Engel der vergessenen Zeit - 8
Die Zeit schien still zu stehen, als er den Turm schließlich erreichte. Noch immer war er in ein kräftiges blaues Licht gehüllt, noch immer stand er da, majestätisch und gebieterisch. Seine Gefangene hatte niemals wieder erwachen sollen, es ergab keinen Sinn. Was war oben im Turm geschehen?
Er lief weiter, nah Fassung ringend. Die Bedeutung des blauen Lichtes war eindeutig und doch nicht einleuchtend. Er hatte sie versiegelt, sie in eine Welt verbannt, die sie schwächen sollte, aus der sie sich niemals befreien konnte. Es war schlichtweg unmöglich, dass sie es geschafft hätte, er hätte es gewusst, wenn sie seinen Fluch gebrochen hätte.
Nein, sie war nicht entkommen, auch wenn das Licht den Anschein erweckte.
Mit Leichtigkeit sprang er die Treppen herauf und erreichte schließlich das Turmzimmer. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Lydia nirgends zu sehen war. Oder war er in seiner Eile an ihr vorbeigelaufen?
Es kümmerte ihn nicht. Von dem kraftlosen Mädchen ging keine Gefahr aus. Sie gehörte ihm und wusste das. Sie würde ihm keinen Ärger mehr machen, sie hatte es längst verstanden.
Es war nicht Lydias Abwesenheit, die ihn beunruhigte. Hier im Zimmer war das blaue Licht noch viel intensiver. Sein gehetzter Blick blieb an der Amphore hängen, die er einst geschaffen hatte um eben jenes Licht zu verbannen. An jenem Tag hatte die Welt ein wenig Farbe verloren.
Die Amphore stand genau so, wie er sie damals hier zurückgelassen hatte. Es war, als liefe die Zeit rückwärts, als hätte er diesen Feind erst vor wenigen Augenblicken besiegt.
Es war ein harter Kampf gewesen, er, der sonst jeden hätte beherrschen können, musste all seine Kräfte zusammennehmen. Wäre er an jenem Tag in Besitz seiner wahren, höllischen Macht gewesen, es wäre eine Kleinigkeit gewesen, sie zu besiegen. Doch seit man ihn aus dem Paradies verbannt und ihm seine Kräfte genommen hatte, beschränkten sich seine Künste hauptsächlich auf Taschenspielertricks und Autorität.
Trotzdem war es ihm gelungen, sie zu besiegen – wenn auch nur knapp. Er hatte geglaubt, sie für immer gefangen zu haben. Wie jedoch konnte sie ihre Kraft dann offenbaren? War sie erwacht? Oder war es Lydias Magie gewesen?
Niemals hatte er auch nur im geringsten daran gedacht, dass so etwas geschehen könnte. Lydia beherrschte das Feuer, war aber an Körper und Seele stark geschwächt, Sie beherrschte das Wasser, war aber seit vielen, vielen Jahren gefangen. Und Feuer und Wasser vertrugen sich nicht.
Was also war passiert? Er betrachtete die Amphore ausgiebig, konnte jedoch nichts ungewöhnliches erkennen. Sie sah genauso aus, wie er sie hier zurückgelassen hatte, makellos eben und einwandfrei geformt. Der Fluch, mit dem er sie verschlossen hatte, war noch immer intakt. Er runzelte zweifelnd die Stirn. Es verlief absolut anders, als er es geplant hatte. Er hatte Lydia in den Turm sperren wollen um ihren Lebenswillen zum erlöschen zu bringen. Mittel und Wege dazu hätte er in ausreichender Menge zur Verfügung gehabt. Wenn er mit ihr fertig gewesen wäre, hätte sie ihm ihre Kräfte freiwillig gegeben, nur damit er aufhörte.
Doch nun war alles anders. Wieder sah er sich um, wieder konnte er Lydia nicht entdecken und ihre Anwesenheit auch sonst nicht spüren. Es konnte nur eine Erklärung dafür geben. Sie war in die Amphore eingetauscht – und damit in ihrer Welt gefangen und an den Fluch gebunden, der die Amphore verschlossen hielt.
Bei dem Gedanken daran, lächelte er hinterhältig. Sie würde sicher ihren Spaß mit der jungen Wächterin haben.
Gerade, als er die Amphore mit einem weiteren Fluch belegen wollte, vernahm er hinter sich stumpfe Schritte, die die Treppe heraufeilten. Er drehte sich um und sah den Kobold, der sich sogleich verneigte. „Stets zu Diensten, mein Gebieter“, sagte er schlicht.
Die Welt schien alle Farben verloren zu haben. Lydia versuchte die Augen zu öffnen, doch es gelang ihr nur widerwillig. Immer wieder fielen sie zu. Das wenige, das sie wahrnahm wollte sich zu keinem Bild zusammenfügen.
Alles was sie spürte, waren Schmerzen, tiefe Schmerzen, die sie so sehr betäubten, dass sie nicht sicher war, ob sie überhaupt noch am Leben war. Sie konnte sich nicht bewegen und ihre Hand war stark angeschwollen. Langsam kam sie in die Realität zurück, langsam erinnerte sie sich wieder. Sie musste Lenya schützen. Die Aufgabe, die ihnen aufgetragen worden war vor langer Zeit, kümmerte sie nicht länger. Sie würde alles ertragen – wenn nur Lenya am Leben bliebe. Es war ihr größter Wunsch und zugleich auch ihr einziger. Alles andere hatte sie längst aufgegeben.
Kraftlos sah Lydia sich um. Als sie schließlich erkannte, wo sie sich befand, erschrak sie. Sie war gefangen in einem riesigen Spinnennetz. Ein Netz, aus blauen Lichtströmungen geknüpft, das sie an sich band. Gerade als sie versuchte ihren gesunden Arm zu heben, tauchte das Mädchen wieder auf und schlug ihr mit ihrer Flosse direkt ins Gesicht.
„Du bist wach? Na endlich! Ich dachte schon, du schäft ewig!“, sagte sie und ihre Stimme war schneidend. Wieder schlug sie sie.
Lydia nahm den Schmerz kaum noch wahr. Sie erduldete es einfach, was hier passierte übertraf alles, was sie jemals fürchte ertragen zu müssen. Sie antwortete dem Wesen nicht, sie sah es einfach an.
„Hast du einen Namen, Teufel?“, durchnitt erneut die Stimme das Wasser.
Lydia nickte schwach. „Lydia..“
„Du kannst ja doch sprechen!“, antwortete das Mädchen, und strich Lydia über die Wange, „also Lydia, mein Name ist Xilia, Schützgöttin der verlorenen Reiche von Jaribya.“
Lydia wusste nicht, ob sie ihren Ohren trauen konnte, ob sie lachen oder weinen sollte.
„Das ist doch nur eine Legende..“, sagte sie schließlich und bereute es sogleich wieder. Xilia war nämlich bei dem Wort 'Legende' erschaudert und erzürnt, sie baute sich nun wutentbrannt vor Lydia auf.
„Eine Legende?!“, fauchte sie, „ein Mythos! Das ist alles, was von meiner Heimat übrig ist! Wage es nicht, dich über mich lustig zu machen!“
Immer und immer wieder schlug Xilia auf die reglose Lydia ein. Es war nicht zu erkennen, ob es nun Hass war, der sie lenkte, oder tiefe Traurigkeit.
„Einst war Jaribya ein mächtiges Königreich.. doch dann wurde es vernichtet! Seitdem bin ich hier gefangen“, sie sah Lydia verachtend an, „ich spüre sie genau, die Macht, die du verbirgst.. Du bist es gewesen.. Die Macht, die du schützt, hat mein ganzes Reich einfach ausgelöscht!“