Ivo
Am Morgen hatte ein seltsamer Geruch in der Luft gehangen. Ivo war davon aufgewacht. Obwohl ihn hier scheinbar alle Türen willkommen hießen, war sein Schlaf, wie üblich, nur leicht gewesen. Es war ein leichtes ihn abzuschütteln und aufzustehen.
Misstrauisch hatte Ivo sich angezogen um dem Geruch auf den Grund zu gehen. So weit er sagen konnte waberte der Geruch durch den ganzen Trakt in dem er untergebracht war. Er schien für Gäste reserviert zu sein, denn als Ivo probehalber eine andere Tür öffnete, lag dahinter ein kleiner Raum wie der in dem er geschlafen hatte.
Ivo wollte nicht alle Türen öffnen um dem Geruch näher auf den Grund zu gehen. Stattdessen versuchte er herauszufinden, wohin er noch führte.
Von dem Seitengang kam er auf den Flur an dem sich der Speisesaal befand. Er erinnerte sich noch an den abendlichen Abstecher in die Küche. Doch in dem Raum wurde der Geruch undeutlicher. Also wand er sich wieder ab.
Als er sich schließlich auf dem Gang mit dem Eingang wiederfand, war es schwierig geworden dem Geruch zu folgen. Er lag eindeutig noch in der Luft, aber hier gingen die ersten Personen in verschiedene Richtungen auf und ab. Sie zerstreuten den Geruch. Bis jemand an ihm vorbei ging, der eine neue Woge davon mit sich trug.
Neugierig war Ivo ihm gefolgt. Er landete in einem Saal, in dem scheinbar eine Zeremonie stattfand. Viele die er zuvor auf den Gängen gesehen hatte und noch einige mehr kamen hier zusammen. Sie hielten offensichtlich eine Art Versammlung ab.
Schließlich hatte die Frau vom Vorabend einen kleinen Zauber gewirkt. Er stellte erstaunt fest, wie er sich dadurch glücklich und wirklich willkommen fühlte. Das Gefühl hallte genug in ihm wider um seine Zunge zu lösen und mit der Frau zu sprechen. Allerdings schien sie abgelenkt zu sein. Ein kleiner Schatten verdunkelte ihr Gesicht.
Als sie sich abrupt von ihm abgewandt hatte, war er ihr gefolgt. Ivo hatte sich gefragt, ob ihre Sorgen etwas mit dem seltsamen Geruch zu tun hatten. Vielleicht konnte sie ihn ja auch wahrnehmen.
Das hatte seine Neugier geweckt. Doch sie schien nichts zu riechen, sonst wäre sie wohl nicht ohne zu zögern in den Raum gegangen. Aus ihm drang der Gestank so stark, das Ivo ihn endlich erkannte. Er ekelte sich so sehr, es widerstrebte ihm den Raum zu betreten, obwohl er dazu eingeladen war.
Zwischen den Tempeldienerinnen saß eine Tote, von der der Geruch ausging. Sie sah für ihn aus als wäre sie damit eingerieben worden so stark war es an ihr. Er konnte den Anblick nicht ertragen und wandte sich ab.
Durch die nächstbeste Tür war er erneut im Speisesaal gelandet. Da er nichts besseres wusste, hatte er sich unter die Anderen gemischt und ein kleines Frühstück zu sich genommen. Beim Essen versuchte er seine Gedanken zu sortieren.
Hier wurde er willkommen geheißen, mehr als er sich erhofft hatte. Mehr als er zu wünschen gewagt hatte. Doch seine morgendliche Suche nach dem Geruch hatte ihm auch keine Spur von der Person aufgezeigt, die er zu treffen gehofft hatte. Vielleicht war dieser Tempel von ihr verlassen worden. Das würde die Anwesenheit des Anderen erklären. Oder der Anderen, verbesserte er sich, SIE waren durchaus gerne im Rudel unterwegs, auch wenn der Volksglaube anderes behauptete.
Letztendlich entschied er sich erst weitere Nachforschungen anzustellen, bevor er zu einem Entschluss kam. Die Punkte für und gegen diesen Ort glichen sich noch aus. Obwohl sein Instinkt danach schrie weiterzuziehen, eine natürliche Reaktion auf ihre Anwesenheit nun da er von ihnen wusste. Aber ihn beschäftigte auch die Frage, ob die Person, die er hatte treffen wollen, von ihnen vertrieben worden war, oder ob sie gekommen waren, weil die Person nicht mehr da war. Wenn sie überhaupt jemals hier gewesen war. Manchmal bildeten sich Kulte auch scheinbar ohne Antrieb von außen oder wurden mitgebracht von anderen Orten. Der Hauch von Magie heute Morgen ging ihm dabei im Kopf herum.
Nach dem Essen trug es ihn aus dem Tempel heraus. Die Tote verströmte dort immer noch den Geruch. Er trug sich immer weiter in alle Räume hinein und machte es Ivo langsam schwer zu denken. Ivo kannte die Begräbnisriten hier nicht, doch er hoffte, sie würden sie schnell wegschaffen.
Draußen konnte er sich nicht überall umschauen. Dennoch suchte er nach Hinweisen auf Antworten. Immer wieder trieb der Wind ihm auch den Geruch in die Nase.
Letztendlich beschloss er zuerst diesen aufdringlichen Hinweisen nachzugehen, bevor er sich auf die Suche nach den anderen machte.
Das Dorf neben dem Tempel hatte er bei seiner Ankunft gestern kaum beachtet. Jetzt folgte er dem Geruch durch die schmalen Straßen.
An einer Ecke hatten sie sich gerieben, er konnte sogar Haare von ihnen sehen.
An einer anderen Stelle hatten sie die Erde aufgewühlt.
Und hier hatten sie vor einer Weile in die Blumen uriniert. Die Katzen machten seitdem einen Bogen darum.
Langsam bekam er ein Gefühl für das Dorf. Und bemerkte kleine Unterschiede zwischen den Orten, an denen sie sich gerne aufhielten, oder zumindest in letzter Zeit öfter gewesen waren, und denen an die sie ihn nicht führten.
Sie waren zu zweit oder zu dritt. Genauer konnte er es nicht eingrenzen. Ihre Haare vermischten sich oft und auch ihre Gerüche. Das machte es ihm schwerer sie zu unterscheiden.
Kurz vor Mittag führten ihre Spuren ihn an den Ort, an dem sie in der letzten Nacht getobt hatten.
Er musste nicht sehr nah heran um es zu riechen. Alle Fenster des niedrigen Gebäudes waren weit geöffnet. Sie gaben ihm den Blick frei auf etwas, dass wohl als Schlachtfeld bezeichnet werden konnte. Was auch immer dort gelebt hatte, sie hatten es grob in kleine Stücke zerrissen. Flüssigkeiten und Gewebestücke waren überall verteilt, soweit er das sagen konnte. Auf brutalste Art war der Raum von ihnen umdekoriert worden.
Vor dem Gebäude gruben zwei Männer. Er wollte ihnen nicht unangenehm auffallen, deswegen ging er weiter. Nun wusste er mehr.
Gezielt suchte er nach Anzeichen seines Gleichen dort, wo die Anderen nicht oder noch nicht oft gewesen waren. Sie hatten ihm tatsächlich auf eine Art geholfen.
Über einer Tür verblasste ein Schutzzeichen aus lange vergangenen Tagen.
Hinter einem Haus wuchs ein ganzes Feld Knoblauch. Die Bewohner sollte er also von weitem erkennen können.
Neben einem Eingang hing eine vergessene Einladung. Ob wohl jemand ihr nachgekommen war, fragte er sich nachdenklich.
Da alle anderen Hinweise noch älter waren, überlegte er der Einladung auf den Grund zu gehen.
Auf sein Klopfen öffnete eine ältere Frau.
Sie sah ihn misstrauisch an. Ihre Augen wanderten skeptisch von oben nach unten an ihm herab und dann wieder zurück nach oben. „Ihr seid nicht von hier“, stellte sie schließlich fest.
Er schüttelte den Kopf.
„Weswegen habt Ihr an meine Tür geklopft? Hier nimmt nur der Tempel Fremde auf“, sagte sie abweisend und machte eine Armbewegung in Richtung des Tempels.
„Der Tempel hat mich aufgenommen. Ich bin deswegen hier“, erwiderte er ruhig. Er deutete auf die Einladung.
Sie kniff ihre Augen fast zusammen und sah ihn noch skeptischer an, wenn das möglich war. „Wissen Sie was das ist?“, blaffte sie schließlich.
Er zuckte möglichst nichtssagend mit den Schultern. Das reichte ihr anscheinend. Sie gab die Tür frei und deutete ihm mit einem Kopfnicken an einzutreten.
„Tretet ein in Frieden“, sagte sie. Automatisch erwiderte er „Nur in Frieden“, bevor er eintrat.
Die Frau stellte sich als durchaus hilfreich heraus.
Als er ihr Haus wieder verließ, hatte er nicht nur eine ungefähre Idee, wann die Anderen gekommen waren. Er hatte auch ein besseres Bild von der Gottheit, die hier verehrt wurde. Und er hatte ein karges Mittagessen im Magen.
Er hatte ihr nichts versprochen, aber er war fest entschlossen ihr zu helfen.
Und dieses Dorf zumindest für eine Zeit zu seinem zu machen. Bis ihre Gottheit wiederkam, nicht viel länger, nahm er sich vor.
Dafür musste er das Rudel vertreiben.
Für den Moment schaffte es dieser Entschluss, die Erinnerungen aus seiner jüngsten Vergangenheit zu verdrängen. Und damit seinen eigentlichen Grund für seinen Aufenthalt im Tempel.