Magie
Hana drückte die Schiebetür auf und schleppte sich ins Haus. Seit der Nacht, in der sie Izzy gerettet hatte, war ein weiterer Tag vergangen und gerade hatte sie ihre zweite Unterrichtsstunde bei Friedo hinter sich gebracht.
Izzy saß in ein Buch vertieft auf seiner Matte. Er sah mittlerweile schon wieder viel gesünder aus. Währenddessen sortierte Mai am Tisch Kräuter in verschiedene gläserne Gefäße. Alex versuchte, ihr dabei zu helfen, hatte jedoch mitunter Schwierigkeiten, die verschiedenen Sorten voneinander zu unterscheiden. Als er Hana bemerkte, strahlte er übers ganze Gesicht. „Hana! Wie war dein zweites Training?“
Auch Mai unterbrach ihre Arbeit und sah Hana erwartungsvoll an. Nur Izzy ließ sich mal wieder nicht stören.
„Ganz okay“, antwortete Hana und setzte sich zu ihnen an den Tisch.
„Das klingt ja nicht so begeistert.“, stellte Mai fest, während sie mit ihren Händen einen Haufen identischer Kräuter vom Tisch schaufelte und in ein Gefäß umfüllte.
„Es ist schwierig.“, gab Hana zu. „Vielleicht kann ich das einfach nicht mehr. Ich meine, meine Erinnerungen sind schließlich auch verschwunden, vielleicht ja auch meine Fähigkeiten.“
„So ein Quatsch.“, widersprach Alex ihr. „Die verschwinden nicht so einfach.“
Hana seufzte. Es fiel ihr schwer, das zu glauben. Vielleicht wollte sie es auch einfach nicht glauben. Vielleicht wünschte sie sich insgeheim, nicht fähig zum Kämpfen zu sein. Dann könnte niemand mehr behaupten, sie sei entscheidend für die Zukunft des Himmelreichs und der Erde. „Ich kann es zwar alles spüren“, erzählte Hana. „Die Energien um mich herum, meine eigene Energie… Aber ich schaffe es nicht, sie einzusetzen. Ich kann das nicht.“
„Doch, das kannst du. Was hältst du davon, wenn wir das zusammen üben?“ Alex stand auf. „Jetzt?“
Hana lächelte. „Wenn du Zeit hast…“
„Klar! Komm, wir gehen in den Wald, da stört uns niemand.“
„Moment mal!“, protestierte Mai, als Alex zu Hana ging. „Du wolltest mir doch beim Sortieren helfen!“
Alex winkte ab. „Ich hab doch gar keine Ahnung davon. Du als Vollprofi bist allein bestimmt viel schneller fertig.“
Mai verschränkte sie Arme vor der Brust und schmollte. „Das sagst du nur, weil du keine Lust mehr hast.“
„Gut möglich. Vielleicht hilft Izzy dir ja.“, grinste Alex.
„Sehr witzig…“, murrte Mai und setzte ihre Arbeit alleine fort.
Izzy ignorierte seine Mitbewohner weiterhin. Auf eine gewisse Weise fand Hana es bewundernswert, wie jemand das Geschehen um sich herum so unbeachtet lassen konnte.
„Also bis dann!“ Alex öffnete mit einer Hand die Tür, den anderen Arm legte er um Hanas Schultern und schob sie hinaus.
Unter dem bedeckten Himmel verschleierte dichter Nebel die Baumkuppen. Sie gingen tief in den Wald hinein, bis sie weit entfernt von der Siedlung waren.
„Also wenn du schon keine Probleme mehr dabei hast, deine eigene Energie wahrzunehmen, dann ist der Rest auch nicht mehr schwer.“, sagte Alex und stellte sich ihr gegenüber.
„Das sagt sich so leicht.“, murmelte Hana. „Für dich ist das natürlich keine Schwierigkeit.“
„Nicht so entmutigt! Dann wird das sowieso nichts.“
Alex lächelte ihr aufmunternd zu und blickte sie genauso an wie an dem Tag, als sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Mit diesen warmen Augen, die ihr sagten: Komm, zusammen schaffen wir das. Sie erfüllten Hana mit Zuversicht und brachten sie automatisch dazu, zurückzulächeln.
„Friedo hat mir von zwei verschiedenen Möglichkeiten erzählt, die Energie einzusetzen.“, begann Hana dann.
„Ja, es gibt zwei Varianten, die wir hauptsächlich nutzen. Die eine benötigen wir in der Regel, um die Menschen zu beeinflussen. Je nach Stimmung verändert sich der Fluss der Energie eines Menschen. Ob fröhlich und entspannt, wütend und aufgebracht oder traurig und schwach, das alles lässt sich sofort erkennen. Wir können mit unserer eigenen Energie die Energie eines anderen Geschöpfes anzapfen und diese in einen ruhigeren Fluss bringen. Das ist die Weise, wie wir Menschen, denen es besonders schlecht geht, unterstützen, um sich wieder ein wenig zu entspannen und ihren Blick für die Welt um sie herum zu öffnen. Damit helfen wir ihnen, sich wieder auf die positiven Dinge in ihrem Umfeld konzentrieren zu können. Oft sind die Menschen so blockiert von ihrer Wut, Trauer und Angst, dass sie die Augen vor allen neuen, besseren Wegen verschließen.“
Hanas Körper kribbelte, als sie bei Alex‘ Worten an sich selbst als Mensch denken musste. Hätte sie es schaffen können, einen glücklicheren Weg zu finden? Auch trotz der Schattengeister, die sie begleitet hatten? Sie wühlte in ihren Erinnerungen und versuchte sich auszumalen, was sie hätte anders machen können. Aber ihr kam nichts in den Sinn. Wenn sie zurückdachte, waren ihre Gedanken immer noch bloß von einem dunklen Schatten umspielt, der nichts als Trauer, Verzweiflung und Selbsthass in ihre Welt dringen ließ.
Hana schüttelte den Kopf, um ihre Aufmerksamkeit wieder zu Alex zu lenken. Er schien ihre kurze Abwesenheit nicht bemerkt zu haben und setzte seine Erklärung fort.
„Die zweite Variante ist für uns im Moment überlebenswichtig: Mit ihr verteidigen wir uns gegen Schattengeister und können sie auslöschen. Jeder Schutzgeist hat eine ihm eigene Waffe, die sich bildet, wenn er seine Energie außerhalb seines Körpers bündelt. Es gibt noch viele weitere Formen, seine Energie außerhalb zu verwenden, aber in der Regel nutzen wir jene Waffe.“
Hana erinnerte sich an die lange Sense mit den weißen Bändern, die sie in einer ihrer Visionen in der Hand geschwungen hatte. Es fiel ihr noch immer schwer, sich vorzustellen, dass sie jemals mit solch einer Waffe herumhantiert hatte. Und noch beunruhigender fand sie den Gedanken, es wieder tun zu müssen.
Um seine Erklärung zu veranschaulichen, streckte Alex seinen rechten Arm zur Seite. Im nächsten Moment schimmerte seine Handfläche bläulich und brachte einen azurfarben leuchtenden Stab hervor. Dieser nahm in seiner Hand die Gestalt eines schmalen Schwertes an. Schließlich verblasste das strahlende Blau und hinterließ eine metallisch funkelnde Klinge.
Beeindruckt betrachtete Hana das Schwert, das aus dem Nichts plötzlich in Alex‘ Hand aufgetaucht war. „So etwas in der Art hat Friedo mir auch erzählt.“, sagte sie, weiterhin die magische Waffe bewundernd. „Wenn es dir recht ist, würde ich gerne mit der ersten Variante anfangen.“
„Ganz wie du willst.“ Das Schwert leuchtete erneut auf, zog sich zusammen und verschwand ebenso schnell in Alex‘ Hand wie es dort erschienen war. „Aber Friedo hat dir bestimmt auch erzählt, dass es im Moment eher wichtiger ist, die zweite zu beherrschen.“
„Ja“, antwortete Hana nervös. Sie musste sich gegen Schattengeister zur Wehr setzen können. Gerade sie, die für die Schattengeister die Zielscheibe darstellte. Aber der Gedanke ans Kämpfen bereitete ihr immer noch Angst. Gleichzeitig krampfte sich ihr Magen zusammen, wenn sie sich vorstellte, allein und schutzlos einem Schattengeist ausgeliefert zu sein. Nach einer Weile des Überdenkens änderte sie schließlich doch ihre Meinung. „Vielleicht doch die zweite.“
„Gut.“ Alex schaute zum Himmel hinauf und schien zu überlegen, wie er Hana das weitere Vorgehen erklären könnte. „Hast du schon einmal versucht, deine Energie zu bündeln?“, fragte er dann, den Blick wieder zu Hana gerichtet.
Hana schüttelte den Kopf. In ihrer Brust machte sich wieder der altbekannte Knoten breit, der sich immer dann bildete, wenn sie sich überfordert fühlte. Dabei war doch noch gar nichts geschehen? Alex hatte doch noch nichts von ihr verlangt? Und trotzdem löste bereits die Angst vor dem, was nun auf sie zukommen würde, dieses unangenehme, beengende Gefühl aus.
„Ich bin kein Lehrer, ich weiß nicht, ob ich das sonderlich gut erklären kann.“, sagte Alex und kratzte sich unsicher am Kopf. „Aber ich versuch’s mal. Normalerweise durchfließt deine Energie ja deinen gesamten Körper. Wenn du dich nun aber auf einen bestimmten Punkt in deinem Körper konzentrierst, am besten ein Stück über der Mitte, dann kannst du deine Energie an diesem Punkt bündeln. Vielleicht versuchst du es einfach mal.“
Hana schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Sie tastete nach ihrer Umgebung, fühlte jeden Baum, jede noch so kleine Pflanze, bis sie schließlich bei sich selbst endete. Ein warmes Kribbeln verbreitete sich unter ihrer Haut, als sie ihren eigenen Energiefluss spürte. Gleichmäßig, aber schnell, wahrscheinlich auf Grund ihrer Aufregung. Für einige Minuten tat sie nicht mehr, als sich auf diesen Kreislauf in ihrem Körper zu konzentrieren, bis sie vollkommen in dem regelmäßigen Pulsieren versunken war.
Erst dann wagte sie es, sich von dem Fluss zu lösen und ihre gesamte Aufmerksamkeit auf einen Punkt knapp über ihrer inneren Mitten zu richten.
Zuerst dachte sie, es würde nichts passieren. Die Energie würde einfach so weiter fließen wie bisher, nur dass Hana sie nicht mehr aufmerksam verfolgen würde. Doch dann spürte sie eine Veränderung.
Die Energie verließ ihre Arme und ihre Beine und strömte auf den Punkt über ihrem Bauch zu. Dort bewegte sie sich weiter wie eine sich drehende Kugel. Mit der immensen Spannung, die die geballte Kraft verursachte, hatte Hana nicht gerechnet. Ihr wurde übel und sie befürchtete, nicht länger gerade stehen zu können. Erschrocken riss sie die Augen auf. Sofort zerstreute sich die Energie wieder.
Hana starrte Alex an. „Ist das normal?“, fragte sie nach Luft schnappend. „Wird einem davon immer so schlecht?“
„Am Anfang kann das vorkommen, ja. Aber man gewöhnt sich schnell an diese Kraft und dann vergeht die Übelkeit. Je öfter du das machst, desto einfacher wird es. Allgemein ist dieser Zustand, in dem du die gebündelte Energie in dir trägst der anstrengendste, in dem du dich befinden kannst. Deshalb musst du die Energie auch so schnell wie möglich nach außen bringen.“ Erneut hob Alex seinen Arm. „Mit Kraft deiner Konzentration kannst du das Energiebündel bis zu deiner Handfläche bringen.“ Wie beim ersten Mal schimmerte seine Hand. „Manche sind in der Lage dazu, ihre Energie nach Belieben zu formen. Das braucht aber etwas Übung. Wenn du deine Energie einfach nur nach außen transportierst, entsteht deine magische Waffe von ganz allein.“ Blaue Strahlen traten aus seiner Hand, doch noch bevor sich eine Waffe daraus entwickeln konnte, schloss er seine Hand. Das Licht erlosch. Auffordernd sah er Hana an.
Schon beim Gedanken daran, die ganze Prozedur wiederholen zu müssen, zog sich ihr Magen zusammen.
„Kann ich mich dabei auch hinsetzen? Nur für den Fall, dass ich umkippen sollte…“, bedachte Hana.
„In dem Fall fang ich dich rechtzeitig auf. Das kennen wir ja schon.“, grinste Alex, sah gleichzeitig aber selbst ein wenig besorgt aus.
Hana verzog unglücklich das Gesicht. Trotz ihres innerlichen Widerstands konzentrierte sie sich aufs Neue, sammelte wieder ihre Energie, die um sich selbst rotierte und dabei ihren Magen anzustecken schien. Dann beförderte sie das Energiegebilde zu ihrer rechten Hand, Stück für Stück. Doch noch bevor sie ihr Ziel erreicht hatte, schwand Hanas Konzentration. Die Übelkeit lenkte sie zu sehr ab. Ihre Gedanken kamen wieder bei Alex im Wald an und sie merkte, dass sie von Schwindel ergriffen schwankte. Mit aller Mühe hielt sie sich auf den Beinen und musste sich ermahnen ruhig zu bleiben.
„Unmöglich“, hauchte sie benommen. „Ich schaffe das nicht.“
Alex trat einen Schritt an sie heran und legte ihr beide Hände auf die Schultern. Sie spürte seine Kraft und fühlte sich sogleich selbst wieder etwas besser.
„Du kannst das. Wenn du das alles ein bisschen schneller machst, dann hat die Übelkeit auch weniger Zeit, dich zu überwältigen.“, sagte Alex.
„Ich kann das nicht schneller.“, beharrte Hana frustriert.
„Versuch’s nochmal.“
Hana versuchte ihm mit einem Blick mitzuteilen, dass sie es ganz sicher nicht noch einmal ausprobieren würde, doch sobald sie seinen Blick mit dem ihren traf, wusste sie, dass er sie nicht aufgeben lassen würde. Tief seufzend schloss sie die Augen. Und nochmal von vorn.
Das Bündeln der Energie fiel ihr mittlerweile schwerer als beim ersten Mal. Ihr Körper wurde müde vor Anstrengung. Trotzdem bemühte sie sich, dieses Mal schneller zu sein. Sie zitterte, sowie die Energie gezielt durch ihren Körper wanderte. Die Kraft gelangte bis zu ihren Fingerspitzen und rief ein warmes Kribbeln an ihrer Handfläche hervor. Dann spürte sie, wie sich die Energie von ihrem Körper löste und neuer Strom aus gleichmäßig fließender Kraft von ihrer inneren Mitte ausging, um ihren Körper zu erfüllen.
Die Übelkeit schwand auf der Stelle. Erst jetzt, wo sie vor Erleichterung ausatmete, bemerkte sie, dass sie die ganze Zeit über die Luft angehalten hatte. Sie öffnete die Augen und schaute zu ihrer Rechten.
In ihrer geschlossenen Hand hielt sie nun einen langen weißen Stab. Als sie die glänzende gebogene Klinge am oberen Ende erblickte, zuckte sie unwillkürlich zurück und ließ die Sense fallen. Kaum berührte diese den Boden, stiegen blaue Rauchschwaden von ihr aus gen Himmel und ließen die Waffe zu nichts verdampfen.
„Das war ja ein kurzes Vergnügen.“, kommentierte Alex. „Aber du hast es geschafft! Ich hab’s dir doch gesagt. Du kannst das.“ In seiner Stimme schwang eine Welle Stolz mit.
Immer noch erschrocken stierte Hana auf die Stelle am Boden, an der sich die Sense aufgelöst hatte. Es war die Waffe gewesen, die sie in einiger ihrer Erinnerungen bereits gesehen hatte. Und damit sollte sie kämpfen? Nein, sie wollte nicht kämpfen. Kampf bedeutete Schmerz und Tod. Aber würde ihr eine andere Wahl bleiben? Denn die Schattengeister würden nicht vor Schmerz und Tod zurückweichen.
Während sich blanke Angst in ihr ausbreitete, betrachtete sie ihre rechte Handfläche. Diese sah aus wie immer: lange, dünne Finger, blasse, fast weiße Haut. Dann drehte sie ihre Hand um und begutachtete auch den Handrücken wie einen zu inspizierenden Fremdkörper.
„Ich denke, den Rest überlasse ich lieber Friedo. Ich will ihm ja nicht seinen Job wegnehmen.“, riss Alex das Mädchen aus ihren Gedanken und ließ sich ins Gras zu seinen Füßen fallen.
Obwohl der dichte Nebel und die grauen Wolken schon den ganzen Tag die Sonne daran gehindert hatten das Himmelreich zu erhellen, wurde es allmählich merklich dunkler.
Alex lag da und schaute zu den Tannen empor. Der Wind streifte durch das Gras und zupfte an Hanas langen schwarzen Haaren. Sie ließ sich ebenfalls nieder. Hier zu sitzen und den Wind um sich wirbeln zu lassen hatte etwas Beruhigendes. Genau das brauchte Hana gerade.
„Erinnerst du dich eigentlich inzwischen an mehr?“, durchbrach Alex die Stille.
Die Frage traf Hana wie ein Schlag.
„Also eigentlich… Ich…“, stotterte sie. Kurz überlegte sie zu lügen, um Alex vor einer Enttäuschung zu bewahren. Aber ihr war klar, dass sie niemandem etwas vormachen konnte. „Nicht wirklich.“, gab sie schließlich zu. „Manchmal träume ich. Es sind ganz wirre Träume und ich glaube, es sind Bilder aus der Vergangenheit. Aber ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was davon Realität ist und was nicht. Ich kann diese Bilder, die ich sehe, nicht einordnen. Alles ist so zusammenhangslos.“ Sie beugte sich nach vorn, fuhr sich mit den Händen über den Kopf und krallte sich in ihren Haaren fest, als könnte sie dadurch das Chaos in ihrem Kopf beseitigen.
„Was hast du gesehen?“
Alex klang, als ob er etwas Bestimmtes erwarten würde und Hana wollte unbedingt etwas antworten, was diese Erwartung erfüllte.
„Ich habe dich sehr oft gesehen, wie wir zusammen durch den Wald gezogen sind, zusammen trainiert haben, zusammen auf der Erde waren, zusammen gegen Schattengeister gekämpft haben…“ Während sie erzählte, fiel ihr wieder auf, wie befremdlich ihr all die Erinnerungen vorkamen. „Es tut mir so leid.“, fügte sie dann bedauernd hinzu.
Mit einem Schwung richtete Alex sich auf. „Was tut dir leid?“
„Dass ich mich nicht richtig erinnere.“ Sie spürte nicht diese Verbindung zu Alex, die in ihren Erinnerungen vorhanden war. Natürlich war er ihr in den letzten Tagen zu einem guten Freund geworden, aber sie wusste, dass es nicht dasselbe war wie damals. Denn damals war es eine Seelenverwandtschaft gewesen.
„Ach Quatsch!“, widersprach Alex ihr. „Da kannst du doch nichts für. Du hast dir das Ganze schließlich nicht ausgesucht.“
Er lächelte ihr zu, aber Hana konnte in seinen Augen erkennen, dass es ihn eigentlich schmerzte. Hana wünschte, sie hätte ihm eine mehr Hoffnung erweckende Antwort geben können. Er stand auf und streckte sich. „Gehen wir zurück? Es wird spät.“
Hana nickte. Plötzlich war sie wieder erfüllt von schrecklichen Schuldgefühlen. Dabei wusste sie, dass Alex recht hatte: Sie konnte nichts dafür, dass sie kaum Erinnerungen hatte. Wäre es nach ihr gegangen, wäre sie höchstwahrscheinlich niemals zum Menschen geworden.
Hana erhob sich und trottete auf dem Weg nach Hause neben Alex her. Er begann, ihr von seinen letzten Reisen zur Erde zu erzählen, vermutlich um sie abzulenken. Aber Hana ließ sich nur schwer auf andere Gedanken bringen. Zwar hatte sich schon viel geändert, seit sie ihm Himmelreich war. Doch die Angewohnheit, sich leicht von Schuldgefühlen einnehmen und zerfressen zu lassen, hatte sie noch nicht ablegen können.