Begegnung
Die Regentropfen färbten das Gestein dunkelgrau. Tropfen für Tropfen prasselte auf Hana nieder. Das Mädchen saß zusammengekauert am Ende des Felsens, welcher ihr Rückendeckung gab. Unter den langen schwarzen Haaren, die ihr schützend ins Gesicht hingen, vermischte sich das Salz ihrer Tränen mit dem kalten Regenwasser. Vor ihr lag ein weiter, dichter Wald, der sie von der unruhigen Stadt trennte.
Sie starrte auf ihre Hände, die zitternd auf ihren Knien lagen. Das nasse Kalt überströmte ihren Körper. Ihren Hals, ihren Rücken, die Schultern, die zitternden Hände. Tropf, tropf, tropf – stopp.
Plötzlich wurde Hana nicht mehr von dem erschütternden Regen attackiert. Verwundert löste sie ihren Blick von ihren Händen und sah vorsichtig auf.
Vor ihrem Gesicht hielt eine Hand einen Regenschirm, der nun über ihr aufgespannt war und die Tropfen von ihr fernhielt. Es dauerte eine Weile, bis das Mädchen auch den Rest der zur fremden Hand gehörenden Person wahrnahm.
Ein junger Mann, wahrscheinlich nur wenige Jahre älter als sie selbst, vielleicht 19 Jahre, hockte vor ihr und sah sie besorgt an. Es war ungewöhnlich, dass Hana hier auf eine andere Person traf. Eigentlich besuchte sie diesen Ort, weil sich normalerweise niemand anderes hier, so weit außerhalb der Stadt, aufhielt.
„Entschuldige, aber solltest du nicht lieber nach Hause gehen? Du wirst noch krank.“, befürchtete der Fremde.
Hana starrte ihn wortlos an. Sie hatte noch nicht realisiert, dass sie jemand hier gefunden hatte. Nach und nach erfasste sie die freundlichen Gesichtszüge des Jungen, das sanfte Haselnussbraun seiner Augen und die dunkelblonden kurzen Haare, die völlig durchnässt waren. Erst dann registrierte sie die Worte, die er gesprochen hatte und unter höchster Anstrengung signalisierte ihr Gehirn ihrem Mund, dass er antworten sollte. Aber was sollte sie nur sagen? Einen Moment lang sah sie ihn nur mit offenem Mund an, ehe sie mit leiser, piepsiger Stimme wiederholte: „Nach Hause gehen?“
„Ja, ins Warme.“ Der Blick des Jungen wurde immer besorgter. Er richtete sich auf und reichte Hana die Hand. „Komm, ich bringe dich auch, dann wirst du nicht noch nasser.“
„Ich will nicht nach Hause!“, entgegnete Hana energisch.
Der Junge legte die Stirn in Falten. Er schien nachzudenken. „Du kannst aber nicht hier bleiben.“
„Warum nicht?“ Hana presste ihren Körper gegen den Felsen und schaute wiederhinunter auf ihre Hände.
„Weil ich nicht möchte, dass du krank wirst, Hana.“, antwortete der Junge.
Als er ihren Namen aussprach, begann Hanas Herz heftig zu pochen. Kurz stockte ihr der Atem, dann stieß sie hervor: „Woher kennst du meinen Namen?“ Da er nicht antwortete, erhob sie ihre zarte Stimme. „Wer bist du?“
Daraufhin streckte der Unbekannte ihr noch weiter die Hand entgegen. „Ich bin Alex. Tut mir Leid, dass ich dich so erschreckt habe. Wir gehen auf dieselbe Schule.“
Hana blickte erneut zu ihm auf. Plötzlich wirkte der Fremde gar nicht mehr so fremd.
„Du kannst mir vertrauen.“
Ein Schauer lief Hana über den Rücken, als sie nun sogar seine Stimme schon einmal zuvor gehört zu haben glaubte.
„Du kannst mit zu mir kommen.“
Das Angebot erschien absurd. Sie sollte einem wildfremden – und doch so vertrauten – jungen Mann zu sich nach Hause folgen? Jedes vernünftige Mädchen wäre schon längst fortgelaufen. Aber war es Hana nicht eigentlich mittlerweile egal, was mit ihr geschah?
Ein paar lange Sekunden des Schweigens verstrichen.
„Ich wohne nicht allein.“, beteuerte Alex. „Ich lebe in einer WG. Sie sind alle da. Ich könnte dir gar nichts tun.“
„Das soll ich dir glauben?“, fragte Hana, obwohl sie ihm wirklich glaubte.
„Wenn du nicht nach Hause möchtest, schon.“ Alex‘ Hand schwebte immer noch hilfsbereit und zugleich auffordernd vor Hanas Nase. Da hob sie die ihre, noch immer zitternd, und ergriff seine. Er zog sie auf die Beine. Mit der anderen Hand wischte sie sich die letzten Tränen aus dem Gesicht, dann verschwanden sie beide im Wald.
Während sie im Regen durch den Wald tappten, sprachen sie kein Wort miteinander. Jedoch empfand Hana dies nicht als unangenehmes oder gar unheimliches Schweigen. Im Gegenteil, da ihr Reden sowieso nicht sehr lag, war es ganz gut so, wie es war. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sie den Wald durchquert hatten und zu einem zweistöckigen Holzhaus kamen, welches etwas abgeschieden von den Häusern der Stadt stand.
„So, da wären wir.“, kündigte Alex an. Er klappte den Regenschirm ein und trat eine Stufe hinauf zur Tür. Es war eine Schiebetür, die nicht verschlossen war, sodass er sie einfach aufziehen konnte.
Hana spürte eine Welle von Wärme, die ihr aus dem Inneren des Hauses entgegen strömte. Alex machte eine einladende Handbewegung und bedeutete Hana damit, einzutreten. Mit unsicheren Schritten tat diese wie ihr geheißen. Der blonde Junge folgte ihr und schloss die Tür wieder hinter sich. Und er hatte sie nicht belogen: In dem großen Raum, den sie betreten hatte, saßen an einem rechteckigen Tisch zwei Personen, eine junge Frau mit langen roten Locken und ein kahlköpfiger Mann mit stämmigem Körperbau. Noch bevor diese sie begrüßen konnten, eilte aus einem kleineren Raum links von Hana ein zierliches Mädchen mit hellblonden kurzen Haaren und leuchtendblauen Augen herbei und fiel ihr um den Hals.
„Hana! Endlich!“, rief sie. Als Alex ihr behutsam eine Hand auf die Schulter legte, löste sie sich rasch von der irritierten Besucherin. Sie stieß ein hastiges „Entschuldigung“ hervor und zupfte nervös ihr kurzes weißes Kleid zurecht. „Du bist ja ganz nass.“, stellte sie dann fest. „Komm mit, ich gebe dir etwas Trockenes zum anziehen. Du erkältest dich noch.“ Noch bevor Hana widersprechen konnte, wurde sie am Arm gepackt und die Treppe hinaufgezogen.
Oben grenzten an den Flur zwei weitere sich gegenüberliegende Räume. Das Mädchen öffnete den rechten und die beiden verschwanden darin. Erst hier ließ sie Hana wieder los und begann stattdessen, in einem schmalen Kleiderschrank zu wühlen.
Das Zimmer war spärlich eingerichtet. In der einen Ecke stand ein Bett und vor ein Fenster ohne Gardinen war ein Schreibtisch mit einem Stuhl gestellt worden. Mehr war da außer dem Kleiderschrank nicht.
„Ich bin übrigens Mai.“, erwähnte das Mädchen, welches etwa einen Kopf kleiner war als Hana und gerade ein sauberes Kleid und einen Pullover aus dem Schrank gefischt hatte und Hana nun mit einem aufmunternden Lächeln im Gesicht entgegenstreckte. Nicht nur durch ihr dauerhaftes Lächeln strahlte Mai eine unglaubliche Leichtigkeit aus. Jede ihrer Bewegungen war so anmutig und elfenhaft, dass sie bei jedem Schritt zu schweben schien.
Hana nahm die Kleider entgegen.
„Du kannst dich in Ruhe umziehen.“, schlug Mai vor, während sie sich noch einmal zum Schrank umdrehte, um ein gelbes Handtuch herauszuziehen und auf den Kleiderstapel in Hanas Händen zu legen. „Ich geh schon mal wieder runter. Du kannst deine Sachen erst einmal hier liegen lassen. Wir warten mit dem Essen auf dich.“ Und mit einem fröhlichen Augenzwinkern huschte sie an Hana vorbei und verschwand aus dem Zimmer.
Einen Moment lang stand Hana regungslos da. Das, was hier gerade geschah, war viel zu verrückt, um wahr zu sein. Mit Sicherheit träumte sie. Ja, bestimmt würde sie gleich aufwachen und zu Hause in ihrem Bett liegen.
Sie schauderte.
Vielleicht auch lieber nicht. Denn dort würde wahrscheinlich nur ihre betrunkene Mutter auf sie warten, um sie wieder anzuschreien, ihr die Schuld an dem Tod ihres Vaters zu geben.
Tränen stiegen ihr in die Augen bei dem Gedanken an den schrecklichen Unfall, der vor zwölf Jahren geschehen war. Viele Erinnerungen hatte sie nicht mehr. Aber sie spürte noch die heftige Erschütterung des Autos, sah von dem Rücksitz aus ihren Vater leblos über dem Lenkrad hängen, während das Blut allmählich seine Haare verklebte.
Hana schüttelte den Kopf, um die Bilder zu verjagen. Sie legte den Stapel Klamotten auf dem Schreibtisch ab, faltete das Handtuch auseinander und rubbelte sich die langen pechschwarzen Haare trocken.
Als sie den Raum verließ, vernahm sie ein nicht allzu lautes Rumpeln aus dem Zimmer gegenüber. Unter dem Türspalt über dem Boden drang etwas Licht aus dem Raum. Wohnte etwa noch jemand hier? Das Mädchen unterdrückte ihre Neugier und tappte die Treppe hinunter.
Ein köstlicher Duft erfüllte den Raum. Mai platzierte gerade einen großen Kochtopf, gefüllt mit heißer Kartoffelsuppe, in der Mitte des Tisches. Unterdessen deckte Alex sechs Teller und Löffel auf.
„Setz dich nur!“ Mai zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und winkte die schüchterne Hana zu sich.
Diese trat zu ihr, ein zögerliches, schwaches Lächeln auf den Lippen, und setzte sich mit einem leisen „Danke“. Der bullige Mann saß ihr nun direkt gegenüber.
„Das ist übrigens Mike.“, stellte Mai ihn vor. „Er sieht ein bisschen gefährlich aus, ist aber ein ganz Lieber. Und das ist Vanessa. Es reicht aber, wenn du sie Vanny nennst.“ Sie zeigte auf die lockige Frau, die zu Mikes Rechten saß.
Beide schenkten Hana ein stummes Nicken und schauten, als wüssten sie nicht so recht, wie sie sich verhalten sollten. Hana nickte mit einem unbehaglichen Gefühl zurück und blickte hinunter auf ihre zittrigen Hände, die auf ihrem Schoß lagen.
„Holst du Izzy mal aus seinem Loch?“, fragte Mai dann an Alex gerichtet.
Alex machte einen Schritt zur Treppe und brüllte hinauf: „Izzy!“
Stille.
Alex seufzte und versuchte es erneut: „Izzy, komm, es gibt Essen!“
Keine Regung.
„Izzy!“ Alex‘ Stimme hatte an Lautstärke verloren. „Sie ist da.“
Hana war sich sicher, dass sie gemeint war. Und diese Tatsache erschien ihr äußerst unheimlich. Es war, als hätten alle in diesem Haus bereits auf sie gewartet.
Im zweiten Stock quietschte eine Tür.
„Na endlich…“, murmelte Alex, wandte sich von der Treppe ab und setzte sich auf den Stuhl neben Hana. Mai nahm rechts von ihr am Tischende Platz.
Die Treppe knarrte, als jemand mit schweren Schritten hinunter geschlurft kam.
Es war also wirklich noch jemand in dem Raum gewesen. Vorsichtig schaute Hana auf und drehte ihren Kopf Richtung Treppe. Die Person, die sie dort erblickte, unterschied sich von den anderen wie die Nacht vom Tag. Es war ein junger Mann, wohl etwa in Alex‘ Alter. Er trug einen weiten Pullover über ein schwarzes Shirt und eine ebenso schwarze lange weite Hose, die mit großen Taschen besetzt war. Sein kantiges Gesicht wurde von dunklen mittellangen Haaren umrahmt, die ihm teilweise die Augen verdeckten. Trotzdem konnte Hana tiefe Schatten unter seinen Augen ausmachen, als hätte er seit Wochen nicht mehr geschlafen. Es war ein eher gruseliger Anblick. Aber das Schlimmste war – er starrte sie direkt an. Auch während er zu dem letzten freien Stuhl am anderen Tischende ging und sich setzte, wandte er seinen Blick nicht von ihr ab. Dabei verzog er keine Miene. Er schaute weder freundlich noch gehässig. Einfach nur ernst und emotionslos.
Hana konnte nicht anders, als verängstigt zurückzustarren. Erst Mai lenkte sie wieder ab, indem sie Hana nach ihrem Teller fragte, um ihr Suppe aufzufüllen. Hana reichte ihr den Teller und sah zu, wie sie ihr mit der Kelle etwas Suppe aus dem Topf schöpfte und in den Teller goss. Doch trotzdem spürte sie, wie Izzys Blick weiterhin an ihr haftete. Ungefähr so lange, bis Mai auch ihn um seinen Teller bat.
„Ich esse dieses Zeug nicht.“, murrte er. Obwohl es eine ziemlich trotzige Antwort war, klang er gewisser Weise ruhig und bestimmt. „Da könnte ich auch gleich Sand essen.“
„Du hast schon die letzten zwei Tage so gut wie nichts gegessen. Du musst etwas zu dir nehmen, sonst hungerst du dich noch zu Tode.“, mahnte Mai.
„Pfffh…“, machte Izzy nur und verschränkte die Arme vor der Brust.
An seiner Stelle reichte Alex Mai den Teller, welcher rasch gefüllt wurde.
Hana fühlte sich mittlerweile gar nicht mehr wohl. Die Anwesenheit von diesem düsteren Typen behagte ihr irgendwie nicht.
Mai setzte sich nun auch und wünschte allen einen guten Appetit. Sie plapperte munter drauf los, fragte, was Alex denn den ganzen Tag gemacht hätte, bevor er Hana aufgegabelt hatte, fragte, ob das Essen denn schmecke und ob Hana auch gerne kochen würde. Während sie anfangs noch die Einzige war, die redete, stiegen die anderen mit der Zeit ein. Die Stimmung wurde lockerer und Hana konnte wieder entspannen. Auch sie fing an, mitzureden und zu lachen. Lachen! Wie lange hatte sie nicht mehr so sehr gelacht! Und die Suppe schmeckte hervorragend. Sie war so lecker, dass Hana Nachschlag verlangte, obwohl sie bis vor Kurzem noch gar keinen Appetit gehabt hatte.
Auf einmal war es, als würden sie sich schon seit Ewigkeiten kennen. Sie plauderten und scherzten – alle, bis auf Izzy.
Hin und wieder wagte Hana es, zu ihm herüberzuschielen. Er saß mit gesenktem Blick vor seiner dampfenden Suppe, angespannt, als müsse er jederzeit bereit sein, aufzuspringen und davonzulaufen. Tief in Gedanken versunken, wirkte er wie ein Fremdkörper am Tisch. Manchmal sprachen Alex und Mai ihn direkt an, um ihn ins Gespräch einzubeziehen. Dann hob er nur kurz den Kopf – ein kleines Signal, dass er noch anwesend war – um diesen dann wieder zu senken und in geistiger Ferne zu verschwinden. Als alle ihre Teller geleert hatten und sich mit vollem Bauch zurücklehnten, hatte Izzy noch nicht mehr als wenige Löffel zu sich genommen.
Plötzlich schlug Izzy die Hände auf den Tisch und stand mit Schwung auf. „Wir müssen gehen.“, sagte er entschlossen.
Mit einem Mal war das lustige Plauderstündchen zu Ende. Alle verstummten und sahen zu ihm auf.
Hana blickte von einem zum anderen. Eine altbekannte Welle Unsicherheit überkam sie. „Gehen?“, fragte sie wieder mit ihrer leisen, hohen Stimme. „Wohin?“
Anstatt ihr zu antworten, richtete Alex sich an Izzy. „Wir können jetzt noch nicht gehen! Lass ihr etwas mehr Zeit. Wir müssen ihr doch erst noch erklären, was…“
„Sie ist doch jetzt hier!“, unterbrach Izzy ihn. Das Lodern in seinen Augen verriet, dass er seine Meinung durch nichts und niemanden ändern würde. „Wozu noch länger warten? Je mehr Zeit verstreicht, desto schlechter wird es ihr gehen. Außerdem kann ich diese zwei Idioten, die sie begleiten, nicht mehr ertragen.“
Hana bemerkte, dass sie schneller atmete. Welche zwei Idioten meinte er? Wohin wollten sie gehen? Und hieß das alles, dass sie mitkommen sollte? Hilfesuchend sah sie zu Mai, die ihr bisher am vertrauenswürdigsten vorkam.
Diese bemerkte den Blick, scheiterte aber bei dem Versuch, Hana aufmunternd zuzulächeln.
„Na ja, wenn wir sie jetzt wieder gehen lassen, kommt sie garantiert nicht nochmal mit uns mit.“, bedachte Vanny. „Dafür habt ihr schon viel zu viel gequasselt.“
Das war genug. Hana konnte nicht mehr atmen, Alarmglocken schrillten in ihrem Kopf. Sie sprang auf, stieß dabei ihren Stuhl um und wollte weglaufen. Doch ehe sie auch nur einen Schritt machen konnte, hielt Mai sie am Arm fest. Hana war überrascht, wie viel Kraft das zierliche Mädchen besaß.
„Hana, keine Angst, es ist alles gut!“, versuchte Mai sie zu beruhigen. „Wir müssen dir etwas erzählen.“
„Lass mich los!“, schrie Hana. Sie erschrak selbst, als sie das erste Mal seit Langem ihre Stimme so laut vernahm. Mit aller Kraft versuchte sie, sich von Mai loszureißen. Vergebens.
„Hör mir zu, Hana!“, fuhr Mai fort. „Wir wollen dir helfen. Wir bringen dich an einen Ort, wo es dir besser geht. Wo du hingehörst.“
Hana hörte auf, sich zu wehren. Nicht, weil sie Mai glaubte, sondern weil sie einfach zu schwach war. Voller Furcht starrte sie Mai an.
„Das bringt doch nichts.“, sagte Izzy. „Wir müssen sie von dem Fluch befreien. Fangen wir an.“
„Fluch?“, fiepte Hana, während sich alle erhoben und auf sie zukamen.
Sie stellten sich neben sie, sodass sie gemeinsam einen Kreis bildeten. Izzy kramte in einer seiner Hosentaschen und zog eine Kette hervor. Es war ein rundes silbernes Amulett, in dessen Mitte ein weißer, schimmernder Edelstein saß.
Hana fühlte sich, als müsste sie sich gleich übergeben. Was auch immer hier vor sich ging, es war nicht normal und sie konnte nicht entkommen.
Izzy streckte seinen rechten Arm, in dessen Hand er das Amulett hielt, nach vorn, sodass das Amulett in der Mitte des Kreises schwebte. Hana spürte, wie sich alle um sie herum stark konzentrierten. Eine erdrückende Spannung lag im Raum. Der Edelstein leuchtete auf, so hell, dass das gesamte Zimmer in grelles Licht getaucht wurde. Hana kniff die Augen zusammen. Es dauerte eine Weile, bis sie sich an die enorme Helligkeit gewöhnte.
„Scheiß Verräter!“
Hana zuckte zusammen, als sie die zischende Stimme hinter sich vernahm. Langsam drehte sie sich um.
Hinter ihr standen zwei weitere dunkle Gestalten. Eine von ihnen war eine dünne Frau mit dunkelroten Haaren, die streng zu einem Zopf nach hinten zurückgebunden waren. Neben ihr stand ein ebenso dünner Mann. Er hatte ein schmales spitzes Gesicht, welches durch seine glatten, ellenlangen Haare noch hervorgehoben wurde. Beide waren von Kopf bis Fuß in schwarz gehüllt und blickten mindestens genauso finster wie Izzy.
„Wenn unser Meister dich in die Finger bekommt, ist nicht mehr als dreckiger Staub von dir übrig!“, drohte der Mann. Er war sichtlich bemüht, gelassen zu klingen, seine Aufgebrachtheit war jedoch nicht zu überhören.
Hana schaute zurück zu Izzy. Er schien von den Worten komplett unberührt zu bleiben.
„Wie nett.“, sagte er mit gepresster Stimme.
Die Frau wollte auf ihn losgehen, aber egal wie sehr sie sich bemühte, sie konnte sich nicht bewegen.
„Wenn du weiter so rumzappelst, bringst du dich noch um.“, warnte Izzy, wenngleich er auch nichts dagegen zu haben schien.
„Hör auf!“, bat der Mann seine Gefährtin. „Je mehr du dich bewegst, desto mehr schnürt dich dieser verflixte Zauber ein - bis du erstickst.“
„Du verdammter Mistkerl!“, schrie die Frau Izzy entgegen.
„Danke für die Blumen." Izzys Blick verfinsterte sich noch mehr. „Nun dann, wir sehen uns in der Hölle wieder.“ So verabschiedete er sich von den düsteren Gestalten und konzentrierte sich dann wieder ganz auf das Amulett.
Hana bekam Gänsehaut. Waren das die ‚zwei Idioten‘, von denen Izzy gesprochen hatte? Waren sie etwa schon die ganze Zeit dagewesen, ohne dass Hana sie gesehen hatte? Und überhaupt, wovon sprachen sie da? Zauber? Hölle?
Das Amulett in Izzys Hand vibrierte. Der Boden unter ihren Füßen begann zu beben. Hana vernahm Schreie, als das Licht, dass dem Edelstein entwich, noch greller wurde. Waren das diese Wesen hinter ihr? Das Mädchen konnte nichts mehr sehen, das Licht blendete sie zu sehr. Es schien bis in ihren Kopf vorzudringen, sodass ihr schummrig wurde. Die Schreie wurden leiser, als würde sie langsam in immer mehr Watte gepackt werden. Doch dann trat ein ohrenbetäubendes, tiefes Grollen an die Stelle der Schreie. Hana hielt sich die Ohren zu, aber es brachte nichts. Es war, als würde der Lärm in ihren Ohren festsitzen. Sie fühlte sich wie gelähmt. Sie wollte kreischen, um sich schlagen, davonrennen – aber sie konnte nicht.
So war es beinahe erlösend, als ihr schließlich schwarz vor Augen wurde und alle Geräusche um sie herum verschwanden. Sie trieb dahin, in einem endlosen, von Ruhe erfüllten Nichts.