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Die andere Seite des Meers

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Honestly amazing, wie ich keine Ahnung hab, was ich tue, aber ich tauche meine Zehen jetzt dennoch mit dieser Aufwärmübung ins Fandom. Komplett anzeigen

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Sanji schmeckte Blut, als er aufwachte und in die Dunkelheit starrte. Irgendwo zwischen teerschwarzen Traumfäden musste er sich auf die Lippe gebissen haben. Er wusste nicht einmal mehr, was genau in dem Traum passiert war, aber es war genug gewesen, dass sein Atem jetzt schwer auf der blutenden Lippe brannte, während er versuchte, sich in die Höhe zu stemmen. Reiju, dachte er, wischte sich unzeremoniell mit einem Arm über das Gesicht und fand es schweißnass. Irgendetwas war mit Reiju gewesen. Er hatte seit Monaten nicht mehr an sie gedacht. 

 

Vermutlich war es die gottverdammte Insel, auf der sie schon viel zu lange waren. Nicht, dass rein grundsätzlich irgendwas an der auszusetzen gewesen wäre, ganz im Gegenteil: Moderates Klima, freundliche Leute, qualitativ brauchbares Essen und saubere Zimmer hatten sie hier begrüßt. Wochenlang hatte Sanji von einem anständigen Bett in einer Unterkunft, die sich um die Wäsche und Verpflegung der Crew kümmerte, geträumt. Jetzt wollte er nichts mehr als so schnell wie möglich zurück in die Kojen der Sunny. Stattdessen setzte er sich auf, fuhr sich durch die Haare, ignorierte das Beben seiner Hände und tastete im Dunkeln nach den Zigaretten auf dem Nachttisch. Er hatte gerade eine davon zwischen die Lippen geschoben und angezündet, als ihm auffiel, dass das Bett neben ihm leer war; nur Chopper hatte sich wie eine Katze am Fußende eingerollt und schlief den festen Schlaf der Gerechten. Das Echo von Reijus tränenverwaschenem Traumlächeln klebte als zäher Film auf Sanjis Zähnen, der sich selbst mit einer großzügigen Menge Nikotin nicht entfernen lassen wollte. Die Müdigkeit steckte so tief in seinen Knochen, dass sie zu schwer waren, um Schlaf oder klare Gedanken zu erlauben. 

 

Er dachte gerade unmotiviert über einen nächtlichen Spaziergang nach, als die Tür aufgeschoben wurde. Chopper, einmal eingeschlafen nur noch schwer aufzuwecken, ließ sich davon nicht beirren, aber Sanji biss auf den Filter der Zigarette, bis seine Lippe spannte. Das wenige Licht, das es durchs Fenster schaffte, wand sich als silbriger Rahmen um Zorros breite Form.

 

„Wo warst du?”, wollte Sanji laut flüsternd wissen, plötzlich unangemessen furios, weil für Zorro alles so verdammt einfach war.

 

Das Mondlicht glänzte im Halbdunkel auf Zorros Zähnen, als er träge lächelte und die Tür hinter sich schloss. „Was, hast du mich vermisst?”

 

„In deinen Träumen vielleicht.”

 

„Schließ nicht von dir auf andere.” Sanji wollte ihm gerade unmissverständlich klarmachen, was er von diesen Implikationen hielt (nichts, aber immer noch genug, dass er sich für einen leisen Fußtritt nicht zu schade gewesen wäre), da fuhr Zorro nun doch einigermaßen kooperativ fort: „War trainieren, wenn du’s unbedingt genau wissen willst. Kann’s kaum erwarten, dass wir wieder Fahrt aufnehmen und ich zum Pennen komme. Was genau hat dich gestochen, dass du wieder wach bist? Dachte eigentlich, ich hab bis morgen meine Ruhe vor dir.”

 

„Alptraum”, sagte Sanji, hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen für diese Ehrlichkeit und nahm stattdessen noch einen Zug von der Zigarette. 

 

Halb rechnete er mit einer spitzen Bemerkung, doch Zorro war still, als er die Schwerter an die Wand stellte und dann einen Moment lang mit verschränkten Armen einfach dastand. Sein Gesicht war nicht zu lesen; Sanji wandte den Blick ab, bevor er in Versuchung kommen konnte, es dennoch zu versuchen. Am Bettende rollte Chopper sich noch fester zusammen und seufzte im Schlaf. Sanjis Herzschlag stolperte durch seine Brust, stieß sich an dem Echo von Raijus Lächeln und Zorros glänzenden Zähnen im Dunkel. Seine Finger zitterten immer noch. Die Zigarette in seiner Hand war beinahe vollständig zu weichoranger Glut abgebrannt, als er realisierte, dass er sich nicht sicher fühlte, die Bedrohung aber nicht von außen kam. Keine Chance, irgendwas dagegen zu tun; er musste wohl warten, bis die Traumreste aus seinem Kopf gespült worden waren. 

 

Sanji seufzte tief, dämpfte den Zigarettenstummel am Nachttisch aus und rieb sich erneut über das Gesicht – dann erstarrte er, hatte kaum Zeit zum Atemholen, als Zorro plötzlich neben ihm stand. Ein Schatten unter Schatten, und doch so warm und solide, dass es wie ein Schlag ins Gesicht war, als er auf den Bettrand sank und eine schwielige Hand in seinen Nacken legte. Sanji atmete schwerer, dachte flüchtig an Chopper, dann an nicht mehr viel, als Zorro sich vorlehnte und das Blut von seinen Lippen leckte. Das Mondlicht glitt ab an dem Gold in seinem Ohr und dem rotfleckigen Weiß seiner Zähne. Sanji grub die Fingernägel in seine Schultern, bis es wehtat, aber Zorro zuckte nicht einmal, sondern hielt still, als Sanji den Geschmack seines eigenen Blutes aus Zorros Mund zurückholte, wütend und hilflos und dankbar, bis es alles andere fortschwemmte. Zorro drückte ihn nach hinten, bis er im Kissen versank, dann lehnte er sich noch einmal über ihn und berührte seinen Mundwinkel mit den eigenen Lippen; eine Geste so zart, dass Sanji sie an keinem anderen Ort und Zeitpunkt hätte erlauben können. 

 

Hier und jetzt jedoch atmete er nur aus, während Zorro sich völlig kommentarlos wieder von ihm löste und erhob. Die Wärme seines Handabdrucks verweilte in seinem Nacken. Er legte die eigenen Finger darauf, während er zusah, wie Zorro das Fenster öffnete und die Geräusche der Nacht hereinließ – so anders als auf dem Meer, genau wie die Brise, die kühl hereinwehte und den Druck auf seiner Brust linderte. Sein Blick glitt über die breite, solide Form von Zorros Rücken, als der die Arme am Fenstersims abstützte und hinausblickte. Sie schwiegen. Sanji widerstand der Versuchung, sich noch eine Zigarette anzuzünden und schloss stattdessen die Augen, lauschte, wie Zorro sich schließlich doch wieder durch den Raum bewegte. Der Boden knarrte leise unter ihm; dann ein genauso leises Scharren, ein metallisches Klimpern, das Sanji schon tausendmal gehört hatte und noch tausendmal hören würde, genau wie das sanfte Geräusch von Klingen, die ohne Eile geschliffen wurden. 

 

„Schlaf”, sagte Zorro leise. „Ich halte Wache.”

 

Tausend Dinge, die Sanji darauf hätte erwidern können. Aber seine Lippen brannten mit dem Echo eines Kusses, sein Nacken mit dem einer Hand und sein Herz mit altem Schmerz, gegen den Kraut gewachsen war außer vielleicht dieses, also sagte er nichts. Das Geräusch geschliffener Klingen, dachte er schon schlafverworren unter der Brise, die ihm die Finger umspielte, war als Ersatz für das Meeresrauschen der hohen See gar nicht so übel.



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Kommentare zu diesem Kapitel (2)

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Von:  dasy
2022-07-01T11:11:54+00:00 01.07.2022 13:11
Wow...
Das ist so schön. So kann man Albträume überleben und überwinden.
So wunderbar weich geschrieben...
Ich bewundere diese Geschichte!
Von: Norrsken
2022-06-17T16:01:42+00:00 17.06.2022 18:01
Ach Elli, von dir kann ich wirklich alles lesen. uwu ♥

Es ist sehr losgelöst und nur grob zu verordnen, aber das ist für den Inhalt ja wirklich gar nicht erforderlich.
Im Gegenteil kann man sich noch viel besser auf Sanji einlassen.
Und du fängst sein Gemüt so schön ein. ♥ Ich mag ihn gleich drücken.

Zorro ist ja von Charakter her eigentlich gar nicht mein Fall, aber ich kann ihn hier mögen.
Vielleicht mag ich ihn durch deine Augen einfach. uwu

Die Berührung und welchen Abdruck sie auf Sanji hinterlassen, fühlen sich sehr intensiv an.
Sehr toll geschrieben!
Und die Atomsphäre, die du schaffst, ist auch wundervoll.
Gerade zum Schluss.


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