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The Fantasy Game of Reality

von

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A special Dream.

„Hmmm… Die Sequenz ist optisch wirklich gut, aber der Inhalt passt einfach nicht ganz zum Ende der Story.“
 

Mit dieser verbalen Bemerkung nehme ich das Helmteil der SGS von meinem Kopf hinunter und lege es auf den Schreibtisch vor mir. Während das Spielsystem auf meinem zuvor eingegebenen Befehl reagiert und sich herunterfährt, schiebe ich meinen extrem komfortablen Schreibtischstuhl mit meinen Füßen an den Tisch heran.

Mit einem Klick auf der dortigen Maus hole ich den Computer meines Arbeitsbereiches aus seinem Standby-Modus zurück in den Aktiv-Modus. Geschwind gebe ich noch das erfragte Passwort ein und öffne nach der Freigabe auch sofort das interne E-Mail-Programm unserer Firma. Mit flinkem Tippen formuliere ich ein paar Sätze für Shizune, einem Mitglied meines Teams und Zuständige für die eben angesprochene Endsequenz, um ihr zu sagen dass ich eine Änderung plane.

Normalerweise würde ich sie einfach direkt ansprechen da sie ja in meinem Team ist, aber momentan bin ich der einzige im Firmengebäude und somit ist dies nicht möglich. Ich will aber auch nicht dass sie wenn sie am nächsten Arbeitstag erscheint sofort mit etwas anderem beginnt, daher ist dies die beste Möglichkeit.

Der Grund warum ich mich alleine im Haus befinde ist dass ich unser erstelltes Spiel getestet habe um eventuelle Fehler oder Verbesserungsmöglichkeiten auszumachen. Mein Team ist eher klein im Vergleich zu den anderen und ich bin der einzige Tester, was dazu führt dass ich auch derjenige bin der in der Testphase eine Menge zu tun hat.
 

Nachdem ich die Mail abgeschickt und das Programm wieder geschlossen habe schaue ich rechts unten auf dem Monitor zur Uhrzeit. 7.30 Uhr an einem Sonntagmorgen. Die Zeit verging wesentlich schneller als erwartet. Seit Freitag früh habe ich bis auf ein paar kleine Pausen sozusagen durchgearbeitet und nicht mehr geschlafen. Es ist schon komisch. Während des Testens vom Spiel ist mir die vergangene Zeit gar nicht so bewusst geworden, aber jetzt wo ich wieder die reguläre Umgebung sehen kann schlägt die Erschöpfung und Müdigkeit auch sofort zu. Die Aussage dass die Zeit schneller vergeht wenn man Spaß hat trifft da durchaus zu, aber in meinem Fall ist das wohl eher der Nachteil der SGS.

Um ein Spiel auf dem Super Gaming System, üblicherweise als SGS abgekürzt, zu spielen ist man nämlich gezwungen das Helmstück aufzusetzen. Dieses dient als Display und ersetzt die Notwendigkeit eines Fernsehers, allerdings verliert man schnell den Überblick zur Zeit. Sowohl Augen als auch Ohren sind durch den Helm komplett abgedeckt um das Spielerlebnis zu gut wie möglich zu machen, dadurch bekommt man allerdings keinerlei Signale von der Realität mit.

Ich muss jedoch zugeben dass es bei mir eher ein Spezialfall ist, denn selbstverständlich hat man die Möglichkeit die Zeit zu checken indem man das Spiel pausiert und kurz in das Hauptmenü wechselt. Da ich bei einem Test aber auf so viele Sachen achten muss und mich immer extrem darin vertiefe ist es kein Wunder dass ich mein Zeitgefühl verliere. Selbst während den Pausen schaue ich aus irgendeinem Grund nie auf eine Uhr. Meine Gedanken sind dann weiterhin aufs Spiel fixiert und ich bewege mich beinahe automatisch.
 

Die Schwere, die mich nun überkommt, wird immer stärker und mir ist bewusst dass ich definitiv nicht noch länger arbeiten kann. Ich brauche endlich etwas Schlaf. Mit diesem alleinigen Wunsch fahre ich noch den PC herunter und erhebe mich dann von meinem Stuhl. Nach einem schnellen Check ob auch alle elektronischen Geräte im Raum abgestellt sind verlasse ich das Zimmer.

Etwas holprig durch die lange Sitzphase und der Erschöpfung bewege ich mich in Richtung Badezimmer. Dort angekommen wasche ich mir im Schnellverfahren mein Gesicht. Doch selbst danach sehe ich nicht wirklich besser aus. Meine braunen Augen haben deutliche Augenringe und sind nur noch halb soweit offen wie sonst. Meine dunkelblauen Haare sehen genauso schrecklich aus, da sie total durcheinander vom Helmteil sind. Das ist wohl die Strafe als Mann mittellanges Haar zu besitzen.

Ich bringe es noch fertig mein routiniertes Zähneputzen zu vollziehen bevor ich das Bad wieder verlasse. Ich hätte auch die Möglichkeit mich zu duschen, da unsere Firma extrem großen Wert auf das Wohlbefinden seiner Mitarbeiter legt und das Bad mit einem Duschraum ausgestattet ist, aber mir fehlt jegliche Motivation dafür. Sicherlich würde es nur ein paar Minuten dauern und ich vermute mal dass nach über zwei Tagen auch eine gewisse Notwendigkeit dafür besteht, aber ich will einfach nur ins Bett. Duschen kann ich auch nach dem Aufstehen.

Mit mehrfachen Gähnen wackle ich in Richtung des Schlafsaals. Unsere Firma, Super Games Corp., ist ganz und gar auf die Spielherstellung spezialisiert und daher ist es auch üblich dass wir Programmierer viel Zeit am Arbeitsplatz verbringen. Es ist auch nichts besonderes wie ich mehrere Tage durchweg hier im Haus zu sein. Dazu gibt es sogar einen separaten Absatz im Arbeitsvertrag. Um uns dies jedoch zu erleichtern gibt es neben dem Duschraum auch noch andere Sonderzimmer. Darunter ist auch ein Schlafsaal, der mit mehreren Betten ausgestattet ist. Erstaunlicherweise sind die Betten aber keine Billigversionen, sondern haben einen gewissen Komfort.

Nach ein paar Metern dort angekommen betrete ich den Schall gedämpften Raum. Er ist komplett verdunkelt um zu jeder Tageszeit genutzt werden zu können. Es gibt allerdings neben den Betten schwache Lichtquellen, welche ein Licht ausstrahlen dass den Schlafenden nicht stört, aber hell genug ist um einen freien Platz zu finden.

Beim Ansteuern eines naheliegenden Schlafplatzes bekomme ich im Augenwinkel noch mit dass auch ein paar andere Kollegen bereits ihrer gerechtfertigten Erholung nachgehen. Ehrlich gesagt habe ich diesen Raum auch noch nie wirklich leer erlebt, da es sehr viele Teams gibt. Ohne meine Sachen zu wechseln lege ich mich endlich aufs Bett und decke mich auch sofort zu.

Nach der ganzen Zeit ohne Schlaf fällt es mir nicht schwer direkt in die Ruhephase überzugehen. Mit einem letzten Gedanken an die Endsequenz von vorher fallen meine Augen zu und schon kurz darauf schaltet sich mein Bewusstsein zum Schlafbeginn ab.
 

Als ich nach einer unbekannten Zeit aufwache und sich mein Geist langsam wieder in den Normalzustand schaltet öffne ich meine Augen. Auf der Stelle bemerke ich allerdings ein recht starkes Licht, was für unseren Schlafsaal unnatürlich ist. Mit der Befürchtung eines Notfalls oder dergleichen richte ich meinen Oberkörper schnell auf um in eine Sitzposition zu kommen.

Gleich darauf schaue ich mich um und stelle mit Erschrecken fest dass ich nicht mehr im gewohnten Raum bin. Ich habe keine Ahnung was hier vorgeht, aber ich befinde mich in einem kleinen, quadratischem Zimmer mit einer maximalen Wandbreite von drei Metern. Außerdem liege ich auch nicht mehr auf einem Bett, sondern auf dem kalten Boden. Das Licht hier drinnen wird von verschiedenen Quellen erzeugt, allerdings handelt es sich dabei um weiße Kristalle an den Wänden anstatt von normalen Lampen.

Der Rest des Raumes ist komplett kahl und sowohl Wand, Decke und Boden sind schwarz. Beim genauen Hinsehen fällt auch auf dass es sich dabei nicht wirklich um richtige Wände handelt. Es sieht eher aus wie eine kleine Höhle. Meine Verwunderung nimmt zu als ich gerade aufstehen will und dabei kurz nach unten schaue. Es kommt mir direkt eine weitere Veränderung ins Auge. Und zwar die Tatsache dass ich auf einmal eine andere Hose anhabe als im Moment in den ich mich schlafen gelegt habe.

Da trug ich noch eine dunkelblaue Jeans, aber jetzt habe ich eine schwarze Lederhose an, wie sie von Spielcharakteren im Mittelalter getragen wurde. Dies trifft auch auf meine Schuhe zu, denn diese sind nun zu Lederstiefeln aus dem gleichen Zeitalter in dunkelbraun geworden. Selbstverständlich sehe ich mir auch noch mein Oberteil an und wie erwartet ist auch dies nicht wie es sein sollte. Anstelle eines weißen T-Shirts habe ich nun ein ärmelloses Hemd in tiefem grün an. Obwohl ich die vorherige Erschöpfung und Müdigkeit nicht mehr fühle glaube ich noch immer davon betroffen zu sein. Ich kann mir nämlich nicht erklären was hier los ist.
 

Nachdem ich nun endlich aufstehe und mich einmal um meine eigene Achse drehe fällt mir noch etwas äußerst Merkwürdiges auf. Mein Sichtfeld hat sich auch verändert. An verschiedenen Stellen befinden sich nämlich Sachen, die normalerweise nicht zu sehen sein sollten.

Am unteren Rand meines Blickfeldes, mittig um genau zu sein, befinden sich unterschiedlich gefärbte, waagerechte Balken. Drei Stück sind es an der Zahl, wobei der obere in rot, der mittlere in blau und der untere in grün ist. Rechts und links daneben kann ich ein paar Icons mit überraschend bekannten Symbolen sehen. Dann ist da noch an der rechten, oberen Ecke ein Bild, welches stark an eine Mini-Map erinnert. Egal wie ich es drehe und wende, es wirkt komplett als ob ich das Display eines Spiels vor mir habe. Die Balken und Icons bleiben auch immer an der gleichen Stelle, selbst wenn ich meinen Kopf oder nur die Augen bewege.

Zum Test versuche ich eines der Symbole neben den Balken mit meinem rechten Zeigefinger zu drücken. Dabei halte ich meinen Kopf natürlich ruhig um auch zu treffen. Allerdings zeigt der Versuch kein Erfolg, denn mein Finger schwebt einfach nur durch das Icon hindurch als wäre es nicht vorhanden.

Etwas frustriert darüber überlege ich mir ob das erste Symbol rechts neben den Balken wirklich dass ist wofür ich es halte. Als ob mein Gedanke gelesen wird öffnet sich plötzlich ein Fenster direkt in der Mitte meines Sichtbereiches. Daraufhin erkenne ich sofort dass ich mit meiner Vermutung richtig lag, denn es handelt sich wirklich um ein Statusfenster wie in einem Game. Das Symbol war der Oberkörper eines Menschen und korrespondierend dazu kann ich nun verschiedene Informationen wie in einem Charakterbogen einsehen.

Genau das bringt mich erneut zum Staunen. Besser gesagt überrascht mich der eingetragene Name, Leonhardt Cromwell. Das ist nämlich der Name des Testcharakters, den ich selbst erschaffen habe. Mit ihm teste ich immer die von uns hergestellten Spiele und habe ihn auch genau für diesen Zweck von Grund auf mit speziellen Fähigkeiten erschaffen.

Mit dieser Neuigkeit starte ich sofort einen anderen Versuch und gehe dafür zu einem der leuchtenden Kristalle an der Wand zu meiner linken. Ich gehe davor in die Hocke und bringe meinen Kopf nahe an die Kristalloberfläche heran. Mit einigen Veränderungen der Kopfpositionen gelingt es mir kurz darauf ein Spiegelbild von mir selbst zu erkennen. Es ist natürlich nicht so scharf wie bei einem echten Spiegel, aber genug um zu sehen was ich wollte. Ich bin tatsächlich zu meinem Spielcharakter geworden. Genau wie ich es bei Leonhardt eingestellt habe sind meine Augen Ozean-blau und ich besitze blonde, wilde Haare, die etwas länger sind als meine eigenen.
 

Wie vom Blitz getroffen fällt nun endlich der Groschen und mir ist klar was genau hier los ist. An so etwas Einfaches hätte ich auch gleich denken können. Das hier ist ein luzider Traum. Solch einen Klartraum hatte bestimmt jeder schon einmal gehabt. Ich selbst hatte schon so einige davon in der Vergangenheit, vor allem nachdem ich ein Spiel komplett durchgespielt habe.

Obwohl ich bisher immer als mein wahres Ich diese Träume durchlebt hatte. Dies ist das erste Mal dass ich zu Leonhardt wurde und ich kann mich auch nicht erinnern jemals die Kälte des Bodens gespürt zu haben. Der Inhalt dieser Träume war auch immer der gleiche wie in den Games. Allerdings begann keines unserer Szenarien in einem leeren, schwarzen Raum.

Andererseits muss der Inhalt ja nicht auf die Spiele fixiert sein, schließlich hört man ja oft von solchen Träumen indem Menschen fliegen oder endlos fallen. Für so einen komplett neuen Traum gibt es immer ein erstes Mal, also ist es auch nicht weiter verwunderlich. Das bedeutet natürlich auch dass ich in Wirklichkeit tief und fest schlafe, mich also wie geplant erhole. Das hier ist sozusagen ein kleiner Bonus und im Grunde genommen hilft mir das sogar für die Zukunft. Wenn es sich tatsächlich um eine bisher unbekannte Geschichte handelt, dann kann ich diese vielleicht auch für unser nächstes Projekt benutzen.

Ich sollte also definitiv das Beste daraus machen und soviel Material wie möglich sammeln. Glücklicherweise können in so einem Traum Tage vergehen bis man aufwacht. Ich hatte schon mal einen Klartraum indem ich Monate verbracht habe. Laut dem was ich zu dem Thema gehört habe kann man sogar ein ganzes Leben darin verbringen. Was gut wäre, denn umso länger es dauert, umso mehr kann ich diese Welt erkunden und somit mehr Material beschaffen.
 

Mit dieser Erkenntnis verfliegen sofort all meine Sorgen. Ich stehe daher wieder auf und entferne mich vom Kristall. Anschließend probiere ich die anderen Icons auf der rechten Seite der Balken aus. Es kommt nun nicht mehr überraschend dass auch diese Funktionen wie in einem Spiel haben.

Mit einem davon kann ich mein Inventar öffnen, welches wie zum Beginn einer Handlung üblich noch recht leer ist. Mein Kontostand ist 0 und was Gegenstände angeht habe ich auch nicht viele. Erstaunlicherweise zählt meine aktuell getragene Kleidung aber bereits jeweils als ein Gegenstand. Des weiteren besitze ich noch eine Halskette und ein Schwert, die ich beide aber noch nicht trage. Ich kenne die zwei Sachen allerdings schon, denn schließlich gehören sie zu meinem erstellten Charakter dazu. Mit meiner Gedankensteuerung wähle ich sie an und rüste sie aus. Die Halskette erscheint an dem entsprechenden Platz und das Schwert wird auf meinem Rücken materialisiert. Dabei ist es mit einem Ledergürtel um meinen Oberkörper geschnallt und hat eine diagonale Position am Rücken, sodass dessen Griff hinter meiner rechten Schulter nach oben ragt.

Das Schmuckstück um meinen Hals besteht aus einer silbernen Kette und einem Anhänger, der aus einem blauen, länglichen Kristall in einer silbernen Spiralhalterung zusammengesetzt ist. Die Kette ist aber recht lang, sodass der Anhänger ein kleines Stück unter dem Halsanfang und somit oberhalb des Brustbereiches hängt.

Aufgrund meiner Neugier über das Aussehen des von mir designten Schwertes ziehe ich es mit meiner rechten Hand aus dessen Scheide und halte es daraufhin waagerecht vor meinem Körper um es zu begutachten. Mit nur einem Blick darauf kann ich feststellen dass es bis auf das kleinste Detail so aussieht wie in den Spielen.

Selbst die Maße, welche mir in einem kleinen Display darüber angezeigt werden, stimmen vollkommen überein. Es ist insgesamt 83cm lang mit einer Klinge von 65cm. Wie für ein Katana üblich hat es nur eine scharfe Seite an der Klinge und einen Schutz zwischen ihr und dem Griff. Der Schutz ist in Form eines V, wobei die untere Kante und die Ränder zu den oberen Kanten abgerundet sind. Dadurch wirkt es eher wie die Form eines Hufabdruckes.

Der Griff ist in weiß gehalten und hat als Verzierung einige braune Rauten auf beiden Seiten. Zusätzlich befindet sich an dessen Ende eine halb geöffnete Rosenblüte, dessen Blätter mit weiß beginnen und nach außen hin in rot übergehen. Die Klinge selbst ist in einem blutrot gehalten und die Oberfläche ist so speziell bearbeitet dass es so aussieht als würde man zähflüssiges Blut in diese Form gebracht haben. Sogar der Effekt dass bei unterschiedlichen Einstrahlungswinkeln von Licht die Oberfläche so aussieht als würde es sich wie eine Welle bewegen wurde übernommen.

Auch der Originalname Bloodrose, oder auch Blutrose in der übersetzten Variante, ist identisch. Die Fähigkeiten dieser magischen Waffe sind ebenso die gleichen wie in meiner programmierten Version. Natürlich kommt dies nicht wirklich überraschend wenn ich bedenke dass dies lediglich ein Traum ist. Da ist davon auszugehen dass die Gegenstände so sind wie ich sie ursprünglich erstellt habe.
 

Ich stecke den Angriffsgegenstand wieder weg und öffne erneut mein Inventar. Dort befindet sich noch ein weiteres Kleidungsstück, nämlich ein Mantel der von meinem Charakter Leonhardt eigentlich immer getragen wird. Es ist etwas komisch dass er nicht automatisch ausgerüstet wurde, aber vielleicht liegt das daran dass sowohl dieser als auch mein bereits getragenes Hemd für den Oberkörper gedacht sind. Trotzdem versuche ich den Mantel auszurüsten, was auch funktioniert.

Augenblicklich erscheint das Kleidungsstück auf meinem Körper. Er ist in schwarz und reicht mir bis zu den Kniekehlen hinunter. Die Ärmel sind eher kurz und gehen nur bis zur Mitte vom Oberarm. Er hat keinen Verschluss und wird daher vorne offen getragen. Als Verzierung hat er am unteren Ende und den Enden der Ärmel ein rotes Flammenmuster an der Außenseite. Der Halskragen ist dafür ohne Muster, aber recht lang und deckt somit den hinteren Bereich vom Hals komplett ab. Entgegen meiner Erwartung wird das Kleidungsstück aber unter dem Katana und dessen Halterung materialisiert, was mich aber nicht weiter stört.

Mehr befindet sich nicht in meinem Inventar, daher wechsle ich auf das Fenster mit den Skills. Es befinden sich auch bereits ein paar dieser Fähigkeiten in der Liste. Normalerweise startet man ein Spiel ja ohne Skills. Bestenfalls hat man ein oder zwei Fähigkeiten passend für die gewählte Charakterklasse, aber in meinem Fall kann ich bereits mehr als die gewöhnliche Startzahl sehen. Selbstverständlich ist auch dies nicht weiter ungewöhnlich, da dieser Charakter von mir mit besonderen Eigenschaften erstellt wurde und genau diese nun auch in meiner Liste zu finden sind. Allerdings muss ich zugeben dass mit diesen Skills selbst ein Spiel auf Hardcore-Modus keine wirkliche Herausforderung mehr wäre. Schließlich habe ich sie erschaffen um ein schnelles Durchspielen als Test zu ermöglichen und dabei kann man es sich als Spielehersteller nicht erlauben die für die Käufer wirklich geplante Spielzeit zu investieren. Es muss halt einfach schnell gehen und genau dafür sind diese Fähigkeiten gemacht.

Was mir noch in diesem Fenster auffällt ist das System mit dem die erworbenen Skills verbessert werden. Oben rechts kann ich einen Punkt sehen an dem Skillpunkte angezeigt werden. Mit diesen kann ich allem Anschein nach die einzelnen Positionen verbessern. Viel mehr kann ich jedoch in diesem Fenster nicht einsehen, daher schließe ich es wieder und rufe noch einmal das Statusdisplay auf.

Mein LV 1 ist wie vorhergesehen und auch die sonstigen Attribute sind typisch für einen Startcharakter. Stärke, Vitalität, Resistenz, Agilität, Intelligenz und Geist sind alle auf 7. Dann gibt es noch LP, also Lebenspunkte, MP, sprich Magiepunkte und Stamina, welche alle auf 20 liegen. Genauer gesagt sind sie bei 20/20, daher beziehen sich die drei Balken wohl auf diese Werte. Wenn die Reihenfolge korrespondierend gemacht ist steht rot für LP, blau für MP und grün für Stamina. Im Fenster gibt es noch Felder unter dem Punkt Kondition. Dort steht aber aktuell nichts, daher vermute ich dass es für solche Sachen wie Vergiftung, Paralyse und dergleichen steht. Ein ganz klassisches Rollenspiel also in dem ich mich gerade befinde.
 

Nun wird es aber Zeit dass ich meine Zeit in diesem Traum auch ausnutze. Als erstes sollte ich einen Weg aus diesem Raum finden. Ich schließe somit das Statusfenster und schaue mich noch einmal um. Wie beim letzten Mal kann ich kein offensichtlichen Ausgang entdecken, aber es gibt dennoch etwas was auffällt. An einer der Wände befindet sich genau in der Mitte und auf Höhe meines Kopfes ein verdächtiger Kristall in blauer Farbe.

Er ist nicht viel größer als eine geballte Faust, aber da sich außer den Lichtquellen sonst nichts anderes im Raum befindet kann ich davon ausgehen dass er eine Bedeutung hat. Ich gehe daher direkt dorthin und schaue ihn mir für einen Augenblick genau an. Wie bei meinem Katana erscheint mit etwas erhöhter Konzentration auf den Gegenstand ein kleines Display direkt daneben. Dadurch erfahre ich dass es sich um einen magischen Kristall handelt und dass bei Berührung tatsächlich ein Ausgang gebildet werden soll.

Natürlich warte ich nicht und berühre ihn mit meiner rechten Hand. Er leuchtet auf der Stelle auf. Zur Sicherheit entferne ich meine Hand wieder und trete einen Schritt zurück. Noch bevor ich wieder zum Stillstand komme, entsteht ein Magiekreis an der Wand mit dem Kristall als Zentrum. Nachdem der Kreis einen Durchmesser von ungefähr zwei Meter erreicht hat beginnt die Wand sich zu bewegen. Sie teilt sich in der Mitte auf und die Hälften verschwinden zur Seite im Rest der Wand. Es sieht beinahe wie eine Schiebetür aus, nur dass diese aus Erde besteht.

Außerdem kann ich erkennen dass sich eine Treppe nach oben bildet. Während die Stellen an der ursprünglichen Wand bereits zur Ruhe gekommen sind baut sich die Treppe immer weiter aus. Nach nur wenigen Sekunden hört dann auch das raschelnde Geräusch der Erdbewegung auf und Licht dringt von oben hinein. Der Ausgang kann also nicht weit entfernt sein, vermutlich nicht einmal zwei gewöhnliche Stockwerke darüber.

Mit voller Vorfreude auf das was mich erwartet betrete ich den neu geschaffenen Gang und gehe nach oben. Kurz darauf kann ich auch schon das Ende entdecken und werde durch das grelle Licht für einen Moment geblendet. Meine Augen gewöhnen sich aber schnell daran da ich ja nicht aus einem stockdunklen Bereich gekommen bin. Als ich endlich die letzte Stufe hinter mich gebracht habe lasse ich meinen Blick geradeaus schweifen. Bei dem Anblick vor meinen Augen bleibt mir die Spucke weg und ich werde starr vor Staunen.
 

Ich finde mich in einer beeindruckenden Wildnis wieder. Aber keine Wildnis wie ein Dschungel, sondern eine mit viel mehr Felsen. Vor mir erstreckt sich ein atemberaubender Canyon, der beinahe gerade verläuft. Die Länge davon kann ich nicht feststellen, da ich kein Ende der Schlucht sehen kann. Nach den Seiten weg befinden sich schier endlose Felsformationen, welche mal abgesehen von der Schlucht wie eine Wüste wirken.

Langsam gewinne ich meine Fassung zurück und schaffe es nun auch mich zu drehen um mein gesamtes Umfeld zu prüfen. Auch hinter mir geht der Canyon weiter, obwohl er nach ein paar hundert Metern eine Biegung nach links macht. Ich selbst befinde mich auf eine Felserhöhung genau in der Mitte der Schlucht, denn auch rechts und links von mir geht es steil bergab. Die Oberfläche auf der ich stehe ist so in etwa doppelt so groß wie der Raum von eben.

Gerade als ich einen Schritt nach vorne mache um zur Rand meiner Standfläche zu gehen schließt sich plötzlich der Gang zum Zimmer. Es sieht daraufhin so aus als wäre nie ein Gang da gewesen und die geschlossene Öffnung hat die gleiche braune Farbe wie der Rest der Felsen in dieser Gegend. Auffallend sind die vier Steinsäulen an den Rändern dieser Felsformation, denn sie sind alle mit einer Höhe von ca. drei Meter und einem Durchmesser von fast zwei Meter gleich groß und breit. Außerdem sind sie an gegenüberliegenden Stellen positioniert. Das wirkt alles andere als natürlich.

Während ich weiter zum äußeren Rand gehe blicke ich kurz zum Himmel. Er ist in einem klaren blau und es sind auch nur vereinzelt Wolken am Himmel. Die Luft ist überraschend klar für so eine Gegend, aber davon werde ich schnell wieder abgelenkt als ich am Ende ankomme. Ein einziger Blick in die Tiefe reicht aus um Leuten mit Höhenangst ein wahren Schrecken einzuflößen. Nach Augenschätzung ist die Schlucht locker 300m tief und die Wände sind ziemlich steil. Zur Prüfung gehe ich den Rand einmal komplett ab, aber der Grad der Steilheit ändert sich kaum.

Dies stellt mich allerdings gleich vor einem großen Hindernis. Wie soll ich von hier runterkommen? Der Canyon ist insgesamt vermutlich über einen Kilometer breit, was bedeutet das selbst mit meiner mittleren Position der Außenrand gute 500m entfernt ist. Die Wände sind auch eher etwas für wirklich erfahrene Kletterer, was den bloßen Versuch hinabzusteigen für einen Amateur wie mich unmöglich gestaltet. Leider hat mein Charakter auch keine Skills dahingehend.
 

Auf einmal hallt ein Geräusch in der Umgebung wieder. Es ist allerdings nicht sehr laut für eine Schlucht, in der man ein Echo erwartet. Ich brauche mich auch nicht wirklich anzustrengen um die Ursprungsrichtung auszumachen. Es kommt von der Seite des Canyons, an der sich die Kurve befindet.

Um die Ursache für das Geräusch festzustellen gehe ich zu dem Rand der entsprechenden Seite meiner kleinen Standfläche. Vorsichtig stelle ich mich neben die dort befindliche Steinsäule und passe dabei auf nicht zu nach an die Kante heranzugehen. Sicherheitshalber gehe ich in die Hocke und schaue dann zur entfernten Kurve der Schlucht. Obwohl der beobachtete Bereich ein ganzes Stück entfernt ist kann ich fast alles sehr deutlich sehen. Ich habe natürlich den Vorteil einer erhöhten Position und mein Augenarzt hat schon immer gesagt dass meine Sicht für einen Programmierer, der täglich auf einen Monitor starrt, absolut perfekt ist.

Außer der Schlucht und den großen Felswänden kann ich aber nichts weiter erkennen. Das Geräusch bleibt jedoch bestehen und wird sogar nach und nach immer lauter. Es klingt fast so als würde jemand im gleichbleibenden Rhythmus eine Trommel schlagen, allerdings ist der Laut selbst nicht wirklich mit einer Trommel vergleichbar. Ich bin mir sicher so etwas schon sehr oft gehört zu haben, aber es will mir im Moment einfach nicht einfallen wo genau.

Während die Intensität des Lautes weiter ansteigt kommt mir eine Idee. Mein Charakter Leonhardt, also ich, hat einen Skill der für so eine Situation passend ist. Der Scanner. Wie der Name schon erklärt ist dies eine Fähigkeit, die meine Umgebung scannt. Er wurde erschaffen um bei einem Testdurchlauf die Kartenabschnitte zu offenbaren damit ich keine Zeit mit falschen Wegen verschwende. Das Icon dafür, welches eines der Beiden auf der linken Seite meiner Balken ist, sieht wie ein Radar aus.

Mit meiner Gedankensteuerung öffne ich also die Mini-Map. Von der rechten, oberen Ecke schiebt sich das Fenster in die Mitte meines Sichtfeldes und vergrößert sich soweit, dass es den halben Bereich einnimmt. Wie für ein Spiel üblich befindet sich ein kleines Dreieck an der Stelle in der Mitte und signalisiert meine aktuelle Position. Die Spitze davon zeigt dabei in meine Blickrichtung. Ein kleiner Teil der Karte direkt um mich herum ist bereits freigelegt, so wie es auch in Games passiert. Links oben im Display steht auch der Name der Region: Riss des Todes. Ein sehr ungewöhnlicher Name für einen Canyon, den ich auch nicht wirklich zuordnen kann. Schon erstaunlich was mein Unterbewusstsein in Träumen so alles erfindet.

Das ist im Augenblick jedoch nicht weiter wichtig und so konzentriere ich mich wieder aufs eigentliche. Erneut nutze ich die Steuerung mit meinen Gedanken und aktiviere den Skill Scanner. Das geöffnete Fenster wird nun automatisch heraus gezoomt um den kompletten Bereich dieser Region anzuzeigen. Dadurch ist der Großteil schwarz und nur ein kleiner Bereich in der Mitte freigelegt. Anschließend lauft eine weiße waagerechte Linie von oben nach unten und offenbart das Gebiet unter der schwarzen Verdeckung.

Was sofort auffällt sind die vielen roten Punkte, der nun hinter der Kurve in der Schlucht erscheinen. Normalerweise steht rot für Gegner wenn es um solche Karten geht, was ein schlechtes Zeichen für mich ist, denn es sind eine ganze Menge an Punkte. Sie sind alle sehr dicht beieinander wodurch das Zählen schwer fällt. Aber selbst geschätzt sind es locker über 400 davon und sie bewegen sich offenbar in einer Art Formation.

Auch die Art an Gegner kann ich sehen, denn über den Punkten werden kleine Fenster angezeigt, die die Namen und das Level von ihnen anzeigen. Zum Glück kann ich die einzelnen Fenster mit Gedankensteuerung hervorheben, sonst wäre es schwer etwas bei der Bündelung zu lesen.

Ich kann verschiedene Namen sehen. Skelettkrieger, Skelettbogenschütze, Skelettmagier, Elite-Skelettkrieger und noch andere. Es sieht ganz nach einer Skelettarmee aus, welche aus Gruppen besteht. Die Level von der Masse an Gegner machen mir ziemliche Sorgen. Die Schwächsten von ihnen sind auf LV 46 und steigen auf bis zu 60. Mit meinem LV 1 ist dies eine unüberwindbare Hürde, selbst mit den speziellen Fähigkeiten von Bloodrose.
 

Ich schließe das Kartenfenster wieder als ich bemerke dass die große Gruppe an der Kurve des Canyons ankommt. Ich sollte zwar aufgrund meiner erhöhten Position nicht weiter auffallen, trotzdem bleibe ich in der Hocke und verstecke mich zusätzlich auch halb hinter der Säule. Anschließend fixiere ich meinen Blick auf den Punkt der Schlucht, an dem die Kreaturen jeden Augenblick zum Vorschein kommen werden.

Tatsächlich dauert es auch keine ganze Minute als ich die ersten Wesen erkennen kann. Wie bereits auf der Karte zu sehen war bewegen sie sich in einer Formation fort. Trotz der Distanz kann ich sie ganz gut erkennen. Es sind wirklich Skelette, genau wie die Namen bereits verrieten. Allerdings kann ich keine großen Details erkennen.

Das ist aber auch nicht notwendig, da es an solchen Wesen ja für gewöhnlich nicht viel zu erkennen gibt. Die Knochen der Skelette sind in einem reinen weiß. Sie haben unterschiedliche Ausrüstung. Die vordere Reihe läuft zum Beispiel mit großen Schilden herum, wobei die Reihen dahinter Bögen besitzen.

Als immer mehr von der Armee zu sehen ist fällt mir nun auch ein warum dieses widerhallende Geräusch so bekannt ist. Es ist das einfache Echo einer im Gleichschritt marschierenden Armee. Ehrlich gesagt sieht es irgendwie merkwürdig aus Skelette in so einer militärischen Fortbewegung zu sehen, aber sie gehen absolut synchron voran. Und obwohl der Boden allem Anschein nach aus trockener Erde besteht wird dabei kaum Staub aufgewirbelt.

Es dauert etwas bis die ganze Gruppe die Kurve hinter sich gelassen hat und nun wieder dem geraden Verlauf des Canyons folgen. Dabei wird das Stampfgeräusch durch die abnehmende Entfernung immer lauter. Ich kann sogar die Vibrationen der Schritte spüren. So grotesk eine Skelettarmee auch ist, der Anblick ist dennoch faszinierend und zieht mich ein bisschen in dessen Bann.
 

Mit noch weniger Distanz zwischen uns schaue ich mir die Reihen etwas genauer an. Zur Mitte hin werden die Wesen augenscheinlich stärker. Einige von ihnen tragen auch ganze Rüstungen und ich kann außerdem welche mit Stäben an den Seiten erkennen. Ich vermute mal dass dies Magier sind und die Skelette mit den Rüstungen zur Elite gehören. Es gibt aber noch etwas was auffällt und sich genau in der Mitte der Armee befindet.

Dort ist nämlich so eine Art Thron, der von mehreren der Kreaturen auf den Schultern getragen wird. Die Konstruktion selbst scheint aus Gold zu bestehen, zumindest ist sie in dieser Farbe. Es ist auch wirklich bloß ein Boden mit einem großen Sitz, der allerdings einige Verzierungen hat. Ich kann nicht anders als dies als Thron anzusehen, denn auch die Person darauf fällt ins Auge. Unter anderem weil es sich dabei nicht um ein Skelett handelt, sondern ein Wesen aus Fleisch und Blut ist.

Es als normale Person zu bezeichnen ist jedoch auch nicht wirklich korrekt, denn es ist kein Mensch. Es sieht eher wie die Kreuzung zwischen einem Menschen und einem Hund aus. Es hat die Statur eines Menschen mit zwei Armen und Beinen, aber der Kopf gleicht eher dem eines Hundes mit einer langen Schnauze. Die Haut ist komplett schwarz mit vereinzelten violetten Linien, welche fast wie Adern wirken und leicht leuchten. Der Körper selbst ist sehr muskulär, daher tippe ich darauf dass es sich um einen Mann handelt. Seine Augen strahlen im gleiche violett wie die Linien auf seiner Haut.

Seine Kleidung fällt eher spärlich aus, ist aber dennoch extrem majestätisch. Um seinen Bauch trägt er ein Kleidungsstück dass wie eine Rüstung wirkt und aus vielen abgerundeten violetten Platten mit Goldrand besteht. Es ist offensichtlich mit seiner Hose verbunden, welche nicht viel länger ist als eine Männerunterhose. Auch diese besteht aus violetten Platten mit goldenem Rand und als Bonus hat er direkt vor seinem Genitalbereich einen Schutz, der wie ein Schild aussieht. Das Farbschema ist natürlich das gleiche, aber als Zusatz sind darauf lila Edelsteine vorhanden

Weiterhin trägt er einen Helm der zwei nach oben gerichtete spitze Ohren besitzt. Ich kann es nicht wirklich erkennen, aber ich gehe davon aus das darunter Ohren in gleicher Form sind, da er ja einen Hundekopf hat. Der Helm ist größtenteils aus Gold und hat am oberen Ende zwischen den Ohren einen großen violetten Stein. Die Seiten der Kopfbedeckung reichen ihm bis zum Brustbereich hinunter und sind im gleichen Farbton wie seine restliche Kleidung. Weiterhin trägt er einen Halsschutz, der ihm bis zum oberen Brustbereich runter hängt und als Verzierung mehrere Edelsteine besitzt. Ob dieser mit dem Kopfteil verbunden ist oder nicht kann ich nicht sehen.

Zu guter Letzt trägt er noch breite Armbänder direkt hinter der Hand an beiden Armen, welche auch mit violetten Steinen bestückt sind. An seinen Oberarmen befinden sich genau in der Mitte nochmal Armbänder, welche wie die anderen aussehen, aber nicht ganz so breit sind und keine Steine haben.

Neben dem Thron befindet sich auf der von mir aus gesehen rechten Seite ein langer goldener Stab, dessen oberes Ende so geformt ist dass es wie ein auf der Seite liegendes U aussieht. Auch am Stab sind viele violette Edelsteine als Verzierung.

Niemand würde hier lange brauchen um dieses Wesen als dessen Anführer zu erkennen, aber mir ist vorher auf der Karte gar nicht aufgefallen dass es jemand anderes als ein Skelett gibt. Daher öffne ich erneut das entsprechende Fenster und konzentriere mich diesmal auf die Mitte der Formation.

Tatsächlich fällt mir nun auch ein Name ohne den Skelettteil auf. Mit meiner Gedankensteuerung hebe ich ihn hervor um mir die Informationen dazu anzugucken.
 

Anubis

LV 85

Titel: Lord des Schreckens
 

Als ich dies lese halte ich für einen Moment inne. Der Name selbst ist bestimmt jedem aus der Mythologie bekannt. Wobei ich von Anubis bisher immer nur im Zusammenhang mit der Hölle gehört oder gelesen habe. Das so ein Wesen sich frei in dieser Welt bewegt ist schon ungewöhnlich. Was es mit diesem Titel auf sich hat kann ich auch nicht nachvollziehen, aber das Charaktere in Spielen Titel besitzen ist ja nichts besonderes. Allerdings sind es üblicherweise eher solche wie Held oder dergleichen. Sein Level macht mir aber noch mehr Sorgen als der Rest, denn er ist ein gutes Stück stärker als seine Untergebenen, welche mir schon weit überlegen sind.

Wie ich es auch drehe und wende, ich sehe absolut keine Siegeschance in einem normalen Kampf gegen diese Armee. Wir haben den Charakter Anubis auch noch nie in unseren Spielen verwendet, also weiß ich auch nicht was für Fähigkeiten mein Unterbewusstsein dieser Traumfigur gegeben hat. Meine beste und im Grunde genommen einzige Option ist es also ruhig hier zu warten bis die Gegnergruppe wieder verschwunden ist und dann nach einer Möglichkeit von hier herunter zu kommen zu suchen.

Ich schließe also das Kartenfenster wieder und schaue noch einmal auf den Anführer der Skelette. Genau in diesem Augenblick hebt er seinen Kopf etwas an und schaut plötzlich genau in meine Richtung. Ein kalter Schauer läuft mir den Rücken hinunter als ich dies mitbekomme. Instinktiv mache ich eine Drehung um mich komplett hinter der Säule zu verstecken. Dabei ist mein Rücken nun daran gelehnt. Ich kann den erhöhten Herzschlag in meiner Brust spüren. Meine Hände zittern und Angstschweiß läuft mir die Stirn hinunter. Das ist das erste Mal dass ich so etwas in einem Traum fühle. Meine bisherigen Klarträume hatten nie dieses Maß an Körperreaktionen. Und dass ich allein vom bloßen Augenkontakt zu diesem Wesen bereits so außer Gefecht gesetzt wurde ist genauso erschreckend. Der Anführer dieser Armee macht seinem Titel wirklich alle Ehre.
 

Jetzt kann ich nur hoffen dass er mich nicht gesehen hat. Zum Glück war ich ja halb von der Steinsäule verdeckt und bin auch sofort dahinter verschwunden. Ideal wäre es wenn dieses Monster mich nur für eine in dieser Region reguläre Kreatur halten würde.

Allgemein gesehen ist es nicht gerade ungewöhnlich dass der Held einer Geschichte gleich zu Beginn des Spiels auf den eigentlichen Endgegner trifft und gegen diesen antreten muss. Meistens wird es als Tutorial oder zur Einführung in die Story benutzt und endet in der Niederlage des Helden. Natürlich wird er in irgendeiner Form gerettet und überlebt um dann an einem komplett anderen Ort die richtige Geschichte zu beginnen.

Wir selbst haben auch einige Spiele mit solchen Szenarien erschaffen, aber trotzdem sehe ich meine aktuelle Lage als zu extrem für so einen Ablauf. Ich bin immerhin vollkommen alleine und habe eine ganze Armee als meinen Gegner, dessen Krieger mich schon bei weitem übertreffen.

Ein paar Sekunden vergehen ohne dass etwas passiert und langsam normalisiert sich mein Herzschlag wieder. Um weiterhin verborgen zu bleiben verlasse ich mein Versteck nicht und rege mich auch nicht groß. Lediglich meine Atmung führt zu den dazugehörenden Bewegungen meiner Brust.

Eine frische Brise weht durch die Gegend und ich kann das Geräusch des Windes in der Schlucht hören.
 

Hmmm?
 

Moment mal! Hier stimmt etwas nicht! Warum kann ich den Wind hören?
 

Mit dieser gedanklich gestellten Frage erkenne ich plötzlich was los ist. Es ist einfach zu leise. Das stampfende Marschgeräusch der Armee ist verschwunden. Die Erkenntnis was dies bedeutet löst erneut Schrecken in mir aus. Mit einer langsamen, fast schon mechanisch wirkenden Bewegung drehe ich meinen Kopf und Körper soweit dass ich gerade so in die Schlucht sehen kann.

Es braucht meine ganze Kraft nicht in Panik zu verfallen und zu flüchten bei dem Anblick in der Tiefe. Das Heer ist zum Stillstand gekommen. Die erste Reihe an Skelette hat sich hingekniet und deren Schilder schützend vor sich auf den Boden gestellt. Die Bogenschützen dahinter haben ihre Waffen in Anschlag und auch bereits mit Pfeile bestückt. Dabei sind ihre Bögen schräg nach oben gerichtet, wodurch es keinen Zweifel gibt dass ich ihr Ziel bin. Ihr Anführer Anubis hat seinen Blick weiterhin auf meine Position gerichtet. Zusätzlich hält er seinen rechten Arm seitlich hoch sodass seine Schulter und der Oberarm eine gerade Linie ergeben. Sein Unterarm ist rechtwinklig nach oben gerichtet.

Noch bevor ich reagieren kann schwingt er den gehobenen Arm so nach vorne dass seine Hand anschließend direkt auf mich zeigt. Das nächste was ich sehe ist wie die knochigen Bogenschützen die Sehnen ihrer Waffen loslassen und ein Hagel aus Pfeile auf mich zufliegt.

Sofort drehe ich mich zurück um wieder hinter der Säule zu verschwinden. Kurz darauf treffen die Geschosse auf meine Umgebung. Das Geräusch der auf das Gestein treffenden Pfeilspitzen ist extrem laut. Einige der Pfeile fliegen an beiden Seiten neben mir vorbei und beginnen kurz darauf den Fallflug. Es ist auch zu hören wie an verschiedenen Stellen Erdstücke durch die Wucht der Geschosse herausgebrochen werden. Davon bleibt auch meine schützende Steinsäule nicht verschont, was mir die Vibrationen ganz klar verraten.

Dann endlich lassen die Aufpralllaute nach und es kommen keine Pfeile mehr vorbeigeflogen. Doch für Freude darüber bleibt keine Zeit, da ich unmittelbar darauf hören kann wie eine weitere Welle von den Bögen gelassen wird. Ein weiteres Mal beginnt die Bombardierung um mich herum und wieder werden Felsbrocken zersplittert.
 

Chancenlos meine Position unter diesen Umständen zu verlassen rechne ich bereits mit dem baldigen Ende dieses Traumes. Geschlagen von dieser Tatsache senke ich meinen Kopf nach unten um auf darauf zu warten. Auf einmal kommt etwas in mein Blickfeld, was schon die ganze Zeit da war. Das Icon auf der linken Seite meiner drei Balken und neben dem Symbol für den Scanner. Das dort befindliche Bild ist mit einem einfachen roten Kreis recht spärlich gehalten, aber dafür ist der Effekt umso größer.

Natürlich handelt es sich dabei ebenso um einen von mir programmierten Skill, der allerdings rein für den Angriff gedacht ist. Beim Testen muss es in Spielen schnell gehen und da kann man es sich nicht erlauben viel Zeit gegen eine Masse an Gegner zu verbrauchen. Also habe ich eine Attacke kreiert, die sämtliche Gegner in einem bestimmten Bereich komplett ausradiert. Ganz egal wie stark diese auch sind. Dieser von mir als Sonnennova bezeichnete Skill kann definitiv als Cheat angesehen werden, da er im Grunde genau das ist. Doch genau das ist es was ich in dieser Situation brauche.

Während noch immer Pfeile gegen das Gestein prallen wähle ich die Fähigkeit mit meiner Gedankensteuerung an. Gleich darauf erscheint ein kleines Fenster in der Mitte meines Sichtfeldes. Dort steht etwas geschrieben.
 

„Bitte nehmen Sie die Angriffsposition ein und wählen Sie das Zielgebiet.“
 

Durch diesen Satz erinnere ich mich an meine Einsätze dieser Fähigkeit. Wenn ich sie in einem Spiel benutzt habe musste ich ein Gebiet wählen und dann hat der Charakter seine rechte Hand dorthin gestreckt bevor er den Angriff ausführte. Und ich muss anscheinend das gleiche tun.

Dafür muss ich allerdings für einen Augenblick aus meiner Deckung kommen um zu zielen. Was mich wiederum für einen gegnerischen Angriff entblößt. Mir bleibt jedoch keine Wahl und so atme ich einmal tief durch. Die beste Möglichkeit ist es zwischen den Pfeilwellen zu attackieren. Daher bleibe ich in Deckung, denn ich kann bereits hören wie eine neue Salve in meine Richtung kommt.

Vorbereitend erhebe ich meine rechte Hand auf Brusthöhe um anschließend nicht viel Bewegungen ausführen zu müssen. Mit lauten Aufprallgeräuschen treffen die Geschosse erneut auf meinen Schutz. Es sind dabei ein paar Risslaute zu hören, was bedeutet das die Integrität der Säule nachlässt. Ich glaube nicht dass der Felsen die nächste Welle übersteht, also bleibt mir nur eine Chance.

Auf einmal splittert das Gestein am linken Rand der Säule und einer der Pfeile schießt hindurch. Er streift meinen linken Arm kurz über den Ellenbogen und schneidet dabei ins Fleisch bevor er weiterfliegt.. Sofort spritzt etwas Blut nach vorne und wird vom Geschoss mitgerissen. Ein brennender Schmerz strömt von der Wunde aus nach unten und oben. Mit all dem was ich bisher in diesem Traum gespürt habe kommt es nicht sehr überraschend dass ich auch Schmerzen fühlen kann. Glücklicherweise ist die Wunde auch nicht tief und blutet nicht sehr stark.

Um die Verletzung kann ich mich später auch noch kümmern, denn im Moment habe ich etwas wesentlich wichtigeres zu erledigen. Immerhin lässt der Pfeilhagel nach. Diese Welle nähert sich dem Ende und so trete ich nun in Aktion. Mit einer schnellen Bewegung komme ich aus meiner halb zerstörten Deckung hervor und richte meinen Zielarm auf das Gebiet der Armee aus. Leider sind noch nicht alle Geschosse vorbei und so trifft mich ein weiterer Pfeil auf der rechten Seite des Kopfes. Es ist jedoch nur ein kleiner Kratzer, da der Pfeil mich lediglich gestreift hat.

Davon lasse ich mich aber nicht ablenken und ziele mit meiner Hand auf den Anführer der Gegnergruppe. Keine Sekunde später wähle ich den Skill aus. Diesmal erscheint kein Fenster, denn der Angriff wird auf der Stelle ausgelöst. Ein heller Feuerball in der Größe eines Handballes entsteht vor der Handfläche und wird auch sofort abgeschossen.

Die gegnerischen Bogenschützen laden gerade ihre Waffen nach, doch mein Angriff ist schneller als ein Pfeil. Aufgrund der Größe breiten sich Zweifel in mir aus, was mich in meiner Haltung erstarren lässt. Die Skelette beginnen mit dem Zielen kurz bevor die Kugel ankommt und für einen Moment kann ich mich bereits von Pfeilen aufgespießt sehen.

Als der Feuerball über die Schützen hinwegfliegt lassen sie eine weitere Salve los. In der nächsten Sekunde erreicht mein Angriff sein Ziel und entfesselt seine Macht.
 

Im folgenden Augenblick expandiert die Kugel mit einer extremen Geschwindigkeit. Schneller als ein Mensch zum Blinzeln braucht hat die Flammensphäre die gesamte Armee in sich verschlungen. Auch die Pfeile kommen nicht bei mir an, da sie ebenso vom Angriff gefressen werden.

Vor mir ist ein Bild wie man es wohl nur in Träumen oder Filmen sehen kann. Ein gleißend heller Feuerball, so groß wie ein Berg. Es sieht aus als ob eine kleine Sonne vor mir brennt. Plötzlich werde ich von der Druckwelle der Explosion erwischt und falle gut drei Meter nach hinten auf meinen Rücken. Die schiere Energie der Sonnennova erhitzt die Gegend so stark das selbst eine Wüste zur Mittagszeit mit praller Sonne als angenehm kühl bezeichnet werden kann. Mein Körper fühlt sich an als wäre ich in ein überheißes Bad gesprungen.

Mit einem Blick voller Furcht auf das Spektakel vor mir versuche ich soweit wie möglich nach hinten zu kriechen. Da der äußere Rand der Sonne aber keine 50 Meter von mir entfernt ist macht es nicht wirklich einen Unterschied. Zumal meine Fläche begrenzt ist und ich nicht lange brauche bis ich an der Kante ankomme.

Auf einmal beginnt der Boden unter mir zu brechen. Noch bevor ich über die Ursache nachdenken kann spalten sich die äußeren Teile der Felsformation ab. Da ich mich natürlich genau am Rand befinde fliege ich als erstes mit hinunter. Ich kann dabei regelrecht zusehen wie die nächsten Teile abfallen und auf mich zukommen.

Mit einem eher verzweifelten Lächeln schaue ich einem großen Felsbrocken zu wie er sich mir im Fall nähert. So schnell wie dieser Traum begonnen hat, so schnell endet er also. Soviel zu meiner Reise durch die Traumwelt.

Mit diesem Gedanken im Kopf trifft der Felsen auf mich und alles wird schwarz.

The Dream goes on.

Nach den Geschehnissen erwache ich fast schon panisch aus meinem Schlaf. Es ist leicht zu vergleichen mit dem Moment wenn man morgens durch das Klingeln des Weckers wach wird, aber sich dafür entscheidet noch 5 Minuten liegen zu bleiben und dann doch erneut weg döst bevor man kurz darauf voller Panik merkt dass man nun doch verschlafen hat.

Genau wie in so einer Situation reiße ich meine Augen bis aufs Maximum auf und erhebe meinen Oberkörper um in eine sitzende Position zu kommen. Was ich erblicke entspricht aber alles andere als meiner Erwartung und sorgt dafür dass die Panik anhält. Ich bin ja davon ausgegangen dass ich nach diesem merkwürdigen Traum und den vermeintlichen Tod durch den Sturz wieder in meinem Bett im Schlafraum der Firma aufwache. Stattdessen erstreckt sich ein blauer Himmel über meinem Kopf und direkt vor mir sind große Felsbrocken auf dem Boden.

Auf der Stelle schaue ich einmal nach rechts und links und erkenne die Wände der großen Schlucht aus dem Traum. Außerdem stelle ich mit einem flüchtigen Blick an mir hinunter fest, dass auch meine Kleidung noch immer der meines Charakters Leonhardt entspricht. Zur absoluten Sicherheit greife ich mit meiner rechten Hand oberhalb dessen Schulter und kann auch direkt den Griff einer mir sehr bekannten Waffe spüren. Nachdem ich die Hand wieder heruntergenommen habe atme ich einmal tief durch um die Erkenntnis zu verarbeiten. Der Traum ist noch immer nicht vorbei.
 

Die folgenden Sekunden bleibe ich regungslos auf dem Boden sitzen. Meine Gedanken drehen sich lediglich darum wie so etwas möglich sein kann. Luzider Traum hin oder her, für gewöhnlich wacht man nach einem Todesmoment wieder auf. Oder man geht zumindest erneut in die Tiefschlafphase über. Ein Wechsel zu einem komplett anderen Traum ist auch noch eine Möglichkeit, aber einfach wieder im gleichen Szenario aufzuwachen ist einfach nur unglaublich. Ehrlich gesagt kann ich mich auch nicht daran erinnern jemals einen Traum gehabt zu haben indem ich gestorben bin. Normalerweise übersteht man selbst die brisantesten Ereignisse. Selbstverständlich erinnert man sich nie an alle Träume, aber diese Situation ist einfach nur eigenartig.

Obwohl es durchaus treffend ist zu sagen ich habe eine brisante Angelegenheit überlebt, also ist es streng genommen vielleicht doch gar nicht so ungewöhnlich. Ich war zwar noch nie in einem Traum bewusstlos, aber es gab ja schon so einige Sachen in dieser Illusion, die ich sonst auch noch nie erlebt hatte.

Mit dem letzten Gedankengang stellt sich mir jedoch eine Frage. Wie habe ich diesen Sturz überhaupt überlebt? Die Höhe an sich war ja schon tödlich, ganz zu schweigen davon dass ich von einem großen Felsen erschlagen wurde. Von dieser Frage gesteuert schaue ich mir meinen Körper noch einmal etwas genauer an.

Erstaunt bemerke ich dass ich absolut unversehrt bin. Ich kann nicht den geringsten Schaden entdecken und das betrifft nicht nur meinen Körper, sondern auch meine Kleidung. Selbst diese zeigt keine Spuren von Zerstörung in jeglicher Form. Ich kann auch keine Schmerzen fühlen. Um sicher zu gehen stehe ich nun endlich auf. Ohne Schwierigkeiten führe ich diese Bewegung aus und kann auch sonst nichts Ungewöhnliches am Körper spüren.

Auf einmal kommt mir die Erinnerung dass ich ja kurz vor dem Sturz von zwei Pfeilen leicht erwischt und verletzt wurde. Sofort hebe ich meinen linken Arm vor meinen Körper und schaue zum Ellenbogen. Es ist allerdings keine Wunde mehr zu sehen. Es gibt noch nicht einmal einen Kratzer oder ein Zeichen der Heilung. Als ob es nie eine Wunde gegeben hätte. Auch die Überprüfung meiner rechten Wange zeigt das gleiche Ergebnis, denn auch dort kann ich keine Spur einer Verletzung fühlen.
 

„Was zum...“ beginne ich erstaunt zu sprechen als mir plötzlich eine Idee in den Sinn kommt und ich dadurch mitten im Satz aufhöre.
 

Ich bin aktuell im Grunde genommen der Hauptcharakter in einer Spielwelt. Mein Statusfenster hat mir zuvor ganz klar gezeigt dass ich einen Level habe. Und auch wenn es mehr durch einen Cheat war, so habe ich mit meiner Sonnennova eine ganze Menge an Gegner besiegt. In einem Spiel mit Levelsystem kann dies ja nur eins bedeuten: Ich habe Erfahrung bekommen!

Ohne Zögern nutze ich die Gedankenkontrolle und klicke damit das Icon für das Statusfenster an. Auf den Befehl reagierend öffnet sich das entsprechende Feld in der Mitte meines Sichtbereiches. Mein Blick wird natürlich sofort zur Stelle des Levels gezogen.
 

„Heilige Scheiße!“
 

Diese Worte entrinnen meinem Mund ohne dass ich es überhaupt selbst will. Es ist im Prinzip eine automatische Reaktion auf die Zahl neben dem LV im Fenster. Ich bin mir sicher jeder, der schon einmal so ein Spiel gespielt hat würde genau das gleiche sagen. Vor allem wenn man bedenkt dass ich sozusagen ein Anfänger in diesem Game bin.
 

„LV 460...“ spreche ich die krasse Zahl im Statusbereich leise und etwas ungläubig aus.
 

Dieser Schock sitzt tief und für einen Augenblick kann ich nichts anderes tun als auf diese eine Zahl zu schauen. Mir ist klar dass es sich hierbei nur um einen Traum handelt und dazu noch eine Simulation eines Spiels, trotzdem fällt es mir schwer diese Information zu verdauen. Immerhin war ich eben noch LV 1.

Dazu kommt noch dass üblicherweise eine Grenze bei Level 100 gesetzt wird, doch selbst die habe ich locker hinter mich gelassen. Nach ein paar Sekunden beginne ich mich langsam von dieser Überraschung zu erholen und schaffe es nun auch logisch darüber nachzudenken.

In gewisser Weise macht ein gewaltiger Erfahrungsgewinn und damit verbundener Levelboost durchaus Sinn. Schließlich habe ich mit meinem Angriff eine ganze Armee von ungefähr 400 Leuten vernichtet. Nicht zu vergessen der originale Levelunterschied zu Beginn der Auseinandersetzung. Da ist es natürlich normal dass man schnell stärker wird, aber dennoch gibt es ab einem bestimmten Punkt nicht mehr viel Erfahrung. Sobald man ein paar Level höher ist und die benötigte Erfahrung für einen Aufstieg sich ebenso damit erhöht, wächst man nicht mehr so schnell.

Doch auch in diesem Fall ist mein Charakter etwas besonderes. Denn genau für eben jene Hürde des langsamen Aufstiegs habe ich ihm eine passende Fähigkeit gegeben, welche auch nicht wirklich mehr als ein Cheat ist. EP-Boost heißt der Skill. Er bewirkt dass selbst bei einem höheren Level gegenüber den Gegnern genügend Erfahrungspunkte gewährt werden um weiterhin schnell zu leveln.

An sich werden die erhaltenen EP je nach eigenem Level mit einem speziell generierten Faktor multipliziert. Auch diesen Skill habe ich wegen den Tests erstellt, da man nicht ewig damit verbringen kann um zu trainieren. Ich muss dennoch zugeben dass mein erreichtes Level und die Wirkung dieser Fähigkeit mich überrascht haben.
 

Mein Schock wird auch nicht weniger als ich endlich meinen Blick vom Level löse und auf die sonstigen Attribute im Fenster richte. Wie zu erwarten haben sich natürlich auch diese durch den Aufstieg erhöht, aber die aktuellen Zahlen lösen genau wie das Level Erstaunen aus.

Stärke hat einen Wert von 1245, Resistenz 1193, Vitalität 1030, Agilität 1200, Intelligenz 1108 und Geist 1077. Nicht nur die Höhe selbst kommt überraschend, sondern auch die Tatsache dass die übliche Obergrenze von 99 bzw. 999 von jedem Wert übertroffen ist. Andererseits kenne ich die regulären Höchstwerte dieser Traumwelt nicht und der Charakter Leonhardt besitzt selbstverständlich auch dafür eine passende Technik namens Overlimit. Der Name verrät den Effekt an sich schon, denn es erlaubt dem Charakter, also mir sozusagen, den normalen Grenzwert zu überbieten.

Auch die drei verbleibenden Attribute haben sich deutlich verbessert. Meine LP liegen bei 4310, MP bei 4250 und Stamina steht auf 4075. Jeder von ihnen ist auch komplett gefüllt, was somit auch erklärt warum meine Verletzungen von zuvor verschwunden sind. Dank der Regenerationsfähigkeit, welche ebenso durch einen speziellen Skill extrem verstärkt ist, wurden meine Wunden geheilt und die Werte wieder aufgefüllt.

Zusätzlich erklärt dies auch warum ich den Sturz selbst überlebt habe. Als dies passierte waren die Gegner ja bereits von der Flammenkugel verschlungen und dementsprechend besiegt. Auch wenn der Levelaufstieg nicht augenblicklich vollzogen wurde, so hatte ich vermutlich bereits genug Level bekommen um den Fall zu überstehen.

Während ich die neuen Zahlen der Attribute betrachte stellt sich mir eine Frage. Für was steht Intelligenz und Geist eigentlich? Die restlichen Sachen erklären sich ja quasi von selbst, aber was diese Beiden angeht bildet sich schon ein Fragezeichen über meinem Kopf. Intelligenz bezieht sich vermutlich nicht auf die Schlauheit, denn die kann doch nicht so einfach steigen. Eine Fähigkeit durch investieren von Punkten zu verbessern ist eine Sache, aber von einem Augenblick zum nächsten schlauer zu werden ist dann doch etwas weit hergeholt. Ich fühle mich auch nicht wirklich so als ob ich mehr Wissen als zuvor habe.

Geist ist ebenso ein aus rein menschlicher Sicht merkwürdiger Wert. Spirituelle Dinge haben ja nicht viel mit einer Spielwelt zu tun. Natürlich kennt man diese zwei Attribute von Spielen, besonders wenn es um Magier geht, aber was bedeuten sie in meinem Fall? Mit dieser Frage im Kopf richte ich meinen Blick auf die beiden Stellen im Statusfenster.

Genau in diesem Moment erscheinen Erklärungen über den Feldern als ob mein Gedanke von irgendetwas gelesen wurde. Die neuen Informationen lese ich mir sofort durch. Intelligenz beeinflusst die Menge an MP und das Verständnis von Magie, sowie dessen Stärke. Der Geist hat Auswirkung auf die Regenerationsrate der MP und bringt zusätzlich Verteidigung gegen mentale Fertigkeiten. Außerdem gewährt ein höherer Wert eine bessere Resistenz gegen Statusveränderungen.

Jetzt ist mir klar dass es sich nicht wirklich viel zu den Werten in anderen Spielen unterscheidet, denn auch dort stehen diese Punkte üblicherweise im Zusammenhang mit MP und Magie.
 

Der Schock über diese erstaunlich hohen Werte verfliegt nun allmählich wieder, wodurch ich auch meine Gedanken wieder sammeln kann. Dank der Gedankensteuerung wechsle ich somit zu dem Skillfenster um zu prüfen ob es auch dort Veränderungen gibt.

Nach einem kurzen Blick über das holografische Bild stelle ich jedoch fest dass es kaum etwas Neues gibt. Genau genommen hat sich lediglich eine Zahl verändert, nämlich die der Skillpunkte. Davon besitze ich aktuell 465. In Anbetracht meiner Stufe lässt dies die Vermutung zu, dass man pro Level einen Punkt bekommt. Oder aber man bekommt ein paar Mal keine Punkte und dann mehrere auf einmal, was sich im Endeffekt mit dem Level ausgleicht.

Allerdings spielt es für mich keine große Rolle welche der beiden Varianten zutrifft, denn als Testcharakter besitzt Leonhardt auch dafür einen passenden Skill, der mit der Zeit automatisch neue Punkte generiert.

Die Liste der Fähigkeiten ist genau wie vorher bestehend aus den von mir kreierten Skills. Es überrascht mich ehrlich gesagt ein wenig dass es keinerlei neuen Techniken gibt, denn ich habe auch für diesen Fall eine Fähigkeit erschaffen, die dass einfache Aufsaugen anderer Skills erlaubt. Andererseits ist es so programmiert dass die Aneignung bei direkter Einwirkung oder auch Blickkontakt aktiviert wird. Der Angriff der Skelette hat diese Konditionen nicht wirklich erfüllt, also ist es kein Wunder dass ich dabei nichts gelernt habe.

Nun bleibt noch eine Sache zu checken. Dementsprechend wechsle ich ein weiteres Mal das geöffnete Fenster und rufe mein Inventar auf. Hier kann ich schon beim ersten Blick die Änderung erkennen. Es ist voll. Sämtliche Plätze im Sichtfeld sind mit Gegenständen gefüllt und eine senkrechte Scrollleiste an der Seite sagt mir dass es noch nach unten weitergeht.

Auf der Stelle nutze ich diese mental um zu sehen wie viel Sachen sich im Inventar befinden. Jetzt merke ich dass es mehr als nur voll ist. Immer wieder muss ich erneut scrollen und es dauert einige Male bis ich endlich am Ende ankomme. Eine Anzeige gibt mir die Information dass es mehr als 400 Gegenstände sind, wobei anscheinend nur die belegten Plätze im Inventar gemeint sind, denn es gibt auch Haufen bei denen gleiche Dinge gestapelt sind und somit nur einen Platz einnehmen.

Es sieht ganz so aus als ob meine Tragekapazität unendlich ist, was mich etwas deprimiert. Allein der Gedanke daran jedes Stück was ich im Augenblick besitze zu prüfen bereitet mir Kopfschmerzen, ganz zu schweigen davon die Sachen zu sortieren. Da es aber auch einen Vorteil hat so viele Gegenstände tragen zu können, sollte ich mich wohl nicht beschweren.
 

Anschließend gehe ich wieder zum oberen Anfang der Liste um mir die ersten Sachen genauer anzuschauen. Bereits dort entdecke ich ein paar interessante Sachen. Jeder Gegenstand wird als ein kleines Bild dargestellt und wenn man diese mit der Gedankensteuerung anwählt, bekommt man den Namen direkt darüber zu sehen.

Was sofort heraussticht sind die Waffen, welche sich an verschiedenen Stellen im obersten Bereich befinden. Als erstes wähle ich einen Gegenstand mit dem Bild eines Schwertes aus und kann daraufhin die Bezeichnung erkennen.
 

Weltenspalter

Typ: heiliges Schwert
 

Ein etwas eigenartiger Name für ein heiliges Schwert, aber Blutrose ist ja auch nicht viel besser, somit steht mir in der Hinsicht keine Kritik zu. Beim Kästchen mit dem Namen und dem Typ ist noch ein Plus-Symbol am unteren Ende in der Mitte vorhanden. Ich gehe davon aus dass dies dazu dient weitere Details der Waffe einzusehen. Momentan habe ich jedoch keine Lust mir die Einzelheiten zu den Gegenständen anzuschauen. Zumal ich ja an sich auch bereits mit einer Waffe ausgerüstet bin.

Nun gehe ich vier Felder neben den Weltenspalter, wo sich eine weitere Waffe mit dem Bild eines Katanas befindet. Auf der Stelle öffnet sich auch dessen Namensfeld.
 

Ouroborus

Typ: göttliches Schwert
 

Nicht schlecht, von heilig zu göttlich und das alles vom Besiegen einer Armee. Es erstaunt mich ein wenig zwei solcher Waffen bekommen zu haben, denn von den Typen her vermute ich dass es sich dabei um seltene Gegenstände handelt. Aber außer Anubis bestand die Gegnergruppe doch nur aus Skelette, was zur Frage führt wer diese Waffen als Belohnung fallen gelassen hat. Allerdings mache ich mir darüber keine großen Gedanken, denn wenn ich eine Sache gelernt habe dann ist es ein Geschenk nicht zu verschmähen.

Eine Reihe darunter gibt es noch eine weitere Waffe, diesmal jedoch mit dem Bild einer Art Pistole.
 

Energieregen

Typ: magische Schusswaffe
 

Dieser Gegenstand weckt mein Interesse schon ein bisschen, trotzdem bleibe ich dabei mir jetzt nicht die Details anzusehen. Dafür habe ich immer noch Zeit.

Anschließend schaue ich mir noch ein paar Sachen an. Obwohl es im Grunde ja alles gleiche Gegner vom Typ her waren, wurde eine überraschende Vielfalt an Dingen als Beute hinterlassen. Neben verschiedenen Herstellungsmaterialien, wie zum Beispiel Skelettknochen, wurden auch Lebensmittel da gelassen. Darunter befindet sich unter anderem einfaches Brot und ein unendlicher Wasserbeutel. Diese Sachen klingen zwar einfach, aber hilfreich sollten sie auf jeden Fall sein um Hunger und Durst zu stillen. Bei dem was bisher alles in diesem Traum passiert ist würde es mich nämlich nicht wundern wenn ich auch Nahrung zu mir nehmen muss.

Welche Sachen noch ins Auge stechen sind Bilder von unterschiedlichen Schriftrollen. Nach einer schnellen Prüfung stellt sich heraus dass es sich dabei um Zauber handelt. Laut der Beschreibung dienen diese Rollen zum einmaligen Gebrauch und ermöglichen das Erlernen der innewohnenden Magie. Das sollte mir eine gute Basis für den Anfang geben, aber das Lesen der Schriftrollen hebe ich mir für später auf.

Beim Herunterscrollen finde ich noch mehr Waffen und auch ein paar Rüstungen, allerdings nicht auf dem Level der ersten Drei. Noch ist mir nicht klar was ich damit anfangen soll, aber zum wegwerfen sind sie auch wiederum zu schade. Irgendeinen Gebrauch werde ich schon dafür finden. Verkaufen ist schließlich auch eine Möglichkeit, obwohl dafür keine Notwendigkeit besteht. Mit einem Blick auf meinen Geldbetrag stelle ich nämlich fest dass ich mehr als genug davon besitze.

Obwohl das noch untertrieben ist, denn ich bin regelrecht reich. Mit einem Betrag von 32.598.410 habe ich wahrscheinlich genug um mehrere Lebenszeiten versorgt zu sein. Ehrlich gesagt habe ich absolut keine Ahnung wie ich an so viel Geld gekommen bin, aber beschweren werde ich mich natürlich nicht darüber.

Die Währung in dieser Traumwelt ist recht simple gehalten. Mein Guthaben wird in Goldmünzen angegeben. In diesem Fall habe ich mein Guthaben angewählt um herauszufinden ob es nur solche Münzen gibt oder noch andere. Gleich darauf öffnet sich ein kleines Fenster, welches am unteren Rand die Umrechnungen aufzeigt. Neben den Goldmünzen gibt es noch Silber- und Kupfermünzen, wobei der Umrechnungsfaktor jeweils 100 ist. Also 100 Kupfermünzen ergeben 1 Silbermünze und davon 100 ergeben eine Goldmünze. Ich kenne natürlich die Marktwerte noch nicht, aber das sollte vorerst an Informationen reichen um damit umzugehen.
 

Das genügt erst einmal für die Überprüfung des Inventars. Ich sollte die Zeit lieber nutzen um die Gegend zu erkunden. Immerhin weiß ich nicht wie lange dieser ungewöhnliche Traum anhält und ich möchte soviel Ideen wie möglich für das nächste Projekt sammeln.

Dementsprechend schließe ich das Fenster wieder um mich umzusehen. Wie zuvor kann ich aufgrund meiner Lage jedoch nicht viel erkennen. Vor mir sind große Felsbrocken und zu beiden Seiten befinden sich die Schluchtwände. Alles was einigermaßen sichtbar ist liegt hinter mir. Allerdings ist das auch nur ein langgezogener Canyon ohne wirkliche Sehenswürdigkeiten.

Im Moment als ich über meinen nächsten Schritt nachdenke ergreift mich die Neugier über das Ergebnis der Sonnennova. Allein von dem was ich vor meinem Fall gesehen habe gehe ich von einer verheerenden Wirkung aus. Dennoch möchte ich es mit meinen eigenen Augen sehen.

Ich warte also gar nicht erst lange ab, sondern mache mich direkt daran meinen Wissensdurst zu stillen. Da die Steinbrocken aber allem Anschein nach die gesamte Schlucht blockieren bleibt mir nur die Variante hinaufzuklettern. Es dauert nicht lange bis ich eine geeignete Stelle dafür finde und den Aufstieg beginne.

Erstaunlich einfach und ohne große Mühe bin ich schon in wenigen Sekunden drei Felsen weiter oben. Auch wenn ich ein Programmierer und Gamer bin, so hielt ich meinen Körper immer in Form. Etwas klettern an sich ist generell keine Hürde, aber selbst mit dieser Tatsache fällt es mir wesentlich leichter als erwartet. Wenn ich mich an einer Stelle festhalte und anschließend hochziehe brauche ich so gut wie keine Kraft. Die neuen Statuswerte machen sich hier wirklich sichtbar. Obwohl jede Bewegung Ausdauer verbrauchen sollte kann ich mit bloßem Auge keine Veränderung des entsprechenden Balken erkennen.

Als ich noch einen weiteren Stein nach oben bin erscheint auf einmal in der Mitte der linken Seite meines Sichtfeldes ein kleines Fenster mit einer Information.
 

„Fähigkeit Klettern erlernt,“ lese ich mir das Geschriebene gedanklich durch.
 

Das ich durch die paar durchgeführten Bewegungen bereits diese Fähigkeit erlerne ist überraschend, aber hier hatte wohl meine speziell erstellte Technik Skill-Schwamm ihre Wirkung entfaltet. Da ich dieses Mal ja direkt damit zu tun hatte, wurde der Skill aktiviert und hat mir sofort die neue Fähigkeit hinzugefügt.

Vorsichtig nicht meinen Halt zu verlieren öffne ich zur Prüfung das Skillfenster. Tatsächlich befindet sich die erlernte Technik am untersten Ende der Liste und wird mit LV 1 angezeigt. An diesem Punkt angekommen kann ich auch gleich das Punktesystem ausprobieren. Ich wähle den Skill somit an und bestätige das Plus-Symbol auf der rechten Seite des Listeneintrages. Gleich darauf erhöht sich das Level und einer der Punkte wird verbraucht. Ich belasse es aber nicht dabei, sondern investiere noch 8 weitere Punkte um die Fähigkeit aufs Maximum zu bringen.

Darauffolgend schließe ich das Fenster wieder um den Weg nach oben fortzusetzen. Gedanklich stelle ich mir die Frage was sich letztendlich dadurch verändern soll, denn wie bei der eigenen Intelligenz ist es für gewöhnlich nicht so einfach sich zu verbessern. Kaum das ich meinen Blick wieder auf die Felsbrocken richte werde ich jedoch eines besseren belehrt.

Als ob ich in meinem Sichtfeld einen speziellen Scanner eingebaut habe kann ich ganz genau sehen welchen weg ich nach oben nehmen muss um die geringste Kraft zu verbrauchen und auch noch die best mögliche Sicherheit habe. Ich bin mir nicht sicher ob es der Skill oder Einbildung ist, aber ich kann sogar sehen an welchen Stellen ich anfassen muss, da diese leicht heller erscheinen als der Rest des Gesteins. In diesem Augenblick wird mir wieder einmal klar dass es sich wirklich um einen Traum in einer Spielwelt handelt.

Mit dem neuen Klettertalent bin ich in Windeseile an der Spitze des Steinhaufens angekommen. Die Bewegungen waren dabei so flüssig und automatisch dass ich mir am Ende selbst kurz die Frage stelle ob ich wirklich schon oben bin. Doch mein Erstaunen über die Auswirkung der verbesserten Fähigkeit wird von dem Anblick vor meinen Augen noch übertroffen. Definitiv oben angekommen erstreckt sich ein faszinierendes Bild vor mir.

Ein gewaltiger Krater inmitten der Schlucht direkt am Steinhaufen anschließend. Es sieht so aus als ob ein Teil des Canyons einfach verschwunden wäre. Ich kann ganz deutlich die Kugelform des Kraters erkennen und selbst wenn ich nicht wüsste dass meine Sonnennova dafür verantwortlich ist, dann wäre mir klar dass es sich um eine Art Flammenexplosion gehandelt hat. Der Rand ist komplett schwarz, aber nicht nur wie bei einer einfachen Verbrennung, sonder mehr fest wie Obsidian. Allein der Gedanke an die Hitze der Flammen lässt mich erschaudern.

Es ist daher auch nicht wirklich überraschend dass es keinerlei Überreste der Armee mehr gibt. Sie wurden ganz und gar von der Mini-Sonne verschlungen und ausradiert. Ehrlich gesagt kann ich auch einen Funken an Mitgefühl für sie fühlen, aber das Positive an der Sache ist dass sie vermutlich innerhalb eines einzigen Augenblicks gestorben sind und daher zumindest nicht leiden mussten.
 

Noch immer auf das Ergebnis meiner vergangenen Attacke fixiert bekomme ich plötzlich ein merkwürdiges Gefühl in der Bauchgegend. Augenblicklich breitet es sich im gesamten Körper aus. So etwas habe ich noch nie gefühlt und kann es nicht so richtig beschreiben, aber es kommt mir so vor als ob eine äußere Kraft auf mich einwirkt und versucht mich nach unten zu drücken. Dieses Gefühl wird mit jeder Sekunde stärker bis ich aus irgendeinem Grund merke dass der Ursprung dafür von hinten kommt.

Ich drehe mich sofort um und kann nun auch die Quelle entdecken. Eine Kreatur, welche locker doppelt so groß ist wie ich, kommt von oberhalb der Schlucht auf mich zugeflogen. Dem Aussehen nach kommt dieses Wesen mir wie ein kleiner Drache vor. Es hat einen kräftigen Körperbau mit zwei stark wirkenden Beinen und zwei Flügeln als Arme. Der Kopf hat starke Ähnlichkeit mit dem von Eidechsen oder mit denen von Drachen aus Spielen. Der gesamte Körper dieser Kreatur ist in einem Grasgrün gehalten.

Während sie weiter auf mich zukommt erscheint erneut ein kleines Feld auf der linken Seite meines Sichtfeldes und sagt mir ich habe die Spürsinn-Fähigkeit erlangt. Diese Nachricht ist natürlich erfreulich, nur hilft sie mir nicht wirklich gegen dieses Tier. Indem ich mich für einen Moment komplett auf das Wesen konzentriere bekomme ich wie bei Anubis ein kleines Fenster mit dessen Bezeichnung angezeigt.
 

Wyvern

LV 43
 

Also kein richtiger Drache, sondern mehr eine Unterart, was genauso wenig hilfreich ist wie der neu erlangte Spürsinn. Augenblicklich schaue ich mich nach einem schnellen Weg herunter um. Selbstverständlich glaube ich anhand meines Levels und meiner Attribute nicht dass mir dieser Wyvern gefährlich werden kann, aber riskieren will ich auch nichts. Wenn ich kämpfe sollte ich es daher eher auf festem Boden tun. Aufgrund der Distanz steht eine weitere Sonnennova außer Frage, denn dieses mal würde ich ohne Zweifel selbst dabei draufgehen.

Mit der maximierten Fähigkeit beginne ich meinen Abstieg, doch die fliegende Kreatur will mir wohl keine Zeit dafür geben. Sie beginnt auf einmal einen extrem schnellen Sturzflug. Ich schaffe es gerade einmal bis zur Hälfte hinunter als sie mit einem lauten Brüllen bei mir ankommt und ihre Beine so ausrichtet um mich mit den Krallen in den Boden zu rammen. Ich bekomme dies aber rechtzeitig mit und mache einen kraftvollen Sprung nach rechts um ihr gerade noch so zu entkommen.

Ich merke jedoch sofort dass ich meine neue Kraft noch nicht einschätzen kann, denn anstatt eines einfachen Sprunges zur Seite nutze ich zu viel Kraft und katapultiere mich regelrecht in die Felswand der Schlucht. Zwei laute Aufprallgeräusche sind zu hören als ich und die Kreatur auf die Felsen prallen.

Dennoch kann ich kein bisschen an Schmerzen spüren und löse mich auch gleich darauf von der Wand. So muss es sich wohl anfühlen wenn man in der Gummizelle einer Irrenanstalt gegen die Wand springt. Ich richte meinen Blick auf der Stelle wieder auf meinen Gegner. Gleichzeitig wird mir angezeigt das ich einen weiteren Skill erlangt habe, nämlich die Ausweichen-Fähigkeit.

Zur Sicherheit nutze ich den Moment indem sich der Wyvern vom Einschlag erholt um mein Skillfenster zu öffnen und die neue Fähigkeit zu maximieren. Dank der Gedankensteuerung dauert die ganze Prozedur nur wenige Sekunden und ich bin fertig im gleichen Augenblick als sich mein Gegner in meine Richtung orientiert.
 

Während mich die Kreatur mit einem scharfen Blick anstarrt und erneut laut brüllt, ziehe ich mein Schwert um selbst angreifen zu können. Trotz dieser eher extremen Situation bin ich erstaunlich gelassen. Fast schon glücklich könnte man sagen. Schon als Kind habe ich die legendären Helden aus Geschichten und Spielen verehrt und wollte auch mal so jemand werden. Aus diesem Grund habe ich zur Schulzeit auch Kendo gelernt um wie die Helden ein Schwertkämpfer zu sein. Auch wenn es nur ein Traum ist, so macht es mich einfach glücklich wie meine Idole mit einem Schwert gegen ein Monster anzutreten.

Mir bleibt jedoch keine Zeit um mich weiter darüber zu freuen, da das Flugwesen nun erneut mit schnellen Flügelschwüngen auf mich zukommt. Ich gehe daher in Stellung indem ich meine Waffe mit beiden Hände vor meinem Körper halte. Nach nur einem Ein- und Ausatmen kommt der Wyvern bei mir an und landet direkt vor mir auf dem Boden. Mit einem Brüller öffnet er sein Maul und bewegt seinen Kopf dann in meine Richtung.

Plötzlich scheint sie die Zeit zu verlangsamen. Allerdings nur die Zeit meines Gegners, denn ich habe auf einmal das Gefühl als wurde er sich nur noch in Zeitlupe bewegen. Als ob ich alle Zeit der Welt habe kann ich regelrecht dabei zusehen wie dessen Kopf sich Stück für Stück nähert. Vermutlich liegt dies am Ausweichen-Skill, der meine Sinne aufs Äußerste schärft sodass die Kreatur mir langsamer vorkommt.

Instinktiv weiß ich ganz genau in welchem Augenblick ich eine Bewegung durchführen muss um den Angriff zu entgehen, meinem Gegner aber keine Zeit lasse sich zu korrigieren. Nicht einmal 30 Zentimeter liegen zwischen der Schwertspitze und dem Maul als ich eine Bewegung nach rechts ausführe. Der Skill scheint es mir auch zu erlauben meine Kraft richtig einzusetzen, denn im Gegensatz zu vorher bleibe ich in absoluter Kontrolle und bin trotzdem erstaunlich schnell.

Mein Ausweichmanöver besteht gerade einmal aus einem Schritt, aber es reicht vollkommen aus um den Biss meines Gegners zu entgehen. Sein Kopf schnellt seitlich an mir Richtung Boden vorbei und schließt sich dabei, da er seinen Angriff nicht mehr stoppen kann. Währenddessen drehe ich mich um 90 Grad um mit meiner Vorderseite zu seinem Hals zu stehen. Gleichzeitig erhebe ich mein Schwert nach oben und führe anschließend einen kraftvollen Schwung nach unten durch.

Ohne fühlbaren Widerstand schneidet die Klinge durch das Fleisch des Wesens als ob ich einen Haufen Wackelpudding teilen würde. Knapp vom Boden entfernt beende ich den Schwung, doch für ganze drei Sekunden passiert nichts. Erst dann gleitet der Kopf langsam an der Schnittstelle des Halses hinunter und fällt zu Boden. Sowohl aus dem abgetrennten Teil, als auch am offenen Stück des restlichen Körpers strömt das rote Blut hinaus. Fast wie ein Wasserfall färbt die Flüssigkeit den Boden unter dem Körper rot bevor wenig später auch die Muskeln des Körpers sich entspannen und dieser ebenso zu Boden geht.
 

Fähigkeit Schwertkampf erlernt.

Fähigkeit Nerven aus Stahl gelernt.
 

Mit diesen Nachrichten an der üblichen Stelle endet der Kampf so schnell er begonnen hat. Zugegeben ging es schneller als ich dachte, aber vom Levelunterschied her kann man auch nichts anderes erwarten. Somit stecke ich mein Schwert, welches nicht den geringsten Tropfen an Blut auf der Klinge hat, wieder zurück.

Neben der Information über die neuen Skills bekomme ich auch ein Fenster angezeigt, welches mir die erhaltenen Erfahrungspunkte und die sonstigen Belohnungen an Geld und Gegenstände zeigt. Dabei fällt mir auch auf das mein Inventar mit einem weiteren Cheat belegt ist, den selbst ich weder kannte noch programmiert habe. Ich habe nämlich Gegenstände wie zum Beispiel Wyvern-Schuppen und Wyvern-Krallen bekommen, obwohl das tote Monster noch immer vor mir liegt und ganz klar diese Teile noch am Körper hat. Das heißt wiederum dass ich diese Teile doppelt bekomme wenn ich sie jetzt noch vom Körper löse und ins Inventar packe.

Mir ist im Augenblick aber nicht danach das Tier zu zerlegen, vor allem weil ich dessen Teile ja schon besitze, und ich glaube auch nicht dass es schlimm ist den Kadaver hier einfach liegen zu lassen. Es ist ja nicht so als konnte er in einer so leblosen Gegend Schaden anrichten. Daher belasse ich es dabei und entferne mich vom erlegten Wyvern um zur gegenüberliegenden Felswand des Canyons zu gehen.

Ich mache mir die Transparenz der holografischen Fenster zu Nutze und öffne den Bereich für die Fähigkeiten während meines Weges dorthin. Anschließend nutze ich meine verfügbaren Punkte um alle neuen und noch nicht aufgewerteten Skills bis zur höchsten Stufe zu verbessern. Dies sollte sich für die Zukunft auf jeden Fall rentieren. Nachdem ich damit fertig bin schließe ich das Fenster wieder und setze meinen Weg fort.

An der Wand angekommen, welche wesentlich größer aussieht wenn man direkt davor steht, schaue ich nach oben. Egal wie ich es drehe und wende, es gibt offensichtlich nur einen Weg hier heraus und dieser führt nach oben. Natürlich ist es etwas anderes ein paar große Felsen hinaufzuklettern und eine komplett senkrechte Wand von ca. 300 Metern zu erklimmen, aber auch hier zeigt die Kletter-Fähigkeit ihre Wirkung. Wie zuvor kann ich ohne Probleme einen Pfad nach oben erkennen indem die zu ergreifenden Stellen sichtbar hervorgerufen werden.
 

Auch mit dem Effekt des Talents im Hinterkopf halte ich einen Moment inne um tief durchzuatmen. Aus irgendeinem Grund kostet es mich mehr Überwindung den ersten Schritt nach oben zu machen als einem Monster den Kopf abzuschlagen. Nach ein paar Sekunden schließe ich meine Augen kurzzeitig und fasse mit dem Öffnen den Mut endlos loszulegen.

Zu meiner Überraschung ist es aber genau wie vorhin. Wie mit Autopilot gehe ich von einer Position zur nächsten und klettere in einem beeindruckendem Tempo nach oben. Auch dieses Mal fühle ich dabei keine wirkliche Anstrengung und scheine so gut wie keine Stamina zu verlieren. In einer Zeit, welche in der realen Welt definitiv ein Weltrekord wäre, komme ich an der Oberseite der Schlucht an.

Zwei Meter vom Rand entfernt bleibe ich stehen und schaue zum Horizont. Genau wie beim ersten Mal sieht die Gegend wie eine Wüste aus, aber mit Gestein statt Sand. Und das ist der Fall egal in welche Richtung ich gucke. Nachdem ich es nun erneut gesehen habe kann ich den Namen Riss des Todes dieser Region auch einigermaßen nachvollziehen. Zumindest den Teil mit dem Tod, denn wer in dieser Gegend nicht genug Essbares und Trinken dabei hat würde eine Reise hier wohl nicht überleben.

Selbst von den kleinsten Pflanzen kann ich in meinem direkten Umfeld keine Spur erkennen. Hier können vermutlich wirklich bloß Skelette leben, die logisch gesehen kein Essen brauchen. Und für fliegende Tiere stellt dieses Gebiet auch kein Hindernis dar. Allerdings ändert dies nichts an der Tatsache, dass ich einen langen Marsch vor mir habe. Bloß gut dass meine Stamina so hoch ist. Ich kann nur hoffen dass der Traum nicht endet bevor ich ein lebhafteres Gebiet erreiche.

Daher mache ich mich also direkt auf den Weg zum nächsten Abenteuer für die Grundlage eines neuen Spieles.

Moving on with a cliche Event.

Es ist nun schon mehr als 20 Stunden her seit ich den Canyon verlassen habe. Allerdings hat sich meine Umgebung nicht wirklich verändert. Noch immer ist in jede Richtung nichts als Steinwüste zu sehen. Obwohl der Boden mittlerweile schon mehr Sand beinhaltet als noch nahe der Schlucht. Ehrlich gesagt bin ich schon ein wenig überrascht, dass ich noch auf keine andere Landschaft gestoßen bin. Immerhin bin ich dank meiner hohen Statuswerte wesentlich schneller als es selbst ein Sportwagen wäre und habe dadurch eine gewaltige Anzahl an Kilometer hinter mich gebracht.

Ein lustiger „Oh“-Effekt ist dass das Rennen kein extra Skill ist. Obwohl selbst klettern eine Fähigkeit bekommen hat, wird die allgemeine Fortbewegung offensichtlich nur als physische Eigenschaft gezählt und somit mit den Werten festgelegt. Was bei mir und meinen geschummelten Werten nicht wirklich viel ausmacht.

Die Situation und Umgebung baten sich regelrecht an, weswegen ich meine Geschwindigkeit auch bereits getestet habe. Selbstverständlich habe ich keine Möglichkeit das eigentliche Tempo zu messen, aber allein von der Tatsache wie schnell meine Umgebung sich im Sichtfeld ändert wenn ich mit voller Kraft renne weiß ich dass meine Geschwindigkeit einfach nur unnatürlich ist. Doch erstaunlicherweise bekomme ich trotz des Tempos keinen Tunnelblick. Vermutlich kein Wunder in Anbetracht dass es sich hier nur um einen Traum handelt.

Meine Stamina und dessen Regeneration sind auch eine Sache für sich. Selbst nach mehreren Stunden des Rennens habe ich noch nicht einmal die Hälfte des Balkens verbraucht. Noch dazu brauche ich lediglich ein paar Minuten damit der Wert wieder komplett gefüllt wird. Dank dieses Tests habe ich auch gelernt dass die Stamina anscheinend keinen großen Einfluss auf meine Müdigkeit hat. Zumindest nicht solange sich der Wert noch in einem hohen Bereich befindet. Beim Senken bis zur Hälfte spüre ich körperlich noch nicht einmal die Erschöpfung. Müde hingegen werde ich aber weiterhin, was ich zum Nachtanbruch gemerkt habe.
 

Der Tagesablauf in dieser Traumwelt ist genau wie in der Realität. Ein Tag besteht aus 24 Stunden und hat einen Tag-Nacht-Zyklus. Auch mein Hunger und Durst ist offenbar nicht an Werte geknüpft, sondern hängt mehr oder weniger von der Zeit und meiner üblichen Essgewohnheit ab. Ich wurde nämlich zur selben Zeit wie sonst hungrig. Allerdings gibt es doch einen Unterschied, der sich eventuell mit den hohen Werten erklären lässt. Sowohl Hunger, Durst, als auch Müdigkeit sind schneller zufriedengestellt als in der Realität. Trotz der Anstrengung eines Sprints für einen halben Tag mit unzähligen zurückgelegten Kilometern brauchte ich wesentlich weniger Essen und Trinken als ich sonst bei normaler Aktivität benötige. Das gilt auch für den Schlaf, da ich mitten in der Nacht wach wurde und vollkommen erholt war.

Dadurch hatte ich Zeit mich etwas genauer mit meinem Inventar zu beschäftigen. Es war zwar noch früh am Morgen und somit noch dunkel, aber dank des hellen Vollmondes war mehr als genug Licht um meine Umgebung deutlich genug zu sehen falls es einen Notfall gegeben hätte. Dies war jedoch nicht der Fall. Ich habe generell nicht ein Monster oder anderes Lebewesen erblickt seit ich mich auf den Weg machte. Ein klares Zeichen dass diese Gegend im Normalfall nicht fürs Überleben geeignet ist. Zusätzlich zum natürlichen Mondlicht kommt noch dazu dass die holografischen Fenster sogar beleuchtet waren und ich alles problemlos erkennen konnte.
 

Was ich zuerst herausfand war dass die mentale Kontrolle wesentlich weiter geht als zuvor mitbekommen. Als ich nämlich nach einer Funktion zum sortieren gesucht hatte und dahingehend keinen Button oder etwas ähnliches fand, versuchte ich die Gedankensteuerung. Und tatsächlich wurde sie aktiviert als ich einen klaren Wunsch gedanklich aussprach. Auf der Stelle wurde das Inventar meiner Vorstellung nach angepasst. Ehrlich gesagt könnte ich mich an diese leichte Form der Handhabung wirklich gewöhnen. Schade dass es in den Spielen der Realität nicht so einfach geht.

Der sortierte Inhalt brachte mich somit direkt zum nächsten Punkt den ich testen wollte. Der Magie. Genauer gesagt den Schriftrollen im Inventar, welche sich auf diesen Bereich beziehen. Ich hatte überraschend viele dieser Gegenstände durch meinen Sieg über die Skelettarmee bekommen. Noch dazu in einer großen Vielfalt, da ich mehr als 20 verschiedene Zauber besaß. Einige davon hatte ich sogar mehrfach.

Wie üblich konnte ich die Schriftrollen als Gegenstand anwählen und bekam mit einem entsprechenden Gedanke eine kurze Beschreibung darüber angezeigt. Da ich die Zeit hatte und mein Interesse einfach zu groß war, konnte ich es mir nicht verkneifen auf der Stelle eine davon sofort zu aktivieren. Nachdem ich eine Rolle mit dem Namen „Feuerschuss“ anwählte und den Benutzen-Button betätigte wurde mir die Frage gestellt ich ob den Zauber erlernen will. Dahinter stand in Klammern geschrieben dass dies einen Skillpunkt verbrauchen würde.Selbstverständlich schreckte mich diese Tatsache nicht ab, denn ich hatte ja bereits mehr als genug Punkte davon und dank meinem Cheat-Skill wird ohnehin stetig für Nachschub gesorgt.

Daher bestätigte ich diese Anfrage mit dem Ja-Button und bekam auch direkt darauf eine Mitteilung dass ich den Zauber erlernt hatte. Gleichzeitig verschwand eine der Schriftrollen, aber da dies einer der Zauber ist von dem ich mehrere Exemplare habe, befindet er sich noch immer im Inventar.

Neugierig wechselte ich daraufhin zum Fenster mit den Fähigkeiten. Mit der üblichen Steuerung scrollte ich die Liste bis zum Ende herunter und fand den neuen Zauber als letzte Position. Genau in diesem Moment stellte sich mir die Frage ob ich auch dort eine Sortierung durchführen kann. Dank meinen Skill zum schnellen Erlernen von Fähigkeiten werde ich vermutlich nach einer gewissen Zeit eine ganze Menge in diesem Fenster haben. Allerdings glaube ich nicht dass ich sofort jede einzelne Fähigkeit sofort aufs Maximum erhöhe. Das heißt aber auch dass ich wenn ich sie brauche suchen muss und eine lange Liste macht dies nicht unbedingt leichter.

Zum Glück wurde mein Wunsch jedoch erfüllt. Als ich gedanklich versuchte lediglich den neuen Skill angezeigt zu bekommen ist dies wie erhofft auch eingetreten. Alle anderen Skills wurden ausgeblendet und in der Liste war nur noch Feuerschuss zu sehen. Genau genommen ähnelt dies eher einer Suche als einer Sortierung, aber solange ich das zu sehen bekomme was ich will, ist es kein großer Unterschied für mich.
 

Selbstverständlich wollte ich sofort das Level des Zaubers erhöhen, doch genau in dem Augenblick als ich ihn auswählte und die Punkte zuteilen wollte kam mir ein Gedanke. Dies war die perfekte Gelegenheit einen Vergleich der Level durchzuführen. Laut der Beschreibung ist Feuerschuss ein Standartzauber für Anfänger. Er sollte somit nicht sonderlich stark sein.

Ohne Zögern schloss ich das Fenster komplett und richtete meine Aufmerksamkeit nach vorne. Ich musste jedoch nicht groß suchen, da meine karge Umgebung mehr als genug Platz für Testangriffe bereitstellte. Aufgrund meiner hohen Werte wählte ich zur Sicherheit eine Stelle fast 20 Meter entfernt von mir als Zielbereich aus. Nebenbei war dies auch eine gute Möglichkeit um zu testen ob ich die Zauber oder Skills ausrüsten musste. Meine Sonnennova ist schließlich auf einen der Plätze links neben den drei Balken, wodurch ich sie jederzeit anwählen kann. Nur stand die Frage ob man generell erst den Skill dorthin legen muss oder auch so anwenden kann noch im Raum.

Mit voller Absicht rüstete ich daher nicht den Feuerschuss aus und ließ die Plätze neben der Sonnennova leer. Stattdessen hob ich meine rechte Hand an und zielte damit auf das Zielgebiet. Meinen ersten Versuch startete ich mit einem verbalen Kommando.
 

„Feuerschuss,“ sprach ich in einer regulären Lautstärke.
 

Kaum ausgesprochen entstand eine Feuerkugel in ungefährer Größe eines Tennisballs vor meiner Handfläche. Wobei es nicht wirklich eine Kugel war, sondern eher eine lodernde kleine Flamme. Das Geschoss flog mit der Geschwindigkeit eines einfachen Pfeils auf den Zielbereich zu und traf dort kurz darauf den Boden. Beim Einschlag vergrößerte sich die Flamme bis zum dreifachen der ursprünglichen Größe und loderte für gerade einmal zwei Sekunden bevor das Feuer erlosch.

Damit hatte ich zumindest bereits den Beweis dass man die Zauber nicht extra ausrüsten muss um sie einzusetzen. Die Wirkung des Angriffs löste jedoch ziemliche Enttäuschung in mir aus. Mir war allerdings klar dass man von einem Anfängerzauber auf Level 1 nicht viel erwarten konnte. Bevor ich die Aufstufung begann, probierte ich noch aus ob ich den Namen aussprechen muss oder auch gedanklich aktivieren kann. Erneut zielte ich auf die gleiche Stelle wie zuvor und sprach dieses Mal den Namen mental aus. Ohne Probleme wurde erneut die kleine Flamme erzeugt und abgefeuert. Damit war klar dass die Nutzung der Fähigkeiten erstaunlich einfach und benutzerfreundlich gemacht sind. Für einen Moment wünschte ich mir dass es in Spielen auch so einfach wäre.

Mit dem neuen Wissen machte ich mich anschließend daran den Stärkeunterschied der Level zu prüfen. Zurück im Skillfenster setzte ich die Punkte ein um Feuerschuss auf das höchste Level zu bringen. Daraufhin schloss ich das Fenster wieder und zielte erneut auf den Testbereich. In Gedanken sprach ich den Namen aus und aktivierte den Zauber.

Bereits in diesem Augenblick konnte ich einen Unterschied feststellen. Die erzeugte Flamme hatte nun die Größe eines Medizinballs und wirkte wesentlich intensiver als vorher. Mit dem Abfeuern konnte ich ebenso sehen dass die Geschwindigkeit sich verdoppelt hatte. Die echte Überraschung kam allerdings beim Aufprall. Als die Flamme die gezielte Stelle traf entstand eine brutale Flammenexplosion mit einem lauten Knall. Es kam mir so vor als hätte jemand eine Ladung des Sprengstoffs C4 aktiviert. Dieses Mal hielt das Feuer auch deutlich länger an, da es einen wesentlich größeren Bereich abdeckte und daher eine Weile brauchte um dessen Kraft zu verlieren. Als es nach einigen Sekunden verschwunden war konnte ich auch die Kraft der Explosion erkennen, denn im Boden befand sich ein schwarzer Krater. Dies sagte also einiges über den Druck der Explosion aus.

Egal wie ich es betrachtete, ich konnte diesen Zauber nicht mehr als Anfängerzauber einstufen bei so einer Wirkung. Es war somit ganz klar dass aufwerten von Fähigkeiten definitiv eine gute Sache ist. Dementsprechend zögerte ich nicht lange und begann sofort die restlichen Schriftrollen zum Erlernen der jeweiligen Zauber zu nutzen.
 

Es dauerte nicht wirklich lange, da ich ja lediglich die Rollen anwählen und dann aktivieren musste. Mit dem anschließenden Bestätigen waren die Zauber auch bereits erlernt. Mein Arsenal an Fähigkeiten hatte sich somit um ein gutes Stück erweitert und dank der Schriftrollen besaß ich nun Magie von verschiedenen Elementen. Darunter zum Beispiel der Blitzzauber „Schock“, der Windzauber „Windstoß“, der Eiszauber „Eissplitter“, der Erdzauber „Erdspieße“ und der Lichtzauber „Blendung“.

Es waren aber auch Zauber ohne eine elementare Zuordnung dabei. „Magiepfeile“ ist ein Zauber der Pfeile aus Magie erzeugt, welche kein Element besitzen, sondern sozusagen neutralen Magieschaden anrichten. Dann war da auch noch der Zauber „Barriere“ dabei, welcher ein Schutzschild aus Magie erzeugt. Selbstverständlich hatte ich auch direkt die neuen Skills auf das Höchstlevel gebracht. Dies reduzierte meine Skillpunkte ganz schön, aber mit dem stetigen Nachschub mache ich mir darum nicht wirklich Sorgen.

Zugegeben hatte ich wesentlich mehr Freude an dem Lernen der Zauber als ich dachte. Vor allem da ich eher der Fan von Helden mit Schwertern und den entsprechenden Skills bin. Doch da ich in diesem Traum so intensiv damit arbeiten konnte, war mein Interesse dementsprechend groß. Und obwohl viele der Zauber meine Neugierde weckten und eine gewisse Aufregung in mir hervorriefen, so hatte es mir ein Zauber ganz besonders angetan. Nämlich der „Teleport“. Vermutlich kennt so ziemlich jeder Gamer diesen Skill und dessen Eigenschaft.
 

„Dieser Zauber ermöglicht es sich zu jedem bereits besuchten Ort zu teleportieren.“
 

Genau wie man es bereits kennt ist dies auch in meinem Traum die Beschreibung des Skills. So standardmäßig es auch klingen mag, damit eröffnen sich unglaubliche Möglichkeiten. Zum einen ist da natürlich die sofortige Reise zwischen zwei Städten, was Handel und generell die Fortbewegung um einiges erleichtert. Dann ist da aber auch noch die Tatsache dass man jederzeit eine Flucht damit antreten kann. Wenn man zum Beispiel in einem Kampf verwickelt ist, den man nicht gewinnen kann, dann ermöglicht dieser Zauber blitzschnell in eine alte Stadt abzuhauen.

Allerdings ist das immer abhängig inwieweit Grenzen gesetzt wurden. Um die Fluchtsituation zu vermeiden gibt es einige Spiele in denen die Nutzung nur gestattet ist wenn gerade kein Kampf stattfindet. Oder aber auch dass es nur von Stadt zu Stadt möglich ist. Eine andere Methode ist der Einbau einer gewaltigen Abklingzeit. Und genau diese Frage stellte sich mir ebenso. Was waren die Spezifikationen dieses Zaubers?

Bedauerlicherweise hatte ich dahingehend keine Informationen erhalten. Ich wollte aber auch keinen Test riskieren, da im schlimmsten Fall die Möglichkeit bestand wieder zum Startpunkt teleportiert zu werden. Und wenn sich dann herausgestellt hätte dass ich sonst nur zu Städte reisen kann, dann hätte ich den ganzen Weg von vorne antreten müssen. Darauf hatte ich absolut keine Lust, da ich die Zeit nicht verschwenden wollte. Immerhin ist noch immer nicht klar wie lange dieser Traum anhält.

Deswegen hielt ich mich zurück und hob mir den Test von diesem Zauber für später auf. Dennoch habe ich ihn aufs maximale Level erhöht. Nachdem ich mit dem Erlernen und der Aufwertung fertig war sah ich mir noch einmal die Brandstelle vom letzten Feuerschuss an. Dabei kam mir noch eine weitere Frage. Was ist eigentlich mit Zurückhaltung? In Spielen ist dies ja eher schwer möglich. Wenn ein Zauber ein hohes Level hat und man ihn einsetzt, dann eben auch mit der dementsprechenden Stärke. Da kann man nicht wirklich sagen man will nur die halbe Kraft nutzen. Aber wie sieht das in diesem Traum aus. Mit der Gedankensteuerung und der erstaunlichen Realität bisher, sollte es ja theoretisch möglich sein sich zurückzuhalten.

Ich begann augenblicklich einen Test um dies herauszufinden. Ein weiteres Mal erhob ich meine rechte Hand um wieder auf die bisherige Stelle zu zielen. Mit klarem Gedanke nur die Hälfte der Kraft einzusetzen sprach ich mental den Zaubername aus. Und genau wie vermutet aktivierte sich die Magie mit der vorgestellten Menge an Kraft. Sowohl die entstandene Flamme, als auch die Explosion waren nur noch halb so stark wie vorher. Ich schätze mal es hat etwas mit der Manazufuhr zu tun. Selbst mit einem hohen Level der Fähigkeit kann man weniger Mana einsetzen um die Kraft zurückzuhalten. Aufgrund meiner hohen Menge an Mana kann ich mit diesem Anfängerzauber keine Veränderung des Manabalkens erkennen, daher ist dies nur eine Vermutung, aber diese Erklärung scheint mir von der Logik her am ehesten als zutreffend. Wenn sich die Möglichkeit ergibt werde ich dies später mit einem starken Zauber noch einmal probieren.
 

Die Schriftrollen lenkten mich zwar von der eigentlichen Idee das Inventar genauer unter die Lupe zu nehmen ab, aber trotzdem gelang es mir ein paar wichtige Informationen zu gewinnen. Mit diesen Erkenntnissen machte ich mich anschließend daran mein originales Vorhaben umzusetzen. Ich probierte noch ein paar Funktionen der Gedankensteuerung aus. Im Endeffekt kann ich so ziemlich alles im Rahmen des Machbaren durchführen. Sortieren, suchen oder auch das Aufteilen zu verschiedenen Gruppen kann alles mental gesteuert werden.

Gleichzeitig nutzte ich die Zeit um mir die erhaltenen Gegenstände genauer anzusehen. Ich wusste es ja bereits, aber dennoch erstaunte mich die Vielfalt an Items durch den Sieg über die Armee, die so gut wie ausschließlich aus Skeletten bestand. Mal abgesehen von den Waffen die ich mir bereits zuvor ansah, ist noch eine gute Zahl zusätzlich vorhanden. Auch Rüstungsgegenstände und sonstige Accessoires sind dabei. Selbst ein paar Trophäen wie zum Beispiel Skelettschädel befinden sich im Inventar. Was ich noch nicht so richtig zuordnen kann sind die erhaltenen Monsterkerne. Als Beschreibung steht lediglich da, dass es sich um Kerne von besiegten Monster handelt, welche vielfältig eingesetzt werden können.

Nicht weiter überraschend waren die verschiedenen Tränke, welche sowohl für Erholung von Leben, Mana und Stamina geeignet sind. Außerdem sind auch Tränke dabei, die bestimmte Statusleiden wie Gift und dergleichen kurieren. Was mich allerdings bis jetzt am meisten verwirrt ist die Nahrung in meinem Inventar. Es ist nicht unbedingt ungewöhnlich dass man so etwas in einem Spiel nach dem Besiegen von Monstern bekommt, aber dennoch ist die Art an Nahrung in gewissem Maße an das entsprechende Monster gebunden. So bekommt man beispielsweise von einem Hasen Hasenfleisch. Das ich hingegen von Knochengerippen, welche ja aus nichts anderem bestehen, an sich Nahrung erhalte ist schon so eine Sache, aber ich habe nicht nur Brot, sondern auch alles mögliche an Fleisch und Obst bekommen. Sogar Wein und sonstige alkoholische Getränke sind vorhanden. Was ich allerdings nicht bekommen habe ist Milch, welche ich als erstes mit Knochen in Verbindung bringe.

Da es sich um einen Traum handelt ist es vielleicht nicht weiter ungewöhnlich dass manche Dinge nicht so recht überein stimmen, aber trotzdem stellt sich mir die Frage was mein Unterbewusstsein im Schlaf so alles für Ideen hat. Ehrlich gesagt macht es mir sogar leichte Sorgen. Wer weiß was für Abnormalitäten noch vorkommen werden.
 

Darüber lange nachzudenken empfand ich jedoch als sinnlos und beendete meine Analyse des Lagerfensters. Zeitlich passend begann die Sonne auch langsam hervorzukommen und es wurde etwas heller. Da es aber gerade einmal die ersten Strahlen des Sonnenaufgangs waren, beschloss ich mich meine Abreise noch ein wenig hinauszuzögern.

Stattdessen machte ich mich mit den restlichen Zaubern etwas vertrauter indem ich jeden von ihnen zwei- bis dreimal einsetzte um die Auswirkungen kennenzulernen. Früher oder später würde es schließlich wieder zu einer Kampfsituation kommen und da ist es immer besser die Effekte von Magie zu kennen anstatt wild drauf los zu schießen.

Das war auch das erste Mal dass ich eine wirkliche Senkung des Manabalkens mitbekam. Immerhin setzte ich Zauber beinahe im Schnellfeuer ein. Wobei der Balken sich trotz der hohen Zahl an Zauber nicht einmal um 10% reduzierte. Und kaum dass ich damit fertig war regenerierte er sich binnen einer Minute. Das zeigte mir wieder deutlich was für ein gewaltiger Cheater mein Testcharakter Leonhardt eigentlich ist.

Keine halbe Stunde später war es dann endlich hell genug um meine Reise fortzusetzen. Ich musste auch kein Lager abbauen, da ich keines errichtet hatte und konnte daher sofort losziehen. Das ist nun fast vier Stunden her und ich bin bis jetzt ohne jegliche Pause mit hohem Tempo gesprintet um so viel Weg wie möglich zurückzulegen. Vermutlich habe ich in den paar Stunden schon mehr km hinter mich gebracht als wenn jemand mit einem Pferd für drei Tage reiten würde. Es hat irgendetwas cooles die Umgebung in so einer Geschwindigkeit vorbei flitzen zu sehen. Das anfängliche Gefühl dieser Übermenschlichkeit hat sich mittlerweile in einen regelrechten Rausch verwandelt. Ich habe mich so sehr daran gewöhnt, dass ich mir wünsche mich auch in der Realität so bewegen zu können.

Natürlich weiß ich dass dies alles nicht echt ist und der Traum irgendwann vorbei sein wird, aber dieses Gefühl die menschlichen Fähigkeiten so extrem zu überschreiten und quasi ein Gott zu sein ist absolut fantastisch. Vor allem wenn alles so realistisch erscheint. Die Härte des Steinbodens bei jedem Schritt, der kraftvolle Druck des Windes, der gegen meinen Körper presst und trotzdem mit schierer physischer Stärke durchbrochen wird, die wärmenden Sonnenstrahlen des Tages und die Tatsache kein Stück von der Umgebung eingeschränkt zu sein. Im Augenblick kann ich mir kein besseres Gefühl vorstellen. Es ist als wäre ich absolut frei und nichts könnte mich stoppen.
 

Als hätte ich es damit heraufbeschworen werde ich kaum dass ich diesen Gedanken habe aus meinen überschwänglichen Gefühlen herausgerissen indem ich etwas in der Ferne erblicke. Aufgrund meiner Geschwindigkeit nähere ich mich schnell an und bremse daher ab um kurz darauf zum Stillstand zu kommen. Allerdings komme ich nicht dazu mir das Erblickte genauer anzusehen, da plötzlich die Auswirkungen meines Rennens eintreffen. Als hätte sie mich verfolgt trifft eine Staubwolke, welche ich hinter mir beim Laufen erzeugte, ein und umschließt mich vollkommen. Der durch meine Bewegungen entstandene Wind trifft ebenso zur gleichen Zeit ein. Er kommt etwas unerwartet und dessen Druck auf meinen Rücken bringt mich beinahe zum Fallen, aber ich kann gerade noch rechtzeitig meine Kraft korrekt platzieren um stehen zu bleiben.

Leider sorgt er dafür dass der Staub noch stärker aufgewirbelt wird. Ohne eine Möglichkeit mich davor zu schützen atme ich eine große Menge davon ein und beginne auf der Stelle wild zu husten. Es kommt mir so vor als hätte ich eine Hand voll Sand in den Mund gesteckt. Das Kratzen reicht ein gutes Stück den Hals hinunter. Schützend habe ich bereits meine Augen geschlossen.

Plötzlich fällt mir ein dass ich ja einen passenden Skill für diese Situation habe. Ohne groß nachzudenken aktiviere ich den Windstoß und richte ihn nach oben, aber bereits bei meinem Körper beginnend. Die Stärke halte ich stark zurück um selbst keinen Schaden zu erleiden. Zum Glück reicht es trotzdem aus um den Staub in Richtung Himmel zu schleudern.

Vorsichtig öffne ich noch immer hustend mein linkes Auge um die Situation zu prüfen. Glücklicherweise ist fast alles der Wolke mit meinem Zauber verschwunden, sodass ich beide Augen komplett öffne. Langsam mache ich ein paar Schritte nach vorne um noch aus dem Rest des Staubes herauszukommen. Für andere würde ich vermutlich leicht betrunken aussehen, da meine Bewegungen wegen dem Husten noch etwas unbeholfen sind. Nach ungefähr zehn Meter ist die Luft wieder klar und meine Atmung beginnt sich ebenso wieder zu normalisieren. Ich spüre zwar noch immer ein Kratzen im Hals, aber es ist lange nicht mehr so schlimm wie zum Anfang dieses Unglücks.

Um den Rest des Halses, sowie den Mund frei zu spülen und die vom Sand erzeugte Trockenheit zu neutralisieren hole ich mit meiner Gedankensteuerung den unendlichen Wasserbeutel aus meinem Inventar. Nach einem recht großen Schluck verschwindet auch das Kratzgefühl, woraufhin ich einmal tief durchatme und den Beutel wieder verstaue.

Nun endlich kann ich meine Aufmerksamkeit auf die eigentliche Sache richten.
 

Es ist noch ein paar hundert Meter entfernt da ich ja im Grunde direkt nach dem Erspähen angehalten habe, aber es ist der bereits ersehnte Umgebungswechsel. Ein ziemlich großer Wald liegt vor mir. Aufgrund der aktuellen Entfernung kann ich nur schwer die Fläche einschätzen, aber selbst mit einer groben Schätzung ist der Wald mehrere Kilometer breit.

Voller Vorfreude endlich die staubige und öde Gesteinslandschaft verlassen zu können nähere ich mich augenblicklich weiter an. Ich renne dabei zwar, halte mich aber extrem zurück, sodass es nur einem regulären Sprint eines Menschen gleich kommt. Immerhin habe ich keine Lust noch einmal in so eine Staubwolke zu geraten. Es dauert trotzdem nur ein paar Minuten bis ich beim Waldrand ankomme und das neue Gebiet inspiziere.

Grundsätzlich gesehen handelt es sich um einen Mischwald, wobei die Rate bei ca. 80 zu 20 zum Vorteil der Laubbäume liegt. Laut Augenmaß gehe ich von einer durchschnittlichen Baumhöhe zwischen 15 und 20 Metern aus mit Stammbreiten bis zu maximal 2 Metern. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung um was für Arten es sich handelt, da ich was Naturkunde angeht nie großes Interesse hatte. Alles was ich feststellen kann ist dass dieser Wald eine große Vielfalt an Baumarten besitzt.

Was hingegen sofort ins Auge sticht ist die kräftige Farbe. Es fällt mir schwer eine gute Beschreibung zu finden, aber ich habe das Gefühl als ob die Blätter der Bäume eine intensivere Farbe haben als in der Realität. Auch auf dem Boden, welcher aus einer Mischung von Moos und Gras besteht, trifft dies zu. Es kommt mir mehr vor wie ein perfektes Bild einer Landschaft anstatt eines echten Waldes. Das mein Unterbewusstsein sich Sachen in Träumen so verschönert ist eine neue Erkenntnis für mich.
 

Diese Tatsache ignorierend richte ich meinen Blick auf den Boden direkt vor meinen Füßen. Dadurch komme ich nicht drum herum erneut daran zu denken im Inneren eines Spieles zu sein. Die Abgrenzung zwischen Gestein und Waldboden sieht nämlich ungewöhnlich aus. Beinahe so als wäre eine übernatürliche Linie gezogen worden um die beiden Gebiete zu trennen. In der echten Welt ist so ein Übergang ja für gewöhnlich nicht sauber, sondern von Punkt zu Punkt etwas anders. Diese saubere Linie hier sieht mehr nach der programmierten Grenze zwischen zwei Bereichen aus.

Dieser Gedanke wird auch von der Mini-Map in meinem Sichtfeld bestätigt, denn auch dort ist die Hälfte des Bereiches komplett schwarz. Eine klare Linie trennt den bereits entdeckten Wüstenbereich und den noch unerforschten Wald. Genauso wird es oft in Spielen umgesetzt. Ein Gebiet dass man noch nie besucht hat wird auf der Karte als schwarz markiert bis man dies erkundet.

Ich öffne also die Karte und setzte direkt meinen Scanner ein. Sofort gleitet die waagerechte Scannlinie von oben nach unten und offenbart das Waldgebiet auf der Karte. Wie üblich wird mir auch der Name angezeigt. Wald des Heulens. Das klingt alles andere als friedlich und lässt mich für einen Augenblick nachdenken ob ich ihn wirklich betreten sollte. Bei meinem Glück treffe ich wahrscheinlich auf eine weitere Armee.

Andererseits habe ich mit meinem Level und der Sonnennova nicht wirklich etwas zu befürchten. Im Notfall wird halt alles mit einer kleinen Sonne verbrannt bis nicht einmal mehr Asche übrig bleibt. Obwohl dies schade um den schönen Wald wäre. Somit schließe ich das Fenster wieder und atme kurz durch um meinen Mut zusammen zu nehmen. Dann betrete ich das neue Areal.
 

Fast eine Stunde später habe ich zwei Feststellungen gewonnen. Erstens ist dieser Wald offensichtlich größer als erwartet. Ich bin die ganze Zeit so gut wie ausschließlich geradeaus gelaufen, aber habe nichts von Bedeutung entdeckt. Also keinen Weg oder so etwas. Selbst größere Lichtungen waren nicht vorhanden. Daher vermute ich dass dieses Gebiet eher in die Länge gezogen ist.

Und zweitens ist meines Erachtens nach der Name des Waldes vollkommen falsch gewählt. Entgegen der ominösen Bezeichnung war es bisher nämlich absolut ruhig. Mal abgesehen von etwas Vogelgezwitscher hier und da gab es keinerlei auffällige Geräusche. Ich hatte noch nicht einmal Begegnungen mit anderen Tieren. Natürlich sind Rehe und andere Wildtiere üblicherweise eher scheu und meiden Kontakt, aber das hier ist schließlich eine Fantasiewelt meines Traums. Zumindest mit ein paar Monster habe ich gerechnet bei einem Namen wie Wald des Heulens. Aber nichts. Es war einfach nur ruhig und friedlich.

Nicht dass ich allgemein etwas dagegen habe einen gelassenen Spaziergang zu unternehmen, aber meine Hoffnung ist ja immerhin von diesem Traum ein paar Ideen für ein neues Spiel zu sammeln. Was ich so weit erlebt habe hilft mir dabei aber herzlich wenig.

Aufgrund dieser unerwarteten Ruhe leicht enttäuscht und deprimiert fahre ich meinen Weg jedoch ohne Pause fort. Anders als im Bereich davor setze ich dieses Mal keine große Geschwindigkeit ein und laufe eher gelassen. Mir kommt dabei die Idee die neue Umgebung zu nutzen um meine Mobilität zu testen und zu trainieren. Mit vollem Tempo in einer geraden Linie zu rennen ist eine Sache, aber in einem Wald geht das nicht wirklich, da man immer wieder den Hindernissen namens Baumstämme ausweichen muss. Das ist somit eine gute Gelegenheit dies zu üben um später nicht in Schwierigkeiten zu kommen. Vor allem weil ich bei meinem Glück bereits sehen kann wie ich mangels Kontrolle gegen einen Baum pralle. Allein die Vorstellung daran ruft ein Schamgefühl in mir hervor.

Da ist es definitiv besser ich trainiere dies jetzt bevor ich so einen Patzer später vor anderen Leuten vollziehe. Außerdem sollte mein physischer Status ausreichen um größeren Schaden bei einem Aufprall zu verhindern, also ist mal abgesehen von dem Scham das Risiko gering. Mit dem gefassten Entschluss gleich jetzt eine Übungseinheit einzulegen gehe ich in Stellung um sofort damit zu beginnen. Doch genau in dem Moment als ich losrennen will meldet sich plötzlich mein Gefahrensensor des Spürsinns.

Ich breche daher meinen Start ab und drehe mich etwas nach links zum Ursprung der Quelle. Allerdings kann ich mit bloßem Auge nichts erkennen. Es gibt natürlich verschieden große Büsche hier und da, aber theoretisch sollte ich dennoch in der Lage sein etwas zu erkennen. Da dies aber nicht der Fall ist öffne ich mein Kartenfenster.

Tatsächlich kann ich darauf auch mehrere Signale erkennen. 11 um genau zu sein, wobei 3 als weiß angezeigt werden und sehr dicht beieinander sind. Die restlichen 8 sind als rot markiert und etwas mehr verteilt. Zweifelsohne handelt es sich dabei um feindliche Kreaturen, da auch die Skelette in rot angezeigt wurden. Da es allerdings eine Kombination aus roten und weißen Punkten ist gehe ich von zwei separaten Parteien aus. Kurz gesagt wird irgendjemand oder irgendetwas angegriffen.

Ich warte also nicht groß ab, sondern schließe das Fenster wieder um mich sofort dorthin zu begeben. Dieses Mal renne ich natürlich, aber erneut mit starker Zurückhaltung. Dennoch bin ich schneller als es für einen normalen Menschen möglich ist. In diesem Tempo habe ich auch absolut keine Schwierigkeiten den Hindernissen auszuweichen. Kurzzeitig fällt mir auf dass mein Spürsinn eine erstaunliche Reichweite hat, da der Zielort weiter entfernt ist als erwartet. Ich werde jedoch aus diesem Gedanke gerissen als ich Stimmen wahrnehme.
 

„&“($=)§ /$)/§) !=“(§&“=(/ !“
 

Ich kann deutlich erkennen dass eine Person schreit, aber die Worte sind vollkommen unverständlich für mich. Als ob ich eine ausländische Sprache zum ersten Mal hören würde.
 

‚Fähigkeit Fermund-Sprache erlernt.‘
 

Mit dieser Meldung am linken Sichtfeldrand habe ich die Bestätigung dass es sich um eine andere Sprache handelt. Ich habe zwar noch nie davon gehört, aber auch nicht die Zeit um darüber nachzudenken. Während ich weiterlaufe nutze ich meine mentale Kontrolle um die erlernte Fähigkeit aufs Maximum zu steigern.
 

„Nehmt euch irgendetwas um euch zu verteidigen!“ höre ich erneut einen Ruf und kann ihn diesmal deutlich verstehen.
 

Endlich komme ich auch am Zielpunkt an und schaue mir die Situation vor meinen Augen an nachdem ich zwischen zwei Baumstämmen stehen bleibe. Wie vermutet handelt es sich um einen Angriff. Drei Personen sind von einem Rudel Wölfe umzingelt. Die kleine Gruppe besteht aus zwei Frauen und einem Mann. Außerdem haben sie einen Holzkarren mit einer weißen Plane als Dach, welcher von zwei Pferden gezogen wird. Momentan befinden sie sich allerdings im Stillstand da die Raubtiere ihnen den Weg versperrt haben.

Der Mann der Gruppe steht vor den Pferden mit einem langen Stab in den Händen und versucht die Angreifer von den Tieren fern zu halten. Die Frauen hingegen befinden sich dahinter, neben dem Sitzplatz für den Fahrer des Karrens. Seine Anweisung etwas zur Verteidigung zu nehmen befolgen sie jedoch nicht, da eine von ihnen die andere fest in ihren Armen hält und in einer gehockten Haltung versucht sie abzuschirmen.

Die Wölfe ähneln stark denen der Realität was das Aussehen angeht. Nur dass sie ein paar Zentimeter größer sind und fast ausschließlich braunes Fell besitzen. Dank meiner Durchblick-Fähigkeit kann ich sehen dass sie sogar als „Brauner Wolf“ bezeichnet werden. Ihre Level sind allerdings eher gering. Der Stärkste von ihnen ist Level 8 und der Rest ist im Bereich zwischen 4 und 6.

Es braucht jedoch keinen Experten um zu erkennen dass die kleine Gruppe in der Klemme sitzt. Der Mann selbst hat auch nur Level 9 und ist bereits überfordert die Tiere fern zu halten. Die Überzahl der Gegner ist in diesem Fall der ausschlaggebende Punkt. Als auf einmal der Rudelführer mit dem Höchstlevel der Wölfe angreift, gelingt es ihm den Stab des Mannes ins Maul zu bekommen und dadurch aus dessen Händen zu reißen. An sich wäre die Sache damit entschieden, aber ich habe mich längst entschieden es nicht so enden zu lassen.

Immerhin ist dies das erste richtige Event in meiner Traumwelt. Auch wenn es eher ein Klischee ist eine Gruppe in einem Wald vor Wölfen zu retten, so kann ich es mir nicht einfach entgehen lassen. Normalerweise ist das erste Event für gewöhnlich ein Tutorial des Kampfsystems oder relevant für die Geschichte, aber in diesem Fall bezweifle ich das. Trotzdem sollte es sich als nützlich erweisen.

Die aktuelle Lage erlaubt aufgrund der direkten Nähe der Raubtiere und der Menschen nicht besonders viele Zauber, aber ich besitze einen Skill der praktisch wie für solch eine Situation gemacht ist. Daher erhebe ich meine rechte Hand bis auf Brusthöhe und strecke den Arm komplett nach vorne aus. Bevor ich ihn abfeuere bereite ich den Angriff mental vor indem ich die Ziele anwähle.
 

„Magiepfeile,“ spreche ich anschließend und starte damit den Skill während die Wölfe sich weiter annähern um ihre Beute zu erlegen.
 

In einer Bogenform um mich herum entstehen sofort genauso viele Pfeile wie Ziele vorhanden sind. Mal abgesehen davon dass sie in einem hellen türkis leuchten, da sie aus Magie bestehen, sehen die Geschosse aus wie normale Pfeile. Indem ich meine Handfläche mit den nach oben gerichteten Fingern vorwärts senke beginne ich die Schusssequenz. Auf der Stelle fliegen die magischen Projektile mit hoher Geschwindigkeit los. Der Leitwolf macht sich gerade bereit einen Sprung auf sein Ziel durchzuführen als mein Angriff seine Ziele findet.

Punktgenau werden die Wölfe fast zeitgleich von den Pfeilen erwischt. Dabei bohren sie sich wie geplant in die Hälse der Tiere. Es ist für jeden von ihnen ein beinahe sofortiger Tod und dazu erstaunlich blutlos. Keine fünf Sekunden nach den Treffern liegen alle regungslos am Boden. Daraufhin verschwinden auch die Geschosse wieder und hinterlassen kleine offene Wunden aus denen etwas Blut fließt und den Boden leicht rot färbt.

Anscheinend kann es der Mann noch nicht ganz fassen, da er weiter zu den Angreifern schaut und einen perplexen Gesichtsausdruck hat. Auch die beiden Frauen ändern ihre Haltung nicht. So wie es aussieht haben sie noch nicht einmal mitbekommen was gerade passiert ist. Um für etwas Entspannung zu sorgen setze ich mich in Bewegung und gehe auf die Gruppe zu.
 

„Alles in Ordnung?“ frage ich als ich die Hälfte der Strecke zurückgelegt habe.
 

Jetzt ist natürlich noch die Frage offen ob er mich verstehen kann. Ich habe dies wie immer ausgesprochen, aber kann er meine Worte auch verstehen? Ich habe zwar den Skill für die Sprache perfektioniert, aber muss ich ihn erst aktivieren oder gibt es eine Art automatische Übersetzung?

Zumindest zeigt der Mann eine Reaktion und blickt zu mir. Das Erscheinen einer anderen Person zeigt ebenfalls Wirkung, da er auf einmal sehr erleichtert wirkt. Er atmet tief durch und bekommt dadurch eine etwas entspannte Haltung.
 

„Ihr habt uns gerettet. Vielen Dank,“ erwidert er und kommt mir sofort entgegen.
 

Das beantwortet schon einmal die Frage mit der automatischen Übersetzung. Ich muss den Skill also nicht extra anschalten. Aber ich hoffe ich kann ihn auf Wunsch deaktivieren. Es kann durchaus vorkommen dass es ab und zu besser ist wenn mich Leute nicht verstehen können. Das muss ich später einmal ausprobieren.
 

„Was ist denn passiert?“ frage ich um eine Erklärung für diese Situation zu bekommen.
 

Selbstverständlich ist mir klar dass es sich um einen Angriff von Wölfen handelte, aber offensichtlich sind sie ja in einem Pferdekarren gereist. Laut meines Wissen müssen Wölfe da schon ziemlich aggressiv oder verzweifelt sein um zuzuschlagen. Daher möchte ich gerne wissen ob es besondere Umstände in diesem Fall gibt.
 

„Wir wurden von den Wölfen überrascht als wir auf der Durchreise waren. Mir wurde zwar gesagt die Viecher in dieser Gegend sind äußerst angriffslustig, aber ich habe nicht damit gerechnet dass sie uns auflauern und eine Falle stellen.“
 

Bei dem letzten Teil der Erklärung werde ich hellhörig.
 

„Eine Falle?“
 

„Ein Hinterhalt ist vielleicht passender. Wir sind normal geritten als plötzlich ein paar von ihnen aus beiden Waldseiten am Weg herausrannten und auf die Pferde losgingen. Es ging so schnell dass ich kaum reagieren konnte, aber anscheinend wollten sie die Pferde an den Füßen verwunden. Es gelang nicht, aber leider gerieten sie in Panik und so blieb mir nichts anderes übrig als abzusteigen um sie zu verteidigen,“ erklärt er weiter.
 

Das würde ich definitiv einen Extremfall nennen. Ich habe schon gehört das Wölfe oft größere Beute erlegen und dafür den Vorteil der Menge des Rudels nutzen, aber so eine fast schon gerissene Falle zu stellen ist dann doch etwas Neues.
 

„Verstehe,“ entgegne ich nur noch immer fasziniert vom Verhalten der Raubtiere.
 

„Gott sei gesegnet dass ihr genau rechtzeitig gekommen seid. Ohne euch wäre das wohl sehr schlecht für uns ausgegangen. Nochmals vielen Dank,“ meint er und verneigt sich aufrichtig um seinen Dank zu unterstreichen. „Ich heiße übrigens Thomas. Thomas Berger,“ fügt er hinzu als er sich wieder aufgerichtet hat.
 

Anstandshalber sollte ich mich auch vorstellen und da ich in diesem Traum sozusagen mein Spielcharakter bin ist es vermutlich besser dessen Namen zu benutzen.
 

„Leonhardt Cromwell,“ antworte ich ihm und reiche ihm die Hand zur offiziellen Begrüßung.
 

Während er den Handschlag erwidert nutze ich den Moment um ihn genauer zu betrachten. Das erste was mir dazu einfällt ist dass er wie ein typischer Hintergrundcharakter wirkt. Er ist ungefähr so groß wie ich, vielleicht 2 bis 3 Zentimeter kleiner, und besitzt eine normale Statur. Er hat braune, mittellange Haare und einen Vollbart in der gleichen Farbe, der aber nicht sehr lang ist. Auch seine Augen sind braun. Wenn ich sein Alter vom Gesicht her schätzen müsste, dann würde ich sagen er liegt im Bereich zwischen 35 und 45 Jahre.

Was sein Kleidung angeht wirkt er auch irgendwie wie ein Zwischending. Weder arm, noch reich. Nicht ganz Bauer, aber auch kein Adliger. Ich weiß nicht ob er sich seinen Haaren anpasst, er braun einfach nur mag oder es Zufall ist, aber seine Kleidung ist ebenso fast komplett in dieser Farbe gehalten. Sein Outfit besteht aus einer braunen Weste mit einem weißen Hemd mit kurzen Ärmeln darunter, einer langen, braunen Stoffhose und schwarzen Schuhen. Es mag unhöflich sein und ich werde es auf keinen Fall laut aussprechen, aber ich kann ihn wirklich als nichts anderes als einen Hintergrundcharakter sehen.
 

„Seid ihr ein Abenteurer? Oder was führt euch ganz alleine in diese Gegend?“
 

Seine Frage kommt etwas überraschend, ist aber auch nachvollziehbar. Zum Glück hatte ich auf meiner bisherigen Reise mehr als genug Zeit während des Rennens um über so etwas nachzudenken. Immerhin war klar dass ich früher oder später nach so etwas gefragt werde wenn ich auf Menschen treffe.
 

„Nein, ich bin lediglich ein Reisender. Allerdings geht es mir ganz ähnlich wie euch. Ich war ebenso zu Pferd unterwegs und wurde eines Nachts von einem Monster überrascht. Ich konnte mich zwar wehren, aber leider ist dabei mein Pferd mit fast allen meinen Sachen abgehauen. Ich habe versucht es zu verfolgen, aber zu Fuß ist das ziemlich aussichtslos.“
 

Die Geschichte mit dem Überfall ist natürlich komplett erfunden, aber ich möchte so weit es geht meine Kräfte und andere Sachen geheim halten. Auch was mein Inventar angeht müssen die Leute nichts wissen. Genau dafür die Lüge mit dem Überfall und dem weggelaufenen Pferd. Es klingt einigermaßen glaubhaft und erklärt warum ich so wenig Sachen dabei habe.
 

„Oh du meine Güte, da hat es euch ja schlimmer erwischt als uns. Obwohl ihr ziemlich stark erscheint. Ihr könnt Magie nutzen und offensichtlich auch Kampferfahrung,“ spricht er und richtet seinen Blick beim letzten Teil auf den Griff meines Schwertes.
 

Lächelnd folge ich kurz seinem Blick und schaue ebenso zum Griff bevor ich mich wieder zu ihm wende und antworte.
 

„Ehrlich gesagt habe ich vor Abenteurer zu werden, aber in meiner Heimat gibt es dahingehend keine Möglichkeiten. Das ist auch der Grund warum ich in dieser Gegend unterwegs bin und nach einem Ort suche an dem ich mit dieser Karriere starten kann.“
 

„Das erklärt natürlich eure Stärke und ich schätze ich sollte mich glücklich schätzen dass euch dies hierher geführt hat.“
 

Ich bin erleichtert dass er mir so einfach glaubt. Obwohl ich eigentlich nicht komplett gelogen habe. Die Sache mit dem Abenteurer werden ist nämlich wahr. Um Ideen für ein Spiel zu sammeln sollte ich soviel von dieser Welt sehen wie möglich. Und als Abenteurer kommt man viel umher. Allein die Quests schicken einen an alle möglichen Orte. Außerdem ist man auch nicht an einem Ort gebunden und kann somit frei herumreisen. Das ist also der perfekte Beruf für diese Traumwelt.
 

„Da ich euch mein Leben schulde möchte ich mich gerne erkenntlich zeigen. Ihr könnt euch von meinen Eigentum nehmen was immer ihr wollt,“ meint er voller Freude.
 

Es macht mir beinahe etwas Angst wie sehr er sich darüber freut mir eine Bezahlung von seinem Besitz zu geben. Klar verdankt er mir sein Leben, aber sollte er so glücklich darüber sein seinen Besitz abzugeben. Wenn ich fies wäre könnte ich sagen ich will alles haben. Allerdings kommt mir sein Angebot ganz gelegen, denn es eröffnet mir eine großartige Chance.
 

„Das ist nicht nötig. Ich habe euch nicht gerettet um euch dann auszunehmen, aber wenn ihr euch wirklich erkenntlich zeigen wollt, dann habe ich da eine Idee.“
 

„Absolut, was immer ihr wollt.“
 

Ok, ich frage mich jetzt wirklich was er sich gerade gedanklich vorstellt, da seine Augen regelrecht strahlen. Er erinnert mich an ein kleines Kind, dem man gerade ein Haufen Spielzeug versprochen hat. Oder auch an einem Masochisten der gleich seine Strafe erhalten soll.
 

„Wie bereits gesagt bin ich nicht aus dieser Gegend und kenne mich hier nicht aus. Noch dazu war meine Landkarte in den Taschen an meinem Pferd verstaut und ist somit ebenso verschwunden. Es wäre also eine große Hilfe wenn ihr mich bis zur nächsten Stadt mitnehmen könntet. Selbstverständlich werde ich während der Reise gerne als Wache arbeiten und euch verteidigen.“
 

„Na wenn es weiter nichts ist. Absolut kein Problem, das ist doch das Mindeste was ich für euch tun kann. Die nächste Stadt ist auch gar nicht mehr so weit entfernt. Höchstens vier Tage, dann sollten wir da sein.“
 

„Ich danke euch, das hilft mir wirklich weiter.“
 

Genau genommen wäre es jetzt nicht mehr nötig gewesen um so etwas zu bitten. Immerhin habe ich dank dieses Zwischenfalls eine Straße gefunden und die hätte mich schon an irgendeinen Ort gebracht. Aber wenn ich mit ihnen fahre kann ich noch ein paar Informationen sammeln, welche mir später weiterhelfen können.

So hat sich dieses plötzliche Event doch noch ausgezahlt und ich habe endlich den ersten Schritt gemacht voran zu kommen. Man kann dies wohl nicht gerade als Story-Event bezeichnen, aber umsonst war es zumindest nicht. Mit dem Besuch der ersten Stadt werden sich bestimmt einige Möglichkeiten offenbaren, welche wiederum zu neuen Ideen führen werden.

Ich kann es kaum noch erwarten dort anzukommen.

Finally a City.

Vier Tage sind seit dem Event im Wald des Heulens vergangen. Da wir die nächste Stadt noch nicht erreicht haben reise ich noch immer mit Thomas und seinen beiden Reisegefährtinnen. Entgegen meiner ersten Vermutung gehören die Drei aber nicht zusammen. Thomas ist ein gewöhnlicher Händler, der von Stadt zu Stadt fährt um seine Geschäfte zu verrichten. Dabei scheint er mehr auf Warenaustausch mit Gewinn zu setzen als auf direkten Verkauf. Wobei er diesem auch nicht abgeneigt ist wenn es sich rentiert.

Was die beiden Frauen angeht so handelt es sich laut Thomas um Überlebende eines Dorfes, welches von einem gefährlichen Banditen-Klan überfallen wurde. Beim Angriff gab es anscheinend keine Rücksicht auf Frauen und Kinder. Alle Anwesenden wurden regelrecht abgeschlachtet. Da es sich bei den Zwei um die Frau und Tochter des Dorfoberhauptes handelt wurden sie von den anderen lange genug beschützt damit sie fliehen konnten. Dies erklärt auch den Zustand ihrer Kleidung, welche normalerweise als leicht gehoben bezeichnet werden könnte, aber mittlerweile ziemlich heruntergekommen ist.
 

Die Mutter ist ein paar Zentimeter kleiner als ich, hat langes braunes Haar, welches ihr bis zur Brusthöhe den Rücken hinunter hängt, und grüne Augen. Allgemein hat sie eine reguläre Statur, aber da sie für einige Tage auf der Flucht waren sind sowohl sie als auch ihre Tochter etwas vom Fleisch gefallen. Dank Thomas konnten sie jedoch dem Hungertod entgehen. Was bei ihr noch auffällig ist, ist ihre recht große Oberweite, welche offenbar an die Tochter vererbt wurde, auch wenn sie ihre Mutter noch nicht so ganz erreicht hat.

Anhand meines Skills konnte ich ohne zu fragen sehen dass ihr Name Luisa lautet und sie 39 Jahre alt ist. Ihr Level liegt bei 8. Ihre Tochter heißt Nadine und ist 16 Jahre alt mit einem Level von 5. Sie sieht ihrer Mutter sehr ähnlich, denn auch sie hat langes braunes Haar, fast so lang wie bei ihrer Mutter. Allerdings sind ihre Augen braun und sie ist aufgrund des Alters noch etwas kleiner.

Bei Beiden kann man die Spuren ihrer Reise erkennen. Mal abgesehen von den zerrissenen und dreckigen Sachen sind auch die zwei nicht mehr im besten Zustand. Leichte Wunden sind an Arme und Beine zu sehen und sie haben sich offensichtlich auch ein paar Tage nicht mehr waschen können. Außerdem sind sie generell ziemlich ruhig und bleiben größtenteils für sich. Diese Art der Verängstigung kann ich allerdings nach einem Banditenangriff gut nachvollziehen. Es ist mehr als nur wahrscheinlich dass ihr Mann bereits tot ist. Darüber sind sie sich bestimmt auch bewusst. Es ist also kein Wunder dass sie mir gegenüber misstrauisch sind und meine direkte Nähe meiden.

Ich wollte auch nicht als aggressiv herüber kommen und habe es vermieden die Frauen anzusprechen so weit es ging. Es hat sich auch leicht bezahlt gemacht, da sie nach den vergangenen Tagen nun nicht mehr ganz so verstört über meine Anwesenheit wirken wie am Anfang der Reise. Wenn ich sie jetzt anspreche um zum Beispiel eine Nachricht von Thomas weiterzuleiten weichen sie nicht mehr schreckhaft zurück und antworten mir sogar. Nadine tut sich allerdings etwas schwerer damit als ihre Mutter.

Sie hält sich generell stark zurück. Genauer gesagt ist sie einfach nur mit dabei. Luisa macht sich zumindest nützlich und hilft mit verschiedenen Aufgaben wie Kochen oder der Pflege der Pferde. Ich schätze mal der Schock der Banditen sitzt noch immer tief in Nadine fest. Thomas stört es allerdings nicht, da auch er die Lage verstehen kann und solange er nichts dazu sagt habe ich auch kein Problem damit. Ich habe grundsätzlich kein Sagen in der Angelegenheit, denn ich selbst bin ebenso nur ein Passagier.
 

Eigentlich sollten wir bereits bei der Stadt angekommen sein, da Thomas anfangs meinte die Reise würde vier Tage dauern. Allerdings haben wir aus einem bestimmten Grund eine Verzögerung von einem Tag. Schuld dafür ist im Grunde genommen der Händlertrieb des Besitzers vom Karren.

Er sah die erlegten Wölfe nämlich als eine gute Quelle für zusätzliche Einnahmen. Offenbar bringt ihr Fell beim richtigen Abnehmer eine gute Summe ein. Und da mein Angriff kaum Schaden und nur wenig Blut verursachte ist der Wert sogar noch größer. Deswegen fragte er mich ob es in Ordnung ist dass er die Chance nutzt um den toten Wölfen ihr Fell abzuziehen.

Theoretisch hätte ich ihm sagen können dass ich längst die Materialien in meinem Inventar habe, aber ich wollte keine großen Informationen von mir preisgeben, daher hielt ich mich dahingehend zurück. Allerdings sah ich mich durch seine Frage mit einer anderen Sache konfrontiert. Dem Zeitaufwand. Immerhin ist dies bloß ein Traum und da kann es jederzeit passieren dass ich erwache. Um also so viel Ideen wie möglich zu sammeln ist es absolut wichtig jeden Augenblick so gut es geht zu nutzen und keine Zeit zu verschwenden.

Für einen kurzen Moment überlegte ich hin und her wie ich damit umgehen sollte. Im Endeffekt entschied ich mich seinem Wunsch nachzugehen. Zum einen ist Thomas generell in der Position wo er mich eigentlich gar nicht fragen musste. Es war daher schon eine große Geste mir die Entscheidung zu geben. Und genau betrachtet hätte ich auch einfach nach die Richtung zur Stadt fragen können um alleine dorthin zu gehen.

Ich bin jedoch ein Fan und großer Befürworter von Spielen in denen der Hauptcharakter die Möglichkeit hat Entscheidungen zu treffen, welche im späteren Verlauf der Geschichte noch eine Bedeutung haben. Zum Beispiel wenn man jemanden rettet anstatt ihn sterben zu lassen und dadurch irgendwann zusätzliche Informationen, Gegenstände oder sogar Verbündete bekommt. Oder aber auch wenn die Entscheidung den Verlauf der Geschichte selbst beeinflusst. Ich mag solche Spiele und die dadurch entstehende Freiheit, leider steckt dahinter so viel mehr Arbeit weswegen diese Spiele nicht allzu häufig sind. Durchaus verständlich wenn man bedenkt was für zusätzliche Kosten und Aufwand dahinter steckt.

Doch genau aus diesem Grund wollte ich nicht einfach abhauen und die Drei für sich lassen. Ich hatte zwar bereits das Event der Rettung erledigt, aber es gab immer noch die Chance dass sie auf dem Weg zur Stadt ohne mich erneut angegriffen werden und dabei drauf gehen. Demnach wäre meine Rettung umsonst gewesen. Mir war klar dass ich nicht mit sehr viel Gegenleistung rechnen konnte, aber trotzdem wollte ich lieber daran festhalten.

Mal abgesehen davon sind luzide Träume oftmals wesentlich schneller als die Zeit in der Realität. In einer Traumwelt gibt es nicht wirklich eine Zeit, denn genau genommen bestimmt die Vorstellungskraft den Inhalt. Und in nur einem Augenblick kann man sich bereits eine Menge vorstellen. Daher ist es nicht ungewöhnlich dass man in nur einer Nacht von einem gesamten Leben träumt. Es war dennoch ein Risiko, aber ich entschied mich dafür dieses einzugehen. Als Spieleentwickler ist es schließlich notwendig gewisse Risiken zu nehmen um einen Hit zu erschaffen.
 

Nachdem ich meine Zustimmung gab machte sich Thomas sofort an die Arbeit und begann die Wölfe zu häuten. Allein durch das Zuschauen erlangte ich dabei den Skill Häutung, welcher mir noch immer ein wenig sinnlos erscheint. Natürlich ist es besser ihn zu haben als nicht, aber dank meines cleveren Inventars und der automatischen Zerlegung meiner Opfer ist diese Fähigkeit für mich nicht von großer Bedeutung.

Andererseits kam es mir doch irgendwie zu gute, denn nachdem ich den Skill maximiert hatte bot ich meine Hilfe bei der Häutung an, was den Händler etwas überraschte. Ich erklärte ihn einfach dass ich es durch meinem Vater lernte. Er akzeptierte es ohne wenn und aber und nahm meine Unterstützung gerne an.

Wie mit dem Klettern-Skill zeigte sich dass eine Verbesserung sich bezahlt macht. Meine Handgriffe und das Schneiden liefen so ziemlich automatisch ab und ich wusste aus irgendeinem Grund ganz genau was zu tun war. Obwohl ich davon eigentlich absolut keine Ahnung hatte. Selbst Thomas war erstaunt über mein Können, welches dem seinen locker überstieg. Genau dadurch machte sich der Skill bezahlt, denn ich konnte somit die verbrachte Zeit verkürzen.

Anschließend bauten wir zusammen eine einfache Konstruktion aus Holzstäben um die abgetrennter Felle zur Trocknung aufzuhängen. Leider war es nicht möglich den Prozess komplett ohne Bildung von Blut zu vollziehen, weswegen sie für ein paar Stunden zum Abtropfen und anschließendem Trocknen hängen sollten. Nebenbei erhielt ich durch diese Arbeit die Fähigkeiten Architekt, Holzbearbeitung und Kürschner.

Diese Skills sind nicht unbedingt schlecht, wobei sie bei meiner Wahl ein Abenteurer zu werden nicht unbedingt notwendig sind. Allerdings können sie sich durchaus als wertvoll erweisen und fallen ohnehin unter die Kategorie besser haben als nicht. Dank unseres Prozesses zur Bearbeitung der Felle kam mir auch die Frage auf ob die in meinem Inventar bereits dementsprechend fertig sind oder ebenso noch bearbeitet werden müssen. Ich konnte es aber schlecht vor Thomas testen wegen meiner Geheimhaltung des Inventars, daher entschloss ich mich später einmal danach zu schauen.
 

Die Prozedur der Trocknung kostete die meiste Zeit und schob unsere Abreise um fast einen ganzen Tag nach hinten. Deshalb sind wir auch noch nicht bei der Stadt angekommen. Zum Glück verlief unsere Fahrt ohne Zwischenfälle und so haben wir keine weitere Zeit verloren. Mal abgesehen von dem zusätzlichen Tag verlief auch mein originaler Plan nicht ganz wie erhofft. Durch die Rettung der Drei habe ich auf die Möglichkeit gesetzt ein paar Infos zu dieser Traumwelt zu bekommen.

Das Problem sind dabei allerdings Luisa und ihre Tochter. Ihr Dorf wurde von Banditen überfallen und vernichtet, was Thomas ja auch weiß. Wenn ich also viele Fragen gestellt hätte, dann wäre es nicht verwunderlich wenn sie mich als einer der Banditen einstufen. Ich bin zwar alleine, aber das sind Spione und Späher auch. Ich könnte genauso gut ein Verfolger der zwei Frauen sein. Das Risiko durch zu großer Neugier über die Gegend Feindseligkeit zu ernten war mir einfach zu hoch, daher hielt ich mich mit der Fragerei zurück.

Allerdings erwies sich die Persönlichkeit von Thomas als vorteilhaft. Da er ein Händler ist hat er eine gewisse Offenheit und redet recht viel. Durchaus eine normale Sache, denn immerhin erhöht er damit die Chancen seine Waren zu verkaufen. Sein loses Mundwerk gab mir also schon ein paar Daten zur Welt.

Ich befinde mich aktuell zum Beispiel im Königreich Fermund, eines von vielen auf diesem Kontinent. Das von einer Königsfamilie regierte Land ist recht groß und hat ein gutes Verhältnis mit den benachbarten Ländern. Wir befinden uns allerdings im äußeren Gebiet des Königreichs, weswegen die bewohnten Gebiete meistens Dörfer oder kleine Städte sind. Unsere Zielstadt Salue ist dabei jedoch eine Ausnahme und zählt zu den etwas größeren Städten, obwohl sie im Vergleich zur Hauptstadt trotzdem noch klein ist.

Die generelle Situation stuft Thomas als friedlich ein. Es gibt keinen Krieg mit anderen Ländern und auch sonst sind die Probleme im Normalbereich. Ich konnte ihm auch entlocken was genau er damit meinte. Die meisten Auffälligkeiten kommen durch Banditen und Monster. Allerdings sind davon meistens die kleineren Orte betroffen, da diese eine geringe Verteidigung haben und leichte Ziele darstellen.

Es existiert anscheinend eine Menge an verschiedener Monster, sowohl regulär als auch magischer Natur, aber diese greifen eher selten direkt eine Stadt an. Sie überfallen für gewöhnlich Reisende, die durch deren Revier streifen. Es gibt auch noch Dämonen und deren als Dämonenlord bezeichneten Herrscher, aber dieser wurde vor vielen Jahren von einem Helden besiegt und ist seitdem nicht mehr auferstanden. Auch die verbleibenden Dämonen zeigen sich nicht gerade häufig. Vermutlich warten sie auf ihren Gebieter. Als er mir davon erzählte musste ich im Stillen daran denken dass dies normalerweise vorprogrammierte Wörter sind, welche zur Auferstehung des Dämonenlords führen und damit die richtige Geschichte einleiten. Zum Held werden und den bösen Herrscher vernichten ist schließlich ziemlicher Standard in Spielen der Fantasie-Klasse.

Viel mehr konnte ich bisher nicht herausfinden ohne zu auffällig zu erscheinen. Ich war auch eher selten alleine mit Thomas um seine Redeoffenheit auszunutzen. Im Beisein der weiblichen Begleiter versuchte ich unsere Gespräche auf übliche Smalltalk-Ebene zu halten.
 

„Wenn alles gut verläuft dann sollten wir morgen Vormittag die Stadt erreichen.“
 

Momentan befinden wir uns am Straßenrand und haben unser Lager aufgeschlagen. Lager klingt dabei allerdings übertrieben, da es sich lediglich um ein Lagerfeuer handelt. Auch was Schlafplätze angeht ist gerade einmal einer neben dem Feuer aufgebaut. Die Frauen schlafen nämlich immer im Holzwagen. Ich selbst bin wie vereinbart für die nächtliche Wache zuständig. Da ich nicht sehr viel Schlaf benötige und es wegen meiner Arbeit gewohnt bin auch mal durchzumachen ist das nicht weiter schwer für mich. Erst in den Morgenstunden übernimmt Thomas die Wache sodass ich etwas schlafen kann.

An sich reicht mir das auch aus, aber während der Fahrt mache ich meistens auch ein paar Nickerchen im Wagen. Mittlerweile haben sich Luisa und Nadine auch daran gewöhnt dass ich mit ihnen dort drinnen bin. Am Anfang sahen sie mich oft skeptisch an. Ein paar Mal kam mir der Gedanke ob sie versuchen würden mich während meines Schlafes anzugreifen, aber ehrlich gesagt hatte ich keine große Angst davor. Selbst wenn sie es getan hätten wäre es aller Wahrscheinlichkeit nach ohne Erfolg gekrönt. Dank meines Levels und den hohen Attributen muss man schon ziemlich stark sein um mir überhaupt Schaden zuzufügen. Ich kann zwar die Werte der Drei nicht sehen, aber ihre Level sind dafür einfach viel zu niedrig. Außerdem würde mich mein Gefahrensensor vermutlich warnen und aus dem Schlaf reißen. Es gab jedoch keinerlei Versuche mich zu attackieren.
 

„Gut,“ antworte ich dem Händler lediglich und füge einen Löffel mit der von Luisa gekochten Suppe in meinen Mund.
 

Da es schon recht spät ist sitze ich alleine mit Thomas am Feuer. Unsere Begleiterinnen haben sich bereits ins Innere des Wagens zurückgezogen. Diese Chance könnte ich nutzen um mehr aus ihm herauszulocken, aber aufgrund des naheliegenden Endes unserer gemeinsamen Reise liegt mir eine andere Angelegenheit im Sinn. Ich habe bereits den ganzen Tag darüber nachgedacht und endlich beschlossen die Sache anzusprechen.
 

„Was wird eigentlich mit Luisa und Nadine passieren wenn wir ankommen?“
 

Diese plötzliche Frage bringt Thomas für einen Augenblick zum Stillstand, sodass er die Hand mit dem Löffel darin kurz vor seinem Mund anhält. Fast drei Sekunden verbleibt er in dieser Position und sein Blick sieht ganz klar bedrückt aus.
 

„Hah…,“ seufzt er laut genug damit ich es hören kann und lässt dabei den Löffel wieder in die Suppe zurückfallen.
 

Diese Geste alleine sagt schon einiges aus sodass ich bereits erahnen kann was mit den Frauen passieren wird. Das Problem ist dass die Damen absolut nichts besitzen und der Händler nicht ewig für sie sorgen kann. Seine bisherige Hilfe an sich ist bereits sehr großzügig.
 

„Ich bin nicht gerade glücklich darüber, aber ich werde sie wohl den Soldaten übergeben müssen. Sie besitzen keine Papiere um sich zu identifizieren und haben kein Geld um sich neue ausstellen zu lassen. Leider kann ich dabei aber auch nicht helfen, da ich nicht die finanzielle Freiheit dafür besitze. Die Geschäfte in letzter Zeit waren nicht so gut wie erhofft und die Verpflegung der Beiden hat mich schon viel gekostet,“ erklärt er mir mit trauriger Stimme und einem beschämten Blick zum Boden.
 

Dadurch höre ich sogar eine wichtigen Punkt für mich. Es gibt offensichtlich so etwa wie Ausweise um sich zu identifizieren. Ich weiß mit Sicherheit dass ich solch Papiere auch nicht besitze, also muss ich mir welche ausstellen lassen. Laut seinen Worten kostet dies Geld und wenn er sagt er kann dafür keins geben, dann wird es wohl eine gute Summe sein.
 

„Ist es denn so teuer neue zu bekommen?“
 

„Und wie. Je nach Land kostet es zwischen eine und drei Goldmünzen,“ meint er beinahe panisch.
 

Bei meinem Guthaben klingt dies nach einer lachhaften Summe, aber leider kenne ich noch immer die Marktwerte nicht. Überraschenderweise haben wir bisher nie wirklich von Geld oder den Einnahmen durch Handel gesprochen. Aber wenn er so panisch ist und sagt er könne dafür nichts geben, dann wird es wohl eine Menge sein für normale Bürger.

Bloß gut dass dies die optimale Gelegenheit ist danach zu fragen.
 

„Das mag jetzt vielleicht seltsam klingen, aber sind drei Goldmünzen viel?“
 

Ich bekomme keine Antwort, sondern nur einen geschockten Gesichtsausdruck von Thomas. Er sieht mich ein bisschen so an als hätte ich gerade die dümmste Frage der Welt gestellt.
 

„Ist das dein Ernst?“ fragt er mich nach ein paar Sekunden und noch immer erstaunt.
 

„Ja, ist es. In meinem Heimatdorf wurde so ziemlich alles über Handel mit Waren vollzogen und wir haben uns auch selbst versorgt. Ich kenne daher die Werte der Münzen in den Städten nicht so richtig.“
 

Ich hoffe diese Lüge klingt einigermaßen akzeptabel.
 

„Ich verstehe. Das erklärt natürlich deine Frage. Ihr müsst ja echt sehr abgelegen gelebt haben.“
 

„Das kann man wohl so sagen.“
 

Auch wenn dies eine Traumwelt ist, so ist es eine andere Welt, also kann man definitiv abgelegen sagen.
 

„Nun ja, es hängt natürlich immer von Ort und aktueller Lage ab, aber eine dreiköpfige Familie kann sich für eine ganze Woche versorgen und kommt dabei höchstens in den Bereich von 3 bis 5 Silbermünzen. Die letzte Herberge in der ich übernachtet habe nahm pro Nacht 20 Kupfermünzen.“
 

„Wow, das ist krass,“ entgegne ich ihm geschockt.
 

Das bedeutet ja dass eine Familie mit einer Goldmünze locker 20 Wochen ausgesorgt hat. Ganze 5 Monate! Und ein Monat in der Herberge kostet sechs Silbermünzen, also reicht eine Goldmünze locker für mehr als ein Jahr! Kurz gesagt sind Goldmünzen ganz klar die Elite, was mich mehr als nur reich macht.
 

„Das kannst du laut sagen. Goldmünzen sind für gewöhnlich nur beim Adel oder anderen wirklich reichen Leuten zu finden. Und natürlich bei der Königsfamilie.“
 

Dann sind drei Goldmünzen für neue Papiere wirklich extrem teuer. Aber es ist auch irgendwie verständlich. Zum einen sind es sehr wichtige Papiere und wenn man diese verliert ist man halt selbst schuld. Auch wenn es nicht aus eigenem Verschulden passiert. Vermutlich will das Königreich dadurch auch seine Einnahmen etwas erhöhen und für Sicherheit sorgen. So können sie zumindest sicherstellen das niemand mit Fälschungen arbeitet oder Banditen sich in die Städte schleichen um sie auszukundschaften. So einen Preis kann schließlich nicht jeder zahlen.
 

„Und was passiert wenn man nicht zahlen kann?“
 

Auf einmal kommt sein bedrückter Ausdruck zurück. Vermutlich weil wir beide wissen dass die Damen sich dies nicht leisten können.
 

„Nun ja, wenn man niemanden hat der für einen bürgen kann oder die Gebühr zahlt dann wird man für gewöhnlich zu einem Sklaven gemacht.“
 

Oha, das heißt in dieser Welt gibt es ein Sklavensystem. An sich ist dies in solchen Welten nicht wirklich unüblich, aber es kommt auch immer darauf an wie die Sklaven behandelt und genutzt werden. Trotzdem ist es wohl naheliegend dass Frauen schlechter dran sind als Männer.
 

„Ich verstehe.“
 

„Ähm...hast du denn genug Münzen?“ fragt er mich besorgt.
 

„Glücklicherweise haben mich meine Eltern bei dem Vorhaben ein Abenteurer zu werden unterstützt und mir einen großen Teil ihres Vermögens überlassen. Es reicht um für die Papiere zu zahlen.“
 

„Das ist beruhigend.“
 

Danach ist unser Gespräch auch schon beendet. Thomas beeilt sich mit dem Essen fertig zu werden, hat weiterhin aber einen traurigen Ausdruck. Er ist offensichtlich nicht begeistert darüber die beiden Frauen in die Sklaverei zu übergeben, aber bei solchen Kosten kann ich verstehen dass er nichts dagegen tun kann. Mit einer kurzen Verabschiedung legt er sich anschließend schlafen und überlässt mich meiner Wache.

Wie in den letzten Tagen gibt es keinen Angriff oder sonstigen Zwischenfall. Um ehrlich zu sein ist es immer etwas langweilig einfach nur so da zu sitzen ohne etwas machen zu können. Um meine wirklichen Fähigkeiten geheim zu halten kann ich auch nicht groß mit Zaubern spielen oder die Gegenstände meines Inventars ausprobieren. Selbst mich für ein wenig Abwechslung vom Lager zu entfernen ist keine Option. Allgemein wäre es durchaus machbar, da mein Spürsinn eine super Reichweite hat und ich mit meiner Geschwindigkeit rechtzeitig zurück sein könnte, aber es wäre ungünstig wenn einer der Drei zwischendurch aufwacht und mich nicht sieht.

Dies sind damit die ersten Nächte in denen ich größtenteils wach bin, aber nichts mache. Eine eher unangenehme Neuerung, vor allem wenn ich an die begrenzte Zeit des Traumes denke. Dennoch nehme ich es so hin wie es ist und warte die Zeit ab. Wie üblich löst mich Thomas am frühen Morgen ab. Etwas erstaunlich ist dass ich ihn dafür nie wecken muss. Er steht jedes Mal von selbst auf als hätte er einen internen Wecker. Nachdem ich meine Schlafpause von drei Stunden hatte werde ich zum Frühstück geweckt. Kochen zählt nebenbei anscheinend nicht als Fähigkeit im direkten Sinne, denn dafür habe ich keinen Skill bekommen. Obwohl ich mehrmals dabei zugesehen habe.

Dabei kann ich wieder ein mal sehen wie eigenartig mein Unterbewusstsein arbeitet. Ich selbst sehe kochen als erlernbare Fähigkeit an, aber in diesem Traum ist es nicht der Fall. Das heißt ja mein Unterbewusstsein ist anderer Meinung. Einfach nur faszinierend diese Tatsache. Allerdings kann ich ohnehin bereits kochen, schließlich lebe ich alleine und nur Fertigessen ist da auf Dauer nicht das Wahre.

Nachdem wir unser Lager abgeschlagen haben machen wir uns wieder auf den Weg. Wie immer sitze ich dabei mit im Ladebereich vom Holzkarren. Mein Platz befindet sich direkt hinter dem vorderen Sitzbereich von Thomas. Luisa und Nadine sitzen am hinteren Ende. Aufgrund der Waren ist es etwas eng und nicht gerade gemütlich, aber so schlimm ist das nicht. Es gibt zum Glück immer eine angenehme Brise, denn die Abdeckplane ist sowohl vorne als auch hinten geöffnet. Man kann sie zwar schließen, aber dank des bisher schönen Wetters war dies nicht nötig.
 

„Schaut mal, man kann die Stadt jetzt sehen,“ ruft uns Thomas vom Fahrersitz aus zu.
 

Seit unserer Abfahrt sind wir nun schon ein paar Stunden unterwegs und es ist beinahe Mittagszeit. Die Sonne steht hoch am so gut wie wolkenlosen Himmel. Die warme Temperatur und die erstaunlich ebene Straße haben den Ritt recht angenehm gestaltet.

Aufgrund seines Rufes richten wir alle unsere Blicke auf unser Ziel. Wir befinden uns aktuell auf einem etwas größerem Hügel, weswegen man die Stadt trotz ihrer noch guten Entfernung bereits deutlich erkennen kann. Ich bin etwas überrascht vom Umland, denn dieses besteht ausschließlich aus freier Ebene. Nicht einmal Felder für Ernten kann ich erblicken. Allerdings ist die Stadt selbst von einer hohen Steinmauer umgeben, sodass ich noch nicht sehen kann was genau alles im Inneren vorhanden ist.

Die Größe empfinde ich gar nicht so wie erwartet, aber das kann auch einfach nur an der Entfernung liegen. Es ist schwer die Höhe der Mauer zu schätzen, aber ich gehe von ungefähr zehn Meter aus. Trotzdem kann man ein paar der Hausdächer auch jetzt schon sehen und in der Mitte befindet sich eine Art Schloss, wenn auch wesentlich kleiner als die, die ich aus der Realität kenne.

Mit meinem Blick weiterhin auf den kommenden Ort gerichtet öffne ich meine Karte. Es ist praktisch dass niemand sonst dies sehen kann. Da der aktuelle Bereich noch nicht aufgedeckt ist setze ich den Scanner ein um dies zu tun. Dabei wird natürlich auch die Stadt Salue angezeigt. Dank meines Durchblick-Skills bekomme ich auch direkt einige Informationen von ihr zu sehen.

Darunter fallen zum Beispiel die Einwohnerzahl, deren Aufteilung in Rassen und welchem Land der Ort angehört. Die Rassen haben dabei eine überraschend hohe Vielfalt. Neben normalen Menschen gibt es auch Demi-Menschen, sowie Zwerge. Über Demi-Menschen habe ich schon ein bisschen von Thomas gehört. Sie werden auch kurz als Demis bezeichnet und es handelt sich dabei um Menschen die halb Tier und halb Mensch sind. Eine klassische Spezies in Fantasiewelten. Es gibt aber auch noch einen Elfen und ein magisches Wesen.

Zusätzlich kann ich auch noch solche Daten wie Altersklassen, Angehörigkeit von Religionen und die Arbeiterquote sehen. Ich habe das Gefühl eine Analyse einer Firma mit den entsprechenden Diagrammen zu sehen. In meinen Augen etwas übertrieben, aber es kann nicht schaden dieses Wissen zu haben.

Während wir uns weiter annähern treffe ich einen Entschluss. Ich habe bereits die ganze letzte Nacht und den anschließenden Fahrtweg darüber nachgedacht, aber war mir nicht so wirklich sicher ob ich tatsächlich meinen Plan umsetzen soll. Im Grunde genommen war ich mir eigentlich schon sicher, aber meine Zweifel bezogen sich darauf ob ich schon genug Vertrauen gewonnen habe. Wenn ich aber genau darüber nachdenke bleibt den beiden Damen ohnehin keine Wahl.
 

„Thomas, kannst du kurz anhalten?“ frage ich den Fahrer als wir nur noch ein paar Kilometer entfernt sind.
 

Er dreht sich daraufhin ein Stück zu mir um und schaut mich verwirrt an. Allerdings scheint er zu erkennen dass ich es ernst meine und bringt den Wagen zum Halt.
 

„Was gibt es denn?“
 

Im Augenwinkel kann ich sehen dass auch die zwei Frauen über meine plötzliche Bitte verwundert sind.
 

„Ich denke es ist Zeit dass wir drei jetzt aussteigen.“
 

Diese Aussage erhöht die Verwirrung der anderen nur noch mehr, weswegen ich auch direkt mit einer Erklärung fortfahre.
 

„Du hast uns bereits mehr als genug geholfen. Ihnen sogar mehr als mir,“ beginne ich und zeige beim zweiten Satz kurz zu den Frauen. „Aber es ist ziemlich klar dass unsere Einreise in die Stadt nicht so leicht sein wird, da wir drei keine Möglichkeit haben uns zu identifizieren. Mal abgesehen davon dass wir nicht von dir verlangen können uns dabei zu unterstützen, werden wir vermutlich verdächtig erscheinen gegenüber den Wachen. Wenn wir bei dir bleiben wird es nur zu Komplikationen für dich kommen. Nachdem was du bereits für uns getan hast will ich nicht noch mehr Umstände machen. Ich denke das geht euch genauso oder?“ beende ich meine Erklärung und richte meinen Blick bei der letzten Frage auf unsere Begleiterinnen.
 

Ich gehe davon aus dass die Beiden sich ihrer Position im Klaren sind. Zumindest Luisa sollte dies wissen. Ich glaube auch nicht dass sie hinterlistige Damen sind und versuchen die Situation auszunutzen. Daher habe ich meine Worte auch dementsprechend gewählt um sie in die Enge zu treiben.

Wie erhofft bestätigt die Mutter meine Vermutung und nickt meine Aussage zustimmend ab. Ich schaue daraufhin wieder zu Thomas.
 

„Siehst du? Und die beste Option um dir nicht weiter zur Last zu fallen ist von hier an alleine zu gehen,“ fahre ich mit einem leichten Lächeln fort.
 

„Aber...“
 

Es ist deutlich zu sehen dass er nicht so recht weiß wie er reagieren soll. Ihm ist bestimmt klar dass ich richtig liege, denn er kann es sich nicht leisten die Frauen weiter zu unterstützen. Allerdings will er sie auch nicht einfach so ihrem Schicksal überlassen wenn man bedenkt was vor ihnen liegt. Dies kann ich durchaus verstehen.
 

„Nun mach dir mal keine Sorgen. Wir kommen schon klar,“ versichere ich ihm und verlasse anschließend den Karren.
 

Unsere weiblichen Gefährten folgen mir direkt, obwohl sie offensichtlich nicht sehr begeistert darüber sind und im Grunde genommen ja auch irgendwie durch mich gezwungen wurden.
 

„Danke für alles. Wir sehen uns später in der Stadt.“
 

Für einen Augenblick schaut er uns nur an bevor er sich kurz verneigt und seinen Pferden den Befehl zur Abfahrt gibt. Sich hier zu entschuldigen wäre wohl eher negativ gewesen, daher denke ich hat er die richtige Entscheidung getroffen sich wortlos zu verabschieden. Es ist ja auch nicht so als hätte er uns zum Tode verurteilt oder sowas.

Nachdem er ein gutes Stück entfernt ist drehe ich mich zu meinen Begleiterinnen um.
 

„Ich will gar nicht erst groß um den heißen Brei vorbeireden, also machen wir gleich mal Klartext,“ spreche ich mit einem ersten Gesichtsausdruck um ihnen die Wichtigkeit meiner folgenden Worte zu verdeutlichen. „Ihr seid euch eurer Lage vermutlich bewusst. Euch fehlen die Papier um euch auszuweisen und ihr habt kein Geld um neue zu bekommen. Mit aller Wahrscheinlichkeit erwartet euch somit die Sklaverei.“
 

Nach dem letzten Satz senken sie ihre Köpfe etwas und schauen voller Trauer und Angst nach unten. Bei Nadine ist es aufgrund ihres Alters wesentlich schlimmer als bei ihrer Mutter. Es ist klar dass sie die Bedeutung davon bereits kennt. Ich weiß nicht was Sklaven in dieser Traumwelt erwartet, aber anhand ihrer Ausdrücke kann es nicht sehr gut sein. Außerdem hat mich meine unterbewusste Fantasie schon ein paar mal heftig überrascht, wer weiß was in diesem Fall passieren wird.
 

„Genau aus diesem Grund habe ich ein Angebot für euch.“
 

Nun heben sie ihre Köpfe wieder an und schauen erneut zu mir. Eigentlich habe ich meine Stimme nicht geändert, aber es kommt mir so vor als hätten die Beiden etwas Hoffnung aus meinen Worten geschöpft.
 

„Zum Glück habe ich genug Geld dabei um für neue Papiere für uns alle zu bezahlen. Als Gegenleistung erwarte ich lediglich eine Sache: Spielt einfach mit dem was ich den Wachen erzählen werde mit.“
 

Anstelle von Freude über mein Angebot kann ich nichts außer Verwunderung in ihren Gesichtern erkennen. Ich schätze mal sie haben nicht mit dieser Kondition gerechnet.
 

„Was ich damit meine ist dass ihr einfach nur dem zustimmen sollt was immer ich den Wachen erzähle,“ erläutere ich meine vorherige Aussage.
 

„Das ist eure Bedingung?“ fragt mich Luisa noch immer verwirrt darüber.
 

Nebenbei ist dies auch das erste Mal dass sie nur mit mir spricht. Bisher sprach sie nur mit mir wenn Thomas dabei war und ich im Gespräch mit eingebunden wurde. Allerdings hat sie im Augenblick auch keine Wahl als zu reagieren.
 

„Ja.“
 

„Wirklich? Mehr nicht?“
 

Ah… jetzt verstehe ich ihre Sorge und die dadurch resultierende Frage. Vermutlich dachte sie ich will sonst was als Gegenleistung haben und ist dementsprechend verwundert über meine Bedingung. Na ja, normalerweise ist diese Entwicklung auch nicht gerade unüblich und führt oftmals dazu dass die Frau zur persönlichen Sklavin wird um sexuelle Wünsche zu erfüllen. Zumindest ist das mein normaler Gedankengang, wer weiß was mein Unterbewusstsein hier für krasse Regeln aufgestellt hat.
 

„Ich schwöre das ist alles was ich will,“ antworte ich und lege meine linke Hand in Herzhöhe auf meine Brust, während ich meine rechte Hand bis auf Kopfhöhe erhebe.
 

Endlich weicht die Verwunderung der Freude bei den zwei Damen. Ich kann sogar den Ansatz von Tränen in Nadine‘s Augen erkennen. Anhand dieser Erleichterung gehe ich davon aus dass sie wusste wie die Angelegenheit sonst noch ausgehen hätte können. Vermutlich lernen die Mädchen hier bereits im jungen Alter wie die Welt tickt. Zumal sie eigentlich keinerlei Garantie haben das ich mich auch wirklich an die Abmachung halten werde. Wahrscheinlich hat sich ein wenig Vertrauen mir gegenüber gebildet durch unsere gemeinsame Reise zusammen. Schließlich habe ich nichts getan was als böse gewertet werden kann. Wenn ich einer der Banditen oder ein anderer Bösewicht wäre, dann hätte ich sie auch schon längst überfallen.
 

„Dann haben wir das ja geklärt. Na los, lasst uns nach Salue gehen,“ spreche ich mit einem Lächeln und gehe voran in Richtung Stadt.
 

Wir laufen eher gemütlich, weswegen es einige Minuten dauert bis wir den Ort erreichen. Auf den letzten Metern vor dem Torbogen der Mauer nehme ich die Lage unter die Lupe. Thomas ist anscheinend ohne Probleme hineingekommen, da ich ihn nicht am Eingangsbereich sehen kann. Bis auf drei Wachmänner ist auch sonst niemand beim Tor zu erkennen.

Jeweils eine Wache steht an den Seiten des Einganges und die letzte befindet sich im Augenblick im Innenbereich des Torbogens. Jeder von ihnen trägt eine für das Mittelalter übliche Rüstung. Es ist allerdings eher eine reguläre Ausführung und keine Besonderheit wie man es von höher gestellten Rittern kennt. Die Rüstung besteht aus einem Brustpanzer, sowie Arm- und Beinschienen. Außerdem kommt noch ein Helm dazu, der lediglich den oberen Bereich des Kopfes schützt. Sämtliche Teile sind in einem hellen Grauton gehalten. Die restliche Kleidung besteht offenbar aus braunem Leder. Als Waffe hat jeder von ihnen ein Schwert um die Hüfte zu hängen. Zusätzlich haben die zwei vorderen Männer noch Lanzen mit drei Zacken an der Spitze in ihrer Hand. Was noch auffällt ist das Symbol am Brustbereich der Rüstungen. Es hat ein wenig etwas von der Spitze eines Dreizacks. Da es auch auf der Flagge am oberen Ende der Mauer zu sehen ist gehe ich davon aus das es sich dabei um das Wappen der Stadt oder sogar von Fermund handelt.

Die Mauer wirkt aus nächster Nähe um einiges größer als vorher und laut bloßer Augenschätzung ist sie locker drei Meter dick. Überraschend ist dass ich keine Bogenschützen auf dem Wall sehen kann, aber vielleicht sind sie mir einfach nicht aufgefallen. Ich fühle auch keine Notwendigkeit extra dafür meine Karte zu prüfen. Stattdessen nähern wir uns weiterhin gelassen an. Kurz davor verlassen die beiden Wachen an den Seiten ihre Position und stellen sich uns in den Weg. Ihre Haltung ist aber neutral und zeigt keinerlei Aggression. Entweder stoppen sie uns um uns zu checken oder es wird generell jeder angehalten. Um nicht feindselig zu wirken halte ich natürlich sofort an. Meine Begleiterinnen bleiben hinter mir stehen.

Nun kommt noch der letzte der Wachmänner hervor und stellt sich zwischen den anderen beiden.
 

„Identifikationspapiere bitte,“ meint er etwas kurz angehalten, aber dennoch einigermaßen freundlich.
 

„Tut mir leid, aber wir besitzen keine,“ antworte ich im höflichen Ton und mit einem Lächeln.
 

„Aus welchem Grund?“
 

Er scheint nicht gerade der gesprächige Typ zu sein. Kommt mir fast so vor wie jemand der diesen Job jeden Tag macht und irgendwann einfach nur noch das Wesentliche sagt weil ihn die ständigen Wiederholungen nerven.
 

„Die beiden Frauen hinter mir sind Überlebende eines Banditenangriffs. Ihr Dorf wurde plötzlich von einem großen Klan attackiert. Wie man vermutlich sehen kann konnten sie gerade noch so entkommen. Durch Zufall war ich in der Gegend und bekam mit wie sie verfolgt wurden. Ich schritt daher ein um ihnen zu helfen, aber dabei haben sich die Banditen mein Pferd geschnappt. Ich war in der Unterzahl und meine Priorität war die Rettung der Damen, daher habe ich ihnen das Pferd überlassen. Leider befanden sich meine Sachen, inklusive meiner Papiere, in der Tasche und wurden dadurch von den Banditen an sich genommen,“ gebe ich meine Erklärung ab.
 

Es ist nicht komplett gelogen, aber so klingt die Geschichte in meinen Augen glaubwürdiger.
 

„Wir haben nichts von einem Angriff eines Banditen-Klans gehört. Wo wurde denn angegriffen?“
 

Es ist klar zu erkennen dass der Wachmann skeptisch ist. Irgendwie verständlich, denn so eine Geschichte könnte ja jeder erzählen.
 

„Ich stamme nicht aus dieser Gegend und kenne mich daher nicht wirklich aus. Ich weiß nur dass das angegriffene Dorf nahe der Grenze liegt,“ antworte ich und drehe mich anschließend zu meinen Gefährtinnen um. „Wie hieß euer Dorf nochmal?“
 

Ich habe sie ja gebeten mitzuspielen, also hoffe ich das sie jetzt ihren Teil erfüllen. Sie müssen nicht einmal lügen, da der Angriff tatsächlich stattfand und sie lediglich den Namen ihrer Ortes sagen sollen.
 

„Lindas,“ spricht Luisa ohne zu zögern aus.
 

„Hmm, sagt mir nichts,“ meint die Wache und fasst sich nachdenklich mit seiner rechten Hand ans Kinn.
 

„Ich kenne das Dorf,“ mischt sich auf einmal die Wache zu meiner linken ein. „Es befindet sich wie er gesagt hat nahe der Grenze. Ich habe gehört es soll dort öfter mal zu kleinere Angriffe von Banditen kommen.“
 

„Ich verstehe,“ antwortet sein Kollege und richtet anschließend seine Aufmerksamkeit auf das Mutter-Tochter-Gespann. „Es tut mir außerordentlich leid für euren Verlust,“ meint er und verbeugt sich ein gutes Stück.
 

Oh, er scheint doch mehr Anstand zu haben als er bisher zeigte. Es ist zwar etwas unverschämt davon auszugehen dass die Beiden etwas verloren haben, aber im Anbetracht von der bisherigen Erzählung ist es wahrscheinlich auch nicht sehr weit hergeholt. Immerhin sagte ich ja dass die Zwei Überlebende sind. Das sagt schon einiges aus.

Nachdem der Mann seine Verbeugung beendet dreht er sich wieder zu dem Mann, der das überfallende Dorf kennt.
 

„Entsendet auf der Stelle einen Späher dorthin. Wir müssen prüfen wie der aktuelle Status und was mit dem Klan ist!“
 

„Zu Befehl!“ antwortet der Angesprochene und verlässt die Gruppe sofort um die Anweisung auszuführen.
 

Sieht ganz so aus als würde der Wachmann wissen was er tut und das er augenblicklich reagiert ist ebenso positiv. Aus Neugier nutze ich meinen Skill um seinen Status zu sehen. LV 24. Damit ist er bisher der stärkste Mensch den ich getroffen habe. Selbst seine beiden Kameraden kommen mit 14 und 16 nicht an ihm heran. Aufgrund seines Levels und Verhaltens gehe ich davon aus dass er einen höheren Rang besitzt, was man aber äußerlich nicht erkennen kann.
 

„Nun zu euch,“ sagt er und wendet sich wieder zu uns. „Wie ihr sicherlich wisst kann ich euch nicht einfach ohne Papiere frei herumlaufen lassen. Mir ist bewusst dass ihr nichts dafür könnt, aber so sind die Gesetze.“
 

Es ist nicht gerade stark zu sehen, aber ich glaube ich kann etwas Mitleid in seinem Ausdruck erkennen. Seine Wortwahl bestätigt dies ebenso im gewissen Grad.
 

„Natürlich, ich verstehe das vollkommen. Ich habe gehofft wir können hier neue ausgestellt bekommen.“
 

„Selbstverständlich ist das möglich, aber das wird euch einiges kosten. Zwei Goldmünzen werden für eine Neuausstellung pro Person verlangt. Falls ihr dies nicht bezahlen könnt und trotzdem in die Stadt wollt, dann bleibt uns nur euch als Sklaven zu verkaufen. Wenn ihr also das Geld nicht haben solltet, dann ist es besser euer Glück in der Wildnis oder woanders zu versuchen.“
 

Der Betrag ist wirklich heftig für gewöhnliche Menschen ohne die nötigen Mittel. Und wie erwartet bleibt sonst nur die Sklaverei, wobei ich erstaunt bin dass er überhaupt als Alternative anbietet uns gehen zu lassen. Ich bin davon ausgegangen dass Personen ohne Papiere festgenommen werden. Da habe ich mich wohl geirrt.
 

„Das ist in Ordnung. Ich bin hierher gekommen um Abenteurer zu werden und habe etwas Startkapital von meiner Familie bekommen. Glücklicherweise reicht es um für uns drei zu bezahlen.“
 

„Wenn das so ist dann folgt mir,“ spricht er und macht sich daraufhin sofort auf den Weg.
 

Natürlich könnte das alles immer noch eine Falle sein, aber ich habe nicht das Gefühl das dies der Fall ist. Dafür wirkt mir dieser Wachmann zu… praktisch. Ich kann einfach keine Hinterhältigkeit in seinen Worten, Gesichtsausdrücken und Aktionen erkennen. Daher nicke ich nur leicht zu meinen Begleiterinnen um ihnen zu zeigen dass sie mir folgen sollen und gehe dem Mann anschließend hinterher. Währenddessen begibt sich die letzte Wache wieder zurück auf ihre Position.

Wir werden somit durch das offene Tor geführt, welches erstaunlicherweise offenbar keine Tür besitzt. Im Inneren angekommen erwartet mich direkt ein Blick auf die Stadt. Wenn ich es beschreiben sollte, würde ich wahrscheinlich sagen es sieht aus wie im Mittelalter. Die Häuser bestehen aus Stein oder Holz und sind meisten mit nicht mehr als drei Stockwerken versehen. Alle sichtbaren Dächer sind als Satteldächer gebaut. Die Häuser selbst haben keine große farbliche Variation. Was etwas unerwartet kommt sind die Fenster. Sie sind eher klein gehalten, aber besitzen Glas. Allerdings sieht es nur so aus, da mein Skill sagt dass es sich dabei nicht um Glas handelt. Es ist eine Art Kristall, welches auch nicht so durchsichtig ist wie Glas und dadurch etwas dunkler erscheint. Wie eine leichte Sonnenbrille.

Die Wege sind mit Stein gepflastert, wobei es selbstverständlich nicht in so einer Präzision ist wie in der modernen Zeit. Erwartungsgemäß kann ich keinerlei Art von Stromnutzung erkennen. Keine Laternen oder Stromkabel. Nicht einmal Fackeln sind zu sehen. Entweder wird Licht auf eine ganz andere Weise erzeugt oder der Tag endet für die Bewohner tatsächlich mit Anbruch der Dunkelheit.

Trotz der Zeit kann ich noch so einige Leute auf den Straßen sehen. Ich sehe sie zwar nur aus der Entfernung, aber das reicht um auch ihre Bekleidung als mittelalterlich einzustufen. Viel mehr kann ich aber nicht erspähen, da wir bereits beim Ziel angekommen sind. Ein Haus nicht weit vom Tor entfernt und nicht sonderlich groß. Wir folgen dem Wachmann hinein und können sofort eine weitere Person im Inneren erblicken. Ein robust gebauter Mann in der gleichen Kleidung wie die Wachen, aber ohne die Rüstungsteile, sitzt an einem Schreibtisch und kümmert sich um Papierkram. Durch einen flüchtigen Blick sehe ich dass er dabei Feder und Tinte benutzt.

Unser führender Wachmann erklärt ihm kurz die Lage, woraufhin er von seiner Arbeit ablässt. Dann verabschiedet er sich von uns und verlässt den Raum.
 

„Anscheinend habt ihr einiges durchgemacht,“ sagt der gut gebaute Mann und erhebt sich von seinem Stuhl.
 

Er ist gut zehn Zentimeter größer als ich und hat ein paar Narben an den sichtbaren Stellen seines Körpers. Wobei ich die meisten auf seinem Kopf sehen kann, da er eine Glatze hat. Ich frage mich zwar wie man dort zu Narben kommen kann, aber ich werde dies bestimmt nicht laut aussprechen.
 

„Das kann man wohl sagen,“ antworte ich.
 

„Na zumindest seid ihr noch am Leben und das ist das Wichtigste.“
 

Ich nicke seine Aussage lediglich ab, obwohl ich nicht komplett zustimme. Die beiden Damen sehen das vermutlich anders, da sie zwar am Leben sind, aber dafür auch mit den Verlusten kämpfen müssen. Ganz zu schweigen dass sie im Grunde genommen nichts mehr haben und somit von vorne beginnen müssen.
 

„Nun kümmern wir uns aber mal um eure Papiere. Stell dich hier hin,“ meint er während er sich neben einen eigenartigen Steingebilde stellt und mir andeutet dass ich mich dafür stellen soll.
 

Ich weiß nicht so recht was das für ein Ding sein soll, aber es sieht ein wenig aus wie ein Podest in einem Vorlesungsraum einer Universität. Natürlich besteht es nicht aus Holz, sondern aus einem schwarz gefärbten Stein, welche beinahe wie Obsidian aussieht. Er ist komplett eckig und ungefähr 1,20m hoch. Die Oberfläche ist schräg gehalten, wobei der höchste Punkt am hinteren Ende von mir aus ist. Ich überlege kurz ob ich meinen Durchblick-Skill einsetzen soll, aber entscheide mich dagegen. Mein Spielinstinkt sagt mir ich soll mich lieber überraschen lassen.

Dementsprechend befolge ich die Anweisung und stelle mich vor das Podest.
 

„Gut, nun leg beide Hände mittig auf den Yamato-Stein.“
 

Ich kenne dieses Wort zwar nicht, aber im Zusammenhang gesehen kann er nur das schwarze Ding direkt vor mir meinen. Wie gewünscht lege ich also meine Hände auf die entsprechende Position.
 

„In Ordnung, nun sag deinen Namen.“
 

Vermutlich dient dies zur Aktivierung, obwohl ich mir nicht im Klaren bin ob es sich um Magie handelt oder etwas anderes. Nichts desto trotz führe ich den Befehl aus. Da ich im Augenblic allerdings nicht ich selbst bin, sondern mein Spielcharakter nehme ich selbstverständlich auch dessen Namen.
 

„Leonhardt Cromwell.“
 

Kaum das ich den Namen ausgesprochen habe beginnt der gesamte Stein in einem schwachen grün zu leuchten. Und direkt auf der Schräge erscheint ein Magiekreis, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Er hat einen äußeren Kreis mit merkwürdigen Schriftzeichen, welche nicht der Fermund-Sprache angehören, da ich sie nicht entziffern kann. Im Inneren des Kreises sind verschiedene Linien miteinander verbunden und der ganze Kreis dreht sich im Uhrzeigersinn.

Keine drei Sekunden später erscheint ein holografisches Display in gleicher Farbe wie das Leuchten vom Stein. Es ist allerdings keines meiner eigenen Fenster, sondern wird anscheinend vom Stein erzeugt. Mehrere Wörter werden in zwei Spalten tabellarisch angezeigt. Anders als beim Magiekreis kann ich diese jedoch lesen.
 

Moment mal! Das sind doch meine Statusinformationen!
 

Genauer genommen sind es persönliche Daten wie Alter, Geburtsort, Bürgerklasse usw. Wie erwartet sind dabei die für meinen Charakter erstellten Werte angezeigt. Das ich als Bürgerlicher eingestuft werde ist da nichts besonderes, aber was mich verwirrt ist mein Geburtsort, der doch tatsächlich als Tokio angegeben wird. Allgemein ist dies korrekt, aber so etwas habe ich für meinen Charakter nie festgelegt. Na ja, in einer von meinem Unterbewusstsein erschaffenen Traumwelt ist das vermutlich aber auch nicht so ungewöhnlich. Und dem Mann, der sich nebenbei ans Schreiben meiner Informationen gemacht hat, scheint dies nicht zu beeinflussen.

Was dann noch krasser kommt ist das angezeigte LV. Da steht nämlich eine 10 anstatt des wirklichen Wertes. Aus irgendeinem Grund wurde die Wahrheit von diesem schwarzen Stein verändert. Es ist noch nicht mal mein ursprüngliches Level nach meinem Erwachen. Nachdenklich senke ich meinen Kopf. Dabei kommt mir etwas in den Blick. Meine Halskette, dessen Anhänger gerade noch so vom oberen Ende des Hemdes verdeckt wird. Nun wird mir auch klar was hier los ist.

Bei dieser Kette handelt es sich genau wie bei meinem Schwert um eine eigene Kreation namens Trugbild-Träne. Der Name verrät im gewissen Sinne bereits deren Effekt. Sie dient dazu meine echten Attribute zu vertuschen und mit von mir gewählten zu ersetzen. Ich habe sie erschaffen um Spiele mit einer Erkennungssoftware zu überlisten. Mal abgesehen zur Bug-Erkennung dient dies auch um Abschnitte in Games zu besuchen, die normalerweise gewisse Werte erfordern. Oder auch um Gegenstände mit solchen Voraussetzungen nach eigenem Ermessen zu testen. Offensichtlich ist der Effekt der Kette im Augenblick aktiviert, da LV 10 meine letzte Einstellung ist. Und ich habe damit definitiv Glück gehabt. Wer weiß was passiert wäre wenn meine wahre Stärke angezeigt worden wäre.
 

„In Ordnung, du kannst deine Hände wieder herunter nehmen.“
 

Auch dieser Anweisung leiste ich Folge und entferne meine Hände vom Stein, wodurch das Leuchten und der Magiekreis verschwindet. Ich könnte es nicht genau sehen da ich auf die Daten fixiert war, aber anscheinend hat der Mann alles Wichtige auf ein Blatt Pergament übertragen. Aktuell setzt er noch eine Unterschrift darunter und macht ein rotes Siegel daneben.

Anschließend vollzieht er die gleiche Prozedur mit den zwei Damen und macht auch deren Papiere fertig. Zum Schluss rollt er sie zusammen und bindet eine dünne Schnur um die Mitte damit es sich nicht wieder ausrollt.
 

„Damit sind wir auch schon fertig. Das macht zusammen 6 Goldmünzen,“ spricht er und hält mir seine rechte Hand entgegen.
 

Sieht so aus als müsste ich zuerst bezahlen bevor wir die Unterlagen erhalten. Eine weise Entscheidung in meinen Augen, aber wahrscheinlich ebenso ein normaler Ablauf. Ich greife mit meiner Hand unter meinen Mantel und aktiviere mein Inventar. Mit der gedanklichen Steuerung nehme ich zehn Goldmünzen und lege sie extra um sie daraufhin in meiner Hand materialisieren zu lassen. Dies konnte ich während meiner Wachzeit zum Glück bereits ausprobieren ohne auffällig zu wirken, daher fällt es mir bereits absolut leicht. Den erzeugten Beutel hole ich hervor und nehme dann manuell die notwendigen Münzen heraus um sie dem Mann zu geben.

Nachdem ich sie ihm überlassen habe tue ich so als würde ich den Beutel wieder wegstecken, lasse ihn aber in Wirklichkeit unter dem Mantel als Sichtschutz ins Inventar verschwinden. Dann bekommen wir endlich unsere neuen Identifikationspapiere. Ohne zögern überreiche ich Luisa die Rollen für sie und ihre Tochter und stecke meine genau wie das Geld zuvor weg.

Endlich fertig mit den Notwendigkeiten verabschieden wir uns vom Mann und verlassen sein Zimmer. Er weist uns noch an gut darauf aufzupassen um nicht noch einmal so viel bezahlen zu müssen. Wieder draußen auf der Straße atme ich tief durch und strecke mich einmal. Es gibt noch ein paar Dinge zu erledigen was meine Begleiterinnen angeht, aber an sich ist das gerade ein toller Moment.

Das Erreichen der ersten Stadt, welche in Spielen oft als Anfängerstadt bezeichnet wird, ist schließlich ein großer Schritt um die Geschichte so richtig ins Laufen zu bringen. Es werden bestimmt viele relevante Events stattfinden, die mir helfen Ideen für ein gutes Game zu bekommen. Ich kann es kaum erwarten was mir hier alles von meinem Unterbewusstsein geboten wird.


Nachwort zu diesem Kapitel:
So, damit habe ich endlich ein neues Kapitel geschafft (hat ja lange genug gedauert XD ). Es ist nicht gerade viel passiert was die Story angeht und mag daher etwas langweilig rüberkommen, aber ich finde es wichtig zu erklären wie diese Traumwelt funktioniert.
Und mit dem Treffen der anderen Leute ist der Weg für die wirkliche Geschichte nun geebnet ^^

Viel mehr gibt es im Augenblick auch nicht zu sagen, also bis zum nächsten Kapitel (auch wenn ich noch nicht ganz weiß bei welcher meiner Stories XD ). Komplett anzeigen

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Kommentare zu dieser Fanfic (7)

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Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von:  Frostlady
2020-05-30T17:37:34+00:00 30.05.2020 19:37
Habe mir alle Kapitel durchgelesen und ich muss sagen, dass ich deine Fanfic und deine Schreibweise sehr gut finde. Da bekommt man Bock, selbst in die Tasten zu hauen. Mach auf bitte so weiter.
Antwort von:  Animefan000
31.05.2020 10:42
Na das hört man als Autor doch immer gerne. Natürlich mache ich weiter, aber ich muss mich ja um all meine Stories kümmern, daher weiß ich nie wann zu welcher ein Update kommt XD

Na jedenfalls nochmal danke und viel Erfolg bei deinen "in den Tasten hauen" ;-)
Antwort von:  Frostlady
31.05.2020 15:39
Danke. Hauptsache es geht weiter. Wann ist mir egal, aber Hauptsache es kommen weiter Kapitel.
Von:  Dragonlady2000
2020-04-06T19:34:36+00:00 06.04.2020 21:34
Okay, jetzt kommt die Frage : Wann wird er checken das das kein Traum ist? Wirklich, ich bin auf seine Reaktion gespannt.
Antwort von:  Animefan000
07.04.2020 12:40
Ja eine gute Frage...ich kann zumindest soviel verraten dass es nicht mehr so lange dauern wird ^^
Von:  Dragonlady2000
2020-01-18T00:51:30+00:00 18.01.2020 01:51
Interessant. Ich dachte ich wäre die einzigste die den Anime kennt.
Antwort von:  Animefan000
18.01.2020 12:33
Nein, zum Glück bist du da nicht alleine ^^ Es ging mir aber genauso, da ich auch dachte dass kaum jemand Interesse an diesem Anime/Mange hat. Freut mich dass ich falsch lag ;-)
Antwort von:  Dragonlady2000
23.01.2020 01:01
Mich genauso. Ich fand die Sleime Folge am witzigsten. Alles aber bloß keine Sleime.
Antwort von:  Dragonlady2000
23.01.2020 01:01
*Schleime
Ich sollte nicht schreiben, wenn ich müde bin.
Antwort von:  Dragonlady2000
28.01.2020 22:45
Upps,habe den Anime verwechselt. Das war in Isekai wa Smartphone to Tomo ni eine Folge mit den Schleimen.


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