Zum Inhalt der Seite

How To Save A Life

Haikyuu Krankenhaus AU RairPairs on the Run
von

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

48 Hours

In 48 Stunden kann sich dein ganzes Leben auf den Kopf stellen. Vieles kann sich ändern. Eine Entscheidung kann gefällt werden, aber auch eine Einstellung geändert werden.

Eine Diagnose kann den ganzen Alltag umstellen.

In 48 können sich neue Beziehungen aufbauen, neue Dynamiken entstehen. Synergien entwickeln.
 

Wenn man 48 Stunden auf Etwas wartet, dann kann es ruckartig weg sein. Manchmal muss man aber genau 48 Stunden geduldig sein um das Bestmögliche zu erzielen.
 

In 48 Stunden werden wir nicht zu Spezialisten, aber in 48 Stunden können wir uns viel aneignen. In 48 Stunden kann man lernen, üben. Nicht durchgehend. Man muss auch mal schlafen.
 

48 Stunden, das sind zwei Tage. Was kann in zwei Tagen schon passieren?
 

***
 

Vor dem Operationssaal lief warmes Wasser über Kenmas Hände, nachdem er diese ausgiebig mit Seife gewaschen hat. Mit dem Ellenbogen betätigte er den Hebel, das Wasser abzudrehen. Darauf schüttelte er die Hände ab und sorgte darauf ebenso mit seinem Ellenbogen dafür, dass ausreichend Desinfektionsmittel in seinen Händen landete. Bis knapp vor der Armbeuge verteilte er die stark riechende Flüssigkeit. Kenma mochte den Geruch von Desinfektionsmittel. Er stand für ihn für Sauberkeit. Keimarm wurde er dadurch. Ein zweites Mal desinfizierte er seine Hände, diesmal bis zur Mitte der Unterarme, darauf folgte ein drittes Mal bis zu den Handgelenken. Sorgfältig, dass er keine Stelle ausließ. Die Zwischenräume der Finger wurden berücksichtigt, ebenso wie die Fingernägel inklusive Nagelbett und jedes Fingergelenk. Er war gut darauf bedacht, keine durch Beugung gebildete Fältchen auszulassen. Mit der letzten Portion Desinfektionsmittel hat er mit dem Fuß den Sensor für den Operationssaal betätigt und betrat diesen, während er die letzten Stellen versorgte.

Überraschend stellte er fest, dass Terushima direkt neben dem Kleinkind am viel zu großen Operationstisch saß. Ohne OP-Maske. Grimassen schneidend und lachend. Auch der junge Patient lachte, während Dr. Semi den Zugang für das Narkosemittel setzte.
 

“Oh und schau, das ist einer von den Ärzten, die dich operieren werden”, sagte Terushima und deutete auf Kenma. Der Junge drehte den Kopf direkt zu ihm. Bei Kenma waren nur die Augen gut zu sehen, der Rest seines Gesichts war hinter der OP-Maske versteckt, seine rausgewachsenen blonden Haare unter der OP-Haube zurückgebunden. Der Operationssaal war der einzige Ort, wo er es duldete, dass seine Haare nicht in sein Blickfeld hingen, denn hier war es notwendig, dass er alles sehen konnte. Er musste jede Rolle im Saal orten können, jeden Mitarbeiter berücksichtigen, wissen, wem er sagen musste, was er zu tun hatte. Wenn er dann einmal alleine operierte.
 

“Warum bist du hier?”, fragte Kenma trocken. “Der kleine Nagaru hat ihn als Bezugsperson gewählt”, sagte Dr. Sugawara, der direkt hinter Kenma den Operationssaal betrat. “Und Hope?”, fragte Kenma, weil Terushima eigentlich bei ihr Aufsicht hatte. “Geht’s soweit gut, ich schätze aber, Terushima geht wieder zu ihr, sobald Nagaru schläft.”

So war das. Bei Kindern im Operationssaal war immer alles anders. Es war wärmer, das mochte Kenma nicht. Und ein Kind wählt immer eine Bezugsperson vom Krankenhauspersonal. Das wurde nicht ausgesprochen, sondern erkannt und es war egal, wer diese Person war. Von einer Reinigungskraft über eine Schwester zum geplant operierenden Arzt konnte das jeder sein. Kenma würde sich wirklich vor der Kinderstation sputen. In so eine Situation wollte er nie kommen. Denn es hielt vom Operieren ab.
 

“Und wenn du jetzt an Eiscreme denkst, dann träumst du auch davon und ich glaube, deine Eltern werden dann auch welches für dich haben, wenn du aufwachst”, sagte Terushima mit einem breiten Grinsen, das sogar Dr. Semi schmunzeln ließ. “Er macht sich gut”, sagte Dr. Sugawara. Kenma seufzte nur. Der Anästhesist nickte.

Dr. Sugawara und Kenma ließen sich von der OP-Schwester, heute stand Hana bei ihnen und instrumentierte, in die sterilen Mäntel helfen und Handschuhe überziehen. Dann konnte Kenma zumindest wieder seine eigenen Finger berühren. Auch den Mantel durfte er anfassen, tat es aber nicht.

“Wir leiten ein”, sagte Dr. Semi und der Operationssaal wurde ganz still. Niemand hantierte mit Geräten, verschob etwas oder packte Material aus. Sowie Nagaru schlief, intubierte Dr. Semi und Terushima verabschiedete sich. Hana sah ihm mit einem sanften Blick nach und reichte dem unsterilen Beidienst die Utensilien zur Waschung des Operationsgebiets. Der OP-Asstistent klebte eine Neutralelektrode für die Diathermie. Kenma half beim sterilen Abdecken des jungen Patienten und dann startete Dr. Semi das Team Time Out, in dem noch einmal die Einzelheiten des Eingriffs durchgegangen wurden.
 

“Die Lagerung ist korrekt. Hautschnitt starten”, sagte Dr. Sugawara zum Abschluss und machte den ersten Schnitt.
 

***
 

Nach der Operation verschlug es Kenma auf die Frühchenstation. Er wollte sich selbst davon überzeugen, dass es Hope gut ging. Es war nicht so, als hätte er eine Verbindung zu dem Säugling aufgebaut, aber auf dieser Station war es immer leise, man hörte nur die Geräte und Kenma fand das entspannend. Terushima war nicht hier, denn er wurde am OP-Ende wieder in den Raum gebeten, den aufwachenden Nagaru unter Aufsicht zu nehmen.

Dr. Sugawara und Kenma hatten den Saal als erste verlassen. So war das immer. Die Chirurgen kamen als letzte rein und gingen als erste. Das OP-Team um sie herum kümmerte sich um den Saal, die Vor- und Nachbereitung und um den Patienten. Kenma wusste aber, dass es nicht lange dauern würde, bis Terushima wieder hier war. Denn Nagaru würde ehestmöglich aus dem Aufwachraum gebracht werden, um bei seinen Eltern zu sein. Auch das war so eine Sache bei Kindern. Sie sollten so wenig Zeit wie möglich fern der Mutter und dem Vater verbringen müssen.
 

“Hey”, sagte Kenma leise zu Hope, die mit gesunder Farbe in ihrem Brutkasten lag und immer noch unter den Unmengen an Kabeln zu versinken drohte. Sie wäre vor 50 Jahren nicht lebensfähig gewesen, selbst vor 10 Jahren hätte es mau ausgesehen und eigentlich hatten sie hier und jetzt auch alle bereits gedacht, dass sie es nicht packen würde. Irgendwie hatte das schier unfertige Baby eine beruhigende Wirkung auf Kenma. Sie kämpfte für etwas, von dem sie nicht wusste, was es war. Auch er wollte dafür kämpfen. Für etwas anderes und gegen sich selbst und seine Zurückhaltung. 48 Stunden. Lange müsste er nicht mehr warten.

Doch erst war er abermals in eine Situation geschlittert, die ein paar Minuten wie Stunden in die Länge ziehen konnte. Hana kam ebenfalls auf die Station. Suchend. “Oh, Dr. Kozume, schöne Arbeit heute. Hast du zufällig Yuuji gesehen?”, fragte sie ihn. Hana redete nie um den heißen Brei herum. Zumindest soweit Kenma das beurteilen konnte. “Ist wohl noch bei Nagaru”, antwortete er und wollte sich verabschieden. “Wie ist es so, mit ihm zu wohnen?”, hielt ihn Hana davon ab. Kenmas Nackenhaare stellten sich auf. “Ist okay”, sagte er schnell. “Er kocht. Gut sogar”, fügte er noch hinzu und hoffte, dass das alles war. “Er kocht?”, fragte Hana neugierig und folgte Kenma die paar Schritte, die er Richtung Tür ging. Kenma blieb stehen. Es brachte ja nichts.

“Mhm”, machte er und nickte. Stille für einen Moment. Perfektes Stichwort, doch zu gehen. “Und dann… oh… bitte entschuldige. Ich muss total verzweifelt wirken”, lachte Hana verhalten. Kenma hatte sein Stichwort genau versäumt. “Naja… vielleicht”, antwortete er ehrlich. Es war, als suche Hana einen Grund, das mit Terushima machbar zu machen. Soweit er das sagen konnte. Hana seufzte, aber sie lächelte. “Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Wegen, naja… du weißt schon”, sagte sie und deutete auf ihren Bauch, als könnte sie es nicht aussprechen. Ob sie davon ausging, dass es bereits das ganze Krankenhaus wusste? Oder dachte sie, Kenma wusste es, weil er Terushimas Mitbewohner war? Am besten sagte er ihr nicht, dass der andere Assistenzarzt mit seinem Zauberpenis geprahlt hatte.
 

“Er hat die ganze Nacht bei Hope gesessen und war heute bei Nagaru”, erklärte Kenma, weil er dachte, dass das helfen könnte. Hana lächelte. Kenma war erleichtert. So konnte er nun ja sicher- nein, er konnte nicht gehen, denn Terushima versperrte ihm den Weg und nicht nur das, er legte den Arm um ihn und brachte ihn zum Wenden. “Wie geht’s unserem Baby?”, fragte er und meinte augenscheinlich Hope, die er auch ansteuerte. Erst vorm Brutkasten konnte sich Kenma wieder befreien, denn Terushima war von da an auf den Säugling fixiert. Kenma sah zu Hana, die skeptisch beobachtete, wie Terushima durch die Öffnung fasste und das kleine Menschlein streichelte. “Ich bin so stolz auf dich, kleine Killerprinzessin”, sagte er zu ihr. Kenma hob die Augenbrauen. “Killerprinzessin?”, fragte er. “Na weil sie absolut Killer ist und naja, ne kleine Prinzessin eben”, lachte Terushima und strahlte über beide Ohren.
 

“Hmm, du könntest wohl doch Vatermaterial sein”, sagte Hana plötzlich und da bemerkte Terushima sie wohl auch erst. Er hatte eben gerade nur Augen für seine Prinzessin gehabt. Eine Seite, die Kenma an ihm erst kennenlernte.

“Was? Dachtest du etwa nicht?”, fragte Terushima überrascht. Hana nickte. “Nein, du bist der wahrscheinlich unverantwortungsvollste Mann, den ich kenne”, sagte Hana ehrlich, traf Terushima aber schmerzlich, dass sogar Kenma das Gesicht verzog. “Der hat gesessen”, murmelte er. “Das hat wehgetan… aber… naja, vermutlich ist deine Sorge nicht ganz unbegründet. Aber es ist egal, wie ich als Mensch drauf bin. Hana, ich werde ein toller Vater sein”, sagte er bestimmt und Kenma meinte gerade das erste Mal, Zeuge zu sein, dass Terushima etwas wirklich richtig ernst meinte.

“Wow… also… willst du …?”, fragte Hana. Terushima nickte rasch. “Natürlich will ich! Ich will sie alle drei mit dir bekommen und aufziehen. Auch wenn das Probleme mit Tadashi bringt, aber das ist meine Verantwortung”, sagte Terushima überzeugt. Hanas Blick wechselte von skeptisch über irritiert zu komplett verwirrt. “Wie kommst du auf drei?”, fragte sie. Nun war Terushima verdutzt und auch Kenma, wenn er ehrlich war.

"Na, du hast doch drei Schwangerschaftstests gemacht”, sagte Terushima. Kenma schlug sich sofort die Hand ins Gesicht und behielt sie dort. Hana brauchte etwas länger. Aber auch ihr ging der Knoten auf. “Und ich dachte, um Arzt zu werden, verlangt zumindest ein bisschen Hirnschmalz… Drei positive Tests heißen doch nicht, dass ich drei Embryos habe! Sag mal, spinnst du eigentlich? Was geht in deinem Spatzenhirn vor?”, warf ihm Hana vor, aber ließ Terushima gar nicht antworten. Sie stapfte wütend davon, zumal es wirklich unangebracht war, in der Frühchenstation laut zu werden.
 

“Was hat sie denn?”, fragte Terushima. Kenma zog die Hand aus seinem Gesicht. “Ich glaube, sie hat Angst, dass euer Baby nach dir kommt”, sagte er und ließ Terushima bei Hope zurück.

Kenma wusste nicht recht, warum, aber er war unheimlich erleichtert, dass Terushima und die OP-Schwester nur ein Baby bekommen würden. Irgendwie hat er die Wohnung bereits als Krabbelstube gesehen. Bei dem Gedanken lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken. Wenn da bei Zeiten nun doch nur ein so ein kleines Menschlein rumlungern würde, dann wäre das okay, denn dann wäre der Vater anwesend und musste sich darum kümmern. Eines war nämlich jetzt schon klar: Kenma würde sicherlich nie, niemals nie den Babysitter spielen!
 

Auch Yamaguchi würde sich so bald sicher nicht als Babysitter anbieten. Für was auch? Dass sich der Mann, auf den er sich fast eingelassen hätte, mit der Frau, die das alles irgendwie - wenn auch unabsichtlich - zerstört hatte, treffen konnte?

“Glaubst du denn, er will mit Hana zusammen sein?”, fragte Kenma bei einem Schluck verdünnten Apfelsaft. Yamaguchi schnaubte. “Er hat gesagt, er ist all in und wird für seine Familie sorgen”, knurrte er, aber Yamaguchis Gesichtsausdruck passte nicht zu der strengen Stimme. Er war weich. “Er ist wohl doch ein guter Mann, der zwar irgendwie nichts richtig machen kann, aber zumindest zu dem Mist steht, den er baut… Ich kann ihm irgendwie nicht böse sein”, seufzte er. Auch Kenma ergab sich eines Seufzers, denn Yamaguchi hatte recht. Terushima war schon ein guter Kerl, aber eben ein Vollidiot.

Kenma dachte daran, wie glücklich Terushima ausgesehen hatte, als er von den Drillingen, die er erwartet hatte, erzählte und wie begeistert er von der Idee war, mit Hana, Yamaguchi und den Kindern eine Synergie zu bilden. Terushima ging in seinem Leben irgendwie immer davon aus, dass das Bestmögliche passierte, auch wenn das Timing nicht passte oder auch, wenn schlimme Dinge passierten. Eine Art des Optimismus, dem selbst Kuroo nacheifern musste, der für Kenma manchmal schon zu optimistisch war. Optimismus. Etwas, das Kenma noch lernen musste. Er wollte sich darin üben. Und wann war der beste Moment dafür, wenn nicht jetzt?
 

“Dann sei ihm nicht böse und findet gemeinsam eine Lösung, die für alle passt”, schlug Kenma vor. Yamaguchi nickte. Er drang sich zu einem Lächeln durch. “Du magst ihn wirklich, oder?”, fragte Kenma, und Yamaguchi nickte wiederholt. Sein Lächeln wurde wärmer und erreichte auch seine Augen. “Dann solltest du dafür kämpfen”, sagte Kenma und stand auf. Denn auch für ihn galt es, etwas zu kämpfen, das ihm wichtig war.

Kenma stellte das Glas in die Spüle des Gemeinschaftsraumes und verließ diesen.

Der Patientenverkehr wurde langsam weniger, denn die Abendstunden brachen an und die Tagschicht wechselte in die Nachtschaft. Wenn Kenma am nächsten Morgen nach Hause gehen würde, hätte er eine 21-Stunden Schicht hinter sich und etwas mehr als einen ganzen freien Tag. Wenn er heim gehen würde, dann wären auch die 48 Stunden um, die er laut einer von Terushimas irrsinnigen Regeln abzuwarten hatte. Er wusste, wie dumm diese Regeln waren, aber es fühlte sich wie eine Stütze an, die er gerne annahm.

Doch bevor er sich um dieses Unterfangen kümmern konnte, stand noch die Abnahme von den Operationsdokumentationen an. Er musste für Dr. Sugawara noch einen Histobrief ausdrucken, denn die entnommenen Mandeln des Jungens heute vormittag wurden eingeschickt. Alle Präparate wurden eingeschickt. Nichts wurde einfach weggeworfen, außer vielleicht die Knochenspäne, die in der Ortho weggebohrt wurde, wenn künstliche Gelenke eingesetzt wurden.
 

***
 

In der Notfallambulanz war es in dieser Nacht sehr ruhig gewesen. Kenma war eigentlich nie gerne dort, weil es schnell hektisch werden konnte, aber an diesem Abend sah er dort ein bekanntes Gesicht, über das er sich irgendwie freute. Nun ja, so sehr man sich über einen verunfallten Patienten freuen konnte.
 

“Was machst du denn hier?”, fragte Kenma und ging auf Hinata zu. Sein Arm war in einen Gips gehüllt und im Grunde hätte sich Kenma die Frage schon selbst beantworten können. “Hab nen mega coolen Stunt mit dem Fahrrad gemacht, nur leider hat der Lenker nachgegeben und ist abgebrochen. Dabei bin ich voll gestürzt und hab mir den Arm gebrochen”, erklärte Hinata, strahlte dabei aber, als hätte er keine Schmerzen. Vermutlich hatte er die vor lauter Adrenalin und Endorphinen auch gar nicht. Kenma schmunzelte. “Und dein Fahrrad ist jetzt Schrott?”, fragte er. “Nein, das bekommen wir wieder repariert. So wie mich”, strahlte er über beide Ohren und hielt Kenma den Gipsarm hin. “Bitte schreib mir was drauf”, verlangte er und hatte auch fix einen Filzschreiber parat. Kenma nahm den Stift perplex an. “Und was?”, fragte er. “Irgendwas”

Auf dem Gips erkannte er bereits Terushimas Handschrift. “Fun Rulez” - typisch Terushima. Dr. Ushijima hat einfach unterschrieben und zwar mit seinem Kurzzeichen, auch das empfand Kenma bereits als sehr typisch. “Kann ich auch was zeichnen?”, fragte er. “Aber natürlich!”, rief Hinata aus und Kenma malte einen Katzenkopf auf den Gips. “Sieht müde aus”, sagte Hinata. “Ich bin auch etwas müde, ist schon eine lange Schicht”, erklärte er und ließ sich auf etwas Smalltalk mit dem aufgeweckten Patienten ein.

Hinata wollte mehr von seinem Alltag erfahren, aber auch von all den anderen Leuten, die im Krankenhaus arbeiteten.
 

“Ich würde auch gerne hier anfangen, aber ich will nicht einfach nur operieren oder so Werkzeug, wie hast du gesagt? Instrumente reichen. Ich will was machen, wo ich immer mal woanders bin und ganz viele coole Aufgaben habe”, sagte er. “Dann solltest du dich vielleicht mal mit einem von unseren OP-Assistenten unterhalten”, sagte Kenma und verabschiedete sich von Hinata, ohne ihm einen passenden Ansprechpartner zu empfehlen. Es wurde ihm einfach schon etwas zu anstrengend und Hinata nahm es ihm nicht übel. “Danke für die Katze”, rief er ihm nach und winkte angeregt. Kenma hob nur die Hand zum letzten Gruß und wollte sich ein paar Minuten im Gemeinschaftsraum gönnen. Hoffentlich war niemand dort.
 

Am Weg dorthin kam er an der verlassenen Eingangshalle vorbei. Die Patienten kamen um diese Uhrzeit direkt bei der Notfallambulanz hinein. Hintereingang sozusagen. Vorne hielt sich nachts selten jemand auf. Nur vereinzelt hier und da. Die, die nicht schlafen konnten oder die, die von der Unfallstation kamen und heim gingen, weil sie nicht über Nacht bleiben mussten.

Diesmal sah Kenma nur Eri, die Assistenzärztin, die mit Kuroo gemeinsam hier angefangen hatte. Sie hatte wie so oft zwei Zöpfe, die sich in ihrer Bewegung anpassten und sie trug die OP-Hose hochgekrempelt, dass man ihre bunten Kompressionsstrümpfe sehen konnte, die sie fast alle trugen. Nicht alle bunt. Kenma trug sie in den üblichen Farben: Schwarz, Dunkelblau und Grau. Die von Eri waren gemustert. Außerdem trug sie auch die leichte OP-Jacke drüber, hatte aber die Druckknöpfe nicht genutzt, sondern einen russischen Knoten in den Zipfeln der Jacke, so dass diese auf ihrem Bauch verknotet waren. Eigentlich ein Stil, den er Terushima andichten würde. “Hab ich mir von den OP-Assistenten abgeschaut”, würde sie ihm eines Tages sagen. Aber jetzt sagte sie nichts. Es war so still, dass Kenma hören konnte, dass Eri [url=https://open.spotify.com/intl-de/track/6OIFsi2ov9nSjRrnJWVZIM?si=9bf4713c008a48a4]summte[/url]. Beim genaueren Hinschauen sah er auch, dass sie sich nicht einfach nur die Beine vertrat, sie tanzte. Angedeutet. Passend zu ihrem Gesumme. Es war eigentlich ganz angenehm zu hören und hübsch anzusehen. So lange, bis Eri sich ausdrehte und ihre Hand zögerlich zu einem Partner streckte, der gar nicht da war. Von der Seite erkannte Kenma, dass ihr Tränen über die Wangen liefen. Ihre Hand zitterte. Sie sah so sehnsüchtig aus und Kenma fühlte, dass es das Richtige gewesen wäre, einfach hinzugehen, ihre Hand zu nehmen und den Tanz mit ihr zu Ende zu führen. Aber Kenma tanzte nicht und er fühlte sich nicht in der Position, einer Älteren Trost zu spenden.

Just als er vielleicht doch noch über seinen Schatten gesprungen wäre, zog Eri die Hand zurück, konnte sie aber nicht ganz anlegen, da hatte Dr. Hanamaki aus der Radiologie danach gegriffen und Eri in einer Drehung zu sich gezogen.

“Schrittchen für Schrittchen. Stückchen für Stückchen. Immer langsam”, sagte er, schloss seine Arme fest um Eri und die Assistenzärztin begann bitterlich zu weinen. So, dass es ihren ganzen Körper durchschüttelte. “Er hat versprochen, dass wir gemeinsam alt werden”, schluchzte sie und Kenma zog es das Rückenmark zusammen.
 

Ob das mit dem Kämpfen und sich verlieben wirklich so eine gute Idee war?
 

***
 

Kenma haderte mit sich selbst und so rief er Iizuna nicht nach seiner Schicht an. Stattdessen hat er sich von Terushima überreden lassen, in die Bar am Eck zu gehen. Da wo die meisten Assistenzärzte, aber auch einige Oberärzte gerne einmal nach einer langen Schicht noch etwas tranken, nur dass Kenma sich nicht zum Alkohol hat überreden lassen. Eine Limonade reichte schon. Frisch mit Minze, dass er den Frühling hätte schmecken können durch die Erdbeeren.
 

“Tadashi spricht nicht mit mir und Hana hat übermorgen ihren ersten Ultraschall, da will ich unbedingt dabei sein”, sagte Terushima und sprach grad die beiden schweren Themen in seinem Leben an. “Lass nicht locker”, riet Kenma und beobachtete mit großen Augen, wie Terushima sein erstes Bier weg kippte und ein zweites bestellte. Das blieb erstmal so stehen, wie es ihm vorgesetzt wurde.

“Und wegen dem Ultraschall. Es spricht doch nichts dagegen, dass du mit gehst. Du willst doch die Familie mit ihr, oder?”, fragte Kenma. Terushima schüttelte den Kopf. “Ich will das Baby mit ihr, aber… eine Familie werden wir nicht. Dazu müsste ich sie lieben und sie mich, aber das tun wir nicht”, erklärte Terushima. Kenma spürte, wie sich die Erleichterung in ihm breit machte. Terushima liebte Hana nicht. Hana liebte Terushima nicht und es war Terushima deutlich anzusehen, dass er wirklich aufrichtige Gefühle für Yamaguchi hatte. Kenma wusste ja auch, dass Yamaguchi starke Gefühle für Terushima hatte. “Dann ist doch alles gut”, schlussfolgerte er laut. Terushima nickte. “Irgendwie ja, aber irgendwie nicht”, meinte er. Er schaute auf sein Bier. Nicht ganz. Es wirkte, als sehe er hindurch. “Vielleicht braucht es nur noch etwas Zeit?”, fragte Kenma. Darauf nickte Terushima. “Bestimmt. Ich sollte mich nochmal bei Yamaguchi entschuldigen”, sagte er. “Ja, und vielleicht zeigst du es auch mit Taten”, mehr Ratschläge konnte Kenma nicht geben, denn er wusste nicht, wie solche Taten aussehen sollten. Terushima überlegte. “Du hast vollkommen Recht”, sagte er. Kenma war froh, dass Terushima nun nicht nach Vorschlägen fragte, er hätte ihm keine geben können. “Da fällt mir bestimmt was ein. Nun aber zu dir. Die 48 Stunden sind um”, sagte er und dann war Terushima wie ausgewechselt. So wie immer. Mit seinem frechen verschlagenen Grinsen. Kenma fühlte sich umgehend ertappt.
 

“Ich hab mich noch nicht bei ihm gemeldet”, murmelte er. “Was?! Warum nicht?!”, brüllte Terushima fast schon. Kenma zog den Kopf ein. “Ihr seid so perfekt! Ruf ihn an!”, forderte er laut.

“Oder sags ihm einfach direkt ins Gesicht” Kenma erstarrte. Auch Terushima war augenscheinlich überrascht. Er starrte an Kenma vorbei, direkt in Iizunas Antlitz, so viel war Kenma schon bewusst, er erkannte die Stimme ja und er hörte, dass sie von hinter ihm kam. Er schluckte und drehte sich langsam um. Doch statt der Nervosität, die er nun erwartet hatte, wurde ihm warm. Ein Lächeln bildete sich auf seinen Lippen und in seinem Bauch begann es, wie wild zu kribbeln.
 

“Geh mit mir auf ein zweites Date, bitte”, sagte Kenma, war aber überrascht über seine Direktheit. Iizuna grinste zufrieden. “Gerne, ich hol dich heute um fünf?”, schlug Iizuna vor und Kenma nickte rasch. Der Moment verging so schnell, Kenma konnte gar nicht hinterfragen, warum Iizuna gerade in der Bar war, was er hier suchte und warum es plötzlich so einfach war. Aber vielleicht war genau das der richtige Weg. Anzunehmen, dass es auch einfach sein konnte. Nicht so schwer wie bei Kuroo, der mit einem Oberarzt um die Gunst eines anderen kämpfen musste und nicht so kompliziert wie bei Terushima und Yamaguchi, die nun auch noch Hana und bald ein Kind in der Gleichung hatten.
 

“Dann geh dich lieber ausschlafen, ich schaff mein Bier auch alleine. Außerdem muss ich nachher noch mit dem Bike in die Werkstatt”, sagte Terushima. Kenma trank seine Limonade aus und nahm das Angebot gerne an. Terushima machte auch nicht mehr den Eindruck, dass er unter seinen Zweifeln zerbrechen würde. Hat er auch zuvor nicht getan, aber er wirkte nachdenklich und das war er zuvor noch nie und bereitete Kenma genau aus diesem Grund Sorgen. Es brachte aber auch Gewissheit.
 

***
 

Als Kenma pünktlich um fünf die Wohnungstür öffnete, lehnte sich Iizuna direkt zu ihm und hauchte ihm einen zarten Kuss auf die Wange. “Das hätte ich am Valentinstag schon machen wollen”, sagte er leise mit einem schelmischen Lächeln. Kenma blinzelte überrascht und fasste sich abwesend an die warme Wange. Er spürte, wie sehr er diese Geste hatte haben wollen. “Tut mir leid, dass ich das versaut habe”, murmelte er, aber Iizuna winkte ab. “Hast du nicht. Ich hatte ja jetzt die Chance dazu und… ich hoffe, es ist nicht die letzte”, erwiderte er. Kenma schüttelte den Kopf. “Ist es nicht”, versprach er und ließ sich von Iizuna aus dem Wohnkomplex geleiten.
 

“Wo gehen wir heute hin?”, fragte Kenma neugierig. “Nun ja, vielleicht müssen wir da etwas improvisieren. Kam ja doch sehr spontan”, lachte Iizuna. “Aber uns fällt schon was ein und ich hab vielleicht ein Ass im Ärmel.”
 

Für den Anfang verschlug es die beiden in ein kleines Café, wo sie sich zu heißer Schokolade niedergelassen hatten.

“Warum warst du heute in der Bar?”, fragte Kenma schließlich über den Tassenrand hinweg. Iizuna wirkte etwas ertappt. “Naja”, sagte er und fuhr sich mit der Hand in den Nacken. “Ich war zur Kontrolle im Krankenhaus und wollte dich sehen, aber deine Kollegen meinten, du seist in der Bar, also hab ich mein Glück versucht”, erklärte er. Kenma legte den Kopf schief. “Warum hast du nicht gesagt, dass du einen Kontrolltermin hast?”, fragte Kenma. “Weil ich das alleine machen will und weil ich nicht dein Patient sein will. Ich will dein potenzieller Partner sein”, sprach der hübsche Mann mit dem schönen Lächeln gerade raus seine Ambitionen aus. Kenma senkte den Blick. Dann suchte er wieder Iizunas Augen wieder. “Und warum hast du dich nicht mehr bei mir gemeldet?”, fragte Iizuna mit bedrückter Stimme. “Wo es doch am Vormittag sehr deutlich war, dass du mich wieder sehen willst”, fügte er hinzu und Kenma begann von Terushimas dummen Regeln zu erzählen. Iizuna nahm es mit einem Schmunzeln an und zuckte mit den Schultern.

"Tja, ich spiel nicht nach irgendwelchen Regeln. Das ist bei der Musik so wie in der Liebe. Manchmal spielt man gewisse Passagen etwas schneller und manchmal langsamer und vielleicht wiederholt man eine auch, weil sie so schön war", sagte er darauf und griff über den Tisch auf Kenmas Hand. “Und manchmal muss man den Anfang vielleicht etwas öfter üben, dass er sitzt”, legte er die Metapher weiter aus. Kenma verstand und er nickte. “Dann ist es in Ordnung, wenn wir erstmal nur so weitermachen?”, fragte Kenma. Iizuna kicherte. “Was meinst du mit nur so? Dich zu treffen ist das Highlight meines Tages. Ich will es ganz oft genau so machen. Wir müssen Nichts überschnellen und Nichts überstürzen und wir können das ganz langsam angehen”, sagte Iizuna und wurde im Reden immer schneller, dass Kenma schmunzeln musste. “Du bist ganz schön aufgeregt, für langsam angehen” - “Wie könnte ich auch nicht? Ich bekomm grad ne Chance mit dir”, sagte Iizuna und zog Kenmas Hand zu sich, um einen sanften Kuss darauf zu platzieren. Kenmas Wangen wurden warm. “Ich wusste nicht, dass das so toll ist”, gab er leise zu. “Und ich hätte nicht gedacht, dass ich dich so verlegen machen könnte.” Iizuna streichelte Kenmas Hand und ließ sie wieder sinken, aber nicht los. “Also?”, fragte Iizuna und Kenma nickte. “Ja, wir gehen es langsam an”, stimmte Kenma ein.
 

“Dann erzähl mir einfach mal von deinem Tag”, erbat Iizuna und Kenma erzählte von seiner Operation mit Dr. Sugawara. “Dr. Sugawara? Die Veganerin?”, fragte er und Kenma schüttelte schmunzelnd den Kopf. “Nein, auch das hat sich nun anders aufgelöst. Es war nur eine dumme Wette. Aber ich hab von Akaashi erfahren, dass Dr. Konoha wohl Veganer ist. Ich glaube aber nicht, dass mich das je betrifft. Die beiden werden mich nicht zu sich nach Hause einladen”, plauderte Kenma für seine Verhältnisse locker vor sich hin. Auch Iizuna erzählte von seinem Tag. Die Kontrolle war gut verlaufen und er hatte sich den restlichen Tag Überlegungen für ihr Date gemacht, das nach der heißen Schokolade erst richtig losging.
 

Nach dem Café fuhr Iizuna mit Kenma etwas aus der Stadt, nahm beim Aussteigen eine Tüte aus dem Kofferraum und danach wie automatisch Kenmas Hand. Aber nicht, weil es nur ums Händchenhalten ging, er wollte den Weg weisen, aber war wie auch Kenma glücklich darüber, dass sich ihre Hände darauf nicht lösten. Sie hatten angrenzend an einen Park gehalten und den Wagen stehen lassen. Iizuna zeigte Kenma den Weg zur großen Grünfläche, wo gleich klar wurde, was die beiden tun würden. Zumindest für Kenma. Er erahnte ein Picknick und fürchtete schon, dass er Iizuna enttäuschen würde, weil er keinen Hunger hatte. Als sein Date dann stehen blieb und offenbarte, was in der Tüte war, war Kenma überrascht.
 

“Wir lassen einen Drachen steigen”, sagte Iizuna mit einem breiten Lächeln und vor Begeisterung großen Augen. Auch Kenmas Augen weiteten sich, als er den bunten Stoff sah, den Iizuna auspackte. Gleich half er beim Zusammenstecken und hielt kurz darauf einen ganz handelsüblichen Drachen in der Hand, der zwar sicher nichts Besonderes konnte, aber schöne Kindheitserinnerungen aufleben ließ. Die Bemalung war simpel gehalten. “Wir könnten das nächste Mal selbst einen bauen, diesmal müssen wir damit vorlieb nehmen", sagte Iizuna und Kenma wollte die Idee vom gemeinsamen Drachenbau gefallen, also nickte er. “Können wir so einen chinesischen Drachen machen?”, fragte er. Iizuna sah ihn erstaunt an. “Das ist doch voll High Level, oder?”, fragte er. “Wir machen einfach langsam”, erwiderte Kenma darauf und ließ sich zu einem frechen Zwinkern hinreißen. Von wem er das wohl hatte?

“Du hast recht. Langsam”, bestätigte Iizuna und nickte. Dann hielt er den Drachen hoch. “Willst du laufen, oder soll ich?”, fragte er. “Du läufst”, sagte Kenma wie aus der Pistole geschossen, auch wenn er wusste, dass er selbst ebenso ein paar Schritte laufen müsste, bis der Drachen Fahrt aufnehmen würde.
 

Gesagt, getan. Iizuna lief voraus und kurz darauf beschleunigte auch Kenma mit erhobenen Händen. Er ließ den Drachen los und sah zu, wie er in einem Looping direkt in die Wiese krachte. Iizuna blieb stehen und lachte kurz auf. “Das war wohl nichts. Noch mal”, sagte er und sie wiederholten es ein paar Mal. Mal mit längerer Schnur. Mal verkürzt und zum Schluss mit so kurzer Schnur, dass Kenma stolperte, weil Iizuna sich zu ihm umdrehte und ihm das Herz das Stocken vormachte. Iizuna reagierte schnell. Er war stehen geblieben, in der Drehung aber selbst umgeknickt und mit Kenma samt Drachen zu Boden gestürzt.
 

“Hast du dir weh getan?”, fragte er besorgt. Er richtete sich auf und betastete Kenmas Arme und sah auf seine Finger. Unverzeihlich, er hätte einem Chirurgen die Finger verletzt. Aber seine Finger waren heil. Kenma antwortete nicht. Stattdessen legte er die begutachteten Finger auf Iizunas Wange. Sie waren eiskalt, das spürte Kenma an Iizunas warmer Haut. “Es gibt da was, was ich am Valentinstag auch machen wollte, aber nicht getan hab”, sagte Kenma leise. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und er ahnte, dass es Iizuna ähnlich ging, denn dieser schien sein Herz gerade wieder hinunter zu schlucken. “Und.. hmm… und das wäre?”, fragte Iizuna ebenso leise.
 

“Dann solltet ihr auf ein zweites Date gehen und du holst das nach”, hallten Terushimas Worte in Kenmas Kopf wider.
 

Für einen Augenblick sahen sie einander einfach nur an. Kenma lehnte sich zu Iizuna und auch er kam näher. Kenma wusste, er hatte es verstanden. Kenma wusste, dass Iizuna wusste, dass er ihn küssen wollte. Und so schloss er die Augen und spürte neben seinem Herz, das ihm fest gegen den Brustkorb schlug und dem Kribbeln, das ihn den Magen umdrehen wollte, gegen das er sich diesmal aber verwehrte, endlich Iizunas Lippen auf seinen. Für Kenma blieb die Zeit stehen. Dieser Kuss war so sanft, so viel intensiver, als der mit Terushima, der Kenma zwar auch aus der Bahn geworfen hat, aber nur, weil er so unvorbereitet war. Auf das hier war er auch nicht vorbereitet. Anders. Er war nicht darauf vorbereitet, wie schön es sein würde, wie wenig er wollte, dass es aufhörte, wie sehr er sich in ein paar Stunden schon nach diesen Lippen sehnen würde. Wie sehr er Iizuna vermissen würde und wie wild es in seinem Magen abgehen würde.
 

***
 

“Yo! Kenma! Teru! Ich hatte heute meine erste Solo Operation! Mit Dr. Sawamurmel als Assist, aber voll egal. Hab den Sublay voll gerockt.” Mit diesen Worten krachte Kuroo nachts in die Wohnung und erzählte von seiner offenen Bauchoperation mit Netzprothese. Kenma war alleine, denn Terushima wollte noch etwas besorgen und mit Yamaguchi sprechen. Kenma war das aber egal. Er drehte sich zu Kuroo um und strahlte ihn mit seinem Lächeln an, das sein Kindheitsfreund noch nie gesehen hat. Kuroo hielt sofort inne. Sein erst noch begeistertes Gesicht wurde besorgt. “Was ist los?”, fragte er perplex.

“Kuro, können wir reden?”, fragte Kenma. Kuroo ließ umgehend seine Umhängetasche fallen und setzte sich neben Kenma. “Natürlich. Brauchen wir starken Alkohol? Was ist passiert?”, konterte er. Kenma seufzte ergeben, schüttelte den Kopf und lehnte sich verträumt gegen die Lehne der Couch. “Ich glaub… ich bin verliebt”, gestand er. Kuroo stockte. Seine Haltung wurde langsam entspannter. Es wirkte, als würde er jedes Wort einzeln noch einmal für sich im Kopf wiederholen und überlegen, ob er die Reihenfolge und das Pronomen richtig verstanden hatte.

“Bist du? In mich?”, fragte er überfordert. “Es tut mir so leid, ich… da… ich weiß nicht, ob wir… das ist keine gute Idee”, begann er wie wild zu brabbeln, aber Kenma schüttelte den Kopf. “Nicht in dich”, hauchte er.

“Was? Warum nicht?”, nun wirkte Kuroo schockiert und Kenmas Blick wurde auch wunderlich. “Warum solltest du es sein?”, fragte er. “Weil ich seit jeher Teil deines Lebens bin und weil du dir das Leben ohne mich nicht vorstellen kannst”, protestierte Kuroo. Plötzlich war er mehr empört darüber, dass Kenma nicht in ihn verliebt war, als er war, als er noch dachte, er wäre es.

“Korrekt”, bestätigte Kenma. “Aber deswegen… nein. Nicht in dich”, stellte er klar und wollte endlich offenbaren, in wen er verliebt war, doch Kuroo hinderte ihn daran.

“Aber Moment, nochmal einen Gang zurück. Warum glaubst du? Bist du dir nicht sicher? Und ich wusste, dass dir Iizuna schöne Augen macht”, fragte er und offenbarte direkt, dass er im Grunde schon über alles Bescheid wusste. Für ihn war selbst Kenma ein offenes Buch, aber das hatte er sich in vielen Jahren Freundschaft erstmal erarbeiten müssen. “Woher weißt du, dass es um ihn geht?”, fragte Kenma dennoch überfordert. Kuroo lachte. “Denkst du echt, ich bin blöd? Also! Warum nur glauben?” - “Ich weiß nicht, es ist… alles so neu”, erklärte Kenma. Kuroo legte sich die Finger ans Kinn und tat so, als würde er das nächste Thema für den Nobelpreis ausklügeln.

“Hmm, dann müssen wir erst ein paar Vergleiche aufstellen, okay? Also. Fühlst du dich in meiner Nähe wohl?”, fragte er. Kenma hob die Augenbrauen hoch. “Ähm… ja, schon”, sagte er. Kuroo zog eine Schnute. “Das war zu lange überlegt”, murmelte er.

“Schmoll nicht und hilf mir!”, forderte Kenma. “Okay, okay… Fühlst du dich in Iizunas Nähe wohl?” Kenma nickte. “Sehr, aber auch anders” - “Wie anders?” Volltreffer. Nun musste Kenma dieses eigenartige, aber schöne Gefühl beschreiben.

“Naja… mir wirds wie übel, nur ohne übergeben”, sagte er. Kuroo schlug sich die Hand ins Gesicht. “Wow, du bist so unromantisch… das nennt man Bauchkribbeln oder Schmetterlinge oder so”, klärte er auf. Kenmas Gesichtsausdruck wurde eher fade. “Aha… und wie hilft mir das jetzt?” Kuroo seufzte. “Vermutlich gar nicht. Ist ja auch egal, wie es heißt. Also freust du dich, wenn du ihn siehst oder hast Herzklopfen, wenn du an ihn denkst?”, fragte Kuroo weiter, und Kenmas Herz schlug umgehend höher. Er nickte rasch und lächelte dabei. “Ja”, antwortete er verträumt. “Mehr als bei mir?”, wollte Kuroo nun wissen und Kenma antwortete wieder mit “Ja.” Da empörte sich Kuroo. “Zu schnell reagiert!” Kenma schnaubte. “Was jetzt?”, fragte er erpicht nach einer Antwort. Kuroo schmunzelte und wuschelte Kenma durchs Haar.
 

“Diagnose: Hoffnungslos verliebt”



Fanfic-Anzeigeoptionen

Kommentare zu diesem Kapitel (0)

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.

Noch keine Kommentare



Zurück