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Die Klingen des Kaisers

von

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Polizeieinsatz

Michel lehnte am folgenden Mittag ein wenig nachlässig dem alten Giovanni Milano gegenüber. Der grauhaarige Patriarch des Handelshauses hatte seinen neuen Partner durchaus durch einige Fragen überprüfen wollen, nichts, was ungewöhnlich war, und nichts, was dem Agenten schwergefallen wäre.

„Wisst Ihr, mein teurer van Maat, Ihr scheint ja recht gute Beziehungen in den Osten zu haben, wie Euer Zobel gestern zeigte. Was meint Ihr, wären Eure dortigen Partner bereit, das Geschäft mit uns und damit dem Süden auszuweiten? Jenseits des Meeres sind derartige Pelze sehr begehrt, aber das werdet Ihr wissen.“

„In der Tat. Sollte Euch, mein lieber Milano, allerdings entgangen sein, dass dem dortigen König, übrigens dem Vater unserer derzeitigen Kaiserin, über Flüsse ein sichererer Weg des Handels zur Verfügung steht, als quer durch das Kaiserreich und dann das Südmeer? Auf Flüssen sind Stürme und Piraten doch seltener als auf dem offenen Meer. König Kasimir wäre geradezu töricht einen derartigen Umweg zu wählen.“

„Natürlich, ich vergaß für einen Augenblick.“ Nichts in Milanos Stimme verriet, dass das stimmte: „Und selbstverständlich würde König Kasimir wenn, dann seinen Handel direkt über seinen Schwiegersohn, unseren verehrten Kaiser, ablaufen lassen.“ Nun, er gab zu, dass dieser Martin van Maat ein sehr gutes Wissen über Handel und Wirtschaft im Reich und darüber hinaus besaß – und überdies über gewisse Verbindungen zum Hofe zu verfügen schien, war doch das Empfehlungsschreiben durch den Wirtschaftsberater des Kaisers persönlich unterzeichnet worden. Nicht gerade unnütz, als Händler. Nein, es war sicher richtig gewesen, ihn als stillen Teilhaber zu nehmen. Still, denn van Maat hatte sich verpflichtet, nur sein Geld zu geben und sich aus der Firmenführung herauszuhalten. Natürlich gegen eine gewisse Kontrollberechtigung, denn ein Narr war dieser vielleicht Dreißiger nicht. Aber die fast eine Million Gulden, die er in die Firma eingebracht hatte, sicherte der Familie Milano den vorfinanzierten neuen Bau eines Ersatzschiffes für die Untergegangenen und damit auch weiteren Kredit bei anderen Händlern und Banken für ein zweites. Elementar.

Der Agent lächelte flüchtig. Er konnte die Gedanken des Handelsherrn förmlich nachverfolgen. Und so ganz uneigennützig war es nicht gewesen, so viel Geld hier hereinzustecken. Es war eine kerngesunde Firma, mit etwas Pech, mehr nicht. So gehörte nun ihm ein Drittel der Anteile, wenn auch unter falschem Namen, aber das ließ sich eines Tages korrigieren. Graf Uther hatte, ebenfalls aus seinem Privatvermögen, die andere Hälfte der Einlage des „Martin van Maat“ gegeben. Man konnte manchmal das eigene Geldverdienen mit dem Nützlichen für den Kaiser verbinden, ohne auch nur eine Partei zu schädigen.
 

Michel hatte seine Kontaktadresse bei einer Brieftaubenstation der kaiserlichen Post bei Graf Uther bereits am zweiten Tag seines Aufenthaltes in der Handelsstadt angegeben. Als er nach fünf Tagen wieder nachfragte – schneller konnten nicht einmal die Tauben des Kaisers fliegen - , war es ebenso vergebens gewesen, wie die folgenden Versuche. Diesmal allerdings gab ihm der Mann eine kleine Patrone: „Bitte sehr.“

Der Agent prüfte kurz, ob der Bleiverschluss noch ordnungsgemäß versiegelt war, ehe er draußen öffnete. Das sah nicht gut aus, denn der Leiter des kaiserlichen Geheimdienstes hielt sich gewöhnlich aus Aktionen heraus. Also musste in diesen siebzehn Tagen bereits etwas in Paradisa vorgefallen sein.

Ach du liebe Güte.

Er las die wenigen Zeilen zwei Mal, ehe er hastig überlegte. Was, um Himmels Willen, sollte er jetzt machen? Sarifa etwas sagen? Nein, beschloss er. Sie war eine Anfängerin und so gut sie bislang zu arbeiten schien – er sollte nicht die Pferde scheu machen, ohne zu wissen, was wirklich los war.

Und das bedeutete, er musste heute Abend zu dem Treffen mit Graf Lothar statt bei Marteau einzubrechen, um herauszufinden, was den Leiter der kaiserlichen Polizei ausgerechnet hierher verschlagen hatte. Wollte er sie kontrollieren? Traute er Graf Uthers Leuten nicht oder war etwas ganz anderes geschehen?
 

Es war ein kleiner Park, in dem sich gewöhnlich am Wochenende die Bürger Lavinias zum Spaziergang trafen, zum Reden über dies und das, aber auch zum Geschäftemachen. Jetzt war er menschenleer und Michel blickte sich suchend in der Dunkelheit um, ehe er einen Mann auf einer Bank sitzend entdeckte und hinüberging. Ja, das war Graf Lothar, er kannte ihn vom kaiserlichen Hof. Leider bedeutete das andersherum, dass auch dieser Michel de la Montagne kannte und so hatte er sich vorgesehen.

„Guten Abend, Graf. Welche Überraschung.“

„Ihr seid pünktlich.“ Ohne Vorwarnung entzündete der Polizeichef ein Zündholz.

Michel schlug es mit einer hastigen Armbewegung weg: „Wollt Ihr uns umbringen?“ fragte er ärgerlich: „Wenn mich jemand sieht...“ Wohl kaum jemand hätte diese harte Stimme mit der gezierten, ja überhöhten Sprechweise des Michel de la Montagne in Verbindung gebracht. - und dieser war nur zu dankbar darum, durchaus ein Grund für seine gewöhnliche Rolle.

„...Wird er viel Spaß daran haben.“ Graf Lothar hatte die dunkle Seidenmaske vor dem Gesicht erkannt: „Ich war neugierig, verzeiht. Ich habe selten mit Menschen zu tun, die mir unbekannt sind. - Ich kam her, weil sich etwas ergeben hat, das Euren Aufenthalt hier wohl überflüssig macht. Einer meiner Leute – also jemand, der mir direkt untersteht und nicht für die Polizei in Lavinia arbeitet - meldete mir ein Schiff, das auf Doctor Marteaus Namen läuft und bereits morgen mit der Abendflut einlaufen soll, die Goswintha. Wir werden es durchsuchen. Ich kam her um die Aktion persönlich zu leiten.“

Michel nickte leicht: „Vorausgesetzt, dass sich auf diesem Schiff tatsächlich Drogen befinden und Ihr diese Marteau zuweisen könnt, dann wäre unsere Aufgabe hier erledigt.“

„Ja. Ihr könnt Eurem Partner sagen, dass er weg kann. Soweit ich hörte, arbeitet er verdeckt bei Marteau.“

„Ja. Und der ist sehr misstrauisch.“ Es war wohl besser für alle, wenn Graf Lothar nicht erfuhr, dass es sich nicht nur um eine PartnerIN sondern auch noch eine Assassine handelte.

„Ja, ich habe die ...hm...Unfälle, die meinen Leuten zustießen, nicht vergessen. Nun, sagt ihm, dass er gehen kann.“

„Wenn es möglich wäre.“

„Was meint Ihr?“ fragte der Polizeichef erstaunt.

Michel blieb sachlich. Es war die emotionslose Diagnose eines Profis: „Marteau ist kein Idiot. Es besteht die Möglichkeit, dass er Vorsorge getroffen hat, für den Fall, dass sein Schiff durchsucht wird. Sei es, dass er flieht oder etwas anderes in der Hinterhand hat. Meine....Mein Partner müsste dann zusehen, dass er in Tarnung an ihm dranbleibt. Übrigens wäre das auch sinnvoll für den Fall, dass Eure Durchsuchung des Schiffes nichts bringt. - An Eurer Stelle würde ich mich auch einmal mit dieser Anna unterhalten. Sie ist Marteaus Geliebte.“

Als ob die kaiserliche Polizei das nicht wüsste: „Ja, davon hörte ich. Was macht Euch sicher, dass sie gegen ihn aussagen wird?“

„Ich habe mit ihr geredet.“

Graf Lothar hörte die gewisse Arroganz, aber dieser Mann konnte sie sich wohl leisten. Uther hatte ihn seinen besten Agenten genannt, und derartiges Lob wollte etwas heißen. „Eine Frage habe ich noch: konntet Ihr in Erfahrung bringen, warum meine Leute aufgeflogen sind?“

Michel stellte für sich fest, dass der Graf wohl wirklich um seine Mitarbeiter besorgt war und gegebenenfalls trauerte: „Marteau stellte auch meinem Partner Fallen – bislang vergeblich. Wie gesagt, er ist sehr vorsichtig.“

Graf Lothar seufzte unhörbar. Er hatte einen Beruf in dem er sich daran gewöhnen musste Kreuze hinter Namen zu machen – freuen tat ihn das noch immer nicht gerade. „Wie kann ich Euch erreichen, um Euch das Ergebnis der Durchsuchung mitzuteilen?“

„Wann soll sie stattfinden?“

„Sobald das Schiff einläuft. Also,geplant ist mit der Abendflut – je nachdem, wie pünktlich es ist. Ihr wisst ja, Schifffahrt auf dem Südmeer ist durchaus risikoreich.“ Und mehrere Tage Verspätung wären nur zu normal. „Allerdings erhielt ich die Nachricht bereits von der Insel Minia, die nur fünf Tagesreisen von Lavinia entfernt liegt. Dort fuhr es pünktlich ab und es sind bereits Gewässer, die von der kaiserlichen Marine kontrolliert werden.“

Das bedeutete, dass Graf Lothar nach Erhalt der Nachricht alles in Windeseile organisiert und sich und seine Männer in schnelle Sonderkutschen gesetzt hatte. „Ich werde am Hafen sein.“ Das müsste doch machbar sein. Immerhin galt er als Teilhaber der Milanos – und die verfügten über noch über drei Schiffe, die den Handel nach Süden unternahmen. Es wäre für einen Handelsmann in einer neuen Stadt, zumal wenn er dort investierte, nur zu gewöhnlich, den Hafen anzusehen. Hauptsache war, dass nichts schiefging und er Sarifa rechtzeitig zurückholen konnte, ehe der gute Marteau sie als Geisel nahm. Umgekehrt: wenn die Durchsuchung nichts brachte, so wäre sie noch immer an dem Verdächtigen dran. Hoffentlich würde es ihr gelingen ihre Rolle als Samara weiterzuspielen und durch nichts zu verraten, was sie konnte. Immerhin hatte sie erwähnt, dass sie Dent für gefährlich hielt – und er traute der Einschätzung einer Assassine. Mochte Marteau auch der Kopf sein, so war Dent wohl die Faust der Gruppe.
 

Als Michel zum Hafen kam, wurde er bereits erwartet. Er zog sich die Maske über, ehe er die im Voraus bezahlte Mietkutsche verließ. Er trug gewöhnliche, bürgerliche Kleidung und nur der Degen an der Hüfte verriet, dass dieser Mann wohl nicht ohne Grund das Gesicht verbarg. Der Kutscher hielt es denn auch für besser sofort umzudrehen und zu verschwinden. Man sollte einem Meuchelmörder nicht im Weg herumstehen.

Ein Unbekannter löste sich aus den Schatten eines Lagerschuppens und kam heran: „Mir wurde gesagt, ich soll jemanden wie Euch erwarten. Für ein bestimmtes Schiff.“

Der gute Mann schien nicht über die Maske verwundert. Allerdings war er ebenfalls bewaffnet: „Die Goswintha.“

„Gut.“

„Wer sagte das?“

Prompt kam die Bestätigung: „Graf Lothar. - Kommt. Das Schiff sollte bereits durchsucht werden.“

„Es war pünktlich.“

„In der Tat.“

Nur wenige Minuten später traf Michel den Leiter der kaiserlichen Polizei am Kai. Dieser hatte ihn erwartet: „Das Schiff wird soeben durchsucht. Die Besatzung ist verhaftet und sitzt jeder für sich. Bewacht.“

„Ihr habt Leute aus Lavinia dabei?“

„Nein. Meine eigenen. Allerdings musste ich natürlich den Leiter der örtlichen Polizei verständigen. Ich tat das jedoch so kurzfristig, dass es nahezu unmöglich war, dass er seine eigenen Mitarbeiter herschickt. Irgendjemand in der hiesigen Polizei hat mir zu gute Kontakte zu Marteau.“

„Ja. Und das kostete vermutlich drei Menschenleben bislang.“ Michel sagte es sachlich, ohne jeden Tadel. Er hatte bereits mitbekommen, dass Graf Lothar sich selbst Vorwürfe machte. Hm. Unmöglich, dass der örtliche Polizeichef seine Mitarbeiter herschickte, ja. Aber wenn der falsche Jemand etwas mitbekam – ein Bote war schnell bei Marteau...

Graf Lothar ließ die Augen nicht von dem verdächtigen Schiff: „Dann könnt Ihr Euren Partner zurückrufen.“ Nicht noch ein Toter, und das auch noch von einer Seite, die er zum Hilfe gebeten hatte.

„Ja, sobald die Durchsuchung hier abgeschlossen ist. Ich neige nicht zu halber Arbeit.“

„So hörte ich. Graf Uther bezeichnete Euch als seinen besten Mann. Und er neigt wiederum nicht zu Übertreibungen. Er nannte Euch und Euren Partner die Klingen des Kaisers.“

„Schmeichelhaft.“ Michel fuhr herum, als eine Kutsche in den Hafen geprescht kam, die Hand am Degen, wie auch der Leiter der kaiserlichen Polizei. Der Fahrer stoppte die Pferde erst, als er fast den Kai erreicht hatte.

„Graf Lothar!“ schrie jemand in der Kutsche.

Der eilte hin, nur, um sich nach wenigen Worten umzudrehen, die Lippen zusammengepresst.

Michel ging zu ihm, ein seltsames Gefühl im Magen. Da war etwas schiefgelaufen.

Die folgenden Worte des Polizeichefs bestätigten es: „Ich ließ zur Sicherheit das Anwesen Marteaus überwachen. Er bekam anscheinend mit, dass etwas gegen ihn unternommen wird. Er hat sich mit Hongo, Dent und einer jungen Frau im ersten Stock seines Handelshauses verschanzt. Ihr Name ist Samara.“ Er bemerkte das unwillkürliche Zucken der Hand seines Gegenübers zum Degengriff: „Oh. Ich verstehe. SIE ist Euer Partner. Aber warum ist sie mitgegangen? Sie muss doch wissen, dass sie als Geisel dienen soll. Und das, wo zumindest Dent und auch vermutlich Hongo bereits mehrfach getötet haben.“

Oh, was für eine reizend hilflose Geisel, dachte Michel automatisch, wenn auch etwas zynisch. Aber er meinte ehrlich, unwillkürlich bemüht, seine Partnerin zu verteidigen: „Sie hat keine Waffe und ihr Auftrag lautete an Marteau um jeden Preis dranzubleiben. Sie wird ihre Rolle solange spielen, wie sie kann.“ Und wenn nicht, gab es Tote. Sarifa war niemand, den man selbst als Mehrfachmörder mal eben um die Ecke bringen konnte. Allerdings - sie hatte gemeint, dass sie gegen Dent keine Chance hätte... „Ich fahre mit Eurer Kutsche zu dem Haus. Und es wäre freundlich, wenn mich einige Eurer Männer begleiten würden.“

„Natürlich. - Allein mit dieser Geiselnahme ist Marteau doch fällig. Er muss sehr überrascht und überaus verzweifelt gewesen sein. Und ich kann daraus nur schließen, dass an Bord dieses Schiffes wirklich etwas äußerst Belastendes liegt. - Allerdings: Ihr riskiert das Leben Eurer Partnerin. Es mag sein, dass bei einem Eingreifen als erstes sie getötet wird. Übrigens auch Euer Leben.“ Und dass der Polizisten bei ihm, aber das wollte er nicht sagen, da er ihn nicht beleidigen wollte. Feige waren Uthers Agenten jedenfalls sicher nicht.

„Ja. - Alles für den Kaiser, nicht wahr?“ Michel sah zu dem Kutscher: „Fahrt uns zurück!“
 

„Samara“ kauerte in einer Ecke von Marteaus Arbeitszimmer und starrte teilnahmslos vor sich hin. Zumindest konnte man diesen Eindruck haben und Sarifa legte Wert darauf. Es passte zu ihrer Rolle. Tatsächlich bemühte sie sich jedoch Leon Hongo zu beobachten, der die Fensterläden schloss, der einzige der drei Männer im Raum, der sich bewegte. Sie seufzte unhörbar. Es wäre ihr weitaus lieber gewesen, wenn Dent das Zimmer verlassen hätte. Er saß auf einem Stuhl und blickte ins Nichts. Ab und an jedoch sah er zu ihr und sie bekam jedes Mal eine Gänsehaut. Marteau hatte ihm zwar verboten sie anzufassen, aber allein die Tatsache, dass das nötig gewesen war, baute die Assassine nicht gerade auf. Er hatte sie gezwungen hier mit hineinzugehen, ehe sie Möbel und anderes in das Treppenhaus und den Gang gestellt hatten. Sie hätte sich wehren können, aber da war die Anweisung so lange wie möglich harmlos zu scheinen. So hatte sie das schockierte Mädchen gespielt und tat es noch immer. Sie wusste wirklich nicht, was das Ganze sollte, aber sie fand es am Besten Michels Befehl zu folgen. Ihr Partner würde schon wissen, was er machte – und sich um alles kümmern.

Sie sah zu Doctor Marteau, der sich an einer Wand zu schaffen machte. Als er bemerkte, dass sie ihn betrachtete, drehte er sich um und lächelte: „Keine Sorge, Samara. Ich will Euch nichts tun. Habt Ihr schon einmal davon geträumt, in den Süden zu gehen?“

„Ich stamme aus dem Süden des Kaiserreiches....“

„Nein, jenseits des Südmeeres. Ich habe dort Freunde. - Könnt Ihr Euch ein Leben vorstellen unter Palmen, mit Dienern....“

Sarifa starrte ihn an, fast ihre Rolle vergessend: „Aber...ich kann die Sprache dort nicht....“

„Das macht nichts. Oh, Ihr sollt nicht für mich arbeiten. Ich dachte an Heirat.“

„Wie bitte?“ Jetzt war sie endgültig perplex.

Marteau lächelte dünn: „Wenn ich Euch nicht umbringen will....es dient nur meiner Sicherheit, denn dort könnt Ihr dann nicht gegen mich aussagen. Oh, keine Sorge. Ich bin durchaus bereit eine gewisse....Abmachung zu treffen.“

„Aber...ich liebe Euch nicht.“ Zum ersten Mal war das Zittern in der Stimme der Neunzehnjährigen echt.

„Ich Euch doch auch nicht. Samara, mag sein, dass Ihr mich nicht liebt. Aber ich könnte mir vorstellen, dass Ihr andere mehr.....fürchtet.“ Sein Blick streifte Dent.

Sarifa begriff. Sie kauerte sich enger zusammen und schlug die Hände vor das Gesicht, um rasch unbeobachtet nachzudenken. Wie würde „Samara“ auf dieses Angebot reagieren?

„Wir haben noch Zeit, meine Liebe,“ meinte Marteau nur und machte sich wieder an der Wand zu schaffen, wo sich langsam eine schmale Türöffnung zeigte. „Fertig, Leon?“

„Ich habe alles gesichert,“ gab Hongo zurück. „Moment, Doctor....eine Kutsche am Eck....“ Er bemühte sich durch die Fensterläden zu spähen: „Bestimmt vier Männer....“

„Polizei?“

„Möglich...“

„Komm, Gunter. Wir erledigen sie unten. Leon, passe auf die Kleine hier auf.“

Marteau und Dent verschwanden durch den bisherigen Ausgang und Sarifa atmete durch. Mit einem Schlag waren ihre Chancen gestiegen etwas zu unternehmen. Und Kutsche, Polizei – das hieß auch Michel, da war sie sicher. Auf ihren Partner konnte sie sich verlassen.

So versuchte sie ein zitterndes Lächeln, als sie bemerkte, dass Leon Hongo einen Dolch zog: „Ich tue nichts Schlimmes,“ erklärte sie etwas leichtfertig: „Es wäre wirklich nicht nötig, den in der Hand zu haben. Bitte. Legt ihn weg....“

Der dunkelhaarige Mann mit den fast schwarzen Augen musterte das Mädchen nur kurz. Sie saß zusammengezogen in dem Stuhl, war offenkundig verschreckt – nun ja, wohl zusätzlich noch durch das Messer. Und wer wusste schon, ob sie sich nicht bei seinem Chef über ihn beschweren würde. Der gute Doctor hatte auf ihn durchaus den Eindruck gemacht auf die Kleine zu stehen. „Na schön,“ murmelte er daher und legte den Dolch vor sich auf den Tisch.

Sarifa fasste ihr Glück fast nicht. Wie konnte man derart leichtsinnig sein? Weil sie ein Mädchen war? Nun gut, er hatte ihr eine Chance gegeben und die wollte sie nutzen, ehe die anderen beiden zurück waren – oder auch die Polizei hier war. Sie lächelte dankend: „Das ist wirklich sehr freundlich von Euch....“

Noch während sie sprach, war ihre Hand unter den Tisch geglitten und hatte den gekippt. Das Messer rutschte zu ihr.

„He!“ Hongo sprang auf – nur, um sich im nächsten Augenblick durch einen Tritt gegen seine Knie auf dem Boden zu finden. Für einen Moment war er zu verwirrt, um zu reagieren – eine Sekunde zu lang.

Denn das nur scheinbar so harmlose und verschreckte Mädchen kniete neben ihm und drückte die Spitze der Klinge in seinen Schritt, dort, wo er, wie viele Männer, einen künstlichen Beutel trug, der seine Männlichkeit betonen sollte. Spötter nannten es einen Schambeutel oder Schamkugel.

„Ich möchte Euch wirklich ersuchen Euch weder zu bewegen noch einen Laut von Euch zu geben,“ meinte Sarifa sachlich und drückte die Spitze des Messers ein wenig fester hinein. „Ich muss nämlich ehrlich zugeben, dass ich keine Ahnung habe, wann ich Euch so Schmerzen zufüge und ab wann es eine richtige Schweinerei geben wird.“

Leon Hongo bekam plötzlich das Gefühl, dass hier so einiges nicht richtig wäre. Dieses zierliche Mädchen sollte vor ihm zittern – und er hatte dagegen den unerwarteten Eindruck, dass bei der verdächtig sachlichen Ruhe ihrer Stimme in diesem Satz jeder Psychopath panisch die Flucht ergriffen hätte.

Nein. Sie war doch nur ein junges, ahnungsloses Mädchen und so holte er tief Luft.

Es kam nie zu dem Schrei.

Etwas zersprang und er spürte plötzlich die Kälte von Stahl an seinem empfindlichsten Körperteil, die fast zart drückte. Als er vorsichtig an sich heruntersah, erkannte er, dass genau der Teil seiner Bekleidung, der seine Männlichkeit betonen sollte, gerade unter dem Druck der Klinge zersprungen war. „Keine Panik,“ flüsterte er in hektischer Furcht. „Ich schreie nicht, ich bewege mich nicht mehr...ja? Alles in Ordnung. Gaaanz ruhig.... ja?“ Nichts in seinem Leben hatte ihn auf offenkundig verschreckte Mädchen vorbereitet, die die gleiche Wirkung wie eine von der Leine gelassene Bulldogge ausüben konnten: „Einigen wir uns? Ja?“

Sarifa setzte sich bequemer hin, ohne auch nur einen Sekundenbruchteil in Druck oder Aufmerksamkeit nachzulassen. Michel würde bald kommen, da war sie sicher.´ „Unter diesen Voraussetzungen, ja.“

Leon Hongo wagte nicht einmal mehr durchzuatmen.
 

Die Polizisten waren durch den Haupteingang gestürmt, die Treppe empor, nur, um festzustellen, dass diese mit Möbelstücken blockiert worden war. Als sie sich darübermühten, benutzten die zwei Obenstehenden die Gelegenheit mit ihren Degen anzugreifen. Allerdings war Marteau und Dent klar, dass diese Vier geübte Kämpfer waren – und in der Überzahl.

Als sie die anderen drei Männer hinter sich bemerkten, war es schon zu spät.

Michel hatte Graf Lothar und einen seiner Leute darauf aufmerksam gemacht, dass es Probleme geben könnte, wenn Marteau nicht gerade ein Dummkopf war. So waren sie durch ein Fenster des leeren Erdgeschosses gedrungen und die kleine Holztreppe hinaufgelaufen, die gewöhnlich Marteaus Angestellte verwendeten – und die man vom Haupteingang aus nicht sah. Michel kannte sie, denn in seiner sorgfältigen, wenn auch nur möglichen, Vorbereitung eines Einbruches hatte er auch den Grundrissplan eingesehen.. Daran hatte der Doctor der Philosophie durchaus verständlicherweise nicht gedacht und sah sich nun einem Maskierten gegenüber, der etwas spöttisch den Degen hob:

„Gebt Ihr auf, Doctor Marteau?“ Wo steckte der dritte Mann und wo Sarifa, dachte er gleichzeitig.

Statt einer Antwort griff der Händler an.

Von der Kraft und dem Können ein wenig überrascht, überdies durch seine Gedanken unkonzentriert, gelang es Michel gerade noch den Stoß abzulenken. So ritzte die Klinge eines Gegners bloß seinen Oberschenkel. Er sprang zurück und beugte rasch etwas das Knie um das Ausmaß der Verletzung festzustellen, aber es handelte sich nur um einen Hautriss. So attackierte er unverzüglich selbst, mit all der Präzision und dem geschulten Auge, das die Leibwachen des Kaisers auszeichnete. Umsonst hatte er nicht fast zehn Jahre dort geübt.

Graf Lothar entging das Können nicht und er vermutete durchaus zurecht, dass dieser Mann wirklich kaisertreu war – und wohl nur die Profession des Leibwächters mit der eines Agenten, nicht den Herrn gewechselt hatte. Dent verteidigte sich dagegen in fast hektischer Wildheit, wenn auch mit Können und Erfahrung, gegen die vier Polizisten, dennoch ein hoffnungsloser Kampf. So beschloss der Leiter der Polizei abzuwarten und den Degen in der Scheide zu lassen. Es sah nicht so aus, als ob er jemandem helfen musste
 

Er behielt Recht.

Nur zwei Minuten später flog der Degen des Hausherrn beiseite und der Maskierte drückte seine Klingenspitze gegen dessen Brust.

„Ich möchte Euch wirklich empfehlen, Doctor Marteau, dass Ihr Euch ergebt.“

Der überdachte seine Lage kurz. Diese Polizisten hatten ihn, Geisel hin oder her, denn auch Dent wurde gerade überwältigt, blutüberströmt jedoch lebendig. Leider. Aber er selbst bezahlte dem Obersten Richter in Lavinia genug, so dass er mit einem milden Urteil davon kommen sollte. Kein Grund sein eigenes, kostbares Leben zu riskieren. Daher hob er ein wenig melodramatisch die Hände.

„Gut.“ Michel nahm seinen Degen nicht weg, sah jedoch zu Graf Lothar, der herangekommen war: „Ich überlasse ihn Euch.“

„Danke. - Dent scheint schwerverletzt. Was für ein Dummkopf.“ Als ob seine Männer Anfänger wären, zumal in dieser Überzahl: „ Marteau, wo sind Hongo und die junge Dame?“ fragte er, während er ihm die Hände auf den Rücken fesselte.

„Oben. Er...er soll sie bewachen.“ Der Doctor vermutete, je mehr er kooperierte, umso milder würde sein Urteil werden.

„Hongo ist allein mit ihr?“ Michel war mehr als alarmiert: „Ich kümmere mich darum!“ Sarifa und ein potentieller Serienmörder in einem Raum!

Da war jemand wohl sehr besorgt um seine Partnerin, dachte Graf Lothar noch ein wenig amüsiert. Er sollte nie erfahren, dass die Befürchtung des besten Agenten des Kaisers der noch möglichen Aussage der rechten Hand des Verdächtigen vor dem kaiserlichen Gericht galt – und sicher nicht seine Partnerin.

„Bringt sie zu den Kutschen .- Oh, Doctor Marteau, Ihr habt doch nicht etwa erwartet, in Lavinia vor Gericht gestellt zu werden? Ich bin Graf Lothar, der Leiter der kaiserlichen Polizei. Und Euer Prozess wird vor dem kaiserlichen Gerichtshof in Paradisa stattfinden.“
 

Als Michel die Tür aufstieß, zuckten die beiden dort zusammen. Er sah auf den ersten Blick, dass alle Zwei am Leben waren und begann erleichtert seine Tarnungsprogramm abzuspulen:

„Ma donna, schön, Euch gesund vorzufinden. - Vielleicht erlaubt Ihr mir die Klinge zu übernehmen? Hongo, im Namen des Kaisers: Ihr seid verhaftet.“

„Gott sei Dank,“ brachte der Gefangene hervor, der sich seit geschlagenen zwanzig Minuten nicht mehr auch nur um einen Zentimeter bewegt hatte.

Sarifa überließ den Dolch ihrem Partner. Sie hatte die Warnung begriffen, zumal jetzt auch andere Männer hereinkamen: „Oh ja, danke,“ sagte sie nur.

„Dann kommt, ich bringe Euch raus...hier, der gehört Euch,“ meinte Michel, an die Polizisten gewandt, ehe er den Arm um seine Partnerin legte. „Weg hier...“ flüsterte er.

So folgte sie eilig.

Kaum draußen riss er die Maske ab: „Wo sind deine Sachen? Wie lange brauchst du um Lavinia zu verlassen?“

„In dem Untermietzimmer – Zwanzig Minuten.“

„Gut. - Dort vorne gibt es Mietkutschen. Wir treffen uns am Hauptplatz, wo man die Fernkutschen mieten kann.“

Keine Dreiviertelstunde später waren die „Klingen des Kaisers“ aus Lavinia verschwunden. Graf Lothar ließ auch nicht nach ihnen suchen.
 

**
 

Das ging aber schnell...^^

Und so heißt das nächste Kapitel auch: Fragen.



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Kommentare zu diesem Kapitel (5)

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Von:  00schnepel8
2012-02-11T14:08:21+00:00 11.02.2012 15:08
Ich mag dieses Kapitel bzw die Auflösung des Falls.Das Kapitel war schön actionreich und es stört mich auch kein bisschen das der Fall so schnell aufgelöst wurde, dann muss ich nämlich nicht mehr ungeduldig auf das nächste kapitel warten ^^.
Bin ich froh das Michel nicht auf diese Anna hereingefallen ist. Nicht das ich das vermutet hätte, aber ein kleines Risiko besteht ja immer, oder??
Irgendwie mag ich den schnellen Abgang von Michel und Sarifa. Sie wirken dadurch so geheimnisvoll, das mag ich.
Irgendwie kann einem Leo schon ein wenig Leid tun. Ich meine, das man sich freut ins Gefängnis zu kommen, nur um nicht mehr in Sarifas Nähe sein zu müssen sagt doch schon was aus ^^.
Ich bin gespannt wie der nächste Fall der Beiden aussehen wird...
Von:  kiji-chan
2012-02-11T00:48:55+00:00 11.02.2012 01:48
Ich hoffe schwer, ich bin nicht die Einzige, der dieser Fall zu schnell war. Die Polizei ist seit Jahren an dem Typen dran und die Klingen machen ihn binnen drei Wochen platt.

Und wie sie dann so urplötzlich weg waren. Wird es die Milanos nicht stören? Überhaupt alle? Ein reicher Mann nicht verschwindet einfach so. Allerdings finde ich es lieb, dass Graf Lothar sie nicht suchen lässt. Irgendwo weiß er, dass die Gesichter der Beiden geheim bleiben müssen.

Meine liebste Aussage in diesem Kapitel ist ''Gottsei Dank'' als Antwort auf ''Ihr seit verhaftet''.
Wirklich Gold wert.

Ich spüre da eine Verschwörung im Busch, äh Reich. Aber die Klingen packen das schon.

ncha!
Kiji
Von:  Teilchenzoo
2012-02-10T17:51:57+00:00 10.02.2012 18:51
Glück gehabt, der Fall ist gut ausgegangen. Und Glück für Sarifa, dass ihr Bewacher nicht Dent war. Denn dann hätte die Sache ganz anders ausgehen können. Aber gut, Marteau brauchte einen guten Kämpfer an seiner Seite und er wollte seine ... angedachte Zukünftige ... sicher nicht einer solchen Gefahr aussetzen^^°. Trotzdem, das hat sich ja alles schön einfach gelöst (*hüstel*). Eigentlich sah Marteau nach einem übleren Gegner aus, als er sich am Ende dargestellt hat, was ein bisschen schade ist.
Ich hätte es interessant gefunden, die Flucht gelingen zu lassen, denn so ... war er ja recht einfach zu "fangen".

Trotzdem, ich mag die Geschichte. Die Figuren sind einfach toll.

Lg
Von: abgemeldet
2012-02-10T12:13:57+00:00 10.02.2012 13:13
Meine Güte, in diesem Kapitel ging es ja richtig zur Sache. Tja, wenn man überrumpelt wird...

Mal eine Frage: Wie lang in etwa wird diese FF und ist das Hauptthema eine große Verschwörung, die sich durch die einzelnen Fälle zieht oder geht es um die Beziehung zwischen Michel und Sarifa?
Moment, dass waren mehr als eine Frage!
Von:  Salix
2012-02-08T22:15:23+00:00 08.02.2012 23:15
Eine kleine historische Frage/Anmerkung.

Sind in deiner Welt schon der Kompass oder dessen historisches Vorbild der Sextant und die Sanduhr erfunden?
Wenn dem nicht so ist, ist das mit der Hochseenavigation nämlich nicht möglich. Dann würden deine Kaufleute und Piraten nämlich immer in Sichtweite der Küste in den Süden segeln, weil sie sonst auf hoher See ohne Sichtkontakt zum Land die Orientierung verlieren würden.

LG


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