Remembering the past
Remembering the past
„Hatschiiiii“
„Du wirst dich noch erkälten, wenn du bei dem Wetter unterwegs bist“ sagte die Türkishaarige in der Tür.
Ohne sie noch eines weiteren Blickes zu würdigen schob er sie beiseite um gleich darauf ein weiteres Mal zu niesen.
„HAAATSCHIIIIIIIIII“
„Ich mach dir einen heißen Tee, geh lieber ins Bett, sonst brütest du noch etwas aus.“
Er blickte ihr argwöhnisch in die Augen um ihr indirekt mitzuteilen, sie solle ihn nicht als Schwächling degradieren, nur weil er durch den Regen geflogen war. Er machte auf dem Absatz kehrt und verschwand im Badezimmer.
Etwas besorgt und traurig blickte die Türkishaarige dem unausstehlichen Parasiten hinterher, der sie schon seit Monaten belagerte, ohne Einwilligung ihrerseits.
Achselzuckend und wissend, dass ihn ihre Meinung niemals interessieren würde, verschwand sie in der Küche, um sich selbst einen Tee zuzubereiten. Am liebsten hatte sie den Fruchtigen-Wintertraum, den es nur zur jetzigen Winterzeit gab. Zu dieser Zeit verzeichnete sie einen besonders hohen Tee-Verschleiß und in Zukunft auch weiter diagnostizierte.
85° Celsius musste dieser haben, akribisch genau überprüfte sie die Temperatur des Wassers alle 2 Minuten. Als sie es von der Kochstelle nahm, hatte es 89° Celsius. Es war genau abgeschätzt wie viel der Tee beim Gießen in das Gefäß an Temperatur verlieren würde und wie lange dieser ziehen müsste, bis er ihrem Geschmack entsprach.
Eingewickelt in eine herrlich mollig-warme, kuschelig-weiche Decke mit Spitzenaufsatz, die ihr ihre Mutter zu ihrem Geburtstag geschenkt hatte, setzte sie sich auf „ihr“ Sofa, das ihr niemand nehmen durfte.
>Wäre doch alles so einfach wie Tee kochen, dann wäre das Leben viel besser und vor allem leichter.< dachte sie sich, während sie sich in ihren Haaren einzelne verdrehte Strähnen zurecht zupfte.
Sie seufzte laut auf.
Leicht genervt von der Unausstehlichkeit, die ihre Bastion besetzte zog sie die Vorhänge beiseite, knipste das Licht aus und schaute in die Dunkelheit, die von weißen Flocken durchzogen wurde.
Wieder mit ihrer Situation, durch den wunderschönen Anblick des Schnees, der ihr die Hoffnung gab, dass sich eines Tages auch ihr Leben wieder zum Besseren wenden würde, sie ihre wahren Interessen und Gefühle wieder an den Tag legen durfte, wie die Schneeflocken, die sich in all ihrer Individualität und Schönheit präsentierten, versöhnt, nahm sie den ersten kräftigen Schluck des perfekt gezogenen Tees und versank in der beruhigenden Stille, die der Wohnraum ausstrahlte.
Sie begutachtete wie jeden Winterabend die Stickmuster auf ihrer Wolldecke. Sie waren vereinzelt schon durch den häufigen Gebrauch in ihrer Pracht und Bedeutung zerstört, die aber keinesfalls verloren gegangen war, da sich die Gedanken und Gefühle, die die Decke mittlerweile, wie der Schwamm das Wasser, aufgesogen hatte. Sie war ihr wichtigstes Erinnerungsstück.
Mit roten Seidenfäden, die besonders schwer zu verarbeiten waren, wurden ganze Gebilde auf die Decke gestickt. Sie bildeten unerlässliche Erinnerungen an ihre Eltern ab.
Nach dem Tod ihres Vaters, hatte sie sich in ihren Depressionen vergraben und niemanden, außer ihre geliebte Decke an sich gelassen, nicht einmal ihre heiß-geliebte Mutter, die sie vor nicht allzu langer Zeit verlassen hatte.
Immer wieder fühlte sie sich von ihrer Einsamkeit übermannt. Es gab niemanden mit dem sie sich austauschen, über ihre Gefühle reden, sie verstehen oder verarbeiten konnte. Es war pure Verzweiflung die sie durchlebte und sie vergrub sich in ihrer Arbeit, die ihr als einzige Konstante geblieben war.
Ein lächelndes, ihrem Vater ähnelndes, Gesicht mit der schwarzen Katze auf der Schulter flammte im Licht des Kaminfeuers auf.
Sie hatte ihn als sie noch sehr klein war „Hexer“ genannt, wegen der schwarzen Katze auf der Schulter und wegen seiner früh ergrauten Haare. Der weiße Kittel den er immerzu trug erinnerte nicht ferner an ein Hexenkostüm, weshalb sie den Namen noch heute als passend empfand.
Sie wünschte sich zu jeden Geburtstag einen großen braunen, sprechenden Bären, der ihr Freund werden würde, bekam jedes Jahr aufs Neue jedoch einen Highspeed-Computer mit FullHD Grafikkarte, sieben unabhängig voneinander funktionierenden Laufwerken, den neusten Datenverarbeitungsprogrammen und allem Schnickschnack, den sich jeder Hacker und Technikfreak wünschte.
In den letzten Jahren nie einen Freund, dem sie alles anvertrauen konnte, gehabt zu haben, nicht einmal Goku, war untragbar und zeugte von wenig Sozialkompetenz in den Augen Anderer. Umso mehr fühlte sie sich als Versagerin und nicht akzeptiert. Ein weiterer Grund sich im Labor hinter der Arbeit zu verstecken und als Einzelgängerin durch das Leben zu wandeln. Dennoch gaben ihr ihre Eltern viel Halt, sodass sie auch einen glücklichen Abschnitt im Leben hatte.
Ein Jahr war es jetzt her, dass ihre Mutter während eines Flugzeugabsturzes gestorben war. Sie war auf dem Weg von Frankreich, wo sie einen Urlaub mit ihrem Bruder versuchte zu genießen, den sie und ihr Mann sich immer schon gewünscht hatten, zurück nach Hause nach Satancity war, als ein fürchterlicher Sturm aufzog und das Flugzeug keine Zwischenlandung auf dem offenen Meer bewältigen konnte.
So hatte sie ihre Mutter verloren, in einem Flammeninferno, mit den letzten Worten „ Machs gut Mama, aber komm mir nicht mit nem Franzosen nach Hause!“
Unheimlich unpassende Worte für einen Abschied, ungeachtet dessen, dass dieser für Immer war, denn das Leben konnte jederzeit zu Ende sein.
Ihren Vater hatte sie ein halbes Jahr vor ihrer Mutter verloren. Er hatte einen Herzanfall erlitten, war jedoch friedlich dabei eingeschlafen. Sie wünschte ihm damals eine gute Nacht und gab ihm einen letzten Kuss auf die Stirn, bevor sie sich auf einen Grillabend mit Goku vorbereitete. Als sie nachts gut gelaunt nach Hause gekommen war, stand ein Krankenwagen auf dem Hof. Schockiert lief sie geradewegs in das Schlafzimmer ihrer Eltern. Dort saß ihre Mutter weinend auf dem Boden, ein Sanitäter am Bett ihrer Eltern, ihren Vater zudeckend und kopfschüttelnd.
Sie betrachtete ihre Mutter und ihren entsetzten Blick, denn selbst hatte sie schon damit gerechnet, dass er bald sterben würde. Jedoch nicht so bald.
Innerhalb weniger Monate, mitten in den Trauerphasen verlor sie stets geliebte Menschen um sich herum.
Erst ihren Vater, dann ihre Mutter und ihren Onkel und innerhalb kürzester Zeit auch Yamchu, ihre einzige Liebe, der wegen einer banalen Virusinfektion gestorben war.
Seitdem Gott nicht mehr existierte, war sie in Anbetracht der vielen Tode nicht mehr so unbeschwert, da sie sich im Klaren war, dass sie diese Menschen, die sie liebte niemals, niemals, nie wiedersehen würde. Die Ära der Dragon Balls war vorbei. Dennoch blickte sie glücklich in die gestickten Augen ihres Vaters, die sie anstrahlten, denn sie wusste, tief in ihrem Herzen lebten sie weiter, alle.
Als wäre ihre Situation nicht schon perfide genug, denn sie hatte viele Selbstmord Gedanken gehegt, sich jedoch nie überwinden hätte können, hatte sie ihren besten Freund Goku seit Monaten nicht mehr gesehen.
Sie dachte daran ihn mal wieder besuchen zu fliegen, nach der Eskalation mit ChiChi jedoch traute sie sich nicht mehr, denn sie war in ihrem Selbstbewusstsein erschüttert und nicht mehr imstande dieses wieder Stein für Stein aufeinanderzuschichten. Immer wieder wurde es von Jemandem oder etwas, wie von einem Bulldozer, niedergerissen. Sie fühlte sich auch wie ein marodes Haus, das nicht mehr ins Landschaftsbild passte, und wegen der Raumordnung niedergerissen werden sollte.
Sie nahm den letzten Schluck ihres Tees, stellte die Tasse auf den handgearbeiteten auberginefarbenen Beistelltisch, öffnete die Terassentür, die zur Hälfte zugeschneit war, und trat barfuß aus ihr heraus in den kalten Schnee. Er hatte schon 15 cm Höhe erreicht, sodass ihre Füße vollends im Schnee verschwunden waren. Sie fühlte mit jeder Ader die zunehmende Kälte, fror aber nicht.
Ein tiefer Atemzug. Ein zweiter mit geschlossenen Augen. Ein dritter, fröhlicher Atemzug, der all die Frische in ihren Lungen verteilte. Es roch nach Winter, ihrer Jahreszeit. Sie blickte in den Himmel, eine Schneeflocke flog auf sie zu, sie öffnete die Hand, um diese zu fangen. Gerade gefangen war sie auch schon wieder verschwunden. Sie mochte den Schnee. Er war so vergänglich wie sie und ihr Leben.
Sie blieb noch einige Minuten in ihre Decke gekuschelt im Schneegestöber stehen, bevor sie in ihrer nachdenklichen Stille, durch ein „ Hatschii“ gestört wurde. Darauf folgte das Klirren eines Tellers.
Desinteressiert hob sie ihre Tasse auf um sie in der Spüle abzuwaschen, dabei entdeckte sie ihn, unbeholfen wie er beim Kochen war, hantierte. Das Geschirr klimperte als sie es in die Spüle stellte.
Aufhorchend sah er sie kurz an um zu realisieren, wer sonst noch anwesend war. Es konnte in diesem großen Wohnkomplex der mehr als 6 Bäder, 8 Schlafzimmer und ein weiteres Gästehaus für 4 Personen hatte, niemand Anderen geben außer ihr.
Sie würdigte ihn keines Blickes, wusste jedoch, dass sein Blick auf ihr ruhte. Unbeirrt ging sie ihrer Tätigkeit nach, ließ das Wasser an, es über ihre kalten Finger laufen, schloss kurz die Augen um die Entspannung zu spüren und begann die Tasse auszuspülen. Er war wieder seinem Verlangen nachgegangen, sich eine Mahlzeit zuzubereiten, eigentlich viel zu spät für den Geschmack der Frau, allerdings hatte sie auch noch keinen Bissen zu sich genommen und entschied sich dazu auch noch eine Kleinigkeit zu versuchen.
Die Wanduhr, gearbeitet aus Messing mit Goldaufsätzen, besetzt mit Kristallen wie Rubinen und Smaragden und einem in Weißgold gehaltenen Engel auf der Spitze, gab an, dass es nun genau 23 Uhr war. Sie war ihren Eltern von ihrer Großmutter väterlicherseits zur ihrer Geburt geschenkt worden und hatte die ganzen 31 Jahren nicht einmal ausgesetzt. Deshalb konnte sie sich sehr gut mit ihr identifizieren, auch sie war eine Kämpferin.
Zurzeit jedoch fehlten ihr einfach die Kräfte und auch die Uhr hatte Stücke ihrer Schönheit einbüßen müssen. Einige der handgeschliffenen Rubine waren schon ausgefallen und provisorisch wieder eingesetzt worden, solange die Uhr aber intakt bleiben würde, wusste sie, dass ihre Zeit noch nicht gekommen war.
Sie öffnete den Kühlschrank, zog am Edelstahlgriff, an dem immer Rückstände, Fingerabdrücke, zu sehen waren.
>Viel zu einfach für die Mordkommission. < dachte sie sich ohne weiteren Zusammenhang.
Auf der Suche nach einer köstlichen Zwischenmahlzeit durchforstete sie die einzelnen Reihen des Kühlschranks. Ganz oben hatte sie das Gemüse und das Obst partiell gelagert, damit es bei den niedrigen Temperaturen im unteren Teil des Schranks, indem immer frisches Fleisch vorhanden war, nicht einfrieren konnte. Sie entschied gegen den Vanille-Mandarinenkuchen, der sie von der mittleren Reihe her anstarrte und entschied sich für einen gesunden Apfel die weit entfernt vom Rest des Gemüses und Obstes lagen, damit dieser nicht den unnötigen Fäulnisprozess anderer Lebensmittel verursachte.
Ein saftiger praller Apfel, der anderen Lebensenergie aussaugt. Als die Tode in ihrer Familie begannen, hatte sie noch kein solch schlechtes Bild von der Köstlichkeit, die für sie einfach eine gesunde Ergänzung war. Den blutroten Apfel in der Hand, musste sie wieder an ihre Eltern denken, die von ihr ausgesaugt wurden, da sie immer noch nicht selbstständig leben konnte oder wollte.
Sie schnitt den Apfel auf und bemerkte, dass dieser von innen faul war. Sich in ihm wiederspiegelnd, symbolisch für ihre ehemals kräftige, strahlende körperliche Fassade aber ihren verfaulten Kern, begann sie die beiden geteilten Hälften wieder zusammenzufügen. Das ergab ein schöneres Bild. Er landete im Abfalleimer, ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden.
Alles in diesem Haus begann langsam vor sich hinzurotten, zu verfallen, abzusterben, ohne das es „Jemand“ bewusst wahrnahm und etwas dagegen zu unternehmen.
Langsam bewegte sie sich auf diesen Jemand zu, der dabei war sich in den Finger zu schneiden. Konzentriert und bedacht sich nicht zu verletzen, setzte er eine steife Miene auf. Er wusste, dass sie sich ihm näherte reagierte aber nicht. Sie stand nun fast hinter ihm, hob die Hand und wollte ihn berühren. Wie einen Hilfeschrei spürte er ihre Aura, die ungeachtet der nicht vorhandenen Berührung seinen Körper kontaktierte. Da war es passiert. Ein kleines Rinnsal roten Blutes floss vom Daumen, bis zu seiner Handinnenfläche und bildete dort einen kleinen See.
Sie hielt inne. Er hielt inne.
Es war Stille.