Die Reihe von Männern, die auf einem Knie gebeugt verharrten, hatten nicht viel gemeinsam, nicht ihr Alter, ihre Rasse oder wenigstens ihre Kleidung – aber dass ihnen diese Position so gar nicht behagte. Die Hexenkönigin hingegen genoss dieses Szenario ganz außerordentlich.
Schmunzelnd ließ sie Wein in einem Kelch kreisen, während sie die große Landkarte an der Wand ihres Gemachs betrachtete. Von außen sah es aus, als sei sie in strategische Überlegung versunken, dabei kostete sie insgeheim nur das Gefühl aus, die vor sich knien zu lassen, die mächtig waren und ihr doch unterlegen. Dantilla war schon sehr alt, aber die kleinen Freuden… genoss sie immer noch.
„Es wird keinen größeren Angriff geben“, bestimmte sie schließlich. „Wir haben zwar den Außenposten im Norden verloren, doch er war sowieso unwegsam. Sollen die Wilden sich damit herumärgern.“
Eine Entscheidung, von der sie wusste, dass viele ihrer Berater sie ablehnten: manche aus Prinzip, andere weil der verlorene Stützpunkte noch ungenutzte Bodenschätze hatte, die für die Herstellung von Waffen in diesem Krieg gebraucht wurden. Dantilla hingegen wusste, dass sie es schwer haben würde, so weit von ihrem Schloss entfernt noch Kontrolle auf ihren Statthalter auszuüben, und die Versorgungskarawanen wurden ständig überfallen. Sie beschränkte sich lieber darauf, die Ordnung in ihrem Reich zu erhalten.
Einer der Männer hob den Kopf und sah ihr in die Augen. Er hatte dichtes schwarzes Haar und graue Augen, und als Einziger unter den Beratern war er ein Mensch. Ein Soldat aus irgendeiner Steppe, der sich ihrem Heer angeschlossen hatte, auch wenn Menschen so kurzlebig waren, dass ihr Aufstieg aus Dantillas Sicht kaum lohnte. Die Krone des Feuers verlieh ihr nicht nur Macht und rechtmäßige Herrschaft, sondern auch ein längeres Leben als das, welches einer Dunkelelfe zustand.
Aber… es amüsierte sie. Und mit so einem langen Leben amüsierten sie allmählich nur noch wenige Dinge. Mit einem Wink ihrer manikürten Hand erlaubte sie, dass ihr Berater das Wort ergriff – Mandrake. Seinen tatsächlichen Namen hatte Dantilla vergessen, doch noch bevor sie ihn in ihren Beraterstab genommen hatte, nannte man ihn so. Menschdrache. Mandrake hatte ein natürliches Talent für Feuermagie und war ebenso gerissen wie entschlossen, trotzdem war dieser neue Namen kein Zeichen von Respekt. Im Gegenteil. Der Menschdrache erinnerte auf ewig daran, dass Mandrake kein überlegenes Wesen war, schon gar kein Drache, sondern nur ein Mensch.
Darüber hinaus war Mandrake an die dreißig Jahre, und manchmal fand Dantilla es ein Wunder, dass er so lange überlebt hatte. So wie jetzt – als er nicht nur das Wort ergriff, sondern auch aufstand, ohne dass sie es gestattet hatte. Die anderen Berater tauschten entrüstete und wütende Blicke, als Mandrake einen Schritt vortrat und salutierte. Ewig der Soldat.
„Meine Königin.“
Zumindest beugte er das Haupt, aber seine eisengrauen Augen blitzten leidenschaftlich. Dantilla kannte den Ausdruck: sie nahm sich ausnahmslos jeden ihrer Berater als Liebhaber, ohne dabei auf äußere Werte oder Neigung zu achten. Die meisten in ihrem Volk hielten es für einen unersättlichen Hunger, auch wenn niemand es wagte, darüber zu spotten. Solange sie still blieben, gestattete Dantilla es. Es war besser, wenn die breite Masse nicht begriff, wie viel leichter ein Mann einzuschätzen war, wenn man ihn gelegentlich im Bett erlebte. Und obwohl die Schönheit, das fließende dunkelviolette Haar, die weiße Haut und die vollen, stets karmesinrot geschminkten Lippen der Königin häufig besungen wurden, hatte nicht jeder ihrer Berater den Wunsch, auch Dantillas Bett zu teilen.
Aber das war das Belustigende: sie hatten keine Wahl, trotz ihrer magischen Fähigkeiten und ihrem Einfluss. Dantilla lächelte bei dem Gedanken.
„Mit dem Posten am Eisernen Berg geben wir nicht nur eine ganze Festung auf, sondern auch deren Ressourcen. Wenn wir die Festung ausbauen, können wir den Pass auch im Sommer blockieren und das darunter liegende Tiefland vor den Schmelzwasserüberschwemmungen im Frühling schützen. Denkt nur an den Zulauf von Rekruten, den Euch allein diese Geste bringen würde!“ Mandrake schlug mit seiner Faust in die flache Hand, wobei seine ledernen Handschuhe knirschten. Er trug schlichte schwarze Kleidung mit einem silbernen Abzeichen, die traditionelle Kleidung der Regimentshexer. Unter den menschlichen Soldaten galt er als solide und ehrenhaft, sogar bescheiden, das wusste Dantilla. Sie wusste allerdings auch, dass das nicht stimmte.
„Kleiner Menschdrache“, schnurrte sie und fuhr mit ihrem Zeigefinger über den Rand ihres Weinkelchs. „Weißt du, warum du von all meinen Beratern derjenige bist, der am häufigsten ausgepeitscht wird oder eine Nacht in meinem Spiegelkäfig verbringt?“ Der Spiegelkäfig war ein sargartiges Instrument, in dem der Insasse alptraumhafte Szenen durchlebte, immer wieder, bis der Deckel geöffnet wurde. Dantilla war schon hin und wieder kurz davor gewesen, Mandrake einfach drin zu lassen, doch jedes Mal siegte ihre Neugier… was das Schicksal mit ihm vorhatte.
Das, und er war einer ihrer einfallsreicheren Liebhaber. Sein Ehrgeiz beschränkte sich nicht auf seine Karriere.
Es gelang Mandrake immerhin, bei den Aussichten nicht zu erbleichen, auch wenn sein Lächeln verkrampft war. „Ich bin unverschämt.“
Dantillas eigenes Lächeln kühlte merklich ab. „Auf die Knie, Menschdrache. Auf beide Knie.“
Mandrake zögerte einen kurzen Moment, bevor er vor ihr niederkniete. Dantilla erhob sich und fuhr mit ihren rot lackierten Fingernägeln über seinen schwarzen Haarschopf. Sie war nah genug, dass er ihr Parfüm riechen konnte, Jasmin und Stechapfel.
„Nein… Nicht, weil du unverschämt bist.“
Ihre Hand krallte sich in sein Haar und riss seinen Kopf in den Nacken, bis er seine Kehle entblößt hatte. Seine Halsschlagader pochte, aber seine Augen blieben hart.
„Nein“, zischte sie. „Weil du glaubst, du kommst damit durch. Du denkst, dass ich das ewig tolerieren werde.“
Mandrake schluckte trocken, trotzdem erwiderte er ihren Blick. „Nicht ewig, meine Königin. Aber meine Zeit ist begrenzt, und lieber sterbe ich, als sie mit Zögern zu verschwenden. Den Eisernen Berg zu halten wird Euer Reich stärken, das weiß ich. Lasst es mich beweisen!“
Dantilla blickte auf ihn herab und überlegte. Mandrake war ein Eroberer, sie wusste, dass er keine Ruhe geben würde, nur weil sie ihm in diesem Punkt nachgab. Viele ihrer Berater trachteten danach, das Reich weiter auszudehnen und riskierten damit, es instabil zu machen. Dantilla sah den Reiz nicht, doch die Stimmen wurden lauter.
Wenn ausgerechnet ein Mensch ihr dies nahelegte, war es trotzdem dreist.
„Wenn du denkst, ich würde dich als meinen Statthalter schicken, überschätzt du mein Vertrauen“, sagte sie. Andere Berater grinsten, während Mandrakes Lippen sich stur zusammenpressten. Dantilla strich ihm spöttisch-liebevoll über die Wange und ließ ihn dann los, kehrte zu ihrem Sessel zurück.
„Ich bleibe bei meiner Entscheidung.“ Sie lehnte sich zurück. „Geht. Alle. Bis auf den Menschen.“
Mandrake war bereits halb im Aufstehen gewesen, als sie ihn zurückrief. Trotzdem richtete er sich auf und ließ sich ungefragt auf einem Schemel nieder.
Die Flügeltüren von Dantillas Gemach schlossen sich. Sie ahnte, was in den Köpfen ihrer Berater jetzt vorging: dass sie Mandrake auf seinen Platz verweisen würde, dass er diesmal vielleicht nicht zurückkam… oder im Gegenteil, dass sie ihm gegenüber weich geworden war und jetzt versuchte, ihn zu besänftigen. Ihre Blicke sagten es.
Dann war die Zeit also gekommen.
Dantilla bedeutete Mandrake, sich ebenfalls Wein einzuschenken, und schlug die Beine übereinander.
„Wie nennen dich deine Freunde, Mandrake?“, fragte sie, während er die Karaffe nahm. Nicht, ohne vorher misstrauisch in seinen Kelch zu schielen, ob dort etwas lag, das sich im Wein auflösen konnte. Dantilla schmunzelte. „Ich kann dich dort, wo du sitzt, zu einem Haufen Asche verbrennen. Warum sollte ich mir die Mühe mit Gift machen?“
„Weil Gift qualvoller ist.“ Mandrake schenkte etwas Wein ein, schaute aber diesmal nicht nach.
„Setz dich auf den Sessel, du dummer kleiner Hexer. Keine Messer im Polster.“
Mandrake lächelte schief und erhob sich von dem Fußschemel, um Dantilla gegenüber Platz zu nehmen. Sie hob ihren Kelch. „Du bist meiner Frage ausgewichen.“
„Ich habe keine Freunde. Ich habe Verbündete.“
Dantilla verdrehte die Augen. „Spiel keine Spielchen mit mir.“
Mandrake zögerte kurz, dann hob er ebenfalls seinen Kelch. „Mein Name war Loghain.“
Na also. Dantilla lehnte sich vor und schnurrte: „Dann auf Loghain… Möge er noch eine Weile leben.“
Sie meinte zu sehen, dass er sich entspannte, trotzdem nippte er nur kurz an dem Wein und stellte ihn dann zurück. Dantilla hob eine Augenbraue. „Das ist ein erlesener Tropfen, gekeltert nach den alten Lehren meines Volkes.“
„Mag sein. Er ist mir zu süß.“
Dantilla lachte, bevor sie darüber nachdenken konnte, ob sie das beleidigte. „Ein Barbar, fürwahr! Du machst dich über eine Kultur lustig, die schon existierte, bevor deinesgleichen auf zwei Beinen gehen konnte…“
„Meine Königin.“ Mandrake verzog bittersüß die Lippen. „Das ist es nicht, was Ihr von mir wollt. Was kann ich für Euch tun?“
Was, tatsächlich? Dantilla stellte ebenfalls ihren Kelch ab und fuhr sich durch ihr geschmeidiges Haar, zog eine Haarnadel heraus und seufzte erleichtert, als der Druck auf ihrer Kopfhaut nachließ.
„Du willst den Norden halten… Obwohl weitere Ausdehnung des Reiches die Stabilität gefährdet. Dir fehlt noch die Weitsicht, weil du jung bist, aber ich weiß es. Frieden… willst du gar nicht erreichen.“
Mandrake blieb still, widersprach ihr aber nicht. Dantilla seufzte weich.
„Du… sagst, dass du keine Freunde hast, doch seit du in meinen Reihen aufgestiegen bist, hat man dich beobachtet. Die Rekruten, die mit dir gekommen sind, sind ausnahmslos alle tot oder verschollen.“ Dantilla musterte ihn bohrend, ihre Finger spielten mit einer Haarlocke. „Unter ihnen dein Schwager, der mit deiner Truppe bei einer harmlosen Erkundung plötzlich von einem Steilhang stürzte und sich das Genick brach… Und dein Cousin, der an verseuchtem Wasser starb. Selbst eine ehemalige Geliebte von dir beging Selbstmord, als du mein Berater wurdest. Wie kommt das?“
Mandrake antwortete nicht gleich: offenbar überlegte er, wie ehrlich er sein sollte. Schließlich zuckte er mit den Schultern und stützte das Kinn auf, obwohl sein Körper angespannt blieb. „Meine Schwester wird einen neuen Mann finden. Mein Cousin war achtlos. Und was Selena angeht…“ Er schnaubte. „Sie wusste ein paar Dinge über mich, und sie war bereit, sie preiszugeben, sobald ich es wagen sollte, Euer Bett zu teilen. Es war schade um sie.“
„Du hast jeden von ihnen getötet, Loghain.“
„Allerdings.“ Mandrake lächelte.
Dantilla spürte, wie sie das Lächeln erwiderte. Seine Skrupellosigkeit war… aufregend? Ja, bestimmt. Und ermutigend. Zu gern hätte sie dieses Gespräch in ihre Schlafgemächer verlegt, doch sie wusste, was noch zu tun war. Und dafür brauchte sie einen klaren Verstand, keine Lust.
„Der Grund, warum du mein Berater bist, trotz deiner kurzen Lebensspanne, deiner Kurzsicht und deiner fehlenden Bildung… ist dein grenzenloser Machthunger.“ Dantilla drehte ihre Locke um den Finger, ganz in sich selbst versunken. „Diejenigen, die mich umgeben, werden irgendwann gleichgültig… so wie ich. Du hingegen bist nie zufrieden. Und zu gibst nicht auf.“
Sie trank einen Schluck Wein und fügte dann ziemlich beiläufig hinzu: „Du willst meinen Thron einnehmen und Hexenkönig werden.“
Sie fragte nicht nach Bestätigung, denn sie wusste es.
„Meine Königin… Das ist alles, was ich mir wünsche.“
Dantilla lachte, mehr über das Beben in Mandrakes Stimme als über seine Worte. „Du wünschst es nicht nur, du wirst alles dafür tun, inklusive Sterben bei dem Versuch. Mit weniger gibst du dich nicht geschlagen.“
Diesmal war er klug genug, um zu schweigen. Sie beobachteten einander stumm, als versuchten sie, etwas aus den Gesichtern zu lesen.
Sie hatte ihm Hochverrat vorgeworfen, und er hatte ihn zugegeben. Sie konnte ihn hier und jetzt dafür töten, wie sie es immer mit Verrätern getan hatte. Oder ihn vorher foltern lassen, wie sie es bei Hochverrätern hielt.
„Ihr habt mich durchschaut.“ Mandrake wandte als erster den Blick ab. „Und ich frage mich, wie lange schon. Seit unserer ersten Begegnung?“
Dantilla lachte perlend. „Nimm dich nicht zu wichtig.“
„Verzeiht.“
„Ausgerechnet jetzt entschuldigst du dich?“
Mandrake zuckte mit den Schultern und wirkte dabei irgendwie salopp. „Was bleibt mir sonst zu tun? Ich kann nicht gegen Euch kämpfen. Ich überlebe diese Nacht als Hexenkönig oder gar nicht.“
Dantilla neigte kokett den Kopf und strich sich mit der Daumenspitze über die Lippen. „Und dabei war ich immer so geduldig. Vertraust du mir nicht, dass ich auch Spaß will?“
„Es geht nicht um Euren Spaß, meine Königin.“ Mandrake grinste wölfisch und entblößte dabei seine Eckzähne. „Ihr wisst nur zu gut, dass Euer Beraterstab ständig im Krieg liegt, und ein paar von ihnen sind der Meinung, dass ich dermaßen lästig bin, dass sie nicht warten wollen, bis ich von mir aus sterbe. Jede Nacht ist ein potenzielles Todesurteil, dem ich entgehe, wenn ich entweder kämpfe… Und das erschöpft mich… Oder Euch Gesellschaft leiste… Hier hat Eure Geduld wirklich Grenzen… Oder vorübergehend inhaftiert werde. Ich würde sagen, Euer Bett und Euer Spiegelkäfig sind die einzig sicheren Orte im ganzen Schloss.“
Dantilla konnte nicht anders – sie stieß ein ungläubiges Lachen aus. Dieser verlogene kleine Bastard…! Wenn das stimmte, hatte er sie ganz anders manipuliert, als sie geglaubt hatte. Anstatt durch seine Dreistigkeit dafür zu sorgen, dass er nur ihre Aufmerksamkeit behielt, hatte er dafür gesorgt, dass sie ihm Schutz gewährte. Die Hölle wusste, wie es ihm gelungen war, in einem Haifischbecken zu überleben, in dem jeder mehr magische Kraft und Erfahrung besaß als er und in der er seine anspruchsvollen Pflichten als Berater erfüllen musste, wie auch Intrigen zu spinnen und seine Verbündeten zu erhalten… Es musste ihn erschöpft haben, doch sie hatte es nicht gemerkt.
„Und jetzt gibst du auf und setzt alles auf eine Karte“, erwiderte Dantilla trotzdem unbeeindruckt. Mandrake lächelte ruhig. „Meine Reserven sind fast aufgebraucht. Ich weiß, dass ich die Fallen, die mich erwarten, nicht länger abwehren kann – selbst wenn ich sie entschärfe, wartet ein käufliches Messer auf mich.“
„Und doch hast du mich nicht um Hilfe gebeten“, trällerte Dantilla leise.
„Ihr würdet mir allenfalls aus Mitleid helfen. Es wäre Schwäche.“
„Seine eigene Kraft zu überschätzen und die Gegner zu unterschätzen ist Schwäche, Mandrake.“
„Mag sein. Aber immerhin wähle ich mein Ende.“
„Der Stolz eines zum Tode verurteilten… Wie melodramatisch.“ Dantilla kicherte, wurde aber fast sofort wieder ernster. „Das ist also deine letzte Nacht… Ich glaube dir, weil du weißt, wie ich dich bestrafen würde, hättest du mich angelogen. Ich spreche also mit einem Geist.“
Mandrake lehnte sich mit einem Schnauben in den weichen Sesselbezug zurück und lehnte den Kopf gegen das Polster. „In der Tat. Gibt es irgendetwas, das Ihr mir ins Nirvana mitgeben möchtet? Soll ich jemanden von Euch grüßen?“
„Diejenigen, die ich getötet habe und die mir im Gedächtnis geblieben sind, wünschen sich jetzt, sie würden in die Hölle kommen, in die du kommst.“ Dantilla trank einen Schluck Wein und fuhr sich mit der Zungenspitze über die geschminkten Lippen. „Und du? Gibt es eine Frage, die noch wichtig genug ist, um sie mir zu stellen?“
„Keine, auf die ich eine Antwort hören will.“ Mandrake lächelte, doch es sah nicht wirklich nach Freude aus. „Ich lebe in einer Welt, die schon immer zu komplex für mich war. ich könnte hundert Jahre länger leben und nicht all das begreifen, was Eure anderen Berater über Magie und Wissenschaft erlernt haben.“
„So bescheiden…“ Dantilla klang tatsächlich eher spöttisch. „So sehen dich deine Soldaten, ja? Aber ich bin keiner von denen. Stelle nicht meine Weisheit in Frage, indem du meine Wahl auf dich anzweifelst.“ Ihre Stimme veränderte sich gebieterisch, auch wenn ihr Gesicht gleich blieb. Mandrake neigte stumm das Kinn. „Vergebt mir, meine Königin. Aber wenn ich so frei sein darf… Eine Frage habe ich.“
Dantilla erlaubte ihm mit einem lässigen Winken ihrer Finger, sprechen zu dürfen.
„Man sagt, dass viel von Eurem Wissen, über die Geheimnisse dieses Schlosses oder uralte Rituale, die auch Eurem Volk verloren sind, auf Euch übergegangen sind, als Ihr Hexenkönigin wurdet. Ist das wahr?“
Sollte sie mit ihm darüber sprechen, wenn sie sich noch nicht entschieden hatte? Es wurde Zeit, genau das zu tun, und sie musste es jetzt erfahren. Dantilla bedauerte es irgendwie: dieses Gespräch war ungezwungen, auf Augenhöhe, das hatte sie seit Jahrzehnten nicht erlebt… Oder Jahrhunderten? Es fühlte sich so an für sie, als wäre Zeit nur lang.
Sie faltete elegant die Hände über dem Knie und musterte Mandrake durchdringend. „Meine Krönung hat mir tatsächlich viel eröffnet. Aber die Krone ist… nur ein Schmuckstück für den, der zu schwach ist.“
„Und für den, der stark ist?“ Mandrake klang beiläufig, das konnte echt sein oder auch nicht. Dantilla achtete kaum darauf.
„Ist sie ein Gefängnis und der Schlüssel zugleich.“ Die Königin lächelte fast wehmütig. „Mein Herz ist an die Krone gebunden… weniger an den Gegenstand als an die Essenz. Die Krone ist das Gefäß… Und um es nutzen zu können, braucht man ein Herz aus Feuer.“
Sie nahm den zierlich wirkenden Silberreif von ihrem Kopf. Zacken umschlossen sonst den Schädel, blutrote Rubine funkelten darauf, ebenso wie der unpassend wertlos wirkende Bernstein. Dantilla befühlte die Krone für einen Moment – dann ließ sie sie fallen. Die Krone rollte lautlos über den dicken Teppich und blieb neben dem Beistelltisch liegen.
Mandrake starrte sie an. Erst die Krone, dann Dantilla.
Die Königin lachte melodisch. „Entsetzt? Diese Krone ist ersetzbar, Mandrake. Im Laufe meiner Herrschaft wurde sie bereits gestohlen, zweimal in der Schlacht zerstört… Aber das ist egal. Mein Herz ist das, was der Krone die Macht gibt. Ich lasse diese Welt glauben, dass ein Gegenstand mich stärkt. Doch ich könnte mir stattdessen einen gefiederten Hut aufsetzen, besetzt mit ein paar Steinen, und er wäre mein Gefäß.“
Mandrake hob vorsichtig die Krone auf und stellte sie neben der Karaffe ab. Er schien immer noch verunsichert davon, etwas so Mächtiges einfach auf dem Boden herumliegen zu lassen, und es fiel ihm sichtlich schwer, den Blick abzuwenden. Dantilla trug die Krone in der Öffentlichkeit immer, selbst im Bett balancierte sie auf den Haaren.
Dantilla lächelte amüsiert. „Es ist eine wunderbare Macht… Solange das Herz nicht erlischt. Du… bist ein Mensch. Wie lange wirst du leben, fünfzig Jahre? Siebzig vielleicht, wenn du dich gut anstellst? Ich bin eine Dunkelelfe, geschaffen um fünfhundert Jahre oder länger zu leben. Ich zähle nicht mehr, doch mein Leben sollte längst vorbei sein.“
Eine traurige Sehnsucht stieg hoch, doch Dantilla verdrängte das Gefühl mit aller Kraft. Keine Schwäche, nicht jetzt. Nichts durfte diesen Moment verfälschen, als sie sich in ihrem Sessel vorlehnte und Mandrake aufmerksamer als je zuvor betrachtete.
„Mein Herz aus Feuer brennt nicht mehr. Ich kann nichts dagegen tun, dass mein Geist genug von dieser Welt hat… Und ich glaube sogar, dass das unaufhaltsam ist. Es muss passieren, Hexenkönig kann nur derjenige sein, der noch die Kraft hat, sich dafür zu opfern. Was danach mit ihm geschieht, verschweigt mir selbst die Überlieferung.
Dein Herz… Und nur dein Herz, nicht dein Wissen oder deine Macht, können dich zum Hexenkönig machen. Aber danach bist du ein Gefangener.“
Mandrake schwieg: allerdings nicht lange. Dantilla hatte erwartet, dass er zumindest etwas… ehrfürchtiger sein würde, oder zumindest eingeschüchtert. Begriff er nicht, dass er sich lebenslang verpflichtete?
Allerdings hatte er das schon getan, als er dem Heer beitrat und jeden umkommen ließ, der ihn von früher kannte.
„Wenn die Krone selbst nur ein Gefäß ist und mein Herz das, was mich mit dem Thron verbindet… Wie seid Ihr dann an den Thron Eures Vorgängers gekommen?“
Von allen Fragen… Nicht, dass sie unerwartet war, doch entweder war Mandrake gelegentlich nicht so scharfsinnig, wie Dantilla ihn kannte, oder er machte das absichtlich.
„Rate mal, kleiner Mensch.“
„Töten? Wie profan.“
„Nicht wahr?“ Dantilla legte die Hände auf ihre Sessellehnen und beugte sich vor, aller Schalk verschwand plötzlich aus ihrem Gesicht. „Also sage mir, Loghain… Willst du als Mensch sterben… oder als Drache?“
Mandrake nahm seinen Kelch zur Hand und ließ den Wein darin kreisen, ohne sich sonderlich dafür zu interessieren. Schließlich trank er den Rest in einem Zug aus und stellte das Gefäß mit einem dumpfen Knall neben die Krone.
„Ich werde dieses Land mit Feuer überziehen.“ Seine grauen Augen glühten. „Noch in dieser Nacht. Ich werde nicht sterben, wie ich geboren wurde.“
Dantilla lächelte fast zärtlich. „Versprichst du mir das, Geliebter?“
„Alles, meine Königin.“
Ihre lackierten Nägel gruben sich in das Polster der Lehne… Dann ließen sie langsam los, entspannten sich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wieder völlig. Dantilla schloss die Augen und zog ihre verbleibenden Haarnadeln, sodass ihr violettes Haar über ihre Schultern fiel. Ihr Atem ging jetzt langsamer.
„Schwöre es.“
„Ich schwöre, dass dieses Land brennen wird – entweder vor Ruhm oder auf seinem Scheiterhaufen.“ Mandrakes Stimme war rau geworden, und Dantilla lächelte.
„Gut“, sagte sie leise. „Dann… brich den obersten Rubin aus der Krone. Er ist aus rotem Glas. Öffne ihn.“
Sie hörte, wie Mandrake ihr gehorchte, auch wenn die Geräusche verschwommen klangen. Dantilla seufzte gelassen.
„Ein rötliches Pulver.“ Er klang verblüfft. „Was ist das?“
„Der Extrakt der roten Alraune. Das Einzige, was das ‚Verderben des Drachen‘ aufhalten kann… Das Gift, das ich in den Wein gemischt habe.“
„Ich…“ Mandrake klang erschüttert, zunächst noch. Dann mischte sich eine fremdartige Ruhe in seine Stimme. „Du weißt, dass ich das nicht kann.“
„Nur einer von uns überlebt diese Nacht. So will ich es.“
„Nicht… so, Dantilla.“
„Ich weiß es doch.“ Sie lächelte selig. „Tu es.“
Ein Beben durchlief das ganze Schloss, als schüttelte es sich – ein einziges Mal. Dann versank es wieder in eine angespannte Ruhe.
Die Flügeltüren von Dantillas Gemach öffneten sich wie von einem Windstoß. Feuerschein flackerte über jede spiegelnde Oberfläche.
Der Hauptmann der Wache erbleichte. „Meine Königin!“, brachte er voller Entsetzen hervor.
Der Hexenkönig lächelte. Seine Hände waren voller Blut und verdunkelten den schwarzen Stoff seiner Kleidung noch mehr.
„Die Königin ist tot.“
Er sagte nicht, woran sie gestorben war. Er würde es nie jemandem sagen.
Der Hauptmann öffnete den Mund, schloss ihn wieder und sank dann steif auf ein Knie. „Mein König“, raunte er.
„Ganz recht. Und jetzt…“ Der Hexenkönig grinste düster. „… wird es eine schnelle Bestattung geben – und ein paar langsame Hinrichtungen.“
„Mein…“
„Drake.“
Der Hexer ließ Flammenzungen über seine Haut tanzen, während er einen ausgehöhlten roten Glasstein über seine Finger wandern ließ.
„Mein Name ist Drake.“