Zum Inhalt der Seite
[English version English version]

An jenem schicksalhaften Regentag

von

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

Schlaflos, schweigend, den Kopf voller Geheimnisse.

Chika:

Nachdem ich gefühlt zwei Stunden bei mir zu Hause auf Ellies Rückkehr gewartet habe, höre ich Schritte von außen. Schnell hüpfe ich zur Haustür und versuche, diese gleichzeitig im Rutschen zu öffnen. Ich rutsche aus und knalle volle Kanne auf mein Steißbein. Ich heule vor Schmerz auf und versuche, die Zähne zusammenzubeißen, immerhin verpasse ich sonst noch Ellie. Verkrampft raffe ich mich auf, öffne die Tür und stürze Ellie direkt vor die Füße. "Chika?", fragt er verwundert. Ich brauche nicht nach oben zu sehen, um zu wissen, als wie unerwartet er das empfindet. Schnell bin ich wieder auf den Beinen, bedacht darauf, ihm nicht aus Versehen einen Kinnhaken zu geben. Ich halte mich an seinen Schultern fest und verschnaufe kurz. Dann sehe ich ihn an. Er sieht schon weniger überrascht aus, er sieht mich nur noch seelisch ermüdet an. Es muss etwas vorgefallen sein, so sieht es aus. Aber ich sage nichts, wie Kaishi mir schon deutlich gemacht hat, soll ich einfach gehen und nichts zu all dem sagen. Vielleicht meint er es nicht so, aber genau so fühlt es sich an. Ich werde ihn nicht konfrontieren. Das steht mir nicht zu. Ich beschließe zu lächeln und sage schließlich: "Ich habe auf dich gewartet, Ellie. Lass uns zusammen zu Abendessen, ja?", er lächelt ebenfalls zustimmend und fragt noch nicht einmal, warum ich meine Schultasche mitnehme. Da ist ein Schlafanzug drin, aber dieses Detail verrate ich ihm erst, wenn die Zeit gekommen ist.
 

"Du warst lang nicht mehr hier, Chika-chan, was?", meint Onii-sama, Ellies Bruder und beißt was von seinem Brot ab. Ich nicke nur und esse ebenfalls weiter. Ellie sagt von uns am wenigsten, er scheint wirklich mit den Nerven am Ende zu sein. Normalerweise hätte ich ihn so lange genervt, bis er etwas sagt, aber da liegt etwas Toxisches in der Luft, das ich jetzt besser nicht anschneide. Onii-sama scheint auch zu merken, dass keiner von uns in Smalltalk-Laune ist, deshalb schweigt auch er. Das zieht sich das ganze Abendessen über hin, bis Ellie und Onii-sama den Tisch abräumen und dieser noch Arbeiten fürs Studium zu erledigen hat. Zurück bleiben Ellie und ich. "Kann ich wieder bei dir im Bett schlafen?", frage ich leise ohne ihn anzuschauen. "Klar.", sagt er matt als wäre es ein so langer Tag gewesen. Vielleicht ist dem so und nicht nur vielleicht. Er hat eine Panikattacke hinter sich und war zwei Stunden weg, einen längeren Tag wird diese Restwoche wahrscheinlich gar nicht mehr kriegen. Ohne Grund schaue ich auf die Wanduhr, die fast zehn Uhr schlägt. Ziemlich zeitig, um ins Bett zu gehen. Ellie verschwindet in seinem Zimmer, ich mit meiner Tasche im Bad, um mich umzuziehen. Meine Zahnbürste hab ich vergessen, deshalb öffne ich eine neue Packung von diesen und benutze die, die noch keinen Mund von innen gesehen hat. Duschen könnte ich, mir ist irgendwie heiß, viel zu heiß. Ich versuche, nicht länger darüber nachzudenken und ziehe mich für die Dusche aus. Das kalte Wasser fühlt sich schön an auf meiner Haut und wenn ich nicht wüsste, dass ich mich noch zu Ellie ins Bett gesellen wollte, wäre ich bestimmt den ganzen Abend hiergeblieben. Bedacht darauf, meine Haare nicht zu sehr zu durchnässen, werde ich schließlich mit der Abkühlung fertig und ziehe mein zweiteiligen Pyjama an, meinen Liebling. Ich lege meine Schuluniform zwischen den Trägern meiner Schultasche zusammen und betrete mit meinen Sachen behutsam das Zimmer. Ellie liegt etwas gekrümmt in der Mitte des Bettes, als wäre ihm egal, welche Seite ich einnehmen werde. Ich entscheide mich für die Wandseite, nicht nur, weil ich der Verlockung, über ihn drüberkriechen zu müssen, nicht widerstehen kann. Genau das tue ich dann auch und Ellie bewegt sich nicht. Er seufzt und atmet langsam und schwer. Jetzt liegen wir hier und sagen nichts. Ich werde jetzt nichts tun, was er nicht tun will, ich frage nichts. Ich will gar nicht, zugleich kann ich nichts anderes denken. Die Neugier brennt mir unter den Fingernägeln und ich habe nichts, mit dem ich diese Flamme ersticken könnte. "Ellie, bist du noch wach?", frage ich zischend und rücke etwas näher. Ich kann seine gekrümmte Wirbelsäule fühlen, es fühlt sich nicht sehr bequem an, so wie er liegt. "Ja. Ich bin wach, Chika.", flüstert er und in seiner Stimme schwingt etwas Traurigkeit mit. "Geht es dir nicht gut? Tut dir vielleicht etwas weh?", hake ich mit gedämpfter Stimme nach. "Geht so. Mir ist nur etwas schlecht, weil ich mich schon wieder überfressen habe. Mann, ich werd' wirklich noch fett.", brummt er aus dem anderen Ende des Bettes. "Dir passiert das sicher nicht, Ellie.", rede ich auf ihn ein und schließe die Arme um ihn. Die eine Hand lastet noch immer auf seinen Rippen, mit der anderen schiebe ich ihm meine Finger in seinen konkaven und nach innen gekehrten Bauch. Kann sein, dass er noch dünner geworden ist, seit ich ihn das letzte Mal angefasst habe. Ich lege den Kopf schief und lege meine Nase auf seine Schulter, einfach, um den Duft seiner Haut einzuatmen. Wie ich das vermisst habe, einfach bei ihm zu sein. In letzter Zeit scheint er beschäftigt, mit den Gedanken woanders. Als würde er sich über eine wichtige Sache den Kopf zerbrechen, über mehrere. Über etwas, bei dem er mich nicht braucht, ich will ihn nicht fragen, ob er sich an unsere Vergangenheit erinnern kann, aber noch viel weniger will ich ihn verlieren. Ich hasse es, Dinge dem Zufall überlassen zu müssen, das kann ich einfach nicht. Das hätte ich fast ausgesprochen, aber stattdessen fingere ihm mit dem Daumen etwas im Nabel herum. Es ist eher ein Drücken, aber egal. "Ellie, ich... wollte nur sagen, dass ich dich nicht zwingen werde, etwas zu sagen, dass du nicht willst. Du wirkst so kaputt und weil ich nichts für dich tun kann, bin ich entsprechend neugierig, aber... Ich halte mich zurück, ich lasse dich.", damit lulle ich ihn leise ein, ehe ich merke, dass seine Atemzüge gleichmäßiger geworden sind. Er ist in meinen Armen eingeschlafen. "Ich liebe dich.", hauche ich und drücke meine Lippen auf seinen Nacken. Meine Nase ist wieder auf seinen Schultern und tut, was sie am Besten kann. Ich selbst habe mit dem Schlaf kein so großes Glück. Ich liege gefühlt noch weitere Stunden wach, das andere Kissen noch näher an seines, damit mein Gesicht nahe an seinem Kopf sein kann. Ich lasse es darauf beruhen und versuche, nicht an mein eigenes Wohl zu denken. Denn wäre er nicht bald eingeschlafen, hätte er das Blut, das aus meiner Nase seinen Hals hinunterläuft, sicher nicht unkommentiert gelassen.



Fanfic-Anzeigeoptionen

Kommentare zu diesem Kapitel (0)

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.

Noch keine Kommentare



Zurück