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How To Save A Life

Haikyuu Krankenhaus AU RairPairs on the Run
von

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Borderline

Wir alle haben unsere Grenzen. Physische und psychische. Manche können wir ganz klar sehen, andere müssen wir erst definieren und vor allem kommunizieren. Es gibt Grenzen, die wir selbst noch nicht kennen. Wir müssen sie erst erfahren und dann Schritt für Schritt mit ihnen umgehen.

Manche Grenzen müssen wir auch einfach überwinden, als wären sie nur ein Hindernis. Mal größer, mal kleiner.

Nicht jede unserer Grenzen ist für jeden Gegenpart gleich definiert. Was eine regelrechte Grenzgänger-Matrix entstehen lässt und die Menschen, die sie verstehen, auch wortlos, sind die, für die wir Grenzen überschreiten, die auch Grenzen für uns überschreiten.
 

***
 

“Ich will Sex mit dir haben” - “Ich will den Rest meines Lebens mit dir verbringen”
 

Die Musik verstummte für einen Augenblick, auch das Rauschen des Windes nahm Kenma für einen Moment nicht wahr und er spürte die Wärme des Feuers nicht mehr. In seinem Körper herrschte eine ähnliche Stille. Es war, als setzte ihm das Herz aus, die Ohren beschlugen. Er musste blinzeln, um Iizuna deutlich zu sehen.
 

“Was?!” Dann kam alles mit einem Schlag wieder zurück. Das Feuer trieb ihm die Hitze ins Gesicht, der Wind fuhr ihm durchs Haar und die Musik setzte wieder ein.
 

“Kenma… ich dachte, du bist asexuell”, wunderte sich Iizuna. Er lehnte sich etwas nach vorne und legte seine Hand auf die von Kenma. Sein Blick war eindringlich, etwas suchend, aber warm und voller Liebe. Voller Verständnis und Hingabe und irgendwie dennoch so verwirrt. Auch Kenma war unsicher.

“Und da willst du dann den Rest deines Lebens mit mir verbringen?”, fragte er und versuchte Iizunas Gesichtszüge zu interpretieren: Er war nicht verärgert, nicht traurig, aber auch nicht hellauf begeistert, weil Kenma gerade Sex in den Topf geworfen hatte. Er wirkte… amüsiert?
 

“Was hat denn das Eine mit dem Anderen zu tun?”, fragte er mit einem großen Lächeln, seine Augen warm; er lachte ihn nicht aus. Kenma spürte, wie sich der Druck auf seiner Brust löste. Iizuna war wirklich genau das, was Dr. Tendou beschrieben hatte. Kenma hatte die ganze Zeit über die Worte des Unfallchirurgen nachgedacht. Darüber, wie viel ihm Iizuna bedeutete und dass Sex nicht Sex war. Darüber, dass sie es nur ausprobieren müssten, sich herantasten und somit darüber sprechen müssten. Dazu gehörte aber auch, dass er Iizuna erklärte, warum er ihm gerade so ein Brett vor den Kopf geschlagen hatte. Und so fing er an, ihm zu erklären, dass ihm Dr. Tendou gewissermaßen einen Floh ins Ohr gesetzt hat. Iizuna ließ Kenma aussprechen. Jeder andere wäre ihm wohl ins Wort gefallen, doch Iizuna war wichtig, das gesamte Spektrum zu kennen, zumindest von Kenmas Gedanken und Sorgen. Die Hand blieb, wo sie war, gab mit Druck und Sänfte weiter, dass jedes Stocken in Kenmas Worten in Ordnung war, und dass er weiter sprechen konnte, so wie es für ihn passte.

Kenma erklärte, dass er Sex eigentlich nur durch Kuroos Fingerspalte kannte, wenn dieser ihm in ihrer Kindheit die Hand vorgehalten hatte, wenn Filme etwas prickelnder geworden waren - im Gegenzug hatte Kenma Kuroo bei Horrorfilmen die Augen zu gehalten. Er erzählte, dass ihn Gespräche mit seinen Eltern verstört hatten und dass seine Real-Life Anknüpfpunkte fast ausschließlich mit Kuroo verbunden waren. Entweder hatte er den Mitbewohner durch die Wand gehört oder es am Tag danach ohne Qualitätsverlust erzählt bekommen. Manchmal hatte er Details noch am Folgetag, in Form von Knutschflecken, zwinkernden Frauen oder Männern und eindeutigen Gesten gesehen.

Und selbst, wenn es irgendwie spannend war, Kuroo auf diese Weise zu hören, sich gar vorzustellen, was auf der anderen Seite der Wand passierte, hatte sich Kenma nie so gefühlt, an solchen Erlebnissen teilhaben zu wollen.

Doch dann kam Iizuna - und Dr. Tendou mit seinen Ausführungen.
 

“Also willst du es tun, weil dir ein durchgeknallter Arzt gesagt hat, dass ich dir weglaufen könnte?”, fragte Iizuna, schon bereit, seine Verteidigung zu sprechen. Dass es ihm darauf nicht ankam, dass er ohne konnte, wenn Kenma es so wollte, dass ihm Liebe mehr bedeutete als Sex, doch Kenma hinderte ihn daran, indem er schlicht “Nein” sagte.

“Ich will es, weil ich dich liebe… ein bisschen, weil ich neugierig bin und vor allem, weil ich dir vertraue.”
 

-
 

In dieser Nacht schmeckten Iizunas Küsse nach süßem Apfel und seine Nähe roch nach Zimt. Die Neugier löste ein aufregendes Kribbeln aus, für Nervosität aber war kein Raum, weil Iizuna das nicht zuließ.

Langsam löste er sich von Kenma und strich ihm sanft das Haar aus dem Gesicht. Nicht hinter das Ohr, weil er wusste, dass Kenma das nicht mochte. Auch, wenn ihm die Umgebung in Iizunas Wohnzimmer bereits wohlbekannt war.

“Gut… dann fangen wir jetzt an, okay?”, fragte er und Kenma nickte. Er lehnte sich an die Rückenlehne der Couch und wartete auf Iizuna.

“Also… wenn wir weitergehen würden, dann würde ich meine Küsse nicht mehr nur auf deinen Lippen setzen. Ich würde zwar hier beginnen”, sagte er, legte ihm die Hand an die Wange und strich ihm mit dem Daumen über die Lippen.

“Aber dann würde ich hier weitermachen und zu deinem Hals wandern”, sprach Iizuna weiter. Sein Daumen setzte sich an Kenmas Mundwinkel, strich über sein Kinn hinunter zu seinem Kehlkopf, mit ganz leichtem Druck, Kenma musste dennoch schlucken, weil es ein ganz typischer Reiz war, wenn man dort berührt wurde. Iizunas Hand lockerte sich etwas und rutschte hinunter an Kenmas Hals. “Ich würde hier deinen Geruch ganz tief einnehmen und an deiner Haut saugen und dir vermutlich einen Knutschfleck machen, weil sie hier so dünn ist.” Iizunas Daumen zog kleine Kreise, wo er ansprach, Kenma zu markieren, es fühlte sich schön an. Mit dem Zeigefinger streifte er über Kenmas Ohr. “Ich würde auch hier hoch küssen und dich vielleicht beißen”, sagte er. Kenma weitete die Augen. “Beißen?”, fragte er. Iizuna schmunzelte. “Nicht fest, nur ein bisschen. Ungefähr so”, sagte er und zwickte wirklich nur ganz leicht in Kenmas Ohrläppchen. Kenma neigte den Kopf dagegen und kniff das Auge leicht zusammen. "Hat's wehgetan?”, fragte Iizuna überrascht und zog die Hand weg, doch Kenma schüttelte den Kopf. “Nein, hat nur gekitzelt”, gab er zu und Iizunas Lächeln kehrte wieder zurück.

Kenma nahm Iizunas Hand und legte sie sich wieder an den Hals. “Was würdest du dann machen?”, fragte er neugierig und Iizuna sprach weiter. “Ich würde testen, wie fest du es magst. Aber ich würde mit meinen Küssen hier weitermachen.” Iizunas Finger wanderten von Kenmas Hals zu seinem T-Shirt-Kragen. Er strich am Schlüsselbein entlang zu Kenmas Schulter. “Mit den Händen würde ich dich streicheln, wo auch immer ich hinkomme”, sagte er noch. “Wo?”, fragte Kenma.

Iizuna legte die freie Hand zögerlich an Kenmas Taille, wo ein angenehmes Kribbeln losgelöst wurde. Kenma sah sofort hinunter. “Nicht okay?”, fragte Iizuna umgehend. “Doch, ist okay”, sagte er und wartete ab, was Iizuna als nächstes machte. “Gut. Also… ich würde, wenn du das nicht an hättest, hier mit meinen Küssen weitermachen”, sprach Iizuna weiter und tapste von Kenmas Schulter zu seiner Brust. Kenmas Atem beschleunigte sich und er folgte Iizunas Fingern, die ihre Kreise zogen, immer enger wurden, bis Kenma plötzlich die Hand auffing. “Nicht da”, sagte er abrupt und ließ locker. Auch Iizuna ließ locker. “Nicht da”, wiederholte er und nickte. “Und da?”, fragte er und legte die Finger an Kenmas Brustbein. Kenma nickte.

“Ab dann würde ich dich ins Bett drücken und mich über dich beugen”, sagte Iizuna. Kenma hob den Blick und sah in Iizunas warme, rotbraune Augen. Er merkte, wie ein Funke übersprang und lehnte sich die Couch entlang zurück. Iizuna folgte ihm. “Ich würde meine Küsse weiter nach unten führen und dich hier streicheln”, sagte er. Die Hand, die seine Küsse simulierte, wanderte über Kenmas Bauch an seine Taille. Die andere Hand streichelte von der Hüfte hoch, wohl darauf bedacht, Kenmas Shirt nicht verrutschen zu lassen.

“Hier würde ich dir noch einen Knutschfleck machen”, sagte Iizuna und strich mit dem Daumen über Kenmas Hüftknochen. “Und dann hier”, sprach er weiter und sein Daumen rutschte mittiger. “Und dann würde ich am Bund deiner Hose entlang küssen und dich eher hier berühren.” Iizunas Hände befanden sich nun an Kenmas Hosenbund und der Außenseite seines Oberschenkels. Kenma holte tief Luft. Sein Herz schlug schneller. Es war nicht unangenehm, was Iizuna mit ihm tat, an diesen Stellen aber Küsse spüren zu können, geschweige denn, seine Hand auf nackter Haut, war aufregend. Es verunsicherte ihn aber, weil er nicht wusste, wie er damit umgehen sollte.

“Und dann würde ich wohl merken, dass es dir zuviel ist und würde meine Finger wieder von dir lassen und dich einfach nur auf die Lippen küssen”, sagte Iizuna und Kenma legte ihm die Arme in den Nacken um ihn in den versprochenen Kuss zu ziehen.
 

Der Kuss, der nach süßem Apfel schmeckte und ihm Nähe bescherte, die nach Zimt roch.
 

-
 

Am nächsten Morgen wachte Kenma durch seinen Wecker auf. Iizuna lag nah an ihn gekuschelt. Das war ganz anders als am Vortag, wo er neben Terushima und Kuroo aufgewacht war und die Arme beider Mitbewohner um sich geschlungen hatte. Diesmal schmiegte er sich in die Umarmung und lächelte, als Iizuna auch wach wurde und ihm gleich darauf zart über den Kopf streichelte. “Das ist so viel schöner als wenn ich nach dem Sex neben jemanden aufgewacht bin”, sagte er mehr um Kenma zuzureden, dass das, was sie in der vergangenen Nacht gemacht haben, viel bedeutsamer war.

“War es denn auch genug für dich?”, fragte Kenma und rieb sich die Augen. Eigentlich wollte er noch gar nicht reden. Es war zu früh am Morgen; die Sonne war noch nicht einmal aufgegangen.

“Genug? Kenma… Es war perfekt, so wie es war”, sagte Iizuna und küsste ihn auf die Stirn. “Und es wäre absolut in Ordnung, würde es dabei bleiben”, sagte er noch und küsste Kenmas Nase.

Kenma schob das Gesicht in das Kissen, dann blinzelte er zu Iizuna. “Du darfst gerne mal wahr machen, was du gesagt hast.”

Iizuna schlang sofort beide Arme um Kenma und drückte ihn fest an sich. “Werd ich”, flüsterte er und sie verweilten einen Moment so. Der Geruch von Zimt war vergangen. Zurück blieb nur der angenehme Duft von Iizunas Weichspüler.
 

“Kaffee?”, fragte Iizuna irgendwann. “Mhm”, murrte Kenma und kuschelte sich nochmal fest ein, während Iizuna aufstand und sich um das Frühstück kümmerte.
 

Als Kenmas zweiter Wecker losging, roch es bereits nach frischem Reis und gedünstetem Lachs. Er seufzte nicht zum ersten Mal über Iizunas Perfektion.

Nach einem kurzen Aufenthalt im Badezimmer kam Kenma zum gedeckten Tisch in die Küche und bekam sogleich eine Tasse Kaffee in die Hand gedrückt. Milch war bereits drinnen, genauso wie etwas Zucker. Genau so, wie er es mochte.
 

Das Frühstück war in Kenmas Interesse still gehalten und Iizuna brachte ihn danach ins Krankenhaus, anschließend fuhr er selbst in den Blumenladen, wo er von nun an arbeitete.
 

“Teru ist heute wieder da”, informierte Kuroo in der Personalschleuse. “Wie geht es ihm?”, fragte Kenma, da lauschten auch schon die neuen Assistenzärzte. Natürlich hatte es seine Runden gemacht, dass etwas vorgefallen war. So ein Krankenhaus war eine massive Gerüchteküche, die auf vollen Touren kochte.

Kuroo zuckte mit den Schultern. “Stabil”, vermutete er. Kenma nickte. Mehr hatte er nicht erwartet; mehr wollte er auch nicht wissen.
 

"Geht es ihm wirklich gut?”, fragte Shirabu später am Weg zur Visite. Im zweiten Jahr waren alle ihre Dienste so gelegt, dass die beiden Gruppen aus dem ersten Jahr nun immer bunt durchgemischt waren. Mal gingen sie mit Dr. Komori, mal mit Dr. Iwaizumi.

Heute gingen Kenma, Shirabu, Terushima und Yachi hinter Dr. Iwaizumi her. Yachi hatte Terushima schon im Aufenthaltsraum aufgesammelt und ihn in ein Gespräch verwickelt, das Kenma nicht näher verfolgte.

Dass nun ausgerechnet Shirabu ausgerechnet ihn fragte, hatte Kenma nicht kommen sehen. Er schielte langsam zu seinem insgeheimen Rivalen. “Kuro hat gesagt, er ist stabil”, antwortete er und wandte den Blick wieder nach vorne. “Das ist echt schrecklich, was passiert ist”, sprach Shirabu weiter. Kenma unterdrückte ein Seufzen. Warum war der Kerl denn heute so gesprächig? Kenma gab ihm nur ein kehliges Brummen zur Antwort.

“Hat er denn was gesagt? Hat er das auch?”, fragte Shirabu weiter, und Kenma blieb abrupt stehen. “Frag ihn doch selbst, Mann”, sagte er etwas lauter. Shirabu blieb auch stehen. Er stellte sich aufrecht vor Kenma. Kenma sah zu ihm hoch. Es war nicht daran zu denken, dass er nun irgendwie klein beigab. “Er ist doch dein Mitbewohner. Interessierst du dich nicht für ihn?”, fragte Shirabu. Nun auch lauter. “Das geht dich nichts an”, antwortete Kenma und stieß Shirabu etwas zurück, weil der sich bedrohlich zu ihm lehnte.

“Hey!”, bellte Dr. Iwaizumi im leisesten Befehlston, weil man im Krankenhaus nicht rumschrie, dennoch war ordentlich Wums und Autorität dahinter, dass beide Assistenzärzte umgehend vor Dr. Iwaizumi gerade standen - fast wie beim Militär. Terushima und Yachi standen vor dem ersten Patientenzimmer auf der allgemeinen Station und sahen verwundert zu Kenma und Shirabu zurück.

“Habt ihr Pappenheimer sie noch alle? Benimmt man sich so in einem Krankenhaus? Als Arzt? Was glaubt ihr, wer ihr seid?”, pflaume Dr. Iwaizumi sie an. Allein der Blick hätte gereicht, dass Shirabu sich freiwillig entschuldigte. “Tut mir leid, kommt nicht wieder vor”, sagte er und neigte den Kopf zu Kenma. “Entschuldigung, Dr. Iwaizumi”, kam es auch von Kenma. Er würde sich bestimmt nicht bei Shirabu entschuldigen. Er hatte in seinen Augen nichts falsch gemacht.

“Ihr beide habt heute auf der Derma Abszesstag. Los. Ich will euch heute nicht mehr sehen. Und nein, auch in der Kantine nicht. Wenn ihr mich seht, weicht ihr aus. Mir reichts mit aufmüpfigen Assistenzärzten”, knurrte er sie an und wies ihnen die Richtung.

“Aber” - “Hab ich mich undeutlich ausgedrückt?” Dr. Iwaizumis Schultern spannten sich an, auf seiner Stirn drohte eine Ader zu platzen. Er überlegte Kenma, ob er sich irgendwie rausreden konnte, dann aber hörte er Dr. Oikawas Stimme.

Oh und wie Kenma wusste, würde Dr. Oikawa gleich um die Ecke kommen, würde hier eine Bombe losgehen, also entschied er sich für das kleinere Übel. “Natürlich nicht”, sagte er zu Dr. Iwaizumi und drehte sofort um und ging zum Lift, wo er ins Erdgeschoss fahren würde und dann zur dermatologischen Ambulanz kommen würde. An den Schritten hinter ihm bemerkte er, dass ihm Shirabu folgte. Klar, er wurde je genauso verbannt. Dennoch mochte Kenma es nicht.
 

Kenma mied an diesem Tag den OP-Bereich. Ein Grund war natürlich Dr. Iwaizumi, dem er wirklich nicht mehr über den Weg laufen wollte, der zweite war Terushima. Eine mögliche Konfrontation mit ihm fühlte sich unangenehm an.

In seiner Pause ging Kenma somit nicht in die Kantine. Er saß sowieso lieber in dem verlassenen Gang mit Dr. Sakusas Uhr, die Atsumus alternative Zeitzone in Erinnerung hielt.

In diesem Gang, in dieser Zeitzone war es für Kenma an diesem Tag so, als wären die Geschehnisse der letzten Wochen und Monate nie geschehen:

Atsumu lebte noch und sein Mentor musste sich nicht durch ein Gerichtsverfahren kämpfen. Kaede hatte nicht versucht, sich das Leben zu nehmen und Dr. Iwaizumi war noch kein Held. Es gab dieses eigenartige Liebesdreieck zwischen Akaashi, Dr. Konoha und Bokuto nicht. Terushima und Yamaguchi wären nicht verlobt, nicht aufgelöst und nicht wieder verlobt. Tsukishima hatte nichts mit Dr. Tendou - oder doch? Hafermilch stand im Kühlschrank und Kenma wusste nicht warum. Überall standen kleine Enten herum, auch da wusste niemand warum. Er kannte Hinata nicht, der auch nicht in einen Unfall verwickelt war. Auch Kenma hatte keinen Unfall, der ihm vorübergehend die Liebe seines Lebens vergessen ließ. Und er hatte den Streit mit Iizuna nicht gehabt, weil dieser sich durch die Weltgeschichte gevögelt hatte. Kenma hatte Kuroo nicht geküsst; er wusste nichts von seinen Gefühlen und Kuroo hatte noch nicht gegen Dr. Sawamura gewonnen in seinem Kampf um Dr. Sugawara und Dr. Sawamura war noch hier. Kawanishi lag noch im Koma. Yachi war traurig und schlief nicht. Kanna wäre noch nicht geboren. Und Eri lebte noch, genauso wie Terushimas Vater und es gab keine Erbkrankheit, die wie das Schwert des Damokles über dem Kopf des aufgedrehten Assistenzarztes schwebte.

Und vor allem gab es keine neuen Assistenzärzte, die Kenmas Ruhe störten.
 

“Hey!”, murrte er die Störenfriede an und schhhte mit dem Finger auf den Lippen. Futamata, Goshiki, Kunimi und Kuribayashi blieben wie angewurzelt stehen. “Verstehst du keinen Spaß?”, fragte Futamata und Kunimi verschränkte die Arme vor seiner Brust, während die anderen beiden sich hinter ihnen versteckten. Kenma verdrehte die Augen. Er nahm den letzten Bissen Apfelkuchen zu sich, stand auf und ging.

Das Schnattern ging ihm tierisch auf die Nerven, aber er hatte nicht die Energie, ihnen die Grenzen aufzuzeigen. Das sollte jemand anderes machen. Jemand wie Tsukishima.
 

Am Abend dieses Tages lief er Dr. Kurasaki über den Weg. Sie war immer abends hier, weil sie dann persönlich die Rollläden in Midoris Zimmer hoch ließ.

“Dr. Kozume war das, nicht wahr? Sie sind schon den ganzen Tag auf der Derma. Überlegen Sie, sich hier zu spezialisieren?”, fragte die externe Ärztin. “Ja”, log Kenma prompt, weil er dieser Frau sicher nicht erklären wollte, dass er mit einem anderen Assistenzarzt gestritten hatte und nun zur Strafe hier war. Dr. Kurasaki schmunzelte. Ahnte sie etwas?
 

“Naja, vielleicht kann ich es Ihnen etwas schmackhafter machen”, sagte sie und winkte ihn hinter sich her. “Warum wollen Sie das?”, fragte Kenma, folgte ihr aber.

“Weil wir immer kluge Leute brauchen. Wissen Sie, die meisten denken, wir poppen ein paar Pickel, verschreiben Rezepte für Hautcremes und lassen es uns gut gehen. Also, verstehen Sie mich nicht falsch, das machen wir auch hin und wieder, aber die Wahrheit liegt hier”, sagte sie und trat mit Kenma in Midoris Zimmer.

“Guten Abend Midori”, sagte Dr. Kurasaki und nahm die Patientenakte zu sich. Midori selbst stand mitten im Raum vor einer Staffelei, auf der für Kenma nur bunte Farben erkennbar waren. Sie drehte sich zu ihnen um. Midori war eine schlanke mittelgroße Frau mit der wohl hellsten Haut, die Kenma je gesehen hatte. Auch ihre Haare waren sehr hell, beinahe Platinblond und ihre Augen waren so strahlend blau wie der Himmel bei Tag an einem Tag wie diesem im Sommer. Midori trug auch nicht Krankenhaushemd, sie trug ihre persönliche Kleidung. Blue Jeans, ein graues Shirt und eine Lederjacke darüber.

“Heute hab ich dir Dr. Kozume mitgebracht. Er hat eigentlich kein Interesse an der Derma, aber ich dachte, ich zeig ihm was Cooles”, sagte sie und zwinkerte der Patientin zu. Kenma fühlte sich ertappt, aber Midori lächelte ihm freundlich zu. “Sie sind der Arzt, der mit Yuuji draußen war, als ich hier angekommen bin”, sagte sie und verneigte sich vor ihm. Auch Kenma senkte den Kopf.

“Wie geht es Yuuji? Er war schon ein paar Tage nicht hier”, erkundigte sich Midori und Kenma wäre am liebsten wieder gegangen. Das war unfair. “Er ist zuhause”, antwortete er knapp. Midori nickte anerkennend. So weit war der Tratsch also nicht gekommen. Gut so. Eine Patientin mit einer unheilbaren Erbkrankheit sollte sich nicht auch noch um Terushima Sorgen machen.

Da fiel es Kenma auf: auch Midori hatte eine seltene Erbkrankheit in der Familie.

“Dr. Asuna? Wie steht es um die Testergebnisse?”, fragte Midori. Natürlich war ihr der Verlauf der Studie wichtiger als Kenma.

Dr. Kurasaki sah mit einem auffordernden Nicken zu Kenma. Kenma wusste gar nicht, was er machen sollte. Tatsächlich wollte die Ärztin nur, dass er jetzt richtig gut aufpasste, denn dann wandte sie sich ihrer Patientin zu und sagte folgendes: “Midori, der Reagenzglas-Test ist positiv abgeschlossen. Wir können bald mit den Injektionen beginnen.”

Midoris Körper erstarrte, ihr Mund klappte auf und ihre Finger wurden schwach, sodass ihr die Farbpalette und der Pinsel aus den Händen fielen. Sie schnappte nach Luft, schluckte und kämpfte mit den Tränen.

“Kein Scherz?”, fragte sie mit brüchiger Stimme. Dr. Kurasaki lächelte mild und schüttelte den Kopf. “Nein, kein Scherz”, bestätigte sie und Midori startete los. Sie ließ die Staffelei und die Farbe hinter sich und legte einen Sprint auf Dr. Kurasaki los, dessen Impact diese gerade noch auffangen konnte. Kenma wich einen Schritt zur Seite. “Danke! Danke Danke Danke Danke!”, wiederholte Midori wieder und wieder. Dr. Kurasaki legte vorsichtig die Arme um ihre Patientin, klopfte ihr den Rücken und führte sie dann zum Bett, wo sie sie sich setzen ließ. Die Dermatologin selbst nahm einen Stuhl und setzte sich ihr gegenüber hin.

“Dr. Kozume, Stuhl, hier”, sagte sie noch zu Kenma und begann dann alles genau zu erklären.
 

Midori trug die seltene Erbkrankheit Xeroderma pigmentosum in sich. Sie hat es von ihrer Mutter geerbt, die früh an Hautkrebs gestorben war; das Schicksal aller XP-Patienten. Ein Gendefekt sorgte dafür, dass UV-Strahlung wie hoch potentes Gift auf den Körper wirkte. Das Enzym fehlte, das bei einem gesunden Menschen UV-Schäden reparierte.

Es gab bereits klinische Studien zu Lotions. Die Enzyme wurden durch Auftragen direkt in die Hautzellen geschleust und sorgten auch bereits für positiv bestätigte Ergebnisse zur Senkung der Hautkrebsrate. Aber die Quote war der Ärztin zu gering.

Dr. Kurasakis Ansatz war die systematische Herstellung der Reparaturfähigkeit von Midoris Haut. Sie begann mit mRNA-Technologie und setzte dort an, wo auch BioNTech mit ihren Studien zur Krebstherapie startete. Ein mRNA Code, der wie eine Bauanleitung für das fehlende Reparatur-Enzym arbeiten sollte, wurde in winzige Fettkügelchen, sogenannte Liposomen, verpackt und diese würden in Midoris Blutkreislauf injiziert werden.

Die Liposomen waren so programmiert, dass sie an die Rezeptoren von Hautzellen andockten. Diese Zellen nahmen die mRNA auf und begannen, das Enzym selbst zu produzieren - so der Plan, der im Reagenzglas bereits funktionierte.
 

Midori wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Kenma verstand, was die Ärztin gemeint hatte, als sie gesagt hatte, sie würde ihm etwas Cooles zeigen. Dieser Ansatz war wie das Umprogrammieren von Midoris Zellen. Ein Update sozusagen. Die DNA blieb zwar dieselbe, aber mit dem injizierten Enzym erhielt sie ein Power-Up, das sie unter der Sonne nachhaltig lebensfähig machen sollte.
 

“Und… wo ist der Haken? Es gibt immer einen Haken”, fragte Midori. Dr. Kurasaki lehnte sich nach vorne, nahm Midoris Hände in die ihren und erklärte den Haken: “Das Immunsystem. Dein Körper könnte das Enzym abstoßen. Wir müssen erst die Dosis exakt bestimmen. Dein Immunsystem darf nicht Amok laufen, aber deine Haut muss lernen, sich selbst zu heilen. Das ist riskant, aber es ist der richtige Ansatz. Und ich werde mich sofort an die Berechnungen machen.”

“Das klingt doch gut. Ich lerne auch gerne Neues, da soll es meine Haut auch mal machen", sagte Midori und lachte vergnügt. Kenma schmunzelte. Ganz so einfach war es nicht. Midori konnte ihren Körper nicht auf diese Weise beeinflussen. Der Schlüssel lag in Dr. Kurasakis Berechnungen.
 

“Asuna?”, fragte plötzlich eine Stimme, die Kenma heute schon einmal die Beine in die Hand nehmen hat lassen. Dr. Oikawa stand in der Tür und Dr. Kurasaki drehte sich zu ihm. “Oh, Toru, ist es schon so spät?”, fragte sie und der plastische Chirurg nickte. “Ist es, aber ich sehe, du bist gut unterhalten. Wir können gerne verschieben”, bot er an, aber Kenma sah ihm an, dass er es nicht ernst meinte. Dr. Oikawa wusste einfach nur, was Frauen hören wollten und wie man mit ihnen sprechen musste.

“Das ist lieb, danke Toru, ich melde mich morgen bei dir”, sagte Dr. Kursakai und dem Oberarzt verfiel das Gesicht. Er warf Kenma einen bitterbösen Blick zu und machte danach hastig kehrt.

Ein spitzes “Iwa-chan” war im Gang noch zu hören. “Er ist immer so eine Diva”, winkte Dr. Kurasaki die Situation ab und wandte sich an Kenma.

“Dr. Asuna, Sie können gerne auf ihr Date mit Dr. Handsome gehen. Es macht mir nichts aus, einen Tag länger zu warten”, sagte Midori mit einem frechen Grinsen. Es ähnelte dem von Terushima. Sie zwinkerte auch exakt so wie der Assistenzarzt. Kenma seufzte. Er war Terushima ausgewichen, weil es unangenehm für ihn war. In Wirklichkeit aber fehlte er nun in einem Prozess, wo man echte Freunde brauchte.
 

“Ach, Männer wie Toru muss man warten lassen”, erwiderte Dr. Kurasaki den frechen Blick und stand auf. Sie wandte sich an Kenma. “Aber ich habe auch für Sie keine Zeit mehr, ich muss ins Labor”, sagte sie und dampfte dann schneller ab, als Kenma hätte reagieren können.
 

“Grüßen Sie Yuuji bitte von mir, Dr. Kozume”, sagte Midori und ließ sich ins Bett zurückfallen. “Irgendwann kann ich einen echten Regenbogen sehen und den Topf voll Gold suchen”, sagte sie zu sich. Sie schloss die Augen und streckte alle Gliedmaßen von sich. Kenma fühlte sich bereits fehl am Platz und verließ das Zimmer und bald darauf auch schon das Krankenhaus.
 

-
 

Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. In der WG war alles wie immer. Terushima machte keine Anzeichen, dass ihm der Tod seines Vaters nahe ging. Stattdessen machte er öfter Motorradausflüge mit Yamaguchi und besuchte auch Kaede daheim. Er erzählte auch von Midori und davon, dass die ersten Injektionen gemacht wurden und nun die nächste Testphase begann. Er wirkte tatsächlich stabil.
 

Iizuna hatte ein paar der Dinge tun dürfen, die er beschrieben hatte. Küsse an neuen Stellen. Zarte Bisse am Ohr und dann war da Wochen später dieser erste Knutschfleck an Kenmas Hals, der für ein besonders breites Grinsen auf Kuroos Gesicht sorgte.

“Na? Wie weit seid ihr schon?”, fragte er neugierig beim chirurgischen Händewaschen, weil die beiden gemeinsam bei Dr. Washijo für eine totale Hüftendoprothese eingeteilt waren. Kenma mochte die Ortho immer noch nicht, aber er musste nun einmal alles sehen. Dr. Washijo war immerhin nicht so massiv und brutal wie Dr. Ushijima, dafür war er strenger und sorgte für erhöhte Anspannung für jeden Beteiligten im Operationssaal. Normalerweise war Hana seine sterile Schwester, aber die durfte noch nicht arbeiten, somit übernahm Izuru. Angespannt wohl.
 

“Genau so weit, wie du es siehst”, antwortete Kenma und ging nach dem dritten Waschdurchgang mit angewinkelten Armen zur OP-Tür, die er mit dem Fußtaster öffnete. Izuru reichte ihm im Saal das sterile Waschzeug und Kenma desinfizierte das OP-Gebiet. Das Bein des Patienten wurde von Hiroo hochgehoben und nach der Präparation in das Extensionsanbauteil des Tisches eingehängt.
 

Nach der Operation eilten die Unfallchirurgen in die Notaufnahme, weil der Krankenwagen einfuhr. Später erfuhr Kenma von einem Todesfall, der die Rettungswache nebenan wohl ziemlich durchgeschüttelt hatte, aber er kannte weder den Verstorbenen noch die Angehörigen. Zumindest nicht gut genug. Dennoch war der schwere Schleier der Trauer wieder spürbar, selbst im Krankenhaus, selbst, wenn hier niemand den Mann kannte, der ums Leben gekommen war.
 

“Morgen laufe ich für Kaede”, sagte Terushima Anfang September erhobenen Hauptes. “Und ich warte auf der Ziellinie auf dich”, sagte Yamaguchi und küsste ihn stolz auf den Mund. Sie waren gerade auf dem Weg aus dem Krankenhaus.

Es glich einem Wunder, dass sie am Folgetag alle frei hatten. Auch Kuroo hatte frei, doch er wirkte nicht besonders erfreut darüber. Oder hatte ihm etwas anderes die Laune verdorben?

In der Wohnung sprachen sie nicht darüber, weil Kuroo mit dem Handy direkt in sein Zimmer gegangen war. Terushima saß mit Yamaguchi am Küchentisch und trank dort noch ein Glas Saft, ehe sie genauso im Zimmer verschwinden wollten. Da geschah es.

Ein klirrendes Geräusch und Kenma stand vor einer Lacke orangener Flüssigkeit, umringt von Scherben.

“Nicht bewegen, Kenma!", sagte Yamaguchi, der bereits aufgesprungen war und Küchenpapier holte. Kenma hob nur die Arme. “Hatte nicht vor, hinein zu treten”, sagte er. Terushima blieb sitzen und starrte auf seine Hand. “Sorry… war voll rutschig”, sagte er und stand dann auch auf, Yamaguchi zu helfen.

“Hattest du vor, dich testen zu lassen?”, fragte Kenma und die Stimmung schwang noch einmal um. Es wurde eiskalt. Yamaguchi blieb am Boden, Terushima starrte Kenma an. “Warum sollte ich mich testen lassen? Ist dir noch nie ein Glas aus der Hand gefallen?”, fragte er und stapfte an ihm vorbei. Yamaguchi seufzte, während Kenma Terushima nachsah.

“Er hat Angst”, sagte er und entsorgte den Rest des Missgeschickes. “Aber so viel es wert ist… ich hab heute den Wundhaken fallen lassen. Sowas passiert. Nicht jede Anomalie ist pathologisch”, sagte Yamaguchi noch und ging Terushima nach.

Kenma blieb für einen Moment zurück und erinnerte sich an Hanas Erzählung über Terushimas Mutter. Vielleicht sollte er sich in die Terushima-Skala einlesen.
 

-
 

Am nächsten Morgen war alles wieder wie immer. Terushima war früh auf, hatte seine Laufsachen an und Kenma hing über seinem Kaffee, weil er eigentlich noch gar nicht wach sein wollte. Er hatte frei und wollte ausschlafen, aber was Freundschaften so mit sich zogen, waren nun mal auch solche Events und als Terushima Kenma das erste Mal auf den “Wings for Wheels”-Run angesprochen hatte, war dieser noch davon überzeugt, dass Kenma mit ihm laufen würde. Da war das frühe Aufstehen und dann nur dort zu stehen eindeutig die bessere Variante.
 

“Ich könnte doch auch nachkommen und wie Yamaguchi am Ziel warten. Das dauert doch eh ewig lang…”, murmelte Kenma mehr in die Tasse als an Terushima gerichtet.

“Aber ich brauche Leute, die mich an der Seitenlinie anfeuern! Du und Ku-Bro müsst auch die Stationen abklappern”, sagte Terushima begeistert. Natürlich würde auch Yamaguchi das machen, der die Nacht hier verbracht hatte und immer noch ein bisschen an dem kleinen Vorfall des vergangenen Abends zu hängen schien.

“Da könnten wir ja gleich mitlaufen”, sagte Kuroo, der für seine Verhältnisse spät aus seinem Zimmer kam. Seine Haare standen an diesem Morgen besonders chaotisch vom Kopf, sein Gesicht wirkte müde, auch seine Stimme klang tiefer und kratziger als sonst. Beinahe so, als wäre er verkatert. Wie ferngesteuert ging er zur Kaffeemaschine und versorgte sich erstmal mit dem schwarzen Lebenselixier. Keine Milch, kein Zucker, pure Energie.

Kenma aber schüttelte nur den Kopf, weil er an seinen Worten hängen blieb. Als Zuseher hatte man eigene Routen, die über Abkürzungen die Laufstrecke absteckten. Keine Chance also, dass er selbst gelaufen wäre.

“Bro… du siehst aus, als hätte dich die Hölle ausgespuckt”, sagte Terushima zu Kuroo, aber der lachte nur einmal kehlig auf. “Und trotzdem seh ich besser aus als du”, konterte er mit einem selbstgefälligen Grinsen. “Blödsinn! Sags ihm Babe”, erwiderte Terushima und stellte sich hinter Yamaguchi. “Du bist halt mein Typ”, sagte dieser und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück für mehr Körperkontakt. Kenma trank seinen Kaffee aus und ging lieber ins Badezimmer, als hier auch noch zwischen die Fronten zu geraten.
 

Da der Herbst bereits langsam seinen Einzug hielt, entschied er sich dazu, die Trainingsjacke seiner alten Oberschule über seine sonst auch sehr lockere Garderobe zu ziehen, auch wenn die Temperaturen für weniger sprachen. Anfang September war wie April. Man wusste nie, wann das Wetter plötzlich umschwang, und Wetterprognosen glaubte Kenma sowieso nicht. Das war eine Wissenschaft, die auf Zahlen der Vergangenheit basierte und wenn er eines wusste, dann, dass die Vergangenheit die Zukunft nicht voraussagte.
 

Das zeigte ihm am Startpunkt der Laufstrecke auch Kaede, die mit ihrem Bruder bei Dr. Iwaizumi stand. Der Unfallchirurg war seiner Aufmachung nach auch für den Lauf angemeldet. Er trug ein enganliegendes helltürkises Kompressionsshirt, das wenig Raum für Interpretationen ließ. Ebenso die schwarze Kompressionshose dazu, aber zu Kenmas Interesse, trug er darüber noch weite weiße Sportshorts. Vielleicht war es auch eine Kombination.

Terushima hatte nur ein gelbes T-Shirt und weiße Shorts an. Als wäre er aus dem Sportunterricht der Schule direkt hierher gelaufen. Er war auch schon hyped, als hätte er sich bereits eingelaufen. Seine Aufmerksamkeit lag allerdings mehr bei Kaede und ihrem Bruder. Vorerst, denn irgendwo in der Menge, die sich bereits an der Startlinie sammelten, erkannte er etwas, oder eher jemanden.
 

“Yo! Police-Bro hat sich genau 100 Leute nach mir angemeldet”, rief Terushima und deutete auf Officer Sasaya mit der Startnummer 1142. Der Polizist wandte sich auch direkt zu der kleinen Gruppe um, als hätte er einen sechsten Sinn für Ärger. Nun ja, in seinem Beruf musste das wohl auch so sein. Dennoch blieb sein Blick an Kenma hängen und Kenma erinnerte sich an den peinlichen Vorfall, als Iizuna bei ihm war, sie Take-out bestellt hatten und Officer Sasaya ihren Lieferanten verhaftet hatte. Damals hatte er dem Polizisten vorgelogen, er wäre allein daheim und nicht verstanden, dass das eine indirekte Einladung war. Officer Sasaya winkte ihm kurz zu, wandte sich dann aber einer Freundin oder einer Kollegin um. Es war schwer zu erkennen, da hier niemand seine Dienstkleidung trug.

Auch Dr. Ushijima trug nicht blau oder grün wie im Krankenhaus. Er trug ein etwa fliederfarbenes violettes Kompressionsshirt und lange Kompressionshosen, die sogar die Linien seiner Unterwäsche preisgaben. Kenma drehte sich um zu der Gruppe, die sich um ihn gegründet hatte.
 

Yamaguchi kam gerade von der Trinkstation und brachte Terushima einen Becher mit einem isotonischen Getränk. Für Kenma hatte er Wasser dabei und auch Kuroo bekam etwas ab. “Solltest du dich nicht langsam einreihen?”, fragte er Terushima, der den Inhalt des Bechers gleich austrank.

“Klar, kommst du mit? Mir noch ne besondere Motivation mit auf den Weg geben?”, fragte er und zwinkerte frech. Yamaguchis Wangen wurden rot, aber er nickte und ging mit Terushima Richtung Startlinie. Dr. Iwaizumi verabschiede sich ebenfalls von der Gruppe und schummelte sich sogar noch an Yamaguchi und Terushima vorbei.
 

“Oh Dr. Iwa-chan!!”, rief plötzlich eine Stimme, die Kenma immer Unbehagen bescherte. Auch Dr. Oikawa lief wohl mit, er tackelte nämlich am Weg zur Startlinie gerade Dr. Iwaizumi. Da sah Kenma das erste Mal eine Gemeinsamkeit mit dem plastischen Chirurgen. Nicht etwa den Tackle, auch nicht das laute Rufen und schon gar nicht die Tatsache, dass er hier mitlief, weil sein bester Freund es tat - Kuroo stand absolut teilnahmslos neben ihm - sondern die Tatsache, dass er gut eingepackt war. Auch Dr. Oikawa trug lange Hosen - schwarz - und unter der weißen Trainingsjacke mit türkisen Highlights trug er dasselbe helltürkise Shirt wie Dr. Iwaizumi.

“Boah… Oikawa… voll peinlich”, knurrte Dr. Iwaizumi und zippte dem bereits schmollenden Arzt die Trainingsjacke zu. “Wir sind keine Geschwister oder Zwillinge”, sagte er laut, da lachte der Plastiker auf. “Aber beste Freunde”, sagte er und handelte im Anlauf einer Umarmung eine Kopfnuss ein. Kenma nickte zufrieden. Das hätte er auch gemacht.

Hinter sich hörte er ein fröhliches Lachen und drehte sich sogleich zu Kaede um. Sie sah ganz anders aus, als damals, als er sie das letzte Mal gesehen hatte. Sie saß immer noch im Rollstuhl, das würde sich nicht mehr ändern. Aber ihre Haare waren gepflegt, hingen in ordentlichen Wellen um ihre Schultern und die Stirnfransen fielen ihr locker ins Gesicht. Ihre Augen strahlten und ihr Lächeln war ehrlich. Ihre Gesichtsfarbe war gesund und sie wirkte nicht mehr so schwach, sie war voller Energie.

“Wie geht es dir?”, fragte er sie unbeholfen. Kaede nahm ihren Blick von den beiden Ärzten und sah zu Kenma hoch. Kenma wusste immer noch nicht recht, mit ihr umzugehen. Blieb er stehen? Beugte er sich hinunter? Ging er in die Hocke? Mangels Fachwissen blieb er stehen.

“Danke Dr. Kozume, mir geht es wirklich gut”, antwortete sie und Kenma glaubte ihr. Ihren Bruder konnte er nicht recht einschätzen, aber er wollte auch gar nicht. Eigentlich hatte er mit diesen Menschen nichts zu tun. Er kannte Kaede, kannte ihre Geschichte und durch Terushima hörte er immer wieder etwas von ihr. Die Frage war somit eigentlich auch vollkommen umsonst, denn er wusste ja, dass es ihr gut ging. Dass sie ihr Leben trotz Querschnitt im Griff hatte.

“Und Ihnen? Teru hat erzählt, Sie ziehen vielleicht bald aus”, sagte Kaede und Kenma hörte das erste Mal davon, dass er einen Umzug plante. “Was?”, fragte er, unbeantwortet blieb die Eingangsfrage. “Oh… also… Teru meinte, Sie und Iizuna-san haben eine so schöne Beziehung, dass Sie bestimmt bald zusammenziehen würden”, erklärte sie. Kenma fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog. Es war ihm unangenehm. Nicht nur, weil er mit einer ehemaligen Patientin nun über seine Beziehung sprach, denn Kuroo stand auch noch da und der fremde Angehörige. Kenma atmete tief ein. Kuroo wandte sich nun auch zu der Gruppe. “Ja toll, verlasst mich nur alle”, sagte er und schnaubte angespannt aus. Kenma hob die Augenbrauen. “Verlassen? Alle?”, fragte er. Zog Terushima etwa auch bald aus? Zu Yamaguchi? Ob das dessen Mitbewohner gefallen würde? Soweit Kenma informiert war, lebte Yamaguchi mit Tuskishima. Da Tsukishima aber schon eine Weile mit Dr. Tendou zusammen war - oder so - war es vielleicht naheliegend, dass sich diese Wohngemeinschaft bald auflösen würde.

“Ich habe nicht vor, auszuziehen”, sagte Kenma trocken. Eine weitere Frage von Kaede kam nicht, oder er hörte sie nicht, denn seine Gedanken kreisten nun um einen eventuellen Umzug. Oder vielmehr die potenzielle Frage Iizunas, bei ihm einzuziehen. Daran hatte Kenma nie gedacht. Er mochte ihre aktuelle Situation. Er mochte, dass er mit seinen Eltern noch nicht über ihn gesprochen hatte und er mochte, dass er Iizunas Familie noch nicht vorgestellt wurde. Er mochte, dass es einfach zwischen ihnen war. Aber irgendwie war ihm klar, dass diese ganzen Schritte langsam auf ihn zukommen würden.

“Red einfach mit ihm drüber”, sagte Kuroo und legte seinen Arm um Kenma. Da war wieder die beruhigende Stimme, wie er es von seinem besten Freund gewohnt war. “Reden ist Key”, fügte er hinzu, und Kenma nickte. “Wie geht's dir eigentlich?”, fragte Kenma. Das hatte er Kuroo schon lange nicht mehr gefragt. Kuroo zuckte mit den Schultern. “Das reden wir später”, antwortete er. Da räusperte sich Kaede.

“Also, wir werden schon mal ein Stückchen vorfahren, dass wir dann besser sehen können, wenn sie vorbeilaufen”, sagte sie und bewegte sich mit ihrem Bruder weg. Nicht aber, ohne davor noch ein letztes Mal freundlich zu lächeln und zu winken. Kenma hob auch die Hand und winkte ihr nach.

“Oder wir reden gleich drüber, weil es nie für irgendwas den perfekten Zeitpunkt gibt”, sagte er und sah Kuroo nun ernst an. Kuroo lehnte sich an das Geländer der Absperrung.

“Koshi hat nen Award gewonnen”, sagte er. Kenma schwieg, weil er nicht wusste, warum Kuroo das die Laune verdarb. Wenn Terushima es gewesen wäre, würde er es verstehen, weil Terushima unausstehlich gewesen wäre, aber Dr. Sugawara traute er das nicht zu. Auf der anderen Seite hätte er auch nicht gedacht, den Kinderchirurgen jemals auf dem Schoß seines Mitbewohners sitzen zu sehen. Mitten im Wohnzimmer.

“Und er soll bei einem Forschungsprojekt mitmachen”, sprach Kuroo weiter. Auch das wirkte für Kenma nicht schlimm. Nun ja, vermutlich hieß das, dass Kuroo den Oberarzt im Krankenhaus nicht mehr so oft sehen würde. Forschungsprojekte nahmen viel Zeit ein und je nachdem, wo die Forschungseinrichtung war, musste Dr. Sugawara vielleicht sogar wechseln. Oh, oder er machte es zusätzlich und die gemeinsame Freizeit der beiden würde dadurch noch weiter reduziert, als sie es bei Ärzten auf unterschiedlichen Abteilungen eh schon war.

Während Kuroo den ausschlaggebenden Satz sagte, wurde allerdings der “Wings for Wheels”-Lauf gestartet. Eine Lautsprecherstimme jagte über ihre Köpfe hinweg, genauso wie ein lautes Tröten, das den Startschuss imitierte. Die Leute um sie jubelten, während Kenma Kuroos Worte versuchte zu verstehen, aber es gelang nicht. In Kuroos Gesicht stand Trauer geschrieben.

“Was?”, fragte Kenma. Die unterschiedlichsten Leute liefen an ihnen vorbei - unter ihnen auch Washio, Hirugami und Kanoka von der Rettungswache nebenban und Hoshiumi und Gao von der Feuerwehr. Die Menge, in der Kenma mit Kuroo stand, begann sich irgendwann auch zu bewegen und sie blieben beinahe alleine zurück. Irgendwann wurde es immerhin leise um sie herum.
 

“Kannst du dich noch an letztes Jahr erinnern? Als du dachtest, ich hätte was mit Dr. Suna?”, fragte Kuroo. Kenma verdrehte die Augen. “Mhm”, machte er nur.

“Tja.. damals hab ich ihm ja von einem Fall von Koshi erzählt. Das kleine Mädchen mit Loch im Herzen. Koshi wusste nicht mehr weiter, weil die Belastungstests die Diagnose nicht bestätigt haben, obwohl es auf den Bildern ganz deutlich war. Er hat dann noch ein 4D MRT gemacht, aber das hat die Unklarheiten noch wilder gemacht, deswegen hab ich Dr. Suna darauf angesprochen. Koshi war vielleicht zu stolz oder auch einfach nur zu fokussiert, um nach einem Herzspezialisten zu fragen. Wie auch immer. Dr. Suna hat da was voll krasses entdeckt und Koshi konnte dank ihm das kleine Mädchen retten. Wenn das nicht aufgekommen wäre, wäre die Kleine bei der eigentlich geplanten OP gestorben… Koshi wusste, dass etwas nicht stimmt und der Fall wurde auch irgendwo eingereicht und er hat nen Preis dafür bekommen. Also beide, Dr. Suna steht auch auf dem Paper und alles. Aber in Europa gibt es da so ein Krankenhaus, Spitzenreiter für Kinderkardiologie und die machen so ein Forschungsprojekt… Tja und nun sollen die beiden da mitmachen und Koshi ist total begeistert”, erklärte Kuroo mit einem wechselnden Auf und Ab in der Stimme, weil ihm der Fall wirklich ans Herz gegangen war, aber auch, weil es eine unangenehme Situation des frischen Paares mit sich zog.

“Das ist eine unglaubliche Chance”, sagte Kenma. Kuroo starrte ihn für einen Moment an, dann schlug er sich selbst die Hand ins Gesicht. “Mensch… Koshi hat die Chance seines Lebens und ich bin sauer, weil er mich verlässt”, seufzte er über sich selbst.

“Aber er verlässt dich doch nicht. Er geht nach Europa für ein Projekt. Er kommt doch wieder, oder du kannst doch auch mit ihm gehen", sagte Kenma, ungeachtet der Schwere seines Vorschlags. “Mit ihm gehen?”, wiederholte Kuroo den offensichtlichen, aber einschlagenden Teil. Kenma schwieg darauf; Kuroo driftete sowieso in seinen Gedanken ab.

Da läutete Kenmas Handy.
 

“Hey! Wo seid ihr? Yuuji ist gleich beim ersten Checkpoint”, hörte er Yamaguchi durch den kleinen Lautsprecher rufen; im Hintergrund war es laut. “Oh… wir gehen gleich zum zweiten Checkpoint”, sagte Kenma, legte auf und sah zu Kuroo. “Komm”, forderte er und ging vor. Dass er Kuroo nun einen Floh ins Ohr gesetzt haben könnte, erfüllte ihn mit Unbehagen. Zwar ahnte er, dass sowohl Kuroo als auch Dr. Sugawara diese Möglichkeit bei Zeiten bestimmt selbst eingefallen wäre, aber nun fühlte es sich so an, als würde er seinen besten Freund wegschicken. Er spürte umgehend die Leere in sich aufbauen, die Kuroos Abwesenheit hinterlassen würde.

“Wie lange geht das Projekt?”, fragte er, als Kuroo nachkam. “Ein Jahr”, antwortete er sofort.

Ein Jahr. Das war wie das eine Jahr, dass er Kuroo in der Grundschule nicht in der Schule gesehen hatte, oder in der Mittelschule, oder auf der Oberschule und dann auf der Uni. Immer dann, wenn Kuroo Schule gewechselt hatte und Kenma noch ein Jahr zurückbleiben musste, weil er eben ein Jahr jünger war. Aber da hatten sie ihre gemeinsame Freizeit. Kuroo war immer wieder nach der Schule bei den Kozumes aufgeschlagen. Er war immer da gewesen.

Wenn Kuroo nun aber für ein Projekt ein Jahr in Europa wäre, dann wäre er nicht bei Kenma.

"Jetzt, wo es mit dir und der Grinsebacke so gut läuft, könnte ich wohl wirklich gehen”, sagte Kuroo überraschend. Kenma drehte sich im Gehen zu ihm um. “Was hat das mit mir zu tun?”, fragte er. Kuroo grinste. “Ich kann dich doch nicht einfach allein lassen und ich vertrau ihm”, antwortete er. Kenma verdrehte die Augen und sagte: “Ich kann ganz gut allein auf mich aufpassen und Teru ist auch noch da.” Kuroo schnappte erschrocken nach Luft. “Das heißt, Teru wäre dann mein Ersatz?”, fragte er. Kenma schüttelte den Kopf. “Dich kann man nicht ersetzen”, sagte Kenma und Kuroo legte seinen Arm um ihn. Er drückte ihn näher und Kenma akzeptierte es, er lehnte sogar seinen Kopf gegen Kuroo und genoss den kurzen Moment.

“Wann wäre das dann?”, fragte Kenma. Und Kuroo eröffnete ihm, dass das Projekt im nächsten Frühjahr starten würde. Genug Zeit, sich vorzubereiten. Genug Zeit, dass Kuroo seine Assistenzarztzeit am Haikyuu Medical Hospital abschloss und genug Zeit, in Europa eine Stelle als Allgemeinchirurg zu finden, denn diese Spezialisierung stand für ihn fest.

“Ich werd dich vermissen”, gab Kenma zu. “Du hast mich noch ein ganzes halbes Jahr”, sagte Kuroo.



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