Die letzten Vorbereitungen
185) Die letzten Vorbereitungen
„Hast du Pamela schon angerufen?“
„Ja, kurz bevor ihr aus dem Zimmer gekommen seid.“
„Und kommt sie?“
„Nein, sie hat anderweitig zu tun und wollte einer Bekannten Bescheid geben, die mich heute noch anrufen soll. Sie will sich dann später mit ihr treffen und schauen, was sie für den Jungen und seine Familie tun kann.
„Einer Bekannten?“, fragte Sam skeptisch. Wie vielen Leuten sollte er Dean denn noch vorführen?
„Ja, den Fall hat sie gerade erst rein bekommen. Er muss wohl ziemlich wichtig gewesen sein, dass sie ihn nicht hat abwimmeln können. Außerdem hat Pam es nicht so wirklich mit Kindern und sie wäre spätestens mit Kyle dann auch zu dieser Bekannten gefahren.“
„Und wer ist das?“
„Sie heißt Carol und ist Kinderpsychologin.“
„Dann können wir uns ja sofort alle einweisen lassen!“, schnaubte der Winchester ungehalten.
„Sie hatte vor ein paar Jahren mit Jugendlichen zu tun, die einer Hexe verfallen waren. Pam hat ihr damals geholfen, die unschädlich zu machen. Seitdem weiß diese Ärztin Bescheid.“
Sam zuckte mit den Schultern. Ganz geheuer war ihm diese Geschichte noch nicht, aber er wusste auch keinen besseren Weg.
Wieder drehte er sich zu seinem Bruder um. Doch der starrte nur weiter aus dem Fenster.
„Sag mal, könnte es möglich sein, dass Kyle sich immer mehr in Dean festigt?“
„Warum?“
„Er entwickelt immer mehr eine eigene Persönlichkeit. Dinge die er mag oder nicht mag. Er verändert sich.“
„Pamela hat den Rest von Deans Seele, der noch in seinem Körper steckt schlafen geschickt. Es könnte durchaus sein, dass der Junge den Körper immer mehr in Besitz nimmt.“
„Dann lass uns zusehen, dass wir ihn so schnell wie möglich da wieder rausbekommen. Ich will Dean zurück. Ich will wieder als Erster morgens wach werden. Ich vermisse seine dummen Sprüche, seine ganze Art. Bobby, ich vermisse meinen Bruder!“
„Wäre auch schlimm, wenn du das nicht tun würdest und vielleicht erkennst du auch mal an, was er sein Leben lang geleistet hat und sagst ihm das auch mal.“
„Meinst du er will das hören?“
„Du kannst es immerhin versuchen!“
Der Rest der Fahrt verlief recht ruhig. Dean hatte sich in seiner eigenen Welt verkrochen und sagte kein Wort und auch Sam und Bobby hingen ihren Gedanken nach.
Etwas außerhalb von Cincinatti fanden eine Hotelanlage, zu der auch eine Bungalowsiedlung gehörte. Dort bezogen sie ein recht abseits stehendes Häuschen mit zwei Schlafzimmern, einem Wohnraum, der alle Zimmer miteinander verband, Küche und Bad.
Dean entdeckte, kaum dass er aus dem Impala geklettert war, neben ihrem Bungalow einen Spielplatz, auf dem zu dieser Tageszeit noch nicht viel los war. Er rannte ins Haus, setzte Caro auf ein Bett, wühlte, kaum das Sam die Spielzeugkiste abgestellt hatte, ein Auto heraus und wollte wieder nach draußen laufen. Sam versperrte ihm den Weg.
„Wo willst du denn hin?“, fragte er.
„Spielen!“
„Wo?“
„Draußen!“, erklärte der Blonde in einem Ton, der Sam nur zu deutlich zu verstehen gab, dass er das doch wohl nicht hätte fragen brauchen.
„Ich dachte wir wollten in den Zoo!“
„Will spielen!“, erklärte Dean mit Nachdruck. Da draußen gab es Sand und eine Schaukel und ein Karussell! Er wollte endlich wieder richtig spielen. Die Tiere konnten warten! Bittend schaute er zu dem Langen.
„Dann geh“, sagte Sam und nickte bekräftigend. Sofort schoss der Blonde aus dem Raum und kniete, als der Jüngere gleich danach nach ihm schaute, vor dem Sandhaufen und buddelte mit beiden Händen ein tiefes Loch.
Sam lächelte. Wenn er gewusst hätte, wie einfach sein Bruder zufrieden zu stellen war, hätte er schon vor langer Zeit einen Sandhaufen für ihn gesucht!
„Wolltet ihr nicht in den Zoo?“, fragte Bobby und trat mit einer Tasse Kaffee zu Sam.
„Er will lieber im Sand spielen.“
„Ja dann! Kaffee ist in der Küche. Ich wollte gleich los.“
„Okay“ Sam warf noch einen Blick auf seinen Bruder und ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu holen. Auf der Anrichte stand ein Korb mit frischem Obst. Er schüttelte den Kopf. Entweder war die Chefin dieses Hotels noch nicht lange im Geschäft, oder wirklich eine der wenigen guten Seelen, die es in dieser Branche wohl auch gab, zumindest in dem Preissegment, in dem sie sich bewegten.
Schnell machte Sam noch einen Teller mit Obst fertig, kochte Kakao und brachte alles nach draußen.
„Willst du mal eine Pause machen?“
„Warum?“
„Ich dachte Bauarbeiten machen hungrig?“, fragte der Jüngere und hielt seinem Bruder den Teller und die Tasse hin. Sofort nickte Dean und griff danach. Obst verschwand gepaart mit Sand von seinen Händen in seinem Mund und wurde mit Kakao hinunter gespült.
Sam seufzte. ‚Dreck reinigt den Magen’, überlegte er und grinste. Er hatte den Sandkuchen als Kind auch probiert, wie wahrscheinlich jedes Kind auf der Welt.
Damals hatte er mit Dean gespielt. Sie hatten eben diesen Sandkuchen gebacken und er wollte den dann natürlich auch probieren. Sein großer Bruder hatte zugestimmt und sich fast totgelacht, als er den Sand in den Mund gesteckt und sofort danach versucht hatte ihn wieder los zu werden. Das Gefühl war noch heute präsent, wenn er daran dachte, genau wie das Knirschen zwischen den Zähnen.
„Darf ich auf das Karussell?“, riss Dean ihn aus seinen Erinnerungen.
Als Bobby wiederkam waren die Brüder noch immer auf dem Spielplatz. Dean klammerte sich an die Haltestangen auf dem Karussell und jauchzte vor Freude und Sam gab ihm Schwung.
Er lächelte gequält. Das Bild kam ihm sehr bekannt vor, nur dass damals Dean derjenige war, der Schwung gegeben hatte. Im Prinzip hatte er ja nichts dagegen, dass die Jungs Blödsinn machten, aber doch nicht mit einem Fünfjährigen in Deans Körper!
Bobby riss seinen Blick von den Brüdern los und ging ins Haus. Er überprüfte noch einmal seine Einkäufe auf Vollständigkeit und verstaute dann alles auf dem Küchenschrank. Danach ging er das Ritual wieder und wieder durch, bis er es auswendig konnte.
Vollkommen erschöpft kamen die Brüder in den Raum.
Bobby blickte ihnen entgegen und lächelte. Deans Wangen glühten und seine Augen strahlten vor Freude. ‚Immerhin hatte er einen letzten schönen Tag in diesem Körper’, überlegte der Ältere und hoffte, dass hier nicht nur der Wunsch Vater des Gedankens war.
Aber auch Sam sah vollkommen verschwitzt aus und keuchte. Er verschwendete einen kurzen Gedanken daran, zuerst schnell duschen zu wollen, als Dean sich an ihn wandte: „Ich hab Durst.“
Der ältere Freund nickte Sam zu: „Geh du duschen, ich mache ihn etwas.“
„Was möchtest du denn?“, wollte er auch gleich von Dean wissen.
„Cola!“
„Okay, sollst du haben“, antwortete er und holte eine Flasche samt Glas aus dem Schrank.
Schnell verschwand der jüngere Winchester im Bad und kam zehn Minuten später frisch geduscht zurück.
„Du kannst gleich in die Wanne“, sagte er zu Dean, der ihm auch sofort mit leuchtenden Augen ins Bad folgte. Er ließ sich beim Ausziehen helfen und kletterte, als Sam die Wassertemperatur geprüft und ihm die Erlaubnis gegeben hatte in die Schaumberge.
„Überschwemm nicht alles“, bat der Jüngere noch und ging dann ins Zimmer zurück.
Gus hockte auf einem Regal. Er schielte zu Sam, reckte sich, schlug die Flügel aus und vermeldete: „Gus Hunger!“
Die beiden Männer schauten sich an. Ein breites Grinsen legte sich über ihre Gesichter. Beide hatten noch die Szene vor Augen, als der Vogel von Dean als Lügner entlarvt worden war.
„Dann werde ich uns mal etwas zu Essen besorgen und du kümmerst dich um Gus?“
„Mach ich, Bobby, bis gleich“, sagte Sam und holte die Packung Schabefleisch aus dem Kühlschrank. Er vermengte es mit Apfel und Banane und begann dann den Vogel zu füttern, der ihn schon während der Zubereitung ständig am Ärmel gezogen hatte.
Endlich war der Vielfraß satt und Sam begann die Küche aufzuräumen.
Die versandeten Trucks standen auch noch auf der Anrichte, wo er sie abgestellt hatte, um schnell duschen zu gehen. Er brachte sie zu Dean ins Bad.
Sein Bruder formte noch immer Schaumberge und baute Höhlen in die fragile Struktur.
„Kannst du die noch mit durch die Waschstraße fahren?“, wollte Sam wissen. Sein Bruder nickte und schon verschwanden die Feuerwehrfahrzeuge in den weißen Bergen.
Sam hörte, wie Bobby wiederkam.
„Na komm, raus hier, bevor das Essen kalt wird“, bat er ruhig und half seinem Bruder beim Aufstehen. Er duschte ihn ab, half ihm aus der Wanne und wickelte ihn in ein großes Handtuch.
Nach dem Essen setzten sich die Brüder gemeinsam vor den Fernseher und schauten sich die Schlümpfe und Phineas und Ferb an. Dean kuschelte sich ganz dicht an den Langen und Sam gab tief in sich drin zu, es zu genießen. Laut würde er das nie sagen. Soviel Stolz hatte der dann doch noch im Leid, immerhin wollte er nicht den Rest seines Lebens als Mädchen betitelt werden. Aber vor sich konnte er es ruhig zugeben, dass das Kuscheln mit Dean zu seinem schönsten Kindheitserinnerungen gehörte und dass er es auch jetzt richtig genoss.
Damals, war die Welt noch fast in Ordnung!
Bobby telefonierte inzwischen mit dieser Carol.
„Ich bring dich ins Bett. Caro kann seine Augen ja kaum noch offen halten“, schlug Sam vor, als der Abspann lief. Dean nickte und tapste mit halb geschlossenen Augen hinter dem Langen in ihr Zimmer.
Dicht an ihn gekuschelt schaffte er es, noch eine halbe Puh-Bär-Geschichte lang die Augen offen zu halten, doch dann unterlag er seiner Müdigkeit. Der Tag toben an der frischen Luft forderte seinen Tribut.
Sam erhob sich vorsichtig, legte Caro in Deans Arm, deckte ihn zu und drückte ihm noch einen brüderlichen Kuss auf die Stirn.
„Er schläft“, verkündete er dem Freund.
Bobby nickte nur.
„Was hat das Gespräch mit dieser Psychotante ergeben?“
„Das sie ganz nett zu sein scheint. Sie hat ihre Termine für morgen verschoben und will zwischen acht und neun hier sein.“
„Hoffentlich ist sie auch nett zu Dean! Vor Pamela hatte er Angst!“
„Sie ist schon seit Jahren Kinderpsychologin, sie sollte sich wohl mit ihm verstehen“, gab Bobby zu bedenken.
„Ich hoffe es!“ Sam holte tief Luft, dann konzentrierte er sich darauf, seinen Bruder endlich wieder zu bekommen.
„Also, wie gehen wir morgen vor?“, wollte er wissen.
„Ich denke, wir sollten deine Idee nehmen. Wir kommen vom Jugendamt und sollen den Jungen zu einem Vertrauensarzt bringen.“
„Dann brauchen wir Ausweise vom Jugendamt und einen richterlichen Bescheid, dass wir ihn holen dürfen.“
„Und wie willst du das bewerkstelligen?“, fragte der Ältere skeptisch.
Sam legte seinen Laptop auf den Tisch und klappte ihn auf.
„Lass das mal meine Sorge sein.“
Kurz vor Mitternacht streckte sich Sam. Sein Nacken schmerzte, aber er hatte es geschafft.
Er hatte ihnen ein Paar fast perfekt aussehende Ausweise vom Jugendamt des Staates Ohio gemacht, die er morgen nur noch einlaminieren musste und er hatte sich in das System eines Jugendrichters einhaken können und dort ein Fax deponiert, dass hoffentlich zur passenden Zeit in der Klinik eintreffen würde.
Sofort schaute der ältere Jäger zu ihm auf.
„Die Klinik bekommt morgen früh ein Fax, dass wir kommen und ich habe Ausweise gemacht. Die müssen wir nur noch einlaminieren. Das wollte ich morgen machen, wenn ich Frühstück hole.“
„Gut!“
„Wie gehen wir vor?“, fragte Sam und ließ sich neben dem Freund auf die Couch fallen. Er nahm sich das letzte Bier und trank die Flasche in einem Zug halbleer.
„Wir holen uns morgen einen Wagen für Liegendtransporte. Eine Liege ist drin. Ich hoffe zwar, dass das nicht notwendig ist, aber wir wissen nicht, inwieweit die ihn ruhiggestellt haben.“
„Soll ich mal versuchen, einen Blick in die Krankenakten zu werfen?“, wollte Sam wissen und machte Anstalten aufzustehen.
„Lass mal. Das bringt jetzt auch nichts mehr.“
„Und was ist mit dem Ritual? Wie aufnahmefähig muss Dean denn sein, damit das auch wirklich funktioniert?“
„Verdammt!“, fluchte Bobby über den Umstand, darüber nicht nachgedacht genauso, wie sich nicht sofort bei Pamela erkundigt zu haben. Er zog sein Handy aus der Tasche und rief die Freundin an.
Schnell schilderte er ihr Problem.
„Er sollte ansprechbar sein und wach bleiben. Auf eine gezielte Antwort auf Fragen sollten wir in seinem derzeitigen Zustand allerdings nicht hoffen, da seine Seele geteilt ist“, teilte er dem Winchester mit, kaum dass er aufgelegt hatte.
„Gut“, sagte Sam und atmete kurz durch. „Nein, nicht gut, aber wir wissen woran wir sind.“ Er trank sein Bier aus.
„Es ist zwar noch relativ früh, aber lass uns ins Bett gehen, ich will das einfach nur noch hinter mich bringen und endlich wieder mit meinem Bruder streiten können!“
Der ältere Jäger lächelte. Seine Jungs waren wie ein Paar alter Latschen. Mit nur einem war irgendwie nichts anzufangen. Er nickte, trank sein Bier aus und verschwand in seinem Zimmer.