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i luv hallovveen ♫

Crimson Fairy Tales
von

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Chapter III - Sister Act

Am nächsten Morgen war Calem früh auf den Beinen. Er hatte noch einiges vor; die Arenaleiterin Valerie besiegen und weiter nach Dendmille Town ziehen.

Er genehmigte sich und seinen Pokémon noch ein ausgiebiges Frühstück im Poké-Center, dann machte er sich auf die Suche nach der Arena. Besonders lange hatte die Suche nicht gedauert, denn die Arena von Laverre City befand sich im Herzen eines riesigen Baumes, dessen Alter auf 1.300 Jahre geschätzt wurde und so sah er auch aus.

Die Rinde hatte Spalten, so groß, dass Calems gesamte Hand hineinpasste. Sie wirkte alt und brüchig, doch als er darüber strich, fühlte sie sich fest und hart an. Überall brachen aus der rauen Haut des Baumes große, glänzende Fliegenpilze, selbst dort, wo das Blattwerk des Baumes schon begann, reckten sie ihre Köpfe aus ihrem Wirt.

Calem klappte vor Staunen die Kinnlade hinunter, als er vor diesem mächtigen Wunderwerk der Natur stand. Noch nie hatte er einen solch riesigen Baum gesehen und trotz seines gewaltigen Umfangs und seiner schieren Höhe, waren die Blätter nicht größer, als bei anderen Bäumen.

Am faszinierendsten war die Häuserfassade, die in den Baum eingearbeitet war. Es erinnerte Calem unwillkürlich an eine Kuckucksuhr und passend zu diesem Gedanken, hing tatsächlich eine große, schlichte Uhr an der Rinde, direkt über dem Dach. Calems Herz klopfte aufgeregt in seiner Brust, als er die Holztür der Arena aufstieß und in den warmen Bauch des Baumes trat
 

-- ♫ --
 

Als Calem wieder den Weg aus der Arena – beziehungsweise dem Baum – gefunden hatte, war es bereits dunkel. Er hatte den Sonnenuntergang nur knapp verpasst.

Die kalte Herbstnacht streckte ihre Fänge nach Laverre City aus, fröstelnd zog Calem sich seine Jacke wieder über, die er in der Arena ausgezogen hatte; die Wärme des Baumes war einfach unglaublich.

Den ganzen Tag war er damit beschäftigt gewesen, in den vielen bunten Zimmern, die sich im Innern des Baumes befanden, andere Trainer zu besiegen, seine Pokémon wieder aufzupäppeln und schlussendlich – in einem Nerven aufreibenden Kampf – gegen die Arenaleiterin Valerie zu siegen. Calems Pokémon waren völlig erschöpft und auch Calem selbst. Der Kampf hatte lange gedauert, viel zu lange, und die Anspannung saß ihm immer noch hart in den Knochen.

Der kalte Wind zischte über den Pfad, der sich vor seinen Füßen ausbreitete. Ein Trällern und Pfeifen drang an Calems Ohren, fragend hob er den Kopf. Hoch oben, zwischen den mächtigen Ästen des Baumes schwirrten kleine Irrbis’. Aus den Augen, die in ihre mandarinfarbenen Kürbissbäuche geschnitzt waren, glühte warmes Licht. Das Trällern und Rufen drang aus ihren kleinen, spitz zahnigen Mäulern.

Calem blinzelte verträumt. All diese vielen, glühenden Augen, welche zwischen den Blättern und Ästen des Baumes umher huschten, all diese schwirrenden Kürbisse, die sich im Blätterdach pudelwohl zu fühlten schienen; erinnerte Calem an eine Geschichte, bei dem ein Baum behängt mit Kürbissen eine Rolle spielte.

„Sie komme jede Nacht hierher. Da heute Halloween ist, ist es wohl für dich ein sehr passender Anblick.“

Calem zuckte heftig zusammen und drehte sich hastig um. Hinter ihm stand die Arenaleiterin Valerie in ihrem farbenprächtigen Gewand. Ihre Augen, große dunkle Seen, waren nach oben gerichtet und schauten den Irrbis’ bei ihrem leuchtenden Tanz zu. Auch jetzt vermochte Calem nicht zu sagen, was Valerie wirklich dachte. In ihren verklärten Augen könnte Calem versinken, will es aber nicht, weil es sich anfühlt, als würde er ertrinken.

An Valeries Seite schmiegte sich ihr Feelinara, dessen Aufmerksamkeit mehr bei ihrer Trainerin, als bei den Irrbis’ lag. Valeries Blick richtete sich wieder auf Calem und ein leichtes Schaudern kroch über seinen Rücken, jedoch legte er ein mattes Lächeln auf, um sein Unbehagen zu verbergen.

„Halloween wird hier ganz besonders gern gefeiert, nicht nur von uns. Ich gratuliere dir noch einmal für deinen Sieg, du warst ein harter Gegner. Ich bin dir nachgekommen, weil –“ Plötzlich schwebte etwas vor ihrem zarten Gesicht.

Calem stolperte erschrocken rückwärts. Das Feelinara fauchte laut, während Calem auf dem Hosenboden landete, kurz darauf erschallte Valeries glockenhelles Lachen und Calem erkannte, was ihm den Boden unter den Füßen weg gezogen hatte.

Es war ein kleines Irrbis, ein wirklich sehr kleines und es sah auch anders aus … irgendwie. Sein Bauch war nicht orange, wie bei den anderen, sondern violette und aus den Augen strömte nicht das warme Glühen, sondern ein grelles, grünes Glimmen. Der Kopf war nachtschwarz, kein bräunliches schwarz, wie bei den Irrbis’, die Calem bis jetzt gesehen hatte.

„Bakecho! Schön, dich wieder zusehen“, flötete Valerie und schloss das Irrbis in ihre schlanken Arme, die unter den langen Ärmeln ihrer farbenfrohen Tracht verborgen lagen.

„Trick or treat!“, kicherte eine hohe Stimme und als Calem seinen Blick senkte, sah er ein kleines, blondes Mädchen neben Valeries Feelinara sitzen und diesem das weiche, weißrosa Fell streicheln.

„Komm rein, dann bekommst du was. Dein Irrbis sieht sehr gut aus, du trainierst wohl fleißig“, sagte Valerie mit sanfter Stimme zu dem kleinen Mädchen, das Calem auf etwa acht bis zehn Jahre schätzte.

Auf dem Gesicht des Mädchens namens Alice machte sich ein freudiges Grinsen breit und ihre ozeanblauen Augen funkelten aufgeregt. Dann erblickte sie Calem und zog ihre Stirn in Falten. „Ein Herausforderer?“, fragte sie neugierig, kam zu Calem hinüber und zupfte an seiner Jacke.

Unsicher lächelte Calem sie an.

„Nicht mehr“, antwortete Valerie.

„Aha. Er hat verloren.“

Calem zog einen Flunsch; was heißt denn hier verloren?!

„Nein, hat er nicht.“ Valerie lachte laut auf, als sie das sagte und knuffte Alice sachte die Schulter, verwirrt drehte die Kleine sich zu ihr um.

Du hast verloren?!“

„So was kommt vor. Ich bin Arenaleiterin und nicht zu unterschätzen, aber ich bin nicht unbesiegbar“, erklärte Valerie, während ihre Finger unter dem langen Ärmel hervorlugten, um durch Alice’ goldblondes Haar zu streichen.

„Dann muss ich ihn Azalea zeigen! Komm mit, du!“, rief Alice völlig aus dem Häuschen, hüpfte zu Calem hinüber und griff nach seiner Hand.

Erstaunt ließ Calem sich von ihr hinter sich herziehen und schaute Hilfe suchend zu Valerie hinüber. Auf ihrem weichen Gesicht lag ein amüsiertes Lächeln und ihre dunklen Augen schimmerten schelmisch.

„Ich möchte, dass du Alice und ihre Schwester kennen lernst. Die beiden sind gute Freund von mir und jeder, der mich besiegt hat, muss sich bei ihnen vorstellen. Das ist Tradition. Wir sehen uns morgen, Calem.“

Und mit diesen Worten verschwand die Arenaleiterin mit ihrem Feelinara durch die Tür ins Innere des Baumes und Calem hatte vorerst keine andere Wahl, als sich von Alice durch die Stadt zerren zu lassen. Dank dem Irrbis, das zwitschernd um seinen Kopf schwirrte, verlor er schon nach wenigen Metern komplett die Orientierung.

„Halloween ist mein absolutes Lieblingsfest! Meine Schwester Azalea und ich haben heute nämlich Geburtstag!“, plapperte Alice fröhlich, während sie Calem weiter durch die Stadt zog wie einen ungehorsamen Hund an der Leine.

„Herzlichen Glückwunsch“, presste Calem heraus.

Er musste sich ganz schön zusammenreißen, nicht nach dem Irrbis auszuschlagen, das wie verrückt um ihn herumsauste.

Holzhütten und verdrehte Bäume, bunten Pilze und viele Kinder in schaurigen Kostümen zogen an Calem vorbei. Seine Augen und Ohren wurden mit Reizen überflutet und die Bilder schienen ineinander zu greifen, als säße Calem auf einem Karussell. Seine Versuche, etwas langsamer zu gehen, wurden von Alice’ ungeduldiger Führung immer wieder zu Nichte gemacht.

„Azalea wirst du gefallen. Alle Trainer, die Valerie bis jetzt besiegt haben, haben ihr gefallen. Halloween ist auch ihr Lieblingsfest, weil dann die Geister vom Jenseits für eine Nacht ins Diesseits wechseln. Sie singt dann die ganze Nacht lustige Lieder und geht mit mir auf Trick-or-Treat-Tour. Das ist übrigens Bakecho!“

Alice zeigte kurz über ihre Schulter auf das violette Irrbis, welches Calem schon zur Genüge kennengelernt hat. „Eigentlich heißt er anders, aber Mutter kriegt einen Anfall, wenn wir ihn so nennen. Sie will das einfach nicht hören und seit sie Dinge sieht, die gar nicht da sind und Sachen hört, die keiner gesagt hat, ist es besonders schlimm.

Azalea glaubt, dass sie Mutter diese Nacht heilen kann. Sie hat irgendwas in einem Buch gefunden; ich weiß nicht genau, sie tut wieder so geheimnisvoll.“

Calem schaltete ein wenig ab und ließ sich widerstandslos von Alice weiter hierhin und dorthin zerren. Alice redete und redete und redete. Sie erzählte von Halloween der letzten Jahre, von Geistern, Geisterbeschwörungen, irgendeinem Zaubertrank, mit dem Azalea angeblich ein totes Zigzachs für wenige Minuten zum Leben erweckt hat („Schön ausgesehen hat es aber nicht!“), großen Bäumen, die sich bewegten und Kinder entführten, von blutsaugenden Zubat und angeblichen Zombiepokémon.

„Da sind wir.“

Calem blickte müde auf. Es war bereits finsterste Nacht und überall huschten fröhliche Kinder in ihren Kostümen herum. Schon zweimal hatten sie versucht, aus Calem nicht vorhandene Süßigkeiten herauszukitzeln. Ein Kind hatte ihm sogar gegen das Schienbein getreten, als Calem ihm gereizt klar machte, dass er weder Bonbons, noch Lutscher und schon gar keine Schokolade mit sich spazieren führte.

Vor ihm lag eine kleine, eingesunkene Hütte. Aus den zerknautschten Fenstern, welche mit dichtem Efeu überwuchert waren, drang unruhiges Flackern. Vermutlich brannten in der Hütte Kerzen. Hin und wieder bewegte sich ein Schatten vor dem Fenster.

Alice zog Calem an dem maroden Zaun vorbei, der den verwilderten Garten andeutete, über gesprungene Wegplatten hinüber zur Haustür, die verzogen im Türrahmen saß und so aussah, als würde sie gleich auf die Eingangsstufen krachen.

Alice klopfte laut und fest dreimal gegen die Tür und wartete ungeduldig darauf, dass sie sich öffnete oder auffiel, je nach dem, was zuerst eintrat. Eine ganze Weile geschah nichts, während dieser Zeit sah Calem sich neugierig um. Der Garten war ein einziges Wirrwarr aus Unkraut, Kräutern und Blumen, die Calem noch nie gesehen hatte. Zwischen den bunten Blumen sprossen noch seltsamere Pilze, deren Kappen von kaminrot mit eitergelben Schlieren bis hin zu pechschwarz und marmorweiß mit tiefblauen Sprenkeln reichte.

„Das ist Azaleas Garten. Sie kümmert sich allein darum. Fass lieber nichts an, sie sagt, von manchen Zeugs, dass hier so wächst, bekommt man Wahnvorstellung und ein paar von den Pilzen bringen einen angeblich um“, erklärte Alice großzügig, als Calem sich über eine kleine Blume beugte, deren ausgefranste, blassrosa Blütenblätter einen Stempel umgaben, der aussah wie ein kleiner, stachliger Kaktus.

„Gut zu wissen“, murmelte Calem und schob seine freie Hand in seine Jackentasche, die andere war immer noch ein Gefangener von Alice’ eisernem Griff.

Knarrend schwang die Tür ruckelnd auf und das trübe Kerzenlicht strömte nach draußen, doch in der Tür selbst stand niemand. Fragend schaute Calem auf Alice herab, doch sie schenkte dem Spektakel keinerlei Beachtung und zerrte Calem in die Hütte.

Ein betäubender Geruch von Weihrauch, starkem Tee, süßen Gewürzen und verbrannten Kräutern, jagte ihm unvorbereitet in die Nase. Bevor Calem sich zurückhalten konnte, drückte er sich seinen Jackenärmel gegen sein Gesicht, während ihm Tränen in die Augen stiegen.

„Daran gewöhnst du dich gleich. Azalea probiert wohl gerade was aus“, meinte Alice mit kindlich, verständnisvoller Stimme und streichelte über Calems Arm.

Die Garderobe lag in tiefen Schatten. Calem erkannte nur wenige, abgetragene Kleidungsstücke und zerlaufene Schuhe, die auf dem Boden verstreut lagen. An manchen löste sich sogar schon die Sohle. Der Boden bestand aus abgeschabtem Parkett und sah so aus, als würden täglich die Möbel in diesem Raum von einer Ecke in die andere gerückt. Die Wände waren wohl einmal weiß gewesen, jetzt sahen sie eher verraucht, gelblich und fleckig aus. Als Calem das Wohnzimmer betrat, sprang ihm ein wild gezeichnetes Pentagramm ins Auge, Möbelstücke, die wahllos in Zimmerecken geschoben worden waren und aus den verschiedensten Holzsorten zu bestehen schienen. An der Decke hing ein staubiger Kronleuchter, doch er war nicht eingeschaltet. Der gesamte Raum wurde durch unzählige, schwarze dicke Kerzen erleuchtet, die sich sogar auf den Möbeln tummelten und alles eifrig mit heißem Wachs bekleideten. Der drängende Geruch von geschmolzenem Kerzenwachs, weckten in Calem Erinnerungen an Weihnachten und peinlichen Familientreffen.

In der Mitte des Pentagramms saß ein Mädchen, ungefähr so alt wie Calem, vielleicht ein, zwei Jahre älter. Ihr Gesicht wurde durch ein fleddriges Buch verdeckt, das so abgegriffen war, dass man den Titel, der auf dem Leder gedruckt stand, nicht mehr lesen konnte.

Blauschwarze, zottelige Haare wallten um den Kopf und als das Mädchen das Buch sinken ließ, blickte Calem in zwei taubenblaue Augen, die leicht schielten und entrückt vor sich hin guckten. Das Mädchen trug ein Kleid aus schlichtem, dunklen Stoff, dessen Farbe im Ungewissen lag, da das Kerzenlicht nicht hell genug war, um sie exakt bestimmen zu können.

„Der erste Geist ist gekommen!“, rief das Mädchen, ließ das Buch fallen und reckte die Hände in die Luft.

Perplex blickte Calem ihr entgegen, als sie auf Knien zu ihm herüber gerutscht kam und sich vor ihm verbeugte.

„Du bist würdig, wir sind es nicht!“, dröhnte ihre Stimme, die Calem unweigerlich an ein Kramurx denken ließ. Verträumt schwankte das Mädchen vor ihm hin und her.

„Das ist kein Geist!“, plärrte Alice.

„Das ist … Hm. Also er heißt … Jedenfalls ist er ein Trainer und hat Valerie besiegt.“

„Tatsächlich …?“, murmelte das Mädchen, von dem Calem sich ziemlich sicher war, dass sie Azalea hieß.

Sie stand auf, klopfte sich die milchigweiße Kreide vom Kleid und schaute Calem mit unverholener Neugier an. Ihr vorheriger Auftritt schien ihr kein Stück peinlich zu sein. Wie eine Katze strich sie um ihn herum, grabschte mal nach seiner Jacke oder zupfte forschend an seiner Hose, dabei gab sie kennerische Worte wie: „Ich verstehe“ und „So ist das also!“ von sich.

„Dann wird es uns eine Ehre sein, dir unsere Stadt und Kultur näher zu bringen, Calem!“, sagte Azalea in einer melodisch summenden Tonlage, dabei hob sie verschwörerisch ihre Hände.

Plötzlich ließ sie sie fallen, schlappte zurück in ihr Pentagramm, hob das Buch auf und blätterte verdrossen darin. Calem schaute sie verdutzt an. Seinen Namen hatte er ihr noch nicht genannt, da war er sich absolut sicher, aber woher hatte sie ihn gewusst?

„Scheinbar brauche ich wirklich die Pfote eines Pikachu. Eine Dedenne tut es einfach nicht“, grummelte Azalea und drückte ihre Nase wieder in das Buch.

„Du sollst keine Pokémon kaputt machen, wenn du experimentierst!“, fauchte Alice ihre Schwester an und zerrte an ihrem Kleid herum.

„Hab ich doch gar nicht!“

„Ach, und Dedennes Pfote ist freiwillig in deinen Topf gefallen, oder was?!“

Während die beiden Schwestern wohl in einen gewohnten Streit verfielen, schwirrte Bakecho ohrenbetäubend zwitschernd um die beiden herum. In seinem violetten Kürbissbauch leuchtete es hell, so als wäre es schrecklich aufgeregt.

Calem bückte sich unauffällig nach Azaleas Buch, das wieder auf dem Boden gelandet war und blätterte neugierig die schweren Pergamentseiten um. Sie waren dicht beschrieben mit schwarzer, verwaschener Tinte. Überall war etwas mit einem roten Stift angestrichen worden, umkreist oder durchgestrichen. Calem merkte schnell, dass er die Schrift in schwarzer Tinte gar nicht lesen konnte. Das Buch war voll mit Illustrationen, die mit Tusche angefertigt worden waren, manche davon wirkten aber eher, als hätte jemand mit Kohle lieblos und hastig darin herumgeschmiert, doch im Großen und Ganzen schien das Buch ein …

„Necronomicon, schon sehr alt.“

Calem schreckte auf. Azalea stand direkt neben ihm und blickte verträumt auf eine Illustration, bei der eindeutig ein Hornliu ausgequetscht und zerstückelt wurde und direkt daneben ein Haspiror gehäutet. Vermutlich bei lebendigem Leibe, wenn man die Mine des Hasenpokémon beachtete.

„Ein … Necro …?“

„Da steht drinnen, wie man Tote zum Leben erweckt“, erklärte Alice knapp und wandte sich angewidert ab. „Das Buch ist ekelig!“

„Es ist ein Meisterwerk! Was weißt du schon! Es ist gefertigt aus der Haut eines Miltanks – feinste Handwerkskunst.“

Gequält lächelnd hielt Calem Azalea das Necronomicon entgegen. Nachdem sie es entgegengenommen hatte und liebevoll über den Einband strich, rieb er sich seine Hände so fest er konnte, an seiner Hose ab.

„Außerdem ist ein Necronomicon viel mehr als ein bisschen Totenbeschwörung! Es ist eine Abhandlung über die dämonische Kosmologie und enthält viele, wichtige Zaubersprüche und Anleitungen, wie ich die Kräuter im Garten nutzen kann. Es enthält das Gesetz der Toten und –“

Azalea stand da, wiegte sich und das Buch sacht in ihrem Armen wie ein Baby. „Mit diesem Schrifttum erklärt sich so viel!“

„Du kannst es lesen?!“, platzte es aus Calem heraus. Das überraschte ihn schon sehr, denn diese Schrift hatte er noch nie zuvor gesehen.

„Größtenteils. Eine Formel besagt, wie ein Dämon, der „Verwirrte Geist“ die Seele eines Menschen bereinigt und ihn von seinem psychischen Leiden heilt. Ich arbeite daran, schon bald geht es Mutter besser … aber dafür brauche ich die Pfote eines Pikachu!“, fuhr Azalea fort. Beim letzten Satz hob sich ihre Stimme, ein Hauch von Ärger und Ungeduld kochte darin.

„Hast du nicht zufällig eines?“, fragte sie plötzlich lauernd und schaute Calem schräg von der Seite an.

„Die Pfote deines Pikachu, nur eine! Dein Pikachu braucht doch keine zwei.“

„Hör … auf!“, schrie Alice und schubste Azalea zornig.

„Ich … hab leider kein Pikachu!“, antwortete Calem zögerlich, während seine Hand unauffällig zu einem seiner Pokébälle wanderte.

Wo, zum Teufel war er hier nur hingeraten?! Azalea fauchte Alice an, dafür sprühte Bakecho Funken über ihren Kopf aus, Calem stieg der Geruch von verbranntem Haar in die Nase. Hustend wandte er sich ab, dabei fiel sein Blick auf die Tür.

Ich könnte … dachte er und warf noch einmal einen Blick über seine Schulter. Azalea schimpfte das freche Irrbis ausführlich, Alice sah den beiden höchst zufrieden zu.

So eine Chance bekam Calem sicher so schnell nicht mehr. Es fiel ihm unendlich schwer, seine Beine in Bewegung zu setzen. Sich einfach so davonzumachen war wirklich das Allerletzte, aber diese verrückte Hexe wollte seinem Pikachu eine Pfote abhacken! Welche Wahl hatte er also? Calem holte noch einmal tief Luft und musste reflexartig Würgen, als er dabei den intensiven Duft von Weihrauch, Zimt und irgendeiner abartig stinkenden Teesorte einatmete.

Als seine Beine endlich in Bewegung kamen, war er schon mit wenigen Schritten an der Tür. Seine Hand legte sich auf die Türklinke, die komischerweise warm war. Sie fühlte sich schmierig an, als wäre ein Ölfilm auf das Metall geraten und beim ersten Versuch, sie hinunter zu drücken, rutschte Calem ab. Fluchend griff er erneut nach der Türklinke, drückte sie etwas fester als notwendig nach unten und riss die Tür auf. Die kalte Nachtflut strömte ihm eisig entgegen. Calem musste seine Augen etwas zukneifen, doch statt der gesprungenen Gehwegplatten und den verwilderten Garten zu Gesicht zu bekommen, starrten ihn zwei bernsteinfarbene Augen an.

Calem blieb die Luft zum Schreien weg. Er stolperte rückwärts und prallte gegen etwas Weiches. Mit vor Schreck geweiteten Augen drehte er sich um und blickte direkt in Azaleas verwirrtes Gesicht.

„Haben denn schon Kinder geklingelt?“, fragte sie ihn und schaute über seine Schulter zur Tür, die sperrangelweit offen stand.

Calem glotzte, immer noch entgeistert erst Azalea und dann Alice an, die ihrer Schwester lustlos hinterher getrottet war. Scheinbar war den beiden gar nicht in den Sinn gekommen, dass er einen Fluchtversuch gestartet hatte.

„Ja“, antwortete Calem tonlos.

„Ja, ich dachte, es hätte geklingelt, also bin ich an die Tür, aber da ist nur dieses Etwas und …“

Azaleas Augen wurden ganz groß, Calem hatte gar nicht gewusst, dass diese riesigen Spiegel sich noch weiten konnten. Ihr Mund klappte auf und Alice blieb ruckartig stehen.

„Was ist los, was habt …?“, setzte Calem zu einer Frage an.

Schmerzhaft landete Azaleas, nach Kerzenwachs und Kreide riechende Hand auf Calems Mund.

„Das ist ein …!“

In Calems Ohren dröhnte es von einer Sekunde auf die andere, ein sägend hoher Ton schnitt ihm in die Trommelfelle. Das Geräusch, dass die Hütte urplötzlich erfüllte, drang selbst durch Calems Hände, die er sich nun auf die Ohren presste und jagte stechende Schmerzen durch sein Gehirn, als bohrten sich heiße Nadeln in seine Schläfen.

Die Fenster zitterten in ihren Rahmen, schließlich sprangen sie und ihre Scherben regneten zu winzig kleinen Splittern auf den Boden; die Luft glitzerte, als schwebten Kristalle durch den Raum.

Calem ging stöhnend in die Knie, doch so schnell, wie das immens laute Geräusch gekommen war, war es auch schon wieder weg. Calem nahm zögerlich die Hände von den Ohren und blickte sich kreidebleich um. Nicht weit von ihm krümmten sich auch Azalea und Alice auf den Boden und schauten sich ebenso unsicher um.

„Was, zum Teufel war das?!“, zischte Calem den beiden mit zittriger Stimme zu.

Azalea öffnete schon ihren Mund, um zu antworten, da spürte Calem einen heftigen Schmerz an seiner Schulter. Es fühlte sich an, als würde jemand versuchen, sich durch seine Kleidung zu beißen. Schreiend und um sich schlagend, rollte Calem sich panisch über den Boden, doch was auch immer sich da an ihm festgebissen hatte, es machte keinerlei Anstalten, ihn loszulassen. Nach einer gefühlten Ewigkeit, bekam Calem endlich zu sehen, was ihn da so hartnäckig ankaute. Sein Geschrei wurde augenblicklich lauter.



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