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Sugar Sugar Rune - Sechs Jahre später

von

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Die schlimmste Nacht im Leben

Houx, Saule und Vanilla sind ganz verdutzt über Lovins Verhalten. Er sitzt wortlos in der Kabine des luxuriösen Autos und verzieht keine Miene, obwohl ich immer noch alles gebe, um ihn mit meinen Blicken mürbe zu machen.
 

Nach wenigen Minuten merke ich, wie mir wieder furchtbar übel wird. Vorhin hat mich das Geschaukel bereits gestört, aber jetzt kommt es mir noch viel schlimmer vor. Ich presse die Hand auf den Mund und lege meine Stirn an die Scheibe. Das kühle Glas hilft ein bisschen.
 

Ich spüre, wie Vanilla neben mir ihre Hand auf meinen Arm legt, zeige aber keine Regung darauf. Dann höre ich ihre Stimme: „Lovin, ist Chocola was passiert?" Ich kann deutlich hören, wie ängstlich sie klingt und es tut mir leid, dass ich ihr immerzu solchen Kummer bereite. Wieder spüre ich eine Träne im Auge und drehe mein Gesicht noch näher zur Fensterscheibe, um es vor den anderen zu verbergen.
 

Lovin seufzt vernehmbar und es überrascht mich, dass er sich tatsächlich zu einer Antwort herablässt: „Es ist alles in Ordnung. Ich möchte nur heute nichts mehr von euch hören." Seine Stimme klingt so streng, wie ich sie vielleicht noch nie erlebt habe. All das Gekünstle, das ihn sonst so ausmacht, ist verflogen. Ich überlege, ob ich ihn jemals so ernst und schweigsam erlebt habe.
 

Das Gefühl, dass ich mich übergeben muss, wird immer stärker. Wie lange bin ich noch in dieser schrecklichen Limousine eingepfercht, die mehr schwankt, als jedes klapprige Piratenschiff? Ich schwöre, lange halte ich das nicht mehr aus!
 

Endlich stoppen wir und ich schicke ein kleines, stummes Dankeschön in den Himmel. Mit zitternden Fingern fummle ich am Türgriff neben mir rum und schaffe es endlich, meinen Weg nach draußen zu öffnen.
 

Geradezu gierig sauge ich die frische Luft ein, die meine Übelkeit ein wenig lindert. In einiger Entfernung kann ich wieder Lovins strenge Stimme vernehmen. „Geht schlafen. Ich will heute kein Theater mehr." Als ich aufschaue, sehe ich noch, wie Lovin die Haustür öffnet und seine Villa betritt.

Neben mir erscheint wieder Vanillas Gesicht, ehe sie vorsichtig den Arm um mich legt. „Choco, was ist los mit dir?", fragt sie und fängt an, mir sanft über den Rücken zu streichen. Hinter ihr erkenne ich Houx und Saule, die unsicher umher schauen. Die Scheinwerfer der Limousine erleuchten die Auffahrt, als sie wendet und geräuschvoll zur Straße und schließlich davon fährt.
 

Ich kann nicht antworten. All meine Kraft benötige ich, um weder zu heulen, noch zu kotzen.

Houx und Saule kommen näher, gehen neben uns die Hocke und fangen an mit Vanilla zu tuscheln. Ich sage kein Wort. Einerseits liegt das an meinem momentanen Zustand, andererseits bin ich mir sicher, dass ich niemals wieder über diesen albtraumhaften Abend sprechen werde, mit niemandem!
 

„Habe ich mich unklar ausgedrückt?", schneidet Lovins erzürnte Stimme durch die Nacht und ich zucke kurz zusammen. Dann sehe ich auch schon seine Stiefel auf dem Boden vor mir und ehe ich mich versehen kann, zieht er mit einem Ruck auf die Beine. Mein Magen fühlt sich an, als wäre er nicht hinterher gekommen und ich muss ein Würgen unterdrücken.
 

„Was ist mit ihr?", kreischt Vanilla erschrocken und Lovins Tonfall wird sanfter. „Sie ist betrunken, nichts Schlimmes." Wie schön es doch wäre, wenn es wirklich nur das wäre. Nein, vielmehr fühlt es sich an, als läge mein gesamtes Leben in Scherben.
 

Mit einem Mal verliere ich den Boden unter den Füßen. Jede Orientierung habe ich verloren. Vorsichtig versuche ich die Augen zu öffnen. Meine Lider fühlen sich an wie Blei. Trotzdem erhasche ich einen Blick auf Lovins Gesicht. Er trägt mich in seinen Armen und obwohl ich mich lächerlich fühle, bin ich froh, nicht selber gehen zu müssen. Der Weg zur Haustür und dann die Treppe hoch bis zu meinem Zimmer wären heute unüberwindbar für mich gewesen.
 

Als ich vorsichtig auf meinem Bett abgelegt werde, kann ich ein aufgeregtes Quaken vernehmen. Duke! Ich höre ihn mit Lovin tuscheln, kann aber nicht verstehen, was sie genau sagen. Dann gibt es Schritte und dann nur noch Stille.
 

Ich drehe mich auf die Seite und liege einen Moment nur da, dann sehe ich, wie die Tür langsam wieder aufgeht. Jemand flüstert meinen Namen und ich versuche, mich aufzusetzen.

Saule setzt sich neben mich auf die Matratze, stellt einen Eimer zu seinen Füßen und ein großes Glas Wasser auf meinen Nachttisch. Dann drückt er mir eine kleine Pille in die Hand. „Lovin sagt, die sollst du nehmen, damit es dir morgen besser geht." Ich nicke und greife nach dem Wasser. Saule bleibt noch sitzen. Er macht mich unruhig. Wenn er jetzt das seltsame Gespräch von vorhin weiterführen will, stürze ich mich vielleicht einfach aus dem Fenster.
 

„Es tut mir leid..." Saule stockt.„... wenn ich komisch war. Vergiss' das einfach, okay?" Schon geschehen. Vorsichtig versuche ich zu lächeln. „Ja." Ich spüre, wie er sich ein bisschen entspannt. „Geh' jetzt, ich muss schlafen." Lachend schüttelt Saule den Kopf. „Besser ist das wohl. Wenn du kotzen musst, sollst du das in den Eimer tun, hat Lovin gesagt." Dann streicht er mir noch einmal übers Haar und verlässt das Zimmer.
 

Ich möchte nur schlafen, aber in meinem Kopf dreht sich alles. Außerdem tun meine Füße weh. Mit einem Satz richte ich mich auf und öffne fahrig die Verschlüsse meiner Sandaletten. Dann feuere ich sie achtlos in den dunklen Raum. Mehr schaffe ich nicht. Das Kleid bleibt also an, genauso wie sämtlicher Schmuck. Ich sinke wieder in mein Kissen.
 

Ob Mama sich auch je so gefühlt hat? Mir geht nicht aus dem Kopf, was Lovin über sie gesagt hat. Irgendwie macht das Sinn. Ich weiß nicht viel von ihr. Mein Leben lang habe ich das irgendwie einfach so hingenommen. Sie ist viel zu früh gestorben, eine Tragödie, aber viel mehr hat mir nie jemand erzählt. Es war einfach normal, eine Tatsache, die nie groß erklärt oder in Frage gestellt wurde. Doch das lasse ich mir ab jetzt nicht mehr gefallen! Morgen werde ich Lovin noch einmal zur Rede stellen. Ich muss die Wahrheit wissen. Immerhin geht es um meine Mama, ich bin ihr einziges Kind und ich habe das Recht, die Wahrheit zu erfahren; mehr als jeder andere!
 

Unruhig wälze ich mich auf die andere Seite und starre aus dem Fenster. Es ist eine klare Nacht. Die Sterne funkeln und keine Wolke ist zu sehen. Leider sieht es in mir ganz anders aus. So eine schöne Nacht und trotzdem ist für mich alles schrecklich schief gelaufen.

Pierre hat mich wirklich geküsst. Er hat gesagt, dass es auch für ihn nicht leicht ist, dass wir wie Romeo und Julia seien. Hat er das auch so gemeint? Ist Sora sein Versuch, sich von mir fernzuhalten, sich abzulenken?

Mein Herz macht einen Hüpfer. Selbst, wenn jedes seiner Worte die Wahrheit sein sollte, würde das nichts ändern. Wie hatte er uns genannt? Todfeinde. Das trifft den Nagel wohl auf den Kopf, vielleicht den Nagel zu meinem Sarg.

Wir können niemals zusammen sein. Mein Herz darf sich nicht rot färben. Schon heute dachte ich für einen kleinen Moment, dass es bereits zu spät wäre. Das darf nie wieder passieren!

Lovin hat Recht! Ich werde Pierre ab jetzt um jeden Preis meiden, einfach so tun, als wäre er Luft und mich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Doch jetzt muss ich erst einmal schlafen, ganz, ganz lange, und an nichts mehr denken.



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