Der Morgen vertreibt weder Kummer noch Sorgen
Als um sieben Uhr der Wecker das zweite Mal schellt, richte ich mich unbeholfen auf und schlage mit der flachen Hand auf die Schlummerfunktionstaste. Unmöglich, ich kann noch nicht aufstehen, ich fühle mich wie gerädert. Es ist, als wäre ein Lkw mehrmals über mich rüber gerollt. Auch der halbherzige Versuch, mir den Schlaf aus den Augen zu reiben, hilft da nicht viel. Wie gerne würde ich mich einfach wieder in die Laken werfen, aber ich höre schon Schritte die Treppe hochkommen und so energisch, wie sie klingen, kann es sich nur um Lovin handeln, der bereit ist, mich wieder unsanft aus den Federn zu schmeißen.
Ich murre und trete erst Houx und dann Saule mit dem Fuß. Als würde ich die beiden einfach friedlich weiter schnarchen lassen. Wieso sollen die weiterschlafen dürfen, wenn ich es nicht kann? Wir sitzen im selben Boot, was heißt: Gleiches Recht für alle. Mitgefangen, mitgehangen!
Irgendwie rolle ich von der Matratze runter und stakse ins Badezimmer. Bevor ich durch die Tür trete, drehe ich mich noch einmal um, greife mir einen Comic von einem nahegelegenen Regal und werfe das Heft beherzt aufs Bett. „Aufstehen, ihr Kameradenschweine!" Die Schritte, die ich eben auf der Treppe gehört habe, entfernen sich wieder. Immerhin das bleibt mir erspart.
Ein, nein besser zwei Hände Wasser ins Gesicht und es geht mir... Nein, immer noch nicht besser. Vielleicht würde ja ein kleiner Snack helfen.
Im Pyjama quäle ich mich irgendwie die Treppe runter und lasse mich auf einen Stuhl am Küchentisch plumpsen. Vanilla ist natürlich - wie eigentlich immer - schon wach und begrüßt mich fröhlich. „Guten Morgen, Choco. Hast du gutgeschlafen?" Ich sehe sie nur mürbe an. Im Backofen garen Croissants und Brötchen und Vanilla drapiert Butter, Käse und Marmelade auf der Tischplatte und setzt eine Kanne Wasser auf. „Ohje, du siehst ja ziemlich erledigt aus." Ich nicke kraftlos. „Ich bin bestimmt krank. Ich sollte wohl besser zuhause bleiben."
„Nein, solltest du nicht.", kommt prompt die Antwort, aber nicht von Vanilla, sondern von Lovin, der in diesem Moment in die Küche spaziert kommt. „Aber ich bin krank!", jammere ich. Lovin tut das nur mit einer kurzen Handbewegung ab und erwidert: „Unfug, du bist einfach nur viel zu spät ins Bett gegangen." Ich murre, aber er lässt mich gar nicht zu Wort kommen. „Versuch gar nicht erst, dich raus zu reden, ich weiß doch, dass Houx und Saule immer noch in deinem Bett liegen."
Mist, hat er mich also doch ertappt. So kann ich das Zuhausebleiben wohl endgültig knicken. Na, großartig!
Vanilla hält inne und sieht mich an. „Houx und Saule sind wieder hier?", fragt sie und fügt dann flüsternd hinzu: „Und sie sind in deinem Bett?" Aus ihrer Stimme klingt blanke Empörung. Ein schiefes Grinsen schleicht sich auf mein Gesicht. „Ja und ja. Aber so, wie du das sagst, klingt das, wie etwas Schlimmes." Was denkt sie nur? Es geht hier immerhin nur um Houx und Saule.
„Schön, dass sie da sind.", stellt Vani fest und lächelt ein wenig. Fast schon zu viel, wenn man mal bedenkt, dass sie mit Houx und Saule nie so gut befreundet war, wie ich; eigentlich sogar gar nicht. Dafür war Vanilla immer viel zu schüchtern und ängstlich gewesen; und zu behütet. Ich mag ihre Mutter, sie war eine gute Königin und Mutter, aber auch bevormundend. Und das merkt man Vanilla wirklich an. Na ja!
Lovin setzt sich auf einen freien Stuhl und blättert wieder mal in der Zeitung. Seit wann liest er die eigentlich so regelmäßig? Man könnte fast denken, dass er ein vernünftiger Erwachsener ist. Ich beobachte ihn ungläubig und puste auf den Tee, der vor mir stand, um ihn abzukühlen. Am liebsten würde ich einen schnippischen Kommentar fallen lassen, aber ich bin wirklich zu erledigt. Da muss ich meine Kräfte schonen. Schließlich besteht so gut wie keine Chance, dass Lovin mich zuhause lassen wird.
Wir frühstücken, wobei ich mir eher auf Zwang ein Brötchen in den Mund schiebe und es mit dem Kräutertee hinunterspüle. Dann muss ich mich nochmal ins Bad kämpfen. Was Duke gestern gesagt hat, stimmte schon. Ich kann meinen ersten Tag nicht verschwenden, ich muss heute mindestens ein Herz ergattern und am besten kein olles, gelbes.
Schuluniform angezogen, Haare gebürstet, Zähne geputzt. Ich betrachte einen Moment lang meine Schminke, dann lass ich von dem Gedanken ab und lache nur. Ne, das ist heute wirklich nicht drin. Und wenn ich dadurch kränklich aussehe, besteht ja zumindest die Chance, dass ich von den Lehrern früher nach Hause geschickt werde. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt! Ich fasse mein Haar zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen und binde es dann zu einem lockeren Dutt.
Ich trage es nicht viel anders, als vor meinem Koma. Darauf habe ich beim Friseur bestanden, sonst hätte ich mich vermutlich gar nicht wiedererkannt. Also fällt mir das rot-orange Haar noch immer in langen, glatten, roten Strähnen bis über die Hüfte. Ich habe nur irgendwie das Gefühl, dass es ein wenig dunkler ist, als damals, aber da bin ich mir nicht sicher. Vielleicht irre ich mich auch. Ich zucke nur mit den Schultern und verlasse das Badezimmer.
Houx und Saule sitzen immer noch verschlafen auf meinem Bett. Es ist nur ein kleiner Fortschritt, aber immerhin haben sie die Augen offen und sich ein Stückchen aufgerichtet. „Ich muss jetzt los. Vielleicht solltet ihr nicht zu lange bleiben, Lovin weiß, dass ihr hier seid." Sie sehen mich erschrocken an. „Oh Mist.", murmelt Saule und stößt dann seinen Bruder an. Beiden sehe ich deutlich an, dass auch sie keine Lust auf Ärger mit ihm haben. „Okay, wir melden uns später.", sagt Houx matt. „Ja, bis später, Chocola.", ergänzt Saule noch und die beiden raffen sich nun endgültig auf. Ich winke und verlasse dann mein Zimmer.
Vanilla kommt mir entgegen. Sie duftet nach Vanille-Parfüm und sieht viel fitter und gepflegter aus, als ich.
Vor unserem Friseurbesuch waren ihre hellblonden Locken schulterlang gewesen, aber auch sie orientiert sich eher an der Vergangenheit und schnitt es wieder fast so kurz, wie vor dem Koma. Ich habe das Gefühl, wir haben da beide nicht lange überlegt, sondern einfach gehandelt.
Zusammen verlassen wir das Haus und steigen in Lovins Auto. „Mehr Motivation, Mädels.", feuert er uns an und dann verlassen wir den Hof.
Heute ist es bedeutend kälter, als gestern, aber Lovin lässt das Dach trotzdem auf. „Das weckt vielleicht deine Lebensgeister, Chocola.", meint er. Dann spricht er ein anderes Thema an. „Also meine Mädchen, bald könnt ihr ja selber fahren. Wird Zeit, dass wir euch in der Fahrschule anmelden." Ich stöhne ungläubig. „Was bitte? Wir sind Hexen. Wieso sollen wir Menschen-Autos fahren?" Aber Vanilla unterbricht mich - ungewöhnlich für sie.
„Mensch, Choco, wir müssen uns doch hier integrieren. Außerdem können wir doch nicht erwarten, dass Lovin uns immer fährt." „Aber wir könnten doch zum Beispiel fliegen!", schlage ich vor, aber Lovin tut das mit leicht verärgerter Stimme ab. „Chocola, sei nicht immer so widerborstig. Warum kannst du nicht mehr wie Vanilla sein?"
Ich knurre leise und verschränke die Arme. Pff, jetzt bin ich froh, dass ich gleich in der Schule sitzen konnte, wo ich mit keinem reden musste, sondern einfach stumm an meinem Pult hocken konnte. „Ich hol' euch später aus der Stadt ab. Ruft mich an, ja?!" Mit diesen Worten verabschiedet er sich und fährt davon. Mir fällt auf, dass er offenbar nicht nach Hause fährt, sondern in die entgegengesetzte Richtung, weiter in die Stadt. Wahrscheinlich hat er ein Date oder sowas.
Vanilla stupst aufmunternd meinen Arm. „He, Choco-chan, lach doch mal! Nur sechs Schulstunden, dann können wir was Schönes in der Stadt unternehmen."