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Sugar Sugar Rune - Sechs Jahre später

von

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Romeo und Julia

Ungläubig sehe ich zu Pierre hoch. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass er zu uns rüber gekommen ist, geschweige denn, dass er überhaupt hier draußen ist. Der Typ - mittlerweile kann ich ihn wohl einfach als meinen Angreifer bezeichnen - hält, genauso wie ich, inne.

Pierre sieht wahnsinnig gut aus in seinem edlen, schwarzen Smoking. Ein wahrer Prinz der Dunkelheit. Ach du Scheiße, das ist mein erster Gedanke!?

Pierres Augen sind hart und kalt wie immer und scheinen meinen Angreifer regelrecht foltern und zermürben zu wollen. „Immerhin willst du ihr doch keine Unannehmlichkeiten bereiten oder dich gar selber in Schwierigkeiten bringen." Anscheinend zeigen Pierres wohlgewählte Worte Wirkung, denn mein Angreifer zieht sich langsam von mir zurück, wobei er mir aber noch die Worte „Du weißt ja nicht, was dir entgeht." zuwirft. Dann zieht er endgültig ab.
 

Ich fühle immer noch wie vor den Kopf gestoßen und kann nichts anderes tun, als Pierre baff und mit offenem Mund anzusehen. „Dankeschön.", sagt er ernst und ich schaue noch verwirrter drein. „Das ist das, was du sagen solltest."

Nun kommt wieder Leben in mich. Ich erhebe mich - wenn auch schwankend - und entgegne barsch: „Von wegen! Ich hätte das auch alleine geschafft. Du sollst dich nicht in meinen Kram einmischen!"

„Chocola, ich habe dich davor bewahrt, dass dieser Mistkerl... Dir Schlimme Dinge antut." Kalte Wut liegt in seiner Stimme. „Was machst du überhaupt alleine hier? Und wieso bist du betrunken? Du bist noch nicht volljährig." Echt, als würde ich mich mit Opa unterhalten. Was fällt Pierre bitte ein! Nach unserer letzten Begegnung sollte doch klar gewesen sein, dass wir uns nichts mehr zu sagen haben.
 

Ich hebe meinen Zeigefinger an sein Gesicht und versuche, so normal und nüchtern wie möglich zu wirken. Ich bin noch nie betrunken gewesen, aber jetzt anscheinend schon. Egal, ihn geht das ja wohl überhaupt nichts an.
 

„Ich dachte, wir hätten das ausreichend diskutiert: Mein Leben geht dich nichts an. Und nur damit du's weißt: Deine Gesellschaft wünsche ich ebenso wenig!" Pierre sieht mich einfach nur an. Ich will ihn von mir weg schieben, gerate aber ins Wanken und scheine nach hinten zu stürzen. Jetzt falle ich also tatsächlich noch zu Boden, statt einen eleganten Abgang zu haben.

Doch dann kommt es anders, denn plötzlich spüre ich eine Hand am Rücken und scheine auf halbem Weg zur Erde stehen zu bleiben.
 

Pierre hat mich aufgefangen und wir stehen dicht beieinander. Seine Hände liegen auf meinem Rücken, fast wie bei einer Umarmung – oder wie bei so einer Pose aus einem blöden Tanzfilm.

Ich blinzle kurz und befreie mich dann von ihm. Jetzt bin ich wirklich maximal verunsichert. Seine Berührung hat mir einen Schauer bereitet und sein Duft scheint den letzten funktionierenden Rest meines Gehirn auszuschalten.
 

„Lass mich los.", keife ich, aber er ignoriert das einfach und rührt sich keinen Millimeter. Stattdessen steht er einfach nur da, starrt mir ins Gesicht und wirkte so gefasst wie immer. „Ich wollte dir nur helfen.", statuiert er trocken und plötzlich schießen mir wie aus dem Nichts Tränen in die Augen. Ach du Elend, das auch noch? Dieser Abend ist nicht nur scheiße, so wie es mir von Anfang an klar war, er wird eine richtige Katastrophe!
 

„Helfen?", wiederhole ich hysterisch. „Ich glaub', ich muss lachen. Du hast beinahe meine beste Freundin zugrunde gerichtet. Deinetwegen haben wir sechs Jahre unseres Lebens verpasst! Du machst mich..." Ich stocke. Was jetzt kommen wird, will ich wirklich nicht laut aussprechen, aber ich scheine nicht mehr die Kontrolle über mich selber zu haben. „Du hast mir so weh getan! Dabei dachte ich... Dabei dachte ich..." Wieder stocke ich und versuche, meine Worte herunterzuschlucken. Ich will mir jetzt nicht noch die komplette Blöße geben; nicht hier, nicht jetzt, nicht vor Pierre!
 

Allerdings scheint er einigermaßen zu verstehen, worauf ich hinaus will. Er zögert kurz, ehe er antwortet: „Denkst du für mich war es leicht? Ist es leicht? Denkst du, ich würde mir nicht wünschen, dass alles anders wäre? Aber das ist wohl die grausame Ironie des Schicksals. Falsche Zeit, falscher Ort... Ein bisschen wie bei Romeo und Julia, findest du nicht?" Jetzt bin ich nicht nur ungläubig, sondern regelrecht fassungslos...
 

„Ich... Ich...", stottere ich. Was soll ich denn dazu sagen? Eigentlich habe ich immer gehofft, dass er genauso fühlt, wie ich. Aber eine Liebe zwischen uns ist so absurd wie gefährlich, um nicht zu sagen unmöglich. Und dennoch... Es gibt nichts, was ich lieber will. Nicht einmal nach sechs Jahren Koma...
 

Pierre zieht mich an sich heran und lächelt traurig. „Wir sind Todfeinde, Chocola. Es ist ein Wunder, dass wir es schaffen einigermaßen zu koexistieren."
 

„Das ist nicht fair.", wimmere ich und Tränen laufen mir das Gesicht herunter. Passiert das gerade wirklich?

„Das Leben ist nicht fair, Chocola..." Das ist mir nur zu bewusst! Aber es jetzt noch einmal zu hören tut unheimlich weh. „Ich bringe dich wieder rein, zu deinen Freunden." Vehement schüttle ich den Kopf. „Nein, ich will nicht! Ich will... Ich will..."

Pierre legt mir einen Finger an die Lippen, dann hebt er mein Kinn an, sodass ich mich in seinen eisblauen Augen verliere; aber nicht für lange.

Er kommt mit seinem Gesicht meinem immer näher und in mir herrscht höchste Alarmbereitschaft. Ich mag ja betrunken sein und bis gerade habe ich alles einfach so hingenommen, aber auf einmal scheint meine Welt wieder glasklar zu werden.
 

Pierres kühle Finger haben sich in meinem zerzausten Haar vergraben und plötzlich liegen seine Lippen auf meinen. Ich habe die Augen weit aufgerissen, das Gesicht noch immer tränennass. Die Welt um mich herum ist mit einem Schlag vergessen. Es scheint, als wäre sie endgültig nicht mehr da. Als gäbe es nur Pierre und mich. Ich bekomme eine Gänsehaut und in meinem Bauch gibt es ein gigantisches Feuerwerk. Ich weiß nicht mehr, wie mir geschieht, aber ein wahnsinniges Glück durchströmt mich. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit.
 

Als Pierre sich wieder von mir löst bemerke ich, das nur wenige Sekunden vergangen sein können. Ich fühle mich wie gelähmt. Pierres Gesicht hat sich nicht verändert. Immer noch lächelt er mich traurig und bitter an. Seine Finger fahren ganz sanft mein Gesicht entlang, als er einen Schritt nach hinten tut und sich zwischen uns eine Kluft auftut. Es waren vielleicht 30 Zentimeter, aber mir kommt es vor, wie ein unüberwindbarer Abgrund. So überglücklich ich eben war, so tieftraurig bin ich nun. Es war nur ein sanfter Kuss, so wie der Hauch des Windes am Ozean. Und doch war es das Intensivste, was ich jemals gespürt habe.
 

Pierre greift kurz nach meiner Hand. „Du siehst wunderschön aus. Aber du solltest deine Haare richten." Ich wische mir eine Träne von der Wange. „Deine kleine Auseinandersetzung vorhin hat offenbar deine Frisur zerstört." Einen Moment lang herrscht wieder Stille zwischen uns, dann lässt er meine Hand los und wendet sich zum Gehen.
 

„Auf Wiedersehen, Chocola.", haucht er noch, kaum hörbar, dann ist er wieder in die Menschenmassen dieses Balls eingetaucht. Ich bleibe alleine zurück. Seine Worten hallen in meinem Kopf. Warum klangen sie so endgültig? Und warum macht mir das so eine Angst? Das ist doch genau das, was ich will.

Alles um mich herum erscheint mir unwirklich und mit zitternden Beinen kehre ich zur Bank zurück. Es sind nur wenige Schritte und doch ist jeder einzelne unheimlich schwer. Mit starrem Blick setze ich mich hin. Wieder rein will ich jetzt wirklich nicht...



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