Wachsendes Fragezeichen
Drei kleine Worte, aber sie dröhnen in meinem Kopf, als hätte Duke mir gerade mit einem Megafon ins Ohr gebrüllt. Die Worte echoen noch nach, aber ich habe nicht das Gefühl, dass es mich aus den Latschen haut. Viel mehr ist es so, als würde man mir neue Kraft verleihen.
„Wie gut kanntest du sie?" Ich weiß ja, dass meine Mutter in der Zauberwelt eine kleine Berühmtheit gewesen ist, nicht zuletzt, weil sie eine Königinanwärterin war, aber Duke verhält sich so merkwürdig, dass ich die Frage einfach stellen musste. Ich weiß nicht, was es genau ist, kann es an nichts konkret festmachen, aber ich bin ähnlich alarmiert wie gestern Nacht, als Lovin sich beinahe verplappert hatte.
Mein Herz macht einen kurzen Hüpfer. „Duke?", frage ich wieder, diesmal ganz ruhig, fast flüsternd. Aber der kleine Frosch kann kaum meinem Blick standhalten. Er sieht zu Boden und wirkt auf einmal unendlich traurig. Ich glaube, so elendig habe ich ihn noch nie gesehen.
„Chocola... Ich kann dir vieles nicht sagen." Ein schweres Schlucken entweicht seiner Kehle. „Das darf ich nicht. Ich... Es tut mir so leid." Seine Stimme klingt aufrichtig und zieht mich in einen Strudel aus widersprüchlichen Gefühlen. Ich bin wütend und möchte mein Vorhaben mit dem schweren Buch in die Tat umsetzen, aber irgendwie regt sich in mir auch Mitgefühl für den kleinen Frosch, der gerade so unendlich unglücklich wirkt. Trotzdem fühle ich mich verraten, erst von Lovin, jetzt von Duke. Aber ich glaube am drängendsten ist dieses massive Unwissen; als würden alle ein gigantisches Geheimnis vor mir hüten.
„Ich muss gehen, bitte sieh' es mir nach." Jetzt klingt Duke beinahe so, als müsste er gleich weinen. Können Frösche überhaupt weinen? Also, normale Frösche meine ich. Ich kann gar nichts mehr erwidern, da springt er schon auf mein gekipptes Fenster zu und aus dem Spalt ins Freie. Zuerst bin ich erschrocken, als ich ihm nachsehe, dann fasse ich mich aber wieder. Duke ist kein normaler Frosch, das war also keine hirnrissige Verzweiflungstat. Trotzdem trete ich an den Sims und blicke nach unten. Gerade so sehe ich noch einen kleinen rot-schwarzen Körper über den Rasen hüpfen, bevor er hinter dem Haus verschwindet.
Doch mir reicht es jetzt! Dukes seltsame Andeutungen haben das Fragezeichen in meinem Kopf so groß werden lassen, dass ich unbedingt Antworten brauche. Ich eile ins Bad um mich anzuziehen, dann rase ich zur Treppe. Ich muss jetzt Lovin zur Rede stellen!
Meine erste Anlaufstelle ist die Küche, aber dort finde ich nur Vanilla, die gerade den Abwasch erledigt. Verwundert sieht sie auf, als sie mein Trampeln bemerkt, doch ich unterbreche sie gleich. „Weißt du, wo Lovin ist?" Sie schüttelt langsam den Kopf, ehe sie antwortet: „Nein, ich habe ihn heute noch gar nicht gesehen. Er war nicht einmal beim Frühstück. Ich habe euch was aufgehoben, falls du Hunger -" Doch wieder schneide ich ihr das Wort ab. „Später vielleicht, danke." Dann hetzte ich wieder hoch und reiße Lovins Schlafzimmertür auf; aber das einzige, was ich sehe, ist ein gigantisches Bett – und es ist leer. Jetzt erst fällt mir auf, dass ich hier sonst was hätte sehen können. Vermutlich sollte ich dankbar sein, dass mir der Anblick von meinem sogenannten Aufpasser, der sich über eine halbnackte Frau beugt, erspart blieb. Kurz muss ich mich schütteln.
Ich eile weiter. Scheinbar bleibt mir nichts anderes übrig, als jedes einzelne Zimmer in dieser verdammten Villa zu überprüfen, um Lovin zu finden. Warum muss es hier nur so viele unnötige Räume geben?
Ich habe die dritte Tür geöffnet, als mir bewusst wird, dass ich Vanilla vor den Kopf gestoßen haben muss – schon wieder. Ich habe sie nicht einmal ausreden lassen, sondern bin ihr einfach ins Wort gefallen und dann direkt wieder verduftet. Immer bin ich nur mit mir und meinen Sorgen beschäftigt. Vani ist die beste Freundin auf der Welt und ich so eine egoistische Kuh! Es ist ein Wunder, dass sie sich überhaupt noch mit mir abgibt und wenn ich so weitermache, werde ich sie irgendwann verlieren.
Als ich am millionsten Türgriff reiße, habe ich endlich Glück. Ich blicke in ein Zimmer, das ich nie zuvor gesehen habe und am Fenster steht er – Lovin! Ich bin so überrascht, dass gar nicht weiß, was ich jetzt sagen oder tun soll. Lovin hat seinen Kopf gedreht und sieht mich abwartend an. Im Gegensatz zu mir ist er die Ruhe selbst.
„Du hast mich gefunden.", stellt er matt fest, wirkt aber nicht so abweisend, wie am vergangenen Abend. Das macht mir ein wenig Hoffnung. Trotzdem sind seine Worte gleichzeitig das Eingeständnis, dass er sich vor mir versteckt hat, zumindest ein bisschen.
„Lovin, ich muss mit dir reden, ich muss wissen, was du gestern gemeint hast." Meine Stimme klingt so angestrengt, wie nach einem Marathon. Lovin seufzt zwar, widerspricht aber nicht. Stattdessen stimmt er mir zu und ich kann nur ungläubig schauen. „Mach' die Tür zu.", fordert er mich auf und ich gehorche, ohne zu Zögern – dass das mal passiert!
Als ich mich wieder zu Lovin umdrehe, deutet er auf ein Sofa und ich verstehe die Geste. Eilig gehe ich durch den Raum und setze mich neben Lovin auf das weiche Polster. Seine Miene ist undurchdringlich, als er mich nachdenklich mustert, aber als er dann beginnt zu reden, merke ich, dass er sich seine Worte sorgfältig zurecht gelegt hat: „Chocola, was ich gestern gesagt habe, war ein Versehen. Das war nichts, was für deine Ohren bestimmt war." Ich höre ihm zu, habe aber doch das Gefühl, nichts zu erfahren. Ein Teil von mir will ihm am liebsten an die Gurgel gehen, aber ein größerer Teil hält mich zurück.
„Du sollst alles erfahren, irgendwann, wenn du erwachsen bist und wenn eine von euch Königin ist. Das ist nicht meine Entscheidung. Ich befürworte sie stark, aber meine Stimme hat kein großes Gewicht." Spricht er etwa vom Königreich? So ganz verstehe ich noch nicht, was er eigentlich sagen will.
Ich lausche wie gebannt, sauge jedes Wort in mich auf und versuche, daraus schlau zu werden. „Aber jetzt musste umgedacht werden – und das schon zum zweiten Mal. Ich verstehe, dass du alles wissen willst und du bist ja auch schon fast erwachsen. Trotzdem gibt es gewisse Umstände, die berücksichtigt werden müssen." So, wie er redet, konnte man meinen, es ging um absolut geheime und hochpolitische Angelegenheiten. Dabei wollte ich doch nur wissen, was meiner Mutter widerfahren war. Ich verstehe nicht, was es da zu verheimlichen gibt. Sie ist meine Mutter, die Frau, die mich, ihre einzige Tochter, zur Welt brachte.
„Es gab viele Stimmen dafür und viele dagegen, aber schlussendlich kam man zu dem Schluss, dass du wissen solltest, welche Auswirkungen... Die Liebe haben kann." Ich merke auf und denke unwillkürlich an Pierre, konzentriere mich aber rasch wieder auf das Hier und Jetzt.
„Du musst dir übrigens keine unnötigen Sorgen machen, ich habe vom gestrigen Abend nur so viel berichtet, wie unbedingt sein musste." Lovin lässt einen weiteren Seufzer hören. Es wirkt fast so, als käme er jetzt endlich zu dem Teil, der für mich interessant ist und den er um jeden Preis unausgesprochen lassen wollte. Ich bin so gespannt, dass ich nicht mal wissen will, was er offenbar im Palast über meinen Abend der Schande berichten musste. „Ich kann dir keine Details nennen, also frag' gar nicht erst danach, aber deine Mutter... Ihr eigenes Herz wurde ihr zum Verhängnis."