Nachtl[i]eben
Die letzten Nächte waren der Horror gewesen! Dan konnte keine Nacht durchschlafen, weil sein kleiner Bruder ständig aufwachen und rumheulen musste, als ob es um sein Leben ging! Meist kam Daddy dann in das Zimmer gestürmt und nahm ihn mit, aber bis es so weit war, war Dan schon wach, starrte schweigend an die Zimmerdecke und wartete darauf, dass er wieder einschlief. Das war nur gar nicht so einfach in dieser Dunkelheit und mit dem entfernten Gebrüll von seinem kleinen Bruder im Nebenzimmer. Manchmal zog er sich dann die Decke über den Kopf, damit er weniger hörte, aber dafür hatte er dann das Gefühl ersticken zu müssen, außerdem wurde es dann immer so warm – lang hielt er es jedenfalls nicht aus.
Auch in dieser Nacht wachte das Baby im anderen Bett wieder auf. Als ob er es schon geahnt hätte, öffneten sich Dannys Augenlider innerhalb der ersten paar Töne. Er war hellwach, während der Andere gerade noch dabei war, langsam munter zu werden. Erst murrte der Bruder nur etwas, dann fing er an, seine Arme und Beine zu bewegen und innerhalb weniger Augenblicke würde er anfangen zu weinen – so lief das immer! Nur heute entschied sich Dan dafür, dass er sich das nicht mehr gefallen ließ, immerhin war er schon fast zwei Jahre alt und hatte den Bruder schon knapp ein halbes Jahr so ertragen müssen (okay, in den ersten Monaten hatte der Nachts drüben bei ihren Eltern geschlafen, aber wenn man ständig geweckt wurde, kamen die Tage einem eben auch viel, viel länger vor! Da wurde eine Woche schon mal zu gefühlt zwei Monaten.) Bevor das Baby also richtig loslegen konnte, stand Danny drüben an seinem Bett und sah in die Dunkelheit, wo der Schreihals lag. „Shhhhh!“, zischte er seinen Bruder an, der gab vor Verwunderung auch erst mal Ruhe, das hielt allerdings nicht lange an, schon fing er wieder an zu murren. Ein Seufzen entfuhr Dan und er ging um das Gitterbett herum – zur kurzen Seite hin, wo der Kleine seine Füße hatte. Dort war das Gitterbett nämlich offen, oder zumindest konnte Dan dort die Stoffwand mittels eines Reißverschlusses öffnen und mit etwas Anstrengung in das Bett hineinklettern – das wusste er, weil er das gleiche Bett hatte. Gesagt – getan, schon war die Seitenwand offen und Dan kletterte in das Bett seines Bruders. Unbeholfen tastete er sich nach oben vor, bis er so halb über dem Baby kniete. „Aary“, flüsterte er und es war ungefähr das erste Mal, dass er seinen Bruder direkt anredete. Bisher hatte Dan noch nicht wirklich gewusst, was er mit dieser kackenden, kotzenden, schreienden Sabberschleuder anstellen sollte, also gab es bis zu diesem Tag keinen wirklichen Grund seinen Namen in den Mund zu nehmen. Aber jetzt wollte er etwas von ihm! Er wollte schlafen und er wollte, dass Aaron endlich auch mal schlief und zwar in seinem Zimmer, weil es irgendwie nett war, zu wissen, dass er nicht alleine war im Dunkeln. Aaron war einen Moment still, dann ging es allerdings wieder los mit den Geräuschen. Resigniert ließ Dan sich neben seinen Bruder fallen. Er war müde und er wollte verdammt noch mal schlafen, aber er wusste nicht, wie er Aaron aufheitern sollte, damit der nicht heulen musste, also tat er das Naheliegendste und piekste Aaron seine Finger in die Rippen. Der zuckte im ersten Moment weg, krümmte sich etwas, aber immerhin fing er nicht sofort an zu brüllen. Hm. Nicht schlecht. Ohne groß darüber nachzudenken fing Dan an seinen kleinen Babybruder zu kitzeln, der daraufhin doch wieder Laute von sich gab. Es war allerdings kein Weinen, sondern viel mehr das herzhafteste Lachen, dass er jemals gehört hatte und Aaron konnte gar nicht mehr aufhören damit, vor allem, weil er sich mit seinen Speckärmchen absolut gar nicht wehren konnte, gegen diese gemeine Attacke. Schließlich verließ Dan aber die Motivation und er hörte auf. Aaron schien jetzt ziemlich wach zu sein, zumindest rollte er sich bei den letzten paar Lachern auf die Seite, so dass er in Dannys Richtung gucken konnte. Viel zu sehen gab es allerdings nicht, auch wenn der Mond ein wenig in das Zimmer hinein schien. Er hatte ein breites Grinsen im Gesicht, das Dan im Halbdunkeln nur erahnen konnte. Hah! Da fehlte doch etwas. Der Ältere tastete ein wenig neben sich herum, dann fand er wonach er suchte und irgh… Alles war voller Sabber. Ziemlich ekelig, aber dennoch stopfte er Aaron seinen Schnuller wieder zurück in den Mund. Der sog sich auch direkt wieder daran fest und nuckelte was das Zeug hielt. Schon komisch wie beruhigend das auf den Kleinen wirkte, aber schon nach wenigen Augenblicken, wurden seine Bewegungen langsamer und er war wieder eingeschlafen. Dan kroch jetzt mit unter die Bettdecke und legte seinen Arm um Aaron. Der war warm und weich und so klein, dass er perfekt in seinen Arm passte, wenn Dan sich ganz eng an seine Seite schmiegte, denn Aaron hatte sich mittlerweile wieder auf den Rücken gedreht und die rhythmischen Bewegungen, die sein Brustkorb beim Atmen machte, ließen auch Dan langsam wieder einschlafen.