Berlin, nur vielleicht noch viel weitreichender. Aber nach Berlin hatte sein Freund sich doch auch wieder gefangen. Oder nicht? Warum also musste er selbst nun wieder Probleme sehen, wo wahrscheinlich gar keine waren? Ja, er hatte Frido an der Staffelei beobachtet und dessen Frustration erkannt, aber hieß das wirklich, dass er dem Malen immer noch nachtrauerte? Vielleicht waren ihm auch einfach wieder die anstrengenden Stunden im Kreise seiner Verwandtschaft eingefallen und das zufällig in dem Moment, in dem er sich an der Staffelei wiedergefunden hatte. War es also wirklich fair, dass er, Dominik, sich ausgeschlossen fühlte, weil er selbst immer mehr lernte offen zu kommunizieren und Frido sich bei diesem einen kleinen Thema so verschlossen zeigte? Er wusste doch selber, wie schwer es manchmal fallen konnte, über gewisse Dinge zu sprechen. Da war er doch wirklich der Letzte, der irgendwelche Forderungen stellen durfte. Besonders, wenn man betrachtete, dass Frido ansonsten über alles andere freiweg von der Leber redete – zumindest, soweit Dominik das einschätzen konnte. Aber war das beste Beispiel für diese Annahme nicht, dass sein Freund trotz aller Müdigkeit noch am Abend angefangen hatte, von den Erlebnissen des Tages zu berichten? Sogar so lange und so ausführlich, dass er darüber selbst eingeschlafen war, weil die Erschöpfung am Ende doch gesiegt hatte.

Also fragte Dominik sich ein weiteres Mal, ob er Frido gegenüber ungerecht war, während er den Blick von der düsteren Zimmerdecke auf dessen Konturen richtet, die sich schemenhaft vom Fenster abhoben. Oder war er einfach nur unfähig? Weil er es nicht schaffte, in allen Belangen richtig für Frido da zu sein? Warum brachte er seinen Freund nicht dazu, sich seinen eigenen Problemen zu stellen, wenn er doch sogar von außen sah, wie sie ihn belasteten? Einerseits hatte er in der Vergangenheit immer mal wieder darüber nachgedacht, ob Frido einen kleinen Tritt in den Hintern von ihm brauchte. Aber andererseits wusste er ja auch selbst, wie wenig es für gewöhnlich half, wenn man sich zu etwas gedrängt fühlte. Das führte zu nichts, außer Streit und Zerwürfnissen und die wollte er nun wirklich nicht provozieren. Brauchte Frido also vielleicht auch einfach nur etwas mehr Zeit? Immerhin hatte er den Pinsel ja sogar von selbst gegriffen! Oder redete er, Dominik, sich gerade nur mal wieder in irgendetwas hinein? Vielleicht. Aber sein Kopf wollte einfach nicht davon ablassen. Egal, wie frustrierend es war und welche Ausmaße es annahm.

Warum konnte er nicht ein bisschen mehr wie seine Mutter sein, fragte er sich jetzt sogar und seufzte dabei aus. Nach außen hin wirkte sie vielleicht manchmal, als müsse sie sich Hinrich in allen Belangen des Lebens unterordnen, aber wenn man hinter die Fassade blickte, konnte man durchaus mehr als diesen Schein erkennen. Dass sie auf ihre Weise in der Lage war, mit Engelszungen auf ihren Mann einzuwirken, zum Beispiel. Oder dass sie ihm im Hintergrund den Rücken stärkte, während er nach außen hin allen den starken Mann präsentierte. Aber wenn Dominik mal ganz ehrlich mit sich war, dann zählte bei seiner Mutter doch auch nicht, dass sie diese Unterstützung nicht immer und ausnahmslos bewerkstelligt bekam. Oder? Es machte sie nicht automatisch zu einer schlechten Mutter, weil sie ihm als Kind nicht immer die Unterstützung so hatte bieten können, wie er sie gebraucht hatte. Man musste ihr doch zugestehen, dass sie selbst teilweise völlig überfordert gewesen war. Von den Erwartungen ihres Schwiegervaters, der Unterstützung für ihren Mann und ihrer Aufgabe als dreifache Mutter, Hausfrau und gute Seele der Firma. Am Ende änderte das aber nichts an ihrer Liebe für ihren Mann oder ihre Kinder. Und das war doch das Wichtigste, nicht wahr? Denn genauso bedeutete es, dass er selbst kein schlechter Partner war, nur, weil sein Frido sich ihm gegenüber bei gewissen Themen nicht öffnen konnte. Richtig? Aber warum fühlte er sich dann trotzdem so nutzlos? Vielleicht, weil er ständig nahm, aber nicht einmal diese Kleinigkeit zurückgeben konnte? Ein Paar offener Ohren und eine helfende Hand, die sein Freund gern in Anspruch nahm, so, wie sein Vater sich in einem scheinbar unbeobachteten Augenblick gerne mal erschöpft an seine Frau kuschelte und wusste, dass für diesen kleinen Moment einfach mal alles gut war.

„Au man…“, ließ Dominik seine Frustration dieses Mal nicht nur im Kopf, sondern machte ihr auch mit einem leisen Murmeln Platz. Er setzte sich auf, schaute abermals zu Frido und ein Schütteln bewegte seinen Kopf. War es wirklich ein Wunder, dass sein Freund ihn nicht als starke Schulter sah, an der er sich anlehnen oder sogar ausweinen konnte? Denn wenn er mal ganz ehrlich mit sich war, dann musste er doch zugeben, dass es in all den Differenzen, die sein Leben durchzogen, immer er selbst die Konstante gewesen war. Er hatte doch schon über Jahre hinweg für Unfrieden in seiner Familie gesorgt – warum also musste er das nun auch noch zunehmend beim Seelenleben seines Freundes tun? Warum konnte er es nicht einfach gut sein lassen? Nur, weil ihm ständig dieses Gefühl im Bauch rumwanderte, das ihm sagte, dass er Frido helfen musste? Dabei hatte der doch gar nicht nach Hilfe gefragt, dachte Dominik und spürte, wie ihm eine andere Erkenntnis in den Sinn kam: Hatte sein Vater denn darum gebeten? Nein, eigentlich auch nicht. Zumindest nicht so richtig und trotzdem brauchte er manchmal eine helfende Hand, selbst, wenn er es nicht gern zugab. Was war es also, dachte Dominik und rieb sich das Gesicht. Hörte er bloß die Flöhe husten oder projizierte er die Sorgen um seinen Vater womöglich auf Frido? Es waren Fragen, auf die er keine Antworten fand und bei denen er auch nicht wusste, wer ihm bei dieser Suche vielleicht helfen könnte. Also rutschte er schließlich aus dem Bett, bevor er Frido am Ende noch weckte, falls seine Selbstgespräche weiter vom Inneren nach außen drängen. Er schlich aus dem Schlafzimmer und der Wohnung und verkroch sich in seinem Atelier. Wenigstens etwas Produktives wollte er machen, wenn er es schon nicht schaffte, bei seiner Grübelei auf hilfreiche Ansätze zu kommen. Und während er über Stunden hinweg Pinselstrich für Pinselstrich mit neuen Ideen und alten Überlegungen jonglierte, war er fast schon froh, als der Morgen schließlich so weit vorangeschritten war, dass er guten Gewissens zum Handy greifen konnte. Denn wenn er es schon nicht schaffte, für Frido eine Unterstützung zu sein, dann wenigstens für seinen Vater. Oder? Zu irgendwas musste er doch gut sein, dachte er und just in dem Moment, in dem er seinen Pinsel beiseite legte, kam ihm endlich ein Einfall, der nicht nur völliger Käse war.

„Ja, das wäre ne Möglichkeit…“, murmelte er dabei voller Verwunderung über sich selbst und spürte doch eine gewisse Erleichterung, auch, wenn ihm der schwerste Teil jetzt noch bevorstünde. Aber gleichzeitig keimte ebenso diese kleine Hoffnung in ihm. Wenn er einen Schlachtplan entwickeln konnte, um seinem Vater zu helfen, dann käme ihm früher oder später vielleicht ja doch noch die zündende Idee für Frido? Aber eins nach dem anderen, dachte er sich und tippte auf das Handy.
 

„Guten Morgen“, dauerte es dann noch weitere zwei Stunden, bis Frido sich mit einem leisen Klopfen und dieser Begrüßung zurück aus dem Land der Träume meldete. Aber das war nicht schlimm. Schließlich hatte er noch Zeit, dachte Dominik sich und das nicht nur mit Blick auf sein Gemälde, das inzwischen in den letzten Zügen lag.

„Morgen. Gut geschlafen?“, konnte er sich also ganz entspannt seinen Kuss abholen und die Arme um Frido schlingen, um ihm eine kleine Kuscheleinheit zu schenken. Der grinste und nickte, während sein Lockenkopf lächelte.

„Hab ich, aber du bist schon wieder fleißig, wie ich sehe. Da krieg ich ja langsam ein schlechtes Gewissen, wenn ich immer so lange penne“, grinste der Ältere und strich seinem Freund durchs Haar, als der den Kopf schüttelte.

„Brauchst du nicht. Ich musste eh noch was vorbereiten… Kann ich mir das Auto leihen? Ich hab mir überlegt, dass ich persönlich mit Paps rede und nicht nur am Telefon“, erklärte er, woraufhin Frido zwar verwundert die Augenbrauen hob, aber auch sofort nickte.

„Klar, kannst du haben, kein Problem. Wann willst du denn los?“, fragte er und nickte wieder, als Dominik meinte, dass er nur noch ein paar kleine Details am Bild ergänzen wolle.

„Das kann dann in der Zwischenzeit schon mal trocknen. Und wenn ich nachher wieder komme, setz ich mich direkt an das zweite“, beschloss er und musterte sein fast vollendetes Werk. Frido aber betrachtete lieber den Künstler selbst.

„Sag mal, hast du eigentlich schon gefrühstückt?“, fragte er angesichts der Erschöpfung in Dominiks Gesicht, doch der lachte nur und gab ihm einen weiteren Kuss auf die Wange.

„Klar! Gut gestärkt und das Geschirr sogar schon wieder abgewaschen und zurück in den Schrank gestellt“, log er mit einem Grinsen, denn wenn er ehrlich gewesen wäre, hätte er zugeben müssen, dass ihm angesichts des bevorstehenden Gesprächs mit seinem Vater speiübel war. Also blieb er dabei, dass er Frido nur kurz Gesellschaft leisten wollte, während der sich sein Müsli schmecken ließ und dann, sobald das Bild fertiggestellt war, losfuhr. Er wollte auch nicht, dass Frido ihn begleitete. Immerhin hatte der in den letzten Tagen schon genug Sorgen und Probleme gehabt! Also sollte wenigstens einer von ihnen endlich mal ein bisschen ausspannen können, fand er – selbst, wenn er das alles nur im Stillen dachte, ohne, es seinem Freund auch mitzuteilen. Stattdessen hing er der Fahrt über lieber weiterhin seinen Gedanken nach und kam dabei zumindest auf eine Schlussfolgerung: Wahrscheinlich bezog Frido ihn in manche Themen einfach deshalb nicht ein, weil er so eine Mimose war. Ein Grund mehr also, dachte er, dass er ihm beweisen musste, wie gut er die Situation mit seinem Vater dieses Mal gehändelt bekäme! Ohne Heulkrämpfe, Geschrei oder Nervenzusammenbrüche! Aber hätte er Frido dafür nicht am besten doch mitnehmen sollen? Damit der das Ganze live und in Farbe verfolgen konnte? Dominik seufzte ein weiteres Mal aus und rieb sich den Nacken, während er in die Straße zur Klempnerei einbog. Er hatte Kopfschmerzen und war müde. Wie gut, dass seine Mutter den Kaffee bereits wie immer parat stehen hatte und sein Adrenalin alles andere regelte. Denn jetzt kam es drauf an: Akt Eins seines kleinen Theaterstücks begann und musste ohne jede Probe auskommen.

„Mit dir hab ich dieses Jahr ja gar nicht mehr gerechnet!“, schmunzelte seine Mutter bereits, als er die Klempnerei betrat und fiel ihm trotzdem zur Begrüßung in die Arme. Glücklich, ihn zu sehen, war sie, aber auch ein wenig besorgt, dass er so blass aussah. Doch Dominik winkte nur ab.

„Ach, ich hab mich die letzten Tage im Atelier verschanzt, das ist alles“, witzelte er, um dann auf sein Anliegen zu sprechen zu kommen, kaum, dass er Platz genommen und Rosanna die Kaffeetassen hervorgeholt hatte.

„Mama, ich bin das erste Mal bei einer richtigen Ausstellung mit bei. Zusammen mit ein paar anderen Künstlern zwar, aber ich wollte euch das trotzdem gern persönlich erzählen“, begann er ohne Umschweife und konnte auch bei all der Aufregung nicht verleugnen, dass er ebenfalls ein bisschen Stolz verspürte, als er die Freude seiner Mutter sah.

„Ich verstehs, wenn ihr es zeitlich nicht schaffen könnt, aber ich wollte euch wenigstens erzählen, wann…“, wollte er dann weitersprechen, doch längst umarmte ihn seine Mutter und drückte sich an ihn.

„Für deinen Vater kann ich nicht sprechen, aber ich komme ganz bestimmt“, versprach sie und Dominik musste zugeben, dass er nicht wusste, wer von ihnen gerade gerührter war. Und dann ließ er sich sogar dazu hinreißen, ein bisschen ins Geplauder zu verfallen, ihr Näheres von der Ausstellung zu erzählen und seinerseits hören zu wollen, wie der Besuch bei seinem Großvater gelaufen war. Es wurde zu einem wohltuenden Geplänkel, das ihn fast von seiner eigentlichen Aufgabe abgelenkt hätte. Doch glücklicherweise fiel ihm dann doch wieder früh genug ein.

„Wo sind die anderen eigentlich? Alle auf Baustelle?“, erkundigte er sich darum scheinbar beiläufig und nickte, als seine Mutter berichtete, dass alle Angestellten und selbst Heiner und Sebastian zwischen den Jahren frei hatten.

„Die beiden haben zwar Rufbereitschaft, aber alles, was euer Vater allein hinbekommt, macht er selbst“, erzählte sie und schaute ihn verblüfft an, als Dominik auch noch fragte, wo er seinen Vater denn finden könne.

„Ich würd ihm das mit der Ausstellung gern auch selbst erzählen“, verriet er im gleichen Atemzug und grinste schief, als er sah, wie seine Mutter bei diesem Ausspruch dahinschmolz.

„Ich geb ja zu, dass ich mir ein paar Gedanken gemacht hab, als Hinrich Frido an Heiligabend rauszitiert hat, aber wie ihr dann später alle so schön da zusammengestanden habt… Da ist mir so richtig das Herz aufgegangen, dass ihr euch endlich wieder besser versteht“, lächelte sie glücklich, während Dominik fast ein „Wenn du wüsstest“ rausgerutscht wäre. Und damit das nicht tatsächlich noch passierte, machte er sich nun schnell wieder auf den Weg. Immerhin wohnten die heutigen Kunden von Preuss und Söhne nur eine gute halbe Stunde Fußmarsch entfernt und die Mittagspause rückte immer näher. Ideal also, um einen kleinen Spaziergang zu machen – und damit die Nerven hoffentlich ein wenig beruhigt zu bekommen. Selbst, wenn seine Mutter über diese Idee nicht ganz so erfreut war.

„Pass aber auf. Einige können mit dem Feuerwerk mal wieder nicht bis Silvester warten. Ich hab gestern schon die ersten Böller in der Nachbarschaft gehört“, meinte sie und seufzte aus, als Dominik sich diesbezüglich herzlich entspannt gab und es auch tatsächlich war. Immerhin hatte er gerade ganz andere Sorgen. Was war ein Knallfrosch schon gegen den möglichen Wutausbruch eines Hinrich Preuss? Also verabschiedete er sich bis später, schob die Hände in die Jackentaschen und machte sich flotten Schrittes auf den Weg. Und auch, wenn er sich dabei die ganze Zeit über selbst Mut zuredete, war er doch froh über den Beistand den er hatte. Selbst, wenn er fürchtete, dass auf den im Notfall nicht allzu viel Verlass wäre. Aber immerhin gab er ihm wenigstens das Gefühl von Rückendeckung, als er die letzte Abbiegung nahm und aus dem Schatten einiger Häuser heraus dem Wagen seines Vaters entgegen trat. Und dann brauchte er doch einen kurzen Moment, um sich zu sammeln. Was, wenn es nicht klappte, fragte diese kleine Stimme in seinem Kopf und er spürte, wie ihm die Angst die Kehle zuschnürte. Aber dann atmete er tief durch, einmal, zweimal, dreimal und trieb sich schließlich mit einem entschlossenen Nicken selber in den Kampf.

„Also dann… Wünsch mir Glück“, murmelte er und stapfte wieder los, geradewegs auf den Wagen zu, an dem er eigentlich nur warten wollte, bis sein Vater zur Pause käme. Doch beim Näherkommen musste er feststellen, dass Hinrich Preuss sogar schon darin saß und seine Stulle umklammert hielt. Also gut, dachte Dominik sich bei diesem Anblick, dann musste es halt so gehen. Und vielleicht war es sogar noch besser als sein ursprünglicher Plan, seinen Vater auf offener Straße anzusprechen. Drum riss er die Beifahrertür auf und setzte sich einfach zu ihm, während Hinrich Preuss seinen Sohn wenig überraschend sehr verdutzt anguckte und seine Verwunderung mit einem beherzten „Was machst du denn hier?!“ kund tat. Doch während ihm fast der Käse vom Brot fiel, war Dominik plötzlich die Ruhe selbst. Er wusste ja, was er wollte und hatte sich genug Szenarien ausgemalt, um dieses Ziel auch zu erreichen.

„Hi Paps. Wenn Mama fragt, dann hab ich dir erzählt, dass Ende nächster Woche eine Ausstellung bei uns in der Stadt eröffnet und dass ich mit dabei bin. Ist… übrigens wirklich so. Also, wenn du zufällig Zeit hast, würd ich mich freuen, wenn du kommst. Aber ich hab auch noch was anderes für dich“, holte er sein Handy hervor und fummelte den Klebezettel unter dessen Hülle hervor, um ihn seinem Vater hinzuhalten, der jetzt noch skeptischer schaute, obwohl Dominik nicht gedacht hätte, dass das wirklich ginge. Drum gab es auch erst einmal ein argwöhnisches „Was ist das?“ zu hören, ehe Hinrich Preuss auf Dominiks Aufforderung hin tatsächlich nach diesem ominösen Fetzen Papier griff und ihn las. Einmal, zweimal, dreimal, ehe er ihn genauso wie seine Mundwinkel sinken ließ, während sich im Gegenzug die Schultern hoben.

„Kenn ich nicht!“, war seine erste Schlussfolgerung, als er seine Stulle zurück in die Brotdose legte, um sich frei bewegen zu können, als er die Arme vor der Brust verschränkte. Er richtete den Blick aus dem Fenster und runzelte die Stirn, während Dominik ihn betrachtete und sich fragte, ob er gerade mit einem erwachsenen Mann oder der kleinen Lilli sprach.

„Ich kenn ihn auch nicht, aber wenn Ernest sagt, dass das ein guter Kardiologe ist, dann vertau ich ihm“, versuchte er es zwar mit den gleichen Engelszungen, die bei Lilli manchmal Wunder wirkten, aber bei seinem Vater eher auf taube Ohren stießen. Klang er einfach zu müde und dadurch gelangweilt? Oder lag es daran, dass er nicht seine Mutter war? Wer wusste es schon, dachte er sich, während er geduldig anhörte, was sein Vater nun zu meckern hatte.

„Schön für dich, ich kenn ihn aber trotzdem nicht!“, sprudelte es nämlich sofort aus dem heraus, gefolgt von einem „Und auf das Gerede von eurem Quacksalber geb ich auch nichts! Da ist doch was faul, wenn der Typ so wenig zu tun hat, dass er so freigiebig mit seinen Terminen ist! Vor allem so kurzfristig auch noch!“.

Dominik seufzte innerlich aus und doch versuchte er sich nicht anmerken zu lassen, wie erschöpft er sich bereits jetzt fühlte, obwohl die Diskussion gerade noch in ihren Anfängen lag.

„Was hast du eigentlich zu verlieren? Außer vielleicht ein paar Minuten Zeit?“, versuchte er also noch einmal in Ruhe an seinen Vater zu appellieren und nickte langsam, als der mit dem Totschlagargument schlechthin kam: „Zeit, in der ich Geld verdienen kann!“.

Na schön, dachte sein Sohn sich da und ließ seinen Vater dieses Mal auch hören, wie er seufzte. Bei aller Liebe, aber irgendwann reichte es auch mal.

„Paps, jetzt ist aber mal gut. Wenn du im Krankenhaus bist, musst du auch ein paar Tage aussetzen. Oder schieben die dich in die Küche, damit du am besten währen der OP nebenher noch ein bisschen den Siphon der Spüle tauschen kannst?“, konnte er sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen und ja, wie sollte es auch anders sein? Natürlich wurde sein Vater daraufhin nun erst recht sauer.

„Jetzt pass mal auf! Deine frechen Kommentare kannst du dir sparen! Das entscheide ich immer noch selbst, ob ich da hin gehe und wo ich mich untersuchen lasse! Haben wir uns verstanden?!“, blökte er also los und zerknüllte sogar den Zettel, um ihn Dominik vor die Füße zu werfen. Doch auch, wenn der ihn jetzt am liebsten als sturen Esel bezeichnet hätte und ausgestiegen wäre, hob er nur das unschuldige Stückchen Papier auf, strich es wieder glatt und betrachtete seinen Vater einen Moment lang schweigend, während der sich seine Knifte schnappte und weitermampfte. Nein, was konnte er dabei prima ignorieren, dass sein Sohn noch immer neben ihm saß und konzentriert die Straße vor sich im Blick behalten. Selbst, wenn es da eigentlich nicht viel zu sehen gab, außer ein paar Häusern, Autos und Straßenlaternen, die sich mit Randbepflanzung abwechselten. Aber alles andere war gerade spannender als Dominik zu lauschen. Besonders, weil der jetzt tatsächlich noch mal dazu ansetzte, etwas zum Lauschen zu bieten.

„Paps, du hast nichts zu verlieren. Bestenfalls schlägt er dir einen Eingriff vor, der weniger invasiv ist und schlimmstenfalls bleibt es dabei, dass die OP am offenen Herzen deine beste Option ist. Und genauso ist es mit dem Arzt selbst. Wenn er einen guten Eindruck macht, lässt du den Eingriff bei ihm durchführen und wenn dir dein bisheriger Kardiologe mehr zusagt, dann gehst du einfach wie geplant zu ihm. Es zwingt dich hier doch keiner zu irgendwas…“, gab er zu bedenken und hielt seinem Vater den knittrigen Zettel wieder hin, um dann vielleicht doch ein bisschen zu ungeduldig zu werden. Denn statt sich darüber zu freuen, dass er wenigstens schon mal wieder einen kleinen Seitenblick erhielt und ansonsten abzuwarten, wie die Reaktion vielleicht noch weiter ausfiel, sprang ihm plötzlich sein Trotz zur Seite und übernahm für ihn das Reden.

„Wobei, das stimmt nicht so ganz…“, sagte er nämlich plötzlich und schaffte es, mit dem, was nun folgte, seinen Vater erst recht auf die Palme zu bringen.

„Wenn du den Termin nicht wahrnimmst, dann schleif ich dich persönlich da hin! Und dann ist mir auch scheißegal, ob Mama was mitbekommt und erst recht, ob du dann deswegen wütend auf mich bist!“, trug er vielleicht doch ein bisschen zu viel des Preuss'schen Dickschädels in sich und musste sich nun der leidvollen Aufgabe stellen, sich diesbezüglich mit seinem Vater zu messen.

„Jetzt reichts mir aber langsam! Treib es nicht zu weit, Dominik! Ich bin dein Vater und du hast mir gar nichts vorzuschreiben! Und unter Druck setzen lass ich mich von dir erst recht nicht!“, stierte der seinen Sohn nun umso wütender an und verteilte beim Sprechen ein paar Krümel im Wagen. Aber immerhin zeigte er wieder eine richtige Reaktion. Auch, wenn fraglich war, ob Dominik sich diese Art von Rückmeldung gewünscht hatte. Drum haderte er auch wieder mit sich, seinen Vater mit einem Maultier zu vergleichen, während er einen Moment Stille einkehren ließ, in dem er dem verärgerten Blick seines Gegenübers stand hielt, bis es sich schnaubend zurück an seine Stulle begab.

„Ich will nur, dass du dich an dein Wort hältst!“, ließ sein Sohn ihm dabei allerdings nicht die gewünschte Ruhe und auch, wenn Hinrich Preuss genervt war, blieb ihm erst mal nur ein weiterer brüskierter Blick. Ahnte er vielleicht schon, was nun käme? Und viel schlimmer: Dass sein Sohnemann sich den Mund wohl nicht einfach verbieten lassen würde?

„Du hast Heiligabend gesagt, wenn wir einen Termin organisiert kriegen, der vor der OP stattfindet, dann gehst du da hin. Und den haben wir jetzt. Also steh auch dazu, was du gesagt hast. Das erwartest du von Heiner, Basti und mir doch auch immer, oder nicht?“, hielt er ihm noch immer diesen verdammten Zettel unter die Nase und gab sich nicht einmal von einem gepflegten „Du gehst mir auf den Geist!“ geschlagen.

„Ist mir egal“, entgegnete der Lockenkopf stattdessen und seine Mundwinkel zuckten, als sein Vater den Wisch nach einer gefühlten Ewigkeit doch wieder an sich nahm und ihn dieses Mal nicht durchs Auto katapultierte. Stattdessen stopfte er ihn murrend in die Brusttasche seines Blaumanns. Hatte er nun endlich seinen Frieden, verriet sein Gesichtsausdruck. Aber nein, stattdessen musste er seinen Sohnemann auch noch mit einem empörten Blick abkanzeln, als der sich obendrein rausnahm, ihm anerkennend auf die Schulter zu klopfen. Nun wurde ihm dieses freche Treiben aber doch langsam zu bunt!

„Guten Rutsch. Wir sehen uns nächstes Jahr“, stieg Dominik dann allerdings aus, um den Bogen nicht noch mehr zu überspannen und grinste leicht, als er von seinem Vater ein knappes, wenn auch irritiertes Nicken geschenkt bekam. Doch selbst da bekam Hinrich Preuss nicht die Gelegenheit, sich wieder in aller Ruhe seinem Butterbrot zuzuwenden. Nein, stattdessen riss Dominik die Tür genauso schnell wieder auf, wie er sie gerade noch geschlossen hatte. Ja, war der denn heute nur auf Krawall aus, schien Hinrich Preuss’ Blick zu schreien, während seine Stimme sich mit einem „Was denn noch?!“ begnügte. Aber dann wurde aus Abwehr Verwunderung und vielleicht ließ er vor Entsetzen sogar seine Stulle in die Brotdose fallen. Doch das sah Dominik nicht mehr. Denn er schloss die Autotür wieder und ging nun tatsächlich seiner Wege, um seinen Vater nach einem schüchternen „Übrigens, Paps, ich hab dich lieb“ nicht noch mehr aus dem Konzept zu bringen. Und dann ging er zurück zu der Häuserecke, von der er zuvor gekommen war, bog wieder in die kleine Straße hinein und ging die ersten Meter des Malvenweges entlang. So weit, bis er sicher war, nicht mehr von seinem Vater gesehen zu werden. Weder er, noch seine heimliche Begleitung, die qualmend an der Hauswand lehnte, gegen die auch er sich nun sinken ließ. Doch hielten seine Knie dabei nicht mehr stand, sondern ließen ihn zu Boden rutschen. Aber das war gerade egal.

„Warum muss das bloß immer so anstrengend mit ihm sein…?“, murmelte er und schloss einen Moment die Augen, während er das Gefühl hatte, dass sein Kopf jede Sekunde platzen würde und er gleichzeitig nicht sicher war, ob sein Magen das bisschen Kaffee von vorhin doch noch loswerden wollte. Da konnte man ja fast auf die Idee kommen, sich auch das Rauchen anzugewöhnen. Zumindest, um etwas zu haben, an dem man sich in solchen Momenten festhalten konnte.

„Kennst ihn doch“, war es vielleicht auch etwas, das einem eine gewisse Gleichgültigkeit verlieh. Doch während Heiner den Zigarettenstummel ausdrückte und in seine Hosentasche steckte, wurde Dominik allein von dem Geruch noch mehr schlecht. Also ließ er die Finger vielleicht doch lieber von dem Zeug und hielt sich lieber an seinem Bruder fest, der ihm die Hand reichte, um ihn wieder auf die Füße zu ziehen.

„Und? Geht er hin?“, fragte er dabei allerdings auch und bekam von Dominik dafür die wohl ehrlichste Antwort, die er geben konnte: Ein Schulterzucken.

„Ich denke, schon…“, ergänzte er im Anschluss allerdings auch und fühlte sich noch immer etwas wackelig auf den Beinen, während er mit Heiner den Rückweg antrat.

„Den Zettel hat er jedenfalls und ich hab ihm auch gesagt, dass ich ihn notfalls selbst da hin schleif… Er braucht von hier aus etwa ne dreiviertel Stunde, um zur Praxis zu fahren. Also muss er spätestens um eins los…“, berechnete er währenddessen und nickte, als Heiner mit stoischer Ruhe meinte, dass er ihn so oder so um die genannte Uhrzeit herum anrufen würde.

„Hoffen wir mal nicht, dass ich wirklich in der Firma aufschlagen muss, um ihn da hin zu prügeln“, schob Dominik die Hände in seine Hosentaschen und die Sorge darüber, dass sein Vater sich auch einfach auf eine Baustelle verkrümeln konnte, beiseite. Der alte Preuss wusste ja zum Glück nicht, dass da ein Spitzel in der Firma war, das ihn für besagten Termin im Auge behalten sollte. Und hoffentlich käme er auch nicht noch auf die Idee, dass die Brüder ausgerechnet jetzt mal gemeinsame Sache machten – ganz gleich, ob er sie ja selber schon dazu angestiftet hatte. Aber letztlich kannte er sie ja vor allem so, dass sich bei jeder Gelegenheit kebbelten. Drum bekam Heiner auch schnell die passende Antwort, als ihm einfiel, wie Oma Trudel auf einen spontanen Besuch von Dominik wohl reagieren würde. War es nicht zu offensichtlich, dass er einen Vorwand brauchte, um an dem Tag nahe seines Vaters darauf lauern zu können, ob der wirklich von selbst den Weg zum Arzt fand?

„Tja, das ist der Unterschied zwischen euch zwei Pappnasen und mir! Ich fahr sie eh öfter mal kurzfristig besuchen!“, war er diesbezüglich allerdings die Selbstsicherheit in Person und reckte hoch erhobenen Hauptes das Kinn empor. Zumindest solange, bis er zur Antwort im Schwitzkasten landete und seine Frisur neu gerichtet wurde. Schließlich musste der treusorgende Heiner sein Brüderchen ja gut festhalten, falls ihm die Beinchen noch einmal schwach wurden.

31.12.2024: Silvester

Guter Rat war manchmal teuer, zuweilen wertvoll und gelegentlich genau das, was man sich am liebsten verkniffen hätte. Denn mitunter konnten die gut gemeinten Ratschläge sich wie ein Bumerang gegen denjenigen richten, der sie zuvor noch so freigiebig um sich geschmissen hatte. Und da konnte es auch schon mal vorkommen, dass einem der Ausspruch „Die Geister, die ich rief“ in den Sinn kam, obwohl Weihnachten vorbei war und Silvester auf der Matte stand. Und eigentlich hatte Frido beim Betreten des Ateliers genau das erst einmal als größtes Problem angesehen: Dass er sich in einigen Stunden mit Dominik bei Ernest zum Silvesteressen einfinden sollte und sein Freund ausgerechnet jetzt wieder missmutig auf dem Boden lag. Dass seine Stimmung nicht die beste sein sollte, hatte Frido ja bereits im Fitnessstudio mitbekommen. Denn obwohl er Dominik an diesem Vormittag das erste Mal selbst erblickte, hatte Bernd in den frühen Morgenstunden bereits einen Eindruck von dessen schlechter Laune bekommen. Und die hatte der arme Boxsack wohl auch nicht sonderlich ändern können. Aber wen wunderte es auch nach dem gestrigen Aufeinandertreffen mit Hinrich Preuss?

„Hey…“, ging Frido also zu Dominik hinüber, der dieses Mal nicht wie umgefallen vor der Staffelei lag, sondern ein Plätzchen an der Wand ausgesucht hatte. Hier konnte er seine Füße anlehnen und abwechselnd ihre Spitzen oder die Decke anstarren, während er die Arme verschränkt hielt, die Lippen zusammenpresste und seine Augenbrauen es ihnen gleichtaten. Und dabei war er so mit seinem Zorn beschäftigt, dass er dieses Mal nicht einmal die Musik abstellte, als Frido sich neben ihn setzte. Er verweigerte ja sogar solange den Blickkontakt mit ihm, bis der Ältere sich über ihn beugte und vorsichtig seinen Kopfhörer abzog. Erst dann bewegten Dominiks Augen sich zu ihm, müde und dennoch erzürnt. Da wollte man nicht in der Haut von Hinrich Preuss stecken, wenn sein Sohn ihn das nächste Mal zu fassen bekam, dachte Frido mit einem leichten Schmunzeln und legte dem Jüngeren die Hand auf den Bauch.

„Na, du? Schon wieder fleißig gewesen?“, sprach er sanft und schaute zur Staffelei, wo auch das zweite Bild bereits beachtliche Fortschritte angenommen hatte. Offenbar hatte sich da jemand nicht nur in aller Herrgottsfrühe zum Sport gequält, sondern vorher und nachher auch noch ordentlich den Pinsel geschwungen. Wirklich zufrieden schien Dominik aber auch damit nicht, denn Fridos Lob konnte ihm nicht einmal das kleinste Zucken der Mundwinkel abringen.

„Hab Kopfschmerzen“, murrte er stattdessen und starrte wieder an die Decke, während Frido ihm den Bauch tätschelte und seinen Blick zurück auf den Lockenkopf lenkte.

„Zu wenig getrunken? Oder vielleicht mal wieder ein bisschen zu wenig Schlaf gehabt?“, sprach er daraufhin und ließ seine Finger von einem Tätscheln zu einem Kitzeln übergehen, das heute allerdings nicht die gewünschte Wirkung zeigen wollte. Denn statt wenigstens zu schmunzeln, schoss Dominiks Blick zu ihm hinüber, als wolle er ihn damit niederstrecken. Und während der Ältere sich dafür wenigstens noch ein schiefes Grinsen abringen konnte, hielten seine Finger augenblicklich still. So wütend hatte er seinen Lockenkopf ja lange nicht mehr gesehen, dachte er und fragte sich, wie aufgebracht er dann erst vor der Sporteinheit gewesen sein musste. Aber glücklicherweise wusste er ja, dass der Ärger im Grunde nicht ihm galt, sondern Dominiks Vater. Nicht wahr?

„Willst du ne ehrliche Antwort?“, gab dessen Gegenfrage zumindest noch Anlass zum Optimismus, aber als Frido mit einem Nicken reagierte, wünschte er sich langsam, dass er das vielleicht lieber nicht getan hätte. Und auch, dass er am Vortag die Klappe gehalten hätte.

„Von Paps und dir krieg ich Kopfschmerzen!“, wehte es ihm nämlich plötzlich entgegen und während Frido noch irritiert an seinem Grinsen festhielt, setzte Dominik sich in den Schneidersitz, um ihm seinen restlichen Ärger wortwörtlich ins Gesicht sagen zu können.

„Tut mir leid, wenn ich grad unfair bin, aber aktuell könnt ich besser auf fünf Lillis aufpassen, anstatt mich mit euch beiden rumzuschlagen!“, ließ er ihn wissen und Fridos Mundwinkel gerieten immer mehr ins Ungleichgewicht.

„Wie bitte?“, war dennoch alles, was er gerade aus sich herausbekam, wohingegen Dominik scheinbar eben erst angefangen hatte.

„Ey, ich versteh ja, dass das für euch nicht einfach ist, aber dann lasst euch doch wenigstens helfen! Ich find das so ätzend, dass ich Paps regelrecht zu dem Termin hinprügeln muss und ich dich auch nicht dazu kriege, mit mir zu reden!“, legte er nämlich noch nach, wobei Frido es nun immerhin schaffte, eine Hand zu heben, um ihn zu unterbrechen und ein paar weitere Worte zu formen.

„Aber wir reden doch. Dass du auf deinen Vater sauer bist, versteh ich ja, aber…“, wollte er beschwichtigen und machte es damit wohl noch schlimmer. Denn jetzt ließ Dominik ihn nicht einmal mehr ausreden. Stattdessen fuhr er ihm damit über den Mund, dass er seinen Namen ausrief.

„Du hast gestern gesagt, dass Paps froh darüber sein kann, dass Heiner und ich uns so einsetzen und dass es nicht okay ist, dass er alle so ausschließen will. Aber was machst du denn?! Ich hab dich heute Nacht reden hören! Im Schlaf! Du träumst sogar noch davon, wie du als Fritz deine Ausstellung eröffnest! Also hör endlich auf so zu tun, als würde die Malerei dir nichts mehr bedeuten! Wen von uns beiden willst du eigentlich verarschen?! Mich oder dich selber?“, war da nicht nur Verärgerung in Dominiks Augen, sondern auch Enttäuschung und Schmerz. Und vielleicht war er auch ein wenig unleidlich, weil ihm der Schädel so brummte. Aber dafür hatte Frido gerade keinen Blick. Denn dafür rissen ihn seine eigenen Emotionen viel zu sehr mit.

„Dominik, ich will darüber nicht reden. Ich hab das inzwischen so oft durchgekaut, dass es mir bis hier steht!“, zog er in bedeutsamer Geste einen unsichtbaren Strich über seinem Kopf und stand auf, um das Atelier zu verlassen. Doch sein Freund bewies, dass er nicht nur flink sein konnte, wenn er selbst aus einer Diskussion entschwand, sondern auch, wenn er sie am Laufen halten wollte.

„Frido, ich hab gemerkt, wie gut dir das Treffen mit Niko und Tessa getan hat und dass ich dich hinterher an der Staffelei gesehen hab, weißt du ganz genau. Dir fehlt das Malen! Warum gibst du es nicht einfach zu? Und vor allem, warum versuchst du es nicht endlich wieder, sondern findest ständig Ausflüchte, um dich davor zu drücken?“, stellte er sich ihm in den Weg und der Ärger in Dominik schien zu verfliegen, um stattdessen Sorge und Verzweiflung Platz zu machen. Doch damit stand er leider alleine da. Denn Frido hatte nur Unverständnis für dieses lapidar Dahingesagte. Unverständnis und jede Menge Ärger.

„Verdammt noch mal, ich habs versucht! Meine Hand ist nun mal im Arsch und das wird sich auch nicht ändern! Kapier das doch endlich mal! Ich bin kein Rechtshänder und meine Linke kannst du vergessen! Der Zug ist abgefahren! Ich kann nicht mehr malen! Warum wollt ihr das nicht akzeptieren, wenn selbst ich das schaffe?!“, machte er keinen Hehl darum, wie ihm diese Diskussion zuwider war und er konnte nur den Kopf darüber schütteln, dass sein Freund noch immer nicht klein beigab.

„Frido, du akzeptierst es eben nicht! Das ist doch die Sache! Du redest es dir vielleicht ein, aber ich merke, dass du dir damit nur was vormachst! Dir fehlt es, selber zu malen! Hör auf so zu tun, als würd es dir reichen, dass du deinen Studenten dabei zusehen kannst!“, redete er wieder auf ihn ein und am liebsten hätte Frido ihn einfach beiseite geschoben, um diesem Gespräch zu entfliehen. Aber vorher wollte er ihn wenigstens noch zum schweigen bringen.

„Ja, es fehlt mir! Bist du jetzt zufrieden?!“, rief er also aus, mehr aus Trotz als aus Einsicht, aber die gewünschte Wirkung verfehlte er damit dennoch nicht. Dominik war still, wohl geplättet ob der plötzlichen Selbsterkenntnis. Und er war sogar so aus dem Konzept gebracht, dass er Frido an sich vorbei ließ. Aber dann fing er sich wieder, lief ihm nach und fing von Neuem an.

„Aber warum arbeitest du dann nicht daran? Warum übst du nicht wieder?“, ließ er ihm nicht einmal Zeit, sich in die Wohnung zu flüchten. Aber vielleicht gab er ja klein bei, wenn er einfach mit Ignoranz gestraft wurde? Also tat Frido genau das. Er schloss die Wohnungstür auf, warf seinen Schlüssel auf die Kommode im Flur und stapfte in die Küche, ungeachtet dessen, ob Dominik ihm noch immer folgte. Er hüllte sich in Schweigen, als sein Freund zum ersten Mal seinen Namen nannte und auch, als er es ein zweites Mal tat. Doch beim dritten Mal und der Aufforderung, mit Dominik zu reden, platzte ihm der Kragen.

„Verdammt noch mal, weil ich nicht mehr malen kann! Wieso ist das für dich eigentlich so schwer zu kapieren?!“, ließ er seinen Freund wissen, der sich davon dieses Mal nicht so einfach mundtot kriegen lassen wollte.

„Nicht können oder nicht wollen? Es gibt Menschen, denen beide Arme fehlen und die dann stattdessen ihre Füße nehmen! Oder ihren Mund! Ja, auch zum Schreiben und Malen! Selbst die finden einen Weg! Und warum du dann nicht, wenn dir die Kunst angeblich so wichtig ist?!“, stellte er zur Diskussion und erntete dafür nur ein sarkastisches Lachen von dem Älteren. War das gerade ein Witz?

„Jetzt wirds langsam lächerlich!“, schnaubte er aus und schüttelte den Kopf, als Dominik allen Ernstes auch noch eine Begründung für diesen Ausspruch verlangte.

„Vergleichst du mich als nächstes auch noch mit irgendwelchen Elefanten im Zoo, die einen Pinsel in den Rüssel gesteckt kriegen und damit drei bunte Kleckse auf ne Leinwand schmieren?! Ja, das krieg ich auch grad noch hin!“, präsentierte er, dass ein bisschen Fritz K. Klimlau doch noch in ihm steckte. Zumindest was dessen frühere Arroganz betraf. Und die schien seinen Freund durchaus zu verwundern, so irritiert, wie er nun schaute und blinzelte.

„Das ist für mich keine Kunst! Zumindest keine, unter der ich meinen Namen sehen will! Du weißt ganz genau, was ich früher konnte und dann soll ich mich jetzt mit ein paar schiefen Strichmännchen begnügen?! Das bin ich nicht, Dominik! Das reicht mir nicht!“, legte Frido aber sogar noch nach, sodass der Jüngere einen Schritt zurücktrat und ihn nun erst recht ungläubig musterte.

„Aber… dann nimm das doch als Ansporn, an dir zu arbeiten. Wirf nicht gleich das Handtuch, weil du nicht sofort wieder das zustande bringst, was du früher mal konntest! Warum sträubst du dich so dagegen, es wenigstens zu probieren? Und ich meine damit, ernsthaft zu üben, anstatt nach ein, zwei lieblosen Versuchen gleich wieder aufzuhören“, fand er dieses Mal deutlich schwerer seine Sprache wieder und schüttelte verständnislos den Kopf. Und zum ersten Mal in dieser Debatte waren sie wohl einer Meinung, nämlich darüber, dass sie keinerlei Verständnis für ihr Gegenüber aufbringen konnten. Und allmählich wohl auch keine Geduld mehr.

„Lass gut sein…“, murmelte Frido drum erst noch leise, als Dominik weitersprach, um ihn dann mit einem energischeren Ausruf zum Schweigen zu bringen.

„Du sollst aufhören, hab ich gesagt!“, wollte er nichts mehr von dieser Westentaschenpsychologie hören, nach der er nur aus Angst vor erneuter Enttäuschung nicht wieder zum Pinsel greifen wolle. Mit einer Beerdigung von Fritz K. setzte Dominik es sogar gleich und attestierte Frido Furcht davor, noch einmal seine Hoffnungen begraben zu müssen, wenn er sie jetzt ein weiteres Mal so in etwas setzte wie damals.

„Aber es erwartet doch keiner von dir, dass du so wie früher malst, Frido. Zumindest keiner außer dir selbst! Du sagst mir auch immer, dass ich nicht so hohe Erwartungen an mich haben soll. Warum befolgst du deinen eigenen Rat dann nicht selbst und versuchst erst mal wieder, die Freude am Malen und Erschaffen zu spüren? Der Rest kommt dann von ganz allein“, wollte der gelockte Sturkopf allerdings nicht so einfach Fridos Aufforderung zum Stillschweigen nachkommen und redete immer weiter, bis es Frido zuviel wurde und er mit der flachen Hand auf den Tisch haute.

„Geh mir nicht auf den Geist und komm von deinem hohen Ross runter!“, spie er regelrecht aus, wodurch Dominik zumindest ins Stocken geriet. Und damit das auch so blieb, bekam er nun die volle Breitseite ab.

„Du hast verdammt gut reden! Weißt du das?!“, ging Frido auf ihn zu und tippte ihm auf die Brust, während er weitersprach.

„Ist ja schön, dass es dir so leicht fällt, auf deine schwache Hand umzuswitchen! Aber hast du mal dran gedacht, dass das vielleicht nicht jeder von sich behaupten kann?! Ich weiß selbst doch wohl am besten, was ich kann und was nicht! Und ich hab dir schon zig mal gesagt, wie schwer mir selbst das Schreiben mit rechts fällt! Also red nicht von Sachen, von denen du keine Ahnung hast! Warum lässt du es nicht gut sein?! Ich unterstütz dich doch bei allem! Egal, ob in der Uni, mit deiner Familie oder mit deinen Bildern! Ich steh dir mit Rat und Tat zur Seite! Genügt dir das nicht?! Muss dein Freund auch unbedingt Künstler sein, oder was ist dein Problem?!“, schnauzte er ihn an, dass Dominik davon sogar nach hinten taumelte, während seine Stimme bei weitem nicht mehr so energisch wie zuvor ausfiel.

„Nein, ich… Darum gehts doch gar nicht… Ich will dir doch bloß helfen…“, glichen seine Worte sogar nur noch einen Stammeln, sodass Frido sich endlich am Ziel wähnte. Nur noch ein kleines Bisschen und er würde seine Ruhe haben.

„Du willst mir helfen? Dann respektier endlich meine Wünsche und hör auf mich vollzuquatschen! Kümmer dich lieber um deine Ausstellung! Damit machst du wenigstens was Sinnvolles!“, gab er ihm den Rest und brauchte dieses Mal wohl nicht zu fürchten, dass Dominik ihm nachlief, als er an ihm vorbei zur Tür stapfte. Und auch, wenn er einerseits richtig kalkuliert hatte, lag er andererseits wohl daneben.

„Und wenn ich die Ausstellung absage?“, fand Dominik nämlich tatsächlich noch ein paar Worte, die er für Frido hatte. Selbst, wenn der ihn im ersten Moment anstarrte, als habe er sich verhört.

„Was?!“, schoss es dann fassungslos aus ihm heraus, während der Jüngere sich langsam zu ihm umdrehte und die Schultern zuckte.

„Ich sag… Niko einfach, dass ich nicht früh genug fertig geworden bin. Und die Vorbereitungen für die andere Ausstellung pausier ich auch erst mal. Ich mein, ich seh doch, dass da was im Argen ist und das war ja auch alles ein bisschen viel für dich, in letzter Zeit… Mit Berlin und so… Lass uns das doch erst mal richtig aufarbeiten, meinst du nicht?“, schlug er leisere Töne an und schaffte es damit trotzdem nicht, Frido milder zu stimmen. Eher im Gegenteil.

„Du willst diese Chancen einfach so wegwerfen?“, fragte der fassungslos, doch ehe Dominik darauf überhaupt antworten konnte, sprach er selber weiter.

„Willst du mich eigentlich verarschen?! Das ist ein Schlag ins Gesicht aller, die so eine Gelegenheit nicht kriegen oder nicht wahrnehmen können! Spar dir dein Mitleid! Ich bin nicht dein soziales Projekt! Geh deinem Vater weiter auf den Sack, wenn du unbedingt jemanden nerven musst, aber lass mich jetzt endlich in Ruhe!“, fand er schließlich doch noch die richtigen Worte. Endlich hatte er ihm so zugesetzt, dass Dominik wie von der Dampframme getroffen die Klappe hielt und sich selbst dabei so in Rage geredet, dass das eigene schlechte Gewissen auch gleich schwieg. Das sollte sich gefälligst hinten anstellen! Jetzt wollte er aber erst mal nur weg, raus aus der Wohnung und raus aus dem Haus. Sich austoben an seinen Fitnessgeräten, um dann kurz vor Erreichen des Gyms feststellen zu müssen, dass er seine Sporttasche in der Eile ja ganz vergessen hatte. Aber er wollte auch nicht zurück, um sie zu holen. Oder wenigstens seinen Mantel. Also stapfte er nur im Oberhemd durch die Stadt, ignorierte die irritierten Blicke einiger Passanten und erst recht das skeptische Starren, als er den Fluss und seine Brücke erreichte, ihn bis zur Mitte überquerte und ihm dann seinen Ärger entgegen brüllte.

„Scheiße!“, ließ er es herzhaft aus sich heraus und spürte dann doch ein gewisses Frösteln, als ihm der eisige Wind wie zur Erwiderung ins Gesicht peitschte. Und nicht nur das, auch das schlechte Gewissen wurde an ihn heran geweht, obwohl er doch so sehr gehofft hatte, es noch ein wenig ignorieren zu können.

„Scheiße…“, musste er sich also nicht nur eingestehen, dass ihm der Arsch allmählich fror, sondern obendrein auf Grundeis ging, wenn er an das zurückdachte, was er da von sich gegeben hatte. Ja, Dominik hatte nicht locker gelassen und Sachen angesprochen, von denen er genau wusste, dass Frido sie nicht hören wollte. Aber konnte er seine Antworten damit wirklich rechtfertigen? Besonders die letzte, die er ihm vorm Verlassen der Wohnung gegeben hatte? Er hätte also mit so ziemlich allem gerechnet, als er die Arme um den Oberkörper schlang und langsam abdrehte, um die Brücke wieder zu verlassen: Eine leere Wohnung, ein weinender Dominik auf dem Fußboden oder ein tobender Atelier. Vielleicht auch ein wütender, der noch einmal den Sandsack ins Visier nahm. Von einem Dominik, der ihn anrief, wurde er allerdings überrascht. Genauso wie von dessen Frage.

„Wo bist du?“, wollte er nämlich wissen und legte doch sofort wieder auf, als er Fridos Antwort gehört hatte. Und noch während der sich über dieses eigentümliche Telefonat wunderte und bibbernd weiterging, entdeckte er plötzlich eine Gestalt auf die Brücke gelaufen kommen, die ihm verdächtig bekannt vorkam.

„Willst du dir unbedingt was wegholen? Es ist schweinekalt!“, blieb Dominik schnaufend vor ihm stehen und drückte Frido seinen Mantel in die Hand, während seine roten Wangen verrieten, dass er wohl nicht nur die letzten Meter so eilig hinter sich gebracht hatte.

„Danke…“, murmelte Frido und noch ehe er wusste, wie er sich am besten entschuldigen sollte, fragte Dominik ihn, ob er sich beruhigt habe.

„Ja“, antwortete er also erst einmal und bekam dafür ein „Gut“ zu hören. Doch es gab noch mehr, das seinen Freund bewegte.

„Dann sag ich dir jetzt mal was“, setzte er nämlich an und schien nicht gewillt, sich noch einmal so über den Mund fahren zu lassen, wie Frido es zuvor getan hatte.

„Das ist nicht fair, dass Paps und du von mir wollt, dass ich eure Unterstützung annehme und dann gleichzeitig erwartet, dass ich euch nicht auch helfe, wenn ich sehe, dass ihr meine Hilfe gebrauchen könnt! So funktioniert das nicht! Hört auf, mich auszuschließen! Wenigstens du!“, forderte er und schaute Frido eindringlich an, während der eher reumütig den Blick zu Boden richtete. Dummerweise hatte der Lockenkopf damit einen Punkt, musste Frido sich eingestehen. Wenn er vielleicht auch nicht mit allen Details einverstanden war, so musste er ihm zumindest beim großen Ganzen zustimmen.

„Hast ja recht… Ist aber gar nicht so leicht“, murmelte er darum und musste schlucken, als sein Freund weitere gute Argumente auffuhr.

„Hat auch keiner behauptet, dass das einfach wäre! Aber versuch es wenigstens! Hör auf, mich weg zu stoßen, Frido! Du unterstützt mich und ich dich! So macht man das doch in einer Partnerschaft oder nicht?“, hatte Dominik eine Klarheit in seinen Worten, die Frido einerseits schmerzte und ihm andererseits eine gewisse Einsicht abverlangte. Auch da war was dran, musste er zugeben, während er gleichzeitig ein wenig damit haderte, mal nicht derjenige zu sein, der die richtigen Worte fand. War das sonst nicht eigentlich seine Aufgabe?

„Stimmt schon…“, murmelte er also kleinlaut und hob verwundert den Blick, als Dominik dieses Zugeständnis scheinbar nicht genug war.

„Klar stimmt das, aber so wie ich dich kenne, ändert das trotzdem nichts“, verschränkte er die Arme vor der Brust und schien sich seiner Sache sicher, wohingegen Frido zunehmend eine gewisse Befangenheit verspürte.

„Worauf willst du hinaus?“, fragte er darum vorsichtig und fand sich zum zweiten Mal an diesem Tag bei dem Gedanken wieder, dass er sich seine Nachfrage lieber verkniffen hätte.

„Ganz einfach, wie oft wollten wir uns schon zusammen deine alten Bilder angucken? Und nachdem du mir von diesem Mike erzählt hattest, wollten wir eigentlich auch noch mal über alles reden. Aber da bleibts dann bei. Du versprichst es erst und findest dann Ausflüchte, um das Ganze zu verschieben. Und das mach ich nicht mehr mit! Ich hab versucht, dir Zeit zu geben und ich hab versucht, offen mit dir zu sprechen. Aber wenn das nicht funktioniert, dann versuch ich es jetzt eben mit einem Arschtritt!“, wählte Dominik Worte, die Frido vermuten ließen, dass er ihn vor eine Wahl stellen wollte. Doch dann musste er erkennen, dass die Entscheidung längst gefallen war.

„Ich geh im Sommer in dieses blöde Auslandssemester und du kriegst in der Zeit endlich deinen Scheiß zusammen!“, schien Dominiks Beschluss unumstößlich und auch, wenn Frido das Semester an einer anderen Uni immer als sinnvoll erachtet hatte, wusste er nicht so recht, was er von den Umständen halten sollte, unter denen es nun zustande käme.

„Wie… wie meinst du das?“, fragte er also und hob bei Dominiks Antwort ruckartig die Augenbrauen.

„Find raus, ob du wirklich mit mir zusammen sein kann!“, war die simple Forderung, deren Ausmaß Frido erst langsam bewusst wurde.

„Dominik, ich hab mich im Ton vergriffen und das tut mir leid! Ja, ich war sauer, aber deshalb schmeiß ich doch nicht gleich unsere Beziehung weg…“, sprach er gesenkten Hauptes und musste dennoch schwer schlucken, als ihm nun nach und nach die Tragweite von Dominiks Überlegungen bewusst wurde.

„Darum gehts nicht!“, sagte der nämlich.

„Ich glaub dir, wenn du sagst, dass du mich liebst und dass du dich für mich freust, wenns mit meiner Karriere oder auch privat gut für mich läuft. Aber ich muss wissen, ob das auf Dauer wirklich ausreicht. Mir reicht es jedenfalls nicht, dass du mich unterstützt, wenn das heißt, dass du dabei selber zurücksteckst! Frido, du bist mir zu wichtig! Ich nehm das nicht einfach so hin, wenn es dir meinetwegen schlecht geht oder du durch mich unglücklich wirst. Irgendwann wirst du mich vielleicht dafür hassen, dass ich die Ziele erreiche, die du dir immer für dich gewünscht hast! Und das will ich nicht! Weder für dich noch für mich!“, versetzte er Frido mit seinen Worten einen Stich nach dem anderen und das schlimmste daran war, dass er vielleicht nicht einmal ganz so falsch mit seinen Befüchtungen lag. Auch, wenn Frido sich weigerte, es einzusehen oder gar auszusprechen, war es in seinem Blick zu lesen, dass womöglich wirklich passieren konnte, was Dominik gerade so farbenfroh in tiefem Schwarz an die Wand malte. Und auch, wenn Frido am liebsten wieder alles abgestritten hätte, hielt ihn ausgerechnet zurück, dass Dominik abschießend zu ihm meinte: „Find raus, ob du wirklich auf Dauer mit einem Künstler zusammen sein kannst oder ob dich das über kurz oder lang auffressen wird“. Denn plötzlich fühlte Frido sich, als hätte man ihm all die Male, in denen er einen Hauch des Neides auf Dominik und andere Künstler verspürt hatte, genauestens von der Nasenspitze ablesen können. Dabei hatte er dieses widerliche Gefühl doch immer so mühevoll beiseite geschoben! Warum hatte es nicht genügt, dass er sich auf Dominiks Vorankommen und das seiner anderen Studenten konzentriert hatte, wenn ihm dieser verfluchte Neid am Ende doch wieder in die Quere kam? Und wann war sein Freund ihm eigentlich so ebenbürtig geworden? Dass er nun mit beiden Füßen fest verankert da stand, während Frido das Gefühl hatte, dass ihn das leichte Schaukeln der Brücke umwerfen könnte? Er schluckte und nickte, weil es alles war, was er gerade von sich geben konnte, ohne wie ein getroffener Hund wieder um sich zu beißen und dieses Mal vielleicht wirklich alles zu zerstören. Obwohl er es gerade zu gern getan hätte, wenn er sich dafür leichter gefühlt hätte. Und erkannte Dominik vielleicht auch das? Wie sehr sein Freund in diesem Augenblick mit sich haderte, während er den Blick auf den Boden gerichtet hielt, die Augenbrauen leicht zusammenkniff und an dieser einen kaputten Stelle seiner Lippe knabberte, die ihm von der trockenen Heizungsluft gerissen war? Da erschrak er fast, als sich plötzlich diese zarten Finger in sein Sichtfeld schoben, vertraut und auffordernd. Und auch, wenn sich zunächst alles in ihm dagegen sträubte, sie zu nehmen, griff er danach. Erst zögernd, doch kaum, dass er Dominiks Hand auf der eigenen Haut spürte, wurde er selbst ergriffen.

„Komm, lass uns umdrehen. Wär blöd, wenn wir nachher so angesäuert bei Ernest aufschlagen. Lass uns noch mal eine Runde um den Block laufen oder ins Fitnessstudio gehen. Und dann gönnen wir uns anschließend n schönen heißen Kakao und kuscheln noch ein bisschen, okay?“, sprach Dominik nun sanft und mit einem Schmunzeln, doch anstatt etwas zu sagen, zog Frido ihn nur an sich. Er schlang die Arme um ihn und während er das Gefühl hatte, sich an Dominik festhalten zu müssen, fragte er sich unwillkürlich eine Sache: Woher nahm sein Freund eigentlich diese Stärke, um sich nicht nur dem Kampf mit sich selbst zu stellen, sondern auch noch all diesen Eseln um ihn herum die Stirn zu bieten, wenn es nötig war?

1.1.2025: Neujahrswunsch

Gewitter reinigen die Luft, sagte man. Aber war es wirklich so einfach? Lag die reinigende und erfrischende Wirkung eines Gewitters nicht vielmehr an den Umständen, unter denen es entstand? Gerade im Sommer erlebte man es doch immer wieder, dass die Luft nach einem Gewitter mitunter genauso stickig und drückend wie zuvor wurde. Oder sogar noch belastender. Und was war erst mit den weitreichenden Schäden, die so ein Gewitter anrichten konnte? Warum dachte keiner an die, wenn er dieses landläufige Sprichwort so leichtfertig in den Mund nahm? Aber das war ja oft das Problem mit diesen Redewendungen: Sie stellten alles zu vereinfacht dar. Wobei Frido nicht einmal unbedingt das Einfache herbeigesehnt hätte. Ihm hätte schon genügt, wieder Normalität zu empfinden, während er auf dem Bett saß, Dominiks Arm auf dem Oberschenken liegen spürte und vor sich hin starrte. Sie waren spazieren gegangen, bis sie gebibbert hatten, waren gemeinsam unter die warme Dusche gestiegen und hatten den heißen Kakao übersprungen, um stattdessen mit einem beherzten Satz im Bett zu landen. Eigentlich war es doch ganz normal gewesen, dachte Frido, aber trotzdem fühlte es sich nicht mehr danach an. Stattdessen spürte er diese bedrückende Schwere. Wie an einem Sommertag, der einem nach dem heiß ersehnten Regen noch Luft raubender und klebriger auf der Brust lag als zuvor schon. Und während er Dominik in der einen Sekunde am liebsten angebrüllt hätte, dass er aufwachen solle, war er in der nächsten froh, dass er so tief und fest schlief. Dann behielt er wenigstens sein Gerede für sich. Diese hanebüchenen Behauptungen, dachte Frido. Er war nicht derjenige mit den Problemen! Ganz im Gegenteil, er hatte alles wunderbar im Griff! Hatte lange genug daran gearbeitet, wieder diesen Punkt zu erreichen und würde sich das jetzt bestimmt nicht kaputt quatschen lassen! Egal, ob von einem Dominik oder sonst wem! Er war der entspannte Dozent, der lustige Kumpel und fürsorgliche Freund und Bruder, dachte er sich. Und trotzdem reichte seine sonstige Lockerheit gerade nicht aus, um neben Dominik sitzen bleiben zu können. Er musste raus aus dem Schlafzimmer, bevor sein Freund ihn wieder zu irgendwelchen unbedachten Äußerungen provozierte. Denn im Endeffekt lag der vorangegangene Streit doch nur an Dominik! Je länger Frido darüber nachdachte, desto eindeutiger war es für ihn. So, wie er sich in ihrer Auseinandersetzung erlebt hatte, war er normalerweise nicht! Das war alles nur Dominiks Schuld, dachte er, während aus der Tür verschwand und tatsächlich kurz überlegte, sich die Sporttasche zu schnappen, um noch ein zweites Mal an diesem Tag ins Fitnessstudio zu gehen. Aber in gut einer Stunde mussten sie bei Ernest sein, also wäre das zu knapp gewesen. Denn bei der schlechten Laune, die er gerade verspürte, hätten ein paar Minuten auf dem Laufband oder drei kurze Sätze mit den Hanteln nicht ausgereicht; das wusste er ganz genau. Also stapfte er stattdessen ins Wohnzimmer und marschierte dort auf und ab, während er sich immer mehr über Dominik ärgerte. Er hatte keine Probleme, die er lösen musste! Wer von ihnen war denn das Nervenbündel? Und dann kam der Lockenkopf mit so einem Quatsch um die Ecke! Das war genauso ein Schwachsinn wie Julis Gerede damals! Aber der hatte er ja auch mal ordentlich die Meinung gegeigt, al er ihr den wahren Verbleib seiner Bilder unter die Nase gerieben hatte! Genauso würde er es wieder machen, falls sein Freund ihm noch ein einziges Mal mit seinem Irrsinn käme! Dann aber so richtig! Und während Frido bei dieser Vorstellung erst noch den triumphierenden Stolz in der Brust spürte, wurde ihm in der nächsten Sekunde schlecht. Hatte er Dominik denn nicht schon genauso abgekanzelt wie Juli damals? Er hielt in seinem Marsch inne und stützte sich auf die Rückenlehne seiner Couch. Ein tiefer Atemzug weitete seine Brust und etwas sperrig bekam er die Spucke in seiner Kehle runtergeschluckt. Eigentlich wollte er über diese Frage gar nicht nachdenken, aber: War er manchmal wirklich so ein Ekelpaket? Sein Blick schweifte über die Sitzfläche der Couch und er schüttelte den Kopf. Nein! Er hatte in diesen Situationen ja nur reagiert und sich verteidigt! Schuld waren doch nur die, die ihn mit ihrem Gerede nicht in Ruhe lassen konnten! Also stapfte er wieder los und war sich dabei einer Sache ganz sicher: Das würde doch selbst ein Ernest bestätigen! Und trotzdem schoss ihm im gleichen Augenblick durch den Kopf, dass er tunlichst vermeiden musste, ausgerechnet dem Herrn Doktor von seinem Zwist mit Dominik zu erzählen. Oh, das wäre doch wieder das gefundene Fressen für den! Dann würde er ihm wieder bei jeder Gelegenheit damit in den Ohren liegen! Genau wie mit der Geschichte um Mike, dachte Frido und eine gewisse Hochmütigkeit erfüllte ihn. Doch genauso schnell, wie sie aufkeimen wollte, erstickte sie auch wieder, als er sich nicht nur daran erinnerte, wie ungerecht behandelt er sich von Ernest teilweise gefühlt hatte. Waren da nicht dummerweise auch ein paar Worte gefallen, mit denen der Arzt voll ins Schwarze getroffen hatte? Frido schüttelte den Kopf und hielt sich wieder an der Rückenlehne fest. Da wollte er nichts von wissen! Und überhaupt! Warum spielte Dominik sich jetzt eigentlich so auf?! Hatte ihm sein Therapeut da irgendwas eingeredet oder färbte der Kontakt mit Ernest und dessen Sticheleien zu sehr auf ihn ab?

„So naiv, wie der ist, merkt er doch gar nicht, wenn der ihm irgendeinen Käse erzählt!“, murrte er also und hielt in seiner Bewegung inne, als er eigentlich gerade wieder losstapfen wollte. Wie lange hatte Dominik jetzt schon wieder im Türrahmen gestanden und ihn beobachtet? Aber viel wichtiger: „Hast du eigentlich irgendwas mit Ernest beredet? Über uns oder über mich?“.

Argwöhnisch musterte er seinen Freund, während der nachdenklich zur Seite schaute und dabei den Kopf schüttelte.

„Nein, nichts, wo du nicht auch mit bei gewesen wärst“, fand sein Blick dann wieder Frido, der nicht sicher war, ob er das wirklich glauben sollte. Also runzelte er erst einmal die Stirn und verschränkte die Arme vor der Brust, während Dominik ihn ruhig betrachtete.

„Als ich mit Lilli bei ihm war, hatten wir nur mal kurz über das Auslandssemester gesprochen…“, fiel dem Jüngeren dann ein und entlockte dem Älteren sofort ein auftrumpfendes „Aha!“. Aber leider zuckte Dominik davon nicht ertappt zusammen oder senkte wenigstens reumütig sein Haupt.

„Frido, er hat mir nur erzählt, dass er noch mal Herrn Peters getroffen hat und das Thema dann auch wohl zur Sprache kam. Er wollte einfach nur wissen, wie der Stand der Dinge ist, weil ich mir ja langsam mal Gedanken machen muss, ob ich da nun dran teilnehmen will oder nicht. Und er hat sogar gesagt, dass die Chance natürlich ne tolle ist, aber er es auch sehr unerfreulich fände, sich für die Zeit dann einen anderen Bäcker suchen zu müssen“, sagte er stattdessen und dummerweise musste Frido zugeben, dass das genau nach etwas klang, das der Arzt so von sich geben würde. Und dann sprach Dominik auch noch etwas aus, das wieder so typisch für ihn war.

„Eigentlich stand für mich fest, dass ichs nicht mache. Ich will nicht so lang von dir getrennt sein“, meinte er, während er einige Schritte auf Frido zuging, der sich inzwischen mit dem Po an der Rückenlehne abstützte und sie dabei wieder seine Finger in sie grub. Und wenn Dominik nur das gesagt hätte, hätte Frido seinen Ärger vielleicht überwinden und so tun können, als wäre nichts gewesen. Aber stattdessen tat sein Freund genau das, was ihm doch eh schon die Laune so verhagelt hatte: Er sprach einfach weiter.

„Als du nach unserer Diskussion abgehauen bist, hab ich gemerkt, dass Reden allein nichts bringt. Ich… komm einfach nicht an dich ran, wenns um dieses Thema geht. Und ja, ich hab kurz überlegt, Ernest anzurufen, weil ich einfach nicht weiterwusste. Aber dann fiel mir das Gespräch übers Auslandssemester ein und ich… ich hoff einfach, dass ich dir damit endlich helfen kann“, verschränkte er, als würde er frösteln, die Arme vor der Brust und betrachtete Frido, der die Zähne knirschte und auf den Boden stierte. Er starrte Dominiks Füße an und ließ seinen Blick dann zu dessen Gesicht hinaufschießen.

„Du brauchst mir nicht zu helfen! Mir gehts gut! Wenn hier einer von uns Hilfe braucht, dann du! Du bist der fragile, der unterstützt und aufgebaut werden muss! Nicht ich!“, rief er aus und spürte schon wieder die Wut darüber, dass sein Freund ihn zu diesem Menschen werden ließ. Er war doch der Nette, der anderen den Rücken stärkte und sie nicht anbrüllte! Die starke Schulter und der Fels in der Brandung! Nur schade, dass dieser Fels nicht zu einer einsamen Insel werden konnte, die weit genug entfernt lag, um Dominiks Worte nicht wahrnehmen zu können.

„Weißt du, was der Unterschied zwischen uns ist?“, verschaffte er sich stattdessen mit Leichtigkeit Gehör und brachte Frido sogar zum Lachen.

„Wo soll ich anfangen?“, verschränkte er die Arme vor der Brust und legte den Kopf schief, um dann jedoch beinahe erschrocken zu gucken, als Dominik plötzlich die Hände an seine Wangen hob. „Wenn ich Angst hab, dann lauf ich weg. Und wenn du Angst hast, dann wirst du wütend“, schaute er ihn verständnisvoll an, fast so, als hätte er neben all der Grübelei über sich selbst auch noch ernsthaft Zeit gehabt, sich Gedanken über Frido und dessen Marotten zu machen. Doch der fand das mehr als irrwitzig.

„Blödsinn!“, schnaubte er also und drehte den Kopf weg, um Dominiks Hände los zu werden. Aber der ließ sie stattdessen nur auf seine Schulter und Brust rutschen und strich sanft mit den Daumen über die Haut unter ihnen. Fast so, als wäre Frido ein Haustier, das gehätschelt werden musste.

„Als du mich damals im Krankenhaus zusammengefalten hast, war das doch auch so, oder? Und die Bilder von deinem Unfall, die Ernest aufgehängt hatte… Löst das nicht wenigstens Beklemmungen aus, wenn man das alles durchmachen musste und dann wieder damit konfrontiert wird? Ich fands jedenfalls so schon heftig…“, sprach er behutsam und doch schluckte er kurz, als Frido ruckartig seine Handgelenke packte und sie von sich zog. Er stierte den Jüngeren an und war dabei so in Rage, dass er vor Wut zitterte. So viel lag ihm auf der Zunge, das er Dominik entgegen brüllen wollte und trotzdem bekam er es nicht über die Lippen, wenn er sah, wie liebend und vertrauensvoll diese grünen Augen ihn anschauten. Ja, natürlich hatte er sich damals Sorgen gemacht! Und natürlich war es beschissen, an den Unfall erinnert zu werden! Eigentlich wäre es doch ganz einfach gewesen, ihm das genau so entgegen zu spucken. Aber wieso kriegte er das jetzt nicht ausgesprochen? Oder wenigstens ein deftiges „Halt endlich die Klappe!“ wie er es vorher auch geschafft hatte?

„Ist okay. Ich halt das aus“, beteuerte Dominik ihm stattdessen und brachte Frido damit ins Straucheln. Wie sollte er diese Worte verstehen? Er runzelte die Stirn und guckte Dominik fragend an, um dann fast den Boden unter den Füßen weggerissen zu bekommen.

„Lass es einfach raus und schrei, bis es dir besser geht“, ermutigte er ihn auch noch dazu, dieses Ekelpaket rauszulassen, das da in ihm lauerte. Und dann fiel Frido ausgerechnet der alte Preuss plötzlich ein und wie bemitleidenswert er ihn fand, wenn er seine Unzulänglichkeiten damit kaschieren musste, dass er alles und jeden um sich herum abkazelte. Selbst dann noch, wenn sein Sohn allen Mut zusammennahm, um ihm zu helfen. War er etwa genauso? Vielleicht nicht in allen Lebenslagen, aber zumindest manchmal? Zuletzt erst bei dem Streit um Lilli und erst recht bei seinem Versuch, Dominik den Mund zu verbieten? Und während Frido seinen Griff lockerte und die Hände sinken ließ, hob sein Freund sie wieder, um sie ihm auf den Rücken und ins Haar zu schieben. Dieses Mal war er der Fels, der tapfer stehen blieb, als Frido sich zögerlich, fast resignierend, an ihn lehnte, den Kopf an seine Schulter legte und die Hände an seine Hüften.

„Ich weiß… aber es wird besser“, versprach Dominik dabei und kraulte ihm durchs Haar. Und selbst, wenn dem Fels sogar die Gischt von den Wangen tropfte, würde er den Wellen weiter Stand halten.

„Wir kriegen das hin…“, nuschelte Frido also und auch ohne es auszusprechen wussten sie wohl beide, wie ihre Neujahrswünsche aussahen. Und damit die auch in Erfüllung gehen konnten, mussten sie sich nun langsam mal sputen. Denn wer wollte schon den Zorn eines Dr. Ernest Landers auf sich ziehen?

2.1.2025: Jänner

Ein Freund hatte ihn einmal mit einer Katze verglichen. Diese gewisse Eleganz legte er angeblich an den Tag, genauso wie eine feine Beobachtungsgabe und vor allem den Hang für perfide kleine Spielchen mit seiner Beute. Aber was konnte er schon dafür, wenn sich diese Beute ausgerechnet in seinen Freundeskreis verirrte? Oder wenn sie obendrein an Silvester über seine Türschwelle trat? Er hatte sie ja schließlich nicht dazu gezwungen, sich mit ihren Auffälligkeiten immer weiter selbst zu verraten und dabei Schritt für Schritt mit dem Rücken an die Wand zu manövrieren. Beispielsweise bereits beim Betätigen der Türklingel abgehetzt und schnaufend da zu stehen, um ihm zu präsentieren, dass sie es nur noch mit Müh und Not rechtzeitig zur vereinbarten Uhrzeit geschafft hatte – was insbesondere dadurch ins Auge fiel, dass die beiden Mäuschen gemeinsam erschienen waren und gerade ein Dominik eigentlich immer mit Pünktlichkeit glänzte.

„Sorry, ich hab mich im Atelier verfranst!“, gestand dann aber ausgerechnet er ein, wohingegen Frido nur mit einem Blick auf die Uhr feststellte, dass sie genau eine Minute vor der vereinbarten Zeit eingetroffen waren.

„Alles im grünen Bereich also“, schlussfolgerte er dementsprechend und ließ den werten Gastgeber damit bereits zu Beginn ihres Treffens wittern, dass dieser Ausspruch nicht nur eine Übertreibung hinsichtlich ihres Eintreffens sein konnte. Aber wer wäre er denn, voreilige Schlüsse zu ziehen? Also ging er erst einmal seiner Rolle als Beobachter nach – selbstverständlich garniert durch dezente kleine Nachfragen oder Kommentare, um durch die Reaktionen seiner Gäste etwas mehr zu erfahren. Beispielsweise der, ob es Frido nicht schmeckte, als der sich beim gemeinsamen Abendessen auffällig zurückhaltend zeigte. Und das, obwohl er für gewöhnlich einen gesegneten Appetit sein Eigen nannte und Ernest nur das Beste vom Besten für ihre Raclettepfännchen aufgefahren hatte. Sonst war das doch das Highlight ihrer gemeinsamen Silvesterabende für Frido, noch mehr, als der selbst angesetzte Punsch des Gastgebers.

„Nein, alles gut, ich bin nur vom Mittag noch voll. Wir ähm… waren heut ziemlich spät dran, weil wir noch einen kleinen Spaziergang gemacht haben, der dann doch etwas größer ausgefallen ist“, scherzte der Dozent allerdings und griff sofort Dominiks Hand, als der sie ihm fürsorgend auf den Oberschenkel legte. Nur lieferten sie ihrem Gastgeber damit gleich zwei weitere Hinweise, dass heute irgendetwas nicht stimmte: Zum einen zeigte Frido sich nicht nur beim Essen, sondern auch bei seinen üblichen Blödeleien deutlich gehemmter und zum anderen schien Dominik heute beinahe mit ihm festgewachsen zu sein. Bei jeder Gelegenheit suchte er den Kontakt zu ihm oder hängte sich am besten gleich direkt an ihn dran. Während ihres traditionellen Schachspiels trieb er es sogar so weit, dass er sich mit dem einen Arm bei Frido unterhakte und die Finger der anderen Seite mit Fridos verflocht. Schließlich brauchte der ja keine zwei Hände, um die Figuren über das Spielfeld zu bewegen. Und dabei ging diese Nähe nicht nur von Dominik aus, selbst, wenn Frido die Verbundenheit vielleicht etwas dezenter suchte als sein Freund. Aber nicht nur das fiel dem Arzt zunehmend auf, sondern auch, dass der Dozent sich an diesem Abend deutlich mehr als sonst auf das Schachspiel konzentrieren musste. Vielleicht lag es daran, dass Dominik heute ausgesprochen redselig war und es dabei schaffte, viel zu erzählen, aber eigentlich kaum etwas von sich zu geben? Doch für gewöhnlich ließ ein Frido Klimlau sich von so etwas nicht aus der Ruhe bringen – zumindest, wenn ihn nicht irgendetwas beschäftigte. Und für gewöhnlich war dieses Geschwätzige doch auch gar nicht Dominiks Art. Besonders, wenn er die eigentlich relevanten Themen dabei so elegant umschiffte. Zeit, also, ihnen mal ein wenig mehr auf den Zahn zu fühlen. Aber natürlich über Schleichwege und mit dem Bau kleiner Fallen. Drum tat Ernest einen tiefen Atemzug, schob seine Finger ineinander, um sein Kinn auf ihnen abzulegen und überschlug die Beine, während er den Blick von einem zum anderen wandern ließ.

„Sag mal, Dominik, wie wäre es, wenn wir beide gleich mal eine Partie spielen?“, unterbreitete er dann plötzlich und wurde von beiden verwundert angeschaut. Aber abgeneigt schien der Lockenkopf nicht, also zuckte er die Schultern und nickte leicht.

„Ich glaub zwar nicht, das sich das hinbekomme, aber probieren kann ichs ja mal“, säumte ein schiefes Grinsen seine Lippen, wohingegen Frido ihm wenig überraschend Mut zusprach. Immerhin hatte er ihnen ja schon ein paar Mal zugeschaut, meinte er und wirkte dennoch so, als wäre er vor allem froh, seine Gedanken jetzt einfach mal einen Moment schweifen lassen zu können, ohne dabei auf die Postion seiner Figuren achten zu müssen. Ernest aber schmälerte die Augen und wie die Schwanzspitze einer Katze schwang sein oberer Fuß in sanften Bewegungen hin und her.

„Wie steht es eigentlich um die Vorbereitungen für deine Ausstellung? War die nicht auch für den Jänner geplant?“, wollte er seine Beute allmählich ein wenig mehr in die Enge drängen und musste nun herausfinden, wie er das am besten anstellen konnte.

„Jänner?“, biss der Lockenkopf allerdings nicht in der Form an, in der Ernest es erhofft hatte. Nicht auf diesen Ausdruck vorbereitet und ein wenig davon amüsiert hoben sich Dominiks Augenbrauen und Mundwinkel, wobei Ernests zuckten, als er bemerkte, dass er sich gerade zu sehr zum Mittelpunkt des Gesprächs entwickelte.

„Kleine familiäre Marotte. Meine Großmutter väterlicherseits stammte aus Süddeutschland“, versuchte er das Geplänkel also abzukürzen, um sich dann einem Seufzen hinzugeben, als genau das Gegenteil der Fall war.

„Oh, ach da sagt man das auch? Ich dachte, das wäre eher ein österreichisches Ding…“, schien Dominik ehrlich interessiert. An sich ja löblich, dachte der Arzt, und deutlich höflicher als Frido, der den Kopf auf seine Hand stützte und seinen gedankenverlorenen Blick offenbar nur noch pro forma in Dominiks Richtung gedreht hielt. Er war längst nicht mehr Teil des Gesprächs, was aber auch die Vermutung nahe legte, dass sein merkwürdiges Verhalten nicht auf dem gerade angesprochenen Thema beruhte.

„Sowohl als auch, zumindest in manchen Gegenden“, versuchte Ernest in seiner Wahrheitsfindung also nicht selber in die Unfreundlichkeit zu rutschen und den Gesprächsfaden langsam dahinsiechen zu lassen.

„Wusst ich noch gar nicht! Und aus welcher Gegend kam deine Großmutter? Oder kommt? Lebt sie da noch?“, sah Dominik aber scheinbar jedes Fitzelchen an Information als gefundenes Fressen, an dem er sich festbeißen konnte. Wer versuchte hier gerade eigentlich wen auszufragen?

„Sie ist tot“, kürzte Ernest die Sache nun also deutlich offensichtlicher ab, um dann feststellen zu müssen, dass aus dem Jüngeren scheinbar wirklich nur naives Interesse an der Person des Arztes gesprochen hatte.

„…Oh, das…“, wirkte er nämlich genauso ehrlich betroffen, aber bekanntermaßen galt ja nicht für jeden, dass er eine so gute Beziehung zu seinen Großeltern pflegte, wie der Lockenkopf es zumindest bei seiner Großmutter Trudel tat.

„Braucht es nicht. Wir hatten nie das beste Verhältnis“, unterbrach Ernest ihn also schnell, um dieses leidige Thema zu beenden und konnte es dennoch als willkommenen Anknüpfungspunkt für das nächste verwenden.

„Apropos, was sagtest du, wie es um den Termin für deinen Vater steht? Geht er hin?“, schob er also schnell hinterher, um weitere Nachfragen zu seinen eigenen Familiengeschichten im Keim zu ersticken und hob dezent seine Augenbrauen, als Frido davon mal kurz aus seiner Grübelei erwachte. Die Dauer war allerdings nicht der Rede wert. Kaum schaffte Dominik es, sich nach kurzem Herumdrucksen wieder zu fassen, driftete der Dozent scheinbar wieder in eigene Sphären ab.

„Ja, natürlich kommt er! Paps hat sich sehr über deine Hilfe gefreut und lässt seinen Dank ausrichten“, berichtete Dominik nun ein wenig zu überschwänglich, sodass der Arzt ein weiteres Mal die Augenbraue hob und den Kopf schief legte.

„Mit anderen Worten: Er fand es grausig und hat wahrscheinlich nicht mal bis zum Schluss zugehört, sondern mitten im Gespräch aufgelegt“, mutmaßte er, wodurch Dominik zwar ein schiefes Grinsen aufs Gesicht wanderte und er eingestehen musste, dass er vielleicht ein wenig geschwindelt hatte. Nun konnte er aber wenigstens auch zugeben, dass er sogar persönlich zu seinem alten Herrn gefahren war.

„Er wird definitiv hingehen. Dafür sorg ich. Versprochen“, wusste er dabei obendrein glaubhaft zu versichern und benötigte dazu wohl nicht einmal unbedingt Fridos Rückhalt. Dennoch schien er dankbar, als der doch noch einmal so gnädig war, ihm seine Aufmerksamkeit zu schenken und das schüchterne Lächeln des Jüngeren mit einem eigenen, aufmunternden zu beantworten. Lag hier also der Hase im Pfeffer?

„Es gab aber doch wohl hoffentlich nicht wieder eine eurer üblichen Auseinandersetzungen?“, war Ernest nicht gewillt, den Fisch so leicht wieder von der Angel zu lassen, wie es ihm zuvor bei der unbedachten Benutzung des Begriffs für den Januar passiert war. Und auch, wenn Dominik eine famose Gesichtskirmes auffuhr, als er versuchte, das Temperament seines Vaters höflich zu umschreiben, machte er eher den Anschein, peinlich berührt oder ertappt zu sein, statt ernstlich getroffen. Bei Frido war dem Arzt hingegen so, als habe er vom Wörtchen „Auseinandersetzung“ leicht gezuckt. Also legte er den Kopf auf die andere Seite, während er ihn musterte. Ja, er schien noch nachdenklicher als zuvor.

„Frido, wo drückt der Schuh? Du machst mir so einen ernsten Eindruck“, verzichtete er dieses Mal also auf blumige Übergänge und setzte einen harten Schnitt, als Dominik damit fertig war, seinen alten Herrn liebevoller zu umschreiben, als es nach höherem Sagen wohl wirklich der Fall war. Und siehe da, auf einmal präsentierten sie beide eine brauchbare Reaktion. Während der eine nämlich fast wie vom Donner gerührt aufschaute, war dem anderen die Besorgnis nicht abzusprechen, mit der er seinen Freund betrachtete.

„Ähm… nichts, ich… mach mir nur Gedanken über Lilli. Wir hatten letztens eine ziemlich anstrengende Diskussion mit ihren anderen Großeltern und Tim…“, murmelte Frido und ließ seine Hand langsam sinken, um sie stattdessen auf dem Tisch abzulegen. Und auch, wenn er erst etwas holprig startete, schien er mit jedem folgenden Wort sogar froh, dass sie nun auf dieses Thema zu sprechen gekommen waren. Also wollte Ernest sich im Geiste bereits auf die Schulter klopfen, weil er wieder einmal so famos herausgefunden hatte, was bei seinem Freund im Argen lag. Nur allzu verständlich, dass Frido sich Sorgen um seine Nichte machte und auch nachvollziehbar, dass er damit das Treffen mit dem Arzt eigentlich an einem so feierlichen Tag nicht hatte belasten wollen. Wenn da nur nicht dieser eine kleine Moment in Fridos Erzählung gewesen wäre, der Ernest wieder aufhorchen ließ.

„Aber wie gesagt, das kann immer vorkommen! Dir macht keiner einen Vorwurf!“, hatte er es nämlich auffällig eilig, Dominik gut zuzureden, nachdem ihm Lillis Unfall neben dem ganzen elterlichen und großelterlichen Zwist eher nebenbei rausgerutscht war. Und das, obwohl diese Erwähnung beim Jüngeren zwar eine gewisse Betroffenheit hervorrief, aber nicht den Anschein erweckte, dass er vor Gewissensbissen nicht in den Schlaf fände. Obendrein war auch er wieder derjenige, der den beruhigenden Part übernahm und Frido mit einem sanften Lächeln und Tätscheln seines Oberarms beschenkte. War das Geplänkel um die kleine Lilli am Ende also nicht viel mehr als eine Ablenkung gewesen? Vielleicht nicht unbedingt für den Arzt, aber doch zumindest für sich selbst?

„Meine Güte, das war ja richtig aufregend“, ließ Ernest also mal zum Test einfließen und reckte das Kinn, als Frido mit einem Seufzen in sich zusammensackte.

„Kannst du laut sagen“, murmelte er dabei und ja, völlig kalt schien ihn diese Geschichte nicht zu lassen. Aber irgendwas schwang da noch mit. Besonders, als Frido dann noch bekräftigte, dass aktuell tatsächlich sehr viel los sei und dieser Ausspruch seinem Blick nach zu urteilen weniger dem Gastgeber als dem zweiten Gast galt. Und dabei schlich sich auch wieder dieses Nachdenkliche auf seine Züge, als er Dominik betrachtete. Oder war es bei genauerer Betrachtung nicht sogar etwas Reumütiges? Gepaart mit Dominiks Ausdruck, der verriet, dass er ihm gerade am liebsten um den Hals gefallen wäre. Nun saßen sie in der Falle, dachte Ernest und ein kleiner Vorgeschmack des Triumphs ließ bereits seine Mundwinkel zucken, während er das Kinn wieder auf seine Finger bettete, um sich für den finalen Zug in Position zu bringen.

„Na, da bin ich ja beruhigt“, griff er im Geiste zu seiner Dame und hob sie an, während Dominik und Frido ihn irritiert anschauten.

„Versteh mich nicht falsch! Selbstredend wünsche ich Lilli eine baldige Genesung und generell Verbesserung ihrer Situation. So ein Konflikt ist niemandem zu wünschen“, sprach er mit ehrlichen Worten und sah dennoch mit einer gewissen Zufriedenheit, wie er die Dame neben den König in Position brachte, um nur noch Schwung holen zu müssen, damit er vom Spielfeld gefegt würde.

„Ich gebe allerdings auch zu, dass ich schon befürchtet hatte, es wäre noch mehr passiert. Bei deiner Einsilbigkeit den ganzen Abend über war ich beinahe schon in Sorge, ihr zwei hättet euch obendrein auch noch gestritten“, war es jetzt nur noch ein Kinderspiel, den Sieg einzufahren und die Krallen in seine Beute zu hauen. Und wie zum Beweis, dass er höchst erfolgreich dabei vorging, trat gleich beiden Gästen diese gewisse Ertapptheit aufs Gesicht. Besonders der Ältere schien nun regelrecht gequält. Da musste einer aber richtig was ausgefressen haben, dachte Ernest sich, während er sich eine gewisse Genugtuung aber auch nicht verkneifen konnte: Nun hatten sie die ganze Zeit über Schach gespielt und Frido war es als ehemaligem Jugendmeister nicht einmal aufgefallen. Wie nachlässig! Hatte der Arzt also doch endlich mit seinen Fähigkeiten auf diesem Gebiet aufholen können? Oder lag es nur daran, dass ihm diese Form des Strategiespiels besonders gut lag? So oder so erfüllte ihn ein dezenter Hauch von Zufriedenheit, der seinen Fuß wieder freudig nach links und rechts wippen ließ. Zumindest, bis ausgerechnet der Jüngste und Unerfahrenste im Bunde bewies, dass er dem König eine Deckung bot, die der Arzt bei seinem letzten Zug nicht bedacht hatte. Oder zumindest versuchte, den Fall der entscheidenden Spielfigur zu verhindern.

„Wir haben uns nicht gestritten. Er ist nur traurig, weil ich mich doch fürs Auslandssemester entschieden hab… und das sind ja echt nur noch ein paar Wochen, bis es los geht“, wollte Dominik das Gespräch in schützender Geste auf sich lenken, während er sich gleichzeitig unbewusst noch etwas fester an Frido drückte. Und ja, für einen kleinen Augenblick schaffte er es damit auch, Ernest in Erstaunen zu versetzen.

„Jetzt doch?“, fragte er verwundert und blinzelte irritiert, als Dominik nickte.

„Ja… im Endeffekt wär ich wirklich bekloppt, wenn ich das nicht nutzen würde. Ich hab mir das noch mal durch den Kopf gehen lassen und… kann echt froh sein, dass Frido mich da so unterstützt. Und mir zugeredet hat, das auf jeden Fall zu machen“, strich er seicht über dessen Arm und hob den Blick zu ihm. Und jaa, das sah in der Tat nach echter Sehnsucht aus, mit der sie sich da anschauten und der Ältere dabei auch noch wie in einem Kitschroman die Hand des Jüngeren griff, um sie zu drücken. Da konnte man bei diesem Anblick beinahe dahinschmelzen – oder sich übergeben. Je nachdem, wie man veranlagt war. Ernest beschloss jedenfalls, Dominik seine Anerkennung für diesen Zug zu zollen. Er war zwar der Meinung, dass es sich um eine Finte handelte, so plötzlich, wie der Lockenkopf mit dieser Information herausgeplatzt war. Doch am Ende des Tages ging es bei einem Spiel ja nicht darum, den Gegner in Grund und Boden zu stampfen, sondern dass alle Beteiligten eine gewisse Freude verspürten und beibehalten konnten. Nicht wahr? Und am Ende dieses Tages wollten sie ja schließlich auf das neu beginnende Jahr anstoßen. Also beließ der Arzt es nun dabei. Ein, zwei kleine Nachfragen zu dem geplanten Auslandsaufenthalt streute er noch ein und bot sogar eine gewisse Unterstützung an, falls sie bei der Suche eines geeigneten Unterschlupfs von Nöten wäre. Doch als Dominik ihm glaubhaft versichern konnte, dass ihm über das Austauschprogramm ein Zimmer im Studentenwohnheim zur Verfügung stand und es ihm auch ansonsten an nichts mangeln würde, steuerte Ernest das Gespräch langsam wieder in seichtere Gefilde. Sollten sie sich die restlichen paar Stunden über doch noch ein wenig dem belanglosen Geplänkel hingeben. Schließlich kamen die ernsten Themen früh genug wieder auf den Tisch. Spätestens wohl dann, wenn der Katze nach einem kleinen Spielchen zumute war.

3.1.2025: Sprachschatz

Sicherlich brachte ein Auslandsaufenthalt viele Vorteile mit sich. Man lernte das jeweilige Land und seine Kultur kennen, konnte Einblicke gewinnen, die ein kleiner Urlaub oftmals nicht zu vermitteln wusste und kam obendrein mit neuen Menschen in Kontakt. Menschen, die wie in Dominiks Fall die gleichen Interessen wie er teilten und einen Alltag lebten, in den auch er eintauchen würde. Vereinzelt kannte er sie sogar bereits, weil sie mit ihm in dieses Abenteuer starten wollten; zur gleichen Zeit und an denselben Ort. Er wäre also nicht völlig allein in der neuen Stadt, die für ein gutes halbes Jahr sein Zuhause werden sollte. Und trotzdem spürte er schon jetzt, dass ihm etwas ganz furchtbar fehlen würde – oder eher jemand. Aber wenn diese Wehmut aufkommen wollte, hielt er sich an dem Gedanken fest, dass er schon einmal erfolgreich diesen Weg beschritten hatte. Er war schon einmal von allem Vertrauten weg in eine neue Stadt gezogen und hatte sich ans Studentendasein mitsamt der vollkommenen Selbstständigkeit gewöhnt. Also würde er es auch ein zweites Mal schaffen! Drum machte er es wieder wie damals und konzentrierte sich immer dann besonders stark auf sein Ziel, wenn die Ängste und Zweifel an ihm nagen wollten. Und die kamen dieses Mal erstaunlich schnell angetrabt. Bereits an Neujahr stürzte er sich darum in die Recherche über seine neue Uni und deren Stadt und lud sich eine App herunter, um in den kommenden Wochen bei jeder Gelegenheit an seinem Sprachschatz zu arbeiten. Außerdem nahm er sich vor, den Kontakt zu den beiden anderen Studenten aus seinem Semester ein wenig zu vertiefen, die mit nach England gingen und war froh, dass Niko noch einen dritten wusste, mit dem er ihn ins Gespräch bringen konnte. Also wäre er gut vorbereitet, dachte er nach dem Telefonat mit Niko, selbst, wenn er sich bei weitem nicht so freuen konnte, wie sein Kumpel es für ihn tat. Aber glücklicherweise standen in den nächsten Wochen ja auch noch andere Themen auf der Agenda, mit denen er sich ablenken konnte. Er würde sich keine Zeit lassen, um ernsthaft damit zu hadern, ob dieser Schritt wirklich der richtige war – oder ob er damit alles vor die Wand fahren und seine Beziehung zerstören würde. Also war er dieses Mal sogar froh, dass auch Frido nach kurzer Zeit schnell wieder in seinen Alltagstrott zurückfand und sie die stille Vereinbarung trafen, erst wieder über den Grund des Auslandssemesters zu sprechen, wenn es sich nicht mehr aufschieben ließ. Und bis dahin konzentrierten sie sich lieber darauf, dass dieses ganze Unterfangen auch einen riesigen Vorteil mit sich brachte: Wenn sie sich so lange nicht würden berühren können, mussten sie für die anstehende Durststrecke ja schon mal vorarbeiten.

4.1.2025: knistern

Es lag etwas in der Luft. Würzig, pfeffrig, scharf war es und doch fehlte ihm das übliche Knistern. Stattdessen schwang eine explosive Note mit, die umso deutlicher wurde, je länger sie beieinander standen, Seite an Seite und Schulter an Schulter. Der Eine die Arme vor der Brust verschränkt, der Andere die Hände locker in die Hosentaschen geschoben. Der Eine die Augenbrauen bis zum Anschlag gehoben, während dem Anderen die Stirn in tiefen Furchen lag.

„Das hast du in den letzten Tagen noch alles gemalt?“, fragte der Jüngere ungläubig, wobei sein Blick zum Älteren wanderte. Sicherlich war dem die Anerkennung nicht entgangen, die sich in die Worte des Jüngeren mischte, doch selbst sie wusste seine Skepsis nicht hinfort zu wischen. Stattdessen wirkte er nun sogar noch unzufriedener beim Betrachten der Leinwände, die er so fein säuberlich in Reih und Glied nebeneinander aufgestellt hatte. Akkurat und ordentlich standen sie da und schienen wie beim Domino doch nur auf den entscheidenden Stoß zu warten.

„Wenn Frido mich gestern Abend nicht aus dem Atelier geschmissen hätte, wäre ich mit dem auf der Staffelei vielleicht auch noch fertig geworden“, murrte Dominik dabei und bewies, dass seine Mundwinkel sogar noch etwas mehr auf Tauchstation gehen konnten, als Niko zur Antwort auflachte.

„Musste er also den Dozenten raushängen lassen?“, frotzelte er und zeigte sich höchst ungerührt von Dominiks finsteren Seitenblick. Eher amüsierte diese Griesgrämigkeit ihn noch mehr, während der Lockenkopf vor Unzufriedenheit schon fast angewidert schaute. Erst recht, als sein Liebster obendrein wie aufs Stichwort ins Atelier geschneit kam – beschwingten Schrittes und frohen Mutes, um trotz eines langen Arbeitstags im kompletten Gegensatz zu Dominiks tiefen Augenringen zu stehen.

„Ich hab ihm nur ein bisschen ins Gewissen geredet!“, stellte er sich nach einer kurzen Begrüßung von Niko zwischen seine beiden Studenten und schmunzelte selbst dann noch, als Dominik seine Gedanken regelrecht auf die Stirn geschrieben standen: Hätte er nach Nikos Eintreffen doch bloß die Tür verriegelt. Oder wenigstens ins Schloss gezogen. Stattdessen durfte er sich jetzt mit diesem Unruhestifter herumschlagen, der wohl so ziemlich das Schlimmste gewagt hatte, was man dem jungen Künstler antun konnte.

„Du hast mir den Zimmerschlüssel weggenommen!“, machte Dominik also keinen Hehl aus seiner Frustration und funkelte Frido wütend an. Doch der präsentierte ihm nur, dass er ebenso gut darin war, die Arme zu verschränken, während er ihn mit einem Schmunzeln musterte und seicht den Kopf schüttelte.

„Ja, mein Schatz, und ich würde es immer wieder tun“, antwortete er dann auch noch, statt wenigstens einen Hauch von Reue zu zeigen und lehnte dennoch ab, als Niko sich unauffällig von dannen machen wollte. Da hatte jemand wohl Sorge, dass es gleich richtig knallte und er zwischen die Fronten geraten könnte. Doch diese Sorge teilte sein Dozent offensichtlich nicht.

„Ach Quatsch, bleib ruhig hier. Das sind doch nur ein paar Neckereien! Außerdem wollte ich eh nur kurz Bescheid sagen, dass ich wieder zuhause bin“, beschwor er ihn darum und gab Dominik wie zum Beweis einen Kuss auf die Stirn, für dem ihm zumindest nicht die Augen ausgekratzt wurden. Und trotzdem wollte Niko von seinen Reiseplänen nicht Abstand nehmen.

„Nee, ich wollte eh nur kurz den Schlüssel vorbeibringen und dann direkt weiter. Ich möcht Tessa nicht so lang allein lassen“, erklärte er und fing an zu grinsen, als Frido das zum Anlass für eine kleine Nachfrage nahm.

„Sie ist ja grad nicht da… darf man dir denn dann jetzt offiziell gratulieren?“, erkundigte er sich und lachte auf, als Niko ein herzhaftes „Na klar! Ich dachte schon, die Frage kommt gar nicht mehr!“ parat hatte. Er strahlte von einem Ohr zum anderen, als Frido ihn in die Arme schloss und schien froh, seine Freude endlich einmal so offen herausposaunen zu können. Aber auch die Sorgen, als Frido wissen wollte, wie es der werdenden Mutter denn aktuell ginge.

„Die Übelkeit macht ihr grad richtig zu schaffen. Dass das so heftig werden kann, wusste ich noch nicht. Genauso wie ihre Launen… Da muss man sich erst mal dran gewöhnen“, grinste er schief und nickte, als Frido sich zurückerinnerte, dass Juli damals auch so ihre Schwierigkeiten gehabt hatte.

„...Zumindest die ersten Wochen. Danach wurds dann besser. Wenn du willst, kann ich sie mal fragen, ob sie ein paar Tipps hat. Ich muss ihr ja nicht sagen, für wen ich frage“, schlug er vor und hatte nichtsdestotrotz bereits jetzt einen guten Rat auf Lager.

„Versuch auf jeden Fall immer dran zu denken, dass sie gerade echt viel durch macht. Die Hormone fahren Achterbahn und ihr Körper arbeitet immerhin daran, ein neues Leben zu erschaffen!“, sprach er mit Ehrfurcht, wenn er sich das vor Augen führte und klopfte Niko auf die Schulter, als der zustimmend nickte.

„Ich geb zu, ich bin froh, dass ich den Part nicht übernehmen muss. Mir würd es schon auf den Geist gehen, mich jeden Monat aufs Neue mit Krämpfen und Kopfschmerzen rumschlagen zu müssen“, meinte er und grinste schief, als Frido die Vermutung aufstellte, dass die meisten Männer in so einem Fall wohl regelmäßig die Notaufnahme besuchen würden.

„Verrats nicht meiner Schwester, aber ich glaube, was das angeht können wir uns wirklich nicht das stärkere Geschlecht schimpfen“, sinnierte er und lachte, als Niko ihm ohne ein Zögern zustimmte – erst recht, als sein Dozent den werdenden Eltern wünschte, dass die Schwangerschaft bald eine angenehmere Wendung nehmen möge.

„Und wenn ich euch irgendwie unterstützen kann, meld dich gern“, bot er zudem an und lächelte, als sein Student sich bedankte und verabschiedete.

„Wie gesagt, bis morgen Mittag müssen die Bilder aufgehängt sein. Gib mir den Schlüssel einfach wieder, wenn wir uns zur Eröffnung treffen“, wendete Niko sich dann noch an Dominik und musste doch schmunzeln, als der darauf bestand, ihn wenigstens noch zur Tür zu bringen. Dieser Sturkopf, dachte Frido mit einem Schmunzeln und musste seine Zunge im Zaum halten, um keine Mutmaßung über den möglichen Hormoncocktail in Dominiks Blutbahn fallen zu lassen, der ihm sicherlich eine Nacht auf der Couch eingebracht hätte. Also hüllte er sich lieber erst einmal Schweigen und begnügte sich mit Lauschen.

„Bist du immer noch sauer auf ihn? Er hats bestimmt nur gut gemeint. Ein bisschen mehr Schlaf könnte dir echt nicht schaden“, konnte er Dominiks Freund nämlich noch hören, während sie den Flur entlangliefen und fragte sich, wie sein Lockenkopf wohl antwortete. Doch um das verstehen zu können, waren sie leider schon zu weit entfernt. Dafür sprachen die Bilder, die er sich jetzt zum ersten Mal bewusst anschaute, eine eindeutige Sprache. Kopfschüttelnd und seufzend betrachtete er, was Dominik in den letzten Tagen noch ohne sein Wissen geschaffen hatte. Zwei Bilder waren von ihm verlangt worden und mehr als das Doppelte hatte er natürlich fabriziert.

„Hast du dich jede Nacht her geschlichen?“, fragte Frido darum auch, als Dominik zurückkehrte und hob die Augenbrauen, als der sich zunächst mit einem mürrischen Gesichtsausdruck begnügte.

„Sprichst du immer noch nicht mit mir?“, wollte Frido wissen und blinzelte ungläubig über die Antwort seines Freundes.

„Ich hab doch vorhin schon mit dir gesprochen…“

Der Jüngere stellte sich neben ihn und schob die Hände in die Hosentaschen, während er seinen Blick wieder an seine Werke heftete und dabei ignorierte, wie er von der Seite gemustert wurde.

„Du bist ernsthaft sauer, weil ich dich heute Nacht ins Bett gesteckt hab? Du konntest dich kaum noch auf den Beinen halten vor Erschöpfung. An deinem Bild wärst du da eh nicht mehr großartig weiter gekommen und ich glaub auch nicht, dass dein Chef es toll findet, wenn du wie der Tod auf Raten bei ihm erscheinst“, wendete Frido sich ihm stärker zu und schaute Dominik trotz dessen Ignoranz eindringlich an. Und dann nahm der Lockenkopf einen tiefen Atemzug und stellte sich dem Blickkontakt.

„Ich bin nicht sauer, weil du mich schlafen geschickt hast. Ich kanns nur nicht leiden, wenn du mich wie ein Kleinkind behandelst“, tat er seinen Unmut kund und ein Augenblick der Stille entstand, in dem die Beiden sich nur schweigend anschauten. Doch auch, wenn Dominik die Verärgerung nur allzu deutlich anzusehen war, konnte Frido sie in diesem Moment nicht richtig ernst nehmen.

„Dann hör auf, dich wie eins zu benehmen“, war sein Gegenvorschlag, für den er nur eisiges Schweigen bekam. Und so war er selber derjenige, der den Gesprächsfaden wieder aufgriff, um mit dem anzuknüpfen, was er sich in Nikos Gegenwart verkniffen hatte.

„Ist mir egal, ob du deswegen sauer auf mich bist. Du hast manchmal einen gewissen Hang zur Selbstzerstörung, mein Liebling, und ja, wenn ich mitkriege, dass du vor Müdigkeit schon zitterst und fast aus den Latschen kippst, dann nehm ich dir zur Not auch den Atelierschlüssel weg. Den du im Übrigen heute Morgen ja zurückbekommen hast. Also mach da bitte nicht so ein Theater drum. Und selbst wenn du mich jetzt die nächsten paar Wochen nicht mehr mit dem Arsch anguckst deswegen, will ich dir eine Sache mal ganz deutlich sagen: Ich hätte gern noch ein bisschen länger was von dir, am besten gesund und munter. Also find dich damit ab, dass ich da notfalls nachhelfe, wenn du nicht selbst genug auf dich achtest“, stützte er die Hände auf die Hüften und betrachtete kopfschüttelnd die Müdigkeit in Dominiks Gesicht, die nur von dessen Trotz übertrumpft wurde. Ja, in solchen Momenten fühlte er sich manchmal wirklich wie ein Vater, der sich mit seinem Teenager rumzankte und fand diesen Vergleich besonders in dieser Situation nur allzu passend.

„Schöne Grüße von Frau Bachmüller übrigens“, fiel ihm nämlich wieder ein und er musste sogar schmunzeln, als Dominik fragend die Stirn runzelte. Doch bei Fridos Erklärung nahm sein Gesicht Züge tiefer Erschöpfung an.

„Sie hat sich heute vorm gesamten Kollegium nach deinem Befinden erkundigt und ich war ein wenig überrascht, dass du die letzten Tage wohl nur in meinem Kurs mit Anwesenheit geglänzt hast“, verschränkte er die Arme wieder vor der Brust und schnaubte aus, als Dominik selbst jetzt an seiner Sturheit festhielt.

„Ist keine Anwesenheitspflicht und in den wichtigen Kursen war ich…“, murmelte er, um dann den Blick wieder geradeaus auf seine Bilder zu richten und über sich ergehen zu lassen, was Frido zu sagen hatte. Und das war nicht unbedingt wenig.

„Ja, ist mir bewusst. Deswegen hab ich der werten Kollegin auch mitgeteilt, dass wir nicht in der Schule sind und ich auch nicht dein Erziehungsberechtigter bin, der dir ne Entschuldigung schreiben muss. Aber für die Zukunft könntest du mir wenigstens vorher Bescheid sagen!“, forderte er.

„Anwesenheitspflicht hin oder her, ich bin nun mal auch den Dozent und da müsste dir klar sein, dass so was an mich herangetragen wird. Besonders von der Bachmüller! Ich frag mich sowieso, warum du es dir mit ihr noch mehr verscherzen musst! Du weißt doch, wie die darauf reagiert, wenn man ihren Unterricht schwänzt! Die paar Monate, die du jetzt noch bis zum Abschluss hast, wirst du doch wohl auf einer Arschbacke absitzen können, oder nicht? Vor allem frag ich mich aber, warum du mich angelogen hast! Du wolltest nicht mit dem Skateboard fahren, weil du gerade keinen Bock aufs Fitnessstudio hast und lieber auf die Art ein bisschen Bewegung kriegst, oder wie war das neulich? Ich glaub eher, dass ich nicht bekommen sollte, dass du jede freie Minute hier gearbeitet hast! Meinst du, ich hätte dir das ausgeredet, wenn du offen mit mir gesprochen hättest? Das hab ich früher doch auch nicht getan! Was soll das also? Zumal ich ja auch weiß, wie wichtig dir die Ausstellung ist!“, verfiel er zunehmend in seinen Monolog, der wohl noch ewig so hätte weitergehen können, wenn ihm dabei nicht eine Erkenntnis gekommen.

„Ich hab mich eh schon, gewundert, dass du die letzten Tage jede freie Minute mit mir verbracht hast, anstatt…“.

Seine Stimme verstummte und seine gesprochenen Worte verebbten. Doch dafür wurden die in seinem Inneren umso lauter. Erst jetzt wurde ihm so richtig bewusst, dass sie seit ihrem Streit nicht ein Mal mehr über die Ausstellung gesprochen hatten und Dominik in den vergangenen Tagen ein regelrechtes Doppelleben geführt haben musste. Einerseits hatte er sich offensichtlich wieder wie ein Wahnsinniger auf seine Farben gestürzt und andererseits war er doch bei jeder wachen Möglichkeit um ihn herum gewesen. Aufmerksamer, anhänglicher und noch anschmiegsamer als er es sonst bereits war. Frido spürte, wie ihm das Schlucken schwer fiel, erst recht, als Dominik ihn müde, beinahe entkräftet fragte, ob er mit seiner Ansprache endlich fertig sei. Erst dann, als der Ältere knapp nickte, schaute der Jüngere ihn wieder an und wiederholte, was er ihn bereits hatte wissen lassen, ohne dabei auch wirklich Gehör gefunden zu haben: „Wie gesagt, die wichtigen Kurse hab ich besucht“.

Und wieder standen sie nur so da, schauten sich an und schwiegen sich an, während der Eine völlig ausgelaugt wirkte und dem Anderen abwechselnd heiß und kalt wurde.

„Du bist jede Mittagspause in mein Büro gekommen. Selbst, wenn du an dem Tag keinen Kurs bei mir hattest…“, durchbrach Frido dann mit belegter Stimme die Stille und versuchte sie mit Räuspern und Schlucken zu normaler Form zurück zu bringen, während Dominik mit einem einfachen, klaren und doch so vielsagenden „Ja“ antwortete. Dem Älteren sackten die Schultern hinab und er schaute seinen Freund fassungslos an. Die Fahrten waren länger als seine Pausen gewesen und trotzdem hatte Dominik sich das angetan? Gerade bei dem aktuellen Wetter? Und als könne er seine Gedanken lesen, fragte Dominik: „Ich wollte bei dir sein. Ist das so schlimm?“. Wieder schluckte Frido und schüttelte in einer fahrigen Bewegung den Kopf. Doch gedanklich war er längst nicht mehr bei diesem Thema.

„Ich versteh nicht so richtig, warum diese Geheimniskrämerei…“, murmelte er. „Hattest du etwa Angst… mit mir über die Ausstellung zu sprechen?“. Wie konnte ihm erst jetzt diese Mauer auffallen, die sich seit Silvester zwischen sie geschoben hatte? War er zu sehr der Zweisamkeit mit ihrer scheinbaren Innigkeit verfallen gewesen? Doch während er nur langsam begriff, war für Dominik die Antwort längst eindeutig und klar.

„Ich hatte keine Angst darüber zu sprechen, ich hatte einfach nur keine Lust auf Streit und Diskussionen. Die Ausstellung ist mir nicht egal, aber im Moment hab ich genug anderes im Kopf. Nächste Woche ist Paps Termin und ich weiß immer noch nicht, ob er wirklich hin geht. Mit Lilli ist gerade alles in der Schwebe. Das Auslandssemester kommt rasend schnell auf uns zu und dann bin ich ein halbes Jahr von dir getrennt. Aber vor allem will ich mir grad einfach noch keine Gedanken darüber machen, was damit alles zusammenhängt. Ich will einfach bei dir sein und wenigstens für einen kurzen Augenblick so tun, als wäre alles okay. Und wenn das heißt, dass ich Themen außen vor lasse, die am Ende bloß wieder jemandem weh tun, dann mach ich das. Ich weiß nicht, was die Ausstellung oder überhaupt meine Malerei nach Silvester in dir ausgelöst hat und ich will unsere Zweisamkeit grad einfach nicht dadurch kaputt machen, dass ich das herausfinde. Dann spar ich das Thema lieber aus! Ist das so schwer nachzuvollziehen?“, verschränkte er die Arme und zuckte die Schultern, während er nachdenklich zu Boden schaute, ehe er seufzte und abermals die Schultern hob.

„Trotzdem kann ich aus meiner Haut nicht raus. Ja, ich mach mir Gedanken. Über alles mögliche. Und natürlich auch über die Eröffnung morgen. Aber ich hab die Bilder nicht deswegen gemalt, weil ich mit den ersten nicht zufrieden war – das bin ich doch eh nie! Da ändern auch die neuen Gemälde nichts dran! Das Malen ist für mich grad einfach noch mehr als sonst mein Ventil! Ich kann mich im Unterricht eh kaum konzentrieren und lieg nachts ohnehin wach. Dann lass mich wenigstens malen und sperr mich nicht aus dem Atelier aus!“, forderte er und runzelte die Stirn, aber trotzdem schmiegte er sich sogleich in Fridos Hand, als er sie ihm an die Wange legte. War es denn zu fassen, was sein Lockenkopf jetzt schon wieder auf sich genommen hatte?

„Dein Vater ist manchmal ein Idiot, aber so bescheuert ist selbst er nicht, dass er den Termin sausen lassen würde“, strich er mit dem Daumen über die fahle Haut und hob auch die zweite Hand an Dominiks Gesicht. Seine Worte lösten einen tiefen Atemzug aus dem Lockenkopf und auch, wenn es den Anschein machte, dass sie ihm wirklich einen Hauch von Linderung brachten, spürte Frido, dass das allein noch nicht genügte. Denn dafür wog die andere Last auf Dominiks Schultern viel zu schwer, um eine echte Erleichterung zuzulassen. Und was sie beide in den vergangenen Tagen versucht hatten zu verdrängen, fiel ihnen jetzt umso härter auf die Füße. So hart wie die Steine dieser Mauer, die Frido um jeden Preis zwischen ihnen wegreißen wollte – mehr und mehr, je länger er Dominik betrachtete, dem scheinbar allmählich die Kräfte ausgingen, um weiterhin zu verschleiern, wie abgekämpft er sich gerade tatsächlich fühlte. Stattdessen stand im genauen Gegensatz zu einander, wie er sich vertrauensvoll von Fridos Händen halten ließ und zugleich derjenige war, der am meisten versuchte, alles zu stützen, was in seinem Leben ins Wanken geraten war. Alles, außer sich selbst. Wie so oft, dachte Frido und ließ unter einem leichten Kopfschütteln die Hände sinken. Stattdessen hielt er sie Dominik auffordernd hin, als der die Augen wieder öffnete.

„Komm…“, griff er seicht die schlanken Finger, die ihm ohne ein Zögern anvertraut wurden und zog Dominik Richtung Tür. Dabei schafften es dessen Mundwinkel zum ersten Mal an diesem Nachmittag, eine Aufwärtsbewegung zu vollbringen und freimütig ging er Frido nach. Er wünschte sich wohl einfach nur, zu ihrer üblichen Zweisamkeit der letzten Tage zurückzukehren. Doch zu seiner Überraschung führte sein Freund ihn nicht in die Wohnung, damit sie wieder bis zur Nacht so tun konnten, als gäbe es das Atelier eigentlich gar nicht. Nein, stattdessen blieb er kurz vorm Ausgang stehen und schaute auf den Stapel Leinwände, die verdeckten, was dort mit als Erstes auf dem Dachboden gelegen hatte, noch ehe er zu einem richtigen Ort der Kunst geworden war.

„Was ist?“, fragte Dominik darum und betrachtete Frido aufmerksam, als der den Arm um ihn legte, ohne dabei den Blick von dem abzuwenden, was er hinter den Kunstwerken seines Freundes erkennen konnte.

„Hast du dich entschieden, mit welchen Bildern du morgen eröffnen willst?“, rieb er Dominik leicht über den Rücken und nickte, als der sich etwas unschlüssig zeigte.

„Ich find die neueren eigentlich stärker, aber sie sind mir im Moment auch noch zu persönlich, um sie irgendwelchen Wildfremden zu präsentieren. Ich denk, ich bleib bei den ersten beiden. Oder was meinst du?“, war seine Antwort eine Gegenfrage, deren Bestätigung Frido sogleich lieferte.

„Ja, find ich gut. Taste dich erst mal langsam ran. Wenn du willst, kannst du sie immer noch gegen andere tauschen“, sprach er ihm zu und küsste seine Schläfe, um ihm dann die Frage ins Ohr zu flüstern, ob er ihm beim Transport zur Drogerie helfen solle.

„Wenn du möchtest…“, ließ Dominik ihm die Wahl und trotzdem konnte der nicht verbergen, dass er sich über diesen Vorschlag freute. Drum waren sie sich schnell einig, dass sie die Bilder noch an diesem Abend zu ihrem neuen Bestimmungsort bringen wollten, ehe der Künstler es sich doch noch zig Mal anders überlegen konnte. Immerhin fände er auch ohne dieses Geknobel noch ausreichend Gründe für eine weitere schlaflose Nacht, dachte Frido, während er sicher war, dass diese Geste noch lange nicht reichte, um der verfluchten Mauer ernsthaft Schaden zuzufügen. Also entschied er sich für einen Preis, der sicherlich deutlich mehr Wirkung zeigen würde und durch den die Reste dieser Mauer auf lange Sicht womöglich sogar der Anfang eines Weges werden konnten. Steinig und uneben und trotzdem zu beschreiten, wenn man es nur fest genug wollte.

„Sollen wir… uns meine Bilder anschauen, wenn wir wieder da sind?“, schlug er darum vor und dieses Mal waren es seine Mundwinkel, die zuckten, als Dominik ihn nach einigen Sekunden ungläubigen Starrens plötzlich mit neuer Energie an sich zog.

5.1.2025: Per annum

Mit leisem Klackern bahnten sich ihre Schuhe den Weg durch die Fußgängerzone und jedes Ladenlokal, das ihren Weg säumte, wurde mit seinen ausladenden Schaufenstern zum Spiegel. Ja, dachte sie, ihre chice dunkle Stoffhose passte perfekt zu ihrem Blazer und das Wippen ihrer Locken untermalte ihre Entschlossenheit. Oder zumindest das, was sie nach außen hin darstellen wollte. Denn in Wirklichkeit spürte sie nichts als Unbehagen im Magen. Sah ihre Kleidung vielleicht zu sehr nach Bewerbungsgespräch aus, fragte sie sich und straffte im nächsten Moment wieder die Brust und die Schultern. Ja, sie hatte diese Klamotten ursprünglich extra für solch einen Anlass gekauft, aber auch in andere Situationen passten sie hinein! Sie wirkten businessmäßig und genau so wollte sie heute wahrgenommen werden: Nicht als junges Mädel, das gerade erst die Schule abgeschlossen hatte und gar nicht genau wusste, was sie vom Leben eigentlich zu erwarten hatte, sondern starke und emanzipierte Frau, die genau im Blick hatte, was sie wollte. Mit Zahlen war sie schon immer gut gewesen und auch ansonsten nicht auf den Kopf gefallen. Also würde sie auch diesen ersten Banktermin, den sie ganz alleine bestritt, mit Bravour meistern! Sie musste zwar nicht nur ein Girokonto eröffnen, sondern das überraschend hohe Erbe ihrer Großmutter sinnvoll anlegen, aber auch das würde sie schaffen! Wichtig war nur, dass sie dabei ernst genommen wurde. Dass der Bankberater sie nicht als dummes Kind ansah, sondern sich etnsthaft Mühe gab, um sie gut zu beraten. Sie war seine Kundin und wollte genau so auch behandelt werden. Also blieb sie kurz vor Erreichen der Bankfiliale stehen, warf einen Blick auf ihre Uhr und überprüfte im Schaufenster ein letztes Mal ihre Kleidung. Ja, alles saß, wie es sollte! Drum atmete sie tief ein und aus und tat es noch einmal, um dann mit Entschlossenheit und Selbstvertrauen in diesen Termin hinein zu gehen – erst nur nach außen hin, bis sie es auch innerlich spürte. Und auch, wenn sie die vielen Zahlen und Optionen verwirrten, ihr Kopf zu Schwirren begann, als zum wiederholten Male der Satz „Dieses Wertpapier erbringt per annum etwa eine Rendite von…“ mit weiteren Zahlen und Bedingungen endete, ging sie schließlich doch mit einem guten Gefühl aus diesem Termin heraus. Denn nun begann der Part, bei dem sie über alle Maße zu ihrem Selbstvertrauen zurückfand: sich mit einem Stapel Unterlagen in die Recherche zu begeben, ganz genau auf Kleingedrucktes zu achten und auf dieser Basis am Ende die Entscheidung zu treffen, unter welchen Vertrag sie ihre Unterschrift setzen wollte.

6.1.2025: Einläuten

Er hatte es wirklich versucht. Mit jeder Faser seines Körpers hatte er daran festhalten wollen, aber am Ende musste er sich der Realität geschlagen geben. Spätestens, als das Handy neben ihm zum vierten Mal anfing zu bimmeln, konnte auch er sich nicht mehr ins Land der Träume flüchten. Selbst, wenn für ihn das Erwachen noch immer schwerfälliger war, als für den Besitzer dieses Höllengeräts.

„Scheiße, ich hab verpennt!“, durchzog es den nämlich, als er noch ein weiteres Mal seinen Wecker pausieren wollte und dabei von der Uhrzeit erschreckt wurde, die ihm inzwischen entgegen lachte. Na, immerhin hatte er überhaupt mal wieder etwas Schlaf gefunden, hätte sein Freund in diesem Moment wohl frohlockt, wenn er nicht selbst völlig gerädert gewesen wäre. Drum zeigte er sich auch recht unwillig, als Dominik nicht nur selber auf die Beine kommen wollte, sondern es mit ihm ebenfalls versuchte.

„Frido, ich muss zur Arbeit. Komm, wach auf und leg dich ins Bett, sonst hast du nachher wieder Rückenschmerzen“, hörte er dessen Stimme ganz nah an seinem Ohr und spürte Dominiks Hand auf seiner Brust, die ihn seicht rüttelte. Und trotzdem hatte er nicht viel mehr als ein unverständliches Brummen übrig. Er wollte sich einfach nur umdrehen und weiterschlafen! Wenn die ungünstige Liegefläche ihn da nur nicht schon längst gezwickt und gezwackt hätte.

„Ich bin zu alt für so was…“, murrte er also endlich, als Dominik noch einmal sanft auf ihn einredete und öffnete die Augen, um auf dieses warme Lächeln zu blicken, das ihn nur wenige Zentimeter vor seinem Gesicht begrüßte.

„Guten Morgen…“, kehrte ein kurzer Moment der Ruhe ein, in dem alle Zeit vergessen war und nur der Kuss zählte, mit dem sie sich zu Beginn dieses Tages begrüßten. Zumindest, bis Dominik sich mit verzogenem Gesichtsausdruck abwendete.

„Ich glaub, wenn ich von der Arbeit komm, muss ich erst mal Zähne putzen. Und duschen wär wahrscheinlich auch nicht schlecht…“, roch er an seinem Pulli, um abzuwägen, ob es ihm lieber war, nicht taufrisch im Großmarkt aufzutauchen oder zu spät zu sein. Nein, so furchtbar roch er nun wirklich noch nicht. Er konnte sich durchaus noch unter Menschen trauen, stellte er fest, während Frido sich auf die Unterarme stützte und schmatzte, weil auch ihn die Zahnbürste rief.

„Du duftest gut“, konzentrierte er sich dabei aber lieber auf seinen Freund und schmunzelte, als er dessen verstohlenes Lächeln sah.

„Geh ins Bett“, sagte er aber nur und gab Frido noch einen Kuss auf die Wange, ehe er endgültig auf die Füße sprang, um sich zur Arbeit zu sputen.

„Bis später!“, rief Frido ihm nach, den Kopf leicht in seine Richtung gedreht, um Dominik trotzdem nur aus den Augenwinkeln heraus dabei zusehen zu können, wie er an der Tür noch einmal anhielt. Es war aber nicht nur, um sie vorm Heraustreten öffnen zu können, sondern noch etwas anderes hielt ihn zurück.

„Du, ähm… kommst du nachher auch?“, fragte er beinahe scheu und hob erwartungsvoll die Augenbrauen, als Frido sich weiter aufstützte und zu ihm wendete.

„Du meinst zur Eröffnung?“, fragte er seinerseits und präsentierte mit seinen Augenbrauen im Gegenzug seine Verwunderung bei Dominiks Nicken.

„Ja, klar!“, gab es für Frido keinerlei jedoch Zweifel, dass er Dominiks großen Tag nicht verpassen wollte und er schenkte ihm ein Lächeln, das anhielt, bis die Tür hinter seinem Lockenkopf ins Schloss fiel. Erst dann wandte Frido sich wieder um und rieb sich das Gesicht, während seine Gedanken an die zurückliegende Nacht anknüpften. War er allen Ernstes auf dem harten Fußboden eingeschlafen? Nur in den Schein der Schreibtischlampe gehüllt, während Dominik in ihm wenigstens sein übliches Kopfkissen gehabt hatte? Er schüttelte den Kopf und legte die Unterarme auf seinen Knie ab. Sein Blick heftete sich an das letzte Bild, das sie vor ihrem Wegdösen angeschaut hatten. Wobei anschauen nicht einmal im Ansatz den richtigen Begriff darstellte. Regelrecht eingetaucht waren sie in die Kunstwerke, die selbst dem Erschaffer nach so langer Zeit inzwischen mitunter fremd vorkamen. Teilweise wusste er noch ganz genau, was sich dort in dem Stapel schlummernder Leinwände verbarg, aber teilweise hatte er sich auch selbst überrascht. Und das, obwohl er bis zum gestrigen Abend felsenfest der Meinung gewesen war, jedes Motiv noch klar vor Augen zu haben. Aber noch viel mehr als das hatten diese Malereien einige unerwartete Gefühlsregungen für ihn übrig gehabt. Von einem faden Beigeschmack war er im Vorfeld ausgegangen, vielleicht auch von einem Tränchen im Augenwinkel, aber stattdessen hatte ihn eine Welle aus Emotionen mitgerissen. Weinend wie ein kleines Kind hatte er sich in Dominiks Armen wiedergefunden oder ihn seinerseits lachend an sich gezogen. Überwältigt von Erinnerungen hatte er ihm erzählt, was ihn zu dem Bild bewogen hatte und welche sonstigen Gegebenheiten mit ihm verknüpft waren oder sie hatten über Minuten hinweg nur schweigend da gesessen und die Farbe auf der Leinwand betrachtet. So lange, bis sie erschöpft und aneinander geschmiegt eingeschlafen waren – bei dem fünften von über zwei dutzend Bildern, die dort auf dem Stapel noch lagen und warteten. Aber wollte er sie sich wirklich noch alle anschauen, grübelte Frido, wenn schon diese ersten paar so aufreibend und auslaugend für ihn gewesen waren? Wieder rieb er sich das Gesicht und legte den Kopf auf seinen Unterarmen ab. War er wirklich bereit, diesen Wendepunkt einzuläuten, nachdem er ihn so lange erfolgreich vor sich hergeschoben hatte? Was, wenn es ihm dadurch am Ende so wie Dominik manches Mal erginge? Davongerissen von seinem Innenleben und versunken in einem Sumpf aus Gefühlen und Gedanken. Schließlich hatte auch er sich bereits beim ersten Schritt in diese Richtung auf dem Boden des Ateliers wiedergefunden. Wollte er es da wirklich wagen, diese Büchse der Pandora noch ein weiteres Mal und noch stärker zu öffnen? Er fuhr sich durch das kurze Haar und hievte seinen Körper auf die Füße, um dann näher an sein Gemälde heranzutreten und es in die Hände zu nehmen. Sollte er sich nicht einfach davon befreien, indem es loswurde? In den Müll geschmissen oder besser noch verbrannt? Gemeinsam mit den anderen, die er nun schon seit über zehn Jahren mit sich herumschleppte? Warum hatte er es überhaupt bis jetzt behalten? Er wusste nicht mehr, was ihn damals dazu bewogen hatte. War es ein Festhalten an früheren Vorstellungen und Ideen gewesen? Die Unfähigkeit, sich vollends von seinem einstigen Selbstbild zu lösen? Oder hatte er in der Tiefe seiner Seele immer gehofft, dass eines Tages jemand in sein Leben träte, mit dem er sich diesem Schmerz und Verlust wirklich stellen konnte? Tief sog Frido die Luft in seine Lunge, schloss die Augen und presste die Lippen zusammen, als er sich die vielleicht wichtigste aller Fragen stellte: Konnte er wirklich auf Dominiks Stärke vertrauen und diesen Sprung wagen oder würde es sie am Ende beide in die Tiefe reißen, wenn auch er jetzt seinen bisherigen Halt verlöre?

7.1.2025: Wintersonne

Golden schien ihm die Wintersonne ins Gesicht, brachte die Eiskristalle auf Blumenkübeln und Baumrinden zum glitzern und legte sich durch das große Schaufenster hindurch auf seinen Kaffee. Schön verziert war dieser und doch traf er mitnichten seinen Geschmack. Er war ihm genauso zuwider wie das trockene Teegebäck, das ihm obligatorisch den Rand der Untertasse verschönerte. Wie sollte man bei solchen Aussichten ernstlich Appetit auf eines der Gebäckstücke verspüren, die auf der Speisekarte und der handbeschriebenen Tafel vorm Café angepriesen wurden? Kopfschüttelnd klemmte er einen großzügigen Geldschein unter die kaum berührte Kaffeetasse und stand auf. Nein, noch länger wollte er seine Zeit hier nun wirklich nicht verschwenden und warf sich seinen Mantel über, um möglichst unauffällig wieder zu verschwinden. Nur schnell weg, bevor der mäkelige Gast für Nachfragen sorgte und blumige Umschreibungen dafür suchen musste, dass er den dargebotenen Kaffee als unzumutbares Gebräu empfand und der trockene Keks wohl nicht einmal zum Stippen taugte, weil er neben dem Inhalt der Tasse höchst wahrscheinlich auch gleich sämtliche Spucke aus dem Mund hinfort saugen würde. Und das sollte er nun bald wieder für ein ganzes halbes Jahr über sich ergehen lassen, dachte Ernest, während er zurück in die Kälte trat und seinen Atem dabei beobachtete, wie er ihm den Weg wies. Man musste ihm ja zugestehen, dass er wenigstens versuchte, sich wieder mit dem vorherigen Niveau seiner Kaffeetafel anzufreunden oder sogar noch ein wenig darunter zu starten. Aber man durfte auch nicht zu viel von ihm verlangen, fand er. Wäre es wohl im Rahmen des Möglichen gewesen, dass Dominik die restliche ihm verbleibende Zeit dafür nutzte, um Frido das Backen beizubringen? Mit einer guten handvoll Rezepten hätte Ernest sich für diese paar Monate ja durchaus schon zufrieden gegeben. Dem Dozenten wenigstens Plunderteilchen oder Linzer Torte in der Vollkommenheit, die Dominik zu eigen war, beizubringen, wäre doch wohl kein Ding der Unmöglichkeit gewesen, oder? Nur wie sollte er diese kleine Aufforderung am besten verpacken, überlegte Ernest, während er durch die Fußgängerzone schritt und sich wenig interessiert an dem zeigte, was sich ihm dort links und rechts in den Auslagen präsentierte. Und wenn er, statt auf ein plötzliches Erwachen von Fridos gesteigerten Backfähigkeiten zu hoffen, einfach an die Quelle des Ganzen herantrat? Bestimmt fiele ihm noch der eine oder andere kleine Gefallen ein, mit dem er die Gunst von Großmutter Trudel gewinnen könnte. Ja, dachte er zufrieden mit sich selbst und spürte sogar ein dezentes Lächeln seine Mundwinkel kitzeln. Das wäre doch durchaus eine weitere Überlegung wert!

8.1.2025: Lichteln

Wie Sand knirschte das Salz unter seinen Schuhen und wenn es konnte, heftete es sich nicht nur an die Sohlen, sondern auch an die Spitzen und Seiten des glatten Lederbezugs. Elegant waren sie, seine Treter, aber nicht sonderlich wärmend, musste er wieder einmal feststellen. Da half auch die Bewegung nicht viel, die er durch seinen Marsch die Fußgängerzone entlang erhielt. Wenigstens boten sein Mantel und die zum Schal passenden Handschuh deutlich mehr Schutz vor der Kälte und der Rest würde sich hoffentlich von selbst ergeben, wenn er den Ort seiner Bestimmung erreicht hatte. Sonderlich auffällig war der inzwischen allerdings nicht mehr, wie er einmal mehr schon von weitem erkannte. Zumindest von außen, denn ohne die früheren Werbeschriften und -bilder auf den Schaufenstern erhielt der geneigte Besucher zwar einen besseren Blick aufs Innere der alten Drogerie, doch der entfaltete sich nun erst, wenn man nahe genug an sie herangetreten war. Ansonsten ging sie beinahe unter, neben der Vielzahl an Kleidungsgeschäften, die sie umringten und mit ihren Auslagen um Kundschaft buhlten. Da war es auch nicht unbedingt hilfreich, dass die frühere Beleuchtung inzwischen etwas reduzierter ausfiel. Und doch konnte er nicht abstreiten, dass ihn gerade diese Zurückhaltung durchaus ansprach. Schon in der Adventszeit war sein Blick immer mal wieder an den großen Scheiben kleben geblieben, wenn ihn der Weg beim Einholen von Besorgungen zufällig hier vorbeigeführt hatte. In den Wochen vor Weihnachten war der Platz der Ausstellung an einen kleinen Hobbykünstlermarkt übergegangen und auch, wenn dieser Anblick einen Dr. Ernest Landers nicht zum Betreten der Drogerie hatte verführen können, war er für ihn doch ein kleiner Quell der Freude gewesen. Stimmig und dezent hatte sich die heimelige Dekoration durch die kleinen Marktstände gezogen, um sie optisch noch mehr miteinander zu verbinden, als sie es thematisch bereits waren. Gespickt mit echter Tanne, handgefertigten Anhängern und Figürchen und durchzogen von lichtelnden Kerzen, die bei genaueren Hinsehen zwar nur künstlich gewesen waren und mit ihren nachgemachten, beweglichen Flämmchen dennoch stimmungsvoll zum Ambiente beigetragen hatten. Da fragte der Arzt sich nun doch ein wenig, was der kleine Trupp aus Künstlern wohl in den letzten Tagen aus diesem Veranstaltungsort gemacht hatte. Wäre es wieder die schlichte Einfachheit aus modernen Betonwänden in vergilbtes Weiß getüncht, wie sie sich dem Betrachter bei der vorangegangenen Ausstellung präsentiert hatte? Nein, stellte Ernest bereits mit Erreichen der Drogerie fest, als er vor der Tür stehen blieb und sich erst einmal einen Überblick verschaffte, ehe es für ihn ins überschaubare Getümmel ging. Nicht nur die Bilder auf den bespannten Keilrahmen säumten den Raum, sondern auch Malereien direkt auf den Wänden bis hin zur Decke des Raumes. Sie unterstrichen das, was zwischen ihnen hing und das, was in geformter Weise vor ihnen stand. Gezielt gesetzte Lichter und Lampen leuchteten alle Kunstwerke aus und an, um sich nicht nur auf die Deckenbeleuchtung zu verlassen, sondern den Blick des Betrachters gezielt durch die Galerie zu leiten. Da konnte sogar ein gewisser Arzt sich nicht verkneifen, den fleißigen Schöpfern ein anerkennendes Nicken zu schenken. Selbst, wenn sie in ihrem geselligen Treiben nicht einmal wahrnahmen, dass er überhaupt dort stand und sie beobachtete. Viel zu beschäftigt waren sie damit, die letzten kleinen Feinheiten anzupassen, ehe in etwa zwanzig Minuten die offizielle kleine Eröffnung stattfand. Sie schnatterten untereinander und mit den ersten Gästen, die sich bereits eingefunden haben – augenscheinlich vor allem Freunde, Verwandte und Kommilitonen. Aber natürlich auch ein gewisser Dozent, dessen Rückansicht Ernest nur allzu bekannt vorkam, als er ihn mit einem Grüppchen plaudern sah. Allem Anschein nach einige seiner Studenten und eventuell ein Kollege – wobei es selbstverständlich auch die Leute gab, die sogar im höheren Alter noch einmal ein Studium absolvierten. Aber wer, wenn nicht ein Dr. Ernest Landers, würde mit Leichtigkeit herausfinden, ob seine erste oder zweite Vermutung die richtige war? Also betrat er den Ort des Geschehens, suchte sich ein Plätzchen, von dem aus er sicher sein konnte, dass Frido ihn entdecken würde und gab sich ganz überrascht, als er nur Augenblicke später seinen Namen hörte.

„Ernest! Du auch hier? Da hab ich ja nicht mit gerechnet!“, lachte der Jüngere und winkte den Angesprochenen zu sich hinüber. Und auch, wenn es ja eigentlich erfreulich gewesen wäre, dass man sein Erschienen so feierte, wusste der Arzt in diesem Moment nicht, was er echauffierender finden sollte: Die Begrüßung als solche oder dass man ihn wie einen Hund zu sich pfiff. Also reckte er das Kinn und tat einen verschnupften Atemzug durch die Nase, während er so gütig war, sich in Fridos Richtung zu bewegen. Selbstverständlich durchschritt er die kleine Menschenansammlung dabei mit der nötigen Anmut und in angemessener Zeit, ehe er zu dem Dozenten aufschloss. Und als Gentleman, der er nun einmal war, bedeckte er seine Empörung erst einmal mit einem dezenten Lächeln. Schließlich konnte er Frido diese Unverschämtheiten auch später noch zurückzahlen! Aber nun klopfte er sich erst einmal innerlich für seine ausgezeichnete Menschenkenntnis auf die Schulter, als der Dozent ihm vorstellte, mit wem er gerade so angeregt geschwatzt hatte. Wie erwartet handelte es sich dabei um Studenten und einen Kollegen seines Freundes. So schnell machte man ihm nichts vor, dachte Ernest wohlgefällig und nickte mit einem „Sehr erfreut“ in die Runde. Doch dann reagierte er trotzdem ein wenig verärgert, als Frido noch einmal seine Verwunderung über Ernests Erscheinen kundtun musste.

„Dass du dich unter das einfache Volks mischst…“, grinste der Jüngere dabei, was wahrlich ein Wunder darstellte, denn eigentlich hätte er sich längst unter Schmerzen auf dem Boden winden müssen. Zumindest, wenn es nach Ernests Blick gegangen wäre.

„Selbstverständlich“, legte der darum auch einen besonders kühlen Ton in seine Antwort, als ein Anstieren alleine nicht genügte und räusperte sich geräuschvoll, weil dieser dumme Tropf ihm in seiner Dusseligkeit nun auch noch auf den Rücken klopfte. Da fragte man sich manches Mal, wie er es überhaupt geschafft hatte, einen Hochschulabschluss zu ergattern und jetzt auch noch auf Studenten losgelassen zu werden! Doch dieser Überlegung gab wohl nur Ernest sich hin.

„Da wird Dominik sich aber freuen, dass du an seinem großen Tag mit dabei bist!“, rief der Dozent hingegen ungeachtet der gut kaschierten Drohungen aus und sagte nach diesen Minuten verbaler Qual erstmals etwas Sinnvolles: Er entschuldigte sich für einen Moment, um nach seinem Partner zu sehen.

„Vielleicht kann ich ja noch irgendwas helfen“, löste er sich von der Gruppe und schritt auf seinen Lockenkopf zu, um dann wieder etwas überrascht zu sein, als er dabei unvermittelt Ernest neben sich wahrnahm.

„Was? Dachtest du, ich hätte Interesse, dem Geschnatter deiner Studenten zu lauschen?“, folgte der Arzt ihm unauffällig und blieb dann doch schlagartig stehen, als Fridos Antwort dem Fass nun endgültig den Boden ausschlug.

„Na ja, es geschehen noch Zeichen und Wunder. Wie gesagt wunderts mich ja schon, dass du überhaupt Interesse an der Veranstaltung hast. Eigentlich hätte ich gedacht, dass so was hier unter deinem Niveau ist. Kein Catering, sondern nur selbstgemachte Häppchen, kein abendfüllendes Programm, sondern nur eine kurze Ansprache und du kannst wohl nicht mal drauf hoffen, dass sich hier irgendwelche namhaften Persönlichkeiten einfinden werden“, grinste der Dozent zunächst und hob dann verwundert die Augenbrauen, als Ernest so abrupt zurückfiel.

„Was?“, fragte er dabei und geriet seinerseits ins Straucheln. Doch für den Arzt war endlich der richtige Zeitpunkt gekommen.

„Tja, Friedrich, das muss wohl dein guter Einfluss sein. Schließlich bist du auch schon seit jeher unter meinem Niveau und trotzdem verschwende ich meine Zeit an dich“, konnte er ihm endlich die Antwort verpassen, die er verdiente. Das Kinn empor gereckt, schmälerte er die Augen und beobachtete die Reaktion seines Gesprächspartners. Und dem verschlug es für eine Sekunde wahrlich die Sprache. Doch dann löste er sich mit einem Lachen aus seiner Starre, klopfte dem Gewinner dieses Duells auf die Schulter und schritt dann trotzdem weiter, als wäre nichts gewesen. Wollte Ernest sich damit zufrieden geben? Er war sich noch nicht sicher, aber erst einmal richtete sich seine Aufmerksamkeit auf jemand anderen.

„Ernest, hallo! Schön, dass du da bist!“, war nämlich auch Dominik durch Fridos Gepolter auf den jüngst eingetroffenen Gast aufmerksam geworden und kam ihm entgegen gelaufen. Dabei wirkte er dem Arzt eigentlich auch ein wenig zu überrascht ob seines Erscheinens, doch ihm konnte man es in diesem Fall ja vielleicht noch verzeihen. Immerhin verriet allein das Zittern schon Dominiks Nervosität. Also sah Ernest voller Güte über diesen dezenten Affront hinweg und davon ab, den jungen Künstler noch mehr zu verunsichern.

„Natürlich. Immerhin hast du mich ja selber dazu eingeladen, der Eröffnung heute beizuwohnen“, antwortete er also voller Großmut und visierte lieber wieder Frido an, als der sich den nächsten kleinen Zwischenkommentar erlaubte.

„Nimms ihm nur nicht übel, wenn er gleich plötzlich einen Notfall hat. Das kommt leider öfter mal vor. Haben wir ja bei Mamas und Papas Hochzeitstag gesehen“, frotzelte er zu seinem Freund und betitelte den auch noch als gutmütig, weil er im Gegensatz zu Frido Verständnis für den Arzt zeigte.

„Ich weiß ja, dass du viel zu tun hast, Ernest. Aber Danke, dass du trotzdem kurz hergekommen bist. Selbst wenns nur ein paar Minuten sind“, lautete Dominiks Antwort darum und auch, wenn der junge Mann sicherlich mit guter Intention gesprochen hatte, fragte Ernest sich, wieso gerade alle seine Zeitplanung und Verfügbarkeit infrage stellen wollten. Allerdings sah er von einem entsprechenden Ausspruch ab – wenn auch vielleicht nur, weil Frido ihm damit zuvorkam, dass er sich bei Dominik nach dem Stand der Vorbereitungen erkundigte.

„An sich ist alles fertig. Wir mussten noch kurz ein, zwei Sachen bei der Lichtinstallation tauschen, aber ansonsten stehts jetzt. Niko und Lara testen das grad noch mal und dann können wir wie geplant starten“, erklärte Dominik und schmunzelte, als er bei einem Blick über die Schulter eine nur allzu deutliche Bestätigung von Niko erhielt: Beide Daumen hoch empor gehoben und ein strahlendes Grinsen im Gesicht. Doch Dominiks Gesichtsausdruck nahm bei einem Blick auf die Uhr und zu der anwachsenden Besuchermenge im Ausstellungsraum schnell wieder andere Züge an. Es war ein ewiges Hin und Her und Frido längst routiniert in seinem Vorgehen. Also legte er seinem Freund ganz selbstverständlich den Arm um die Schultern und zog ihn an sich, um ihm im nächsten Moment zuzuflüstern, dass alles wie am Schnürchen laufen würde. Und auch, wenn das die vorherigen Male gute Wirkung gezeigt hatte, wollte Dominik sich dieses Mal nicht so recht entspannen. Also wendete sich sogar Ernest mit einem ernst gemeinten Aufmunterungsversuch an den jungen Mann, dessen vornehme Blässe inzwischen problemlos mit der weißen Tapete in seiner Praxis konkurrieren konnte.

„Benötigst du ein Fläschchen Riechsalz?“, erkundigte er sich und doch wurde seine Geduld erneut auf die Probe gestellt, als der Lockenkopf seine Worte für Witzelei hielt.

„Frido macht im Notfall bestimmt Mund-zu-Mund-Beatmung“, lehnte er amüsiert ab, doch dann starrte er plötzlich wie vom Donner gerührt zur Tür. Nur lag es nicht an Ernests unterkühltem Blick, auch, wenn man das in diesem Moment vielleicht hätte vermuten können.

„Da vorn ist Mama!“, war stattdessen des Rätsels Lösung, die Dominik sofort verschüchtert zusammenzucken ließ, denn die Worte waren etwas lauter als beabsichtigt aus ihm herausgekommen. Doch wie er bei einem verstohlenen Blick über die Menge feststellen durfte, schaute niemand ihn irritiert oder gar abschätzig an. Viel zu sehr waren die anderen Anwesenden miteinander oder sich selbst beschäftigt, um gerade Kenntnis von ihm und seiner Erleichterung zu nehmen. Nur Frido konnte nicht anders, als ihn mit seinem liebevollen Blick einzuhüllen, als Dominik sich mit einem „Ich komm sofort wieder!“ von ihm löste. Und dieses Mal war es ausgerechnet Ernest, der auf die blumigen Worte verzichtete, als er dabei zuschaute, wie der Lockenkopf durch die Besuchermenge huschte.

„Na, wie oft hat er heute schon vor Aufregung gekotzt?“, schob er die Hände in die Manteltaschen, während Frido die entstandene Lücke dadurch schloss, dass er wieder näher an ihn herantrat.

„Gar nicht“, schüttelte der allerdings den Kopf und schmunzelte darüber, wie Dominik sich nach kurzen Grüßen an weitere bekannte Gesichter in einer Umarmung mit seiner Mutter wiederfand, die wirkte, als hätten sei einander eine Ewigkeit nicht gesehen. Und dann musste er lachen, als er auf Ernests Schweigen hin den Kopf zu ihm drehte und dessen Verwunderung sah.

„Er hat heute einfach noch nichts gegessen“, lautete die Erklärung und ja, das war offensichtlich schon eher, was der Arzt von dem jungen Mann erwartet hatte.

„Dann behalt ich ihn mal ein bisschen im Blick, bevor er wieder zu meinem Patient wird“, entschied er also mit einem Seufzen und doch ging er Dominik nicht sofort nach. Denn erst zog ein anderer wieder seine Aufmerksamkeit auf sich und erinnerte ihn an daran, dass es ja noch ein Hühnchen zu rupfen gab.

9.1.2025: vorsetzen

Stolz wie ein Vater, der sein Kind am ersten Schultag beobachtete, stand er da und war erfüllt von Liebe, die sein Herz beinahe zum Überlaufen brachte, als er das ausgelassene Lachen seines Freundes betrachtete. Nicht weniger als diese Freude hatte er ihm nach all den Strapazen der letzten Zeit gewünscht und spürte dabei nicht einmal, wie die eigenen Mundwinkel zunehmend empor krochen, je länger er Dominik mit Rosanna anschaute. Doch nicht nur das. Er war auch so eingenommen von diesem Anblick, dass ihm nicht im Traum einfiel, gerade selbst nur allzu genau beäugt und gemustert zu werden. Seine vor Selbstbewusstsein strotzende Brust, der feste Stand, die mit Zufriedenheit verschränkten Arme. Aber auch die kleinen Nuancen in seinem Blick, die immer dann auftauchten, wenn er ihn von seinem Lockenkopf über die Kulisse schweifen ließ, in der sie sich hier befanden. War es nicht eigentlich eine Zumutung, ihm so direkt und eiskalt das vorzusetzen, was er selbst nie hatte erleben dürfen? Selbst, wenn es vermutlich deutlich kleiner und beschaulicher als das ausfiel, was er einst für seine erste eigene Vernissage geplant hatte?

„Sie werden so schnell groß“, mischte sich dabei Ernests Stimme in Fridos gedankenverlorenes Starren und riss ihn zurück ins Hier und Jetzt. Doch trotzdem hatte der Dozent nur ein Schmunzeln für die Worte des Arztes übrig. Besonders, wenn er daran dachte, was für ein Nervenbündel sein Liebster vor gut zwei Stunden noch gewesen war. Fast wäre er auf dem Weg zur Drogerie wieder umgekehrt und hatte sich dann umso wackerer geschlagen. Und nun, selbst wenn sich kleine Unterbrechungen mit in diesen Eindruck hinein mischten, schien er sich immer wohler zu fühlen. Ja, schon bald wäre er wie ein Fisch im Wasser, wenn er seine Werke und sich selbst auf diese Weise der Öffentlichkeit präsentierte. Da war Frido sich ganz sicher. Doch musste er feststellen,dass nicht nur er einen Hang zum Treffen von Voraussagen hatte.

„Zu schade, dann wird er dich bald ja gar nicht mehr brauchen“, ließ Ernest betont beiläufig einfließen, während auch er Dominik dabei beobachtete, wie er seine Mutter nun sogar freudig einigen Kommilitonen vorstellte. Wahrlich eine beeindruckende Wendung, wenn man bedachte, wie abwegig so eine Situation vor wenigen Monaten wohl noch gewesen wäre! Doch seltsamerweise wollte Frido auf diese Anerkennung für die Entwicklung seines Freundes gar nicht richtig eingehen.

„Wie meinst du das?“, erkundigte er sich zwar, ließ Ernest dann aber nicht einmal aussprechen.

„Nun, du hast mir doch selbst erzählt, wie ihr erstes Aufeinandertreffen damals war. In der Uni, als…“

„Das mein ich nicht. Wieso sagst du, dass er mich bald nicht mehr braucht?“, schienen Fridos verschränkte Arme allmählich eine andere Bedeutung zu erhalten und wurden von seinem Stirnrunzeln untermalt. Ernest zeigte sich hingegen beinahe unbeteiligt. Ach, darauf sprach der Dozent an. Hatte er es also doch gehört? Dann sollte man wohl auch so gütig sein, ihm eine Antwort zu kredenzen.

„Selbstverständlich nur als Mentor. Man sieht ja, dass er immer mehr auf eigenen Beinen steht und auch künstlerisch trotz seiner bereits hohen Qualität durchaus noch Fortschritte gemacht hat. Wenn ich als Laie so vermessen sein darf, das bewerten zu wollen“, glitt Ernests Blick dabei von Dominik hinüber zu dessen Gemälden und heftete sich schließlich an Frido, der sich plötzlich überraschend schwer damit tat, sein Lächeln festzuhalten. War da etwa ein Punkt getroffen worden, der über seine Stellung als Dominiks Dozent hinausging und sogar an die seltsame Stimmung in der Silvesternacht anknüpfen konnte?

„Ich stell es mir für dich gar nicht so leicht vor“, bohrte Ernest also noch ein wenig weiter und musste seine eigenen Mundwinkel im Zaum halten, als Frido ihm den Gefallen tat, von diesem Ausspruch noch kritischer zu schauen. Da war sie ja, die Reaktion, die er sich erhofft hatte und der Dozent tat ihm sogar noch einen weiteren Gefallen.

„Ach, und wieso?“, schwang die Unlust über einen Fortgang dieses Gesprächs zwar nur so in dessen Worten mit, doch gleichzeitig hatte er sich durch seine Nachfrage längst mit Anlauf in das Netz der Spinne geschmissen.

„Na ja, so wie es aussieht, kann er auf deine Unterstützung bald verzichten, Frido. Und ich frage mich durchaus ein wenig was du machst, wenn dein kleines Wohltätigkeitsprojekt endlich allein klar kommt. Womit lenkst du dich ab, wenn er von dir nicht mehr aufgepäppelt und bei der Hand genommen werden muss?“, legte Ernest den Kopf schief und musterte Frido, als der das tat, was er wohl schon längst hätte tun sollen: Er drehte sich um und ließ ihn einfach stehen. Schweigend und trotzdem mit einer Körpersprache, die lauter kaum hätte sein können, bewegte er sich von ihm weg, doch der Arzt hatte dafür nur ein kaum merkliches Schulterzucken übrig. Ein wenig unhöflich war Fridos Verhalten zwar, aber davon ließ er sich den Nachmittag sicherlich nicht versauen. Denn schließlich konnte man ja auch anderer Stelle noch das eine oder andere Netz aufstellen und auswerfen. Also mischte er sich wieder unters Volk, das vornehmlich aus Dominik und dessen Mutter bestand. Immerhin kannte er Rosanna bisher ja nur von höherem Sagen und konnte eine gewisse Neugier nicht verleugnen. Und als wäre es nicht schon erfreulich genug gewesen, mal einen Blick auf jene Frau zu werfen, die ihrem Göttergatten so tatenlos beim Zerstören der Kindheit ihres Sohnes zugesehen hatte, ergab sich auch noch eine weitaus erfreulichere Wendung. Denn kein Geringerer als das Ekelpaket selbst erhaschte Ernests Aufmerksamkeit, als der Arzt kurz vor erreichen seiner anvisierten Gesprächspartner Rosannas entzücktes „Ah, da kommen sie ja!“ vernahm. Und auch, wenn seine Frau zugegebenermaßen über ein liebliches Stimmchen verfügte, strahlte Hinrich Preuss auch ohne Worte mit jeder Faser seiner Erscheinung Griesgrämigkeit und Antipathie aus – eine Feststellung, die sicherlich nicht nur darauf fußte, dass Ernest ihm vielleicht mit einer gewissen Voreingenommenheit gegenübertrat. Also wunderte es ihn auch nicht, dass selbst sein eigener Sohn beim Eintreffen seines Vaters nur Augen für die Person an dessen Arm hatte.

„Oma ist auch mit?“, schien Dominik sein Glück kaum fassen zu können, als er entdeckte, wer da an einem kräftigen Arm untergehakt die Straße entlanggeführt wurde. Und ausgerechnet jetzt musste Niko nach ihm rufen!

„Kommst du? Wir fangen an!“, ließ er seinen Freund wissen, um dann selber freudig zu winken, als Tessa doch noch auf den letzten Drücker zur Veranstaltung kam. Die Wangen rot von der eisigen Luft und keuchend vom schnellen Schritt trat sie ein, um erst einmal zu verschnaufen. Es war kaum zu übersehen, dass nicht nur das flaue Gefühl im Magen ihr zu schaffen machte, sondern auch der Kreislauf zu schwanken begann. Doch während Dominik sich nach einem Stuhl für sie umsah, stand ihr Liebster schon längst damit parat.

„Hier. Wenn was ist, meld dich, ja? Schrei von mir aus mitten in die Ansprache!“, ging er vor in die Hocke und fasste ihre Hände, doch Tessa schüttelte nur den Kopf und nickte in Richtung Bühne.

„Nun hau schon ab zu den anderen!“, schmunzelte sie und lächelte über den Kuss, den er ihr schenkte, ehe er zurückging und Dominik dabei mit sich zog. Und das, wo dessen zwei Nachzügler gerade die Drogerie erreichten! Also blieb ihm nichts anderes übrig, als dabei zuzusehen, wie seine Mutter statt ihm zur Tür ging und Oma Trudel im Empfang nahm, während sein Vater sich vor der Tür erst mal ein Lungenbrötchen genehmigte. Und dabei bemerkte er auch, dass plötzlich alle Augen auf ihn und die anderen Künstler gerichtet waren, die sich nun wie eine Einheit an ihrer Bühne eingefunden hatten. Niko in der Mitte und Dominik am äußeren Rand, standen sie an einem runden Tisch, der nicht einmal ausreichend Platz bot, um sich geschlossen um ihn herum zu versammeln, ohne dabei ihrem Publikum den Rücken zuzudrehen. Also hatten sie sich wie verirrte Orgelpfeifen aufgereiht und lauschten Nikos Worten. Als Veteran dieser Veranstaltung wurde ihm die Ehre zuteil, den Gästen für ihr Erscheinen zu danken, ein paar Worte über die beginnende Ausstellung zu verlieren und vor allem die Künstler hinter den gezeigten Werken vorzustellen. Doch während alle anderen Anwesenden ihre Aufmerksamkeit dabei nur auf die Kunstschaffenden richteten, zeigte einer sich viel mehr an Dominiks Familie interessiert. Und da störte es auch nicht, dass der Lockenkopf verschwunden war, ehe er sie einander hatte vorstellen können. Immerhin gab es ja auch noch Oma Trudel, die ihn bereits kannte und ihn sicherlich liebend gern mit ihrem Anhang in Kontakt bringen würde. Also musste er nur warten, dass die alte Dame ihn entdeckte, während ihre Tochter sie näher an die Künstler heranführte. Doch selbstverständlich hielt er sich dabei so lange im Hintergrund, bis Trudel die Vorstellung ihres Enkels hatte feiern und ihn mit ihrem freudigen Winken noch mehr im Erdboden versinken lassen können. Nein, was schmunzelte ihr Nicki schön und bekam so herrlich rote Wangen! Da war es fast schon schade, als er den Staffelstab nach einem schüchternen Nicken schnell an den nächsten weitergab. Aber auch nur fast, entschied Ernest und sah sich endlich an der Reihe. Drum schob er sich nun unauffällig ins Blickfeld der alten Dame und zeigte sich ganz und gar überrascht, als sie auch ihm ein freudiges Winken schenkte. Nein, wer hätte damit denn rechnen können?

„Gertrude, wie schön, Sie zu sehen“, tuschelte er darum auch im Brustton der Überraschung und trat etwas näher an Mutter und Tochter heran. Mit dem Hauch einer Verbeugung begrüßte er sie und konnte sich ein Schmunzeln doch nicht verkneifen, als die alte Dame keine Zeit mit der Vorstellung verlor, sobald Niko die Zuhörer mit einem herzlichen „Also dann: Viel Spaß in der Ausstellung!“ aus seiner Rede entließ.

„Rosanna, ich hab dir doch von Ernest erzählt! Der nette Arzt, der mich an Weihnachten in seinem chicen Sportwagen mitgenommen hat und mir auch noch den Termin bei Dr. Hofstetter besorgen konnte! Ist das schön, dass wir uns so schnell wiedertreffen, Ernest!“, strahlte die alte Dame fast so glücklich wie beim Anblick ihres Enkelkindes und griff mit beiden Händen so beherzt sie konnte zu, als sie den Arzt auch noch mal mit einem Händeschütteln begrüßen wollte.

„Nicht doch…“, gab der sich ob der beginnenden Lobhudelei für seine Person jedoch bescheiden. Und trotzdem konnte er eine gewisse Zufriedenheit nicht verhehlen, weil auch Rosanna sich ihm höchst zugetan zeigte. Nein, was war sie voll der Dankbarkeit für seine Hilfe! Da konnte der heimliche Star der Veranstaltung es auch verschmerzen, dass die Aufmerksamkeit für den Moment noch einmal von ihm wegglitt.

„Hallo, Oma!“, konnte Dominik nämlich endlich den Hummeln in seinem Hintern freuen Lauf lassen und seine Großmutter in die Arme schließen. Freude war gar kein Ausdruck für seinen Gemütszustand, bei dem alle vorherigen Sorgen vergessen schien und der selbst dann nicht ins Wanken geriet, als seine Großmutter ihn ein wenig in Verlegenheit brachte.

„Ich hab Rosanna extra vorgeschickt, damit sie uns gute Plätze sichert!“, sprudelte es nämlich sofort aus ihr heraus und „Das haben du und deine Freunde aber schön gemacht! Gefällt mir gut!“ ließ sie ihn und alle Umstehenden wissen. Da verstand sie auch ganz und gar nicht, dass ihrem Enkel dieser Ausruf wohl etwas peinlich war.

„Na, na, nicht so bescheiden, Nicki!“, tätschelte sie ihm also schnell die Wange und bekam dabei auch noch Unterstützung von ihrer Tochter. Da wusste der arme Junge ja kaum wohin mit sich, bei all der Anerkennung und dem Lob. Doch er wäre nicht er gewesen, wenn er das einfach so hätte annehmen können.

„Ach, was, das Meiste haben die anderen gemacht“, sagte er also schnell und schob eilig die Frage hinterher, ob seine Gäste sich ein wenig umsehen wollten. Doch auch da schaffte die alte Dame es, ihm wieder eine rote Nasenspitze zu zaubern, als sie für alle gut hörbar verlautbaren ließ, dass sie nur wegen ihres Enkels gekommen sei. Aber wenn er schon so betonte, dass er extra ein bisschen Gebäck nach ihrem Rezept beigesteuert hatte, wollte sie mal nicht so sein.

„Müssen wir denn auch was kaufen?“, wusste sie allerdings noch nicht so recht, was sie von der Veranstaltung zu halten hatte und nickte verstehend, als Dominik die Frage verneinte.

„Wenn euch ein Kunstwerk besonders gut gefällt, könnt ihr das natürlich gerne machen. Dann sagt einfach einem von uns Bescheid und wir markieren es mit so einem Aufkleber, damit für alle ersichtlich ist, dass das Werk nicht weiter zum Verkauf steht. Aber ihr müsst hier gar nichts. Außer… außer hoffentlich eine schöne Zeit haben“, lächelte er und doch konnte er die leichte Nervosität nicht verschleiern, die ihn beim Blick zum Fenster beschlich.

„Kommt... kommt er auch noch rein?“, fragt er also mit gedämpfter Stimme an seine Mutter gewandt und nickte leicht, als sie gleichsam Mundwinkel und Schultern zuckte. Zumindest war er erschienen, verrieten Dominiks Gesichtsausdruck und der seiner Mutter und bei dem, was nun geschah, wusste Ernest gar nicht, wo er lieber Mäuschen gespielt hätte: Anstatt sich nämlich einfach weiter um die Frauen in seiner Familie zu kümmern, entschied Dominik sich für einen Abstecher zu seinem Vater – und diesem Aufeinandertreffen hätte der Arzt doch zu gern persönlich beigewohnt, die Worte gehört, die gewechselt wurden, anstatt sie nur von Gesten und Mimik abzulesen und vor allem den einen oder anderen Kommentar eingestreut. Aber das wäre dann wohl doch leider etwas zu auffällig gewesen. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt und in dieser Konstellation. Also tat er das einzig Richtige, als Dominik hinaus entschwand und rückte etwas näher an dessen Großmutter und Mutter heran. Denn schließlich wollte er ja am liebsten gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Und Großmutter Trudel bot ihm dafür gleich den perfekten Einstieg.

„Ach, der soll die Qualmerei lassen und her kommen!“, zeigte sie nämlich wenig Verständnis für das Verhalten ihres Schwiegersohns und noch viel weniger dafür, dass ihr Enkel seinetwegen extra in die Kälte flüchtete. Dabei war es durchaus interessant zu beobachten, welche Dynamiken sich hier ergaben: Die zurückhaltende Rosanna im direkten Gegensatz zu ihrem ungehobelten Angetrauten, dazu Dominiks Großmutter, die einerseits mütterlich und andererseits resolut agieren konnte und zwischen alle dem der Lockenkopf selbst.

„Ihr Schwiegersohn, nehme ich an?“, sprach Ernest zwischen alledem höflich das Offensichtliche an und betrachtete unter Trudels vielsagendem „Ja!“, wie Vater und Sohn miteinander agierten. Besonders stach ihm dabei Dominiks Verhalten ins Auge, das plötzlich von einer überraschenden Ruhe geprägt war, sobald er die Drogerie hinter sich ließ und seinen Vater ansprach. In gewisser Weise erinnerte er Ernest damit an ihr erstes Treffen und die Maskerade, die Fridos Freund damals so vortrefflich zur Schau gestellt hatte. Das stille Wässerchen, das sich nicht in die Karten hatte gucken lassen wollen und das inzwischen manches Mal wie eine völlig neue Person wirkte. Zuletzt ja noch an Silvester, erinnerte Ernest sich und musste sich dabei selber korrigierend auf die Finger klopfen: Zuletzt war genau genommen doch sogar jetzt gerade, wie allein schon der Umstand verriet, dass er sich überhaupt in Gesellschaft von Dominiks Familie befand. Doch noch viel mehr interessierte Ernest der andere Preuss vor dem Schaufenster, wie er ihm seinen breiten Rücken zudrehte und sich an seiner Zigarette festhielt. Mürrisch, wie eh und je, kurz in seinen Antworten und noch knapper in seinem Nicken, das manches Mal selbst das kleinste Wörtchen ersetzte. Schnodderig verzogen waren sein Mund und die Falten um die Nase herum, während Dominik noch immer ein Lächeln für ihn übrig hatte. Eine harte Nuss sicherlich, dachte Ernest – zumindest auf den ersten Anschein. Aber wäre ein Hinrich Preuss am Ende vielleicht genauso einfach zu knacken wie sein Sohn? Da kitzelte es den Arzt immer mehr in den Fingern, auch einmal selber mit diesem alten Griesgram ins Gespräch zu kommen und ihn ein wenig zu piesacken. Nur ein bisschen, um zu sehen, was passierte und wie weit er gehen konnte. Aber man durfte ja nichts übereilen, ganz besonders, wenn auch noch Dominik zugegen war. Also richtete er den Fokus erst einmal wieder auf Rosanna, die ebenso aufmerksam wie er das Geschehen vor der Drogerie beobachtete. Hoffnungsvoll und doch mit einem Hauch von Sorge hielt sie ihre Mutter am Arm und konnte sich doch nicht losreißen, um mit ihr die Ausstellung zu besuchen.

„Wie ich hörte, führen Sie eine eigene Firma?“, schob Ernest sich darum behutsam in ihre Gedankengänge und lächelte, als sie ihn beinahe erschrocken anschaute.

„Oh, äh... ja“, antwortete sie dann eilig und hatte wenigstens den Anstand, ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, wohingegen Oma Trudel sich lieber aus dem Gespräch zurückzog. Sie kannte ihre Tochter ja gut genug, um zu wissen, dass sie sich nur schwerlich vom Fleck lösen würde, solange ihre beiden Männer dort beisammen standen. Also ging sie auf eigene Faust die Ausstellung erkunden, während Ernest sein Glück kaum fassen konnte: Jetzt hatte er erst recht die Gelegenheit, Dominiks Mutter auf den Zahn zu fühlen und musste keine unliebsamen Unterbrechungen befürchten. Vor allem aber war er sich sicher, dass das, was er plante, am Ende ohnehin auch bei Trudel landen würde, sodass ihm ihr Dank trotzdem gewiss wäre.

„Dann ist sicherlich immer viel zu tun, nicht wahr?“, arbeitete er sich also langsam voran und nickte verstehend, als Rosanna seine Frage bestätigte. Doch noch vielsagender war das Seufzen, das in ihr kurzes „Da haben Sie wohl recht“ hineinfloss.

„Aber das kennen Sie bestimmt auch selbst. Als Arzt hat man ja auch viel zu tun und wenn ich das richtig verstanden habe, leiten Sie eine eigene Praxis?“, wusste sie jedoch auch eigene Fragen zu stellen, was Ernest sogar ein wenig überraschte. So, wie sie auf ihre Familie fixiert war, hatte er ihr das eigentlich gar nicht zugetraut und so huschte ihm sogar ein ehrliches Lächeln über die Lippen, als er ihre Rückmeldung bejahte.

„Ganz recht, ich bin mein eigener Chef. Allerdings habe ich den Luxus, dass ich nach Ende der Sprechzeiten die Tür abschließen und das Telefon auf den Anrufbeantworter umleiten kann. Bei Ihnen scheint das hingegen nicht so einfach, nicht wahr?“, lenkte er das Gespräch dann aber schnell wieder zurück und deutete mit dem Kinn vielsagend zum Familienoberhaupt. Denn in diesen paar Minuten, die er da draußen stand, war es nicht das erste Mal, dass Hinrich Preuss zum Smartphone griff, ein paar kurze Worte hinein knurrte oder etwas ungelenk auf ihm herumtippte. Und er tat es dabei mit solch einer Selbstverständlichkeit, dass es nicht die Erzählungen von Dominik oder dessen Großmutter brauchte, um zu erkennen, dass dieses Verhalten keine Ausnahme sein.

„Ja, die Firma ist ihm sehr wichtig...“, war Rosannas Bestätigung darum auch keine Offenbarung, doch vor allem lag ihr daran, noch etwas in den Vordergrund zu stellen.

„Aber die Familie noch viel mehr, wie Sie sehen!“, schob sie also hastig und mit einem tapferen Lächeln hinterher, das so manch einen sicherlich getäuscht hätte. Doch um darauf reinzufallen, wusste Ernest leider bereits viel zu viel über sie und ihre Familie – und vermutete bei ihrer Beteuerung, dass sie sich durchaus im Klaren darüber war. Was hatte ihr Sohn dem befreundeten Arzt womöglich alles erzählt? Die Frage stand ihr so offensichtlich auf das hübsche Gesicht gemalt, wie die Sorgen, die sie wegen ihrer Männer schon mehr als einmal spazieren getragen hatte. Da konnte Ernest ja beinahe Mitleid für sie verspüren, wenn er sie dank Fridos frühen Erzählungen und Dominiks Zusammenbrüchen nicht noch immer für eine grässliche Mutter gehalten hätte. Und darum war er auch nicht gewillt, ihr Auskunft darüber zu erteilen, wie wenig ihr Sohn in Wahrheit über sie berichtete oder dass seine Worte durchweg positiv ausfielen, so er es dann doch mal tat.

„Ja, das glaube ich Ihnen aufs Wort“, log er also stattdessen nur und ließ den Blick zurück zu Hinrich Preuss wandern, während er auf das andere große Thema zu sprechen kam.

„Hoffentlich bleibt er der Familie auch noch lange erhalten, bei dem vielen Druck, unter dem er augenscheinlich steht. Zumindest, wenn ich mir die häufigen Telefonate anschaue, die er allein in dieser kurzen Zeit getätigt hat. Und die vielen Zigaretten...“, adressierte er seine folgenden Worte direkt an Rosanna Preuss' Sorgen und Ängste, um mit einiger Zufriedenheit festzustellen, dass sein Voranpreschen die gewünschte Wirkung nicht verfehlte. Denn anstatt ihn in seine Schranken zu weisen, sprach bereits die Blässe um Rosannas Nase herum eine eindeutige Sprache.

„Ja, das Rauchen... Zum Glück hat er kein anderes Laster. Er trinkt kaum, war mir immer treu... aber von den Zigaretten kann er die Finger einfach nicht lassen“, schluckte sie trotzdem tapfer gegen den Kloß in ihrem Hals an, während es Ernest nicht entging, wie sie die Finger in ihre Tasche krallte, als könne das kleine Stückchen Stoff mit Inhalt ihr in irgendeiner Weise Halt bieten. Vermutlich hatte sie ihren Mann schon unzählige Male erfolglos bekniet, mit dem Rauchen aufzuhören und war dabei nicht einmal in der Lage gewesen, ihre beiden älteren Söhne von einem Nachahmen dieser Marotte abzuhalten. Doch für sie selbst war das scheinbar nicht das größte Problem.

„Wenn er wenigstens einen Termin bekäme, um sich mal untersuchen zu lassen... Damit wir wissen, dass bei ihm alles in Ordnung ist“, schlich es sich nämlich plötzlich zwischen ihren Lippen hervor und ein hoffnungsvolles Blitzen legte sich in ihre Augen, das umso größer wurde, je länger sie Ernest anschaute. Dabei fand er es fast schon putzig, wie sie mit sich haderte, ob sie ihn wirklich darauf ansprechen durfte – und auch ein wenig bemitleidenswert, als ihm klar wurde, wie groß ihre Unwissenheit tatsächlich war.

„Termin? Sie meinen beim Kardiologen?“, stellte er sich ahnungslos und nickte verstehend, als seine Vermutung bestätigt wurde.

„Ja, sein Bruder ist im vergangenen Jahr an einem Herzinfarkt gestorben und seitdem versucht Hinrich einen Untersuchungstermin zu bekommen“, erzählte sie vorsichtig und schüttelte doch hastig, fast panisch den Kopf, als Ernest die Erkundigung einholte, ob der gute alte Preuss etwa schon unter ersten kleinen Warnanzeichen leide.

„Nein, nein! Ihm geht es gut! Wir... er würde nur gerne einmal alles kontrollieren lassen, um ganz sicher zu gehen, wissen Sie?“, schien ihre Furcht dieses Mal aber vor allem darauf zu beruhen, dass Ernest womöglich etwas Falsches an ihren Sohn herantragen könnte, so sorgfältig, wie sie in diesem Moment auch im Blick behielt, dass Dominik nichts von ihrer Unterhaltung mitbekam.

„Ja, verstehe“, konnte Ernest sich bei dieser Situationskomik allerdings kaum das Schmunzeln verkneifen. Was war das doch herrlich mit anzusehen, wie sie einander mit den besten Intentionen anlogen und sich dabei immer mehr in irgendetwas verstrickten! Sollte er dann vielleicht doch so barmherzig sein und zur Schere greifen, um sie aus diesen Wirrungen und Schnürungen zu befreien? Die Gelegenheit hätte sich ihm durchaus geboten, ganz besonders, als Rosanna nun auch noch diese ausdrucksstarke Anmerkung fallen ließ, dass Hinrichs Hausarzt ihm angeblich nicht bei der Suche nach einem Facharzttermin helfen konnte.

„Wissen Sie…“, gab Ernest sich also endlich einen Ruck und riss sich vom Anblick ihres Mannes los, um sich stattdessen wieder ihr zuzuwenden. Doch was er dabei sagen wollte, würde sie sobald wohl nicht erfahren. Denn da traf ihn plötzlich diese Pranke, die sich schwer auf seine Schulter pflanzte und den Überraschungsmoment nutzte, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Und kaum vernahm er Rosannas verwundertes „Frido!“, schob sich auch schon dessen Profil von hinten in Ernests Sichtfeld.

„Hallo Rosanna! Schön, dass ihr da seid! Mit Gertrude hab ich grad auch schon ein kleines Schwätzchen gehalten!“, lachte er schallend in Ernests Ohr und schüttelte Dominiks Mutter herzlich die Hand – allerdings nicht, ohne die Finger der anderen unterdessen noch immer im festen Griff auf Ernests Schulter liegen zu lassen. Da konnte der Gute sich noch so auffällig räuspern, während Frido sich freudig darüber unterhielt, dass die Preuss’schen Männer lieber frierend in der Kälte standen.

„Gertrude meinte zwar, dass Hinrich nur mitgekommen ist, um euch zu fahren, aber den Eindruck hab ich eigentlich nicht“, verriet er dabei und grinste, als Rosanna sich in vornehmes Schmunzeln hüllte.

„Die Beiden haben so ihre Eigenheiten und hier haben sie wohl eine gefunden, die sie miteinander teilen können“, hielt sie es vage und versuchte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, als die Unterhaltung mit Frido so jäh endete, wie sie gestartet war. Nur ließ er ihr dabei nicht einmal ihren ursprünglichen Gesprächspartner zurück, denn gerade den hatte er ja so dringend gesucht!

„Ernest, wo du schon mal da bist. Kannst du kurz mit nach hinten kommen und einen Blick auf meinen Fuß werfen?“, schaute er den nämlich plötzlich flehentlich an und begann bereits, ihn mit sich zu ziehen, während der Arzt noch um Fassung rang.

„W… wie bitte?!“, legte er dabei allerdings nicht seine gewohnte Eloquenz an den Tag und schaute erst recht ungläubig, als er Fridos Erklärung hörte.

„Ich verspür da schon wieder so ein Ziehen“, verzog der Dozent zunehmend das Gesicht, sodass bei Rosanna nicht einmal an Einwände zu denken war. Sie nahm es schweigend und lächelnd hin, wie ihre Chancen auf einen Termin für Hinrich mit leichtem Stolpern zwischen die Besucher gezogen wurde und in Richtung der Toiletten verschwand. Also begab auch sie sich endlich auf einen kleinen Rundgang, bei dem sie wenigstens so tat, als nähme sie die Kunstwerke vor sich wirklich wahr und würde nicht nur alle paar Sekunden wieder zu ihren beiden Männern linsen. Und Ernest? Der musste sich erst einmal seinen Mantel zurechtrücken, als Frido endlich von ihm abließ.

„Was ist das denn für ein ach so schlimmes Ziehen?!“, fragte er dabei auch ein wenig ungehalten und runzelte erst recht die Stirn, als Frido keine Anstalten machte, wenigstens den Schuh auszuziehen.

„Ist son ganz merkwürdiges, das dir am liebsten in den Hintern treten würde!“, stellte er sich lieber vor die Tür, um den Ausgang zu versperren und war froh, dass seine Mundwinkel nicht mehr krampfhaft an seinem Lächeln für die anderen Besucher festhalten mussten.

„Wie darf ich das verstehen?“, hob sich im Gegensatz zu ihnen Ernests Augenbraue in luftige Höhen. Kritisch musterte er den Dozenten, während der eine Erklärung für das Verhalten des Arztes forderte.

„Die Frage gebührt doch wohl eher dir!“, ertönte zur Antwort jedoch eine Gegenfrage, während Ernest noch immer damit beschäftigt war, seinen Mantel zu richten. Doch Fridos Blick und Ton verrieten, dass er ihm gerade nicht nur die Kleidung zurechtrücken wollte.

„Stell dich nicht blöder, als du bist! Mir kam das gleich merkwürdig vor, dass Gertrude allein durch die Ausstellung spaziert, während Rosanna lieber ein Pläuschchen mit dir hält! Also, was sollte das werden, wenns fertig ist? Ich hab was von Facharztterminen gehört – gings etwa um Hinrichs Operation?“, fragte er freiweg von der Leber und schnaubte aus, als Ernest nur einen unwilligen Zischlaut für dieses Aufbegehren übrig hatte.

„Was kann ich denn dafür, wenn die arme Frau mir ihren Kummer klagt?“, war er sich keiner Schuld bewusst und reagierte noch immer mit einem Schulterzucken, als Frido das höchst eigentümlich fand. Ausgerechnet Rosanna Preuss schüttete einfach so einem Wildfremden ihr Herz aus? Mitten in einer Ausstellung?

„Nun, Gertrude hat ihr von mir erzählt und ich denke, dass sie sich einfach nur erhofft hatte, bei mir ebenso Unterstützung für ihren Mann zu bekommen, wie ich sie ihrer Mutter bereits zuteil werden lassen konnte“, war die einfache Erklärung, die Frido zumindest schon mal ein kleines Nicken abrang.

„Ah, verstehe…“, murmelte er dabei und trat einen Schritt näher auf Ernest zu, um ihm besser in die Augen schauen zu können.

„Und was hättest du ihr geantwortet, wenn ich nicht dazwischen gekommen wäre?“, wollte er dann wissen, was seinem Gegenüber einen belustigten Laut stahl.

„Selbstverständlich hätte ich meine Unterstützung angeboten! Es wäre doch ein Leichtes, ihr den Termin von nächster Woche unterzujubeln, Friedrich. Sie wäre beruhigt, dass ihr Göttergatte, der mit Verlaub wirklich einen herzallerliebsten Eindruck macht, endlich zum Arzt geht und er könnte sich überlegen, ob er ihr doch endlich reinen Wein einschenkt“, reckte Ernest zufrieden und wohlgefällig den Kopf, um ihn dann edelmütig zu schütteln, als Fridos anschließende Frage deutlich besänftigter ausfiel.

„Du hattest also nicht vor, ihr davon zu erzählen, was ihr Mann da hinter ihrem Rücken treibt?“, versicherte er sich und nickte langsam, als Ernest verneinte.

„Friedrich, das hätte ich mir sicherlich nicht angemaßt!“, bekräftigte der Arzt hingegen und schenkte seinem Freund ein gütiges Lächeln, als der erleichtert ausseufzte.

„Gut…“, murmelte er dabei und lehnte sich gegen die Toilettentür, just in dem Augenblick, in dem Ernest eigentlich beschwingten Schrittes durch sie hindurch wollte.

„Was? Ziehts immer noch?“, hatte der dafür einen halb verschnupften, halb amüsierten Kommentar übrig, auf den Frido allerdings nicht sofort einging. Stattdessen stand er erst einmal nur so da, betrachtete Ernest eingehend aus halb geöffneten Augen heraus und schloss sie vollends, als er sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel rieb.

„Okay, Schluss mit dem Schmierentheater…“, murmelte er dann schließlich und schüttelte den Kopf, erst recht, als Ernest ihn auch noch verständnislos anschaute.

„Ernest, ich hab euch beobachtet. Nicht erst, nachdem ich mich mit Trudel unterhalten hab, sondern vorher schon. Das war doch kein Zufall, dass eurer Gespräch ausgerechnet auf das Thema gefallen ist. Und ich behaupte mal, dich gut genug zu kennen, um zu wissen, dass du aktuell eigentlich überhaupt keine Veranlassung hast, dich damit auseinanderzusetzen. Du hast ihm den Termin besorgt, wofür wir alle dir wirklich dankbar sind, ganz im Ernst! Aber eigentlich gibt es für dich keinen Grund, da aktuell noch weiter aktiv zu werden. Bisher gibt es keine neuen Untersuchungsergebnisse, die dich interessieren könnten und es braucht auch nicht deinen Anstoß, damit er da nächste Woche wirklich hin geht. Denn selbst, wenn er das sausen lässt, steht so oder so noch der OP-Termin Ende des Monats an. Und zu dem wird er ja sehr wahrscheinlich hingehen. Sonst hätte er sich dieses ganze Heckmeck an Weihnachten ja sparen können“, legte er den Kopf schief, während Ernest die Arme vor der Brust verschränkte und eine Erklärung forderte, worauf der Dozent eigentlich gerade hinaus wollte. Und wenn er die so unbedingt wünschte, dann bekam er sie natürlich auch – ohne Umschweife und Spielchen.

„Wenn dich ein Thema oder eine Person nicht interessiert, bist du sehr geschickt darin, dich möglichst schnell davon zu distanzieren, aber das hast du bei Rosanna nicht gemacht. Worum geht’s dir bei der Sache also wirklich? Anerkennung für deine Unterstützung, weil dir Dominiks und mein Dank nicht reicht? Oder ist es die Neugierde, ob Hinrich Preuss vielleicht ein schönes neues Spielzeug ist, bei dem du mal ausgiebig seine Reaktionen und Grenzen austesten kannst?“, schaute Frido seinen alten Freund eindringlich an, der ihn empört, beinahe bestürzt anstarrte und im ersten Moment keinen Ton herausbekam. Fassungslos war er über diese Unterstellungen und wusste kaum, wie er seine Entrüstung in Worte verpacken sollte.

„Ich wollte einfach nur deinem Freund ein bisschen unter die Arme greifen, weil er es ja nicht gebacken bekommt, sich seinem Vater gegenüber wirklich zu emanzipieren! Es ist ein Trauerspiel, wie duckmäuserich er da neben seinem alten Herrn steht! Hast du schon mal daran gedacht?!“, drehte er den Spieß dann allerdings mit einer Gegenfrage um und reckte das Kinn, als Frido kopfschüttelnd auflachte. Eine bessere Erklärung fiel dem Arzt wirklich nicht ein, fragte er und ließ ihn ein paar weitere echauffierte Ausrufe tätigen. Doch dann hob er schließlich abwehrend die Hände, als er genug gehört hatte.

„Hör auf… hör auf!“, beschwor er Ernest und schüttelte abermals den Kopf.

„Jetzt gib doch einfach zu, dass du einsam bist!“, rief er aus und einen Moment standen sie sich schweigend gegenüber. Sie starrten sich an, ungläubig der eine und mitfühlend der andere, bis dieses Mal Ernest zu einem empörten Lachen ansetzte.

„Jetzt reicht es mir aber wirklich langsam mit diesem Unfug! Hast du dich mal reden hören? Geh beiseite! Das Gespräch ist beendet!“, forderte er dann aber und machte dabei eine weg wischende Handbewegung. Doch Frido schaute ihn nur schweigend an. Er schob die Hände in die Hosentaschen und betrachtete den Arzt aufmerksam dabei, wie er ungehalten mit dem Fuß wippte und in seiner gesamten Körpersprache noch immer ein Wegtreten verlangte.

„Du magst es eigentlich ganz gern, dass du inzwischen nicht mehr nur unsere freitäglichen Schachpartien hast. Dir gefallen Dominiks und meine zusätzlichen Besuche, wenn wir dir deine Bestellungen bringen und dir wird auch was fehlen, wenn er im Auslandssemester ist. Und damit mein ich nicht nur das Gebäck. Wenns nur darum ginge, hättest du Gertrude auch einfach bitten können, dass sie dir noch mal was backt“, sagte er ruhig und trotzdem zuckten seine Mundwinkel, als Ernest ein empörtes „Die Frau ist scheintot!“ einwarf. Doch davon ließ Frido sich nicht beirren. Er schüttelte nur den Kopf und trat einen weiteren Schritt auf Ernest zu.

„Ist nicht schön, wenn man den Spiegel vorgehalten bekommt, hm? Aber wenn du das bei anderen machst, dann musst du dir auch das Echo gefallen lassen. Also, wer von uns beiden braucht ein kleines Wohltätigkeitsprojekt, um sich abzulenken? Du hast gern deine Ruhe, aber du hast auch gern mal etwas mehr Gesellschaft um dich rum, die nicht nur aus Patientengesprächen oder beruflichen Veranstaltungen besteht. Deswegen bist du heute auch hergekommen, oder? Weil du Dominik magst und hier – abgesehen von mir – vielleicht noch ein paar andere Menschen sind, mit denen du gern ein bisschen Zeit verbringen möchtest. Aber in deiner verqueren Art musst du die Leute erst mal piesacken, um die Spreu vom Weizen zu trennen, statt gleich offen dein Interesse an ihnen zu zeigen, oder?“, war Fridos Auffassung, die Ernest jedoch nur absurd fand.

„Ach, und warum sollte ich mich dann ausgerechnet mit seinen Eltern abgeben? Weil sie so großartig in ihrem Tun waren und sind?!“, schnaubte er angewidert aus und tat es noch einmal, als Fridos Reaktion zunächst nur ein Schulterzucken war. Für die Antwort benötigte er zugegebenermaßen etwas mehr Bedenkzeit und trotzdem blieb er sie Ernest nicht schuldig.

„Bei dir kann ich mir da Verschiedenes vorstellen… Dass dich die Dynamik zwischen ihnen interessiert und zumindest bei Hinrich mit Sicherheit auch, wie leicht du den knacken könntest. Du magst das Spiel mit solchen Sturköpfen, dafür sind Dominik und ich doch das beste Beispiel. Mir ist deine Genugtuung durchaus aufgefallen, wenn du so jemandem wie uns helfen konntest und der sich dann bei dir bedankt. Aber vielleicht… interessieren sie dich auch, weil sie dir womöglich erklären könnten, warum manche Eltern so sind, wie sie sind und warum sie ihr Kind trotz besserem Wissen so lange verletzt haben. Kann das sein?“, sprach er behutsam und legte Ernest dabei eine Hand auf die Schulter, die der jedoch unvermittelt hinfort wischte.

„Geh mir jetzt aus dem Weg, sonst verspürt mein Fuß gleich ein Ziehen!“, warnte er und verließ eilig die Toilette, als Frido beiseite ging. Doch damit gab er noch längst nicht auf.

„Sag es einfach, wenn ich dich öfter besuchen kommen soll. Und du kannst Dominik natürlich jederzeit anrufen. Der freut sich bestimmt, im Auslandssemester auch mal was von dir zu hören“, wusste er ja ganz genau, dass Ernest sich zwischen all den Schaulustigen deutlich mehr zusammenreißen würde und nutzte diese Tatsache einfach, um weiter auf ihn einzureden.

„Wenn du möchtest, frag ich Trudel und Rosanna auch gern mal, ob wir uns zusammen auf einen Kaffee treffen. Ich würd sie sogar abholen und mit zu dir bringen. Wie wärs?“, entwickelte er zeitgleich aber auch selbst eine gewisse Freude an diesem Katz- und Mausspielchen, mit dem er den brodelnden Kochtopf vor sich hertrieb. Oh, was wäre der Arzt ihm jetzt gerne an die Gurgel gegangen! Doch stattdessen visierte er lieber den Ausgang an, kanzelte Rosanna im Vorbeigehen mit einem „Verzeihung, ich hab einen Notfall!“ ab, ohne, dass sie überhaupt etwas gesagt hatte und schoss dann doch zu Frido herum, als der kurz vor Erreichen der Tür wagte, noch einmal seine Schulter zu fassen.

„Treib es nicht zu weit!“, glich seine Stimme dabei nur noch einem wütenden Zischen, doch der Jüngere schaute ihn nicht einmal an. Stattdessen nickte er mit einem „Guck mal…“ zum Schaufenster und aus seinem Griff wurde ein seichtes Tätscheln, als Ernest seiner Aufforderung murrend folgte.

„Was ist da?!“, erblickte er noch immer Vater und Sohn nebeneinander stehen, aber Frido erkannte so viel mehr darin.

„Guck dir die Beiden mal ganz genau an. Bitte“, ließ er seine Hand sinken und verschränkte sie mit der zweiten hinterm Rücken, als er Dominik und Hinrich betrachtete. Der eine mit den Händen in den Hosentaschen, während der andere die Arme vor der Brust verknotet spazieren trug. Die Schultern eng beieinander und sich gegenseitig manchmal sogar fast berührend im Laufe ihrer Unterhaltung, die aus kurzen Sätzen, seichtem Lächeln und scheinbarer Gleichgültigkeit bestand, in die sich doch immer wieder der eine oder andere aufmerksame Blick mischte. Vielleicht begegneten sie sich nicht fortwährend auf Augenhöhe, doch sie waren dabei einen Weg zu finden, wie sie sich trotzdem mit einem gewissen Respekt gegenübertreten konnten.

„Wenn ich dir auch mal bei was helfen kann, dann sags mir einfach. Ich geb dir gern was zurück, Ernest. Aber bitte mach ihm das da nicht kaputt“, tuschelte Frido dabei und schenkte dem Arzt ein seichtes Lächeln, als er zur Antwort einen eisigen Blick erhielt. Doch dann stupste er Ernest an, nickte noch einmal nach vorn und schüttelte mit einem Schmunzeln den Kopf, als er sah, dass Dominik sogar einmal auflachte. Und zuckten da etwa die Mundwinkel seines Vaters? Er nickte zwar nur, als sein Sohn anschließend mit einer Geste andeutete, dass er wieder reingehen wollte, aber immerhin ließ er es über sich ergehen, dass Dominik ihm vorher noch kurz die Schulter drückte. Und dann schaute er seinem Sohn nach, solange, bis der in der Drogerie verschwand und dort auf Frido und Ernest traf.

„Wo will er hin?“, wunderte der Dozent sich allerdings, als er sah, wie Hinrich sich anschließend in Bewegung setzte, ohne vorher Frau und Schwiegermutter eingesammelt zu haben.

„Er muss noch was arbeiten und ich hab gesagt, dass ich die beiden nachher nach hause bringe“, erklärte der Jüngere und rieb sich die schlotternden Hände. Nun war ihm wohl doch ein wenig kalt und Fridos Umarmung kam gerade recht. Aber natürlich fiel ihm auch auf, dass Ernest auf dem Sprung zu sein schien.

„Musst du los?“, erkundigte er sich also unbekümmert und schien nur etwas verwundert über Ernests knappe Antwort.

„Ich befürchte, ja. Ein Notfall“, warnte sein Blick den Dozenten davor, auch nur einen weiteren dummen Spruch vom Stapel zu lassen, doch der hüllte sich brav in Schweigen. Stattdessen richtete sein Freund das Wort an den Arzt und dankte ihm für den Besuch.

„Schön, dass du da warst. Und wenn du Lust und Zeit hast, komm doch nachher gern noch mal bei uns vorbei. Wir sind jetzt etwa noch ne Stunde hier und dann wollte ich Oma und Mama noch etwas zu uns einladen, bevor ich sie zurückbringe“, lächelte er und reichte Ernest zur Verabschiedung die Hand, als der ihn eigentlich schon stehen lassen wollte. Doch was wäre das für unhöfliches Benehmen gewesen? Also ergriff er die dargebotene Geste, nickte und bedankte sich seinerseits, ehe er hoch erhobenen Hauptes zur Tür schritt. Und dann, als er schon fast aus diesem Stall voller Narren raus war, brachte ihn plötzlich etwas ins Stocken. Nur war es dieses Mal nicht Frido, der ihm längst den Rücken zudrehte, um seinen Blick auf die Suche nach Trudel und Rosanna zu schicken. Nein, sein eigener Ausruf war es, mit dem er Dominik ansprach und meinte: „Ich werde es mir überlegen“.

10.1.2025: wintersüber

Aufmerksam war sie, das konnte ihr niemand absprechen. Selbst, wenn manch einer sie als faul betitelte, weil sie gerne mal hier und da und dort an einem gemütlichen Plätzchen lag. Gerne auch über Stunden hinweg, sofern ihr Bäuchlein gut gefüllt und die Stimmung um sie herum angenehm war. Aber trotz ihrer angeblichen Untätigkeit hatte sie dabei auch immer ein offenes Ohr für ihre Umgebung. Nichts entging ihr! Besonders dann, wenn sich in diesem komischen großen Kasten wieder irgendwas regte und bewegte. Und ganz besonders dann, wenn es sich dabei sogar um andere Tiere handelte. Am liebsten die, die kleiner als sie waren, selbst, wenn sie auf der Flimmerkiste oft viel zu gigantisch wirkten. Und trotzdem fand sie sich dann mit gebanntem Blick vor dem Fernseher wieder. So wie auch jetzt, als ihr die köstlichsten Vögelchen präsentiert wurden, nur wenige Zentimeter entfernt und so weit weg.

„… ziehen sie sich wintersüber in wärmere Gefilde zurück, um im Frühjahr wieder den beschwerlichen Rückweg anzutreten und den Sommer bei uns zu verbringen…“, wusste irgend so ein Typ auf der Mattscheibe zu berichten, ehe er anfing, von den Rotkehlchen und Meisen zu erzählen, die das ganze Jahr über in Deutschland blieben. Oh ja, dachte Tiger, die waren vielleicht nicht so groß wie die zuvor gezeigten Kraniche, aber hätten bestimmt auch ein feines Häppchen abgegeben! Wenn nur diese verdammten Fenster und Gitter nicht gewesen wären, die sie von einem kleinen Spaziergang durch die große weite Welt abgehalten hätten. Da hatten ihre Futterspender sich aber auch was Blödes überlegt! Und nun schalteten sie auch noch auf einen anderen Sender um! Wen interessierte es schon, dass da irgendwelche Autos im Kreis fuhren? Solche Banausen! Irgendwann würde sie sich diesen komischen kleinen Kasten mit seinen Tasten schon schnappen und dann gäbe es den ganzen Tag über nur noch Videos von Tieren! Aber bis dieser erste Schritt zur totalen Herrschaft im Hause Bomholt angegangen wurde, spielte sie noch eine Runde mit ihrem Plüschmäuschen und freute sich aufs Abendessen. Wenigstens dazu taugten ihre Dosenöffner!

11.1.2025: verweilen

Kalt war es, eisig und klar, und trotzdem hätten ihn wohl keine zehn Pferde dazu bewegen können, die Schwelle schräg hinter sich zu übertreten. Lieber stellte er den Wollkragen seiner Jacke auf und presste gegen das aufkommende Zittern die verschränkten Arme an sich, als auch nur eine Sekunde freiwillig auf seine Raucherpause zu verzichten – und auf diesen kleinen Moment der Ruhe, den sie ihm brachte. Selbst dann, wenn es nur eine Frage der Zeit war, wann es in seiner Brusttasche wieder anfing zu bimmeln, um ihm Nachfragen, Notfälle und Nörgeleien ins Ohr zu spülen. Aber davor und danach, da konnte er einfach mal für sich sein, die Gespräche um sich herum als Hintergrundrauschen abtun und sich einen tiefen Atemzug gönnen. Beruhigend waren die Muster, die sein Zigarettenqualm zeichnete, wenn er langsam empor stieg, als wollte er bis an die Wolken reichen, um eine von ihnen zu werden. Wünschte er sich wohl manchmal, dass er einfach mit diesem Rauch davon schweben konnte, um alles und jedem zu entfliehen? Kein Bangen, ob die Aufträge auch künftig so zahlreich Geld in seine Kassen spülten wie bisher, keine Mitarbeiter, denen er Essen und Dach über dem Kopf finanzieren musste und keine eigenen Mäuler, die zu stopfen waren. Keine Forderungen, keine Erwartungen, keine Verantwortung. Wünschte ein Hinrich Preuss sich das manchmal, wenn er so da stand und seinem Zigarettenqualm nachblickte? Oder war er dabei in Gedanken längst wieder bei Aufträgen, Bestellungen und der Einteilung seiner Angestellten? Gerne hätte Dominik ihn das mal gefragt, stellte er fest, als er in die kalte Januarluft trat und seinen Vater einen Moment betrachtete, ehe dessen Blick zu ihm wanderte und verriet, dass er ihn längst bemerkt hätte.

„Hi, Paps“, sprach der Lockenkopf also mit leichtem Zaudern und gab sich selber einen Ruck, um näher an seinen alten Herrn heranzutreten. Bereits jetzt schlotterten ihm die Knie und was seine Jacke in Form eines Kragens nicht hergab, mussten seine hochgezogenen Schultern stemmen.

„Ganz schön kalt heute“, probierte er noch einmal das Gespräch zu beginnen, nachdem der erste Versuch in eisernem Schweigen und skeptischem Mustern geendet war, doch wieder blieb sein Vater ihm eine Antwort schuldig. Da hätte man fast meinen können, dass ihm die einfach die Lippen eingefroren wären, aber das gleichmäßige Ziehen an der Zigarette sprach andere Töne. Und dann, ganz plötzlich, meldete er sich doch zu Wort, wenn auch nicht an seinen Sohn gewendet, sondern an den nächsten Anrufer. Knappe Antworten und noch deutlichere Anweisungen bekam er, ehe „Steht schon alles parat. Musst morgen nur noch einladen“ seine Verabschiedung wurde.

„Habt ihr um die Zeit nicht längst Feierabend?“, wagte Dominik also noch ein Herantasten und schenkte seinem alten Herrn ein schiefes Lächeln, als er dessen vielsagenden Blick zu spüren bekam.

„Stand im Stau und ist jetzt erst wieder am Hof“, bequemte Hinrich Preuss sich dann aber doch zu etwas mehr als bloßer Mimik, obwohl gerade die nur allzu deutlich verriet, dass er diese Info von seinem Mitarbeiter lieber am eigenen Schreibtisch entgegengenommen hätte. Aber nun war er eben hier und musste sich damit hingeben. Doch was für den einen lästiges Übel war, bescherte dem anderen ein kleines Gefühl der Glückseligkeit.

„Ich freu mich, dass du mitgekommen bist“, nahm Dominik also nach langer Überlegung all seinen Mut zusammen, um das auszusprechen, was ihn überhaupt erst nach draußen geführt hatte. Doch sein Vater wäre wohl nicht sein Vater gewesen, wenn er die vorsichtigen Worte des Dankes einfach mit Anerkennung beschenkt hätte.

„Die Beiden konnten ja schlecht zu Fuß kommen“, lautete stattdessen die sachliche Antwort, der ein schweigsamer Blick folgte, als Dominik auf diesen Ausspruch mit einem Schmunzeln reagierte.

„Wenn du dich zwischendurch ein bisschen aufwärmen willst, wir haben auch Kaffee und Tee vorbereitet“, bot er lieber an, doch seinen Vater interessierte eine andere Frage viel mehr.

„Wie lang geht der Spaß noch?“, schob er sich die nächste Zigarette zwischen die Lippen, kaum, dass er die vorherige ausgedrückt hatte und ein Zucken bewegte seine Augenbraue, als er Dominiks Antwort hörte.

„Na ja, geschlossen wird um Acht, aber ansonsten ist erst mal Ende offen“, meinte er mit einem leichten Schulterzucken und rückte kaum merklich näher an seinen Vater heran, als er sich nach einem kurzen Blick durchs Schaufenster wieder zu ihm drehte.

„Du willst wieder in die Firma, stimmts?“

„Bisschen Zeit hab ich noch“

Und dann standen sie wieder nur so beieinander, schweigend, frierend und doch gewillt, noch ein wenig miteinander zu verweilen.

„Bleibst du die ganze Zeit hier?“, war es da ausgerechnet der Ältere von ihnen beiden, der die Stille wieder durchbrach und den Jüngeren damit in Staunen versetzte.

„Ähm… ein bisschen sollte ich noch bleiben, ja, aber ich hatte nicht vor, als Letzter zu gehen. Ich helf lieber morgen früh beim Aufräumen und hab überlegt, euch nachher stattdessen noch ein bisschen zu uns einzuladen. Ist gemütlicher, dacht ich mir und Oma kann ja auch nicht so lange stehen“, umschrieb er seine eigentliche Frage, ohne sie dabei zu sehr zu verstecken und schaute seinen Vater erwartungsvoll an, als der ihn musterte. Doch ehe er eine Rückmeldung für Dominik hatte, bekam sie erst einmal der nächste Anrufer – und war das nicht eigentlich schon Antwort genug?

„Hey, wenn dir das zu spät wird, versteh ich das. Ich… wenn du möchtest, kann ich Mama und Oma nachher auch wieder nach hause bringen. Wär dir das lieber?“, bot Dominik also an, kaum, dass sein Vater das Handy zurück in seine Tasche wandern ließ und lächelte, als der nach einem kurzen Moment des Staunens mit einem Nicken reagierte. Und damit hätte er wohl ganz einfach die Beine in die Hand nehmen und sich vom Acker machen können. Doch stattdessen blieb er, den Abstand zwischen ihnen noch ein paar kleine Zentimeterchen verringert, während er den Blick über die Läden vor sich schweifen ließ.

„Und? Welche sind jetzt deine?“, richtete er seine Aufmerksamkeit dann auf das Geschehen hinter sich und selbst, wenn er teilnahmslos wirkte, sah er wohl durchaus, dass seine Frage etwas in seinem Sohn bewirkte.

„Die beiden da“, deutete der auf seine Werke und eine Mischung aus Freude und Spannung schwang dabei in seinen Worten mit.

„Mehr nicht?!“, war allerdings die Rückmeldung, die er sich wohl nicht unbedingt erhofft hatte und trotzdem brachte sie ihn zum Grinsen.

„Ja, für den Moment! Ich werd die nächsten Tage über noch weitere anfertigen. Vielleicht sogar teilweise hier vor Ort. Aber ich stell ja auch nicht allein aus“, antwortete er also und musste noch immer Schmunzeln, als sein Vater wieder nickte.

„Na dann…“, hatte der ja mit einem schnellen Blick sehen können, was sein Sohn so fabriziert hatte und konnte sich nun wieder seinem Glimmstängel zuwenden. Es war schon erstaunlich, wie schnell diese Dinger immer zur Neige gingen und mit welcher Geschwindigkeit sich die Packung leerte. Aber wenigstens verteilte er ihre Reste nicht auf dem Bürgersteig, sondern drückte sie fein säuberlich aus und ließ sie dann in einer kleinen Metalldose verschwinden, ehe ihm der nächste Mülleimer über den Weg lief. Eigentlich ein gutes Vorbild für seine Söhne, was das anging. Nur änderte das leider nichts daran, dass ihm der Nachschub langsam zur Neige ging und er die restlichen Kippen gut einteilen musste, bis er auf dem Rückweg zum Auto am nächsten Kiosk vorbeikam. Drum musste er die Zeit bis dahin wohl auch irgendwie anders rum kriegen, wenn er noch ein bisschen länger hier stehen blieb.

„Gehst mir ja noch gar nicht mit deinem Arzttermin auf den Senkel“, musterte er also wieder seinen Sohnemann, ohne dabei so recht erkennen zu lassen, welche Intention er verfolgte. Suchte er die Konfrontation? Wollte er ihm eine Retourkutsche für das Überfallkommando zukommen lassen oder einfach nur seine Reaktion testen? Ganz gleich, was es war, ihm genügte es scheinbar, dass Dominik sich bei diesem Aufeinandertreffen eher zurückhaltend gab.

„Ich werd ja bestimmt merken, ob du hingehst oder nicht“, zuckte er die Schultern und schob sich die Hände in die Hosentaschen, während er ein Steinchen vor seinen Füßen den Bürgersteig entlang schoss. Sein Vater nickte indes nur und hing wieder seinen Gedanken nach, bis sein aufmerksamer Blick zurück zu Dominik wanderte, getarnt hinter ausdrucksloser Miene und wohl trotzdem sehr genau erkennend, wie sein Sohn noch immer dieses glückliche kleine Lächeln auf den Lippen trug. Es verschwand erst, als sein Vater den nächsten Anruf entgegen nahm und machte Platz für einen fragenden Ausdruck.

„Wieso bist du so spät?“, maulte der Alte und schüttelte den Kopf, ehe er ein knurriges „Lahmarsch!“ hinterher schob.

„Jetzt sieh zu, dass du nach hause kommst, sonst liegt mir deine Frau wieder in den Ohren!“, zauberte er dann allerdings das Grinsen zurück auf Dominiks Gesicht und kaum war mit dem liebreizenden „Ja, ja, bis morgen!“ das Telefonat beendet, wagte er eine Vermutung, wer da am anderen Apparat gewesen war.

„Heiner?“, hob er erwartungsvoll die Augenbrauen und kicherte, als er nur knapp daneben lag.

„Bastian“, schob sein Vater das Handy zurück in die Brusttasche seines Blaumanns und konnte nur schwerlich an sich halten, dabei nicht wieder zur Zigarettenschachtel zu greifen. Mit einem Schnauben verschränkte er ein weiteres Mal die Arme vor der Brust und presste die Lippen aufeinander. Doch dann bewegte sie ein leichtes Zucken und aus den Augenwinkeln heraus betrachtete er seinen Jüngsten.

„Der trägt jetzt übrigens Hotpants auf Arbeit“, sagte er dabei und wieder zuckten seine Lippen bei Dominiks fragendem Blick.

„Ja, guck nicht so“, zeigte der Ältere sich hingegen unbeeindruckt und betrachtete nun etwas deutlicher, wie sein Sohn die Augenbrauen zusammenzog und ihn irritiert anblinzelte.

„Hat sich neulich die Kippe nicht richtig ausgedrückt und dann wurds wohl ein bisschen zu warm in der Hosentasche. Kommt davon, wenn er die immer direkt einsteckt. Auf einmal sprang er vom Stuhl auf und riss sich die Buchse runter“, hob er im Hauch einer Bewegung seine Schultern und Mundwinkel, während Dominik die Emotionen deutlich mehr anzusehen waren. Durfte er schadenfroh sein? Ja, entschied er, als er erfuhr, dass es seinem Bruder wohl vor allem nur einen kleinen Schrecken in die Knochen gejagt hatte – und Sebastian das Malheur zwar im Pausenraum vor einigen Kollegen passiert war, aber nicht in Gegenwart eines Kunden. Also konnte er aus voller Kehle loslachen und sich nicht nur über diese Geschichte freuen, sondern vor allem darüber, dass sein Vater sie mit ihm geteilt hatte. Und da fühlte es sich wohl auch um ein vielfaches leichter an, als der in das Lachen seines Sohnes hinein fallen ließ, dass er nun allmählich zurück zur Firma wollte.

„Dann bring die Beiden nachher mal zurück. Weißt ja, wo’s Zeit wird“, meinte er also und trotz seines kritischen Blickes war da auch noch einmal dieses leichte Zucken seiner Mundwinkel, als Dominik ihm seicht die Schulter drückte, ehe er sich mit kurzem Nicken zurück in die Drogerie verabschiedete.

12.1.2025: Aha-Effekt

Mathematik, dachte er sich, während er über seinen Hausaufgaben brütete und darauf wartete, dass endlich der ersehnte Aha-Effekt eintrat. Doch der wollte sich ums Verrecken nicht blicken lassen. Stattdessen hatte er das Gefühl, dass sich seine Gehirnwindungen immer mehr verknoteten. Wer brauchte schon irgendwelche Gleichungen und Kurvendiskussionen, dachte er sich und schob den Collegeblock mitsamt Aufgabenzettel weit von sich. Eine Verschwendung von Papier! Viel sinnvoller wäre es doch gewesen, die Zettel mit Zeichnungen und Kitzeleien zu versehen! Die Parabel wenigstens zum Bestandteil einer ausgearbeiteten Skizze zu machen – aber jetzt taugte sie gerade einmal dazu, zerknüllt im Papierkorb zu landen. Und während er sich durch die Steigerung des einfachen Ein-mal-Eins quälte, stand ihm seine Schwester auch noch breit grinsend im Nacken. Ja, wenn einem die Büffelei so einfach fiel wie ihr, hatte man gut lachen, schmollte er und versuchte, sie wenigstens mit einem gezielten Papierballwurf davonzujagen. Doch sie wich nur aus, lachte noch mehr und hüpfte dann neben ihm auf den Schreibtisch, um es sich darauf gemütlich zu machen.

„So schwer ist das doch gar nicht!“, ließ sie die Beine dabei baumeln und wippen, während sie sich die Hände flach unter die Oberschenkel schob. Doch er hatte dafür nur ein müdes Gähnen übrig.

„Klar, wenn mans kann, ist alles einfach!“, murrte er und verschränkte die Arme, um ihr demonstrativ sein Profil zuzudrehen, als er den Blick aus dem Fenster lenkte. Aber verschwand noch immer nicht, sondern legte den Kopf schief und amüsierte sich nun erst recht.

„Durch Schmollen wirds auch nicht besser! Wieso soll ich dir nicht zeigen, wie man das macht?“, fragte sie und er schnaubte genervt aus.

„Weil das nichts bringen wird! Hab ich doch schon mal gesagt!“, zog die Schultern bis an seine Ohren und schob die Augenbrauen noch ein Stückchen mehr zusammen. Doch damit rang er seiner Schwester nur ein Kopfschütteln ab.

„Bestell deinem Pauker mal schöne Grüße von mir: Das ist absoluter Käse, dass er darauf besteht, dass ihr immer nur nach dem Weg rechnet, den er euch gezeigt hat. Das Ergebnis zählt doch am Ende und nicht, ob man linksrum oder rechtsrum da hingekommen ist!“, tat sie ihre Meinung kund, die in seinen Augen leider nicht viel Wirkung hatte.

„Weiß ich, aber ändert halt nichts dran, dass er darauf besteht!“.

13.1.2025: Schneemonat

„… und im Schneemonat pflegten sie das Feuer ganz besonders gut, damit es ihnen über alle Tage hinweg Wärme spendete, bis die Temperaturen in den folgenden Wochen langsam wieder stiegen“, las sie bedächtig und langsam, betonte jedes Wort auf ihre eigene Art und Weise, um kein Geheimnis daraus zu machen, wie der Text in dem alten Büchlein sie faszinierte.

„Das klappt immer besser, Liebes“, lobte sie für ihre Bemühungen die alte, dünne Stimme am Herdfeuer, die ihre knochigen kalten Finger an den Flammen wärmte. So, wie zu der Zeit, als sie noch jung gewesen und das Vorgelesene selbst erlebt hatte.

„Omi, was ist der Schneemonat?“, mischte sich dabei die Frage in ihre Erinnerungen und zauberte ihr ein seliges Lächeln auf den zahnlosen Mund.

„Du kennst ihn, Liebes! Nur nennst du ihn heute nicht mehr so, sondern sagst Januar zu ihm“, antwortete die Alte und lachte heiser, als sie den erstaunten Ausruf ihrer Urenkelin hörte. Skepsis webte sich in ihn mit ein und auch ohne ein feines Gehör war zu vernehmen, wie sehr sie auf weitere Geschichten drängte, um einen Beweis für diese Behauptung zu erhalten. Doch es sollten keine vorgelesenen sein. Nein, dieses Mal wollte sie sie hören, aus der Erfahrung und dem Erlebten heraus! Also klappte sie das alte Buch zu, legte es fein säuberlich auf dem Küchentisch ab und setzte sich dann vor ihre Urgroßmutter.

„Erzähl mir von deiner Kindheit!“, fasste sie die dürren Hände mit der Haut wie Pergament und schaute bettelnd zu den milchigen Augen empor, die sie längst nur noch schemenhaft sahen. Und trotzdem wussten sie, wie erwartungsvoll der Blick ihrer Urenkelin sein musste.

„Aber ich hab dir doch schon so viel darüber erzählt“, scherzte sie also und lachte noch einmal, als ein kleiner Trotz in die junge Stimme schlich.

„Ja, aber ich möchte noch mehr hören!“, hatte das kleine Menschlein schon jetzt einen ordentlichen Dickschädel, der ihm im Leben sicherlich so manche Schwierigkeit einbringen, ihn aber auch aus so manch anderer Misere herauskämpfen konnte. Ja, so ist es recht, lächelte die Alte und nickte, um dann in leisem Singsang von ihren eigenen Erlebnissen mit dem Schneemonat zu erzählen.

14.1.2025: herumlavieren

Es gab da diesen Spielplatz. Zu Fuß lag er nur etwa zehn Minuten von der Klempnerei entfernt und mit dem Auto konnte man auf einem nahegelegenen Supermarktparkplatz parken. Dann waren es sogar nur gute sechs Minuten, um die kleine Ansammlung von Spielgeräten zu erreichen. Eine Rutsche, eine Wippe und zwei Schaukeln standen hier scheinbar seit Anbeginn der Zeit und ob das geplante Klettergerüst eines Tages tatsächlich noch gebaut würde, lag wohl in den Sternen. Trotzdem waren sie als Kinder manchmal hier gewesen, hatten die Nachmittage in dem dreckigen Sand verbracht und oft das angrenzende Wäldchen mit in ihre Spiele einbezogen. Und als Jugendlicher hatte ihm dieser kleine Spielplatz zuweilen als Rückzugsort gedient, wenn er um die Streitereien mit seinem alten Herrn hatte herumlavieren wollen und das Skateboard keine Option gewesen war. Dann hatte er teilweise bis zum Einbruch der Nacht auf der ungemütlichen Holzbank gesessen oder eine der Schaukeln genutzt, wenn keine Kinder zugegen gewesen waren. Und dann war ihm mitunter die Überlegung in den Sinn gekommen, wie lange er auf einer dieser Hartplastikschalen wohl hätte ausharren können, bis sein Hintern davon vollends taub geworden wäre. Erfahren hatte er es allerdings nie, denn immer war einer seiner Brüder losgeschickt worden, um ihn wieder einzusammeln. Die undankbare Aufgabe war damals zumeist an den Zweitältesten gegangen, aber als Dominik heute wieder auf dieser alten Holzbank saß, hörte er schon von weitem Heiners schwere Schritte auf dem schmalen Weg aus Kopfsteinpflaster. Wenn man ihn kannte, war sein Gang leicht zu erraten, ganz besonders seit eines Beinbruchs, der nicht vollends wie gewünscht verheilt war. Und spätestens, wenn er nah genug stand, verriet ihn nicht zuletzt auch sein Duft.

„Also, Kurzer, was gibts so Wichtiges, dass wir uns hier draußen den Arsch abfrieren müssen, weil du es nicht am Telefon besprechen willst?“, hielt er die Zigarette im Mundwinkel, um seine Hände in den Jackentaschen vergraben zu können. Dadurch stach ihm der Qualm manchmal so ins linke Auge, dass er es etwas zukneifen musste, aber mit dem anderen konnte er seinen jüngeren Bruder dafür umso besser mustern, als er neben ihm Platz nahm.

„Mama hat mich gebeten, Paps einen Arzttermin zu besorgen“, murmelte Dominik leise, die Hände im Schoß gefaltet und den Blick nachdenklich auf die Spitzen seiner Schuhe gerichtet. Erst, als er seinen Bruder anschaute, schob er die Füße unter die Sitzfläche. Wie immer war dessen Gesichtsausdruck nicht sehr vielsagend und man konnte sich fragen, ob ihn die Geschichte hinter dieser Bitte überhaupt interessierte. Doch immerhin kannten die Beiden sich inzwischen lang genug, damit Dominik die entsprechenden Nuancen in Heiners Mimik auffielen. Also erzählte er in kurzen Sätzen von der Rückfahrt nach einem entspannten Besuch in geselliger Runde, dem Absetzen der Oma als ersten Zielpunkt und dem Anvisieren der Klempnerei als zweiten. Doch bereits dabei hatte sich angebahnt, dass seine Mutter alleine mit ihm sprechen wollte. Ungesehen und unbemerkt von ihrem Mann oder ihren anderen Söhnen.

„Ich bin mir nicht sicher, ob sie ahnt, dass er krank ist oder ob sie wirklich nur durch Onkel Jannis’ Tod will, dass Paps sich mal auf Herz und Nieren prüfen lässt“, erinnerte Dominik sich daran, wie seine Mutter ihn beim Blick auf die Klempnerei und das erleuchtete Büro gebeten hatte, auf den Supermarktparkplatz zu fahren, damit nicht einmal Fridos Auto den Argwohn ihres Mannes wecken konnte.

„Mama hat ja mitbekommen, dass unser Kumpel Ernest Oma auch mit ihrem Termin bei Dr. Hofstetter geholfen hat und dadurch kam sie auf die Idee, ob er Paps nicht unter die Arme helfen könnte“, schaute er Heiner an, der mit stoischer Ruhe vernahm, was ihm erzählt wurde und mit einem winzigen Nicken bestätigte, dass er ihm überhaupt zuhörte.

„Und? Was hast du ihr gesagt?“, war seine Nachfrage dann deutlich vielsagender, auch, wenn ihr auf Dominiks Antwort hin wieder nur ein Nicken folgte.

„Ich hab ihr natürlich gesagt, dass ich Ernest frage und dass… sie sich keine Sorgen machen soll, weil bestimmt alles okay ist. Unkraut vergeht nicht und so… Ich bin nur froh, dass sie Ernest heute bei der Ausstellungseröffnung nicht selbst drauf angesprochen hat. Er hätte es zwar bestimmt für sich behalten, dass wir deswegen längst mit ihm gesprochen haben, aber ich will ihn ungern in irgendeine blöde Situation bringen“, murmelte Dominik und lehnte sich vor, um die Ellenbogen auf die Oberschenkel zu stützten und sich dabei das Gesicht zu reiben. Ein Seufzen vermischte seinen Atem mit der kalten Abendluft und ein Schütteln bewegte seine Locken.

„Ich fands von Anfang an nicht gut, dass Paps so ein Geheimnis um seine OP macht, aber ich find, spätestens jetzt ist der Punkt gekommen, an dem wir ihn dabei nicht mehr unterstützen sollten. Mama das zu verschweigen ist schon beschissen genug, aber ich will ihr nicht auch noch so offen ins Gesicht lügen“, wendete er sich an seinen Bruder, der ihn erst einmal musterte, ehe er zu einer Antwort ansetzte.

„Und was sollen wir deiner Meinung nach jetzt machen?“, gestaltete die sich allerdings als Gegenfrage, die Dominik jedoch sofort zu beantworten wusste.

„Wir müssen ihn dazu bringen, dass er ihr endlich sagt, was Sache ist. Und Basti am besten auch. Oder wir machen es selbst. Auf jeden Fall kann das so nicht weitergehen“, war Dominiks Ansicht, die Heiner erst einmal nur schweigend und mit leichtem Nicken wahrnahm.

„Hm“, mischte sich ein Laut in die dezente Geste und dann nahm er erst einmal weiter zur Kenntnis, wie sein Bruder mit konkreten Überlegungen begann. Wollten sie vielleicht als geschlossene Einheit zur Klempnerei gehen, am besten jetzt und sofort, um dem Vater ins Gewissen zu reden? Oder darauf warten, dass auch er durch die Haustür kam, um ihn dann wenigstens schon einmal mit ihrer Mutter zusammen in ein gemeinsames Gespräch zu verwickeln? War es besser, ihre Mutter vorzuwarnen?

„Was meinst du?“, fragte er also unschlüssig den Älteren und schaute ihn hilfesuchend an, während der seine Kippe auf dem Pflaster ausdrückte und sich leise seufzend gegen die Rückenlehne stemmte, um den Stummel in seine Hosentasche zu befördern.

„Was ich meine?“, murmelte er dabei und seufzte abermals, als er die Arme verschränkte und seinen Bruder wieder anschaute. Für Heiners Verhältnisse war es ein fast schon eindringliches Betrachten, das ihn weiter von einer erwarteten Antwort für den Lockenkopf wegführte, als der ahnte.

„Sicher, dass ausgerechnet du dir ein Urteil darüber erlauben kannst?“, bekam er dann einen ersten Vorgeschmack dessen, was der Ältere ihm zu sagen hatte und musste plötzlich spüren, dass seinen Bruder sehr viel mehr bewegte, als der gemeinhin nach außen trug.

„Du hast dich doch jahrelang nicht darum geschert, wie es uns ging“, begann Heiner also und ließ den Jüngeren das erfahren, was er die letzten Monate über für sich behalten hatte.

„Du hast damals deine Entscheidung getroffen und wir mussten sie einfach mal so schlucken. Dann wirst du jetzt wohl auch Vatters Entscheidung akzeptieren können, anstatt hier den Moralapostel zu spielen, oder? Kurzer, wenn die Beiden dir verzeihen können, was du da damals abgezogen hast, dann kann ich das auch. Aber das heißt nicht, dass ich das einfach vergesse“, sprach er plötzlich in diesem kurzen Gespräch mehr, als er sonst manches Mal in einem ganzen Monat von sich gab und bewies Dominik beim Versuch sich zu äußern mit einem Kopfschütteln, dass er noch lange nicht am Ende war.

„Hast du eigentlich ne Ahnung, was hier los war, nachdem du plötzlich abgehauen bist? Hast du Mama da mal nach gefragt, wies ihr damals ging oder dir Gedanken darüber gemacht, dass unser alter Herr fast nur noch am Glimmstängel hing? Nein“, lieferte er auf seine Frage gleich seine eigene Einschätzung und schüttelte abermals den Kopf, als sein Bruder einlenken wollte.

„D… das stimmt nicht, ich hab mir…“, versuchte Dominik sich zwar Gehör zu verschaffen, aber selbst ohne die Lautstärke eines Hinrich Preuss, genügte Heiners „Halt die Klappe und hör zu, Kurzer“, um ihn wieder zum Schweigen zu bringen.

„Hier gehts jetzt mal nicht um dich, okay?“, fuhr er also fort und ließ den Blick dabei erinnernd über den Spielplatz schweifen.

„Du meinst, Paps kann grantig werden, wenn ihr zwei euch mal wieder an die Köppe kriegt? Dann hättest du ihn mal in den ersten Wochen erleben müssen, nachdem du weg warst und kein Schwein wusste, wo du abgeblieben bist. Basti und ich mussten ihn regelmäßig beiseite nehmen, damit er nicht alle Mitarbeiter vergrault, weil er bei jedem Scheiß sofort an die Decke ist. Er hat Kaffee gesoffen wie ein Irrer, nächtelang am Schreibtisch gehockt und hat jede Zeitung aus der näheren Umgebung studiert, ob irgendwo was über dich stand. Oder wenigstens über nen Typen, auf den deine Beschreibung passte. Als Vermistenfall hat die Polizei das damals nicht eingestuft, weil du ja volljährig warst und nicht davon auszugehen war, dass du irgendwie in Gefahr schwebst – da waren wir ja schon froh, dass unser Bankberater mal den kleinen Tipp fallen gelassen hat, dass du weiterhin Geld von deinem Konto abgeholt hast und Lohn einging! Na ja und dann lag diese dämliche Weihnachtskarte von dir im Briefkasten. Ohne Briefmarke und alles, nur „Frohe Weihnachten“ drauf geklatscht, aber nicht mal ne Info, wo du jetzt wohnst oder wies dir geht. Und da hat er die Schnauze dann voll gehabt und alles endlich wieder in normalere Bahnen gelenkt“, hefteten sich seine Augen an den zunehmenden Mond und ein leichtes Schnauben brachte seinen Oberkörper in Bewegung, als er von Dominik ein flüsterndes „Und… und Mama?“ vernahm.

„Hat n Freudentanz aufgeführt, als du endlich weg warst!“, entwich es dem Älteren und kopfschüttelnd blickte er seinen kleinen Bruder an, der längst nicht mehr wagte, ihn anzuschauen. Stattdessen starrte er auf seine Hände, die miteinander rangen und sich ineinander verhakten. Er schluckte, als sein Bruder weitersprach und seine Lippen pressten sich zusammen.

„Jeden Abend in den Schlaf geheult hat sie sich. Was denkst du denn? Und zu deiner Uni wollte sie hin. Den Wisch von deiner Anmeldung hatte Vatter ja gesehen und dann hat sie da mehrfach angerufen, aber nie eine Auskunft bekommen, ob du da auch wirklich studierst. Deswegen mussten Basti oder ich sie sogar ein paar Mal dorthin fahren, weil der Alte sich geweigert hat. Sie hatte gehofft, dich mal zufällig auf dem Campus zu sehen, aber einfach irgendwelche Leute ansprechen, ob sie dich kennen, wollte sie auch nicht. Bloß nicht dafür sorgen, dass der Kleine noch mehr verschreckt wird und wieder wegläuft!“, lehnte er sich zu Dominik hinüber, aber nicht, um ihm näher zu sein, sondern nur, um besser an seine Kippenpackung zu gelangen.

„Ey, Dominik, ich sag dir, als du ein paar Monate später diesen dusseligen Brief geschickt hast, bin ich ja von allem ausgegangen, aber nicht, dass da einfach nur ein Wisch über eure Ausstellung drin steckte, auf dem du deinen Namen so hübsch eingekringelt hast! Vatter war sauer deswegen und ich hab das erste Mal erlebt, dass die Beiden sich richtig gestritten haben, weil Mama unbedingt dorthin wollte“, sprach er dabei weiter und erwähnte fast beiläufig, dass am Ende er derjenige gewesen war, der ihre Mutter zur Ausstellung gefahren hatte. Heimlich und hinter dem Rücken des Vaters, als den eine Fortbildung mal zwei Tage aus der Firma gescheucht hatte. Und während Heiner daran zurückdachte, schob er sich noch einen Glimmstängel zwischen die Lippen, erhellte das eigene Gesicht mit dem Schein des Feuerzeugs und befand, dass es Zeit war, um endlich die abschließenden Worte einzuleiten.

„Also, Kurzer, wenn du mich fragst, dann solltest du endlich ein bisschen Wiedergutmachung leisten und einfach mal das machen, worum Vatter dich gebeten hat. Egal, ob du das jetzt gut findest oder nicht. Kann doch eigentlich nicht so schwer sein, oder?“, stand er dann auf, während Dominik noch immer schweigend da saß. Kratzig und wie von Dornen besetzt fühlte sich seine Kehle an, wenn er versuchte zu schlucken. Auch ihm war kalt und trotzdem hatte er nicht die Kraft, um aufzustehen, während es für Heiner ein Leichtes war, sich von ihm abzuwenden.

„Ich frier mir langsam echt den Arsch ab. Kommst du noch mit nach hause? Bisschen aufwärmen, bevors zurück geht?“, sprach er, als hätte sich die vorangegangene Unterhaltung nur ums Wetter gedreht und deutete mit dem Kinn dabei in die Richtung, aus der er zuvor gekommen war.

„Nein, ich… Frido wartet bestimmt schon“, murmelte der Lockenkopf allerdings nur und nickte leicht, als sein Bruder ihm eine gute Heimfahrt wünschte.

„Dann bis die Tage mal. Und bestell ihm Grüße“, schob der Ältere die Hände zurück in die Hosentaschen und trat den Rückweg deutlich schneller an, als er es beim Hinweg getan hatte. Ja, die Kälte zerrte und kniff an einem, wenn man sich kaum bewegte und erst recht, wenn man dabei auch noch saß.

15.1.2025: Mobile Office

Wenn man ihn fragte, gab es zwei Arten von Gähnen: Das eher zurückhaltende kleine Gähnen für zwischendurch, das Müdigkeit durchaus anzeigen konnte, aber häufig auch einfach nur der Langeweile geschuldet war. Und dann war da dieses andere Gähnen. Es kroch einem so in die Mundwinkel, dass die Kiefer weit geöffnet wurden, fast so als gehörten sie einer Schlange, die eine eigentlich viel zu große Beute verschlingen wollte. Die Tränen stiegen einem unweigerlich in die Augen und die Brust weitete sich auf ihr Maximum und schließlich war die Lunge einen Moment lang so entfaltet, als hätte sie der neuen Luft Platz machen wollen, um selbst bis in den kleinsten Winkel von ihr zu gelangen. Ob jeder Mensch diese Arten von Gähnen kannte, wusste Frido Klimlau nicht. Vielleicht fanden sich sogar noch viele weitere Variationen, die ihm bislang noch nie in den Sinn gekommen waren. Aber so oder so stand für ihn fest: Immer, wenn die zweite Art des Gähnens bei ihm einsetzte, war das ein untrügliches Zeichen, dass es Zeit fürs Bett wurde. Nur konnte – oder besser, wollte – er ihm an diesem Abend nicht sofort nachgehen. Also arbeitete er sich durch die zunehmenden Gesichtsverrenkungen, die jeden Zahnarzt wohl erfreut hätten, während ihm die Konzentration auf seine eigentliche Arbeit immer schwerer fiel.

„Meine Güte…“, murmelte er bei einem Blick auf die Armbanduhr und schüttelte im gleichen Augenblick den Kopf über sich selbst. Er hatte seinen Laptop doch mal wieder als Mobile Office auf dem Schoß, während er gemütlich auf der Couch saß und Unterlagen bearbeitete. Wenn er dabei aber nicht einmal mehr daran dachte, dass so ein Gerät auch praktischerweise über Datums- und Zeitangaben verfügte, dann war wohl wirklich der Punkt gekommen, um für heute keine beruflichen Dinge mehr damit zu erledigen.

„Wo bleibt er denn?“, lastete eine andere Überlegung allerdings viel schwerer, die mit jedem Blick auf die Uhr an Gewicht zunahm. Inzwischen waren es gute drei Stunden, seit Dominik mit Mutter und Großmutter aufgebrochen war, um sie nach hause zu bringen. Auch nach einem üblichen kleinen Versacker zum Herauszögern des Abschieds bei Oma Trudel hätte er eigentlich längst zurück sein müssen. Es war doch hoffentlich nichts passiert? Frido wollte sich nicht zu viele Gedanken machen. Vielleicht hatte auch Rosanna ihren Sohn noch mit ins Elternhaus genommen, um ein bisschen den Abend mit ihm ausklingen zu lassen. Vielleicht war sogar Hinrich anwesend gewesen und sie hatten ihr Gespräch vom Nachmittag fortgesetzt. Frido vertraute also darauf, dass es seinem Liebsten gut ging und behielt gleichzeitig das Smartphone im Blick, um keine eingehende Nachricht von ihm zu verpassen. Doch als er es dieses Mal in die Hand nahm, weil ihm zwischen all seinen Gähnern ja womöglich der leise Plington aus der Nachrichtenapp entgangen sein konnte, meldete sich nicht das geöffnete Chatfenster, sondern stattdessen ein leises Klackern an der Wohnungstür.

„Hey, da bist du ja wieder“, musste er also nicht mehr mit sich hadern, ob er Dominik eine kleine Nachfrage schicken sollte oder das doch noch zu früh wäre und konnte Laptop und Handy auf den Wohnzimmertisch verfrachten, um ihm entgegen zu gehen.

„Na? Viel los auf den Straßen?“, lächelte er, als sich sein Lockenkopf durch die Tür schob, seinen Schlüssel auf die Kommode sinken ließ und anfing, sich von Jacke und Schuhen zu befreien. So weit, so normal, dachte Frido sich und trotzdem stutzte er beim Anblick seines Freundes. Nicht nur, weil er am ganzen Körper zitterte, sondern auch wegen seines teilnahmslosen Blicks und der kriechend langsamen Geschwindigkeit, mit der er die unerwünschten Kleidungsstücke los wurde.

„Sag mal, ist alles okay? Ist unterwegs was passiert?“, fiel Frido das erste Mal diese Kälte auf, als er Dominik die Jacke abnahm und sie aufhing. Das zweite Mal spürte er sie so unmittelbar und stechend auf der eigenen Haut, dass er davon beinahe selbst zu frösteln begann.

„Alles gut. Ich geh ins Bett, okay?“, murmelte der Jüngere dabei und tätschelte dem Älteren in einer fahrigen Geste die Wange, wobei der sich wunderte, dass ihm die Haut nicht sofort an den eisigen Fingern festfror.

„Du bist ja ein wandelnder Eiszapfen!“, fasste er sofort Dominiks Arm, als der sich von ihm abwenden wollte und hielt ihn bei sich, um genauso erschrocken festzustellen, dass nicht nur aus dessen Fingern jegliche Wärme entwichen schien.

„Ist die Heizung im Wagen kaputt gegangen?! Komm, erst mal ab in die Wanne mit dir, damit du wieder richtig warm wirst! Sonst holst du dir noch was weg!“, fühlte er mit Bestürzung das Frösteln unter seiner Hand, als er sie seinerseits an Dominiks Wange legte, doch der schüttelte nur den Kopf und sagte mit müder Stimme, dass er nicht wolle.

„Ich will einfach nur schlafen, okay?“, schob er also Fridos Hand von sich und schleppte sich unter dessen entsetzten Blick zum Schlafzimmer.

„Dominik, ist irgendwas passiert?“, ging er ihm nach und sah ungläubig, dass der Jüngere sich nicht einmal die Mühe machte, Jeans und Pullover los zu werden, ehe er unter die Decke kroch. Das war so gar nicht seine Art! Wenn man so etwas von einem der beiden hätte erwarten können, dann doch wohl vom Älteren!

„Hey, red mit mir. Was ist los?“, setzte Frido sich also zu ihm auf die Kante der Matratze und strich ihm seicht übers Haar, nachdem Dominik sich so eingemummelt und eingerollt hatte, dass nicht mehr viel anderes von ihm zu sehen war.

„Erzähl ich dir morgen“, nuschelte er daraufhin zwar noch ins Kissen hinein, aber bereits in der Nacht setzte das Fieber ein, das Frido selbst mit einer gut gemeinten Wärmeflasche und einer vorsichtigen Kuscheleinheit nicht mehr hatte aufhalten können. Das Bett wurde zum Krankenlager, das Sofa vorübergehend seine neue Schlafstätte und in den kommenden Tagen war er froh, wenn er von Dominik mal nichts hören musste. Denn mehr als herzerweichendes Husten brachte der erst mal nicht mehr zustande.

16.1.2025: Vorfreude

„Ich geh da hin“.

Wie konnte man nur so verbissen sein, dachte Frido sich an diesem Morgen und vor allem: Wieso musste er schon vor Arbeitsbeginn solch eine Diskussion führen?

„Dominik, übertreibs nicht. Du siehst furchtbar aus“, stellte er fest und auch, dass in jedem Kalenderspruch wohl ein Körnchen Wahrheit zu finden war. So auch in dem, dass man aufpassen solle, was man sich wünschte, denn es könnte ja in Erfüllung gehen. In seinem Fall hieß das, dass er beim Weg zum Sport noch froh gewesen war, nicht wieder die halbe Nacht lang Dominiks Gebell gehört zu haben und es als vorsichtiges Zeichen seiner Genesung gesehen hatte.

„Mir geht’s wieder gut. Kann ich mir das Auto nun leihen oder nicht?“, hieß das für Dominik allerdings, dass er – nicht zuletzt dank freundlicher Unterstützung von Hustensaft, Kopfschmerztabletten und Fiebersenkern – bereits wieder im Vollbesitz seiner Kräfte wäre.

„Du hattest bis vor zwei Tagen noch Fieber und bist nicht umsonst die ganze Woche krankgeschrieben worden“, versuchte Frido es dabei noch immer im Guten, während er frisch geduscht am Spiegel stand und sich die Haare trocken rubbelte.

„Das war nur noch erhöhte Temperatur und die Woche ist schon rum“, lautete hingegen Dominiks Argumentationskette, die allmählich anfing, am Geduldsfaden des Dozenten zu zerren.

„Du bist bis Freitag krankgeschrieben und heute haben wir Donnerstag“, griff er zum Deoroller und duftete sich ein, um dann seufzend den Kopf in den Nacken sinken zu lassen, als Dominiks nächster Konter um die Ecke kam.

„Ich will ja zu nem Arzt. Dann passt das doch“, stand er an die Türzarge gelehnt, die Arme verschränkt und dabei eifrig ein Hustenbonbon nach dem anderen lutschend, damit er überhaupt ein paar gerade Sätze zustande bekam. Ein wenig wunderte es Frido da schon, dass seinem Freund noch keine Eukalyptusblätter aus der Nase wuchsen.

„Dominik, dein Vater ist ein erwachsener Mann. Der kann das auch alleine“, sprach er diesen Gedanken allerdings nicht aus, sondern blieb beim eigentlichen Thema. Er warf sein Handtuch über den Ständer und zwängte sich an Dominik vorbei aus der Tür, um sich ins Schlafzimmer zu begeben.

„Ich bring dir das Auto auch pünktlich wieder. Du merkst gar nicht, dass es weg war. Und auftanken tu ich auch, versprochen“, ging sein Lockenkopf darauf jedoch nicht ein, während er ihm nachtrottete und sich in bekannter Manier auch an die Schlafzimmertür lehnte. Nun wurde es Frido doch allmählich lästig.

„Weißt du was? Wenn du dich nicht davon abbringen lassen willst, dann fahr ich dich!“, seufzte er also aus und stemmte die Hände auf die Hüften, um im nächsten Moment die Augen zu verdrehen.

„Du musst arbeiten“, war langsam nämlich nicht mehr recht ersichtlich, ob es Dominik gerade wirklich noch um seine verdammte Fahrt zu Hinrichs Arzttermin ging oder darum, für jeden Ausspruch seines Freundes Widerworte parat zu haben.

„Hab ne Freistunde…“, murmelte der Ältere also kopfschüttelnd vor Unglaube, als er in seine Unterwäsche stieg und ein Oberhemd aus dem Schrank hervorkramte.

„Hast du nicht. Ich kenn deinen Kursplan. Geh arbeiten. Ich schaff das schon“, schob Dominik hingegen ungerührt sein Hustenbonbon von der einen Wange in die andere, während Frido kurz davor stand, sich die Haare zu raufen.

„Dominiiik…“, sprach er darum auch ein wenig leiernd und mit einem Hauch von Erschöpfung. Er verstand, dass sein Freund sich sorgte und wollte ihn gerne unterstützen, aber das nahm jetzt langsam wirklich Ausmaße wie im Kindergarten an.

„Also jetzt mal im Ernst…“, wollte er also noch einmal an den gesunden Menschenverstand appellieren, wobei sein Freund ihm allerdings zuvorkam.

„Du, notfalls fahr ich mit dem Taxi“, zuckte er die Schultern, als Frido in seine Hose schlüpfte und rang dem Älteren damit ein belustigtes Schnauben ab.

„Ach, damit der Taxifahrer dir helfen kann, falls dein alter Herr sich stur stellt? Ich hab ne bessere Idee: Fahr mit dem Skateboard. Dann kannst du ihm das Ding bei Bedarf einfach über die Rübe ziehen und ihn anschließend auch noch ganz bequem darauf zur Praxis schleifen. Wie wärs?“, wusste er sich in dieser Situation nur noch mit Humor zu helfen und siehe da, selbst seinem Lockenkopf wanderten bei diesem Vorschlag die Mundwinkel nach oben. Doch geschlagen gab er sich davon natürlich noch lange nicht.

„Also? Krieg ich das Auto?“, hakte er schnell wieder nach und grinste, als Frido sich endlich geschlagen gab.

„Na schön, aber wenn irgendwas ist, dann rufst du mich an und wartest mit der Weiterfahrt, bis ich da bin, verstanden? Versprich mir, dass du nicht leichtsinnig wirst“, ging er seufzend auf Dominik zu, der zwar artig nickte, aber vermutlich nur den Teil von Fridos Antwort gehört hatte, der ihn auch wirklich interessierte.

Drum war Dominiks Laune zu Beginn auch noch bestens, als er Frido wenige Minuten später zur Uni fuhr, doch bereits auf dem Weg dorthin erhielt sie einen ersten kleinen Dämpfer.

„Erzählst du mir eigentlich, was letzten Freitag passiert ist? Du warst ja völlig unterkühlt“, wollte Frido die voranschreitende Verbesserung von Dominiks Gesundheitszustand nämlich gerne nutzen, um seine Unwissenheit zu verscheuchen. Doch für den Lockenkopf bedeutete es eher, dass er an das erinnert wurde, was sein Kopf zwischen Schmerzen und Fieber so vorzüglich verdrängt hatte.

„Ich werd Wiedergutmachung leisten. Aber auf meine Weise“, dachte er bei seiner Antwort an die Entscheidung zurück, die er nach einer gefühlten Ewigkeit auf der Bank am Spielplatz gefällt hatte und fühlte sich doch noch nicht dazu bereit, sie in diesem Moment auch offen auszusprechen.

„Ich erklärs dir später, okay? Lass mich heut nur erst mal diesen Termin hinter mich bringen…“, bat er Frido also, als er dessen fragenden Blick bemerkte und seufzte in sich hinein, während sie den Rest der Fahrt schweigend zubrachten. Und trotzdem entlockte sein Freund ihm ein kleines Lächeln, als sie den Parkplatz erreicht hatten.

„Dann viel Erfolg nachher und wie gesagt, wenn was ist, dann meld dich, ja?“, strich Frido ihm sanft über die Wange und nickte, ehe er aus dem Auto stieg. Er winkte Dominik nach, als er vom Parkplatz fuhr und der konnte im Rückspiegel sehen, dass sein Freund sich nur schwerlich von der Stelle lösen wollte. Und dabei merkte Dominik das zweite Mal an diesem Tag, dass seine anfängliche Begeisterung über die gewonnene Diskussion nachließ. Ganz besonders stark fiel ihm das allerdings auf, als er sich einige Stunden später zum Mittag hin wieder ins Auto setzte, um sein eigentliches Ziel an diesem Tag anzusteuern. Dabei fand er sich nach einer guten halben Stunde Fahrt allerdings nicht, wie ursprünglich geplant, bei seiner Oma, sondern auf dem Supermarktparkplatz wieder. Denn auch wenn er es nicht gern zugab, hatte Frido vielleicht nicht ganz Unrecht damit gehabt, dass er noch nicht wieder vollends auf der Höhe war – an dieser Tatsache hatte leider auch das Bisschen zusätzlicher Schlaf in der Zwischenzeit nicht viel ändern können. Also ging er lieber auf Nummer sicher, dass seine Oma sich keine unnötigen Sorgen um ihn machte oder er sie gar anstecken konnte und beschloss obendrein, wenigstens in der Praxis einen Mundschutz zu tragen. Doch käme es wirklich dazu? Quälend lang wurde ihm die Zeit, die er allein im Wagen hockte, sich an seiner Thermoskanne mit Tee festhielt, ohne, dass sie ihm von außen viel Wärme spendete und auf Heiners Nachricht wartete. Wenigstens spürte er dieses Mal auch, dass die Autoheizung tatsächlich artig ihren Dienst verrichtete.

„Vielleicht hätte ich ihn doch bitten sollen, mitzukommen…“, murmelte er dabei zu sich und war sogar ein bisschen froh, als seine Blase anfing zu drücken. So hatte er wenigstens ein paar Minuten Ablenkung, während er auf die Kundentoilette des Supermarkts flitzte und seinen Tee zurück in die Freiheit entließ. Sollte er sich vielleicht auch beim Bäcker am Eingang des Kauftempels eine Kleinigkeit zu beißen holen und an einem der Stehtische den Rest der Wartezeit überbrücken? Ja, dachte er beim Händewaschen und steuerte die Auslage mit frischen Brötchen und Broten an, kaum, dass er diesen Plan gefasst hatte. Doch kaum stand er an der Theke und wollte der Verkäuferin gerade seine Bestellung nennen, fand diese Überlegung ein jähes Ende, als seine Hosentasche zu Leben erwachte.

„Oh, tut mir leid, das ist dringend!“, sprach er nach einem eiligen Blick aufs Handy und rannte zurück zum Wagen. Nicht einmal Zeit, um einen kleinen Happen mitzunehmen, ließ er sich und war mit einem Mal so nervös, dass er mit seinen zittrigen Händen kaum das Smartphone an die Freisprechanlage gekoppelt bekam. Doch dann war er bereit. Nun musste er nur noch den Motor starten, die Nummer seines Bruders wählen und sich in Bewegung setzen – auch, wenn seine Vorfreude sich dabei ganz und gar in Grenzen hielt.

17.1.2025: prompt

Beschaulich war seine Heimatstadt von außen betrachtet. Sie bot alles, was der Mensch so brauchte und trotzdem reichte das bei genauerem Hinsehen mitunter nicht aus. Sie hatte ein kleines Kino, aber wenn man ins Theater oder gar die Oper wollte, konnte sie damit nicht dienen. Ihr Bahnhof bestand aus zwei Gleisen und hatte nur einen Fahrscheinautomaten, aber keinen Schalter. Sie besaß auch ein paar Behörden, aber keine Gerichte und man fand in ihr zwar einige Mediziner, aber kaum Fachärzte. Also kannte er es schon von klein auf, dass es dann und wann in die umliegenden Großstädte gegangen war, wenn seine Heimatstadt das Benötigte mal wieder nicht hatte bieten können. Und als Kind hatte er die Fahrten dorthin durchaus spannend gefunden! Vor allem die Vergleiche zwischen den jeweiligen Großstädten, die sich ihrer Bezeichnung nach so ähnlich hätten sein sollen und in der Realität oft wie die genauen Gegensätze zu einander wirkten. Genauso konträr wie sein neues Zuhause beispielsweise, das immerhin Hochschulstandort war und die andere Großstadt, in die es ihn heute geführt hatte. Bestimmt besaß auch sie idyllische kleine Eckchen, historische Gebäude und bot Natur, aber im Moment erkannte er davon nicht allzu viel. Im Moment sah er nur die unzähligen Menschen auf einem Haufen, die wie Ameisen durcheinander rannten, die massenhaften Autos auf den breiten Straßen und die Hochhäuser, die ihren Weg säumten. Lebendig hätten die einen dieses Stadtbild genannt, aber bedrückend und einschüchternd nannte er es. Zumindest in diesem Moment, in dem er schon froh war, dass er sich in einer Nebenstraße befand, selbst, wenn deren Ausmaße für andere Städte noch immer die einer Hauptstraße gewesen wären.

Hier saß er nun also an einer Bushaltestelle auf der Bank, schaute im Sekundentakt aufs Handy und wippte mit dem Bein, dass sein ganzer Körper davon ins Beben geriet. Schräg gegenüber gab es ein Café, das für sein Warten vielleicht sinnvoller gewesen wäre, doch die Praxis von Ernests befreundeten Kollegen lag ihm genau im Rücken. Auf keinen Fall wollte er Gefahr laufen, dass er seinen alten Herrn verpasste! Aber kam der auch wirklich? Pünktlich weggefahren war er laut Heiner wohl, aber was, wenn er seine beiden Söhne an der Nase herumgeführt und sich auf den Weg zu einem Kunden gemacht hatte? Oder sich einfach mal einen halben Nachmittag frei nahm? Jetzt vielleicht sogar in diesem blöden Café dort drüben saß und sich scheckig lachte, während er seinen Jüngsten beobachtete?

„Jetzt hör aber auf!“, murmelte Dominik allerdings zu sich selbst und rieb sich brummend das Gesicht. Einfach irgendwo zu sitzen und nichts zu tun war nicht Hinrich Preuss’ Art und von einem Kundentermin hätte Heiner bestimmt gewusst. Vermutlich. Also hoffentlich zumindest! Aber warum war sein Vater dann noch nicht in der Praxis angekommen, wie auch die Sprechstundenhilfe am Empfang bestätigt hatte? Oder war medizinische Fachangestellte heutzutage die korrekte Bezeichnung? Ernest hatte ihm dazu mal was erklärt, aber während er jetzt so da saß und wartete, musste Dominik feststellen, dass sein Schädel sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern wollte. Der konnte nur dröhnen und schwirren und sich zunehmend unleidlich über die Medikamente zeigen, die das eigentlich unterdrücken sollten.

„Gott, wo bleibt der denn?“, starrte er also ein weiteres Mal auf das Handy und sprang auf, als er seinen Vater in der nächsten Sekunde endlich auf der anderen Straßenseite entdeckte. Aus Richtung desselben Parkplatzes, den auch er gewählt hatte, kam der alte Preuss gelaufen und sein Sohn erkannte prompt, warum er seinen Firmenwagen unterwegs nirgends gesehen hatte: Offensichtlich war sein Vater nicht direkt zum Termin gefahren, sondern hatte sich erst noch in Alltagskleidung geworfen.

„Ein Glück…“, seufzte der Lockenkopf also aus, während sein alter Herr ins Stocken geriet, kaum, dass er seinen Jüngsten erblickte.

„Willst du denn hier?! Musst du nicht zur Uni?“, lautete drum wenig überraschend die herzliche Begrüßung, als Hinrich Preuss wenige Augenblicke später vor seinem Sohnemann stand und er zeigte sich auch nicht recht angetan von dessen Erklärung.

„Freistunde?! Muss aber ne verdammt lange Freistunde sein! Oder studierst du neuerdings hier?!“, verschränkte er die Arme und runzelte die Stirn, während Dominik einsehen musste, dass diese Ausrede wirklich nichts taugte. Egal, in welcher Situation sie angewendet wurde.

„Ja, okay, ich… ich wollte gucken, ob du heute wirklich kommst“, gab er also kleinlaut zu, um dann schnell zu beteuern, dass er seiner Familie keine Schande durch unerlaubtes Fehlen bereitete.

„Schwänzen tu ich aber wirklich nicht! Ich bin… diese Woche krankgeschrieben“, schob er mit schiefem Grinsen und Schulterzucken die Hände in die Hosentaschen, wohingegen sein Vater nicht den Eindruck machte, sonderlich überrascht zu sein.

„Kann mir schon denken, wieso! Du siehst beschissen aus! Zieh Leine und pack dich ins Bett!“, ging er murrend an seinem Sohn vorbei, der allerdings wenig Anstalten machte, die lieblichen Genesungswünsche auch tatsächlich umzusetzen.

„Paps, kann ich vielleicht…“, heftete er sich stattdessen an Hinrichs Fersen und hielt doch gebührenden Abstand zu ihm, als der mit einem „Was?!“ wieder zu ihm herumfuhr.

„...mitkommen?“

Der Ältere blinzelte ungläubig und starrte seinen Sohn einen Moment lang nur schweigend an.

„Meinst du, ich find den Weg ab hier nicht?! In den ersten Stock schaff ichs grad noch!“, bewies er dann jedoch, dass es ihm für gewöhnlich nicht allzu lange die Stimme verschlagen konnte und wendete sich kopfschüttelnd von seinem Sprössling ab. Und nun? Eine handfeste Diskussion, die am Ende womöglich den Termin gefährdete, wollte Dominik ganz sicher nicht vom Stapel brechen.

„Okay, dann wart ich hier…“, gab er sich also geschlagen und hoffte, dass ihm wenigstens das vergönnt war. Doch wieder gabs dafür eins auf den Deckel.

„Und dir am besten noch mehr den Arsch abfrieren, du Dumpfbacke?! Los, trab an!“, wusste sein alter Herr ihn allerdings wieder einmal mit der Art und Weise, wie und wofür er ihn zurechtstutzte zu überraschen und hielt sogar die Eingangstür geöffnet, bis sein Sohn zu ihm aufgeschlossen hatte.

„Danke, Paps“, hätte der beinahe einen Freudensprung gemacht und konnte sich das Lächeln selbst dann nicht verkneifen, als es von seinem Vater nur ein desinteressiertes „Ja, ja“ zu hören gab. Schnell stopfte der Lockenkopf sich also noch ein Hustenbonbon in den Mund, schnäuzte sich und schlüpfte mit der Hoffnung in seine Maske, dass seine Nase bis zum Verlassen des Gebäudes Ruhe gäbe. Wie ein kleiner Schatten heftete er sich an seinen Vater und versuchte doch, ihn dabei nicht zu bedrängen. Also setzte er sich im Wartezimmer nicht direkt neben ihn und unterdrückte zumindest an dieser Stelle die Neugierde, was Hinrich Preuss wohl alles auf den Patientenbogen schrieb. Aber als sein Vater dann nach rund zehn Minuten ins Sprechzimmer gerufen wurde, konnte sein Sohn nicht mehr an sich halten.

„Darf ich mit reinkommen?“, sprang er bereits auf, obwohl er noch gar keine Zustimmung erhalten hatte und sein bittender Blick sprach Bände, während der seines Vaters ebenso eindeutig ausfiel.

„Du, ich bin schon groß! Mir braucht keiner die Hand halten!“, untermalte Hinrich Preuss ihn dennoch mit ein paar passenden Worten und legte dann trotzdem eine ungeahnte Güte an den Tag. Drum gab es auch noch ein genuscheltes „Meinetwegen“ hinterhergeschoben, während er das Wartezimmer verließ und Dominiks Gegenwart weiterhin hinnahm. Und auch, wenn der Lockenkopf im ersten Moment einfach nur erleichtert darüber war, fragte er sich im weiteren Verlauf, ob vielleicht nicht nur er Dankbarkeit verspürte. War sein Vater vielleicht doch ganz froh über seine Anwesenheit? Denn auch, wenn er es sich natürlich nicht anmerken lassen wollte, konnte man Hinrich Preuss` Nervosität bei genauem Hinsehen durchaus erahnen. Statt weiterhin seine schnodderige Art an den Tag zu legen, wurde er noch wortkarger als sonst. Wenn er auf einem Stuhl saß, wippte sein Bein ebenso herrlich wie zuvor das seines Sohnes und bei jeder Gelegenheit tippte sein Zeigefinger unablässig auf irgendetwas herum. Besonders eindrucksvoll war aber, wie eilig er aus der Praxis flüchtete, kaum, dass die Untersuchungen und Gespräche beendet waren und wie ruhig er plötzlich wieder wirkte, als er zurück an der frischen Luft stand.

„Mein Gott, ich dachte schon, das nimmt heute gar keine Ende mehr!“, murrte er zwar bei einem Blick auf die Uhr und hetzte trotzdem nicht sofort zu seinem Auto. Stattdessen griff er jetzt erst einmal beherzt in seine Jackentasche und holte das raus, worauf er so lange hatte verzichten müssen.

„Paps, dein Ernst?“, schaute Dominik ungläubig dabei zu, wie sein alter Herr selbst nach so einem Termin direkt wieder am Glimmstängel hing und war seinerseits froh, endlich seine Schutzmaske absetzen zu können. Kein Brennen in den Augen von den fehlgeleiteten Dämpfen des Hustenbonbons mehr und vor allem musste er die im Dauerlauf schniefende Nase nicht mehr alle paar Sekunden hochziehen. Er wendete sich ab, um diskret zum Taschentuch zu greifen und schaute dann doch verdattert zu seinem Vater, als er dessen Antwort hörte.

„Hast du mal auf seine linke Arschtasche geachtet? Der qualmt selber, also kanns so schlimm wohl nicht sein“, tat er einen tiefen Atemzug und schaute genüsslich dabei zu, wie der Qualm sich seinen Weg in die Freiheit bahnte.

„Das istn Witz, oder?“, zeigte Dominik sich allerdings skeptisch und verschaffte sich dann doch lieber etwas Erleichterung, anstatt der Aufforderung nachzukommen, dass er ja noch mal hoch gehen und sich selbst überzeugen könne.

„Nee, so wichtig ist mir das nun auch nicht“, schloss er also zu seinem Vater auf, als der den Weg zum Parkplatz antreten wollte.

„Sag mir mal lieber, welchen Eindruck er fachlich gesehen auf dich gemacht hat. Wie ist er im Vergleich zu deinem anderen Arzt?“, gab es viel Wichtigeres zu besprechen, obwohl Dominik die Antwort eigentlich schon kannte.

„Du warst doch selbst dabei! Er hats nachvollziehbar erklärt und vor allem will er mir nicht die ganze Brust aufknacken“, schob sein Vater die Hände in die Jackentaschen und blieb am Straßenrand stehen, um zu warten, bis die vorbeifahrenden Autos eine Lücke bildeten. War es dann doch nicht so eine Zeitverschwendung gewesen, dass sein Sohnemann ihn zu diesem Termin gedrängt hatte?

„Dann wirst du auch seinen OP-Termin nehmen?“, schaute der seinen Vater erwartungsvoll an und auch, wenn die Antwort wenig schmeichelhaft ausfiel, konnte er sein Lächeln immer weniger verbergen.

„Sonst hätt’ ich mir den nicht geben lassen! Der wird die Fluppen ja wohl kaum während der OP anstecken!“, schüttelte Hinrich Preuss den Kopf über die, in seinen Augen, dümmliche Frage und noch viel mehr über die Gesichtsakrobatik seines Sohns.

„Brich dir keinen ab“, murrte er also, während sie endlich die Straße überqueren konnten und warf Dominik einen genervten Seitenblick zu, als der seine Freude endlich aus sich herausließ. Mit einem Grinsen, das von einem Ohr zum anderen reichte, schwebte er förmlich neben seinem Vater her und hätte sich diesem Gefühl am liebsten noch ewig hingegeben. Aber bereits, als sie den gegenüberliegenden Bürgersteig betraten, holte ihn die Realität zurück auf den Boden der Tatsachen. Und nun musste er schnell handeln.

„Paps, egal, was passiert, du weißt, dass ich dich lieb hab, oder?“, hoffte ein Teil von ihm, noch ein wenig der gewonnenen Zuneigung seines Vaters behalten zu dürfen, doch während der im ersten Augenblick noch verwundert guckte, erstarrte er im nächsten bereits zu Stein.

„Dominik! Hinrich!“, ertönte nämlich plötzlich diese Stimme, die ihm nur allzu vertraut war und wie vom Donner gerührt musste er mit ansehen, wie sie zwischen den anderen Passanten hindurch auf ihn zueilte. Und als wäre das nicht schon genug gewesen, folgte ihr dann auch noch sein anderer Sohn. Das Portemonnaie noch vom Bezahlen in der Hand, kam er ebenfalls aus dem Café und wühlte sich in seine Jacke, während er seiner Mutter im Eilschritt folgte. Doch dann, als sie Ehemann und Nesthäkchen bereits erreicht hatte, verlangsamte er den Schritt und schaute ungläubig von einem zum anderen.

„Was ist los, Schatz? Basti hat gesagt, dass du zum Arzt musstest, weil du ein paar Mal ohnmächtig geworden bist?“, galt Rosannas Sorge dabei jedoch vornehmlich ihrem Jüngsten. Vorsichtig nahm sie sein Gesicht in die Hände und strich ihm über die Wange, während er kaum wusste, welchen Blick er gerade belastender fand: Ihren besorgten, den finsteren seines Vaters oder den zunehmend skeptischen seines Bruders? Er entschied sich für das offensichtlichste Übel und das, mit dem er wohl am besten umzugehen wusste.

„Paps…“, schaute er also zu seinem alten Herrn, wobei er die Hände seiner Mutter sanft hinunter zog und schaffte es doch nicht, weiter zu sprechen. Denn gegen das „Scher dich zum Teufel!“ seines Vaters kam er beim besten Willen nicht an.

„Hinrich! Was soll das?!“, rief seine Mutter hingegen aus, während Dominik gegen das aufkommende Gefühl der Angst ankämpfte. War es vielleicht doch ein Fehler gewesen? Und dann mischte sich auch noch Sebastian ein.

„Was istn hier los? Wieso ist Paps auch hier?“, war ihm längst aufgefallen, was Rosanna in ihrer Sorge um ihr Kind bis hierhin ignoriert hatte und plötzlich fand Dominik sich erneut von Blicken umzingelt wieder. Der eine guckte kritisch, der andere fuchsteufelswild, aber dieses Mal wollte Dominik auf den fragenden Blick seiner Mutter eingehen.

„Paps muss euch was sagen…“, gestand er also nach einem tiefen Atemzug und schluckte hart, als ihn die Worte seines Vaters wieder wie Schläge trafen.

„Hörst du schlecht?! Geh mir aus den Augen, du rückgratloser Windbeutel!“, ballte der die Fäuste so sehr, dass es seinen Sohn nicht gewundert hätte, wenn er seine Wut erstmals nicht nur in Worten zum Ausdruck gebracht hätte. Doch ehe er herausfinden konnte, wie weit sein Vater wirklich bereit war zu gehen, stand wieder seine Mutter zwischen ihnen. Für ihren Sohn hatte sie dabei allerdings keine Augen mehr.

„Hinrich, sprich mit mir. Was ist hier los? Warum kommt ihr zwei aus einer Arztpraxis?“, legte sie die Hände an seine Brust, beschwichtigend und zugleich selber nach Halt suchend, während auch Sebastians auffordernder Blick Bände sprach.

„Los, Vatter, raus mit der Sprache!“, verlieh er ihm mit seinen Worten noch mehr Kraft und alles in allem trieben Frau und Sohn den Angesprochenen so in die Enge, dass es aus ihm herausplatzte, als wäre er ein bedrängtes Tier, das in den Angriff überging.

„Himmel, Herrgott! Ich krieg einen Bypass! Jetzt macht nicht so ein Theater da drum!“, waren ihm die erschrockenen Reaktionen der Passanten in diesem Moment egal und dann kehrte plötzlich ein seltsamer Augenblick der Stille ein. Denn während um sie herum das Leben in gewohnten Bahnen weiterging, hatte Dominik das Gefühl, dass für seine Familie alles nur noch in Zeitlupe ablief. Er sah, wie seine Mutter und sein Bruder zu seinem Vater starrten und wie sich in dessen Blick etwas veränderte. War er erlöst, weil es endlich ausgesprochen hatte? Schockiert, weil es ihm erstmals selber richtig klar wurde oder sogar gebrochen, weil er sich eingestehen musste, dass er nicht in allen Lebenslagen seinem Bild eines starken Familienoberhaupts gerecht werden konnte? Dominik sah, wie seine Mutter die Hände fassungslos vor den Mund hob und sich zitternd von ihrem Mann in den Arm nehmen ließ, während Sebastian erst gar nicht zu verstehen schien, was er da gerade gehört hatte. Doch dann begriff er immer mehr.

„Du wusstest das?“, löste er sich aus seiner Schockstarre und als er weitersprach, begann die Zeit, sich wieder in normalen Bahnen zu bewegen.

„Ey, Hosenscheißer! Ich red mir dir! Sag mir, wie lange du das schon weißt!“, traf Sebastians Ärger nicht denjenigen, der die Geheimnistuerei überhaupt begonnen hatte, sondern den, der ihm dabei zur Hilfe gekommen war. Und obendrein hatte Dominik seinen Bruder noch nie so wütend und enttäuscht erlebt.

„Ich ähm…“, wusste er ob dieser Wucht gar nicht, was er sagen sollte und schaute hilfesuchend zu seinen Eltern. Doch während seine Mutter noch immer versuchte sich zu fassen, schrie der Blick seines Vaters geradezu, dass er die selbst eingebrockte Suppe nun schön selbst auslöffeln durfte.

„Seit… Weihnachten“, gab Dominik also kleinlaut zu und musste sein Geständnis sogar wiederholen, weil er im Wust der Großstadt erst zu leise gesprochen hatte. Und während Sebastians „Wie bitte?!“ erst noch der Nachfrage geschuldet gewesen war, hätte es beim zweiten Mal auch zu seinem Unverständnis passen können.

„Dass er das Maul nicht aufkriegt, ist ja klar, aber du machst da auch noch mit?!“, starrte er seinen kleinen Bruder ungläubig an und wollte auf so vieles eine Erklärung von ihm haben.

„Und wieso veranstaltest du auch noch so’n Affentheater?! Mit deinem bescheuerten Anruf und allem?!“, ließ er Dominik nicht einmal Zeit, die erste Frage zu beantworten, ehe er die nächsten bereits hinterher schob. Aber wollte er es wirklich wissen oder nur seinem Ärger Luft machen?

„Ich… ich wollte, dass ihr herkommt…“, versuchte Dominik trotzdem sich zu erklären, aber sogleich überrollte Sebastian ihn erneut wie eine tosende Welle.

„Ja, hab ich gemerkt, dass du das wolltest! Sag mal, tickst du noch ganz richtig?! Mir zu erzählen, dass ich dich abholen muss, weil du wegen irgendwelcher Medikamente grad kein Auto fahren darfst und dann auch noch rum zu betteln, dass ich Mama mitbringe, weil du Schiss vor deinen Untersuchungsergebnissen hast! Bist du jetzt total bescheuert?! Wir haben die ganze Zeit in dem dämlichen Café gehockt und uns sonst was überlegt! Ich wusste ja nicht mal, zu welchem Arzt du angeblich musst! In dem Kasten da hinten sind zig Praxen!“, schnauzte er seinen kleinen Bruder an, wie der es sonst nur von seinem Vater kannte und schien sich jetzt erst so richtig in Rage zu reden.

„Hakts bei dir eigentlich völlig aus?! Du hättest auch einfach Tacheles mit uns reden können!“, brodelte es weiter und weiter in ihm und erst, als seine Mutter ihn am Arm fasste, hielt er einen kurzen Moment inne.

„Ich dachte, wenn ihrs nicht mit eigenen Augen seht, dann streitet Paps es vielleicht einfach ab!“, versuchte Dominik diese kleine Unterbrechung zu nutzen, um sich endlich Gehör zu verschaffen. Aber es schien an seinem Bruder abzuprallen, wie Rosannas Ausspruch, dass diese Schuldzuweisungen im Moment nicht zielführend seien.

„Sebastian, das ist doch gerade egal…“, sprach sie beschwichtigend auf ihn ein, aber ihr Sohn nahm nicht einmal den Blick von seinem Bruder.

„Was ist eigentlich mit Heiner? Weiß der etwa auch Bescheid? Habt ihr deswegen Heiligabend die ganze Zeit auf der Terrasse rumgehangen?“, wurden ihm die Details dieser Geschichte allmählich immer klarer und obwohl er es schon ahnte, konnte er nur ungläubig den Kopf schütteln, als Dominik mit einem vielsagenden Schweigen reagierte. Die Augen schuldbewusst zu Boden gerichtet stand er da und zuckte doch zusammen, als sein Bruder ihn wieder anging.

„Wollt ihr mich alle verarschen?!“, brach es aus ihm heraus, aber dieses Mal erinnerte er sich wenigstens daran, dass Dominik nicht alleiniger Verursacher dieser Situation war.

„Selbst sein Stecher wusste Bescheid und uns sagst du nichts?!“, bekam also auch ihr Vater sein Fett weg, ehe der Zweitälteste sich mit einem „Ey, ihr könnt mich mal!“ abwendete und losstapfte.

„Sebastian!“, versuchte seine Mutter ihn zwar aufzuhalten, aber wie es schien, war er bereit für einen totalen Rundumschlag.

„Nein! Du solltest genauso sauer sein wie ich!“, bekam also selbst Rosanna die Meinung gegeigt und war trotzdem die Einzige, die ihn gerade halbwegs beschwichtigen konnte.

„Sebastian, das spielt jetzt keine Rolle. Darüber können wir später immer noch sprechen. Im Moment ist doch viel wichtiger, wie es um deinen Vater steht!“, ging sie ihm nach und schaute ihren Sohn eindringlich an, um ihm im nächsten Augenblick liebevoll über den Arm zu streichen, als er wenigstens stehen blieb. Und auch, wenn er jetzt erst einmal von Dominik abließ, war der noch lange nicht erlöst.

„Ich hoffe, du bist jetzt zufrieden“, gab es ja schließlich noch einen anderen, mit dem er es sich ordentlich verscherzt hatte. Und obwohl er inzwischen deutlich ruhiger wirkte, ließ Hinrich Preuss keinen Zweifel daran, dass sein Jüngster ihm erst einmal gestohlen bleiben konnte.

„Du brauchst dich die nächste Zeit jedenfalls nicht mehr bei uns blicken lassen“, war alles, was er zum Abschied noch für ihn übrig hatte, ehe er sich in Bewegung setzte und sich seinen anderen beiden Familienmitgliedern anschloss. Er nahm seine Frau wieder in den Arm und nickte, als Sebastian ihn aufforderte, endlich mit der Wahrheit rauszurücken. Wenigstens das hatte er bewirken können, dachte Dominik, während er ihnen etwas Vorsprung ließ und ihnen dann allmählich nachtrottete.

„Lasst uns zum Auto gehen. Ich bin mit dem Volvo hier“, konnte er seinen Vater dabei noch sagen hören, doch mit jedem Schritt mehr wurde der Abstand bald so groß, dass nicht einmal mehr Wortfetzen an seine Ohren drangen. Also schaute er ihnen nur noch dabei zu, wie sie als unumstößliche Einheit durch die Menschenmenge schritten, die Mutter schützend in die Mitte genommen und gleichzeitig von ihrem Mann gehalten. Ruhig sprach er, während seine Frau und sein Sohn an seinen Lippen hingen. Dass es ihm nicht leicht fiel, mit ihnen zu reden, konnte Dominik sogar auf diese Entfernung hin erkennen und trotzdem war er froh, dass es jetzt überhaupt dazu kam. Mehr als ein Mal hatte er sich bis zum Eintreffen seines Vaters gefragt, was er hätte sagen sollen, wenn Mutter und Bruder umsonst hergekommen wären. Doch jetzt standen sie an seinem Wagen, lauschten seiner Erklärung und zeigten ihm ihre Zuneigung. Jeder auf seine Weise. Rosanna hielt sich an ihrem Mann fest und schien ihn nie wieder loslassen zu wollen, während Sebastian sich ihm mit Nicken und Schulternklopfern zuwendete. Nur Dominik blieb außen vor. Wie ein Wachposten verharrte er an der Zufahrt des Parkplatzes und beobachtete seine Familie, bis sie sich langsam in ihre Einzelteile auflöste. Während Rosanna dieses Mal zu ihrem Mann ins Familienauto stieg, stapfte Sebastian seinem Firmenwagen entgegen, der einige Meter entfernt stand. Ja, dachte Dominik, während er hörte, wie die Motoren gestartet wurden und die Scheinwerfer erstrahlen sah. Er hatte das Richtige getan. Also brauchte er sich auch nicht zu verstecken, als sie auf ihn zusteuerten – erst Sebastian, dann sein Vater. Er konnte guten Gewissens die Hand zum Gruße heben und ihnen ein vorsichtiges Lächeln schenken, wenn sie seine Abschiedsworte schon nicht hören würden. Aber während Sebastian wenigstens noch mit einem Kopfschütteln darauf reagierte, schaute sein Vater durch Dominik hindurch und an ihm vorbei. Nicht ein Zucken mit der Wimper hatte er noch für ihn übrig, sodass Rosanna die Einzige war, die das Nesthäkchen nicht von sich stieß. Seinen Gruß erwiderte sie zwar nicht direkt, aber ein seichtes Lächeln trug sie im Gesicht und nickte ihm zu, während Hinrich vom Parkplatz fuhr. Und als Dominik so da stand und ihnen nachschaute, bis er sie in der Menge der Autos verlor, sagte er sich noch einmal, dass er das Richtige getan hatte. Aber war dieser Preis es wirklich wert gewesen?

18.1.2025: Hellfeld

„Ist das nicht manchmal ganz schön frustrierend?“, hatte er seinen Kumpel Bernd mal gefragt.

„In eurem Job gebt ihr jeden Tag alles, bringt euch oft genug für andere in Gefahr und am Ende ist die Dunkelziffer an Straftaten trotzdem so viel höher als das Hellfeld. Und obendrein habt ihr nicht mal die Garantie, dass eure Ermittlungen, zum Beispiel im Falle einer Anzeige, auch tatsächlich von Erfolg gekrönt sein werden. Wenn Spuren im Sand verlaufen oder es Jahre oder sogar Jahrzehnte braucht, bis ein Fall aufgeklärt werden kann, stell ich mir das mitunter echt entmutigend vor“, hatte er damals sinniert und wusste heute nicht mal mehr, wie sie auf dieses Thema überhaupt zu sprechen gekommen waren. Doch Bernds Antwort trug er dafür noch umso besser im Kopf.

„Stimmt“, hatte der damals gesagt „Manchmal ist es ätzend und manchmal würde ich am liebsten irgendwas kaputt dreschen, wenn ein Fall so richtig beschissen gelaufen ist. Aber ich denk mir auch, dass es am Ende doch wie bei allem im Leben ist: Du hast teils richtig Scheiße am Schuh und könntest im Strahl kotzen und dann kommt da plötzlich dieser eine kleine Moment, durch den du die Strapazen wieder vergisst. Ein gelöster Fall, eine Person, die du retten oder der du wenigstens Klarheit verschaffen konntest. Da hat sich die Arbeit dann gelohnt. Genau wie bei allem anderen, was man liebt, oder? Beim Marathon zum Beispiel. Egal, wie steil der Anstieg wird und wie stark die Beine brennen, du behältst das Ziel weiterhin im Blick. Und wenn du das erreichst, dann ist das deine Belohnung, aber selbst wenn nicht, gibt es ja viele kleine Etappenziele. Eigentlich jeder Schritt mehr in die richtige Richtung, wenn du mich fragst“. Das waren damals Bernds Worte gewesen und mit seiner Antwort hatte er vieles von dem widergespiegelt, von dem auch der Dozent überzeugt war. Und trotzdem rief er es sich immer mal wieder zurück ins Gedächtnis. Für sich selbst, aber auch für einen gewissen Lockenkopf, der ihm einmal mehr ein Kopfschütteln stahl, als er an diesem Abend den Parkplatz der Universität betrat.

19.1.2025: rieseln

„Warum hab ich bloß das Gefühl, dass du dich wieder ein bisschen zu sehr verausgabt hast?“, murmelte Frido, als er an diesem Abend den Parkplatz der Universität betrat und nach einem suchenden Schwenk seinen Wagen entdeckte. Geparkt neben einer Laterne, damit er seinem Besitzer möglichst schnell ins Auge stach, stand er da, doch durch die Extraportion Licht fiel auch schnell noch etwas anderes auf.

„Du willst auch unbedingt noch ein bisschen länger Spaß mit deiner Erkältung haben, oder?“, trat der Dozent kopfschüttelnd an sein Auto heran und betrachtete die schlafende Gestalt auf dem Beifahrersitz. Wenigstens hatte er sich die Decke aus dem Kofferraum geholt! Aber trotzdem… Es war immer noch kalt genug, damit der dünne Regen gemischt mit Schnee vom Himmel rieselte und Dominik hatte nicht einmal die Autoheizung angestellt. Mucksmäuschenstill stand der Wagen stattdessen da, sodass das erste Geräusch nach ungewisser Zeit der Stille Fridos seichtes Klopfen an die Fensterscheibe war. So behutsam wie möglich wollte er den Schlafenden wecken. Schon jetzt waren ihm die Anstrengungen des zurückliegenden Tages anzusehen, obwohl er noch kein Wort darüber verloren hatte.

„Hey, du…“, öffnete der Dozent also erst einmal vorsichtig die Tür und ging neben seinem Freund in die Hocke, anstatt selber schnellstmöglich in den Wagen zu springen. Mit einem Lächeln, das fast zum Schmunzeln wurde, betrachtete er die müden Augen, die allmählich größer wurden, während Dominik seinen Blick erwiderte. Erkannte er überhaupt schon, wer da neben ihm war?

„Wolltest du nicht mit dem Bus nach hause fahren?“, griff Frido seine Hand unter der Decke und strich mit dem Daumen über ihren Handrücken, obwohl er damit eigentlich nur den Stoff liebkoste. Und ja, scheinbar war Dominik doch nicht so verpennt, wie er gerade aussah.

„Hätte nicht gelohnt. Bin vorhin erst zurückgekommen“, murmelte er zwar ähnlich ausführlich wie beim letzten Mal, nachdem er alleine mit dem Auto unterwegs gewesen war, aber zumindest schien er nicht wieder so furchtbar durchgefroren zu sein. Und trotzdem hob Frido erstaunt die Augenbrauen.

„So spät erst? Wann… wie lang der Termin denn gedauert? Oder bist du noch mit zur Firma gefahren?“, fragte er ungläubig und schon Dominiks Blick verriet ihm, dass etwas vorgefallen sein musste. Und leider änderte sich dieser Eindruck auch nicht, als sein Liebling den Mund öffnete.

„Sagen wir einfach, ich brauchte nach dem Termin erst mal einen Moment, um mich zu sammeln“, murmelte er und schloss seine Lider wieder, als Frido ihm über die Wange strich.

„Waren die Untersuchungsergebnisse so schlecht?“, ging er bei solchen Worten erst einmal vom Schlimmsten aus und war erleichtert, dass sein Lockenkopf die Frage sofort verneinte.

„Beim Arzt liefs gut. Er hat Paps sogar einen minimalinvasiven Eingriff vorgeschlagen“, antwortete er, um nach einem tiefen Atemzug auf den eigentlichen Knackpunkt seiner Laune zu sprechen zu kommen.

„Du hast…?“, schaute Frido ihn daraufhin allerdings noch ungläubiger an und konnte sich lebhaft vorstellen, dass dieses Aufeinandertreffen im Hause Preuss nicht allzu harmonisch abgelaufen sein konnte. Aber das war kein Thema, das sie hier auf dem Parkplatz und in der Kälte besprechen mussten.

„Weißt du was? Jetzt fahren wir erst mal nach hause und dann erzählst du mir nachher oder morgen alles, okay?“, schlug er also vor und gab Dominik einen Kuss auf die Stirn, während er sich aufrichtete. In deutlich schnellerem Tempo verfrachtete er nun seine Tasche auf den Rücksitz und sich selbst hinters Lenkrad, um dann mit Beginn der Fahrt doch wieder etwas Eile rauszunehmen. Auf eine schweigsame Fahrt stellte er sich dabei ein, denn so, wie er ihn kannte, hatte Dominik wahrscheinlich nicht nur aus zeitlichen Gründen auf den Bus verzichtet. Wer wollte schon in einer überfüllten Menschenmenge stehen oder sitzen, wenn einem gerade viel mehr der Sinn danach stand, sich zu verkriechen? Da erstaunte es den Dozenten umso mehr, dass sein Freund nicht allzu lange brauchte, um sein Schweigen über die Geschehnisse der jüngsten Zeit zu brechen.

„Mama wollte Ernest eigentlich selber fragen, aber auf der Ausstellung war er ja so schnell weg und abends hat sie ihn nicht mehr alleine erwischt“, erzählte Dominik ihm also nicht nur von dem Aufeinandertreffen des heutigen Tages, sondern auch von den Gesprächen mit seiner Mutter und Heiner. Er berichtete davon, wie er sich dessen Worte über eine Stunde hinweg durch den Kopf hatte gehen lassen, während er beinahe Eins mit der Bank am Spielplatz geworden war und Frido erfuhr zunehmen, dass genau das geschehen war, was er eigentlich hatte verhindern wollen: Am Ende hatte sein Freund sich wieder alles aufgebürdet und sich dabei fast überhoben.

„Ich hab mir schon gedacht, dass Basti nicht gerade begeistert ist, aber so sauer hab ich ihn noch nie erlebt. Mit Paps’ Wutausbruch hab ich gerechnet, aber bei Basti wusste ich gar nicht richtig, was ich sagen sollte… Andererseits wollte ich ja auch nicht, dass wir uns noch mehr zoffen. Das hätte ja auch keinen Mehrwert gehabt. Kenn ich ja von früher mit Paps und mir noch. Und dann obendrein in aller Öffentlichkeit…“, murmelte der Lockenkopf mit einem Seufzen und schaute aus dem Fenster. Im Spiel zwischen Lichtschein und Schatten huschte die Beleuchtung der Straßenlaternen immer wieder über sein Gesicht, während Frido das Gehörte auf sich wirken ließ.

„Ich bin ja der Meinung, dass er sich lieber euren Vater vorknöpfen sollte, anstatt dich so einzunorden“, sagte er schließlich, woraufhin Dominik jedoch nur die Schultern zuckte.

„Ist doch besser, sie sind alle auf mich sauer, als dass sie sich gegenseitig in die Haare kriegen, oder?“, antwortete er mit etwas, das Frido nur allzu wenig überraschte. Wurde man so, wenn man immer das schwarze Schaf der Familie gewesen war?

„Also der Meinung bin ich nicht. Ich weiß zwar nicht, ob es das beste Vorgehen war, die beiden zur Praxis zu bestellen, aber es war höchste Zeit, dass sie erfahren, was Sache ist! Und ja, letztendlich gabs da jetzt wohl keinen Weg, bei dem nicht mindestens einer von ihnen wütend auf dich gewesen wäre oder enttäuscht reagiert hätte. Aber ich find auch, dass das eigentlich gar nicht deine Aufgabe war, für deinen Vater in die Bresche zu springen. Das hätte er selbst regeln müssen“, betätigte Frido den Blinker und war froh, dass ihre Fahrt bei diesen Witterungsverhältnissen nun ein Ende fand. Und vor allem zeigte sich jetzt umso deutlicher, warum Dominik plötzlich so sehr das Gespräch gesucht hatte.

„Sei ehrlich…“, schien er nur darauf gewartet zu haben, endlich diese eine Frage stellen zu können „hättest du versucht, es mir auszureden?“.

Frido stellte den Motor ab, zog die Handbremse an und machte den Scheinwerfer aus, um stattdessen die Lampe des Innenraums zu betätigen, damit er Dominik ungehindert anschauen konnte.

„Gegenfrage...“, verschränkte er die Arme vor der Brust und wandte sich dem Lockenkopf noch etwas mehr zu „...kann es sein, dass du von mir jetzt auch noch n Anschiss erwartest?“. Frido musterte seinen Freund, während der erst belustigt ausschnaubte und den Kopf schüttelte, um dann an einer Falte der Decke herumzunesteln.

„Quatsch! War doch richtig, dass ich für die Aussprache gesorgt hab. Da hättest du doch keinen Grund, mich zusammen zu falten“, antwortete er murmelnd und wirkte dabei weit weniger überzeugt, als Frido es sich gewünscht hätte.

„Stimmt…“, lehnte er sich also zu Dominik hinüber und schwieg so lange, bis der ihn wieder anschaute.

„Ich hab bei dir allerdings grad das Gefühl, dass da bei dir wieder ein paar alte Muster greifen. Du sagst, dass du richtig gehandelt hast, aber denkst du das auch wirklich? Oder wartest du nicht vielmehr drauf, dass dir mal wieder von allen Seiten bestätigt wird, was für ein Versager du bist? Du hast viele Fortschritte gemacht, aber mein Eindruck ist im Moment, dass dich Sebastians Worte und das Verhalten von deinem Vater ganz schön aus der Bahn geworfen hat. Kann das sein?“, sprach er dann weiter und hob die Augenbrauen, als Dominik unschlüssig den Kopf wiegte und die Schultern zuckte.

„Vielleicht… ein bisschen?“, murmelte er dabei und die aufkommende Unzufriedenheit mit sich selbst war ihm anzusehen. Doch bevor sie wieder zu groß werden konnte, wollte Frido dazwischen grätschen.

„Um auf deine Frage von vorhin zurückzukommen…“, sagte er also schnell und strich Dominik mit dem Daumen übers Kinn, als er seine Aufmerksamkeit zurückgewann.

„Nein, ich hätte nicht versucht, dir das auszureden. Ich find deine Aktion gut und bin der Meinung, dass du der einzige von uns warst, der wirklich Rückgrat bewiesen hat – ganz gleich, ob dein Vater das genauso sieht! Aber…“, sah er ihn eindringlich an „wenn ich das vorher gewusst hätte, dann wärst du bestimmt nicht allein gefahren. Ich hätte drauf bestanden, dass ich mitkomme“. Seine Hand fuhr hinauf und glitt durch die seidigen Locken, während Dominiks Mundwinkel endlich den Weg in die richtige Richtung fanden.

„Du kannst mir aber nicht immer die Hand halten, wenn was ist“, war sein Lächeln zwar noch zurückhaltend, doch zumindest bahnte es sich an und wurde noch deutlicher, als Frido weitersprach.

„Warum nicht?“, fragte er dabei zunächst, ehe er, soweit es ging, an Dominik heranrutschte.

„Dass du im Notfall allein klar kommst, weiß ich. Hast du ja auch heut erst wieder bewiesen. Aber warum soll ich dir nicht ein bisschen den Rücken stärken, wenn was ist?“, sagte er mit einem Schmunzeln, das allerdings deutlich ernstere Züge annahm, als er weitersprach.

„Wenn ich höre, was da los war, bin ich allerdings auch froh, dass du nicht sofort zurückgefahren bist, sondern erst mal etwas durchgeschnauft hast. Dass dir das ganz schön zugesetzt hat, kann ich ja selbst jetzt noch sehen“, stellte Frido fest, wobei Dominik allerdings anfing zu grinsen.

„Na ja, ich dachte mir, du bist bestimmt nicht begeistert, wenn ich ne Macke ins Auto fahr oder deine Karre im Graben parke“, zuckte er die Schultern und lachte auf, als Frido den Kopf schüttelte.

„Stimmt, das wäre in dem Fall das Schlimmste gewesen!“, wusste er darauf nur trocken zu erwidern, wobei er sich zur Tür drehte und mit einem „Komm, lass uns reingehen“ ausstieg. Manchmal war dieser Kerl einfach unglaublich, dachte er, während er seine Tasche vom Rücksitz kramte und Dominik dabei zuschaute, wie der die Decke natürlich fein säuberlich zusammenlegte, anstatt sie einfach auf den Sitz zu schmeißen. Dann machte er es einfach selbst, dachte Frido, und gab dem Lockenkopf lieber eine andere Beschäftigung, auf die sie eh schon viel zu lange hatten verzichten müssen.

„Ey, du steckst dich noch an“, murmelte Dominik allerdings in den Kuss hinein und schmunzelte vielsagend, als Frido mit seinem guten Immunsystem prahlte. Solange sein Freund keine Kindergartenkeime anschleppte, wurde er mit allem fertig! Also ließ er sich auch nicht davon abbringen, seinen Lockenkopf in eine feste Umarmung zu ziehen und sich an ihn zu schmiegen. Zu innig wollte er dabei zwar noch nicht werden, aber allein schon diese Nähe zurück zu gewinnen, genoss er bereits sehr. Und Dominik ging es offensichtlich nicht anders. Zwar war er erschöpft vom Tag und nickte selbst beim Abendessen fast wieder ein, aber ins Bett wollte er deshalb noch lange nicht. Lieber schnappte er sich die Bettdecke und kam zu Frido auf die Couch, als das donnerstägliche Abendprogramm auf der Liste stand.

„Hey, wir können auch ins Bett gehen“, schlug der zwar vor, aber Dickkopf war nun einmal Dickkopf.

„Nein, guck deine Serie“, mummelte Dominik sich also ein und nutzte Fridos Schoß als Kopfkissen, um ungewohnter Weise binnen Minuten tief und fest zu schlafen. Doch Frido war viel zu sehr damit beschäftigt, ihn hierbei zu betrachten, anstatt auf irgendwelche Schauspieler in der Flimmerkiste zu achten. Allerdings versuchte er sich dabei weniger auf das zu konzentrieren, was er die Fahrt über alles gehört hatte, sondern mehr auf ihre Zweisamkeit. War wirklich Ernest der mit den katzenhaften Zügen, dachte er sich schmunzelnd und fand, dass Dominik durchaus einen prima Schmusekater abgab. Kratzbürstig und eigenwillig, aber auch sehr kuschelig und auf seine Weise anhänglich. Und wieder schüttelte er den Kopf, als er ihn so anschaute. Wie sollte er bloß ein halbes Jahr darauf verzichten, ihn täglich um sich zu haben, nachdem er inzwischen schon daran gewöhnt war? Ein leises Seufzen entwich seiner Kehle, doch bevor er sich noch mehr in dieser Überlegung verlieren konnte, grätschte jäh das Klingeln der Haustür in seine Gedankenwelt.

„Was zum…?“, war er im ersten Augenblick nicht sicher, ob das Geräusch aus dem Fernseher gekommen war, doch der Protagonist stand gerade allein auf weiter Flur, mitten im Nirgendwo umringt von Wiesen und Feldern. Also stand Frido so behutsam wie möglich auf und beschwor Dominik dabei, dass er weiterschlafen solle.

„Bestimmt wieder für nebenan. Ich guck mal schnell“, trat er hinaus auf den Flur und an die Gegensprechanlage, um sich dann zu fragen, ob er sich beim Namen des Überraschungsbesuchs verhört hatte.

„Ist er da?“, war die Stimme allerdings immer noch dieselbe, als Fridos Reaktion zunächst aus einem ungläubigen „Äh…“ bestand und auch beim Öffnen der Tür passte das Verdutzte noch immer hervorragend zu seinem Gesichtsausdruck.

„H… Herr Preuss…“, blinzelte er, als sein Verstand sich selbst im Angesicht von Dominiks Vater nicht als benebelt herausstellen wollte und agierte schneller, als er im ersten Augenblick denken konnte.

„Er… er hat grad geschlafen. Ich guck, ob er wach ist. Einen Moment“, trollte er sich also sofort zurück ins Wohnzimmer, als er ohne jegliche Begrüßung die Frage gestellt bekam, wo Dominik zu finden sei. Aber dann, während er neben seinem verschlafenen Liebling in die Hocke ging, fings doch langsam an zu dämmern.

„Dein Vater ist hier“, strich er Dominik übers Haar und wurde ähnlich irritiert angeschaut, wie er es zuvor selbst getan hatte. Nur reagierte sein Freund deutlich schneller, als Fridos Stimmung plötzlich umschwenkte.

„Soll ich ihn rausschmeißen?“, ärgerte er sich mit einem Mal über sich selbst, dass er Hinrich Preuss überhaupt die Tür geöffnet hatte, aber Dominik schüttelte sofort den Kopf.

„Nein, ich… was will er?“, setzte er sich auf und fuhr erschrocken herum, als prompt die Stimme seines Vaters hinter ihm ertönte.

„Mit meinem Sohn sprechen! Alleine!“, stand der in der Tür und kam Frido zuvor, doch noch war für den das letzte Wort ob seiner Anwesenheit nicht gesprochen.

„Schon okay. Wartest du in der Küche?“, legte Dominik ihm allerdings bereits die Hand auf den Unterarm, noch ehe Frido seine Gedanken ausgesprochen hatte und lächelte, als der sich unwillig wieder aufrichtete.

„Na schön, aber wenn was ist, meld dich…“, beschwor er seinen Lockenkopf dennoch, um sich dann zu trollen. Und kaum war er aus dem Zimmer, schaute er auch schon auf die geschlossene Tür.

„Werd ich hier aus meinem eigenen Wohnzimmer geschmissen…“, murrte er also, während Dominik auf der anderen Seite der Furnierholzsammlung den Sturm erwartete, der dieses Mal über ihn hereinbrechen würde.

„Habt ihr keine Betten, dass du auf dem Sofa pennen musst?“, begann der zunächst als laues Lüftchen, während Hinrich Preuss an die Couch herantrat und seinen Sohn musterte, ehe sein Blick auf Wanderschaft durch den Raum ging.

„Doch, natürlich haben…“, begann Dominik, um dann mit einem Seufzen den Kopf zu schütteln.

„Paps, was machst du hier?“, stand ihm nicht der Sinn nach irgendwelchem Geplänkel. Er wollte es hinter sich bringen und ja, das was jetzt kam, entsprach schon eher seinen Erwartungen.

„Schöne Grüße von deinen Brüdern! Kaum war der Dicke vom letzten Auftrag zurück, hat Bastian ihn sich auch noch gepackt!“, verschränkte sein Vater die Arme vor der Brust und schaute auf seinen Sohn herab, während der langsam die Augen schloss und sich übers Gesicht rieb.

„Scheiße, ich hab nicht dran gedacht, ihn vorzuwarnen… Ist er sehr sauer?“, murmelte er dabei und schaute zwischen den Fingern hindurch zu seinem Vater, der sich nun in Bewegung setzte, um ein paar Schritte durch den Raum zu gehen.

„Sauer genug, um mir von eurem kleinen Gespräch zu erzählen. Er hat dir doch auch noch mal gesagt, du sollst die Klappe halten. Wieso hast du nicht drauf gehört?“, betrachtete er Fridos Gemälde, ohne ihm allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken und nahm lieber wieder seinen Sohn ins Visier. Der zuckte erst einmal die Schultern und ließ sich gegen die Rückenlehne sinken.

„Damit du nicht den gleichen Fehler wie ich machst…“, murmelte er und runzelte leicht die Stirn. Sollte er es wagen?

„Paps, ähm… als ich… als ich den Kontakt zu euch abgebrochen hab, war mir nicht klar, wie sehr euch das trifft. Vor allem… vor allem auch dich“, fasste er sein Schienbein und schaute unsicher hinauf, doch sein Vater verriet nicht, was er über seine Worte dachte. Stur und steif stand er dort, aber er machte auch keine Anstalten, seinen Sohn sofort wieder über den Mund zu fahren. Also traute der sich sogar noch einen Schritt weiter.

„Mir tuts leid, dass ich euch damals so weh getan hab und dass ich dir heute in den Rücken gefallen bin, tut mir auch leid, Paps. Aber dafür, dass Basti und Mama jetzt Bescheid wissen, werd ich mich nicht entschuldigen. Das überhaupt so lang zu verheimlichen, wies dir geht, war nicht okay. Und spätestens nach der OP wärs doch eh irgendwie aufgefallen, dass was nicht stimmt. Ich finde, je länger du… wir jetzt nichts gesagt hätten, desto schlimmer wärs am Ende doch geworden. Und so, wie ich Mama einschätz, hat die ohnehin längst was geahnt. Also kann ich mir zumindest vorstellen. Die kennt dich inzwischen ja ganz gut, denk ich“, hatte er zwar stark begonnen, doch mit jedem Wort wurde er zum Schluss hin dann doch unsicherer. Und kaum hatte er ausgesprochen, hielt er sich noch fester an sein Schienbein geklammert, als könne es ihm irgendeinen Halt bieten, wenn nun wirklich der Sturm aufzöge. Doch noch immer fing sein Vater nicht an zu brüllen, sondern setzte sich sogar zu ihm auf die Couch.

„Kannst ruhig zugeben, dass sie mit dir gesprochen hat“, sagte er dabei und Dominik wusste nicht, was ihn gerade mehr erstaunte.

„Sie hats dir erzählt?“, ging er dann aber doch mehr auf das Gehörte, als auf das Gesehene ein und nickte leicht, als sein Vater erklärte, dass Rosanna es ihm bereits auf dem Rückweg vom Arzttermin erzählt hatte. Und vielleicht hatte sie ihm auch ein wenig zugeredet? Denn noch mehr hatte er zu berichten. Auch, wenn er ein wenig mit sich haderte, ehe die Worte seinen Mund auch wirklich verließen.

„Du machst wirklich nichts als Ärger!“, schob er also erst einmal voran, ehe er die Hände in seinem Schoß faltete und sie betrachtete. Ja, das war schon mal ein guter Anfang gewesen, aber so richtig zufrieden schien er mit seiner Wortwahl noch nicht, wie das Zucken und Knirschen seines Kiefers verriet. Dann musste man es wohl doch wie bei einem Pflaster handhaben, das man ohne viel Brimborium einfach abriss.

„Ich hab deinen Brüdern gesagt, sie sollen nicht sauer auf dich sein! Oder auf einander!“, stieß er also endlich hervor, um dann doch noch einmal tief Luft holen zu müssen, ehe er bereit für die folgenden Worte war.

„Bei deiner bescheuerten Aktion heute weiß ich schon, warum du eigentlich gar nix von meiner OP mitkriegen solltest! Aber letzten Endes ist das Ganze wohl doch auf meinen Mist gewachsen... Hätte ich euch zwei Pappnasen nicht gesagt, dass ihr die Klappe halten sollt, dann wärs wohl nicht so weit gekommen, dass Bastian die halbe Fußgängerzone zusammenbrüllt!“, drückte er seine Daumen aneinander und schaute mit einem Seitenblick zu Dominik, der ihn gerade nur ungläubig anstarren konnte. Träumte er in Wirklichkeit noch? Da war er ja regelrecht froh, als sein Vater ihn mit einer Frage aus seiner Starre riss.

„Wo war dein Macker eigentlich? Wundert mich, dass der nicht spätestens bei Bastians Anschiss aus seinem Loch gekommen ist!“, verschränkte Hinrich Preuss die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück, während er seinen Sohn nun deutlich offener musterte. Und der konnte sich das Schmunzeln kaum verkneifen, als er begriff, worauf die Frage abzielte.

„Er wusste nicht, dass ich Basti anrufen wollte. Das hab ich ihm erst vorhin erzählt. Bis dahin dachte Frido, ich wäre nur zum Arttermin gefahren. Wenn er von meinem Plan gewusst hätte, wäre er unter Garantie mitgekommen. Und erst recht, wenn er mich sogar selbst auf die Idee gebracht hätte“, legte Dominik die Unterarme auf seinem Knie ab und nun huschte doch ein kleines Grinsen über seine Lippen, als sein Vater die Hase hoch zog und den Blick auf den Fernseher richtete. Schade, da hatte sich wohl doch kein anderer Sündenbock ergeben… So ganz konnte also auch ein Hinrich Preuss nicht aus seiner Haut und trotzdem reichte es bereits jetzt, damit Dominik neue Hoffnung schöpfte.

„Sag mal, Paps, dass du jetzt hier bist… heißt das, ich werd doch nicht mehr vor die Tür gesetzt, wenn ich euch in nächster Zeit besuchen komme?“, wagte er zu fragen und kämpfte bei der Antwort seines Vaters wieder gegen seine Mundwinkel an.

„Für deine Brüder kann ich nicht sprechen! Und deine Mutter würd dich eh notfalls durch die Hintertür wieder reinholen!“, murrte sein alter Herr nämlich, während er wieder aufstand, weil ihm das Ganze langsam wohl doch etwas zu schnulzig wurde. Also stapfte er noch eine Runde durchs Wohnzimmer, ehe er erneut vor der Couch zu stehen kam und seinen Sohn lieber in gewohnter Manier behandelte.

„So’n Scheiß wie heute machst du nie wieder, verstanden?“, konnte seine Haltung durchaus einschüchternd wirken, aber so ganz wollte Dominik sich davon nicht abschrecken lassen. Er entschied also noch einmal, dass er es probieren wollte.

„Versprochen“, sagte er darum, um diese Zusage jedoch mit einem kleinen Zusatz zu versehen, der da lautete: „Wenn du’s aus nicht mehr machst“. Und dann schauten sie sich erst einmal nur schweigend an. Der eine erwartungsvoll, während der andere kritisch das Kinn reckte und ungeduldig mit dem Zeigefinger auf seinen Arm tippte.

„Was für eine Pest!“, schien er zu denken, doch stattdessen sagte er: „Steh mal auf und komm her“. Und dann wurde er erst einmal wieder belämmert angeguckt. Ja, sprach er denn Chinesisch?!

„Los jetzt, ich hab nicht ewig Zeit!“, waren lautere Ansagen bekanntermaßen immer das beste Mittel der Wahl, wenn man inhaltlich nicht richtig verstanden wurde. Doch in diesem Fall zeigte es tatsächlich Wirkung. Wenn auch zögerlich, löste Dominik sich aus seiner Starre und ging langsam auf seinen Vater zu. So leise, dass man es nur durch das Knarren der Couch hören konnte, während seine barfüßigen Schritte auf dem Parkett im Gegensatz zum schweren Stampfen seines Vaters verschluckt wurden. Und was sprachen sie? Das wurde nun so leise, dass Frido es gar nicht mehr verstehen konnte. Da konnte er sein Ohr noch so gegen die Tür drücken, erst das „Schluss jetzt!“ von Hinrich Preuss war wieder zu vernehmen. Gefolgt von von seinem Gestampfe.

„Ja, verteil noch mehr Straßendreck in meiner Wohnung“, murrte der Dozent bei diesem Geräusch und als er die Richtung der Schritte realisierte, gab die Tür auch schon unter seinem Gewicht nach. Und eines musste er zugeben: Es war durchaus eine interessante Perspektive, die sich dadurch für ihn ergab. Wenn nur der harte Aufprall nicht gewesen wäre und er vielleicht ein anderes Paar Preuss’scher Füße vor sich gehabt hätte.

„Ähm… Wollen Sie eventuell was trinken? Tee? Kaffee?“, versuchte er aber wenigstens das Beste aus der Situation zu machen, während Hinrich Preuss wortwörtlich auf ihn herabschaute. Aber er wäre wohl nicht er gewesen, wenn er Fridos Auftritt mit Humor genommen hätte.

„Idiot“, stieg er also zur Verabschiedung ähnlich herzlich wie bei seiner Begrüßung über Frido hinweg und Dominiks Ausruf, dass er die Heimfahrt vorsichtig antreten solle, wurde mit dem Knallen der Wohnungstür quittiert.

„Immer wieder eine Freude…“, murmelte Frido also, während er sich aufsetzte und grinste schief, als Dominik vor ihm in die Hocke ging.

„Du hast an der Tür gelauscht? Im Ernst?“, legte er den Kopf schief und hob die Augenbraue bei Fridos Erklärung.

„Na, ich… musste doch wissen, wanns Zeit wird, um aus meinem Loch zu kriechen!“, zuckte er die Schultern und grinste schief, während Dominik den Logikfehler sofort entdeckte.

„Wir reden von meinem Vater. Du hättest dich bei Juli einquartieren können und hättest ihn noch gehört, wenn er richtig losgelegt hätte“, gab er zu bedenken, was für Frido aber genau das Problem gewesen war: Man hatte zu wenig gehört.

„Das war so leise hier drin… Eigentlich zu leise für ihn!“, gab er zu bedenken und lächelte, als Dominik auflachte.

„Auch wieder wahr“, ließ er sich auf die Knie sinken und rutschte an Fridos Brust. Wenn man ihm sein vorheriges Kopfkissen wegnahm, musste er sich ja schließlich ein neues suchen! Und das kam auch noch mit zwei starken Armen daher, die sich so schützend um ihn legten.

„Also sind die Wogen wieder geglättet?“, fragte Frido dabei und strich Dominik über den Rücken, als er sein Nicken spürte. Doch da war noch mehr. Erst zögerlich, dann immer deutlicher begann er zu schluchzen. Und dort hinein nuschelte er auch noch etwas, das so undeutlich war, dass Frido es gar nicht verstand.

„Was?“, fragte er also nach und auch, wenn er die Worte beim zweiten Mal verstand, begriff er ihren Inhalt noch lange nicht. Drum folgte ein vielsagendes „Hä?“ auf dem Fuße, das wohl so belämmert war, dass Dominik davon anfing zu kichern, obwohl er doch eigentlich weinen wollte.

„Ja, wirklich! Er… er hat mich umarmt! Wenn auch nur ganz kurz!“, versuchte er also noch ein drittes Mal, das Geschehene begreiflich zu machen. Und auch wenn Fridos „Oh…“ recht viel Interpretationsspielraum offen ließ, war Dominik einfach nur froh, dass er ihn hielt, als ihn die nächste Welle an Freudentränen mit sich riss.

20.1.2025: Crêpe Suzette

Kalt wurde es, regelrecht eisig und das nur binnen weniger Sekunden.

„Sag das noch mal“, sprach er in den plötzlichen Temperaturabfall hinein und verschränkte die Arme vor der Brust, während er seinen Gast mit Blicken warnte, sich seine Antwort gut zu überlegen. Doch da sprach er es geradewegs noch ein zweites Mal aus!

„Ich sag ja nicht, dass Crêpes nicht schmecken, aber im Endeffekt sinds doch nur dünne Pfannkuchen“, hob Dominik mit seinem unbedarften Grinsen die Schultern beinahe im gleichen Rhythmus wie es auch Ernests Kinn tat. Nur im Gegensatz zu dem, ließ der Lockenkopf seine Schultern auch sogleich wieder sinken.

„Wie kannst du das so lapidar mit einem einfachen Eierkuchen vergleichen? Hast du überhaupt schon einmal richtiges Crêpe Suzette gekostet?“, blickte Dr. Ernest Landers hingegen auf diesen unwissenden Wicht herab und schüttelte den Kopf über so viel Torheit.

„Klar, Susi hat mich ja oft genug mit aufn Weihnachtsmarkt oder Jahrmarkt geschleppt. Aber da back ich mir lieber selbst ein paar Pfannkuchen mit Nutella drauf, statt so viel Kohle dafür auszugeben“, wurde es allerdings so schlimm, dass der Arzt beinahe einen Migräneanfall davon bekam.

„Ich rede sicherlich nicht von irgendwelchen Fressbuden auf der Partymeile! Und sicherlich auch nicht von Crêpes, die mit dieser widerlichen Pampe aus Palmöl und Zucker beschmiert werden!“, rieb er sich die Nasenwurzel und nannte einige Variationen, die ihm viel eher in den Sinn kamen.

„… oder mit einer schönen Orangensauce dabei!“, endete seine Aufzählung von feinsten Leckereien, die dem Zuhörer durchaus das Wasser im Mund zusammen laufen lassen konnten. Aber genügte das wirklich, um diesen Banausen von seiner Fehlannahme zu überzeugen?

„Weißt du was? Ihr bleibt jetzt gefälligst noch hier, bis ich uns frische Crêpes Suzette zubereitet habe! Der Teig muss vorm Backen ein wenig ruhen, aber in der Zwischenzeit kann ich die Orangensauce vorbereiten!“, trat er kopfschüttelnd von der Kücheninsel an einen seiner Schränke und zog ein Buch aus der handvoll Rezeptbücher, die er besaß. Und natürlich wäre Dominik nicht Dominik gewesen, wenn er nicht sofort seine Hilfe angeboten hätte. Doch darum ging es in diesem Fall ja nun wirklich nicht!

„Sieh zu und lerne!“, hieß es also stattdessen. Zumindest während der Zubereitung des Teiges. Bei der Orangensauce sah es dann schon wieder etwas anders aus. Da durfte dem Küchenchef wenigstens der Botengang zum Organisieren des benötigten Obstes abgenommen werden. Also schnappte sich Dominik, emsig, wie er war, schnell seine Jacke und seinen Freund, um sich auf den Weg zu machen. Im Eilschritt ging es den Flur und das Treppenhaus entlang, um Ernest ja nicht unnötig warten zu lassen. Doch vor der Haustür hielten sie dann trotzdem kurz inne und schauten einander an.

„War schon n bisschen gemein, oder?“, murmelte der Jüngere dabei, wohingegen der Ältere die Schultern zuckte.

„Wieso? Was kannst du denn dafür, wenn er so allergisch darauf reagiert, wenn man Crêpes und Eierkuchen miteinander vergleicht?“, legte er den Arm um Dominik und machte sich auf den Weg zum Obstladen. Denn wirklich wichtig war bei der ganzen Angelegenheit doch nur eines: „Verrat ihm bloß nicht, dass ich dich dazu angestiftet hab!“. Und so gingen sie gut gelaunt einem leckeren kleinen Nachmittagssnack entgegen. Kredenzt von niemand geringerem als dem Feinschmecker höchstpersönlich.

21.1.2025: Tannengrün

„Ey, wer ist denn hier der Florist?! Da nimmt man Tannengrün für!“, schallte es aus dem kleinen Nebenraum der Drogerie und lud den geneigten Besucher ein, dieser Diskussion zu lauschen. Völlig in ihrem Gespräch versunken standen sie da, schnatterten und dennoch schafften sie es nebenher, an ihren Bildern zu arbeiten. Es war immer wieder faszinierend anzusehen, dass man einerseits so geschwätzig und andererseits trotzdem noch produktiv sein konnte. Zumindest in Gegenwart der richtigen Leute.

„Ja, aber generell könnte man auch was anderes nehmen. Buchsbaum zum Beispiel“, tauschte Niko seinen bisherigen Pinsel gegen einen feineren und grinste, als Dominik in seiner Bewegung an der Leinwand innehielt, um ihm einen genervten Blick zuzuwerfen.

„Klar kannst du theoretisch auch was anderes nehmen! Aber klassischerweise verwendet man dafür Tannengrün!“, beharrte er auf seiner Meinung und warf seufzend den Kopf in den Nacken, als sein Freund weiter daran arbeitete, ihn langsam in den Wahnsinn zu treiben.

„Dass man normalerweise Tanne nimmt, weiß ich auch! Das war ne allgemeine Frage, ob man auch Buchsbaum nehmen kann. Oder was anderes“, war Niko sich keiner Schuld bewusst und musste sich dennoch auf die Lippen beißen, um nicht laut los zu lachen.

„Das klang grad aber noch ganz anders!“, schüttelte Dominik den Kopf und begann den Anfang der Unterhaltung wieder aufzurollen, bis Niko ihm lauthals dazwischen grätschte.

„Ja, ist gut! Ist gut! Ich nehm einfach Wacholder aus dem Garten meiner Eltern und dann passt das!“, rief er aus und lachte doch sofort los, als Dominik ungläubig den Kopf schüttelte.

„Was fragst du mich denn dann überhaupt erst?!“

Er starrte seinen Freund einen Moment lang schweigend an, ehe für ihn zwei Dinge klar waren:

„Ey, du hast doch zu viel an der Farbe geschnüffelt! Mit dir arbeite ich nie wieder!“.

Und doch war da dieses kleine Schmunzeln auf seinem Gesicht, als er sich höchst professionell wieder seiner Leinwand zuwendete, um wenigstens zu versuchen, den Seriöse von ihnen beiden zu mimen. Nur wie sollte man das denn hinbekommen, wenn neben einem so gegeiert wurde?

„Hör jetzt auf!“, zischte Dominik also, während er selber gegen sein Kichern ankämpfte und prustete schließlich doch los, bis er Bauchweh davon bekam. Ja, diese Dynamik zwischen den beiden war doch immer wieder faszinierend, dachte Frido sich und beschloss, endlich mal auf sich aufmerksam zu machen.

„Ihr könnt ja froh sein, dass ich nicht Frau Bachmüller bin! Was ist das denn hier für eine Arbeitsmoral?“, fragte er also in gespielter Ernsthaftigkeit, um dann doch zu schmunzeln, als nach kurzer Stille erneutes Gelächter ausbrach.

„Was machst du denn hier?“, begrüßte Dominik ihn mit Tränen in den Augen, um dann umso breiter zu grinsen, als er Fridos Antwort hörte.

„Wollte mal gucken, wie dein erster Arbeitstag hier in der Galerie so läuft. Ist doch nicht so schlimm, vor Schaulustigen zu malen, hm? Zumindest in der passenden Gesellschaft“, zwinkerte er und betrachtete diesen neckischen Blick, der am Morgen noch so sorgenvoll gewesen war. Aber natürlich durfte Dominik nicht zugeben, wie viel Spaß er gerade hatte, wenn er in Wirklichkeit doch so tiefschürfende Diskussionen mit Niko führte!

„Joah, ist ganz okay“, backte er also erst einmal kleine Brötchen und musste trotzdem über Fridos vielsagenden Blick kichern. Zumindest so lange, bis Niko sich wieder zu Wort meldete.

„Na, wenn er denn auch mal arbeiten würde!“, schlitterten seine Worte in die Zweisamkeit hinein und mit theatralischem Kopfschütteln blickte er seinen Kumpel an, während er selbst vorbildlich den Pinsel zurück an die Leinwand führte. Doch kaum sah er Dominiks Augenrollen, musste er schon wieder grinsen. Und natürlich ließ der Lockenkopf das nicht auf sich sitzen!

„Du musst die Klappe grad aufreißen!“, verteidigte er sich also und wendete sich mit einem entsetzten „Hörst du, wie der mit mir spricht?!“ an Frido. Aber der wusste, dass es in so einer Situation nur eine richtige Antwort gab.

„Ich lass euch dann mal wieder alleine. Bis später, mein Liebling“, drückte er seinem Lockenkopf einen Kuss auf und verabschiedete sich mit einem schnellen Gruß von Niko, ehe er noch mehr in diesen höchst kritischen Disput hineingezogen wurde. Doch dafür war es wohl schon längst zu spät.

„Wasn das für ne Unterstützung?“, guckte Dominik ihm ungläubig hinterher und schon hatten Niko und er das nächste Thema, über das sie schnattern, philosophieren und lachen konnten.

22.1.2025: rezitieren

Ein breites Lächeln begleitete ihn, als er an diesem Abend die alte Drogerie verließ. Ja, es war ein guter Tag gewesen! Frei von Sorgen, Ängsten und Kummer und gefüllt mit Produktivität, Inspiration und vor allem Erleichterung.

„Und? Arbeitest du jetzt öfter hier?“, fragte Niko, während er die Tür abschloss und grinste, als Dominik zugeben musste, dass das Malen in der Drogerie gar nicht so viel anders gewesen war, als das Zusammensein im Atelier der Universität.

„Ich glaub schon. Ist noch n bisschen komisch, dass da manchmal plötzlich mögliche Kunden hinter einem stehen, aber ansonsten…“, zuckte Dominik die Schultern und schmunzelte, als Niko keine Zeit verlor, um ihn wissen zu lassen, an welchen Folgetagen er seine Anwesenheit geplant hatte. Sicher war schließlich sicher, wenn man den Lockenkopf schon mal aus seinem Schneckenhaus locken konnte! Und trotzdem kam der mit einer Bedingung um die Ecke, als sie sich geradewegs auf den Nachhauseweg begaben.

„Aber fang bloß nicht wieder an, irgendwelche Gedichte zu rezitieren! Die Kundin guckte auch schon ganz irritiert, als du sie mit dem Schimmelreiter begrüßt hast!“, heftete Dominik den Blick auf der Suche nach einem zarten Glitzern an den abendlichen Himmel, doch der verbarg sich zunehmend hinter einer dicken Wolkenschicht. Dafür wurde hingegen das Strahlen zu seiner Rechten immer größer und breiter.

„Das war meine Deutschlehrerin aus’m Abi, du Nase! Und wenn du dich nicht direkt wieder aufs Klo verdrückt hättest, hättest du das auch mitbekommen!“, stieß Niko seinem Kumpel leicht den Ellenbogen in die Seite und lachte bei dessen belämmerten Blick auf.

„Echt jetzt?“, fragte Dominik ungläubig und fand es plötzlich richtig schade, dass er diesem Aufeinandertreffen nicht beigewohnt hatte.

„Ja, die wohnt in der Nachbarstadt und kommt zum Einkaufen öfter mal her. Und dann schaut sie bei der Gelegenheit auch gern mal in die Ausstellungen rein. Ich mochte sie eigentlich immer ganz gern, wenn sie uns nicht ständig mit irgendwelchen Gedichtanalysen gequält hätte! Aber die Texte von den alten Schinken kann ich teilweise sogar noch, bloß die Titel nicht unbedingt“, erzählte Niko und lachte über Dominiks offensichtliches Unwissen in diesen Dingen.

„Die hat nicht wegen der Begrüßung als solches so komisch geguckt, sondern weil ich den Text vom Erlkönig rausgehauen hab, aber meinte, es wär der Schimmelreiter! Pferd ist Pferd... Machts jetzt endlich klick?“, amüsierte er sich herrlich über Dominiks Stirnrunzeln. Doch der Lockenkopf versuchte gar nicht, sich gebildeter zu geben, als er in diesem Punkt war.

„Hatte halt nie viel mit Gedichten oder Gedichtanalysen zu tun. Bei uns gings mehr drum, das halbe Jahr lang irgendeinen gesellschaftskritischen Roman zu lesen und den dann durchzuquatschen“, zuckte er die Schultern und war dieses Mal derjenige, der etwas zu lachen hatte, als Niko das Gesicht verzog.

„Du Glücklicher! Ich hätte sofort getauscht“, murrte er, aber als Dominik zum Besten gab, welch verlockendes Schriftgut er hatte lesen müssen, stand sehr schnell fest, dass keiner den anderen diesbezüglich beneidete.

„Na schön, Gleichstand! Einigen wir uns einfach drauf, dass Textanalysen generell nervig sind und die wenigsten von uns den Kram später zumindest noch für ihre Arbeit gebrauchen können“, hieß also Nikos Friedensangebot, das Dominik sofort dankend annahm.

„Und glücklicherweise sind wir beide davon heute befreit!“, stimmte er ihm zu und als sie auf die Kreuzung zusteuerten, stellten sie noch etwas fest: Wie sehr sie sich darauf freuten, gleich bei ihren Liebsten zu sein und den Tag entspannt ausklingen zu lassen! Also beschleunigte Dominik seinen Schritt etwas, kaum, dass er sich von Niko verabschiedet hatte. Jetzt war der Tag schon fast vorbei und er hatte Frido nur am Morgen und während seines kurzen Abstechers in die Drogerie gesehen – das musste natürlich dringend geändert werden! Da verteufelte er das Wetter schon ein wenig dafür, dass es ihm das Fahren mit dem Skateboard aktuell so erschwerte, aber umso mehr wuchs dafür die Vorfreude, je näher er seinem Zuhause kam. Und dann konnte er endlich mit einem beherzten „Bin wieder da!“ die Wohnungstür aufschmeißen. Doch was war das? Bereits im Flur musste er eine auffallende Ruhe feststellen und obendrein spendete nur die Lampe auf der Kommode etwas Licht, während in allen anderen Räumen die Dunkelheit herrschte.

„Frido?“, vergewisserte Dominik sich zwar trotzdem und lugte durch jede Zimmertür, aber sein Freund war definitiv nicht daheim. Tja, so konnte es gehen, dachte sich der Lockenkopf und nahm mit einem kurzen Blick in den Kühlschrank zur Kenntnis, dass sie noch genug Essen vom Vortag übrig hatten. Auf Fernsehen hatte er keine Lust und somit blieb als Zeitvertreib nur noch das Atelier. Drum schnappte er sich wieder seinen Wohnungsschlüssel und zog das Handy hervor, um Frido eine kurze Info zu hinterlassen, dass er aus der Drogerie zurück war. Doch kaum hatte er auf Senden getippt und den Flur durchquert, zog er die Augenbrauen vor Verwunderung zusammen. Da war Licht im Atelier, aber um diese Uhrzeit arbeitete Frido doch eigentlich nicht mehr. Oder war der Arbeitstag so anstrengend gewesen, dass ihn am Schreibtisch der Schlaf übermannt hatte? Besonders behutsam öffnete Dominik darum dieses Mal die Tür und staunte nicht schlecht, als er seinen Freund auf dem Boden sitzend entdeckte. Doch noch viel mehr erstaunte ihn, was der Ältere gerade tat.

„Hey, du schaust dir ja deine Bilder an“, murmelte er mit einem überraschten Blick zu dem Gemälde, vor dem Frido gerade saß. Noch viel mehr betrachtete und beobachtete er aber den Künstler selbst, der sein Smartphone beiseite legte und sich übers Gesicht rieb, kaum, dass Dominik ihn angesprochen hatte.

„Ja, habs zumindest versucht…“, murmelte er dabei und holte tief Luft, ehe er sich räusperte. Unwillig wendete er sich ab, von seinem Bild und seinem Freund, der die Tür hinter sich schloss und langsam auf ihn zuging.

„Alles okay?“, fragte Dominik dabei zwar, aber eigentlich war offensichtlich genug, dass diese Frage kaum mit einem „Ja“ beantwortet würde.

„Wie hältst du das bloß aus?“, flüsterte der Ältere, als er die Nähe des Jüngeren spürte und kniff die Augen schmerzvoll unter seiner sanften Berührung zusammen.

„Ist anstrengend, ich weiß, aber mit der Zeit wirds besser“, murmelte der Lockenkopf und kniete sich hinter Frido. Er legte ihm die Arme um die Schultern und schmiegte sich an seinen Rücken, während Frido ihn noch immer nicht anschauen wollte. Hatte er ihn gestört, fragte Dominik sich und haderte damit, ob er ihn wieder allein lassen sollte. Doch offenbar war das nicht Fridos Problem.

„Ich kann das nicht“, kam es leise aus seinem Mund, als er Dominiks Kinn auf seiner Schulter spürte und alles spannte sich bei dessen Worten in ihm an.

„Kannst du nicht oder willst du nicht?“, fragte der Lockenkopf behutsam und konnte spüren, wie unter seinen Fingern wieder die Wut heranwuchs. Wie gern hätte Frido ihm jetzt um die Ohren genauen, dass er doch keine Ahnung hatte, was er da sprach! Aber genau das war ja das Dumme: Wer, wenn nicht Dominik, konnte ihn gerade verstehen und seinen Schmerz nachvollziehen?

„Das ist so verdammt anstrengend!“, sagte Frido also stattdessen und auch, wenn Dominik es gut meinte, machte er es mit seiner Antwort eher noch schlimmer.

„Mit der Zeit wird es besser“, strich er Frido über die Brust und lockerte seinen Griff nur, weil der Ältere zu ihm herumfuhr. Sollte dieser Ausspruch etwa allen Ernstes einen Trost darstellen?!

„Ich hab aber keine Lust, mich da ewig und drei Tage mit zu beschäftigen! Ich will das jetzt abhaken und gut! Ich… ach, das ist doch alles Scheiße!“, rief er aus, um dann in sich zusammen zu sacken und Dominik den Rücken wieder zuzudrehen. Er wusste nicht, was ihn gerade mehr schmerzte: Sich überhaupt diese verfluchten Bilder angeschaut zu haben oder das, was sein Freund ihm darüber sagte. Frido stellte die Beine auf und legte seine Ellenbogen auf die Knie, während er den Kopf schüttelte und die Lippen zusammenpresste. Wofür tat er sich das eigentlich an? Erst der Besuch in der Drogerie, der ihm unter der witzelnden Fassade immer mehr die Kehle zugeschnürt hatte und jetzt das! Eigentlich war er doch nur ins Atelier gegangen, weil ihn seine alten Werke beim letzten Mal auch teilweise zum Lachen hatten bringen können. Doch davon war dieses Mal nichts zu spüren gewesen. Egal, wie lange er sie angestarrt und sich von Bild zu Bild gequält hatte – statt die erhoffte Erleichterung zu erfahren, hatte es nur noch mehr weh getan. Und jetzt musste er sich auch noch Dominiks gute Ratschläge anhören.

„Wehe, du kommst mir gleich mit Therapie!“, griff er also vorweg, was für ihn der schlimmstmögliche Tipp in dieser Situation gewesen wäre und schloss die Augen, als Dominiks Hände sich wieder auf seine Brust schoben. Vor allem spürte er dabei aber die Dankbarkeit darüber, dass sein Freund im Gegensatz zu manch anderem Gesprächspartner seine Wünsche respektierte.

„Werd ich nicht“, kannte Dominik Fridos Einstellung zu diesem Thema ja schließlich nur allzu gut, zumindest, wenn es ihn selbst betraf. Drum sparte er sich eine Predigt über dessen Starrsinn und versuchte ihn stattdessen auf andere Weise zu unterstützen.

„Ich weiß doch selber, dass es nichts bringt, wenn man sich dagegen ansieht. Wenn du das Gefühl hast, dass eine Therapie nichts für dich wäre, dann werd ich bestimmt nicht anfangen, dich trotzdem zu einer drängen zu wollen. Und… ich hab ja auch gemerkt, dass das Reden alleine mir nur bedingt geholfen hat. Mitunter muss man an verschiedenen Hebeln ansetzen, damit man einen Erfolg sieht und vielleicht kann ich dir ja helfen herauszufinden, welche Hebel für dich funktionieren. Du wirst deinen Weg finden, um es aufzuarbeiten, da bin ich mir ganz sicher. Versuch einfach, dich Stück für Stück mehr darauf einzulassen“, murmelte er Frido seine gut gemeinten Worte ins Ohr, doch der schüttelte darüber nur den Kopf.

„Dominik, ich kann das wirklich nicht! Es ist mir zu viel!“, sprach er müde, was der Lockenkopf für einen Augenblick auf sich wirken ließ, ehe ihm sogar ein leichtes Schmunzeln über die Lippen glitt.

„Fällt dir was auf?“, fragte er dann und kicherte, als Frido entgegnete, ob er beim Friseur gewesen sei. Natürlich blieb ihm die Ironie dieser Gegenfrage nicht verborgen, aber trotzdem ließ er sich dadurch nicht beirren.

„Du willst dich nicht damit beschäftigen, aber du hast längst damit angefangen, Frido“, sagte er also liebevoll und legte den Kopf schief, als Fridos störrischer Blick ihn musterte.

„Weißt du, die Angst vor den Gefühlen ist oft schlimmer als das Gefühl selbst…“, sprach er dann weiter und musste erneut schmunzeln, als Frido prompt mit einem „Seh ich nicht so!“ darauf reagierte. Doch auch davon ließ Dominik sich nicht verunsichern.

„Hey, die Gefühle fühlen sich vielleicht blöd an, aber das Tolle ist, dass es eben nur Gefühle sind. Die können dir nichts anhaben. Genauso, wie deine Erinnerungen dir nichts mehr anhaben können. Es ist zwar trotzdem nicht leicht, sie zuzulassen, aber du musst da ja auch nicht allein durch. Weißt du, ein sehr weiser und wahnsinnig gutaussehender Mann hat mal zu mir gesagt: Warum soll ich dir nicht ein bisschen den Rücken stärken? Und was für mich gilt, gilt für dich auch, Frido. Du hast den Anfang ja sogar schon gemacht. Und den Rest schaffen wir auch“, redete er behutsam auf seinen Freund ein und gab ihm einen Kuss auf den Nacken, ehe ihn dessen nächste Bemerkung wieder zum Schmunzeln brachte.

„Ich muss mich aber nicht mit Kopfhörern bewaffnet auf den Boden legen, oder?“, wollte der Dozent sich noch immer nicht recht überzeugen lassen und seufzte, als er den Kopf in den Nacken sinken ließ.

„Musst du nicht. Nur wenn du willst“, antwortete Dominik sanft und konnte doch nicht anders, als über Fridos postwendendes „Nein!“ zu kichern. War er selbst nicht eigentlich der Sturkopf von ihnen beiden, dachte er grinsend, während er die Wange an Fridos rieb und offenbar hinterfragte nicht nur er ihre üblichen Rollen.

„Sag mal, ist das nicht eigentlich meine Aufgabe, dir solche Sachen zu sagen?“, murrte Frido nämlich mit einem Mal und schloss die Augen, während Dominik die Hände unter seinen Armen hindurch wieder nach vorne schob.

„Das ist ja das Schöne an einer Beziehung: Solche Sachen müssen keine Einbahnstraße sein“, ließ er ihn dabei wissen und griente in sich hinein, als Frido sich noch immer nicht recht angetan zeigte. Nein, das alles gefiel ihm nicht recht, verriet nicht zuletzt sein Kopfschütteln und eigentlich hatte er auch gar keine Lust mehr, sich damit auseinanderzusetzen! Und wie ein gewisser Arzt schon mal so treffend erkannt hatte, gab es bei einem Frido Klimlau ja zwei vornehmliche Mechanismen, die griffen, wenn er sich von etwas ablenken wollte. Aber warum hätte er jetzt seine Sporttasche greifen und ins Fitnessstudio stapfen sollen, wenn sein Lockenkopf ihm eh bereits so nahe war, ihn kraulte und liebkoste? Darum hatte er auch eine noch bessere Idee auf Lager, als Dominik meinte: „Komm, ist gut für heute. Lass uns was essen und dann machen wirs uns auf der Couch gemütlich“. Er stand auf und hielt Frido die Hand hin, um ihm auf die Füße zu helfen, doch bereits die Weise, wie der diese Geste erwiderte, ließ Dominiks Mundwinkel noch ein Stückchen weiter hinauf wandern.

„Weißt du, eigentlich würde ich jetzt gern meinen Freund ein bisschen verwöhnen. Wär das möglich?“, hätte Fridos Blick nicht eindeutiger ausfallen können, ganz zu schweigen von der zupackenden Art, mit der er den Lockenkopf an sich zog, kaum, dass er vor ihm stand. Und wieder umspielte dessen Lippen ein süßes kleines Schmunzeln.

„Aber nur, wenn dein Freund dich im Gegenzug auch ein bisschen verwöhnen darf“, legte Dominik ihm die Hände in den Nacken und lachte, als Frido keine Zeit verlor, um seinen Plan in die Tat umzusetzen. Aber wenn der Lockenkopf ehrlich war, dann zauberte ihm nicht nur diese Zweisamkeit ein Glücksgefühl in den Bauch. Denn was, wenn nicht die ausgepackten Bilder, bewies, dass sein Freund bereits jetzt auf einem guten Weg war, um sich seiner Vergangenheit zu stellen?

23.1.2025: Serenade

Wie gut kannte man seine Freunde eigentlich wirklich? Diese Frage stellte Niko sich an diesem Nachmittag, als er die Tür zum Atelier öffnete. War das tatsächlich sein Kumpel Dominik, der dort an der Staffelei stand, in üblicher Manier seine Kopfhörer auf hatte und sich dabei aber sehr ungewöhnlich verhielt? Der, der sonst bei jedem Schaulustigen, der ihm einen Blick über die Schulter werfen könnte, fast im Boden versank, tobte sich jetzt derart aus? Er riss die Arme in die Luft, als wäre die Leinwand sein Schlagzeug und der Pinsel sein Stick, ehe er urplötzlich zur imaginären Gitarre griff. Und dann, mit einem Mal, war er da: Der Gesang.

„Wow…“, blinzelte Niko ungläubig und trat näher an seinen Freund heran. Kam das gerade wirklich aus Dominik heraus? Ja, stellte er auch bei einem näheren Blick fest. Doch während seine Züge vor Faszination strotzten, stand auf Dominiks das blanke Entsetzen, kaum, dass er die Augen öffnete und seinen heimlichen Zuschauer bemerkte.

„Heilige Scheiße!“, sprang er vor Schreck fast in seinen Materialschrank.

„Wo kommst du denn her?!“

Er griff sich an die Brust und starrte Niko an, während seine Gesichtsfarbe stetig immer weiter dem Ton einer Tomate entgegenwuchs. Doch zur Abwechslung bekam er dafür mal keinen gewitzelten Konter von dem Blondschopf.

„Äh, ich hab dir doch gesagt, dass ich aufm Rückweg hier eh vorbei komme und dich dann abhole“, verschränkte Niko stattdessen schmunzelnd die Arme vor der Brust, während Dominik bei einem Blick aufs Handy feststellen musste, dass er die Zeit aus den Augen verloren hatte.

„Sorry, kommt nicht wieder vor…“, murmelte er also und eilte mit gesenktem Kopf an Niko vorbei zum Schreibtisch, wo er seine Jacke am Mittag abgelegt hatte. Was war es auf einmal warm im Zimmer, dachte er sich, während er sich in seine Klamotte wühlte und hoffte, dass Niko auf seinen Auftritt nicht weiter einginge.

„Ähm, ja, also von mir aus können wir dann direkt los“, huschte Dominik also zur Tür und wartete regelrecht darauf, dass sein Kumpel ihm folgte und er die Tür abschließen konnte, als würde sie damit sein kleines Geheimnis wieder verbergen. Aber natürlich wäre es zu schön gewesen, wenn es so einfach ginge.

„Was war das fürn Song?“, begann die Fragenrunde also bereits, während der Schlüssel im Schloss klackte und ein inneres Seufzen bahnte sich seinen Weg durch den Lockenkopf.

„Serenade von Kamelot…“, nuschelte er also resignierend und wartete der Dinge, die da kamen. Aber es waren nur ein Stupser von Nikos Ellenbogen, ein wissendes Grinsen und ein einfaches kleines „Cool! Muss ich mir merken!“, ehe sie den Flur entlang schlenderten und anfingen, über Gott und die Welt zu reden.

24.1.2025: rischeln

Er war ein erwachsener Mann und stand mit beiden Beinen im Leben. So viel hatte er schon alleine erreicht und gemeistert und trotzdem: Ohne Niko in der alten Drogerie zu stehen, bereitete ihm immer noch ein etwas mulmiges Gefühl. Natürlich war es nicht so, als hätte er sich vollkommen einsam auf weiter Flur gesehen, denn schließlich befanden sich auch immer ein paar der anderen Künstler vor Ort und mit denen verstand er sich ebenfalls gut. Aber trotzdem: Ohne Niko war es einfach nicht dasselbe. Doch wie es im Leben nun einmal so lief, gab es manchmal diese Tage, an denen sie sich wegen zu verschiedener Kurspläne und privater Verpflichtungen höchstens zum „Schichtwechsel“, wie sie es selber nannten, sahen. Und dann und wann kam es sogar vor, dass nicht einmal das möglich war – aber dafür wussten solche Tage manchmal mit einem anderen Wiedersehen aufzuwarten. So wie dieser, an dem Dominik bereits morgens an der Staffelei gestanden hatte und sich nun langsam auf den Weg zur Uni begeben wollte. Er hatte noch Zeit, um sich eine Kleinigkeit zu essen zu kochen und ging in Gedanken bereits die Vorräte auf der Suche nach einem Rezept durch, während er seine Pinsel reinigte. Doch mit einem Mal schob es sich in sein Ohr und seine Überlegungen, erfreut, aufgeregt und auch ein wenig schrill.

„Domi!“, quietschte Lilli bereits von weitem, als ihr Blick seine Rückansicht einfing und Julis Bitte, nicht so laut zu sein, wurde von einem glockenhellen Lachen übertönt, als ihre Tochter sich in Bewegung setzte.

„Mäusezähnchen! Was machst du denn hier?“, legte Dominik seine Pinsel beiseite und ging in die Hocke, um seinen kleinen Gast in die Arme zu schließen, wobei Juli mit schiefem Grinsen den anderen Besuchern zunickte und dann peinlich berührt ihrem Wirbelwind folgte. So viel dazu, dass sie Lilli vorher noch gebeten hatte, leise zu sein, um niemanden bei seiner stillen Einkehr vor den Kunstwerken zu stören.

„Hi Dominik. Ich hoffe, wir stören nicht?“, fragte sie etwas kleinlaut, während Lilli sich an ihren Domi klammerte. Aber der schüttelte sofort den Kopf.

„Nein, ich freu mich euch zu sehen! Dann gehts meinem Mäusezähnchen endlich wieder gut?“, tätschelte er der kleinen Klimlau den Kopf und richtete sich dann wieder auf, um die große Klimlau ebenfalls mit einer Umarmung zu begrüßen.

„Ja, für den Moment zumindest… Du weißt ja, wie das mit den Kitakeimen um diese Jahreszeit ist! Sie schleppt fast jede Woche was neues an“, seufzte Juli und nickte vielsagend zu Lilli, als die wie zum Beweis hustete.

„Oh, gehts schon wieder los?“, strich Dominik der Kleinen übers Haar, aber ihre Mutter schüttelte den Kopf.

„Nein, das sind noch ein bisschen die Nachwehen von der letzten Erkältung. Hoff ich zumindest. Mitunter sind die Übergänge ja ziemlich schleichend“, war ihr durchaus anzusehen, dass die letzten Wochen es in sich gehabt hatten. Aber vielleicht konnte man ihr ja wenigstens den beginnenden Nachmittag ein bisschen versüßen?

„Seid ihr auf dem Weg nach hause?“, fragte Dominik also und nickte verstehend, als Juli seine Frage bestätigte.

„Ich muss noch kurz ein bisschen was aufräumen, aber wenn ihr ein paar Minuten wartet, dann begleit ich euch“, warf er also kurzerhand seine vorherigen Pläne über den Haufen. Etwas zu Essen konnte er sich unterwegs schließlich auch noch besorgen und die Richtung, in die Juli musste, stimmte in etwa mit seiner überein. Alles Weitere würde eine Fahrt mit dem Stadtbus dann regeln. Drum kümmerte er sich um sein Handwerkszeug, während Juli versuchte, ihrer Tochter die Kunst näher zu bringen und das am Ende dann doch darin gipfelte, dass sie sich lieber am Hosenbein des Künstlers festhielt. Aber wer konnte es Lilli verübeln? Vermisst hatte sie ihn in den letzten Wochen, als nur Onkel Frido vorbeigekommen war, um ihnen Einkäufe zu bringen und die Wäsche mitzunehmen. Gerade im Vorfeld der Ausstellung war Fridos Sorge gewesen, dass Dominik ansonsten womöglich genau zur Eröffnung flachgelegen hätte und nachdem es den Lockenkopf dann doch erwischt hatte, hatte sein Freund ihn nicht sofort wieder der Virenhölle aus dem Kindergarten aussetzen wollen. Für ein paar Tage Ruhe bedankte so ein Immunsystem sich bestimmt und somit war alles zusammen genommen plötzlich aus Tagen Wochen geworden, in denen sie sich nicht gesehen hatten.

„Tut mir leid, dass wir nicht bei der Eröffnung waren“, sagte Juli trotzdem, obwohl Dominik ihre Beweggründe ja kannte und lächelte, als der ihr einen kleinen Moment zum Verschnaufen ermöglichte.

„Kein Problem! Ich denk mal, das wäre fürs Mäusezähnchen vielleicht auch etwas langweilig gewesen… Willst du dich ein bisschen umgucken, während wir hier alles fertig machen?“, schlug er vor und wies seine kleine Assistentin an, wie sie ihm am besten helfen konnte. Also ging Juli zurück in den Ausstellungsraum; dankbar für diese winzige Auszeit und glücklich über ein paar kleine Augenblicke, die mal nicht geprägt von Gedanken über Lillis Gesundheitszustand waren – egal, ob zuhause oder auf der Arbeit. Oder im Gespräch mit Tim.

„Frido hatte schon ein bisschen was erzählt. Das klingt doch nach einer guten Entwicklung bei euch, oder?“, teilte auch Dominik ihre Freude, als sie ihm wenig später beim Weg durch die Stadt vom aktuellen Stand zwischen ihr und Lillis Vater erzählte. Deutlich mehr Kontakt hatten sie inzwischen wieder und seit jener großen Auseinandersetzung telefonierten sie beinahe jeden Abend. Obendrein war Tim an den vergangenen Wochenenden einfach zu ihnen gefahren, wenn durch Lillis Gesundheitszustand ein Besuch bei ihm nicht infrage gekommen wäre. Begeistert waren seine Eltern und seine neue Freundin davon vermutlich nicht gewesen, aber darüber hatte er auffällig wenig gesprochen. Drum erleichterte Juli die aktuelle Situation mit ihrem Exmann, aber ein wenig blieb sie dennoch auf der Hut.

„Ich will mich nicht zu früh freuen und erst mal abwarten, wie es jetzt weiterläuft, aber ja, im Moment haben wir wirklich ein schönes Miteinander“, fasste sie ihre Gefühlslage also zusammen, den Blick unablässig auf ihre Tochter gerichtet und trotzdem froh, für diese paar Meter die Verantwortung ein bisschen teilen zu können. Und was Dominik ihr dann vorschlug, war Balsam für ihre Seele.

„Wenns der kleinen Maus aktuell soweit wieder gut geht, können wir doch eigentlich Morgennachmittag mal vorbeikommen, oder?“, meinte er und zwinkerte Juli zu, als er ihr Grinsen sah.

„Ich spiel ein bisschen mit ihr und Frido und du quatscht einfach ne Runde. Oder du haust dich fürn Stündchen in die Wanne und wir bespaßen sie solange zusammen“, stupste er sie leicht an und legte ihr dann den Arm um die Schultern. Er konnte sich schon denken, dass sie sich ein bisschen mehr Normalität wünschte, nachdem die vergangenen Wochen vor allem im Zeichen von Erkältungen, Magen-Darm und dem notwendigen Bestreiten des Alltags gestanden hatten. Und mit der Annahme lag er wohl nicht gerade falsch.

„Ja, das wäre echt schön“, atmete Juli durch und lehnte sich an ihn, während Dominik daran dachte, dass ihm diese Art der Zwei- oder eher Dreisamkeit auch sehr fehlen würde. Ein Grund mehr also, die sozialen Batterien diesbezüglich noch etwas aufzuladen, ehe es nach England ging! Doch nicht nur das ging ihm durch den Kopf, als sie die Einkaufspassagen immer mehr hinter sich ließen und stattdessen durch die Wohngebiete schlenderten. Hier verwandelten sich die teils mehrspurigen Hauptstraßen im Herzen der Innenstadt zunehmend in schmalere Wege und enge Gässchen. Statt Einkaufs- und Geschäftskomplexen, Hochhäusern und allerhand anderer größerer und kleinerer Läden, säumten fast ausschließlich nur noch Ein- und Mehrfamilienhäuser ihren Weg. Und dort, vor einem der dazugehörigen Vorgärten entdeckte Dominik plötzlich ein Auto, das ihm nur allzu bekannt vorkam.

„Was ist los?“, bemerkte auch Juli seinen verwunderten Blick und zeigte sich ihrerseits überrascht, als sie die Aufschrift auf jenem Wagen las.

„Ist der nicht von eurer Klempnerei?“, fragte sie und Dominik zuckte leicht die Schultern.

„Ja, hab ich auch grad gedacht“, schob er die Hände in die Hosentaschen und runzelte die Stirn, als er beim Näherkommen das Nummernschild des Wagens erkennen konnte. Ganz sicher war er zwar nicht, aber gehörte der Wagen nicht seinem Bruder? Ohne es zu merken, verschränkte Dominik die Arme vor der Brust und kaute auf der Unterlippe. Mit seinem Vater hatte er ja nach dem Arzttermin noch gesprochen, aber mit den Brüdern herrschte seitdem Funkstille.

„Hey, alles okay?“, fragte Juli an ihn gerichtet, während sie Lilli auf die Arme hob, weil sie mal wieder ein paar Meter getragen werden wollte. Und auch, wenn der Lockenkopf nickte, wirkte er nicht so recht überzeugend.

„Sicher?“, erkundigte Juli sich also und nickte verstehend, als Dominik damit herausrückte, dass er sich wohl ein wenig mit seinem Bruder gezankt hätte.

„Na ja, aber… hat der vermutlich eh schon längst vergessen“, wollte er dann seinen Schritt beschleunigen und schnellstens das Haus mitsamt Wagen hinter sich lassen, doch Juli blieb stehen und betrachtete ihn aufmerksam, als er sich wieder zu ihr drehte.

„Willst du vielleicht mal kurz rüber gehen und mit ihm reden?“, schlug sie vor, wodurch Dominik allerdings nur nervös lachte.

„Quatsch! Die Kunden werden sich bedanken, wenn ich da plötzlich auf der Matte stehe!“, rieb er sich den Nacken und wirkte dennoch unschlüssig. Und wenn er am Wagen wartete? Ein bisschen Zeit blieb ihm ja schließlich noch bis zum Seminar. Aber nein!

„Komm, wir gehen weiter! Ich hab euch versprochen, dass ich euch ein Stück begleite!“, schüttelte er also den Kopf und bot Juli stattdessen an, ihre kleine Fracht zu nehmen. Doch statt ihr Päckchen sogleich bereitwillig abzugeben, deutete sie mit dem Kinn hinüber zum Haus.

„Ist er das?“, fragte sie dabei und beobachtete Dominik, als er ihrem Blick folgte. Ja, der da gerade aus dem Haus stapfte, um sich an der Seitentür seines Autos zu schaffen zu machen, war zweifelsfrei Sebastian.

„Wenn du willst, geh gern zu ihm. So schnell verlierst du uns zwei schon nicht aus den Augen“, lächelte Juli auffordernd, als Dominik zögerlich zwischen ihr und Sebastian hin und her schaute. Doch da hörte er auch schon, wie die Seitentür wieder zugeschoben wurde und sah das Thema bereits als erledigt an. Nur verschwand sein Bruder nicht sofort wieder ins Haus, sondern hatte das Gespann auf der gegenüberliegenden Straßenseite bemerkt und musterte es.

„Okay, ich komm gleich nach…“, flüsterte Dominik also und setzte sich mit einem tiefen Atemzug in Bewegung. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn Sebastian jetzt einfach weggegangen wäre und er wie ein Depp dagestanden hätte, aber stattdessen wartete er auf ihn.

„Fridos Anhang, von dem Oma so viel schwärmt?“, der Ältere zur Begrüßung und nickte Juli zu, als sie erst weiterging, nachdem Dominik seinen Bruder erreicht hatte.

„Äh, ja, stimmt… Juli und Lilli“, guckte er ihnen kurz nach, ehe er Sebastian dabei zuschaute, wie er das hervorgekramte Verbindungsstück in seine Hosentasche rutschen ließ, um die Finger stattdessen frei für seine Kippen zu haben.

„Ich glaub, ich steig echt mal wieder auf selbstdrehen um…“, murmelte der, während er die brandneue Packung rischelnd aus ihrer Hülle fummelte und Kunststofffolie samt Aromaschutzpapier auf den Beifahrersitz schmiss. Ein herrlicher fahrender Mülleimer, der wohl nur dank der strengen Hand des Vaters noch nicht vor alten Zigarettenpackungen überquoll.

„Und… wenn versuchst aufzuhören?“, hatte Dominik also einen Gegenvorschlag zu Sebastians Überlegung, der wohl nicht nur dessen Wagen zu Gute gekommen wäre. Doch auf viel Begeisterung stieß er damit natürlich nicht.

„Du willst wohl die Welt brennen sehen, oder was?“, nuschelte Sebastian mit der Kippe im Mundwinkel, während er sein Feuerzeug verfluchte, weil es den Dienst versagte.

„Scheiße!“, wanderte die Zigarette also nach mehreren unglücklichen Versuchen zurück zu ihren Verwandten und Dominik verbat sich tunlichst, jetzt zu grinsen. So konnte man seinen Bruder natürlich auch vom Rauchen abhalten, dachte er zufrieden und war trotzdem verwundert, dass Sebastian derart genervt reagierte.

„Na ja, dann kauf dir unterwegs ein neues oder frag Heiner oder Paps nachher“, versuchte er die Wogen also zu glätten und hob überrascht die Augenbrauen, als er damit genau das Gegenteil bewirkte.

„Paps fragen… guter Witz!“, zischte der Ältere und lehnte sich seufzend gegen seinen Wagen.

„Seit der Alte aufhören musste, dürfen wir anderen am Betrieb auch nicht mehr rauchen!“, verschränkte er die Arme vor der Brust, während Dominik dachte, er habe sich verhört.

„Wie jetzt? Seit wann?“, blinzelte er ungläubig, wohingegen Sebastian nur einen mürrischen Blick für ihn übrig hatte.

„Seit sein Medizinmann ihm gesagt hat, dass er keine OP kriegt, wenn er die Flossen nicht vom Glimmstängel lässt! Eine von seinen Sprechstundenhilfen hat euch nach dem Termin wohl vor der Praxis rauchen sehen und am nächsten Tag hatten wir den dann plötzlich am Hörnchen! Was musstet ihr Deppen euch da auch so auffällig hinstellen! Hättet ihr euch ja gleich mit der Fluppe ins Untersuchungszimmer setzen können!“, knurrte er, aber Dominik lachte auf.

„So viel dazu!“, hatte er noch gut den Ausspruch seines Vaters im Bezug auf die eigenen Laster des Arztes im Ohr und gab diese kleine Anekdote zum besten. Doch selbst das wollte Sebastians Laune nicht anheben.

„Ey, den kannst du im Moment mit der Kneifzange nicht anpacken!“, bewies er, dass er auch selbst recht gut im Maulen war und verzog das Gesicht, als Dominik ihn damit aufmuntern wollte, dass man schließlich an seinen Aufgaben wachse.

„Du hast gut reden! Du hast den ja nicht jeden Tag am Kopp!“, wollten Dominiks Worte seinen Bruder allerdings nicht so recht erheitern und bewirkten eher das Gegenteil. Doch trotzdem trug der Lockenkopf ein kleines Lächeln auf den Lippen.

„Sieh es mal so: Wenn ich das jahrelang durchstehen konnte, schaffst du das jetzt auch für ein paar Wochen, oder? Immerhin wird er sich mit der Zeit ja bestimmt daran gewöhnen und nicht ewig seinen Zigaretten nachtrauern“, knuffte er seinen Bruder leicht auf den Oberarm und hoffte trotzdem, dass er nicht zu weit gegangen war. Denn Sebastian sah alles andere als zufrieden aus.

„Irgendwie hat mir das besser gefallen, als du noch derjenige warst, der ständig den Segen abbekommen hat“, musterte er seinen Bruder, der ob dieses zweifelhaften Kompliments nicht recht wusste, was er sagen wollte.

„Tja, das glaub ich dir aufs Wort…“, antwortete er also nur und sah den Zeitpunkt gekommen, um das Gespräch zu beenden, bevor die Stimmung noch mehr kippte.

„Ich halt dich dann mal nicht weiter von der Arbeit ab“, vergrub er die Hände in den Jackentaschen und verabschiedete sich von seinem Bruder. Doch der brachte ihn plötzlich mit einem „Hey Kurzer!“ zum Innehalten.

„Das neulich…“, begann Sebastian, als Dominik ihn überrascht anschaute, doch als er bemerkte, wie schwer seinem Bruder die Worte über die Lippen kamen, schüttelte der den Kopf.

„Ich wär an deiner Stelle wohl auch ziemlich sauer gewesen“, murmelte er stattdessen und lächelte, als Bruder ihn musterte und nickte.

„Ja, ich muss dann auch wieder rein“, zeigte er mit dem Daumen zum Haus seines Kunden und wendete sich mit einem „Man sieht sich!“ von Dominik ab. Unter tiefem Seufzen schaute der Lockenkopf ihm nach, bis die Haustür hinter Sebastian ins Schloss fiel und löste sich erst dann kopfschüttelnd von seinem Fleck. Nein, dachte er, während er flinken Schrittes den Abstand zu Juli und Lilli verringerte, was war er froh, mit seinen Gefühlen nicht derart hinter dem Berg halten zu müssen! Und da gab es im Augenblick nur eine logische Konsequenz für ihn: „Komm, Mäusezähnchen, ich trag dich ein bisschen!“.

25.1.2025: Fernkälte

War es nicht schön, wenn man sich gemeinsam unterhalten konnte, aber auch ein schweigsames Beisammensein alles andere als unangenehm war? Genau das war einer der Punkte, den Frido so an seiner Beziehung mit Dominik schätzte: Manchmal redeten sie stundenlang ohne Punkt und Komma und manchmal saßen sie einfach nur still nebeneinander auf der Couch. So wie jetzt, während er wieder seine donnerstägliche Serie verfolgte und Dominik am Smartphone hing. Doch wie es schien, war er dieses Mal nicht damit beschäftigt, sich wilde Wortgefechte mit Susi, Niko oder jemand anderem aus seiner Kontaktliste zu liefern. Dafür scrollte er zu viel und tippte zu wenig. Vielleicht eine kleine Recherche nach Vorlagen oder Inspirationen?

„Wusstest du, dass es Fernkälte gibt?“, eröffnete sich in der Werbepause allerdings ein ganz anderes Themengebiet, als Frido vermutetet hätte. Hatte er sich gerade verhört?

„Du meinst Fernwärme?“, korrigierte er Dominiks Ausspruch und runzelte die Stirn, als der sogleich den Kopf schüttelte.

„Nein, Fernkälte. Ist das Gegenteil von Fernwärme und funktioniert auch über ne Fernrohrleitung. Aber es wirkt halt quasi wie eine Klimaanlage“, hielt er Frido das Smartphone hin und präsentierte ihm einen Artikel über eben jenes Thema.

„Nee, hab ich noch nicht gewusst, dass es das gibt…“, nahm der das Handy an sich, um es nach einem schnellen Überfliegen des Textes an seinen Besitzer zurück zu geben. An sich ja ganz interessant, aber wie kam Dominik ausgerechnet darauf?

„Willst du irgendwas zu Rohrsystemen malen?“, erkundigte der Ältere sich und schaute nicht schlecht, als die Antwort auf seine Frage kaum weiter von seiner Vermutung hätte entfernt sein können.

„Nein, ich guck grad nach Themen, über die ich vielleicht mit Paps sprechen kann. Außer Fußball… Keine Ahnung, ob ihn das hier interessiert, aber ich kanns ja einfach mal ansprechen…“, murmelte der Lockenkopf und scrollte weiter auf seinem Handy herum, bis er bemerkte, wie Frido ihn dabei noch immer beobachtete. Allein sein Blick genügte schon, um zu zeigen, wie viele Fragen er auf diesen Ausspruch hin parat hatte. Und auch, wenn er sie nicht aussprach, hätte er sich die Antwort darauf eigentlich auch selbst denken können.

„Ähm…“, ließ Dominik das Smartphone wieder sinken und druckste ein wenig herum.

„Ich hab gedacht, wenn er ins Krankenhaus muss, kann ich ihn vielleicht begleiten oder wenigstens besuchen und ihn ein bisschen ablenken. Jetzt muss ich halt nur auch was finden, über das wir reden können. Gegenseitig Zöpfe flechten und über unsere Gefühle sprechen, wird ja wohl kaum infrage kommen“, murmelte er mit schiefem Grinsen und zuckte die Schultern, als Fridos Mundwinkel zunehmend empor stiegen.

„Du bist wirklich immer wieder für eine Überraschung gut“, schüttelte er leicht den Kopf und rutschte näher an Dominik heran, um ihm einen Kuss zu geben und sich an ihn zu lehnen.

„Na komm, dann gucken wir mal zusammen“, schlug er obendrein vor und tippte seinem Schatz auf die Nasenspitze, als der zu bedenken gab, dass Frido doch seine Serie gucken wollte.

„Im Moment ist eh Werbepause“, antwortete er schulterzuckend und stellte wieder einmal fest, wie schnell es gehen konnte, dass sie in einem stundenlangen Gespräch landeten.

26.1.2025: Break-even

Auf und ab, hin und zurück. Immerfort und immer wieder lief er vorm Eingang des Krankenhauses entlang, behielt den angrenzenden Parkplatz im Auge und warf beinahe minütlich einen Blick auf sein Smartphone. War er nervös? Vielleicht ein bisschen. Aber viel wichtiger: War er auch wirklich beim richtigen Krankenhaus? Er hatte im Gespräch mit dem Arzt doch nichts falsch verstanden, oder? Nein, sagte Dominik sich im Geiste, so riesig war die Auswahl an Krankenhäusern in dieser Stadt nun auch wieder nicht und vor allem klangen sie alle unterschiedlich genug, um sie auseinanderhalten zu können. Also lag es wirklich nur daran, dass er viel zu früh und seinem Vater deshalb noch nicht über den Weg gelaufen war! Er hatte dessen Namen ja deutlich genug ausgesprochen, als er sich vorhin an der Information nach ihm erkundigt hatte? Mit leisem Brummen schob er die Hände in die Hosentaschen und schnaubte aus. Wie ihn sein Kopf manchmal selber nervte! Konnte der nicht einfach mal die Klappe halten? Oder sich auf die hübschen kleinen Krokusse fokussieren, die auf den Pflanzstreifen um das Krankenhaus herum ihre Köpfchen aus der Erde streckten, um nun, Mitte Februar, den lang ersehnten Frühling anzukündigen? Er stapfte nach kurzem Innehalten also wieder los und nahm die gelben und violetten Blüten ins Visier, doch schon biss sein Denkapparat sich am nächsten Thema fest: Hatte er genug auf Lager, über das er sich mit seinem Vater unterhalten konnte? Vielleicht über Stunden hinweg und schlimmstenfalls alleine? Ja, vermutlich würde seine Mutter mitfahren, aber die Sturheit seines Vaters war ja durchaus bekannt. Zumal er heute nur schon mal sein Zimmer beziehen und ein bisschen Vorgeplänkel über sich ergehen lassen durfte – ob er seine Frau dann wirklich dabei haben wollte, wenn erst morgen die OP anstand? Wieder seufzte Dominik und ging die möglichen Gesprächsthemen durch. Über Fußball ließ sich bekanntermaßen immer plaudern und bei solchen Sachen wie Fernkälte musste er sich ein bisschen herantasten. Oder einfach über die Firma reden? Ja, das war möglicherweise die beste Idee! Von Selbstständigem zu Selbstständigem gesprochen! Wie lief das Geschäft? Kamen genug Aufträge rein? Was machte sein eigener Verkauf von Bildern? Immerhin musste er sich inzwischen ja auch mit solchen Sachen wie Break-even-Points, Selbstvermarktung und anderem beschäftigen. Interessant war ja unabhängig von der jeweiligen Branche, ob man seine Kosten auch wirklich gedeckt bekam, wie man seine Kundschaft erreichte und was es in Sachen Finanzamt zu bedenken gab! Und wenn er genau das als Gesprächseinstieg nutzte? Sich Tipps von einem alten Hasen mit langjährig gut geführtem Geschäft holen und ihm damit gleichzeitig beweisen, dass seine Meinung und sein Rat zumindest in diesem Lebensbereich geschätzt wurden? Ein kleines Lächeln huschte über Dominiks Lippen, während er darüber nachdachte und es wurde noch größer, als er endlich den Volvo seines Vaters auf den Parkplatz fahren sah. Der Eine hatte sich nicht gedrückt und der Andere sich nicht im Krankenhaus vertan. Und obendrein wären sie nicht alleine!

„Hi Mama, hi Paps“, ging Dominik seinen Eltern entgegen, während sie aus dem Auto ausstiegen und sein Vater die Reisetasche vom Rücksitz nahm.

„Was machst du denn hier?“, schien seine Mutter dabei ehrlich überrascht und verlor keine Zeit, ihren Jüngsten zu begrüßen. Und Hinrich? Der war nun einmal Hinrich.

„War ja klar“, schloss er den Wagen ab und stapfte seiner Frau nach, um seine Lendenfrucht dann erst einmal kritisch zu beäugen.

„Hast du keine Uni?“, zog er die Stirn in Falten, doch Dominik reagierte mit einem Schulterzucken.

„Dieses Semester haben wir viel freie Arbeit und bei dem Seminar, das ich heute Nachmittag gehabt hätte, hab ich zum Glück einen sehr nachsichtigen Dozenten“, grinste er vielleicht ein wenig zu sehr, sodass seinen Vater so eine Vermutung beschlich, welcher Dozent gemeint sein könnte.

„Du redest nicht zufällig von dem Idioten im Tiefflug?“, hob er eine Augenbraue. Ansonsten verzog er jedoch keine Miene, als Dominik merklich mit dem Lachen kämpfen musste und Rosanna irritiert von einem zum anderen guckte.

„Idiot im Tiefflug?“, wiederholte sie und ihr Mann schmatzte gelangweilt.

„Sein… Dings… sein Frido hat ne seltsame Art, seinen Gästen was zu trinken anzubieten“, setzte er sich wieder in Bewegung, um dem Eingang des Krankenhauses entgegen zu gehen, während Dominik versuchte, seiner Mutter Fridos kleines Missgeschick auf elegante Art und Weise zu erklären.

„Ähm, na ja… er ist manchmal etwas tollpatschig und als Paps neulich bei uns war, wollte Frido eigentlich gerade ins Bad gehen und musste dabei dann ja an der Wohnzimmertür vorbei und dabei ist er so doof gestolpert, dass er…“, merkte er eigentlich schon, dass er sich um Kopf und Kragen redete, während die Worte noch aus seinem Mund kamen und hielt trotzdem tapfer daran fest. Zumindest solange, bis seinem Vater dieses Trauerspiel wohl zu viel wurde.

„Der hat an der Tür gelauscht und war auch noch so dämlich, sich erwischen zu lassen!“, fuhr er seinem Sohn also über den Mund und bereitete dieser Farce ein Ende. Kurz bedachte er Frau und Kind mit einem Blick, dann wendete er sich kopfschüttelnd ab und setzte unter stetigem Murren seinen Weg fort. Rosanna schaute hingegen erstaunt zu ihrem Spross, der nur ein schiefes Grinsen für sie übrig hatte und entschuldigend die Schultern hob.

„Er… er hat sich nur Sorgen gemacht…“, murmelte er also kleinlaut und hoffte, dass Frido jetzt nicht wieder in einem völlig katastrophalen Licht dastand, doch glücklicherweise kannte seine Mutter ihre Pappenheimer ja.

„Kann ich verstehen. Ist ja immer ein kleines Abenteuer, wenn dein Vater und du aufeinandertrefft“, strich sie ihrem Sohnemann liebevoll über den Rücken und schmunzelte, als ihr Mann ihnen für diesen Ausspruch einen empörten Blick zuwarf. Doch statt zu knurren, wartete er nur schweigend, bis sie zu ihm aufgeschlossen hatten und sie gemeinsam den verhassten Kasten mit seinen speziellen Gerüchen, mulmigen Gefühlen und viel zu viel weißen Kitteln betreten konnten. Fast schon schade schien es, dass sie nicht erst einen halben Tag an der Anmeldung stehen mussten, um sich über die unnötige Warterei aufregen zu können und auch am Zimmer gab es nicht viel zu mäkeln. Es gehörte offensichtlich nicht zu einem Luxushotel, aber es hatte alles, was es brauchte. Toilette und Bad lagen nicht auf dem Flur, der Ausblick war einigermaßen gut und vor allem stand, wie gewünscht, nur ein Bett im Raum.

„Oh, du hast sogar ein Einzelzimmer?“, war Dominik scheinbar als Einziger überrascht, während sein Vater die Räumlichkeit begutachtete und seine Mutter sofort damit begann, das Reisegepäck im Schrank zu verstauen.

„Natürlich Einzelzimmer! Aufm Mehrbettzimmer wirst du doch bescheuert, wenn du mit den passenden Typen zusammengesteckt wirst!“, konnte sein Vater wenigstens ein bisschen Frust über die Situation ablassen, ehe er vom Bad zu seiner Frau stapfte und murmelte, dass er das Auspacken doch auch selbst übernehmen könne. Doch sie lächelte nur und schüttelte den Kopf.

„Ich mach das schon“, strich sie ihm über Wange und Brust und ging wieder emsig ans Werk, während er die Hände auf die Hüften stützte und noch einmal das Zimmer begutachtete. Allzu viel gab es nicht zu sehen und somit musste er sich dann ja vielleicht doch etwas mehr mit seinem Sohn beschäftigen.

„Falls du mal ins Krankenhaus musst, kriegst du übrigens auch Einzelzimmer und Chefarztbetreuung“, verschränkte er dabei lieber wieder die Arme vor der Brust, während sein Blick zu Dominik glitt, der inzwischen auf einem der Stühle Platz genommen hatte. Und im Gegensatz zur versteinerten Miene seines Vaters, guckte er ziemlich verdattert aus der Wäsche.

„Im Ernst?“, hörte er davon gerade zum ersten Mal und schaute kurz zu seiner Mutter, die schmunzelnd ihren Mann betrachtete, ehe sie sich erneut seinem Gepäck zu wendete.

„Euer Vater hat für euch entsprechende Versicherungen abgeschlossen. Schon, als ihr noch klein wart. Einfach nur, um auf Nummer sicher zu gehen“, kam sie ihrem Mann dabei auch noch auf andere Weise zur Hilfe und prompt sprang der darauf an.

„Der Kurze hat sich ja zurückgehalten, aber mit den beiden Bombenlegern waren wir oft genug beim Arzt und in der Notaufnahme! Wundert mich bis heute, dass die nicht länger da bleiben mussten!“, murrte er und schnaubte aus, als seine Frau auf Heiners Beinbruch zu sprechen kam.

„Das wäre zum Glück bislang der einzige Grund gewesen. Aber ich kann ihn auch verstehen, dass er den Knochen nicht noch mal gebrochen bekommen wollte, damit er dann doch noch richtig zusammenwächst“, schloss sie die Schranktür und strich ihrem Mann über den Arm, als er fragte, er darauf wohl auch scharf wäre. Viel interessanter als den Krankengeschichten seiner Brüder zu lauschen, fand Dominik es aber, seine Eltern zu beobachten. Die kleinen Gesten und Blicke, die hinter dem harschen Tonfall seines Vaters verrieten, was er wirklich fühlte und die zeigten, dass seine Mutter ihren Hinrich ziemlich gut zu lesen wusste. Würden er und Frido irgendwann auch auf so viele Jahre Beziehung zurückschauen, fragte er sich bei diesem Anblick und spürte, wie sehr er sich das wünschte.

„Dominik? Ist alles in Ordnung“, riss seine Mutter ihn plötzlich aus seinen Gedanken und erschrocken musste er feststellen, dass man ihm seine Gefühlswelt wohl besser ansehen konnte, als es ihm bewusst gewesen war.

„Ähm, ja… schon…“, murmelte er darum und strich sich fahrig durchs Haar. Eigentlich sollte das hier doch gar nicht der Zeitpunkt sein, an dem er seiner Familie vom Auslandssemester erzählte! Eigentlich wollte er doch erst die OP abwarten! Aber war das vielleicht das Thema, nach dem er die ganze Zeit so fieberhaft gesucht hatte? Also verkündete er seinen Eltern kurzerhand, was bereits in wenigen Wochen auf ihn zukäme und fand sich mit einem Mal in einem Gespräch wieder, in dem er ohne Stottern und peinliche Stille erzählen konnte, seine Mutter immer wieder Fragen stellte und sein Vater zwar schwieg, aber dafür sehr genau zuhörte. Und wie vertieft sie alle waren, zeigte nicht zuletzt ihr erschrockenes Herumfahren, als der Arzt ins Zimmer kam. Keiner schien bis zu dem Moment noch daran gedacht zu haben, wo sie sich gerade befanden und warum sie hier waren. Erst, als ihnen noch einmal kurz der kommende Ablauf geschildert wurde und der Abschied für den heutigen Tag näher rückte, kehrten die Gerüche und mulmigen Gefühle in ihr Bewusstsein zurück.

„Ich glaub, dann sollten wir mal langsam gehen“, stand Dominik also zögerlich auf, als der Arzt wieder gegangen war und schaute unsicher zu seinen Eltern. Ungerührt stand sein Vater da und hielt die Hand seiner Frau doch fest gegriffen, während sie versuchte, sich ihre Angst nicht zu sehr anmerken zu lassen.

„Dein Handy ist aufgeladen. Ruf mich nach dem Abendessen an, ja? Und morgen wart ich schon auf dich, wenn du aus der OP kommst“, stand sie von der Bettkante auf und strich ihrem Hinrich über die Wangen, ehe sie ihm regelrecht um den Hals fiel. Schweigend und nickend stand er da, die Hände auf ihren Rücken gelegt und mit einem stillen Blick für seinen Sohn, als der meinte: „Hey, das klappt schon alles! Ganz bestimmt!“. Ein Lächeln rang Dominik sich ab, obwohl er nur allzu gut verstehen konnte, was seine Mutter gerade bewegte. Aber was brachte es, wenn er jetzt auch noch gegen die Tränen ankämpfte?

„Kommen Basti oder Heiner dich abholen?“, fragte er darum stattdessen, um sich nicht ganz so hilflos und nutzlos zu fühlen, wie er es eigentlich in diesem Moment tat. Und dann durfte er merken, dass er sogar mehr unterstützen konnte, als ihm klar gewesen war.

„Die Beiden arbeiten, aber ich dachte mir schon, dass heute hier aufschlägst. Nimm deine Mutter mit. Musst ja eh in die Richtung“, wies sein Vater ihn plötzlich an und doch zuckten für den Hauch einer Sekunde seine Mundwinkel, als er sah, dass seinem Sohn das Lächeln mit einem Mal viel leichter fiel. Man zählte auf ihn und sah ihn nicht nur als Versager an…

„Ja, na klar!“, antwortete er darum ohne ein Zögern und mit einem Hauch von Stolz, ehe er den Arm um seine Mutter legte, als sie sich von ihrem Hinrich löste und schweren Herzens zur Tür ging.

„Ich denk an dich“, verabschiedete sie sich, was er zwar nur mit einem Nicken zur Kenntnis nahm und trotzdem richtete er noch einmal das Wort an seinen Sohn, als der gerade ebenfalls das Zimmer verlassen wollte.

„Dominik, pass ein bisschen auf deine Mutter auf“, ließ er ihn wissen und einen Augenblick standen sie nur schweigen da und schauten sich an. Nicken hätte er dabei können oder die Bitte des Vaters mit ein paar kurzen Worten bestätigen. Doch stattdessen pfiff er auf die künstliche Zurückhaltung. Ganz gleich, welche Konsequenzen dafür drohten, er eilte einfach auf seinen Vater zu und schlang die Arme um ihn.

„Mach ich. Und wir kommen morgen wieder her. Versprochen“, schaute er über die Schulter seines Vaters hinweg aus dem Fenster und schloss für einen Moment die Augen, als er spürte, dass er nicht sofort weggestoßen wurde, sondern ein zögerliches Tätscheln seines Rückens fühlte. Erst dann schob sein Vater ihn mit einem „Ist gut jetzt“ von sich und bekam dafür das Nicken, das Dominik sich vorher erspart hatte. Und vielleicht konnte er ihn doch noch auf andere Gedanken bringen? Selbst, wenn es nur für wenige Sekunden klappte?

„Und lass bei der OP die Kippen aus! Das verträgt sich nicht mit dem Sauerstoff!“, scherzte er, während er zur Tür ging und lachte über die Reaktion seines Vaters.

„Hau ab, du Schwachkopf!“, knurrte der zwar und verschränkte wieder demonstrativ die Arme vor der Brust. Aber wenn man genau hinsah, konnte man dieses kleine Zucken seiner Mundwinkel erkennen.

27.1.2025: scrollen

„Fahr vorsichtig“, verabschiedete Frido sich an diesem Morgen von seinem Lockenkopf und winkte ihm nach, bis er vom Parkplatz des Campus’ gefahren war. Hätte die OP nicht eine Woche später stattfinden können? Dann wäre bereits vorlesungsfreie Zeit gewesen und er nicht dazu verdonnert, Dominik nur in Form seines Autos zu unterstützen.

„Na ja, wenigstens ist er nicht alleine“, murmelte Frido, als Wagen und Freund aus seinem Sichtfeld verschwanden. Er wusste, er würde in den kommenden Stunden in jeder freien Sekunde am Handy kleben, um Dominik irgendwie beizustehen, doch jetzt musste er sich erst einmal auf seinen Unterricht konzentrieren. Also schob er die Grübeleien mit einem tiefen Atemzug beiseite und wendete sich beschwingt seinem Fakultätsgebäude zu, um im nächsten Augenblick erneut den Beifahrersitz oder die Zukunft herbeizuwünschen.

„Guten Morgen, Herr Klimlau! War das nicht der Herr Preuss, der da gerade weggefahren ist? Ich wusste gar nicht, dass mein heutiges Seminar für seinen Kurs schon beendet ist!“, stieg auch eine gewisse Kollegin aus ihrem Wagen, um Frido ein inneres Kopfschütteln zu entlocken. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Die Arbeit war noch gar nicht richtig angefangen und er hatte bereits diese Gewitterziege mit ihren oberlehrerhaften Allüren am Hals! Konnte oder wollte sie es nicht begreifen, dass er sie inzwischen weitestgehend ignorierte?

„Guten Morgen, Frau Bachmüller“, ging er also nicht weiter auf ihre Frage ein und stattdessen schnellen Schrittes an ihrem Wagen vorbei, während sie sich noch mal dort hinein lehnte, um etwas umständlich ihre Tasche von der Beifahrerseite zu holen. So, wie sie dabei ihren Hintern herausstreckte, hätte man es fast als Einladung für einen kräftigen Tritt verstehen können, aber natürlich verkniff sich Frido eine derartige Geste. Und auch, als sie hinter ihm hergestöckelt kam, sichtlich erzürnt über sein Ausweichmanöver und leise fluchend über ihre chicen, aber furchtbar unbequemen Treter, die einer solchen Verfolgungsjagd nicht gerade dienlich waren, übte er sich in Zurückhaltung. Eine gewisse Achtung konnte man ihr für ihren Ehrgeiz bei Dingen – oder Leuten – an denen sie sich festgebissen hatte ja durchaus zukommen lassen, zumindest, wenn man nicht gerade selbst derjenige war, an dessen Nerven herumgezerrt wurde. Also versuchte Frido einfach, sie wieder links liegen zu lassen. Bis sie das Gebäude oder notfalls ihre Unterrichtsräume erreichten, zog er sein Handy hervor und begann demonstrativ darauf zu scrollen und zu tippen. Nur leider wollte seine Kollegin selbst dann nicht von ihm ablassen. Anstatt die Zeichen zu erkennen, schien sein Desinteresse sie nur noch mehr anzustacheln. Wie einer dieser kleinen Hackenbeißer, die so gerne kläffend und quietschend um einen herumsprangen, lag sie ihm in den Ohren, regte sich auf und gab selbst dann keine Ruhe, als ihre Stimme sich bereits überschlug.

„Na schön!“, blieb er also mitten im Flur stehen, ließ das Smartphone sinken und ärgerte sich bereits währenddessen darüber, dass er eingeknickt war, weil er diesen Hauch von Genugtuung in ihren Zügen erkennen konnte. Ja, endlich hatte sie ihr Ziel erreicht, schrien ihr Blick und das gereckte Kinn und kurz überlegte Frido, ihr noch einmal einen kleinen verbalen Einlauf zu verpassen. Er war nicht Dominiks Erziehungsberechtigter und das hatte sich auch seit ihrer letzten Auseinandersetzung nicht geändert! Aber vielleicht gab es ja noch eine bessere Taktik als solch eine Offensive?

„War nett, sich mit Ihnen zu unterhalten, aber jetzt trennen sich unsere Wege leider. Ich muss in meinen Kurs!“, schenkte er ihr also ein Lächeln und ein Nicken, während dieses Mal er derjenige mit der Genugtuung war. Unter dem Anblick ihres entgleisenden Gesichts und noch während sie dazu ansetzten wollte, ihrer Empörung weiter Luft zu machen, griff er die Türklinke neben sich und verschwand in den dazugehörigen Raum. Elegant gelöst hatte er die Situation, dachte Frido und schob das Handy zufrieden in seine Hosentasche. Jetzt musste er nur noch eine andere Kleinigkeit geschmeidig umschiffen: Die Tatsache, dass er in das erstbeste Zimmer geflüchtet war und nun von einem ihm völlig unbekannten Kurs mit Kuhaugen angelotzt wurde.

„Ist Herr Talert krank?“, fiel da auch schon jene Frage, die ihnen allen wohl durch den Kopf ging, in die plötzliche Stille hinein und noch einmal präsentierte Frido, wie herrlich er im Notfall ein Lächeln zur Schau tragen konnte.

„Nein, wie ich gerade merke, hab ich mich mit meinem morgigen Kursplan vertan“, fand er seine Antwort bereits während des Aussprechens famos und nickte den Studenten kurz zu, ehe er sich der Tür wieder zuwendete. Doch noch bevor er die Klinke ein weiteres Mal ergriffen hatte, hielt er in der Bewegung inne.

„Hä? Aber morgen sind wir im ersten Seminar doch auch hier! Bei Frau Bachmüller! Hat sich der Raumplan geändert?“, ertönte da schon wieder die Stimme dieses Studenten hinter ihm, dessen Namen er nicht kannte, dessen Gesicht er sobald nicht wiedersehen wollte und dessen Charakter ihm bereits nach diesen paar Sekunden gehörig auf den Geist ging.

„Halt doch einfach die Klappe“, dachte der Dozent sich, aber natürlich sprach er es nicht aus.

„Oh, dann hab ich mich wohl in der Tür geirrt“, wendete er sich den interessierten Gesichtern stattdessen noch einmal zu, ließ das Lächeln nun vielleicht nicht mehr ganz so frisch wirken und seufzte innerlich aus, als er die verfluchte Türklinke endlich ohne weitere Fragen zu fassen bekam.

„Bisschen verwirrt, der Gute. Kann das sein?“, begleitete es ihn zwar bei Verlassen des Raumes, aber er beschloss, den Kommentar im aufwallenden Gemurmel zu ignorieren. Jetzt nur schnell weg zu seinem eigenen Seminar, bevor auch der Kollege Talert um die Ecke kam und sich über sein Rumlungern vorm Kursraum wunderte oder die liebreizende Kollegin Bachmüller noch mal aus der Versenkung auftauchte! Da blieb bloß zu hoffen, dass der Tag nicht so nervenzehrend weiterging, wie er bereits begonnen hatte…

28.1.2025: Dämmerlicht

Erleichterung. Wie sehr spürte er sie, als er vor der Klempnerei zu stehen kam und den Motor des Wagens abstellte. Mit einem Seufzen zog er die Handbremse an und den Schlüssel aus dem Schloss. In der Theorie klang es ja vielleicht romantisch, zu Beginn eines Morgens und bei Dämmerlicht unterwegs zu sein, doch in der Praxis war es die vollkommene Katastrophe. Zumindest um diese Jahres- und Uhrzeit und wenn man sich mit einem Gefährt bewegte, das über mindestens vier Räder verfügte. Nicht zuletzt musste man auf die sich stetig wandelnden Lichtverhältnisse achten. Mitunter war es gerade auf den mit Bäumen und Wäldern umsäumten Landstraßen noch so düster, dass man sich fragte, was bei den in elegantes Schwarz gekleideten Passanten verkehrt lief, die sich hier und dort am Straßenrand bewegten. Weil sie die Scheinwerfer herannahender Autos so vorzüglich wahrnehmen konnten, dachten sie, das gelte umgekehrt ebenso? Kam denen wirklich nicht in den Sinn, dass sie aufgrund ihrer Klamotte mitunter vollends mit der Vegetation um sie herum verschwammen und die Autofahrer nicht selten durch den entgegenkommenden Verkehr geblendet wurden? Auch, wenn der Gegenverkehr auf den Landstraßen im Vergleich zur Stadt vielleicht geringer ausfiel. Und davon, wie der Berufsverkehr um diese Zeit aussah, wollte Dominik gar nicht erst anfangen. Er war nur froh, ihn ein wenig aussitzen zu können, ehe es an die Weiterfahrt ging. Vor der Operation konnten sie seinen Vater ohnehin nicht mehr besuchen und weil diese ein Weilchen dauerte, trieb auch niemand zur Eile, was den Aufbruch zum Krankenhaus betraf – zumindest fast. Denn während Dominik erst einmal etwas verschnaufen wollte, stand seine Mutter bereits an der Eingangstür, als ihr Sprössling gerade den Wagen verließ.

„Ich bin sofort bei dir!“, rief sie ihm zu und eilte zu ihrem Schreibtisch, um Mantel und Tasche zu holen, doch nicht nur Dominik empfand das als übertrieben.

„Mensch, Mutter, jetzt setz dich doch endlich mal hin!“, hörte der Lockenkopf seinen älteren Bruder bei Betreten des Ladens und seinem Tonfall nach zu urteilen war es an diesem noch jungen Tag wohl nicht das erste Mal, dass Rosanna solch eine Aufforderung von ihm hörte.

„Aber wir dürfen nicht zu spät kommen! Ich hab Hinrich versprochen, dass ich bei ihm bin, wenn er aus der Narkose aufwacht!“, protestierte sie und erhoffte sich von Dominik offensichtlich Zuspruch.

„Mama, Heiner hat recht. Wir haben Zeit genug. Und wenn wir jetzt direkt fahren, haben wir ohnehin erst mal Stau und stockenden Verkehr durch die ganzen Pendler und Eltern, die noch auf den letzten Drücker ihre Kinder zur Schule bringen. Lass uns ne halbe Stunde warten, dann ist es deutlich ruhiger auf den Straßen“, fasste er sie stattdessen liebevoll an den Schultern und führte sie zu ihrem Platz. Nur widerwillig ließ Rosanna sich umstimmen, aber in diesem Fall musste sie wohl leider einsehen, dass sie sie in der Unterzahl war. Doch ruhiger wurde sie darum ganz bestimmt nicht.

„Dann koch ich uns noch Kaffee!“, sprang sie also wieder auf, kaum, dass ihr Po den Sitz des Stuhls berührt hatte und eilte an Dominik vorbei zum Aufenthaltsraum, ganz gleich, was Heiner davon hielt.

„Du hast vor fünf Minuten erst noch…“, setzte er zwar an, doch dann brach er kopfschüttelnd und mit wegwerfender Handbewegung ab. Irgendwie bekam Dominik das untrügliche Gefühl, dass dieses Spielchen bereits den ganzen Morgen über so ging und vielleicht am Vorabend schon begonnen hatte.

„Die treibt mich noch in den Wahnsinn“, murmelte Heiner auch wie zur Bestätigung, als sein Bruder nah genug an ihn herangetreten war, damit ihre Mutter das Getuschel nicht hörte. Er rieb sich das Gesicht und ließ sich einen Moment lang in den Schreibtischstuhl sinken, der sich für ihn wohl so ungewohnt anfühlte, wie es für Dominik aussah, ihn darin zu sehen. Eigentlich war es der Platz ihres Vaters und auch, wenn Heiner ihn irgendwann ohnehin übernehmen würde, raubte ihm scheinbar nicht nur Mutter Rosannas Verhalten gerade die sonstige stoische Ruhe.

„Bin jetzt schon froh, wenn der Alte zurück ist. Dieser ganze Papierkram ist nicht meins!“, murrte er und rutschte auf dem Stuhl herum, als hätte sein Sitz den Abdruck Hinrichs in sich gespeichert und würde keinem anderen erlauben, bequem auf sich Platz zu nehmen.

„Und wenn Basti das übernimmt?“, schlug Dominik vor, während er sich gegen den Schreibtisch lehnte und die Brüder schauten einander für den Hauch einer Sekunde schweigend an, ehe der Eine mitleidig das Gesicht verzog und der Andere über seine eigenen Worte lachen musste.

„Ja, okay, sag nichts!“, kicherte Dominik und hatte das Gefühl, dass ihnen beiden gerade ein wenig leichter ums Herz wurde, auch, wenn Heiner es nicht so deutlich zeigte.

„Klar, wenn du willst, dass Vatter n Herzklabaster kriegt, sobald er zurück ist...“, ließ er stattdessen den Sarkasmus sprechen und zuckte Schultern und Mundwinkel. Und kaum griff er zur Tasse, um sich einen Schluck Kaffee zu genehmigen, stand Rosanna auch schon mit der Kanne bei ihnen.

„Willst du noch was? Ich musste den Rest umschütten, damit wieder Platz in der Maschine ist“, hielt sie ihrem Ältesten auffordernd die Kanne hin, während ihr Jüngster dankend ablehnte. Für Nervenflattern brauchte er an diesem Tag sicherlich keinen Extraschuss Koffein. Und dass das wohl nicht nur für ihn galt, verriet auch Heiners Blick, mit dem er ihre Mutter bedachte, als sie zurück in den Aufenthaltsraum flitzte, kaum, dass seine Tasse wieder gefüllt war.

„Viel Spaß nachher. Sie hat heute Morgen schon zwei Thermoskannen gefüllt und Brötchen geschmiert, als würdet ihr drei Wochen nicht mehr nach hause kommen“, schüttelte er ein weiteres Mal den Kopf über Rosanna und stützte ihn anschließend auf eine Hand, während im Aufenthaltsraum wieder gerödelt wurde. Dominik sah das Ganze allerdings gelassen.

„Sie hat bei „Ausflügen“ doch immer Angst, dass einer von uns vom Fleisch fallen könnte… notfalls nehm ich mir heute Abend was davon mit. Frido freut sich bestimmt“, schmunzelte er, bis ein Klirren aus dem Pausenraum drang und das Grinsen in Schieflage geriet. Doch dieses Mal war Heiner es, der es recht gelassen sah.

„Kaffeetasse Nummer zwei“, murmelte er, kaum, dass ein „Nichts passiert!“ ertönt war und Rosanna sich am Schrank mit den Putzutensilien zu schaffen machte. Als dabei allerdings auch etwas polterte, schien ihr Ältester jedoch plötzlich furchtbar erschöpft zu werden oder mit einem Mal stechendes Kopfweh zu bekommen.

„Die reißt noch die Bude ab, wenn das so weiter geht“, schloss er die Augen und rieb sich das Gesicht, wohingegen Dominik bereits an der Tür zum Pausenraum stand und schaute, ob er seiner Mutter helfen konnte. Und ja, auch wenn er gerne noch etwas gewartet hätte, war nun womöglich trotzdem schon der Zeitpunkt zur Weiterreise gekommen.

„Vielleicht sollten wir uns doch mal langsam auf den Weg machen“, schlug er also vor und fragte sich, was ihn den Rest der Fahrt wohl erwarten würde. Denn statt etwas Ruhe einkehren zu lassen, wurde seine Mutter jetzt noch hibbeliger. Besen und Kehrblech beiseite geworfen, griff sie sogleich nach dem Proviant und drückte es Dominik in die Hände, um im nächsten Moment am ihm vorbei und zum Schreibtisch zu eilen.

„Heiner, ich hab euch was zum Mittag in den Kühlschrank gestellt, und falls Nachfragen zu Aufträgen und Rechnungen kommen, findest du die Dokumente…“, begann sie letzte Instruktionen zu geben, während sie Tasche und Mantel schnappte. Doch ehe sie aussprechen konnte, stand ihr Ältester bereits vor ihr und legte die Hände behutsam auf ihre Schultern.

„Ich weiß. Hast du mir gestern schon dreimal gesagt und heute zweimal. Das wird schon. Nun fahrt vorsichtig und grüßt den Alten von uns“, schaute er sie eindringlich an, ehe er ihr den Mantel abnahm, um sie hineinschlüpfen zu lassen und Dominik dabei ein Kopfschütteln zuwarf. Aber der Lockenkopf schmunzelte nur und ging zur Eingangstür.

„Wir melden uns dann, wenn Paps aus der OP raus ist“, hielt er sie auf, um Rosanna den Vortritt zu lassen und nickte Heiner zu – als Verabschiedung und Reaktion auf dessen „Danke“.

29.1.2025: herzenswarm

„Und du bekommst auch bestimmt keinen Ärger?“.

Ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen und mit sachtem Schwung bewegten sich seine Locken unter dem Kopfschütteln.

„Nein“, lehnte er sich gegen die Scheibe des Fensters und schaute mit liebevollem Blick zu seiner Mutter.

„Ich hab schon mit meinen Semesterarbeiten angefangen und ab nächster Woche ist eh erst mal vorlesungsfrei. Das könnt ich sogar problemlos ausgleichen, wenn wir ein Zelt aufschlagen und bis Paps’ Entlassung hier kampieren würden“, beobachtete er sie, wie sie auf der Bettkante saß, fahrig nickte und ihn nur wenige Sekunden anschaute, ehe ihr Blick nachdenklich in die Ferne schweifte.

„Stimmt. Sagtest du ja…“, murmelte sie dabei und machte sich zum wiederholten Male an der Bettdecke zu schaffen. Sie strich sie glatt, obwohl gar keine Falten mehr vorhanden waren und entfernte Flusen, wo sich nicht ein Fitzelchen befand. Und dann ging sie erneut zum Schrank. Noch einmal überprüfte sie das Gepäck auf Vollständigkeit, selbst, wenn sie dabei gar nicht richtig mit den Gedanken bei der Sache war. Aber sie brauchte einfach diese Bewegung. Sie konnte einfach nicht stillsitzen.

„Sollen wir einen kleinen Spaziergang machen? Der Park sieht von hier oben ganz hübsch aus und ich hab am Eingang auch ein Schild gesehen, wie man dorthin kommt. Gucken wir uns den mal näher an?“, schlug Dominik also vor, aber seine Mutter schüttelte auf der Stelle den Kopf. Nein, sie wollte das Zimmer nicht verlassen, ehe sie etwas von ihrem Hinrich gehört oder ihn besser noch gesehen hatte. Sie konnte aber auch nichts vom eigens eingepackten Proviant essen, obwohl ihr Frühstück nur aus zwei zittrigen Tassen Kaffee bestanden hatte und für ein richtiges Gespräch fehlte ihr schlichtweg der Kopf. Egal, was Dominik vorschlug oder anbot: Rosanna lehnte es ab oder versank binnen kürzester Zeit wieder in ihren Gedanken. Also gab er sich damit zufrieden und betrachtete sie eine Weile schweigend dabei, wie sie im Zimmer auf und ab ging und sich gegen diese quälende Warterei kleine Aufgaben suchte. Ganz gleich, wie banal sie auch ausfielen. Und wenn er ehrlich mit sich war, hätte er an ihrer Stelle vermutlich nicht viel anders gehandelt. Aber er war ja nicht mitgekommen, um sie durch seine eigene Nervosität noch mehr zu verunsichern, sondern um ihr eine Stütze sein zu können. Also überlegte er nach dieser kleinen Pause des Nichtstuns doch wieder, wie er sie ablenken könnte, probierte erneut, ihr einen Bissen vom Brötchen schmackhaft zu machen oder sie an die frische Luft zu locken – ein Spiel, das sich solange wiederholte, bis endlich der Arzt in der Tür erschien. Lächelnd und sichtlich zufrieden stand er da, um das genaue Gegenteil seiner Gesprächspartner zu sein, die wie aufgescheuchte Hühner auf ihn zugelaufen kamen und sich aneinander klammerten. Den Atem angehalten hörten sie ihm zu und sogen jedes seiner Worte gierig auf, um gleichzeitig eigentlich nur auf fünf ganz bestimmte zu warten.

„Sie können jetzt zu ihm“, ließ er sie nach den Erläuterungen über den gelungenen Ablauf der OP endlich hören und verabschiedete sie damit zur Intensivstation. Und auch, wenn er ihnen mit auf den Weg gegeben hatte, dass sie über Hinrichs Anblick nicht erschrecken sollten, zog es wohl ihnen beiden den Boden unter den Füßen weg, als sie dessen Zimmer betraten. Ja, ihre Köpfe wussten, dass die vielen Gerätschaften, an die er momentan noch angeschlossen war, nur der standardmäßigen Überwachung in den kommenden paar Stunden dienten und trotzdem sahen ihre Augen im ersten Moment nichts als Monitore und Schläuche. Alle Farbe wich aus Rosannas Gesicht, als sie ihren Mann so hilflos und schwach dort liegen sah und Dominik hatte das Gefühl, sie könnte jeden Augenblick unter seinen Händen zerfallen, weil sie mit einem Mal noch zerbrechlicher als sonst wirkte.

„Bloß nicht zu fest drücken!“, schoss es ihm durch den Kopf, während er sie im Arm hielt und gleichzeitig fragte er sich, ob er ihr genug Halt bot.

„Sie können sich ruhig zu ihm ans Bett setzen“, hatte die Krankenschwester gesagt, von der sie bei Betreten der Intensivstation in Schutzkleidung gesteckt worden waren und trotzdem stürmten sie jetzt nicht auf ihn zu, sondern konnten sich nur zögerlich wieder in Bewegung setzen. Doch dann war mit einem Mal der Bann gebrochen. Als ihr Hinrich die Augen öffnete, noch etwas erschöpft und dennoch klaren Blickes, kehrte alle Energie in seine Frau zurück.

„Mein Schatz, da sind wir!“, war alle Zittrigkeit verschwunden, die ihre Stimme zuvor noch durchzogen hatte und statt fragil zu wirken, strahlte sie vor Energie. Nichts hielt sie mehr davon ab, geradewegs zu ihrem Mann zu gehen, sich zu ihm zu setzen und seine Hand zu greifen, um ihn mit ihrer Herzenswärme zu umhüllen. Genauso, wie ihre Liebe ihren Sohn bedeckte, der nun, da die Last von ihm abfallen durfte, eine gute Stütze zu sein, mit Tränen in den Augen auf den anderen Stuhl am Bett seines Vaters sank.

„Willkommen zurück“, schluchzte er und war gleichermaßen erstaunt als auch dankbar, mit wie viel Selbstverständlichkeit seine Mutter ihn an sich zog und ihm den Kopf tätschelte, während ihre andere Hand fest mit der ihres Mannes verschweißt schien. Nun war sie nicht mehr fahrig und hibbelig, sondern die gute Seele, die mit Leichtigkeit ihr Kind tröstete und gleichzeitig für ihren Hinrich da sein konnte.

30.1.2025: Dorsche

„Morgen komm ich ein bisschen später. Frido muss nicht ganz so früh los und ich hatte mir auch nur heute Urlaub genommen. Ist doch okay, oder?“, fragte Dominik, als er den Wagen vor seinem Elternhaus abstellte und das Licht erlöschen ließ. Spät war es geworden und längst dunkel, aber trotzdem konnte man durch die Fenster hindurch noch reges Treiben beobachten.

„Ja, natürlich. Ich kann ansonsten auch mit dem Taxi fahren, wenn…“, antwortete seine Mutter, aber er schüttelte sofort den Kopf und fasste ihre Hand.

„Nein, ich komm gern wieder mit“, lächelte er und hatte das Gefühl, dass es sie beide noch nicht ins Haus zog. Wann waren sie das letzte Mal so für sich gewesen? Zumindest, ohne dabei mit den Gedanken ihren Befürchtungen und Hoffnungen nachzuhängen oder die Aufmerksamkeit größtenteils auf den Straßenverkehr zu richten? Er wusste es nicht mehr, stellte der Lockenkopf fest, aber schön war dieser Moment der Zweisamkeit und ihm schien, dass auch seine Mutter es so empfand. Sie hob ihre Hand an seine Wange und betrachtete ihn einerseits liebevoll, aber andererseits auch mit einem Hauch von Unglaube.

„Weißt du… ich hätte mir zwar gewünscht, dass es nicht erst eine Operation braucht, damit es soweit kommt, aber ich bin froh, dass ihr zwei euch endlich besser versteht“, ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf und lächelte, als Dominik nickte.

„Hab ich auch lange gehofft“, gab er beinahe kleinlaut zu und verzog dennoch das Gesicht, als seine Mutter wie aus dem Nichts plötzlich meinte, dass er und Hinrich sich charakterlich einfach zu ähnlich seien.

„Ich glaube, da ist es kein Wunder, dass ihr ständig aneinander rasselt. Aber trotzdem habt ihr es geschafft, euch zusammen zu raufen“, sprach sie unbedarft ihre Beobachtungen aus, wohingegen der Lockenkopf diese Ansicht nur schwerlich teilen konnte.

„Heiner und Basti sind ganz wie Paps, aber ich komm doch viel mehr auf dich raus!“, verwunderte ihn Rosannas Einschätzung, aber sie schmunzelte eher über seine Widerworte, als dass sie sie irritierten.

„Was die Optik angeht, hast du recht, aber vom Wesen her bist du derjenige von euch dreien, der am meisten von eurem Vater mitbekommen hat. Und damit meine ich nicht nur, dass ihr stur wie zehn Esel sein könnt“, sprach sie überraschend direkt und brachte Dominik damit zum Lachen. Ja, als ein wenig eigensinnig hätte er sich und seinen Vater durchaus beschrieben! Aber ansonsten? Doch anders als er sah Rosanna noch deutlich mehr Übereinstimmungen und überraschte ihn damit ein weiteres Mal. Nicht nur wegen ihrer Offenheit.

„Dominik, er war zwar nie ein Künstler, aber wenn ich dich so anschaue, dann seh ich sehr viel von dem Hinrich, den ich damals kennengelernt habe. Eigentlich ist er auch ein ziemlicher Feingeist, nur durfte er das nie so offen zeigen. Und wenn er es doch getan hat, dann… hat euer Großvater ihn spüren lassen, dass er das sehr missbilligt. Auf Dauer ist das sehr prägend und ich glaube, es gibt dann nur zwei Möglichkeiten, wie man damit umgehen kann: Entweder bricht man irgendwann aus, so, wie du es getan hast oder man fügt sich und nimmt das an, was einem vorgelebt wird“, strich sie ihrem Sohn durchs Haar und auch, wenn sie an ihrem Lächeln festhielt, mischte sich etwas Trauriges in ihre Züge, wohingegen Dominik eher nachdenklich wurde. Er wusste gar nicht so richtig, was er mit dieser plötzlichen Offenbarung nun anstellen sollte und konzentrierte sich dabei erst einmal nur auf das Offensichtlichste: Vermutet hatte er ja schon länger, dass die harte Hand seines Großvaters nicht ganz unschuldig am Verhalten seines Vaters war, aber es nun auch so zu hören… Was wäre Hinrich Preuss unter anderen Umständen wohl für ein Mensch, Ehemann und Vater geworden? Und wie war er in jungen Jahren gewesen? Neugierde regte sich in seinem Sohn, doch ehe er ihr nachgehen konnte, zog ein anderer Preuss die Aufmerksamkeit auf sich.

„Oh, ich glaub, Heiner wartet schon“, grinste Dominik schief, als die Haustür geöffnet wurde und sich sein Bruder auffordernd darin positionierte. Schade, dachte der Lockenkopf, aber vielleicht war es auch ganz gut, sich erst einmal ein paar Gedanken machen zu können, ehe sie weiter über das aktuelle Thema sprachen? Sicherlich gab es günstigere Zeitpunkte dafür und bequemere Sitzmöglichkeiten – auch, wenn Rosanna es vielleicht anders sah.

„Wir sollten langsam reingehen. Die Anderen wollen bestimmt alle Details hören“, seufzte sie und fasste den Türgriff, während sie Dominik fragte, ob er sie noch mit ins Haus begleitete. Allzu lange wollte er zwar nicht mehr unterwegs sein, aber für ein paar Minuten schloss er sich an. Auch, damit seine Mutter der Familie nicht alleine von den Ereignissen des heutigen Tages berichten musste.

„Wollt grad schon Decken und Kaffee rausbringen“, murmelte Heiner zur Begrüßung, als Mutter und Bruder endlich den Wagen verließen und zu ihm gingen. Die Hände in die Hosentaschen geschoben lehnte er im Türrahmen und wirkte von seiner Position als Chef reichlich erschöpft, obwohl er dieser Tätigkeit ja gerade einmal einen Tag lang nachgegangen war. Da war einer bestimmt mächtig froh zu erfahren, dass er schon bald wieder einen Teil der Verantwortung an seinen Vater zurückgeben konnte. Doch das war nichts für ein Geplauder zwischen Tür und Angel.

„Danke, aber mit Proviant sind wir noch bestens versorgt“, hielt Dominik darum stattdessen grinsend den Korb mit den fast unangetasteten Brötchen und Thermoskannen hoch, um zu lachen, als Heiner sich kopfschüttelnd zur Seite begab, um ihnen Durchgang zu gewähren. Allerdings rührte seine Reaktion wohl nicht nur von diesem Mitbringsel her.

„Na, verhungern werden wir so schnell jedenfalls nicht“, murmelte er und nahm seiner Mutter die Jacke ab, um dann vielsagend Richtung Küche zu nicken, als ihr der Duft auffiel, der den geneigten Besucher bereits im Flur begrüßte.

„Das riecht ja wie Muttis Dorschensuppe“, wunderte sie sich und kaum hatte sie ihre Überlegung ausgesprochen, wusste auch Dominik endlich, wieso ihm dieser Duft so bekannt vorkam.

„Sag bloß, du hast extra für uns gekocht“, grinste er seinen Bruder an und folgte seiner Mutter in die Küche, um dann gleichermaßen überrascht wie sie darüber zu sein, wer da gerade am Herd stand.

„Da seid ihr ja endlich! Kommt, setzt euch und esst was! Ich hab uns feine Suppe gekocht! Da wird man nach der langen Autofahrt schön warm von!“, rührte Oma Trudel im Topf, während Heiners Frau bereits den Tisch gedeckt hatte und Basti etwas missmutig neben seiner Großmutter stand.

„Du weißt ganz genau, dass ich keine Steckrüben mag!“, murrte er, während die Nachzügler alle Anwesenden begrüßten und Rosanna sich über die Köchin wunderte.

„Ach, ich hab mir schon gedacht, dass du nur im Krankenhaus sitzt, bis er wieder raus kommt. Und damit trotzdem was Vernünftiges zu Essen auf dem Tisch steht, kümmer ich mich solange ums Kochen. Die jungen Leute wissen heutzutage ja nur noch, wie man Fertigpizza in den Ofen schiebt“, stemmte Oma Trudel die Hände auf die Hüften und wies ihren zweitältesten Enkel an, dass er den Topf zum Tisch tragen solle. Wenn er schon so dumm rumstand, konnte er sich schließlich auch nützlich machen!

„Ich hab dir schon geholfen, die Dinger klein zu schneiden!“, verteidigte der sich allerdings, ohne dabei wirklich auf Gehör zu stoßen. Da mühte man sich mit dem verhassten Gemüse ab und bekam dafür nicht einmal die nötige Wertschätzung entgegen gebracht!

„Für deinen Frido nimmst du nachher auch was mit, ja, Nicki? Ich hab genug für alle gekocht!“, ignorierte die Oma das Genörgel lieber und wendete sich den wichtigen Dingen zu, ehe sie Sebastian noch mehr den Abend verhagelte.

„Für morgen hab ich mir auch schon was Schönes überlegt: Lecker Stampfkartoffeln mit Sauerkraut, Würstchen und Zwiebeln!“, legte sie ihre Schürze beiseite und folgte zum Tisch, während ihr Enkel gequält ausseufzte. Nicht nur sollte er seiner Christina auch was von der Suppe mitnehmen, sondern bekam jetzt auch noch das in Aussicht gestellt?

„Ich hasse Sauerkraut!“, jaulte Sebastian und ließ sich schmollend auf seinen Stuhl sinken. Aber wieder blieben seine Klagen ungehört, denn viel zu interessant war nun, alles über die Operation und Hinrichs Zustand zu erfahren.

31.1.2025: schnurstracks

„Kommt gar nicht infrage!“

„Aber Hinrich, der Arzt hat doch gesagt, dass…“

„Nein!“

Ja, es war schon erstaunlich zu sehen, wie schnell der Körper sich von einem Eingriff erholen konnte. Zumindest, solange Hinrich Preuss im Bett saß, war er schon wieder ganz der Alte. Bereits am Tag der Operation hatte er sich erkundigt, ob im Betrieb alles lief und kaum einen Tag später hätte er das Krankenhaus bereits verlassen können. Das war zumindest seine Ansicht, auch, wenn der Arzt diese Betrachtungsweise nicht so recht teilte. Und auch beim Thema Reha hätten sie wohl nicht unterschiedlicher Meinungen sein können! Familie und Firma im Stich lassen, um sich drei Wochen lang „einen Lauen“ zu machen? Niemals! Also hatte der Arzt die Diskussion erst einmal zugunsten seiner anderen Patienten verlassen, um das Zepter diesbezüglich an Familie Preuss weiterzureichen. Und gerade an diesem dritten Nachmittag nach der OP waren von ihren Familienmitgliedern ausreichend viele vorhanden, um dem Oberhaupt ins Gewissen zu reden. Sie waren sogar so reich an der Zahl, dass eine Krankenschwester zwischenzeitlich rückwärts wieder aus dem Zimmer geflohen war und sich auf später verabschiedet hatte.

„Mensch, Paps! Dann mach wenigstens ne Teilreha!“, redete gerade Sebastian seinem Vater zu, doch dafür wurde er erst einmal etwas irritiert angeschaut – von Hinrich, dessen Frau, den Schwiegertöchtern und Bruder Heiner.

„Meinst du teilstationäre Reha? Also, dass Paps nur zu den Anwendungen muss, aber ansonsten auch während der Reha zuhause sein kann?“, hatte Dominik als Einziger eine Vermutung, was gemeint war und schmunzelte über das prompte „Sag ich doch!“ seines Bruders, ehe der sich mit dem Familienoberhaupt wieder in die Wolle kriegte. Tja, dachte Dominik und stützte den Kopf auf seine Hand, während er die Diskussion weiter beobachtete. Das war der Unterschied, wenn man sich für die Thematik interessierte, bei vorherigen Gesprächen aufmerksam zugehört hatte oder sich im Falle von Unklarheiten erkundigte. Als Streber hatte Sebastian ihn deshalb vorher noch betitelt und haute jetzt irgendwelchen halbgaren Blödsinn raus. Ein klein wenig amüsierte es den Lockenkopf schon, auch, wenn er sich das natürlich nicht anmerken ließ. Schließlich wollte er nicht wieder in die Schusslinie geraten, nachdem er nun zur Abwechslung mal größtenteils am Rand des Geschehens sitzen konnte. Ein herrliches Gefühl war es, wenn er ehrlich sein durfte. So sehr hatte er sich in den vergangenen Wochen eingesetzt, war in die Bresche gesprungen und vor Sorge an die Grenze seiner Kräfte gegangen. Und nun durfte er einfach mal genießen. Seinem Vater ging es den Umständen entsprechend bereits jetzt wieder blendend und die aktuelle Dynamik in der Familie war mitunter durchaus interessant zu beobachten. Ausgerechnet Sebastian, der sich sonst immer aus allem heraushielt, forderte jetzt ein, dass Vater Hinrich auf ihn hören sollte und sogar Heiner stand ihm dabei zur Seite. Selbst, wenn er etwas zurückhaltender als der Jüngere agierte. Zusammen mit Rosanna, Martina und Christina gab es also mehr als genug Leute in diesem Raum, die Hinrich Preuss den Kopf waschen konnten. Drum beschloss Dominik, diesmal nicht bis zum Abend mit der Rückfahrt zu warten.

„Ich muss heute etwas früher los“, sagte er also in den Tumult hinein, stand auf und holte Sebastian aus dem Konzept, als er mit einem Schulterklopfer hinter ihm langging.

„Wasn jetzt los?“, murrte der zwar, aber der Lockenkopf grinste nur.

„Ich hab Frido versprochen, dass er heute mal nicht mit dem Taxi nach hause muss“, trat er aus der zweiten Reihe ans Bett heran.

„Morgen komm ich wieder“, drückte er seinem Vater die Schulter und strich seiner Mutter mit einem „Schreib mir nachher einfach, ob ich dich abholen soll oder ob einer von den Beiden dich fährt, ja?“ über den Rücken. Überrascht waren seine Eltern, aber während Rosanna lächelte, schien Hinrich vor allem froh, einen Quälgeist weniger in den Ohren liegen zu haben. Und genau das schien Sebastians Problem.

„Ey, wir sind hier noch nicht fertig mit der Diskussion!“, forderte er Schulterschluss, was Dominik allerdings eher zum Lachen brachte.

„Nichts für ungut, aber ihr seid zu fünft! Das könnt ihr auch ohne mich klären“, klopfte er dem Mittleren noch einmal auf den Rücken, ehe er nach einem Nicken für die restliche Familie aus dem Zimmer verschwand. Beschwingten Schrittes lief er den Flur entlang, lächelte Leuten zu, die ihm entgegen kamen und erlaubte sich im Fahrstuhl endlich darüber zu lachen, dass niemand seinen kleinen Quell der Freude entdeckt hatte.

„Das war echt ne gute Idee“, griff er sich unters Haar und drehte die Musik in seinen schnuckeligen unscheinbaren Kopfhörern lauter, die er zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Für diesen Einfall stand Frido wirklich eine Belohnung zu! Eine Katastrophe hatte Dominik am Vortag noch vorausgeahnt, als er mit der Info heimgekehrt war, dass für diesen Freitag großer Familienrat mit Intervention für seinen sturen alten Herrn auf dem Plan stand. Wie hätte er das bloß händeln sollen, war seine größte Sorge gewesen und da hatte Frido ihm das gesagt, was er so gern mal vergaß: Dass er nicht für alles zuständig war. Und dass er aus diesem Krankenhausbesuch einfach ein kleines Musical machen sollte. In angenehme Musik getaucht, sah die Welt schon ganz anders aus! Und damit hatte Frido genau richtig gelegen! Was würde er bloß tun, wenn sein Freund ihn nicht immer so erden würde, dachte Dominik sich, als er zum Auto schlenderte und sich schnurstracks auf den Weg zu seinem Liebsten begab, nicht ahnend, wie sehr auch der gerade ein Wiedersehen gebrauchen konnte. Katastrophal war der Tag für Frido nämlich verlaufen und umso mehr ersehnte er den baldigen Feierabend und Start in die Semesterferien. Am Morgen hatte er seinen Kurs verschieben müssen, weil ein Wasserrohrbruch einen Teil der unteren Räume unbenutzbar gemacht hatte und er stattdessen beim Wasserschippen geholfen hatte. Gegen Mittag war ihm eine gewisse Kollegin dann wieder so auf den Zeiger gegangen, dass er ihr fast einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet hätte und am Nachmittag war zumindest für ihn der Unibetrieb wieder in normalen Bahnen abgelaufen, da die beiden letzten Kursräume nicht von dem Unglück betroffen waren. Dafür hatte sich dann die Technik gegen ihn verschworen, sodass er sein Improvisationstalent zur Schau hatte stellen dürfen, um den Unterricht trotzdem noch wie geplant abzuhalten und im letzten Seminar war er schließlich vor Fragen beinahe untergegangen. Ein Kurs Erstsemester mit einigen Studenten von der ganz akribischen Sorte, die beinahe abendfüllend noch einmal alles durchkauen wollten, was es bei den Semesterarbeiten zu beachten gab. Könnte hypothetisch dies oder wäre theoretisch das…? Da hatte Frido sich doch ein wenig gefragt, ob seine Aufgabenstellung zuvor so unverständlich ausgefallen war oder ob sie ihn einfach nur in den Wahnsinn hatten treiben wollen. So oder so empfand er jedenfalls nichts als Erschöpfung und Erleichterung, als er sich am Ende des Kurses in die Ferien verabschieden konnte. Eilig verschwand er aus dem Seminarraum, um sein Büro ins Visier zu nehmen. Jetzt nur noch die Jacke schnappen und dann nichts wie weg, dachte er sich. Doch kaum stand er an seinem Schreibtischstuhl und griff den Stoff, den er am Morgen so fein säuberlich über der Rückenlehne drapiert hatte, wollte schon wieder einer was von ihm.

„Herr Klimlau?“, hörte er hinter sich und seufzte innerlich aus. Warum bloß, fragte er sich im Geiste, während er Luft holte und versuchte, die Antwort nicht allzu genervt klingen zu lassen.

„Tut mir leid, ich muss jetzt direkt zu einem Termin weiter. Also wenn es nicht allzu dringend ist…“, murmelte er betont gehetzt, während er sich in die Jacke schmiss und über die Nachfrage des Studenten stutzte.

„Termin? Was denn für einer um diese Uhrzeit?“, war die gezeigte Neugierde nicht nur höchst unverschämt, sondern die dazugehörige Stimme auch recht bekannt.

„Witzbold“, drehte Frido sich zur Tür und schaute zu seinem schmunzelnden Lockenkopf, der lässig an den Türrahmen gelehnt stand.

„Treffen Ernest und du euch heute früher?“, nahm er die Hand aus der Hosentasche und nickte, als Frido ihm erklärte, warum er schnell aus dem Gespräch hatte raus wollen.

„Das ist hier heute das reinste Irrenhaus“, seufzte der Dozent, während er die Jacke fertig anzog und stutzte erneut, als Dominik die Tür zu zog und das Schloss verriegelte.

„Schon gut, ich bin fertig. Wir können los“, griff er seine Tasche und ging auf Dominik zu, doch der machte keine Anstalten, den Weg frei zu geben.

„Sollen wir nicht lieber warten, bis auch wirklich alle weg sind oder hoch konzentriert im Atelier sitzen? Nur, um auf Nummer sicher zu gehen“, legte er ihm die Arme um den Nacken und schmunzelte, als Frido verwundert die Augenbrauen hob.

„Du wirkst gut gelaunt. Dann lief der Besuch trotz Familientreffen prima?“, legte er die Hände an Dominiks Seiten und begann endlich zu begreifen, als dessen Schmunzeln immer breiter wurde.

„Oh, ach so…“, flüsterte er, während ihm unter Dominiks Blick abwechselnd warm und kalt wurde.

„Ich war die letzten Tage über ziemlich viel mit den Gedanken bei Paps und hab dich ein bisschen vernachlässigt. Das sollte ich dringend wiedergutmachen, findest du nicht?“, fegte der Lockenkopf dann auch noch den kleinsten Zweifel beiseite – zumindest fast.

„Dann nichts wie weg hier!“, griff Frido zum Schlüssel, aber Dominik fasste sein Handgelenk und schüttelte grinsend den Kopf.

„Ich will nicht erst noch durch die halbe Stadt gurken. Entweder hier oder im Auto“, arbeitete er seine Prioritäten klar heraus und ließ Frido nicht zuletzt durch einen beherzten Griff wissen, dass Widerworte in diesem Fall nicht gewünscht waren.

„A… also eigentlich hatten wir ja gesagt, nicht mehr in der Uni…“, schluckte der, aber hatte er sich nach so einem harten Tag nicht eine kleine Ausnahme redlich verdient?

„Dann lieber im Auto?“, neckte Dominik ihn dennoch, obwohl er die Antwort eigentlich bereits kannte und lachte auf, als Frido sich von ihm losmachte.

„Auf gar keinen Fall noch mal im Auto! Hast du vergessen, wie unbequem das war?“, schüttelte er energisch den Kopf und eilte zum Fenster, um die Rollos zu schließen. Zuschauer brauchten sie schließlich keine!

1.2.2025: Bauchmensch

Es war ein seltsames Gefühl, wenn man bei etwas immer einer festen Überzeugung gewesen war und dann plötzlich die Einsicht kam, dass man damit völlig falsch gelegen hatte. Beispielsweise, wenn es den eigenen Charakter betraf oder die Art, wie man an Dinge heranging. Grüblerisch, wie er nun einmal war, hätte Dominik bis vor kurzem nicht einmal im Traum daran gedacht, sich selbst als Bauchmenschen zu bezeichnen. Doch als dieses Thema beim letzten Treffen mit Ernest zufällig aufgekommen war, hatte er sich in einer skurrilen Situation wiedergefunden, kaum, dass ihm der Ausspruch „Ich bin ein totaler Kopfmensch!“ über die Lippen gekommen war. Da hatte der Arzt für seine Verhältnisse regelrecht losgeprustet, während Frido sich an seiner Brezel verschluckt hatte, und eins war für sie beide unumstößlich klar gewesen: Dominik war vieles, aber sicherlich kein Kopfmensch. Diese Beschreibung fiel wohl eher einem anderen in der Runde zu, der um seine Einschätzung zur Lage auch keinen Hehl gemacht hatte. Seiner Ansicht nach waren die Punkte, die Dominik an sich selber als kopflastig betitelte, wohl in erster Linie dessen Vergangenheit zuzuschreiben. Ein notwendiges Verhalten, das ohne sein geringes Selbstvertrauen vielleicht nie so ausgeprägt hätte heranwachsen müssen, um eben jene Aspekte im Zaum zu halten, die ihn zu einem Bauchmenschen machten: Allem voran war da ja seine große Emotionalität zu nennen, die er nach außen hin vielleicht ganz gut zu verbergen gelernt hatte und innerlich doch immer wieder von ihr mitgerissen wurde. Wäre er gerade im beruflichen Kontext heute dort, wo er stand, wenn er nicht seiner Intuition gefolgt wäre? Trotz aller Widerstände? Und dann sein Gespür für Leute, das er sich selbst so gerne mal aberkannte. Er wog nicht einfach nur Fakten mit Vor- und Nachteilen ab und seine Beobachtungsgabe hing vielleicht auch, aber nicht ausschließlich mit dem Verhindern misslicher Lagen zusammen. Er war mitfühlend, auch wenn er sich gerne mal versuchte rational zu geben und eigentlich hegte er großes Interesse daran, die Menschen zu verstehen und kennen zu lernen. Zumindest die, die ihm wichtig waren und solange man ihn ließ.

Und während Dominik nun so da saß, dieses Gespräch mit dem Arzt ein wenig hatte sacken lassen und seine Eltern beobachtete, begann sein Kopf unweigerlich damit, eine weitere Unterhaltung von vor ein paar Tagen mit in seine Überlegungen zu weben. Zurückblickend auf ihre bisherigen Zusammentreffen, war der Lockenkopf bei seinem Vater auch immer sicher gewesen, dass er genau wisse, was er von ihm halten und denken musste. Da waren die kurzen Umarmungen etwas gewesen, das er als zeitweises Einknicken des alten Preuss’ gesehen und der aktuellen Situation zugeschrieben hatte. Natürlich hatte er sie genossen und wünschte sich weiterhin ein stärkeres aufeinander Zugehen, aber ein Teil von ihm ging auch davon aus, dass jetzt nach seiner Rückkehr in die Familie und im Anschluss an die OP bald wieder alles in bekannten Mustern verlaufen würde. Oder ein dauerhaftes Annähern höchstens in Form von gegenseitiger Ignoranz stattfinden könnte, solange er es schaffte, aus Provokationen keine Streitereien mehr werden zu lassen. Aber war er damit vielleicht doch auf dem Holzweg gewesen? So ganz konnte er die Worte seiner Mutter noch nicht annehmen, aber seine Neugierde war dennoch ungebrochen, genauso wie sein Wunsch, doch noch langfristig einen besseren Draht zu seinem alten Herrn zu bekommen.

„Paps?“, fasste er sich also ein Herz, als sein Vater endlich den Stapel Unterlagen sinken ließ, die natürlich keinen Aufschub bis zu seiner Entlassung gewährt hatten. Unbedingt hatten sie noch mit ins Krankenhaus gebracht werden müssen, obwohl es sich jetzt, am Montag, höchstens noch um Stunden handeln konnte, bis Hinrich Preuss diesen verhassten Kasten endlich verlassen durfte. Aber wenn er seine Zeit am Wochenende schon mit Nichtstun hatte verplempern müssen, wollte er wenigstens jetzt etwas Sinnvolles leisten, während seine Frau bereits seine Reisetasche zusammenpackte! Seltsamerweise war er nach den letzten paar kleinen Spaziergängen allerdings gar nicht mal mehr so erpicht darauf gewesen, das mit dem Packen selber vorzunehmen und begnügte sich nun lieber damit, auf dem Bett zu sitzen. Aber dort war er nun wieder König, stand in Saft und Kraft und strotzte vor Energie!

„Was?“, knurrte er also auch hoheitlich auf die Frage seines Sohnes hin und kontrollierte seine Dokumente, ob er auch ja nichts übersehen hatte.

„Wolltest du eigentlich schon immer Klempner werden?“, fragte Dominik in das Geraschel der Zettel hinein und plötzlich durchzog eine seltsame Stille den Raum. Sein Vater stutzte und schaute ihn an, als habe der Lockenkopf gerade gefragt, ob sie vor Verlassen des Krankenhauses noch eine Kissenschlacht machen wollten und seine Mutter hielt im Packen inne, um zu beobachten, was nun wohl geschehen würde. Schweigend schaute sie von einem zum anderen, während ihr Mann sich fasste und wieder seine Unterlagen griff.

„Natürlich stand von Anfang an fest, dass ich die Firma übernehm! Ich war immerhin der Älteste, das weißt du doch!“, murrte er dabei und zog die Augenbrauen noch krauser als sonst, aber seine Rosanna begann zu schmunzeln.

„Ich glaube, er möchte wissen, ob du dir auch einen anderen Beruf hättest vorstellen können“, half sie ihrem Gatten ein wenig auf die Sprünge, obwohl sein missmutiger Blick zu ihr vermuten ließ, dass er die Frage vielleicht auch ohne ihr Zutun verstanden hatte. Doch das hätte er ja nicht einfach so zugeben können. Also griff er auf bewährte Mittel zurück.

„Wieso willst du was wissen?“, murmelte er, während er die Nase in seine Dokumente steckte und sich halblaut darüber beschwerte, dass er so lange auf die Entlassungspapiere warten musste. Sauladen! Als hätte er nichts besseres zu tun! Aber Dominik ließ sich davon nicht abschrecken. Als Rosanna ihm kaum merklich zunickte und dann wieder dem Gepäck zuwendete, rutschte er näher auf die Kante des Stuhls und schob die Hände ineinander.

„Nur so. Ich… hab mich einfach gefragt, ob Klempner schon immer dein Traumberuf war oder du dir auch was anderes hättest vorstellen können“, sagte er dabei und zuckte leicht die Schultern, doch sein Vater schnaubte verächtlich aus.

„Traumberuf“, äffte er seinen Sohn nach.

„Ich musste mich um die Firma kümmern! Da war keine Zeit für irgendwelche Träumereien!“

Er schüttelte den Kopf und meckerte darüber, dass er seine Unterlagen durcheinander gebracht hatte, um sich dann darüber zu beschweren, dass es mit seinem Versuch, sie zu sortieren, nur noch schlimmer wurde. Und wieso ließ der Arzt sich immer noch nicht blicken oder sonst irgendwer, der ihm verdammt noch eins bescheinigte, dass er endlich nach hause gehen konnte? Er schnaubte aus und stützte die Hände auf die Hüften, um dann ein wenig stutzig zu werden, als er bemerkte, dass seine Frau ihn die ganze Zeit über schweigend betrachtete.

„Was?“, konnte Dominik ihn zwar fragen hören, doch dieses Mal reagierte er nicht darauf. Stattdessen starrte er inzwischen auf sein Handy, um die Wartezeit auf seine Art rum zu bekommen. Allerdings schien er dabei immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit zu geraten, wie er feststellte, als sein Vater plötzlich sagte: „Der hört doch eh nicht mehr zu!“. Aber da hob er den Kopf. Erst zu seinem Vater, der zur Antwort die Augen verdrehte und dann zu seiner Mutter, die ihren Hinrich liebevoll, aber auf ihre Weise auffordernd anschaute. Einen sanften Tadel hätte man es nennen können. Hatte auch sie nach all den Jahren des Zwists zwischen Vater und Sohn noch gelernt, wie sie ihren Hinrich in diesem Punkt behandeln musste oder nahm sie einfach nur dankend an, dass er auf seine Weise inzwischen weicher geworden war, wenn es um Dominik ging? So oder so verfehlten ihre schweigenden Worte nicht ihre Wirkung.

„Ja, was weiß ich! Florist vielleicht! Jetzt zufrieden?!“, knurrte ihr Gatte also und machte eine wegwerfende Handbewegung, als er den verwunderten Blick seines Sohnes auf sich spürte.

„Florist?“, wiederholte der leise und ungläubig, wohingegen sein Vater sich dadurch noch genervter zeigte.

„Ja, verflucht noch eins! Hab ich doch gerade gesagt! Wasch dir die Ohren!“, nuschelte er in das Gewühle mit seinen Unterlagen hinein, bis er sie schließlich vollends satt hatte und als bunten Haufen in ihre Mappe warf. Er verschränkte die Arme vor der Brust und schaute im Zimmer umher, um dann erst recht zu brummen, weil er die Blicke bemerkte, die noch immer auf ihn gerichtet waren.

„Meinetwegen! Gebt ihr dann endlich Ruhe?!“, gab er sich also geschlagen und schaute missmutig von seiner Frau zu seinem Sohn, der langsam sein Handy sinken ließ.

„Uns gings damals nicht so gut wie euch! Taschengeld gabs nicht oder dafür bezahlt werden, wenn wir als Blagen in den Ferien mitgeholfen haben! Das war selbstverständlich, dass im Betrieb mit angepackt wurde! Also mussten wir uns was anderes überlegen, wenn wir uns ein bisschen was dazu verdienen wollten. Jannis hatte damals einen aus der Bauernschaft in der Klasse und konnte bei dem aufm Hof aushelfen und ich bin zum Floristen um die Ecke gegangen. Da an der Hohenstraße, wo heute der Selbstbedienungsbäcker drin ist, hatte der seinen Laden“, begann er noch immer recht unwillig zu erzählen und schaute knurrig aus dem Fenster, als Rosanna in seine Geschichte mit einstimmte.

„Von den Sträußen, die nicht verkauft wurden, durfte dein Vater mir manchmal einen mitbringen und die waren wirklich wundervoll. Ganz egal, ob es die großen mit den langstieligen Rosen waren oder die kleinen gemischten“, schloss sie den Schrank und ging zu ihrem Hinrich, der ihr mit seiner Reaktion nur ein lächelndes Kopfschütteln abringen konnte.

„Sollte ja auch wohl so sein! Schließlich hatte der Alte seinen Meister und war über fünfzig Jahre im Geschäft! Wenn so einer keine Sträuße gebunden kriegt, weiß ich auch nicht…“, murrte er und zog die Schultern hoch, als Rosanna sich zu ihm setzte und an ihn lehnte. Aber auch, wenn ihm dieses Geturtel sichtlich unangenehm war, ließ er es über sich ergehen.

„Dein Vater stellt sein Licht unter den Scheffel. Viele der Sträuße für mich hatte er selber gebunden“, schmunzelte sie über seine Griesgrämigkeit, während er mit einem „Papperlapapp!“ darauf reagierte. Doch auch, wenn er das Thema jetzt als beendet ansah, war Dominik nun umso neugieriger.

„Wie lange hast du dort gearbeitet? Bis du die Ausbildung angefangen hast?“, erkundigte er sich wieder schnaubte sein Vater aus.

„Meinst du vielleicht, ich hätte als Lehrjunge Gehalt bekommen? Dein Großvater hat damals drauf bestanden, dass ich bei ihm in die Lehre gehe! Klamotten und Arbeitsmaterial wurde gestellt, den Rest vom Lohn hat er einbehalten. Essen und Dach überm Kopf bekam ich ja eh von zuhause aus, da brauchte ich keine zusätzliche Bezahlung“, schüttelte er den Kopf und zuckte die Schultern, ehe er wieder aus dem Fenster schaute. Und Dominik blickte ihn schweigend an. War das der Grund, warum sein Vater immer auf Lehrherren schimpfte, die ihre eigenen Kinder ausbildeten?

„Dein Vater hat sich bis zum Beginn seines Zivildienstes was in dem Blumenladen dazu verdient. Dann musste er damit leider aufhören“, beantwortete stattdessen seine Mutter die noch ausstehende Frage zum Ende der Tätigkeit als angehender Florist und lockte bei ihrem Sohn damit nur noch mehr die Neugierde hervor.

„Du hast Zivildienst gemacht? Ich hätte gedacht, dass du auch zur Bundeswehr gegangen bist“, schaute Dominik seinen Vater schon wieder ungläubig an und erhielt dafür schon wieder ein abwertendes Schnauben.

„Als ob dein Großvater das mitgemacht hätte! Nur, weil dein Onkel zum Bund abgehauen ist, sobald er alt genug war, musst du nicht glauben, dass es bei mir da überhaupt irgendwelche Diskussionen gab! Nach der Arbeit und am Wochenende wurde weiter in der Firma ausgeholfen und das ging ja wohl schlecht, wenn ich vielleicht irgendwo am Arsch der Welt stationiert gewesen wäre! Ich durfte Danke sagen, dass ich freitagsabends in die Disco gehen konnte oder sonntags Zeit hatte, um mich… du weißt schon!“, sprach er unbehaglich und schaute dabei vielsagend zu seiner Rosanna, die ihm zart über den Unterarm strich, während Dominik anfing zu grinsen.

„Um dich mit Mama zu treffen?“, legte er den Kopf schief und biss sich auf die Lippen, als Hinrichs mahnender Blick ihn traf. Nun war aber mal gut mit der Fragerunde, schien er zu sagen und unterstrich seine Abwehrhaltung mit den passenden Worten, als seine Frau ihn ermuntern wollte, noch ein bisschen mehr aus dem Nähkästchen zu plaudern.

„Schluss jetzt mit der Märchenstunde! Die alten Kamellen interessieren doch keinen mehr!“, machte er sich los und rutschte vom Bett, um sich und seiner Blase eine kleine Pause von dieser Belagerung zu gönnen. Doch Rosanna ließ das Gespräch nicht so abrupt enden, wie ihr Hinrich es gerne gehabt hätte.

„Siehst du?“, sprach sie stattdessen leise zu ihrem Jüngsten und ging auf ihn zu, um seine Hand zu drücken und ihn anzulächeln.

„Ihr habt mehr gemeinsam, als man manchmal meint“.

2.2.2025: woke

„Wenn der nicht bald kommt, hauen wir einfach ab!“

Ja, mit der Geduld war es so eine Sache. Manchmal konnte sie unermesslich sein und scheinbar für Ewigkeiten andauern. Dann konnte er stundenlang an der Lösung von Problemen tüfteln und sich dabei nicht eine Sekunde aus der Ruhe bringen lassen. Aber manchmal genügte bereits eine Kleinigkeit, damit seine Geduld anfing dahin zu fließen, erst unscheinbar wie ein kleines Rinnsal und dann zunehmend, bis seine Ungeduld zu einem reißenden Fluss wurde.

„Mir reichts, wir gehen jetzt!“, wuchs seine Unzufriedenheit über die Lage nun im Eilschritt an und nicht zum ersten Mal an diesem Tag musste seine Rosanna intervenieren, damit er nicht ebenso flott das Krankenhaus verließ.

„Vielleicht ist er ja gerade in einer Operation. Ich geh mal im Schwesternzimmer fragen“, legte sie also die Hand auf Hinrichs, als er seine Reisetasche greifen wollte und gab ihm stattdessen die Zeitung zu fassen.

„Die hast du doch noch nicht gelesen, oder? Ich bin gleich zurück“, tätschelte sie seine Wange und entschwand unter seinem murrenden „Steht doch eh nur Mist drin!“ aus dem Zimmer. Ihr Mann schaute angewidert auf die Papiersammlung, während ihr Sohn schmunzelnd die Szene beobachtet hatte. Genervt war sein Vater und doch setzte er sich gehorsam auf die Bettkante, faltete die Zeitung auf und sah sich auch schon auf der ersten Seite in seiner Annahme bestätigt.

„Was ist das denn schon wieder fürn Quatsch?!“, murrte er gleich nach den ersten paar gelesenen Zeilen und entlockte Dominik damit dieses Mal mehr als nur einen fragenden Blick. Fast eine Stunde war ihre letzte Unterhaltung inzwischen her und da konnte er den Chatverlauf mit Frido guten Gewissens einmal beiseite legen.

„Was hast n da?“, ließ er das Smartphone also sinken und schaute aufmerksam zu seinem Vater, der sich kopfschüttelnd über die Zeitung beklagte.

„Die woken Bloggerinnen und Aktivistinnen… was soll das denn schon wieder sein?!“, lies er ein paar Worte vor und schien sich ernsthaft zu fragen, ob er eine Ausgabe in fremder Sprache erwischt hatte. Doch schnell bestätigte ihn sein Sohn in seiner anderen Vermutung: Es war einfach nur irgendwelches neumodisches Zeugs!

„Zeig mal…“, stand Dominik vom Stuhl auf und ging zu seinem alten Herrn hinüber, um mit in die Zeitung zu schauen und ihm dann zu übersetzen, was dort geschrieben stand.

„Woke meint, dass man sich stark gegen Diskriminierung einsetzt. In diesem Fall heißt das, dass die Aktivistinnen gegen sexualisierte Gewalt demonstriert haben, weil das heutzutage immer noch für viele Frauen ein großes Problem ist“, erklärte er und schmunzelte, als sein Vater auch das Gehörte als höchst nervig empfand.

„Kann man das dann nicht auch so schreiben?! Muss man mit irgendwelchen Begriffen um sich schmeißen, die kaum ein Schwein kennt? Als ob man die Leute erreicht, wenn sie beim Lesen ein Wörterbuch brauchen, um zu kapieren, was da steht! Und sich dann wundern, dass sich kein Arsch für solche Themen interessiert!“, schüttelte er den Kopf und war sichtlich geneigt, die Zeitung einfach wieder beiseite zu pfeffern, als auch der Rest des Textes und der darauf folgende formell betrachtet wenig seinen Ansprüchen genügte.

„Na ja, Sprache entwickelt sich“, zuckte Dominik hingegen die Schultern und ließ sich neben seinem Vater nieder, während der die nächsten Seiten durchblätterte. Wenigstens die Fußballergebnisse konnte man sich zu Gemüte führen, ohne dabei über irgendwelche unbekannten Begriffe zu stolpern. Doch dafür brachte ihn nun etwas anderes zum Stutzen.

„Find ich übrigens gut, dass du jetzt doch ne teilstationäre Reha machst, Paps. Sagt ihr mir Bescheid, wenn die Krankenkasse sich meldet, wann es losgehen kann? Falls du jemanden brauchst, der dich fährst, kann ich dann vielleicht einspringen. Du wirst ja bestimmt so lange auf den Platz warten müssen, dass ich dann schon in England bin“, murmelte Dominik, aber es waren nicht einmal seine Worte, die seinen alten Herrn in Irritation versetzten.

„Was ist das denn heute mit euch?!“, zuckte er vielmehr die Schulter, an die sein Sohn sich plötzlich so selbstverständlich gelehnt hatte, ohne ihn damit verscheuchen zu können. Viel zu gerne nutzte der Lockenkopf es, dass sein Vater nicht sofort fluchtartig vom Bett sprang oder ihn von sich stieß. Schließlich musste man die Gelegenheiten beim Schopfe packen, wenn sie sich einmal ergaben!

„Ich schätz mal, das ist einfach Mamas und meine Art, dir zu zeigen, dass wir dich mögen“, schmunzelte er also nur, statt auf Abstand zu gehen und schaute doch etwas verdattert aus der Wäsche, als sein Vater nun doch abrupt zur Seite rutschte und der Lockenkopf dadurch den Halt verlor.

„Als Hosenscheißer wolltest du auch ständig auf den Arm. Ich dachte, das gibt sich irgendwann!“, murmelte er dabei und widmete sich dabei wieder seiner Zeitung, während Dominik sich aufrappelte. Glücklicherweise war er ja weich auf die Matratze gefallen.

„Opa Winfried hats nie gestört. Der hat sich gefreut, wenn ich mit ihm kuscheln wollte“, setzte er sich in den Schneidersitz und schaute halbherzig auf die Postille, die sein Vater nun umso konzentrierter studierte. Sein Lieblingsverein hatte einen Sieg eingefahren, aber so richtig darüber freuen konnte er sich dieses Mal wohl nicht.

„Haben auch schon mal besser gespielt…“, nuschelte er beim Blick auf den Spielstand und ließ dann genervt die Zeitung sinken.

„Was?“, wendete er sich also doch endlich wieder seinem Sohn zu, nachdem dessen stummes Starren immer lauter wurde und sich nicht mehr verhehlen ließ, dass sein Interesse eigentlich mitnichten den geschriebenen Zeilen galt. Wann würde er wohl das nächste Mal so persönlich mit seinem Vater sprechen können, wenn der sich erst einmal wieder mit Anlauf in die Arbeit stürzte?

„Hat Opa Hinrich euch auch nie auf den Arm genommen, als ihr noch klein wart? Oder euch vorm Einschlafen mal eine Gutenachtgeschichte erzählt?“, fragte er also und fürchtete im nächsten Moment trotzdem, dass er diese Frage lieber für sich hätte behalten sollen. Verärgert war nämlich gar kein Ausdruck für das, was sich auf die Züge seines Vaters legte und instinktiv zog Dominik die Schultern hoch, als sein alter Herr die Zeitung so abrupt sinken ließ, dass sie davon zerriss.

„Gutenachtgeschichte?! Den Arsch hätten wir voll bekommen! Mehr aber auch nicht! Ich hab euch drei nicht umsonst von klein auf eingetrichtert, dass ihr den Alten in Ruhe lassen sollt! Frag deinen Bruder, was immer los war, wenn er den scheiß Weihnachtsbaum umgerissen hat!“, rief er aus und wendete sich kopfschüttelnd den Papierfetzen zu, die nun natürlich noch schwerer zu entziffern waren.

„Gutenachtgeschichte…“, murrte er dabei und schnaubte aus, als Dominik sich nach kurzem Hadern nun auch noch nach seiner Großmutter erkundigte.

„Und Oma?“, fragte er behutsam und leise, hin- und hergerissen zwischen seiner Interessiertheit und der Sorge, seinen Vater damit zu sehr aufzuregen.

„Was ist damit?!“, knurrte der und verdrehte die Augen bei Dominiks Antwort.

„Wie war sie so? Opa… wollte ja eh nichts mit mir zu tun haben und dann hab ich mich nie getraut, ihn zu fragen. Und du hast auch nie viel über sie erzählt. War sie nett?“, wollte das Nesthäkchen wissen, das als einziges von dreien die früh gestorbene Großmutter nicht mehr kennengelernt hatte und eigentlich nur durch wenige Fotos und noch weniger Erzählungen etwas über sie wusste. Doch vielleicht hätte es die Sache dabei belassen sollen. Denn ob es diese Antwort wirklich hatte hören wollen?

„Die war froh, wenn sie ihre Ruhe hatte und der Alte abends zu müde war, um über sie rüber zu rutschen! Und um dir gleich mal den Zahn zu ziehen: Dich hätte sie genauso wenig leiden können wie deine Brüder! Für Stehpisser hatte die nie was übrig! Egal, obs ihre Söhne waren oder ihre Enkel! Nur für Jannis’ Kurze hat sie sich fast n Bein ausgerissen. Und jetzt halt den Rand! Ich hab die Schnauze voll von dem Thema!“, schaute Hinrich Preuss seinen Sohn eindringlich an, der die Frage einerseits bereute und andererseits froh war, sie gestellt zu haben. Denn je mehr er hörte, desto mehr begann er seinen Vater zu verstehen und warum der heute so war wie er war. Oder wie viel Überwindung es ihn kosten musste, auf seine Weise so auf seinen Jüngsten zuzugehen. Also nickte der Lockenkopf nur, um sich ansonsten wieder in Schweigen zu hüllen, während er sich freute, dass sein Vater trotz allem auf seine Fragen eingegangen war. Und so saßen sie still beieinander, lauschten nur manchmal dem Knistern der Zeitung, bis erst Rosanna zurückkehrte und kurz nach ihr auch der Arzt folgte. Aus dem OP geeilt und auf dem Weg zum nächsten Eingriff entließ er seinen ungeduldigen Patienten schließlich und das Warten war endlich vorbei.

3.1.2025: nachhallen

Und plötzlich war sie da, die Nacht vor seiner Abreise. Statt wie seine Kommilitonen bereits einige Tage vorm Start des Semesters für die Eingewöhnung zu nutzen, hatte er seinen Flug auf den spätestmöglichen Termin gelegt, um noch so viel Zeit wie er konnte mit seinen Liebsten zu verbringen. Jede freie Minute war er mit ihnen zusammen gewesen, hatte Nächte durchgemacht, um die Seminararbeiten dieses Mal so schnell es ging abzugeben und trotzdem fühlte es sich nun an, als wäre das viel zu wenig gewesen. In wenigen Stunden würde er im Flieger sitzen und allein beim Gedanken daran wurde ihm schlecht. Doch es lag nicht nur am Heimweh, das ihn bereits jetzt übermannte, obwohl er noch nicht einmal aufgebrochen war. Nein, ganz besonders der gestrige Tag arbeitete in ihm. Als er mit seinem „idiotischen Tiefflieger“ noch einmal einen Vormittag bei seiner Familie verbracht hatte und Frido danach nicht mehr von der Seite gewichen war. Lange hatten sie nach der Rückkehr in ihre Wohnung noch geredet und sich noch länger geliebt. Und trotzdem hallten jetzt nicht die Berührungen und Küsse in ihm nach, sondern ihr Gespräch und ganz besonders Fridos Worte – und mit ihnen Dominiks Frage, ob er die ganze Zeit über nur ein Narr gewesen war.

Noch vor seiner Abreise und damit vielleicht bereits viel zu spät, hatte er angesprochen, was ihm schon die vergangenen Wochen über zunehmend aufgefallen war und was er sich dabei zunächst trotzdem versucht hatte schönzureden. Seit ihrem Gespräch im Januar, bei dem er Frido überraschend im Atelier vorgefunden hatte, war sein Freund nicht mehr in diesem Raum gewesen. Statt seine Bilder wenigstens wieder einzupacken, verstaubten sie seitdem unangetastet und so, wie er sie auf dem Dachboden zurückgelassen hatte. Aber auch in die Drogerie war er nicht mehr gekommen, egal, wie oft Dominik ihn gefragt hatte, ob er ihn begleiten oder wenigstens besuchen wollte. Alles, was ihn irgendwie an früher erinnern konnte, schien Frido nun wieder zu vermeiden und auch, wenn er sich für Dominik gefreut hatte, als der in der Zwischenzeit zwei weitere Bilder verkauft hatte, war trotzdem dieses ungute Gefühl in dem Lockenkopf gewachsen: Das Gefühl, dass sein Frido in Wirklichkeit unglücklich war. Aber das Einzige, was der diesbezüglich von sich gab, war, dass er nicht darüber sprechen und sich nicht weiter damit beschäftigen wollte. Und damit drehten sie sich immer weiter im Kreis und bevor daraus wieder eine Spirale der Streitigkeiten geworden wäre, hatte Dominik lieber frühzeitig eingelenkt und sich mit ihrer innigen Zweisamkeit abgelenkt. Frido noch einmal ganz nahe sein und sich selbst einreden, dass alles gut war, wenn sein Freund sagte, dass es so wäre. Doch nun saß er da, lauschte dem gleichmäßigen Atem des Schlafenden und statt Erfüllung und Freude verspürte er nur zunehmende Leere und Enttäuschung. Hatte er sich im Wunsch nach einem gemeinsamen Leben in den vergangenen Stunden so aussichtslos an Frido geklammert, wie er es inzwischen schon seit Monaten mit seinen Hoffnungen für den Dozenten tat? Und war das unschöne Erwachen mit seinem fahlen Beigeschmack an diesem frühen Morgen wegweisend für ihre gesamte Beziehung? Machte er sich vielleicht schon von Beginn an etwas vor, in seiner Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit, wenn Frido ihm doch bereits so oft gezeigt hatte, dass er ihn nicht als gleichwertigen Partner sah? Ja, sich von alten Mustern zu lösen war schwer, aber nicht unmöglich. Nur musste man, um Erfolge zu erzielen, doch überhaupt erst einmal mit der Arbeit beginnen. Aber das wollte Frido partout nicht tun und wie sollte Dominik jemandem helfen, der es nicht zuließ? Der zwar mit ihm redete, aber dann, wenn es ernst wurde, doch wieder zumachte und ihn von sich weg schob? In diesem Fall konnte er ja nicht einmal einfach einen Arzttermin für eine Zweitmeinung vereinbaren, um Frido den nötigen Schubser zu geben. Und allmählich gingen ihm wirklich die Ideen aus, wie er Frido bei diesem einen kleinen und doch so wichtigen Thema beistehen konnte. Oder machte er sich wieder zu viele Gedanken? Nein, dachte Dominik. Er hatte seinen Frido ja erlebt, nach Berlin, an Silvester, im Atelier… Wie konnte man die Augen so sehr davor verschließen? Er seufzte aus und kauerte sich neben Frido zusammen. Und je weiter sich die Zeiger der Uhr dem Wecken näherten, desto weniger wusste Dominik, ob er sich überhaupt von ihm verabschieden konnte. Oder wollte.

Und Frido? Der ahnte nicht einmal, was neben ihm vor sich ging. Er genoss nach den vielen Liebkosungen und der Innigkeit das Land der Träume, um neue Energie zu sammeln. Früh musste er seinen Liebling schließlich zum Flughafen bringen und noch früher aus den Federn, um die über einstündige Fahrt rechtzeitig anzutreten. Und trotzdem fühlte er sich frisch und erholt, als ihn im Morgengrauen das Gezwitscher der Vögel sogar noch vor seinem Wecker begrüßte.

„Hab ich gut geschlafen…“, murmelte er mit einem zufriedenen Brummen, während er sich reckte und streckte und beim Blick zur Seite begann zu schmunzeln. Natürlich war sein Lockenkopf schon wieder viel zu früh aus dem Bett gesprungen, um sich fertig zu machen! Es war so typisch, dass er nicht bis zum Klingeln des Weckers hatte warten können! Dann würde er sich noch ein wenig zu ihm unter die Dusche schleichen, bis es wirklich ernst wurde, dachte Frido. Doch sein Grinsen und die schmutzigen Gedanken waren auf einen Schlag wie weggewaschen, als er beim Aufstehen zum Wecker schaute.

„Was zum…?!“, starrte er zu den roten Ziffern, um sich in der nächsten Sekunde auf den Lichtschalter zu stürzen.

„Nein, das kann nicht…!“, zeigte auch seine Armbanduhr keine andere Uhrzeit an.

„Scheiße!“, eilte er aus dem Zimmer, um sich auf die Suche nach seinem Lockenkopf zu begeben. Warum hatte er ihn nicht geweckt?!

„Dominik?“, rief er aus und polterte durch die Wohnung. Doch als er seinen Liebsten auch im letzten Zimmer, dem Bad, nicht fand, hielt er inne. Und da fiel es ihm auch auf: Es war ruhig, zu ruhig. Und zu leer! Keine Schuhe, keine Jacke und vor allem kein Gepäck! Nur ein Schlüsselbund statt zwei auf der Kommode und die Wohnungstür trotzdem abgeschlossen.

„Das… der… der verarscht mich doch, oder?“, eilte Frido in die Küche und angelte sein Handy von der Arbeitsplatte.

„Komm schon!“, beschwor er es, als das quälend lange Tuten in seinem Ohr hallte. Eine gefühlte Ewigkeit verging, bis er endlich das leise „Hi“ vom anderen Ende der Leitung hörte.

„Dominik, wo steckst du? Warum hast du mich nicht geweckt?!“, rief Frido sogleich aus, doch im Hintergrund konnte er die Antwort bereits hören.

„Sind das Durchsagen? Bist du schon am Flughafen?!“, konnte er es noch immer nicht fassen und wartete darauf, dass er aufwachte. Aber der Alptraum ging weiter.

„Ich bin mit dem Taxi gefahren“, antwortete sein Freund und für einen Moment stand Frido der Mund offen.

„Wa… Du… Das ist grad n Scherz, oder?“, schaffte er es nur langsam, sich zu fassen und noch langsamer, die Situation zu begreifen. Er schüttelte den Kopf und ließ sich schwer auf einen der Küchenstühle sinken, während er eine Weile nur Hintergrundrauschen und Lautsprecheransagen hörte.

„Dominik?“, war er nicht einmal mehr sicher, ob der Lockenkopf überhaupt noch am Handy war oder nur vergessen hatte, den roten Hörer zu betätigen. Doch dann meldete er sich endlich wieder zu Wort.

„Ich kann dich grad nicht umarmen und küssen und so tun, als wäre alles in bester Ordnung. Oder als wäre unser einziges Problem, dass ich dich die nächsten Wochen nur übers Display sehe“, sprach er leise, fast zu leise und mit belegter Stimme, sodass es Frido immer schwerer fiel, ihn zu verstehen. Noch einmal schüttelte er den Kopf.

„Ich versteh ja, dass du Angst vor dem Auslandssemester hast, aber ich hab dir doch gesagt, dass ich dich jedes Wochenende besuchen komme! Die Zeit wird in Nullkommanichts rum sein und dann bist du wieder hier!“, rief er aus und sprang wieder auf, kaum, dass er sich hingesetzt hatte. Er lief im Zimmer auf und ab, während er Dominik sagen hörte, dass es darum nicht ginge. Und worum dann?

„Dominik, was ist los? Red mit mir!“, forderte Frido endlich eine Aussage, mit der etwas anfangen konnte, doch sein Lockenkopf verwirrte ihn immer mehr, als er plötzlich mit ungeahnter Kraft ein „Das tu ich doch!“ in den Hörer brüllte. Der Ältere zuckte erschrocken zusammen und der Jüngere brach nicht nur wortwörtlich sein Schweigen.

„Ich versuch seit Monaten mit dir zu reden, aber du hörst einfach nicht zu oder du blockst ab! Genau darum geht’s doch, Frido!“, platzte es aus ihm heraus und brachte Frido damit zum Stehen. Ungläubig war er noch immer, aber dieses Mal war es eine andere Art des Unverständnisses.

„Jetzt sag mir nicht, es geht schon wieder…“, begann er müde und erschöpft, ganz im Gegensatz zu Dominik, der immer aufgebrachter wurde.

„Doch!“, unterbrach er seinen Freund „Genau um das Thema geht’s und um nichts anderes! Ich mach dieses dämliche Auslandssemester doch nur, damit du endlich mal in dich gehst! Du sollst nicht jedes Wochenende her kommen und dich weiter ablenken, sondern mal in dich gehen und dir klar werden, wie es weitergehen soll! Mit dir und mit uns! Frido, bitte!“.

Ja, dachte Frido, während er ihn sprechen hörte. Er konnte Dominiks zunehmende Verzweiflung hören, doch noch viel mehr hörte er etwas anderes in seinem Inneren dabei nachhallen. Und das weckte Gefühle in ihm, die er lange nicht mehr gespürt hatte.

„Weißt du, bei Patrick wars im Endeffekt irgendwann ja genau so…“, war nun er derjenige, dessen Stimme immer weiter verblasste und der für Verständnislosigkeit sorgte, selbst, wenn Dominik sie nur mit einem kleinen „Was?“ äußerte.

„Der hat mir ja auch nicht offen gesagt, dass er mich nicht mehr wollte, sondern hat ab einem gewissen Punkt nur noch nach Gründen gesucht, um nicht mit mir allein sein zu müssen“, sagte er und als Dominik nicht sofort antwortete, sah er es als Bestätigung, dass jetzt jeden Moment das Gespräch so feige abgebrochen würde, wie sich der Lockenkopf zuvor aus der Wohnung geschlichen hatte. Doch in Wirklichkeit brauchte Dominik nur einen Augenblick, um sich von dieser plump getarnten Unterstellung nicht mitreißen zu lassen. Was hätte er ihn jetzt gerne als Vollidioten betitelt!

„Gott, Frido, das ist grad nicht dein Ernst, oder? Darum gehts doch überhaupt nicht!“, sagte er stattdessen und rieb sich mit der freien Hand übers Gesicht, während vom Älteren die Frage kam, worum es dann ginge. Dominik schüttelte den Kopf und sackte in sich zusammen, während er versuchte, sich unter all den fremden Leuten um sich herum nicht zu sehr von dem Gespräch mitreißen zu lassen. Wie bescheuert musste er gestern gewesen sein, es des lieben Friedens willen runter zu schlucken, um nun stattdessen am Flughafen so eine Diskussion führen zu müssen!

„Wir drehen uns wirklich im Kreis… Du… Kannst oder willst du es nicht verstehen?“, griff er sich ins Haar, während nun Frido derjenige von ihnen war, der aufbrauste.

„Keine Ahnung. Vielleicht beides! Ich begreif nicht, dass du so ein Drama machen musst! Du weißt, dass ich dich liebe! Genügt dir das nicht?! Oder glaubst du mir meine Gefühle für dich nicht?!“, schallte es durchs Handy, dass Dominik es sogar ein Stück vom Ohr weghalten musste. Sein Bein zitterte und er schluckte, während er sich fragte, wie oft er es Frido noch erklären musste, bis der es endlich begriff.

„Ich sag ja, du hörst mir nicht zu…“, nahm er das Smartphone wieder näher an sich heran und seufzte, als Frido sich noch immer verständnislos zeigte. Er begriff es einfach nicht und auch, wenn Dominik schon ahnte, wo sie enden würden, versuchte er es noch einmal. Nach einem tiefen Atemzug.

„Ich hab dir doch von Paps erzählt… und davon, was ich aus unseren paar kleinen Gesprächen mitgenommen und dem, was ich beobachten konnte, wenn er mit uns zusammen war. Er liebt seine Familie auch, aber du weißt selber, wie er ist. Frido, guck ihn dir doch an! Das wird aus einem, wenn man sich einfach nur in sein Schicksal ergibt, anstatt es selbst in die Hand zu nehmen. Und genau das will ich nicht für dich! Ich will nicht, dass du dich einfach nur mit dem zufrieden gibst, wie es jetzt ist, sondern, dass du dabei auch glücklich bist! Und da geht es nicht nur darum, ob du mich liebst oder dich für mich freust, wenn ich Erfolg hab, sondern, ob du wirklich auf Dauer mit mir zusammen sein kannst!“, sagte Dominik zwar nur das, was Frido bereits in der Vergangenheit schon von ihm gehört hatte und fragte sich dennoch, warum er nicht zu dem Älteren durchdringen konnte. Und als der Dozent schon wieder anfangen wollte, das Gehörte abzuwiegeln, fuhr der Lockenkopf ihm über den Mund.

„Nein, Frido! Ich steiger mich nicht in irgendwas rein! Ich hab deine Blicke auf der Vernissage gesehen und es hat dir weh getan, als ich dir vom Verkauf der Bilder erzählt hab. Ich konnte es dir anmerken, Frido! Erzähl mir nicht, dass ich mir das nur eingebildet habe!“, krallte er die Finger nun nicht mehr in sein Haar, sondern in seine Jeans und ließ die Stirn beinahe gegen seine Knie sinken, als Frido darauf antwortete.

„Aber das… Dominik, es läuft doch gut zwischen uns! Red das doch nicht auf Krampf schlecht!“, klammerte er sich an seiner Überzeugung fest, dass der Lockenkopf sich allmählich wirklich fragte, ob er gerade mit einer kaputten Schallplatte sprach.

„Frido!“, fiel es ihm schwer, die Stimme gesenkt zu halten.

„Hör doch endlich auf, dir was vorzumachen! Die Kunst ist ein zu großer Teil von meinem Leben, als dass wir einfach weg ignorieren können, dass sie über kurz oder lang auch Einfluss auf unsere Beziehung nehmen wird! Es nagt doch jetzt schon an dir! Also bitte, Frido, bitte setz dich endlich damit auseinander! Versuch es wenigstens! Und mach es nicht wieder so halbherzig wie bisher! Und… und wenn du es nicht für dich tun kannst, dann… dann versuch es wenigstens für mich! Bitte!“, flehte der Lockenkopf, um dann ungläubig die Augen aufzureißen, als er Fridos Antwort hörte.

„Ich komm zum Flughafen“, entschied er und stapfte ins Schlafzimmer, während er Dominiks fassungsloses „Was?“ hörte.

„Ich bequatsch das nicht hier am Telefon! Und ich will wissen, was mit dir los ist! Das… das ist doch alles an den Haaren herbeigezogen, was du mir da grad erzählst! Du bist wegen deiner Abreise nervös oder so! Ich guck mir die Scheiß Bilder nicht mehr an, aber trotzdem hatten wir in den letzten Wochen eine gute Zeit! Ich hab meinen Frieden damit gefunden! Keine Ahnung, wie oft ich dir das noch sagen muss!“, riss er den Schrank auf und klemmte sich das Handy zwischen Schulter und Ohr, um in die Hose zu steigen und sich in die Socken zu quälen. Er hörte Dominik seufzen und konnte sich bildlich vorstellen, wie er den Kopf schüttelte. Doch er selbst blieb standhaft. Selbst dann, als sein Lockenkopf noch einmal meinte, dass er nicht zuhören würde und ihn fragte, ob er Silvester bereits vergessen habe. Und ja, da gab es diesen kleinen Stich in Fridos Inneren, der ihn stocken ließ. Doch so schnell, wie der Schmerz aufgekommen war, schob er ihn auch wieder beiseite.

„Ich muss mir nur kurz was anziehen, dann komm ich!“, stellte er das Handy auf Lautsprecher, um es aufs Bett werfen zu können, während er T-Shirt und Hemd griff. Aber kaum hatte er von Dominik noch ein „Nein, Frido“ gehört, war nur noch ein Tuten zu vernehmen.

„Du… willst du mich verarschen?!“, guckte er das Smartphone fassungslos an, ehe er es wieder griff und Dominik erneut anrief. Erschöpft klang der Jüngere, als er dieses Mal nach nur zwei Freizeichen wieder den Anruf entgegen nahm.

„Frido, bleib zuhause, bitte. Das schaffst du jetzt eh nicht mehr“, murmelte er und bat Frido, dass sie später noch einmal telefonieren sollten, wenn sie sich beruhigt hätten.

„Ich meld mich, wenn ich gelandet bin…“, sagte Dominik, aber dieses Mal wollte Frido sich nicht einfach so abwürgen lassen.

„Vergiss es! Wenn ich dich schon nicht besuchen darf, dann will ich mich wenigstens vernünftig von dir verabschieden!“, rief er aus und ließ keine Zweifel gelten, ob er den Flughafen noch rechtzeitig erreichen konnte. Natürlich würde er seinen Lockenkopf noch mal in die Arme schließen, ehe er in das Flugzeug stieg! Ganz egal, wie sie die letzten Minuten über miteinander gesprochen hatten! Da gab es gar kein Vertun!

Er wartete nicht mehr darauf, was Dominik vielleicht noch sagte, sondern hastete mit offenen Schuhen aus der Wohnung. Das Hemd falsch geknöpft und die Jacke halbherzig übergezogen, sprintete er die Treppe hinunter, rannte beinahe seinen Nachbarn aus dem Erdgeschoss über den Haufen, der gerade mit der Zeitung ins Haus zurück kam und sprang wie von der Tarantel gestochen ins Auto. Innerorts war er gute 10 km/h zu schnell und außerorts auch wohl an die 20, wenn er konnte. Vielleicht winkte ihm ein Knöllchen, weil er mehr als eine Ampel überfuhr, obwohl sie gerade auf dunkelgelb umsprang, aber das war ihm in diesem Moment egal. Er konnte es schaffen! Nein, er würde es schaffen! Das wusste er ganz genau! So nah er konnte parkte er am Eingang des Flughafens und rannte zu den automatischen Schiebetüren, ohne vorher wenigstens den Wagen abgeschlossen zu haben.

„Dominik!“, rief er aus, noch ehe er sich orientiert hatte, zu welchem Gate er musste und lief einfach blindlings drauf los. Es war kein riesiger Flughafen, also würde er seinen Lockenkopf schon finden! Doch plötzlich fand ihn stattdessen das Sicherheitspersonal.

„Lassen Sie mich durch, ich muss zu meinem Freund!“, wollte er sich durch die Kontrolle drängen, aber dieser nutzlose Blödmann in seiner Uniform ließ ihn nicht vorbei!

„Ich hab kein Ticket! Hören Sie schlecht?! Mein Freund fliegt gleich nach England! Ich muss ihn noch mal sehen!“, begann Frido eine Diskussion, die er nicht gewinnen konnte und redete sich immer mehr in Rage. Waren diese Trottel vom Sicherheitspersonal eigentlich taub auf den Ohren?!

„Jetzt hören Sie mir mal gut zu! Der Flug geht um 8:52 Uhr! Wenn Sie mich nicht auf der Stelle durch lassen, dann beschwer ich mich bei Ihrem Vorgesetzten über Sie!“, versuchte er zu drohen, ohne damit viel Eindruck schinden zu können. Beeindruckend war hingegen eher, was er zu hören bekam und damit war nicht einmal der wenig dezent verpackte Rat gemeint, dass er sich lieber schleunigst aus dem Staub machen solle.

„Jetzt hören Sie mal zu! Wenn Sie den Flug um 8:52 Uhr kriegen wollten, sind Sie eh zu spät! Der ist seit zwanzig Minuten weg! Und ohne Ticket kommen Sie hier ohnehin nicht durch. Also verschwinden Sie, sonst können Sie es sich auf dem Revier gemütlich machen!“, machte der Mitarbeiter des Flughafens seinen Standpunkt äußerst klar und auch die zur Unterstützung gekommenen Polizisten schienen an weiteren Diskussionen nicht interessiert.

„Was heißt hier zu spät?! Es ist doch gerade erst…“, wollte Frido zwar noch einmal aufbegehren und diesem Stümper erklären, wie man die Uhrzeit zu lesen hatte. Doch dabei verstummte er. 9:23 Uhr sagte seine Armbanduhr, genauso wie die Anzeigetafeln im Flughafen.

„Nein, das kann doch nicht…“, begann er zu stammeln und suchte mit den Augen nach Dominiks Flug, aber er war nicht mehr aufgelistet. Aber wie? Warum war er zu spät, obwohl er sich so beeilt hatte? Seine Schultern sanken hinab und stattdessen hob er resignierend die Hände, als ihm endgülti klar gemacht wurde, dass er sich nun trollen sollte.

„Ich…‘Tschuldigung…“, murmelte er also, während er sich abwendete und mit weichen Knien durch zwischen den anderen Fluggäste hindurch trottete, die ihn teilweise neugierig, teils irritiert und vereinzelt auch verschüchtert musterten. Doch er nahm sie gar nicht wahr. Er versuchte nur, sich nicht von dieser plötzlichen Übelkeit mitreißen zu lassen, die seinen Magen erst verknotete und ihm dann die Kehle hoch kroch. Wie konnte das bloß sein, ging es ihm immer wieder im Kopf herum, bis er schließlich sein Auto erreichte, sich schwerfällig auf den Sitz sinken ließ und sein Hinterkopf an die Kopfstütze stieß.

„Das kann er doch nicht machen…“, flüsterte er und starrte auf den riesigen Glaskasten, der sich Flughafen schimpfte. Dominik konnte doch nicht einfach weg sein! Er wäre doch niemals in das Flugzeug gestiegen, ohne sich von ihm zu verabschieden, nicht wahr? Und wenn er einfach noch am Gate saß, ohne den Tumult um Frido mitbekommen zu haben?

„Komm schon…“, zog er also mit aufkeimender Hoffnung sein Handy hervor und wollte Dominik noch einmal anrufen. Doch noch ehe er seine Nummer wählen konnte, sah er bereits die Nachricht, die der Lockenkopf ihm geschrieben hatte, während er wie ein Wilder zu ihm hingerast war: Steig jetzt ins Flugzeug und melde mich, wenn ich gelandet bin. Mach keine Dummheiten. Im Atelier steht was für dich. Ich liebe dich.

4.2.2025: Aphorismus

Schwer lag sein Körper und schmerzend sein Kopf. Ihm war übel, die Zunge pelzig belegt und alles klang wie durch einen fernen Nebel. Vielleicht, weil er sich unter seinem Kissen verkrochen hatte? Mit tiefem Brummen zog er es von seinem Kopf und wollte es auf sein Handy drücken oder den Wecker oder was auch immer da gerade seinen Schlaf störte. Und schon fand er sich auf dem Boden wieder, brummte noch mehr und fühlte jetzt nicht nur das Pochen seines Kopfes.

„Verfluchte Scheiße…“, nuschelte er, während er sich schwerfällig auf den Rücken rollte und die Hände auf sein Gesicht presste. Er musste pinkeln, ganz dringend, aber er wollte ums Verrecken nicht aufstehen. Und wenn er es einfach laufen… Nein, schüttelte Frido den Kopf, um ihn sich im nächsten Moment wieder jaulend vor Schmerz zu halten und ekelte sich für diesen Gedanken, noch ehe er ihn fertig gedacht hatte. Und dann gesellten sich langsam die nächsten Überlegungen hinzu. Was war eigentlich passiert? Warum fühlte er sich gerade so überfahren und – bei einem vorsichtigen Blick durch die Finger – wieso zum Teufel lag er auf dem Wohnzimmerboden? Hatte Dominik ihn aus dem Bett geworfen? Ach nein, fiel ihm bitter ein, Dominik war ja fort. Allein hatte er ihn gelassen und sich nicht einmal anständig von ihm verabschiedet.

„Wie entzückend! Unsere Schnapsleiche weilt wieder unter den Lebenden!“, war seine Wohnung trotzdem nicht verlassen und mit ordentlichem Dröhnen zwischen den Ohren hielt er sich die Lauscher zu.

„Nicht so laut!“, jaulte er und rollte sich auf die Seite, während er die Augen zusammenpresste. Doch dann riss er sie plötzlich auf, um sie genauso schnell wieder zusammen zu kneifen.

„Ernest?!“, rollte er sich auf die andere Seite, blinzelte bemitleidenswert und schaffte es wenigstens, ein Auge halbwegs geöffnet zu lassen, um den Arzt zu mustern, der durch die Tür flaniert kam und neben der Couch stehen blieb.

„Wen hast du erwartet? Den heiligen Geist? Oder einen großen Eimer Sangria, damit du dich noch mehr abschießen kannst, Friedrich?“, blickte er auf den Dozenten herab, der vorsichtig versuchte, seinen Denkapparat wieder zum Laufen zu bringen. Ja, es stimmte, Dominiks Abreise hatte ihn so mitgenommen, dass ein wenig durch die Stadt gelaufen war. Der Sport alleine hatte gegen seine innere Unruhe nicht gewirkt und so war er irgendwann vor seiner Lieblingsbar stehen geblieben. Ein gemütliches kleines Fleckchen, das er besonders in der ersten Zeit nach seinem Umzug hierher genutzt hatte, um ein paar Leute kennen zu lernen. Lange war er nicht mehr dort gewesen und hatte sich nun eben ein, zwei Gläschen genehmigt. Aber das machte ihn doch noch lange nicht zum Schluckspecht! Und überhaupt!

„Was machst du hier? Und wieso hab ich auf der Couch gepennt?“, blinzelte er noch immer ein wenig benommen und stützte sich auf seine Unterarme, ehe er sich daran versuchte, irgendwie auf die Beine zu kommen. Seine Blase! Aber statt ihm unter die Arme zu greifen, hob Ernest nur die Augenbraue.

„Ich war so frei dafür zu sorgen, dass du wieder heile hier ankommst und – wie sagt man so schön? – nicht im Schlaf an deiner Kotze erstickst! Dass ich dafür aber in deinem Bett genächtigt habe, steht ja wohl außer Frage! Du erwartest hoffentlich nicht, dass ich mich mit deinem Sofa begnüge. Oder scharf darauf wäre, dein Geschnarche und Gesabbere neben mir liegen zu haben“, musterte der Arzt seinen guten alten Freund mit einem dezenten Hauch von Ekel im Gesicht, als der es endlich schaffte, sich auf die Füße zu bringen. Schwankend und stolpernd bahnte Frido sich seinen Weg ins Bad, wurde begleitet von Ernests bezauberndem Hinweis, dass er sich das Bett selbstredend vorher neu bezogen hatte und ließ im Gegenzug die Tür offen stehen, während er versuchte, die Klobrille zu treffen. Angewidert war der Arzt eh schon, da konnte dem Dozenten das Bisschen mehr oder weniger gerade nun wirklich herzlich egal sein. Viel mehr interessierte ihn, warum Ernest nun überhaupt hier war.

„Hab ich dich etwa angerufen?“, fragte er den Arzt und sich selbst, was er sich da gestern für einen Schund bestellt hatte, dass ihm jetzt so der Schädel davon schwirrte. Sobald es ihm besser ginge, würde er sich beschweren, was da neuerdings in der Kneipe für ein Mist ausgeschenkt wurde! Doch erst einmal musste er das Waschbecken erreichen. Und Ernest vielleicht die Brille gerade setzen, als er einen Ausspruch von sich gab, der dem Fass ja wohl den Boden ausschlug.

„Dein manipulatives kleines Miststück hat mich darum gebeten, dich nach hause zu geleiten. Sonst noch Fragen?“, hielt Ernest den einen Arm vor der Brust verschränkt, während der andere senkrecht darüber thronte. Er musterte den Dozenten, als er empört zu ihm herumfuhr und ihn anblaffte, dass er es wagte, so über Dominik zu sprechen. Doch dann meldete sich erst einmal wieder Fridos Kopf und er ließ ihn jaulend sinken. Ernest schnaubte hingegen aus.

„Das war deine eigene Wortwahl. Schon vergessen?“, legte er den Kopf schief und musterte Frido, als der ihn wütend anschaute.

„Was redest du da fürn Quatsch?!“, maulte er und hielt sich am Waschbecken fest, während Ernest wieder seine Augenbraue hob.

„Ach, weißt du gar nicht mehr, wie du dich gestern aufgeführt hast? Muss ich deinem Gedächtnis ein bisschen auf die Sprünge helfen?“, griff er sich in die Hosentasche und erstmals bemerkte Frido, dass der Arzt zuvor nicht nur die Arme verschränkt, sondern in der oberen Hand auch ein Smartphone wie zum Diktat in der Nähe seines Munds spazieren getragen hatte. War das schon die ganze Zeit dort gewesen und warum schleppte er es überhaupt mit sich herum, fragte Frido sich. Aber noch viel wichtiger: „Wieso hast du mein Handy?!“.

Fassungslos schaute Frido dabei zu, wie Ernest seinen Minicomputer aus der Hosentasche hervorholte und voller Selbstverständlichkeit darauf zu tippen begann. Doch als er sich das Smartphone zurückholen wollte, hielt der Arzt es ihm mit etwas unter die Nase, bei dem Frido nicht mehr nach seinem Besitz langen wollte. Stattdessen zweifelte er plötzlich an allem und jedem.

„Das… ich… das war ich nicht“, stammelte er, nachdem er gerade mit eigenen Ohren hören musste, wie jemand, der ihm verdächtig ähnlich klang, Dominik aufs übelste beschimpft hatte. Angeheitert und lallend, aber trotzdem noch gut vernehmbar hatte er ihm nicht geringeres vorgeworfen, als dass er sein Leben zerstöre, ein feiges Stück sei, das sich feige in England verkriechen würde und sowieso schien Miststück in Fridos Wortwahl sehr weit oben gestanden zu haben. Aber das konnte nicht sein!

„Ich… ich mach keine Sprachnachrichten! Ich find die scheiße!“, versuchte er also, sich zu verteidigen, aber die Art, wie Ernest nickte, zeigte gleich, dass seine Zustimmung nicht allzu ernst gemeint war.

„Nun, es ist halt etwas unpraktisch, wenn man jemandem die Meinung geigen will und der dann irgendwann einfach nicht mehr ans Telefon geht. Da muss man dann halt erfinderisch werden, Friedrich“, wendete Ernest sich von ihm ab und tippte auf dem Smartphone herum, während Frido versuchte, ihm zu folgen.

„Das kann nicht sein! So was würd ich nie machen!“, hielt er sich an der Wand fest und schüttelte, so gut es ihm gerade möglich war, den Kopf. Und auch, wenn er sich so vehement verteidigte, wurde ihm seltsamerweise noch mehr übel als zuvor bereits schon. Warum nur, fragte er sich und wollte Ernests Erklärungsansatz trotzdem nicht hören.

„Ach, so, wie du dich auch nicht volllaufen lässt, bis du wegen Randalierens aus der Kneipe geschmissen wirst und dann einfach auf der Straße weiter rumpöbelst und dein Handy ankeifst?“, hielt Ernest ihm das Smartphone mit gebührendem Abstand erneut vor die Nase, sodass er es ihm zwar nicht ohne weiteres Entreißen, aber doch die Ansammlung von Sprachnachrichten erkennen konnte, die seinen Gesprächsverlauf mit Dominik zierten.

„Es war wirklich entzückend, dich mitten in der Nacht einzusammeln und mir im Nachgang diese geistigen Ergüsse zu Gemüte zu führen! Vielleicht sollte man das für eine Feldstudie nutzen! Es ist wahrlich eine herrliche Dokumentation darüber, in welcher Geschwindigkeit so ein Alkoholpegel ansteigen kann und welche verbalen Knospen das Ganze dann tragen kann. Sowohl von der Aussprache her, als auch inhaltlich gesehen. Es war zum Beispiel äußerst erheiternd, als du meintest, dass du auf der Stelle mit dem Auto nach England fahren würdest und dieser, Zitat: „Beschissene Hundesohn von Fluss“ dich mal am Arsch lecken könne, wenn er nicht Platz machen würde. Ich frage mich, ob Moses damals auch so edelmütig daher gesprochen hat. Aber was weiß ich schon? Ich habe weder versucht, das rote Meer zu teilen noch die Nordsee“, lieferte Ernest auch sogleich die passende Sprachnachricht zum Beweis, ehe er sich über ein paar weitere Stilblüten seines Freundes erheiterte. Nicht zuletzt die, als er Dominik zunächst noch mit seinem Ex vermischt und den Lockenkopf innerhalb weniger Nachrichten schließlich nur noch als Patrick angesehen hatte. Eine Sprachnachricht nach der anderen spielte er Frido dabei vor, während der unter dem Gehörten Stück für Stück weiter in sich zusammen sackte und erst ein leises „Hör auf. Bitte“ Ernests Vorstellung beendete. Nur war es dabei nicht Fridos Stimme, die erklang und sie kam auch nicht aus dem Smartphone des Dozenten.

„Nein, sag nicht, dass…“, war seine Kehle mit einem Mal so trocken, dass er die Worte kaum über seine Lippen brachte und als Ernest ihm nun sein eigenes Handy vor die Nase hielt, wollten Fridos Beine ihn kaum noch halten.

„Wir haben uns erlaubt, ein wenig zu plaudern, während wir darauf gewartet haben, dass du aus deinem komatösen Schlummer erwachst. Nach deiner herzallerliebsten Nachricht über die betrügerische Schlampe, die sich von jedem flachlegen lässt, hatte Dominik mich gebeten, mal ein Auge auf dich zu werfen. Aber ich gratuliere, beinahe hattest du ihn so weit, den nächsten Flieger zu besteigen. Kleiner Wortwitz. Ganz nach deinem Geschmack, wie ich inzwischen vermuten darf, nicht wahr?“, schaute Ernest seelenruhig dabei zu, wie der Dozent auf die Knie sackte und entsetzt das Antlitz seines Freundes betrachtete, das dort auf dem kleinen Display zu sehen war. Wie hatte er bis jetzt nicht kapieren können, warum Ernest sein Handy so spazieren trug?

„D… Dominik, ich… es tut mir leid, ich… ich...“, schluckte Frido hart und und griff zitternd nach dem Smartphone, während sein Lockenkopf ihn nur schweigend anschaute. Er schien nicht wütend, sondern nur erschöpft. Hatte er geweint? Frido konnte es nicht erkennen. Vielleicht auch, weil er viel zu sehr damit beschäftigt war, eine Entschuldigung zu stammeln?

„Du kennst mich! Ich bin so nicht! Ich… ich war betrunken!“, redete er auf Dominik und fühlte sich wie ein Häufchen Elend. Erst recht, als der nach einem Moment der Stille ganz ruhig, beinahe monoton fragte: „Ach ja? Im Atelier auch schon?“.

Und wieder schluckte Frido. Langsam erinnerte er sich wieder, wie er vom Flughafen aus irgendwann zurückgefahren war, geschüttelt von seinen Gefühlen in die Wohnung zurückgekehrt war und die Welt nicht mehr verstanden hatte. Und dann war sie ihm wieder eingefallen, die Nachricht, die er vor Dominiks Abflug bekommen hatte, genau dann, als der Lockenkopf ihn anrief, um ihm zu sagen, dass er gut gelandet war. Während Dominik versucht hatte, zögerlich und unverfänglich ein neues Gespräch zu beginnen und ihm von seinem Einzug ins Wohnheim zu berichten, war Frido ins Atelier gegangen, um Dominiks Überraschung zu entdecken. Alle Bilder des Dozenten hatte er in ihrer letzten gemeinsamen Nacht hervorgekramt und der Reihe nach an den Wänden aufgestellt, um diese Ausstellung in der Mitte des Raums mit einer Leinwand zu garnieren. Gestrichen im gleichen Grünton wie dem der Wand, bei der Frido halbherzig mitgeholfen hatte, hatte sie auf der Staffelei gethront und ihn daran erinnert, dass er nicht einmal mehr fähig war, einen Malerpinsel zu führen. Und dann war die erste Gemeinheit aus seinem Mund gekommen.

„Schöner Schrein, den du mir da gebaut hast“, hatte er Dominik wissen lassen und ohne jede Erklärung abzuwarten, das Gespräch beendet. Danach war er ins Fitnessstudio gegangen und der Rest Geschichte. Nicht wahr?

„Ich… es… Dominik, es tut mir leid. Ehrlich…“, brachte Frido trotzdem nicht mehr als diesen weiteren Versuch einer Entschuldigung zustande und hoffte regelrecht darauf, dass sein Freund endlich aus der Haut fahren würde. Er ertrug es nicht, dass Dominik ihn so ausdruckslos anschaute und dennoch alles an seinem Anblick vor Enttäuschung triefte.

„Frido, krieg endlich deinen Scheiß zusammen“, sagte er jedoch nur wieder genauso ruhig und wendete den Blick ab, als bei dem Älteren die Verzweiflung begann.

„Dominik, lass uns reden, bitte! Ich… ich kann das erklären! Ich…“, versuchte er auf ihn einzureden, aber der Lockenkopf lehnte ab.

„Ich muss jetzt zur Uni. Vergiss nicht, Ernest zu danken“, schüttelte er nur den Kopf und legte auf, ehe Frido so recht begriff, was gerade passiert war. Ein paar Sekunden brauchte er, um zu kapieren und wollte dann eilig zurückrufen, doch Ernest zog ihm das Smartphone aus der Hand.

„Was genau soll das werden?“, erkundigte er sich, während er das Handy wegsteckte und verächtlich über das Häufchen Elend dort vor seinen Füßen schnaubte.

„Du musst mit ihm reden? War er nicht deutlich genug damit, dass er das gerade nicht will?“, reckte er das Kinn und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Du verstehst das nicht!“, hatte Frido hingegen ein schlagendes Argument auf Lager, an dem er sich ähnlich festhielt, wie an seiner Kommode, als er versuchte, auf die Beine zu kommen. Doch war es eine gute Idee, sich bei einem verbalen Schlagabtausch und diesem Zustand mit Ernest messen zu wollen?

„Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, sucht Gründe“, ging es auch schon los und verwirrte Frido bereits jetzt.

„Hä?“, kniff er die Augenbrauen zusammen und lehnte sich an die Kommode, als er es endlich zurück auf die Füße geschafft hatte. Sein Kopf dröhnte immer noch, erst recht nach dieser Konfrontation, und Ernest kam mit irgendwelchen Sprüchen daher.

„Das nennt sich Aphorismus, Friedrich. Ein hübscher kleiner Sinnspruch, der eine Lebensweisheit vermittelt“, belehrte der Arzt ihn und ging in möglichst weitem Bogen um ihn herum, während Frido ausseufzte und selber spürte, was dabei für ein Geruch mitkam.

„Ich weiß, was n Aphorismus ist! Jetzt gib mir mein Handy!“, murrte er und streckte fordernd seine Hand aus. Doch Ernest betrachtete ihn nur mit einem Ausdruck, als wäre der Dozent von allen guten Geistern verlassen. Und dann schlich sich zunehmend das Bedauern in seine Züge. Doch war damit diese mitleiderregende Gestalt vor ihm gemeint oder eher er selbst, der so viel Zeit an diesen Narren verschwendet hatte?

„Dominik hat recht. Du hörst nicht zu. Aber du bist ganz wunderbar darin, dir Gründe zu suchen, warum du etwas nicht kannst oder warum etwas für dich nicht funktioniert“, schritt Ernest zurück auf die andere Seite des Flurs und reckte das Kinn, als er Fridos störrischen Blick unter diesem Ausspruch erkennen konnte. Ah, da kroch es ja wieder empor, das Selbstmitleid! Es hatte sich wahrlich schon lange nicht mehr blicken lassen. Da hätte man fast meinen können, dieser alte Zausel hätte es endlich überwunden gehabt.

„Friedrich, ich verstehe und respektiere, dass der Unfall dich verändert hat“, begann Ernest also und blieb in der Tür zur Küche stehen. Er musterte Frido, der nur ein Augenrollen für ihn übrig hatte. Die alte Leier wieder, schien er zu denken und zuckte doch zusammen, als der Arzt ein wenig schärfere Töne anschlug.

„Hör endlich auf, andere für dein Selbstmitleid verantwortlich zu machen! Wenn du keine Hilfe annehmen willst, hast du auch keinen Grund, dich zu beklagen!“, zischte er und mit einem Mal wurde Frido wieder ein wenig übel. Hatte er nicht auch einmal etwas ähnliches zu Dominik gesagt? Doch während er in unschönen Erinnerungen schwelgte, sprach Ernest bereits weiter.

„Ich hatte wirklich gedacht, dass meine letzte Standpauke endlich Wirkung gezeigt hätte, aber du scheint unbelehrbar, Friedrich! Und auch, wenn ich es nicht gerne zugebe, kann ich Patrick inzwischen vielleicht sogar ein Stück weit verstehen“, schmälerte er die Augen, während Frido sie aufriss und ihn anstarrte, als habe er sich gerade verhört.

„Wie meinst du das?“, murmelte er und hätte sich diese Frage im Nachgang doch lieber verkniffen.

„Ich konnte ihn nie leiden, das weißt du, aber wenn du dich ihm gegenüber genauso verhalten hast, wie vergangene Nacht bei Dominik, dann wundert es mich nicht mehr, dass er dich irgendwann über hatte“, sprach er schneidend kalt, sodass Frido die Nackenhaare zu Berge standen und er die Schultern hochzog. Das konnte doch nicht sein Ernst sein! Aber der Arzt fand noch schlimmere Worte.

„Seit wann hast du es nötig, dich derart aufzuführen? Lass dir nicht einfallen, dass ich noch einmal wegen solcher Eskapaden angerufen werden muss! Und freu dich, dass du in Dominik einen so treudoofen Idioten gefunden hast, der dir wahrscheinlich selbst diese Kapriole durchgehen lassen wird, wenn du dich im Nachgang nicht mehr allzu dämlich anstellst. Aber lass dir bloß nicht einfallen, mich auch nur einmal im Ansatz so behandeln zu wollen, wie ihn! Sonst sind wir geschiedene Leute! Hast du mich verstanden?“, zischte er und drückte Frido sein Handy an die Brust, dass der davon erschrocken zusammenzuckte. Beinahe hätte er es fallen lassen, als Ernest ohne Vorwarnung die Finger weg zog, als habe er Angst, dass ansonsten etwas von Fridos ekelerregender Gestalt auf ihn abfärben könnte. Ja, es war nicht zu übersehen, was für eine Zumutung die Gegenwart des Dozenten gerade war und dass der Arzt es nicht erwarten konnte, ihn zu verlassen.

„Es wäre in der Tat wünschenswert, wenn du jetzt erst einmal von weiteren alkoholischen Entgleisungen absehen könntest und dich um eine kleine körperliche und gerne auch geistige Reinigung kümmern würdest. Vielleicht, indem du dir diese literarischen Ergüsse einmal in Gänze zu Gemüte führst, die du da vergangene Nacht fabriziert hast. Oder um es mal so auszudrücken, dass auch du es verstehst, lieber Friedrich: Reiß dich endlich am Riemen und hör auf, anderen die Schuld dafür zu geben, dass du deinen Arsch nicht hoch bekommst! Du wirst deinen Unfall schon selbst aufarbeiten müssen! Das kann dir keiner abnehmen! Und ich bin es langsam leid, dein Gejaule deswegen seit nunmehr zehn Jahren anhören zu müssen! Sogar noch länger! Übernimm die Verantwortung für dein Handeln! Du bist kein kleines Kind mehr!“, musterte er Frido noch einmal angewidert von oben bis unten, ehe er zur Tür schritt und seine Jacke von der Garderobe nahm. Und auch, wenn Frido nur stumm zu Boden schaute, in sich gesunken und an sein Handy geklammert, das sich gleichzeitig anfühlte, als würde es ihm alles verbrennen, mit seinen Nachrichten, die darauf gespeichert waren, ließ Ernest noch immer nicht von ihm ab.

„Ach ja und bevor ich es vergesse: Geh duschen. Du stinkst! Und räum hier auf! Dominik ist gerade einmal einen Tag weg und du verkommst schon wieder im Chaos! Ganz zu schweigen von diesem Saustall, den er als Atelier betitelt! Ich bezweifle, dass er ihn gestern so verlassen hat, wie wir ihn heute früh vorgefunden haben, während du damit beschäftigt warst, deinen Rausch auszuschlafen!“, riss er die Tür auf und ließ Frido noch einmal zusammenzucken, als sie kurz darauf ins Schloss fiel. Aber es war nicht nur Ernests Ärger, der ihn erschreckte oder die Einsicht, wie beschämend er sich dem Arzt gegenüber präsentiert hatte. Nein, es war vor allem die Erinnerung daran, was er vor seinem Abstecher in die Kneipe im Atelier getan hatte.

5.2.2025: verschlimmbessern

5.2. verschlimmbessern
 

Tief sog er die Luft in seine Lunge und trotzdem war ihm, als wenn nicht der kleinste Hauch sie erreichte. Fühlte man sich so, wenn man erfüllt war vom Ekel vor sich selbst? Blieb dann kein Platz mehr für irgendwelche anderen Empfindungen? Unter tiefem Seufzen entließ er den Atemzug zurück in die Freiheit und wünschte sich dabei, er hätte ihm folgen können. Aber dafür saß er viel zu tief in seinem Schlamassel fest und egal, wie sehr er sich dagegen sträubte: Dieses Mal würde er ihn wohl nicht so einfach verdrängen können. Und auch, wenn er sich dafür eigentlich schämte, war ein Verdrängen oder Fliehen gerade auch sein größter Wunsch. Er wollte vergessen, was er in den vergangenen Stunden getan und gesagt hatte, aber stattdessen hatte er es sich noch mehr ins Gedächtnis gebrannt. Nicht das einmal absichtlich! Nein, eigentlich war er auf der Suche nach Bestätigung dafür gewesen, dass es in Wirklichkeit gar nicht so schlimm gewesen war, wie Ernest es ihn glauben machen wollte. Und natürlich war auch das etwas, wofür Frido sich schämen konnte, doch stattdessen fühlte er sich nur erniedrigt von sich selbst. Mit jeder Nachricht mehr, die er angehört hatte, war ihm Dominiks Gesicht von ihrem Gespräch am Morgen zunehmend wieder ins Gedächtnis getreten. Diese Leere, die Fridos Worte in ihm hinterlassen hatten, ohne, dass sie dem Dozenten überhaupt noch alle bewusst waren. Selbst jetzt, nachdem er seine Erinnerungen teilweise wieder aufgefrischt hatte. Und auch, wenn er einerseits froh war, sich nicht mehr an alles erinnern zu können, fühlte er sich andererseits auch in diesem Punkt von sich selber angewidert. War er schon immer so ein Feigling gewesen? Und noch viel schlimmer: Wie wollte er sich aufrichtig für etwas entschuldigen, an das er sich teilweise nicht mal mehr erinnern konnte? Vor allem aber fürchtete er sich davor, wie grauenvoll womöglich das war, das er noch nicht wieder wusste. Hatte er noch schlimmere Dinge von sich gegeben? Er mochte es sich gar nicht vorstellen. Stattdessen überlegte er, wie er Wiedergutmachung leisten konnte, aber egal, was ihm einfiel, es war ihm nicht genug. Es fühlte sich zu sehr nach leeren Worthülsen und großen Taten mit kleiner Wirkung an. Aber vielleicht war genau das Gegenteil ein wichtiger erster Schritt? Eine kleine Tat, eine Selbstverständlichkeit für den Anfang, um darauf weiter aufzubauen?

Also kroch er nach Stunden des Selbstmitleides endlich von seiner Couch, schleppte sich unter die Dusche und fragte sich dennoch, warum eine Tablette zwar seinen Kopfschmerz verschwinden ließ, aber nicht sein inneres Elend. Es wollte sich nicht abwaschen lassen und ganz besonders klebte es an seinem Spiegel. So stark, dass er weder hineinsehen konnte, als er sich davor die Zähne putzte, noch, als er in frische Klamotten gehüllt einen Eimer mit Wasser befüllte. Er wusste, er würde ihn brauchen, aber er hatte ja keine Ahnung mehr, wie sehr. Ein Schlachtfeld sondergleichen erwartete ihn, als er das Atelier betrat und es verschlug ihm fast den Atem. So sehr hatte er hier gewütet? Noch schlimmer als mit den Fotos, die Ernest damals zur Abschreckung aufgehängt hatte? Er stellte den Eimer ab, legte den Putzlappen beiseite und rieb sich das Gesicht. Wenn er es sich genau überlegte, konnte er froh sein, am gestrigen Tag nicht gleich dreimal bei der Polizei gelandet zu sein. Erst sein Auftritt auf dem Flughafen, nachts die lautstarken Aussprüche ins Handy und nachmittags? Da hatten seine Nachbarn zum Glück noch gearbeitet und deshalb seine Abrissaktion im Atelier nicht mitbekommen.

„Die hätten mich doch für n absoluten Irren gehalten…“, murmelte er zu sich selbst und betrachtete die Bilder. Oder eher das, was davon noch übrig war. Froh, dass es nur seine eigenen getroffen hatte, war er, aber auch erschrocken über seine Rage.

„Was ist nur mit mir los?“, schluckte er hart, als er näher an den ersten Keilrahmen herantrat und sich an diese Wut erinnerte, mit der er nach einem kurzen Blick auf diese höchst persönliche Ausstellung ins Fitnessstudio gestapft war, nur, um Stunden später noch genauso geladen wieder daraus zurück zu kehren. Er hatte die Leinwände eigentlich nur zusammenräumen wollen, um nicht jedes Mal von dieser Wucht getroffen zu werden, wenn er zwischendurch vielleicht doch einmal ins Atelier musste. Doch kaum war der erste bespannte Rahmen zwischen seinen Fingern gewesen, hatte es ihm die Sicherung rausgeschmissen.

„Die ganzen Pinsel und Farben…“, schüttelte er den Kopf und ging in die Hocke, um eine der vielen Tuben aufzuheben, die ihr Dasein inzwischen ebenfalls bunt verstreut auf dem Boden liegend fristeten. Die waren ja noch heil geblieben, aber die Staffelei? Hoffentlich konnte sein Vater sie irgendwie retten… Und noch einmal war er froh, dass er die Finger von Dominiks Gemälden gelassen hatte. Aber beschämt musste er sich dabei auch eingestehen, dass er sich inzwischen wieder ganz genau daran erinnerte, warum. Ja, er hatte bereits vor Dominiks Sammlung gestanden und überlegt auszuholen, aber stattdessen war seine Hand am Smartphone gelandet und die erste Salve an Vorwürfen hatte sich über den Lockenkopf ergossen. Und das, noch ehe Frido den ersten Tropfen Alkohol im Blut gehabt hatte...

„Ich hab ihm vorgeworfen, dass er mir so was antut und führ mich gleichzeitig wie ein Wilder auf“, kniff Frido die Augen zusammen und verbarg sie hinter seiner Hand, während er noch immer nicht glauben konnte, was er da getan hatte – und während sich langsam die Erinnerung in ihm hocharbeitete, dass es ja nicht das erste Mal so gewesen war. Hatte er damals nach dem Unfall nicht genauso wüst reagiert, als er an Krücken in sein früheres Atelier gehumpelt war? Alles kurz und klein gedroschen und Patrick aufs Übelste beschimpft, weil der eilig ein paar Gemälde und die Staffelei in seinen VW-Bus geworfen hatte, ehe Frido auch die hatte erwischen können?

„Scheiße…“, flüsterte er und fragte sich, ob er in manchen Momenten wirklich so ein furchtbarer Mensch werden konnte. Aber während er darüber grübelte, spürte er, dass er sich die Antwort endlich eingestehen musste. Und das fühlte sich grauenvoll an. Und erbärmlich, wenn er überlegte, wie vehement er sich seine Ausraster bisher selbst schöngeredet hatte. Sich deshalb vielleicht ein paar Tage oder sogar Wochen mies gefühlt und am Ende doch wieder davon distanziert hatte, als wäre nie etwas gewesen.

„Warum bist du so? Warum hat Berlin denn nicht schon gereicht?“, fragte er sich selber und fühlte sich noch elendiger, als er keine Antwort darauf wusste. Doch dafür wurde ihm bewusst, dass er auch heute wieder versucht hatte, alles herunterspielen zu wollen, kaum, dass Ernest aus der Tür und der erste Schreck einigermaßen verdaut gewesen war. Er schüttelte abermals den Kopf, während er das Handy hervorholte und auf die Batterie an Sprachnachrichten schaute, die es für ihn bereithielt. Ja, jetzt konnte er sich nicht mehr vor sich selbst verstecken und spätestens, wenn Dominik ihm in Zukunft eine dieser Nachrichten vorspielen würde, könnte er es nicht mehr leugnen oder verdrängen. Aber bestand überhaupt noch die Chance, dass es zu so einer Situation kommen konnte? Frido wischte sich über die Wangen und schob das Smartphone zurück in die Hosentasche.

„Ich würd mit so einem Arschloch nicht mehr reden wollen…“, gab er zu und alles zog sich in ihm zusammen, als er ein weiteres Mal den Blick über diesen – wie Ernest es so treffend genannt hatte – Saustall wandern ließ. Das Mindeste, was er nun tun konnte, war, ihn wieder aufzuräumen.

Einen Müllbeutel holte er sich also aus der Küche und verfrachtete alle Leinwände dort hinein. Nun schmerzte es ihn plötzlich, sie teilweise noch mehr auseinander zu nehmen, damit sie nicht zu sperrig waren und vereinzelt entschied er sich sogar dafür, den einen oder anderen Schnipsel zu behalten. Unschlüssig legte er sie zunächst mit in den Materialschrank und griff dann den Müllbeutel, um ihn direkt zum Auto zu tragen, damit er gar nicht erst in Versuchung geriet, ihn die kommenden Wochen hier rumstehen zu lassen. Doch dabei wurd ihm eine der Farbtuben zum Verhängnis. Einmal nicht richtig hingeschaut trat er drauf und schon war das Malheur passiert.

„Ach du Scheiße!“, versuchte er die verspritzte Farbe sofort aufzuwischen, doch damit verschlimmbesserte er es nur. Ölfarbe auf Laminat und er versuchte, sie nur mit lauwarmem Wasser und einem Lappen zu beseitigen. Und als auch der Lappen nicht mehr zu gebrauchen war, nahm er seine Hände. Ganz selbstverständlich und doch verwundert, als ihm bewusst wurde, wie leicht es ihm fiel. Er betrachtete die Farbe zwischen seinen Fingern und wie sie ihm samtig darüber glitt. So lange hatte er dieses Gefühl nicht mehr gespürt, dass es ihn völlig übermannte. Erst lachte er, dann kamen ihm die Tränen und schließlich fühlte er sich wieder hundeelend.

„Siehst du das?“, flüsterte er in den Versuch, sich zu fassen, hinein und fuhr erschrocken herum, als er darauf tatsächlich eine Antwort erhielt.

„Es ist nicht zu übersehen, dass du hier noch eine größere Schweinerei fabrizierst. Hat du schon wieder getrunken?“, stand nicht Dominik, sondern Ernest in der Tür und schüttelte den Kopf, um dann noch irritierter vom geistigen Zustand des Dozenten zu sein, als der plötzlich anfing zu lächeln. Der Arzt verstand ihn nicht, aber sein Lockenkopf hätte es bestimmt getan, kam es Frido dabei in den Sinn. Zumindest, bis ihn die Realität wieder einholte.

„Was machst du hier?“, ließ er seine Mundwinkel sinken und versuchte aufzustehen, ohne sich dabei noch mehr einzusauen, während Ernest ihn noch immer mit kritischem Blick beäugte.

„Es in erster Linie schon einmal erfreulich finden, dass du den Weg zur Dusche gefunden hast. Und scheinbar nüchtern bist, auch, wenn man bei deiner kleinen Schmierei etwas anderes vermuten könnte. Ist das eine neue Form der Bodenpflege?“, entgegnete der Arzt und schnaubte leicht aus, als Frido ihm von seinem Missgeschick erzählte.

„Kannst du mir die Wohnungstür aufschließen, damit ich mir die Hände waschen kann? Wenn du schon mal da bist?“, fragte der Dozent im Anschluss und bedankte sich bei Ernest für seine Hilfe. In diesem Fall und auch zuvor.

6.2.2025: Eisbaden

Viel mehr als eine Stippvisite war es von Ernest nicht gewesen. Sicher gehen, dass der Dozent nicht schon wieder irgendeinen Blödsinn verzapfte, schweigend und ungerührt hinnehmen, wie er um Entschuldigung bat und sich dann auch schon wieder verabschieden. Nicht viel mehr als das hatte er für Frido an diesem Nachmittag übrig gehabt. Mit Ausnahme von dem Hinweis, dass ihr nächstes Treffen hoffentlich erst am Freitag anstünde und nicht wieder durch einen zwischenzeitlichen Kneipenbesuch. Also durfte Frido trotz all der entgegengebrachten Kälte hoffen. Es wäre sicherlich ein harter, steiniger Weg, bis Ernest ihm verzeihen könnte, doch zumindest ließ er ihm tatsächlich die Möglichkeit dazu. Und der Dozent hatte auch schon eine erste Idee, wie er seinen guten Willen beweisen konnte! Ein Wellnesstag mit Sauna, Eisbaden, Massagen und allem, was dazu gehörte! Oder gleich ein ganzes Wochenende? Noch war er nicht sicher, welche der beiden Überlegungen seine Geldbörse tatsächlich hergäbe, aber wenigstens die Idee als solche war bereits da. Doch bevor er daran arbeitete, bei Ernest zu retten, was zu retten war, hieß es sich erst um etwas anderes zu kümmern. Und war es nicht ein Wink des Schicksals, dass er vorhin noch auf dem letzten Drücker seine früheren Gemälde zum Wertstoffhof gebracht und trotzdem auf dem Rückweg kurz vor Ladenschluss das Möbelgeschäft erreicht hatte? Also nahm er all seinen Mut zusammen, schob die Konfrontation nicht mehr länger auf und zückte das Handy. Er spürte sein Herz gegen die Rippen schlagen, als er die Kameraapp öffnete und noch viel mehr, als er kurz darauf ein Foto vom Atelier an Dominik schickte.

„Hab aufgeräumt. Die Staffelei reparier ich dir. Versprochen“, schrieb er dazu und dann begann das bange Warten. Schon nach wenigen Sekunden konnte er sehen, dass seine Nachricht gelesen wurde, doch bis die zuckenden kleinen Pünktchen verrieten, dass auch eine Antwort getippt wurde, vergingen gefühlt Stunden.

„Warum liegt da ein Teppich?“, ging Dominik allerdings nicht auf das Geschriebene ein, sondern auf das neue Detail, das nicht so recht zum bisherigen Gesamtbild des Ateliers passte. Vielleicht hätte er doch aus einem anderen Winkel heraus fotografieren sollen, dachte Frido, doch stattdessen schrieb er nur „Schadensbegrenzung...“. Und als dieses Mal Dominiks Antwort erschien, brachte sie ihn sogar zum Lachen.

„Loch in den Boden gehauen oder was?“, wollte der Lockenkopf wissen und was Frido erst für einen Scherz hielt, wurde plötzlich zu etwas, das man ihm nach letzter Nacht womöglich wirklich zutraute. Also verschwand die Freude so schnell, wie sie gekommen war und machte Platz für ein flaues Gefühl. Eilig begann er zu tippen und zu erklären, doch jede Formulierung fand er einfach nur Käse. Und dann begann sein Herz noch einmal zu rasen, als er nach kurzem Zögern den Text wieder löschte und stattdessen auf das Symbol mit dem grünen Hörer tippte. Er betete, dass aus dem Freizeichen keine Einbahnstraße wurde und konnte es trotzdem kaum glauben, als er plötzlich Dominiks Stimme hörte.

„Muss ich Paps sagen, dass du seine Fußbodenheizung demoliert hast?“, fragte er gerade heraus und brachte Frido damit wieder fast zum lachen. Aber dieses Mal verkniff er es sich.

„Nein, nein!“, rief er stattdessen eilig aus, ehe er zu seiner Beichte kam.

„Ich fürchte allerdings, dass der Laminatleger etwas sauer werden könnte…“, gab er zu und lauschte angestrengt auf Dominiks Antwort.

„Was hast du angestellt?“, fragte der nach kurzer Pause. Distanziert wirkte er, aber Frido konnte noch immer nicht ausmachen, ob er verletzt war, sauer oder was gerade in seinem Lockenkopf vorging, während sie sprachen.

„Hey, ich… ich switch mal zu Videocall, okay?“, fragte der Ältere also auch in der Hoffnung, dann mehr in Dominiks Gesicht lesen zu können, als nur in seiner Stimme, doch der kam ihm sogar zuvor. Noch während Frido nach der richtigen Einstellung suchte, erschienen diese hübschen grünen Augen auf seinem Display, die noch immer bewiesen, wie gut sie ihre Gefühle verbergen konnten, wenn sie wollten.

„Na los, zeig“, gab Dominik auch seinen zarten Zügen nicht allzu viel Ausdruck, während Frido hastig nickte und das Handy auf den Schandfleck richtete, der gerade noch durch den Teppich verdeckt wurde.

„Kannst dus sehen?“, zog er den Vorleger beiseite und suchte nach dem passenden Winkel, doch Dominik hatte offenbar bereits genug erkannt.

„Hast ja mal wieder ganze Arbeit geleistet“, meinte er nur, während Frido das Handy wieder zu sich drehte und ihm dabei zuschaute, wie er zur Seite griff und sich ein Stück Paprika in den Mund schob. Wo saß er dort wohl? In der Küche?

„Mir ist Farbe ausgelaufen und ich hab versucht, die weg zu wischen. Hats aber noch schlimmer gemacht… Meinst du, ich kann das abschleifen?“, gab Frido zu und versuchte gleichzeitig das Gespräch am Laufen zu halten. Und ja, Dominik ging darauf ein! Zumindest ein bisschen.

„Keine Ahnung. Kenn ich mich nicht mit aus. Musst du mal im Baumarkt fragen“, zuckte er die Schultern und mümmelte seine nächste Paprika, während Frido nickte. Er setzte an, um etwas zu sagen und brachte doch erst nur ein Räuspern zustande, wobei Dominik ihn nur schweigend und ruhig betrachtete.

„D… deinen Bildern gehts übrigens gut. Die haben nichts abbekommen“, brachte Frido dann endlich heraus und erhielt dafür nur ein knappes „Okay“. Und nachdem der holprige Anfang gemacht war, wollte Frido versuchen darauf aufzubauen, doch dieses Mal unterbrach Dominik ihn, noch ehe er zwei Worte gesagt hatte.

„Frido, wenn du dich jetzt wieder entschuldigen willst, dann behalts für dich. Ich wills grad nicht hören“, zeigte sein Ausdruck endlich ein wenig mehr Regung, doch die bestand vor allem aus einer Falte zwischen seinen Augenbrauen. Und Frido? Der konnte nur nicken, während er sich an die Hoffnung klammerte, dass das trotzdem nicht der schlechtestmögliche Ausgang dieses Gesprächs war. Er konnte ihm noch beweisen, dass er sein Verhalten wirklich bereute, oder? Doch dann sprach Dominik weiter und Frido spürte die Angst in sich heranwachsen.

„Ich finde, wir sollten uns jetzt beide ein paar Tage Zeit nehmen, um das sacken zu lassen. Ich brauch das jedenfalls grad ganz dringend“, traf es Frido so hart, dass ihm fast die Knie weich wurden, wohingegen Dominik zwar einen Augenblick innehielt, aber dann auch wieder ungerührt weiter essen konnte. Am liebsten hätte Frido ihn auf der Stelle um Verzeihung angebettelt, damit dieser Alptraum schnellstmöglich ein Ende fände. Aber das wäre wohl das Dümmste gewesen, was er jetzt hätte tun können.

„Ja, du hast recht…“, stimmte er also nur kleinlaut diesem Wunsch zu und nickte noch einmal. Eine Geste, die auch Dominik ihm schenkte, aber wohl eher, um das Gespräch an dieser Stelle zu beenden.

„Okay, also dann…“, begann er und plötzlich packte Frido die Angst, vielleicht auf unbestimmte Zeit nichts mehr von ihm zu hören.

„Dominik?“, rief er schneller, als er denken konnte und spürte die Erleichterung, dass der Lockenkopf ihn nicht einfach wegdrückte.

„Hm?“, antwortete er stattdessen und runzelte die Stirn, als Frido nach kurzem Überlegen weitersprach.

„Wie… wie war dein Flug eigentlich? Bist du gut gelandet? Und… wie ist das Wohnheim so?“, waren es Fragen, die ihn ehrlich interessierten und bei denen er gleichzeitig hoffte, dass sie ihr Gespräch verlängern würden. Tiefschürfend musste es gerade wirklich nicht sein. Hauptsache, er konnte noch ein wenig Dominiks Stimme hören und ihn sehen. Doch begeistert wirkte der nicht unbedingt. Er schwieg und schaute zur Seite, sodass Frido beinahe dachte, das Bild wäre eingefroren, wenn nicht ab und an Dominiks Blinzeln zu sehen gewesen wäre. Und dann seufzte der Jüngere aus. Er sagte nichts, aber er stand auf und ging ein paar Schritte, ehe es um ihn herum plötzlich deutlich heller wurde.

„Hier. Ist nicht riesig, aber für mich reichts“, streckte er das Handy von sich weg und präsentierte Frido die kleine Kammer mit Schrank, Bett und Schreibtisch, die in der nächsten Zeit sein Zuhause sein würde.

„Sieht doch ganz gemütlich aus…“, schmunzelte der Ältere und war unglaublich dankbar, dass Dominik nicht sofort wieder versuchte, das Telefonat zu beenden.

„Eigenes Bad hätte ich ganz schön gefunden, aber ich komm schon klar. Muss nur gucken, dass ich meine Lebensmittel nicht unbedingt in der Küche lasse, sonst sind sie weg. Aber im Moment ists ja zum Glück noch nicht so warm, dass die Sachen ungekühlt sofort schlecht werden“, drehte er die Aufnahme stattdessen wieder zu sich und ging zurück zum Bett. Da waren noch ein paar Paprikastückchen, die auf ihn warteten und Frido überlegte, ob das nicht eine schöne Überleitung wäre, um sich mit ihm ein paar Gedanken übers Abendessen zu machen.

„Was meinst du? Nudeln oder Reis? Ich kann mich nicht entscheiden“, erzählte er von seinen Plänen und setzte sich auf den Boden, um es sich ein wenig gemütlich zu machen. Aber leider hatte Dominiks Antwort nicht viel mit Essen zu tun.

„Frido, ich treff ich gleich noch mit ein paar Kommilitonen, um die Stadt ein bisschen anzugucken. Wir, ähm… bis die Tage dann“, leerte er seinen Teller und beendete zeitgleich das Gespräch, sodass Frido ihm nur noch knapp viel Spaß bei seinem Treffen wünschen konnte. Doch sein „Bis die Tage“ hörte der Lockenkopf nicht mehr. Genauso wenig wie das „Ich vermisse dich“.

7.2.2025: Keynote

„Dein Anblick stellt eine Zumutung dar. Willst du mich damit beleidigen?“.

Es war eine Begrüßung, die sich wohl kaum jemand wünschte und trotzdem spürte er einen kleinen Hauch von Erleichterung, als er mit diesen Worten in Ernests Wohnung gelassen wurde. Endlich hatte er jemanden vor sich, dem er nicht vorspielen musste, dass es ihm bestens ginge und bei dem er sich die immer lächelnde Fassade sparen konnte.

„Ich hab dir eine Kleinigkeit mitgebracht“, ging er auf dieses höchst eigenwillige Kompliment allerdings nicht ein, sondern hielt dem Arzt stattdessen einen Umschlag hin.

„Was ist das?“, reagierte der natürlich mit seiner ihm höchst eigenen Skepsis auf das Präsent und während er einen überteuerten Gutschein auspackte, schälte Frido sich aus seiner Jacke.

„Bestechungsversuch?“, argwöhnte der Arzt auch prompt und ein kurzes Zucken hob Fridos Mundwinkel. Aber trotzdem schüttelte er den Kopf.

„Einfach nur eine kleine Geste der Entschuldigung…“, murmelte er und trottete dem Arzt langsam nach, als er zu seiner Kücheninsel ging.

„Du hast mich doch bereits um Verzeihung gebeten…?“, zeigte er sich dabei noch immer etwas misstrauisch und beäugte den Dozenten, als er sich auf einen der Hocker hievte.

„Dann sieh es als kleine Aufmerksamkeit“, meinte er und legte die Unterarme auf der Kücheninsel ab. Er sah miserabel aus, das musste man ihm lassen und Ernest konnte sich ja durchaus denken, woher das rührte. Aber er wäre wohl nicht er gewesen, wenn er Fridos Zustand nun einfach so unkommentiert gelassen hätte.

„Und um den Gutschein zu ergattern, hast du die vergangenen Tage vor dem Wellnesscenter kampiert?“, garnierte er den frisch aufgebrühten Tee mit einem Würfelchen Zucker und einer Prise Sarkasmus, die Frido zwar nicht in schallendes Gelächter ausbrechen ließ, ihm aber wenigstens ein dezentes Lächeln stehlen konnte. Die eben genannte Vorstellung wäre paradiesisch gegen die Höllenqualen gewesen, die er die bisherige Woche über erlebt hatte. Jeder schien es auf ihn abgesehen zu haben und er hatte nur lächeln und so tun können, als sei alles in bester Ordnung.

„Jeden Tag will irgendjemand wissen, wie es Dominik in England gefällt, wie seine Uni dort ist und ob er einen guten Start hatte. Oder ich krieg dumme Fragen und Ratschläge darüber, dass wir jetzt getr… nicht zusammen sein können. Ich hab das Gefühl, es gibt grad kein anderes Thema mehr“, murmelte er und rieb sich das Gesicht. Es war so auslaugend, sich nichts anmerken zu lassen oder es immerzu auf seine Sehnsucht nach Dominik zu schieben, vor Niko, vor Juli und selbst vor der geschätzten Kollegin Bachmüller! Obwohl das mit der Sehnsucht ja nicht einmal gelogen war.

„Muss anstrengend sein, wenn man nicht damit hausieren gehen will, dass das Wörtchen Trennung euer Zusammensein aktuell in der Tat recht gut beschreibt“, konnte Ernest sich eine weitere kleine Sichelei selbstverständlich nicht verkneifen, doch als Frido darauf nur mit einem in sich gekehrten Schweigen reagierte, präsentierte der Arzt, dass selbst er über so etwas wie Barmherzigkeit verfügte.

„Nun… da man bekanntlich niemanden treten soll, der bereits am Boden liegt, erspare ich es dir mal, weiter auf deiner Dummheit oder deinen furchtbaren Augenbringen herumzureiten, Friedrich. Allerdings interessiert mich durchaus, ob die nur von deinem schlechten Gewissen herrühren oder ob noch mehr dahinter steckt. Vermisst du ihn so sehr?“, schob Ernest die Teetasse zu Frido hinüber und zeigte sich doch ein wenig verwundert, als der zur Antwort nicht dankte, sondern begann zu schluchzen. So sehr machte es ihm also zu schaffen? Der Arzt verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete seinen Freund, der in Tränen aufgelöst da saß und nicht einmal mehr versuchte, seine Sehnsucht zu verbergen.

„Er fehlt mir so! Wenn er sich wenigstens bei mir melden würde...“, schaute Frido den Arzt verzweifelt an und erntete dafür erst einmal Verständnislosigkeit.

„Er ist jetzt seit nicht einmal einer Woche in einem fremdem Land, an einer neuen Universität und durch und durch in einer völlig fremden Umgebung. Denkst du nicht, er hat gerade genug damit zu tun, sich zurecht zu finden? Und hatte er dich nicht ohnehin um ein wenig Abstand gebeten?“, musterte Ernest das winselnde Häufchen Elend in seiner Küche und rümpfte dezent die Nase. Zu anderen Zeiten konnte man Frido Klimlau ja durchaus als gutaussehenden Mann betiteln, aber an diesem verheulten Etwas mit beginnender Rotzfahne war wirklich nichts Ansprechendes mehr.

„Hier!“, drückte Ernest ihm also schnell ein Küchentuch in die Hand, ehe das Ganze noch unansehnlicher wurde und begab sich ins Bad, um eine Packung Taschentücher zu organisieren. Aber auch damit verschandelte Frido ihm eher die Bude, als dass er sich elegant ins Ensemble einfügte.

„Ich… ich hab gedacht, dass wir uns wenigstens eine gute Nacht wünschen könnten. Oder einen guten Morgen. Aber es kommt gar nichts von ihm. Nicht mal, als ich ihm gestern ein kleines Schlaf schön geschickt habe. Er hats gelesen und… und das wars“, kullerten Fridos Tränen einfach immer weiter und auch, wenn Ernest ihm die Taschentücher selber gegeben hatte, war es äußerst unappetitlich, ihm beim Schnäuzen zuzusehen. Seufzend und das Kinn gereckt, lehnte Ernest sich gegen die Kücheninsel und ließ seinen Blick abschätzig über Frido wandern.

„Du sagst also selber, dass er nicht von dir bedrängt werden will und wunderst dich im nächsten Atemzug, dass er dich ignoriert, wenn du seinen Wunsch offensichtlich missachtest?“, hob er seine Augenbraue spitz empor und Frido sackte in sich zusammen, als hätte Ernests Ausspruch ihn wie ein Pfeil getroffen.

„Bedrängen? Aber ich… so hab ich das nicht gesehen… Meinst du wirklich?“, flüsterte er und schüttelte den Kopf, aber Ernest antwortete nicht darauf. Stattdessen ließ er Frido weitersprechen, der offensichtlich noch mehr auf dem Herzen trug.

„Ich… ich dachte, ein kleiner Gruß ist doch ganz unverfänglich. Einfach nur ein paar kurze Worte, um ihm zu zeigen, dass ich an ihn denke. Und… damit er mir vielleicht auch zeigt, dass es ihm soweit gut geht. Mehr nicht…“, hob er hilfesuchend die Hände und ließ sie wieder sinken, als er Ernest zugestand, wie richtig seine Worte gewesen waren.

„Es ist alles neu für ihn. Und ich hab überhaupt keine Ahnung, wie er klar kommt. Ich… hab die Befürchtung, dass er nicht zuletzt meinetwegen gerade total überfordert ist und keinen hat, der ihn auffängt“, sprach er in sich gekehrt und schloss erschöpft die Augen. Der Arzt legte den Kopf schief und war in der Tat erstaunt, wie sehr Frido sich Sorgen zu machen schien. War er also doch einmal richtig ans Überlegen gekommen?

„Friedrich…“, sagte er also mit einer gewissen Besonnenheit und wiederholte den Namen des Dozenten etwas energischer, damit er ihm auch wirklich die gewünschte Aufmerksamkeit entgegenbrachte, anstatt noch weiter in seinem Geschluchze zu versinken.

„Wenn da wirklich irgendetwas mit Dominik wäre, das du wissen müsstest, dann hättest du es sicherlich bereits erfahren. Geh einfach davon aus, dass es ihm den Umständen entsprechend gut geht und dass er das beste aus seiner Situation macht“, setzte er sich neben Frido und reckte das Kinn, als der ihn hoffnungsvoll anschaute. Und plötzlich erschien da dieses Lächeln, das nicht nur für Sekundenbruchteile über Fridos Lippen huschte.

„Danke, dass du mir Mut zusprichst“, sagte er, was ihm von Ernest allerdings kein gönnerhaftes Nicken einbrachte, sondern nur ein verwundertes Stirnrunzeln. Mut zusprechen? Na, so konnte man es natürlich auch nennen, spukte es ihm zynisch im Kopf herum, während er wieder aufstand und ins Wohnzimmer ging. Nachdem das geklärt wäre, könnten sie nun ja endlich mit ihrem Schachspiel beginnen, entschied Ernest, doch scheinbar stand er mit dieser Auffassung herzlich alleine da.

„Weißt du…“, begann Frido nämlich plötzlich und Ernest überkam dabei bereits so ein seltsames Gefühl. Er schaute über die Schulter und musterte den Dozenten, der ein wenig verlegen wirkte, während er so da saß und an seinem Taschentuch herumnestelte.

„Wehe, du produzierst gleich Konfetti aus deinem Rotzlappen!“, ermahnte Ernest ihn, doch Frido lachte nur leise und steckte das Taschentuch in die Hosentasche, ehe er den Kopf schüttelte und den Arzt bittend anschaute.

„Weißt du, ich hab da eine Bitte… Und mir ist schon klar, wie erbärmlich du das jetzt finden wirst, aber… ich fühl mich grad wahnsinnig einsam, weil ich irgendwie mit keinem so richtig sprechen kann und du als Einziger weißt, was passiert ist. Meinst du, wir könnten uns morgen vielleicht auch noch mal treffen? Vielleicht ein gemeinsames Mittagessen oder ich hol was vom Bäcker und komm zum Kaffee vorbei?“, rutschte er vom Hocker und ging auf Ernest zu, der zunächst überrascht wirkte und dann seufzend die Arme vor der Brust verschränkte.

„Bedaure, aber ich bin das Wochenende über verhindert. Ich komme erst Sonntagabend wieder heim“, erklärte er und auch, wenn Frido sichtlich getroffen war, rang er sich sein Lächeln ab.

„Oh… einer von deinen Kongressen?“, erkundigte er sich und nahm vor dem Schachbrett Platz, während Ernest nachdenklich den Kopf wiegte und dabei um den Tisch herumging.

„So etwas in der Art…“, murmelte er dabei und steuerte das Weinregal an, wohingegen Frido mit seiner Raterunde fortfuhr.

„Hältst du wieder irgendwo eine Keynote und stellst unter Beweis, wie gut dir Vorträge liegen?“,

schwang ehrliche Anerkennung für Ernests Können auf diesem Gebiet mit und trotzdem konnte Frido auch endlich ein wenig grinsen. Den Kopf auf eine Hand gestützt beobachtete er den Arzt und spürte plötzlich, wie gut ihm ein wenig Geplänkel gerade täte. Einfach ein paar Stunden loser Unterhaltung und ihrer üblichen Frotzeleien, ehe es zurück in seine leere Wohnung ging.

„Nein, ich fliege einen Freund besuchen, der gerade eine schwierige Zeit durchmacht und mich um ein wenig Beistand gebeten hat“, riss ihm Ernests Antwort allerdings den Boden unter den Füßen weg und er war froh, dass er saß. Ganz besonders, als er sich noch an die kleine Hoffnung klammerte, dass es sich um einen frappierenden Zufall handelte und Ernests Worte stattdessen zum krönenden Abschluss dieser grauenvollen Woche wurden.

„Natürlich rede ich von England“, stellte er die Weinflasche auf dem Tisch ab und griff zum Korkenzieher.

„Du… er hat… dich gebeten zu ihm zu kommen?“, konnte Frido nur ungläubig von sich geben, wohingegen Ernest ob dieser absurden Nachfrage die Nase rümpfte.

„Was glaubst du, wie viele Personen es in meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt, die sich in solch einer Situation ausgerechnet an mich wenden würden? Die Zahl ist verschwindend gering, wie dir bewusst sein dürfte. Und da du auch weißt, wo meine anderen engen Vertrauten leben, kannst du dir ja ausrechnen, dass es im Moment nur einen gibt, bei dem ich extra in ein Flugzeug steigen muss, um ihn zu besuchen“, entkorkte er voller Selbstverständlichkeit den guten Tropfen und lauschte genießerisch dem Gluckern, als er einen angemessenen Schluck auf die Gläser verteilte. Gekonnt schwenkte er sein eigenes und betrachtete die samtig rote Farbe darin, während er Frido allein vom Zusehen schwindelig wurde. Aber war es vielleicht auch eine Chance?

„Soll ich dich fahren?“, schoss es ihm plötzlich in den Sinn und zur Antwort erhielt er die spöttische Nachfrage, ob er damit etwa die Fahrt durch den Hundesohn Nordsee meine.

„N.. nein, zum Flughafen! Ich bring dich und hol dich Sonntag wieder ab, ja?“, ließ er sich davon allerdings nicht beirren und so entschied Ernest, dass es wohl deutlicherer Worte bedurfte.

„Friedrich…“, setzte er also das Glas ab und schaute den Dozenten eindringlich an.

„Dominik hat jemanden, der sich um ihn kümmert, wie du siehst. Also gedulde dich, bis er sich aus freien Stücken wieder bei dir meldet. Er wird dich schon wissen lassen, wann er wieder Kontakt will. Und um diese Frage gleich vorweg zu nehmen: Nein, ich werde ihm weder irgendwas von dir ausrichten noch den Vermittler spielen. Hast du das verstanden?“, fixierte Ernest ihn, bis Frido endlich mit einem schwachen Nicken antwortete und wendete sich dann wieder frohen Mutes seinem Wein zu. Und diese schonungslose Ehrlichkeit hatte er vorhin noch als Erleichterung empfunden?

8.2.2025: bärig

Er hatte sich wirklich viel gefallen lassen und noch mehr als das seine Geduld unter Beweis gestellt. Sie sprachen hier schließlich nicht von Tagen, Wochen oder ein paar Monaten, sondern inzwischen von mehr als einem Jahrzehnt. Aber was zu viel war, war zu viel und das Maß nun endgültig voll! Nachdem der Dozent sich durch Dominiks Zurückweisung noch recht geläutert gezeigt hatte, war tatsächlich die Hoffnung in Ernest gekeimt, dass dieser Hohlkopf endlich einmal richtig in sich gehen würde. Aber nein! Stattdessen suhlte er sich seitdem mehr denn je in seinem Selbstmitleid! In der Woche nach Ernests erstem Flug zu Dominik hatte Frido sich ja noch zu ihrem freitäglichen Schachabend blicken lassen, aber seitdem ging er ihm aus dem Weg. Woche um Woche fand er neue Ausflüchte, warum er keine Zeit habe und wenn ihm die Ausreden ausgingen, schrieb er nur, dass ihm gerade nicht der Sinn danach stünde. Und auch an anderer Stelle schien er sich ordentlich gehen zu lassen. Mitleid hatte Niko zwar mit seinem Dozenten, dass dem der Abstand zu seinem Dominik so zu schaffen machte, aber ein wenig erheiterte es ihn auch, wie Frido laut seiner Aussage zunehmend zu einem Abklatsch vom Künstler Bob Ross wurde. Zumindest in einer zunehmend pummeligen Variante, die auch schon ein, zwei Mal von Dominiks Kumpel darauf hatte hingewiesen werden müssen, dass er beim Knöpfen des Hemdes verrutscht war oder nur ein Teil der Klamotte auch ordentlich in die Hose gesteckt war. Wenigstens seinen Unterricht hielt er anscheinend weiterhin in guter Qualität ab, währende er ansonsten zunehmend zur Witzfigur verkam. Und obendrein schien er sich seit inzwischen über zwei Monaten nicht nur vor Ernest zu verkriechen, sondern auch vorm Rest der Welt, wenn ihn seine Arbeit nicht gerade unter die Leute trieb. Und wer durfte das Ganze wieder ausbaden? Natürlich Dominik. Er bekam von Juli ihr Herz ausgeschüttet, weil Frido auch sie seit Wochen vertröstete und sich nicht einmal blicken ließ, wenn sie zu ihm kam, um die Wäsche zu waschen. Ahnungslos, was der Dozent ihrem Sohn angetan hatte, erzählte Rosanna Dominik von einem Telefonat mit Frido, bei dem sie sich nach seinem Befinden erkundigt hatte und ganz mitgerissen von seiner Traurigkeit gewesen war. Nein, was wünschte sie den Beiden, dass sie sich bald wieder in die Arme schließen würden, während Dominik den Vorfall eisern für sich behielt und Ernest inzwischen sogar geneigt war, ihm einen dezenten Hinweis an Vater Preuss vorzuschlagen. Einfach nur ein kleiner Anschiss dafür, dass Firdo erst so einen Bockmist verzapft hatte und jetzt nicht einmal den Arsch hoch bekam, um das Ganze gerade zu biegen – wenn schon nicht für sich, dann wenigstens, damit sein Lockenkopf aufhören konnte, allen eine bessere Laune vorzuspielen, als er gerade in Wirklichkeit hatte. Aber nein! Das wäre ja scheinbar zu viel verlangt gewesen, echeauffierte Ernest sich im Geiste und verspürte dennoch eine gewisse Genugtuung! Denn dieses Stillschweigen galt ja nur für die Außenstehenden und nicht für den, der ohnehin alles mitbekommen hatte und inzwischen auf obskure Weise trotz Dominiks Auslandsaufenthalt regelmäßig seine Gebäckteilchen erhielt: Er flog alle zwei, manchmal auch drei Wochen nach England und ließ sich in der Küche eines Studentenwohnheims bewirten, während er mit Dominik schwatzte und dabei allerhand Beobachtungen machen durfte. Nicht nur, dass der Lockenkopf die Backutensilien immer ganz besonders gut reinigte, ehe er sich unter Ernests kritischem Blick an die Arbeit machte, sondern auch, dass er sich mit seinen Mitbewohnern gut zu verstehen schien. Sie gesellten sich manchmal dazu und versuchten nicht selten, etwas von den frischen Leckereien abzubekommen, die angesichts der Zeit natürlich einfacher als Plunderteilchen oder Torte ausfielen. Wenigstens machte der Lockenkopf tatsächlich das Beste aus der Situation, hatte sich gut eingelebt und fühlte sich wohl, dachte Ernest, als er an diesem Abend die Straße entlang stapfte. Nur war fraglich, wie lange dieser Zustand wohl noch anhielte! Schließlich hatte er den jungen Mann in den ersten Tagen nach seiner Abreise nicht so mühevoll wieder aufgebaut, damit Friedrich, dieser Idiot, nun wieder alles mit dem Hinterteil einriss! Natürlich machte Dominik sich zunehmend Sorgen, wenn er von Fridos wachsender Verwahrlosung hörte und selbstverständlich fiel es ihm nicht nur jeden Tag schwerer, sich nicht bei dem Dozenten zu melden. Nein! Nun hatte Frido ihn schon fast so weit getrieben, dass er Ernest nach seinem letzten Besuch zurück nach Deutschland begleitet hätte. Mit Engelszungen hatte er auf den jungen Mann einreden müssen, um diese Pläne – wenigstens vorerst – verwerfen zu können und ihm stattdessen angeboten, sich der Sache anzunehmen. Und wenn Ernest ehrlich war, kam ihm diese Gelegenheit inzwischen ganz recht.

„Nun bin ich aber gespannt, warum es dir heute nicht zusagt…“, blieb er mit er angemessenen Menge an Ärger im Bauch vor Fridos Haus stehen und zückte sein Handy, um dem Dozenten eine kleine Nachfrage zu schicken. Würden sie sich heute wieder nicht sehen? Ja, eine noch ansatzweise zumutbare Zeit später erhielt er die wenig überraschende Antwort, dass Frido es leider nicht schaffen würde.

„Aha. Und warum?“, ließ Ernest diese Antwort dieses Mal jedoch nicht gelten und hob die Augenbraue, als zur Erklärung kam, dass Frido noch im Fitnessstudio sei.

„Höchst interessant…“, murmelte der Arzt und zückte den Schlüssel, den ihm ein gewisser Lockenkopf ausgeborgt hatte. Er mochte es nicht, wenn jemand ihn für dumm verkaufen wollte und erst recht nicht, wenn dieser jemand Frido war.

„So eilig zum Sport, dass man von Weitem schon das Licht in der Wohnung sieht und den Fernseher bis ins Treppenhaus hört?“, spöttelte Ernest und machte den Schwindler auf sein Erscheinen aufmerksam. Doch selbst dann öffnete ihm dieser Feigling nicht die Tür!

„Ganz wie du meinst!“, gewährte der Arzt sich dann eben selber Zutritt und hielt doch einen Moment inne, als er den Blick über das schweifen ließ, was er von der Wohnungstür aus sehen konnte. Bemerkenswert, dass Juli ihrem Bruder noch immer die Wäsche wusch, wenn der sie zum Dank in der Wohnung verteilte.

„Friedrich?! Ich weiß, dass du da bist! Hör auf, dich zu verstecken wie ein kleines Kind!“, rief Ernest aus und schaltete den Fernseher ab. Angewidert verzog er das Gesicht, als er sah, wie staubig es überall war, dass Chipskrümel auf Sofa und Tisch verteilt lagen und das sogar noch goldig im Gegensatz zur Küche war. Scheinbar räumte Frido die Spülmaschine gar nicht mehr aus, sondern bediente sich direkt daraus, wenn er keinen passenden Teller oder Besteck im Schrank finden konnte. Ob einige Teile dann mehrfach gespült wurden, war egal. Die Pfanne stand hingegen bereits seit Wochen unangetastet, aber benutzt auf dem Herd. Problematisch war das jedoch nicht, denn gebraucht wurde sie offensichtlich nicht mehr. Stattdessen ernährte sich der gesundheitsbewusste Dozent von heute scheinbar inzwischen zum größten Teil vom Essen aus der Pizzeria oder Dönerbude. Das verrieten zumindest ein Blick auf die Essensreste im Kühlschrank und die Plastiktüte mit bunt beschrifteten Verpackungen in der Ecke. Einzig Schlafzimmer und Bad sahen noch einigermaßen vorzeigbar aus. Aber wahrscheinlich auch nur, weil Frido sich eine gewisse Körperhygiene beibehalten musste, um keinen Ärger auf der Arbeit zu riskieren und das Bett dann doch bequemer als die Couch war. Oder empfand er etwa doch noch ein gewisses Bedürfnis nach Selbstfürsorge? Für die körperliche Ertüchtigung galt das jedenfalls nicht, wie Ernest nicht nur durch Nikos Erzählungen feststellte, sondern auch bei einem Blick auf die verstaubende Sporttasche neben dem Kleiderschrank.

„Wo steckst du?“, stellte er dabei allerdings auch fest, dass Frido tatsächlich nicht in der Wohnung war und griff wieder zum Smartphone. Dieses Mal begnügte er sich jedoch nicht mit ein paar geschriebenen Worten, sondern rief den Dozenten direkt an.

„Friedrich, wo bist du?“, wollte er wissen und lauschte angestrengt, ob er irgendwelche Hintergrundgeräusche vernehmen konnten, die Fridos Lüge überführen würden.

„Ich hab doch geschrieben, ich bin beim Fitness…“, behauptete der nämlich noch immer, allerdings war es um ihn herum scheinbar mucksmäuschenstill. Ernest reckte das Kinn und holte tief Luft. Wollte er dieses Spielchen noch ein wenig mitspielen oder ihm gleich den Kopf waschen?

„Ach, sag bloß! Ohne deine Sporttasche?! Ist ja höchst interessant!“, entschied er sich für Option Nummer zwei und ließ Frido auch gleich wissen, woher er diese Info hatte.

„Woher ich das weiß? Weil ich gerade in deinem Schlafzimmer stehe! Und jetzt erzähl mir nicht, das wären Dominiks Sportklamotten. Ich hab selbst gesehen, dass er die mit nach England genommen hat!“, platzte ihm allmählich die Hutschnur und erst recht wollte er nichts von der Frage hören, warum er plötzlich in Fridos Wohnung stünde.

„Du erklär mir jetzt lieber erst mal, wo du dich verkrochen hast!“, ging er darüber hinweg und schaute trotzdem ein wenig überrascht, als sich die Antwort nicht in Form von Worten, sondern der sich öffnenden Wohnungstür ergab. Doch noch faszinierender war die Gestalt, die dabei eintrat.

„Wie kommst du hier rein?“, fragte Frido und verzog keine Miene, wohingegen Ernest das Gesicht entgleiste. Gehört hatte er ja schon davon, aber so recht glauben hatte er bis jetzt trotzdem noch nicht können. Eine gewisse Robustheit hatte man Fridos Optik seit der regelmäßigen Besuche im Fitnessstudio ja durchaus zuschreiben können, doch inzwischen passte wohl eher das Wort bärig auf ihn. Nicht nur, weil das Hemd tatsächlich auffällig über seinem Bauch spannte und die Hose allmählich zu kämpfen hatte, sondern auch, weil sich zu der natürlichen Dauerkrause auch ein zunehmender Bartwuchs gesellte.

„Netter Minipli“, löste Ernest sich mit einem Räuspern aus seiner Schockstarre, doch Frido zuckte nur die Schultern.

„Ich weiß, dass ich zugenommen hab und mal wieder zum Friseur muss“, murmelte er und schob die Hände in die Hosentaschen, während er sich noch einmal erkundigte, was Ernest in seiner Wohnung zu suchen hatte. Auffällig ruhig, beinahe in sich gekehrt wirkte er, während Ernest ihm nun endlich die Meinung geigen konnte.

„Ich dachte mir schon, dass du mich wieder vertrösten wirst und die Tür nicht aufmachst! Dominik hat mir den Schlüssel geliehen, damit ich dir den Kopf zurecht rücken kann!“, wetterte er und schmälerte die Augen, als der Name des Lockenkopfs ein kleines Leuchten auf Fridos Gesicht spülte.

„Wie gehts ihm? Wie hat er sich inzwischen eingelebt?“, gab es wie beim letzten Aufeinandertreffen scheinbar wieder nur ein Thema, sodass Ernest das Kinn reckte und die Arme vor der Brust verschränkte.

„Er ist beschämt zu hören, wie du dich hängen lässt! Die ganze Universität redet schon darüber, was für eine traurige Gestalt du inzwischen bist!“, ließ er ihn wissen und schnaubte aus, als Frido den Blick senkte.

„Er… schämt sich für mich?“, fragte er leise und ließ die Schultern hängen.

„Das fragst du noch?! So erbärmlich, wie du dich benimmst, kann man sich ja nur genieren, mit dir in Verbindung gebracht zu werden! Du lässt deine Wohnung verkommen, deine Schwester muss deine Wäsche waschen und was aus dir geworden ist, davon fang ich gar nicht erst an! Traust du dich deswegen nicht mehr zu unseren Treffen? Weil du genau wusstest, dass ich dir das sagen würde, du Feigling?!“, zischte er und tippte ungeduldig mit dem Zeigefinger auf seinen Arm, während Frido erst einmal schlucken musste. Er schloss die Wohnungstür und lehnte sich an sie, ehe er den Kopf schüttelte und Ernest anschaute.

„Ernest, du bist ein guter Freund und ich weiß, dass deine Ehrlichkeit viel wert ist. Das macht nicht unbedingt jeder, dass er einem Freund, der Mist gebaut hat, so die Augen öffnet. Aber… die Sache ist die: Ich weiß, dass ich sogar sehr großen Mist gebaut habe und den werd ich bestimmt nicht so schnell wieder vergessen. Trotzdem darf ich mich aber doch auch nach Dominik sehnen. Nur gestehst du mir das nicht zu“, sagte er leise und schluckte, als er den Blick wieder sinken ließ. Ernest rümpfte hingegen die Nase und musterte ihn.

„Worauf willst du hinaus?“, forderte er deutlichere Worte und hob die Augenbraue, als Frido ihn wieder anschaute.

„Du hast mir sehr deutlich gezeigt, dass du kein Mitleid mit mir hast und ich bin froh, dass du dich um Dominik kümmerst, aber… manchmal könnte ich gerade jemanden gebrauchen, bei dem ich einfach mal weinen darf. Ohne, dass ich mir Vorhaltungen anhören kann, dass ich selbst Schuld an meiner Lage bin. Das weiß doch selber, Ernest! Und trotzdem vermiss ich Dominik! Ich hör von allen Seiten, dass er mit allen möglichen Leuten weiterhin regen Kontakt hat. Niko erzählt mir davon, Juli leitet mir Bilder weiter, die er für Lilli gemalt hat und selbst seine Mutter sagt mir, wie froh sie ist, mit ihm telefonieren zu können, damit er ihr nicht ganz so sehr fehlt. Und ich hab jetzt seit über zwei Monaten nichts mehr von ihm gehört“, murmelte Frido, ehe er noch einmal vorweg nahm, dass ihm seine Rolle bei dem Ganzen durchaus bewusst sei.

„Ich lass ihm den Abstand, den er sich wünscht, aber… ich darf mir doch trotzdem auch wünschen, dass er sich wieder bei mir meldet, oder?“, ging er ein paar Schritte auf den Arzt zu und lehnte sich gegen die Kommode, während Ernest die Augen verdrehte.

„Wenn du mit deinem verfluchten Selbstmitleid aufhören würdest…“, wollte er beginnen, doch Frido bewies, dass noch ein bisschen Energie in seiner schlappen Gestalt steckte.

„Ich hab Liebeskummer!“, erschreckte er den Arzt mit seinem Ausspruch und schluchzte, wobei sich die ersten Tränen in seinem Bart verfingen.

„Ich warte die ganze Zeit drauf, dass er sich endlich meldet und ich ihm zeigen kann, dass ich an mir arbeite! Aber es kommt nichts! Und dich darf ich auch nicht fragen, ob er vorhat, mir bald mal ein kleines Lebenszeichen zu schicken! Und bitten, ihm was von mir auszurichten, darf ich dich erst recht nicht! Also, was soll ich deiner Meinung nach gerade tun?!“, schaute Frido den Arzt verzweifelt an und schluckte, als der ihm die zu erwartende Kälte entgegenbrachte.

„Du könntest zum Beispiel mal deine Definition von „an sich arbeiten“ überdenken, Friedrich! Es sei denn, du verstehst darunter, alles um sich herum zu vernachlässigen und sich jämmerlich zu verkriechen!“, zischte Ernest und wartete auf das nächste Gejaule. Doch auch, wenn Frido schlucken und einen tiefen Atemzug machen musste, beklagte er sich nicht.

„Komm mit…“, wischte er sich stattdessen übers Gesicht und stapfte zur Wohnungstür, begleitet von Ernests skeptischen „Wohin?“ und einem genervten Schnauben, weil er keine Antwort erhielt.

„Ich habe gefragt, wo du hin willst!“, versuchte Ernest also sich etwas energischer Gehör zu verschaffen und ging dem Dozenten nach, der statt ihm zu antworten nur die Tür zum Atelier öffnete. Hatte er wieder alles verwüstet? Nein, stellte der Arzt überrascht fest. Es war zwar ein bisschen chaotisch, aber nichts lag verstreut oder zerstört herum. Vielmehr konnte die Staffelei wieder stehen und sogar eine Leinwand tragen. Eine, die erstaunlicherweise nicht Dominiks Handschrift trug. Konnte das sein?

„Du hast gemalt?“, trat er näher heran und betrachtete das Bild, das sehr grob an den Versuch eines Landschaftsgemäldes erinnerte. Es war vergleichbar mit den ersten Malversuchen eines Kindes und konnte um Längen nicht mit Fridos früherem Können mithalten. Doch eine gewisse Verbesserung war bereits auszumachen, wenn man dagegen die Leinwände betrachtete, die am Schreibtisch und den Wänden lehnten.

„Ich versuch es zumindest wieder…“, murmelte Frido und trat an den Schreibtisch, um sich daran abzustützen. Er wartete auf die nächste Spitze, doch dieses Mal schaute Ernest ihn nur interessiert an, sodass er den Mut fasste, ein wenig mehr zu erzählen.

„Es ist… ziemlich anstrengend. Meine Hand ist das nicht gewohnt und verkrampft oft“, öffnete und schloss er die Finger der rechten Hand, ehe er die linke anschaute.

„Ein bisschen kann ich damit sogar noch. Aber eher, wenn ich direkt mit den Fingern male und nicht versuche, einen Pinsel oder Stift zu halten“, sagte er und betrachtete die Bilder, die er geschaffen hatte. Eine Quälerei war es. Ernüchternd und oft genug warf er seine Pinsel durchs Zimmer, weil ihn die eigene Unfähigkeit so frustrierte. Aber irgendwas packte ihn daran auch so sehr, dass er den Pinsel immer wieder aufhob und es von Neuem versuchte.

„Es ist anders als früher, vor allem, weil ich jetzt viel mehr nur auf Farben und einfache Formen gehen muss, um etwas darzustellen, aber… irgendwie tut es mir auch gut. Ich kann meinen… Schmerz da reinlegen und muss niemandem erzählen, dass ich nicht nur wegen Dominiks Abwesenheit gerade so unglücklich bin. Oder… wie oft mir inzwischen Erinnerungen in den Sinn kommen, die ich lange vergessen hatte. Vom Unfall, aber auch davor oder danach. Das ist manchmal ganz schön zermürbend“, murmelte er und man musste wahrlich kein Dr. Ernest Landers sein, um zu merken, wie sehr Frido es gerade brauchte, dass er mal wieder so offen sprechen konnte. Er ging nur noch unter Leute, wenn es unbedingt sein musste. Stolz war er auf sein Verhalten gegenüber Dominik nun wirklich nicht und auch darüber hinaus wollte er ihre Probleme nicht an die große Glocke hängen. Und gleichzeitig erschöpfte es ihn zunehmend, dass ihn natürlich alle, die Dominik kannten, so behandelten, als müsse er bestens über das aktuelle Leben des Lockenkopfes Bescheid wissen.

„Wenn ich nicht rausgehe, krieg ich auch keine Fragen gestellt. Oder… von Juli den Kopf gewaschen, wenn ich ihr erzählen würde, was passiert ist. Ich bin ja froh, dass sie sich um meine Wäsche kümmert, aber wenn sie mich jetzt sehen würde, käme sie doch sofort dahinter, dass irgendwas nicht stimmt“, erklärte er mit einem Schulterzucken, ehe er sagte, dass er aus diesem Grund auch nicht mehr ins Fitnessstudio ging. Oder nur im äußersten Notfall einkaufte und sich ansonsten von Fertiggerichten ernährte.

„Je weniger ich in meiner Freizeit das Haus verlasse, desto geringer die Gefahr, dass ich einem Bekannten über den Weg laufe. Trotzdem fühl ich mich einsam und wünsch mir ein bisschen Unterhaltung. Also lass ich die meiste Zeit über den Fernseher laufen. Das machts vor allem leichter, wenn ich wieder in die Wohnung komme. Dann fühlt sie sich nicht ganz so leer an… Aber... an sich sitz ich ohnehin die meiste Zeit hier drin. Weißt du, Ernest, Sport treiben kann ich später wieder, aber das hier ist gerade wichtiger“, schaute er zur Staffelei und konnte sogar etwas schmunzeln.

„Als ich dir vor ein paar Wochen abgesagt hab, weil ich zu meinen Eltern wollte, war das nicht geschwindelt. Mein Vater hat das alte Ding wieder repariert“, hatte er etwas Liebevolles im Blick, als er den alten Weggefährten betrachtete. Und etwas Hoffnungsvolles, als er zu seinem anderen Gefährten schaute.

„Ich würd Dominik das gern zeigen. Ich glaub, er freut sich, wenn er das sieht. Früher hätte er das zumindest… Meinst du, dass er mir bald die Gelegenheit dazu gibt? Irgendwann wird er doch wieder mit mir reden, oder nicht?“, fragte er Ernest, der ihn äußerst kritisch anblickte und dann etwas sagte, das Frido in seinem tiefsten Inneren wohl befürchtet und doch nicht erwartet hatte.

„Ich denke, im Moment ist die Frage weniger, wann er sich melden wird, sondern eher, wann er dir die Trennung mitteilt...“, antwortete er überraschend steif und räusperte sich, als Frido langsam auf den Schreibtischstuhl sank und jede Kraft seinen Körper zu verlassen schien. Er verbarg das Gesicht hinter den Händen und lehnte den Kopf gegen seine Knie. Gebeutelt und gekrümmt jaulte er herzerweichend auf, dass es sogar einem Ernest Landers die Haare zu Berge stehen ließ. Nur lag es vielleicht nicht ausschließlich an Fridos erbarmungswürdigem Anblick?

„Friedrich…“, sprach der Arzt ihn an und bekam doch erst Fridos Aufmerksamkeit, als er seinen Namen lauter wiederholte und ihn am Arm fasste.

„Sieh mich an!“, forderte er und räusperte sich dann trotzdem wieder voller Unbehagen.

„Nun, wie soll ich sagen?“, begann er nach den richtigen Worten zu suchen, wohingegen Frido sie nach kurzem Starren bereits gefunden hatte. Und sie ihm das Herz noch mehr zerrissen.

„Sag nicht, er hat einen anderen…“, flüsterte er, ehe ihn der Schmerz wieder schüttelte, doch Ernest schüttelte sogleich seinen Kopf und sprach energisch auf ihn ein.

„Nein, Dominik hat keinen anderen! Er denkt aber, du hättest vielleicht…“, begann er stark und brach dann doch ab, als ihm die Worte zu unangenehm wurden, um sie zu auszusprechen. Und noch unangenehmer wurde ihm Fridos ungläubiger Blick, als er den Kopf zu ihm hob.

„W...was? Wie kommt er darauf?“, fragte er außer Atem und fassungslos, wohingegen Ernest die Arme verschränkte und das Kinn reckte.

„Nun ja…“, war die richtige Wortwahl sicherlich von Vorteil, nur schien er nicht der Einzige, der es nicht mochte, wenn man ihn an der Nase herumführen wollte.

„Ernest, was hast du ihm für einen Blödsinn erzählt?“, richtete Frido sich auf und starrte ihn an.

„Du steckst doch dahinter, oder? Wer würde ihm sonst so einen Floh ins Ohr setzen?“.

Noch einmal räusperte sich der Arzt und ging einen Schritt auf Abstand. Bei so einem Bären wusste man ja nie, wie er reagierte und ob er auch gut genug zuhörte.

„Ich habe lediglich eine Vermutung geäußert!“, stellte er also zunächst einmal klar, ehe er auch Frido diese mitteilte. Natürlich wohl formuliert und auf seine Weise.

„Angesichts der Tatsache, dass du dich so vehement dagegen gesträubt hast, mich zu sehen, konnten wir selbstredend nur auf das zurückgreifen, was wir durch Außenstehende über deinen körperlichen Verfall gehört haben. Daher lag die Vermutung nahe, dass du auch in dieser Situation wieder nicht an dir arbeitest, sondern wie immer in alten Mustern agierst…“, begann Ernest zu erklären, was Frido jedoch nicht so recht zufrieden stimmen wollte. Das Gehörte war ja eine Sache, aber da fehlte doch noch was.

„Schön und gut, aber warum denkt Dominik deshalb, dass ich ihm fremdgehe?“, forschte er nach, sodass Ernest es allmählich in der Tat wenig gastfreundlich fand, ihm noch immer kein Glas Wasser anzubieten, nachdem er doch so mit Räuspern zu tun hatte.

„Darauf wollte ich ja gerade zu sprechen kommen!“, zeigte er sich daher erst recht ein wenig verschnupft ob der Unterbrechung und trat trotzdem noch einen Schritt von Frido weg.

„Ich… wie soll ich sagen? Als Dominik mir bei meinem letzten Besuch von einem Telefonat mit Juliane berichtete und dass sie dich scheinbar gar nicht mehr zu Gesicht bekommt, obwohl sie regelmäßig in deiner Wohnung zu Gast ist, erinnerte mich das an eine andere Phase in deinem Leben, in der man dich kaum noch gesehen hat. Ich meine die, in der du beinahe jeden Abend in irgendwelchen Discotheken und Kneipen unterwegs warst“, sprach er bedeutungsschwer und nickte, als Frido das aussprach, was er so elegant versucht hatte zu umschreiben.

„Du meinst, als ich nach der Trennung von Patrick mit jedem in die Kiste gestiegen bin, der nicht bei drei aufm Baum war?“, starrte Frido ihn ungläubig an und änderte auch bei Ernests Rechtfertigung nicht viel an seinem Gesichtsausdruck.

„Ganz recht! Du musst zugeben, es lassen sich durchaus gewisse Parallelen erkennen und bei deinem bisherigen Handeln war auch nicht damit zu rechnen, dass du dich am Ende in der Tat so einsichtig zeigst, nicht wahr? Ich kann auch nicht verhehlen, dass es ich verwundert, wie sehr du Dominiks Wunsch nach Abstand bislang respektiert hast. Ich hatte eher damit gerechnet, dass du ihn nach ein paar Tagen ohnehin wieder kontaktieren würdest und…“

„Und weil ich das nicht gemacht habe, ist für dich die logische Schlussfolgerung nicht „Hey, Friedrich hat endlich mal dazu gelernt!“, sondern „Hey, Friedrich weiß zwar, wie scheiße Fremdgehen ist, aber er macht das jetzt bestimmt trotzdem!“. Hab ich das grad richtig verstanden?!“, unterbrach Frido ihn und schüttelte fassungslos den Kopf. Er stützte die Hände auf die Hüften und atmete tief durch, um diesen Hammer zu verdauen, aber Ernest wusste selbstredend auch darauf eine Erklärung.

„Es war eine irrige Annahme, die darauf fußte, dass ich wähnte, du könntest Dominiks Schweigen als Schlussstrich unter eure Beziehung deuten und dich daher mit jemand anderem trösten wollen“, wusste er wahrlich zauberhaft mit Worten um sich zu schmeißen, ehe er Frido das Totschlagargument schlechthin lieferte: Dass er in der jüngsten Vergangenheit schließlich schon einmal mit unangebrachtem Verhalten unerwarteter Stärke reagiert hatte. Aber dabei sah der Arzt natürlich auch ein, dass selbst er nicht unfehlbar war.

„Ich bedaure diese Missinterpretation meinerseits zutiefst! Und selbstverständlich werde ich diesen Irrtum umgehend aus der Welt schaffen“, beteuerte er und griff tatkräftig nach seinem Smartphone, doch Frido fasste sein Handgelenk und schüttelte den Kopf.

„Das lässt du schön bleiben, hast du mich verstanden?“, schaute er Ernest eindringlich an, wohingegen der eher verdutzt aus der Wäsche guckte und seiner Verwunderung mit einem „Wie bitte?“ freien Lauf ließ.

„Ich bin dir dankbar, dass du dich um Dominik kümmerst, aber hör auf, meine Beziehung zu sabotieren! Das krieg ich selber hin, wie du weißt!“, half Frido ihm also auf ein wenig auf die Sprünge und wollte auch nichts davon hören, dass Ernest diese Formulierung höchst unpassend fand.

„Von sabotieren kann doch wohl nicht die Rede sein! Ich bin einem Irrtum unterlegen, Friedrich und das…“, begann er sich zu echauffieren.

„Ernest!“, war Frido allerdings nicht sonderlich an weiteren Diskussionen interessiert.

„Ich sag ja nicht, dass du es absichtlich verschlimmbessert hast, aber bevor die Situation jetzt noch mehr eskaliert, lass es mich selber regeln! Entweder schaff ich es, dass wir uns zumindest wieder ein bisschen annähern können oder… wenns wirklich in die Brüche geht, dann ist es wenigstens meine eigene Schuld“, ließ er den Arzt los, um seine Hand stattdessen fordernd auszustrecken und Dominiks Schlüssel zu verlangen. Fest schaute er den Arzt an, ohne den Hauch einer Regung zu zeigen, als Ernest ihn sichtlich irritiert musterte. Er blickte in das entschlossene Gesicht, dann auf Fridos Hand und hob schließlich die Augenbrauen.

„Heißt das etwa, du willst…“

„Morgen früh als Erstes zum Friseur und dann so schnell es geht zu ihm. Selbst, wenn er mir nur die Tür vor der Nase zuknallt und mich zum Teufel jagt“.

9.2.2025: Schneeglöckchen

Aufregend war der Start in ein Auslandssemester vermutlich immer, aber die Umstände, unter denen es für ihn begonnen hatte, hätte Dominik wirklich niemandem gewünscht. Getrennt von allen Vertrauten,war ausgerechnet Fridos Halt weggebrochen und hatte ihn noch einsamer fühlen lassen, als er es durch das Heimweh ohnehin schon tat. Ganz zu schweigen von den ganzen anderen Gefühlen, die dessen Ausbruch auch in dem Lockenkopf mit sich gebracht hatte. Besonders die Nächte waren ihm eine Qual geworden. Wenn alles um ihn herum in Stille lag, er Fridos Bild auf seinem Smartphone anschaute und sich fragte, wer dieser Mann war, den er dort sah. Dann schwirrten seine Gedanken, bis ihm der Kopf davon so schwer wurde, dass er schließlich doch noch vor Erschöpfung einschlief, nur, um auch im Schlaf von seinem gebrochenen Herzen verfolgt zu werden. Und auch das Erwachen am Morgen war für ihn anfangs eine Folter gewesen. Nicht nur, weil er dann erst richtig die geräderten Nachwirkungen der Nacht gespürt hatte, sondern auch, weil alles in ihm sich hatte verkriechen wollen. Doch auch, wenn die Überwindung, sich unter Menschen zu begeben, anfänglich noch so schwer gewesen war, hatte es ihm geholfen. Die vielen neuen Eindrücke, die paar bereits bekannten Gesichter und die vielen, die er in der kommenden Zeit kennenlernen durfte. Da war so viel auf ihn eingeprasselt, dass er überrascht festgestellt hatte, wie wenig er teilweise an Frido gedacht hatte. Bereits ab dem ersten Tag waren die Stunden im Zusammensein mit seinen Kommilitonen eine willkommene Ablenkung geworden. Und selbst, wenn die Gespräche mit seinen Liebsten aus der Heimat immer ein kleiner Drahtseilakt waren, taten sie ihm auch gut. Natürlich ging es auch immer ein Stück weit um Frido und natürlich wollte Dominik trotz seines Schmerzes wissen, wie es dem Dozenten erging. Und was er hörte vermischte für ihn Hoffnung mit Enttäuschung. Hatte Frido selbst jetzt nicht gemerkt, dass er Dinge aufarbeiten musste? Gerade, wenn Niko wieder einmal ausplauderte, dass der „verrückte Professor“, wie einige Frido inzwischen nannten, einen etwas kopflosen Tag gehabt hatte, war Dominik mehr als ein Mal kurz davor gewesen, ihn zu kontaktieren. Nicht selten hatte er das Chatfenster bereits geöffnet und die ersten Buchstaben getippt gehabt, ehe ihn die Unterhaltungen mit Ernest doch wieder vom Gegenteil überzeugt hatten – ganz gleich, ob es seine Erinnerungen daran gewesen waren oder er den Arzt tatsächlich angerufen hatte. Aber zum Glück gab es auch die einfachen Telefonate mit der Heimat. Wenn seine Oma ihm von ihrem Tag erzählte, er sich mit seiner Mutter austauschte oder Lillis kleine Kunstwerke bestaunen durfte, die sie ihm zum Dank für seine Bilder an sie gemalt hatte. Blumen liebte sie aktuell ganz besonders! Sonnenblumen gemischt mit Schneeglöckchen und Tulpen und ganz vielen anderen bunten Blüten. Dann freute er sich wieder ganz besonders darauf, sein Mäusezähnchen bald wieder in die Arme zu schließen und mit ihr Kekse zu backen. Schade, dass Ernest mit Kindern nicht so viel am Hut hatte, dachte Dominik an diesem Abend und musste schmunzeln. Sonst hätte er die Kleine bei seinem nächsten Besuch vielleicht mal mitbringen können, aber das war wohl Wunschdenken. Er freute sich ja schon, dass der Arzt die regelmäßigen Reisen überhaupt auf sich nahm und ihm dadurch noch ein Stückchen mehr Heimat mitbringen konnte. Wenn ihm das vorher jemand gesagt hätte, dass ausgerechnet Ernest in dieser Zeit so eine Stütze für ihn würde… Ungläubig schüttelte Dominik den Kopf und hob dann erstaunt den Blick zu seinem Kommilitonen.

„Sorry…“, grinste er schief, als ihm bewusst wurde, dass man seine gedanklichen Entgleisungen durchaus bemerkt hatte und sich fragte, was gerade in ihm vorging. Er wiegelte jedoch schnell ab und konzentrierte sich lieber darauf, dass er im Moment nicht zum Grübeln da war, sondern um mit seinen Kommilitonen eine gute Zeit zu verbringen. Ein kleines Grüppchen aus Studenten seiner Heimatuni, anderen Austauschstudenten und Mitgliedern der Gastuni hatte sich gebildet, dem er inzwischen angehörte. Oft saßen sie zusammen an ihren Arbeiten, aber genauso gerne gingen sie gemeinsam in die Stadt. Einkaufen, Sightseeing und eben auch den einen oder anderen Abstecher in die Pubs. Ungewohnt war es für Dominik am Anfang gewesen, aber inzwischen genoss er es, stundenlang beisammen zu hocken, sich an seiner Cola festzuklammern, ein paar Nüsse zu mümmeln und dabei mit den anderen zu schnattern. Je nachdem, wie voll es an dem jeweiligen Abend war, klappte das aufgrund der Lautstärke mal mehr und mal weniger gut, aber so oder so hatte er immer eine gute Zeit. Auch jetzt, da es sie mal wieder an den Tresen verschlagen hatte, wo sie wie die Orgelpfeifen neben einander saßen. Gut gefüllt war die Kneipe an diesem Abend und es herrschte eine durchweg entspannte und gute Stimmung. Mal brachte Dominik sich mit eigenen Beiträgen in die Unterhaltungen ein, mal lauschte er ihnen nur. Und dann, als er gerade wortwörtlich die Köpfe mit seinem Nebenmann zusammensteckte, mischte sich zum ersten Mal an diesem Abend etwas Seltsames in die ausgelassene Stimmung. Voll war es, ja, und wer sich auf der Suche nach einem freien Platz durch die Bar bewegte, stieß auch manchmal an einen der anderen Gäste. Aber diese Hand, die er auf seinem Rücken spürte, machte es sich ein bisschen zu gemütlich! Gestartet auf der Schulter, war sie zielstrebig hinunter aufs Schulterblatt gewandert und dort ganz selbstverständlich liegen geblieben. Und in der gleichen Sekunde, in der Dominik auch den irritierten Blick seines Kommilitonen bemerkte, drehte er sich zu dem Fummler um.

„Hey! What are you…“, begann er empört, doch als er erkannte, wer dort stand, verstummte er und statt Ärger legte sich diese nichtssagende Maske auf sein Gesicht.

„Hi…“, zog Frido die Hand weg, als Dominik ihn endlich bemerkt hatte und hob sie stattdessen zögerlich zu einem vorsichtigen Gruß. Die Nervosität war ihm anzumerken, genauso wie die gleichzeitige Freude, seinen Lockenkopf zu sehen. Aber auch die Angst, wie er reagieren würde. Erst einmal musterte der ihn und war vielleicht irritiert davon, dass Frido um diese Jahreszeit einen dicken Winterpullover trug oder einfach nur unzufrieden damit, ihn jetzt vor sich stehen zu haben. Jedenfalls wanderte zu dem gleichgültigen Ausdruck ein Stirnrunzeln, das Fridos Nervosität noch steigerte. Erst recht bei dem kühlen Ton, der Dominiks „Was machst du denn hier?“ begleitete. Und kaum wollte Frido darauf antworten, hob Dominik auch schon die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Allerdings jagte er ihn nicht sogleich davon, sondern wendete sich kurz an seinem Kommilitonen, sagte etwas, das Frido im allgemeinen Gemurmel nicht verstehen konnte und rutschte dann vom Hocker. Das Glas Cola mit einem kräftigen Schluck geleert, nickte Dominik Richtung Ausgang und folgte Frido dann vor die Tür. Ja, hier konnte man sich besser unterhalten verriet das dankbare Lächeln des Älteren, aber war der Jüngere daran wirklich interessiert?

„Also, was willst du hier?“, verschränkte er die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn noch ein bisschen mehr, als Frido seine Antwort zu stammeln begann.

„Ich weiß, dass ich dich grad überfalle und es tut mir leid, wenn ich dich damit bedränge, aber als Ernest mir gesagt hat, dass du denkst, ich würde dich betrügen…“, schüttelte er den Kopf und verhaspelte sich in seinem Versuch, Dominik zu beteuern, dass an Ernests Mutmaßung kein Fünkchen Realität dran war. Ihm war die Verzweiflung anzumerken, dass er ein falsches Wort rausbringen und Dominik damit vertreiben könnte, sodass er seine mangelnde Eloquenz mit etwas anderem versuchte auszugleichen.

„Ich… ach, verdammt!… Hier! Ich… ich hab dir was mitgebracht!“, zog er also eilig etwas aus der Hosentasche. Eine kleine Leinwand, wie man sie oft in Geschenkartikelläden finden konnte, grundiert in weiß und in der Mitte mit einem grünen Herzen versehen.

„Ich weiß, dass du nicht fremd gehst“, antwortete Dominik, während er einen ungerührten Blick auf das Mitbringsel warf und dann wieder Frido anschaute, der im Gegensatz zu ihm plötzlich voller Hoffnung schien. Dann hatte Dominik gespürt, dass er so etwas nicht tun würde, stand ihm der Gedanke förmlich auf die Stirn geschrieben.

„Ernest hat mir von eurem Gespräch erzählt“, wischte der Lockenkopf dieses kleine Fünkchen Glück allerdings beiseite und so wie Fridos Mundwinkel hinab sanken, tat es auch seine Hand.

„Er… er hat mit dir gesprochen?“, konnte er nicht einmal wütend darauf sein, dass er dem Arzt genau das ja untersagt hatte, sondern spürte offensichtlich nur die Resignation. Wenn Dominik von der gestrigen Unterredung wusste und nun trotzdem so distanziert reagierte, dann war seine Entscheidung eigentlich längst gefallen, nicht wahr?

„Jap. Ich wollte wissen, ob er dich endlich mal wieder zu Gesicht bekommen hat und ob du wirklich in so einem desolaten Zustand bist, wie alle sagen“, zog Dominik ihm allerdings die kleine Leinwand aus der Hand und warf einen Blick darauf, nachdem er den Dozenten noch einmal gemustert hatte. Frido nickte und verschränkte leicht die Arme vor der Brust, schützend, nicht abwehrend und vor allem wohl auch, damit seine Hände etwas zu tun hatten, anstatt sich nur an seiner dünne Reisetasche festzuklammern.

„Also wusstest du, dass ich komme?“, versuchte er scheinbar Dominiks Verhalten zu verstehen und hob verwundert die Augenbrauen, als der den Kopf schüttelte.

„Nö. Ich wusste nur, dass du wohl doch nicht so ein schlimmes Wrack bist, wie wir dachten. Eine kleine Vorwarnung wäre also ganz nett gewesen!“, galt sein Ärger wohl gleichermaßen dem Dozenten als auch dem Arzt und während der Anwesende reumütig nickte, wollte Dominik wissen, wie Frido ihn überhaupt gefunden hatte.

„Hab ich n Peilsender, von dem ich noch nichts weiß?“.

Fridos Mundwinkel zuckten und er verneinte die Frage.

„Ich hab Ernest gefragt, wo ich dich am ehesten finden kann und er meinte, du bist meistens im Wohnheim, in der Uni oder in einem der Pubs. Und ähm… dann hab ich mich einfach auf die Suche gemacht. In der Uni warst du nicht, im Wohnheim konnte mir keiner sagen, wo du steckst, also blieben nur noch die Kneipen“, erzählte er und zuckte leicht die Schulter, als Dominik wissen wollte, wie lange er suchend durch die Gegend getapst sei.

„Weiß nicht… Ich bin gegen drei gelandet, dann mit dem Taxi zur Uni und jetzt haben wir…“, schaute er auf seine Uhr, deren Ziffernblatt er nur noch im Schein einer Laterne erkennen konnte und zuckte abermals die Schultern „Oh, ja, hab schon ein bisschen gebraucht“. Dominik schnaubte hingegen aus und setzte sich langsam in Bewegung.

„Wärs nicht einfacher gewesen, mich anzurufen und zu fragen, wo ich bin?“, wollte er wissen und signalisierte Frido damit aber gleichzeitig auch, dass das Gespräch für ihn noch nicht beendet war.

„Ja, schon, ich… war aber nicht sicher, ob du mit mir sprechen würdest“, gab er zu und schloss sich Dominik an, der ihn skeptisch beäugte.

„Ach, aber wenn du plötzlich vor meiner Tür stehst, bist du dir da sicher?“, hakte er nach und brachte Frido damit ein wenig in Erklärungsnot.

„Na ja, ich… es ist leichter, einen Anruf wegzudrücken, als jemandem ins Gesicht zu sagen, dass er gehen soll, daher…“, murmelte er und erschrak, als Dominik abrupt stehen blieb.

„Oh, da hab ich kein Problem mit, dir das ins Gesicht zu sagen!“, trafen ihn dessen Worte allerdings viel mehr und nachdem Dominik ihn einen Moment lang eindringlich angeschaut hatte, setzte er sich wieder in Bewegung. Langsam, gemächlich und schlendernd allerdings und weiterhin vom Pub weg, anstatt zu seinen Kommilitonen zurück zu kehren.

„Ist übrigens nett von dir, dass du extra her kommst, um mir Lillis Bild zu bringen. Sag ihr, dass ich mich drüber gefreut hab“, sprach er dabei und schaute wieder auf die Leinwand, während Frido ihm nach kurzem Zögern folgte.

„Das… das ist nicht von Lilli. Sonst wärs nicht so krakelig“, witzelte er und beobachtete Dominik äußerst interessiert. Fast so, als wartete er auf eine bestimmte Reaktion von dem Lockenkopf. Der musterte ihn allerdings erst noch mal und zeigte gar keine richtige Regung darauf. Nur der Hinweis „Ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ glitt ihm über die Lippen.

„Stimmt“, gab Frido zu und schob einen kleinen Scherz hinterher.

„Halt es in Ehren, vielleicht ist das irgendwann mal richtig viel wert! Und außerdem hab ich ewig gebraucht, bis ich den richtigen Grünton angemischt bekommen hab“, grinste er leicht, um es sich sogleich wieder zu verkneifen, als er dafür nur ein Stirnrunzeln erhielt.

„Du weißt aber schon, dass wir noch was von der Wandfarbe im Keller haben, oder?“, galt es dieses Mal aber wohl nicht seiner Anwesenheit und ließ trotzdem sein Gesicht entgleisen.

„Verarschst du mich grad?“, murmelte er und schloss erschöpft die Augen, als er von Dominik hörte, wie einfach die Farbe zu finden gewesen wäre.

„Meinst du, ich hab mich neulich Nacht stundenlang ans Mischen gesetzt? Für die Leinwand hab ich auch einfach die Wandfarbe genommen“, sagte er ganz selbstverständlich, als Frido den Kopf schüttelte und sich das Gesicht rieb.

„Wenigstens ne gute Übung…“, nuschelte er dabei und schaute zwischen den Fingern hindurch zu Dominik, der so wirkte, als er wäre er etwas belustigt, doch dieser Eindruck verschwand auch genauso schnell wieder, um seiner Ernsthaftigkeit platz zu machen.

„Du hast also tatsächlich wieder gemalt?“, hielt er die Leinwand vielsagend hoch und Frido nickte, während er die Hände runter nahm. Er zog sein Handy hervor, tippte ein paar Mal darauf und hielt es Dominik dann hin.

„Ig.. ignorier die Flecken auf dem Boden. Da ist mir der Pinsel weggefallen“, murmelte Frido beim Anblick des Fotos vom Atelier und gab Dominik sofort das Smartphone, als der darum bat. Er konnte sich ja schon denken, dass Dominik es ohnehin gesehen hätte, aber wieder einmal bewies der, dass seine gute Beobachtungsgabe durchaus über das bloße Sehen hinaus ging.

„Da sind die Pinsel teilweise aber ganz schön weit gefallen…“, erkannte er natürlich, dass auch einige Emotionen involviert gewesen sein mussten, um die Flugbahn der Pinsel so zu beeinflussen. Und wie Fridos gesenkter Blick verriet, schämte er sich dafür. Allerdings erhielt er gerade hierbei sogar Verständnis.

„So ein schwerer Unfall muss ganz schön traumatisch sein und sich dem dann endlich zu stellen, wühlt bestimmt ziemlich auf. Erst recht, wenn man solange nicht gemalt hat“, vermutete er mit einem aufmerksamen Blick zu Frido, der nur nickte und sich die Augen rieb, während er die Nase hochzog. Ja, es war offensichtlich, dass die vergangenen Wochen etwas mit ihm gemacht hatten. Und vielleicht konnte Dominik ihm dann doch endlich ein wenig entgegen kommen.

„Na schön, um eins mal klarzustellen: Ich geb zu, nach deinem unberechenbaren Verhalten in letzter Zeit waren da kleine Zweifel, aber ich hab eigentlich auch ohne Ernests Richtigstellung gewusst, dass du mir nicht fremdgehst. Du hast Scheiße gebaut, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass du wirklich so weit gehst. Ich war eher wütend darauf, dass du scheinbar immer noch nicht an dir arbeiten wolltest“, nahm er ihm also wenigstens eine kleine Last und bezeichnete auch Fridos erste Gehversuche im Malen als guten Anfang. Und der fasste dadurch auch wieder Hoffnung und Mut. Glücklich nahm er das Smartphone zurück und freute sich über die kurze Berührung die sie dabei teilten, ehe er versuchte das anzusprechen, was ihm wohl schon die ganze Zeit über auf dem Herzen lag.

„Ich weiß, du hast beim letzten Mal gesagt, dass du es nicht hören willst, aber darf ich dir jetzt sagen, wie leid mir das alles tut?“, fragte er vorsichtig und schaute bei Dominiks Kopfschütteln wieder wie ein geschlagener Hund.

„Frido, ich will keine Entschuldigungen von dir hören. Ich will sehen, dass du an dir arbeitest. Bleib am Ball…“, hob er vielsagend die Leinwand „… und ruh dich nicht wieder darauf aus! Beweis mir, dass du nicht nach ein paar kleinen Versuchen sofort wieder die Flinte ins Korn wirfst. Aber mach das vor allem deinetwegen. Damit du die Sache aufgearbeitet bekommst und nicht, um mir einen Gefallen zu tun oder dich bei mir einzuschmeicheln. Und dabei ist mir egal, ob du das alleine machst oder dir Hilfe suchst, aber mach weiter! Sonst stehen wir irgendwann wieder am gleichen Punkt wie jetzt!“.

Eindringlich schaute er den Dozenten an und atmete tief durch, als der nickte. Aber ganz besonders, als Frido behutsam fragte, ob er das als eine neue Chance für sie beide verstehen durfte. Dominik ließ seinen Blick schweifen, ehe er antwortete.

„Ich sag mal so: Ich hab den Jungs grad gesagt, dass ich abhau, weil ich mit meinem boyfriend reden will, aber das kann sich auch ganz schnell ändern. Bei allem Verständnis für deinen Unfall, der kann nicht die Entschuldigung für alles sein! Und ja, ich hab meine schlechte Laune auch schon an dir ausgelassen, aber das, was du da abgezogen hast, ging wirklich zu weit! Also reiß dich zusammen oder ich bin weg! Noch mal lass ich mich von dir nicht so behandeln!“, warnte er ihn und musterte Frido, der reumütig, aber auch erleichtert nickte.

„Versprochen“, flüsterte er mit belegter Stimme, während er ganz offensichtlich eine Last von sich abfallen spürte und ihm gleichzeitig die Kehle eng wurde. Er drückte sich die eine Hand vor die Augen, während er die andere auf seinem Oberschenkel abstützte. Schluchzend ließ er seinen Gefühlen freien Lauf, wohingegen der Lockenkopf nur schweigend und scheinbar ungerührt da stand. Einzig sein wiederholtes Schlucken und die geschlossenen Augen bewiesen, dass ihm dieser Augenblick näher ging, als er zeigen wollte.

„Okay…“, ergriff er dann mit einem Räuspern als Erster wieder das Wort.

„Wann fliegst du zurück?“.

Er schaute Frido dabei zu, wie der sich langsam sammelte und die Nase schnäuzte.

„Morgen Nachmittag…“, murmelte er dabei und schaute Dominik etwas verdattert an, als der sich erkundigte, wo er denn vorhabe zu nächtigen.

„Oh… ähm… da hab ich mich noch gar nicht drum gekümmert“, bildete sich ein schiefes Grinsen auf seinem Gesicht, wohingegen Dominik nur die Augenbraue hob.

„Ich hab da wirklich nicht dran gedacht!“, rief Frido also eilig aus, damit kein falscher Eindruck entstand und schaute sich dann etwas unschlüssig um.

„Na ja, hier wirds ja irgendwo ne Unterkunft geben, oder? Sonst… sonst schlaf ich einfach am Flughafen. Geht bestimmt auch“, murmelte er dabei, wodurch sich jedoch auch Dominiks zweite Augenbraue in luftige Höhen begab.

„Dein Rücken wird sich bedanken“, sprach er nur trocken, während er sich wieder in Bewegung setzte und Frido ihm nachtrottete.

„Für eine Nacht geht das schon!“, rieb er sich verlegen den Nacken und konnte sehen, wie Dominiks Mundwinkel zuckten. Ein bisschen putzig, dass er sich nicht traute, das Offensichtliche anzusprechen, war es ja schon.

„Na schön…“, tat es also der Lockenkopf und schaute ihn mahnend an.

„Benimm dich, sonst schläfst du auf dem Boden. Und ich hab hier nicht mal n Teppich auf im Zimmer, geschweige denn ne zweite Decke“.

10.2.2025: Wellensalat

Die Stille war ihr Begleiter geworden. Beinahe den gesamten Weg zum Wohnheim hin hatten sie kein Wort mehr miteinander gewechselt. Zu ungewohnt schien das plötzliche Zusammensein und zu dünn das Eis, auf dem sie sich bewegten. Nicht noch mehr überfallen wollte Frido seinen Lockenkopf, indem er all die Fragen aus sich heraussprudeln ließ, die mehr über Dominiks bisherigen Aufenthalt im fremden Land erfahren wollten. Auch so brauchte er sicherlich einen Moment, um sich mit dem plötzlichen Besuch zu arrangieren. Und Frido war hingegen schon dankbar, ihn wieder sehen zu können. Live und in Farbe und zum Greifen nahe, obwohl die ganze Zeit über ein kleiner Abstand zwischen ihnen blieb. Keine zufällige Berührung oder versehentliches Aneinanderstoßen. Aber das war nicht schlimm. Hauptsache, er durfte ihn begleiten und ihm auf diese Weise nahe sein. Alles weitere käme mit der Zeit wieder wie von selbst in ihre Beziehung. Zumindest hoffte er das.

„Willst du was essen? Ich koch uns schnell was“, brach Dominik mit Betreten des Studentenwohnheims als Erster die Stille und hielt Frido die Eingangstür auf. Doch der schüttelte sogleich den Kopf.

„Nein, schon gut. Ich hab am Flughafen noch was gekauft“, lächelte er und folgte Dominik durch den Gang voller Türen, hin zu einer Treppe und hinauf in den ersten Stock. Der Lockenkopf warf ihm dabei einen skeptischen Blick zu und runzelte die Stirn.

„Das war heute Nachmittag. Jetzt haben wir Abend“, stellte er fest, während er Stufe für Stufe nahm und schnaubte belustigt aus, als Frido meinte, dass er ihm keine Umstände bereiten wolle.

„Uns n paar Nudeln zu kochen und dazu Spiegeleier zu braten ist nun wirklich kein Aufwand! Wenn Ernest mich besuchen kommt, back ich ihm sogar Apfeltaschen und Waffeln. Ich glaub, da steckt mehr Arbeit hinter“, meinte er und ging trotzdem an der Küche vorbei, um stattdessen sein Zimmer anzusteuern.

„Leg deine Tasche einfach irgendwo hin“, sagte er mit Öffnen der Zimmertür und ging zu seinem Schreibtisch. Er stand am Fenster und neben ihm bewahrte Dominik seine Lebensmittel in zwei Einkaufsbeuteln auf.

„Ist wirklich nicht viel Platz hier drin. Aber sieht ganz gemütlich aus“, sagte Frido und ließ den Blick über die spartanische Einrichtung schweifen, um dann schief zu grinsen, als Dominiks Gesichtsausdruck verriet, wie viel Wahrheitsgehalt er dieser Aussage beimaß.

„Du kennst ja mein früheres Zimmer. Jetzt hab ich halt keinen nervigen Dackel mehr, der die halbe Nacht kläfft, sondern mehrmals die Woche Studentenparties auf den unterschiedlichen Etagen“, zuckte er die Schultern und klemmte sich die benötigten Lebensmittel unter den Arm.

„Willst du mit in die Küche kommen oder dich ein bisschen ausruhen?“, fragte er Frido, der ein wenig schlüssig herumstand und auf diese Frage dennoch eine schnelle Antwort wusste.

„Ich würd mich in der Zwischenzeit gern ein bisschen frisch machen. Meinst du, das ist möglich?“, erkundigte er sich und hob verwundert die Augenbrauen, als Dominik sich plötzlich ein Lachen verkneifen musste.

„Du meinst den Pulli auswringen?“, verriet er allerdings schnell, was ihn so amüsierte und trieb Frido damit die Schamesröte ins Gesicht. Es war nicht schwer zu erraten, welche Gedanken ihm in den Sinn kamen, aber der Lockenkopf schüttelte sofort sein Haupt.

„Du riechst gut. Das sollte kein Wink mit dem Zaunpfahl sein oder so was, aber mal ehrlich, wieso trägst du das Ding überhaupt? Wir haben Juni und du hast doch eh so schnell Hitze. Schwitzt du nicht tierisch da drin?“, wollte er wissen und legte den Kopf schief, als Frido unruhig an sich herunter guckte.

„Ich ähm… ich hab den Flug so kurzfristig gebucht, dass ich fast drei Stunden zum Flughafen fahren musste, um heute überhaupt noch eine Maschine zu kriegen. Da hab ichs vorher nur noch zum Friseur geschafft, aber die Zeit war zu knapp, um mir noch ein, zwei neue Shirts zu kaufen. Besser gesagt, die Geschäfte machen ja nicht so früh auf“, murmelte er verlegen, wohingegen Dominik eher irritiert schaute. Was hatte das eine mit dem anderen zu tun, verriet sein Blick, sodass Frido nach einem Räuspern fortfuhr.

„Du weißt doch, dass ich ein bisschen zugelegt hab und der Pulli ist mir etwas zu groß… gewesen. Jetzt passt er ganz gut“, gab er kleinlaut zu, wodurch Dominik allerdings noch verwirrter schien.

„Sind deine Hemden alle in der Wäsche?“, wusste er ja von Julis Unterstützung und hob die Augenbraue, als Frido den Kopf schüttelte.

„Frido, jetzt lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Was ist los? Warum rennst du hier im Winterpullover rum, wenn du genug andere Klamotten im Schrank hast? Sag mir nicht, dass die dir alle zu klein geworden sind. Du hast doch nicht plötzlich fünfzehn Kilo mehr auf den Hüften, das seh ich so schon“, hakte er nach und allmählich rückte Frido mit der Sprache heraus. Angezogen bekam er seine andere Kleidung ja noch, aber eine gute Passform war dabei im Moment ein anderes Thema.

„Außerdem meinte Ernest, dass du dich für mich schämst und ich wollte dich nicht auch noch vor deinen Kommilitonen zum Gespött machen, wenn mein Hemd nicht richtig sitzt. Oder das Shirt spannt...“, kam er nuschelnd zum Kern des Ganzen und fühlte sich dabei offensichtlich zunehmend unwohl. Inzwischen mochte er Dominik gar nicht mehr anschauen und auch seine Hände wussten nicht so recht, ob sie nun am Pullover rumnesteln, sich in die Hosentaschen verabschieden oder lieber an einer Verschränkung der Arme teilhaben sollten. Und Dominiks Antwort machte es nicht unbedingt besser.

„Nichts für ungut, aber deine Studenten sind auch meine Kommilitonen und die erzählen mir teilweise die dollsten Sachen, Herr verrückter Professor“, sagte er und zuckte leicht die Schultern, als Frido ihn regelrecht erschrocken anstarrte. Und allmählich tat es Dominik wirklich leid, den sonst so selbstbewussten Frido nun derart verschüchtert und unsicher zu sehen. Er atmete tief aus und legte die Lebensmittel auf dem Tisch ab, um die Arme vor der Brust zu verschränken.

„Jetzt hör mir mal gut zu…“, begann er, wobei er zunächst die Tür schloss, damit sie ihr Gespräch ungestört weiterführen konnten und vor allem, ohne irgendwelchen neugierigen Ohren unnötig Futter zu bieten.

„Du hast zwar Scheiße gebaut, aber das heißt doch nicht, dass du dich jetzt für alles schämen musst, Frido. Ich kann mir zwar gut vorstellen, dass Ernest mal wieder kein Blatt vor den Mund genommen hat, aber was mich angeht, ich finds peinlich, wenn mein Freund besoffen von der Couch fliegt oder in irgendwelchen Bars rumkrakeelt, ja. Aber doch nicht, wenn du ein paar Kilo mehr oder weniger auf den Hüften hast“, sagte er und ging langsam auf Frido zu, während er ihn fragte, ob der sich jemals an Dominiks Gewicht gestört habe.

„Mir konnte man zeitweise durch die Rippen pfeifen – war dir das auch peinlich?“, wollte er wissen und nickte, als Frido verneinte. Und dann stand er ganz nah vor ihm.

„Na siehst du…“, murmelte er, während er die Hände vorsichtig an Fridos Seiten legte und den Stoff des Pullovers griff.

„Komm, zieh den Pulli aus. Das muss da drin doch unerträglich sein“, ermutigte er ihn und wartete doch, bis Frido zögerlich die Arme hob, damit Dominik den Pullover hoch schieben und ihm über den Kopf ziehen konnte. Und ein wenig schmunzeln musste der Lockenkopf über Fridos Anblick dann doch, allerdings lag es nicht an seiner Figur.

„Dir klebt das Shirt schon am Körper, weil du so geschwitzt hast“, durfte er feststellen, dass seine Frage mit dem Auswringen wohl gar nicht zu weit hergeholt gewesen war und rang Frido damit ein verlegenes Grinsen ab.

„Ja, ich hab zum Glück noch eins zum Wechseln eingepackt…“, schnappte er sich seine Tasche und schluckte, als ihm bewusst wurde, wie Dominik ihn musterte. Und dann schüttelte der Lockenkopf seinen Schopf und begann zu schmunzeln.

„Ist doch ganz süß, dein Bäuchlein. Nur ein bisschen klätschig im Moment“, tätschelte er Fridos kleine Murmel und begann zu lachen, als der meinte, dass er doch keine Schwangere sei.

„Tust ja grad so, als wäre ich Tessa!“, empörte er sich, während ihm das Bild seiner ehemaligen Studentin vor Augen kam, die ihre imposante Kugel neulich stolz spazieren getragen hatte, als sie Niko von der Uni abholen gekommen war.

„Na, jetzts hörts aber auf. Ich steh doch nicht kurz vor der Entbindung!“, murmelte er und konnte Dominik trotzdem nicht böse sein, denn viel zu schön fand er es, ihn endlich wieder so ausgelassen zu erleben.

„Ich frag Niko mal nach Tipps!“, gackerte er und schnappte sich wieder seine Zutaten, ehe er Frido nach einem tiefen Seufzer erklärte, wo er das Bad finden konnte und alles, was er für eine gepflegte Dusche benötigte. Für den Fall, dass der Ältere Handtuch oder Duschgel nicht dabei hatte, stellte Dominik ihm alles ganz selbstverständlich zur Verfügung und als Frido wenig später zu ihm stieß, war der Lockenkopf bereits voll in seinem Element.

„Wasser kocht gerade. Die Nudeln sind ein paar Minuten fertig. Möchtest du ein oder zwei Spiegeleier?“, hantierte er mit der Pfanne und nickte, als Frido um zwei bat. Der Dozent schlenderte dabei ein wenig durch den Raum und musste feststellen, dass an so einem Studentenwohnheim ja wirklich nicht viel dran war. Weder beim Bad, noch bei der Küche und erst recht nicht bei den Zimmern. Das Nötigste zum Leben war vorhanden, aber mehr auch nicht. Ein Zuhause auf Zeit eben.

„Hast du eigentlich alles hier, was du brauchst oder soll ich dir irgendwas schicken?“, fragte Frido also und musste feststellen, dass Dominik plötzlich äußerst verhalten auf diese Frage reagierte.

„Schon okay, ich hab alles“, sagte er schnell, aber Frido hatte bereits begriffen.

„Ansonsten unterstützt Ernest dich wahrscheinlich, stimmts?“, lehnte er sich an die Arbeitsplatte und auch, wenn Dominik sich in Schweigen hüllte, war der kurze Blick, den er ihm zuwarf, Antwort genug. Und als Frido spürte, dass es zu einer unangenehmen Stille zwischen ihnen kommen könnte, suchte er schnell nach einer kleinen Ablenkung.

„Oh, wie wärs mit ein bisschen Musik?“, schlug er also schnell vor, als ihm dankenswerterweise das Radio auf der Fensterbank auffiel. Ganz so euphorisch wie war Dominik allerdings nicht.

„Das ist eher zur Deko. Da hast du nur totalen Wellensalat. Wir kriegen es auch nicht richtig eingestellt“, sagte er, während er ein Nudelsieb in die Spüle stellte und Teller hervorkramte, aber davon ließ Frido sich natürlich nicht beirren.

„Darf ich?“, ging er dennoch zu dem Leierkasten und machte sich sogleich ans Werk, als Dominik schulterzuckend und mit einem „Tu dir keinen Zwang an“ zustimmte. Ein wenig interessiert war er ja schon an Fridos Tüftelei, um dem Durcheinander an Stimmen und Musik ein Ende zu bereiten. Allerdings war er dann auch ebenso amüsiert, als der Dozent schließlich resignierte und das Radio wieder abstellte.

„Ja, ja, ich weiß, hast du mir sofort gesagt…“, murrte er dabei, aber Dominik enthielt sich einer Bemerkung und wies ihn stattdessen grinsend an, die Gabeln aus der Schublade zu holen, vor der er ohnehin gerade stand.

„Du kannst gern schon mal anfangen, ich räum nur noch eben ein bisschen auf“, drückte er ihm statt eines Kommentars lieber den inzwischen gut gefüllten Teller in die Hand und räumte den Topf in die Spülmaschine.

„Da bist du aber eher die Ausnahme, oder?“, wartete Frido jedoch, bis Dominik fertig war und ließ dabei den Blick über dreckiges Geschirr, Essensreste und einen offensichtlich nur halbherzig geführten Putzplan wandern. Dominik sah es hingegen gelassen.

„Studentenbude halt“, meinte er, während er die Pfanne auswischte und wegstellte und Frido dabei eine weitere Möglichkeit erkannte, um ein bisschen mehr zu erfahren.

„Gut eingelebt hast du dich aber, oder?“, wagte er also einen kleinen Vorstoß und musste etwas lächeln, als Dominik nicht unbedingt sonderlich ausführlich, aber wenigstens freiweg von der Leber darauf antwortete.

„Ja, mir gefällts ganz gut. Ich versteh mich mit den Leuten hier und hab alles, was ich brauch“, schnappte er sich seinen Teller und das Besteck, um Frido dann aber doch einen kleinen Schock zu verpassen.

„Hab sogar überlegt, ob ich hier bleib. Nicht im Studentenwohnheim natürlich, aber die Stadt gefällt mir eigentlich echt gut“, erzählte er, als würden sie gerade übers Wetter plaudern und ließ Frido eine gefühlte Ewigkeit schmoren.

„Jetzt guck nicht, als hättest du einen Geist gesehen. Das war ein Scherz!“, fing er dann allerdings zu grinsen und schüttelte den Kopf, als Frido die Erleichterung nicht verhehlen konnte. Und dann schlug Dominik vor, dass sie wieder auf sein Zimmer gingen, weil da nicht ständig jemand rein kam und signalisierte Frido obendrein, dass er bereit für ein richtiges Gespräch war.

11.2.2025: pudeln

Sie starteten seicht in ihr Gespräch. In einem Abriss der bisherigen Auslandserfahrung erzählte Dominik von seinem Start an der neuen Kunsthochschule und seinem momentanen Alltag. Während sie auf seinem Bett saßen und sich das Abendessen schmecken ließen, berichtete er davon, was ihn an der neuen Umgebung an Zuhause erinnerte und was vollends anders war. Er verglich den Unterricht mit einander, die Dozenten, aber auch die Studenten, um dann vom Campus aus immer weitere Kreise zu ziehen. Was machte er gerne, wenn er nicht gerade zum Stift griff oder den Pinsel schwang? Meistens saßen sie dann doch im Wohnheim zusammen, nutzen die Aufenthaltsräume oder fanden sich in den Pubs wieder.

„… Aber wir waren auch schon zweimal im Kino und gehen manchmal kegeln. Ich pudel zwar immer, aber macht trotzdem Spaß“, erzählte er und wurde das erste Mal von Frido unterbrochen.

„Poodlen?“, schaute der ihn irritiert an und brachte Dominik zum lachen, als er wissen wollte, was Hunde in England mit dem Kegeln zu tun hatten oder was hinter diesem Slang versteckt lag. Doch der Lockenkopf verneinte.

„Nein, nein, nicht englisch ausgesprochen! Schreibt sich zwar wie der Pudel, hat aber nichts damit zu tun“, erklärte er.

„Du weißt doch, dass Ramon auch mit ins Auslandssemester gekommen ist und der ist total begeistert vom Kegeln. Pudeln heißt einfach nur, dass man einen Fehlwurf macht. Wusste ich vorher allerdings auch nicht“, gab er grinsend zu, ehe er von den Details wieder mehr zum Allgemeinen kam. Ein vorsichtiges Herantasten unter dem Deckmantel der Gemütlichkeit war es, bei dem der Lockenkopf Frido bereitwillig viele seiner Fragen beantwortete, ohne, das er sie stellen musste. Und zum krönenden Abschluss ließ Dominik ihn sogar ein paar Fotos auf dem Handy sehen, während er die geleerten Teller zurück in die Küche brachte und stattdessen mit gut gefüllten Wassergläsern zurückkehrte.

„Die Idee hier gefällt mir besonders gut! Das ist eigentlich was, das wir auch mal für unseren Studiengang überlegen könnten“, war Frido mehr als begeistert von dem, was er zu hören und zu sehen bekam, doch das änderte sich schlagartig, als Dominik die Tür schloss und das Pflaster plötzlich mit einem Ruck abriss.

„Du malst jetzt also wieder?“, war für ihn der zunehmende Fokus aufs Malen, der sich das Gespräch über entwickelt hatte, vielleicht eine gute Überleitung gewesen, doch Frido erwischte es eiskalt. Natürlich hatte er damit gerechnet, dass sie irgendwann auch auf dieses Thema zu sprechen kämen, aber eigentlich war es doch gerade so heiter und unbeschwert gewesen. Er nickte also erst einmal zur Antwort und schluckte, während Dominik zu ihm ging.

„Erzähl mir davon“, waren seine Worte nicht als Frage gestellt und trotzdem behutsam gesprochen. Er stellte sein eigenes Glas auf den Nachttisch und tauschte Fridos gegen sein Smartphone, ehe er sich neben ihm niederließ und ihn aufmerksam anschaute. Doch Frido vermied den Blickkontakt. Schwer in sich zusammen gesunken klammerte er sich an sein Glas und tat einen tiefen Atemzug.

„Das war eher durch Zufall“, begann er zögerlich von seinem Missgeschick zu erzählen, das Dominik ja nur als Fleck unter dem Teppich kannte. Die plötzliche Selbstverständlichkeit, mit der er beim Versuch, die Farbe zu entfernen, in ihr herumgeschmiert hatte und die Faszination, die von dieser Leichtigkeit ausgegangen war.

„Du weißt ja, wie sich sonst schon alles in mir verkrampft, wenn ich den Pinsel nur anfasse, aber in dem Moment hab ich nicht drüber nachgedacht und einfach gemacht. Das war plötzlich so leicht und auch ein bisschen vertraut, selbst, wenn ich früher nicht unbedingt mit den bloßen Händen gemalt hab. Aber hier und da sind die Finger dann ja doch schon mal zum Einsatz gekommen und… ich kann gar nicht richtig beschreiben, was da alles in mir vorging, in dem Augenblick“, murmelte er und schaute seinem Zeigefinger dabei zu, wie er über den Rand des Glases strich.

„Und das tat dir so gut, dass du dir eine Leinwand geschnappt und da weitergemacht hast?“, fragte Dominik interessiert, während er die Beine anzog und seine Unterarme auf den Knien ablegte. Der Ältere wiegte den Kopf und runzelte die Stirn.

„In gewisser Weise schon, aber auch nicht so richtig. Also nicht sofort… Ich ähm… hab danach erst mal ein paar Tage gewartet, um ehrlich zu sein und dann hab ich die Staffelei zu meinen Eltern gebracht, damit mein Vater sie repariert“, erinnerte sich Frido und erkannte bei einem kleinen Seitenblick, wie Dominik ihn nachdenklich anschaute. Und er hoffte, dass er mit seiner Ehrlichkeit nun nicht wieder alles zerstören würde, was sie gerade wieder so vorsichtig und fragil aufgebaut hatten.

„Um die Wahrheit zu sagen, hatte ich erst nur drauf gewartet, dass du dich wieder meldest und wir uns unterhalten könnten. Über den… über mein Verhalten dir gegenüber, aber auch darüber, dass ich halt diesen Moment mit der Farbe hatte. Aber es kam nichts von dir. Ernest wollte mir auch nichts erzählen und dann stand ich plötzlich mit der reparierten Staffelei wieder im Atelier“, sprach er mit zitternder Stimme weiter und hob sofort die Hand, um Dominik zu signalisieren, dass er noch nicht alles gesagt hatte. Er brauchte nur etwas Zeit, um seine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen zu sortieren und Mut, damit er sie dann auch aussprechen konnte.

„Ver… versteh mich bitte nicht falsch. Ich kann nachvollziehen, dass du sauer auf mich warst… bist… Aber nichts von dir zu hören hat mich echt fertig gemacht. Und je länger ich auf deine Nachricht gewartet hab, desto mehr hab ich überlegt, wie ich dir am besten zeigen kann, wie leid mir das alles tut – anstatt es dir einfach nur zu sagen. Und wie ich dir beweisen kann, dass ich eingesehen hab, wie dringend ich was ändern muss. Dann dachte ich, vielleicht lass ich am besten Taten sprechen – so wie beim Aufräumen vom Atelier. Aber nun eben, indem ich wenigstens versuche, wieder Farbe auf eine Leinwand zu bringen, weißt du?“, war er selber nicht sicher, ob das alles so ausgesprochen überhaupt Sinn ergab. Aber wie sollte man ein Gefühlschaos in Worte fassen, in dem so viele innere und äußere Elemente zusammenflossen? Vergangenheit verbunden mit Gegenwart und Zukunftsangst? Und dann stellte Frido sich auch noch so tollpatschig an, dass erneut der schlechtestmögliche Eindruck von ihm entstand.

„Es ging also im Endeffekt nur darum, mich wieder rum zu kriegen?“, war nämlich Dominiks Quintessenz, die er aus dem Gehörten zog und versetzte Frido damit regelrecht in Aufruhr.

„Nein, nein! Zumindest nicht nur!“, rief er aus und sprang mit einem leisen Fluch vom Bett, als er vor Aufregung etwas von seinem Wasser verschüttete. Hatte er nicht noch irgendwo eine Packung Taschentücher in seiner Reisetasche gehabt? Eilig ging er danach auf die Suche, während Dominik ganz ruhig ein Handtuch aus seinem Schrank holte und damit über den Fleck tupfte. Auffällig schweigsam war er dabei, sodass in Frido wieder die Verzweiflung wuchs.

„Dominik, ich will dich nicht verlieren! Das wäre das Schlimmste für mich! J… ja, natürlich hatte ich gehofft, dass du mir irgendwie noch mal eine Chance gibst, aber ich hab auch ehrlich eingesehen, dass ich einen riesigen Fehler gemacht habe! Ich hab kapiert, dass ich mein Verhalten ändern muss und hab nach einem Weg gesucht, wie ich meine Einsicht beweisen kann und wie ich es wiedergutmachen kann“, redete er auf den Lockenkopf ein und spürte den Kloß in seinem Hals, weil der noch immer nicht sonderlich angetan von dem Gehörten war. Aber trotzdem wollte Dominik mehr hören.

„Red weiter“, forderte er ihn auf und hängte das Handtuch über seinen Schreibtischstuhl, während Frido unschlüssig im Zimmer stehen blieb, das Glas auf dem Boden abgestellt und nervös mit den Fingern spielend.

„Ich ähm… egal, wie positiv das für mich war, da wieder mit der Farbe in Berührung zu kommen, es hat auch viel in mir aufgewühlt. Und ich wusste, dass es nicht leicht für mich wird, wieder bewusst mit dem Malen anzufangen. Also… hab ich mich erst wieder davor gedrückt, aber dann dachte ich, dass es vielleicht der beste Weg wäre, um zu beweisen, dass ich an mir arbeiten will. Indem ich mich da durch quäle und wieder male, obwohl es sich oft wie eine Bestrafung anfühlt. Besonders anfangs..“, strich er sich fahrig durchs Haar und hatte das Gefühl, dass ihm der Kopf schwirrte, weil er eigentlich so viel zu sagen hatte und es kaum aneinander gereiht bekam. Was war wichtig und was nicht? Was sollte er lieber für sich behalten oder vielleicht erst recht aussprechen? Er stützte die Hände auf die Hüften und suchte nach dem roten Faden, während Dominik sich zurück auf das Bett setzte.

„Ist es jetzt immer noch eine Bestrafung für dich?“, verknotete er die Beine im Schneidersitz und lehnte sich mit den Rücken gegen die Wand, wohingegen Frido noch immer unruhig vor ihm stand. Er zuckte leicht die Schultern und kaute auf der Unterlippe.

„Einerseits ja, aber andererseits…“, murmelte er und seufzte aus.

„Es ist immer noch verdammt anstrengend. Nicht nur, weil meine Hände nicht so mitspielen, wie ichs gern hätte und ich quasi wieder bei Null anfange, sondern auch emotional…“, ging er zum Bett und ließ sich auf die Kante sinken.

„Weißt du… auf der einen Seite kommt da so viel Schmerz und Trauer in mir hoch, wenn ich male und ich fühl mich furchtbar, wenn ich das alles spüren muss, aber auf der anderen Seite hilft es mir auch irgendwie, dass ich alles rauslassen kann. Klingt das seltsam?“, schaute er zu Dominik, der den Kopf schüttelte und ein kleines Zucken seiner Mundwinkel präsentierte.

„Ich glaub, ich weiß, was du meinst. Es ist ein Ventil, aber gerade in deinem Fall ist ja so viel mehr mit dem Malen verbunden, als einfach nur seine Gedanken und Gefühle rauszulassen“, sprach er sanft und lächelte ein winziges Bisschen, als Frido meinte, dass Ventil tatsächlich ein sehr guter Ausdruck sei.

„Ich üb zwar auch auch immer wieder mit dem Pinsel, aber im Moment mal ich immer noch viel mit den Händen, weil mir das leichter fällt. Und die Farbe so direkt zu spüren, sie mal fester und mal vorsichtiger zu verteilen, gibt mir das Gefühl, viel freier agieren zu können. Ich werd gewissermaßen eins mit dem Bild, an dem ich arbeite, wenn ich durch unterschiedlich starken Druck Muster und Formen hinein zeichne oder mit den Fingernägeln etwas rein kratze…“, schaute Frido auf seine Hände und einen Augenblick lang betrachtete Dominik ihn schweigend, ehe er ihn fragte, ob ihm das Malen inzwischen helfe. Und sofort hoben sich Fridos Mundwinkel ein Stückchen, obwohl sein Nicken noch immer etwas verhalten ausfiel.

„Ja, irgendwie schon… An manchen Tagen hass ich es, weil ich mich dadurch so mies fühle, aber ich kann dann trotzdem die Finger nicht davon lassen“, antwortete er mit einem Lachen. Doch dann räusperte er sich, wurde ernster und schaute den Lockenkopf wehmütig an.

„Dominik, du hattest recht, als du gesagt hast, dass ich nicht mit so hohen Erwartungen da ran gehen soll“, gab er kleinlaut zu und doch verzog sich sein Mund zu einem schiefen Grinsen, als er Dominiks Schmunzeln sah.

„Ich hab nur das wiedergegeben, was du mir auch mal geraten hast“, zuckte der die Schultern, aber Frido schüttelte den Kopf. Sein Grinsen verblasste und wich einem Stirnrunzeln, während er nachdenklich den Blick aus dem Fenster richtete.

„Ich war ganz schön überheblich, dass ich nur noch auf mein früheres Können geguckt hab. Und… ich geb zu, dass ich neidisch auf dich war. Ich dachte, mir würde es fehlen, wieder richtig zur Kunstwelt zu gehören. Selbst im Mittelpunkt stehen, Anerkennung für mein Können kriegen und mich damit schmücken, wen ich alles kenne. Aber… inzwischen hab ich gemerkt, dass ich dieses ganze oberflächliche Zeug einfach nur zu sehr mit dem Malen verknüpft hatte und mir in Wirklichkeit nur das gefehlt hat: Farbe auf die Leinwand bringen. Mich ausdrücken. Ich brauche dieses ganze Brimborium gar nicht. Ich hab mich nur viel zu lange an ein falsches Selbstbild geklammert“, war ihm anzusehen, welche Last ihm durch diese Erkenntnis von den Schultern gefallen war, aber auch, wie schwer es ihm fiel, sie so offen auszusprechen.

„Gott, was war ich für ein Idiot…“, murmelte er und schüttelte den Kopf über sich selbst und die Fehler die dieser Idiot begangen hatte. Doch Dominik stimmte ihm nicht zu oder redete seine Aussage klein, sondern legte den Fokus zurück auf ihr eigentliches Thema.

„Also würdest du sagen, dass du zurück zu den Wurzeln willst?“, legte er den Kopf schief und musterte ihn, während Frido nickte. Und kaum hatte der zugestimmt, schob Dominik auch schon die nächste Frage hinterher.

„Du würdest also sagen, dass du einen neuen Zugang zur Kunst gefunden hast und mit dem vielleicht sogar auf Dauer glücklich sein könntest, ohne, dass dir was fehlt?“, schaute er den Älteren aufmerksam, fast kritisch an, während der sich die Worte durch den Kopf gehen ließ, eingehend und mit der nötigen Ruhe, um dann ehrlich darauf antworten zu können.

„Ja“, nickte er „ich glaube ja“. Er schaute Dominik an, dessen Lippen unschlüssig zu sein schienen, ob sie nun lächeln sollten oder nicht und der lieber vom Bett rutschte, um Fridos Glas wieder zu befüllen, anstatt ihm offen zu sagen, was er von dem Gehörten dachte. Aber dann, als er die Tür erreichte und sie gerade öffnen wollte, hielt er doch kurz inne und warf Frido einen Blick über die Schulter zu.

„Na, das klingt doch gut. Dann weißt du ja, was du zu tun hast“, ließ er seinem Lächeln doch endlich freien Lauf, ehe er aus dem Zimmer verschwand und Frido dieses kurze Alleinsein mit einem tiefen Atemzug und einem erschöpften Nicken füllte.

12.2.2025: salü

Eigentlich war er immer ein Bauchschläfer gewesen. Das Kissen fest umklammert und dabei weitestgehend verdreht, gerne auch alle freien Extremitäten so von sich gestreckt, dass er möglichst viel Platz auf der Matratze eingenommen hatte. Aber diese Zeiten waren lange vorbei. Jetzt fand man ihn für den Schlaf nur noch in Ausnahmefällen in einer anderen Position als auf dem Rücken liegend vor und drehte er sich doch mal zu lange auf die Seite oder den Bauch, bekam er dann auch schnell die Quittung dafür. Aber dieses Mal hielt er das Zwicken und Zwacken gerne aus, wenn die Belohnung dafür war, dass er seinem Lockenkopf so nah wie seit Wochen nicht mehr sein durfte. Selbst, wenn das bedeutete, dass er vor dem Einschlafen nur dessen schöne Rückansicht hatte betrachten können und sich gegen die Wand pressen musste, damit sie trotz des schmalen Einzelbetts möglichst viel Abstand zu einander hatten. Denn so, wie Dominik darauf geachtet hatte, dass der Bruchpilot seinem Namen nicht wieder alle Ehre machen konnte, hatte er selbst sich auch so nah an der Kante des Bettes platziert, dass für Frido ein Herausplumpsen nur eine Frage der Zeit gewesen war. Doch in dieser Nacht hatte ihn nicht das plötzliche Gepolter geweckt, sondern die unerwartete Innigkeit. Und auch jetzt, als er erwachte, durfte er noch immer genießen, wie Dominik an ihn geschmiegt da lag, sich in Fridos vorsichtige Umarmung kuschelte und auch selber den Arm um ihn geschlungen hielt. Wunderschön waren dieser Augenblick und dieser Mann. Selbst dann noch, als er seine Morgenmuffeligkeit wieder einmal zur Schau stellte, die Augen zusammenkniff und brummte, ehe er sich streckte und schmatzte. Ja, da hatte jemand bis gerade eben noch tief und fest geschlafen, dachte Frido und schenkte seinem Lockenkopf ein zartes „Salü“, als Dominik die Lider öffnete. Doch statt einer Erwiderung des Grußes bekam er dafür erst einmal nur einen irritierten Blick. Dominik musterte ihn und die Situation, in der er sich befand, um dann mit einem gemurmelten „Morgen“ von Frido weg zu rutschen. Er setzte sich auf, rieb sich das Gesicht und warf einen kurzen Blick zum Fenster, durch das die Morgensonne ihre ersten Strahlen schickte. Kein Wunder, dass es im restlichen Haus noch still war.

„Ich wollte dich nicht wecken...“, murmelte Frido, als ihm klar wurde, dass diese Kuscheleinheit wohl nur einem Irrtum zuzuschreiben gewesen war, aber Dominik schüttelte den Kopf.

„Schon okay. Kannst du ja nichts für. Ich hab nicht gemerkt, dass ich mich im Schlaf… wie auch immer. Ich wollte dir keine falschen Signale senden“, vermied er zunächst den Blickkontakt und schaute Frido dann doch skeptisch an, als er diese Vermutung abwiegelte.

„Ich hab ja gemerkt, dass du schläfst!“, sagte er eilig, doch sein Lockenkopf zeigte sich wenig überzeugt.

„Hast du nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass die Situation für dich auch grad etwas unangenehm ist…“, antwortete er und beobachtete, wie Frido seinen Fokus auf eine Falte im Bettbezug lenkte, an der er herumzupfte, während er über eine Antwort nachdachte. Aber was konnte er sagen, ohne, dass es eine Lüge gewesen wäre oder Dominik zu sehr bedrängt hätte?

„Ich wünsch mir mehr Nähe und du auch, da brauchen wir uns nichts vormachen“, sagte stattdessen der Lockenkopf und gab Frido damit doch wieder etwas, an dem er anknüpfen konnte.

„Aber es ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt dafür…“, sprach er das aus, was der Jüngere für sich behalten hatte und Dominik nickte. Und trotzdem wirkte er unschlüssig, fast zerrissen und schien immer schwerer an seiner Maskerade festhalten zu können. Also versuchte Frido ihn aufzumuntern, mit einem Lächeln und einem kleinen Spruch, nur leider fiel ihm keiner ein. Drum blieb ihm nicht viel mehr als seine Zustimmung, als Dominik schnell nach einem anderen Thema suchte, ehe sie in unangenehmes Schweigen verfielen.

„Ich verschwind mal kurz ins Bad und organisier uns dann was fürs Frühstück, okay?“, stand er auf und fragte Frido dennoch, ob er zuerst gehen wolle. Doch der lehnte ab.

„Ich wart solange, bis du wieder kommst und mach noch ein paar Minuten die Augen zu“, meinte er und trotzdem hielt es ihn nicht mehr im Bett. Kaum, dass Dominik aus dem Zimmer verschwunden war, stand auch er auf, suchte sich auf dem Smartphone eine Anleitung für eine kleine Yogaeinheit raus und versuchte seinem Rücken wenigstens ein bisschen Linderung zu verschaffen. Elegant konnte er noch immer sein, auch, wenn er es selbst nicht so empfand. Obwohl er manchmal unter einem Zwicken oder Stechen das Gesicht verzog, durfte er schnell feststellen, dass seine Muskeln und Sehnen nach den untätigen zwei Monaten noch genau wussten, was sie zu tun hatten. Konzentriert begab er sich in die Dehnung, forderte seine Muskeln mit dem Halten der Übungen und schloss die Augen, wenn seine Balance für einen Moment nicht zu sehr gefragt wurde. Im Gegensatz zu den teils zittrigen und abgehackten Bewegungen beim Malen, begab er sich nun fließend von Pose zu Pose. Er machte den Sonnengruß, die verschiedenen Varianten des Kriegers, tauchte ab in die Vorbeuge und wurde eins mit der Stimme seiner virtuellen Lehrerin. Doch als er sich gerade in den herabschauenden Hund begeben wollte, bemerkte er den stillen Beobachter. An die Tür gelehnt stand Dominik, hatte sich dezent und doch auffällig genug geräuspert und grinste nun leicht, als der Ältere ihn überrascht anschaute.

„Oh! Du bist ja schon zurück!“, lachte Frido und von der vorherigen Eleganz war alles verschwunden. Nun wurde er wieder zu dem tapsigen Welpen, der sich etwas ungelenk in seine Hose und Shirt warf, während ihm zwischendurch einfiel, dass er noch das Handy zum Schweigen bringen musste und der erst mit Verlassen des Zimmers bemerkte, dass ihm ja noch etwas fehlte.

„Moment, ich brauch noch Waschzeug…“, kam er also eilig zurück, wohingegen Dominik bereits am Schrank stand und ihm die benötigten Utensilien mit der einen Hand entgegenstreckte, während die andere ein neues Handtuch hervorkramte.

„Hier hast du ein anderes. Das von gestern ist noch nicht trocken“, hielt er es ihm ebenfalls hin und mit einem Lächeln griff Frido danach. Doch sein Lockenkopf verhielt sich dabei auffällig nachdenklich. Er behielt Frido bei sich, indem er schlichtweg nicht den Griff um das Handtuch lockerte und musterte den Älteren, der ihn erst verwundert anschaute, ehe er ihn fragte, was los sei. Aber für das, was nun kam, brauchte es keine Worte. Selbst ein Frido Klimlau, der manchmal so gern auf dem Schlauch stand, erkannte die Zeichen, als Dominik sein Gesicht fasste, begann ihn zu küssen und sich dabei so an ihn drückte, dass kein Zweifel bestand, was sich dabei besonders auffällig in ihm regte.
 

Und so fand Frido sich erneut in diesem schmalen Einzelbett wieder, hielt seinen Lockenkopf im Arm und trotzdem war es dieses Mal viel mehr wie bei ihnen Zuhause. Er auf dem Rücken liegend und Dominik halb auf ihm drauf, fest an ihn geschmiegt und seine Finger dabei beobachtend, wie sie die Schweißtropfen auf Fridos Brust bewegten. Eine wohlige Gänsehaut brachte ihm das Kraulen des Älteren, während er tief ausschnaufte und um sie herum das Gebäude immer mehr zu Leben erwachte.

„Das war nicht okay von mir…“, flüsterte Dominik dann allerdings in das leise Gepolter, die ersten Gespräche und leise Musik aus den Nebenzimmern, wohingegen Frido erst einmal einen Moment brauchte, um auch gedanklich wieder im Hier und Jetzt zu landen.

„Was meinst du?“, verschwand sein verklärter Blick und er schaute Dominik fragend an, als der sich aufstützte, ohne Frido dabei angucken zu können.

„Ich meine, dass ich dir erst sag, dass ich dir keine falschen Signale senden will und dich dann ins Bett zerr…“, murmelte er und wendete den Kopf ab, als Frido sich aufsetzte, doch der legte die Hand an Dominiks Wange und bat ihn, ihn wieder anzuschauen.

„Du… du wolltest mir einfach nur gegen meine Komplexe helfen! Ich find, das war sehr nett von dir!“, scherzte er und klopfte sich dabei viel sagend auf den Bauch, doch auch, wenn Dominik erst noch lächeln konnte und nickte, schüttelte er dann den Kopf und begann zu schluchzen. Und so fühlte Frido sich binnen dieser paar Sekunden nach himmelhoch jauchzend einfach nur noch jammervoll und zu Tode betrübt. Bereute Dominik es wirklich so sehr?

„Du fehlst mir so!“, machte dem jedoch etwas ganz anderes zu schaffen und anstatt Frido von sich zu schieben, drückte er sich fest an ihn, als der die Arme um ihn legte.

„Und du mir erst…“, hielt er seinen Lockenkopf, fuhr ihm sanft über den Rücken, strich ihm durchs Haar und hauchte ihm kleine Küsse auf den Schopf, während Dominik endlich all die Dämme brechen ließ, die er die vergangenen Stunden über so mühsam aufrecht gehalten hatte.

Erst, als er sich beruhigte, aus dem Schluchzen ein leises Hicksen wurde und die Tränen verebbten, löste Frido seine Umarmung. Warm lächelte er, als Dominik auch ihm über die feuchten Wangen strich und nickte, als der ihn mahnte, dass diese Innigkeit trotzdem keinen Freifahrtsschein bedeutete.

„Ich streng mich an. Versprochen“, gelobte ihm der Ältere und sog gierig jede Sekunde auf, die ihnen an diesem Tag noch zusammen blieb. Sie konnten beim Frühstück nicht von einander lassen, suchten bei einem kleinen Spaziergang durch die Kunsthochschule und die Innenstadt immerzu ihre Nähe und klebten aneinander, wenn sich die Gelegenheit ergab. Frido hing an Dominiks Lippen, als der ihm die Orte zeigte, von denen er am Vortag bereits erzählt hatte und im Gegenzug hielt Dominik ihn so fest bei sich, als wären sie miteinander verwachsen. So lange, bis sie sich am Mittag vor dem Wohnheim wieder fanden, das Taxi nur noch wenige Minuten entfernt war und der Abschied unmittelbar vor ihnen lag.

„Du bist sicher, dass ich nicht mit zum Flughafen kommen soll?“, fragte Dominik, nachdem Frido ihm eigentlich keine Umstände machen oder eine unnötige Fahrt abverlangen wollte. Aber auch er konnte sich kaum trennen.

„Dann lass mich die Rückfahrt zahlen, in Ordnung? Du trägst hier alle Kosten allein. Lass mich wenigstens das übernehmen, ja?“, schlug er also vor und war froh, als Dominik zustimmte. Doch einfacher machte es das Ganze für sie nicht. Denn nun fanden sie sich etwas später stattdessen am Flughafen in der Situation wieder, dass sie unbedingt beieinander bleiben wollten und es nicht konnten. Zig mal verabschiedeten sie sich von einander und blieben doch immer wieder aneinander hängen.

„Mach wieder regelmäßig Sport, damit dir dein Rücken nicht in den Hintern tritt“, beschwor Dominik Frido und nahm ihm obendrein das Versprechen ab, sich zu melden, wenn er beim Malen auf Schwierigkeiten stoßen sollte.

„Ich kann dich dann zwar nicht in den Arm nehmen, aber ich bin trotzdem für dich da“, sicherte er ihm im Gegenzug zu und nickte, als Frido ihn um das Gleiche bat.

„Wenn irgendwas ist, dann meld dich bei mir, okay?“, hielt er Dominiks Gesicht gefasst und hauchte ihm unzählige Küsse auf die Lippen, bis sie ihre gemeinsame Zeit bis aufs Äußerste ausgereizt hatten.

„Du musst jetzt los… Melde dich, wenn du wieder zuhause bist. Ich will wissen, dass du gut gelandet bist. Und fahr vorsichtig! Drei Stunden sind n ganz schönes Stück!“, schlang Dominik also die Arme um Fridos Nacken und drückte sich noch einmal fest an ihn, um ihm nun die Verabschiedung zu geben, die ihnen beiden beim ersten Mal so sehr gefehlt hatte.

13.2.205: Liebesbrief

Dieses Mal kniff er nicht. Er kam nicht einmal zu spät zu ihrem Treffen, sondern stand ganze sechs Minuten vor Ernests Tür, ehe er sich bemerkbar machte.

„Pünktlich auf die Minute!“, grinste er triumphierend, als der Arzt ihm öffnete und trat beschwingten Schrittes ein. Ja, das Leben hatte ihn wieder, schrie jede Faser seines Körpers! Er war bereits im Laufe der Woche bei Juli gewesen, hatte die Wohnung – für seine Verhältnisse – wirklich großartig in Schuss gebracht und im Fitnessstudio ließ er sich auch wieder blicken. Regelmäßig, trotz höllischem Muskelkater, der ihm vor zwei Tagen das Beschwingte noch ordentlich madig gemacht hätte.

„Wir haben wieder Kontakt! Wir telefonieren jeden Abend! Manchmal vom Vorbereiten des Abendessens bis wir uns schlafen legen und der erste von uns einpennt! “, sprudelte es bereits aus ihm heraus, während Ernest die Tür noch schloss und auch, wenn dessen Scherz mal wieder auf Fridos Kosten ging, lachte er darüber.

„Also darf ich mir jetzt wieder wochenlang deine Schwärmerei für ihn anhören, bis Dominik endlich aus England zurück kommt. Heureka“, schien Ernests Begeisterung wieder einmal keine Grenzen zu kennen, aber Frido ließ sich davon nicht beirren.

„Ich hab mir vorher solche Sorgen gemacht, dass er mir gar nicht erst zuhört, aber jetzt malen wir teilweise sogar zusammen! Kannst du dir das vorstellen? Dass ich noch mal mit meinem Partner ein Atelier teilen würde… Wenn auch im Moment nur übers Handy“, trug Frido ein seliges Lächeln und ebenso verräterisches Glitzern in den Augen, wohingegen Ernest bereits jetzt die Weinflasche herbeisehnte.

„Ja, dein kleiner Liebesbrief ist mir bereits zu Ohren gekommen…“, schlenderte er ins Wohnzimmer und steuerte den Tisch an, getragen von Fridos fragendem Blick.

„Liebesbrief?“, wiederholte er und lachte auf, als klar wurde, dass die Leinwand mit dem grünen Herzen darauf gemeint war.

„Hat Dominik dir davon erzählt?“, hoppelte er dem Arzt regelrecht nach und hob verwundert die Augenbrauen, als der mit einem Seufzen reagierte.

„Na, die Queen ja wohl kaum, oder?“, murmelte er und hätte sich nicht gewundert, wenn Frido in seiner geistig umnebelnden Verknalltheit jetzt auch noch die ernsthafte Frage rausgehauen hätte, ob genanntes königliches Oberhaupt nicht inzwischen verstorben sei. Aber nein, das verkniff er sich. Stattdessen lachte er und grinste wie ein Honigkuchenpferd. War sein Dominik nicht toll?

„Bleibt zu hoffen, dass du das nicht bei nächster Gelegenheit wieder vergisst!“, bekam er dafür allerdings nur bissig zu hören, während Ernest sich auf die Suche nach dem Wein mit den meisten Umdrehungen begab. Und ja, endlich übte Frido sich mal in etwas Zurückhaltung.

„Ganz bestimmt nicht! Ich hab draus gelernt! Wirklich!“, schwor er sofort, aber für Ernest war auch das nichts Neues.

„Ja, ja, hat Dominik mir schon erzählt…“, seufzte er und kramte den Flaschenöffner hervor, während Frido schon wieder von einem Ohr zum anderen grinste. Doch eine Kleinigkeit fiel ihm zwischen all den rosa Herzchen in seinem Verstand dann doch zunehmend auf.

„Sag mal, bist du heute nicht gut drauf?“, nahm er am Wohnzimmertisch platz und blinzelte irritiert, als Ernest in seiner Bewegung plötzlich innehielt. Die fast geöffnete Flasche landete auf der Kommode neben dem Weinregal, seine Hände daneben und schwer stützte sich auf dem edlen schwarzen Möbelstück ab.

„Friedrich, ich freue mich aufrichtig für euch und hoffe inständig, dass ihr nun erst einmal genug Drama hattet. Aber das Gesäusel gleich zwei verliebter Affen halte ich die kommenden dreieinhalb Monate über bei Leibe nicht aus! Dominik wird nicht müde, mir zu versichern, welch famose Fortschritte du machst und wie sehr du dich bemühst – dann erspar du mir wenigstens, die ganze Leier auch noch mal von dir zu hören. Bitte!“, starrte er zu dem verknallten Trottel, der ihn schon wieder breit angrinste und seinen Gedanken bereits auf der Stirn stehen hatte: Hach ja, sein Dominik war schon toll!

14.2.2025: Lieblingsmensch

Ein Monat konnte so zäh vergehen und doch so schnell vorbei sein. Vier Wochen waren sie sich körperlich nun nicht mehr nahe gewesen, aber emotional dafür wieder umso stärker zusammengewachsen. Trotz seiner Sehnsucht war es für Dominik direkt nach Fridos Besuch vor allem ein tiefer Wunsch gewesen, dass der Ältere auch wirklich an seinen guten Vorsätzen festhalten würde. Doch inzwischen wurde aus dem Hoffen zunehmend eine feste Zuversicht. Immerhin redete Frido dieses Mal nicht nur davon, dass er die Nachwehen seiner Vergangenheit angehen wolle oder fand wieder regelmäßig Ausflüchte, warum er nicht tat. Nein, stattdessen bewies er Dominik seinen guten Willen, indem er ihn mit sich ins Atelier nahm, wann immer es ging. Und dabei zeigte er ihm nicht nur die Augenblicke, in denen er die kleinen Fortschritte an der Leinwand erkannte und sich freuen konnte. Vor allem waren es die anderen, die schweren Momente, die dem Lockenkopf bewiesen, wie sehr sein Freund inzwischen zu kämpfen bereit war. Es zerbrach ihm jedes Mal das Herz, wenn die Trauer in Frido aufstieg oder die Verzweiflung, weil die Krämpfe in seinen Händen doch wieder stärker wurden als sein Wille. Doch vor allem spürte Dominik, wie er ihn nach jedem Fluchen und jeder Träne noch ein bisschen mehr liebte, weil Frido danach trotzdem wieder zu Farbe griff.

„Ich wünschte, du wärst jetzt bei mir!“, hatte der nicht nur einmal geschluchzt und gewimmert und Dominik damit aus der Seele gesprochen. Auch ihm fiel es nicht leicht, den Älteren so leiden zu sehen und ihn dabei nicht einmal umarmen zu können. Aber auf ihn einreden konnte er in diesem Momenten. Ihm sagen, wie stolz er war, ihm Mut zusprechen, dass er es durchstehen würde und ihn wenigstens mit seinen Worten einhüllen. Worte, bei denen er Fridos Fehler zwar nicht vergaß, ihm aber immer mehr verzeihen konnte. Selbst Ernest legte vorsichtigen Optimismus an den Tag, wenn er den Dozenten beobachtete oder ihn unvorbereitet im Atelier überraschte, um nach dem Rechten zu sehen. Ja, er war deutlich skeptischer als der Lockenkopf, aber trotzdem unterstützte er Frido. Nur eben auf seine Weise. So wie das eine Mal, als auch Juli überraschend vorbeigekommen war und er sie abgelenkt hatte, bis Frido eilig seine Arbeiten hatte verhängen können. Denn auch, wenn er seinen Fortschritt bereitwillig mit seinem Lieblingsmenschen und seinem besten Freund teilte, war er noch nicht bereit, das auch mit seiner Familie zu tun. Schließlich war es schon eine gewisse Bürde, den Erwartungen von Dominik, Ernest und sich selber nachzukommen. Da konnte und wollte er sich in dieser Phase der Selbstfindung nicht auch noch denen seiner Familie aussetzen. Zu fragil fühlte sich noch der kleine Frido, der sich aus dem Schatten des großen Fritz kämpfte, selbst, wenn er eigentlich wusste, dass es seiner Familie in erster Linie um sein Glück ging. Aber sie kannten und verstanden ihn eben nicht so wie Ernest. Oder wie Dominik.

Sein geliebter Lockenkopf, der froh war, sich inzwischen zunehmend auf die üblichen Strapazen eines Auslandssemesters konzentrieren zu können, dessen Ende doch schon wieder mit großen Schritten herangebraust kam – und damit auch die Abschlussarbeiten. Nicht die, die auch das Ende seines Studiums einläuteten, aber immerhin seine Zeit in England. Auch er wünschte sich natürlich stolze Eltern und Geschwister, wenn er wieder in Deutschland war. Gerade seinem Vater, der ja trotz allem noch immer ein wenig skeptisch eingestellt war, wollte er beweisen, dass er sich das halbe Jahr über nicht nur einen faulen Lenz gemacht und die fremde Kultur genossen hatte. Vielleicht würde er dann doch eines Tages noch mit Stolz über seinen Jüngsten sprechen können – ein kleiner Wunsch, der zwar nicht ausschlaggebend für seine Entscheidung, aber sicherlich auch ein winziges bisschen mit eingeflossen war, als er beschlossen hatte, sein Studium nicht direkt mit dem Auslandssemester zu beenden. Ursprünglich hatte er sich fest vorgenommen, seinen Abschluss in der Regelstudienzeit in der Tasche zu haben und auf keinen Fall unnötig Zeit mit zusätzlichen Semestern zu verplempern. Aber mittlerweile hatte er eingesehen, dass diese Zeit nicht verplempert war, wenn man sie gut nutzte. Selbst, wenn das hieß, dass man ein bisschen zu Kräften kam, nach den vielen Strapazen der vergangenen Wochen und Monate. Natürlich hätte er jeden Abend bis zum Einschlafen an der Staffelei sitzen können – das war früher schließlich sein Alltag gewesen. Inzwischen wusste und spürte er aber auch, dass er diese kleinen Pausen brauchte.

Wie an diesem Abend, als er sich wieder einmal ein gemütliches Stündchen oder zwei mit „seinen Jungs“ machte. Erst waren sie im Park gewesen und versackten nun in einem Pub. Doch dieses Mal war Dominik nicht nur mit Schnattern und Zuhören beschäftigt. Dann und wann warf er auch einen Blick auf sein Handy. Ausgiebig plaudern würde er nachher noch mit seinem Frido, aber die eine oder andere kleine Nachricht konnten sie sich zur Einstimmung ja trotzdem schon mal zuschicken. Ganz besonders, um ihre Vorfreude damit noch mehr anzuheizen, denn schließlich würden sie sich bald auch wieder persönlich in die Arme fallen können! Einmal im Monat wollte Frido ihn nun besuchen kommen und Dominik zählte bereits jetzt die Stunden.

„Der Flieger landet morgen um zwölf?“, versicherte er sich noch einmal, um es auch schwarz auf weiß zu haben und lächelte, als Fridos Bestätigung kam.

„Ich kann es gar nicht erwarten, dich wiederzusehen“, legte ihm der Ältere sein Herz zu Füßen und Dominik wusste nur allzu gut, was er meinte.

„Rufst du mich an, wenn du nachher von Ernest wiederkommst?“, fragte der Lockenkopf und schmunzelte über das inbrünstige „Na klar!“, das ihm prompt vom Display entgegensprang. Doch dann wurden Fridos Worte wieder zarter. Er erkundigte sich, was Dominik gerade machte und ob es derselbe Pub wie damals sei.

„War zu voll. Sind heut woanders“, verneinte der Jüngere jedoch und schüttelte amüsiert den Kopf, als Frido sofort wissen wollte, wie die Kneipe denn hieße. Da konnte sich einer wirklich nicht losreißen! Also antwortete Dominik ihm darauf noch schnell, ehe er ihn ermahnte, dass er sich nun auf den Weg machen müsse, damit es keinen Ärger mit Ernest gäbe. Und damit der Dozent sich auch wirklich nicht mehr ablenken ließ, stellte Dominik sein Handy in den Flugmodus. Liebevolle Strenge nannte man das wohl, die auch ihm ganz gut tat, um wieder aufmerksamer den Gesprächen seiner Kommilitonen zu folgen. Er würde sie vermissen, wusste Dominik schon jetzt und fand es erstaunlich, wie wenig er auch diesbezüglich noch mit seinem früheren Ich gemeinsam hatte. Gewünscht hatte er sich so eine Freundesgruppe zwar auch früher schon, aber sich wirklich mal so darauf einlassen und in solch einen Haufen integrieren zu können? Wenn er dem jüngeren Dominik das doch nur hätte zeigen können, damit der nicht so eine Angst vor der Zukunft gehabt hätte! Und ihm vielleicht auch mit auf den Weg hätte geben können, dass er mal etwas öfter in eine Bar oder einen Club gehen sollte. Denn dann würde es ihm jetzt vielleicht nicht so unangenehm sein, wenn er dabei die Aufmerksamkeit von Fremden auf sich zog. Scheinbar hatte er ja wirklich etwas an sich, das nicht nur seinem Frido gefiel und trotzdem war es ihm immer unangenehm, wenn er plötzlich ein Glas vor die Nase gestellt bekam, das er nicht geordert hatte. Selbst, wenn es in diesem Fall wenigstens mal kein Bier oder Cocktail, sondern Cola war. Er wollte also sofort klarstellen, dass es sich nicht um seine Bestellung handelte, die der Barmann ihm gerade rüber geschoben hatte, doch da folgte bereits der Hinweis, dass es ihm spendiert worden sei.

„Nicht schon wieder“, dachte Dominik mit einem tiefen Seufzen und setzte ein höfliches Lächeln auf. Bei wem musste er sich dieses Mal mit einem dezenten Nicken bedanken und darauf hoffen, dass ein ebenso dezentes Wegdrehen sein Desinteresse deutlich genug klarstellte? Er folgte dem Fingerzeig des Barkeepers, der sich direkt wieder dem nächsten Gast zuwendete, während Dominik den Kopf reckte und seinen Blick Richtung Eingang schweifen ließ. Und dann sah er ihn auch schon, diesen wahnsinnig gutaussehenden Mann, der sich da lässig auf den langgezogenen Tresen lehnte. Charmant war sein Lächeln, mit dem er den Abstand zwischen ihnen über die besetzten Stühle hinweg überbrückte und voller Selbstvertrauen dieses kleine Nicken, das seine wohlgeformten Lippen dabei begleitete. Der Lockenkopf starrte ihn an und ihm wurde abwechselnd heiß und kalt. Der Kerl schaute ihn an, als hätte er ihn nackt gesehen – und damit lag er verdammt richtig!

„Frido!“, entfuhr es Dominik und er sprang vom Hocker, um auf seinen Freund zuzueilen.

„Habs scheinbar immer noch drauf!“, scherzte der und schloss seinen Herzensmenschen lachend in die Arme, während der ihn tadelte, dass er ihm nicht Bescheid gesagt hatte.

„Ich hätte dich doch von Flughafen abgeholt!“, schaute Dominik ihn an, als wäre er nicht ganz sicher, ob das gerade doch nur ein Traum war, aber Frido grinste und tippte ihm auf die Nasenspitze.

„Dann wärs doch keine Überraschung gewesen!“, zwinkerte er und lachte, als Dominik eins und eins zusammenzählte, warum der Ältere sich so für seine Kneipe interessiert hatte.

„Hab dazu gelernt!“, flachste der und ließ keinen Zweifel daran, dass er bei seinem diesmaligen Aufenthalt die Zeit mit seinem Lockenkopf voll und ganz ausschöpfen wollte. Und da war er offensichtlich nicht alleine mit. Nachdem Dominik seinen boyfriend beim letzten Mal nicht wirklich vorgestellt hatte, holte er das zwar dieses Mal nach und gesellte sich auch noch ein paar Minuten mit ihm zu seinen Jungs, aber dann musste Frido auch dringend ins Bett gebracht werden. Schließlich hatte der Arme ja nicht nur einen harten Arbeitstag, sondern auch einen langen Flug hinter sich…

15.2.2025: ausgemugelt

Seine Füße wippten. In der Eingangshalle hatte er sich ein Plätzchen gesucht, von dem aus er das geschäftige Treiben um sich herum gut beobachten konnte. Reisende strömten auf dem Weg zu ihren Maschinen an ihm vorbei oder kehrten ihnen gerade den Rücken zu. Einige hatten es eilig und rannten durch den Flughafen, während andere gemütlich daher schlenderten oder auf einer der anderen Bänke saßen. Geschäftsleute vermischten sich mit Familien, Alleinreisende mit Gruppen. Einige der anderen Besucher waren aber auch wie er. Keine Fluggäste, sondern diejenigen, die die Reisenden und Rückkehrer in Empfang nehmen wollten. Er lächelte, als er sah, wie eine Enkeltochter ihre Großmutter in die Arme schloss und schaute immer wieder zu den Flugzeugen, die er von seinem Platz aus starten oder landen sehen konnte. Bald würde sein Warten ein Ende haben. Aber selbst wenn es noch einige Minuten andauerte, langweilte er sich derweil nicht. Ganz im Gegenteil. Er war eher belustigt, auch, wenn er natürlich darauf achtete, es sich nicht zu sehr anmerken zu lassen. Immerhin wollte er Ernests Unmut ja nicht auf sich ziehen, während er ihn akustisch dabei begleiten durfte, wie der auf dem Weg zu einer Fortbildung war – und das offensichtlich nicht so ablief, wie er es sich vorgestellt hatte. Schuld an der Misere war sein Navi, das ihn gerade wohl von der Hauptstraße aus irgendeinen Wirtschaftsweg entlangführen wollte, der dem Arzt allerdings höchst suspekt vorkam.

„Ich sehe bereits von hier aus, wie dort hinten sogar die Asphaltierung endet und nur noch ausgemugelte Schotterpiste herrscht!“, echauffierte er sich, wohingegen Dominik gegen ein Grinsen ankämpfte.

„Ausgemugelt?“, wiederholte er unverfänglich und spürte seine Mundwinkel dann doch empor kriechen, als Ernest den Unwissenden über die wellige und unebene Wegstrecke aufklärte. Doch dabei amüsierte der Lockenkopf sich weniger über Ernests aktuelle Lage, als viel mehr über seine Wortwahl. Es war immer interessant zu hören, wie der Arzt für gewöhnlich ja sehr viel Wert auf sein Vokabular legte und ihm dann doch das eine oder andere Wörtchen aus der Kindheit rausrutschte. So, wie Jänner oder dieses Mal eben ausgemugelt. Die Großmutter väterlicherseits aus Süddeutschland ließ grüßen, von der Dominik inzwischen wusste, dass sie als junges Mädchen wohl viele Jahre an der Grenze zu Österreich gelebt hatte. Putzig fand er es, wenn ihrem Enkel ihr Sprachgebrauch über die Lippen kam und schade, dass es nicht so häufig der Fall war. Es verlieh dem sonst so kontrollierten und distanzierten Ernest eine andere Nuance. Aber das behielt der Lockenkopf lieber für sich.

„Fahr dich nicht fest“, sagte er also nur stattdessen und begann erneut zu Lächeln. Doch dieses Mal lag es nicht an Ernest, sondern an der Anzeigentafel mit den Ankünften. Gerade sprang die erwartete Maschine auf „gelandet“ und er von seinem Sitz auf. Jetzt konnten es nur noch Minuten sein! Aussteigen, Koffer bei der Gepäckausgabe holen und dann…

„Ich glaub, ich muss gleich Schluss machen. Die Maschine ist gerade angekommen“, sagte er und reckte bereits jetzt suchend den Kopf, während Ernest am anderen Ende der Leitung noch immer den Wirtschaftsweg kritisch anvisierte. Nein, geheuer war ihm das Ganze durchaus nicht! Und ehe er sich blindlings auf diesem Vorboten zur Matschgrube festfuhr, wollte er erst einmal etwas Recherche betreiben. Somit kam es ihm sogar ganz gelegen, dass Dominik ohnehin Anstalten machte, das Gespräch zu beenden. Schließlich musste er ihm ja nicht vorbeten, wie er die Kartenapp bediente oder sich von irgendwelchen Nachfragen ablenken lassen. Also verlegten sie eine weitere Unterhaltung auf später, während Dominik nun immer aufgeregter wurde. Aber warum eigentlich? Es war ja keine fremde Person, auf die er wartete und keine, zu der er ewig keinen Kontakt gehabt hätte! Eigentlich hätte es also gar keinen Grund für Nervosität gegeben! Außer vielleicht den, dass er sie immerhin schon lange nicht mehr in die Arme geschlossen hatte.

16.2.2025: holdrio

„Susi!“

Aus dem ersten Impuls der Freude heraus riss er beide Arme hoch und winkte, nein, er wedelte regelrecht damit, als er seine frühere Kommilitonin endlich erblickte. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, dass er sie nach der Abschlussfeier zum Auto geführt und das letzte Mal umarmt hatte. Danach hatte ihr Kontakt fast nur noch aus kleinen Nachrichten und kurzen Anrufen bestanden, manchmal mehrere am Tag, aber teilweise auch über Wochen hinweg nicht eine. Selbst zu Weihnachten hatte er sie nicht gesehen, als sie von ihrem Work & Travel mal für ein paar Tage wieder in die Heimat zurückgekehrt war. Aber jetzt! Jetzt stand sie vor ihm, nur noch wenige Meter von ihm entfernt und – tat erst einmal nichts. Sie hielt nur inne, als sie ihr Begrüßungskommando entdeckte und blinzelte. Hatte er sich etwa so geirrt? Sie trug zwar einen Florentiner, aber das, was darunter von ihrem Gesicht zu erkennen war, gehörte doch zweifelsfrei zu seiner Freundin Susi! Und das schien die Angesprochene in diesem Moment auch endlich zu erkennen. Mit einem Lachen ging sie auf Dominik zu und zog den Hut vom Kopf, kurz, bevor sie den jungen Künstler erreicht hatte. Das machte das Umarmen gleich viel leichter! Doch ehe es dazu kommen konnte, schaute Dominik sie erst einmal irritiert und äußerst unschlüssig an.

„Wer sind Sie und wo haben Sie meinen Dominik gelassen?“, rief sie nämlich aus und gackerte bei seinem verdutzten Gesichtsausdruck erst recht, um ihn dann endlich an sich zu ziehen und die Arme fest um seine Schultern zu schlingen.

„Hä? Wie meinst n das?“, nuschelte er allerdings und zeigte sich recht verhalten, während ihre blonde Haarpracht seine Wange kitzelte. Noch ein wenig heller als bei ihrem letzten Treffen wirkte sie und duftete nach Zitrone. Susis Lachen versetzte sie in einen leichten Wellengang.

„Ja, das ist schon eher der Dominik, den ich kenne!“, amüsierte sie sich und grinste von einem Ohr zum anderen, als er sie aus seiner zögerlichen Liebkosung entließ. Na, so hatte er sich das Wiedersehen bestimmt nicht vorgestellt!

„Du, ich kann auch wieder gehen! Viel Spaß noch!“, schob er die Unterlippe vor und kehrte Susi demonstrativ den Rücken zu, doch sofort hängte sie sich mit einem energischen „Nix da!“ an ihn dran.

„Wenn ich schon extra einen Abstecher hierher mache, dann nimmst du dir gefälligst auch Zeit für mich!“, war es trotz der vielen Monate ohne diese Zweisamkeit sofort wieder ganz selbstverständlich, dass sie sich bei ihm unterhakte und er es schweigend hinnahm. Nicht murrend, wie früher so manches Mal, sondern mit einem Schmunzeln, das er Susi für ihre Frechheiten eigentlich gar nicht präsentieren wollte und es dann doch tat.

„Holdrio!“, antwortete er dennoch mit einem Hauch Sarkasmus in der Stimme und fühlte dabei, dass Ernest gerade sicherlich äußerst stolz auf ihn wäre. Doch Susi störte sich daran nicht. Sie drückte ihm lieber ihren Hut in die Hand und knödelte ihre Haare in einen lockeren Dutt. War das wirklich die Susi, die früher immer so viel Wert auf ihren Look gelegt hatte? Gut sah sie noch immer aus, aber es war irgendwie… natürlicher! Das geblümte Kleid schmeichelte ihrer Figur und war trotzdem praktisch geschnitten, ohne bei der kleinsten falschen Bewegung die Sicht auf ungeahnte Tatsachen frei zu geben. Sie trug dezenteres Make-Up und die sonst oft so verfluchten Sommersprossen durften jetzt über ihre sonnengebräunte Haut tanzen. Unwillkürlich hoben sich Dominiks Mundwinkel und kichernd schüttelte er den Kopf, als Susi ihn fragte, ob sie ihm auch einen Zopf verpassen solle.

„So lang sind sie zum Glück noch nicht wieder!“, strich er sich vielsagend durch die Locken und bot Susi seinen Arm an, als sie mit ihrer Frisur fertig war. Zumindest fast. Links und rechts wurden zwei kleine Strähnen aus dem Zopf gelöst, die ihr Gesicht sanft umrahmten und Dominik nun erst recht zum Schmunzeln brachten. Aha, es hatte sich also nicht alles geändert, dachte er, während die junge Frau wieder zu seinem Anhängsel wurde und sie gemeinsam den Ausgang ansteuerten.

„Soll ich dir deinen Rucksack abnehmen?“, fragte Dominik dabei und wurde wieder überrascht. Anstatt ihm das gute Stück mit all ihren aktuellen Habseligkeiten sofort in die Hand zu drücken, behielt Susi es einfach auf.

„Bin ich inzwischen ja schon gewohnt!“, sagte sie im Brustton der Entschlossenheit und Dominik hob verwundert die Augenbrauen. Wenn da mal nicht noch ein paar weitere Überraschungen auf ihn warteten!

„Ich glaub, das werden drei spannende Tage!“, grinste er und stülpte Susi ihren Hut über den Dutt, ehe er voraus deutete, hin zu dem Bus, der gerade die Haltestelle ansteuerte.

„Los, den kriegen wir noch!“, rief er aus und wollte Susi mit sich ziehen, doch die drehte den Spieß einfach in Sekundenschnelle um.

„Worauf wartest du dann noch, du lahme Ente?“, packte sie seine Hand und in einem lachenden Wettrennen machten sie sich auf den Weg. Ja, das konnten wirklich drei spannende Tage werden! Und lustige bestimmt erst recht!

17.2.2025: Selbstfürsorge

„Das da vorne ist einer der Pubs, in die wir manchmal gehen. Von außen ziemlich unscheinbar, aber von innen echt gemütlich. Man muss nur ein bisschen auf die Uhrzeit achten. Wenn man den richtigen Zeitpunkt verpasst, dann kriegt man keinen Platz mehr. Hier in dem Café war ich mit Ern… einem Freund mal, als er mich besucht hat. Ich fand es ganz schnuckelig! Er nicht so… Oh! Und wenn du da hinten links rein biegst, kommst du zu einer hübschen Buchhandlung! Direkt gegenüber ist ein bezaubernder Teeladen. Da sollten wir auch mal reingehen. Wenn du schon mal hier bist, willst du doch bestimmt auch original englischen Tee mitnehmen, oder?“

Es war herrlich! Das Wetter war angenehm, die Sonne schien und weil sie obendrein auch noch am frühen Samstagnachmittag unterwegs waren, konnte er nicht nur den Fremdenführer spielen, sondern Susi auch direkt in viele der gezeigten Lädchen und Geschäfte schleppen. Neugierig lernte sie sein aktuelles Zuhause kennen und mit einem Hauch von Stolz präsentierte er ihr, wie gut er sich eingelebt hatte. Die Uni hatte er ihr bereits gezeigt und natürlich auch das Wohnheim, damit sie ihren Rucksack nicht die ganze Zeit mitschleppen mussten und nun war die Innenstadt an der Reihe. Er zeigte, erzählte und zeigte wieder, bis ihm Susis Gesichtsausdruck auffiel.

„Was ist?“, hob er verwundert die Augenbrauen, als er bemerkte, dass ihre Aufmerksamkeit zunehmend ihm und weniger den präsentierten Sehenswürdigkeiten galt. Sie aber schüttelte den Kopf, während ein Schmunzeln ihre Lippen zierte.

„Jetzt mal ehrlich, dich hat doch einer ausgetauscht! Sonst bist du immer muffelig hinter mir hergestapft und ich musste dich von Laden zu Laden schleppen und jetzt muss ich mich an dir festklammern, damit ich dich nicht aus den Augen verliere!“, scherzte sie und lachte, als Dominik mit einem schiefen Grinsen sagte, dass er auch einen Schritt langsamer gehen könne, wenn er ihr zu schnell sei. Doch wieder schüttelte Susi den Kopf.

„Das mein ich nicht, du Blödi! Ich meine, du… hast dich sehr verändert. Im Gegensatz zum ersten Semester ohnehin, aber auch seit ich dich das letzte Mal gesehen hab“, schlug sie im Laufe dieser Worte zunehmend ruhigere, aber nicht weniger warme Töne an. Sie musterte ihren früheren Kommilitonen mit einer Mischung aus Faszination, Unglaube und vielleicht auch einem Hauch Wehmut, während er den Blickkontakt nach einem Moment nachdenklich abbrach.

„Du hast heute Morgen schon so was gesagt. Am Flughafen…“, murmelte er dabei und hob den Blick wieder zu Susi, als sie einen amüsierten Laut von sich gab.

„Also mal ehrlich! Auf der Abschlussfeier Herrn Klimlau zum Tanz aufzufordern war ja schon was, aber ein Dominik Preuss, der laut johlend und winkend am Flughafen auf mich wartet? Hättest du mir das früher erzählt, hätte ich gesagt, du bist bekloppt!“, grinste sie und begann dann zu lachen, als er verlegen den Kopf senkte und sich an der Nase kratzte.

„Na ja… ich hab mich halt gefreut, dich zu sehen…“, murmelte er dabei und einer seiner Mundwinkel hob sich, als Susi zur Antwort ihren Kopf an seinen Oberarm schmiegte. Offensichtlich war diese Freude nicht nur einseitig. Dominik spürte aber auch noch etwas anderes dabei.

„Wir haben die letzten Monate über wirklich nicht so viel voneinander gehört. Du kannst zwar manchmal eine ganz schöne Nervensäge sein, aber du hast mir auch ganz schön gefehlt“, gab er kleinlaut zu und wappnete sich für die nächste Frotzelei, aber zu seiner Überraschung blieb die aus. Das Lächeln auf Susis Lippen verschwand nicht, aber es wurde schmaler und mit einem Nicken stimmte sie seinen Worten zu.

„Was hältst du davon, wenn wir uns ein Eis holen und da hinten rein biegen? Die Gasse scheint mir nicht so belebt wie hier. Da kann man sich vielleicht ein bisschen besser unterhalten?“, fragte sie und auch, wenn Dominik über diese plötzlich einkehrende Ruhe verwundert war, stimmte er zu.

„Ja, erzählen haben wir uns bestimmt mehr als genug! Die paar kurzen Storys, die du mir zwischendurch mal geschickt hast, waren bestimmt noch nicht alles!“, grinste er.

„Wenn wir da vorn abgehen, kommen wir zu einem Park. Ist vielleicht genau das Richtige? Ein lauschiges Eckchen mit viel Grün und sogar einem Teich in der Mitte“, ergänzte er und steuerte mit Susi auf die Eisdiele zu, während sie mutmaßte, dass der Teich um diese Jahreszeit ebenso zu einem grünen Tümpel verkam, wie der bei ihnen zuhause.

„Irgendwann wirds meinem Vater dann wieder zu viel und er ruft den Gärtner, damit er sich um diese grüne Grütze kümmern darf…“, verzog sie das Gesicht und schloss in diesem Moment auch alle Eissorten, die nur ansatzweise Grün beinhalteten, kategorisch aus. Dominik musste allerdings schmunzeln.

„Ich glaub, der hier im Park ist ein bisschen größer und wird regelmäßiger gepflegt“, grinste er, während er sein Portemonnaie zückte und sich mit Susi in die kleine Schlange der Wartenden einreihte. Seine Freundin wollte es ihm gleich tun, aber er hielt sie zurück.

„Ich lad dich ein. Zumindest, solange du nicht den halben Laden leer kaufen willst“, meinte er und wurde verwundert angeschaut.

„Sag mal, hast du im Lotto gewonnen? Du hast schon das Busticket bezahlt und den Burger!“, stellte sie fest, wobei Dominik noch immer grinste, aber nicht sicher schien, ob er stolz oder verschämt sein sollte.

„Na ja, du hast schließlich den Flug bezahlt und inzwischen konnte ich ja schon ein paar Bilder verkaufen. Von daher… Ich schwimm zwar nicht im Geld, aber ein bisschen was zurückgeben kann ich dir trotzdem. Immerhin… na ja… du hast mir früher ja auch den einen oder anderen kleinen Gefallen getan“, druckste er herum und lachte, als Susi knallhart feststellte, dass sie ihn zeitweise heimlich durchgefüttert hatte. Oder es zumindest versucht, wenn er nicht immer so stur abgelehnt hätte. Und dann waren sie auch schon an der Reihe. Erdbeer und Vanille wanderten in Susis Eishörnchen, während es bei Dominik Haselnuss und Schokolade waren. Eine herrliche Abkühlung an dem doch recht warmen Tag und trotzdem keine allzu lange Unterbrechung, um von ihrem Gesprächsthema abzukommen. Ganz im Gegenteil.

„Mir war das einfach peinlich. Ich wollte niemandem auf der Tasche liegen oder so. Ich… ich hatte mir das Studium selbst ausgesucht, also wollte ich das auch selbst auf die Reihe kriegen“, murmelte er, den Blick auf den Boden gerichtet, während er nachdenklich sein Eis schleckte. Vielleicht auch so nachdenklich wie Susi?

„Ihr habt nicht viel Geld, oder?“, fragte sie ihn plötzlich deutlicher denn je und blieb stehen, als auch Dominik ins Stocken geriet. Er schaute sie irritiert an, bis Susi hinterher schob: „Ich mein deine Familie… Deine Eltern konnten sich das Studium nicht leisten, kann das sein?“. Und während sie auf sein Schweigen hin eilig sagte, dass das doch nicht schlimm sei oder etwas, wofür man sich schämen müsse, kam ihm vielmehr etwas anderes in den Sinn. Er hatte nie so recht darüber nachgedacht, aber in der Tat war Susi die einzige, zu der er seit Beginn seines Studiums irgendwie so eine Art Beziehung gehabt hatte. Die einzige, die damals bereits am ersten Tag zu ihm gekommen und seine Nähe gesucht hatte, noch bevor Frido überhaupt in ihr Leben getreten war. Die einzige, die von den Kommilitonen aus seinem Kurs hautnah seinen Wandel miterlebt hatte – zumindest so nah, wie er es ihr gestattet hatte. Sie war nicht erst später dazugestoßen, wie Niko, den er ohne Fridos Zutun vermutlich nie angesprochen hätte. Ganz zu schweigen von den Leuten, mit denen er sich jetzt umgab. Nein, sie kannte er von all diesen Leuten am längsten und hatte doch das wenigste mit ihr geteilt – und das, obwohl er sogar derjenige gewesen war, der sie vor nicht einmal einem Monat angeschrieben und gefragt hatte, ob sie bei ihrem Trip über den europäischen Kontinent nicht auch einen Abstecher in das Vereinigte Königreich machen wolle. Schon verrückt, wenn man das mal so überlegte…

„Nein, daran lags nicht. Sie hätten das Geld gehabt…“, verschwand er dieses Mal also nicht in ein neues Thema und erwischte sich in einer gewissen Situationskomik, weil sein Eis den Aggregatzustand wechselte.

„Ich hatte ein paar Jahre Zoff mit meinem Vater, weil er mit meiner Homosexualität nicht einverstanden war und mit meinem Kunststudium auch nicht. Ich bin von Zuhause weg und hab den Kontakt abgebrochen“, machte er sich eilig daran, die abtrünnige Süßspeise in ihre Schranken zu weisen, während Susi ihr Waffelhörnchen besser im Griff hatte. Verwundert schaute sie ihn an und schaffte dabei doch, die beiden Tropfen Erdbeere mit der Zunge aufzufangen, ehe sie zur Rutschpartie über die Eiswaffel ansetzten.

„Da hab ich jetzt irgendwie nicht mit gerechnet…“, schmatzte sie und bekam dafür ein schiefes Grinsen samt Schulterzucken.

„Ja, ist nicht unbedingt was gewesen, womit ich hausieren gehen wollte, aber inzwischen hat sich die Lage zum Glück wieder entspannt“, antwortete er kleinlaut und dieses Mal war Susi diejenige, die ihn zum Staunen brachte. Denn sie reagierte nicht eingeschnappt oder fühlte sich vor den Kopf gestoßen, sondern zeigte stattdessen Verständnis für ihn.

„Manchmal muss man sich zurückziehen und damit gewissermaßen ein bisschen Selbstfürsorge betreiben, was?“, lächelte sie und wippte leicht auf den Zehen, ehe sie in Richtung Gässchen zum Park deutete. Ihre Flipflops schlappten über die erwärmten Steine und Dominiks Chucks schlossen sich ihnen wieder an.

„Stimmt, ich hab den Abstand damals echt gebraucht. Das ging mit uns einfach nicht mehr, weißt du? Aber ich bin froh, dass sich die Lage mittlerweile deutlich gebessert hat. Wir haben sogar wieder Weihnachten zusammen gefeiert“, teilte er ein leises Lachen mit Susi und begegnete ihrem Lächeln mit einem eigenen. Sie bogen in die Gasse und tauchten in den Schatten der Häuser. Ein Spiel der Lichtverhältnisse, das auch etwas in Susis Gesicht veränderte. Erwachsener wirkte sie plötzlich, während sie Dominik noch immer anschaute, doch mit ihrem Nicken wandte sie dann den Blick nach vorn.

„Ja, ich weiß genau, was du meinst…“, murmelte sie dabei. Ein leichter Schwung begleitete ihre Schritte und brachte den Saum ihres Kleides zum Tanzen. Sie atmete tief durch und schloss für einen winzigen Augenblick die Lider, ehe sie Dominik wieder betrachtete. Grüblerisch schaute er drein. Unsicher, wie er ihre Worte deuten oder was er sagen sollte und das war ihm offenbar auch anzumerken.

„Ist… ist was passiert?“, fragte er behutsam, doch da lachte Susi bereits auf.

„Du meinst auf meinen Reisen?“, konnte sie seinen Gedankengang problemlos erahnen und schüttelte den Kopf, als Dominik ihre Frage bejahte. Erleichtert sanken seine Schultern herab und ein weiterer leckerer Haps verschwand in seinem Mund. Nur wäre er ihm dieses Mal beinahe im Halse stecken geblieben, als Susi nach einer kurzen Pause gefasst und doch seufzend anfügte: „Nein, es war wegen dir, du toter Fisch. Dass du die letzten Monate über nur sporadisch was von mir gehört hast, lag nicht daran, dass ich viel unterwegs war, sondern weil ich Abstand zu dir wollte“.

18.2.2025: hutschen

„Dein Eis schmilzt“

Ein Zucken durchfuhr seinen Körper und mit einem fahrigen „Oh! Ja…“ wollte er der Aufforderung eigentlich nachkommen, aber kaum hatte er die Waffel wieder an seinen Mund geführt, verging ihm schlagartig der Appetit. Eigentlich war es auch nicht nur das. Nein, genau genommen war ihm mit einem Mal richtig schlecht. Also ließ er das Hörnchen wieder sinken, bereit, seinen Inhalt tropfend auf dem Pflaster zu verteilen und mit klebrigen Fingern durch die Gegend zu laufen, während Susi weiterhin an ihrer Eiscreme festhielt. Sie war stehen geblieben, nachdem sich Dominiks Schritte in ein Stolpern verwandelt hatten und nun schaute sie ihn mit einem mitleidigen Lächeln an.

„Was hast du erwartet?“, fragte sie mit einem Hauch Belustigung, während Dominik so ganz und gar nicht zu Lachen zumute war. Er zuckte die Schultern und schaute zu Boden. Ja, was hatte er eigentlich erwartet?

„Du weißt, dass ich ganz schön in dich verschossen war…“, mischten sich Susis Worte in seine Gedanken und das Waffelhörnchen schien mit jedem von ihnen schwerer in seiner Hand zu wiegen. Er schluckte bitter, während er nicht wusste, was er sagen sollte. Susi hingegen schon.

„Sind wir mal ehrlich, es ist nicht unbedingt das tollste Gefühl, wenn ausgerechnet der Mann, den man liebt, einen tröstend in den Arm nimmt, nachdem man endlich einsehen musste, dass man keine Schnitte bei ihm hat“, sprach sie weiter und lachte auf. Aber es war kein fröhliches Lachen. Eher ein peinlich berührtes und vielleicht auch eines, das Mitleid mit ihrem früheren Ich hatte. Sie schüttelte den Kopf, während Dominik ihn in einem seichten Nicken bewegte. Ja, er verstand was sie meinte. Wenn Frido direkt nach ihrem Streit zu ihm gereist wäre und nicht erst zwei Monate später – er hätte seine Anwesenheit wohl nicht einmal ertragen. Und obwohl er auch davor schon mal mit Liebeskummer zu tun gehabt hatte, war er am Abend der Abschiedsfeier nicht auf die Idee gekommen, dass er mit seinem Verhalten die Situation für Susi vielleicht noch verschlimmert hatte. Eigentlich, wenn man es ganz genau nahm…

„Du hast nicht drüber nachgedacht, stimmts?“, holte sie ihn erneut aus seiner Gedankenwelt und schnaubte, als schon sein Blick die Antwort verriet. Wütend oder verletzt schien sie allerdings nicht. Statt ihn einen Idioten zu nennen, überbrückte sie die paar Schritte Abstand zwischen ihnen und hakte sich unter.

„Iss endlich dein Eis“, zog sie ihn sanft mit, um ihren Spaziergang fortzusetzen, während sie begann, an ihrem Hörnchen zu knabbern und Dominik die süße Soße bereits über die Finger rann.

„Tut mir leid...“, sprach er leise, fast heiser, aber Susi schüttelte nur den Kopf.

„Muss es nicht“, antwortete sie „Darauf wollte ich auch gar nicht hinaus“. Sie tätschelte den Arm, an dem sie den Lockenkopf mit sich führte.

„Ich hab mir ja selber was vorgemacht und verdrängt, wie offensichtlich es war, dass du nichts von mir willst. Mal abgesehen davon, dass du mir dann ja irgendwann mal erzählt hast, dass du auf Kerle stehst. Ich hätte mich nackt vor deine Füße schmeißen können und bei dir hätte sich nichts geregt. Das konnte vorher eigentlich auch schon ein Blinder mit Krückstock sehen, aber ich wollte es irgendwie nicht wahrhaben… Ganz schön dämlich, oder?“, schlenderte sie leichtfüßig dahin, während Dominik ihr beinahe hinterher stolperte.

„Nicht so dämlich, wie dir die Hand anzuhauen und als wimmerndes Häufchen in seinen Armen zu landen…“, murmelte er und Susi wollte natürlich wissen, wovon er sprach. Aber Dominik schüttelte den Kopf. Es ging hier gerade nicht um ihn. Oder doch – aber zumindest nicht auf diese Weise.

„Nicht so wichtig“, sagte er also nichts weiter dazu und versuchte stattdessen, dieses Mal nicht wieder alles schlimmer zu machen. Susi schüttete ihm gerade ihr Herz aus und er zerbrach es dann noch ein bisschen mehr, indem er ihr von seiner eigenen dramatischen Liebesgeschichte erzählte? Das wärs jetzt noch gewesen!

„Wenn man verliebt ist macht man manchmal einfach Dinge, die einem hinterher ganz schön peinlich sind“, versuchte er also die richtigen Worte zu finden, während Susi es nun endgültig leid war.

„Also wenn du es nicht willst…“, nahm sie ihm sein Eis weg oder zumindest das, was davon noch übrig war. Viel zu schade, um es so verkommen zu lassen! Und nebenher reden konnte man schließlich immer noch.

„Ach, das war noch nicht mal das Problem. Ich mein, wenns geklappt hätte, wäre es mir egal gewesen, ob mein Verhalten auf andere vielleicht peinlich gewirkt hat. Die Sache ist doch, dass ich es mir unnötig schwer gemacht hab...“, zuckte sie die Schultern und seufzte aus, während Dominik ein Taschentuch zückte und versuchte, seine Finger ein wenig zu reinigen. Ohne Wasser nicht unbedingt zielführend, aber so klebte wenigstens nur seine Hand, anstatt, dass er die Zuckersoße auch noch auf seinen Klamotten verteilte.

„Erst hab ich mir eingeredet, dass du einfach nur schüchtern bist und nachdem ich mitbekommen hab, dass da zwischen dir und Herrn Klimlau was läuft, dachte ich: Vielleicht ist er ja bi. Vielleicht ist es nur eine Turteilei zwischen euch und es kann trotzdem noch was aus uns werden“, sprach sie beinahe lapidar daher und wenn Dominik jetzt noch an seinem Eis geknabbert hätte, wäre es ihm wohl spätestens in diesem Moment endgültig im Halse stecken geblieben. Er starrte sie an wie vom Donner gerührt und sie lachte los.

„Ja, was? Ich habs genossen, wie viel Zeit du nach dieser Schlägerei mit mir verbracht hast! Du warst plötzlich so richtig aufmerksam und fast schon fürsorglich! Das hat mir gefallen!“, stupste sie ihm den Ellenbogen in die Rippen und lachte wieder, als er sich verhaspelte.

„Ja, aber das… das war doch…“, stotterte er und kam nicht viel weiter, weil Susi ihm die schwere Bürde des Redens gutmütig abnahm.

„War rein freundschaftlich. Schon verstanden. Hinterher hab ichs auch begriffen, als ihr da wie die Teenies auf der Tanzfläche rumgeknutscht habt und euer Outing vor der Uni ja alles andere als eine Kleinigkeit war“, blieb sie vor ihm stehen und musterte ihn, während Dominik langsam und zögerlich nickte. Susi hob in einem tiefen Atemzug ihre Schultern und ließ sie mit einem Seufzen wieder sinken.

„Ich hab ja an dem Abend schon gesagt, dass ich das erst so sehen musste, um wirklich zu begreifen und zu akzeptieren, was Phase ist. Aber im Nachgang hab ich dann auch so richtig gemerkt, dass ich erst mal Abstand von dir brauchte, um das alles zu verdauen…“, sprach sie nachdenklich, während Dominik immer mehr den Stein in seinem Magen spürte.

„Und ich frag dich auch noch, ob du herkommen willst…“, flüsterte er schuldbewusst und zuckte zusammen, als Susi nicht nur im ersten Moment die Augenbrauen hob, sondern dann auch noch in schallendes Gelächter ausbrach.

„Oh Gott, Dominik, das ist wieder so typisch!“, gackerte sie mit Tränen in den Augen und schüttelte den Kopf, ehe sie ihn noch mehr verwirrte, indem plötzlich ihre Hand an seiner Wange landete.

„Denkst du wirklich, ich würd jetzt hier stehen, wenn mir das immer noch so viel ausmachen würde?“, wurde aus einem Streicheln ein Tätscheln und noch einmal kicherte sie, ehe sie sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln rieb und gegen die Bauchschmerzen anschnaufte. Der Lockenkopf beschloss allerdings, seine Überforderung einfach offen auszusprechen.

„Ich… ich weiß grad nicht, was ich sagen soll oder was du von mir hören möchtest“, gab er zu und brachte Susi damit schon wieder zum prusten. Und während ihr Make-Up nun völlig ruiniert wurde, konnte er nur schief grinsen. Diese Frau schaffte ihn! Und das war ihr offenbar auch ziemlich bewusst.

„Gut, dass dus sagst! Wär ich selbst nicht drauf gekommen, dass du nicht nur n toter Fisch, sondern auch noch einer auf dem Trockenen bist!“, fächerte sie sich Luft zu und drückte Dominik die Reste von seinem Eishörnchen in die Hand, während sie sich mit einigen tiefen Atemzügen endlich wieder beruhigen konnte und Spiegel und Taschentuch aus ihrem kleinen Rucksack, der nicht viel mehr als ein Täschchen war, holte.

„Bloß gut, dass ich bei dem warmen Wetter nicht so viel Maskara drauf hab!“, bearbeitete sie den dezenten Pandalook, wobei der Lockenkopf zögerlich das Hörnchen mümmelte und kleinlaut zugab, dass Susi ihn immer mehr verwirrte. Und die war schon wieder kurz vor einem Lachanfall, weil er so nachdenklich das Offensichtliche ansprach, als wäre es eine riesige Erkenntnis.

„Du bist manchmal echt wie so n Welpe, weißt du das? Ein bisschen tapsig, nicht unbedingt die hellste Kerze auf der Torte… aber trotzdem süß!“, grinste sie, während sie auch ihr restliches Make-Up kontrollierte und grinste sogar noch ein bisschen mehr, als sie Dominiks trotzigen Blick über den Spiegel hinweg sah.

„Ich bin nicht süß und ich bin auch kein Welpe!“, murrte er, denn eins stand doch wohl mal fest, wie das Amen in der Kirche: Wenn jemand ein trotteliger Welpe war, dann Frido! Und nicht er! Susi sah das allerdings anders und zeigte sich eher belustigt über seinen Zwergenaufstand. Vielleicht lag es auch daran, dass er seinen Gedankengang über den Dozenten nicht mit ihr geteilt hatte.

„Doch, irgendwie schon. Fehlen nur noch die niedlichen Knopfaugen“, ließ sie ihren Klappspiegel lässig zuschnappen und stopfte ihn zurück in ihren Rucksack, während sie Dominik daran erinnerte, wer hier eigentlich diejenige war, die einen Grund für Unzufriedenheit gehabt hätte.

„Hör auf zu schmollen. Ich bin die mit dem gebrochenen Herzen, nicht du!“, sprach sie leichtfüßig und schoss damit trotzdem nicht daneben. Denn sofort machte der Trotz in Dominiks Blick Platz für Mitgefühl und Schuldbewusstsein, aber Susi schüttelte nur den Kopf. Ihr eigener Ausdruck wurde weicher und dennoch nicht sentimental. Eher im Gegenteil.

„Glaub mir, so selbstzerstörerisch bin nicht mal ich, dass ich jetzt hier vor dir stehen würde, wenn ich nicht wüsste, dass es mir nichts mehr ausmacht“, gesellte sie sich wieder an seine Seite und fasste seinen Arm, um dann zu Dominik hoch zu lächeln, als er sie nachdenklich musterte. Er fragte sich, warum sie ihm das alles erzählte, aber er war auch nicht sicher, ob er diese Überlegung wirklich offen aussprechen sollte.

„Wie… wie gesagt, ich weiß nicht recht, was du von mir hören möchtest…“, sagte er stattdessen und ein Schnauben schoss durch Susis Kehle. Doch dieses Mal lachte sie nicht los.

„Gar nichts. Ich hab mir schon gedacht, dass du nicht viel dazu zu sagen hast. Du bist zu sehr mit dir beschäftigt, um dir wirklich Gedanken darüber zu machen, was mit mir war“, sagte sie und hob abwehrend die Hand, als Dominik zu einer Entgegnung ansetzte.

„Ich sag nicht, dass du gefühlskalt oder ignorant bist. Ich will damit nur sagen, dass du vermutlich genug eigene Sachen im Kopf hattest, um die du dich kümmern musstest. Oder vielleicht auch immer noch musst? Du hast ja ein Händchen dafür, dir Ärger einzuhandeln… Abgesehen davon warst du zu dem Zeitpunkt doch selbst auf Wolke sieben – und bist es hoffentlich immer noch?“, zog sie ihn leicht mit sich, bis Dominik sich von selbst wieder in Bewegung setzte.

„Ja, stimmt schon, ich hatte viel um die Ohren...“, murmelte er nachdenklich, ohne dabei die indirekte Frage nach seinem aktuellen Liebesglück wahr zu nehmen. Doch dafür zuckten seine Mundwinkel, als Susi mit der freien Hand über seine Brust strich.

„Weißt du…“, sagte sie dabei „Wir haben damals eigentlich nie so richtig darüber geredet – wenn man mal den Abend im Krankenhaus außen vor lässt. Ich glaub, das hat die ganze Angelegenheit auch unnötig verkompliziert und in die Länge gezogen. Deswegen war mir wichtig, das Thema wenigstens jetzt mal anzusprechen, bevor wieder irgendwelche Missverständnisse aufkommen“. Sie tätschelte ihn wieder, ehe sie die Hand sinken ließ und lächelte, als Dominik sich mit ehrlichen Worten erkundigte, wie es ihr heute ginge.

„Gut!“, rief sie aus und plötzlich zog sie ihn in eine Umarmung, die Dominik natürlich auch dieses Mal überforderte. Was sollte er nach dem Gehörten davon halten? Und viel wichtiger: Hatte er ihr etwa schon wieder falsche Signale gesendet?

„Susi…“, versteifte er sich merklich und hielt die Hände auf Höhe ihrer Taille, nicht sicher, ob er sie fassen und weg schieben oder ebenfalls umarmen sollte. Doch sie strich ihm sanft über den Rücken, zärtlich, aber vor allem beruhigend, während sie mit gedämpfter Stimme zu ihm sprach.

„Krieg dich wieder ein, du Fisch. Ich hab doch gesagt, ich bin über dich hinweg. Es ist einfach nur schön, dir nahe zu sein, ohne, dass es weh tut. Das ist alles“, murmelte sie ihm ins Ohr und lehnte sich lächelnd zurück, um ihn anschauen zu können.

„Ich geb zu, ein bisschen ein mulmiges Gefühl hatte ich auf dem Weg hierher schon! Ist ja schließlich was anderes, ob wir nur ein bisschen schreiben und telefonieren oder ob du dann wirklich wieder vor mir stehst. Aber nein! Mir gehts prima und ich hab nicht das Gefühl, gleich auf die Knie zu sinken und im Staub zu hutschen vor Herzschmerz!“, grinste sie von einem Ohr zum anderen, während Dominik sie anblinzelte.

„Du… dir ging es so mies, dass es sich anfühlte, wie über den Boden zu kriechen?“, schluckte er hart und hob fragend die Brauen, als Susi ihm mit einem Seufzen losließ.

„Echt jetzt? Ausgerechnet das hörst du und alles andere, was ich davor gesagt hab, ist egal?“, schüttelte sie den Kopf und machte unter dem Ausspruch „Männer!“ eine wegwerfende Handbewegung. Zumindest bei diesem Exemplar war wohl wirklich Hopfen und Malz verloren.

„Na los, Fischi, gehen wir weiter. Du wolltest mir noch einen Park mit Teich zeigen“, schlenderte sie also von dannen, während Dominik ihr allerdings zur Salzsäule erstarrt nachguckte. Irgendwie gab es da jetzt erst mal was zu verdauen, spürte er, und das war nicht das Eis. Drum trottete er ihr auch eher zögerlich und grübelnd nach, während sie leicht wie eine Feder dahin schwebte. Sie schaute mal links, mal rechts. Bestaunte hübsch geschmückte Blumenkästen, kitschige Figuren auf Fensterbänken oder andere kleine Sehenswürdigkeiten. Es verging eine ganze Weile, in der sie so schweigend die Gasse entlang schritten – oder vielmehr, in der Dominik schwieg und Susi der eine oder andere Ausruf von Entzückung oder Belustigung über die Lippen huschte. So lange, bis sie sogar das Ende der Gasse erreicht hatten.

„Oh, der sieht aber wirklich lauschig aus!“, begrüßte sie so auch den angrenzenden Park, als sie das üppige Grün bereits von weitem gut erkennen konnten. Nur noch eine kleine Querstraße und ihr Ziel war erreicht. Doch Dominik hatte dafür im Moment gar keine Augen.

„Susi?“, murmelte er nur leise, als er hinter ihr zu stehen kam und kaum drehte die Angesprochene sich zu ihm um, zog er sie in eine Umarmung, drückte die Hände auf ihren Rücken und das Kinn auf ihre Schulter.

„Huch! Was ist denn jetzt los?“, kicherte sie zwar, aber die Verwunderung war nicht zu überhören. Dieses Mal schien sie unsicher, ob sie diese Geste erwidern sollte. Doch dann legte sie die Arme um Dominiks Schultern, nickte sanft und lehnte sich ein kleines Bisschen an ihn, als er leise sagte: „Es ist schön, dass du jetzt hier bist“.

19.2.2025: Winterfrische

Eine feine Brise strich über sie hinweg. Sie brachte die Blätter zum Rauschen und Tanzen und verstärkte das Spiel aus Licht und Schatten, das entstand, wenn die Sonne ihre Strahlen durch das grüne Dach schob. Gesprenkelt verteilten sich die hellen Flecken auf den Wegen, den Rasenflächen, den Spielgeräten an der einen Seite und den regelmäßig gesäten Bänken auf der anderen. Der Park war gut besucht, aber nicht überlaufen. Man fühlte sich hier nicht einsam und konnte doch für sich sein. Zumindest, wenn man für seine Erholung nicht die absolute Abgeschiedenheit bevorzugte. So, wie ein gewisser Arzt, der für seine Winterfrische gerne mal für eine Woche auf irgendeine abgelegene Hütte verschwand. Urig, aber nicht zu rustikal gehalten. Mit gemütlichem Feuer im Kamin und trotzdem der Option, bei Bedarf einfach nur die Heizung anzuschmeißen. Dominik schmunzelte, als ihm diese kleine Erzählung von Ernests letztem Urlaub in den Sinn kam und gleichzeitig fragte er sich, ob es auch ein entsprechendes Pendant für Erholungssuchende im Sommer gab.

„Gibt es eigentlich auch eine Sommerfrische?“, murmelte er wie aus dem Nichts in ihren Spaziergang hinein, der bis gerade eben nur aus einträchtigem Schweigen bestanden hatte, und wurde von Susi irritiert angeschaut. Und da fiel es ihm wieder ein: Die Begrifflichkeiten, mit denen Ernest manchmal um sich warf, waren ja nicht unbedingt das, was auch jeder andere in seinen alltäglichen Sprachgebrauch einbaute.

„Äh, ein Freund von mir sagt immer Winterfrische, wenn er sich in den Weihnachtsferien für ne Woche in den Erholungsurlaub zurückzieht. Ich glaub, das ist ein ziemlich antiquierter Begriff. Kam mir grad nur irgendwie in den Sinn, weil es hier eigentlich auch sehr entspannend und wohltuend ist. Ich komm öfter mal her, um den Kopf frei zu bekommen oder einfach mal durch zu verschnaufen, weißt du?“, kratzte er sich verlegen an der Wange und erhielt ein langsames Nicken samt langgezogenem „Aha“ von Susi.

„Ja, ist schön hier“, stimmte sie ihm dann zu.

„Und Winterfrische kenn ich auch. Meine Oma hat so was antiquiertes auch mal gesagt“, sprach sie zwar ganz unauffällig, doch wie sie dabei das Wörtchen „antiquiert“ betonte, sagte mehr als tausend Worte. Sie grinste und Dominik lachte ertappt.

„Ich glaub, es färbt ein bisschen ab, dass ich in letzter Zeit mehr mit Ern… meinem Freund zu tun hatte“, grinste er schief und hob fragend die Brauen, als Susi ihn plötzlich äußerst skeptisch anschaute.

„Was heißt denn bei dir in letzter Zeit?“, sprach sie lapidar und doch schwang etwas in ihren Worten mit, das Dominik stutzen ließ. Es klang beinahe amüsiert, aber der Lockenkopf hätte nicht gewusst, warum. Machte er sich einfach nur wieder zu viele Gedanken?

„Ähm… na ja, die letzten paar Monate halt. Ich hab ihn damals durch Frido kennen gelernt, kurz, nachdem wir zusammengekommen sind und hatte seitdem zwar immer irgendwie mit ihm zu tun, aber mit der Zeit wurde der Kontakt dann enger und häufiger. Warum fragst du?“, verschränkte er aus Bequemlichkeit leicht die Arme vor der Brust, weil Susi und er gerade nicht untergehakt daher schritten. So konnte nun jeder für sich laufen und trotzdem hatte sie die Möglichkeit, mit einem schnellen Griff wieder sein Anhängsel zu werden. Doch das schien ihr gerade gar nicht in den Sinn zu kommen. Ganz im Gegenteil. Statt seine Nähe zu suchen, blieb Susi abrupt stehen und starrte ihn ungläubig an, während Dominiks Blick eher fragend ausfiel.

„Was ist?“, kam er ebenfalls zu stehen und hob die Augenbrauen, wohingegen Susis eher hinabsanken und sich zusammenzogen.

„Sag mal, wie lange seid ihr beiden denn schon zusammen?“, hatten ihre Worte etwas Wachsames und beinahe schon Anklagendes, sodass Dominik immer verwirrter wurde. Was war hier los?

„Ende September sinds zwei Jahre. Wa… warum fragst du? Was ist los?“, fühlte er sich zunehmend unwohl, wohingegen Susi ihn nun einen Augenblick lang ausdruckslos anschaute, während seine Worte in ihr arbeiteten und ihr Ärger dann genauso schnell verflogen schien, wie er gekommen war.

„Ach so, na dann…“, zuckte sie schließlich die Schultern, als wäre nichts gewesen und schlenderte weiter, während Dominik ihr verdattert nachguckte.

„Hä? Was war das denn jetzt für ne Aktion? Was heißt jetzt plötzlich ach so, na dann?“, fasste er sich jedoch schnell wieder, während Susi die Hand hob, um mit den Fingern an ein paar tiefhängenden Blättern entlang zu streichen.

„Na dann heißt, dass du mich dann ja doch nicht so vorgeführt hast, wie ich gerade dachte. Du warst einfach nur schon immer ein bisschen komisch“, murmelte sie und fing an zu kichern, als nun Dominik derjenige war, der ohne Vorwarnung abbremste und vor allem nur noch Bahnhof verstand. Was zum Geier redete die da? Oder war das gerade nur ein kleines Spielchen, um ihn zu ärgern? Ihr Grinsen ließ diese Vermutung jedenfalls zu, doch ihre Antwort auf seine schweigende Frage zeigte, dass es scheinbar nicht nur darum ging, ihn bestmöglich aus dem Konzept zu bringen.

„Du erzählst mir, dass du wegen dieses Freundes manchmal in die Mottenschublade greifst, obwohl du selbst im ersten Semester schon solche Sachen rausgehauen hast“, seufzte sie aus und zeigte sich so gnädig, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen – oder für noch mehr Verwirrung zu sorgen. So oder so hatte sie jedenfalls eine diebische Freude an Dominiks Gesichtskarussell, während sie weitersprach.

„Mal ehrlich, welcher normale Mensch sagt schon „Ich bin nicht virulent!“ statt „Ich bin nicht ansteckend!“, hm?“, trat sie einen Schritt auf ihn zu und legte den Kopf schief, während Dominik nachdenklich die Stirn runzelte.

„Und was hat das mit vorführen zu tun?“, kam er dem eigentlichen Knackpunkt noch immer nicht auf die Schliche und erntete dafür ein erbarmungsvolles Kopfschütteln. Er konnte einem schon leid tun, verriet ihr Blick, aber irgendwie fand Susi es scheinbar auch putzig, wie ihre belustigte Schnute zeigte. Da war er wieder, der tapsige, manchmal etwas doofe Welpe, dem beinahe alles aus dem Gesicht fiel, als seine Freundin endlich auf des Pudels Kern zu sprechen kam.

„Dominik, du hast gesagt, dass du diese antiquierten Begrifflichkeiten von Herrn Klimlaus Kumpel aufgeschnappt hast, aber der Gute ist ja erst im zweiten Semester zu uns gekommen. Klang also erst so, als hättet ihr uns allen noch mehr einen Bären aufgebunden, als eh schon. Aber nein, scheinbar bist du auch so einfach nur manchmal ein bisschen komisch“, schmunzelte sie erst, um dann lauthals loszulachen, als sie sein fassungsloses Starren erblickte.

„Wa… du… du hast gedacht, ich wäre schon mit Frido zusammen gewesen, bevor er überhaupt unser Dozent geworden ist?!“, rief er ungläubig aus, um dafür dieses Mal nur ein Schulterzucken zu kassieren.

„Kann doch sein?“, flötete Susi, während sie sich langsam wieder in Bewegung setzte und die Finger hinter ihrem Rücken ineinander schob. Dominik musste sich hingegen erst einmal aus seiner Schockstarre lösen.

„Was ist das denn jetzt für ne Verschwörungstheorie? Frido hat vorher zwei Stunden von uns entfernt gewohnt! Wieso wäre ich denn dann nicht gleich auf dieselbe Kunsthochschule gegangen, an der auch mein Freund doziert?“, maulte er, wohingegen Susi wieder nur die Schultern zuckte.

„Was weiß ich? Vielleicht um Privates und Berufliches besser zu trennen und dann war die Sehnsucht aber doch zu groß und er hat die Stelle gewechselt, um wieder bei dir sein zu können?“, mutmaßte sie, wodurch Dominiks Laune nur noch mehr in den Keller sank. Und da kamen sie schon wieder im Eilschritt angerannt, die Gerüchte und falschen Behauptungen!

„Wo ist denn da die Logik? Hätte es in dem Fall nicht mehr Sinn gemacht, dass ich den Studienplatz wechsel, anstatt, dass er gleich seinen Job hinschmeißt?!“, zeigten seine verschränkten Arme nun zunehmend die Abwehrhaltung und ließen Susi doch unbeeindruckt. Lieber streute sie noch ein bisschen Salz in die Wunde, statt es gut sein zu lassen.

„Och, du hast dich ja nicht ohne Grund für unsere Uni entschieden und so stur, wie du manchmal bist, könnte ich mir glatt vorstellen, dass du ihm da nicht viel Wahl gelassen hättest. Entweder zieht er zu dir oder es gibt doch nur weiter Telefonsex“, grinste sie spitzbübisch und wartete nur wieder auf einen Zwergenaufstand. Aber dieses Mal blieb er aus. Und ihr Grinsen verschwand, als ihr zunehmend bewusst wurde, dass sie da an einer Verletzung gepuhlt hatte, über die noch nicht viel Narbengewebe gewachsen war.

„Schätzt du mich wirklich so ein?“, schaute Dominik sie nämlich mit einem Mal ernstlich getroffen an und jeglicher Ärger schien verflogen, um einem flauen Gefühl in der Magengegend Platz zu machen. Denn ob er wollte oder nicht: Das gerade gesponnene Szenario erinnerte ihn zu sehr an den Grund, warum er jetzt hier irgendwo in einem englischen Park stand, anstatt in seiner Heimat zu sein. War er doch egoistischer gewesen, als er es sich hatte eingestehen wollen? Schließlich hatte er Frido ja tatsächlich nicht viel Wahl gelassen, selbst, wenn die Hintergründe andere als bei Susis Hirngespinst gewesen waren.

20.2.2025: E-Rezept

Eine leise Brise strich über die Baumwipfel hinweg. Spielerisch ließ sie die Blätter rascheln und tanzen, doch unter ihnen war jegliche Leichtigkeit hinfort geweht. Selbst, wenn Susi es mit einem unbeschwerten Lachen versuchte.

„Dominik, das war doch nur ein Scherz!“, wollte sie ihn überzeugen, ohne, dass es ihr wenigstens bei sich selbst gelang. Die Laute der Freude blieben ihr im Halse stecken und verwandelten sich in ein unbeholfenes, verschobenes Grinsen, während sie so vor ihm stand und in der nachdenklichen Miene des Lockenkopfes lesen konnte, wie sehr es in ihm arbeitete. Sie wusste nicht, warum, aber ihre Worte über seinen Starrsinn schienen ihn schwer getroffen zu haben. Da war keine Witzelei mehr in ihm, kein energisches und etwas theatralisches Meckern – nur echtes Entsetzen. Und zu welcher Fragen, wenn nicht dieser einen, hätte seine Reaktion sie leiten können?

„Sag mal, Dominik… ist alles in Ordnung bei euch?“, trat sie behutsam auf ihn zu und erschrak, als er plötzlich auflachte.

„Ja! Natürlich! Ich hab dich nur ein bisschen reingelegt!“, gab er sich zwar betont locker, doch sein fahriges Schulterzucken und der unruhige Blick verrieten schnell seine Lüge. Er ging eilig weiter und blieb trotzdem abrupt wieder stehen, als er Susis Hand an seinem Arm spürte. Erst durch ihr sanftes Unterhaken schien er in den richtigen Rhythmus zurückzufinden – noch immer nervös, aber doch auf dem Weg zu mehr Entspannung, als sie anfingen den lauschigen Teich zu umrunden. Vor ein paar Minuten hatte er sich dabei noch gewünscht, ein bisschen mehr von Fridos Stärke zu haben. Besonders von der körperlichen, um diese Ziege einfach mal zu schultern und im Wasser abzusetzen. Oder auf die Arme zu heben und mit Schwung dort hinein zu werfen. Aber nun war er froh über den Halt, den ihm ihre Geste gab. Sie hing nicht einfach nur wieder an ihm oder zerrte ihn von A nach B. Nein, einfühlsamer und bedächtiger war ihre Nähe dieses Mal, sodass Dominik nach einem Weilchen sogar ohne Nachfrage beschloss, sein Schweigen zu brechen.

„Bei uns ist wirklich alles okay… Es ist nur… das Auslandssemester war nicht immer ganz einfach und ich hab mich mehr als ein Mal gefragt, ob es unsere Beziehung zu sehr belasten könnte“, sprach er mit einem tiefen Atemzug und sein Mundwinkel zuckte, während er sich selbst eingestand, dass ihm die Auseinandersetzungen mit Frido wohl doch mehr zugesetzt hatten, als es ihm bewusst gewesen war. Selbst jetzt, da an sich alles aus der Welt geschafft war – und trotzdem manchmal diese leise kleine Stimme in ihm fragte, ob er wirklich darauf vertrauen durfte, dass nun alles besser laufen würde. Deutlich lauter schwang es in ihm hingegen, als Susi auf diese Offenbarung hin fragte, ob Frido etwa gegen die Reise gewesen sei und Dominiks Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.

„Nein, er hat mir sogar schon zugeredet, dass ich das machen soll, als ich mich mit der Bewerbung rumgeschlagen hab!“, war da nichts Fahriges mehr in ihm und sein Lachen wirkte viel ehrlicher. Nur…

„Die Entscheidung es wirklich zu machen, kam dann doch ziemlich kurzfristig und obwohl ich hier an sich echt ne schöne Zeit hab, merk ich manchmal, dass mein Kopf noch gar nicht so richtig angekommen ist. War ja doch ne ziemliche Umstellung“, gab er dann allerdings auch zu und lächelte, als Susi trotzdem seine Bestätigung haben wollte, dass auch wirklich alles bei ihm und Frido in Ordnung sei.

„Ja… Er fehlt mir natürlich, aber wir telefonieren fast jeden Tag und manchmal kommt er mich auch besuchen. Ich hab das Gefühl, dass wir trotz der Entfernung weiter zusammenrücken und alles in allem hat das Auslandssemester auch viele wichtige Erkenntnisse mit sich gebracht“, erzählte er und schmunzelte, als Susi ihn fragte, welche das seien. Ein leichtes Wiegen bewegte seinen Kopf und er entwand sich Susis Griff, um den Arm stattdessen um ihre Schultern zu legen.

„Das wird jetzt aber furchtbar kitschig!“, warnte er sie und lachte, als sie mit einem „Nun erzähl schon!“ auf seine Antwort drängte. Doch dann nickte er, räusperte sich leicht und überlegte kurz, welche Worte er wählen wollte.

„Ich hab früher gedacht, dass ich ihm nur eine Last bin, weil ich dachte, dass er viel mehr im Leben steht als ich. Aber inzwischen merk ich, dass ich tatsächlich auch eine Unterstützung für ihn sein kann. Und ich hab noch mal sehr deutlich gemerkt, dass ich allein klar kommen kann, wenn es sein muss. Aber ich will das gar nicht mehr. Ich möchte Frido an meiner Seite haben und obwohl wir natürlich wie jedes Paar auch so unsere Differenzen haben, ist er inzwischen mein Zuhause für mich geworden“, umspielte ein warmes Lächeln seine Lippen und für einen kurzen Moment teilten sie ein seliges Miteinander. Doch dann brach es aus Susi heraus.

„Stimmt! Das ist wirklich verdammt kitschig!“, gackerte sie und klopfte Dominik auf den Rücken, während er sie nur angrinste. Vielleicht würde er sie doch mal ins Wasser befördern, aber gerade stand ihm der Sinn nicht danach. Also spazierte er einfach weiter, mit ihr an seiner Seite, die ihn auslachte, während sie sich gleichzeitig in seine Umarmung lehnte. Und dann bewies Susi, dass sie immer wieder für eine Überraschung gut war.

„Willst du mir eigentlich nicht mal erzählen, wie das mit euch beiden überhaupt zustande gekommen ist? Irgendwie hast du dich nie so richtig darüber ausgelassen“, platzte sie nun mit etwas anderem heraus und schaute Dominik neugierig an, wohingegen er sichtlich überrascht war. Mit so einer Frage hatte er nicht gerechnet und hob grübelnd den Blick von Susis Gesicht zu dem Drumherum, das sie umgab. Und mit einem Mal stellte er fest, wie Recht sie hatte. Aus Selbstschutz hatte er nie viel mit ihr darüber geteilt, aber war die Situation inzwischen nicht eine deutlich andere? Selbst wenn Susi wieder zur Plaudertasche würde, konnte das seiner Beziehung zu Frido wohl kaum noch etwas anhaben. Und war es nicht ein weiterer guter Schritt, um die Freundschaft zu ihr fester zu knüpfen, wenn er ihr jetzt mit der gleichen Offenheit begegnete, wie Susi vorhin ihm? Also gab er sich einen Ruck, erzählte von diesen unerwiderten Gefühlen, die er damals nur mit seiner scheinbaren Einsamkeit geteilt hatte und von dem verhängnisvollen Abend, aus dem er mit so viel mehr als einer verbundenen Hand und einem E-Rezept für Schmerzmittel herausgegangen war.

21.2.2025: Hornung

Und so saß ich da, starrte auf das Wort vor mir und ums Verrecken wollte mir keine Idee in den Sinn kommen. „Hornung“ prangerte dort schwarz auf gelbem Untergrund, begleitet von der kleinen, feinen Erklärung, dass es eine veraltete Bezeichnung für den Februar sei. Entsprungen aus dem Österreichischen, das ich an anderer Stelle ja durchaus schon ganz gut hatte unterbringen können. Aber dieses Mal? Nope! Als ich am Morgen das erste Mal dieses Wörtchen ins Visier genommen hatte, war nur gähnende Leere in meinem Kopf gewesen. Als ich im Verlauf des Tages die gestrige Geschichte beendet hatte, auch, und ebenso, nachdem Winterfrische und E-Rezept endlich bereit für den Upload gewesen waren. Vielleicht lag es am Begriff selbst, vielleicht auch daran, dass ich mich mit den beiden vorherigen Geschichten schon ein wenig schwer getan hatte. Aber so oder so: Nur Wellensalat in meiner Birne, während ich versuchte, dem Wörtchen „Hornung“ eine Geschichte zu kredenzen. Also griff ich nun einfach zu einer kleinen List, die ich auch schon ganz zu Beginn dieser literarischen Reise angewendet hatte: Ich schrieb einfach auf, was mir zu diesem Satzteil in den Sinn kam. Dumm kannste sein, du musst dir nur zu helfen wissen, oder wie hieß es manchmal so schön? Und wenigstens diese zehn Minütchen würde ich irgendwie gefüllt kriegen. Das wäre doch gelacht! Waren sie bald geschafft? Na ja, fast…

22.2.2025: nerdig

Die leise Brise war fort. Das laue Lüftchen gönnte sich eine Pause, ließ die Grashalme stillstehen und die Blätter unberührt. Kein Rascheln und Rischeln mischte sich mehr in das Gehörte, nur die Ausrufe der anderen Parkbesucher drangen noch mit in die eigenen Gedankengänge. Das ältere Pärchen auf der nächstgelegenen Bank, das mit seinem Händchenhalten im direkten Kontrast zum früheren Versteckspiel stand. Eine Gruppe junger Leute, vielleicht auch Studenten, die mit ihrem geselligen Beisammensein das genaue Gegenteil von dem waren, was Dominik lange Zeit für sich selbst als möglich angesehen hätte. Die lachenden Kinder, die so sehr an sein geliebtes Mäusezähnchen erinnerten. All das war in seinen Abriss der vergangenen zwei Jahre hineingeflossen, den er mit Susi geteilt hatte. Nicht als Monolog und abendfüllende Vorstellung, sondern in Form kleiner Anekdoten, kurzer Erinnerungen an besondere Momente und Antworten auf ihre vielen Fragen, die Susi so lange nicht hatte stellen können oder wollen. Und dann waren da neben der angeregten Unterhaltung auch die stillen Momente. Momente wie dieser, in denen sie nur still auf ihrer Bank saßen, den Blick auf den Teich und das in der Sonne glitzernde Wasser mit seinen Seerosen und Schilfgürteln am Rand gerichtet. Momente, in denen Gehörtes einfach mal sacken konnte. Um Platz für neue Fragen zu schaffen oder Erkenntnissen Raum zu geben. So wie jetzt, als Susi ihren nachdenklichen, fast verträumten Blick von den schnatternden Enten löste und zurück zu Dominik gleiten ließ, der mit einem Schmunzeln einige Kinder beobachtete.

„Ich glaub, so langsam versteh ich besser, was da teilweise mit dir los war“, brach sie ihr Schweigen und holte Dominiks Aufmerksamkeit zu sich zurück. Ein kurzes Zucken seiner Mundwinkel und Nicken seines Kopfes. Er ließ es auf sich wirken, als sie meinte: „Ich hab dich damals einfach nur als schüchtern eingeschätzt“ und lachte, als sie sagte: „Und vielleicht auch ein bisschen nerdig. Mit deinem ollen MP3-Player und so!“.

„Nerdig? Nur, weil ich meinen MP3-Player mag?“, grinste er und lachte erneut, weil Susi eisern daran festhielt, dass er so seine Eigenheiten spazieren trug.

„Der MP3-Player ist vielleicht eher ein Beispiel dafür, dass du etwas antiquiert unterwegs bist, aber so, wie du dich vor allem früher im Atelier verkrochen hast, kann man bei der Malerei echt sagen, dass du ein kleiner Nerd bist“, bleckte sie triumphierend die Zähne und reckte das Kinn, während Dominik zu schmunzeln begann. Nerdig – oder vielleicht auch einfach nur der Unterschied zwischen zwei Studenten, die aus verschiedenen Motivationen heraus ihr Studium einst begonnen hatten?

„Wo du es gerade erwähnst: Dann wird der antiquierte Nerd mal wieder an die Staffelei gehen!“, erhob er sich also fest entschlossen und ließ sich doch lachend zurück auf die Bank sinken, als Susi mit einem empörten „Hey!“ seinen Arm griff.

„Du hast versprochen, dass du dir heut den ganzen Tag Zeit für mich nimmst!“, beharrte sie auf sein Wort und hielt ihn erst mal bei sich, damit Dominik nicht auf dumme Gedanken kommen konnte. Der aber machte gar keine Anstalten mehr, zu gehen. Er schmunzelte vor sich hin, tätschelte Susis Hand an seinem Arm und grinste, als sie mit grüblerischem Blick einmal mehr feststellte, wie sehr er sich verändert hatte. Zum Positiven, wie sie fand, aber so einen Umschwung erkannte nicht nur sie.

„Wenn ich das so sagen darf, hat dir das Work and Travel bisher aber auch gut getan“, gab er das Kompliment zurück und kicherte über Susis Ausspruch, ob seine Einschätzung darauf beruhe, dass sie ihm nicht mehr nachrannte.

„Auch!“, juxte der Lockenkopf erst, ehe er seinen Schopf schüttelte und Susi musterte.

„Ich bin froh, dass du über die Sache hinweg bist, aber du wirkst auch generell irgendwie… geerdeter! Ich ähm – und jetzt sei bitte nicht sauer – ich hab dich früher als oberflächlicher wahrgenommen. Zumindest bis zu der Schlägerei. Danach hab ich zwar auch schon festgestellt, dass du dich verändert hast, aber im Vergleich zu unserem letzten Treffen kommts mir so vor, als wenn…“

„Ich doch keine komplette Hohlbirne wäre?“, unterbrach Susi ihn und schmälerte die Augen, als er sofort verneinte. Sie schmunzelte aber auch, während sie klarstellte, dass Interesse an Mode und schönen Dingen nicht automatisch mit Oberflächlichkeit gleichzusetzen sei.

„Weiß ich, so hab ich das auch nicht gemeint!“, sagte er schnell und atmete tief durch, als wenig überraschend die Frage kam, wie er es denn dann gemeint habe.

„Wie soll ich sagen?“, suchte er offen nach den richtigen Worten, begleitet von Susis Argusaugen, die jede noch so kleine Regung von ihm wahrnahmen. Wie gut, dass er in dieser Situation nicht Gefahr lief, sich völlig in die Nesseln zu setzen! Oder vielleicht selber im Teich zu landen!

„Du warst früher eine richtige Tratschtante und hast alles sofort weitergetragen. Jede Kleinigkeit darüber, was Frido an dem Tag an hatte oder gesagt hat, ob Frau Bachmüller ne Laufmasche im Strumpf hatte und weiß der Geier. Selbst als du Ernest mitten auf der Straße wegen meiner Hand angesprochen hast... Ich hatte früher das Gefühl, dass du ohne langes Nachdenken einfach sofort rausgehauen hast, was dir in den Sinn kam. Ist an sich auch nicht immer verkehrt! Nur manchmal… hat das ziemlich unschöne Formen angenommen. Das mein ich mit oberflächlich. Und heute ist das nicht mehr so. Oder nicht mehr so stark ausgeprägt. Ist zumindest mein Eindruck…“, zuckte er die Schultern und nannte spontan zwei Gelegenheiten des heutigen Tages, die die frühere Susi ganz bestimmt nicht unkommentiert gelassen hätte.

„Als der Typ mit Klopapier am Schuh von der Kundentoilette gekommen ist, haben wir zwar beide drüber geschmunzelt, aber du hast nicht darüber gelästert, sondern ihn höflich drauf hingewiesen. Genauso bei der Frau mit dem Kinderwagen, die diesen Sabberfleck auf dem Shirt hatte. Das wäre für dich früher ein totales No-Go gewesen!“, stellte er fest und nannte als drittes Beispiel den Elefanten im Raum.

„Und mal ehrlich, früher hätten dich keine zehn Pferde dazu bekommen, mit Schlafsack und Isomatte hier anzureisen, um auf dem Boden zu schlafen. Die alte Susi hätte mich aus dem Bett geschmissen, um selbst da drin zu pennen“, fand Dominik es noch immer ein wenig faszinierend, wie selbstverständlich seine Freundin darauf bestanden hatte, sich das Geld für eine eigene Unterkunft zu sparen und auf diese Übernachtungsmöglichkeit auszuweichen. Doch auch, wenn sie grinste, galt Susis Gesichtsausdruck nicht nur seinem Lob.

„Ob ich das Bett nicht doch noch kaper, überleg ich mir noch“, sprach sie mit wissender Miene, von der Dominik sich nicht sonderlich beeindruckt zeigte.

„Wenn du frech wirst, schläfst du bei den Enten!“, deutete er vielsagend zum Teich und verdrehte die Augen, als ein spitzbübisches „Aber du bist doch der Fisch von uns beiden!“ in sein Ohr kroch. Er seufzte aus und bedachte Susi mit einem kühlen Seitenblick.

„Wann hörst du endlich auf, mich so zu nennen?“, murrte er und seufzte erneut, als ihn ein wenig überraschendes „Gar nicht!“ inklusive strahlendem Grinsen erreichte. Wie war das noch gleich mit der Abkühlung?

„Schön, du hast es so gewollt!“, schnappte er unerwartet Susis Arm und zerrte sie von der Bank. Und während im ersten Augenblick noch der Überraschungsmoment auf seiner Seite war, musste er im nächsten feststellen, dass seine Freundin erstaunlich zäh war und durchaus dagegen halten konnte, als ihr klar wurde, was er vorhatte.

„Dominik, hör auf!“, stemmte sie sich gegen ihn und kreischte, als er sie nach einem kurzzeitigen Fluchtversuch um die Taille packte und von den Füßen hob. Zumindest für den Bruchteil einer Sekunde. Ein kleines Gerangel begann, in dem er vielleicht sogar die Oberhand hätte gewinnen können, doch dann bemerkte der Lockenkopf die teils irritierten, teils skeptischen, aber durchweg aufmerksamen Blicke der anderen Parkbesucher in ihrer näheren Umgebung. Es war nicht schwer zu erraten, was zumindest einige von ihnen dachten und so fand das kleine Manöver ein abruptes Ende. Mit schiefem Grinsen und unter leisem Räuspern ließ Dominik den Schreihals also los und trat einen peinlich berührten Schritt von Susi weg, während sie eher erstaunt schien, dass sein Lachen so plötzlich vorbei war.

„Na? Doch gemerkt, dass du keine Schnitte gegen mich hast?“, sprach sie außer Atem und stützte die Hände noch siegreich auf die Hüften, ehe im nächsten Moment ihre Kinnlade in den Sinkflug ging.

„Eigentlich nicht, aber ich glaub, die denken, dass ich dir was tun will, weil du die ganze Zeit quiekst wie ein Schwein“, murmelte er kleinlaut und blickte mit hochgezogenen Schultern zu der Studentengruppe hinüber, ehe Susi seine Aufmerksamkeit mit handfesten Argumenten wieder auf sich gezogen bekam.

„Hast du mich grad mit einem Schwein verglichen?!“, verpasste sie ihm so eine auf den Oberarm, dass er aufjaulte und sich die Stelle rieb und dafür nicht einmal ein bisschen Mitleid geschenkt bekam. Wo waren jetzt die aufmerksamen Blicke der Umstehenden?

„Sei froh, dass es nur dein Arm war! Noch so n Spruch und es gibt Eiersalat!“, wurde er stattdessen wütend von Susi angefunkelt und brachte vorsorglich seine Hände schützend auf Position, ehe er mit zwei weiteren großen Schritten von diesen äußerst angriffslustigen Knien wegtrat. Wer musste hier eigentlich vor wem in Sicherheit gebracht werden? Aber selbst bei derartigen Androhungen fand sich natürlich niemand mehr, der das Gespann kritisch beäugte. Alle gingen wieder ihrem Tun nach und genossen das herrliche Wetter, das auch die düsteren Wolken über Susis Laune schnell wieder hinfort schob. Vergessen war der Ärger so fix, wie er gekommen war und Dominiks Arm nur noch interessant, um sich an ihn dran zu hängen, während sie entschied, dass es noch einen kleinen Bummel durch die Stadt inklusive Einkehr im Fresstempel geben sollte.

„Komm, dieses Mal lad ich dich ein!“, sprach sie dabei zwar ein Friedensangebot aus, doch trotzdem witzelte Dominik, wie er die restlichen zweieinhalb Tage eigentlich überstehen sollte. Das konnte ja noch heiter werden!

23.2.2025: vertwittern

Spät war es geworden, viel zu spät. Nicht einen Tropfen Alkohol hatte er angerührt und fühlte sich nun trotzdem wie überfahren. Gerädert von der kurzen Nacht und noch kürzerem Schlaf. Hatte er überhaupt ein bisschen gepennt? Anscheinend. Zumindest war es inzwischen hell und in gewisser Weise behauptete das auch sein Handy, als er es nach behäbigem Tasten auf dem Nachttisch fand. Brummend zwang er sich dazu, ein Augenlid zu öffnen und brummte noch mehr, als ihm auf dem Display eine Uhrzeit entgegensprang, die mit der Ziffer 11 begann – begleitet von einer kleinen Botschaft von Frido darunter, deren Erhalt er definitiv nicht mitbekommen hatte.

„Guten Morgen, mein Schatz. Hast du gut geschlafen? Ich liebe dich und vermisse dich!“, trällerte es ihm fröhlich entgegen und mit einem weiteren Brummen ließ Dominik den Kopf tiefer ins Kissen und das Handy zurück auf den Nachttisch sinken. Lebhaft konnte er sich vorstellen, wie sein Freund beim Tippen dieser Worte gelächelt und vielleicht auch ein wenig gepfiffen hatte. Womöglich sogar mit einem leichten Wippen im Takt, wenn dabei gerade ein passendes Liedchen gedudelt worden war. Wie konnte man am frühen Morgen nur so widerlich gut drauf sein?

„Wach auf!“, knurrte er ins Kissen, damit die Verursacherin seiner Laune wenigstens ein bisschen an seiner Morgenmuffeligkeit teilhaben konnte. Sie hatte ja unbedingt bis in die Puppen noch mit den anderen im Pub bleiben müssen und ihn dabei immer wieder mit hanebüchenen Argumenten dazu überredet, ihnen weiterhin Gesellschaft zu leisten, obwohl er sie bei Ramon und Co. in bester Gesellschaft und Sicherheit gewusst hatte – und er war auch noch so blöd gewesen, darauf einzugehen. Und wie hatte Susi es ihm gedankt? Indem sie natürlich doch das Bett in Beschlag genommen und dabei wie ein Seemann geschnarcht oder ihn mit ihrem Gezappel immer wieder geweckt hatte. Hier ein Fuß, dort eine Hand oder am besten gleich halb auf ihm drauf liegend, um dabei in sein Ohr zu schmatzen oder vor sich hin zu brabbeln. Ein unruhiger Schlaf mit tiefem Schlummer, dem er jetzt ein Ende bereiten würde. Also ließ er den Arm nach hinten schnellen, um ihr genau so einen Klaps zu verpassen, wie sie ihm, aber dabei erwischte er nur die leere Matratze neben sich. Er runzelte die Stirn ein Bisschen mehr, tastete, soweit das in dieser etwas unvorteilhaften Position möglich war, nach Susi und rollte sich schließlich auf den Rücken, als er noch immer nichts anderes als kühles Laken neben sich spürte.

„Hoffentlich musstest du wenigstens kotzen“, murrte er mit einem Seitenblick zu seiner Linken und rieb sich das Gesicht, nachdem ein tiefes Gähnen von seinem Körper Besitz ergriffen hatte. Und während er so da lag, aus halb geöffneten Augen an die Decke starrte und darauf lauschte, wie hinter seiner Wand und über und unter ihm reges Treiben herrschte, begann er sich doch langsam zu fragen, wo Susi eigentlich abgeblieben war. Hatte sie sich doch noch in ihren Schlafsack verzogen? Nein, verriet ein kurzer Blick über die Bettkante hinweg, während Dominik sich wünschte, dass er stattdessen auf diese Möglichkeit ausgewichen wäre. Eigentlich hatte er es sogar überlegt gehabt – mehr als nur ein Mal – aber er war weder scharf darauf gewesen, dass Susi bei einem Sturz aus dem Bett auf ihm gelandet oder mit ihrem Dickschädel auf Kollisionskurs mit dem Nachttisch gegangen wäre. Also hatte er, genau wie bei Frido, den Puffer zwischen Matratze und Boden gespielt. Aber wenigstens hatte der Dozent sich hinterher mit seinen heißen Lippen und seinem gekonnten Griff erkenntlich gezeigt! Und Susi?! Nein, verzog er das Gesicht, seine ehemalige Kommilitonin wollte er nicht einmal im Ansatz mit dem in Verbindung bringen, was er gerade nur allzu gerne mit seinem Freund getrieben hätte! Er schüttelte den Kopf, warf diesen kurzen Geistesblick ganz weit weg und rieb sich abermals das Gesicht, ehe er endlich aus dem Bett kroch.

„Wo steckt die?“, murmelte er, während er sich mit noch einem herzhaften Gähnen ausgiebig den Allerwertesten kratzte und seine Jeans vom Stuhl zog, damit er nicht in Boxershorts auf den Flur wandern musste. Und plötzlich machte er sich doch ein wenig Sorgen. Im Gegensatz zu ihm hatte Susi einen ganz guten Vorrat an Cocktails in sich hinein gekippt! Hatte es sie im Nachgang vielleicht doch noch zur Schüssel getrieben? Oder an die frische Luft? Er schnappte sich sein Handy, schlüpfte in seine Schuhe und schlappte aus dem Zimmer. Aus dem Schlafshirt konnte er sich auch später noch schälen. In den gefliesten Örtlichkeiten war Susi nicht zu finden, wie er schnell feststellte, aber kaum war er zurück auf dem Flur und zückte das Handy, um sie anzubimmeln, drang ein auffällig bekanntes Gelächter an seine Ohren.

„Hast du dich vertwittert?“, begrüßte ihn das muntere Geplauder beim Betreten der Küche und Erinnerungen an den vorangegangenen Abend kamen in ihm hoch. Ja, so wie Susi und Ramon jetzt hier am Tisch die Köpfe zusammensteckten, hatten sie es auch schon auf der gemütlichen Eckbank im Pub gemacht. Rein platonisch natürlich, weil Susi im Moment die Schnauze von Männern voll hatte, aber irgendwie kam Dominik nicht um den Gedanken herum, dass die beiden eigentlich ganz gut zusammenpassten…

„Twitter? Ich bin doch nicht bekloppt! Da ist doch nur noch der Bodensatz der Gesellschaft unterwegs! Nein, hier, guck mal…“, hielt Ramon Susi sein Handy vor die Nase und grinste, als sie anfing zu kichern. Bester Laune war sie offensichtlich und nicht die kleinste Spur eines Katers zu entdecken – genauso wenig wie bei seinem Kumpel, der wirkte, als könne er gerade schon wieder Bäume ausreißen. Da hätte Dominik ja am liebsten mit einem munteren „Holdrio!“ frohlockt, wenn in ihm nicht gerade Frage empor gekrochen wäre, was das eigentlich für eine Art von ausgleichender Gerechtigkeit war, die er hier gerade erleben durfte. Ihm gings beschissen und bei dem redseligen Duo war nicht die kleinste Spur von letzter Nacht zu erkennen. Stattdessen begrüßte dessen einer Part ihn auch noch mit einem kecken „Na? Auch endlich wach, du Schlafmütze?“, als Ramon seine Gesprächspartnerin bei einem zufälligen Blick über ihre Schulter hinweg auf den Nachzügler aufmerksam machte. Er selbst hieß den Lockenkopf zwar mit einem neutralen „Hi, Dom! Willst du Kaffee? Ist noch was in der Maschine!“ willkommen, aber trotzdem hingen dessen Mundwinkel weiter auf Halbmast. Vielleicht auch, weil Susi noch während Ramons Angebot dazwischen plärrte, dass ein gewisser jemand hier den halben Tag verschlafen würde. Dabei war doch so herrliches Wetter! Und die Stimmung super und allgemein gerade scheinbar alles toll! Dominik murrte hingegen nur etwas in die eintägigen Stoppeln seines gehauchten Barts und schleppte sich zum Koffeinspender.

„Hast du eigentlich mitbekommen, dass ich gegen acht aufgestanden bin? Ich war extra leise, um dich nicht zu wecken! Dein Bett ist zwar ganz gemütlich, aber für zwei Leute trotzdem etwas eng. Ich konnte einfach nicht mehr liegen… Aber Wahnsinn, wie lang du schlafen kannst! Das nenn ich mal Studentenleben!“, begleitete ihn dabei Susis Gezwitscher, das er im Moment etwa so angenehm wie die Anwesenheit eines Presslufthammers fand. Wie konnte man nach einer durchzechten Nacht nur derart gut gelaunt und redselig sein? Aber für eine baldige angehende Kindergärtnerin war es ja vielleicht gar nicht mal so verkehrt. Er selbst blieb jedenfalls lieber seiner Kunst treu und der angenehmen Abgeschiedenheit, die sie manchmal mit sich brachte – genau wie sein Bett, in das er sich zurück trollte, nun, da er ja wusste, dass Susi in guten Händen war.

24.2.2025: Bodypositivity

Aufdringlich, störend und laut war sie. Man hörte sie, ob man wollte oder nicht und man bekam von ihrem Gerede oft mehr mit, als einem lieb war. Aber sie konnte auch anders sein. Leise, überraschend verschwiegen und auf ihre Weise fürsorglich in Momenten, in denen man es vielleicht gar nicht erwartet hätte. Zum Beispiel, wenn es einem Freund offensichtlich nicht ganz so gut ging. Er offenbar so viel Schlaf nachzuholen hatte, dass er selbst nach einem vormittäglichen Schlummer von zwei Stunden nicht mitbekam, dass sie in sein Zimmer zurückkehrte und dann ungläubig blinzelte, als er sie mit seinem Erwachen am Schreibtisch entdeckte. Tippend am Handy, Kopfhörer in den Ohren und schmunzelnd, während sie ihr Display im Blick behielt. Zumindest solange, bis ihr im Augenwinkel die Bewegung unter der Bettdecke auffiel.

„Na, Schlafmütze?“, grinste sie, als er sich ausgiebig reckte und streckte, um sich anschließend auf seine Unterarme zu stützen.

„Wie spät haben wirs?“, murmelte er noch ein wenig schlaftrunken und wollte nach dem Handy greifen, aber Susi lieferte ihm die Antwort schneller.

„Gleich viertel vor drei. Kannst dir also aussuchen, ob du noch Mittagessen willst oder direkt mit dem Kaffee anfängst“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und musterte Dominik, als der sich das Gesicht rieb und die Information mit einem Nicken zur Kenntnis nahm. Er setzte sich in den Schneidersitz und gähnte, während Susi ihn fragte, ob er sich jetzt besser fühle.

„Geht so…“, antwortete er „Tagsüber pennen ist nicht so wirklich erholsam, aber könnte schlimmer sein“. Er runzelte die Stirn und stützte das Kinn auf seine Hand, während er missmutig feststellte, dass er den halben Tag verschlafen hatte. Aber Susi nahm es locker.

„Dafür hast du jetzt wenigstens nicht mehr so einen mörderischen Blick drauf. Ein bisschen zerknautscht zwar noch, aber deutlich zugänglicher als vorhin“, grinste sie und schob die kleine, aber feine Frage hinterher, ob der Lockenkopf eigentlich immer so ein Morgenmuffel sei. Tja, was sollte man da antworten? Er hielt es mit einem knappen und etwas vagen „ziemlich…“, wohingegen Susis Mitleid für Frido ihm nur ein Schulterzucken abgewinnen konnte.

„Hat sich dran gewöhnt. Außerdem muss er meistens nicht so früh raus wie ich, wenn ich zur Arbeit muss. Also kriegt er das gar nicht so mit…“, gähnte er noch einmal und setzte sich auf die Bettkante, während seine Erscheinung Susi nur ein mitleidiges Lächeln abringen konnte. Sie schüttelte leicht den Kopf über ihn und grinste trotzdem, als Dominik fragte: „Was machst du eigentlich hier? Gibt doch bestimmt Besseres, als mir beim Pennen zuzusehen, oder?“. Da war sicherlich was dran und diese Worte eigentlich die perfekte Einladung für einen kleinen Seitenhieb, aber dieses Mal verkniff die junge Frau ihn sich.

„Ach, Ramon wollte vorhin ins Atelier und ich hab mich einfach ein Weilchen allein beschäftigt. Bin ja schließlich dein Besuch und nicht seiner“, grinste sie, um dann aufzulachen, als Dominik plötzlich so eine Vorahnung in die Magengegend geweht wurde.

„Du hast mich aber nicht im Schlaf gefilmt, oder?“, argwöhnte er und schmälerte die Augen, um ein energisches „Susi!“ hinterher zu schieben, als die Angesprochene sich nur in ein schwer zu entzifferndes Grinsen hüllte. Doch zu sehr wollte sie ihn dann scheinbar doch nicht ärgern.

„Nein, keine Sorge! Hab ich nicht!“, kam sie ihm mit dem Aufstehen also zuvor und ging zu ihn hinüber, um Dominik ihr Handy unter die Nase zu halten.

„Hier, ich hab ein bisschen mit Ramons Bruder gechattet“, gab sie ihm gutmütig das Beweisstück und sank neben ihm auf die Matratze, während Dominik einen kurzen, aber wenig interessierten Blick auf den Chatverlauf warf.

„Stimmt ja, der ist auch Erzieher…“, murmelte er dabei und hörte Susi aufmerksam zu, als sie das, was er hätte lesen können, mit eigenen Worten wiedergab und dabei das Handy an sich nahm.

„Macht Spaß, mich mit jemandem auszutauschen, der schon in dem Job arbeitet. Hat sich ja doch einiges verändert, seit ich damals selbst im Kindergarten war! Und mit einem Kinderheim in Spanien ist das bestimmt nicht zu vergleichen. Da kommt mir das echt gelegen, mal ein bisschen was aus dem Nähkästchen zu hören und das hat mich auch noch mal darin bestärkt, dass Kindergarten eher mein Ding ist, als die Arbeit in einem Heim. Dafür gehen mir die Schicksale der Kleinen dann doch zu nah…“, sagte sie und überlegte kurz, als Dominik sich erkundigte, was Ramons Bruder denn noch so erzählt habe oder was ihr besonders positiv aufgefallen sei.

„Hmm… ich finds zum Beispiel richtig gut, dass inzwischen viel mehr auf Bodypositivity eingegangen wird oder darauf, dass man keine Unterschiede aufgrund der Hautfarbe oder Religion machen sollte. Kinder sollten da schon früh für sensibilisiert werden, dass jeder Körper liebenswert ist – zumindest wird das in seiner Kita so gehandhabt. Und gerade, wenn die Kinder heutzutage schon so jung mit irgendwelchen Schönheitsidealen auf Social Media in Kontakt kommen, find ich das umso wichtiger…“, antwortete sie, um dann empört das Kinn zu recken, als sie Dominiks verwunderten Blick bemerkte.

„Was? Bin ich wohl doch nicht so oberflächlich, wie du immer dachtest, was?“, konnte sie sich eine kleine Spitze nun nicht mehr verkneifen und schmälerte die Augen, als Dominik sofort den Kopf schüttelte.

„Nein, darum gehts nicht! Wirklich! Ich bin nur überrascht, dass solche Themen auch im Kindergarten angesprochen werden! Lilli erzählt immer nur davon, was sie gebastelt und gemalt oder mit ihren Freunden gespielt hat…“, verteidigte er sich rasch und war erleichtert, nicht schon wieder einen Hieb auf den Arm zu kassieren, während Susi ihn noch einen Moment kritisch beäugte. Stattdessen fing sie plötzlich an zu grinsen.

„Jetzt hoff ich noch mehr, dass ich in Lillis Kita angenommen werde! Dann nehm ich dich mal einen Tag als Praktikanten mit und wir Mädels heizen dir richtig ein!“, frohlockte sie und begann zu lachen, doch statt empört zu reagieren, schenkte er ihr ein Lächeln.

„Du freust dich schon richtig auf die Ausbildung, oder?“, sagte er und setzte sich erneut in den Schneidersitz, während Susi mit einem herzhaften „Ja!“ antwortete. Sie wurde ganz hibbelig, wenn sie daran dachte und er schüttelte ungläubig den Kopf.

„Also wenn ich ehrlich bin…“, murmelte er „hätte ich das nicht erwartet. Ich hab dich eher… in einer Boutique gesehen oder vielleicht auch als Modedesignerin. Kreativ bist du ja“, sprach er warm und hatte rein gar nichts dagegen einzuwenden, als Susi mit stolz geschwellter Brust feststellte, dass sie immer für eine Überraschung gut sei. Ja, dachte er sich, da war durchaus was dran! Und irgendwie hatte die Vorstellung, dass Susi womöglich tatsächlich die letzten Monate vor Lillis Wechsel an die Grundschule noch in ihrer Kita verbringen könnte, durchaus etwas an sich.

„Ich glaub, ihr zwei hättet viel Spaß, Lilli und du, mein ich“, sagte er mit einem Mal und dachte etwas sehnsüchtig an sein Mäusezähnchen, als er Susi erzählte, wie talentiert die Kleine bereits jetzt war.

„Ich weiß, das sagen alle stolzen Eltern, aber ich finde, sie kommt ganz auf ihren Onkel raus! Sie liebt das Malen und kommt ständig auf neue Ideen!“, lächelte er, um dann fragend zu schauen, als Susis Schmunzeln nicht nur herzlich, sondern auch ein wenig amüsiert wirkte.

„Du bezeichnest dich schon als ihren Onkel?“, verwandelte es sich in ein kleines Grinsen, das umso breiter wurde, als sie die leichte Röte auf Dominiks Wangen erblickte. Er aber schüttelte den Kopf.

„Nein, Quatsch! Ich red von Frido!“, sagte er schnell und merkte dabei, dass er gerade anfing, sich um Kopf und Kragen zu reden. Es wusste außer Ernest doch immer noch keiner, dass sein Freund inzwischen wieder malte! Susi aber tätschelte ihm nur den Arm.

„Schon gut, das muss dir doch nicht peinlich sein. Du magst die Kleine halt! Herr Klimlau ist ein prima Dozent, aber malen kann er nun wirklich nicht. Der bricht sich ja schon einen ab, wenn er mal ein kurzes Schaubild fabrizieren soll“, sprach sie großmütig und mit einem Seufzen schluckte Dominik die bittere Pille. War vermutlich besser, Susi in diesem Glauben zu lassen und so ganz Unrecht hatte sie ja nicht: Er hatte Lilli wirklich gern, war froh, dass ihre Eltern sich endlich wieder besser verstanden und konnte es gar nicht erwarten, die Kleine nicht mehr nur übers Display zu sehen. Allerdings fiel ihm auch noch etwas anderes ein, als sie nun so nebeneinandersaßen und plauderten.

„Du… sorry, dass ich heute Mittag so grummelig war“, sagte er plötzlich und bewies, dass auch er zu überraschen wusste. Endlich war es mal Susi, die verdattert guckte, auch, wenn sie sich dann mit ein paar Mal blinzeln wieder fasste und Dominik leicht anstupste.

„Schon okay“, meinte sie dabei mit einem schiefen Grinsen.

„Für zwei ist das Bett echt etwas eng. Heute Nacht schlaf ich wirklich im Schlafsack. Ich glaub, das macht die Sache einfacher“, lautete ihr Friedensangebot, das Dominik auf höchst eigene Art annahm.

„Vielleicht kannst du ja auch bei Ramon pennen?“, neckte er sie und kassierte dafür einen spitzen Ellenbogen in seiner Seite.

„Er ist nett, aber ich hab dir gesagt, dass ich mich aktuell auf meine Arbeit konzentrieren will“, stand sie auf, nachdem sie Dominik in seine Schranken verwiesen hatte und pflückte seine Jeans vom Stuhl.

„Und jetzt raus aus dem Bett und zieh dir was an! In der Küche steht was zu essen und ich will noch ein bisschen was vom Tag haben!“, warf sie ihm zu und achtete mit kritischem Blick darauf, dass er ihrer Aufforderung auch ja nachkam. Schließlich musste der feine Herr am kommenden Tag ja wieder brav zur Uni und würde erst nachmittags wieder Zeit für sie haben. Da musste vor allem aus dem Sonntag noch möglichst viel rausgeholt werden, ehe am frühen Dienstagmorgen bereits der nächste Flieger auf sie wartete.

25.2.2025: klamüsern

Und plötzlich waren sie weg, die Isomatte vor seinem Bett, der Rucksack neben seinem Schrank und Susis Nähe an seiner Seite und in seinen Ohren. Nur drei Tage waren es gewesen und dabei trotzdem so intensiv, dass sie ihn mit einem gewissen Gefühl der Leere zurückließen. Und mit einem winzigen Stechen in der Brust, als er in seinen Alltag zurückkehrte. Einen Alltag in der Gemeinschaft seiner Kommilitonen und doch alleine in seinem Zimmer, seinem Bett und seinen Nächten. Kaum zu glauben, wie sehr er sich in diesen drei Tagen wieder an das Zusammenleben mit jemandem gewöhnt hatte und wie sehr es ihm nun erst recht fehlte. Besonders die kleinen Gesten, zarten Berührungen – ob zufällig oder nicht – und vor allem, das alles wieder ohne einen winzigen Bildschirm zwischen sich und Frido erleben zu können, vermisste er sehr. Er wollte nicht mehr auf irgendwelche Chatnachrichten ausweichen, die durchmischt waren von Anrufen und Bildern oder Videos. Er wollte Fridos Nähe spüren und seinen Duft in der Nase haben, wenn er morgens aufstand, ohne, dass der Ältere davon geweckt wurde oder abends bei ihm saß, um ihm von seinem Tag zu erzählen und umgekehrt seinen Worten zu lauschen – nicht durch einen kleinen Lautsprecher hinweg, sondern mit dem Ohr an dieser wohl geformten Brust. Eine Brust, von der er nicht sicher war, wann er sie das nächste Mal spüren, tasten oder liebkosen durfte, nachdem er am Morgen so seltsame Nachrichten von ihrem Besitzer erhalten hatte. Warum durfte er Frido nicht sehen und warum wollte der Ältere gerade nicht einmal mit ihm sprechen? Ausgerechnet heute…

Er überlegte, aber auch bei einem erneuten Blick in ihren Chatverlauf lösten sich die Fragezeichen in seinem Kopf noch nicht vollends auf. Eine Vorahnung hatte er, ja, aber lag er damit richtig?

„Lass uns später reden“, hieß es regelrecht vertröstend in einer dieser Nachrichten und anstatt die Zeit bis zu diesem später für seinen Tatendrang an der Staffelei zu nutzen, brachte es ihn eher zum klamüsern. Es war diese Art Grübeln, bei der auch Musik nicht half und selbst, mit seinen Kommilitonen in den Pub zu gehen, war keine Option. Stattdessen trieb es ihn allein in die Stadt. Ein bisschen durch die Straßen schlendern und um die Häuser ziehen. Die Kühle der Nacht für einige tiefe Atemzüge nutzen. Doch davon kehrte er nicht zurück ins Wohnheim oder Atelier, sondern stattdessen ein, hinein in eine Schwulenbar, die er zuvor noch nie betreten hatte. Nicht einmal beachtet hatte er früher, weil er immer in Begleitung anderer gewesen war und schlichtweg nicht auf den vielsagenden Namen geachtet hatte. Aber nun wurde er plötzlich davon angezogen. Ein kleiner Abstecher dorthin, mehr nicht. Rein in eine Welt, die eigentlich ganz normal war und an die er sich früher trotzdem nie herangetraut hatte. Ganz im Gegenteil, einen großen Bogen hatte er immer um solche Etablissements gemacht, um ja nicht in ihrer Nähe gesehen und so vielleicht noch mehr zur Schande der Familie zu werden. Erst durch Frido war er damit überhaupt in Berührung gekommen. Mitgenommen in jene Bar, in der der Dozent sich vor ihrer Beziehung öfter mal aufgehalten hatte und bei der er nun froh sein konnte, dass er dort kein Hausverbot wegen seiner Pöbeleien erhalten hatte.

Es waren nur wenige Male gewesen, die Dominik sich dort mit ihm eingefunden hatte und trotzdem genügten sie, um den Lockenkopf auch jetzt wieder voller Sehnsucht an seinen Geliebten zu erinnern. Denn selbst, wenn diese beiden Bars natürlich nicht identisch waren, gab es Dinge, die sie gemeinsam hatten. Nicht zuletzt die angenehme Atmosphäre, die neugierigen Blicke einiger Anwesender, als er das Lokal betrat und der freundliche Barkeeper, der ihn begrüßte, als Dominik sich zu ihm an den Tresen setzte und seine Bestellung aufnahm.

Es war ein bisschen seltsam, nun hier so alleine zu sitzen, in seine Cola zu starren und dabei weiter zu klamüsern. Aber wenigstens fühlte er sich dabei nicht so alleine, wie beim Wandeln durch die Straßen – und spürte im nächsten Moment, dass seine Einsamkeit sogar noch größer war, als er in Wirklichkeit wahrhaben wollte.

„Frido…“, murmelte er in das prickelnde Blubbern der Cola hinein und betrachtete die Eiswürfel in seinem Glas, die sein Getränk kühlten und gleichzeitig den Becher um sie herum zum Schwitzen brachten. Er verstrich das Kondenswasser mit seinem Finger und musste im selben Augenblick daran denken, wie er das auch so gern mit den Schweißperlen auf Fridos Haut machte, wenn sie nach getaner Einheit in der Disziplin des horizontalen Matratzensports beisammen lagen, zufrieden, wohlig seufzend und auch ein wenig ausgelaugt. Vielleicht sollte er im Augenblick nicht so denken, aber – er seufzte aus und trank einen Schluck. Und dann, als er gerade mit sich haderte, ob er noch ein wenig tiefer in diese Vorstellung eintauchen sollte, holte ihn eine Stimme zurück ins Hier und Jetzt.

„Excuse me…?“, schlich es sich in sein Ohr und als Dominik erschrocken den Kopf hob, verschlug es ihm für einen Moment die Sprache. Ein Bild von einem Mann stand dort vor ihm. Groß gewachsen, aber nicht riesig; sportlich gebaut, aber kein Bodybuilder und einem freundlichen Lächeln, das schon so manches Herz zum Schmelzen gebracht hatte. Seine tiefe und trotzdem geschmeidige Stimme fragte, ob der Platz neben Dominik noch frei sei und der Oberlippenbart mit kleinem Pendant am Kinn umspielte dabei seine hübschen Lippen. Warm und geduldig schauten seine halsnussbraunen Augen über den Rand der dezenten Brille hinweg, bis der Lockenkopf sich aus seiner kleinen Schockstarre löste.

„Äh...Sure…“, nickte er und unwillkürlich hob ein Lächeln seine Mundwinkel, als der Fremde sich zu ihm setzte. Er zog sein Sakko aus, um es auf den freien Hocker neben sich zu legen und spätestens bei einem schnellen Blick über die anderen freien Sitzgelegenheiten den Tresen wurde selbst für den Letzten deutlich, dass diese Platzwahl wohl keinen Zufall darstellte. Interessiert schaute der Fremde sich um und noch interessierter zu Dominik, der nicht verhehlen konnte, auch eine gewisse Neugierde auf seinen plötzlichen Gesprächspartner zu verspüren. Auf seine Frage nach einer Empfehlung von der Getränkekarte konnte der Lockenkopf sich zwar nur als Cola-Connoisseur erweisen, aber es war immerhin eine gute Gelegenheit, den Fremden ungeniert zu mustern, als er sich kurz darauf mit gleicher Frage an den Barkeeper wendete. Und für einen Augenblick blitzte er auf, der Vergleich zwischen Frido und ihm. Frido, der so gerne seine beigenen Chinohosentrug, während Dominik nun bewundern durfte, wie sich eine dunkle Jeans an die muskulösen Oberschenkel seines Gegenübers schmiegte. Dazu die glatt gestriegelten Haare mit Seitenscheitel, die verrieten, was auch aus seinem Freund werden konnte, wenn er beim Styling seines Schopfes nicht vornehmlich auf die Kürze seiner Haarpracht setzen würde. Und dann verschwand Frido so schnell wieder aus seinen Gedanken, wie er dort aufgetaucht war, als der Fremde sich nach kurzem Schnack mit dem Barkeeper wieder den eigentlichen Objekt seiner Begierde zuwendete. Ja, diese Augen mochten sich hinter Brillengläsern verstecken und trotzdem verrieten sie nur allzu deutlich, worauf er aus war, als ihr Besitzer die unverfängliche Frage stellte, ob der junge Mann denn öfter in diesem Laden anzutreffen sei. Und was tat Dominik, der ja inzwischen schon ein bisschen darin geübt war, unerwünschte Avancen abzublocken? Der ging dieses Mal drauf ein. Warum nicht einfach mal ausprobieren, was daraus werden konnte? Ein kleiner Nervenkitzel. Mehr nicht. Und eine schöne Unterhaltung mit einem äußerst charmanten Gesprächspartner, wie er sehr schnell herausfand, als das obligatorische Einstiegsgeplänkel hinter ihnen lag.

Theodor, kurz „Theo“ hieß er also, der attraktive Unbekannte, der erst wenige Stunden vor Betreten der Bar überhaupt in die Stadt und in dieses Land gekommen war. Geschäftsreisen führten ihn immer wieder nach hier und da und dort und dabei erledigte er Dinge, die wahnsinnig wichtig klangen und von denen Dominik nicht ein Wort verstand. Aber als störend empfand er das nicht. Viel zu angenehm war es, den Erzählungen zu lauschen und dieser Stimme, die immer mehr in seinen Ohren zu knistern begann, je länger sie so beisammen saßen. Und auch dieser kleine Akzent fiel ihm dabei mehr und mehr auf. Er war nicht aufdringlich, aber doch stark genug, um ihn wahrzunehmen.

„Where are you from?“, stellte er also die Frage, die bislang noch gar nicht zur Debatte gestanden hatte und hob die Augenbrauen, als er mit der Antwort „Germany“ überrascht wurde. Dominik nickte, presste leicht die Lippen zusammen und begann dann doch zu kichern.

„Ich auch“, gab er grinsend zu und lachte über Theos erfreutes Gesicht. Sie blieben bei der englischen Aussprache seines Namens, aber ansonsten schien diese kleine Info nun alles zu ändern. In der eigenen Muttersprache zu plaudern, war noch einmal so viel leichter, selbst, wenn sie beide das Englische fließend beherrschten. Sie schnatterten, witzelten und lachten so viel, dass sie nebenher nur mit Mühe ihre Gläser geleert bekamen. Und dann war da dieser kurze Augenblick der Unaufmerksamkeit, als Theo ihn auf einen weiteren Drink einlud.

„Wie wärs mal mit was anderem als Cola?“, fragte er und bat den Barkeeper bereits zu sich, während Dominiks Antwort noch ausstand.

„Nein, nein, Cola ist fein. Ich vertrag Alkohol nicht so gut“, sagte der Jüngere zwar, aber seine Worte gingen unter. Vielleicht war seine Stimme zu leise oder die Musik und Unterhaltungen der anderen Gäste zu laut. Oder war es vielleicht sogar Absicht, als Theo mit einem Zwinkern zu ihm meinte, dass er eine Idee habe, was Dominik sonst noch schmecken könnte? Der Jüngere wollte gerade noch protestieren, aber da lehnte Theo sich auch schon zum Barkeeper und gab seine Bestellung auf. Sex on the beach – wie wenig auffällig und eindeutig seiner Namensgebung!

„Willst du mich abfüllen?“, lag es dem Lockenkopf auf der Zunge, doch statt den Einwand auch auszusprechen, schluckte er ihn hinunter und machte Platz für ein dankendes Lächeln, als ihm der Cocktail vorgesetzt wurde. Na ja, es war nur ein Drink – was konnte da schon passieren?

„Cheers!“, hob er also sein Glas und nippte daran, um dann wieder in ihr Gespräch einzutauchen.

Er verlor die Zeit aus den Augen und bemerkte erst, wie spät es bereits war, als Theo ihn auf seine Weise darauf aufmerksam machte.

„Sag mal… was hältst du eigentlich davon, wenn wir noch woanders hingegen?“, schlug er nämlich plötzlich vor und Dominik spürte, dass ihr Gespräch nun eine andere Richtung annahm. Er zückte sein Handy, um einen Blick auf die Uhr zu werfen und vielleicht auch, um ein bisschen Zeit zu schinden. Schließlich wusste er inzwischen, dass auch Theo die Einsamkeit in diese Bar getrieben hatte. Getrennt von seinem Partner, den er schon so lange nicht mehr gesehen hatte, nicht berührt hatte, nicht gefühlt. Nicht geschmeckt. Und erst recht schon viel zu lange nicht mehr geliebt.

„Ich glaub, ich sollte langsam ins Wohnheim zurück“, sagte er also und schnaubte belustigt, als wie aus der Pistole geschossen die Frage erklang, wo er denn genau hin müsse. Natürlich fragte Theo das und natürlich lag sein Hotel zufälligerweise genau auf dem Weg.

„Hast du was dagegen, wenn ich dich ein Stück begleite?“, fragte er also genauso wenig überraschend und lächelte, als Dominik den Kopf schüttelte.

„Nein, warum sollte ich?“, gab er ehrlich zurück und rutschte vom Hocker, während auch Theo es tat. Er griff sein Sakko, wünschte dem Barkeeper noch einen schönen Abend und ließ Dominik vorgehen, um ihn dann kurz vor der Tür zu überholen und sie ihm aufzuhalten. Galant war er also auch noch…

„Bisschen frisch heute Abend, aber trotzdem wunderschön, findest du nicht?“, schaute er in den sternenklaren Himmel, als sie die Bar hinter sich ließen und bot Dominik sein Sakko an, damit er nicht froh. Eigentlich tat er das auch so nicht, aber irgendwie…

„Danke“, nahm er das Angebot dennoch an und hüllte sich in den Stoff, der so ausnehmend gut nach diesem Mann roch, der selber im langärmeligen Oberhemd neben ihm herlief, während er ihren Plausch von drinnen nach draußen verlegte. Ungezwungen plauderte Theo daher und wusste sie beide zu unterhalten, während Dominik immer schweigsamer wurde, als könnte er damit auch dem Hämmern in seiner Brust Einhalt gebieten. Er schluckte, während er zu Theo hinüberschaute und war so von ihm eingenommen, dass er sogar stolperte. Und als der ihn geistesgegenwärtig mit einem „Hoppla! Vorsicht!“ auffing und hielt, konnte Dominik es nicht mehr verbergen: Er wollte ihn. Jetzt und sofort! Und wenn es sein musste, gleich hier auf dem Bürgersteig! Einmal etwas Verbotenes tun! Wenigstens für diese eine Nacht, nach der alles wieder beim Alten und sie zurück in ihrem Alltag wären! Er musste den Whisky schmecken, der vorhin noch diese verführerischen Lippen und diese heiße Zunge benetzt hatte, selbst, wenn er für dieses Gesöff normalerweise gar nichts übrig hatte. Aber jetzt war es was anderes! Jetzt war alles anders!

„Warte!“, war es da ausgerechnet Theo, der ihren Kuss unterbrach und den Lockenkopf seicht von sich schob, während sein Keuchen bereits verriet, dass er im Grunde genauso empfand.

„Nicht hier… Das Hotel ist gleich um die Ecke!“, fasste er Dominiks Hand und zog ihn mit sich, im Eilschritt die Straße bis zur Kreuzung entlang, noch eine Querstraße hinter sich lassend und erst wieder langsamer werdend, als die große Leuchtreklame seiner Unterkunft in Sichtweite geriet.

„Ist grad nicht dein Ernst…“, staunte der Lockenkopf bereits, als er den Namen und die Sterne darin erkannte und ganz besonders, als sie – gesittet und ruhig, statt gehetzt und wuschig – am Nachtportier vorbei ins Innere traten. Prunkvoll nannte man das wohl, was sie hier vorfanden und atemberaubend mit Sicherheit den Betrag, den eine Nacht in dieser luxuriösen Unterkunft kosten sollte.

Schweigend folgte er Theo durchs Foyer und an die Rezeption, um dann wohl nur deshalb nicht bereits im Fahrstuhl über ihn herzufallen, weil sie darin nicht alleine waren.

„Möchtest du eigentlich noch was essen?“, betrieb Theo dabei ein wenig Konversation, um die Wartezeit zwischen Erdgeschoss und viertem Stock zu überbrücken, aber längst war Dominik nur noch hungrig auf die Versprechen, die diese Lippen nicht nur mit Worten hervorgebracht hatten.

„Später vielleicht…“, murmelte er, während ihm bereits ein Kribbeln durch den Körper schoss, weil er nur mit seinen Fingerspitzen über Theos strich und kaum öffnete sich die Aufzugtür, schnappte der Ältere sich seine Hand und zog ihn mit sich.

„Zimmer sieben…“, war offensichtlich nicht nur Dominik zittrig vor Vorfreude, sondern auch derjenige, der an sich doch so einen souveränen Eindruck gemacht hatte und nun trotzdem etwas mit der Zimmerkarte kämpfte.

„Was machst du denn da?“, kicherte der Lockenkopf und half ihm, um dann schnell an ihm vorbei ins Zimmer zu huschen und sofort wieder an seinen Lippen zu hängen, kaum, dass Theo ihm gefolgt war und die Tür geschlossen hatte. Sein Bart kitzelte und noch während Dominik versuchte, sich zwischen all den Küssen und dem Kampf mit den Klamotten zurecht zu finden, wurde er bereits zielgerichtet zur Schlafstätte geschoben. Und er ließ es willig geschehen.

Einfach nur die Augen schließen, den Verstand ausschalten und sich auf das riesige Kingsize Bett fallen lassen, während Theo ihm bewies, dass er wusste, was er tat. Ja, da hatte jemand Erfahrung und ein gutes Gespür dafür, was dem Lockenkopf gefiel! Mit Händen, Lippen und Zunge schien jede Berührung von ihm ein Volltreffer – zumindest solange, bis Dominik bei all der süßlichen Umnachtung für einen kurzen Moment die Augen öffnete.

„Heilige Scheiße!“, war dann jedoch in Sekundenbruchteilen die Hingabe verschwunden und sein Körper versteifte sich nicht aus den schönen Gründen. Nein, stattdessen starrte er ungläubig hinauf, in seine eigenen Augen, die jede seiner Bewegungen beobachteten, während Theos leises Raunen in seine Ohren schlich.

„Magst du keine Spiegel über dem Bett?“, war ihm das Grinsen anzuhören, als er wieder anfing, Dominiks Hals zu liebkosen, ihm über das Schlüsselbein zu streichen – und Dominik all das mit ansehen konnte, als schaue er gerade zwei Fremden beim Sex zu.

„Das ähm…“, räusperte er sich und schüttelte dann doch den Kopf unter Theos fragenden und zugleich belustigten Blicken. Nein, es ging einfach nicht und da gab es auch nichts schönzureden!

„Ich kann das nicht...“, schob er den Älteren also von sich runter und setzte sich auf, um die einzig vernünftige Lösung zu wählen, die es für diese Situation gab.

„Leg dich hin! Wenns für dich okay ist, machen wir so rum weiter. Sonst lass uns von mir aus ins Bad gehen oder so! Ist ja furchtbar“, warf er einen letzten skeptischen Blick nach oben und rutschte dann grinsend beim Positionswechsel auf Theo. Ja, dachte Dominik, so konnte er sich wieder entspannen und weiter genießen! Weiter machen mit ihren Küssen, den Berührungen und allem, was ihn seine Einsamkeit vergessen ließ, bis er schließlich Fridos Namen stöhnte und erschöpft in die Kissen sank.

26.02.2025: ad absurdum

Und nun lagen sie da. Schnaufend, zufrieden und mit einem feinen Schweißfilm bedeckt, der eigentlich nach mehr schrie, sobald sie gut erholt aus einer kleinen Pause kämen. Aber der Lockenkopf konnte es nicht. Je länger sie dort lagen, Schulter an Schulter, die Zeichen dieses Spielchens nur allzu deutlich im Spiegel erkennbar, desto mehr fühlte Dominik, wie die Emotionen mit Macht an die Oberfläche wollten, die er vorher die ganze Zeit über unterdrückt hatte. Er versuchte sie beiseite zu schieben, wollte den Moment nicht zerstören, das Geschehene nicht ad absurdum führen. Schließlich war so viel Mühe im Spiel gewesen! So viel Hingabe und Liebe zum Detail! Aber egal, wie sehr er seine Lippen auch aufeinander presste: Sie begannen zu zittern. Erst sie, dann seine Schultern und schließlich sein ganzer Leib, als es doch aus ihm herausbrach.

„Was ist los?“, grinste der Ältere dabei und stemmte sich auf die Ellenbogen, während er den Lockenkopf interessiert anschaute.

„Du hast echt alle Register gezogen, oder?“, presste Dominik in einer winzigen Pause heraus, die sofort wieder von seinem Lachen übertönt wurde, aber sein Bettnachbar zuckte nur die Schultern und rollte sich auf die Seite, den Kopf auf seine Hand gestützt, um dieses zuckersüße Gelächter von nahem zu betrachten.

„Keine Ahnung, wovon du redest“, gab er sich unwissend und grinste dennoch wieder, als Dominik sich zu ihm drehte.

„Wie war das vorhin in der Bar? „Beschauliches kleines Hotel“ in dem dein „Geschäftsfreund“ dich einquartiert hat? Das Zimmer hier größer als unsere ganze Wohnung!“, machte er eine ausladende Geste und schaute sich in dem riesigen Raum um, den er vielleicht doch ein wenig größer beschrieb hatte, als er wirklich war. Aber beeindruckend war er trotzdem! Ganz besonders, wenn man den Fokus mal nicht nur auf das Bett gerichtet hielt, das ja auch schon zu begeistern wusste. Aber während ihm bei genauerem Hinsehen der Mund offen stand, erhielt er für sein Staunen wieder nur ein Schulterzucken.

„Na, eigentlich sollte es die Honeymoon Suite im obersten Stock mit Dachterrasse werden! Aber die war leider schon ausgebucht, als Ernest mir das mit der chicen Nacht im Hotel vorgeschlagen hat, weil er sonst nichts wusste, was er mir schenken könnte… Dagegen ist das Zimmer hier wirklich beschaulich. Ich hab auf ihrer Internetseite Fotos gesehen! Jetzt haben wir statt Dachterrasse nur Balkon“, schmollte er ein wenig, während er seinem Finger dabei zuschaute, wie er Kreise auf Dominiks Brust zog und sein Grinsen kehrte zurück, kaum, dass er dessen Blick sah, der ihm regelrecht entgegen schrie, ob er sich mal angeschaut habe, wo sie hier gerade lagen. Das war so viel mehr, als der Lockenkopf sich je erträumt hätte! Aber anstatt das aus auszusprechen, interessierte Dominik eine andere Sache noch viel stärker.

„Wie bist du eigentlich auf Theodor gekommen?“, stützte auch er seinen Kopf auf die Hand, während die andere ihren Platz auf Fridos Oberschenkel fand und ein Schmunzeln umspielte seine Lippen, als er die Antwort auf seine Frage hörte. Denn selbst, wenn in diesen Abend so viel Fantasie geflossen war, war sie auch in gewisser Weise typisch für seinen Frido.

„Der Zweitname meines Opas. Karl Theodor Alsbacher! Genauer gesagt sogar Karl Theodor Augustus Alsbacher. Aber den August fand er immer blöd… Und ich war auch so frei, mir ein paar Geschichten von ihm auszuborgen. So viel Zeit, um mir einen komplett neuen Lebenslauf auszudenken und überzeugend in meinen Schädel zu prügeln, damit ich in der Bar nicht alles durcheinander schmeiße, hatte ich dann doch nicht“, zuckte er grinsend die Schultern, um dann in Dominiks Lachen mit einzustimmen. Also doch nicht so viel Mühe in diese Darbietung gesteckt, wie es erst den Anschein gemacht hatte! Aber zumindest die Familienähnlichkeit, was die Abneigung gegen den eigenen Namen betraf, fand sich wieder einmal – und die Vorliebe für viel zu viele Vornamen auf einmal. Und auch, wenn das nun geklärt war, gab es natürlich noch mehr, das Dominik interessierte.

„Und der Bart?“, spazierte er also zur nächsten Offensichtlichkeit und wurde langsam etwas ungeduldig, als der Ältere sich wieder äußerst unbedarft gab.

„Was ist damit? Du wusstest doch, dass ich den wachsen lasse“, grinste er keck und legte die Hand seinerseits auf Dominiks Hüfte, als der ihn ausgiebig musterte und anfing ihn zu ärgern, indem er Frido leicht seinen Finger in den Bauch piekte.

„Ja, aber der Schnörres ist neu! Ich dachte, du willst auf einen Vollbart hinaus!“, konnte auch Dominik die Zähne zeigen und tippte an das behaarte Kinn, das sich unter seiner Berührung und den folgenden Worten bewegte.

„Du solltest ja noch nicht alles wissen! Dann wärs doch keine Überraschung mehr gewesen!“, konnten diese Lippen allerdings nicht nur reden, sondern auch hervorragend küssen, um sich dann mit einem Grinsen wieder zu lösen, damit Dominik seine nächste Frage stellen konnte.

„Gestern Abend war der Vollbart noch dran… Durft ich dich deshalb nicht vom Flughafen abholen?“, fand er es immer noch skurril, seinen Frido in dieser Aufmachung zu sehen und schüttelte leicht den Kopf darüber. Frido aber hatte sichtlich Freude an diesem kleinen Spielchen.

„Wie gesagt, dann wärs keine Überraschung gewesen“, stupste er Dominik auf die Nasenspitze, ehe er seine eigene daran rieb und sich noch einen Kuss schnappte. Ja, sie hatten wirklich viel nachzuholen und er war nicht einmal ganz unschuldig daran, wie er sich eingestehen musste.

„Überraschungen hast du echt drauf! Der ganze Tag heute war eine… Erst deine Hiobsbotschaft, dass ich dich nicht abholen darf, dann deine Nachricht, dass du grad nicht mir mir reden willst… Plötzlich willst du dich dann unbedingt in dieser Bar mit mir treffen… Da hab ich mir schon so meine Gedanken gemacht. Nur, dass du auch noch geschrieben hast, ich soll so tun, als würd ich dich nicht kennen, hat mich dann doch stutzig gemacht“, strich er sanft mit dem Finger über Fridos Unterlippe und grinste, als der spielerisch daran knabberte.

„Na ja…“, murmelte der Ältere und hauchte einen Kuss auf die Fingerspitze „...ein bisschen geheimnisvoll wollte ich schon sein, aber ich wollte dir ja auch keine Angst einjagen, indem ich zu ernst oder distanziert wirke… Also hatte ich gehofft, dass du den Wink mit dem „Fremden in der Bar“ verstehst“, zeigte er sich zärtlich, um sich im nächsten Moment aufzusetzen und den Lockenkopf tadelnd anzuschauen.

„Wobei ich es ja schon erschreckend finde, wie leicht du dich von irgendwelchen Typen aus Bars abschleppen lässt, mein Lieber!“, gab er sich dabei höchst vorwurfsvoll und gackerte los, als Dominiks Strafe auf dem Fuße folgte.

„Wer von uns hatte denn die Idee mit dem Rollenspiel?!“, schnappte er sich Fridos Seiten und rang ihn mit einer Kitzelattacke, die sich gewaschen hatte, zurück in die Federn, nur, um sich dann auf ihn zu legen und ihn so unten zu halten.

„Gnade!“, japste Frido schließlich und hob ergebend seine Hände, während Dominik zufrieden sein Werk begutachtete. Ja, das hatte er jetzt davon! Aber der Lockenkopf konnte auch zart sein, wie seine vorsichtigen Küsse bewiesen. Peitsche und Zuckerbrot, bei dem Frido schnell wieder übermütig wurde.

„Wie gefällt dir der Bart eigentlich? Mit ein bisschen mehr Vorlauf wärs natürlich imposanter geworden! Hier und da sind ja noch kleine Lücken drin, aber so viel Zeit hatte ich seit unserem letzten Treffen dann ja doch nicht… Um Theo etwas authentischer hinzubekommen, hats aber gereicht, würd ich sagen“, konnte er einen gewissen Stolz auf seine Verwandlungskünste nicht verhehlen und strahlte Dominik mit einem breiten Grinsen an, während er ihm über den Rücken kraulte und sich endlich wieder an diesen wunderschönen grünen Augen sattsehen konnte. Augen, die äußerst belustigt schauten, während sie ihn betrachteten.

„Du bist echt verrückt!“, kicherte der Jüngere über ihr kleines Spielchen, bei dem er sich so tapfer zusammengerissen hatte, um überzeugend mitzuspielen. Aber gelohnt hatte es sich allemal und wenn er ehrlich war, hatte es ihm auch Spaß gemacht.

„Tja…“, strich er nachdenklich über Fridos neues Accessoire und bekam eine kleine Gänsehaut, als der es ihm gleich tat, nur, dass Dominiks Kinn dabei glatt wie ein Kinderpopo war. Aussehen tat der Dozent mit diesem neuen Putz ja durchaus gut, wenn da nicht eine kleine Sache gewesen wäre...

„Du weißt, dass du mir gefällst. Immer und in fast jeder Lebenslage… aber Theo ist mir ein bisschen kratzig beim Küssen, wenn ich ehrlich sein darf. Und ich fänds auch schön, wenn ich dir wieder richtig durch die Haare fahren könnte und sie nicht so festbetoniert wären“, gab er zu und lachte über Fridos recht pragmatische Lösung.

„Kein Problem!“, meinte der, ohne seinem neuen Ich eine Träne nachzuweinen.

„Dann spülen wir Theo halt den Abfluss runter. Nichts leichter als das!“, setzte er sich trotz seiner Beschwerung tatkräftig auf, um seinem alter Ego sofort den Garaus zu machen, aber so ganz zufrieden war Dominik dann doch nicht mit dieser Lösung.

„Halt! Nicht so schnell! Das können wir auch später noch!“, schlang er die Arme um ihn und schüttelte den Kopf. Auf keinen Fall wollte er ihn jetzt so einfach gehen lassen! Und Frido? Der grinste. Natürlich. Dieses Spielkind!

„Also gut… Ich habs ja wirklich versucht, aber wenn du Theo nicht gehen lassen willst...“, sprach er theatralisch in sein Schicksal hinein und kicherte in ihren Kuss, als Dominik ihn auf seine Weise zum Schweigen brachte. Ja, da hatte jemand immer noch Sehnsucht nach ihm und zwar ganz furchtbare! Ihre Lippen waren bereits wund und trotzdem konnten sie nicht von einander lassen. Und wenn es ihren Mündern doch zu viel wurde, gönnten sie ihnen eine kleine Pause, indem sie sich einfach nur aneinander schmiegten und kuschelten. Noch etwas, das sie in letzter Zeit viel zu wenig gehabt hatten!

„Wie hat dir das eigentlich generell gefallen? Also so ein Rollenspiel zu machen?“, fragte Frido in eine dieser verschmusten Pausen hinein, während er sich selbst dabei beobachtete, wie er seinen Liebling im Arm hielt und bei diesem Anblick ein Schmunzeln auf seine geröteten Lippen trat. Ein Schmunzeln, das sein Freund nicht einmal bemerkte, weil er weiterhin die Blicke nach oben tunlichst vermied. Lieber betrachtete er seinen Finger dabei, wie er nachdenklich um Fridos Brustwarze herumkreiste.

„Hmm….“, ließ er die Frage dabei auf sich wirken.

„An sich hats mir gut gefallen, nur am Vorspiel müssen wir noch ein bisschen feilen…“, murmelte er und nickte, als Frido seinen Satz beendete.

„War ein bisschen lang, hm?“, fragte er und richtete den Blick von ihrem Spiegelbild auf Dominiks Gesicht, als der den Kopf zu ihm hob.

„Zumindest, wenn wir uns so lange nicht gesehen haben. Ich bin ja fast wahnsinnig geworden, die ganze Zeit so zu tun, als würd ich dich nicht kennen! Und dir in der Bar schon an die Wäsche gehen war mir irgendwie unangenehm… Ich wollt ja auch nicht, dass die anderen da sonst was von mir denken!“, sprach der Lockenkopf äußerst unzufrieden und holte sich zur Entschädigung noch ein paar der Küsse, auf die er während ihres Aufenthalts in der Bar hatte verzichten müssen. Und wenn Frido ehrlich war, kam diese Aussage seines Freundes wenig überraschend.

„Hab ich gemerkt! Das wäre fast noch Erregung öffentlichen Ärgernisses geworden. Kurz hab ich gedacht, du ziehst mich hinter die nächste Mülltonne… und dabei hast du deinen Cocktail ja nicht mal ausgetrunken. Der Stolperer war doch gespielt, oder?“, raunte er in den Kuss hinein und fühlte sich bereit für die zweite Runde, aber da unterbrach Dominik mit einem Mal das Geturtel auf seltsame Weise.

„Gib mir zehn Minuten Zeit!“, sprang er plötzlich aus dem Bett und wurde von Frido irritiert dabei angeschaut, wie er eilig seine Klamotten zusammensuchte.

„Was hast du vor?“, blinzelte der Ältere und ein breites Schmunzeln legte sich auf sein Gesicht, als er Dominiks Erklärung hörte.

„Ich… hab tierischen Kohldampf! Wir… wir hätten uns auf dem Weg hierher doch ne Kleinigkeit zu essen organisieren sollen! Aber hier um die Ecke ist ein Imbiss. Ich hol uns schnell was und dann kanns weitergehen!“, schlüpfte er in Boxershorts und Socken, aber als er dann auch noch die Jeans greifen wollte, packte Frido sich stattdessen ihn und zog ihn zurück ins Bett.

„Wofür gibts denn Zimmerservice?“, fragte er mit einer Selbstverständlichkeit, die Dominik den Mund offen stehen ließ.

„Zimmerservice?“, starrte er ungläubig, während Frido zwischen Belustigung und Verzückung hin und hergerissen war. Ja, war dringend mal Zeit geworden, dass auch Dominik in den Genuss so eines Geschenks kam!

„Na klar! Karte liegt auf dem Nachttisch. Such dir was aus. Ernest bezahlt“, grinste er und holte das Pamphlet hervor, um es Dominik zu überreichen und seine Schultern mit Küssen zu übersähen, während dem Lockenkopf beinahe vor Staunen die Augen aus dem Kopf fielen und er kaum wusste, welche Leckerei er als erste probieren wollte.

„Das sieht alles so gut aus!“, sprach er fast ehrfürchtig und kicherte dann doch, als Fridos „Stimmt…“ äußerst zweideutig klang. Na, so hatte er das jetzt aber bestimmt nicht gemeint!

„Ich meins ernst! Ich kann mich gar nicht entscheiden!“, wies er Frido also in seine Schranken und presste die Lippen zusammen, während er versuchte, eine Wahl zu treffen. Und dass Frido ihm dabei ins Ohr murmelte, wie hinreißend er ihn fand, war auch nicht gerade hilfreich bei der Entscheidungsfindung! Aber zum Glück wusste der Dozent sich nicht nur schweinisch zu geben.

„Wie findest du das, das und das?“, griff er Dominik also unter die Arme und tippte auf drei Gerichte, um sofort zum Hörer zu greifen, kaum, dass sein Liebling zugestimmt hatte. Allein die Vorstellung von diesen Geschmackserlebnissen trieb dem Lockenkopf bereits das Wasser in den Mund und dann ließ Frido auch noch durchblicken, dass der Abend sogar noch besser wurde.

„Was hältst du eigentlich davon, wenn wir nach dem Essen einen kleinen Abstecher ins Bad machen? Da ist zwar nicht der Whirlpool wie in der Honeymoon Suite, aber wenn ich mich nicht irre, hat die Wanne zumindest ein paar Massagedüsen“, verriet er, während er den Hörer wieder auflegte und lachte, als Dominik ihn erst ungläubig und dann immer seliger anstrahlte. War das das Paradies? So stellte er es sich wenigstens vor! Zumindest solange, bis Frido diese eine Frage stellte, deren Antwort er sich doch eigentlich schon denken konnte.

„Sag mal, wie würd sich eigentlich so ein Spiegel bei uns Zuhause machen?“, hatte er also ausklamüsert und betrachtete sie beide vielsagend dabei, wie sie da so schön auf dem Bett lagen, ein bisschen hungrig, aber ansonsten glücklich und zufrieden und in seinen Augen wirklich eine wahre Pracht. Und auch Dominik sah sein seliges Grinsen durchaus, so war es nicht! Aber trotzdem musste er ihm diesen Zahn leider ziehen.

„Vergiss es“, konnte er dem Ding über ihnen selbst beim keuschen kuscheln noch immer nichts abgewinnen.

„Mal abgesehen davon, dass das Putzen dann eh an mir hängen bleibt, will ich mich nicht ständig beobachtet fühlen, wenn wir im Bett sind! Zwischendurch mal zur Abwechslung ins Hotel – okay! Aber garantiert nicht im heimischen Schlafzimmer!“, stellte er klar und zwickte Frido in den Nippel, als der mit Bedauern und einem breiten Grinsen verkündete, wie gern er dem Lockenkopf dabei zusehe, während er so schöne Dinge mit ihm machte. Wollte er es sich nicht vielleicht noch mal überlegen? Doch ehe Frido weiter säuseln konnte und ihn sein kleiner Sturkopf dafür noch mehr malträtierte, läutete das Klopfen an der Tür ihren Waffenstillstand ein.

„Oh, der Zimmerservice ist schon da!“, sprang Frido also schnell aus dem Bett, warf sich in einen Bademantel und öffnete grinsend die Tür, nachdem er bei einem Blick über die Schulter gesehen hatte, wie Dominik sich unter der Bettdecke verkrochen hatte. Er konnte schon schnuckelig sein, dieser Lockenkopf!

„Thank you“, beeilte Frido sich, damit sein Schatz nicht länger hungern musste. Den Servierwagen tauschte er gegen ein entsprechend großzügiges Trinkgeld und lachte, als Dominik wieder aus der Versenkung auftauchte, kaum, dass die Tür hinter dem Boten ins Schloss gefallen war.

„Essen ist fertig!“, bugsierte Frido die Köstlichkeiten trällernd zum Bett und kredenzte sie seinem Gast mit ausladender Geste.

„Es ist angerichtet, mein Herr!“, hob er die Servierhauben von den Tellern und schmunzelte, als Dominik allein von diesem herrlichen Duft schon zu sabbern begann.

„Oh mein Gott… Ich back Ernest eine dreistöckige Torte als Dankeschön dafür!“, schluckte er und lautstark meldete sich sein Magen zur Bestätigung, als Frido ihm den ersten Teller reichte.

„Und ein bisschen Champagner gibts auch noch dazu“, zwinkerte er, um dann lachend den Korken knallen zu lassen. Ja, da hatte der Arzt sich bei seinem Präsent wirklich nicht lumpen lassen!

„Auf uns! Und auf Ernest!“, reichte er Dominik das Champagnerglas und schaute ihm schmunzelnd in die Augen, während sie anstießen. Doch anstatt sich das feinherbe Prickeln direkt auf der Zunge zergehen zu lassen, fasste der Lockenkopf auf einmal Fridos Unterarm und ließ auch sein eigenes Glas sinken.

„Theo hat mir nichts davon erzählt, ob er heute auch Geburtstag hat und dir hab ich noch gar nicht richtig gratuliert. Mein Geschenk liegt im Wohnheim, weil ich… na ja, ich wusste ja nicht, dass wir heute noch im Hotel landen. Sonst hätte ich es dir mitgebracht. Aber du kriegst es morgen, okay?“, stellte er sein Glas auf den Nachttisch, damit er beide Hände frei hatte und wurde von Frido dafür ungläubig angeguckt.

„Du hast aber nicht extra Geld für mich ausgegeben, oder?“, blinzelte er und ließ sein Glas sinken, als das Lächeln, das er bekam, Antwort genug war.

„Dominik, ich hab doch gesagt, das brauchst du nicht…“, hatte er nun beinahe ein schlechtes Gewissen, weil er doch wusste, dass das Auslandssemester nicht gerade billig war. Aber sein Lockenkopf ließ keine Einwände gelten.

„Ich will hinterher nur ne ehrliche Antwort von dir, obs dir gefällt“, murmelte er, während er die Hände an Fridos Wangen legte und ihm ein „Happy Birthday“ samt Kuss aufhauchte. Erst sanft, dann verspielt und kichernd, als der Ältere ihn fest an sich zog und ihm auf seine Weise zeigte, dass er sein schönstes Geschenk doch längst erhalten hatte. Ja, da hatte Ernest einen Abend ermöglicht, der wohl nicht nur dem Geburtstagskind noch eine ganze Weile im Kopf blieb!

27.2.2025: Fastnacht

Selbst sie strahlte eine gewisse Eleganz aus, diese leicht geschwungene Augenbraue, die in ihrer Höhe spitz zulaufen konnte, wenn es sein musste. Bis zur Vollkommenheit perfektioniert hatte sie es, den Ausdruck des grau-blauen Auges unter sich zu unterstreichen – ganz gleich, ob es dabei Kälte, Hochmut, Belustigung, Irritation oder gar eine Mischung aus all diesen Empfindungen widerspiegelte. Eine Einheit bildeten sie, waren gemeinsam mit all den anderen Bestandteilen eine regelrechte Symphonie aus feinen Zügen und einer gewissen Härte, die Ernests Gesicht zu dem machten, was es war. Immer von einer leichten Strenge durchzogen und seinen Sanftmut dabei so gekonnt verbergend, dass nur diejenigen ihn entdeckten, die den Arzt wirklich kannten, während alle anderen höchstens eine freundliche Maske von ihm zu sehen bekamen – etwas, das er bei einem gewissen Dozenten schon lange nicht mehr aufzusetzen pflegte. Nein, Frido konnte ruhig sehen, was der Arzt von ihm hielt. Sogar dann, wenn er gewissermaßen selbst der ausschlaggebende Punkt für dessen Kindereien und Dummheiten gewesen war.

„Geschäftsmann auf Reisen also. So so“, bedachte er den Dozenten mit einem vielsagenden Mustern, während der an seinem Herd stand und ihnen das Abendessen kredenzte. Ein kleines Dankeschön für den wundervollen Abend, den Ernest ihm und seinem Liebling beschert hatte und das, obwohl der Arzt durchaus auf diese Form der Anerkennung verzichtet hätte. Ja, er war recht deutlich gewesen, dass ihm heute nicht der Sinn danach stand, ausschweifendere Essensgerüche durch die Wohnung wabern zu haben, als es unbedingt nötig gewesen wäre. Aber nein, da hatte Frido schon verkündet, dass der Einkauf bereits getätigt wäre und Ernest sich bloß nicht einfallen lassen solle, trotzdem im Restaurant zu bestellen!

Also saß er jetzt da, an seiner Kücheninsel, auf dem chicen, aber ehrlicherweise etwas unbequemen Barhocker und lauschte Fridos Erzählungen, während der seine Küche in ein Schlachtfeld verwandelte. Hätte der große Mann mit dem festen Griff sich nicht auch diesbezüglich ein paar Sachen von seinem zierlicheren Pendant abschauen können? Etwas mehr Feingefühl und Sorgfalt statt Grobschlächtigkeit und mach-ich-später-sauber-Attitüde? Oder am besten gleich in sein früheres hab-ich-gar-nicht-dran-gedacht-Gehabe zurückkehren, bei dem er so schnell wohl nicht auf die Idee gekommen wäre, Ernest ohne vorherige Absprache so eine Aufmerksamkeit darzubieten. Es hatte ja Gründe, warum sie zumeist kochen ließen, statt es selber zu tun.

„Du lachst! Aber Dominik hats gefallen! Im ersten Moment hat er zwar etwas irritiert geguckt, aber ich glaub, hinterher hatte er richtig Spaß an unserem Rollenspielchen!“, flötete Frido nun aber, während er das arme Wildbret massakrierte. Ernest wusste ja, dass der Dozent durchaus gut kochen konnte, aber der Weg zum fertigen Gericht war manchmal mehr als fragwürdig.

„Wundervoll. Und eine Verkleidung für Fasching hast du auch gleich. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen“, seufzte er und stützte den Kopf auf eine Hand. Das würde Stunden dauern, dieses Chaos zu beseitigen! Frido aber lachte auf.

„Du meinst Fastnacht!“, korrigierte er mit einem Blick über die Schulter und zwinkerte dem Arzt zu, der nur die Augen verdrehte.

„Meinetwegen auch Ansammlung geistig verwirrter Menschen mit schlechtem Geschmack in Hinblick auf Kleidung, Musik und Brauchtum, die den Februar mit ihrem alljährlichen Urlaub auf der Baleareninsel verwechseln. Sag mir nur, dass du Dominik im kommenden Jahr nicht auch noch zu diesem Irrsinn überreden willst. Es reicht mir schon, wenn einer von euch beiden mir mit den Ideen für seine Verkleidung den letzten Nerv raubt“, murrte er und etwas Stechendes trat in seinen Blick, als Frido tatsächlich glaubte, die Laune mit dem Ausspruch „Ich bin zumindest nicht im Verein!“ anheben zu können. Und damit sank Ernests Stimmung noch mehr dem Tiefpunkt entgegen.

„Sonst würdest du sicherlich auch keinen Fuß mehr über meine Türschwelle setzen, Friedrich. Und du würdest mich genauso sehen, wie meine Eltern oder deine, wenn wieder einmal Fasching vor der Tür steht: Nämlich von hinten!“, wurde es ihm nun langsam zu bunt und er stand auf, um das Weinregal ins Visier zu nehmen. Kein Bier vor vier, aber zu Vino sagte er ja bekanntermaßen nie no – und immerhin hatten sie schon halb sechs.

„Du hast Glück. Der Chardonnay, den du mitgebracht hast, ist meines Erachtens eine Beleidigung für jedes Stückchen Wild, aber ich habe hier noch einen Pinot Noir oder Chianti…“, begutachtete er die Flaschen, um dann doch entschlossen zum Merlot zu greifen. Man konnte ja später noch auf etwas anderes ausweichen. Einen Grund dazu lieferte Frido ihm sicherlich noch mit Vergnügen. So viel stand bereits fest und der Dozent auch schon wie aufs Stichwort parat.

„Och, ich finde, deine Kehrseite kann sich durchaus sehen lassen und ich glaub, dem einen oder anderen in der Bar hättest du bestimmt gefallen. Manche Männer mögen ja eine gewisse Strenge im Bett. Möchtest du uns nicht einfach mal begleiten und deinen Marktwert testen?“, kroch es Ernest nämlich plötzlich grinsend und glucksend ins Ohr und das dabei auch noch mit einer Nähe, die der Dozent sich lieber zweimal hätte überlegen sollen. Das Tranchiermesser hatte er zwar vorsorglich auf der Arbeitsplatte liegen lassen, aber es gab ja durchaus noch andere Folterinstrumente, mit denen man einem lästigen Insekt zu Leibe rücken konnte. Zumindest zeichnete sich in etwa solch ein Gedankengang auf Ernests feinherben Zügen ab, als er sich nach kurzem Stocken schweigend zu Frido umdrehte, den Korkenzieher dabei in der Hand und dessen Spitze vielsagend auf Fridos Bauch gerichtet, nur etwas mehr als eine handbreit von ihm entfernt.

„Lieber nicht“, sprach der Jüngere und trat trotzdem keinen Schritt zurück „Gibt Flecken auf dem Flokati“. Er grinste und der Ältere funkelte ihn eisig an.

„Das ist ein echter Perser, du Banause!“, zischte er und drehte Frido wieder den Rücken zu. Elender Primitivling! Schnaubend wollte er wieder seine Weinflasche greifen und kurz bildeten seine Finger sich zur Kralle, als Frido schneller war und der Arzt ins Leere griff.

„Was denkst du, tust du da?“, blitzte er ihn über die Schulter hinweg an, während der Dozent sich das Etikett der Flasche zu Gemüte führte.

„Ich brauch gleich was zum Ablöschen…“, murmelte er und schaute überrascht auf, als Ernest ihm die Flasche schneller entwand, als er gucken konnte.

„Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?!“, brachte er die kleine Kostbarkeit in Sicherheit und durchforstete sein Weinregal nach einem günstigeren Tropfen, den er für solche Gelegenheiten entbehren konnte. Ah, da unten in der letzten Reihe. Irgend so ein Präsent einer Patientin zu Weihnachten, das er nicht seinen Mitarbeiterinnen hatte andrehen können, weil die mehr für Wodka oder Liköre zu haben waren.

„Hier, nimm den. Supermarktware“, drückte er Frido also diese Flasche in die Hand und machte eine wegwerfende Bewegung, als der Dozent ehrlich überrascht schien, so etwas in Ernests Haushalt vorzufinden.

„Wozu brauchst du denn? Ich mein, ich trink so was wohl, aber für dich ist doch nur billiger Fusel, oder? Bist du heimlich unter die Köche gegangen?“, scherzte er, wohingegen Ernest geneigt war, ihm reinzuwürgen, dass er sich mitunter seine Gäste schön saufen musste – aber das konnte er notfalls ja auch mit dem teuren…

„Reine Vorsichtsmaßnahme. Ich kenn doch dich und deine Schnapsideen manchmal“, sagte er also stattdessen und verzog das Gesicht, als Frido im Weggehen die steile Vermutung fallen ließ, ob es sich vielleicht um ein Präsent seiner Patienten handelte. Wieder aufgefallen. Mist! Der Arzt hüllte sich jedoch in Schweigen. Wenn nichts ausgesprochen wurde, war auch nichts bestätigt. Nur dummerweise sah Frido die aufkommende Schweigsamkeit auch noch als Einladung, dann eben selber weiter zu plappern.

„Aber mal im Ernst, willst du nicht einfach mal mitkommen? Muss ja keine Fastnachtsfeier sein oder ein geselliger Abend in einer Schwulenbar. Ich war mit Juli auch schon mal in einer Kneipe für Heten. War auch ganz nett! Und für dich würd ich das allemal tun. Dominik bestimmt auch, wenn du nicht als einziger etwas verkniffen und zurückhaltend an der Bar stehen willst!“, grinste er, während er mit Bräter und Zwiebeln hantierte und Ernest abwog, ob er den edlen Tropfen vielleicht opfern sollte, um Frido die Flasche über die Rübe zu ziehen. Rotwein und Blut waren allerdings nicht die beste Mischung, um sie wieder restlos gesäubert zu kriegen und die Arbeit, die Leiche hinterher verschwinden zu lassen, ebenfalls mühselig. Also entschied er sich dagegen. Abführmittel im Essen tats zur Not auch.

„Nur, weil Dominik, dieser arme Tropf, in seiner Verknalltheit alles Mögliche mit sich machen lässt, heißt das noch lange nicht, dass du mich auch zu so einem Unfug überredet bekommst!“, legte er trotzdem eine gewisse Bissigkeit an den Tag, als er mit einem beherzten Ruck den Korken aus der Flasche bugsierte, sich zwei Gläser aus dem Wohnzimmerschrank mit Glaselementen in den Türen griff und etwas energischer als sonst zurück Richtung Kücheninsel stapfte. Und dann drehte Frido sich um, ließ die Zutaten für einen Augenblick Zutaten sein und schaute Ernerst nachdenklich an, während der eher wachsam blickte.

„Was?“, murrte er und stellte die Gläser auf die Kücheninsel, um sie anschließend sorgfältig und mit ungeahnter Feinheit zu befüllen. Ja, da konnte er plötzlich wieder sanft und vorsichtig sein. Frido hingegen wirkte eher ein wenig bedauernd.

„Sag mal…“, stützte er sich an die Arbeitsplatte und sein Mundwinkel zuckte, als Ernest einen gelangweilten Blick vom Glas zu ihm hob.

„Mal“, antwortete er trocken, aber auch, wenn der Dozent belustigt schnaubte, schüttelte er den Kopf.

„Willst du dir nicht wieder jemanden suchen? Du wirkst in letzter Zeit etwas unleidlich...“, fragte er behutsam und musste doch grinsen, als eine typisch bierernste Antwort auf diese Erkundigung folgte.

„In deiner Gegenwart kann man auch nur unleidlich werden! Und wozu sollte ich mir jemanden suchen? Ich kenne ausreichend Möglichkeiten in der näheren Umgebung, um nicht zu verhungern, meine Praxis läuft gut, aber überschaubar genug, dass ich den Teufel tun werde, mir einen Partner ins Haus zu holen und meine Angestellten sind ebenfalls ausreichend ausgelastet, aber nicht überlastet. Die Wohnung putze ich inzwischen selber – du weißt, dass ich es hasse, wenn mir Fremde in meinen Sachen herumwühlen! – und ich wüsste nicht, wozu ich ansonsten jemanden bräuchte. Für Einkäufe vielleicht, ja, das hatte ich tatsächlich einmal überlegt, aber ich finde, es erdet in gewisser Weise, wenn man sich mit diesen Alltäglichkeiten umgibt. Schreiende Kinder, motzende Rentner und das wohlige Gefühl, all das hinter sich zu lassen, sobald die Haustür hinter einem ins Türschloss fällt“, prostete er Frido zu, ohne ihm ein Glas zu reichen und nippte stattdessen an seinem eigenen, um für diese Unhöflichkeit sogleich bestraft zu werden.

„Ich meinte auch eher eine Frau. Und zwar keine für deine Patientenakten, die Steuer oder den Haushalt. Eine Partnerin. Jemand der dich liebt“, brachte Fridos Ausspruch den Arzt dazu, sich an seinem guten Roten zu verschlucken. Und während Ernest los röchelte, zupfte der Dozent ein Küchentuch von der Rolle und kramte ein Glas aus dem Hängeschrank, um es mit Wasser zu füllen.

„Ich weiß, deine Arbeit bedeutet dir viel und du hast deine Kongresse und Ausschüsse und alles, aber die sitzen nicht abends mit dir auf der Couch und unterhalten sich mit dir darüber, wie euer Tag so war, oder?“, hielt er dem Hustenden die Utensilien hin und lächelte warm, als er von ihm trotz der Bellerei einen wütenden Blick kassierte.

„Ich nehm die Arbeit oft genug mit nach hause! Und wenn ichs nicht selbst mach, dann kommst spätestens du wieder mit irgendwas – oder irgendwem – um die Ecke! So viel dazu!“, fauchte er und verzog im nächsten Moment das Gesicht über die eigene belegte, leicht fiepsige Stimme, die weniger Eindruck schindete, sondern mehr zu belustigen wusste. Ja, so viel dazu, schien auch Fridos Blick zu sagen, als er sich mit einem Schmunzeln wegdrehte und wieder seiner Arbeit nachging, während Ernest mir Räuspern und Hüsteln versuchte, seine Stimmbänder wieder geschmeidig zu bekommen. Wo war das verdammte Abführmittel?

28.2.2025: Kräppel

„Freu dich übrigens schon mal drauf, dass du demnächst eine dreistöckige Torte bekommst!“.

Die Worte durchschnitten das Schweigen und ein leises Lachen gesellte sich zu ihnen hinzu, als ihr Sprecher den skeptischen Blick sah, mit dem das Gehörte aufgenommen wurde.

„Dreistöckige Torte? Wozu?“, traten die feinen Linien auf seiner Stirn stärker hervor, als Ernest sie runzelte. Dieses Mal nicht wegen irgendwelcher Patienten, die ihm Kopfzerbrechen bereiteten oder aufgrund zweier Idioten, die er manchmal sehenden Auges in ihr Unheil rennen sah, obwohl er sie warnte – nein, genau genommen war es ja tatsächlich wieder einer dieser beiden Dummköpfe, mit dem er gerade sprach. Alles beim alten also, nur, dass er nicht verstand, was in diesem grinsenden Schädel vor sich ging. Wobei… selbst das war ja nicht das erste Mal. Und sogar, als die Grinsebacke weitersprach, wurde ihr Gerede nicht unbedingt nachvollziehbarer.

„Ich hab ja gesagt, es würde auch ne Tüte Kräppel reichen, aber er besteht drauf!“, posaunte Frido raus, um die Mundwinkel noch ein wenig höher und weiter auseinander zu ziehen, als Ernests Irritation sich beinahe schon in Abscheu wandelte.

„Was zum Teufel redest du da eigentlich?“, zweifelte er allmählich an Fridos Verstand. Hatte der Dozent vorm Gang aus dem Haus am Toilettenreiniger geschnüffelt oder zu lange bei irgendwelchen Dämpfen im Atelier gehockt?

Frido aber antwortete nur spitzbübisch und mit leicht besserwisserischem Ton: „Kräppel sind Berliner. Oder vielleicht sagt dir auch eher der Begriff Faschingskrapfen etwas“. Er grinste und der andere starrte ihn dafür zu Tode.

„Das ist mir durchaus bewusst, Friedrich!“, trommelte der Arzt ungeduldig mit den Fingern auf der Arbeitsplatte seiner Kücheninsel „Was soll ich mit einer dreistöckigen Torte?!“. Musste er ihn doch noch mit einer Flasche verprügeln?!

„Hab ich ja auch gesagt! Für eine Person ist das viel zu viel, aber Dominik besteht darauf! Ich würd dir ja einfach ne Tüte Plunderteil…“

„Friedrich!“

Das Trommeln hatte ein Ende gefunden, stattdessen drückten die Hände sich nun flach auf die Arbeitsplatte, bereit, ihn tatkräftig zu unterstützen, wenn er aufspränge, um diesem lachenden Windbeutel den Hals umzudrehen, der sich da gerade am Herd über ihn beömmelte.

„Okay, okay, okay!“, hob Frido die eine Hand beschwichtigend in die Lüfte, während er sich die andere auf seinen Bauch drückte, ehe sie dazu über ging, ihm die Lachtränen aus den Augenwinkeln zu streichen.

„Dominik hat sich so über dein Geschenk gefreut, dass er dir zum Dank eine Torte backen möchte. Du hättest ihn mal erleben müssen, als er sich das Zimmer näher angeschaut hat und dann auch noch vom Zimmerservice erfahren hat“, wurde aus dem Gekicher ein seliges Lächeln, während Frido daran zurückdachte und auch, wenn Ernest nun wieder etwas entspannter da saß, schaute er nicht minder missmutig.

„Dass der Sinn eines Geschenks nicht darin besteht, den Beschenkten wortlos zu einem Quid pro quo aufzufordern, ist ihm aber bekannt, oder? Ganz zu schweigen davon, dass er ja nicht einmal der Beschenkte war, sondern du. Und bevor du fragst: Quid pro quo bedeutet, eine angemessene…“

„Gegenleistung für etwas zu erhalten. Schon klar. Bisschen Latein kann ich auch“, verschränkte Frido schmunzelnd die Arme vor der Brust, während er sich mit dem Hinterteil am Ofen anlehnte. Leider so, dass er sich dabei nicht versengte – wobei, das hätte nur wieder Scherereien mit sich gebracht…

„Er war zwar nicht das Geburtstagskind, aber er hat ja trotzdem was davon gehabt. Und so begeistert, dass es wirklich zuckersüß war! Da würd er sich halt gern ein bisschen erkenntlich zeigen. Und ich glaub, es ist ihm auch ein wenig unangenehm, so etwas teures anzunehmen, ohne dabei wenigstens eine Kleinigkeit zurück zu geben. Du… Du weißt doch, in welchen Verhältnissen er gelebt hat, als wir uns kennengelernt haben beziehungsweise zusammen gekommen sind. Und selbst jetzt könnte er sich nicht mal eben so eine Übernachtung leisten. Ich auch nicht…“, sprach Frido sanft und lachte doch wieder über Ernests Kommentar.

„Wenn du dich auch mal so bescheiden geben würdest, wie dein Freund, anstatt mir ständig auf den Geist zu gehen!“, war er vielleicht ein kleines wenig nachtragend ob der Neckereien hier und da, aber Frido konnte er die Laune damit nicht verderben. Im Gegenteil, der grinste und schmunzelte vor sich hin, während er scheinbar immer noch darauf wartete, Ernest mit seiner Gesichtsakrobatik anstecken zu können. Der ignorierte es allerdings geflissentlich und fügte an: „Richte Dominik aus, dass es mir schon genügt, wenn ihr das Zimmer wieder so verlassen habt, dass ich mich künftig noch in diesem Hotel blicken lassen kann, ohne dafür vielsagend angeschaut zu werden. Immerhin steht mein Name auf der Rechnung! Und an sich hat es mir bislang immer eine gewisse Freude bereitet, dort zu logieren. Ich würde mir also ungern eine andere Unterkunft suchen müssen“.

Ihm war ja klar gewesen, was Frido und Dominik bei ihrem Aufenthalt treiben würden und an sich war dagegen auch nichts einzuwenden. Zumal er den Jüngeren der beiden auch zumeist als den Vernünftigeren ansah und davon ausgegangen wäre, dass er Frido zu zügeln wusste, wenn der über die Strenge schlagen wollte. Aber wenn selbst der Lockenkopf sich zu irgendwelchen Spielchen hinreißen ließe? Da schwante dem Arzt ja schlimmes, was das für ein Sodom und Gomorrha geworden sein konnte, als sie dann an jenem Abend nicht mehr im Auge der Öffentlichkeit unterwegs gewesen waren.

Frido aber grinste. Natürlich. Was auch sonst? Er war ja scheinbar zu keinem anderen Gesichtsausdruck mehr fähig, seit er aus England heimgekehrt war. Und stolz schien er auch noch, als er sagte: „Keine Sorge! Wir haben sogar das Bett gemacht, bevor wir gegangen sind!“.

Er strahlte, Ernest tat einen tiefen Atemzug.

„Du meinst wohl eher, Dominik hat das Bett gemacht, während du daneben gestanden und ihm auf den Hintern geglotzt hast“, stellte er fest und spürte dennoch einen Hauch der Erleichterung. Dann hatte er sich in dem jungen Künstler ja vielleicht doch nicht vollends geirrt. Was allerdings den alten Schwachkopf vor sich betraf…

„Hey, jetzt sei nicht so fies zu mir! Das Geld fürs Gleitgel hab ich dem Zimmerservice extra bar gegeben, damit dein Steuerberater nicht komisch guckt, wenn du ihm die Rechnung als „Ausgabe für Geschäftsreisen“ andrehen willst“, stützte Frido die Hände auf die Hüften, aber auch, wenn er sich redlich Mühe mit der ernsten Miene gab, musste man kein Ernest Landers sein, um zu erkennen, wie viel Wahrheit hinter diesen Worten lag. Dafür hatte Frido einfach zu viel Spaß an seinem Witzchen, das ihm bereits mit Aussprechen als Lacher in der Kehle kitzelte. Vielleicht erstickte er ja dran, wenn er jetzt noch etwas länger versuchte, das Glucksen zu unterdrücken? Ernest enthielt sich jedenfalls eines Kommentars. Manchmal genügte auch ein herabwürdigender Blick und beherzter Griff zum Weinglas, während sich dieser Tropf dort zum Trottel machte.

„Komm, für einen kurzen Moment hast du mir das abgekauft!“, wusste Frido aber wieder einmal nicht, wann Schluss war und erhielt dieses Mal nur ein tiefes, tiefes Seufzen.

„Nein, hab ich nicht. Und jetzt kümmer dich ums Essen“, versuchte Ernest dieser Kinderei ein Ende zu setzten. Liebevolle Strenge und so… Schließlich war Frido auch der Typ Mann, der beim Wörtchen „Penis“ selbst im Erwachsenenalter noch anfing zu kichern – miterlebt hatte Ernest das schon oft genug und fragte sich gerade, warum er früher am Abend überhaupt die Tür geöffnet hatte. Sein alter Freund benahm sich doch immer wie ein durchgeknalltes Duracellhäschen, das in die Schublade mit dem Sexspielzeug gefallen war, wenn er das Wochenende mit einem gewissen anderen Häschen verbracht hatte. Aber wenigstens wendete der Dozent sich nun wieder seiner Arbeit zu, wohingegen Ernest bei einem weiteren Nippen an seinem Glas feststellte, dass es auf wundersame Weise bereits leer war. Und obendrein redete Frido jetzt auch noch weiter.

„Dominik hat mir sogar was geschenkt!“, trällerte der Dozent beim Schwenken der Pfanne, während er zur Weinflasche griff und als dabei von Ernest ein gemurrtes „Will ich gar nicht wissen“ zu hören war, begann der Durexhase zu grinsen.

„Wieso nicht? Er hatte wirklich eine süße Idee!“, beteuerte Frido, während er zufrieden feststellte, dass der Supermarktwein keinen nervigen Korken, sondern nur einen Schraubverschluss hatte und es dabei noch interessanter fand, dass der sogar schon mal geöffnet worden war. Hatte da etwa jemanden die Neugierde auf den billigen Tropfen des einfachen Mannes erwischt? Leider kam er aber nicht dazu, diese Frage zu äußern, denn vorher brachte Ernest ihn mit einem deftigen „Eure Sexspielchen interessieren mich nicht, also erspar mir das!“ aus dem Konzept – und herzlich zum Lachen.

„Darum gehts doch gar nicht! Ehrlich!“, beschwichtigte Frido also schnell, während er unter lautem Zischen einen Teil des Weins in die Pfanne kippte und ihn fleißig mit dem Pfannenheber verteilte – und noch mehr kicherte, als ihm natürlich trotzdem ein kleiner Wink zu Dominiks hervorragenden Fertigkeiten im Bett herausrutschte, was mit einem energischen „Friedrich!“ zur Raison gerufen wurde.

„Ja, ja, schon gut, reg dich ab!“, brauchte es erst das, damit er sich einigermaßen geläutert gab und vom schelmischen Grinsen in ein herzliches Lächeln abtauchte.

„Er hat mir einen Gutschein geschenkt“, sprach er ruhiger und sanfter, um wieder zu lachen, als Ernests Antwort prompt ein „Fängst du schon wieder an?“ war.

„Ich mein einen Gutschein für einen Tanzkurs, du Witzbold!“, schüttelte Frido jedoch den Kopf und sah aus wie ein Honigkuchenpferd, als er Ernest von Dominiks Präsent erzählte. Sein Lockenkopf, der diesbezüglich bekanntermaßen mit zwei linken Füßen gesegnet war und es hasste, wenn ihn jemand „zur Hupfdohle machen“ wollte, hatte seinem Frido tatsächlich einen Gutschein für einen Tanzkurs geschenkt. Ein Gutschein für einen Kurs, den sie gemeinsam besuchen würden und bei dem andere Leute sehen konnten, wie Dominik sich abmühen würde, um Frido nicht alle zwei Sekunden auf die Füße zu treten. Und der? Der liebte alles daran!

„Kannst du dir das vorstellen? Ich meine, ja, ich hab nach der Abschlussfeier mal im Scherz gesagt, ob wir nicht zusammen so was machen wollen, aber mir war schon klar, dass er das niemals machen wird. Und sein biestiger Blick bei der Frage.. na, den muss ich dir wohl nicht beschreiben. Und jetzt schenkt er mir so was! Einfach so!“, wurde der erwachsene, gestandene und stattliche Mann tatsächlich zu einem kleinen Jungen im Süßigkeitenladen, dem man die freie Auswahl bei den gewünschten Schleckereien erlaubt hatte.

„Und nein, ich bin ihm danach nicht sofort wieder an die Wäsche!“, stellte der kleine Junge obendrein vorsorglich klar, damit der große böse Wolf ihm die Stimmung nicht vermieste.

„Ich hab ihn geküsst und umarmt und vielleicht auch ein bisschen herumgewirbelt, so wie Juli damals, als sie mir verkündet hat, dass sie schwanger ist…“, schob er eilig hinterher und schüttelte noch eiliger den Kopf, als Ernest die Zwischenfrage einwarf, ob Dominik ihm denn auch, wie Juli damals, zum Dank auf die Schuhe verschönert habe.

„Er ist ja zum Glück nicht schwanger und glaub mir, daraus hab ich gelernt! Keine Schwangeren herumwirbeln und keine Babys, die gerade erst gegessen haben, in die Luft werfen…“, rührte Frido noch ein wenig in der Pfanne herum und versah sie dann mit ihrem Deckel, während er Ernest einen verstohlenen Blick zuwarf.

„Wie? Keine weitere Bissigkeit dafür?“, fragte er dann voller Übermut und hob doch irritiert die Augenbrauen, als der Arzt nach kurzer Überlegung nur den Kopf schüttelte.

„Nein, keine Bissigkeit. Nur ein wenig Erleichterung, dass ihr zwei dann hoffentlich doch noch die Kurve gekriegt habt und ich mir in Zukunft nicht mehr euren Herzschmerz anhören muss“, gönnte er sich noch ein Schlückchen, während der verliebte Tropf vor ihm mit roten Wangen da stand und strahlte, wie in den Süßigkeitenladen zurückgekehrt. Erst nickte er und man hätte fast erwartet, dass er wie im Disneyfilm ein Liedchen anstimmte. Doch stattdessen wurden seine Töne ruhiger, als er noch einen Topf mit Wasser bestückte und sich anschließend auf den Weg um die Kücheninsel herum begab.

„Du, Ernest, was ich da vorhin gesagt habe…“, begann er dabei vorsichtig und ließ sich neben dem Arzt nieder, der ihn mit einem „Welche von deinen Dummheiten meinst du?“ als Sitznachbarn begrüßte. Fast ein wenig gelangweilt schaute er den Dozenten an, offensichtlich müde vom bisherigen Schlagabtausch der Nettigkeiten, aber Frido schaute ihn eher nachdenklich an. Waren ihm etwa die blöden Sprüche und Witzchen ausgegangen?

„Du hast uns wirklich einen schönen Abend beschert und ich wünsch dir einfach, dass du das auch mal wieder selbst erlebst. Sehnst du dich wirklich nicht danach, wieder eine Frau an deiner Seite zu haben? Zumindest manchmal?“, betrachtete Frido den Arzt aufmerksam, der ihn einen Augenblick lang musterte, ehe er genervt ausseufzte.

„Ach, jetzt läuft dein Liebesleben wieder in den richtigen Bahnen und deshalb musst du dich in meines reinhängen?“, zischte er mit einem beherzten Griff zum Glas und funkelte Frido wütend an, als der seine Hand auf Ernests Unterarm legte. Und da sagte er auch noch das, was ihn wirklich nahe eines Korkenziehers im Bauch brachte.

„Trink nicht so viel, okay?“, sprach er eine Spur zu ernsthaft und besorgt, als dass man es für eine kleine Fopperei hätte halten können. Und das spürte auch der Arzt mehr als deutlich – genauso wie der Ärger, der ob dieser Aussage in ihm aufstieg.

„Ich muss doch sehr bitten!“, stellte er das Glas ab, um es nicht in Mitleidenschaft zu ziehen, als er sich losriss und griff doch sogleich wieder danach, kaum, dass er aufgestanden war.

„Dichte mir hier kein Alkoholproblem an und kümmer dich lieber darum, dass das Essen nicht verdirbt!“, spuckte er die Worte regelrecht aus, um dann wutentbrannt aus der Küche in den Wohnbereich zu stapfen und sich ans Fenster zu stellen. Frido wunderte sich hingegen, dass Ernest sein Weg nicht direkt zur Wohnungstür geführt hatte, mit der unmissverständlichen Aufforderung, dass der Aufenthalt für einen von ihnen beiden nun vorbei sei. Und so wäre es vielleicht das Beste gewesen, einfach mal für einen Moment den Mund zu halten, damit die Wogen sich glätten und sie so tun konnten, als sei nichts gewesen. Aber dann wäre Frido wohl nicht Frido gewesen. Zumindest im Gespräch mit seinem guten alten Freund, der ihm auch schon so manch unschöne Wahrheit vor Augen geführt hatte.

„Ich dichte dir nichts an. Ich will nur nicht, dass du irgendwann tatsächlich ein Problem kriegst, das ist alles. Und das Essen muss jetzt erst mal etwas köcheln. Da kann ich grad nicht viel mehr machen, als dumm daneben stehen und es anzugucken. Das Wasser für den Reis braucht auch noch etwas, bis es kocht“, gab er leise zu bedenken, während er Ernests Rückansicht betrachtete und dabei erstmals selbst an diesem Abend zum Glas griff. War ja nicht so, als hätte er nicht schon die Erfahrung gemacht, wie unschön es enden konnte, wenn man ein oder zwei zu viel über den Durst getrunken hatte. Und gerade bei den guten Tropfen, die Ernest immer zur Verfügung standen und die zugegebenermaßen in der Tat vorzüglich mundeten, war ein Gläschen mehr oder weniger vielleicht schnell gemacht – zumindest in der Regeln. Doch bei diesem Merlot?

Irritiert schaute Frido auf sein Glas, kaum, dass der kleine Schluck in seinem Mund gelandet war und runzelte dabei die Stirn. Er schluckte, schnupperte am Glas und nahm noch einen Schluck, um dann erneut verwundert zu blinzeln. Schmecken tat der roten Traubensaft, keine Frage. Süßlich, lecker, eventuell etwas zu wenig gekühlt – aber eben nur das. Kein Prickeln, keine leichte Bitterkeit oder die typische saure Note, die das Ganze normalerweise abrundete. Hatte der Arzt ihm was untergejubelt? Er griff die Flasche, die Ernest auf der Kücheninsel hatte stehen lassen und ging auch ihr auf den Grund – mit dem gleichen Ergebnis. Und dann fiel ihm die Flasche aus dem Supermarkt wieder ein. Der Geruch beim Ablöschen war ihm gleich etwas merkwürdig vorgekommen, aber zwischen ihrem Geplänkel hatte er gar nicht richtig darauf geachtet.

„Traubensaft…“, stellte er auch bei einem Schluck aus ihr fest und ging Ernest langsam nach, bis er im Wohnzimmer auf Höhe des Weinregals angekommen war. Eigentlich sah es aus wie immer, nur waren bei genauerem Hinsehen nicht die Siegel der Flaschen angebrochen? Und zwar durchweg bei allen?

„Spar dir die Mühe. Mit Ausnahme von deinem Chardonnay wirst du hier keinen Wein mehr finden“, sagte Ernest, als Frido eine der Flaschen mitsamt Öffner griff und tippte leicht mit dem Zeigefinger an sein Glas, während er fortwährend den Blick aus dem Fenster gerichtet hielt. Ausdruckslos versuchte er zu wirken, aber Frido ahnte, dass er sich keine Vorstellung davon machte, wie viel Überwindung die folgenden Worte den Arzt kosteten.

„Ich war neulich zu einem Kongress und man könnte sagen, es ging schief, was schief gehen konnte. Falsche Route auf dem Navigationssystem, Buchungsfehler beim Hotelzimmer, meine Exfrau mit ihrem neuen Gatten als Redner und noch ein paar andere Kleinigkeiten, durch die ich mir an dem Abend ein, zwei Gläschen Sekt genehmigte, vielleicht auch drei – und anschließend wieder nach Hause fahren wollte. Du erinnerst dich, der Buchungsfehler bei Hotelzimmer. Die Abstellkammer, die sie mir stattdessen andrehen wollten, war eine Zumutung“, sprach er ruhig und nahm sich dennoch einen Moment der Stille. Stille, damit Frido das Gehörte sacken lassen konnte oder vielleicht auch Stille, um sie mit einem eigenen Räuspern zu füllen und so die Contenance zu wahren? So oder so zeigten die feinen Bewegungen seiner mahlenden Kiefer, wie es in ihm arbeitete, als er zwischen seinen Zähnen hervor presste, dass er beim Ausparken einen anderen Wagen touchiert hatte. Nichts Wildes, ein kleiner Kratzer im Lack, niemand wurde verletzt oder kam ernstlich zu Schaden. Aber die Polizei wurde trotzdem gerufen – nun, und den Rest konnte man sich wohl denken.

„Ich bin seit kurzem ohne Fahrerlaubnis“, fand die Geschichte ihren krönenden Abschluss in einem Nippen am Weinglas mit rotem Traubensaft und einem angewiderten Blick, als er die bittere Schmach herunterwürgte. Er hielt stur an seinem Blick auf die Nachbarschaft fest, aber sein feines Gehör verriet ihm, wie Frido die Weinflasche zurück in das Regal legte und den Öffner auf das Sideboard daneben sinken ließ.

„Sollte der Traubensaft dein Essen ruiniert haben, bedaure ich dies zutiefst. Selbstverständlich werde ich für den Schaden aufkommen. Und nun darfst du deine Witzchen über meinen Hochmut reißen“, schien der Arzt diese Farce nun endlich hinter sich bringen zu wollen, auch, wenn Fridos Nickeligkeiten sicherlich an seinem Stolz kratzen würden. Doch der Dozent sagte nichts. Er schmunzelte nicht einmal, geschweige denn, dass er griente oder eine selbstgefällige Geste machte. Stattdessen öffnete er seinen Mund erst wieder, als er neben Ernest stand, das Gesicht ebenfalls zum Fenster gerichtet, aber den Blick so gut er konnte auf seinem Freund.

„Und der Traubensaft?“, fragte er behutsam, um Ernest damit ein Zucken seines Mundwinkels abzuringen – belustigt sicherlich, aber mitnichten heiter und fröhlich.

„Mir stand nicht der Sinn danach, dass ein leeres oder gar fehlendes Weinregal an diesem Abend zum Aufhänger unserer Unterhaltung wird, kaum, dass du durch die Tür getreten bist. Und ich würde es auch jetzt begrüßen, wenn wir nicht weiter darauf eingehen würden“, sagte er, wobei Frido das Gefühl hatte, dass Ernest nicht nur die Scham antrieb. Waren die teuren Tropfen nicht auch immer ein wenig die eigene Anerkennung für das gewesen, was er geleistet hatte? Ein ähnliches Statussymbol wie der kostspielige Fuhrpark und andere kleine Annehmlichkeiten, die dem Arzt bewiesen, zu was er sich hochgearbeitet hatte?

Diese Gedanken sprach Frido jedoch nicht aus. Stattdessen war es Ernest, der die Stille zwischen ihnen gerade nur äußerst schwer ertrug.

„Bring dir in nächster Zeit einfach selber etwas mit, wenn du weiterhin bei unseren Treffen Wein trinken möchtest. Selbstverständlich scheue ich mich nicht davor, dich hierbei finanziell zu unterstützen. Schließlich bist du dennoch mein Gast“, bot er darum an, wohingegen Frido den Kopf schüttelte.

„Traubensaft ist doch lecker!“, sagte er und grinste, als Ernest ihn endlich mit einem Seitenblick bedachte. Und wie begeistert Dominik wohl erst wäre, wenn er nicht mehr als einziger mit seinem Orangensaft zwischen ihnen beiden hocken musste.

„Wenn du willst, können wir ja auch mal Kinderpunsch ausprobieren! Mein Schatz schwört da jedenfalls drauf!“, verschränkte er die Arme vor der Brust und lachte, als Ernest langsam wieder Anstalten machte, zur alten Hochform aufzulaufen.

„Nun… dass Dominiks Geschmack zuweilen etwas fragwürdig ist, steht wohl außer frage, nicht wahr?“, schoss er spitz und bedachte Frido mit einem vielsagenden Mustern. Der hob jedoch mahnend den Finger und schaute ihn eindringlich an.

„Vorsicht, sonst spuck ich dir ins Essen!“, griente er, um dann im gleichen Augenblick wie Ernest diesen etwas sehr würzigen Geruch zu bemerken, der allmählich aus dem Küchenbereich zu ihnen hinüber waberte und mit einem irritierten „Soll das so?“ vom Arzt kommentiert wurde. Frido jedoch hatte es plötzlich wahnsinnig eilig.

„Scheiße, die Soße!“, rief er noch aus, während er los wetzte. Doch da sprang auch schon der Rauchmelder an und ein weiteres Mal an diesem Abend wünschte Ernest sich heimlich, dass er mit dem Wegkippen des Weins noch ein, zwei Tage länger gewartet hätte.

1.3.2025: Gedankengehalt

Es war dunkel, kalt. Eine eisige Düsternis, die alles verschlang und nur eines übrig ließ: Schmerz. Er zog sich durch den gesamten Körper, vom kleinen Zeh bis zum Scheitel; mal pulsierend, mal stechend, mal dumpf und mit jedem Atemzug anwachsend, bis das Bewusstsein ihn endlich wahrnahm.

Stöhnend kniff er die Augenbrauen zusammen, als der Schmerz vom Fiepen in seinen Ohren abgelöst wurde; genauso zunehmend, bis es sich zu einem Donnern wandelte, das sich mit dem Rauschen seines Blutes in den Adern vermischte. Er versuchte sich zu orientieren, schaffte nur mit Mühe, die flatternden Lider zu stabilisieren. Sein Blick war milchig, trüb, wie von einem Schleier verhängt, der sich nur allmählich lichten wollte. Ein Stöhnen kroch aus seinen geöffneten Lippen. Er konnte sie nicht schließen, zu groß war die Angst, sonst zu ersticken, während ihm ein kleines Rinnsal aus der Nase strömte. Und über die Stirn, wie er feststellte, als er endlich die Augen offen halten konnte und so viel sah, dass er dabei auch etwas erkennen konnte. Seinen Kopf wagte er nicht zu bewegen, lehnte ihn nur gegen die Kopfstütze, während seine Augen das begutachteten, was ihnen zu erfassen gelang. Und das schien nichts als Zerstörung zu sein. Er sah den offenen Bruch seiner Hand, das eingequetschte Bein. Risse und fehlende Stücke in der Windschutzscheibe, der Airbag schlaff wie ein alter Ballon. Und alles, was er dachte, war: „Nicht schon wieder. Nicht noch mal“.

Er war sie so leid, die Qualen und die Hilflosigkeit. Das betäubende Gefühl, nichts ändern zu können und seinem Schicksal ausgeliefert zu sein.

„Verdammt!“, riss er sein Bein aus den Fängen des Wagens los und stieß zugleich die Tür auf. Er taumelte hinaus, konnte stehen, obwohl er sich fühlte, als sei beinahe jeder Knochen in ihm gebrochen und spuckte aus, um endlich den metallischen Geschmack in seinem Mund los zu werden. Auch über Stirn und Oberlippe wischte er, um die Spuren des Unfalls zu verwischen – zumindest die Spuren an sich selbst, während um ihn herum noch immer alles davon zeugte. Die regennasse Fahrbahn, in deren Pfützen die Ölflecke schillerten, vermischt mit Blutspuren und übersät von Splittern. Zerborstenes Glas der Spiegel und Scheiben, zerfetzte Scheinwerfer, demoliertes Metall. Es knirschte unter seinen Schuhen, als er langsam um den Wagen herum ging, die Reste der Frontscheibe betrachtete und versuchte, sich zu orientieren. Irgendwo in der Ferne waren Sirenen zu hören. Er schaute in den grauen Himmel und dann wieder zurück auf die Straße. Irgendetwas fehlte, dachte er und schüttelte den Kopf. Nein, nicht irgendwas, sondern irgendwer. Noch einmal blickte er zum Wagen. Die Beifahrerseite war leer. Jetzt zumindest, aber vorhin…? Er trat weiter um den Wagen herum und dann traf es ihn wie ein Schlag: Dort lag er!

„Dominik!“

Er rannte los, überwand die wenigen Meter und stürzte neben ihm auf die Knie.

„Dominik!“

Er betrachtete den reglosen Körper, der vor ihm lag. Eine Hand auf den Bauch, die andre daneben. Beide Beine verdreht, aber scheinbar nicht gebrochen. So, wie der Rest. Nur eine Platzwunde an Stirn und Mundwinkel. Genau wie damals, nach der Schlägerei.

„Dominik…“

Vorsichtig ließ er seine Hand an die blasse Wange wandern und lächelte, als der Angesprochene endlich die Augen öffnete. Wie gerne hätte er ihn jetzt in den Arm genommen und verbat es sich dennoch, um seine möglichen Wunden nicht noch zu verstärken. Vielleicht hatte er innere Verletzungen!

„Dominik, schau mich an. Ich bin hier!“, musste er ihm erst sagen, damit das verwirrte Starren der grünen Augen ein Ziel fand. Sie folgten langsam der Aufforderung und erkannten doch sofort, wen sie vor sich hatten. Er lächelte. Sie taten es beide. Doch es lag noch mehr in den Zügen des Jüngeren. Er öffnete die Lippen, versuchte zu sprechen, aber als es ihm nicht gelang, schüttelte der Ältere den Kopf.

„Nicht jetzt. Ruh dich erst mal aus“, sprach er beruhigend und doch spürte er tief in sich drin, dass es keinen Aufschub gab. Ein Zittern ergriff seinen Körper, als der Jüngere es noch einmal versuchte und er sich ihm entgegen lehnte. Das Ohr dicht an seinem Mund hörte er den flachen Atem und da, endlich die Worte, die der Lockenkopf so dringend noch sagen musste.

„Es ist okay. Ich wurde geliebt“

Es war ein Flüstern, ein zarter Hauch, der nur eine einzelne Träne zurückließ, als Frido sich aufrichtete und ihn wieder anschaute. Er schaute nicht mehr zurück.

„Dominik?!“, spürte er, wie sein Atem schneller wurde und die Panik von ihm Besitz ergriff. Aber dieses Mal nicht! Er presste die Lippen zusammen, ballte die Fäuste und kämpfte das Gefühl zurück.

„Dominik, sieh mich an. Bitte!“, waren seine Worte eine Appell an sie beide und beinahe packte ihn wieder die Unruhe, als der Jüngere nicht sogleich reagierte. Aber dann, ein Blinzeln, noch eines und sein Blick fand wieder den des Älteren.

„Das hast du gut gemacht“, konnte der nun ein wenig der Strenge fallen lassen.

„Halt dich fest. Ich bring dich hier weg“, schob er die eine Hand unter den Rücken des Jüngeren und richtete ihn auf, damit er die Arme um seinen Nacken schlingen konnte. Er fasste ihn mit der anderen Hand unter den Knien und wollte ihn anheben, doch plötzlich schien der junge Mann, der sonst leicht wie eine Feder war, Tonnen zu wiegen.

Nicht schon wieder! Er war doch so kurz davor! Warum konnte er ihn nicht – ein Moment der Verzweiflung wurde vom Kopfschütteln verjagt. Und wenn Dominik es selber tun musste?

„Warte…“, löste Frido also seine Hände und Dominiks Griff.

„Steh auf“, richtete er sich stattdessen selber auf und bot Dominik seine Hand, um ihm auf die Füße zu helfen. Der junge Mann zögerte. Aber nur einen Augenblick. Dann griff er die dargebotene Unterstützung, kam langsam und schwankend auf die Füße, bis er sicher neben ihm stand – und ihm ein schüchternes Lächeln schenkte.

„Gut gemacht“, bekräftigte der Ältere noch einmal, erlaubte sich ein leises Seufzen und hielt die Hand seines Freundes noch ein bisschen fester. Noch hatten sie es nicht geschafft.

„Nicht loslassen, hörst du? Ich bring dich hier weg. Wir verschwinden von hier“, versprach er und zog Dominik seicht mit sich, taumelnd, schwerfällig und dann immer gleichmäßiger, als der Jüngere es schaffte, zunehmend mit ihm Schritt zu halten. Kein Vorauslaufen mehr oder hinter ihm Hertrotten – sie blieben auf gleicher Höhe. Der Jüngere nickte. Sein Lächeln wurde zu einem Strahlen, immer heller und gleißender, bis Frido unter tiefem Brummen die Lider zusammenkniff und den Kopf zur anderen Seite drehte. Er gab einen leisen Fluch von sich.

„Verdammt noch mal…“, murrte er und rieb sich über das Gesicht.

„Nicht schon wieder dieser beschissene Traum…“.

Ein tiefes Seufzen weitete seine Brust und ließ sie wieder zusammensinken, als er die Augen zögerlich öffnete und zur Decke starrte. Mit leerem Blick, aber voller Gedanken. Er war verschwitzt – kein Wunder. Und er fühlte sich elend – auch kein Wunder. Hatte er wieder im Schlaf geschrien? Nein, wahrscheinlich nicht, sonst wäre er davon aufgewacht. Zumindest vermutete er das. Spätestens, wenn sein Nachbar ihn wieder ansprach, warum er mitten in der Nacht das Haus zusammen gebrüllt hatte, würde er es erfahren. Wobei – es war nicht mehr mitten in der Nacht, sondern taghell. So hell, dass die verfluchte Sonne einem in den Augen schmerzte. Hatte der alte Sack also keinen Grund, sich zu beschweren.

Grummelig richtete Frido sich auf, winkelte die Beine an und legte die Unterarme auf den Knien ab. Er schaute zum Fenster. Jetzt tat das Licht nicht mehr weh. Seine Augen hatten sich daran gewöhnt. Aber sein Kopf? Er kratzte sich am Schopf und stierte wieder vor sich hin. Wie lange wollte ihn dieser Alptraum eigentlich noch verfolgen? Immer das gleiche Szenario, nur mit unterschiedlichen Details: Mal war nur sein eigener Wagen zu sehen, mal kam auch der des Unfallverursachers dazu. Mal waren dort irgendwelche Rettungskräfte, Passanten, mal Eichhörnchen, die dämlich glotzten oder Krähen, die ein Festmahl witterten. Er hatte Nebel erlebt, Regen, Schnee und sogar einen Regenbogen, der sich plötzlich schwarz gefärbt und wie von Teer getränkt zu tropfen begonnen hatte. Nur eins war dabei immer gleich: Er, der trotz seiner Blessuren und Verletzungen irgendwie aus dem Wagen kam und dann Dominik rettete. Oder es zumindest versuchte.

Leicht befeuchtete er seine Lippen, presste sie zusammen und spürte dennoch ihr Zittern, als er an die vielen Male dachte, in denen er Dominik nicht hatte beschützen können. Egal, was er versucht hatte, am Ende war er ihm dann doch entglitten – auf die eine oder andere Weise, aber immer mit dem Gefühl der Verzweiflung, Trauer und Hilflosigkeit, das ihn bis ins Erwachen begleitet hatte. Und was sollte er dem Lockenkopf bitte sagen, wenn der ab Ende der kommenden Woche wieder jede Nacht bei ihm schlief?

„Schatz, wenn ich nachts schreiend aufwach, kümmer dich nicht drum. Ist schon okay. Dann hab ich nur mal wieder den Alptraum, der mich seit deiner Abreise nach England quält. Kommt aber auch nicht jeden Nacht vor! Nur manchmal! In manchen Wochen täglich, in anderen gar nicht! Versprochen!“ – so vielleicht? Bitter lachte er über seinen eigenen schlechten Witz und stützte den Kopf gegen seine Hand. Eigentlich hatte er ja gehofft, das Thema wäre jetzt endlich durch. Schließlich hatte er diesen Scheiß seit seinem letzten Besuch bei Dominik nicht mehr geträumt! Und jetzt gings von vorne los…

Er schlug die Decke auf und rutschte zum Rand der Matratze. Sport hätte ihm jetzt vielleicht gut getan, aber im Moment war ihm überhaupt nicht danach. Duschen gabs vielleicht später, jetzt musste die Katzenwäsche reichen und ein Kaffee zum Frühstück auch. Dann stapfte er zum Atelier, Tasse noch in der Hand, gehüllt in seinen besten Schlabberlook mit Farbspritzern auf Shirt und Jogginghose und ohne Dominik wenigstens einen kurzen Morgengruß zu schicken. Er fühlte sich gerade überhaupt nicht danach, ihm irgendwas vor zu trällern, wenn er so beschissen drauf war und darüber sprechen wollte er im Moment auch nicht. Also erst mal Schweigen und außerdem war es noch früh. Bestimmt schlief sein Liebling noch, nachdem er selbst die Nacht an der Staffelei durchgemacht hatte. Frido jedenfalls betrachtete das, an dem er die letzten Wochen so mühsam gearbeitet hatte. Das erste richtige Bild, seit er wieder malte. Nicht einfach nur das Herantasten an längst eingerostete Techniken und Motive, Anschleichen an Formen und Farben oder Versuche, wieder ein Gefühl für den Pinsel zu bekommen. Nein, etwas mit mehr Bedeutung als das sollte es werden. Etwas, das den Gedankengehalt dieser Reise enthielt und auch die Essenz der vielen Gefühle, die dort mit hineingeflossen waren. Vor allem die vielen, die er vorher immer verdrängt hatte. Ästhetisch schön wäre es sicherlich nicht. Aber ehrlich. Und er wusste, wenn einer dieses Werk zu lesen wusste, dann Dominik! Also wollte er es endlich fertigstellen, um es seinem Freund zu präsentieren, wenn er in ein paar Tagen wieder über die Schwelle zu diesem Raum treten würde. Eine kleine Überraschung, die er bislang verborgen gehalten hatte. Und bei der er froh war, dass ihn heute nichts und niemand stören würde, wenn er an ihr arbeitete. Juli war ein paar Tage bei ihren Eltern, damit sie mal wieder etwas mehr von ihrem Enkelchen hatten, die Semesterferien hatten begonnen und das freitägliche Treffen mit Ernest hatte noch über eine halbe Woche Zeit.

Also setzte er sich auf den Hocker, stellte die Tasse neben sich ab und griff zum Pinsel. Er hatte die restliche Farbe auf der Palette am Vorabend nur mit Folie abgedeckt, konnte darum auch sofort weiter malen und hielt dennoch inne, als die Pinselspitze gerade in das Rot abtauchen wollte. Rot wie Blut. Er wollte nicht mehr an den Traum denken und trotzdem schoss er ihm zurück in den Kopf. Es war das erste Mal gewesen, dass er Dominik bis zu diesem Punkt gebracht hatte und mit ihm so davon gegangen war, Hand in Hand. Zum ersten Mal, seit diese Träume begonnen hatten, war es ihm möglich gewesen, ihn zu retten – aber hatte er das wirklich geschafft? Oder war er einfach nur zu früh aufgewacht und in Wirklichkeit wäre der Traum wieder damit geendet, dass er ihn verloren hätte? Er zog die Augenbrauen zusammen und dippte energisch in die Farbe. Ja, beim nächsten Mal ging es wahrscheinlich wieder so aus wie bisher immer! Ein einziger kleiner Zufall, ein winziger Moment der Entspannung, um in ein paar Tagen oder Wochen erneut diese Tortur durchzumachen! Er schnaubte aus und wollte es vergessen, aber trotzdem hielt sein Kopf daran fest. Nagte sich immer wieder durch die Schauerbilder, die er erzeugt hatte und verglich sie mit den früheren Hirngespinsten.

Erst gegen Mittag gaben seine grauen Zellen so weit Ruhe, dass sie Platz für den inzwischen grölenden Hunger ließen und Frido einsehen musste, dass jede Sturheit irgendwann nichts mehr brachte, wenn seine Hand zu sehr verkrampfte. Er brauchte eine Pause, ob er wollte oder nicht. Sein Körper bekam Erholung, sein Kopf mahlte weiter.

Um eins ging er zurück ins Atelier, um drei holte er sich Oropax. Seit kurz nach zwei hatte Rainer – der alte Sack – Besuch. Eigentlich mochte er Rainer und eigentlich war der auch noch gar nicht sooo alt, aber er hatte Geburtstag und feierte nun mit seiner ganzen Sippe. Mitten unter der Woche. Eher noch am Wochenanfang – wer tat so was?

Es wurde dunkel, die Farbe leerer, seine Leinwand voller. Rainers Gäste waren scheinbar weg. Jedenfalls nahm Frido testweise die Oropax raus, hörte kein lautes Geschnatter mehr und warf die Ohrstöpsel achtlos bei Seite. Dabei starrte er weiter auf das, was er da schuf. Es fehlte nicht mehr viel, bald konnte er es signieren. Aber sein Kopf wusste immer noch nicht, warum er so grübelte und arbeitete. Vorher war das nicht so gewesen, da hatte ihn vor allem das Gefühl geleitet. Was war heute anders? Frido wusste auch das nicht. Dieses Mal wollte er obendrein auch nichts von seinem knurrenden Magen oder der zittrigen Hand wissen. Er war nicht Dominik, der an diesem Punkt der Arbeit einen Frido hatte, der ihn sanft von der Staffelei weg holte oder ihm etwas zu Essen hinstellte. Bei diesem Gedankengang hielt er kurz inne. Er hatte das Gefühl, dass… nein, doch nicht. Er malte weiter.

Zwanzig nach Neun, sein Nacken schmerzte immer mehr, die Sicht wurde langsam unklar. Er rieb sich das Gesicht, war gefangen zwischen Wahn und absoluter Erschöpfung. Der Hintern tat weh und der Rücken erst recht. Kurz aufstehen und sich dehnen? Nein! Trinken könnte er auch mal wieder was… gleich! Mach jetzt fertig! Los!

Also trieb er sich ans Äußerste, setzte hier noch einen Klecks, dort einen Strich, fühlte den Moment kommen, an dem er fertig war und nur noch ins Verschlimmbessern kippen konnte. Seine Hand krampfte, er ließ den Pinsel einfach fallen und bewegte die Finger, damit sie ihm wieder gehorchten. Dieser Pinsel wäre eh viel zu grob gewesen. Er wollte einen feineren, dezenteren. Nun musste er noch einmal alles geben! Frido griff den kleinsten Pinsel, den er sich schon vor Tagen mit dessen Kollegen parat gelegt hatte, öffnete zum ersten Mal die Tube mit dem sonnigen Gelb und tat einen Klecks davon auf die Mischpalette. Und dann – er atmete tief durch, beugte sich noch etwas weiter vor – schrieb er an den unteren rechten Rand seinen Namen. Nicht der, den er früher unter seine Werke geschrieben hatte, nein, dort stand nun tatsächlich in zittrigen Lettern nichts anderes als „Frido Klimlau“ – mit verunglücktem „o“, aber das war egal. In diesem Augenblick war alles egal.

Er ließ die Hand auf seinen Schoß sinken, starrte auf die Leinwand und blinzelte. Einmal, zweimal, dreimal und dabei versuchte er zu begreifen, was gerade geschehen war.

„Ich…“

Seine Stimme zitterte und seine Finger taten es auch. Das da vor ihm, das hatte er geschaffen! Er allein! Dort steckten all diese furchtbaren Erinnerungen und Gefühle drin! All das, was er jahrelang mit sich herumgeschleppt hatte und was ihm vielleicht noch länger eine Plage gewesen wäre, wenn nicht… - und mit einem Mal verstand Frido. Er hatte zwar den Pinsel geführt, aber durch wen hatte er ihn überhaupt erst in die Hand genommen? Von Anfang an war es darum gegangen, Dominik zu retten und viel zu oft hatte er dabei nicht gesehen, dass Dominik auch die Rettung für ihn sein konnte. Oder er hatte es schnell wieder verdrängt, wenn ihm diese Erkenntnis doch mal gekommen war. Er musste nicht immerzu stark sein und Dominik halten – er durfte sich auch an ihm anlehnen. Es war nicht nur eine kleine Hoffnung, es war eine Tatsache. Oft genug hatte der Lockenkopf ihm inzwischen doch beigestanden, bei anderen angefangenen Bildern und Versuchen voller Frustration. Ihn hatte Frido angerufen, wenn ihm mal wieder alles zu viel geworden war und oft genug war der Lockenkopf ihm mit dem Telefonat sogar zuvor gekommen, ganz so, als habe er geahnt, dass er im nächsten Moment gebraucht wurde... Und plötzlich brach es aus Frido heraus.

„Dominik!“, presste er die Hände aufs Gesicht und schluchzte herzerweichend, während er gleichzeitig nichts anderes tun wollte, als seinen Liebsten anzurufen und ihm dieses Bild zu zeigen. Aber er schaffte es ja nicht einmal, das Handy aus der Hosentasche zu ziehen, weil er sich so an sich selber festklammerte, fast, als wäre er ein Kind, das Schutz brauchte, eine Umarmung und das sanfte Wiegen einer liebenden Mutter. Er suchte Halt. Nur war es bei ihm nicht seine Mutter, von der er ihn bekam – und das hätte er in diesem Fall auch nicht gewollt. Die zarten Hände, die sich just in diesem Augenblick auf seine Schulten legten und sanft zu seinen eigenen Fingern wanderten, waren die seines Mannes.

„Aber was…“, schreckte Frido zwar auf, als er Dominik plötzlich bei sich spürte, aber als sich die Locken an seine Wange schmiegten und er fühlte, wie der Jüngere keinen Zentimeter Platz mehr zwischen ihnen ließ, ließ er sich nur noch in diese Umarmung sinken.

„Ist schon gut. Ich bin bei dir und ich geh auch nicht mehr weg“, sprach Dominik sanft, während ihm die eigenen Tränen über die Wangen rannen und er hielt seinen Frido so lange, wie der diese Liebkosung brauchte. Er schmiegte sich an ihn, bis der Ältere aufhörte zu Zittern, das Weinen leiser wurde und sein Atem wieder gleichmäßiger. Erst, als die letzte Träne verebbte, lockerte er seinen Griff und ging neben Frido ihn die Hocke, erschöpft vom Flug, aber glücklich, wieder zuhause zu sein.

„Was machst du hier?“, konnte der Ältere es aber immer noch nicht richtig glauben und deutete an, die Hand an Dominiks Wange zu legen. Aber er hielt inne, als habe er Sorge, die Seifenblase könnte zerplatzen, sobald er die weiche Haut berührte. Das tat sie aber nicht. Stattdessen fasste Dominik sein Handgelenk, half ihm mit der liebevollen Geste und lächelte, als er Fridos Finger spürte.

„Jetzt wollte ich dich mal überraschen“, sagte er leise und erzählte davon, wie er sich mit seinen Abgaben extra viel Mühe gegeben hatte, um auch dieses Mal etwas früher als nötig damit fertig zu sein. Es waren nicht mehrere Wochen geworden, wie in den vergangenen Semesterferien, doch zumindest einige Tage, die er nun früher hatte zurückkehren können. Genau genommen war er sogar noch ein paar Tage eher fertig gewesen, nur hatte er da das Flugticket längst gekauft gehabt und sich die Stornokosten sparen wollen.

„Außerdem musste ich meine Lebensmittel erst noch aufbrauchen. Die wollte ich nicht unbedingt ins Flugzeug mitschleppen. Der Koffer ist eh schon proppenvoll“, grinste er leicht verstohlen und lachte, als Frido noch immer ungläubig den Kopf schüttelte.

„Aber… warum hast du mir nicht wenigstens Bescheid gesagt, dass ich dich abholen soll? Dann hättest du dir doch das Taxi sparen können“, meinte der schniefend, ehe er sich kurz abwendete, um die Nase zu schnäuzen und sich dann an diesem wundervollen Gesicht gar nicht sattsehen konnte, das nun anfing zu grinsen und die Augenbraue hochzog.

„Dafür müsstest du erst mal ans Handy gehen, du Nase! Ich hab dich zweimal angerufen, aber du schmeißt das Ding ja lieber aufm Küchentisch rum! Hatte schon gedacht, du wärst kurzfristig doch noch zu deinen Eltern mitgefahren und hättest mal wieder verpeilt, den Klingelton lauter zu stellen“, knuffte er Frido in die Seite, der ihn erst anstarrte und sich dann mit der Hand übers Gesicht fuhr.

„Ist nicht dein Ernst, oder?“, ließ der brummend den Kopf hängen, als er hörte, wie ein etwas irritierter Dominik erst Fridos Straßenschuhe und Jacke im Flur und dann besagtes Smartphone neben dem leer gefutterten Teller von heute Mittag entdeckt hatte. Der Ältere murmelte eine Entschuldigung, aber der Jüngere stand auf und umarmte ihn wieder.

„Ist nicht schlimm. So wars sogar noch schöner. Was wäre denn eine bessere Begrüßung gewesen, als dich im Atelier an der Staffelei vorzufinden hm?“, sprach er warm und strich Frido über die Wange, als der den Kopf wieder zu ihm hob.

„Seit wann bist du denn überhaupt zurück?“, zog der ihn nun auf seinen Schoß, die Arme locker um seinen Dominik gelegt, während der erzählte, dass er gegen kurz nach sechs heimgekehrt sei und anschließend die ganze Zeit über hinter ihm auf dem Sofa gesessen und ihm zugesehen hatte. Bis auf ein Mal – da hatte die Natur gerufen, aber Frido dank seiner Oropax ja trotzdem auch nach der zweiten Rückkehr nichts von seinem stillen Beobachter mitbekommen.

„Rainer hatte Besuch…“, versuchte Frido zu erklären und sein schiefes Grinsen zeigte, dass ihm das Ganze doch etwas peinlich war, aber Dominik amüsierte sich darüber.

„Ach, das kenn ich doch schon von dir, dass du es nicht immer mitkriegst, wenn man dich anhimmelt“, neckte er ihn und legte die Arme um Fridos Schultern, ehe er ihm ernsthaft und ergriffen sagte, wie stolz er auf ihn war. Und dann richtete er seinen Blick auf Fridos Malerei, genoss mit ihm diesen Triumph und das Gefühl, auch diese Hürde auf ihrem gemeinsamen Weg bezwungen zu haben, um schließlich seine Hand zu greifen, ihn auf die Füße zu ziehen mit ihm in ihre Wohnung zu gehen. Danach träumte Frido nie wieder vom Autounfall.

2.3.2025: Guggenmusik - Instagram

Es war absurd. Ein anderes Wort wäre ihm wirklich nicht eingefallen, wenn ihn jemand gebeten hätte, diese Situation zu beschreiben. Wie konnte ein Mensch nur so viel Glück empfinden? So viel Erleichterung, Freude und Liebe, die ihm das Herz beinahe überlaufen ließen? Er konnte es gar nicht greifen. Sein Bauch kribbelte, dass ihm fast schlecht davon wurde und die Pumpe in seiner Brust spielte einen Takt, den ein gewisser Arzt vermutlich als Guggenmusik bezeichnet hätte: Fröhliche, laute Klänge wie bei einem Fastnachtsumzug, die immer dann einen scheinbaren Misston einschoben, wenn sie schlagartig eine neue Melodie hinlegten, weil sein Herz sich einfach nicht entscheiden konnte, welchem Hochgefühl es nun am meisten folgen wollte.

„Du weißt aber schon, dass du die ganze Zeit wie ein Irrer vor dich hin grinst, oder?“, blieb sein Innen dabei offenbar auch nicht im Außen verborgen und ein noch größeres Strahlen legte sich auf sein Gesicht, als er es vom imaginären Punkt an der Decke zu seinem Liebsten drehte. Der sah zwar selber alles andere als unzufrieden aus, während er nun endlich wieder voller Selbstverständlichkeit in Fridos Armbeuge lag, aber vor allem schien er interessiert.

„Ich seh dich seit zwei Tagen eigentlich nur Grinsen oder Stöhnen oder beides“, stellte er fest, während er diese niedlichen Grübchen betrachtete, die sich zwar schon immer gern auf Fridos Wangen geschlichen hatten, aber inzwischen wie darauf festgetackert wirkten.

„Ich bin einfach nur wahnsinnig glücklich“, murmelte das Honigkuchenpferd und stimmte in Dominiks Lachen mit ein, als der ein saloppes „Wär mir gar nicht aufgefallen“ raushaute. Es konnte so wunderbar einfach sein. Keine Ängste, keine Sehnsucht. Nicht mehr dieses Ziehen in der Magengegend, wenn er auch nur daran dachte, seinen Fokus von der Kunst seiner Studenten auf seine eigene Malerei zu lenken. Nur dieser wundervolle Mann bei ihm, dem er keinen Moment mehr von der Seite weichen wollte. Und plötzlich schoss es ihm durch den Kopf: War das jetzt vielleicht der richtige Augenblick?

„Dominik…“, richtete er sich ein wenig auf, gestützt auf seinen Unterarm, um mit der anderen Hand nach Dominiks zu greifen.

„Dominik Preuss, willst du mich…“, begann er, doch dann stockte ihm plötzlich der Atem. Was tat er hier eigentlich? Doch nicht einfach so zwischen den zerwühlten Kissen, mit dem Schweiß der letzten Nacht auf ihrer Haut und quasi im Vorbeigehen! Dieser Mann war etwas Besonderes! Und nichts weniger als einen besonderen Antrag hatte er verdient! Er hatte Dominik ja nicht einmal einen Ring besorgt!

„Ähm…“, er klappte Frido den Mund also wieder zu, schluckte gegen die plötzliche Trockenheit in seiner Kehle an und starrte Dominik an, der es ihm gleich tat.

„Ja?“, fragte der Jüngere blinzelnd und hob die Augenbrauen, um dann schief zu grinsen, als Frido mit einem weiteren „Ähm“ suchend den Blick durch den Raum schweifen ließ.

„Frido? Alles okay?“.

Der Ältere kniff die Augen zusammen und nickte eifrig.

„Ja.. Ja! Ich äh… sorry“, lachte er leise. Verdammte Scheiße…

„Ich wollte dich eigentlich nur fragen, ob du… ob du mich nachher zu Ernest begleiten willst! Oder… oder soll ich ihm absagen und heute hier bleiben?“, fand er zurück zu Dominiks Gesicht, das noch immer ein wenig irritiert wirkte.

„Äh… nein, du brauchst ihm nicht absagen. Ich komm gern mit. Wir können ihn ja damit überraschen, dass ich schon wieder da bin“, sagte er, während Frido erst langsam und dann schneller nickte, begleitet von einem „Ja.. ja, genau! Hab ich auch gedacht!“.

War es eigentlich gerade wirklich so warm oder bildete er es sich nur ein? Nein, es war tatsächlich heiß und dabei nicht mal auf gute Weise! Fast zum Ersticken heiß vielmehr und seine Kehle immer noch furchtbar trocken.

„Du, ich hol uns mal was zu trinken, ja?“, rollte er sich also schnell aus dem Bett, rannte fast noch vor dessen Kante und polterte dann aus dem Schlafzimmer in die Küche, um sich leise fluchend auf die Arbeitsplatte zu stützen. Was war das denn jetzt schon wieder gewesen?

„Gott, du Idiot! Was treibst du da eigentlich?!“, schalt er sich im Stillen und schüttelte den Kopf über sich. Er rieb sich das Gesicht und brummte dabei leise in seine Hände. Ob Dominik wohl was gemerkt hatte? Eigentlich wusste er ja, dass sein Frido manchmal etwas tollpatschig unterwegs war… Und da machte der Lockenkopf auch schon mit einem Räuspern auf sich aufmerksam. Er lächelte schief, während Frido sich langsam, fast in Zeitlupe zu ihm umdrehte. Da stand er also, der Lockenkopf, war an die Zarge gelehnt, sah hinreißend aus in seinem Adamskostüm und Frido zog erst recht den Schwanz ein. Kein inbrünstiges „Heirate mich!“, kein Überspielen der Situation, indem er ihn mit heißen Küssen von dieser Peinlichkeit ablenkte, nein, nur stehen und starren.

„Sag mal, ist wirklich alles okay?“, erkundigte der Jüngere sich also, während der Ältere sich fragte, wie er das jetzt schon wieder so verbockt hatte.

„Ja, ich… ich glaub, ich hab einfach ein bisschen zu wenig geschlafen. Tut mir leid“, fand er wenigstens einigermaßen die Stimme wieder und lachte beschämt, ehe er den Kühlschrank aufriss, um endlich das versprochene Wasser rauszusuchen. Wo war die verfluchte Flasche hin?!

„In der Tür“, beantwortete Dominik seine leise geknurrte Frage und trat langsam auf ihn zu, als Frido voller Erstaunen den gesuchten Gegenstand entdeckte.

„Klar! Ich Esel! Manchmal seh ich den Wald vor lauter Bäumen nicht!“, lachte er noch einmal, ehe er mit einem Räuspern den Mund zu- und die Tür seines Hängeschranks aufklappte. Gläser! Wo zum Geier…

„Andere Seite. Das sind die Teller und Tassen“, hörte er Dominik, der erst die offen stehende Kühlschranktür schloss und sich dann hinter Frido an den Küchentisch lehnte.

„Ich hab Juli schon so oft gesagt, sie soll hier nicht immer alles umstellen!“, maulte der Ältere und biss sich auf die Lippen, als Dominik den Hinweis fallen ließ, dass die Gläser eigentlich schon immer dort gestanden hatten. Zumindest, seit er das erste Mal in dieser Wohnung gewesen war. Der Ältere nickte. Und schwieg. Einfach mal die Klappe halten wäre gerade vielleicht zielführender! Und wäre es eigentlich schon von Anfang an gewesen… Allerdings galt das nicht für Dominik.

„War grad ziemlich förmlich, die Frage, ob ich mit zu Ernest kommen möchte, findest du nicht?“, sprach er ruhig, während er sich eine Weile wortlos angeschaut hatte, wie Frido sich nicht entscheiden konnte, welche Gläser er jetzt nehmen wollte. Die kleinen oder die großen? Die bunten oder die Christallgläser, die eigentlich mal im Wohnzimmerschrank gestanden hatten und aus Faulheit dann nach dem Spülen hier gelandet waren? Der Chaoskopf ließ die Hände sinken und schaute behutsam über die Schulter. Noch immer wurde er aufmerksam betrachtet. Frido spürte sein Herz rasen – jetzt nicht mehr tanzend und singend, sondern fast schon panisch. Er durfte das hier nicht versaubeutelt haben. Nicht ausgerechnet das! Bloß keine schnelle Bewegung und am besten einfach tot stellen! Aber da traf es ihn auch schon.

„Ich… dachte kurz, du machst mir n Antrag“, schmetterte Dominik das letzte Bisschen Hoffnung weg, dass ihm Fridos wahre Intention entgangen sein könnte. Er stand ruhig da, zuckte nur leicht den Mundwinkel und trotzdem fühlte Frido sich, als hätte er eins mit der Dampframme bekommen. Verdammt…

„Ähm…“, erwies er sich wieder einmal als Meister der Eloquenz, während Dominik die Hände faltete und leise lachte.

„Wär irgendwie verrückt gewesen, oder? Ich mein, wir haben ja noch nicht mal drüber gesprochen, wie wir überhaupt zu dem Thema stehen“, geriet sein Mund in Schieflage, als er ein Grinsen bilden wollte und pendelte sich stattdessen in einem verhaltenen Lächeln ein. Und noch ein Schlag für Frido, der nicht merkte, dass es eigentlich eine gute Möglichkeit war, um das Thema vielleicht nicht so romantisch, aber dafür mal freiweg von der Leber anzusprechen. Also nickte er zwar, aber war gleichzeitig auch froh, dass da seine Arbeitsplatte stand, um ihn zu stützen.

Ja, verrückt… in der Tat. War so was in der Art nicht auch schon mal im Gespräch mit Ernest gefallen? Zumindest irgendwas von „nicht übereilen“? Jetzt fiels ihm plötzlich wieder ein, während Dominik weitersprach und ihm den nächsten Tritt damit verpasste.

„Mal abgesehen davon wär das nach dem ganzen Drama doch irgendwie… keine Ahnung… etwas schnell? Wär doch eigentlich ganz schön, wenn wir jetzt erst mal ein bisschen Ruhe einkehren lassen könnten, oder? Ein bisschen mehr Alltag, soweit das grad kurz vorm Abschluss halt möglich ist. Anstatt sich sofort ins nächste Abenteuer zu stürzen, mit den ganzen Vorbereitungen, die dazu gehören. Gästeliste, Location. Ich… eigentlich wollte ich jetzt ja auch gern bald meine Ausstellung hoch ziehen. Und ich glaub, das wäre alles ein bisschen viel auf einmal, meinst du nicht?“, tippte er die Daumenspitzen leicht aneinander, während er Frido dabei beobachtete, wie der sich quälend langsam zu ihm umdrehte. Po an die Arbeitsplatte, Hände weiterhin darauf abgestützt. Wenigstens das. Erst Schweigen im Walde, dann wieder Wasserfall ohne Sinn und Verstand, als ihm die Stille zu viel wurde.

„Natürlich! Ganz deiner Meinung! Ich würd auch nie auf die Idee kommen, dir einen Antrag zu machen! Das wäre doch bescheuert!“, plätscherte es im lockeren und lachenden Ton aus ihm raus und kaum hatten die Worte seine Lippen verlassen, kniff er sein Plappermaul zusammen und die Augen gleich mit. Verdammte Axt, halt doch einfach die Klappe oder schalt wenigstens vorher den Kopf ein! Was hätte er seine Rübe jetzt gern gegen die nächste Wand gehauen, damit sein Verstand vielleicht doch noch anfing zu arbeiten.

„So… so hab ich das nicht gemeint…“, gab er aber nur kleinlaut von sich und öffnete vorsichtig erst das eine, dann das andere Auge, als Dominik nichts sagte. Der stand nur da, schmunzelte und schüttelte leicht den Kopf. Was hatte er sich da bloß angelacht, schien sein Blick zu sagen, ehe sein Mund ganz andere Worte fand.

„Na ja, wie dem auch sei… Ich find jedenfalls, Dominik Klimlau hat was, obwohl Frido Preuss auch gut passt. Da weiß ich nur nicht, wie Paps drauf reagieren würde“, stieß er sich vom Tisch ab, streckte sich ausgiebig und schlenderte unter Fridos entgeisterten Starren zurück zum Schlafzimmer. Wieder Schweigen im Walde und Starren. Sehr viel Starren, während sein Oberstübchen langsam aus dem Urlaub zurückkehrte. War das jetzt gerade etwa…? Das war doch…

Frido stolperte beinahe über seine Schockstarre und eilte dem Lockenkopf nach.

„Dominik?!“, erwischte er ihn, als er gerade zurück ins Bett schlüpfen wollte und der Jüngere drehte sich mit einem „Hm?“ zu ihm um, während Frido plötzlich wieder wie angenagelt in der Tür stand. Jetzt versemmel es nicht schon wieder!

„Soll das heißen… Du würdest mich heiraten? Wirklich?“, wusste er nicht, ob er starren oder blinzeln sollte, während Dominik schon wieder dieses mitleidige Schmunzeln im Gesicht trug.

„Au man…“, seufzte und legte den Kopf schief.

„Das soll heißen, wenn ich in ein paar Monaten meinen Abschluss habe und hoffentlich die Ausstellung hinter mir liegt… und ich dann diesen Moment mit dir auch wirklich voll und ganz genießen kann, ohne mir wieder Sorgen über irgendeinen anderen Käse zu machen….“, ging er langsam auf Frido zu, der an seinen Lippen hing und den Atem anhielt, um kein Wörtchen, keine Nuance zu überhören.

„Wenn das geschafft ist, würde ich mit dir sehr gern unsere Hochzeit planen, Frido“.

Er legte seine Hände an Fridos Seiten, ließ sie auf dessen Rücken gleiten und nun bröckelte das Ruhige doch dahin. Seine Augen begannen zu glitzern und seine Lippen zitterten.

„Also war das tatsächlich ein Antrag?“, zauberte die Vorstellung ein Lächeln auf Dominiks Gesicht, das mit Fridos Auftritt als Honigkuchenpferd locker mithalten konnte und doch so schnell erstarb, als der plötzlich mit einem energischen „Nein!“ darauf antwortete.

„Das vorhin war kein Antrag, verstanden?!“, hob Frido mahnend den Finger, während Dominiks Hände langsam von seinem Rücken rutschten. Nun hatte ihn die Dampframme erwischt.

„Oh…“, murmelte er und schluckte, während Frido den Kopf schüttelte.

„Jetzt pass mal auf! Das da grad war… keine Ahnung, was das war, aber das vergessen wir ganz schnell wieder, okay?! Du kriegst gefälligst n richtigen Antrag von mir! Mit Rosen! Und Champagner! Und… keine Ahnung, womit noch, das… so weit hab ich noch nicht überlegt! Aber vor allem mit einem Ring, verdammt! Ich hab nicht mal n Ring! Das geht doch nicht!“, stellte Frido seinen Standpunkt klar, wobei Dominik erst ungläubig blinzelte, ehe seine Hände wieder Kraft fanden. Sie stoppten in ihrem Rutschen, hielten sich an Fridos Seiten fest und waren so warm wie das zurückkehrende Lächeln auf Dominiks Gesicht. Dieser Chaot…

„Na gut… Okay… Wär zwar nicht nötig, aber ganz wie du meinst…“, zuckte Dominik beinahe beiläufig die Schultern und gab sich fast schon unbeteiligt, so gut das mit einem derart breiten Grinsen eben möglich war. Aber dann lachte er doch auf. Weil sein Frido nicht mehr an der ernsten Miene festhalten konnte. Weil er ihn schnappte und küsste und herumwirbelte und am liebsten herausgebrüllt hätte, wie sehr er ihn liebte! Aber stattdessen drückte er Dominik nur an sich und schmiegte sich an ihn, als wolle er ihn nie wieder los lassen. Und der liebte seinen Wirrkopf für diesen katastrophalen Nicht-Antrag vielleicht sogar noch ein bisschen mehr.

2.3.2025: Strutzertum

Ja, sie wollten warten, ehe überhaupt die Hochzeitsvorbereitungen beginnen konnten und trotzdem fingen bei Frido bereits jetzt die Ideen für ihre Flitterwochen an zu sprießen. Einfach nur im Bett versinken, sich zwischen den Kissen tummeln und dabei dann und wann von irgendwem einen Teller voll Leckereien gebracht bekommen. Wäre das nicht schon alles, was sie brauchten? Zumindest konnte er sich das sehr gut vorstellen, während er jetzt so auf Dominik lag, ihn mit Küssen übersäte und dabei von seinen Lippen langsam weiter nach unten wanderte. Oh, was freute er sich schon auf dieses Appetithäppchen, das da auf ihn wartete – und plötzlich in ungeahnte Ferne verschwand, während Dominik gerade noch ein leises Seufzen über die Lippen kam.

„Frido! Raus aus dem Bett! Du hilfst aufräumen, damit Dominik von diesem Saustall keinen Schlag kriegt, wenn er nächste Woche wiederkommt!“, plärrte es nämlich mit einem Mal lautstark durch den Flur und alles Romantische war davongejagt.

„Sag mir bitte, dass du im Auslandssemester Stimmenimmitation gelernt hast…“, flüsterte Frido und ließ resignierend die Stirn auf Dominiks Brust sinken, während der bereits hektisch nach der Decke griff. Und dann flog die Wohnungstür auch schon zu, damit die Schlafzimmertür nur Sekunden später das Gegenteil davon tun konnte.

„Sag mal, hörst du schlecht?! Aufstehen, du Faul…“, erschien eine Furie auf der Bildfläche, um dann doch kurz zu verstummen, als sie auf das Pärchen schaute, von dem der Hintern des Einen gerade noch notdürftig mit der Decke verhüllt werden konnte, während er beim Anderen alles Wichtige mit seinem Körper verdeckte. Zum Stutzen brachte Juli aber wohl nicht die Situation, in die sie gerade so fulminant hineinplatzte, sondern einer der Akteure.

„Dominik!“, rief sie begeistert aus, wohingegen er mit einem zögerlichen „Hi, Juli…“ antwortete. Höflich war er, deutlich hingegen sein Freund.

„Fällt dir was auf? Du störst!“, warf er seiner Schwester einen finsteren Blick über die Schulter zu, der an deren Überraschung und Freude jedoch nur abprallen konnte. Was ihr Bruder schon wieder zu quatschen hatte…

„Mensch, ich wusste gar nicht, dass du schon zurück bist!“, kam sie nun auch noch näher zum Bett und nahm nach kurzem Überlegen dann doch Abstand davon, sich obendrein mit dazu zu setzen. Oder zu legen. Zugetraut hätte Frido es ihr.

„Sag mal, hast dus immer noch nicht gelernt? Anklopfen, bevor du ins Schlafzimmer latschst und vor allem raus hier, wenn ich grad am Vögeln bin!“, blaffte er und Dominik schwante, dass die beiden Geschwister so eine Situation nicht zum ersten Mal erlebten. Frido grummelte, Dominik war dezent überfordert und Juli schaute mit einer Mischung aus Langeweile und Hochmut auf ihren Bruder herab.

„Pack meine CDs nicht an, leg die Bücher zurück ins Regal, platz nicht immer in mein Zimmer… Du hast auch immer was zu nörgeln!“, äffte sie ihn erst nach und machte dann eine wegwerfende Handbewegung, während er noch immer versuchte, sie in Grund und Boden zu starren.

„Dir ist bewusst, dass das hier meine Wohnung ist und du gar nicht erst nach Mama schreien brauchst, wenn ich dich gleich verprügel, oder?“, wollte er sich gerade aufstützen, aber Dominik hielt ihn sofort bei sich. Sichtschutz, verdammt! Juli brachte es hingegen zum Schmunzeln. Tja, da konnte der Gute jetzt noch so keifen und bellen, festgepinnt war festgepinnt.

„Also, Dominik, seit wann bist du wieder da? Ich dachte, du kommst erst nächste Woche! Wenn ich das eher gewusst hätte, hätte ich dem alten Stinkstiefel schon viel früher in den Hintern getreten, damit er hier mal wieder aufräumt!“, nahmen ihre Worte fast schon liebliche Züge an, während sie von den Klamotten sprach, die im Flur verteilt lagen – und von denen sich eigentlich erschloss, warum sie im Eifer des Gefechts dort gelandet waren.

Das war doch Absicht, spiegelte ein Grollen Fridos Gedankengang wieder, während Dominik noch immer versuchte, das Beste aus der Situation zu machen.

„Ähm… Juli, kön… könnten wir vielleicht gleich weiterreden?“, stammelte er und grinste schief, als sie ihn fröhlich anstrahlte.

„Ups! Sorry! Ja, natürlich! Ich geh einfach ins Wohnzimmer und warte da auf euch“, war sie plötzlich die Höflichkeit in Person, ehe Frido von ihr den netten Tipp bekam, dass man einfach nur freundlich mit ihr sprechen musste. Sie drehte sich um, Dominik seufzte aus, aber für Frido war die Sache damit noch nicht gegessen.

„Ach, Schwesterherz, ich hab was für dich!“, rief er aus und kaum trieb die Neugierde Juli zu einem Blick über die Schulter, zog er die Decke beiseite. Da ging der Mond heute aber früh auf!

Juli kreischte auf, Dominik starrte an die Zimmerdecke, als wäre er gerade gar nicht anwesend und Frido grinste – zumindest solange, bis Juli mit einem „Gott, deinen faltigen Arsch will doch keiner sehen!“ lautstark die Tür hinter sich schloss. Das Grinsen hörte auf, stattdessen erschien ein empörtes Stieren.

„F… faltig?! Mein Arsch ist nicht faltig!“, verspürte Frido nun wohl doch ein wenig Strutzertum und blaffte erst die Tür an, ehe er Dominik anstarrte.

„Erwartest du jetzt wirklich ne Antwort von mir?“, streichelte der allerdings nicht Fridos Eitelkeit, sondern hob nur die Augenbraue, ehe er Frido aufforderte, endlich von ihm runter zu gehen. Er war nicht sonderlich scharf darauf, noch immer nackt da zu liegen, falls Juli ein zweites Mal ins Schlafzimmer gerauscht käme. Also schnell irgendwas zum Überziehen gesucht!

„Diese blöde Ziege. Ich hab einen sehr schönen Arsch!“, tätschelte Frido sich halt selbst das Ego, wenn kein anderer es tat und folgte Dominik an den Kleiderschrank. Fix rein in den Herren-Slip und das erstbeste Hemd gegriffen, um dann doch einmal inne zu halten und einen verstohlenen Blick in den Spiegel zu werfen. War da womöglich wirklich irgendwo ein Fältchen? Es ging hier immerhin um seinen Prachtarsch, auf den er ganz besonders stolz war! Frido runzelte die Stirn, reckte das Kinn, schaute mal von links, mal von rechts und erschrak, als schließlich mit einem lauten Klatscher Dominiks Hand auf seinem Allerwertesten landete.

„Du hast n schönen, knackigen Hintern, okay? Und jetzt zieh dir endlich was über und komm“, schüttelte er seufzend und schmunzelnd den Kopf. Was musste das früher spaßig gewesen sein, als Frido und Juli noch unter einem Dach gelebt hatten. In der Pubertät voller Hormone und Weltschmerz. Typische Teenager und Geschwister. Man, was war Dominik froh, die beiden da noch nicht gekannt zu haben!

3.3.2025: Gedächtniskraft

Und so schnell war die Zweisamkeit vorbei. Die wenigen Tage, die sich noch mal angefühlt hatten wie die Zeit direkt nach ihrem Zusammenkommen. In stiller Heimlichkeit und nur sie beide. Wie gerne hätten sie dieses Versteckspielchen jetzt noch ein bisschen aufrecht gehalten. Nicht als Last, wie früher, sondern als kleiner Zufluchtsort, ehe die Lawine losgetreten wurde. Die Lawine der Warteten, die Dominiks Rückkehr ersehnten und vor allem, dass er sich nicht nur meldete, sondern auch möglichst schnell bei ihnen blicken ließ. Und die womöglich sogar empört reagierten, wenn er seinen Besuch bei ihnen nicht an erster Stelle stehen hatte – so, wie der erste Vorbote dieser Naturgewalt, der jetzt neben ihm auf der Couch saß und recht erzürnt schien.

„Ist das n Witz? Du bist seit Dienstag zurück und hast gestern Nachmittag beim Telefonat trotzdem so getan, als wärst du noch in England? Und das, obwohl Lilli es schon gar nicht mehr erwarten kann, dich endlich wieder zu sehen!“, verschränkte Juli die Arme vor der Brust und fixierte Dominik aus schmalen Augen heraus an. Ihr Kinn war gereckt, die Lippen gekräuselt und sein Blick schuldbewusst. Fridos hingegen fiel eher genervt aus.

„Sag mal, irre ich mich oder seid ihr eh erst gestern Abend zurückgekommen? Zumindest hast du beim Telefonat selbst gesagt, dass ihr erst in ein, zwei Stunden los wolltet. Wo ist dann also das Problem?“, half er ihrer Gedächtniskraft auf die Sprünge und durfte schnell feststellen, dass es Juli gerade wohl vor allem um eines ging: Ums Prinzip.

„Pff! Lass mich raten und du hast daneben gelegen und musstest dir das Lachen verkneifen, während er uns an der Nase rumgeführt hat, du Sack! Wir hätten problemlos noch einen Abstecher zu euch machen können! Wir mussten doch eh quasi hier vorbei!“, stellte sie klar, wobei Frido allerdings amüsiert schnaubte.

„Erdkunde war noch nie so deins, oder? Deine Bude liegt von hier aus auf dem Weg, ja, aber nicht umgekehrt. Außerdem war die Kurze doch bestimmt schon hundemüde und brömmelig, oder?“, stemmte er, der als einziger nicht auf der Couch saß, die Hände auf die Hüften und schaute unter hoch gezogener Augenbraue auf seine Schwester herab, die ihre Augen jetzt noch ein wenig mehr zusammenkniff. Noch ein bisschen und sie wären zu.

„Du halt doch mal schön die Klappe und freu dich lieber, dass ich trotz meiner kurzen Nacht hergekommen bin und dir helfen wollte, deinen Saustall auf Vordermann zu bringen! Obwohl ich heute frei hab und gut noch mal ein paar Stunden ins Bett gehen könnte, ehe Lilli aus der Kita kommt!“, zischelte sie und ignorierte dabei, dass der Saustall gar nicht mehr so versaut war wie vor ein paar Wochen noch. Aber wie gesagt, es ging ums Prinzip und das offensichtlich nicht nur bei Juli.

„Apropos Bett: An wem lag denn die kurze Nacht eigentlich? An Lilli oder an Tim?“, fragte Frido süffisant und ein triumphierendes Grinsen bahnte sich unter Dominiks erstauntem und Julis ertapptem Blick seinen Weg an die Oberfläche. Jetzt waren ihre Augen plötzlich riesig.

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst!“, rief sie zwar trotzdem, aber da lachte Frido auch schon auf.

„Ach komm, jetzt tu nicht so! Wenn ich euch die letzten Male besucht hab, war er immer da – zumindest an den Wochenenden – und…“

„Er kümmert sich halt um seine Tochter! Genau so, wie wir es uns immer gewünscht haben! Du auch, wenn ich dich daran erinnern darf!“.

Sie grätschte ihm dazwischen, aber er grinste immer noch.

„Aha und deswegen war er jetzt sogar bei eurem Kurzurlaub zu Mama und Papa dabei? Mama hats mir längst gesteckt!“, lehnte er sich vor, auf Julis Augenhöhe und verschränkte zufrieden die Arme vor der Brust, während sie einen recht verkniffenen Gesichtsausdruck an den Tag legte.

„Er hat Urlaub und wollte bei seiner Tochter sein, du Arsch! Also ist er halt mitgekommen! Und außerdem: Weißt du, wie anstrengend das gewesen wäre, die lange Fahrt ohne jemanden zu machen, der sich nebenher ein bisschen um Lilli kümmert? Duu wolltest ja nicht mit! Was Mama übrigens sehr schade fand! Hat sie dir das auch gesagt?“, drehte sie den Spieß einfach um, ohne, dass Fridos Grinsen dabei verschwinden wollte. Es blieb zumindest noch als Schmunzeln vorhanden.

„Keine Angst, das obligatorische „Warum kommst du uns denn nicht mal wieder besuchen, Junge?“ gabs gleich zur Begrüßung! Bevor sie mich dann ausfragen wollte, was da eigentlich zwischen dir und Tim ist, weil das alles so harmonisch und fast schon romantisch zwischen euch wirkt, aber du wohl mit Ausflüchten reagierst, sobald sie auf das Thema zu sprechen kommt! Ist aber nicht nett von dir, Juli, dabei macht Mama sich doch bloß Sorgen um dich!“, stichelte er, woraufhin sie dieses Mal schnaubte.

„Halt du mal lieber die Klappe! Nach Dominiks Abreise hab ich dich über Wochen nicht zu Gesicht bekommen und Mama trotzdem immer gesagt, dass bei dir alles prima ist und du nur viel um die Ohren hast! Weil du ja nicht mal ans Handy gegangen bist, wenn sie dich angerufen hat! Hast du dich dafür eigentlich mal bei mir bedankt?“, starrte sie ihn an, was Frido zunächst auch noch so zurückgab, doch dann wanderte sein Blick an ihr vorbei, hinüber zu Dominik, der betreten zu Boden schaute, als Fridos Augen seine trafen. Er biss sich auf die Lippe und wirkte mit seinem reflexartigen Öffnen seines Mundes wie genötigt, jetzt auch etwas zum Gespräch beizutragen, aber Frido kam ihm zuvor.

„Danke“, war mit einem Mal alle Süffisanz aus seinem Gesicht verschwunden, um einer gewissen Ernsthaftigkeit Platz zu machen. Dominik schaute wieder zu ihm, während Juli erneut loswetterte.

„Ja! Mehr fällt dir nicht dazu ein! Das ist mal wieder so typisch für… Äh…Hä? Hast du dich grad bedankt?“, blinzelte sie ungläubig und starrte zu ihm hoch, als Frido sich nickend aufrichtete.

„Ja. Du hast mir mit der Wäsche geholfen und mir obendrein noch den Rücken frei gehalten… Ich war wirklich n Arsch zu der Zeit und mir gings nicht gut. Aber ich kenn ja Mama und wie die bohren kann, wenn sie einmal Lunte gerochen hat… Also Danke, dass du sie mir vom Hals gehalten hast. Ich hätts echt nicht gebrauchen können, dass sie und Paps hier womöglich sogar noch anreisen, um mich zu betüddeln. Ich brauchte Zeit für mich“, schob er die Hände in die Hosentaschen und schaute noch einmal zu Dominik. Ein zartes Lächeln umspielte seine Lippen, ermutigend und warm wie eine Decke, mit der er Frido einhüllte. Juli hingegen war eher irritiert und ein wenig aus dem Konzept gebracht.

„Ähm… okay…“, murmelte sie erst, während sie Frido nachdenklich musterte und dann anfügte: „Also… klar, die Wohnung sah aus wie Sau, aber mit Ordnung halten hattest du es ja noch nie so… und ja, deine Pocke hab ich gesehen, als du dann irgendwann doch mal wieder aus der Versenkung aufgetaucht bist. Aber… dass es dir so schlecht ging…?“.

Sie schaute unsicher zwischen ihrem Bruder und seinem Freund hin her, wobei Dominik auch ihr ein Lächeln schenkte, aber vor allem ruhte sein Blick auf Frido. Ein Frido, der nicht nur ernst, sondern beinahe schon in sich gekehrt wirkte. Seine Lippen und Mundwinkel zuckten, die Stirn war in Falten gelegt und seine Hände ballten sich zu Fäusten. War er wirklich bereit dazu, es zu verkünden?

„Sagt mal, was ist denn hier los, ihr zwei? Wenn ich euch nicht vorhin im Schlafzimmer erwischt hätte…“, mischte sich Julis Frage in seinen Gedankengang und Frido machte es wie bei einem Pflaster.

„Ich male wieder“, kam es in einem Ruck aus ihm heraus, ehe Juli Vermutungen anstellen konnten, die wahrscheinlich näher an der Wahrheit dran gewesen wären, als es ihm lieb sein konnte – und vielleicht auch näher dran, als es Dominik lieb gewesen wäre? Er schien jedenfalls nicht enttäuscht darüber, dass Frido nur einen Teil des Geheimnissen offenlegte, sondern lächelte ihn an.

Fridos Mund klappte zu und Julis auf. Sie starrte zu ihrem Bruder, dann zu dessen Freund und als der nickte, ließ sie einen Freudenschrei los.

„Ist nicht euer Ernst!“, jubelte sie regelrecht und die nächste Naturkatastrophe nahm ihren Lauf.

„Hey, hey, hey! Ganz ruhig! Erwart nicht, dass das an meine früheren Arbeiten ranreicht, okay?!“, rief Frido zwar aus, aber da sprang sie auch schon auf und fiel ihm um den Hals.

„Ich will die Bilder sehen! Zeig! Zeig! Zeig!“, hörte sie seine Widerworte gar nicht und ignorierte sie auch, als Frido noch einmal versuchte abzuwiegeln.

„Juli, ehrlich, ich…“, begann er, doch nun fiel ihm ausgerechnet Dominik ins Wort.

„Ein Künstler, Frido. Du bist ein Künstler und deine Bilder sind gut! Besonders das fertige. Da war jemand am Werk, der Ahnung davon hat, was er macht und der es versteht, Gefühle einzufangen! Ein echter Künstler, der einfach einen anderen Stil als früher hat“, stand er auf und schaute Frido eindringlich an, bis der nickte und schließlich auch mit einem Seufzen Julis Gebettel nachgab.

„Ja, ist gut! Krieg dich wieder ein!“, hob er die Hände und verdrehte die Augen, als seine Schwester endlich von ihm abließ.

„Jetzt zeig endlich!“, war allerdings auch klar, dass sie nicht eher Ruhe gab, ehe er sie ins Atelier geführt haben würde. Und zwar auf der Stelle und nicht erst morgen.

„Komm mit…“, nickte er also zur Wohnungstür, griff sich im Vorbeigehen seinen Schlüssel von der Kommode und steuerte mit gemischten Gefühlen auf das Atelier zu.

Erst nach kurzem Zögern drehte er den Schlüssel im Schloss auch wirklich um, drückte die Klinke hinunter und trat beiseite, um Juli an sich vorbei zu lassen. Und die schoss direkt in den Raum, zielgenau auf dieses eine Bild zu. Und dann war erst einmal Ruhe. Ruhe, während Juli vor der Staffelei stand, manchmal auch den Blick auf andere angefangene Bilder schweifen ließ und Frido spürte, dass diese herrliche Leichtigkeit vom Morgen plötzlich verschwunden war. Stattdessen fühlte er einen Knoten im Magen und Dominiks Hand, die sich an seine Seite legte, während er noch immer an der Tür stand. Er senkte den Blick von der Zimmerdecke hinunter zu seinem Liebsten, der ihm sacht über die Seite rieb und dann seine Hand fasste, um ihn mit ins Zimmer zu nehmen.

„Ich hab ja gesagt, es ist…“, wollte Frido beginnen, aber da spürte er, wie Dominik seinen Griff leicht verstärkte. Er unterbrach sich und Juli drehte sich zu ihnen. Ihre Augen glitzerten und ihr Lächeln zitterte.

„Das hast du wirklich selbst gemacht und nicht nur Dominik vorgeschickt?“, schien sie noch immer nicht restlos überzeugt oder wollte ihren Bruder einfach nur ein wenig foppen. Doch als er mit einem Nicken reagierte, lachte sie auf, erleichtert, fröhlich und trotzdem ein wenig ungläubig.

„Wie kommt das jetzt so plötzlich?“, fragte sie mit einem Strahlen im Gesicht und dieses Mal war Dominik es, der Frido zuvor kam.

„Er wollte mich damit überraschen, wenn ich aus England zurückkomme. Frido wusste, dass er mir damit eine Freude machen würde“, sagte er und gab Frido einen Kuss auf die Wange, als er spürte, wie der nun seine Hand etwas fester griff. Und ihre Blicke dabei bedurften keinerlei Worte. Der eine voller Dank und der andere voller Vergebung, während Juli das Szenario mit einem Schmunzeln beobachtete. Noch einmal schüttelte sie den Kopf.

„Frido?“, unterbrach sie den Moment dann allerdings in fast schon mahnendem Ton und verschränkte die Arme vor der Brust, als ihr Bruder sie anschaute. Er guckte fragend, sie wissend.

„Bruderherz, tu mir einen Gefallen und steck dem Mann endlich einen Ring an den Finger! Wenn er das bei dir geschafft hat, dann halt ihn bloß gut fest, du alter Trottel!“, beschwor sie ihn mit eindringlichem Blick und hob ebenso ausdrücklich ihre Augenbrauen. Nein, was hatten sie alle auf Frido eingeredet, über die ganzen Jahre hinweg und nie war der Knoten geplatzt. Aber jetzt, nur seinem Dominik zuliebe, hatte er den Arsch endlich hoch bekommen!

Und wie reagierte ihr Bruder darauf? Dem zuckten erst mal die Mundwinkel. Er begann zu schmunzeln, warf seinem Liebsten einen Blick zu und schob seinen Arm um Dominik.

„Keine Sorge, den lass ich nicht mehr gehen“, zog er ihn fest an sich, während Juli wieder nur ein Seufzen für ihn übrig hatte. Na ja, besser als nichts schien ihr Gesichtsausdruck zu sagen, wobei auch ein Hauch von wieder mal typisch, dass der nicht aus dem Knick kommt darin verborgen lag. In diesen Dingen war ihr Bruder halt doch ein gewisser Spätzünder! Vor allem im Vergleich zu ihr! Aber auch einer, der nicht so auf den Kopf gefallen war, wie sie manchmal vielleicht meinte.

„So, Schwesterherz“, floss nämlich plötzlich eine gewisse Ernsthaftigkeit, ja regelrecht Geschäftsmäßigkeit in seine Stimme und sein ganzes Auftreten, als er Dominik abrupt wieder los ließ und auf seine Schwester zuging.

„Folgender Deal…“, streckte er ihr die Hand entgegen und schaute ihr fest in die Augen, während Juli ihn mit einer Mischung aus Verwunderung und Belustigung anblickte. Na, was da jetzt wohl käme!

„Ich verrat Mama nicht, dass Lilli mir neulich sogar gepetzt hat, dass sie dich und Tim abends beim Knutschen auf der Couch erwischt hat – und ich ihr übrigens den kleiner-Finger-Schwur abgenommen habe, das nicht weiter zu erzählen – und dafür behältst du erst mal die Sache mit der Malerei für dich. Und… vielleicht auch noch bis morgen, dass mein Schatz wieder hier ist. Dann überraschen wir die Maus mit einem kleinen Besuch“, waren die Spielregeln klar und Juli vielleicht trotzdem geneigt, noch bessere Konditionen für sich herauszuschlagen – denn schließlich war sie Juli! Aber dann schlug sie nach kurzem Überlegen doch ein, schüttelte kräftig Fridos Hand und nickte.

„Kleiner-Finger-Schwur also, ja? Die kann was erleben, mir erst Bestechungskekse abzuluchsen und dann doch zu plappern!“, murrte sie, um Frido anschließend lachend auf den Oberarm zu klopfen.

„Na gut, wenn wir uns eh morgen sehen, lass ich euch zwei Hübschen jetzt mal wieder allein und hau mich noch mal ein, zwei Stündchen aufs Ohr, bevor Tim mit der Kurzen vom Kita-Ausflug zurückkommt! Heute gehts in den Streichelzoo!“, konnte es also doch ganz leicht sein, die kleine Nervensäge wieder los zu werden. Jetzt musste sich nur noch Dominik einmal fest von ihr drücken lassen und schon rauschte sie so geschwinde von dannen, wie sie zuvor reingeweht war.

„Und weg ist sie“, schaute Frido ihr unter einem belustigten Schnauben nach und Zog seinen Lockenkopf dann in eine Umarmung. Zurück zu den wichtigen Dingen!

„Und was machen wir jetzt, bis es zu Ernest geht?“, legte Dominik ihm die Arme um den Nacken und grinste, als Frido sich nach kurzem Überlegen das kleine Stückchen zu ihm hinunterbeugte. Es wurde wirklich dringend wieder Zeit, dass er sich diese süßen Lippen schnappte und überprüfte, ob sie noch immer so köstlich schmeckten wie er sie in Erinnerung hatte!

4.3.2025: Petitesse

Es grenzte an ein Wunder, aber sie hatten es tatsächlich geschafft: Frisch geduscht, gut duftend und in angemessenem Zwirn, der nicht nur aus ihrem Adamskostüm bestand, verließen die Wohnung. Sie machten sich pünktlich auf den Weg – wie es sich gehörte – und bekundeten ihre Zusammengehörigkeit durch ein subtiles Händchenhalten – wie es sich gehörte.

„Was ist los?“, bemerkte der Ältere dabei das Schmunzeln des Jüngeren und brachte ihn zum Lachen, als er fragte, ob sie noch mal kurz irgendwo hinters Haus verschwinden wollten. Versteckte Ecken fanden sich auf ihrem Spaziergang zu Ernest genügend, aber trotzdem wollte der Lockenkopf seltsamerweise nicht auf dieses Angebot einsteigen.

„Spinner! Jetzt ist aber mal gut! Wir sind doch keine Teenies, die gerade erst ihre Libido entdeckt haben!“, verpasste Dominik dem alten Lustmolch einen Klaps auf den Arm und musste doch wieder über ihn lachen.

„Stimmt, wir haben den großen Vorteil, dass wir schon wissen, wie guter Sex richtig geht!“, grinste Frido von einem Ohr zum anderen und dann fast im Kreis, als sein Liebling so schön auf den Spruch einging. Auch, wenns als Kommentar dafür wieder nur ein „Blödi!“ gab.

„Ist doch so!“, hielt Frido allerdings an seiner Meinung fest.

„Ich finde, wir zwei süßen kriegen das verdammt gut hin! Und außerdem haben wir auch verdammt viel nachzuholen, oder nicht?“, schwang da schon wieder so ein gewisser Unterton in seiner Stimme mit, der Dominik ein Kopfschütteln abrang.

„Du bist echt unmöglich, weißt du das?“

Er schmunzelte, der Ältere grinste. Fiel dem Lockenkopf das wirklich jetzt erst auf? Vermutlich nicht, aber dafür etwas anderes. Unter leisem Räuspern lehnte Dominik sich an Fridos Arm und hauchte einen Kuss auf dessen Schulter.

„Ehrlich gesagt…“, begann er dann vorsichtig und der Ältere hob fragend die Augenbrauen.

„Ich hab mich vorhin einfach nur darüber gewundert, wie schwer ich momentan die Finger von dir lassen kann, obwohl wir ja auch schon mal andere Zeiten hatten. Und vor allem… wenn ich bedenke, wie lang ich nach meiner ersten Beziehung mit niemandem mehr zusammen gewesen war und jetzt hab ich nach ein paar Wochen schon so einen Notstand...“, schlich sich ein schiefes Grinsen auf sein Gesicht und er schüttelte den Kopf über sich selbst. Ein wenig unangenehm war ihm diese Offenbarung scheinbar doch und Frido musste natürlich noch eins oben drauf setzen.

„Na, wer von uns ist jetzt der Lustmolch?“, fragte er süffisant und erinnerte Dominik daran, dass sie sich ja allmählich wieder auf ihr übliches Normalmaß einpendelten. Sehr langsam zwar, aber immerhin! Kein Grund zur Sorge also und außerdem…

„Wie gesagt, wir haben einiges nachzuholen und wer kann einem Typen wir mir schon widerstehen?“, wackelte er mit den Augenbrauen, um dann dezent ins Stolpern zu geraten, als Dominik abrupt stehen blieb.

„Wow…“, gab der mit einem Blinzeln von sich, aber es klang nicht unbedingt beeindruckt, sondern eher nach was anderem.

„Ich wusste gar nicht, dass ich mich auf so einen arroganten Sack eingelassen hab“, bestätigte sich da auch schon, dass man das „Wow“ locker durch ein „Lackaffe“ hätte ersetzen können und behände entwand er sich Fridos Griff, um geradewegs von ihm wegzustapfen.

„Äh… hey, warte!“, starrte der ihm zwar einen Augenblick ungläubig nach und eilte dann doch hinterher, um seinen Lockenkopf wieder einzufangen – was gar nicht so einfach war, wenn man bedachte, welch überraschend große und schnelle Schritte Dominik machen konnte, wenn er wollte. Jetzt fehlte nur noch, dass er anfing Haken zu schlagen.

„So hab ich das nicht gemeint! Das weißt du ganz genau! Jetzt sei nicht zickig!“, tapste Frido beschwichtigend neben ihm her, wäre fast vor eine Laterne gerannt und sauste dann doch an Dominik vorbei, als der noch einen plötzlichen Stopp einlegte.

„Zickig?“, hörte Frido dabei hinter sich und als er sich wieder zu Dominik drehte, schaute er auf dessen äußerst kühlen Gesichtsausdruck. Nur eine Augenbraue war gehoben, fast so, als wollte er den Dozenten schon mal auf ihren Gastgeber einstimmen. Frido hingegen seufzte und rieb sich das Gesicht, während Dominik mit einem „Aha“ wieder losschritt.

„Das hab ich auch nicht so gemeint! Du kennst mich doch! Hoppelhäschen!“, hängte er sich wieder an diesen hübschen Hintern, der ihn gerade nicht einmal im Ansatz eines Blickes würdigen wollte und zweifelte allmählich an allem, als ihm jetzt auch noch dieser Ausspruch auf die Goldwaage gelegt wurde.

„Hoppelhäschen?“, gesellte sich nun obendrein Augenbraue Nummer zwei zum pikierten Ausdruck und Dominik verschränkte die Arme vor der Brust, ohne dabei dieses Mal das Tempo zu verlangsamen. Frido seufzte abermals und ließ den Kopf hängen. Eigentlich war es egal, was er noch sagte, er konnte doch nur ins Fettnäpfchen treten. Oder in die Ölwanne, nicht wahr?

„Jetzt sag mir aber nicht, dass ich deswegen heute Nacht auf der Couch schlafen muss...“, versuchte er es trotzdem mit einem halb ernst gemeinten Scherzchen und seufzte leise wimmernd, als darauf – wie sollte es anders sein – ein ganz selbstverständliches „Natürlich“ kam. Das klang allerdings zu amüsiert, um sich davon wirklich noch ins Bockshorn jagen zu lassen und mit einem Mal beschlich den Dozenten so eine Ahnung.

„Stopp mal!“, fasste er Dominiks Schulter und brachte ihn so zum Stoppen, um gleichzeitig einen äußerst kritischen Blick auf dessen Gesicht zu werfen. Dieses verräterische Grinsen, das er da versuchte zu unterdrücken!

„Ist immer noch schön, wie einfach ich dich manchmal aus dem Konzept bringen kann“, präsentierte dieses kleine Wiesel endlich seine wahren Absichten und war dieses Mal derjenige, der einen kühlen Blick kassierte. Alles musste man sich ja schließlich nicht gefallen lassen!

„Früchtchen!“

Das Spiel konnte man auch zu zweit spielen! Frido reckte unter empörtem Schnauben das Kinn und stapfte los. Dann durfte Dominik jetzt mal sehen, wie er ihn wieder eingefangen bekam! Ein einfaches „Sorry“ würde da jedenfalls nicht ausreichen! Der sollte sich jetzt mal anstrengen und sich was einfallen lassen, wie er die Wogen wieder geglättet bekam!

Und während Frido sich noch selber im Geiste für seine Standhaftigkeit lobte, schlichen sich auch schon diese schlanken Finger zwischen seine. Gefühlvoll, ein wenig verspielt und wie immer einen Hauch zu kalt, um sie nicht instinktiv wärmen zu wollen. Er warf einen knappen Seitenblick auf dieses schmunzelnde Gesicht neben sich und tat ein leises Schnauben, als es sich an seinen Oberarm schmiegte. Mist, verdammter.

„Dafür schläfst du heute Nacht auf der Couch“, murrte er und bekam dafür doch nur ein Kichern geschenkt.

„Klar, wenn du mir Gesellschaft leistest, Brummbär“, war die Belustigung in Dominiks Stimme nicht zu überhören und Frido fühlte sich gerade irgendwie nicht ernst genommen.

„Brummbär, hm?“, machte er seinem neuen Namen also alle Ehre und bekam dafür auch noch die Brust getätschelt.

„Mein großer, starker… unglaublich attraktiver und heißer Brummbär“, verwandelte sich das amüsierte Tätscheln aber schnell in ein regelrechtes Liebkosen, das genau wusste, wie gut es um den Finger wickeln konnte. Verflucht, das Früchtchen war gut! Und das Spielchen leider schon vorbei. Denn da vorne stand auch schon Ernests haus.

„Tja, da wären wir…“, seufzte Frido also, während Dominiks Hand verschwand und gegen einen Kuss auf die Wange getauscht wurde.

„Da bin ich mal gespannt, was Ernest gleich sagt, wenn er mich sieht“, grinste er und warf bereits einen Blick nach links und rechts, um sicheren Fußes die Straßenseite zu wechseln, aber da hielt Frido ihn plötzlich fest und schien dieses Mal nicht feixen zu wollen.

„Eine Sache muss ich dir noch sagen“, lag, im Gegenteil, eine überraschende Ernsthaftigkeit in seinem Blick, als er kurz zu Ernests Haus hinüberblicke und dann wieder Dominik anvisierte.
 

Gut, man musste ihm lassen, dass er noch nie sonderlich für Überraschungen zu haben gewesen war. Schon als kleines Kind hatte er sie gehasst und in späteren Jahren zumindest noch verachtet. Und trotzdem war sie faszinierend, die Miene, mit der der Arzt an diesem Abend die Tür öffnete und dabei betrachtete, was die Katze ihm da so unangekündigt ins Haus schleppte.

„Dominik, was für eine unerwartete Wendung!“, versuchte er angesichts des plötzlichen Gasts ja noch, sich so etwas wie ein Lächeln abzuringen, aber spätestens beim Blick zu Frido verlor es schnell wieder an Schwung. Und dabei waren die Beiden noch nicht einmal richtig eingetreten.

„Hi, Ernest…“, sprach der Lockenkopf kleinlaut und bereute sogleich seinen Vorschlag, den Arzt ein wenig zu überraschen, wohingegen Frido diesen Einfall noch immer famos fand.

„Da staunst du, was?“, lachte er und klopfte seinem alten Freund herzlich auf die Schulter, während er seinem Dominik in die Wohnung folgte und die Garderobe ansteuerte.

„In der Tat…“, schloss der Arzt die Tür hinter ihnen und musterte sie einen Augenblick lang, wie sie sich aus ihren Jacken schälten. Er verschränkte die Arme vor der Brust und schnaubte aus.

„Ganz besonders bezaubernd finde ich dabei, dass ihr euch mit solchen Petitessen, wie der Tatsache, dass ich nur für zwei Personen bestellt habe und die Lieferung in einer guten halben Stunde eintrifft, nicht aufhaltet. Oder der Überlegung, ob ich ihm wenigstens etwas zu trinken anbieten kann. Du weißt, dass er keinen Wein trinkt, Friedrich“, wurde sehr schnell sehr deutlich, wen Ernest für den Anstifter dieses Komplotts hielt. Und sicherlich machte Frido es nicht unbedingt besser, indem er auch noch frotzelte, ob sich der Mann von Welt heute auf Französisch echauffiere. Dominik packte allerdings sogleich das schlechte Gewissen, erst recht, als sein Freund jetzt noch mehr auf eine drohende Eiszeit zusteuerte.

„Ernest, die Idee ist auf meinen Mist gewachsen. Tut mir leid!“, rief er also schnell dazwischen, ehe die Situation noch mehr eskalieren konnte und für einen kleinen Moment kehrte tatsächlich Ruhe ein. Ernest schaute zu ihm, dann zu Frido und drehte sich schließlich mit einem Schnauben um.

„Eindeutig schlechter Einfluss von einem gewissen Anwesenden, der wohl kaum ich sein kann!“, murrte er beim Weg zur Kücheninsel, um sein Handy mit einem beherzten Griff dort hinunter zu pflücken. Und wieder konnte Frido sich die gute Laune dabei nicht verkneifen. Oder einen Kommentar.

„Ich teil mein Essen gern mit ihm! Macht mir nichts aus!“, schnappte er sich die beiden Jacken, um sie an den Kleiderhaken zu verstauen, ehe mit Dominik in Richtung Kücheninsel schlenderte. Gut gemeint war sein Ausspruch ja vielleicht, allerdings entlockte er dem Arzt keine Jubelschreie, sondern noch mehr Verachtung.

„So weit kommt es noch!“, fühlte er sich nun scheinbar ernstlich in seiner Ehre gekränkt und das änderte sich auch nicht durch Dominiks Beteuerung, dass er ja gar keinen Hunger habe.

„Ehrlich, ich brauch nichts!“, sagte er eilig, ehe er sogar die ganze Idee über den Haufen werfen wollte.

„Weißt du was? War blöd, dich so zu überfallen! Ich lass euch allein und wir sehen uns die Tage dann, okay?“, flitzte er nun auch noch zur Garderobe oder versuchte es zumindest, wohingegen Frido reflexartig eine Falte seines Pullovers griff, um ihn zu stoppen und Ernest nun endgültig die Nase voll zu haben schien.

„Herr Preuss!“, fuhr er auf und stützte die Hände auf die Hüften „Wer als Gast in meine Wohnung kommt, wird auch anständig bewirtet! Also nehmt ihr beiden nun gefälligst Platz und ich sehe zu, dass ich noch ein Menü nachbestelle! Nach Möglichkeit mit Getränk, das dürfte ja wohl kein Problem darstellen. Was möchtest du?“, begann er auf seinem Handy zu tippen, um die Nummer des Restaurants aus der Anrufliste herauszuholen und geriet ins Stocken, als er plötzlich eine Antwort erhielt, mit der so offensichtlich nicht gerechnet hatte.

„Wie wärs denn, wenn wir einfach alle beim Traubensaft bleiben? Ist doch genug von im Haus“, ließ sich Frido an der Kücheninsel nieder und zuckte beinahe unbeteiligt die Schultern, während Ernest langsam den Blick zu ihm wendete. Ein Wunder, dass der Dozent nicht sofort tot vom Hocker fiel, erst recht, als ein kurzer Seitenblick zu Dominik verriet, dass der zwar überrascht, aber nicht gerade fragend schaute.

„Du konntest es nicht für dich behalten, stimmts?“, traf Ernests Ärger jedoch wieder nur Frido, und zwar mit einer Stimme, die war ruhig war, aber dafür so schneidend, dass man einen Bart mit ihr hätte rasieren können. Und ließ Frido es an dieser Stelle gut sein? Natürlich nicht.

„Ernest, jetzt reg dich nicht so auf. Es ist doch nicht schlimm“, wollte er Ganze abwiegeln und durfte dann feststellen, dass der Arzt wirklich über alle Maße erzürnt war.

„Friedrich!“, keifte er in Fridos Lachen hinein „Ich habe dich gebeten, es für dich zu behalten und mir vorher Bescheid zu geben, wenn er dich wieder begleitet, damit…“

„Damit du deine Weinflaschen früh genug wieder bestückt kriegst und keiner Fragen zum leeren Weinregel stellt. Schon klar!“, grätschte der Dozent ihm dazwischen und schüttelte den Kopf. Sollte der Arzt ruhig Zeter und Mordio schreien, es war ihm dieses Mal wirklich herzlich egal.

„Mensch, Ernest, jetzt mach nicht so ein Theater! Räum die leeren Pullen unter der Spüle weg und hör auf, Traubensaft für zehn Großfamilien zu bunkern! Wir sprechen hier von Dominik! Meinst du vielleicht, dass er dich dafür auslacht oder es in die Zeitung setzten lässt, dass du die Fleppe los bist? Man kann auch aus einer Petitesse einen Elefanten machen...“, stützte er die Unterarme auf die Arbeitsplatte, während Dominik sich langsam zu ihm gesellte und dieses Mal tatsächlich etwas irritiert wirkte. Ernest schnaubte jedoch, nachdem er Frido eine unendliche Zeit lang schweigend angestiert hatte.

„Petitesse bedeutet Kleinigkeit und nicht Mücke, du ungebildeter...!“, knurrte er schließlich in seinen nicht vorhandenen Bart und drehte Frido den Rücken zu, um endlich das Handy zu malträtieren. Und kaum tat sich am anderen Ende der Leitung etwas, war es, als legte er eine wundersame Verwandlung hin: Mit einem Mal konnte er so viel Charme spielen lassen und so bezaubernd daher reden, dass er sich vielleicht selbst damit überzeugt bekam, wie umgänglich er doch war. Auch, wenn die tuschelnden Zwei in seinem Rücken das vielleicht nicht unbedingt so unterschrieben hätten.

„Leere Falschen unter der Spüle?“, flüsterte der Jüngere nämlich und der Ältere nickte.

„Jap. Stets einsatzbereit“, stützte er seinen Kopf auf eine Hand und schaute seinen Schatz dabei an, der diese Info scheinbar höchst befremdlich fand.

„Kippt er den ganzen Saft dann hinterher etwa weg? So viel kann man doch gar nicht trinken…“, murmelte er darum auch wenig verständnisvoll und nickte dann doch, als Frido etwas von Tiefkühltruhe im Keller antwortete.

„Ewig im Kühlschrank bunkern kann er die Flaschen ja schlecht, wenn sie einmal „angebrochen“ sind und zig mal den Saft einfrieren und wieder auftauen kommt auch nicht so gut. Also produziert er gerade fleißig Wassereis“, lachte der Dozent und strahlte den Arzt an, als der sich mit einem „So!“ wieder zu ihnen umdrehte und mit einem beherzten Tippen auf den roten Hörer das Gespräch beendete.

„Die Lieferung verschiebt sich um eine viertel Stunde, aber selbstverständlich stellt eine zusätzliche Portion kein Problem dar“, glitt das Handy zurück auf die Arbeitsplatte des Küchenschranks sinken, als sei nie irgendein Ärgernis aufgetreten und man konnte fast meinen, das Thema wäre damit gegessen gewesen. Aber nein, wofür gab es denn schließlich Frido Klimlau?

„Prima! Spendierst du uns in der Zwischenzeit ein Wassereis? Ich hätte gern Traube“, stichelte er und hob fragend die Augenbrauen, als ihn Dominiks Ellenbogen eindringlich zwischen Rippen kitzelte und der Jüngere leicht den Kopf schüttelte.

„Du kannst es nicht lassen, nicht wahr, Friedrich?“, wusste der Arzt sich jedoch auch selbst zu verteidigen und schmälerte die Augen, als der Dozent wieder zu ihm schaute. Frido grinste, alle anderen taten es nicht. Dominik zog eher die Schultern hoch, als würde er ein Donnerwetter erwarten, wohingegen Ernest äußerst still wurde. Noch stiller als vorher. Beinahe schon gespenstisch still und nicht einmal mit der Wimper zuckend, bis Frido endlich damit anfing, seine Mundwinkel wieder in Zaum zu halten. Erst dann trat der Arzt an die Kücheninsel heran, verschränkte die Hände auf deren Arbeitsplatte und tat einen tiefen Atemzug.

„Du bist also schon wieder im Land?“, ließ er die eisige Stimmung langsam auftauen, indem er in ein Gespräch mit Dominik abtauchte. Erst noch etwas hölzern und stockend, aber dann immer lockerer und gelöster und das selbst dann, wenn Frido es wagte, sich zu beteiligen. Zumindest so lange, bis er es sich natürlich wieder verscherzte.

„Die Torte kriegst du übrigens beim nächsten Mal! Wir waren die letzten Tage über zu beschäftigt mit was anderem“, grinste er einen Hauch zu vulgär, was der Arzt vermutlich einfach nur unpassend fand, sich aber eines Kommentars enthielt, als der Dozent dieses Mal einen finsteren Blick von seiner besseren Hälfte kassierte. Sollten die beiden Herzchen sich mal ruhig in die Wolle kriegen, dann musste er das wenigstens nicht übernehmen.

„Ich hab dir gesagt, dass das ne Überraschung werden soll!“, fauchte Dominik das Plappermaul auch schon an und schien dabei zur Abwechslung mal nicht zu feixen – sehr zu Ernests Wohltat. Mit einem Schlückchen Traubensaft auf der Zunge betrachtete er voller Zufriedenheit, wie Frido versuchte, die Wogen zu glätten und Dominik ihn dabei fulminant abblitzen ließ.

„Du hast doch vorhin selbst gemerkt, wie blöd er Überraschungen findet!“, sagte der Dozent schnell und musste feststellen, wie gespenstisch gut sein Freund es wusste, andere einfach nur in Grund und Boden zu starren. Eventuell etwas, das er sich ein klein wenig von einem gewissen Arzt abgeguckt hatte, zu dem er sich nach einer gefühlten Ewigkeit wieder wendete, während Frido weiterhin die kalte Schulter präsentiert bekam.

„Jedenfalls… das Hotel war wirklich der Wahnsinn! Ich hätte mir nie träumen lassen, mal in so einem Zimmer zu übernachten“, redete Dominik im munteren Plauderton weiter und während er sich angeregt mit Ernest unterhielt, wurde Frido energisch beiseite geschoben, als er versuchte, sich für eine Umarmung an den Lockenkopf heranzuwanzen. So nah und doch so fern! Und trotz fehlendem Training ausgesprochen kräftig! Zumindest solange, bis das Klingen an der Tür ihr Gespräch unterbrach.

„Oh, das Essen ist da“, machte Ernest sich sogleich auf den Weg, während Frido die Gelegenheit und Dominiks abnehmende Wachsamkeit nutzte. Er schnappte sich einfach die Hand, die gerade noch so beherzt gegen seinen Oberarm drückte und ihn auf Abstand hielt, um sie mit kleinen Küssen zu übersäen. Nun schnell einschleimen, bevor ihm tatsächlich noch die Couch drohte!

„Vorsicht, die kann auch boxen“, murrte der Jüngere zwar, aber Frido begann zu schmunzeln.

„Wird doch sowieso mal wieder Zeit fürs Training. Du hast fast n halbes Jahr ausgesetzt, mein Schatz“, murmelte er in seinen kleinen Bestechungsversuch hinein. Und siehe da: Für diesen Kommentar wurde er als „Idiot“ bezeichnet, aber immerhin hielt der Jüngere dieses Mal still. Zudem ließ Dominik es zu, wie Fridos Lippen immer näher auf seine zusteuerten, selbst, wenn er den Dozenten unterdessen kritisch beäugte. Und dann, als sie nur noch wenige Zentimeter trennten – schmiss Ernest die Wohnungstür mit so einem Karacho ins Schloss, dass Frido fast vom Hocker fiel und Dominik lauthals loslachte. Na, jetzt wusste der Dozent auch, warum sein Früchtchen ein Mal kurz an ihm vorbei in Ernests Richtung gelinst hatte!

„Ihr Saftsäcke!“, guckte er von einem zum anderen, aber während der eine ihn noch immer auslachte, gab der andere sich äußerst desinteressiert.

„Essen fassen“, trällerte Ernest stattdessen nahezu fröhlich, während er die Lieferung hinter die Kücheninsel trug. Gekonnt wurde alles optisch ansprechend und mit äußerster Sorgfalt angerichtet, um Dominik auch sogleich dankbar zwei Teller in die Hand zu drücken, als der wie auf Kommando zu Ernest gelaufen kam.

„Ja, ja, tut euch nur zusammen…“, murrte der Dritte im Bunde, während sein Herzblatt ein anerkennendes Nicken erhielt und er selbst zum Tragen der restlichen Gläser verdonnert wurde.

„Mach dich nützlich, Frido“, schnappte Ernest sich hingegen den dritten Teller und sein eigenes Glas, um sich mit Dominik zusammen zum Esstisch aufzumachen. Herrlich! Dann konnte das Schmausen ja beginnen – und der Arzt das Gespräch dabei peu á peu so lenken, dass sie pünktlich mit Beginn der Nachspeise schließlich auf ein ganz besonderes Thema zu sprechen kamen.

5.3.2025: fasten

Köstlich waren sie gewesen, die Vorspeise und der Hauptgang, bei denen selbst ein Ernest zu loben wusste, dass das Restaurant sich wieder einmal selbst übertroffen hatte. Natürlich! Sonst hätte er dort nicht zu den Stammkunden gezählt. Und doch, sie waren vorzüglich, die eigentlich viel zu kleinen Häppchen auf viel zu großen Tellern, die zwar vollmundig schmeckten, aber trotzdem für einen gewissen Beigeschmack sorgen konnten. Zumindest bei einem in der Runde.

„Hey, was haltet ihr eigentlich davon, wenn wir demnächst mal wieder selber kochen? Hättet ihr Lust darauf? Haben wir jetzt ja schon ewig nicht mehr gemacht!“, fragte der Jüngste von ihnen und schaute zwischen Sitznachbar und Gastgeber hin und her. Der eine beobachtete ihn seinerseits, der andere griff zur Serviette und tupfte sich die Reste der Soße von den Lippen.

„War in dieser Konstellation die letzten Monate über auch etwas schwierig, oder?“, amüsierte er sich unter Dominiks schiefem Grinsen ein wenig darüber, dass es aus dessen Mund so klang, als wäre ein gemeinsames Kochen mit – oder eher für – Ernest vor der Abreise des Lockenkopf so eine Seltenheit gewesen. Dabei hatte es sich sogar sehr schnell dahin entwickelt, dass Dozent und Student eigentlich immer selber am Herd standen, wenn der Jüngere von ihnen beiden mit zu den freitäglichen Besuchen kam. Nur gab es ja so seine Gründe, warum das bei ihrem heutigen Treffen etwas schwierig geworden wäre. Aber anstatt das Thema noch mal aufzumachen, ging Frido lieber auf die eigentliche Frage ein,

„Von mir aus können wir mit unserer kleinen Tradition beim nächsten Mal wieder starten. Hast du schon eine Idee, was du gern machen würdest?“, erkundigte er sich also, während er die Serviette beiseite legte und zum Glas griff, um ein paar letzte Krümelchen den Rachen herunter zu spülen. Aber während Dominik sich mit einem „Weiß nicht…“ ans Grübeln begab, zog auch schon Ernest mit einem belustigten Schnauben die Aufmerksamkeit auf sich. Er nippte zwar ebenfalls an seinem Glas, aber es diente wohl eher dazu, seine Darbietung zu untermalen, anstatt die Zunge zu befeuchten oder die herzhaften Aromen in seinem Mund beiseite zu räumen. Er schob den Teller ein Stückchen von sich, um gefahrlos seinen Ellenbogen auf der Tischplatte abstützten zu können.

„Es ist dir nach wie vor unangenehm, nicht wahr?“, schwenkte er in der einen Hand das Glas, während die andere es sich ebenfalls auf dem Tisch gemütlich machte. Er musterte den jungen Mann, der ihm gegenüber saß und auch bei ihm ein Grinsen mit Schieflage bekam. Erwischt…

„Ja, irgendwie schon… Versteh mich nicht falsch, das Essen ist gut und ich will nicht undankbar sein, aber ich finds halt auch echt verdammt teuer. Zumal, wenn ich dann auch noch eingeladen werde…“, murmelte der Lockenkopf beinahe kleinlaut, während er dem Arzt damit ein Schmunzeln stahl.

„Zumindest heute hast du dich ja erfolgreich dagegen gewehrt. Ich hab durchaus mitbekommen, dass da ein Schein in meiner Besteckschublade liegt, der dort normalerweise nichts verloren hat“, nahm er noch ein Schlückchen, wobei Frido sein Herzblatt irritiert anschaute und der Lockenkopf daraufhin lieblich ertappt die Schultern zuckte.

„Ähm… Als du vorhin im Bad warst und Ernest die Teller in die Spülmaschine geräumt hat… Ich wusst nicht so schnell, wohin damit und wollts ja auch nicht in die hinterste Ecke schieben. Er sollts ja schließlich auch finden können“, murmelte er, während Frido sich übers Gesicht rieb und die Hand elegant vorm Mund zu liegen kam, um ihm beim Unterdrücken seines Lachens zu helfen. Es war immer wieder ein Fest, wenn Dominik ihn zu ihren Treffen begleitete!

„Tja, das kommt davon, wenn man mich mit Überraschungsbesuchen überfällt“, konnte Ernest sich hingegen einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen. Aber ein wenig Gnade ließ er dann doch walten.

„Und auch, wenn ich deine Bescheidenheit zu schätzen weiß, solltest du inzwischen gelernt haben, dass du meine Einladungen ohne Gewissensbisse annehmen kannst“, zückte er also auch besagten Schein, der ein kurzzeitiges Dasein in seiner Hosentasche gefristet hatte und schob ihn über den Tisch zu Dominik.

„Solange du nicht erwartest, dass wir anfangen zu fasten, können wir es mit den Abendessen gerne wieder so handhaben wie vor deiner Abreise. Und nun steck dein Geld ein. Ich benötige es nicht“, sagte er dabei, woraufhin sein Gesprächspartner nur schüchtern nickte und zögerlich der Aufforderung nachkam, aber der Dritte im Bunde natürlich wieder einmal wenig zurückhaltend reagierte.

„Da ist was dran! Du weißt doch: Ernest arbeitet für sein Leben gern und hat neben der Arbeit kein Leben mehr“, prostete Frido dem Arzt mit einem breiten Grinsen zu, während er dafür nur ein schweigsames Mustern kassierte. Da hätte man ihm jetzt herrlich eins zwischen die Weichen geben können, aber..

„Apropos Arbeit und Leben…“, entschied Ernest sich lieber dafür, dass es eine gute Gelegenheit war, um langsam aber sicher auf ein gewisses Thema zuzusteuern.

„Übernächste Woche müssen wir unser Treffen leider ausfallen lassen“, begann er unterdessen, den Tisch abzuräumen, um Platz für das Dessert zu machen.

„Ich bin zu einem Kongress eingeladen“, stapelte er die Teller aufeinander, bestückte sie mit dem Besteck und trug alles unter dem belustigten Kommentar eines gewissen Dozenten zur Küche hinüber.

„Ärztekongress mal wieder? Macht ihr Mediziner eigentlich noch was anderes, als auf irgendwelchen Tagungen rumzuspringen?“, witzelte er, gemütlich auf seinem Hintern sitzend, während Dominik bereits wieder aufsprang, um Ernest beim Nachtisch behilflich zu sein.

„Eine Tagung dauert in der Regel, wie der Name es schon vermuten lässt, nur einen Tag, Frido. Der Kongress hingegen findet das gesamte Wochenende statt. Anreise am Freitagnachmittag, mit gemeinsamem Essen am Freitag- und Samstagabend. Sonntags gibt es noch eine kurze Vortragsrunde mit Ende um die Mittagszeit herum“, erklärte Ernest zwischen Spülmaschine und Anrichten des Parfaits, während er näher auf die Details zu sprechen kam. In einem bezaubernden Hotel fand das Treffen dieses Mal statt. Es bot die nötigen Räume für das Zusammenkommen, ausreichend Zimmer für diejenigen, die extra anreisten, eine gute Bewirtung und dank seiner ursprünglichen Nutzung verfügte es sogar über einen ansehnlichen Park, der den grübelnden Köpfen in den Pausen Frischluft vom Feinsten spendierte.

„Oh, das Waldschlösschen ist echt chic! Ich war da als Kind öfter mit meinen Großeltern. Hat sich immer angeboten! Halbe Stunde Fahrt von ihnen aus und massig Platz, um den Dreikäsehoch so lange laufen zu lassen, bis er müde war“, lachte Dominik, während er zwei der Dessertteller an sich nahm und schmunzelte, als seine Rückkehr an den Tisch von einem etwas fragenden Blick Fridos begleitet wurde. Da zeigte sich dann, wer in dieser Gegend aufgewachsen war und wer erst vor ein paar Jahren hinzugezogen.

„Ach, da in der Ecke…“, wusste dann nach einer kurzen Erklärung aber auch der Dritte im Bunde, wo es Zeit wurde und pünktlich, als auch Ernest zum Tisch zurückkehrte, fiel die Frage, auf die der Arzt sehnlichst gewartet hatte.

„Und fährst du dann mit dem Taxi oder nimmst du lieber die Öffis?“

Dominik schien diese Worte tatsächlich ernst zu meinen und genauso ernsthaft irritiert zu sein, als Frido in Gelächter ausbrach und Ernest einen Moment abwartete, was nun wohl geschehe. Musste er es selbst ansprechen? Nein, sein alter Freund erwies sich mal wieder als sehr zuverlässig. Und vor allem berechenbar.

„Du erwartest wirklich, dass ein Dr. Ernest Landers sich von den öffentlichen Verkehrsmitteln und ihren Ausfällen abhängig macht? Oder gar sein vornehmes Hinterteil in ein Taxi befördert, ohne vorher zu wissen, was ihn dabei womöglich erwartet? Stell dir nur mal vor, er gerät an so eine grauenerregende Labertasche, die ihm die ganze Fahrt über ein Ohr abkaut! Eine ganze Stunde lang! Mit Stau womöglich sogar noch länger! Das hält der Arme doch im Leben nicht aus!“, gab Frido sich regelrecht entsetzt über Dominiks Frage, um dann lauthals zu lachen. Sein Lockenkopf war hingegen eher noch irritierter. Dass Ernest am liebsten sein Auto nahm, war ihm schon klar, aber…

„Na ja, manchmal gehts halt nicht anders. Was willst n sonst machen?“, fragte Dominik mit einem herrlichen Hauch von Naivität, was nur noch von Fridos Übermut getoppt wurde.

„Laufen oder mit dem Fahrrad fahren! Wenn er früh genug losradelt, ist das kein Problem!“, grinste er eine Spur zu süffisant und hatte sich damit eigentlich schon längst ins Aus manövriert, als ihm endlich auffiel, dass Ernest auffällig schweigsam reagierte. Keine bissigen Rückmeldungen, kein stechender Blick. Nur ein stilles Warten, Schmunzeln und Betrachten, bis der Groschen endlich fiel.

„Moment mal, du erwartest aber nicht, dass ich den Chauffeur für dich spiele, oder?“, blieb Frido das Lachen plötzlich im Halse stecken und die Lust auf Parfait schien vergangen, während Ernest nun genüsslich zum Löffel griff, um nebenher das komplette Ausmaß seines perfiden Plans anzudeuten.

„Selbstverständlich nicht. Angesichts dieser Strecke wäre das doch ein wenig vermessen, dich um so etwas zu bitten, Frido. Zumal es ja nicht nur die Anreise betrifft, sondern auch die Rückkehr am Sonntag sichergestellt werden muss“, stach er sich etwas vom Parfait ab und ließ es sich auf der Zunge zergehen, während Frido wieder etwas entspannter zurück gegen die Rückenlehne sank.

„Ja, genau, wär ne ganz schöne Gurkerei…“, schnappte er sich seinen Löffel, warf ein Lächeln in die Runde und wollte es sich gerade schmecken lassen. Doch dann war er froh, noch nicht gekostet zu haben, denn sonst wäre ihm der Bissen sicherlich im Halse stecken geblieben.

„Ich hatte eher daran gedacht, ob du mich das Wochenende über begleitest. Als mein Gast, der freundlicherweise das Fahren übernimmt. Selbstredend in meinem Wagen. Ich möchte dir natürlich nicht mehr Unannehmlichkeiten bereiten als unbedingt notwendig, Frido. Deshalb hab ich auch schon das Hotelzimmer reserviert“, wurde er wieder ganz genau ins Visier genommen, während Frido den Blick vom Teller zum Gastgeber richtete und darauf wartete, dass der lautstark was von „April, April!“ brüllte, obwohl der April am Ende des Sommersemesters noch in weiter Ferne lag.

„Keine Unannehmlichkeiten, indem du mich das ganze Wochenende mitschleppen willst?! Und das so kurz, nachdem ich meinen Hasen endlich wieder hab?“, fragte er entgeistert, um ähnlich in Jubel auszubrechen, als jetzt auch noch der Hase anbot, den Fahrer zu mimen.

„Also mir macht das nichts aus. Ich hab Paps ja auch ein paar Mal zur Reha gefahren. Mir wär nur ganz lieb, wenn ich Fridos Wagen nehmen könnte. Den kenn ich besser und der geht auch nicht so ab, wenn man Pinn gibt. Ich bring dich hin und hol dich wieder ab. Kein Problem. Dann könnt ihr euch das Geld fürs zweite Zimmer auch sparen“, löffelte er sein viel zu teures Eis und schaute aufmerksam von einem zum anderen. Nur überraschenderweise sprang Ernest nicht direkt freudestrahlend darauf an, sondern zeigte sich eher etwas zurückhaltend.

„Ich weiß dein Angebot wirklich zu schätzen, Dominik…“, antwortete er ungewohnt verhalten, während er nachdenklich den Löffel über dem Dessert schweben ließ und Frido prompt seine Irritation rausposaunte.

„Seh ich das grad richtig? Er bietet sich sogar an und du willst trotzdem lieber mich dabei haben? Wie kommts? Keine Angst, dass ich dich blamieren könnte?“, verschränkte er mit skeptischem Blick die Arme vor der Brust, höchst wachsam und zugleich belustigt vom Fortgang dieses Gesprächs. Zudem schien Frotzeln und Sticheln gerade wieder viel interessanter geworden, anstatt sich mal darum zu kümmern, dass sich das Parfait allmählich der Zimmertemperatur entgegen neigte. Ernest reagierte auf diesen Einwurf allerdings dahingehend, dass er sich vornehmlich an Dominik als seinen Gesprächspartner hielt.

„Ich hatte Friedrich vor einigen Jahren schon einmal auf solch eine Veranstaltung mitgenommen…“, begann er zu erzählen, unterbrochen von einem beherzten „Ja, zum Vorzeigen und Angeben, wie gut du mich wieder zusammengebaut bekommen hast!“, das jedoch nicht einmal mit einem Wimpernschlag gewürdigt wurde.

„Für meine damaligen Klinikkollegen und mich war es eine willkommene Gelegenheit, um im Austausch mit den anderen Anwesenden auf gewisse Aspekte bei seiner Genesung einzugehen, das gebe ich zu“, beschrieb der Arzt das Ganze stattdessen lieber auf seine Weise, um dann zum delikaten Teil des Ganzen zu kommen.

„Nun… und wie ich dabei ebenfalls feststellen durfte, verhält Frido sich recht souverän bei solchen Veranstaltungen…“, tastete er sich heran und seufzte beinahe schon erleichtert aus, als Dominik seinerseits die richtigen Schlüsse aus der Andeutung zog.

„Du hast Schiss, dass ich mir vor Angst in die Hose mache, wenn da n Haufen Anzugträger und Stethoskopschwinger vor mir steht und mir mit irgendwelchem Fachchinesisch um die Ecke kommt, stimmts?“, hatte er wirklich eine famose Art, seine Vermutung zu äußern und Ernest im Geheimen wieder einmal an Fridos gutem Einfluss zweifeln zu lassen. Doch darum ging es nicht, also unterließ er einen Seitenhieb diesbezüglich und hörte dem jungen Mann lieber weiter aufmerksam zu, als er ebenfalls anfügte: „Abgesehen davon, dass ihr wahrscheinlich nicht nur Pommes mit Currywurst esst, sondern vielleicht auch ein bisschen was Vornehmeres.

Dominik gönnte sich noch ein weiteres Löffelchen voll Eis und machte dann eine wegwerfende Handbewegung, als der Arzt zu relativieren versuchte.

„Dominik, es ist mitnichten so, als würden Mediziner nicht auch nur mit einfachem Wasser kochen oder dass wir dort ein Zwölf-Gänge-Menü mit zig unterschiedlichen Messern und Gabeln hätten!“, sagte er eilig, aber der Lockenkopf gab offen zu, dass er schon Schwierigkeiten bei der Benutzung eines Fischmessers hätte – und wenig Interesse hegte, sich in nächster Zeit tiefer in dieses Thema einzuarbeiten.

„Und ich hab ja auch generell nicht viel für so was übrig. Frido ist ne Rampensau, den kannst du problemlos auf solche Veranstaltungen loslassen. Aber ich krieg schon zu viel, wenn ich bei unseren Abschlussveranstaltungen keinen hab, an den ich mich son bisschen dranhängen kann. Und bei der Ausstellungseröffnung hast du ja selbst gemerkt, wie gelassen und beherrscht ich da rangegangen bin“, zuckte er die Schultern und tätschelte der Rampensau die Hand, als Frido meinte, dass der Lockenkopf sein Licht nicht so unter den Scheffel stellen sollte.

„Du bist inzwischen deutlich lockerer geworden und kannst viel besser auf Leute zugehen“, sagte er, während er sich auch endlich mal ans Parfait machte und bekam dafür ein liebliches Schmunzeln.

„Mag sein, aber ändert trotzdem nix daran, dass ich eher introvertiert bin und mich auf Events mit vielen Leuten nicht sonderlich wohl fühle. Also… mein Angebot, den Fahrer zu spielen, steht, aber ich hätte keine Lust, das ganze Wochenende über da zu bleiben. Abgesehen von Ernest kenn ich da keinen und inhaltlich ist das ja auch nicht unbedingt mein Schwerpunkt, ums mal so zu sagen. Ich könnt ja nicht mal was über irgendwelche chicen OPs und meine Verwandlung zum Terminator zum Besten geben“, schenkte er seinem Liebsten ein gewitztes Grinsen und schien äußerst zufrieden, als der lauthals auflachte. Na, dann war ja alles klar.

6.3.2025: Powernap

Diesig war es am Morgen noch gewesen. Ein dichter Nebelschleier hatte sich vom Fluss her durch die Stadt gezogen, alles mit seinen feinen Tröpfchen benetzt und das Auge nur wenige Meter weit sehen lassen. Eine beinahe gespenstisch anmutende Kulisse und Tortur für jeden, der zu diesem Zeitpunkt das Haus hatte verlassen müssen. Mehr als einmal waren die Sirenen der Rettungskräfte durch das wabernde Grau in Grau zu hören gewesen, um sich wie ein übler Vorbote auf die allgemeine Stimmung zu legen. Wen würde es als nächstes treffen, schienen sie gequäkt und geschrien zu haben, doch dann, mit einem Mal war der Spuk urplötzlich vorbei gewesen. Ehe man sich versehen hatte, war nur noch strahlender Sonnenschein zu sehen gewesen und glücklich derjenige, der erst am Vormittag seine Reise antrat. So, wie ein gewisser Arzt und sein Begleiter.

Ein laues Lüftchen strich nun durch Stoppelfelder und bewegte die letzten Strohhalme, die ersten sich verfärbenden Blätter am Wegesrand kündigten das nahende Ende des Sommers an. Die Nächte waren bereits frisch und kühl, aber die Tage noch herrlich warm. Trügerisch lockten sie den unvorsichtigen Fahrer, seine Scheiben ein wenig herunter und frischen Fahrtwind zur Abkühlung herein zu lassen. Aber wie wäre es ihm gedankt worden? Sicherlich mit einer ordentlichen Erkältung, die ihn noch Tage später an dieses Wagnis erinnert hätte. Also verließ er sich auf die Klimaanlage und bestaunte in angenehm frischer Umgebung, wie sein Vehikel über die Straße schnurrte. Gut lag es in den Kurven und geschmeidig fädelte es durch die anderen Verkehrsteilnehmer hindurch. So ein Porsche, das musste er zugeben, war doch ein bisschen was anderes als ein alter Mercedes.

„Na schön, es macht schon Spaß, den zu fahren!“, lobte er die teure Karosse, während es schnurstracks auf der linken Spur vorbei an den lahmen Enten ging und er mit einem Funkeln in den Augen den Blinker anschmiss, um sich wieder rechts einzuordnen. Ja, solch ein Auto war was Feines und gut daran gelegen war seinem Besitzer, dass er nur jene ans Steuer der vielen Pferdestärken ließ, die auch wirklich über einen ausreichend kühlen Kopf verfügten. Leute, die es nicht mehr nötig hatten, sich und anderen etwas mit waghalsigen Manövern zu beweisen. Die fest im Leben standen, die Fahrt genießen konnten und vorausschauend agierten – zumindest, wenn es um das Autofahren ging.

„Wir sind übrigens verlobt! Zumindest so gut wie…“, warf der Fahrer mit einem Mal in den klimatisierten Raum hinein und gleichzeitig den Blinker an, um die nächste Abfahrt anzusteuern. Einmal von der einen Autobahn runter und auf die nächste drauf, während er mit dem einen Seitenblick den nachfolgenden Verkehr beobachtete und mit dem anderen Ernersts irritiertes Gesicht erkannte.

„Wie schafft man es denn, so gut wie verlobt zu sein? Entweder, man ist es, oder man ist es nicht. Was hast du jetzt schon wieder angestellt, Frido?“, fragte der Arzt nach kurzem Mustern seines Fahrers und hob die Augenbraue, als der auflachte.

„Ich hatte spontan die Idee, ihm einen Antrag zu machen und mitten drin fiel mir dann auf, dass ich nicht mal einen Ring hab. Also geh ich das später noch mal richtig an. Aber immerhin weiß ich jetzt schon mal, dass er Ja sagen würde!“, grinste er unter Ernests Kopfschütteln. Und auch, wenn er sich bei diesem Punkt ganz sicher war, fragte Frido sich an anderer Stelle noch immer ein wenig, wie der Abend vor zwei Wochen plötzlich doch noch diese Richtung eingeschlagen hatte.

Nun war er also auf dem Weg zum Waldschlösschen und würde Dominik beinahe das gesamte Wochenende nicht um sich herum haben. Denn selbst, wenn der Dozent sich mit Sicherheit hier und da mal von der Veranstaltung wegschleichen würde, hatte er nicht allzu viel von seinem Lockenkopf. Der wollte nämlich seine Zeit als Strohwitwer erst einmal für den lang ersehnten Besuch bei Nikos kleiner Familie nutzen. Schließlich kannte er den pausbäckigen Neuzugang, der seine Mama fast 30 Stunden lang auf seine Ankunft hatte warten lassen, bisher nur von Fotos, Videos und den Erzählungen seines über alle Maßen stolzen Papas. Also ging es für Dominik nach der Verabschiedung von seinem Liebsten erst zu Tessa und ihrem Anhang, um sich anschließend wieder volle Fahrt an die Vorbereitungen seiner Ausstellung zu setzen. Sicherlich genauso gezielt und präzise, wie Frido nun vom Einfädelungsstreifen aus rüber zog, um wieder einen Platz auf der linken Spur zu ergattern. Zumindest, bis er einige LKW überholt und wieder Muse für die rechte Seite der Fahrbahn hatte.

„Und was hast du dir für deinen „richtigen“ Antrag überlegt?“, erkundigte der Arzt sich unterdessen, während er nebenher sein Handy zückte, um noch einmal die heutigen Tagesordnungspunkte durchzugehen.

„Also ganz klar Rosen, Kerzen, Schampus und die passende Musik! Oder ein Flashmob mit allem, was dazu gehört! Ich kenn ein paar Leute, die bestimmt mitmachen würden und vielleicht findet sich auch noch jemand, wenn wir mit dem Tanzkurs starten. Ich hab auch überlegt, ob Dominiks Abschlussfeier nicht der richtige Ort dafür wäre. Irgendwie würde es dann unsere kleine Tradition, da immer eine Bombe platzen zu lassen!“, grinste Frido mit jedem Wort mehr, wobei Ernest mit jedem weiteren Wort die Stirn stärker kräuselte.

„Willst du, dass er ja sagt oder willst du, dass er schreiend davon rennt?“, ließ er das Handy sinken und schüttelte den Kopf, als Frido auflachte.

„Ich geb zu, die Befürchtung hatte ich auch schon ein bisschen… Na ja, aber das kann ich mir ja noch überlegen. Jetzt muss demnächst erst mal wieder das neue Semester starten. Schon ein bisschen komisch, dass er danach nicht mehr in meinem Unterricht sitzen wird…“, murmelte er mit einem Hauch von Wehmut und schüttelte dann eifrig den Kopf.

„Ach, egal! Ich konzentrier mich auf die Verlobung! Das ist n schöneres Thema!“, schmunzelte er wieder, um auf das Thema zu sprechen zu kommen, das bei dem Ganzen ja – neben dem, der ja sagen sollte – das wichtigste war: Der Ring.

„Ich weiß schon, dass er auf irgendwelche pompösen Dinger mit Stein oder so was nicht steht. Er möchte es schlicht, hat er gesagt, aber bei allem anderen lässt er mir freie Hand. An sich nehmen viele ja klassischerweise immer noch Gelbgold, aber ich finde, Weißgold würde besser zu ihm passen. Was meinst du?“, fragte Frido, warf einen Blick in den Seitenspiegel, in den Rückspiegel und dann kurz zu Ernest, ehe er wieder nach vorne schaute.

Der Arzt überlegte kurz. An sich hätte Gelbgold seiner Ansicht nach auch zu dem jungen Mann gepasst, aber ja, irgendwie hatte die Vorstellung von silbernem Look mehr an sich. Wobei man vielleicht auch mischen könnte?

„Hmm… ich glaub, da muss ich mir im Geschäft mal ein paar Versionen zeigen lassen, bevor ich das entscheiden kann...“, war Frido diesbezüglich also genauso unschlüssig wie vorher, aber dafür wusste er schon ganz genau, dass er eine Gravur haben wollte. Ihre Namen auf der Innenseite, vielleicht auch noch das Datum der Hochzeit – oder des Tages, an dem sie zusammengekommen waren? Womöglich auch beides, wenn man den Hochzeitstag passend legte… Ernest beschlich dabei allerdings eine andere Überlegung.

„Das muss dann aber ein ziemlich großer Ring sein, wenn dein ganzer Name da rein soll“, schwang eine gewisse Belustigung in seinen Worten mit, die bei Fridos Stirnrunzeln umso deutlicher wurde. Kurz hatte er auf dem Schlauch gestanden, das war offensichtlich und dann fand er den Witz einfach nur doof – auch das war offensichtlich.

„Ha.ha! Natürlich kommt da nur Frido rein und nicht Friedrich Karl! So hat Dominik mich noch nie genannt!“, antwortete er und verzog das Gesicht noch ein bisschen mehr, als Ernest zu bedenken gab, dass er dann aber auch auf die richtige Schreibweise des Namens achten sollte – bei sich selbst und auch, damit sein Lockenkopf nicht plötzlich ein c spazieren trug, wo normalerweise ein k hingehörte. Der Dozent seufzte, der Arzt schmunzelte.

„Ich habe dich damals sofort gefragt, ob du es nicht bei Fritz belassen willst, damit die Leute künftig nicht ständig fragen, ob Frido sich von Fridolin ableitet…“

„Oder warum es nicht Friedo mit e heißt, obwohl es von Friedrich kommt. Ja, ja… Aber in Fritz ist auch kein e drin!“.

„In Friedrich schon“.

Der Dozent murrte, der Arzt grinste nun sogar fast. War ja nicht so, als hätten sie dieses Thema nicht in der Vergangenheit schon mal gehabt und Frido sich im Nachgang das eine oder andere Mal darüber beschwert, wenn sein Name mal wieder verschandelt worden war. Schlimm genug, dass manche Behörden nach wie vor darauf bestanden, ihm Post an Friedrich Klimlau zu schicken! Schließlich war Friedrich Klimlau sein Vater und nicht er!

„Oder wenn die dann sogar meinen kompletten Namen auf den Wisch schreiben!“, begann er sich ein wenig zu echauffieren, um dann selbst einzusehen, dass die deutsche Bürokratie gerade eigentlich nicht ihr Thema war.

„Wie auch immer… Mir egal, was andere darüber meinen, ich mach, was ich will und ich schreib meinen Namen, wie ich es für richtig halte!“, war seine Konklusion aus dem Ganzen, was Ernest mit einem leicht spöttischen „Brauchst du mir nicht sagen. Ich kenn dich und deine Eigenheiten ja lang genug“ noch zur Perfektion abrundete. Nun, dann waren sie sich ja einig und das Ziel ihrer Reise auch immer mehr in Sicht.

„Die nächste Abfahrt musst du runter. Das Navi will dich zwar noch weiterführen, aber ich kenn eine Abkürzung“, schien es sogar in noch greifbarere Nähe zu rücken und doch verspürte Frido für diesen Tipp nicht in erster Linie Dankbarkeit, sondern erkannte vor allem eine Steilvorlage.

„Aber hoffentlich nicht wieder eine Schotterpiste zum Festfahren“, griente er und betätigte den Blinker unter Ernests kühlem Blick im Augenwinkel.

„Ich habe mich nicht festgefahren und das weißt du auch ganz genau“, fröstelte es einen Augenblick lang gewaltig unter der prallen Sonne. Der Dozent grinste weiter, der Arzt tat es nicht. Zumindest noch nicht. Stattdessen schlich sich mit einem Mal ein kleines Schmunzeln auf seine Lippen, das den Jüngeren begleitete, während er den Wagen von der Autobahn herunter lenkte. Auch hier schnurrte er wieder wie ein kleines Kätzchen, während er sich elegant in die Kurve legte – so gut das bei einem Vehikel mit vier Rädern eben möglich war. Zufrieden grinste der eine über seine famosen Fahrkünste und ähnlich positiv nahm der andere wahr, dass nun ein guter Zeitpunkt für Sticheleien gekommen war.

„Wie hat sein Vater eigentlich darauf reagiert, als du um die Hand seines Sohnes gebeten hast?“, schob er sein Handy in die Hosentasche, verschränkte die Finger auf dem Schoß und freute sich auf das nun folgende Schauspiel. Natürlich enttäuschte Frido auch dieses Mal nicht und reagierte erst einmal mit Verwirrung.

„Ja, noch gar nichts! Ich sag doch, dass das noch nicht offiziell ist“, zuckte er die Schultern und hielt den Blick auf die nun beginnende Landstraße gerichtet, während seine Mimik trotzdem verriet, dass er seinen Fahrgast gerade für einen schlechten Zuhörer hielt. Doch war Ernest das wirklich oder eher derjenige, der am Steuer saß?

„Ich meinte nicht, wie er auf deinen Antrag an Dominik reagiert hat, sondern darauf, dass du natürlich vorher seine Erlaubnis eingeholt hast. Oder hast du das noch gar nicht?“, schlich es sich im wachsamen Ton in Fridos Ohr und entlockte ihm ein herzhaftes Lachen. Der Arzt war wirklich immer wieder für ein Witzchen gut!

„Als ob ich den Alten um seine Zustimmung bitte! Wichtig ist, was Dominik dazu sagt und nicht, was dieser Griesgram meint!“, amüsierte er sich köstlich, während Ernest ihn einen Augenblick lang schweigend betrachtete.

„Dir ist aber schon klar, dass der Alte künftig Teil deiner Familie ist und euer Verhältnis ohnehin schon nicht das beste?“, brach er dann die Stille, tippte die Daumen aneinander und schmunzelte noch ein wenig mehr, während Fridos Lachen in einem schiefen Grinsen verebbte.

„Ja, genau das! Für den bin ich eh nur noch der Tiefflieger! Als ob der nur drauf warten würde, dass ich auf seiner Matte stehe und ihn um seinen Segen bitte. Abgesehen davon, dass es mich nicht mal wundern würd, wenn der gar nicht erst zur Hochzeit kommt. Oder Rosanna und Trudel absetzt, um sich dann vor der Kirche rumzudrücken. Oder… wo auch immer die Trauung letztlich stattfinden wirst. Du weißt schon, was ich meine…“, versuchte Frido zwar, noch ein wenig Witz mit in seine Worte einfließen zu lassen, aber sogar sich selbst konnte er dabei nicht allzu gut überzeugen. Das bewies allein schon, wie schwer seine Mundwinkel inzwischen daran zu kämpfen hatten, sich oben zu halten. Ernests fiel das hingegen deutlich leichter.

„Das wäre doch mal was anderes: Du stehst am Altar, während Dominik sich wieder draußen bei seinem alten Herrn die Beine in den Bauch steht. Hat was. Von so einer Hochzeit kann sicherlich nicht jeder berichten!“, spöttelte er und gab dann sogar ein belustigtes Schnauben von sich, als ihn ein kurzer, wenig erfreuter Seitenblick traf. Oh, da war gerade jemand aber ganz und gar nicht zu Scherzen aufgelegt.

„Jetzt mal im Ernst, du hast doch schon genug über den alten Preuss gehört und von ihm gesehen! Bei Dominik reißt er sich zwar inzwischen zusammen, aber wenn ich da aufschlage, um mir seinen Segen abzuholen, kann sich doch jeder vorstellen, wie dieser Segen aussehen wird! Der schmeißt mich im hohen Bogen raus, wenn er mich überhaupt ohne Dominik ins Haus reinlässt. Da müsst ich ja bescheuert sein, mir diese Abreibung auch noch sehenden Auges abzuholen“, verstärkte sich sein Griff ums Lenkrad weit genug, dass der aufmerksame Beobachter es erkennen konnte und auch die Falte zwischen Fridos Augenbrauen war nicht zu übersehen.

Der Arzt hingegen tippte wieder die Daumen aneinander. Vielleicht sollte er ihn nicht zu sehr triezen.

„Das sagst du. Und wenn du dadurch vielleicht sogar in seinem Ansehen steigst? – Da vorne müssen wir übrigens links“, ergriff er nach einer kurzen Pause wieder das Wort und Frido die Gelegenheit, als sie an der nächsten Ampel ohnehin stoppen mussten.

„Wie genau meinst du das?“, drehte er den Kopf zu Ernest, damit er seine Stimmung nicht nur aus den Nuancen seiner Worte herausfiltern musste. Aber ehe er sich wirklich an Ernest sattsehen konnte, forderte ihn auch schon das grüne Leuchten dazu auf, wieder anzufahren.

Er bog ab, ließ sich einen kurzen Abriss geben, wie er in dem nun auftauchenden Örtchen zu fahren hatte und war dann wieder ganz Ohr, wenns um Vater Preuss ging.

„Nun ja…“, sagte der Arzt, während er einen Blick über die Häuser schweifen ließ, die nun ihren Weg säumten. Historische kleine Buden neben modernen Gebäudekomplexen, Fachwerk vermischt mit Stahl und Beton, Wohnungen neben Geschäften und Läden. Ein kleiner Parkplatz, ein paar Straßenbäume und Beete am Wegesrand. So weit, so unspektakulär.

„Vielleicht wartet er auch gerade auf so ein Zeichen von dir. Dass du ihn trotz eurer Differenzen so weit respektierst, ihn sogar im Vorfeld mit einzubeziehen, anstatt ihn im Nachgang einfach vor vollendete Tatsachen zu stellen, wenn die Einladung zur Feier ins Haus flattert“, gab er zu bedenken, während Frido noch einmal abbog und ein Seufzen von sich gab. Es lag aber wahrscheinlich weniger an dem auftauchenden Hinweisschild, dass sie das Schlösschen bald erreicht hatten, sondern viel mehr an den Aussichten, die der Arzt ihm da gerade malte.

„Meinst du wirklich?“, murmelte er und trat aufs Gaspedal, als sie die letzten paar Kilometer noch einmal über die Landstraße führten. Ernest zuckte die Schultern und betrachtete die grüne Landschaft voller Bäume und Wiesen, die nur ab und an von einem Hof unterbrochen wurde.

„Wissen kann ich es natürlich nicht, aber immerhin scheint er mir ein Mann zu sein, bei dem die Familie einen hohen Stellenwert einnimmt. Auch, wenn es auf den ersten Blick nicht immer als solches erkennbar ist. Ich könnte mir also durchaus vorstellen, dass du in seinem Ansehen steigst. Oder aber, dass er dich dann tatsächlich endgültig für einen Idioten hält, weil ihm das alles viel zu antiquiert ist“, deutete er auf das Schild, das schon von weitem den Eingang zum Parkplatz verkündete und verspürte eine gewisse Freude, als er die ersten Zipfel des Waldschlösschens bereits durch die Blätterdächer wahrnehmen konnte. Eine wirklich angenehme und ruhige Fahrt war das gewesen und trotzdem eine Wohltat, in wenigen Minuten die Beine etwas vertreten zu können. Sogar ein kleines Lächeln zauberte ihm dieser Gedanke aufs Gesicht, während Fridos Lippen und Augenbrauen sich eher nachdenklich zusammenpressten. Was für ein Scheiß Thema zum Ende der Fahrt hin! Wollte er sich wirklich auf so eine Konfrontation einlassen? Er tat einen tiefen Atemzug, schmiss ein letztes Mal den Blinker an und parkte den Wagen auf dem erstbesten freien Platz. Erst dann ließ er die Luft wieder einem ebenso tiefen Seufzen hinaus und stellte den Motor ab.

Da waren sie also, dachte er mit einem Blick auf den Park und die Begrüßungstafel, die den kürzesten Weg zum Waldschlösschen beschrieb. Hübsch war es ja, aber irgendwie…

„Ich glaub, ich brauch jetzt erst mal n Powernap…“, murmelte Frido, während er den Gurt öffnete und Ernest bereits aus dem Wagen stieg. Ja, dachte der Dozent, einfach nur hinlegen und sich auf eine einsame Insel träumen, auf der es nur den einen Preuss gab, den er auch am Sonntag wieder in die Arme schließen wollte! Aber wem machte er was vor? Wenn er den Kopf schon frei kriegen wollte, dann musste es wohl eher eine lange, lange Joggingrunde durch den Park werden. Gut, dass er auch seine Laufschuh mit eingepackt hatte…

7.3.2025: bramarbasieren

„Schau nicht so missmutig. Genieße lieber das Ambiente und dass Kost und Logis für dich mit inbegriffen sind. Es erwartet ja auch niemand, dass du die ganze Zeit über an meiner Seite bleibst. Die Fachvorträge und Diskussionsrunden werden für dich vermutlich nicht von großem Interesse sein. Ich habe dir den Programmplan weitergeleitet. Du kannst in den Pausen und zum Essen dazustoßen und in der Zwischenzeit den Park erkunden. Angrenzend daran gibt es Richtung Westen auch ein etwas größeres Waldgebiet mit Bachlauf, gleich zu Beginn des Waldes und wenn du der Allee folgst, findest du sogar einen Golfplatz. Ganz zu schweigen von dem kleinen Sportbereich und Leseraum im Keller des Hotels. Keine Bibliothek, aber um dir die Zeit zu vertreiben, sollte einiges dabei sein“, begleiteten Ernests Worte sie über den Parkplatz, ehe sie sich auch schon eilig und fleißig mit denen der ersten Kollegen vermischten.

Ein wunderbares Wiedersehen bei herrlichstem Wetter und bester Location, das in Frido schnell das Gefühl weckte, ein wenig fehl am Platz zu sein. Nicht nur, weil er schon binnen weniger Sekunden vom Gesprächspartner zum Zuhörer geworden war, sondern auch darüber hinaus. Weitere Karossen um ihn herum, die nur so bramarbasierten und gegeneinander anstinken wollten, wie er es sich ansonsten nur auf einem Anwalts- oder Unternehmertreffen vorstellen konnte. Dazu die Aussicht auf Golf. Als ob er Golf spielen würde! Minigolf war schon das höchste der Gefühle und selbst das hatte er zuletzt als Student gespielt – nachts, mit Besen statt Golfschlägern bewaffnet und nach einer Studentenparty, auf der reichlich Alkohol geflossen war. Er wusste nicht mehr, wie sie überhaupt auf den Minigolfplatz gekommen waren und auch nicht, wo sie die Besen her gehabt hatten, aber es war eine grandiose Sause gewesen! Auch, ohne wenigstens einen der Kieselsteine eingelocht zu haben, die ihnen als Ballersatz gedient hatten.

Und wenn er heute einfach ein paar der anderen Gäste abfüllen und ihnen einen Besen in die Hand drücken würde? Seine Mundwinkel zuckten kurz bei dem Gedanken, aber Ernests Rache für so eine Aktion wollte er sich gar nicht erst vorstellen. Skalpell im Rachen machte sich nicht so gut… Also latschte er ihm einfach nur weiter brav hinterher, wie eine der Arztgattinnen, die ihrem Mann auf dem Kongress gefolgt waren. Einige von ihnen kannten sich offenbar schon länger, wie ihr ausgiebiges Geschnatter bewies und bei anderen musste er überrascht feststellen, dass er sich in der Rollenverteilung geirrt hatte. Schön zu sehen, dass die Zeiten vorbei waren, in denen immer nur die Frau das hübsche Anhängsel war – und selbst dann durchaus auf eine eigene beeindruckende Karriere zurückblicken konnte, wie ein aufmerksames Lauschen zwischen die Zeilen verriet.

Vielleicht wurde es doch nicht ganz so ätzend, wie er befürchtet hatte? Zumal er jetzt auch noch aufschnappen durfte, dass das Waldschlösschen vor einigen Jahren wohl großflächig renoviert und saniert worden war. Modernere Standards in vielen Bereichen, aber trotzdem den alten Charme stärker als zuvor zu neuem Leben erweckt. Auch hier konnte man ein wenig an prahlen und bramarbasieren denken, spätestens dann, wenn man den Weg mit seinen hellen Kieselsteinen entlang schritt, die gepflegte Anlage um sich herum betrachtete und dann der Blick auf das cremeweiße Herzstück fiel. Wie es sich dort zwischen all dem Rasen, Büschen und Beeten emporschob, die langsam den Park in eine Art riesigen Garten verwandelten, der das Schlösschen umspielte – zugegebenermaßen war das durchaus ein Anblick! Regelrecht erhaben wirkte es, mit seinen Verzierungen, Statuen und Figürchen, die es noch zusätzlich von den anderen Gebäuden in der näheren und weiteren Umgebung abhoben. Hier eine Orangerie, dort ein Pferdestall und vieles mehr boten dem Besucher ebenfalls ein Bild, das er sich als privates Zuhause wohl nur in den seltensten Fällen hätte leisten können.

„Nicht schlecht. In so was tagt und gastiert man nicht alle Tage“, erkannte Frido darum auch neidlos an, als er kurz vor der imposanten Eingangstreppe stehen blieb und das Klacken der Trolleys hörte, die nun nicht mehr schwerfällig über den Kies geschliffen wurden. Für praktischere Wege hatte das Geld bei der Renovierung dann wohl nicht mehr gereicht. Aber ihm konnts egal sein! Er hatte ja ohnehin lieber auf seine Reisetasche zurückgegriffen. Die baumelte ohnehin schon elegant an seiner Schulter und musste jetzt nicht die Stufen hochgewuchtet werden. Allerdings hatte er da die Rechnung offensichtlich ohne den Wirt gemacht.

„Wartet mal, wenn wir da vorne um die Ecke gehen, kommen wir zum Nebeneingang ohne Treppe“, wusste nämlich eine der anderen Anwesenden zu berichten und schon gings im Gänsemarsch dorthin. Begleitet vom Geschnatter derjenigen, die den Weg so selbstverständlich kannte, als wäre sie die Hausherrin höchstselbst und gesäumt von Hinweisschildern, die nun auch persönlich über die Renovierung und Verbesserung des Hotels berichteten. Dabei stellte Frido ebenfalls fest, dass im Zuge der Arbeiten auch einige alte Deckenfresken und Wandmalereien in einem Teil der Räume wiederentdeckt und restauriert worden waren. Na, vielleicht hatte die Veranstaltung für einen Kunstdozenten doch mehr zu bieten, als vorher gedacht!

Also ergriff er schnell die Gelegenheit beim Schopfe, brachte sich charmant in die Unterhaltung mit ein, um ein wenig am Wissen derer teilzuhaben, die das Waldschlösschen schon besser kannten und durfte schnell feststellen: Hier gab es so viel mehr zu erleben, als schnöde Golfspiele oder trockene Zahlen und Fakten auf weißen Täfelchen! Das konnte ja ein richtig spaßiges Wochenende werden!

Drum fand er es auch fast schon schade, als sie nach einem Marsch durch die Eingangshalle schließlich den Empfang erreichten. Ihr Grüppchen formierte sich zu einer Schlange, die sich nach und nach auf die Zimmer verteilte und die Gesichter, die er gerade erst kennen und schätzen gelernt hatte, machten Platz für neue. Tja, so schnell konnte es gehen…

„Doch nicht so langweilig, wie du befürchtet hattest?“, schien hingegen auch ein gewisser Arzt Fridos zunehmendes Interesse wahrgenommen zu haben und bekam von ihm dafür ein Grinsen geschenkt.

„Ich lass mich überraschen und bin für alles offen!“, verschränkte der Dozent wohlgefällig die Arme vor der Brust, während er auf die Abfertigung der letzten Beiden vor ihnen wartete.

Wie die Zimmer wohl ausgestattet waren, fragte er sich dabei. Vielleicht mit Himmelbett und goldenen Wasserkränen? Ein Diener, der morgens hereinspaziert kam und die samtenen Vorhänge aufzog, um die Herrschaft zu wecken? In Gedanken schmunzelte Frido über seinen eigenen Witz. Ganz so pompös wäre es dann vermutlich doch nicht! Oder? Er war neugierig! Zumal der Arzt sich nicht näher darüber ausgelassen hatte und er selbst zugegebenermaßen zu faul für eine kurze Recherche gewesen war.

„Einen schönen guten Tag. Landers mein Name, ich habe für zwei reserviert“, übernahm Ernest derweil das Reden, während Frido schon mal betrachtete, was er von diesem Fleckchen aus von seinem neuen Zuhause auf Zeit erkennen konnte. Marmor, Stuck, weitere Figuren und Malereien, Zweibettzimmer, viele große Fenster, reges Treiben der Angestellten… Moment.

„Zweibettzimmer?“, wurde er mit leichter Verspätung aus seinen Gedanken gerissen und von Ernest bereits weitergeschoben.

„Du hältst den Verkehr auf“, gab ihm der Arzt nach wenigen Metern ganz selbstverständlich den Zimmerschlüssel, während Frido ihn noch immer verwirrt anschaute. Das war jetzt doch ein Scherz, oder?

Er packte Ernests Hand, die den zweiten Schlüssel gerade in der Hosentasche verschwinden lassen wollte und verglich die Zahlen miteinander. Tatsache, er hatte sich nicht verhört!

„Was zum…“

Ernest gab einen Seufzer von sich, während Frido ihn verständnislos anstarrte.

„Kann ich meine Hand nun wieder haben? Danke“, entwand sich der Arzt erst einmal aus dem Griff, ehe er den Weg fortsetzte und sich dann doch mal bequemte, ein paar Infos herüberwachsen zu lassen.

„Also schön… Ursprünglich wollte ich gar nicht an dem Kongress teilnehmen und hatte die Einladung sogar bereits entsorgt. Aber wie es dann manchmal so geht: Beim Leeren des Papiereimers fiel sie mir wieder in die Hände und ich entschied mich kurzfristig um. Bedauerlicherweise so kurzfristig, dass von dem reservierten Zimmerkontingent nur noch eine handvoll Doppel- und Zweibettzimmer übrig waren. Darüber hinaus war auch ansonsten alles bereits ausgebucht und ich hätte es etwas vermessen gefunden, zwei Doppelzimmer für mich zu beanspruchen“, erklärte er, während das Surren seines Koffers auf dem Steinfußboden das Gespräch untermalte.

Natürlich hätte er sich auch nach Zimmern in einem der Nachbarörtchen umhören können. Das Finanzielle wäre in diesem Fall sicherlich nicht das Problem gewesen, jedoch…

„Ich dachte mir schon, dass du auf die damit verbundenen Fahrzeiten nicht sonderlich versessen gewesen wärst. Also habe ich die Variante gewählt, von der ich annahm, dass sie das kleinere Übel für dich darstellen würde“.

Er schloss seine Erklärung ab und Frido war trotzdem noch immer ein wenig irritiert. Nicht nur ob der Selbstverständlichkeit, mit der er von Anfang an mit eingeplant worden war. Nein, auch etwas anderes fiel ihm dabei auf.

„So wankelmütig kenn ich dich ja gar nicht…“, murmelte er nachdenklich, um dann mit einem Mal zu grinsen, während Ernest den Blick stur geradeaus gerichtet hielt, als habe er diesen Kommentar vollends überhört. Die Rollen seines Koffers waren aber auch laut!

„Na, aber nicht, dass du nachher zu mir ins Bett kriechst! Du weißt schon: Gelegenheit macht Diebe und so!“, stieß er den Arzt leicht mit dem Ellenbogen an, damit er ihn auch zweifelsfrei wahrnahm und grinste noch breiter, als wie auf Knopfdruck dessen berüchtigte Augenbraue dabei emporschnellte. Der Dozent lachte, der Arzt seufzte aus.

„Ich bevorzuge es, alleine zu nächtigen!“, entgegnete er zwar nicht unbedingt empört, aber durchaus etwas genervt, um endgültig mit den Augen zu rollen, als Frido ihm attestieren wollte, dass genau das sein Problem sei.

„Deswegen ja! Du bist schon viel zu lange allein und hast schon ewig keinen mehr zum Kuscheln gehabt! Es wird mal wieder Zeit! Halbgott hin oder her, du bist doch auch nur ein Mensch!“, stellte Frido fest, um dieses Mal selbst den Ellenbogen zwischen die Rippen zu bekommen. Allerdings nicht feixend und lieblich, sondern eher ein bisschen spitz und recht fordernd. Immerhin kam ihnen gerade ein kleines Grüppchen anderer Gäste entgegen, die das Gespräch womöglich aufschnappen konnten! Und den Arzt auch noch obendrein ganz selbstverständlich grüßten, in einen kleinen Austausch verwickelten, teilweise sogar Frido von jener früheren Veranstaltung wiedererkannten und erst dann weiterzogen.

„Ja, bis später“, lächelte Ernest ihnen also kurz nach, um dann allerdings mit fuchtigem Blick zu Firdo herumzufahren. Keine Unkenrufe und Späßchen mehr über sein Privat- und Liebesleben mehr, verstanden?!

„Hätte ich doch mal lieber Dominiks Angebot angenommen!“, griff er seinen Trolley und zerrte ihn weiter, während bereits Fridos süffisantes „Tja, selber Schuld!“ in sein Ohr kroch.

Viel weiter konnte er diesen Kommentar jedoch nicht ausbauen, denn da ertönte auch schon zum weiteren Male Ernests Name. Dieses Mal war es jedoch kein Grüppchen Weißkittel in zivil, sondern nur eine junge Dame, die gerade wenige Meter entfernt ihr Zimmer verließ. Sie wirkte auch so schon sympathisch und bei weitem nicht so verkniffen wie ein gewisser Arzt, wenn er sich unbeobachtet fühlte, aber kaum erblickte sie den Eigenbrötler, begann sie regelrecht zu strahlen.

„Ernest! Wie schön, dass Sie auch hier sind!“, war ihre Freude nicht zu übersehen, aber dafür fiel Frido auf, wie sein Freund kurz ins Stocken geriet. Oh je, fand er sie etwa so furchtbar?

„Klara! Was für eine freudige Überraschung, Sie zu sehen!“, löste er sich dann allerdings genauso schnell wieder aus seiner Schockstarre, wie er von ihr erfasst worden war und beschleunigte sogar den Schritt, um die wenigen Meter Abstand zwischen ihnen schneller zu überbrücken.

Klara, wie sie also hieß, sperrte noch fix ihre Zimmertür ab und da trafen sich auch schon ihre Hände für ein inniges Schütteln und ein noch innigeres Geplauder.

Na, was war das denn, dachte Frido sich, während er langsam hinterher spazierte. Mit einem wütenden „Benimm dich bloß!“ hätte er ja gerechnet, aber nicht damit, plötzlich vollends ignoriert und stehen gelassen zu werden. Aber es brachte natürlich auch Vorteile mit sich. Man konnte in Ruhe zuhören und beobachten. Wahrnehmen, wie sich bei jeder Gelegenheit Klaras Hand an Ernests Arm oder Schulter verirrte, zum Beispiel, und vor allem, dass der nicht gleich beiseite sprang, wie ein Vampir, dem man Knoblauch vorhielt. Ganz im Gegenteil, sein Lächeln wirkte nicht einmal gekünzelt und dann kroch ihm sogar etwas aus der Kehle, das sonst so eine Seltenheit war: Ein Lachen! Nicht überbordend und raumfüllend zwar, aber immerhin!

Doch so schnell, wie dieses Phänomen aufgetreten war, verschwand es auch wieder, als der interessierte Blick seiner Gesprächspartnerin schließlich verriet, dass sie sich inzwischen eines gewissen Anhängsels bewusst wurde.

„Oh, Entschuldigung, ich hab mich gar nicht vorgestellt!“, lachte auch sie auch schon ertappt auf und wollte Frido gerade die Hand reichen, als Ernest regelrecht dazwischen grätschte.

„Wie unhöflich von mir! Das wäre selbstverständlich meine Aufgabe gewesen!“, kehrte die übliche Steifheit zurück, während er peinlich berührt klarstellte, wer sich da eigentlich gerade gegenüber stand.

„Klara? Das ist mein Begleiter, Friedrich Klimlau…“, gab er sich zwar redlich Mühe, professionell zu wirken, aber immerhin hatte er jemanden neben sich stehen, der es bekanntermaßen gar nicht mochte, wenn man ihn mit diesem Namen ansprach.

„Sagen Sie gerne Frido zu mir! Sehr erfreut!“, unterbrach der Dozent also sofort, damit sich der falsche Name hoffentlich nicht manifestieren konnte. Reichte schon, dass einer der anderen Ärzte von vorhin ihn so gut eingeprägt hatte, dass er extra noch mal ob der Richtigkeit seiner Erinnerung hatte nachfragen müssen…

Eifrig schüttelte Frido also die dargebotene Hand, während Ernest zerknirscht hinterher schob, dass Frau Dr. Klara Hilbert eine geschätzte Kollegin von ihm sei. Nein, wirklich? Da wäre Frido ja nie drauf gekommen…

Anstatt das Offensichtliche allerdings auch auszusprechen, hüllte er sich lieber in Schweigen und Grinsen, als Klara nun versuchte, seinen Nachnamen zuzuordnen. Irgendwie kam er ihr doch so bekannt vor! Woher denn bloß? Leider konnte sie mit ihrer Annahme jedoch kaum falscher liegen.

„Haha, nein, mit der Praxis aus Düsseldorf hab ich nichts zu tun! Zumindest nicht, dass ich wüsste!“, schob Frido ihre Vermutung also rasch beiseite und beendete auch das Ratespielchen gleich mit.

„Ich bin nur Ernests Chauffeur!“, witzelte er, was ja nicht einmal gelogen war und recht unverfänglich obendrein, weil der Arzt ihnen für mögliche Nachfragen längst eine Erklärung zurechtgebastelt hatte. Aber trotzdem schien die Stimmung binnen Sekundenbruchteilen zu kippen.

Klaras gerade noch so herzliches Lächeln gefror, während aus Ernests Gesicht jede Farbe zu verschwinden schien, ehe es plötzlich einen leichten Rotton annahm. Er musste sich sogar räuspern, um die Contenance zu bewahren, als die bedrückte Miene seiner Kollegin immer offensichtlicher wurde.

„Hab ich was Falsches gesagt?“, schaffte es bei diesem Wetterumschwung natürlich auch Frido nicht mehr, an seinem Schmunzeln festzuhalten. Er fragte sich vor allem, warum die Reaktion der beiden derart heftig ausfiel, doch seine Worte gingen zwischen denen von Klara unter. Vielleicht kam es ihm auch nur so vor, weil er sich für die Beiden schlagartig in Nichts auflöste, als sie sich Ernest wieder zuwendete.

„Jetzt sagen Sie mir aber bitte nicht, dass…“, wirkte sie mit einem Mal regelrecht schüchtern und ihre Hand, die zuvor so selbstverständlich einen warmen Abdruck auf Ernests Arm hinterlassen hatte, fand jetzt nur noch zögerlich ihren Weg dorthin. Ja, sie zuckte sogar zurück, als der Arzt eilig seine Kollegin unterbrach.

„Nein, nein, machen Sie sich bitte keine Sorgen, Klara!“, verlor er keine Zeit zu beteuern, nur, um diesen Hauch der Erleichterung damit hinfort zu fegen, dass er weitersprach.

„Es war ja meine eigene Dummheit und Schuld! Die Polizisten haben schließlich nur ihre Arbeit gemacht!“, verkündete er im Brustton der Überzeugung, der kurz zu einem Murmeln wurde, als zwei weitere Kollegen auf dem Weg zu ihren Zimmern an ihnen vorbei schritten. Ein kurzes Nicken, ein gequältes Lächeln und vor allem ein tiefes Seufzen, dass sie sich mit einem fröhlichen „Wir sehen uns später!“ begnügten.

Das hätte jetzt noch gefehlt, schien Ernests Gesichtsausdruck zu verraten, aber war das, was jetzt kam, wirklich die bessere Alternative für ihn?

„Ernest, es tut mir furchtbar leid! Ich hab doch gesagt, Sie hätten wegen der kleinen Macke nicht extra die Polizei sagen müssen!“, sprach Klara voller Bedauern und ihre Hand fand endlich wieder zu seinem Arm, während Fridos Augenbrauen hochschnellten und der Arzt versuchte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

„Nein, nein, das war schon richtig so! Ich übernehme die Verantwortung für mein Handeln!“, betonte ein Nicken seine Worte und ein Schweigen zwischen den Zeilen, dass es ansonsten ja auch Fahrerflucht gewesen wäre und er vielleicht auch nicht mit einem kleinen Alkoholtest gerechnet hatte. Aber letztendlich… nein, Frido musste schon zugeben, dass dieses Verhalten eigentlich zu seinem Kumpel passte. Ob er selbst so vorschriftsmäßig gehandelt hätte, wäre eine andere Frage gewesen, aber das tat jetzt ja auch nichts zur Sache. Viel interessanter fand er die Erkenntnisse, die sich hier gerade auftaten, während Ernest sich heilfroh darüber zeigte, dass seine Versicherung den Fall so schnell abgewickelt hatte und wissen wollte, ob die Schramme auch vollends hatte beseitigt werden können.

„Ja, sieht aus wie neu!“, konnte Klara ihm diese Sorge jedoch schnell nehmen und belohnte ihn stattdessen wieder mit einem Lächeln. Eines, das auch den Arzt anzustecken wusste und Frido nun wirklich nicht überraschte: Musste verdammt peinlich gewesen sein, ausgerechnet einer Kollegin in die Karre gefahren zu sein! Aber scheinbar konnte Ernest das Thema damit nicht einfach auf sich beruhen lassen.

„Im Übrigen… Selbstverständlich habe ich mir keinen Chauffeur engagiert! Herr Klimlau ist mein Freund, der mich heute netterweise begleitet hat. Nicht wahr, Friedrich?“, musste er unbedingt klarstellen und dabei ausgerechnet diesen einen wunden Punkt wieder ansprechen. Gut, wenn er es nicht anders wollte…

„Klar, mein Schatz! Was immer du sagst!“, bleckte Frido also die Zähne, verschränkte die Arme vor der Brust und fand es trotzdem ganz angenehm, dass Klara über den kleinen Scherz lachen konnte. Wenigstens eine, die hier ohne Stock im Hintern herumrannte, wohingegen Ernest schon wieder äußerst verkniffen guckte. Einen kleinen Nachschlag also? Gerne!

„Ach, Liebling, hast du eigentlich was dagegen, wenn ich auf der Fensterseite schlaf? Bin ich doch von Zuhause so gewohnt!“, schob er also hinterher, recht zufrieden damit, wie Ernest ihn einen Augenblick lang schweigend anschaute und dabei so wirkte, als wolle er sich gerade die Nasenwurzel massieren. Doch dann seufzte er, schüttelte leicht den Kopf den und zuckte mit einem „Meinetwegen. Wenns dich glücklich macht…“ die Schultern. Was sollte man so viel Schwachsinn auch noch großartig entgegensetzen? Im Gegensatz zu Ernests Resignation verwunderte Frido allerdings viel mehr, wie die gute Klara darauf reagierte, die gerade doch noch so herzlich gelacht hatte.

Mit einem „Oh…“ holte sie nämlich nicht nur die Aufmerksamkeit der beiden Streithähne wieder zu sich, sondern schien plötzlich auch äußerst schwer an ihrem Lächeln festhalten zu können. Und obwohl Ernest versuchte, die Stimmung mit einem „Ach, ignorieren Sie ihn am besten einfach. Er hat manchmal seine dollen fünf Minuten“ wieder aufzulockern, hatte seine Kollegin es mit einem Mal wahnsinnig eilig.

„Ach was, schon gut! Ich wollte sowieso gerade gehen! Es ist schon ziemlich spät und ich würd mir gern die Beine noch etwas vertreten! Bis später also!“, fand ihre Hand dieses Mal nicht mal mehr im Ansatz zu seinem Arm, sondern hob sich nur fix, während sie bereits loslief – noch ehe Ernest sich überhaupt richtig verabschieden konnte. Regelrecht fluchtartig verließ sie das Gespräch, während er ihr ein „Ab… ja natürlich…“ hinterher stammelte.

Und dann schaute er ihr verwundert nach, hob kurz die Hand, als seine Kollegin noch einmal für den Hauch einer Sekunde über die Schulter sah und ließ sie erst wieder sinken, als Klara durch die Tür zur Eingangshalle verschwunden war.

„Was äh…“, murmelte er dabei irritiert, doch dann schüttelte er den Kopf, fasste sich wieder und vor allem den Verursacher des Ganzen am Ärmel, damit er ihm bloß nicht entfliehen konnte.

„Mitkommen!“, zerrte er ihn die letzten paar Meter den Flur entlang und bugsierte ihn in ihr Zimmer, dass es fast so wirkte, als hätte er den Dozenten am liebsten mit einem Arschtritt dort hinein befördert. Und kaum fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss, ging das gezischte Donnerwetter auch schon los.

„Bist du eigentlich von allen guten Geistern verlassen, sie so in Verlegenheit zu bringen?! Ich verpass dir einen Maulkorb! Oder nein! Besser noch: Ich sperr dich bis zur Abreise in das verdammte Verlies und du kannst froh sein, wenn ich dir ein paar Bücher über gutes Benehmen da lasse, damit du dich beschäftigen kannst!“, ließ er keinen Zweifel daran, wie wütend er gerade war, aber Frido dankte es ihm eher mit einem desinteressierten Blick durchs Zimmer. Chic eingerichtet, aber die Luft war für seinen Geschmack ein bisschen zu dick.

„Fertig?“, fragte er also, als die erste kleine Hasstirade verebbte und wendete seine Aufmerksamkeit zurück auf Ernest, als der mit einem Schnauben antwortete.

„Schön“, ließ Frido seine Tasche also zu Boden sinken und hob abwehrend die Hand, als Ernest diese Geste offenbar als Einladung sah, noch einmal loszuwettern ob des ignoranten Verhaltens seines Freundes. Doch der war vielleicht gar nicht so desinteressiert, wie es gerade schien.

„Hat die gute Frau Dr. Hilbert eigentlich was gegen Schwule?“, war er, ganz im Gegenteil, sogar äußerst aufmerksam und Ernest einen Augenblick lang sprachlos. Ihm klappte sogar leicht der Mund auf, während er Frido anstarrte, der die Arme vor der Brust verschränkte und auffordernd die Augenbraue hob.

„Wa… was redest du denn da? Natürlich nicht!“, fasste der Arzt sich dann allerdings wieder und schüttelte energisch den Kopf.

„Klara ist eine der offensten Personen, die ich kenne! Sie geht an jeden vorurteilsfrei heran, ganz gleich, ob es Patienten oder Kollegen sind! Ich habe sie zur Genüge dabei beobachten dürfen, wie sie feinfühlig mit verschiedenen Religionen, Hautfarben, Körpertypen und eben auch sexuellen Ausrichtungen umgegangen ist! Sie hat sogar mal einer der Krankenschwestern eine Torte gebacken und eine kleine Überraschungsfeier organisiert, nachdem die von ihrer Verlobung mit ihrer Freundin erzählt hatte! Das würde sie wohl kaum tun, wenn sie ein Problem mit Homosexualität hätte!“, war er da wieder, der Brustton der Überzeugung, der so mit dem Verteidigen der Kollegin beschäftigt war, dass er nicht einmal Zeit hatte, um diese Frage zu hinterfragen. Zumindest bis zu dem Punkt, an dem Ernest ein „Wie kommst du überhaupt darauf?“ entfuhr und er eine grüblerische Miene aufsetzte. Aber auf Fridos Gesicht schlich sich eher ein kleines Schmunzeln.

„Gut zu wissen. Dann war es ja doch Vermutung Nummer zwei: Du hast dich grad voll ins Aus geschossen, du Dödel! Wieso hast mir nicht eins auf den Deckel gegeben, so wie sonst immer, wenn ich n blöden Spruch loslasse?“, wollte er Ernest zwar mit seinem Ausruf zuvorkommen, damit der seine grauen Zellen nicht überanstrengte, aber nun schaute der Arzt ihn erst recht irritiert an.

„Was gibst du da schon wieder von dir? Zeig mir deine Pupillen! Hast du vor Fahrtantritt irgendwas geraucht?!“, ging er auf den Dozenten zu und wollte ihn ernsthaft ans Fenster schleppen, aber so leicht bekam man einen Frido Klimlau nun auch nicht von der Stelle bewegt, wenn er es nicht wollte. Also blieb er stehen, lachte und schüttelte dann mitleidig den Kopf.

„Gott, Ernest! Sie denkt jetzt, wir wären ein Paar!“, stierte er den Arzt an, während der langsam blinzelte. Nun gerafft? Nein, scheinbar nicht, denn stattdessen bekam Frido nur zu hören: „Ach, du bist doch bescheuert!“.

Der Dozent seufzte und wusste nicht, ob er weinen oder lachen sollte.

„Ich geb zu, ich bin nicht ganz unschuldig an der Situation…“, erkannte er sein Zutun durchaus, aber „...warum musstest du auch so betonen, dass ich dein Freund bin? Und dann auch noch so blöde auf meine Witzchen eingehen? Hättest du den Scherz mit dem Chauffeur nicht einfach stehen lassen können und gut? Ich glaub, den hat sie schon verstanden!“.

Er schob die Hände in die Hosentaschen und zuckte verzweifelt die Schultern, während Ernest die Arme vor der Brust verschränkte.

„Nun hör aber auf mit dem Quatsch! Du hast uns mit deinen blöden Sprüchen zwar in eine unangenehme Situation gebracht, aber nur ein Idiot würde ernsthaft glauben, dass ich auch nur im Entferntesten in Erwägung ziehen könnte, mich auf irgendwas mit dir einzulassen! Das ist doch wohl mehr als offensichtlich“, schnappte der Arzt, aber Frido schnalzte nur mit der Zunge und schnaubte belustigt über Ernests angepissten Blick.

„Na ja, wir teilen uns zumindest ein Zimmer… das spricht schon irgendwie gegen deine These, aber egal. Verrat mir mal lieber, woher die gute Klara überhaupt wissen soll, dass du nicht auf Männer stehst. Habt ihr euch darüber schon mal unterhalten?“, reckte er das Kinn, wohingegen Ernest beinahe die Augen aus dem Kopf fielen. Das schlug doch nun wirklich dem Fass den Boden aus!

„Selbstverständlich nicht! Wir haben natürlich nur über berufliche Dinge gesprochen! Da haben derlei Themen nun wirklich nichts verloren!“, hatte er Mühe, seine Stimme bedeckt zu halten, damit man ihn nicht auf dem Flur oder im Nebenzimmer hören konnte. Frido indes reagierte nur mit einem „Aha“, während er Arzt immer fuchtiger wurde.

„Kein „Aha“, Friedrich!“, kläffte er „An ihre Klugheit reichen deine paar grauen Zellen bei weitem nicht heran und sie wird durchaus bemerkt haben, dass meine Intention einfach nur war, sie nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen! Man hat doch gemerkt, wie unangenehm es ihr schon war, dass ich derzeit wegen dieses dummen kleinen Missgeschicks keine Fahrerlaubnis habe! Da muss sie nicht auch noch denken, ich würde auch noch Geld für einen Chauffeur ausgeben! Und ich hab dir im Vorfeld nicht umsonst gesagt, wenn jemand fragt, bist du mein Begleiter, der sich aus privater Natur heraus für diesen Kongress interessiert! Wenn du stattdessen so einen Unfug herausposaunst, ist es doch selbstverständlich, dass ich versuche, das richtig zu stellen!“, zischte er, wodurch Frido allerdings nur ein belustigtes Schnauben von sich gab.

„Macht jetzt nicht so wirklich viel Sinn. Merkste selber, oder? Wenn deine Klara so clever ist, dann hättest du meinen Witz nicht verschlimmbessern müssen und außerdem frag ich mich, warum ich dann nur in den Pausen dazu kommen soll, wenn ich die Vorträge doch angeblich soo spannend finde?“, hob er die Augenbrauen, um dann aufzulachen, als Ernest sich immer mehr mit dem Rücken gegen die Wand manövrierte.

„Weil du doch ohnehin beim Vortrag einpennen würdest! Genau wie beim letzten Mal! Und… und jetzt halt die Klappe, verdammt! Du gehst mir auf den Geist!“, spuckte er regelrecht aus und ging ans Fenster, um seinen Blick auf das satte Grün und die herrliche Landschaft zu richten, die gerade so sehr im Kontrast zu seiner eigenen Laune standen. Er schwieg und hoffte, Frido würde es auch tun. Und für den Moment schien er diesen Wunsch tatsächlich zu beherzigen. Zumindest hüllte Frido sich in Schweigen, während er das Gehörte sacken ließ und sich so seine Gedanken darüber machte.

Derart durch den Wind hatte er Ernest wirklich noch nie erlebt. Der sonst so kontrollierte kühle Kopf, der lieber alles dreimal durchdachte. Ähnlich wie der Lockenkopf, aber doch auf ganz andere Weise. Viel gezielter, berechnender und zuweilen auch manipulativer. Und jetzt? Frido schüttelte den Kopf. Aus der Reserve gelockt bekommen hatte er ihn ja auch schon früher mal, aber selbst da hatte Ernest keine derart erbärmliche Gestalt abgegeben. Er tat ihm richtig leid. Noch mehr als bei seinen Frotzeleien darüber, dass der Arzt sich endlich wieder jemanden suchen sollte, der sein Leben bereicherte. Ihm war ja gar nicht klar gewesen, wie er damit immer eine offene Wunde getroffen haben musste. Und um nicht noch mehr Salz in diese Wunde zu streuen, hielt Frido sich mit dem Offensichtlichsten nun zurück.

„Das war wirklich ne ziemlich kurzfristige Aktion von dir, oder? Ich meine, heute herzukommen“, sagte er stattdessen, als sich seine Zunge löste und er entschied, lange genug die Rückansicht des Arztes betrachtet zu haben. Doch der spendierte ihm auf diese Frage nur ein desinteressiertes Schulterzucken.

„Wie kommst du darauf?“, schwang dabei zwar auch noch mit, aber es klang recht halbherzig. Fast so, als wäre er in Gedanken längst woanders.

„Du wolltest vor allem wegen Klara herkommen, oder?“, hatte Frido da auch schon so eine Vermutung, wo die grüblerische Reise gerade hinging und sah sich bestätigt, als Ernest wie von der Tarantel gestochen zu ihm herumfuhr. Er verbat sich nach einem tiefen Luftholen zwar doch den Mund, aber die Reaktion als solche sprach schon für sich. Selbst dann, als er nach kurzem Zögern trotzdem noch eine Antwort fand.

„Es ist ein Ärztekongress! Da kommt es vor, dass man andere Ärzte trifft!“.

Nicht der beste Konter, das musste er wohl auch selbst einsehen und so wendete er sich lieber wieder dem Fenster zu. Frido aber ging langsam näher.

„Sag mal, warum hast du eigentlich damals die Polizei gerufen, anstatt das mit deiner Kollegin unter vier Augen zu klären? Sie machte mir jedenfalls nicht den Eindruck, als hätte sie sich da quer gestellt“, sprach er dabei und erhielt zur Antwort erst einmal ein belustigtes Schnauben. Tja, was sollte man darauf nun entgegnen, schien es zu antworten und brachte den Verfasser dieses Schnaubens dazu, doch ein paar Worte zu verlieren.

„Ich hatte dir ja bereits erzählt, dass auf der Veranstaltung alles schief gegangen war, was hatte schiefgehen können“, begann er also, während Frido sich von der Seite in sein Sichtfeld schob.

„Am Kongresszentrum hatte ich keinen Parkplatz mehr bekommen und war darum auf eine Tiefgarage in der Nähe ausgewichen. Daher konnte ich schlecht den Fahrer des Wagens ausrufen lassen und erfuhr erst davon, dass er Klara… Frau Hilbert gehört, als sie im Gespräch mit der Polizei plötzlich dazustieß. Sie bot zwar sofort an, dass wir das Thema untereinander regeln könnten, allerdings hatte einer der Polizisten dabei bereits gemerkt, dass ich… nun… wohl eine leichte Fahne hatte. Und den Rest kannst du dir ja sicherlich denken“.

Der Dozent nickte verstehend, während der Arzt sich plötzlich vom Fenster abwendete. Er lehnte sich zwar an dessen Fensterbank, aber einen weiteren Blick hinaus verweigerte er und als Frido ihn stattdessen tat, erkannte er auch schnell, warum: Die, um die sich gerade alles drehte, beachtete die beiden Gestalten am Fenster zwar nicht, aber dort lief sie, ganz zweifelsfrei. Mit den weißen Turnschuhen über den weißen Kies, der nun sicherlich unter ihren Füßen knirschte.

„Du hast echt n Stock im Arsch, weißt du das?“, bemerkte Frido dabei und erhielt dafür nicht einmal ein Schulterzucken. Was sollte man darauf auch antworten?

„Bei deiner Klara sogar noch mehr als sonst“, fuhr er also fort und bekam dafür zumindest ein Stirnrunzeln mitsamt Ernests Klarstellung, dass sie ja wohl nicht seine Klara sei! Und überhaupt!

„Können wir das Thema nun endlich abschließen?!“, wurde er allmählich ungeduldig, was den Dozenten allerdings wenig interessierte.

„Sag mir erst, warum du mich unbedingt dabei haben wolltest. Dominik hätte dich extra gefahren und dann wär da nicht mal einer gewesen, der dich blamieren könnte. Also?“, legte er den Kopf schief und kassierte dafür ein unwilliges „Was weiß ich?“ samt Schulterzucken. Ja, da war bei dieser Aktion wirklich so einiges nicht richtig durchdacht gewesen. Oder doch?

„Kann es sein, dass du jemanden an deiner Seite wolltest, der dich im Gespräch unterstützen kann? Also einer, der nicht selber unter den Tisch kriecht, damit ihn bloß keiner anquatscht, sondern der dir im Notfall unter die Arme greift, wenn du nicht weißt, was du zu Klara sagen sollst?“, begann Frido zu mutmaßen und bekam dafür ein belustigtes, aber auch sehr abwertendes Schnauben.

„Dass ich keine Probleme habe, mit ihr zu sprechen, dürfte man vorhin doch wohl zur Genüge gesehen haben!“, zischte der Arzt, während der Dozent ihn fortwährend musterte.

„Was dann? Wolltest du hören, was ich von ihr halte?“, bohrte er also weiter und hörte daraufhin ein wenig überraschendes „Als ob mich das interessieren würde!“. Der Arzt reagierte gereizter. Sie kamen der Sache also näher.

„Tja, dann bleibt ja eigentlich nur noch eine Idee: Du warst unsicher, ob sie dich auch mag und wolltest einen neutralen Beobachter, der dir bei der Antwort auf diese Frage hilft“, zuckte Frido die Schultern und hob die Augenbrauen, als Ernest ihm einen finsteren Seitenblick zuwarf.

„Aufgeblasener Pinsel! Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich erst recht Dominik mitgenommen und nicht dich!“, maulte er kopfschüttelnd und konzentrierte sich wieder auf das gemütlich eingerichtete Zimmer. Tatsächlich mit Himmelbetten, auch, wenn der obligatorische Vorhang fehlte. Oder eher, das passende Utensil, um es einem gewissen Jemand um den Hals zu wickeln und zuzuziehen!

„Also eine Mischung aus allem?“, schlich es sich nämlich noch mal in Ernests Ohr und Bingo! Dieser Blick, der darauf nun folgte, konnte wirklich töten.

„Friedrich, langsam aber sicher gehst du mir wirklich auf die Nerven! Und obendrein machst du dich auch noch lächerlich bis zum Gehtnichtmehr! Ich bin nicht an dieser Frau interessiert! Außer in fachlichen Dingen!“, kam allerdings nicht die Bestätigung, die der Dozent erwartet hatte, sondern das genaue Gegenteil. Und damit war der Arzt noch lange nicht fertig.

„Halt die nächsten Tage deine Zunge im Zaum, sonst landest du wirklich im Verlies!“, zischte er also und stieß sich von der Fensterbank ab, um hoch erhobenen Hauptes zur Tür zu stapfen. Er wollte von diesem Unfug nichts mehr hören, das war offensichtlich. Aber trotzdem konnte er den Raum auch nicht einfach verlassen – auch das war offensichtlich.

„Vorsicht, du könntest Klara über den Weg laufen“, wusste Frido Ernests Gedankengang nur allzu leicht zu erraten, als der die Türklinke zwar ergriff, aber dann doch innehielt und sie schließlich wieder los ließ. Wow, da hatte es den Guten aber sogar noch mehr erwischt, als der Dozent es bisher geahnt hatte! Und es traf ihn sogar noch mehr, wenn er mit ansah, wie sehr Ernest – ausgerechnet Ernest! – sich gerade selbst im Weg stand. Dass der überhaupt zu so etwas fähig war, hätte Frido bisher für unmöglich gehalten.

„Mein Gott, jetzt geh doch einfach zu ihr! Verwickel sie in ein kleines Gespräch und erklär ihr, dass dein rein platonischer Freund einfach nur ein blöder Dummschwätzer ist, der es mit den Witzen manchmal zu weit treibt! Und selbst dich sogar hier und da noch mit so was überrumpeln kann! Wo ist denn das Problem? Mensch, Ernest, dass sie dich mag, ist offensichtlich! Sogar ich hab gemerkt, dass sie eigentlich die Nähe zu dir sucht! Das kann ja keiner mitansehen, wie du dich hier quälst!“, versuchte er also, dem Arzt gut zuzureden, meinte die Worte dabei auch genau so, wie er sie sagte, aber im Endeffekt bewirkte er damit nur das Gegenteil.

„Hörst du dir eigentlich selber zu, Friedrich?!“, fuhr der Arzt nämlich zu ihm herum, verletzt und so wütend, dass er sogar die Fäuste ballte.

„Du musst die Klappe gerade aufreißen!“, war es für ihn an der Zeit, endlich den Spieß umzudrehen.

„Wie lange durfte ich mir dein Gejaule anhören, weil du dich nicht getraut hast, Dominik anzusprechen?! Und wenn er nicht so unvorsichtig mit seinem Portrait gewesen wäre, würdet ihr vermutlich heute noch ahnungslos umeinander herumschleichen, weil keiner den ersten Schritt machen wollte!“, ging er mit jedem Wort näher auf den Dozenten zu, bis er direkt vor ihm stand und ihm geradewegs in die Augen starren konnte.

Dass ausgerechnet ein Frido Klimlau den großen Experten in Liebesdingen mimen wollte, war doch wirklich der Witz des Jahrtausends! Und das merkte der Dozent wohl auch selber, wie Ernest mit einer gewissen Genugtuung feststellte, als sich Fridos Gesichtszüge bei dieser Klarstellung ein wenig verhärmten.

Nein, toll fand er diese Zeit voller Ungewissheit und erst recht Dominiks Unfall mit Sicherheit nicht, aber trotzdem wich er nun vor Ernests Worten nicht zurück. Schließlich wussten sie doch beide, dass er damals gute Gründe für seine Zurückhaltung gehabt hatte.

„Du weißt ganz genau, dass es mir darum ging, dass er mein Student ist“, frischte also auch er Ernests Erinnerung ein wenig auf und war sich sicher, auf alles, was jetzt noch kommen könnte, bestens vorbereitet zu sein. Aber damit hatte Frido sich wohl geirrt…

8.3.2025: kafkaesk

Hatte er das gerade richtig verstanden?

„Deine Praktikantin?“, blinzelte Frido, während Ernest vor Wut zitternd vor ihm stand, die Lippen aufeinander presste und trotzdem mit einem Räuspern gegen die aufkommende Erregung in seiner Stimme ankämpfen wollte.

„Ja, ganz recht. Klara war meine Praktikantin!“, straffte er die Schultern, atmete tief durch und zeigte eigentlich nur allzu deutlich, dass er überhaupt nicht gewillt war, auf diesen Teil der Unterhaltung einzugehen. Aber gleichzeitig wusste er auch, dass ihm nicht viel anderes übrig blieb, als sich in sein Schicksal zu ergeben. Schließlich würde Frido es sicherlich nicht einfach auf sich beruhen lassen – egal, ob jetzt oder später.

„Aber du hattest doch schon ewig keine Praktikanten mehr! Zumindest kann ich mich nicht erinnern, dass du mir davon in letzter Zeit erzählt hättest“, schaute der ihn im Moment noch immer irritiert an und Ernests Seufzen verriet, wie es ihm zuwider war, es jetzt auch noch kleinteilig aufdröseln zu müssen, damit dieser dumme Tropf es verstand.

„Doch, ich habe dir von ihr erzählt. Ich habe dir sogar ihren Brief gezeigt…“, murmelte er also, während es ihn wieder ans Fenster zog und er regelrecht hören konnte, wie der Groschen nun in Centstücken fiel. Erst guckte Frido ihn ungläubig an, dann klappte ihm der Mund auf.

„Stopp mal! Du redest aber nicht von dem Brief an deiner Mappe für Bewerbungen, oder?“, rief er aus „Das war doch…“

„Ja, ganz recht, das Praktikum war zu der Zeit, als ich noch als Oberarzt in „deiner „Klinik gearbeitet habe, wie du es einmal so schön betitelt hast“, schob der Arzt die Hände in die Hosentaschen und betrachtete gedankenverloren das rege Treiben der Parkbesucher, während Fridos stummer Blick auf ihm ruhte. Er konnte sich ja denken, was der Dozent wissen wollte und ehe er ihn auch noch mit diesen Fragen nervte, beantwortete er sie ihm lieber von selbst. Drumherum kam er ja eh nicht…

„Da du es ja bestimmt wieder ganz genau wissen willst: Sie war dort als Schülerpraktikantin. Einige Monate, bevor ich dich an der Backe hatte. Und wie du gesehen hast, war sie seitdem nicht untätig. Abitur, Medizinstudium, seit kurzem der Doktortitel und obendrein absolviert sie derzeit ihre Facharztausbildung“, fasste er den durchaus beeindruckenden Lebenslauf, der in vielen Teilen seinem eigenen glich, in wenigen Worten zusammen. Und trotzdem verstand Frido das zeitliche Ausmaß dieses Abrisses nur umso besser.

„So lange hegst du jetzt schon Gefühle für sie und hast ihr nie etwas davon gesagt?“, fragte er beinahe schon ehrfürchtig, aber der Arzt lachte auf. Er schien ernstlich amüsiert – wenn es nicht so einen bitteren Beigeschmack gehabt hätte.

„Mitnichten!“, antwortete er dennoch. „Selbstverständlich fiel mir schon während ihres Praktikums auf, wie wissbegierig und engagiert sie ist, aber sie war damals trotzdem nur irgendeine Schülerin für mich. Lassen wir mal außen vor, dass sie zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal volljährig war, hatte ich auch schlichtweg nicht den Kopf für so etwas frei. Es gab ausreichend berufliche Dinge, um die ich mich zu kümmern hatte und das eine oder andere private Thema…“, verlor er bei jedem weiteren Wort allerdings mehr die Freude an dessen Inhalt, bis schließlich sein Schweigen aussagekräftiger als jede zusätzliche Silbe wurde. Also genügte ihm auch ein Nicken, als Frido vorsichtig nachhakte, ob er von seiner Exfrau gesprochen habe. Denn selbst, wenn Ernest nie Details dazu genannt hatte, konnte man sich ja ungefähr ausrechnen, wann die Differenzen zwischen ihnen wohl begonnen hatten. Beziehungsweise, wann es zum Bruch gekommen sein musste und dass ihm diese Trennung nicht eben leicht gefallen war, wusste der Arzt ja bis heute nicht vollends zu verbergen. Also war es auch wenig überraschend, dass er noch immer nicht auf dieses Thema einging. Für Verwunderung sorgte hingegen, dass er freiwillig noch mehr über Klara erzählte.

„Nach dem Praktikum habe ich eine ganze Weile lang nicht mal mehr an sie gedacht. Bis dann eines Tages ihr Brief bei mir eintraf. Erst da wurde ich erstmals wieder auf sie aufmerksam. Wobei… eigentlich muss ich sagen, dass ich ihr selbst danach noch nicht allzu viel Beachtung geschenkt habe. Eine kurze Antwort auf ihre Zeilen, ja, mehr aber auch nicht“, tat es ihm vielleicht sogar gut, dieses Geheimnis endlich mit jemandem teilen zu können? Und dann trat sogar ein leichtes Lächeln auf sein Gesicht, als er weitersprach! Also tat Frido einen Teufel, ihn zu unterbrechen und lauschte nur der Erzählung.

„Nun… wie bereits erwähnt, ist sie ja sehr engagiert, interessiert und hat obendrein schon früh meine Fachrichtung angestrebt. Somit war es nur eine Frage der Zeit, bis wir uns wieder über den Weg gelaufen sind…“, schwelgte der Arzt in Erinnerungen, die ihm einen seligen Ausdruck verliehen.

Das erste Wiedersehen war bei einer Tagung gewesen. Er als Redner auf der Bühne, um einen Vortrag zu halten und sie im Publikum. Bereits dabei war sie ihm aufgefallen, weil sie ihn immer wieder angelächelt hatte. Aber etwas dabei gedacht hatte er sich nicht.

„Zumindest, bis sie im Anschluss dann plötzlich vor mir stand und sich nicht einfach nur über den Vortrag austauschen wollte, sondern mich in die höchst unangenehme Lage brachte, dass sie sich erkundigte, ob ich sie nicht erkennen würde. Mein Gesichtsausdruck in dem Moment muss wohl äußerst dümmlich ausgesehen haben. Jedenfalls hatte sie mich dann auch noch ausgelacht“, schüttelte mit einem leisen Schnauben den Kopf, das jedoch nicht empört, sondern belustigt schien – und Frido die innere Frage abrang, wer der Mann eigentlich war, der da gerade bei ihm stand und erzählte.

„Vergessen habe ich sie danach sicherlich nicht mehr und es ist mir seither auch eine große Freude, sie auf Veranstaltungen zu sehen oder eine Veröffentlichungen zu lesen“, ahnte Ernest von diesem Gedankengang zwar nichts, und kürzte die Geschichte an dieser Stelle trotzdem ab. Und auch das Gespräch hätte er damit gerne beendet, doch wem wollte er was vormachen? Schließlich war Frido ja sein Zuhörer…

„Und nicht zu vergessen, was das Highlight von dem Ganzen war: Ihr erst mal schön in die Karre zu fahren!“, grinste der und lachte bei Ernests wenig überraschendem Seitenblick, gefolgt von einem „Sehr witzig!“ inklusive genervtem Zischen.

„Das war ja wohl kaum ein Grund zum Feiern! Selbst, wenn es sich nur um einen kleinen Kratzer handelte, wie ich noch einmal betonen möchte! Aber trotzdem finde ich es nicht gerade wünschenswert, ausgerechnet mit Alkoholfahne und Führerscheinentzug zu brillieren!“, war es recht offensichtlich, dass er es schon wieder bereute, diese Unterhaltung überhaupt begonnen zu haben. Zumal Frido nicht müde wurde, entweder haarsträubende Vermutungen anzustellen oder den Finger direkt in die Wunde zu legen.

„Verstehe… deshalb diese kurzfristige Anmeldung fürs Waldschlösschen… Dir wars zu peinlich, ihr noch mal über den Weg zu rennen, hm?“, war es dieses Mal zweiteres und dabei so augenscheinlich, dass der Arzt nur seinen Kopf darüber schütteln konnte.

„Was glaubst du denn?“, murrte er, ohne Frido eines Blickes zu würdigen und konnte im Augenwinkel dennoch sein Grinsen erkennen.

„Aber trotzdem wolltest du sie offensichtlich gern wiedersehen. Sonst würden wir jetzt wohl kaum hier stehen, oder?“, fehlte eigentlich nur noch ein aufmunterndes Anstupsen und Zuzwinkern von Frido, um dessen gute Laune zu komplettieren. Doch nach irgendwelchem Feixen war dem Arzt nun wirklich nicht zumute und das merkte der Dozent scheinbar auch. Also hielt er sich mit Gesten zurück und ließ nur Worte sprechen. Wobei selbst die bereits eine Wirkung entfachten, die jenseits von allem war, was er eigentlich beabsichtigt hatte. Denn statt ihm kleinlaut recht zu geben oder sich einfach nur in peinlich berührtes Schweigen zu hüllen, schüttelte Ernest den Kopf und seufzte aus, nachdem das Gehörte einen Augenblick lang auf ihn hatte wirken können.

„Ich weiß nicht, wie ich auf so eine Schnapsidee kommen konnte, uns hier anzumelden…“, lag eine Mischung aus Unverständnis über sich selbst und Resignation in seinen Worten, die bei Frido sofort die Alarmglocken läuten ließ. Der Arzt wollte jetzt doch wohl nicht einfach so aufgeben?!

„Heh! Wohl kaum, um jetzt mit mir hier rum zu lamentieren, oder?! Ich hab doch vorhin schon gesagt, dass du endlich rausgehen und mit ihr reden sollst! Worauf wartest du eigentlich noch?“, versuchte er ihn aufzumuntern und ging sogar ein paar Schritte in die richtige Richtung, fast so, als wollte er Ernest den Weg ebnen, damit er leichter von der Stelle kam. Doch der stand nur festgewachsen da. Er atmete tief durch, schüttelte abermals den Kopf und schloss für einen Augenblick sogar die Lider.

„Du hörst nicht zu, Frido. Sie war damals Schülerin und nicht Medizinstudentin im praktischen Jahr. Ist dir eigentlich klar, wie jung sie ist?“, sprach er dabei erschöpft, um es anschließend trotzdem noch mehr zu verdeutlichen.

„Wir sprechen hier nicht von einem Altersunterschied wie zwischen dir und Dominik, sondern von einem… nun… sagen wir einfach, was das Alter betrifft, würde sie deutlich besser zu dir als zu mir passen“.

Und so fand Frido sich erneut in einer Situation wieder, die er nun schon ein paar Mal in diesem Gespräch erlebt hatte: Er, wie er mitten im Raum stand, den Arzt von hinten betrachtete und versuchte herauszufinden, welche Worte gerade die richtigen waren. Bislang zwar vor allem, um die Wahrheit zu erfahren, doch nun war das Wichtigste, Ernest nicht noch mehr zu entmutigen.

„Ja, okay…“, begann er also „Du bist ein bisschen älter als sie, aber…“

„Friedrich! Hör auf, es zu verniedlichen!“, ließ Ernest ihn allerdings nicht aussprechen.

„Ich bin im Vergleich zu Klara ein alter Sack! Und obendrein bin ich nicht gewillt, sie in Verruf zu bringen!“, löste er nun sogar seinen kurzzeitig neu entdeckten Blick vom Fenster und schaute Frido verärgert an, nur, um dann zu seufzen, als dessen irritierter Gesichtsausdruck die Fragezeichen in seinem Kopf spiegelte. Alles musste man diesem Kerl erklären…

„Du hast es damals bei Dominik und dir doch selber gesagt: Es sind meist die Studenten, die einen schiefen Blick kassieren und mit Konsequenzen rechnen müssen und weniger die Dozenten. Denkst du etwa, bei einer jungen, aufstrebenden Medizinerin sieht das anders aus? Ganz besonders, wenn sie sich nicht nur auf einen deutlich älteren Kollegen einlässt, sondern obendrein auch noch auf einen, der in ihrem Fachgebiet arbeitet?“, nahm er den kleinen Frido also an der Hand, damit auch er es verstand und bekam dafür doch nur wieder ein „Aber“ von ihm.

„Nein, kein Aber, Frido!“, wollte Ernest den Einwurf jedoch nicht einmal anhören.

„Selbst, wenn sie tatsächlich ein gewisses Interesse an mir hegen sollte – und ich bin mir im Übrigen sicher, dass es rein beruflicher Natur ist! – werde ich sie sicherlich nicht zum Gespött der Leute machen!“, stellte er seinen Standpunkt klar und war dafür dieses Mal derjenige, der ein Kopfschütteln kassierte. Das war doch wirklich albern, sagten schon Fridos Körperhaltung und Gesichtsausdruck, als er wieder näher an den Arzt herantrat und dafür mit der kalten Schulter gestraft wurde.

„Du, ich hatte eigentlich den Eindruck, dass sie eine erwachsene Frau ist, die eigene Entscheidungen treffen kann!“, sagte er trotzdem, gepaart mit dem Vorschlag, dass Ernest seiner Kollegin einfach selbst überlassen sollte, ob sie sich einen alten Knacker anlachen wollte oder nicht. Aber Frido hatte nicht nur einen Appell für ihn, sondern auch ein kleines Augenzwinkern.

„Im Übrigen seh ich hier nicht mal einen alten Sack! Ich erinner nur daran, wie jung mein Schatz dich geschätzt hat!“, ließ er dabei einfließen und lachte leise. Doch dieses Lachen hielt nicht lange an.

„Friedrich!“, brachte Ernest es schnell wieder zum Ersterben und erschreckte den Dozenten regelrecht damit, wie erschöpft und kraftlos er trotz des energischen Ausspruchs wirkte. Ganz besonders, als der Arzt jetzt auch noch weitersprach, wurde es umso deutlicher.

„Lass gut sein, ja? Ich bitte dich. Es war… ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe, dich mit hierher zu nehmen. Oder überhaupt an dem Kongress teilzunehmen. So was Dämliches...“, wendete er sich dem Fenster zu, den Blick betont gleichgültig, obwohl Frido genau sehen konnte, dass es Ernest ganz und gar nicht egal war – selbst, wenn sie dieses Gespräch bis hierhin nicht schon geführt hätten. Und so ließ er es nun bestimmt nicht enden!

„Ernest…“, sagte er also.

„Aber so ist das nun mal, wenn man verliebt ist! Da macht man manchmal dumme Dinge! Und ich find das hier gar nicht mal dumm! Nur ein bisschen unbeholfen vielleicht!“, redete er mit Engelszungen auf ihn ein und immerhin hörte der Arzt ihm bis zu diesem Punkt zu. Doch als Frido dann auch noch Anstalten machte, ihm seine Hilfe anzubieten, wurde er von Ernest wieder unterbrochen.

„Nein, Friedrich! Hör auf, es schön zu reden! Es war einfach nur unüberlegt von mir! Schieb es von mir aus auf die Umstellung von Wein auf Traubensaft, aber versprich mir, dass du Klara nicht ansprechen wirst! Ich meine es ernst!“, kratzte er noch einmal all seine Kraft zusammen, um jeglichen Zweifel hinfort zu schieben. Doch was machte Frido? Sich nun erst recht über ihn lustig, als er nach einem kurzen, irritierten Blinzeln seine Stimme wiederfand.

„Ja, genau! Mach am besten gleich die Praxis dicht und zieh irgendwo ins Ausland! Änder deinen Namen oder lass dich doch gleich auf den Mond schießen, damit du auch ja nie wieder ein Wort mit ihr reden musst! Mein Gott, Ernest! Man kanns auch übertreiben! Und jetzt hör auf, den Schwanz einzuziehen und geh zu ihr!“, zeigte er obendrein kein Erbarmen. Genau so, wie der Arzt es auch immer bei ihm tat, wenn er eine Standpauke verdient hatte! Da musste man dann halt mal Tacheles reden! Nur war Ernest nun einmal Ernest. Der reagierte nicht unbedingt wütend oder gab kleinlaut zu, dass Frido im Recht war. Nein. Stattdessen wendete er sich schweigend von dem Jüngeren ab, ließ ihn einfach stehen und ging stattdessen zu seinem Koffer, um ihn zu schnappen und mit sich zu ziehen. Aber nicht in Richtung Bett oder Schrank, sondern…

„Was wird das, wenns fertig ist?“, sah Frido ihn schnurstracks die Zimmertür ansteuern und schaffte es nur im letzten Moment, sich dem Arzt noch in den Weg zu stellen, ehe dessen Hand die Türklinke greifen konnte.

„Du willst jetzt nicht ernsthaft…“, guckte er ihn dabei entgeistert an, aber Ernests Blick ließ keine Zweifel übrig.

„Geh beiseite. Wir fahren“, waren seine Worte keine Bitte, sondern eine Forderung und auch das noch immer ungläubige „Was?!“ des Dozenten änderte daran nichts.

„Wir hätten gar nicht erst herkommen sollen“, hielt Ernest an seiner Meinung fest und schien gewillt herauszufinden, wer von ihnen gerade den längeren Atem hatte. Er war nicht derjenige von ihnen beiden, der schon während der Fahrt bei jeder Gelegenheit eine Pippipause hatte einlegen müssen! Doch statt ausgerechnet jetzt aufs Klo zu eilen, hob Frido nur beschwichtigend die Hände und schüttelte seicht den Kopf. Stopp, hier lief gerade etwas gewaltig falsch!

„Okay, okay, ganz ruhig jetzt!“, suchte er auf irgendeine Weise nach dem Rückwärtsgang und bekam dafür ein – wie sollte es auch anders sein – „Ich bin ganz ruhig“ von Ernest zu hören. Und genau das war ja das Problem! Er war plötzlich viel zu ruhig! Viel zu unbeteiligt! Obwohl er doch quasi gerade die Hauptperson war!

„Ich will mein versprochenes Nickerchen im Himmelbett und mit den anderen Arztgattinnen Golf spielen!“, versuchte Frido aber, den Fokus eben nicht schon wieder darauf zu legen und andere Argumente zu finden, die vielleicht besser zogen. Und immerhin!

„Du hasst Golf“, ging Ernest zumindest darauf ein.

„Ich bin auch keine Arztgattin“, legte der Dozent also schnell nach und siehe da! Nun zuckten sogar Ernests Mundwinkel!

Aber von langer Dauer war dieser kleine Triumph leider nicht. Denn da wollte der Arzt auch schon wieder an ihm vorbei, versuchte ihn beiseite zu schieben und hielt erst inne, als Frido ihm die Hände auf die Schultern legte.

„Ey komm…“, sagte er dabei und seufzte aus. So durfte das hier jetzt doch nicht enden!

„Überstürz nicht schon wieder was, okay? Das war grad n hitziges Gespräch! Nimm dir einen Moment zum Durchschnaufen und… ohne mich kommst du hier doch eh nicht weg und ich würde das Ganze wirklich gern n kleinen Moment sacken lassen, bevor ich mich wieder hinters Steuer setze. Sowohl das Gespräch jetzt, als auch unsere andere Unterhaltung über den alten Preuss… Also bitte, ich wollte doch eh ne Runde durch den Park drehen, um den Kopf frei zu bekommen. Begleite mich doch einfach oder… oder wenn du lieber für dich sein willst, dann warte hier, bis ich zurück bin, hm?“, schlug er vor, um zeitgleich fieberhaft zu überlegen, wie er Ernest ein Bleiben vielleicht noch mehr schmackhaft machen konnte. Und was wollte der bei seiner Fluchtaktion sicherlich nicht? Genau! Von den anderen Ärzten gesehen oder gar darauf angesprochen werden!

„Ist vielleicht sogar unauffälliger, wenn wir noch ein bisschen warten, bis deine Kollegen dann schon alle bei ihrer Tagung hocken, oder?“, schob er also noch hinterher und grinste, als Ernest es natürlich nicht lassen konnte, ihn zu verbessern.

„Kongress. Eine Tagung…“, setzte er an, wurde aber von Frido unterbrochen.

„Geht, wie der Name schon sagt, in der Regel nur einen Tag. Ja, ja. Aber zumindest hat dich die Tagung schon mal wieder auf andere Gedanken gebracht!“, grinste er und lachte auf, als Ernest die Augen verdrehte. Aber sein Ziel erreichte Frido damit schließlich doch.

„Na schön…“, schob der Arzt den verfluchten Koffer nämlich endlich beiseite und wendete sich wieder von der Tür ab.

„Ist vielleicht wirklich nicht verkehrt, noch einen Moment zu warten…“, ging er zum Bett und ließ sich darauf nieder, während Frido seine Reisetasche schnappte, auf das andere Bett verfrachtete und seine Sportklamotten rauskramte. Jetzt bloß nicht trödeln und riskieren, dass er es sich doch noch mal anders überlegte!

„Willst du wirklich nicht mit?“, schlüpfte er also flott in Hose und Schuh und entschied sich dafür, das Shirt erst nach seiner Laufrunde zu tauschen. Schließlich verriet der weiße Fummel nicht, ob er vorher unter dem Hemd versteckt gewesen oder für den kleinen Ausritt extra angezogen worden war. Und auch, wenn Frido ehrlich hoffte, dass Ernest ihn bei diesem flotten Spaziergang begleiten würde, überraschte es ihn wenig, dass der Arzt den Kopf schüttelte.

„Nein, ich bleib hier“, seufzte er aus und zog die Brille ab, um sich das Gesicht und vor allem die Nasenwurzel zu reiben. Ja, es war nicht zu übersehen, dass ihn die Unterhaltung ziemlich mitgenommen hatte. Noch etwas, das Frido bei ihm so noch nie erlebt hatte…

„Okay, dann bis später…“, klopfte er ihm also im Vorbeigehen auf die Schulter und wie Ernest im Augenwinkel wahrnahm, blieb er an der Tür noch einmal stehen, um sich zu ihm umzudrehen. Aber der Arzt hob den Blick nicht zu ihm. Stattdessen wartete er, bis endlich das erlösende Klacken der Tür zu hören war und er sich schwer nach hinten auf die Matratze fallen lassen konnte. Ja, dachte er dabei, vielleicht war auch er derjenige, der nun einen kleinen Powernap vertragen konnte. Oder sogar einen etwas längeren. Einfach ein Stündchen oder anderthalb warten, bis sich alle im Seminarraum eingefunden hatten – auch die letzten Nachzügler. Und dann, still und heimlich, davon schleichen, ohne, dass jemand es mitbekam. Bis dahin würde er einfach die Lider schließen, sich ausruhen und… mit einem Mal riss er die Augen auf und saß kerzengerade da.

„Moment mal…“, murmelte er, als ihn diese unheimlich, nahezu kafkaeske Ahnung überfiel und auf die Füße jagte.

„Dieser verdammte Mistkerl… Der wird doch wohl nicht etwa…!“

Tja, so schnell konnte man zu einer ungewollten Laufeinheit kommen…

9.3.2025: ergrünen

Gefasst, ruhig, besonnen, taktisch – diese und viele weitere Beschreibungen dieser Art ließ ein Dr. Ernest Landers sich gerne gefallen. Sie lobten ihn, erkannten all die Jahre voller Arbeit und Disziplin an. Voller Beobachtung und in gewissen Teilen auch Entbehrung, die er auf sich genommen hatte. Aber abgehetzt, nervös oder gar unkoordiniert? Nein, solche Begriffe in Verbindung mit seiner Person zu bringen, hätte für ihn sicherlich an Majestätsbeleidigung gegrenzt und doch: In diesem Moment trafen sie perfekt auf ihn zu.

Denn erst trieb es ihn so eilig aus dem Zimmer, dass er nach einigen Metern noch mal umkehren musste, weil er vor lauter Dringlichkeit vergessen hatte, die Tür abzuschließen. Als nächstes hastete er über Flur, hin zur nächsten Tür und durch sie hindurch in die Eingangshalle. Er wollte losrennen, als wäre der Sauseschritt den Korridor entlang nur zum Aufwärmen gewesen und trotzdem bremste er abrupt ab. Hier war er schließlich nicht mehr alleine! Zu viele Leute, die ihn und sein merkwürdiges Verhalten hätten sehen können und vor allem zu viele von ihnen, die er auch noch beim Namen kannte! Also ging es im Spießrutenlauf durchs Foyer. Ein Nicken hier, ein kurzer Gruß dort und wenn es ging, den Blick gesenkt, um so zu tun, als würde er die bekannten Gesichter nicht erkennen. Er musste hier raus! Jetzt und sofort! Durfte sich nicht auch noch in eine Unterhaltung verwickeln lassen!

Scheiße! Und da kam auch noch sein Doktorvater durch die Eingangstür! Diese alte Labertasche, die schon zu seiner Zeit als Doktorand immer so gerne vom letzten Kartoffelkrieg erzählt hatte! Der oft wirkte, als hätte er bereits zu Zeiten der Dinosaurier gelebt! Blieb einem denn gar nichts erspart? Und was machte der alte Sack hier überhaupt noch?! Der gehörte doch längst aufs Abstellgleis! Egal! Das tat doch nun wirklich nichts zur Sache! Bloß weg hier!

Erst mal hinter die Säule, sich vor den alten, kurzsichtigen Augen verbergen, die manchmal mehr mitkriegten, als sie sollten. Abwarten, bis der Tattergreis sich zur Rezeption geschoben hatte und seinem ehemaligen Schützling Rücken zudrehte.

Aber nein! Plötzlich fiel es Ernest wieder ein: Da gab es noch einen zweiten Eingang! Näher an ihm dran, verführerisch nah sogar. Lockend, regelrecht nach ihm rufend, bis er die Deckung aufgab und lossprintete. Zumindest so flott, dass es nicht ins Lächerliche kippte. Das Kinn gereckt, die Schultern gestrafft und die Ohren auf Durchzug, als kurz vor Erreichen der Tür sein Name erklang. Wieder egal! Hatte er es halt nicht gehört!

Mit beiden Händen schob er die Tür auf, stieß sie geradezu von sich. Energisch, zielsicher, ohne sein konkretes Ziel zu kennen. Aber zumindest war es mit großer Wahrscheinlichkeit eher im Park, als im Hotel zu finden.

Also schnell die Treppe runter, dieses Mal auch in einem Tempo, das ihm mehr zusagte und dann – dann nichts mehr. Stillstand.

Er fühlte sein Herz gegen seine Brust hämmern, hörte seinen unruhigen Atem im Ohr nachhallen und drehte sich beinahe um die eigene Achse, immerzu auf der Suche nach einem Anhaltspunkt. Überall Kieswege, die sich kreuzten, voneinander wegführten, nur, um sich an anderer Stelle wiederzufinden. Offen einsehbar die einen, versteckt hinter Sträuchern und Büschen die anderen. Wie sollte man denn da wissen, wo es Zeit wurde?

Ein leises Knurren entrann seiner Kehle und seine Augenbrauen pressten sich zusammen. Oh, wenn er diesen Mistkerl zu fassen kriegte! Wie dämlich hatte er bloß sein können, Frido so viel Vertrauen zu schenken?!

Er zischte und sein Blick fiel auf den Weg, auf dem er Klara zuletzt gesehen hatte. Zumindest vermutete er, dass es dieser Weg war. Sie sahen sich teilweise einfach zu ähnlich!

Es war zum Mäusemelken und vielleicht kostete es ihn jetzt wertvolle Zeit, wenn er die verkehrte Richtung einschlug. Aber hatte er großartig eine andere Wahl? Ja. Sich wieder aufs Zimmer verkriechen, dort warten, bis dieser Verräter zurückkäme und ihm dann den Hals umdrehen!

Er schnaubte aus und stapfte los. Federnd, bebend und bereit, Frido an die Gurgel zu springen. Er würde ihn finden und kriegen – und hoffentlich das Schlimmste verhindern!

Also scannte er die Umgebung, heftete den Blick an jedes Gesicht, das er erwischen konnte, nur, um bei jedem Misserfolg ein bisschen mehr Wut in sich zu spüren. Wut und auch ein wenig Verzweiflung. Oh, wie gern hätte er jetzt einfach diesen miesen, kleinen, verräterischen Namen gebrüllt! Ihn einfach angeschrien und zur Sau gemacht! Und da hielt er plötzlich inne.

„Wie blöd bist du eigentlich?!“, schalt er sich selbst, während er sein Handy hervorzog, es mit zitternden Fingern entsperrte, weil er so angespannt war und im nächsten Moment nach ein paar Mal Tuten doch nur die Mailbox dran hatte. Arschloch. Er stapfte weiter und verfrachtete das Handy dabei zurück in seine Tasche.

Um ihn herum Beete mit den letzten Sommerblumen und den ersten Vorboten auf die kommende Jahreszeit. Herbstzeitlose, die zwar nicht ergrünten, aber ihre zartvioletten emporstreckten – er wäre am liebsten über sie hinweggelatscht, um sich nicht an diese verdammten Wege halten zu müssen. Diese Umwege, die ihm unnötige Meter aufluden, anstatt ihn einfach querfeldein zu lassen.

Also brav geradeaus, dann abbiegen, noch mal abbiegen und – mit einem Mal setzte sein Herz einen Schlag lang aus, als er die Allee aus Linden und Eichen betrat. Ihm wurde heiß, dann kalt, dann schlecht. Speiübel regelrecht.

Da vorne war er. Nicht mal im Ansatz joggend, sondern auf einer Bank sitzend. Ein gutes Stück weit weg im Schatten der Bäume und trotzdem unverkennbar. Und an seiner Seite Klara.

Sie unterhielten sich angeregt, schwatzten, kicherten, lachten. Vor allem Klara lachte, während Frido vor allem grinste. Lachte sie über irgendeinen seiner blöden Witze oder war gerade vielmehr derjenige der Witz, der nun wie angewurzelt dastand und die beiden beobachtete? Er konnte ihre Unterhaltung nicht verstehen, die Worte nicht aufschnappen, stand zu weit entfernt.

Ernest versuchte zu schlucken, aber seine Kehle war so trocken, dass es ein aussichtsloser Kampf war. Bilder aus seiner Schulzeit kamen ihm unweigerlich ins Gedächtnis: siebte Klasse, Valentinstag. In der ersten Pause hatte er eine Rose auf den Tisch von Stefanie Petzek gelegt. Ein schüchternes Herantasten mit all dem hart ersparten Taschengeld, das er nur zum Geburtstag und zu Weihnachten bekommen hatte, um es sich für den Rest des Jahres einzuteilen. In der zweiten Pause war nicht nur ein schmerzhaft großer Teil dieses Taschengeldes weg gewesen, sondern auch er zum Gespött der Klasse geworden. Genauso in die Tonne getreten wie die schöne Rose. Bis heute verursachte der Anblick roter Rosen ein Gefühl des Ekels in ihm, selbst, wenn er Jahre später auf einem Klassentreffen gesehen hatte, dass er einen besseren Weg hingelegt hatte, als Stefanie Petzek. Er war nicht derjenige, der die Pläne einer steilen Karriere als Dressurreiterin gegen vier Kinder von drei verschiedenen Männern getauscht hatte. Mit jedem der Kinder weitere Kilos auf den früher so schlanken Hüften, dass inzwischen selbst ein Kaltblut schreiend davon gerannt wäre! Dazu ein Job als… Ernest kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf.

Nein, er hatte es nicht nötig so zu denken. Sie hatte ihren Weg gewählt, er seinen und zum Glück hatten sich die beiden Wege schon vor vielen Jahren weit, weit auseinander dividiert. Und er wusste ja auch, dass da vorne nicht Stefanie Petzek auf der Bank saß, sondern Klara! Genauso, wie er damals im Studium nicht Stefanie kennengelernt hatte, sondern... Eva.

Weitere Bilder strömten auf ihn ein. Die schönen, liebevollen, aber vor allem auch die anderen. Die, die ihn innerlich so zerrissen hatten, dass er eine lange Zeit geglaubt hatte, nichts anderes mehr als Schmerz fühlen zu können. Sich mit Arbeit betäubt hatte, darin vergraben, um dem Kopf ja keinen Augenblick Ruhe oder die Möglichkeit, zu grübeln, zu geben. Solange, bis es irgendwann leichter geworden war. Für ihn, aber auch für Eva, wie sie ihm später einmal erzählt hatte. Er hatte ihr wortwörtlich damals das Herz gebrochen, als er sich gegen ihre Karriere und für sich entschieden hatte.

Er schnappte nach Luft, als seine Gedanken ihn vom Damals ins Hier und Jetzt katapultierten. Zurück zu Klara, die so unbeschwert da saß, redete, lächelte. Sie hatte ja keine Ahnung, was er für ein emotionales Wrack war.

„Zum Teufel, was treibst du hier eigentlich?“, packte ihn ein Gefühl, das er so schon lange nicht mehr gespürt hatte. Panik. Er musste Frido holen, ihn zum Auto zerren – wenns sein musste auch in den Kofferraum stopfen – und dann nichts wie weg von hier! Striktes Kongress- und Tagungsverbot für die kommenden Monate! Gras über die Sache wachsen lassen, von der nur er wusste, dass es diese Sache überhaupt gab! Er und…

„Friedrich!“

Es platzte aus ihm heraus, schneller, als er gucken konnte und sich dessen doch erst bewusst, als andere ihn anguckten. Verdammt, hatte er etwa seinen Gedanken laut ausgesprochen?

Ernest tat einen tiefen Atemzug, straffte sich und löste sich endlich vom Fleck. Er schritt voran. Elegant, kontrolliert und vor allem stechend. Jeder Schritt ein Statement, bis er nur noch wenige Meter von dieser Bank entfernt war und deren Sitzgäste auch endlich auf ihn aufmerksam wurden. Wurde aber auch Zeit! Schluss mit dem Gekicher und Gequatsche! Arsch hoch, Beine in die Hand und weg hier!

Zumindest dachte er das. Aussprechen tat er stattdessen ein fast schon lieblich anmutendes „Friedrich“, wenn es nicht gleichzeitig so scharfkantig und ein wenig zu spitz gewesen wäre. Nur eine Nuance zu drüber, genau wie das falsche Lächeln, mit dem man jemandem die Augen hätte ausstechen können.

„Ich dachte, du wolltest joggen…“, war es da schon wieder, wie ein Kratzen mit dem Nagel auf einer Tafel. Ernest stierte den Dozenten an, lauerte regelrecht darauf, dass er jetzt irgendetwas sagte, das ihm einen Grund gab, ihm an die Gurgel zu springen. Aber stattdessen sprang ihn plötzlich selber etwas an: Die Erkenntnis, wie unhöflich seine Aussage auf Klara wirken könnte! Dass sie sie womöglich falsch auffasste! Also eigentlich ja schon richtig, aber dass sie dachte, es wäre gegen sie gerichtet! Ihr den Eindruck gab, seine schlechte Laune würde an ihr liegen und nicht an diesem Trottel, der wieder einen blöden Spruch loslassen musste – und sie damit sogar zum Lachen brachte?

„Ernest, mein Schatz! Wie oft muss ich dir eigentlich noch sagen, dass du mich nicht Friedrich nennen sollst?“, hockte er da, die Unterarme auf den Oberschenkeln abgestützt und ein selbstgefälliges Grinsen im Gesicht, während er den Arzt anschaute – und der völlig aus dem Konzept gebracht war.

Allerdings nicht von Frido, nein, dessen dumme Sprüche kannte er ja zur genüge, sondern von Klaras Reaktion darauf. Was hatten sie besprochen, dass sie jetzt so heiter darauf reagierte, wohingegen sie vorhin doch noch so fluchtartig deswegen verschwunden war?

Ernests Miene wurde zu Stein, doch ein Schlucken und die verkrampften Hände verrieten seine Unruhe. Und als Klara dann auch noch aufstand und ihn anlächelte, zuckte er beinahe zusammen, weil alles in ihm so angespannt war. Verdammt, was hatte Frido ihr bloß erzählt?!

„Ernest…“, sprach sie ihn jetzt auch noch an. Noch immer lächelnd, aber irgendwie auch etwas schüchtern, nein, eher entschuldigend. Peinlich berührt fast. Der Arzt hing an den Lippen seiner Kollegin und fürchtete sich doch davor, was sie als nächstes sagen würden.

„Es tut mir leid, dass Sie vorhin einfach so stehen gelassen hab. Das war ziemlich unhöflich von mir“, lautete es und auch, wenn als Gesagte, Gesehene und Gefühlte der letzten wenigen paar Minuten eigentlich in Sekundenbruchteilen vonstatten gegangen war, fühlte Ernest sich plötzlich wieder wie in Zeitlupe gefangen. Er hörte Klaras Worte. Dass sie ihr Verhalten den Anstrengungen von der langen Fahrt zuschrieb, ein bisschen Zuviel an Staus und pöbelnden Verkehrsteilnehmern, das ihr wohl doch etwas mehr zugesetzt hatte, als zuvor gedacht. Und dazu diese zarte Bitte…

„Ich würd mich gern für mein Verhalten entschuldigen“, war sie da wieder, ihre Hand an seinem Arm. Warm, fast brennend, als sie ihn aus der Zeitlupe zurück in Gegenwart katapultierte und er es endlich schaffte, Klara nicht nur anzustarren, sondern auch etwas zu antworten.

„Nein!“, platzte es dabei aus ihm heraus.

„Ja!“, in der nächsten Sekunde und so hastig, als müsse er sich erst wieder einpendeln.

„Äh, ich meine… Kein Grund, sich zu entschuldigen! Es ist doch nichts passiert!“.

Gott, Ernest, schalt er sich im Stillen, während er im Augenwinkel sehen konnte, wie selbst Frido bei dieser Vorstellung vor Fremdscham die Augen zusammenkniff und der Arzt gleichzeitig versuchte, irgendwie so etwas wie ein Lächeln aufs Gesicht zu kriegen. Klara fiel das hingegen deutlich leichter.

„Danke“, war ihre Antwort nur ein Hauch, aber ihre Augen strahlten den Arzt dabei so an, dass er nicht anders konnte, als sich endlich von ihrem Lächeln anstecken zu lassen. Er nickte, hatte ein „Gerne doch“ auf den Lippen, aber er verkniff es sich. Es wäre zu viel gewesen. Aber es führte auch nicht zu unangenehmem Schweigen, denn wieder ergriff Klara das Wort.

„Ich habe mich gerade schon mit Frido über die morgige Mittagspause unterhalten. Drei Stunden sind eine ganz schön lange Zeit. Wir hatten die Idee, sie vielleicht mit einer kleinen Partie Golf zu füllen. Ich bin zwar furchtbar schlecht im Golfen, aber…“, sie schaute kurz zu Frido, um sich dann mit einem leichten Schulterzucken und bezauberndem Schmunzeln wieder an Ernest zu wenden. „Haben Sie Lust, uns Gesellschaft zu leisten? Es gibt sicherlich die Möglichkeit, sich dort auch Schläger auszuleihen. Und vielleicht könnten Sie mir den einen oder anderen Kniff zeigen?“.

Kniff zeigen? Er als langjähriger Golffreund?

„Ja, natürlich!“, schoss es aus ihm heraus, genauso wie das Blut in seine Wangen, als ihm bewusst wurde, was das hieß. Vor allem an Körperkontakt! Er wurde doch jetzt schon ganz bescheuert, wenn er ihren zarten Duft vernahm. Veilchen? Nein, Maiglöckchen. Ohne Fridos Rasierwasser in der Nase konnte er ihn jetzt hier draußen, an der frischen Luft statt im engen Flur, viel besser wahrnehmen. Er passte zu ihr. Süßlich, aber nicht zu künstlich quietschig. Dezent, aber nicht… Verdammt noch mal, Ernest, reiß dich zusammen! Und hör auf, ihr auf die Lippen zu starren!

„Selbstverständlich, das können wir sehr gerne machen!“

Wenigstens hatte er sie nicht nur angestarrt, sondern auch zugehört, als sie noch eine weitere Frage an ihn gerichtet hatten. Sich nachher bei Gelegenheit ein bisschen über das Berufliche austauschen wollte. Ihn darum bat, ihr einen Einblick zu geben, warum er eine eigene Praxis gewählt hatte, statt in der Klinik zu bleiben. Um Klara damit vielleicht die eigene Entscheidung zu erleichtern, wohin ihr Weg sie führen sollte, wenn sie erst einmal den Facharzttitel in der Tasche hatte. Nicht heute oder morgen, aber irgendwann! Schließlich konnte es nicht schaden, schon jetzt mit den Überlegungen und dem Abwägen anzufangen.

„Prima! Vielleicht beim Abendessen?“, wollte sie darum auch sofort Nägel mit Köpfen machen und schien sich aufrichtig zu freuen, als Ernest mit einem Nicken antwortete.

„Das klingt gut…“, sprach er leise, ehrlich und hinfort gerissen von ihrem Anblick, der so viel positiver ausfiel, als er es nach dem vorherigen Abgang gefürchtet hatte. Da war sie wieder, diese Offenheit und Herzlichkeit, die er so an ihr schätzte.

„Ich freu mich jetzt schon drauf! Wir sehen uns dann gleich auf der Tagung? Ich verschwind noch mal kurz aufs Zimmer, um mich ein bisschen frisch zu machen“, lag dieses Mal nichts Gehetztes in ihren Worten, sondern fast schon ein Zögern, mit dem sie erst jetzt ihre Hand von seinem Arm nahm. Schade, sie hätte gern noch ein wenig dort liegen bleiben können… Aber das sprach Ernest natürlich nicht aus.

„Ja, ich komme auch gleich nach…“, sagte er stattdessen, um sich im nächsten Augenblick sofort zu korrigieren.

„I… ich meinte natürlich zum Seminarraum!“

Wo war das Loch, in dem er versinken konnte? Klara schien es ihm jedoch nicht krumm zu nehmen. Sie lachte – mit ihm, nicht über ihn, als er den Mund zu einem verlegenen Lächeln verzog.

Sie ging von ihm weg, nicht schleichend, aber doch langsamer als vorhin, mit einem „Bis später“ auf den Lippen und noch einmal mit diesem bezaubernden Lächeln, als sie sich auf ihrem Weg ein weiteres Mal zu ihm umdrehte. Nicht hastig, sondern voller Vorfreude und lange genug, um es dieses Mal auch zu sehen, wie er seine Hand für einen kleinen Gruß hob. So lange, bis sie hinter einem der Alleebäume verschwand, vermutlich auf demselben Weg, auf dem Ernest vorher gekommen war.

Und da fiel es ihm plötzlich wieder ein. Er war ja nicht nur gekommen, um dumm da zu stehen und zu winken! Mit einem tiefen Atemzug füllte er seinen Lunge, ließ gleichzeitig die Hand sinken und den Kopf in Fridos Richtung wandern. Ja, dort hockte er immer noch! Grinsend, selbstgefällig und wieder mit einem blöden Spruch auf den Lippen!

„Du hast sie ja gar nicht korrigiert, dass das ein Kongress und keine Tagung ist“, hob er Augenbraue und Mundwinkel, als er sich zurücklehnte und den Arzt dabei betrachtete, wie er sich vor ihm aufbaute.

„Halt die Klappe! Was redest du mit ihr?!“, hatte der dabei im Gepäck und erhielt doch nur ein kleines Schnalzen mit der Zunge.

„Ja, was nun? Soll ich die Klappe halten oder…“, stellte der Dozent sich dümmer als er war und kassierte dafür ein herzhaftes, stechendes „Friedrich!“.

Der Arzt presste die Lippen aufeinander und ein Schnauben weitete seine Nasenlöcher. Er wirkte wie ein Stier, bereit zum Angriff und nur darauf wartend, dass Frido mit einem Tüchlein wedelte. Und da zückte er es auch schon.

„Ich mach dir n Vorschlag“, faltete er es fein säuberlich auseinander. „Du gewöhnst dir endlich ab, mich ständig so zu nennen und ich erzählt dir, was ich mit der liebreizenden Klara gesprochen habe“. Er hielt das imaginäre Tuch empor und der Stier stürzte sich sogleich darauf.

„Fridoo!“, grollte er, dass es einem Donnern glich und dann, kaum, dass der Dozent ein belustigtes „Guck? Geht doch!“ von sich ließ, hatte er ihn auch schon am Kragen. Beide Hände fest darin vergraben, sich regelrecht darin verbissen. Ein Knie auf der Sitzfläche der Bank abgestützt, den Dozenten ein Stückchen zu sich gerissen und seine Augen mit den eigenen fixiert. Der Arzt atmete langsam und tief, presste die Kiefer bis zur Grimasse aufeinander. Kein Zucken mit der Wimper, egal, wie dumm Frido jetzt aus der Wäsche guckte, erst ungläubig, dann dümmlich grinsend. Selbst, als er beschwichtigend die Hände hob, würdigte der Arzt diese Geste mit keinem Blick. Er schmälerte nur die Augen ein wenig, ehe er Frido ruckartig von sich stieß und sich wieder aufrichtete, kaum, dass der Unruhestifter endlich gesagt hatte, was Ernest hören wollte: „Ganz ruhig! Wir haben nur über Gott und die Welt geplaudert. Wie schön hier alles aussieht und dieser ganze oberflächliche Bums… Mehr nicht!“.

Der Arzt reckte das Kinn und schaute auf den Dozenten herab, während der sich den Kragen richtete und gegen die Lehne sank, die ihn vorher so unvorbereitet getroffen hatte.

„Wieso hast du überhaupt mit ihr gesprochen?“, wehte dabei ein kühler Wind. Eisig, gefasst und trotzdem gefährlich. Aber Frido grinste schief.

„Weils n bisschen unhöflich gewesen wäre, sie einfach zu ignorieren, wenn sie mich anspricht, oder?“.

Eine Augenbraue zuckte, Ernest reckte das Kinn noch ein wenig mehr. Weiter, befahl sein Blick.

„Ich bin ihr beim Joggen zufällig über den Weg gerannt und konnte mich dann ja schlecht irgendwo ins Gebüsch schlagen! Das wäre ja noch auffälliger gewesen! Also hab ich brav rüber genickt, wie es sich für einen zivilisierten Menschen gehört und als ich fast an ihr vorbei war, sprach sie mich plötzlich an. Sie wollte sich für ihren Abgang vorhin entschuldigen, genau wie bei dir und dann gab ein Wort das andere“, zuckte er die Schultern und schaute den Arzt kuhäugig an, während der abwog, ob er dieser Erklärung wirklich Glauben schenken konnte. Na ja, es stimmte: Eine Entschuldigung hatte er ebenfalls von Klara erhalten. Ganz selbstverständlich, nicht gekünzelt oder irgendwas…

Er schaute in die Richtung, in die sie verschwunden war, bis Fridos Stimme seine Aufmerksamkeit wieder auf sich zog.

„Ernest, ich hab nicht mit ihr über dich gesprochen. Ich hab nur am Rande einfließen lassen, dass ich meinen Freund grad ein bisschen vermisse. Meinen süßen Dominik, der jetzt zuhause an der Staffelei sitzt und mit dem ich vielleicht auch mal einen Ausflug hierher machen möchte…“, begann er zu grinsen und zwinkerte verschwörerisch, als Ernest einen merklichen Atemzug tat.

„Wie hat sie reagiert?“, gab er seinem Gesicht dennoch keinen aussagekräftigen Ausdruck und nickte nur leicht, als Frido erzählte, dass Klara wohl ein wenig ertappt gewirkt, sich ansonsten aber in ein kleines Schmunzeln gehüllt habe. Ein, zwei Fragen zu Fridos Arbeit hatte sie noch gestellt und dann war auch schon das Thema zum Golfspiel übergeschwappt und kurz darauf…

„Hast du ja plötzlich hier gestanden“, überschlug er die Beine und legte die Arme auf seiner Rückenstütze ab.

„Wie kommts eigentlich? Ich dachte, du wolltest dich ausruhen?“, fragte er dabei, während er zuschaute, wie Ernests Schultern ein wenig absanken und er sich mit einem leisen Seufzen neben ihm auf die Bank setzte.

„Ja. Wollte ich auch, aber plötzlich beschlich mich so ein komisches Gefühl“, stützte er die Ellenbogen auf den Oberschenkeln ab und ließ den Blick über die Gegend um sie herum schweifen. Dabei streifte er auch kurz Fridos Gesicht, das wenig überraschend äußerst fragend aussah. Also antwortete Ernest auf die nicht ausgesprochene Neugierde und kassierte dafür ein herzliches Lachen.

„Da müsst ich ja bescheuert sein! Meinst du, ich will wirklich im Verlies landen oder nach hause laufen? Dir würd ich sogar zutrauen, mich hinters Auto zu binden, damit du das Tempo vorgeben kannst!“, schüttelte er den Kopf, während Ernest ihn wieder nach vorne richtete. Er spürte, dass er dieses erneute Aufeinandertreffen mit Klara einen Augenblick lang sacken lassen musste und Frido erkannte es anscheinend auch. Vielleicht genoss er aber auch nur den Moment. Wer wusste das bei ihm schon so genau? Jedenfalls ließ Frido sich etwas Zeit, ehe er das Offensichtliche doch noch ansprach.

„Also, was machen wir? Hauen wir gleich trotzdem ab?“, wusste er ja ganz genau, worum Ernests Gedanken kreisten und der schüttelte selbstverständlich sofort den Kopf.

„Auf gar keinen Fall. Das wäre… Ich hab es ihr versprochen“, murmelte er und nickte, als Frido zu bedenken gab, dass sie beide sich dann vielleicht auch langsam mal wieder auf den Rückweg machen sollten. Immerhin begann die Veranstaltung ja bald. Und auch, wenn der Dozent damit Recht hatte, konnte der Arzt sich trotzdem nicht sogleich zum Aufstehen bewegen.

„Gib mir noch ne Minute…“, sagte er stattdessen, während er mit der einen Hand die Brille abzog und mit der anderen Augen und Nasenwurzel massierte.

Was für ein… aufreibender Tag und er war noch nicht einmal vorbei! Da blickte er durchaus mit gemischten Gefühlen auf den weiteren Fortgang. Wobei es eine Sache gab, der er sich trotz allem zu hundert Prozent sicher war.

„Nimm deine Griffel weg oder ich brech sie dir“, gab es keinen Zweifel, als Frido sich plötzlich anschickte, ihm mitleidig den Rücken zu tätscheln. Da fehlte nur noch das betont triefende „Ooooh!“ und die Verarsche wäre perfekt. Verdammter Idiot!

Der Idiot grinste allerdings nur über kühlen Seitenblick, den er mitsamt dieser freundlichen Worte erhielt und stand anschließend lachend von der Bank auf. Na, da war er ja wieder, der gute alte Ernest, den er so sehr schätzte und liebte!

 

10.3.2025: kunterbunt

Ein Säuseln lag in der Luft. Sehnsüchtig und murmelnd schlich es sich von Smartphone zu Smartphone, untermalt von Rauschen und fernem Geplauder.

„Ich vermiss dich…“, lag er auf dem Bett, das Handy ein Stück weit von sich gehalten, um das Gesicht seines Liebsten zu betrachten und dabei still zu hoffen, dass ein Wunder geschähe und er einfach aus dem Gerät zu ihm geplumpst käme. Aber die Schwerkraft war nicht auf seiner Seite. Stattdessen wuchs sein Verlangen nach Nähe noch ein wenig mehr, als sich jetzt auch noch diese wundervollen Lippen kräuselten und unter einer Mischung von Belustigung und eigener Sehnsucht verzogen. Was hätte er sie jetzt gerne geküsst!

„Ach, komm, wir haben doch jetzt schon Übung da drin… Und Sonntag bist du doch schon wieder zurück“, versuchte ihn sein Lockenkopf zwar aufzumuntern, aber das machte es nicht gerade besser. Nun war Frido es, der die Lippen kräuselte und schürzte.

„Das ist ja das Schlimme! Ich fühl mich grad wieder wie bei deinem Auslandssemester!“, murrte er und warf einen Blick zur Badezimmertür. Alles nur, weil Ernest die Finger nicht von den Umdrehungen hatte lassen können! Er sprach es zwar nicht aus, aber es schoss ihm durch den Kopf – und das war ihm scheinbar auch anzusehen.

„Hey, er hat dir auch schon einige Gefallen getan“, kam es da auch schon in liebevoller Strenge aus dem Telefon gekrochen und Frido presste die Lippen dabei so aufeinander, dass seine Mundwinkel dadurch emporgeschoben wurden. Das Abziehbild eines pausbäckigen Grinsens ohne viel Freude, aber dafür mit Einsicht gefüllt.

„Ja, hast ja recht…“, gab er also kleinlaut zu, schaute zu seinem Liebsten und dann noch mal kurz zur Badezimmertür, als das Rauschen verebbte. Ah, Ernest schien mit dem Duschen fertig zu sein. Jetzt untermalten nur noch die Unterhaltungen und Geräusche auf dem Flur oder aus den Nebenzimmern ihr Gespräch.

Eins, in dem der Dozent schon erfahren hatte, wie schön Dominiks Ausflug zu Tessa und Niko gewesen war. Gute zwei Stunden hatte er bei ihnen verbracht, ausgiebig geschnattert, ihren Wonneproppen bewundert und nebenher immer wieder hier und da ein bisschen was geholfen. Kleine Handgriffe, um den ja immer noch recht frisch gebackenen Eltern ein wenig unter die Arme zu greifen, aber auch nur so lange, bis er gemerkt hatte, dass es für heute genug gewesen war. Sie hatten sich gefreut, ihn zu sehen und ein bisschen wie in alten Zeiten zusammensitzen zu können, aber trotzdem war ihm natürlich nicht entgangen, wie viel Arbeit so ein Baby machte. Es zehrte an den Kräften. Selbst, wenn Tessa und Niko sich die Aufgaben teilten und Nikos Eltern zudem nicht allzu weit entfernt wohnten. Aber trotzdem hatte Dominik merken können, dass ihnen im Moment lieber mal nach ein paar kürzeren Besuchen zumute war, als nach einem langen, ausdauernden. Auch eine Erkenntnis, die er im Vorfeld schon durch Juli bekommen hatte. Denn um nicht völlig unvorbereitet und überfordernd in das Treffen zu gehen, hatte er seine Schwägerin in spe vor ein paar Tagen extra gefragt, worauf er am besten achten sollte. Schließlich hatte er nicht viel Erfahrung mit allem, was sich ums Thema Neugeborene drehte. Und das Letzte, was er sich gewünscht hatte, war, den Eltern eine zusätzliche Last zu werden. Selbst, wenn er die Beiden so einschätzte, dass sie es ihm in dem Fall offen gesagt hätten. Aber sicher war sicher gewesen und dieses Verhalten wieder einmal so typisch für den jungen Mann. Dabei hatte für Frido von vornherein keinerlei Zweifel bestanden, dass Dominik das Treffen auch ohne Julis Rat mit Bravour gemeistert hätte. Er war schließlich Dominik! Sein feinfühliger, aufmerksamer...

„Hab ich schon gesagt, dass ich dich vermisse?“

Der Lockenkopf lachte auf.

„Ja, schon dreimal! Oder vier!“, grinste er, während er auf seinem Hocker im Atelier saß und sich immer wieder leicht nach links und rechts drehte. Eine wippende Bewegung, nur im Kreis gedacht. Eigentlich hatte er ja nebenher ein bisschen zeichnen wollen, während Frido ihm davon berichtete, wie er sich bei einem ausgiebigen Spaziergang durch die leeren Veranstaltungsräume und den Keller die Deckenfresken und Wandbilder des Schlösschens angeschaut hatte. Kunterbunt und farbenfroh, zu neuem Leben erwacht und strahlend in ihrer Ausdruckskraft. Faszinierend zu sehen, wie viele Jahrhunderte sie überdauert und was die Restaurateure aus ihnen gemacht hatten. Natürlich war Dominik auch schon durch zahlreiche Fotos und kleine Videos selber Zeuge davon geworden! Und trotzdem genoss er gerade am meisten, seinem Frido beim Erzählen zuzuhören und ihn anzuschauen.

Dieser hübsche Mann in seinem hübschen Anzug, den er natürlich über den Spiegel am Schrank schon hatte vorführen müssen. Vor der Fahrt extra noch mal gebügelt, um Ernest nicht durch Knitterfalten in Verruf zu bringen und sich dann doch unachtsam mitsamt Sakko aufs Bett geworfen. Tja, musste der Anzug aushalten können, sonst hätte er nicht Fridos werden dürfen! Und wie sie beide wenig später feststellen durften, war der Dozent nicht der Einzige, dem so ein Zwirn gut stand!

„Oh là là! Wer kommt da denn? Frisch gestriegelt und frisiert!“, setzte er sich auf, als ein Klacken der Badezimmertür zu vernehmen war und Ernest, gehüllt in Duftwolke und Duschnebel, aus dem Badezimmer kam. Sein Blick, mit dem er Fridos Gefläze auf dem Bett bemerkte, sprach Bände, doch er enthielt sich jeglichen Kommentars dazu.

„Bestell Dominik einen Gruß von mir“, sagte er stattdessen, während er noch damit beschäftigt war, seine Hemdsärmel zuzuknöpfen und hob kurz den Blick, als er das blecherne „Danke!“ hörte. Frido streckte ihm das Smartphone entgegen und grinste, während sein Lockenkopf anfing zu lachen. Grund dafür war nichts geringeres als ein amüsierter Kommentar des Arztes.

„Wollt ihr mir jetzt beim Anziehen zusehen?“, stand er zwar schon in Hemd, Hose und Schuhen da, aber die letzten Details fehlten natürlich noch. Und dabei fuhr er fast alle Register auf! Dunkelblauer Anzug, der perfekt zu seinen Augen passte, blank polierte Schuhe, in denen man sich spiegeln konnte, Einstecktuch im Revers und das weiße Hemd natürlich nicht – wie ein gewisser anderer jemand – oben lässig geöffnet! Nein, selbstverständlich war es vollends geschlossen, um jetzt auch noch durch eine blau-weiß gestreifte Krawatte komplettiert zu werden. Knopf des Sakkos zugeknöpft und das Gesamtkunstwerk war fertig! Trotzdem durfte der kritische abschließende Blick in den Spiegel natürlich nicht fehlen. Saß auch alles, wie es sollte? Frido musste schmunzeln.

„Siehst gut aus!“, grinste er, der es selber ein wenig legerer gehalten hatte. Schwarzer Anzug, Sakko geöffnet, weil es etwas bequemer war und auch besser zu seinen Schuhen passte. Statt die Reisetasche mit den schwarzen Lacktretern voll zu packen, hatte er seine braunen Sneaker angezogen, die er ohnehin im Alltag trug. Schließlich war ja noch Platz für seine Laufschuh und Sportklamotten vonnöten gewesen! Also einen braunen Ledergürtel dazu, damit seine Schuhauswahl nicht nach gewollt und nicht gekonnt aussah und basta! Sportlich chic! Nicht zu drüber für so eine Veranstaltung, aber auch nicht underdressed.

Sie gingen ja schließlich nicht zur Beerdigung oder auf eine Hochzeit! Wenn das soweit war, würde er sich natürlich in den elegantesten Fummel schmeißen, den er finden konnte. Da war das Beste dann gerade gut genug, um sich neben seinem wunderschönen Dominik blicken lassen zu können! Wenn er den Gang zum Altar auf ihn zugehen würde, selber gehüllt in – ja, was würde er wohl tragen? Auch schwarz oder vielleicht sogar etwas helles? Wie beige oder weiß, das seine wundervolle Lockenpracht…

„Friedrich!“

Er schreckte hoch und blinzelte zu Ernest, der ihn unter spitz erhobener Augenbraue hinweg ansah, während aus dem Smartphone Dominiks Gelächter erklang.

„Hä?“, brauchte der Dozent einen Augenblick zur Orientierung und schaute fragend zwischen Display und Arzt hin und her. Der schüttelte den Kopf und seufzte aus.

„Zum dritten Mal: Ich habe gefragt, ob wir jetzt gehen können!“, betonte er jedes Wort so sehr, dass es wirkte, als wolle er es Frido buchstabieren, während der ertappt grinste.

„Äh… ja klar!“, stand er eilig auf und hielt dann doch kurz inne, als natürlich die Frage ertönte, wo er denn gerade mit den Gedanken gewesen sei. Allerdings nicht von Ernest, sondern von seinem Smartphone.

„Na, bei dir natürlich“, antwortete er mit einem warmen Lächeln und zwinkerte dem kleinen Dominik auf dem Display leicht zu, um aufzulachen, als prompt ein „Benimm dich!“ ertönte. Es war im Scherz gesprochen und von einem breiten Grinsen untermalt, aber auch so genügte es Ernest schon als Stichwort.

„Keine Sorge, dafür sorg ich schon!“, visierte er seine Begleitung an, die sich keiner Schuld bewusst war.

„Was ihr schon wieder von mir denkt!“, schmunzelte er, ehe er sich noch viel Spaß von Dominik wünschen ließ, ihm einen Kuss zuwarf und das Telefonat dann beendet.

„Ich vermiss ihn jetzt schon…“, seufzte er, während er sich endlich zu Ernest trollte und von dem einen wenig überraschten Blick kassierte. Da hätte jetzt bestimmt niemand mit gerechnet! Und doch zuckte Ernests Mundwinkel, als der Dozent zugab, dass er gerade nicht nur irgendwelchen Schweinereien nachgehangen habe.

„Ich hab über die Hochzeit nachgedacht… Was er da wohl tragen wird?“, warf er Ernest einen verliebten, fast schon schüchternen Blick zu, während er sich auch noch einmal selber im Spiegel betrachtete. Saß noch alles? Jau, passte! Also konnte es unter dem beinahe verschwörerischen, leicht amüsierten „Du wirst es ja erleben, wenns soweit ist“ des Arztes endlich zum Abendessen gehen.

Rein ins Getümmel und sich unter diejenigen gemischt, die bereits von ihren Zimmern durch den Flur strömten. Weg von den schnöden Vorträgen und Diskussionsrunden und hin zu Speis und Trank, Tanz und Gesang! Gut, ganz so überbordend vielleicht nicht unbedingt, dachte der Dozent, aber trotzdem mit Sicherheit interessanter für ihn, als die schnöden Referate des zurückliegenden Nachmittags! Schließlich hatte ja auch so ein Mediziner mal Feierabend und noch Interesse an anderen Themen als nur dem Arztgeplänkel! Oder nicht?

Zumindest hatte er es gehofft und wurde dann doch eines besseren belehrt, kaum, dass sie den Flur hinter sich ließen und die Eingangshalle betraten, um sie für das eigentliche Ziel ihrer Reise zu durchqueren. Doch da stand er und dieses Mal gab es kein Entrinnen! Weder für Ernest noch für dessen Kollegen, die irgendwann einmal unter den Fittichen ihres Doktorvaters gestanden hatten.

„Ach, Ernest, da bist du ja!“, empfing er seinen Schützling schon von weitem. Lauernd vor dem Eingang des Speisesaals positioniert und in eine Traube seiner ehemaligen Grünschnäbel getaucht. Da ging jemand äußerst bedacht vor! Es wurde nur vorbeigelassen, wer für ihn nicht von Interesse war! Mal mit einem kleinen Gruß oder kurzem Plausch, wenn es sich um alte Bekannte und gewohnte Gesichter handelte, doch Ernest würde sich mit Sicherheit nicht so leicht an ihm davonschleichen können. Schließlich gab es doch so viel zu erzählen! Und sie waren doch alle auf ganz besondere Weise miteinander verbunden und hatten sich teilweise so ewig nicht gesehen! Neugierig war der betagte Herr Professor, was all die Jungspunde in den letzten Jahren so erlebt hatten! Wo waren sie beruflich gelandet? Wo hatte sie ihr Weg hingeführt? Ganz gleich, ob er es nun wirklich zum ersten Mal hörte oder die Antworten nur eine Auffrischung dessen waren, was er teilweise bereits bei vorherigen Kongress, Tagung oder an anderer Stelle in Erfahrung gebracht hatte. Und völlig unabhängig davon, ob Ernest sich wirklich für den Lebenslauf interessierte – oder umgekehrt.Aber es war nunmal ungeschriebenes Gesetz: Bei so einem Aufeinandertreffen wurde der Doktor wieder Schüler seines Meisters. Also fügte auch ein Dr. Ernest Landers sich dieser Regel, so, wie seine Kollegen es taten.

Mit guter Miene zum nervigen Spiel schloss er sich dem kunterbunten Trüppchen mit den unterschiedlichsten Berufswegen und maßgeschneiderten Sakkos an. Er harrte aus, bis auch die letzten Nachzügler ihrer Gruppe aufschlugen, gab sich interessiert, erzählte hier, plauderte dort, trottete schließlich mit Frido an seiner Seite an einen der schön gedeckten Tische hinterher und musste feststellen: Das Gespräch mit Klara war erst einmal in weite, weite Ferne gerückt. Selbst, wenn sie nur zwei Tische von ihnen entfernt saß. So nah und doch so fern…

11.3.2025: Augenweide

Er konnte sich eigentlich nicht beschweren, das musste man sagen. Die Stimmung war gut, das Essen köstlich und die Gespräche an sich tatsächlich ganz interessant. Auch Frido fügte sich gut in dieses Ensemble ein. Souverän und charmant, keine Blödeleien oder dummen Sprüche, kurzum Einfach in seine Rolle als Dozent geschlüpft. Fast schon langweilig. Und als Ernest diese Überlegung beschlich, wusste er, dass es Zeit wurde. Zeit, sich ein kurzes Päuschen zu gönnen. Also ließ er den Nachtisch aus, ohne nach dem üppigen Hauptgang Gefahr zu laufen, dass ihn im späteren Verlauf des Abends noch ein Hüngerchen plagen könnte und ließ seinen Blick über die möglichen Ausgänge schweifen. Ja, der da vorne sprach ihn am meisten an.

„Ich geh einen Moment an die frische Luft“, lehnte er sich darum zu Frido, als sie beide gerade in kein Gespräch mit den anderen Sitznachbarn verbandelt waren und schüttelte den Kopf, als sein Freund wissen wollte, ob er ihm was vom Dessert sichern sollte. Herrencreme.

„Nein, Danke“, hatte er heute schon genug Herren um sich herum gehabt und nahm mit leichtem Bedauern wahr, dass Klara gerade selber so in eine Unterhaltung vertieft war, dass sie nicht einmal merkte, wie er aufstand.

„Schade“, dachte er zunächst und kurz darauf „Ach, was!“, während er sich zum Rand des Raum bewegte, mit einigen Angestellten des Hotels verschmolz und dann doch als Einziger von ihnen zielstrebig die große Fensterfront ansteuerte. Geraffte Vorhänge versteckten sie ein wenig und trotzdem fand er die Tür zur Steinterrasse sofort. Kühle, frische Luft wehte ihm um die Nase, als er sie betrat und mit einiger Erleichterung stellte er fest, wie viel des Schalls und der Lautstärke von der Tür geschluckt wurde, kaum, dass er sie wieder zuschob. Endlich einen Moment durchatmen. Es ausnutzen, dass die Terrasse breiter als die Fensterfront war und sich in den Schatten des alten Gemäuers drücken. Mal kurz mit niemandem sprechen und von niemandem angesprochen werden.

„Herrlich“, entfuhr es ihm da sogar, als er an die Balustrade trat und sich darauf abstützte. Kalter, poröser Stein drückte sich hart an seine Hände, während er den Blick über den Park schweifen ließ. Lampions und Laternen versorgten den Teil direkt am Schloss weiterhin mit Licht, während der Rest ruhig in Dunkelheit und Schatten lag. Bei genauerem Hinhören konnte er das Zirpen der Grillen wahrnehmen und Fledermäuse auf ihrer Jagd erahnen. Irgendwo rief ein Käuzchen. Wie idyllisch, harmonisch und – und schon hörte er, wie die Terrassentür ein weiteres Mal geöffnet wurde. Das Seufzen verkniff er sich, zumindest äußerlich. Aber dann…

„Klara?“, entwich es ihm, als er den Kopf wendete, um herauszufinden, wer ihn da in seiner Ruhe störte und der suchende Blick der jungen Frau tauschte mit einem erfreuten Lächeln.

„Ach, da haben Sie sich versteckt!“, zeigte sie sich belustigt und schlich auf Zehenspitzen zu ihm, als wären die anderen Veranstaltungsgäste ansonsten auf sie aufmerksam geworden. Ernest aber schmunzelte und nickte sogleich, als sie fragte, ob sie ihm ein wenig Gesellschaft leisten dürfe. Nichts Schöneres als das hätte er sich in diesem Moment vorstellen können…

„Ist Ihnen warm genug oder möchten Sie meine Jacke?“, wanderten seine Hände automatisch ans Sakko, um den Knopf zu lösen, aber Klara lehnte ab.

„Bisher gehts, aber Danke! Ich meld mich, wenn mir kalt wird“, hielt sie also vorerst nur an ihrem Hosenanzug in altrosa mit cremefarbener Bluse darunter fest. Elegant sah er aus, businessmäßig und umschmeichelte trotzdem ihre Rundungen. Die schlanken Schultern, die kräftigen Hüften und Beine mit diesem wohl geformten Po, der ihr immer ein wenig zu breit vorgekommen war. Genau wie ihre Oberarme, die sie am liebsten bedeckt hielt. Schon als Schülerin. Ernest erinnerte sich an ein Gespräch im Pausenraum, das er damals zufällig aufgeschnappt hatte. Was für ein Irrsinn! Er hatte noch nie verstanden, warum sie und auch viele andere Frauen damit haderten! Oder auch mit ihrer Größe! Ja, Klara zählte nicht zu den Längsten, schummelte sich bei Gelegenheiten wie dieser auch gern mal ein paar Zentimeter mehr mit ihren Pumps dazu. Aber hatte sie das nötig? Für ihn zumindest nicht, dachte Ernest. Für ihn war sie eine Augenweide. Und für ihn hätte es nicht einmal das Make-Up gebraucht, die passende Clutch zum Hosenanzug, die gestylten Haare. Nein, ihm hätte es vollends genügt, sie morgens durch seine Wohnung laufen zu sehen, strubbelig von der Nacht, vielleicht nur auf Socken und in eins seiner Oberhemden gehüllt, während er ihnen das Frühstück bereitete. Kitschig, wie in einer Liebesschnulze und so weit weg von dem, was er seit langer Zeit wirklich erlebt hatte.

Und plötzlich zog sich ihm das Herz zusammen. Was trug er da bloß wieder für Gedanken spazieren? Sie waren so durch und durch unangebracht und fernab jeglicher Realität!

Mit einem Seufzen wendete er sich wieder dem Park zu und musste feststellen, dass er dieses Mal nicht nur in Gedanken gestöhnt hatte.

„Alles in Ordnung?“, unterbrach Klara da nämlich auch schon das innige Schweigen zwischen ihnen und holte Ernests Gesicht damit zu sich zurück.

„Wie?“, stutzte er, um im nächsten Augenblick mit einem beschämten „Oh, entschuldigen Sie bitte!“ zu reagieren.

„Ich glaube, der Tag war doch etwas fordernder, als ich gedacht hatte…“, log er, obwohl es genau genommen gar keine Lüge war. Alles an diesem Tag war eine Herausforderung, seit er mit Frido das Hotel betreten hatte. Selbst, wenn er sich sonst immer wie ein Fisch im Wasser fühlte, wenn er auf solchen Veranstaltungen unterwegs war. Jetzt war er ein Fisch auf dem Trockenen und auch, wenn er genau wusste, dass er es bereuen würde, stimmte er zu, als Klara plötzlich fragte, ob sie ein bisschen spazieren gehen wollten. Frische Luft, dazu ein wenig Bewegung…

„Sehr gerne“, nickte er also und bot ihr seinen Arm an, auch, wenn er spürte, wie ungewohnt es sich anfühlte, als sie sich bei ihm unterhakte. Aber es lag nicht nur an der plötzlichen Nähe, die wortwörtlich keinen Zentimeter mehr zwischen ihnen freiließ. Er merkte auch, wie wunderbar ihre Größe doch zu seiner passte. Trotz der Pumps, durch die Eva ihn immer um ein paar Zentimeter überragt hatte. Störend war es für ihn nie gewesen, aber trotzdem fiel es ihm jetzt auf. Genauso wie eine Gemeinsamkeit zwischen all den Unterschieden, die er an den beiden Frauen bemerkte: Manches Schuhwerk fanden sie für Kieswege einfach völlig unpassend.

„Oh, Moment!“, hielt Klara daher mit einer herrlichen Selbstverständlichkeit an, als sie die sechs steinernen Stufen hinter sich gebracht hatten und entledigte sich ihrer Pumps. Unbequem waren sie ohnehin ein bisschen und…

„Früher oder später verirrt sich eh ein Steinchen da rein! Stört Sie doch nicht, oder?“, hielt sie sich dabei die ganze Zeit an Ernests Unterarm fest und er hätte bei ihrer pragmatischen Art am liebsten aufgelacht. Aber das wäre natürlich nicht seine Art gewesen. Also hüllte er sich nur in ein Schmunzeln und ein dezentes Kopfschütteln, als er ihre Frage verneinte.

„Können Sie auf dem Kies denn vernünftig laufen?“, interessierte ihn viel mehr und sie fing nach kurzer Überlegung an zu grinsen.

„Das werd ich dann gleich wohl rausfinden!“, lautete ihre Antwort und nun entfuhr ihm tatsächlich ein belustigter Laut. Er konnte sie ja Huckepack nehmen, dachte er amüsiert, aber auch das verkniff er sich natürlich – um dann umso erstaunter zu schauen, als sie diesen Vorschlag tatsächlich im Spaß von sich gab. Allerdings deutete sie seinen verdutzten Blick dann anscheinend falsch.

„Oh, das war jetzt ein bisschen zu viel des Guten! War natürlich nur ein Scherz!“, ruderte sie also schnell wieder zurück, während Ernest am liebsten ausgerufen hätte, dass er sie auf der Stelle auf seinen Rücken kraxeln oder auf den Armen tragen würde! Stopp, Moment! Er spielte zwar Tennis und Golf, aber er war kein Frido… Das wurde also langsam etwas unrealistisch. Genauso wie alles andere hier…

Und plötzlich entstand diese unangenehme Stille, obwohl er es gar nicht wollte und sie scheinbar auch nicht. Aber ihm fiel nichts ein, was er sagen sollte!

„Ähm… ich muss sagen, bei Nacht hat der Park auch seinen Reiz. Im Gegensatz zu drinnen ist es jetzt so schön ruhig hier“, sagte stattdessen Klara und hatte keine Ahnung, wie dankbar er ihr war, dass sie einen Weg aus dieser Sackgasse gefunden hatte.

„Ja, das stimmt!“, sagte er also eilig, während sie sich wieder in Bewegung setzten und langsam dahinschritten. Er gemächlich, sie ein wenig wackelig.

„Es ist reizend“, versuchte er unterdessen nicht wieder ein Schweigen entstehen zu lassen und musste feststellen, dass seine Antworten auch schon mal besser gewesen waren.

„Genau das hat sie doch gerade selbst gesagt, du Esel!“, schalt er sich also in Gedanken und behielt es dieses Mal nicht nur für sich.

„Verzeihen Sie, das sagten Sie ja bereits selbst. Ich bin wohl wirklich ein wenig erschöpfter vom Tag, als mir bewusst war…“, fügte er also schnell an, um sich auch dafür als Esel zu betiteln. Genau das hatte er doch vorhin auch schon gesagt! Wenn er so weitermachte, dachte Klara noch, er wollte ihr einen Wink mit dem Zaunpfahl geben! Und dann kam sie auch schon, die Frage, die genau darauf hindeutete.

„Vom Tag oder von mir?“, lag dieses Mal kein Lächeln auf ihren Lippen, sondern nur Aufmerksamkeit, als Ernest den Blick vom Weg zu ihr wendete. Überrascht versuchte er zu tun, untermalte es mit einem verdutzten „Wie bitte?“, aber ihr Seufzen verriet, dass er längst ins Fettnäpfchen getreten war. Und dann blieb Klara auch noch stehen und ließ ihn los. Alter Esel… Aber hatte er nicht genau das so drängend gefordert? Abstand? Kein Wort mehr mit ihr sprechen müssen? Und trotzdem wollte er sie jetzt nicht einfach so gehen lassen.

„Klara, ich wollte nicht…“, begann er, doch sie ließ ihn nicht ausreden.

„Wie lange soll dieses Versteckspielchen noch gehen?“, machte sie aber auch keine Anstalten, ihn einfach so stehen zu lassen und schaute ihn an, eindringlich beinahe fordernd. Und er? Er verstand dieses Mal tatsächlich nicht.

„Wie… wie bitte?“, blinzelte er, die Augenbrauen zusammengezogen und den Kopf schief gelegt wie ein Kind, das eine Erklärung wünschte. Und sobald er die bekam, war er nicht mehr sicher, ob er sie wirklich hatte hören wollen.

„Ich meine…“, murmelte Klara und gab schulterzuckend noch ein Seufzen von sich, ehe sie nach kurzer Unterbrechung seinen Blick wiederfand.

„Wie lange soll das noch so weitergehen? Die verstohlenen Blicke, die Versuche, ein Gespräch zu führen, das dann aber auch nicht zu intensiv werden darf? Immer darauf hoffen, dass wir uns wieder auf irgendeinem Kongress oder einer Tagung begegnen?“, legte auch sie den Kopf schief und kräuselte die Augenbrauen. Sie wollte endlich Antworten, aber Ernest wusste nicht einmal, ob er überhaupt richtig verstand, was hier gerade passierte.

„Ich… ich weiß nicht…“, standen diese Worte für so viel, was in seinem Kopf gerade los war. Er wusste nicht, ob er die Frage richtig deutete. Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er wusste nur, dass seine Kehle trocken wurde, als Klara schon wieder seufzte und sich dieses Mal ein belustigter Laut mit in dieses Seufzen mischte – und das auch noch gepaart mit dem Ausspruch: „Ja, Frido sagte es schon“.

Stopp! Moment! Wie bitte?!

„Frido hat was gesagt?!“, kam es aus ihm heraus, erschrocken, regelrecht entsetzt und doch so schwer auf seiner Brust lastend, dass er das Gefühl hatte, kaum atmen zu können. Was hatte der Kerl angerichtet? Was?! Und warum zuckte ihr Mundwinkel jetzt, ehe er sich dazu entschied, gehoben zu bleiben?

„Frido meinte, dass du einen kleinen Stupser in die richtige Richtung gebrauchen könntest, damit du endlich über deinen Schatten springst. Also: Hier ist er. Aber den Rest des Weges musst du schon selber gehen“, verschränkte sie die Arme, so gut das mit Clutch und Schuhen in den Händen ging, vor der Brust, locker, ein wenig herausfordernd, genau wie ihr Blick. Ihre Lippen zuckten, als wollte sie noch etwas sagen, aber trotzdem blieben sie still. Und er? Nur weißes Rauschen in seinem Kopf und die totale Überforderung. Blinzeln, starren, schweigen – und zusammenfahren, als es hinter ihm plötzlich ertönte.

„Herr Gott noch mal! Starr keine Löcher in die Luft und küss sie endlich! Oder brauchst du ne schriftliche Einladung?!“, stand er nahe der Treppe, hob in auffordernder Geste die Hände und schüttelte ungläubig den Kopf, als der Arzt zu ihm herumfuhr. Der Mistkerl hatte sich abseits des Weges angeschlichen, um sich nicht durch das Knirschen des Kieses zu verraten!

„Friedrich…!“, keuchte Ernest ob dieser Entdeckung beinahe tonlos und schlagartig machte das weiße Rauschen Platz für einen roten Film, der sich über seine Augen legte. Seine Kiefer pressten sich so sehr aufeinander, dass ihm die Zähne schmerzten, aber das war ihm egal. Genauso, dass sich seine Nägel ins eigene Fleisch gruben, als er die Fäuste ballte.

„Du…!“, grollte er, doch da legte der Dozent auch noch nach und stellte ihn noch mehr bloß.

„Wenn du ihr schon extra in die Karre fährst, dann mach auch was draus!“, lag eine Mischung aus Süffisanz und Aufforderung in seinen Worten, um zu einem breiten Grinsen zu werden, als dem Arzt das Gesicht entgleiste. Frido verschränkte die Arme vor der Brust, Ernest klappte der Mund auf.

„Das stimmt nicht!“, fuhr er im nächsten Augenblick zu Klara herum und starrte dann doch mit einem „Friedrich! Was fällt dir ein?!“ sofort wieder zum Dozenten, ehe er die Aufmerksamkeit zurück auf die Frau an seiner Seite lenkte

„Ich würde nie… Mir käme niemals in den Sinn, absichtlich…“, stammelte er wie zum Anlauf, um endlich den fertigen Satz heraus zu bringen: „Was der da von sich gibt, ist nicht wahr!“.

Und dann war Frido wieder an der Reihe.

„Was stehst du da überhaupt rum und belauschst uns?! Hab ich dir nicht gesagt, dass du dich da raushalten sollst?!“, bellte er, aber der Dozent schüttelte nur den Kopf und schob die Hände in die Hosentaschen.

„Du bist n wandelnder Unfall, weißt du das? Du magst sie, sie mag dich! Also machs nicht so kompliziert und komm endlich in die Puschen, du taube Nuss!“, hob Frido nicht nur die Augenbraue, sondern auch den Kopf Richtung Terrasse. Noch war ja keiner ihrem Beispiel gefolgt, aber vielleicht kam das noch? Also schlug er vor, dass er wieder zurückging und darauf achtete, dass die beiden Parkbesucher nicht gestört wurden, doch als er das aussprach, verhallten seine Worte im Nichts. Denn im Moment fühlte Ernest sich so in diese missliche Lage hineinmanövriert, dass selbst er vergaß, wer womöglich noch auf diese Szenerie aufmerksam werden konnte.

„Du weißt, dass das nicht geht!“, wog für ihn so schwer, dass er sogar Fridos Worte übertönte und dann doch nur einfach von ihm stehen gelassen wurde. Der Dozent drehte sich einfach um, trottete die paar Stufen gemütlich wieder hinauf und ließ ihn dann kaltschnäuzig mit dem Schlamassel zurück, den er fabriziert hatte. Ohne mit der Wimper zu zucken vor den Bus gestoßen und dann nicht einmal so viel Anstand, dem Opfer wenigstens einen Krankenwagen zu rufen. Oder gleich den Leichenwagen. Denn natürlich schlich sich die Frage in sein Ohr, warum das mit ihm und Klara nicht gehe und jetzt durfte er all das noch einmal herunterbeten, was ihn mittags schon so aufgewühlt hatte – ausgerechnet vor ihr.

„Ich hab gefragt, warum das nicht gehen soll!“, wiederholte sie ihre Frage zudem deutlicher, schärfer, fordernder, als Ernest nicht sogleich darauf reagierte und eins war zweifelsfrei: Die Frau hatte Pfeffer im Arsch! Ihr Blick, die ganze Körperhaltung – alles verriet, dass sie ihn nicht einfach so davonkommen lassen würde. Sie wollte eine Erklärung! Jetzt und auf der Stelle! Und bloß keine Ausreden! Aber er war plötzlich furchtbar müde.

„Weil ich fast zwanzig Jahre älter bin als du…“, murmelte er und es bedurfte keiner Worte, um zu erkennen, dass Klara diese Antwort alleine nicht reichte. Mehr, forderte ihr Blick und Ernest fühlte sich mit einem Mal so kraftlos, dass er Mühe hatte, den Kopf noch einigermaßen aufrecht zu halten. Er tat einen tiefen Atemzug und schloss die Augen, kniff sie zusammen, genau wie seine Brauen, unwillig, das alles noch mal aussprechen zu müssen.

„Weil du dich zum Gespött der Leute machst, wenn du dich auf mich einlässt. Die Männer kommen bei so was immer gut weg, aber die Frauen…“. Er schüttelte den Kopf und als er die Augen wieder öffnete, wünschte er, er hätte sie zugelassen. Denn der Blick, der ihn erwartete, war so voller Unglaube und Abwehr. Stechend, auch eine Spur von wütend. Er legte sich um Ernests Hals und drückte ihm die Kehle zu, während er sich fragte, wieso niemand das begreifen wollte. So schwer war es doch nicht!

„Ich hab zu viel Respekt vor dir! Als Mensch und als Ärztin! Und ich will deiner Karriere nicht im Weg stehen!“, schlug die Erschöpfung in Ärger um. Verzweiflung, Hilflosigkeit. Noch einmal stand er das nicht durch, wenn es mit Klara genauso enden würde wie damals mit…

„Ich bin zu verkorkst“, schüttelte er langsam den Kopf und sein Blick bat darum, dass Klara es endlich verstand. Aber die war eher angepisst.

„Das ist deine Begründung?“, glich ihre Stimme einem Zischen, ehe ihre Schuhe und Tasche zu Boden polterten, damit sie die Hände frei hatte, um sie demonstrativ auf die Hüften zu stützen. Ja, die Frau hatte Pfeffer im Arsch… Und sie hatte keine Angst, das auch unter Beweis zu stellen.

„Also erstens!“, wurde jedes ihrer Worte zu einem Schnitt „Ich bin kein kleines Mädchen, sondern eine erwachsene Frau! Ich entscheide selbst, wer mir gefällt und wer nicht!“.

Hatte er das nicht schon mal so oder so ähnlich gehört?

„Zweitens! Meine Karriere hab ich mir selbst aufgebaut und das lass ich mir auch nicht kleinreden! Egal, von wem! Wenn mir einer andichten will, ich hätte mich hoch geschlafen, dann kriegt der was zu hören, das sich gewaschen hat!“

Oh, ja, das konnte er sich nur allzu gut vorstellen.

„Und drittens! Lern zählen! Wir sind ja wohl näher an der Fünfzehn, als an der Zwanzig und das weißt du auch ganz genau!“

Sie schnaubte, er senkte den Blick. Keine Widerworte?! Nein. Nur Schweigen und dabei zusehen, wie sie nach kurzem Warten den Kopf schüttelte und ihre Sachen wieder aufsammelte.

„Dass du verkorkst bist, hab ich heut schon mal gehört und mir war auch vorher schon klar, dass du ein Eigenbrötler bist! Du hattest nicht umsonst n entsprechenden Ruf in der Klinik weg!“, murrte sie dabei und natürlich fragte Ernest sich, was das für ein Ruf gewesen sein sollte. Aber etwas anderes war gerade viel wichtiger. Schadensbegrenzung!

„Klara! Verstehen Sie mich nicht falsch! Es liegt nicht an Ihnen! Sie sind eine hinreißende Frau!“, konnte er das alles nicht einfach so stehen lassen und trotzdem stachen ihm ihre Augen wieder direkt zwischen die Rippen, als sie sich aufrichtete und ihn fixierte.

„Hast du grad nicht wirklich gesagt?“, schien ihr Blick zu sagen, doch stattdessen formte ihr Mund ein „Nein, es liegt an dir!“.

Es gab keinen Zweifel in ihrem Gesicht, kein noch so kleines Wanken. Sie schüttelte den Kopf.

„Ernest, ich hab dich nicht so feige in Erinnerung! Du warst damals so zielstrebig und unnachgiebig! Ich bin bis heute mit Schwester Beate in Kontakt und sie hat mir mal erzählt, dass du sogar mal einen Patienten bei strömendem Regen nach draußen geschoben und zusammen gefalten hast! Und ja, das passt zu dem Ernest, den ich eigentlich kennengelernt hab! Auch bei deinen Vorträgen und in Diskussionsrunden! Aber wenn ich dich jetzt ansehe…“, betrachtete sie ihn und schüttelte den Kopf. Nicht mehr wütend, sondern nur noch bedauernd.

„Weißt du, wenn du dir so sehr im Weg stehst, dann kann ich dir auch nicht helfen“, zuckten ihre Schultern, unwillig und fast ein wenig aufgeschmissen, aber trotzdem schien es alles zu sein, was sie noch zu sagen hatte. Sie atmete ein, tief, als wollte sie noch etwas anfügen, aber der Moment verging mit ihrem Ausatmen. Kein weiteres Wort und kein weiteres Warten darauf, dass Ernest doch noch aufwachte.

„Schade“, lag auf ihren Zügen, als sie stumm auf ihn zu und an ihm vorbeiging. Sie war keine Frau, die ewig wartete oder einem Mann hinterher rannte. Aber sie war eine Frau, die stehen blieb, wenn dieser Mann sie am Arm fasste und damit bat, nicht zu gehen, noch bevor seine Kehle dazu fähig war, die passenden Worte zu formen. Selbst, wenn es vielleicht nur aus einem Reflex heraus geschah. Seine Lippen waren geöffnet, aber sein Innerstes zu aufgewühlt.

„Ich hab Angst…“, fand er nur die Worte, aber nicht den Mut, ihnen einen Klang zu geben. Aber Klara fiel das mit dem Reden deutlich leichter. Auch jetzt.

„Es hat keiner gesagt, dass wir jetzt da rein marschieren und verkünden sollen, dass wir nächste Woche heiraten, oder? Ich hab auch nicht vor, gleich bei dir einzuziehen! Mir gefällt meine Wohnung und bevor ich nicht die Dissertation fertig habe, zieh ich eh nicht weg! Warum sich also nicht erst mal kennen lernen und gucken, was passiert? Ich lern deine Macken kennen, du meine. Ich stülp meine Altlasten aus früheren Beziehungen nicht über dich und du deine nicht über mich. Wir haben doch alle schon schlechte Erfahrungen gemacht“, gab es sogar noch so einiges, das sie zu sagen hatte. Sie schaute ihn ruhig an und er allmählich auch sie. Er schluckte, versuchte sich zu fassen und all das Gehörte einigermaßen zu verarbeiten, während Klara ihm einen Moment dafür ließ. Nur allzu deutlich zeigten sein Blick und die Bewegungen seiner Augen, wie er grübelte, überlegte, in sich ging. So lange, bis ihr das Warten dann doch zu viel wurde.

„Los, entscheid dich endlich, was du willst“, war ihre Stimme ruhig, aber das Funkeln ihrer Augen schrie ihm regelrecht entgegen, als das Wandern seines Blicks stoppte und er wieder nur Klara anschaute.

Doch dieses Mal begann ein Dr. Ernest Landers nicht zu stottern wie ein Schuljunge beim Referat vor der Klasse. Er zitterte nicht, starrte nicht und stand nicht einfach nur regungslos da. Stattdessen straffte er die Schultern, trat noch etwas näher auf sie zu, dichter vor sie heran. Er legte die Hände an ihre Schuh und Clutch, wartete, bis sie sie losließ und er sie auf den Boden stellen konnte, sorgsam und nicht einfach achtlos beiseite geworfen. Und natürlich sah er dieses leichte Schmunzeln auf ihren Lippen, als er sich wieder aufrichtete, während er versuchte, keine Miene zu verziehen. Das war ihm heute schließlich schon viel zu oft passiert! Wobei… so ganz konnte er seine Mundwinkel dann doch nicht im Zaum halten, als er eine Hand an Klaras Taille legte und die andere an ihre Wange – und prompt noch eine kleine Retourkutsche kam.

„Sicher, dass du das machen willst?“, fragte sie kokett, fordernd – herausfordernd. Traute er sich wirklich oder rannte er im letzten Moment doch noch weg? Ernest aber hob die Augenbraue, konnte die Belustigung nicht vollends verstecken.

„Darf ich dich nun endlich küssen oder möchtest du erst noch ein wenig sticheln?“, ließ ein Dr. Ernest Landers sich doch von so etwas nicht verunsichern! Gewiss war er die Ruhe selbst! Kontrolliert, selbstbeherrscht – und bloß ein ganz kleines Bisschen nervös, als er mit leichtem Grinsen feststellte, dass keine weiteren Widerworte erklangen, sondern nur noch dieses bezaubernde Schmunzeln darauf wartete, endlich von ihm berührt zu werden.

12.3.2025: pipapo

Ein Klirren, ein entsetzter Ausruf. Er hörte Schritte und schlug endlich die Augen auf. Zumindest halbwegs. Was trieben die Nachbarn denn so früh am Morgen schon wieder, schoss es ihm durch den Kopf, während er sich streckte, brummte und dabei den Arm zur Seite steuerte. Dann wenigstens noch ein bisschen kuscheln, wenn er eh schon wach war! Aber er tastete nicht zu seinem Lockenkopf, nicht einmal zur zerwühlten Decke von ihm, sondern nur zum Ende der Matratze. Und allmählich dämmerte ihm auch, dass diese Zimmerdecke nicht so recht zu seinem Schlafzimmer passte. Er hatte in seiner Bude keinen Stuck – und wie ihm ein Blick zur Seite verriet, auch nicht diese Vorhänge am Fenster. Ach ja, da war ja was…

Er setzte sich auf, gähnte, rieb sich den Nacken. Ein Blick auf die Uhr: Kurz nach halb acht. Ein Blick zur anderen Zimmerseite: Bett leer und unberührt. Ein Schmunzeln. Dieser Schlawiner!

Deutlich besser gelaunt, als noch beim Erwachen, schob Frido sich zur Bettkante, stand auf, streckte sich noch einmal. Die müden Gelenke in Gang bringen, nach einer gemütlichen, aber auch etwas spät gewordenen Nacht. Er ging zum Fenster, griff nach dem Vorhang, zog ihn beherzt auf und nach einem kurzen Kampf seiner Augen gegen die schlagartig zunehmende Helligkeit verzog er das Gesicht: Dieser Langweiler!

Da spazierten sie also lieber durch den Park, Arm an Arm, mit jedem Schritt eine zufällig anmutende Berührung und bei Tageslicht trotzdem immer mit der nötigen Distanz. Kein Geknutsche bei Nacht mehr und kein unauffälliges Verschwinden aus dem Sichtfeld des Spanners, als ihnen klargeworden war, dass der sich garantiert nicht hatte verkneifen können, sie weiter zu beobachten. Irgendwann hatte Frido dann zu denen gezählt, die die wachsende Müdigkeit aufs Zimmer getrieben hatte und dann war ihm in der Nacht noch mal kurz so gewesen, als hätte er etwas gehört. Aber war das vielleicht nur Einbildung gewesen? Er wusste es nicht mehr. Der Schlummer hatte ihn zu dem Zeitpunkt bereits so eingehüllt gehabt, dass er jetzt nicht mehr zuordnen konnte, ob sein schlaftrunkener Kopf ihm vielleicht nur einen Streich gespielt hatte. Wobei… Als er den Arzt nun etwas länger betrachtete, fiel es ihm wieder ein: Der hatte am Abend ja gar nicht seine obligatorische Jeans mit dem Hemd getragen, sondern einen Anzug. Und wenn er jetzt hinter sich schaute, zum Schrank herüber – ja, Ernest war wirklich ein Langweiler! Auch Kissen und Decke von seinem Bett waren bei genauerem Hinsehen nur glatt gestrichen, nicht aufgeschüttelt. Dann war er tatsächlich lieber für sein Schläfchen ins eigene Zimmer zurückgekehrt und hatte dabei sogar noch Rücksicht darauf genommen, seinen Chauffeur und Verkuppler nicht zu wecken? Schon nett von ihm. Und vor allem so unerwartet!

„Hab irgendwie mit was anderem gerechnet…“, schlurfte Frido schließlich ins Badezimmer und durfte auch dort feststellen, dass er an diesem Morgen nicht der Erste darin war. Dass er sich inzwischen schon so an Dominiks frühes Aufstehen und Verschwinden aus dem Bett gewöhnt hatte, dass er so wenig davon mitbekam, wenn um ihn herum jemand aus den Federn kroch? Er musste schmunzeln. Und dann begrüßte er sein zerknautschtes Gesicht im Spiegel. Zahnbürste geschnappt und halb gelangweilt, halb müde auf die nassen Fliesen der Dusche geguckt während der minzige Schaum sich in seinem Mund verteilte. Obendrein war es auch ein guter Zeitpunkt, um seine Gedanken noch wenig dahin schweifen zu lassen. Bei genauerem Überlegen musste er sich zum Beispiel eingestehen, dass sein flottes Vorgehen mit Dominik damals sicherlich nicht das Maß aller Dinge gewesen war. Irgendwie passte es zu Ernest, dass er seine Klara nicht sofort am ersten Abend geschultert und im Sauseschritt mit ihr auf dem Zimmer verschwunden war. Er ging die Dinge ja insgesamt etwas bedachter an. Oder war er ihr etwa direkt im Park an die Wäsche? Frido verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. Nee! So genau wollte er das dann eigentlich doch nicht wissen!

Er spuckte aus, spülte nach und musste doch wieder schmunzeln. Hauptsache, der Herr Doktor hatte seinen Hintern überhaupt mal in Bewegung gesetzt bekommen! Lang genug gedauert hatte es ja! Und wie ihm ein Blick auf die Uhr verriet, war es auch für ihn an der Zeit, in die Gänge zu kommen. Schließlich wartete das Buffet mit Brot, Brötchen, Frühstückseiern und allem möglichen weiteren Pipapo ja nicht ewig. Also schnell in Schale geschmissen und den frisch polierten Beißerchen gemütlich ein bisschen Arbeit beschafft! Aber dann, als Frido aus dem Bad trat, frisch geduscht, nur mit dem Handtuch um die Hüften, saß er da plötzlich: Ernest. Eigentlich keine Überraschung und dann irgendwie doch.

Beine überschlagen, Hände auf den Knien gefaltet, mit dem Hintern eine Kuhle in die vorher noch so säuberlich glatt gestrichene Bettdecke gedrückt.

„Oh, guten Morgen!“, grüßte der Dozent mit leichtem Erstaunen, aber deutlich größerem Grinsen, während er sich an den Schrank begab. Tür auf, Unterhose vom Vortag gegen eine neue getauscht und alles weitere zusammengesucht, was noch fehlte. Socken an, T-Shirt… und das immerzu unter dem schweigenden, kritischen Mustern des Arztes. Frido konnte es spüren, es teilweise im Spiegel erkennen. Nur einmal wendete Ernest sich ab, als sein Zimmergenosse das Handtuch gegen etwas tauschte, das sich leichter in die Chinohose stopfen ließ. Natürlich wäre der Anblick nicht gewesen, was ein Arzt nicht schon gesehen hätte, aber ein bisschen Diskretion musste trotzdem sein. Diskretion und immerzu derselbe, nichtssagende Ausdruck auf dem Gesicht. Selbst dann, als Frido zu guter Letzt das Hemd überwarf, die Schranktür schloss und sich wieder zum Arzt drehte. Jetzt fehlten eigentlich nur noch die Schuhe – und vielleicht auch eine ordentliche Standpauke?

„Klara hatte dich also gestern beim Joggen aufgehalten, ja?“, brach Ernest zumindest endlich sein Schweigen und Frido gab sich mit einem Mal äußerst viel Mühe dabei, die Hemdsknöpfe korrekt zu schließen. Aha, sie hatten also nicht nur über das Für und Wider einer eigenen Praxis gesprochen…

„Ähm… na ja, ich war joggen und dann kamen wir ins Gespräch…“, murmelte er dabei, höchst konzentriert auf sein Gefummel und kurz grübelnd, ob er vielleicht doch erst das Handtuch zurück ins Bad bringen sollte. Aber Ernest schwieg schon wieder. Kein gutes Zeichen… Es war sogar so still, dass Frido ihn einatmen hören konnte. Oha, jetzt gings los!

„Du hast sie verfolgt, überholt und dann vollgetextet, wie ein Verrückter“, stellte er allerdings überraschend ruhig und sachlich fest und erntete dafür ein schiefes Grinsen.

„Na ja… ich musste mich ja ein bisschen beeilen, bevor du mir aufs Dach kommst!“, gab Frido kleinlaut zu, während seine Knöpfe sich wirklich als äußerst schlüpfrig erwiesen.

Gut, der Anfang der Unterhaltung war vielleicht ein wenig holprig gewesen, aber dann – nach Klaras Zwischenruf, dass Frido sich auf die nächstgelegene Bank pflanzen und ihr alles noch mal in ruhig erklären sollte – hatte sich ja durchaus noch ein schönes Gespräch ergeben! Das hatte sie doch hoffentlich auch erwähnt und nicht nur seinen kleinen Überfall?

„Also bleibts nachher beim Golf?“, fragte er darum zur Vorsicht auch mit einem Blick, der kein Wässerchen trüben konnte und den Fokus auf das Allerwichtigste gelegt. Das Ergebnis zählte doch und nicht der etwas holprige Weg dorthin, oder? Nicht wahr? … Ernest? Mit einem Mal kam der Arzt abrupt auf die Füße und der Dozent zuckte dabei merklich zusammen.

„Oh, oh…“, schoss es ihm durch den Kopf, als der Ältere jetzt auch noch direkt auf ihn zuging und dabei nicht einmal einen sonderlich weiten Weg hatte. Schließlich stand sein Bett direkt neben dem Schrank und während Frido sich am liebsten in den Hinter gewissen hätte, dass er nicht ins Bad geflüchtet war, drückte sich auch schon unwillkürlich die Schranktür in seinen Rücken. Huch, na wo kam die denn plötzlich her, fragte der Dozent sich im einen Augenblick noch, um nach einem flüchtigen Blick über die Schulter plötzlich Ernest ganz dicht vor sich stehen zu haben. Ernest und seine stechende Augen. Noch kühler als seine Hände, die die des Dozenten fassten und nicht energisch, aber doch bestimmt beiseite schoben.

„Ich hatte dir gesagt, du sollst dich da raushalten…“, sprach er dabei und richtete sein Augenmerk auf die lästigen Knöpfe, die zwischen seinen Fingern plötzlich ganz einfach zu schließen waren. Eins, zwei, drei, vier… „Danke, das reicht…“, fünf und sechs. Schön bis oben hin, Kragen noch gerade gezogen. Fertig. Vorzeigbar. Zumindest so lange, bis Frido die oberen beiden bestimmt wieder losfummelte. Sofern er denn überhaupt noch dazu käme?

„Ähm, also letztendlich…“, wollte er versuchen, sich zu verteidigen, aber Ernests erhobener Zeigefinger brachte ihn schnell wieder zum Schweigen. Er wendete sich ab, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und trat auf das Fenster zu. Noch ein tiefer Atemzug von ihm, während Frido versuchte, nicht zu deutlich auszuseufzen. Dann fiel der Rüffel ja vielleicht doch gnädiger aus, als gedacht? Und während er das noch überlegte, fragte er sich, ob er gerade richtig gehört hatte.

„Danke, dass du es nicht getan hast…“, folgte es nämlich leise einem Räuspern und nach einigen Sekunden ungläubigen Blinzelns legte sich ein Grinsen auf Fridos Gesicht.

„Wie war das?“, traute er sich vom Schrank weg, lockerte seinen Kragen und lachte, als prompt ein „Du hast mich schon verstanden“ erklang. Das ging natürlich runter wie Öl! So musste es sein! Anerkennung für seine Dienste!

Aber der Dozent zeigte sich trotzdem auch etwas reumütig.

„Da hab ich ja noch mal Schwein gehabt“, schmiss er das Handtuch beherzt durch die Tür Richtung Ständer, nickte zufrieden, als es einigermaßen daran hängen blieb und ging zurück zum Bett.

„Ich geb zu, nach meinem kleinen Auftritt gestern Abend war ich doch ein bisschen unsicher, ob ich eventuell etwas übertrieben hab“, schnappte er sich seine Schuhe und schlüpfte hinein, während Ernest fragte, ob er die Aktion im Park meinte. Der eine nickte zustimmend, der andere verstehend.

Eigentlich hatte er sich ja nicht noch mehr einmischen wollen, sagte Frido, aber dann war da die Neugierde gewesen, als Klara plötzlich ebenso unauffällig nach draußen verschwunden war, wie ihr Kollege zuvor. Und die Fremdscham erst, als er mit angehört hatte, wie schwer Ernest das Gespräch gefallen war… Da hatte er einfach nicht anders gekonnt, als dazwischen zu gehen!

„Das war zeitweise, wie bei einem Unfall zugucken zu müssen und nicht einschreiten zu können! Ich geb zu, da hab ich nicht lang nachgedacht, sondern einfach gehandelt, bevor das noch richtig den Bach runtergeht! Ich wollte einfach, dass das endlich mal was wird bei dir! Und mal ehrlich, n bisschen hast du so was von mir gehofft, oder?“, grinste er schief, während er seine Schnürsenkel in hübsche Schleifchen verwandelte und dabei, wie immer, einen Reim von Lilli im Kopf hatte. Ein kleiner Singsang, mit dem sie ihr das Schleifchen Binden damals beigebracht hatte und der seitdem auch zu seinem Begleiter geworden war. Ein bisschen erheiternd irgendwie, aber ein bisschen beunruhigend war es trotzdem, dass sein anderer Begleiter schon wieder so schweigsam wurde.

„Hatte beim Schlafengehen schon Angst, dass du mich heimlich mit dem Kissen erstickst!“, überbrückte er also fix die Stille und aus seinem Grinsen wurde ein Lachen, das dann beim Blick zu Ernest doch schnell wieder etwas verhaltener wurde. Warum stand ihm plötzlich so was Wissendes aufs Gesicht geschrieben, als er Frido über die Schulter hinweg anschaute? Ja, man musste zugeben, seit der Aktion auf der Parkbank hatte der Dozent doch noch mal auf andere Weise Respekt vor dem Arzt bekommen, als vorher ohnehin schon. Der Kerl konnte aber auch aalglatt und eisig sein! Erst recht, wenn er sich mit seinen Antworten extra viel Zeit ließ, um sie dadurch noch ein bisschen mehr hervorzuheben.

„Vielleicht mache ich das sogar noch. Ich glaube, Klara würde es gefallen“, griff Ernest sich dieses Mal allerdings kein Kissen oder Fridos Kragen, sondern wendete das Gesicht wieder zum Fenster, während der Dozent offenkundig nicht wusste, was er davon jetzt halten sollte. Scherz? Androhung? Beides?

„Hä?“, war also die angemessene Reaktion, die für ein belustigtes Schnauben sorgte und für eine kleine Geschichte, die ihn langsam vom Zimmer, über den Flur und zum heiß ersehnten Frühstücksbuffet im Speisesaal führte.

Es war die Geschichte einer jungen Frau, die, wie alle Schüler, ein Praktikum hatte machen müssen. Gewollt hatte sie eigentlich in die Geburtshilfe, aber dort keinen Platz mehr bekommen. Und so hatte man ihr stattdessen angeboten, in einen anderen Bereich hineinzuschnuppern.

Sie hatte das Angebot angenommen, sich der Herausforderung stellen wollen, um zu schauen, was passierte und bereits am ersten Tag war ein herber Rückschlag auf sie zugekommen: Die Warnung vor dem jungen Oberarzt, der in dieser Abteilung sein Unwesen trieb. Fachlich gut aufgestellt, ganz ohne Zweifel! Intelligent, mit einem Händchen für seine Arbeit, aber nicht unbedingt für den Umgang mit Menschen. Zumindest, solange er es nicht wollte und zumindest auf der Arbeit wollte er das eigentlich nur selten. Ganz gleich, ob unter Kollegen oder im Umgang mit den Patienten: Er war eigenwillig, streng und ernst – genau wie sein Name.

Den einen oder anderen Lehrhauer hatte er durchaus schon zum Weinen gebracht. Nicht durch Schikane und sein Ego, sondern schlichtweg durch seine hohen Ansprüche – und sein geringes Mitgefühl, wenn diese nicht erfüllt wurden. Und dann bekam er diese junge Praktikantin zur Seite gestellt. Für ihn sicherlich nur eine von vielen, aber vielleicht doch ein bisschen anders als manch andere. Interessiert, aufgeschlossen und nicht eingeschüchtert von dem Oberarzt war sie, sondern schnell angesteckt von seiner Energie, mit der er an die Arbeit ging. Fordernd fand sie ihn zwar auch, aber nicht überfordernd, wenn man ihm zeigte, dass man gewillt war, zu lernen. Und gerade das mochte sie an ihm: Dass er nicht auf seinem Wissen saß. Wenn er merkte, dass sich jemand wirklich anstrengte und aufmerksam war, teilte er bereitwillig sein Wissen mit; egal, ob Lehrhauer oder Praktikantin. Ja, trotz seiner oft so selbstgefälligen Erscheinung hatte die Praktikantin schnell bemerkt, dass dieser Arzt aus vollster Überzeugung seiner Arbeit nachging. Nicht getrieben von Titeln oder Ansprüchen anderer, sondern nur von seinen eigenen. Menschlicher, als er häufig auf den ersten Blick wirkte und den Leuten gerne glauben machen wollte. Ein interessanter Mann, der auch das Interesse der Praktikantin an seinem Fachgebiet weckte und den Grundstein dafür legte, dass sie es immer mehr lieben lernte. So sehr, dass sie sich Jahre später als angehende Ärztin wieder in dieser Klinik einfand, bereit, noch mehr von diesem Arzt zu lernen. Aber da kam die große Enttäuschung: In jener Klinik war er inzwischen gar nicht mehr anzutreffen. Fortgezogen war er, hatte sich selbstständig gemacht. Aber trotzdem war er ja nicht aus der Welt. Also beschloss sie, ihm wenigstens mit einem Brief ihren Dank auszudrücken, weil er ihren beruflichen Weg so sehr beeinflusst hatte. Und dann, wie sie im Laufe späterer Treffen auf gemeinsamen Kongressen und Tagungen zunehmend feststellen durfte, wohl auch ihren privaten Weg beeinflussen würde.

13.3.2025: tüfteln

Tatendrang. Eine seltsame kleine Sache, die er wahrscheinlich nie bis zur Gänze begreifen würde. Zumindest, wenn es um seinen eigenen ging. Mal erfasste er ihn mit so einer Wucht, dass er beinahe schon übereilt handelte. Mal – eigentlich sogar in den meisten Fällen, wie er fand – half er ihm, gezielt und geplant an Dinge heran zu gehen. Und manchmal, nur ganz selten, war sein Tatendrang aber auch so schüchtern, dass er sich lieber hinter anderen Gefühlen oder sonstigem Unleidlichem verkroch.

Nur ganz selten“, hätte man da jetzt argumentieren können „Dann ist es ja nicht so schlimm!“. Ja – wenn es nur nicht ausgerechnet sogar die Dinge betreffen konnte, die ihm so sehr am Herzen lagen. So sehr, dass es ihn auch fast schon körperlich schmerzte, wenn er darauf zurückblickte, wie weit er dieses eine Thema inzwischen auf die lange Bank geschoben hatte. Nicht aus Angst vor der Sache selbst! Nein! Die wäre er ohne mit der Wimper zu zucken sofort angegangen! Kein Problem! Nur hatte es da leider immer dieses kleine Aber in seinem Hinterkopf gegeben…

Erst zu Weihnachten, als eine gute Gelegenheit gekommen und wieder gegangen war. Dann zu Ostern das selbe Spiel, ganz zu schweigen von den vielen kleinen Möglichkeiten danach und dazwischen.

Das Ende des Tanzkurses, zum Beispiel. Ein herrliches Unterfangen, von dem sein Dominik vermutlich jede Stunde im Stillen verflucht und sich selbst für sein Geschenk verteufelt hatte. Immerzu die verstohlenen Blicke zu den anderen Tanzpaaren um sie herum und unverkennbar die Erleichterung, wenn er merken durfte, dass er sich nicht als Einziger schwer mit Rhythmusgefühl und Schrittabfolge tat. Also bedeuteten die Tanzbretter auch nach dem Kurs für ihn noch immer nicht die Welt, aber trotzdem hatte Frido die kleinen Erfolge gesehen, auch, wenn sie seinem Lockenkopf nicht immer selbst aufgefallen waren. Etwas mehr Lockerheit, etwas mehr Entspannung und vor allem etwas weniger Sorge, was andere über seine Versuche denken könnten. Er suchte weiterhin Fridos Nähe beim Tanz, aber er klammerte sich nicht mehr so beschämt wie bei ihrem allerersten Auftritt an ihn. Und obendrein hatten sie ein Tänzchen gelernt, das eigentlich perfekt zu Fridos Plänen gepasst hätte! Ganz zu schweigen von der idealen Stimmung am Abschlussabend, als eben jenes Tänzchen noch einmal auf dem Programm gestanden hatte. Aber trotzdem war Frido wieder nicht aus den Puschen gekommen…

Und dann war diese andere Abschlussfeier gewesen. Noch viel bedeutender und bezeichnender für einen ganz besonderen Abschnitt ihres gemeinsamen Weges! Dieser große Moment, nachdem Dominiks letztes Semester nur noch so dahingeflossen war. Kaum begonnen, schon beendet und er plötzlich kein Student mehr, sondern Absolvent. Wie hatte das bloß schnell passieren können, hatte Frido sich nicht nur einmal gefragt – und sein Liebster wohl auch. Und trotzdem war die Feier großartig gewesen! Ein riesiges Fest voller Freude, Spaß und Ausgelassenheit, noch besser, als der Abend, an dem sie ihre Liebe öffentlich gemacht hatten. Natürlich auch wieder mit einem kleinen Tänzchen versehen und anschließend durch eine kleine, private Abschlussfeier in Fridos Büro gekrönt. Schließlich würde auch das die Besuche des Lockenkopfs ganz fürchterlich vermissen! Aber ansonsten? Tja, ansonsten war auch an diesem Abend nichts Spektakuläres gewesen. Kein Flashmob, keine großen Worte, kein Garnichts! Der Abend war gekommen und gegangen und der Antrag noch immer nicht offiziell.

Also hatte Frido sein Augenmerk auf dieses andere große Ereignis gelegt. Der Tag, der den bisherigen Höhepunkt in Dominiks Karriere markierte: Die Vernissage seiner ersten, komplett eigenen Ausstellung! Ohne andere Künstler im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern alle Augen nur auf ihn gerichtet. Extra nach Berlin gereist, wie schon lange geplant in der Galerie von Anton und dabei zum Glück mit so viel Fokus auf der Hauptperson des Abends, dass weder von Anton noch von Jean-Pierre der kleine Schwindel von Frido und seinem angeblichen Bruder Fritz aufgedeckt worden war. Nein, so hatte es auch für den Mann an Dominiks Seite ein Abend voller Freude und Glück werden können. Nicht überdeckt von kleinen Schwindeleien und vor allem nicht von irgendwelchen negativen Gefühlen. Noch einmal mehr hatte ihm die Vernissage gezeigt, dass die Schatten der Vergangenheit nicht länger auf ihm lasteten und ihm sogar Lust gemacht, vielleicht auch irgendwann einmal seine alten Kontakte für sich selbst zu reaktivieren. Wenn Dominik noch sicherer in seinem Tun wäre. Sich noch wohler damit fühlte, nicht nur über die Sozialen Kanäle mit Leuten in den Austausch zu treten, die ihm Bilder abkauften oder Türen öffnen konnten, sondern auch von Angesicht zu Angesicht. Wenn die Vorbereitungen für eine Ausstellung hoffentlich nicht mehr der reinste Tanz auf dem Vulkan waren. Die Selbstzweifel kleiner, die Nervenzusammenbrüche seltener und der Ausspruch „Ich sag das ab! Ich kann das nicht!“ leiser. Oh, wie viele Nächte hatte Frido ihn in den letzten Wochen vor Ausstellungsbeginn aus dem Atelier geholt, damit er ein wenig Schlaf bekommen hatte? Wie oft waren sie sogar in Streit geraten, weil Dominik Fridos Zuspruch nicht hatte glauben wollen? Altbekannte Muster und Ängste, nur, um am Ende mit einem Strahlen in den Augen vor die Besucher zu treten. Ganz so, als wäre er schon immer für diesen Teil seiner Arbeit bestimmt gewesen. Glänzend und auf seine schüchterne Art genauso stolz wie Frido, dem dieser Augenblick nach all den Strapazen wieder einmal gezeigt hatte: Ja, sein Dominik würde seinen Weg gehen! Und er mit ihm! Ganz gleich, welche Höhen und Tiefen auf sie warteten!

Und so frohlockend hatte er sich sogar getraut, Rosanna anzusprechen! Wieder voller Tatendrang und Selbstsicherheit, nur, um mitten im Gespräch zu erkennen, dass er seine Motivation gerade auf die falsche Person lenkte. Im letzten Moment war er dazu umgeschwenkt, dass er ihr noch etwas zu Trinken angeboten hatte, anstatt auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen zu kommen. Und Hinrich? Vor dem hatte er sich, mit Ausnahme beim Gruß zu Beginn des Abends, die meiste Zeit versteckt. In Gesprächen mit Ernest oder Niko und einmal sogar hinter Oma Trudel. Nun, so gut man sich eben hinter jemandem verstecken konnte, der über einen Kopf kleiner als man selber und deutlich schmächtiger war… Er hatte also auch an diesem Abend nicht unbedingt geglänzt und erst recht kein Ring an Dominiks Finger.

Und das alles letztlich nur wegen dieses vermaledeiten Flohs, den Ernest ihm damals auf ihrem Weg zum Waldschlösschen ins Ohr gesetzt hatte! Vor über einem Jahr inzwischen! Aber nun würde er endlich Nägel mit Köpfen machen! Keine Ausflüchte mehr und kein Aufschieben!

„Du ziehst das jetzt durch! Du hättest noch volle drei Tage mit Dominik in Berlin bleiben können und hast dich dagegen entschieden. Also machst du das jetzt auch!“, schalt er sich selbst, als er auf dem Weg über die Autobahn das erste Mal dieses verschwörerische Hinweisschild mit dem unheilvollen Stadtnamen darauf entdeckte. Er hatte seinen Lockenkopf extra angelogen! Angeschwindelt… Eine kleine Notlüge erfunden, warum er früher hatte abreisen müssen.

„Du willst ihn damit überraschen, dass du mit seinem alten Herrn gesprochen hast – Also machst du das gefälligst auch!“, schwor er sich selber ein weiteres Mal ein. Noch energischer und eindringlicher, als auch der zweite Hinweis zu seinem Zielort erschien. Die nächste Ausfahrt runter und schnurstracks zur Klempnerei! Nicht erst mit der Kirche ums Dorf oder eins weiter abfahren und sich dann feige seiner Wohnung verkriechen. Nein!

„Komm schon, Frido, keine halben Sachen mehr!“, krallte er die Finger fester ums Lenkrad und nickte sich selber voller Entschlossenheit zu.

Denk doch nur dran, was Dominik für Augen machen wird, wenn er nach hause kommt und du ihm davon erzählst“, schoss es ihm durch den Kopf und ein Schmunzeln legte sich auf seine Lippen, als er an all das dachte, was er für seinen Liebsten noch ausgetüftelt hatte. Endlich der perfekte Ort für den Antrag und der perfekte Moment! Nicht überstürzt, sondern geplant und getaktet. Mit allem, was dazu gehörte und noch viel mehr, als der Lockenkopf erwartete! So würde es sein! Aber vorher…

Er schluckte und das Lächeln verblasste, als der dritte Hinweis erschien und die Tafeln mit den Pfeilen, die ihn zum Einordnen aufforderten. Und da hinten war schon das Autobahnkreuz! Groß, unverkennbar!

„Scheiße…“, keuchte er, während ihm der Puls immer höher kletterte. Nur noch ein paar hundert Meter… Einige vor ihm ordneten sich bereits ein, andere, die ihn vor einigen Kilometern überholt hatten, begaben sich schon schon in den Brummkreisel des Autobahnkreuzes.

Schmeiß den Blinker an!“, dachte er sich „Und fahr rüber! Du musst hier gleich runter!“.

Verflucht! Er schluckte und keuchte. Konnte ihm nicht vielleicht irgendwo noch ein kleiner Stau dazwischen kommen? Wär er doch bloß in Berlin geblieben….

14.3.2025: Aperçu

Langsam bog er von der Straße ab, ließ den Wagen regelrecht ausrollen, ehe er ihn schließlich vollends zum Stehen brachte. Handbremse gezogen, Licht aus, Motor aus – und dann ein tiefer, tiefer Atemzug, der noch tiefer seine Lunge wieder verließ. Was für eine Fahrt! Die schlimmste, die er seit langem erlebt hatte! Nicht nur aufgrund ihrer Dauer, sondern vor allem durch die Anspannung, die sein ständiger Begleiter gewesen war. Und dann hatte ihn tatsächlich noch ein Stau erwischt. Unfall auf der Landstraße, kurz nach Verlassen der Autobahn. Zum Glück keine schwerwiegenden Personenschäden, aber trotzdem erst mal Vollsperrung, um den LKW zu bergen, der beim Ausweichmanöver im Graben gelandet war und die Reste des PKW, den er trotzdem noch erwischt hatte. Wie war das noch gleich mit den waghalsigen Überholmanövern mancher Leute? Oder dem „mal eben noch vorherhuschen“ wenn man irgendwo aus einer Straße oder Hofausfahrt kam und es eilig hatte? Tja… in diesem Fall bedeutete das „malen eben noch vorherhuschen“ dann wohl, dass sich jemand bei nächster Gelegenheit ein neues Auto zulegen durfte, weil er sein altes soeben geschrottet hatte – und dabei sogar so brillant vorgegangen war, dass nicht einmal genannte Ausfahrt zum Ausweichen oder Ableiten des Verkehrs hatte genutzt werden können. Zumindest für Fridos Seite. Dem Gegenverkehr hatte er hingegen munter beim Wenden zugucken können. Heureka…

Aber egal! Hauptsache, es hatte trotzdem keine schlimmeren Schäden gegeben und er sein Ziel nun endlich erreicht! Wie spät war es inzwischen eigentlich? Er zückte sein Handy, weil er die Zeiger seiner Armbanduhr nicht mehr erkennen konnte und was die Dämmerung schon erahnen ließ, verriet jetzt auch das Display seines Smartphones.

„Schon nach sieben…“, seufzte er und ließ den Kopf gegen die Lehne sinken. Wie war das mit den Sachen, die man sich wünschte? Na, das mit dem Stau hatte er jedenfalls gut hinbekommen!

„Du hättest einfach bei deinem Plan bleiben und letztes Jahr auf dem Weg vom Waldschlösschen kurz hier Halt machen sollen! Oder einfach ein Treffen mit den Jungs vorgaukeln, als Dominik eh im Atelier versackt ist…“, murrte er und rieb sich das Gesicht. Wie oft hatte er sich Plan B vorgenommen gehabt? Gute Frage, keine Ahnung. Er wusste ja nicht einmal, ob ihn an dem heutigen Tag schlussendlich Plan C oder Plan Alphabet-einmal-rauf-und-runter hierher geführt hatte. Kein Wunder, dass einen das Schicksal dann mit solch einer Fahrt bestrafte, wenn man vorher monatelang den Arsch nicht hochbekommen hatte! Erst mal noch schön stundenlang im eigenen Saft schmoren lassen, wenn einem eh schon die Hummeln im Hintern steckten…

Aber auch das war egal! Nun stand er hier endlich, direkt vor der Klempnerei und musste nur noch aussteigen. Wenn es da nicht wieder dieses andere kleine Aber gegeben hätte. Selbst jetzt.

Denn war es aber vielleicht auch ein Wink des Schicksals, dass der alte Preuss ausgerechnet an diesem Abend mal nicht bis zum Sanktnimmerleinstag im Betrieb hockte? Zumindest war im Gebäude kein Licht zu sehen, während der Bewegungsmelder noch zuverlässig arbeitete und auch in der Nachbarschaft überall Licht brannte. Stromausfall war es wohl nicht unbedingt, sondern eher eine günstige Fügung?

„Tja, soll wohl nicht sein!“, wollte er also den Zündschlüssel greifen, hatte es genau genommen sogar schon getan und ließ die Hand dann doch sinken, ehe der Motor seinen Dienst wieder aufnehmen konnte.

Echt jetzt, Frido?“, meldete es sich in seinem Oberstübchen und er schüttelte den Kopf.

„Langsam wirds echt lächerlich und erbärmlich…“, fasste er den Schlüssel also nur deshalb noch ein weiteres Mal, um ihn in seiner Hosentasche verschwinden zu lassen, nachdem er endlich ausgestiegen und der Wagen verschlossen war.

Und nun? Er verschränkte die Arme vor der Brust – ein wenig gegen die Kühle, die die Dunkelheit mit sich brachte und auch ein wenig aus Selbstschutz. Hinrich Preuss würde wohl kaum plötzlich aus den Rabatten gesprungen kommen, aber man konnte ja nie wissen…

Mit mulmigem Gefühl setzte Frido sich also in Bewegung, trat auf die Ladentür zu und spähte in das Schwarz der Räumlichkeiten.

„Äh… Hallo? Noch jemand da?“, klopfte er erst vorsichtig, dann etwas energischer an die Tür, aber nichts regte sich. Vielleicht auf der Rückseite? Er ging ein paar Schritte um das Gebäude herum, hoffte, dass ihn niemand für einen Einbrecher hielt und die Polizei riefe, aber wenn, dann würden die Beamten ihn längst zurück am Eingang eintreffen. Denn auch der zweite Eindruck trog nicht: Die Klempnerei war tatsächlich leer.

Tja, dann…“, schoss es ihm wieder in den Kopf, aber dieses Mal nicht für einen Fluchtversuch, sondern für die Flucht nach vorne. Wenn sich Hinrich Preuss nicht hier aufhielt, standen die Chancen ja gut, dass Frido wusste, wo er ihn stattdessen erwischen konnte. Und da sein neues Ziel so nah war, dass er das Auto nicht zwingend brauchte, ließ er es einfach an der Klempnerei stehen. Ein paar Meter zu Fuß täten vielleicht seinem Kopf auch ganz gut, um die Anspannung ein wenig herunterzuschrauben, dachte er sich. Und während er an den Nachbarhäusern vorbei spazierte, hatte er tatsächlich das Gefühl, sich langsam ein wenig beruhigen zu können. Aber dann, kaum, dass das Haus der Familie Preuss in Sichtweite kam, rutschte ihm das Herz wieder in die Hose – und das gleich auf zweifache Weise.

Hier brannte nämlich Licht und das nicht zu knapp. Küche, Flur und einige Räume im oberen Stockwerk waren erleuchtet, verriet ihm das Eigenheim schon weitem und beim Näherkommen hatte er auch den Eindruck, einen auffälligen Schein nach hinten raus zu erkennen. Im Wohnzimmer herrschte also vermutlich auch Leben und die Wahrscheinlich, dass er den Hausherrn antreffen würde, wuchs mit jedem Schritt mehr.

„Scheiße…“, zog er den Reißverschluss seiner Jacke bis zum Anschlag hoch, als er die Einfahrt erreichte und sich auch hier prompt der Bewegungsmelder als zuverlässig erwies. Und eigentlich hätte Frido ja damit rechnen müssen, dass ihm plötzlich ein Licht aufging, denn schließlich kannte er das von früheren Besuchen bereits. Aber dieses Mal war bekanntermaßen so einiges anders. Dieses Mal schlenderte er nicht einfach über den schmalen Weg am Rasen vorbei, ließ die Garage wortwörtlich links liegen und steuerte die Haustür an. Nein. Dieses Mal blieb er schlagartig stehen, wie ein unerwünschter Eindringling, der überrascht worden war und nicht vor oder zurück wusste. Und während ein Einbrecher sich vermutlich nach ein, spätestens zwei Schrecksekunden wieder auf die Füße gemacht hätte, verharrte Frido einfach. Er ging nicht voraus oder kehrte um, sondern blieb solange in seiner Starre, bis sogar das Licht von seiner Untätigkeit wieder erlosch. Aber dabei war er nur äußerlich untätig, denn in seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken.

Mühsam zurechtgelegtes wurde eifrig aus allen möglichen Hirnwindungen gekramt und mitten in diesem Sortieren übermannte ihn plötzlich die Frage, warum er sich das hier eigentlich gerade antat. War er denn total bescheuert? Er wusste doch ganz genau, dass der alte Preuss ihn nicht mochte! Der gab sich ja nicht mal im Ansatz Mühe, das zu verschleiern! Nein, stattdessen trug er es bei jeder Gelegenheit offenkundig zur Schau! Selbst zu Weihnachten und bei ihrem Besuch an Ostern hatte er Frido nur wieder „den Tiefflieger“ genannt! Ganz gleich, was Rosanna oder sein Sohn dazu gesagt hatten! Letztlich war es egal, wie viel Mühe der Dozent sich gab, der Alte konnte ihn einfach nicht ab.

„Verflucht noch eins!“, murmelte er und spürte, wie sich sein gesamter Körper zusammenzog. Er schüttelte den Kopf und unter dem erneuten Schein der Außenbeleuchtung wendete er sich ab, um den Weg zurück zu stapfen, den er gerade erst gekommen war. Nein, er hatte es nicht nötig, dass er vor diesem Kerl zu Kreuze kroch! Schließlich liebte Dominik ihn auch, ohne, dass er jetzt zu seinem Vater marschierte! Er hatte von Frido nie so was verlangt! Ganz im Gegenteil! Wahrscheinlich hätte der Lockenkopf ihn sogar von der Aktion abgehalten, wenn Frido ihm vorher davon erzählt hätte! Aber das hatte er ja extra für sich behalten, um…

„Dominik…“, geriet er wieder ins Stocken und schüttelte abermals den Kopf. Ein tiefes Seufzen, ein Blick über die Schulter. Zwei Häuser hatte er bereits hinter sich gelassen, fast drei, wenn er jetzt einfach weiterginge.

Noch ein Seufzen. Ach, verdammt, er machte das hier doch für seinen Liebsten! Um ihm einmal mehr zu beweisen, wie ernst es ihm mit ihm war und um ihm zu zeigen, dass er ihn unterstützte! Dass auch er sich wünschte, dass sich die Familie noch weiter annähernd würde, anstatt einfach nur im aktuellen Zustand zu verharren! Dass Frido das zumindest hoffte – für Dominik und ja auch irgendwie für sich selbst.

Los jetzt!“, ging es also wieder zurück, vorbei an den Nachbarhäusern, rauf aufs Grundstück, am Rasen entlang und bis an die beiden Stufen heran, die ihn jetzt noch von der Haustür trennten. Er konnte die Klingel ja fast schon von hier aus erreichen! Aber dann erwischten ihn doch wieder der Stillstand und das Chaos seiner Gedanken.

Würde der Alte überhaupt zur Hochzeit kommen, fragte Frido sich plötzlich. Schließlich hatte Hinrich Preuss bei der ersten Ausstellung seines Sohnes die alte Drogerie ja nicht einmal betreten! Und ohne Rosanna und Trudel wäre er vermutlich nicht mal dort aufgetaucht! Aber, na ja, bei der anderen in Berlin war er dann auch gewesen, sogar eingetreten. Hatte extra Sebastian mitgebracht, um sich mit der Fahrerei abwechseln zu können, weil keiner von ihnen Lust auf eine Nacht im Hotel gehabt hatte. Mit Ausnahme von Trudel, die dann am nächsten Tag mit Ernest und Klara zurückgefahren war, aber… ach, das war doch jetzt egal! Zurück zum Thema! Wenn Hinrich Preuss extra für seinen Sohn nach Berlin gekommen war, dann – Frido seufzte ein weiteres Mal, ohne noch zählen zu können, wie oft er das an diesem Abend bereits getan hatte. Er stützte die Hände auf die Hüften, betrachtete das Haus und ließ den Blick langsam gedankenverloren gen Himmel wandern. Sein Fuß begann zu Wippen, dann fing er an, in kleinen Kreisen zu wandeln, während auch seine Überlegungen Achterbahn fuhren.

Würde der alte Preuss denn nicht erst recht zur Hochzeit kommen, wenn er schon extra den Weg nach Berlin auf sich genommen hatte? Wenigstens für Dominik? Weil er zwar nicht unbedingt mit dem Mann an dessen Seite einverstanden war, aber zumindest inzwischen den Weg seines Sohnes akzeptiert hatte?

Frido hielt inne und musste mit einem Mal sogar grinsen. Vielleicht gefiel es dem Alten sogar, dass sein künftiger Schwiegersohn so viel Schneid bewies? Würde sich imponiert zeigen? Frido dafür womöglich sogar in die Arme schließen und zukünftig auch „mein Sohn“ nennen? Ein wenig so, wie auch sein eigener Vater vorbehaltlos Dominik in die Familie aufgenommen hatte? Ach, was wäre das herrlich, dachte Frido, aber sein Grinsen verschwand genauso schnell, wie es gekommen war.

„Mach dir doch nichts vor…“, schob er die Hände in seine Hosentaschen und richtete den Blick wieder auf die Stufen vor sich.

„Putz dir das mal schnell von der Backe, Klimlau. Das wird nie passieren…“, quittierte da auch wie zur Bestätigung das Licht wieder seinen Dienst und tauchte ihn größtenteils zurück in Schwarz. Kurz schloss er die Augen und schüttelte den Kopf, aber es war dezent genug, um den Bewegungsmelder nicht ein weiteres Mal zu betätigen. Also fragte er sich ins Dunkel hinein, ob er am Ende womöglich für neuen Streit sorgen würde. Nicht nur, weil der Alte garantiert wieder Gründe fand, warum ihm dieser Überraschungsbesuch nicht in den Kram passte, sondern auch darüber hinaus. Was, wenn Hinrich Preuss sich zwar mit dem aktuellen Zustand abgefunden hatte, aber den Mann an Dominiks Seite nie so akzeptieren würde, dass er ihm seinen Sohn komplett und vollends anvertrauen konnte? Vielleicht war es für ihn im Moment nur ein stilles Hoffen, dass sein Junge irgendwann doch noch zur Vernunft kam. Und dann? Wenn er merken musste, dass Dominik das genaue Gegenteil davon plante, seinem Frido den Laufpass zu geben und der Dozent nun kurz davor stand, alles, was Vater und Sohn sich mühsam an Zuneigung aufgebaut hatten, einzureißen?

Erst spürte Frido den leichten Kloß im Hals und presste die Lippen zusammen, aber dann wuchsen aus seiner Angst Ärger, Enttäuschung und schließlich Empörung. Was fiel dem Kerl eigentlich ein?!

„Ich werd ihn verdammt noch mal glücklich machen!“, platzte ihm also der Kragen, während sich die Hände in den Taschen zu Fäusten ballten. Sollte dieser Arsch sich bloß trauen, ihm unter die Augen zu treten! Es war ihm scheiß egal, was ein Hinrich Preuss von seinen Plänen hielt! Die Meinung würde er ihm geigen, wenn…

„Gut zu wissen, Tiefflieger! Was sagt meine Tür dazu?“

Frido fuhr herum, riss die Augen auf und den Mund gleich mit. Zack! Hellerleuchteter Vorgarten und ihm schoss nur ein Wort durch den Kopf: „Scheiße!.

Da stand er! Am Anfang des schmalen Weges, Einkaufstaschen in der Hand, Augenbrauen gerunzelt und das „Kommt da jetzt noch was?“ förmlich auf die Stirn geschrieben.

Frido räusperte sich gegen die aufkommende Trockenheit in seiner Kehle, während sein Widersacher auf ihn zusteuerte.

„H… Herr Preuss?“, gab er äußerst eloquent von sich, noch immer verdattert davon, dass er offenbar nicht als Einziger die Idee für einen kleinen Spaziergang gehabt hatte. Und kaum war das nächste Fettnäpfchen ausgesprochen, wurde es ihm natürlich auch schon postwendend über den Kopf geschüttet.

„Soll vorkommen. Ist schließlich mein Haus, vor dem Sie hier herumlungern“, lautete es sarkastisch und auch ein Stück weit gelangweilt. Ja, ein bisschen schwang zwar auch die Frage mit, was der Dozent hier wollte, aber so richtig zu interessieren schien es den Hausherrn dann doch nicht. Wenns wichtig war, würde Frido sich schon melden, gab Hinrich Preuss’ Körperhaltung zu verstehen, als er an ihm vorbei die Stufen hinauf ging.

„Ich… ich dachte, Sie wären schon Zuhause! Sie waren also noch einkaufen?“, guckte der Jüngere ihm allerdings eilig nach und kaum war dieses Aperçu ausgesprochen, presste er Lippen aufeinander und wünschte sich, er hätte sie gar nicht erst geöffnet.

Glanzleistung, Frido! Geistreicher gings nicht, oder? Hast du vielleicht noch so ne Bemerkung auf Lager?“, schoss es ihm auch schon durch den Kopf, während Hinrich Preuss vor der Haustür innehielt, über die Schulter guckte und sein Blick bereits Bände sprach. Aber das genügte natürlich noch nicht.

„Nö, ich trag die Tüten nur zur Deko mit mir rum! Hab ja sonst nix zu tun!“, schüttelte er den Kopf, parkte eine der Taschen zu seinen Füßen und kramte seinen Haustürschlüssel aus der Hosentasche hervor. Frido hüllte sich indes nur in schweigendes Nicken und musste sich eingestehen: Jap, dieses Mal hatte er den blöden Kommentar sogar irgendwie verdient…

Vor allem aber war ihm klar, dass er dieses Gespräch bereits verkackt hatte, ehe es überhaupt richtig gestartet war. Warum machte er sich nicht noch beliebter, indem er anbot, beim Tragen zu helfen oder sich dem Alten einfach noch mal vor die Füße schmiss? Au man…

Frido seufzte innerlich aus und schüttelte den Kopf über sich, während er das Klacken des Schlüssels im Schloss hörte. Der Abend konnte nicht mehr besser werden, stand plötzlich für ihn fest und dieses ganze Unterfangen war nichts als ein riesiger Fehler gewesen. Er würde also das einzig Richtige tun: Jetzt solange ausharren, bis der Alte die Einkäufe und sich selbst ins Haus bugsiert hatte, die Tür hinter ihm zufiel und sie hoffentlich beide so tun konnten, als hätte dieses Aufeinandertreffen nie stattgefunden. War letztlich vielleicht auch in ihrer beider Sinn?

„Also?“, ließ Hinrich Preuss seinen ungebetenen Gast allerdings nicht einfach so stehen und wurde von dem umso überraschter angeschaut.

„Sind Sie nur hier, um meine Tür voll zu quatschen oder gibts sonst noch was?“, schien er dabei jedoch nicht nur auf die Beantwortung seiner Frage zu warten, sondern auch auf den nötigen Hinweis, ob er seine Tür wirklich öffnen oder den Eindringling erst noch vom Grundstück schmeißen sollte. Denn noch lag seine Hand einfach nur ruhig am Türknauf, ohne sich großartig zu bewegen. Aber dafür geriet Frido endlich wieder in Bewegung.

„Ich muss mit Ihnen reden!“, schoss es aus ihm heraus und er nahm gleich beide Stufen auf einmal, um zu seinem künftigen Schwiegervater aufzuschließen – und dann nach dem eiligen Manöver trotzdem erst wieder auf die obere Stufe zurückzuweichen. War jetzt vielleicht doch etwas zu viel Nähe gewesen! Und Elan auch…

„Ich meine… ich möchte gerne mit Ihnen reden. Wenn Sei einen Moment Zeit haben?“, milderte Frido seine Wortwahl also schnell ab und versuchte dabei trotzdem, sich nicht anmerken zu lassen, wie schnell ihm die Pumpe ging. Brust raus, Kinn gereckt und aufrechter Stand, während Hinrich Preuss ihm nach kurzem Mustern den Rücken zudrehte und die Tür aufstieß.

„Hab ich nicht“, antwortete er dabei und zog den Schlüssel ab, um ihn kurzfristig zurück in seine Hosentasche wandern zu lassen und gehüllt in Fridos Schweigen. Eigentlich hatte er damit rechnen müssen, oder, dachte er und versuchte sich seine Enttäuschung nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Wie konnte ein Mann allein nur so idiotisch und naiv sein…?

„Okay… Dann noch einen schönen Abend…“, murmelte er also und wendete sich ab, während der Hausherr sich die Schuhe an der Fußmatte abstreifte – und ihm wieder einmal bewies, dass Frido ihn nicht umsonst für ein Arschloch hielt.

„Sie können trotzdem rein kommen“, fiel dem alten Preuss nämlich plötzlich ein, während er die Einkaufstasche wieder aufhob. Ein wenig gelangweilt klang seine Betonung, nicht sonderlich aussagekräftig wirkte er im Gesicht und trotzdem war er bestimmt mächtig zufrieden mit diesem kleinen Schabernack.

Seine Einkäufe landeten jetzt auf der anderen Seite des Eingangs, damit er die Hände frei hatte, um sich aus der Jacke zu schälen. Schlüssel an einen Haken neben der Tür gehängt, Schuhe darunter auf einer Matte abgestellt und stattdessen in seine Schlappen geschlüpft, während Frido nur zögerlich wieder die Stufen hinauf ging. Jacke ein Stückchen weiter den Flur entlang an die Garderobe gehängt, zurück zu den Einkäufen und – ja, was denn nun?

„Was ist jetzt?“, schnappte sich der Alte unter Fridos unschlüssigem Blick die Taschen und blieb vor ihm stehen. Bis zu Türschwelle hatte der Dozent es immerhin schon geschafft.

„Darf ich wirklich?“, war er aber trotzdem unsicher, ob er dem plötzlichen Frieden trauen konnte und ja, was jetzt kam, passte schon eher zu seinen Erwartungen.

„Von mir aus können Sie auch n Zelt im Garten aufschlagen und da kampieren. Aber dann machen Sie das beim Nachbarn! Bei mir brauchen Sie sich bestimmt nicht häuslich einrichten!“, schnaubte der Alte aus und drehte Frido den Rücken zu.

„Also! Rein kommen oder verschwinden! Aber mach endlich die Tür zu, Tiefflieger!“, schüttelte er den Kopf, während er Richtung Küche stapfte und jede Faser seines Körpers nach der Frage schrie, was er sich da bloß ins Haus geholt hatte…

15.3.2025: erquicken

Rascheln, leises Klappern und über allem lag der Duft des Abendessens. Gulasch, sagte Fridos Nase und das Nudelsieb im Spülbecken verriet auch gleich, was es als Beilage gegeben hatte. Sein Magen meldete sich. Scheiße. Hätte er mal nicht nur aufs Mittagessen gesetzt, sondern noch was für unterwegs eingepackt! Aber es nützte nichts, da musste er jetzt durch. Er würde den Teufel tun und Hinrich Preuss um eine Kleinigkeit für zwischen die Kiemen bitten! Das gäbe nur wieder Theater! Aber scheinbar gab es das auch schon durch seine bloße Anwesenheit…

„Hat meine Frau euch beim letzten Mal nicht was gesagt? Fußbodenheizung gibts hier immer noch nicht, also lass die Galoschen an, Tiefflieger!“, war nun Fridos besockte Barfüßigkeit auf den kühlen Fliesen Stein des Anstoßes. Vielleicht verärgerte diese Tatsache aber auch nur deshalb, weil sie zwischen den Zeilen verriet, dass er wohl nicht nur wortwörtlich für einen Sprung reingekommen war. So oder so…

„Schon okay, ich will keine Unannehmlichkeiten bereiten“, sagte er und unverkennbar trat ein Ausdruck auf Hinrich Preuss’ Gesicht, der verriet: Hast du längst, Tiefflieger. Hast du längst.

Aber wenigstens verkniff der Hausherr sich diese Spitze und griff lieber auf andere Nettigkeiten zurück.

„Dann pack mit an, wenn du schon hier bist, Tiefflieger! Mehl da oben rein, Erbsen und Möhren zu den andren Konserven in die Schublade da vorne!“, dirigierte er also zur gegenüberliegenden Seite der Küche, während er bereits selber den Inhalt der ersten Einkaufstüte verteilte. Erquickend! Sympathisch! Herzallerliebst!

Und Frido? Der hätte am liebsten interveniert, dass sein künftiger Schwiegervater endlich diesen dämlichen Spitznamen ablegen sollte! Aber er verkniff es sich. Stattdessen lenkte er seine Aufmerksamkeit auf die Verwunderung, die der Anblick von Hinrich Preuss in der Küche bei ihm auslöste. Irgendwie hatte er bislang immer angenommen, der Hausherr würde diesen Raum nur betreten, wenn ein Hüngerchen ihn lockte, aber er hatte ihn nicht für einen Mann gehalten, der den Einkauf erledigte. Auch noch zu Fuß! Und dann sogar so allumfassend, dass er sich anschließend ums Einräumen kümmerte! Denn scheinbar war es nicht nur am heutigen Abend vorgeschoben, um den ungebetenen Gast in aller Seelenruhe und nach Herzenslust einnorden und vorführen zu können – sonst mischte sich schließlich seine Rosanna ein, wenns zu viel wurde! Nein, so gezielt und selbstverständlich, wie er Kartoffeln, Käse und Thunfischdosen wegräumte, wusste er genau, wo es Zeit wurde und hatte die Einkäufe bei genauerem Hinsehen sogar schon im Laden passend sortiert. Keine langen Fußwege quer durch die Küche, sondern fein säuberlich der Reihe nach abgearbeitet… Frido musste zugeben, dass er auf mehrfache Weise überrascht war. Und das nicht zuletzt auch deswegen, weil ein Hinrich Preuss inzwischen auch wusste, was das Wörtchen Feierabend bedeutete.

Dann hatte er also seit seiner Operation tatsächlich ein, zwei Gänge zurückgeschaltet, wie von seiner Rosanna schon so glücklich berichtet? Bisher, da war Frido ehrlich, hatte er es ja eher als Schönrederei der Guten abgetan. Und apropos…

„Wie gehts Ihrer Frau eigentlich?“, versuchte er nun endlich zwischen Dosenpfirsichen und sauren Kirschen einen Einstieg in sein eigentliches Thema zu finden, während die Einkaufstaschen zunehmend an Volumen verloren. Hinrich Preuss lag hierbei klar in Führung.

„Sitzt im Wohnzimmer“, lautete obendrein allerdings auch die eigentlich nichtssagende und doch so ausdrucksstarke Antwort, bei der Frido schließlich in seinem Tun innehielt. Er schaute auf die Dosen, die er zuletzt verstaut hatte und sein Finger tippte auf die obere Kante der Schublade, die er eigentlich gerade hatte schließen wollen. Ja, dass Rosanna im Nebenraum anzutreffen sein könnte, hatte er sich irgendwie gedacht! Immerhin war der Fernseher bis in den Flur zu hören und von oben ebenfalls zu vernehmen, dass dort reger Betrieb herrschte. Da war selbst ihm die steile Vermutung gekommen, dass Martina und Heiner wahrscheinlich eher ihr eigenes Wohnzimmer gekapert hatten – besonders, weil er kurz vor Betreten der Küche einen Ausruf von Martina an ihren Gatten gehört hatte und dessen Antwort definitiv nicht aus dem Erdgeschoss gekommen war. Aber um solche Spitzfindigkeiten ging es jetzt nicht. Zumindest nicht ihm.

„Herr Preuss…“, schob Frido also endlich die Schublade zu und lehnte sich dagegen, während er dem Hausherrn beim Verstauen von zwei Packungen Tee im Hängeschrank neben dem Herd zuschaute.

„Was ist? Verraten Sie mir endlich mal, was Sie hier wollen?“, murrte der dabei und warf Frido einen Blick über die Schulter zu, als der gerade zur Antwort ansetzte, aber jäh unterbrochen wurde.

„Ist die Heizung kaputt und der Kurze traut sich nicht, mir das selbst zu sagen? Und wo steckt der überhaupt? Wollte der nicht den Rest der Woche in Berlin bleiben?“, war es nicht nur einfacher Blick, sondern ein Taxieren, während der alte Preuss, ohne hinzusehen, nach der Schranktür griff und sie schloss. Frido schüttelte den Kopf. In so einem Fall hätte sein Lockenkopf ihn sicherlich nicht vorgeschickt und auch keinen Grund gehabt, sich überhaupt zu verstecken. Das wusste er und er war sich auch ziemlich sicher, dass ein Hinrich Preuss seinen Sohn diesbezüglich einschätzen konnte. Also war es eine Falle, in die Frido nun vielleicht sogar sehenden Auges hineintappen würde.

„Nein, die Heizung läuft gut… Vermut ich zumindest. Aktuell ist es tagsüber ja noch so warm, dass wir sie nicht extra nur für die Nächte anschmeißen“, ging er also auf den ersten, etwas unverfänglicheren Teil der Frage ein, während er die Hände auf der Arbeitsplatte hinter sich abstützte und der Hausherr sich vollends zu ihm umwandte. Jetzt kam ja schließlich auch der interessante Part der Antwort!

„Dominik ist tatsächlich noch bis Freitag in Berlin. Ich bin nur etwas früher zurückgefahren“, gab Frido wahrheitsgemäß zurück und zack! Schon schnappte die Falle zu und in gewisser Weise bekam er obendrein auch noch die Antwort auf eine der vielen Fragen, die ihn im Vorfeld so kirre gemacht hatten.

„Ich dachte, ihr wolltet zusammen da bleiben? Hat er Sie also endlich abgeschossen?“, verschränkte Hinrich Preuss selbstgefällig die Arme vor der Brust und als hätte diese Frage dem Dozenten nicht schon einen Stich versetzt, bohrte sich die nächste umso fester in seine Brust.

„Oder haben Sie ihn für was Jüngeres sitzen lassen und jetzt soll ich zusehen, dass mein Sohn nicht ohne Dach überm Kopf dasteht?“

So schätzte er ihn ein? Immer noch, obwohl sie sich inzwischen schon mehrere Jahre kannten? Fridos Mundwinkel zuckte und er musste schlucken.

„Wenn ich so ein Arschloch wäre, würd ich wohl kaum extra her kommen, oder?“, murmelte er und ja, natürlich gab es auch darauf die passende Antwort.

„Was weiß ich? Sie spielen ja auch gern mal den Moralapostel. Dann würden Sie ja sogar noch als Märtyrer aus der Sache rausgehen! Besser gehts doch nicht!“, gab Hinrich Preuss knurrend und abschätzig von sich und brachte Frido mit dieser Aussage tatsächlich fast zum Lachen. Zumindest belustigt schnauben musste er, weil es so obskur klang, dass ihm keine andere Regung einfiel.

„Moralapostel und Märtyrer?“, fragte er ungläubig und sein Gegenüber ließ die amüsierten Züge des Dozenten ganz schnell wieder verschwinden.

„Na, wer hat sich denn damals an Weihnachten so aufgespielt, als ich hiervon erzählt hab…“, klopfte sich der Alte vielsagend auf die Brust „…und wollte, dass du Dominik gegenüber die Klappe hältst, Tiefflieger?“.

War das grad sein Ernst? Frido blinzelte und ruckte den Kopf, als wolle er ihn schütteln, aber dann unterließ es doch. Dieses Thema wurde ihm immer noch nachgetragen? Obwohl er unterstützt, Ernest mit ins Boot und nicht zuletzt auch Dominiks Einsatz bei dem Ganzen ja für ein gewisses Glätten der Wogen im Hause Preuss gesorgt hatte?

„Wow…“, murmelte Frido und ließ nachdenklich den Blick durchs Zimmer schweifen, während Hinrich Preuss sich gegen den Herd lehnte und seinem Gesicht nicht allzu viel Ausdruck verlieh. Aber das kleine Zucken seiner Mundwinkel entging dem Dozenten dabei trotzdem nicht. Es trug so viel Genugtuung in sich, dafür, den Dozenten aus dem Konzept gebracht zu haben, dass der gerade all seine Zurückhaltung brauchte, um nicht einfach aufzuschreien.

Was ist eigentlich das gottverdammte Problem?!“, hätte er am liebsten gebrüllt, doch stattdessen sagte er nur: „Tut mir leid, aber da muss ich Sie wohl enttäuschen! Wir haben uns nicht getrennt und haben es auch nicht vor! Ganz im Gegenteil!“.

Es kostete ihn all seine Beherrschung, die Lautstärke im Zaum zu halten, dass er nicht ausreichend auf seine Wortwahl achtete – und – schon zuckten die Augenbrauen des Alten zusammen und sein Blick schmälerte sich.

„Wie war das, Tiefflieger?“, legte sich etwas Lauerndes in seine Stimme und der Dozent riss abwehrend die Hände nach oben.

Vorsicht, Frido! Pass besser auf, was du sagst! Überstürz jetzt nichts!“, schoss es ihm durch den Kopf. Durchatmen! Schritt zurücktreten! Emotionen nicht noch weiter aufkochen lassen!!

„Hören Sie…“, musste er sich eingestehen, dass er jetzt wohl genau das machen würde, was er sich doch eigentlich verboten hatte: Vor dem alten Preuss zu Kreuze kriechen.

„Könnten wir uns vielleicht darauf einigen, dass Sie aufhören, mich immer Tiefflieger zu nennen? Ginge das?“, bat er und eilte plötzlich unter Hinrich Preuss’ wachsamen Blick zur Tür, als von oben etwas zu hören war. Klang so, als käme noch mehr Leben in die Bude und wenn das Gespräch schon so katastrophal lief, dann wollte er wenigstens nicht auch noch unterbrochen werden. Also schnell die Tür zuziehen und darauf hoffen, dass Martina und Heiner nicht ausgerechnet die Küche ansteuerten, als kurz darauf ihre Schritte auf der Treppe erklangen. Frido spürte sein Herz gegen die Rippen hämmern. Zögerlich trat er bis an den Tisch zurück in die Küche und ließ die Tür dabei doch nicht aus den Augen.

„Ich ähm…“, versuchte er, zum Gespräch zurück zu finden und das erste Mal an diesem Abend ging der Alte einen winzigen Schritt auf ihn zu.

„Die wollen noch ins Kino“, ließ er ihn wissen. Ruhig, gleichgültig und bestimmt nicht nur Fridos fahriges Nicken, sondern auch dessen erleichtertes Seufzen zur Kenntnis nehmend.

Noch einmal wurde es im Flur etwas lauter. Martina lachte über etwas, unbekümmert, fröhlich, nicht ahnend, welche Tode Frido gerade nur wenige Meter von ihr entfernt starb. Dann ein Zusammenzucken. Die Haustür war klangvoll ins Schloss gefallen, die Geräuschkulisse schlagartig ruhiger und Hinrich Preuss offenbar etwas verstimmter.

„Wie oft muss man denen eigentlich sagen, dass sie die Tür nicht so knallen sollen?!“, murrte er, während er die Störenfriede mit den Augen über das Fenster hinweg verfolgte, bis sie aus seinem Sichtfeld verschwanden. Und noch einmal fühlte Frido einen Hauch der Erleichterung. Er war also nicht der Einzige, der es schaffte, bei dem Alten in Ungnade zu fallen. Vielleicht konnte er das ja sogar ein bisschen für sich nutzen, indem er versuchte, auch einen Schritt auf den Herrn des Hauses zuzugehen?

„Herr Preuss…“, holte er dessen Aufmerksamkeit zurück zu sich, während er selbst hinter einem der Küchenstühle stand, noch nicht sicher, ob er seinen Halt brauchen würde oder nicht.

„Ich liebe Ihren Sohn über alles. Und… ich weiß, es ist unüblich, dass der Jüngere diesen Schritt zuerst macht, aber wollen wir nicht vielleicht mal zum Du übergehen? Immerhin… wir sind doch inzwischen eine Familie, oder nicht?“, fasste er doch kurz die Lehne des Stuhls, um sich dann gewissermaßen davon los zu reißen und dem Alten seine Hand entgegen zu strecken. Brust raus! Einatmen, aber auch wieder ausatmen! Blickkontakt halten! Jetzt bloß nicht von diesem unergründlichen Starren verunsichern lassen! Oder davon, dass der Alte keinerlei Anstalten machte, die Arme mal aus der Verschränkung zu holen…

„Da haben Sie recht“, sagte er dann allerdings und Frido wollte schon anfangen zu lächeln, machte den ersten Schritt aus der Starre heraus. Bloß gut, dass ihm die Erleichterung dabei aber vor lauter Überraschung zu spät aufs Gesicht kroch und er seine Mundwinkel dadurch noch früh genug stoppen konnte! Sonst wäre es für ihn noch blamabler geworden, als prompt die Ergänzung „Das ist verdammt unüblich, Klimlau!“ hinterher geschoben kam… Klar. Was auch sonst?

Also nickte Frido, biss sich leicht auf die Unterlippe und ließ die Hand sinken. Er versuchte, diesen bitteren Geschmack hinunter zu würgen, der in ihm hochstieg, als er nun doch den Halt der Stuhllehne brauchte.

„Okay…“, krallte er seine Finger daran fest, während er versuchte, sich die Enttäuschung ansonsten nicht anmerken zu lassen und merken musste, dass das gerade erst der Anfang war. Denn nun legte der gute Hinrich erst so richtig los.

„Also, Herr Klimlau, versteh ich das gerade richtig?“, erhob er die Stimme für das nötige Maß an autoritärem Auftreten, aber natürlich nicht so laut, dass man auch im Nebenzimmer darauf aufmerksam wurde. Es reichte ja schließlich, wenn der Dozent ihn anschaute, anstatt von Rosanna abgelenkt zu werden.

„Um mich das zu fragen, sind Sie hierhin gekommen? Anstatt, wie jeder klar denkende Mensch, einfach zum Telefon zu greifen oder den nächsten Besuch abzuwarten, lassen Sie dafür extra meinen Sohn alleine zurück? In einer wildfremden Großstadt, die auch noch für ihre Partys und den Drogenkonsum bekannt ist?“, trat er auf Frido zu und fixierte ihn, während der Dozent ungläubig und auch ein wenig resignierend begann, den Kopf zu schütteln.

„Nicht alle Ecken in Berlin sind so…“, murmelte er atemlos und hielt es gerade für die richtige Entscheidung, dass er zumindest seine Jacke angelassen hatte. Denn in diesem Moment wirkte Hinrich Preuss so, als würde er ihn jeden Moment aus dem Haus jagen, während er bis an den Tisch heran auf Frido zuging. Und trotzdem hielt der Dozent tapfer durch.

„Ich würde ihn bestimmt nirgendwo alleine zurücklassen, wo ich mir Sorgen machen müsste, dass…“, versuchte er zu erklären und kniff seufzend die Augen zu. Ausgerechnet jetzt klingelte auch noch sein Handy und er konnte sich schon denken, wer das war. Scheiße, in dieser Situation konnte er nur die falsche Wahl treffen! Aber… sein Liebling würde es verstehen, wenn er ihn gleich zurückrief und erklärte, dass er gerade noch im Auto gesessen hatte, nicht wahr?

„Er ist auch nicht alleine…“, versuchte Frido es also einfach zu ignorieren und machte damit natürlich auch wieder das Falsche.

„Wollen Sie das jetzt die ganze Zeit bimmeln lassen?“

Hinrich Preuss wirkte nicht unbedingt angepisst, aber schon ein wenig genervt. Mundwinkel auf halb Acht, Stirn gerunzelt, leicht angewiderter Gesichtsausdruck.

Es war wirklich egal, was Frido machte, nicht wahr?

„´Tschuldigung…“, murmelte er also, während er plötzlich eiligst das Smartphone aus seiner Hosentasche zog und nicht wusste ob er lachen oder weinen sollte. Ja, es war sein Liebling und wenn sein Vater einmal dazwischen brüllen würde, wäre die ganze Überraschung hinfällig – oder das Gespräch bestimmt beendet, wenn er das Telefonat jetzt einfach wegdrückte und der Alte vorher vielleicht gesehen hatte, wen Frido damit beiseite schieben würde.

„Das ähm…“, setzte er an und brach den Erklärungsversuch dann doch ab, um einfach ans Handy zu gehen. Scheiß drauf! Hauptsache, Dominik machte sich nicht noch länger Sorgen, warum Frido sich noch nicht gemeldet hatte!

„Hi, mein Schatz…“, drehte Frido dem Alten für etwas mehr Privatsphäre den Rücken zu und stellte sich ans Fenster. Er nickte, stützte die freie Hand auf seine Hüfte.

„Ja, ich… tut mir leid. Ich bin grad erst angekommen, sonst hätte ich mich schon bei dir gemeldet“, sah er bei einem kurzen Blick in die Scheibe, wie Hinrich Preuss ihn noch immer musterte, aber dann langsam dazu überging, sich um die restlichen Einkäufe zu kümmern.

„Ja, nein… ach, die Fahrt war eigentlich okay, aber zwischendurch war dann ein Unfall und Stau und deswegen… Nein, nein, alles gut. Mir ist nichts passiert. Ich musste nur warten, bis die Fahrbahn wieder frei war“, rieb Frido sich mit der freien Hand übers Gesicht und stützte sie dann wieder auf die Hüfte, während Dominik davon noch immer nicht vollends beruhigt war. Gings allen Beteiligten gut? War auch keiner verletzt?

„Was? Nein, zum Glück vor allem Blechschaden. Ich konnte sehen, wie beide Fahrer mit den Einsatzkräften gesprochen haben und auch noch laufen konnten. Einer hielt sich zwar den Arm und klar, gings sofort ins Krankenhaus, aber ich hatte den Eindruck, dass es alles in allem glimpflich abgelaufen ist“, antwortete er also und natürlich ging es Dominik nicht nur um körperliche Schäden. Machte es nicht auch was mit jemandem, der schon mal selbst in so einem Unfall gesteckt hatte? Frido aber schüttelte den Kopf.

„Nein, mir gehts gut, keine Sorge“, murmelte er und musste unwillkürlich lächeln, als er die erleichterte, liebevolle Stimme seines Lockenkopfes hörte. Oh, wie er sich gerade nach ihm sehnte! Und dann…

„Du hast mir n Riegel in die Tasche gesteckt?“

Er tastete seine Jacke ab und stockte, als er etwas in der rechten äußeren Tasche erfühlte. Eine kleine Aufmerksamkeit, so typisch für seinen Dominik und auch noch in Fridos liebster Geschmacksrichtung. Und plötzlich wurde ihm die Kehle eng.

„Danke, das hab ich gar nicht gemerkt…“, räusperte er sich mit einem Blick auf den Proteinriegel, der zitternd mit seiner Hand zum Vorschein kam und schüttelte eilig den Kopf. Reiß dich zusammen!

„Nein, nein, mir gehts gut! Ich bin nur n bisschen kaputt von der Fahrt, das ist alles!… Ja, mach ich. Ich lass mir gleich den Riegel schmecken und hau mich dann aufs Ohr. Ja, du auch“, schob er den Riegel also schnell wieder zurück in die Tasche und nickte. Er musste wieder lächeln, während ihm der Blick des Alten in den Rücken stach. Fand er die Turtelei albern, kitschig, affig? Ja, vermutlich all das und noch viel mehr, aber Frido war es egal. Gerade zählte eigentlich nur sein Dominik! Aber er wollte auch nicht, dass der alte Preuss mit seiner Ungeduld das Gespräch unterbrach.

„Grüß… haha, ja! Ich dich auch! Ja!“, versuchte Frido also das Telefonat langsam zum Abschied zu führen und vielleicht auch noch ein kleines Zeichen einzuweben, dass er eben kein solch verantwortungsloser Arsch war, wie manche dachten!

„Grüß die Drei von mir!“, hatte er seinen Liebling schließlich nicht einfach mutterseelenallein gelassen und mit einer Mischung aus Erleichterung und Sehnsucht merkte er, dass Dominik seinen Wunsch nach scheinbarer Ruhe verstanden hatte.

Ich hör schon, du bist ganz schön erledigt… Dann ruh dich jetzt aus, ja? Wir sprechen morgen. Schlaf schön!“, umarmte er Frido mit seinen Worten und bekam dafür wieder ein Nicken, das er nicht sehen, aber vielleicht trotzdem spüren konnte? Gott, er vermisste ihn so…

„Ja, bis morgen! Und du auch!… Tschüss, mein Schatz!“, zog Frido das Gespräch aber trotzdem nicht unnötig in die Länge und nickte noch ein letztes Mal, als dieses bittere Gefühl in ihm zurückkehrte. Es war nicht leicht herunter zu schlucken.

Er ließ das Handy sinken, murmelte dabei noch ein einsames, verlorenes „Tschüss“ und sein Daumen zögerte kurz, ehe er tatsächlich den roten Hörer auf dem Display berührte. Ein Schnaufen leerte Fridos Lunge und er rieb sich eilig die Lider. Noch einmal räuspern, dann konnte er sich wieder umdrehen.

War der Alte überhaupt noch da oder zwischenzeitlich genervt von dannen gestapft? Die letzte Minute des Gesprächs über war die Geräuschkulisse so auffällig ruhig gewesen und Fridos Blick nicht noch einmal zum Fenster zurückgewandert. Aber nein, wie er schnell feststellen durfte, war der Hausherr noch in der Küche. Arme wieder vor der Brust verschränkt, Körper gegen den Kühlschrank gelehnt, Blick ungerührt auf Frido geheftet.

„Tut mir leid“, sagte der kleinlaut und steckte das Handy weg.

„Dominik… er wollte nur hören, ob ich gut angekommen bin, weil ich… Ich war schon gegen Mittag aus Berlin weggefahren und hab dann aber ein paar Stunden im Stau gestanden“, versuchte er zu erklären und wurde von einem „Hab ich mitbekommen“ unterbrochen. Klar, natürlich hatte der Alte die Ohren nicht auf Durchzug gestellt gehabt. Frido nickte also, räusperte sich noch einmal.

„Dann… haben Sie ja auch gehört, dass er nicht alleine ist. Zwei Freunde von ihm, Tessa und Niko, sind auch noch geblieben. Vielleicht haben Sie sie auf der Vernissage gesehen. Die Beiden mit dem kleinen Jungen. Sie sind ebenfalls Künstler und…“

„Interessiert mich nicht“.

Frido konnte sein Seufzen nur schwer unterdrücken. Was jetzt? Allein war nicht gut! Mit anderen war nicht gut! War überhaupt irgendwas gut genug?! Und dann folgte auch noch eine Frage, die ihn völlig irritierte.

„Was hat mein Sohn sonst noch gesagt?“

Der Dozent stockte, stutzte. Er blinzelte ungläubig und das nicht nur über die übliche charmante Art, sondern auch über die Frage als solche an. Was gings den denn an, was Frido mit Dominik sprach?! Sein Mund klappte auf, aber er versuchte sich die Empörung nicht vollends anmerken zu lassen.

„Nichts weiter. Er hat mir nur ne gute Nacht gewünscht!“, reagierte er dann aber doch etwas unwilliger als geplant und musste merken, dass er gerade wieder volles Rohr in die nächste Falle getappt war.

„Wie? Nichts weiter? Nicht mal einen kleinen Gruß für seinen alten Herrn oder wenigstens für seine Mutter? Gehen wir dem großen Künstler so am Arsch vorbei?“, runzelte der Alte die Stirn und Frido bedauerte es allmählich, dass er Ernest damals nicht auf diesen blöden Sack losgelassen hatte! Wobei… hinterher hätten die sich noch zusammengetan und gegen ihn verschworen….

„Was? Nein!“, rief der Dozent und schluckte, als der Alte die Augenbrauen daraufhin noch etwas weiter zusammenschob. Halt, stopp! Nicht schon wieder einen falschen Eindruck bekommen und vor allem nicht von Dominik!

„Er weiß doch gar nicht, dass ich hier bin!“, sagte Frido also schnell, auch, wenn er sich schon denken konnte, dass ihm wieder ein Strick daraus gedreht würde. Aber besser ihm als seinem Liebling! Und ja, natürlich blieb der kritische Gesichtsausdruck bestehen und wurde sogar noch etwas verkniffener, während der alte Preuss Frido zunehmend taxierte.

„Heißt das, Sie hintergehen meinen Sohn jetzt auch noch?!“, lag eine gefährliche Ruhe in seinen Worten, die Frido trotzdem einen ordentlichen Schlag verpassten. Bitte was?!

Sein Mund klappte auf und er schüttelte den Kopf. Erst stockend, dann immer energischer.

„Herr Preuss, das kann grad nicht Ihr…!“, stotterte er und fühlte sich zunehmend mit dem Rücken an der Wand, als er nach Worten suchte, die die Sache nicht noch schlimmer machte.

„Ich… ich hab nur einen kleinen Vorwand… Nächste Woche startet das neue Semester und ich hab ihm gesagt, ich müsse noch ein paar Unterlagen durchsehen und bin deshalb früher abgereist. Das ist alles! Ich hintergehe ihn doch nicht!“, fand er zumindest Worte und hob abwehrend die Hände, während er noch einmal den Kopf schüttelte. Jetzt musste es doch endlich mal genügen oder nicht?! Was wollte der Kerl ihm denn noch alles andichten?! Offenbar so einiges…

„Ach so, dann hintergehen Sie ihn nicht, sondern lügen ihn nur an. Das machts natürlich besser!“, verzog Hinrich Preuss das Gesicht zu einem imponierten Ausdruck, von dem sie natürlich beide wussten, mit wie viel Sarkasmus und Ironie er durchzogen war. So ein dämliches Arschloch hatte Dominik sich also angelacht? Da konnte man als Vater ja nur den Kopf drüber schütteln! Aber nicht nur Hinrich Preuss verstand diese Geste einzusetzen, sondern auch sein Gast.

„Okay, das reicht!“, sprach Frido in sein Ausatmen hinein und beschloss, dass es so nicht weitergehen konnte. Ja, dieser Kerl konnte einen mürbe machen, aber er war schließlich nicht sein Sohn, der von klein auf drangsaliert worden war! Er war ein gestandener, erwachsener Mann, der sich nicht in pubertäres Geschrei manövrieren ließ, sondern genau das tat, was auch Dominik inzwischen konnte: Auf Augenhöhe und wie ein zivilisierter Mensch mit diesem Ekelpaket reden!

„Mir ist schon klar, dass wir keine Freunde werden und dass Sie mich für einen Versager halten…“, begann er also und wurde direkt unterbrochen.

„Hab ich nie gesagt“, ertönte es und brachte Frido ins Stocken. Er schaute den Alten an, kannte dieses Spielchen inzwischen ja schon.

Na, los“, dachte er „Komm schon. Das war jetzt doch bestimmt noch nicht alles!“. Und prompt.

„Ich hab gesagt, dass Sie n Tiefflieger und Idiot sind. Von Versager war nie die Rede“, stellte Hinrich Preuss klar und Frido Klimlau gab dafür einen belustigten Laut von sich. Waren sie denn hier im Kindergarten?

„Ja, das machts natürlich besser…“, murmelte er kopfschüttelnd und senkte den Blick zu Boden, während er die Lippen aufeinander presste. Seine Finger klammerten sich an die Arbeitsplatte, die ja inzwischen wieder stützend hinter ihm verweilte.

Lass dich nicht ins Bockshorn jagen, Frido!“, schwor er sich dabei ein und schaute den Alten wieder an.

„Herr Preuss, wir sind doch zwei erwachsene Menschen! Können wir nicht versuchen, ein bisschen besser miteinander auszukommen? Wenigstens für Dominik?“, sprach er zwar, aber es war eher ein Pressen. Ein Ankämpfen gegen die eigenen Kiefer, die sich aufeinander drückten, genauso angespannt wie sein restlicher Körper. Dieses Gespräch raubte ihm wirklich den letzten Nerv, aber er wollte nicht wieder als der peinliche Idiot daraus hervorgehen, der irgendeinen bescheuerten Abgang hinlegte. Bis hierhin war er gekommen, also brach er jetzt nicht plötzlich ab! Und irgendwann mussten diesem Kerl doch die dummen Sprüche ausgehen, oder nicht?

„Ach, damit ich Ihnen helfe, meinen Sohn zu bescheißen, wenn Sie mal wieder einen Vorwand suchen?“

Genug war genug. Frido schaute ihn einen Augenblick schweigend an, dann haute er die flachen Hände auf den Küchentisch. Er war so gefangen in dieser Situation, dass ihm gar nicht in den Sinn kam, dass er sie auch einfach verlassen konnte.

„Nein, verdammt, darum gehts doch gar nicht! Ich hab ihn angeschwindelt, um ihn zu überraschen und nicht um ihn zu verarschen!“, brach es nun doch aus ihm heraus, als er dieses Gefühl spürte, das ihm die Kehle zuzog. Er hatte dieses verfluchte Gespräch doch nicht so lange vor sich hergeschoben, damit es nun so endete! Er wünschte sich doch bloß eins!

„Ich bin kein Arschloch! Ich bin einfach nur hier, weil ich um Dominiks Hand anhalten will, verflucht!“

Und plötzlich wars raus. Ohne Umschweife, einfach direkt in die Fresse rein. Aber während der Alte ihn ungerührt anschaute, war Frido es, der plötzlich anfing zu zittern. Sein Herz schlug ihm bis zum Halse, während sein Kopf versuchte zu verstehen, was hier gerade passiert war. Er schluckte gegen die aufkommende Trockenheit in seinem Mund an und seine Wangen begannen zu brennen. Nein, so sollte es doch nicht laufen!

„Ich… wollte nicht schreien. Tut mir leid…“, glich seine Stimme jetzt einem Flüstern, aber damit konnte er es nicht mehr ungeschehen machen. Und endlich trat auch dieser leichte Hohn in das Gesicht seines Gegenübers, auf den er nahezu gewartet hatte. Das dezente Schmälern der Augen, einen Mundwinkel angehoben – kaum sichtbar und bei genauem Hinsehen doch gut erkennbar. Frido war klar, dass er in diesem Moment wohl genauso erbärmlich aussah, wie er sich gerade fühlte. Und jetzt schnaubte der Alte auch noch belustigt.

„Aha und Sie tragen dann das Hochzeitskleidchen?“, spöttelte er, während er sich vom Kühlschrank abstieß und langsam um den Tisch herumging, auf Frido zu, an ihm vorbei und zu einem der Schränke auf der Fensterseite. Aber der Dozent harrte aus. Er schloss nur langsam die Augen, versuchte weiter zu atmen. Tief, gleichmäßig – so tief und gleichmäßig es eben ging.

„Nein, ich geh mal davon aus, dass wir beide einen Anzug tragen werden…“, murmelte er heiser und räusperte sich. War das wirklich alles, was der Alte dazu zu sagen hatte? Ein blöder Witz und mehr nicht? Also sprach Frido die erste der beiden Fragen auch aus, während neben ihm Besteck und ein Teller hervorgekramt wurde. Gut, dass ihm inzwischen so flau geworden war, dass es seinen Magen nicht mehr störte, als Hinrich Preuss nun fast schon beschwingten Schrittes zum Kühlschrank zurück schlenderte.

„Doch, ich frag mich grad, was Sie machen, wenn ich ablehne. Lassen Sie dann die Finger von meinem Sohn und verschwinden aus seinem Leben?“, antwortete er dabei mit einer Gegenfrage, stellte den Teller neben dem Kühlschrank ab und öffnete dessen Tür. Frido presste die Fingerkuppen aufs Holz des Küchentischs und schaute ihnen dabei zu, wie der Druck die Farbe aus ihnen entweichen ließ. Dachte der Alte etwa wirklich, dass er sich dann einfach so verpissen würde? Aus dem Zeitalter waren sie ja wohl raus!

„Nein, dann werden wir trotzdem heiraten. Aber ich hätte es schön gefunden, wenn Sie uns Ihren Segen geben würden“, flüsterte er und hörte, wie Hinrich Preuss irgendwas auf den Teller lud.

„Also ist das mit der Hochzeit schon längst beschlossene Sache oder wie? Ich dachte, Sie wollten ihn überraschen?“, konnte Frido wieder den Blick des Alten auf sich spüren, aber er wollte den Kopf nicht heben, um ihn zu erwidern. Wozu auch? Der Sack konnte doch so schonsehen, wie beschissen es seinem Gegenüber ging. Und noch mehr Genugtuung musste er ihm nun wirklich nicht verschaffen.

„Wenn Sie es genau wissen wollen: Wir haben über das Thema gesprochen, aber es gab noch keinen offiziellen Antrag von mir und er weiß auch nichts davon, dass ich heute hier bin“, murmelte er also nur und fragte sich gleichzeitig, warum er das überhaupt erzählte. Es war doch eh egal! Und er dieses Katz- und Mausspiel langsam wirklich leid!

Also richtete er sich auf, straffte die Schultern, so gut es ging und forderte sich selbst dazu auf, diesem Ekelpaket doch noch mal in die Augen zu schauen.

„Wie dem auch sei. Ich hab schon verstanden, Herr Preuss… Sorry, dass ich Sie belästigt hab!“, sagte er knapp und ließ nur ungern die Stuhllehne los, an der sich seine Hand gerade so vorzüglich festgekrallt hatte. Aber er konnte das Sitzmöbel ja schließlich nicht mitschleppen und die paar Meter das Grundstück runter würde er schon noch irgendwie hinter sich bringen! Danach konnte er sich immer noch in ein Häufchen Elend verwandeln… Aber Hinrich Preuss hatte natürlich andere Pläne!

„Nicht so schnell, Tiefflieger! Wir sind hier noch nicht fertig!“, ließ er Frido gerade einmal um den Tisch herumkommen und hielt warnend das Schmiermesser auf ihn gerichtet, ehe er sich dem Topf wieder zuwendete. Deckel drauf, zurück in den Kühlschrank und den gut gefüllten Teller in die Mikrowelle. Nun begleitete ein leises Surren ihre Unterhaltung.

„Also seh ich das jetzt richtig? Sie ziehen hier extra so ein Theater ab, anstatt ihm einfach den Ring an den Finger zu stecken?“, intensivierte sich auch bald wieder der intensive Duft des Gulaschs und Frido verfluchte sich dafür, dass er nicht einfach davon gerauscht war. Jetzt meldete sich auch noch sein Hunger… Mist! Aber er nickte nur, hob unwillig die Schultern und hoffte, dass sein Magen ruhig bliebe. Noch ein paar Minuten, dann gabs doch endlich den Riegel! Und schon wieder wurd ihm beim Gedanken an Dominiks liebevolle Geste die Kehle eng. Scheiße, verdammt!

„Und haben Sie wenigstens einen vernünftigen Ring für ihn?“, ließ der alte Preuss ihn natürlich nicht lange in seinen Überlegungen verweilen und das Pling der Mikrowelle begleitete dabei seine Worte. Er holte den Teller aber nicht sofort heraus, sondern wartete noch einen Moment. Schließlich war Frido jetzt ja erst mal wieder an der Reihe und der entschied, dass Gesten noch mehr sagten als bloße Worte.

„Natürlich hab ich den!“, zog er ein Schächtelchen aus seiner Hosentasche und haute es mit gewissem Trotz auf den Tisch. Später würde er ein neues kaufen…

„Ich schlepp das verdammte Ding seit Weihnachten mit mir rum! Ich hab einfach nur auf den passenden Moment gewartet, um mit Ihnen zu reden und dann…“

Fridos Mund klappte zu, als er erkannte, wie viel Schadenfreude sich auf das Gesicht des Alten legte. Sein Mundwinkel kroch immer höher.

Ja, komm Tiefflieger, reg dich noch ein bisschen mehr auf, du Idiot!“, stand es ihm ins Gesicht geschrieben. Und auch, wenn er sich äußerlich zwar zurück hielt, musste er sich innerlich gerade scheckig lachen.

„Und dann auf der Vernissage doch wieder den Schwanz eingezogen? Wolltest du das grad sagen?“, bohrte sich nicht mehr nur der köstliche Duft in Fridos Magen und die gerade aufkommende Wut in ihm machte Platz für ein Stutzen. Moment mal…

„Wie kommen Sie ausgerechnet auf die Vernissage?“, glich seine Stimme einem Murmeln, während sein Kopf den Gedanken hinfort schreien wollte, der sich ihm allmählich aufdrängte – und alles unter dem zunehmenden Grinsen des Alten.

„Ich bin ja vielleicht kein Studierter, aber ich hab Augen im Kopf. Und im Gegensatz zu meiner Frau hab ich genau gesehen, wie du dich Freitag erst mit der Schachtel in der Ecke vom Catering rumgedrückt hast, ehe es dann todesmutig zu Rosanna ging!“, nickte er zu besagtem Kästchen und schaute dann wieder Frido an, der langsam den Blick gen Tisch sinken ließ, während er sich an den genannten Moment zurückerinnerte.

Das kurze Zurückziehen, mit einem Blick auf den Ring noch einmal Mut sammeln und dann im Gespräch die Erkenntnis, dass er sich gerade bei der Falschen den lang geplanten Vorstoß wagen wollte, sodass er das Unterfangen dann doch wieder abgebrochen hatte.

„Dann… wussten Sie die ganze Zeit, warum ich hier bin?“, flüsterte er und musste sich am Stuhl festklammern, während ihm ein amüsiertes „Natürlich!“ ins Ohr kroch. Ein kurzes Auflachen unter dem Klacken der Mirkowellentür.

„Das war… die ganze Zeit nur Schikane?“, murmelte Frido, während sich nach wenigen Schritten der Teller in sein Sichtfeld schob und er den Blick über den Arm wandern ließ, der da dran hing. Alles nur, um ihn vorzuführen?

Er wurde angegrinst. Nicht auffällig, groß und mit gebleckten Zähnen, sondern einfach nur mit voller Zufriedenheit über das gelungene Schauspiel. Ein leichtes Heben der Mundwinkel, mehr nicht. Ganz gleich, wie Frido innerlich unter dieser Erkenntnis zusammenbrach. Ganz im Gegenteil! Natürlich reichte es noch immer nicht! Er musste scheinbar erst voll und ganz am Boden liegen!

„Ach und nur damit das klar ist: Was du meiner Haustür da vorhin so großspurig versprochen hast, will ich dir übrigens auch geraten haben! Sonst kriegst du wirklich eins mit der Rohrzange, wenn du meinem Jungen das Herz brichst, verstanden?“, richtete der Alte sich wieder auf, war eigentlich kleiner als Frido und schaute nun doch mit Leichtigkeit auf ihn herab – alles unterstrichen von Fridos fassungslosem Starren. Erst starrte er den Alten an, dann dessen Hand, als sie sich hob und Frido bemerkte, dass er ihm etwas entgegenstreckte. Messer und Gabel. Der Dozent blinzelte und schaute wieder in dieses Gesicht, das nun allmählich Züge von Langeweile annahm.

„Hab ich doch richtig verstanden, dass du den halben Tag noch nix gegessen hast, oder?“, musterte Hinrich Preuss den Dozenten, der nur mit einem leichten Nicken antwortete und all seine Kraft aufbringen musste, um die Hand von der Rückenlehne des Stuhls zu lösen. Seine Finger zitterten wie Espenlaub und er hatte Mühe, das Besteck nicht fallen zu lassen, als er es entgegen nahm und Hinrich Preuss unter seinem ungläubigen Blick zur Küchentür ging. Da jagten so viele Fragen und Gedanken durch Fridos Kopf, dass er gar nicht wusste, welche davon er zuerst greifen sollte. Und gleichzeitig fand er nicht die Ruhe, um sie sortieren zu können.

„Los jetzt! Pflanz dich da hin und iss endlich! Du siehst beschissen aus und ich hab keine Lust dem Kurzen zu erklären, dass du hier aus den Latschen gekippt bist!“, schnodderte der Alte nämlich schon wieder und wartete mit dem Öffnen der Tür, bis Frido sich endlich aus seiner Starre löste und den Stuhl vom Tisch weg zog. Für einige Augenblicke konnte er einfach nur noch gehorchen. Eine Hand weiter an der Rückenlehne, die andere auf die Tischplatte gestützt, brachte er sich stockend in Position und ließ sich dann schwer wie ein Stein auf die Sitzfläche sinken. Er war noch immer furchtbar angespannt und hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Aus der Ferne krochen weitere Worte an ihn heran. Irgendein Gruß, irgendein Land… Er drehte den Kopf und schaute zu Hinrich Preuss, der im gleichen Moment die Tür aufstieß.

„Rosanna! Komm mal her! Besuch für dich!“, brüllte er in den Flur und ließ von der Tür ab, aber in Frido manifestierte sich nur eine Frage.

„Haben Sie gerade Landers gesagt?“, zweifelte er nun völlig an seinem Verstand, während der Klang des Fernsehers lauter und Sekunden später wieder leiser wurde.

„Was hast du gesagt?“, fragte Rosanna bereits im Flur. Sie schien kurz stehen geblieben, um sich zu orientieren, woher der Ausruf gekommen war. Ihr Hinrich aber trug unterdessen wieder dieses leichte Schmunzeln auf dem Gesicht.

„So hieß der Schleimscheißer auf der Eröffnung doch, oder nicht?“, bekam erst Frido seine Antwort, ehe er sich mit einem „Komm mal in die Küche. Du hast Besuch!“ an seine Frau wendete. Und auch, wenn Frido den überraschten Ausruf über sein Erscheinen hörte und irgendwo weit weg mitbekam, wie sie auf ihn zulief, hallte in seinem Kopf gerade nur ein ganz bestimmter Gedanke wider.

16.3.2025: Frühlingsgefühl

Was hast du getan?!“, kroch es ihm durch die Eingeweide, während er den Kopf gedankenverloren zum Tisch drehte. Ihm wurde heiß, der Schweiß brach ihm aus jeder Pore und im nächsten Moment drehte sich sein Magen um, als er an den Abend der Vernissage zurückdachte.

Ja, er hatte sie kurz miteinander reden sehen, den Arzt und seinen Schwiegervater – sofern man das überhaupt so betiteln konnte! Vor einem der Bilder aufgestellt, Hinrich gewohnt abweisend, während Ernest an ihn herangetreten war. Ein paar kurze Worte, die nicht einmal als Smalltalk durchgegangen wären. Einseitig, knapp bemessen und so ins Leere führend, dass der Arzt schnell wieder von dannen gezogen war. Kurzum: Einfach abgeblitzt! Zumindest hatte Frido das zu dem Zeitpunkt noch gedacht und sich nicht weiter darum gekümmert. Aber jetzt? Jetzt wich ihm jegliche Farbe aus dem Gesicht, als ihm das mögliche Ausmaß dieser knappen Worte bewusst wurde.

Du kriegst eins mit der Rohrzange, wenn du meinem Jungen das Herz brichst!“, schlichen die Worte, die er eben erst gehört hatte, zurück in seine Erinnerung. Und wieder fragte er sich, was zum Henker Ernest seinem zukünftigen Schwiegervater gesagt haben musste. Was konnte so schlimm gewesen sein, dass er Frido derart in die Mangel genommen und mit so einem Versprechen zurückgelassen hatte?!

Sein Atem stockte und einen Schlag lang schien sein Herz auszusetzen. Das Auslandssemester! Hatte der Arzt allen Ernstes ausgerechnet das an Hinrich Preuss weitergetragen?!

Frido stierte vor sich hin und spürte, wie sich die Angst in seine Kehle schob. Er hörte Stimmen neben sich, aber die Frage, warum Ernest das getan haben könnte, hallte viel zu laut in seinem Kopf. Ja, musste Frido zugeben, er hatte sich damals auch bei Ernest und Klara eingemischt – aber doch nicht auf so eine Art! Und der Arzt hatte ihm hinterher sogar dafür gedankt!

Er spürte eine Berührung am Arm und fuhr im gleichen Moment zusammen, in dem er auch den Kopf zur Seite ruckte und auf das Gesicht schaute, das ihn so sorgenvoll betrachtete. Erst jetzt ließ er den Atem wieder raus, den er die ganze Zeit über angehalten hatte. Es war ihm gar nicht aufgefallen. Genauso wenig, wie er bemerkt hatte, dass Rosanna neben ihm in die Hocke gegangen war.

„Frido? Hörst du mich?“, fragte sie ängstlich und ihrem drängenden Tonfall nach zu urteilen wohl auch nicht zum ersten Mal. Er nickte, schaute auf ihre Hand, die sich nun vorsichtig fester auf seinen Arm legte, in ihr aufmerksames Gesicht, das noch immer unsicher schien, ob er sie wirklich verstanden hatte und dann zu Hinrich, der neben seiner Frau stand. Fast schon thronte. Herrschaftlich. Bei ihm lag keinerlei Sorge auf den Zügen, nur…

„Meine Güte, du siehst ja furchtbar aus!“, brach Fridos Gedankengang ab und er schaute Rosanna wieder an. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, sie drehte sich zu ihrem Mann um.

„Was hast du mit ihm gemacht?“, hielt sie dabei die ganze Zeit über ihre Hand auf Fridos Oberarm und er konnte sie bei Hinrichs Antwort zucken spüren. Nur ganz leicht, aber es war da.

„Gar nichts. Hab ihm Essen angeboten, siehst du doch“, hob der Alte gleichgültig die Schultern. So gleichgültig, wie er schon die ganze Zeit da gestanden hatte.

Rosanna aber wollte diese Antwort wohl nicht gelten lassen und zeigte eine Unnachgiebigkeit, die Frido bei ihr vorher so noch nie erlebt hatte.

„Hinrich, du hast gesagt, er ist wegen dem Antrag hier und jetzt sitzt er völlig verstört am Küchentisch. Also? Was hast du mit ihm angestellt? Ich hab dir gesagt, du sollst ihn nicht immer so Triezen!“, sprach sie zwar weiterhin ruhig, aber sie schien trotzdem ernsthaft verärgert – und so gar nicht über den Antrag verwundert? Frido presste die Lippen aufeinander. Dann wusste also die ganze Familie längst Bescheid und er hatte sich noch mehr zum Deppen gemacht, als ohnehin schon? Er fühlte sich jetzt noch mieser, während der Alte unbeteiligt darüber hinweg ging.

„Rosanna, das ist ein erwachsener Mann. Der wird sich ja wohl selber verteidigen können. Und wenn nicht, dann wirds dringend Zeit, dass ers lernt!“, verzog er angewidert den Mund und rümpfte die Nase, ehe er Frido den Rücken zudrehte und sich am Schrank zu schaffen machte. Seine Frau schüttelte den Kopf. Sie schob die Hand nun auf Fridos Rücken, legte ihm die andere auf den Unterarm.

„Nun hör aber auf! Ich weiß doch, wie du ihn immer aufs Korn nimmst! Irgendwann ist aber auch mal gut… Du warst damals doch selbst ganz nervös, als wir unseren Eltern von unseren Hochzeitsplänen erzählt haben. Und zumindest mein Vati war immer nett zu dir. Also machs dem armen Frido nicht unnötig schwer! Dass er sich gut um Dominik kümmert, hast du doch längst gemerkt! Dein Sohn ist richtig aufgeblüht, seit die beiden… oh!“

Sie drehte sich erschrocken zu Frido, als ihre Hand plötzlich den Kontakt zu seinem Rücken verlor. Hochgestemmt hatte er sich. Abgestützt auf den Tisch, weil sein Körper noch immer zitterte, aber trotzdem nur mit einem Gedanken im Kopf, der in diesem Augenblick noch lauter als die anderen brüllte: Er musste hier raus!

„Ich… tut mir leid!“, glich seine Stimme einem Quäken, während er versuchte, zur Küchentür zu kommen und dabei fast über den Stuhl stolperte. Seine Beine gehorchten ihm kaum. Er taumelte, wankte, schaffte es irgendwie aus der Haustür. Die Stufen erkannte er bereits nur noch verschwommen, aber bevor er auf ihnen vollends das Gleichgewicht verlieren konnte, wurde er am Arm gepackt. Ein fester Griff zog ihn nach hinten. Sein Hintern landete auf der Fußmatte. Nicht unbedingt weich und sanft, aber es war immer noch besser, als die beiden Stufen herunter zu poltern und dabei vielleicht mit der Nase zu stoppen. Aber es war zu spät. Frido konnte die Tränen nicht mehr unterdrücken. Erst die lange Fahrt, dann die Auseinandersetzung mit Hinrich Preuss, die Fürsorge seiner Frau, zärtlich wie Dominiks und trotzdem anders… es war einfach zu viel gewesen. Und jetzt saß er hier vor der Haustür seiner künftigen Schwiegereltern, heulte wie ein Schlosshund und konnte trotzdem nicht damit aufhören, egal, wie erniedrigt er sich dabei fühlte. Ausgerechnet Hinrich Preuss musste nun neben ihm stehen und ihm dabei zugucken! Und war dabei so gehässig wie eh und je…

„Ich hoff, du hast was daraus gelernt!“, schob sich seine Stimme zwischen Fridos Schluchzen und als der den Kopf zu ihm hob, konnte er sehen, wie Hinrich seine Frau mit einer Geste davon abhielt, sich einzumischen. An schaute er sie dabei nicht, sondern hielt den Blick nur auf Frido gerichtet, dem das Unverständnis schon am Gesicht anzusehen war, während Hicksen und Schluchzen seine Worte lähmte.

„Wenn du was mit mir besprechen willst, dann laber nicht erst den halben Tag um den heißen Brei rum, sondern komm direkt auf den Punkt! Und mach das auch nicht erst eine halbe Ewigkeit später, sondern sofort!“, ließ er die Hand, die Rosanna gerade zurückgehalten hatte, sinken, während die andere in seiner Hosentasche ruhte. Er trat zwei Schritte um Frido herum, so, dass er nur die Augen, aber nicht den Kopf bewegen musste, wenn er den Blick zwischen Frido und Rosanna tauschen wollte.

„Und wenn du was zu sagen hast, dann machst du das gefälligst selber! Anstatt dich hinter meiner Frau oder meinem Sohn zu verkriechen oder diesen Landers vorzuschicken! Haben wir uns verstanden?“, beugte er sich Frido leicht entgegen, kritisch, eisern und offensichtlich nur mit einem Ja als Antwort einverstanden. Aber Frido schüttelte den Kopf. Er zog die Augenbrauen zusammen und seine Schultern zuckten nicht nur von den Nachwehen des Bebens, das seinen Körper gerade so mit sich gerissen hatte.

„Ich… ich hab ihn nicht vorgeschickt! Ich weiß ja nicht mal, was er zu Ihnen gesagt hat!“, stotterte er und versuchte seine Atmung zu beruhigen, während Hinrich Preuss ihn einen Moment lang ungerührt anschaute. Er schien zu überlegen, was er von dieser Antwort halten sollte.

„Du wusstest das nicht?“, wirkte er ungläubig und runzelte die Stirn, als Frido eilig den Kopf schüttelte.

„Nein! Ich will doch Dominik heiraten und nicht Ernest! Warum sollte ich dann…?“, hatte er noch immer Schwierigkeiten, einen geraden Satz zu bilden und jetzt begann der Alte auch noch zu Lamentieren, wie er das finden würde, wenn ein Freund hinter seinem Rücken so was abziehen würde und…

„Herr Preuss!“, unterbrach Frido ihn „Was hat Ernest gesagt, dass Sie mich deswegen so durch die Mangel drehen?!“.

Er musste endlich wissen, in welche Lage der Arzt in manövriert hatte! Der Alte aber zog erst einmal Luft durch die Nase ein und richtete sich dabei genüsslich wieder auf. Oh Gott, nicht schon wieder dieses Hinhalten…

„Ich kann zwar leider nicht so geschwollen daher quaken, wie er, aber runtergebrochen hat er in etwa so was gesagt wie, dass ich dich freundlicher behandeln soll, weil du eh bald mein Schwiegersohn bist und sogar „nach altem Brauch“ um Dominiks Hand anhalten willst. Und dass es nett wäre, wenn ichs dir dann ein bisschen einfacher mache, weil dir deswegen wohl schon seit nem Jahr der Arsch auf Grundeis geht, du Pfeife!“, antwortete er, hatte das mit der Pfeife wahrscheinlich aus künstlerischer Freiheit hinzugedichtet und schob auch die andere Hand in die Hosentasche. Er schaute gelangweilt auf Frido, der das Gehörte auf sich wirken ließ und dessen Gesichtsausdruck dabei zunehmend entgleiste.

„D… das ist alles?“, brachte er schließlich hervor, nachdem sein Blick kreuz und quer durch die Gegend gesprungen war und sich wieder an Hinrich Preuss heftete, der nur mit einem Schulterzucken auf die Frage reagierte.

„Sie… die ganze Schikane vorhin nur, weil Ernest Sie gebeten hat, ein bisschen netter zu mir zu sein?!“, sank Frido in völliger Fassungslosigkeit in sich zusammen und starrte unter den Worten des Alten wieder vor sich hin.

„Wie gesagt, ich kanns nicht leiden, wenn man seinen Scheiß nicht selber regelt“.

Frido atmete ein und wieder aus. Er schüttelte leicht den Kopf, runzelte die Stirn, versuchte zu verarbeiten. Das alles war einfach nur eine Lektion gewesen? Mehr nicht? Das Resultat einer kleinen Bitte? Der Kerl war doch absolut irre! Noch schlimmer als ein Ernest, den er oft schon für absolut perfide und hinterf… listig gehalten hatte!

„Wollt ihr nicht endlich wieder rein kommen? Das müsst ihr doch nicht vor der Haustür besprechen…“, hörte er da allerdings Rosanna hinter sich. Am liebsten hätte er geschrien, dass sie fliehen sollte, ehe dieser Wahnsinn noch auf sie überschwappte… Aber dann würde das wohl nicht erst nach über dreißig Jahren gemeinsamen Weges der Fall, oder?

Er nickte also leicht, wollte sich abstützen, um aufzustehen und schaute überrascht hoch, als sich plötzlich eine Hand in sein Sichtfeld schob. Nicht zart und lieblich, sondern breit und mit zwei Schrammen von irgendeiner Baustelle versehen.

„Tja, wie gesagt, Frido, ich hoffe, du hast was draus gelernt. Komm nächstes Mal also sofort zu mir, wenn was ist und erspar dir unnötigen Ärger! Verstanden?“, schaute der Alte ihn ruhig, aber auch auffordernd an, während der Angesprochene angestrengt nach einer Antwort suchte.

Frido? Nicht Tiefflieger?“, ging es ihm dabei aber im Kopf herum und ihm wurde klar, dass das nur eins bedeuten konnte: Irgendeine Nettigkeit würde in den nächsten Sekunden noch folgen! Also würde er es dieses Mal einfach aussitzen, aber er bekam nur ein „Was ist jetzt?“ mit eindeutigem Blick zu hören, als er auch damit wartete, die dargebotene Geste anzunehmen. Zögerlich hob sich Fridos Hand, während seine andere bereit war, ihn wieder aufzufangen. Garantiert würde der Alte ihn fallen lassen, oder? Doch kaum berührten Fridos Finger dessen schwielige Hand, packte er ihn und zog ihn mit einem beherzten Griff auf die Füße. Ein leises Schnauben verriet zwar die Anstrengung dahinter, aber ansonsten tat er es mit so einer Leichtigkeit, als würde er den ganzen Tag über nichts anderes machen.

„Wenigstens n fester Händedruck“, attestierte er obendrein, nachdem Frido sich bei der Hauruck-Aktion reflexartig an ihn geklammert hatte und nun mit einem eiligen „Äh… Danke!“ wieder auf Distanz ging. Und nun? Unsicher schaute er zwischen dem Hausherrn und seiner Gattin hin und her. Noch mal reinkommen oder Schuhe schnappen und weg? Rosanna aber trat lächelnd und einladend beiseite und da traf ihn auch schon Hinrichs Hand zwischen den Schulterblättern.

„Wartest du auf besser Wetter? Jetzt sieh zu, dass du dir was unter die Nase schiebst!“, bugsierte er seinen Gast zielstrebig zurück in den Flur und überließ es dann seiner Frau, ihn zurück zum Tisch zu führen. Er hatte schließlich auch noch was Besseres zu tun, als Frido das Händchen zu halten!

„Ist… das auch wirklich in Ordnung? Ich kann auch gehen…?“, murmelte der Dozent allerdings, während hinter ihm die Haustür geschlossen wurde und er Rosannas Hand am Arm spürte.

„Und fährst dann am besten auch noch mit dem Auto?“, fragte sie belustigt und schüttelte den Kopf.

„Kommt gar nicht infrage. Setz dich, iss was und… ach, komm“, ließ sie von ihm ab, als er den Tisch erreicht hatte und ging zu einem der Schränke hinüber, während er sich langsam zurück auf den Stuhl sinken ließ. Was für ein Irrsinn … Da würde sein Kopf wohl noch ein Weilchen zum Verarbeiten brauchen! Und schon spazierte der Wahnsinn auf zwei Beinen hinter ihm durch die Tür.

„Und zieh endlich mal die Jacke aus! Wir sind hier schließlich nicht auf der Flucht!“, schenkte er Frido wie immer einen liebevollen Blick und hob die Augenbrauen, als seine Rosanna plötzlich mit einem Gläschen und einer Flasche zurückkehrte. Diese auffällig dunkle Farbe kam Frido doch irgendwie bekannt vor…

„Hier, nimm einen Schluck zur Beruhigung“, landete das Gläschen auf dem Tisch und noch während er abwehrend die Hände hob, wurde es mit der süßlich herben Note befüllt. Oma Trudels Walnusslikör….

„Na komm, du zitterst doch immer noch“, schob Rosanna ihm das Gläschen hinüber, lächelnd, aufmunternd und Frido fiel in einen Zwiespalt. Sein Kopf sagte: „Du musst noch fahren!“, aber seine Hand sagte: „Rein damit!“. Und schon war das Gläschen geleert.

Leicht verzog er das Gesicht. Zuckrig schlich es sich seine Kehle hinunter, warm breitete es sich in seinem Bauch aus. Wohlige Erinnerungen an Weihnachten kehrten zurück und dazu gesellten sich Rosannas sanften Berührungen, als sie ihm noch einmal über den Rücken strich. Versuchte sie vielleicht auch ein wenig von dem Trost wiedergutzumachen, der bei Dominik manchmal gefehlt hatte? Oder hatte er als Jugendlicher einfach so in seiner eigenen Welt festgesteckt, dass ihm diese Gesten gar nicht aufgefallen waren? Genau, wie auch die nächste.

„Ist das Essen überhaupt noch warm?“, erkundigte Rosanna sich und schob den Teller, schwuppdiwupp, noch mal zurück in die Mirkowelle, ehe Frido überhaupt einen richtigen Bissen getan hatte. Obendrein holte sie noch ein größeres Glas, befüllte es mit Wasser und stellte es Frido hin – alles unter dem schweigsamen Blick ihres Mannes, der wieder seine Position am Kühlschrank eingenommen hatte. Hände dieses Mal in den Hosentaschen, gleicher unbeteiligter Blick.

Erneut das Pling der Mikrowelle, erneut schob sich der Teller vor Fridos Nase. Köstlich, dampfend – ihm floss das Wasser im Mund zusammen.

„Danke…“, zögerte er trotzdem noch einen kurzen Moment und griff dann doch zur Gabel. Was für eine Wohltat! Der Geschmack war anders als die Kochkünste seiner Mutter, aber trotzdem fand er das Gulasch köstlich. Und natürlich streichelte es ihm nicht nur den leeren Magen, sondern auch die Seele!

„Mhh…!“, unterstrich ein Nicken, wie gut es ihm schmeckte! Und der Köchin entlockte er damit ein leises Kichern, während sie sich neben ihn setzte – er vor Kopf, sie an der langen Seite des Tischs. Sie schaute ihm ein bisschen zu, sah, wie er sich beruhigte, zwar noch immer erschöpft und etwas durcheinander war, aber auch zunehmend zu sich kam, anstatt nur ein Schatten seiner selbst zu sein. Immer wieder atmete er tief durch, als würde ihm dabei Stück für Stück ein Steinchen von den Schultern rinnen und so allmählich den großen Klumpen, gegen den sie die ganze Zeit über ankämpften, verschwinden lassen.

„Ist das der Ring für ihn?“, fragte Rosanna dann schließlich mit einem Nicken zu der Schachtel vor Frido und lächelte, als der Angesprochene ertappt den Blick vom Teller zu ihr hob. Er hielt sich die Hand vor den Mund, schluckte hastig und kniff die Augen zusammen, als sich natürlich ein Krümel in die falsche Röhre verirrte. Klapse auf seinen Rücken von Frau Preuss, Kopfschütteln über den Dozenten von Herrn Preuss.

„Immer mit der Ruhe…“, sprach Rosanna ihm zu und hob fragend die Augenbrauen, als Fridos Husten zu einem Räuspern wurde. Gings wieder? Er nickte abermals und nahm einen Schluck Wasser gegen das restliche Kitzeln im Hals.

„´Tschuldigung…“, räusperte er sich erneut und schaute erst Rosanna, dann ihren Göttergatten an, während er sich straffte und mit den vom Husten noch geröteten Augen dennoch so aussah, als würden ihm im nächsten Moment wieder die Tränen kommen.

„Ich hab Sie ja noch gar nicht richtig gefragt!“, fiel es ihm beschämt auf und er schloss endlich das ab, was er sich vorher so mühsam erkämpft hatte: Die offizielle Frage, ob Dominiks Eltern mit seinen Plänen für ihren Sohn einverstanden war.

„Ich würd mich freuen, wenn Sie… ihr… also ich würde mich sehr über das Einverständnis freuen“, versuchte er dabei auch das nächste Fettnäpfchen zu umgehen. Schließlich war es zwischen ihm und Rosanna längst zur Gewohnheit geworden, dass sie sich duzten, nur Hinrich… tja. Kein Wunder, dass Frido vor allem erst mal seine künftige Schwiegermutter anschaute und auf ihre Reaktion gespannt war, oder? Und die fiel mit einem leisen Lachen aus.

Was für eine Frage!“, schien sie damit zu sagen, während sie aufstand und Frido umarmte. Wieder spürte er ihre Hände auf Rücken und Schulter, während ihre seidigen Haare ihm die Wange streichelten. Auch dabei war sie ihrem Sohn in gewisser Weise so ähnlich und dann doch wieder ganz anders als er. Und trotzdem atmete Frido erleichtert aus, schloss sogar kurz die Augen, ehe er sie erwartungsvoll auf Hinrich richtete, als auch seine Frau es tat. Der machte allerdings keine Anstalten auf die Beiden zuzugehen, sondern zuckte nur die Schultern, während er an Ort und Stelle verharrte.

„Ist doch schon beschlossene Sache, oder nicht?“, murrte er dabei und verdrehte die Augen, als es ein tadelndes „Hinrich…“ von seiner Frau gab. Manchmal schien sie ihn wirklich sehr an ihre Mutter zu erinnern…

„Ja, ja! Sonst hätte ich den Tiefflieger eh längst an die frische Luft gesetzt, oder nicht?!“, gab er auf also auf seine liebenswürdige Art preis, dass er Frido wohl doch nicht ganz so furchtbar doof fand, wie er gerne tat und unterstrich seine Worte dann noch mit einer wegwerfenden Handbewegung. Danach wurde erst einmal der Kühlschrank ins Visier genommen. Tür auf und angestrengt Nachschauen, was sich darin so alles verbarg. Hauptsache, er hatte seine Ruhe von dem Thema, das für Rosanna jetzt erst so richtig begann.

„Darf ich ihn mal sehen?“, nahm sie wieder Platz, nachdem sie Frido noch einmal aufmunternd die Schulter getätschelt hatte und betrachtete den Ring, kaum, dass ihr Schwiegersohn sich mit einem Nicken einverstanden zeigte.

„Ja!… Natürlich!“, kam es etwas verspätet, als bereits die Schachtel aufklappte und das gute Stück zum Vorschein kam. Und noch einmal ging ihm die Pumpe dabei. Wie das Urteil von Dominiks Mutter wohl ausfiel? Vorsichtig, fast so, als wäre der Ring aus Glas, nahm sie ihn heraus, beschaute das Weißgold, das von beiden Seiten schmal von Gelbgold eingefasst war. Der Ring war breiter als ihr eigener, aber wirkte trotzdem nicht zu klobig. Darin die Gravur mit den Namen der beiden Liebenden und dem Datum ihres ersten Dates.

„Schau mal…“, lehnte Rosanna sich etwas zurück und hielt den Ring so, dass auch ihr Mann ihn betrachten konnte. Na ja, im Kühlschrank hatte er eh nichts gefunden, also konnte er sich den Klunker auch mal zu Gemüte führen. Arme schnell wieder vor der Brust verschränkt, kritischer Blick…

„Hm“, trat er hinter seine Frau und schaute ihr über die Schulter.

„Sieht vernünftig aus!“

Na ja, gut, das Urteil hätte vermutlich auch schlimmer ausfallen können, also tätschelte Rosanna ihrem Hinrich mit einem gutmütigen Schmunzeln die Seite, ehe sie sich wieder vorbeugte und den Ring zurück in die Schatulle steckte.

„Hat er ihn schon gesehen?“, fragte sie dabei und Frido schüttelte den Kopf.

„Nein, den wollte ich ihm erst beim Antrag zeigen“, gestand er „Meinst du, er gefällt ihm?“. Eigentlich war er sich bei der Auswahl vollends sicher gewesen, aber nach so einem Tag konnten einen auch mal die Zweifel befallen. Doch im Gegensatz zu Hinrich, der sich wieder in Schweigen hüllte, antwortete Rosanna ohne viel Federlesen, dass Frido voll ins Schwarze getroffen habe. Ja, der Ring würde Dominiks Geschmack treffen, war sie der Meinung und lächelte, als Frido erleichtert das kleine Schächtelchen wieder an sich nahm.

„Wann willst du ihn fragen?“, packte sie die Neugierde und sie wollte so viel wie möglich über den geplanten Antrag erfahren, aber auch über alles, was noch damit zusammenhing. Gespannt lauschte sie Fridos Plänen, die er mit geröteten Wangen preisgab und immer auch mit einem scheuen Blick zu Hinrich, wenn er erzählte, was er sich dabei gedacht hatte. Er ging darauf ein, warum der Ring ausfiel, wie er ausfiel, gab zu, dass er Dominik genau genommen schon einmal fast einen Antrag gemacht hatte und berichtete, warum es ihm so wichtig gewesen war, trotzdem erst mit Dominiks Eltern zu sprechen. Rosannas Nachfragen gaben ihm dabei wiederum die Zeit, in kleinen Etappen seinen Teller vollends zu leeren, ehe sie ihr Gespräch von der Küche ins Wohnzimmer verlegten. Denn das Gehörte machte auch Fridos künftigen Schwiegereltern Lust, ein bisschen von ihrer eigenen Hochzeit zu erzählen – oder besser gesagt: Hinrich saß schweigend dabei, während seine Frau sich an ihn schmiegte und derweil in Erinnerungen schwelgte. Ein bisschen rührselig war es, dann wurde gelacht. Vieles war auf ihrer Hochzeit damals wie geplant gelaufen, manches natürlich nicht, aber trotzdem hatten sie die ganze Zeit über ihre Frühlingsgefühle begleitet.

„Und wie gut du in deinem Anzug ausgesehen hast!“, lobte sie ihren Mann zwischendurch.

„Richtig adrett meinte Mutti damals!“, tätschelte Rosanna ihrem Mann die Brust und er drehte den Kopf in Richtung Fenster. Ein leichtes Zucken bewegte seiner Mundwinkel, aber eigentlich war er gar nicht anwesend und wusste auch nicht, warum seine Frau jetzt auflachte – oder warum er von schräg gegenüber so angegrinst wurde! Na ja, nichts, was ein Hinrich Preuss nicht sicherlich noch irgendwie geregelt bekäme…

17.3.2025: avisieren

Neben vielen anderen schönen Sachen, die das Teilen eines Bettes mit sich brachte, war Frido unter anderem dieser Punkt bereits von Anfang an positiv aufgefallen: Dominik schnarchte nicht. Zumindest nicht im Normalfall und vor allem nicht in seiner üblichen Pose, die eine Mischung aus Seiten- und Bauchschläfer darstellte. Es war herrlich, wie ruhig der Lockenkopf neben ihm liegen konnte und nur dann und wann ein bisschen im Schlaf murmelte. Aber das fand der Dozent ja sogar ganz putzig – und hatte seinerseits erfreut zur Kenntnis genommen, dass es sich auch neben ihm ebenfalls ganz wunderbar schlummern ließ. Mit zwei kleinen Ausnahmen: Wenn eine Erkältung ihn übermannt hatte oder wenn er…

Geweckt vom eigenen Schnarchen ruckte Fridos Kopf unwillig zur Seite und schon im Halbschlaf wurde ihm bewusst: Er hatte einen großen Fehler begangen. Dieses Ziehen und Stechen hinter den Schläfen und der Stirn, das Dröhnen im restlichen Schädel. Definitiv keine Frühlingsgefühle!

Er kniff mit unwilligem Brummen die Augen zusammen, schmatzte gegen den pelzig abgestanden Geschmack auf seiner Zunge, den er doch eigentlich viel angenehmer in Erinnerung gehabt hatte. Scheiße, wieso fühlte er sich denn so elend? Und da schoss es ihn auch schon in den Kopf und er in die Senkrechte, nur, um im nächsten Augenblick wimmernd zusammenzusinken und sich den Denkapparat zu halten.

„Scheiße…“, hallte es jetzt nicht nur in seinem Oberstübchen, sondern schaffte auch den Weg hinaus in die Welt, während er Millimeter für Millimeter dafür kämpfte, irgendwie die Augen geöffnet zu bekommen. Und das nicht nur wegen des Wummerns zwischen den Ohren, sondern auch, weil er den Anblick, der ihn erwartete, eigentlich gar nicht sehen wollte.

„Nein, das hast du nicht getan…“, murmelte er zu sich selbst, um dann mit einem weiteren Wimmern die eine Hand sinken zu lassen, während die andere weiterhin seinen Kopf schützte. Das durfte doch nicht wahr sein!

„Scheiße…“, attestierte er sich noch einmal, während sein Blick schleppend über die Wohnzimmereinrichtung um ihn herum wanderte. Die Wanduhr war nicht seine, der Schrank auch nicht, die Fensterbank trug eine andere Farbe und Deko und vor allem hatte er keine Terrasse mit Garten – und erst recht nicht diese Couch, auf der er saß, oder den Tisch daneben.

„Das darf doch nicht wahr sein…“, war sein Kopf gerade zu nicht viel mehr, als diesem Gedankengang imstande, während Frido sich nach hinten fallen ließ – und es mit einem leisen Jaulen gleich wieder bereute. Langsame Bewegungen, du Idiot!

Und so lag er erst einmal eine Weilchen da und starrte aus halb geöffneten Lidern an die Decke mit cremefarbener Raufasertapete. Wenigstens konnte er sich noch an alles erinnern. Hoffte er zumindest!

Lange hatte er mit seinen Schwiegereltern noch im Wohnzimmer gesessen und geredet. Rosannas Erzählungen gelauscht, kleinen Anekdoten, die ihn wiederum zu eigenen Possen animiert hatten. So war es nach den vorangegangenen Torturen sogar noch ein richtig schöner Abend geworden! Locker, gemütlich und einem plötzlich überraschend gastfreundlichen Hinrich Preuss! Auf seine Art hatte er sich sogar richtig väterlich gezeigt. Frido umsorgt, ihm auch mal einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter gegeben – immer dann, wenn die Gelegenheit gerade günstig und Rosanna ein wenig abgelenkt gewesen war…

Irgendwo in Fridos Hirnwindungen hallte auch ein Gesprächsfetzen nach: Rosanna, der plötzlich aufgefallen war, wie sich in Fridos Redseligkeit zunehmend ein Lallen geschlichen hatte. Irritiert und auch ein bisschen besorgt hatte sie erst ihn angesprochen, ob alles in Ordnung sei und sich der Übeltäter dann selbst enttarnt. „Ach, der ist nur müde von der langen Fahrt!“, war seine Schadenfreude bei diesen beschwichtigenden Worten zu offensichtlich gewesen und schließlich hatte Rosanna sie auch endlich entdeckt: Die Flasche. Oder eher deren Leere.

Von ihr ja eigens vorher aus dem Küchenschrank gekramt, aber im Lauf des Abends nicht dorthin zurückgekehrt, sondern mit einigen anderen Getränken und Knabberzeug ins Wohnzimmer gewandert. Ja, sie hatte Frido noch ein Gläschen voll angeboten, sich auch selber eines genehmigt und bei ihrer Rückkehr waren auch Heiner und Martina noch kurz dazu gestoßen. Aber trotzdem war am Ende des Abends bei näherer Betrachtung doch ganz schön was aus der dunkel getünchten Flasche verschwunden gewesen – obwohl Rosanna ja selber wusste, dass sie sie Stunden zuvor selbst neu angebrochen und auch nicht derart viel ausgeschenkt hatte…

„Dieser Mistsack hat mich abgefüllt…“, fasste Frido die Situation nun also perfekt zusammen, als er noch einmal versuchte, ins Sitzen zu kommen. Vorsichtig rutschte er so, dass er die Füße auf den Boden bekam und den Körper gegen die Rückenlehne sinken lassen konnte. Ein bisschen schwummrig war ihm, aber es ging. Auch sein Magen war recht ruhig… Das Schlimmste waren wirklich die Kopfschmerzen.

Er rieb sich das Gesicht und schaute auf die Uhr: Schon nach neun. Alle ausgeflogen, Haus leer, er in seinem Elend allein. War auch besser so! Schließlich hatte er sich schon genug blamiert! Und auf wundersame Weise Hemd und Hose verloren, wie er gerade feststellte. Rosanna hatte doch nicht etwa…?! Nein. Frido seufzte aus. Dunkel konnte er sich wieder an diese plötzliche Müdigkeit erinnern und Hinrichs Stimme. Dazu der feste Griff, mit dem er den Dozenten auf die Couch verfrachtet hatte. Und war da nicht auch noch Heiner gewesen? Hoffentlich…

Er seufzte erneut, rieb sich noch einmal das Gesicht und wollte dann den Versuch wagen, auch aufzustehen. Doch plötzlich avisierte sich, dass er wohl nicht so alleine war, wie er gedacht hatte. Oder hatte er sich geirrt? Nein. Das leise Klopfen hinter ihm war tatsächlich eine Ankündigung gewesen, ehe sich nun behutsam die Türklinke herunterdrückte und kurz darauf ein neugieriges Augenpaar erschien. Martina.

Erst hob sie fragend die Brauen, dann grinste sie und schob die Tür weiter auf.

„Guten Morgen. Hab ich ja doch richtig gehört, dass du nicht mehr schnarchst“, schlurfte sie auf Hausschlappen zu ihm hinüber, während Frido sie mit einem schiefen Grinsen begrüßte.

„Morgen…“, murmelte er, den Blick kurz auf ihre Hände gerichtet, die sanft ihren Bauch streichelten. Ach ja. Da war ja was gewesen: Mutterschutz. Hatte sie nicht kürzlich an Ostern erst Dominik und ihm von der Schwangerschaft erzählt?! Ostern… kurz vorm neuen Sommersemester – jetzt startete in ein paar Tagen schon wieder das neue Wintersemester… Scheiße, wie schnell die Zeit rannte! Und obendrein konnte er dann wohl doch nicht mehr ungesehen aus dem Haus und vielleicht sogar taktisch klug an sein Auto gelangen. Der Morgen wurde ja immer besser – und Martinas Grinsen immer breiter.

„Na, was macht der Brummschädel?“, stellte sie sich hinter die Couch, eine Hand auf die Rückenlehne gestützt, während die andere fortwährend ihren Bauch hielt.

„Tja, na ja…“, kratzte Frido sich verlegen den Hals und versuchte sein Grinsen überzeugender wirken zu lassen, während er leicht die Schultern zuckte und den Kopf wiegte. Martina lachte auf.

„In der Küche wartet schon ne Aspirin auf dich und zu essen gibts natürlich auch was“, zwinkerte sie ihm zu und lachte wieder, als er mit kurzem Nicken antwortete.

„Danke, das ist lieb“, murmelte Frido und seufzte, als Martina ihm den Rücken tätschelte.

„Der hat dir ordentlich was untergejubelt, oder?“, fand ihre Hand zurück zur Lehne, als Frido abermals nickte. Sehr erquickende Unterhaltung, aber wenigstens brachte er inzwischen mehr als Jaulen und Schimpfworte zustande…

„Immerhin hat er mich nicht in der Hundehütte pennen lassen“, versuchte er das Positive zu sehen und wieder einmal bewegte sich sein Kopf hoch und runter, als Martina daran erinnerte, dass es schon seit zig Jahren keinen Hund und daher auch längst nicht mehr die dazugehörige Hütte gab.

„Stimmt ja…“, murmelte er dabei und schob den Ausschnitt seines Shirts beiseite, um ans Schlüsselbein zu kommen. Auch da zwickte es ein wenig. Wohl die Nachwehen der gestrigen Schweißausbrüche – er musste dringend duschen! Aber noch dringender schob sich eine andere Frage in seine Überlegungen.

„Ähm… aus… meinen Klamotten hat er mich aber geschält und nicht Rosanna oder du… oder?“, drehte er den Kopf schüchtern wieder zu Martina und schaute sie beinahe flehend an.

„Sag mir bitte, dass ich mich nicht noch mehr blamiert hab!“

Erst schmunzelte sie, dann konnte sie ihn beruhigen.

„Keine Angst, Schwiegermama hat nur das Kissen und die Decke geholt. Den Rest haben die Männer erledigt!“, kicherte sie, während Frido seinen grauen Zellen dankte, dass sie sich noch richtig erinnert hatten. Wenigstens eine kleine Sorge weniger bei den vielen, die ihm ansonsten ja noch geblieben waren.

„Na, immerhin…“, legte er den Kopf in den Nacken, guckte dabei erst zu der Wand ihm gegenüber und dann wieder zu Martina. Aufmunternd schaute sie ihn an, aber auch ein wenig mitfühlend. Vielleicht konnte sie sich schon denken, was in ihm vor ging, auch, wenn er versuchte, es sich nicht zu sehr anmerken zu lassen. Und trotzdem…

„Der hasst mich, oder?“, konnte er sich diese Frage dann doch nicht verkneifen und spürte dieses Mal keine Erleichterung, sondern nur Zweifel, als Martina den Kopf schüttelte.

„Quatsch, der hasst dich nicht“, sagte sie zwar auch, aber überzeugen konnte sie Frido damit trotzdem nicht und das war ihm auch wohl anzusehen.

„Wenn er dich hassen würde, hätte er dich achtkantig rausgeschmissen und nicht dafür gesorgt, dass du sogar noch etwas länger als nötig in seinem Haus bleibst“, schaffte sie es dann aber sogar, ihn zum Lachen zu bringen, auch, wenn sicherlich ein Hauch Verzweiflung in diesem Ausruf mitschwang – und wieder jede Menge Kopfweh.

„Dann hat er aber eine komische Art, seine Zuneigung zu zeigen!“, rief Frido, rieb sich kurz die Birne und verschränkte anschließend die Arme vor der Brust, während auch Martina nicht um ein Kichern herumkam.

„Hey, ich hab nie gesagt, dass er nicht trotzdem auch ein Arsch ist!“, stellte sie schnell klar und grinste über Fridos heiter leidenden Gesichtsausdruck.

„Hat er dich auch schon mal so abgefüllt?“, war er jetzt ja mal gespannt, ob das wenigstens das übliche Vorgehen eines Hinrich Preuss im Umgang mit dessen Schwiegerkindern war, aber nein, natürlich bildete Frido die Ausnahme.

„Nein. Erstens weiß er, dass ich mich nicht so schnell unter den Tisch saufen lassen und zweitens… hab ich ihm von Anfang an gezeigt, dass mir sein Gegrummel keine Angst macht“, hob sie vielsagend die Augenbrauen, während Fridos Mundwinkel hinabsanken. Er nickte leicht, verstehend, schaute dann auf seine Hände, die er im Schoß faltete. Ja, Feiglinge konnte der gute alte Hinrich nicht ab, das hatte er ja gestern nur allzu deutlich zu verstehen gegeben…

Martina ließ Frido allerdings nicht allzu lange mit diesem Gedankengang allein und brachte neue Nuancen mit hinein.

„Du bist n netter Kerl, Frido, aber du bist manchmal zu nett. Du musst dem Alten mal mehr Paroli bieten, sonst nimmt er dich nicht für voll“, hörte er ihre Worte und bemerkte aus den Augenwinkeln, wie sie sich auf die Unterarme lehnte. Pfirsichduft schlich ihm in die Nase. Vermutlich von ihrem Shampoo.

„Ich… bin hier immerhin nur zu Gast und außerdem weiß ich ja, wie das mit dem Paroli bieten damals bei Dominik und ihm geendet ist. Ich möchte ungern…“, begann Frido zögerlich und stoppte, als er Martinas Hand auf der Schulter spürte. Er schaute sie wieder an und sie schüttelte abermals den Kopf.

„Es hat keiner gesagt, dass du ihm ein „Du kannst mich mal!“ um die Ohren pfeffern und dann angesäuert auf dein Zimmer abdampfen sollst!“, gab sie zu bedenken.

„Bei Dominik war das damals doch ne ganz andere Situation. Noch halb in der Pubertät, unglücklich verliebt und vor allem haben die Beiden zusammen unter einem Dach gelebt. Wenn der kleine Stinkstiefel nicht ausgezogen wäre, würden die sich doch immer noch ständig fetzen. Aber jetzt ist Abstand in die Sache gekommen und irgendwo haben sie sich ja auch weiter entwickelt“.

Sie zuckte leicht die Schultern und Frido runzelte die Stirn, verstehend, aber auch nachdenklich. Stinkstiefel… so hatte Dominiks Schwägerin ihn also früher wahrgenommen?

„Du warst damals schon mit Heiner zusammen, oder?“, fiel Frido aber auch auf, dass er immer wieder vergaß, wie weit die beiden Älteren und der Jüngste altersmäßig ja auseinander lagen. Und Martinas belustigtes Schnauben samt ihrer Antwort bestätigte ihn in seiner Erkenntnis.

„Wir hatten sogar schon eine eigene zusammen Wohnung! Nicht hier, sondern im Nachbarort. Hier sind wir erst eingezogen, nachdem Basti und der Kurze weg waren… Aber ja, wenn du fragen willst, ob ich das Theater damals mitbekommen hab, dann ja. Ich kenn Dominik, seit er zehn war“, antwortete sie und Frido hob sofort abwehrend die Hände.

„So hab ich die Frage nicht gemeint!“, wollte er klarstellen, aber sie schüttelte den Kopf.

„Schon okay. Ich… ich hab in letzter Zeit einiges hinterfragt…“, strich sie vielsagend über ihren Bauch „… und ich geb zu, dass einige von uns damals nicht richtig gehandelt haben. Teilweise aus Überforderung und teilweise… weils einfacher war, sich aus den ganzen Streitigkeiten zwischen dem Kurzen und dem Alten raus zu halten“.

Sie zuckte leicht die Schultern, schien unschlüssig, was sie sonst sagen oder tun sollte, aber Frido nickte wieder. Sie hatten wohl alle aus der Vergangenheit gelernt und sich weiter entwickelt. Und das war doch die Hauptsache, nicht wahr? Das und…

„Und jetzt hat der kleine Scheißer also nicht nur das Studium beendet, sondern wird auch bald heiraten? Glaub ich ja nicht! Der hat doch gestern erst schmollend am Küchentisch gehockt und gelangweilt in seinen Cornflakes rumgerührt!“, grinste sie mit einem Mal und lachte über Fridos verdutzten Gesichtsausdruck.

Kleiner Scheißer? Auch sehr nett!“, zeigte er sich ironisch anerkennend und Martina sich davon nicht im Geringsten beeindruckt.

„Glaub mir, dein Dominik kann auch eine ganz schöne Giftnudel sein!“, richtete sie sich auf und rieb sich den Bauch. So langsam wurde es doch ein wenig mühsam…

„Gehts? Brauchst du was?“, erkundigte Frido sich darum und ließ die Vergangenheit ruhen. Er kannte seinen Lockenkopf ja und wusste, dass er einen etwas anderen Blick auf dessen Macken hatte. Außerdem lenkte ihn seine Sorge um Martina nicht nur davon ab, sondern brachte ihn auch endlich einigermaßen auf die Füße. Doch sie schüttelte den Kopf.

„Nein, nein, sind nur die Übungswehen… Ich kenn das Spielchen schon!“, schenkte sie ihm ein schiefes Lächeln und nickte dann aufmunternd Richtung Tür.

„Komm, deine Aspirin wartet! Und du willst dem Alten doch bestimmt gut gestärkt unter die Augen treten, wenn du dein Auto holen gehst, oder?“.

Sie lachte – ihn dieses Mal aus – und Frido hielt sich tapfer. Ach ja, fast vergessen…

Also tat er alles, was ihm an diesem Morgen half, wieder bestmöglich in den aufrechten Gang zurück zu finden und sich wie ein Mensch zu fühlen: Mittelchen gegen Kopfweh reinschrauben, das tote Tier von der Zunge verscheuchen, eine schöne kalte Dusche, die ihm alles zusammenzog und zur Belohnung ein gutes Frühstück, ehe es mit viel frischer Luft zur Klempnerei ging – immerzu Martinas aufmunternde Worte im Ohr. Nicht Bange machen lassen! Und vor allem nicht zeigen, wie zerkaut Frido sich vor einem guten Stündchen noch gefühlt hatte!

„Guten Morgen!“, betrat er die Klempnerei also erhobenen Hauptes und fast so beschwingt, wie er es auch nach einem besseren Start in den Tag schaffte.

Rosanna hatte gerade ein Telefonat, lächelte Frido kurz an, ehe sie sich wieder ins Gespräch vertiefte und Hinrich ließ langsam die Unterlagen sinken, in die er gerade seine Nase gesteckt hatte. Sah nach einem Produktkatalog aus. Vielleicht brauchte mal wieder irgendwer eine neue Heizung.

„Ach, guten Morgen!“, gab er sich überrascht darüber, wer ihm da gerade in den Laden schneite und äußerst ahnungslos bei der Frage, ob Frido denn eine gute Nacht gehabt habe. Und ein gutes Erwachen vor allem…

Er lehnte sich im Stuhl zurück, verschränkte die Arme dabei und konnte sich sein typisches kleines Grinsen dann doch nicht vollends verkneifen – auch, wenn kurz ein mahnender Blick von Rosanna durch den Raum flog. Und Frido fragte sich nicht zum ersten Mal, ob er ihn in dieser Stimmung ätzender fand oder wenn der Alte irgendwen zusammenstauchte.

„Mir gehts bestens, Danke…“, trat er näher an seinen Schreibtisch heran und schob dabei die Hände in die Hosentaschen. Die Genugtuung in Hinrich Preuss’ Blick war deutlich zu sehen, auch, wenn er nur mit eine Nicken und einem „Na, das ist doch schön!“ antwortete. Selbstgefälliger Arsch – der vielleicht mal von einer eigenen Medizin kosten musste.

„Mir ist übrigens klar, dass Sie mich gestern abgefüllt haben“, ließ Frido ihn also wissen und natürlich gab der alte Sack sich unbescholten.

„Hab ich das? Weiß ich nix von“, zuckte er die Schultern und schüttelte den Kopf, während Frido die Augen schmälerte.

„Ach nein? Na, dann richten Sie doch demjenigen, der es getan hat, einen schönen Gruß von mir aus: Ich hab ihm auf den Teppich gekotzt. Als kleines Andenken“.

Frido verzog keine Miene, während sein Gegenüber einen Mundwinkel lupfte. Ach, guck an, wer da aufmüpfig werden will! Also stand Vater Preuss mal auf, leise seufzend und Brust und Bäuchlein dabei wohlgefällig herausstreckend.

„Tja, dann krieg ich dich an Arsch und Kragen und du machst die Sauerei wieder sauber. So einfach ist das! Kannst meine Jungs ja mal fragen, wie das lief, wenn sie besoffen von `ner Party zurückgekommen sind“, ging er gemächlich um den Tisch herum, auf Frido zu, aber der blieb eisern. Keine Blöße geben und seinem Blick nicht ausweichen!

Aus den Augenwinkeln heraus konnte er sehen, wie der Alte hinter ihm verschwand und da traf es ihn auch schon: Die flache Hand kraftvoll zwischen den Schulterblättern platziert, während Frido sich verbat, auch nur das kleinste Zucken von sich zu geben. Na ja, fast klappte es zumindest! Und gleichzeitig wanderte die Stimme des Alten vom einen Ohr zum anderen.

„Du hast mir nicht in die Bude gekotzt, also überleg dir was Besseres“, tauchte er dabei auf der anderen Seite wieder in Fridos Augenwinkel auf und nun packte den Dozenten doch ein wenig der Trotz.

„Ach? Und woher wollen Sie das so genau wissen?“, verschränkte er die Arme vor der Brust und reckte das Kinn. Ja, er wusste, dass er sich gerade absolut kindisch verhielt, aber hier gings nun mal ums Prinzip! Und diesen amüsierten Blick würde er dem Alten schon noch aus dem Gesicht wischen, verdammt!

„Ich hab drei Blagen und ne Firma – wenn ich nicht merken würde, wann man mich bescheißen will, dann hätte ich n gewaltiges Problem! Also musst du schon früher aufstehen, wenn du mich verarschen willst!“, schnaubte der allerdings belustigt und kam dann neben Rosannas Schreibtisch zu stehen, um sich an einer der Schubladen zu schaffen zu machen. Mist, verdammter! Nun hätte Frido wirklich gern mit dem Fuß aufgestapft, aber das verkniff er sich natürlich. Dafür verstand er allmählich, dass Dominik manchmal eine kleine Zicke sein konnte… Im Dunstkreis von Hinrich Preuss aufgewachsen zu sein, musste wirklich was mit einem machen!

Frido schnaubte und plötzlich merkte er, dass der Alte schon wieder neben ihm stand.

„Fertig mit schlafen?“, schaute er ihn nichtssagend an, während Frido sich räusperte. Verflixt… so ganz auf der Höhe war wohl immer noch nicht… und das sah scheinbar nicht nur er so.

„Bist du wieder richtig nüchtern oder hast du noch einen im Kahn?“, lag plötzlich so etwas Eindringliches in seinem Blick, dass Frido das Starren schnell zu viel wurde und er einen zusätzlichen Schritt Abstand zwischen sie brachte.

„Nein, mir gehts bestens…“, nuschelte er dabei und nickte seinem künftigen Schwiegervater zu.

„Ich wollte mich sowieso nur kurz verabschieden… Also… Tschüss! Bis die Tage!“, hatte er es mit einem MAl verflucht eilig, weil er schon ahnte, wohin das Ganze ansonsten wieder führen würde. Also huschte er schnell zu Rosanna, verabschiedete sich auch mit einem Klopferchen auf die Tischplatte von ihr, weil die Gute zum Glück noch am Hörnchen hing und dann ab durch die Mitte. Bloß weg hier! Allerdings kam er dabei nicht allzu weit…

„Frido! Hast du nicht was vergessen?“, rief der Alte ihm nämlich plötzlich nach, als er fast die Ladentür erreicht hatte und wieder wollte Frido am liebsten mit dem Fuß aufstampfen. Er hielt inne, kniff Augen und Kiefer zusammen und zwang sich zu einem möglichst unbekümmerten Ausdruck, als er sich mit einem tiefen Ausatmen wieder umdrehte. Und so mühsam, wie er sich den Abdruck eines Lächelns ins Gesicht getackert hatte, fiel es ihm auch, das Gesicht nicht vollends entgleisen zu lassen, als er Hinrich Preuss anschaute.

Also dieser Schlüsselbund, den der da so spielerisch in die Luft hielt… Frido durchzog ein Ruck und hastig tastete er seine Taschen ab. Riegel, Handy, Ringschatulle, Portemonnaie… Ringschatulle, Riegel, Portemonnaie, Handy… Hoch und runter, vor und zurück: Kein Schlüssel! Der Mund klappte ihm auf und in Hinrich Preuss’ Gesicht stand die Frage: „Willste nun oder nicht?“.

„Wa… Wieso haben Sie meinen Schlüssel?“, hatte Frido die Distanz schnell überbrückt und wollte den Schlüssel greifen, aber der Alte zog ihn weg und verstaute ihn in seiner Hosentasche.

„Vorsichtsmaßnahme. Weiß ja nicht, ob du zu den Schwachköpfen gehörst, die besoffen noch Auto fahren“, laute die charmante Antwort, die Frido trotzdem verwundert zurückließ. So viel Fürsorge hatte er dem Alten ja gar nicht zugetraut! Und das war ihm scheinbar auch anzusehen…

„Bin wohl doch nicht so n Arschloch, wie dein Herr Doktor meinte, hm?“, stichelte er und schnaubte belustigt, als Frido nach kurzem Blinzeln die Augen aufriss.

„Doch, das Wort „Arsch“ fiel bei seiner kleinen Bitte an mich. Kannst ihn ja fragen, wenn du mir nicht glaubst“, nahm der gestrige Abend plötzlich ganz neue Dimensionen an. Gut, da konnte Frido vielleicht doch ein bisschen verstehen, dass der Alte nicht ganz so gut auf ihn zu sprechen gewesen war, wenn er ihn als Drahtzieher des Ganzen gesehen hatte…

„Das ähm… ach du Scheiße…“, murmelte Frido schuldbewusst, obwohl er gar keine Schuld trug, aber Hinrich Preuss zuckte die Schultern, als wäre es eine wegwerfende Bewegung. Vermutlich kannte er von den Baustellen ganz andere Ausdrücke, aber die Situation war dann ja doch noch mal eine andere.

„Ich… es tut mir leid! Das hab ich nicht…“, versuchte der Dozent also eine Entschuldigung zu stammeln, aber er kam nicht einmal dazu, sie fertig auszusprechen.

„Ja, ja! Laber mir kein Kotelett an die Backe und sag mir, ob du fahren kannst!“, wurde er jäh unterbrochen und eindringlich angeschaut. Gut, so konnte man das Thema natürlich auch wechseln…

„Nein, geht schon…“, antwortete Frido also und warf einen Blick auf die Uhr.

„Außerdem ist um diese Zeit eigentlich nicht so viel Verkehr… Das passt schon!“, lächelte er etwas unbeholfen und streckte die Hand aus, um den Schlüssel entgegen zu nehmen. Schließlich war er ja nicht voll wie eine Haubitze gewesen und die Aspirin wirkte ganz vorzüglich! Kein Grund zur Sorge also! Aber dieser Blick, der nun auf das Gesicht seines Schwiegervaters kroch, der erinnerte ihn doch verdammt stark an das angepisste Stieren, das Dominik manchmal drauf hatte, wenn er sich von jemandem vereimert fühlte…

„Du kannst deine Karre morgen abholen. Bastian kommt gleich vom Kunden, der fährt dich!“, gab es also gar nicht viel Federlesen und der Schlüssel wanderte in weite Ferne. Mit wenigen Schritten war Hinrich zu Rosannas Schreibtisch zurück gestapft, zog eine Schublade auf und verfrachtete das Klimbimsel ganz selbstverständlich darin. Und auf Widerworte hatte er offenbar so gar keine Lust.

„Kein Aber! Ich nehm nicht auf meine Kappe, wenn mein Schwiegersohn sich um den Baum wickelt, verstanden?!“, deutete sein Finger wie der Lauf einer Pistole auf Frido, als der gerade zu einem „Aber Herr Preuss…“ angesetzt hatte. Wer hatte ihm die Scheiße denn eingebrockt?! Aber vor allem: Wer würde als der größere Sturkopf aus dem Ganzen herausgehen? Bei Dominik knickte Frido ja schnell mal ein, aber in diesem Fall…!

„Ich muss jetzt selber zum Termin! Also pflanz dich, bis Bastian zurück ist, lass die Griffel von der Schublade!“, hatte Frido seine Überlegung noch nicht mal beendet, als es schon wieder eins auf den Deckel gab und der Hausherr zu seinem Schreibtisch zurückkehrte.

„Und außerdem…“, schnappte er dabei seine Jacke „… waren wir doch gestern schon beim Du oder nicht? Also lass endlich den Herrn Preuss weg!“. Ach, liebreizend wie immer…

Er warf sich die Jacke über, verpasste Frido im Vorbeigehen noch mal einen Klaps auf die Schulter und schon bimmelte das kleine Glöckchen der Ladentür, um ihn zu verabschieden. Alles unter Rosannas amüsiertem Blick, die inzwischen ihr Gespräch beendet hatte und nun schmunzelnd beobachtete, wie Frido erst ihrem Gatten irritiert nachschaute und dann ebenso aussagekräftig zu ihr. Doch noch Restalkohol? Fiebertraum? Seine baldige Schwiegermutter hatte allerdings eine andere Erklärung.

„War die richtige Entscheidung, dass du mit ihm gesprochen hast“, lächelte sie und stand auf.

„Komm, setz dich zu mir, bis Basti da ist. Ich hol uns auch noch einen Kaffee“, zog sie erst den Stuhl ihres Mannes an ihren Schreibtisch, schob dann Frido dorthin und verschwand anschließend zur Küche – mitsamt der liebevollen Erinnerung, dass er schön die Finger vom Autoschlüssel lassen sollte. Ganz gleich, wie übertrieben er diese Anweisung vielleicht auch fand…

18.3.2025: lenzlich

„Ja, vielen Dank, Michelle. Ihnen ebenfalls. Bis morgen“.

Es war ein fliegender Wechsel, wie er ihn nicht selten erlebte: Er betrat den Flur, um die Küche anzusteuern und eine seiner Mitarbeiterinnen verließ sie gerade mit Sack und Pack, um die Arbeit für diesen Tag Arbeit sein zu lassen. Heute war es also Michelle, die das letzte unnötige Licht löschen und die Tür zum Treppenhaus verriegeln würde. Der Fahrstuhl war bereits mit dem Ende der Sprechzeiten für diese Etage gesperrt worden und ein Dr. Ernest Landers wusste ja durchaus einzuschätzen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, dass sich jemand zu Fuß in den siebten Stock verirrte. Trotzdem war es ihm ganz lieb, wenn auch der zweite Zugang versperrt wurde, sobald er allein auf weiter Flur war. Nicht unbedingt immer der Erste in der Praxis, aber immer der Letzte, der sich oft noch bis über den Praxisschluss hinaus um Berichte, Gutachten und anderes kümmerte, was er zu den Öffnungszeiten nicht geschafft hatte. Oder manchmal auch einfach nur in der Stille seines Schreibtischs in Besprechungsraum Eins saß, um einen Moment zur Ruhe zu kommen, ehe es in die Tiefgarage und mit dem Wagen durch die halbe Stadt ging.

Aber ganz gleich, ob in sich gekehrt oder schuftend: Dieser Teil seines Arbeitstages wurde immer mit der freundlichen Unterstützung seines obligatorischen letzten Kaffees begangen. Und so fand er sich auch an diesem Abend einmal mehr am Fenster der Küche wieder, um den Blick über die Stadt schweifen zu lassen, während hinter ihm der Kaffeeautomat brummte und knurrte. Notwendiges Übel. Wer hatte zwischen Untersuchungen und penetrantem Telefongebimmel schon Zeit, sich den Feinheiten einer Siebträgermaschine hinzugeben?

Ernest tat einen tiefen Atemzug, sog den ersten aufsteigenden Duft des entkoffeinierten Konzentrationsspenders ein und hörte mit Wohlgefallen, wie sich die Tasse allmählich füllte. Begleitet von der Beobachtung, dass er sich ein wenig an die lenzlichen Abende erinnert fühlte – nur mit dem Unterschied, dass die Dunkelheit jetzt wieder jeden Tag etwas früher kam, anstatt die Tage zunehmend länger werden zu lassen. Aber die Stimmung war für ihn eine ähnliche. Also betrachtete er noch einmal das Dämmerlicht, ehe er sich zur Kaffeemaschine drehte. Das Brummen hatte aufgehört, das Gebräu war bereit, genossen zu werden.

Ein routinierter Griff zur Tasse, ein routiniertes Antippen des Lichtschalters und schon ging es den dunklen Flur entlang zur letzten noch verbliebenen Lichtquelle: Seine Schreibtischlampe mit dem Bildschirm in Behandlungsraum Eins. Ernest ließ sich auf dem Stuhl nieder, schob ihn etwas näher an den Tisch, während zeitgleich die Tasse auf dem lang vermissten Untersetzer landete. Er hatte jetzt schon viel zu viele Minuten keine Aufgabe mehr gehabt! Und während Zunge und Lippen darauf warteten, das dampfende Heißgetränk endlich kosten zu können, schob sich die Nase wieder in die Unterlagen.

„Ach, wie ich diesen Teil meines Jobs doch liebe…“, murmelte er und begann zu tippen. Sein System bestand zwar nur aus sechs Fingern und einem Daumen, aber trotzdem war er flink, kam gut voran, hatte schnell den ersten Bericht beendet – und geriet urplötzlich ins Stocken. Seine Stirn runzelte sich und seine Augen verließen den Monitor. Hatte er nicht gerade etwas gehört? Angestrengt lauschte er in seine verlassene Praxis hinein und konnte doch nur die Geräusche der Stadt und des restlichen Gebäudes wahrnehmen. Gedämpft, verzerrt, wie in Watte – nein, scheinbar hatte er sich vertan.

Sein Blick fand zurück zum Monitor und den soeben getippten Zeilen. Während er sich wieder in seine Arbeit vertiefte, griff er die Kaffeetasse, konnte sie nun problemlos weiter leeren und war bereit, mit ihrem Abstellen wieder los zu tippen. Aber so weit kam er dieses Mal gar nicht. Er hielt inne, starrte auf die geöffnete Zimmertür und die Dunkelheit des Flurs dahinter. Eine der anderen Türen war gerade zugefallen und das unverkennbar in seiner Praxis! Kein Zweifel und kein Irren!

Ein trockenes Schlucken, ohne den Hauch von Kaffee darin, kämpfte sich seine Kehle hinunter.

Ernests Hand glitt zur Seite, brachte die Tasse auf gleichem Wege zurück auf ihre Wartepostion, von der er sie zuvor an sich genommen hatte. Der kleine Finger berichtete ihm dabei vom Zeitpunkt, an dem der Untersetzer erreicht und die Tasse bereit für eine lautlose Landung war. Genauso lautlos, wie es jetzt auch wieder in seiner Praxis zu sein schien. Aber Ernests Aufmerksamkeit war geweckt.

Er stand auf, wusste genau, dass er den Lift korrekt eingestellt hatte und auch das Klacken von Michelles Schlüssel war ihm nicht entgangen. Es konnte also niemand ungesehen in die Praxis gelangt sein – aber vielleicht war jemand unbemerkt darin geblieben? In anderen Arztpraxen soll es ja durchaus schon einmal vorgekommen sein, dass ein Patient vergessen worden war. Und auch, wenn Ernest sich das für sein zweites Zuhause nur schwerlich vorstellen konnte, begab er sich auf die Suche.

„Ist noch jemand hier?“, argwöhnte er beim Betreten des Flurs und sein erster Griff ging zum Lichtschalter. Es wurde hell, aber es blieb still. Er atmete durch, seine Augenbraue zuckte. Also wiederholte er das Spielchen. Raum für Raum und Lichtschalter für Lichtschalter, bis er alle Klinken einmal in der Hand gehabt hatte. Alle Klinken der fest verschlossenen Türen, ohne irgendeine Regung dahinter. Kein Ton, keine Regung. Mit Ausnahme der Küche, dort hatte der Kühlschrank gebrummt…

„Vielleicht ist es doch schon ein wenig spät…“, murmelte er also schließlich unverrichteter Dinge, während er auch diese Tür wieder zuzog und den Rückweg durch den Flur antrat. Lichtschalterchen aus, Fokus auf Behandlungszimmer Eins. Im Vorbeigehen warf er einen Blick zum Tresen. Irgendjemand dachte um diese Uhrzeit, dass er noch jemand anderen als den Anrufbeantworter erwischen würde? Ernest schüttelte den Kopf. Das Bimmeln hörte auf und als er fast am Tresen vorbei war, blieb er plötzlich stehen. Der Kaffeeautomat!

„Was zum…!“, wendete er sich abrupt um und erstarrte. Das Brummen des Automaten wurde immer lauter. Das Weiß der Küchentür verschwand zunehmend im Dunkel des Raumes – aber trotzdem hob sich die Silhouette darin unverkennbar ab. Groß, größer als er und breiter. Sein Atem stockte.

Ernest wusste genau, wie weit der nächste Lichtschalter entfernt war und erst recht, wie viele Schritte ihn vom nächsten Zimmer trennten – es waren mehr, als er bis zur Küche benötigt hätte. Ganz zu schweigen von den Ausgängen, die noch entfernter lagen.

Er ballte die Fäuste, presste die Kiefer aufeinander, starrte die Gestalt an, die dort im Türrahmen verharrte.

„Was machen Sie in meiner Praxis?!“, bellte er also und erhielt dafür – nichts. Nur eine kleine Bewegung, die ihm verriet, dass er gerade nicht fantasierte. Und auch, wenn seine Augen sich zunehmend an die Dunkelheit gewöhnten, genügte es nicht, um den Eindringling besser zu erkennen. Er war zu weit von Behandlungsraum Eins entfernt, um von dessen Licht erwischt zu werden. Nur das matte Licht der Stadt zeichnete sich schwach auf ihm ab.

Ernest spürte seinen Puls im Hals. Das Handy hatte er in der Hosentasche, aber er müsste es erst entsperren, selbst, um an den Notruf zu kommen. Und wenn er stattdessen…?

Mit einem Satz lag er halb auf dem Tresen, griff das Telefon, riss den Hörer herunter. Die ersten beiden Einsen hatte er bereits getippt, wollte gerade auf die dritte Ziffer hämmern – Licht! Sein Kopf schnellte zur Seite. Er riss die Augen auf, seine Pupillen verengten sich – und dann glitt ihm plötzlich der Hörer aus der Hand. Er starrte, schnaubte und ein Beben durchzog seinen Körper, noch während er wieder auf den Füßen landete. Alles unter schallendem Gelächter.

„Du müsstest dein Gesicht mal sehen!“, prustete es ihm entgegen, während der Eindringling beschwingten Schrittes auf ihn zuging. Er hielt sich den Bauch, rieb sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln.

„Gott, das ist zu köstlich! Ich hätte ein Foto davon machen sollen!“

Gackern, kichern und der zwischenzeitliche Versuch, Luft zu holen, ehe die nächste Welle der Heiterkeit ihn überrollte. Aber Ernest blieb still. Er beugte sich einmal mehr über den Tresen, um den Hörer zurück auf die Gabel zu befördern und ansonsten verharrte er an Ort und Stelle, bis dieser Lachsack nah genug auf ihn zugekommen war. Und dann: Klatsch!

Schlagartig verebbte das Lachen und machte Platz für ein ungläubiges Starren.

„Ha… hast du mir gerade Blumenwasser ins Gesicht gekippt?!“, versuchte der Störenfried, einen Teil der Brühe weg zu wischen und eilte dann doch Richtung Bad.

„Bah! Da ist doch alles mögliche Zeug drin!“, schmiss er die Tür auf, drehte das Wasser an und tauchte so weit es ging ins Waschbecken ab. Alles begleitet von Ernests wütendem Blick und seinen energischen Schritten.

„Schätz dich glücklich, dass es nur das Wasser und nicht die Vase war!“, baute er sich im Türrahmen auf und verschränkte die Arme vor der Brust, während er diesem Spatzenhirn dabei zusah, wie es sich säuberte.

„Ich krieg garantiert Ausschlag davon!“, jaulte es, aber Ernest zeigte seltsamerweise so gar kein Mitleid dafür.

„Vielleicht geschieht ja ein Wunder und das Frischhaltemittel hilft nicht nur, dass die Blumen länger halten, sondern zaubert dir auch ein paar Gehirnzellen herbei, du dämlicher Idiot! Wolltest du einen Polizeieinsatz provozieren oder was sollte dieser Schwachsinn?! Dein Bekannter arbeitet doch bei denen! Dann geh zu ihm und lass dich in die Gummizelle sperren, bis du wieder bei Verstand bist!“, schnauzte er, um dann das Kinn zu recken, als das Wasser abgestellt wurde und Frido zu den Papierhandtüchern griff.

„Wusste ja nicht, dass du gleich den fliegenden Affen machst und über den Tresen hechtest!“, murrte er, während er sich trocken tupfte und bemängelte, dass Pulli und Jacke auch was abbekommen hatten. Schöne Schweinerei! Ernest aber schnaubte aus und verzog das Gesicht zu einem angewiderten Ausdruck.

„Im Moment sehe ich hier nur einen Affen! Und ich werde meine Mitarbeiterinnen anweisen, künftig besser darauf zu achten, dass nicht jedes Gesindel hier rein kommt!“, zischte er und verpasste dem Dozenten einen erbarmungslosen Blick, als der sich von seinem Spiegelbild abwendete und beschwichtigend die Hände hob.

„Hey, komm, die können nix dafür! Ich hab extra gesagt, dass sie mich nicht verraten sollen, weil ich dich überraschen wollte!“, sagte er eilig, während allmählich klar wurde, dass er wohl schon seit kurz vor Ende der Sprechzeiten in einem der anderen Räume gewartet hatte, ehe er dann in die Küche geschlichen war. Und einen gut gemeinten Tipp hatte dabei auch noch auf Lager: Das nächste Mal nicht nur einen Blick in die Räume werfen, sondern auch hinter die Türen. Allerdings war für Ernest sehr schnell klar, dass es solch ein nächstes Mal mit Sicherheit nicht geben würde.

„Wie gesagt, ich setze dich auf die Liste der unerwünschten Subjekte! Jetzt beseitige die Sauerei, die ich deinetwegen veranstalten musste! Die Raumpfleger sind schließlich nicht dafür da, hinter dir her zu wischen! Und dann sieh zu, dass du hier verschwindest!“, drehte der Arzt ihm den Rücken zu, ließ die verteilten Wassertropfen samt Pfütze vorm Tresen hinter sich und trug Vase mit Inhalt in die Küche. Immerhin konnten die armen Blumen ja nichts dafür, dass er ihr Zuhause kurzzeitig hatte zweckentfremden müssen. Und während damit für ihn alles gesagt war, dachte Frido offenbar gar nicht daran, der Aufforderung Folge zu leisten.

„Ey, du brauchst hier gar nicht die beleidigte Leberwurst spielen! Das war nur ne kleine Retourkutsche für den Ärger, den du mir eingebrockt hast!“, konnte auch er die Überbleibsel des Angriffs wunderbar umgehen, ohne sie mit einem beherzten Schritt noch weiter zu verteilen, während er Ernest folgte und dann fast noch in ihn reinrannte. Abrupt war der Arzt nämlich stehen geblieben und fuhr zu dem Dozenten herum, scheinbar ernstlich geneigt, ihm dieses Mal wirklich die Vase über die Rübe zu ziehen.

„Fängt das Wasser an, dir die letzten Synapsen zu schmelzen oder was redest du da für einen Unsinn? Und was hast du hier überhaupt zu suchen?! Ich dachte, du wärst noch bis morgen in Berlin!“, moserte er allerdings stattdessen, schmälerte angriffslustig die Augen und ließ Frido dann doch stehen, um sich an die Spüle zu begeben. Vase unter den Kran, Wasser rein, Blumen rein – und noch ein beherzter Griff zur Seite, um die Kaffeemaschine vom Stand-By-Modus aus komplett schlafen zu schicken. Nichts anderes als das hatte dieses verräterische Ding jetzt noch verdient! Und all das begleitet von Fridos Gesabbel.

Extra eher abgereist, um endlich mit seinen Schwiegereltern zu reden, war er – wie schön! Und der Alte hatte ihn dann erst mal komplett durch die Mangel gedreht – exzellent! Offenbar noch nicht genug! Und das scheinbar nicht zuletzt, weil ein gewisser jemand ihn auf der Vernissage wohl als Arsch betitelt hatte – stocken.

Ernest, der eigentlich gerade den frisch gezapften Kaffee in den Ausguss hatte kippen wollen, hielt inne. Vielleicht auch, weil Frido sich mit einem „Hey, lass den doch! Den kann ich trotzdem trinken! Wär doch sonst schade drum…“ selbst in die Erzählung grätschte, aber wohl vornehmlich wegen dem letzten Teil von dessen Geschichte.

Der Arzt blinzelte, runzelte die Stirn, dachte über das Gehörte nach, während Frido es für einen unheilvollen Vorboten sah.

„Schon okay, schon okay! Kipp mir den bitte nicht auch noch ins Gesicht! Der ist noch verdammt heiß!“, trat er beschwichtigend von ihm zurück, ehe Ernest die Tasse geräuschvoll neben der Spüle abstellte. Ein Teil des Inhalts schwappte über – noch etwas, das der Überraschungsbesuch dann wohl sauber machen durfte.

„Was sagtest du gerade?“, interessierte Ernest sich allerdings nicht für seine Ferkeleien und schüttelte den Kopf, als Frido die Bitte wiederholte, den Kaffee nicht weg zu kippen.

„Nein, das meine ich nicht. Das davor!“, wurde er also präziser und stützte eine Hand auf die Arbeitsplatte, während die andere auf seiner Hüfte ruhte.

„Er meinte, du hast ihn Arsch genannt und das hat er dann an mir ausgelassen. Na ja, das und dass er wohl dachte, ich hätte dich auch noch dazu angestachelt, mit ihm zu reden“, zuckte Frido die Schultern und lehnte sich an die Wand hinter sich. Hände in die Hosentaschen, ein Bein übers andere gekreuzt und sich nicht anmerken lassen, wie ekelig der durchfeuchtete Fummel an seiner Brust klebte. Natürlich konnte Ernest es ihm trotzdem ansehen, aber er ging nicht darauf ein. Sein Augenmerk lag noch immer auf etwas anderem.

„Ich sagte ihm lediglich, er möge sich in deinem Beisein nicht immerzu wie ein Arsch aufführen. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied!“, bedurfte es in seinen Augen einer Klarstellung, die Frido allerdings mit einem amüsierten Schnauben kommentierte.

„Ach, und du denkst, dass ausgerechnet ein Hinrich Preuss auf diesen kleinen, feinen Unterschied achtet?“, zog er einen Mundwinkel hoch und lachte, als der Arzt natürlich auch bei dieser Frage um keine Antwort verlegen war.

„Redet man nicht ohnehin auf diese Art und Weise in seines Kreisen?“

Der Eine gab sich unbescholten, der Andere hob mit einer Attitüde von „Meinst du das grad ernst?“ die Augenbrauen. Frido schmunzelte und stieß sich von der Wand ab, um sich ein paar Küchentücher vom Ständer auf der Arbeitsplatte abzuzupfen, während Ernest seufzte.

„Gut, vielleicht habe ich mich mit seiner Reaktion ein wenig verschätzt!“, gab er also zu, als Frido den kleinen brauen See unter der Tasse beseitigte und sich bei der Gelegenheit auch gleich ein vorsichtiges Schlückchen gönnte. Man musste ja nichts verkommen lassen!

„Wieso hast du ihn überhaupt angesprochen? Ihr kennt euch doch eigentlich so gut wie gar nicht“, wollte er dabei allerdings auch wissen und der Arzt hob für den Hauch eines Moments seine Schulter.

„Nun…“, sagte er „Es war der Versuch, ihn auf angemessene Weise anzusprechen und ihm zu verdeutlichen, wie schwer es dir aufgrund seiner abweisenden Art fällt, ihn endlich wegen eines gewissen Themas zu kontaktieren. Wie bereits gesagt: Dabei habe ich ihn allerdings nicht als Arsch betitelt, sondern lediglich darum gebeten, sich nicht weiter als solcher aufzuführen. Zumindest im Bezug auf dich, der du immerhin seinen zukünftigen Schwiegersohn darstellst. Selbst er sollte es dir ja eigentlich zugute halten, dass du dich bemüht zeigst, etwas an eurer Beziehung zu verbessern!“.

Er trat beiseite und öffnete die Tür unter der Spüle, als Frido wissen wollte, wo er einen Aufnehmer finden konnte. Schließlich musste man ja nicht die gesamte Küchenrolle aufbrauchen, um die Spuren ihrer kleinen Auseinandersetzung zu beseitigen. Und irgendwie war es sogar ein passender Übergang dazu, dass Frido ihm jetzt auch noch erzählte, wie er Rotz und Wasser heulend im Vorgarten seines Schwiegervaters gesessen hatte.

Frido lachte unbeholfen und trollte sich zum Tresen, während Ernest ihm schweigend folgte und dabei weiter einem Abriss seiner Geschichte lauschte. Standpauke, Essen, zu viel Alkohol, irgendwo dazwischen der Wechsel vom Sie zum Du und am Ende wenigstens ein Sebastian, der trotz seines Fahrdienstes etwas zu lachen gehabt hatte.

„Dominik hat ihm bei seiner Hochzeit geholfen, den Weg noch rechtzeitig zum Klo zu finden, damit er nicht in die Büsche gekübelt hat und er hat nun mein Taxi gespielt… so schließt sich irgendwie der Kreis“, schloss er das Ganze ab, ein wenig amüsiert und vor allem zufrieden.

Mit einem Nicken richtete Frido sich aus der Hocke auf, hatte nicht nur die wichtigsten Punkte seines Aufeinandertreffens mit der lieben Verwandtschaft berichtet, sondern nebenher auch die Wasserflecken entfernt. Prima! Aufnehmer also zurück unter die Spüle, noch einen Schluck Kaffee gegönnt und an Ernest einen kleinen Appell, als Frido mitsamt Tasse wieder aus der Küche heraus an ihn herantrat.

„Also, wenn du mir das nächste Mal was Gutes tun willst, dann warn mich bitte vor. Besonders, wenns um den alten Preuss geht, okay?“, grinste er schief, während der Arzt noch immer am Tresen stand, auffällig schweigsam, aber scheinbar nicht mehr erbost. Nur nachdenklich.

Er nickte leicht, tat einen tiefen Atemzug.

„Frido… es war nicht meine Absicht, dich in derlei Schwierigkeiten zu bringen. Ganz im Gegenteil! Eigentlich hatte ich es als kleinen Anstoß und leichtere Basis dafür angesehen, dass du es endlich schaffst, mit ihm zu reden. Gerade durch seine positive Entwicklung im Umgang mit Dominik war ich dann wohl doch ein wenig zu euphorisch, was euer beider Verhältnis betrifft…“, murmelte er, verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf.

„Es tut mir sehr leid, welche Wendung das nun angenommen hat und es war sicherlich auch nicht meine Intention, dich ins offene Messer laufen zu lassen! An sich hatte ich dir morgen Abend davon erzählen wollen. Ich konnte ja nicht davon ausgehen, dass du es plötzlich so eilig hast, mit deinem Schwiegereltern zu sprechen…“, lehnte er einen Unterarm auf den Tresen und verhakte die Hände ineinander, während Frido sich neben ihm anlehnte. Er nickte, grinste schief, leerte die Tasse.

„Ich wollte Dominik damit überraschen…“, zuckte er die Schulter und lachte, als Ernest anmerkte, dass ihm das mit der Überraschung offensichtlich gelungen sei… Wenn auch etwas anders als geplant.

„Da ist wohl was dran!“, gab der Dozent zu und rieb sich den Nacken.

„Na ja, ich hab auf jeden Fall was daraus gelernt! Keinen Walnusslikör mehr und keine Gruselspielchen! Da muss ich hinterher viel zu viel sauber machen!“, grinste er dann aber doch wieder und lachte, als auch Ernests Mundwinkel ein klein wenig den Weg nach oben fanden.

„Oder du landest das nächste Mal in der Gummizelle…“, murmelte er verschwörerisch, während Frido sich kopfschüttelnd vom Tresen löste.

„Nein, Danke! Ich verzichte! Aber… einen kleinen Rachefeldzug hattest du trotzdem verdient! Gibs zu!“, schäkerte er, um dann ein weiteres Mal in die Küche zu verschwinden und der Tasse ein Päuschen in der Spülmaschine zu verordnen. Und vielleicht nicht nur ihr?

„Hast du eigentlich noch viel zu tun oder ziehen wir ausnahmsweise unseren Schachabend ein wenig vor?“, löschte er dieses Mal mit Verlassen des Raums das Licht und schloss die Tür, während Ernest ihn interessiert anschaute.

„Weißt, du wenn mir nicht wieder irgendwas dazwischen funkt, hab ich morgen noch einen kleinen Antrag auf Dominik geplant und na ja… wer weiß, wie lange wir das dann im Anschluss feiern werden!“.

Frido grinste und der Arzt schüttelte mitleidig den Kopf. Der Dozent war manchmal so ein… Simpel. Aber egal, irgendwie hatte er ihn ja doch lieb gewonnen! Und ja, Feierabend hatte er sich nach diesem Tumult nun wirklich verdient!

„Gerne. Ich schalte nur noch eben den Computer aus“, löste sich also auch er vom Tresen und steuerte Besprechungsraum Eins an, während Frido seinen vorherigen Platz einnahm. Er grinste noch immer und nickte.

„Ja, so erwarte ich das auch von meinem Trauzeugen, dass er mich ein bisschen ablenkt, wenn ich kurz vorm großen Tag Muffensausen krieg!“, schob er die Hände in die Jackentaschen und lachte auf, als Ernest nicht nur ins Stocken geriet, sondern auch mit einem irritierten Blick zu ihm schaute. Er blinzelte, schien nicht ganz sicher, was er von diesem Ausspruch halten sollte, aber Frido zuckte die Schultern. Tja, wenn nicht Ernest diesen Posten für ihn einnehmen würde, wer dann?

„Und wehe, du lehnst ab!“, zwinkerte er und lachte noch einmal, als Ernest sagte, dass er sich das Ganze überlegen würde. Aber das Grinsen, das er dabei im Gesicht trug, war längst Antwort genug.

19.3.2025: Motschekiebchen

Sonne und Wolken – ein wechselhaftes Wetter, das zu einem wechselhaften Tag passte. Er hätte locker noch eine Stunde zuhause bleiben können, aber seine Unruhe hatte es dann doch nicht zugelassen. Selbst, wenn er genau wusste, dass sein Lockenkopf ihm früh genug Bescheid gegeben hätte, wenn der Zielbahnhof in erreichbare Nähe rückte – endlich, nach einer Reise voller Hiobsbotschaften und Verspätungen. Erst den Zug fast verpasst, weil sich das Gleis kurzfristig geändert hatte, dann Unterbrechung der Fahrt wegen „Personen im Gleisbett“, Anschlusszug verpasst, technischer Defekt und nun sah es endlich danach aus, dass er wirklich ohne weitere Zwischenfälle landen würde. Fridos Daumen waren gedrückt und sein Blick wanderte immer wieder zwischen Handy und Anzeigetafel hin und her.

Ein anderer Zug fuhr ein, er schaute dem Gedränge der ein- und aussteigenden Fahrgäste zu. Die einen eilten zum nächsten Gleis, die anderen aus dem Bahnhof heraus, einige wenige nahmen auf den anderen Bänken neben ihm platz.

Fridos Augenbrauen zuckten, er spürte eine Berührung auf der Hand, die sein Smartphone hielt. Leicht, ein wenig kitzelig und für einen Schmunzler gut, als er den Blick vom Zug hinunter auf seine Hand lenkte. Ein Motschekiebchen hatte sich auf seinem Weg einen kleinen Zwischenstopp gegönnt, krabbelte mit seinem schwarzen Mantel und den roten Punkten nun auf Fridos Handrücken herum.

„Na, du?“, wollte er sich den kleinen Kerl ein wenig genauer anschauen, doch kaum hob er die Hand zum Gesicht, breitete der Marienkäfer seine Flügelchen wieder aus und schwirrte davon. Die Pause war beendet.

„Schade, dass mein Schatz nicht so einfach zu mir zurückkommen kann“, murmelte Frido, während er dem Käferchen dabei zusah, wie es irgendwo zwischen der Stahlkonstruktion des Bahnhofgebäudes verschwand. Er schmunzelte noch einmal, erhob sich dann mit einem Seufzen und beschloss, sich die Beine ein wenig zu vertreten. Nicht das erste Mal, seit er eingetroffen war, aber so fühlte er sich nicht ganz so nutzlos, während die Zeiger der großen Uhren elendig langsam weiter krochen. So lange, bis endlich das erlösende Pling seines Handys ertönte: Der letzte Zwischenstopp war erfolgreich überwunden und jetzt trennten ihn nur noch wenige Minuten von seinem Liebling. Also machte er schnell kehrt, ließ den Bahnhofsvorplatz mit den Taxen hinter sich, durchquerte das Gebäude, kannte den Weg zum Gleis inzwischen fast schon im Schlaf und hörte bereits die ersehnte Ansage, als er die Stufen zum Gleis hinauf eilte – immer zwei auf einmal. Abstand halten, hinter der Sicherheitslinie bleiben und dem typischen Surren lauschen, das schon von weitem die einfahrende Bahn ankündigte. Er schaute auf das Leuchtschild oben am Zug und dann schob sich die rote Wand aus Wagons und Abteilen in sein Sichtfeld.

Wo stieg er aus? Frido war nicht der Kleinste und trotzdem ging er auf die Zehenspitzen, während er den Blick über die sich öffnenden Türen und herausströmenden Köpfe schweifen ließ. Dunkle Locken, sicherlich lachendes oder weinendes Kind im Schlepptau – so schwer konnte sein Liebling doch nicht zu finden sein!

Neben ihm schob sich eine graue Ballonmütze in sein Sichtfeld, er lehnte sich vor und zurück, um weiterhin den Überblick zu behalten, aber nirgends konnte er wirre Wellen und krauses Haar entdecken. Also wurds ihm schließlich zu viel.

„Gibts doch nicht…“, murmelte er und zückte das Handy. Nichts, was eine kleine Chatnachricht nicht geregelt bekäme!

Wo seid ihr?“, tippte er und hielt inne, als die Ballonmütze plötzlich die Hand auf seine legte. Ein ungläubiges Starren von dem Einen, ein belustigtes Schmunzeln von dem Anderen.

„Niko und Tessa sind etwas früher ausgestiegen. Die wollten noch einen Abstecher zu Tessas Eltern machen. Gefällt dir meine Mütze? Ist mir beim Bummel ins Auge gesprungen und ich dachte, das ist mal was anderes“, tippte sich der Lockenkopf an den Mützenschirm und lachte, als Frido ihn in eine stürmische Umarmung zog.

„Und ich dachte schon, ich hab das falsche Gleis erwischt!“, manövrierte er unter dem Schirm hindurch und heftete sich an die lang vermissten Lippen, die gerade vom Grinsen seines Lockenkopfs nur ein dünner Strich waren.

„Hab ich gemerkt!“, meinte der und lehnte sich an Frido, um das Wiedersehen einen Augenblick lang zu genießen, ehe es Arm in Arm Richtung Ausgang ging. Er freute sich, wieder Zuhause zu sein, aber Frido konnte ihm auch anmerken, wie erschöpft er von der langen Fahrt war. Die Art, wie Dominik sich an ihn schmiegte, das Lächeln, als er ihm sagte, wie gut ihm die Mütze stehe, die müden Äuglein – da konnte ihn wirklich das schlechte Gewissen packen, dass er seinen Lockenkopf mit dem Zug hatte fahren lassen – und jetzt nicht einmal das Auto parat stand, um aus dem gut zwanzigminütigen Fußweg eine noch kürzere Fahrt zu machen.

„Soll ich dich Huckepack nehmen?“, bot er also mit Betreten des Bahnhofsvorplatzes an, wurde dafür als Spinner betitelt und auch sein Vorschlag, mit dem Taxi zu fahren, erhielt ein abstrafendes Kopfschütteln. Nicht einmal den Rucksack durfte Frido tragen. Nur der Griff des Trolleys landete in seiner Hand, während Dominik trotz Erschöpfung froh war, sich nach der langen Fahrt ein wenig Bewegung zu bekommen. Das und…

„Ich freu mich drauf, gleich einfach nur noch meine Ruhe zu haben. Keinen mehr sehen oder hören müssen… Das war echt ein Gedränge im Zug“, sagte er, während sie über den Bürgersteig schlenderten, untermalt vom Surren der Trolleyrollen und dem üblichen Trubel in Bahnhofsnähe an einem Freitagnachmittag.

Frido nickte. Einmal, um auf Dominiks Ausspruch einzugehen und einmal, um dessen Frage zu bestätigen, ob er in den vergangenen Tagen alle Unterlagen durchgearbeitet bekommen habe.

„Ja, alles fertig“, lächelte er und tat es noch ein wenig mehr, als Dominik mit Freude feststellte, dass sie dann ja noch mal das Wochenende voll und ganz für sich nutzen konnten. Erholen von den Vorbereitungen für die Ausstellung, sich noch mal über die schöne Vernissage freuen, die Tage in Berlin sacken lassen und kuscheln – sehr viel und sehr ausgiebig kuscheln!

„Uh, das klingt doch nach einem Plan!“, grinste Frido, während er einen tiefen Atemzug tat. Ihr Haus rückte immer näher, sein Herzklopfen wurde lauter. Zwischenzeitlich war Dominik es gewesen, der ihren Weg mit Schweigen gesäumt hatte, nun verfiel Frido stattdessen für die restlichen Meter in Stille.

„Sag mal, hast du deinen Schlüssel bei? Ich glaub, ich hab meinen auf der Kommode liegen lassen…“, fand er erst mit Erreichen der Treppe seine Stimme wieder und löste sich von Dominik, um eilig seine Jacken- und Hosentaschen zu durchforsten und dafür ein mitleidiges Grinsen zu erhalten.

„Mein Vater würd jetzt sagen: Gut, dass dein Kopf angewachsen ist!“, war Dominiks Suche deutlich erfolgreicher und die steinernen Stufen mit wenigen Schritten erklommen. Er verschwand durch die erste Tür, hielt sie Frido auf und marschierte dann auch die zweite Treppe empor. Leises Knarren der Holzdielen, dann noch einmal das Klacken der Schlüssel im Schloss.

„Gehst du dann heute eigentlich doch noch zu Ernest oder habt ihr das Treffen trotzdem verschoben?“, erkundigte er sich, während er den Schlüssel abzog und die Tür aufstieß. Ursprünglich war der Plan der Abreise ja ein anderer und die Uhrzeit ihrer Ankunft nicht ganz festgeschrieben gewesen.

„Ach, er weiß zwar, dass ich schon zurück bin, aber ich hab gesagt, ich guck mal, was du nach deiner Rückkehr brauchst: Ruhe oder ganz viel Frido!“, grinste der Dozent und lachte, als Dominik sich mit einem „Spinner!“ von ihm abwendete, um endlich die Wohnung zu betreten.

„Von mir aus kannst du gern…“, setzte er dabei an, doch beim Anblick des Flurs verstummte er. Und blieb abrupt stehen. Er blinzelte, drehte den Kopf und seine Augen schienen nicht zu wissen, wo sie als erstes hinblicken sollten.

Rosenblätter auf dem Boden verstreut, überall Teelichte und Kerzen, die sich durch die eigens verdunkelte Wohnung zogen, um noch mehr zur Geltung zu kommen. Gleichmäßig ungleichmäßig flackerten ihre elektrischen Dochte, wurden untermalt von gemeinsamen Fotos an den Wänden und auf dem Boden sowie kleinen Malereien und Skizzen. Manche von Dominik angefertigt, andere von Frido, dessen Hand den Lockenkopf sanft weiter in die Wohnung schob, damit das, was nun kam, nicht halb auf dem Hausflur passieren musste.

Er schloss die Tür, schmunzelte leicht, während er den Trolley abstellte und dabei Dominiks zunehmendes Lächeln betrachte, das von Freude, Überraschung und Vorahnung durchzogen war.

„Willst den Rucksack nicht absetzen?“, fragte er und strich Dominik über die Wange, während er ins Wohnzimmer ging, um mit einem schnellen Griff die lang geplante Musik anzuwerfen. Langsam ging er zurück in den Flur, musste fast lachen, als er sah, wie eilig sich sein Lockenkopf plötzlich des Rucksacks entledigte, den Schlüssel auf die Kommode pfefferte und die Mütze gleich hinterher. Haare mit den Fingern in Form gebracht und dann hielt er inne, schaute Frido erwartungsvoll an, die Augen plötzlich gar nicht mehr müde, sondern nur noch gebannt. Sein Mund war leicht geöffnet, als Frido sich vor ihm aufstellte, etwas aus der Hosentasche zog und mit dem Daumen nachdenklich über dessen samtigen Bezug strich.

„Ich hab mich lange vor diesem Moment gedrückt und noch länger darüber nachgedacht, wie er werden soll“, setzte er an und hob dabei den Blick vom Schächtelchen zurück zu Dominiks Gesicht. Seine Lippen waren nun aufeinander gepresst. Sie zitterten leicht, während Frido weitersprach.

„Ich war vor allem unschlüssig, welcher Ort der perfekte für diese Frage wäre… Immerhin gibt es ja viele, mit denen wir was verbinden! Das Atelier, wo wir uns zum ersten Mal geküsst haben. Der Seminarraum, in dem wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Das Fitnessstudio als Zeichen dafür, dass wir unseren Weg finden und selbst die schwierigen Zeiten gemeinsam überwinden können! Aber weißt du, diese Wohnung hier…“, ließ er den Blick schweifen, um ihn anschließend wieder fest an Dominik zu heften „… in der hab ich zwar früher schon gewohnt, aber du hast sie für mich erst zu einem richtigen Zuhause gemacht“.

Er schluckte, musste lächeln, als er sah, wie Dominik kurz der Atem stockte, als Frido vor ihm auf die Knie ging.

„Du bist das Puzzleteil, das so lange in meinem Leben gefehlt hat und mich endlich vervollständigt hat“, räusperte er sich und mit dumpfen Klacken öffnete sich die Schatulle. Dominik nickte leicht, zitterte, hatte ein Glitzern in den Augen, während sich ihm der Ring langsam entgegen streckte. Ein leises Schluchzen, als Frido den Antrag endlich zur Vollendung führte.

„Dominik Hinrich Preuss…“, straffte er sich noch ein wenig mehr, wollte einen guten Eindruck in diesem wichtigen Moment abgeben „Willst du mich heiraten?“.

Er schaute zu seinem Liebsten, wartete nur noch darauf, dass er ihn mit einem Ja oder dem Entgegenstrecken seiner Hand erlöste. Aber stattdessen blinzelte der Lockenkopf, runzelte die Stirn.

„Du… denkst, ich heiße Dominik Hinrich?!“, verschwand das Sentimentale aus seinen Zügen, um dem Entsetzen Platz zu machen. Aber Frido musste schmunzeln.

„Ich weiß, dass nur Sebastian den hinten dran geklatscht bekommen hat, aber es wäre irgendwie nicht unsere Verlobung, wenn alles glatt über die Bühne ginge, oder?“, verzogen sich seine Mundwinkel zu einem Grinsen und ein Lachen löste sich aus seiner Kehle, als Dominik nach kurzem Starren zu ihm auf den Boden sank. Ein belustigter Ruck durchzog seinen Körper, ehe der Lockenkopf anfing zu nicken.

„Da ist was dran… Friedrich Karl!“, murmelte er und stimmte in Fridos Lachen mit ein, ehe er sein Gesicht in die Hände nahm und ihn in einen Kuss zog. War das nicht die schönste Art, um die Frage zu bestätigen? Er schlang die Arme um Fridos Schultern, drückte sich an ihn und lächelte an seinen Hals, während der Ältere sich auffällig räusperte.

„Das werte ich dann mal als Ja“, sprach er mit belegter Stimme, um dann doch wieder zu lachen, als Dominik ihn fragte, wann er ihm denn nun endlich den Ring anstecken wollte.

„Oder willst du mich noch länger zappeln lassen?“, klang auch seine Stimme trotz der Frotzelei ein wenig verschoben und nicht nur ein Lächeln hob seine Mundwinkel, sondern auch Fridos Tatendrang seine Hand.

„Nachdem ichs extra mit deinem Vater aufgenommen hab? Auf gar keinen Fall bleibt diese hübsche Hand noch eine Sekunde länger ohne den hier!“, warf er die Verpackung achtlos beiseite und schob im krassen Gegensatz dazu den Ring geradezu vorsichtig auf Dominiks Finger. Noch ein kleiner Moment der Anspannung und dann die tiefe Erleichterung.

„Er passt…“, flüsterte Frido ergriffen, während Dominik nickte. Es war, als hätte dieser Ring schon immer seinen Platz dort gehabt.

„Hast du ja auch für mich ausgesucht“, strahlte Dominik über das ganze Gesicht und das Glitzern in seinen Augen rann in dünnen Fäden über seine Wangen. Er lachte, betrachtete seinen Ring, seinen Mann und umarmte ihn, als wolle er ihn nie wieder loslassen. Und genauso ging es auch seinem Frido.

20.3.2025: querlüften

Zu behaupten, dass er nicht gerne mit seinem Liebsten schlief, wäre eine glatte Lüge gewesen. Er liebte es, wenn kein Zentimeter Platz mehr zwischen ihnen blieb, sich ihr Atem vermischte und sie miteinander verschmolzen. Das Vertrauen und die Geborgenheit, wenn sie ihre Körper erkundeten, gemeinsam entdeckten, was ihnen besonders gut gefiel und selbst nach mehreren Jahren Beziehung jedes Mal doch noch ein bisschen anders ausfiel als das vorherige.

Aber noch mehr als den Akt selbst liebte er vielleicht das Danach. Wenn sie beieinander lagen, sich ihr Puls langsam normalisierte und in ihrer Zufriedenheit noch eine ganz andere Nähe miteinander teilten. Zerzaust, unperfekt und trotzdem vollkommen. Wenn er Dominiks Atem an seiner Brust oder seinem Hals spürte, je nachdem, wie der sich gerade an ihn schmiegte und er im Gegenzug mit den Fingern kleine Kreise und Muster auf dessen Rücken oder Oberarm zeichnete. Wenn er fühlte, wie sich die feinen Härchen davon zu einer wohligen Gänsehaut aufstellten oder Dominik bei einer passenden Berührung sogar anfing zu kichern. Diese Momente brachten ihm noch so viel mehr Glückseligkeit, als die reine Fleischbeschau.

Und so empfand er auch jetzt wieder, während sie zwischen den zerwühlten Kissen lagen und irgendwo auf seinem Rücken noch ein Rosenblatt klebte. Oder vielleicht auch zwei oder drei – er hätte es damit nicht so übertreiben und das Bett aussparen sollen.

„Hast du’s geahnt?“, drehten sich seine Gedanken allerdings nicht um das Grünzeug auf der Matratze, sondern den Mann in seinem Arm.

„Ich meine, dass ich dir heute endlich den Antrag mache“.

Dominik hob auf diese Worte hin den Blick vom Ring an seiner Hand hinauf zum Gesicht seines Partners und dachte kurz über die Frage nach. Seine Finger fuhren die Linien von Fridos Brust nach und schließlich kam seine Hand ruhig auf dessen Bauch zum Liegen.

„Ein bisschen…“, murmelte er dabei und stützte sich ein wenig auf, um den Anderen besser betrachten zu können.

„Du bist zwar manchmal etwas transusig, aber deine Unterrichtssachen hast du eigentlich immer in Schuss. Das fand ich schon komisch... Andererseits hast du mich ja bei meinen Ausstellungsvorbereitungen sehr unterstützt und…“, er wiegte den Kopf und zuckte schließlich die Schultern.

„Also vorstellen konnte ich es mir, aber wirklich gewusst hab ichs nicht“.

Ein leichtes Nicken bewegte Fridos Kopf, ehe er ihn schief legte, auf die eine Hand bettete und die andere an Dominiks Wange wandern ließ. Er musste schmunzeln. Das war schon deutlich mehr, als er sich von seinem aufmerksamen Lockenkopf erhofft hatte! Mal nicht vollkommen durchschaut von ihm! Und noch mehr musste er grinsen, wenn er sah, wie Dominik immer wieder verstohlen zu seinem Finger linste. So viel dazu, dass er sich ja eigentlich gar nichts aus Schmuck machen würde und es für ihn nicht mal Ringe gebraucht hätte! Aber apropos…

„Sag mal, hast du für dich eigentlich keinen gekauft?“, fiel dem Lockenkopf plötzlich auf und er verlor keine Zeit, sobald Frido etwas vom Nachttisch gesagt hatte.

„Obere oder untere Schublade?“

„Untere“

Frido fand es niedlich, mit wie viel Eifer sein Früchtchen zur Tat schritt, sich fast auf die Schublade stürzte und sie durchwühlte. Und er musste lachen, als er Dominiks zerknautschtes Gesicht sah, kaum, dass er aus dem Nachtschränkchen wieder auftauchte.

„Nur in so ne doofe Tüte gestopft?“, murrte er, während er den zweiten Ring aus dem Papierbeutelchen fummelte und mit abwertendem Blick aus dem Bett verbannte. Zerknüllt, noch schäbiger, als er das Tütchen ohnehin gefunden hatte und in die erstbeste Ecke gepfeffert. Frido aber nahm es leichthin zur Kenntnis.

„Ist doch nicht schlimm. Hauptsache, dass beim Antrag alles passend war“, rollte er sich auf die Seite, stützte die Wange an seine Hand und legte die andere an Dominiks Seite. Doch kaum spürte der die Berührung, schnappte er sich die warmen Finger und visierte den vorletzten von ihnen an.

„Hey, du bist doch kein Alleinunterhalter! Das ist schließlich ne Sache für zwei! Also soll es auch für beide was Besonderes sein…“, hielt er fest und doch umspielte sein Gesicht ein seliger, fast verklärter Ausdruck, während Frido die Finger ein wenig spreizte und er ihm behutsam den Ring überstülpte. Perfekt! Er lächelte, sie taten es beide und danach betrachtete Dominik sein Werk. Nun sah auch Fridos Hand aus, als hätte dieser Ring schon immer zu ihr gehört und er hielt seine eigene daneben, ehe sich ihre Finger schließlich ineinanderschoben – und Frido musste zugeben, dass dieser Augenblick doch etwas rührender war, als er ihn sich vorgestellt hätte. Erst recht, als der Lockenkopf ihm dann auch noch einen Kuss auf den Handrücken drückte. Wo kam denn nun plötzlich dieses Kratzen im Hals her?

„Komm her…“, flüsterte Frido bei diesem Anblick und rollte sich zurück auf den Rücken, um die zweite Hand frei zu haben, damit er sie an Dominiks Wange legen konnte, während der sich zu ihm herunterbeugte. Noch ein Kuss und noch ein Aneinanderschmiegen, das für ewig so hätte bleiben können, wenn nur nicht…

„Was meintest du eigentlich vorhin damit, dass du es extra mit meinem Paps aufgenommen hast?“.

Und schon war die Stimmung im Eimer.

Fridos Lider, sie sich gerade erst geschlossen hatten, öffneten sich wieder und schauten dabei sofort auf diese neugierigen Augen.

Ach, Klimlau…“, dachte er sich. Wie er sich jetzt dafür verfluchte, vorhin in so einem Überschwang der Gefühle geantwortet zu haben. Scheiß falscher Stolz, der ihm jetzt diesen Moment versauen konnte!

„Ach, ich hab grad ein bisschen überdramatisiert… Ich bin einfach nur die altmodische Schiene gefahren und hab ihm erzählt, dass ich dich heiraten möchte. Das ist alles… Und kam gut an, glaub ich! Zumindest sind wir jetzt beim Du angekommen!“, grinste er und streichelte seinem Liebling den Arm und ja, natürlich würde er ihm später davon erzählen. In aller Ausführlichkeit und mit allen Details. Schließlich wollte er nicht, dass sein Lockenkopf auf der nächsten Familienfeier womöglich unvorbereitet in eine peinliche Situation schlitterte, weil Hinrich oder einer seiner beiden anderen Söhne einen „witzigen kleinen Spruch“ loslassen musste. Aber jetzt galt es noch ein bisschen die Verlobung zu feiern! Zweisamkeit, Liebkosungen, um die Wette strahlen… Nur wäre Dominik wohl nicht Dominik gewesen, wenn er nicht schon längst Lunte gerochen hätte.

„Irgendwas verschweigst du mir doch. Du hast dann immer dieses dämliche Grinsen drauf!“, schmälerte er die Augen, während er Frido ins Visier nahm.

„Und wieso hast du überhaupt vorher mit ihm gesprochen? Wir hätten doch auch einfach nach der Verlobung alle darüber informieren können und gut. Paps würgt dir ja eh ständig einen blöden Spruch rein! Hat er das jetzt wieder?“, kniete er sich hin und schaute Frido verständnislos an, während der versuchte, die Hand seines Lieblings zu fassen und ihn wieder an sich zu ziehen. Aber der Lockenkopf verweigerte sich. Er ließ Fridos Finger jetzt gar nicht mehr nahe genug an sich herankommen, ehe sich seine Arme vor der Brust verschränkten und der Ältere nur noch seufzend ins Kissen sinken konnte. Und das dicke Ende kam natürlich noch!

„Auf der Vernissage habt ihr beiden keine drei Worte miteinander gewechselt – jetzt sag mir nicht, du bist deswegen extra früher aus Berlin abgehauen!“.

Einsames Hotelzimmer und Horrorfahrt mit der Bahn nur wegen so was?! Dominik war offensichtlich erzürnt und Frido verfluchte sein loses Mundwerk noch mehr. Und nicht mal ein kleines Witzchen konnte die Stimmung gerade aufhellen!

„Na ja, ich musste ja auch noch die ganzen Kerzen hierher schleppen!“, suchte er nach einem Ablenkungsmanöver, das jedoch vollends ins Leere lief. Dominik stierte ihn auffordernd an und allein sein Blick sprach schon Bände. So hatte Frido sich den Antrag bestimmt nicht vorgestellt…

„Ach, komm schon… Können wir das nicht später besprechen?“, bettelte er, aber die Antwort war klar: „Nein!“

Weiterhin wurde er unnachgiebig taxiert und seufzte aus, während er sich geschlagen gab und dabei einladend neben sich klopfte.

„Dann leg dich wenigstens wieder zu mir und schau mich nicht so vorwurfsvoll an…“, murmelte er dabei und auch, wenn sich Dominiks Ausdruck nicht viel änderte, kam er zumindest diesem Wunsch nach – selbst, wenn vorher noch klargestellt wurde, dass er nicht vorwurfsvoll, sondern einfach nur verständnislos schaute! Schließlich ging es ihm darum, zu verstehen, was geschehen war und was Frido geritten hatte. Und nun wollte er jedes Detail hören! Jeden dummen Spruch und jeden blöden Blick seines Vaters!

Und auch, wenn Frido – entgegen seiner früheren Hoffnung – schnell merken durfte, dass sein Lockenkopf ihn für diese Aktion nicht unbedingt feierte, wurde ihm erst während des Erzählens bewusst, wie sehr er in Ungnade fiel. Mit jedem Wort mehr zeichnete sich der Ärger deutlicher auf Dominiks Gesicht und Körper ab. Die Stirn, die sich immer mehr in Furchen zog, die Hände, die sich zunehmend zu Fäusten ballten. Harte Züge im Gesicht, die Lippen aufeinander gepresst und schließlich ein abruptes Aufbäumen, als Frido das Ende seiner Geschichte erreichte.

„Ist das dein Ernst?!“, hatte Dominik an dieser Stelle einen Punkt erreicht, den Frido selten an ihm erlebt hatte und bei dem außer Frage stand, dass er sich nicht so einfach wieder beschwichtigen lassen würde. Ganz klar: Ein falsches Wort und der Vulkan würde explodieren! Und so probierte Frido es mit vorsichtigem Herantasten, damit ihm nicht alles um die Ohren flog.

„Hey… Warum bist du deswegen denn so sauer auf mich?“, versuchte er erst einmal, auf den Kern des Problems zu kommen, damit er nach den passenden Antworten suchen konnte. Aber die erste Tretmiene war längst erwischt.

„Ich bin doch nicht auf dich sauer, du Idiot, sondern auf meinen Vater! Das ist das Letzte, wie er sich aufgeführt hat!“, schwang Dominik sich aus dem Bett und stürmte auf seine Hose zu, die er irgendwo zwischen Flur und Schlafzimmertür verloren hatte. Kurz fragte Frido sich, was er nun vorhatte und dann überkam es ihn siedend heiß.

„Wa… Halt! Stopp! Warte!“, sprang er aus dem Bett, hechtete dem Hitzkopf hinterher und entriss ihm im letzten Moment das Handy, nur, um dann selbst den Segen abzubekommen.

„Gib her! Der muss endlich mal den Kopf querlüften! Ich guck mir das nicht an, dass er so mit dir spricht!“, forderte er und schlug sogar Fridos Hand weg, als die sich beschwichtigend auf seine Schulter legen wollte. Aber Frido lehnte ab.

„Dominik, nein…“, sagte er und wurde prompt unterbrochen.

„Du hast es nicht nötig, dich von ihm so runtermachen zu lassen!“, brodelte es in Dominik, aber trotzdem versuchte der Ältere weiter zu intervenieren.

„Wenn du ihn jetzt anrufst und zur Sau machst, dann ist doch alles wie vorher!“, gab er zu bedenken und senkte noch einmal die Hand auf Dominiks Schulter, als der ihn wütend schnaubend und mit knirschenden Zähnen anschaute.

„Er hält mich für n Feigling, wenn du für mich in die Bresche springst. Also bitte, mach jetzt nicht genau wieder das, weswegen er mir diese Abreibung verpasst hat. Dein Vater und ich nähern uns doch gerade in gewisser Weise an… Also belass es einfach dabei. Sonst hätte ich mir die ganze Fahrt sparen können…“, sprach Frido weiterhin mit Engelszungen auf ihn ein und erreichte dieses Mal wirklich, dass sich der Ärger gegen ihn wendete.

„Ich hab dich nicht gebeten, dass du das machst! Wär mir eh lieber gewesen, wenn du dir das geklemmt hättest! N blöden Kommentar hier und da hat er sonst auch schon gebracht, aber das jetzt war ja wohl die größte Scheiße! Und nehm das nicht einfach so hin, wenn du vorgeführt wirst, verflucht!“, löste der Lockenkopf mit einem Rucken Fridos Hand von seiner Schulter, während sein Blick weiterhin dessen Augen fixierte. Wütend, aufgebracht, ein sonst oft so stilles Wässerchen, das nun das ganze Ausmaß seines Zorns offenbarte. Es gab Grenzen, die man nicht überschreiten durfte und eine davon hatte sein Vater wie ein Panzer überrollt.

„Wenn er sich so benimmt, wird er nicht zur Hochzeit eingeladen! Ganz einfach!“, fauchte der Lockenkopf also und dann herrschte erst einmal Stille. Stille, in der er schnaubte und in der Frido seinen Hitzkopf ungläubig anschaute. Hatte er das gerade richtig gehört?

Er blinzelte, tat einen tiefen Atemzug und warf schlussendlich das Smartphone aufs Bett, um nun beide Hände auf Dominiks Schultern zu legen.

„Das werden wir nicht tun“, sagte er dabei sanft, aber bestimmt und zeigte sich dieses Mal auch unbeirrt von dem wütenden Funkeln, das er mit diesem Ausspruch auf sich lud.

„Nur, weil er dich am nächsten Tag nicht halb besoffen hinters Lenkrad gesetzt hat und gnädigerweise zum Du übergegangen ist, seid ihr jetzt beste Freunde oder was?! Er hätte dich gar nicht erst so drangsalieren dürfen und vor allem füllt man nicht einfach jemanden ab! So was geht gar nicht!“, keifte Dominik und zeigte sich wieder unwillig ob der Hände auf sich. Er ruckte und zuckte, aber dieses Mal bekam er sie nicht abgeschüttelt. Sie ruhten geduldig auf ihm, genau wie Fridos Blick.

„Ich habe dieses Gespräch mit ihm sicher nicht geführt, damit wieder eine Fehde zwischen euch beiden ausbricht, sondern, damit sich die Lage weiter entspannt!“, schüttelte er allerdings auch den Kopf, während seine Finger den Weg zu Dominiks Wange fanden. Das wütende Funkeln war noch da, aber wenigstens biss der Lockenkopf ihn nicht in die Hand. Immerhin…

„Ich sehe ganz genau, wie glücklich du bist, dass ihr euch wieder angenähert habt und du wärst ihm bei der Vernissage fast vor Freude um den Hals gefallen. Also sag mir nicht, dass dir das egal wäre, wenn er nicht zur Hochzeit käme. Es war scheiße von ihm, klar, aber… ja, ich hab das in erster Linie für dich getan. Um dir eine Freude zu machen, aber natürlich wünsch ich mir auch, dass ich auf lange Sicht besser mit ihm auskomme. Und da scheinen wir jetzt ja tatsächlich auf nem guten Weg zu sein… hoff ich zumindest“, strichen seine Daumen über die zarte Haut unter ihnen und mit einem Lächeln versuchte er den Lockenkopf weiter zu besänftigen. Auch, wenn der ihn daran erinnerte, dass Hinrich Preuss sich damals nach der Hilfe für seinen Bypass ja auch nicht unbedingt um 180 Grad gedreht hatte. In gewissen Bereichen nicht mal um 18 Grad, aber darauf versuchte Frido nicht so sehr einzugehen. Schließlich hatte er zwar den Anruf zu Ernest getätigt, aber alles andere war dann ja letztlich doch über Dominik gelaufen und er selbst mit seiner Lauschaktion vielleicht auch nicht unbedingt ganz unschuldig daran gewesen, dass sich Hinrichs Meinung über ihn danach nicht unbedingt verbessert hatte. Da konnte es jetzt doch nur noch besser werden, nicht wahr?

„Na komm, wenn ich ihm das verzeihen kann, dann kannst du das doch auch. Gib dir einen Ruck. Nächstes Mal… kotz ich ihm einfach wirklich auf den Teppich und dann passt das“, versuchte er also zu scherzen, lachte leicht darüber und gab sich einer vorsichtigen Erleichterung hin, als Dominiks Ausdruck endlich ein anderer wurde. Die Lava verebbte allmählich, das wütende Funkeln wurde kühler und Fridos Lächeln dabei noch ein wenig warmer. Unheil noch mal abgewendet…

„Die Hauptsache ist doch, dass wir zwei zusammenhalten“, trat er so nah an Dominik heran, bis er dessen Arme an seiner Brust spüren und eine Hand auf dessen Hüfte schieben konnte. Der Lockenkopf zeigte sich noch immer widerstrebend, das war nicht zu übersehen, aber er stieß ihn nicht weg und entwand sich auch nicht seiner Berührung. Stattdessen stand er ungerührt da, schwieg, stierte. Er ließ es unkommentiert zu, als Frido sich zu ihm lehnte, seine Lippen immer näher an Dominiks heranwanderten, ihm ein Friedensangebot schickten und dann…

„Bei nächster Gelegenheit werde ich ihm Zahnpasta ins Essen mogeln. Oder Mundwasser im Kaffee unterjubeln. Und wehe, du warnst ihn vor oder hältst mich auf!“, fand die leise aufkeimende Romantik ein jähes Ende. Statt heißem Sex also kalt servierte Rache und ein etwas irritierter Frido, der nun doch nicht mehr ganz so scharf darauf war, von diesen eisigen Lippen zu kosten. Ihm erschien die Gefahr zu groß, an ihnen hängen zu bleiben, wie eine Zunge, die bei frostigen Temperaturen am Straßenschild leckte. Nicht, dass einem Freund im Studium nicht genau so was mal passiert wäre und im Anschluss die Aussprache seines Namens für ein Weilchen torpediert hätte. „Friss H Limlau“ hatte aber auch beschissen geklungen!

„Du kannst wirklich ganz schön nachtragend sein, oder?“, ging er also dieses Mal freiwillig etwas auf Abstand und wusste nicht, was er gerade gruseliger fand: Die frostige Note in Dominiks Stimme oder die Unergründlichkeit seines Blicks, als er sich mit einem „Jap. Frag meine Brüder“ von ihm abwendete. Er stiefelte ins Schlafzimmer, sammelte sein Handy vom Bett und begann darauf zu tippen, während Frido ihm seufzend zuschaute.

„Willst du ihn immer noch anrufen?“, murmelte er zwar, aber den Versuch, es zu unterbinden, ließ er dieses Mal bleiben. Wenn Dominik sich daran so festgebissen hatte, brachte es eh nichts, ihn abhalten zu wollen. Und er war auch nicht unbedingt scharf darauf, dass der Haussegen – vor allem der eigene – noch mehr in Schieflage geriet.

Aber Dominik reagierte nur mit einem „Nö“, ehe das Handy wieder auf dem Bett landete und Frido sich an etwas erinnert fühlte.

„Martina hat dich Giftnudel genannt und von Sebastian kam auf der Rückfahrt so ne Andeutung… Dass das ja noch „richtig spaßig werden kann, wenn der Kurze davon erfährt“… Also… kam das früher nicht nur ein, zwei mal vor, dass die anderen ne Abreibung von dir verpasst bekommen haben?“, griff ein Puzzleteil in das andere und plötzlich fühlte er sich wie im Angesicht eines Raubtiers, als Dominik den Rückweg zu ihm antrat. Sein Opfer mit den Augen fixiert, etwas Lauerndes im Blick und bereit, im nächsten Moment an diese nervös schluckende Kehle zu springen. Und vor allem dieses Schweigen dabei, ohne auf die Frage einzugehen! Aber andererseits…

„Na ja, dann hätte ich aber bestimmt auch schon mal was davon mitbekommen, oder? Wir sind ja schließlich nicht erst seit drei Wochen zusammen!“, versuchte Frido sich schnell zu beruhigen, lachte leise und musste dann doch feststellen, dass sein anschließendes Grinsen wenig überzeugend ausfiel. Auch seine Hände landeten nicht bei stolz geschwellter Brust auf seinen Hüften, sondern eher, weil er nicht wusste, wo er sonst mit ihnen bleiben sollte. Und dabei schaute Dominik ihn immer noch so spähend und ruhig an, dass es einem die schlechte Art von Gänsehaut über den Rücken jagte. Frido trat unwillkürlich einen Schritt zurück und spürte die Kante der Türzarge im Rücken, während Dominik vor ihm zu stehen kam und den Kopf schief legte.

„Du hast mir bisher ja noch keinen richtigen Grund geliefert, dir eins rein zu würgen… Na ja, mit Ausnahme von deiner kleinen Baguette-Aktion, als Jean-Pierre damals her kam. Da wars fast soweit…“, säuselte er verhängnisvoll und legte die Hände auf Fridos Brust, um sie dann unaufhaltsam zu seinem Hals und an seine Wangen zu schieben. Jede ihrer Berührungen hinterließen bei dem Dozenten das Gefühl, seine Haut würde brennen und er konnte sehen, wie viel Spaß Dominik gerade an diesem Spielchen hatte. Aber vor allem: War es damals wirklich nur fast soweit gewesen oder folgte jetzt der Moment, auf den diese kleine Giftschlange solange gewartet hatte? Angepirscht, als ihr Opfer es am wenigsten erwartet hatte und dann die Fangzähne ausgefahren?

„Ähm…“, brachte Frido gerade noch zustande, doch es war zu spät und es gab kein Entrinnen mehr! Dominik zog sein Gesicht an sich und schlang im nächsten Moment die Arme um seinen Oberkörper und ein Bein um seine Hüfte. Er holte den Dozenten in einen Zungenkuss, der dessen Knie zittern ließ, ihm in die Lenden schoss und ihm den Atem raubte. Vereinnahmt mit Haut und Haar. Und alles nur, um ihn keuchend zurück zu lassen, als das Raubtier schmatzend von ihm abließ. So abrupt weggeschoben, wie er zuvor in denn Kuss gezogen worden war und voll mit diesem süßen Gift. Gemustert mit Belustigung und Zufriedenheit, während sich der Lockenkopf mit den Daumen den Mund abwischte.

„Kommst du mit unter die Dusche? Wir haben noch ne halbe Stunde, bevor wir los müssen!“, leckte er sich die Lippen und schmunzelte, während Frido schluckte und die Englein singen hörte.

„Los müssen?“, musste der überhaupt erst mal wieder richtig zu Atem kommen, wohingegen sich Dominik voller Leichtigkeit an ihm vorbei in den Flur spazierte.

„Na, zu Ernest! Er mags nicht, wenn man zu spät kommt! Weißt du doch!“, zwitscherte er und begab sich beschwingten Schrittes auf den Weg Richtung Dusche. Plötzlich schien er bester Laune, während Frido ihm ungläubig nachstarrte und eine folgenschwere Erkenntnis in ihm reifte.

„Du willst mit ihm was gegen deinen Vater aushecken, oder?“, blinzelte er und fühlte sich zwischen Schaum und Bier. Derart angeheizt und nun mit so einer abturnenden Überlegung zurück gelassen. Und der Lockenkopf antwortete nicht einmal darauf. Zumindest nicht mit Worten. Er schenkte Frido nur einen kecken Blick über die Schulter, ein Grinsen und eine fast schon laszive Bewegung, als er die Badezimmertür öffnete.

„Oh…“, musste der Dozent wieder schlucken. Da hatte er immer gedacht, sein Dominik hätte etwas Engelsgleiches an sich, wenn er so voller Eleganz an der Staffelei sitzen konnte, seine Hände zart die Nähe zu ihm suchten oder seine kräftigen Wellen die feinen Züge seines Gesichts umspielten. Aber in Wirklichkeit war das alles nur Fassade und schöner Schein! In Wirklichkeit war er ein verdammter Racheengel!

„Scheiße…“, hauchte Frido und leckte sich die Lippen. Mit dem durfte man es sich wirklich nicht verscherzen! Aber… wenn man nicht gerade auf seiner Abschussliste war, hatte Dominik auch was verflucht Heißes an sich. Besonders, wenn er sich so frivol und verführerisch wie in diesem Moment gab… Der Dozent begann zu grinsen.

„Komme schon!“, rief er also und eilte seiner Femme fatale schnellstens nach. Ein Glück, dass nicht er derjenige war, der den Zorn dieser Medusa auf sich gezogen hatte! Da konnte ihm der arme Hinrich ja fast schon leid tun! Aber auch nur fast...

21.3.2025: zitronengelb

„Das könnte durchaus interessant werden…“.

Er stand am Fenster. Seine Hände schlummerten hinter dem Rücken verschränkt und seine Augen nahmen das Gewusel links und rechts der Straße wahr. Eilig hatten manche es, während er gemütlich dastehen und seinen Gedanken nachhängen konnte. Eine Bestellung musste er für diesen Abend nicht aufgeben, das hatte er bereits aus Nachricht herauslesen können und er wusste auch, wann seine Gäste spätestens einträfen. Noch einen kurzen Abstecher zum Einkauf sollte es geben und das sicherlich mit genügend Vorlauf, um trotzdem pünktlich bei ihm zu sein! Immerhin war Dominik ja mit von der Partie…

Und genau das brachte Ernest zu seiner Frage, wegen der er eigentlich hier ausharrte: Wie sollte er sich am besten verhalten?

Ja, er wusste nun, dass der Lockenkopf inzwischen zurück in der Stadt war und trotzdem lange genug von seinem Frido ablassen konnte, damit sie Zeit für einen kleinen Besuch hatten. Aber was sollte das nun konkret bedeuten? Wollten sie mit dem Arzt zusammen ihre Verlobung feiern? Oder war Frido etwa noch immer nicht mit der großen Frage herausgerückt? Das alles hatte sich aus Dominiks kurzem Text ja leider nicht herauslesen lassen. Und Ernest stand nicht der Sinn danach, dem Dozenten durch eine unbedachte Äußerung weiteren Ärger mit einem Preuss einzubrocken. Schließlich hatte der ja schon genug hinter sich und wollte Dominik sogar noch heiraten, obwohl er wusste, welcher Schwiegervater ihm dann blühte!

Also entschied der Arzt, es erst einmal möglichst unverfänglich zu halten, als ihm das Klingeln an der Tür verriet, dass seine Gäste nicht nur wussten, wie man erfolgreich eine Straße querte.

„Sogar noch früher als gedacht…“, verriet ihm ein Blick auf die Wanduhr, während er das Wohnzimmer durchquerte und eine der wenigen Türen in seinen vier Wänden ansteuerte. Vom Fenster aus hatte er es nicht erkennen können, aber gab ihm vielleicht der Türspion eine Antwort auf die offene Frage? Nein, nicht wirklich. Auch hier sah er nur, dass die Beiden Händchen hielten, aber nicht, inwieweit dabei Geschmeide ihre Finger verzierte. Dann musste es halt anders gehen…

„Mit euch habe ich heute ja nicht mehr gerechnet!“, lautete also die etwas unkonventionelle Begrüßung beim Öffnen der Tür und ebenso untypisch fiel auch Dominiks Antwort aus. Er grinste, streckte Ernest seine beringte Hand entgegen und hielt die andere weiterhin fest mit Fridos verflochten. Na, da schau her!

Tatsächlich zeigte sich der Arzt ein wenig überrascht, wenn auch vor allem deshalb, weil der sonst so zurückhaltende Lockenkopf diesen Schmuck nun derart stolz präsentierte. Aber es kam ihm ja durchaus gelegen.

„Oh! Darf man gratulieren?“, konnte er es in seine unwissend wirkende Darbietung einfließen lassen, um dafür allerdings keinen Beifall, sondern nur ein Lachen zu kassieren.

„Tu nicht so, du wusstest doch längst, dass was im Busch ist!“, schob sich der Künstler an ihm vorbei und ein grinsender Frido folgte ihm auf dem Fuße – ein netter Gesichtsausdruck, dem der Arzt in dezenterem Ausmaß folgte. Dann hatte der Dozent es also endlich geschafft! Aber durfte man ihn dafür auch offen loben?

„Ich? Wie kommst du denn darauf, dass ich irgendwas davon gewusst hätte?“, zeigte Ernests Tonfall zwar, dass Dominiks Anschuldigung durchaus der Realität entsprach, aber ein wenig hielt er trotzdem noch an seiner Ahnungslosigkeit fest. Denn auch hier galt schließlich, dass man nicht mit einer unbedachten Äußerung für Ärger im Paradies sorgen wollte! Allerdings konnte Frido ihm diese Befürchtung recht schnell nehmen.

„Ich hab ihm schon alles erzählt. Vom Waldschlösschen bis zum fliegenden Affen“, grinste der Dozent, während hinter ihm die Tür geschlossen wurde und er für einen Moment den Einkaufskorb abstellte, um sich dann, genau wie Dominik, seiner Jacke zu entledigen. Was Ernest dabei allerdings ganz besonders auffiel: Es war ein etwas unsicheres Grinsen, das der Dozent dort spazieren trug. Warum wohl? Sorge davor, wie der Arzt auf die komplette Beichte reagierte, bei der er ja auch eine gewisse Rolle gespielt hatte? Oder genau deswegen vielleicht sogar eher die Befürchtung, wie der Lockenkopf nun an das weitere Treffen heranging?

Ernest hob jedenfalls in echter Verwunderung die Augenbrauen, während er versuchte zu deuten, was es mit Fridos Mimik genau auf sich hatte. Und eigentlich auch mit Dominiks. Denn der war die Ruhe selbst. Und nicht nur das! Genau genommen lag in dessen Schmunzeln etwas sehr Aufmerksames, fast schon Lauerndes, das sich vor allem auf den Gastgeber zu konzentrieren schien. Interessant…

„Es gibt doch hoffentlich keine Probleme bei der Wahl deines Trauzeugen?“, fragte Ernest also, während er die Hand ausstreckte, um mit seinen Glückwünschen zu beginnen. Und auch, wenn Frido mit ehrlicher Freude auf dieses Geste reagierte, beschlich den Arzt zunehmend das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmte. Denn auf seine Frage ging der Dozent nicht ein und Dominiks Reaktion fiel noch deutlicher aus: Schmunzeln gab es weiterhin, aber kein Händeschütteln oder gar eine kurze Umarmung wie die von Frido. Nein, stattdessen verschränkte er nur demonstrativ die Arme vor der Brust und taxierte das Gesicht des Arztes, als würde dabei nicht dessen Hand unschlüssig zwischen ihnen in der Schwebe hängen.

„Du hast meinem Schatz ja ganz schönen Ärger eingebrockt“, kam er dann auch relativ fix mit der Sprache heraus und Ernest wappnete sich innerlich für das, was nun folgen würde. Frido hatte die Sache ja recht schnell beiseite legen können, aber Dominik? Nun, der war ja von Beginn an durch seinen Eigensinn aufgefallen. Es konnte also überaus interessant werden und das nicht zu knapp!

„Du sprichst sicherlich davon, dass ich auf der Vernissage das Gespräch mit deinem Vater gesucht habe?“, war die Frage eigentlich eher eine Feststellung, aber seltsamerweise sorgte sie bei Dominik nicht für Ärger, sondern für ein fast schon belustigtes Schnauben.

„Ja und zur Wiedergutmachung hilfst du mir dabei, ihm ordentlich eins reinzuwürgen! Von mir aus auch, um dich für den „Schleimscheißer“ zu bedanken!“

Die Forderung war klar, der Blick unerbittlich und Ernest ein wenig irritiert. Vielleicht auch ein wenig mehr.

„Wie bitte?“, blinzelte er, während seine Hand langsam hinabsank und Dominiks Grinsen zunehmend an Größe gewann.

„Wenn er nur bei seinem blöden Tiefflieger geblieben wäre, hätte ich ja nichts gesagt, aber für die Nummer jetzt kriegt er ne Abreibung, die sich gewaschen hat! Und ich denke, du bist genau der Richtige, um mir bei der Ideenfindung zu helfen!“, bleckte er die Zähne und sein Ausdruck nahm etwas äußerst Zufriedenes an, als sich aus Ernests Verwunderung anerkennende Züge entwickelten. Na, wenn das so war…

„Nichts leichter als das“, entgegnete er also beinahe beiläufig, um dann ebenfalls zu schmunzeln, als Dominik endlich seine Hand ergriff. Kurz, bevor ihr jegliche Kraft entschwunden war, wurde sie jetzt unter Begleitung eines erfreuten „Abgemacht!“ kräftig geschüttelt. Zwei waren sich also einig und dem Dritten im Bunde die ganze Sache wohl nicht so recht geheuer. Zumindest hielt er sich äußerst bedeckt und das selbst dann, als aus der Verbrüderung doch noch der obligatorische Zuspruch zur Verlobung wurde und sich für einen Moment wieder echte Glückseligkeit statt diebischer Vorfreude auf Dominiks Gesicht schlich. Er konnte so hinreißend sein! So lieblich und betörend! Und gleichzeitig so ein Biest, das nun keine Zeit mehr verlor, um angeregt die Köpfe mit Ernest zusammen zu stecken…

Schon ihren Weg von der Tür zur Kücheninsel begleitete ein eifriger Austausch über die Unarten des Hinrich Preuss. Mit welchen Charakterzügen hatte sein Sohn ihn kennengelernt und welchen Eindruck der Arzt von ihm bislang erhalten? Durch eigene Aufeinandertreffen und natürlich diverse Erzählungen? So entwickelte sich zwischen dem Hervorkramen von Schneidebrett, Messer und Pfanne schnell eine allumfassende Analyse der Stärken, Schwächen, Vorlieben und Abneigungen von Dominiks Vater. Es war wirklich beeindruckend, mit wie viel Feuereifer die beiden Intriganten vorgingen, während Frido nur schweigend die Einkäufe hinterhergetragen hatte und nun ebenso schweigsam bei den Vorbereitungen des Essens half.

Kartoffeln und Möhren schälen, Pilze putzen, Kochwasser aufstellen und vor allem: Alles, was irgendwie mit halbwegs roher Gewalt klein geschnibbelt werden konnte, an seinen Liebling rüber reichen. Der hatte sich zwar vorher unter der Dusche noch ordentlich ausgetobt, aber ihm schien es trotzdem ganz gut zu tun, noch ein wenig mehr Dampf abzulassen. Hacken, schnippeln, fuchteln und wieder hacken. So lange, bis den Dozenten ein flaues Gefühl überkam, als er sah, wie die arme Kartoffel malträtiert wurde und sich Dominik dabei immer mehr in die Diskussion reinsteigerte.

„Okay, das reicht!“, intervenierte er also schließlich doch, indem er Dominiks Handgelenk fasste und die Klinge stoppen ließ. Er atmete tief durch, während um ihn herum Stille einkehrte. Endlich schienen Künstler und Arzt bemerkt zu haben, dass sie nicht alleine im Raum waren, wohingegen Frido unschlüssig von einem zum anderen schaute.

„Übertreibts nicht, okay?“, murmelte er und bat Dominik darum, ihm das Messer zu geben.

„Du schneidest dir mit deinem Gefuchtel noch in die Finger…“

Ruhig und fordernd hielt er seine Hand geöffnet, bis Dominik ihm nach kurzem Stutzen den Griff übergab. Der Eine nickte, während der Andere ihn weiter anschaute. Und unter diesen Blicken zog Frido das Brettchen zu sich hinüber, um weiter zu schneiden und das Starren dabei bestmöglich zu ignorieren. Eigentlich war es ja schön, immer wieder noch neue Seiten an seinem Partner zu entdecken, aber diese? Nein…

Er runzelte die Stirn, während er die Kartoffelwürfel in eine Schüssel gab und somit Platz für das nächste zu hackende Gemüse machte. Dann ein kurzer Blick zum Kochfeld mit dem Wasser – ja, der Reis konnte jetzt in sein Bad entlassen werden. Doch während er zum Wecker griff, um die Garzeit nicht aus den Augen zu verlieren, schob sich vorsichtig eine Hand an seine Seite. Er stellte die Eieruhr ab und schaute zu seinem Partner, der ihn noch immer nachdenklich betrachtete.

„Hey, mir tuts wirklich leid, dass ich vorhin meine Laune an dir ausgelassen hab. Ehrlich…“, murmelte der Lockenkopf, aber Frido schüttelte den Kopf.

„Hast du unter der Dusche schon gesagt, aber darum gehts nicht“, antwortete er und musterte nicht nur Dominik, sondern auch Ernest.

„Ich hoff echt, dass ihr euch niemals gegen mich verschwört, denn das, was ihr hier grad plant, ist keine kleine Retourkutsche, sondern ein Rachefeldzug!“, wendete er sich dem Jüngeren anschließend weiter zu und auch Ernest bekam noch einen mahnenden Blick ab – und trotzdem lag Fridos Hauptfokus auf seinem Lockenkopf.

„Ich find das nicht gut, wie ihr euch da reinsteigert. Dein Vater hat sich wie ein Arsch benommen, ja, aber deshalb musst du ihm das doch noch lange nicht nachmachen, oder?“.

Er verschränkte die Arme vor der Brust, während Dominiks Hände ihre Verbindung zu Fridos Hüften verloren, um sich stattdessen auf die Kücheninsel zu stützen. Seine Mundwinkel zuckten und er wirkte nachdenklich, während er seine Augen zum Kochfeld wandern ließ. Irgendwie tat Frido dieser Anblick jetzt leid.

„Versteh mich nicht falsch… Ich finds schön, dass du mich in Schutz nehmen willst und ich kann mir vorstellen, dass das gar nicht so leicht ist, nachdem ihr früher solche Differenzen hattet. Und ich sag ja auch nicht, dass du jetzt alles gut finden sollst, was dein Vater macht und sagt, bloß, weil ihr euch inzwischen vertragen habt“, streckte Frido die Hand aus und legte sie behutsam auf Dominiks Rücken, während er ihn darum bat, nicht aus einer Laune heraus diese Fortschritte unüberlegt wieder einzureißen. Selbst dann nicht, wenn es dabei um den Dozenten selbst ging. Doch was sich dabei bereits durch ein Schütteln der lockigen Mähne ankündigte, wurde nur Sekunden später zur Unterbrechung dieser kleinen Ansprache.

„Heiner ist mal zwei Wochen wie ne geleckte Kuh rumgelaufen, weil ich ihm Selbstbräuner in dieses Antipickelzeug gemischt hab, das er früher gegen seine Akne nehmen musste“, sagte Dominik und hob den Kopf zu Frido, als der ins Stocken geriet. Der Dozent runzelte die Stirn, während sein Liebling nur die Schultern zuckte.

„Das Zeug musste er immer ne Weile einwirken lassen und ich war auch nicht unbedingt sparsam mit dem Selbstbräuner…“, sagte er, als wäre es eine Erklärung, aber bei Frido sorgte es nur für noch mehr Irritation – und auch für einigen Ekel, als Dominik weitersprach.

„Und Sebastian hab ich mal die Zahnbürste ins Klo gesteckt. Danach passte das Zitronengelb vom Griff noch besser… Damit hat er sich dann erst mal noch n Monat die Zähne geputzt, ehe sie eh getauscht werden musste“, schaute er von Frido zu Ernest, der ebenfalls sein Gesicht verzog. Das war dann doch etwas zu unappetitlich, um ungeniert am Saft zu nippen.

„Dann würde ich an deiner Stelle aber die Zahnbürste irgendwo hinlegen, wo er nicht dran kommt, Frido…“, murmelte er also noch etwas unschlüssig in seinen Saft hinein, während der Angesprochene trocken schluckte und seinen Blick nachdenklich gen Decke richtete. War ihm in letzter Zeit mal irgendwas Ungewöhnliches beim Zähneputzen aufgefallen? Meistens lief es ja so unbewusst nebenher ab, dass er es nun wirklich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen konnte und das machte die Sache nicht unbedingt besser! Aber Dominik legte eine Hand auf seine Brust und grinste schief, als Frido ihn wieder anschaute.

„Ey, damit würd ich mir doch selber ins Knie schießen, oder?“, tippte er Frido zwar an die Lippen, aber danach auch einen Platz auf dessen Wange anzusteuern, traute sich seine Hand scheinbar nicht. Denn obwohl sie eine auffällige Bewegung in diese Richtung machte, zog sie sich doch lieber wieder an die Brust des Dozenten zurück. Unterdessen schaute Dominik ihn aufmerksam an, während Frido unschlüssig war, was er von diesen Informationen halten sollte.

„Wusste ja gar nicht, dass du so ein kriminelles Genie bist…“, murmelte er, ohne, dass es sonderlich heiter klang. Was sollte er von diesen Aktionen halten? Und vor allem: Was erwartete Dominik jetzt von ihm? Lob für seinen Einfallsreichtum etwa? Anerkennung, dass er zumindest bei Sebastian wohl nicht aufgefallen war? Doch scheinbar musste er diese Fragen nicht einmal in Worte verpacken, um eine Antwort darauf zu erhalten.

„Ich konnt mich nicht anders wehren“, konnte Dominik ihm die Gedankengänge nur allzu deutlich ansehen und schien nun selbst etwas verunsichert ob Fridos zurückhaltender Reaktion.

Schließlich war es eine Sache gewesen, ihn ein wenig zu necken und dann anschließend unter der Dusche zu vernaschen. Aber jetzt ging es eindeutig um was anderes. Die geplante Schikane für seinen Vater musste in den Hintergrund rücken, um Platz für den Versuch zu machen, Fridos Verständnis zu bekommen.

„Hey, ich hab nicht gesagt, dass ich da super stolz drauf bin, okay?“, wollte er sich zunächst einmal verteidigen, weil Frido ihn so kritisch betrachtete, aber schon während er diese Worte aussprach, merkte er, wie wenig er zu überzeugen wusste. Ja, eigentlich war er da schon ein bisschen stolz drauf gewesen… Aber es hatte schließlich immer ein guter Grund bestanden, wenn er zu solchen Mitteln gegriffen hatte!

„Seit der Pubertät können die Beiden mir vielleicht nicht mehr auf den Kopf spucken, aber trotzdem war ich immer der Schwächere. Heiner kriegt mich heute noch problemlos in den Schwitzkasten und Sebastian hat mich früher einfach in den Keller gesperrt, wenn er mich ärgern wollte. Klar, ich konnte dann durch die Kellertür nach draußen, aber das hat mir ja auch nix gebracht. Dann stand ich vor der Haustür und durfte warten, bis der nette Herr sich mal bequemt hat, mich wieder rein zu lassen. Und wenn er ne Freundin zu Besuch hatte, konnte das auch mal dauern, bis Mama und Papa fast von der Arbeit kamen!“, verschränkte er die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen die Kücheninsel, um dem Reistopf einen tödlichen Blick zuzuwerfen, als sich im Geiste das Gesicht seines Bruders darin manifestierte. Er runzelte die Stirn und schaute wieder Frido an.

„Meinst du vielleicht, die hat es interessiert, wenn ich damals gesagt hab, dass ichs blöd find, geärgert zu werden? Oder… wenn ich deswegen geheult hab? Im Endeffekt hats nur gewirkt, wenn Mama oder besser noch Papa das mitbekommen haben und es dann n Einlauf gab. Aber die hatten ja auch genug anderes zu tun, als ständig für Ruhe zu Sorgen!“, murrte er, während er Frido in einem Nebensatz daran erinnerte, dass er einen Teil des Gemüses allmählich in die Pfanne geben musste, damit es den passenden Garpunkt erreicht hatte, wenn der Reis dazu kam. Der Dozent nickte. Trotzdem löste er sich aber auch etwas zögerlich von seinem Platz, um der Aufforderung nachzukommen, während Dominik weitererzählte.

Als Nesthäkchen war er natürlich nicht nur der Schwächste, sondern für die beiden Älteren auch oft eine gewisse Last gewesen. Immer das Anhängsel, auf das sie irgendwie hatten achten müssen. Zum Beispiel auf dem Weg zur Schule oder nach hause. Was hatte das immer Theater gegeben, wenn sie sich mit Freunden verquatscht hatten und der Nachzügler dadurch im Bus zurückgeblieben oder gar nicht erst dort eingestiegen war? Denn natürlich hatten sie auch nicht unbedingt Lust darauf gehabt, ihn immer an der Hand zu nehmen oder am besten gleich auf dem Schoß sitzen zu haben. Die coolen Kids hinten auf den Rücksitzen zusammengerottet, während die Nervensäge irgendwo vorne geparkt worden war. Und wofür hatte sein hin und wieder vorkommender Verlust dann gesorgt? Natürlich: Einen ordentlichen Anschiss. Und das war selbstverständlich nur eines von vielen Beispielen, die Dominik an dieser Stelle allerdings nicht weiter ausführte, um nicht zu sehr vom eigentlichen Thema abzuweichen.

„Ich musste mir was überlegen, um gegen die Beiden anzustinken!“, hielt er also fest und zeigte sich ebenso selbstsicher darüber, dass Not nun einmal erfinderisch machte. Er hatte einfach nur das Beste aus der Situation herausgeholt und ließ dabei nicht ungesehen, dass er auch ein wenig Anerkennung für sein eigenes kreatives Köpfchen in sich trug. Aber er stellte nicht nur das fest, sondern auch noch etwas anderes klar: „Bei Paps hab ich das nie gemacht. Das hab ich mich nicht getraut!“.

Er war also nicht per se so aufmüpfig, wie Frido es nun vielleicht von ihm dachte, aber gerade die aktuelle Situation war ja schließlich eine besondere. Spezielle Gegebenheiten – spezielle Maßnahmen.

„Du hast selber gesagt, dass ich ihn nicht zusammenstauchen soll und ja, ich seh ja ein, dass das nur wieder zu Streit führt“, zuckte er die Schulter, während er kleinlaut zugab, dass er neues Gezänk eigentlich auch nicht wollte. Allerdings war ein vernünftiges Gespräch mit dem alten Preuss auch keine echte Option.

„So, wie ich ihn einschätze, macht er sich eh nur wieder lustig über dich oder wir verkrachen uns doch!“, war er von diesem möglichen Ausgang ebenso überzeugt, wie für ihn feststand, dass er dieses Mal nicht einfach wegrennen wollte. Und was blieb dann noch viel anderes übrig, als zu einem Mittelchen zu greifen, das früher auch schon gute Wirkung bei seinen Brüdern gezeigt hatte?

„Hast du ne andere Idee? Umgekehrt würdest du es doch auch nicht einfach so hinnehmen, wenn dein Paps mich so blöd behandelt hätte, oder?“, stellte er Frido abschließend also gewissermaßen vor die Wahl. Verstand er ihn nun oder fand er das Verhalten seines Lockenkopfes immer noch befremdlich?

Der Dozent schnaubte, während er in der Pfanne rührte. Was für ein Gespräch zwischen dampfenden Kartoffeln und blubberndem Reis…

„Stimmt schon. Ich würde das auch nicht so stehen lassen. Aber du weißt auch, dass ichs anders regeln würde…“, trat er näher an Dominik heran und biss sich auf die Unterlippe, als Ernest natürlich genau in diesem Augenblick die Position des stillen Beobachters aufgab.

„Richtig! Er würde sich einfach im Dunkeln zu seinen Eltern schleichen und den Poltergeist spielen!“, stützte er mit süffisantem Blick den Kopf auf eine Hand und wirkte äußerst zufrieden, als der Moralapostel ertappt zu ihm hinüberschaute.

„Ja, ja, schon klar!“, lachte Frido und schüttelte leicht den Kopf.

„Bei dir war das ne Ausnahme! Ohne Trick 17 hätte ich doch nie dran gekriegt!“, grinste er, um seine Aufmerksamkeit dann wieder auf Dominik zu lenken, der noch immer in Wartestellung war. Unterstützte Frido ihn jetzt oder nicht? Der Dozent strich ihm über die Wange und fasste ihn seicht am Kinn, während er ihm ein sanftes Lächeln schenkte.

„Weißt du, ich vergess manchmal, was du bei deinen Brüdern für einen schweren Stand hattest. Und… dass eure Familie in einigen Sachen generell anders tickt als meine“, grinste er schief, während Dominik das Gehörte abzuwägen schien und dann mit einem Nicken bestätigte, dass man das durchaus so sehen konnte. Ja, mit einem Vater Fritz hätte man sicherlich gut reden können, aber um den ging es nun einmal nicht.

„Ich glaub, in diesem speziellen Fall weiß ich auch keine andere Lösung…“, gab Frido also zu, ehe er noch eine Bitte an seinen Zukünftigen richtete.

„Dann versprich mir nur, dass ihr beiden es nicht übertreibt, okay? Ich möchte bei der Hochzeit doch ganz gern mit Reis und nicht mit Rohrzangen beschmissen werden“, zwinkerte er, um dann lauthals aufzulachen, als Dominik sofort wieder sein verschmitztes Grinsen aufs Gesicht trat. Na, das war doch eine Antwort, mit der er arbeiten konnte!

„Okay!“, schnappte er sich also schnell ein Küsschen, ehe es frisch gestärkt zurück ans Kochen und Brüten ging. Und ja, da hatten sich wirklich die beiden Richtigen zusammengefunden, um einen Plan auszubaldowern, stellte der Dozent auch im weiteren Verlauf fest. Teilweise schlackerten ihm regelrecht die Ohren, wenn er von ihren möglichen Machenschaften hörte und nicht nur einmal entfuhr ihm ein innerliches Seufzen, wenn eine äußerst waghalsige Idee ad acta gelegt wurde.

Doch zwischen Pfanne und Bräter fiel ihm dabei auch noch etwas anderes auf – oder eher ein.

„Vielleicht hab ich für eure kriminellen Energien auch noch Verwendung“, sagte er plötzlich, als er die Teller aus dem Schrank holte und sie mit dem Besteck garnierte. Schlagartig verebbte das Geplauder und zwei aufmerksame Augenpaare fixierten ihn, während Frido anfing zu grinsen.

„Na ja, wir müssen uns auch noch was überlegen, wie wir meine Mutter davon abhalten, die Hochzeitsvorbereitungen zu torpedieren!“, stützte er die Hände auf die Hüften und schaute auffordernd von einem zum anderen.

Na? Welches Unterfangen war hierbei wohl das schwierigere?

22.3.2025: holterdiepolter

Spiel und Ernst – Es waren zwei Aspekte des Lebens, deren Grenze auf den ersten Blick klar gesetzt schien und nicht miteinander verschwamm. Aber stimmte das wirklich? Konnte etwas Spielerischem nicht auch Ernsthaftigkeit anhaften und durchzog die Seriosität nicht manchmal auch etwas Verspieltes? Ja, dachte Frido Klimlau, als er an diesem Tag die Hände seiner künftigen Schwiegereltern schüttelte. Spiel und Ernst konnten sich durchaus vermischen und spätestens beim Beobachten von Dominiks künstlerischer Darbietung hegte er an diesem Ausspruch keinerlei Zweifel mehr. Sein Lockenkopf war ein Meister seines Könnens, der sich Mal um Mal selber überbot, bis er schließlich ein Vermächtnis schaffen würde, das seine Familie wohl lange nicht mehr vergäße.

Aber ging es dabei noch immer um Vergeltung? Nein, war sich Frido ebenfalls sicher. Schon längst hatte die Freude am Spiel über die Revanche gewonnen. Auch, weil es ein Spiel war, das sein Liebling nicht ruckartig begonnen und holterdiepolter schnell wieder beendet hatte. Nein, es war ein Spiel, das er peu a peu steigerte – und den Dozenten dabei schneller als gedacht zu einer der Spielfiguren gemacht hatte. Ob es dem gefiel? Nun, er war zumindest immer froh darüber, wenn eine neue Partie hinter ihnen lag und sie noch immer auf der Gewinnerseite standen! Aber bei jedem Mal wurde der Einsatz erhöht und die Nervosität in ihm stärker – obwohl er ja nicht einmal im Mittelpunkt des Ganzen stand. Denn sonst wären sie wohl auch schon längst aufgeflogen… Aber Dominik? Der stellte seine Rolle so fabulös dar, dass Frido nicht umhin kam, sich das eine oder andere Mal zu fragen, ob es wirklich nur noch ein Bühnenstück für seinen Lockenkopf war.

Diese Aneinanderreihung kleiner Nickeligkeiten, die er inzwischen über Wochen hinweg eingewebt hatte. Immer ganz dezent und doch augenscheinlich genug, damit sie nicht übersehen wurden. Und dazu immer der Nervenkitzel mit der brennenden Frage, wie der Alte wohl darauf reagieren würde!

Beispielsweise, als Frido und Dominik noch am Wochenende ihrer Verlobung zu Oma Trudel gefahren waren, um ihr persönlich zu berichten und sie auf dem Rückweg einen Abstecher zu Dominiks Eltern gemacht hatten. Da war dem Alten durchaus aufgefallen, dass plötzlich ein Schmuckstück an Dominiks Ohr gebaumelt hatte, aber darüber war er noch schweigend und mit kritischem Blick hinweg gegangen. Noch war das Geschmeide ja klein gewesen und hatte sich nicht vermehrt. Ganz anders, als das Mal danach, bei dem Dominik auch noch Halskette und Armbändchen getragen hatte. Dezent und schlicht, aber dennoch! Hinrich Preuss hatte bei seinem Anblick tief durchgeatmet!

Und dann – immer unter der Prämisse, seine Mutter über das Thema Hochzeit ausfragen zu wollen – hatte Dominik plötzlich mit Haarschmuck auf der Matte gestanden! Einmal bunte Steinchen und dann sogar einmal Schleifchen! Da war der Puls des Alten schon deutlich empor gegangen! Arme vor der Brust verschränkt, Sohnemann erzürnt beäugt, Augen geschmälert – was sollte das?!

Tja, hatte Dominik ihm geantwortet, Lilli hatte ihn am Vormittag ein bisschen schmücken wollen und er schlicht nicht mehr daran gedacht, die Deko vor seiner Abfahrt in die alte Heimat wieder aus den Haaren zu zupfen.

So weit, so halbwegs akzeptabel… Aber dann, als Hinrich seine Frau das nächste Mal zu ihrer Mutter gebracht und dabei auch Dominik angetroffen hatte, der nächste Schlag: Bunte Fingernägel! Und wozu war das jetzt schon wieder gut?!

„Unsere Hochzeitsberaterin meinte, dass heute auch viele Männer passenden Nagellack zu ihren Anzügen tragen. Ich wollt das einfach mal ausprobieren“, so die unschuldige Antwort mit anschließendem angewiderten Gesichtsausdruck des Alten.

„Die ist doch nicht ganz dicht! Und wofür braucht man heute extra Beraterinnen?! Das haben wir damals auch selbst geregelt!“, war er murrend abgedampft, ohne dabei eine Antwort auf seine Frage abzuwarten – oder das zufriedene Schmunzeln seines Sohnes zu bemerken, das sich längst an seinen Rücken geheftet hatte.

Ja, alles lief nach Dominiks Wünschen und so hatte er sich entschieden, dass bald alles bereit für seinen letzten Schachzug wäre. Der Schritt, der ihm noch mal all sein Können abverlangen würde, bei dem die Absprachen mit den Komplizen sitzen mussten – und der genau heute stattfinden sollte.

Also war er natürlich mit von der Partie, als Frido im Hause Preuss durch die Eingangstür spaziert. Frisch geschniegelt und frisiert war der Lockenkopf. Dieses Mal ohne Schmuck in den Haaren oder auf den Nägeln und nur mit dem falschen Ohrring ausgestattet, den sein Verlobter irgendwie ganz schön sexy an ihm fand – aber dafür in ein Hängerchen geschlüpft.

Natürlich nicht nur darin und mit Boxershorts bekleidet, sondern schon noch mit Jeans darunter und einem entsprechenden Shirt, aber trotzdem konnte man eigentlich ganz gut erkennen, was es darstellte. Und sein Vater?

„Trägst du etwa ein Kleid?!“, schallte es schon zur Begrüßung, nachdem der Alte ihn einen Augenblick lang nur sprachlos angestarrt hatte und Frido eine leichte Steigerung von Dominiks Händedruck spüren konnte, die ihm signalisierte: Tu bloß unbeteiligt! Also tat der Dozent, wie ihm geheißen, wohingegen der Lockenkopf seinem Vater ein irritiertes Grinsen schenkte.

„Hä? Ich trag doch kein Kleid!“, runzelte er die Stirn und schüttelte den Kopf, während er seiner Mutter ins Wohnzimmer folgte und Vater Preuss’ Gemotze ihm dabei den Weg ebnete. Kein Kleid?! Was sollte das denn sonst sein?! Wie sah das denn aus?!

Aber sein Sohn zuckte nur wieder die Schultern, ehe er seinem Vater einen Blick zuschickte, der die Frage spiegelte, ob der gute Hinrich denn noch ganz bei Trost sei. Aus sprach Dominik es allerdings nicht.

„Das ist einfach nur ein Oberteil, mehr nicht! Ist halt n bisschen länger. Na und?“, sagte er stattdessen und gab sich betont arglos, während er sich mit Frido auf die Stühle sinken ließ und ihnen gegenüber sein Vater mit grimmiger Miene Platz nahm. Rosanna plauderte mit den Gästen, er saß schmollend dabei. Hatte Dominik ihm eigentlich erzählt, dass das Hängerchen in Wirklichkeit Juli gehörte und noch aus deren Schwangerschaft stammte? Ups, das war ihm wohl entgangen! Aber dafür schenkte er dem Kuchen, den seine Mutter gebacken hatte, umso mehr Aufmerksamkeit! Köstlich! Und zwischendurch konnte er so gut mal den Blick zu seinem Vater huschen lassen, der unzufrieden vor sich hin mampfte. Augen stur auf den Teller gerichtet, schweigsam und wohl nur mit am Tisch anwesend, weil Rosanna bestimmt was gesagt hätte, wenn er mit dem Kuchen in die Küche verschwunden wäre.

Jetzt war also gutes Timing gefragt, damit Dominiks Plan nicht im Sande verliefe, weil sein Vater sich frühzeitig aus dem Staub gemacht hatte.

„Äh, du, Mama?“, fragte er also plötzlich in die Kaffeerunde hinein und wurde von der Angesprochenen aufmerksam angeschaut, während ihr Göttergatte noch immer seine volle Konzentration auf seinen Kuchen lenkte. Doch dann…

„Hattest du eigentlich schon Zeit, das Kleid rauszusuchen?“

Ein Stocken der Kuchengabel, ein noch tieferes Runzeln der Stirn. Hinrich Preuss hob den Blick vom Teller und schaute zu Sohn und Frau.

„Was fürn Kleid?“, war ihm die Irritation nicht nur anzusehen, sondern auch anzuhören, doch seine Frage verhallte ungehört im Raum. Viel zu groß war plötzlich Rosannas Euphorie, mit der sie auch in Windeseile ihren Sohn ansteckte.

„Ja, es hängt im Schlafzimmerschrank! Sollen wir eben gucken gehen?“, antwortete sie und sprang auf, kaum, dass ihr Sohn zustimmte. Sie huschte zur Tür, Dominik tat es ihr nach einem kurzen Bussi für Frido gleich und schon wieder blieben Hinrichs Worte ungehört.

„Wollt ihr nicht erst mal aufessen?!“

Klack, Tür zu und Schwiegersohn und Schwiegervater waren sich selbst überlassen. Hinrich Preuss starrte seiner entschwundenen Familie irritiert nach. Frido entschied sich für ein Lächeln. Unverfänglich, nicht zu aufdringlich. Den Kuchen hatte er bereits gelobt, also verkniff er sich das und außerdem war ja auch nicht Hinrich der Bäcker gewesen, sondern dessen Frau. Und während der sich das vorherige Gespräch über eher zurückhaltend gezeigt hatte, schien nun doch allmählich sein Interesse geweckt.

„Was hat n der Junge mit Rosannas Klamotten zu schaffen?“, wendete er sich seinem Gegenüber allmählich wieder zu, nachdem die Tür ihm wohl keine Antwort liefern wollte. Langsam, fast bedächtig ließ er dabei die Gabel auf den Teller sinken, um die Arme vor der Brust zu verschränken. Oh, da war jetzt aber Fingerspitzengefühl gefragt, dachte sich der Dozent, dem bestimmt nicht als Einzigem längst aufgefallen war, wie wortkarg sich der Alte heute eigentlich verhielt. Es musste ihn also wirklich beschäftigen, wenn er Frido jetzt sogar von sich aus in ein Gespräch zog. .

„Er wollte sich nur mal das Muster angucken. Als Inspiration. Um nicht einfach nur im schwarzen Anzug zu sein“, gönnte Frido sich einen schnellen Schluck aus der Kaffeetasse und lächelte dann wieder harmlos, während Hinrich Preuss ihn angespannt musterte. Doch es war scheinbar nicht seiner bloßen Präsenz halber, sondern um sich die Worte durch den Kopf gehen zu lassen. Verwundert war dabei gar kein Ausdruck für das, was seine Miene spiegelte, aber er ging mit einem leichten, halbwegs verstehenden Nicken über das Gehörte hinweg. Na ja, gut, das konnte man ja vielleicht noch akzeptieren… Aber damit war das Gespräch trotzdem noch lange nicht beendet.

„Sag mal, was ist da eigentlich in letzter Zeit los mit ihm? Irgendwie benimmt der sich so komisch“, offenbarte sich plötzlich, dass sich der gute alte Hinrich wohl mehr Gedanken über seinen Sohn gemacht hatte, als bislang gezeigt. Er erwartete einerseits eine Antwort von Frido, aber andererseits wirkte er auch recht grüblerisch. Und auch, wenn der Dozent schon ahnte, worauf sein Schwiegervater anspielte, gab er sich unwissend.

„Was meinst du? Er ist doch eigentlich wie immer“, konnte er sein ehrliches Erstaunen über diese Frage gut nutzen, um es in seine Antwort einfließen zu lassen. Er kaute auf seinem Bissen herum, während er die Gabel sinken ließ und sah, wie der Alte sich scheinbar immer unwohler fühlte.

„Na, die ganze Art!“, zuckte er unwillig die Schultern und den Kopf, als wolle er ihn im nächsten Moment schütteln. Und dann schaute Frido ihn auch noch so belämmert an!

„Mein Gott! Hast du keine Augen im Kopf?! Blümchen im Haar! Nagellack! Kommt als nächstes auch noch Lippenstift?! Ja, er ist schwul! Aber muss er das jetzt so raushängen lassen?!“, rutschte er unbehaglich auf dem Stuhl herum, fast so, als wäre ihm irgendwas in die Hose gekrabbelt und würde ihn nun zwicken. Frido aber blieb ganz ruhig.

„Hinrich, das eine hat doch nichts mit dem anderen zu tun… Du weißt doch, dass Lilli ihm…“, wollte er sagen, doch der Alte unterbrach ihn.

„Ja, ja! Die Kurze! Klar!“, sprang er auf und stapfte zum Fenster, um dann plötzlich kehrt zu machen und wieder den Tisch anzusteuern.

„Und dieses affektierte Gehabe dabei?! Demnächst spreizt er beim Kaffeetrinken noch den kleinen Finger ab!“, knurrte er, wobei Frido nun allerdings ernstlich schmunzeln musste.

„Also das hat nun wirklich nichts mit der Sexualität zu tun…“, schüttelte er leicht den Kopf, während sein Schwiegervater schnaubte. Er konnte doch nicht der Einzige sein, dem die Veränderungen seines Sohnes auffielen! Dass Dominik auf Männer stand – schön und gut – aber nun wurde auch noch sein Gehabe immer weibischer?! Nicht nur in der Wahl seiner Klamotte, sondern auch in seinem Gebaren?! Femininere Bewegungen, ständig war für ihn irgendwas „süß“, „niedlich“ oder „putzig“?! So hatte er sich doch früher nicht benommen!

Frido aber atmete erst einmal tief durch, während er seinen Schwiegervater reden ließ. Einerseits war es ja durchaus ein wenig amüsant, wie der gute Hinrich sich gerade echauffierte und Rage redete. Vor allem, weil es für nichts und wieder nichts war. Aber andererseits… Irgendwie empfand Frido plötzlich sehr großes Mitleid, wenn er sah, wie engstirnig sein Gegenüber letztlich doch noch immer war. Und vermutlich auch ein Stück weit immer blieben würde.

Ja, damit, dass sein Sohn einen Mann liebte, hatte er sich inzwischen arrangiert, aber wie verhärtet wären die Fronten zwischen ihm und Dominik wohl erst, wenn der Lockenkopf diese Veränderungen nicht nur eingeläutet hätte, weil er seinen Vater ärgern wollte – sondern, weil er sie in seinem tiefsten Inneren wirklich fühlte? Irgendwie traurig, dass er dann doch wieder so klare Grenzen zog und letztlich ja obendrein zeigte, wie klischeebehaftet das Thema Homosexualität für ihn mitunter noch immer war. Da überraschte es wohl nicht, dass sein Verhalten Frido mit gemischten Gefühlen zurückließ – ganz besonders, als nun auch noch die Tür aufging.

„Da sind wir wieder!“, mischte sich in den zunehmenden Monolog von Hinrich Preuss plötzlich die Stimme seiner Frau und sie streckte lächelnd den Kopf durch die Tür. Aufgeregt schien sie, schaute Frido zu Hinrich und schien darauf zu warten, dass ihr die gesamte Aufmerksamkeit zuteil wurde. Erst dann schob die Tür vollends auf und trat beiseite, um ihrem Sohn den gebührenden Auftritt zu ermöglichen. Und der Anblick, der sich dabei bot, ließ nicht nur Fridos Mund ein wenig aufklappen.

Ja, er hatte gewusst, was nun kam, aber trotzdem machte es etwas mit ihm, seinen Lockenkopf nun so zu sehen: In Tüll und Stickereien, mit Schleier, kleinen Perlen und feinen Armstulpen, die ein Hauch von Spitze waren. Dominik im Hochzeitskleid seiner Mutter, das ihm zwar nicht richtig passte, aber trotzdem mit so viel Selbstverständlichkeit von ihm getragen wurde. Er war eine Erscheinung! Das musste man sagen! Aber…

„Und? Was sagst du?“, ging der Lockenkopf langsam auf seinen Mann zu, der sich ein tapferes Lächeln auf die Lippen zauberte. Ja, wie gesagt: Es hatte durchaus was! Und irgendwie war es auch ein bisschen drollig zu sehen, dass Dominik nicht ganz sicher schien, ob er den Rock anheben sollte oder nicht. Immerhin war er groß genug, damit er nicht über den Boden schliff, aber gehörte es nicht trotzdem irgendwie dazu, wenn man so etwas trug?

„Weißt du, ich fand Mama auf den Hochzeitsfotos so schön, dass ich überlegt hab, ob ich wirklich nur das Muster von ihrem Kleid für meine Weste nehme, oder…“, begann er vorsichtig, zeigte nun doch ein wenig Verlegenheit, während er über den Rock strich und dann den Blick wieder zu Frido hob.

„Wär dir das peinlich, wenn ich dich im Kleid heirate?“

Hoffnungsvoll schaute der Lockenkopf seinen Verlobten an, der ihm inzwischen ein ehrlicheres Lächeln schenken konnte, doch die Antwort folgte nicht von ihm.

„Bist du bescheuert?! Auf gar keinen Fall!“, polterte stattdessen der Vater der Braut dazwischen und schnaufte, als hätte er gerade einen strammen Fußmarsch bergauf hinter sich. Seine Schockstarre hatte er ja vielleicht überwunden, aber seine Augen waren noch immer weit aufgerissen und der Mund aufgeklappt, während er seinen Sohn anstarrte. Er wusste scheinbar gar nicht, was ihn mehr in Rage brachte: Der Schleier im Haar, die Verzierung der Unterarme oder das Kleid, das sein Sohn zwar nicht vollends geschlossen bekam, aber wenigstens über Hüfte, Bauch und Schultern hatte streifen können. Ganz anders als Sebastian oder Heiner sicherlich! Und obendrein glitzerte auch noch eine kleine Spange von Rosanna in seinem Haar!

Doch während ihn die Fassungslosigkeit übermannte, schaute Dominik ihn nur überrascht an.

„Wieso? Wo ist denn das Problem?“, runzelte er die Stirn und konnte dabei zusehen, wie die Gesichtsfarbe seines Vaters sich schlagartig noch ein wenig rötlicher färbte. Bald konnte man ihn als Tomate im Supermarkt anbieten.

„Wo das Problem ist?! Du bist ein Mann! Du heiratest gefälligst im Anzug und nicht im Kleid! Wie sieht das denn aus?!“, schnauzte er, während sein Sohn die Stirn noch etwas weiter in Furchen legte und die Arme vor der Brust verschränkte.

„Paps, das ist immer noch meine Hochzeit“, stellte er klar, aber das interessierte seinen Vater herzlich wenig.

„Rosanna! Nimm ihm das Kleid weg!“, wurde seine Stimme plötzlich zu einem Zischen und nun schienen ihm die Augen endgültig aus dem Kopf zu fallen, als seine Frau sich auch noch auf die Seite ihres Kindes stellte. Also noch mehr, als ohnehin schon!

„Hinrich, wenn es ihn glücklich macht, dann lass ihn doch. Das muss er beziehungsweise die Beiden müssen das entscheiden“, sprach sie ruhig und doch war ihr Mann auf hundertachtzig. Ja, hatten denn jetzt alle den Verstand verloren?!

„Ich hab gesagt, du sollst ihm das Kleid wegnehmen!“, fand er zu alter Lautstärke zurück und zeigte bohrend mit dem Finger auf Dominik, als wäre nicht allen im Raum längst klar, wen er meinte. Da bekam man ja fast Schnappatmung!

Doch seine Frau ließ ihr Kind einfach stehen, um stattdessen auf ihren Mann zuzugehen.

„Hinrich, jetzt reg dich bitte nicht auf…“, legte sie ihm beruhigend die Hand auf die Schulter, doch ihr Gatte starrte nur auf seine Lendenfrucht, die keinerlei Anstalten machte, der Aufforderung nachzukommen. Ganz im Gegenteil.

„Du, wenns dir nicht passt, brauchst du ja nicht zu kommen“, murrte Dominik und während Frido versuchte, sein Gesicht nicht zu sehr entgleisen zu lassen, konnte er auch sehen, wie Rosanna ihrem Sohn erstmals ein Kopfschütteln zuwarf. Bis hierhin hatte sie ihn ja unterstützt, aber nun war Schluss. Und das sah wohl auch ihr Mann so, während er die Kiefer aufeinander presste und seine Fingerknöchel vor Wut weiß aus den geballten Fäusten hervortraten.

„Du hast doch den letzten Schuss nicht gehört!“, löste er sich dann unwillig aus der Berührung seiner Frau und vom Platz, um auf seinen Sohn zuzustapfen. Doch er holte ihn nicht eigenhändig aus dem Kleid raus, sondern rauschte nur ohne weitere Kommentare an ihm vorbei. Raus aus dem Zimmer, Tür ins Schloss geschmissen und eine zweite kurz darauf auch noch. Er war weg und danach erst einmal nichts mehr zu hören, während seine Gäste in Regungslosigkeit verfielen. Frido schluckte, während er plötzlich den Appetit auf seinen restlichen Kuchen verloren hatte. Dominik stand nur da und starrte auf die Wand ihm gegenüber, ohne, dass sein Verlobter so recht deuten konnte, was gerade in ihm vorging. Ein bisschen Erleichterung, dass das Theater bis hierhin gut geklappt hatte, war vielleicht dabei, aber vor allem schien ihn die Auseinandersetzung dann doch nicht so kalt zu lassen, wie er im Vorfeld behauptet hatte – oder vielleicht auch selbst angenommen. Er schloss für einen Moment die Augen, während Rosanna sich als Einzige in Bewegung setzte und langsam auf ihren Sohn zuging.

„Schatz, das musste jetzt wirklich nicht noch sein“, war sie auch die erste, die wieder etwas sagte, während Dominik die Lippen aufeinander presste. Seine Wangen zuckten unter den arbeitenden Kiefern und nur allzu deutlich ließ sich der tiefe Atemzug erkennen, den er nahm, ehe er die Augen wieder öffnete.

„Doch, irgendwie schon. Er hats bei Frido auch auf die Spitze getrieben…“, murmelte er nach dem Ausatmen und schaute seine Mutter an, die ihm nur einen verständnislosen Blick schenkte und den Kopf schüttelte.

„Du hast gesagt, du willst ihn ein bisschen ärgern, aber es war nicht die Rede davon, dass du ihn so provozierst“, sagte sie und war auch wenig überzeugt, als Dominik kleinlaut meinte, dass er nicht geahnt hatte, dass sein Vater einfach wutentbrannt davon rauschen würde. Doch als seine Mutter ihrem Mann nachgehen wollte, hielt Dominik sie auf.

„Nein, ich mach das gleich, okay? Ich… habs jetzt so weit getrieben, also bring ich das auch wieder in Ordnung“, nahm er sie bei der Hand und seine Mundwinkel zuckten, als sie nickte. Ja, so ganz sicher war sie nicht, ob das nun wirklich eine gute Idee darstellte, aber Dominik gab sein Bestes, um ihr zu signalisieren, dass er das Ganze gut gehändelt bekäme. Auch, wenn er vielleicht selbst nicht ganz sicher ob seiner Erfolgschancen war… Und dann rückte plötzlich die Zimmertür wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit. Ihre Klinke drückte sich hinunter und schon war sie offen.

„Was ist denn hier unten los?“, war es allerdings nicht der alte Hinrich, der hinein spazierte, sondern der junge. In voll gespucktem Shirt und mit tiefen Ringen unter den Augen stand er da, innegehalten, als seine Augen anfingen zu begriffen, was er dort gerade für eine Szene sah. Er runzelte die Stirn, blinzelte und tat es abermals, als sein Bruder schuldbewusst fragte, ob der Krach Heiners Töchterchen geweckt habe. Doch statt zu antworten starrte Heiner ihn nur weiter schweigend an.

„Soll ich mal kurz mit hochkommen?“, brachte auch Rosanna sich sofort ein und ging auf ihren Ältesten zu, der kurz grüblerisch zur Seite schaute, ehe sein Blick wieder Dominik traf. Noch ein Blinzeln, dann ein kurzes Schütteln seines Kopfes und er drehte dem Wohnzimmer den Rücken zu.

„Ich glaub, ich brauch dringend ne Mütze Schlaf…“, murmelte er, während er die Tür hinter sich zuzog, seine Mutter damit gewissermaßen von ihrem Angebot aussperrte und kurz darauf das Knarren der Holztreppe in den ersten Stock ertönte. Ja, Schlafmangel konnte schon seltsame Früchte tragen!

23.3.2025: Plauderlaune

Er trat vor den Spiegel und beschaute sich noch einmal in seiner vollen Pracht. Eine Augenbraue gehoben und auch die Mundwinkel ein wenig, betrachtete er sich, ehe sein Blick zur Seite glitt.

„Und? Hätte ich dir so gefallen? Sei ehrlich“, schmunzelte er Frido an, der dieses Mal den kleinen Ausflug ins Schlafzimmer begleitet hatte. Alleine am Wohnzimmertisch zu hocken war irgendwie nicht so eine tolle Aussicht gewesen und womöglich Hinrich dabei noch mal über den Weg zu rennen, im Moment ganz besonders nicht. Also stand er jetzt halb in der Zimmertür, halb neben dem Kleiderschrank und schaute dabei zu, wie Dominik sich zurückverwandelte.

„Mh… na ja…“, murmelte er ein wenig verlegen und kratzte sich die Wange, während Rosanna sich um den Kopfschmuck kümmerte, der sorgfältig wieder verstaut wurde, ehe es für die nächsten Jahre unangetastet zurück in den Schrank ging.

„Ich sag mal so…“, wählte Frido seine Worte offensichtlich mit Bedacht und je länger er dafür brauchte, desto breiter wurde Dominiks Grinsen. Es war eigentlich schon Antwort genug, aber trotzdem wollte der Dozent sein Gestammel nicht einfach so im Raum stehen lassen.

„In Hose und Shirt oder im Hemd gefällst du mir schon besser, aber… ich hätte dich auch unterstützt, wenn du wirklich im Kleid hättest heiraten wollen“, murmelte er, um Rosanna dann schnell zu bestätigen, dass sie seinerzeit wirklich einen hervorragenden Geschmack gehabt hatte! Daran lag es also nicht! Und auch, wenn sie nach seiner Meinung nicht gefragt hatte, amüsierten Lächeln. Ja, lange hatte sie damals nach einem Kleid gesucht, das ihren Vorstellungen entsprochen hatte und nicht zuletzt die Tatsache, wie lange es nun bereits in ihrem Besitz war, zeigte wohl, dass es ihr noch immer sehr am Herzen lag. Da war es fast schon schade, dass der hübsche Fummel so selten Ausgang bekam!

„Vielleicht solltest du es dann doch tragen?“, schlug Frido also mit leichtem Zwinkern vor, aber das Lachen seines Lockenkopfs sagte bereits alles. Ja, chic sah es aus, aber wohl fühlte er sich darin überhaupt nicht! Und das lag nicht nur daran, dass er es nicht richtig zubekam!

„Ich glaub, da gibts Leute, die da besser für geeignet sind!“, lautete sein Entschluss also, während seine Mutter ihm half, aus dem Kleid zu steigen. Allerdings konnte Fridos Vorschlag ihn nicht nur amüsieren. In gewisser Weise wärmte er ihm auch das Herz.

„Und da siehst du mal wieder, warum ich den so liebe! Wenn er mich sogar ermuntern würde, im Kleid vor den Altar zu treten…?“, grinste Dominik erst seine Mutter an, ehe er sich von Frido Shirt und Hose geben ließ und ihm einen schnellen Kuss aufdrückte.

„Julchens Kleid auch?“, war Frido von seiner tragenden Rolle damit allerdings noch nicht vollends entbunden und auch, wenn Dominik nicht vorhatte, wieder in die Umstandsmode zu schlüpfen, nahm er sie seinem Verlobten ab. Vielleicht konnte er das überbreite Streifenmuster ja noch irgendwie gebrauchen, wenn jetzt wohl der schwierigste Part seiner Aufführung kam: Sich dem mehr oder weniger geneigten Publikum zu stellen.

„Gut, dann werd ich Paps mal erlösen…“, warf er sich das Hängerchen über die Schulter und nickte, als Rosanna seine Frage verneinte, ob sie noch Hilfe mit dem Wegräumen des Kleides brauchte. So schwer war die Aufgabe nun auch nicht, scherzte sie, während Frido nur allzu gern ihr Angebot annahm, sich im Anschluss wieder zusammen ins Wohnzimmer zu setzen. Dominik zu begleiten wäre vermutlich im Moment nicht die beste Idee gewesen, da hatte schnell Einigkeit bestanden. Allerdings…

„Falls es wieder laut wird, komm ich runter!“, hielt Rosanna trotzdem fest und ihr leises Seufzen begleitete Dominik ein kleines Stück seines Weges, ehe er hören konnte, wie Rosanna und Frido allmählich wieder anfingen zu plaudern. Ein kleiner Austausch über die vorangegangenen Geschehnisse, der abrupt verebbte, als der Lockenkopf die Treppe zum Keller betrat und die dazugehörige Tür hinter sich schloss.

Ja, er hatte sich bereits beim Abgang seines Vaters gedacht, dass es ihn hierhin gezogen hatte. Schließlich war der Knall der zweiten Tür so schnell erfolgt, dass es selbst für die Küchentür zu nahe gewesen wäre und obendrein hatte der gute alte Hinrich sich früher schon gern mal dorthin zurückgezogen, um seine Ruhe zu haben. Allzu viel Rätselraten war über seinen Verbleib also nicht entstanden und auch jetzt konnte der Lockenkopf schnell ausmachen, welchen der Kellerräume er anzusteuern hatte, während glimmendes Licht und leise Geräusche seinen Weg die Stufen hinab begleiteten.

Natürlich fand er seinen Vater in der kleinen Werkstatt vor und natürlich saß er am Schraubstock, um dort irgendwas zu arbeiten. Bohrer schärfen, wenn der Lockenkopf es richtig deutete. Und auch, wenn Hinrich sich dabei von leiser Radiomusik beschallen ließ, war er offensichtlich nicht in allzu großer Plauderlaune, wie sein kurzer Seitenblick verriet, als er sich seines Besuchers bewusst wurde.

„Hey, Paps… stör ich?“, murmelte der Lockenkopf, während er sich in die Tür lehnte und sein Vater schnell wieder in höchster Konzentration zu Werke ging.

„Wenn du den passenden Lippenstift suchst, frag deine Mutter!“, murrte er dabei und entlockte seinem Sohn damit ein kurzes Schmunzeln.

„Schade. Ich dachte, ich hätte mir deinen ausleihen können“, schob er sich die Hände in die Hosentaschen und als kein lautstarker Protest einsetzte, ging er langsam näher. Einen vielsagenden Blick kassierte er zwar wieder, aber ansonsten hielt sich sein Vater lieber an der Pfeile fest, die surrend über den Bohrer rutschte.

Es war eine Arbeit, die einiges Feingefühl erforderte und bei der man wohl auch schnell das Gegenteil vom eigentlichen Ziel erreichen konnte. Also beschloss Dominik, sich erst einmal in Schweigen zu hüllen und seinem Vater nur dabei zuzusehen, bis er die Pfeile zur Seite legte und den frisch gespitzten Bohrer aus dem Schraubstock nahm.

„Also? Was willst du?“, konnte er dabei allerdings auch seine Konzentration ein wenig umlenken, selbst, wenn er Dominik weiterhin keines richtigen Blickes würdigte, obwohl der inzwischen direkt neben ihm stand. Aber das würde sich wahrscheinlich sehr schnell ändern.

„Ich wollte dich nur mal fragen, wie es sich anfühlt, so vorgeführt zu werden“, kam er nun ohne lange Umschweife zum Thema und lehnte sich dabei an die Werkbank. Er konnte sehen, wie sein Vater die Stirn furchte und dann – wie erwartet – guckte er ihn an. Ein wenig fragend schaute er, aber auch unschlüssig, was er nun zu erwarten hatte. Also verschränkte er erst einmal die Arme vor der Brust. Das half schließlich immer! Selbst dann, als sein Sohn sich die soeben gestellte Fragen selber beantwortete.

„Ist ziemlich Scheiße, oder? Dann weißt du ja jetzt, wie Frido sich gefühlt hat, als du ihn neulich sogar zum Heulen gebracht hast!“, konnte auch er ganz gut recht kritisch äugeln, während sich in den Ausdruck seines Vaters etwas Verstehendes schlich. Aha, daher wehte der Wind also…

Er dachte es, das konnte man ihm fast von den Augen ablesen, aber er sprach es nicht aus. Schwieriges Publikum! Dann musste wohl Dominik seinen Redeanteil weiter erhöhen.

„Übrigens, damit du nicht wieder auf die Idee kommst, ihm für meine Aktion mit dem Kleid eins reinzuwürgen: Er wollte mich sogar davon abhalten, dir eins auszuwischen. Und es war auch nicht Mamas Schuld, dass ich das Spiel vorhin so auf die Spitze getrieben hab. Also, wenn du auf jemanden sauer sein willst, dann auf mich. Wobei ich ja eher sagen würde, dass wir jetzt halt quitt sind“, sagte er, während Hinrich ihn nun argwöhnisch musterte.

„Also trägst du einen Anzug, wie sich das gehört?“, traute er dem Frieden wohl noch nicht ganz und nickte leicht, als Dominik seine Frage bestätigte. So war zumindest der Plan! Und darüber, was sich nun „gehörte“ und was nicht, wollte der Lockenkopf wirklich nicht streiten.

„Ich hab auch nicht vor, mir die Nägel zu lackieren oder mir was ins Haar zu binden“, grinste er leicht, um dann sogar aufzulachen, als sein Vater spitzfindig nachforschte, was seine Hochzeitsberaterin denn dazu sagen würde.

„Na, also letztlich wär das ja so oder so meine Sache, aber wir haben auch gar keine Beraterin. Zumindest im Moment noch nicht… Wir sind ja nicht mal mit der Planung angefangen“, zuckte er leicht die Schultern und begann zu grinsen, als sein Vater mit der nächsten Haarspalterei um die Ecke kam.

„Ach, dann gings die letzten fünf Wochen nur darum, mir den letzten Nerv zu rauben?!“, murrte er unter einem beherzten Griff zum nächsten Bohrer und Dominiks Kichern.

„Na ja, ich kann Mamas Tipps ja trotzdem gut gebrauchen!“, hielt er fest, während sein Vater den Bohrer einspannte und sich die Pfeile schnappte.

„Und was ist mit dem Fummel da über deiner Schulter?“, wollte er unter kritischem Blick auf seine Arbeit wissen, um dann aber inne zu halten, als Dominik ihm natürlich auch hierzu eine Auflösung schenkte. Aha, also doch n Kleid. Er hatte es gewusst!

Und war damit nun alles gesagt? Fast.

„Vertragen wir uns wieder?“, wollte Dominik es gern auch hören, dass das Thema nun aus der Welt geschafft war und schnaubte belustigt, als auf den skeptischen Blick seines Vaters ein Schulterzucken und ein leises „Meinetwegen“ folgte. Euphorie sah zwar anders aus, aber Dominik machte es trotzdem glücklich. Erst recht, als sein Vater dann auch noch still hielt, während er hinter ihn trat und ihm Hände und Kinn auf die Schultern legte. Ungerührt arbeitete Hinrich dabei weiter und ein bisschen fühlte sich Dominik wie früher. Wenn er als kleiner Junge hin und wieder in den Keller gegangen war, um seinem Vater zuzuschauen, ehe ihn die Schlafenszeit und Rosanna wieder hoch geholt hatten. Auch da hatten er und Hinrich nicht viel miteinander gesprochen, aber trotzdem hatte er es als schöne Zweisamkeit empfunden, wie Dominik sich nun erinnerte. Was einem manchmal so ins Gedächtnis zurückkam… Und scheinbar weckte dieser Moment nicht nur in ihm Gedanken an Vergangenes.

„Du hast deine Brüder früher auch immer verarscht“, sagte Hinrich plötzlich und zur Antwort schlich sich ein kleines Kichern in sein Ohr.

„Ich? Kann gar nicht sein!“, schwor sein Sohn, aber ein kurzer Seitenblick verriet sogleich, wie sehr ihm die Worte gerade geglaubt wurden. Ja, er war wohl schon früh ein kleines Früchtchen gewesen, musste er kleinlaut eingestehen – aber scheinbar war nicht nur er das gewesen!

„Hast du wohl von mir…“, murmelte sein Vater nämlich auf einmal und nun war sein Sohn wahrlich überrascht. Gut, mit Ausnahme von ihrer heutigen Beteiligung war Rosanna keine große Streichespielerin, aber ausgerechnet von seinem Vater sollte er das „geerbt“ haben?

„Hä? Inwiefern?“, richtete Dominik sich also auf und begab sich wieder an Hinrichs Seite, Po gegen die Werkbank gelehnt und den Blick aufmerksam auf seinen Vater gerichtet, der erst einmal nur mit Schulterzucken reagierte.

„Du warst doch mal mit auf Baustelle. Bei Schimanski. Und der eine Maurer hat da so rumgebrüllt, weil er seine Klamotten nach der Mittagspause nicht mehr finden konnte… Erinnerst du dich?“, murmelte Hinrich, weiterhin konzentriert auf seine Arbeit schauend, während Dominik die Augenbrauen hob.

„Du meinst diesen Arsch, der ständig blöde Sprüche über Mama losgelassen hat?“, bestätigte er mit einer Gegenfrage und ein leises „Hmhm…“ mischte sich in das Surren der Pfeile. Irgendwie hatte dieser Laut seines Vaters etwas Verschwörerisches.

„Rosannas Fahrgestell… oder deine Hühnerbrust, weil er dachte, dass du ein Mädchen wärst…“, murmelte er und schenkte seinem Sohn einen wissenden Blick, während es von dem im Gegenzug ein stetig anwachsendes Grinsen gab.

„Dann hast du ihm die Kellen in den Bach geschmissen?“, erinnerte Dominik sich noch gut, wie das Schimpfen und Motzen in dem nahegelegenen Gewässerchen dann noch mal um einiges lauter geworden war, als Walter, der Maurer, sich zur Rettung seiner Utensilien aufgemacht hatte – und dann auch noch mit nasser Hose zurückgekehrt war.

„Kann ich was dafür, wenn der Blödmann sich aufs Maul haut? Wollte ihm nur ein bisschen helfen, seine Brocken mal vernünftig sauber zu kriegen…“, sprach Hinrich lapidar und stand unter Dominiks Gelächter von seinem Stuhl auf, um die geschärften Bohrer im Regal über der Werkbank zu verteilen. Dann noch die Pfeile zurück an ihren Platz und fertig!

„Na schön, dann kann ich mir ja noch ein Stück Kuchen genehmigen…“, murmelte er also, zufrieden mit seiner Arbeit, während er an den Lichtschalter herantrat, um die Lampe über der Werkbank gegen das Deckenlicht zu tauschen.

„Komm“, nickte er dabei auch seinem Sohnemann zu, der zwar lächelte, aber trotzdem zögerte, weil das Gespräch nun so abrupt enden sollte. Eigentlich war da ja noch was… Also atmete er tief durch und sah seinen Vater mit einer Mischung aus Unsicherheit und Hoffnung an, während der natürlich über seine Zurückhaltung stutzte.

„Was hast du jetzt schon wieder ausgefressen?“, murrte er unter tief gesenkten Augenbrauen, aber Dominik schüttelte sofort den Kopf.

„Gar nichts!“, sagte er eilig und hob beschwichtigend die Hände.,

„Ich ähm… ich hab mir die letzten Wochen nur ein paar Gedanken gemacht, die nichts mit meinem Streich zu tun hatten!“, gab er preis, um dann fast schon schüchtern zu fragen, ob sie vielleicht noch kurz über zwei andere Themen sprechen könnten.

„Dauert auch nicht lange. Versprochen!“, lächelte er unaufdringlich und seufzte leicht, als sein Vater nach kurzer Irritation zu ihm zurück ging.

„Na schön, was gibts?“, fragte er dabei und ließ sich zurück auf seinen Stuhl sinken, während nach kurzem Stolpern vorsichtig auf sein Anliegen zu sprechen kam – und dabei inständig hoffte, dass er den richtigen Moment erwischt hatte, um es anzusprechen.

24.3.2025: Mumpitz

Ein letztes warmes Lächeln, eine herzliche Umarmung, der Händedruck fest und wohlwollend. Die Tür fiel ins Schloss, klang kräftig, aber nicht abweisend und das Gefühl der Erleichterung hüllte sie ein, als sie sich in Bewegung setzten. Leises Knirschen unter ihren Schuhen, wenn sie Sand oder winzige Kiesel über die Pflastersteine rieben. Spät war es geworden, die Lampen der Straßenbeleuchtung längst in Betrieb und trotzdem fühlten sie sich behaglich.

„Am Ende wars dann ja sogar noch ein richtig schöner Nachmittag“, brach Frido als Erster das Schweigen, während sein Arm schützend um Dominiks Schultern lag. So war er auch die letzten Male immer mit ihm zurück zum Auto gelaufen, wenn sie Haus und Grundstück der Preuss’ hinter sich gelassen hatten. Und auch heute hielt Dominik sich dabei an ihm fest, eine Hand auf seinem Rücken, die andere an seiner Brust, so eng an Frido geschmiegt, dass ihre Schritte schon fast einer Choreographie glichen, um nicht über einander zu stolpern. Aber trotzdem war heute etwas anders.

„Ja“, seufzte der Jüngere nur und bestätigte damit den Eindruck, den sein Verlobter von ihm gewonnen hatte. Erleichtert war der Lockenkopf durch seine gelungenen Darbietungen auch die letzten Male gewesen, zufrieden mit seinem Können und auch von spielerischer Laune durchzogen. Doch heute lag auf ihm vor allem eine tiefe Entspannung. Er wollte nicht mehr spielen. Er war nur noch froh, dass sie am Ende erheitert auseinander gegangen waren. In bester Plauderlaune, mit einem Hinrich, der Frido nicht ein einziges Mal als Tiefflieger oder schlimmeres betitelt hatte und auch mit einer Rosanna, die rundum zufrieden gewirkt hatte. So zufrieden sogar, dass sie ihre Gäste gar nicht mehr hatte gehen lassen wollen. Einfach nur schön… aber auch ein bisschen amüsierend.

„Mumpitz…“, murmelte der Lockenkopf plötzlich und musste grinsen. Manchmal hatte sein Vater wirklich interessante Wörter auf Lager! Und der Dozent wusste genau, worauf sein Liebling hinaus wollte.

„Ja. Halt dich dran! Kein Mumpitz mehr oder es setzt was!“, wiederholte Frido in mahnendem Ton den gut gemeinten Rat, den sein Schwiegervater ihnen zum Abschied mit auf den Weg gegeben hatte und musste dann selber darüber lachen. Ein bisschen konnte er inzwischen ja doch einschätzen, wann er die Worte des Alten ernst nehmen musste und wann nicht. Zumindest, solange der ihn nicht wieder auflaufen ließ und das hatte er dieses Mal nun wirklich nicht getan.

„Bin echt froh, dass das am Ende dann doch so gut gelaufen ist…“, lautete daher auch sein Fazit, während sie der Straßenecke immer näher kamen, an der sie gleich links abbiegen mussten, um die Klempnerei zu erreichen.

Ja, natürlich hätten sie auch bis zum Haus fahren und vor der Garage parken können, aber dieser kleine Spaziergang war eigentlich immer ganz schön. Ein bisschen frische Luft, ein bisschen Bewegung, anstatt den Hintern gewissermaßen nahtlos vom Stuhl zum Autositz gleiten zu lassen. Und natürlich war es auch eine schöne Gelegenheit für Nähe. Nähe, die ihn dieses Mal Dominiks Nicken spüren ließ – aber auch ein leichtes Zögern.

„Was ist los? Du bist irgendwie so still“, versuchte Frido dem Ganzen also auf den Grund zu gehen und blickte zu seinem Liebling, als er spürte, wie der den Kopf zu ihm hob. Ein weiterhin fragender Blick des Einen, während der Andere ihm mit leichter Unsicherheit antwortete.

„Ich hab Paps gefragt, ob er was dagegen hat, wenn ich dir anbiete, dass wir auch Preuss als gemeinsamen Nachnamen nehmen könnten“, sagte er und wurde von Frido so gut festgehalten, dass er automatisch mit ihm stehen blieb, als er es tat. Ein wenig wie beim Tanz, wenn der Ältere ebenfalls zum führenden Part wurde. Aber jetzt schien Dominik besorgt, dass Frido für immer an Ort und Stelle festwachsen könnte, wenn er nicht schnell was unternähme.

„Das war nur so ne Idee! Einfach, damit uns alle Optionen offen stehen! Ich wollte dich damit nicht unter Druck setzen oder so!“, sagte er also hastig, während der Dozent ihn unschlüssig anschaute und blinzelte, nur, um dann zu zeigen, dass für ihn die Beweggründe des Lockenkopfes gerade scheinbar gar nicht von Belang waren.

„Und was hat er gesagt?“, interessierte ihn viel mehr, sodass dieses Mal Dominik überrascht reagierte, ehe sich ein kleines, verstohlenes Lächeln auf seine Lippen legte.

„Na ja… also er wäre einverstanden. Er hat sogar gesagt, dass wir dafür doch nicht seine Zustimmung brauchen“, antwortete er schüchtern, ehe ein Grinsen sein Gesicht umspielte. Ja, genauso verdattert, wie Frido nun, hatte er in dem Moment wohl selbst geguckt und tat es kurz darauf wieder. Denn plötzlich zog Frido ihn mit einer Selbstverständlichkeit und einem „Klar! Warum nicht?“ weiter, sodass Dominik beinahe ins Stolpern geriet. Hatte er sich verhört?

„Echt jetzt? Einfach so?“, starrte er ihn an und wurde zur Seite gelotst, als sich eine Laterne gefährlich an ihn heranpirschte.

„Hey, guck nach vorn“, murmelte Frido dabei zwar, aber dann begann er zu schmunzeln und lenkte seinen Blick selber wieder zum Gesicht seines Lockenkopfes. Noch einmal blieb er stehen und fasste Dominiks Kinn, um mit dem Daumen leicht über seine Lippen zu streichen. Niedlich, wie kindlich aufgeregt der Jüngere manchmal schauen konnte.

„Dass es dir was bedeuten würde, zeigt doch allein schon, dass du deinen Vater überhaupt darauf angesprochen hast. Und mir macht es ehrlich nichts aus, ob ich weiterhin Klimlau heiße oder nicht“, antworte Frido und strich Dominik eine Locke aus dem Gesicht, ehe er ihm sagte, woran ihm viel mehr gelegen war.

„Mir ist nur wichtig, dass wir künftig unseren Nachnamen teilen. Für mich gehört das dazu, wenn man heiratet. Das ist für mich auch ein Ausdruck von Verbundenheit“, säuselte er und beugte sich vor, um diesem verdutzten Grinsen einen Kuss aufzudrücken. Dass man Dominik so leicht sprachlos kriegen konnte! Frido musste darüber kichern. Genauso wie über diese tiefe Freude, die in Dominiks Augen strahlte, ohne, dass er sie von ganzer Seele hinauslassen wollte. Dieser Anblick war vor Niedlichkeit schlichtweg nicht zu überbieten, dachte der Dozent und spürte ein leichtes Zwicken in der Brust. Wenn doch nur alles so einfach wäre…

25.3.2025: trubelig

Er kannte diesen Blick inzwischen. Wie die Muskeln um die Augen herum versuchten, sich nicht zu sehr anmerken zu lassen, dass sie sich zusammenzogen und dann trotzdem kleine Fältchen warfen. Die Linie an der linken Seite der Nasenwurzel, die ein wenig stärker heraustrat. Und dazu das Zucken der Mundwinkel, die, wenn sie sich eines Beobachters bewusst waren, versuchten, so etwas wie ein Lächeln zu zeichnen. Aber in Wirklichkeit bildeten sie nur die Anspannung ab.

„Du denkst schon wieder an deine Mutter, stimmts?“, konnte der Lockenkopf diese kleinen Bahnen und Wege inzwischen lesen wie auf einer Landkarte, ganz besonders, wenn er ihren Ursprung erahnte und es änderte auch nichts, dass Frido ertappt die Augenbrauen hob oder belustigt schnaubte.

„So auffällig?“, blieb ein Mundwinkel gehoben, während der andere längst wieder hinabgesunken war. Er seufzte, betrachtete das leichte Wiegen von Dominiks Kopf, das doch eigentlich viel mehr ein Nicken war. Aber Frido tat die gegenteilige Bewegung.

„Ach, vergessen wir das und freuen uns lieber, dass du deinem Vater keinen Herzinfarkt verpasst hast!“, rief er beschwingt aus und wollte ablenken, um dafür allerdings einen entgeisterten Blick von Dominik zu kassieren. Fettnäpfchen…

„Zu früh?“

Der Lockenkopf nickte. Ja, für Scherze darüber war es ihm definitiv noch zu früh.

„Als ich ihm im Keller ein bisschen beim Arbeiten zugeguckt hab, wurd mir erst richtig bewusst, wie sehr das nach hinten losgehen können! Aber das ist… So wars früher schon! Wenn wir uns angefangen haben zu fetzen, gabs kein Halten mehr“, runzelte er über seine eigene Erkenntnis die Stirn und schüttelte sein Haupt. Dass er sich heutzutage noch derart von seinem Vater auf die Palme bringen lassen konnte, hatte ihn selbst überrascht… Aber sogar darin fand Frido etwas Positives!

„Immerhin hat er uns nicht achtkantig aus dem Haus geschmissen und ich darf sogar seinen guten Namen entehren! Also habt ihr zwei ja so schnell keinen Grund mehr, um euch in die Wolle zu kriegen!“, grinste er und zog seinen Liebling mit sich, wankend wie bei Seegang, sodass Dominik mit jedem Schritt seicht gegen ihn stieß. Und auch, wenn der Jüngere von diesem Ablenkungsmanöver schon deutlich mehr kicherte, konnte er sich dem Moment leider nicht vollends hingeben.

„Jap. Vor allem nicht, was die Hochzeit betrifft“, wollte er dieses eine Thema einfach nicht so im Raum verhallen lassen und Frido spürte die grünen Augen aufmerksam auf sich gerichtet, als er nickte. Ja, Sebastians und Heiners Erfahrungswerte diesbezüglich ob ihrer eigenen Entscheidungsgewalt ließen ihn mit regelrechter Sehnsucht zurück! Aber wenn er da an seine Familie dachte…

„Hast dus inzwischen eigentlich Juli erzählt?“

Und da war er wieder, der Finger in der Wunde. Frido seufzte innerlich und merkte zu spät, dass er es auch im Außen getan hatte. Hoch erhobene Augenbrauen, die seine Antwort bereits erkannt hatten, während er räuspernd einen Köpper in die Erklärungsnot machte.

„Na ja, also…“, murmelte er, während Dominik den Blick wieder auf ihren Weg richtete.

„Nein, schon okay“, fielen seine unterbrechenden Worte dabei ebenfalls nicht allzu laut aus, aber die wollte Frido nicht einfach so stehen lassen.

„Du weißt doch, wie trubelig es die letzten Male war!“, insistierte er also schnell und pochte auf Verständnis.

„Da war doch gar keine Zeit, um mal in Ruhe zu reden! Vor allem mit ihrer Fußhupe dabei! Kleinkind und Kläffer! Musste es ein Terrier sein? Konnten die sich nicht wenigstens was holen, das auch wenigstens noch nach Hund aussieht? Golden Retriever sollen doch ganz nette Familienhunde sein! Oder…“

„Frido!“

Sie waren wieder einmal stehen geblieben und inzwischen fragte sich der Dozent, ob sie es in diesem Leben überhaupt noch mal zum Auto schafften. Und obwohl er Dominik die Enttäuschung ansehen konnte, sprach der sie nicht aus. Stattdessen schaute er ihn gnädig an, sich wohl nicht bewusst über die mitleidigen Nuancen, die seinen Blick durchzogen.

„Ich versteh das schon“, hob er einen Mundwinkel, versuchte mit einem angedeuteten Lächeln seine Worte zu unterstreichen, doch seine Augen straften ihn Lügen, sodass Frido sich vor ihn stellte.

„Nein, du verstehst es nicht“, fanden sich seine Arme um Dominik gelegt wieder, während er dessen Hände an den Seiten spüren konnte. Ganz automatisch dorthin gewandert durch die unzähligen Male, die sie so schon beisammen gestanden hatten.

Dominik verstand es nicht, warum Frido so einen Schiss vor seiner Mutter hatte, dass er selbst Juli nichts erzählen wollte. Juli, die eigentlich immer zu ihm hielt, wenn es hart auf hart kam und bei der aber ja trotzdem die winzige Möglichkeit bestand, dass sie sich verplappern könnte. Und dann wäre die Kacke am Dampfen! So richtig und unaufhaltsam!

„Okay, du hast recht, ich kapiers nicht so ganz“, gab der Lockenkopf also zu und zuckte leicht die Schultern.

„Dann hat sie Juli halt ins Bouquet reingeredet und ihr ein Kleid aufgeschwatzt, das sie nicht wollte. Aber das ist doch dann ihr Problem gewesen und nicht unseres, oder? Wir sagen Marianne höflich, aber bestimmt, dass sie sich raushalten soll und dann hat sich das“, war für ihn die Sache ganz einfach, wohingegen Frido ausschnaubte und diese Naivität ja irgendwie richtig niedlich fand.

„Ach, du meinst wirklich, dass ich Ernest bei der Lösungsfindung mit ins Boot geholt hätte, wenns so leicht wäre?“, hob er die Augenbrauen und blinzelte langsam, während Dominik wieder die Schultern hob.

„Dass du keinen Streit mit deiner Mutter willst, kann ich ja nachvollziehen und dass das etwas schwierig ist, auch. Sie ist sehr… eigen manchmal“, fand er eine nette Umschreibung, die Frido zum lachen brachte. Ja, eigen war Marianne Klimlau durchaus! Und offensichtlich nicht nur sie. Zumindest in den Augen des Lockenkopfes.

„Aber übertreibst du nicht ein bisschen?“

Fridos Lachen stockte und er schaute wieder zu Dominik, der die Skepsis in sich nicht vollends verbergen konnte. Ja, er hatte sich Vater Preuss gegenüber vielleicht auch etwas aufmüpfig und kindisch verhalten und sollte deswegen wohl eher kleine Brötchen backen, aber…

„Ich frag mich langsam echt, ob wir überhaupt heiraten können, wenn ich überlege, was wir in den letzten Wochen teilweise schon für kuriose Ideen hatten, um deine Mutter rauszuhalten“, verzog er das Gesicht und runzelte die Stirn, während sein Blick zur Seite schweifte und er nur ein paar dieser möglichen Möglichkeiten aufzählte.

„Wenn wirs ihr frühzeitig erzählen, hängt sie sich in alles rein. Wenn wir ihr unter einer Finte erst am Tag der Hochzeit Bescheid geben, hängt dafür im Nachgang der Haussegen schief und das vermutlich nicht nur mit ihr, sondern auch noch mit anderen Verwandten, die entweder selbst erst bei der Hochzeit alles erfahren haben oder für uns vorher extra dichthalten mussten. Alternativ dann gar keine Feier, sondern nur still und heimlich heiraten und am besten nicht mal einen Namenswechsel, damits nicht auffällt…“, kam er sich wie eine kaputte Schallplatte vor und verzog dabei unwillig den Mund. Das war alles nichts, was ihm gefiel und vor allem schon viel zu viel Stress, dafür, dass die Hochzeitsplanung noch so gar nicht richtig begonnen hatte!

Er zog die Hände von Fridos Seiten weg, um stattdessen die Arme vor der Brust zu verschränken, während der Ältere ihn noch immer hielt. Und der musste zugeben, dass er Dominiks Unverständnis nur allzu gut nachvollziehen konnte.

„Weißt du was?“, sagte er also und wartete, bis der nachdenklich zur Seite gerichtete Blick wieder zu seinem Gesicht fand.

„Ich hab dir damals nur die abgespeckte Version von diesem Wahnsinn erzählt, den meine Mutter bei Juli abgezogen hat. Aber ich glaube, nachdem das mit Hinrich jetzt geklärt ist, können wir uns voll und ganz auf sie konzentrieren und du kriegst die hübschen, kleinen, nervenraubenden Details von mir“, legte sich zunehmend etwas Trällerndes in seine Stimme, das wohl ironischer nicht hätte klingen können. Und ja, er war selbst nicht unbedingt scharf darauf, sich das alles noch mal durch den Kopf gehen zu lassen, was ihn damals so tiefgehend dankbar darüber zurückgelassen hatte, mit Patrick nie bis an diesem Punkt gewesen zu sein. Aber wenn es denn nun half, damit Dominik seine Sicht der Dinge besser verstand? So oder so ließ sein Ausspruch zumindest Frido selbst aber schon mal ein wenig amüsiert über Dominiks skeptischen Gesichtsausdruck zurück.

„Ja, klar. Gern…“, sagte der zwar sofort mit einem Nicken, aber ihm war nur allzu deutlich die Unsicherheit darüber anzusehen, was ihn nun wohl erwartete. Und Fridos mitleidiges Schmunzeln machte die Sache nicht unbedingt besser, selbst, wenn er Dominik ein Küsschen aufdrückte, ehe er ihn abrupt los ließ.

„Dann mach dich mal auf den Irrsinn gefasst, in den du einheiraten wirst!“, marschierte er ohne Vorwarnung los, schnurstracks aufs Auto zu und dieses Mal, ohne dabei noch einmal Halt zu machen. Ganz gleich, wie belämmert er dabei angeschaut wurde oder ob der Lockenkopf, den er dabei an der Hand gefasst hinter sich herzog, fragte, warum er es plötzlich so eilig habe. Da zweifelte Dominik allmählich wohl auch daran, wer bei den Klimlaus wirklich dem Wahnsinn verfallen war. Aber Fridos Antwort fiel ganz einfach aus.

„Weil wir sonst morgen noch hier stehen, wenn ich dir das erst alles erzählen soll!“, ließen seine Finger Dominiks los, um stattdessen nach dem Schlüssel zu angeln.

„Komm! Ich erzähls dir unterwegs“, schwang er sich in den Wagen und saß schon fertig angeschnallt da, als der Jüngere ihm zögerlich folgte. Der öffnete zwar auch die Tür, aber er machte keine Anstalten, sich auch sofort hinzusetzen.

„Sag mal, soll ich vielleicht lieber fahren?“, beugte er sich erst einmal nur in den Wagen hinein und hob einen Mundwinkel an, als seine Worte für einen kurzen Moment Fridos Tatendrang zerstreuten. Nachdenklich blinzelte der Dozent, war in seinem Vorsatz, den Motor anzuschmeißen, stehen geblieben und lachte dann doch auf.

„Steig schon ein!“, nickte er Dominik zu und drehte routiniert den Schlüssel um, während sein Lockenkopf ihn noch einen schweigenden Moment betrachtete. Okay, ganz so irre wirkte der Ältere jetzt nicht mehr, dachte er sich… Dann konnte man es ja wagen.

„Da bin ich ja mal gespannt…“, ließ er sich also neben Frido sinken, der den Blick längst an die Windschutzscheibe geheftet hatte und das Licht andrehte.

Autotür zu, Gurt geschnappt und schon ging die Fahrt los, bei der sich schnell zeigte, dass Frido den Wagen durchaus souverän lenken konnte, während er all das auf Dominik einprasseln ließ, was er zuvor nur vage angerissen hatte. Und das war ne Menge…

Schließlich liebte Marianne Klimlau, das Muttertier, wie ihre Kinderlein sie in gewissen Zusammenhängen gern betitelten, nicht einfach nur das Planen von Familienfesten. Nein, wenn es auch nur im Ansatz um mögliche Hochzeitsvorbereitungen für ihre Sprösslinge ging, wuchs sie regelrecht über sich hinaus – und das leider nicht im positiven Sinne.

Was Dominik im Vorfeld der Rubinhochzeit an organisatorischem Wahnsinn mitbekommen hatte, war dagegen ja noch richtig harmlos gewesen! Das hatte ihn teilweise schon beeindruckt – manchmal auch etwas erschlagen – doch gegen Julis Hochzeit war das reiner Mumpitz gewesen.

Marianne Klimlau war in diesen Dingen nicht nur perfektionistisch, sondern riss auch alles an sich. Schonungslos und ohne Rücksicht auf Verluste. Und dabei scherte sie die Meinungen und Ansichten der Hauptpersonen nicht im Geringsten.

Mehr als einmal hatten Juli und sie sich damals gestritten und trotzdem war am Ende alles nach Mariannes Nase gegangen. Und das nicht einmal unbedingt, weil sie es mit dem Holzhammer durchdrückte. Zumindest nicht immer! Nein, sie wusste ganz genau, wie sie die Vorbereitungen nach und nach immer mehr vereinnahmen konnte! Erst nur als kleine Unterstützung und später mit der Schwere, die es haben konnte, wenn man einmal einen Gefallen erhalten hatte. In der Schuld stehen für die frühere Hilfe oder eingebläut bekommen, dass ein Veranstaltungsgenie wie Marianne ohnehin alles besser wusste. Und wenn das nicht half…

„Einmal hat sie sogar den Floristen hinter Julis Rücken angerufen, um eine Woche vor der Hochzeit noch alles umzuschmeißen! Die Hochzeit selber war zwar schön, aber bis kurz vorher hat Julchen noch Rotz und Wasser geheult, weil Mama wirklich ALLES anders gemacht hat, als meine Schwester es eigentlich wollte!“, war nur eines der Beispiele, während Frido kurz an einer roten Ampel hielt und mit den nächsten Erzählungen und schnurrendem Motor nur Sekunden später wieder anfahren konnte.

Erzählungen über Juli, die ursprünglich nur eine winzige Feier im lockeren weißen Kleidchen am Strand gewollt hatte und dann schließlich zu einer wandelnden Hochzeitstortenfigur vor über 150 Gästen geworden war. Gefühlt jeder und sein Hund, der irgendwie mit der Familie des Bräutigams oder der Braut verwandt war, hatte damals eine Einladung erhalten – und wären die Leute sogar alle erschienen, wären es noch mehr Gäste gewesen, als ohnehin schon. Freunde, Kollegen, teilweise sogar Menschen, mit denen Juli seit der Schulzeit nichts mehr zu tun hatte, aber damals ja irgendwann mal mit denen befreundet gewesen war – sie alle hatten ein hübsch verziertes Kärtchen bekommen.

Das Kleid war tatsächlich das ihrer Mutter gewesen, nur angepasst an Julis Figur. Dazu eine Kutsche mit zwei weißen Pferden, weiße Tauben fürs Brautpaar, obwohl Juli sich vorher explizit dagegen ausgesprochen hatte und allerlei „tolle“ Hochzeitsbräuche und -rituale, die sie sich gerne erspart hätte. Zudem waren die Feierlichkeiten noch am nächsten Tag weitergegangen, statt – wie ursprünglich geplant – am Abend der Hochzeit auch zu enden. Ach und natürlich hatte Livemusik nicht fehlen dürfen! Aber nicht durch einen schnöden DJ mit Musik vom Band! Also hatte sie stattdessen eine Band aus der Nachbarstadt engagiert, die die Gäste mit sehr vielen Coversongs und einigen eigenen unterhalten hatte.

„Und wie gesagt, die Feier war an sich schön!“, betonte Frido auch dabei noch einmal und ebenso, dass Juli es im Endeffekt doch irgendwie genossen hatte. Keine komplette Vollkatastrophe in dem Sinne, aber…

„Es war halt trotzdem total anders als das, was sie damals gewollt hatte! Nicht nur wegen der Umsetzung, sondern durch die ganzen Zankereien im Vorfeld!“.

Er schnaubte aus und bog ab, während er beim Schulterblick auch einen kurzen Eindruck von Dominiks schweigendem Starren erhaschen konnte. Er schaute ihn, zweifelsfrei, an und schien gefangen zwischen Unglaube und Irritation. Ja, einen kleinen Einblick hatte er ja vor ein paar Wochen schon erhalten gehabt, aber das jetzt? Doch es beschäftigte ihn nicht nur das Ausmaß von Mariannes Übergriffigkeit, die fleißig gegen die andere Schwiegermutter mit ihrem Können angestunken hatte.

„Wie habt ihr das denn alles bezahlt?“, schien für ihn vor allem der Unglaube über das Gehörte zu überwiegen, aber Frido lachte nur. Es war ein etwas verbittertes Lachen, das doch auch eine Spur von Anerkennung durchzog.

„Ich hab nie gesagt, dass Mama nicht auch eine Pfennigfuchserin ist, oder? Die Kutsche und die Pferde waren zum Beispiel von einem Freund der Familie, der sich gefreut hat, Juli damit eine Freude machen zu können. Bei der Location genauso! Meine Eltern sind ja im Heimatverein und im Schützenverein, Kegelklub… weiß der Geier, wie die das alles zeitlich schaffen! Und da findet sich dann immer eine gute Gelegenheit!“, murmelte er mit leisem Verweis auf Tims Eltern, die natürlich mit zur Kasse gebeten worden waren. Wenn schon nicht zu viele Köche den Brei hatten verderben dürfen, dann waren sie zumindest beim Einkauf mit beteiligt worden.

„Oh und hab ich schon gesagt, dass Mama natürlich auch der restlichen Verwandtschaft schon frühzeitig gut zugeredet hat, damit die am besten Geldgeschenke springen lassen?“

Noch einmal setzte er den Blinker und seufzte, als nicht nur das Ende der Fahrt in greifbare Nähe rückte, sondern auch das Ende der Geschichte. Der Fiebertraum in zehn Akten, bei dem er sicherlich noch immer einiges vergessen hatte, aber nun hoffentlich mehr Verständnis von seinem Lockenkopf erhielt.

„Wenn sie einmal Wind davon kriegt, dann ist alles vorbei!“, lautete somit auch sein Kredo, während er den Wagen parkte, die Handbremse anzog und sich schwer gegen den Sitz sinken ließ, als der Motor erlosch. Ein Moment des Durchatmens, ehe er Dominik nun voll und ganz anschauen konnte.

Nachdenklich blickte der drein und sorgte bei dem Dozenten doch sofort für ein Lächeln, als er ganz selbstverständlich Fridos Hand fasste, die sich auf seinen Oberschenkel legte.

„Und? Was denkst du?“, fragte Frido dabei, strich mit dem Daumen über Dominiks Handrücken und lachte auf, als er dessen Antwort hörte.

„Tut mir leid, wenn ich deine Mutter jetzt beleidige, aber die hat echt n Knall…“, murmelte er, hob den Blick von seinen Füßen zu Fridos amüsiertem Gesicht und legte selber den Kopf schief.

„Da widerspreche ich jetzt mal nicht“, grinste der Ältere, doch noch immer wirkte sein Liebling ein wenig zerknittert.

„Warum hast du mir das nicht sofort so ausführlich erzählt?“, interessierten ihn Fridos Beweggründe scheinbar noch mehr als das Gehörte und er bekam dafür zunächst nur ein Schulterzucken geschenkt.

„Keine Ahnung… Wahrscheinlich, weil der Fokus zu dem Zeitpunkt ja eher auf deinem Vater lag und vielleicht auch ein kleines Bisschen die Sorge, dass Mutters Wahnsinn dich das mit unserer Verlobung doch noch mal überdenken lässt. Immerhin… wird sie dann deine Schwiegermutter sein!“, gab er zu bedenken, um dann fast schon angewidert das Gesicht zu verziehen.

„Und ich geb zu, das war damals auch teilweise so ein Fiebertraum, dass ich im Nachgang mehr als einmal überlegt hab, ob mein Verstand irgendwas vom Unfall zurückbehalten hat. Aber nein! Es gab ja genug Fotos und Videos als Beweis…“, schien er für einen kurzen Moment sogar unschlüssig, ob ihm ein schwirrender Kopf oder die Realität gruseliger vorkommen würde, aber Dominik schienen vor allem die harten Fakten wichtig.

„Also erstens hat mein Paps es auch nicht geschafft, dich von meiner Familie wegzujagen und jetzt überlegen wir sogar, dass du meinen Namen annimmst. Zweitens heirate ich dich und nicht deine Mutter und genau so werde ich ihr das auch sagen!“, begann er fast schon empört, um dann allerdings kurz zu stocken und dafür einen fragenden Blick zu ernten.

„Kommt auch ein drittens?“, erkundigte sich der Dozent auch sogleich und wieder brachte ihn sein Liebling zum Lachen.

„Drittens… finden wir schon noch irgendwie ne Lösung, um ihr das schonend beizubringen!“, hatte Dominik zwischen den Zeilen gelesen dann vielleicht doch nicht ganz so viel Lust auf die direkte Konfrontation, wie gerade noch glauben gemacht. Und auch, wenn Fridos Reaktion auf den ersten Blick amüsiert ausfiel, war sie das nicht unbedingt auf die gute Weise, wie der zweite schnell verriet.

„Ach, du meinst, dass uns jetzt plötzlich die Erleuchtung kommt?“, konnte er einen gewissen Hohn nicht verbergen. Dieser leise Hauch der Verzweiflung tief im Inneren eines Mannes, der immerhin schon die letzten Wochen über immer mal wieder über diesem Thema herumgedacht hatte – und sicherlich auch bereits ab dem Punkt, an dem eine Verlobung für ihn immer mehr in den Fokus gerückt war.

Er seufzte, während sein Lockenkopf so nah es ging an ihn heran rutschte, um sich gegen zu lehnen. Sie wollten doch einfach nur zusammen sein… Und weil das im Auto zugegebenermaßen nicht die bequemste Sache war, verlegten sie das weitere Gespräch dann doch lieber in ihre Wohnung. Wieder ein bisschen Bewegung durch den Spaziergang die Treppen hinauf, wieder eine etwas andere Umgebung, die zwar schon bekannt war, aber den grauen Zellen vielleicht doch neues Futter schenkten?

Dominik kaute jedenfalls grüblerisch auf der Unterlippe, während er Frido in gemeinsamem Schweigen folgte und in der Wohnung angelangt plötzlich schmunzelte.

„Was ist?“, ließ der Dozent sich davon anstecken, auch, wenn er den Grund noch nicht kannte und hob die Augenbrauen ob Dominiks Antwort.

„Tja, dann fahren wir halt nach Vegas und heiraten doch still und heimlich!“, sagte er zwischen Schlüssel auf der Kommode und Jacke an der Garderobe.

Er lachte, hatte das natürlich nur zur Aufmunterung gesagt, doch auf Fridos Gesicht legte sich bei diesen Worten etwas Nachdenkliches. Er verschränkte die Arme vor der Brust, starrte grüblerisch auf den Boden und mit einem Mal schlug der Ausdruck in seinem Gesicht zu einer überraschenden Selbstsicherheit um. Es schien fast, als wäre dem Älteren soeben die Erleuchtung gekommen, wohingegen dem Stein des Anstoßes das Gesicht in Schieflage geriet.

„Ey, überleg mal, wie teuer allein der Flug wäre!“, sagte Dominik also schnell, um den Floh aufzuhalten, den er Frido gerade ins Ohr gesetzt hatte, doch der Dozent schüttelte den Kopf.

„Als billiger Elvisabklatsch mit dir vor den Altar zu treten, wäre nun wirklich nicht meins, aber du hast mich grad auf ne Idee gebracht!“, grinste er und lehnte sich zu Dominik, um ihn zu küssen. War der Lockenkopf dadurch beruhigter? Vielleicht. Vor allem war er aber ausgesprochen neugierig, was Frido sich nun überlegt hatte!

„Erzähl!“, schaute er ihn aus großen Augen an und hing wie gebannt an seinen Lippen, als Frido ihm locker die Arme um die Schultern legte und schmunzelnd sein Gesicht betrachtete.

„Na ja. Wir haben bisher nur darüber gesprochen, dass wir alles oder gar nichts machen könnten. Richtige Feier mit allem drum und dran oder heimlich zum Standesamt und dann am besten nie wieder drüber sprechen. Aber wir haben nie drüber gesprochen, dass man es ja auch trennen kann: Standesamt ganz still und heimlich, nur für uns und erst im Anschluss verkünden wir, was Sache ist“, grinste er und ließ seine Hände, wie so oft, auf Dominiks Rücken wandern, um ihn sanft näher an sich zu ziehen. Er stupste seine Nasenspitze gegen die seines Liebsten, während der über Fridos Worte nachdachte.

„Das hätte auf jeden Fall den Vorteil, dass man uns zumindest diesen einen Moment nicht mehr kaputt machen kann…“, murmelte er und stieß dabei Fridos Nicken an.

„Außerdem ist der standesamtliche Teil oft ja eh deutlich intimer als die anschließende Feier…“, überlegte er weiter und wieder nickte Frido.

„Und obendrein müssten wir nicht diese ewig lange Hochzeitsplanung abwarten, bis wir wirklich Mann und Mann sind“, sah er noch einen weiteren Vorteil, bei dem er sofort dieses Funkeln in Dominiks Augen sehen konnte. Frido schmunzelte und stupste die Nasenspitze noch einmal an Dominiks.

„Also wissen wir endlich, was wir machen?“, säuselte er und lachte auf, als Dominik nicht nur anfing zu grinsen, sondern ihm auch regelrecht um den Hals fiel. Manchmal konnte es dann doch so einfach sein!

26.3.2025: Lenzmonat

„Boah, das gibts doch nicht!“

Im hohen Bogen flog das Handy über den Wohnzimmertisch, stoppte kurz vor dessen Kante ab und rutschte dann doch über den Abgrund hinaus.

Brummend und seufzend rieb er sich das Gesicht, legte wimmernd den Kopf in den Nacken und schaute unter Dackelfalten zwischen seinen Fingern hindurch an die Decke. Es war so unfair!

„Doch nicht so einfach, hm?“, hörte er dabei nicht nur Dominiks Worte, sondern spürte auch ein mitfühlendes Tätscheln auf dem Oberschenkel. Er schnaubte, während der Jüngere aufstand und das verunglückte Smartphone wieder einsammelte.

„Haben sich doch alle gegen uns verschworen! Zumindest die deutsche Bürokratie!“, glich Fridos Stimme einem Jaulen, das von einem weiteren Seufzen begleitet wurde. Hatte er schon gesagt, wie unfair das war?

„Voranmeldung zur Eheschließung! Wer denkt sich denn so einen Scheiß aus?! Wieso können wir nicht einfach nächste Woche zum Standesamt gehen und ich knutsch dich dort vor aller Augen ab und gut ist?!“, ließ er unwillig die Hände sinken, während Dominik sich schmunzelnd wieder zu ihm gesellte. Tja, was sollte er da jetzt großartig zu sagen? Er hatte Frido ja vorgewarnt, dass dessen plötzlicher Überschwang vielleicht doch ein bisschen zu optimistisch wäre. Am Mittwoch, wenn er eh keinen Kurs hatte, mal eben beim Standesamt vorstellig werden und den Rest des Tages Honeymoon feiern? Aber ganz bestimmt nicht in Deutschland und ohne Termin erst recht nicht!

„Ich hab ja bei Basti mitbekommen, dass die auch für die Standesamtliche einiges an Vorlauf einplanen mussten…“, murmelte Dominik und scrollte durch die Suchergebnisse auf Fridos Handy. Jap, auch da stand noch mal schwarz auf bläulich getünchtem Weiß, was der Dozent ihm zuvor nicht hatte glauben wollen…

Ein leises Seufzen, ein leichtes Zucken der Schultern und er legte das Handy beiseite, um sich an Frido zu lehnen, dessen Blick noch immer an der Decke festgebissen war.

„Komm, wir gucken morgen nach einem Termin und welche Unterlagen wir bis dahin schon mal raussuchen müssen und machen jetzt den Rest des Abends was Schönes, hm?“, versuchte Dominik die schmollenden Lippen neben sich zu einem Lächeln zu bringen und richtete sich weiter auf, um sie zu küssen. Doch das war gar nicht so einfach, wenn man dabei so herrlich trotzig angeschaut wurde und sich das Grinsen verkneifen wollte. Frido war echt angefressen, musste er feststellen und das wollte sich auch nicht durch ein aufmunterndes „Komm, sei nicht brummig“ und Kraulen seiner Brust ändern.

„Und wenn wirs einfach auf dem Schreibtisch vom Sachbearbeiter treiben? Unterschreibt er uns dann die scheiß Heiratsurkunde?“, murrte er stattdessen und reagierte mit einem Schnauben, als Dominik ihn nach kurzem irritierten Anstarren auslachte.

„Ich glaub kaum, dass Erregung öffentlichen Ärgernisses da hilfreich ist!“, schüttelte er den Kopf und legte die Arme um Fridos Schultern, um sich an ihn zu schmiegen und ihm ins Ohr zu kichern. Dieser Lösungsansatz war durchaus… interessant! Nicht zielführend, aber zumindest erheiternd! Auch, wenn Frido es selbst nicht so sah. Sogar dann nicht, als aus aus dem Kichern ein leises Küssen und Knabbern an seinem Ohr und seinem Hals wurde.

„Weißt du… zumindest die Hochzeitsnacht könnten wir ja schon mal vorziehen“, schnurrte der Jüngere dabei verführerisch und machte sich an Fridos Hemd zu schaffen, damit er besseren Zugriff auf dieses hübsch geschwungene Schlüsselbein bekam. Doch Frido blieb untätig. Kein wohliges Seufzen, kein beherzter Griff, um Dominik näher zu ziehen. Nur ein leichtes Drehen seines Kopfes, das dem Jüngeren verriet, dass er angesehen wurde. Also ließ er von den störenden Knöpfen ab, schaute auf dieses noch immer missmutige Gesicht und schenkte ihm ein leichtes Lächeln.

„Nimmt dich das so mit?“, murmelte er und begann durch Fridos Haar zu kraulen, während der die Mundwinkel zuckte.

„Wenn ich mit dem Antrag nicht so ewig lang gewartet hätte, könnten wir längst verheiratet sein“, grummelte er und schaute seiner Hand dabei zu, wie sie sich warm an Dominiks Seite legte und eine Falte seines Pullovers nachfuhr. Aha, dachte der Jüngere dabei, das war also das Problem. Die lange Untätigkeit und die selbst auferlegten Fesseln mit Blick auf Mutter Marianne.

„Tja…“, rutschte er Frido auf den Schoß und lächelte wieder, als der den Weg zurück zu seinem Blick fand. „Dann also doch Vegas“.

Er lehnte sich gegen Frido, schmunzelte, als der endlich Anstalten machte, auf seine Avancen einzugehen, doch dann, kaum, dass er dessen Atem auf seinen Lippen spüren konnte, drückte der Ältere ihn plötzlich von sich weg.

„Oder Dänemark!“, rief er dabei aus und starrte Dominik an, als sei es ihm gerade wie Schuppen von den Augen gefallen. Der Jüngere blinzelte fragend, ehe sich im nächsten Moment Fridos Arm um ihn schlang, damit er ihm nicht vom Schoß rutschte, während er sein Handy vom Tisch angelte.

„Äh… Dänemark?“, wurde das Ganze von Dominiks irritierten Ausspruch untermalt. Er schaute Frido an und dabei zu, wie der sofort wieder eifrig auf dem Smartphone herumtippte.

„Ja“, murmelte er dabei etwas geistesabwesend, ehe er Dominik doch etwas mehr Aufmerksamkeit schenkte.

„Einer meiner Kumpels aus der Junggesellenrunde ist damals extra mit seinem Mann nach Dänemark gefahren, um zu heiraten! Lag zwar vor allem daran, dass die gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland zu der Zeit ja noch so ein furchtbares Teufelszeug war, aber er hat auch gesagt, dass es da wohl generell einfacher und schneller möglich ist!“, erzählte er, um dann wieder angespannt aufs Display zu gucken. Was sagten die Sucherergebnisse? Eine Frage, die sich offensichtlich nicht nur er stellte!

„Und?“, drückte sich Dominik an ihn und verrenkte sich fast den Kopf, um besser mitlesen zu können. Der Dozent grinste und sein ehemaliger Student schaute ihn mit großen Augen an.

„Es gibt sogar Express-Hochzeiten, die innerhalb von 24 Stunden möglich sind!“, rief er aus und lachte, als Dominik ihm das Handy entriss.

„Zeig mal!“, schien er es gar nicht glauben zu können, während sich bereits Fridos Küsse und Kichern an und in sein Ohr schlichen.

„Es gibt sogar extra Agenturen, die einem helfen, das zu organisieren… Trauzeuge kann man mitbringen, muss man aber nicht…“, murmelte der Lockenkopf, während er den gefunden Artikel überflog und leicht den Kopf darüber schüttelte, was er zu lesen bekam.

„Das gibts ja nicht…“, hob er den Blick zu Frido und fand sich keine zwei Sekunden später in einem Kuss wieder. So einfach konnte es gehen? Dann also ab nach Dänemark! Das brauchten sie nicht einmal mit Worten zu besiegeln! Und doch…

„Warte…“, war es dieses Mal Dominik, der Frido von sich schob und die Lippen schürzte.

„Heißt aber trotzdem, dass wir erst nächstes Jahr heiraten können, wenn du wieder Semesterferien hast“, seufzte er und seine Schultern sanken enttäuscht hinab.

„Weil man n Tag vorher da sein muss, um die Unterlagen einzureichen“, bestätigte auch der Ältere und bekam dafür ein leichtes Nicken.

„Ja, die schreiben extra, dass man nach einer Übernachtung schon wieder nach hause kann… Aber die Standesämter da werden ja wohl kaum am Wochenende offen haben. Wir reden hier immerhin von Behörden…“, ließ der Lockenkopf seinen Schopf hängen, um wieder aufs Smartphone zu schauen. Da waren doch noch so viele schöne Suchergebnisse, die darauf warteten, von ihm gelesen zu werden und ihm ein bisschen die Unzufriedenheit verscheuchen konnten – oder sie erst recht verstärkten. Seine Mundwinkel zuckten, während er über das Display wischte und dabei Fridos Hand an seiner Wange spürte.

„Dänemark zur Weihnachtszeit – Hochzeiten mit besinnlichem Flair!“, fing er dabei an, einige der Überschriften vorzulesen, die ihm besonders ins Auge stachen. Weihnachten stand ja tatsächlich in ein paar Wochen schon wieder vor der Tür und die Vorstellung, mit Frido einen Hochzeitsurlaub nach Dänemark zu machen, gefiel ihm zunehmend. Aber auch da…

„Kann ich mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet um Weihnachten rum die Standesämter da offen haben… und wenn, gibts bestimmt viele, die das nutzen wollen“, murmelte er, um sich auf eine Überschrift zu konzentrieren, die ihn weniger enttäuschen konnte.

„Heiraten im Lenzmonat – Genießen Sie Dänemark in seiner ganzen Pracht!“, zum Beispiel! Dominik nickte seichte und biss sich dabei auf die Unterlippe.

„Passt! Im März hast du noch frei und so lange ists ja auch nicht mehr hin“, murmelte er mit leichter Sehnsucht in der Stimme und atmete tief aus. Man musste es jetzt ja auch nicht übers Knie brechen, oder? Und trotzdem war er magisch angezogen von dem, was er da so sah. Aber bevor er sich noch mehr in den Suchergebnissen verlieren konnte, legte Frido die Hand aufs Smartphone und nahm es unter Dominiks überraschten Blick an sich.

„Dänemarks ganze Pracht im März?“, murmelte der Ältere grüblerisch und schaute selber, was sein Liebling da gerade vorgelesen hatte, um anschließend abwertend zu schnauben.

„Also hier steht, dass im März das Wetter dort richtig beschissen ist!“, ergab eine andere schnelle Suche und trocken ironisch stellten sie fest, dass es wirklich faszinierend war, womit manche Reiseveranstalter warben.

„Wenn ich mich nicht irre, sind Tony und Lasse damals nämlich extra nicht um die Zeit da hin, weil sie bei ihrer Hochzeit auch gutes Wetter haben wollten“, murmelte Frido und wieder setzten sich seine Daumen in Bewegung. Nun waren er und Dominik schon so nah und sollten dann kurz vor Erreichen ihres Ziels wieder von irgendeiner kleinen Lappalie abgehalten werden?

„Was machst du?“, erkundigte Dominik sich dabei und lehnte sich erneut an Frido, um ihm beim Durchforsten weiterer Artikel zuzuschauen.

„Also ganz ehrlich, ich will nicht bis zu dem Semesterferien warten! Mittwochs hab ich keinen Kurs, dann frag ich notfalls Bettina, ob sie einen Donnerstag für mich übernimmt, aber…“, murmelte er, während er die Berichte zu den gewünschten Informationen überflog. Er hatte sich festgebissen und wollte jetzt nicht mehr loslassen! Nicht mal, um sich eine Brille zu holen, die ihm das Lesen deutlich erleichtert hätte. Aber vielleicht half es auch schon, die Suchanfrage noch mal etwas umzuändern. Also tippte er wieder, während Dominik ihm durchs Haar strich und sich an ihn schmiegte.

„Frido, lass gut sein. Ich glaub, wir steigern uns da rein…“, murmelte er zwischen viele kleine Küsse auf Fridos Schopf. Es war doch auch so schön, nicht wahr? So viel änderte eine Hochzeit nun auch wieder nicht…

„Ist doch letztlich auch gar nicht schlimm, wenn es jetzt noch ein paar Wochen oder Monate dauert. Wir lieben uns! Und wir leben eh schon in wilder Ehe“, stellte er fest. Also konnten sie auch…

„Bingo!“

Triumphierend strahlte der Dozent seinen Lockenkopf an, als der sich irritiert von ihm löste und auf das schaute, was Detektiv Frido in seiner investigativen Recherche herausgefunden hatte.

„Selbst in Deutschland gibt es Standesämter, die sogar samstags trauen und in Dänemark erst recht!“, rief er aus, während Dominik ungläubig das Handy an sich nahm. Er starrte auf den Text, las ihn einmal und noch ein weiteres Mal. Stirnrunzeln, Kopfschütteln.

„Glaub ich nicht“, murmelte er und öffnete noch einen Artikel.

„Kann ich mir nicht vorstellen! Irgendwo ist da doch jetzt wieder ein Haken! Das kannst du mir doch nicht erzählen!“, begab er sich akribisch auf die Suche, während Fridos Säuseln in seinem Ohr widerklang.

„So, wie ich das sehe, könnten wir uns Montag mit einer dieser Hochzeitsagenturen in Verbindung setzen, alle nötigen Unterlagen beschaffen und sobald die Agentur alles vorliegen hat, dauert es wohl noch ein bis zwei Wochen, bis die Dänische Familienverwaltung alles bearbeitet hat… hab ich da auch irgendwo gelesen. Müsste man noch mal fragen, wie der Ablauf nun genau ist. Aber… wenn ich das alles richtig verstehe, dann könnten wir vielleicht sogar noch vor Weihnachten verheiratet sein“, setzte er zum Abschluss noch einen Kuss auf diese hübsch geformte Ohrmuschel, ehe sie ihm entzogen wurde, weil Dominik ihn wieder anschaute – nein, anstarrte!

„Vor Weihnachten?“, flüsterte er dabei fast ehrfürchtig und doch noch immer ungläubig, während Frido nickte. Ein paar Wochen waren es zwar bis dahin noch, aber nicht mehr allzu viele!

„Ich weiß natürlich nicht, wann wir den konkreten Termin bekommen können und ob das mit Weihnachten noch passt. Aber vielleicht…?“, antwortete er mit warmem Lächeln und sanftem Streicheln von Dominiks Seiten. Und natürlich würden sie nur so kurzfristig heiraten, wenn sein Lockenkopf auch wirklich wollte! Schließlich wollte Frido ihn mit seiner Euphorie nicht überrumpeln oder zu irgendwas überreden!

„Wir können ja auch alles hier in Deutschland machen! In Ruhe zum Standesamt, Vorgeplänkel-Dings einholen, Termin vereinbaren…“, zählte er darum noch einmal all die vielen Vorzüge auf, die ihn gerade noch über die deutsche Bürokratie hatten maulen lassen, um eben dafür nun einen zunehmend verschnupften Blick von Dominik zu kassieren. Erst von Null auf Hundert und jetzt Vollbremsung oder was?

„Frido?“, unterbrach er ihn also und warf das Handy beiseite, als der Ältere mit einem gekonnt überraschten „Ja?“ antwortete.

„Guck nicht so treudoof und hör auf zu quatschen!“, war er jedoch längst durchschaut und grinste von einem Schlitzohr zum anderen, als Dominik sein Gesicht fasste und ihn auf seine Weise zum Schweigen brachte. Da konnte Weihnachten ja kommen…

27.3.2025: sprachkundig

Schnee lag in der Luft. Gekommen und gegangen war der Herbst und das Weihnachtsfest schon fast wieder vor der Tür. In anderthalb Wochen ging es erneut auf die Reise zu all den wartenden Verwandten, zum Schmaus, zum Wiedersehen und den vielen Geschenken. Doch zuvor stand noch eine ganz andere Tradition an! Eine, die Bruder und Schwester bereits als Jugendliche etabliert und seither ohne Unterbrechung gepflegt hatten. Zumindest fast. In diesem einen verhängnisvollen Jahr hatten sie aussetzen müssen und Juli anschließend mit Fotos an Fridos Krankenhausbett gesessen. Aber darüber hinaus ging es für sie jeden Advent zusammen auf mindestens einen Weihnachtsmarkt! Auch, wenn es heutzutage nicht mehr ihr Freundeskreis war, der sie mitunter auf die nach gebrannten Mandeln und Glühwein duftenden Ausflüge begleitete. Aber das war nicht unbedingt nachteilig. Besonders mit Anhang dabei und vor allem, wenn sie sich mal wieder ein paar Wochen lang nicht gesehen und einiges auszutauschen hatten.

„Lilli, lauf nicht so weit vor! Bleib bei Dominik!“, musste inzwischen ja auch immer ein gewisser kleiner Wirbelwind im Blick behalten werden, der von Jahr zu Jahr selbstständiger zwischen den Buden herum eilte. Da war es durchaus von Vorteil, dass es beim heutigen Treffen gleich drei Erwachsene gab, die das Engelsgesicht mit den Hummeln im Hintern im Blick behielten, als wäre es ihr eigen Fleisch und Blut – was in Teilen ja auch stimmte.

„Gut, dass wir mittags gegangen sind“, stellte Juli also auch mit Blick auf ihre Aufsichtspflicht fest, während sie über Dominik lachte, der ihre Tochter einfing und bei sich auf den Schultern sitzen ließ. So viel Gedränge, dass es für einen guten Überblick nötig gewesen wäre, herrschte zwar noch nicht, aber trotzdem hatte die Lütte reichlich Spaß!

„Wie viel sollen wir wetten, dass ihm das gleich zu viel wird und ich stattdessen einspringen soll?“, grinste Frido, während er mit Juli hinter den beiden Energiebündeln herspazierte, Schwesterchen bei ihm untergehakt und den Blick auf das Geschehen um sich herum gerichtet.

Zahllose Buden, die vor wenigen Stunden erst geöffnet hatten und nicht vollends überlagert waren. Herrlich! Da konnte man schon von weitem das Angebot und die Auslage betrachten! Und trotzdem…

„War aber ganz gut, dass wir Sissi zuhause gelassen haben“, stellte Juli fest und erhielt dafür Fridos Zustimmung. Hunde sahen bei solchen Veranstaltungen ja eh nur Beine und Füße und da konnte die Terrierdame wohl besser mal ein Stündchen gemütlich im Körbchen verbringen. Im Anschluss wurde ja wieder ausgiebig mit ihr gespielt!

„Ich find übrigens, die Kurze macht das echt gut, wie sie sich um Sissi kümmert“, stellte Frido bei einem Blick hinüber zu den kandierten Äpfeln fest und entschied sich dann doch lieber für Schokoerdbeeren, während Juli festhielt, dass das auch Teil der Abmachung gewesen war, um sich einen Hund ins Haus zu holen. Wer ein Haustier haben wollte, half auch beim Aufpassen – selbst, wenn das altersbedingt natürlich noch mit Unterstützung der Eltern geschehen musste.

„Ist sinnvoll. So lernt sie früh Verantwortung“, stimmte Frido zu, ehe er die beiden Jüngeren zu sich zurückrief. Einmal schokolierten Süßkram für alle? Klar! Also landete Lilli zurück auf dem Boden der Tatsachen, weil Dominik ihr nicht schnell genug lief und bedankte sich als erste brav und höflich für ihre Süßigkeit, ehe der Lockenkopf kurz darauf wieder in Beschlag genommen wurde. Hand in Hand und kauend zurück zur Bude mit den handbemalten Tassen und dem Holzspielzeug, während sie ein amüsiertes Schmunzeln dafür kassierten, wie drollig sie zusammen aussahen.

„Mal ehrlich, habt ihr noch nicht über ein eigenes Kind nachgedacht?“, weckte dieser Anblick in Juli plötzlich eine Frage, die Frido erst überrascht schauen ließ und ihm dann ein Schulterzucken stahl.

„Na ja…“, murmelte er und knabberte die Schokolade von dem Teil des Holzstiels, der nicht mit Frucht versehen war. Vielleicht etwas unorthodox, so herum anzufangen, aber wo bliebe sonst der Spaß?

„Ich lass ja schon das Kondom weg, aber er wird und wird nicht schwanger“, war nun doch auch etwas Erdbeere dran, während es von Juli einen angewiderten Blick und ein herzliches „Blödmann!“ dafür gab.

„So genau wollte ich bestimmt nicht wissen, wie und wo und wer es bei euch beiden treibt!“, lag der plötzliche Ekel allerdings nicht an Fridos Tischmanieren, sondern eher am Tischgespräch und er wiederum zeigte sich äußerst amüsiert über Julis Abneigung.

„Manchmal wechseln wir auch!“, grinste er, um dann aufzulachen, als seine Schwester sich von seinem Arm löste, um ihm stattdessen darauf zu boxen.

„Boah, Schluss jetzt! So ein Depp wie du sollte wirklich keine Kinder in die Welt setzen! Da ist die Verblödung ja schon vorprogrammiert!“, murrte sie, während Frido immer noch lachte und Dominik für einen irritierten Blick einen Luftkuss zugeworfen bekam.

„Hält andere auch nicht vom Kinderkriegen ab“, stellte er dabei allerdings auch an Juli gerichtet fest und schüttelte den Kopf, als die biestige Nachfrage kam, ob das etwa auf sie gemünzt sei. Aber Nein. Dieses Mal wollte er sie tatsächlich nicht foppen. Stattdessen nickte er vielsagend zu einer Familie mit drei Kindern, die gerade aus einem angrenzenden Laden kam. Worum es ging, wussten Juli und Frido zwar nicht, aber zumindest konnten sie laut und deutlich vernehmen, wie die Mutter sich gerade über irgendwelches „asoziales Pack“ aufregte, während der älteste Spross – noch nicht volljährig wohl gemerkt – es just mit Verlassen des Geschäfts dem Vater gleichtat und dicke Qualmwolken gen Äther schickte. Früh übt sich, oder so, jedenfalls waren Frido und Juli nicht böse darum, dass die Familie eine andere Richtung als sie einschlug. Besonders, als die Mutter jetzt noch irgendwelche Schimpfworte über eine andere Kundin verlor. Das war zwar nichts, wovor Lillis Ohren geschützt werden konnten, aber trotzdem war Juli nicht scharf darauf, wenn ihre Tochter mit solchen Kraftausdrücken in Berührung kam. Und Frido wusste das nur allzu genau.

Also legte er den Arm um seine Schwester, lächelte sie aufmunternd an und grinste, als seine Gesichtskirmes dafür sorgte, dass sich die zwischenzeitliche Verfinsterung ihrer Miene wieder aufhellte. Und dieser Aufmunterungsversuch funktionierte sogar so gut, dass dem Dozenten gar bescheinigt wurde, sicherlich ein besserer Vater als der vorhin gesehene zu sein. Wie nett! Aber an Fridos Einstellung änderte das trotzdem nichts.

„Danke, aber das mit dem Kinderkriegen überlass ich trotzdem lieber dir“, antwortet er und nickte, als Juli zu bedenken gab, dass es ja auch die Möglichkeit der Adoption gäbe. Aber auch das wollte Frido nicht umstimmen.

„Ich weiß, aber ich hab es immer so gehalten, dass ich mich bei dem Thema nach meinem Partner richte und da der keine Kinder möchte, hat sich das Ganze erledigt“, antwortete Frido, während er seinen Lockenkopf mit seiner Nichte beobachtete und der Überzeugung war, dass Dominik auch einen hervorragenden Onkel abgab. Und genau deshalb schien Juli auch so überrascht.

„Ausgerechnet Dominik will nicht? Die Beiden sind doch ein Herz und eine Seele! Ich hätte gedacht, er würde sofort hier schreien, wenn es um eigene Kinder geht!“, war sie sogar stehen geblieben, um Frido zu taxieren. Verarschte er sie mal wieder? Aber auch, wenn er ihr ein leichtes Lächeln schenkte, lag eine gewisse Ernsthaftigkeit in seinen Zügen, die schnell für Klarheit sorgte.

„Onkel sein ist eine Sache, aber als Vater hätte er eine ganz andere Verantwortung. Und der fühlt er sich nicht gewachsen“, sagte er obendrein und bekam dafür ein langsames, nachdenkliches Nicken.

„Seine mentalen Probleme?“, fragte Juli behutsam und bekam dafür nun ihrerseits eine bestätigende Geste.

„Er hat die Therapie zwar beendet und kommt inzwischen gut zurecht, aber er hat nach wie vor seine dunklen Phasen und die werden wahrscheinlich auch nie komplett verschwinden. Wir wissen, wie wir dann damit umgehen, aber er merkt auch, dass ihn ein eigenes Kind auf Dauer überfordern würde. Und da find ichs ehrlich gesagt gut, dass er so reflektiert ist“, antwortete er, um mit Juli langsam wieder weiter zu schlendern, während sie auch für diese Worte großes Verständnis zeigte.

„Kann ich nachvollziehen… Tim und ich haben zwar schon mal drüber gesprochen, ob es für Lilli ein Geschwisterchen geben soll, aber nach meiner Wochendepression damals bin ich mir da echt noch unsicher, ob ich das wirklich möchte“, murmelte sie und lehnte sich an Frido, während der ihr leicht über den Arm strich.

„Lass dich zu nichts drängen. Wenn ein Kind einmal da ist, kann mans schließlich nicht einfach wieder zurückschicken“, sagte er, aber da kannte er ja seine Schwester gut genug.

„Drängen oder überreden sowieso nicht! Ist auch nicht so, dass Tim mich da unter Druck setzen würde! Das sind dann eher die lieben Großeltern… Nein, wir haben nur einfach mal einen Abend darüber gesprochen und gemerkt, dass wir beide noch nicht so ganz sicher damit sind“, antwortete sie und darauf aufbauend fanden die Geschwister schnell einen weiteren Punkt, in dem sie sich einig waren.

„Aber eins nach dem anderen. Jetzt gucken wir erst mal, wie es ist, wenn wir wieder richtig zusammenwohnen“, würde dieses Mal jedoch nicht Juli bei Tim einziehen, sondern umgekehrt und lächelnd hob sie den Kopf, als Frido wissen wollte, wie es diesbezüglich denn beruflich bei ihm aussähe.

„Dann hat das mit der Versetzung geklappt?“

„Und obendrein macht er demnächst ein paar Fortbildungen, um in der Firma aufzusteigen und dann nicht mehr so viel auf Montage zu müssen!“

Frido hob erstaunt die Augenbrauen, Juli grinste und dann lachten sie gemeinsam über diese schöne Entwicklung.

„Und als nächstes dann noch mal Hochzeit?“, fragte der Ältere obendrein und durfte feststellen, dass er noch immer ein hervorragendes Talent dafür besaß, seiner Schwester die gute Laune zu versauen.

„Auf keinen Fall!“, klappte deren Mund nämlich schneller wieder zu, als er zu Gackern begonnen hatte und ihre Mundwinkel schienen mit einem Mal am Boden festgeklebt. Zumindest kurz. Wenigstens so lange, bis aus ihrem energischen Kopfschütteln ein nachdenkliches Wiegen wurde.

„Also standesamtlich können wir uns gut noch mal vorstellen, aber das wird dann im kleinsten Rahmen stattfinden! Und Mama erfährt das erst, wenn alles amtlich ist! Auf Pferdekutsche und vorher Tabletten schlucken gegen meine Allergie hab ich echt keinen Bock!“, murrte sie in Fridos Kichern hinein und schmälerte die Augen, weil er ihr nicht so viel Mitleid schenkte, wie angemessen gewesen wäre.

„Was ist eigentlich mit euch? Wirds nicht langsam mal Zeit?“, gings also ans Sticheln, das Fridos Kichern in ein Schmunzeln verwandelte.

„Fängst du jetzt auch schon an?“, nahm es allerdings einen lückenlosen Übergang zum Grinsen, während Juli ausseufzte.

„Was hat sie getan?“, war es nun sie, die mitleidig schaute, während Frido sich die Laune jedoch nicht vermiesen ließ.

„Mir überschwänglich erzählt, dass die Tochter von ihrer Cousine Tanja nächstes Jahr unter die Haube kommt. Obwohl ich Tanja kaum kenne und ihre Tochter erst recht nicht“, zuckte er die Schultern unter Julis Auflachen. Ja, als Kinder hatten sie besagte Cousine aus dem Ausland einmal gesehen, aber das wars auch gewesen.

„Tja, dann freu dich schon mal drauf, dass du das jetzt ständig zu hören bekommst! Oder dass sie Dominik an Weihnachten mal dezent zur Seite nimmt“, zwinkerte Juli, die wieder einmal aus eigener Erfahrung sprach und der Frido ansehen konnte, dass sie sich ein bisschen auf dieses Szenario freute. Frido, dem Marianne pausenlos in den Ohren läge oder Dominik, der stotternd und rot im Gesicht da stünde, weil sie auf ihn einredete.

Könnte spaßig werden!“, konnte man es Juli auch ohne Worte vom Gesicht ablesen, während Frido eher andere Gedanken durch den Kopf schossen.

Verfluchtes Biest!“, zum Beispiel, aber das mit dem Sticheln konnte er ja durchaus auch, wenn es sein musste.

„Tja…“, blieb er stehen und ließ sie los, um seinen abgenagten Holzstiel zum nächstbesten Mülleimer zu bringen.

„Die Mühe kann sie sich sparen“, ließ er den Deckel angehoben, damit auch Juli mit einem kleinen Weitwurf Tore üben konnte und schlenderte dann zu ihr zurück. Und auch, wenn seine Schwester sicher war, dass ihre Mutter den aufmüpfigen Sohnemann irgendwann noch ob seiner Heiratsabsichten umgestimmt bekäme, musste Frido sie schon wieder enttäuschen.

„Ich hab nicht gesagt, dass ich Dominik nicht heiraten möchte…“, murmelte er, während er dieses Mal nicht, wie vorhin beim Bezahlen, die linke Hand aus ihrem Handschuh befreite, sondern die rechte.

„Ich hab nur gesagt, dass sie sich die Mühe sparen kann. Sie braucht meinem Mann nicht für etwas in den Ohren liegen, das längst erledigt ist“, legte er damit endlich das gut behütete Geheimnis offen und konnte sich eines Schmunzlers nicht erwehren, während er Julis Reaktion betrachtete. Erst starrte sie auf den Ring, dann in Fridos Gesicht, anschließend zu Dominik, der noch immer vollauf mit Lilli beschäftigt war und dann wieder zu Frido. Ihr Kopf geriet in Schieflage, sie runzelte die Stirn und ihr Mund klappte auf.

„Das ist jetzt n Witz, oder?“, starrte sie noch mal Fridos Gesicht an und verschränkte die Arme vor der Brust, während er seinen Ehering betrachtete und anfing zu lächeln.

„Ich konnte meinen Namen in Dänemark leider nicht direkt umändern und muss da generell die kommenden Wochen noch ein paar Sachen zu klären, aber du wirst bald die einzige Klimlau von uns beiden sein“, biss er sich leicht auf die Lippe und lachte, als Juli zunehmend zur Salzsäule erstarrte.

„Dänemark?“, echote sie, scheinbar noch immer auf die Auflösung des Witzes wartend, während Frido zurück in seinen Handschuh schlüpfte – oder es zumindest versuchte, denn nun kam doch wieder Leben in seine Schwester und sie schnappte sich den beringten Finger, um ihn mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Her damit! Gravur zeigen! Datum von vor einer Woche drin…

„War ein schöner kleiner Kurztripp. Freitags dank der freundlichen Unterstützung von zwei Kollegen frühzeitig in den Feierabend und hingefahren, samstags Hochzeit und sonntags dann nach ein bisschen Sightseeing wieder gemütlich zurück nach hause“, erzählte Frido, während seine Schwester den Ring anstarrte und plauderte ein bisschen über die vielen Vorteile, die Dänemark ihnen geboten hatte. Dokumente in verschiedenen sprachlichen Ausführungen, generell recht gute Verständigungsmöglichkeiten, wenn man im Dänischen nicht ganz so sprachkundig war, angenehmer Aufenthalt, viele…

„Halt die Klappe, du Arsch!“

Juli funkelte ihn wütend an, während sie ihm den Ring kraftvoll zurück in die Hand drückte.

„Ist das grad dein Ernst?! Ihr heiratet und du erzählst mir das mal eben so im Vorbeigehen?!“, fiel ihre Reaktion auf die frohe Botschaft definitiv nicht so fröhlich aus, wie Frido sie sich erhofft hatte und während er die Finger fest um seinen Ring schloss, konnte er an Juli vorbei erkennen, wie Dominik ihnen einen fragenden Blick zuwarf.

„Ich… hab doch gesagt, ich hab ne Überraschung für euch, wenn wir uns das nächste Mal sehen“, hatte Fridos Grinsen längst in Schieflage gefunden und seine Worte fielen nun ein wenig kleinlaut aus. Hatte Dominik nicht vor der Abreise noch auf ihn eingeredet, ob er nicht wenigstens Juli vorher informieren wollte? Vielleicht hätte es ihn jetzt davor bewahrt, noch einmal als Arschloch betitelt zu werden…

„Hey, als du wieder mit Tim zusammen gekommen bist, hast du mir das auch nicht sofort erzählt!“, versuchte er darum auch schnell auf andere Weise die Wogen zu glätten, aber damit machte er die Sache eher noch schlimmer.

„Das ist ja wohl ganz was anderes als eine Hochzeit, du dämlicher Sack!“, war Juli dieses Mal wenigstens so aufgebracht, dass auch Lilli darauf aufmerksam wurde. Mit großen Augen und Dominiks Hand auf der Schulter starrte sie ihre Mutter an, als die wutentbrannt ihren Bruder stehen ließ.

„Juli! Komm schon!“, blieb er dabei zwar nicht an Ort und Stelle stehen, aber nach einem kräftigen „Nein!“ stellte seine Schwester die Ohren auf Durchzug. Sie schlängelte sich zwischen einigen anderen Weihnachtsmarktbesuchern hindurch und steuerte geradewegs auf Dominik und Lilli zu, während Frido noch immer darum bat, dass sie sich beruhigte.

„Komm, Schatz, wir müssen gehen! Mir ist grad eingefallen, dass wir noch dringend einkaufen müssen, bevor Papa morgen nach hause kommt!“, machten Julis Worte dessen ungeachtet aber schon von weitem ihr Ziel klar und nicht zuletzt die fordernd ausgestreckte Hand zeigte umso deutlicher, wo der Hase langlief. Kein Händchenhalten mehr mit Dominik! Jetzt gab es nur noch Mamas Finger, die gefasst wurden und da gab es auch keine Widerrede!

Merry Christmas…

28.3.2025: frühlingsfroh

„Einen Cappuccino und einen Ingwertee, bitte“, legte er die Getränkekarte beiseite und schaute der Bedienung kurz hinterher, während sie in Richtung Tresen verschwand und er dabei auch einen Blick auf die Ausgestaltung des kleinen Cafés erhaschen konnte.

Ganz nett war es hier. Direkt am Weihnachtsmarkt gelegen, um die Mittagszeit noch relativ ruhig im gemütlich gestalteten Ambiente und nur die Weihnachtsdeko für seinen Geschmack ein bisschen zu bunt gehalten. Der fröhliche Anblick hatte ja fast schon etwas Frühlingsfrohes an sich! Aber vielleicht lag diese Interpretation auch nur daran, dass die Stimmung am Tisch gerade weder frühlingshaft noch weihnachtlich war, sondern eher unterirdisch.

„Die Bestellung kommt gleich“, wendete er sich vorsichtig seinem Gegenüber zu und jap, das war noch immer mächtig angepisst!

„Hab ich auch gehört!“, zischte Juli nämlich, ohne ihren Bruder eines Blickes zu würdigen und starrte lieber weiterhin stur aus dem Fenster. Vielleicht lag es daran, dass Dominik davor gerade Lilli bespaßte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie ihren Bruder noch immer mit Abweisung strafen wollte. Schließlich war es schon ein Wunder, dass er sie überhaupt dazu überredet bekommen hatte, auf ein Gespräch mit ihm in das kleine Bistro einzukehren – und wahrscheinlich schlug ihr dieser Fakt noch mal zusätzlich aufs Gemüt.

Fiel dann wenigstens der Lockenkopf tot um, als er es wagte, ihr ein entschuldigendes Lächeln zu schenken? Nein, leider nicht. Nur den Anstand, sich reumütig abzuwenden, zeigte er, als sie ihn zur Antwort biestig anstierte. Wenigstens etwas! Auch, wenn sie den kleinen Triumph nicht lange genießen konnte, weil Frido sich schon wieder in ihre Gedankenwelt drängen wollte.

„Juli, das war ne ziemlich spontane Aktion und ich hab dir das nicht verschwiegen, um dich zu ärgern, sondern weil ich einfach ein paar Tage haben wollte, in denen es gewissermaßen nur meinen Mann und mich gab. Keine Fragen zur Hochzeit, keine Glückwünsche, nur wir zwei, die es genießen, verheiratet zu sein“, faltete er die Hände vor sich auf dem Tisch, während er Julis angesäuertes Profil und die eindeutig verschränkte Pose betrachtete.

Seine Schwester schnaubte, ließ sich die Worte kurz durch den Kopf gehen und warf ihm dann tatsächlich einen Blick zu. Viel gnädiger als bisher fiel der allerdings nicht aus.

„Du tust grad so, als hätte ich mich als Reisegepäck an euch dran gehängt!“, zischelte sie ein weiteres Mal und wieder lenkte sich ihre Aufmerksamkeit auf das Treiben vor der Scheibe, anstatt ihrem Bruder dahinter ein wenig entgegen kommen zu wollen. Und das erst recht, als der auch noch zu bedenken gab, dass es im Hause Klimlau aber eine andere gäbe, die das mit dem Reisepäck sicherlich versucht hätte.

„Ich bin aber nicht Mama!“, sorgte das jedoch dafür, dass nun aus dem Zischen ein Fauchen wurde und Juli noch mehr in ihren Stuhl sackte, als ohnehin schon. Auf Dauer würden Rücken und Nacken sich vermutlich für diese Körperhaltung bedanken. Und das vielleicht auch ähnlich fröhlich, wie es Julis geknurrtes „Danke!“ tat, als ihr der Tee vor die Nase gesetzt wurde.

„Vielen Dank“, zeigte Frido sich darum auch umso freundlicher und freigiebig mit dem Trinkgeld, während er gleichzeitig froh war, dass die Bedienung kommentarlos über Julis Verhalten hinwegging. Vielleicht bemerkte aber auch nur er es, weil er ja um den Gemütszustand seiner Schwester wusste? So oder so…

„Ich weiß, dass du nicht Mama bist. Deswegen hab ich dir ja auch als Erste von der Hochzeit erzählt und nicht ihr“, schaute er Juli geradewegs an, während seine Worte sie langsam dazu erwärmen konnten, ihn doch für einen kleinen Moment länger anzublicken. Im Kontrast dazu freute Lilli sich gerade überschwänglich vorm Café über irgendwas, das Dominik zu ihr gesagt hatte. Vermutlich war es die Aussicht darauf, bei der freien Trauung Blumenmädchen spielen zu dürfen. An Dominiks Ring hatte das Kind zumindest schon mal großes Interesse und ja, das war in etwa auch die Reaktion gewesen, die Frido sich ebenfalls von Juli erhofft hatte. Doch darauf arbeitete er ja gerade hin. Zumindest versuchte er es.

„Außer mir weiß es also noch keiner?“, entging ihm dieser lauernde Unterton in der spitzfindigen Frage nämlich nicht und er wusste jetzt schon, dass seine Antwort darauf nur ein weiterer Sprung ins Fettnämpfchen werden konnte.

„Nur du und Ernest. Aber er war auch als Trauzeuge mit dabei“, hielt er es darum kurz und schmerzlos, um dann das Gefühl zu bekommen, dass er sich zwischenzeitlich in den Zoo verirrt hatte. Denn bei dieser Aussage wurden Julis Augen so groß, dass sie nun an einen Koboldmaki erinnerte. Oder war sie in Wirklichkeit ein Gremlin? Wie konnte man sich gegen die noch gleich zur Wehr setzen? Dummerweise wusste Frido es nicht – er hatte den Film nie gesehen. Aber Ingwertee schien schon mal keine geeignete Abwehrmaßnahme gewesen zu sein, denn der wurde gekonnt ignoriert, während Juli ihren Bruder nun in Grund und Boden starrte.

„Ach? Ernest durfte Trauzeuge spielen und deine eigene Schwester wurd nicht mal informiert?! Na, Danke auch!“, murrte sie, die selbst damals diesen ehrenwerten Job an Frido übergeben hatte, und reckte empört das Kinn. Nun, wenigstens darin konnte sie dem Arzt also durchaus Konkurrenz machen – aber das behielt Frido natürlich lieber für sich.

„Juli, ich liebe dich und das weißt du auch ganz genau. Aber Ernest ist auch mein bester Freund. Ich… hatte meine Gründe, ihn zu bitten, okay?“, sagte er stattdessen und seufzte innerlich, als der pikierte Gesichtsausdruck dadurch nicht minder säuerlich wurde. Zumindest war sie bis zu dieser Stelle aber auch noch nicht aus dem Laden gerauscht, also bestand ja vielleicht doch noch eine kleine Chance auf Gehör und Verständnis. Zumindest die Neugierde schien ja geweckt, wie ihr fordernder Blick verriet…

„Ernest hat viel für mich getan und damit mein ich nicht nur meinen Unfall“, begann Frido also, ein bisschen mehr ins Detail zu gehen und arbeitete sich dabei Stück für Stück vor. Hand und Fuß musste seine Aussage schließlich haben und trotzdem nicht zu viele Einzelheiten enthalten.

„Du bist nicht die Einzige, die schon mal ziemliche Probleme in ihrer Beziehung hatte. Bei Dominik und mir war es nicht anders. Und ohne da jetzt zu sehr drauf eingehen zu wollen, kann ich dir sagen, dass Ernest uns beiden mehr als einmal geholfen hat“, erzählte er, um dann doch ins Stocken zu geraten und seinen nun so fröhlichen Lockenkopf anzuschauen, während er sich mit einem tiefen Atemzug dafür wappnete, weiter zu sprechen.

„Vor allem war Ernest für Dominik da, als ich unsere Beziehung fast vor die Wand gefahren hätte“, gestand er schließlich kleinlaut und ließ die Worte dann einen kurzen Moment im Raum stehen. Er wollte Juli einen Augenblick Zeit geben, um sich richtig der Tragweite des Gesagten bewusst zu werden und auch sich selbst, um noch einmal durchzuatmen und sich zu sammeln. Und dabei konnte er seiner Schwester ansehen, wie es in ihr arbeitete. Kritisch schaute sie noch immer, aber es hatte neue Nuancen angenommen und auch, wenn sie weiterhin in abwehrender Körperhaltung da saß, wendete sie sich ihm doch ein wenig mehr zu.

„Wann war das?“, konnte ihr Frido nur allzu deutlich ansehen, dass sie mit so einer Info nicht gerechnet hatte und diese nun irgendwie zuordnen wollte. Aber trotzdem hoben sich sofort verstehend ihre Augenbrauen, als von ihm das Wörtchen Auslandssemester fiel.

„Deshalb gings dir damals so scheiße?“, murmelte sie und begriff unter Fridos Nicken, dass ihm zu der Zeit nicht nur die Sehnsucht nach seinem Dominik in den Knochen gesessen hatte.

„Wie gesagt, ich will da nicht näher drauf eingehen, aber… so viel kann ich sagen: Mir sind damals Sachen rausgerutscht, die alles andere als okay waren…“, murmelte Frido und seine Mundwinkel zuckten, als Juli diesen kleinen Moment der Schwäche natürlich sofort für sich nutzte.

„Ja, du kannst manchmal ein Arsch sein!“, stänkerte sie und auch, wenn er ihr unter anderen Umständen gesagt hätte, dass sie dafür ein Biest und eine Zicke war, hielt er sich nun damit zurück.

„Ich bin jedenfalls froh, dass Ernest das damals zufällig mitbekommen hat und sich sogar um Dominik gekümmert hat. Und gleichzeitig hat er mir auch noch in den Hintern getreten! Das… rechne ich ihm hoch an und genau so ein Verhalten würde ich mir von meinem Trauzeugen wünschen, Juli“, umschrieb er stattdessen mit genügend Deutlichkeit die Rolle, die sein bester Freund in seinem Leben spielte und warum der Titel als Trauzeuge für ihn das Mindeste gewesen war, um dem Arzt seine Wertschätzung auszudrücken. Und ja, natürlich war ihm klar, dass auch Juli zu ihm stand, wenn Not am Mann war, aber die Situation hatte sich damals eben mit Ernest in der gewichtigen Nebenrolle abgespielt und nicht mit ihr. Aber konnte sie Fridos Entscheidung diesbezüglich denn nun wenigstens besser nachvollziehen?

Sie atmete tief durch, während ihr Blick mal nicht zum Fenster, sondern durch den Raum schweifte.

„Na ja…“, murmelte sie dabei, schien nicht mehr ganz so eisig wie zuvor und doch noch immer unzufrieden. Ja, das mit Ernest konnte sie so vielleicht dann doch gelten lassen… Aber etwas anderes zum Meckern musste es trotzdem noch geben! Was war zum Beispiel mit Fridos Kollegen?

„Wenn die dir helfen, wegen der Hochzeit früher von der Arbeit abzuhauen, musst du denen doch auch erzählt haben, was du vorhattest!“, war es doch noch ein langer Weg bis zum Waffenstillstand und an Frieden erst recht noch nicht denken. Stattdessen wurde Frido jetzt wieder taxiert und genauestens auf jede noch so unscheinbare Regung in seinem Gesicht geachtet. Doch der hob nur gut sichtbar die Schultern.

„Ich hab ihnen gesagt, dass ich zu einer Familienfeier muss, was ja nicht mal gelogen war. Die Details kriegen sie dann, wenn der Termin für die freie Trauung steht“, gab er offen zu, wie es war und versuchte es dann sogar mit einem vorsichtigen Witzchen.

„Oh und wenn du möchtest, kannst du natürlich gern das Blumenmädchen spielen!“, bot sein Ausspruch ja eine schöne kleine Steilvorlage, die allerdings nur wieder für einen unterkühlten Ton in Julis Stimme sorgte.

„Ist der Platz nicht schon vergeben oder worüber hat sich Lilli gerade so überschwänglich gefreut?“, kam es schnippisch von ihr zurück, während sie die Augen schmälerte und Frido innerlich seufzte. Ja, spätestens jetzt wurde es nur allzu offensichtlich: Es ging nicht einfach nur darum, dass Juli stinkig war, nein, es ging ihr gerade vor allem ums Prinzip.

Und während er ihr zugestehen musste, dass sie diesbezüglich mit Sicherheit eine starke Gegnerin war, musste er unweigerlich auch daran denken, dass sie gegen eine gewisse andere Person nun wirklich nicht anstinken konnte. Eine Tatsache, die nicht witzig war und ihn trotzdem leicht schmunzeln ließ.

„Stimmt, wir fänden es schön, wenn Lilli unser Blumenmädchen wäre“, behielt er diese Erkenntnis jedoch erst einmal nur im Hinterkopf und antwortete stattdessen wahrheitsgemäß auf Julis Nachfrage. Und dann versuchte er sogar noch einmal mit einem kleinen Witzchen, denn schließlich konnte man ja mehr als ein Blumenkind haben! Wollte sie ihrer Tochter bei dieser Aufgabe also unter die Arme greifen? Frido lächelte leicht, wohingegen nicht einmal Julis Mundwinkel zuckten.

Sie starrte ihn nur ausdruckslos an, bis er den Kopf zur Seite drehte und noch einmal auf das Treiben vor dem Café blickte. Aber wenigstens entließ sie ihre Arme dabei auch endlich mal aus der Verschränkung, selbst, wenn es nur war, um sich ihrer Teetasse zu widmen.

Noch dampfte es daraus sehr auffällig, aber man konnte es ja trotzdem mal wagen. Also hob sie sie vorsichtig an, mit einer Hand den Henkel gegriffen, die andere mitsamt Ärmel darunter geschoben, um auch gleich noch ein wenig die kalten Finger wärmen zu können. Gut roch es und versprach, auch gut zu schmecken! Aber als ihre Lippen sich fast über den Rand hinaus getastet hatten, hielt Juli inne und starte zu Frido.

„Falls es dir hilft, kann ich dir übrigens sagen, dass mein Schwiegervater mich wegen der Verlobung schon ordentlich durch die Mangel gedreht hat. Und da frag mal nicht nach Sonnenschein“, hatte er nämlich soeben entschieden, dass er das Pflaster einfach mit einem Ruck abreißen würde. Alle Karten auf den Tisch, statt sie kleckerweise auszuspielen: Über die Hochzeit selbst war Dominiks Familie zwar noch nicht informiert, aber von der Verlobung hatte sie seit einigen Wochen bereits gewusst. Nun war es raus und Fridos Verhalten aus guten Gründern heraus erfolgt, wie er fand. Aber Juli antwortete nur mit einem lautstarken Abstellen ihrer Teetasse, als sie nach kurzem Starren zurück in die Bewegung fand.

Ja, dass sie auch auf diese Info noch mal angesäuert reagieren könnte, hatte Frido befürchtet, aber nun…

„Ich wünsch dir richtig viel Spaß damit, das Mama zu beichten! Und hoffentlich schnallt die dich so richtig auf die Streckbank!“, schoss sie vom Stuhl hoch, griff sich den Mantel, den sie lieblos über die Lehne geschmissen hatte und wühlte sich unter einer Schimpftirade voller Enttäuschung dort hinein. In ihren Augen war Frido gerade das Letzte. Zog den miesen Schwiegervater seiner eigenen Schwester vor, ließ sich von der einen Hälfte der Verwandtschaft bereits dafür feiern, während seine eigene Familie nicht mal was ahnte und wenn es nach Juli gegangen wäre, hätte er gleich zur Hölle fahren können.

„Schade, dass dein Schwiegervater dich nicht noch mehr rund gemacht hat!“, lautete somit auch ihre Konklusion, als sie fertig eingepackt in Mantel, Mütze, Handschuhen und Schal vor ihm stand, bereit, ihm mit einem gekonnten Abgang noch mal all ihre Verachtung zu zeigen. Ganz gleich, wie sehr sie durch Julis Aufbegehren ohnehin bereits zum Mittelpunkt des Cafés geworden waren und spätestens jetzt wohl auch den letzten Unbeteiligten auf sich aufmerksam machen würden.

„Dämlicher Idiot!“, rauschte sie also los, aus der hintersten Ecke des Bistros am Tresen vorbei und zielstrebig auf den Ausgang zusteuernd, während Frido zwei Dinge klar wurden.

Erstens Dominiks Blick, der genau verstanden hatte, was sich gerade hinter dem Schaufenster zutrug. Er hatte ja von Anfang an gesagt, dass sie Juli mit ins Boot hätten holen sollen und jetzt verstand Frido auch, warum Dominik das so wichtig gewesen war: Um Frido vor der Situation zu bewahren, in der er sich nun wiederfand.

Und zweitens die Tatsache, dass es keinen Unterschied mehr machte, ob er Juli jetzt nachrannte oder auf anderem Wege versuchte, noch mal ihr Gehör zu bekommen.

„Und ich dachte, gerade du würdest mich verstehen!“, ließ er also Worte statt schneller Schritte sprechen und senkte trotzdem den Kopf unter all den neugierigen Blicken, die ihn trafen. Was für eine Szene! Hoffentlich saß hier keiner seiner Studenten oder Kollegen. Verstohlen schaute er sich darum aus den Augenwinkeln heraus um, obwohl es ja längst zu spät gewesen wäre. Aber nur ein ihm bekanntes Gesicht schob sich wieder in sein Sichtfeld und das mit Schnauben und festen Schritten.

„Was soll das denn heißen?!“, wurde es dabei von lautem Keifen begleitetet und während Frido einerseits überrascht war, dass Juli tatsächlich noch mal vor ihm stand, war er andererseits auch froh darüber – und gleichzeitig trotzdem auch ein bisschen peinlich berührt.

„Setz dich wieder…“, bat er also kleinlaut und nickte nicht nur vielsagend zu den restlichen Gästen, sondern vor allem auch zum Fenster.

Denn auch, wenn Dominik sich ja wirklich Mühe damit gab, die kleine Hummel abzulenken, war er gerade so auf seinen Mann fokussiert, dass er es auch vor Lilli nicht mehr verbergen konnte. Neugierig schaute sie ihn an, folgte seinem Blick und brachte ihn offensichtlich in Erklärungsnot, als sie darauf ansprach, was da eigentlich mit Mama und Onkel Frido los sei. Und das Blödeste an der Sache: Die Kurze schaute sich ja ab, wie die Erwachsenen in ihrer Umgebung mit Konflikten umgingen.

„Scheiß Vorbildfunktion…“, ließ Juli sich also unter tiefem Seufzen doch wieder auf den Stuhl sinken, schenkte Lilli so etwas, was man vielleicht als Lächeln hätte betiteln können und seufzte abermals, als Dominik sich endlich wieder fasste und überschwänglich auf ein kleines Karussell in der Mitte des Weihnachtsmarkts deutete. Nicht unbedingt das, worauf ein großes Mädchen wie Lilli und als baldige Erstklässlerin noch Lust hatte. Schließlich würde sie in ein paar Jahren schon auf die weiterführende Schule wechseln! Aber Dominik zuliebe ging sie dann doch mit. Wenn er so gern mal auf einem der Ponys oder Polizeimotorrädern sitzen wollte…

„Das Ding liebt sie echt…“, murmelte Juli unterdessen, während sie tatsächlich lächelnd dabei zusah, wie ihre Tochter wenig später juchzend auf dem Karussell saß und man Dominik die Erleichterung ansehen konnte, dass er noch mal ums Feuerwehrauto drumherum gekommen war.

Frido aber betrachtete lieber seine Schwester, schweigend und abwartend, bis sie von sich aus wieder zu ihm schaute. Er wollte erst einmal einen Moment Ruhe einkehren lassen und hatte das Gefühl, es tat ihnen beiden gut. Und obendrein hatte es den netten Nebeneffekt, dass die anderen Anwesenden allmählich wieder ihr Interesse an den zankenden Geschwistern verloren. So sehr, dass sie nicht einmal mehr rüber schauten, als Frido endlich einen kleinen Blick von Juli bekam und sein Schweigen löste.

„Es tut mir leid, dass ich dir weh getan hab“, sagte er, selbst, wenn Julis Augen nach diesen kurzen Blinzeln schon längst wieder nach draußen gerichtet waren.

„Es ging mir nicht drum, dich auszuschließen, sondern nur darum, dass ich Mama da raushalten wollte“, fasste er mit beiden Händen seine Tasse, die inzwischen längst nicht mehr sonderlich heiß war und beobachtete, wie sich Julis Augenbrauen wieder stärker zusammenzogen.

„Dachtest du, ich hätte mich sofort ans Hörnchen geschwungen und ihr alles weitergetratscht oder was?!“, schaute sie ihn nun auch wieder länger an, doch unüberhörbar keimte sogleich der nächste Ärger in ihr auf. Frido aber schüttelte den Kopf und versuchte mit einem „Darum gehts nicht“ weiter zu reden, jedoch unterbrach ihn sofort ein harsches „Worum dann?!“.

Juli begann bereits wieder zu schäumen, während ihr Bruder die Hand hob. Mit Geste und Worten bat er darum, dass sie ihm erst einmal zuhörte, ehe sie ihn wieder verurteilte. Er konnte ihre Gefühle ja durchaus verstehen, aber er wollte auch versuchen, ihr seine begreiflich zu machen.

„Mir ist klar, dass du es Mama nicht absichtlich weitererzählen würdest, wenn ich dich darum bitte, es für dich zu behalten. Aber du weißt doch, wie sie ist“, gab er zu bedenken, während er auf den lauwarmen Cappuccino schaute.

„Ein falsches Wort und sie hätte es gewusst“, murmelte er und verzog beim Nippen an der Tasse das Gesicht. Nein, lecker war wirklich was anders, aber wenigstens schien Juli dieses Geschmackserlebnis eine kleine Freude zu bereiten. Zumindest zuckten ihre Mundwinkel, ehe sie auch einen Teil des abgekühlten und noch nicht verschütteten Ingwertees probierte. Und dieses Mal kam sie auch selbst dann noch zum Trinken, als Frido bereits weitersprach.

„Wer war die Erste, die damals gemerkt hat, dass du schwanger bist? Und wer die Erste, die Lunte gerochen hat, als es mit Tim und dir ernster wurde? Damals wie heute?“, erinnerte er sie derweil und zuckte leicht die Schultern, als ihn Julis missmutiger Blick traf. Hatte er damit vielleicht einen Punkt getroffen? Auch, wenn sie offensichtlich noch immer nicht klein beigeben wollte. Aber irgendwie…

„Ach, man!“, murrte sie, während die Tasse zurück auf den Untersetzer wanderte und kurz darauf frustriert Mütze und Schal auf dem Tisch landeten. Eigentlich hatte sie sich ja nicht noch mal setzen wollen und jetzt hockte sie hier schon wieder so lange, dass es in voller Montur viel zu warm war!

„Ich bin trotzdem sauer!“, schnaubte sie beim Verschränken der Arme und brachte Frido mit ihrem Schmollmund trotzdem zum Schmunzeln.

„Darfst du auch“, versuchte er, nicht zu sehr zu grinsen, weil Juli zunehmend schwerer an ihrer wütenden Fassade festhalten konnte und schaute dann doch wieder ernster, als er sich nochmals ehrlich bei ihr entschuldigte. Er sagte es nicht nur so, er meinte es auch und Julis Schulterzucken bewies, dass sie es erkannte. Denn sonst hätte sie sicherlich anders darauf reagiert.

„Und wie solls dann jetzt weitergehen? Immerhin sind wir Weihnachten auch wieder bei Mama und Papa eingeladen!“, konnte sie die Entschuldigung allerdings nicht offen annehmen, sondern ging stattdessen auf ihre Weise darüber hinweg.

Sie musterte ihren Bruder aufmerksam, der nachdenklich nickte.

„Sagen wir so…“, betrachtete er seine Tasse, ehe er den letzten schlecht schmeckenden Schluck kalten Cappuccions leerte und sie beiseite schob.

„Ich kann und will dir nicht verbieten, es Mama und Papa schon zu erzählen, aber ich fänds schön, wenn du es die paar Tage noch für dich behältst“, faltete er die Hände wieder vor sich auf dem Tisch, während er seine Gedanken offen mit Juli teilte.

Denn sollte er sich nicht auch mit seiner Mutter auseinandersetzen, wenn Dominik es vorher bereits mit seinem Vater getan hatte? Es nicht zu tun, wäre ihm einfach feige vorgekommen und letztlich wurde es in gewissen Dingen ja wirklich dringend Zeit, Marianne mal Grenzen aufzuzeigen. Aber natürlich blieben diese Überlegungen dabei nicht unkommentiert!

„Ach, dann sehen wir nächste Woche auch im Kleidchen?“, brachte Juli ihren Bruder sogar zum Lachen und präsentierte nun selbst einen kleinen Schmunzler. Obendrein war es eigentlich die perfekte Steilvorlage, um ihr ebenfalls eins reinzuwürgen, aber nein, dieses Mal ließ Frido diese Angriffsmöglichkeit liegen und Juli mit einigem Erstaunen darüber zurück. Dann war ihm das mit der Versöhnung ja scheinbar doch sehr wichtig! Und wohl auch, dass Juli bei dieser Sache auf seiner Seite stand.

„Ich glaub, ich bin doch eher der Hosentyp. Aber wenn du vielleicht doch unser Blumenmädchen spielst, dann kannst du natürlich sehr gern eins tragen! Dieses blaue, das du letzten Sommer an hattest, war doch sehr hübsch!“, lächelte er und begann zu kichern, als Juli mit wegwerfender Handbewegung meinte, dass das doch ein altes Teil sei. Und trotzdem, das Kompliment gefiel ihr, wie sie nicht verhehlen konnte. Aber gerieten sie mit diesem Schwenk gerade nicht auch viel zu sehr vom eigentlichen Thema ab?

„Dir ist aber schon klar, dass Weihnachten im Arsch ist, wenn du Mama sagst, dass ihr heimlich geheiratet habt, oder?“, kehrte darum auch die nötige Ernsthaftigkeit in ihr Gespräch zurück, nachdem sie sich einen Moment dem Kichern und Schmunzeln hingegeben hatten. Und ja, auch Fridos Mundwinkel hielten dabei nicht mehr am Formen der Grübchen fest, sondern sackten im selben Moment herab, wie er auch zögerlich mit dem Nicken des Kopfes begann.

„Mir tuts jetzt schon leid, wenn ich euch das Fest versaue, aber…“

„Irgendwann musst du es ansprechen. Und am Telefon ist scheiße und bis nach Weihnachten warten auch“.

Frido klappte den Mund zu, während Juli seinen Satz fortführte und nickte abermals, als sie geendet hatte. Letztlich gab es für dieses Gespräch keinen richtigen oder idealen Moment, nicht wahr? Es würde so oder so Ärger und Streit auf sich laden… Aber zumindest gab es inzwischen eine Hand, die sich über die Pfütze aus Ingwertee hinweg zu Fridos schlängelte und sanft darauf ablegte.

„Pass auf, dass du dir nicht den Ärmel nass machst“, sagte der Ältere zwar, während Juli ihn tätschelte, aber er spürte auch, wie seine Lippe unter dieser Geste zu zittern begann. Ja, hätte er doch nur mal auf seinen Mann gehört und sich zumindest diesen Ärger im Vorfeld erspart! Oder war sein eigenes Bauchgefühl vielleicht doch das richtige gewesen?

„War vielleicht doch besser, dass ihr das erst mal für euch behalten habt“, sagte nun nämlich ausgerechnet Juli und bekam dafür einen überraschten Blick von ihrem Bruder.

Sie schenkte ihm den Hauch eines Lächelns, nahm ihre Hand weg und stand dafür auf, um sich stattdessen direkt neben ihn zu setzen. Seufzend, erschöpft und plötzlich anschmiegsam, während sie ihm gestand, dass Tim und sie vor allem deshalb an diesem einen Abend über weitere Kinder gesprochen hatten, weil Julis Zyklus nicht so zuverlässig wie sonst gewesen war. Sie hatte sich komisch gefühlt, es zeitnah beim Frauenarzt abklären lassen und die Erklärung des Ganzen in einer Zyste gefunden, die ihre Hormone auf den Kopf gestellt hatte. Es waren nur wenige Tage der emotionalen Achterbahnfahrt gewesen und nichts, was sie noch an anderer Stelle geteilt hätte und trotzdem war selbst hier Mutter Marianne in einem Telefonat schon aufgefallen, dass ihre Tochter irgendwie anders als sonst gewesen war.

„Also ja, wahrscheinlich hätte sie es mir angemerkt, wenn du mir vorher von der Hochzeit erzählt hättest…“, kam sie also auf den Kern dessen, worum es ihr wirklich ging und nahm es lächelnd zur Kenntnis, dass Frido sich dennoch sofort Sorgen um ihre Gesundheit machte. Aber der ging es wieder gut, bekräftigte Juli, und der Stimmung zwischen Bruder und Schwester nun hoffentlich auch? Zumindest größtenteils.

„Bisschen stinkig bin ich zwar noch auf dich, aber…“, murmelte Juli und schloss Frido dann doch endlich in ihre Arme, um ihm zu gratulieren. Lange, fest und vielleicht auch mit einem kleinen Tränchen im Auge. Und natürlich bekam nicht nur er Glückwünsche, sondern auch sein Mann, als das eine Chaosduo endlich das Café hinter sich ließ, um sich wieder dem anderen chaotischen Doppel anzuschließen – und Dominik endlich vom Feuerwehrauto zu befreien, auf das Lilli ihn dann doch noch genötigt hatte.

29.3.2025: Sperenzchen

Es war der Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags und bereits der fing für Frido Preuss beschissen an. Schuld war dieses Mal zwar nicht Oma Trudels Aufgesetzter vom Vorabend, aber dafür das neue Shirt, das der Dozent für seine Runden im Fitnessstudio gekauft hatte. Etwas günstiger geschossen, mal nicht ausreichend auf die Qualität und das Material geachtet und schon rächte es sich mit einer Haut, die er zuletzt in der Pubertät so an sich gesehen hatte. Und das nicht mal nur an den gut zu erreichenden Stellen. Nein! Ausgerechnet zwischen den Schulterblättern leuchtete es ihm über den Spiegel hinweg rot entgegen und das mit so einer Präsenz, dass er schon in der Nacht diese gewisse Unruhe im Liegen gespürt hatte. Und dann stand auch noch eine Autofahrt von mindestens zwei Stunden an? Na herzlichen Dank…

„Komm schon!“, versuchte er also, sich des Übeltäters zu entledigen, aber alles Verrenken und Drehen hatte keinen Zweck. Er bekam den Pickel einfach nicht im passenden Winkel zu packen und die vergeblichen Versuche reizten die Haut eher noch mehr. Und nun? Sich wie ein rational denkender Erwachsener verhalten, der genau wusste, dass man ohnehin die Finger von solchen Störenfrieden lassen sollte, bis sie von selbst verschwanden? Oder doch den pubertären Eigensinn rauslassen, mit dem er diese Biester eh schon immer wie die Pest gehasst hatte? Auf diese Frage gab es natürlich nur eine richtige Antwort.

„Na? Schon wieder fleißig?“, hauchte er Dominik einen Kuss auf den Schopf, als er vom Badezimmer ins Wohnzimmer ging, wo sein Gatte bereits wieder über dem Skizzenbuch hing.

„Ja, nur kurz ne Idee festhalten“, murmelte der hoch konzentriert, legte den Kopf schief und spielte mit der Zunge an den Lippen herum, während sein Stift über das Papier flog. Die Grimassen vieler Künstler bei der Arbeit waren wirklich immer herrlich anzusehen! Aber nicht nur das.

„Was ist denn mit dir los? Hast du Sommer?“, konnte der Lockenkopf auch herrlich aus der Wäsche gucken, als er einige Minuten später Stift und Büchlein beiseite legte und erkannte, dass Frido sich oben ohne neben ihn gesetzt hatte. Ihm zugewandt, wohl gemerkt, und eigentlich damit beschäftigt, seinen Mann bei der Arbeit zu beobachten, aber trotzdem musste er jetzt schmunzeln, als Dominik auf ihn aufmerksam wurde.

„Ja, ach… ich muss mich ja gleich eh schon wieder umziehen. Dachte mir, dann spar ich mir das Shirt nachm Duschen einfach“, grinste er, um dem Lockenkopf währenddessen den Rücken zuzudrehen und seine Konzentration auf das Fenster zu lenken. Oder eher auf den Himmel dahinter.

„Hast du mitbekommen, dass es heute Schnee geben könnte? Hoffentlich nicht! Da hab ich echt keine Lust drauf, bei der Fahrt. Aber bisher siehts ja noch ganz gut aus…“, spielte er den Hobbymeteorologen und spürte noch während des Wolkenguckens, wie sich eine Hand behutsam an sein Schulterblatt herantastete.

„Kann es sein, dass du dein neues Shirt nicht gut verträgst?“, murmelte Dominik nachdenklich, während Frido sich leicht auf die Lippen biss. Dieser Teil seines Plans hatte also geklappt, aber wie sah es mit dem Rest aus?

„Was? Ach so, ja! Der! Nicht so wild!“, gab er sich erst mal betont desinteressiert und streute nur beiläufig die Frage ein, obs von Nahem betrachtet denn sehr schlimm aussähe. Er hatte ja nur mal einen flüchtigen Blick in den Spiegel geworfen und die unschöne Pustel dabei fast gar nicht zur Kenntnis genommen gehabt.

Dominik allerdings antwortete nicht sogleich darauf, sondern ließ den Blick erst einmal von Fridos Rücken zu dessen gekonnt überraschten Gesicht wandern. Seine Augenbraue hob sich, dann auch der Rest seines Körpers und mit einem Seufzen schob er sich an Frido vorbei. Widerte ihn das Thema etwa so sehr an?

„Was ist? Wo willst du hin?“, schaute der Ältere ihm dabei zu, wie er aus dem Wohnzimmer stiefelte und ins Badezimmer verschwand. Musste er sich etwa übergeben vor Ekel?! Aber just, als Frido gerade aufstand und ihm nachgehen wollte, erschien Dominik auch schon wieder in der Tür, kein Bisschen blass um die Nase und auch nicht mit einem grünen Schleier überzogen.

„Wenn ich dir den ausdrücken soll, sags doch einfach“, kam er stattdessen mit einer Packung Taschentücher bewaffnet zurück und fand ob dieser Aussage einen völlig perplexen Frido vor.

„Ausdrücken? Quatsch! Ich hab ja nicht mal gemerkt, dass ich da…“, begann er unschuldig und wurde sofort mit einem genervten „Frido!“ unterbrochen.

Der Ältere biss die Lippen zusammen, während der Jüngere den Kopf schüttelte. Wieder erwischt…

„Na los, dreh dich um“, sagte er und auch, wenn Frido damit ja eigentlich am Ziel seiner Wünsche war, zögerte er dann doch.

„Bist du sicher? Ich mein… gibt ja doch schönere Sachen, oder?“, wurde er plötzlich reichlich kleinlaut und grinste schief, während Dominik ihn an der Schulter fasste und ihm damit auf die Sprünge half.

„Mir macht das nichts. Hat jeder mal irgendwo und ich hab die bei Heiner früher auch oft ausgedrückt. Und der hier sieht ziemlich schmerzhaft aus“, murmelte er und Fridos Zucken bestätigte sogleich seine Annahme, als Dominik einmal zu nahe neben dem Brandherd gegen die Haut tippte. Wozu dann also erst diese treudoofe Show?

„Frag in Zukunft einfach. Du brauchst deswegen nicht so ein Theater abziehen“, visierte er nun mit einer Selbstverständlichkeit, die Frido baff zurück ließ, den Übeltäter an, um dem Dozenten Sekunden später ein weiteres erschrockenes Zucken zu entlocken. Kalt wars dieses Mal plötzlich geworden und als die Sprühflasche an ihm vorbei auf die Couch flog, erkannte er auch den Grund dafür: Desinfektionsspray.

Sehr löblich! So umsichtig war sein pubertäres Ich nie gewesen! Und sein Dominik wirklich versiert, wie auch die kurz darauf folgende Packung Taschentücher auf der Couch bewies, ehe Frido kurz darauf den gekonnten Griff spürte, mit dem sich die zarten Hände auf seinem Rücken in Position brachten.

„Jetzt halt still“, gab es dabei noch eine kleine Anweisung und während Frido sich im einen Moment noch über diese Zuwendung freute, zuckte er im nächsten jaulend nach vorne. Scheiße, verdammt, was zwiebelte das! Er hatte ja gar nicht mehr in Erinnerung gehabt, wie biestig diese Miststücke auf dem Rücken sein konnten!

„Fuck!“, zischte er und zog Luft zwischen den Zähnen ein, während Dominik schon zur Nachsorge seiner kleinen Operation überging.

„Alles raus, blutet nur ein bisschen. Lass am besten kurz trocknen, bevor du was drüber ziehst“, lautete sein fachmännischer Rat, während er noch einmal desinfizierte und dann alles einsammelte, das zurück ins Badezimmer gehörte. Von Frido aber gab es statt des gequälten Ausdrucks an diesem Punkt nur noch ein dankbares Lächeln.

„Ich war nicht sicher, ob das nicht vielleicht doch ein bisschen zu… intim ist…“, gab er dabei kleinlaut zu, aber Dominik zuckte nur die Schultern.

„Solange du nicht erwartest, dass wir uns gegenseitig beim Kacken zugucken…“, drückte er Frido einen Kuss auf und grinste, als der anfing zu lachen. Man konnte wirklich sagen, was man wollte: Trotz gewisser Sperenzchen hier und da war das Zusammenleben mit Dominik einfach herrlich unkompliziert! Über so viel konnte der Künstler sich seinen hübschen Kopf zerbrechen, aber bei anderen Themen war er dafür so wunderbar unbeschwert!

„Weißt du eigentlich, dass ich dich glatt direkt noch mal heiraten könnte?“, ging Frido ihm schmunzelnd nach, während Dominik im Badezimmer hantierte und umarmte ihn von hinten, als er anfing, sich die Hände zu waschen.

„Na, das hoff ich doch!“, grinste der ihn über den Spiegel hinweg an und lachte, als er Frido mit ein paar Wassertropfen erwischte. Der Ältere kniff kurz die Augen zusammen, während der Jüngere seine Freude daran hatte und kurz darauf mit spielerischem Knabbern am Hals für diese Frechheit bestraft wurde.

Ach, wenn das hier doch nur auch die perfekte Einstimmung auf den restlichen Tag gewesen wäre! Aber Frido konnte sich ja schon denken, dass die richtigen Querelen und Schwierigkeiten erst noch ins Haus standen. Und dabei machte er sich zu diesem Zeitpunkt nicht einmal im Ansatz ein Bild davon, wie tiefgreifend und weitreichend die Konfrontation mit seiner Mutter wirklich ausfallen würde…

30.3.2025: Nichtsdestotrotz

Seltsam war sie, die Stimmung, die den Minivan an diesem frühen Vormittag auf seiner Reise begleitete. Er war ein Relikt aus einer Zeit der scheinbar harmonischen Ehe. Ein stummer Zeuge der einst verklärten Vorstellungen einer heranwachsenden Familie, die zumindest über die erste Geburt hinaus lange keine Gültigkeit mehr haben sollten und vielleicht in ihrer früheren Form auch nie wieder haben würden. Nichtsdestotrotz wurde dieser Minivan seit Lillis Geburt mit Kusshand verwendet. Erst, um bei jedem noch so kleinen Ausflug den gefühlt halben Hausstand bequem transportieren zu können. Später dann aus Gründen der Gewohnheit, Bequemlichkeit und noch stets unsicheren Anforderungen an einen künftigen Wagen der kleinen Familie, die mit viel Arbeit und Zeit wieder zusammenwuchs.

Im Alltag war dieser Van oft zu groß für Parkplätze und enge Gassen, aber in Situationen wie dieser wurde er doch wieder voller Dankbarkeit gefahren. Schließlich bot er seinen Insassen deutlich mehr Platz und Komfort, besonders im Vergleich zu dem alten Mercedes. Und trotzdem – es schien, als könnte er ihnen nicht im Ansatz den Raum geben, den sie gerade wirklich benötigten.

Raum für die eigenen Gedanken, die pausenlos auf verquere Weise von kitschigen Weihnachtsliedern durchzogen wurden. Raum für Gefühle, die sich eigentlich nicht nach fröhlicher Stimmung und Kinderlachen sehnten, sondern nach Abgeschiedenheit und einem Zufluchtsort. Raum für die Sorgen darüber, einerseits dem geliebten Bruder beistehen zu wollen und andererseits das eigene Kind in diese verzwickte Situation mitzunehmen. Und vor allem der schwindende Raum voller Leichtigkeit, der beinahe von dem Gewicht erdrückt wurde, bei all der Anspannung und Nervosität die schweren Gefühle nicht an Lilli heranzulassen – eine Herausforderung, die sie im Vorfeld bereits erahnt hatten.

Denn nicht umsonst waren Lillis Eltern und Onkel in den vergangenen Tagen mehrfach darüber in den Austausch gegangen, ob sie diese Fahrt in diesem Jahr tatsächlich wieder gemeinsam antreten wollten. Nicht umsonst hatte mehr als ein Mal die Frage im Raum gestanden, ob sie nicht lieber eine Ausrede finden sollten, damit die Besuche kurzfristig an zwei verschiedenen Weihnachtstagen stattfanden. Schließlich wollten sie am liebsten Juli und ihre kleine Familie aus der Schusslinie halten. Aber hätte die sich dann nicht einfach nur verschoben und aufgespalten? Denn wer war schon so naiv zu glauben, dass Marianne Klimlau ihre Tochter nach solch einem Ausweichmanöver nicht mit bohrenden Fragen bombardiert hätte? Immerhin ging es bei diesem Thema nicht um irgendeine Lappalie, sondern die Abtrünnigkeit von Julis Bruder!

Die Konfrontation war somit unausweichlich und damit auch in jedem Gespräch der Entschluss stärker geworden, das Orkantief Marianne gemeinsam durchzustehen.

Und so saßen sie jetzt alle bei Kinderreimen, Geschichten und kleinen Spielchen zusammen, bespaßten die Rückbank, während im vorderen Bereich des Wagens konzentriertes Schweigen herrschte. Tim mit der Aufgabe betraut, trotz einsetzendem Schneeregen seine kostbare Fracht sicher ans Ziel zu bringen, während Frido so in seinem Kopf gefangen war, dass seine Augen kaum noch etwas von der Umgebung erkannten. Er nahm weder die Gebäude noch Felder oder Wälder am Straßenrand bewusst wahr und erst, als trotz der verkehrsbedingten Verspätung plötzlich das Schild mit dem Namen seiner Heimatstadt an ihm vorbeiflog, riss es ihn aus seinen Gedanken.

Wie aufgewacht schaute er dem Anzeiger hinterher, fragte sich bei dessen metallicgrauer Rückansicht noch kurz, ob ihm sein Verstand Streiche spielte und erblickte im nächsten Augenblick doch die nur allzu bekannte Ausfahrt, die dort auf sie zusteuerte. Blinker an, einordnen, vorbereiten auf die Runde im Karussell des Autobahnkreuzes. Und während die physikalischen Kräfte ihre Körper im Autositz bewegten, spürte Frido, wie sich eine stählerne Härte auf all seine Muskeln legte. Nun waren sie fast da, schoss es ihm durch den Kopf und doch empfand er nicht nur das Unwohlsein, das diese Erkenntnis mit sich brachte.

Nein, da war plötzlich auch diese zarte Hand an seinem Oberarm, die ihn daran erinnerte, dass er nicht allein war und vor allem, wofür er das alles eigentlich auf sich nahm…

Frido wandte sich um, schaute zu seinem Lockenkopf und ja, natürlich! Wie hätte es anders sein sollen? Dominik hatte ihn die ganze Zeit über im Blick gehabt. Nicht zufällig hinter Tim sitzend, sondern um seinen Frido aus einem besseren Winkel heraus beobachten zu können. Lilli bespaßend und dabei doch immer wieder mit der Aufmerksamkeit bei seinem grübelnden Mann.

Doch nun schenkte Frido ihm nicht mehr nur Dackelfalten, sondern auch ein leises Lächeln. Er erwiderte die liebevolle Geste und strich behutsam über die dargebotenen Finger, während auch Juli ihrem Bruder mit aufmunterndem Nicken Zuversicht schenkte – ganz besonders, als Tims „Wir sind gleich da!“ Frido nochmals den Magen zusammenzog.

Lilli jubelte auf, dass sie bald nicht mehr stillsitzen musste, Sissi jaulte im Kofferraum zur Bestätigung und Frido hätte am liebsten in den Fußraum gespuckt. Doch stattdessen wagte er den Versuch, die letzten verbleibenden Minuten für ein kleines Mantra zu nutzen: Seine Eltern würden ebenso verständnisvoll reagieren wie Dominiks Familie am Tag zuvor! Sie mussten einfach!

Sicherlich wären sie von der Nachricht überrascht und doch vor allem an den Hochzeitsdetails interessiert, anstatt die beiden Männer dafür zu verurteilen. Sie wären glücklich darüber, dass noch eine größere Feier stattfinden würde, anstatt ihnen Vorhaltungen wegen der verpassten Gelegenheit zu machen. Und vor allem würden sie sich genauso über diese kleine Anekdote amüsieren, dass die überstürzte Reise nach Dänemark vielleicht gar nicht vonnöten gewesen wäre! Sie würden genauso lachen, wie Dominiks Brüder und Mutter es getan hatten oder wenigstens den Kopf darüber schütteln wie Hinrich Preuss. Aber sie würden es witzig finden, wie man sich manchmal in etwas verrennen konnte, wenn ein falsch verstandener Infotext über Fristen und Termine mit einer geballten Ladung Gefühle und Emotionen kollidierte! Nicht wahr? Ganz bestimmt! Lustig war es doch wirklich und auch so typisch für ihren Frido, dass er erst alles einstielte, dem Trauzeugen zunächst nur Ort und Zeit nannte, um dann erst im Nachgang näher auf die Details dieses Unterfangens einzugehen und dabei die Erleuchtung zu bekommen. Oder?

Für Ernest war es jedenfalls ein herrlicher Abend gewesen. Wundervoll, wie doof die Beiden aus der Wäsche geguckt hatten! Und ganz besonders Dominik, der oft ja doch der etwas überlegtere Part dieses Gespanns war! Was war dem das im Nachgang peinlich gewesen…

Aber gut, so hatten sie zumindest eine witzige Geschichte, die sie sicherlich Lillis Kindern irgendwann noch erzählen würden! Genauso wie den Schwank über Oma Trudels goldige Reaktion auf Fridos neuen Nachnamen. Wahnsinn, wie sehr sich die alte Dame über dieses Zeichen der Zusammengehörigkeit gefreut hatte! Obwohl der Name als solcher ja nicht in direkter Verbindung mit ihrem stand – aber die Geste dahinter tat es dafür ja umso mehr. Da umspielte Fridos Lippen selbst jetzt ein kleines Schmunzeln, wenn er daran dachte, wie sie ihn geherzt und vor Rührung sogar Pippi in den Augen gehabt hatte….

Doch so schnell, wie diese Regung nun in sein Gesicht getreten war, verschwand sie auch wieder, denn dort erschien es nun in seinem Sichtfeld: Sein Elternhaus. Einladend zu jeder anderen Zeit und dieses Mal trotzdem so furchteinflößend wie ein Gruselkabinett. Und obendrein ließen seine Bewohner ihren Gästen nicht einmal mehr diesen winzigen Moment zwischen dem Aussteigen und dem Betätigen der Türklingel, nein!

„Da sind Oma und Opa!“, hatte Lilli sie als erste entdeckt und winkte bereits aufgeregt, während Vater Fritz mit erfreutem Lachen feststellte, dass er just zum rechten Augenblick rausgegangen war, um seinen Gästen das Tor zur Einfahrt zu öffnen. Fachmännisch hakte er es mit einem Riegel fest, damit es an Ort und Stelle verweilte und verneigte sich dabei wie ein Butler gegenüber seinem Herrn, als die Familienkutsche ihren vorgesehenen Parkplatz ansteuerte. Lilli lachte darüber, Frido dachte abermals, er müsse sich übergeben. Denn längst sah er natürlich auch, wer da an der Haustür stand, eigentlich nur einen Hauch kalte Winterluft hatte schnuppern wollen und nun stattdessen jauchzend die drei Stufen hinter sich ließ, um den Ankömmlingen entgegen zu laufen.

„Was seid ihr früh! Ich dachte, ihr kommt erst gegen Nachmittag!“, rief Marianne ihnen bereits entgegen, als die ersten Autotüren geöffnet wurden und plötzlich fragte sich Frido, warum er diese dämliche Idee gehabt hatte, die Eltern auch auf diese Weise zu überraschen. Ach ja, um es schneller hinter sich zu bringen und in der leisen Hoffnung, dass nach der Diskussion doch noch ein angenehmes Zusammensein entstehen konnte. Unbequemes Vorgeplänkel vorm eigentlichen Besuch quasi… Konnte er sich jetzt nicht stattdessen einfach im Kofferraum verstecken, bis es wieder an die Heimfahrt ging?

„Frido?“, riss ihn da allerdings Dominik wieder aus der gemütlichen Vorstellung in seinem Oberstübchen, als der Ältere wie ein geblendetes Reh auf die freudigen Begrüßungen um sich herum starrte. Selbst Sissi hatten sie schon aus ihrer Transportbox geholt und luden gerade die Tüten mit den Geschenken aus. Schnipsel über die Fahrt konnte er von Tim hören, während Lilli zeigte, wie toll sie Sissi das Pfötchengeben beigebracht hatte.

„Komm, wir müssen…“, schob sich zwischen all den Trubel aber auch Dominiks Stimme ein weiteres Mal wie ein Anker, an dem Frido sich festhielt. Sein Lockenkopf umarmte ihn auf seine Weise so zuverlässig wie eh und je – und der Anschnallgurt tat es gleich mit. Denn als Frido endlich die Tür öffnen und aussteigen wollte, wunderte er sich, dass er nicht so recht vom Fleck kam. So ganz war er wohl wirklich nicht auf der Höhe…

„Oh…“, murmelte er also fahrig und drehte sich Richtung Mittelkonsole, um sich zu befreien – alles begleitet von Dominiks Kichern und seiner liebevollen Hand an Fridos Wange, als der ihm ein schiefes Grinsen schenkte. Konnte doch dem Besten mal passieren, oder? Und da war er ja vielleicht auch nicht ganz allein mit, wie der etwas umständliche Kuss zwischen den Kopflehnen hindurch bewies.

„Wir schaffen das schon“, hatte Dominik allerdings nicht nur den für seinen Frido, sondern auch diese wundervollen Worte. Und dann setzte für den Bruchteil einer Sekunde dieser Moment ein, den sie auch auf ihrer Hochzeit unmittelbar nach dem Kuss erlebt hatten: Alles um sie herum verblasste und es gab nur noch sie beide. Mann und Mann, umhüllt von diesem Versprechen, das ihr Herz erfüllte.

Doch kaum hatte sie dieser Einklang erfasst, fand er auch schon ein jähes Ende, als die angelehnte Wagentür nun schwungvoll aufgerissen wurde.

„Wo bleibt ihr denn?!“, ging Mariannes Stimme durch Mark und Bein und kaum kraxelte ihr Sohn endlich aus dem Wagen, fiel sie ihm auch schon um den Hals und herzte ihn mit allem, was ihr zur Verfügung stand.

„Ist gut, Mutter, lass mich leben!“, scherzte der dabei und grinste, als es sofort wieder einen Predigt gab, weil er sie Mutter genannt hatte. Ein kleiner Augenblick der Normalität, in dem auch Dominik auf der Rückbank weiter zur Beifahrerseite gerutscht war, um ebenfalls auszusteigen. Vielleicht war Frido also wirklich nicht der Einzige, der Dinge manchmal unnötig kompliziert anging…

Doch darum sollte es an dieser Stelle nicht gehen. Gerade drehte sich erst einmal alles nur um die Begrüßung und das große Wiedersehen, das doch viel zu selten stattfand. Immer nur Telefonate und Nachrichten, aber selten mal das direkte Miteinander! Da wollte Mutter Marianne natürlich jede Sekunde mit ihren Liebsten in vollen Zügen genießen! Und trotzdem musste sie sogleich die erste herbe Enttäuschung erleben.

Denn nicht alle begaben sich auf ihre Einladung hin sofort im Gänsemarsch Richtung Haus. Nein, Tim und Lilli wollten erst mal einen kleinen Spaziergang mit Sissi einlegen. Ein Bisschen auspowern, nachdem sie die ganze Zeit über ruhig in der Transportbox hatte liegen müssen und natürlich auch die obligatorische Gassirunde mit dazu. Wer wollte schon Pfützen auf dem Wohnzimmerteppich? Ein tiefes Seufzen entfloh Mariannes Lippen und doch stimmte sie schweren Herzens zu. Wenn es denn unbedingt sein musste…

Also verließen die Beiden mit einem stillen Dank von Frido die Einfahrt genauso schnell wieder, wie sie sie zuvor erreicht hatten und wurden dabei noch immer von Mutter Mariannes missmutigem Blick begleitet. Da sah sie ihr Enkelchen eh schon so selten und dann so was! Fast war es, als wollte sie Frido in diesem Moment einen quengelnden Ausblick auf das geben, was auch ihn noch erwartete… Aber er hatte ja glücklicherweise Juli an seiner Seite!

„Na ja, bei der langen Fahrt konnten wir Sissi schlecht so lange Zuhause lassen“, versuchte die ihre Mutter indes mit Worten gnädig zu stimmen und hakte sich liebevoll bei ihr unter, um sie Richtung Haus zu bugsieren. Mit Engelszungen redete sie dabei auf ihre Mutter ein, dass der Rest der Familie ja bald zurück sei. Und ja, das klappte bei der Hausherrin schon ganz gut, aber dafür war es nun ausgerechnet Vater Fritz, der Fridos Plänen in die Quere kommen wollte.

„Ach, wisst ihr was? Eine kleine Runde um den Block täte meinen müden Knochen auch ganz gut, bevor ich nachher von Mariannes gutem Essen so voll bin, dass ich mich nicht mehr vom Tisch weg bewegen kann!“, fiel es ihm plötzlich lachend ein und er wollte nur deshalb noch einen kleinen Abstecher ins Haus machen, um sich einen Mantel über den wärmenden Pulli zu werfen. Und dabei steckte er auch noch seine Frau mit der Idee an! Warum die Gassirunde nicht gleich in einen Familienausflug verwandeln? Aber da hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Oder eher ohne ihren Sohn. Denn schließlich war die Gelegenheit günstig und Sissi nicht ewig pinkeln!

Also machte Frido keine halben Sachen, sondern direkt Nägel mit Köpfen: Kurz abwarten, dass beide Elternteile erfolgreich in den Flur getreten waren und dann schnellstens die Haustür hinter ihnen geschlossen und sich obendrein auch noch dagegen gelehnt, damit auch ja keiner entwischen konnte. Sollte er noch abschließen? Nah, das wäre dann vielleicht doch zu viel des Guten gewesen!

Und auch so wurde sein merkwürdiges Verhalten schließlich bereits deutlich zur Kenntnis genommen.

„Sag mal, Junge, was ist denn heute los mit dir?“, fiel das inzwischen auch nicht mehr nur Marianne auf, die bereits beim Aussteigen hatte wissen wollen, warum er denn so blass sei. Doch auch hier zeigte sich wieder, dass er nicht allein durch das alles musste.

„Mami, können wir dir nicht noch was beim Herrichten helfen? Und Papi, wie wärs, wenn du schon mal die Geschenke unterm Baum drapierst? Die Beiden sind ja nicht ewig unterwegs! Dann ist schon alles fertig, wenn sie wieder kommen“, sprang ihm wieder Juli zur Seite und damit auch nur halb ins Fettnäpfchen. Denn natürlich hatte Marianne bereits alles fertig! Aber ein bisschen Honig für ihre schönen Dekokünste ums Maul schmieren ließ sie sich natürlich trotzdem gerne.

Ein Händchen durch und durch bewies sie immer wieder aufs Neue dafür und war nicht minder fleißig darin, wie Dominik beim Bekräftigen der von Juli gesungenen Lobeshymnen. Wie auch im vergangenen Jahr hatte Marianne erneut alles so gemütlich und einladend gehalten, das wohnliche Ambiente noch lauschiger gestaltet und es für seinen Geschmack mit all den Details trotzdem nicht übertrieben. Von der ersten Sekunde an, die man dieses Haus betrat, fühlte man sich einfach wohl darin, sagte Dominik. Und das Schönste daran: Frido konnte ihm genau anmerkten, wie ehrlich sein Mann diese Worte meinte. Kein reines Kalkül in eigener Sache, sondern tief empfundene Zuneigung. Und ebenso viel Freude konnte er ihm auch bei der Unterstützung von Vater Fritz ansehen. Emsig wie eine Ameise, fleißig wie ein Weihnachtswichtel und das auf diese ganz selbstverständliche Art und Weise half er beim Tragen und Anordnen der Geschenke. Brachte sich ein, aber riss das Geschehen nicht an sich und ja, das fiel auch Mutter Marianne nicht zum ersten Mal während ihrer bisherigen Treffen positiv auch.

„Es ist wirklich herzallerliebst, wie gut er sich in die Familie einfügt!“, entschwand ihr dabei sogar eine entzückte Äußerung, die für Frido nicht ausschlaggebender hätte sein können.

„Ja, nicht wahr?“, traute er sich also, von der Zimmertür aus näher an Mutter und Schwester heranzutreten und sich endlich mit etwas mehr als nur stummem Starren einzubringen. Das Herz ging ihm auf, wenn er sah, mit wie viel Wohlwollen seine Mutter seinen Gatten betrachtete und mit einem Mal fragte er sich, warum er sich nur all die Zeit so viele Sorgen gemacht hatte. Eigentlich waren die ganzen Befürchtungen im Vorfeld doch reiner Schwachsinn gewesen, nicht wahr?

„Wäre Dominik nicht ein guter Schwiegersohn?“, fragte er nun stattdessen gerade heraus und alles nette Vorgeplänkel, das er sich zuvor noch überlegt hatte, wurde mit einem beherzten Sprung ins kalte Wasser beiseite gewischt.

Hinfort waren die Nervosität und Übelkeit, um stattdessen nur noch Platz für Selbstbewusstsein zu lassen. Ein leichtes Schmunzeln hob seine Mundwinkel, während er aufmerksam auf die Gesichter blickte, die sich ihm nun alle zugewendet hatten. Überrascht, unsicher, fragend und scheinbar fast vom Glauben abfallend, als Marianne ihn mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen anstarrte.

„Sag jetzt nicht…“, kam es einem Flüstern gleich von ihr, während sie entdeckte, womit Frido da gerade an seinem Finger zu spielen begann und auch an Dominiks Hand das passende Gegenstück zu diesem Geschmeide blitzte. Dass ihr das nicht sofort aufgefallen war! Gut, vielleicht hatte es auch ein bisschen daran gelegen, dass Frido seinen Ring erst vor wenigen Sekunden aus seiner Hosentasche geangelt und Dominik die meiste Zeit über ohnehin seine Finger versteckt gehalten hatte. Aber nun! Immer größer wurden Mariannes Augen, obwohl Frido es kaum für möglich gehalten hatte und er lachte, als er sich wieder ein bisschen an den Zoo erinnert fühlte. So sprachlos hatte er seine Mutter selten erlebt! Und dann musste er noch einmal lachen, als sie sich aus ihrer Schockstarre löste, um im mit einem lauten Jubeln um den Hals zu fallen. So viel Freude durchflutete sie, dass Frido nichts anderes als Glückseligkeit und Erleichterung mehr fühlen konnte.

Wieder witzelte er, dass Marianne ihn am Leben lassen sollte und drückte sie zugleich ebenfalls, während er über ihre Schulter hinweg zu Juli blickte. Froh lächelte er sie an, während seiner Schwester alles aus dem Gesicht zu fallen schien. Aber wie sollte man sich auch voller Überschwang freuen, wenn man sich gerade so ungerecht behandelt fühlte?

„Ich glaubs ja nicht…“, murrte sie daher beinahe schon schmollend, dass der Goldjunge der Familie wieder so eine Sonderbehandlung erhielt, wohingegen sie sicherlich nie so glimpflich aus diesem Thema herausgegangen wäre. Dass ihr Vater sich mit einem überraschten „Ach, dann seid ihr jetzt…?“ an Dominik richtete und ihn ebenfalls sofort in seine Arme zog, verwunderte Juli ja nicht. Aber ausgerechnet ihre Mutter nahm das so vorbehaltlos hin?! Nicht unbedingt fair! Aber sie hatten immerhin Weihnachten, also quälte auch Juli ihre Mundwinkel empor, um im nächsten Moment ihre Augenbrauen gleich anzuschließen.

„Ich will unbedingt die Verlobungsfeier ausrichten!“, war nämlich nichts Geringes als Mariannes Ausruf und während Frido sie noch immer bei sich hielt, wurde aus seinem strahlenden Lächeln nichts weiter als eine festgeklebte Maske.

Er schluckte hart und mit einem Mal stand er gefangen in einer Mischung aus versteift und schlapp da. Und während er nur deshalb noch immer schunkelte, weil Marianne es für ihn mit übernahm, konnte er in seiner zurückkehrenden Sorge selber allmählich den Koboldmakis Konkurrenz machen. Erst recht, als seine Mutter jetzt auch noch die Euphorie derart packte, dass ihr erster Weg sie nicht zu Dominik führte, sondern zum Wohnzimmerschrank, wo sie aus einer der Laden etwas zu schreiben suchte.

„Ich weiß schon ganz genau, was zu euch passt!“, fiel der Startschuss für einen Wasserfall an Ideen, die sie wohl kaum erst seit gestern gedanklich spazieren trug und schon gings rund. Ihre Hand kam mit dem Schreiben gar nicht so schnell hinterher, wie ihr Mund die vielen Ideen ausspuckte. Gästeliste, Location, Motto, Essen und Getränke. Hatte jemand Allergien oder Unverträglichkeiten? Vegan, vegetarisch, koscher? Orientalisch, asiatisch, urdeutsch?

Die schier unendlichen Möglichkeiten sprudelten nur so aus ihr heraus, während Frido sie ungläubig anstarrte und nach der Pausentaste suchte.

Stopp!“, schrie es in ihm, wie bei einem Unfall, den er nicht mehr stoppen konnte und das alles untermalt vom leisen Weihnachtssingsang aus dem Radio und Vater Fritz’ kräftigen Schritten, als er auf seinen Sohnemann zueilte. Denn schließlich wollte er auch den mal kräftig drücken!

„Komm her, mein Junge!“, rief er voller Inbrunst aus und erinnerte damit auch seine Frau an ihre momentane Unhöflichkeit gegenüber Dominik. Also kam noch mehr Unruhe in die Sache, als Marianne jetzt obendrein mit einem „Hach Gottchen!“ los eilte, um ihren Fauxpas schnellstens gerade zu biegen. Sie eilte um die eine Seite des Tischs, während ihr Mann auf der anderen Seite Frido gerade in die Zange nahm. Doch da wurde es ihm zu viel.

„Halt! Stopp! Keiner bewegt sich oder gratuliert hier!“, sprang er trotz seiner Aufforderung selber von seinem Vater weg und riss abwehrend die Hände hoch, während er gar nicht wusste, wen der Anwesenden er als erstes angucken sollte. Irritation traf ihn, Überraschung, auch ein Hauch von Erleichterung gepaart mit Muffensausen und von Juli gab es einfach nur ein seufzendes Kopfschütteln, während Fridos Hände unter verwunderten Fragen langsam wieder hinabsanken.

„Was ist denn los?“, fragte sein Vater und doch waren es die Blicke seiner Mutter, die sich bohrend auf ihren Sohn legten, als er seine Eltern aufforderte, ihm erst einmal richtig zuzuhören. Und wie stechend Marianne erst guckte, als Frido dann auch noch zugab, dass es ihm gar nicht um die Verlobung gegangen war.

„Ihr habt das missverstanden…“, murmelte er und hob abermals die Hand, als könne er damit die enttäuschten Blicke seines Vaters abwehren oder das Taxieren seiner Mutter. Sie begann zu wittern, dass etwas im Busch war und schon jetzt durfte Frido erkennen, wo seine Schwester sich ihre teils tödlichen Blicke so fulminant abgeschaut hatte.

„Was ist hier eigentlich los, mein Junge?“, lag nämlich längst nicht mehr nur Erstaunen in Mariannes Stimme und Frido wusste: Er stand gerade auf verdammt dünnem Eis! Aber er hatte das Thema gestartet und würde es nun auch zu Ende bringen! Schließlich sah er es als seine Aufgabe, seinen Eltern reinen Wein einzuschenken, anstatt darauf zu warten, dass Dominik in seinem unsicheren Öffnen des Mundes doch noch die richtigen Worte fand.

„Mama, Papa…“, begann er also und holte tief Luft.

„Wir sind nicht mehr verlobt, sondern seit gut zwei Wochen verheiratet“.

Sein Mund klappte zu, er schaute von einem Gesicht zum anderen und fragte sich eine winzige Sekunde lang, ob die aufkommende Stille vielleicht doch ein gutes Zeichen war. Doch dann riss ihm das leise, fast lautlose Knacken der dünnen Eisscholle den Boden unter den Füßen weg und tosend stürzte eine eisige Welle über seinem Kopf zusammen.

31.3.2025: Crescendo

Er atmete. Unter flachen Zügen weitete sich eilig seine Lunge, nahm frischen Sauerstoff in sich auf und ließ die alte Luft aus seinem Körper entweichen. Zumindest einen Teil von ihr und zumindest in der Theorie musste es wohl so sein. Aber galt das auch für die Realität? Er wusste es nicht. Er spürte es nicht. Weder, wie hastig er atmete, noch, dass er es überhaupt tat. Stattdessen hörte er nur das Rauschen seines Blutes in den Ohren, während alles andere von Watte bedeckt schien. Alles, bis auf diesen kleinen Gedanken, dessen Worte sich mit jedem Schlag seines Herzens anstauten, als wären sie ein Crescendo, dessen Töne mehr und mehr anwuchsen: Es war alles seine Schuld. Er war das Problem. Einzig und allein.

„Ich erkenn dich gar nicht wieder!“

Die Worte durchstießen die Watte und drangen in ihn wie ein weiterer Stich von vielen, während er noch immer verzweifelt versuchte, das zunehmende Chaos in seinem Kopf zu sortieren. Gerade war doch noch alles harmonisch gewesen – wie hatte bloß binnen weniger Sätze aus einem Gespräch ein derartiges Gefecht werden können? Es war genau, wie bei Juli auf dem Weihnachtsmarkt, nur um ein vielfaches schlimmer!

„Wie lange seid ihr jetzt zusammen? Das kann man nicht mal an fünf Fingern abzählen und dann müsst ihr plötzlich so überstürzt heiraten?! Was ist bloß in dich gefahren?!“, wuchs das Entsetzen mit jedem Wort weiter an und was gerade in abgeschwächter Form noch für Jubelschreie gesorgt hatte, wandelte sich nun plötzlich zu einem Schwerverbrechen. Denn eine Verlobung war ja schön und gut und vor allem etwas, das oft erst nach Monaten oder Jahren den nächsten Schritt erforderte. Aber gleich heiraten?! Und dann auch noch auf diese Art und Weise?!

„Ich bin maßlos enttäuscht von dir! Uns nicht mal Bescheid zu sagen! Und dann auch noch extra nach Dänemark! Wie kannst du deine Familie nur so ausschließen? Das wäre dir früher nie in den Sinn gekommen!“, lag gerade scheinbar aller Frust der Welt auf Mariannes Schultern und drückte sich zischend und bebend aus ihrem Körper. Sie konnte kaum in Worte fassen, wie sehr sie das Gehörte schmerzte und kam dabei dennoch recht gut gegen die mögliche Stille an.

Doch er selbst fühlte nur das Zittern seines eigenen Leibs, den es unter dem Hagel der Anschuldigungen zunehmend zurückdrängte.

„Ich erkenn dich gar nicht wieder, Friedrich! So warst du doch früher nicht! Sei ehrlich zu mir! Er steckt dahinter! Nicht wahr?!“

Er schrak zusammen, als er etwas im Rücken spürte. Das Fenster, sagte ihm ein schneller Blick über die Schulter und schon fühlte er, wie sich die glatte Fläche eisig an ihn schmiegte. Doch auszuweichen, und sei es nur für wenige Zentimeter, wagte er nicht. Zu wütend spielte Mariannes Funkeln den Wächter, während es nicht sicher schien, ob es Frido oder ihn treffen sollte. Nur eines wusste sie mit Bestimmtheit: Nicht einen Moment länger würde sie zulassen, dass dieses hinterlistige Wiesel weiteren Einfluss auf ihren Sohn nehmen würde!

„Allein wärst du doch nie auf die Idee gekommen uns so zu hintergehen!“

Ihre Ansicht stand fest und eine andere würde sie nicht gelten lassen. Ganz gleich, wie auch immer die ausfallen würde oder wer sie äußerte.

„Marianne, nun ist aber gut!“, sagte beispielsweise ihr Mann und ihr Sohn fand noch deutlichere Worte.

„Mutter, wie oft denn noch?!“, rief er aus und schüttelte energisch den Kopf.

„Ich hab ihm den Antrag gemacht und nicht umgekehrt! Und die Idee mit Dänemark war auch von mir! Jetzt lass ihn in Ruhe! Es reicht!“, wusste seine Stimme zwar Raum und Haus zu füllen, doch in Mariannes Ohren verhallte sie nur wie ein laues Lüftchen. Nein, für sie war die Sache klar gewesen – eigentlich bereits an dem Punkt, an dem Frido die Heirat offengelegt hatte, aber aller spätestens bei seiner Bitte, dem Brautpaar die Planung der freien Trauung zu überlassen. Ja, da war selbst der letzte kleine Zweifel aus Marianne Klimlau hinfort gewischt worden: Das da vor ihr war nicht mehr ihr geliebter Sohn. Das war nur noch das Werk dieser hinterhältigen Ratte, die sich nun so feige hinter ihm versteckte! Und da interessierte es auch nicht, dass Frido sich nur vor ihm aufgebaut hatte, weil seine Mutter nicht davon ablassen wollte, Dominik immer mehr in die Enge zu treiben. Erstarrt vor der Lawine der Anschuldigungen und doch nur von dem Wunsch ergriffen, zu flüchten und sich zu verstecken. Aber auch das sah Marianne nicht. Sie sah nur ein perfides Spiel, das mit ihnen allen gespielt wurde.

„Dein feiner Dominik hat einen furchtbar schlechten Einfluss auf dich und du merkst es nicht einmal, mein Junge!“, zerschnitt ihre schrille Stimme die Luft und das Schlimmste daran war für sie die Erkenntnis, dass längst nicht mehr nur Frido um den Finger gewickelt worden war.

„Lässt du etwa immer noch mein Enkelchen mit diesem Kerl alleine?!“, schürten Julis intervenierende Ausrufe über das Verhalten ihrer Mutter ebenso deren Entsetzen, wie die Versuche von Vater Fritz, seine Frau zu beruhigen.

„Das ist nicht der nette Schwiegersohn, den du gerne hättest! Der will uns unseren Sohn wegnehmen und du merkst es nicht mal!“, hatte ihr Mann ja nicht nur zur vermeintlichen Verlobung gratuliert, sondern obendrein auch noch verkündet, dass er mit der heimlichen Heirat einverstanden sei. Und nicht nur das! Er freute sich sogar für die beiden frisch Vermählten und merkte dabei nicht einmal, dass er dem Störenfried auf diese Weise nur noch mehr den Weg ebnete! Aber davon wollte dieser alte Dummkopf ja nichts wissen!

„Marianne, ich find es nicht gut, wie du gerade mit den Beiden umspringst! Wenn du sauer bist, nimmst du wirklich ungerechte Züge an! Die Kinder müssen ganz allein entscheiden, ob und wie sie heiraten wollen. Und jetzt lass es endlich gut sein!“, stellte Fritz sich stattdessen auch noch zunehmend auf die Seite des Strippenziehers. Aber mit Marianne Klimlau hatten sie sich da die Falsche ausgesucht! Sie würde sich bestimmt nicht so schnell kleinkriegen lassen und zurückweichen erst recht nicht! Zumal es ja auch noch mehr Leute in diesem Raum gab, auf die sie wütend sein konnte.

„Und was ist eigentlich mit dir? Wusstest du etwa auch davon?!“, geriet nun plötzlich Juli ins Visier, die im Laufe des Gesprächs schon auffällig häufig ein empörtes „Mami!“ oder andere entgeisterte Worte hatte fallen lassen, die alle nicht auf Dominik oder Frido gemünzt gewesen waren. Beispielsweise, als Marianne die Gültigkeit der im Ausland geschlossenen Ehe angezweifelt hatte. Oder dann sogar, weil Julis Mutter ob dieser furchtbaren Nachrichten kurzzeitig das Gefühl eines beginnenden Herzanfalls beschlichen hatte. Jede gute Tochter wäre dabei doch sofort ihrer Mutter zur Seite gesprungen. Und was hatte Juli stattdessen getan? Mit einem „Mami, jetzt hör aber auf!“ darauf reagiert!

„Also?!“, forderte Marianne daher auch mit spitzer Stimme eine Antwort auf ihre Frage und fast erwischte sie der nächste Herzschmerz, als ihre Tochter auch noch bejahte – freiweg von der Leber und mit einer Gleichgültigkeit, die beinahe Mariannes Ohren schlackern ließen.

„Er hats mir letzte Woche erzählt, na und? Ist doch seine Entscheidung! Wir sollten uns lieber für die Beiden freuen!“, sprach da ihr eigen Fleisch und Blut, um dann auch noch zu sagen, dass es das Verhalten der eigenen Mutter gerade unmöglich fände. Und als hätte das nicht bereits gereicht, folgte dann auch noch ein weiterer Spatenstich zu Marianne Klimlaus Grab: Juli hätte es an Fridos Stelle genauso gemacht.

Der Mutter fiel die Kinnlade runter, während die Tochter nur patzig die Arme verschränkte.

„Mami, ich hab dich damals bei meiner Hochzeit so oft gebeten, dass du dich raushalten sollst, aber du reißt einfach alles an dich! Du erdrückst einen richtig damit! Merkst du das nicht?“, hob sie hilflos die Hände und ließ sie kopfschüttelnd wieder sinken, während Marianne sich an die Brust griff und die nächstbeste Stuhllehne fasste. Ihr Mund klappte noch immer auf und mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihre Tochter an, ehe sie den Unglaube mit ihrem Mann teilte.

„Hast du das gehört, Fritz?“, glich ihre Stimme in diesem Moment einem Wispern, das im nächsten vollends erstarb, als sie feststellen musste, dass ihr selbst jetzt die Unterstützung versagt blieb. Denn statt seiner Tochter ins Gewissen zu reden und auch endlich ein Einsehen über das schändliche Verhalten seines Sohnes zu bekommen, stellte Fritz sich lieber offen gegen seine Frau.

„Marianne, ich hab dir damals sofort gesagt, du sollst dich da nicht so reinhängen! Juli hat oft genug gesagt, dass sie das nicht will, aber du konntest ja nicht hören! Also beschwer dich jetzt nicht, wenn die Kinder so reagieren!“, war selbst der sonstige Ruhepol der Familie inzwischen ein wenig erzürnt, aber vor allem der Diskussion müde. Er hatte sie satt, die Streiterei, die in seinen Augen unnötig war und die völlig falsche Richtung eingeschlagen hatte. Wichtig war für ihn doch nicht, wie viel von seinem Glück Frido mit ihnen teilen wollte, sondern vor allem, dass er jemanden gefunden hatte, der ihn diese Freude empfinden ließ. Und natürlich wäre auch Fritz gerne in Dänemark dabei gewesen, aber er sah es so, dass die Beiden gute Gründe für ihre Entscheidung gehabt hatten. Also war es doch besser, die Situation nun zu akzeptieren, wie sie war, anstatt sie mit Vorhaltungen und falschen Anschuldigungen noch weiter zu verschlimmern. Mariannes Ziel war doch die Nähe zu ihren Kindern und nicht, sie immer weiter von sich weg zu treiben – oder nicht? Aber davon wollte seine Frau nichts hören und einen Schritt auf ihn oder die anderen Anwesenden zugehen, erst recht nicht. Sie hatte sich an etwas festgebissen und Fritz’ Seufzen bewies, dass ihm nur allzu bewusst war, wie wenig sie in solchen Situationen auf ihn hören wollte. Und auch das zweite Seufzen verriet, dass er mit ihrer nun folgenden Reaktion bereits gerechnet hatte.

„Ach, was weißt du denn schon?!“, war in solchen Momenten schließlich eines ihrer Totschlagargumente, dessen weitere Ausführung ihren Mann nur den Kopf schütteln ließ.

„Kein Wunder, dass du den Bengel jetzt auch noch in Schutz nimmst! Der hat dich doch vom ersten Tag an mit seinen traurigen Augen eingelullt und auf seine Seite gezogen!“, deutete ihr Finger wie eine Speerspitze durch Frido hindurch auf Dominik, während ihre Kinder wie aus einer Kehle riefen, dass sie endlich aufhören solle. Doch für Vater Fritz war die Sache klar.

„Du warst selber ganz angetan von ihm, Marianne!“, erinnerte er sie daran, dass sie Dominik sonst immer als sehr sympathisch beschrieben hatte und sogar froh gewesen war, dass bereits das erste Aufeinandertreffen ihre schlimmsten Befürchtungen hatte zerstreuen können. Nämlich die, dass Frido sich womöglich wieder jemanden wie Patrick angelacht hatte. Aber nein! Zu ihrer großen Freude hatte Dominik sich als viel zurückhaltender herausgestellt, bodenständiger und als jemand, der den Mittelpunkt nicht suchte, sondern eher vermeiden wollte. Und obendrein auch noch jemand, der sich um Lilli kümmerte und selbst bei der Rubinhochzeit durch Bescheidenheit aufgefallen war.

So deutlich war es eigentlich gewesen, aber was interessierte sie ihr Geschwätz von gestern, wenn es jetzt einen Sündenbock zur Schlachtbank zu führen galt? Und sie obendrein auch noch so eine Ahnung hatte, wie man ihm am besten zu Leibe rücken konnte?

„Ihr seht wirklich nicht, dass er es schon wieder macht, oder?“, wurde sie dabei plötzlich sehr ruhig, wenn auch nicht weniger schneidend. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, war sicherlich noch immer aufgebracht, aber dieses Mal ging sie geschickter vor – und auch zwei kleine Schritte zur Seite, um den Adressaten ihrer Worte besser sehen zu können. Selbst, wenn nicht er, sondern ihr Sohn eine Erklärung dafür forderte, worüber sie nun wieder spräche. Aber die hätte sie ihm wohl auch ohne diese Frage mit größtem Vergnügen kredenzt…

„Erst hat er seine Familie kaputt gemacht und jetzt ist unsere an der Reihe. Wo der Junge hingeht, sät er nichts als Unfrieden und will dann auch noch dafür bemitleidet werden, dass er ja so arm dran ist“.

Ihre Worte verebbten, ihre Lippen schlossen sich und ihre Augen sahen genüsslich, was sie sehen wollten. Nicht, dass sie gnadenlos Türen in Dominiks Inneren aufriss, von denen er gedacht hatte, dass sie lange erfolgreich geschlossen wären. Nein, für sie war die wachsende Verzweiflung in seinem Gesicht ein Beweis mehr, dass er endlich merkte, wie gut er durchschaut worden war. Und da störte es sie auch nicht, dass Juli und Fritz gleich im Chor zu Widerworten ansetzten, während Frido sich mit jeder bebenden Faser seines Körpers dazu zwang, jetzt nicht so aus der Haut zu fahren, wie er es gerne wollte. Aber er schaffte es nicht.

„Weißt du was?!“, schrie er stattdessen ungezügelt aus, übertönte dabei die anderen, die ihm zur Seite sprangen und entschied, dass man dieses Spiel, das seine Mutter da spielte, auch zu zweit bestreiten konnte.

„Selbst Dominiks Vater hat sich nicht so aufgeführt wie du! Und ich hab schließlich nicht nur seinen Sohn geheiratet, sondern auch noch seinen Namen angenommen!“, brüllte er wie eine schnaufende Wand, die sich schützend vor seinem Mann aufgebaut hatte und doch zu porös gewesen war, um all die Worte abzuschirmen, die auf Dominik eingeprasselt waren. Denn während sich Kling, Glöckchen, klingelingeling vom Radio her durch die aufkommende Stille des Entsetzens zog, konnte der Lockenkopf längst nur noch sehen, was er vermeintlich angerichtet hatte: Alle waren aufgebracht und wütend und Frido kämpfte an einer Front, die seinen Einsatz eigentlich gar nicht verdient hatte. Und das schien dem Dozenten auch noch zunehmen Spaß zu machen!

„Ja, ganz richtig gehört, Mutter!“, schwang da nämlich plötzlich dieses Gehässige, fast Boshafte in seiner Stimme und dem Hauch eines Lächelns mit, während er auf das ungläubige Starren der Angesprochenen schaute.

„Ich heiß nicht mehr Klimlau, ich heißt jetzt Preuss! Und das nur, um dich zu ärgern und dir eins reinzuwürgen! Und das war damals auch der einzige Grund, warum ich hier ausgezogen bin! Damit ich dir eins auswischen konnte und nicht etwa, weil ich selbstständig sein wollte oder so was Dämliches, wie mein Leben zu leben!“, ging er einen Schritt auf sie zu und fixierte sie zunehmend, während der Hohn beinahe aus seiner Stimme quoll.

„Na? Was sagst du jetzt?“, baute er sich vor ihr auf, herausfordernd und unnachgiebig und bereit, es bis zum Äußersten kommen zu lassen. Aber das erkannte Dominik in diesem Augenblick voller Selbstzweifel nicht. Noch nicht. Stattdessen nahm er nur wie durch einen dichten Nebel wahr, dass Marianne sich versuchte zu straffen, wenngleich es in ihren Augen längst glitzerte und auch ein Zittern ihre Stimme durchzog. Sie schüttelte den Kopf und nur noch der Schmerz schien in ihr zu leben.

„Was ist nur aus dir geworden, mein Junge? Merkst du denn nicht, dass er dir nicht guttut? Hätte ich dir doch bloß ausgeredet, dich auf ihn einzulassen“, kam es weinerlich, fast gebrochen aus ihr heraus, aber Frido konnte das nur ein belustigtes und vor Ironie triefendes Schnauben entlocken, ehe der Ärger in ihm doch wieder zur Oberfläche kroch.

„Du meinst, er hätte einen schlechten Einfluss auf mich?“, stützte er die Hände auf die Hüften und presste seine Kiefer zusammen, dass es beinahe schmerzte.

„Wenn es etwas gibt, an dem Dominik wirklich Schuld hat, dann daran, dass ich wieder male! Ihm verdank ich das, Mutter! Nur ihm! Und ganz bestimmt nicht deinem ständigen Drängen und Quengeln, dass ich wieder damit anfangen soll! Also sei lieber dankbar, dass ich ihn hab. Und jetzt entschuldige dich bei ihm!“, stieß er mit einem Zischen hervor, als säßen seine Zähne so fest aufeinander, dass die Worte kaum zwischen ihnen hindurch passten. Und doch waren sie klar und deutlich zu verstehen, während er seine Mutter anschaute, als wäre sie eine Fremde und sie es ihm nicht minder deutlich entgegnete.

Was war nur aus ihrem Jungen geworden, schien es ihr wieder durch den Kopf zu gehen, während sie ihn unter schmerzlich verzogener Miene schüttelte. Umschmeichelt von Oh du Fröhliche schaute sie zu Juli und Fritz, die sich jetzt natürlich nur in eisernes Schweigen hüllten. Betroffen die Eine und abwartend, fast fordernd der Andere. Es war genug, sagten ihre Blicke und ja, unter bitterer Einsicht musste schließlich auch Marianne zustimmen.

„Wärst du doch mal besser bei Patrick geblieben“, sprach sie voller Bedauern, als sie endlich erkannte, dass ihre Worte bei Frido keine Wirkung mehr zeigten – oder zumindest nicht mehr die, die sie sich erhofft hatte. Sie hatte ihr Kind an diesen Fremdkörper in ihrem eigenen Wohnzimmer verloren, sagte ihre Resignation, während das scharfe Einziehen der Luft ankündigte, dass ihr Mann definitiv noch andere Worte fand. Doch dazu, sie auszusprechen, kam er nicht, denn als er und auch Juli dazu ansetzten, ihrem Ärger Luft zu machen, hob ausgerechnet Frido die Hand und hielt sie mit dieser Geste auf. Auch, wenn es in diesem Augenblick eher einer mechanischen Bewegung glich, während er noch halb wie vom Donner gerührt da stand, die Augenbrauen tief gefurcht und bewegt vom tiefen Atem, der seine Brust flutete.

Er ballte die Fäuste, schmälerte die Augen und ein weiteres Toben hätte an dieser Stelle wohl niemanden überrascht. Aber stattdessen war der Dozent plötzlich die Ruhe selbst. Noch gefasster als er es zuvor unter dem Hohn und Spott gewesen war und mit einer Kälte in der Stimme, die sich anfühlte, als würde sie jeden Moment die Hölle einfrieren.

„Ich sag dir eins…“, ließ er die verkrampfte Hand sinken, während seine Augen die seiner Mutter fixiert hielten, als wolle er dadurch sicherstellen, dass auch jedes seiner Worte bis an sie heran drang. Seine Schultern waren straff, das Kinn leicht gereckt.

„Du kommst weder zur Hochzeit noch werde ich jemals wieder einen Fuß in dieses Haus setzen, solange du dich nicht aufrichtig bei meinem Mann entschuldigt hast“, sagte er dabei ohne den kleinsten Hauch eines Zweifels – und bemerkte zu spät, dass er damit ausgerechnet den am meisten traf, den er doch eigentlich am Dringendsten hatte schützen wollen.

1.4.2025: Aprilsnarr

Flucht! Alles in ihm schrie danach, an Frido und Marianne vorbei aus der Tür zu rennen und von nichts und niemandem mehr gefunden zu werden. Er wollte sich verkriechen. Wollte sich verstecken, so, wie auch früher immer, wenn ihn diese Gefühle der Schuld und der Einsamkeit überflutet hatten. Wenn er der Grund aller Probleme gewesen war, nicht gut genug für irgendwen und all seine Bemühungen vergebens. Er fühlte sich wie ein Aprilsnarr, der sich selbst vorgegaukelt hatte, jemand anderen glücklich machen zu können. Ein Dummkopf, der sich eingebildet hatte, jemals selber Glück erleben zu dürfen, obwohl er alles um sich herum mit in den Abgrund riss.

Wer, wenn nicht er, hatte sich immer wieder die Frage gestellt, ob all die früheren Zerwürfnisse zwischen ihm und seiner Familie nicht einzig und allein sein Verschulden gewesen waren? Und wer, wenn nicht er, hatte immer wieder gegen die eigenen Zweifel kämpfen müssen, ob er wirklich der Mann an Fridos Seite sein durfte?

Und jetzt stand er da, zitternd und zugleich wie gelähmt, während ihm die Situation entglitt und er gleichzeitig zurück in frühere Zeiten fiel, von denen er geglaubt hatte, dass sie endlich verarbeitet wären. Er wusste, dass er Handwerkszeug bekommen und selber erarbeitet hatte, um Augenblicke wie diesen durchstehen zu können. Dass er theoretisch alles kannte, was er jetzt gebraucht hätte, um sich zu distanzieren und zu beruhigen. Aber genau in diesen zäh daher fließenden Minuten konnte er sie nicht finden, die Methoden und Herangehensweisen. All die Techniken und Übungen waren verschwunden, beiseite gewischt, als hätte es sie nie gegeben. Und nicht einmal in Fridos schützende Arme konnte er sich stürzen. Oder vielmehr: Er wollte es nicht. Nicht in diesem Streit, bei dem seine einzige Unterstützung ohnehin nur daraus bestand, seine Emotionen möglichst zu unterdrücken, um nicht alles noch schlimmer zu machen. Frido kämpfte doch bereits alleine für sie beide und er wollte ihm dabei nicht zu einer weiteren Last werden oder ihn gar im Stich lassen.

Also zwang er sich zu bleiben, hin und her geworfen zwischen der Hilflosigkeit, die der eskalierende Streit in ihm auslöste und den gezielt abgefeuerten Pfeilen, die ihn immer wieder zurück in seine Gedankenwelt stießen. So lange, bis Frido jeden Versuch, sich selbst Einhalt zu gebieten, aufgab und jene Worte wählte, die Dominik mit ihrem Widerhall aus seiner Starre lösten. Nie wieder einen Fuß in dieses Haus setzen?

„Hört auf!“, brach seine Stimme plötzlich wie ein Krächzen aus ihm heraus, war wackelig und gepresst und schmerzte in seiner Kehle, weil er doch mit aller Kraft seine Stimmbänder in Bewegung gesetzt hatte. Genauso wie seine Beine, als wäre der eigene Ausruf ein Startschuss gewesen. Die Tür noch einen Moment länger im Blick, begab er sich jedoch nur aus Fridos Deckung, um sich stattdessen zwischen ihn und seine Mutter zu bringen.

„Hört auf…“, wiederholte er dabei nun flüsternd, legte die Hand an Fridos Brust, brauchte Halt und gleichzeitig ein Zeichen mit dem er dieser furchtbaren Auseinandersetzung endlich Einhalt gebieten konnte.

„Frido, bitte hör auf!“

Er flehte den Dozenten an, während er sich im Stillen selber dafür schalt, dass er gerade so ein jämmerliches Bild abgab. Sein Mann kämpfte für ihre Beziehung und er stand als wimmerndes Häufchen da. Aber gleichzeitig spürte er auch, dass ihn Fridos Nähe beruhigte. Wenigstens ein bisschen. Es war, als würde der Ältere ihm wortwörtlich die Hand reichen, um ihm den Weg zu zeigen, als sich seine warmen Finger auf Dominiks legten und die anderen sanft die fahl gewordene Wange fassten.

Oh, wie gerne hätte er sich jetzt in diese Berührung fallen lassen! Er schloss die Augen, wollte gegen seinen Mann sinken und sich von ihm halten lassen, aber trotzdem verwehrte er es Frido, als der genau dazu ansetzte.

„Nicht jetzt…“, schüttelte der Jüngere stattdessen den Kopf und versuchte einen tiefen Atemzug zu tun. Er musste jetzt endlich stark sein! Musste Frido endlich unterstützen! Hier ging es gerade schließlich nicht um ihn und seine Vergangenheit, sondern um Frido und dessen Familie! Und darum, dass diese Situation mit jeden Wort nur noch schlimmer wurde.

„Na bitte! Was hab ich gesagt? Und schon drückt er wieder auf die Tränendrüse und…“, setzte da nämlich auch schon Marianne wie zum Beweis wieder an und es donnerte ein „Halt die Klappe!“ über Dominik hinweg auf sie zu. Und natürlich war Marianne darüber äußerst entsetzt und selbstverständlich tat sie ihren Unmut auch kund. Dieses Mal sogar ein bisschen von Fritz unterstützt, der seinen Sohn zwar verstand, aber trotzdem einen anderen Umgangston wünschte. Aber als Frido – was auch sonst? – wieder die Stimme erheben wollte, war ausgerechnet Dominik es, der ihn dieses Mal davon abhielt.

„Frido, sie ist deine Mutter! Hör auf! Sprich nicht so mit ihr!“, wies gerade er seinen Mann in die Schranken und schüttelte energisch den Kopf, während sich wieder dieser stille Augenblick der Irritation auf den Raum legte. Schöner die Glocken nie klingen säuselte das Radio, während Dominik dieses Mal nicht abwartete, wer sich als erstes aus der Verwunderung lösen würde. Stattdessen war er selbst derjenige, der weitersprach.

„Und du hör auch auf, so mit deinem Sohn zu sprechen!“, wendete er sich dabei ausgerechnet an Marianne, während er Fridos Brust noch immer gefasst hielt, sich aber von dessen Hand an der Wange löste.

„Das, was ihr hier grad macht, führt doch zu nichts!“, sprach er sie im nächsten Moment beide an, um dann wieder seine Schwiegermutter anzublicken, die nicht zu glauben schien, was sie gerade hörte. Ganz besonders, als Dominik dann auch noch weiterredete.

„Marianne, ich versteh ja, dass du enttäuscht bist“, zeigte gerade derjenige, der am meisten von ihrem Ärger abbekommen hatte, nun Verständnis für sie. Und zwar ehrliches, ohne Spott oder eine säuselnde Note, mit der er sich bei seiner Schwiegermutter einschleimen wollte.

Doch während Frido, Juli und ihr Vater noch immer ehrlich überrascht waren, legte sich eine Kühle und Härte auf Mariannes Gesicht, die nur allzu gut bewiesen, wie sie darauf lauerte, ein falsches Wort von ihrem Schwiegersohn zu hören. Beinahe gespenstisch war dabei diese Schweigsamkeit, mit der sie plötzlich da stand, während sie ihn auf diese Weise aufforderte, weiterzusprechen. Und man konnte sagen, was man wollte: Auch jetzt war wieder unbestritten, woher Juli und Frido gewisse Verhaltensweisen hatten, die sie bei Streitigkeiten mitunter an den Tag legen konnten.

Doch das drohende Unwetter, dessen Ausbruch Dominik für jede nächste Sekunde erwartete, versuchte er so lange es ging zu verdrängen. Lieber nutzte er jedes Bisschen Zeit, während dem ihm noch Gehör geschenkt wurde.

„Juli und Frido sind deine Kinder. Sie werden auch immer deine Kinder bleiben. Du hast sie aufgezogen, beschützt und begleitet. Natürlich willst du nur das Beste für sie und natürlich möchtest du Teil ihres Lebens sein“, sprach er also behutsam weiter, während seine Finger an Fridos Brust zu einem leichten Tätscheln übergingen. Ein vorsichtiges Beruhigen und ein kleines Zeichen dafür, dass der Dozent erst einmal in der Defensive bleiben konnte. Noch waren Dominiks Worte schließlich nicht versiegt. Und tatsächlich hatte er das Gefühl, dass sich wenigstens die Muskeln unter seiner Hand ein wenig entspannten, während sein Gegenüber ihn jedoch noch immer mit eisiger Härte anschaute. Oder mit einem Blick, der ihm am liebsten die Hand abgebissen hätte, während sich Mariannes Lippen schweigend zu nichts weiterem als einem dünnen Strich pressten und formten.

Dominik schluckte. Er hatte das Gefühl, dass ihm der kalte Schweiß auf der Stirn stand. Noch einen weiteren winzigen Schritt wagte er, während er regelrecht darauf wartete, wann die Tretmiene explodieren würde.

„Marianne, das will dir auch keiner weg nehmen. Euch beiden nicht“, huschte sein Blick auch kurz zu Vater Fritz, der ihn deutlich wohlgesonnener anschaute, ehe er sich wieder der Wertung seiner Schwiegermutter aussetzte. Noch schwieg sie und beschränkte sich nur aufs Lauern. Also der nächste vorsichtig Schritt, den er gedanklich auf sie zuging.

„Ich kann mir auch vorstellen, dass es nicht immer ganz leicht ist, dass Juli und Frido inzwischen so weit weggezogen sind“, machte er weitere Zugeständnisse, atmete tief durch und spürte gar nicht, wie sich seine Finger in Fridos Hemd krallten. Denn nun folgte das kritische Aber, auf das er so vorsichtig versucht hatte hinzuarbeiten. Drum schluckte er noch einmal gegen die Dürre in seiner Kehle.

„Aber… sie sind doch auch beide inzwischen erwachsene Menschen, die ihre eigenen Entscheidungen treffen müssen, oder nicht?“, kostete es ihn alle Kraft, laut genug zu sprechen und schon schmälerte sich Mariannes Blick. Verdammt!

Eine leise Panik befiel ihn, mit der er unter zitternder Stimme versuchte, auch alles weitere, was ihm noch auf dem Herzen lag, zu sagen, ehe es zu spät war.

„Warum verstehst du nicht, dass Frido dir mit der heimlichen Hochzeit nicht weh tun wollte, sondern, dass es nur darum ging, dass… dass er selber entscheiden wollte, wie die Hochzeit stattfindet? Oder auch die freie Trauung? Wir möchten sie doch einfach nur so gestalten, wie wir sie uns vorstellen“, zuckte er hilflos die Schultern, während er im Reden nicht stoppte. Denn gerade Fridos Eltern hatten für ihn doch immer etwas ganz Besonderes an sich gehabt.

„Ich fand das immer so schön, dass ihr Frido eigentlich so genommen habt, wie er ist. Es war für euch nie ein Problem, dass er Männer liebt und ihr habt ihn mit seiner Kunst unterstützt. Das… ich weiß nicht, ob euch eigentlich bewusst ist, wie viel so ein Rückhalt wert ist!“, schaute er noch einmal zu Fritz, der nun sogar ein Lächeln im Gesicht trug und für den Hauch einer Sekunde konnte es Dominik sogar anstecken. Doch dann brauste das Zittern in ihm wieder auf, als er den letzten und vielleicht auch wichtigsten Satz seiner Ansprache über seine Lippen brachte.

„Haben deine Kinder deine Unterstützung denn nur verdient, wenn sie genau das machen, was du von ihnen erwartest oder… haben sie sie nicht vor allem deshalb verdient, weil du sie liebst, wie sie sind?“, schluckte er abermals und strich sich fahrig eine Träne von der Wange, die er trotz allem nicht hatte zurückhalten können. Ausgelaugt fühlte er sich nun und gleichzeitig, als wären seine Nerven bis zum Reißen gespannt. Und da überraschte wohl auch nicht die Heftigkeit seines Schrecks, als Frido ihn plötzlich vollends zu sich drehte und ihn an sich zog. Kurz prasselte sein Herz dabei gegen seine Rippen, doch dann spürte er diese vorsichtige Erleichterung, mit der er in die Umarmung floss und vom zarten Nicken seines Mannes eingehüllt wurde. Manchmal bedurfte es eben selbst in den verzwacktesten Situationen keiner Worte, um wieder zu erkennen, warum sie zusammengehörten. Aber manchmal reichte auch jedes noch so gut gewählte Wort nicht aus, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Denn kaum bekam Dominik dieses schwache, hoffnungsvolle Gefühl, dass er das Unglück doch noch hatte abwenden können und schlang die Arme um Fridos Schultern, da traf es ihn wie ein Schuss in den Rücken.

„Ich hab es ja gesagt: Er hat viel zu viel Einfluss auf unseren Sohn“, bohrte es sich unnachgiebig und eisern zwischen seine Schulterblätter, um alles in Kühle zusammenzuziehen.

„Ein Wort von seinem Dominik und plötzlich ist er lammfromm. Und mir dann auch noch Honig ums Maul schmieren wollen“, fühlte er sich allmählich wie im Hamsterrad oder in einem Alptraum gefangen, während ihm alles zwischen den Fingern zerrann, was er gerade noch so mühsam festgehalten hatte. Doch das Schlimmste: Zeitgleich kündigte auch das Zucken von Fridos Muskeln an, dass er ebenfalls nicht gewillt war, es gut sein zu lassen und dieses Mal verhallte Dominiks Versuch, ihn zu bremsen, ungehört.

„Red nicht so einen Schwachsinn! Im Gegensatz zu dir hat er einfach nur die besseren Argumente gebracht! Das ist alles! Und er schleimt sich auch nicht! Es ist doch so, wie ers gesagt hat!“, richtete er sich wieder auf, als würde Dominik sich dabei nicht verzweifelt an ihn klammern, um ihn zu beruhigen. Mühelos nahm Frido seine vorherige abweisende Haltung ein, fixierte seine Mutter mit seinem Blick und zeigte einzig einen Unterschied darin, dass er den Lockenkopf dieses Mal fest an sich gedrückt hielt. Also wusste er doch noch ganz genau, wer da bei ihm stand, während er wieder um sich biss. Und so fand sich Dominik wie die Jungfer in Nöten zwischen den erneut aufwallenden Fronten wider, bei denen alles beim Alten zu sein schien.

Mit neuer Energie feuerte Marianne zwar vor allem in Fridos Richtung, aber dabei wurde sie auch nicht müde, sich ebenfalls gegen Mann und Tochter zu behaupten, wenn die es wagten, sich einzumischen. Nach langjähriger Erfahrung als Mitarbeiterin in einer Behörde wusste sie schließlich, wie sie auch bei ungemütlichen Kunden ihre Frau stehen konnte – und dass sie keinen Vorgesetzten brauchte, um Dinge zu regeln! Das schaffte sie auch alleine! Und in der eigenen Familie erst recht! Oder gar im eigenen Haus…

Denn schließlich kochte der Streit sogar derart hoch, dass Marianne sich solch ein Verhalten wie das ihres Sohnes in den eigenen vier Wänden verbat. Und da änderte sich auch nichts dran, als Vater Fritz diesen Ausspruch mit seinem eigenen Hausrecht hinfort fegen wollte. Immerhin hatte er auch noch ein Wörtchen mitzusprechen, wer über seine Schwelle treten durfte und wer nicht! Aber Frido hatte diesbezüglich ja ohnehin schon eine Androhung von sich gegeben und diese in der Zwischenzeit auch noch nicht wieder vergessen.

„Ich hab schon mal gesagt, dass sie sich erst bei Dominik entschuldigen soll!“, erinnerte er daran und trug auch darüber hinaus eine klare Meinung zu diesem Thema in sich.

„Außerdem bleib ich nirgendwo, wo ich nicht willkommen bin! Oder mein Mann!“, ignorierte er auch Julis Bitte, sich erst einmal zu beruhigen und griff stattdessen Dominiks Hand.

„Wir gehen!“, zerrte er ihn mit sich und sah Mariannes „Mach doch, wenn du das meinst! Ich halte dich bestimmt nicht auf!“ noch als zusätzlichen Rückenwind.

Aber als er die Tür beinahe erreicht hatte, riss Dominik sich los und brachte auch Frido somit wieder zum stoppen. Irritiert schaute der Ältere sich um und ein verwundertes „Was machst du?“ heftete sich an Dominiks Rücken, während der zum Tisch eilte. Aber statt auf Fridos Frage einzugehen, bat er nur Juli, hinter sich zu greifen und ihm den Notizblock vom Wohnzimmerschrank zu geben. Etwas, das Marianne natürlich ganz und gar nicht gefiel, aber auch auf ihren Ausspruch ging er nicht ein. Nur Juli bekam von ihm ein leises „Danke“ und den Hauch eines Lächelns geschenkt, ehe sein Gesicht zurück in den vorherigen gequälten Ausdruck verfiel. War es eine gute Idee? Er wusste es nicht. Er wusste gerade gar nichts mehr. Er presste nur die Lippen zusammen und versuchte, schnell genug zu schreiben, damit das Zittern seiner Hand die Buchstaben und Zahlen nicht zu sehr verwischte.

Noch nie war ihm eine kleine Notiz derart schwer gefallen. Aber man konnte sie entziffern und das war das Wichtigste, wie er sich mit einem kleinen Nicken bestätigte, als alles aufgeschrieben vor ihm stand und er den Stift wieder niederlegte.

Also richtete er sich auf, hob den Blick zu Marianne, obwohl Frido längst neben ihn getreten war und konnte sehen, wie sich dessen Mutter bereits für den nächsten gehässigen Kommentar bereit machte. Doch statt bissiger Worte entlockte ihr Schwiegersohn ihr nur ein verwundertes Blinzeln, als er sagte: „Das ist die Nummer meiner Eltern“.

Seine Finger hielten den Block auf den Tisch gedrückt, als würde er sonst von dannen schweben und mit einem Räuspern zwang er sich, die Hände in die Hosentaschen zu schieben. Nach verschränkten Armen und Einigeln wäre ihm zwar mehr der Sinn gewesen, aber auch hier wollte er sich nicht so verletzlich zeigen, wie er sich gerade fühlte. Denn das wäre für Marianne doch erst recht ein gefundenes Fressen gewesen…

„Ruf sie an“, verlieh er seiner Stimme darum so viel Glätte, wie ihm möglich war, während sein umher huschender Blick die Unruhe in ihm dennoch verriet.

„Frag sie, wie das ist, wenn man sein eigenes Kind vergrault und jahrelang nicht weiß, was mit ihm ist“, forderte er Marianne auf, der vor Entsetzen über diese indirekte Unterstellung der Mund aufklappte. Und bevor sie zur Sirene werden konnte, drehte er sich schnell zu Frido um, denn seine Worte waren keine Einbahnstraße.

„Und du überleg dir gut, ob du den gleichen Fehler machen willst wie ich!“, schwang plötzlich eine Wut in ihm mit, die in diesem Augenblick wohl niemand von ihm vermutet hätte.

„Bau nicht den gleichen Scheiß wie ich! Das ist hier kein kleiner Streich von meinem Vater oder um ihm eins reinzuwürgen! Das eskaliert gerade immer mehr! Also geht mal beide in euch, ob ihr euch wirklich noch mehr gegenseitig weh tun wollt!“, war es dieses Mal der Ärger, der ihn zum Beben brachte, als er sich wieder von Frido abwendete und Marianne anschaute.

Reichte es nicht, wenn einer von ihnen jahrelang keinen Kontakt zu seiner Familie gehabt hatte und sich anschließend mühsam alles an Zuneigung und Vertrauen wieder neu hatte aufbauen müssen? Mussten sie wirklich erst selber durch diese Erfahrung hindurchgehen, um sie begreifen zu können?

„Ihr hättet euch doch schon mal fast verloren! Durch den Unfall! Hat das nicht gereicht?!“, fuhr er sie beide nun gleichermaßen an und wusste nicht, wem er in diesem Augenblick dafür danken konnte, dass er endlich wieder mehr Klarheit in sich spürte. Aber das war gerade auch egal. Viel wichtiger war, dass er nicht nur bei Frido ein Einlenken erkennen konnte, sondern auch die Härte in Mariannes Zügen einem beschämten Blick zur Seite wich. Selbst, wenn damit sicherlich noch lange nicht alles geklärt oder gar gut war, da machte der Lockenkopf sich gar nichts vor. Es brauchte mehr als diese kleine Ansprache von ihm. Eine richtige Aussprache war vonnöten und auch die konnte nur funktionieren, wenn sie unter den richtigen Umständen geschah. Auch dessen war er sich sicher. Aber vielleicht konnte er ja dieses Mal einen Weg finden, damit es auch wirklich dazu kam?

„Ich schlag vor, dass ihr euch alle ein paar Minuten nehmt, um wieder runter zu kommen. Jeder geht mal kurz in ein anderes Zimmer, atmet ein paar Mal tief durch und dann setzt ihr euch noch mal in Ruhe zusammen“, schlug er darum vor und schaute dabei nicht mehr nur zu Frido und Marianne, sondern auch zu Juli und Fritz.

„Redet miteinander. Hört euch gegenseitig zu und… versucht nicht alles gleich als Angriff zu verstehen. Das ist grad ne emotionale Situation, ja, aber sich immer mehr in den Streit reinzusteigern machts doch nicht besser, oder? So kommt man doch nicht zu einer vernünftigen Lösung…“, sagte er und seine Mundwinkel zuckten, während er Julis und Fritz’ Nicken sehen konnte. Wenigstens diese beiden stimmten ihm zu und auch Frido legte den Arm um ihn, schenkte ihnen beiden Geborgenheit, während Marianne sich noch immer in Schweigen hüllte. Aber wenigstens wetterte sie nicht sogleich wieder los…

„Ja, find ich gut! Ich verschwind mal kurz ins Bad… muss eh mal zum Klo“, war dann Juli die Erste, die Dominiks Vorschlag sogleich in die Tat umsetzen wollte, ehe die Stimmung wieder kippte. Ihr Vater nahm hingegen das elterliche Schlafzimmer ins Visier und schlug seinen Söhnen die Küche vor. Platz genug bot das Haus ja glücklicherweise. Doch während Frido sofort nickend zustimmte, schüttelte Dominik den Kopf.

„Danke, aber ich geh ein bisschen nach draußen“, sagte er und lehnte abermals ab, als Frido sich ihm natürlich ohne ein Zögern anschließen wollte. Wo Dominik war, war auch er! Aber genau das sah der Jüngere in diesem Fall als Problem.

„Nein, bleib du hier und ruf mich einfach an, wenn ihr euer Gespräch beendet habt“, sprach er behutsam und strich seinem Mann sanft über den Arm, während der ihn ungläubig anstarrte. Waren Fridos Ohren plötzlich verkehrt mit seinem Denkapparat verdrahtet oder hatten die rammdösigen Weihnachtslieder aus dem Hintergrund ihm irgendwelche Synapsen durchgeschmort?

„Deine Mutter denkt, ich würde dich zu sehr beeinflussen… Dann zeig ihr, dass es nicht stimmt. Wenn ich nicht dabei bin, kann ich dich auch nicht in irgendeine Richtung lenken, oder?“, hatte Dominik allerdings gute Gründe für seine Entscheidung und ein aufmunterndes Lächeln für Frido, als der ihn nun zwar besser verstand, aber nicht minder unzufrieden mit dieser Aussicht war. Jetzt war es sogar schon so weit gekommen? Da lag ihm sogleich die nächste Spitze gegen seine Mutter auf der Zunge, aber auch hier intervenierte Dominik, als er das merkte.

„Hey…“, drückte er sofort Fridos Arm und schüttelte seicht den Kopf. Wer von ihnen beiden war hier denn nun der Sturkopf, auch, wenn er selbst gern mal so betitelt wurde?

„Versucht es zu klären. Bitte“, redete er ihm also noch einmal gut zu und bat Frido um mehr Umsicht.

„Tu dir selber den Gefallen, Frido. Ich weiß doch, wie wichtig dir deine Familie ist“, strich er ihm über die Wange und holte ihn in eine kurze Umarmung. Er spürte, wie Frido ihn dabei an sich zog und dass sie sich gerade jetzt am liebsten gar nicht mehr losgelassen hätten. Aber das ging nicht. Dann würde dieser Teufelskreis nie ein Ende finden!

Also schob er Frido nach einem Kuss auf die Wange schnell wieder von sich und eilte an ihm vorbei in den Flur, den kurzen Moment der Überraschung nutzend, ehe der Dozent ihn doch noch aufhielt. Und als Sekunden später die Haustür ertönte, fühlte Frido sich, als wäre er gerade verlassen worden. Bitter kroch ihm dieses Gefühl durch die Kehle und legte sich stechend um sein Herz. Oh, wie gerne hätte er jetzt…

„Nicht ein Wort. Bis wir uns gleich wiedersehen“, fand er jedoch einen Ausspruch, mit dem er gleichermaßen sich selbst, als auch seine Mutter ermahnte. Obwohl er gerade fast wünschte, dass er doch einen Grund geliefert bekam, um aus der Haut zu fahren. Er wartete regelrecht darauf, dass Marianne sich nicht an die Mahnung halten würde und ihm spätestens dann wieder eine Spitze hinterher schoss, als er sich umdrehte und die Küche ansteuerte. Doch zu seiner großen Überraschung tat sie das nicht. Stattdessen begleiteten ihn tatsächlich nur die Schritte seines Vaters auf der Treppe zum ersten Stock und das Radio mit leisem Stille Nacht, heilige Nacht, bis er die Tür hinter sich zuzog und seufzend dagegen sank.

2.4.2025: pläsierlich

Er strauchelte, seine Füße stolperten über sich selbst, aber sie rafften ihn nicht dahin. Stattdessen spürte er, wie sie ihren Rhythmus fanden und die Luft dabei eisig seine Lunge flutete. Sie reizte ihn, kitzelte ein leises Husten hervor und doch war es in diesem Moment wie eine Erlösung. Endlich hatte er das Gefühl, wieder richtig atmen zu können. Endlich war er nicht mehr nur von den Worten um sich herum und in ihm umgeben, sondern konnte auch seinen Körper wieder richtig spüren. Er nahm wahr, wie noch immer diese Nässe über allem schwebte, die der Schneeregen mitgebracht hatte, obwohl er längst geendet war. Ihm wurden die kleinen Wölkchen bewusst, die sein Atem bildete und mit jedem Schritt, den er das Haus seiner Schwiegereltern weiter hinter sich ließ, schien sein Körper stärker darauf zu drängen, dass er jetzt nicht stehen blieb. Bewegung nach dem langen Ausharren und Zerstreuung im Spaziergang, um den Wust an Emotionen langsam verebben zu lassen. Zumindest, so gut ihm das an diesem Punkt noch möglich war. Denn er wusste ja, dass die Dunkelheit in ihm nicht so schnell von ihm ablassen würde, wenn sie erst einmal wieder ihre Hand nach ihm ausgestreckt hatte. Dann wollte sie ihn umarmen und umso stärker festhalten, je mehr er sich dagegen sträubte. So lange, bis er sich ihr stellte.

Zermürbend war diese Erkenntnis und die Gefühle, die sie mitbrachte. Aber inzwischen kannte er es ja bereits und wusste wenigstens, wie er den Strudel der Schwere etwas leichter geschultert bekam, um nicht vollends von ihm mitgerissen zu werden.

Also stellte er sich diesem ätzenden Etwas entgegen, aber er tat es auf seine Weise. Er holte seinen treuesten Begleiter aus der Hosentasche, erweckte ihn zum Leben und schob sich die Musik ins Ohr, während er zu einem ziellosen Lauf überging. Er kannte die Gegend ja kaum, aber irgendwie würde er schon wieder zurückfinden. Notfalls gab es ja entsprechende Apps auf dem Handy! Und vielleicht würde er auch zufällig Lilli und Tim über den Weg – er stoppte und sein Gedankengang brach ab, um siedend heiß einem anderen Platz zu machen.

Tim und Lilli! Vielleicht waren sie längst auf dem Rückweg! Wahrscheinlich waren sie es sogar und ahnten nicht, dass sie damit womöglich in die nächsten Streitigkeiten rauschen würden oder gar der Auslöser von ihnen werden konnten!

„Scheiße!“, entfleuchte es ihm bei diesem Gedanken hektisch und er schaute sich eilig um. In welche Richtung waren sie zuvor gegangen? Er war sich nicht sicher, hatte nicht genau darauf geachtet. Aber auch Tims Nummer würde er in seinem Handy nicht finden, sondern nur die von Juli. Und die konnte er jetzt doch unmöglich stören!

„Fuck!“

Er drehte sich um sich selbst und suchte mit den Augen die ruhige Nachbarschaft des idyllischen Vororts nach irgendwelchen Hinweisen ab, ohne auch nur die Spur davon erkennen zu können. Seine Hände fuhren durch die kräftigen Wellen und Locken, während er versuchte zu erahnen, wie weit die Beiden wohl gekommen sein konnten, nachdem die bisherige Diskussion ja doch ein Weilchen angedauert hatte. Wann waren sie losgegangen? Wie spät war es nun?

Frustriert seufzte er aus und schüttelte den Kopf. Sie konnten überall und nirgends sein! Aber wenigstens einen Vorteil hatte er bei dem Ganzen: Sie würden schlendern, er konnte rennen!

„Ja!“, nahm er diesen selbst erbrachten Vorschlag ohne zu zögern an. Auch, wenn er alles, was in Richtung Joggen und schneller ging, hasste, musste er diese Chance einfach nutzen!

Also setzte er sich wieder in Bewegung, hetzte los, versuchte systematisch die Straßen des Baugebiets abzuklappern, bog links rein, rechts ab. Er rannte, so schnell ihn seine Füße trugen und das nur, um nach der vierten Querstraße festzustellen, dass er sich völlig verfranst hatte.

„Da war vorhin doch gar kein Einbahnstraßenschild“, stellte er entsetzt fest, als er zurück zur Orientierung finden wollte und jaulte innerlich auf, während er äußerlich schnaufte wie eine alte Diesellok. Das durfte doch alles nicht wahr sein!

Er zog sich die Kopfhörer ab und vergrub die Finger wieder im Haar. Sein Atem überschlug sich von der Anstrengung und die Gedanken rasten gerade so sehr, dass ihn sogar die Musik zu sehr davon ablenkte. Aber nicht nur das… Er presste die Lippen aufeinander und versuchte das Keuchen lange genug zu unterdrücken, bis er sich ganz sicher war. Hörte er da nicht irgendwo Kinderlachen? Und das in mehrfacher Ausführung?

Tief sog er wieder die Luft in seine Lunge und spürte, wie sein Herz einen kleinen Hüpfer machte. Da waren tatsächlich irgendwo Kinder zu hören und allzu weit konnten sie nicht sein! Nur schlängelte sich das Lachen dabei so zwischen den Häusern hindurch, dass er seinen Ursprung nicht auszumachen wusste. Und nun hatte er zwei Optionen: Handy herauskramen, App starten, App im besten Fall noch abstürzen sehen – oder das ältere Pärchen fragen, an dem er vorhin noch so achtlos vorbei gerannt war. Nichts, was er gerne machte, aber das Smartphone blieb ihm im Notfall ja noch immer. Also nahm er seinen Mut zusammen, versuchte zu ignorieren, wie aufgedreht er gerade wirkte und ging strammen Schrittes, aber nicht rennend zurück zu den Beiden.

„Entschuldigen Sie bitte, gibt es hier zufällig irgendwo einen Spielplatz oder eine Hundewiese?“, sprach er sie an und machte in wenigen Worten sein Anliegen klar. Hatte irgendwer zufällig seinen Schwager und dessen Tochter gesehen? Damit erklärte sich vielleicht auch sein abgehetztes Auftreten…

Sein Herz raste vor Nervosität und Ungeduld, während er auf eine Antwort wartete. Vielleicht hätte er doch zuerst das Handy bemühen sollen… Die beiden Herrschaften waren nämlich nicht mehr die jüngsten, mussten sich die Frage erst einmal genau durch den Kopf gehen lassen und miteinander diskutieren. Hatten sie die gesuchten Personen gesehen? Ja! Wirklich?! Oh, nein, Moment, doch nicht… Und der Spielplatz? Nein, so was hatten sie hier nicht. Wobei… Und dann fiel da plötzlich auch das Wörtchen Park und Dominik spürte neue Hoffnung in sich aufkeimen. Erst recht, als der nette ältere Herr anfing, etwas mehr darüber zu erzählen: Darüber, dass es dort für Hunde Platz gab, Kinder Spielmöglichkeiten vorfanden und auch jeder andere dort eigentlich ein schönes Eckchen oder eine angenehme Spazierroute für sich suchen konnte. Und wenn man wusste, wie, war dieses Kleinod auch noch ausgesprochen einfach zu erreichen!

„Sie müssen hier wieder zurück, dann links, nach etwa hundert Metern an dem weißen Haus vorbei und dann den Weg durch die Gärtchen nehmen. Kann man eigentlich gar nicht verfehlen“, beschrieb ihm seine neue Bekanntschaft den offiziellen Weg und fand Dominik bestimmt auch nur ein kleines Bisschen merkwürdig, als er dessen Reaktion auf diese Auskunft sah. Denn erst bedankte sich der junge Mann überschwänglich, strahlte dabei von einem Ohr zum anderen und peste dann wieder los, als gäbs kein Morgen mehr.

Die Jugend von heute war schon ein seltsames Völkchen – und hätte sicherlich ganz schön doof aus der Wäsche geguckt, wenn ihr klar gewesen wäre, dass zum Erreichen des Ziels theoretisch auch das Huschen über zwei der Wohngrundstücke möglich gewesen wäre. Aber nein, brav und unwissend, wie Dominik war, hielt er sich natürlich brav an die Beschreibung! Artig lief er die langgezogene Kurve, die der Weg zeichnete, bremste an den schlammigen Stellen ab, um nicht in einer Schlitterpartie zu enden und gab bei seiner Jagd zwischen Hecken und Sträuchern hindurch noch einmal Vollgas. So lange, bis er endlich den Eingang des Parks erblickte. Und nicht nur das!

Seine Lunge brannte zwar, ihm rann der Schweiß über die Stirn und seine Beine waren zu Pudding geworden, aber dort sah er sie! Nur wenige dutzend Meter von sich entfernt tobte Lilli mit einigen anderen Kindern an den Spielgeräten, während Tim etwas abseits davon Sissi mit dem Holen von Stöckchen beschäftigte.

„Gott sei Dank!“, erhellte endlich etwas Pläsierliches seinen Tag und konnte ihm ein echtes Lachen entlocken, das fast so vergnüglich und erfreut wie der Jubel der Kinder ausfiel. Dann musste es also doch nicht zu der kompletten Vollkatastrophe kommen, die er sich unterwegs bereits ausgemalt hatte. Und vielleicht durfte er diesen kleinen Erfolg sogar als vorsichtiges Zeichen sehen, dass sich doch noch alles zum Guten wendete?

3.4.2025: Wandelmonat

Wandelröschen nannte man es. Das kleine Mädchen, zart wie eine Elfe, bei genauem Hinsehen längst eine Frau und in Wahrheit schon so alt wie die Zeit. Ein Irrlicht im Winter, das im Wandelmonat April durch die Wälder zog, die Wiesen färbte, die Blüten lockte und die Sonnenstrahlen fing. An Tautropfen hing es sie, ließ sie strahlen und leuchten. Ein Gebilde, ein Hauch so zart wie ein Wimpernschlag und dabei nie von langer Dauer. Es brachte den Frühling, nahm ihn zum Sommer und ließ ihn im Herbst wieder vergehen, bevor der erste Schnee alles Land und Leben mit seiner dichten Decke belegte. Und dann begann das Wandelröschen sein Spiel von vorn. In einer Mondnacht dreieinhalb Monde vorm Wandelmond stieg es aus den Sümpfen empor, tauchte ihr Wasser in dunkles Grün und unvorsichtige Wanderer in ihr eisiges Grab. Ließ ihre Seelen wandern, wie Wandelröschen selbst es tat und rief sie zu seiner unendlichen, immer wiederkehrenden Reise. Den Nachthimmel ließ es mit ihnen erstrahlen und sie wie die Glühwürmchen des Sommerabends tanzen. Das Wandelröschen gab ihnen Zuhause und Bestimmung, auf dass sie bis in alle Ewigkeit bei ihm blieben. Ihm folgten beim Weg durch die Wälder, beim Zug über die Felder, beim Färben der Blüten im Ostermonat und bei der stillen Einkehr in den kalten Winternächten. Einzigartig wie die Eiskristalle und dabei doch so viele, dass das Wandelröschen die gesamte Welt mit ihnen bedecken konnte. Sie verstecken unter reiner klarer Hülle, verborgen in Stille, vorm Erwachen der erneuten bunten Fülle. Das Wandelröschen, das Mädchen der Zeit, die Bringerin der Farben und die Wächterin über den Tod. Nie gesehen, nur immer erahnt und doch niemals in Gänze verborgen, vor den blinden Augen, die es sehen wollen und den tauben Händen, die nach ihm greifen. Vergebens – so lange, bis es in der Nacht des Wanderers vor ihnen stehen wird.

4.4.2025: obzwar

Hatte er auf seiner wilden Fußreise einige irritierte Blicke kassiert? Vielleicht. War es ihm egal? Zumindest im Moment mehr als alles andere! Denn im Moment konnte er einfach nur über das ganze Gesicht strahlen, die letzten wackeligen Meter hinter sich bringen und dann endlich in Frieden sterben – oder wenigstens schnaufend neben Tim zusammensinken, während der ihm einen weiteren irritierten Blick schenkte.

„Was ist denn mit dir passiert?“, wunderte er sich offen über seinen vom Winde verwehten Schwager, während der sich erst mit den Händen auf den Oberschenkeln abstützte und dann doch in die Hocke sank, als seine Beine zunehmend eine weitere Zusammenarbeit ablehnten. Und obzwar er diese Frage gern sogleich beantwortet hätte, merkte Dominik, dass er erst einmal wieder im Ansatz zu normaler Atmung finden musste. Noch kämpfte seine Lunge schließlich ausgiebig mit den Nachwehen des Dauerlaufs und bereits jetzt konnte er sich denken, dass das gleich noch in wunderbarem Gehuste enden würde. Es war schließlich immer so und ein Grund mehr, warum er rennende Aktivitäten am liebsten vermied…

Doch bevor er heimlich und in Ruhe sein geliebtes Skateboard herbeisehnen konnte, musste er zunächst einen echten Kläffer davon abhalten, ihm das halbe Gesicht mit feuchtwarmen Küssen zu tapezieren. Denn natürlich sah Sissi sein Entgegenkommen sogleich als Einladung an! Aber zum Glück war da ja noch Tim. Ein strenges „Nein!“ genügte und schon sah die Terrierdame davon ab, wie ein aufgedrehter Flummi um den Lockenkopf herumzuspringen. Stattdessen nahm sie nach einem weiteren Kommando brav neben ihrem Dosenöffner Stellung ein, während Dominik dankbar zu ihm hinauf schaute – auch, wenn Tim ihn noch immer mit einer Mischung aus Skepsis und Belustigung betrachtete. Aber selbst das war Dominik im Moment einerlei. Stattdessen grinste er schief, als Tim scherzte, dass der Lockenkopf ja gerannt sein musste, als sei der Leibhaftige höchst persönlich hinter ihm her gewesen, wenn er nun so platt war. Konnte man Marianne damit vergleichen? Dominik verkniff es sich, die Frage offen auszusprechen.

„Ich hasse joggen! Aber wenigstens hab ich euch jetzt gefunden“, keuchte er stattdessen und schluckte gegen das kribbelige Gefühl an, das sich in seiner Kehle ausbreitete. Und da kam auch schon der erste Huster, während Tim den Kopf schief legte und Dominik noch immer interessiert betrachtete.

„Du bist jetzt aber nicht hier, weil bei Klimlaus ein deftiges Handgemenge ausgebrochen ist und ich zur Unterstützung kommen soll, oder?“, verpackte er seine Worte zwar als Witz, aber trotzdem schwang eine gewisse Sorge darin mit. Immerhin war Dominiks plötzliches Erscheinen – und das in diesem Aufzug – alles andere als alltäglich. Doch der riss sofort abwehrend die Hände hoch und schüttelte eilig seine Lockenpracht.

„Nein, nein! Alles gut! Bleib bloß mit Lilli hier!“, rief er aus und erntete dafür nun ein fast schon mitleidiges Grinsen, nachdem Tim ihn einen Augenblick lang schweigend angeschaut hatte.

Irgendwie war es durchaus eine seltsame Situation, das dachten sie wohl beide gerade. Und so wirklich überraschend kam diese Erkenntnis dabei nicht. Denn obzwar Tims Mittelpunkt in den vergangenen Monaten zunehmend wieder zu seiner Familie gewandert war, hatten er und sein Schwager bislang nie allzu viel miteinander zu tun gehabt. Freundlich begegneten sie sich zwar, waren respektvoll zu einander und unterhielten sich bei Aufeinandertreffen auch ungezwungen. Doch freundschaftlich war es bisher nie geworden und auch ein Gespräch in solch winziger Runde führten sie nun das erste Mal. Vielleicht mussten sie also einfach nur ein paar kleine Anlaufschwierigkeiten überwinden? Oder wenigstens schon mal den nervigen Husten, der Dominik zunehmend auf den Geist ging, Tim aber wieder mit Redestoff versorgte.

„Hast du wenigstens die Abkürzung genommen?“, schlich es sich nämlich zwischen den finalen Hustern in sein Ohr. Und während Dominik den Kopf gerade noch abgewendet gehalten hatte, um seinen Lungeninhalt nicht auf Tim zu verteilen, drehte er sich nun wieder zu ihm.

„Abkürzung?“, fragte er dabei und folgte mit den Augen zum Loch in der Hecke, das Tim ihm nickender Weise einige Meter vom eigentlichen Eingang entfernt zeigte.

Mit einer Selbstverständlichkeit sondergleichen wurde Dominik obendrein erzählt, dass man wohl über die beiden dahinterliegenden Grundstücke gehen durfte, solange man dabei die gepflasterten Wege nicht verließ. Es war eine kleine Tradition, die schon seit Bestehen des Baugebiets Bestand hatte und von vielen der Anwohner liebend gern genutzt wurde. Denn wer hatte schon Lust auf den langen Umweg, der bei schlechtem Wetter ohnehin zwischen den Gärten hindurch und auch ein Stück davor zur Matschpiste wurde? Zumindest, wenn man aus dieser Ecke des Baugebiets kam. An anderen Stellen waren die Zugänge des Parks wohl leichter zu erreichen und ohnehin mitunter näher am Haus der Klimlaus gelegen.

„Geh das nächste Mal einfach die Ecke Curie-Straße und Albertweg lang, wenn du hier hin willst. Das ist viel kürzer, als erst zur Steinstraße zu latschen. Egal, ob du dann die Abkürzung nimmst oder nicht“, schloss Tim seine kleine Wegbeschreibung dann noch mit einem kurzen Vergleich der Distanzen ab, die er mit Lilli zurückgelegt hatte und die stattdessen auf Dominiks Fußkonto gegangen war. Ach, und dann hatte der Lockenkopf zwischendurch auch noch Abstecher in drei weitere Straßen gemacht? Na, dann wars ja kein Wunder, dass er nun völlig ausgelaugt da hockte!

„Da bist du ja mächtig mit der Kirche ums Dorf gerannt!“, lachte er seinen Schwager dafür jetzt auch noch aus, während Dominik das Gefühl hatte, dass gerade ein kleiner Teil von ihm starb. Bisschen gemein wars schon…

„Ich wusst ja nicht, dass ich euch hier finde!“, kam es somit auch ein wenig weinerlicher als geplant aus ihm heraus, während er den Kopf hängen ließ und Tim anhören könnte, dass er noch immer grinste.

„Was machstn du überhaupt hier?“, versuchte er dann wieder herauszufinden, womit er diesen seltsamen Auftritt verdient hatte, doch schon wieder kam der Lockenkopf nicht so recht zum Antworten.

„Domi!“, hatte inzwischen nämlich auch Lilli seine Ankunft bemerkt und rannte sogleich zwischen Sand und Spielgeräten auf ihn zu, als wäre er der bunt geschmückte Gabentisch, auf den sie jetzt schon so lange hinfieberte.

„War das Christkindchen endlich da? Können wir mit der Bescherung anfangen?“, war sie ganz aufgeregt und schon wieder sprang jemand wie ein Flummi vor Dominik auf und ab. Allmählich fragte er sich, ob Lillis Eltern ihr und Sissi heimlich was ins Essen mischten…

Und wenn es wirklich so war, dann hatte Tim in ihm wenigstens ein wirksames Mittel gefunden, um der Hopserei erfolgreich Einhalt zu gebieten. Denn kaum stotterte der Lockenkopf ein etwas nervöses „Äh, nein, Spätzchen, leider noch nicht…“ heraus, wurde die Euphorie schon schlagartig weniger und das erst recht, als Lilli dann auch noch hörte, dass er extra gekommen war, um ihr genau das zu berichten.

„Tut mir leid, das Christkindchen hat heute scheinbar echt viel zu tun“, strich er ihr sanft über den Arm und lächelte sie aufmunternd an, während Lilli längst mit dem Schnüteln begonnen hatte. Sie schnaubte aus, drehte den Oberkörper immer wieder ein Stückchen in die eine und dann in die andere Richtung, während noch ein gedehnter Seufzer ihre Nasenlöcher verließ.

„Siehst du Papa?“, sagte sie anschließend und wiegte sich weiter hin und her.

„Wir hätten doch den Weihnachtsmann nehmen sollen! Der ist viel zuverlässiger! Hat Sverre auch gesagt!“

Ihr kleiner Finger zeigte auf eins der anderen Kinder und die beiden Erwachsenen begannen zu grinsen. War es nicht auch irgendwie putzig, dass man in diesem Alter noch keine schwerwiegenderen Gesprächsthemen hatte?

„Wir reden nachher mal mit Mama, ob wir das vielleicht noch reklamieren können und stattdessen zum Weihnachtsmann gehen“, bot Tim also an, während er ebenfalls in die Hocke ging, um auf Augenhöhe mit seiner Tochter zu sprechen und grinste wieder, als die ihm ein bestätigendes Nicken schenkte. Ja, das klang durchaus nach etwas, womit sie leben konnte! Und hob Dominik ihre Laune jetzt vielleicht noch weiter, indem er beim Spielen mitmischte?

„Fangen?“, hielt sich dessen Begeisterung aber überraschenderweise in Grenzen, während er sich ein tapferes Lächeln aufs Gesicht kämpfte und Tims belustigtes Schnauben neben sich hörte. Der hatte gut lachen! Dem brannten nicht die Beine wie Feuer und der musste diesem niedlichen Schnütchen grad nicht das Herz brechen! Allerdings schien Tim nicht nur von Schadenfreude begleitet, sondern gab seinem Schwager auch an dieser Stelle Grund zur Freude darüber, dass er gerade für ihn da war.

„Ich glaub, Dominik braucht erst mal einen Moment, um wieder zu Kräften zu kommen. Der hat unterwegs schon eine kleine Joggingrunde eingebaut, bevor er hergekommen ist. Scheinbar bist du nicht die Einzige, die das Christkindchen gar nicht mehr abwarten kann“, schmunzelte er, während er dafür ein dankbares Lächeln bekam und der Lächler selbst einen skeptischen Blick.

„Ich dachte, du findest joggen doof?“, stellte Lilli nämlich fest, dass Dominik dann aber wirklich sehr verzweifelt gewesen sein musste, wenn er schon zu solchen Maßnahmen griff und lachte auf, als der prompt mit einem gequälten „Jap und jetzt weiß ich auch wieder, warum ich das so doof find“ antwortete. Er seufzte und die anderen hatten Spaß. Na immerhin etwas! Und immerhin lief Lilli nach einer kleinen Aufforderung ihres Vaters dann auch wieder gut gelaunt zu ihren neuen Freunden, um sich weiter mit ihnen zu beschäftigen, während ihr alter Onkel wieder zu Kräften kam.

„Hat sie mich grad wirklich alt genannt?“, warf der ihr dafür allerdings einen ungläubigen Blick hinterher, während er Tims Tätscheln auf der Schulter spürte.

„Tja, gewöhn dich dran. Irgendwann gehört man zum alten Eisen!“, lag da wieder diese leichte Belustigung in seiner Stimme, die sich in offenes Gelächter verwandelte, als Tim unter Dominiks pikiertem Seitenblick aufstand.

„Muss ich mir so was eigentlich gefallen lassen?“, murrte er und begab sich auch endlich wieder in eine aufrechtere Position, während sein Schwager nur grinste und Sissi auf neue Mission zur Rettung des verlorenen Stöckchens schickte. Schon faszinierend, wie viel Spaß man daran haben konnte, immer wieder ein und denselben toten Ast einzusammeln… Aber beruhte das auch auf Gegenseitigkeit?

„Also? Irgendwie glaub ich grad nicht, dass wirklich alles gut ist. Wie lang geht die Zankerei noch? Können wir jetzt bald mal wieder zurückkommen oder wie ist das?“, lag dieses Mal nämlich kein Lächeln in Tims Stimme und auch sein Gesicht hatte andere Züge angenommen, als er sich Dominik wieder zuwendete, während Sissi zu ihnen zurückeilte. Erneut hopste sie freudig um ihr Herrchen herum, damit er das Kunststück gleich noch einmal vollführte, wohingegen Dominik es nur schaffte, die Schultern leicht zu heben.

„Ehrlich gesagt, keine Ahnung…“, antwortete er ehrlich und auch ein wenig nichtssagend, wobei Tim abermals Sissi losschickte und seinen Gesprächspartner dieses Mal sogar mit leichter Falte an der Nasenwurzel anschaute.

„Komm, jetzt werd mal ein bisschen konkreter und lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Warum sitzt du nicht dabei, wenn die sich immer noch die Köpfe einschlagen? Du bist ja wohl nicht nur hier, um Bescheid zu sagen, dass die Bescherung grad immer noch anders ausfällt, als Lilli sie sich wünscht, oder?“, zeigte er offen seine Irritation, bei der Dominik unwillkürlich die Schultern oben hielt. Er merkte gar nicht, wie sehr ihm die Auseinandersetzung in den Knochen saß und selbst jetzt alte Muster in ihm hochholte.

„Doch, eigentlich schon“, gab er daher auch erst einmal nur kleinlaut zu, dass genau das sein Anliegen gewesen war.

„Ich wollte nicht, dass ihr versehentlich da reinplatzt und auch noch was abbekommt. Oder Lilli hört, was da teilweise so geredet wird...“, sagte er und nickte im nächsten Moment, als Tim fragte, ob das etwa alles sei. Und im gleichen Augenblick fragte Dominik sich, ob er schon wieder alles versaubeutelt hatte. Wäre es nicht wichtiger gewesen, gerade ganz woanders zu sein? Lilli und Tim notfalls einfach vorm Haus abzufangen und abzuwimmeln wäre ja auch eine Option gewesen, bei der Frido ihn trotzdem in seiner Nähe gehabt hätte. Aber nein, stattdessen hatte er seinen Mann jetzt so im Stich gelassen… Da hörte er schon förmlich die nun folgenden Vorhaltungen, warum er seinen Mann ausgerechnet jetzt alleine ließ. Aber er hörte sie nur in seinem Kopf, denn Tim verwunderte etwas anderes viel mehr.

„Du weißt aber schon, dass Juli mich angeschrieben hat, oder?“, hob er die Augenbraue und für einen Augenblick war sein Gesichtsausdruck ähnlich fragend wie der, den auch Dominik spazieren trug.

„Angeschrieben?“, verlieh er zudem seinem ungläubigem Starren ein wenig mehr Kontext, während Tim langsam, fast bedächtig nickte und im Gegensatz dazu seine Mundwinkel einen flinken Hüpfer machten.

„Klar. Sonst weiß ich ja nicht, wie lang ich Lilli noch ablenken muss. Sissi mal eben aus der Hose zu lassen dauert ja keine Ewigkeit und sooo sehenswert ist die Nachbarschaft hier nun auch nicht, dass sich ein ausgiebiger Spaziergang lohnt“, ging das Stöckchen wieder auf Reisen, während Dominik unter tiefem Seufzen den Kopf in den Nacken warf. Er kniff die Augen zusammen, rieb sich das Gesicht.

„Natürlich…“, gab er dabei gequält von sich und kam sich gerade wie der größte Vollidiot vor. Natürlich hatten sie im Vorfeld nicht nur besprochen, dass Tim nach ihrem Eintreffen ein kleines Ablenkungsmanöver für Lilli starten würde. Natürlich war für Juli dabei auch ganz selbstverständlich, dass sie ihm kleine Updates schickte, wann immer es ging. Schließlich hätten sie Lilli ansonsten ja direkt mit an den Tisch setzen können! Jeder Depp wäre von alleine darauf gekommen, aber er? Ein leichtes Beben durchzog Dominiks Körper, während er nicht wusste, ob er weinen oder lachen sollte. Aber glücklicherweise ging nur er selbst gerade derart hart mit sich ins Gericht, während Tim da eine etwas andere Sicht auf die Dinge hatte.

„Jetzt mal ehrlich, du bist doch nicht nur von der Rennerei so fertig, oder? Da sind mächtig die Fetzen geflogen, stimmts?“, bemerkte Dominik erst jetzt, wie aufmerksam er beobachtet wurde und versuchte sich an einem Lächeln, während er die Hände sinken ließ, um sie in seinen Manteltaschen zu verstauen. War es so offensichtlich? Vielleicht hätte er zwischendurch mal einen Blick in den Spiegel werfen sollen…

„Ja, Marianne hat die Neuigkeiten nicht gerade positiv aufgenommen…“, versuchte er sich trotzdem möglichst vage zu halten und bekam dafür nur ein belustigtes Schnauben geschenkt.

„Ich kann mir schon vorstellen, wie die wieder zum Schwiegermonster mutiert ist“, antwortete Tim mit einem sarkastisch trockenen Unterton in der Stimme und hob einen Mundwinkel an, als Dominik verlegen zu Boden schaute. Stimmte ja. Nicht zuletzt beim großen Streit um Lilli hatte auch der andere Schwiegersohn live und in Farbe erleben dürfen, wie einige Teile der Familie Klimlau Streit und Zank zu handhaben wussten…

„Sie… kann ein bisschen gemein werden. Das stimmt“, gab Dominik also kleinlaut zu und trug damit erneut zu Tims Belustigung bei.

„Ein bisschen?“, lachte er auf und warf das Stöckchen dieses Mal mit besonders viel Schwung gen Äther.

„Kumpel, es hat nicht nur Gründe, dass wir inzwischen nicht mehr bei meinen Eltern wohnen, sondern auch, dass wir erst recht nicht bei Julis eingezogen sind!“, sagte er dabei und nickte dann zu einer der Bänke rüber. Sollten sie sich vielleicht einen Moment setzen? Dominik wirkte noch immer etwas wackelig auf den Beinen und Tim hatte wenig Lust, ihn auf dem Nachhauseweg Huckepack zu nehmen. Und auch, wenn der Lockenkopf diese Option eher unwahrscheinlich fand, nahm er das Angebot trotzdem gerne an. Genau wie das dargebotene Taschentuch, mit dem er die Sitzfläche der Bank etwas trocknen konnte.

„Du hast alles dabei, was?“, grinste er, während er die neuen Feuchttücher zu einem nahegelegenen Mülleimer brachte und auf seinem Rückweg Sissi bereits wieder an ihm vorbei flitzte. Ihre Ausdauer war wirklich beneidenswert, musste er zugeben, während er sich neben Tim fallen ließ, der noch mit der Beantwortung von Dominiks Frage beschäftigt war.

„Na ja, als Vater eines Kleinkindes und Hundebesitzer?“, hielt er vielsagend den kleinen Rucksack hoch, den er oder Juli eigentlich immer im Schlepp hatten, wenn sie mit ihrem Gespann unterwegs waren.

„Schluck Apfelsaft oder einen überteuerten Keks mit Tiergesicht drauf gefällig?“, schmunzelte er, während Dominik lächelnd ablehnte. Nach Essen war ihm nicht unbedingt zumute, aber die kleinen Blödeleien taten ihm gut, wie er feststellte. Und auch die weitere plötzliche Unterbrechung ihres Gesprächs, das doch eigentlich noch so gar nicht richtig an Fahrt aufgenommen hatte. Denn als Tim Sissi dieses Mal losschickte, fiel Dominiks Blick dabei auf das alte Ehepaar, von dem er sich zuvor den Weg hatte erklären lassen. Und offenbar wussten auch sie von der Abkürzung!

Und mich so durch die Pampa führen!“, dachte er sich dabei im Stillen, aber er sprach es nicht aus. Stattdessen erzählte er Tim kurz, wen er da erblickt hatte und war dann doch selber derjenige, der nicht schlecht staunte, als gleichzeitig wieder er in den Fokus rückte.

„Ah, da ist der junge Mann ja!“, hörte er nämlich plötzlich die Stimme des älteren Herrn und sah, dass er mit seiner Frau scheinbar nicht nur zufällig in seine Richtung kam, sondern gezielt auf ihn zusteuerte. Und dann blieben sie auch noch vor ihm stehen, während Tim Sissi anwies, neben ihm Sitz zu machen.

„Hallo“, grüßte Dominik natürlich und auch sein Schwager nickte den plötzlichen Besuchern zu, die äußerst erfreut wirkten, sie angetroffen zu haben.

„Sie waren grad so schnell weg, dass wir Ihnen die Abkürzung gar nicht mehr zeigen konnten“, sagte der ältere Herr und lachte über den Kommentar seiner Frau, dass er bei seiner Erklärung gleich damit hätte anfangen können. Ja, da hatte sie wohl recht, gestand er ihr zu und freute sich dann lieber, dass Dominiks Suche offenbar ja auch so erfolgreich gewesen war.

„Dann haben Sie ihren Schwager noch gefunden?“, war das Offensichtliche nicht allzu schwer zu erraten und ließ Dominik dennoch perplex zurück.

„Äh… äh, ja!“, antwortete er und überlegte sogar, ob es gerade unhöflich war, dass er sie nicht alle miteinander vorstellte. Doch da wendeten die Beiden sich auch schon mit einem fröhlichen Nicken von ihnen ab.

„Wunderbar! Das ist schön!“, war es scheinbar alles gewesen, was sie hatten hören wollen, ehe sie ihren Weg fortsetzten – fast so, als hätte es diese kurze Unterbrechung nie gegeben. Und so schlenderten sie weiter und plauderten über irgendwas, das kürzlich in der Zeitung gestanden hatte, während Dominiks verdutzter Blick sie noch ein Stückchen begleitete. Und Tims Schmunzeln.

„Mach dir nichts draus. Die beiden sind ein bisschen verschroben, aber sehr nett!“, zwinkerte er seinem Schwager zu, als der seine Aufmerksamkeit zurück zu ihm lenkte und lachte über die Frage, ob Tim sie etwa kenne.

„Klar, das war der frühere Bürgermeister! Den kennt hier in der Gegend jeder!“, wusste der Lockenkopf ihn wirklich gut zu erheitern, wohingegen der nur schulterzuckend und lächelnd antworten konnte. Woher sollte er das denn auch wissen? Er war ja nicht von hier. Aber Tim sah da eine ganz einfache Lösung.

„Ich glaub, Frido muss dir bei Gelegenheit echt mal die Gegend zeigen, was?“, scherzte er und auch, wenn Dominik versuchte, an seinem Ausdruck festzuhalten, fiel es ihm nun offensichtlich nicht mehr ganz so leicht. Denn wer wusste schon, ob es zu so einer Gelegenheit überhaupt noch käme? Was, wenn der Streit wirklich so endete, wie vorhin bereits fast?

Innerlich verscheuchte er diesen Gedanken mit einem Kopfschütteln, während er äußerlich nur nickte und ein leises „Ja“ murmelte, ehe sich für einen Moment die Stille zwischen sie legte. Eingekesselt vom Lachen der Kinder, vom Gespräch eines vorbei joggenden Paares und Sissis bellender Aufforderung, weiter beschäftigt zu werden. Und so, wie Tim ihrem Wunsch nachkam, beendete er auch sein Schweigen wieder.

„Also? Erzählst du mir jetzt, was passiert ist?“, stützte er die Ellenbogen auf die Oberschenkel und drehte den Kopf zu Dominik, der die Hände in den Taschen vergraben hielt, die Beine verschränkt und so zusammengesunken da saß, dass sein Gesicht bis zur Nasenspitze im Kragen seines Mantels versank. Er hob seinen Blick von den dreckigen Spitzen seiner Schuhe und ließ ihn zu Tim wandern, während der geduldig darauf wartete, dass da mehr kam, als die leichte Röte in Dominiks Augen. Dabei war er doch eigentlich gar nicht hier, um Tim jetzt auch noch sein Herz auszuschütten…

„Hat sie dich an die frische Luft gesetzt? Wundern würds mich bei ihr nicht“, äußerte der eine kleine Vermutung, als Dominik immer mehr mit sich haderte und auch, wenn Tims Worte nach erschreckender Selbstverständlichkeit klangen, nickte er doch verstehend, als der Lockenkopf sein Haupt schüttelte.

„Nein, ich bin freiwillig gegangen“, antwortete er, gefangen im Versuch, nicht zu viele Details nach außen zu tragen, obwohl Juli es später sicherlich ohnehin täte und wagte sich dann doch ein wenig mehr aus der Deckung. Und das war nun wirklich kein leichtes Unterfangen! Denn einerseits tat es ihm zwar gut, sich ein bisschen mitteilen zu können, aber andererseits spürte er auch, wie jedes kleine Wort, das seine Kehle verließ, ihm diese auch zugleich weiter zuschnürte. Ganz besonders, als er dann auch noch diese eine Frage stellte, die vielleicht ein zusätzlicher Grund für seine bisherige Zurückhaltung gegenüber Tim gewesen war.

„Sag mal… seid ihr immer noch sauer wegen Lillis Armbruch? Bitte sei ehrlich“

Er schluckte, wischte sich eilig über die Augen und in seinem Ohr hallten Mariannes Worte wider, dass er ständig auf die Tränendrüse drücken würde. Tim aber schaute ihn nur ruhig an. Er griff in seinen Rucksack, gab Dominik noch ein Taschentuch und wartete ab, bis der sich die Nase geschnäuzt hatte.

„Selbst das Thema hat sie wieder auf den Tisch geholt? Wow. Dann war sie aber echt sauer“, sprach er erst danach, ohne auf die Frage als solche einzugehen und ließ unter Dominiks kurzem Nicken auf seine eigene hin den Blick schweifen. Lilli tobte noch immer mit den anderen. Sissi lag inzwischen doch etwas erschöpft neben dem Fuß ihres Herrchens.

„Du kannst mir das ruhig sagen. Bitte…“, schlich sich dabei leise Dominiks Stimme in sein Ohr und als Tim ihn wieder anschaute, atmete er tief durch und betrachtete den Lockenkopf. Ein leichtes Nicken bewegte seinen Kopf, während Dominik ihn noch immer erwartungsvoll beobachtete. Doch Tims Nicken war nicht die Bestätigung von Dominiks Befürchtung.

„Ich sag dir jetzt wirklich mal was“, war es eher die Einleitung zu einer kleinen Ansprache.

„Solange alles nach ihrer Nase geht, ist unsere Schwiegermutter wirklich ein netter Mensch. Das mein ich ganz ehrlich. Du kannst auch quasi jeden Gefallen von ihr kriegen! Aber eine Sache solltest du dir merken, Dominik…“, lehnte er sich etwas zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, während der Lockenkopf ihm mit seinem Blick folgte.

„Sobald ihr irgendwas quer kommt, ist sie nicht mehr nett. Dann ist sie gemein, gehässig und kennt auch keine Verwandten mehr! Und vor allem sind bei ihr im Zweifelsfall immer die Schwiegersöhne die Schuldigen! Also zieh dir das nicht so an, wenn sie irgendwas Fieses zu dir sagt! Die hat längst gemerkt, dass sie dich damit kriegt!“, schaute er seinen Schwager eindringlich an und auch, wenn der nickte, entlockte er Tim doch nur ein leises Seufzen damit.

„Es hat keiner gesagt, dass du das von heut auf morgen können musst, aber auf Dauer solltest du es lernen“, sagte er also beschwichtigend in die offensichtliche Unsicherheit hinein und lächelte, als das Nicken dieses Mal überzeugender ausfiel.

„Danke“, murmelte Dominik dabei, während er an seinem Taschentuch herumnestelte und es dann doch noch mal benutzte. Jetzt vielleicht einen tierisch teuren Keks?

Der Lockenkopf schmunzelte und nahm das Angebot dieses Mal an. Doch mit der schokoladig riechenden Tüte schob sich auch noch etwas anderes an ihn heran.

„Hey…“, begann Tim nun überraschend zurückhaltend, fast beschämt, während er sich selber Zeit damit sicherte, erst die Tüte zurück im Rucksack zu verstauen, ehe er weitersprach.

„Versteh mich nicht falsch… Ich will dich bestimmt nicht wegscheuchen, aber…“, setzte er von neuem an, offensichtlich unsicher, wie er seine Worte am besten formulieren sollte und doch konnte Dominik auch so schon erahnten, worauf er hinaus wollte.

„Es kommt nicht so gut, wenn wir versuchen, den ganzen Ärger von Lilli weg zu halten und ich dann trotzdem heulend hier sitze, stimmts?“, nahm er Tim also die Last, es aussprechen zu müssen und ein gemeinsames Nicken einte sie.

Ja“, dachte der Lockenkopf und schob das Taschentuch in seine Hosentasche, während er sich erhob. Sonderlich hilfreich war seine Außenwirkung in dieser Situation wirklich nicht. Und ohnehin wurde es eh Zeit, dass er endlich zurückkehrte – ganz gleich, ob er dann vor der Tür warten würde oder ins Haus marschieren musste, um es gemeinsam mit Frido wieder zu verlassen.

5.4.2025: knospen

Er lief. Bewusst hatte er sich dieses Mal dagegen entschieden, wie ein Irrer loszurennen und die rund zwanzigminütige Strecke in unter der Hälfte der Zeit hinter sich zu bringen – auch, wenn eigentlich alles in ihm danach schrie. Aber was hatte es ihm beim letzten Mal gebracht, so kopflos durch die Gegend zu hetzen? Genau…

Also hielt er dieses Mal wirklich an dem fest, was er schon ursprünglich vorgehabt hatte: Einen Spaziergang machen und dabei versuchen, die Gedanken etwas sortiert zu bekommen. Auch, wenn sein Schlendern dabei eher einem strammen Marsch glich…

Und doch hatte er das Gefühl, dass dieses neue Tempo etwas mit ihm machte. Vielleicht auch, weil er sich zuvor so ausgepowert hatte und obendrein noch die Unterhaltung mit Tim hinzugekommen war. Aber letztlich war es ja egal, warum genau sein chaotischer Kopf allmählich zur Ruhe fand. Die Hauptsache war, dass er es tat! Dass er ihm erlaubte, die Gedanken nicht mehr vorbeirasen zu sehen, sondern sie auch fassen zu können, sie bewerten zu können. Sich zu hinterfragen, ob das, was er fühlte und dachte, wirklich real war, sinnvoll und bestenfalls sogar hilfreich, anstatt sich nur wieder blind seinen Zweifeln und Gefühlen hinzugeben. Allem voran der Tatsache, dass Frido ihn nicht geheiratet hätte, wenn er nicht gut für ihn wäre…

Sein Mann liebte ihn und das sicherlich nicht nur, weil Dominik einen ansprechenden Hintern oder schönes Haar besaß. Nein! Sie hatten beide hart dafür gekämpft, um an den Punkt zu gelangen, an dem sie nun standen und das konnte ihnen keiner so einfach nehmen! Und Marianne? Aus der hatte vor allem die Enttäuschung gesprochen, konnte Dominik sich nun sagen und allmählich sogar selber glauben.

Sie war wütend über die Zurückweisung gewesen, über die verletzten Gefühle, hatte sich von ihnen mitreißen lassen, wie so ziemlich jeder in diesem Wohnzimmer und hatte dabei schlichtweg ihren eigenen Weg, mit diesen Emotionen umzugehen. Und das war ihr Problem, entschied Dominik. Es hatte nichts mit ihm zu tun. Zumindest nicht alles, sagte er sich, während er unbewusst ein Steinchen beiseite trat und das Plätschern seines Schuhs in der kleinen Pfütze mehr sah, als dass er es hörte oder fühlte. Nass waren seine Treter ja ohnehin schon. Vielleicht sollte er sich für den Winter wirklich mal anderes Schuhwerk als nur Chucks zulegen…

Ja, auch er war sicherlich nicht frei von Fehlern, dachte er, während er kurz anhielt, um ein vorbeifahrendes Auto durchzulassen, ehe er die Straßenseite wechselte und dann wieder mehr in seinen Gedanken versank.

Wahrscheinlich hätte er mit Frido wirklich nach einem anderen Weg zur Lösung ihres Problems suchen können, gab er leise zu und auch, dass Marianne diesen Punkt durchaus kritisieren durfte. Und trotzdem machte es die Schlüsse, die sie über ihren neuen Schwiegersohn zog, dadurch nicht automatisch besser oder richtiger. Und generell war ja auch nicht alles schwarz und weiß! Weder in ihrer Familie, noch in seiner. Denn auch bei den früheren Streitigkeiten im Hause Preuss hatte er nicht an allem allein die Schuld getragen. Auch da waren einfach viele verschiedene Emotionen und Ansichten aufeinandergeprallt, genau so, wie im Gespräch mit Marianne. Und generell war Kommunikation ja auch etwas sehr Individuelles und Subjektives. Auch das durfte man nicht vergessen!

Er atmete tief durch und schaute den kleinen Wölkchen dabei zu, wie sie aus seiner Nase gen Himmel zogen. Und dabei dachte er sich, dass er genauso wenig ein schlechter war, wie seine Schwiegermutter und dass sie einfach beide ihre Stärken und Schwächen hatten – mit der Möglichkeit, besonders an letzterem auch zu arbeiten, so sie es denn wollten.

„Ja…“, murmelte er bei dieser Überlegung und nickte sich selber für diese Erkenntnis zu. Genau so und nicht anders war es. Und vielleicht würde diese Idee irgendwann sogar sein Herz erreichen, wenn sie es zumindest schon mal in seinen Verstand geschafft hatte.

Denn das war generell noch immer mitunter so eine Sache bei ihm, fiel ihm jetzt wieder auf, während sein Blick zu einer jungen Frau glitt, die ihm mit ihrem Hündchen entgegen kam. Mitunter brauchte es dann doch noch einiges an Überzeugungsarbeit, damit er Dinge wirklich verinnerlichen konnte, genauso, wie es eben doch noch immer Situationen gab, die ihn mitunter kräftig durchschüttelten und aus der Bahn warfen. Eine Therapie war eben auch kein Allheilmittel, das alle Probleme hinfort zauberte, sondern eine Unterstützung, um sie selber besser bewältigen zu können. Auch, wenn er sich in Momenten wie diesen wünschte, dass es anders wäre…

Und dann blieb er stehen, kniff die Augen zusammen und wiegte den Kopf im Versuch, sich ein wenig Erleichterung zu schaffen.

„Ganz ruhig. Nicht wieder die falsche Abzweigung nehmen…“, murmelte er dabei zu sich und tat einen weiteren tiefen Atemzug, der ihm zwar nicht die gewünschte Leichtigkeit einbrachte, aber trotzdem angenehm war. Und auch das leistete doch schon gute Dienste, oder? Und genau so war es mit der Musik! Da musste er nun ja fast schon über sich selber schmunzeln, dass er sich ohne seine Stöpsel in den Ohren von Lilli und Tim verabschiedet hatte und es erst jetzt bemerkte!

Also holte er seinen alten Kumpanen eilig wieder aus der Hosentasche, verzog ein wenig das Gesicht, als er sah, dass sich die Kabel der Kopfhörer zu einem Wirrwarr verdreht hatten und lief ein wenig langsamer weiter, während er sie auseinander zuppelte. Fast schon meditativ war der kleine Ausflug ins Makramee und für einen kurzen Augenblick nahm er sogar nur noch seine Umgebung wahr, als er die beiden Ohrverschönerungen endlich an ihren vorbestimmten Platz bringen konnte.

Auf die Häuser und Grundstücke hatte er zuvor gar nicht geachtet gehabt und stellte entgegen Tims Einschätzung nun schnell fest, dass es für ihn durchaus einige sehenswerte Fleckchen gab. Eigentlich doch interessant, wie unterschiedlich die Gebäude mitunter gestaltet waren und ihre Gärten erst recht, nicht wahr? Mit dem Lineal gezogen die einen, verwildert die anderen und viele ein Mittelding zwischen diesen beiden Extremen. Staudenbeete glänzten in dem einen Garten und ließen erahnen, wie blütenprächtig sie in einigen Wochen oder Monaten wieder aussehen würden, während im anderen Garten der Rasen die Oberhand hatte. Hier standen kleine Gewächshäuser oder Hochbeete, dort Sträucher, die ihren letzten Schnitt noch nicht allzu lange hinter sich hatten. Und dann die Obstbäume erst, die in fast jedem Garten auf kleine oder ausladende Weise irgendwie vorhanden waren. Egal, ob ein Pfirsichbäumchen im Topf, das gerade großzügig gegen die Kälte eingepackt war, Säulenobst am Haus entlang oder der große Kirschbaum, der mittig im Garten thronte, als wäre der heimliche Gebieter über allem. Noch ohne jedes Blatt im Moment und doch schon mit Vorboten auf die bald prächtigen Blüten in weiß oder rosa.

Barbaratag“, schoss es Dominik da durch den Kopf und er dachte an den Brauch zu Anfang Dezember, bestimmte Zweige ins Wasser zu stellen, in der Hoffnung, dass ihre Knospen zu Weihnachten erblüht wären. So, wie auch die Exemplare in der Vase von Mutter Marianne. Mittig drapiert auf dem Wohnzimmertisch, mit Stolz präsentiert und zugleich der stille Beobachter gewesen, als Dominik diese Notiz angefertigt hatte.

Er hielt inne. Die Zweige im Garten neben ihm verschwammen vor seinem Auge und wurden zu denen in Mariannes Wohnzimmer, waren wieder schmückendes Beiwerk des Streits, untermalt von Beschimpfungen, dem dudelnden Radio und Dominiks Kurzschlussreaktion. In jenem Moment hatte er sie ja noch für eine gute Idee gehalten, aber jetzt? Was, wenn Marianne seine Eltern wirklich anrufen und damit am Ende noch mehr Ärger vom Zaun brechen würde? Wenn er nun auch noch erneute Streitigkeiten in seiner eigenen Familie provoziert hatte? Wenn die vorsichtig gekitteten Risse zwischen ihnen doch wieder aufreißen würden?

Er schluckte und tat es noch einmal, während er spürte, wie sein Puls an Geschwindigkeit zunahm. Lag Marianne vielleicht doch richtig damit, wenn sie sagte, dass er die Konstante in alledem war?

Dominik schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Das, was sich hier gerade anbahnte, war alles andere als hilfreich oder sinnvoll! Das ging nur wieder in die völlig falsche Richtung!

Also warf er endlich die Musik an, pegelte sie lauter und lauter und gab sich ihr hin, auch, wenn er sie im Moment noch nicht fühlte. Aber irgendwann würde er es! Er musste nur lange genug an ihr festhalten! Sich auf sie einlassen! Mitsingen, wenn auch nur im Geiste, oder vielleicht auch einfach ein paar beschwingtere Bewegungen in seine Schritte bringen! Und wie passend! Da kam auch schon ein Lied, das seinen heutigen Tag nur allzu gut zusammenfasste: Die Welt war schlecht und alle hassten ihn.

Manchmal musste es eben ein Trick 17 sein! Selbst, wenn er nur dazu diente, sich von seiner Melodie zu unterschiedlich schnellen Schritten verleiten zu lassen, zu kurzem Stoppen, dann wieder Weiterlaufen, einem kleinen Satz nach links und einem nach rechts. Tanzen für Leute, die mit Tanzen nicht viel am Hut hatten! Aber wen juckte das schon? Es zählte doch nur, dass die Musik ihre Wirkung nicht verfehlte! Ihm immer mehr ins Blut ging, er begann zu nicken und zu wippen – das Leben konnte so herrlich sein!

Er bewegte die Lippen, traute sich nicht zu singen, aber die Arme hoch zu reißen am imaginären Schlagzeug. Er ließ sich gehen, kniff die Augen einen Moment zusammen – und wäre im nächsten wahrscheinlich kreischend auf Fridos Arm gesprungen, wenn der neben ihm gestanden hätte. Stattdessen musste es der angrenzende Zaun tun, als ein Hupen ihn jäh aus seiner Darbietung riss.

„Scheiße! Was zum…!“, zog er sich die Kopfhörer runter und starrte zu dem Wagen neben sich, wobei er noch immer an das kühle Metallgeflecht gedrückt stand. Und während ihm im ersten Augenblick die Frage durch den Kopf schoss, woher dieser Idiot so plötzlich gekommen war, überlegte er im nächsten, ob der verfluchte Zaun zu seiner Rechten nicht ein bisschen durchlässiger hätte sein können. Nur so viel, um ihn unauffällig mit dem dicken Buchsbaum dahinter verschmelzen zu lassen. Oder besser noch mit dem Weihnachtsstern auf dem Fenstersims im angrenzenden Haus, der so vorzüglich zu seiner neuen Gesichtsfarbe passte – ganz besonders, als er das Schmunzeln des Fahrers sah und das kichernde Lächeln seiner freudig winkenden Beifahrerin. Blieb ihm heute denn gar nichts erspart?

„Hi…“, hob er also stockend die Hand, als ihm alles stille Flehen und Bitten kein plötzliches Loch unter die Füße zauberte und er einsehen musste, dass es kein elegantes Entrinnen gab. Er quälte sich durch ein Grinsen, das eher nach einem Schlaganfall aussah und seufzte wimmernd aus, als der Fahrer nun auch noch bedeutete, dass der Lockenkopf ihm unauffällig folgen sollte.

Klar, was auch sonst? Wo wäre er denn da hingekommen, wenn diese Peinlichkeit einfach mal an ihm vorbeigezogen wäre, anstatt noch weitere Kreise zu ziehen? Zumal Dominik ja auch ganz genau wusste, dass der Wagen zwei Häuser weiter in die Einfahrt gehörte.

Hätte er nur mal früher daran gedacht oder auch dran, dass ein gewisser Arzt immer erst deutlich gegen Nachmittag beim Weihnachtsbesuch erschien! Damit er bloß nicht Gefahr liefe, womöglich doch noch auf seine ach so verhasste Schwägerin zu treffen, falls die sich mal etwas später auf den Weg zu ihrer eigenen Reise begäbe! Probleme konnte man haben…

Also trottete der Lockenkopf murrend wieder los, fragte sich im Stillen, ob er für den heutigen Tag denn nicht schon genug Schmach erlitten hatte und schaute dabei zu, wie Ernest ein bisschen aufs Gaspedal drückte. Jetzt musste er ja schließlich nicht mehr unbemerkt im Schritttempo neben dem Luftikus herfahren, sondern konnte beweisen, wie geschmeidig sich sein hübsches Auto über die Straße schob. Der Mercedes war es heute. Deutlich moderner in seiner Ausführung, als Fridos es war, dazu frisch gewaschen und poliert, in edlem Schwarz gehalten und vor allem jenes Auto aus Ernests kleinem Fuhrpark, das über fünf Sitze verfügte. Denn je nach Ausgang der Umstände würde der Porsche für die Rückfahrt vielleicht nicht mehr ausreichen… Und Dominik konnte sich schon denken, dass der Arzt genau darauf zu sprechen kommen wollte. Aber natürlich nicht, ohne vorher noch ein kleines Witzchen auf Kosten des Lockenkopfs zu machen.

„Das war ja wirklich eine bezaubernde Tanzdarbietung, mein lieber Dominik! Probst du für den Nussknacker?“, begrüßte er ihn darum auch sogleich freudig säuselnd auf dem Grundstück seiner Eltern, als er aus dem Wagen sprang und sich am Kofferraum zu schaffen machte, um seiner Klara die Taschen mit den Geschenken zu geben. Das erste gemeinsame Weihnachten mit seinen Eltern und ihr und überhaupt das erste gemeinsame Treffen! Kein Wunder, dass Ernest dabei ein wenig Ablenkung gut gebrauchen konnte! Wenn sie nur nicht auf Dominiks Kosten gegangen wäre…

„Frohe Weihnachten“, murrte der also im Versuch, das Gehörte einfach zu ignorieren, während Klara den Gruß voller Ehrlichkeit erwiderte und Ernest einen kleinen mahnenden Knuff auf den Oberarm verpasste, weil er aufhören sollte, seinen Freund zu ärgern. Schließlich hatten sie Weihnachten und sie zumindest am Rande mitbekommen, dass stille Nacht, heilige Nacht dieses Mal für Dominik eventuell etwas ungemütlich enden konnte. Und natürlich tat ihr geliebter Ernest, wie ihm geheißen.

„Selbstverständlich, Liebes! Ich hab mich nur gefragt, ob unser sterbender Schwan hier allein durch die Gegend tapert, weil er schon auf seine Mitfahrgelegenheit wartet“, gab er sich zumindest redlich Mühe, das Grinsen nicht zu präsent werden zu lassen, während er sicherlich mit Zufriedenheit feststellte, dass auch seine Klara sich trotz ihres Tadels ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Na, herzlichen Dank auch!

„Schon gut, ich hab mir eh grad überlegt, dass ich lieber laufe!“, langte es dem Lockenkopf an diesem Punkt nun allmählich und er wünschte noch frohes Fest. Doch als er sich wegdrehte, um wieder seiner Wege zu gehen, hielt Ernest ihn davon ab. Denn auch, wenn er nur Dominiks Namen sagte, lag dieses Mal ein deutlich anderer Tonfall in seiner Stimme und auch die Züge des Arztes hatten gänzlich andere Muster angenommen, als Dominik ihn wieder anschaute.

Noch ein wenig skeptisch schaute der eine, während ihm ein beinahe schon entschuldigender Blick entgegen gebracht wurde.

„Na komm, raus damit“, sagte Ernest nun regelrecht fürsorglich, wobei er wärmend und schützend den Arm um seine Begleiterin legte. Es war nicht unbedingt das gemütlichste Plätzchen für ein Pläuschchen, aber viel bessere Alternativen hatten sie gerade ja nicht unbedingt. Zumindest konnte er sich schon denken, wie erpicht Dominik darauf gewesen wäre, das Gespräch im für ihn völlig fremden Elternhaus fortzusetzen.

„Warum läufst du hier alleine rum und wo ist Frido?“, erkundigte Ernest sich also zwischen Auto und Abstellfläche für die Mülltonen und das Trotzige in Dominiks Blick wich einer anderen Art der Ernsthaftigkeit. Er schaute die Straße entlang in die Richtung, die er eigentlich ansteuerte und zuckte dann unter tiefem Seufzen die Schultern.

„Es hat ziemlich geknallt und damits nicht noch mehr eskaliert, hab ich gesagt, dass ich mich erst mal rausziehe. Und jetzt wart ich drauf, dass er sich endlich meldet, wie es ausgegangen ist… oder eher gesagt: Ich will grad gucken, wie der Stand der Dinge ist und ob Frido meine Hilfe braucht, falls sie sich wieder die Köpfe einschlagen“, verzog er unwillig das Gesicht und spürte, wie Trockenheit seine Kehle flutete, während sich diese Worte ihren Weg bahnten. Seine Lippe begann zu zittern, als er wieder die Straße entlang schaute und plötzlich war da diese Wut auf sich selbst, weil er Frido einfach allein gelassen hatte.

„Scheiße!“, zischte er und schüttelte eilig den Kopf, als Ernest wissen wollte, was los sei. Woher der plötzliche Stimmungswechsel, verriet nicht nur sein fragender Blick, sondern auch Klaras. Aber Dominik sah keine Zeit für Erklärungen.

„Wir reden später drüber, okay? Ich lass Frido schon viel zu lang warten!“, waren seine vorherigen guten Vorsätze über ein bedachtes Vorgehen mit einem Mal über Bord geschmissen und unter einem gehetzten „Frohes Fest!“ rannte er los. Noch einmal rief Ernest ihm dabei zwar hinterher, aber dieses Mal hielt er davon nicht mehr an. Stattdessen hämmerte es ihm durch den Kopf, dass er nie hätte weggehen dürfen und im nächsten Moment auch im gleichen pressenden Takt sein Herz gegen die Rippen, als seine Tasche plötzlich zu vibrieren begann.

„Frido!“, geriet er dabei fast ins Stolpern, holte eilig das Handy hervor und spürte nochmals dieses starke Klopfen in seiner Brust, als tatsächlich der Name des Dozenten auf dem Display erschien.

Endlich!“, schoss es ihm durch den Kopf und mit einem energischen „Ja?!“ hastete er dem Anruf regelrecht entgegen. Nicht einen Mucks oder Atemzug gab er von sich, während er die Augen aufriss und gebannt auf das lauschte, was von der anderen Seite der Leitung her zu hören war.

Wo steckst du?“, fiel es nicht allzu üppig aus und doch reichte es, damit er sein Straucheln sofort wieder in ein Rennen verwandelte.

„Ich bin sofort da!“, rief er noch währenddessen und auch, wenn Frido mit einem „Okay. Mach ruhig“ darauf antwortete, verlangsamte Dominik seinen Schritt nicht, sondern tat eher das Gegenteil.

Viel zu erschöpft und abgekämpft hatte sein Mann schließlich geklungen, um jetzt noch entspannt daher zu schlendern! Und selbst, wenn das Telefonat längst schon wieder beendet war, hielt er das Handy solange ans Ohr gepresst, bis er das Haus seiner Schwiegereltern entdeckte und Frido in dessen Einfahrt. Erst da stoppte Dominik tatsächlich einen kurzen Augenblick ab, den Blick starr auf seinen Mann gerichtet, während sich alles in ihm dabei zusammen zog.

Wie ausgebrannt er wirkte! Noch viel mehr, als er aus seiner Stimme bereits hatte herauslesen können! Völlig energielos stand er da, den Kopf in den Nacken gelegt, das Gesicht hinter den Händen verborgen. Er rieb sie darüber, zerknautschte die stoppelige Haut und weitete die Brust dabei so sehr, dass Dominik es sogar aus einigen Metern Entfernung deutlich erkennen konnte. Dann das tiefe Seufzen, die Hände sanken wieder hinab. Schwer, kraftlos. Genau wie der Kopf, der nun nach vorne sackte, um mehr Raum dafür zu schaffen, sich Schultern und Nacken zu massieren. Und all das, während er noch immer auf seinen Lockenkopf wartete, dem bereits beim letzten Endspurt die Tränen in die Augen schossen, genau wie er um die Ecke zur Einfahrt, ehe er sich mit einem lauten „Frido!“ um dessen Hals warf.

Er klammerte sich an ihn, drückte das Gesicht an seine Schulter, atmete seinen Duft tief ein und spürte dabei, wie Fridos Hände seinen Rücken fassten. Und ihm ein leises Lachen ins Ohr schlich.

„Hey, Vorsichtig, du schmeißt mich noch um“, hörte er dabei auch das Murmeln des Älteren. Müde und doch liebevoll, während er sich zunehmend an den Lockenkopf schmiegte. Eine Innigkeit wie ein Lächeln und doch nicht im Geringsten für den Jüngeren beruhigend. Ganz im Gegenteil.

„Es tut mir so leid!“, schluchzte er und löste sich ausreichend weit, dass seine Hände nach vorne wandern und sich an Fridos Wangen legen konnten. Doch der entgegnete ihm mit einem irritierten Blick und sogar mit einem leichten Schmunzeln.

„Was redest du denn da? Was tut dir leid?“, sprach er sanft, während Dominik das Gefühl hatte, dass ihm das Herz aus der Brust gerissen wurde. Frido musste es gerade furchtbar gehen und trotzdem redete er so liebevoll mit ihm und strich ihm tröstend über den Rücken? Das hatte er einfach nicht verdient…

„Dass ich dich im Stich gelassen hab! Und wenn du jetzt hier draußen stehst, dann heißt das doch…“

Der Lockenkopf brach ab und noch stärker in Tränen aus. Er hätte nicht gehen dürfen! Er hätte bleiben und weiter auf Marianne einreden müssen! So lange, bis er endlich die richtigen Worte gefunden hätte! Eine schöne Unterstützung war er gewesen!

Aber während Frido das Gehörte kurz auf sich wirken ließ, begann er den Kopf zu schütteln und forderte Dominik schließlich auf, ihn anzusehen.

„Kann es sein, dass du dich grad wieder in was verrennst?“, sagte er ruhig und doch bestimmt, als der Lockenkopf seinem Wunsch nachkam und hob drängend die Augenbrauen. Jetzt erst mal schön tief durchatmen und sich ein bisschen beruhigen! Und dann lächelte Frido und strich seinem Mann ein paar Locken hinters Ohr, während ihn ein erneutes Kopfschütteln dabei begleitete.

„Du hast mich nicht im Stich gelassen. Ganz im Gegenteil“, sprach er dann eindringlich und doch liebevoll, wobei er ganz genau beobachtete, was sich in Dominiks Gesicht spiegelte.

„Es war genau richtig, dass du uns den Impuls gegeben hast, noch mal in Ruhe miteinander zu sprechen. Und es war auf jeden Fall gut, dass du nicht anwesend warst. So konnte meine Mutter dich gar nicht erst wieder als persönliche Angriffsfläche nehmen. Sie musste sich dieses Mal ganz auf mich konzentrieren“, klangen seine Worte warm und er strich erneut über Dominiks Wange, während der ihn ungläubig anschaute. Erst recht, als Frido obendrein zugab, dass es auch für ihn die Sache erleichtert hatte.

„Ich hab ja gesehen, was das vorhin mit dir angerichtet hat und dieses Mal musste ich mir wenigstens keine Sorgen machen, dass da irgendwas fallen könnte, das dich verletzt. Und… das hat mir auch geholfen, die Situation besser gehändelt zu bekommen. Obwohl ich mir zwischendurch auch ein paar Gedanken gemacht hab, ob du irgendwelche Dummheiten anstellst“, gestand er ein, obzwar ihm auch die Unsicherheit darüber anzusehen war, was diese Worte wohl in seinem Lockenkopf auslösten. Doch auch, wenn dem ein schiefes Grinsen übers Gesicht huschte, als er an die Art Dummheiten dachte, die er fabriziert hatte, zählte etwas anderes gerade viel mehr.

„Heißt das etwa…?“, wagte er dabei gar nicht, seine Frage zu stellen und schaute doch voller Unglaube, als Frido wieder begann zu lächeln.

„Dass ich grad nach dem vielen Gerede einfach nur mal ein paar Minuten frische Luft brauchte und dass es heute Abend statt chicer Edelkarosse wohl leider nur wieder krumme Kinderlieder gibt“, wurde daraus ein Grinsen und schließlich ein Lachen, als Dominik ihm wieder um den Hals fiel.

Da hatte sich jemand mal wieder viel zu sehr seinen hübschen Kopf zerbrochen, konnte das sein? Also gab Frido sich gar nicht damit ab, an die eigenen Grübeleien und Ankündigungen zu denken, die er im Vorfeld so getan hatte und hielt seinen Schatz lieber erst einmal nur fest. Seicht wiegte er sie beide und ließ ihnen gleichermaßen einen Augenblick, um Luft zu holen und die Geschehnisse sacken zu lassen. Später, entschied er und kraulte dabei Dominiks Rücken, später würde er in allen Details auf das zurückliegende Gespräch eingehen. Ihm von all den Strapazen erzählen, die es mit sich gebracht hatte. Die Emotionen, die natürlich auch darin eingeflossen und dieses Mal doch mit mehr Abstand gehandhabt worden waren. Sitzend am Tisch, statt stehenderweise im Raum verteilt. Nicht nur mit Anschuldigungen, sondern auch mit Nachfragen. Mit dem Versuch, einander zuzuhören, anstatt einander nur von der eigenen Meinung überzeugen zu wollen. Nicht in allen Punkten auf einen Nenner gekommen und doch wenigstens in der Einigkeit auseinander gegangen, dass man sich uneins war – aber sich trotzdem damit arrangieren konnte, so man es denn wirklich wollte.

„Mutter und ich haben uns übrigens darauf geeinigt, dass sie sich schön aus den Hochzeitsvorbereitungen raushält, wenn sie nicht von der Gästeliste fliegen will“, war beispielsweise eines dieser Ergebnisse, das Frido wieder zum grinsen brachte, als Dominik sich etwas von ihm löste, um ihm einen überraschten Blick zu schenken. Und erst recht sorgten die eigenen Worte für ein Lachen, als sie von anderer Stelle einen satten Rüffel mit sich zogen.

„Du sollst nicht immer Mutter sagen!“, war jedoch Stein des Anstoßes für Marianne Klimlau, die vielleicht schon etwas länger in der Haustür gestanden hatte, aber erst jetzt von den beiden bemerkt wurde. Und wie aus Reflex nahm Dominik sofort seine Hände von Frido und wollte anstandshalber auf Abstand gehen, aber sein Mann ließ es nicht zu. Er hielt ihn einfach bei sich, während seine Mutter nun sogar beschämt wirkte ob der Reaktion, die ihr Erscheinen in ihrem Schwiegersohn auslöste. Bedauernd wirkte sie und wie ein vorsichtiger Versuch, ihn nicht noch weiter fortzujagen ihre Hand, die sich zögerlich hob und die beiden mit winkender Geste einlud.

„Wollt ihr nicht reinkommen? Es ist kalt und… du warst jetzt ja die ganze Zeit draußen“, richteten sich ihre Worte dabei vor allem Dominik und während der noch immer unsicher schien, konnte Frido bereits wieder die Selbstsicherheit in Person sein.

„Und sonst?“, legte er keinerlei Zweifel in seinen Ton und seine Körpersprache. Es gab da schließlich etwas ganz Bestimmtes, das er noch hören wollte und darauf würde er sicherlich auch bestehen! Selbst, wenn seine Mutter dabei vielleicht mit den Zähnen knirschte!

Und ein bisschen tat sie das tatsächlich. Nur allzu offensichtlich sah man ihr an, dass sie sich ein wenig von ihrem Sohn vorgeführt fühlte und zwang sich dennoch zu den Worten, die es noch auszusprechen galt – so, dass auch Dominik sie dieses Mal hören konnte.

„Und… ich würde mich gerne bei meinem Schwiegersohn entschuldigen“, gestand sie also ein, noch immer ein wenig beschämt, da ihr dieser Teil einer Auseinandersetzung bekanntermaßen am schwersten fiel. Und dass sie damit am liebsten diesen Tagesordnungspunkt abgehakt gesehen hätte, war ebenfalls nur allzu offensichtlich! Schließlich zeigte sie sich schon regelrecht unangenehm berührt, als Dominik sie ungläubig anstarrte und wurde ein wenig ungeduldig, weil er nicht sogleich freudestrahlend auf sie zugerannt kam. Aber dem Fass den Boden schlug dann wohl doch ihr Sohn aus!

Nichts geringeres als „Oh, hast du den Zacken gehört, der da gerade aus ihrer Krone gebrochen ist?“ tuschelte er seinem Liebsten da nämlich zu, einerseits murmelnd und andererseits doch laut genug, damit auch Marianne es hören konnte, während ihn ein schlitzohriges Grinsen begleitete. Eisig wurde ihr Blick und beschämt das Lächeln des Lockenkopfes, als der endlich aus seiner verdutzten Starre herausfand.

„Hör schon auf“, murmelte er dem Dozenten dabei zu. Darauf bedacht, dass es nicht gleich wieder im Zank endete und doch war der Schabernack ja längst aufgefallen. Doch auch, wenn Marianne die Unterkühlung noch immer ein wenig anzusehen war, schluckte sie sie dieses Mal hinunter.

„Nun kommt endlich rein!“, schnaubte sie stattdessen hoch erhobenen Hauptes und betrat den Flur, schnurstracks dem Wohnzimmer entgegen und im fliegenden Wechsel mit Juli, die nun an der Haustür erschien. Denn schließlich fehlten ihre drei Rabauken ja auch noch und durften jeden Moment um die Ecke biegen! Aber bis dahin nutzte auch sie liebend gern die kleine Pause zum Verschnaufen – ähnlich erschöpft wie Frido, aber auch ähnlich zufrieden wie er. Und dann drehte sie sich lachend zu ihrem Vater, als der anfing, die verlorenen Schäfchen auf seine Weise zurück in die wohlig wärme Krippe zu locken. Denn was läutete ein gemeinsames Weihnachtsfest wohl schöner ein, als die lieblich krumme Interpretation von Ihr Kinderlein kommet?

6.4.2025: hopsasa

Mit Nässe und Kälte war der Frühling gekommen, zu einem feuchtwarmen Sommer voller Mücken übergegangen, abgelöst von einem goldenen Herbst, der bewies, dass es noch so etwas wie Sonne gab und das Jahr hatte schließlich mit einem launenhaften Winter geendet. Eisig und klirrend an einigen Tagen, matschig an anderen und manchmal gezuckert von Schneeflocken.

Ein ganzes Jahr, sogar noch ein paar Monate mehr, und trotzdem war es wie ein Fingerschnippen vorbei gewesen, um Platz für diesen einen Tag zu machen.

Ein Tag im Mai, von langer Hand geplant und doch in jeder Sekunde von der vagen Überlegung begleitet, ob auch wirklich nichts vergessen worden war. Ob alles nach ihren Vorstellungen laufen würde, glatt über die Bühne ging. Unvergesslich und voller schöner Erinnerungen. Ein Fest für sie und all die Menschen, die sie an diesem Tag bei sich haben wollten.

Ein Tag, an dem vor einer guten Woche noch wechselhaftes Wetter und Regen angesagt gewesen waren und an dem nun doch die Sonne alles mit ihren Strahlen bedeckte. Angesteckt davon schienen auch die Vögel noch ein bisschen lauter zu singen. Bunt durcheinander und doch wie im Chor, während sie sich in den Bäumen und Sträuchern tummelten, deren Äste und Zweige eine leichte Brise wiegte. Das Rauschen der Blätter mischte sich in den Gesang und ein satter grüner Teppich reichte in den unterschiedlichsten Nuancen und Höhen soweit das Auge sehen konnte. Hier als Baumkrone, hoch und mächtig, dort als Wiese, zart und ebenmäßig. Und dazwischen die unzähligen bunten Farbtupfer auf den Beeten und innerhalb der Rasenflächen, die sich an den weißen Kieswegen entlangschlängelten. Es war die reinste Idylle und Symphonie – und trotzdem gab es diesen Einen, der sie kaum wahr nahm, während seine nervösen Schritte den Kies unter seinen Füßen knirschen ließen. Viel zu gefangen war er in seinen Gedanken…

„Friedrich!“, musste es da erst energisch ertönen, damit er den Blick vom Boden hob und seinem Begleiter mit einem „Hm?“ etwas Aufmerksamkeit schenkte. Und obwohl dem ein Seufzen zwischen die Lippen glitt, zeichneten sie auch ein leises Schmunzeln.

„Ich hatte gefragt, ob das heutige Wetter nicht die reinste Wonne ist! Immerhin hast du mir vor drei Tagen noch damit in den Ohren gelegen, dass das Fest wortwörtlich ins Wasser fallen könnte!“, verschaffte sich sein Trauzeuge nun etwas mehr Gehör und schnaubte belustigt, als der Dozent mit fahrigem Nicken und schwachem „Ja, stimmt…“ darauf antwortete. Diese Euphorie war ja wirklich bemerkenswert! Dabei hatten sie bereits das Trauzimmer und den angrenzenden Festsaal inspiziert und alles für gut befunden. Auch die Mitarbeiter des Hotels waren längst auf das herannahende Ereignis eingestimmt. Routiniert, konzentriert und zuverlässig hatten sie gewirkt – nicht, dass Ernest nebenher auch mal hatte fallen lassen, woher er ihre Wirkungsstätte ursprünglich kannte, um noch einmal gesondert hervorzuheben, dass ein reibungsfreier Ablauf mehr als wünschenswert war. So was wäre ihm selbstredend nie in den Sinn gekommen, nein!

Auch konnte man sich nicht über eine mangelnde Pünktlichkeit der Gäste beschweren, besonders bei denjenigen, die bereits am Vortag angereist waren. Und gerade über die hatte Frido sich ganz besonders gefreut! Denn schließlich sah er sie nicht allzu oft und das galt für seine Großeltern noch mehr als für seine Eltern. Lag hier also des Rätsels Lösung? Der Großvater, der ein paar Monate zuvor noch hätte mitfeiern können, es nun aber nicht mehr tat? War da wieder ein schlechtes Gewissen, weil der Dozent nicht schneller mit den Hochzeitsvorbereitungen und allem, was dazu gehört hatte, aus dem Quark gekommen war? Doch der schüttelte den Kopf.

Natürlich hätte er sich eine andere Konstellation der Familienmitglieder gewünscht, genauso wie Dominik mit Blick auf seinen verstorbenen Onkel Jannis. Aber dann hätten sie ja am besten gleich bei ihrem ersten Kennenlernen heiraten müssen. Oder besser noch längst davor, um auch andere geliebte Verwandte mit dabei haben zu können, die sie schon viel früher verlassen hatten…

„Nein, das ist es nicht…“, seufzte Frido also und ließ seine Augen wieder auf Wanderschaft gehen, ohne dem Arzt mehr Anhaltspunkte zu seiner aktuellen Stimmung zu geben. Einer Stimmung, die am Vortag noch deutlich gelöster gewesen war, regelrecht beschwingt, als er so viel Zeit wie möglich mit seiner Verwandtschaft verbracht hatte. Eine Stimmung, die jedoch bereits seit dem ersten Treffen an diesem Morgen ein wenig verhaltener ausfiel und nicht nur in besorgten Fragen seiner Eltern und Großeltern gegipfelt war. Nein, er, der das Wiedersehen mit ihnen vorher gar nicht hatte erwarten können, war vor einer viertel Stunde sogar selbst derjenige gewesen, der unter dem Vorwand seiner wachsenden Nervosität in einen Moment der Einkehr verschwunden war. Nur er und sein Trauzeuge, der gleichzeitig einen so famosen Kummerkasten abgab. Zumindest in der Theorie. Denn in der Praxis wunderte sich der Kummerkasten auf zwei Beinen längst, wie einsilbig sich das Gespräch bislang hinzog. Denn immerhin sprachen sie hier von Frido, der sonst eigentlich immer wie ein Wasserfall heraus plapperte, was ihm auf der Seele lag! Ob nun positiv oder negativ!

„Haben dein Mann und du euch etwa gestritten?“, versuchte er dem Ganzen also weiter auf die Schliche zu kommen, während sein Blick einmal selber ins Weite glitt, als er im Augenwinkel ein ihm bekanntes rotes Kleid entdeckte. Klara spazierte ebenfalls durch den Park. Sie hatte ihn nicht entdeckt und er genoss ihren Anblick dafür umso mehr. Aber deshalb war er gerade nicht hier! Drum Konzentration zurück auf das Sorgenkind, das seine Frage wieder nur verneinte.

Kein Ärger im Paradies, stattdessen eine fantastische vorgezogene Hochzeitsnacht. Der Arzt nickte bedächtig und ruckelte seine berühmt berüchtigte Augenbraue empor – na, wenn die Liebesnacht so schwungvoll gewesen war, wie sie nun erzählt wurde, musste es ja wahrlich… einschläfernd gewesen sein! Und obendrein war er allmählich wirklich geneigt, Dominik einfach mal von dessen Familie loszureißen!

Vielleicht konnten sie ihren Lockenkopf ja einen Augenblick lang entbehren, nachdem sie ihn bereits seit gut einer Stunde in Beschlag hatten und ihn ja ohnehin viel regelmäßiger als ihr Gegenpart sahen? Zumal ein Rankommen an ihn relativ unauffällig geschehen konnte, nachdem der Arzt bereits mitbekommen hatte, dass ein Teil der Preuss’schen Sippe auf dem Gelände des Waldschlösschens und nicht darin verteilt war. Ein bisschen Unterhaltung für die Jüngsten suchen, damit sie die anstehenden Feierlichkeiten hoffentlich nicht mit ihrem Geblöke verschönerten. Nur dummerweise hockte der andere Teil dabei nicht nur zur Deko mit diesem Bräutigam auf dem Zimmer, sondern weil er sich bereits auf spätervorbereitete…

Ein kurzes Interview wäre also doch etwas schwierig ausgefallen und bei genauer Betrachtung auch nicht in Ernests Sinn gewesen. Schließlich hatte der Lockenkopf am Morgen und Vormittag noch einen deutlich zufriedeneren Eindruck als sein Göttergatte gemacht. Klar, auch ein bisschen nervös, aber nicht derart angespannt wie Frido. Eher fast schon ein bisschen erleichtert, dass heute nun endlich der Tag, auf den sie solange hingearbeitet hatten, gekommen war. Streitigkeiten waren bei Dominiks Laune also wohl wirklich ausgeschlossen – und Ernest hatte ehrlicherweise auch wenig Lust, schlafende Hunde zu wecken. Am Ende hätte er dann womöglich noch auf zweierlei Weise in seiner Funktion als Trauzeuge tätig werden müssen! Nein Danke… Dann oblag es eben doch ihm allein, die Einsilbigkeit des Dozenten zu durchbrechen – ob nun durch aufforderndes Starren oder ein saloppes „Soll ich deine Mutter auf dich hetzen oder machst du jetzt freiwillig den Mund auf?“.

Im Notfall hätte er auch Vater Preuss dazu holen können, wenn das besser wirkte, aber auch so kam nun endlich etwas mehr Leben in Frido. Na bitte! Ging doch!

„Ich bin nur nervös. Das ist alles…“, warf er Ernest also gnädigerweise noch ein Häppchen hin, das der theoretisch auch so hätte fressen können. Wenn er blind und taub und obendrein ein wenig hohl im Oberstübchen gewesen wäre – oder einfach lustlos im Hinblick auf weitere Fragerunden. Denn jeder Maulwurf ohne Gehör hätte bemerkt, dass da noch deutlich mehr in den Worten des Dozenten mitschwang. Und dafür hätte dieser Maulwurf nicht einmal aus den Weiten seiner unterirdischen Gänge empor kriechen müssen! Verdammt noch eins…

Also atmete Ernest einmal tief durch, um sein Seufzen nicht allzu auffällig zu gestalten und baute sich dann vor Frido auf. Es war der Versuch, dass dessen Blick auf diese Weise vielleicht nicht sogleich wieder in grübelnder Ferne verschwand, obwohl er es seit Beginn ihres Gesprächs eigentlich konstant tat.

„Mein Lieber, ich muss schon sagen…“, begann Ernest dabei und legte den Kopf ein wenig schief. Allmählich wurde es wirklich lästig, sich immer wieder selbst daran zu erinnern, dass hier jemand gerade kurz vor seiner Hochzeit stand und ein Einlauf da vielleicht nicht das Mittel der Wahl war, um ihn zu unterstützen.

„Ich hätte ja erwartet, dass er heute derjenige von euch beiden ist, der hier mit tiefen Denkerfalten oder wie ein aufgescheuchtes Huhn herumrennt, aber dass nun stattdessen du diesen Part übernimmst, verwundert mich dann doch sehr“.

Klang das einigermaßen einfühlsam? Jap. Konnte man so durchgehen lassen. Also legte Ernest den Kopf, zufrieden mit dieser Glanzleistung, auf die andere Seite, während er beobachtete, wie dem sonst oft so unbeschwerten Dozenten die Leichtigkeit in diesem Augenblick noch mehr flöten ging – es war ein Schauspiel sondergleichen, nachdem der Arzt bis vor zwei Sekunden eigentlich gedacht hätte, längst den Tiefpunkt von Fridos Mundwinkeln gesehen zu haben! Aber nein! Stattdessen zeigte sich nochmals, dass die Anspannung in seinem Freund bei weitem kein einfaches Lampenfieber oder Vorfreude mehr war. Nein, definitiv steckte mehr dahinter! Denn wer, wenn nicht der Arzt, konnte den besten Vergleich zwischen dieser und der ersten Hochzeit ziehen? Schließlich hatten Dominik und Frido bei ihrem Abstecher nach Dänemark zwar auch Nervenflattern gehabt, sich dabei aber vor allem von den randalierenden Schmetterlingen in ihren Bäuchen leiten lassen. Breites Gegrinse, Gekicher und verliebter Unglaube, statt Visagen wie kurz vorm Einzug in eine Schlacht. Aber das nun…

„Also? Willst du mir nicht endlich verraten, was dich beschäftigt? Immerhin bin ich dein Trauzeuge – da sollte ich es doch wissen und im Notfall handeln können, nicht wahr?“, baute er darum fachmännisch und mit Engelszungen seine Anamnese aus und wieder lupfte ein Lächeln seine Mundwinkel. Dieses Mal allerdings nicht wegen Klaras Erscheinung, sondern wegen Fridos Antwort.

„Um ehrlich zu sein… es läuft bisher alles zu glatt“, gestand er unter tiefem Seufzen endlich diese eigentlich doch positiv konnotierten Worte, die aus seinem Mund wie das größte Unheil klangen. Und Ernest? Der war nun ernstlich dem Versuch unterlegen, kein allzu großes Schmunzeln auf sein Gesicht wandern zu lassen, bei dem Drama, das Frido hier ankündigte. Immerhin hatte er dazu sogar seine Stimme gesenkt und sich vor dem Aussprechen verschwörerisch umgeblickt. Ein Wunder, dass er nicht noch die Büsche kontrollierte, ob da heimlich jemand saß und mithörte! Da war dem Arzt sicherlich verziehen, dass ihm doch ein kleines amüsiertes Schnauben entwich.

„Frido, ich beraube dich ja nur ungern der Illusion von Einzigartigkeit, aber ich hege den Verdacht, dass es heute nicht die erste Eheschließung in diesem Hotel sein wird. Wenn eine Einrichtung wie diese sogar Hochzeitspakete unterschiedlichster Ausführung anbietet, dann sehe ich es als selbstverständlich an, dass ihre Mitarbeiter nicht nur versiert sind im Ausgestalten von Tagungen und Konferenzen – auch, wenn diese Thematik vielleicht präsenter im Namen des Hotels vertreten ist“, gab er von sich und hob noch einmal hervor, dass das Waldschlösschen sogar seinen hohen Anforderungen gerecht wurde. Alles war geschmackvoll hergerichtet, die wenige und doch notwendige Technik bereits mehrfach geprüft und selbst beim Essen hatte er keinerlei Einwände gezeigt. Zumindest beim vorherigen Probeessen und einem heute bereits stattgefundenen Blick auf die Vorbereitungen zum späteren Empfang und den eigentlichen Festschmaus. Und auch von jenen Gästen, die bereits hier genächtigt hatten, war ihm an diesem Morgen nur Freudiges über Kost und Unterkunft zugetragen worden – einschließlich der Aussage eines gewissen Lockenkopfs, der zwar nur wie ein Spatz gegessen, aber trotzdem nicht die sonstige Kalkleiste der Aufregung gemimt hatte. Und – aha! – mit diesem Ausspruch zeigte sich nun auch, dass hier der Hase im Pfeffer lag! Oder eher der Künstler nicht mehr in seinem sonstigen Verhaltensmuster.

„Ich mein nicht das Hotel, ich mein Dominik“, kam Frido nämlich endlich auf den Kern des Ganzen und schaute sich abermals um, während es dieses Mal die Augenbrauen des Arztes waren, die sich hoben.

„Bei jeder Gelegenheit geht ihm der Arsch auf Grundeis und er hat das große Nervenflattern, aber gerade bei seiner Hochzeit ist er jetzt plötzlich so entspannt? Und im Endeffekt ist er das nicht erst seit jetzt, sondern schon die ganze Planung über! Total umgänglich, unterstützend und mit allem einverstanden… und das, wo die Bräute doch eigentlich prädestiniert dafür sind, völlig am Rad zu drehen, je näher der große Tag rückt!“, murrte er und verschränkte die Arme, während Ernest zu hören bekam, dass er mit dem Grinsen aufhören solle. Doch daran hielt er sich selbstverständlich nicht.

„Praktischerweise sind die klassischen Rollen bei euch beiden ja glücklicherweise nicht ganz so fest gesetzt, wie bei anderen Paaren und zumindest eine nervöse Braut sehe ich hier durchaus“, stichelte er lieber und ließ sich sogar zu einem kurzen Lacher verleiten, als er dafür ein „Ha.Ha. Sehr witzig!“ kassierte. War der Dozent nicht drollig, wenn er so schmollte?

„Nein, jetzt mal ehrlich!“, schien es Frido allerdings noch mehr aufzurühren, als gedacht, dass Ernest ihn nicht so recht für voll nahm.

„Er hat wirklich alles vorbehaltlos abgesegnet, was ich vorgeschlagen hab! Von Anfang an! Selbst mit dem Waldschlösschen war sofort einverstanden, als ich sagte, dass ich die Location bei der Tagung schön fand. Obwohl er hier als Kind das letzte Mal war und sich vor allem noch an den Park erinnert hat, aber gar nicht wusste, wie die Räumlichkeiten heutzutage aussehen. Und ja, bei der Gästeliste war es eigentlich von Anfang an sehr einfach und auch beim Essen ist er ja eh sehr umgänglich, aber…“, murrte er und seufzte, als Ernest natürlich wissen wollte, wie der Satz ursprünglich enden sollte.

„Selbst als unsere Eltern sich letztes Jahr zum ersten Mal persönlich getroffen haben, war er aufgeregter und nervöser als jetzt!“.

Er seufzte nochmals und erinnerte sich zurück an diesen Tag im Juni. Einer, an dem es zwar ausnahmsweise mal nicht wie aus Kübeln geregnet, aber durch das generelle Wetter trotzdem Waschküchenklima gegeben hatte. Seine Eltern waren aufgrund der Tatsache, dass sie gewissermaßen in der Unterzahl lagen, extra angereist und Dominiks hatten wiederum sogar ihr Haus für das Treffen zur Verfügung gestellt, damit sie alle hatten dabei sein können: Juli, die bei dieser Gelegenheit natürlich auch ihre Eltern hatte wiedersehen wollen. Lilli, der es nicht anders ging. Obendrein war es die perfekte Gelegenheit gewesen, auch ein Kennenlernen mit Dominiks Brüdern einzuweben, wenn die nicht nur in derselben Stadt, sondern teils auch noch im selben Haus wohnten. Und dass es zu guter Letzt ein Wiedersehen mit Trudel geben sollte, hatte wohl ganz außer Frag gestanden. Also waren sie alle schwitzig und vom Wetter erschlagen bei Dominiks Eltern untergekommen, hatten einen geselligen Nachmittag und Abend mit kühlen Getränken, Grillen und ganz viel Palaver verbracht und waren zum Schluss Hände schüttelnd auseinander gegangen. So weit, so ermutigend und trotzdem wusste Frido auch noch allzu gut, wie schlecht sein Mann im Vorfeld geschlafen und die letzten beiden Tage davor kaum noch etwas gegessen hatte. Ganz zu schweigen von seinem Verhalten beim Aufeinandertreffen selbst. Wie auf heißen Kohlen hatte er da gesessen, kaum ein Wort herausgebracht und fast nur die anderen Anwesenden beobachtet. Vor allem hinsichtlich der Reaktionen ihrer Eltern: Da hatte es bei ihren Vätern von Anfang an irgendwie gepasst. Trotz ihrer unterschiedlichen Herangehensweisen in der Kommunikation waren sie schnell zu einem gemeinsamen roten Faden übergegangen und immer wieder von Höcksken auf Stöckstken gekommen. Und auch die Mütter hatten sich angeregt zu unterhalten gewusst – allen voran sicherlich dank Rosannas zurückhaltender Art, die eine gute Ergänzung zu Mariannes Redseligkeit darstellte. Da war dann nur die Konstellation zwischen einer gewissen Schwiegermutter und einem gewissen Schwiegervater aufgefallen, die immer für eine kleine Eiszeit gesorgt hatte. Ein wenig herrschte die Vermutung, dass Marianne da jemandem noch seinen früheren Erziehungsstil nachtrug und umgekehrt wusste ja jeder, wie ein Hinrich Preuss auf ausschweifendes Geplauder reagierte. Aber selbst hier hatte man es trotzdem geschafft, einander zu tolerieren und zu ignorieren, da es ja noch genügend andere Gesprächspartner gegeben hatte. Oder man einfach bei aufkommender Themendürre mit seinem Fokus bei den Kleinsten in der Runde gelandet war. Immerhin gab es ein nur allzu putziges Bild ab, wie schön Lilli mit Heiners Sprössling spielte! Ob nun bei dieser Gelegenheit oder auch davor und danach. War dann nicht eigentlich alles gut?

„Freu dich doch, wenn er durch das gelungene Treffen hinsichtlich eurer Feier entspannter geworden ist“, schlug Ernest also vor, aber nein, so recht überzeugt wollte Frido sich davon nicht zeigen.

„Das ist ja auch so die Sache! Eigentlich war das auch schon viel zu harmonisch! Ich mein, hallo? Meine Mutter und sein Vater und trotzdem gab es keinen Zank?! Uuund als wär das nicht schon die Kirsche auf der Torte, hat meine Mutter sich tatsächlich nicht ein Mal in die Hochzeitsvorbereitungen reingehängt! Gut… bis auf diesen einen Versuch, beim Blumenarrangement mitzumischen. Aber als Dominik sie gebeten hat, sich da rauszuhalten, war auch ganz schnell Ruhe. Dominik! Gebeten! Nicht ich, der sie achtkantig vor die Tür gesetzt hat oder so!“, schnaubte er inzwischen sogar, wenn er darüber nachdachte, wie einfach ihm das alles gemacht worden war. Nein, er schüttelte den Kopf und hinterfragte zunehmend, warum ihm das nicht schon viel früher so bewusst geworden war. Hatten ihn die Vorbereitungen wirklich derart gefangen gehalten? Oder war es die Begeisterung über die tollen Entwicklungen gewesen und dass sein Blut dadurch in den planungsfreien Momenten nicht allzu sehr bis in seinen Kopf gelangt war? Vielleicht aber auch beides… Aber so oder so konnten derart viele positive Wendungen doch nur ein Unheil ankündigen, wenn man es nun mal etwas genauer betrachtete! Und wieso grinste der Arzt jetzt eigentlich so auffällig?

„Na schön, du weißt doch irgendwas!“, unkte er also, als sein Kopf nun endlich mal frei genug und ausreichend versorgt war, um eins und eins zusammen zu zählen. Wenn Ernest nicht irgendwie involviert war, wer dann?

„Los, raus damit! Was ist hier los?“, baute Frido sich also vor Ernest auf, äußerlich beinahe in Drohgebärde, während der Arzt ihm ansehen konnte, dass es reines Theater war. Niedlich, aber auch ein wenig amüsierend. Also bezeichnete das Seufzen und leichte Kopfschütteln auch eher seine Belustigung. Und doch – er war ja immerhin noch der Trauzeuge, der sich unter anderem um nervöse Bräute kümmern musste.

„Lass uns mal ein Stück gehen“, schlug er darum vor und legte seicht die Hand auf Fridos Rücken, um ihn mit sich zu führen. Vielleicht war es doch an der Zeit, ihm ein bisschen mehr von dem zu erzählen, was sich die vergangenen Monate über im Hintergrund abgespielt hatte…

„Du hast recht, Dominik war die letzte Zeit über nicht immer so entspannt, wie er es dir gegenüber präsentiert hat. Er hatte definitiv seine kleinen Nervenzusammenbrüche“, wählte er einen seichten Einstieg und fand Fridos belämmerten Gesichtsausdruck bereits jetzt herrlich. Aber noch protestierte der ja nicht oder machte andere Mätzchen, also konnte man erst einmal ungehindert weitersprechen.

„Der Unterschied war nur der, dass er sie dieses Mal gleichmäßig auf seinem Freundeskreis und in der Familie verteilt hat, anstatt es alles an dir auszulassen, wie er es betitelt hat“, plauderte der Arzt weiter und zack! Schon war der Friede vorbei und Frido guckte ihn nicht mehr nur ungläubig an, sondern blieb nun auch dabei stehen. War er nicht putzig?

„Was glaubst du wohl, warum er lieber Susanna Schmidtnagel gebeten hat, ihm bei der Auswahl seines Anzugs zu helfen, anstatt dich mitzuschleppen? Sicherlich nicht ausschließlich, damit du die Braut vor eurem großen Tag nicht im Kleid siehst“, zwinkerte der Arzt jedoch und schob den Bräutigam behutsam weiter, auch, wenn die Ausführung des Ganzen dabei etwas stockend und hölzern ausfiel.

„Und dass deine Mutter sich so zurückhaltend gezeigt hat, kam auch nicht von ungefähr. Zum einen hat deine Schwester sich immer wieder eingeklinkt und zum anderen hat dein Gatte im Umgang mit seiner Schwiegermutter ein besseres Händchen bewiesen, als ihr wahrscheinlich selber bewusst war. Anstatt sie auszuschließen, hat er die ganze Zeit über mit ihr im Austausch gestanden und sich die Zeit genommen, ihr eure geplanten Schritte zu erläutern. Bei fast jedem hat er ihr erklärt, warum ihr die Entscheidungen so gefällt habt, wie ihr es getan habt. Und wenn das nur bedeutete, dass ihr die Tortenfüllungen nach euren liebsten Geschmacksrichtungen ausgesucht habt oder auf diese bestimmte Rosensorte im Bouquet besteht, weil es genau die ist, die er damals zum ersten Valentinstag von dir geschenkt bekommen hat“, plauderte er weiter und nahm damit zumindest eine der vielen Fragen, die sich nach und nach auf Fridos Gesicht abzeichneten, vorweg. Und trotzdem sorgte es nicht dafür, dass der Dozent etwas weniger entgeistert guckte. Ganz im Gegenteil.

„Stopp mal!“, hielt er auch zum wiederholten Male an, während er den Kopf schüttelte, als wäre ihm gerade wie im Cartoon ein Amboss darauf gesegelt und er müsse jetzt die Vögelchen verscheuchen, die um ihn herumschwirrten.

„Er hat was getan?!“.

Ungläubig starrte er seinen Trauzeugen an, der nun doch etwas zu seufzen begann. Unterstützer dieser beiden zu sein, war wirklich nicht die einfachste Aufgabe…

„Frido, dann sage ich es mal in einfachen Worten, die vielleicht auch dir begreiflich werden dürften: Dein Mann hat einfach sehr schnell bemerkt, wie viel Herzblut du in dieses Unterfangen gesteckt hast und wollte dir schlichtweg den Rücken freihalten. Er wollte, dass du dich auf die Umsetzung deiner Ideen konzentrieren konntest und dich nicht mit irgendwelchen Unpässlichkeiten im Hintergrund herumschlagen musstest“, erklärte er, äußerst zufrieden mit seiner Ausführung, während Frido erst einmal das Gehörte sacken lassen musste. Er runzelte die Stirn, verharrte auch dann noch in seiner kleinen Pause, als Ernest bereits weiterschlenderte und rannte ihm dann doch plötzlich aufgeregt nach.

„Moment mal! Was heißt hier meine Ideen?! Wir haben die Hochzeit immerhin zusammen…“, wollte er zu protestieren beginnen, um dann beinahe über seine eigenen Füße zu stolpern, als es ihn dieses Mal am Boden festheftete und eine Erkenntnis alles andere in seinem Kopf beiseite fegte. Und die war nicht gerade schön…

„Im Endeffekt hat er mich immer nur gefragt, was ich mir vorstelle und dann zu allem Ja und Amen gesagt… Seine eigenen Wünsche hat er so gut wie gar nicht geäußert. Nur, dass er was Besonderes beim Eheversprechen machen will und wer ihm auf der Gästeliste wichtig ist…“, murmelte er, während ihm allmählich alle Farbe aus dem Gesicht wich, weil er daran zurückdachte, wie elegant Dominik ihre Gespräch ein ums andere Mal immer wieder auf Frido zurück gelenkt hatte. Auch das war ihm zu dem Zeitpunkt gar nicht aufgefallen, so, wie er irgendwelche Kataloge und Internetseiten durchwühlt hatte. Aber jetzt…

„Oh Gott, ich bin ja wie meine Mutter!“, entfleuchte es ihm, was Ernest nun schallend auflachen ließ, ehe er sich mit einem „Pardon“ zurück in Fassung begab. Ein leises Räuspern, noch ein kleines Schmunzeln. Ja, nun saß die kontrollierte Maskerade wieder.

„Freu dich doch, dass dein Gatte in diesen Dingen so genügsam ist!“, trällerte er dabei sogar, war regelrecht beschwingt vor Freude und doch ließ Frido sich mitnichten davon mitreißen. Ganz im Gegenteil.

„Bei einer Hochzeit gehts aber nicht um Genügsamkeit!“, knurrte er beinahe tödlich verletzt, doch Ernest sah sein Aufbegehren offenkundig eher als Zwergenaufstand.

„Wenn es deinem Dominik im Endeffekt egal ist, wo ihr feiert, ob es einen Dresscode gibt und was letztlich auf die Teller kommt, solange alle satt werden, tut es das in gewisser Weise aber schon. Findest du nicht?“, hob er die Augenbrauen und wippte leicht auf den Zehen. Ein hübsches kleines Spiel! Und während Frido sich auch diese Worte durch den Kopf gehen ließ, ehe er darauf antwortete, nutzte Ernest die Gelegenheit für sich selbst. Schließlich wollte er trotz kleiner Piekereien ungern Schuld sein, dass ein gewisser jemand jetzt womöglich auch noch auf dem Absatz kehrt machte und ins Hotelzimmer rauschte, um damit diese kleine Überraschung zu vermiesen, die die Eheleute sich für den heutigen Tag versprochen hatten.

„Frido, ihm war das größte Anliegen, dass alle wichtigen Leute mit dabei sind und dass ihr einen glücklichen Tag miteinander verbringen werdet“, erinnerte er ihn also zunächst auf subtile Weise an etwas, das Dominik sogar mehr als ein Mal in Fridos Gegenwart geäußert hatte, um dann noch etwas deutlicher zu werden.

„Und obendrein hat er mir zwischendurch auch einmal erzählt, dass er sich nicht nur wünscht, dass ihr die Hochzeit als solche in guter Erinnerung behalten könnt, sondern auch die Vorbereitungen dazu“, sagte er eindringlich und schüttelte den Kopf, als schon wieder Konter kommen sollte. Denn was war das denn für eine tolle Erinnerung, wenn nur einer von beiden sie spazieren trug?! Ernest aber sah es differenzierter.

„Frido, ihm war wichtig, dass heute wirklich euer Zusammensein im Vordergrund stehen wird und nicht das Vorgeplänkel dazu, ja. Aber es hat ihn gleichzeitig ja auch mit großer Freude erfüllt, dir dabei zuzuschauen, wie du in der Hochzeitsvorbereitung aufgehst. Und wenn ich überlege, wie rammdösig ihr hier und da gewirkt habt, kommt mir die Vermutung, dass ihr in der Zeit auch noch auf andere Weise aufgegangen seid… Lass uns also einfach sagen, dass er halt auf andere Weise an den Vorbereitungen teilgenommen hat“, sagte er und eigentlich wäre damit nun alles klar gewesen. Doch leider war auch ein Dr. Ernest Landers nur ein Mensch und jemand, der trotz all seiner Kontrolliertheit auch einmal einen winzigen Moment der Schwäche erwischen konnte. So wie diesen, als bei einem kurzen, nachdenklichen Blick zur Seite ein zweifelnder Hauch auf seinem Gesicht auftauchte. Und selbst, wenn er den sogleich wieder bestätigend beiseite schob, war Fridos Argwohn doch längst geweckt.

„Irgendwas ist da noch, das du grad sagen wolltest“, stellte er fest und wollte auch herzlich wenig davon wissen, als Ernest mit der Begründung ablehnte, dass Frido sich die restlichen Details von Dominik selbst erzählen lassen solle. Nach der Hochzeit, wohl gemerkt! Doch statt darauf zu hören, fasste Frido ihn lieber am Arm und schaute ihn eindringlich an, bis Ernest seufzend nachgab. Bevor es unterm Traubogen womöglich noch zu einem Unglück käme, weil bei Frido eins und eins mal wieder drei ergab…

„Na schön!“, seufzte er also und nutzte seine Arme lieber dafür, sie vor der Brust zu verschränken.

„Für Dominik war es auch eine schöne Gelegenheit, dir etwas zurück zu geben, Frido. Weil du ihn schon so oft aufgefangen hast und für ihn da warst“, sprach er dabei sogar regelrecht warm, fast herzlich, um dann jedoch eilig in einen tadelnden Tonfall abzudriften. Schließlich konnte er sich ja denken, dass schon die nächste Diskussionsrunde im Raum stand.

„Und jetzt fang mir bloß nicht damit an, dass er dasselbe auch schon für dich getan hat! Es geht hier nicht darum, alles gegeneinander aufzuwiegen, also sieh es einfach als sein Hochzeitsgeschenk für dich und freu dich darüber, dass dein Früchtchen über seinen Schatten gesprungen ist, um alle mit ins Boot zu holen!“, moserte er nun fast schon, während er Frido taxierte.

„Oder meinst du, euer Sippentreffen wäre so entspannt abgelaufen, wenn er seinen Vater im Vorfeld nicht bekniet hätte? Sonst wäre deine Mutter doch nach fünf Minuten schon im hohen Bogen aus dem Haus geflogen…!“, stahl sich ein belustigtes Schnauben dazwischen, ehe es ernsthaft weiterging.

„Und nun lass gut sein! Genieß den Tag, anstatt ihn dir mit deiner Grübelei kaputt zu machen und besprich alles weitere anschließend mit ihm!“.

Verdammte Axt! Manchmal wäre es leichter gewesen, einen Sack Flöhe zu hüten! Aber wenigstens war der Dozent jetzt auch erst einmal so geplättet, dass er auf der nächstgelegenen Bank Platz nehmen musste. Dann fielen die Chancen, dass er wie angestochen aufs Zimmer rannte, um Dominik um den Hals zu fallen, wenigstens im Augenblick noch vergleichsweise gering aus, oder? Aber auch ohne das war ihm die Rührung anzusehen, die allmählich in ihm hinaufkroch, je länger er über das Gehörte nachdachte. Das alles hatte sein Dominik geschafft?

„Dann muss er das ja schon gemacht haben, während ich in der Uni war, oder?“, murmelte er mit belegter Stimme und schon Ernests Grinsen war ihm Antwort genug.

„Und ihr anderen habt auch alle dicht gehalten…“, schüttelte Frido ungläubig den Kopf und rieb sich die Augenwinkel, während Ernest sich bedächtig neben ihn sinken ließ und ihm eine Hand auf die Schulter legte.

„Das stimmt zwar, aber auch wenn er in erster Linie dir eine Freude machen wollte, habe ich den Eindruck, dass es auch seinem Selbstvertrauen ganz gut getan hat, diese vielen kleinen Erfolge zu sehen. Und ich denke, alle anderen Involvierten fanden es einfach schön, auf die eine oder andere Art Teil des Ganzen zu sein“, gab er zu bedenken, was Frido ihm mit einem Nicken bestätigte. Ja, jetzt, wo er es sagte, erkannte auch Frido, dass Dominik besonders seit dem erfolgreichen Sippentreffen selbstsicherer durch die Welt ging. Und er hatte es vor allem auf den beruflichen Erfolg geschoben gehabt…

„Der überrascht mich wirklich immer wieder… und ihr auch!“, lächelte er nun und schüttelte wieder leicht den Kopf, ehe der Ausruf seines Namens ihn zur Seite rucken ließ. Dieses Mal war es jedoch nicht wieder Ernest, der ihn aus seinen Gedanken riss, sondern seine Familie, die bei einem kleinen Spaziergang durch den Park langsam in seine Richtung kam.

„Ist das nicht ein schönes Bild?“, murmelte Frido bei diesem Anblick, während er ihnen zuwinkte und sich dann über die Augen wischte. Seine Eltern zusammen mit seinen Großeltern, dabei Juli und Tim, die gerade erst angereist waren, um vorher noch Sissi bei einer Freundin unterzubringen und dazwischen Lilli, die mit hopsasa und tralala um sie alle herumsprang.

„Ich glaub, das hätte meinem Opa heute auch gefallen“, sprach er mit einem Räuspern und spürte, wie Ernest den Druck seiner Hand noch etwas verstärkte. Ja, diese eine Sache hatte selbst sein Dominik im vergangenen Jahr leider nicht von ihm fernhalten können und sie nur noch mehr als Ansporn gesehen, alles ihm Mögliche zu tun, um Frido zu unterstützen… Aber darum sollte es heute nicht gehen!

„Okay, Schluss mit der Heulerei! Wenn heute Tränen vergossen werden, dann nur vor Freude, oder?“, brauchte es dabei in diesem Moment aber nicht einmal Ernests gutes Zureden für Fridos Stimmungswechsel und doch tat es ihm sichtlich gut, als sein Freund lächelnd und nickend bestätigte.

„Ganz recht“, gefiel auch dem Arzt diese Einstellung schon viel besser und vor allem, dass Frido obendrein noch ein paar Minuten mit seiner Nichte herumtollen und mit seinen Großeltern lachen wollte. Ja, sollte er lieber diese gemeinsame Zeit in vollen Zügen genießen, anstatt sie durch Grübeleien zu verpassen! Das Lampenfieber kam ohnehin bestimmt noch früh genug zurück. Vermutlich spätestens, wenn auch er sich gleich in seinen Anzug schmeißen würde.

7.4.2025: hasenherzig

Er hatte es tatsächlich geschafft. Nach der reinsten Odyssee stand er nun wirklich fertig gestriegelt und frisiert auf der Terrasse des Hotels. Gekleidet in schlichtes Schwarz, aufgewertet durch dezente Stickereien, die seinem Anzug das gewisse Extra gaben und untermalt vom hellen Blau seiner Weste und dem dazugehörigen Einstecktuch. Natürlich kamen seine Schuhe dieses mal nicht sportlich leger daher, sondern schwarz wie die Nacht und auf Hochglanz poliert. Fast spiegelten sich die Manschettenknöpfe darin, die er sich eigens für diesen Tag von seinem Vater geliehen hatte. Ein kleiner Familienbrauch. Wie er die Accessoires trotz seiner zittrigen Hände an ihre dafür vorgesehenen Stellen gefummelt bekommen hatte? Auch dank seines Vaters. Und das nicht nur ein Mal… Darum hoffte er jetzt auch, dass es ihn nicht noch ein drittes Mal innerhalb einer Stunde unter die Dusche trieb. So langsam wurde die Zeit dafür nämlich wirklich knapp! Aber für den Fall, dass es doch nötig wurde… – ein kurzer Schreck fuhr ihm in die Knochen und dann atmete er trotzdem erleichtert aus. Nein, er war ganz sicher, dass er auch das zweite Ersatzhemd eingepackt hatte. Ja, es hatte definitiv bei den beiden anderen am Schrank gehängt. Extra noch mal von Ernest mit dem Dampfglätter bearbeitet, damit sie auch alle knitterfrei waren! Ein Glück… Aber vielleicht hätte der Dozent sich das Ding auch einmal gegen die Sorgenfalte an der Nasenwurzel ins Gesicht halten sollen?

„Sicher, dass das gut geht? Und nicht auffällt?“, lehnte er sich aber stattdessen zu seinem Trauzeugen, der inzwischen ebenfalls im feinsten Zwirn bei ihm stand und schaute sich diskret um, ehe er eine Hand unter seine Achsel schob. Der Arzt seufzte und der Dozent tat es auch. Einer aus Erleichterung und der andere wohl, weil sein hasenherziges Anhängsel allmählich doch ein wenig anstrengend wurde.

„Frido, deine Mutter hat dir sogar welche ihrer Damenbinden ins Hemd geklebt. Wenn das nicht hilft… Und nein, man erkennt sie nicht! Du hast sie dir doch schließlich ins Hemd geklebt und nicht darüber und davon abgesehen trägst du ein Sakko! Da müsstest du schon Matratzen unter den Armen spazieren tragen, damit es auffällt“, murmelte der Arzt und kassierte dafür ein peinlich berührtes „Sschhhh!“, ehe Frido sich nochmals umschaute.

„Noch lauter!“, zischte er dabei, doch sein Trauzeuge verdrehte nur die Augen. Es konnte eigentlich keiner ihr Gespräch hören. Jetzt nicht und davor auch schon nicht. Schließlich hatte Ernest ihn ja nicht umsonst für einen kleinen Augenblick von den anderen Gästen weggelotst, damit Frido noch mal tief durchatmen und in sich gehen konnte. Und wenn Vater Preuss & Co. sich nun an der Glasscheibe die Ohren plattgedrückt oder unter der Balustrade herumgedrückt hätten, wäre das doch wohl aufgefallen, nicht wahr?

„Nun beruhige dich. Es sind nur wir beide“, sprach er also beschwichtigend zu dem Dozenten, der längst den nächsten nervösen Blick über die Schulter ins Innere des Trauzimmers warf. Dort saßen sie nun also alle im hübsch ausstaffierten Saal. Geschmückt mit dezenten Blumenarrangements und Kerzen, die gepolsterten Stühle in dunklem Mahagoni und Reih und Glied aufgestellt, zustrebend auf den Traubogen und Mittelpunkt des Ganzen. So einfach wurde aus einem Konferenzraum ein Ort der Liebe. Schon faszinierend! Und trotzdem hatte ihn vorhin nicht die Faszination gepackt, als er das erste Mal zwischen den beiden Hälften der Sitzreihen hindurch gegangen war, um seinen Gästen ein erstes Dankeschön für ihr Erscheinen zu schenken und ihnen zu berichten, dass es in wenigen Minuten losgehen würde – etwas, das er getrost dem Trauredner hätte überlassen können und dann doch selbst hatte machen wollen. Wusste der Henker, warum! Denn kaum waren all diese erwartungsfrohen Blicke auf ihn gerichtet gewesen, hätten sie ihn schon fast wieder in den Wahnsinn getrieben. Dazu dann noch das eine oder andere aufmunternde Wort, das sicherlich gut gemeint gewesen war und ihm doch nur weiter die Nervosität in die Knochen geschossen hatte – nein, das war zu viel gewesen und er fragte sich jetzt zunehmend, wie er das gleich über eine gute halbe, dreiviertel Stunde hinweg ertragen sollte!

„Gott, ich kann jetzt schon nicht mehr…“, murmelte er und stützte sich einen Moment auf das Geländer, um im nächsten innerlich aufzuseufzen. Was sollte das denn jetzt auch noch werden? Warum schob Niko nun plötzlich die Schiebetür auf und schlüpfte zu ihnen auf die Terrasse?Grinsend wie immer, nicht ganz so leger wie sonst gekleidet, aber bei weitem nicht so aufgedonnert wie Bräutigam und Trauzeuge. Er passte optisch in die Mischung aus chicer Eleganz und sportlichem Chic, die sich durch die Gästeliste zog. Wenn da nur nicht diese eine Kleinigkeit gewesen wäre.

„Hey, bevor ichs vergesse!“, zog er nämlich plötzlich einen Beutel unter seinem Jackett hervor, um es Frido gefalteter Weise in die Hand zu drücken. Der eine blinzelte irritiert, während der andere fast auflachte.

„Nur für den Fall, dass ers nicht schnell genug ins Rosenbeet schafft!“

Ein Zwinkern und ein Grinsen, ehe er wieder davon huschte und Frido ihm nur noch verdattert nachgucken konnte. Erst ihm, dann zu Ernest, als Frido sein neues Accessoire etwas auseinander faltete und sich ihm genauer präsentierte, was er da gerade in Händen hielt: Eine Kotztüte.

„Was zum Henker…?“, murmelte er beinahe entsetzt, doch auch, wenn Ernest nachdenklich die Stirn runzelte, hatte er nicht mehr als ein fragendes Schulterzucken für ihn.

„Keine Ahnung, was das soll!“, gleich seine Stimme einem unwirschen Murren, während er Frido das Mitbringsel abnahm. Da tat er schon den ganzen Tag über sein Bestes, um den Dozenten einigermaßen beruhigt zu kriegen und nun so was?!

„Ich werd ihn fragen!“, beschloss er also, der Sache auf den Grund zu gehen und Niko notfalls für den seltsamen Scherz einen Rüffel zu verpassen. Aber Frido hielt ihn auf.

„Nein, ich glaub, ich wills grad gar nicht wissen…“, schüttelte er den Kopf und war dabei längst viel zu sehr mit seiner eigenen Übelkeit beschäftigt. Sollte er die Tüte also vielleicht einfach für sich selbst in Gewahrsam halten? Und auch noch mal kurz aufs Zimmer verschwinden, um die Krawatte doch gegen eine Fliege zu tauschen? Er hätte die Fliege nehmen sollen! Ganz eindeutig! Warum hatte er sich nach dem zigmaligen Hin- und Hergewechsel am Ende bloß für die Krawatte entschieden?! Und was machte der Wasserfall unter seinen Achseln?

„Mein Gott…“, konnte Ernest bei aller Liebe inzwischen aber nur noch den Kopf über dieses schopflose Huhn an seiner Seite schütteln. Vielleicht hätte er ihm ein bisschen Beruhigungsmittel in den Kaffee kippen sollen – da das Brautpaar während der Ansprache eh saß, wär das bestimmt kaum aufgefallen! Aber nein, stattdessen musste er den Dozenten jetzt mal wieder mit guten Worten und festem Händedruck einfangen, als er erneut zu irgendwas Unbedachten losrennen wollte. Nicht, dass das während seiner Umzieh-Odyssee auf Ernests Zimmer nicht bereits mehr als ein Mal passiert wäre… Erst, weil er dachte, er hätte seinen Koffer auf dem eigenen Zimmer vergessen, obwohl er genau neben ihm gestanden hatte. Dann, weil er dachte, Dominik hätte versehentlich die Socken des einen in den Koffer des anderen gepackt, obwohl aus Gründen der kleidungstechnischen Geheimhaltung ja beide ihre sieben Sachen alleine vorbereitet hatten – die Socken waren übrigens in einem Nebenfach wieder aufgetaucht. Und zu guter Letzt sogar die grandiose Idee, bei der Wahl zwischen Fliege und Krawatte ins Nebenzimmer zu marschieren, um denjenigen entscheiden zu lassen, der sich immerhin mit ihm zusammen für die Hochzeitsfotos ablichten lassen musste. Da musste auf das Drama in vier Akten wegen des verschwitzen Hemds oder den Manschettenknöpfen an dieser Stelle sicherlich nicht mehr näher eingegangen werden. Abkürzend ließ sich einfach sagen: Dr. Ernest Landers war nicht unbedingt böse darum, als just in diesem Moment die Tür hinter ihnen ein weiteres Mal geöffnet wurde und dabei der Trauredner dort stand. Gut vorbereitet, freundlich und zuvorkommend und endlich mit der Frage, ob zumindest die erste Braut schon mal bereit sei, da die vorgesehene Uhrzeit für den Beginn der Zeremonie erreicht wäre. Ernest jubelte innerlich, dass sie es nun bald geschafft hätten – oder er gleich wahrscheinlich für zwei Bräute das Sauerstoffzelt auspacken durfte – und Fridos Gesicht nahm schlagartig einen Farbton an, der irgendwo zwischen Alpinaweiß und Kotzgrün angesiedelt war.

Wie ein geblendetes Reh stand er da. Sein Mund klappte auf, war trocken wie die Sahara, wohingegen zeitgleich alle Feuchtigkeit seines Körpers in die Handinnenflächen rann. Er schluckte, als wolle er seinen Adamsapfel die Kehle hinunter pressen, aber nicht ein Wort kam ihm über die Lippen. Und wieder einmal bewies der Arzt, dass er der perfekte Trauzeuge war.

Denn bevor Frido sich wirklich noch dazu entschied, in Ohnmacht zu fallen oder Nikos Mitbringsel zu nutzen, fasste er ihn kurzentschlossen am Arm und nickte dem Trauredner mit dem Hauch eines Lächelns und einem „Selbstverständlich. Wir kommen“ zu. Ohne viel Federlesen drehte er Frido dabei vollends zur Tür und schon wurde der Dozent freundlich, aber bestimmt nach innen bugsiert.

Gekonnt ging es an der hintersten Sitzreihe vorbei zum Mittelgang und zwischen den Gästen hindurch nach vorne zum Traubogen. Das kurzzeitige Aufflackern eines Stockens wurde dabei lässig und wortwörtlich hinfort geschoben und während Frido diesen Part der noch nicht einmal richtig begonnen Feier einigermaßen souverän über die Bühne brachte, ging ihm im nächsten Moment der Arsch schon wieder auf Grundeis. Denn statt dann bei ihm zu bleiben, stelle Ernest ihn nur wie bestellt und nicht abgeholt an seinem vorgesehenen Plätzchen ab und rauschte im Handumdrehen den Mittelgang wieder zurück, um nach der anderen Hauptperson zu gucken.

Und nun stand er da wieder! Ganz allein! Angestarrt von vielen lächelnden und neugierigen Gesichtern! Ein kleines Winken hier, ein warmes Lachen dort.

„Ach, mein Junge, was siehst du heute gut aus!“, schallte es von links und von rechts nahm er irgendwo das Blitzen eines Handys wahr, gefolgt von einem „Ups! Sorry!“ ehe wohl in einen etwas unauffälligeren Fotomodus gewechselt wurde. Wer war das gewesen? Er wusste es nicht. Zu spät hatte er reagiert, um zu erkennen, ob es jemand aus seiner Junggesellenrunde gewesen war. Oder doch eher jemand aus der Uni? Susi wohl kaum, da die Stimme zu tief geklungen hatte. Ihr Begleiter Ramon also? Oder Niko, der natürlich nicht alleine, sondern mit Tessa und Sohnemann erschienen war? Vielleicht auch jemand aus seinem Kollegenkreis – natürlich ohne die alte Bachmüller dabei, die sich noch über seine Namensänderung lustig gemacht hatte! Im Gegensatz zu ihr hatte er wenigstens einen Mann abbekommen! Dämliche Gewitterzicke…

Stopp. Er schüttelte leicht den Kopf wie aus einem Traum erwacht und grinste schief, als seine Mutter auf ihn zueilte, weil sein verwirrter und verlorener Eindruck ihr doch ein wenig Sorge bereitete. Schlückchen zu trinken vielleicht? Oder ein Stück Knifte? Der arme Junge hatte doch beim Mittagessen so wenig zu sich genommen! Alternativ ein Stückchen Schokolade oder Traubenzucker? In ihrer Handtasche, die eher einem Wanderrucksack glich, fand sich alles, was das Herz begehrte und doch lehnte Frido kopfschüttelnd ab.

„Nein, Mami, schon gut“, legte er die Hände lieber an ihre Oberarme und tätschelte sie sanft, statt am besten gleich mit einem Köpper selbst in der Tasche zu verschwinden.

„Setz dich wieder“, lächelte er und musste nun sogar kurz schmunzeln, als Bernd mit Frau auf den letzten Drücker in den Saal gehuscht kam. Ein kurzes Winken, ein entschuldigender Blick. Wie schön, dass er es nach seiner Schicht doch noch geschafft hatte! Schließlich konnte er mitten in einem Einsatz ja nicht einfach Feierabend machen...

Und obendrein sorgte diese kleine Unterbrechung tatsächlich dafür, dass Frido einen Moment lang entspannter auf die anderen Anwesenden gucken konnte, die er vorher teilweise noch gar nicht so richtig bewusst wahrgenommen hatte. Besonders einige ihrer Bekannten, die sich jetzt vor der Hochzeit noch mit Gesprächen an ihn zurückgehalten hatten. Wie Dominiks frühere Vermieterin zum Beispiel, mit der der Lockenkopf auch nach dem Auszug noch lockeren Kontakt gehalten hatte. Oder einige andere Kommilitonen und langjährige Kumpel aus dem Fitnessstudio. Da ging ihm in diesem Moment doch noch so richtig das Herz aus, wenn er sah, dass sie alle gekommen waren, um diesen Tag mit ihnen zu begehen.

„Schön, dass ihr da seid!“, hatte er sie zwar schon mal wissen lassen und spürte doch, dass er es nun viel mehr aus seinem Innersten heraus sagen konnte.

Doch so schwer, wie sich dieses Lächeln auf sein angespanntes Gesicht gekämpft hatte, so schlagartig verschwand es nun auch wieder, als Ernest zurück in der Tür erschien. Vom Flur aus verschmolz sein Weg gewissermaßen nahtlos mit dem Mittelgang und bot dem Bräutigam einen kleinen Vorgeschmack auf das, was nun kam – wenn auch sehr flotten Schrittes und ohne Musik, aber dafür mit kurzem Zwinkern zu Klara, die kichernd auf die drollige Geste ihres Freundes reagierte. Und doch kehrte selbstverständlich die nötige Ernsthaftigkeit in dessen Gesicht zurück, als er dem Trauredner zunickte und sich neben Frido aufstellte, während dem der nächste Schauer über den Rücken lief.

Halt, Stopp! Ich bin noch nicht soweit!“, schoss es ihm dabei obendrein durch den Kopf, aber sein Mund war zu langsam und in der nächsten Sekunde erstarrte er, als plötzlich der Hochzeitsmarsch begann. Traditionell gehalten und doch so voller Emotionen, dass er Frido die Kehle zuschnürte, während das letzte leise Getuschel der Gäste verstummte. Und dann legte sich wie eine Art Schleier vor sein Gesicht, der sie alle ausblendete. Seine Freunde und Bekannten, die Familie auf der einen Seite und die auf der anderen des Mittelgangs, den er als einziges noch klar und deutlich sah. Ihn und die Tür, an der er endete.

Und während er dort hinüber starrte, seine Lippen unwillkürlich einen Spalt weit aufklappten, als bekäme er ohne dies nicht ausreichend Luft, schoben sich seine Hände ineinander, weil sie so zu zittern begannen. Es zwickte bereits verdächtig in seinen Augen und wieder wurde ihm flau, als nun endlich Lilli den Raum betrat. Lächelnd, nein strahlend und so schön, wie sie vielleicht auch irgendwann auf ihrer eigenen Hochzeit aussehen würde, verwandelte sie sich in die Vorbotin mit Körbchen und Blumen. In den letzten Wochen heimlich geübt, kam sie ihrer Rolle mit Bravour nach und schmückte den Weg mit bunten Blütenblättern. Sie hopste leicht, lachte sanft und trotzdem verschwand auch sie plötzlich außerhalb dieses Tunnels vor Fridos Augen, als mit wenigen Schritten Abstand endlich der Grund erschien, warum er hier vorne stand und seine tausend Tode starb.

Dominik…

Cremefarben, fast weiß war der Anzug, den er gewählt hatte. Mit farblich passendem Hemd, aber hellgrüner Weste, die mit ihren gestickten Verzierungen seine strahlenden Augen unterstrich und sie hervorhob, als hätte sie nur darauf gewartet, eines Tages von ihm getragen zu werden. Anders als Frido hatte er sich für eine Fliege entschieden und sein Schuhwerk – Chucks! – stahl seinem Vater ein kurzes Kopfschütteln. Doch Frido hatte dafür keine Augen mehr. Er sah nur eins: Dieses Lächeln, das sein Lockenkopf ihm schenkte, während er kurz am Eingang stehen geblieben war. Wunderschön und auch ein bisschen frech war es, um mit jedem Schritt, den er tat, den Raum noch ein wenig mehr zu erhellen. Glücklich war er, vielleicht auch etwas verlegen, wenn er den Blick kurz zur einen oder anderen Seite huschen ließ und doch vor allem nur den sah, der dort auf ihn wartete.

Und so kam er langsam auf Frido zu, während der Hochzeitsmarsch ein zweites Mal ertönte und Oma Trudel ihren Nicki zielstrebig bei seiner Reise begleitete. Achtsam, als wäre er kostbarste Fracht und trotzdem voller Stolz, in diesem besonderen Moment an seiner Seite sein zu dürfen. So lange, bis sie die vorderste Reihe erreicht hatten und ihre Hand von seinem Arm zu dem ihrer Tochter glitt, die ihr dabei half, auf ihrem Stuhl platz zu nehmen.

„Danke, Oma“, lächelte Dominik sie an und brachte die letzten wenigen Schritte alleine hinter sich. Beschwingt, mit zufriedenem Schnauben, als er Frido gegenüber stand und bei genauerem Hinsehen doch auch einem leichten Glitzern in den Augen.

„Du schöner Mann!“, flüsterte er dem Älteren zu, während er dessen zitternde Hände nahm, obwohl seine nicht minder bebten. Es war das erste Mal, dass sie einander nun so sahen und doch konnte Frido ihm mit nicht mehr als einem Nicken antworten. Denn längst wäre nur noch ein Schluchzen aus seinem Mund gekommen.

Doch zum Glück musste er in diesem Augenblick ja auch nichts sagen, denn das Reden wurde nun erst einmal von einem anderen übernommen, während auch sie beide sich setzten und dabei trotzdem nicht eine Sekunde ihre Hände losließen – oder die Blicke von einander nahmen.

Lange hatten sie seinerzeit bei den Vorbereitungen mit dem Trauredner zusammengesessen, sich ausgetauscht, Anekdoten hervorgekramt und erzählt, was ihnen wichtig war. Und all das fasste er nun nach kurzer Begrüßung und Hinweis zum weiteren Ablauf in Formvollendung zusammen. Noch immer fühlte es sich unwirklich an, zu hören, wie er jetzt denen dankte, die heute erschienen waren und denen gedachte, die es nicht mehr konnten. Er erzählte kleine Erinnerungen aus der Kindheit des Brautpaars, sprach über ihr Kennenlernen und ging dann immer mehr darauf ein, was sie zu dem Paar formte, als das sie heute hier vor ihm saßen. Was machte sie zu dem Team, das sie inzwischen waren? Welche Stärken hatten sie und welche Schwächen?

Und während sie sich immer mehr dem Gehörten hingaben, einander liebevoll anschauten, anlächelten und sanft streichelten, ging die Erzählung seicht hinüber zu der besonderen Reise des Heiratsantrags. Diese Ängste und Sorgen, der Nervenkitzel und dieser harte Brocken namens Hinrich Preuss, der einige zum lachen brachte, selber schmunzelte und Mutter Marianne entsetzt starren ließ. Doch ihr Sohn gehörte zu denen, die sich darüber amüsieren konnten und auch sein Mann, der es seinem Vater ja ordentlich heimgezahlt hatte.

Er grinste, während sein Vater diesem triumphierenden Schulterblick seines Sohnes standhielt, bis sich plötzlich beinahe erschrockene Züge auf Dominiks Gesicht legten und er den Trauredner regelrecht anstarrte. Denn natürlich war dieser kleine Ausflug in ihre Vergangenheit nur die Überleitung zu dem nächsten wichtigen Punkt des heutigen Tages gewesen: Dem Eheversprechen.

Und während Frido sich in den letzten paar Minuten ein wenig hatte beruhigen können, spürte er, wie nun ihre Rollen tauschten.

Denn jetzt war Dominik derjenige, dem die steigende Nervosität in die Fingerspitzen schoss, als sie sich wieder erhoben und einander zuwendeten. Und noch stärker schien das Zittern des Lockenkopfs zu werden, als der Dozent seine Hände loslassen musste, um den Zettel aus der Innentasche seines Sakkos zu holen, der so lange tapfer auf seinen Einsatz gewartet hatte. Gott, wie oft hatte er das Ding überarbeitet und neu geschrieben! Da wurde auch ihm wieder flau im Magen, wenn er daran dachte und das Liedchen summen hörte, das seine kleine Vorbereitung begleitete. Brav dudelte es und verebbte dann, sobald er bereit da stand. Aber war er es wirklich?

Konnte er seine Sicht lange genug klar behalten und die Stimme ruhig, um diese Zeilen zu lesen? Er räusperte sich, schluckte und tat einen tiefen Atemzug, als ihm das seichte Nicken des Trauredners signalisierte, dass nun sein großer Moment gekommen war. Und plötzlich war es um ihn herum so still, dass er glaubte, eine Stecknadel fallen hören zu können. Doch anstatt sogleich zur Tat zu schreiten, verharrte er und stellte sich nur diese eine Frage: Was tat er hier eigentlich?

Sekunden vergingen wie Stunden, in denen er darüber nachdachte und dann hob er endlich den Blick und ließ den Zettel sinken, ehe er schließlich sogar ganz seiner Hand entglitt. Und während Dominik im ersten Moment erschrocken schaute und dem Schriftstück fast schon hinterher hechten wollte, legten sich Fridos frei gewordene Finger lieber an dessen Wange. Wozu an irgendwelchem Papier festklammern? Es genügte, wenn er das Mikrofon hielt.

„Mein geliebter Dominik…“, wusste sein Herz schließlich auch ohne eine Niederschrift, was es zu sagen hatte und so tat er es auf die reinste, ehrlichste Art.

„Du bist mein Partner, mein bester Freund und die Liebe meines Lebens. Niemals hätte ich gedacht, einmal so eine tiefe Zuneigung erleben zu dürfen, wie ich sie für dich empfinde. Und erst recht hätte ich niemals damit gerechnet, dass sie sogar erwidert werden könnte“, begann er also und hatte das Gefühl, in diesen tiefgrünen Seen von Dominiks Augen zu versinken, während er sich selber sprechen hörte.

„Als du in mein Leben getreten bist, habe ich Ablenkung von meiner eigenen Dunkelheit gesucht, indem ich dir aus deiner heraushelfen wollte. Aber dabei hast du es nicht nur geschafft, dich mir zu öffnen, sondern auch, dass ich endlich wieder das angesehen habe, wovor ich jahrelang die Augen verschlossen gehalten habe“, sprach er weiter und brauchte doch diesen kurzen Moment des Räusperns und des Atmens, in dem seine Lippen bereits merklich zitterten und sein Blick diese verdächtige Glänze aufwies. Aber auch jetzt tat der Lockenkopf das, was er schon immer getan hatte: Er unterstützte ihn. Er lächelte ihn an mit eigenem verklärten Blick und legte seine Hände an Fridos Unterarm und Wange, strich sanft darüber hinweg und nickte bekräftigend, damit der Ältere auch den letzten kleinen Schritt schaffte.

„Dominik…“, räusperte der sich noch einmal und erwiderte das Lächeln, während das Blut in seinen Ohren rauschte und das Herz gegen seine Rippen hämmerte.

„Du bist mein Zuhause und mein Halt und ich will nie mehr auch nur einen Tag ohne dich sein. Ich bin so stolz auf das, was wir zusammen erreicht haben. Auf dieses Vertrauen, das wir teilen und diese bedingungslose Liebe, die schon durch so viele schwierige und noch viel mehr gute Momente gegangen ist! Du bist der Mensch, auf den ich so lange gewartet habe und ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich dich endlich an meiner Seite hab“, begleitete seine Stimme ihn bis zu diesem Punkt, um dann doch zu brechen. Aber es waren nicht nur die Tränen, sondern auch ein leises erlöstes Lachen, das in ihm schwang, während er die Arme um seinen Lockenkopf legte und ihm auch auf diese, ihnen so typische Weise einmal mehr seine Zuneigung zeigte.

Doch handelte er gerade nicht auch ein wenig voreilig? Eigentlich war es ja noch gar nicht an der Zeit für die Liebkosungen, wie ihn ein kräftiges Räuspern seines Trauzeugen erinnerte und damit sogar für einen kurzen Lacher in den Reihen der Gäste sorgte. Und was sollte Frido dazu sagen? Es tat ihm einfach gut! Genauso gut wie diese Erleichterung, die Worte ausgesprochen zu haben und das überbordende Gefühl in seinem Herzen, das ihm Dominiks glückliches Gesicht gab. Und dann musste auch Frido nicht nur lächeln, sondern auch schmunzeln, als er aus der ersten Reihe bereits das Schluchzen hörte. Da hatte seine Mutter sich ja wirklich lange zusammengerissen!

Er warf ihr einen kurzen Blick zu, während er nur schwerlich den Griff um seinen Liebsten lockern konnte und auch der die Hände sinken ließ, um sich auf seinen Teil des Eheversprechens vorzubereiten. Doch dazu kramte er kein Zettelchen hervor oder suchte auf andere Weise nach irgendeiner Notiz, nein. Er nahm Frido nur das Mikrofon aus der Hand, um es mit allen Fingern fest zu umklammern.

Verschwunden waren nun endgültig das freche Grinsen und der triumphierende Blick. Nervös wirkte er jetzt stattdessen, fast schon verängstigt und scheu.

Auch er kämpfte mit der Nervosität, während seine Augen von Frido zu Niko huschten. Ein Nicken und Grinsen des Jüngeren, dann schaute der Lockenkopf wieder nach vorn und wirkte nur noch angespannter. Er leckte sich leicht über die Lippen. Auch sie zitterten, während er vorsichtig das Mikrofon an den Mund hob. Ein erster zaghafter Versuch zu sprechen, ein lautes Fiepen aus dem Lautsprecher und Frido konnte ihm ansehen, wie die Spucke in Dominiks Mund versiegte.

„Hey…“, wollte Frido ihm also genauso Halt bieten wie Dominik es zuvor bei ihm getan hatte, doch der Jüngere schüttelte den Kopf, anstatt die Hand an sich heranzulassen.

„Nicht! Sonst… sonst schaff ich das gar nicht mehr!“, sprach er dabei fast flehend, während seine Stimme nur ein leises Krächzen war. Immer mehr schien die Verzweiflung in ihm zu wachsen und er war mehr als dankbar, als Ernest ihm plötzlich an Frido vorbei eine Wasserflasche zuschob.

„Tschuldigung!“, drückte er dafür Frido das Mikrofon in die Hand und drehte den Gästen den Rücken zu. Er wollte nicht ganz so offensichtlich präsentieren, wie er das kühle Nass in sich hineinkippte und wendete sich ihnen dann wieder zu, nachdem die halb geleerte Flasche an ihren Spender zurückgegangen war. Der verzog sich wieder ein wenig in den Hintergrund, während das Mikrofon zurück in Dominiks Hände ging.

„Ich ähm…“, brach er dann mit einem Räuspern sein erneutes Schweigen und schaute abermals zu Niko, der jetzt auch noch Tessas Ellenbogen in den Rippen brauchte, um nicht loszulachen.

„Ich glaub, er braucht die Kotztüte!“, grölte der Jüngere trotzdem und auch, wenn es dafür nun erst recht einen Rüffel gab, musste Dominik leicht kichern. Frido warf unterdessen Ernest einen unsicheren Blick zu. War das Tütchen immer noch griffbereit? Ein kurzes Lupfen des Sakkos sagte Ja, während Dominik lieber ein leises, aber dennoch herzhaftes „Du Arsch“ von sich gab und erst beim Klang seiner Stimme im Lautsprecher wieder daran dachte, dass er sich ja gerade das Mikrofon unter die Nase hielt. Er lief rot an, Marianne schluchzte, Vater Preuss verdrehte die Augen und Niko grölte. Es wurde immer besser. Doch dann riss nicht nur der Eine sich endlich zusammen, sondern auch der Andere. Er räusperte sich noch einmal und atmete tief durch, während er Frido anschaute und der Beschluss in seinen Augen stand, sich jetzt nicht mehr von Niko ablenken zu lassen.

„Also… ähm… ich find, Reden ist nicht so meine Stärke…“, begann er, untermalt von einem leisen „Im Moment echt nicht, Dom“ aus der dritten Reihe. Er funkelte doch noch mal hinüber, Niko grinste. Tessa hatte längst im Versuch, ihm einen Maulkorb zu verpassen, resigniert.

„Was ich sagen wollte!“, bekräftigte es Dominik aber auch und weckte seine Entschlossenheit.

„Reden ist nicht meine Stärke! Und ich hab echt lang überlegt, was ich schreiben soll, aber… das war alles nur Mist, was mir da eingefallen!“

Kurzer Seitenblick. Ruhe auf den billigen Plätzen? Momentan ja. Also weiter im Text.

„Aber… als du mit mir letztes Jahr auf dem Konzert warst und ich gesehen hab, wie gut dir das gefallen hat, obwohl Kamelot ja eigentlich nicht so deine Musik ist… Und… und du hast ja schon mal gesagt, dass du es magst, wenn ich singe. Und ob ich das nicht mal öfter machen kann, wenn du dabei bist…“, ließ bereits jetzt jedes Wort Fridos Herz höher schlagen, seine Kinnlade in den Tiefflug gehen und seine Augen immer größer werden. Hörte er gerade richtig?

Der Lockenkopf schnaufte und ein schüchternes Lächeln zupfte an seinen Mundwinkeln, während Marianne sich schluchzend in das Ganze einbrachte.

„Liebe Güte!“, nestelte sie bereits jetzt an ihrem Taschentuch herum und jaulte erst recht auf, als Dominik weitersprach.

„Frido, ich hab gedacht, vielleicht müssen es nicht unbedingt meine eigenen Worte sein, wenns schon welche gibt, die viel besser sagen können, was du mir bedeutest“.

Er klappte die Lippen zusammen, versuchte sie vom Zittern abzuhalten und lachte dann auf, als Frido aus seinem Starren hinüberwechselte zu einem finsteren Blick für seine Mutter und dann wieder Dominik anstarrte.

„Heißt das etwa…?“, murmelte er noch immer ungläubig, während der Jüngere die Schulter zuckte und das Mikro etwas näher an seinen Mund nahm, nachdem er es zwischenzeitlich kurz hatte sinken lassen.

„Keine Klagen, wenn schiefe Töne dabei sind! Ich hab extra was Langsames ausgesucht, das besser zum Thema passt“, grinste er schief, bebend wie ein Weihnachtsbaum im Schleudergang auf der Waschmaschine und wandte sich dann doch kurz an die Gäste, um einer ganz bestimmten von ihnen eine klare Ansage zu machen.

„Oh, und wehe, einer macht ein Video! Gilt auch für dich, Susi!“.

Die Angesprochene hob treuergeben und unschuldig wie frisch gefallener Schnee die Hände, während Niko vielsagend grinste und Ernest nicht nur schweigend dessen unauffälliges Gefummel an der Hosentasche zur Kenntnis nahm, sondern auch Dominiks unwissendes Nicken an den Trauzeugen. Doch auch Frido hatte noch etwas zu sagen.

„Mutter, jetzt reiß dich endlich zusammen!“, wurde ihm das Geheule nun nämlich langsam zu viel und natürlich, er hatte es geahnt – Dominik brachte es zunehmend aus der Ruhe. Auch, wenn er tapfer lachte und kicherte, mit jedem Mal mehr, das Marianne kühn gegen ihre Tränchen kämpfte.

„Okay, dann…“, versuchte er trotzdem, die Augen zu schließen und hob die Hand zum Zeichen, um in der nächsten Sekunde wieder zu lachen und den Kopf zu schütteln. Er wischte sich eine Lachträne weg, während Frido seine Mutter in Grund und Boden starrte. Und nicht nur er! Durfte er mal kurz seinen Schwiegervater auf sie loslassen? Doch da nahm die Katastrophe auch schon ihren Lauf.

„Ich glaub, wir beenden das hier jetzt mal, bevor wir dank Marianne gleich Land unter haben!“, hörte er nämlich plötzlich neben sich und aus den Lautsprechern und da rauschte Dominik auch schon an ihm vorbei Richtung Ausgang. Es waren nur wenige Sekunden, aber für den Dozenten schien sich die Zeit plötzlich langsamer zu drehen. Als er Dominiks Rückansicht entdeckte, begleitete von Mariannes „Ach Gottchen!“ und der leisen Melodie, die sich nun fast ungehört zwischen den Tumult schob. Doch dann, als gerade ein Ruck durch Fridos Körper ging, um Dominik nachzueilen, drehte sich der Lockenkopf zwischen zweiter und dritter Reihe plötzlich auf dem Absatz um.

In the ruins of madness. A ghost of a chance. There is new hope reborn in every tragedy. And the world i see bares a mystery waiting to be… revealed…“, begann er leise, die Augen nicht nur geschlossen, sondern regelrecht zusammen gekniffen. Wackelig auf den Beinen, aber beinahe fest in seiner Stimme, als er weitersang: „And don’t you know that every cloud has a silver lining“.

Und dabei übernahm er auch den Part, der im Originallied eigentlich von Frauenstimme gemalt wurde. Lieblich, zart und so voller Gefühl.

You may call me a dreamer. Call me a fool. Just a blue eyed believer in you, in you“, krallte er eine Hand um das Mikrofon, während sich die Finger der anderen mühsam in seinen Ärmel klammerten. Die Schultern hoch erhoben, das Gesicht vor Anspannung verzogen, während seine Stimme sich langsam daran gewöhnte, nicht mehr nur für sich zu singen.

In the age of confusion, tears and despair. Let me sell you a dream of prosperity. In this great illusion our humble intentions are well… concealed. Cause don’t you know that every cloud has a silver lining…“, wuchs das Vertrauen in die Kraft seiner Stimme ein winziges Bisschen und verschlug Frido bereits jetzt den Atem.

You may call me a dreamer, call me a fool. Just a blue eyed beliefer in you. But I´ll die for that someone in the blink of an eye. So tell me, please tell me – just what kind of fool am I?“, war es nicht mehr nur ein Flüstern und brachte ihn sogar dazu, die Augen zu öffnen, wenn auch nur, um auf den Boden zu schauen. Das Gequälte in seinem Gesicht wich etwas Nachdenklichem, während sich seine Finger in seine Weste krallten. Genau über seinem Herzen.

When I drown in my fears, in the darkness of sorrow there’s a promise of grace under silver grey skies. And I´m drying my tears in the blaze of the sunlight, a reverie sealed with a kiss…“, hob er den Blick endlich zu Frido, konnte ihn kaum anschauen, so bebend und zitternd und trotzdem thronte diese Entschlossenheit in ihm, es zu tun. Für Frido und nur für ihn.

And you may call me a dreamer, call me a fool. Just a blue eyed believer in you…“, wuchs und wuchs seine Stimme.

But I’ll die for that someone in the blink of an eye! So tell me, please tell me. Just what kind of fool am I?“, traf es Frido mit voller Wucht, als da plötzlich diese Stärke aus Dominik hervorbrach. So kraftvoll, mächtig und noch tiefer in ihren Emotionen. Ein Mann, der die Worte nicht nur sang, sondern sie auch fühlte. Mit jeder Faser seines Körpers. Und dabei ging er auch noch auf ihn zu, legte plötzlich mit solch einer Selbstverständlichkeit die Hand an Fridos Wange. Kalt und zitternd und doch, als hätte sie noch nie woanders hingehört, während der Dozent ihn nur staunend betrachten konnte. Die Tränen hielt er dabei längst nicht mehr zurück, sondern nur das Schluchzen, das ihm die Kehle verknotete. Und dann schloss Dominik die Augen doch wieder, während er noch einmal all seine Liebe in die letzten Zeilen legte.

Call me a dreamer. Call me a fool. Just a blue eyed believer in the colors in you…“, schaffte er und doch…

But I´ll die for that someone!“, gab er noch einmal alles für diesen Satz, der ihm die Welt zu bedeuten schien und alles trug, was er auszudrücken versuchte. Aber dann rissen ihn die Tränen davon. Er schüttelte den Kopf, drückte sich die Hand vor die Augen und spürte im gleichen Augenblick doch auch, wie Frido ihn an sich zog.

Er hielt ihn, war bei ihm und gemeinsam weinten sie, während Ernest das Lied langsam verebben ließ. Nicht ganz bis zum Schluss, sondern nur bis zu dem Punkt, der ihm gefiel, an diesem Lied, dessen Text und Melodie ihm zwar von Beginn an durchaus zugesagt hatten – wenn da nur diese letzten paar Sekunden am Ende nicht gewesen wären, die in seinen Ohren nicht recht rund klingen wollten. Doch es war schließlich Dominiks Wahl gewesen und der Arzt so doch noch zum Zeuge einer für ihn gelungenen Darbietung geworden. Hatte sich das gute Zureden im Vorfeld also doch gelohnt!

Von ihm und erst recht von Niko, der aus Dominiks selbst betitelter Schnapsidee sogar Nägel mit Köpfen gemacht hatte. Kurzerhand geschleppt zu einer Bekannten, die Gesangslehrerin war und dabei helfen sollte, ein bisschen an der Stimme zu feilen, die von Natur aus schon so einen wunderbaren Klang hatte. Dabei für den Lockenkopf aber auch mit so viel Nervosität verbunden, dass er beim ersten Termin in ihren Vorgarten gereiert hatte, beim zweiten nicht einen Ton herausbekommen und beim dritten nur dank einer List von Niko wirklich gesungen hatte: Heimlich war sein Kumpel einmal ins Atelier geschlichen, um den Lockenkopf zu filmen und es eiskalt bei nächster Gelegenheit der Gesangstrainerin vorzuspielen. Und damit hatte Dominik sich schließlich langsam öffnen können. Hatte sich mit ihrer Hilfe so weit treiben können, dass er es tatsächlich geschafft hatte, Frido auch auf diese Weise zu zeigen, wie viel er ihm bedeutete. Selbst, wenn jetzt, nach dieser Darbietung, nicht mehr sicher war, wer wen eigentlich halten musste, um nicht als zitterndes und schluchzendes Häufchen zu enden.

Da musste ja sogar ein Dr. Ernest Landers einmal unauffällig über seinen Augenwinkel wischen und das Ja-Wort samt Tausch der Ringe wurden eigentlich nur noch zur Nebensache und notwendiges Übel, ehe endlich der lang ersehnte Kuss kommen konnte. Begleitet vom Klatschen der Gäste, Nikos Jolen und einer gewissen Heulboje, die inzwischen längst nicht mehr mit ihren Freudentränchen alleine war – weder beim Auszug aus dem Trauzimmer, noch beim Knipsen der Hochzeitsfotos oder auf der anschließenden Party, die getragen von Rührung und Segenswünschen schnell zu einem rauschenden Fest wurde.

Ein Fest der Liebe, der Familie und der Freunde. Ein Fest voller schöner Momente, Anekdoten, krummer Tänze, schallendem Gelächter. Und einem Fest, das so lang andauerte, dass die Eheleute froh über ihre Wahl waren, als sie sich weit nach Mitternacht auch von den letzten Gästen verabschiedet hatten und in plötzlicher Ruhe und Stille vor ihrer Zimmertür standen. Gott sei Dank hatten sie sich frühzeitig dafür entschieden, lieber eine Nacht oder zwei im Hotel zu bleiben, statt nach der Feier noch die einstündige Heimreise anzutreten! Sie waren so aufgedreht und zugleich so erschöpft, dass sie nicht einmal wussten, ob sie ihre Hochzeitsnacht wirklich noch bestreiten konnten oder doch auf den nächsten Morgen verlegen würden. Ihnen qualmten die Füße vom Tanz, besonders Fridos, nachdem er Dominik doch noch mit einem kleinen Flashmop überrascht hatte. Sie waren durchgeschwitzt und konnten ihre Hemden auswringen und fühlten sich gleichzeitig überfressen vom Buffet, nachdem sie vor lauter Gratulationen erst gute zwei Stunden nach allen anderen doch noch zum Essen gekommen waren. Aber trotzdem war es ein wunderschönes Fest gewesen!

„Ich liebe dich“, zog Frido seinen Mann wie die unzähligen Male zuvor an sich, gab ihm einen erschöpften und doch glücklichen Kuss und wollte mit ihm endlich auf ihr Zimmer gehen. Jetzt sollte es einfach nur noch sie beide geben! Doch als er die Tür gerade aufgeschlossen hatte und sie aufstoßen wollte, hielt Dominik ihn plötzlich auf.

„Warte!“, sagte er dabei, als hätte sein Arm, der sich dem Älteren in den Weg schob, nicht bereits gelangt und wurde von dem Dozenten fragend angeschaut.

„Was ist?“, wollte er wissen, während Dominik sich nur kurz vor lehnte, um an den Lichtschalter auf der anderen Seite der Tür zu kommen. Hatte er irgendwas im Festsaal vergessen? Doch der Lockenkopf grinste seinen Mann nur an.

„Na, ich trag dich über die Schwelle!“, stemmte er siegessicher die Hände auf die Hüften und lachte, als Frido ihn ungläubig anschaute.

„Du willst was?“, fragte er sich, ob der kleine Tinnitus in seinen Ohren zu sehr am Hörvermögen zupfte oder ob er ein paar Wörter durcheinander gekegelt hatte. Aber nein! Noch einmal sagte Dominik, dass er ihn über die Schwelle tragen wolle und breitete dabei auffordernd die Arme aus.

„Du trägst mich ständig rum! Jetzt bin ich mal dran!“, bestand er auf seiner Idee, während Frido zunehmend daran zweifelte.

„Schatz, nichts für ungut…“, versuchte er nun vorsichtig zu intervenieren, aber schon das Blitzen in Dominiks Augen verriet: Widerstand zwecklos!

Er war fest entschlossen und erst, als seine Arme ihm beim ersten Versuch schnell sagten, dass er sich dieses Unterfangen von der Backe putzen konnte, geriet sein Plan ein wenig ins Wanken. Und wenn stattdessen Frido ihn tragen würde?

„Nein!“, wollte Dominik jedoch noch immer nicht klein beigeben und drehte dem Älteren kurzerhand den Rücken zu. Wo ein Wille, da auch ein Weg!

„Dann halt Huckepack! Hast du ja eh noch gut bei mir, nachdem du mit mir damals das Treppenhaus zu Ernest hochgekraxelt bist!“, ging er leicht in die Hocke und breitete die Arme wieder aus, während Frido nur den Kopf schütteln konnte. Das ging doch nie und nimmer gut… Aber wollte er gleich in der Hochzeitsnacht einen Ehestreit vom Zaun brechen?

„Na schön…“, gab er sich also mit mulmigem Gefühl geschlagen und legte die Arme um seinen Mann. Genügte es nicht, wenn er dabei selber lief?

„Los jetzt, die Beine auch, sonst gilt das nicht!“, forderte der Trotzkopf allerdings vehement und murrte im nächsten Moment dann doch, als Frido seiner Aufforderung endlich zur Gänze nachkam.

„Oh Gott, ich hätte dich auf Diät setzen sollen!“, keuchte er und ging merklich in die Knie, doch noch hielt er sich einigermaßen aufrecht und wehrte auch den letzten Versuch der Unterstützung ab. Klappe halten, jetzt! Er musste sich konzentrieren!

Und dann setzte er sich in Bewegung. Langsam, vorsichtig, schnaufend und wackelig. Erst nur ein wenig, dann immer mehr und schon trat das ein, was Frido befürchtet hatte: Mit lautem Poltern landeten sie auf dem Boden der Tatschen. Glücklicherweise mit ein bisschen Schieflage, sodass er Dominik nicht einfach unter sich begraben hatte! Aber trotzdem…

„Hast du dir weh getan?“, fragte er sofort, während er sich aufsetzte und seinen Mann musterte, der neben ihm auf dem Bauch lag.

„Nein, nur mein Ego…“, murrte der, rollte sich auf den Rücken und kam dann ebenfalls ins Sitzen. War auch wirklich alles in Ordnung? Aufmerksam betrachtete Frido ihn, aber Dominik stierte nur zur Tür – erst mit gerunzelter Stirn und dann unter lautem „Ja!“, als er plötzlich die Arme empor riss.

„Ich habs geschafft! Definitiv über die Schwelle weg!“, rief er dabei triumphierend aus und deutete stolz auf den gut einen Meter, den er hinter sich gebracht hatte, ehe er doch in die Knie gegangen war.

„Geschafft!“, rief er noch einmal aus und stimmte in Fridos Lachen ein, als der ihn liebevoll an sich zog.

Ja, sie hatten es geschafft. Endlich und wieder einmal gemeinsam. Genau, wie sie auch alles andere schaffen würden, das zukünftig noch vor ihnen lag.

8.4.2025: framen

„Verwöhntes Rich kid!“

Von Anfang an hatte es für ihn keine andere Möglichkeit gegeben. Keinen anderen Deutungsrahmen als diesen. Dieser kleine Drecksack, der da gerade durch die Regalreihen des Getränkemarkts schlich, war nichts weiter als eins dieser bepuderten Gören aus der oberen Schicht. Bestimmt in einer chiceren Gegend aufgewachsen als er selbst. Noch nie im Leben zur Arbeit verdonnert gewesen, während er selbst bereits seit seinem zwölften Lebensjahr im elterlichen Betrieb half. Erst wenig, dann immer mehr, je älter er wurde und je kranker sein Vater. Eigentlich hätten sie den Laden einfach aufgeben sollen, aber er war immer der Traum seines Vaters gewesen. Und seine Mutter inzwischen so dort hineingewachsen, dass auch sie nirgends anders mehr sein wollte. Vielleicht auch, weil der Laden in gewisser Weise ihr neues Zuhause geworden war? Hier fühlte sie sich wohl, kannte sich aus, wurde respektiert. Hier war sie nicht nur die Ausländerin mit dem Akzent, der selbst nach vielen Jahren noch immer davon erzählte, woher sie einst gekommen war – als wenn es nicht schon ihre schöne und leicht „exotische“ Erscheinung getan hätte.

Er schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust, während seine Gedanken zurück ins Hier und Jetzt kamen. Und er immer taxierender zu dem Rich kid guckte. Ja, der kleine Scheißer war definitiv eins! Kein Framen, nur die Wahrheit! Genauso, wie es nur die Wahrheit war, dass diese Packung Zigaretten ganz bestimmt nicht zufällig in seinen Markenrucksack rutschte, während die Chipstüte und Flasche Cola brav in seinen Greiferchen blieben und artig zur Kasse getragen wurden. Unauffällig tat er dabei, guckte nur auffällig oft zu Boden, während er nicht den bemerkt hatte, wer noch unscheinbarer in seiner Nähe gelauert hatte als er selbst – und sich dabei fragte, ob seine Ansicht vielleicht doch noch eines Besseren belehrt würde. Aber nein. Natürlich vergaß die kleine Ratte in den teuren Klamotten die Zigarettenschachtel beim Bezahlen und zückte stattdessen nur für die restlichen Sachen das sicherlich gut gefüllte Portemonnaie.

Seine Mundwinkel zuckten, als er sah, wie der kleine Dieb sich schon in Sicherheit wähnte, während er die Kasse hinter sich ließ. Nur noch wenige Schritte, dann wäre er aus dem Laden raus! Doch dann wurde sein Anhängsel wortwörtlich zum Ruck-sack und mit eiligem Blick sah er über die Schulter. Nicht nur ertappt, regelrecht panisch!

Na?“, schoss es seinem Beobachter dabei durch den Kopf, während er den Ranzen fest gefasst hielt „Da haste nicht mit gerechnet, was?“.

Ja, es war schon ein kleiner innerer Vorbeimarsch, das Bürschchen jetzt so entsetzt zu sehen. Aber er versuchte, sich die Schadenfreude dabei nicht zu sehr anmerken zu lassen. Stattdessen achtete er darauf, dass er auch ja gut zu hören war, als er sagte: „Hast du nicht was vergessen? Die Kippen in deinem Rucksack gibts nicht nur für laue Luft!“.

Sollten doch ruhig alle anderen Kunden mitbekommen, was hier Sache war!

Aber dann überraschte ihn das Bürschchen mit der plötzlichen Wucht, die es an den Tag legte, als es sich losriss und der Schnelligkeit, mit der es losflitzen konnte.

„Ey, du kleine Ratte!“, schrie er ihm zwar noch nach, auch, wenn es ihm für diese Wortwahl einen Rüffel einhandelte. Nicht vor den Kunden, auch, wenn der Ärger berechtigt war!

Für ihn aber stand fest: Verwöhntes Rich kid! Kein Framen! Nur die Wahrheit! – Auch, wenn er in diesem Moment nicht einmal im Traum erahnte, wie die Wahrheit wirklich aussah…

9.4.2025: Arboristik

Nun standen sie hier also. Zwei erwachsene Männer, noch nicht zum alten Eisen gehörend, aber doch reich an Lebenserfahrung. Über ihre Zwanziger hinaus und trotzdem noch in Saft und Kraft. Gestandene Männer eben, die mit beiden Beinen fest im Leben standen! Aber warum ging es gerade eigentlich so viel ums Stehen? Ach ja, weil sie lieber nur da standen und guckten, anstatt mal in Bewegung zu kommen… Zwei erwachsene Männer, eingeschüchtert von einem kleinen Pfirsichbäumchen. Na herzlichen Dank!

„Komm schon“, schnaubte der eine genervt aus und verschränkte die Arme vor der Brust „Jetzt schneid einfach und gut ist!“.

Ihm ging das Theater eh auf den Geist. Mit Bier und Grillwurst war er gelockt worden, aber nun sollte er stattdessen irgendwelches Grünzeug von A nach B schleppen. Jahrelang im Bottich gehalten und jetzt musste es plötzlich in die freie Natur entlassen werden. Ätzend! Sowohl die Wuchterei des Terrakottakübels die schmale Wendeltreppe hinunter, um ihn vom Balkon bugsiert zu kriegen – wofür gab es denn die Schwerkraft? Als auch das Geplacke, um den dicken Wurzelfilz aus seinem Käfig zu befreien – wofür gab es denn Hämmer oder anderes Werkzeug mit ausreichend Wumms, um die tönernen Wände zu zerdreschen? Aber nein! Alles nicht gewollt! Stattdessen Sorgfalt und Vorsicht im Umgang mit dem ach so kostbaren Pflänzchen – als gäbs keinen Ersatz dafür!

„Aldi hat nächste Woche für zehn Euro das Stück Obstbäume im Angebot“, fuhr er fort, als wäre es eine echte Option und kassierte dafür einen fast schon verletzten Seitenblick.

„Ich hab doch gesagt, dass ich ihn ihr zum ersten Jahrestag geschenkt habe! Außerdem hätten wir uns dann die Arbeit mit dem Einbuddeln schenken können“

„Mein Reden!“

Der eine seufzte, der andere verdrehte die Augen.

„Dann schneid das blöde Ding jetzt endlich ab und gut ist! Ich hab keine Lust, hier Wurzeln zu schlagen!“

Wieder ein Seufzen und ein hilfloses Schulterzucken.

„Ich hab doch schon gesagt, ich weiß nicht, wie! Ich weiß nur, dass man die nach dem Umtopfen wohl zurückschneiden soll, aber nach Möglichkeit soll er dieses Jahr ja auch noch blühen!“

Er legte den Kopf schief, während der andere die Arme vor der Brust verschränkte.

„Dein Kumpel ist doch Gärtner. Frag ihn halt“

„Er ist Florist“

„Beides das Gleiche! Oder frag Dr. Google!“

„Ist auch nicht auf alles Verlass, was im Internet steht!“

Noch ein Seufzen. Dann ein vorsichtiger Schritt näher an das Bäumchen heran, fast so, als könnte es jeden Moment ausschlagen oder schreiend davonrennen.

„Mach jetzt!“

„Ja doch!“

Wieder nichts, wieder nur starren und grübeln. Die Rosenschere hatte er zumindest schon mal in der Hand, aber das wars dann auch.

„Boah, jetzt mach halt keine Arboristik draus!“, wurds dem Anderen nun langsam wirklich zu viel und dieses Mal kassierte er kein Schnaufen, sondern nur ein Stirnrunzeln.

„Wissenschaft und Lehre der Baumpflege!“, seufzte nun er, während das Runzeln zu einem Heben der Brauen wurde.

„Dass du solche Wörter kennst…“, verwandelte es sich in ein Grinsen und dann in Lachen, als ein empörtes „Hey!“ ertönte.

„Ich war immerhin auf der Uni und hab n Master, falls du das vergessen hast! Tu nicht so, als wär ich n Idiot!“

„Doch, Fachidiot“

„Selber!“

Der eine grinste, der andere schnaubte.

„Nun mach, sonst stehen wir morgen noch hier…“

„Ach, ich glaub, wir gehen doch lieber ein Bierchen trinken. Soll sie selber gucken, wenn sie von Arbeit kommt. Dann bin ich wenigstens nicht Schuld dran, wenn was falsch geschnitten ist…“

„Warum nicht gleich so?“

10.4.2025: Sprösschen

Heiß war der Sommer und ausgedörrt beinahe alles von ihm. Die Hitze stand, ließ Trugbilder über dem Asphalt schwirren. Auf der bloßen Hand hätte man ein Spiegelei braten können, wenn man es nur lange genug in die Mittagshitze gehalten hätte. Die Gräben waren ausgetrocknet, die Böden aufgerissen.

Schlechte Voraussetzungen für eine gute Ernte“, dachte er, als er an diesem Tag den beschwerlichen Weg mit dem Fahrrad hinter sich brachte. Vorbei ein Wiesen und Feldern, über Kilometer hinweg nicht ein Baum, der ihm Schatten spendete. Er wusste, dass sein Bruder schon jetzt mit den Sorgen über das Wetter leben musste, übernommen vom Vater und hineingewachsen in eine generationenlange Tradition. Zum Glück hatte ihn dieses Schicksal nicht ereilt! Er musste in diesem kleinen Nest nur ausharren, bis er endlich seinen Abschluss hatte und irgendwo sein Studium beginnen konnte. Vielleicht sogar ganz weit weg? Noch stand die Uni nicht final fest. Und trotzdem würde ihm sicherlich was fehlen, da machte er sich nichts vor. Gerade im Sommer, wenn es in der Stadt noch unerträglicher als auf dem Land wurde. Wenn man über jedes Bisschen Schatten froh war und ihn sein Weg von der Schule nach Hause sogar durch einen Wald führte. Kühl war es hier und sogar trotz allem noch ein Quell der Erfrischung darin zu finden: Der Fluss, der an dieser Stelle noch ein Bachlauf war. An den kam er dieser Tage regelmäßig, gönnte sich eine kleine Abkühlung, ehe er die letzten Kilometer hinter sich brachte. Einfach einen Moment da sitzen, die Füße ins Wasser halten und dem Kopf etwas bieten, das nicht aus prallen Sonnenstrahlen bestand. Manchmal kletterte er dabei auch auf den nahegelegenen Hochsitz. Die wenigen Sprossen – bei ihrer Anzahl eher Sprösschen – waren schließlich schnell erklommen! Nur vom Jäger durfte er sich nicht erwischen lassen…

Erwischen tat er heute stattdessen jemand anderen. Jemanden, der wohl die gleiche Idee wie er gehabt hatte. Oder viel mehr die wohl die gleiche Idee gehabt hatte…

Einmal hatte er sie schon gesehen, aber nur ganz kurz. Und nun saß sie da, hielt die Füße bereits ins Wasser, als er mit dem Rad über den kleinen Waldweg schob, vorbei an Bäumen und Sträuchern, deren Spitzen um diese Jahreszeit längst keine Sprösschen mehr trugen, sondern deren Blätter sich bereits auf den nahenden Herbst vorbereiteten.

„Hi!“, grüßte er schon beim Näherkommen mit einer Mischung aus Irritation und Neugierde. Er wollte auf sich aufmerksam machen, seine plötzliche Begleitung nicht erschrecken. Doch sie wirkte alles andere als verängstigt oder verwundert. Sie drehte sich nur zu ihm und lächelte, so breit und strahlend, dass die Sommersprösschen auf Wangen und Nase davon regelrecht zu tanzen begannen. Ja, die Chancen wuchsen, dass er tatsächlich etwas vermisste, wenn er in gut einem Jahr von hier weg zöge…

11.4.2025: BBQ

Er grinste. Erst nur ein bisschen, dann ein bisschen mehr und schließlich musste er sich sogar auf die Lippen beißen, um nicht aufzulachen. Irgendwie war es schon putzig, bei den Vorbereitungen für ihren Grillabend am Lagerfeuer zuzusehen. Die einen kümmerten sich um die Salate, die anderen buken extra eigene Brötchen – obwohl eigentlich Stockbrot angedacht gewesen war, aber bei dem einen oder anderen Krawallheimer mussten sie dann doch damit rechnen, dass am Ende ein Stockgefecht daraus wurde. Also lieber auf Nummer sicher gehen! An der nächsten Station wurden bereits Steaks mariniert, die Würstchen lagen im Kühlschrank und warteten auf ihren Einsatz – ob aus echtem Tier oder nachgemachtem. Hier noch ein paar Maiskölbchen, dort ein paar Spießchen – es war für jeden Geschmack etwas dabei! Und bei diesem Trüppchen jede Menge Amüsantes zu sehen. Was für ein Chaotenhaufen! Allen voran der „Mann“ für das Wichtigste: Die Dips und Sößchen! Einfach nur Senf, Ketchup, Mayo war ja schließlich öde!

Und da fing er wieder an zu grinsen, als er sah, mit wie viel Konzentration zu Werke gegangen wurde. Kritischer Blick aufs Handy, irgend eins der vielen Gewürze geschnappt, rein gekippt, probiert – Gesicht verzogen. Nächster Versuch! Neutralisieren oder ergänzen! Noch ein bisschen Zucker hier, Essig dort… noch mal probieren und man kam der Sache zumindest schon mal näher!

„Na? Klappts?“, gesellte er sich dann doch mal dazu, während der fleißige Soßenrührer weiterhin in seinem Element war. So sehr, dass er nicht einmal aufschaute, als er angesprochen wurde.

„Ich krieg die BBQ-Sauce nicht so hin, wie ich sie haben will…“, murrte er, während er wieder probierte und das Gesicht verzog.

„Irgendwas fehlt da!“

Nun schaltete sich auch der heimliche Beobachter des Ganzen ein – wenn man tagsüber auf die ganze Rasselbande im Ferienlager aufpassen musste, durfte man sich zwischendurch auch mal kurz auf diesen einen Bestimmten von ihnen konzentrieren, nicht wahr? Schließlich hatte er für ihn ja auch eine gewisse Aufsichtspflicht und musste darauf achten, dass es allen gleichermaßen gut erging und nicht nur den Jüngsten in der Gruppe! Und wenn das nur hieß, die wachsenden Kochkünste ein wenig zu loben.

„Zeig mal“, schnappte er sich also einen neuen Löffel und hielt ihn auffordernd hin. Bitte einmal auffüllen. Danke! Ein Schwupps und… da war dieser kritische Blick, der ganz genau beobachtete, wie sein Urteil ausfiel.

„Schmeckt Scheiße, oder?“, kritelte der Koch schon wieder, während sein Vorkoster die viel zu scharfe Soße runter würgte und wenigstens versuchte, nicht sofort Feuer zu speien. Aber bei aller Liebe!

„Wasser!“, japste er dann doch und eilte zum Waschbecken, um den Kopf unter den Kran zu halten. Wie hatte es der Jüngere bei seinen vielen Probierhäppchen bloß geschafft, nicht längst in Flammen zu stehen?!

12.4.2025: fluffig

Er war kaputt. Völlig gar und am Ende der Kräfte sank er auf sein Bett, breitete alle Viere von sich und wollte nur noch eines: Liegen. Und duschen. Aber erst mal liegen.

Mussten in diesem Schuljahr sein Sportunterricht und die Fußballstunden ausgerechnet auf einen Tag fallen? Und das auch noch mitten im Sommer? In der prallen Sonne erst vormittags durchs Stadion hecheln und nachmittags dann auch noch mal. Kotz! Und im Anschluss auch noch Hausaufgaben machen müssen? Würg! Hatten sie wenigstens noch Eis im Kühlschrank? Brech! Natürlich hatten seine Geschwister ihm den Rest weggefressen! Elendiges Pack!

Aber immerhin hatte seine mühsame Suche nach Abkühlung und das damit verbundene Quälen vom Bett runter auch etwas Gutes: Das Badezimmer war inzwischen wieder frei und bereit für ihn.

„Na? Nur Katzenwäsche?“, grinste er, als der Jüngere ihm im Flur begegnete und lachte über dessen Antwort.

„Nö! Ich bin einfach nur noch so ein Lahmarsch wie du!“

Er schüttelte sein feuchtes Haar in die Richtung des Älteren und zuckte doch im nächsten Moment weg, als der ihm durch das kleine Vogelnest strubbeln wollte. Schade! Schade, dass er sich nicht packen ließ und schade, dass seine Haare gerade nicht so fluffig waren wie im trockenen Zustand! Auch, wenn der Jüngere das Anfassen dann ebenso wenig schätzte, konnte der Ältere nicht anders, als ihn doch immer wieder auf diese Weise zu necken. Aber nur dort und nur ganz unschuldig.Ein kleines Bisschen Normalität in eine Welt voller Schmerz bringen. Freundschaftlich, brüderlich – nicht mehr. Immerhin wollte er keine Wunden aufreißen, die gerade erst im Hauch versuchten, zuzuwachsen.

„Eis ist übrigens aus!“, schwang er sich also selbst ins Bad und grinste über das enttäuschte Seufzen hinter sich. Da hatte wohl noch jemand in der Küche nicht nur nach dem Wasserkran oder der Cola suchen wollen!

„Haben wir wenigstens noch Sprite?“

Oho! Mal was ganz Neues!

„Seit wann stehst du auf Sprite?“, rief er, die Tür halb geöffnet, während er aus seinen Klamotten und unter die Dusche stieg. Zuhause duschen war doch so viel besser als nach dem Training in der Gemeinschaftsdusche!

„Ich will mir Wassereis machen!“, schallte es zurück, während an anderer Stelle das Wasser aufbrauste und er wieder anfing zu grinsen. Gar nicht mal so blöd, die Idee!

„Eisförmchen sind über der Spüle!“, gefiel sie ihm sogar ausgesprochen gut und wieder lachte er, als ein selbstverständliches „Weiß ich!“ erklang. Ja, da hatte sich jemand inzwischen wohl wirklich eingelebt! War das nicht ein gutes Zeichen?

Ein warmes Lächeln umspielte die Lippen des Älteren, während er das Shampoo einmassierte und leise seufzte. Schön, dass sein Pflegebruder dieses Haus auch endlich ein Stück weit als sein eigenes Zuhause ansehen konnte.

13.4.2025: wortreich

Er saß und er seufzte. Seit guten zehn Minuten verteufelte er noch mehr als zuvor, dass er heute seine Kopfhörer nicht aufgeladen hatte. Das war doch wahre Folter! Ohne Beschallung im Bus sitzen und dem Palaver der anderen Schüler zuhören zu müssen. Was interessierten ihn denn irgendwelche Klassenarbeiten, Referate oder sonstige Unpässlichkeiten, mit denen er nichts zu tun hatte? Oder das Gerede über Mitschüler, die er eh nicht kannte – oder zumindest nicht kennen wollte. Genauso wenig wusste ihn zu begeistern, was über Lehrer A und Referendarin B oder gar den Rektor gesprochen wurde. Er war doch schon froh, wenn er diese Nervensägen nur in der Schule sehen musste! Wofür verkroch er sich bei versehentlichen Aufeinandertreffen während des Einkaufs denn schnellstens in anderen Gängen, um denen aus dem Weg zu gehen? Auch, wenn es dabei vielleicht schon mal zu der einen oder anderen skurrilen Situation gekommen war – er als Fünfzehnjähriger versehentlich in der Damenhygieneabteilung oder beim Babybrei gelandet. Nun gut, was stellten Aldi, Edeka und Co. auch ständig die Aufteilung ihrer Waren um?!

Aber das alles war ja noch harmlos gegen dieses Gequake, das nun seit gut zehn – nein, inzwischen schon zwölf – Minuten in seinen Versuch, wenigstens der neuesten Englischlektüre zu folgen, reingrätschte. Zwei Mädels, die sich ausgerechnet hinter seinen Sitz hatten pflanzen müssen, um jetzt breit und lang über den Klassenschönling zu reden. Wohl gemerkt der Schönling aus seiner Klasse, während die Mädels in der Parallelklasse waren. Es war fast schon beeindruckend, wie viele Begrifflichkeiten und Umschreibungen sie dafür fanden, dass der Schönling einen Knackarsch hatte, tolle Augen und Lippen zum Küssen. Ganz zu schweigen von den fluffigen Haaren und den wundervollen Händen. Ein Mann, wie gebacken! Und trotzdem raubte ihm dieses Palaver den letzten Nerv. Erst recht, als es auch noch in die nächste Runde ging. Nun war also die Stimme des Auserwählten dran, das Grübchen am Kinn und nicht zu vergessen die kleine Narbe an seiner Augenbraue.

„Was meinst du?“, mischte sich zwischen all die Entzückung und er sich nun doch in dieses Geschnatter ein.

„Dass du sehr wortreich bist, das mein ich“, wendete er sich um, guckte von einem verdutzten Gesicht ins andere und wollte im nächsten Moment wieder nur seufzen.

„Du findest, ich hab einen großen Wortschatz?“, schwang zwar Irritation über die plötzliche Gesprächsbeteiligung mit und doch auch ein geschmeicheltes Lächeln. Dazu noch keck eine Haarsträhne um den Finger gewickelt – Himmel hilf! Dachte diese Pute jetzt etwa, dass er…?!

„Nein, du laberst nur zu viel und brauchst ewig um auf den Punkt zu kommen!“, gebot er möglichen aufkommenden Gefühlen der Zuneigung also schnell Einhalt und drehte sich wieder seinem Buch zu, während es von hinten nur „Blöder Arsch!“ schallte. Er schnaubte. War ihm doch egal!

„Lass mich raten: Du kriegst keine ab und bist deshalb so mies drauf!“, reichte das aber noch nicht und es wurde weiter gegiftet. Nun hätte er am liebsten losgelacht. Also wenn, dann hätte es schon heißen müssen, dass er keinen abkriegte! Und das war in diesem Fall leider nur allzu wahr…

14.4.2025: Aprilwetter

Manchmal gab es diese Tage, dachte sie sich, da hatte sich alles gegen einen verschworen. Und manchmal waren es nicht nur Tage, sondern gleich ganze Wochen. Vornehmlich die, in die irgendwelche Feiertage oder Ferien fielen und immer dann, wenn sie sich endlich mal wieder Zeit freigeschaufelt hatte, um sich mit ihrer besten Freundin zu treffen. Wie sollte es auch anders sein? Erst hatte ihr Fahrrad einen Platten, dann der Zug Verspätung und zu guter Letzt musste sie jetzt auch noch feststellen, dass ihr Schirm zuhause warm und trocken an der Garderobe hing – wohingegen sie beim Herantreten an den Bahnhofsausgang das Gefühl bekam, dem Weltuntergang entgegen zu schauen. Es regnete nicht einfach nur, es schüttete wie aus Kübeln. Hunde und Katzen, wie man so schön sagte, obwohl man erstere wortwörtlich bei diesem Wetter vor keine Tür jagen würde – aber sie musste da nun durch? Noch ganze fünf Minuten?

„Nützt ja nichts…“, hatte sie wenigstens eine Kapuze an der Jacke. Also wurde die tief ins Gesicht gezogen und los gings. Möglichst immer unter irgendwelchen Markisen hindurch oder an Häusereingängen vorbei, die ein wenig zurückliegend waren. Ein Drahtseilakt, bei dem sie doch Schritt um Schritt immer nasser wurde, ehe sie als begossener Pudel endlich in das kleine Café trat. Klitschnass und doch froh, nun hier zu sein.

„Ach du je, hast du keinen Schirm?“, begrüßte sie dann auch ihre Freundin mitsamt einer vorsichtigen Umarmung, aber sie selber freute sich einfach nur auf einen heißen Kaffee.

„Hab ich zuhause vergessen…“, murmelte sie, hängte die tropfende Jacke über die Lehne ihres Stuhls und war froh, dass wenigstens der Pullover nicht vollständig durchtränkt war. Reichte schon, dass man die Hose auswringen konnte.

„Warum werd ich das Gefühl nicht los, dass du gerade ziemlich gestresst bist?“, fragte ihre Freundin halb schmunzelnd, halb mitleidig, während sie sich beide auf ihre Plätze sinken ließen. Die Bedienung kam, nahm auch die zweite Bestellung auf, um dann wieder zu verschwinden und sie in ihrer Zweisamkeit allein zu lassen. Denn viel mehr als sie beide waren momentan nicht in dem kleinen Bistro. Nur ein älterer Herr saß noch mit seiner Zeitung am Schaufenster und ein anderes Paar Freundinnen hatte es sich im hinteren Teil gemütlich gemacht. Tränen flossen, Taschentücher wurden herumgereicht – nein, das wollte sie nun wirklich nicht näher wissen, was da los war. Hinterher war dieses Unglück auch noch ansteckend!

„Ich sag mal so: Wir haben Osterferien, mein Mann hatte vergessen, frühzeitig seinen Urlaub einzureichen, weshalb ich jetzt meine Schwiegermutter beknien musste, mal ein paar Stunden auf die Beiden aufzupassen und obendrein ist noch dieses Aprilwetter. Da kann ich die nicht mal ein bisschen an die frische Luft scheuchen, damit sie Energie loswerden…“, antwortete sie nach einem kurzen Blick über die restliche Einrichtung und seufzte aus, als ihr ein großer heißer Kaffee mit extra Sahne vor die Nase geschoben wurde. Die Bedienung wünschte guten Appetit, der Blick ihrer Freundin wurde beim geschilderten Ausnahmezustand noch etwas mitleidiger, aber sie selber lächelte nur und sagte: „Aber Hauptsache, wir sehen uns jetzt endlich mal wieder persönlich! Um mein kleines Irrenhaus kann ich mich später wieder kümmern!“.

15.4.2025: Aprikotieren

Gab es eigentlich etwas Schöneres, als auf diese Weise geweckt zu werden? Nach einer ausgeschlafenen Nacht, ganz in Ruhe und mit so wunderbarem Duft in der Nase? Ja, zugegebenermaßen gab es eine Art des Weckens, die sogar noch leckerer war, aber er musste seinem Liebling ja auch mal Zeit für andere Dinge lassen, nicht wahr? Und auch so fand er ihn schon wieder äußerst zum anbeißen, als er an diesem Morgen aus dem Bett rutschte, zur Schlafzimmertür tapste und ihn bei einem Blick in die Küche dort stehen sah: Frisch geduscht statt zerknautscht und zerwühlt, angezogen statt nackt bis auf die Unterhose und konzentriert bei der Arbeit – statt schon wieder ein wenig rallig zu werden! Die neue Jeans saß seinem Liebling aber auch wie angegossen!

„Na, du? Schon wieder fleißig?“, wurde er da auch einmal mehr wie Bienen vom Honig angezogen, als er regelrecht zu diesem Appetithäppchen hinüber schwebte, um es zu küssen und zu umarmen. Doch das Canapé zeigte sich an diesem Morgen ein wenig unwillig.

„Vorsicht, verbrenn dich nicht“, murmelte es nur, während es rührender Weise am Herd stand und irgendeine gelblichrote Masse mit dem Löffel durch den Topf schob.

„Was machst du denn da Schönes?“, hielt es die Schlafmütze aber trotzdem nicht davon ab, sich von hinten an ihn zu hängen und den köstlichen Duft seiner Haare einzuatmen, während sein Liebster weiterhin in vollster Konzentration zu Werke ging.

„Ich will den Kuchen aprikotieren“, murmelte der kleine Meisterbäcker dabei und wich ein wenig aus, als nun nicht der Kuchen, sondern sein Ohrläppchen angeknabbert werden sollte.

„Und wenn ich dir die Marmelade lieber vom Bauch lecke?“, folgte ihm aber zumindest ein belustigtes Schmunzeln und Raunen, das allerdings äußerst schnell verflog, als es für diesen Spruch zwar nicht den heißen Löffel ins Gesicht, aber zumindest einen ernsten Blick gab.

„Du weißt aber schon, dass ich den Kuchen für unseren Besuch bei deinen Eltern backe, oder?“, wurde dieser Blick nun auch noch begleitet und sorgte für ein schiefes Grinsen im Gesicht des Liebeshungrigen. Richtig, da war ja was gewesen…

„Stimmt ja, wir wollten versuchen sie ein bisschen zu bestechen, bevor ich ihnen sage, dass…“

„Dass ich nicht nur der nette Kumpel bin, mit dem du dir ne WG teilst, sondern auch das Bett“.

Er nickte und trat einen Schritt zurück, während sein Kumpel den Topf von der Herdplatte nahm und anfing, in dünnen Schichten die Marmelade über dem Kuchen zu verteilen. Und was normalerweise sofort wieder für versautes Gedankengut gesorgt hätte, rief nun nur ein flaues Gefühl und einen Stein im Magen hervor. Aber auch gewisse Zugeständnisse.

„Wir müssen das aber auch nicht machen“, sagte der Bäcker nämlich plötzlich und unerwartet, als wäre es ein ganz natürlicher Teil des Backprozesses.

„Wir können auch so weitermachen wie bisher. Mich stört das nicht“, klangen seine Worte dabei ehrlich und doch schmiegte sich sein Anhängsel kopfschüttelnd wieder an ihn.

„Nein“, sagte es dabei und gab ihm einen Kuss auf den Nacken.

„Ich will jetzt endlich ganz offen zu dir stehen“.

16.4.2025: polyglott

Abgestanden war die Luft und ein wenig modrig ihr Duft. Aber noch so viel mehr Nuancen mischten sich in diesen Raum, der so viele Zeit verschlossen gewesen schien. Wie in eine andere Welt getaucht. Einer stummer Zeuge von Unendlichkeiten. Leise flimmerten die Staubpartikel bei jedem Schritt, bei jeder Bewegung. Im Gegenschein der Sonnenstrahlen, die durch die getünchten Fensterscheiben fielen, schienen sie zu tanzen. Ein stummes Lied begleitete ihre Bewegungen, während nur die langsamen Schritte die Stille des Raumes erfüllte. Das und das Ticken der Wanduhr. Massiv, eindrucksvoll prangte sie dort, ließ ihr Pendel schwingen und ertönte in jeder Stunde mit solcher Kraft, dass ihr Klang nicht nur in diesem Raum gefangen blieb. Doch sie war kein Pepetuum mobile. Regelmäßig musste sie aufs neue angekurbelt werden und heute war wieder einmal einer dieser Tage, an dem sie nach neuem Leben rief.

„Sei vorsichtig, dass du sie nicht überdrehst“, mahnte ihr alter Wächter, während er näher an sie herantrat und seinem Nachfolger auch diesen Teil seiner Arbeit mit auf den Weg gab. Schließlich würde er nicht ewig hier tätig sein können. Frisches Blut musste in das alte Gemäuer kommen. Und mit ihm vielleicht auch neues Leben.

„Und die Bücher fass auf keinen Fall mit bloßen Händen an. Wenn du eines entnimmst, dann immer nur mit Handschuhen“, warnte er jedoch nicht nur im Umgang mit der Uhr, sondern auch mit dem Herzstück dieses Raums, dieses Saals, der über und über mit Regalen befüllt war. Regalen voller Bücher, die kein Ende zu finden schienen. In Reihen standen sie, bedeckten die Wände, reichten bis an die gut vier Meter hohe Decke. Zogen sich sogar über der Tür und den Fenstern entlang. Ließen nur einen kleinen Spalt Platz für die alte Wanduhr.

„Faszinierend“, war bei diesem Anblick alles, was der Jungspund zu sagen hatte, während sein Blick ehrfürchtig über die Buchrücken wanderte. Wie gerne würde er in das eine oder andere von ihnen einmal reinschauen! Doch würde er sie wirklich lesen können?

„Was sind das für Schriftzeichen?“, trat er an eines der Regale heran und nickte bedächtig, als ihm der Ursprung der Texte erklärt wurde.

„Aber keine Sorge, mein junger Freund. Wenn du sie in der Tat verstehen möchtest, dann musst du nur einen Schritt zur Seite tun und dort findest du die Abhandlungen in unserer Sprache. Jedes der Werke, die du hier siehst, ist polyglott vorhanden“, sah der Alte den kurzen Anflug von Bedauern im Gesicht seines Nachfolgers und lachte, als darauf fragende Nuancen erschienen.

„Polyglott?“, war ihm das eigene Unwissen etwas unangenehm, aber nicht zu peinlich, um es offen anzusprechen. Doch der Alte verurteilte ihn deshalb nicht.

„In mehreren Sprachen abgefasst“, erklärte er nur, ehe er sich umdrehte und zur Tür deutete. Sie hatten schließlich noch viele Räume zu begutachten.

17.4.2025: herzen

Endlich kam der Frühling nicht mehr nur, sondern war wirklich da. Der Schnee der vergangenen Monate geschmolzen, die Kälte langsam verblassend. Ein Aufstehen am Morgen, das nicht mehr nur in Schwarz und Grau gekleidet war und ein Spaziergang durch die Welt, die von Sonne und wärmenden Strahlen bedeckt wurde. Er spürte, wie sich seine Laune hob, wie er viel beschwingter aus dem Bett kam, Freude daran hatte, den Tag zu begrüßen und sogar der Weg zur Schule bei weitem nicht mehr so ätzend und lahm wie noch vor kurzem war. Selbst, wenn die Schule als solche natürlich noch immer nicht sein Lieblingsort war. Aber zumindest fand er von dort aus in nur wenigen Schritten genau zu diesem Plätzchen, das ihm eben doch so viel bedeutete. Sein geheimer Garten. Sein und Brias geheimer Garten, wie er inzwischen ja richtiger Weise sagen musste. Der Garten, der zunehmend aus seinem Winterschlaf erwachte, der ihn jeden Tag mit mehr Grün erwartete und seine bunten Boten aus den Tiefen der Erde schob. Krokusse, Narzissen, Hyazinthen und selbst die Tulpen zauberten nicht nur ihm ein Lächeln auf die Lippen, sondern auch den vielen Vögeln, die dieses Kleinod besuchten. So war zumindest sein Eindruck und manchmal bestätigte das Mäuschen ihm diesen auch. Und wenn er daran dachte, dann musste er schmunzeln. Nicht nur, weil ihm der kleine Garten so viel Freude brachte, sondern auch, weil nur er in dieser Klasse und überhaupt nur als einer von dreien diesen geheimen kleinen Ort kannte. Wenn sie das gewusst hätten, seine Mitschüler, für die er immer der Komische war oder der, den sie ignorierten, weil er irgendwie nicht zu ihnen passte. Die, die lieber über Klamotten und Frisuren quakten, lieber Beiträge einer fiktiven Welt herzten, statt mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und das zu umarmen, was sie dort sahen. Sie guckten doch nur noch durch ihre Kameras und Bildschirme! Irgendwie taten sie ihm leid. Und irgendwie freute er sich noch mehr auf den Schulschluss, wenn er seinen Blick nun vom Fenster weg richtete und stattdessen über den Klassenraum schweifen ließ, in dem gerade Pause herrschte. Nur die kurze zwischen der dritten und vierten Stunde und doch tumultig wie immer. Gesabbel, Palaver, irgendwelche kleinen Kämpfchen der Klassendödel… das alte Spiel also! Aber er dachte lieber wieder an seinen Garten. An die Pläne, die er und Bria für ihn hatten. An die Idee, in ihm dieses Jahr vielleicht sogar ein paar Gemüsepflanzen anzubauen. Einige Kartoffeln möglicherweise oder Bohnen? Er hatte so hübsche rot blühende gesehen, die obendrein auch noch klettern konnten und bunte Kerne ausbildeten. Weiß mit violetten Sprenkeln oder violett mit noch dunklerem Bordeaux. Aber wollten sie dieses Unterfangen einfach so in Angriff nehmen und dafür irgendwo ein Löchlein buddeln oder extra ein Hochbeet bauen? Er war sich nicht sicher. Aber er wusste, dass ihnen schon eine Lösung käme. So, wie es bislang doch immer der Fall gewesen war.

18.4.2025: buchstäblich

Französisch Leistungskurs – was hatte er sich dabei eigentlich gedacht? Ach ja, genau: Er eigentlich gar nichts, sondern nur seine mittlere Region, die bei der Aussicht, drei Jahre lang die hübsche junge Französischlehrerin wöchentlich betrachten zu dürfen, laut Juhu geschrien hatte. War es oberflächlich gewesen? Klar. Gab es noch andere Begriffe, die vielleicht noch besser beschrieben, was man von so einem Verhalten denken konnte? Auch das. Durfte er aber wenigstens damit argumentieren, dass er nur ein hormongesteuerter Teenager war? Hoffentlich! Zumindest war er anständig genug, nur seinen Kopf spielen zu lassen und sich blöde Sprüche, wie sie hier und da schon mal von Mitschülern gefallen waren, zu verkneifen. Und vor allem hatte er für seine Hormonbombigkeit längst die Quittung erhalten: Die hübsche Französischlehrerin war vor einem halben Jahr in den Mutterschutz entschwunden und nun hatte er stattdessen seinen verhassten Sportlehrer an der Backe. Alt, tattrig und hatte er schon gesagt, dass der Kerl auch noch Sport unterrichtete? Und obendrein spuckte er. Immer nur ein bisschen, aber es war schon widerlich genug. Da beneidete Paul diejenigen in der ersten Reihe nun wirklich nicht! Ihm reichte es schon immer, wenn der Tattergreis bei der Hausaufgabenkontrolle von Tisch zu Tisch spazierte. Würg! Und so war es auch an diesem Vormittag wieder, an dem er ein weiteres von vielen Malen seine damalige Wahl für den Leistungskurs bereute. Denn obendrein hatte sein Pauker ihn auch noch auf dem Kieker – nur, weil er in der sechsten Klasse mal heimlich in die Umkleide der Mädchen geschlichen war und deren Klamotten versteckt hatte. So ein Theater! Und dass der alte Sack das immer noch wusste…

„Und was ist das jetzt hier, Paul?“, war es darum auch nicht das erste Mal, dass sein Lehrer gerade seine Hausaufgaben ganz besonders gut unter die Lupe nahm. Und ja, natürlich hatte er auch dieses Mal was daran auszusetzen!

„Was ist denn damit?“, fiel es Paul inzwischen aber recht leicht, sich nicht mehr darüber zu ärgern. Irgendwann wurde man schließlich dickfellig und schon startete das Dumme-Sprüche-Bingo in seinem Kopf von neuem, während die Adleraugen kritisch über seinem Heft kreisten.

„Die Aufgabe war eine buchstäbliche Übersetzung! Was soll das hier sein?“, kam dieses Mal allerdings ein neuer Ausspruch auf die Liste, der Paul obendrein ein wenig stutzen ließ.

„Aber ist es doch“, insistierte er dann doch ein wenig, während er die Augenbrauen runzelte, weil ihm ein vehementes Kopfschütteln entgegen geflogen kam.

„Nein. Das hier ist nur eine sinngemäße Übersetzung, aber keine buchstabengetreue, dem genauen Wortlaut folgende“, schob der Alte sich die Hornbrille hoch und ja, Paul war sich sehr sicher, einen kurzen Anflug von Zufriedenheit zwischen den Krähenfüßen und Dackelfalten erkannt zu haben, als sein Pauker ihm das Heft zurückgab.

„Das wirst du wohl noch mal machen dürfen“, lautete da schließlich auch seine Feststellung, die Paul hingegen nur zu einem Augenrollen und Seufzen verleitete. Da konnte man dann aber doch ein wenig aus der Ruhe geraten!

„Dann sollte die Aufgabenstellung genauer formuliert sein!“, begehrte er also auf, aber es nützte nichts. Der blöde Sack saß ja bekanntermaßen am längeren Hebel und ja, das mit dem Ignorieren konnte er deutlich besser als Paul. Denn seine Ohren standen prima auf Durchzug, als er an den nächsten Tisch herantrat und Pauls Zwergenaufstand dabei einfach im Nichts verpuffte. Scheiß Französisch-LK! Scheiß Hormoncocktail!

19.4.2025: österlich

„Hach“

Dieser Ausdruck gehörte zu Babette, wie ihre kullerrunde Brille, das schneeweiße Haare und ihr Dutt. Streng nach hinten gekämmt und durch ihre Locken doch immer ein wenig wellig am Kopf.

Babette war nicht mehr die Jüngste, aber sie gehörte noch immer nicht zum alten Eisen! Ganz gleich, was andere dazu vielleicht sagten! Nur, weil sie seit zwanzig Jahren im Ruhestand war? Das machte aus ihr noch lange keine alte Frau! Und auch, wenn ihr Karl-Heinz seit zehn Jahren nicht mehr an ihrer Seite war, wurde sie auch noch lange keine einsame Frau!

Babette hatte keine Kinder und keine Enkel und trotzdem fühlte sie sich erfüllt. Sie brachte sich in der Gemeinde ein, war manchmal als Vorlese-Oma im örtlichen Kindergarten und hatte bis vor zwei Jahren noch immer einer guten Freundin auf dem Weihnachtsmarkt ausgeholfen. Glühwein verkaufen! Eine wunderbare Gelegenheit, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen, aber mit der Zeit dann doch etwas anstrengend geworden. Gerade im Winter. Gerade, wenn es nasskalt war.

Aber im Moment war zum Glück kein Winter. Nein, im Moment war herrlichster Frühling! Bunt, warm, österlich. Babette liebte diese Zeit! Wenn überall die Blumen blühten, die bunten Eier in den Vorgärten lachten und Osterhasen auf den Fensterbänken thronten. Dann ging sie ganz besonders gern durch ihre Nachbarschaft spazieren. Ein bisschen wie zur Weihnachtszeit. Nur wärmer!

Dann hatte Babette auch immer ein paar Süßigkeiten in der Jackentasche! Also kurz vor Ostern, nicht zu Weihnachten. Zu Weihnachten kam schließlich kein Osterhase um die Ecke und die Kinder suchten ihre Geschenke auch nicht draußen im Garten! Nein, da wären ein paar zusätzliche Schokoeier wirklich Unfug gewesen! Vor allem, weil sie nicht zu Weihnachten passten! Aber in die österliche Zeit passte es dann wiederum prima, dass Babette dem Langohr ein wenig bei der Arbeit unter die Arme griff! Dann ließ sie hier und da und dort ein buntes Ei fallen, hängte es heimlich an Sträucher, die nahe genug am Zaun standen oder warf sie auf die kleinen Rasenflächen vor einigen der Häuser. Am liebsten ganz früh morgens am ersten Osterfeiertag! Sie ging die Straße auf ihrem Weg zur Kirche hinauf und wenn sie wieder zurückkehrte, konnte sie oft schon sehen, wie die Kinder mit ihrer Suche beschäftigt waren – und so manch Erwachsener sich über die zusätzliche Ladung Süßkram wunderte. Das war immer herrlich mitanzusehen! Wobei Babette auch manchmal selbst überrascht wurde! Wenn sie nach erfolgreicher Geschenkaktion nach hause kam und selber ein buntes kleines Osternest vor der Tür stehen hatte. Da freute Babette sich dann auch noch einmal ganz besonders. Vor allem, wenn obendrein ein kleines Zettelchen mit dabei war, auf dem sich ihr heimlicher Schenker nicht mehr ganz so heimlich gab. Ah, heute war es also die Familie der kleinen Anni aus der 2b gewesen. Hach! Wie schön!

20.4.2025: Osterspaziergang

„Muss das sein, Mami?“

Ach, wie sie das immer liebte! Osterferien, bestes Wetter – und die Kinder wollten nur am Handy oder an der Spielekonsole hängen! Fest verwachsen mit Couch oder Bett, im besten pubertären Alter und nur ein klein wenig nerviger als ohnehin schon, wenn man sich nicht zwei Wochen fast konstant auf der Pelle hockte!

Die Große weinte gerade ihrer ersten großen Liebe nach – sie hatte etwa drei Wochen angedauert, Paul geheißen und sich dann für ihre beste Freundin entschieden.

Der Kleine hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den Liebeskummer damit zu bekämpfen, dass er seine Schwester einfach zur Weißglut trieb. Tägliches Geschrei, tägliches Gezänk – Ferien waren doch was Wunderbares! Und der Herr des Hauses just in dieser Zeit auf Montage. Wie sie das immer liebte!

Aber als Feldwebel, der sie als Mutter manchmal sein musste – zumindest als Mutter dieser zweiköpfigen dickköpfigen Hammelhorde – bekam sie das Kind auch allein geschaukelt! Oder, wie in diesem Fall, irgendwie schon vor die Tür geprügelt.

Also stand auch die Antwort auf das soeben ertönte „Muss das sein, Mami?“ bereits klar und deutlich fest: Ja!

„Ihr kennt das Spielchen! Wenigstens den jährlichen Osterspaziergang zu Oma und Opa gibt es!“, gab es also kein Vertun, während ihre Lendenfrüchte die Augen verdrehten. Zumindest die Große. Die fand gerade eh alles ätzend und nervig und war hinterher vermutlich trotzdem die Erste, die freudestrahlend bei Oma am Tisch saß und ihren Kakao schlürfte! Also so ganz heimlich, weil sonst war das ja uncool!

Der Kurze hingegen war da zum Glück in dieser Beziehung etwas pflegeleichter. Er wusste, er durfte nicht nur von Oma ein paar selbstgebackene Kekse in Form von Osterlämmern und Hasen naschen, sondern auch mit dem altersschwachen Rauhaardackelmix spielen. Rolli. Einfallsreicher Name, der eigentlich schon früh angekündigt hatte, wie diese Wurst auf vier Pfoten eines Tages enden würde. Nämlich genau so, wie gerade beschrieben. Und doch war er mit seinen dreizehn Jahren noch sehr agil! Nur halt nicht mehr der schnellste. Wenn man für ihn ein Stöckchen warf, brauchte er halt seine Zeit, um es zu holen und die nahm er sich auch. Ausgiebig, manchmal mit Umwegen, aber hinterher kam er immer mit dem Stöckchen zurück! Oder einem Schuh oder was er eben sonst so hatte finden können und für passt-schon-ist-nah-genug-dran identifiziert hatte. Immer niedlich! Außer dieses eine Mal, als er die Nachbarskatze beim Mausen verjagt und die Maus stattdessen selber apportiert hatte. Wobei man sagen musste, dass die Maus bei dem Ganzen noch am besten weggekommen war! Sie hatte einfach drei Wochen lang unter dem Küchenschrank gehaust, die Vorräte angenagt und war dann eines Tages über die Terrassentür wieder nach draußen entfleucht.

Vielleicht sollte die Muss-das-sein-Mami es also auch einfach mal mit tot stellen versuchen und sich anschließend drei Wochen lang irgendwo durchfressen?

21.4.2025: Ostermontag

Ostermontag, halb zehn in Deutschland und die Frisur saß! Zumindest noch. Draußen war mal wieder das übliche Aprilwetterchen angesagt und sie ausgerechnet heute mit ihrem neuen Schwarm verabredet. Nur, dass er noch nichts von seinem Glück wusste und sie dem Ganzen gern ein bisschen auf die Sprünge helfen wollte. Nicht mehr nur nette Worte und Blicke austauschen, gern auch ein bisschen mehr! Wenn Marc dabei nur nicht so schwer von Begriff wäre…

Also hatte sie ihn ins Kino eingeladen. Ja, ganz recht! Sie ihn! Selbst war die Frau!

Die Auswahl in ihrem kleinen Wald- und Wiesenkino war zwar nicht besonders riesig und gerade am Feiertag lief nur irgendein ausgewählter antiker Kram, aber egal! Hauptsache, endlich ein richtiges Date und nicht nur Kaffeepausengeplänkel am Faxgerät! Oder eher dem Drucker, der irgendwann früher auch mal als solches genutzt worden war. Heutzutage wusste ja kaum noch einer, was ein Fax überhaupt sein sollte und wie man es benutzte. Gerade die Azubis guckten sie immer etwas irritiert an, wenn sie „von damals“ berichtete. Verdammte Axt, sie war erst vierzig und keine vierhundert! Irgendwann würden die Grünschnäbel auch noch in ihr Alter kommen und dann könnten sie mal sehen!

Ach verdammt, sie regte sich schon wieder auf… Das tat sie immer, wenn sie nervös war. Und vor allem tat sie das, wenn Marc in ihrer Nähe war. Puh… Marc war aber auch schnuckelig! Vor zwei Jahren neu in die Firma gekommen, als Leiter einer anderen Abteilung und trotzdem immer froh über ihre Tipps und Tricks gewesen. Höflich, zuvorkommend – und leider so verdammt schüchtern! Aber vielleicht änderte sich das ja heute endlich?

Sie seufzte leise aus, betrachtete ihr chic zurechtgemachtes Outfit, in dem sie schon seit zwei Stunden fix und fertig saß, obwohl sie erst in dreien abgeholt wurde und… Dingdong!

Wer klingelte denn jetzt?! Sie war auf Besuch nicht vorbereitet! Zumindest nicht auf solchen! Hoffentlich nicht wieder Tante Gerda, die mal wieder spontan zu… Dingdong!

Verdammt! Und wenn sie einfach so tat, als wäre sie nicht zuhause?

Dingdong!

„Britta?“

Ihre Augenbrauen schnellten hoch, ihr Mund klappte auf.

„Marc!“

So schnell war sie wohl noch nie an der Tür gewesen und so rot um die Wangen auch nicht, als sie sie öffnete und Marc mal nicht in Anzug und Krawatte, sondern leger in Jeans, Pullover und Hemd darunter sah.

„Was machst du denn schon hier?“, wunderte sie sich ganz offensichtlich und tat es noch mehr, als sie seine Erklärung für das frühe Erscheinen hörte: Er hatte einen Präsentkorb mit allen möglichen Leckereien im Schlepp und überlegt, ob sie bei dem Wetter wirklich in einen langweiligen Kinofilm laufen wollten oder es sich lieber gut versorgt bei ihr zuhause gemütlich machten. Gern auch schon etwas früher beginnend, um mehr von ihrer Zeit zu zweit zu haben.

 

22.4.2025: Aprilschauer

Sie saß am Fenster. Tag ein, Tag aus hatte sie ihren Platz auf der breiten Fensterbank aus Marmor und gehäkelten Deckchen. Wie eine Puppe, kaum bewegt. Nur stumm und starr durch die Scheibe hinaus auf das schauend, was sie davor erblickte.

„Mariebelle“, sagte ihre Großmutter so oft zu ihr und trat näher an das kleine Mädchen.

„Willst du denn nicht hinaus gehen? Es sind doch Ferien!“

Doch so sehr sie ihre Enkelin auch zu ermutigen versuchte, so sehr schüttelte das Mädchen nur sein Haupt.

„Heute noch nicht, Omi“, sagte es dann immer und schaute nur weiterhin aus dem Fenster. Tag ein, Tag aus, vom ersten Tag der Osterferien bis zum vorletzten.

„Mariebelle, die Ferien sind bald vorbei und du sitzt immer nur hier und schaust raus“, trat da die Großmutter wieder näher an das Kind heran und schaute an ihm vorbei zu den anderen Jungen und Mädchen in Mariebelles Alter, die auf der Straße lachten und spielten.

„Willst du nicht zu den anderen gehen?“, fragte sie, doch wieder schüttelte das Mädchen nur den Kopf.

„Heute nicht, Omi. Noch nicht“, antwortete es und legte sein Kinn wieder auf den Knien ab. Geduldig, nicht gehetzt. Es wusste, dass der Tag bald käme, auf den es solange wartete. Ganz gleich, wie lange es auch sein musste.

Und sein Warten sollte sich auszahlen. Denn am Abend des vorletzten Tages kündigte sich endlich an, was Mariebelle sich so sehr ersehnte. Mit den ersten Wolken.

Sie kamen mit der Dämmerung, nahmen über die Nacht hinweg immer weiter zu und am Morgen des letzten Ferientags begrüßte das kleine Mädchen endlich das, worauf es so geduldig gewartet hatte: Die ersten Regentropfen.

„Omi! Omi!“, rief es voller Aufregung, als es erwachte und die kühle, nasse Pracht entdeckte, die sich in dünnen Fäden vom Himmel fallen ließ. Noch im Nachthemd lief das Mädchen zur Tür, schloss sie auf und eilte hinaus. Rannte in den Regen, in den Aprilschauer, vor dem alle anderen zunehmend in ihre Häuser flohen. Es tanzte und lachte. Es riss die Arme empor, es streckte die Zunge hinaus, um mit ihr die Regentropfen aufzufangen.

„Aber Mariebelle! Du wirst ganz nass!“, rief da die Großmutter, stand besorgt an der Haustür und schaute auf ihre Enkelin. Doch die lachte nur weiter und strahlte die alte Frau an.

„Ja, Omi! Heute ist es so weit!“, rief sie und genoss, worauf sie die ganzen Ferien über gewartet hatte. Und da musste auch ihre Großmutter anfangen zu lächeln, legte mit ihren schmalen Lippen die wenigen noch verbliebenen Zähne frei, während sie die Schuhe auszog, den Gehstock nahm und behutsam die wenigen Stufen vor ihrem Haus hinab ging. Noch einmal wollte sie sich fühlen wie in Mariebelles Alter. Sich noch einmal daran erinnern, wie sehr auch sie das Tanzen im Regen damals geliebt hatte, bis ihr beigebracht worden war, dass es nicht richtig sei. Bis heute, bis Mariebelle ihr wieder gezeigt hatte, auf ihr Herz zu hören.

23.4.2025: ave

Das Wasser platschte unter ihren Füßen und umspülte sie mit fast jedem Schritt mehr. Es regnete sturzbachartig und kaum eine Stelle ihres Weges schien nicht von Pfützen gesäumt. Wie hatte sie nur jemals auf die Idee kommen können, heute ausgerechnet Ballerinas anzuziehen? Ach ja, genau: Sie hatte es getan, weil sie zu ihrem Outfit passten. Zu dem businessmäßigen. Zu dem bedacht gewählten, das sie extra nur für Anlässe wie diesen aus dem Schrank holte. Wichtige Meetings zum Beispiel, oder wie in diesem Fall eben ein wichtiges Vorstellungsgespräch. Gelandet in einer neuen Stadt, vielleicht bald in einer neuen Firma, unter neuen Menschen – oder um zu merken, dass sie gerade einmal auf der Durchreise war? Sie wusste es nicht. Sie hatte im Moment gar kein Gefühl dafür, wie das Gespräch gelaufen war. Ihre potentiellen neuen Vorgesetzten waren nett gewesen, sie hatten sich gut unterhalten und sie hatte schon einen ersten Eindruck von der neuen Firma bekommen können. Und trotzdem hatten da noch so viele andere gesessen, die auf diesen Posten scharf waren! Die vielleicht etwas charmanter, redegewandter, besser vorbereitet waren als sie… War dieser Traum vom Neuanfang also vielleicht wortwörtlich ins Wasser gefallen? Genau so, wie es das heutige Wetter tat? Ja, Regen war angesagt gewesen, aber nicht, dass man ein Kanu brauchte, um sich von A nach B bewegen zu können! Und ihr Zug zurück fuhr erst in über einer Stunde…

Ihr Weg führte sie vorbei an einigen Geschäften und sie huschte von Markise zu Markise. So lange, bis das Ende der Einkaufspassage erreicht war. Musste sie hier nicht eigentlich links abbiegen, um wieder zum Bahnhof zu kommen? Verflixt, sie hatte sich auch noch verlaufen und obendrein fing es nun an zu donnern! Blieb ihr denn gar nichts erspart? Sie überlegte, ob sie unterwegs ein Café gesehen hatte, in dem sie unterkriechen könnte, aber sie konnte sich an keines erinnern. Sie hatte nur Klamottenläden, Friseure und noch mehr Klamottenläden im Gedächtnis – und die waren alle um die Mittagszeit geschlossen. Blieb also nur noch die Kirche, deren Turm sich majestätisch in die Höre reckte und alle Gebäude um sich herum winzig und unbedeutend aussehen ließ. Eigentlich hatte sie mit Kirchen und allem, was dazu gehörte, gar nichts am Hut, aber was blieb schon großartig für eine Alternative? Der kaputte Regenschirm wohl kaum…

Also lief sie noch einmal los, aus dem Schutz der letzten Markise heraus und bis an die große Holztür. Wahrscheinlich war die bei ihrem Glück jetzt auch noch verschlossen, aber nein! Sie ließ sich öffnen, man gewährte ihr also Unterschlupf. Tropfnass, frierend und doch erleichtert trat sie ein, in diese besondere Stille, die Kirchen außerhalb eines Gottesdienstes innewohnte. Nicht viele andere hatten gerade dieselbe Idee wie sie gehabt. Nur ein älterer Herr saß auf einer der Bänke und hing seinen Gedanken im stillen Gebet nach, während sie unschlüssig war, ob sie ein wenig umherwandern oder sich nur an eine andere Stelle setzen sollte. Also blieb sie einen Moment stehen, ließ erst einmal nur den Blick schweifen, der schon nach wenigen Sekunden an einer Madonnenstatue hängen blieb. Beeindruckend gearbeitet, detailliert und irgendwie magisch. Bei diesem Anblick kam ihr plötzlich das ave Maria in den Sinn und unweigerlich fragte sie sich, ob das ave für sie selber wohl eher einen Willkommensgruß oder ein Leb wohl von dieser Stadt und diesem Job bedeutete. In einer guten Woche sollte sie es erfahren.

24.4.2025: Typo

„… Man muss den Faden beim Binden natürlich nicht wachsen, aber ich mach das gerne, weil er dann besser rutscht! Es gibt auch unterschiedliches Garn, das man dafür nutzen kann. Wichtig ist natürlich, dass es reißfest ist und sich gut verarbeiten lässt! Da hab ich einerseits in Foren herumgeguckt und mir Videos von Buchdruckern angeguckt, wie die das so machen, aber ich probiere auch einfach gerne mal ein bisschen herum. Try and error quasi!“, lachte sie auf, nippte an ihrem Kaffee und schwärmte sofort weiter.

„Ich find es ja sowieso so spannend, wie viele verschiedene Bindetechniken es gibt und was man da für Kunstwerke erschaffen kann! Irgendwann würde ich auch gern noch ausprobieren, nicht nur den Einband zu gestalten, sondern auch die Seiten selbst. Also von außen betrachtet meine ich, wenn der Buchblock geschlossen ist! Aber dafür muss ich noch ein bisschen üben. Ich kann noch nicht so gut zeichnen, wie ich es gerne hätte!“

Sie griff zur Gabel, stach ein Stückchen von ihrem Kuchen ab.

„Mhh! Erdbeertorte lieb ich ja!“, lächelte sie, öffnete den Mund, um der Gabel Einlass zu gewähren und wurde plötzlich doch ganz still. Sie starrte auf ihr Gegenüber, das längst den Teller geleert hatte, die Tasse ebenso ungefüllt vor sich stehen hatte und sie nur schmunzelnd betrachtete. Und auf einmal hätte man ihre Gesichtsfarbe kaum vom Farbton ihrer Erdbeertorte unterscheiden können.

„Oh Gott, tut mir leid! Ich laber dich hier die ganze Zeit voll! Was musst du denn für einen Eindruck von mir bekommen?“, ließ sie die Gabel unangetastet sinken und hätte sich am liebsten in sich selbst zurückgezogen. Doch sein Schmunzeln wurde nur noch breiter, während er den Kopf auf seine Hand stützte. So schnell war also aus der einfachen Frage, ob sie gut zum Ort ihres ersten gemeinsamen Treffens gefunden hatte, ein abendfüllender Monolog geworden, in dem sie von Zugverspätung, Beschäftigungen während dieser Verspätung und dem Erweitern ihrer Kenntnisse zu diesem einen gewissen Thema, ganz schnell nur noch über den Buchdruck gesprochen hatte. Wie immer eigentlich. Es gab im Moment ja fast nichts anderes für sie, seit sie dieses Hobby für sich entdeckt und diesen sympathischen Mann damit vermutlich direkt wieder verloren hatte. Doch der bat sie nur, einmal ihr Handy heraus zu holen, eine Website einzugeben und bei der auf das Impressum zu klicken. Ja, sie war irritiert, aber sie tat, was er sagte und als sie den Namen las, weiteten sich ihre Augen und ihr Mund klappte auf. Der Name, den sie dort las, war der Name, mit dem ihr Gegenüber sich vorgestellt hatte. Auf einer Homepage über Typografie und allem anderen, was irgendwie mit der Kunst zur Gestaltung von Druck-Erzeugnissen nach ästhetischen Gesichtspunkten zu tun hatte.

„Also wenn ich das früher gewusst hätte, hätte ich dich nicht ein langweiliges Café eingeladen, sondern in meine Werkstatt“, scherzte er und lachte leise.

„Aber wenn du möchtest, können wir das ja noch nachholen?“

25.4.2025: blümerant

Er fühlte sich taub und wie an Schnüren gezogen. Seine Schritte gehorchten nicht ihm, sondern nur dem Takt seiner Mutter, die ihn an einer unsichtbaren Leine durch das Schulgebäude schliff. Elternsprechtag. 

Schon seit einer Woche war ihm deshalb schlecht und mit jedem Tag, den dieser Moment näher gerückt war, hatte die Übelkeit in seinem Magen stärker rebelliert.

Sein Kopf hing, seine Augen starrten auf die eigenen Fußspitzen. Er wollte sie nicht sehen, die Blicke seiner Mitschüler oder Lehrer, die ihn anschauten wie einen Aussätzigen, einen Alien, der das gesamte bisherige Schuljahr über öfter gefehlt hatte, als anwesend gewesen war.

Die Schritte seiner Mutter stoppten, seine taten es ihr gleich. Das Klopfen ihrer Knöchel an der Tür zu seinem Klassenraum ging ihm durch Mark und Bein und das „Ja, bitte?“ seines Klassenlehrers erst recht. Kurz war ihm so, als müsse er sich übergeben – wenn er es nicht bereits vor der Fahrt hierher mehrfach getan hätte und sein Magen inzwischen leerer als leer gewesen wären.

„Jacob!“, holte ihn die Ansprache seiner Mutter aus seinen Gedanken, scharf, schneidend, bestimmt. Nur, um im nächsten Moment sanft und lieblich zu werden, als sie sich seinem Klassenlehrer zuwendete.

Er trottete hinter ihr in den Klassenraum, ließ sich auf einem der Stühle nieder, auf denen er eigentlich fünf Tage die Woche hätte sitzen müssen, während die Erwachsenen begannen zu reden. Über ihn. Was auch sonst? Das Problemkind der Klasse. Nicht, weil er ständig störte oder, wie andere, Schlägereien anzettelte. Nein, das war die Aufgabe anderer. Derer, die einer der Gründe dafür waren, dass er hier so selten hinkam.

„Wir hatten familiär im letzten Jahr einige Schwierigkeiten“, hörte er seine Mutter sagen. Schöne Umschreibung dafür, dass sein Erzeuger die Familie für eine Jüngere verlassen hatte. Midlifecrisis. Gings noch klischeebehafteter?

Sein Lehrer zeigte Verständnis dafür, jedoch kein Mitleid. Die Situation änderte nichts an den Fehlstunden und wenig aussagekräftigen Noten.

„Er ist ein schlauer Kopf, das merkt man, aber er kann trotzdem nicht einfach kommen und gehen, wie er lustig ist“, sagte er, während Jacobs Mutter seufzte.

„Er fühlt sich leider oft etwas blümerant…“, antwortete sie und der Fünfzehnjährige hätte fast aufgelacht. Blümerant… Flau… Unwohl… Nette Umschreibung dafür, dass er außerhalb der Ferien quasi dauerhaft mit Magenkrämpfen und Übelkeit durch die Welt lief! Nur, weil diese Klassenärsche irgendwas an ihm entdeckt hatten, das ihnen nicht passte und ihn deshalb bei jeder Gelegenheit schlugen, beleidigten und erniedrigten! Im echten Leben und im virtuellen noch viel mehr. Er hatte so oft darum gebeten, die Schule zu wechseln. Einfach runter vom Gymnasium! Ganz gleich, auf welche andere Schule! Aber nein, aus ihm sollte ja mal was Großes werden. Da brauchte man Abi und später ein Studium… Er hätte schon wieder kotzen können.

26.4.2025: Frachtvertrag

Das Ruder lag in seinen Händen. Unnachgiebig krallte er die kräftigen Finger darum und genauso unnachgiebig riss es daran. Wollte sich befreien, aber er ließ es nicht. Es war ein Kampf, der nun bereits seit Stunden so ging und nicht zu enden schien. Ein Kampf für ihn, für seine Mannschaft, sein Schiff und so viel mehr, was mit dieser Fahrt zusammenhing!

Vor zwei Wochen waren sie in See gestochen. Bei bestem Wetter und bester Laune. Die Route klar, die Voraussetzungen gut. Spätestens jetzt merkte er, wie falsch er mit dieser Annahme gelegen hatte.

Er war erfahren, seine Männer genauso und sein Schiff erst recht. Nicht erst seit ihm im Besitz der Familie, immer gehorsam, immer treu ergeben. Und jetzt sprang es wie ein wild gewordener Gaul über meterhohe Wellen!

Er brüllte Anordnungen und Befehle, schrie gegen die Wolken an, die seine Rufe verschlucken wollten und zurück brüllten. Diese Fahrt war wie verhext!

Gleich drei Tage, nachdem sie sich von ihren Familien verabschiedet und den Anger gelichtet hatten, waren sie von Piraten angegriffen worden und eine Woche darauf beinahe durch ein Riff auf Grund gelaufen. Von Anfang hatte etwas auf dieser Fahrt gelegen, dachte er sich jetzt, aber für Gewissensbisse und Reue war es nun zu spät. Er konnte nicht wenden, er musste den Kurs beibehalten. Er musste den Frachtvertrag erfüllen, für den er so hart gekämpft hatte. Durchgesetzt gegen die Konkurrenz, Wagnisse dafür eingegangen und alles nur für seinen Traum: Diese eine Fahrt noch, dieses eine Mal noch sein Leben und das seiner Mannschaft aufs Spiel setzen und dann hätte er endlich ausgesorgt. Dann konnte er sein treues Schiff endlich an jemand anderen weitergeben, sich zur Ruhe setzen und einen unbeschwerteren Alltag führen. Keinen, der nicht arbeitsreich wäre, aber einen, der ihn nicht bei jeder Fahrt das Leben kosten konnte. Und für immer der Abschied von seiner Frau wäre. Und ihrem kleinen Sohn.

Er wollte nicht, dass er ohne seinen Vater aufwüchse. Er wollte ihm ersparen, was er selbst viel zu früh hatte erleben müssen. Nein, er wollte nach dieser Fahrt ein einfacher Fischer sein. Weiterhin eins mit dem Meer, aber nicht mehr so in seiner Hand gefangen wie jetzt, wenn sich die Wellen vor ihm türmten und brachen, ihm die Gischt um die Ohren fegte und der Regen wie Pistolenkugeln auf ihn niederprasselte.

Noch ein Befehl an seine Mannschaft.

„Alle festhalten!“

Die nächste meterhohe Welle wollte sie fassen und mit sich in die Tiefe reißen. Aber sie würde es nicht schaffen! Er würde sie alle sicher durch dieses Unwetter und diese Reise bringen! Er würde seine Pflicht erfüllen und dann endlich zu seiner geliebten Familie heimkehren.

27.4.2025: Sprachenvielfalt

Dienstag, siebte Stunde, Wirtschaftsunterricht. Doppelstunde, wohl gemerkt, weil sich nur eine Stunde mit diesen öden Themen herumzuschlagen ja… genau! Öde wäre! Im Moment ging es um die EU oder Europa oder irgendwas dazwischen. Um irgendwelche Zölle, politischen Kram oder irgendwas, das zumindest annähernd in diese Richtung ging. Er wusste es doch auch nicht! Er war ja schon froh, dass er irgendwann zwischendurch noch aufgeschnappt hatte, dass es in der EU aktuell 3 Alphabete und 24 Amtssprachen gab. Hah! Also doch EU! Hatte er doch gleich gesagt! Aber warum 3 Alphabete? Da hörte es schon wieder auf. Genauso wie bei der Frage, was denn alles in diese Sprachenvielfalt mit hineinfloss. Woher sollte er das denn wissen?! Er hatte nicht vor, die alle zu lernen! Ihm reichte schon sein Englisch. Also das, was er daraus brauchte, um so zu tun, als hätte er die große Ahnung, was er da redete, wenn er im besten Denglisch loslegte. Wobei… nein, ganz so blöd war er wirklich nicht! In Sprachen hatte er eigentlich schon immer recht gute Noten gehabt. Händchen dafür und so. Selbst für Französisch, obwohl er lieber Italienisch gemacht hätte. Aber das war dann kurz vor Beginn des Schuljahres doch vom Lehrplan geflogen. Zu wenig Lehrpersonal. Schade. Aber immer noch besser als Latein. Immerhin hatte er nicht vor, irgendwann mal in der Kirche zu arbeiten oder botanische Namen auswendig zu lernen, also sah er auch nicht allzu viel Sinn dahinter, eine tote Sprache zu lernen, die man an anderer Stelle ohnehin so gut wie gar nicht mehr brauchte. Französisch dagegen… damit konnte man wenigstens die Mädels beeindrucken! Zumindest, wenn man sie konnte. Also die Sprache. Das hatte er letztes Schuljahr ja gesehen, als sie einen französischen Austauschschüler da gehabt hatten. Meine Güte, was waren die Weiber darauf steil gegangen! Die hatten dem Kerl ja so was von am Arsch gehangen und an den Lippen. Allen voran Marie. Ausgerechnet Marie…

Er seufzte leise, stützte den Kopf auf die Hand und schaute hinüber. Zu Marie. Wie sie konzentriert da saß, dem Palaver des Lehrers aufmerksam zuhörte und… dann plötzlich zu ihm hinüberschaute! Ausgerechnet zu ihm! Das hatte sie vorher noch nie getan! Sein Herz machte Freudensprünge, sein Magen wanderte in wilden Kreisen durch seinen Bauch und…

„Pascale! Ich habe dir eine Frage gestellt!“

Der Lehrer schnauzte, der Angesprochene fuhr erschrocken zusammen. Oh Shit! Deshalb hatte Marie ihn so interessiert angeguckt! Und jetzt tat sie das so gar nicht mehr! Nein! Jetzt lachte sie nur über ihn, genau, wie alle anderen auch. Und er hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wovon der Pauker da gerade eigentlich sprach.

„Äh… sorry, ich hab nicht zugehört. Worum gings?“, grinste er schief, während er genervt angeschaut wurde.

„Hab ich gemerkt! Komm nach dem Unterricht zu mir, wir müssen eh noch über deine letzte Klassenarbeit sprechen!“, ranzte er und wendete sich ab. Ließ Pascale mit der Ahnungslosigkeit zurück, welche Frage er denn nun nicht hatte beantworten können und Marie stattdessen jetzt die Antwort darauf liefern ließ. Denn schon längst hing er wieder nur an ihren Lippen. Sah, wie sie sich bewegten, hörte nicht einmal im Ansatz, was aus ihnen herauskam und wurde nur puterrot, als sie sich zu einem Lächeln verzogen und dabei von einem Zwinkern begleitet wurden. Direkt an ihn! Scheiße, hätte er mal besser aufgepasst…

28.4.2025: stereotypisieren

„Stereotypisierst du grad nicht ein bisschen?“

„Ich hab gesagt, dass er n Arsch ist. Was gibts da zu stereotypisieren?“

Er brummte und hob gelangweilt die Schultern, während sein Kumpel nur grinste und an seinem Eis leckte. Vanille. Widerlich. Warum nicht wenigstens Kirsche oder Nuss? Aber sollte ihm auch egal sein. Er hatte seines schon zwei Meter von der Eisdiele entfernt verschlungen gehabt, während der feine Herr sich mal wieder daran festbiss und wohl darauf wartete, am Ende nur noch Suppe, statt Creme in seinem Becher zu haben. Kein Wunder, dass er immer diese Pappdinger statt Waffeln nahm! Keine Waffel der Welt hätte dieser Lahmarschigkeit standgehalten. Selbst, wenn er der festen Auffassung war, dass man mit so einem Schneckentempo viel mehr von seinem Eis hätte. Wers glaubte…

„Ich versteh gar nicht, warum du so genervt von ihm bist“, wusste er aber nicht nur durch sein dösiges Esstempo selber zur Nervensäge zu werden, sondern auch durch seine Kommentare.

„Was gibts denn da nicht zu verstehen? Er ist halt ein Arsch und gut!“, murrte der Angesprochene, verschränkte die Arme vor der Brust und schnaubte. Irgendwie hätte er jetzt gern noch etwas Eis gehabt. Ob er sich wohl heimlich, wenn er ihn mit einem guten Vorwand ablenken würde…?

„Vergiss es. Du kriegst mein Eis nicht“

Verdammt!

„Wollte ich eh nicht! Vanille ist kacke!“

Er brummte, der andere lachte.

„Man, du hast ja heute eine Laune!“, ließ er sich seine davon nicht verderben und schleckte und löffelte weiter. Musste er ihm jetzt eins vorlutschen?

Sein Gesicht wurde rot und er drehte es zur anderen Seite. Falsche Wortwahl! SO hatte er das jetzt bestimmt nicht gemeint gehabt! Pubertäres Hirn auf zwölf Uhr!

„Was ist? Denkst du schön wieder an den Oberarsch?“, stichelte sein Kumpel und mit verständnislosem Gesichtsausdruck guckte er zu ihm zurück.

„Was laberst du da für einen Quatsch?“, knurrte er, während der Eismümmler ihn nur mitleidig betrachtete.

„Au man… Seit er mit Karin zusammengekommen ist, bist du nicht mehr mit der Kneifzange anzufassen. Und da Karin dir früher tatsächlich am Arsch vorbei ging, glaub ich irgendwie nicht, dass es an ihr liegt, oder?“

„Es liegt daran, dass der Arsch nur noch Augen für seine Tussi hat! Daran liegts!“, schnappte er zurück, zurrte die Arme noch ein bisschen fester und brummte vor sich hin. Sein Kumpel aber lachte. Klar, was auch sonst? War ja genauso ein Armleuchter!

„Das stimmt nicht und das weißt du ganz genau!“, nahm er den Verräter auch noch in Schutz!

„Er hat erst letzte Woche noch gefragt, ob wir mal wieder ins Kino gehen. Nur wir fünf! Ohne Mädels dabei! Aber wer hatte da keinen Bock? Genau. Du!“, rieb er ihm unter die Nase und er war kurz geneigt, ihm dafür den Pappbecher samt Löffel in den Rachen zu schieben.

„Ich hatte halt zu tun!“, blaffte er und rannte vor die nächste Laterne.

„Jap, damit eifersüchtig zu sein! Auf Karin!“, hatte sein Kumpel nämlich geflötet und lachte ihn jetzt schon wieder aus, als er nach einem kurzen Fluch wieder zu ihm aufschloss.

„Stimmt doch gar nicht!“, bellte er dabei und war nur wegen seines kleines Zusammenpralls so rot im Gesicht, verdammt!

29.4.2025: frühlingsfrisch

Samstagvormittag, eigentlich die beste Zeit, um jetzt erst aus den Federn zu kriechen und was tat sie stattdessen? Genau. Mit zig anderen Shoppingverrückten durch eins dieser vielzitierten Möbelhäuser latschen, sich gegenseitig auf die Füße treten und nach Kram Ausschau halten. Deko hier, Badezimmerartikel dort, noch ein paar Schneidbrettchen für die Küche, eine Tagesdecke für – keine Ahnung, was man damit genau machte oder wofür man sie brauchte! – und Kissen. Kissen konnte man nie genug haben. Genauso wie Kerzen!

Was tat man nicht alles, wenn die beste Freundin in ihre erste eigene Wohnung zog? Ausbildung erfolgreich hinter sich gebracht, sofort guten Job als Gesellin gefunden – ihre Ausbildungsfirma hatte sie übernommen, weil beide Seiten mit der bisherigen Zusammenarbeit mehr als zufrieden gewesen waren – und nun also ihre erste eigene Wohnung. Klein, schnuckelig und mit dem Fahrrad gut von der Firma aus zu erreichen. Perfekt! Wenn da nur nicht die vielen kleineren und größeren Renovierungen nötig gewesen wären. Aber als Klempnerin hatte sie einiges ja doch selbst machen können. Schon irgendwie faszinierend! Und auch ein bisschen beneidenswert… Sie selber konnte dafür gut mit Abrechnungen und derlei Kram umgehen, den man in der Verwaltung eines mittelständischen Unternehmens eben brauchte. Auch nicht zu verdenken!

„Wie findest du die hier?“, schob sich dabei eine Frage zwischen ihre Können-Können-Rechnung und eine mintgrün angehauchte Kerze gleich mit. Sie schnupperte, verzog das Gesicht und fast wäre das gleich auch noch in herrlichstem Grün angelaufen.

„Was ist das denn?! Omma unterm Arm oder was?!“, streckte sie angewidert die Zunge raus, während ihre Freundin den Stinker lachend zurück zu seinen Freunden stellte.

„Nein, laut Zettelchen frühlingsfrisch!“, hob sie erklärend den Zeigefinger, um dann wieder über die Gesichtskirmes ihrer Begleitung zu lachen.

„Wohl eher frühlingsfrisch, bevor es vier Wochen lang ununterbrochen als Socken getragen wurde. Im Sommer. Beim Joggen!, rief sie aus und zuckte weg, als ihr noch eine Kerze gereicht wurde.

„Nee, die ist besser, versuch mal“, lautete die Aufmunterung dazu und nach kurzer Skepsis beugte sie sich vorsichtig vor, schnupperte behutsam. Joah, schon besser! Irgendwas blumiges.

„Sommerwiese!“, lautete die Erklärung, die nicht unbedingt ganz so passend war. Nach Wiese hatte für sie nichts gerochen, aber vielleicht war auch ihre Nase kaputt. Wenigstens stank die Sommerwiese aber nicht so wie die Frühlingsfrische!

„Und? Welche nimmst du?“, hoffte sie, dass es am Ende nicht trotzdem der angebliche Lenzduft wurde, denn so ganz konnte man bei ihrer Freundin da auch nicht unbedingt immer sicher sein. Aber nein!

„Gar keine. Sind alle nicht meins. Ich spar mir die Kohle und lad dich damit lieber auf einen Milkshake ein“, lautete die Antwort und dieses Mal mussten sie beide lachen. Jap, das klang doch nach einem guten Plan!

30.4.2025: Servus

„Servus!“

Er saß in der kleinen Wirtschaft, starrte auf sein Bier mit viel zu viel Wasseranteil darin und lauschte dabei den Gesprächen. Vor allem den Begrüßungen.

„Servus!“, betrat schon wieder ein kleines Grüppchen den urig anmutenden Fresstempel nach bayrischem Vorbild oder so. Auf ihn wirkte es jedenfalls so, aber vielleicht würde auch gleich ein Franke oder Sachse aus der Ecke gesprungen kommen und ihn für diese Majestätsbeleidigung aus der Stadt jagen. Wer wusste das schon? Also behielt er diesen Gedankengang lieber für sich. Genauso wie die anderen. Er hatte ja eh niemanden, mit dem er sie hätte teilen können.

„Servus!“

Untermalt vom Gebimmel der kleinen Glocke über der Eingangstür trat dieses Mal kein Gast ein, sondern heraus. Wurde auch langsam Zeit! Er wunderte sich ja ohnehin, wo die alle Platz fanden. Gab es irgendwo noch ein zusätzliches Stockwerk, das man von außen nicht erkannte und das auch im Innenraum mit Optik aus Holz, Holz und Holz nicht gekennzeichnet war? Er nahm einen Schluck, wischte sich mit dem Handrücken den Bierschaum von den Lippen und ließ den Blick schweifen. Hinüber über die massiven Tische mit den kräftigen Beinen, die Stühle mit den verzierten Lehnen und zurück zum Tresen mit seinem glatt polierten Platte, den Abdrücken irgendwelcher Gläser darauf und dem Sammelsurium aus Krügen, Gläsern, Tassen und Klimbim in den Regalen dahinter, das sich mit ein paar Schnapsflaschen komplettieren ließ.

„Servus!“

Er seufzte und schaute dem Wirt beim geschäftigen Treiben zu. Glas geschnappt, unter den Zapfhahn gehalten und schon folgte ein weiteres Blümchen auf dem Bier. Routiniert, ob der Statur etwas verschwitzt und trotz der Einsilbigkeit irgendwie gemütlich. Ein Bär von einem Mann, groß, breit, haarig. Vor allem zwischen Nase und Oberlippe, noch ein bisschen stoppelig an Kinn und Wangen und nach oben hin dann deutlich lichter werdend. Ausgleichende Gerechtigkeit, oder so, aber er trug die kurz geraspelte Halbglatze in elegantem Grau wenigstens mit Stolz. Genauso wie die pralle Plauze unter seiner Schürze.

„Servus!“

Noch ein Gast, noch ein Schluck Bier. Dieses Mal ein größerer. Ups, ein Bäuerchen! Egal. Hatte keiner gehört.

Er stützte den Kopf auf eine Hand, guckte auf das Geprickel in der pissgelben Plörre in seinem Glas. Nein, lecker fand er Bier nun wirklich nicht, aber schon nachmittags mit was Härterem starten? Auch keine gute Idee! Und vor allem nicht hilfreich bei den Vorwürfen seiner Frau. Bald Exfrau. Als ob er ein Alkoholproblem hätte, nur, weil er abends gern mal einen zur Entspannung trank! Nach einem langen Arbeitstag schließlich auch verdient!

Er seufzte und nippte ans seinem Glas. Blöde Pute! Wollte ihm Haus und Kinder nehmen! Die würde schon sehen!

„Servus!“

Wie es wohl war, sich einfach mal an diese breite bärige Schulter zu lehnen? Nur kurz?

Er seufzte und schob das restliche Bier von sich. Irgendwie wurden seine Gedanken von dem Gebräu immer seltsam. So melancholisch!

„Servus!“

Dieses Mal war er es, hinter dem die Tür nach kurzem Öffnen wieder ins Schloss fiel. Zeit für den Gerichtstermin. Zeit für die blöde Pute, die ihm Haus, Ehe und Kinder nehmen wollte. Nach über Zehn Jahren Treue und harter Arbeit. Na, schönen Dank auch und Servus!

1.5.2025: 1.5. Maifeiertag

Majestätisch stand er da, auf Hochglanz poliert, so gut das bei Holz eben ging, wenn es nicht geschliffen, sondern nur gestrichen war. Die vier Räder strahlten mit ihren rot getünchten Felgen um die Wette mit der Sonne und die Zugstange war die reinste Wucht! Orange, mit herrlichstem Kautschuk überzogen! Vom feinsten! Da hatte sich das Wochenende wirklich gelohnt, um diese Schönheit aus zwei alten Bollerkarren zu fabrizieren!

„Großartig!“, konnte er sich auch eine Woche nach dieser Umbauaktion in bester Gesellschaft mit reichlich alkoholischer Unterstützung und wunderbarer Schlagermusik noch immer nicht an seinem neuen Gefährt satt sehen. Stolz geschwellt war seine Brust und die seiner Freunde nicht minder. Was hatten sie auf diesen Tag hingefiebert! 1. Mai, großartiges Wetter, beste Uhrzeit! Und wie es sich für den Maifeiertag gehörte, natürlich auch mit einer Maiwanderung!

Also gings los, an das Komplettieren der Vorbereitungen! Stand das Bier bereit zum Verladen? War die Musikanlage getestet und startklar? Ja, bei genügend Tetris bekämen sich ganze zwei Kästen auf ihr neues chices Luxusgefährt und vielleicht auch noch ein paar Flaschen Kurze drum herum verteilt. Früh genug getrunken konnten sie auch nicht zu warm werden! Planung war schließlich alles…

Und ja, auch Handy und Bluetoothboxen bildeten die perfekte Einheit! In formschönes Pink getaucht und so drapiert, dass man die Pferdeaufkleber nicht sah – Das Töchterchen würde ihr Abhandenkommen sicherlich gar nicht bemerken, wenn die wandelnden Wummer früh genug wieder an Ort und Stelle im Jugendzimmer Einzug hielten!

Und so konnte es nach all der schweißtreibenden Plackerei endlich losgehen! Ein Abschiedskuss an die Liebste, die ihm bei dieser Gelegenheit gern schon mal für Vatertag üben ließ und der Pilgerfahrt stand nicht mehr im Wege. Hei ho, hei ho, was warn sie wieder froh! Gut gestärkt und fein hydriert, singend, schunkelnd, plappernd.

So, schafften sie es bereits die ersten 500 Meter bis zum Festplatz des Dorfes, der heute vor allem eines war: Der Parkplatz vor der Post. Gehalten in edlem Asphalt, mit leichten gelben Akzenten hier und da. Die Bienen freuten sich über den Löwenzahn und die Männer darüber, dass sie ihre Route nicht als einzige an dieser kleinen Pilgerstätte vorbeikamen! Da hinten waren ja auch Fritz und Jupp und Hannes mit ihrem Wägelchen, das dem ihren vielleicht Konkurrenz machen wollte, es aber nicht konnte! Was war schon eine quäkende Tröte am der Zugstange, wenn man knallige Flegen hatte?! Ja, ganz genau! Aber gegen ein paar Fachsimpeleien war ja trotzdem nichts einzuwenden. Also schnell geparkt, zufrieden ausgeseufzt und die Hände in die Hüften gestemmt! Na? Wie weit waren die anderen heute schon gekommen? Oh! Fast 2 Kilometer! Respekt! Aber zu wenig zum Nachtanken eingepackt. Anfänger! Der Fehler war ihnen einmal passiert und nie wieder! Aber man wollte ja nicht so sein…

„Kommt, wir geben euch einen aus!“, zischten ihre Bierkorken und die Fläschchen wechselten die Besitzer. Gemeinsam mit Freunden wars doch eh am schönsten, nicht wahr? Oh und was sah man da? Der alte Hein mit Peter, Kalle und ein paar anderen bog auch gerade um die Ecke hinter der Kirche! Na, da hatten sie ja bald alle Himmelsrichtungen abgedeckt! Aber zum Glück bot der Dorfplatz ja noch ausreichend Platz für die Nachkömmlinge. Und wenn ihnen das Bier nicht ausgegangen ist, dann stehen sie noch heute dort…

2.5.2025: Weidemonat

Gegangen war der Wandelmonat und gekommen der Mai. Doch noch war der Sonnenaufgang nicht früh genug. Nicht für ihn. Noch während die unterschiedlichsten Nuancen von Grau und Grau ankündigten, dass sich der Himmel irgendwann im weiteren Verlauf in ein blaues Meer verwandeln wollte, schlug er die Augen auf. Einen Wecker benötigte er dafür nicht, denn seine innere Uhr ließ ihn nie im Stich.

Leise schob er seine Decke beiseite, stieg noch leiser, noch vorsichtiger aus dem Bett. Die Nacht war kurz gewesen, sein kleines Töchterchen unruhig und seine Frau erschöpft von den vielen Versuchen, ihre Neugeborene in den Schlaf zu bekommen. Sie hatte versucht, die Unruhe von ihm fernzuhalten und nun hielt er wenigstens ein zu frühes Erwachen durch sein Aufstehen von ihr fern. Also schlich er aus dem kleinen Raum, der ihre Schlafkammer war, hinaus hinter das Haus, um sich am Trog zu waschen und das zu erledigen, was nach jeder Nacht auf ihn wartete. Er hörte schon seinen treuen Hütehund dabei an der Außentür zur Küche kratzen.

„Guten Morgen, mein Guter“, ließ er ihn also nach der Morgenwäsche hinaus zu seiner eigenen und trat selber in den Ort von Speis und Trank. Er wusste, sein Hund hätte nie etwas vom Tisch stibitzt und auch an diesem Morgen wurde er nicht enttäuscht. Alles lag bereit für eine kleine Stärkung vor dem Beginn seines Aufstiegs und auch unterdessen. Einen Teil davon genehmigte er sich selber, einen Teil davon knotete er in einem Tuch für später an seinen Wanderstock und den Rest, den bekam sein treuer Weggefährte.

„Wir gehen durch die Küchentür. Nicht, dass du mir die Frau weckst!“, scherzte er, als könne der Hund genau verstehen, was er sagte und manchmal schien es ihm, als könne er es tatsächlich. Denn schon flitzte er wieder hinaus, machte es sich mit seinem Essen auf den Steinplatten vor der Tür gemütlich und wedelte gutmütig mit dem Schwanz, während sein Herr noch eine Trinkflasche mit Wasser füllte. Sie würde ihnen beiden gute Dienste leisten.

Und dann konnte es auf den Weg gehen. Nur noch die speckige alte Mütze vom Nagel neben der Tür gezogen und die knarrenden Dielen mit rostigem Griff gleich mit. Nach seiner Rückkehr musste er sie dringend mit neuer Farbe versehen. Doch da ging plötzlich eine andere Tür auf. Die, die vom Schlafbereich in die Küche führte und ein leiser Ruf hallte an seine Ohren.

„Warte!“, lief seine Frau zu ihm, gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Seid vorsichtig“, strich sie über die Stelle, über die vernarbten Krater und das raue, teils schon graue Haar.

Er nickte, tat es ihr gleich.

„Das werden wir“, rief er seinen treuen Begleiter zu sich, kehrte seiner Liebsten den Rücken zu und machte sich auf den Weg. Hinauf zu den anderen Hirten, die den Wandelmonat über ihre Tiere gehütet hatten, um an ihrer Stelle nun seinen Platz im Weidemonat einzunehmen.

3.5.2025: prosperieren

Ein tiefes Seufzen begleitete das Huschen seiner Finger. Hinauf, hinauf, hinauf, immer weiter hinauf wanderten mit seinem Scrollen die Seiten der Berichte. Die Seiten und mit ihnen die Zahlen. Die schwarzen Zahlen. Ja, das Unternehmen prosperierte! Es war der reinste Wahnsinn, was selbst schwierige Zeiten in der Welt für positive Auswüchse mit sich bringen konnten, wenn man in der richtigen Branche unterwegs war! Man musste nur seine Seele ein wenig verkaufen. Oder auch ein wenig mehr. Aber Hauptsache, auch das gab wieder weitere Gewinne, richtig? Nein.

Er seufzte wieder, schob den Laptop von sich. So energisch klappte er ihn zu, dass er sich nicht gewundert hätte, wenn er beim nächsten Öffnen des Geräts einen Riss über den gesamten Monitor entdeckt hätte. Oder eine Spiderapp, die ihresgleichen suchte. Und selbst das fühlte sich nicht genug an. Vielleicht sollte er einfach das Fenster öffnen und ihn hinauskatapultieren? Ein kleiner Flug aus dem fünfzehnten Stock hätte es bestimmt in sich gehabt! Aber das Problem wäre dadurch nicht verschwunden. Nicht einmal im Ansatz.

Das Problem nämlich, dass er noch über so etwas wie Werte und ein Gewissen verfügte. Dass er seine Seele eben nicht vollends verkaufen wollte. Selbst, wenn er schon vor Jahren damit begonnen hatte. Von klein auf darauf vorbereitet und in diese Rolle hineingewachsen. Angeleitet von seinem Vater und der von dessen. Stolze Männer allesamt. Stolz auf das, was sie geschaffen hatten und auf ekelerregende Weise auch stolz darauf, worauf ihr Erfolg thronte.

Er schnaufte, stand auf, nein, sprang regelrecht auf. Von seinem chicen Stuhl, in seinem chicen Büro mit den teuren und edlen Möbeln. Selbst der Mülleimer war nicht einfach 08/15! Und trotzdem genügte ein einziger beherzter Tritt, damit er mitsamt Inhalt durch das halbe, großräumige Zimmer flog. So viel Dekadenz für einen einzigen Mitarbeiter, auch, wenn er in den Augen vieler der wichtigste von allen war.

„Scheiße“, schüttelte er den Kopf, begann auf und ab zu wandern wie ein Tiger im Käfig. In einer guten Stunde stand wieder ein Meeting an. Besprechungen über wichtige Lieferungen. Über Geld, viel Geld.

„Nein!“

Noch einmal schüttelte er den Kopf, dann ein Ruck und er stierte zur Tür, an der es gerade so dezent und doch fordernd geklopft hatte.

„Ja?“, rief er und schnaubte wieder, als ihm weitere Unterlagen gebracht wurden, die er zur Vorbereitung auf das Meeting benötigte.

4.5.2025: njam, njam

Rumms! Zu fiel die Tür und ihr Schuhwerk landete gleich daneben. Mit den Hacken abgestreift und achtlos auf die Fußmatte bugsiert. Falsch herum liegen geblieben, durchnässt und eigentlich reif für die Wäsche – aber das konnte ihr gerade nicht egaler sein!

Hauptsache daheim! Hauptsache, endlich diese Doppelschicht hinter sich gebracht! Ein kleiner Gefallen für ihre Kollegin und ein noch kleinerer für ihr Stundenkonto. War ja nicht so, als hätte sie nicht bereits Überstunden ohne Ende gehabt, aber gerade diese Kollegin hatte ihr in der Vergangenheit auch schon oft geholfen. Also tat sie es gerne! Sah es als kleinen Dank für die gute Einarbeitung, die sie damals von ihr erfahren hatte. Vor vier Jahren, als sie in dem kleinen Supermarkt begonnen hatte. Eigentlich nur ein Aushilfsjob, eine kleine Überbrückung, ehe sie in etwas Richtiges entschwand. Etwas, von dem sie damals noch genau gewusst hatte, was es sein sollte und sich nunmehr kaum noch daran erinnern konnte. An ihre Vorstellungen von der Arbeit, ihren Träumen vom Leben. An die Frau, die sie damals gewesen war. Mit großen Wünschen und noch größeren Plänen. Eine Frau, die sich sicher gewesen war, eines Tages in den sozialen Medien das große Geld zu verdienen. Als Influencerin richtig durchzustarten. Ihr Talent zu nutzen, Geschichten erzählen zu können und es mit ihrem doch recht ansehnlichen Aussehen zu unterstreichen. Und heute? Heute war sie froh, dass dieser Traum nicht in Erfüllung gegangen war! Oder eher, dass sie ihn früh genug beendet hatte, um keinen Alptraum daraus werden zu lassen. Die vermeintlichen Höhenflüge anderen zu überlassen und lieber auf dem Boden zu bleiben, anstatt eines Tages mit einem harten Aufprall zurück auf ihm zu landen. Statt in einer Scheinwelt zurück in der richtigen Welt unterwegs zu sein. Nicht mehr alles durch Filter und Kameralinsen zu sehen, sondern durch ihre eigenen Augen.

Ja, der Job im Supermarkt war oft hart und stressig und doch hatte sie ihn auch lieben gelernt. Ihre Kollegen und einige Stammkunden, die sie regelmäßig sah, teilweise in zwischen sogar beim Namen kannte. Das Gefühl, etwas Sinnvolles geleistet zu haben, wenn sie abends nach hause kam – auch, wenn jeder sinnvoll sicherlich anders definierte. Aber vor allem das Gefühl, wirklich Feierabend zu haben, wenn ihre Schicht vorbei war. Kein selbst und ständig, kein permanentes Fotografieren und Teilen! Kein schönes Drapieren ihres Erdbeerkuchens, den sie sich auf dem Nachhauseweg noch schnell geholt hatte und jetzt gönnen würde.

„Njam njam“, richtete sie ihn trotzdem schön auf dem Teller an, kochte sich einen heißen Kakao dazu und machte es sich anschließend bei ihrer Lieblingsserie auf der Couch gemütlich. In ihren heimeligen vier Wänden, die mit so wunderbaren Details versehen waren, so perfekt für eine Instagramstory gewesen wären und doch nur taten, wofür sie da waren: Sie mit Glück zu erfüllen. Während sie sich ihren fotogenen, aber vor allem köstlichen Erdbeerkuchen schmecken ließ. Njam njam. Die bunte Social-Media-Welt überließ sie lieber anderen.

5.5.2025: allenthalben

Seine Schritte hallten durch das Treppenhaus. Leder auf Marmor in den riesigen Hallen, die seine Arbeitsstätte waren. Dunkelheit begrüßte ihn, als er die Eingangstür aufstieß. Massiv, schwer, irgendein Hartholz mit Metallbeschlägen. Irgendwann einmal handgefertigt, hatte er bei einem zufälligen Plausch mit dem Hausmeister erfahren. Die gute und treue Seele dieser Institution. Kannte jede noch so kleine Ecke, jede Besonderheit in jedem Raum. Die etwas klemmende Tür in einem der Kellergewölbe, zum Beispiel. Die musste man etwas anheben, dann glitt sie wieder wie geschmiert dahin. Eine andere musste man hingegen fester zuziehen als die restlichen, damit sie auch wirklich im Schloss hielt. Das waren eben die Eigenheiten, die so ein altes Gebäude mit sich bringen konnte. Alles eine Einstellungssache! Und ebenso war es auch Einstellungssache, von einem Job, der eher aus 9 to 5 bestanden hatte, in einen zu wechseln, der gerne mal bis 9 Uhr abends ging. Manchmal auch länger. Aber alles hatte seine Vor- und Nachteile. Und diese Uhrzeiten sprachen ihn definitiv mehr an als die anderen. Er war noch nie ein Frühaufsteher gewesen. Erst, wenn die Dunkelheit ihn umarmte, kam er so richtig in Schwung. Dann fuhr sein Gehirn Extrarunden – im Gegensatz zu seinem Wagen. Ein weiterer Vorteil der späten Arbeitszeiten: Er konnte dem Feierabendverkehr ein Schnippchen schlagen. Statt Stop and Go das gemütliche Daherschnurren über die übersichtlich gefüllten Straßen. Er liebte es. Ganz besonders liebte er es, dabei in den lauen Sommernächten die Scheiben herunterzufahren und sich den Fahrtwind um die Nase blasen zu lassen. Manchmal, wenn er ganz besonders neckisch drauf war, öffnete er dafür auch das Verdeck! Ja, den kleinen Spaß erlaubte er sich! Und dann wurde die Krawatte auf den Beifahrersitz gepfeffert, die lässige Sonnenbrille aufgesetzt, die um diese Zeit eigentlich mehr als flüssig war und ihm trotzdem das Gefühl gab, für die Dauer der Fahrt aus seinem Alltag ausbrechen zu können. Einen kleinen Roadtrip stellte er sich dann immer vor, wenn er die Heimfahrt antrat, die letzten Ampeln hinter sich ließ und auf die lange Brücke einbog. Links und rechts nichts als Lichter, die seinen Weg säumten und unter ihm das tiefe dunkle Meer, umschlossen von Klippen und Land, das ihn auf der anderen Seite der Brücke wieder in Empfang nahm. Er drehte das Radio auf. Irgendein Lied, das jetzt allenthalben zu hören war. Ein neu aufgelegter Song, den er in seiner Jugend im Original rauf und runter gehört hatte. Und das war definitiv besser! Aber mit dem Remix konnte man sich irgendwie anfreunden. Ein bisschen erinnerte es ihn an früher. Da war er auch gerne so umher gefahren, hatte sich vom Wind das Haar kämmen lassen. Damals noch auf dem Fahrrad, bei dem er sich immer vorgestellt hatte, es wäre ein Motorrad. Irgendwann hatte er dafür auch den Führerschein machen wollen. Am Ende war es doch nur der fürs Auto geworden. Aber das war okay. Er mochte sein Auto! Und er mochte diese herrliche Rückfahrt in seine kleine Wohnung. Nichts Aufgeregtes, sondern beschaulich, fast spartanisch und trotzdem mit ein paar persönlichen Details versehen, die ihr Charakter und Charme gaben.

6.5.2025: Brimborium

Samstagmorgen, die beste Zeit auszuschlafen und ihr Bett – war leer. Zumindest die Seite, auf der ihre Liebste jetzt eigentlich liegen sollte. An sie gekuschelt, schlummernd und bereit, in ein entspanntes Wochenende zu starten. Nachher wollten ein paar Freunde vorbeikommen, eine kleine Einweihungsparty für ihre erste gemeinsame Wohnung. Nichts Wildes! Nur ein gemütliches Beisammensein mit Bier, Drinks und Häppchen. Ein buntes Geplauder über frühere Zeiten, über den aktuellen Zustand ihrer aller Leben und kleine vorsichtige Vorausblicke auf die Zukunft. Oder eher auf das, was sie sich wünschten.

„Marie?“, rief sie bereits, während sie aus dem Bett rutschte, sich ausgiebig streckte und dabei zur Tür spazierte. Sie stand ein Stückchen offen, wie immer. Marie konnte es eigentlich nicht leiden, aber sie brauchte das irgendwie. Schon von klein auf hatte sie nicht schlafen können, wenn die Tür ihres Kinderzimmers zu gewesen war. Warum auch immer. Sie wusste es nicht, woher diese Marotte kam, aber sie wusste, dass sie sie hatte. Und zum Glück hatte Marie sich damit abgefunden. Dafür hatte sie sich Marie zuliebe angewöhnt, dass sie inzwischen auch bei offenen Rollläden schlafen konnte. Zumindest mit Schlafmaske.

„Marie?“

Sie streckte den Kopf durch die Tür, schaute erst zur einen Seite ihres kleinen Flurs, dann zur anderen. Zu sehen war nichts, aber sie hörte etwas in der Küche, nicht wahr? Ja, definitiv! Da war noch ein Geräusch gewesen! Also ging sie ihm nach, hob erst verwundert die Augenbrauen, als sie vorbei am Wohnzimmer sah, dass dort auf dem Tisch bereits ihr halber Hausstand drapiert stand und schaute umso verwunderter, als sie Küche betrat. Die Tür war nur angelehnt, sie ließ sie geräuschlos in das Zimmer schlüpfen, obwohl im Moment vermutlich auch eine Herde Elefanten unbemerkt an Marie vorbeigekommen wäre. Nicht nur, weil sie im Takt ihrer viel zu großen Kopfhörer wippte und nickte, sondern auch, weil sie in ihrem Element war. Voll und ganz! Früher hatte sie im Catering gearbeitet, heute in einer Bäckerei und Konditorei. Sie liebte das Anrichten, Herrichten und Aufhübschen, damit aus dem Gaumenschmaus auch ein Augenschmaus wurde. Und was sie da nun wieder zauberte… unfassbar!

„Jetzt sag mir nicht, dass das ganze Brimborium für nachher ist…“, hob die soeben erst Erwachte die Augenbrauen noch ein wenig mehr. Wie gut, dass sie an ihrem Gesicht festgewachsen waren, sonst hätte sie sie wohl von der Zimmerdecke abkratzen müssen!

Seit wann hatten sie derart viele Servierplatten und vor allem: Wann hatte Marie all das Zeug gekauft, um sie auch mit Inhalt zu bestücken?

Sie schaute zur Seite, dort lehnten und lagen noch die Einkaufstüten. Aha. Da war jemand heute aber schon sehr früh auf den Beinen gewesen! Hatten sie nicht eigentlich gesagt, dass sie am Vormittag zusammen gehen wollten? Ganz gemütlich?

„Hey…“, ging sie zu dem emsigen Bienchen hinüber, strich ihm seicht über den Rücken und grinste, als es sich überrascht umdrehte.

„Hey! Hab ich dich etwa geweckt?! Ich dachte, ich fang schon mal an! Dann ist es nicht so stressig mit den Vorbereitungen!“, brüllte Marie, grinste dann schief und zog sich die Kopfhörer runter.

„Ups, sorry…“, streckte sie keck die Zunge raus und zuckte entschuldigend die Schultern, aber die Schlafmütze konnte darüber nur amüsiert den Kopf schütteln.

„Du bist mir vielleicht ne Type!“

7.5.2025: moussieren

Seine Schuhe waren auf Hochglanz poliert. Elegant und chic strahlten sie mit seinem Zweireiher um die Wette. Schlicht wirkend, nicht zu protzig und doch teuer gewesen. Aber man ließ sich ja nicht lumpen. Weder in der Wahl der Kleidung, noch in der Präferenz der Unterkunft oder bei der Gästeliste. Ein halbes Hotel nur für sie allein. Mitsamt Tagungsraum, damit sie neben all dem Netzwerken auch so tun konnten, als wären sie zum Besprechen wichtiger Dinge gekommen. Dinge, die ihr Unternehmen betraf. Oder eher die vielen Zweigstellen, die seinen Namen inzwischen trugen. In ihrer Branche angesehen von den einen und verhasst von den anderen. Erst vor einem halben Jahr waren weitere Zweigstellen hinzugekommen. Stetig und genügsam bauten sie ihren Vorsprung auf dem heimischen Markt also aus. Mit Erfolg, wenn man bedachte, dass es nur zwei wirkliche Konkurrenten gab. Wobei man natürlich auch die Newcomer nicht aus den Augen verlieren durfte… Doch das waren Themen für den morgigen Tag mit seinen Tagungen und Gesprächsrunden! Jetzt kam erst einmal die Abendveranstaltung mit Buffet, moussierenden Getränken in ihren Gläsern und ebenso schäumenden Unterhaltungen über allerhand Nichtigkeiten. Smalltalk, der verband! Über Studienzeiten, über teure Hobbys, Reisen und Hauskäufe, die zwischen den Zeilen vor allem eines bewiesen: Dass sie einen gewissen Stand besaßen. Hart erarbeitet, ohne Zweifel! Mit vielen Jahren voller Studien, Praktika, Weiterbildungen und Vorbereitungen auf ihren späteren Beruf. Da durfte man auch anerkennen, dass man sich ein wenig von der Masse abhob. Selbst, wenn die Masse die eigenen Angestellten waren. Gerade die! Da musste man doch noch ein wenig mehr hervorheben, dass sie eben nur die Diener waren, während man selbst das geräumigere Büro, die eigene Couch in eben jenem und die eigene Kaffeemaschine besaß. Man gönnte sich ja sonst nichts! Und immerhin durften die Angestellten – zumindest eine kleine Auswahl von ihnen – auch an dieser illustren Runde teilnehmen! Ob sie wollten oder nicht… Da konnten sie sich auch wenigstens als nützlich erweisen und alles für diese Zusammenkunft organisieren. Und wehe dem kleinen Rädchen im Getriebe, das dabei versagte! Es war ebenso nichtssagend und ersetzbar wie die Gesprächsthemen ihres Smalltalks. Notwendiges Übel. Einander beweihräuchern und Zusammengehörigkeit vorspielen, während ein jeder von ihnen doch ganz genau wusste, dass es im Grunde nur um die eigenen Interessen ging. Haie in einem ganzen Becken von Haien. Zähnefletschend hinter dem falschen Lächeln.

Kannten Sie das, meine Damen und Herren? Dieses Lächeln, das keines war? Das noch so einstudiert sein konnte und trotzdem auf drei Kilometer gegen den Wind bereits nach Lüge stank? Nun, hier fanden Sie wirklich eine famose Auswahl der verschiedensten Varianten dieses Lächelns! Mal breit und mit Zähne zeigen, mal scheu, mal in natürlichem Farbton gehalten und mal stark überzeichnet.

Hach, es war doch immer wieder eine Freude, dieses jährliche Zusammenkommen mit seinesgleichen!

8.5.2025: Jahrestag

Früh war der Morgen und noch träge das Erwachen der Stadt. Leichter Nebel vermischte sich mit der Dämmerung, tauchte die Häuser und Vorgärten in einen diesigen Schleier. Er hatte es gesehen, bei seinem Weg von der Haustür die Einfahrt entlang bis hinüber an die angrenzende Straße. Dem kleinen roten Auto entgegen, wie fast jeden Morgen. Außer sonntags und manchmal auch am Samstag. Dann, wenn er die Zeitung vielleicht doch einmal aus seinem Briefkasten holte, anstatt sie vom Boten persönlich entgegen zu nehmen. Es war ihnen beiden ein schönes Ritual geworden. Sie, die als wenige von einigen bereits auf den Beinen waren, wenn die Kuckucksuhr erst zum fünften Mal gerufen hatte und alle Häuser um sie herum noch in tiefem Schlummer lagen. Die meisten ihrer Lichter brannten frühestens ab dem sechsten Ruf, aber da saß er schon lange am Küchentisch. Hatte ihn gedeckt mit Kaffee, ein paar Brötchen oder Scheiben Brot. Dazu Käse, Aufschnitt, Marmelade. Manchmal, aber nur an den Wochenenden, auch ein gekochtes Ei dazu. Wenn sie es etwas ruhiger angehen ließen, er und seine Frau. Aber unter der Woche nahmen sie sich die Zeit nicht. Da begannen sie ihre Tage zwar auch in Ruhe, aber doch durchgetakteter. Er, der immer als erstes aufstand, die Zeitung entgegen nahm und sich dann erst ins Badezimmer zurückzog. Früher war er mit allem schneller fertig gewesen, aber man wurde schließlich nicht jünger. Und die Wohnung nicht größer. Sie hatten es immer in ihren gemütlichen, urigen kleinen vier Wänden geschafft, sich aufzuteilen und einzuteilen – warum also sollten sie es jetzt ändern? Nein, er war es so gewöhnt, vor seiner Frau das Bad aufzusuchen und wieder zu verlassen, dass er es sich gar nicht anders vorstellen konnte. Und während sie dann an der Reihe war, richtete er ihnen das Frühstück her, las die Zeitung oder ließ manchmal auch einfach nur den Blick aus dem Fenster schweifen. Hinüber zu den anderen Häusern, in denen nach und nach die Lichter angingen, während er dem leisen Geplätscher seines Radios lauschte. Oder dem Ticktack seiner guten alten Kuckucksuhr. Ein Erbstück. Ein Geschenk seines Vaters. Auf den Tag genau vor vierzig Jahren erhalten. Sein Jahrestag. Der große Moment, an dem er das elterliche Geschäft übernommen hatte. Vom Sohn zum Chef geworden war, so, wie seine Tochter es vor guten drei Jahren getan hatte. Neue Ideen hatte sie einfließen lassen und an alten Traditionen festgehalten. Genau wie er. Und seine Frau.

Andere Leute in ihrem Alter und mit einem Ruhestand gingen auf Reisen, wollten die Welt erkunden. Doch ihre kleine Welt war noch immer ihr Geschäft. Versteckter als früher, nicht mehr so vollends eingebunden und doch noch immer als Teil davon. Ganz selbstverständlich, so selbstverständlich wie seine treue Kuckucksuhr und der kleine Spaziergang von guten zwanzig Minuten, nach dem Weg ins Bad, dem ruhigen Frühstück und dem Lesen seiner Zeitung. Hinein in den immer wacher werdenden Tag, vorbei an der aufkommenden Hektik derer, die zur Arbeit oder zur Schule hetzten, während sie gemächlich ihres Weges gingen. Arm in Arm, die Schritte in über fünfzig Jahren an einen gleichen Takt angepasst und auch an seinem Jahrestag ganz selbstverständlich in sein kleines Geschäft hinein.

9.5.2025: nonchalant

Seine Parkbank war sein kleines Reich. Hölzern, verwittert und trotzdem mit keinem Geld der Welt zu bezahlen. Denn hier war er König, hier konnte er es sein! Hier war seine Bühne und hier fand er sein Publikum! Diejenigen, die den Grünstreifen zwischen Bahnhof und Innenstadt überquerten, um von A nach B zu kommen. Diejenigen, die dort ihre Pausen verbrachten, sich nachmittags mit ihren Freunden trafen, um von dort weiter zu ziehen, in die Clubs, die Kinos und die Bars. Und eben auch diejenigen, die so waren wie er – und dann doch wieder ganz anders. Aber war nicht jeder ganz anders als der Rest, der ihn umgab? Irgendwie schon, oder?

Er jedenfalls war der Nonchalante, der Unbekümmerte! Der, der in einer schlanken schwarzen Hose herumlief, die nur ein wenig verschlissen an den Rändern war. Der, der ein edles weißes Hemd trug, das nur ein wenig zu groß war. Aufgeknöpft, aber nicht zu weit. Nur so viel, dass man zwischen all den Rüschen am Kragen auch sein Unterhemd durchblitzen sehen konnte. Feinripp. Es war sein Markenzeichen! Genauso wie sein Zylinder! Nur ein bisschen abgewetzt und am oberen Rand nur leicht kaputt. Gerade so viel, dass er aussah wie eine frisch geöffnete Konservendose. Aber er sagte, das musste so sein! Das ließ seinem Kopf den nötigen Raum zum Denken! Seinen grauen Zellen den Platz und die frische Luft, um sich ihre Geschichten auszudenken und ihre Lieder zu singen! Die Unterhaltung zu bieten, für die er schließlich auf seiner Bank saß, auf seiner Bühne! Oder gerne auch mal stand – mal davor, mal darauf! Aber immer im Mittelpunkt!

Er verkündete, was er gehört hatte und erzählte, was er erlebt hatte. Er sang Arien und trug Gedichte vor, vollführte Zaubertricks oder schnitt einfach nur Grimassen – immer das, was das Publikum sich wünschte. Ganz gleich, ob das Publikum seine Darbietung überhaupt wünschte. Aber er wünschte sie sich! Immer und zu jeder Zeit und so viel es ging! Am liebsten bei Sonnenschein. Natürlich! Aber oft auch im Regen. Oder bei Schnee.

Wenn es kalt war, hatte er schließlich auch noch einen warmen Mantel! Kunstpelz, der so weich war wie echter und doch keine Qualen mit sich gebracht hatte. Warm und flauschig und für den Winter genau das Richtige. Er hatte ihn noch mit ein paar bunten Knöpfen versehen, Plastikblümchen und anderem hübschen Tand, den er unterwegs gefunden hatte. Oder geschenkt bekommen. Denn das kam auch manchmal vor, wenn der Nonchalante seine Darbietungen zum Besten gab: Dass die Leute dann zu ihm kamen, ihm etwas schenkten oder ihn fragten, wie sie ihm etwas Gutes tun konnten. Dabei war das doch seine Aufgabe! Anderen etwas Gutes zu tun! Sie zu unterhalten! Ihnen den tristen Alltag zu versüßen mit der Welt, die er für sie ersann und erspann! Eine kleine Flucht in bunte Abenteuer, dramatische Geschichten und eine Liebe, die man im Kern doch selbst erlebt haben musste, um sie wirklich verstehen zu können.

10.5.2025: deduzieren

Sie saßen im Café. Ihr kleiner üblicher Treffpunkt, einmal im Monat in ihrer Mittagspause, mitten im Trubel der Innenstadt, der in Form der Einkaufspassage Richtung Domplatz an ihnen vorbeifloss. Einkaufstüten, Studenten, Kinderwägen, Leinen mit großen und kleinen Hunden daran, Studenten, Rentner, Studenten und zwischen all dem Ralf. Ralf, den er schon seit ihrer Kindheit kannte, der mit ihm die Schulbank gedrückt hatte, immer ein bisschen anders als die anderen gewesen war und trotzdem zu so was wie seinem Freund geworden war. Damals, weil er immer bei Ralf hatte abschreiben dürfen, wenn er mal wieder seine Hausaufgaben vergessen oder nur halb erledigt hatte und dann… tja keine Ahnung! Ralf war einfach immer da gewesen. Von der ersten bis zur zehnten Klasse und selbst danach, als sie in die Oberstufe gewechselt waren.

Ralf war wie ein neues Unterhemd: Unaufgeregt, praktisch und – weil eben neu – irgendwie auch schön! Man brauchte es nicht unbedingt immer, aber wenn man es brauchte, dann war man froh es zu haben. Und so war eben auch Ralf. Wenn man ihn täglich sah, konnte er einen wohl irgendwann in den Wahnsinn treiben, aber so ab und an – ja, das war schon ganz schön! Denn schließlich waren sie jetzt nicht mehr in der Schule! Jetzt konnte er nicht einfach nach spätestens fünfzehn Minuten Pause wieder so tun, als wäre Ralf nicht manchmal ein bisschen anstrengend und das Konzentrieren auf den Unterricht da schon fast eine Wohltat. Nein, jetzt verbrachten sie mehr Zeit miteinander! Also, wenn sie mal Zeit miteinander verbrachten. Einmal im Monat. In der Mittagszeit.

Er in der Pause von seinem langweiligen Bürojob, den er neben seinem Studium absolvierte, um sich ein bisschen was dazu zu verdienen und Ralf, der voll und ganz in Forschung und Lehre aufging. Der von seinen Projekten erzählte, von Schlussfolgerungen, die er dabei logisch ableiten – Pardon, deduzieren, wie laut Ralf der korrekte Fachterminus war – konnte und von allem, was ihn an seiner Arbeit begeisterte. Die Kollegen, die Gerätschaften, die Problemstellungen und nicht zuletzt diese eine nette Dame aus der Bibliothek. Ralf, dieser Schlawiner! Da hatte er sich doch tatsächlich verguckt! Und das, wo doch die meisten in ihrer Schule gedacht hätten, er wäre an derlei Dingen gar nicht interessiert gewesen! Weder Fisch noch Fleisch! Aber wie war das mit den stillen Gewässern?

Ralf, der neben seinen Projekten auch die Unterhaltungen mit eben jener Dame scheinbar sehr genoss. Der sinnstiftende Austausch, das niveauvolle Geplauder! Ach, so nannte man das also? Hach, Ralf konnte manchmal schon herrlich naiv sein, wenn man ihn damit aufzog! Ihn ein wenig vereimerte! Aber eins musste man Ralf lassen: Er war seinen Weg gegangen und hatte sein Leben wenigstens im Griff. Keine Eskapaden, keine Schulden, keine Beziehungsdramen! Hach, was hätte er nur ohne Ralf gemacht? Dieser wunderbaren Konstante in seinem Leben, die ihn selbst in den schwierigsten Phasen irgendwie begleitete? Und wenn es nur einmal im Monat war. Für eine gute dreiviertel Stunde, während sie in diesem Café saßen. Der eine dabei schwadronierte und der andere dem Trubel der Einkaufstüten hinterherschaute.

11.5.2025: maienhaft

Leises Seufzen begleitete ihren Weg vom Schlummer hinein ins Erwachen. Früh war es, viel zu früh und ebenso viel zu kurz die Nacht gewesen. Oder eher der Zeitpunkt zu spät gewählt, an dem sie endlich in die Federn gekrochen war. Das übliche Spiel am Abend, wenn die Lebensgeister nochmals vollends erwachten und sie plötzlich voller Energie strotzte! Da fand sie dann kein Ende, wollte nur noch kurz dieses oder jenes machen und schon war es kurz vor Mitternacht. Oder manchmal auch schon danach. Und dann kam dieser erschreckend fiese Moment am Morgen: Der Blick auf die furchtbar penetrante 6, die ihr rot leuchtend entgegen sprang, wenn sie sich zu ihrem Nachttisch hinüber drehte und auf den Wecker schaute. Der Wecker, der wenigstens noch nicht losgeplärrt hatte, dank der ersten hellen Strahlen, die durch die Ritzen der Rollläden fielen. Ein Erwachen, das nicht unbedingt erfreulicher war, aber zumindest sanfter…

Also betätigte sie die Taste an dem Störenfried, um ihn gar nicht erst in guten zwanzig Minuten aufschrillen zu lassen. Jetzt noch mal versuchen, ein bisschen zu schlafen, würde ohnehin nichts bringen. Oder sich hinterher sogar noch furchtbarer anfühlen. Was gab es schließlich schlimmeres, als noch einmal richtig wegzudösen und ausgerechnet dann aufzuschrecken? Am besten auch noch aus einem Traum heraus? Nein, dem kam sie lieber zuvor!

Also schnell die Füße über die Kante der Matratze hinweg geschoben und auf die kalten Fliesen gestellt, bevor das gemütliche Bett sie doch noch zu sehr in seinen Bann zurückziehen konnte. Strecken, Gähnen, erneutes Seufzen und rüber ging es zum Fenster. Welches Wetter sie heute wohl erwartete, wenn mit einem beherzten Zug am Rollladengurt weiteres Licht ins Zimmer hinein zauberte? Na ja… Regen, Wind und einen Anblick, der wenig maienhaft war, sondern eher an Aprilwetter erinnerte. Auch mit den entsprechenden Temperaturen dabei.

„Sollten es heute nicht eigentlich wieder um die 20 Grad werden?“, murmelte sie, schlang bibbernd die Arme um ihren Oberkörper und huschte ins Bad. Schnell in ihre Strickjacke und danach noch schneller hinüber ins Wohnzimmer, in dem zugleich auch ihr Arbeitsbereich stand! Wie gut, dass sie heute nicht ins Büro musste, sondern von hier aus arbeiten konnte! Also flugs zum Ofen, ein Bisschen Platz im Brennraum geschafft und erstes Holz samt Anzünder darin drapiert. Leise zischte das Streichholz, ein schwefeliger Duft breitete sich im Raum aus, als es wenige Sekunden später wieder erlosch. Knisternd begann das Feuer, sich seinen Weg zu bahnen, an dem Holz zu knabbern und sich daran zu laben, um seine wohlige Wärme zu verbreiten. So ließ sich auch ein wenig maienhafter Tag wunderbar genießen.

12.5.2025: alleweil

Ben? Be-hen!“

Seine Lider pressten sich zusammen, seine Augenbrauen taten es ihnen gleich. Ihm schmerzte der Kopf und sein Körper fühlte sich an, wie von Seilen festgezurrt. Kaum imstande sich zu rühren, kaum in der Lage, auch nur den kleinsten Muskel anzusteuern. Wie eine bleierne Decke lag das dumpfe Surren auf seinem Leib, drang in seine Ohren, in seinen Kopf. Alleweil wieder, ganz gleich, wie sehr er es zu ignorieren versuchte. Seine Brust fühlte sich an, als läge ein Stein auf ihr und seine Lider, als würden sie mit Macht zugedrückt, während er versuchte, sie zu öffnen. Es war ein Kampf, der Ewigkeiten zu dauern schien. Und immer wieder, alleweil wieder, hörte er seinen Namen, verzerrt, entfernt, fremd.

„Ja?“, schaffte er es irgendwie, ein Wort zu formen, das den Fragen in seinem Kopf eigentlich nicht genügte. Doch zu mehr war er nicht in der Lage. Es kostete ihn unendliche Kraft, genauso wie der Versuch, sich endlich etwas Orientierung zu schaffen.

Verschwommen war seine Sicht dabei und schwindelig das Gefühl, das in seinen Kopf kroch, als er ihn etwas anzuheben vermochte. Wenigstens schaffte er es nun, seine Augen offen zu halten. Und wieder erklang sein Name. Noch entfernter, noch verzerrter.

Wer bist du? Was willst du? Was hast du mit gemacht?“, schoss es ihm durch den Kopf, aber all seine Mühe galt dem Erkennen, dem Aufstehen.

Holprig wandte er den Kopf, zitternd richtete er sich auf. Stück für Stück, Zentimeter um Zentimeter. Der Raum um ihn herum war verlassen, karg, leblos, grau. Mit vergilbten Tapeten an den Wänden, die von unzähligen Türen perforiert waren. Mit kaltem Beton unter ihm und über ihm. Irgendwo in der Ferne gab es ein Fenster, so weit weg, dass er es kaum erkennen, geschweige denn erahnen konnte, was dahinter lag. Und trotzdem wusste er es ganz genau.

„Meine Grundschule?“

Er brachte sich irgendwie ins Sitzen, dann ins Knien und dann, wie auch immer er es anstellte, sogar auf seine Füße. Auf seine wackeligen Beine, die ihn nur Sekunden trugen, ehe sie wieder nachgaben. Einmal, zweimal, so oft, bis er endlich stehen blieb. Keuchend, taumelnd, an die eine der Wände mit den vielen Türen gestützt. Waren es schon immer so viele gewesen?

Ben“, wohnte die unbekannte Stimme seinen Versuchen geduldig bei. Ermahnte ihn nicht und ermunterte ihn nicht. Nur ein monotones Nennen seines Namens, so lange, bis der allmählich seine Bedeutung verlor.

13.5.2025: Metasprache

„Sag mir endlich, was du von mir willst!“

Seine Stimme war gefestigter, sein Gang entschlossener und doch sprang ihm das Herz gegen die Brust, als wollte es jeden Augenblick aus ihr herausbrechen. Mit jedem Atemzug, mit jedem Schritt. Das Rauschen in seinen Ohren vermischte sich mit dem dumpfen Dröhnen der Wände und dieser nichtssagenden Stimme, die seinen Namen rief. Sie spielte mit ihm! Sie führte ihn nicht, nein, sie versuchte ihn in die Irre zu führen! Erschallte mal von der einen Seite, mal von der anderen. Immer dort, wo er gerade nicht hinging, als wäre sie der reinste Irrgarten. Ein Irrgarten genau wie die Räume um ihn herum. Wie die Türen, durch die er trat, nur, um in einen weiteren Flur zu gelangen oder in ein weiteres Klassenzimmer. Leer, karg, versehen mit Stühlen, die unbewegt im Staub der Zeit lagen, mit Abdrücken von Hinterteilen, als hätte gerade noch jemand auf ihnen gesessen – oder tat das tatsächlich noch jemand und er sah ihn nur nicht? Ein ebenso perfides Spiel wie diese Stimme es mit ihm trieb?

Er schaute sich um, rief, lauschte. Aber nichts änderte sich. Kein Luftzug, kein Licht. Nur ein grauer Schleier, gerade einmal genug zu durchdringen, dass er sehen konnte, wohin er lief. Zumindest für die nächsten paar Meter. Im Kreis, gerade aus, zurück, so lange, bis er wieder das Fenster fand, das er nach seinem Erwachen fast als erstes erblickt hatte. Er steuerte darauf zu, hörte das Schlurfen seiner Schritte, die Stimme und das Dröhnen. Staub kratzte in seiner Lunge, legte sich brennend auf seine Augen.

„Ich will hier raus!“, rief er und ging weiter, rannte, je näher er dem Fenster kam, doch dann, als er es gerade erreicht hatte, blieb er wie angewurzelt stehen. Das Fenster war gar kein Fenster! Es war nur der einzige Raum, der nicht von Leere und Staub durchzogen war, sondern von einem Monitor!

Sein Atem stockte, ein klägliches Schlucken schob sich seine Kehle hinunter. Langsam, ganz langsam trat er näher, starrte auf das grelle Licht in düsterem Raum.

„Hallo?“, fragte er vorsichtig, hatte in Horrorfilmen schon so oft gesehen, dass es der größte Fehler war, den man machen konnte und tappte doch in die gleiche Falle. Das Dröhnen wurde zu einem Quietschen, er hielt sich die Ohren zu und schrie dagegen an.

Dann war plötzlich nichts weiter als Stille. Und das bläuliche Licht des Monitors, der plötzlich nicht mehr winzig klein auf einem alten Schreibtisch stand, sondern raumfüllend vor ihm schwebte.

Ben wich zurück, gab einen erschrockenen Laut von sich und starrte doch zu gefesselt, um wegrennen zu können, auf den Monitor. Auf das, was er schrieb.

Sprache oder Symbolsystem, das dazu dient, eine andere Sprache oder ein Symbolsystem zu beschreiben oder zu analysieren. Oder auch: Sprache, mit der die Objektsprache beschrieben wird.

Er blinzelte, schüttelte den Kopf.

„Die Definition von Metasprache?“, murmelte er ungläubig, schaute noch einmal auf das, was er dort las und ihm wurde eines klar: Das hier konnte nur ein Alptraum sein! Einem Kopf entsprungen, der über dieses Thema referieren sollte, ohne es überhaupt selbst verstanden zu haben!

„Benedikt!“

Die Stimme wurde klarer, sein Name wieder zu etwas Greifbarem. Er öffnete seine Augen ein weiteres Mal, blinzelte und seufzte schließlich aus. Da stand seine Mutter neben ihm, mit erzürntem Blick und mahnendem Schütteln ihres Kopfes. In seinem Zimmer.

„Hast du wieder bis in die Puppen am PC gesessen?!“, tadelte sie ihn, während er sich auf seinem Schreibtischstuhl aufrichtete, das Blatt abzupfte, das sich an seine Wange geheftet hatte und den kalten Schweiß von seiner Stirn wischte. Ach, was wünschte er sich manchmal, noch einmal die Grundschule besuchen zu dürfen! Ohne die vielen Verpflichtungen und die schweren Aufgaben, die ihn in der Oberstufe begleiteten!

14.5.2025: drollig

Eigentlich hätte er wohl unzufrieden sein sollen! Es war Freitagnachmittag, bestes Wetter und eigentlich die ideale Uhrzeit, um sich langsam auf das Wochenende vorzubereiten! Sich zu überlegen, in welche Kneipe oder Disco man abends gehen könnte und den Übergang zwischen jetzt und später mit einem kleinen Besuch im Kino zu überbrücken. Irgendwas lief doch bestimmt, das ihnen gefiel! Und wenn nicht, dann gefiel ihnen zumindest das Beisammensein! Tja und das war dann auch schon der Punkt, an dem die These, dass er eigentlich unzufrieden hätte sein müssen, widerlegt war! Denn immerhin saß er hier ausgerechnet mit ihm am Wohnzimmertisch und schaute ausgerechnet ihm dabei zu, wie er über seinen Hausaufgaben brütete. Berufsschule, zweites Lehrjahr, Mathematik. Klar, es hätte sicherlich schönere Sachen gegeben, die sie zusammen hätten machen können, aber das war gerade egal! Es zählte nur, dass sie dabei zusammen waren. Der eine über seinen Aufgaben – laut murrend, dass er mit Mathe ja so gar nichts am Hut hatte und vor der Ausbildung wohl unterschätzt hätte, doch noch so viel damit zu tun zu haben – und der andere mit dem Smartphone in der Hand. Ein bisschen Scrollen hier, ein bissen Texten mit seinen Kumpels da, aber vor allem jede Menge verstohlene Blicke zu dem Berufsschüler.

„Soll ich dir helfen?“, fragte er nicht zum ersten Mal und grinste umso breiter, als natürlich wieder eine Abfuhr kam.

„Nein, sei froh, dass du den Kram hinter dir hast!“, murrte der Jüngere und stützte genervt den Kopf auf die Hand, während die andere wie ein kreisender Geier den Stift über den Collegeblock hielt. Irgendwann würde er sicherlich noch mit der richtigen Antwort hinunter auf das Blatt Papier sausen! Ganz bestimmt! Konnte gar nicht mehr lange dauern!

Ja, er war schon drollig! Er war wirklich niedlich, wenn er so da saß, brütete und trotzdem an seiner Sturheit festhielt. Er hatte versprochen, dass sie sich heute Nachmittag noch sehen würden und das taten sie auch. Und er wollte nicht, dass sein Freund mehr als nötig davon mitbekommen musste, dass sie sich eben noch nicht beide in der schönen Situation befanden, nach Feierabend wirklich Feierabend zu haben, sich eine eigene Wohnung leisten zu können und… - ach, wem machten wir hier etwas vor? Er fühlte sich trotz der gerade einmal viereinhalb Jahre Altersunterschied halt wie ein Küken, wenn er mit seinen Schulaufgaben um die Ecke kam! Und das wusste der Ältere. Er wusste auch, dass sein Freund gerade nicht nur wegen der Aufgaben so unzufrieden schaute, sondern vor allem deshalb, weil er sie eigentlich nach der Schule direkt hatte erledigen wollen, sich dabei selber überschätzt hatte und anschließend wie ein Verrückter mit dem Rad zu ihm gepest war, um trotzdem pünktlich für ihr Treffen zu sein! Mit Schulranzen und allem, weil er sonst erst mit dem Zug nach hause und zurück gemusst hätte – jeweils eine Stunde in die eine und eine in die andere Richtung. Er wusste auch, dass der Jüngere sicherlich jetzt nicht weiter an den Aufgaben feilen würde, wenn er zuvor nicht über die Frage, ob alles diesbezüglich geklappt hatte, die Augen zu vielsagend gerollt hätte.

Also saßen sie nun hier, eine liebevolle Diskussion später, dass es den Älteren wirklich nicht störte, wenn der Jüngere erst seine Aufgaben erledigte, anstatt sie das halbe Wochenende vor sich herzuschieben, mit in die nächste Woche zu nehmen und Donnerstag wieder bis spät abends daran zu sitzen, um sie doch noch pünktlich gelöst zu bekommen. Er kannte seinen Schatz ja! Und der hätte ihn eigentlich auch besser kennen müssen!

„Na komm, ich helf dir“, stand er nun nämlich doch endlich auf, trat hinter den Jüngeren und schmunzelte, als der sofort wieder zu Protest ansetzen wollte.

„Nein, ist echt nicht nötig! Du bist doch nicht mein Nachhilfelehrer und… ach, ich mach das am Wochenende!“, grinste er schief, klappte den Block zu und seufzte, als er wie auf wundersame Weise wieder geöffnet wurde.

„Wer hat mir früher noch gleich bei Englisch geholfen?“, murmelte der Ältere und lachte leise, als er einen vielsagenden Blick dafür kassierte.

„Aber das war doch was anderes. Da warst du selber noch in der Ausbildung! Und… sei doch froh, dass du mit dem Kram nichts mehr zu tun hast!“, seufzte er und seine Mundwinkel zuckten, als es einen Kuss auf die Wange gab.

„Ich bin vor allem froh, wenn du bei mir bist. Und wenn ich dir dabei auch noch ein bisschen unter die Arme greifen kann, umso besser. Also los“, grinste der nicht-mehr-Berufsschüler und betrachtete dieses niedliche Schmollen, mit dem sein Angebot endlich angenommen wurde. Auch das war nur eines: Einfach total drollig!

15.5.2025: Fernweh

Mutter war sie, Tochter, Freundin, Kollegin und so vieles mehr! So viele Facetten und Farben trug sie in sich. Bediente Rollen, hatte Emotionen, Ansichten, Vorlieben, Abneigungen, war mal laut und mal leise, mal fröhlich und mal traurig. Sie konnte stundenlang reden, in manchem Moment zur stillen Zuhörerin werden, sich in Kinofilmen mitreißen lassen oder mit einer guten Tasse Tee und in ihre Lieblingsdecke gehüllt auf der Couch sitzen und dabei in fremde Welten eintauchen. Sie war die liebevoller Mutter, die mit ihrer kleinen Tochter am Küchentisch saß und bastelte, die mit ihr auf dem Spielplatz wilde Abenteuer erlebte oder ihr abends beim Schlafen zuschaute. Sie war die Tochter, die ihre Eltern so oft es ging besuchte, ihrem Vater bei der Pflege ihrer Mutter half und gleichzeitig voller sentimentaler Freude seinen Erzählungen aus früheren Zeiten lauschte. Sie war Freundin, beste Freundin, gute Bekannte und für alle Lebenslagen zu haben. Gemeinsames Shoppen, kleine Abstecher in Cafés, ein Spieldate der Kinder, ein Abendessen, das sie alle gemeinsam erst vorbereiteten. Sie war da, wenn Not am Mann war und wusste, wen sie auch nachts um halb drei problemlos aus dem Bett hätte klingeln können. Aber sie war nicht nur gesellig und ein Bücherwurm, sie war auch voller Fantasie. Spann sich Geschichten zusammen, schrieb Gedichte, hatte für jede Lage des Lebens die passende Playlist parat. So bunt durchmischt wie sie selbst. Eine zum Einschlafen, eine für den Sport, eine für die langen Autofahrten zu ihren Eltern und eine für diese ganz besonderen Momente, in denen sie die Reiselust packte. Wenn das Fernweh so stark wurde, dass sie am liebsten gleich ins Schlafzimmer gerannt wäre, einen Koffer oder nur einen Rucksack mit dem Nötigsten gepackt und sich auf den Weg gemacht hätte. So wie damals, als sie in ihren jüngeren Jahren als Backpackerin einige Monate unterwegs gewesen war. Erst in Europa, später auch für einen kleinen Abstecher von wenigen Wochen auch darüber hinaus. Zurückgekehrt mit dem Nötigsten an Gepäck, aber so voller Inspiration, neuen Erfahrungen und Gesichtern mit ihren Geschichten, die sie kennengelernt hatte.

Ja, manchmal hatte sie diese Situationen, in denen sich diese Zeit, diese Ungebundenheit zurückwünschte. Aber sie wusste, dass es nie wieder so wie damals wäre. Also hatte sie ihre Musik. Dann drehte sie die Lieder laut auf, stellte sich auf den Balkon ihrer Wohnung und schloss die Augen, tauchte noch einmal ab in das Damals und dachte an das, was sie so gern noch hatte besuchen wollen. Vielleicht irgendwann tatsächlich noch besuchen würde! Wenn ihre Kleine aus dem Gröbsten heraus war! Und bis dahin wurde der Kurzurlaub an der Nordsee in ihrer Vorstellung eben zur Reise an die Meerengen und die Länder, die sie verbanden und die Externsteine verwandelten sich für sie in die höchsten Berge.

16.5.2025: Low key

Kennen Sie das auch, dass Sie manchmal einfach die Lust überfällt, irgendwas richtig Dummes zu tun? Etwas, von dem Sie eigentlich genau wissen, dass es Ihnen ein paar Ihrer Gehirnzellen rauben und wichtiges Wissen durch sinnlosen Bullshit und Nonsens ersetzen wird? Nein? Dann machen Sie es doch mal wie Kim! Schnappen Sie sich einfach ein Schälchen Popcorn – wahlweise nur salzig oder nur süß oder für die ganz Wilden da draußen sogar gemischt! – und öffnen Sie Social Media! Welche der Plattformen? Nun, da sollten Sie sich vielleicht mal ein bisschen umschauen, welche Ihnen persönlich am belanglosesten vorkommt oder auf welcher Sie die Verblödung bereits beim ersten vorsichtigen Scrollen verspüren und schon haben Sie eine gute Wahl getroffen. Als nächstes versuchen Sie dann ein gewisses Gefühl für diese Plattform zu entwickeln. Welche Inhalte – geschriebener oder palaverter Natur – finden Sie ganz besonders grauenerregend? Nun, daraus erstellen Sie dann ein sogenanntes Bullshit-Bingo! Also einfach mal alle Eventualitäten der intellektuellen Grütze aufschreiben, die in einem Post, Video, Wasauchimmer vorkommen können und dann müssen Sie nur noch eines machen: Los lesen oder auf Play drücken und nebenher genüsslich Ihr Popcorn verspeisen, während Sie ein Bingo nach dem anderen einfahren! Gerne können Sie im Vorfeld natürlich auch gewisse Kanäle auswählen, die Sie ganz besonders abstoßend finden und dort noch gezielter auf die Suche gehen! Aber das ist dann für die Fortgeschrittenen! Solche wie Kim! Denn Kim liebt es, sich in einem ganz besonderen Genre dieser selbsterwählten Unterhaltungsform zu bewegen: Dem Genre der längst Erwachsenen, die noch immer reden wie pubertäre Teenager, die dringend einen auf dicke Hose machen wollen! Die zum Beispiel in Babo-Attetüde darüber schwadronieren, was für sie low key total gewöhnlich und banal ist, dabei inflationär mit Digger um sich werfen und überhaupt alles sus oder cringe finden! Leute, die sich oft in Überlegenheit wähnen und dabei mit Anglizismen, Denglisch und anderen hochtrabenden Begriffen um sich werfen, von denen sie vermutlich selbst nicht so ganz genau wissen, was sie heißen sollen. Aber wenigstens klingen sie gut! Zumindest in ihren Ohren!

Oh, dieses Hobby ist Ihnen zu zeitaufwändig und nichtsbringend? Gut, das empfindet Kim zuweilen auch so… Deshalb gibt es das in Kims Welt auch nur in kleinen Mengen, um nicht zum Hatewatcher zu werden! Es gibt schließlich auch interessante Dinge, denen man nachkommen kann. Zum Beispiel low key fotografieren, also Fotos zu machen, die durch dunkle, gedämpfte Töne geprägt sind!

17.5.2025: mannigfaltig

Der innere Schweinehund und die guten Vorsätze – klang ein bisschen wie ein Buchtitel oder der eines Films, nicht wahr? Wenn ja, dann durften wir an dieser Stelle auch gleich die Protagonistin dieses Werks begrüßen: Emma! Denn das war schon immer so eine Sache bei ihr gewesen. Bereits als Kind! Dabei meldete sich der Schweinehund zwar gerne mal in unterschiedlichen Ausführungen – auch heute noch, wenn sie ehrlich sein durfte – aber in einer Beziehung war er von klein auf wirklich ihr treuster und engster Begleiter gewesen: Immer dann, wenn es um das schöne Thema Sport gegangen war.

Nein, sie hatte sich nie als sportlich angesehen und ihre Lehrer und Mitschüler hatten sie in dieser Ansicht stets unterstützt. Bereits von der ersten Klasse an war dieses Schulfach ihr immer ein Gräuel gewesen, ganz gleich, um welche Form der körperlichen Ertüchtigung es dabei gegangen war. Beim Laufen war sie zu langsam gewesen, beim Schwimmen hatte sie statt eines grazilen Eintauchens nach dem Sprung vom Einer nur einen Bauchplatscher hingelegt und den Aufstieg auf den Dreier von vornherein komplett gemieden. Fußball hatte sie ätzend gefunden, weil ihre Fuß-Augen-Koordination nie die beste gewesen war und in Basketball war es ihr mit den Händen und ihrem Sehapparat in etwa genauso ergangen. Ganz zu schweigen von den Bundesjugendspielen! Wer hatte sich diese Folter inklusive Bloßstellung vor all jenen, die nicht als totale Sportnieten durchgingen, überhaupt ausgedacht?

Kurzum: Sport war für Emma immer etwas gewesen, das sie am liebsten von ganz weit weg betrachtet hatte. Aber dabei irgendwie auch immer mit einer gewissen Wehmut. Denn eigentlich wäre Emma gerne sportlich gewesen! Sie hatte es immer beneidet, was andere teilweise so auf die Reihe brachten! Wie gelenkig einige ihrer Mitschülerinnen gewesen waren, wie stark die anderen oder schnell wieder andere. In den mannigfaltigen Disziplinen, in denen sie sich mit anderen hatte messen müssen und sie im Stillen hatte beobachten können, hatte es eigentlich immer etwas gegeben, das Emma auch gerne gekonnt hätte. Bloß war der Funke nie so richtig übergesprungen. Nein, da war dann immer der Schweinehund auf die Bildfläche getreten, hatte ihr bei dem heimlichen Lauftraining schnell wieder eingeredet, dass es doch eigentlich eh viel zu anstrengend war und sie bei den wenigen Versuchen, die sie nach der Schule mit einem „geliehenen“ Fußball hinter der Garage geübt hatte, schnell wissen lassen, dass sie das ohnehin nie schaffen würde.

Tja und an dieser Stelle konnte man Emmas Geschichte mit ihrem Schweinehund vielleicht als beendet ansehen, aber nein! Da kam natürlich noch ein Plottwist! Und der hieß da Yoga! Denn ja, seit Emma diese Sportart vor guten drei Jahren eher durch Zufall für sich entdeckte, war sie dabei geblieben! Und hatte gemerkt, dass selbst sie sportlich sein konnte – es hatte bei der mannigfaltigen Auswahl der Möglichkeiten nur einfach etwas länger gedauert bis, sie die Sportart gefunden hatte, die auch wirklich zu ihr passte.

18.5.2025: nanu

Er seufzte, schaute über die Reihen teilweise interessierter, teilweise gelangweilter und teilweise bereits in Hektik verfallener Gesichter. Es war doch immer dasselbe!

„Das wars für heute! Ich hoffe, Ihre Köpfe rauchen nicht zu sehr!“, grinste er und stützte die Hände auf die Hüften, während er seinen Studenten dabei zusah, wie sie anfingen, emsig ihre Sachen einzupacken. Gerummel und Tumult, Gemurmel und scharrende Stühle.

„Wir sehen uns nächste Woche!“, rief er noch in das aufkommende Treiben, aber die meisten hörten ihn schon gar nicht mehr, waren längst vertieft in ihre eigenen Gespräche oder die gedanklichen Vorbereitungen auf die kommenden Kurse. Wie immer. Und irgendwie war es doch anders als sonst. Denn dieser eine Platz war leer. Sein Platz. Und der Dozent hätte kaum glücklicher darüber sein können. Auch, wenn glücklich in seiner Situation eigentlich nicht das richtige Wort war. Aber es tat schon gut, ihn im Moment nicht sehen zu müssen. Weder im Kurs noch auf dem Campus. Weder an diesem Tag noch an den vergangenen.

Wieder seufzte er, während auch er seine Sachen einpackte. Laptop, ein Buch – nicht viel, das großartig viel Zeit zum Verstauen unter seinem Arm benötigt hätte und doch nahm er sie sich. Warum, wusste er selber nicht, aber er spürte, dass er diese Entschleunigung im Moment brauchte. Ein paar kleine Inseln der Ruhe schaffen und versuchen, gegen das Toben in seinem Inneren auf diese Weise anzukämpfen. Das Toben, das ihm immer wieder die Frage schickte, was nach diesem Tag und ihrem schicksalshaften Aufeinandertreffen wohl aus seinem Studenten geworden war. Dabei wollte er es doch eigentlich nur vergessen, was geschehen war! Und den Jüngeren am besten auch gleich mit. Am besten blieb er einfach ganz weg, suchte sich einen anderen Studienplatz oder sonst etwas!

„Ja, das wäre für alle das Beste…“, murmelte er in Gedanken versunken, während er die Tür zum Kursraum absperrte und gemächlichen Schrittes den Flur entlang ging. So lange, bis er den Blick zufällig gen Foyer richtete.

„Nanu?“, erblickte er eine Frau, die er einmal flüchtig kennengelernt und doch nie im Leben hier erwartet hätte. Ein flaues Gefühl machte sich in seinem Magen breit und er begann mit sich zu hadern – sollte er wirklich weitergehen und ihr regelrecht in die Arme rennen oder auf dem Absatz Kehrt machen?

19.5.2025: Peanuts

Montagfrüh, das Wochenende war vorbei und die meisten Leute auf dem Weg zur Arbeit. Nur er, er schwang sich auf sein Rad, um sich zum Sport zu begeben. Reha-Sport, wohl gemerkt, damit kein falscher Eindruck entstand. Nein, er war nie eine riesige Sportskanone gewesen! Auch nicht unbedingt die totale Couchpotato, sondern gesundes Mittelmaß, hätte er früher gesagt. Nur dummerweise war das mit dem gesund in diesem Falle wohl gestrunzt. Denn dann hätte er wohl nicht zum Reha-Sport gemusst, mit seinen gerade einem Anfang vierzig. Aber was musste, das musste! Lang genug hatte er die Zipperlein seines Rückens erfolgreich ignoriert und dann war es irgendwann nicht mehr gegangen. Und nun fand er sich also einmal die Woche in einer bunt gemischter Truppe aus zumeist schon älteren Semestern wieder, um seiner Gesundheit endlich mal was Gutes zu tun. Klang irgendwie langweilig, war aber durchaus spannend! Besonders, wenn neben den sportlichen Übungen auch immer ein kleiner Plausch mit einfloss. Über die Reisen, die einige der anderen Kursteilnehmer jetzt, im besten Rentenalter, regelmäßig unternehmen konnten oder als anderes großes Thema auch gerne die Geschichten über ihre Lendenfrüchte oder deren. Und er, der als überzeugter Single irgendwie bisher nie in diesen Genuss gekommen war, fand das, was er dabei zu hören bekam, mitunter wirklich faszinierend! Besonders, wenn er so manche Erzählung mit seiner eigenen Kindheit verglich. Zu der Zeit – jetzt fühlte er sich alt, wenn er so dachte – hatte es auf den Kindergeburtstagen zum Beispiel noch ausgereicht, wenn man blinde Kuh, Topfschlagen und Verstecken gespielt oder sich auf eine Schnitzeljagd begeben hatte. Aber aus heutiger Sicht waren das ja Peanuts! Nicht mehr der Rede wert! Nein, heute hieß es schon bei den Kleinsten, dass es am besten immer höher, besser, weiter sein musste. Vergnügungspark statt des verdroschenen Topfes und Kinobesuche statt eines nichtssehenden Rindviehs. Aufregend klang es, was die Eltern und mitunter auch Großeltern sich da so manches Mal einfallen ließen! Aber wenn er ehrlich sein durfte: Es klang auch verdammt anstrengend! Und ja, das waren dann die Momente, in denen er das Leben eines Familienvaters nun wirklich nicht vermisste.

War es nicht verdammt kräftezehrend und mitunter auch ganz schön teuer, bei solchen – aus seiner Sicht – Superlativen mithalten zu wollen? Und wie weit steigerte sich das dann eigentlich noch? Immerhin hörte diese Entwicklung bei den Jüngsten ja nicht aus. Nein, wenn er sich manches Mal anschaute, was inzwischen dem einen oder anderen Schulabschluss aufgefahren wurde… Hui, ja, auch wenn er jetzt vielleicht antiquiert klang: Wenn er das überlegte, dann war er doch irgendwie froh, dass es das zu seiner Zeit so noch nicht gegeben hatte.

20.5.2025: betroppezt

Sie war hübsch. Ob das nun etwas zur Sache tat? Vielleicht nicht, aber sie fand es durchaus erwähnenswert! Ach ja und elegant war sie natürlich auch! Das konnten wir gern auch direkt mal festhalten.

Besonders sehenswert war sie dabei, wenn sie auf ihrem Lieblingsplatz thronte, der Fensterbank. Sie war für ihre Ansprüche gerade gut genug. Kissen oder Decke, damit der hoheitliche Poppes auch weich gebettet war und gern mit frisch geputzten Fenstern, sodass sie ungestört in die weite Welt hinausblicken konnte. Ihr kleines Königreich sozusagen! Wenn sie nur an diese verdammten Vögelchen herangekommen wäre, die so gerne vor dem Fenster herumflogen. Ihrem Fenster! So viel Zeit musste sein. Genauso, wie auch der Rest diese Hauses insgeheim unter ihrem Kommando stand. Der Wäschekorb, beispielsweise, der natürlich nur für sie parat stand und manchmal so wunderbar duftete. Zum Beispiel, wenn frische Käsesocken hineingewandert waren oder ein herrlich durchgeschwitztes T-Shirt. Wunderbar! Deo oder Rasierwasser hingegen – nein, da sträubten sich ihre Schnurrhaare! Und allein, wenn sie daran dachte, dann setzte sich ihr Schwanz – Pardon, Schweif, selbstverständlich! – unzufrieden in Bewegung. Was hatten diese Menschen nur immer mit diesem Stinkezeug? Widerlich!

Aber wie dem auch sei… Heute regnete es. Nicht nur Bindfäden, sondern wie aus Kübeln. Nein, da machte der Schaufensterbummel nun wirklich keine große Freude. Was also stattdessen unternehmen? Eventuell eine kleine Tour durch ihr Schloss? Joah, könnte sie mal wieder machen! Hatte sie immerhin die letzten Stunden zwischen Schläfchen, Futtern und Schläfchen schon viel zu lange nicht mehr getan.

Also ging es die Fensterbank hinunter, einmal quer durch den Flur und hinüber zur Küche.

Stand da irgendwas Lohnenswertes auf dem Tisch oder der Arbeitsplatte? Leider nein. Schweinerei. Dann halt hinüber in den nächsten Raum, das Badezimmer. Was machte der Wäschekorb? Frisch geleert, verdammt! Und das Wohnzimmer?

Sie blieb in der Tür stehen und schaute sich um. Aha, nur der blonde Mensch war im Moment da. Der etwas jüngere, etwas dümmlichere. Sie mochte den anderen irgendwie lieber, aber der Blonde war auch ganz okay… und er hatte immerhin die Couch unter seinem Hinterteil stehen. Auf der war sie schon eine ganze Weile nicht mehr gewesen! Nun denn…

Hoheitlich schritt sie somit daher, begab sich elegant ins Wohnzimmer, den Kopf hoch empor gereckt und ihren Schweif ebenso. Ein Blick nach links, einer nach rechts. Nein, keine Spinnen in den Ecken, keine Wollmäuse unter dem Schrank. Dann also doch auf direktem Wege hinüber zur Couch. In der Flimmerkiste lief irgendwas und Blondie hatte seine Griffel in einer knisternden Tüte. Könnte die womöglich auch noch interessant für sie werden?

Sie ging um die Couch herum, stellte sich vor ihn, betrachtete ihn. Nein, sonderlich intelligent guckte er nun wirklich nicht drein, während er zum Laberkasten glotzte und dabei in der Tüte herumfischte. Doch dann entdeckte er, dass die Hoheit ihm Gesellschaft leistete. Na, wenigstens etwas Sinnvolles tat er dann ja mal! Jetzt fehlte natürlich nur noch die passende Einladung, um sie auf die Couch zu bitten – nicht, dass sie nicht auch ohne diese darauf Platz genommen hätte, aber was musste, das musste nun einmal! Und da fing er auch schon an zu grinsen!

„Na, Tusnelda? Kommste wieder angewackelt?“

Sie blinzelte, dann zuckte die Spitze ihres Schweifs, ehe er sich vollends in Bewegung setzte.

Wie bitte, was?! Sie war betroppezt, bestürzt und äußerst überrascht! Alles drei in einem! Na, da war ja schon klar, in wessen Bett bei nächster Gelegenheit ein schöner dicker Haarball landen würde!

21.5.2025: Maiengrün

Es hatte geregnet. Die gesamte Nacht hindurch und bis zum Vormittag waren nichts als Grau und Wasser zu sehen gewesen und dann, von einer Minute auf die andere, herrschte nichts als Sonnenschein. Der Regen schien vergessen und nur noch die Pfützen und die vielen kleinen bunt schimmernden Tropfen erinnerten an ihn, die überall hingen und tröpfelten. Wunderschön, schillernd, an allen Grashalmen zu sehen, an dem Maiengrün der Birken hängend, die als kleine Allee die Landstraße säumten und wie eine Perlenketten an dem Getreide, das die Felder besiedelte, so weit das Auge reichte.

Es war eine grüne Pracht, doch er sah sie nicht. Nein, er fühlte sich noch immer wie mitten im Regen, bedeckt von tiefstem Grau, während er auf der Bank saß. Jene direkt am Radweg, ein bisschen versteckt neben einigen Haselsträuchern. Klitschnass und doch von ihm erwählt. Wie so oft.

Sein Blick fiel auf sein Handy, zur Kontrolle der Uhrzeit und möglicher Nachrichten. Sie war spät, und sie hatte nicht geschrieben. Aber versetzt hatte sie ihn bisher doch noch nie! Und da, als er die Augen wieder gen Radweg leitete, entdeckte er sie auch endlich. Zu Fuß, nachdem sie das Auto ein paar hundert Meter entfernt an einem Waldrand abgestellt hatte. Wie so ziemlich immer.

Sie lief ihm entgegen, die Arme um ihren Oberkörper geschlungen, als würde sie frieren, obwohl heute ein eigentlich recht warmer Tag war. Und auch ihre Schritte waren nicht so federnd wie sonst, wenn sie sich trafen. Ahnte sie vielleicht schon, warum er um dieses Treffen außer der Reihe gebeten hatte?

Er steckte sein Handy zurück in die Hosentasche und stand auf. Entgegen ging er ihr nicht, sondern wartete, bis sie vor ihm zu stehen kam.

„Ich glaube, wir müssen reden“, sagte sie ohne Umschweife und ohne Begrüßung und er tat es ihr gleich.

„Ja. Das zwischen uns muss aufhören. Ich glaube, meine Frau ahnt etwas“.

Die Worte waren schneller gekommen, als er eigentlich geplant hatte. Regelrecht herausgeplatzt und trotzdem war er froh, dass er diesen Moment der Aussprache hinter sich hatte. Eine Last war von ihm abgefallen, auch, wenn diese Worte jetzt zwischen ihnen hingen. Aber war es nicht von Anfang an klar gewesen, dass nichts Dauerhaftes aus ihnen würde? Selbst, wenn es die Zusammenarbeit sicherlich die nächste Zeit etwas erschwerte? Aber glücklicherweise war er ja vor ein paar Wochen in eine andere Abteilung versetzt worden und lief ihr somit nicht mehr ständig über den Weg! Sie konnten es also recht einfach ausschleichen lassen, sich wieder auf ihre eigentlichen Ziele und Leben konzentrieren. War das nicht einer Vorteile einer lockeren Affäre?

Er schob die Hände in die Hosentaschen, schaute sie an und war ein wenig verwundert, dass sie einigermaßen entgeistert wirkte. Fast schon schockiert. Dabei hatte sie sich doch die letzten zwei Wochen bereits distanzierter verhalten. War diese Trennung also nicht auch ganz in ihrem Sinn? Doch plötzlich hingen diese anderen Worte zwischen ihnen. Diese, die da lauteten: „Ich bin schwanger“.

22.5.2025: hehr

Heute war der Himmel blau, durchzogen von einigen dicken weißen Schäfchenwolken, aber nirgends ein Fitzel Grau ließ sich blicken. Das war gut! Dann kam er ja vielleicht trockenen Fußes ins nächste Dorf und konnte womöglich sogar eine weitere Nacht unter freiem Himmel wagen? Immerhin hatte es jetzt schon einige Tage keinen Regen mehr gegeben. Lange genug, damit die Bauern ihre diesmalige Heuernte eingefahren bekommen hatten – und zumindest dieser Bauer ihm dabei eine schöne Mitfahrgelegenheit bot. Zwar unentdeckterweise, aber am Ende zählte ja das Resultat und nicht der Weg, wie man dorthin gekommen war, oder? Das zumindest war seine Devise, die er wieder einmal sehr genoss, während er die Hände hinterm Kopf verschränkt hielt, sich vom wackelnden Heuwagen durchschaukeln ließ und dann und wann hörte, wie der Bauer auf dem Kutschbock seinem alten Gaul einen leisen Befehl gab. Meist nur ein kurzer Laut, ein Pfeifen oder Schnalzen.

Es war wunderbar idyllisch – und so anders als dieses hehre Ziel, das ihn einst in die weite Welt hinausgeführt hatte: Ritter werden! Oh, was hatte er schon als kleiner Bub davon geträumt, sich zum Knappen hochzuarbeiten und dann eines Tages edel dekoriert und angehimmelt auf einem stattlichen Ross daher zu reiten! Tja, aber wie es manchmal eben so ging im Leben: erstens kam es anders und zweitens als man dachte.

Nun also zog er zwar auch durchs Land, war aber froh, wenn er von Tag zu Tag kam. Er schlug sich als Taschendieb und Taschenspieler durch, suchte hier und da die Gelegenheit, sich durchzuschnorren oder für die Nacht ein Dach über dem Kopf zu finden. In irgendwelchen Scheunen, beim lieben Vieh im Stall oder manchmal auch bei der einen oder anderen einsamen Frau – oder ihrem verlassenen Gatten. Er war da nicht wählerisch! Zumindest nicht allzu sehr! Deswegen gab es durchaus auch Tage, an denen er für sein Geld sogar ehrliche Arbeit anbot. Als Gehilfe eines Bäckers hatte er beispielsweise bereits gearbeitet oder einem Schmied das Holz für seinen Ofen gehackt. Mistgruben graben hatte er geholfen, sich als Hofnarr versucht und so vieles mehr. Doch lange an einem Ort geblieben war er dabei nie. Nein, er liebte sein Nomadenleben, auch, wenn es manchmal anstrengend war. So, wie in Momenten wie diesem, als der Bauer plötzlich hielt, sich am nächsten Zaunpfahl erleichterte und dabei natürlich auch seinen Wagen und dessen Ladung kontrollierte.

„Siehst du wohl, dass du weg kommst!“, hörte er ihn noch hinter sich herbrüllen, während er bereits vom Weg hinunter in den angrenzenden Wald rannte.

„Habt Dank!“, war er trotzdem nicht unhöflich, lupfte einmal kurz seine Mütze und huschte lachend tiefer ins Unterholz, als der Bauer ihm mit der Mistgabel drohte.

Tja, dann musste er wohl auf die nächste Mitfahrgelegenheit warten. Oder mal wieder ein Stück des Weges zu Fuß gehen. Das Wetter war ihm ja glücklicherweise hold.

23.05.2025: sentimentalisch

Er lächelte. Nein, es war kein ehrliches Lächeln, aber eines, das halbwegs überzeugend wirkte. Zumindest überzeugender als der Versuch seines Gegenübers, als er näher darauf zutrat.

„Hallo“, grüßte er und nickte, als sein Gruß erwidert wurde. Sofort war da diese Spannung zwischen ihnen, dieses Unausgesprochene, obwohl sie eigentlich nichts miteinander zu besprechen hatten. Dafür kannten sie sich ja viel zu wenig! Aber sie kannten leider den, der sie miteinander verband.

„Wenn Sie Ihren Sohn suchen, muss ich Sie leider enttäuschen. Er ist heute nicht erschienen“, ließ er die Frau wissen, die ein wenig verloren im Foyer stand und die er bisher erst einmal auf einer Abendveranstaltung getroffen hatte. Aber sie war unverkennbar, ihre Ähnlichkeit zu ihrem Sohn so stark, dass es dem Dozenten beinahe einen Stich versetzt hätte. Wie gut, dass er ihr nicht viel mehr als diese Info zu geben hatte und damit schnell von dannen ziehen konnte. Doch sie schien es anders zu sehen.

„Oh, Sie wissen es ja noch gar nicht…“, sagte sie betroffen, knetete ihre Handtasche und senkte einen Moment den Blick, ehe sie sich ausreichend gefasst hatte, um ihn wieder heben zu können. Eigentlich der perfekte Augenblick, um sich aus dem Staub zu machen – doch plötzlich war seine Neugierde geweckt. Und seine Angst noch viel mehr.

„Wie bitte?“, blinzelte er und runzelte die Stirn, nur, um im nächsten Moment die Augenbrauen emporschießen zu lassen, als er ihre Antwort hörte.

„Ich bin eigentlich hier, um ihn erst einmal vom Studium abzumelden. Er ist seit vergangener Woche im Krankenhaus“, sagte sie, knetete ihre Tasche noch ein wenig mehr und stellte dem Dozenten die Frage, wegen der sie eigentlich so unschlüssig im Foyer stand: Wo konnte sie das Studiensekretariat finden?

Es war eine Frage, bei der er seine Antwort kaum noch selbst verstand und eigentlich längst nur noch die hörte, die er auf seine eigene sagt bekam: Wenn er zu seinem Studenten wollte, musste er zu Zimmer 215. Und damit rannte er los. Hinaus aus der Uni, hinweg über den Campus, quer durch die Stadt, ohne überhaupt so richtig zu merken, wie er dabei immer mehr Schritte aneinanderreihte, wie seine Lunge bebte und sein Herz pumpte. Alles, was in seinem Kopf noch war, war die Frage, wie es seinem Studenten ging. Und wie er nicht hatte merken können, dass etwas nicht stimmte. Selbst im Angesicht dieses Vorfalls oder dadurch erst recht !

Er hetzte ins Krankenhaus, eilte an die Anmeldung. Kaum ein Wort brachte er vor Schnaufen zustande, konnte nur nicken, als er auf ein Gekeuchtes Nennen des gesuchten Zimmers die Richtung gesagt bekam. Und auch, wenn er angewiesen wurde, nicht im Gebäude zu rennen, tat er es trotzdem. Die Treppe hinauf, weil er das Gefühl gehabt hätte, vom Warten auf den Lift wahnsinnig zu werden und den Flur entlang, obwohl er mehr als einmal aufgefordert wurde, sein Tempo zu verlangsamen. Doch das tat er erst, als er das Zimmer mit der Nummer 215 erreichte. Sein Zimmer.

Kurz hielt er inne, um zu neuer Luft zu kommen, dann klopfte er an und unweigerlich stockte ihm der Atem vollends. Allein schon, seine Stimme bei dem leisen „Herein?“ zu hören, warf ihn zurück in diese Gefühle, die er für ihn hatte, ließ ihn sentimentalisch werden und zugleich ängstlich. Er hätte seine Mutter wenigstens fragen sollen, was geschehen war, um sich darauf vorbereiten zu können, was ihn nun erwartete. Doch dafür war es jetzt zu spät. In wenigen Sekunden würde er es vielleicht auf die harte Tour erkennen.

24.05.2025: igittigitt

Ihr Schemel war ihr Thron. Vielleicht sah er nicht so herrschaftlich aus wie der, den ihr Herr besetzt hielt, doch wie sie im Stillen so manches Mal dachte, war er trotzdem um einiges majestätischer. Denn ihr entging kein Fauxpas, kein Getrödel, kein Versuch irgendwas zu verschleiern, während sie darauf stand, die Hände auf die breiten Hüften gestützt und den Blick akribisch über die Schar fleißiger Bienen gerichtet, die für sie arbeiteten. Mägde und Knechte, die umherwuselten, dass es für den Ausstehenden vielleicht nach einem Wirrwarr aussah, aber in Wahrheit doch bestens koordiniert vonstatten ging. Und gerade dieser Tage musste das auch mehr denn je sein! Ohnehin hatten sie die Verantwortung, den Herzog und seine Gefolgschaft zu nähren und bei Leibeskräften zu halten, doch in guten zwei Tagen begannen obendrein die Hochzeitsfestivitäten seiner Tochter! Die jüngste und einzige, die nach langen Verhandlungen einer anderen guten Partie versprochen worden war. Einer, die nun mit ihrer Entourage auf der Burg residierte und ganz besonders von den Fähigkeiten der Küchenchefin und ihrer Untergebenen überzeugt werden musste. Unzählige Gäste, die ihr den letzten Nerv raubten, teilweise Extrawünsche hatten und nach außen doch nicht ein Bisschen an ihrer stoischen Fassade zu kratzen wussten. Nein, sie war der Fels in der Brandung, den nichts so schnell aus der Ruhe brachte. Sie brauchte keine Diener, die sie an Dinge erinnerten, ihr Vorschläge machten, wie sie Dinge umzusetzen hatte und ihr Dinge nachtrugen, die sie mit Leichtigkeit gestemmt bekommen hätte. Sie brauchte nur kräftige und tatkräftige Hände, die ihre eigenen unterstützten, um dieser Flut an Aufgaben gewachsen zu sein. Doch dabei war sie nicht nur die Herrin, die alles im Blick behielt, sie war auch stets bereit, um mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Dann verließ sie ihren Schemel, schritt kräftig und eilig voran, zeigte, wie das Fleisch richtig zerteilt wurde, machte vor, wie der Eischnee besonders fluffig gelang oder schmeckte ab – ausgiebig und kritisch und trotzdem voll des Lobes, wenn das Resultat ihrem kritischen Gaumen gefiel. Sie war einfach zufrieden zu stellen, wenn alles lief, wie sie es sich vorstellte, doch eine Sache missfiel ihr dabei ausgesprochen!

„Igittigitt!“, entdeckte sie es auch heute und eilte zur Ecke mit den Besen und Staubtüchern, um von ersteren den stärksten zu greifen. Und dann ging es den erschrockenen Ausrufen der anderen nach! Wo war sie? Wo war die Maus abgeblieben? Sie jagte sie durch die gesamte Küche, bis in den Flur, vorbei an den Wachen, die zumindest in diesem Fall ihrem Namen nun wirklich keine Ehre machten, und hinaus auf den Hof.

„Achtet drauf, dass sie mir nicht wieder in die Küche kommt!“, wies sie die Uniformierten auf ihrem Rückweg an, wischte sich mit dem Handrücken über die schwitzende Stirn und stellte den Besen zurück in seine Ecke, um sich wieder auf ihren Schemel zu begeben. Ihrem Thron, von dem aus sie ihr kleines Königreich überblickte und stets im Griff behielt.

25.05.2025: Onomatopoetikum (klangnachahmendes, lautmalendes Wort)

Leise summend schritt er voran, durchquerte die Fußgängerzone und strahlte dabei mit der Sonne um die Wette. Ach, was war das wieder ein herrlicher Tag! Voller Sonne, aber nicht zu warm, mit leichter Brise dabei, aber nicht zu kalt. Und vor allem mit so vielen tollen Onomatopoetika! Gerade in der Fußgängerzone, aber auch häufig an den Wohnviertel mit Gartenzaun und Mäuerchen vorbei! Besonders die in Richtung Außenbereich, von denen aus man sogar bis in die Bauernschaft gucken konnt! Die besuchte er an manchen Tagen erst recht sehr gerne! Dann stand er dort, schaute den Tieren auf der Weide zu und hatte seine helle Freude.

„Kikeriki!“, rief er ihnen dann zum Gruß zu oder „muuh!“ – immer so, wie es gerade passte. Aber natürlich vergaß er dabei auch die anderen nicht, die, die etwas typischer für die Innenstadt waren, wenn er dorthin zurückkehrte!

„Wuff“, grüßte er sie dann und manchmal auch mit einem Knurren – je nachdem, was ihm selbst entgegengebracht wurde.

Dabei stand er auch gern in der Allee, blickte die Linden hinauf und unterhielt sich mit einem Piepsen mit den Vögelchen, die zwischen Blättern und auf den Zweigen herumsprangen. Oder er suchte auf den Randstreifen nach Grillen, die im Gras saßen und ihr Zirpen hören ließen. Wobei er auch ganz besonders liebte, nahe des Brunnens spazieren zu gehen und das Platsch des Wasser zu hören oder das Plopp der Flaschen der Leute, die daneben mit ihren Getränken saßen. Ein kräftiges Schlürf war das immer! Und manchmal gab es des abends so herrliche Veranstaltungen. Dann konnte er dem Knistern des Feuers lauschen und zur Musik mit den anderen in die Hände klatschen. Immer so lange, bis das Ticktack seiner Uhr ihm verriet, dass es Zeit für den Heimweg wurde. Und wenn er dabei viel Glück hatte, war dabei die Sonne noch nicht allzu weit untergegangen, sondern gerade noch hell genug, um das Summen und Brummen der Bienen hören zu können, ehe auch die in die Heia mussten oder dem Gurren der Tauben zu lauschen. Dann lachte er, gurrte sie ebenfalls an, um ihnen eine gute Nacht zu wünschen oder begrüßte die Vögel der Nacht mit einem „Hu-hu!“, ehe er die er durch das kleine Törchen zu seinem Zuhause schritt, das Quietschen der Scharniere dabei hörte und das leise Tripptrapp seiner eigenen Schritte, wenn er die knarrende Holztreppe zur Haustür hinauf ging. Auch hier gab es noch einmal ein wunderbares Knarzen, wenn er die Tür hinter sich ließ, sich als erstes im Bad die Hände wusch, dabei dem Brausen des Wassers lauschte und schließlich fürs Abendbrot in die Küche mit der wunderbaren Kuckucksuhr und ihrem Ruf ging.

26.05.2025: apodiktisch

Zögerlich schob er die Tür auf und trat doch ein. Apodiktisch, unwiderleglich und unumstößlich. Er stand plötzlich mitten im Zimmer, dachte nicht einmal mehr im Traum daran, einfach zu flüchten und starrte stattdessen hinüber zu den Betten. Erst zu denen, die derzeit nicht belegt waren, dann zu dem einzigen mit Passagier an Bord. Seine Kehle wurde trocken, seine Augen brannten. Vom Schweiß, aber vor allem von diesem Moment, in dem er ihn dort liegen sah.

Blass, die Ärmchen dürr aus einem Patientenkittel hinauslugend. Im Licht der Mittagssonne wirkte seine Haut so bleich, dass man die Adern blau durch sie hindurch sehen konnte. Beinahe wie Pergament. Doch sein Gesichtsausdruck war dafür umso kräftiger, durchdringender.

„Was machen Sie hier?“, fragte er leise und dennoch gefestigt, während sein Dozent erst einige Male schlucken musste, ehe er zu einer Antwort imstande war. Vor ein paar Tagen hatte sein Student noch nicht so abgekämpft ausgesehen – oder war es ihm nur nicht aufgefallen?

„Ich… darf ich reinkommen?“, fragte er nach einem Räuspern, griff die Klinke und wartete mit dem Schließen der Tür doch, bis er offiziell zum Eintreten gebeten wurde – oder so was in der Art.

„Sind Sie doch längst“, antwortete sein Student, schien nicht unbedingt allzu angetan davon, ihn zu sehen, aber auch nicht so angewidert, dass er sogleich etwas nach ihm warf, um ihn davon zu jagen. Stattdessen lag er nur ruhig da, beobachtete, wie sein ungebetener Gast die Tür schloss, den nicht allzu riesigen Raum durchquerte und sich aus einer Ecke am Fenster einen der Besucherstühle heranzog, um sich zu ihm zu setzen. Sonderlich weit musste er damit nicht. Auch sein Student lag direkt am Fenster.

„Also? Was wollen Sie hier?“, musterte der ihn, gab sich alle Mühe, trotz seiner kränklichen Erscheinung kräftig zu klingen, während sein Dozent mit hoch gezogenen Schultern ineinander sackte, kaum, dass er sich auf dem Stuhl niedergelassen hatte.

„Ich hab zufällig deine Mutter getroffen…“, murmelte er leise, schuldbewusst. Er traute sich kaum, den Jüngeren anzuschauen, fühlte sich plötzlich furchtbar schlecht. Er hätte nach ihm sehen müssen. Ihn notfalls suchen müssen.

„Was ist passiert?“, fragte er, räusperte sich abermals, ohne der Frage seines Studenten eine direkte Antwort zu liefern.

Doch der schien es hinzunehmen. Er bohrte nicht nach, konnte zwischen den Zeilen ja herauslesen, was er wissen musste und wendete mit einem Schulterzucken seinen Blick ab.

„Bin zusammengebrochen“, murmelte er und hob abermals seine Achseln, als die entsetzte Nachfrage zu den Details kam. Wann? Wie? Wo?

„Fußgängerzone. Wollte eigentlich einkaufen, hatte plötzlich Nasenbluten und dann ging auf einmal nichts mehr. Jetzt lieg ich hier erst mal und meine Mutter wurd angerufen. Sie meinte, wir müssten mich erst wieder auf die Beine kriegen, bevor ich wieder mit dem Studium weitermachen darf… So ein Schwachsinn!“, murrte er und schaute seinen Dozenten wieder an.

„Na ja, Ihnen dürfts ja gelegen kommen. Dann müssen Sie mich wenigstens nicht mehr sehen und können unseren kleinen Ausrutscher getrost vergessen“.

27.05.2025: Idiolekt

Leise klackerte das Geschirr, während er es wusch, wurde zwischendurch vom Klirren der Messer und Gabeln abgelöst. Erst sortierte er alles auf der Ablage neben der Spüle und im nächsten Schritt gings ans Abtrocknen. Trockentuch von der Schulter gezogen und losgewischt, während ihn nun vor allem das Gedudel des Radios dabei begleitete – und ihr leises Murmeln.

„Tier mit vier Buchstaben. Erster Buchstabe ein E…“, hörte er sie, schaute über die Schulter und sah, wie sie kurz am Bleistift nagte, ehe er „Esel“ auf das Blatt Papier schrieb.

„Sprachbesitz und Sprachverhalten. Acht Buchstaben. Der dritte ist ein I und der letzte ein T…“, ging es sofort weiter und doch stockte sie sogleich. Sie runzelte die Stirn, kaute wieder an dem Bleistift, während er langsam hinter sie trat. Erst, um die Teller hinter ihr in den Hängeschrank zu räumen und dann, um ihr über die Schulter zu gucken.

„Ey, du sollst nicht schummeln!“, sagte er dabei und schmunzelte, während sie gerade das Blatt wieder umdrehte, als habe sie gar nicht gewusst, dass auf der Rückseite die Lösung wartete.

„Idiolekt“, sagte sie nur grinsend und begann zu schreiben, während er ihr dafür ein „Bitte?“ schenkte.

„Nicht Idiot, sondern Idiolekt!“, foppte sie ihn und lachte, als er sie mit einem gekünzelt empörten Blick betrachtete.

„Sprachbesitz und Sprachverhalten. Idiolekt“, lehnte sie sich auf dem Stuhl zurück und verschränkte zufrieden die Arme vor der Brust, wohingegen er nur mit einem „Aha“ antwortete und ihr die Hände auf die Schultern legte. Er knetete und drückte ein wenig, entlockte ihr damit ein leises Seufzen.

„Und? Wie ist es heute?“, fragte er und die Schultern, die er gerade noch so schön massierte, zuckten.

„Ach, ganz okay eigentlich. Wenn ich nur nicht ständig zum Klo müsste…“, seufzte sie wieder, dieses Mal nicht vor Wohltat, sondern weil ihre Antwort gewissermaßen eine Ankündigung war.

„Ich muss schon wieder…“, murrte sie und lachte, als er ihr wortwörtlich unter die Arme greifen wollte, um ihr auf die Beine zu helfen.

„Na, noch kann ich das alleine!“, hievte sie sich stattdessen ohne weitere Hilfe hoch, stemmte die Hände auf die Hüften und präsentierte ihren prallen Bauch, ehe es im Entengang aus der Küche ging.

Er schaute ihr dabei einen Moment lang nach und ließ dann den Blick wieder auf das Kreuzworträtsel sinken. Viel fehlte nicht mehr. Die Weser als Fluss mit fünf Buchstaben, die auch gleich noch das W lieferten und Heidi als Kinderserie, die gleich drei Buchstaben auf einmal für das Lösungswort parat hatte. Zugegeben, vielleicht keine Glanzleistung, aber er hatte mit Kreuzworträtseln ohnehin nicht viel am Hut! Da war er ja schon froh, dass ein Kumpel von ihm im Verlag arbeitete und ihm diese kleine Sonderausgabe ermöglicht hatte. Zu auffällig sollte es ja schließlich nicht sein, dass das Kreuzworträtsel dieses Mal ein wenig fingiert war.

28.05.2025: i wo!

„I wo!“.

Er war aufgesprungen, schüttelte energisch den Kopf, griff nach der Hand des Jüngeren, ohne sie lange halten zu dürfen.

„Ich geh jetzt nicht einfach! Was denkst du denn über mich?“, war er fassungslos und musste doch sogleich einsehen, dass er nicht ganz unschuldig an der Ablehnung seines Studenten war.

„Sie haben selbst gesagt, dass Sie nichts mit Studenten anfangen. Und erst recht nicht mit männlichen Studenten! Sie meinten, dass es nur am Alkohol gelegen hat und dass ich Ihren beschwipsten Zustand ausgenutzt hätte!“, keifte der, wollte sich aufrichten und ließ sich doch zurück ins Kissen sinken, als plötzlich ein weiteres Mal die Tür auf ging.

Ein älterer Herr trat ein, gekleidet in Puschen und Jogginganzug, an der Hand ein Tropf am Ständer. Etwas verwundert schaute er zu seinem Zimmernachbarn, nickte zu dessen Gast und steuerte sein eigenes Bett an. Es stand direkt neben der Tür, während der Dozent von seinem Studenten einen Blick zugeworfen bekam, der nur allzu deutlich zeigte, dass er gefälligst ebenfalls wieder diese Richtung ansteuern solle. Doch er weigerte sich.

„Lass uns bitte reden. Irgendwo, wo wir ungestört sind“, lehnte er sich weiter zu seinem Studenten, wisperte, winselte beinahe, während der ihn eisern anschaute.

„Ich bin müde. Ich brauch meine Ruhe. Also gehen Sie“, machte er unmissverständlich klar, während der Ältere schwermütig den Kopf hängen ließ.

„Bitte…“, fasste er die Hand seines Studenten, konnte den Blick des ölteren Herrn regelrecht auf sich ruhen spüren und hatte im Moment doch nur eines im Sinn. Er musste mit ihm reden! Es klären!

„Es ist nicht so einfach… Bitte lass es mich erklären“, flüsterte er, schaute wieder zu dem Jüngeren, der tief ausseufzte.

„Ich weiß selbst nicht, warum ich mir das eigentlich antu…“, murmelte er und nickte zu einem Rollstuhl, der gegenüber seines Bettes stand.

„Wir können in den Park, aber ich bin grad noch ein bisschen schwach auf der Brust, also müssen Sie mich schon schieben“, meinte er und ließ sich doch nicht dabei helfen, sich aufzusetzen. Wenigstens aufstehen und in den Rollstuhl sinken wollte er alleine. Der Anblick als solcher war ihm offensichtlich bereits unangenehm genug, ganz zu schweigen davon, wer ihn aus dem Zimmer hinaus, den Flur entlang und in den Fahrstuhl beförderte.

29.05.2025: liebwert

Ihre Fahrt war nur kurz und doch verlor er keine Sekunde.

„Wie geht es dir?“, fragte er, kaum, dass sich die automatische Tür hinter ihnen schloss und sie umgeben waren von ihren teils verschwommenen Ebenbildern. Es war einer dieser Fahrstühle, die wie eine Konservenbüchse wirkten. Steril, metallisch, verschlossen.

„Sag ich doch. Schwach auf der Brust“, hörte er in das metallische Surren der Aufzugseile hinein und sah über den verschwommenen Spiegel hinweg, wie sein Student stur geradeaus blickte. Fast so, als wäre er gerade allein in der Konservenbüchse.

„Und was ist genau passiert? Warum bist du umgekippt?“, wurde der Dozent also konkreter und fasste die Griffe des Rollstuhls wieder fester, als der Aufzug anhielt und die Türen öffnete. Ein leichter Schubs und es ging hinaus, durch die geräumige Eingangshalle hindurch und dann in einen etwas schmaleren Gang voller Türen, an dessen Ende eine gläserne Doppeltür wartete. Begleitet wurde ihr Weg vom Schweigen seines Studenten und seinem eigenen Versuch, dagegen etwas zu unternehmen.

„Wenn du mir nicht liebwert wärest, wäre ich jetzt nicht hier“, sagte er und schmunzelte, als sein Student den Kopf zu ihm drehte. Skeptisch fragend schaute er zu ihm hoch und verdrehte die Augen, kaum, dass er die Antwort gehört hatte.

Lieb und teuer“, erklärte der Dozent und lächelte. Er hatte gewusst, dass er ihn damit dazu kriegen würde, ihm wenigstens eine kleine Reaktion zu schenken. Und wenn es nur diese war: „Sie und Ihr veraltetes Gerede manchmal…“.

Damit wandte er den Kopf wieder ab, hielt ihn stur auf die Doppeltür und das grüne Kleinod dahinter gerichtet, doch der Dozent sah es als guten Anfang. Alles war im Moment besser, als angeschwiegen zu werden. Vor allem, wenn ihr Weg vom typischen Krankenhausduft, Weißkitteln und dem zeitweiligen Piepen irgendwelcher Gerätschaften oder Alarme begleitet wurde. Ihm war übel. Krankenhäuser hatte er noch nie gemocht und fühlte eine große Erleichterung, als sie die Doppeltür endlich erreichten. Ein beherzter Griff zum Türöffner und es ging hinaus in den Park. Kurz blendete die Sonne, aber die Augen gewöhnten sich schnell daran. Woran sie sich allerdings kaum gewöhnen wollten, war die Tatsache, dass ihm jetzt noch bewusster das fahle Aussehen seines Studenten auffiel. Er wirkte so zerbrechlich, seine Haut wie aus Papier. Was fehlte ihm nur? Die Frage drängte den Dozenten immer mehr, doch trotzdem stellte erst eine andere.

„Wo sollen wir uns hinsetzen?“, schob er den Rollstuhl einige Schritte vom Gebäude weg und blickte sich um. Es gab schattigere Plätzchen und jene in vollster Sonne. Offen einsehbare und welche, die verborgener Lagen. Doch seinem Studenten schien es einerlei, welches von ihnen sie auswählten. Er zuckte nur die Schultern, murmelte ein leises „Mir egal“, das eher nach einem „Ich will’s endlich hinter mich bringen, also komm zu Potte“ klang.

30.05.2025: selbstredend

Schweigend saß er da, mit der Konzentration vollends bei seiner Arbeit. Er hatte das Mikroskop hervorgeholt, gerade den Objektträger vorbereitet und schob ihn nun vorsichtig an Ort und Stelle. Ob es wohl dieses Mal des gewünschte Resultat für ihn bereit hielt, das Pröbchen, das da in der plattgedrückten Lösung vor ihm schwamm? Er atmete tief durch, setzte die Brille ab und sich so nah an das Mikroskop, das Gerät und er beinahe eins wurden. Die Augenbrauen gekräuselt betrachtete er Millimeter für Millimeter seine Probe. Ging akribisch vor, vergewisserte sich, betrachtete die früheren Ergebnisse und glich sie dann noch mal mit den neuen ab. Ja, besser sah es aus. Noch lange nicht perfekt, aber besser. Hatte er also endlich den fehlerhaften Parameter gefunden, der ihm so lange einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte?

Er lehnte sich wieder zurück, setzte die Brille auf seine Nase und ließ das Mikroskop für einen Moment Mikroskop sein, während er zum Stift griff und die Ergebnisse notierte. Dabei hielt er kurz inne, hob mahnend den Zeigefinger. Ja, er war gerufen worden, aber das hier war gerade sehr viel bedeutender als alles, was irgendjemand an ihn herantragen konnte! Selbst, wenn dieser jemand seine Vorgesetzte war! Also schrieb er erst einmal weiter, nahm sich die Ruhe die er benötigte und ließ seine Chefin wissen, dass sie sich in Geduld üben musste. Dabei – waren wir mal ehrlich – wusste sie das längst. Wofür hielt sie einen Eigenbrötler wie ihn denn seit fast zehn Jahren in ihrer Abteilung, obwohl so manch anderer wohl längst versucht hätte, ihn in eine andere abzuschieben?

„Na? Kommen Sie voran?“, schenkte sie ihm darum auch eher Belustigung statt Belehrungen, als es ihm endlich genehm war, sie anzuschauen. Noch lehnte sie dabei an der Tür, doch nun ging sie auf ihn zu. Der offene Kittel wehte unter ihren zügigen Schritten, während der Angesprochene die Arme vor der Brust verschränkte und seinen Blick zurück auf seine Arbeit lenkte.

Was sollte er antworten? Seine Lippen kräuselten sich unter einem „Selbstredend“.

Gelogen war es ja nicht mal! Er kam ja wirklich voran! Wenn auch vielleicht nicht so schnell, wie er es sich eigentlich vorgestellt hatte. Und was tat seine Chefin? Die schaute ihm über die Schulter, studierte, was er notiert hatte und nickte. Mit einem Schmunzeln. Noch immer. Was sollte das? Machte sie sich etwa lustig über ihn?

„Tja, Geduld ist eine Tugend, nicht wahr?“, schenkte sie ihm allerdings nur diese eher vage Aussage und schien auch noch amüsiert über sein Stirnrunzeln. Denn ja, dass man in seinem Job geduldig sein musste, war ihm durchaus bewusst! Das brauchte sie ihm nun wirklich nicht zu erklären! Er war schließlich kein verklärter Erstsemester mehr! Aber diesen Ärger ließ er sich natürlich nicht anmerken. Stattdessen setzte er nur mit einem tiefen Atemzug sein souveränes Gesicht auf und fragte sie, was sie mit ihm zu besprechen habe.

31.05.2025: Blütenteppich

Er nickte, ließ noch einmal den Blick schweifen und fühlte in sich hinein. Wenn sein Student ihm die Wahl überließ, traf er sie eben nach bestem Wissen und Gewissen und entschied sich dabei für einen der Sonnenplätze. Denn selbst, wenn die Sonne schien, waren die Temperaturen nicht unbedingt die wärmsten und da vertraute er auch nicht vollends auf den Morgenmantel, den sein Student trug oder auf die Decke über dessen Beinen. Nein, lieber auf Nummer sicher gehen und wenn das hieße, dass er ihm noch sein – zugegebenermaßen inzwischen deutlich verschwitztes – Jackett über die Schultern hängte. War es vielleicht doch eine dumme Idee gewesen, mit ihm in den Park zu gehen?

Er seufzte und schob den Rollstuhl wieder an, bugsierte ihn vorbei an einer kleinen Hecke und steuerte eines der Beete in bester Sonnenlage an. Der reinste Blütenteppich herrschte dort, zauberte mit Tulpen und Narzissen ein kunterbuntes Bild, das wunderschön war und trotzdem im krassen Gegensatz zu dem stand, wo sie sich hier befanden.

„Ist es hier okay?“, schob er den Rollstuhl neben eine der Bänke an jenem Beet und beobachtete seinen Studenten. Wieder nur ein Schulterzucken, während er die Bremsen des Rollstuhls feststellte und sich selbst auf die Bank begab. Um diese Zeit waren noch recht wenige Besucher im Park. Das war schön, das gab ihnen die Möglichkeit, freier zu sprechen.

„Oder möchtest du doch lieber mit auf die Bank?“, fiel ihm ein, als er sich gerade niedergelassen hatte und erntete dafür nur wieder ein Seufzen.

„Kommen Sie endlich zum Punkt. Was wollen Sie?“, murrte sein Student, schien allmählich ernstlich genervt, während er hingegen kaum wusste, wie er das Gespräch beginnen sollte.

„Du bedeutest mir viel“, wählte er den direkten Einstieg und erntete dafür doch nur ein abschätziges Schnauben.

„Ja, hab ich gemerkt, als Sie ihre Klamotten vom Boden hochgerissen haben und wie von der Tarantel gestochen weggerannt sind“, wussten auch seine Worte zu stechen wie der Biss einer Spinne und ließen seinen Dozenten die Schultern schützend emporziehen.

„Es ist nicht so einfach…“, murmelte er, rang die Hände und hoffte auf Verständnis, obwohl er sich schon denken konnte, dass er keines bekäme.

„Ich habe einen gewissen Stand, hab einige Ehrenämter und Posten. Ich weiß nicht, wie sich das womöglich auswirken könnte, wenn herauskäme, dass ich… du weißt schon“, begann er und schluckte, als er die unausgesprochene Wahrheit eiskalt ins Gesicht gedrückt bekam.

„Dass Sie schwul sind?“.

Es war trocken, fast leichtfertig dahin gesagt, während der Ausdruck des Studenten widerspiegelte, dass er sich gerade wie im falschen Film fühlte. Erwartete sein Dozent ernsthaft Mitleid von ihm?

Der jedoch seufzte wieder, rieb sich den Nacken.

„Ich bin verheiratet, das weißt du… Ich kann mich nicht einfach trennen“, wurden seine Worte zu einem Nuscheln, während sein Student nur den Blick anwendete und die Arme vor der Brust verschränkte. Er schüttelte den Kopf. Nicht vor Unwissenheit, sondern vor Ablehnung.

„Ich weiß. Und ich frag mich immer mehr, was Sie eigentlich noch von mir wollen. Wenn ich das mit uns hätte herumerzählen wollen, hätte ich es längst gemacht. Hab ich aber nicht. Also seien Sie unbesorgt, ich nehm unser kleines Geheimnis mit ins Grab. Versprochen“.

01.06.2025: Brachet

Warum nur machte er es ihm so schwer? Er war doch hier, um zu helfen, um sich zu kümmern!

„Darum geht es mir nicht“, sagte er, obwohl sie beide wussten, dass es sicherlich auch ein kleiner Grund mit für seinen Besuch war, ihr Techtelmechtel nicht an die Öffentlichkeit geraten zu lassen. Aber sie sprachen es nicht weiter aus.

„Worum dann?“, wollte der Jüngere stattdessen wissen und funkelte ihn an, während er ins Stocken geriet. Ja, warum eigentlich? So weit hatte er nicht geplant, doch trotzdem kam ihm eine Idee. Eine ganz formidable noch dazu!

„Ich will dich unterstützen!“, schoss es regelrecht aus ihm heraus und während sein Student die Augenbrauen kräuselte, zog er seine Lippen zu einem Lächeln empor.

„Ja, ich hab gemerkt, dass du die vergangenen Wochen immer mehr zurückgefallen bist. Im Unterricht meine ich. Und ich will dir helfen! Sobald du wieder auf den Beinen bist! Du könntest mein wissenschaftlicher Mitarbeiter werden. Im Brachet hab ich ohnehin ein paar Termine mit dem Dekan und…“

„Was ist Brachet denn schon wieder?“

„Juni“.

Der Dozent lächelte, während der Student die Augen erneut verdrehte.

„Und was soll das bringen?“, klang er zunehmend gelangweilt, wohingegen in seinem Dozenten die Energie regelrecht zu sprudeln begann.

„Es wäre die perfekte Möglichkeit! Ich könnte dir mit dem verpassten Stoff helfen und wir könnten auch noch zusammen sein! Sag deiner Mutter, dass sie mit der Abmeldung noch warten soll. Wir finden da einen anderen Weg, ganz bestimmt! Kannst du sie anrufen? Hast du dein Handy auf dem Zimmer?“, war er plötzlich voller Zuversicht und Optimismus, während sein Student ihm nur ein gehässiges Lächeln schenkte.

Er stützte seinen Kopf auf die Hand, musterte den Älteren, der in Gedanken bereits an die Planung ging.

„Sie wissen es wirklich nicht, oder?“, unterbrach ihn dabei die Ansprache des Jüngeren und fragend schaute er ihn an.

„Wovon redest du?“, fragte er und bekam ein Seufzen dafür.

„Dass meine Mutter sich genauso viel vormacht, wie Sie gerade“, sagte er, schnalzte mit der Zunge und wendete den Blick ab, während der des Dozenten immer fragender wurde.

„Dass es nur ein „vorläufiges Abmelden“ ist, ist genauso Quatsch wie das, was Sie da gerade von sich geben“, murmelte er und bestand plötzlich darauf, unverzüglich zurück auf sein Zimmer gebracht zu werden.

„Aber warum?“, verstand der Dozent die schlagartig gestiegene Abwehr nicht. Es wäre doch die ideale Lösung gewesen! Sein Student hätte sich nicht erst wieder neu anmelden müssen, er hätte Unterstützung gehabt, sie wären zusammen gewesen und er selbst hätte sein Gesicht gewahrt! Doch der Jüngere lachte nur bitter, forderte abermals, zurück aufs Zimmer gebracht zu werden.

„Warum denn? Man kann doch über alles reden und eine Lösung finden!“, war diese Sturheit ja regelrecht zum verzweifeln. Aber was er dann hörte…

„Ich hab aber keine Zeit, um Ihr heimliches Liebchen zu spielen. Und ich denke mal, bald werden Sie auch nicht mehr viel Interesse daran haben, dass ich es tue“.

… ließ ihn vollends verwirrt zurück.

02.06.2025: bezaubernd

Er hatte ihn vom ersten Augenblick an bezaubernd gefunden. Seine blonden Haare, die ihn wie einen Engel aussehen ließen und seine vollen Lippen, aus denen oft Sätze kamen, die seine wahre Gestalt aufdeckten. Die eines Bengels, eines Schlawiners, der es faustdick hinter den Ohren hatte. Aber einen Satz wie diesen hätte er aus ihnen niemals erwartet…

„Ich hab einen inoperablen Gehirntumor und die Wahrscheinlichkeit ist dann wohl doch eher gering, dass ich bald wieder bei Ihnen im Kurs sitze – oder bei sonst jemandem“.

Kaltschnäuzig daher gesprochen und von einem Seufzen begleitet, als dem Dozenten alle Farbe aus dem Gesicht wich.

„Jetzt kippen Sie hier nicht auch noch um, okay? Hab keinen Bock, dass Sie am Ende noch bei mir auf dem Zimmer landen“, murrte der Jüngere, während dem Älteren abwechselnd heiß und kalt wurde und er dann…

„Na, da freuen sich die Rhodendren aber über den Dünger“.

„Deine Kommentare sind gerade nicht hilfreich!“.

Er wischte sich den Mund ab, war verwundert, dass er es überhaupt schnell genug die wenigen Meter bis zum Gebüsch geschafft hatte und machte sich wankenden Schrittes zurück auf den Weg Richtung Bank, während er versuchte, das Gehörte zu begreifen.

„Du versuchst mir eins reinzuwürgen, oder?“, war die einzig mögliche Erklärung und ihm dabei egal, welche Situationskomik seine Wortwahl auslöste. Doch statt ihn von seinem Schrecken zu entheben, zuckte der Student nur mit den Mundwinkeln.

„Deine Mutter hat doch gesagt, dass du die Uni nur vorläufig...“

„Tja, weil sie meint, dass ich alle möglichen Behandlungen über mich ergehen lassen soll, um den Tumor vielleicht doch so klein zu kriegen, dass er am Ende womöglich noch entfernt werden kann. Wenigstens zum Teil, wenn ich ganz viel Glück habe. Wenn wirklich die ganzen Chemiekeulen und Bestrahlungen anschlagen, die mir da verpasst werden sollen. Ich hab da allerdings keinen Bock drauf, das alles über mich ergehen zu lassen! Wenn man ihn jetzt einfach rausschneiden könnte und ich wüsste, dass damit alles weg wäre, okay, aber für so ein Glücksspiel ist mir meine restliche Zeit echt zu schade! Und um mich weiter mit Ihnen rumzuärgern auch! Also sorry, dass Sie den Weg umsonst auf sich genommen haben, aber Sie können jetzt wieder gehen“, ätzte sein Student, schien nun allmählich wirklich die Nase von dem Gespräch voll zu haben. Er stemmte sich hoch, wollte aufstehen, doch der Dozent hielt ihn fest.

„Warte!“, konnte er ihn unmöglich so gehen lassen, selbst, wenn er es wohl kaum bis zur Tür, geschweige denn darüber hinaus geschafft hätte. Und trotzdem wurde er nicht müde, sich gegen ihn zu stellen.

„Lassen Sie es doch endlich gut sein! Wir hatten unseren Spaß und damit hat sich das! Also hauen Sie ab zu Ihrer Frau und spielen Sie weiter den Vorzeigeehemann!“, keuchte er und ließ sich widerwillig zurück in den Rollstuhl sinken.

„Das mit uns war eine einmalige Sache, also gehen Sie endlich und lassen Sie mich in Ruhe oder ich schrei den Park zusammen, bis Sie hier rausgeschliffen werden und Hausverbot kriegen!“.

03.06.2025: verlauten

Er stand am Meer, schaute der Sonne dabei zu, wie sie den Himmel einfärbte und langsam im Wasser versank. Windig war es und er barfuß unterwegs. Seine Abdrücke im Sand wurden bereits von den Wellen verwischt und auch, wenn er sich den Arsch abfror, war er doch froh über diesen Augenblick. Eine kleine Auszeit, ein Moment des Durchatmens. Der Zeitpunkt, an dem er sich endlich wieder richtig lebendig fühlte und nicht nur niedergedrückt von der Schwere des Kampfes und des drohenden Verlusts. Das erste Mal seit Monaten, dass er wieder durchatmen konnte, den Wind und das Wasser spürte, die salzige Luft schmeckte und sich lebendig fühlte. Er schloss die Augen, sog diesen Augenblick ein und erschrak, als er eine Berührung an der Hand spürte. Er schaute zur Seite, lächelte.

„Wir sollten zurückgehen. Nicht, dass du dich erkältest“, säuselte er, legte den Arm um die schmächtige Gestalt und zog sie näher an sich. Sie betrachtete eine Muschel, die sie am Strand gefunden hatte. Fast ebenmäßig gezeichnet und an einer Stelle doch uneben. Ein Stück Perlmutt war herausgebrochen.

„Noch einen kleinen Moment“, hörte er und war davon ganz und gar nicht angetan.

„Du bibberst schon!“, protestierte er, aber dafür gab es nur ein Kopfschütteln und einen frechen Spruch.

„Dann wärm mich halt“, lautete das Kommando, mit dem sich sein bald-wieder-Student noch enger an ihn schmiegte und er drehte sich bereitwillig zu ihm, um die Arme vollends um ihn zu schlingen. Er drückte ihm einen Kuss auf den Schopf. Es war noch immer ungewohnt, die einst blonden Haare nun so sperrig und dunkel zu sehen und zu fühlen. Er hatte zwar davon gehört, dass im Rahmen einer Chemotherapie so etwas passieren konnte, wenn sie wieder nachwuchsen, aber so richtig hatte er es nicht glauben können. Doch das war egal. Die Hauptsache war, dass er ihn jetzt bei sich hatte und dass der Ring an ihren Fingern nicht mehr aus der Not heraus dort thronte.

Ja, er hatte sich für ihn entschieden, hatte verlauten lassen, wie er wirklich fühlte und seine Frau verlassen, um an seiner Seite zu sein. Erst nur, um ihm die letzten Monate so schön wie möglich zu gestalten, doch wie es nun aussah, durfte er sogar darüber hinaus mit ihm zusammen bleiben. Ein richtiger Ehemann für ihn werden, der nicht nur einen Alltag zwischen Medikamenten und Klinikaufenthalten mit ihm teilte, sondern das ganz normale schnöde Leben zwischen Arbeit, Einkauf und Hobbys. Denn sein Student war tatsächlich gesund – zumindest, soweit man das in diesem Augenblick sagen konnte. Und auch, wenn sie für ihren Weg einige Anfeindungen erlebt hatten, war es der einzig richtige gewesen. Sie waren zusammen, sie wollten zusammenbleiben und das war alles, was noch zählte. Das und…

„Schluss jetzt! Wir gehen zurück! Du holst dir noch eine Erkältung, wenn du so weitermachst! Ich will unsere Flitterwochen nicht damit verbringen, dir Hustensaft und Taschentücher zu holen!“.

Ganz so, wie es sich für einen normalen Alltag gehörte.

04.06.2025: lesenswert

Viel hatte sie in ihrem Leben bereits erreicht: eine gute Ausbildung, einen guten Job. Sie war in ferne Länder gereist, hatte viel von der Welt gesehen und die unterschiedlichsten Hobbys ausprobierte. Einige hatte sie dabei schnell wieder verworfen und anderen ging sie bis heute nach. Aber waren es manchmal nicht sogar die noch kleineren Dinge, die wirklich zählten? Eine Blume am Straßenrand, eine schöne Wolke am Himmel. Einem Vögelchen an der Wassertränke dabei zuzusehen, wie es sich putzte oder einfach ein paar Stunden mit ihrer Großmutter zu verbringen. Die regelmäßigen Nachmittage, die sie wenigstens einmal im Monat einstreute, selbst dann, wenn sie vor Terminen eigentlich kaum wusste, wo ihr der Kopf stand. Wenn Verabredungen mit Freunden anstanden, Dates mit ihrem Partner, Handwerkertermine und was nicht noch alles. Aber die Zeit für ihre Großmutter, die schaufelte sie sich trotzdem immer wieder frei. So herrlich unaufgeregt, wie sie auch war, so langweilig, wie manch anderer sie sicherlich gefunden hätte. Doch sie genoss es. Das Zusammensein, den Kuchen zu essen, den sie dann auf dem Weg dorthin immer vom Bäcker mitbrachte und den Kaffee zu trinken, den ihre Großmutter eigentlich immer viel zu stark ansetzte. Extra für sie, weil Großmütterchen selbst nur Tee trank. Aber wozu gab es Milch, um den 180er-Puls in Flüssigform zu verdünnen?

Und dann saßen sie da. Plauderten, genossen den Blick aus dem Fenster, aber die meiste Zeit hörte sie einfach nur zu. Lauschte dem, was ihre Großmutter im Alltag bewegte, was sie erlebt hatte und selbst, wenn das nur hieß, sich irgendwelche alte-Frauen-Zeitschriften herunterbeten zu lassen. Tratsch und Klatsch aus der Promiwelt, oft genug mit reißerischen Aufmachungen auf den Titelblättern aber nur heißer Luft in den zu dünnen Blättern gepressten Bäumen. Durchzogen von Kreuzworträtseln und den tollsten Versprechungen, was man nicht alles gewinnen konnte, wenn man an deren Gewinnspielen teilnahm. Wunderbar lesenswert fand ihre Großmutter diese Blättchen, während sie selbst darüber schmunzeln musste, wie sehr die alte Frau darin aufging. Fast so sehr, wie bei ihrem Spiel mit ihrem Wellensittich. Hansilein. Klein, gelb und ein Weltmeister darin, auf dem Tisch herumzuspringen und die Kuchenkrümel vom Tisch zu stibitzen, wenn er nicht gerade ihrer Großmutter auf den Kopf flog und Nester in ihre Hochsteckfrisur bauen wollte. Hansilein war ein Unikat. Genau wie ihre Großmutter. Das musste man wirklich sagen. Vor allem das aktuelle Hansilein, das sogar ein paar Kunststückchen konnte! Schade, dass die anderen Hansis immer nach ein paar Jahren im Vogelhimmel gelandet waren. Konnten die nicht auch so steinalt wie ihre Großmutter werden? Da hätten sie wohl alle ihre helle Freude dran gehabt! Großmutter, Enkelin und Hansilein, das schon wieder Omas Teetasse für sein tägliches Bad nehmen wollte. Na, zum Glück fiel das ja immer früh genug auf, damit sie nicht noch einen kräftigen Schluck aus dem Badewasser nahm.

05.06.2025: hiedurch

Er blickte von seinem Handy auf, betrachtete die Anzeigetafel und da erklang auch schon die Durchsage. Der nächste Stopp war seine Haltestelle. Endlich. Seufzend packte er sein Smartphone in die Hosentasche, stand aus dem pickepackevollen Viersitzer auf, um sich in den ähnlich engen Gang zu schieben. Ferienbeginn, der Zug quoll nur so über und er hatte leider nicht das zusätzliche Geld ausgeben können, um wenigstens in die erste Klasse zu wandern. Also musste er jetzt zusehen, dass er zwischen all den im Durchgang geparkten Koffern nicht fiel, während er seinen eigenen aus der Gepäckablage hievte. Ein älterer Mann kam ihm zur Hilfe, brauchte seinen eigenen Rucksack von dort oben heruntergehoben und reichte ihm seinen gleich mit an.

„Danke“, lächelte er, stellte den schweren Koffer neben sich ab, zog den Griff heraus und schob den Trolley hinüber zur Tür. Wieder mal typisch, dass seine Mutter ihm den halben Hausstand aufs Auge gedrückt hatte! Dabei war er nur zwei Wochen bei seinen Großeltern und keine zwei Jahre… Aber so ging das immer. Er hatte sich daran gewöhnt. Genauso, wie er sich an die lange Fahrt von guten vier Stunden gewöhnt hatte. Erst mit der Regionalbahn und dann, mit jedem Umstieg mehr wie bei einer Zeitreise in die Vergangenheit, hinüber zur Bimmelbahn und schließlich zu einem Vorkriegsmodell, bei dem es ihn wunderte, dass das überhaupt schon ohne Kohle und viel zu viel Qualm lief… Selbst die Türen öffneten sich noch nicht automatisch, sondern mussten per Hand aufgehebelt werden. Er wusste noch, wie ihn das bei seiner ersten Fahrt ganz allein damals fast zum weinen gebracht hätte. Aber jetzt war er routiniert darin. Jetzt machte es ihm auch nichts mehr aus, wenn der eine Zug mal wieder zu spät und der andere darum schon weg war. Er wusste ja, dass er trotzdem dort ankam, wo er hin musste – und wenn das hieß, dass sein Großvater ihn abholte, mit seinem alten Auto von Anno dazumal. Oldtimer. Genau wie sein Großvater. Aber irgendwie passten sie zusammen! Das Auto aus einer anderen Zeit und seine Großeltern aus einer anderen Zeit. Mit ihrer Sprache, die eine Mischung aus Hochdeutsch, Plattdeutsch und dem Dialekt ihrer Gegend war. Wo sie „hiedurch“ statt „hierdurch“ sagten und so vieles mehr. Ja, er war immer gerne bei seinen Großeltern, auf ihrer kleinen Hütte auf dem Land, mit dem Plumpsklo vorm Haus und der Kochmaschine in der Küche. Sie hatten zwar trotzdem auch fließendes Wasser und Strom, aber dennoch liefen die Uhren bei ihnen ein wenig anders. Sie hatten mehr Ruhe, mehr Zeit, obwohl ihre Tage ja auch nur 24 Stunden zur Verfügung hatten und die Arbeit noch immer nicht knapp war. Selbst, wenn sie eigentlich längst im Rentenalter waren. Aber trotzdem hielten sie noch immer fest an der Selbstversorgung, so gut sie denn möglich war. Mit der Milch von den eigenen Ziegen, der Butter und dem Käse, die sie daraus gewannen. Mit dem eigenen Obst, dem eigenen Gemüse. Mit dem Getreide, das der Bauer noch direkt bei der alten Mühle mahlen ließ und dann als frisches Mehl verkaufte.

06.06.2025: Juno

Er hetzte die Straße entlang, in der einen Hand seine Aktentasche, während er in der anderen das Brötchen vom Bäcker hielt. Die Schlange dort war wieder einmal katastrophal gewesen und er auf dem letzten Drücker. Wenn er die nächste Straßenbahn nicht bekam, gäbe es einen Einlauf vom Chef, der sich gewaschen hatte! Also bei Rot über die Ampel, weil sie vor wenigen Sekunden noch grün gewesen war und unter lautstarkem Hupen hinüber zur Haltestelle. Kurz die Tasche zwischen die Beine geklemmt, um sich das Sakko richtig anzuziehen, das er vorhin noch irgendwie zwischen Handinnenfläche und Taschengriff mit eingequetscht hatte. Ja, eventuell war es nicht nur am Bäcker voll gewesen, sondern er auch davor schon etwas zu spät aus der Haustür gekommen… Aber egal! Hauptsache, er erwischte die Bahn noch, die just in dem Moment einfuhr, in dem er die Tasche wieder zur Hand nahm. Er trat einen Schritt zurück, ließ erst die anderen Fahrgäste aussteigen, die hier ihr zumindest vorläufiges Ziel erreicht hatten und schwang sich dann selbst hinein. Wollte er sich hinsetzen? Nein, die Sitze sahen nicht unbedingt nach etwas aus, das seinem Anzug Gutes getan hätte. Also nur den Haltegriff gefasst, die Aktentasche wieder zwischen die Beine verfrachtet und dem knurrenden Magen endlich Futter gegeben. Er seufzte. Vor Wohltat, weil er endlich etwas zwischen die Kiemen bekam und vor Frust, weil ausgerechnet jetzt das Handy in seiner Hosentasche anfing zu bimmeln. Wer wollte denn jetzt schon was von ihm? Er zog es hervor, sah die Nummer seiner Mutter und runzelte die Stirn.

„Ist was passiert?“, hielt er sich gar nicht erst mit langen Begrüßungen auf. Wenn sie so früh anrief, musste irgendwas passiert sein. Aber was?

„Wann kommt dein Zug denn an?“, fragte sie ebenso ohne Umschweife und verwirrte ihn noch mehr. Warum interessierte sie sich denn dafür, wann er an der passenden Haltestelle war?

„Zwanzig Minuten. Warum?“, kam also seine Gegenfrage und ein entsetzter Aufschrei vom anderen Ende der Leitung.

„So früh schon?! Ich hab noch gar nicht das Gästezimmer fertig hergerichtet! Ich dachte, du bist erst gegen Mittag hier!“, rief sie aus und er verschluckte sich fast an seinem Brötchen.

„Moment mal! Wie kommst du darauf, dass ich heute zu dir komme?“, fragte er verwirrt, während er hören konnte, wie seine Mutter bereits losgerannt war, das Telefon vermutlich genauso zwischen Ohr und Schulter klemmte, wie er gerade, und dabei in der Wohnung herumfeudelte.

„Aber das haben wir doch Ostern schon abgesprochen! Dass du am 7. Juni zu mir kommst!“, klang sie empört, während sie wienerte und er… tja, er bemerkte langsam, wo der Fehler lag.

„Mutter, ich hatte vom 7. Juli gesprochen – Julei! Nicht Juno! Du hast mir nicht richtig zugehört!“, seufzte er, biss nun etwas beruhigter in sein Brötchen und nickte nur, als er ein enttäuschtes „Oh…“ vernahm. Na ja, dann hatte seine Mutter ja wenigstens noch genügend Zeit, um das Gästezimmer auf Vordermann zu bringen…

07.06.2025: Rechtschreibfrage

„Hmhmhm…“.

Sie saß auf dem großen gemütlichen Stuhl, der immer so herrlich wippte, wenn man ihn ein wenig in Schwingungen versetzte. Metallgestell, schwarzer Lederbezug, billige Optik, aber vermutlich teuer im Einkauf. Die Beine überschlagen saß sie da, ließ das obere genauso wippen wie den Stuhl und hielt das Knie dabei mit den Händen umfasst. Sie schaute umher, betrachtete das Regal mit den vielen Büchern und Zeitschriften, die schwarz-weiß Fotografien an der Wand, die ausladende Fensterfront und schließlich den Schreibtisch, an dem sie saß. Auf dem Besucherplatz, wohl gemerkt. Die andere Seite gehörte dem Redakteur und der schaute sie über seine Brillenränder hinweg an. Sie hob die Augenbrauen und ihre Mundwinkel taten es ihnen gleich, obwohl sie ohnehin die ganze Zeit über ein leichtes Lächeln spazieren trugen. Aber nun wurde es noch ein bisschen wärmer und einladender, während die Miene ihres Gegenübers scheinbar zum Südpol wandern wollte.

„Könnten Sie das Summen lassen?“, murrte er, klang wie einer, der kurz vor der Rente stand, obwohl er vielleicht mal Mitte zwanzig war. Sie gluckste, nickte.

„Natürlich“, gab sie sich artig, während sie innerlich noch mehr über ihn schmunzelte als äußerlich zu erkennen. Ach, wie sie solche Klugscheißer liebte. Da konnte man wirklich nur lachen, wenn man nicht an ihnen verzweifeln wollte! Und genauso hielt sie es, als er nicht nur wieder den Blick auf den Text senkte, der ihm da vorlag, sondern dann auch noch zum Rotstift griff. Schon Scheiße, wenn sein Rechner mal wieder von der IT-Abteilung in Beschlag genommen wurde und er deshalb gerade auf altmodische Methoden zurückgreifen konnte, nicht wahr? Na, ein Glück, dass sie noch so was wie einen Drucker im Vorraum stehen hatten!

„Was notieren Sie denn da?“, hätte sie sich die Frage natürlich mit etwas Geduld auch selbst beantworten können, aber es machte einfach zu viel Spaß, wie er jetzt schon wieder seufzte und die Augen verdrehte.

„Ich notiere nicht, ich korrigiere Ihre Formulierung“.

Nun war sie diejenige, die etwas skeptisch schaute.

„Meine Formulierung?“

„Ihre Formulierung“

„Welche?“

Oh, jetzt war er aber wirklich genervt, so wie er schnaubte und sich zurücklehnte, um demonstrativ den Textausdruck zwischen sie beide zu halten und ihn dabei zu kritisieren.

„Das ist hier keine Frage der Rechtschreibung, sondern eine Rechtschreibfrage. Kurz und knackig und nicht so geschwollen dahergeredet! Wir sind hier schließlich nicht in der Belletristik!“, monierte er, legte damit das Blatt Papier zurück auf seinen Schreibtisch und guckte sie auffordernd an. Sie aber grinste.

„Ist schon scheiße, wenn man sonst nichts zu beanstanden findet und sich dann Sachen aus den Fingern saugen muss, oder?“, wechselte sie keck die Position ihrer Beine, wippte nun mit dem anderen und schaute genüsslich dabei zu, wie die Gesichtsfarbe ihres Gegenübers in ein kräftiges Rot umschwenkte.

08.06.2025: Pfingstsonntag

Es war voll, farbig, kitschig und für jeden Geschmack etwas dabei. Rosen, Gerbera, Astern, Margeriten und dann so viele weitere Blumen, deren Name sie nicht einmal im Ansatz kannte. Ein wenig faszinierte es sie ja durchaus immer, wenn sie in den kleinen Blumenladen nahe der Einkaufsmeile kam. In dem schmalen Haus, das zwischen zwei Hochhäusern zu versinken schien, wie hinein geschossen in die Lücke, die beim Bau der Giganten übriggeblieben war, obwohl es wohl genau umgekehrt herum gewesen sein musste. Hatte zumindest mal die Floristin erzählt, zu der sie immerhin gingen, solange sie sich daran erinnern konnte. Immer an der Hand ihrer Mutter, als sie noch jünger gewesen war und deutlich neugieriger. Da war der kleine Blumenladen für sie wohl immer der reinste Dschungel gewesen. Etwas, in das sie nur allzu gern abgetaucht wäre, wenn genau das nicht zu einem riesigen Chaos geführt hätte, vor lauter Blumenvasen und Dekoartikeln, die hier dicht an dicht gedrängt standen und sie heute eher abschreckten als anzog. Sie hatte nicht unbedingt einen grünen Daumen, wenn man von ihrer Kunstblume mal absah und auch stand sie nicht sonderlich auf voll gestellte Räumlichkeiten, sondern bevorzugte einen cleanen Look mit dezenten Akzenten.

„Wie wärs denn mit einer bunten Mischung aus Tulpen, Margeriten und ein paar Rosen?“, waren sie allerdings ja nicht hier, um über ihren Einrichtungsgeschmack zu sprechen, sondern um einen kleinen Strauß Aufmerksamkeiten für ihre Großmutter zusammenstellen zu lassen. Die Schwiegermutter ihrer Mutter. Das Verhältnis war schon immer etwas angespannt gewesen und der Besuch zu Pfingsten eher eine Pflicht statt die Kür. Der Ausgleich dafür, dass es zu Ostern immer zu Mamas Familie ging und die dank der langen Anreise dann gleich das gesamte Osterwochenende etwas von ihnen hatte. Die andere Oma war dann halt an Pfingsten dran. Und dafür sollte die zusätzliche blumige Entschuldigung natürlich auch noch was hermachen!

„Wie wäre es denn mit Pfingstrosen?“, wusste ihre Mutter dabei schon ganz genau, was es sein sollte, aber die Floristin wiegte den Kopf. Vielleicht nicht unbedingt förderlich fürs Geschäft, aber zumindest für die Kundschaft, die nicht nur im Vorbeigehen einmal bei ihr reinschaute, sondern regelmäßig zu ihr kam und auf ihre Einschätzung und ihr Wort vertraute.

„Unter uns…“, sagte sie darum auch hinter vorgehaltener Hand „… wenn sie da wirklich Freude dran haben soll, sollte sie lieber eine im Topf bekommen. Sonst halten die höchstens bis Pfingstsonntag“.

Sie lehnte sich wieder zurück, lächelte und ließ es zu einem kleinen Schmunzeln werden, als sie den unschlüssigen Blick ihrer Kundin sah.

„Dann halt doch den Schwiegermutterstuhl vom Baumarkt“, murrte die, brachte Floristin und Tochter zum Schnauben und nickte, als die Jüngste im Bunde vorschlug, dass sie die Auswahl der Blumen übernahm.

„Wenn Oma dann was zu murren hat, kannst du es ja auf mich schieben“, zwinkerte sie, während ihre Mutter so tat, als habe sie nichts gehört.

„Ich wollte uns ja eh noch ein bisschen Kuchen besorgen… Für dich auch was, Marita?“, schaute sie zur Floristin und sie nickten sich zufrieden zu. Ja, das war doch wie immer die perfekte Aufgabenteilung! Die, die sich mit Gebäck auskannte, kümmerte sich darum und die Fachfrau für die Blumen stellte ihr derweil einen schönen Strauß zusammen. Aber so konnte wenigstens keiner sagen, Mutti hätte sich nicht zumindest ernstlich bemüht, sich bei der Auswahl mit einzubringen!

09.06.2025: Haubenköchin

Fernsehen war ja echt nicht so sein Ding, ne? Als Kind hatte er noch gern davor gesessen, aber inzwischen konnte er damit echt nichts mehr anfangen. Außer, wenn er Netflix und Co. anstellte. Das war dann noch was anderes. Aber das lineare Fernsehen mit den Öffentlich-Rechtlichen, die nur noch aus ein und demselben Format bestanden oder die privaten Kanäle, die zwischen ihre Dauerwerbesendungen vielleicht mal dann und wann fünf Minuten Film einstreuten? Wie hielten die älteren Generationen das bloß aus bzw. was fanden sie immer noch daran? War es die Tradition, die damit einher ging? Von klein auf so gewohnt, dass die ganze Familie sich um die Mattscheibe herum drapierte? Ja, vielleicht. Wobei das tatsächlich so seinen Reiz haben konnte! Zumindest, wenn seine Großeltern zu Besuch waren! Nicht die aus Berlin, sondern die aus Österreich. Durchaus des Hochdeutschen mächtig, aber doch herrlich oft in ihrem eigenen Sprech gefangen. Das war dann echt witzig! Beispielsweise, wenn sie zwischen den unzähligen Krimis und Kochsendungen hin und hersprangen und dann versuchten für sich herauszufinden, welche Ausgabe ihnen denn die liebste wäre. Und wenn dann so was dabei rumkam, wie das:

„Ist die Sarah Wiener nicht auch Haubenköchin?“, wunderte sich seine Großmutter plötzlich und während sein Großvater zu sinnieren begann, dass er sie zumindest als Fernsehköchin und Politikerin kannte, spitzte der Enkelsohn ganz besonders gut die Lauscher, um dem zu folgen, was auf Papas „Eine was?“ folgte.

„Na, eine Haubenköchin!“, stieg die Mama sofort mit ein und verdrehte erst mal die Augen, als vom Papa prompt der Kommentar kam, dass er nur „Haubentaucher“ kenne.

„Du meinst Taubenhaucher?“, scherzte da der Sohnemann, bekam ein abwehrendes Zischen und stimmte dennoch ins Lachen aller Anwesender ein. Zumindest aller, außer seinem Vater. Der war mal wieder in der Minderheit, weil er höchstens Sächsisch konnte, aber mit Österreichisch so gar nichts anzufangen wusste.

„Ihr sagt da Sterneköchin zu“, ließ ihn unterdessen sein Schwiegervater wissen und schon wieder begann das Gelächter von vorn. Wieder wegen dem Enkelsöhnchen.

„Meinst du den Haubentaucher?“

„Quatschkopf!“

Dieses Mal hatte es den kleinen Rüffel von der Oma gegeben. Die interessierte jetzt nicht mehr, ob die Sarah Wiener denn auch eine Sterneköchin war, sondern viel mehr, was der Johann Lafer da zauberte.

„Muss das so?“, attestierte sie und alle legten den Kopf schief.

„Ja, das muss so. Das ist irgendwas Amerikanisches. Die hauen da immer so viel Butter und Zucker drauf“, hielt der Papa fest, während die Mama die Stirn runzelte und den Kopf auf die andere Seite legte.

„Kocht der Lafer auch Döner? Wusste ich gar nicht!“, grübelte sie und wurde von allen Anwesenden irritiert angeguckt.

„Döner ist doch nicht amerikanisch! Der kommt aus Deutschland! Und das da sind Donuts! Außerdem ist das nicht der Lafer, sondern der Mälzer!“

„Ach, bei den vielen Kochsendungen blickt man doch gar nicht mehr durch…“.

10.06.2025: lauschig

Sie gingen spazieren, liefen Hand in Hand die kleine Allee entlang. Überall standen Pfützen, plätscherten fallende Tropfen von Bäumen, Hausdächern, Fallrohren und Autos. Endlich war die Luft nicht mehr so stickig, dass sie förmlich stand, sondern fühlte sich wieder klar und rein an. Es war abgekühlt und jeder Tropfen Regen, der während des Gewitters hinuntergekommen war, mehr als willkommen gewesen. Tief sogen sie diese frische Luft ein, schlossen die Augen, lächelten, wenn sie eine der Nachwehen von den Bäumen traf.

„Sollen wir mal bei den Schrebergärten gucken?“, schlug er vor und sie nickte. Sie hatten ja eh überlegt, ob sie sich so ein kleines Stückchen Garten auch mal selbst zulegen wollten, da ihre Wohnung gerade einmal mit einem wenige Quadratmeter großen Balkon daher kam. Warum also nicht mal ein paar Inspirationen holen und gucken, ob es in ihrer Nähe ein Gärtchen gab, das schon verriet, dass es aktuell zur Pacht stand? Und so bogen sie ab, von der belebten Hauptstraße mit ihren vielen Autos, hinein in eine der Seitenstraßen und dann noch weiter entfernt vom Puls der Stadt in eine der Gassen. Aus Asphalt wurde Kopfsteinpflaster und aus Waschbetonplatten allmählich nur noch Kies und Erde. Sie blieben vor dem großen Tor der Gartenfreunde stehen, lasen, was darauf geschrieben stand und sahen mit einiger Zufriedenheit, dass sie als Besucher zumindest über die breiten Hauptwege laufen durften. Besser als nichts, nicht wahr? Somit öffneten sie das Tor, traten vorsichtig hinein. Trotz Erlaubnis fühlte es sich ein wenig unerlaubt an, was sie taten. Diese vielen kleinen Gärtchen mit ihren Vorgaben, die trotzdem so individuell waren, erinnerten doch irgendwie an persönliche Wohnzimmer, nicht wahr? Jedes mit einer eigenen Note versehen. Die einen lauschiger als die anderen. Mal mit Deko, mal nicht. Sogar ein paar Gartenzwerge konnten sie entdecken.

„Mein Großvater hatte die früher auch im Garten. Teilweise auch Tiere und Märchenfiguren“, erinnerte sie sich, während sie so daher schlenderten und sich umschauten. Ja, irgendwie war es schon schön anzusehen. Aber war es wirklich was für sie? Gärtnern nach Vorgabe? Er legte den Arm um ihre Schultern und zog sie näher an sich, während er auf Gärten zeigte, die ihm gefielen und andere, die ihm weniger zusagten. Aber dabei war auch immer zu sehen, an welchen Stellen die Vorgaben griffen. Dass die Hecken nur eine bestimmte Höhe haben durften, dass es trotz unterschiedlicher Aufteilungen offenbar auch vorgeschrieben war, wie viel Obst und Gemüse angebaut werden durfte, wie viel Rasen und wie viel Fläche den Stauden und ähnlichem vorbehalten war. Ja, sie wollten gerne ein eigenes kleines Stückchen Natur, aber das hier… Fühlte man sich da nicht ständig unter Beobachtungen, wenn man so dicht an dicht mit anderen die Schaufel und den Rasenmäher schwang?

Sie blieben stehen, als er zu einer der Parzellen deutete. Im Moment waren scheinbar nicht viele Leute anwesend, aber dort saß jemand vor seiner Gartenhütte.

„Und wenn wir den einfach mal fragen, ob er uns ein bisschen was über die Schrebergärten und Gepflogenheiten hier erzählt?“, schlug er vor und sie nickte.

„Ja, gute Idee. Danach können wir immer noch weiter überlegen“.

11.06.2025: Schafskälte

Sie saß am Schreibtisch, tippte fleißig auf der Tastatur und obwohl das Wetter eigentlich gar nicht mal so schlecht war, hockte ihre Laune irgendwo im Keller herum. Kein Regen mehr, toll! Aber ansonsten…

„Guten Morgen!“, kam ihr Kollege und Sitznachbar munter flötend hinein spaziert. Wie immer war er ein gutes Stündchen später als sie. Gleitzeit machte es möglich. Und während er seine Jacke summend über den Stuhl warf, guckte sie ihn dafür finster an.

„Morgen…“, begleitete ihren Blick aber zumindest der Ansatz eines Grußes und wurde von einem verwunderten Lachen ihres Kollegen vervollständigt.

„Was ist denn mit dir los?“, musterte er sie, stemmte die Hände auf die Hüften und hob eine Augenbraue. Sonst sah das manchmal ja ganz keck aus, aber jetzt war es eher nervig. Denn wie konnte man bei diesem Wetter so gut gelaunt sein und auch noch halbnackt rumrennen wollen?!

„Ich frier mir den Arsch ab. Sieht man doch!“, murrte sie darum, zog den Zipper ihrer Strickjacke auch noch die letzten paar Zentimeter empor und griff zu ihrer dampfenden Teetasse, die sie heute nicht zum ersten Mal als Heizung missbrauchte. Und ihr Kollege, der grinste und grinste.

„Frostbeule!“, amüsierte er sich, während sie ihn mit ihren Blicken am liebsten tot umfallen lassen wollte.

„Ich hab mich drauf gefreut, heute mein neues Sommerkleid anzuziehen und jetzt ist es so saumäßig kalt! Mitten im Juni!“, maulte sie, woraufhin er nur die Schultern zuckte.

„Schafskälte halt“, nahm er es gelassen und bot ihr seine Jacke an. Aber auch wenn sie wirklich geneigt war, das Angebot zumindest deshalb anzunehmen, um sich damit auch noch eine Decke über ihrem Schoß zu zaubern, lehnte sie ab. Er grinste ihr nämlich immer noch viel zu sehr. Schweinerei, dass er sich so über sie lustig machte! War im Winter auch immer so!

„Ich hol mir einen Kaffee. Willst du auch noch was?“, ging er jedoch ganz nonchalant über die bösen Blicke hinweg und schwingenden Schrittes aus dem Büro hinaus. Männer hatten es gut! Denen war von Natur aus nicht so schnell kalt! Unfair… Sie seufzte, nippte den bereits nicht mehr im Ansatz genügend warmen Tee und seufzte abermals. Vielleicht sollte sie ja mal eine Runde um de Block joggen? Gut, war mit ihrem heutigen Schuhwerk – Moonboots – vielleicht nicht unbedingt die beste Idee, aber…

„Hier“

Sie erschrak, schaute aus ihren Gedanken gerissen auf und direkt zu einem Körnerkissen.

„Wo hast du das denn weg?“, fragte sie erstaunt, nahm es dankend an sich und kuschelte sich sofort wohlig säuselnd daran, während ihr Kollege grinsend um den Tisch herum verschwand.

„Frag mal die Kollegin aus der Verwaltung, die hat für jede Eventualität was auf Vorrat! Egal, ob fürs Hüngerchen zwischendurch, Hühneraugenpflaster oder eben auch Wärmeflasche oder Körnerkissen“, ließ er sie wissen und sie schaute ihn erstaunt an. Mensch, da gab es wirklich noch so einiges über ihre neue Firma zu lernen!

12.06.2025: yippie

Nun stand ich also da, mitten in der Nacht, mitten im Flur, Auge in Auge mit ihr. Wir waren beide ein wenig überrascht worden, das sollte ich wohl dazu sagen. Immerhin hatte sie seit ihrem Einzug nur in irgendeiner dunklen Ecke verschanzt gesessen und mich mit bösen Blicken gestraft. Die waren allerdings nichts gegen den Blick gewesen, den ich jetzt kassierte, als wir uns so unvorbereitet und ohne Deckung über den Weg liefen! Da hätte ich wohl am besten tot umfallen sollen… yippie…

War das also wirklich die richtige Entscheidung gewesen, sie zu mir zu holen? War ich dem gewachsen, einem so zurückgezogenen und verängstigten Kätzchen zu beweisen, dass nicht alle Menschen ganz doll doof waren? Oder wäre es in seiner vorherigen Familie doch besser aufgehoben gewesen?

Das waren Gedanken, die mich die ersten Tage begleiteten. Ich hatte im Vorfeld Überlegungen angestellt, war nicht zum ersten Mal Katzenmama gewesen und hatte gute Gründe, warum ich ihr ein Zuhause geben wollte. Ja, ich hatte mich auch bewusst dafür entschieden, hier nicht den „einfachen“ Weg zu gehen und einer Samtpfote meine vier Wände anzubieten, die zugänglich und vor allem gesund war.

Tja und dann, schon eine Woche nach ihrem Einzug, musste ich feststellen, dass ich mich wohl deutlich geirrt hatte. In der Nacht im Flur, als wir uns gegenseitig erschreckt hatten, aber nicht bei meiner Überlegung im Vorfeld, sie zu mir zu holen. Denn da war sie plötzlich, wie aus dem nichts: Diese Schmusebacke. Noch immer scheu und zurückhaltend, aber im für sie passenden Moment kuschelte sie plötzlich an meiner Hand herum, dass ich dachte, da hätte jemand heimlich meine Katze gegen eine andere ausgetauscht. Und dann, nur einen guten Monat später, plötzlich die nächste Überraschung: Ich saß auf der Couch, schaute Fern und mit einem Satz war sie bei mir, um sich nicht nur skeptisch äugelnd dazu zu hocken, sondern kam auf meinen Schoß, schmuste und schnurrte, als gäbs kein Halten her. War das denn zu fassen? Kaum. Genauso wie der erste Besuch beim Tierarzt mit ihr. Bei dem Tierarzt, der sie wegen einer damaligen Erkrankung bereits behandelt hatte. Laut ihrer vorherigen Familie was Ansteckendes, das auch zu einer nachhaltigen Schädigung geführt hatte, aber laut Arzt totaler Humbug. Da war nichts Ansteckendes, das sie, wenns richtig mies lief, irgendwann mal viel zu früh und innerhalb kürzester Zeit aus dem Leben reißen konnte. Da war nur diese Infektion gewesen, die – ja – leider an einer bestimmten Stelle nachhaltig geschadet hatte, aber ansonsten war sie kerngesund und ist es bis heute. Mit ihrem Handicap hat sie gelernt umzugehen und ich hab gelernt, dass mein kleines Montagsmodell einfach nur das richtige Zuhause gebraucht hatte, um sich gesehen zu fühlen, die nötige Ruhe zu bekommen und merken zu können, dass Menschen manchmal doch ganz okay sind.

13.06.2025: redlich

„Viel Spaß, mein Schatz!“.

Er lachte leise, ließ sich von seiner Mutter in eine Umarmung ziehen und sich einen Kuss auf die Wange geben. Er würde sie vermissen und trotzdem freute er sich auf die Wochen, die nun vor ihm lagen. Ferienlager. Das erste Mal als Betreuer. Aufregend und spannend zugleich!

„Und du bist sicher, dass ich dich nicht fahren soll?“

Er nickte, war dieses Mal derjenige mit der Umarmung.

„Alles gut. Ich sitz nachher so lang im Bus, dass mir ein kleiner Spaziergang ganz gut tut“, grinste er, tauschte seine Mama gegen seinen Reiserucksack und schulterte ihn. Ja, theoretisch hätte er auch mit dem Fahrrad bis zur Bushaltestelle fahren können, von der aus es weiter zu den nächsten Sammelplätzen ging, bis ihr Bus alle angemeldeten Teilnehmer intus hatte und sie die Fahrt ins Lager antraten. Aber die halben Ferien über sein Rad an der Haltestelle stehen lassen oder seine Mutter bitten, es mit dem Auto abzuholen? Nein, das wollte er nicht. Genauso wenig, wie er sie an ihrem freien Tag als Taxi herum scheuchen wollte. Sie hatte sich eine kleine Pause redlich verdient. Ganz besonders, wenn sie die nächsten Wochen über größtenteils alleine im Laden zuständig war. Ein wenig meldete sich da sein schlechtes Gewissen. Hätte er die Fahrt vielleicht doch absagen sollen?

„Du musst los!“, erinnerte seine Mutter ihn da allerdings und zurück kehrte sein Lächeln. Er nickte, sagte ihr noch mal, dass sie gut auf sich achten solle und er sich regelmäßig melden würde und dann ging er los. Lief seine Straße entlang und die nächsten. Vorbei am Stadion, vorbei an den vielen Häusern mit ihren hübschen kleinen Vorgärten. Ruhige Wohngegend, alle Rasen wie mit der Nagelschere geschnitten und alle Beete wie geleckt. Idyllisch war es hier. Oder zumindest schien es das immer gewesen zu sein. Wenn da nur dieses eine Haus nicht gewesen wäre. Sein Haus. Inzwischen seit über zwei Jahren leer, noch immer zum Verkauf, aber wer wollte schon dort wohnen, wenn man erfuhr, was darin geschehen war? Und dass es alle erfahren hatten, dafür hatte die Presse zur Genüge gesorgt. Endlich mal! Aber viel zu spät. Hätten die Menschen nur früher mal darauf gehört, was darin vor sich gegangen war, den Hilferufen gelauscht, anstatt die Augen vor ihnen zu verschließen. Die Ämter, die Nachbarn, die Schule…

Er seufzte, schüttelte den Kopf, erinnerte sich an das eine Mal, als er selbst in diesem Vorgarten gewesen war, einen kurzen Blick durch die Haustür hatte werfen können und fühlte dabei noch immer eine Gänsehaut, wenn er nun daran zurückdachte. Und noch immer wechselte er die Straßenseite, wenn er an dieser Stelle vorbei musste, obwohl er genau wusste, dass kein Unheil mehr drohte und vor allem ihm auch nie eins gedroht hatte. Ganz im Gegensatz zu…

Nein, wieder schüttelte er den Kopf, beschleunigte dabei seinen Schritt. Daran wollte er nicht denken. Nicht auch noch daran! Es war so schon schwer genug gewesen, ihn einigermaßen aus seinem Kopf zu bekommen! Selbst, wenn es vielleicht nicht richtig gewesen war…

14.06.2025: Carpe diem

Die nächste Fußgängerbrücke ließ er hinter sich und die am Friedhof entlang auch noch fast, dann hatte er es endlich geschafft: Dort hinten, in der nächsten Seitenstraße, wartete seine Haltestelle.

Er blieb stehen, lehnte sich am Ende der Brücke ans Geländer und warf einen Blick aufs Handy. Ja, wie vermutet war er viel zu früh und wie vermutet hatte seine Mutter ihm noch einmal viel Spaß gewünscht. Er lächelte, steckte das Handy wieder weg. Die Antwort würde er später schicken, wenn er gut gelandet und alles glatt über die Bühne gegangen war. So wie immer, wie in den Jahren, in denen er selbst als Teilnehmer in die Ferienlager gefahren war. Er wusste also, dass sie sich keine Sorgen machte, wenn nicht sogleich eine Rückmeldung von ihm kam. Drum ließ er den Blick lieber über die Gegend schweifen, über das Wasser unter sich und die Häuser, Grünstreifen und Straßen, die links und rechts zu seinen Seiten verliefen. Noch einmal durchatmen und die Ruhe genießen, ehe der Trubel so richtig losging. Und dann schlenderte er wieder los, ließ es gemächlich angehen, sog die Umgebung in sich auf und alles, was sie ihm zu bieten hatte. Nicht viel, zugegebenermaßen, aber war das nicht auch mal ganz schön? Er summte leise, brachte die letzten Meter hinter sich und sah endlich die Haltestelle. Sein Lächeln wurde breiter, sein Weg beschwingter und doch brach seine gute Laune plötzlich ab. Mit einem Mal lief er nur noch schleppend, runzelte die Stirn. Lag da jemand im Haltestellenhäuschen? Ja, ohne Zweifel! Zusammengekauert, so gut das eben auf den metallischen Sitzen ging, zugedeckt mit einer der Zeitungen aus dem Stapel Altpapier, der neben der Person stand und auf Abholung wartete.

Und nun? Er seufzte, war noch einige Meter entfernt und überlegte trotzdem, was er machen sollte. Einfach neben das Häuschen stellen und so tun, als hätte er gar nichts bemerkt? Fragen, ob er helfen konnte? Was tat man in so einer Situation? Unschlüssig schaute er sich um, trat dabei näher, nahe genug, bis er die Bierdosen auf dem Boden entdeckte und eine unschöne Pfütze direkt daneben. Carpe diem schoss ihm bei diesem Anblick die Standardfloskel seines Lateinpaukers ein. Verstand man das etwa darunter, den Tag zu nutzen oder gar zu genießen?

Er verzog das Gesicht, schüttelte den Kopf. Was musste einem Menschen zustoßen, damit er so endete? Damit man nur noch Zuflucht im Alkohol und vielleicht auch anderen Drogen fand?

 

15.6.2025: Herausputzen

Die letzten Meter war er fast wie auf Zehenspitzen gegangen; so leise wie er konnte, so bedacht, als wolle er sich anpirschen, obwohl eigentlich nur seine Unsicherheit aus ihm gesprochen hatte. Und nun stand er da, direkt vor der Haltestelle, betrachtete schweigend die Gestalt, die dort lag. Die dort schlief, nicht wahr? Er reckte das Kinn, verzog den Mund. Atmete er noch? Ja, ein er, das konnte er trotz Zeitungsdecke einwandfrei erkennen, aber… ja, ein leises Schnarchen und von ihm ein leises Seufzen. Gott sei Dank. Kurz hatte er schon gedacht…

Noch einmal seufzte er, betrachtete akribisch den Boden und ließ seinen Rucksack erst dann hinuntersinken. Direkt neben dem Häuschen, unter die Reklame für eine Theatervorführung, die schon vor zwei Wochen stattgefunden hatte, aber noch immer groß an der Seite des Häuschens angekündigt wurde. Dann trat er näher, noch näher, bis er nicht nur im Häuschen, sondern direkt neben dem Schlafenden stand. Einer, der zwar nach Alkohol und Kotze stank, aber ansonsten tatsächlich einen recht gepflegten Eindruck machte. Die Kleidung war eigentlich gar nicht mal übel, nein, eher wirkte es so, als hätte sich da jemand herausgeputzt. Also ein ehemaliger Partygast und kein Obdachloser, wie er erst gedacht hatte. War es voreingenommen, dass ihm zunächst diese Assoziation in den Sinn gekommen war? Er verschränkte die Arme vor der Brust, lehnte sich über den Schlafenden. Dessen Gesicht war immerhin abgewendet und allmählich wurde er doch neugierig, wer dort wohl lag. Wie alt war er? Hatte er ihn womöglich sogar mal auf seiner Schule oder im Verein gesehen?

„Hmmm…“, fehlte nur noch ein kleines Stückchen, um ihn besser zu erkennen, doch dann…

„Oh mein Gott!“

Er?! Allen ernstes er?!

Entsetzt wich er zurück, stolperte dabei beinahe über eine der Dosen. Es klimperte und rappelte, aber auch, wenn der Schlafende ein kurzes empörtes Schnarchen von sich gab, wurde er davon nicht wach. Wohl wirklich zu sehr ausgeknockt. Und das, obwohl er doch eigentlich immer die Finger von solchem Zeug hatte lassen wollen. Immer gesagt hatte, dass er mit Drogen jeglicher Art nichts am Hut hatte, weil er seine Kontrolle behalten wollte, nachdem sie ihm früher so oft genommen und über ihn bestimmt worden war. Und jetzt so was…

Ungläubig schüttelte er den Kopf, starrte zu dem Schlafenden und fragte sich mit einem Mal, wie ihm erst jetzt die Ähnlichkeit auffallen konnte. Dabei war sie doch eigentlich so frappierend! Die Figur, die Frisur! Nur die Klamotten waren halt andere und der Schlafplatz, der nicht mehr aus der Schlafcouch in seinem Kinderzimmer bestand, sondern nun eben aus irgendwelchen Metallsitzen in einem abgeranzten Haltestellenhäuschen. War er also auch von seinem neuen Zuhause schon wieder abgehauen? Trieb er sich nun tatsächlich auf der Straße herum? Aber hätte er dann das Geld für diese recht guten Klamotten und Alkohol gehabt?

16.06.2025: Freiluftveranstaltung

Die Sonne stach vom Himmel. Keine Wolke war zu sehen, kein Lüftchen brachte Abkühlung. Nur flimmernde Luft, knackige 33 Grad und Hitze, die allmählich zur Schwüle wurde. Am kommenden Mittag sollten die Gewitter aufziehen, der Regen, der Hagel, aber im Moment war davon noch nichts zu sehen. Nur Hochsommer, verdorrtes Gras und so viele Menschen darauf, dass man von ihm kaum noch etwas erkennen konnte. Wie Sardinen in der Büchse aneinander gereiht, Handtuch neben Handtuch, während es hier nach Pommes roch, dort nach Chlor und zwischen all dem eine seltsame Mischung aus Schweiß, Sonnencreme und einem Hauch Urin. Oder bildete sie sich diese Duftnoten und die veränderte Farbe des Wassers nur ein? Gut möglich. So oder so bekamen sie für den heutigen Tag jedenfalls keine zehn Pferde mehr in das Schwimmbecken hinein! Nein, sie lag auf ihrem Handtuch, briet in der Sonne und wendete sich dann und wann, damit auch wirklich alle Nuancen ihres Körpers eine angenehme Bräune erhielten. Immer gut gefettet von der Sonnencreme, natürlich. Schließlich wollte sie einen schönen und keinen verbrannten Teint!

Aber dann, was war das? Ein plötzlicher Schatten, der sich vor ihr Gesicht schob? Sie öffnete die Augen hinter der Sonnenbrille, schickte erst einen genervten, dann einen amüsierten Blick.

„Ach, du bists“, grinste sie ihre Freundin an, die gerade klitschnass aus dem überfüllten Becken gekommen war, ein Eis für sich selbst in der Hand und eines für sie.

„Wenigstens so eine Abkühlung für dich?“, lehnte sie sich vor, hielt ihr das Hörnchen entgegen. Tja, eigentlich war sie ja auf Diät, aber hin und wieder…

„Immer her damit!“, grinste sie und nahm es an sich. Erdbeergeschmack.

Sie setzte sich auf, rutschte ein bisschen, um ihrer Freundin Platz zu machen.

„Willst du nicht doch ein bisschen schwimmen? Es ist eigentlich ganz schön. Besonders, wenn man aus dem Wasser kommt“, sagte die, doch sie schüttelte den Kopf.

„Zu viel Gedränge und ich bin nicht scharf drauf, dass das hier zur Freiluftveranstaltung wird“, antwortete sie und deutete dabei vielsagend auf ihr Oberteil. Ach ja, das war ja auch so was: Als sie neulich am Baggersee tatsächlich einmal mit ins Wasser gegangen war, hatte sie hinterher beinahe oben ohne da gestanden. Denn gut sah ihr Bikini zwar aus, aber er saß nicht richtig…

„Und wenn du dir mal einen neuen kaufst?“, scherzte ihre Freundin, aber sie schüttelte energisch den Kopf. Hallo? Er sah gut aus! Schon vergessen? Und außerdem…

„Irgendwann pass ich da wieder richtig rein. So viele Kilos fehlen gar nicht mehr“, murmelte sie, bereute ein bisschen das Eis und musste dann doch schmunzeln. Über das leichte Schnüteln ihrer Freundin und den eindeutigen Blick auf ihren Vorbau.

„Was ist? Neidisch?“, frotzelte sie also und wurde nun ihrerseits angegrinst.

„Ein bisschen vielleicht!“

Sie lachten beide, mümmelten ihr Eis und sie überlegte dabei, ob sie vielleicht doch mal bei Gelegenheit nach einem neuen Bikini gucken sollte, um das nächste Mal doch wieder mit ins Wasser gehen zu können. Aber nur am Baggersee!

17.06.2025: quinkelieren

Er stand vor dem Fenster, hielt die Arme verschränkt, den Blick in die Ferne gerichtet. Dort war die Kirchturmspitze, schob sich zwischen Hausdächern und Baumkronen empor. Dohlen umflogen sie, hatten dort oben vielleicht sogar ihre Nester. Er wusste, wenn er das Fenster geöffnet hätte, hätte er sie sogar hören können. An ruhigen Tagen war das von diesem Platz aus möglich und heute war eigentlich so ein ruhiger Tag. Verhangenes Wetter, keine Uhrzeit für den Berufsverkehr oder das Ende der Schule… aber ruhig war es nur außen. In seinen vier Wänden herrschte hingegen das Chaos, der Kampf um Argumente, um Gefühle und um Gerechtigkeit. Um fast vier Jahre Beziehung voller Höhenflüge und Tiefpunkte. Turbulent gestartet und im Lauf der Monate nicht weniger aufreibend und aufregend geworden. Aber war das nicht irgendwann doch zu viel? Zumindest für ihn?

Er seufzte, lauschte noch immer ihren Worten und schloss dabei die Augen. Weg waren die Dohlen, stattdessen war da nur Dunkelheit und das Aufblitzen von Gedanken. Sie mischten sich in ihre Erzählungen und waren doch so ganz anders als das, was er hörte. Er rieb seine Nasenwurzel, seufzte noch einmal. Ein paar Worte von ihm, leise und ruhig gesprochen, obwohl er nur äußerlich so leise und ruhig war und als wenn man ihm diese Maskerade anmerken konnte, fiel die Antwort darauf deutlich lauter, schriller aus. Vielleicht sogar mit leichter Verzweiflung? Vorstellen konnte er es sich und doch…

„Hör doch auf zu quinkelieren…“, murmelte er, schüttelte den Kopf und wendete ihn ihr endlich wieder zu. Direkt in ihren fragenden Gesichtsausdruck, in ihr Unverständnis.

„Du sollst aufhören, irgendwelche Ausflüchte zu machen“, erklärte er in den Moment der Ratlosigkeit hinein, der bei seinen Worten sogleich von Ärger abgelöst wurde. Wegen seiner Unterstellung, wegen des versteckten Vorwurfs darin. Aber war der wirklich so weit hergeholt?

Er schüttelte den Kopf, während sie ihm immer mehr Vorhaltungen machte. Dann brach er sein Schweigen, grätschte mit einem „Hör auf!“ dazwischen, obwohl er dieser Diskussion eigentlich überdrüssig war. Aber vor allem war er die Lügen leid.

„Ich hab euch gesehen!“.

Nein, hatte er eigentlich nicht. Eigentlich hatte sein bester Freund es, aber bei dem wusste er, dass er ihm vertrauen konnte. Ganz im Gegensatz zu ihr, die nun ausgenommen kleinlaut wurde, nicht nur erschrocken, sondern regelrecht entsetzt guckte, ehe sie langsam in sich zusammen sank. Aha. Er hatte also wirklich nicht gelogen, sein bester Freund. Auch, wenn da noch einen winzigen Moment lang die Hoffnung bestanden hatte, dass doch. Oder dass er sich einfach vertan hatte. Sie verwechselt oder die Situation falsch interpretiert hatte. Aber das hier war dann wohl eindeutig genug.

18.06.2025: trara

Freitagvormittag, bestes Wetter, Markttag. Sie schlängelten sich durch die Einkaufszone, flanierten vorbei an Klamottenläden, Bäckereien, Krimskramsshops und denen rund um Smartphones und allem, was dazu gehörte. Da hinten war die kleine Eisdiele, in der sie sich gern mal ein Plätzchen suchten. Wollten sie jetzt schon dorthin oder erst auf dem Rückweg? Nein, erst die Einkäufe erledigen. Wie gesagt, Markttag. Frische Ware, oft auch gute Preise und zumindest in dieser Stadt eine große Auswahl. Nicht, wie in ihrem Heimatdörfchen, in dem man die Marktbeschicker zwar alle beim Namen kannte, aber mit drei bis vier Ständen auch schnell das Ende des Marktes erreicht hatte. Also schlenderten sie weiter, vorbei an den Schaufenstern und Auslagen, hinein in die kleine Seitengasse, um eine Abkürzung zu haben, vorbei an der Kirche, der Post und dann war er da: Der große Platz mit den vielen Ständen und Buden, dem noch bunteren Treiben, den unzähligen Gerüchen, Geräuschen und Eindrücken. Alles was das Herz begehrte! Mal hart umkämpft, mal in so einer Menge vorhanden, dass man kaum wusste, welchen der vielen Käsestände man als erstes aufsuchen sollte. Hier mal probieren, dort eine Kleinigkeit über die Theke wandern lassen. Was sagte das Wetter? Konnten sie auch was vom Fisch mitnehmen? Nah, vielleicht lieber nicht. Sie mussten ja auch noch zurück und wollten ihren Abstecher in die Eisdiele machen. Fischbrötchen vorher war da im Moment auch nicht unbedingt das, wonach ihnen der Sinn stand. Dann eben noch ein paar Kartoffeln fürs Mittagessen und etwas Obst für den Nachmittag. Frische Trauben und Kirschen. Und ein bisschen schlechte Laune. Wegen ihrer Freundin und weil sie die ganze Tour über immer wieder mit diesem einen Thema anfing.

„Also zu deinem Dreißigsten…“, wurde sie auch zwischen Sommer- und Löwenzahnhonig nicht müde, es noch einmal anzusprechen. Und die andere seufzte. Selbst bei der Verkostung von klebrig und süß hatte sie nicht ihre Ruhe davor?

„Ich hab schon mal gesagt, ich mach nichts“

„Aber…“

„Kein Aber! Ich will kein Trara!“, murrte sie, konnte das Thema langsam wirklich nicht mehr hören. Normalerweise liebte sie es ja, dass sie sich einmal im Monat extra den Freitag frei nahmen, um diese kleine Runde über den Markt und die Innenstadt drehen zu können, aber heute hätte sie am liebsten an der Supermarktkasse gesessen und still und heimlich die Kunden für ihre Einkäufe verurteilt. Diejenigen, die das Gemüse scheinbar nur des schlechten Gewissens wegen kauften, diejenigen, die dachten, dass es nicht auffällt, wenn sie sich beim Obst schon mal ein Probierhäppchen gönnten, ehe die Schale auf dem Kassenband landete, diejenigen, die ihr Leergut immer erst gefühlte drei Jahre sammelten, ehe sie es wegbrachten und natürlich auch diejenigen, die offenbar nur eine Möglichkeit suchten, ihre schlechte Laune an jemandem auszulassen. Ob die vorher wohl auch damit genervt worden waren, dass bald die verfluchte 3 vor ihnen stand und sie das ums Verrecken nicht feiern wollten?

19.06.2025: Redekunst

Sie saß im Seminar, ließ den Blick schweifen. Das Thema war ehrlicherweise nicht ihrs, aber es stand nun einmal auf dem Stundenplan. Was also machen? Das Beste daraus. Mit schnellen Notizen, um interessiert zu wirken, ein wenig Dankbarkeit über die Tatsache, dass sie die nötigen Unterlagen von einer Freundin ein Jahr über ihr schnorren konnte und viel Aufmerksamkeit für die Mitanwesenden. Wer trug heute was? Wer war eigentlich mal wieder zu spät gekommen und wer schlief in der ersten Stunde des arbeitsreichen Tages fast bereits wieder? Hatten alle ihre üblichen Plätze oder hatte sich was geändert? Oh, gab es da hinten etwas Knies, zwischen den Beiden, die sonst so unzertrennlich waren und nun plötzlich in zwei verschiedenen Reihen saßen? Sie reckte ein wenig das Kinn, als hätte es ihr eine Antwort gegeben, die natürlich ausblieb. Sie saßen halt da, guckten nach vorn, schrieben emsig mit – was sollte man da schon über ihren Beziehungsstatus erfahren können? Dann also weiter… Was gab es noch Interessantes zu sehen? Ui, die neuen Sneaker schräg vor ihr sahen aber gut aus! Wo die wohl her waren? Da hatte sie ja bereits Gesprächsstoff für die kommende Pause! Oder vielleicht auch einen Grund für Nörgeleien. Nämlich genau jetzt. In diesem Moment. Als es schräg hinter ihr plötzlich etwas unruhig wurde und ausgerechnet er aufstand, um seinen Vortrag zu halten. Wer wollte das denn bitteschön hören, geschweige denn diesen Hampelmann angucken? Gut, zu Beginn sie, ehrlicherweise, aber wenn er sie nicht wollte, dann musste er jetzt mit vernichtenden Blicken leben! Arroganter Pinsel!

Sie schnaubte, stützte gelangweilt den Kopf auf die Hand. Ja, gelangweilt war gut! Oder vielleicht auch ein bisschen amüsiert. Er war nämlich gestolpert und offensichtlich etwas nervös. Geschah ihm recht! Doch dann fing er sich leider. Schade. Wirklich schade, denn eins musste man ihm lassen: Die Redekunst lag ihm leider außerordentlich. Ja, eigentlich war es sogar eine richtige Freude, seiner Rhetorik zu lauschen. Besonders, wenn sie in Diskussionsrunden mit eingewebt wurde und so manch anderer ziemlich dumm aus der Wäsche guckte, wenn er mit dieser Redegewandtheit ausgehebelt wurde. Verdammt! Konnte das blöde Seminar nicht endlich vorbei sein? Oder gleich das gesamte Jahr, damit sich ihre Kurse wieder änderten und sie ihm nicht mehr ständig über den Weg laufen musste? War doch schon peinlich genug, dass sie ihm damals im besoffenen Kopf ihre Gefühle gestanden und ihm anschließend vor die Füße gekotzt hatte! Auch, wenn er es dankenswerterweise scheinbar nicht weitergetratscht hatte. Aber sie wussten es halt beide und das reichte doch schon, um sich immer ein bisschen unwohl in seiner Nähe zu fühlen. Erst recht, wenn er dann auch noch von seiner Freundin abgeholt wurde. Dieser netten, gutaussehenden, die wahrscheinlich noch nie jemandem besoffen vor die Füße gekotzt hatte… und wenn doch, dann zumindest selbst in der Situation einfach nur bezaubernd aussehen würde. Ganz bestimmt.

20.06.2025: Mittsommer

Sie fuhren mit ihren Rädern, fuhren raus aus der Hitze der Stadt und hinaus aufs Land. Dorthin, wo es noch grüne Fleckchen gab und nicht nur Hochhäuser an Hochhäuser, Asphalt, der die sommerliche Wärme spiegelte und Autos, die es ihm gleichtaten. Hier draußen gab es noch Felder und Wälder, führte sie ihr Weg noch vorbei an Mohnblumen und Kornblumen, an reifendem Getreide, an Maisfeldern. Hier gab es noch Grillenzirpen, das ihren Weg begleitete, Vogelgezwitscher, das nicht vom Großstadtlärm geschluckt wurde. Kühle Eckchen, wenn sie zwischen den riesigen Ansammlungen von Bäumen und Sträuchern vorbeikamen, mal in Monokultur, mal bunt durchmischt. Und hier gab es ihren Berg. Kein richtiger Berg genau genommen, eigentlich nur ein Hügel mit einigen Bäumen darauf, aber für sie war er zwischen all dem platten Land um sie herum dann doch schon ein kleiner Berg. Und nicht nur deshalb hatte er eine besondere Bedeutung für sie, nein, er war auch der Platz, an dem sie sich damals versprochen hatten, für immer zusammenbleiben zu wollen. Und so ging es nun auch jeden Hochzeitstag hierhin, bewaffnet mit Picknickdecke und Leckereien, die trotz des sommerlichen Wetters bei ihrer Ankunft noch genießbar waren. Sie schoben ihre Räder über den kleinen Feldweg bis dorthin, lehnten sie an einen der Bäume am Fuß des Hügels und kletterten dann hinauf. Grashalme umspielten ihre Beine dabei und spendeten ihnen zugleich Sichtschutz, wenn sie die Picknickdecke unter einem der anderen Bäume ausbreiteten und sich in dieses selbstgeschaffene Nest sinken ließen. Der Duft von Heu und Stroh lag in der Luft, vermischte sich mit dem von Wein und Gebäck.

„Was hältst du eigentlich davon, wenn wir nächstes Jahr mal nicht hierher kommen, sondern nach Schweden fahren, um dort Mittsommer zu feiern?“, schlug er in dieses Idyll vor und sie neigte überlegend den Kopf zur Seite. Darüber gesprochen hatten sie mal, ganz zu Beginn ihrer Beziehung, als es diese Tradition mit dem Berg noch nicht gegeben hatte. Danach hatten sie diese Idee irgendwie aus den Augen verloren und nun war da dieser kleine Zwiespalt: Wollten sie ihre Tradition dafür wirklich brechen? Andererseits konnte daraus vielleicht auch eine neue entstehen? Oder sich beides verbinden lassen?

„Meinst du, in Schweden finden wir auch einen Hügel fürs Picknick?“, feixte sie und er stimmte in ihr Lachen ein.

„Keine Ahnung, aber wir können ja mal gucken!“.

21.06.2025: Sommersonnenwende

Ein leises Surren, ein zufriedenes Seufzen. Sie stand auf, gesellte sich mit einem Schritt nach hinten zu den anderen.

„Reißverschluss tuts auch!“, verkündete sie dann mit stolz geschwellter Brust. Sie schauten einander an, grinsten, lachten dann. Endlich hatten sie es geschafft! Nach einer gefühlten Ewigkeit, verfluchten Aufbauanleitungen und verzweifelten Google-Recherchen stand das verflixte Zelt und sie waren bereit für ihren Campingausflug! Nur sie vier, ihre Freundinnengruppe, die jedes Jahr eine andere Aktivität für ein Wochenende im Sommer heraussuchte und dieses Mal dabei ausgerechnet die Sommersonnenwende erwischte. Den längsten Tag des Jahres verbrachten sie also nicht wie sonst häufig im Hotel oder bei einem Festival, sondern beim Campen. Irgendwo an einem kleinen ,abgelegenen Campingplatz mit Baggersee ums Eck und ansonsten vor allem eines: Viel Gegend. Wann hatten sie das zuletzt mal erlebt? Die meisten von ihnen irgendwann in der Schulzeit. Irgendein Ausflug mit der Klasse, auf den einige damals total scharf gewesen waren und an dem andere nur notgedrungen teilgenommen hatten.

„Kann ich immer noch nicht glauben, dass ihr mich dazu überredet habt…“, konnte man sich da wohl auch denken, zu welcher Fraktion diejenige als Schülerin gezählt hatte, die nun diesen Kommentar von sich gab. Und trotzdem stand sie jetzt hier und sah auch ein bisschen zufrieden mit der vollbrachten Leistung des Zeltaufbaus aus. Doch noch zufriedener wurde sie, als sie hörte, dass es eine Feuerstelle nahe des Baggersees gab.

„Oh, Nachtbaden, Würstchen grillen und dabei vielleicht krumm und schief zu irgendwelchen Lagerfeuerliedern singen?“, war sie für so was dann doch zu begeistern, auch, wenn der Einwand kam, dass eine Zweite im Bunde ihre Ukulele nicht dabei hatte.

„Wusste nicht, dass man hier auch Lagerfeuer machen kann…“, sagte sie enttäuscht, aber auch hier verschwand die traurige Laune schnell wieder, um der guten Platz zu machen.

„Na und? Krumm und schief singen können wir auch so!“, erklärte schließlich die Dritte von ihnen und wieder lachten sie, räumten dabei ihre paar Habseligkeiten, die nicht mit an den Strand durften ein und machten sich auf den Weg. Vorbei an einem kleinen Duschhäuschen mit Toiletten und hin zu dem Mischmasch aus Steinen, Schilf und einem alten Holzsteg. Fasziniert von der doch sehr idyllischen Umgebung und vor allem überrascht von einigen der anderen Camper, die bereits dabei waren, den Feuerplatz häuslich einzurichten. Erster Qualm stieg auf und an der Seite stand ein Koffer, der verdächtig nach Gitarre aussah. Na, dann wurd das mit der Hausmusik inklusive Begleitung ja doch noch was!

22.06.2025: minniglich

Auf leisen Sohlen schlich er aus dem Schlafzimmer ins Bad, schlüpfte in seine Sachen und dann aus der Wohnung. Schnell musste er sein und leise. Zumindest, bis die Haustür hinter ihm zugefallen war – dann rannte er los. Nicht ewig viele Meter waren es, aber er musste sie eilig hinter sich bringen, musste geschwinde beim Bäcker reinhuschen und wieder hinaus, den Weg zurück und wieder in seine Wohnung hinein, ohne dabei entdeckt zu werden oder gar vermisst. Wo bliebe denn dann schließlich die Überraschung? Also ging es nach der Rückkehr wieder auf Zehenspitzen in die Küche, um alles vorzubereiten und dann noch vorsichtiger zurück ins Schlafzimmer. Behutsam schob er dessen Tür auf, streckte erst die Nase hinein, ehe der Rest von ihm folgte. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, denn noch immer lag sein Liebling in Kissen und Decke gehüllt da und schlief tief und fest.

Sehr gut“, dachte er sich, schob sich hinein und die Tür hinter sich zu. Schleichend ging es weiter, hinüber zum Nachttischchen, um das Tablett mit den Leckereien abzustellen und dann noch vorsichtiger – obwohl das kaum noch ging – ums Bett herum und wieder hinein auf seine Seite. Weg mit den Klamotten und nur in gemütlicher Unterwäsche wieder unter die Decke geschlüpft. Ein leises Murren begrüßte ihn, aber noch immer war der Schlummer zu fest. Wieder schmunzelte er, blickte minniglich – liebevoll – auf die schlafende Gestalt hinunter. Die Decke raschelte, als er näher rutschte und Wärme umspielte ihn, als er sich an seinen Schatz schmiegte. Wieder ein Brummen, dann ein verschlafener und doch fester Griff. Er wurde umarmt, noch näher gezogen und sich an ihn gekuschelt, als wäre er ein zu groß geratener Teddybär. Seine Mundwinkel schossen empor, er presste die Lippen zusammen, um sich das Kichern zu verkneifen. Stattdessen erwiderte er die Umarmung, strich sanft über den Rücken und fuhr die Wirbelsäule entlang. Statt Brummen gab es dafür ein leises Seufzen und von ihm wieder ein Schmunzeln. Er wusste doch, was seinem Liebling gefiel – ob nun bei den Liebkosungen oder bei der richtigen Auswahl des Gebäcks.

23.06.2025: podcasten

Tiefes Seufzen begleitete ihren Weg, als sie endlich das Auto hinter sich ließ und die kleine Auffahrt zum Häuschen ihrer Freundin entlanglief. Idyllisch war es hier, ruhig, fast verschlafen. Das genaue Gegenteil zu ihrer Anreise voller Staus, Baustellen und Verspätungen! Noch ein Seufzen, dann ein Lächeln, als die Tür aufging und sie ihr Gesicht erblickte. Wie lange hatten sie sich jetzt nicht mehr persönlich gesehen?

„Schön, dass du da bist!“, wurde sie begrüßt und in eine Umarmung gezogen, die sie nur allzu gern erwiderte. Alles daran war so vertraut, ganz gleich, wie lange sie einander manchmal nur über Nachrichten und Telefonate nahe kamen!

„Ich freu mich hier zu sein!“, war sie dankbar für ihre Ankunft, für diesen Moment und das bevorstehende Wochenende nur mit ihnen beiden. So viel hatten sie sich zu erzählen, obwohl sie ja immerzu im Kontakt miteinander waren, aber sich persönlich gegenüber zu sitzen war dann doch noch mal was anderes! Aber jetzt erst mal rein ins Häuschen, durch den schmalen Flur voller Klimbinsel und Bilder an den Wänden marschiert, den Koffer ins Gästezimmer mit Erker gebracht und es sich dann im lichtdurchfluteten Wohnzimmer auf der großen gemütlichen Couch bequem gemacht. Bei Kaffee und Tee, einem schönen Stück Kuchen und selbstgebackenen Plätzchen. Mit Marmelade aus dem eigenen Garten! Immer wieder ein Gedicht. Genauso wie ihre Unterhaltungen und Gespräche! Wie sie diesen Austausch liebten, das Teilen von Fröhlichem und Traurigem, von Themen über das Weltgeschehen und den eigenen kleinen Alltag.

„Eigentlich sollten wir überlegen, ob wir nicht auch mit dem Podcasten anfangen wollen! Genug zu erzählen hätten wir ja!“, scherzte sie und lachte dabei doch vor allem über das schiefe Grinsen ihrer Freundin.

„Irgendwie glaub ich nicht, dass die Leute das interessieren würde“, hielt die sich ja ohnehin damit zurück, ihr Leben im Internet zu teilen. Selber die Inhalte anderer konsumieren tat sie ganz gern, aber ihren eigenen Senf in die Welt hinausposaunen? Dafür war sie irgendwie nicht der Typ. Obwohl es sicherlich viele Menschen gäbe, die sich für ihre Ideen und Ansichten interessieren würden. Schließlich hatte sie so viel zu erzählen und zu berichten, so vieles erlebt, dem man gebannt lauschen konnte und dabei auch noch diese angenehme, beruhigende Stimme, mit der sie all das vortrug! Aber vielleicht machte auch gerade das seinen Reiz aus: Dass sie es eben nur ganz intim und unbefangen teilen konnte, ohne dabei ein Mikrofon neben sich stehen zu haben und zu wissen, dass es irgendwann vielleicht unzählige Ohren hören würden.

24.06.2025: Wandelstern

Leises Knirschen begleitete seinen Weg. Es waren die eigenen Füße auf sandigem Untergrund irgendwo im Nirgendwo. Gemächlich schritt er voran, ließ den Blick über die Landschaft wandern. Eine beginnende Sommernacht war es, deren klarer Himmel sich über ihn spannte. Noch war nur der Halbmond zu sehen und das dunkel getünchte Blau, das sich langsam mit den letzten noch verbliebenen gelben und orangenen Streifen vermischte, ehe es früher oder später in den Wipfeln der Wälder um ihn herum verschwand. Der Ruf eines Käuzchen hallte durch die zunehmende Dunkelheit, vermischte sich mit dem Zirpen von Grillen und den Geräuschen von Motoren aus der Ferne.

Sein Weg führte ihn auf einen Hügel, schenkte ihm einen neuen Blick über die Gegend und legte den Horizont frei. Doch noch immer waren keine weiteren Wandelsterne oder Planeten am Firmament zu erkennen. Ein wenig musste er sich wohl noch gedulden. Also ging er weiter, setzte seinen Spaziergang fort. Irgendwo hörte er Gelächter, sah hier und da Lichterschein. Angenehm war die Abkühlung, die diese abendliche Wanderung mit sich brachte. Endlich nicht mehr diese Hitze der letzten Tage und trotz einer gewissen Klarheit in der Luft roch es dennoch irgendwie nach nassem Hund. Ganz gleich, wo er entlanglief, dieser Geruch war da, obwohl nirgends ein Hund zu sehen war und es die vergangenen Stunden über gar keinen Regen mehr gegeben hatte. Vielleicht war es die Mischung aus vergammelnden Resten der letzten Heuernte und dem Mädesüß in den angrenzenden Gräben, die ihm diesen Duft bescherten? Er schob die Hände in die Hosentaschen, das Knirschen von sandigem Boden wurde zum Knirschen des Schotters, ehe es dem leisen Rascheln von Gras und Schilf folgte, als er die Wälder und Felder hinter sich ließ und den See erreichte. Das Holz des Stegs knarrte unter seinem Gewicht, kommentierte einen jeden Schritt, bis er sein Ende erreicht hatte. Dort ließ er sich nieder, wartete darauf, dass endlich die Sterne erschienen und sich ihr Licht mit dem Leuchten der Glühwürmchen vermischte.

25.06.2025: famos

Wie war er eigentlich in diese Situation geraten? Ausgerechnet er? Normalerweise tat er doch so ziemlich alles dafür, um solchen Dingen aus dem Weg zu gehen und ganz besonders, wenn auch nur im entferntesten die Möglichkeit bestand, dass irgendwie sein Kollege Lars darin involviert war. Er behielt ja sogar das Herrenklo im Blick, das er praktischerweise auf der eigenen Etage direkt vom Büro aus sehen konnte, um nicht versehentlich zur gleichen Zeit wir Lars dort hinein zu marschieren und dann womöglich über die Pissoires hinweg gezwungen zu sein, einen auf Smalltalk zu machen! Und nun tat er was? Auf seine Geburtstagsfeier latschen? Das konnte doch nur ein ein schlechter Scherz sein! Und alles nur wegen dieser blöden Kollegin Maren, die ihn genötigt hatte, ihr beim Tragen der neuen Papierlieferung zu helfen! Konnte sie die dämlichen Kartons nicht allein runterschleppen? Und konnte er vielleicht einmal nicht der zuvorkommende Depp sein, der zwar Nein dachte, aber Ja sagte, weil man ja nicht unhöflich sein wollte? In Zukunft würde er wohl die Tür seines Büros schließen müssen, damit man nicht mehr so schnell für so was in die Finger kriegen konnte! Und in Zukunft würde er auch den Weg in den Keller meiden! Ganz bestimmt! Kein möglicher Zusammenstoß mit Lars mehr im Klo und erst recht kein famoses Hineinplatzen in irgendwelche Gespräche zwischen ihm und ein paar anderen Kollegen, die gerade die Küche belagerten und dann nichts besseres zu tun hatten, als Maren und ihn auch noch mit in den Plausch einzuladen! Wobei einladen in Marens Fall wohl die verkehrte Wortwahl war: Wenn überhaupt, lud sie sich selbst dazu ein, übernahm rasend schnell das Redezepter und alle anderen standen drum herum und schwiegen still und fanden das sogar noch witzig, was sie von sich gab. Und das war ja auch noch so eine Sache: Maren wusste zu unterhalten. Sie konnte manchmal eine Nervensäge sein, aber trotzdem hatte sie genug Charme, um das wett zu machen, wusste immer was zu erzählen und war auf ihre Art… einfach sympathisch. Im Gegensatz zu ihm. Er war der Kandidat, der auf Partys nur schweigend in der Ecke stand, sich an seinem Glas Cola festkrallte, um wenigstens nicht total sinnlos zu wirken und darauf hoffte, dass ihn niemanden ansprach und er niemanden ansprechen musste. Selbst nicht, um den Weg zum Klo zu erfragen… Und einer wie er sollte nun zu Lars’ Geburtstagsfeier kommen? Na, dann mal gute Nacht und kein Bett…

26.06.2025: urlauben

Arbeit war wohl, wenn man trotzdem was schaffte… So oder so ähnlich hatte ihre Kollegin Gertrude mal gewitzelt, als sie ihr innerhalb einer Stunde dreimal am Kopierer über den Weggelaufen war und sich dabei in einem kleinen Plausch festgequtascht hatte, der vom Kopierer hinüber zur Toilette geführt und schließlich am Kaffeeautomaten geendet war. Und auch, wenn das mit dem Arbeit ist, wenn man trotzdem was schafft eher als Witzchen gedacht war, sich wohl irgendwie von diesem Spruch mit dem Humor und dem Lachen ableitete und nicht mit voller Sicherheit zu sagen war, ob der Scherz auch wirklich zündete, war trotzdem irgendwie was an ihm dran. Besonders bei Gertrude. Die konnte den ganzen Tag ohne Punkt und Komma reden und bekam nebenher dennoch irgendwie ihre Aufgaben erledigt. Und das nicht mal schlecht! Sie war nicht eine der besten – obwohl bei denen auch immer abzuwägen war, ob ihre Topleistungen von nahem betrachtet tatsächlich immer so Top waren, oder ob nicht auch sie nur mit Wasser kochten und sich mit der einen oder anderen nicht vermerkten Überstunde besser schummelten. Nein, Gertrude war gutes Mittelmaß und dabei nicht nur funktionierendes Rädchen im Getriebe, das seit über zehn Jahren nicht einmal krank gewesen war, sondern auch gute Seele und inzwischen so was wie ein Teil des Inventars. Schon faszinierend! Und wie gesagt, sie hatte immer was zu erzählen, sodass wohl niemand in der Firma je damit gerechnet hätte, dass einmal der Tag kommen würde, an dem ihr die Worte fehlten. Doch tatsächlich war das an diesem Donnerstag geschehen. Vormittags, ganz ohne Vorwarnung auf dem Weg vom einen Büro ins andere, mit einem kurzen Abstecher hoch zur Küche, um die Spülmaschine auszuräumen, damit sie für den mittäglichen Ansturm wieder einsatzbereit war. Da hatte Gertrude den Kollegen Silas zufällig angetroffen, der gerade die Kaffeemaschine mit neuen Bohnen bestückte. Sie hatten – wie immer – angefangen zu schnattern, Gertrude hatte ausgiebig über ihren letzten Urlaub von vor zwei Wochen erzählt und wie schön der doch gewesen war und als sie dann fragte, wohin Silas nächste Urlaubsreise ihn denn führe, war diese schockierende Antwort von ihm gekommen: „Ich fahr nicht weg“. Und damit war wohl zum ersten Mal seit Jahren ein Moment der Stille in Gegenwart von Gertrude eingekehrt. Sie hatte nur so dagestanden, hatte geblinzelt, höflich gelächelt und es endlich geschafft, ihre Verwunderung zu überwinden, um die Funktion ihrer Ohren zu überprüfen und dabei Unfassbares festzustellen…

27.06.2025: Balkonien

„Noch mal…“, stand sie da, hielt tapfer an ihrem Lächeln fest, während ihre Mundwinkel genauso zuckten, wie es seine Schultern taten. „Du fährst nicht weg?“.

Das musste doch offensichtlich ein Scherz sein! Wie konnte man im Urlaub nicht weg fahren? Plagten ihn etwa Geldsorgen oder gesundheitliche Nöte?

„Nö, ich hab einfach keine Lust“.

„Keine Lust?“

Das wurde ja immer wilder! Wie konnte man im Urlaub keine Lust haben, weg zu fahren? Das war doch gerade das schöne an der freien Zeit! Man konnte so viel herumkommen, so vieles erleben! Neue Menschen kennenlernen, neue Länder oder wenigstens das Schwimmbad im Nachbarland, nach zwei Stunden Autofahrt bis zur Grenze, im Stau stehen, sich irgendwo einen Campingplatz für sein Wohnmobil suchend, um dann zu genießen, dass man endlich mal für ein paar Tage aus den eigenen vier Wänden raus war! Aber nicht mit Silas, wie es schien…

„Ist mir viel zu anstrengend. Erst musst du alles buchen, dann musst du alles packen, dann musst du zusehen, dass du pünktlich da ist und wenn mal wieder Stau oder irgendwelche anderen Verspätungen sind, hast du nichts als Stress und wenn du nach zwei Wochen wieder nach hause kommst, hat sich in der Zwischenzeit schon eine Spinnenkolonie unter dem Wohnzimmerschrank niedergelassen und du bist drei Tage damit beschäftigt, alles nachzuholen, was vorher liegen gelassen ist. Alle Klamotten von der Reise waschen, den Garten wieder auf Vordermann bringen, Einkäufe erledigen oder schlimmstenfalls vorher noch den Kühlschrank ausmisten, weil du vor der Abreise irgendwas vergessen hast, das dir jetzt schon entgegen gelaufen kommt… Nein, Danke. Dann lieber Urlaub auf Balkonien!“.

Aha. Faszinierend… faszinierend war wirklich diese gesamte Situation! Besonders von außen betrachtet! Gertrude, der fast der Mund aufklappte, weil die krampfhaft emporgezogenen Mundwinkel immer schwerer zu tragen hatten, die Tatsache, dass ihr schon wieder die Worte dabei ausgingen und dazu Silas, der sonst oft ein bisschen maulfaul war, jetzt aber plötzlich ganze Sätze bilden konnte und dabei genüsslich an seinem frisch gebrühten Kaffee nippte.

„Willst du auch einen?“

„Nein, Danke“…

Ein bisschen zu hoch und spitz war die Antwort gekommen und ein bisschen zu schrill das Lachen, das sie begleitete, aber egal. Zurück zu den harten Fakten!

„Was machst du denn dann die ganzen zwei Wochen, wenn du nicht verreist?“

„Drei Wochen. Ich nehm immer drei, sonst lohnt sich das nicht richtig find ich… Na ja und was man halt so macht! Wenn das Wetter mitspielt, setz ich mich auf die Terrasse, les ein gutes Buch, grill gern mal mit meiner Familie oder hab ein paar Freunde zu Besuch. Ich geh spazieren, fahr mal hier und da in die angrenzenden Städte, um die Gegend ein bisschen zu erkunden und ich hab mir letztes Jahr ein neues Fahrrad gekauft. Das will ich diesen Sommer mal ausgiebig einweihen. Oh, aber ich seh grad, ich hab gleich das nächste Meeting. Also, man sieht sich!“.

Und so entschwand er, ließ nur den Duft frischen Kaffees zurück, den Nachhall seines sympathischen Lachers, der seinen Abgang begleitet hatte und Gertrude, die wohl noch einen Moment brauchte, um diese Ungeheuerlichkeiten zu begreifen. Urlaub ohne zu verreisen und das auch noch aus freien Stücken? Kaum zu glauben…

28.06.2025: liebäugeln

„Hey, ich hoff, das ist wirklich okay, dass ich dich so kurzfristig in Beschlag nehme, um noch eine Torte für nachher zu bekommen…“.

Und nun stand er da plötzlich. Lars. Mitten in seiner Bürotür, die Jacke nonchalant über den Unterarm geworfen und abfahrbereit für den Feierabend. Zum Glück nicht wortwörtlich abfahr-bereit, sondern eher abmarschbereit – sagte man das so? Egal! Hauptsache, Marcel musste sich nicht auch noch mit ihm in ein enges Auto oder gar in einen gemeinsamen Zugsitz quetschen! Oberschenkel an Oberschenkel und Schulter an Schulter am besten!

„Ja, kein Problem…“, musste er sich stattdessen nur endlich von seinem Schreibtisch losreißen und seinen Hintern vom Stuhl hieven. Seinem eigentlich etwas ungemütlichen, aber im Moment doch so wunderbar umsorgenden Stuhl. Er mochte seinen Stuhl irgendwie. Er war so schön vertraut und er keilte ihn so wunderbar am Tisch ein, damit er sich nicht so schutzlos vorkam, im Angesicht dieses hübschen Mannes vor seiner Nase und der vielen Eventualitäten, wie der weitere Verlauf dieser Unterhaltung und vor allem dieses späten Nachmittags nun wohl ausgehen konnte! Von weitem liebäugeln und ein bisschen schmachten war ja eine Sache, aber jetzt auch noch ganz allein mit ihm sein? Gespräche führen müssen oder gar…

„Ähm… kommst du?“

„Ja, klar…“

… aufstehen müssen.

Innerlich atmete er tief durch und äußerlich prügelte er sich zu einem Lächeln. Er versuchte es zumindest. Nein, genau genommen wusste er schon, dass er aussah, wie gerade in eine Zitrone gebissen oder beim Gang aufs Klo zu fest gedrückt. So guckte er doch eigentlich immer. Ein bisschen verkniffen, obwohl er das im Grunde nicht war, aber sein Gesicht eben schon. Das führte sein Eigenleben und seine Mundwinkel… na, von denen musste man wohl gar nicht anfangen. Anfangen musste er hingegen ganz dringend damit, einer gewissen Maren nie wieder irgendwas über sich oder seine Familie zu erzählen! Das war ab heute so sicher wie das Amen in der Kirche! Da konnte sie noch so ein herzliches „Bis Montag, ihr zwei Hübschen!“ hinter ihm und Lars herflöten, als sie es endlich aus dem Büro hinaus, durch den Flur hindurch und an Marens Tür vorbei aus dem Gebäude schafften. Selber Flöte… oder eher blöde Kuh! Gut, eigentlich nicht. Eigentlich hatte sie nur mitbekommen, dass Lars gerade einigen anderen Kollegen vom spontan angekündigten Besuch seiner Eltern und Geschwister erzählt hatte und dass er schon beim Punkt des verzweifelten Lachens angekommen war, weil er nicht nur mal kurz ne Torte aus der Tiefkühltruhe für die illustre Runde besorgen wollte, aber durch dieses Überfallkommando auch keine Zeit hatte, einen Umweg zum nächsten richtigen Bäcker zu machen.

29.6.2025: Wortakrobatik

„Ähm… Es ist nicht aufgeräumt. Ich hoff, das ist okay…“.

Tja und so standen sie nun also hier: In seiner Wohnung und das auch noch mit Lars als Besuch! Als kurzen Gast, ehe er sein Gast werden sollte. War das eine noch nicht peinlich genug, wurde es das andere sicherlich erst recht… Aber gut, so war es nun einmal. Also Nervosität so gut es ging beiseite geschoben, Schuhe aus, Licht an und rüber in die Küche. Seine Wohnung war eher ein Nest. Nicht sonderlich groß, nicht besonders, nur mit der nötigen Grundreinlichkeit ausgestattet und hoffentlich nicht so abschreckend, dass Lars sofort davon rannte. Doch der lächelte eher. Es war ein hübsches Lächeln, das er gern zu Schau trug und ihm ausgesprochen gut stand. Ja, das hatte Marcel schon früh gemerkt… aber darum sollte es jetzt nicht gehen! Torte! Deswegen waren sie hier! Also eilig an den Kühlschrank gehuscht, während Lars ihm gemächlichen Schrittes folgte. Es war ein bisschen seltsam, ihn jetzt so langsam herumwandern zu merken, wohingegen er vorhin mit seinen langen Beinen noch so schnellen Schrittes unterwegs gewesen war, dass man ihn kaum hatte einholen können! Doch jetzt war da plötzlich diese Ruhe, diese Bedächtigkeit beinahe.

„Wow, ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll…“, verwunderte aber wohl noch mehr, dass ausgerechnet er, der sonst durchaus ein Meister der Wortakrobatik sein konnte, sich nun so kleinlaut gab, als das Objekt der Begierde endlich zum Vorschein kam: Seine Torte.

Gut, genau genommen war die natürlich nicht für ihn bestimmt gewesen, sondern nur mal wieder eines der kleinen Projekte, um die Freizeit zwischen Arbeit und Arbeit irgendwie totgeschlagen zu kriegen, aber wenn sie Lars nun zugute kam? Warum nicht? Dann mussten die Nachbarn dieses Mal eben verzichten und auf die nächsten Ausflüge in Marcels kleine Backwelt warten! Allzu lange dauerte das ja schließlich nie und er wusste schon, dass die Abnehmer seiner Kreationen ihm wegen eines kleinen Päuschens sicherlich nicht böse waren. Dafür versorgte er sie immerhin zu regelmäßig mit Nachschub, denn alleine essen konnte er all das, was er da backte, schließlich nicht! Von daher…

„Und du bist sicher, dass ich die haben darf?“

„Klar“

Wie war das mit der Wortakrobatik? Er selbst gehörte da offensichtlich nicht zu, die effektvoll und ausgiebig zu benutzen. Nein, er blieb dann wohl mal lieber beim Tortenbacken und…

„Aber du brauchst mich deswegen nicht extra einladen. Ich würd sie eh nur weiter verschenken, von daher kannst du sie gern haben“, sagte er, während er das gute Stück in eine Tragebox bugsierte und Maren im Stillen ein wenig dafür verteufelte, dass sie ohne seine Mitsprache diesen Deal – Torte gegen Einladung – mit Lars eingetütet hatte. Gut, mit seinem völlig überfahrenen „Ja, okay…“ dazwischen, aber trotzdem! Und trotzdem, oder eher obwohl seine letzte Antwort gerade etwas pampiger als eigentlich beabsichtigt hätte aufgefasst werden können, stand Lars immer noch da und lächelte. Er lachte sogar!

30.06.2025: halbjährig

Es war ein verlegenes Lachen, ein fast schon ertapptes, mit dem sich Lars an den kleinen Küchentisch in dem winzigen Kabuff lehnte, das Marcel da Küche schimpfte.

„Darf ich dir was verraten?“, ließ er es zu einem Schmunzeln werden, das nicht minder hinreißend aussah und hatte plötzlich etwas von einem verschüchterten Schuljungen. Ja, ganz recht! Der Lars, der sonst alle alleine zu unterhalten wusste, der spontan eine Rede auf der Firmenfeier halten konnte und nicht einmal Scheu davor hatte, sich zwischen die Fronten zu begeben, wenn Firmenbesen Karl-Heinz mal wieder seine dollen fünf Minuten hatte – der Lars stand nun da, knibbelte an einem Fitzelchen Haut an seinem Fingernagel herum und druckste sich unter leisem Genuschel einen zusammen!

„Du würdest mir sogar einen riesigen Gefallen tun, wenn du mich nicht mit meiner ganzen Bagage alleine lässt“, waren die eigenen Worten ganz offensichtlich ganz schön unangenehm und doch schaffte er es letztlich wieder, sie mit einem charmanten Lächeln zu umwickeln. Ja, das war dann schon eher das, was man von Lars erwartete und trotzdem…

„Was ist denn so schlimm an denen?“.

Marcel zuckte innerlich zusammen. Hatte er das gerade wirklich gefragt? Es ging ihn doch letztlich gar nichts an und vor allem wollte er doch im Grunde eher dafür sorgen, dass er NICHT mit zu der Geburtstagsfeier musste! Warum jetzt also auch noch auf ein Gespräch einlassen? Er hätte sich so gern mit der flachen Hand vor die Stirn geschlagen, doch es war zu spät – und Lars plapperte bereits freudig los. Erleichtert wirkte er dabei, fast schon gelöst!

„Also versteh mich nicht falsch, ich lieb sie ja alle, aber sie können so furchtbar nervig sein!“, lachte er wieder, gab ihm dieses Mal andere Nuancen. Nuancen, die amüsiert klangen, aber auch einen Hauch von Verzweiflung in sich trugen. Gespielter Verzweiflung zwar, aber im Kern vielleicht trotzdem mit mehr Wahrheit gespickt, als er tatsächlich zeigen wollte.

„Meine älteste Schwester bringt ihren Halbjährigen mit und will mich ständig dazu überreden, ihn auf den Arm zu nehmen. Aber soll ich dir noch was verraten? Ich kann mit Kindern nix anfangen. Also wirklich rein gar nix! Ich hab ständig Angst, dass ich was abbreche oder ihn versehentlich fallen lasse, aber das interessiert sie nicht die Bohne. Ich glaub, sie ist froh, wenn sie selbst mal fünf Minuten ihre Ruhe hat, weil ihr Mann sich herzlich wenig um die Kindererziehung kümmert. Er ist noch… vom alten Schlag, würde er es wohl nennen. Für ihn sind Haushalt und Kinder Frauensache. Ich finds ziemlich antiquiert und hab ihr von Anfang an gesagt, dass ich mir das nicht gefallen lassen würde, aber gut, sie meinte, sie mag diese traditionellen Rollenbilder und dann muss sie jetzt schauen, wie sie damit klar kommt. Ich glaub ehrlich gesagt, inzwischen bereut sie das ein bisschen, aber…“

Er zuckte die Schultern und verschränkte die Arme vor der Brust. Was sollte man da großartig zu sagen?

„Es wird jedenfalls wohl so ablaufen, dass sie sich den ganzen Nachmittag mit meiner Mutter zusammenrottet, damit die beiden mir mal schmackhaft machen können, wie toll so ein eigener Nachwuchs doch ist, weil ich als Zweitältester immer noch nicht in die Puschen gekommen bin, während Cynthias Göttergatte nach dem Essen mit unserem Vater auf den Balkon verschwindet und den Rest der Zeit mit ihm über Politik und Wirtschaft schwadroniert. Tja und was meine jüngere Schwester betrifft…“.

01.07.2025: Klimafrage

Und plötzlich war ein Moment der Stille eingekehrt. Mitten im Satz, einfach so. Es war ein unangenehmes Winden, ein Herauszögern dessen, was Lars sagen wollte und der Versuch, es irgendwie in die passenden Worte zu packen. Worte, bei denen Marcel beinahe damit rechnete, dass Lars gleich auch noch anfing, sich am Hemdkragen herumzuzuppeln, um seinem Hals mehr Platz fürs Atmen zu lassen, doch stattdessen zurrte er nur die Verschränkung seiner Arme fester.

„Meine Schwester ist jetzt mit jemandem zusammen, die… wie soll ich sagen? Sehr aktivistisch unterwegs ist…“, murmelte er schließlich nach langem Hin und Her mit sich selbst und verpasste dem Ganzen ein halbwegs zufriedenes Nicken. Ja, das beschrieb es wohl ganz gut, ohne zu viel ins Detail zu gehen! Oder nicht? Nun, Marcel hatte da zwar so eine Ahnung, aber wenn er ehrlich sein durfte: Er verstand gerade ziemlich viel Bahnhof. Aber ansprechen und nachhaken? Nein, lieber nicht! Wie gesagt, eigentlich wollte er das alles ja gar nicht so genau wissen und…

„Versteh schon, das war nicht sonderlich aussagekräftig…“, grätschten Lars und sein schiefes Lächeln ihm da schon in die Parade und während Marcel sich noch mit Abwiegeln versuchte, lachte er auch schon wieder auf.

„Sorry, aber dein Gesicht spricht Bände!“, zwinkerte er und wieder formte sich ein Schmunzeln auf seinen Lippen, während Marcel spürte, wie ihm selbst peinlich berührt die Röte ins Gesicht stieg. Sein verdammtes Gesicht! Musste es ihn schon wieder verraten? Doch das konnte er ja wohl schlecht vor Lars mit sich ausdiskutieren…

„Wie auch immer…“, murrte er also nur, widmete sich dabei dem Küchenfenster, das dringend mal wieder geputzt werden musste und zuckte im nächsten Moment zusammen. Denn auf einmal war da nicht nur dieses leise „Tschuldige, ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen“, das ihm beinahe schon ins Öhrchen kroch, sondern diese warme Hand auf seiner Schulter. Wie war Lars denn so schnell zu ihm hinüber gekommen und hinter ihn getreten? Gut, seine Küche war nicht die größte und Lars hatte lange Beine, aber…

„Ich wollte vorhin nur sagen, dass Jules Freundin sich sehr für Tierschutz und Klimaschutz einsetzt“.

Schwupps und schon waren sie wieder bei Lars’ Gästeliste des heutigen Nachmittags! Was für eine Überleitung! Obwohl… genau genommen passte sie ja immer noch zum eigentlichen Gespräch, denn schließlich wussten nur Marcel und sein Bauch von den Schmetterlingen, die so schlagartig in seiner Körpermitte aufgetaucht waren, während Lars sich jetzt auch noch direkt neben ihm gegen die Küchenzeile lehnte. Roch er eigentlich immer so gut? Verdammt!

„Versteh mich nicht falsch, die Themen sind wichtig, das ist mir klar. Und generell find ich es auch gut, was sie da an Aufklärung und Arbeit leistet, nur… sagen wir einfach, mein Schwager sieht das Ganze etwas anders, mein Vater auch und ich freu mich jetzt schon drauf, wenn nachher zwischen Kaffee und Kuchen irgendwelche Diskussionen über Massentierhaltung, Autoindustrie und die Klimafrage entbrennen“.

02.07.2025: Heuert

Sie saßen beisammen, aßen Kuchen und tranken Wein. Passte diese Kombination zusammen? Sie waren nicht sicher, wie andere Leute das sahen, aber für sie war es eine ganz famose Zusammenstellung. Genauso wie Käsehäppchen zu einem schönen Schluck Tee! Aber darum ging es gerade nicht. Leider nicht. Nein, das Essen war nur schmückendes Beiwerk beim Versuch, einen Termin für ihr nächstes Treffen auszumachen. Das nächste echte Treffen, bei dem nicht die Hälfte von ihnen wieder über Smartphone und Tablet dazugeschaltet werden musste. Aber wie das dann so ging: Sommerzeit, Urlaubszeit!

„Wann fliegt ihr in die Ferien?“.

„Erst die letzten beiden Wochen, bevor die Schule wieder los geht. Martin hat dieses Jahr wegen einiger Projekte leider nicht anders Urlaub nehmen können. Dafür geht’s im Herbst noch mal beide Wochen nach Österreich“.

„Und wir sind eine Woche vorher schon dran. Also wieder die komplette Hälfte“.

„Oh und wo geht’s für euch hin?“.

„Spanien“.

„Auch sehr schön!“.

„Mädels!“.

Die vierte im Bunde seufzte und ließ einen ermahnenden Blick in die Runde schweifen. Hatten sie nicht gerade ein anderes Thema zu besprechen? Leises Seufzen von der einen Seite, leises Gekicher von der anderen und ein dickes Grinsen aus dem Bildschirm heraus.

„Ja, was? Wir machen das nächste Treffen jetzt fest, sonst wird das sowieso wieder nichts!“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und ließ einen weiteren auffordernden Blick über die Runde wandern. Immer war sie diejenige, die die Orga ihrer Treffen im Blick hielt. Ein bisschen konnte es nerven, aber irgendwie war es auch schön, obwohl…

„Jaaa, Mutti!“.

Obwohl sie dafür auch noch verkackeimert wurde!

Alles lachte los und sie grinste.

„Ich geb dir gleich Mutti! Ich bin noch jung und knackig!“, erwiderte sie, die das Küken von ihnen allen und die einzige ohne Anhang war und prompt war sie diejenige, die etwas zu lachen hatte, weil die richtigen Muttis in der Runde so einen Ausspruch natürlich nicht auf sich sitzen lassen wollten. Also ein wenig Gestichel hier, ein Kommentar dort und dann konnte es endlich wieder zum eigentlichen Thema zurückgehen: Wann wollten sie sich das nächste Mal treffen? Dann vielleicht einfach in der ersten Ferienhälfte? Doch dieses Mal war es die Mutti, die keine war, die einen Strich durch die Rechnung machen musste.

„Ich hab meiner Oma versprochen, ihr wieder bei der Ernte zu helfen und sie sagt, im Heuert ist dieses Jahr wohl schon einiges zu tun. Frühere Ernte durchs Wetter…“, seufzte sie und zuckte entschuldigend die Schultern.

„Heuert?“, wunderte sich allerdings eine ihrer Freundinnen und brachte sie damit schnell wieder zum Schmunzeln.

„Heumonat!“, hieß es also mit einem Zwinkern von ihr und einem „Hä?“ von ihrem Gegenüber. Na gut, dann halt anders: „Ich sprech vom Juli!“.

Aaah, na, dann war ja alles klar! Zumindest, was das anging…

03.07.2025: entfolgen

Sie standen in der Küche, wobei Plural hier falsch gewählt war: Sie stand in der Küche, während das Töchterchen am Tisch saß, in der Theorie über den Hausaufgaben brüten sollte und natürlich mal wieder alles andere machte. Hier ein Griff zum Handy, bis es von der viel zu strengen Mama konfisziert wurde, da ein Gang zum Kühlschrank, um zu kontrollieren, ob es noch was vom Nachtisch gab. Ja, gab es, aber irgendwie wollte sie dann doch nichts mehr davon haben, sobald sie ihn einmal gesehen hatte, denn schließlich war sie noch vom Mittagessen satt. Also seufzend zurück an den Tisch und murrend auf den Stuhl geplumpst, um dann wieder so zu tun als ob und dabei doch nicht mit den Hausaufgaben weiter zu kommen. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, die durchaus ganz gut fertig wurde mit dem Abwasch und dem Abtrocknen und schon bald an dem Punkt war, das saubere Geschirr nur noch in die Schränke verteilen müssen. Alles routiniert und somit problemlos mit einem aufmerksamen Seitenblick fürs Töchterchen. Das Töchterchen, das im Moment nur murrend auf seinem Stift kaute und dabei den Aufgabenzettel totstierte, als erledigten sich die Aufgaben dadurch von selbst.

„Brauchst du Hilfe?“.

Gewundert hätte es sie eigentlich, weil sie sich manches Mal noch was davon abschneiden konnte, wie gut Mathematik ihrem Kind lag, aber schließlich war niemand unfehlbar. Und doch kam nur ein wenig überraschendes „Nein“.

Gut, an den Aufgaben selbst lag es also schon mal nicht – doch woran dann?

„Was ist los?“, warf sie sich also das Trockentuch über die Schulter und lehnte sich neben ihrer Tochter an die Küchenzeile. Ein Lächeln von ihr, ein mürrischer Seitenblick samt „Nix!“ von der Lendenfrucht. Oha, Pubertät war doch was Feines!

„Liebeskummer?“

Kam jetzt ein theatralischer Auftritt mit viel zu viel Geschrei und Türenknallen? Nicht ganz.

„Nein!“, war die Antwort zwar energisch, aber nicht so wutentbrannt, wie befürchtet. Dafür folgte ihr aber ein tiefes Seufzen, ein genervtes Sinken gegen den Stuhl – oder eher Gegenschmeißen gegen die Lehne, sodass es fast schon wunderte, dass das Vierbein nicht mitsamt Besatzung in Schieflage geriet – und ein trotziges Verschränken der Arme.

„Steffi ist so ein blöde Kuh!“.

Aha. Die beste Freundin war’s also, die für dieses Tiefdruckgebiet der Stimmungen sorgte. Was hatte sie denn gemacht? Freund ausgespannt, den es Mamas Wissen nach noch gar nicht gegeben hatte? Zum Glück nicht. Es war um irgendwelche Kinkerlitzchen gegangen, die von außen betrachtet doch recht belanglos wirkten, aber in diesem Alter natürlich hoch dramatisch waren. Aber vor allem war die sonst so stolze Mutti auf das freundschaftliche Verhältnis zwischen sich und dem eigenen Töchterchen froh, das sich dadurch offenbar nicht allzu viel geändert hatte. Keine Jungs, von denen sie nichts wusste, also, sondern etwas, das sich recht leicht wieder hinzubiegen ließ. Selbst, wenn es für ihre Kurze im Moment so furchtbar war, dass sie sogar damit drohte, ihrer Besti auf Instagram zu entfolgen!

„Jetzt ist doch eh erst mal Wochenende. Was hältst du davon, wenn du erst mal eine Nacht drüber schläfst und wir morgen weitersehen? Ich hab grad überlegt, Klara morgen mal anzurufen, ob wir Sonntag zu viert was machen. Dann könnt ihr ja noch mal in Ruhe drüber reden, hm?“, war Steffis Mama aber zufällig auch ihre eigene Besti und sie somit recht positiv gestimmt, dass sich die Probleme schnell wieder aus der Welt schaffen ließen.

04.07.2025: beredt

Tja und so stand er nun hier. Lars, der sonst so beredt sein konnte, wurde einmal mehr ausgesprochen still und einsilbig. So einsilbig, dass er nicht mehr als ein Seufzen zustande brachte, ein müdes Zucken seiner Schultern und einen noch müderen Versuch, seine Mundwinkel zu irgendwas zu bewegen, das nicht nach verdammt viel Anstrengung aussah. Ob es ihm gelang? Nein, nicht wirklich. Da klang das leise „Sorry…“, das nach einem Moment des Überlegens und In-sich-Gehens kam, ja noch überzeugender! Und irgendwie konnte Marcel das sogar verstehen. Richtig nachempfinden zwar nicht, weil er derlei Konstellationen aus seiner Familie nicht kannte, aber ja, auch so schon klang das verdammt anstrengend für ihn, was er bislang zu hören bekommen hatte.

„Warum lässt du die dann überhaupt in deine Bude?“, fragte er sich ernstlich, wie man sich so einen Chaotenhaufen freiwillig antun konnte. Und das auch noch an seinem Geburtstag! Aber Lars kam natürlich mit dem Totschlagargument schlechthin: „Na ja, sie sind meine Familie…“.

Schön und gut, aber musste man deshalb alles und nichts über sich ergehen lassen?

„Sie können furchtbar nervig sein, aber im Grunde verdank ich ihnen sehr viel. Sie haben mich unterstützt, gerade meine Eltern und meine ältere Schwester auch und… mein Schwager hat mir sogar mal finanziell unter die Arme gegriffen. Ich sollte ihnen also was zurückgeben, find ich. Und da wir uns inzwischen eh nur noch ein paar Mal im Jahr alle an einem Tisch treffen, weil wir irgendwie im Laufe der Jahre so in alle Winde verstreut wurden…“, zuckte er abermals die Schultern und ließ noch ein tiefes Seufzen in die Welt hinaus.

„Ich kann aus meiner Haut nicht raus, okay? Und sie irgendwie auch nicht…“, wurde es zu einem entschuldigenden Grinsen und einem kläglichen Lachen. Ja, Familie war schon eine Sache für sich… Und wer war Marcel schon, das zu beurteilen?

„Na ja, müsst ihr ja auch selbst wissen, was ihr macht…“, sagte er also nur so gleichmütig wie möglich und doch war da dieses belustigte Schnauben, das er Lars damit entlockte.

„Du hättest sie alle vor die Tür gesetzt, was?“, juxte er und war dieses Mal derjenige, der das Schulterzucken kassierte. Hatte Marcel wieder sein Gesicht verraten?

„Nein, ich würd sie nicht mal rein lassen und mich einfach so lange tot stellen, bis sie aufhören, zu klingeln und verschwinden“, nahm er es jedoch mit der nötigen Portion Sarkasmus und Ernsthaftigkeit und sowie sein Mund zuklappte, brach Lars in schallendes Gelächter aus. Und dann war da wieder diese herzliche Hand auf Marcels Schulter und dieses „Keine Ahnung, ob du das gerade ernst meinst, aber zutrauen würd ichs dir!“, das sie begleitete.

05.07.2025: Badi

Ein wenig wurde es zum Wettstarren: Die Anzeige am Bahnhof und sie, wer hielt länger durch? Wer konnte grimmiger gucken? Eindeutig sie! Dann endlich gab dieses vermaledeite Ding auf und zeigte an, dass sein Zug in den nächsten paar Minuten einfahren würde. Hatte ja auch lange genug gedauert! Fast eine Stunde Verspätung und das, obwohl sie doch nur ein verlängertes Wochenende zusammen hatten! Sie grummelte, dann frohlockte sie, als bereits das typische Surren des einfahrenden Zuges auf den Gleisen zu hören war. Wie es wohl sein würde, dieses erste persönliche Treffen nach so vielen Jahren der Brieffreundschaft? Plötzlich frohlockte sie nicht mehr, sondern wurde nur noch hibbelig und während ihr Puls immer schneller wurde, nahm der Zug deutlich an Tempo ab. Ausrollen lassen, bremsen und dann stand er da. Die vielen Wagons fast wie aus einem Guss, unzählige Türen, die sich auf Kommando öffneten und noch mehr Leute, die durch sie hindurch traten. Und wo war er jetzt? Sie ging auf die Zehenspitzen, schaute sich um. Ach, egal! Sie stieg einfach auf eine der Sitzbänke! Und trotzdem konnte sie ihn nicht erblicken, wollte schon das Handy herauskramen, um ihn anzuschreiben, als sie plötzlich eine Hand am Arm spürte. Ein erschrockener Blick zur Seite, dann ein lautes Juchzen. Da war er ja! Also runter von der Bank und die Arme zur Begrüßung um seinen Hals geschlungen. War das ungewohnt! Aber irgendwie auch schön! Hatte er die Fahrt gut hinter sich gebracht, wenn man vom Offensichtlichen mal absah? Er lächelte, nickte und erzählte ein wenig von den letzten Stunden im Zug und einigen Kuriositäten, die er dort erlebt hatte. Wie eigentlich immer, wenn man mit der Bahn unterwegs war, nicht wahr? Etwas zurückhaltend war er dabei, aber nicht unbedingt schüchtern. Es war halt einfach etwas anderes, ob man sich seitenlange Briefe hin und her schickte oder plötzlich vor einander stand. Und trotzdem war da diese Wellenlänge, die sie auch über die geschriebenen Zeilen und wenigen Telefonate hinweg teilten. Sie merkte es bereits beim Weg durch den Bahnhof zu ihrem Auto und nicht zuletzt, als sie ihren Wagen erreichten. Da wartete neben ausreichend Platz für seinen Koffer auch schon ihre Badetasche.

„Oder willst du dich vorm Freibad doch erst etwas ausruhen?“, hatten sie zwar schon genaue Pläne, um seinen Besuch bestmöglich zu gestalten, aber so eine Bahnfahrt konnte ja doch etwas auslaugend sein. Doch er schüttelte den Kopf, wuchtete sein Gepäck neben ihres und schloss die Kofferklappe.

„Nein, lass uns direkt ins Badi!“, lächelte er und brachte sie damit zum Lachen. Ach, sie freute sich jetzt schon darauf, das ganze Wochenende diesen sprachlichen Eigenheiten des Schweizerischen zu lauschen! Oder sich ordentlich davon verwirren zu lassen.

06.07.2025: Summa summarum

Er lachte. Schon wieder. Aber es war dieses Mal ein gelöstes Lachen, eines, das zeigte, dass er diesen kurzen Moment echter Heiterkeit gebraucht hatte. Und dabei war das nicht einmal unbedingt Marcels Intention gewesen. Er hatte sich eigentlich nie als Witzbold gesehen, aber wenn er Lars damit einen Gefallen tun konnte? Dann beschwerte er sich nicht. Ganz im Gegenteil! Waren das etwa seine eigenen Mundwinkel, die auch ein wenig hinauf klettern wollten, während er Lars so ausgelassen sah? Er räusperte sich, schaute wieder aus dem Fenster. Was sollte man dazu auch noch sagen?

„Sorry…“

„Wofür? Oder hast du mich gerade ausgelacht?“

Lars schüttelte den Kopf, rieb sich leicht den Bauch, tat einen tiefen Seufzer.

„Nein, das nicht. Ganz bestimmt!“, begab er sich in eine Mischung aus Lächeln und Kichern, in der man ihn nicht sonderlich ernst nehmen konnte. Und trotzdem wirkte es ehrlich. Genauso wie das, was seine Freude wieder ins Wanken brachte.

„Nein, ich… meinte eher, dass das Summa summarum dann eigentlich mehr als genug Gründe sind, dass du wahrscheinlich herzlich wenig Lust hast, mich noch zu begleiten oder?“, musste er sich wohl eingestehen, dass er ein wenig zu mitteilsam gewesen war und sich nun wenig Chancen errechnete, wie er aus dieser Nummer noch rauskam. Doch Marcel? Der zuckte die Schultern.

„Summa summarum würd ich sagen, dass du in der Zeit, in der wir hier jetzt quatschen auch den Umweg zum Bäcker hättest nehmen können“, murmelte er, stützte sich dabei auf der Spüle ab und schaute wieder aus dem Fenster. Doch er tat es nur halb, blickte aus den Augenwinkeln immer wieder zu Lars und dessen irritiertem Gesichtsausdruck. Erst ein schweigender, dann ein fragender.

„Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“, entließ er seine Überlegung schließlich in die Freiheit und wenn Marcel ehrlich war, dann… wünschte er, Lars hätte es nicht getan. Denn jetzt musste er sich da irgendwie rauswinden, musste sich was einfallen lassen, um zu erklären, dass er eigentlich nur was Schlagfertiges von sich hatte geben wollen und das offenkundig in die Hose gegangen war. Schlagfertig war er halt noch nie gewesen – zumindest nicht, wenn er es darauf anlegte.

„Ich meine… ähm…“, war da schon eher das, was er in solchen Situationen für gewöhnlich hervorbrachte!

„Willst du jetzt hier noch länger rumdiskutieren oder soll ich dich begleiten?“.

Ja, das war schon besser! Viel besser! Nein, stopp, Moment! Hatte er sich jetzt gerade gewissermaßen auch noch selbst eingeladen?!

Oh, Marcel, du Idiot…“

07.07.2025: deklinieren

Sie hatte es gewusst. Schon, als sie am Morgen aus dem Haus gegangen war und dabei einen Hundehaufen erwischt hatte, hatte sie es gewusst: Dieser Tag würde ihm wahrsten Sinne des Wortes beschissen laufen. Berufsverkehr, Meeting an Meeting, vorher aber erst mal Parkplatzsuche, weil gerade durch die Baustelle an der Firma der Platz knapp war und dann mit reichlich Überstunden durch den Feierabendverkehr. Es war immer so. Zumindest donnerstags. Da schien es fast so, als wäre kurz vorm Wochenende die Hölle losgebrochen und alle wollten noch mal wissen, wie stark ihr Nervenkostüm gestrickt war. Aber nicht mit ihr! So schnell ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen! Und doch folgte immer dieser kurze Moment des Seufzens, wenn sie den Wagen endlich in ihrer Einfahrt parkte. Wenn sie entspannt gegen den Sitz sinken konnte, den Motor abstellte und einfach den Blick auf ihr kleines Heim gerichtet hielt. Keine Termine mehr für diesen Abend, kein Gehetze, keine Fragen, die größtes Organisationstalent und andere Fertigkeiten als Geschäftsfrau abverlangten – natürlich inklusive Leistungsdruck, weil sie nur ‘ne Frau war. Nein, einfach nur sie und ihre Liebsten. Gemütlichkeit im Jogginganzug und kuscheln auf der Couch. Wie sehr sie sich danach sehnte! Also endlich raus aus dem Wagen, rüber zur Tür und – wie hätte es anders sein sollen? Auf magische Weise öffnete sie sich bereits und gewährte ihr Eintritt!

„Na, wieder viel los gewesen?“, lächelte der Mann ihrer Träume und begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange, während sie sich seufzend gegen ihn sinken ließ.

„Du machst dir keine Vorstellungen…“, grinste sie schief, begann ein wenig von den größten Kapriolen des heutigen Tages zu berichten und schlüpfte dabei aus ihren Klamotten.

„Das zweite Meeting lief ja echt gut, aber beim dritten hatte ich so einen alten Kauz vor mir sitzen, bei dem ich fast drauf gewartet habe, dass er mich irgendwann mit „Schätzchen“ oder „Mausi“ betitelt“, seufzte sie, wanderte dabei ins Badezimmer, um den Arbeitstag und das MakeUp abzuwaschen und grinste schief, als sie ihren Mann lachen hörte. Grund war ihr Ausspruch gewesen, dass der alte Kauz vorher fast vom Stuhl gefallen wäre, als er zu hören bekommen hatte, dass sie seine neue Ansprechpartnerin wäre, nachdem sie vor gut einem viertel Jahr die Abteilung übernommen hatte.

„Willkommen in der Steinzeit… Bin bloß froh, dass ich mit dem nicht jede Woche zu tun hab“, murrte sie, um dann mit einem energischen Kopfschütteln das Thema beiseite zu wischen.

„Egal! Schluss für heute! Sag mir lieber, ob die Kleine gut eingeschlafen ist“, trat sie aus der Dusche, wickelte sich in ihren Bademantel und ihr schönstes Lächeln.

„Jap. Hat nur zwei Geschichten gebraucht und sie hat tief und fest geschlummert“, wusste ihr Göttergatte zu berichten und ja, es war immer schade, wenn sie zu spät kam, um ihrer Kurzen eine gute Nacht zu wünschen, aber freitags hatte sie wenigstens Homeoffice und konnte ihr dann morgens beim Frühstück Gesellschaft leisten! Da freute sie sich jetzt schon drauf und drüber freute sie sich, als sie beim Weg in die Küche erfuhr, was ihr Dreikäsehoch aktuell in der Schule machte.

„Sie haben jetzt mit dem Deklinieren angefangen“, wusste der Papa stolz zu berichten, während der Mama die Gesichtszüge ein wenig entgleisten.

„Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich dafür liebe, dass du diesen Teil der Kindererziehung übernimmst?“, grinste sie schief, während er ein wissendes Schmunzeln auf den Lippen trug.

„Dafür bist du dann dran, wenn die Matheaufgaben irgendwann schwieriger werden!“

„Gern!“.

Ja, nur allzu gern!

08.07.2025: reisefreudig

Er hatte es ganz genau gesehen, dieses Lächeln auf Lars’ Lippen, das so anders als die anderen gewesen war. Kaum, dass er seinen dämlichen Ausspruch getan hatte, war es strahlend aufgeblitzt und offenbar gekommen, um zu bleiben. Zumindest für die nächsten paar Minuten, in denen es gut bepackt im Gänsemarsch aus seiner Wohnung und durch das enge Treppenhaus hinunter zurück auf die Straße ging. Erst dann ließ es sich verscheuchen, von einem „Kannst du aufhören, so doof zu grinsen?“, das stöffeliger klang, als es eigentlich gemeint war und einem Lachen, das dieses Lächeln ablöste. Mal wieder. Wie konnte ein Mensch nur derart fröhlich sein? Und Marcel es auch noch angenehm finden, in dessen Nähe zu sein, obwohl ihm das normalerweise eigentlich eher auf den Geist ging? Nicht die gute Laune per se, sondern einfach, wenn sie so offen zur Schau gestellt wurde. Für ihn hatte es oft etwas von Geltungsdrang, wenn Leute alles und jeden mit ihrer eigenen Person übertönen mussten, jeden auf sich aufmerksam machen mussten – aber Lars war anders. Lars wirkte darin nicht so gekünzelt wie Kollegin Tanja, beispielsweise, die mit ihrem schrägen Gekicher Gläser hätte platzen lassen können. Und Lars hatte auch nicht dieses Grinsen drauf wie Hannes, das zwar immer dessen Lippen erfasste, aber nie seine Augen. Nein, Lars war tatsächlich einfach fröhlich. Nicht für andere, nicht um gesehen zu werden oder sich beliebter zu machen, sondern weil ihm einfach danach war. Oder höchstens mal, um eben nicht richtig gesehen zu werden. Um zu verbergen, wenn es ihm nicht so gut ging – zumindest bekam Marcel immer mehr das Gefühl. Und auch das war irgendwie… schön festzustellen. Diese vielen kleinen Details. Selbst, dass er – oder eher Maren – ihn in diese missliche Lage gebracht hatte, wurde da beinahe zur Nebensache. Na ja, zumindest fast…

„Guck mal, da vorn ist ein Reisebüro. Fliegen wir spontan weg, um deiner Familie zu entgehen?“.

Gut, sonderlich reiselustig war Marcel eigentlich nie gewesen, aber in diesem Fall… und wieder lachte Lars. Lachte ein dankbares Lachen, ein beinahe erleichtertes, eines, das ehrlich froh zu sein schien, dass er die nächsten paar hundert Meter bis zur Bushaltestelle nicht allein antreten musste und erst recht nicht das, was danach kam. Und für den Hauch einer Sekunde hatte Marcel sogar das Gefühl, etwas Wehmütiges in seinen Zügen und seiner Stimme zu erkennen, als er antwortete: „Du glaubst gar nicht, wie gern ich das jetzt machen würde“.

Warum hatten sie sich bislang eigentlich nie so viel unterhalten? Ach ja, richtig, stellte Marcel fest, weil er sich irgendwie immer davor gedrückt hatte… Schade eigentlich.

09.07.2025: ante meridiem

Und plötzlich saß er da, gefangen zwischen Familienmitgliedern, die nicht seine waren und bei denen er sich ernstlich fragte, ob sie wirklich mit seinem Kollegen verwandt sein konnten. War Lars als Baby vielleicht vertauscht worden? Oder hatte der Postbote oder der Gasmann ein Wörtchen bei seiner Entstehung mitzureden? Marcel wusste es nicht. Er wusste nur, dass er seine Überlegung mit dem Reisebüro tatsächlich hätte wahr machen müssen – aber am besten nicht, um mit Lars zu flüchten, sondern um dessen Anhängseln einen Flug zum Mond zu kaufen. Einen, der nur den Hinweg beinhaltete, aber auf gar keinen Fall den Rückweg! Denn wenn er sich mal etwas genauer beschaute, was – bzw. wer – um ihn herum saß, dann wusste er wirklich nicht, ob er weinen oder lachen sollte. Seine Tendenz ging zu ersterem, aber er versuchte tapfer an zweiterem festzuhalten – es war ein Unterfangen, das eigentlich von Sekunde eins an zum Scheitern verurteilt war. Aber wie sollte man sich auch verhalten, bei einem Sippentreffen, zu dessen Sippe man nicht mal gehörte und das so wirkte, als wolle der Großteil der Anwesenden es ebenfalls nicht? Oder zumindest nicht zur Gänze? Wenn Schwager und vielleicht-irgendwann-mal-Schwägerin pausenlos diskutierten, es dabei sogar schafften, über Zeitangaben in Streit zu geraten, um darüber ein Fass aufzumachen, wofür AM und PM bei der Stundenzählung standen – es waren übrigens ante meridiem für vor Mittag und post meridiem für nach Mittag, wie er nun zu berichten wusste. Wenn Schwester und Mutter dabei fast schon froh zu sein schienen, dass der Jüngste im Bunde über dieses Gezänk pausenlos ins große Heulen geriet und somit eigene Ablenkung bot? Und wenn der Vater des Geburtstagskindes all das am liebsten wohl links liegen gelassen hätte, aber so gut es ging seine Konzentration auf seinen Sohn richtete, um sich auf den neuesten Stand bringen zu lassen, wie es beruflich und privat bei dem aussah? Sodass also summa summarum nur die Jüngste der drei Geschwister blieb, mit der man sich einigermaßen unterhalten konnte? Und das auch nur deswegen, weil sie offenkundig aussprach, was alle dachten, aber außer ihr kaum einer zugeben wollte?

„Familientreffen sind so ätzend…“.

Oh ja, das waren sie! Zumindest, wenn man zu dieser Familie gehörte! Eine Familie, die es sogar bei einem Lars schaffte, ihm jegliche Lebensfreude auszusaugen, ihn nur noch matt lächeln, statt strahlen zu lassen und ihn sämtlicher Begeisterung zu berauben, die ihn sonst doch immer begleitete…

10.07.2025: Offlinemodus

Lauschig war er, dieser Sommerabend. Die Grillen zirpten wie in einem kitschigen Film, in der Nachbarschaft konnte man den anderen Häusern in die Fenster gucken und doch hatte er nur Augen dafür, dass sie endlich Feierabend hatten. Einfach nur auf der Veranda sitzen, die Beine ausstrecken und es sich gutgehen lassen! Endlich. Der erste freie Abend nach so vielen Wochen voller Arbeit nach der Arbeit, voller Gewerkel an ihrem neu gekauften, aber schon vor gefühlten Ewigkeiten errichteten Eigenheim, an dem sie in Selbstregie so viel wie möglich renovierten und ausbesserten. So, wie diese Veranda. Vor ihrem Einzug war nicht einmal daran zu denken gewesen, es sich darauf gemütlich machen zu können, aber jetzt? Jetzt fehlte zwar noch einiges, aber es wurde trotzdem immer mehr zu ihrem Nest.

„Hier, mein Schatz“, war es da etwas ganz Besonderes für ihn, das erste Mal mit seiner Liebsten hier zu sitzen, die ersten Früchte ihrer Arbeit zu genießen, so, wie sie dieses kleine Gläschen Sekt genießen wollten, das er gerade aus der Küche geholt hatte. Doch wie hätte er es anders erwarten sollen? Natürlich wartete seine Liebste nicht nur mit Ruhe und Ausruhen auf ihn, sondern schon wieder mit dem Handy in der Hand. Schnell noch dies managen, kurz noch das absprechen… es war immer das gleiche.

„Das war die Firma, ich hab dir doch von dem Meeting morgen erzählt. Das wurd kurzfristig verschoben“, murmelte sie dieses Mal, als sie das Smartphone sinken ließ und stattdessen mit dankbarem Lächeln zu ihrem Getränk griff.

„Musst du denn heute noch weiter auf Abruf bereit bleiben?“, setzte er sich unterdessen auf den Liegestuhl neben ihrem und lehnte sich zurück. Sie schürzte die Lippen, warf einen erneuten Blick aufs Handy. Würde das den Rest des Abends still bleiben? Wohl kaum. Zumindest nicht freiwillig…

„Eigentlich hab ich grad alles Wichtige geklärt und bin morgen ja auch früh genug auf, um schnell genug reagieren zu können, falls sich noch mal kurzfristig was ändert…“, murmelte sie, atmete tief ein und nahm ein leises Seufzen als Ruck für sich selbst, um die Daumen in Bewegung zu setzen.

„Ich sag nur kurz Bescheid, dass ich den Rest des Abends nicht zu erreichen bin…“, murmelte sie dabei, bewegte ihre Lippen wieder auf diese zauberhafte Weise, wie sie es immer machte, wenn sie im Stillen ihre Sätze diktierte und schmunzelte dann nach einem letzten Tippen aufs Display.

„So. Offlinemodus ist auch aktiviert… Jetzt sind wir ungestört“, wurde aus dem Schmunzeln dann ein Lächeln, mit dem die manchmal lästige und doch nötige Gerätschaft auf dem kleinen Gartentischchen zu ihrer Seite landete und endlich, ja endlich, war in ihrer Hand nur noch Platz für seine.

11.07.2025: bravourös

Die Küche also. Mal wieder. Mit einiger Zufriedenheit räumte er das Geschirr in die Spülmaschine, während aus dem Flur heraus die lang ersehnte Verabschiedung zu hören war. Verhielt er sich unhöflich, dass er sich nicht mit Lars an der Wohnungstür herumdrückte, um so zu tun, als könne er das nächste Wiedersehen mit dessen Sippe kaum erwarten? Marcel fand, nein. Immerhin hatte er Tschüss gesagt und sich dann in die Küche getrollt – Soll erfüllt, nicht wahr? Und da war es endlich, das Klacken der Tür, das abrupte Abbrechen der Geräuschkulisse. Nur noch er, das klappernde Geschirr und dieses Seufzen. Nicht sein eigenes zwar und doch fühlte er es, als wäre es aus seiner eigenen Brust gekommen.

„Na? Sind sie weg?“, fragte er mit mitleidigem Grinsen, als er die Tür des Geschirrspülers schloss und dabei zu der in den Flur schaute, in der Lars sich gerade an die Zarge gelehnt hatte. Der nickte, rieb sich das Gesicht, sah müde aus und doch erleichtert. Aber nicht nur das.

„Ich weiß echt nicht, was ich mir dabei gedacht hab, dir das anzutun. Du hast das bravourös gemeistert, aber du musst mich jetzt hassen, oder?“, lag da auch etwas Entschuldigendes in seinen Zügen und das nicht zum ersten Mal an diesem Abend. Nein, bei so ziemlich jeder Gelegenheit, in der sie einander mal kurz ungestört ein paar Blicke hatten zuwerfen können, war es da gewesen – und Marcel selbst überrascht, dass er es mit Humor nehmen konnte.

„Ach, war eigentlich ganz lustig, deinen Verwandten dabei zuzugucken, wie sich gegenseitig zerfleischen und in den Wahnsinn treiben wollen“, zuckte er nur die Schultern und wunderte sich dabei über sich selbst. Ja, er hatte das tatsächlich gut über die Bühne gebracht und sich sogar irgendwie wohl gefühlt, obwohl er Maren ein paar Stunden zuvor am liebsten noch den Hals umgedreht hätte. Lag es vielleicht an den peinlichen Kindheitsgeschichten, die Lars’ Mutter ihm zwischendurch von ihrem Sohn erzählt hatte?

„Das obligatorische Foto auf dem Bärenfell also?“

„Oh Gott, erinner mich bloß nicht dran. Und erzähl das ja nicht in der Firma rum!“

Der eine guckte wehleidig, während der andere auflachte. Ups, Moment…

„Sorry…“. Das hatte Marcel ja noch nie erlebt! Was war denn heute bloß mit ihm los? Hatte er beim Backen der Torte das Rumaroma mit richtigem Rum vertauscht? Er verzog das Gesicht, schnappte sich eilig einen Lappen, um die Arbeitsplatte von Krümeln zu befreien und konnte seine Mundwinkel trotzdem nicht im Zaum halten, als Lars ihm schon wieder sagte, wie froh er sei, ihn heute bei sich zu haben.

„Sagtest du schon. Etwa hundert Mal“, antwortete er trocken und ja, dass dieses Mal Lars auflachte und nicht er, passte schon eher zu ihrer Dynamik.

12.07.2025 - Leselust

Bücher… Man konnte sagen, was man wollte, aber in gewisser Weise hatten sie schon immer eine gewisse Faszination ausgeübt. Ja, schon immer hatte er sie gern betrachtet, hatte Bibliotheken geliebt und sich dabei doch ein ums andere Mal eingestehen müssen, dass seine Begeisterung für diese Werke wohl eine absurde war. Denn nicht die Leselust trieb ihn an, wenn er vor den Regalen mit Büchern stand, wenn er an Buchhandlungen vorbeilief und an den Auslagen stehen blieb oder auf den Flohmärkten ganz gezielt eben jene Tische voller bedruckter und gebundener Blätter ansteuerte. Nein, es war eher der Wunsch danach, sich voller Freude in die Geschichten, Autobiographien und vielen anderen Themen zu stürzen, die zwischen den Buchdeckeln verborgen waren – doch es war eben ein Wunsch, der leider nur selten Vater des Gedanken wurde, dann auch tatsächlich einen Blick hinein in diese vielen Bücher zu werfen. Und das lag nicht einmal daran, dass er des Lesens nicht mächtig gewesen wäre oder es ihm schwer gefallen wäre. Eigentlich nicht! Eigentlich konnte er auch durchaus in so ein Druckerzeugnis abtauchen, wenn er denn mal dazu gezwungen war, wie beispielsweise früher in der Schule. Dann hatte er die geforderte Lektüre eben durchgelesen und das mitunter auch gar nicht mal so ohne Erfolg. Nein, er war definitiv in der Lage gewesen, zu begreifen, was er dort gelesen hatte, darüber zu sprechen, Aufgaben dazu zu lösen und seine Meinung dazu abzugeben. Und trotzdem war da immer diese unsichtbare Mauer gewesen. Etwas, von dem er selbst nicht wusste, woher es kam. Von dem er sich manchmal fragte, ob es daran lag, dass er zwar durchaus lesen konnte, aber eben nicht so wie andere. Zumindest nicht so, wie andere es oft berichteten. Wenn sie darüber erzählten, dass sie innerhalb kürzester Zeit auch lange Texte flugs überfliegen konnten und trotzdem verstanden, worum es ging, wohingegen er wirklich Wort für Wort lesen musste. Nicht mehrfach und ausgiebig, nein, einmal genügte durchaus, aber es machte ihn eben zu einem langsamen Leser. Und zu einem, der zwar schon mal versucht hatte, diesen Fakt zu ändern, sich neue Lesetechniken anzugewöhnen und dabei doch immer nur wieder festgestellt hatte, dass sie nicht seins waren.

Er hatte seine Art zu lesen und nur mit der war er auch wirklich erfolgreich. Alles andere wurde auf Dauer schnell zu anstrengend, raubte zu viel Energie, war vielleicht schneller als seine übliche Herangehensweise und für ihn nach hinten raus dann doch nicht effektiv. Und doch fragte er sich noch immer, wo sie nur herkam, diese Lust auf Bücher, die ihn nicht als Leselust begleitete, aber auch nicht vollends loslassen wollte…

13.07.2025 - elaborieren

Sie ließen sich auf die Couch fallen und betrachteten die Farben des Sonnenuntergangs dabei. Ein wenig Stille war aufgekommen, ein wenig Ruhe.

„Sag mal… wie kommts eigentlich, dass ihr euch das überhaupt alle antut, mit den Familientreffen, obwohl man genau merken kann, dass eigentlich keiner so wirklich Bock drauf hat?“, war es dabei ausgerechnet er selbst, der dieses Schweigen brach und sich einmal mehr über sich wunderte. Aber bei so einem kuriosen Abend durfte man schon mal ein bisschen durch den Wind sein, nicht wahr? Oder vielleicht auch einfach überfordert, so, wie Lars es zu sein schien, mit seinem Schulterzucken und dem unsicheren Kratzen im Nacken. Er druckste ein wenig herum, suchte die richtigen Worte.

„Wie schon gesagt, sie haben so ihre Eigenheiten, aber trotzdem haben wir uns alle auf gewisse Weise lieb“, suchte er dabei ganz offensichtlich nach einer diplomatischen Antwort, aber nein, so einfach wollte Marcel sich davon nun wirklich nicht abspeisen lassen!

„Klingt ja sehr überzeugend“, murmelte er, betrachtete dabei das verlegene Grinsen und schließlich Lars’ resignierendes Nicken.

„Na ja, ich kanns eigentlich nur noch mal sagen: Wir haben uns gegenseitig einfach so einiges zu verdanken, okay? Mein Schwager meinem Vater zum Beispiel, und ich wiederum meinem Schwager, der mir damals mit der Wohnung hier geholfen hat…“, gab er kleinlaut zu, während Marcel das Gehörte in Sekundenschnelle für sich elaborierte: Eine Zweckgemeinschaft also, aha! Das war ihm beim ersten Mal Hören – und bei diesem Aufeinandertreffen – noch nicht so deutlich klar gewesen. Aber jetzt wunderte ihn ja gar nichts mehr! Und trotzdem wollte Lars es nicht einfach so stehen lassen.

„Hey, so schlimm sind sie im Grunde auch nicht. Man muss sie halt so nehmen, wie sie sind, dann geht das schon. Und inzwischen wohn ich ja weit genug weg, um sie nur an Geburtstagen und Feiertagen sehen zu müssen“.

Ups, da entglitt ihm das Gesicht, um in ein schiefes Grinsen zu verfallen und ertappt die Zunge rauszustrecken. Aha, erwischt! Marcel schmunzelte, während Lars dieses Mal über sich selbst lachen musste. Endlich wieder gelöster, endlich wieder mit richtiger Heiterkeit. In gewisser Weise hatte es was Ansteckendes. Zwar nicht nicht insofern, dass nun auch Marcel loslachte, nein, aber es lockerte ihm zumindest die Zunge!

„Wie kommts eigentlich, dass sich keiner gewundert hat, wenn du einfach so einen Kollegen mit anschleppst?“, lehnte er sich gegen die Rückenlehne der Couch und platzierte seinen Arm darauf, während aus Lars’ Lachen nur ein Schulterzucken wurde.

„Ich hab in der Schule schon oft Freunde mit nach hause gebracht. Das ist eigentlich nichts Ungewöhnliches“, sagte er leichthin, während Marcel merkte, wie er diese Worte gedanklich sofort wieder ausarbeitete. Sah Lars etwa etwas Freundschaftliches zwischen ihnen, obwohl sie bislang höchstens auf Firmenfeiern mal was Privates miteinander getauscht hatten? Das war doch absolut absurd! Und warum hatte Lars eigentlich niemand anderen aus der Firma gefragt, ob er ihm heute Rückendeckung leistete? Lags nur am Kuchen? Wohl kaum. Oder etwa doch? Irgendwie stieg er einfach nicht so richtig dahinter, was mit seinem Kollegen eigentlich los war…

14.7.2025: Näscherei

Es war einer dieser Tage, die so schön hätten sein können, es aber irgendwie nicht waren. Nach dem vielen Stress der letzten Wochen und dem Abschluss einiger Projekte war es endlich ein Tag der Ruhe. Allerdings zu viel Ruhe. Zumindest für ihren Geschmack...

Ja, zugegeben, während sie eine Überstunde nach der anderen geschoben hatte, war sie mit dem Verteufeln dieser Zeitfresser eigentlich kaum hinterher gekommen – doch jetzt? Jetzt saß sie einfach nur da. Hockte auf ihrem zugegebenermaßen recht gemütlichen Bürostuhl, starrte auf ihre beiden Bildschirme und langweilte sich. Zu Tode.

Gut, sie hätte theoretisch auch einfach den Tag frei nehmen können, aber zum einen hatte sie sich jetzt ja schon so früh aus dem Bett geprügelt und zur Arbeit begeben, dass ausschlafen keine Option mehr war und zum anderen wollte sie ihre Überstunden eigentlich nicht verplempern. Es konnte ja schließlich immer mal was kommen, wofür man die dann wirklich dringend brauchte! Also saß sie stattdessen da und harrte gewissermaßen aus.

Musste denn auch ausgerechnet jetzt mal wieder Ferienzeit sein und so die gefühlte Firma wie leer gefegt – gut, ganz so schlimm war es in Wahrheit dann doch nicht – und auch von Kunden und Kooperationspartnern nicht ein Lebenszeichen an ihr Ohr oder ihre Augen dringen?

Sie seufzte, faltete die Hände vorm Bauch und tippte die Daumen aneinander. Sie könnte vielleicht mal wieder ihre Mails aufräumen. Mehr als genug hatte sie davon ja schließlich im Posteingang herumfliegen und eigentlich nervte sie das schon seit einer gefühlten Ewigkeit, dass der so überbordend voll war! Und auch ein paar ihrer Dokumente mussten noch auf dem Server abgelegt werden. Ebenfalls also was, womit sie sich beschäftigen konnte und wofür solche ruhigen Tage ja eigentlich prädestiniert waren! Aber bevor sie das tat, kam erst mal ein kleiner Abstecher in die Kaffeeküche.

Eine schöne Tasse Tee holen und hoffen, dass dort vielleicht grad ein Kollege war, mit dem sie einen kurzen Plausch halten konnte. Immerhin hatte sie in den vergangenen Wochen so oft nur über die Arbeit gesprochen, dass ein privater kleiner Schnack durchaus nicht schaden konnte! Aber nein, es erwartete sie auch hier statt Unterhaltung leider nur die brummende Kaffeemaschine, die dann und wann auf sich aufmerksam machen musste – fühlte sie sich gerade vielleicht etwas einsam und gelangweilt? – und ein Teller mit Näscherei.

Nanu? Ach ja, richtig! Die Kollegin aus der Buchhaltung hatte vor zwei Tagen Geburtstag gehabt und eine Kleinigkeit mitgebracht! Hatte sie der eigentlich schon gratuliert und sich für die Aufmerksamkeit bedankt? Ach ja, hatte sie. Schade… Na ja, aber der Süßkram schmeckte trotzdem. Und der zweite auch… Verdammt, sie sollte echt die Finger von dem Zeug lassen!

Also schnappte sie nach dem dritten Gaumenschmeichler endlich ihre Tasse und entschwand wieder der süßen Verführung, ehe sie ihr zu sehr auf die Hüfte wanderte. Okay, zugegeben, eigentlich war der Grund eher der, dass sie es etwas unhöflich fand, wenn man sie beim Mausen erwischt hätte – das wirkte dann ja doch immer etwas verfressen. Wobei man natürlich auch argumentieren konnte, dass die guten Sachen schließlich nicht schlecht werden durften! So einzeln verpackt, im klimatisierten Raum konnte das ja immerhin mal passieren. Besonders, wenn die Plombenzieher laut Aufdruck noch mindestens ein Jahr lang haltbar waren…

Also gut! Eins noch für unterwegs und dann war aber auch wirklich Schluss!


Nachwort zu diesem Kapitel:
Oh, hier kann man ja auch noch was eintragen... na dann ;)

Ich hätte die Geschichte tatsächlich gern noch etwas ausgeführt. Dass Svenja der Besuch der Ausstellung vielleicht auch richtig Spaß macht, weil es einfach ein rundum schöner Tag ist oder dass Paul ja ein wenig Probleme mit dem Wort "Ausstellung" hatte. Eigentlich wollte ich Svenja noch darüber schmunzeln lassen, dass er manchmal zwar Schwierigkeiten mit dem Buchstaben "S" hat, das bei "Saurier" aber nie ein Problem ist. But well.. die Zeit mal wieder ;)

Funfact 1: Als ich "hä" noch mal einbauen konnte, musste ich selber schmunzeln. Kleines Easteregg sozusagen.
Funfact 2: Spontan fiel mir als Name für die Mutter zuerst "Susie" ein, ich wollte aber Verwirrungen vermeiden.
Funfact 3: Paul wird Archäologe (XD die arme Svenja!) Komplett anzeigen
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Der Satz mit der Mensa ist nicht ganz so prickelnd formuliert.. well.. aber nachträglich korrigieren ist nicht ;) Komplett anzeigen
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Schon "schön", wie die Erwartungen und der Druck von außen manchmal am eigenen Selbstbild und Selbstvertrauen nagen können, oder? Komplett anzeigen
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Den Satz mit den gebrannten Mandeln würde ich jetzt anders formulieren, aber: Keine Korrekturen ;) Komplett anzeigen
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Eigentlich sollte es hier noch weitergehen, aber dann war die Zeit vorbei XD Komplett anzeigen
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"... die wie kleine Inseln ihren Alltag verschönerten". Inseln haben ja auch nicht automatisch immer Sonnenschein und sind hell... vielleicht gibt es aber auch irgendwo Neoninseln, die im Dunkeln leuchten? Hmm ;) Komplett anzeigen
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Lol... hatte beim Schreiben noch "Mantel und Schal" gedacht und dann stattdessen "Mantel und Jacke" geschrieben XDD Okay, DAS wollt ich dann aber doch noch korrigiert sehen ;)
Das zusätzliche "die" lass ich drin, das sich noch versteckt hat und eigentlich sollte es natürlich nicht "aber ihr rang es nur ein kurzes Nicken", sondern "sie rang sich.." heißen.. na ja, war heute Morgen wohl noch etwas zu früh ;) Komplett anzeigen
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Immer diese Autoren mit ihren Empfindlichkeiten! ;) Komplett anzeigen
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Ich sollte vielleicht auch das Thema in den Titel packen XD Komplett anzeigen
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War Zufall, dass die Geschichte genau hier endet, aber ich finde es perfekt! XD Komplett anzeigen
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Vielleicht etwas, das ich irgendwann noch weiter ausbauen werde... Komplett anzeigen
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Die lieben Selbstzweifel... Komplett anzeigen
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Na, erkennt da langsam jemand, wie toll das immer für Sven ist, wenn er gefühlt gegen eine leere Telefonzelle spricht? ;) Komplett anzeigen
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Heut ist nicht mein Tag, glaub ich. So viele Rechtschreibfehler, die ich grad noch gefunden hab!! O_O Komplett anzeigen
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Schon wieder so viele Fehlerchen drin ^^" Komplett anzeigen
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Kennt ihr das auch? Dass man sich manchmal wundert, was die eigene Stadt so zu bieten hat? Komplett anzeigen
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Und falls jemand denkt, dass der Part mit den Rückenschmerzen überzogen dargestellt war: Nope. Das ist mir selbst Anfang des Jahres fast 1 zu 1 so passiert, nur dass ich einen zu vollen Blumenkübel anheben wollte und am Ende nicht aufm Werkstattboden, sondern in der Garage lag :,) Komplett anzeigen
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Morgen dann aber wieder kürzer!... Vielleicht ;) Komplett anzeigen
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Ochsenfrosch... Unke... na, hoffentlich weiß er bei seinen Patienten besser Bescheid xD Komplett anzeigen
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Na ja, zumindest hat er sich tapfer eingeredet, dass sie nichts von ihm will, bis er es sich nicht mehr weiter einreden konnte ^^" Komplett anzeigen
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Bisschen was aufgeholt - Rest folgt hoffentlich morgen :) Komplett anzeigen
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Genug Drama für heute Komplett anzeigen
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Was würde Ernest wohl mit mir machen, wenn er wüsste, dass ich mit Crêpe und Eierkuchen gleichermaßen nicht viel am Hut hab? XD Komplett anzeigen
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Bisschen Spaß muss sein :) Komplett anzeigen
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Ich find ja, der Dominik hat einen ganz fabulösen Musikgeschmack ;) Komplett anzeigen
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Hab immer so Phasen, in denen mir das Schreiben leichter fällt und welche, in denen ich mehr zu kämpfen hab. Aktuell eher letzteres, aber Hauptsache, es geht weiter :) In einer guten Phase kann ich mich dann ja auch mal dran setzen und die Geschichten etwas überarbeiten. Ansonsten: Dieser Kommi dient vor allem als kleine Memo für mich. Ist vielleicht ganz interessant, das auch mal ein bisschen festzuhalten und nachzulesen, wie es mir ging, wenn ich irgendwann später hier wieder rein schaue :) Komplett anzeigen
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Armer Sebastian ;) Komplett anzeigen
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Armer Ernest XD Komplett anzeigen
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Na dann: Frohen Valentinstag ;) Komplett anzeigen
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Nun bin ich aber neugierig :) Wer hat mir tatsächlich abgekauft, dass Dominik seinen Frido betrügen würde? Komplett anzeigen
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Es sind keine Weinflaschen zu Schaden gekommen ;) Komplett anzeigen
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Endlich geschafft, Frido :) Komplett anzeigen
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Hmmm... ach man! Also ein bisschen was kommt natürlich noch zu den Beiden, aber so langsam ist die Geschichte von ihnen dann an diesem Punkt doch auserzählt und plötzlich gehts in großen Schritten in Richtung Ende. Wieso geht das jetzt auf einmal so schnell? ;_; Komplett anzeigen
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Ich hoffe, es wird deutlich, dass es nicht Dominiks Absicht ist, sich über Männer lustig zu machen, die gerne Kleider tragen oder sich schminken. Sein Vater ist leider jemand, der diesbezüglich nicht viel Verständnis und Aufgeschlossenheit zeigt, sodass Dominik gut einschätzen konnte, dass er ihm auf diese Weise eine Retourkutsche verpassen kann. Ich hoffe, das ist auch so rüber gekommen; besonders, wenn man vielleicht nicht die komplette Vorgeschichte gelesen hat :) Komplett anzeigen
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Bisschen komisches Gefühl, bei frühlingshaftem Sonnenschein eine Weihnachtsstory zu schreiben XDD Komplett anzeigen
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Noch ein bisschen den Rückstand aufholen, ehe es so richtig ans Eingemachte geht... Komplett anzeigen
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T___T Au man... puh. Jetzt ist die Geschichte tatsächlich beendet und ja, ich hock hier mit Tränchen in den Augen ^^" Auch, wenn ich zwischendurch ein paar Schwierigkeiten mit dem Schreiben hatte, lieb ich die beiden Pappnasen einfach und es hat mir viel Spaß gemacht, von ihnen zu berichten. Ich werd die echt vermissen und bestimmt nach der einen oder anderen Möglichkeit suchen, um sie noch mal kurz wiederzusehen (nicht, dass ich da nicht schon ne Idee im Hinterkopf hätte, hehe). Nun denn... als nächstes wird es natürlich noch mit Hellen und Steffen weiter gehen, aber davor lasse ich mir ein paar Tage Zeit, um durchzuschnaufen. Das heißt, jetzt folgen erst einmal wieder die kurzen Zehnminüter und ich werde die bisherigen Storys zu Detlef und Co. noch mal lesen, um wieder rein zu kommen :)
Ich hoffe, euch hat die Geschichte um Dominik und Frido gefallen und dass ihr das Ende als ebenso rund empfindet, wie ich. Ah und wer gerne reinhören möchte, was Dominik da sing: Kamelot - Under Grey Skies. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
War nicht unbedingt von Anfang an als Zweiteiler gedacht, aber mir fiel ums Verrecken nichts anderes zu diesem Thema ein xD"
Und ja, die Auflösung des Ganzen ist evtl. etwas lahm gewählt, aber ich wollte die Geschichte nicht noch länger werden lassen und trotzdem aufzeigen, warum sie ausgerechnet in der Grundschule spielt. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
*schmunzel* Ohne Happy End gings dann doch nicht :) Komplett anzeigen
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Montagsmodell liegt grad bei mir und nutzt mein Bein als Kopfkissen ;) Komplett anzeigen
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Kommt mir so kurz vor, obwohl ich die 10 Minuten durchgeschrieben hab ._. Komplett anzeigen
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Wer kennts auch, wenn einen der Süßkram so verführerisch anlacht? ^^" Komplett anzeigen

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Kommentare zu dieser Fanfic (52)
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Von:  Nixchen
2026-01-13T09:41:47+00:00 13.01.2026 10:41
Hi,

oh Süßkram kann sehr gefährlich werden. Auf Arbeit haben wir davon soviel im Pausenraum. Man muss immer stark sein sich nicht doch was wegzunehmen. Zu Hause ist es auch nicht besser. Aber da hilft es es zu verstecken, schon wegen den Kindern.

Gruß
nixchen
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
13.01.2026 17:26
Hihi, im Büro kann ich mich ganz gut zurückhalten, aber wenn ich daheim am Schreibtisch sitze und die Schokolade dann aus der Schublade winkt... nuun... ^^"
Von:  Nixchen
2026-01-12T08:09:08+00:00 12.01.2026 09:09
Hi,

Ein hoffentlich besseres Jahr 2026 für dich. Ich finde es schön das du trotzdem noch schreibst auch wenn letztes Jahr anscheinend nicht so toll war. Ich mag deinen Schreibstill und freue mich wenn du was hochlädst. Also mach einfach dein Ding. Ich bin schon froh das gelegentlich was kommt. Machen andere ja auch so, dann hochladen wenn man was hat.
So dann auf ein schönes Jahr. Bin einfach gespannt was für Worte und Geschichten noch so kommen, muss gestehen einige der Wörter des Tages waren seltsam.

Liebe Grüße
nixchen
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
13.01.2026 08:12
Hi,

vielen lieben Dank :) Ich wünsche dir ebenfalls ein gutes und schönes 2026 <3

Dankeschön, ich freue mich immer über deine Kommentare und dass du immer noch mit dabei bist, obwohl ich inzwischen teilweise ziemlich lange Pausen beim Hochladen habe :D Das ärgert mich zwar manchmal, dass es aktuell nicht so fließt wie zu Beginn der Challenge, aber du hast Recht: Andere Autoren laden auch nicht täglich hoch, von daher versuch ich mich einfach auf das zu fokussieren, was gerade bei mir klappt und mich darüber zu freuen :)
Ich bin auch gespannt. Zwar kenn ich die restlichen Themen für 2025 inzwischen natürlich, aber ich bin trotzdem neugierig, was ich dazu letztlich schreiben werde. Allzu viel Gedanken hab ich mir darüber bisher nämlich noch nicht gemacht, sondern möchte das recht spontan entscheiden, wenn ich mich ans jeweilige Wort des Tages setze.
Oh ja, das denk ich mir auch manchmal, wenn ich beim Duden rein gucke bzw. rein geguckt habe xD"

Viele liebe Grüße :)
Von:  Nixchen
2025-10-07T13:51:08+00:00 07.10.2025 15:51
Hi,

ohne das Vorwort hätte ich das echt nie bemerkt. Aber Familientreffen sind glaube ich immer so eine Sache. Vor allem wenn das so wie oben beschrieben ist. Hoffe Lars und Marcel kommen da schnell raus.

Gruß
Nixchen
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
07.10.2025 17:31
Hey :) Haha, gut, dass ich drauf hingewiesen habe, was? ;) Notfalls spendiert Marcel wirklich noch ein paar Flugtickets oder so ^^
Von:  Nixchen
2025-09-26T07:31:46+00:00 26.09.2025 09:31
Hi,

ich kann Lars so mitfühlen. Sowas ist echt anstrengend wenn mehrere Meinungen in der Familie zusammen treffen.
Ob er Marcel zum mitkommen überredet bekommt? Mal sehen was als nächstes kommt.

Gruß Nixchen
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
26.09.2025 17:05
Huhu, ja, da wird es dann nicht langweilig, um es mal so zu formulieren ^^"
Von:  Nixchen
2025-09-03T06:07:55+00:00 03.09.2025 08:07
Hi,

Ah das neue Paar Lars und Marcel. Auch schön so eine Büro Romanze. Auch schön das es noch weiter geht.

Gruß
nixchen
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
03.09.2025 19:38
Hallo :) Haha, ja, plötzlich war da wieder eine Idee für einen kleinen Mehrteiler :)
Von:  Nixchen
2025-08-04T10:12:21+00:00 04.08.2025 12:12
Hi,

es ist schön was von dir zu lesen. Und keine Sorge ich glaube jeder versteht das man manchmal einfach nichts hochladen kann.
Schlaf und privates sind einfach wichtiger. Trotzdem toll das du immer noch an der Challenge festhältst.

So Urlaub auf Balkonien, mhm das mach ich fast nur. Ich mag zwar auch wegfahren aber man kann auch von Zuhause aus viel erleben. Daher bin ich eher immer überrascht wo die Leute alles immer krampfhaft hinfahren. Es ist lustig zuhören das es dann nur guter Urlaub ist wenn man weg wahr. Alles was nicht Arbeit ist ist Urlaub.

Hoffe du findest bald viel Schlaf und damit wieder die Freude am Schreiben.

Gruß nixchen
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
04.08.2025 18:07
Hallihallo,

lieben Dank für deinen Kommentar :) Ich freu mich, dass du immer noch meine Geschichten lesen magst, auch, wenn es aktuell manchmal länger dauert, bis was neues kommt.

Bei mir gibts auch nur Urlaub auf Balkonien, aber ich hab schon oft irritierte Blicke dafür kassiert, haha :D Genau so seh ich das auch: Urlaub heißt für mich, nicht arbeiten zu müssen, und da ist es für mich egal, ob ich das daheim mache oder dafür weg fahre.

Das hoff ich auch sehr... Mir fehlt diese Freude, die ich zwischendurch wieder so beim Schreiben gespürt hab und ich wünsch mir, dass sie bald wieder zurückkehrt :)

Viele liebe Grüße
Von:  Nixchen
2025-06-30T05:49:51+00:00 30.06.2025 07:49
Hi,

ach ja wenn Besitzer ihre Tiere nicht mehr mögen oder sie merken sie sind nicht so wie man gedacht hat. Ich mag Katzen, grade weil jede anders ist, da gibt es kein Montagsmodell. :)
Aber ansonsten schön beschrieben wie es so ist mit einer scheuen Katze warm zu werden.

Gruß nixchen
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
30.06.2025 13:30
Montagsmodell ist in diesem Zusammenhang absolut liebevoll von mir gemeint ;)
Von:  Blanche7
2025-06-25T16:43:59+00:00 25.06.2025 18:43
Hallo,
Das war wieder einmal ein schönes Kapitel. Ich freue mich immer hier weiterzulesen.<3

Ganz liebe Grüße

Blanche7<3
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
26.06.2025 19:06
Hey, Dankeschön :) Ich freu mich, dass du immer noch mit dabei bist <3
Von:  Nixchen
2025-06-19T07:46:30+00:00 19.06.2025 09:46
Hi,

kann ich verstehen. Happy Ends machen das Leben doch schöner. Und grade deswegen liebt man doch Geschichten, wegen den meinst guten Enden. Auch wenn manchmal ein schlechtes Ende gar nicht so übel ist.

Gruß nixchen
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
22.06.2025 09:30
Hey, ja, das stimmt, Unhappy Ends (sagt man das so? ^^") können auch toll sein, aber da sie mir irgendwie immer das Herz brechen, tu ich mich bei meinen Geschichten schwer damit xD"
Von:  Nixchen
2025-06-05T07:02:13+00:00 05.06.2025 09:02
Hi,

ach ja Katzen sind so toll Tiere. Unser mag es nicht ganz so gerne mit unserer dreckigen Wäsche, dafür ist es ihm egal das man ja um 4 Uhr morgens noch nicht aufstehen muss. Wenn der Napf leer ist muss auch um diese Zeit geweckt werden. Und dann kommt man zum kuscheln wenn man selber will, beispielsweise wenn der Mensch am Rechner irgendwas tippt. Da muss man dann auf die Tastatur liegen.
Ach ja Katzen sind einfach herrlich

Gruß nixchen
Antwort von:  Geminy-van-Blubel
05.06.2025 14:31
Hihi, unsere wollen zum Glück nicht auf der Tastatur liegen, aber der Schoß wird direkt in Beschlag genommen, sobald es geht :D Ist gerade im Winter immer ne feine Sache ^^


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