Wofür man lebt
Ich weiß noch, als du neun geworden bist.
Wir waren gerade in das neue Heim gekommen, in dem man zum Geburtstag ein Stückchen Kuchen und ein Ständchen bekam.
Ich durfte die Sorte für dich aussuchen – Schokolade, denn du liebtest Schokolade.
Genauso wie ich.
Du hast den Kuchen bekommen, aber gegessen haben wir ihn gemeinsam.
Heimlich, vor den Anderen versteckt, nur wir zwei und der Kuchen.
Wir haben immer alles gemeinsam gemacht. Ohne irgendwen sonst.
Du wolltest es so, und ich wollte es so. - Weil du es so wolltest.
Weil ich es nicht besser wusste.
Als ich neun wurde, habe ich auch Kuchen bekommen. Auch Schokolade.
Ich habe dich gefragt, ob du auch etwas abhaben möchtest. Ob wir uns wieder verstecken, und ihn heimlich und glücklich in uns hinein stopfen.
Du hast gesagt, dass das albern sei, du keine Zeit für Kinderkram hättest.
Und ohnehin keinen Hunger.
Ich glaube, dass der Tag einfach nicht deiner war.
Du musstest die Übernahme vorbereiten.
Das große Kaiba-Imperium zu leiten beginnen.
Und ich habe mich allein versteckt, und habe den Kuchen allein gegessen.
So viel Kuchen.
Ich glaube, abends war mir schlecht.
Vier Jahre später wolltest du mir nicht glauben, dass du Schokoladenkuchen mal mochtest.
Während du mein Geschenk geöffnet hast, hast du bloß den viel zu schwarzen und viel zu bitteren Kaffee getrunken, und bist hinterher in die Firma gefahren.
Ich weiß, dass ich an dem Tag keinen Appetit hatte. Weshalb, weiß ich nicht mehr.
Vielleicht, weil du jetzt achtzehn warst, und deinen Geburtstag genauso verbrachtest, wie alle anderen Tage auch. Vielleicht, weil du vergessen hattest, dass du auch mit achtzehn noch Schokolade mögen dürftest. Wie ein Kind.
Ab heute bin ich kein Kind mehr.
Und mir wird wieder schlecht, wenn ich an den einsamen Abend denke, an dem du neben mir sitzen und dir den Bauch mit Kuchen hättest vollschlagen sollen.
Roland hat sich selbst in die Küche gestellt, und den schönsten Schokoladenkuchen gebacken, den ich jemals gesehen habe.
Deshalb esse ich auch ein Stück. Nur Eines, mehr bekomme ich nicht runter.
Ich sage: tut mir Leid, aber ich kann nicht mehr.
Und Roland versteht mich und nimmt mich in den Arm. Unwillkürlich frage ich mich, wann du mich zuletzt umarmt hast. Wann ich dich zuletzt umarmt habe.
Ich weiß es nicht mehr. Du bist nie da.
Ich denke: warum kannst du nicht da sein? Warum kannst du nicht da sein, so wie ganz früher, und mir zu meinem achtzehnten Geburtstag einen Schokoladenkuchen backen, den wir gemeinsam aufessen? Warum kannst du nicht glücklich sein?
Wir haben schon lange nichts mehr zusammen gemacht.
Manchmal denke ich, du hast mich vergessen. Und dann sehe ich dich nachts,
wenn du glaubst, ich schlafe, in meinem Zimmer stehen.
Und dann denke ich, ob du glaubst, ich hätte dich vergessen.
Aber ich frage dich das nicht. Du fragst mich ja auch nicht. Du fragst mich nie.
Ich bin immer der, der redet. Und du bist immer der, der schweigt.
Und der, wenn er was sagt, dafür sorgt, dass andere schweigen.
Ich will nicht so sein wie du.
In einigen Wochen werde ich von hier fortgehen. Das Studium beginnen, das so gar nicht mit den Themen übereinstimmt, die dich interessieren.
Aber ich glaube, dass mir das jetzt egal ist.
Früher habe ich geglaubt, dass wir nur füreinander leben. Du für mich. Ich für dich.
Ich weiß nicht, wann ich angefangen habe, etwas anderes zu glauben.
Etwas anderes zu wollen.
Wann ich angefangen habe, etwas anderes zu sein, als nur dein kleiner Bruder.
Ich denke: Du kannst vielleicht nicht da sein, weil du weißt, dass du heute deinen kleinen Bruder verlierst. Und nichts dagegen tun kannst.
Am Abend kommst du zurück, müde und ausgelaugt. Du bist so dünn.
Ich glaube, dass du dich dafür hasst, dass du nichts tun kannst.
Du kommst an meinem Zimmer vorbei und zögerst.
Ich sehe dich und halte die Luft an. Dann gehst du weiter.
Ich sehe dir nach und denke:
Wofür lebst du jetzt?
