Treacherous
Kaum hatte Yuffies Kopf die Kissen berührt, schon spürte sie eine Hand an ihrem Oberarm. Sie blinzelte und zuckte kurz zurück, als sie in der relativen Dunkelheit ein grünes Leuchten neben sich wahrnahm, das sich allerdings nur als Sephiroths grüne Augen herausstellte. Sie brummte.
„Es wird Zeit“, sagte er sanft, fügte allerdings deutlich strenger hinzu: „Ich bleib hier so lange stehen, bis du aus den Federn kommst.“
„Schon gut“, murmelte sie, bevor sie sich aufrichtete und verschlafen übers Gesicht fuhr. Gefühlt hatte sie gerade erst die Augen zugemacht.
„Komm, Zeit ist knapp“, sagte Sephiroth mit vor der Brust verschränkten Armen. „Darf ich dich erinnern, du wolltest das hier.“
Auf Yuffies Gesicht stahl sich ein Lächeln. „Ja, stimmt. Ich komm sofort.“ Während sie sich noch streckte, folgte ihr Blick Sephiroth, der das Bett in Richtung der Tür umrundete und auf seinem Weg hinaus den noch immer schlafenden Cloud mit einem liebevollen Lächeln bedachte. Auch Yuffie sah auf die andere Bettseite. Sie schätzte, dass Cloud wohl ganz niedlich aussah. Nichtdestotrotz musste sie loslegen. Sie war schon ganz aufgeregt, sich selbst zu waschen und sich selbst anzuziehen und zum Frühstück zu gehen, weil ein anstrengender Tag anstand, an dem sie ihre eigenen Pläne in die Tat umsetzen würde.
Schließlich setzte sie sich an den Tisch, Sephiroth gegenüber, der eine Tasse in der einen und ein Stück Papier in der andere Hand hatte, auf dem, soweit Yuffie erkennen konnte, der Zeitplan notiert war, an dem sie sich zu orientieren hatten. „Was ist das alles?“, fragte sie mit einem Blick über den Tisch. Sephiroth, seinen Blick immer noch auf den Plan geheftet, reagierte nicht sofort. Als er das Papier aus der Hand legte, wiederholte Yuffie ihre Frage.
„Ei, Pfannkuchen, belegtes Brot, Müsli“, sagte Sephiroth knapp, während er nacheinander auf die Speisen zeigte. „Ich wusste nicht, ob du süß oder herzhaft bevorzugst.“
„Was isst du?“, fragte Yuffie ausweichend.
„Müsli“, sagte Sephiroth, woraufhin er eine Schüssel mit Körnern auf einer weißen Creme zu sich zog. „Vielleicht probierst du einfach von allem etwas. Ich will, dass du gegessen hast, wenn wir gehen, wir werden den ganzen Tag unterwegs sein und keine zusätzlichen Pausen einlegen. Es wird kein Spaziergang.“ Yuffie bemerkte wohl, dass Sephiroth ihre Wortwahl vom Vortag wiederholte, aber das störte sie nicht. Er nahm einen Löffel zur Hand und vermischte die Körner und das Weiße. Sie konnte kaum nachvollziehen, wie ein Mann wie Sephiroth sich von einer solchen Schüssel ernähren konnte. Sie betrachtete ihn, während er abgelenkt war. Jetzt war er wieder voll bekleidet, und unter der Uniform waren seine Ausmaße fast nicht zu erahnen, alle Narben verdeckt. Als sie so lange wachgelegen hatte, hatte sie alles zusammengeführt, was sie über ihn wusste: wie grausam er bei seinem vermeintlichen Vater aufgewachsen war; die Narben; die Albträume. Und obwohl er ihr hatte vormachen wollen, dass das alles hinter ihm lag, holte es ihn nachts ein. Wenn selbst Sephiroth, so viel mächtiger als sie, so viel älter, so viel distanzierter, noch immer Angst vor dieser Figur aus seiner Vergangenheit hatte, nicht dagegen ankam – wie konnte da irgendjemand von ihr verlangen, das sie umgebende System zu bekämpfen? Mit einem Blick auf den gedeckten Tisch fühlte sie sich nur gestärkt in ihrem Beschluss der vorigen Nacht.
„Yuffie?“ Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch. Sephiroth fasste sie ins Auge. „Es ist wirklich besser, wenn du was isst, vertrau mir.“
„Oh, ja“, sagte sie, während sie sich schnell etwas einfallen ließ. „Ich hab nur überlegt, wie du davon leben kannst.“ Sie gestikulierte, indem sie zuerst seine breite Statur nachzeichnete und dann auf seine Schüssel verwies. Sephiroth antwortete mit einem Lächeln, griff nach einem zweiten Löffel auf dem Tisch und hielt ihn ihr stumm hin. Jetzt war Yuffie gespannt. Sie nahm den Löffel entgegen und tauchte ihn in die Schüssel. Die Creme stellte sich als widerstandsfähiger heraus, als sie gedacht hatte. Doch erst, als sie den Löffel in den Mund steckte, setzte der wahre Schock ein: Es war gar keine leichte Creme, sondern ein fester Klotz. Sephiroth lachte leise, als er beobachtete, wie sie das Gesicht verzog. Kauen ließ sich der Klotz trotzdem nicht, er verschleimte ihren ganzen Mund, während sie versuchte, ihn zu zerdrücken.
„Das ist Skyr“, sagte Sephiroth, als ob das irgendetwas besser machen würde.
„Neue Frage“, würgte Yuffie hervor, als ihr Mund wieder frei war, „wie kannst du das essen? Und so viel davon?“
„Es ist ideale Marschverpflegung für mich“, sagte Sephiroth belustigt. „Und jetzt bitte iss was.“
Folgsam probierte sie zuerst von dem Ei, das trocken und fad war, dann von den Pfannkuchen, die sich als süßer Teig herausstellten, der immer mehr im Mund wurde, und als letztes von dem belegten Brot, das überraschend dick und hart war. „Hast du das alles gemacht?“, fragte Yuffie etwas peinlich berührt.
„Oh, nein“, sagte Sephiroth schnell, „ich hab mit der Essensausgabe ausgemacht, dass sie freundlicherweise eine Frühstücksauswahl für unsern Gast vorbeibringen. Das traf sich auch ganz gut, ich esse ungern dort, meist nehm ich mir nur irgendwas mit und ess es hier.“
„Magst du nicht gern beim Essen beobachtet werden?“, fragte Yuffie grinsend.
„So ähnlich“, gab Sephiroth zu – auch mit einem Lächeln, doch irgendetwas daran wirkte distanziert. „Ich bin einfach nicht sehr gesellig.“
„Jedenfalls ist das das schlechteste Essen, das ich je probiert hab“, sagte Yuffie mit einem entschuldigenden Lächeln.
„Ja, das kann ich mir vorstellen“, stimmte Sephiroth zu.
„Aber es ist wiederum so schlecht“, sagte Yuffie, während sie zumindest das Brot wieder zur Hand nahm, „dass es doch wieder was hat, ich denk, ich werd das alles aufessen.“
Kurz vor dem Ende der sechsten Stunde – oder, wie Sephiroth es nannte: „kurz vor sechs Uhr“ – brachen sie auf. Vor dem Basiseingang trafen sie auf mehrere Dutzend Männer und Frauen, die abmarschbereit waren und sich in Formation aufstellten, sobald sie Sephiroth sahen; Yuffie hatte nicht wirklich erwartet, dass die Basis überhaupt so viele Menschen beherbergte.
Sephiroth ging eine weitere Liste durch, um sicherzugehen, dass auch alle, die eingeteilt waren, vor ihm standen. Dann richtete er das Wort an alle Versammelten: „Die heutige Mission sieht etwas anders aus, als wir es gewohnt sind. Zunächst werden wir den ganzen Tag komplett zu Fuß unterwegs sein. Außerdem sind wir heute nicht bewaffnet, sondern ausgerüstet, um zu helfen. Yuffie hier wird uns heute führen“ – Yuffie neigte den Kopf, als Sephiroth ihren Namen erwähnte – „und da sie als untrainierte Zivilistin mitkommt, wird es heute keine Eilmärsche geben.“ Ein allgemeines Gemurmel der Erleichterung ging durch die Truppe. „Aber ich möchte euch dennoch auch warnen. Ich kenne euch alle. Jede Einzelne. Jeden Einzelnen. Und ich vertraue euch, auch mit meinem Leben. Sollte heute oder in den folgenden Tagen allerdings nur die geringste Grenzüberschreitung gegenüber der lokalen Bevölkerung stattfinden – und ich gestatte hier keine blöden Fragen, ihr wisst allesamt genau, was ich meine –, wird es der betreffenden Person sehr leidtun.
Verstehen wir uns?“
„Ja, Sir!“, tönte die Truppe einstimmig.
„Gut. Dann Abmarsch!“ Die Truppe wandte sich in einer fließenden Bewegung um, wartete dann allerdings, bis Yuffie und Sephiroth zum andern Ende aufgeschlossen hatten. Yuffie führte nun die sich in Bewegung setzende Einheit an. Ihr Nacken kribbelte, als sie an der Stelle vorbeikamen, an der sie in der Nacht mit Vincent gesessen hatte.
„Was ist ein Eilmarsch?“, fragte Yuffie, um mit Sephiroth ins Gespräch zu kommen.
„Ein Marsch in erhöhter Geschwindigkeit und ohne Pausen“, antwortete Sephiroth prompt. „Oder mit weniger Pausen, je nach Dringlichkeit.“
„Wieso das?“, fragte Yuffie perplex.
„Manchmal ist der Zeitpunkt, zu dem man ankommt, wichtiger als der Zustand, in dem man ankommt“, sagte Sephiroth philosophisch. Der Waldrand war nun in Sichtweite. „Sag mal, Yuffie, deiner Erfahrung nach – ist der Wald wirklich gefährlich oder sind das nur Geschichten?“
„Für uns wird er heute eher nicht gefährlich sein, wenn so viele Leute Lärm machen“, sagte Yuffie. „Es werden wahrscheinlich alle Tiere vor uns fliehen. Wir müssen höchstens aufpassen, in keine Spinnen reinzulaufen, die sind nämlich wirklich tödlich.“
„Deswegen sind bei uns immer alle Zeltplanen geschlossen“, murrte Sephiroth, „und alle Fenster und Türen haben Gitter. Am Anfang haben wir tatsächlich Leute an Spinnenbisse verloren; wo wir herkommen, würde man das nicht denken.“
„Hier ist das selbstverständlich“, murmelte Yuffie. „Aber die Spinnen sind auch nicht aggressiv, wenn man ganz vorsichtig ist, krabbeln sie einem sogar ganz friedlich auf die Hand und man kann sie einfach raustragen.“
Sephiroths Blick verriet pures Entsetzen. Er wand sich unter einem offensichtlichen Schauer, der ihm über den Rücken lief. „Ich kann ja mit vielem leben, aber Spinnen so groß wie Teller ...“ Es lief ein erneutes Zittern durch seinen Körper. Yuffie lachte.
„Ok, lass es mich anders formulieren“, sagte Sephiroth, eine Furche zwischen den Brauen. „Tellergroße Spinnen, an deren Bissen du junge Männer hast sterben sehen.“ Yuffie verging das Lachen schlagartig. „In den letzten Momenten ihres Lebens begleitet hast, wenn sie nur sagen, dass sie nicht sterben, dass sie zu ihren Eltern wollen.“
Entsetzen durchfuhr Yuffie. „Das tut mir leid“, sagte sie kleinlaut.
„Viel mehr konnte ich den Eltern auch nicht sagen“, gab Sephiroth zu. Yuffie schaute ihn an. „Das waren meine Männer. Ich war für sie verantwortlich. Ich sehe noch immer manchmal ihre Gesichter ...“
Yuffie wurde hellhörig. „Im Schlaf?“
„Du hast mit Genesis geredet.“
„Ich denke, er wollte mich nur vorwarnen.“
Sephiroth schmunzelte. „Ja, er hat mir das erzählt – du wirst es nicht glauben, ich war letzte Nacht mal wieder wach.“
„Spinnen?“, fragte Yuffie mitfühlend.
Sephiroth schnaubte. „Yuffie, du glaubst kaum, was für ein Arsenal an Albträumen ich habe, die mich wachhalten können.“ Doch, dachte sich Yuffie, ich hab da so eine Vorstellung.
Und so betraten sie in der mittlerweile einsetzenden Morgendämmerung den Wald. Während Sephiroth seine Truppe im Auge behielt, sah Yuffie zu, dass sie nicht die Orientierung zwischen den Moosen, tiefen Ästen, Baumstämmen, die von einem halben Dutzend Männer nicht umspannt werden könnten, und dem Unterholz nicht verlor.
„Bist du hier schon mal durchgelaufen?“, fragte Sephiroth leise.
„Vor langer Zeit“, erwiderte Yuffie. „Aber das macht nichts, Wälder verändern sich glücklicherweise nicht so schnell ...“ Und das waren vorerst die letzten Worte, die sie austauschten, bevor sie sich weiterhin mühsam Stück für Stück vorankämpften. Die Sonne stieg dankenswerterweise langsam so hoch, dass Licht durch die hohen Baumkronen fiel, was allerdings auch bedeutete, dass nach und nach die Bewohner des Waldes erwachten, die einen ohrenbetäubenden Lärm veranstalteten. Die Luft wurde dick und heiß und Yuffie war schmerzlich bewusst, wie wenig Schlaf sie bekommen hatte.
Es war noch immer Morgen, als sie den Wald schließlich verließen und in der Ferne ihr erstes Ziel des Tages sichtbar wurde. Die Verwüstung war mit bloßem Auge zu erkennen: Der Sturm hatte die Reisfelder am Abhang, obwohl die Regenzeit schon fast zwei Monate vorbei war, überflutet, die Reispflanzen ausgerissen und zerstört, alles lag durcheinander im Matsch, den die Sonne noch immer nicht hatte trocknen können.
Yuffie, einen Moment in der Bewegung erstarrt, machte sich nun umso schneller auf den Weg in die Richtung der zu erkennenden Siedlung neben dem terrassierten Abhang. Die Dächer waren noch immer abgedeckt oder eingestürzt, Türen und Wände waren aus den Häusern gerissen, das Holz war geschwollen vor eingedrungener Feuchtigkeit. Ein Sturm von solchen Ausmaßen war noch nie über Wutai hinweggefegt.
„Bleibt ihr hier“, sagte Yuffie zu Sephiroth. „Ich werde zuerst hineingehen und alles erklären. Es soll niemand erschreckt werden.“ Sephiroth gab seinem Gefolge ein Zeichen, sodass sie zwar in Sichtweite, aber doch in gebührendem Abstand zum Dorf stehen blieben, während Yuffie zielsicher auf die Hauptstraße zusteuerte. Sie war übersät mit zerstörten Geräten, die die Leute aus ihren Häusern geworfen hatten, mit Fensterläden, die nichts gegen den Sturm genutzt hatten, mit Alltagsgegenständen, Eimern, Teegeschirr, sogar mit Spielzeug, das niemand vor Wind und Flut hatte retten können.
Die wenigen Menschen, die die Straße bevölkerten, sahen sie skeptisch an, als sie vorbeiging, den Weg zum Fremdenhaus einschlug und, in der Hoffnung, die Dorfälteste vorzufinden, den Raum betrat, in dem sonst vorbeikommende Wanderer untergebracht werden sollten. Ein Blick nach oben verriet ihr, dass auch dieses Haus über keine Decke mehr verfügte. Die Wände, die sonst mit lokalen Schätzen behängt waren, waren nun beinahe kahl bis auf ein paar wertvolle Fächer und eine handgemachte Kinderpuppe. Der moderige Boden war fast nicht zu erkennen durch eine Schicht aus Schlamm, Holzsplittern und Resten von heruntergefallenen Dingen, die noch nicht beseitigt worden waren.
Am Ende des Raumes, auf einem hastig wiedererrichteten Podest, saß ein Mann, den sie nicht sofort erkannte, ins Gespräch vertieft mit mehreren Leuten, die ihn umgaben. Sie diskutierten ganz offensichtlich die aktuelle Lage und die weiteren Maßnahmen. Yuffie machte sich bemerkbar und zog damit alle Blicke auf sich. Einen Moment sprach niemand.
„Prinzessin ... seid Ihr das?“, fragte schließlich der alte Mann auf dem Podest.
„Ganz recht“, sagte Yuffie, woraufhin eine junge Frau sofort loseilte und eine riesige Reismatte herbeiholte, die sie Yuffie zu Füßen legte, damit sie nicht im Schlamm stehen bleiben musste. Yuffie neigte den Kopf. „Bitte entschuldigt meine Aufmachung, ich habe den Weg hierher selbst zu Fuß zurückgelegt und dieser Weg wird mich heute noch sehr weit führen, sodass ich zu praktischer Kleidung greifen musste. Ich bitte vielmals um Verzeihung.“ Sie verbeugte sich tief. „Ich suche eigentlich nach Wei Lan.“
„Meine verehrte Schwester“, sagte der Mann, den Yuffie nun endlich als Wei Hon erkannte, „hat die Verletzungen, die sie im Sturm erlitten hat, nicht überlebt.“
„Das tut mir leid“, sagte Yuffie, wobei sie sich in Ehrerbietung vor dem neuen Dorfältesten auf der Reismatte zu Boden warf. „Uns hat keine Nachricht erreicht.“
„Wir konnten keinen Boten erübrigen“, erklärte Wei Hon. „Und seitdem ist niemand vorbeigekommen, dem wir die Botschaft hätten mitgeben können. – Prinzessin, warum seid Ihr hier?“ Yuffie richtete sich in eine kniende Position auf und erklärte ihr Anliegen, den Kopf geneigt und die Hände im Schoß gefaltet.
Als sie geendet hatte, schüttelte Hon den Kopf. „Unmöglich, es steht außer Frage, mit solchen Unmenschen zusammenzuarbeiten.“
„Bitte, Dorfältester Wei Hon“, sagte Yuffie, den Blick noch immer gesenkt, „die Zerstörungen sind fast zwei Monate her und immer noch offensichtlich. Bitte nehmt die Hilfe an, damit nicht noch mehr Leute dasselbe Schicksal erleben wie Eure verehrte Schwester.“
„Sie sind diejenigen, die vor Jahren unser Land überhaupt erst verwüstet haben“, erwiderte Wei Hon stur. „Und damals haben wir uns auch selbst geholfen.“
„Mit Verlaub“, wandte Yuffie ein, „aber die Situationen sind wohl kaum vergleichbar. Außerdem steht die Hilfe bereits vor den Toren. Lasst sie nur jetzt herein und schon morgen könnte bereits alles besser aussehen.“
„Der richtige Weg, Prinzessin, ist nicht immer der einfachste.“
„Aber einen einfachen Weg zu wählen ist auch nicht immer falsch“, entgegnete Yuffie. Sie hob den Blick. „Denkt an die kommenden Generationen. Sie haben keinen Groll gegen jene, die nur versuchen zu helfen. Doch wenn Ihr Euch jetzt weigert, gibt es möglicherweise gar keine kommenden Generationen. Wie lange wollt Ihr hier noch ausharren? Wie lange reichen Eure Reserven noch aus? Wird nicht langsam das Wasser schlecht, faulen die Früchte? Ich sehe, dass jederzeit alles über Euch zusammenbrechen kann, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bitte Euch, vergesst euren Stolz. Lasst die Kinder nicht hungern.“
„Ihr kämpft mit ungerechten Mitteln, Prinzessin“, bemerkte Wei Hon, mehr beeindruckt als verärgert.
Yuffie erhob sich. „Manche Dinge sind notwendig“, sagte sie schlicht.
„Da sind sie wohl, sind sie wohl ...“, sagte Wei Hon nachdenklich. „Nun gut, wenn Ihr sagt, die Hilfe steht schon bereit, wäre es wohl unhöflich, sie nach einem so weiten Weg unverrichteter Dinge zurückzuschicken. Ich mache für Euch eine Ausnahme, Prinzessin, aber glaubt nicht, dass das bedeutet, dass wir fortan anders über die Monster denken werden, die unser Land mit Krieg überzogen haben.“
Auf dem Weg vom dritten ins vierte Dorf legten sie endlich eine Pause ein, um auszuruhen und zu essen. In den andern beiden Dörfern hatten sich die gleichen Bilder geboten und es hatte den gleichen Konflikt gegeben, doch bisher war Yuffie immer erfolgreich gewesen.
Jetzt setzte sie sich schlicht mit den andern auf den Boden und atmete tief durch. Sephiroth, der sich neben ihr niederließ, drückte ihr eine kleine metallene Schachtel in die Hand. „Kalte Verpflegung“, sagte er. Yuffie öffnete den Verschluss und hob den Deckel an. Drinnen entdeckte sie mehr Brot, ein knisterndes Material, dessen Aufschrift sie nicht entziffern konnte, das aber wohl irgendetwas aus Teig beinhaltete, und eine violette Frucht. Sie zog das Stück Obst zuerst heraus und roch daran. Sephiroth beobachtete sie mit einem interessierten Lächeln.
Vorsichtig nahm sie einen Bissen. Die Schale knackte und das Fleisch darunter war fester als das eines Pfirsichs, aber nicht so faserig. Die Frucht war saftig, ein wenig süß und ein wenig sauer. „Das schmeckt herrlich“, sagte sie. Sephiroth nickte, als hätte er erwartet, dass sie so urteilen würde.
„Genesis‘ Familie baut die Äpfel an“, erzählte er ihr. „Und er ist verrückt nach den Dingern. Ich denke, die Hälfte der Äpfel, die wir in die Basis bekommen, geht auf sein Konto.“
„Wir haben wirklich sehr viele Früchte, aber keine ... Äpfel.“ Nun, da Sephiroth Genesis erwähnt hatte, dachte sie wieder daran, was er ihr in der Nacht zuvor erzählt hatte. Sie überlegte, Sephiroth noch einmal genauer darauf anzusprechen, allerdings wusste sie nicht, was sie damit erreichen wollte. Natürlich konnte sie ihm erzählen, dass es ihr nicht fremd war, schlecht zu träumen. Aber wirklich Lust auf ein weiteres Gespräch wie das über ihre Familiengeschichten und Mütter hatte sie nicht. Stattdessen suchte sie nach etwas anderem. „Cloud liegt dir wirklich sehr am Herzen, oder?“
„Natürlich“, sagte Sephiroth ohne zu zögern. „Ich würde für ihn sterben. – Vorausgesetzt jedenfalls, das wäre irgendwie sinnvoll.“
„Es muss schön sein, so jemanden zu haben“, sagte Yuffie wehmütig. Sephiroth sah sie verständnisvoll an.
„Es braucht Zeit, so tiefe Freundschaften aufzubauen“, sagte er beschwichtigend.
„Aber ihr seid bald wieder weg“, wandte Yuffie ein.
„Na ja, bald“, widersprach Sephiroth. „Nächsten Sommer. – Ähm, ich meine, nach Ende der nächsten Regenzeit“, fügte er hinzu, als sie ihn ratlos anschaute. „Bis dahin kann noch viel passieren.“
„Nicht genug, um an meiner Situation wirklich etwas zu ändern, fürchte ich“, sagte sie seufzend.
Sephiroth zuckte die Schultern. „Dann mach dir keine Sorgen über das Ende, sondern hab Spaß, solange es geht.“ Yuffie lächelte.
„Aber es wird so wehtun.“
Sephiroth wurde sehr ernst. „Es geht nur eins von beiden. Entweder kein Schmerz – und keine Liebe. Oder Schmerz – aber dafür Liebe. Schmerz ist der Preis, den wir dafür zahlen müssen, geliebt zu haben. Oder zu lieben. Oder geliebt worden zu sein. Irgendwann wird es unweigerlich wehtun, weil nichts für immer ist.“
Yuffie hörte das nicht gerne. „Das ist nicht gerade aufmunternd.“
„Manche Dinge auf dieser Welt sind einfach nicht sehr aufmunternd, aber trotzdem nicht weniger wahr.“ Sephiroth stand auf. „Und unsere Pause ist jetzt auch um.“
„Sehr erholsam“, sagte Yuffie, woraufhin auch sie sich erhob und Sephiroth die Verpflegung wieder aushändigte.
„Du isst wirklich nur den Apfel?“, fragte Sephiroth.
„Ich esse normalerweise sowieso nur zwei Mal am Tag“, sagte Yuffie. Sephiroth hatte schon den Mund geöffnet, um zu widersprechen, schien es sich dann aber anders zu überlegen. Während sie sich wieder auf den Weg machten, aß Yuffie im Gehen den Rest des violetten Apfels.
Yuffies Magen meldete schließlich doch Abendessenszeit, als sie nach getaner Arbeit mit versammelter Truppe den Wald wieder in die andere Richtung durchquert und das Shin-Ra-Basis vor Augen hatten. Ihre Füße wollten keinen Schritt mehr gehen, als notwendig war, um zum nächsten Bett zu kommen. Sephiroth entließ die Einsatzkräfte am Basiseingang, wo einige in Richtung der Waschräume abbogen, andere direkt den Weg zur Essensausgabe einschlugen. Yuffie und Sephiroth steuerten das kleine Haus an, vor dem Cloud und Genesis offenbar im Gespräch miteinander standen.
„Oh, schon wieder da?“, fragte Genesis Sephiroth freudlos.
„Ich denke, zwölf Stunden Einsatz mit aus der Übung gekommenen Kräften sind wirklich genug“, erwiderte Sephiroth etwas pikiert. „Es war ein wenig Kindergarten dabei, aber alles in allem waren wir, denke ich, doch erfolgreich.“
„Und du?“, fragte Cloud an Yuffie gewandt.
„Ich will nur noch essen und schlafen“, sagte Yuffie matt. „Nicht mal ausziehen oder waschen, das dauert zu lange. Direkt schlafen.“ Cloud lachte.
„Das wird ja morgen eine Freude werden“, sagte hingegen Genesis zähneknirschend.
„Jedenfalls wollten wir gerade essen gehen“, informierte Cloud Yuffie. „Kommst du mit?“ Aber Yuffie schüttelte den Kopf.
„Ich werde zum Abendessen oben erwartet“, sagte sie, während sie verzweifelt versuchte, die Augen offen zu halten.
„Soll ich dich tragen?“, witzelte Cloud. Yuffie lachte und streckte als Antwort scherzhaft die Arme nach ihm aus; danach wusste sie nichts mehr.
Es waren laute Männerstimmen, die sie weckten. Ein paar Momente war sie orientierungslos, als sie feststellte, dass sie mit dem Gesicht in einer weichen Decke zu liegen schien. Sie richtete sich auf Hände und Knie auf. Mit einem Schlag war sie wach, als sie Rufus‘ Stimme erkannte. „ ... nichts gelernt hast.“ Sie erkannte Clouds Zimmer, in dessen Bett sie gelegen hatte.
„Du willst mich unbedingt provozieren, oder?“, hörte sie Cloud antworten.
Auf unbestimmte Geräusche folgte Sephiroths Stimme: „Cloud, tu nichts, was du hinterher bereust.“
„Warum sagst du das mir?“, erwiderte dieser hitzig. Yuffie beeilte sich, aufzustehen, rieb sich dabei allerdings die juckenden Augen, als sie am oberen Treppenabsatz auftauchte.
„Was ist das hier für ein Lärm?“, fragte sie in die Menge, woraufhin sich drei Augenpaare auf sie richteten.
„Ich soll dich abholen“, sagte Rufus. „Wo bleibst du denn?“
Yuffie überlegte, was passiert war. „Ich muss eingeschlafen sein.“
„Und hast uns dabei einen ordentlichen Schrecken eingejagt“, fügte Cloud hinzu, den Sephiroth noch immer mit einem Arm zurückhielt.
Yuffie stieg gähnend die Treppe hinab. „Ich hab letzte Nacht nicht geschlafen“, sagte sie zur Erklärung. Seltsamerweise bemerkte sie, wie Sephiroths Blick zwischen ihr und Rufus hin und her ging, was sie sich nicht erklären konnte, da sie die letzte Nacht nicht mit Rufus verbracht hatte. Schließlich schürzte Sephiroth die Lippen und senkte den Blick.
„Was ist, gehen wir?“, fragte Rufus. Yuffie nickte und wandte sich an Cloud und Sephiroth.
„Wir sehen uns, ähm ... später.“
Der Weg zurück mit Rufus war schweigsam.
„Es ist alles ungefähr so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt hatten“, sagte Yuffie, als sie den Abhang hinaufgestiegen waren.
„Gut“, erwiderte Rufus. Für den Rest des Weges, vorbei am Dorf und über eine letzte leichte Anhöhe zurück zum Palast, sagten sie kein weiteres Wort. Das Abendessen hatte schon begonnen, als sie dazustießen.
„Yuffie!“, sagte ihr Vater erleichtert. „Wo bist du gewesen?“
„Ich, ähm, bin wohl etwas eingenickt“, sagte Yuffie mit gesenktem Blick, als sie ihren Platz einnahm. „Es war sehr anstrengend heute.“
„Dann solltest du schnell etwas essen“, sagte Godo, was Yuffie prompt befolgte. Bis sie eine gute Menge Reis, Teigtaschen, Suppe und gedämpftes Gemüse gegessen hatte, nahm sie an keinen Gesprächen teil, doch als ihr Tempo langsam etwas abnahm, begann ihr Vater seine Befragung. Sie informierte ihn über die Zustände, die sie gesehen, und über die Personen, mit denen sie gesprochen hatte; sie behauptete auch, dass sie gut behandelt und verpflegt worden war, obwohl das nur zur Hälfte der Wahrheit entsprach. Sie spürte den Widerwillen ihres Vaters, einfach zuzugeben, dass ihr Plan gut gewesen war, doch zumindest sagte er auch nichts dagegen.
Nach dem Abendessen ging sie nach oben, um sich hinzulegen; es war schon längst dunkel und Schlafenszeit, als sie dadurch geweckt wurde, dass Rufus eintrat. Sie setzte sich auf. „War wohl anstrengend heute“, sagte Rufus, während er seine Jacke aufknöpfte.
„Du machst dir keine Vorstellung“, gähnte Yuffie. Sie stand auf und suchte ihre Sache zusammen.
„Du bleibst wieder nicht hier?“, fragte Rufus, mitten in der Bewegung innehaltend.
„Die sagen mir, ich bin immer zu spät“, sagte Yuffie. „Das mögen die nicht.“
„Und dann springst du gleich, oder was?“
„Es ist wenigstens sinnvoll, was sie sagen“, erwiderte Yuffie trotzig.
Rufus‘ Augen verengten sich „Was genau willst du damit andeuten?“
Auch Yuffie hielt inne. Sie konnte hier und jetzt eine Menge loswerden. Viele ihrer Gedanken betrafen immerhin auch Rufus. Doch sie hatte seit Tagen das Gefühl, einfach nicht mit ihm reden zu können. Hatte sie es denn nicht mehrmals versucht? Und war es nicht an seiner Sturheit gescheitert? Sie hatte im Moment weder die Energie noch die Geduld, irgendetwas anzubringen. Sie konnte genauso gut mit einem Baum reden. „Ich gehe“, sagte sie daher schlicht, woraufhin sie sich an Rufus vorbeidrückte, die Tür aufschob und wie üblich aus dem Palast schlich.
Als sie am nächsten Morgen zum Frühstück auftauchte, wartete Genesis mit einer netten Überraschung für sie auf. „Rede nicht mit mir“, sagte er leidend über einer Tasse Kaffee. „Ich hab die Sachen gestern im Gasthaus besorgt. Ja, sie sind kalt. Aber immer noch besser als das Frühstück, das es hier gibt. Guten Appetit.“ Eine Auswahl an heimischen Speisen war auf Teller verteilt; Genesis hatte ihr sogar Stäbchen organisiert.
„Du bist so lieb“, sagte Yuffie freudestrahlend.
„Ich tu so, als hätte ich das nicht gehört“, sagte Genesis, die Augen halb geschlossen. Während er nach und nach seine Tasse leerte, griff Yuffie als erstes nach einem gefüllten Hefekloß und biss beherzt hinein. Allmählich öffneten sich Genesis‘ Augen zur Gänze und er wirkte wieder ansprechbar.
„Na, wach?“, triezte Yuffie ihn, während sie mit den Stäbchen nach den Teigtaschen fischte. Genesis seufzte.
„So ähnlich“, sagte er, nahm den letzten Schluck Kaffee und griff anschließend ebenfalls nach einem Hefekloß.
„Wo ist Seph?“, fragte Yuffie, um ein Gespräch in Gang zu bringen.
„Auf seinem morgendlichen Kontrollgang“, sagte Genesis schulterzuckend. „Oder schon beim Training, so ein Kontrollgang dauert ja eigentlich nicht lange, weil hier einfach nie irgendwas passiert.“
„Und du stehst sonst nicht so früh auf?“
„Seh ich so aus?“, fragte Genesis, direkt etwas gereizt. Yuffie grinste unschuldig.
„Vielleicht etwas blass um die Nase.“
„Ha“, kommentierte Genesis. „Lustig.“ Yuffie grinste noch breiter; sie für ihren Teil hatte Spaß. Gut gelaunt widmete sie sich dem Rest des Frühstücks, das, nun mit Genesis‘ Hilfe, sehr schnell verschwand. Sie brachen um dieselbe Zeit auf wie am Vortag, doch Genesis zog keine Liste zu Rate, sondern ließ nur einen kurzen Blick über die Anwesenden schweifen. „Alle da? Gut. Dann los.“
„Du kontrollierst keine Anwesenheit?“, fragte Yuffie, während sie sich beeilte, mit Genesis Schritt zu halten, der sich an den Kopf der Einheit begab.
„Ich seh auch so, dass alle da sind“, sagte Genesis leichthin. „Außerdem ist viel wichtiger, alle wieder zurückzubringen, als zu wissen, ob man mit allen aufgebrochen ist.“
„Seph –“, begann Yuffie, doch Genesis schnitt ihr direkt das Wort ab.
„Seph steht mehr auf Ordnung und Regeln, als es für irgendjemanden gut ist. Das hier ist keine Raketenwissenschaft, das hier ist ja kaum ein richtiger Marsch. Wir laufen zu einem Dorf, ich liefer ein paar Leute ab, das wiederholen wir noch drei Mal. Ich komm selbst aus einer Dorfgegend und krieg das auch ohne Plan hin.“
Yuffie erwiderte daraufhin nichts, sondern suchte etwas anderes, über das sie reden konnten. „Sind das dieselben Leute wie gestern?“
„In Teilen“, sagte Genesis. „Es sind zwar am Freitag eine Menge Leute mehr in die Basis gekommen als sonst, aber wir verfügen trotzdem nicht über genug Kräfte, um die Einheiten jeden Tag komplett zu rotieren. Wir haben einfach geschaut, dass zumindest niemand drei Tage in Folge eingesetzt ist.“
„Bis auf mich“, bemerkte Yuffie.
„Yuffie, nimm’s mir nicht übel“, sagte Genesis, die Augenbrauen zusammengezogen, „aber du überarbeitest dich wohl kaum. Zugegeben, du bist viel auf den Beinen, aber das wird dich wohl kaum umbringen. Unsere Leute tragen mehrere Dutzend Kilo an Gepäck.“
„Seph war netter zu mir“, wandte Yuffie ein.
„Tja, dafür ist er ja auch meine bessere Hälfte“, sagte Genesis unbeirrt.
„Man spürt die Liebe zwischen euch“, sagte Yuffie sarkastisch. Genesis sah aus, als ob er ein Lachen unterdrückte, sagte aber nichts dazu. Yuffie suchte also erneut nach einem Gesprächsthema.
„Hast du in die Bücher reingeschaut, die ich dir gegeben hab?“
„Oh, ja“, sagte Genesis begeistert. „Das sind wirklich schöne Exemplare. Ich meine, mehr als ein paar Zeichen kann ich nicht wirklich entziffern, aber ich finde, Bücher sind nicht nur das, was drinsteht, weißt du, wie ich meine?“
„Warte – du kannst ein paar Zeichen entziffern?“, fragte Yuffie überrascht.
„Na ja, ich bin eigentlich recht häufig oben im Dorf, da lernt man das eine oder andere“, sagte Genesis. „Nur so ganz basale Sachen, ich weiß nicht, ‚Blume‘, ‚Tisch‘, ‚Reis‘, so was.“
„Ich kann dir mehr beibringen“, bot Yuffie an.
„Gerne“, sagte Genesis amüsiert, als sie den Rand der Bäume erreicht hatten, „aber jetzt sei erst mal so freundlich und verlauf dich zumindest nicht im Wald.“
In der Mittagspause schaute Yuffie diesmal gierig in das Verpflegungspaket, das Genesis ihr reichte. „Ich kenn das ja absolut nicht, mittags zu essen“, sagte sie im Plauderton, bevor sie in einen neuen violetten Apfel biss.
„Ich würde sterben, wenn ich mittags nichts esse“, sagte Genesis trocken und ließ sich neben ihr ins Gras fallen. Yuffie schmunzelte zwischen zwei Bissen. „Lach nicht, ich mein das ernst“, sagte Genesis tonlos. Yuffie sah ihn nachdenklich an.
„Ich glaube, du klingst anders, wenn du etwas wirklich ernst meinst“, sagte sie. Genesis‘ Mundwinkel verzogen sich leicht nach oben. Yuffie hielt den Apfel in ihrer Hand hoch. „Seph meinte, die Äpfel hier kommen von deiner Familie.“ Genesis nickte.
„Meine Eltern besitzen Land, auf dem diese Bäume einfach wie verrückt wachsen, und Früchte findest du mal hier, mal da das ganze Jahr über. Du brauchst nichts zu machen, als sie zu pflücken. Dann einen Teil so verkaufen, einen Teil verarbeiten lassen. Die Äpfel sind so beliebt und kommen nur aus unserer Region, also macht man das ganze Jahr gutes Geld.“
„Wie kann man Land besitzen?“, fragte Yuffie nachdenklich.
„Wie meinst du?“, fragte Genesis mit einem Lächeln, das sie sich nicht erklären konnte.
„Na ja, ich frage mich, wie man Land besitzen kann“, wiederholte Yuffie. „Ich meine, es ist Land. Nehmen wir das Stück Erde als Beispiel, auf dem wir sitzen. Wie kann das irgendjemandem gehören?“
Genesis seufzte. „Das ist eine Diskussion, die ist Hunderte von Jahren alt. Es gibt zahlreiche Theorien. Du und ich denken unterschiedlich, und wir werden uns nie einig werden. Am Ende steht fest: Meine Eltern haben gut dafür bezahlt“, sagte Genesis unbeirrt.
„Aber wen?“, fragte Yuffie dennoch. „Die Erde gehört niemandem, wen kannst du bezahlen, damit sie dir gehört?“
„Sie werden es von der Gemeinde gekauft haben“, sagte Genesis nachdenklich.
„Aber du kannst doch genauso wenig Erde verkaufen“, beharrte Yuffie.
„Nach unserm Recht schon“, sagte Genesis schulterzuckend.
„Seltsam“, sagte Yuffie. Genesis stimmte ihr zu und beendete die Pause.
Zufrieden seufzend betrat Yuffie gefolgt von Genesis die Küche, an deren anderen Ende Sephiroth und Cloud schon zusammen mit Amanda warteten. „Da seid ihr ja“, sagte Amanda mit einem Nicken zur Begrüßung. „Ihr seid spät dran. War was?“
„Nein, nein“, sagte Genesis, während Yuffie auf einen Stuhl am Küchentisch plumpste, „wir sind die Sache nur etwas entspannter angegangen.“
„Entspannt, von wegen“, gähnte Yuffie.
„Wozu mach ich mir eigentlich Gedanken und plane, wenn die Herren der Schöpfung am Ende eh alles besser wissen?“, fragte Amanda mit einem nicht überzeugenden Lächeln.
Genesis umrundete den Tisch in ihre Richtung. „Es war ein sehr guter Plan“, räumte er ein, „nur etwas straff.“
„Na gut“, sagte Amanda abschließend. „Jedenfalls. Es gibt gute Neuigkeiten. Yuffie, morgen gehst du mit Cloud.“ Yuffie streckte freudestrahlend die Arme in die Luft.
„Du hörst auf zu streiken?“, fragte sie Cloud.
Der zuckte die Schultern. „Für dich.“
Yuffie grinste. „Dann kann ich ja gut gelaunt zum Abendessen aufbrechen, und wenn alles gut geht, bin ich zur Schlafenszeit wieder da.“