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Sugar Sugar Rune - Sechs Jahre später

von

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Nicht das eigene Herz

Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal so gefühlt habe, wie in diesem Augenblick oder ob ich so etwas je gefühlt habe. Die Welt um uns herum hält an und verschwimmt zu undeutlichen Schemen. Das Einzige, was ich klar sehen kann, ist Pierre. Und er ist mir so nahe, viel zu nah. Seine Gegenwart scheint mir die Luft zu nehmen. Ich rieche sein Parfüm, spüre seine eiskalte Haut, seine Finger neben meinem Gesicht. Mein Herz hämmert und eine ungeahnte Hitze scheint mich von oben bis unten zu durchströmen. Ich kann eindeutig nicht mehr klar denken. In meinem Kopf ist stattdessen ein dröhnendes Rauschen, wie bei einem Fernseher, der kein Signal bekommt. Das eisige Blau von Pierres Augen erscheint mir seltsam warm und lässt mich leicht zittern. Meine Beine spüre ich gar nicht mehr. Es ist so unwirklich, wie in einem Traum. Und dennoch geschieht es; genau jetzt, genau hier und ausgerechnet mit mir. Ich kann es mir partout nicht erklären.

Eigentlich will ich nichts hiervon, aber ich kann mich doch nicht lösen, so als hätte mich jemand mit einem starken Bann gelähmt. Und obwohl es doch so falsch ist, fühlt es sich soo richtig an. Alles andere ist vergessen, einfach ausradiert. Ich sehe nur den Jungen vor mir, der immer näher kommt. Will ich überhaupt, was gleich geschehen könnte?

Spätestens jetzt ist Pierre mir gefährlich nah, geradezu verrucht nah, und als ich endlich beginne, mich zu winden, stockt er. Die Welt fängt langsam wieder an sich zu drehen. Ich löse mich von Pierres Augen. Wir beenden diesen Moment in derselben Sekunde.
 

Alles um mich herum, wird wieder klarer. Ich sehe hastig zu Boden und Pierre starrt mit undurchsichtiger Miene an die Mauer hinter mir. So verharren wir einige weitere Sekunden. Ich kann nicht sagen, wie viele genau. Noch immer fühle ich mich ein wenig benommen, spüre aber, wie wieder Leben in mich kehrt und ich meine Beine und Füße wieder bewegen kann. Die Stille weicht. Ich kann in der Ferne Stimmen vernehmen und das Rascheln der Bäume, die sanft im Wind wiegen. Dankbar klammere ich mich an jedes bisschen nüchterne Realität, dass ich in die Finger bekomme.
 

Noch immer sagt von uns beiden keiner was. Dann räuspere ich mich und Pierre sagt: „Ich wollte dir nur noch sagen, dass du auf dich aufpassen solltest. Schließlich willst du doch nicht schon wieder ins Krankenhaus." Seine Stimme klingt merkwürdig tonlos und er wirkte, als hätte er echt fiese Bauchschmerzen. Vielleicht kommt das daher, dass seine Worte mal nicht durch und durch fies, sondern fast ein wenig nett sind. Nur der Teil mit dem Krankenhaus klingt irgendwie bedrohlich, aber für seine Verhältnisse...
 

Ich gewinne meine Fassung immer weiter zurück, traue mir selbst oder meiner Stimme aber immer noch nicht ganz über den Weg. „Ja.", hauche ich und klinge genauso tonlos wie er eben. „Ja, wie auch immer." Ich schüttle mich und klinge dann endlich wieder normal. So, als kümmere Pierre mich nicht. Tut er auch nicht... Oder? Ich schüttle mich erneut, nur um sicher zu gehen.

„Und ich kann auch wunderbar alleine für mich sorgen, also erspare mir sowas wie gestern in Zukunft bitte." Ich ziehe ein grimmiges Gesicht und vermeide es entschieden, in Pierres Augen zu blicken. Stattdessen stiere ich eisern auf sein Kinn. Sein Parfüm liegt immer noch in der Luft und ich wedle es demonstrativ fort von mir. „Musst du jetzt nicht wieder zu Sora." Das klingt keineswegs wie eine Frage, eher wie eine Aufforderung. Eine, die wehtut.

Pierre nickt und wirkt wieder so kühl, wie eh und je. Scheinbar haben wir beide unsere Fassung wiedergewonnen, nachdem, was gerade passiert ist. Was auch immer das war. Ich meckere nicht, wenn das niemals mehr von irgendwem zur Sprache gebracht werden würde...

„Ich wollte es nur erwähnt haben... Auch, wenn wir uns nie mochten, Chocola... Aber es wäre doch unehrenhaft, wenn Vanilla kampflos die neue Königin werden würde." Dann wendet Pierre sich ab und geht davon. Ich starre ihm nach.
 

"Auch wenn wir uns nie mochten", dieser Satz hallt in meinem Kopf nach und mir dreht sich der Magen um. Nie mochten? Das hat er tatsächlich gesagt, oder? Wie ging ihm das so leicht von den Lippen. Ich... Mag ihn ja auch nicht, aber... Da gerade... Da war doch irgendetwas, genauso, wie früher schon. Ich weiß nicht was und will da auch nicht drüber nachdenken, aber es war da, seit dem Moment, in dem ich Pierre das erste Mal gesehen hatte. Oder hat er nur seine Spielchen mit mir getrieben? Einfach so zu seinem Vergnügen? Versucht er jetzt, mich ihm zu Willen zu machen, nachdem er Vanilla verloren hat? Will er vielleicht über mich wieder an sie rankommen? Hatte er damals nur mit ihr gespielt oder hatte sie ihm etwas bedeutet? Und was bedeutet diese Sora ihm? Warum hat er eine Freundin und macht mit mir... Was auch immer das eben war?! Sora ist doch Wachs in seinen Händen, das er formen kann, wie er will. Reicht ihm das etwa nicht? Es sollte ihm klar sein, dass ich mich nie in ihn, einen Ogul, verlieben würde, mich überhaupt verlieben... Nein, nein, nein. Ich werde wie meine Mutter werden. Eine Herzensbrecherin, die ihr eigenes Herz nie verliert. Eine andere Option gibt es für mich nicht, niemals, niemals, niemals.
 

Die Tränen wollen mir in die Augen steigen, aber ich schlucke hart dagegen an und schüttle energisch den Kopf. Schluss jetzt damit! Ein für alle Mal! Ich habe endgültig genug! Ich muss mich auf meine Herzenjagd konzentrieren um Königin zu werden, alles andere ist egal, besonders Pierre! Dieser Blödmann muss aus meinem Leben verschwinden, bis er nicht mehr diese seltsame Macht über mich hat. Und wenn es nach mir geht auch gerne länger, so zum Beispiel für immer und ewig.
 

Eilig laufe ich über den menschenleeren Schulhof auf das Tor zu. Lovin wartet bestimmt schon ungeduldig, dass ich endlich aufkreuze Und wenn ich jetzt als Letzte das Auto erreiche, muss ich mich wieder auf den unbequemen Mittelplatz zwischen Houx und Saule quetschen. Womöglich ist er auch schon weg, weil er die Schnauze voll hat und mir einen Denkzettel verpassen will. Ich renne fast zur Straße, ohne mich auch nur einmal umzublicken.
 

Lovin wartet tatsächlich schon und Houx, Saule und Vanilla sitzen auch schon in seinem Cabrio. Ich reiße die Wagentür auf, klettere stumm über Houx und lasse mich in die Mitte plumpsen. Naja, wir fahren eh nicht lange, da würde ich es hier schon aushalten.

Lovin tadelt mich, aber ich nehme das kaum wahr. In meinem Kopf ist immer noch alles durcheinander. Ich nicke und gifte ihn beiläufig an, dann lasse ich mich in das weiche Leder des Sitzes sinken.

Die anderen unterhalten sich und scherzen, aber ich sitze einfach nur da, denke an alles und nichts. Kein Wort bringe ich über mich, so sehr ich das auch möchte. Zuhause werde ich mich in mein Zimmer verkrümeln mit einer leckeren Tafel Schokolade zum Trost. Vielleicht würde ich sogar Duke rauswerfen, um meine Ruhe zu haben. Sollte er sich doch mit Blanca rumärgern oder Houx und Saule vollquaken. Bei mir wäre er da heute an der falschen Adresse.

Während Lovin mit uns nach Hause rast, schließe ich die Augen und atme tief durch. Das kann doch alles nicht wahr sein!. Nein wirklich... Es ist einfach nicht zu fassen...



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