Yuri: Teil 2
Ja, Yuri hat es mit der Damenwelt. Zumindest, was Youkai betrifft. Dass man bei Menschen manches anders sieht, muss er lernen...
Die Dorfbewohner hatten durchaus bemerkt, mit welcher Leichtigkeit der Enkel von Takemi-sama ihren neuernannten Beschützer besiegt hatte. Und sie waren sich im Klaren darüber, dass sie den Tribut verweigert hatten. Beides führte dazu, dass sich die Menschen angstvoll zu Boden warfen, nicht im Zweifel, dass der Herr der Gegend ungehalten sein würde.
Takemi blieb vor den gut zweihundert Menschen stehen: „Ihr habt euren Tribut nicht bezahlt? Auf Aufforderung dieses Schwächlings?“
„Verzeiht, Herr“, brachte einer heraus: „Wir…wir hatten Angst vor ihm.“
Das war Takemi bewusst. Für Menschen war es gewiss schwierig, die Macht eines Youkai einzuschätzen. Soweit er wusste, konnten sie keine dämonische Energie fühlen. Er machte einen Schritt näher zu dem Menschen, der immerhin den Mut aufgebracht hatte, oder den Respekt, zu antworten: „Wieso kam er her?“
„Was…was meint Ihr?“ Der Mann wagte nicht, den Kopf zu heben.
„Sagte er nicht, warum er ausgerechnet in dieses Dorf kam?“
Yuri stellte wieder einmal fest, dass sein Großvater viel Geduld hatte. Aber er hatte ihm schon einmal erklärt, dass verängstigte Menschen keine sinnvollen Angaben machen konnten, selbst, wenn sie es wollten. Und Furcht hatten sie schon, wenn ein Youkai vor ihnen stand, ohne dass sie ihn verärgert hatten. Nun, das ziemte sich auch. Aber das würde er auch berücksichtigen müssen, wäre er einst hier der Gebieter.
Der Mann warf einen unwillkürlichen Blick seitwärts.
Takemi verstand: „Ach, du warst das? Der Dorfvorsteher?“ Und da instinktiv die anderen von dem wegrutschten: „Du hast ihn eingeladen?“ Er ging auf den Unglücklichen zu.
Wie dumm war dieser Mensch eigentlich? Yuri war ein wenig verwundert. Eigentlich hatte er erwartet, dass sein Großvater das Dorf zerstören würde, die Menschen töten würde, oder ihm den Befehl dazu geben würde. Stattdessen schien er nur den Dorfvorsteher zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Aber nach einem Moment des Nachdenkens wurde es dem jungen Youkai klar. Ein zerstörtes Dorf beherbergte keine Menschen. Und ohne Menschen keine Mine, also, keine Einnahmen. Großvater ging immer nüchtern nach wirtschaftlichen Erwägungen vor.
Takemi konnte wittern, dass der Mann vor ihm Todesangst hatte.
„Herr...ich...ich dachte…ich meine…ich...ich...“ Was sollte er sagen. Das gesamte Dorf wusste, dass er den auswärtigen Youkai geholt hatte, um dem Tribut an Takemi loszuwerden. Der Fremde hatte ihnen versprochen, sie künftig von Abgaben zu befreien. Zwar waren alle damit einverstanden gewesen, aber nun war ihm klar, dass das niemand mehr zugeben würde. Alle würden hoffen, dass sich der Zorn des Gebieters auf ihn beschränken würde.
„Hast du Familie?“
Der Dorfvorsteher zögerte. Der Youkai vor ihm war der wahre Herr der Gegend. Und den Tribut zu verweigern, das forderte Strafe. Sollte sich die Abrechnung auch auf seine Familie erstrecken? Das war zwar allgemein üblich, aber er wollte dies verhindern.
Das war wiederum auch den anderen Menschen klar. Diese dagegen wollten nur zu gern, dass sich die Rache auf einen Menschen, eine Familie beschränken würde. So sagte einer: „Er hat eine Tochter.“
„Gut. Ich will den zurückgehaltenen Tribut unverzüglich geliefert bekommen. Und ich will deine Tochter.“
Ein Mädchen holt erschreckt Atem, sicher die Tochter des Dorfvorstehers. Dieser murmelte: „Monster!“ und hätte sich im gleichen Moment am liebsten die Zunge abgebissen, denn der Youkai stand direkt vor ihm. Er hatte zwar noch immer die Stirn am Boden, aber aus den Augenwinkeln konnte er die Füße sehen.
„Monster?“ wiederholte Takemi und hob etwas die Hand, so dass jeder, der es wagte, aufzublicken, die Klauen sehen konnte. „Ihr verweigert den Tribut, ja, holt mir einen Gegner ins Haus und wenn ich dann in gewisser milder Stimmung weder das Dorf zerstöre, noch euch alle in Stücke reiße, bin ich ein Monster?“
„Verzeiht…“
Einige Dorfbewohner hatten sich bewegt, waren ein Stück zurückgerutscht, zu einem Mädchen, rissen dieses auf: „Herr…das ist Yukiko…“
Yuri konnte wittern, dass das Mädchen in Todesangst war. Sie zitterte am ganzen Körper, als sein Großvater den Schritt zu ihr machte, sie am Arm fasste, mit sich zog.
„Ich erwarte unverzüglich euren Tribut“, wiederholte er nochmals, ehe er das Mädchen mit einem gewissen Schwung zu seinem Enkel schubste. Yukiko stürzte zu Boden, wagte nicht, sich zu bewegen. „Du kannst mit ihr machen, was immer du willst, mein Junge. Wir sehen uns heute Abend.“
„Danke, Takemi-sama“, sagte Yuri unwillkürlich, höflich. Ein Menschenmädchen? Das hatte er noch nie gehabt. Das wäre doch einmal etwas Interessantes. Er bückte sich, packte sie am Arm und zerrte sie hoch. Sie zitterte. Angst vor Strafe wegen des Vergehens ihres Vaters? „Komm.“ Er zog sie mit sich.
Yukiko taumelte mehr, als sie ging, aber sie hatte der Kraft eines Youkai nichts entgegenzusetzen. In ihrer Panik wäre sie gern weggelaufen, gleich, wohin, aber die Hand um ihren Arm war fest. Sie hatte keine Wahl, als mitzugehen, in welches Schicksal auch immer. Aber sie konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen über das Gesicht flossen.
Das Menschenmädchen wusste nicht, wie lange sie so durch die Gegend gelaufen waren, als sie losgelassen wurde. Sie fiel sofort zu Boden, als sei sie eine Marionette, deren Schnüre durchtrennt wurden, geistig und seelisch vollkommen erschöpft, unfähig, einen anderen Gedanken als schiere Angst zu fassen. Würde dieser Youkai sie jetzt fressen? Töten? Ganz bestimmt wartete etwas Unaussprechliches auf sie.
Yuri setzte sich einige Meter entfernt unter einen Baum und wartete. Er war gewohnt, dass die Youkai-Frauen auf ihn zukamen, versuchten, sich ihm angenehm zu machen, ihn zu verführen. Als sich das Menschenmädchen nicht erhob, nicht zu ihm kam, war er etwas verwundert. Erst jetzt prüfte er die Luft, konnte ihre Todesangst wittern. Was hatte sie denn? Dann fiel ihm ein, dass sein Großvater gesagt hatte, er könnte mit ihr machen, was er wolle. Nahm sie etwa an, er wolle sie umbringen? Warum hätte er sie denn dann hier auf diese Lichtung befördern sollen? Falls er sie hätte töten wollen, hätte er es vor der gesamten Dorfbevölkerung getan. Und sofort. War sie zu dumm, um das zu wissen? Oder…nun, das war möglich. Hatte sie noch nie einen Youkai getroffen? Zumindest keinen von seinem Rang? Er wusste, dass einfache Youkai Menschen überfielen. Davor beschützte sein Großvater zwar die Dörfer in seinen Ländereien, aber sie konnte davon gehört haben. In jedem Fall musste sie sich beruhigen. Der Angstgeruch war geradezu abstoßend: „Wenn ich dich töten wollte, wärst du bereits tot.“
Es dauere einige Sekunden, ehe dieser Satz von Yukiko verstanden wurde. Er wollte sie nicht töten? Nicht fressen? Unwillkürlich atmete sie etwas erleichtert auf. Aber was wollte er dann? Sie war sich nicht sicher, ob da nicht etwas kam, dass sie lieber hätte sterben mögen.
Yuri betrachtete sie. Sie zitterte noch immer, lag auf dem Boden, ohne sich zu rühren. Ganz offenkundig war sein neuer Besitz schreckhaft. Er schloss die Augen. Dann würde er eben warten, bis sie sich beruhigt hatte.
Das Mädchen wagte es, den Kopf zu drehen. Der junge Youkai hielt nach wie vor Abstand zu ihr, war nicht zu ihr gekommen, das beruhigte sie schon etwas. Jetzt hatte er die Augen geschlossen. War er etwa eingeschlafen? Das war ihre Chance. Möglichst leise stand sie auf, lief in den Wald. Sie hatte kein Ziel, wollte nur irgendwohin, weg von diesem Monster, dem sie ausgeliefert wäre.
Yuri hörte, dass sie aufstand, und nahm an, sie würde zu ihm kommen, ihm Avancen machen, wie er es von Youkai kannte. Als er mitbekam, dass sie davonlief, war er mit einem Satz auf den Beinen. Es war kein Problem, sie einzuholen und das Menschenmädchen rannte buchstäblich in ihn hinein.
„Was soll das denn?“ erkundigte er sich. Sie verhielt sich wirklich eigentümlich.
Yukiko fiel auf die Knie, fast zu Tode erschreckt. Sie hatte ihn nicht einmal kommen gesehen: „Bitte…nicht wehtun…“ brachte sie heraus.
„Wenn ich es wollte, hätte ich es schon getan.“
Zum zweiten Mal dieser Satz. Und so schnell, wie er bei ihr gewesen war….wie schnell waren Youkai?
Yuri betrachtete ihren gesenkten Kopf, ihren Rücken. Irgendwie waren Menschen wohl ganz anders als Youkai, viel schreckhafter und vor allem viel dümmer. „Wolltest du etwa nach Hause? Deine Nachbarn haben dich uns ausgeliefert, um die Strafe vom Dorf abzuhalten. Glaubst du, sie würden dich wieder aufnehmen?“
Yukiko schüttelte den Kopf. Nein, das würden sie sicher nicht. Eher würden sie sie fesseln und zu den Youkai zurückschicken.
Immerhin war ihr das klar. „Komm mit.“
Was blieb ihr schon anderes übrig? Sie musste froh sein, dass er sie nicht für ihren Fluchtversuch bestraft hatte.
Yuri setzte sich wieder unter den Baum. Immerhin schien sie sich ein wenig beruhigt zu haben. Sie ließ sich ein Stück entfernt nieder, starrte zu Boden. Sie hatte Angst vor ihm. Gut. Menschen fürchteten Youkai und so sollte es auch sein. Aber was sie da hatte, ging doch über den gewöhnlichen Respekt einem mächtigeren Wesen gegenüber hinaus. Sie hatte wohl zunächst tatsächlich angenommen, dass er sie umbringen wollte, und jetzt, dass er sie bestrafen würde. Wäre sie eine Youkai, hätte er es auch getan. Aber etwas in ihm sträubte sich dagegen, ein Wesen zu traktieren, das ihm vollkommen ausgeliefert war.
Yukiko beruhigte sich langsam. Der junge Youkai hatte sie wieder eingefangen, aber nicht bestraft, machte auch keine Anstalten, näher zu ihr zu kommen. Waren Youkai vielleicht anders, als sie es gehört hatte? Manche zumindest? Oder spielte er mit ihr, wie eine Katze mit der Maus?
„Es war dumm von deinem Vater, diesen Youkai zu rufen“, sagte Yuri nachdenklich: „Er muss doch gewusst haben, dass sich Großvater das nicht bieten lässt. Und dass der andere im Zweifel mehr Tribut gefordert hätte.“
Wollte er darauf eine Antwort? So meinte sie vorsichtig: „Ich kenne mich da nicht aus...Herr.“ Sie hatte noch nie jemanden so angesprochen, aber das war gewiss die richtige Anrede. Wenn sein Großvater der Youkai war, der die Gegend beherrschte, war dieser Junge oder eher junge Mann bestimmt ein Prinz.
„Weißt du, warum ihr den Tribut zahlt?“
„Nein.“ Nun, Vater hatte ihr gesagt, das sei, weil die Youkai sonst das Dorf zerstören würden, aber das konnte sie ihm doch unmöglich erzählen. Immerhin schien er sich mit ihr unterhalten zu wollen.
„Ist dir nie aufgefallen, dass weder einfache Youkai noch menschliche Banditen in eurer Gegend sind?“
Das stimmte. Beides. Das Dorf war nie überfallen worden und sie hatte es ebenso wenig bemerkt. Sollte das heißen, dass der Tribut eine Art Schutzzahlung war? Sie fragte nach.
„Natürlich.“ Yuri war erstaunt. „Habt ihr das etwa vergessen? Der Vertrag wurde geschlossen, als das Dorf gegründet wurde, vor gut dreihundert Jahren.“
„Daran erinnert sich doch kein Mensch mehr.“
Das mochte sogar stimmen. Diese Wesen lebten ja nur so kurze Zeit. Wie viele Generationen waren es wohl in diesen dreihundert Jahren gewesen? „Dann muss man euch dran erinnern. - Komm näher zu mir, Yukiko, heißt du?“
„Ja, Herr.“ Ihre Angst wuchs wieder. Was hatte er vor? Aber sie musste gehorchen. Er hatte schon gezeigt, wie stark und schnell er war. Und sie wagte nicht, das Risiko einzugehen, dass er sie doch noch bestrafen würde. Die Strafe eines Youkai wäre gewiss entsetzlich. So krabbelte sie näher, blieb neben ihm knien.
Immerhin gehorchte sie trotz ihrer Furcht. Warum nur war sie noch immer so, ja, schüchtern? Er hatte ihr doch gesagt, dass er sie nicht töten würde, sogar versucht, sich wie ein Menschenmann zu verhalten. Ihm kam plötzlich eine eigenartige Idee: „Hättest du auch solche Angst, wenn ich kein Youkai wäre?“
„Verzeiht mir“, bat sie hastig. Das war bestimmt unhöflich gewesen. Aber sie hatte nun einmal solche Angst. Dann meinte sie ehrlich: „Ich…ich denke schon.“ Und da sie bemerkte, wie eindeutig Erstaunen über sein Gesicht huschte: „Ich…Ihr…Ihr seid ein Mann.“
Yuri war erheitert, ohne das freilich zu zeigen. Das war eine erfrischende kalte Dusche für ihn. Die Youkai liefen ihm hinterher und ein Menschenmädchen sagte, es hatte Angst, nicht, weil er ein Youkai, sondern weil er ein männliches Wesen war? Was dachte sie denn, was da käme? Das wurde interessant: „Weiter.“
„Und ich bin ein Mädchen.“
„Dessen bin ich mir bewusst.“ Tatsächlich, sie wurde verlegen, ja, rot. Was hatte sie denn nur? Konnten Menschen Tatsachen nicht hinnehmen?
Yukiko zögerte. Aber er schien ihr zuhören zu wollen. Vielleicht konnte er bis zu einem gewissen Grad ihre Furcht verstehen. Sie hatte da mal etwas gehört: „Es…ich fürchte, Ihr könntet mich, nun, zu Eurem Vergnügen benutzen.“
„Benutzen.“ Menschen hatten da wohl seltsame Vorstellungen. Oder lief das bei denen ganz anders ab als bei Youkai? „Nun, bislang hat sich noch niemand bei mir beschwert. Aber trotz deiner seltsamen Einfälle – ich bin kein Mensch. Und ich handele anders als deinesgleichen.“
„Natürlich, Herr.“ Er hatte sie noch nicht einmal angefasst. Vielleicht machte sie sich ganz umsonst Sorgen.
„Gut. Dann komm. Wir gehen ins Schloss.“ Es würde gewiss nicht allzu lange dauern, bis sie ihre überflüssige Angst verloren hätte, wenn er sich weiterhin Mühe gab, sie zu beruhigen. Das war einmal etwas ganz anderes. Diesmal würde er sich bemühen müssen, sie zu verführen. Das konnte ein kleines, charmantes Spiel werden.
**********************************
Yuri hat noch einiges über Menschen und vor allem deren weibliche Vertreter zu lernen.
bye
hotep