Vor Neugierde platzen
I. Vor Neugierde platzen
“First love is only a little foolishness and a lot of curiosity.”
— George Bernard Shaw
Kise wusste, dass Neugierde nicht immer ein Segen des menschlichen Wesens war.
Neugierde konnte hin und wieder zu schmerzhaften Lebenserfahrungen führen, die einen hinterfragen ließen, was für ein schlechtes Los man gezogen hatte – und für weniger philosophisch Begnadete, warum bestimmte Fäkalien nicht nur in dem dafür vorgesehenen Porzellantopf Einzug erhielten.
Dennoch, und das war auch eine Tatsache, waren solche bei Weitem unbeliebte Erfahrungen, mit unter Anderem, die Wichtigsten im Leben. Sie ließen einen lernen und im besten Falle wachsen.
Natürlich hatte jede Münze zwei Seiten und dementsprechend verhalf Neugierde auch zu lebensbereichernden Momenten.
In Kises Situation war genau diese Seite der Münze das Problem.
Generell und im Allgemeinen zum Leidwesen seiner Umgebung, ging er seiner unendlichen Neugierde, die an manchen Tagen Überstunden schob, ohne Umschweife nach. Zwar endete es oftmals mit einigen blauen Flecken und seltsamen Momenten, die auf einer Skala von leicht peinlich bis hin zu katastrophal eingestuft werden konnten, dennoch hinderte es ihn nie daran, sie zu sättigen. Daher verunsicherte ihn sein momentanes Zögern und der Drang davonzulaufen umso mehr.
Moriyama erzählte mit eindeutigen Handbewegungen ein der wohl unlustigsten Witze, seitdem die Menschheit sich Scherze vortrug. Dennoch verfiel Hayakawa in schallendes Gelächter und sogar Kobori ließ sich zu einem leichten Kichern hinreißen.
Jedoch lag Kises Aufmerksamkeit auf Kasamatsu, der von Kobori bestimmend festgehalten wurde und sich ein Lachen verkniff.
Es war eine idiotische Idee gewesen. Ein Impuls, der aus ihm hinausgeschossen war, bevor er überhaupt realisiert hatte, welche Folgen es mit sich bringen könnte. Es war nicht so, als wollte Kise es nicht unbedingt wissen, aber gleichzeitig fürchtete er sich auch ein wenig davor, seine Neugierde zu befriedigen. Dabei war ihm noch nicht einmal genau bewusst, wovor er sich wirklich fürchtete.
Hayakawa hatte jetzt zu einem wahrem Schenkelklopfer ausgeholt, der so einen langen Bart hatte, dass man ihn schon wieder urkomisch empfand, was durch das folgende Gelächter aller Beteiligten deutlich wurde. Nur Kasamatsu hielt noch eisern an sich, presste eine Hand vor den Mund, als ob er fürchtete, dass sonst die Lachlaute nur aus ihm heraus purzeln würden.
Kise war neugierig, wie Kasamatsus Lachen sich anhörte.
Kein leichtes Kichern, kein gehässiger Schnaufer, kein Prustlaut. Sondern ein Gelächter voller Imbrunst, tief aus der Lunge heraus, welches einem Tränen in die Augen trieb, was vom Herz mitgetragen wurde. Kise wollte es sehen, hören und jede einzelne Sekunden wie ein Schwamm aufsaugen.
Daher hatte er die Anderen gefragt, die ihn zuerst verwirrt angesehen hatte und dann in einstimmiges schallendes Gelächter ausgebrochen waren. Sie hatte ihm versprochen, dass es sich lohnte, einmal in den Genuss von Kasamatsus Lachen zu kommen und erzählten deshalb ihrem Kapitän seit geraumer Zeit ein schlechten Witz nach dem Nächsten. Doch mit jeder verstreichenden Minute wurde das Model unruhiger, ungewisser, ob er es überhaupt hören sollte – und dann sagte Kobori etwas und Kasamatsu konnte nicht mehr an sich halten.
Kasamatsus Lachen war eine Mischung aus kläffendem Hund und lauter Krähe. Es war rau, grob, laut und unstimmig. Es war so ein furchtbarer, schräger Laut, dass man nicht anders konnte, als über das Lachen selbst zu lachen.
Während die Anderen in Kasamatsus Lachen einstimmten und Kasamatsu selbst über sein eigenes Gelächter lachte, wurde Kise ganz warm ums Herz und er verstand, warum er so besorgt gewesen war, seine Neugierde zu stillen.
Kise wurde bewusst, dass er Kasamatsus Lachen für immer kennen würde und in all seiner unperfekten Art, nie wieder missen wollte.
Neugierde war eine gefährliche Sache, wenn sie einem das Herz raubte.